Suche – Almanach SBK https://almanach-sbk.de Wed, 04 Nov 2020 09:16:33 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.9.4 Almanach 1998 https://almanach-sbk.de/almanach-1998/ Fri, 20 Dec 2019 12:14:44 +0000 https://almanach-sbk.de/almanach-1998/

Almanach 199 8 HEIMATJAHRBUCH DES ScHWARZWALD-BAAR-KREISES 22. FOLGE

Herausgeber: Landratsamt SchwarzwaJd-Baar-Kreis Redaktion: Karl Heim, Landrat Dr. Joachim Sturm, Kreisarchivar Karl Volk, ReaJschuloberlehrer WiJfried Dold, Redakteur Für den Inhalt der Beiträge sind die jeweiligen Autoren verantwortlich. Nachdrucke und Vervielfäl­ tigungen jeder Art werden nur mit Einwilligung der Redaktion und unter Angabe der Fundstelle gestattet. Gestaltung, Satz und Lithografie: Dold-Verlag, Vöhrenbach Verlag und Druck: Todt-Druck GmbH, Villingen­ Schwenningen ISBN: 3-927677-13-2

Ehrenliste der Freunde und Förderer des Almanach 1998 ANUBA-Beschläge X. Heine & Sohn GmbH, Vöhrenbach Walter Glatz, Blumberg Auer + Weber + Partner, Freie Architekten, Stuttgart Dipl.-Ing. M. Greiner VBI, Ingenieurbüro für Statik/Wasser-, Straßenbau und Umweltschutz, Donaueschingen Dr. Hanno Augstein, Hüfingen Siegfried Heim GmbH, Triberg Baden-Württembergische Bank AG, Filiale Donaueschingen Filiale Villingen-Schwenningen lng.-Büro für Haustechnik Budde & Oberle, Ostbahnhofstraße 19, Villingen-Schwenningen Burger Industriewerk GmbH & Co. KG, Schonach Münch GmbH, Metall- und Glasbau, Brigachtal Institut Dr. Jäger, Friedrichstraße 9, Villingen-Schwenningen KUNDO System Technik GmbH, St. Georgen EGT Elektrotechnik GmbH, Schonacher Str. 2, Triberg EGT Gebäudemanagement GmbH, Schonacher Str. 2, Triberg Elvedi GmbH, Lagertechnik -Regalsysteme, Riedöschingen Energieversorgung Südhaar GmbH, Hauptstr. 74, Blumberg Emil Frei GmbH & Co. Lackfabrik, Bräunlingen-Döggingen Ann-Christine Frykman, Blumberg Liapor-Werk, Tuningen Ernst Lorch KG, Bosch-Vertragsgroßhändler, Filiale VS-Schwenningen-Ravensburg-Singen­ Stetten a. k. M. -Storzingen Hauptverwaltung: Albstadt-Ehingen MAJCO Elektroapparate-Fabrik GmbH, Steinbeisstraße 20, Villingen-Schwenningen Vermessungsbüro Dipl.-Ing. Viktor Mandolla, Villingen-Schwenningen MBK GmbH, Hüfingen MEKU GmbH, Dauchingen Leopold Messmer, Freier Architekt, Furtwangen S. D. Joachim Fürst zu Fürstenberg, Donaueschingen MODUS Gesellschaft f. berufliche Bildung GmbH & Co. KG, Vöhrenbach 3

Mohr + Friedrich GmbH, Mutternfabrik, Vöhrenbach SWEG Südwestdeutsche Verkehrs-AG, Lahr, Verkehrsbetrieb Furtwangen Guido Rebholz, Architekt, Zehntstraße 1, Bad Dürrheim TRW Deutschland GmbH, Motorkomponenten, Werkstr. 1, Blumberg Ricosta Schuhfabriken GmbH, Donaueschingen Volksbank eG, V S-Villingen Anne Rieple-Offensperger, Friedrichstraße 1, Bad Dürrheim F. K. Wiebelt GmbH & Co. KG, Villingen-Schwenningen Dipl.-Ing. Eckart Rothweiler, Freier Architekt, Donaueschingen Dr. Fritz Wilke, Orthopäde, Villingen-Schwenningen Alfons Schlenker Schotterwerk GmbH+Co.KG, Dauchingen Johann Wintermantel Verwaltungs-GmbH & Co. KG, Kies-u. Betonwerke, Pfohrener Str. 52, Donaueschingen 5 weitere Freunde und Förderer des Almanachs wünschen nicht namentlich genannt zu werden. Matthias Schlenker, Brennstoffe+ Spedition, Villingen-Schwenningen SCHM IDT Feintechnik GmbH, St. Georgen S. Siedle & Söhne Telefon-und Telegrafenwerke Stiftung & Co., Bregstraße 1 Furtwangen Elementbau Spadinger GmbH, Bräunlingen Sparkasse Donaueschingen Sparkasse ViUingen-Schwenningen, mit Haupt­ anstalt in Villingen, Zweiganstalten in Schwen­ ningen, St. Georgen und Triberg, Hauptzweig­ stellen in Bad Dürrheim und Königsfeld, Schonach und Vöhrenbach und weiteren 44 Zweigstellen Günther Stegmann, Donaueschingen Stein Automation GmbH, Villingen-Schwenningen 4

Heimat und Tradition ab. Nur das gemeinsam Gelebte und Erleb­ te und das Verständnis füreinander schaffen auf Dauer ein Gefühl des Zusammenge­ hörens und damit Kreisbewußtsein. ,,Flick­ werk“ ist die Tradition des Schwarzwald­ Baar-Kreises keineswegs, eher ein buntes, farbenreiches Bild voller Leben. Doch: Es gilt darauf zu achten, daß unsere Überliefe­ rungen nicht zu purer Gewohnheit geraten, denn Traditionen wollen gelebt sein, sollen sie über-leben. Unser Kreisbewußtsein wird nur weiter­ wachsen, wenn alle ihre Traditionen selbst­ bewußt und selbstverständlich leben, darauf sehen, daß sie nicht bedeutungslose Hüllen werden. Den 25. Geburtstag des Landkreises begreife ich vor diesem Hintergrund als Ver­ bindungsbrücke in die gemeinsame Zukunft aller Einwohnerinnen und Einwohner in ei­ nem Kreis, dessen Identität aus dem Beitrag vieler Menschen wächst. Die Jubiläumsausgabe des Kreisjahrbuches steht in der Tradition der vorigen Ausgaben. Auch 1998 stehen viele Freunde und Förde­ rer hinter dem Jahrbuch, ohne deren finan­ zielle Unterstützung die Herausgabe kaum realisierbar wäre. Ihnen gilt mein besonde­ rer Dank, denn sie gewährleisten, daß „der Flickenteppich der Kreis -Tradition“ immer größere Bekanntheit gewinnt und vor allem in Farben und Leuchtkraft weiterwachsen kann. Dem Heimatjahrbuch des Schwarzwald-Baar-Kreises 1998 zum Geleit 1998 feiert der Schwarzwald-Baar-Kreis Geburtstag. 25 Jahre lang besteht die 1973 neugeschaffene Einheit aus dem Altland­ kreis Villingen, einem Großteil des früheren Landkreises Donaueschingen und einem kleinen Teilstück des Kreises Rottweil. Eini­ ge Städte und Gemeinden im Kreisgebiet hingegen feiern in diesen Jahren gleichfalls: 125 Jahre Stadtrecht (Furtwangen, 1998), das 850ste Jubiläum (Blumberg-Epfen­ hofen, 199 5/97), die 1 OOOste Wiederkehr der Verleihung des Markt-, Münz-und Zoll­ rechts (Villingen, 1999) oder gar die erstma­ lige urkundliche Erwähnung vor 1200 Jah­ ren (Tuningen, 1997). Sie alle blicken auf ei- ne jahrhundertelange Geschichte zurück. Dürfen wir vor diesem Hintergrund über­ haupt von einer eigenständigen Geschichte oder gar Tradition des Landkreises spre­ chen? Eine einheitliche Kreis-Tradition, die sich einfach unter eine plakative Überschrift ein­ ordnen läßt, gibt es nach erst einem Viertel­ jahrhundert der gemeinsamen Entwicklung von 20 Gemeinden in den zwei großen Landschaften des Schwarzwaldes und der Baar sicher (noch) nicht. Tradition zeigt sich im Landkreis vielmehr in der fröhlich -bun­ ten Art eines „Flickenteppichs“. Es finden sich im Kreisgebiet zahlreiche traditionelle Überlieferungen, deren bekanntestes Bei­ spiel die vielerorts gepflegte historische Fas­ net ist. Dazu zählen auch viele Feste und Feiern. Zahlreiche bunte Beiträge verdanken wir weiter unseren ausländischen Mitbürge­ rinnen und Mitbürgern. Tradition geht aber über rein kulturelle Aspekte hinaus. Wie wir unsere Heimat er­ leben, hängt wesentlich auch von wirt­ schaftlichen Entwicklungen oder wegwei­ senden (kreis-)politischen Entscheidungen Kar/Heim Landrat 5

1. Kapitel I Almanach 98 25 Jahre Schwarzwald-Baar-Kreis Vom Bezirksamt zum Landratsamt Das Amtsham der Johanniterkommende in Vil­ lingen, links neben dem Bickentor gelegen, war der bergs in Verbindung bringen läßt. Westlich im Hochschwarzwald, jenseits der Kreis­ grenze, bestand von Beginn des Groß­ herzogtums an das standesherrliche Amt Neustadt mit Linach, Schönenbach und Langenbach, die heute zum Landkreis ge­ hören. Die teilweise Wiederherstellung standes­ herrlicher Rechte im Zuge des Wiener Kongresses und die Errichtung des Deutschen Bundes führten dazu, daß die bis dahin Der lange Weg hin zur Gründung des Schwarzwald-Baar-Kreises Die Schaffung einer einheitlichen Ver­ waltungsgliederung nach Gründung des Großherzogtums Baden 1806 hatte manche Hürde zu überwinden. Wie die staatliche Mittelinstanz der „Kreise“, welche den heutigen Regieru11gspräsidien ähnelten, so krankten auch die den heutigen Landkreisen gleichzusetzenden „Ämter“ zunächst am Beharrungsvermögen alter Rechtsinhaber. Es mußte Rücksicht genommen werden auf den Fortbestand kirchlicher und weltlicher Standesherrschaften wie jener der Fürsten von Fürstenberg. Durch den raschen Anfall von Gebieten der Klöster (Säkularisierung) oder adliger Herrschaften (Mediatisierung) wie durch den Gebietsaustausch mit Würt­ temberg war es zunächst schwer, eine dauer­ hafte Amtsorganisation zu schaffen. Erst im Zuge der Revolution von 1848/49, als die letzten standesherrlichen Rechte aufgeho­ ben wurden, konnte die badische Regierung das Amtsgefüge nach ihren Bedürfuissen ge­ stalten. Für das Gebiet des heutigen Landkreises SchwarzwaJd-Baar bedeutete dies, daß im Südbereich das (standesherrliche) Amt Blu­ menfeld bis 1857 für Kommingen, Nord­ halden und Epfenhofen zuständig war, ehe der Bezirk zum Amt Engen geschlagen wur­ de. Das ehemals fürstenbergische Obervog­ teiamt Blumberg wandelte sich 1807 zum standesherrlichen Amt Blumberg, ehe es 1824 aufgelöst und der Bezirk zum standes­ herrlich (fürstenbergischen) Amt Hüfingen hinzutrat. Bemerkenswert an dieser Zuwei­ sung Blumbergs ist, daß sie sich nicht mit der Aufhebung standesherrlicher Rechte, sondern mit der geschwundenen wirtschaft­ lichen und regionalen Bedeutung Blum- 6

bene Verstaatlichung der Ämter 1818/19 stillschweigend rückgängig gemacht wurde. So wurde das als Ablösung des fürstenbergi­ schen Amtes Hüfingen gedachte und 1813 gegründete Bezirksamt Donaueschingen schon 1824 und bis zur erneuten Einrich­ tung 1844 aufgehoben, während das Hüfin­ ger Amt bis zu letzterem Jahr ununterbro­ chen fortbestand. Das 1807 gegründete Obervogteiamt, ab 1809 Amt Villingen, mußte die 1813 erhal­ tenen Dörfer Tannheim und Herzogenwei­ ler 1819 ebenfalls wieder nach Hüfingen ab­ geben. Nur vorübergehend, von 1813 bis 1824, erhielt auch das Amt Triberg deshalb vom standesherrlichen Amt Neustadt die Orte Langenbach, Linach und Schönen­ bach. Im Grunde ist nicht einmal die end­ gültige Aufhebung Blumbergs 1824 ein Er­ folg gewesen, da dieser Amtsbezirk dem standesherrlichen Hüfinger Bezirk zufiel und diesen stärkte. Das Wiedererstarken al­ ter Rechtspositionen wurde nicht zuletzt in der (Neu)gründung des standesherrlichen Amtes Möhringen 1824 deutlich, dem Un­ terbaldingen zugeordnet wurde. Ämter und Landkreise Triberg anzusehende Amt Triberg von 1806 bis 1924. Das vordem württembergische Oberamt Hornberg wurde 1810 zum Be­ zirksamt Hornberg. 1857 wurde es aufgelöst und dem Bezirksamt Triberg zugeschlagen. Das 1806 aus Villinger Stadtgebiet,Johan­ niterbesitz und Grundstückseigentum der vormaligen Reichsstadt Rottweil zusam­ mengeführte Bezirksamt Villingen überdau­ erte die Zeiten bis 1972. Das kleinere Bräun­ lingen hingegen durfte nur eine kurze Blüte von 1832 bis 1840 als „Stabsamt“ erleben. ,,Verschlankung“ des Staates, effi- ziente und flexible Verwaltungs­ strukturen sind nicht nur Schlag­ worte und Vorgehensweisen in der heutigen Zeit. Schon der li­ beraler gewordene badische Staat antwortete auf die geän­ derten wirtschaftlichen und so­ zialen Gegebenheiten im Vor­ märz mit einer Verringerung der Zahl der Bezirksämter. Dies zeigt sich in der Neu­ errichtung des Bezirksamtes , Manche Amtsbezirke, die mit nichtba­ dischen Territorien aus den Zeiten vor 1803 in Verbindung zu bringen sind, hielten sich ebenfalls noch lange. So bestand das als Nachfolger der vorder- -· österreichi- sehen ;t::����J;1;������;g1 erste Sitz des Bezirksamtes Villingen. Bis 1991 befanden sich hier Teile der Landkreisverwaltung, darunter das Kreisarchiv. Die Aufnahme stammt aus der hit vor 18 68. 7

25 Jahre Schwarzwald-Baar-Krci Wie sehr der heutige Landkreis in der Tradition des historischen Gebietes der Baar steht, zeigt diese Kar­ te aus dem 18. Jahrhundert. Die Kreisgrenzen decken sid, weitgehend mit dem fürstenbergischen Kern­ land und den angrenzenden Territorien. Donaueschingen 1844, die im fürstenbergi­ schen Bereich das Ende der standesherrli­ chen Bezirksverwaltungen einläutet. 1849, nach Aufhebung der standesherrlichen Gerichtsbarkeit, wurde das standesherrliche Amt Hüfingen, dem 1844 zunächst der Westteil des fürstenbergischen Amtes Möhringen eingegliedert wurde, dem rein staatlichen Bezirksamt Donaueschingen inkorporiert. Der badische Staat bekräftigte damit seine Absicht, den 1810 zur Stadt erhobenen Marktflecken zu einem Wirt­ schafts- und Verwaltungszentrum weiterzu­ entwickeln. Nicht außer acht gelassen werden dürfen dabei auch die persönlichen Bindungen des großherzoglichen Hauses zu den Fürsten­ bergern, die entgegen der allgemeinen Ten­ denz einer Entfernung staatlicher Ämter aus einstigen standesherrlichen Zentralorten das Donaueschinger Amt durch Zuweisungen noch stärkten. Das ehrwürdige Amt Blu­ menfeld hingegen wurde in der Ära des ge­ stärkten Liberalismus unter der Regierung Friedrichs I. 1857 mit dem inzwischen vom standesherrlich-fürsten bergischen Amt zum staatlichen Bezirksamt gewordenen Engen vereint. Die heute südöstlichen Kreisorte Epfenhofen, Nordhalden und Kommingen wurden somit noch stärker zum Hegau und Bodensee hin ausgerichtet. Eine Orientie­ rung, die noch heute, ein Vierteljahrhun­ dert nach ihrer Einbeziehung in den Schwarzwald-Baar-Kreis, kulturell und öko­ nomisch nachwirkt. Für die Stärkung Tribergs 1857 hingegen um den Bereich des Hornberger Amtes war die industrielle Entwicklung der Schwarz- 8

waldregion und ihrer Uhren- und Feinwerk­ technik ausschlaggebend. In dem Maße aber, wie diese industrielle und die damit einhergehende sozio-ökonomische Ent­ wicklung gegenüber dem Villinger Raum an Geschwindigkeit verlor, kam es zu einem Neuzuschnitt des Amtsbezirks. So ging 1864 der bedeutende Nordteil des Amtes Triberg mit Brigach, Buchenberg, Peterzell und St. Georgen an das Bezirksamt Villin­ gen verloren. Dies entsprach in etwa der hi­ storischen, territorialen Substanz des 1810 aufgehobenen württembergischen Kloster­ amtes St. Georgen. Wie im Falle Donaueschingens kam auch die Stärkung Villingens nicht von ungefähr. Wirtschaftswachstum und günstige demo­ graphische Entwicklung nahe der württem­ bergischen Staatsgrenze wurden durch ver­ waltungsmäßige Stärkung be­ lohnt, welcher bald eine Ver­ besserung der Infrastruktur folgte. 1864 wurde Villingen gleichzeitig Sitz des für Selbstverwaltungsaufgaben zuständigen Kreises Villin­ gen, der die drei Bezirksäm­ ter Donaueschingen, Triberg und Villingen umfaßte und sich damit weitgehend mit dem heutigen Schwarzwald­ Baar-Kreis deckt. Hier mag auch die Erinnerung an die staatliche Mittelbehörde mit­ gewirkt haben, die von 1809 bis 1819/20 unter der Be­ zeichnung „Donaukreis“ an die historische Zentralität der Stadt anknüpfte. Der am 1. Oktober 1864 als einer von elf Großkreisen ins Leben gerufene Verband leg­ te den Grundstein zu einer kommunalen Selbstverwal­ tung, die all jene Aufgaben übernahm, welche zweck­ mäßig überörtlich zu organi- Was heute der Landrat, war in .früherer 7.eit der Oberamt­ mann. Dr. Karl Theodor Hu­ ber (1758-1816) war einer der bekanntesten Obervögte und erster Oberamtmann des Bezirksamtes Triberg seit 1810. Durch außergewöhn­ liche Tatkraft verbesserte er die Lebensbedingungen in dieser Region nachhaltig, ihm ist unter anderem das Aufkom­ men der Strohflechterei im Schwarzwald zu verdanken. Ämt rund Landkrei c sieren waren oder/und die Finanzkraft der kleineren Kreisorte überstiegen. Die im Jahr 1924 von der badischen Regierung herabge­ setzte Zahl der Bezirksämter ist nur bedingt als Sparmaßnahme oder Auswirkung der neuen Kreisordnung von 1923 zu sehen. Durch die Verringerung der Zahl der Land­ kreise von insgesamt 53 auf 40, die weiter­ hin rein staatliche Behörden blieben, wuchs die Größe des einzelnen Amtsbezirks derje­ nigen der Selbstverwaltungskreise entgegen. Dies geschah mit Absicht. Die Diskussion nach dem Umsturz 1918/19 und ein Antrag 1920 im Landtag in Karlsruhe hatten bereits den Ausbau des Bezirksamtes zur Selbstver­ waltungskörperschaft im Auge. Angesichts der leeren Kassen der Nachkriegszeit hatte man den Schritt jedoch nicht gewagt. So blieb als wesentliches Ergebnis der Reform die Stärkung der vorhande­ nen elf Großkreise auf Ko­ sten der Selbstverwaltung der einzelnen Kommunen. Die Reform von 1924 ließ ein weiteres Stück Vergan­ genheit hinter sich. Mit der Aufhebung des Bezirksamtes Triberg im Zuge der Ver­ waltungsvereinfachung ver­ schwand ein letztes Stück Vorderösterreich, war das Be­ zirksamt doch zuvor lange Jahre das Amtshaus des Obervogtes gewesen. Die Aufgabe historischer Kontinuitäten bei Erneue­ rung der Kreisverwaltung im Sch warzwald-Baar-Kreis scheint eine Konstante. Wie 1924 mit dem Ende des Tri­ berger Bezirksamtes ein letz­ tes Stück Vorderösterreich durch Preisgabe des Amts­ hauses verschwand, brach auch der Einzug 1991 ins neue Kreishaus mit einer al­ ten historischen Verbindung. 9

25 Jahre Schwarzwald-Baar-Krci Aufgegeben wurde dabei das nahe des Bickentores befindliche alte Amtshaus der Johanniterkommende, welches Teile der Kreisverwaltung beherbergte und das Areal der alten Kreisverwaltung flankierte. Das Amt Triberg wurde zwischen den Be­ zirksämtern Donaueschingen, Wolfach und Villingen aufgeteilt. Letzteres erhielt alle heute noch im Landkreis befindlichen ehe­ maligen Triberger Orte außer Furtwangen, Neukirch, Gütenbach und Rohrbach, die an das Donaueschinger Bezirksamt gingen. Da­ mit war das Amt an der Donau noch einmal gewachsen, denn bereits 1921 war ihm Hammereisen bach-Bregenbach zugewiesen worden. Stärkung von Donaueschingen und Villingen wird das Gebiet des ehemaligen Großher­ zogtums Baden von der Peripherie her kreis­ verwaltet. Diese seit der Mitte des 19.Jahr­ hunderts sichtbar werdende Tendenz hängt sicher nicht allein mit dem Niedergang des inneren Schwarzwaldes im Vergleich zur raschen Industrieentwicklung von Orten zusammen, die für Energiegewinnung und Güterverteilung günstiger lagen. Alle Kreis­ verwaltungsstädte im Großherzogtum, mit Ausnahme Heidelbergs, waren nämlich ehemals badische, reichsstädtische (habs­ burgische) oder vorderösterreichische Orte. Damit scheint es, als habe man vielleicht unbewußt aber endgültig die Erinnerung an einstige standesherrliche Machtzentren außer denen der Habsburger mit dem Aus­ bau der Selbstverwaltung verwischen wol­ len. Konsequenterweise mußte Donau­ eschingen schließlich als zu sehr an das Für­ stentum Fürstenberg gebundene Bezirks­ amtsstadt dem habsburgischen Villingen den Sitz des Kreises überlassen. Neben dem erkennbaren Willen zur Schaf­ fung einer Einheit von Selbstverwaltung und staatlicher Verwaltung scheinen erneut wirtschaftliche und demographische Grün­ de für die Auflösung Tribergs und die Stär­ kung Donaueschingens und Villingens eine Rolle gespielt zu haben. Hier spiegelt sich der Bevölkerungsrückgang und die wirt­ schaftliche Schwäche des lnnerschwarz­ waldes wider, denen in Donaueschingen durchweg günstige oder wie in Villingen zu­ mindest bessere demographische und öko­ nomische Bedingungen gegenüberstanden. In diesem Zusam­ menhang sei aber auch auf eine mit dieser Reform sicht­ bar werdende Eigen­ heit hingewiesen: den Sitz der Amts­ und weniger den der Kreisverwaltungen an die Ränder des ba­ dischen Staatsgebie­ tes zu verlegen. Noch heute, nach der Kreis­ reform von 1973, Bis jedoch aus den alten Bezirksämtern auch gleichzeitig Behörden für Selbstver­ waltungsangelegenheiten wurden, vollzo­ gen sich in der Zeit des Dritten Reiches in Kreisangelegenheiten noch einmal Ände­ rungen, die sowohl das heutige Kreisgebiet als auch die Stellung des Landkreises berühr­ ten. Das im Zuge der „Gleichschaltung“ er­ lassene badische Landesgesetz vom 30. Juni 1936, das der aufkeimenden Selbstverwal­ tung ein Ende berei­ tete, hatte vor allem auch eine Verringe­ rung der Amtsbezirke im Auge. Ob die Auf­ lösung des Bezirkes Engen und die Zu­ weisung von Kom­ mingen und Nord­ halden an Konstanz sowie die von Epfen­ hofen und Fützen an Das Triberger Amtshaus. Das 1698 erbaute Amts- Waldshut politische Gründe gehabt ha- haus diente bis 1924 als Verwaltungsgebäude. 10

Ämter und Landkreise fit bft an;�. l!«b. llmlt, un11 llalfa�•“litlt �111ur1.-1agta, !lltaJabt ub llnahrf. lltrfünbungeblott die Verordnung Nr. 60 des französi­ schen Oberkommandierenden den überkommenen Rechtsstatus und die Doppelstellung der Kreise kaum antastete oder auf die Stellung vor _Jt’_.,_. _s_•=· =—=Dl=“=“=1o„9=b=’=“=10=._0_1_1._&=’=‘ –�–·-s=•=“=· 1933 zurückgriff, wurden für Würt- temberg-Baden 1946 und für Würt­ temberg-Hohenzollern 1948 Kreis­ ordnungen erlassen, die auf alte Verfassungs- und Organisations­ grundsätze bauten. Zwar wurde auch hier die Doppelstellung auf­ rechterhalten, doch wurde jetzt der Landrat durch die Kreisvertreter ge­ wählt und zum Kommunalbeam­ ten gemacht. Verkündungsblätter waren Nachrichtenträger der Bezirksäm­ ter, die neben dem Erlassen von Verfügungen auch wichtige In­ formationen fiir die Bürger enthielten. Während in Baden Blick auf das Bezirksamt Donaueschingen um 1901. Das Gebäude wurde 1945 totalzerstört. ben könnte, bedarf erst noch einer Untersu­ chung. Jedenfalls erhielt das Bezirksamt Donaueschingen, das zudem noch Bach­ heim an Neustadt verlor, nur Grüningen zu­ gewiesen, das seit 1807 dem Villinger Bezirk angehörte. Erst in der Kreisreform vom 24.Juni 1939, welche die noch einmal vergrößerten Amts­ bezirke nun gleichzeitig zu Selbstverwal­ tungskörperschaften werden ließ, gelang Donaueschingen ein Ausgleich. Außer Nordhalden und Bachheim kamen jetzt al­ le vorgenannten Orte in den Amtsbezirk. Weder Baden noch Württemberg haben sich nach 1945 an eine territoriale Neuglie­ derung der Landkrei­ se gewagt. Die durch Leitlinien der Besat­ zung und administra­ tive Vorbilder der Besatzungsmächte beeinflußten Land­ kreisverwaltungen und die noch ungefe­ stigte Länderverwal­ tung behinderten zunächst eine Fort­ entwicklung. Die auf unterschiedlichen Grund- lagen beruhenden Landkreisverwal­ tungen bestanden zunächst über die Grün­ dung des Landes Baden-Württemberg hin­ aus fort. Als erster Schritt zur Vereinheitli­ chung der Kreise wurde 1953 ein „Gesetz zur vorläufigen Angleichung des Kommu­ nalrechts“ erlassen, bis die erste Landkreis­ ordnung 1955 in Kraft trat. Trotz dieser verfassungsrechtlichen Ände­ rungen kannte im württembergischen Lan­ desteil die Zugehörigkeit der Orte zu den Landkreisen eine bemerkenswerte, zuweilen jahrhundertealte Stabilität. Gerade die Orte, die im Zuge der Kreisreform bis 1973 zum neugeschaffenen Schwarzwald-Baar-Kreis hinzukamen, waren keinen Umgliederun- gen aus wirtschaftli- chen Gründen ausge­ setzt gewesen und mußten ihr Verlassen der alten Kreise daher um so schmerzlicher empfinden. 11 .. ,, ••. ,m, In der am 1. Januar 1973 wirksam gewor­ denen größten Ver­ waltungsreform in Baden-Württemberg nach dem Kriege wurden historische 11

Ämter und Landkrci r Traditionen wirksam, die allem Anschein nach den Veiwaltungsreformern nicht be­ wußt waren und daher von ihnen auch zu keinem Zeitpunkt formuliert wurden. Noch sind die Unterlagen zur Kreisreform in den Archiven nicht zugänglich, doch zeigen sich in der Betrachtung des auf der Grundlage des Kreisreformgesetzes vom 26. Juli 1971 geschaffenen und zum 1. Januar 1973 er­ richteten Schwarzwald-Baar-Kreises zwei Gesichtspunkte, die Altes und Neues zu­ sammenfassen. Villingen übernimmt die wirtschaftliche Vormachtstellung Die Auflösung des Landkreises Donau­ eschingen und die damit einhergehende Verlagerung des Veiwaltungsschwerpunktes nach Villingen, d. h. von Süden nach Nor­ den, ist Folge der wirtschaftlichen Vor­ machtstellung der Stadt im neuen Kreisge­ biet. In der Entscheidung über den Kreissitz offenbart sich eine historische Kontinuität, in der seit Zeiten des Großherzogtums Ba­ den politisch motivierte Neu- und Umglie­ derungen des Veiwaltungsraumes ökonomi­ schen und sozialen Gegebenheiten Rech­ nung tragen. Ergänzt wird diese Tradition durch Einbe­ ziehung infrastruktureller Gesichtspunkte. Die bereits zum Zeitpunkt der Kreisreform in Planung befindliche Autobahn Stuttgart­ Singen wurde so zur östlichen Grenze des neuen Landkreises, der jetzt einige würt­ tembergische Orte mit einbezog. Im neuen Großkreis vollzieht sich daher wiederum ein Stück Integration der einsti­ gen Staaten Baden und Württemberg, ver­ wischen sich ein weiteres Mal vornationale und nationale Strukturen. Die Gemeinsam­ keit des aus der eher „gelenkten“ Volks­ abstimmung am 25. April 1952 hervorge­ gangenen und am 7. Juni 1970 bestätigten Bundesstaates Baden-Württemberg wird im Schwarzwald-Baar-Kreis 1973 insofern ge­ stärkt, als die württembergischen Orte 12 Schwenningen (mit Mühlhausen seit 1969), Tuningen (Lkr. Tuttlingen) und Weigheim (Lkr. Rottweil) einem rund 150 Jahre alten badischen Landesteil hinzugefügt werden. Diese sichtbar werdende Absicht zur Ver­ zahnung der beiden alten Länder zeigt sich noch einmal im Zuge der Kreisneubildung durch die Überstellung des östlichen Teiles des Landkreises Donaueschingen an den Landkreis Tuttlingen. Hier werden erneut al­ te politische Strukturen getilgt. Die Raum­ schaften Immendingen, Geisingen und das anschließende Aitrachtal waren nämlich für­ stenbergische Besitzungen. Auch die Abga­ be Unadingens an den Landkreis Breisgau­ Hochschwarzwald paßt in diesen Rahmen, da die Ausgrenzung als vetwaltungstechni­ sche Entfernung eines einstigen fürstenber­ gischen Besitzes vom Herrschaftszentrum Donaueschingen begriffen werden kann. Daß in der Modellierung des neuen Krei­ ses auch geographisch-kulturelle Gesichts­ punkte mitspielen, sei nur am Rande er­ wähnt. So wurde Urach, das kirchlich zum Dekanat Villingen und politisch bis 1806 zum fürstenbergischen Amt Vöhrenbach gehört hatte, nach der Eingemeindung nach Vöhrenbach Teil des Landkreises Schwarz­ wald-Baar. Das durch Württemberg und die Reformation stark geprägte Tennenbronn hingegen kam zum Landkreis Rottweil als dem Nachfolger des württembergischen Oberamtes Rottweil. Der feststellbare Schlußpunkt der Verwal­ tungsgliederung der Landkreise seit 1973 be­ deutet keineswegs eine Garantie für künfti­ ge Zeiten. Wenn uns die Geschichte der Ent­ stehung des Schwarzwald-Baar-Kreises et­ was lehrt, so dies, daß Landkreise lebendige Gebilde im Leben eines Landes sind. Auf künftige Entwicklungen, wie sie sich bei­ spielsweise bereits in der Debatte um die Regionalverbände abzeichnen, darf man daher gespannt sein. Joachim Sturm

Die Entstehung des Schwarzwald-Haar-Kreises Die große Zielsetzung: Stärkung der kommunalen Selbstverwaltung 25 Jahre Schwarzwald· Baar· Kreis ein überparteilicher Reformanlauf. 1968 ver­ abschiedete die inzwischen gebildete Große Koalition unter Ministerpräsident Filbinger das „Gesetz zur Stärkung der Verwaltungs­ kraft kleinerer Gemeinden“ und schuf damit eine Rechtsgrundlage für den freiwilligen Zusammenschluß von Kommunalgebieten. Damit war eine weitergehende Kommunal­ rechtsreform wieder im Gespräch und avan­ cierte schließlich zum landespolitischen Thema Nummer eins. Einen ersten Höhe­ punkt der folgenden Auseinandersetzungen bildete das, aufEmpfehlungen der 1968 ein- St.Georgen • Triberg Mönchweiler Unterkirna! . Furtwangen . Königsfeld • Vöhre:bach Villingen-Schwenningen Tuning Brigach�al a:d oorrheim Die Bundesrepublik Deutschland gliedert sich nach Artikel 28, Absatz 1 des Grundge­ setzes in die Verwaltungseinheiten Gemein­ den, Kreise und Länder. Die Besonderheit der Kreise liegt darin, daß sie einerseits Or­ gane der kommunalen Selbstverwaltung mit einem direkt von der Bevölkerung gewähl­ ten Kreistag sind, gleichzeitig aber als unte­ re staatliche Verwaltungsbehörde fungieren. Im Deutschen Reich bestanden seit 1919 in allen Ländern über das Gebiet der einzelnen Ortsgemeinden hinausgehende Selbstver­ waltungskörperschaften, die seit dem Jahr 193 9 die Bezeichnung „Kreis“ trugen. Die bestehende Form dieser in ihrer Größe und ver­ waltungstechnischen Leistungs­ fähigkeit ganz unterschiedli­ chen Gebilde war seit den sech­ ziger Jahren zur Diskussion und Disposition gestellt worden. Mit dem Schlagwort der zunehmen­ den „sozio-ökonomischen Ver­ flechtungen“ wurde von Wis­ senschaft und Politik eine Re­ form der veralteten Verwal­ tungsstruktur auf Gemeinde­ und Kreisebene angemahnt. Die Bemühungen, die Verwaltung den veränderten gesellschaftli­ chen und wirtschaftlichen Ver­ hältnissen anzupassen, führten in den siebziger Jahren zu Ge­ meinde- und Kreisreformen in allen Bundesländern. In Baden-Württemberg geht die Vorgeschichte der Kreisre­ form bis ins Jahr 1955 zurück: Unter der Allparteienregierung des Ministerpräsidenten Geb­ hard Müller (CDU) scheiterte Der neue Landkreis, Info-Tafel am Landratsamt auf dem Villinger Hoptbühl. 13

25 Jahre Sehwartwald· Baar-Krci gesetzten „Reschke-Kommission zur Re­ form der staatlichen Verwaltung“ beruhen­ de, Ende 1969 veröffentlichte „Denkmodell der Landesregierung zur Kreisreform in Ba­ den-Württemberg“. Dieses, unter der Federführung des SPD­ Innenministers Walter Krause erarbeitete Modell sah eine radikale Verän- derung der Verwaltungsstruktur vor: Die Zahl der 63 Landkreise sollte auf 25 Großkreise verrin­ gert werden, die Zahl der Stadt­ kreise von neun auf fünf sinken. Als Richtwerte für die neuen Ver­ waltungseinheiten galten eine Einwohnerzahl von 130 000 bis 400 000 und eine Fläche von 640 qkrn bis 2 300 qkrn. Dieses Kon­ zept war Ausdruck eines zeittypi­ schen Glaubens an „große Ein- heiten“, verbunden mit dem Bemühen um gesellschaftliche Demokrati­ sierung. Denn die Vision des reformfreudi­ gen Sozialdemokraten Krause sah in den zu schaffenden Großkreisen das adäquate Mit­ tel, staatliche Fürsorge und damit gleichzei­ tig Gängelung durch eine kommunale Selbstverwaltung und Selbstkontrolle zu er­ setzen. Kompetenzen des Landes, fast alle staatlichen Sonderbehörden (wie Vermes­ sungs- und Gesundheitsämter) sollten in die Kreisverwaltung überführt und die Anzahl der nächsthöheren Verwaltungsstufe, der Regierungsbezirke, von vier auf zwei verrin­ gert sowie Regionalverbände geschaffen werden. Die größeren Verwaltungseinheiten könnten dann mit spezialisiertem Fachper­ sonal und technischen Hilfsmitteln eine Pla­ nung über den Kirchturmhorizont hinaus gewährleisten. Dennoch bliebe die für kom­ munale Selbstverwaltung unabdingbare Überschaubarkeit erhalten. Daß die CDU sich im Gegensatz zu den fünfziger Jahren auf eine Reformdiskussion einließ, hatte primär drei Gründe. Zum ei­ nen wirkte die allgemeine Reformeuphorie der sechziger und frühen siebziger Jahre bis Heftig waren die Re- aktionen auf die von lnne.nminister Krause in einem .Denkmo- dell“ vorgeschlagene Reduzierung der 63 Landkreise auf nur noch 25 Großkreise. in die Partei selbst hinein. Weiter galt es, auf den Koalitionspartner SPD Rücksicht zu nehmen. Während auf Bundesebene seit 1969 die sozialliberale Koalition regierte, war es der CDU im Land nur mit Mühe ge­ lungen, eine solche Konstellation und damit den eigenen Machtverlust durch die Bil- dung einer Großen Koaliti­ on zu verhindern. So ließ man Innenminister Krause, in dessen Ressort die Kreis­ reform fiel, zunächst ge­ währen. Schließlich sicher­ ten Vollbeschäftigung und Hochkonjunktur die Finan­ zierung. Die Veröffentlichung von „Denkmodell“ Krauses schlug dann allerdings wie eine Bombe ein. In den Rei­ hen der CDU formierte sich der Widerstand, getragen insbesondere von Landräten, Regierungspräsidenten und an­ deren um die Existenz ihrer Stühle bangen­ den Beamten. Sachlich wurde Krauses Modell vorgeworfen, daß es statt der inten­ dierten „Bürgernähe“ durch überdimensio­ nierte Kreise „Bürgerferne“ schaffe, den Ver­ waltungsaufwand erhöhe und historisch ge­ wachsene Räume auseinanderreiße. Die CDU-Landtagsfraktion entwickelte ein sehr viel weicheres Alternativmodell, das 38 Großkreise vorsah. Nach zähem Ringen wurde schließlich ein Kompromiß gefun­ den: ein Gesetzentwurf der Landesregierung sah 35 Großkreise und die Bildung von 12 Regionen vor. Geplant war ferner die Auf­ lösung der Regierungspräsidien. Diese Entwicklung der Dinge ließ die Landräte der aufzulösenden Kreise auf die Barrikaden gehen, im Landtag tobten wäh­ rend des Sommers 1971 die Redeschlach­ ten, vor dem Parlament wurde fur den Erhalt der Kreise demonstriert. Vor der ent­ scheidenden Abstimmung hatten die Regie­ rungsparteien den Fraktionszwang aufge­ hoben; dies konnten sie gefahrlos tun, da 14

die einzelnen Abgeordneten zwar aus Rück­ sicht auf Wählerstimmen gegen die Auflö­ sung des eigenen Kreises, ansonsten aber für den Regierungsentwurf stimmten. Am 26. Juli verabschiedete der Landtag mit 82 Stim­ men von CDU und SPD gegen 34 Stimmen von FDP und NPD bei 3 Enthaltungen das Kreisreformgesetz. Als die CDU bei der Landtagswahl von 1972 die absolute Mehrheit gewann, wurde die Reform unter dem neuen Innenminister Karl Schiess realisiert. Dieser hatte sich als Überlinger Landrat mit einem der vielen Al­ ternativvorschläge zu Krauses Modell her­ vorgetan und war in der Folge zum Vorsit­ zenden des Landtagsausschusses zur Kreis­ reform aufgestiegen. Unter seiner Ägide wurde auch die das Reformwerk ergänzende Gemeindegebietsreform durchgeführt, die bis 1975 die Anzahl der baden-württember­ gischen Gemeinden von 3 500 auf 1 111 re­ duzierte. Der Zusammenschluß der Kreise Für die hiesige Region hatte das „Denk­ modell“ Krauses den Zusammenschluß der bisherigen Kreise Villingen, Rottweil, Tutt­ lingen und Donaueschingen mit dem Ver­ waltungssitz im Doppelzentrum Villingen­ Schwenningen vorgesehen. Mit 401 002 Einwohnern und 2 339 qkm Fläche wäre dies der größte Kreis im Land geworden. Die Reaktionen auf diesen Vorschlag waren unterschiedlich. In Tuttlingen stießen die Pläne zur Zu­ sammenlegung auf weitgehende Ableh­ nung, es dominierte die Angst vor der Bil­ dung eines übermächtigen Oberzentrums Villingen-Schwenningen. Landrat Dr. Köpf sprach sich gegen die „großen Entfernun­ gen“ aus, die Politiker und Bürger zu einer dortigen Kreisverwaltung zurückzulegen hätten; ebenso lehnte er den Villinger Vor­ schlag ab, Aufgaben der Landratsämter an die Gemeinden zu delegieren, da dies keine „rationelle Verwaltung“ ermögliche. Auch Vom Werden eines Landkreises der Kreistag lehnte einen Großkreis ab und sprach sich gegen eine eventuelle Auskrei­ sung von Trossingen und seinen Umland­ gemeinden aus. Die Stadt Tuttlingen schloß sich dieser Ansicht an, Oberbürgermeister Balz sprach von einem „untragbaren Zen­ tralitätsverlust“. Der damalige Spaichinger Bürgermeister Erwin Teufel befürwortete zwar die Bildung des Oberzentrums, nicht aber die Vorstellungen des „Denkmodells“; gegen eine „Vergrößerung des Kreises Tutt­ lingen im kleineren Rahmen“ sei jedoch nichts einzuwenden. Tatsächlich gelang es dem Kreis, seine Eigenständigkeit zu be­ wahren. Als Ergebnis der Reform vergrößer­ te sich seine Einwohnerzahl von 92 000 auf 110 000 und seine Fläche von 455 qkm auf 734 qkm. Vom alten Kreisgebiet wurde le­ diglich Tuningen abgetrennt, während Teile der Kreise Donaueschingen, Sigmaringen und Stockacher Gebiete dazugewonnen wurden. Ganz anders waren die Reaktionen in Vil­ lingen. Der Kreistag bezeichnete im März 1970 einen Großkreis nach dem Krause-Mo­ dell als „beste Lösung für den gesamten Raum des Oberzentrums“. Nachdem sich aber abzeichnete, daß der Kreis Tuttlingen seine Eigenständigkeit behalten würde, rich­ tete sich das Villinger Interesse auf ein Zu­ sammengehen mit dem Kreis Rottweil, wo man zunächst auch auf Zustimmung stieß. So sprachen sich die Kreisräte und Gemein­ devertreter der Landkreise Rottweil und Vil­ lingen in einer gemeinsamen Erklärung für ein Zusammengehen aus. Schon zehn Tage nach dieser Erklärung aber formierte sich der Widerstand gegen die geplante Verwal­ tungseinheit. Die Gemeinderatsfraktion und der Ortsverband der CDU Rottweil stellten sich hinter den neuen Vorschlag der „Reschke-Kommission für die Reform der staatlichen Verwaltung“, die den Erhalt des Kreises Rottweil vorsah und kritisierten Bür­ germeister Regelmann, der ein Zusammen­ gehen mit Villingen befürwortet hatte, ohne die „unverrückbare Bedingung“ hierfür zu 15

25 Jahre Schwarzwald· Saar· Kreis nennen: Sitz der Kreisverwaltung müsse Rottweil sein, das seine jahrhundertealte Tradition als Verwaltungsstadt nicht aufge­ ben könne. Ein sensationelles Ergebnis hatte die nun folgende Kampfabstimmung im Rottweiler Kreistag. Obwohl die Kreisräte von Villin­ gen und Rottweil den Kreistagen ein Votum für den freiwilligen Zusammenschluß emp­ fohlen hatten (für den sich der Villinger Kreistag auch einmütig aussprach), ent­ schied sich der Rottweiler Kreistag mit zwei Stimmen Mehrheit der CDU gegen SPD und FDP für ein Moratorium. Einer Ge­ bietsreform müsse eine „Funktionalreform“ vorhergehen, in der klargestellt werde, wer welche Funktionen übernehme. Auseinandersetzungen mit Rottweil In Villingen und in einigen Gemeinden des Rottweiler Kreises führte dieses Abstim­ mungsergebnis zu scharfen Reaktionen, würde seine Realisierung das Oberzentrum Villingen-Schwenningen doch in eine Rand­ lage drängen. Der Gemeinderat Schwennin­ gen fühlte sich „brüskiert“, Oberbürgermei­ ster Dr. Gebauer sprach von einem „Schwa­ benstreich“ und machte deutlich: ,,Uns ist die Schaffung des Oberzentrums wichtiger als der Verbleib im Kreis Rottweil.“ Die Schwenninger CDU warf ihren Parteifreun­ den im Kreistag „Engstirnigkeit“ und „Kurz­ sichtigkeit“ vor. Schrambergs Bürgermeister Dr. Hank teilte mit, daß Verwaltung und Bürger der Stadt auf keinen Fall beim Kreis Rottweil bleiben wollten; von diesem sei man „intrigant“ behandelt worden und not­ falls gehe man allein zum Kreis Villingen­ Schwenningen. Ebenso wie der Gemeinde­ rat sprach sich auch die CDU Schramberg für ein Zusammengehen aus. Wie der Streit um die Zukunft des Rott­ weiler Kreises die CDU entzweite, zeigt das Beispiel Tennenbronn. Gegen den erklärten Willen der Gemeinde engagierte sich Fi­ nanzminister Robert Gleichauf für deren 16 Auskreisung aus dem Kreis Villingen und ih­ re Zuordnu�i zu Rottweil. Obwohl Gleich­ auf sich in Ubereinstimmung mit dem er­ sten Gesetzentwurf der Landesregierung zur Kreisreform befand, wurde er von dem CDU-Landtagsabgeordneten Karl Brachat kritisiert. Dieser sprach von einem „hinterli­ stigen Überfall“ auf die Gemeinde, die Op­ fer Rottweils auf der Suche nach „Blutspen­ dern“ geworden sei. Der Kreis Villingen wer­ de „diesen Raub“ nicht hinnehmen. Ge­ meinsam mit seinem Landtagskollegen Hans Frank von der SPD (Furtwanger Bür­ germeister) stellte er einen Antrag zum Ver­ bleib Tennenbronns im Kreis Villingen. Das Beispiel Tennenbronn zeigt aber auch, wie kleine Gemeinden aus den Gebietsver­ änderungen politisches Kapital zu schlagen suchten. Noch im Juli 1973 strebte die Ge­ meinde, inzwischen Rottweil zugeordnet, eine Rückkehr in den jetzigen Schwarzwald­ Baar-Kreis an. Anlaß dieser Bemühungen war die Rückkehr von Deißlingen, das sich im Zuge der Gemeindereform mit Laufen vereinigt hatte, in den Kreis Rottweil. Wenn dort ein Wechsel der Kreiszugehörigkeit er­ folge, so wurde argumentiert, müsse dies auch in Tennenbronn möglich sein. Daß dieses Manöver der Tennenbronner eher pragmatische als kreis-patriotische Gründe hatte, verdeutlichen die Aussagen von Bür­ germeister Rückgauer, der erklärte: ,,Für uns käme eine Rückkehr nur dann in Frage, wenn uns der Schwarzwald-Baar-Kreis die gleichen Finanzzusagen wie der Kreis Rott­ weil garantieren kann. Das wären eine run­ de Million Mark. .. Das alles ist letztlich doch nur ein Pokerspiel ums Geld.“ Die Auseinandersetzungen um die Verei­ nigung von Rottweil und Villingen hatten im Rottweiler Kreistag gegen Ende des Jah­ res 1970 zu einem erneuten Umschwung der Mehrheitsverhältnisse geführt. Gegen eine Empfehlung des Kreisrats sprach sich der Kreistag nun mit 23 Stimmen von SPD, FDP und einigen CDU-Mitgliedern gegen 22 CDU-Stimmen für die Bildung eines

15 374 Wahlberechtig· te sprechen sich 1970 für eine Erhaltung des alten Landkreises Donaueschingen aus, doch die Auflösung war nicht mehr zu ver· hindern. Großkreises Rottweil· Villingen · Donau­ eschingen aus. Doch inzwischen waren die Würfel im Landtag gefallen; endgültig ent· schied sich der Landtagssonderausschuß für die Verwaltungsreform im Mai 1971 für den Bestand des Landkreises Rottweil. Die Ent­ scheidung fiel mit 14 Stimmen (12 CDU, 2 NPD) gegen 11 Stimmen (SPD, FDP). Als die Landesregierung und die Koaliti­ onsparteien sich im Laufe des Jahres 1970 auf den Erhalt der Kreise Rottweil und Tutt­ lingen festgelegt hatten, wurde zugleich die Neubildung eines Kreises aus den Villinger und Donaueschinger Gebieten un­ ter Einschluß der bisher zu Rottweil bzw. Tuttlingen gehörenden Städte Schwen­ ningen und Trossingen favori­ siert. Der Villinger Landrat Dr. Astfäller stand einer solchen Lösung zunächst skeptisch ge­ genüber, denn ein funktions­ fähiges Oberzentrum könne nicht ohne Umland auskom- men; die Vereinigung Villingens und Do­ naueschingens ohne Rottweil sei „nur eine halbe Sache.“ Obwohl der Villinger Kreistag das Krause-Modell nach wie vor als beste Lösung betrachtete, sah man die Lage reali­ stisch; Astfäller wurde von allen Fraktionen aufgefordert, sein Desinteresse an Donau­ eschingen aufzugeben. Der Landrat demen­ tierte in der Öffentlichkeit sogleich einen Dissens zwischen ihm und dem Kreistag; bisher habe man eben auf die Donau­ eschinger Selbständigkeitsbestrebungen Rücksicht genommen, aber: „Im Großkreis ist auch noch Platz für Donaueschingen, wenn sich keine andere Lösung mehr er­ gibt.“ Eine Auflösung des Kreises Donau­ eschingen wurde eigentlich bei allen Betei­ ligten seit Beginn der Reformdiskussion als „totsicherer T ip“ gehandelt, war seine Er­ haltung doch weder im Krause-Modell noch in einem der Alternativmodelle der CDU Vom Werden eines Landkreises vorgesehen. Als Ministerpräsident Filbinger und sein Vize Krause 1970 in Schwenningen über die zukünftige Verwaltungsstruktur der Region aufklärten, reagierte der frühere Bräunlinger Bürgermeister Bernhard Blenk­ le spontan mit dem Ausspruch: „Die machet is kaputt.“ Trotz dieser aussichtslosen Lage artikulierte sich allgemeiner Protest mit Landrat Dr. Lienhart und dem Donau­ eschinger Bürgermeister Robert Schrempp an der Spitze; letzterer sah den Kreis „einer grausigen Zukunft“ entgegen­ gehen, „wenn die Baar und Donaueschingen von der schwäbischen Mehrheit der Doppelstadt abhängen wür­ de.“ Der Hüfinger Kreisver­ ordnete Riedlinger (CDU) raunte unheilvoll: „Ich kenne den Machthunger des Ober­ zentrums … “ Sogar das Für­ stenhaus engagierte sich in Gestalt von Brauereidirektor Anton Zeller für den Kreis. Im Mai 1970 erklärten sich in ei­ ner „informatorischen Abstimmung“ 299 Gemeinderäte und Bürgermeister für die Erhaltung des Kreises, 42 stimmten dagegen und 44 enthielten sich der Stimme. Eine „Interessengemeinschaft für die Erhaltung des Landkreises Donaueschingen“ führte, von der Kreisverwaltung unterstützt, eine Umfrage durch, wobei sich immerhin 15 374 der 40 000 Wahlberechtigten für eine Erhaltung aussprachen. Dieser Front der Vereinigungsgegner wollte sich nur der Do­ naueschinger CDU-Landtagsabgeordnete Franz Leuser, dessen Engagement gering blieb, nicht so recht anschließen. Nachdem die Vereinigung immer deutli­ chere Konturen annahm, bemühte man sich, wenigstens das Gewicht Donaueschin­ gens im neuen Kreis zu stärken. Im Sep­ tember 1970 verabschiedete der Kreistag ei­ ne Resolution gegen die Stimmen der SPD für die Erhaltung des Kreises; im Falle einer Vereinigung aber sei ein weiterer Zentra- 17

Vom Werden eines Landkreis s Am 1. Januar 1973 war es soweit: Villingen-Sclnoenningen wird Sitz der Kreisverwaltung. litätsverlust Donaueschingens nicht tragbar und deshalb müsse der Sitz des Regional­ verbandes Baar-Heuberg in der Stadt liegen; die hier angesiedelten Landesbehörden soll­ ten nicht nach Villingen-Schwenningen ver­ legt und der jetzige Kreis möglichst ge­ schlossen in den neuen Kreis überführt wer­ den. Aufsehen erregte die „Briefaktion“ von Landrat Dr. Lienhart im Februar 1971. Oh­ ne den dortigen Landrat Mallebrein zu un­ terrichten, versuchte Lienhart in einem Al­ leingang vergeblich, 14 Baargemeinden des Kreises Hochschwarzwald zum Anschluß an Donaueschingen /Villingen zu bewegen, um so den Einfluß der ländlichen Gebiete ge­ genüber dem Oberzentrum zu vergrößern. Nachdem die Bildung des Großkreises Vil­ lingen-Schwenningen-Donaueschingen be­ schlossene Sache war, mußte noch ein pas­ sender Name für das neue Verwaltungsge­ bilde gefunden werden. Der Landtag hatte sich in dritter Lesung auf Antrag des Do­ naueschinger Abgeordneten Leuser (CDU) für „Schwarzwald-Baar-Kreis“ entschieden. In der letzten Kreistagssitzung von Villin­ gen-Schwenningen im Dezember 1972 wur- de nochmals heftig über diese Entscheidung gestritten; Oberbürgermeister Gebauer sprach sich, unterstützt von der SPD-Frakti­ on und einigen Mitgliedern anderer Frak­ tionen, für die Beibehaltung des Namens ,,Villingen-Schwenningen“ aus, da die Be­ zeichnung „Schwarzwald-Baar-Kreis“ ,,hi­ storisch und geographisch falsch“ sei. Diese Meinung setzte sich im Kreistag durch, der beschloß, bei Bund und Land in der Na­ menssache nochmals vorstellig zu werden. Dieses Ansinnen war vergeblich, aber im­ merhin konnten sich die Gegner des neuen Namens daran freuen, daß sich im Kfz­ Kennzeichen YS“ die Nennung des Ober­ zentrums durchsetzte. Nach der Überwindung so vieler Schwie­ rigkeiten wurde der „Schwarzwald-Baar­ Kreis“ am 1.1. 1973 Realität. Seine Fläche und Einwohnerzahl betragen etwa die Hälfte des ursprünglich in Krauses „Denk­ modell“ vorgesehenen Großkreises, näm­ lich 1025,llqkm und 197745 Einwohner (im Jahr 1978). Dr. Helmut Rothenne! 18

Hat der Landkreis die Erwartungen erfüllt? Eine Betrachtung durch Alt-Landrat Dr. Rainer Gutknecht 25 Jahre Schwarzwald· Baar · Kreis 25 Jahre sind in der Ent­ wicklung eines Landkreises eine verhältnismäßig kurze Zeit, um Bilanz zu ziehen. Das „Silberjubiläum“ des Schwarzwald-Baar-Kreises im Jahre 1998 rechtfertigt es jedoch, die im Jahre 1973 in Kraft getretene Kreisreform in bezug auf den Schwarz­ wald-Baar-Kreis zu würdi­ gen. Haben sich die Erwar­ tungen, die an die Bildung des Schwarzwald-Baar-Krei­ ses gestellt wurden, erfüllt? War und ist der Landkreis in der Lage, seine Aufgaben zu bewältigen? Dr. Rainer Gutknecht Erinnern wir uns: Die „Ge­ burt“ des Schwarzwald-Baar-Kreises war das Ergebnis eines längeren Diskussionsprozes­ ses. Wie in anderen Bundesländern stand auch in Baden-Württemberg die Gebietsre­ form der Gemeinden und Landkreise an. Der Trend ging zu größeren Verwaltungs­ einheiten, weil im Hinblick auf die gestiege­ nen Aufgaben die alten Kreise nicht mehr die optimale Größe hatten. Der Schwarzwald-Baar-Kreis wurde mit der Kreisreform als einer der jetzt 35 beste­ henden Landkreise in Baden-Württemberg anstelle der bisher 63 Landkreise aus der Taufe gehoben. Im wesentlichen ist er aus den beiden ehemaligen Landkreisen Villin­ gen und Donaueschingen gebildet worden. Mit rund 209 000 Einwohnern (Stand 31.12.1995) und einer Fläche von 1025,3 qkm nimmt der Schwarzwald-Baar-Kreis ei­ nen Mittelplatz unter den 35 Landkreisen im Land Baden-Württemberg ein. Dies ist gegenüber den beiden Vorgängerkreisen zwar eine deutliche Vergrößerung, aber die Erfahrung hat gezeigt, daß ein Landkreis dieser Größenord­ nung gut „administrierbar“ bleibt. Der Stadtbezirk Villin­ gen, wo das Landratsamt sei­ nen Sitz hat, ist von allen Städten und Gemeinden gut zu erreichen. Die Fläche des Landkreises ist überschaubar und die Kontaktpflege zu vie­ len Einwohnern möglich. Der Zuschnitt des Schwarz­ wald-Baar-Kreises war nicht unumstritten. Unter anderem wurde darüber diskutiert, ei­ nen Großkreis auf der Ebene der Region zu bilden, d. h. die heutigen drei Kreise Rottweil, Tuttlingen und Schwarzwald­ Baar zu einem Landkreis zusammenzu- · schließen. Glücklicherweise blieb dies ein Diskussionsvorschlag auf dem Papier. Für unseren ländlich geprägten Raum wäre ein solches Gebilde viel zu groß geraten. Über­ schaubarkeit und Nähe zur Bevölkerung wären nicht mehr möglich gewesen. Anders ausgedrückt: Die wesentlichen Merkmale ei­ nes Landkreises hätten bei dieser Lösung ge­ fehlt. Die Kreisreform hat Teile zweier gegen­ sätzlicher Landschaften, des Schwarzwaldes und der Baar, zusammengefügt. Diese Mi­ schung macht eine der ‚Besonderheiten, ja den landschaftlichen Reiz unseres Landkrei­ ses aus. Der Schwarzwald braucht nicht vor­ gestellt zu werden. Die Baar, die Hochfläche zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb, ist leider weithin viel zu wenig bekannt. Der landschaftsbezogene Name „Schwarz­ wald-Baar“, den der Landtag von Baden­ Württemberg als Gesetzgeber dem neuen Landkreis gegeben hat, ist meines Erachtens 19

25 Jahre Schwarzwald· Baar • Krei glücklich gewählt. Er kennzeichnet kurz und bündig den Landkreis. Eine Folge der Kreisreform war auch, daß sich in dem neuen Landkreis Badener und Württemberger zusammenfanden. Letztere (dafür stehen die Namen Schwenningen, Mühlhausen, Weigheim und Tuningen) wurden sozusagen zu „Neu-Badenern“ ge­ macht. Dieses Experiment, wenn es denn eines war, darf als geglückt angesehen wer­ den. Die landsmannschaftlichen Verschie­ denheiten, die gelegentlich kultiviert wur­ den, spielen schon lange keine Rolle mehr. Auch in anderen Landkreisen, wo diese Ver­ mischung stattfand, haben sich die Men­ schen längst an den neuen Zustand ge­ wöhnt. Zum Sitz des neuen Landkreises wurde Villingen-Schwenningen bestimmt. Die bei­ den Städte Villingen und Schwenningen wurden bereits zum l. Januar 1972 zu einer gemeinsamen Stadt zusammengeschlossen. Sie bildet einen wichtigen Bestandteil des neuen Landkreises und ist sein unbestritte­ ner Mittelpunkt in wirtschaftlicher und kul­ tureller Hinsicht. Ohne Villingen-Schwen­ nigen wäre der Landkreis ein Torso: beide sind im gegenseitigen Geben und Nehmen aufeinander angewiesen. In der praktischen Kreispolitik war es in den vergangenen 25 Jahren nicht immer ein­ fach, einen Ausgleich der Interessen zwi­ schen Villingen-Schwenningen und den übrigen Städten und Gemeinden zu finden. Dies spricht aber keineswegs gegen den Zu­ schnitt des Landkreises. Es liegt in der Na­ tur der Sache, daß in Zeiten knapper Kassen gelegentlich hart um die finanziellen Mittel gerungen wird. Die Einrichtungen, die mit vereinten Kräften (hierbei ist besonders das Land Baden-Württemberg zu erwähnen) in Villingen-Schwenningen errichtet werden konnten (Polizeifachhochschule, Berufsaka­ demie, Fernstudienzentrum, Außenstelle der Fachhochschule Furtwangen, Mikroin­ stitut) kommen nicht nur der Stadt, sondern dem gesamten Landkreis und der Region 20 zugute. Die Forschungseinrichtungen sind beispielsweise für die Umstrukturierung un­ serer heimischen Wirtschaft von unschätz­ barem Wert. Im kulturellen Bereich erfüllt Villingen-Schwenningen schon jetzt weitge­ hend die Anforderungen an ein Oberzen­ trum, zu dem die Stadt ausgebaut werden soll. Auch davon haben die Einwohner der übrigen Städte und Gemeinden im Land­ kreis Nutzen. Mit dem neuen Landkreis wurde 1973 ei­ ne leistungsfähige kommunale Einrichtung geschaffen. Die dem Landkreis obliegenden Aufgaben – ohne das bisher Erreichte hier im einzelnen zu beschreiben – wurden im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten er­ füllt. Die jetzt vorhandenen Kreisstrukturen müssen auch in Zukunft bestehen bleiben. Die Landkreisebene hat sich bewährt und ist wie geschaffen, die Einheit der Verwaltung auf der unteren Verwaltungsebene zu ver­ körpern. Es ist keine Besonderheit des Schwarz­ wald-Baar-Kreises, daß die Finanzen des Landkreises seinen Aufgaben nicht ange­ messen sind. Dies gilt mehr oder weniger für alle Landkreise. Als „Kostgänger“ des Lan­ des und der Kommunen sind die Landkrei­ se in finanzieller Hinsicht sehr eingeengt. Daher ist es nur verständlich, daß die Land­ kreise seit Jahren – bisher allerdings ohne Er­ folg – eine eigene Wachstumssteuer fordern. Die vor uns liegenden Jahre werden nicht einfach werden. Auf der einen Seite werden die Anforderungen an den Landkreis nicht geringer, auf der anderen Seite wissen wir, daß der finanzielle Spielraum eher noch kleiner werden wird. Es ist zu hoffen, daß die vom Landkreis ge­ schaffenen Infrastruktureinrichtungen eine gute Grundlage abgeben, die „schmalen Jah­ re“ zu überstehen. Ich wünsche allen Verantwortlichen hier­ bei viel Glück und Erfolg! Dr. Rainer Gutknecht

Reflektionen auf 25 Jahre Kreispolitik Im Gespräch mit Dr. Gerhard Gebauer und Dr. Bernhard Everke 25 Jahre Schwarzwald· Baar· Kreis Der Schwarzwald-Baar-Kreis ist 1973 durch die Zusammenlegung der Landkreise Villingen (-Schwenningen) mit dem Haupt­ teil des Landkreises Donaueschingen ent­ standen und als Sitz des neuen Kreises wur­ de Villingen-Schwenningen festgelegt. Wie sich Villingen-Schwenningen und Do­ naueschingen in ihrer neuen Rolle als ,,Hauptstadt“ und „Nebenresidenz“ zu­ rechtfanden, soll im folgenden aus der Sicht zweier Zeitzeugen und Akteure geschildert werden, die auch darlegen, wie sie das Wer­ den des Landkreises miterlebt haben. Dr. Gerhard Gebauer (SPD) war Oberbürger­ meister von Villingen-Schwenningen, Dr. Bernhard Everke (CDU) ist seit 1973 Bür­ germeister, seit 1993 Oberbürgermeister der Stadt Donaueschingen. Die Gespräche führ­ te Wilfried Dold. Wi“e haben Sie die Gründung des Schwarzwald­ Baar-Kreises erlebt, was war Ihre Ausgangs­ situation? Dr. Gebauer: Der Beginn meiner kreispo­ litischen Tätigkeit lag im Landkreis Rottweil. Als Oberbürgermeister von Schwenningen, also in der Zeit noch vor der Stadtfusion, war ich von Amts wegen Mitglied des Rott­ weiler Kreistages und auch des Kreisrates, der für Vorberatungen der Kreistagssitzun­ gen zuständig war und den es heute nicht mehr gibt. Sie haben 1971 den Versuch unternommen, einen Großkreis auf den Weg zu bringen, einen ge­ meinsamen Landkreis für die Städte und Regio­ nen Villingen -Schwenningen, Donaueschingen, Rottweil und Tuttlingen. Weshalb ? Dr. Gebauer: Mit Entschiedenheit habe Dr. Gerhard Gebauer, Oberbürgermeister a. D. und SPD-Kreisrat seit Gründung des Landkreises. ich für diesen Großkreis gekämpft, der einer der großen Landkreise in Baden-Württem­ berg geworden wäre, mit entsprechendem Einfluß auf die Regional- und Landespoli­ tik. Ich bin überzeugt, auch die wirtschaftli­ che Entwicklung unserer Region hätte da­ von maßgeblich profitiert. Es gab nicht we­ nige andere Fürsprecher. Aber Rottweil und Tuttlingen wollten ihre Kreishoheit nicht aufgeben. Ich will hier nicht falsch verstanden wer­ den: Auch der Schwarzwald-Baar-Kreis hat mit rund 210 000 Einwohnern eine Mittel­ funktion im Land, mit der es sich leben läßt. Aber dennoch: verpaßte Reformen lassen sich so schnell nicht nachholen. Es gibt eine ganze Fülle von Aufgaben, die der Groß­ kreis besser bewältigt hätte. Ich denke da 21

lm Gespräch mit Dr. Gebautr Hätte auch der dramatische Arbeitsplatzverlust in Villingen-Schwenningen besser verkraftet wer­ den können, der etwa ab Mitte der 1970er Jahre einsetzte? beispielsweise an den Nahverkehr, die Ab­ fallentsorgung oder an die Diskussion um die Regionalverbände. Dr. Gebauer: Der erste Einbruch kam 1975, ich denke an Mauthe und an Kaiser­ Uhren, an den nahezu völligen Untergang der Uhrenindustrie, aber auch an SABA und andere, und meine, in einer größeren Ein­ heit hätte man diesen schmerzhaften Prozeß ausgewogener gestalten und auch verarbei­ ten können. Es läßt sich ein Vergleich zur Entstehung der Doppelstadt ziehen: Beide Städte hätten sicher auch alleine leben kön­ nen, aber wir hätten dann beispielsweise kein so leistungsfähiges Krankenhaus erhal­ ten, hätten keine Hochschulstadt sein kön­ nen. Wie denken Sie über das Kreisbewußtsein, hat Dr. Gebauer: Das Zusammenwachsen von Donaueschingen und Villingen­ Schwenningen ist in den Kinderschuhen steckengeblieben. Ich denke, das Kreisbe­ wußtsein ist noch immer unterentwickelt, es gibt da ein Nord-Süd-Gefälle. Auch wenn es in Donaueschingen noch viele gibt, die mei­ nen, man sei nicht gerecht behandelt wor­ den: Donaueschingen ist bei der Kreisre­ form nicht schlecht gefahren. Der Schwarz­ wald-Baar-Kreis ist die Zentralisierung sei­ ner Aufgaben sehr vorsichtig angegangen, die Interessen von Donaueschingen sind hierbei gewahrt worden. Da das Land mit der Kreisreform zwar eine Gebietsreform aber keine Funktionalreform durchführte, konnte sich Donaueschingen seinen sehr starken Dienstleistungssektor erhalten. Es ist unüblich, daß Behörden wie das Straßen- sich in den vergangenen 25 Jahren ein Gefühl von Zusammengehörigkeit entwickelt ? 22 Bewährungsprobe bestanden ? wie sehen Sie die Zukunft des Landkreises? Hat der Schwarzwald-Baar-Kreis somit seine bauamt nicht in der Kreisstadt zu finden sind. Daran zeigt sich: Villingen-Schwen­ ningen war um einen Interessenausgleich bemüht, hat viel guten Willen bewiesen. Dr. Gebauer: Er ist in seiner heutigen Form und Struktur durchaus existenzfähig und kann seinen Aufgaben gerecht werden. Das ist die funktionale Seite. Andererseits ist das Eis dünn, wenn es um lokale Interessen geht. Ich erinnere an die jüngste Debatte um die Neugliederung des Berufsschulwe­ sens. Ich muß auch hier wieder einen Ver­ gleich mit anderen Landkreisen ziehen: die meisten haben nur einen Berufsschulstand­ ort. Man kann aber in der Bevölkerung von einer hohen Akzeptanz der gegenwärtigen Strukturen ausgehen. … Das sehe ich nicht so. Ein Obereschacher z.B. ist und bleibt ein Obereschacher. Erst in zweiter Linie fühlt er sich Villingen­ Schwenningen verbunden und auf Platz drei rangiert der Landkreis. Sich zunächst ei­ ner kleineren Einheit zuzuordnen und dann erst der nächstgrößeren, das ist dem Men­ schen angewachsen. Exakt so verhält es sich auch, wenn die Menschen die Dienstlei­ stungen einer Verwaltung in Anspruch neh­ men wollen. Dr. Gebauer: Ich sehe mit Besorgnis, daß die Landkreise in vielerlei Hinsicht an der Grenze ihrer Möglichkeiten stehen. Das hat finanzielle und strukturelle Gründe. Auch ist das Land immer weniger bereit, die Krei­ se in ihrer Struktur zu stärken. Hinsichtlich Und wie verhält es sich mit der Bürgernähe, sie wurde damals vom Land als ein großes Ziel der Kreisreform herausgestellt … Sie sind seit 37 Jahren in der Kreispolitik aktiv,

25 Jahre Schwarzwald-Baar-Kreis ihrer finanziellen Ausstattung sind die Krei­ se nach wie vor Bittsteller. Das gilt auch für die Gemeinden, auf deren Umlage die Landkreise angewiesen sind. Für die Kreis­ politik ist die Vielfalt der Probleme im Zu­ sammenspiel mit leeren Kassen frustrierend, auch wenn der Kreistag rausholt, was mög- lieh ist. Es liegt nicht am Willen oder Kön­ nen, sowohl der Kreistag als auch die Kreis­ verwaltung sind sehr qualifiziert und um op­ timale Lösungen bemüht, aber die Grenzen sind sehr eng gesteckt, es heißt ständig kür­ zer zu treten. Den Interessen der Menschen kann dies auf Dauer nicht dienlich sein. Dr. Everke: ,,Das Oberzentrum ist anerkannt“ Donaueschingen spielt im Schwarzwald-Baar-Kreis eine gewichtige Rolle Schwarzwald und Baar, beide sind weithin be­ kannt, aber der Schwarzwald scheint in seinem Bekanntheitsgrad die Baar zu überflügeln. Ist das wirklich so ? Dr. Everke: Ja, das ist so. „Black Forest“, den Schwarzwald, kennt man in aller Welt, mit der Baar oder dem Heuberg hingegen kann außerhalb von Baden-Württemberg kaum jemand etwas anfangen. Es ist gut, wenn die Region – der Regionalverband, die Landkreisverwaltung und die Städte – zur Verbesserung des Bekanntheitsgrades ge­ meinsam etwas tun. Mit dem Arbeitskreis Regionalmarketing sind hier die Weichen in die richtige Richtung gestellt. Donaueschingen muß sich um seinen Be­ kanntheitsgrad keine Sorgen machen. Die Stadt kennt man fast überall, sogar in den USA und in Japan. Dabei spielt Donau­ eschingen in der Region keine Sonderrolle. Die Stadt an der Donauquelle ist Mittel­ zentrum wie Rottweil, Schramberg und Tuttlingen. Und vielen ist schon gar nicht mehr be­ kannt, daß Donaueschingen als „Haupt­ stadt“ des Fürstentums Fürstenberg eine Rolle spielte wie Vaduz in Liechtenstein und Monte Carlo in Monaco heute noch. Be­ kanntlich hat Napoleon zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Donaueschingern die Hauptstadtzuständigkeiten weggenommen. 1972 verlor Donaueschingen im Zuge der Verwaltungsreform den Kreissitz an Villin­ gen. Aber manche Tradition und Einrich­ tung der Residenzstadt ist geblieben: Mu­ siktage, CHI-Reitturnier und das Donau­ eschinger Regionalgespräch. Damit trägt die Stadt auch zur Bekanntheit von Landkreis und Region bei. Dr. Bernhard Everke, Oberbürgermeister von Donaueschingen und CDU-Kreisrat. 23

25 Jahre Schwarzwald- Baar· Kreis Womit wir bei der Kreisreform angelangt wären. In einer Jubiläumsbeilage zum fünfjähri­ gen Bestehen des neuen Kreisgebildes heißt es in ei­ nem Kommentar, Donaueschingen habe den ver­ tust des eigenen Landkreises eigentlich fast schon verschmerzt. Ging das tatsächlich so schnell? Dr. Everke: Das nicht. Aber die Stadt hat neue Einrichtungen dazu gewonnen wie die Lehrerfortbildungsakademie, das Kienzle­ Zentrum (heute Ditec), das Ausbildungs­ zentrum der Südbadischen Bauwirtschaft, die Deutsch-Französische Brigade und viele neue, auch namhafte Firmen. Die Stadt kann in den letzten 25 Jahren auf eine posi­ tive Entwicklung verweisen. Im Juli 1993 ist Donaueschingen „Große Kreisstadt“ gewor­ den. Das Oberzentrum ist anerkannt, wir wün­ schen auch dessen volle Funktionalität. Aber es darf keinen Abzug von Stellen ge­ ben, die nicht zwingend oberzentral sind. Könnten Sie hier ein Beispiel geben? Dr. Everke: Ich denke an die Körperbe­ hindertenschule. Die mußte nicht zwingend nach Villingen-Schwenningen, sie hätte man in Bad Dürrheim oder in Donau­ eschingen ebenso ansiedeln können. Das Prädikat „Residenzstadt‘: wie verhält es sich damit genau ? Dr. Everke: Residenzstadt zu sein, heißt daß in Donaueschingen noch ein Fürst wohnt, ein großzügiger Förderer der Stadt. In der „Residenz“ gibt es immer wieder ein­ mal einen festlichen Anlaß, ein Gala-Diner für wohltätige Zwecke oder das von der „Stiftung Wissenschaft“ und „Gesellschaft der Universität Konstanz“ alljährlich im Donaueschinger Schloß veranstaltete Wis­ senschaftsforum. In Donaueschingen fühlt sich der Hoch­ adel so wohl wie die Besucher aus der ganzen Welt. Die Gründe für diese Besuche 24 sind vielfältig: Familienfeiern im Schloß, der Besuch an der Donauquelle, die Anzie­ hungskraft der Fürstenberg-Sammlungen und der Fürstenberg-Bibliothek. Wo sonst im Süden gibt es mittelalterliche Tafelmale­ rei dieser Qialität, Werke von Hans Hol­ bein, Lucas Cranach u. a. Meistern, ja sogar die Nibelungenhandschrift C ist zu besich­ tigen! Und wie denkt der Donaueschinger Oberbür­ germeister über das CH 1-Reitturnier? Dr. Everke: Eine hochkarätige Sportver­ anstaltung, sie steht auch der Region gut an. Wer beispielsweise als Unternehmer gute Arbeitsplätze bietet, freut sich auch, wenn seinen Beschäftigten in der Freizeit nicht nur „Alltagskost“ geboten wird. Besondere Highlights sind gefragt. Dies jedenfalls zeigt die Besucherresonanz des zweitgrößten Freiland-Reitturniers in Deutschland, des Prinz-Kari-Gedächtnisturniers. Jedes Jahr im September geht dieses im Donaueschinger Reiterstadion über die Hürden. Im Teilneh­ merfeld findet man die Besten im Springen, in der Dressur und im Fahren. Nach dem umfangreichen Bau der Tribünen u. a. Ein­ richtungen durften Deutsche-, Europa-Mei­ sterschaften, ja sogar das CHIO und künf­ tig der Samsung Nationen-Cup hier ausge­ tragen werden! Also eine positive Wirkung im Sinne von Öf fentlichkeitsarbeit für den gesamten Landkreis ? Dr. Everke: Gewiß ist mit einer werben­ den Wirkung zu rechnen, wenn beispiels­ weise Hans-Günther Winkler, Nelson Pessoa, Alwin Schockemöhle, Christine Stückleberger, Isabell Werth, aber auch Prin­ zessin Anne von England und Prinzessin Haya bint Al-Hussein von Jordanien an ihrem zu Hause und auf anderen Turnieren von Donaueschingen und seiner Gastlich­ keit schwärmen. Wenn dabei die geografi­ sche Einordnung von Donaueschingen

näher erläutert wird, ergeben sich vermut­ lich auch Hinweise auf den Landkreis und die Region. Also – ein Donaueschinger Bei­ trag zum Regionalmarketing! Ist das Donaueschinger Regionalgespräch eben­ so zu werten ? Dr. Everke: Ja, hochkarätige Redner wie Lothar Späth, Hans Friderichs, GrafLambs­ dorff, Wolfgang Schäuble, Klaus Zwickel u. a. sprechen bei dieser Veranstaltung. Sie stellen sich 400 geladenen Gästen aus Wirt­ schaft und Politik der ganzen Region zur Diskussion. Das Donaueschinger Regional­ gespräch ist zur zentralen Begegnung ge­ worden, die in der Landes- und Bundes­ presse ihren Niederschlag findet. ‚.%s macht aus Ihrer Sicht Donaueschingen aus, oder anders gefragt, wie würden Sie die Do­ naueschinger Bürger beschreiben ? Dr. Everke: Vielleicht als ideale Kombina­ tion von Zurückhaltung und Offenheit zu­ gleich. Und auch von Internationalität. Und damit meine ich nicht nur die erwähnten Veranstaltungen, immerhin leben über 2 000 ausländische Mitbürger in der Stadt. Man findet in Donauesch��en auch Of­ fenheit für Neues, etwa für Okologie, was die Ökosiedlung dokumentiert (siehe Kapi­ tel Architektur), aber auch für Technologie: In acht Jahren wurden in Donaueschingen über 40 neue Firmen gegründet, darunter Marktführer der Kunststofftechnik und der Elektronik. Freundschaften wachsen hier sicher nur langsam. Man muß die Donaueschinger an­ sprechen, also den ersten Schritt tun, dann lernt man herzliche Menschen kennen. Und es gibt in dieser Stadt so etwas wie vornehmen Patriotismus, der Stärke gibt. Zugleich Stolz auf die Donaueschinger Hei­ mat, der sich auf vielfache Weise in ehren­ amtlichem Engagement ausdrückt. Was den Stolz auf die Heimatstadt anbe- Im Gespräch mit Dr. Everkc langt, denke ich besonders gerne an den Festakt am 2.Juli 1993, dem Tag der Ernen­ nung Donaueschingens zur „Großen Kreis­ stadt“. 400 Stühle waren in der Donauhalle aufgestellt, aber mehr als 1 000 Bürger ka­ men. Die meisten sind dann auf den alten Festplatz abgewandert, wo die Bürgerschaft von sich aus spontan ein Fest organisiert hatte. Als ich mich nach dem offiziellen Festakt mit Ministerpräsident Erwin Teufel dorthin auf den Weg machte, trafen wird rund 5 000 Menschen an. Die haben gefei­ ert und der „Großen Kreisstadt“ ein präch­ tiges Feuerwerk mit auf den Weg gegeben. Zurück zur aktuellen Kreispolitik: Wie sehen Sie aus dem Blickwinkel der zweitgrößten Stadt im Schwarzwald-Baar-Kreis das künftige Auf gabenfeld? Dr. Everke: Aus Donaueschinger Sicht ist an erster Stelle der Erhalt des Kreiskranken­ hauses zu nennen, aber auch den der Ge­ werblichen Schulen. Und eine wichtige Le­ bensvoraussetzung ist der Flugplatz. Im Blick auf die finanzielle Notla�e des Land­ kreises erhoffe ich mir mehr Uberprüfung bei den Sozialausgaben, die geradezu ex­ plodieren. Als Folge steigt die Kreisumlage ungefragt. Diesbezüglich sind auch Land und Bund auf neue Spielregeln anzuspre­ chen. In diesem Zusammenhang wünsche ich mir auch ein neues Wahlrecht, das Mehr­ heitswahlrecht. Denn wer regiert, soll auch handeln können. Beim Mehrheitswahlrecht wird Verantwortung eindeutig zugeteilt. Um noch einmal an vergangenes anzuknüpfen und auch das verhältnis zum Oberzentrum an­ zusprechen: Freut sich der Donaueschinger Ober­ bürgermeister, wenn ihm auf der Landstraße eines jener wenigen vehikel entgegenkommt, das noch das Kennzeichen „DS“ trägt? Dr. Everke: Ja, natürlich. Aber ich freue mich auch über ,,VS-DS“. Und je weiter ich vom Landkreis entfernt bin, freue ich mich 25

Im Ge präch mit Dr. Evcrkc ….. Der viel beachtete Baar-Teller von Albert Hien, Marmor 1991, gehört zur Kunst am Bau des Landrats­ amtes. Er zeigt den lauf von Neckar und Donau und der Donau-Quel!flüsse Brigach und Breg. Der Tel­ ler steht auf einem Pflaster, dessen Musterung ein Tischtuch symbolisiert. über „VS“, weil das Erkennen dieses Auto­ kennzeichens wohl in jedem ein Heimatge­ fühl auslöst. Was das Verhältnis der beiden großen Kreisstädte zueinander anbelangt, gibt es keinen Abstand. Ein Beispiel: Der Rotary­ Club von Villingen-Schwenningen nahm mich vor bereits 15 Jahren einstimmig als Mitglied auf. Ein sehr nettes, geradezu freundschaftliches Entgegenkommen. Das Miteinander funktioniert im GAS-Zweck­ verband wie in der Flugplatz GmbH. Über­ haupt verlangen die aktuellen Aufgaben ei­ ne städteübergreifende Zusammenarbeit, gerade was die Bekämpfung der Arbeitslo­ sigkeit anbelangt. Man darf nicht mehr iso­ liert denken. Die Anfänge sind über den Ar­ beitskreis Wirtschaftsförderung der fünf Großen Kreisstädte gemacht. Nach dem Motto „Gemeinsam sind wir stark“ gibt es noch viel zu tun – also! Um zum Schluß zu kommen, ein großes Ziel der Kreisreform von 1973 lautete: mehr Bürgernähe. A her kann eine zentrale Kreisverwaltung diesen Anforderungen überhaupt gerecht werden ? Dr. Everke: Der Landkreis wird für den einzelnen Bürger immer etwas ferner sein als sein eigenes Rathaus. Das ist nichts Schlim­ mes, sondern in der Natur der Dinge be­ gründet. Daß Landrat Karl Heim auf die Bürger zugeht, wird in Donaueschingen freudig registriert. Denn Bürgernähe geht über Personen. Der beste Weg dorthin ist, das Gespräch mit den Menschen zu suchen. 26

Schwarzwald und Baar – Portrait eines Landkreises (1) Rund um die Wasserscheide Rhein/Donau Unterwegs in der Region Triberg, Schonach und St. Georgen 2. Kapitel/ Almanach 98 Aus Anlaß des 25jährigen Bestehens des Schwarzwald-Baar-Kreises beginnt im Alma­ nach 19 9 8 eine literarische Wanderung durch Schwarzwald und Baar, sie ist mit „Portrait ei­ nes Landkreises“ überschrieben. Die Raum schajt Triberg/Schonach!St. Georgen, das Obere Breg­ tal und der sogenannte Hintervillinger-Raum bilden den Auftakt zu dieser „Kreisbeschrei­ bung“. Im Almanach 199 9 wird der Rundgang aus Anlaß des Villinger Stadtjubiläums im Oberzentrum und Umgebung fortgesetzt. Im Almanach 2 000 beschließt die Baar, der Großraum Donaueschingen und Blumberg, die auf drei Teile angelegte Artikelserie. „St. Georgen, St. Georgen – Sie haben Anschluß an den Bahnbus nach Peterzell und Königsfeld vom Bahnhofsvorplatz aus … “ Wer von Offenburg kommend hier aussteigt, spürt die frische würzige Luft. 806 Meter über dem Meeresspiegel liegt der Bahnhof, der höchste Bodenpunkt der Stadt aber befindet sich bei 1030 Meter im Hirz­ wald /Kesselberg. St. Georgen rühmt sich, auf dem Roßberg Deutschlands höchstgele­ genes Sportstadion zu besitzen. Hier absol­ vierte einst die Fußball-Nationalmannschaft ein Training zur Vorbereitung auf Spiele in Südamerika. Wer heute auf den Roßberg kommt, der staunt: Seit 1975 entstand dort ein großes Bildungszentrum mit Sporthalle, Schwimmhalle, Schulgebäude für Gymnasi­ um und Realschule sowie- im Jahr 1977 ein­ geweiht – eine Stadthalle. Damals war St. Georgen noch eine „rei­ che“ Stadt. Heute ist die Luft – wie überall im Schwarzwald-Baar-Kreis – dünner ge­ worden. Das gilt für die Kommune ebenso wie für Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Seit 1983 hat sich die Einwohnerzahl um 14 200 Personen eingependelt. Damals war St. Ge- Das St. Georgener Rathaus mit Brztnnen und Marktplatz. 27

Portrait eines Landkreises orgen als „Phonostadt“ mit seiner über­ wiegend feinwerktechnischen Industrie bun­ desweit ein Begriff. Firmen wie Dual, Kundo, Staiger, Rigoni, Grässlin, Pabst, Schmidt, Matthias Baeuerle und Tobias Baeuerle, A. Maier, Schnitzer,]. G. Weisser oder Heinemann trugen den Namen St. Ge­ orgens in die Welt hinaus. Von der Uhren­ und Plattenspielerfabrikation, dem Appara­ tebau, der Herstellung von Kugelschreibern oder Lüftern bis hin zu Werkzeugen und Werkzeugmaschinen reichte die Produkti­ onspalette. Mittelständische Unternehmen, auch als Zulieferer für die Automobil­ industrie wichtig, bildeten ein sicheres Potential. Doch auch St. Georgen mußte in der jüngeren Vergangenheit empfindliche Arbeitsplatzverluste hinnehmen. Behaup­ ten konnten sich etliche Firmen durch Fu­ sionen, Neuorientierungen, Verkäufe, aber auch durch unternehmerischen Weitblick: Schmidt Feinwerktechnik, ]. G. Weisser, Kundo, Grässlin, Pabst und dazu viele klei- nere Unternehmen. Aber es gab auch innovative Neugrün­ dungen: So sind allein in der Sparte Software seit 1985 rund 300 neue Arbeitsplätze entstanden. Dennoch hängt die Stadt am Tropf des Landes, wird sie als sogenannte „Sockelge­ meinde“ finanziell unterstützt. Die Zahl der Sozialversicherungpflichtigen ist in den ver­ gangenen 15 Jahren um 33 Prozent gesun­ ken. Folge: Steuereinnahmeverluste und so­ mit auch fehlende Schlüsselzuweisungen. In der Raumschaft St. Georgen liegt die Ar­ beitslosenquote mit 7, 7 Prozent unter der Kreis-Schnitt-Marke, die 8, 9 Prozent be­ trägt. St Georgen 1084 gegründet Die Stadt auf dem Roßberg, der Seebau­ ernhöhe, am Winterberg gelegen, hat ihre Existenz dem Kloster St. Georgen zu ver­ danken. 1084 auf dem „Scheitel Alemanni­ ens“ gegründet, trug das Rodungskloster St. Georgen entscheidend zur Besiedlung des Schwarzwaldes bei. Im Jahr 1507 erhielt die Ansiedlung das Marktrecht, erlebte in der Folge viele Herrscher, verlor im Dreißig­ jährigen Krieg das Kloster, wurde württem­ bergisch, um 1810 dem Großherzogtum Badens zugeschlagen zu werden. 1891 bekommt St. Georgen das Stadtrecht ver­ liehen. Um die Jahr­ hundertwende dann gelingt der wirtschaft­ liche Durchbruch: die Einwohnerzahl ver­ doppelt von 2 608 im Jahre 1890 auf 5282 Einwohner im Jahr 1930. Viele der St. Georgener Fir­ men wurden im übri­ gen um diese Zeit als Familienbetriebe ge­ gründet. sich Modeme Architektur rund um den St. Georgener Marktplatz, wo samstags Wochenmarkt gehalten und das Stadtfest gefeiert wird. Im Stadtbild sucht man heute vergeblich nach Zeugen dieser 28

St. Georgen Blick auf den St. Georgener Stadtteil Galetsch und die Seebauernhöhe, vorne der Stadtteil Türkei. bewegten Geschichte. Lediglich im Kloster­ hof steht noch ein Stück Klostermauer, und es lagern Reste des alten Klosters im künfti­ gen Lapidarium. Das Stadtbild hat sich in den 1960er und 1970er ] ahren verändert: Der Marktplatz wurde modern gestaltet, samstags wird dort Markt gehalten, dort wird auch das Stadtfest gefeiert und dort trifft man sich. Eine Bürgerinitiative hat es bewirkt, daß im Phonomuseum im Rathaus die Zeugnisse früheren industriellen Tuns zu sehen sind – eine einzigartige und be­ deutende Sammlung. Und seit kurzem ist das Heimatmuseum „Schwarze Tor“ zu be­ sichtigen, ein Bauernhaus aus dem Jahre 1830, das liebevoll renoviert wurde (siehe Kapitel Museen). Zur Bergstadt gehören idyllisch gelegene Stadtteile, die zum Teil ausgebaut wurden (Brigach), oder vor der Gemeindereform selbständige Gemeinden waren: Peterzell, Langenschiltach, Oberkirnach und Stock­ burg. Viel Ländliches umgibt die Stadt, de­ ren Bäche alle der Donau zufließen, die Brigach bildet einen ihrer Qiellflüsse. Dem Besucher St. Georgens erschließt sich eine Landschaft, die im Winter wie im Sommer das Herz öffnet: Hier ist der Schwarzwald hell und offen, sind weite Spaziergänge im Frühjahrsonnenlicht nach langer Winter­ pause möglich. Zum Beispiel über die Lan­ ge Gasse nach Nußbach, oder über die alte Gastwirtschaft „Staude“ nach Gremmels­ bach. Wohnqualität und Freizeitqualität in gesunder Luft – wer diese Rechnung auf­ macht, hat in St. Georgen die richtige Lö­ sung gefunden. Und die Zukunft? ,,St. Georgen 2 000″ ist das Stichwort, mit dem Bürgermeister Wolf­ gang Schergel die Bürgerinnen und Bürger zum Mittun auffordert. 368 Ideen wurden entwickelt für die Sicherung der Zukunft der Stadt, die doch so gute Lebensvorausset­ zungen hat: Nahezu alle Schulen sind vor­ handen, der Autobahnanschluß ist in der Nähe und der IC-Bahnstrecken-Anschluß bequem erreichbar. Um die Ideen im Zu­ sammenhang mit dem Projekt „St. Georgen 29

Portrait eine Landkreises 2 000″ umsetzen zu können, müssen nun alle tätig werden: Stadtverwaltung und Ein­ wohner. Es werden große Pläne geschmie­ det: man will eine sogenannte „virtuelle Stadt“ bauen (PC-Vernetzung), Telearbeits­ plätze schaffen, ein „Museum der Räume“ ist geplant und der Roßberg soll durch Bün­ delung bereits vorhandener Ressourcen zu einem Höhensportzentrum ausgebaut wer­ den. Apropos Stadtbild: Zwei Kirchtürme zeu­ gen vom geistlichen Leben in St. Georgen. Die Einwohner sind überwiegend evange­ lisch. Zur Zeit der Reformation mußte sich das Kloster St. Georgen dem evangelischen Glauben anschließen, Abt und Konvent zo­ gen sich deshalb in das katholische Villingen zurück. Dieses veranlaßte in der Folge die Villinger immer wieder, St. Georgen anzu­ greifen, dort Höfe anzuzünden und Teile des Dorfes abzubrennen. Wer mehr über diese Vorgänge und Abt Gaiser wissen will, kann die Chronik des Klosters und der Stadt lesen, die 1972 von Erich Stockburger verfaßt wurde. L� t) o rnb .: ·g l – Heute suchen die Menschen der Bergstadt in der evangelischen und katholischen Kir­ chengemeinde, aber auch in zahlreichen Allianzgemeinden und Glaubensgemein­ schaften geistlichen Beistand und Betäti­ gung. Ein reges Vereinsleben gehört eben­ so zu St. Georgen wie die Musik. Ju­ gendmusikschule und Kantorei sind weit über die Grenzen der Stadt hinaus be­ kannt. Dazu und zu anderem ließe sich noch viel erzählen: Doch wenden wir unsere Schritte in Richtung Sommer­ au, einem geographisch wichtigen Scheitel­ punkt. An der Wasserscheide Rhein/Donau Jeder kann es lesen – auf der Sommerau steht es Weiß auf Grün: ,,Wasserscheide Rhein /Donau“. Von hier aus fließen alle Bäche über die Kinzig in den Rhein. Doch nicht nach Hornberg oder Offenburg steht den Tribergern der Sinn, sie orientieren sich in Richtung Villingen-Schwenningen. Knapp acht Kilometer kurvenreiche Bun­ desstraße hinab geht es über Nußbach nach Triberg. Nußbach war bis zur Eingemein­ dung 1973 ein selbständiges Dorf mit Bür­ germeister, Rathaus und Kirche. Jetzt vertritt Ortsvorsteher Karl Rißler die Belange der Bevölkerung. Das Rathaus beherbergt noch eine Postfiliale. Und die Nußbacher Katho­ liken werden vom Schonacher Pfarrer mit­ betreut. Die Zeiten haben sich auch für die­ sen Ortsteil geändert. Geblieben sind die weitverzweigten rund 60 noch bewirtschaf- teten Höfe außerhalb des Ortes, die ver­ kehrsnahe Anbindung an Bundesstraße und den Bahnhof Triberg. Der Fremdenverkehrsort Triberg ist gern Wander­ ziel, weil man _______ _. von dort per Bus oder Bahn zu- rückreisen kann. Außerdem gibt es viel Sehenswertes, was vor allem die Ta­ gestouristen anzieht. Die Stadt, als Un­ terzentrum seit 1971 im Schwarzwald­ Baar-Kreis an Bedeutung aufgewertet, hat in den vergangenen ·zs Jahren einen strukturellen Wandel erfah­ ren. Kurgäste kommen nur noch wenige. Die rund 1500 Gästebetten (bei rund 5 900 Einwohnern) wer­ den vor allem von Kurzurlaubern gebucht, die sogenannte Ver­ weildauer ist immer kürzer. Den­ noch ist Triberg heilklimatischer Kurort – die Asklepios-Klinik hat mit rund 200 Betten noch eine konstan­ te Belegung. In Triberg zu wohnen erfordert eine gute Kondition. Die Stadt liegt im Tal der Gutach (die über die Kinzig in den Rhein fließt!) und die Häuser kleben wie Bie­ nenwaben an den Hängen. Neubauge- 30 Alles Wt!gkreuz auf der Sommerau.

Triberg I Schonach I Schönwald Die Stadt Triberg vom Kapellenberg aus. biete sind nur unter großen finanziellen und bautechnischen Aufwendungen zu er­ schließen. Die Einwohnerzahl hat sich bei S 800 eingependelt. Dennoch ist Triberg re­ lativ stabil, wenn auch finanziell keine großen Sprünge gemacht werden können. Stolz verweist Bürgermeister Klaus Martin darauf, daß mehr Menschen nach Triberg zur Arbeit kommen als Triberger anderswo zur Arbeit fahren. Doch die Schließung der traditionellen Jahresuhrenfabrik hat die Stadt kräftig erzittern lassen. Aber sie be­ sann sich aufihr Fremdenverkehrspotential, zu dem ihr auch die Geschichte verholfen hat. 1239 wurde Triberg erstmals urkundlich erwähnt, 1330 findet Triberg erstmals als Stadt Beachtung „der Stat, und der Burg … ze Triberg“. Von der Burg sind heute beim Kurhaus nur noch Reste zu sehen. Dafür ist die Wallfahrtskirche „Maria in der Tann“ seit 1645 Anziehungspunkt vieler Wallfahrer und heute auch der kunstinteressierten Gä­ ste. Viele Pfand-und Lehensherren hat Tri­ berg erlebt, darunter auch Lazarus von Schwendi, der sozial etwas für die Unterta­ nen tat und bis heute gerühmt wird. Aber auch die irdische Gerichtsbarkeit hat ihre Zeitzeugen. In 1002 Meter Höhe über dem Meer ste­ hen an der Verbindungsstraße Schonach­ Schönwald-Villingen und der Abzweigung St. Georgen (mit einem schönen Blick auf die Schwarzwald-Landschaft) zwei mit Ei­ senband verstärkte Steinpfeiler. Sie trugen einst den Galgen, den die Herrschaft Triberg seit spätestens 1349 besaß. 1776 wurde der letzte Verurteilte gehenkt, 1786 wurde die Todesstrafe in Vorderösterreich (die Herr­ schaft Triberg gehörte dazu) abgeschafft. Tribergs höchste Wasserfälle, 1805 durch 31

Portrait eines Landkreises geboten, versuchen die W ir­ te und die Zimmervermieter am gleichen Strang zu zie­ hen und auf eine zentrale Kurverwaltung hinzuarbei­ ten. Wenn Arbeitsplätze er­ halten werden sollen, dann auch die im Dienstleistungs­ bereich, darin sind sich alle einig, die eine Stärkung des Fremdenverkehrs wollen. Fast zwei Drittel der gesam- ten Fläche Tribergs besteht aus Wald. Eingebettet darin eben Nußbach und auch Gremmelsbach, das seit 1974 als Ortsteil zu Triberg gehört. 560 Bürger zählt der Ort, der noch sieben Voll­ erwerbs- und 37 Nebener­ werbs-Landwirte hat. ,,Fe­ rien auf dem Bauernhof “ werden in Nußbach wie in Gremmelsbach angeboten und von gestreßten Stadtfami­ lien gern genutzt. Ruhe und hautnahe Na­ tur, dazu landschaftlich markante Punkte wie der Rappenfelsen und der Drei-Bahnen­ Blick, die beide von Gremmelsbach aus er­ wandert werden können – die zahlreichen Stammgäste wissen, warum sie wiederkam- men. Hinauf auf die Höhen Auf der Bundesstraße 33 zwischen Triberg und Hornberg findet man nicht nur die in­ zwischen weltgrößte Kuckucksuhr von Ewald Eble, sondern eine geographische Be­ sonderheit: Der Ort Schonachbach gehört nicht etwa zu Triberg, was lagemäßig nur lo­ gisch wäre, sondern zu Schonach. Dieses Dorf erstreckt sich somit von 472 Meter Höhe über dem Meer (Schonachbach) bis auf 1163 Meter (Rohrhardsberg). Somit ist der inzwischen entbrannte Kuckucksuhren­ Streit rein Schonacher Natur, denn auch JosefDold baute in Schonach-Untertal eine Rückseite der Marktplatzhäuser beim Triberger Amtsweg. gesicherte Wege unter Obervogt Huber er­ schlossen, gehören zu den Zielen der Tages­ touristen, die auch gern per Bus anreisen. Ferner werden der holzgeschnitzte Rathaus­ saal und das seit 100 Jahren bestehende Schwarzwaldmuseum gern besichtigt. Ja, Triberg hat eine bewegte Geschichte – 1995 gab die Stadt Triberg ein Porträt heraus, das anschaulich das vergangene und jetzige Tri­ berg widerspiegelt. Seit 1972 bildet Triberg, zunächst mit Schönwald, später auch mit Schonach einen „Gemeindeverwaltungsverband Raumschaft Triberg“. Im verwaltungstechnischen Zu­ sammenschluß werden gemeinsame Aufga­ ben auch gemeinsam erledigt: die Abwas­ serbeseitigung, die Realschule und das Gym­ nasium. Der „Raumschafts-Gedanke“ soll die Region stärken, viele sehen darin auch die Zukunft. 1992 startete unter dem Na­ men „Tourismus 2 000″ ein hoffnungsvolles Projekt, das schon erste Auswirkungen zei­ tigt. Gemeinsam und kostengünstig wird um Urlauber und Besucher geworben, wer­ den Tagungs- und Freizeitmöglichkeiten an- 32

Triberg /Scbonacb /Schönwald Uhr, nur Ebles Uhr ist jetzt 2 692 Einwohnern und 4 000 größer. Von dem Uhrenbauer Gästebetten ist auch dort klar: im fernen Wernigerode will dem Urlaubsgast zollt man in man dann in Schonach auch Schönwald besondere Beach­ schweigen. Trotzdem ist die tung. Kuckucksuhr auch ein Mar­ Feinwerktechnik wird hier kenzeichen für die „Raum­ großgeschrieben, viele Hand­ schaft Triberg“. Die Kuckucks­ werks- und mittelständische Uhren-Fabrikation hat ihre Betriebe haben sich in beiden Zentren in Triberg, Schonach Dörfern bis heute erhalten. und Schönwald. Zwar sind hier wie dort die 4 392 Einwohner hat Schon­ Gemeindekassen leer, aber ach, dazu 2 100 Gästebetten. Heimatverbundenheit und Ein Großteil dieser Betten Bürgersinn haben sprichwört­ steht in Ferienwohnungen. lich (Schnee-)Berge versetzt. Die Gemeinden Schonach Wenn Petrus mitspielt, erle­ und Schönwald haben in den ben Schonach und Schönwald 1970er Jahren den Trend hin im Winter eine zweite Saison: zur Ferienwohnung voll aus- Am Palmsonntag in Schona.ch. Dann kommen die Winter­ geschöpft: die zahlreichen sportler, die Winterurlauber, Zweitwohnungen sorgen zwar für Belebung denen Loipen, gebahnte Wanderwege, Ski­ in den Orten, doch auch für viele geschlos­ lifte und allerlei zum „Apres-Ski“ geboten sene Fensterläden, wenn ihre Besitzer nicht werden. Auch aus dem internationalen Ski­ da sind. Noch stärker auf dem Ferienwoh­ sport sind die beiden Gemeinden nicht nungssektor ist Schönwald vertreten. Mit mehr wegzudenken: Der Rucksacklauf, der Schona.ch im Hochsommer 33

Portrait eines Landkrei Malerische Idylle: „Wunderle « in Schönwald. Schwarzwaldpokal, viele, viele ,Jugend trai­ niert für Olympia“-Wettkämpfe, Skisprin­ gen internationaler Güte – das füllt die Gä­ stebetten und steigert auch den Umsatz der heimischen Dienstleister nicht erst in jüng­ ster Zeit, sondern schon seit Jahren. Bereits 31 Mal organisierte der Skiclub Schonach den Schwarzwaldpokal. Und der Schönwäl­ der Bürgermeister Hans-Georg Schmidt greift als Vorsitzender des Skiclubs Schönwald schon mal selbst zur Schip­ pe und schaufelt Schnee auf die Schan­ ze. Im Sommer kommen nicht nur Stammgäste und Ferienwohnungs­ besitzer nach Schonach und Schön­ wald. ,,Schnupperangebote“, organisier­ te Wanderungen mit Grillfesten sind auch für Urlauber aus umliegenden Re­ gionen interessant. Gemeinsam mit Tri­ berg wollen Schönwald und Schonach – Schönwald als heilklimatischer Kurort und familienfreundlicher Ferienort und Schonach als staatlich anerkannter Er­ holungsort – den Fremdenverkehr aus­ bauen und vor allem sichern. In der Tat ergänzen sich die Einrichtungen der drei Orte aufs beste. Überhaupt das Wandern: Etwa 220 Ki­ lometer ausgeschilderte Wanderwege bietet Schonach, 140 Kilometer Wanderwege gibt es in Schönwald. 200 Kilometer Wanderwe­ ge hat Triberg. Interessante Ziele liegen auf den Gemarkungen oder in erreichbarer Nähe: das Naturschutzgebiet „Blindensee“, der Stöcklewaldturm (vom Schwarzwaldver­ ein Triberg bewirtschaftet), die Escheck, die Martinskapelle und der Brend aufFurtwan- Ein Skiparadies ist die Raumschaft Schonach /Schönwald auch fiir die Freunde des alpinen Skilaufes. Unser Bild zeigt die Liftanlage in SdJOnach-Rohrhardsberg. 34

Triberg I Scbonach I Schönwald lingen anbindet, ohne Tagesreisen unter­ nehmen zu müssen. Sie kämpfen um jede Mark, investieren viel in die Verschönerung der Dorfmitte und wünschen sich mehr In­ dustriebetriebe, die ökologisch vertretbar angesiedelt werden sollen. Renale Bökenkamp Der Fremdenverkehrsort Schönwald im Winter. ger Gemarkung, nicht zu vergessen der Rohrhardsberg. Einst selbständige Gemein­ de mit überwiegend Hofbewohnern, wu­ chert sie mit ihrer Landschaft: der Rohr­ hardsberg als Wander- und W intersportge­ biet, als Vorzeigeobjekt für ökologisch sinn­ vollen Umgang mit der Natur ist Ziel vieler Wanderungen. Der rührige Skiverein Rohr­ hardsberg sorgt auch für internationales Flair mit dem Internationalen Volkslauf zu Pfingsten. Wie überhaupt die erfolg­ reichen Skisportler aus Schonach und Schönwald für Siegestaumel in ihren Heimatgemeinden sorgen: Alexander Herr, Hansjörg Jäkle, Georg Hettich und Christoph Duffner brachten so manche Medaille heim. Den beiden Bürgermeistern Jörg Frey, Schonach, und Hans-Georg Schmidt, Schönwald, bleibt kaum Zeit für gemüt­ liches Betrachten ihrer Gemeinden. Denn auch die kleinen Gemeinden kämpfen: um eine Verkehrsberuhigung zum Beispiel (Schönwald), um mehr Ei­ genständigkeit in den Entscheidungen oder um ein vernünftiges Nahverkehrs­ konzept, das sie an Triberg und an Vil- Die Hubertuskapelle in Schönwald. 35

Portrait eines Landkreise Oberes Bregtal – Im Herzen des Uhrenlandes Furtwangen, Vihrenbach und Gütenbach, eine geschichtsträchtige Region „Urlaub im Uhrenland“ -so werben Furt­ wangen, Vöhrenbach und Gütenbach ge­ meinsam für eine Landschaft, die in ihrer ro­ mantischen Schönheit ihresgleichen sucht. Vom tiefsten Punkt, im „Kilpen“ bei 520 Metern über Meereshöhe gemessen, bis zum 1150 Meter hohen Brend muß der Wanderer über 600 Höhenmeter zurück­ legen. Namen wie Hexenloch, Deich­ schlucht, Mördersloch oder Brennersloch, lassen schaudern und zeigen die wilde Zer­ rissenheit dieser Landschaft bei Gütenbach und Neukirch auf. Schmale, friedliche Tal­ auen dann aber im Katzensteig, das Bregtal auswärts, vorbei an Schönenbach, hinter Vöhrenbach und bei Hammereisenbach. Kleine Schwarzwaldbäche führen der Breg ihre Wasser zu -Rohrbach, Langenbach, Linach, Eisenbach -sanft, forellenreich im Sommer, wild oft zur Zeit der Schnee­ schmelze. Andere Namen sind geschichts-und sa- genträchtig: die Martinskapelle auf dem ,,Kolmen“ bei Furtwangen, das Vöhrenba­ ch er Bruderkirchle, der Schwebeldobel bei Gütenbach, dem und dessen Uhrmachern Oskar Furtwängler sein „Hausbuch des ho­ hen Schwarzwaldes“ widmete. Und mit dem „Königenhof“ im Wagnerstal verbindet sich heute noch das Wissen um das größte Lawi­ nenunglück, das sich jemals im Schwarz­ wald ereignete: 1844 zerstörten zu Tal rut­ schende Schneemassen den stattlichen Hof und brachten 16 Personen den Tod. Auf dem Neukircher Friedhof haben sie ihre letzte Ruhe gefunden. Wer von Süden kommend auf der B 500 nach Furtwangen reist, hat linker Hand die ,,Sonnenterrassen“ der Raumschaft liegen, den Furtwanger Teilort Neukirch und das selbständige Gütenbach. Bevor der Reisen­ de auf der Neueck auf die „Deutsche Uh­ renstraße“ stößt, die bis zum Schönwälder „Waldpeter“ identisch mit der B 500 ver- Furtwangen, 2.entrum des Oberen Bregtales und Hochschulstadt. 36

Funwangcn I Vohrcnbach I Gütcnbach Abendlicher Blick vom Furtwanger Hausberg Brend , im Hintergrund die Vogesen. läuft, hat er schon, ohne der Stadt ansichtig zu werden, ein Stück Furtwangen entdeckt, ein großes Gebäude mitten im Wald. Ein Sa­ natorium – mutmaßen die Feriengäste zu­ meist. Weit gefehlt – es ist eine Schule, ein Gymnasium mit der Besonderheit eines Re­ alschulzuges, dem Chemiker und Nobel­ preisträger Otto Hahn gewidmet. Dem von Osten, von Vöhrenbach her, oder von Nor­ den, von Schönwald her Kommenden drängt sich ein anderes Wahrzeichen Furt­ wangens auf, aber ebenfalls „schulischen Ur­ sprungs“, die Studentenwohntürme. Über 30 Meter hoch und an den Hang gesetzt, si­ gnalisieren sie eine der letzten großen Bausünden im Schwarzwald, ausgelöst aber von dem Muß, Wohnraum für eine auf über zweitausend Köpfe gewachsene Studenten­ schaft zu schaffen. ,,Furtwangen hat mir imponiert“ Als der Volksschriftsteller Heinrich Hans­ jakob am 19. Juni 1900 zum letzten Male durch Furtwangen kam, war sein Eindruck ein günstiger. ,,Furtwangen hat mir am heu­ tigen, sonnigen Morgen mit seinen zierli­ chen, sauberen Häusern imponiert.“ Sol­ ches Lob würde ihm heute kaum mehr in die Feder fließen, denn schon vom „Hei- matblick“ aus fallen Hochhäuser und Indu­ striegebäude ins Auge, und auch im Kern hat das Städtchen längst seine Unschuld verloren. Was der große Stadtbrand von 1857 – die Kirche, 21 Wohnhäuser und 23 sonstige Gebäude fielen ihm zum Opfer – nicht schaffte, brachte die moderne Zeit zu­ wege. Zu leicht trennte man sich von Altern, zu rasch hielten Beton und Eternitplatten Einzug. Die Fachhochschul-Neubauten Spaß im Kinderplanschbecken, das neue Furtwan­ ger Freibad ist viel besucht. 37

Portrait eines Landkreises taten ein übriges. Wenigstens blieb der schmucken evangelischen Kirche von 1901 der (vorgesehene) Abriß erspart, ein Schick­ sal, das selbst der katholischen Kirche, 1859 bis 1861 erbaut, hundert Jahre später zuge­ dacht war. Allein der Freiburger Erzbischof verhinderte durch sein Veto dieses Vorhaben und setzte eine Modernisierung durch. Die Gründung Furtwangens reicht ins 12. Jahrhundert zurück. 1179 findet sich die Siedlung „sammt Gotteshaus“ in einem päpstlichen Erlaß erstmals erwähnt. Von 1280 datiert ein erstes Urbar, ein Verzeichnis also der zum Kloster St. Georgen gehören­ den Grundstücke. Nach mehreren Großro­ dungen sind es schließlich 54 Lehenshöfe, die vom Kloster St. Georgen in Pacht gege­ ben werden. Zeugen dieser Zeit finden sich in Furtwangens Täler noch reichlich. Einer dieser Höfe mit allen Merkmalen eines Schwarzwälder „Heidenhauses“ ist sogar ins Museum gewandert: Der aus dem Jahre 1570 stammende Hippenseppenhof wurde komplett ab und im Gutacher Freilichtmu­ seum wieder aufgebaut. Jahrhundertelang zwei Herren gedient Jahrhundertelang mußten die Furtwanger buchstäblich zwei Herren dienen: Dem Kloster St. Georgen und -zur vorderöster­ reichischen Herrschaft Triberg gehörend – dem jeweiligen der zahlreichen Lehensher­ ren. 1806 wurden die vorderösterreichischen Lande und damit auch Furtwangen dem Großherzogtum Baden zugeschlagen. Bis 1924 blieb Furtwangen dem Amtsbezirk Tri­ berg zugehörig, kam dann zum Kreis Donaueschingen und am 1. Januar 1973 zum Kreis Villingen-Schwenningen, dem heutigen Schwarzwald-Baar-Kreis. Im gleichen Jahr wurde Furtwangen Un­ terzentrum und ist heute auch mit den Merkmalen eines solchen ausgestattet: Schwerpunkt Krankenhaus II. Ordnung, Rettungszentrum, Polizeiposten, Dienststel­ le des Arbeitsamtes, Notariat, Straßenmei- 38 Das Hexenloch und Brenners/ach bei Neukirch. Oben links und rechts sommerliche Impressionen

Furtwangen/ Vöhrenbach I Gütenbach sterei, Forstamt, Postamt, Erziehungsbera­ tungsstelle, Sozialstation, Altenheim, 16 Ärzte, drei Apotheken, zwei Banken mit ver­ schiedenen Filialen, Gymnasium mit Real­ schulzug, kaufmännische und berufliche Schulen, Förderschulen, drei Grundschulen, Hauptschule mit Werkrealschule (10. Schul­ jahr), sechs Kindergärten. Freibad und Sportzentrum, vier Sporthallen und eine Festhalle ergänzen dieses Angebot. Die Anerkennung als Zentrum war Furt­ wangen, obschon von der Lage und von der Bevölkerungsentwicklung her schon immer vorgegeben, jahrhundertelang versagt ge­ blieben. In der Herrschaft Triberg – auch Rohrbach, Neukirch und Gütenbach gehör­ ten dazu, Schönenbach, Linach, Vöhren­ bach und Hammereisenbach waren fürsten­ bergisch – war Furtwangen immer der größ­ te Ort gewesen. Um 1720 hatte Furtwangen bereits 1100 Einwohner, mehr als doppelt soviel als die Amtsstadt Triberg. Mit Güten­ bach, Neukirch, Rohrbach und dem für­ stenbergischen Schönenbach zusammen hatte die Raumschaft Furtwangen die Hälf­ te aller Einwohner des Amtsbereiches Tri- I aus dem Brenners loch. Unten: Im Winter tief verschneit und unwirtlich, aber wildromantisch, das Hexen- 1.och in Neukirch. Dem Wanderer hat die Landschqft um Furtwangen bei jeder Jahreszeit viel zu bieten. 39

Portrait eines Landkreises berg auszuweisen. Verständlich also, daß bei den geringen Erträgen aus der Landwirt­ schaft und bei sovielen Menschen ein ganz natürlicher Handel zustandekam. Gleich­ wohl gestand der Landesherr den Furtwan­ gern kein Marktrecht zu, lediglich einen ,,Frucht- und Obstabstoß“. Gegen ein um­ fassendes Furtwanger Marktrecht hatten sich die „lieben Nachbarn“, Triberg und Villin­ gen, viele Jahre erbittert und erfolgreich ge­ wehrt. Erst 1829 wird Furtwangen offiziell Marktflecken mit Wochenmärkten, Jahr­ märkten, Viehmärkten. 1873 wird Furtwan­ gen das Stadtrecht zugebilligt. Die Nach­ barstadt Vöhrenbach war von den Fürsten­ bergern schon 1387 zum Marktflecken er­ hoben worden. Mit einem Wochenmarkt und zwei Jahrmärkten, im Mai und im De­ zember, demonstriert Furtwangen auch heu­ te noch den Status eines Marktortes. Dynamische Eigenentwicklung Trotz unverständlicher engherziger und kleinlicher Behördenentscheide über Jahr­ hunderte hinweg hat Furtwangen doch eine dynamische Entwicklung genommen, do- kumentiert in seiner Industrie und in der Fachhochschule. Durch Hinzunahme des zweiten Standortes in Villingen-Schwennin­ gen im Jahre 1987 hat die Hochschule – in Furtwangen acht, in Villingen-Schwennin­ gen drei Fachbereiche – europäischen Zu­ schnitt erhalten. Dazu kommt das im Furt­ wanger „Mutterhaus“ einbezogene „Deut­ sche Uhrenmuseum“, das, von 1989 bis 1992 nach einem völlig neuen Konzept um­ gebaut, heute eine der bedeutendsten histo­ rischen Uhrensammlungen der Welt dar­ stellt. Weit über 100 000 Besucher lassen all­ jährlich die Faszination Zeitmessung auf sich wirken. Die moderne mechanische Uhr, Chrono­ logie der elektrischen Uhr, das „Exotarium“ mit seinen wertvollen Exponaten und was der Ausstellungsbereiche mehr sind – der Heimatfreund wird sich aber vor allem für die Sammlung Schwarzwalduhren interes­ sieren und auch dort die Namen jener Männer finden, die die Schwarzwalduhr berühmt gemacht haben. Vor allem Thad­ däus Rinderle wäre hier zu nennen, Priester und Mönch aus St. Peter, Lehrer, Gelehrter, Professor und großer Förderer und Freund Die Martinskapelle bei Furtwangen, ein Langlaufparadies, bekannt in ganz Deutschland. 40

der Schwarzwälder Uhrma­ cher. Die Namen anderer in der hat Furtwangen Straßenbenennung ver­ ewigt oder man findet ihre Grabmäler noch innerhalb der zum „erhaltenswerten Baudenkmal“ erklärten al­ ten Friedhofsmauer. Mar­ tin Blessing (1774-1847) Musikwerkebauer und Er­ bauer der ersten Furtwan­ ger Orgel (1821), Johann Baptist Laule (1817-1895) Uhrenschildmaler und Ma­ ler seiner Schwarzwaldhei­ mat, die Malerbrüder Lu­ kas (1794 -1851) und Jo­ hann Baptist Kirner (1806 – 1866), Romulus Kreuzer (1812 -1887), Schilderma­ ler und Chronist, und die für Furtwangen und die Raumschaft ganz bedeu­ tenden Firmengründer Sa­ lomon Siedle und Benedikt Ketterer. Auch das Anden- Grabstein von Johann Baptist Kimer, ken Robert Gerwigs (1820 – ein großer Malersohn der Stadt Furt­ l 885), erster Direktor der wangen. Großherzoglichen Uhrma- cherschule in Furtwangen und Erbauer der Schwarzwaldbahn, wird hochgehalten. In Vergessenheit geraten sind dagegen zwei an­ dere Namen: Arnold Zähringer (1868 – 1942), Erfinder der Magnetzündung und Mitbegründer des Weltrufes der Boschwerke in Stuttgart, und Josef Duffuer (1868 -1935), Politiker, Mitglied des Landtages und des Reichstages und Präsident des Badischen Landtages (1931-1933). llömnl tlaarr�ch.füab,mi, brr lnli,�tn )iinik m �limch11 lwoi1b.1;nb.hoin1ak1 fhr�nmitglir� �rr + IS(‚I‘ – t JS…,_, Bis um 1600 wurde in Furtwangen Land­ wirtschaft nur als Viehnutzung betrieben. Danach entwickelte sich ein kleiner Hand­ werkerstand, dem sich in der Glasbläserei und in der Strohflechterei etwas Gewerbe anschloß. Nach 1640 werden die ersten Schwarzwalduhren gefertigt. Nach 1740 ist Funwangen I Vcibrenbach I Gütcnbach im Mittleren Schwarzwald die Uhrenherstellung or­ dentliches Hausgewerbe, das sich immer mehr in Furtwangen konzentriert. Ab 1850 beginnt sich die Uhrenindustrie zu ent­ wickeln mit einem umfang­ reichen Handel nach Frankreich, England, Ruß­ land. Heute liefert die Furt­ wanger Industrie Haustele­ fone (Siedle), Zahnräder und Getriebe (Koepfer), Relais (Dold), Wasser- und Wärmezähler (Wehrle), Spezialpumpen (Scherzin­ ger), Elemente für die Au­ tomatisierungstechnik (Werner) und vieles andere mehr. Faller – dieser Name hat einen guten Klang in der Raumschaft und dies nicht erst, seit die Serie der „Fal­ lers“ über die Bildschirme flimmert. Erstsendung war am 25. September 1994. Originalschauplatz ist der „Unterfallengrund“, der stattliche Hof von Alfred Löffler. Leben und Leiden, Liebe, Haß und Intrigen auf einem Schwarzwälder Bauernhof wurden schon in weit über 100 Sendungen dargestellt und haben die herrliche Landschaft um Neu­ kirch weithin bekannt gemacht. Einern „echten“ Faller aber begegnet man in der Neukircher Dorfkirche: dem Holz­ bildhauer Matthias Faller (1707-1791). Un­ weit davon, auf dem Oberfallengrundhof, wurde der berühmteste Sohn Neukirchs am 23. Februar 1707 geboren. Von den neun Kindern des Georg Faller und der Barbara Furtwängler war er das dritte. Aus dem Hir­ tenbub wurde ein großartiger Bildhauer, dessen vorzüglichste Arbeiten in St. Märgen und St. Peter zu finden sind. Aber auch vie- 41

Portrait eines Landkreises Gütenbach im Sommer, der Ort ist im Jahr 13 60 erstmals als „ Wuotach „erwähnt. le andere Kirchen im Schwarzwald, Breis­ gau, Thurgau schmücken seine Holz-Skulp­ turen, seine Altäre, Reliefs, Verzierungen, Kruzifixe, insgesamt „kultivierter, duftiger, feingliedriger und feinrankender Rokoko.“ Die Neukircher Pfarrkirche selber hat nur noch einzelne Skulpturen Fallers aufzuwei­ sen. Die drei großartigen Faller-Altäre fielen dem Kirchenbrand am 20. April 1945 zum Opfer. Seit 1971 gehört Neukirch zur größeren Stadt Furtwangen, eine Partnerschaft, von der beide profitieren. Seit 1979 mit dem Prä­ dikat „Luftkurort“ versehen, ist Neukirch mit seiner aufgeräumten romantischen Landschaft und den vielfältigen Wander­ und Sportmöglichkeiten zur guten „Frem­ denverkehrsstube“ der Uhrenstadt gewor­ den und führt mit seinen rührigen Vereinen trotzdem ein bemerkenswertes Eigenleben, auch im Dienste des Fremdenverkehrs. Dem Namen Faller wird auch im benach­ barten Gütenbach großer Respekt entgegen­ gebracht. Die Brüder Edwin und Hermann Faller waren es, die 1946 in den Keller- 42 räumen der Faller‘ sehen Landwirtschaft die Faller GmbH gründeten, eine Fabrik für Qyalitätsspielwaren. Diese „Fallers“ wurden zum größten Arbeitgeber und Steuerzahler Gütenbachs, zum Lieferanten von über 600 Artikeln an tausende Händler und zum PuJsbeschleuniger für Millionen große und kleine Kinder. Zahlreiche Urkunden und Plaketten, darunter auch mehrfach für „Mo­ dell des Jahres“ bezeugen, was Fall er in fünf­ zig Jahren geleistet hat. Lange vor den Spielwaren aus dem Hause Faller gingen aus Gütenbach ganz andere Dinge in die Welt hinaus: Uhren. Die Leu­ te auf den 26 Bauernhöfen (Zahl von 1518) führten, damals noch ohne die segensreiche Kartoffel, ein karges Leben. So suchte man aus dem etwas zu machen, was der Wald reichlich bot: Holz. Holzkohle wurde ge­ brannt, Glas hergestellt und Uhren fabri­ ziert. Auch dabei spielte der Name Faller ei­ ne große Rolle. Um 1860 zählte man in Gü­ tenbach 96 selbständige Uhrmacher und in Gütenbach wurde auch die erste Uhrenhan­ delsgesellschaft des Schwarzwaldes gegrün-

Furtwangen I Vöhrenbach I Gütenbach tisches, schaurig-schönes Bild, ein einmali­ ges Schwarzwalderlebnis. So ist Gütenbach auch Ausgangspunkt für Fahrten und Wan­ derungen durch das herrliche Simonswälder Tal. Ein Schönenbacher untersuchte für die NASA Mondgestein Am stärksten mit Furtwangen verwachsen ist Schönenbach, das sich als rechtes Straßendorf fast fünf Kilometer entlang der Breg zieht. Gemarkungsübergreifend wach­ sen die Siedlungen von Furtwangen, Stadt, ins Dorf Schönenbach hinein. Gleichwohl führt auch Schönenbach mit eigener, se­ henswerter Pfarrkirche, mit Kindergarten und rührigen Vereinen ein beachtenswertes Eigenleben. Auf zwölf Höfe hatte sich der Grund und Boden der „schönen Aue“ – um 1300 „Schönowe“ – einst verteilt. Wie die 54 Höfe auf der Furtwanger Gemarkung waren auch die Schönenbacher Bauern dem Klo­ ster St. Georgen zinspflichtig, gehörten aber nicht zur Herrschaft Triberg. Weltliche Her­ ren waren die Grafen der Baar. Wer die Dorfstraße durchwandert, wird an Schönenbachs größten Sohn, an den Kern­ physiker Dr. Josef Zähringer, erinnert. Die NASA hatte ihm als einzigem Deutschen Mondgestein zur Untersuchung überlassen. In der Erforschung der Entstehung unseres Sonnensystems hatte er sich einen Namen gemacht. 1970 verunglückte Dr. Zähringer tödlich, nur 41 Jahre alt. Am Ende der Josef-Zähringer-Straße fin­ det sich die Firma A. Mayer. Dort wird noch das betrieben, was wie bereits erwähnt, die Region einst berühmt gemacht hat: Uhren­ fabrikation. 1841 gründeten die Brüder Andreas und German Mayer die Fabrik für Schwarzwälder Lack- und Schottenuhren. Heute gehen hochwertige Wohnraumuhren traditioneller Stilrichtungen und modern gestylt in alle Welt. Funk- und Qiarztechnik hat zwar auch bei Mayer Einzug gehalten, aber besonders stolz ist Adalbert Mayer – 43 det. Die letzten Reste der einst blühenden Uhrmacherei finden sich noch in der Firma Hanhart, die, in Gütenbach nur noch mit wenigen Mitarbeitern, Stoppuhren herstellt. Das zerbrochene Rad im Wappen des Dor­ fes symbolisiert aber nicht die verschwun­ dene Uhrenmacherei, sondern ist Wappen­ bild der Gütenbacher Kirchenpatronin, der heiligen Katharina. Über das alte Uhrmacherhandwerk, über die Erfindungen der Gütenbacher, über­ haupt über Sitten und Bräuche im alten Uhrmacherdorf Gütenbach und auf seinen Höfen informiert aber am besten das 1988 gegründete und von Oswald Scherzinger be­ treute Dorfmuseum. Und wer sich für Pup­ pen interessiert – Hildegard Mutschler (Bäckerei Mutschler) hat ein privates Muse­ um eingerichtet. Gütenbach, 1360 zum ersten Male als „Wuotach“ – wilder Bach – erwähnt, war Si­ monswald und somit dem Kloster St. Mar­ garethen in Waldkirch zugehörig. Der „wil­ de Bach“ stürzt sich heute noch die Deich­ schlucht hinunter und vermittelt, wild zer­ klüftet und mit turmhoch ragenden Tannen bestanden, dem Wanderer ein wildroman-

Portrait eine Landkrei es Das Stadifest in Vöhrenbach ist weithin bekannt, auch die „ Ge­ sellschaft zur Verblüffung des Erdballes“ und ihre legendären Theaterauftritte wie hier mit dem „ Watzmann „. sechste Generation! – auf das eigene me­ chanische Werk. Schönenbach wurde 1971 nach Furtwan­ gen eingemeindet, Linach 1972 und Rohr­ bach 1973. Linach, eine Streusiedlung- die 700-Jahr-Feier steht 1999 an – ist mit Schö­ nenbach über die Pfarreizugehörigkeit in be­ sonderer Weise verbunden. Lange war der Kirchweg auch die einzige Verbindung nach Schönenbach und somit nach Furtwangen. Ein Gemeindehaus und die St. Wendelins­ kapelle symbolisieren Dorfgemeinschaft in dem parallel zum Bregtal verlaufenden Li­ nacher Tal. Die Besitzer der elf Bauernhöfe, vier davon sind noch Vollerwerbsbetriebe, halten eine heimelige Schwarzwaldland­ schaft offen. Die Linacher Talsperre mit ih- 44 rer berühmten Staumauer liegt im Linacher Untertal auf Vöhrenba­ cher Gemarkung. Die Sanierung des einmaligen Baudenkmals ist immer noch nicht in vollem Um­ fang gesichert, seine Reaktivierung durch die „Gedea“ gilt aber als si­ cher. Der kürzeste Weg von Furtwan­ gen nach St. Georgen – die beiden Städte sind sich durch die Fusion der beiden Jugendmusikschulen näher gekommen – führt durchs Rohrbacher Tal. Seit 1973 der Stadt Furtwangen zugehörig, teilte das Dorf lange zuvor schon das gleiche Schicksal mit Furtwangen: Beide Orte gehörten seit Beginn des 13. Jahrhunderts zur Herr­ schaft Triberg. Grundherrin in Rohrbach aber war das Frauen­ kloster Waldkirch, wobei die Für­ stenberger der ergiebigen Jagd we­ gen die östliche Talhälfte bean­ spruchen wollten. Nach und nach wurde der Platz für 23 Höfe gero­ det, die als Waldhufe bewirtschaf­ tet wurden. Glasblasen, Kohlebrennen und schließlich Uhrenmachen und Uhrenhandel – Rohrbach soll die meisten ,,Engländer“, das waren die in England täti­ gen Uhrenhändler, des Schwarzwaldes ge­ habt haben – machten die Dörfler vor 200 Jahren recht wohlhabend. Die Entwicklung ließ die Rohrbacher aber lange Zeit im Wirt­ schafts- und Verkehrsschatten liegen. Doch mit Zähigkeit erkämpften sich die Rohrba­ cher ein neues Gemeinschaftsgefühl. Vöhrenbach von den Fürstenbergern 1244 als Stadt gegründet Vöhrenbach ist mit Hammereisenbach­ Bregenbach, mit Urach und Langenbach mit einer strukturierten Industrie, mit Zen­ tralschule, schönem Freibad, einer beach-

Furtwangen I Vohrcnbach I Güteobacb tiert in der Geschichtsstele des Hammerei­ senbacher Bildhauers Wolfgang Kleiser, zu sehen zwischen Volksbank und Kirche. Die Kirche selber legt schönstes Zeugnis ab für die Entwicklung des Christentums im Obe­ ren Bregtal. Als Filialkirche ebenfalls 1244 gegründet, ist der heutige Turm zwar erst 125, das heutige Langschiff gar nur knapp über 40 Jahre alt, als echte „Winterhalder­ kirche“ birgt sie aber eine Fülle schönster Skulpturen dieser Schwarzwälder Bildhau­ erdynastie der Barockzeit. Daran wird sich wohl auch ein Besuch der Michaelskirche anschließen, bei den Ein- tenswerten Gastronomie, darunter der mit einem Stern bedachte „Engel“, eines der 200 besten Häuser Deutschlands, und leistungs­ fähigen Einzelhandelsgeschäften ein eigen­ ständiges Kleinzentrum, das sich in den letz­ ten Jahren in wachsendem Maße auch auf den Fremdenverkehr stützen konnte. Letz­ teres hat den Ausbau von öffentlichen Ein­ richtungen, von Grillstellen, Schutzhütten, Rast- und Spielplätzen, Park und Musikpa­ villon, Badehaus, Sauna und Wärmehalle vorangetrieben. Führt die Stadt Furtwangen das „Heiden­ schloß“ im Wappen, so hat die Stadt Vöh­ renbach eine Forelle. Das Vöhrenbacher Wappenbild weist auf die Lage an der Breg hin und zugleich auf die Entstehung des Orts­ namens aus dem mittel­ hochdeutschen Wort „for­ hen“ für Forelle. Vor 1802 führten die Vöhrenbacher ein anderes Tier im Stadt­ wappen, den Esel, weshalb ist letztlich nach wie vor unklar. Bereits 1244 als Stadt ge­ gründet war dies für die Bürger von großer Bedeu­ tung, denn dadurch wur­ den sie persönlich frei, wa­ ren nicht mehr Leibeigene und somit auch vom „Tod­ fall“ befreit, einer Steuer, die beim Tod eines leibei­ genen Untertanen an den Grundherrn bezahlt wer­ den mußte. Damit durfte Vöhrenbach auch viel früher als Furtwangen Wo­ chenmärkte abhalten und ab 1503 auchJahrmärkte. 750 Jahre Stadtgeschichte – dieses Jubiläum fußt auf Das geschichtsträchtige Bmderkirchle im Spätherbst. Der einstige Wa.ll­ dem Gründungsdatum fahrtsort ist auch heute noch viel besucht und gilt als das liebste Kleinod 1244 – ist heute dokumen- der Vöhrenbacher Bevölkerung. 45

Portrait eiu s Landkrei es heimischen, in Erinnerung an die einstige Einsiedelei nur »Bruderkirchle“ genannt, um dem geschichtlichen Ursprung der Wall­ fahrt »ZU den sieben Frauen“ nachzuspüren. Am alten, steilen Sträßchen nach Villingen gelegen war es schon vor über 300 Jahren Ziel frommer WaJlfahrer. Berühmte Musikwerkestadt Auch die Vöhrenbacher Straßennamen ge­ ben Auskunft über geschichtliche Persön­ lichkeiten der Stadt: Es finden sich der Bild­ hauer AdolfBeermann, Adolf Heer und die Winterhalterdynastie nebst dem Maler und Grafiker Casimir Stegerer verewigt. Und man findet so berühmte Orchestrionbauer wie Michael Weite, Imhof und Muckle, de­ ren Werke einst in alle Welt gingen. Ein Or­ chestrion von Imhof und Muckle war sogar für die „Titanic“ bestellt gewesen. Weil es aber zu spät geliefert wurde, findet es sich heute statt auf dem Meeresgrund in einem Londoner Museum. Bregabwärts liegt der größte Vöhrenbacher Ortsteil Hammereisenbach, seit 1896 mit Bregenbach zu einem Ort verbunden. Der von Südwesten kommende Eisenbach und eines der ältesten Hammerwerke im Schwarzwald, 1523 erstmals erwähnt, haben dem Ort den Namen gegeben. Seit 1867 aber ruhen die Hämmer; vom Hammerwerk findet sich kaum noch eine Spur. Dafür kann man die Ruine Neufürstenberg noch leicht entdecken. 1381 erstmals urkundlich erwähnt, stand sie als »Schildmauerburg“ im südlichen Schwarzwald einzigartig da. Im Bauernkrieg am 8. Mai 1525 zerstört, stellt das Relikt, heute in Landbesitz, ein Kultur­ denkmal von besonderer Bedeutung dar. Im »Fischerhof“ (Haus am Berg GmbH) hat Hammereisenbach eine wichtige Ein­ richtung zur psychosozialen Versorgung im Kreis aufzuweisen. Wohn- und Werkstattge­ bäude bieten „besd1ützenden Lebensraum für geistig behinderte und psychisch kranke Menschen“ (Karl Elsäßer). Die 1901 gebau­ te, 1912 eingeweihte, einst selbständige Vöhrenbach hat auch eine Josef-Hepting-Straße. Sie erinnert an einen Wohltä­ ter, der schon vom Jahre 1900 an aJle Vöhrenbacher Schüler in den Genuß der Lernmittelfreiheit brachte, 60 Jahre bevor andere Ge­ meinden diese einzuräu­ men begannen! Geradezu berühmt ge­ worden in weiter Umge­ bung ist das Vöhrenbacher Stadtfest, getragen von den vielen Vereinigungen der Stadt. Dieses Stadtfest und die mittelalterliche Fast­ nacht, getragen von der Heimatgilde „Frohsinn“, dokumentieren die leben­ dige Gemeinschaft der Bür­ ger, deren Herz mit Stolz an ihrem „Städtle“ hängt. 46

Pfarrkirche wird heute von Urach aus mit­ betreut. Parallel zum Linacher Tal zieht sich das Ur­ acher Tal, die „Ure“, von der legendären „Kalten Herberge“ herunter an die zehn Kilometer dem Bregtal zu. Vor der Ein­ mündung in die Breg haben sich die Wasser von Urach und Eisenbach vereinigt. Das freundliche, breit ausladende Tal hat 25 Höfen Siedlungsraum gegeben. Sie bestim­ men das Bild des Tales. Einmaligkeit aber weisen Kirche und Friedhofsmauer auf, die Kirche mit dem schindelgedeckten, rot ge­ strichenen Zwiebelturm, in seiner Prägnanz einzigartig im Schwarzwald, die Friedhofs­ mauer das barocke Kleinod – Matthias Fal­ ler hat auch hier seine Spuren hinterlassen – festungsartig umfassend. Der überdachte Aufgang und die Kapellen an den vier Ecken unterstreichen diesen Eindruck. Und dann gibt es den Ortsteil Langen­ bach, der seit Jahrhunderten mit Vöhren­ bach eng verflochten ist. Erstmals urkund­ lich erwähnt ist Langenbach 1326, es war ei- Furtwangen I Vohrenbach I Gütenbach ne Besitzung der Herzöge von Zähringen. Landwirtschaft, Viehzucht und Waldwirt­ schaft sind hier vorherrschend. Reizvoll ist die Landschaft, die Höhenzüge werden viel durchwandert. Die interessante Geschichte des Ortes kann man in einer vor geraumer Zeit erschienenen Chronik nachlesen. Die Region Oberes Bregtal, das bedeutet: Urlaub im Uhrenland – aber auch Ferien im Bauernland, denn die Landwirtschaft ist es, die diese schöne und vielseitige Region seit Jahrhunderten geprägt hat. Und noch im­ mer sind es die Bauern, die in den Tälern und Seitentälern, in den Löchern und To­ beln die Landschaft pflegen und dafür sor­ gen, daß der Wald, der sich seit hundert Jah­ ren in beängstigendem Maße ausgebreitet hat, das restliche Agrarland nicht auch noch in Besitz nimmt. Und einige der 1500 Gä­ stebetten, die die Raumschaft Urlaubern und Erholungssuchenden zu bieten hat, ste­ hen auch auf Bauernhöfen. Robert Scherer 47

Portrait eines Landkreises Wanderungen im Hintervillinger-Raum Unterwegs in Weilersbach, Mönchweiler, Niedereschach und Königsfeld Wer sich wandernd erholen möchte, findet nördlich von Villingen – Schwenningen eine abwechslungsreiche Landschaft: nahe der europäischen Hauptwasserscheide zwischen Neckar und Donau schaut man von den Muschelkalk- Höhen weit hin über das Land, im Osten zum Steilabfall der Schwä­ bischen Alb, im Westen zum Anstieg des be­ waldeten Buntsandstein- Schwarzwaldes. Die Senken um den oberen Neckar und die Eschach und deren Nebenbäche schaffen Abstand. Der Wanderer fühlt sich herausge­ hoben aus dem Getriebe des Alltages. Wald und Feld bieten Raum zu freiem Atmen, der Blick findet immer wieder Neues in den wechselnden Bildern der Dörfer. Beginnen wir einen Spaziergang bei Wei­ lersbach. Von der Waldkapelle am Glöcken- berg (was für eine schön geschmückte Glocke im zierlichen Türmchen!) schauen wir auf das Dorf, das sich vom Talanfang des Ammelbaches hinaufzieht zur Hochfläche: Unten zwischen Obstbäumen behäbige Bauernhäuser, errichtet nach einem großen Brand, der 1834 das Dorf verwüstete. Nur ein Flurname bezeugt noch, daß es hier einst eine Burg gab. Oben am Ortsrand schmucke neue Einfamilienhäuser, ein an­ genehmes Wohnviertel für Menschen aus der nahen Doppelstadt. Einen prächtigen schmiedeeisernen Hirsch im barock ge­ schwungenen Ring, gehalten im Schnabel eines Greifenkopfs, der seinerseits aus ei­ nem Füllhorn bunt emaillierter Blüten her­ auswächst, bewundert man am Gasthaus. Das alte Kirchlein aus der Zeit vor dem Weilersbach und die in den 1950er Jahren erbaute Kirche. 48

Wcilcrsbach /Nicdercschach Dreißigjährigen Krieg wurde 1954 durch einen größeren Neubau er­ setzt; eine holzgeschnitzte Mutter­ gottes von etwa 1760 wurde in die neue Kirche übernommen. Von 1899 bis 1938 amtierte dort der na­ turverbundene Pfarrer Becker, der oft bei der Waldkapelle meditierte und viele Artikel und Gedichte im Villinger Volksboten veröffentlichte. Auch sein Vorgänger Rohrer hatte Spaziergänge in der Umgebung des Dorfes geliebt. Um 1887 drang er ein in dichtes Gestrüpp zwischen Kap­ pel und Obereschach, er benannte es Wolfsschlucht; es lag am Eisen­ bächlein in der Au, der Pfarrer ließ dort künstliche Felsen anlegen und kaufte eine Madonna, und an einem kleinen künstlichen Wasserfall schuf er die Grotte Elsenau. Die Anlage wurde 194 9 erweitert und verschö- Wanderer – wohin des �ges? Verwitterter �gweiser in der nert und ist am 1. Mai und am 15. NähevonNiedereschach. August ein beliebter Wallfahrtsort. dereschach gehörig, war die Burg Granegg Der Volksglaube verehrt dort und in der na­ im Jahr 1803 nur noch ein Schutthaufen. hen Kappeler Kirche ein Gnadenbild. Eine bewegte Geschichte hatte die Mühle am Zusammenfluß von Eschach und Fisch­ Niedereschach 1643 zerstört bach, deren Müller um 1610 lange gegen Rottweil prozessierte, bis er Bauholz für Re­ Auf halbem Weg zwischen Villingen und paraturen erhielt. Heute sieht man dort nur Rottweil gelegen, blickt das Dorf Nie­ noch ein Sägewerk, ein sehr altes Bauern­ dereschach auf eine wechselvolle Geschich­ haus und einen modernen Brunnen. An ei­ te zurück. Lange hatte es enge Bindungen an nem neueren Haus in der Nähe findet sich Gengenbach; 1643 wurde es weitgehend zer­ eine alte Steinplatte mit dem Württember­ stört, die Einwohner umgebracht, nur an ger Wappen -hier verlief einmal die Gren­ den Ortsrändern blieben einige sehr alte ze. Aus dem 16. Jahrhundert stammt der Höfe erhalten. Die Burg Fridegg ist völlig verschwunden, von der Burg Granegg be­ Kirchturm. Sein unterstes Stockwerk wurde steht noch eine Bruchsteinmauer als Teil ei­ später zugeschüttet, nur noch die linke Hälf­ nes neu hergerichteten Hauses. Vor dem te eines Türbogens ragt aus der Erde heraus. Dreißigjährigen Krieg war Granegg etwa 150 Auf den Resten eines dazugehörigen Baus, Jahre im Besitz der Rottweiler und Villinger der immer wieder Probleme bereitete, er­ Juristen-Familie lfflinger, später gehörte es richtete man 1739bis 1741 eine Rokoko­ der Familie Beroldinger. Von beiden gibt es Kirche. 1962 wurde sie durch den jetzigen im Nebenraum der Kirche und am Pfarrhaus größeren Beton -Bau ersetzt. Darin befin­ Grabplatten mit Wappenschmuck. Zeitwei­ den sich einige schöne alte Figuren. Berner-49 lig Rottweiler Besitz, dann dem Dorf Nie-

Portrait eines Landkreises Auf halbem Weg zwischen Villingen und Rottweil gelegen, Niedereschach. Der Teufensee im Erholungsgebiet Teufengrund von Sinkingen. 50

kenswert sind St. Katharina und besonders St. Mauritius. Geschnitzt vermutlich im 18. Jahrhundert, lächelt dieser fahnenschwin­ gende Kriegsmann in der Tracht des Spät­ mittelalters maliziös, spöttisch verzieht er den Mund unter dem Bärtchen, als habe er soeben nach Art des Don Juan etliche Her­ zen gebrochen. Im Untergeschoß der Kirche befinden sich Einrichtungen für ein Ge­ meindeleben unserer Zeit. Auf der Höhe am Ortsrand liegt ein Gelän­ de mit etwa einem Dutzend modernster Fa­ briken. Hatte der Ort um 1810, als er durch Gebietstausch an Baden gelangte, nur 502 Seelen, so waren es 1987 viereinhalbtau­ send. Die den Ortskern umgebenden Hän­ ge sind mit Einfamilienhäusern bebaut. Niederescbach / Sinkingen mit seinem nach acht Seiten gewölbten Turmhelm. Bei einer Renovierung in den sechziger Jahren entdeckte man unter dem Putz gut erhaltene Fresken aus dem frühen 15. Jahrhundert, ausdrucksvolle Szenen aus dem Leben Christi, besonders der Judaskuß am Ölberg, pastellartig rötlich braun und blau der Hintergrund. Schmuckbänder, un­ ten mit einem wellenförmigen Ornament, oben breit und karminrot, rhythmisch ge­ gliedert durch ausgesparte Kreise und Rhomben. An der gegenüberliegenden Wand St. Andreas, frischer die Farben, ver­ mutlich aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Unter dem Putz der Decke sollen noch wei­ tere Fresken darauf warten, renoviert zu wer­ den. Auch die barocke Kanzel verdient Be­ achtung. Reste einer römischen Villa Sinkingen, nordöstlich von Fischbach auf der Höhe gelegen, ist mit ihm zusammen­ gewachsen – alte Höfe unter großen Bäu­ men, eine eigene kleine Kapelle. Im nahe­ gelegenen Gewann Bubenholz hat man Re­ ste einer recht weitläufigen römischen Villa An der Straße von Fischbach nach Scha­ benhausen liegt der Seyhof, ein Gut, das einst zu Burg Granegg gehörte. 1760 wurde es an das St. Georgskloster in Villingen verkauft, später gehörte es wieder Nie­ dereschach, seit 1914 dem Villinger Kloster St. Ursula. Verpachtet sind die Felder, der Garten lieferte früher dem Kloster Gemüse. Dicke Mauern, gewölbte Türbögen, in der inneren alten Holztür ein kleines vergitter­ tes Fenster. Lange Zeit Gaststätte, wird das Haus heute nur noch gelegent­ lich von Schwestern und Pfarrern besucht – sie ster­ ben aus, weltliche Lehr­ kräfte unterrichten an der privaten Klosterschule. Still in der Einsamkeit scheint das große Haus ein Überbleibsel aus ver­ gangenen Jahrhunderten. Zusammengedrängt, wo eng eingeschnittene Täler sich vereinen, um das renommierte Gasthaus „Mohren“ gelegen, die Häuser von Fischbach; dazwischen, auf einem Bergsporn, das Kirchlein Farbenprächtig: Regenbogen über Niedereschach. 51

Portrait eines Landkrei es Blick aufSchabenhausen. mit Bad ausgegraben. Das Erholungsgebiet Teufengrund mit seinem Weiher trennt Sin­ kingen vom Rottweiler Kreisgebiet. Durch ein enges bewaldetes Tal kommt der Glasbach von Burgberg herab; auf der offe­ nen nach Osten sanft abfallenden Hoch­ fläche tiefgründig steinloser brauner Boden, mager im Ertrag, oberer Buntsandstein. Weit schweift der Blick bis an den Rand der Alb. Bei Pfaffenberg einige einsame Höfe, über Auffahrten können Wagen in den Dachspeicher hinaufgelangen. In den 1970er Jahren opferte Erdmannsweiler eini­ ge alte Häuser einer begradigten Durch­ fahrtsstraße. Neuhausen besteht mindestens seit dem frühen Mittelalter; wesentlich älter ist ein Grabhügel aus der Hallstatt-Zeit an der Straße nach Obereschach. Die Herren von Burgberg stifteten im 13. Jahrhundert ein kleines Kloster, wo überzählige Töchter ver­ sorgt wurden. Später verschmolz es mit dem Villinger Bickenkloster; schon 1645 erinner­ ten nur noch ein paar Steinhaufen daran. Als die Kirche 1905 renoviert und ver­ größert wurde, erhielt man den alten Turm und darunter das gotische Sterngewölbe. Die Kirche steht auf einem gegenüber der Straße erhöhten Platz, dem früheren Gottes­ acker. Seine Umfassungsmauer, an deren westlichem Ende ein 1803 erbautes Bein­ häusle stand, fiel 1971 dem Straßenbau zum Opfer. Aber verstreut im weitläufigen Ort 52 sind viele alte Höfe erhalten; jeder von ih­ nen hat seine eigene Geschichte, die manch­ mal bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht. Damals hatte der Johanniter- Orden hier ausgedehnten Besitz, das Malteser-Kreuz im Ortswappen zeugt noch davon. Beson­ dere Rechte und Pflichten waren an die Schmiede gebunden; heute ist sie eine Kfz­ Werkstatt. An der Obereschacher Straße fin­ det man einen scheibenförmigen runden Stein mit verdickten Rändern und einge­ meißeltem Kreuz – vermutlich ein fünf­ hundert bis sechshundert Jahre altes Sühne­ zeichen. Burgberg und der „Weiberzahn“ Burgberg war einst beherrscht von zwei Burgen, einer größeren auf dem Sporn des Hutzel-oder Däplisbergs und einer Vorburg im Tal. Von dieser ist noch ein stattlicher viereckiger Turm erhalten, an den einige jün­ gere Gebäude angebaut sind. Die Haupt­ burg ist fast völlig verschwunden. Eine Sage berichtet, ein altes Weib habe dort eines Abends Zuflucht gesucht, weil ein furchtba­ res Unwetter mit Sturzbächen von Regen es am Heimweg nach Erdmannsweiler hinder­ te. Der Pförtner habe sie nicht ohne Einwil­ ligung seines Herrn aufnehmen dürfen; die­ ser aber habe sie verspottet, weil sie alt und häßlich war und nur noch einen einzigen Zahn im Mund trug, und er habe sie grau-

sam fortgewiesen. Da habe sie ihn und sei­ ne Burg verflucht: nicht mehr solle bleiben von ihm und seinem Haus als ein Mauer­ rest, vergleichbar dem einzigen Zahn eines alten Weibes. Und der Fluch wurde wahr. Die Ruine heißt Weiberzahn. Die Herren von Burgberg, die die Burg et­ wa um 1240 erbauten, hatten in den be­ nachbarten Dörfern einigen Grundbesitz; drei Brüder von Burgberg ließen 1295 ein Erbbegräbnis im Kloster St. Georgen errich­ ten, und 1432 war ein Herr von Burgberg Schultheiß in Villingen. Nach verschiede­ nen Verkäufen gelangte Burgberg 1472 an Württemberg, das dort, in Weiler und in Erdmannsweiler um 1535 das lutherische Bekenntnis einführte. Ein breiter Graben umgab 1645 den Turm der Wasserburg. Als Abt Gaiser ihn 1645 besichtigte, fand er dar­ in einen Kerker mit Schädeln und Knochen, er meinte, dort seien Gefangene in rohen Särgen umgebracht worden. Hintcrvillinger·Raum An Mühlen waren stets besondere Rechte gebunden. Burgbergs älteste Mühle, erst­ mals 1429 erwähnt, arbeitete wahrscheinlich schon früher. Im Dreißigjährigen Krieg brannten die Villinger sie nieder. Bald wie­ der aufgebaut, war sie bis zum Jahr 1970 in Betrieb. Zeitweilig hatte sie drei Wasserräder und eine Sägemühle. Anfang des 19. Jahr­ hunderts gab es in Burgberg fünf Mühlen. Streitigkeiten um die Art des Wasserbaus und die Höhe der Mühlräder blieben nicht aus. Heute ist noch eine Getreidemühle tätig. Königsfeld – Werk der Herrnhuter Wer von Burgberg am Hörnlebach auf­ wärts wandert, gelangt zum Gelände des Hörnlehof; 1804 kauften es Herrnhuter Brüder, um dort ihr Gemeinwesen zu grün­ den. Das gehörte damals zu Württemberg; 1806 unterzeichnete der König die Stif- Anlage der Herrnhuter in Königsfeld, in der Mitte der Gemeindesaal. 53

Portrait eines Landkrei es Beliebtes Auiflugsziel, die Burgruine Waldau. tungsurkunde und er gab dem Ort den Na­ men. Planmäßig schufen die Brüder eine Anlage im Stile des Spätbarock, die Chor­ häuser der Brüdergemeine entsprechen den Kavaliershäusern, zentral der rechteckige Platz, umrahmt vom Gemeindesaal und Ge­ meinschaftshäusern für Zuziehende, ver­ gleichbar manchen amerikanischen Stadt­ gründungen jener Zeit. Planmäßig auch der alte Gottesacker: die Entschlafenen ruhen in überlieferter Ordnung, rechts Knaben, ledi­ ge Brüder und verheiratete oder verwitwete Brüder, links Mädchen, ledige Schwestern und verheiratete oder verwitwete Schwe­ stern; jeder soll so ruhen bis zum jüngsten Tag, wenn die Auferstandenen in Chören einziehen ins ewige Leben. Schmucklose Steinplatten verwittern im Rasen, nennen oft weit entfernte Geburtsorte der Verstor­ benen. Weiße Birkenstämme erinnern an die Farbe des Kirchensaals, an klassizisti­ schen Toren fromme Sprüche. Am Oster- 54 morgen versammelt sich hier die Gemeine und singt die Auferstehungsliturgie. Ein Denkmal erinnert an Arnos Comenius, den letzten Bischof der Mährischen Brüderkir­ che, gestorben 1670 im Amsterdamer Exil. Unter den Menschen, die in Königsfeld Er­ holung und Ruhe suchten, befinden sich viele aus Literatur und Musik bekannte Na­ men; Albert Schweitzer lebte und arbeitete hier viele Jahre. Wanderwege umgeben den Kurort, z. B. an den verstreuten Höfen von Martinswei­ ler vorbei zur Ruine Waldau. Errichtet zwi­ schen 1218 und 1236, wurde sie in einem Krieg zwischen Villingern und den Fürsten­ bergern 1325 teilweise zerstört; doch immer noch wirkt sie stattlich, wehrhaft und vor­ nehm, malerisch lehnt sich ein Schwarz­ waldhaus an die Burg. Nicht weit entfernt verraten die Namen Nonnenberg und Non­ nenmühle, daß dieser Teil des Glasbach-Ta­ les den Zisterzienserinnen in Rottenmün-

ster gehörte. Fern von allem Verkehr die idyllischen Häuser von Mühllehen und der Talanfang, steil eingeschnitten zwischen be­ waldete Hänge. Auf der Höhe darüber das kleine alte Kirchlein von Buchenberg, in­ mitten der stillen Landschaft nochmals ab­ gesondert durch die Friedhofsumfassung mit dem steinernen Bogen. Über den Dachreiter breitet eine mächtige Linde ihre Äste. Dicke Mauern aus grob gehauenen Blöcken, über dem zugemauerten Westein­ gang zwei uralte Krukenkreuze. Drinnen Fresken aus dem 13. und 14. Jahrhundert, eine ausdrucksvolle romanische Holzskulp­ tur des Gekreuzigten, ein spätgotischer Chor, barock die Kanzel, das Gestühl, die Orgel, sehr alt der sechzehneckige Taufstein. Die Nikolaus-Kapelle gilt als die älteste Kir­ che in unserem Raum. Mönchweiler sieht man seine lange Ge- Kunsifreudiges Mönchweiler: Auch der Furt­ wanger Bildhauer Hubert Rieber hatte die Mög­ lichkeit, in Mönchweiler sein Scheffen zu präsen­ tieren. Das Bild unten zeigt den Kiinstler im Ge­ spräch mit Biirgermeister Dietz (rechts, sitzend) bei der Erö.ffnungsveranstaltimg. Hintervillinger·Raum 55

Mönchweiler I Sommertshausen schichte nicht an; ursprünglich wohl ein frühmittelalterliches Waldhufendorf mit kleiner Gemarkung, wurde es im Bauern­ krieg und im Dreißigjährigen Krieg von den Villingern verbrannt und geplündert, später auch von durchziehenden französischen Heeren. Von der Kirche stammen nur der Chor und der Turm aus dem 16. Jahrhun­ dert. Im ehemals württembergischen Ort achteten wiederholt strenge evangelische Pfarrer auf die Sitten: Würfel-und Karten­ spiel galten als sündig, der Kirchenbesuch wurde kontrolliert, Villingen galt als feindli­ ches Ausland -eine Eingemeindung dort­ hin lehnten die Bewohner mit großer Mehr­ heit ab. Selbständig konnte Mönchweiler nach dem Zweiten Weltkrieg Industrie an­ siedeln und eigenen Wohlstand entwickeln. Zwischen Mönchweiler und Obereschach liegt abseits der Straßen Sommertshausen – wenige alte Höfe unter mächtigen Buchen und Eichen, eine kleine Kapelle, schindel­ gedeckt, mit zierlichem schmiedeeisernem Dachreiter, in dem eine Glocke hängt. Der friedliche Anblick heute läßt nicht ahnen, wie arg dieser Weiler in früheren Jahrhun­ derten durch Kriege heimgesucht wurde. Bei einem modernen Aussiedlerhof eine Q!ielle, deren Wasser Augenleiden heilen soll, oft kommen Wallfahrer dorthin. In der schlichten Kapelle ein schönes zierliches Ba­ rock-Altärchen. Manche vermuten, daß hier schon in vorchristlicher Zeit ein Q!iell – Heiligtum gewesen sein könnte; aber wie damals die Menschen ihre Gottheiten ver­ ehrten, das mag ein jeder sich ausmalen nach eigener Phantasie. Wolfgang Tribukait Feld im Hintervillinger-Raum. 56

Aus dem Kreisgeschehen Erstmals leichter Rückgang bei Sozialkosten Soziales im Landkreis – Entwicklungen und Tendenzen 3. Kapitel/ Almanach 98 Erfreulicher als bei der Haushaltsplanung erwartet verlief die Sozialkostenentwicklung des Landkreises im vergangenen Jahr: einer prognostizierten Nettobelastung des Kreis­ etats von DM 90,4 Mio. stand ein Rech­ nungsergebnis von „nur“ DM 89,7 Mio. ge­ genüber. Erstmals seit vielen Jahren war da­ mit keine Steigerung des Sozialetats zum Vorjahr mehr zu verzeichnen, sondern sogar ein Rückgang um 1 Prozent. Die Gründe hierfür sind vielschichtig und zum Teil gegenläufiger Natur: In der „klas­ sischen“ Sozialhilfe verlief die Entwicklung so, daß der vom Landkreis zu tragende Auf­ wand für in Not geratene Mitbürger im Ver­ gleich zum Vorjahr nahezu identisch blieb. Die Fallzahlen bei den Sozialämtern von Kreis und Stadt Villingen-Schwenningen blieben übers Jahr gesehen nahezu unver­ ändert, obschon ein deutlich schnellerer Wechsel in und aus der Sozialhilfe heraus bei den betroffenen Personen zu verzeich­ nen ist. Die etwas bessere Arbeitsmarktlage in 1996 trug ebenfalls zu dieser Entwicklung bei. Auch sind in diesem Zusammenhang die ersten positiven Auswirkungen des vom Landkreis 1995 initiierten Programms „Hil­ fen für arbeitslose Sozialhilfeempfänger“ zu nennen. Mittels des vom Landkreis gewähr­ ten Lohnkostenzuschusses in Höhe von DM 1 500/pro Monat an Arbeitgeber, die sich zu einer einjährigen Beschäftigung ei­ nes Sozialhilfeempfängers bereit erklären, gelang es 1996 141 Personen in Arbeitsver­ hältnisse auf dem sogenannten ersten Ar­ beitsmarkt zu vermitteln. Zusammen mit den Familienangehörigen bezogen so 390 Personen im Landkreis ihre Einkünfte nicht mehr aus der Sozialhilfe, sondern aus re­ gulären – wenn auch zeitlich befristeten – Arbeitsverhältnissen. Noch erfreulicher ist die Tatsache, daß von den über ein Jahr andauernden Arbeitsverhältnissen nach Auslaufen der Befristung immerhin 750/o in ein reguläres unbefristetes Arbeitsverhältnis übernommen und somit regelmäßig unab­ hängig von Sozialhilfe wurden. Nach vor­ sichtigen Schätzungen betrug die Sozial­ hilfenettoentlastung des Landkreises durch dieses Programm im Jahre 1996 rund 500 000 Mark. Dies stellt eine Zahl dar, die dem Landkreis Mut macht, diesen Weg fort­ zusetzen und noch weiter – insbesondere durch ein von der Handwerkskammer in Zusammenarbeit mit dem Kreis eigens durchgeführtes Programm zur besseren O!ialifizierung der Sozialhilfeempfänger für den ersten Arbeitsmarkt – auszubauen. Ein entsprechender O!ialifizierungskurs mit 20 Teilnehmern hat in der zweiten Jahreshälfte 1997 begonnen. Ein weiterer Grund für die – relativ gese­ hen – erfreuliche Entwicklung im Sozial­ hilfebereich waren die durch die Einführung der Pflegeversicherung im ambulanten Be­ reich und ab 1. 7. 1996 auch im stationären Bereich ersparten Aufwendungen. Im am­ bulanten Bereich ging der vom Landkreis zu tragende Aufwand von ursprünglich über DM 3 Mio. auf rund DM 1 Mio. zurück. Im stationären Bereich betrug die Einsparung auf örtlicher Ebene rund 400 000 Mark. Zu­ sammen mit der an den Landeswohlfahrts­ verband zu entrichtenden und in Folge der Pflegeversicherung 1996 um DM 4,3 Mio. reduzierten Umlage, ergibt sich so ein Min­ deraufwand im letzten Jahr von rund DM 6,7 Mio. Angesichts der Unsicherheiten in der tatsächlichen Entwicklung der Hilfeauf­ wendung für die stationäre Pflege und der 57

Au dem Krei ge chehen Förderverpflichtung des Landkreises für die Investitionen in den Heimen, ist derzeit al­ lerdings noch ungewiß, in welcher Höhe hier dauerhaft eine Entlastung des Land­ kreises eintreten wird. Positiv verlief auch die Entwicklung in der Jugendhilfe. Trotz weiter leicht gestiegener Fallzahlen konnte der Aufwand für die Hil­ fen zur Erziehung, insbesondere bei der ,,teuren“ Heimunterbringung, weiter deut­ lich reduziert werden. Der vom Kreisjugend­ amt eingeschlagene Weg des Ausbaus am­ bulanter und teilstationärer Angebote im Vorfeld vollstationärer Unterbringung trägt hier seine Früchte und wird auch künftig konsequent weiter beschritten werden. der praktische Vollzug – vor allem von Sei­ ten der genannten ausländischen Vertrags­ staaten – noch vieles zu wünschen übrig. So bleibt derzeit nur die Hoffnung, daß mit der mittlerweile verabschiedeten Novellierung des Asylbewerberleistungsgesetzes, die bei dem genannten Personenkreis eine 20pro­ zentige Reduzierung der Leistungen vor­ sieht, eine – wenn auch nur geringe – Entla­ stung des Kreisetats eintritt. Zu befürchten ist jedoch nach wie vor, daß der vom Kreis 1997 eingeplante Aufwand wiederum deut­ lich überschritten wird. Zuschuß für „Haus der geriatrischen Rehabilitation“ Gegenläufig verlief jedoch die Entwick­ lung bei den vom Landkreis zu finanzieren­ den Aufwendungen für Leistungsempfänger nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Zu nennen sind hier insbesondere die Bürger­ kriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Ju­ goslawien und die im Verfahren abgelehn­ ten Asylbewerber, die jedoch aus huma­ nitären oder anderen Gründen nicht in ihr Heimatland abgeschoben werden können. Hier verdoppelt sich Jahr um Jahr der vom Landkreis zu tragende Aufwand. Waren es 1994 noch rund DM 1,5 Mio., betrug der Aufwand 1995 bereits DM 3,7 Mio. und 1996 über 6,2 Mil­ lionen Mark. Diese Zahlen können nur dann reduziert werden, wenn es gelingt, auch für die rund 1 000 Personen im Schwarzwald- Baar- Kreis die politischen Absichten zur Rückführung der Bürgerkriegs­ flüchtlinge und der Gedulde­ ten, vor allem derjenigen aus dem ehemaligen Jugoslawien, schnellstmöglich umzusetzen. Zwar sind die Voraussetzungen hierfür Ende 1996 mit den Rückführungsabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland sowie Bosni­ en- Herzegowina und der Bundesrepublik Jugoslawien geschaffen worden. Nur läßt 58 Von besonderer kreispolitischer Brisanz war im abgelaufenen Berichtsjahr die Ent­ scheidung des Landkreises, der Gesellschaft „Haus der geriatrischen Rehabilitation“ in Villingen – Schwenningen für den Bau von 44 Rehabilitationsplätzen einen Zuschuß zu gewähren. In mehreren Sitzungen und im Rahmen einer Besichtigung bestehender Einrichtungen wurde dieser Punkt sehr aus­ führlich diskutiert. Hintergrund war die Fra­ ge nach den Auswirkungen dieser neuen Einrichtungen für die Krankenhäuser im Landkreis sowie nach dem In­ teresse des Landkreises an die­ ser beantragten „Freiwillig­ keitsleistung“. Nachdem ande­ re vorhandene Einrichtungen im Schwarzwald- Baar-Kreis und im Nachbarkreis Tuttlin­ gen für die Realisierung des Projekts aus verschiedenen Gründen nicht in Frage ka­ men, und die Krankenkassen einen Zusammenhang mit dem jetzt diskutierten und anstehenden Planbettenabbau in den Krankenhäusern verneinten, entschied sich der Kreistag im Februar 1997 mehrheitlich, einen Zuschuß über DM 1,5 Mio. zu dem Gesamtprojekt von DM 18,5 Mio. zu gewähren. Mit dem Durch die Einführung der Pflegeversicherung ergab sich für den Schwarzwald-Baar­ Kreis 1996 ein Min- deraufwand von 6,7 Millionen Mark.

Bau ist mittlerweile im Zentralbereich zwi­ schen Villingen und Schwenningen begon­ nen worden. Das Interesse des Landkreises an dieser Einrichtung begründet sich in der Tatsache, daß auch nach Einführung der Leistungen der Pflegeversicherung noch viele ältere Mit­ bürger ausschließlich oder ergänzend auf vom Landkreis zu finanzierende Sozialhilfe in Pflegeheimen angewiesen sind. Vorläufi­ ge Berechnungen haben ergeben, daß auch mit der Pflegeversicherung über 30% der Bewohner von Pflegeheimen noch der Lei­ stungen der Sozialhilfe bedürfen. Gelingt es mit der geriatrischen Rehabilitation die Auf­ nahme ins Pflegeheim zu verzögern oder gar zu vermeiden, so „rechnet“ sich der Zu­ schuß bereits dann, wenn es gelingt, in fünf Jahren bei jeweils fünfzig Personen die Heimaufnahme um sechs Monate zu verzö­ gern. Unabhängig von der schon aus huma­ nitären Aspekten sinnvollen und notwendi­ gen Rehabilitation für ältere Mitbürger, ins­ besondere nach Schlaganfällen und Kno­ chenbrüchen, ist dies eine Annahme, die durchaus realistisch erscheint. Besonderer Erwähnung bedarf auch die Tatsache, daß der Kreistag trotz überaus an­ gespannter Haushaltslage sich im Dezember 1996 bereit erklärt hat, einen weiteren Bau­ stein des 1991 verabschiedeten „Konzepts zur außerklinischen Versorgung psychisch Kranker und seelisch Behinderter“ zu erhal­ ten und auszubauen. Mit finanzieller Hilfe des Landkreises werden die Caritasverbände in Kreis und Stadt sowie das Diakonische Werk in die Lage versetzt, das Angebot an Tagesstätten für psychisch Kranke in Villin­ gen -Schwenningen und Donaueschingen zu erhalten und den Erfordernissen der täg­ lichen Praxis anzupassen. Eine außerge­ wöhnliche Leistung des Landkreises in schwierigsten Zeiten, die dokumentiert, daß der Landkreis im Sozialbereich nur dort spart, wo es im Hinblick auf das Wohl sei­ ner Einwohner vertretbar erscheint. In der Jugendhilfe hat die Stadt Villingen – Soziales Schwenningen ausgangs des Jahres 1996 nach einer langen Phase der Diskussion be­ schlossen, die Zuständigkeit als örtlicher Träger der Jugendhilfe beizubehalten. Be­ kanntlich war ja die Abgabe an den Land­ kreis aus finanziellen Aspekten mehrfach er­ wogen worden. Ausschlaggebend für die Entscheidung der Stadt war letztlich, daß sich der Landkreis vor dem gesetzlichen Hintergrund bereit erklärt hat, den Perso­ nalaufwand der Stadt mit DM 1,7 Mio zu zwei Dritteln zu erstatten. Ein Blick aufkommende Tendenzen der Sozialpolitik des Landkreises In der Jugendhilfe wird die Planung „Hil­ fen zur Erziehung“ für die Stadt St. Georgen verabschiedet werden. Wie bereits im Städ­ tedreieck Donaueschingen, Hüfingen und Bräunlingen, wird in dieser Planung detail­ liert Bestand und Bedarf für die Jugendhilfe in St. Georgen dargelegt. Der Weg des Aus­ baus und der Einrichtung ambulanter und teilstationärer Angebote im Sinne der Prä­ vention zur Vermeidung intensiverer und kostenträchtigerer Hilfen ist auch hier Maß­ stab für die Bedarfsfeststellung. Desweite­ ren wird eine Konzeption zur Betreuung ju­ gendlicher Spätaussiedler im Landkreis auf den Weg gebracht werden: Immer deutli­ cher wird bei diesem Personenkreis die be­ reits seit längerem beobachtete Entwicklung hin zu gravierenden Auffälligkeiten, wie Abgleiten in die Kriminalität und Drogen­ mißbrauch. Fehlende berufliche und per­ sönliche Perspektiven, gepaart mit man­ gelnder Bereitschaft zur Integration, sind regelmäßig die Ursachen. Hier gilt es, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln präventiv gegenzusteuern. Andernfalls wer­ den wir diese Jugendlichen innerhalb kürze­ ster Zeit in teuren Hilfsmaßnahmen zu La­ sten des Landkreises wiederfinden. Brisanz birgt auch die anstehende Kreis­ pflegeplanung. In ihr hat der Landkreis – ausgehend von vom Land vorgegebenen 59

Soziales Entwicklung der Ausgaben für Leistungsempfänger nach dem Asylbewerberleistungsgesetz Höchstzahlen – zu entscheiden, welche Heime im Landkreis mit wievielen Plätzen als „bedarfsgerecht“ anerkannt und damit Pflegeheimver­ ins zeichnis aufgenom­ men werden. Diese Aufnahme ins Ver­ zeichnis hat die Wir­ kung, daß nur diese Heime eine Investi­ tionskostenbezuschus­ sung durch Landkreis und Land (regelmäßig zusammen 600/o der Kosten) erwarten können. Bei rund 1100 max. anerkennungsfähigen Pflegeplätzen und einem derzeitigen Bestand von etwa 1500 Pflegeplätzen im Landkreis steht hier ein schwieriger Diskussionsprozeß mit den Heimträgern an. Letztendlich entscheidet der Kreistag. 1994 Weiter steht dem Landkreis im Hinblick auf die Unterbringung von Asylbewerbern, geduldeten Ausländern und Bürgerkriegs­ flüchtlingen eine Änderung ins Haus. Hier beabsichtigt das Land, die Unterbringungs­ pflicht von den Gemeinden hin zum Land­ ratsamt zu verlagern. Vorbild ist dabei die schon Anfang der 90iger Jahre vorgenom­ mene Regelung bei der Unterbringung der Spätaussiedler. Es soll künftig Sache des Landratsamtes sein, geeignete Unterbrin­ gungskapazitäten, insbesondere größere Ge­ meinschaftsunterkünfte mit der Möglichkeit der Sachleistungsgewährung, zu schaffen und zu betreiben – selbst bei akzeptabler Kostenregelung eine Aufgabe für die Kreis­ verwaltung, bei der es nur wenig „Lorbeeren zu ernten“ geben wird. Letztlich erhofft sich das Land hierdurch für sich eine Kostener­ sparnis. In diese Richtung gehen auch umfangrei­ che von Bund und Land Ende 1996 / Anfang 1997 beschlossene „Einsparungen“ – Entla- 60 1995 stungen des Bundes­ und Landeshaushalts mit korrespondieren­ den Belastungen der kommunalen Haus­ halte. Dies gilt ins­ besondere für die Re­ form des Arbeitsför­ derungsgesetzes (vor allem mit Einschrän­ kungen beim Arbeits­ losengeld) wie auch für zahlreiche landesrecht­ liche Regelungen (Er­ stattungskürzung für Sozialhilfeleistungen an Spätaussiedler und Bürgerkriegsflüchtlinge, Kürzung der Staats­ zuschüsse für Heimsonderschulen und an Heimen der Jugendhilfe). All diese Kosten­ verlagerungen werden erst im Laufe des Jah­ res 1997 und den Folgejahren beim Land­ kreis voll zu Buche schlagen. 1996 Aus dieser Entwicklung nach dem derzeit verbreitetem Motto „Rette sich wer kann“, kann nur das Fazit gezogen werden, daß der Leidtragende des Sozialabbaus in Bund und Land stets die kommunale Ebene der Land­ kreise und Gemeinden ist. Ihr werden die Lasten schlußendlich aufgebürdet, ohne daß der jeweilige Gesetzgeber auf der ande­ ren Seite eine wirksame Entlastung sicher­ stellt. Alle Bemühungen, auf örtlicher Ebe­ ne selbst für Entlastung zu sorgen (so etwa unser Programm „Hilfe für arbeitslose So­ zialhilfeempfänger“), bleiben so letztend­ lich ohne durchschlagenden Erfolg – die Mehrbelastungen durch Kostenverlagerun­ gen zehren diese bescheidenen Erfolge so­ fort wieder auf! Es wäre in der künftigen Praxis hilfreich, wenn sich Politiker in Bund und Land der Devise besännen: ,,Wer anschafft, der be­ zahlt!“ Wer Leistungen an die Bürger ver­ spricht, soll sie auch bezahlen! Joachim Gwinner

Aus dem Krei geschehen Neuordnung der Beruflichen Schulen Der Kreistag hält an den vier Gewerbeschulstandorten auch künftig fest Der Schwarzwald-Baar-Kreis ist Schulträ­ ger für die beruflichen Schulen und Son­ derschulen für Geistigbehinderte und Kör­ perbehinderte im Landkreis. Die in den letz­ ten Jahren stetig zurückgehenden Schüler­ zahlen an den Gewerblichen Schulen haben es nun notwendig gemacht, über Konzen­ trationen von Berufsfeldern an den gewerb­ lichen Schulen nachzudenken, um durch ei­ nen effizienten Mitteleinsatz für eine mo­ derne, zeitgemäße Ausstattung auch künftig einen für die Schüler optimalen Unterricht sicherzustellen. Die letzten Jahre haben gezeigt, daß der Schülertrend weg vom gewerblichen Berufs­ schulwesen hin zum Gymnasium oder zu kaufmännischen Berufen geht. Diese Ent- wicklung war in den vergangenen 15 Jahren, als aufgrund der seinerzeitigen hohen Schü­ lerzahlen Schulen neu gebaut bzw. erweitert wurden, nicht vorhersehbar. Außerdem zwingt die heutige finanzielle Lage des Schwarzwald-Baar-Kreises dazu, das im Landkreis vorhandene breitgefächerte Be­ rufsschulwesen mit sehr differenzierten Be­ rufsfeldern an bis zu vier Standorten zu­ sammenzufassen und möglichst an einem Standort zu konzentrieren. Bereits im Jahre 1995 wurde über die Neuordnung der Be­ rufsfelder in den Kreistagsgremien, aller­ dings ohne konkrete Ergebnisse, beraten. AufWunsch der Kreistagsfraktionen hat sich die Kreisverwaltung mit diesem Thema er­ neut befaßt und dem Kreistag entsprechen- Die Robert-Gerwig-Schule. Furtwangen ist einer von vier Berufsschulstandarten im Landkreis. 61

Gewerbeschulstandorte de Vorschläge zur Konzentrierung von Be­ rufsfeldern unterbreitet. Der Kreistag hat in seiner Sitzung am 5. Mai 1997 schließlich den Beschluß gefaßt, an den vier Gewerbeschulstandorten in Do­ naueschingen, Furtwangen und den Stadt­ bezirken Schwenningen und Villingen fest­ zuhalten. Darüber hinaus wurde beschlossen, ab dem Schuljahr 1997/98 folgende Berufsfel­ der zusammenzufassen: Metalltechnik: Ab Fachstufe I: Hans­ Kraut-Gewerbeschule, Stadtbezirk Villin­ gen. Einjährige Berufsfachschule Fahrzeugtech­ nik: Hans-Kraut-Gewerbeschule, Stadtbe­ zirk Villingen. Ausnahme: Fertigungs-/Feinwerktechn ik verbleibt bis Fachstufe I, wie bisher, an der Robert-Gerwig-Schule Furtwangen. Körperpflege (Friseure): Bereits ab der Grundstufe Richard-Bürk-Schule Schwen­ nmgen. Berufsaufbauschule (gewerblich): Gewerb­ liche Schulen Donaueschingen. Elektro-/Energietechnik: Dieses Berufsfeld wird auch künftig an den zwei Standorten, Gewerbliche Schulen Donaueschingen und Richard-Bürk-Schule Schwenningen, unter­ richtet. Der Kreistag hat mit der Konzentration dieser Berufsfelder einen großen Schritt nach vorne getan, um auch in Zukunft ein modernes und leistungsfähiges Schulwesen im Landkreis sicherzustellen. Walter Dold D er erste Spatenstich fiir die Erweiterung der Sonderschule für Körperbehinderte in VS-Villin­ gen ist am 7. Juli 19 97 erfolgt. Bereits 19 95 hat der Kreistag der dritten Erweiterung der Schu­ le zugestimmt, die Gesamtkosten fiir den Anbau belaufen sich aef 5,5 Millionen Mark. Die Kosten teilen sich nach Abzug eines 30prozentigen Landeszuschusses die Landkreise Schwarzwald­ Baar, Rottweil und Tuttlingen. Ab Schuljahresbeginn 1998/99 ist Platzfar 140 Schülerinnen und Schül.er. Landrat Karl Heim betonte: ,,Die Landkreise nehmen ihre Verpflichtungen gegenüber behin­ derten Kindern ernst.“ Am ersten Spaten stich beteiligten sich (von rechts) Oberschulamtspräsidentin Roseman’e Stürmlinger, Kreiskämmerer Werner Braun als Vertreter des Landkreises Tuttlingen, Land­ rat Karl Heim, der Rottweiler Landrat Manfred Authenriet und Architekt Hans-Günter Baisch. 62

Aus dem Kreisgeschehen Nahverkehr ganz im Zeichen der Finanznot Kürzung der Landeszuschüsse für die Schülerbeförderung führt zu massiven Protesten Ganz im Zeichen der immer knapper wer­ denden öffentlichen Mittel stand der öf­ fentliche Personennahverkehr (ÖPNV) im Schwarwald-Baar-Kreis. Bereits im Septem­ ber 1996 wurde bekannt, daß das Land Baden-Württemberg die Zuweisungen an den Landkreis fur die Erstattung der Schülerbeförderungskosten von 432 Mio. DM um 293 Mio. DM kürzen will. Dies hät­ te für den Schwarwald-Baar-Kreis bedeutet, daß er anstelle von 11,3 Mio. DM nur noch 3,6 Mio. DM an Landeszuschüssen für die Schülerbeförderung erhalten hätte. Da in unserem Landkreis ca. 70% der Einnahmen des Linienverkehrs im Schülerverkehr erzielt werden, hätte diese Kürzung katastrophale Auswirkungen auf die Schülerbeförderung und damit auch auf den ÖPNV gehabt. Auf­ grund massiver Proteste wurde die ur­ sprünglich geplante Kürzung von 2 93 Mio. DM auf 100 Mio. DM zurückgenommen. Für den Schwarzwald-Baar-Kreis bedeutet dies eine Verminderung der Zuweisung auf 8,7 Mio.DM. Aufgrund der ebenfalls schwierigen finan­ ziellen Situation beim Landkreis konnten diese Mindereinnahmen nicht mit Kreismit­ teln aufgefangen werden. Deshalb mußte die Finanzierungslücke durch Einsparungen bei der Schülerbeförderung (z.B. keine Ko­ stenübernahme mehr für schulinterne Fahr­ ten, Ausdehnung der zumutbaren Wartezeit auf 60 Minuten) und beim ÖPNV (z.B. Lei­ stungskürzungen in Zeiten schwacher Ver­ kehrsnachfrage) sowie durch die Erhöhung der Eigenanteile für die Schüler geschlossen werden. Die entsprechenden Satzungsände­ rungen traten zum 1. 4. 1997 in Kraft. Nachdem bekannt wurde, daß das Land Baden-Württemberg den integralen Takt­ fahrplan – auf dem das bisherige Stadtbahn­ Konzept als Teil des Ringzugsystems beruh- te – nicht wie vorgesehen 1998 landesweit einfuhrt, sondern stufenweise, wurde das Stadtbahn-Konzept zusammen mit der Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württem­ berg überarbeitet und an die neue Situation angepaßt. Darauf aufbauend wurde die Ko­ sten- und Ertragsprognose aktualisiert und um eine sogenannte Sparvariante erweitert. Eine Umsetzung des Stadtbahn-Konzeptes ist nur möglich bei finanziellen Zuschüssen durch das Land Baden-Württemberg, über deren Höhe noch verhandelt wird. Im Schwarzwald-Baar-Kreis betreiben 19 Verkehrsunternehmen (Bus und Bahn) den ÖPNV. Im Vergleich zu anderen Landkrei­ sen ist dies eine hohe Anzahl, so daß im Be­ reich der Fahrpläne und Tarife ein hoher Koordinierungs- und Abstimmungsbedarf besteht. Um dies zu vereinfachen und das ÖPNV-Angebot für den Benutzer über­ sichtlicher zu gestalten, wird derzeit an der Einführung des kreisweiten Zonentarifs ge­ arbeitet. Dabei soll der Kreis in verschiede­ ne Zonen eingeteilt werden. Die Höhe des Fahrpreises richtet sich nur noch nach der Anzahl der Zonen, durch die der Fahrgast fährt. Dies hat den Vorteil, daß der Tarif für den Benutzer überschaubar ist und er mit ei­ ner Fahrkarte durch das ganze Kreisgebiet fahren kann. Auch in Zeiten von knappen Finanzmit­ teln ist der Landkreis bestrebt, das beste­ hende ÖPNV-Angebot zu erhalten und wo möglich und vertretbar noch zu verbessern. Aber auch beim ÖPNV gilt das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Nur wenn die an­ gebotenen Verkehrsleistungen auch nachge­ fragt werden, können diese von dauerhaf­ tem Bestand sein. Ansgar Fehrenbacher 63

Aus dem Krei geschehen Neues von der Partnerschaft mit Bacs-Kiskun Landesberufsschule für Hotel· und Gaststättengewerbe in Ungarn zu Gast verbrachten im Oktober 1996 ereignisreiche Tage im Komitat Bacs-Kiskun. 64 Im letztjährigen Almanach wurde über die neue Partnerschaft unseres Kreises mit dem ungari­ schen Komitat Bdcs-Kiskun berichtet. Wie sich die seit Mai 19 9 6 bestehende Verbindung mit Le­ ben erfüllt, zeigen die folgenden A usjührungen. Eine Vorreiterrolle bei der Knüpfung von Kontakten nach Ungarn hatte bereits 1995 die Landesberufsschule für das Hotel-und Gaststättengewerbe ge­ spielt, als Auszubildende der Fach­ schule für Gastronomie und Frem­ denverkehr aus der Stadt Kecskemet in Deutschland zu Gast waren und hier am Unterricht teilnahmen. Nun waren die Villinger eingeladen. Im Oktober 1996 besuchten 15 angehen­ de Köche, Restaurant-und Hotelfachleute in Begleitung der Lehrkräfte Wolfgang Lämmle, August Guter und Karl Windhaber ihre jetzige Partnerschule, die von Agnes Nitschmann geleitet wird. Unterstützt wur­ de die Reise vom Schwarzwald-Baar-Kreis und vom Förderverein für den gastronomi­ schen Nachwuchs. Neben Ausflügen in die Puszta, nach Bu­ dapest, einem Empfang im Rathaus von Kecskemet und einer Stadtführung mit dem Besuch verschiedener Museen stand der fachliche Austausch im Mittelpunkt des Programms. Ein intensiver Kontakt ohne Sprachbarrieren wurde durch die Tatsache ermöglicht, daß „Deutsch“ in Ungarn erste Fremdsprache ist und in den Fremden­ verkehrsklassen der Schule der Fachun­ terricht zum großen Teil in deutscher Sprache abgehalten wird. Im Praxisunterricht konnten die Vil­ linger Gäste die traditionelle ungari­ sche Küche mit Fischsuppe, Gu­ lasch, Pörkölt, Paprikasch und Mehl- speisen kennenlernen sowie sich von der hohen Q!ialität der Weinsorten Olaszriesling, Ehri Bikaver, Kekfrancos, Zweigelt und Tokaij überzeugen, während die Servicefachkräfte ihre Serviermethoden verglichen. Zum Abschluß der einwöchigen Reise or­ ganisierten die deutschen Schüler ein Fest­ bankett mit badischen Spezialitäten und Weinen fur ihre ungarischen Gastgeber. Das beeindruckendste Erlebnis war nach einhel­ liger Meinung die überwältigende ungari­ sche Gastfreundschaft; man verabschiedete sich in der Gewißheit, die Verbindungen aus­ zubauen. Als weitere Aktivität zur Vertiefung der Partner­ schaft mit Bacs-Kiskun ist die Reise von Kreis­ archivar Dr. Sturm nach Kecskemet und Baja im Juli 1996 zu erwähnen. Dort besuchte er eine internationale ethno­ graphische Konferenz Schüler der landesberufsfachschuleßir das Hotel- und Gaststättengewerbe mit dem Thema „Tradi­ tionen der zwischen

Partnerschaft mit Ungarn im Februar 1997 im hiesigen Landratsamt zu sehen. Donau und Theiß leben­ den Nationalitäten“, nahm als Vertreter des Landkreises an der Eröffnung der Aus­ stellung „Baja – 300 Jahre Stadt“ teil und überreichte im Rahmen des „Folklore­ festivals der Donauvölker“ auf Bitten des Komitatsprä­ sidenten Dr. Balogh einer deutsch-ungarischen Trach­ tenkapelle eine Auszeich­ nung. Auf seiner Reise konnte sich Dr. Sturm auch über die Deutsche Se.lbst- Eine Ausstellung mit Werken des Landschaftsmalers jdnos Bosz6 war verwaltung für die zahlrei- chen im Komitat ansässigen Donauschwaben informie­ ren. Im Februar 1997 wurde der kulturelle Austausch zwischen unserem Kreis und dem ungarischen Part­ ner-Komitat mit der Kunst­ ausstellung „Motive aus Kecskemet und Umge­ bung“ im Landratsamt wei­ tergeführt. Zu sehen waren Ölgemälde des Landschaftsmalers Janos Bosz6. Der 1922 in Kecskemet geborene und dort lebende Künstler gilt als bedeutender Chronist der Welt des ungarischen Tieflandes mit seinen typischen Gehöften. Seit 1957 sind seine Werke in Ungarn, Deutschland, Österreich, Japan, den USA und anderen Ländern zu sehen. Die Ausstellung in Villingen­ Schwenningen wurde in Anwesenheit von Schulleiterin Agnes Nitschmann aus Kecs­ kemet und von Landrat Karl Heim feierlich eröffnet, die musikalische Umrahmung be­ stritt die Jugendmusikschule St. Georgen. ge Deutsche zusammen mit anderen eu­ ropäischen Malern, Grafikern und Bildhau­ ern. Die von den ungarischen Gastgebern am Ende ausgewählten Werke sollen den Grundstock zu einer Sammlung moderner Kunst bilden, die im Herbst in Kecskemet und Baja zu sehen sein wird. Einen Anfang der Zusammenarbeit im Ge­ sundheitswesen bildete die Teilnahme von Dr. Rainer Zitzmann als Gast des Schwarz­ wald-Baar-Kreises an einer internationalen Konferenz am Plattensee mit dem Thema ,,Heilung und Therapie von Suchtkranken“ Ende Mai 1997. Dr. Zitzmann referierte über „Substitution von Heroinabhängigen im Behandlungsverbund von niedergelassenen Ärzten und Sucht-Beratungsstellen.“ An dem seit 1991 veranstalteten „Interna­ tionalen Workshop für Künstler“ auf der Donauinsel Veranka nahm vom 21. bis 30. Mai die Künstlerin Lore Will aus Königsfeld teil. In einer äußerst gastfreundlichen und kreativen Atmosphäre arbeitete sie als einzi- Dr. Helmut Rothenne! 65

Aus dem Krei ge chehen Die Nordröhre des B 31-Straßentunnels ist durchstoßen Die zweite Dögginger Timnelröhre wurde am 16. Mai 1997 von der Frau des Regierungspräsidenten, Edith­ Marie Schroeder, mit Hi!fe einer überdimensionalen Fräse „profimäßig“ durchstoßen. In knapp zwei Jah­ ren haben die Bergleute zwei 7,5 Meter breite Röhren in den Dögginger Fels gegraben. Auf rund 90 Mil­ lionen Mark ist der Tunnel im Zuge der B 31 kalkuliert, die gesamte Umfahrung des Bräunlinger Stadt­ teiles Döggingen wird 160 Millionen Mark teuer und soll im Jahr 2002 fertiggestellt sein. 66

Städte und Gemeinden Gelungenes Beispiel moderner Architektur Die Stadt Blumberg – ,,Drehscheibe“ zwischen Deutschland und der Schweiz 4. Kapitel I Almanach 98 Im „Brockhaus“ kann man unter dem Stichwort „Entwicklung“ nachlesen, daß es sich um „Veränderung und Entfaltung von Organismen und Sozialkörpern auf ein vor­ geformtes Ziel hin“ handelt. Entwicklung setzt also ein oder mehrere Ziele voraus. Zie­ le selbst kommen i. d. R. durch einen offe­ nen Prozeß der Auseinandersetzung, der Konfliktlösung und der Planung zustande. Stadtentwicklung hat also etwas mit ge­ planten Zielen zur Veränderung und Entfal­ tung des „Lebensraumes Stadt“ zu tun. Sie beinhaltet kommunales Entscheiden und Handeln und ist eine dauerhafte und dyna­ mische Herausforderung. Sie verlangt die Einsicht der Vergangenheit, die Klarheit der Gegenwart und die Vision der Zukunft. Will man heute die „Stadtentwicklung Blumberg“ bestimmen und sie visionär be­ trachten, so muß man zur Kenntnis neh­ men, daß die Entwicklung von Blumberg einen in den letzten 60 Jahren und im Ver­ gleich zu allen anderen Städten und Ge­ meinden in der Südbaar einmaligen, inter­ essanten aber auch schicksalhaften Verlauf genommen hat. Erzrausch in Blumberg (1936-1943) Mit der Entscheidung der deutschen Stahl­ konzerne und der staatlichen Stellen im Herbst 1937, einen großangelegten Abbau der eisenarmen Erze voranzutreiben, sollte für das kleine Dorf Blumberg eine neue Zeit anbrechen. Der Abbau des Doggererz leite­ te eine Entwicklung für Blumberg ein, wel­ che die nationalsozialistischen Herrscher gerne als Pionierleistung ihrer Staats- und Wirtschaftsführung bezeichneten. Erst 10 000, dann 15 000 und sogar 20 000 Men- Das heutige Blumberg hat viele architektonische Facetten zu bieten, Ausdruck moderner Baukunst. sehen sollten in der neuen Stadt Blumberg eine Heimat bekommen. Große Baupläne für Wohnbezirke wurden geschmiedet, Ar­ beitskräfte aus den Nachbargemeinden an­ geworben und die Einwohnerzahl schnellte innerhalb von drei Jahren von 800 auf 4 500 Menschen hoch. Tatsächlich aber war diese Entwicklung eine schwere Belastung für die gesamte Be­ völkerung, denn völlig überlastet, ohne Konzept und Planung, mit mangelhaften verkehrstechnischen Anbindungen an das Hinterland und die großen Zentren des Lan- 67

Städte und Gemeinden des entstand ein Gebilde, eher einer Sied­ lung als einer Stadt gleich. Tiefpunkt und Aufstieg (1945-1970) Die Nachkriegszeit Blumbergs, immer noch geprägt von der Erblast der zusam­ mengebrochenen Doggererzperiode, brach­ te bitterste Not, Hunger, Arbeitslosigkeit und Elend. Blumberg wurde mit den De­ montagemaßnahmen in den größeren In­ dustriebetrieben die wirtschaftliche Grund­ lage für einen nachhaltigen Wiederaufbau entzogen. Die vom nationalsozialistischen Staat noch versprochenen sozialen, kultu­ rellen und freizeitgerechten Einrichtungen fehlten und es herrschte für die Menschen auch auf diesem Gebiet eine bittere Unter­ versorgung. Erst dank erheblicher Anstrengungen der Stadt und staatlichem Engagement und Zu­ schüssen, aber auch mit dem erforderlichen O!ientchen Glück, gelang es mit der An­ siedlung der Teveswerke im Jahr 1945 und der Grundsteinlegung für die Taschentuch­ weberei im Jahr 1949, einem Zweigbetrieb des Textilunternehmens Lauffenmühle, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu verbessern. Weitere und nachhaltige Be­ triebsansiedlungen, namentlich die der Fir­ ma Straub Söhne, Darda und Lutz, folgten und festigten den wiedererstehenden indu­ striellen Charakter Blumbergs. Ein kleines Wirtschaftswunder setzt ein und verbessert so nachhaltig auch die kommunale Infra­ struktur. Kreis- und Gebietsreform mobilisiert die Kräfte (1970 -1990) Die Kreis- und Gebietsreform im Land Ba­ den-Württemberg prägten wesentlich den zeitlichen Abschnitt zu Beginn der siebziger bis Anfang der neunziger Jahre. Acht ehe­ mals selbständige Gemeinden wurden mit der Stadt Blumberg zu einer Großgemeinde mit rund 10 000 ha Gemarkungs fläche ver- 68 einigt. Der dadurch entstandene Nachhol­ bedarf in bezug auf die notwendigen Ein­ richtungen einer funktionierenden Infra­ struktur (Straßen, Ver- und Entsorgung, So­ zial-, Bildungs- und Gemeinschaftseinrich­ tungen) waren enorm; sie binden noch die planerischen und finanziellen Kräfte der neuen Stadt Blumberg bis in die jüngste Zeit. Der Bau des Schulzentrums, der Sporthal­ le und des Stadions, der Bau der Kläranlage Achdorf, der Stadthalle und der Mehr­ zweckhallen prägten diesen bedeutsamen Zeitabschnitt und sind heute schmucke und attraktive Wohn- und Lebensorte. Mit großen Schritten ins nächste Jahrtausend Zu Beginn der neunziger Jahre setzte sich der Gemeinderat in einer breit angelegten öffentlichen Diskussion mit der Frage aus­ einander, mit welchen Zielen sich das Un­ terzentrum Blumberg in das nächste Jahr­ tausend bewegen sollte. Im „Kommunalen Entwicklungsplan“ (KEP) wurden wesentli­ che Aussagen für die Entwicklungsbereiche Wohnen, Arbeiten, Verkehr, Freizeit und Fremdenverkehr getroffen. Damit wurde erstmals, losgelöst von den Instrumenten der Bauleitplanung, in einem breiten Kon­ sens zwischen Bürgerschaft und Rat die Marschrichtung für das nächste Jahrzehnt formuliert. Sie beinhaltet, daß sich Blum­ berg eine eigene Identität und Funktion im Sinne einer „Drehscheibe“ zwischen den Mittelzentren Donaueschingen, Tuttlingen und Waldshut auf deutscher Seite und Schaffhausen auf der unmittelbaren schwei­ zerischen Seite geben muß. Die Marsch­ richtung beinhaltet ferner ein ausreichendes Flächenangebot für Wohnen und Gewerbe und das Stärken und Ausbauen von Freizeit­ und Fremdenverkehrsangeboten als ein wei­ teres potentielles Standbein der Stadtent­ wicklung. Die einmalige und reizvolle Land­ schaft zwischen Buchberg, Eichberg und

Blumberg Ein viel beachtetes Beispiel von Gegenwartsarchitektur, die neue Sparkasse in Blumberg (Bilder oben). Eine Spende der Sparkasse ist der Brunnen am neu gestalteten Platz „Am Stadtbrunnen“. 69

1ädtc und Gemeinden Beispielhafte Architektur (Funktionalismus) und beispielhaftes Modellprojekt: Im Gewerbeareal lau.ffen­ mühle entstehen rund 40 000 Qßadratmeter Nuteflächefür Einkaufs-, Freizeit- und Produktionifl.ächen. Wutachtal sowie die vorhandene Siedlungs­ struktur prägen die Entwicklungsüberlegun­ gen hin zu einer Stadtlandschaft. Die ersten Ergebnisse der durch EU-Mittel geförder­ ten Studie über eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Region Blumberg und Schaffhausen (INTERREG II-Studie) un­ terstützen diese Kernaussage als zukunfts­ weisend. Nahezu parallel zu der abschließenden Formulierung des Kommunalen Entwick­ lungsplanes setzen Bemühungen ein, Teile der formulierten Ziele in die Tat umzuset­ zen. So wurde 1993 das Baugebiet „Ob dem Baumgarten“ am Südhang des Eichberg mit rund 7 ha Baulandfläche und einer beson­ deren Wohnqualität innerhalb 20 Monaten planerisch und erschließungstechnisch um­ gesetzt. Auch in den Stadtteilen wie Nord­ halden, Riedöschingen und Riedböhringen werden Bebauungspläne aufgestellt, befin­ den sich in der Erschließung und vor Be­ baubarkeit. Das Gewerbegebiet Vogelherd an der L 214 Zollhaus-Pützen mit rund 10 ha wurde in einem 1. Bauabschnitt von 3 ha erschlossen und steht an-und aussiedlungs­ interessierten Unternehmen in guter Lage zur Verfügung. Die äußere Erschließung die­ ses Gewerbegebietes wurde mit dem lei­ stungsfähigen Ausbau des Tunnelweges als Verbindungstangente zur B 27 optimiert. Bekannte Firmen wie die Lutz KG, Ma- 70 schinenbaufirma Teubert, der Stahlbaube­ trieb Feederle und die Niederlassung des Kraftwerks Laufenburg geben diesem Ge­ werbegebiet bereits heute einen prägenden Charakter. Stadtentwicklung sollte sich aber auch mit der „Urbanität“ der Kernstadt Blumberg auseinandersetzen und Vorgaben für Raum, Nutzung und Gestaltung geben. Der Ge­ meinderat entschloß sich neben dem seit 1985 laufenden Stadtsanierungsprogramm zu einer umfassenden „innerstädtischen Rahmenplanung“ als Instrument eines per­ manenten Entwicklungsprozesses in der Kernstadt. Mit dem Bebauungsplan „Stadt­ mitte I“ wurde im sich bildenden Zentrum von Blumberg die planerische Vorausset­ zung für den eindrucksvollen Bau der neu­ en Sparkasse gesetzt. Flankierende Maßnahmen in der Straßen­ raum-und Platzgestaltung, der Möblierung und der Kunst rundeten diesen wichtigen Entwicklungsschritt in der Innenstadt ab. Der Bebauungsplan „Stadtmitte I“ begün­ stigte weitere stadtprägende Baukörper mit der Nutzung für Einzelhandel, Dienstlei­ stungsgewerbe und Wohnen und stellt für Investoren optimale Rahmenbedingungen her. In einem nun folgenden II. Maßnah­ menabschnitt werden bis zum Jahre 2001 rund S Mio. DM aus Sanierungsmitteln in die Modernisierung, Gestaltung und Ent-

wicklung des wesentlichen Teils der Innen­ stadt entlang der Hauptstraße investiert. Pri­ vate wie öffentliche Sanierungsmaßnahmen werden dazu beitragen, daß es zu einer deutlichen städtebaulichen Aunvertung die­ ses bisher vernachlässigten Stadtquartiers kommt. Verwaltung und Dienstleistung, Ga­ stronomie und kleinstrukturierter Einzel­ handel werden die Nutzungsvielfalt be­ herrschen. Das in der Umsetzung befindli­ che Seniorenzentrum Blumberg (Betreutes Wohnen, Pflegeheim), im Herzen der Stadt und in qualitativ hochwertiger Wohnlage gelegen, schließt eine wichtige soziale Ver­ sorgungslücke. Es bildet zugleich eine funk­ tionelle Klammer zwischen dem westlichen und östlichen Innenstadtbereich. Schulzen­ trum, Kindergärten und die moderne Sport­ halle runden die öffentliche innerstädtische Infrastruktur ab. Nach dem langsamen Sterben des Blum­ berger Zweigwerkes der Textilfabrik Lauf­ fenmühle und dem endgültigen Aus im Jah­ re 1995 haben sich Konkursverwalter, die beteiligten Banken und die Stadt zu einem beispielhaften Modellprojekt, dem „Gewer­ beareal Lauffenmühle“ zusammengefun­ den. Hier entstehen in enger Abstimmung Blumberg und mit gemeinsamen Anstrengungen auf rund 40 000 qm Nutzfläche weitere attrakti­ ve Einkaufs-, Freizeit-und Produktions­ flächen. Die Einrichtung eines kommunalen Gründerzentrums ist ebenfalls in Planung. Durch eine urbane Gestaltung des gesamten Areals und der inneren und äußeren Er­ schließung soll diese aufstrebende Entwick­ lungsfläche mit der Stadtmitte vernetzt wer­ den. Ausblick Blumbergs Stadtentwicklung soll auch zukünftig als ein offener Prozeß vorange­ trieben werden. Die Bürgerschaft, Hand­ werker und Einzelhändler, Gewerbetreiben­ de und die örtlichen Unternehmen sollten sich durch eine aktive Beteiligung zur guten Entwicklung ihrer Stadt, ihres Wohn-, Ar­ beits-und Lebensraumes bekennen. Ge­ meinderat und Verwaltung sollten sich nicht scheuen, Visionen zu haben und in mach­ bare Ziele umzuwandeln. Es paßt das Wort von Jean Paul: ,,Das Ziel muß man früher kennen als die Bahn.“ Clemens Stahl, Bürgermeister Modeme Architektur begegnet einem in Blumberg auch beim Einkaufen. 71

tädte und Gemeinden Oberbaldingen – Ein lebendiges Gemeinwesen Die beiden Baldingen haben eine lange gemeinsame Geschichte Entlang der Köthach, welche das Wahrzei­ chen der Ostbaar ist und bei Geisingen in die Donau mündet, erkennt man von wei­ tem langgezogene Häuserreihen größten­ teils landwirtschaftlicher Prägung, das weit­ räumig angelegte Bauerndorf „Baldingen“. Wer das Ortsschild in der Mitte des Dorfes übersieht, bemerkt nicht, daß es sich hier um zwei Orte handelt. Nur die beiden wehr­ haften Kirchtürme von Baldingen machen den Fremden auf Unterschiede aufmerk­ sam, denn das untere Baldingen ist katho­ lisch und das obere Baldingen evangelisch. Der Ort Oberbaldingen hat mit Unterbal­ dingen eine lange gemeinsame Geschichte, welche in die Alamannenzeit vor dem 8. Jahrhundert v. Ch. zurückreicht. Im Zeital­ ter der Christianisierung am Bodensee und auf der Baar ist die erste urkundliche Er­ wähnung von Gesamt-Baldingen festge­ schrieben. Ein damals wohlhabender Mann namens Chrodhoch und seine Frau Ragis- winda übergaben am 21. Oktober 769 Gü­ ter zu Baldingen an das Kloster St. Gallen. Auf dieses Datum stützt sich die Gründung des Ortes. So konnte demzufolge das Fest der gemeinsamen 1200-Jahr-Feier in der Mitte der Ortsteile gefeiert werden. Unter fränkischer Oberhoheit wurde das Christentum eingeführt. Die Herrschaft stützte sich auf das Königsgut zu Neidingen (Neudingen), welches in 22 Baarorten nach­ zuweisen ist. In jenen Orten waren Kö­ nigsgüter oder Höfe vorhanden, die auch gleichzeitig St-Martins-Kirchen oder Kapel­ len in ihrem Umfeld errichteten. So ist die Ur-Kirche von Oberbaldingen eine solche St-Martins-Kirche, die sehr wahrscheinlich bis zur Reformation bestand. 1740 wurde die damalige Kirche oder Kapelle mit einem Erweiterungsbau versehen, der bis zum heu­ tigen Tag in seiner damaligen Form erhalten ist. Die Umrisse der alten Kirche oder Ka­ pelle sind noch deutlich zu erkennen. Blick auf das Neubaugebiet in Oberbaldingen, rechts im Hintergrund liegt Unterbaldingen. 72

• –.._ —­ Die Baarlandschaft wurde um 1250 nach dem Aussterben der Zähringer im Jahr 1218 mit dem jungen Haus des fürstenbergischen Grafen vereinigt. Doch gab es in den Verhält­ nissen im Lauf der Zeit gar manchen Wechsel. In der östlichen Baar bildeten sich in den Fürstenberger Grenzen neue Herrschaftsgebie­ te. Ausschlaggebend für die spätere Gestal­ tung der religiösen Ver­ hältnisse war, daß 1289 Dörfer der Ostbaar wie Oberbaldingen, Öfin­ gen und das halbe Sunthausen den War­ tenbergern übergeben wurden, welche dann 1359 an die Herren von Landau, 1372 an die von Sulz und somit an Württemberg ka­ men. Unterbaldingen hingegen blieb bei der fürstenbergischen Li­ nie. Doch damit war die erste weltliche Tei­ lung des Ortes „Baldin­ gen“ vollzogen. Mit dem Jahre 1562 (Reformation) erfolgte in Oberbaldingen, Mustergültig saniertes Bauernhaus in Oberbaldingen. Öfingen und dem hal­ ben Sunthausen auch die Glaubenstren­ nung, denn die erwähnten Orte waren ja in württembergischem Besitz. Somit war ein tiefer Graben durch das einst friedvolle „Bal­ dingen“ gezogen. Kirchlicherseits gehörte Gesamt-Baldingen bis zur Reformation zur �ard-Kirche, einst Heil�g-Kreuz-Kirche Ofingen. Nachdem aber in Ofingen nach 24 Oberbaldingen Kampfjahren der katholische Pfarrer Hans Schmied den Ort verlassen mußte und ein evangelischer Prediger einzog, wurde auch der Ort Unterbaldingen von Öfingen abge­ trennt. Jedoch die Toten beider Baldingen wurden weiterhin in Öfingen bestattet. Mit dem Ausbruch der Pest ist aber den Unter­ baldingem untersagt worden, Bestattungen 73

Städte und Gemeinden in Öfingen vorzunehmen. Oberbaldingen hingegen wurde von dieser Maßnahme nicht betroffen und blieb in dieser Bezie­ hung bis zum Jahre 1866 verbunden. So besagt auch eine Sage vom letzten Gra­ fen zu Bai dingen, sehr wahrscheinlich Ober­ baldingen, daß dieser Mann namens Orth in der Burg zu Ober-Baldingen gewohnt hat, welche unweit bei der Kirche stand. Dieser Graf war ein gefürchteter Leute­ schinder, der mit Salzhandel Wucher trieb. Als dieser gestorben war, trug man seinen Leichnam wie es Brauch war den Totenweg entlang Richtung Öfingen. Doch sodann setzte ein gewaltiger Sturm vom Himmel­ berg her kommend ein, der den Sargträgern den Sarg aus den Händen riß. Daraufhin, aus Angst und Entsetzen, ließen sie alles lie- gen und flüchteten. Erst im Frühjahr nach der Schneeschmelze gedachte man wieder des unglücklichen Toten, doch der Sarg war leer. So soll aber dieser Graf der Überliefe­ rung zufolge noch lange Zeit zwischen den Orten als Geist gewandelt sein. Die Gemeinde Oberbaldingen legte erst 1887 einen eigenen Friedhof an. Auch löste sich der Ort kirchlicherseits von Öfingen. 1861 wurde ein Vikariat eingerichtet und 1871 wurde dieses zur selbständigen Pfarrei. Dabei diente das jetzige Anwesen Meßner als Pfarrhaus, wurde aber 1893 durch einen Neubau ersetzt. Im 30-jährigen Krieg war das Schulwesen an fast allen Orten vernachlässigt worden. In Oberbaldingen ist eine Schule mit dem Jah­ re 1657 erwähnt. Zur Unterhaltung mußte der Ort jährlich neun Gulden und zehn Kreuzer beisteuern. Als Schulhäuser dienten die alte Schmiede an der Kreu­ zung nach Öfingen, ferner das Haus Nr. 8 in der Dorfstraße. Das noch be­ stehende Schulhaus bei der Kirche wur­ de 1857 erbaut. Auch gab es in der Ge­ meinde Oberbaldingen einen Schul­ fonds auf privater Basis, der es ermög­ lichte, daß auch Kinder aus ärmlichen Verhältnissen die Schule besuchen konnten. Ebenso gab es um 1890 einen Pfennigverein auf christlicher Grundla­ ge, der vom damaligen Pfarrer verwal­ tet wurde und in Notsituationen seine Verwendung fand. 1964 erfolgte durch die damals noch selbständige Gemeinde ein Schulhaus­ Neubau. 1995 wurde diesem ein Er­ weiterungsbau angefügt, denn in Ober­ baldingen befindet sich die Grund­ schule für die umliegenden Ostbaarge­ meinden. Oberbaldingen war wie andere Ge­ meinden ein rein bäuerliches Dorf. Nach und nach hat es sich mit dem Die evangelische Kirche von Oberbaldingen. Die weltliche Strukturwandel in der Landwirtschaft Teilung der beiden Baldingens erfolgte wr Zeit der Re.for- wesentlich verändert. Es gibt zur Zeit mation. nur noch zwei landwirtschaftliche Voll- 74

Oberbaldiogen Stünde da nicht das Ortsschild,für den Durchreisentkn wäre tkr Übergang von Ober- nach Unterbaldin­ gen nicht zu bemerken. Unten: Ein farbenprächtiges Ringelblumenfeld im Ortskern. 75

Städte und Gemeinden erwerbsbetriebe. Die meisten Bür­ ger, einschließlich der Zuerwerbs­ landwirte, sind Auspendler und ar­ beiten in umliegenden Gewerbe-, Industrie- und Dienstleistungs­ betrieben. So sind auch einige der Gemeinschaftseinrichtungen dem schnellen Wandel zum Opfer gefallen: Die 1906 gegründete landwirtschaftliche Ein-und Ver­ kaufsgenossenschaft mit Milch­ sammelstelle, die öffentliche Far­ ren-und Eberhaltung, der Fleisch­ abnahmeverein und die Einrich- tung der öffentlichen Gemein­ dewaagen. In gewerblicher Hinsicht besitzt Oberbaldingen ein modernes Sä­ gewerk, welches in der 4. Genera­ tion seit 1896 besteht. Auf kultu­ rellem Gebiet kann Oberbaldin­ gen stolz auf sich sein. Der 1919 gegründete Gesangsverein „Lie­ derkranz“, als ältester Verein, ver­ anstaltet jährlich zwei Konzerte (Frühjahrs-und Adventskonzert). Der Turn-und Sportverein, 1931 gegründet, ist mitgliedsstärkster Verein mit ca. 300 Personen. Der Verein gliedert sich in drei Ab­ teilungen mit Turnen, Leichtathle­ tik und Fußball. Ein großräumiges Vereinsheim, welches 1981 einge­ weiht wurde, ist das Herzstück des Vereins. Auch eine Turnhalle zur Körperertüchtigung (1961) und zwei modern angelegte Sportplät­ ze mit Flutlicht dienen dem Sport­ geschehen. Der wiedergegründete Musik­ verein Oberbaldingen (1975) ist aus dem kulturellen Geschehen gleichfalls nicht mehr wegzuden­ ken. Zuvor war der Vorläufer des Vereins, der von 1868 bis 1939 be­ stand, tragende Säule im kulturel­ len Bereich. Im selbigen Jahr 1868 76 f I ) ) / , ,, „, / , /. Prächtige Giebel und Gärten, aber auch eine liebevoll restaurier­ te Z-ehntschetter lenken in Oberbaldingen die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich. . .. UJ

Oberbai dingen Das WapP-en von Oberbaldingen Wappen: Unter goldenem Schildhaupt, dar­ in eine liegende schwarze Hirschstange, in Blau zwei abgewendete silberne Karpfen. Die kleine Baargemeinde Oberbaldin­ gen hat lange Zeit kein Wap­ pen geführt. Die Gemeinde­ siegel und -stempel des 19. Jahrhunderts zeigten nur Schrift. In einem Farbdruck­ stempel mit der Umschrift GEMEINDE OB. BAL­ DINGEN standen in einem von Zweigen umgebenen Medaillon die Buchstaben OB. Erst nachdem 1895 das Großherzoglich badische Ministerium des Innern angeregt hatte, allen Gemein­ den, die noch kein Wappen hatten, unter Beratung durch das Großh. bad. Gene­ rallandesarchiv in Karlsruhe (GLA) Wap­ pen zu schaffen, trat der Gemeinderat diesem Gedanken näher. Das GLA schlug obiges Wappen vor, dem die Ge­ meinde 1903 zustimmte. Und seit 1904 steht es in den Gemeindestempeln. Das Wappen zeigt im Grunde zwei Wappenbilder: Unter dem altwürttem­ bergischen Schildhaupt mit der Hirsch- stange steht das Wappenbild der Herren von Karpfen, da der Ort angeblich einst zur Herrschaft Karpfen gehörte, was aber urkundlich nicht belegt werden kann. Dagegen gehörte Ober-Baldingen seit dem 14. Jahrhundert zu Württemberg und wurde erst 1810 an Baden abgetreten. Durch die Eingemeindung am 1. September 1971 in die Stadt Bad Dürrheim ist das Wappen als offizielles Ge­ meindesymbol erloschen, doch kann es weiterhin vom Ortschaftsrat, von Vereinen und einzelnen Bürgern ge­ zeigt werden. Prof Klaus Schnibbe: Quellen und Literatur: Generallandesarchiv Karlsruhe, Wappenakten Amtsbezirk Do­ naueschingen u. Landkreis Donaueschingen. – GLA-Wappenkartei Schwarzwald-Baar­ Kreis. – GLA-Siegelkartei Schwarzwald­ Baar-Kreis. – K. Schnibbe, Gemeindewappen im ehem. Landkr. Donaueschingen, in: Schriften d. Vereins! Gesch. u. Naturgesch. d. Baar in Donaueschingen, Band 33 (1980). wurde auch die Freiwillige Feuerwehr im Ort gegründet. Tatkräftige Männer standen für das Gemeinwohl ihrer Mitbürger bereit. Be­ sondere Beachtung findet auch der Land­ frauenverein, der auf das Wohl älterer Ge­ meindeglieder bedacht ist. Der alljährlich stattfindende Christkindlemarkt in Bad Dürrheim ist zum festen Bestandteil des Vereins geworden. Auf Initiative der Mit­ glieder sind ein Grillplatz und eine Schutz­ hütte, zum Teil in Eigenarbeit und mit fi­ nanzieller Unterstützung des Vereins, auf dem Hausberg von Oberbaldingen, „Unter- zieren“ genannt, entstanden. Und es gibt im Ort einen Angelsportverein, der im Ge­ wann Setzenen im Baldinger Wäldchen ei­ nen See angelegt hat und dorthin Freunde und Gönner alljährlich zu einem gemütli­ chen Beisammensein einlädt. Die Vereins­ arbeit untereinander ist vorbildlich. Gegen­ seitige Unterstützung zu Anlässen und Festen tragen zu harmonischen gemein­ schaftlichen Kulturarbeit in Oberbaldingen bei. Herwig Meßner 77

Städte und Gemeinden Kappel – grüner Ort im mittleren Eschachtal Wallfahrtsort „Elsenau“ weithin bekannt – Stolz auf die Rückkehr der Grundschule Die erste urkundliche Erwähnung geschah im Jahre 1086 im Zuge der Schenkung eines Niederadligen „de Capella“ an das neu ge­ gründete Kloster Sankt Georgen. Dies läßt darauf schließen, daß zu dieser Zeit bereits eine entsprechende Siedlung mit einer klei­ nen Kirche oder eben einer Kapelle existier­ te. Die heutige Kappler Kirche ist unbestrit­ ten das älteste Gebäude des Ortes. Die Chorapsis reicht noch in die romanische Stilperiode (1000-1250) zurück, während der massive, mit dicken Mauern und Schießscharten versehene Sattelturm der Spätgotik zuzurechnen ist. An einer Rund­ bogenluke ist die Jahreszahl 1564 einge­ meißelt. Steht schon die Kirche selbst seit Jahrhun­ derten in der Ortsmitte, so befand sie sich auch in geschichtlicher Beziehung stets im Mittelpunkt des dörflichen Lebens. Erst­ mals im Zusammenhang mit der Erhebung von Kreuzzugssteuern wird 1275 eine Pfar­ rei nachgewiesen. 1575 verkaufte Jakob von Falkenstein den Pfarr-und Kirchensatz samt großem und kleinem Zehnten an die Prä­ senzgeistlichkeit in Villingen. 1814 wurde die Kappler St. Othmarsgemeinde dann der Pfarrei Weilersbach angeschlossen. Interessant sind die damals festgelegten Pfarrechte. So hatten die Kappler weiterhin Anspruch auf einen eigenen Sonntagsgot­ tesdienst, wöchentlich zwei heilige Messen und Religionsunterricht. Gelegentlich fin­ den sich in alten Abhandlungen Hinweise auf die Existenz eines Wallfahrtskirchleins. So ist im Jahr 1600 von einem „Gnaden­ kirch-Altar zu unserer lieben Frau in der ur­ alten Kirch von Kappel“ zu lesen. Nach- Ein Kleinod im Kappler Ortskern, prächtig saniertes Haus mit liebevoll gepflegtem Garten. 78

Kappel Blick von Süden auf Kappel. weisbare bauliche Zeugen sind allerdings nicht mehr vorhanden. Von einer sehr leb­ haften Marienverehrung jedoch gibt heute der Wallfahrtsort „Elsenau“ an der Land­ straße zwischen Kappel und Obereschach Kunde. Der seit den Anfängen 1888 beste­ hende Wallfahrtsort erfreut sich derzeit ei­ ner bisher nie erreichten Aufmerksamkeit. 1677 kam Kappel an das württembergische Klosteramt Sankt Georgen und fiel dann 1810 an das Großherzogtum Baden. Ortsgeschichtliche Bedeutung hat auch ei­ ne Untersuchung im Auftrag der Universität Freiburg in den Jahren 1919/1920 in dem nur einen Steinwurf vom Wallfahrtsort „El­ senau“ entfernt gelegenen ehemaligen Sand­ steinbruch. Gefunden wurden Versteinerun­ gen von insgesamt 37 molchartigen Lurchen der Gattung „Mastodonsaurus“, die vor Jahrmillionen die Region bevölkerten. 1833 brannte das alte Kappler Schulhaus ab. Zwei Jahre später konnten Lehrer und Schüler ins neue Gebäude einziehen, wel- ches für 3 170 Gulden errichtet wurde. Die Bevölkerung hatte beträchtliche „Frondien­ ste“ dafür zu leisten. In diese Zeit fiel auch der Verkauf von Waldungen an die derzeiti­ ge Landesherrschaft (heute Staatswald) mit insgesamt „59 Morgen, zwei Vierlingen und 48 Ruthen“ in den Gewannen „Königshal­ de“ und „Mayländer“. Schon bald nach dem Zweiten Weltkrieg genügte der alte Schulbau den Ansprüchen nicht mehr. Als erste Gemeinde im Kreisge­ biet entschloß man sich daher für einen Neubau auf dem Kappler „Schloßberg“. Mit Gesamtkosten von rund 350 000 DM glaub­ te man eine Art Zukunftswerk geschaffen zu haben. Knappe fünfzehn Jahre später kam jedoch im Zuge der Schulreform für die Volksschule das Ende. Zunächst wurden ei­ nige Klassen in Obereschach unterrichtet, und später ging der gesamte Schulbetrieb in der Grund- und Hauptschule von Nie­ dereschach auf. Die leerstehenden Schul­ räume wurden in eine Mehrzweckhalle und 79

Städte und Gemeinden im Obergeschoß in ei- • nen Kindergarten umge- baut. Doch als später -· von der Wiedereinfüh- rung der ländlichen Grundschule die Rede war, setzten die Kappler sich vehement dafür ein, daß die Grundschüler wieder im eigenen Dorf in die Schule gehen konnten. Seitdem hat die Kappler Schulstraße auch wieder ihre eigene Bedeutung. Mag es auch Leute ge­ ben, die spöttisch von „Zwergschule“ reden: In Kappel hält man viel auf den neuen Schulbetrieb mit der derzeitigen Kon­ rektorin Haberbosch, der von einem hervorra- Die katholische Kirche, an deren Turm sich genden Klima zwischen die Jahreszahl 1564findet. Lehrer und Elternschaft und den Schülern ge­ kennzeichnet ist. Ab 1770 finden sich Aufzeichnungen aus frü­ heren Gemeinderatssit­ zungen. 1839 hatten die Einwohner über den Bau einer Brücke über die Eschach in der heu­ tigen Schulstraße zu be­ finden. Wer zu dieser Versammlung nicht er­ schien, mußte dreißig Kreuzer Strafe zahlen. Von 1840 bis 1890 be­ stand der neue Friedhof am Ausgang der heuti­ gen Eschachstraße, der mit einer Sandstein­ mauer eingefriedet war. Noch ist manchem die alte Friedhofskapelle in Erinnerung mit ihren Ansicht der Brestenbergstraße. 80

Kappel Der Wallfahrtsort »Elsenau“ an der Landstraße zwischen Obereschach und Kappel gekgen. künstlerisch herben Heiligenfiguren. Im Zu­ ge des Kapellenumbaues kamen sie ins Fischbacher Heimatmuseum. 1853 übernahm die Gemeinde die Farren­ haltung in eigener Regie. Drei Jahre später erfolgte die Zehntablösung und die Zehnt­ scheuer am Eingang der heutigen Mühlen­ straße wurde verkauft und abgebrochen. Über eine große Maikäferplage klagten die Einwohner 1868. In wenigen Tagen wurden „40 Sester“ eingesammelt, wobei für einen Sester von der Gemeinde zwölf Kreuzer be­ zahlt wurden. 1869 ging auf der Gemarkung das bisher größte Unwetter nieder. Die Ha­ gelkörner sollen so groß wie Hühnereier ge­ wesen sein und von vielen Dächern fielen die Ziegel herunter. Der Gesamtschaden be­ lief sich auf 30 000 Gulden. 1905 leistete man sich eine eigene Trink­ wasserversorgung. 1914, kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges, wurde die „Electri­ zität“ eingeführt. Noch war die Landwirt­ schaft Haupterwerbszweig der Bevölkerung, was die Gründung der landwirtschaftlichen Ein- und Verkaufsgenossenschaft zum Aus­ druck brachte, die heute nicht mehr exi­ stiert. War es Geldmangel, daß man im In­ flationsjahr 1923 im Gemeindewald nur 25 Festmeter Nutzholz und sieben Ster Brenn­ holz aufbereiten ließ? Der Gemeinderech­ ner jedenfalls hatte für diese Arbeiten 300 Milliarden Mark zu bezahlen. Galt bis nach dem Zweiten Weltkrieg die Landwirtschaft als die tragende Einkom­ mensquelle, so setzte mit der Expansion der Industrie in der näheren Umgebung ein grundlegender Strukturwandel ein. Ein ebensolcher Wandel des Ortsbildes war die Folge. Die typischen Bauernhäuser ver­ schwanden und wurden in Wohnhäuser umgebaut. Heute besteht lediglich noch ei­ ne Vollerwerbslandwirtschaft. Es entstanden die Neubaugebiete „Unterm Herrschafts­ wald“, ,,Silberhalde“, ,,Ammelbach“ und ,,Wolfsacker“. Heute zeichnet sich ein neuerlicher Struk­ turwandel ab, der sich aus den industriellen Schwierigkeiten der Region erklärt. Da we- 81

Kappel Das Wappen von Kappel Wappen : In Silber, über grünem Schilc!fuß, eine rote Kapelle, Turm (heraldisch) links, mit blauem Dach. Die St. Georgisch /alt-würt­ tembergische Gemeinde wur­ de 1810 vom damaligen Königreich W ürttemberg an das neugeschaffene Großher­ zogtum Baden abgetreten. Erst seitdem hat sie das Recht, Schriftstücke mit ei­ nem eigenen Siegel zu verse­ hen (sog. Siegelrecht). Das äl­ teste Siegel von 1811 zeigt noch das damalige großh. ba­ dische Wappen. Im nächsten Siegel aus der Zeit von 1830/40 steht, umgeben von der Umschrift: BÜRGERMEI: AMT: KAPEL, eine Kapelle (Turm he­ raldisch links), überhöht von einem Buchstaben K. Spätere Siegel und Farb­ druckstempel zeigen stets eine ein- oder zweitürmige Kirche mit dem K (Turm rechts!). Um die Jahrhundertwende schlug das Großh. badische Generallan­ desarchiv Karlsruhe ein Wappen für Kap­ pel vor: In Silber auf grünem Boden eine zweitürmige Kirche (deren Farbe vage blieb). Der Gemeinderat versagte diesem Entwurf seine Zustimmung. niger Arbeitsplätze zur Verfügung stehen, orientiert sich die junge Facharbeitergenera­ tion mehr und mehr hin zu den industriel­ len Ballungsräumen. Noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in Kappel eine Ziegelei, eine Getrei­ demühle und einen Sägewerksbetrieb. Aus der Getreidemühle ging die heutige Gast­ stätte „Mühlenklause“ hervor, die Ziegelei wurde 1900 abgebrochen. Lediglich das Sä­ gewerk, welches sich auf eine veränderte Pro­ duktion umgestellt hat, existiert noch. Eine 82 Erst nach dem Zweiten Weltkrieg bemühte sich der Villinger Landrat Dr. Astfäller um die Gemeindeheraldik. Der damalige Wappenreferent im GAL, Dr. H. D. Siebert, legte dann für Kappel den Entwurf mit eintürmigem Kirchlein auf der Grundlage des ältesten Siegelbildes vor, dem der Gemeinderat am 7. April 1952 zustimmte. Am 2. De­ zember 1960 hat das Innen­ mmtsterium Baden-Würt­ temberg der Gemeinde Kap­ pel das Recht zur Führung dieses Wappens verliehen. Durch die Eingemeindung von Kappel nach Niedereschach zum 1. Januar 1974 ist das Wappen erloschen. Prof Klaus Schnibbe Quellen und Literatur: Generallandesarchiv Karlsruhe, Wappenakten Amtsbezirk u. Landkreis Villingen. – GLA-Wappenkartei Schwarzwald- Baar-Kreis. – GLA-Siegelkar­ tei Schwarzwald-Baar-Kreis. – Gemeinsames AmtsblattBad.-Württ. 9(196J)Nr. J(Wap­ penverleihung). – H. G. Zier, Wappenbuch d. Landkr. Villingen, Stuttgart 1965. Kunststoffverarbeitungsfirma und ein Be­ tonwarenbetrieb, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden, gingen inzwischen wieder ein. Ein Baugeschäft, etliche kleinere Handwerksbetriebe und ein neu angesiedel­ tes Tierpräparations- Atelier florieren hinge­ gen. Am 1. Januar 1974 wurde Kappel in die neue Gesamtgemeinde Niedereschach mit einbezogen. Martin Reich

5. Kapitel I Almanach 98 Behörden, Organisationen und Institutionen Ein Partner für Finnen der Region Das Institut für Mikro- und Informationstechnik unterstützt die Industrie bei der Realisierung von High-Tech-Entwicklungen Am Institut für Mikro- und Informations­ technik (IMIT) werden Forschungs- und Entwicklungsarbeiten in Kooperation mit der Industrie und öffentlichen Auftragge­ bern durchgeführt. Der Aufgabenschwer­ punkt des IMIT liegt in der Umsetzung der Mikro- und Informationstechnik in indu­ strielle Produkte. Mit Hilfe der Mikrotech­ nik werden beispielsweise Sensoren zur Messung von Temperatur, Druck, Kraft, Be­ schleunigung, Strömung und Drehrate her­ gestellt. Weiterhin wird die Mikrotechnik eingesetzt, um mikrofluidische Bauelemen­ te zur präzisen Dosierung von Flüssigkeiten und Gasen zu realisieren, wie z.B. Pumpen, Ventile, Tropfengeneratoren und Düsen. Die Informationstechnik – als zweiter Teil des IMIT – befindet sich derzeit im Aufbau. Der für diesen Institutsbereich notwendig gewordene Neubau wurde im Frühjahr 1997 eingeweiht. Ein Arbeitsgebiet der Informations­ Schwerpunkt dieses Institutsbereiches. Ne­ ben der Durchführung von Forschungs- und Entwicklungsarbeiten – in etwa 600/o der Ko­ operationen mit der Industrie sind Firmen aus der Region eingebunden – bietet das IMIT Firmen aus der Region im Rahmen von Dienstleistungen die Nutzung seiner In­ frastruktur an. Beispiele sind hier die Elek­ tronenmikroskopie, meßtechnische Unter­ suchungen und Simulationsrechnungen. Nachfolgend sollen einige Ergebnisse aus der Arbeit des IMIT beschrieben werden. Ein Bauelement, das inzwischen in Mil­ lionen Stückzahlen verkauft wird, sind mi­ krotechnisch hergestellte Drucksensoren. Diese Sensoren haben sehr vielfältige An­ wendungsgebiete. Sie werden beispielsweise zur Messung des Luftdruckes in Barome­ tern, des Blutdruckes und zur Regulierung ist die Entwicklung von technik Steuerungselektronik, ein weiteres die Anwendung von Soft­ ware beispielsweise zur Optimierung von Produktions- prozessen. Auch die Entwicklung von Software – beispiels­ weise zur Spracher­ kennung für die Be­ dienung von Ge­ räten in der Me­ dizin oder beim Mobilfunk im Kfz. Bereich – ist ein Der im Frühjahr 19 97 eingeweihte Neubau für die Informationstechnik. 83

Behörden und Institutionen des Wasserstandes in der Waschmaschine einge­ setzt. Am IMIT wurden für verschiedene Kun­ den Drucksensoren ent­ wickelt, so daß inzwi­ schen eine Palette von Sensoren für den Be­ reich von einem Zehntel bis zum Zehnfachen des normalen Luftdruckes zur Verfügung stehen. sind besitzt und die Pumpe und Ventil zugleich ist. Wie funktionieren sol­ che Sensoren? Das we­ sentliche Element ist ei­ ne kleine, extrem dünne Membran (ein hundert­ stel Millimeter dick). In Die Mikropumpe »VAMP‘:Jür die das !MIT die grundlegenden Patente diese Membran elektrische Widerstände integriert, die ihren Wert je nach Stärke der mechanischen Spannungen in der Mem­ bran ändern. Liegt nun auf der einen Seite der Membran ein höherer Druck an als auf der anderen, so biegt sich die Membran durch. Dadurch ändern sich die mechani­ schen Spannungen in der Membran und da­ mit auch der Wert der elektrischen Wider­ stände. Durch die Messung dieser Wider­ standsänderung bekommt man Information über den anliegenden Druck. Ähnlich funk­ tionierende Drucksensoren, nur mit ent­ sprechend größeren Abmessungen, können auch z.B. mit Hilfe der Feinwerktechnik hergestellt werden. Je nach Anwendungsbe­ reich können der Preis, die erforderliche Ge­ nauigkeit, die Robustheit, der Energiever­ brauch, die Größe und andere Merkmale den Ausschlag dafür geben, daß anstatt kon­ ventioneller Sensoren mikrotechnisch her­ gestellte verwendet werden. bestimmen, beispielsweise Strömungsge­ schwindigkeiten. Durch die Messung der Strömungsgeschwindigkeit von Stadtgas oder Trinkwasser in der Hauszuleitung läßt sich der Gas- oder Wasserverbrauch ermit­ teln und durch eine entsprechende Messung in den Heizungsrohren (zusammen mit der Temperatur) der Wärmeverbrauch. Der Vor­ teil bei diesen Anwendungen ist, daß die entsprechenden batteriebetriebenen Geräte nicht mehr vor Ort abgelesen werden müs­ sen, sondern daß die Verbraucherdaten au­ tomatisch erfaßt und an den Gas-, Wasser­ oder Wärmelieferanten zur Erstellung der Verbrauchsabrechnung übermittelt werden können. An der Entwicklung von Sensoren für diese kostengünstige Verbrauchserfas­ sung wird am IMIT gearbeitet – in Koope­ ration mit vier Firmen aus der Region. Automatische Datenerfassung Neben der direkten Messung von Druck in Gasen und Flüssigkeiten lassen sich mit Drucksensoren auch andere Parameter 84 Neben mechanischen lassen sich auch flui­ dische Bauteile mit Hilfe der Mikrotechnik realisieren. Ein herausragendes Beispiel für dieses Gebiet ist eine neuartige Mikropum­ pe, die „VAMP“ (YALVE AND MICRO­ EUMP), für die das IMIT die grundle­ genden Patente besitzt. Die VAMP kann als Ventil und auch als Pumpe verwendet

Mikro· und Infonnationst chnik werden. Sie eignet sich für Flüssigkeiten und für Gase und kann sowohl vorwärts als auch rückwärts pumpen. Inzwischen gibt es sogar eine Weiterentwicklung der Pumpe, die Flüssigkeiten selbst ansaugen kann und so­ mit vor ihrer Verwendung nicht befüllt wer­ den muß. Mit dieser Pumpe werden Förder­ raten im Bereich von einem Mikroliter bis zu mehreren Mi!Witem pro Minute erreicht. Zum Vergleich: ein gewöhnliches Schnaps­ glas enthält 20 Milliliter, ein Milliliter wie­ derum entspricht tausend Mikrolitern. Die Pumpe benötigt also im „schnellsten Gang“ einige Minuten, um ein Schnapsglas zu fül­ len, man kann sie aber auch so langsam lau­ fen lassen, daß sie dazu Stunden, ja Tage benötigt. Wo es um kleinste Mengen geht. .. Die Anwendungsgebiete der VAMP sind demnach alle Bereiche, in denen man klein- ste Mengen präzise dosieren muß. Das Bau­ element wurde am IMIT in einer Kleinserie hergestellt und als Funktionsmuster zusam­ men mit den dazu entwickelten elektroni­ schen Ansteuerungen an interessierte Fir­ men aus der ganzen Welt abgegeben. Damit waren diese in der Lage, Versuche mit dem Bauelement durchzuführen und anhand der Ergebnisse die Einsatzmöglichkeiten der Mikropumpe in ihren Produkten zu beur­ teilen. Derzeit wird das Bauteil in Zusam­ menarbeit mit Firmen kundenspezifisch zur Serienreife weiterentwickelt. Anwendungs­ gebiete sind u. a. die Schmiermitteldosie­ rung, die chemische Analytik in den Berei­ chen Umweltüberwachung, medizinische Diagnostik, Prozeßüberwachung sowie die Bereiche Haushalt und Medizintechnik. Auch hier arbeitet das IMIT eng mit Firmen aus der Region zusammen. Für zwei Firmen werden kundenspezifische Dosiersysteme entwickelt, deren Aufgabe es ist, wäßrige Die Arbeit im Reinraum. Die Entwickl.ung und der Bau mikrotechnischer Elemente erfordert hochgradige Technisierung und eine erstklassige Ausstattung im Laborbereich, wie sie im 1 MIT zu finden ist. 85

Mikro- und Informationstechnik Technologien für die un­ terschiedlichsten Anwen­ dungen eingesetzt wer­ den können. Den Zugang zu diesen modernen Technologien erleichtert das IMIT vor allem auch kleinen und mittleren Unternehmen der Regi­ on. Gerade für diese Fir­ men ist es schwierig, von komplexen Technologien zu profitieren, denn sie können sich die für die Entwicklung und Ferti­ gung mikrotechnischer Bauelemente notwendige technologische Infra­ struktur nicht leisten, bzw. eine solche Investiti­ on würde sich für sie wirt­ schaftlich nicht lohnen. Diese Unternehmen sind deshalb auf Kooperatio­ nen z.B. mit dem IMIT angewiesen. Unsere Stra­ tegie ist es, den Kunden ein komplettes Dienstlei- stungsangebot aus einer Hand anzubieten. Neben Dienstleistungen, sozusagen als verlängerte Werkbank von Fir­ men, bieten das IMIT die Entwicklung neu­ er Bauelemente aber auch von Gesamtlö­ sungen an. Wir übernehmen die Herstel­ lung von Kleinserien und unterstützen in bezug auf die spätere Produktion. Dennoch kann ein Unternehmen nicht von heute auf morgen von diesen Technologien profitie­ ren. Um entsprechende Ansatzpunkte zu finden, ist meist mehr als nur ein Gespräch notwendig. Dr. Rainer Günzler, Prof Hermann Sandmaier Strömungssensor: Die Entwicklung und Herstellung von Sensoren für die Industrie ist eine der Hauptaufgaben des Institutes für Mikro- und Informationstechnik in Villingen-Schwenningen. Lösungen in kleinsten Mengen von einigen Mikrolitern pro Minute bedarfsgerecht und kontinuierlich abzugeben. Im Rahmen eines weiteren Projektes mit Firmen aus Baden-Württemberg werden ein Drucksensor, ein Mikroventil, eine Drossel und ein elektronischer Regler zu einem Druckregelsystem für den Bereich zwischen einem und zehn Bar zusammengefügt. Vor­ teile des Einsatzes von Mikroventilen in der Pneumatik sind neben den kleinen Abmes­ sungen der Bauteile von etwa einem Zenti­ meter vor allem, daß sie nahezu ohne Ener­ gieverbrauch und sehr schnell – mit Schalt­ zeiten im Bereich von Millisekunden – be­ trieben werden können. Schon die wenigen beschriebenen Beispie­ le zeigen, daß die am IMIT verfügbaren 86

Spitzenwerte beim Umsatz mit Neuprodukten Die Region Schwarzwald-Baar-Heuberg gehört zu den innovativsten im Südwesten Behörden und Institutiooco vor Karlsruhe mit 2,91 DM und Freiburg mit 2,98 DM. Bemerkenswert ist außerdem, daß in der Region auch eine vergleichsweise größere Anzahl von innovativen, kleineren Unternehmen anzutreffen ist als in anderen Regionen. Die IHK begrüßt diese Ergebnis­ se vor allem deshalb, weil das allgemeine In­ novationsklima der Region bisher als nicht so günstig eingeschätzt wurde. Wenn die Region Schwarzwald-Baar-Heu­ berg effizient nach außen dargestellt und vermarktet werden soll, dann müssen die Chancen des Mediums Internet genutzt werden. Die Region Schwarzwald-Baar­ Heuberg kann aufgrund ihrer relativ peri­ pheren Lage zu den Ballungszentren von Nach den Ergebnissen einer Studie des Karlsruher Fraunhofer-Instituts für System­ technik und Innovationsforschung zählt die Region Schwarzwald-Baar-Heuberg zu den innovativsten im Südwesten. Die hiesige In­ dustrie bringt häufiger und schneller Neues auf den Markt als die Unternehmen anderer Regionen im Land Baden-Württemberg. Und auch die �ote der Patentanmeldun­ gen liegt über dem Bundesdurchschnitt. Nach Ansicht der Industrie-und Handels­ kammer (IHK) Schwarzwald-Baar-Heuberg tragen die vielfältigen Anstrengungen der vergangenen Jahre, und hier gerade der mittelständischen Industrie, ihre Früchte. Ersichtlich wird diese Bewertung gleichzei­ tig an mehreren positiven Innova­ tionsfaktoren: O ein höherer Umsatzanteil an Neuprodukten O eine schnellere Erneuerung der Produktpalette O und eine höhere Zahl von Patentanmeldungen pro Beschäf­ tigten in Forschung und Entwick­ lung jeweils bezogen auf die Ver­ gleichsregionen. Bestätigt werden diese drei Posi­ tivfaktoren letztendlich durch ein weiteres signifikantes Merkmal: Der Umsatz an Neuprodukten im Verhältnis zum vorherigen Ent­ wicklungsaufwand ist sicherlich ein Kriterium für die Effizienz von Forschung und Entwicklung. Hier liegt die Region mit 5,15 DM Um- Preisgekröntes Design und moderne Technik, die Produkte von satz pro in Forschung und Ent- SSS Siedle in Furtwangen sind ein Beispiel für die lnnova­ wicklung investierter Mark weit 87 tionskra.ft der heimischen Industrie.

Behörden und Institutionen meinsam mit den Städten und Gemeinden ein Standortinformationssystem auf. Damit soll der Standort „Region Schwarzwald­ Baar-Heuberg“ ebenfalls im Internet prä­ sentiert und Informationen global abrufbar gemacht werden. Das Standortinformati­ onssystem enthält alle wichtigen Angebote zu Gewerbeflächen, Gewerbeparks und Technologiezentren, die direkt vergleichbar dargestellt werden können. Zusatzinforma­ tionen zur Bildungs-und Forschungsinfra­ struktur, zu Verkehrsanbindungen und an­ deren Standortfaktoren runden das Infor­ mationsangebot für den Unternehmer und Investor ab. Diese Zusammenarbeit zwi­ schen Städten und Gemeinden mit der Kammer ist zu begrüßen, denn dadurch wird das Bemühen um eine Verbesserung dieses innovativen Standortes nachhaltig unterstützt. diesem neuen Kommunikationsmedium in besonderer Weise profitieren und Entfer­ nungsnachteile zu den internationalen Ab­ satz-und Beschaffungsmärkten abmildern. Ein weiterer Aspekt ist die Bedeutung der neuen Medien als Wirtschaftsfaktor für den Wirtschaftsraum. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe junger Unternehmen im Kam­ merbezirk, die sich im Geschäftsfeld Inter­ net bewegen und hier innovative Dienstlei­ stungen anbieten. Vor diesem Hintergrund hat die Kammer ihre Aktivitäten rund um das Internet deutlich ausgebaut. In diesem Zusammenhang bewährt sich auch, daß die Industrie-und Handelskammer über das Netz der deutschen Außenhandelskammern direkte Verbindungen zu allen Wirtschafts­ regionen der Welt hat. Nachdem die IHKeine Internet-Homepa­ ge eingerichtet hat, unter der sich die Un­ ternehmen der Region über das Informati­ ons-und Dienstleistungsangebot der Kam­ mer informieren können, baut die IHK ge- Mikromechanischer Neigungssensor der FHF: klein und leistungsstark merbereichs werden vor allem für Anwen­ Jeder Heimwerker kennt die Wasserwaage. dungen rund ums Automobil gebraucht: Und vermutlich haben die meisten auch die Bei der bedarfsangepaßten Regelung von eingeschränkten Möglichkeiten dieses Hilfs­ Automatikgetrieben in Nutzfahrzeugen geräts jedweder baulichen Tätigkeit kennen­ werden kleinste Sensoren verlangt, die di­ gelernt: Schlechte Ablesbarkeit und schwie­ rekt ins Getriebe eingebaut werden. Auch rige Übertragung der Horizontalen auf bei der Fahrwerksregelung oder bei der entferntere Orte. Auch kann man mit der Diebstahlsanzeige (z.B. beim Abschleppen) konventionellen, mit Flüssigkeitslibellen ist die Meßgröße Neigung zu bestimmen. ausgestatteten Wasserwaage gewünschte Im medizinischen Sektor können Nei­ Winkelabweichungen von der Horizontalen gungssensoren zukünftig in belastungsange­ nicht direkt einstellen. Abhilfe kann da ein paßten Herzschrittmachern oder bei der kleiner elektronischer Winzling schaffen, computerunterstützten Operation einge­ der jetzt an der Fachhochschule Furtwangen setzt werden. am „Institut für Angewandte Forschung“ In allen Fällen werden sehr kleine und da­ unter der Leitung von Prof. Dr. Mescheder bei leistungsfähige und preiswerte Sensoren entwickelt wird. benötigt. Hierfür kommen in erster Linie Neigungssensoren außerhalb des Konsu- Pref. Dr. Dr. Michael Ungethüm Vor allem für Anwendungen rund ums Auto 88

Bild 1: Explosionszeichnung des Sensors. Der eigentliche Sensorchip mit der seismischen Masse und den insgesamt 4 dünnen Aufhängungen befindet sich zwischen 2 Silizium­ chips, die als Deckel und Gehäuse­ grundplatte dienen. Sensoren in Frage, die mit Verfahren der sogenann­ ten Mikrosystemtechnik aus Silizium gefertigt wer­ den. Silizium ist der Werk­ stoff, aus dem fast alle mi­ kroelektronischen Bauele­ mente hergestellt werden. Dank der hervorragenden mechanischen Eigenschaf­ ten (vergleichbar zum Stahl) eignet sich Silizium auch zur Realisierung von mechanischen · Sensoren. Wegen der aus der Mikro­ elektronik-Fertigung abge­ leiteten Herstellungstech­ nik können dabei aller­ dings winzigste Elemente kostengünstig gefertigt werden. Der jetzt an der Fachhochschule Furtwan­ gen hergestellte Neigungssensor enthält kleinste, funktionsbestimmende Strukturen, die nur wenige Mikrometer groß sind. Zum Vergleich: ein mittleres menschliches Haar ist etwa 50 µm {µm = Mikrometer = ein Millionstel Meter) stark. Ein solcher Sensor ist aus drei Teilen auf­ gebaut. Neben dem eigentlichen Sensor­ chip, der eine sogenannte seismische Masse enthält, die an sehr dünnen Aufhängungen mit dem Rahmen verbunden ist, erkennt man einen Deckel-und einen Substratchip, die ebenfalls aus Silizium bestehen und mit einer speziellen, eigens für diesen Sensor entwickelten Verbindungs- technik mit dem mittleren Sensorchip zusammengefügt werden. Die Sensorgröße ist , wobei eine nur 5x5xl mm0 weitere Verkleinerung mög­ lich ist. Bild 2 zeigt das Meßprinzip des Sensors im Qierschnitt: Bei Neigung wird die seismische Masse aufgrund der flexiblen Auf- hängungen (ca. 5 µm dick, …..,.,..,..,. „““““““‚ FHF/Neigung tnsor 70 µm breit und 500 µm lang) um einen kleinen Winkel gegenüber dem Rahmen des Sensors aus­ gelenkt. Dabei entsteht ei­ ne s-förmige Dehnung in den Aufhängungen, die senkrecht zur Neigungs­ achse stehen. Die Wand­ lung des mechanischen in ein elektrisches Signal funktioniert ähnlich wie bei Dehnungsmeßstreifen (DMS): in die Oberfläche der Aufhängungen sind dünne (2 µm) dotierte Sili­ ziumwiderstände eingelas­ sen, die sich durch mecha- nische Spannungen in ihrem Widerstandwert ändern. Die insge­ samt 8 Widerstände (2 pro Aufhängung) werden zu 2 Wheatstonschen Brücken ver­ schaltet, so daß die Neigung um 2 Achsen unabhängig voneinander gemessen werden kann. Die Herstellung des Sensors erfolgte in dem Mikroelektronik-Laboratorium der Fachhochschule Furtwangen. Für den Bipo­ lar-Prozeß werden insgesamt 8 „Masken­ ebenen“ benötigt, wobei auch spezielle Her­ stellungsverfahren der Silizium-Mikrome­ chanik verwendet wurden. Bild 3 zeigt eine rasterelektronenmikro­ skopische Detailaufnahme des fertigen Sen­ sors. Dargestellt ist eine der dünnen Auf- t,.(3 >0 t,.(3 0 A3>0 t,.(3 0 Bild 2: Auswerteprinzip des Sensors. 89

FHF/ Neigungssensor hängungen, die die zentrale seismische Mas­ se (rechts unten im Bild) halten. Die Dicke dieser Aufhängungen beträgt ca. 5 µm, die Breite 70 µm. Die Bahnen auf den Aufhän­ gungen sind die Metallisierungen, die zum Anschluß der unterhalb der Si-Oberfläche liegenden, hier nicht sichtbaren Widerstän­ de führen. Für einen ersten Demonstrator wurde ein solcher Sensor in einer elektronischen „Was­ serwaage“ eingesetzt. Diese kann 2 Nei­ gungsachsen gleichzeitig und unabhängig messen. Neben LCD-Anzeigen ist in die­ sem Neigungsmeßgerät eine Laserdiode ent­ halten, mit deren Hilfe ein bestimmter, ge­ wünschter Neigungswinkel auf entfernt lie­ gende Punkte übertragen werden kann. Dies ist z.B. für die Geländemessung interessant. Pref. Dr. Mescheder Bild 3: Rasterekktronenmikroskopische Aufnahme des fertigen Sensorchips. In dieser Detailsicht ist ei­ ne der diinnen Aufhängungen gezeigt, die die seis­ mische Mittelmasse halten. Darauf befinden sich Aluminium-Anschlußbahnen (10 µm breit). Fascht verrote 1 oder: Isch Karlsruah d‘ Hauptstadt vom Badische? ,,Wia heißt di Hauptstadt vo dem Land?“ Dr Lährer sait, ,,ihr weres2 au fange3 kenne; mit Stolz tuat es sich ’s Badisch nenne; die Stadt liegt rechts vom Rheinesstrand.“ „Wie dr erseht Teil von dera Stadt, so heiße viele Buebe in eure Klasse; Dr zweite, wenn ich mich derbi recht will fasse, dös brucht mer, wenn mer geht in d’Kratt4.“ Zletscht goht ihm doch d’Geduld bal us5 ,,Di dumme Streich, di selle6 könnener bhal­ te, nu mit dr Weisheit, selt7 blibts bi eu bim alte.“ : 90 Doch keiner rotet Karlsruah rus! Dr Ernst als einziger uffstoaht: ,,Herr Lährer, dia wird wohl Friedrichshafe heiße -in üsre Klasse tüen viel Friedrich heiße, un dr Hafe brucht mer, wenn mer ins Bett goht!“ Berlin Nitz I erraten, 2 werdet es, 3 allmählich, 4 Bett, 5 bald aus, 6 jene, 7 dort

Industrie, Handwerk und Gewerbe Kiffe – Kaddies erobern den Golfmarkt 6. Kapitel/ Almanach 98 Wie aus einer Idee Arbeitsplätze entstehen – Höchste Designpreise erhalten Für den Abschlag den Driver, für das Fair­ way ein Eisen 7, für den Bunker ein Sand Wedge, für das Green den Putter: Es ist Be­ standteil des Golfsports, daß man für die verschiedensten Schläge und Spielvarianten unterschiedliche Schläger benötigt. Da kom­ men in einem guten „Besteck“ 14, in Trai­ ningsstunden oft sogar mehr Schläger zu­ sammen, die der Golfer über 18 oder mehr Löcher mit sich tragen muß. Zusammen mit Regenschirm, Kleidung, Getränken und Bäl­ len sind das bis zu 25 kg: Es lag also die Idee nahe, diese Last in einem Lederbeutel zu verstauen und diesen auf einem fahrbaren Gestell über den Golfplatz zu bewegen. Horst-Gregor Kiffe, geschäftsführender Gesellschafter der „Kiffe ENGINEERING GmbH“ in Villingen-Schwenningen, mach­ te sich seine Gedanken, wie das mühevolle, den Rücken belastende, Lenden und Nackenwirbel verspannende Umherziehen zu vereinfachen sei. Kurzerhand entwickel­ te er vor wenigen Jahren sein eigenes Mo­ dell, den batteriebetriebenen Kiffe-Kaddy \ Einen Kiffe-Kaddy fahren übrigens außer der Filmschauspielerin Uschi Glas (hier im Bild zusammen mit Horst-Gregor Kiffe) auch viele andere prominente Persönlichkeiten wie die SAT-1-Moderatorin Gundis Zambo, der Trainer von Golf-Weltmeister Bernhard Langer, Willi Hofmann, „Kaiser“ Franz Beckenbauer oder der ehemalige Fußball-Bundestrainer Jupp Derwall. 91

Industrie, Handwerk und Gewerbe ,,Eagle“, das von den beiden Design-Hoch­ burgen, dem Industrie-Forum Design in Hannover und vom Design-Zentrum Essen, höchste Auszeichnungen erhielt und auf den einschlägigen Fachmessen beachtliche Erfolge einheimst. Rund 2,5 Millionen Golfer sind in Europa Mitglied in Golfclubs und bespielen 4800 Golfplätze. In Deutschland existieren neben denen in Donaueschingen, Königsfeld, Frei­ burg, Konstanz, Hechingen oder Freuden­ stadt derzeit etwa 500 Plätze, die von 250 000 Mitgliedern bespielt werden. Positiv ausgewirkt hat sich für das Unternehmen auch die auf Messen und Turnieren prakti­ zierte Zusammenarbeit mit dem Fachhan­ del, Pro-Shops und neuerdings mit Reise­ veranstaltern. Mit einigen tausend verkauf­ ten Exemplaren wurde das Produkt zu ei­ nem Hit bei Kiffe-Engineering und schuf Arbeitsplätze in der Region. Die Entscheidung, einen Caddie zu ent­ wickeln, fiel Horst-Gregor Kiffe nicht schwer, nachdem er sich auf dem von angel­ sächsischen Herstellern bestimmten Markt umgesehen hatte. ,,Ich war mit der angebo­ tenen Qyalität nicht zufrieden“, so Kiffe, der sich selbst als Perfektionisten bezeich­ net. Und: ,,Man darf eben nicht alles als ge­ geben hinnehmen, man muß wie ein Kind einfach alles hinterfragen“, darauf führt Kif­ fe den Erfolg seiner Produkte zurück. Kiffe-Kaddies bestechen durch ihre Qya­ lität, ergonomisches „Handling“ und opti­ male Technik. Angetrieben wird der Caddie von einem batteriebetriebenen Elektromo­ tor. Der Motor läuft so leise, daß man fast das Knicken der Grashalme hören kann. Das Steuergerät ist mit einem Geschwindig­ keitsregler ausgestattet. Es kann damit nach jedem Stop mit der zuletzt eingestellten Geschwindigkeit weitergefahren werden. Die Elektronik sorgt dafür, daß der Kiffe­ Kaddy nach der Pause weich und berechen­ bar hochbeschleunigt und nicht „losspringt wie ein Geißbock“, so Horst-Gregor Kiffe. Ganz nebenbei ist die von Kiffe entwickelte 92 Steuerung auch noch ressourcenschonend, drückt sie doch den Energieverbrauch um 150/o unter das Niveau der Mitbewerber. Die Elektronik signalisiert Überlastung und ist mit einem Tiefenentladeschutz für die Bat­ terie ausgestattet. Beachtenswert ist auch das Bremssystem des Kiffe-Kaddies. Durch einen patentier­ ten Druckausgleich im Bremssystem verzö­ gert der Caddie symmetrisch beide Räder gleichzeitig und kommt dadurch sanft zum Stehen. Großgewachsene sind mit dem Kif­ fe-Kaddy nicht in der Verlegenheit, mit ge­ bücktem Rücken über den Golfplatz laufen zu müssen: Die Lenkstange ist auf unter­ schiedliche Körpergrößen einstellbar. Da­ durch ist stets die ergonomisch richtige Kör­ perhaltung gewährleistet. Die Kiffe-Kaddies lassen sich außerdem einfach und platzspa­ rend zusammenklappen, so daß sie in jedem Pkw-Kofferraum transportiert werden kön­ nen. Hohe Verarbeitungsqualität Die Verarbeitung der Kiffe-Kaddies be­ sticht durch ihre Qyalität. Sämtliche Stahl­ teile sind verzinkt, pulverbeschichtet und einbrennlackiert. Die Radachsen sind rost­ frei, gehärtet und geschliffen sowie mit zwei abgedichteten, wartungsfreien Präzisions­ Nadellager-Freiläufen bestückt, die in abge­ dichteten, wartungsfreien Kugellagern ge­ führt werden. Angeboten werden von Kiffe ENGI­ NEERING drei Caddie-Varianten, die je nach Anforderung optimal genutzt werden können: Das Topmodell „Eagle“ (ein Pro­ dukt der Spitzenklasse, Testsieger bei vielen Caddie-Tests), die Modelle ,Junior“ (einer der beliebtesten preiswerten Caddies auf Golfplätzen) sowie „Club“ (speziell für den permanenten Dauereinsatz in Golfclubs und als Miet-Caddie entwickelter High­ Tech-Caddie). Auch mit seiner neuesten Schöpfung, den ,,Edition“ genannten Sonderausführungen,

Kiffc-Kaddics mit Blickrichtung zum Cad­ die-Fahrer das Spiel der Mutter oder des Vaters mitverfolgen kann. Das neue Bag der Spit­ zenklasse, das Kiffe „System­ Bag“ aus strapazierfähigem, wetterfesten Material wiegt nur 3,5 kg ausgestattet mit spe­ ziellen Einlage- und Ablage­ fächern erhält der Golfer für je­ den Schläger einen Platz, wo­ bei auch an Stau- und Ablage­ fächer für Bälle etc. gedacht wurde. Dieses Bag verhindert ein konzentrationsstörendes Aneinanderschlagen der Eisen und Hölzer und schützt Schäf­ te aus Graphit. Eine Markt­ lücke geschlossen hat Kiffe mit einem stabilen Ganzmetall­ Schirmhalter. Die robuste Aus­ führung erlaubt es dem Golfer, selbst bei stürmischem und regnerischem Wetter trocken seinen Sport auszuüben. Er kann bequem, ohne sich bücken zu müssen, unter dem Schirm stehen. Mittels Stirn­ verzahnung ist der Schirmhalter arretierbar und bietet damit absolut sicheren Halt. Bei Nichtgebrauch kann der Schirmhalter unter dem Scorekartenhalter arretiert werden. Der stabile Scorekartenhalter mit wetterge­ schützter Kartenauflage, seitlicher Ausbuch­ tung für Golfbälle ist gleichzeitig Aufbe­ wahrungsfach für Kleinutensilien. Für die Modelle „Eagle“ und ,Junior“ wird – wieder eine neue Kiffe-Idee – ein an einem An­ triebsrad integrierter Schuhsohlen- und Schlägerreiniger angeboten, der sich ideal zum Reinigen verschmutzter Schläger auf der Runde eignet oder von Schuhsohlen z.B. vor einem Abschlag, um einen optima­ len Stand zu ermöglichen. Ein besonderer Anziehungspunkt nicht nur auf Messen sind die ex­ klusiven, ,,Edition „genannten, Sonderauiführungen der Kiffe-Kad­ dies. hat Kiffe das Interesse der Golfer getroffen: Sie erwiesen sich als besondere „Eye­ catcher“. Die Edition ist eine jeweils auf250 Exemplare limitierte, exklusive Sonderaus­ führung der Modelle „Eagle“ und Junior“. Sie zeichnen sich im Gegensatz zu den Standardmodellen unter anderem durch eine besondere Farbgestaltung aus, eine handpolierte, hochglanzverchromte Lenk­ stange und Vorderradaufhängung bzw. Rah­ menrohre sowie Lenkergriff aus handgear­ beitetem und hochglanzversiegeltem Maha­ goniholz sowie Edelstahlschilder mit gra­ vierter Editionsnummer. Besondere Aufmerksamkeit erzeugen auch die vielfältigen Ausstattungsvarianten der Kiffe-Kaddies, so der am Caddie anzubrin­ gende Kindersitz, womit der Golfnach­ wuchs, gesichert durch einen Haltebügel, 93

Industrie, Handwerk und Gewerbe Die Faszination der Welt des Druckens Die Villinger Todt-Druck GmbH besteht seit 90 Jahren nik: nichts ist in der Welt des Druckens komplexer, als die farbgenaue Reproduktion von Kunstwerken im Offsetdruck. Noch we­ nige Arbeitstage, dann wird der Kunstka­ lender mit Werken berühmter Bauhaus­ künstler an den Auftraggeber ausgeliefert und dieses Druckerzeugnis „Made in Villin­ gen“ weltweit vertrieben. Der Name Todt-Druck steht seit Jahrzehn­ ten für �alität: Gleich ob eine auf hoch­ wertigem Designerpapier gedruckte Bro­ schüre für einen renommierten Yachten­ bauer, Bücher, Reiseführer oder Kunst­ drucke: während die Druckmaschine in immer schnellerer Abfolge Kalender-Titel­ bilder produziert, bis zu 15 000 pro Stunde, erzählt Willy Todt, daß Herausforderungen wie diese die Faszination des Druckens aus- machen. Denn neben der unabdingbaren exzellenten technischen Ausstattung ist letztendlich die Erfahrung des Druckers, sein Gespür für Material und Maschine, der entscheidende Faktor für brillante Druckerzeugnisse. Ein Schweizerdegen Mit einem Schweizerdegen auf Wander­ schaft hat es begonnen: Einern Buch­ drucker also, der Schriftsetzer und Drucker zugleich war, der sowohl mit W inkelhaken (Werkzeug des Handsetzers) und Schiff(Er­ findung Gutenbergs zur Zusammenstel­ lung von Satzzeilen zu Rubriken) als auch T iegel (Druckpresse) umzugehen wußte. Der Schweizerdegen auf der Walz, das war Wilhelm Todt, der auf seiner Wanderschaft nach Italien in Villingen Station machte und sich hier heimisch fühlte. Auf seiner Rückwanderung im Jahr 1908 beschloß er, in der Zähringerstadt seßhaft zu werden. Zusammen mit Karl Spannagel, der per Der Geschmack frischer Druckfarbe steigt einem in die Nase, unter Normlicht begut­ achtet Willy Todt gemeinsam mit seinem Druckermeister einen großformatigen Pro­ bedruck des Kalenders „Bauhaus ’97“. Das Titelbild zeigt Wassili Kandinskys expressi­ ves Farben- und Formenspiel „Scharfruhiges Rosa“. Die Fünf-Farb-Offsetdruckmaschine fährt wieder an, ein wenig mehr Blau noch, um das Schwarz zu intensivieren und ein kühleres Gelb zu erzielen, dann stimmen der mitgelieferte Andruck zur Farbkontrolle und das auf hochwertigem Bilderdruckpa­ pier produzierte Druckerzeugnis aus dem Hause Todt in Farbgebung und Intensität überein. Die jährlich von Todt produzierten Kunstkalender des Weingarten-Verlages sind eine Herausforderung für Mensch und Tech- Das Stammhaus der als „Soannagel und Todt“ ge­ gründeten Todt-Druck GmbH in der Villinger Wald­ strqße um das fahr 1920. 94

Zeitungsinserat einen Partner suchte, eröff­ nete Wilhelm Todt in der Rietstraße eine Buchdruckerei, die Geburtsstunde der heu­ tigen Todt-Druck GmbH. Kurze Zeit später siedelte das junge Unter­ nehmen in die Waldstraße über, und als sich Partner Spannagel aus dem Geschäftsleben zurückzog, führte Wilhelm Todt die Druckerei in allei­ niger Verantwortung weiter. Die Gründerjahre der Todt­ Druck GmbH waren be­ wegt: Gearbeitet wurde in einem hinter dem Wohn­ haus liegenden Nebenge­ bäude. Geringere Satzmen­ gen setzte man zu Beginn noch von Hand, den Men­ gensatz bewerkstelligte man mit einer Zeilengußmaschi­ ne, die zwar von nur einem Setzer bedient werden konnte, aber den entschei­ denden Nachteil hatte, daß die starren Zeilen bei nur einem einzigen Fehler kom­ plett neu hergestellt werden mußten. Die Drucke führte man mit einer sogenannten T iegeldruckpresse aus, be­ vor man dann auf den 1905 in Amerika erfundenen und 1907 auch in Deutschland eingeführten Offsetdruck umstellte. Drucksachen wie Formulare, Briefbögen oder Visitenkarten, sogenannte Akzidenzien, bildeten ne­ ben Plakaten und Bro­ schüren, die Grundlage des geschäftlichen Erfolges. Aber bereits in den Grün­ derjahren widmete man sich mit besonderer Sorgfalt auch dem Buchdruck. Und für kurze Zeit hatte Villingen dem Schweizerde- Die Todt-Druck GmbH befindet sich seit drei Generationen in Fami­ lienbesitz. Oben links Gründer Wilhelm Todt, rechts Helmut Todt und unten rechts Willy Todt, der das Unternehmen seit 1977 leitet. Todt·Druck GmbH gen Wilhelm Todt auch eine neue Lokalzei­ tung zu verdanken, die sich allerdings nicht lange halten konnte: Weil man sich kritisch mit kirchlichen Belangen auseinanderge­ setzt hatte, wurde dem neuen Zeitungspro­ dukt von der katholischen Pfarrgemeinde der für eine Lokalzeitung lebenswichtige 95

Industrie, Handwerk’und Gewerbe Die FilnfFarbm-Dnldanaschine der Todl-Dn«:lt GmbH ist comP11tergestelltl’t 11,u/ piibrkistet im Ver­ llllnd mit jabtzdmtel.anger Erfahnmg Dn«lterullgnisse höchster fhu,/itäl. Kirchenanzeiger vorenthalten. Eine Zeit­ lang notierte sich Wilhelm Todt kirchliche Nachrichten am Aushang beim Villinger Münster noch Tag für Tag persönlich, doch ein dauerhafter Erfolg auf dem hart um­ kämpften lokalen Zeitungsmarkt war damit nicht zu bewerkstelligen. Fasziniert vom Be­ ruf des Vaters war auch Sohn Helmut Todt, der in den 1930erJahren in den Betrieb eintrat. Der Druckermeister hat­ te seine Prüfungen in Leipzig, der Stadt der Drucker, abge­ legt. Unter schwierigen Umständen galt es dann im Jahr 1945 nach dem Zusam­ menbruch des Drit­ ten Reiches den Familienbetrieb wie­ der aufzubauen: Die 96 – französische Besatzungsmacht hatte die einzige Druckerpresse in dem Eisweiher in der Waldstraße versenkt. Aus diesem Weiher durfte man sie Tage später unter großen Mühen wieder bergen und nach einer vollständigen Demontage und Reinigung erneut in Betrieb nehmen. Mittlerweile lag die Führung des Un­ ternehmens in den Händen von Helmut Todt, der sich im Ge- folge einer ständig po­ sitiven Geschäftsent­ wicklung 1970 dazu entschloß, ins Gewer­ begebiet Ifängle um­ zusiedeln, wo in der Rudolf-Diesel-Straße ein Firmengebäude entstand, in dem zeit­ weise bis zu 70 Mitar­ beiter beschäftigt wur­ den. Die damalige Kundenliste des alt­ eingesessenen Villin­ ger Druckhauses liest

Todt-Druck-GmbH man über ein DTP-Studio, belichtet die Druckfilme selbst, ist bei Todt einer der modernsten Automaten zur Kopie von Druckplatten zu finden und ein Druck­ maschinenpark, dessen technisches Glanz­ stück eine neue Fünf-Farben-Maschine von MAN-Roland ist: Die computergesteuerte Roland 700 sichert höchste Druckqualität. Gleich ob Reiseführer, Städtechroniken, Kunstkalender oder Kunstkataloge, Thea­ terprogramme, Plakatdruck oder Firmen­ broschüren, die im gesamten deutschspra­ chigen Raum zu findenden Kunden, darun­ ter namhafte Verlage und Unternehmen, zählen seit Jahrzehnten zu den festen Auf­ traggebern eines Druckhauses, das sich durch hohe Qialität und Einhaltung der Termine auch unter schwierigsten Bedin­ gungen einen Namen gemacht hat. Auch wenn es um die Weiterverarbeitung im eige­ nen Falz-, Heft- und Schneidemaschinen­ park oder um die Veredelung von Drucksa­ chen durch Lackierung oder gar durch Duft­ stoffe geht. Daß es gelang, sich unter schwierigen ge­ samtwirtschatlichen Rahmenbedingungen mit heute über 40 Arbeitnehmern erfolg- Die Ausbi/d11ng von Dn«lterlthrlingm ist bei Todt sdbsl’IJtrständlich, qlllliifizierter Ntldntnu:bs fiir die Z1Ju111ftssichtr11ng 11111lbdingbar. sich im übrigen wie das „Who is Who“ des Villinger Wirtschafts- und Gewerbelebens jener Zeit: Kataloge für SABA, für Kienzle oder die Kaiser-Uhren liefen in hohen Auflagen über die Druckmaschine, meist mehrsprachig gedruckt. Sie wurden benötigt für einen weltweiten Vertrieb vom Standort Villingen aus. Todt-Druck bewältigte diese Großaufträge mit modernsten Offsetdruck­ maschinen, die mit einer bis dahin nicht ge­ kannten Druckq�alität und -geschwindig­ keit eine neue Ara einleiteten. Die Todt­ Druck GmbH verfügte damals als eines der ersten Druckhäuser der Region über diese neue Technik. Höchste Druckqualität urcli,modemst Die Welt des Druckens hat in den 90 Jah­ ren, die die Druckerei Todt mittlerweile be­ steht, einen tiefgreifenden Strukturwandel erlebt. Als das Familienunternehmen 1977 in dritter Generation von Willy Todt über­ nommen wurde, galt es nicht nur den Zu­ sammenbruch großer Unternehmen der Doppelstadt zu verkraften, darunter vor al­ lem die bereits genann­ ten Großfirmen, auch die Produktionsmetho­ den änderten sich in­ nerhalb weniger Jahre grundlegend. Mit dem Aufkommen des Com­ putersatzes, der am En­ de der 1980er Jahre das Desktop Publishing hervorbrachte, die völ­ lig digitale Gestaltung von Büchern, Akziden­ zien oder Broschüren am Computer, galt es für Todt-Druck, sich in immer kürzeren Zy­ klen den Gegebenhei­ ten des Marktes anzu­ passen. Heute verfügt 97

Industrie, Handwerk und Gewerbe reich im gesamten deutschsprachigen Raum am Markt zu behaupten, ist nicht nur den engagierten Mitarbeitern zu verdanken, sondern auch der persönliche unternehme­ rische Erfolg von Willy Todt. Mit ihm steht ein Drucker an der Spitze des Unterneh­ mens, der sein Handwerk von der Pike auf gelernt hat, der konsequent bemüht ist, das Familienunternehmen auf dem neusten Stand der Technik zu halten. Dazu zählt auch, zwei der wenigen Ausbildungsplätze für den Fachbereich Druck im Schwarzwald­ Baar-Kreis zur Verfügung zu stellen. Und die Todt-Druck GmbH ist in den 90 Jahren ihres Bestehens immer ein Druck­ haus mit regionaler Anbindung geblieben. Bücher zur regionalen und Villinger Ge­ schichte werden produziert und verlegt, so unter anderem die erfolgreichen Bände des Autorenteams Jörres/Schroff über Alt-Vil­ lingen und seit nunmehr 21 Jahren das Hei- matbuch des Schwarzwald-Baar-Kreises, der Almanach. Diese Verbindung zur Region und zu Villingen-Schwenningen kommt auch in vielfacher Weise durch ehrenamtli­ ches Engagement zum Ausdruck. So ist Hel­ mut Todt vielen Villingern noch als Stadtrat (1958 bis 1971) und Kreisrat (1965 bis 1973) der Freien Wähler in Erinnerung. Die Bewältigung des ständigen Wandels bei den Drucktechnologien bleibt für das Druckhaus Todt auch in den kommenden Jahren eine Herausforderung, der man sich gerne stellt. Zumal man bei Todt-Druck der festen Überzeugung ist, daß trotz fortschrei­ tender Digitalisierung, trotz Multi-Media und Internet, auf Papier gedruckte Informa­ tionen wie sie Bücher oder Kataloge bieten auch in Zukunft unersetzbar sein werden. Wi!fried Dold Apfelbaum in Blumberg: auch das Drucken mit Duftstoffen wird in der Druckerei Todt praktiziert. Die Duftstoffe werden durch Reiben auf dem Apfel .freigesetzt. 98

Todt-Druclt GmbH 99

Industrie, Handwerk und Gewerbe Wo Klein- und Kleinstserien entstehen Alfred Schlösser produziert in Gremmelsbach mit modernsten CNC-Drehmaschinen Wenn heute Alfred Schlösser einer Gesellschaft mit be­ schränkter Haftung von 13 Mitarbeitern vorsteht, so kann er sagen, daß dies seine Lei­ stung, sein Lebenswerk ist. Denn aus kleinsten Anfängen führte er zielstrebig und Schritt für Schritt seinen Betrieb zur heutigen Höhe. Der Mechani­ kermeister gründete 1968 eine mechanische Werkstätte, arbei­ tete im Keller im „Haus der tausend Uhren“, mietete einen Raum in Nußbach an der Som- merauerstraße, vergrößerte sei- Alfred Schlösser nen Betrieb von zunächst zwei auf acht Mitarbeiter. 1989 ergab sich die Ge­ legenheit, sein jetziges Fabrikgebäude in Gremmelsbach, Untertal 2, zu kaufen. man muß Kundenwünsche in­ nerhalb weniger Tage, im Ex­ tremfall innerhalb weniger Stunden befriedigen können. Dabei darf aber die Präzision unter keinen Umständen lei­ den. Die Fertigung muß die Genauigkeit von Uhrenteilen haben, und diese liegt im My­ Bereich. Dabei handelt es sich um Prototypen, die gar nicht in Serie gehen oder um Klein­ serien von einem Stück bis ei­ nigen 100 Stück. Material ist alles, was sich sägen, fräsen, bohren und drehen läßt, also vom Buntmetall wie Messing und Kupfer, Leichtmetall wie Aluminium und Titan, selbstverständlich alle Stahlsor­ ten bis zum Edelstahl und Kunststoffe wie Polyamid, PVC usw. (,,fast alle zerspanbaren Werkstoffe“). Und nach der neuesten Tech­ nik wird die Fertigung von einem durch­ gängigen Produktionsplanungs- und Steue­ rungssystem überwacht und die Kontrolle vom betreffenden Arbeiter und Maschinen­ bediener dokumentiert. Das ist von höch­ ster Bedeutung, denn der Kunde kennt bei In seinem Zug um Zug modernisierten Be­ trieb werden mechanische Bauteile nach der Vorgabe der Kunden mit neuesten CNC­ Drehmaschinen angefertigt. Alfred Schlös­ ser hat nämlich eine Marktlücke entdeckt und sie entschlossen wahrgenommen: die Klein- und Kleinstserienproduktion mecha­ nischer Teile. Für Großbetriebe, erlclärt er dem Besucher, ist die Um­ stellung auf eine lcleine Stückzahl unrentabel, Groß­ betriebe sind dafür auch nicht wendig genug. Und ge­ nau darin liegt seine Stärke. In einer Wirtschaftsphase, wo die Distanz zwischen Be­ stellung und Lieferung auf ein Minimum geschrumpft ist (,,Das ist nicht mehr nor­ mal!“), muß man bei diesem Tempo Schritt halten kön­ nen. Konkret bedeutet dies, Die Alfred Schlösser GmbH in Gremmelsbach. 100

Alfred Schlösser GmbH Mechanische Klein- und Kleinstserien produziert die Alfred Schlösser GmbH. Ungenauigkeiten und Fehlern keine Nach­ sicht. Der Konkurrenzkampf der Zulieferer ist gnadenlos. Notgedrungen muß die Pro­ duktion vielseitig sein. Die Beschränkung auf wenige Produkte wäre zu risikoreich. Die Hauptmärkte liegen in der Feintechnik, Ge­ triebetechnik, im Maschinenbau, in der Umwelttechnik, der Uhren- und Geträn­ keindustrie. In diesem Augenblick führte Al­ fred Schlösser gerade ein Zubehörteil zu ei­ ner Zapfsäule für Gaststätten vor: ein Bei­ trag übrigens auch zu leichterer Reinigung, also besserer Hygiene. Wie meistert Alfred Schlösser dies alles? In jungen Jahren, erinnert er sich, kannte er den 8-Stunden-Tag selbstverständlich nicht, nicht einmal ein freies Wochenende. Tagsüber galt es zu produzieren, abends zu kalkulieren oder nachzukalkulieren für den nächsten Auftrag. Da sich die Konjunktur in Wel1enbergen und Wellentälern bewegt, in, wie er feststellt, immer kürzeren Abständen, heute von 4 bis 5 Jahren, ist für die „mage­ ren Jahre“ an ein Sicherheitspolster zu den­ ken, um seine qualifizierten Arbeiter nicht entlassen zu müssen. Gerade auf seine Mit­ arbeiter hält er große Stücke, ihnen stehen Sozialräume zur Verfügung, mit ihnen pflegt er ein partnerschaftliches Verhältnis. Voll Genugtuung betont er, auch in schwie­ rigen Zeiten niemanden entlassen haben zu müssen. Nur Lehrlinge kann er bei der Größe seines Betriebes nicht ausbilden. Ge­ genüber Lehrlingen in anderen noch viel­ seitigeren Betrieben und bei den heutigen Anforderungen in Technik und Theorie hät­ ten seine Lehrlinge ohne eigenen Lehrlings­ meister in der Industrie keine Chance. Für wichtig hält er auch das gute Verhältnis zur Hausbank, die ihm in Zeiten konjunkturel­ len Abschwungs ihre Hilfe nie versagt. Und schließlich: Bei allem Kosten-, Ter­ min- und Konkurrenzdruck spielen nüch­ terne Zahlen immer noch nicht die allein 101

Industrie, Handwerk und Gewerbe ausschlaggebende Rolle. Noch ist es auch das Profil einer Firma: die Tüchtigkeit aller Beteiligten, das Selbstbewußtsein aller: ,,Was andere können, müssen wir mindestens ge­ nauso gut können, eher noch etwas besser und schneller.“ Höchsten Rang hat in seinem Denken, die menschlichen Bindungen zu den Kunden auszubauen, seit Jahren bestehende Bezie­ hungen weiterzuentwickeln und die Zusam­ menarbeit fair und vertrauensvoll zu gestal­ ten. Deshalb sieht Alfred Schlösser auch mit Zuversicht in die Zukunft. Doch würden wir Alfred Schlösser einsei­ tig charakterisieren, wollten wir in ihm nur den Techniker und Geschäftsmann sehen. Zu ihm gehören auch seine Gremmelsba­ cher, seit Jahren ist er Mitglied des Ort­ schaftsrats, des Gemeinderats Triberg, er be­ kleidet das Amt des stellvertretenden Orts­ vorstehers, seit Jahren ist er Feuerwehr- mann, heute Oberfeuerwehrmann, er ist Herr aller „ Holzschuehklepfer“, seit jeher begeisterter „Fastnachter“, er ist Mitglied des Gesangvereins „Sängerlust“ in Triberg, und er setzt sich nach getaner Arbeit auch an den Stammtisch zu einem gemütlichen Ge­ spräch bei einem Glas Bier. Es zieht ihn je­ doch auch regelmäßig in die Feme, in sei­ nem Jahreslauf sind die Zwei- bis Viertages­ touren in den Bergen fest eingeplant, im Sommer macht er Wandertouren, im Win­ ter Skitouren. Er liebt die Natur. Seiner Na­ turverbundenheit kommt selbst die Lage sei­ ner Fabrik entgegen. Den Besuchern fällt auf, daß man, wo immer man zum Fenster hinaussieht, man in die unverdorbene Na­ tur, aufBach und Wald, aufWiese und Berg blickt. Karl Volk Wir verbinden Mensch und Technik Die Stein Automation GmbH in VS-Schwenningen Die Stein Automation GmbH mit Sitz in VS-Schwenningen ist seit über 25 Jahren ei­ ne gute Adresse für innovative Entwicklun­ gen und Produkte. Sie entwickelte sich vom Lohnfertiger (1969) zum Produktionsbe­ trieb. Heute besteht der grundsätzliche Sinn und Zweck der unternehmerischen Tätigkeit darin, den Kunden Produkte und Dienstlei­ stungen zur Verfügung zu stellen, damit sie ihre Fertigung und Montage human und gleichzeitig wirtschaftlich automatisieren können. Die Strategie ist dabei, Transport­ systeme möglichst komplett mit Logistik und Steuerung zu fertigen. Dabei werden Stein-Produkte immer höchsten Ansprü­ chen an Q9alität und Nutzen gerecht. Konsequentes unternehmerisches Han­ deln, das eigene Tun hinterfragen und stän- dig neue Marketing- und Produktideen ent­ wickeln stehen dabei genauso im Vorder­ grund wie die faire und partnerschaftliche Zusammenarbeit mit dem Kunden. Größtes Potential bei der Umsetzung sind die Mitar­ beiter. Sie arbeiten kooperativ und engagiert am gemeinsamen Erfolg, mit solidem Wis­ sen und beweisen praktisches Können. Da­ bei kommt der Stein-Geschäftsführung eine besondere Verantwortung zu. Denn eine wichtige Aufgabe ist es, die Mitarbeiter so zu motivieren, daß sie zielorientiert, engagiert und fair zusammenarbeiten. Nur so war der bisherige Erfolg möglich. Stein Automation ist in einem dynami­ schen Wirtschaftszweig tätig. Technologien und Führungssysteme, die heute effektiv sind, können morgen schon überholt sein. 102

Stein Automation GmbH – Um auch morgen den Ansprüchen gerecht werden zu können, sucht Stein auf Basis des eigenen Know­ hows fortwährend neue und besse­ re Wege zur Erfüllung der Aufgabe. Der beste Weg: Kundenzufrieden­ heit sowie innovative und zuver­ lässige Werkstückträger-Transport­ Systeme anzubieten – in der Folge kurz WTS genannt. Das Werkstückträger Transport­ System WTS behebt die Probleme Die Stein Automation GmbH in VS-Schwenningen. in vielen Betrieben: Modellvielfalt, kleine Chargen und hoher Termindruck, das erfordert die Möglichkeit einer schnellen und kostengünstigen Umrüstung aller Mon­ tageeinrichtungen. Deshalb wird in Zukunft der systeminterne Materialfluß in den Mon­ tage- und Produktionsanlagen immer wich­ tiger. Das WTS erfüllt diese Anforderungen. Das WTS von Stein Automation fährt ma­ nuelle, halb- und vollautomatische Arbeits- stationen sowie integrierte Prüfsysteme an. Das sichert einen durchgängigen Material­ fluß, gerade auch bei „chaotischer Produk­ tion“. Das Konzept des WTS beruht des­ halb auf modular aufgebauten Mechanik­ und Antriebstechnik-Elementen, die die spezifische Steuerung und Software für die interne Logistik miteinbeziehen. Die konsequente Umsetzung der Modul- Das Werkstückträger Transportsystem WTS ist vielfältig, hier eine Fertigung von Kajfeemaschinen. 103

Stein Automation GmbH an die jeweils aktuellen Anforde­ rungen anpassen. Diese komforta­ ble Lösung spart Zeit und Geld. Der PC ermöglicht auch den Zugriff auf statistische und auftragsbezogene Daten sowie vielfältigste hausinter­ ne Vernetzungen zu CIM, � und Statistik. Der Materialumlauf kann entsprechend unterschiedlicher lo­ gistischer Anforderungen frei pro­ grammiert werden. Seit kurzem ist für das WTS auch ei­ ne interaktive CD-ROM erhältlich. Darauf enthalten sind ein WTS­ Handbuch, eine ausführliche Onli­ ne-Hilfe, erklärende Video-Clips sowie Auszüge aus der Stein-Fir­ menphilosophie. SPY das zweite Standbein Das zweite Standbein von Stein, die Stein Dynamic GmbH, hat mit SPYein elektronisches Meßelement entwickelt, das.für Wanderer, Fahrradfahrer oder Jogger alle anfallenden Touren­ und Trainings-Daten speichert. technik ermöglicht die freie und schrittwei­ se Kombination der WTS-Elemente. Vom einzelnen Bandmodul, wie z. B. WTS Al­ pha als kostengünstiger Einstieg, bis zum kompletten Transport-System, das je nach Anforderung schrittweise erweitert oder umgebaut werden kann. Das WTS von Stein Automation ist über W indows schnell und einfach zu program­ mieren. Mit dieser Software kann die WTS­ Anlage spielend leicht programmiert wer­ den. Eine zentrale Datenverwaltung in in­ tuitiver Menütechnik hilft beim Anlagen­ Layout, bei der Programmierung und der Fehlersuche. Produktabläufe können an je­ dem windowstauglichen Personal-Compu­ ter erstellt und verändert werden. Mit einmal erstellten Programmen läßt sich die WTS-Anlage in Sekundenschnelle 104 Seit Mitte des Jahres 1996 bietet die Stein Dynamic GmbH – das zweite „Standbein“ – mit SPY ein völlig neues Produkt für Sportler an: Wenn man am Ende einer Fahr­ rad-, einer Jogging- oder Wander- Tour mehr wissen möchte als ledig­ lich „Touren -Zeit“ und „ Durchschnittsge­ schwindigkeit“, dann ist SPY genau das Richtige. Das elektronische Meßinstrument erfaßt und speichert alle anfallenden Touren-Da­ ten, wie momentane Höhe, Geschwindig­ keit, Gesamtkilometer oder Luftdruck in ei­ nen elektronischen Speicher. Nach Trai­ ningsende können diese Daten per Verbin­ dungskabel in einen handelsüblichen PC übertragen und dort grafisch ausgewertet werden. Im Laufe der Zeit entsteht eine Tourenda­ tei, anhand derer der Trainingserfolg abge­ lesen werden kann. Diese Daten stehen auch noch nach Jahren zur Verfügung. Das Auszeichnungsintervall wird über den PC eingestellt.

Bundespreis für innovatorische Leistungen Wieländer+ Schill mit „Airpuller AP 95″ weiter aufErfolgskurs Industrie, Handwerk und Gewerbe In Fachkreisen weltweit auf sich aufmerk­ sam machen konnte im letzten Jahr die „MV Marketing Vertriebs -GmbH & Co. KG Wieländer+Schill“ mit Sitz in Villingen­ Schwenningen, Siederstraße 50, die Karos­ serie-Spezialwerkzeuge für Automobile ent­ wickelt und vertreibt. Die 1974 von Gerold Wieländer und Josef Schill gegründete Fir­ ma arbeitet mit deutschen und europäi­ schen Automobilherstellern zusammen; sie beschäftigt 40 Mitarbeiter, die Hälfte davon im Außendienst. Seit 1994 wird das Unter­ nehmen von Josef Schill alleine geführt. Der Geschäftsinhaber nahm 1997 auf der 49. Internationalen Handwerksmesse in München den vorn Bundesminister für Wirtschaft verliehenen „Bundespreis für hervorragende innovatorische Leistungen für das Handwerk“ entgegen. Die Auszeich­ nung erhielt das Unternehmen für seine Neuentwicklung „Airpuller AP 95″. Hierbei handelt es sich um ein elektropneurnatisch gesteuertes Ausbeulsystern zur Behebung von Karosserieschäden. Hagelschäden, Längskratzer und kleine Beulen -auch an doppelwändigen Stellen der Fahrzeugkaros­ serie -lassen sich damit ohne aufwendiges Entfernen von Innenverkleidungen behe­ ben und die Arbeitszeiten für Reparaturen können um bis zu 70 0/o gesenkt werden. Weitere Vorteile neben der auf diese Weise erreichten Minimierung der Schadensko­ sten sind umweltfreundliche Energie-und Materialeinsparungen durch die Rettung von Altteilen nach der Maxime „instandset­ zen statt wegwerfen“. So sinkt im Vergleich zu herkömmlichen Reparaturmethoden der Verbrauch an Lack und anderen chemischen Produkten. Nach Schätzungen der DEKRA geben ,, Wieländer + Schill“ in Villingen-Schwenningen. 105

.Widändcr+ &hiU“ deutsche Autoversicherer für die Regulie­ rung von Hagelschäden pro Jahr zwischen 600 und 700 Millionen Mark aus, was er­ heblich zum Steigen der Versicherungstarife beiträgt. Durch den „Airpuller AP 95″ hofft die Firma „Wieländer+Schill“ diesem Trend gegensteuern zu können. Das Produkt ist weltweit zum Patent angemeldet und wird inzwischen in über 60 Ländern der Erde ver­ trieben. Anläßlich der Preisverleihung erklärte Fir­ menchef Schill: ,,Der Bundespreis für her­ vorragende innovatorische Leistungen ist ein sinnvolles und hilfreiches Gütesiegel und wird bei unseren künftigen Marketing­ maßnahmen eine zentrale Rolle spielen. Der Bundespreis stellt einen Anreiz für mit­ telständische Unternehmen dar zur Ent­ wicklung, Markteinführung und Anwen­ dung von Produktinnovationen.“ Dr. Helmut Rothenne/ Der „Airpuller AP 95″ im Einsatz. Das Produkt ist weltweit zum Patent angemeldet und ermöglicht kostengünstige Lackreparaturen an Autos. Bundeswirtschaftsminister Rexrodt überzeugte sich von der Qualität der „ Wieländer+Schill“-Entwicklzmg auf der 49. Internationalen Handwerksmesse in München. 106

Industrie, Handwerk und Gewerbe Rolf Bonnert und Otto Kaiser haben sich dem Dienstleistungssektor verschrieben MBK: Vier erfolgreiche Firmenzweige stetig weiterentwickelt und macht immer MBK -diese drei Buchstaben stehen für ein erfolgreiches Unternehmen, das nicht wieder durch innovative Neuerungen und Ideen in der Öffentlichkeit auf sich auf­ nur im Städtedreieck Donaueschingen, Hü­ merksam. Dem Dienstleistungssektor ge­ fingen und Bräunlingen einen guten Na­ men hat, sondern weit über die Grenzen des hört die geschäftliche Zukunft, das haben Schwarzwald-Baar-Kreises hinaus bekannt Rolf Bonnert und Otto Kaiser schon von ist. Vier verschiedene Firmenzweige hat die Anfang an erkannt. Hüfinger Firma MBK in der Hohenstraße Besonderen Wert legt die Hüfinger Firma 29 unter einem Dach vereint. Die beiden auf den Umweltschutzgedanken. Ein nah Geschäftsführer RolfBonnert und Otto Kai­ gelegenes Blockheizkraftwerk liefert die ser sind in Sachen „Sicherheitsdienst Bahn“ Wärme für die Betriebsräume. Wo immer es und „Schilder-und Fahrzeugbeschriftung“ geht, wird unnötige Verschwendung von ebenso kompetente Ansprechpartner wie in Ressourcen vermieden, voluminöses Ver­ den Bereichen „Elektrogroßhandel“ sowie packungsmaterial insbesondere im Bereich „Computer-und Software“. Im Laufe der des Computerhandels wiederverwendet. Jahre hat sich die MBK GmbH in der Ho­ MBK steht für die Familiennamen Mess­ henstraße mit ihren rund 50 Mitarbeitern mer (den von Frau Bonnert), Bonnert und MBK Hiefingen: am Firmensitz in der Hohenstraße 29 sind vier Geschäftszweige vereint, das seit 1991 in der heutigen Gesellschaftsform existierende Unternehmen beschiiftigt 50 Mitarbeiter. 107

!ndu tri, Handwerk und Gewerb Am personalintensivsten ist der Sicherheitsdienst entlang von Eisenbahnstrecken. M BK-Mitarbeiter war­ nen die Bauarbeiter mit ihrem Horn vor herannahenden Zügen. Kaiser. In der jetzigen Gesellschaftsform gibt es das erfolgreiche Unternehmen seit 1991. Damals schloßen sich Rolf Bonnerts ,,MB-Bewachungsdienst“ und der Elektro­ großhandel und Computer- und Software­ vertrieb von Otto Kaiser in einer GmbH zusammen. 480 �adratmeter Verkaufs-, Büro- und Schulungsräume in der Hohen­ straße bilden den Firmensitz. Bereits 1981 hatte Bonnert seinen MB-Be­ wachungsdienst gegründet, der für die Absi­ cherung von Baustellen an Bahngleisen ver­ antwortlich zeichnet. Zunächst unabhängig von seinem Geschäftspartner gründete Otto Kaiser 1987 einen Elektrogroßhandel, zwei Jahre später kam zusätzlich ein Computer­ fachhandel dazu. Weitere zwei Jahre dauer­ te es schließlich, bis die beiden Geschäfts­ leute gemeinsam an einem Strang zogen. Rolf Bonnert zeichnet heute für den techni- sehen Bereich verantwortlich, Otto Kaiser obliegt die kaufmännische Leitung. Im Dienste der Sicherheit Sowohl am umsatzstärksten als auch am personalintensivsten ist der Firmenbereich des Sicherungsdienstes. An allen Eisen­ bahnstrecken zwischen Offenburg und Ba­ sel, zwischen Stuttgart, Freiburg und Fried­ richshafen sorgen die MBK-Mitarbeiter an Baustellen für die Sicherheit der Arbeiter. Egal ob Bahnübergänge oder Tunnels repa­ riert, neue Gleise verlegt oder bestehende Schienenstränge mit Schotter aufgefüllt wer­ den, die mit grellen Warnwesten gekleideten Sicherungsposten sind wahrscheinlich Mit­ arbeiter von MBK Ausgestattet mit einem Horn warnen die „Sipos“ die Bahnarbeiter vor herannahenden Zügen und überneh- 108

men so einen verantwortungsvollen Dienst, der Engagement und Aufmerksamkeit for­ dert. Neben der Deutschen Bahn AG zählt auch die Schweizerische SBB zu den Kunden. Eidgenössische Aufträge werden über das in Neuhausen/Rheinfall sitzende Tochterun­ ternehmen „MB-Sicherheitsdienst AG“ ab­ gewickelt. Ebenfalls zum Bereich „Bahnabsicherung“ gehört der MBK-Winterdienst, der mit Hil­ fe eines 16 Fahrzeuge umfassenden Maschi­ nenparks bewältigt wird. Die Männer von MBK sorgen dafür zuständig, daß die Höl­ lentalbahn und die Schwarzwaldbahn zwi­ schen St. Georgen und Engen im Winter schnee- und eisfrei sind. Nicht zuletzt über­ nehmen die „Sipos“ auch Vegetationsarbei­ ten – mähen Bahnböschungen und kürzen Sträucher, damit die Zugführer „freie Bahn“ haben. Den wohl spektakulärsten Auftrag erhielt die Hüfinger Firma 1992, als im Bahnhof Schluchsee-Seebrugg radioaktiv belasteter Schotter fachmännisch entsorgt werden mußte. Maßgeblich an Sicherungsaufgaben beteiligt war MBK beim Neubau des Spur­ planstellwerkes Donaueschingen in den Jah­ ren 1980 bis 1984 und bei der Neuerstellung des Spurplanstellwerkes Konstanz in den Jahren 1984 bis 1988. Von 1988 bis ins Früh­ jahr 1997 waren die MBK-Männer auf der schweizerischen Großbaustelle N4/ Umfah­ rung Schaffhausen als Sicherheitskräfte im Einsatz. Wenn die Waschmaschine leckt Der Versand von Ersatzteilen für Küchen­ herde, Waschmaschinen, Kühlschränken und Geschirrspüler im Großhandel bildet ein zweites geschäftliches Standbein. Für rund 1500 verschiedene Maschinentypen haben Kaiser und Bonnert Ersatzteile ver­ sandfertig auf Lager. Beliefert werden Händ­ ler im gesamten Bundesgebiet. Um die nicht gerade umweltfreundliche Flut von Ersatz- MBK GmbH Hüfingen Auch Kundendienst und der Handel mit Ersatz­ teilen gehören zum Geschiiftifeld von MBK. teilkatalogen einzudämmen, bietet MBK seit Mitte 1997 die gesamte Palette im In­ ternet auf einer eigene Homepage an (www.mbk.de). Per Mausklick können die Händler online die benötigten Maschinen­ teile bestellen. Ein weiterer Vorteil des „elek­ tronischen Ersatzteillagers“ besteht in der Aktualität des Bestandes. PC- Kundendienst Im Geschäftszweig „Computer und Soft­ ware“ steht der Kundendienst an erster Stel­ le. MBK bietet nicht nur Computer für den Einzelarbeitsplatz oder ganze Netzwerklö­ sungen von Novell, auch die individuelle Beratung und die Wartung und Pflege nach dem Kauf steht bei MBK hoch im Kurs. Zahlreiche Firmenkunden, Behörden, Ärz­ te, Kommunen und andere professionelle Anwender in ganz Südbaden sind zufriede­ ne Kunden der Hüfinger Firma. In der eige- 109

MBK GmbH Hüfingen den Geschäftspartner in Sachen computerunterstützte Folien­ beschriftung einig. Kernpunkt des vierten Firmenstandbeins sind zwei moderne PC-Folien­ schneidegeräte, mit denen prä­ zise Beschriftungen und Halb­ tonbilder völlig ohne Chemie­ einsatz möglich sind. Schädli­ che Lösungsmitteldämpfe, wie beispielsweise bei der Beschrif­ tung mittels Siebdruck, gibt es bei MBK nicht. Im PC-Archiv befinden rund 5 500 Schriftschnitte und 60 000 ver­ schiedene Piktogramme und Lo­ gos gespeichert, auf die bei Be­ darf jederzeit zurückgegriffen werden kann. sich Egal ob Bandenwerbung für das heimische Fußballstadion, ob Firmen-LKW oder Privat­ Folienbeschriftung und Foliendruck e,:folgt bei MBK ganz ohne PKW, Boot, Flugzeug, Hub­ schrauber oder Wegleitsysteme Chemieeinsatz. für Firmen oder Gemeinden, mit der in unzähligen Farbnuancen vorräti­ gen Klebefolie ist MBK für alle „Beschrif­ tungsprobleme“ gerüstet. Zu den Kunden gehören Banken und Behörden ebenso wie Kommunen und Schulen. Kein Problem für MBK ist auch die unverzügliche Lieferung von Verkehrszeichenanlagen inklusive dem sofortigen, fachmännischen Einbau. nen Werkstatt sorgen Fachleute dafür, daß die Festplatte des PC wieder einwandfrei funktioniert und die Software ohne unsin­ nige Fehlermeldungen ihren Dienst tut. ,,GIS“, Geographisches-Informations-Sy­ stem, so heißt die allerneueste Software, die MBK insbesondere für Firmenkunden und Kommunen anbietet. Mit deren Hilfe ist es möglich, statistisches Zahlenmaterial auszu­ werten und mit geographischen Daten ge­ koppelt zu präsentieren. Wenn der Firmen­ chef wissen möchte, in welchem Bundes­ land seine Vertreter den größten Umsatz gemacht haben oder wenn der Kommu­ nalbeamte einen Stadtplan benötigt, auf der die Einwohnerstruktur dargestellt ist, leistet GIS wertvolle Hilfe. Folien für Fahrzeugbeschriftung Es gibt fast nichts, das von MBK nicht be­ schriftet werden könnte, so sind sich die bei- 110 Ein gelungenes Referenzobjekt in Sachen Beschriftung hat MBK direkt vor der Haus­ türe. Das gesamte Wegleitsystem der Stadt Hüfingen kommt von MBK. Die hölzernen Ortseingangsschilder mit dem Hüfingen­ Logo stammen ebenso von MBK wie die weißen Hinweisschilder, die den Fremden in der Bregstadt den Weg zu öffentlichen Einrichtungen und den ortsansässigen Fir- men weisen.

Ein Sägewerk mit modernster Technik Waldemar Finkbeiner und seine Steinbissäge in Triberg- Gremmelsbach Industrie, Handwerk und Gewerbe Waldemar Finkbeiner ver- fügt über alle Eigenschaften, die man an einer modernen Unternehmerpersönlichkeit schätzt: den Einblick in die großen wirtschaftlichen Zu­ sammenhänge, die Fähigkeit, Entscheidungen ruhig abzu­ wägen, Weitblick, die nötige Entschlußkraft, sie in die Tat umzusetzen, eine nimmer­ müde Schaffenskraft, Ver­ handlungsgeschick, Grund­ satztreue, in kritischen Situ­ ationen Wagemut, Gemüt­ haftigkeit, die selbst im Tadel den Schalk aus den Augen­ winkeln blitzen läßt, er ge­ hört zu den Arbeitgebern, de­ nen das Wohl und Wehe ihrer Waldemar Finkbeiner Angestellten am Herzen liegt und die deshalb ihren Betrieb in partner­ schaftlicher, eigentlich schon familiärer At­ mosphäre führen. Für sie ist er da, ihnen ge­ genüber fühlt er sich verantwortlich, und so kommen sie denn auch bei schwierigen per­ sönlichen Entscheidungen oder mit wel­ chen Problemen auch immer zu ihrem Chef und holen seinen Rat. Sein Lebensweg verlief geradlinig und schien vorgezeichnet. 1928 geboren, leitete der Angehörige der Aufbaugeneration die Steinbissäge in Gremmelsbach nach Volks­ schule, Realgymnasium Triberg, Schanzar­ beiten im Elsaß, Wehrertüchtigung, Volks­ sturmausbildung und Reichsarbeitsdienst, nach Abitur, Lehre als Sägewerker, Handels­ schulausbildung in Freiburg, Studium am Holztechnikum in Rosenheim mit dem Ab­ schluß als Diplombetriebswirt (1953). Un­ mittelbar danach trat er in den elterlichen Betrieb ein und übernahm im Jahr seiner Verheiratung mit Ehefrau Helene 1955 die volle Verant­ wortung für den Betrieb, sein VaterTheophil konnte sich in sein Privathaus an der Bun­ desstraße zurückziehen. Damals besaß die Steinbis­ säge neben einem Traktor und einem Lastwagen noch die drei legendären schweren Pferde (siehe Bild auf Seite 155), mit deren Hilfe es allein möglich war, den Betrieb über den Zweiten Weltkrieg hinweg zu retten. Neben die­ ser Attraktion des Werkes gehörte auch die Spiralturbi­ ne mit ihren 70 PS für die Stromerzeugung mit dem Wasser aus der Gutach dazu. Erst 1947 erhielt das Werk zu­ sätzlichen Fremdstrom. Für Waldemar war eine seiner ersten Arbeiten, die Gleich­ strommotoren auszubauen und solche für Wechselstrom anzuschaffen. Was unternehmerischen Sinn bedeutet, hatte er bei seinem Vater lernen können, der 1922 mit einer leeren Sägewerkshalle begin­ nen mußte. Zug um Zug wurde der Betrieb erweitert, verändert, vergrößert, mit neuen Maschinen und Einrichtungen versehen, Hebezeugen, Rollengängen, Förderbän­ dern, Kranbahnen. Nur in den Kriegs-und ersten Nachkriegsjahren lief auf diesem Ge­ biet nichts. Gewaltig hat sich danach die Ar­ beit und das Berufsbild des Sägers (in dop­ peltem Sinne) verändert. Die Arbeit ist leichter geworden, sie ist aber auch schneller geworden. Stapler bringen die Schnittware an jede gewünschte Stelle, die „Arche“, die Bretterbeige, muß nicht mehr bestiegen wer­ den. Und im Ansehen junger Leute ist der 111

Industrie, Handwerk und Gewerbe Sägerberuf gestiegen. Die Zeiten, wo dem ,,Metall“ der absolute Vorzug gegeben wur­ de, sind vorbei. Von 1975 bis 1990 hat Wal­ demar Finkbeiner 40 Lehrlinge ausgebildet. Natürlich müssen ausgebildete Säger auch noch Werkzeuge schärfen, wechseln, repa­ rieren und Maschinen pflegen können, aber ohne Beherrschung des Computers läuft nichts mehr. All diese Arbeiten hat Walde­ mar Finkbeiner immer auch selbst ausge­ führt, war ein Arbeiter erkrankt, nahm er dessen Stelle ein. Die Problematik der Steinbissäge war im­ mer wieder ihre Topographie: die Enge des Tales und die Bundesstraße, die mitten durchs Werk führte. Daß bei ihrer Frequen­ tierung nie ein Unfall geschah, erscheint heute wie ein Wunder. Erst in jüngster Zeit gab es „Luft“. Die Verbandskläranlage hatte 1988 die Verlegung der Straße mit der Tun­ nellösung im Gefolge, die bisherige Bun­ desstraße wurde zur Gemeindestraße abge- stuft, deren Randstreifen für die Holzlage­ rung genutzt werden kann, und für eine mo­ derne, ausreichend große Werkshalle wur­ den riesige Felsmassen abgetragen. Dies war die größte Investition, die kühnste unter­ nehmerische Leistung, die Waldemar Fink­ beiner mit seinem Sohn Andreas vollbrach­ te. Aber sie war notwendig. Die Konkurrenz mußte eingeholt und überholt werden. Der Betrieb stand vor der Wahl: in vergrößertem Maßstab mit der neuesten Technik weiter­ machen zu können oder aufgeben zu müs­ sen. So dramatisch war die Situation! Aber dadurch wurde aus einem mittleren Betrieb ein Großbetrieb mit Zukunft, der modern­ ste in weitem Umkreis. Heute ist die Fami­ lie glücklich, daß sie diesen Schritt gewagt – und hinter sich gebracht hat. Und der Absatz? Die Firma Finkbeiner lie­ fert 50 0/o der Schnittwaren ins benachbarte Ausland. Abnehmerländer sind Frankreich, Holland, Belgien, die Schweiz; die andere Die Steinbissäge in Triberg-Gremmelsbach aus der Vogelperspektive. 112

Hälfte verteilt sich auf den hiesigen Raum, etwa 50 bis 60 km im Umkreis, aber auch nach Norddeutschland. In diesem Zusam­ menhang nennt Waldemar Finkbeiner den „Euro“ als höchst sinnvolle Neuerung. Er wäre ein Segen für die exportierende Wirt­ schaft. Die Globalisierung ist eine Tatsache, auf die auch eine Sägerei mit verstärkter La­ gerhaltung und schlagkräftigem Angebot reagieren muß. Eine sichere Organisation muß dahinterstehen, wenn im Dreiviertel­ stundentakt jeden Tag etwa 14 Lastwagen Rundholz anliefern und dieselbe Zahl mit den Endprodukten (Balken, Dielen, Bret­ tern) den Betrieb wieder verläßt, mit Schnittholz, mit Hackschnitzeln, mit Säge­ spänen und mit Rinde, 360 Tonnen pro Tag. 30 Mitarbeiter finden in der Steinbissäge Arbeit, viele sonstige im Umfeld auch. Auf alle Wandlungen und Veränderungen hat Waldemar Finkbeiner auf seine ganz persönliche Weise reagiert. Obwohl er die Grenze zum Rentenalter überschritten hat, fungiert er als Teilhaber im Betrieb weiter, dies jedoch mit voller Arbeitszeit wie eh und je von 6.30 Uhr bis 18 Uhr – und auch spä­ ter ist er erreichbar. Die kaufmännische Sei­ te ist sein Teil, und er beherrscht ihn, wie man ihn nur beherrschen kann. ,,Wenn man nicht alles weiß, weiß man nichts.“ Aber man muß auch wissen, wofür man ar­ beitet. Hätte er seine Frau Helene und seine Familie – mit drei Kindern – nicht, es wäre alles anders. Immer waren sie sich eine ge­ genseitige Stütze, Helene packte im wörtli­ chen Sinn mit beiden Händen zu, wenn es sein mußte, sogar nachts, mit ihr bespricht er alle Sorgen, trägt er allen Verzicht. Urlaub hatte für beide Seltenheitswert. Helene lei­ stet heute noch immer Kurierdienste für die Firma, fährt jeden Morgen zur Post und zur Bank nach Triberg, holt, wenn nötig, auch einmal Ersatzteile in Villingen oder Tübin­ gen. Waldemar Finkbeiner fühlt sich außer sei­ nem Betrieb auch seiner Gemeinde ver­ pflichtet. War sein Vater Theophil schon Die Steinbissäge jahrzehntelang stellvertretender Bürgermei­ ster in Gremmelsbach, so wurde der Sohn nach dessen Ausscheiden aus diesem Amt 1965 in den Gemeinderat gewählt und wirk­ te nach der Gemeindereform 1974 noch zehn Jahre als Ortschaftsrat, so lange, wie er es selbst wollte. Sein Wort hatte in der Ge­ meindevertretung Gewicht. In seiner Zeit nahm Gremmelsbach einen stürmischen Aufschwung mit dem Straßenbau, dem Schulhausbau und dem Bau der Ausseg­ nungshalle, auch die schwere Entscheidung der Eingemeindung fiel in seine Zeit. Und schließlich weiß Waldemar Finkbei­ ner um den Wert von Leib und Leben, von Hab und Gut. In seinen Jugendjahren trat er der Freiwilligen Feuerwehr Gremmelsbach bei, besuchte regelmäßig die Proben und be­ teiligte sich an den Wettkämpfen und Einsätzen – 33 Jahre lang. Der Oberfeuer­ wehrmann ist heute Ehrenmitglied. Waldemar Finkbeiner ist auch Kavalier der Straße. Er rettete zwei Menschen das Leben. In der engen Kurve unterhalb seines Säge­ werks schleuderte ein PKW und stürzte in die reißende, eisige Gutach. Bis zur Brust im Wasser stehend, konnte er die Türe öffnen, das verletzte Ehepaar an den Bachrand ret­ ten und mit Decken vor dem Erfrieren be­ wahren, bis das Rote Kreuz eintraf Zu seinem Verantwortungsbewußtsein ge­ hörte auch, den Betrieb rechtzeitig mit Voll­ endung seines 65. Lebensjahres seinem Sohn Andreas zu übergeben, der ihn mit dem gleichen Elan weiterführt, wobei ihm die Erfahrung und Arbeitskraft des Vaters auch weiterhin zur Verfügung steht. Wenn er 1998 in sein siebtes Lebensjahr­ zehnt tritt, so wünschen ihm nicht nur sei­ ne Familie und die Betriebsangehörigen, daß ihm in seinem wohlbestellten Haus die Freude an der Arbeit erhalten bleibt, seine Vitalität, seine Integrationsfähigkeit – wie er es selbst will: zum Wohl seiner Mitmen­ schen. Karl Volk 113

Industrie, Handwerk und Gewerbe Hirth-Fahrzeugbau eine führende Adresse Das Niedereschacher Unternehmen produziert Anhänger aller Art Die Firma Hirth Fahrzeugbau GmbH in Niedereschach ist eine der führenden Adres­ sen in Baden-Württemberg, wenn es um An­ hänger jeglicher Art geht. In Zeiten der Glo­ balisierung der Märkte ist die Firma, die ihr eigentliches Einsatzgebiet schwerpunkt­ mäßig in Baden-Württemberg hat, in ganz Deutschland und im nahen Ausland, so auch in der Schweiz, tätig. 1953 gründete Bruno Hirth sen., dessen Vorfahren in Niedereschach seit Generatio­ nen das Schmiedehandwerk ausübten, ei­ nen Fahrzeugbaubetrieb. Aus bescheidenen Anfängen entwickelte Bruno Hirth die Fir­ ma zu einer leistungsfähigen und weithin bekannten Fahrzeugfabrik. Das Fertigungs­ programm umfaßt den Bau von PKW-An­ hängern, landwirtschaftlichen Anhängern, kleinen PKW-Anhängern, Auto-und Bau­ maschinentransportern, Koffer-und Kühl­ anhängern, Markt-und Verkaufsanhängern bis hin zu LKW-Anhängern. Kurzum: die Firma Hirth Fahrzeugbau produziert und verkauft Anhänger aller Art. Spezielle Aufbauten und Sonderfahrzeuge sind für die Firma Aufgaben, denen sie sich erfolgreich stellt. Markenzeichen für alle Hirth-Anhänger ist deren große Stabilität, die daraus resultierende lange Lebensdauer sowie die vielseitige Verwendbarkeit, was gleichbedeutend mit einer hohen Wirt­ schaftlichkeit ist. Nicht umsonst besitzt die Firma Hirth seit Jahrzehnten in Industrie, Landwirtschaft, Handwerk und Gewerbe sowie auf dem pri­ vaten Sektor einen guten Ruf. Steigende Nachfrage, auch in Zeiten, die wirtschaftlich schwierig sind, eine treue und langjährige Stammkundschaft beweisen eindrucksvoll die Leistungsfähigkeit der Niedereschacher Firma, bei der sich die Mitarbeiter und Mit­ arbeiterinnen voll und ganz mit dem Be- Das Niedereschacher Unternehmen Hirth-Fahrzeugbau beschiifiigt 25 Mitarbeiter. 114

Hirtb·Fahrzeugbau und Mitarbeiterin­ nen zur Firma, die zwischenzeitlich von Bruno Hirth jun. und dessen Ehefrau Rosemarie mit viel Engage­ ment, Erfolg und ganz im Sinne sei­ nes Vaters geführt wird. Nachdem Bruno Hirth jun., er ist der Sohn des Fir­ mengründers, 1985 vor der Hand- werkskammer in Kaiserslautern mit gutem Erfolg seine Meisterprüfung im Ka­ rosseriebauerhandwerk abgelegt hatte, über­ nahm er 1989 den elterlichen Betrieb. Zwei Jahre später erweiterte die inzwischen in ei­ ne GmbH umgewandelte Firma um eine neue Produktionshalle. Eine ständige Verkaufsausstellung zeigt heute die umfangreiche Palette von Produk­ tions-und Handelsfahrzeugen der Firma Hirth. Daß die Firma nicht nur im Schwarz­ sondern wald-Baar-Kreis, weit darüber hinaus be­ kannt ist, liegt sicher auch daran, daß man seit Jahr­ zehnten an der Südwest­ messe in Villingen-Schwen­ ningen teilnimmt. Bereits bei der dritten Südwestmes­ se war die Niedereschacher Firma präsent und hat da­ mit die Zeichen der Zeit ein­ mal mehr verstanden. Den Weg der Südwestmesse zu einer großen Regionalaus­ stellung hat die Firma Hirth, die stets im Freigelände der Messe zu finden ist, mit be­ gleitet. Doch auch in Nie­ dereschach selbst war die 115 Hirth-Einachs- und Tandem-Durchfahrtieflader. trieb identifizieren. Sicher ist auch dies ein wichtiger Beitrag für den hohen �alitäts­ standart der Hirth-Anhänger. Viele lang­ jährige Mitarbeiter, teils seit Jahrzehnten für die Firma tätig, konnten in der zurücklie­ genden Zeit für ihre Betriebstreue geehrt werden. Die Familie Hirth weiß um ihre Ver­ antwortung auch für die Menschen der Re­ gion, gerade in Zeiten hoher Arbeitslosig­ keit. Immerhin zählen heute 25 Mitarbeiter Hirth-Dreiseitenkipper .far extreme Belastbarkeit.

Hirth-Fahrzeugbau Hirth-Fahrzeugbau in Niedereschach Firma Hirth schon bei der ersten Gewerbe­ ausstellung mit dabei. Trotz der immer schwieriger werdenden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen se­ hen Bruno Hirth jun. und seine Frau Rose­ marie optimistisch in die Zukunft. Dank der Qialitätsarbeit, die bei der Firma Hirth ge­ leistet wird, wird der Betrieb auch in Zu­ kunft den Erfordernissen und Ansprüchen gewachsen sein. Daß der Firmengründer Bruno Hirth sen. und dessen Frau Agnes trotz des Ruhestandes nach wie vor mit Rat und Tat mithelfen, ist für den Familienbe­ trieb eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Und so ist es nicht verwunderlich, daß man auch den Seniorchef und die Seniorchefin immer wieder in Aktion sieht, so auch bei Die warme Stube Schneeflocken rieseln, fallen ganz sacht. Verwandeln die Wiesen mit weißer Pracht. Eisblumengebinde am Fenster reifen zu Blütenbildern an allen Scheiben. 116 der Südwestmesse in Villingen­ Schwenningen, wo sie aktiv an der Kundenberatung- und be­ treuung teilgenommen haben. Ihr Herzblut hängt nach wie vor an der Firma, an den dort be­ schäftigten Menschen und an den Kindern und bereits auch Enkelkindern, die vielleicht in ei­ nigen Jahrzehnten einmal die Verantwortung für die Firma Hirth Fahrzeugbau übernehmen werden. Daß die Leitung eines Betriebes wie die Firma Hirth Fahrzeugbau größtes Engagement und einen großen zeit­ lichen Aufwand verursacht, sei hier nur am Rande erwähnt. 60 bis 80 Stunden in der Woche sind da, wie bei vielen Familienbe­ trieben im Schwarzwald-Baar-Kreis, keine Seltenheit. In Niedereschach jedenfalls ist man froh, mit der Firma Hirth einen weite­ ren Betrieb zu haben, der mit Optimismus und Elan, gepaart mit Fleiß, Können und Einsatzwillen, die Zukunft meistern will und damit Arbeitsplätze am Ort erhalten und vielleicht sogar zusätzlich schaffen wird. Solche Betriebe, und derer gibt es in Niedereschach einige, bilden das Rückgrat der Niedereschacher Wirtschaft. Albert Bantle Das Feuer im Ofen gar lustig flackert, glühende Kohlen, spielende Schatten. Die warme Stube, das schützende Dach, selige Ruhe trotz Wintersnacht. Margot Opp

Persönlichkeiten Trotz Karriere ein bescheidener Mensch Bürgermeister und Kreisrat Siegfried Baumann und sein Unterkirnach 7. Kapitel/ Almanach 98 Die gute Entwicklung des Landkreises ist nicht zuletzt Kreistagsmitgliedern zu verdanken, die dessen Werdegang von der Gründung bis heute mit Sachkenntnis begleitet haben. Bereits im ver­ gangenen Jahr stellte die Almanach-Redaktion die Kreisräte Günter Laujfer (St. Georgen) und Elmar Österreicher (Dauchingen) vor, die seit der ersten Wahlperiode 1973 die Geschicke des Krei­ ses mitbestimmten. Aus Anlaß des 25jährigen Bestehens des Sch warzwald-Baar-Kreises wer­ den aiif den folgenden Seiten die übrigen Kreisparlamentarier porträtiert. Siegfried Baumann ist 1938 in Nie­ dereschach geboren. In den Jahren des Zwei­ ten Weltkrieges herangewachsen, hat er aus der Not dieser Zeit heraus Sparen und Be­ scheidenheit gelernt. Sein Vater war Post­ beamter, und es war sicher in seinem Sinne, daß der Sohn ebenfalls die Beamtenlauf­ bahn bei der Post begann. Nach der Lehre war sein Tätigkeitsgebiet vorwiegend im Be­ reich der Bahnpost. ,,Diese Arbeit hat mir sehr viel Spaß gemacht, und gerne wäre ich dort geblieben“, so Bürgermeister Baumann heute. Doch bald mußte er feststellen, daß es in einem großen Staatsbetrieb beim be­ ruflichen Weiterkommen nicht nur auf Fleiß und Können ankam, sondern auch auf das Zuwarten, bis man an der Reihe war. Aber gerade das Zuwarten ist etwas, was dem heu­ tigen Bürgermeister nicht liegt. So wechsel­ te er 1961 zur Kommunalverwaltung, ab­ solvierte die Lehrgänge für den mittleren und gehobenen Verwaltungsdienst und leg­ te 1965 die Inspektorenprüfung ab. Beim Siegfried Baumann Landratsamt Villingen war er in der Folge Sachbearbeiter im Ausgleichsamt und Leiter des Rechnungsprüfungsamtes, danach im Rathaus in Deißlingen Leiter des Hauptam­ tes und des Rechnungsamtes. Im Herbst 1967 stellte sich Siegfried Bau­ mann neben drei Konkurrenten in Unter­ kirnach der Bürgermeisterwahl. Mit 88 Pro­ zent der Stimmen wurde er bereits im ersten Wahlgang gewählt. Ebenso erfolgreich wa­ ren die Wiederwahlen 1975, 1987 und 1995. Bei der letzten konnte Bürgermeister Bau­ mann 91,2 Prozent der gültigen Stimmen auf sich vereinen. Zitat von Gemeinderäten 117

Siegfried Baumann nach der W iedeiwahl, nachzulesen in einer Tageszeitung am 6. November 1995: ,,Einen Besseren können wir nicht haben.“ Vor 25 Jahren kandidierte Bürgermeister Baumann als Mitglied der CDU erstmals für den Kreistag, dem er mit Unterbrechung heute noch angehört. Als im Februar 1968 Bürgermeister Bau­ mann sein Amt in Unterkirnach antrat, wa­ ren seinem Tatendrang keine Grenzen ge­ setzt: Unterkirnach war ein kleiner land­ wirtschaftlich orientierter Ort mit dürftiger Infrastruktur, ohne Kindergarten, Fried­ hofskapelle, Sportanlagen, ja nicht einmal eine ausreichende Straßenbeleuchtung war vorhanden. Unter Bürgermeister Baumann entwickelte sich Unterkirnach zu einem be­ deutenden Luftkurort mit großem Erho­ lungs- und Freizeitwert. Viele Sporteinrich­ tungen wie Sporthalle, Turn- und Festhalle, Gartenhallenbad mit Kinderplanschbecken, Sportplatz mit Kunstrasenbelag, Tennisplät­ ze, Kegelbahnen und im Winter mehrere Kilometer gespurte Loipen stehen heute zur Verfügung, ebenso Wildpflanzenpark und Streichelzoo. Beispielhafte Ortskernsanierung Der Fremdenverkehr steigerte als Mittel zum Zweck auch den Wohnwert für die Einheimischen. Nach dem Bau der Umge­ hungsstraße nahm Bürgermeister Baumann die Ortskernsanierung in Angriff. Es wurde ein verkehrsberuhigter Bereich mit Dorf­ bach, Baumallee und Kieschtockbrunnen geschaffen. Eine weitere Attraktion entstand mit der Kirnachmühle. Auch den Erhalt der kommunalen Selbständigkeit bei der Ver­ waltungsreform haben die Unterkirnacher im wesentlichen dem Einsatz von Bürger­ meister Baumann zu verdanken. Neben den vielfältigen Investitionen steht bei Bürgermeister Baumann der Bürger als Mensch im Vordergrund. Er hat ein Herz für Kinder und Jugendliche. Eine Vielzahl von Kinderspielplätzen und umfangreichen Kin- 118 derprogrammen, die neben den Feriengä­ sten auch von den Einheimischen gerne be­ sucht werden, wurden geschaffen und ange­ boten. So kommt es nicht von ungefähr, daß Unterkirnach 1990 Bundessieger beim Wettbewerb „Familienferien in Deutsch­ land“ wurde. Bürgermeister Baumann hat auch dafür gesorgt, daß die Jugendlichen im „Combi“, einem von Fachkräften betreuten Jugendkeller, ein „Zuhause“ haben. In den Vereinen die Mitglieder zu moti­ vieren, ist ebenfalls eine Stärke von Bürger­ meister Baumann. Beim Bau des Sportler­ treffs hatte er für die 298 ehrenamtlichen Helfer im Alter von 6 bis 74 Jahren die frei­ willigen Arbeitseinsätze während der nahe­ zu dreijährigen Bauzeit Woche für Woche organisiert und selbst an der Baustelle Hand angelegt. Die Sportgemeinschaft, deren Ge­ schäftsführer Bürgermeister Baumann heu­ te noch ist, erhielt hierfür im März 1986 den Hauptpreis der Landesregierung beim Wettbewerb „Kommunale Bürgeraktionen“. Der Bürgermeister als Mensch war auch gefragt, als in der damals rund 2 100 Ein­ wohner großen Gemeinde ab Juni 1989 im Areal Maria Tann bis zu 600 Aussiedler un­ tergebracht wurden. Seine Bemühungen für ein menschliches Miteinander brachten der Gemeinde beim Bundeswettbewerb „Vor­ bildliche Integration von Aussiedlern in der Bundesrepublik Deutschland“ die Verlei­ hung der Silberplakette. Trotz des beruflichen Erfolges ist Bürger­ meister Baumann immer bescheiden geblie­ ben. Er hält sich fit durch seine Hobbys Rad­ fahren, Wandern in der erholsamen Natur und durch Tennis. Einen großen Wunsch hat er allerdings noch offen, und zwar ein bißchen mehr Zeit für seine von ihm über alles geschätzte Familie. Elfriede Dufner

Stets ein Anwalt der Bürger geblieben Kreisrat Lukas Duffner von Kindesbeinen an mit der Landwirtschaft verbunden Persönlichkeiten Lukas Duffner wurde 1929 in Ettenheim geboren und wuchs dort mit einem Bruder und einer Schwester auf. 1944 flüchtete die Familie ins Elsaß und kam nach Kriegsende zurück in den Schwarzwald, wo sie im Raum Triberg/Schonach zunächst Unterschlupf fand. Bald darauf wurde Lukas Duffner von den Franzosen verhaftet, konnte aber schon bald flüchten und ein Bekannter hielt ihn ei­ ne Zeitlang in Schonach versteckt. Dort lernte er auch seine spätere Ehefrau Alma Dold vom Schneiderjockelhof kennen und heiratete 1950 auf den Hof. Mit Alma Dold hatte er 7 Kinder. Das jüngste war gerade drei Jahre alt, als Alma 1974 starb. Nach diesem harten Schlag heiratete er 1978 seine jetzige Ehefrau Marianne aus Düsseldorf. Sie brachte 2 Kinder mit in die Ehe. Mit ihr hat der Kreisrat ein gemeinsa- mes Kind. Von Kindesbeinen an verdiente Lukas Duffuer seinen Lebensunterhalt in der Landwirtschaft. Auf der Suche nach ei­ nem Einkommen nach den Kriegswirren kam er 1954 zum ersten motorgetriebenen Schneeräumfahrzeug in der Region. Im Jahr 1965 begann er mit dem Neubau seines Ho­ fes. Als zweites Standbein begann er, den Hof touristisch zu erschließen. Aus den gu­ ten Erfolgen entwickelte sich sein jetziger Lebensunterhalt, der Betrieb des Kultur­ denkmals Reinertonishof. Zur Politik: Im Jahr 1965 stieg Lukas Duff­ ner bei der SPD in die Politik ein und wur­ de als jüngstes Mitglied in den Kreistag des damaligen Landkreises Donaueschingen gewählt. Bei den folgenden Wahlen hatte er immer sichere Mehrheiten, was er auf seine kontinuierliche Arbeit zurückführt. Von Kreisrat Lukas Du.ffezer vor seinem denkmalgeschützten Reinertonishof in Schönwald. 119

Lukas Duffncr 1966 bis 1975 war der engagierte Kreisrat im Agrarausschuß tätig. 1966 war er Mitgrün­ der des SPD-Ortsvereins Schönwald, des­ sen Vorsitz er bis heute mit dreijähriger Unterbrechung innehat. Außerdem ist er Ehrenbürger der langjährigen Partnerstadt Bourg Archard. Sein gesamtes Wirken ist vom Hauptthe­ ma Landwirtschaft und Kampf gegen zuviel Bürokratismus geprägt. Dabei habe es an­ fängliche Schwierigkeiten gegeben, denn die Landwirtschaft sei bis dahin kein Thema im Kreistag gewesen. In der ersten Zeit wurde Duffner von Fraktionssprecher Dr. Eddinger angeleitet, der ihm wertvolle Tips geben konnte. Duffuer lernte auch, daß geschlos­ senes Auftreten auch bei scheinbar aus­ sichtslosen Anliegen etwas bewirken kann. Über Parteizugehörigkeiten muß nach sei­ ner Ansicht auch mal um der Sache willen hinweggesehen werden, denn: ,,Um Mehr­ heiten zu haben, muß man Kompromisse eingehen können“, ist einer seiner Leitsätze. Er will mit allen Fraktionen zusammenar­ beiten, wendet sich bei Anliegen von Bür­ gern auch schon mal direkt an den zustän­ digen Sachbearbeiter einer Behörde. Durch die langjährige Arbeit hat Lukas Duffner auch gute Kontakte zu den Behörden in Freiburg und Stuttgart, was ihm gelegentlich hilft, seine Ziele zu erreichen. Unkonventionelle Wege einzuschlagen, fällt dem rührigen Kreisrat nicht schwer. So hat er einmal beim Ausflug des Kreistages in Wien bei einem Spaziergang mit den Kolle­ gen den Einbau einer neuen Küche im Landwirtschaftsamt durchgesetzt. Der Bau der Kreisstraße von Schönwald nach Scho­ nach ist seinem Zutun zu verdanken. Nach den Richtlinien durfte nur eine Gemeinde­ verbindungsstraße zu einer Kreisstraße aus­ gebaut werden. Der vorhandene Weg sollte zunächst also als Gemeindeverbindungs­ straße eingestuft werden, um den späteren Ausbau zu ermöglichen. Die zuständigen Herren kamen bei einer Besichtigungsfahrt mit einem Mercedes-PKW jedoch nicht 120 durch und lehnten die Einstufung schlicht­ weg ab. Das ganze Vorhaben war gefährdet. Duffner konnte beim Regierungspräsidium glaubhaft machen, daß dies nur an der schlechten Eignung des „Testfahrzeuges“ lag. Es wurde also mit „normalen“ Fahrzeu­ gen eine neue Besichtigung durchgeführt und der Einstufung stand nichts mehr ent­ gegen. Die vielfältigen Aktivitäten blieben bei der Landes-SPD nicht unbemerkt. An­ werbungen widerstand Lukas Duffner je­ doch stets. Soweit es seine Zeit erlaubte, un­ terstützte er jedoch den Wahlkampf, ließ sich auch für ein Wahlplakat ablichten. Lukas Duffner ist ein überzeugter Euro­ päer. ,,Wer den Zusammenbruch nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt hat, muß ein ver­ eintes Europa für Gottes Segen halten“, das ist seine Überzeugung. Nach seiner Ansicht sollte das vereinte Europa noch stärker aus­ gebaut werden. Seinen Einfluß will er noch eine Zeitlang behalten, denn: ,,Man wird ge­ wählt, um Einfluß zu haben.“ Auch die Nachwuchsförderung liegt ihm am Herzen. Der Erfahrungsschatz eines langjährigen Politikers ist zwar schwer zu ersetzen, aber die Jungen müssen mitarbeiten und mitent­ scheiden, sonst könne nichts erreicht wer­ den. Und er betont auch, daß es nur bei den Wahlen möglich sei, Dinge, mit denen man nicht zufrieden war, zu ändern. Deshalb will Duffuer die Jüngeren motivieren, nicht in Hoffnungslosigkeit oder Gleichgültigkeit zu versinken. Sei es bei den allgemeinen Le­ bensumständen oder im Kampf gegen die Bürokratie. Unterstützt wird Lukas Duffnervon seiner Ehefrau Marianne, ,,ohne die ich das alles nicht schaffen würde“, betont er. 1996 gab Duffuer den Schneiderjockelhof an seinen Sohn ab und lebt nun im (Un)ruhestand. Mit dem Mehr an Freizeit weiß er einiges anzufangen. So kann er sich mehr um die Gäste auf dem Reinertonishof kümmern. Außerdem geht er gerne schwimmen, mit den Gästen wandern oder begleitet Bus­ rundreisen, um etwas über die Gegend zu

Martin Kossow Einst der jüngste Bürgermeister im Land Lukas DuJTncr/Pcr önlichkciten daraus zu machen. Von den drei Landräten, die Duffner in seiner Tätigkeit kennenge­ lernt hat, war die Zeit des ersten (Dr. Astfäl­ ler) noch von einer ausgeprägteren Kame­ radschaftlichkeit, die Duffner heute ein we­ nig vermißt. Eine der jüngsten Aktionen war eine Initiative gegen die zu befürchtende Schwächung des Berufsschulstandortes Furt­ wangen. Dabei habe sich erneut gezeigt, daß durch Zähigkeit und geschlossenes Auftre­ ten in der Politik so manches erreicht wer­ den könne. erzählen. Zukunftsängste hat Lukas Duff­ ner keine. Sorgen machen ihm jedoch die geringen Spielräume, um etwas zu gestalten. Die Mittel seien derart knapp, daß man nur noch das Nötigste machen könne. Früher habe man wesentlich mehr Möglichkeiten gehabt. Er nennt als ein Beispiel den Sozial­ etat, denn durch die vielen Flüchtlinge oder Asylbewerber seien die Ausgaben enorm ge­ stiegen. Deshalb tritt Duffner für eine Ver­ besserung von Rückkehrmöglichkeiten ein. Die Kreisreform erlebte Lukas Duffner als ,,Umsetzung der Beschlüsse aus Stuttgart“. Entscheidungsmöglichkeiten habe es kaum gegeben, aber man habe versucht, das Beste Auch im Kreistag ist Albert Haas zu allererst ein Vertreter der Interessen seiner Heimatregion in der Rückschau. In der Erin­ Als Albert Haas 1968 zum Schonacher Bürgermeister ge­ nerung entschärfen sich zwar die Dinge, doch der „Bürger­ wählt wurde, war er mit 29 Jah­ meister i. R.“ bleibt kritisch. ren der jüngste im Land. ,,Aber nicht lange“, erinnert er sich: „36 Jahre habe ich auf dem „Erwin Teufel war knapp 25 Rathaus geschafft, davon sie­ Jahre alt, als er Bürgermeister benundzwanzigeinhalb Jahre als Bürgermeister“, zieht er Bi­ wurde.“ Erwin Teufel, der heu­ tige Ministerpräsident von Ba­ lanz und klopft auf zwei DIN­ A-4-Seiten, die seine überwie­ den-Württemberg und Wahl­ kreisabgeordneter, war dem gend ehrenamtlichen Positio­ heute 59jährigen Albert Haas nen neben dem Bürgermei­ ein Weg-· und Parteigefährte. ster-und dem Kreisrats-Amt „Die Wahlkämpfe damals mit auflisten. Da blieb nicht viel Dr. Häfele und mit Erwin Teu­ Zeit für die Familie, einen Fei­ fel…“, Albert Haas schmunzelt. erabend kannte er nicht, und Nie hat er die beiden Männer Kreisrat Albert Haas am Wochenende widmete sich aus den Augen verloren. Albert Haas der Bevölkerung, 1971 wurde Haas für die CDU in den den Vereinen, denn er wollte ein Bürger­ Kreistag gewählt. Sechsmal wurde er wie­ meister für alle sein. 1974 erhielt er dafür dergewählt, 1994 mit über 4 000 Stimmen – den Kupferteller der Gemeinde, 1993 die diesmal jedoch für die Freien Wähler. Ein Ehrung durch den Gemeindetag. Bruch in der Lebensgeschichte von Albert Die Familie hat zu ihm gehalten. Die Bür­ ger nicht in dem Maße, wie er es sich ge­ Haas? Kein Bruch, eher die ehrliche Konse­ quenz und Handlungstreue, so Albert Haas wünscht hat: ,,An die Zukunft sollten sie 121

Albert Haas Überwältigendes Ergebnis denken. Ich wollte die Bodensee­ Wasser-Versorgung für ein neues Baugebiet. 1 000 neue Bürger hätte uns das gebracht, Schonach wäre stärker geworden, hätte an Kaufkraft gewonnen und das Steueraufkommen vergrößert.“ Haas fühlte sich in diesem Zu­ kunftsbestreben von der Scho­ nacher CDU-Fraktion, der stärk­ sten im Gemeinderat, im Stich gelassen. Folge: Austritt aus dem CDU-Ortsverein und Abdan­ kung vom Bürgermeisteramt, er wollte keinen offiziellen Ab­ schied, viele Schonacher bedau­ erten das. Doch Haas ist nicht der Mann, der einen Groll lange bewahrt. Dafür lacht er zu gern – ein ehrliches Lachen, das an­ steckend ist. Daß er im Laufe der Zeit zu ei­ ner kommunalpolitischen Per­ sönlichkeit im Schwarzwald­ Baar-Kreis herangereift war, zeig­ ten ihm die Wahlen für den Kreistag 1994. Die Freien Wähler Tribergs, der Nachbarstadt, hat­ ten Haas gefragt, ob er nicht auf ihrer Liste für den Kreistag kan­ didieren wolle. Er griff zu. Da die Region Triberg die erforderlichen 15 000 Einwohner für einen Wahlkreis nicht zusammen­ Winter im Skido,f Schonach, auch dank des Zutuns von Albert bringt, ist St. Georgen der Wahl­ kreispartner. Seine Reputation über die 26 Jahre Kreispolitik und drei Landräte hat Dorfgrenzen hinweg verschaffte Albert er erlebt. Albert Haas sieht Landrat Dr. Ast­ Haas ein überwältigendes Stimmenergebnis. faller noch vor sich und erinnert sich im Ge­ Nun macht er noch Kreispolitik, erlebt die spräch an die Schwierigkeiten von damals: Zeit jetzt mit der Familie als Glück und ,,Zuerst waren wir der Landkreis Villingen, kehrte beruflich fast zum einst Erlernten dann der Landkreis Villingen-Schwennin­ zurück: Der Großhandelskaufmann und gen, eine badische und eine württember­ Verwaltungsinspektor verwaltet Ferienwoh­ gische Region zusammen … “ Damals galt es nungen in Schonach. schier unüberwindbare Grenzen einzu- 122 Haas ist Schonach eine von nur sieben Gemeinden auf der Wtlt, die sich „FIS-Austragungsort“ nennen diüfen.

reißen. Als Donaueschingen dazu kam und der Schwarzwald-Baar-Kreis ins Leben geru­ fen wurde, entstanden erneute „Graben­ kämpfe“. ,,Das hat sich bis heute durchaus erhalten: Die Donaueschinger gucken kri­ tisch auf das Oberzentrum (Villingen­ Schwenningen), das Oberzentrum kritisch auf das starke Umland, zu dem ja St. Geor­ gen als Mittel-und Triberg als Unterzen­ trum gehören und alle auf die anderen. Al­ le passen auf, daß es gerecht zugeht.“ Das ginge quer durch die Fraktionen, belebe aber auch die Diskussion und mache die Entscheidungen nicht zu leichten Übungen. „Unter Dr. Gutknecht haben wir viel für die Kreisgemeinden getan“, schaut Haas zurück. Kreisweit wurde das Schulwesen organisiert mit Berufs-und Sonderschulen: „Da konnten wir noch investieren, das ist heute nicht mehr möglich.“ Umstruk­ turierung ist angesagt, um Kosten zu sparen. ,,Es fehlen einfach die Berufsschüler“, be­ mängelt er die Entwicklung. Kreisweit wur­ de die Abfallbeseitigung organisiert und zur Aufgabe des Landkreises gemacht. ,,Ge­ meinden wie Schonach könnten das heute aus eigener Kraft nicht mehr bezahlen“, be­ stätigt Haas diese Entscheidung. Auch für Schonach blieb immer etwas aus der Kreis­ politik hängen: Die zentrale Zimmerver­ mittlung zum Beispiel. Davon profitiere Schonach als Fremdenverkehrsort doch sehr. .�ir müssen umdenken“ Die Kommunalpolitik jedenfalls läßt Haas nicht los. ,Ja, ich glaube schon, daß ich mit Leib und Seele Kommunalpolitiker bin“, sagt Haas und muß es nicht beweisen. In­ teressiert ihn ein Thema, dann legt er sich ins Zeug und kann mit seiner Stimme ganze Säle füllen. Dabei begleitet ihn zwar der Op­ timismus, aber auch das Erkennen der jetzi­ gen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Situation auch im Kreis. ,,Wir müssen um­ denken, wir müssen die Bürger stärker an ihr Persönlichkeiten gesellschaftspolitisches Mittun erinnern, wir können heute nicht mehr vom Staat alles fordern“, sagt er und meint damit auch die Schülerbeförderung. Seiner Meinung nach müßten Eltern durchaus eingebunden wer­ den in die Kosten der Beförderung. ,,Der Kreis tut doch viel mit den Schulen, ihren Einrichtungen, der Lernmittelfreiheit“, für Härtefälle sei doch gesorgt. Wenn der Kreis vom Land keine Gelder bekomme, muß er von der Kreisumlage leben, die von den Ge­ meinden kommt. Und die Gemeinden bit­ ten die Bürger zur Kasse. ,Wir müssen ge­ meinsam unsere Ansprüche zurückneh­ men“, wünscht er sich für die zukünftige Kreisarbeit. 26 Jahre Kreistagspolitik mit Ausschuß-Sit­ zungen, Ortsbegehungen, Fraktionssitzun­ gen -war es denn immer nur Arbeit und nüchterne Atmosphäre? ,,Früher weniger“, erinnert sich Haas schmunzelnd. ,,Die Nachsitzungen mit Otto Weissenberger wa­ ren immer sehr anregend. Das Gesellschaft­ liche fehlt heute im Gremium fast ganz.“ Und was hat ihn -den „alten Hasen“ des Kreistages -denn geärgert in all den Jahren? Da antwortet der Schonacher ganz spontan: ,,Daß der Kreistag nie den Schwarzwald­ pokal so akzeptiert hat wie er seiner Bedeu­ tung nach akzeptiert werden müßte. Nur sieben Gemeinden auf der Welt sind FIS­ Austragungsort und eine davon ist Scho­ nach, das fand im Kreistag nie einen Nie­ derschlag.“ Aber geärgert hat ihn das weni­ ger, nur traurig gestimmt. Denn auch da ist sich Haas treu: ein Schonacher ist ein Scho­ nacher -und der steht auf den Skiern. Und auch wenn er selbst nicht mehr aktiv dabei ist, ist doch der Skiclub sein Zuhause und für den Skiclub wird er auch weiter­ kämpfen. Auch wenn er mal nicht mehr Kreisrat sein sollte. Renate Bökenkamp 123

Prrsönlichkriteo Kommunalpolitiker mit Leib und Seele Dr. Gerhard Gebauer 35 Jahre Oberbürgermeister und Kreispolitiker Kommunalpolitiker mit Leib und Seele ist der Jurist Dr. Gerhard Gebauer, von 1962 bis 1972 zunächst Oberbürgermeister von Schwenningen, dann bis 1994 von Villin­ gen-Schwenningen. Neben diesem Amt en­ gagierte er sich als SPD-Fraktionsvorsitzen­ der auf regional- und kreispolitischer Ebene. Führende Tätigkeiten beim Deutschen Städ­ tetag sowie als Interessenvertreter der deut­ schen Städte in europäischen Institutionen sind seine weiteren Tätigkeitsfelder. Am 1. Mai 1960 trat Dr. Gebauer sein Amt als 1. Bürgermeister der Stadt Schwenningen an, nachdem er im Februar vom Gemeinde­ rat mit 29 Stimmen bei einer Enthaltung ge­ wählt worden war. Bereits im August 1961 mußte er dann die Stelle des Oberbürger­ meisters kommissarisch übernehmen, weil Amtsinhaber Dr. Hans Kohler erkrankte. Als dieser im August 1962 starb, verzichte­ ten die Parteien auf die Aufstellung eigener Kandidaten und Dr. Gebauer wurde mit großer Mehrheit zum neuen OB gewählt. Die erste Amtszeit des damals jüngsten Oberbürgermeisters in Baden-Württemberg war durch einen bemerkenswerten Ausbau der infrastrukturellen Einrichtungen, vor al­ lem in den Bereichen Bildung, Sport und Soziales, sowie durch den Beginn der bei­ spielhaften Innenstadtsanierung geprägt. Diese Leistungen wurden 1970 durch eine überzeugende Wiederwahl Dr. Gebauers für nunmehr 12Jahre honoriert, wobei die Par­ teien abermals auf eigene Alternativkandi­ daten verzichteten. Mit der Bildung der Doppelstadt Villin­ gen-Schwenningen am 1. 1. 1972 endete die Amtszeit des OB vorzeitig. An den Planun­ gen zur Städtefusion und zum Ausbau eines leistungsfähigen Oberzentrums war er ent­ scheidend beteiligt. Gemeinsam mit Severin Kern, dem Oberbürgermeister von Villin- 124 Bundeskanzler Kiesinger zu Gast in Schwenningen bei Dr. Gebauer(J968). gen, stand er an der Spitze der Verfechter für die Bildung einer Einheitsgemeinde als star­ ke Mitte der Region Schwarzwald-Baar­ Heuberg mit ihren 405 000 Einwohnern. Es gelang, die große Mehrheit der Bürger für dieses Ziel zu gewinnen und durch ein Son­ dergesetz des Landtags wurde die gemeinsa­ me Stadt Realität, deren erster Oberbürger­ meister Dr. Gebauer hieß. Unter seiner Ver­ handlungsführung wurde die territoriale Stadtentwicklung bis 1975 durch die Ein­ gliederung von 9 weiteren Gemeinden ab­ geschlossen. Die Bevölkerungzahl erreichte damit einen Stand von mehr als 82 000 Per­ sonen. 23 Jahre lang stand Dr. Gebauer an der Spitze der zweitgrößten südbadischen Stadt. Seine Leistungen zur Fortentwicklung des Oberzentrums und zur gesamtstädtischen Integration wurden 1979 und 1987 durch Bestätigungen im Amt anerkannt und ge­ würdigt. 1994 trat der 68jährige als dienstäl-

tester OB Deutschlands nach fast 35 Amts­ jahren in den Ruhestand. Als Kommunalpolitiker hat Dr. Gebauer in Europa und in der gesamten Bundesre­ publik Anerkennung gefunden. Die Interes­ sen der deutschen Städte vertritt er als nach wie vor tätiges Mitglied im Präsidium des Ausschusses der Regionen der Europäischen Union (ADR) in Brüssel. Bis zum Jahr 1999 ist er als l. V izepräsident des Rats der Ge­ meinden und Regionen Europas (RGRE) gewählt, dessen Präsident er über 10 Jahre hinweg gewesen ist. Jahrzehntelang war er Mitglied des Präsidiums des Deutschen Städtetags, für acht Jahre als l. V izepräsident und als Stellvertreter des Präsidenten dieses größten Kommunalverbands in Deutsch­ land. Seine Verdienste fanden ihren beson­ deren Ausdruck durch die Ernennung zum Ehrenmitglied des Städtetags auf Lebens­ zeit. Seit ihrer Bildung ist Dr. Gebauer ein eif­ riger Verfechter der Stärkung der Regional­ verbände. Mehrere Jahre war er Vorsitzender der Planungsgemeinschaft Schwarzwald­ Baar-Heuberg, die Mitte der sechziger Jahre aus den Kreisen Rottweil, Tuttlingen, Villin­ gen, Donaueschingen und Neustadt ent­ stand. Ein großer Erfolg dieser Gemein­ schaft war die Durchsetzung des zügigen Dr. Gerhard Gebauer Ausbaus der Bodenseeautobahn. Seit der Gründung des Regionalverbands Schwarz­ wald-Baar-Heuberg im Jahr 1972 ist Dr. Ge­ bauer in diesem Gremium führend tätig, viele Jahre als SPD-Fraktionsvorsitzender und bis 1999 als stellvertretender Verbands­ vorsitzender. Die kreispolitische Tätigkeit Dr. Gebauers erstreckt sich über einen Zeitraum von 37 Jahren. Seit 1960 war er in seiner Funktion als Bürgermeister bzw. OB zunächst stell­ vertretendes, dann ordentliches Mitglied des Kreisrates im Landkreis Rottweil, dem Schwenningen bis 1972 zugehörte. In den Jahren der Kreisreform 1971/72 trat er für die Bildung eines leistungsfähigen Groß­ kreises ein, der sich aus den bisherigen Land­ kreisen Rottweil, Tuttlingen, Donaueschin­ gen und V illingen zusammensetzen sollte. Nach dem Scheitern dieser Bemühungen kandidierte er mit großem Erfolg für den Kreistag des neu gebildeten Schwarzwald­ Baar-Kreises, dem er noch immer angehört und in dem er viele Jahre lang als Vorsitzen­ der der SPD-Fraktion wirkte. Bis heute ist er Stellvertreter des Landrats, die Bereiche Bil­ dung, Kultur und Soziales stehen im Vor­ dergrund seiner Bemühungen. Dr. Helmut Rotherrnel Im Gespräch: links Willy Brandt, in der MitteDr. Ge­ bauer (1970). 125

Persönlichkeiten Ein Liberaler mit hohem sozialen Anspruch Der Blumberger Harald Mattegit ist seit 1971 viel geachteter Sprecher seiner Kreistagsfraktion Die Limousine mit dem Bon­ ner Kennzeichen biegt von der Autobahn ab, im Fond schlägt Außenminister Dietrich Gen­ scher die Augen nach einem kurzen Nickerchen auf: „Wo sind wir denn hier“, fragt er sei­ nen Fahrer und als dieser Villingen-Schwenningen sagt, kommt ein promptes: ,,Aha, bei Herrn Mattegit!“ Die Ge­ schichte, sie ereignete sich vor Jahren während eines Bundes­ tagswahlkampfes, ist überlie­ fert und während Harald Mat- tegit, wenn angesprochen, stets schmunzelnd die Schultern Kreisrat Harald Mattegit zuckt, nickt der Altliberale Genscher bestätigend und mit einem freundschaftlichen Lächeln. Genscher und Mattegit – der eine unbestreitbar ein Welt­ politiker von Format, der andere ein Kom­ munalpolitiker mit Leib und Seele und bei­ de verbindet nicht nur eine Freundschaft und die Vorliebe für ausgezeichnetes Essen, was sich in stattlichen Kleidermaßen wider­ spiegelt, sondern ebenso der Feingeist sowie die Auffassung über einen sozial zu vertre­ tenden und vorzulebenden Liberalismus. heit, die schon so mancher po­ litische Gegner zu spüren be­ kam. Im Jahr 1963 begann sei­ ne offizielle politische Lauf­ bahn bei den Liberalen. Der damalige Landtagsabgeordnete Fritz Einwald hatte ihn dazu bewegt. 1971 wurde der damals 38jährige im einstmaligen Kreistag Donaueschingen und im Blumberger Gemeinderat zum Fraktionsvorsitzenden ge­ wählt und übernahm zudem die Führung des Kreisverban­ des der Liberalen. Bei seinem Amtsantritt begrüßte ihn der damalige Bräunlinger Bürger­ meister und Freie Demokrat Bernhard Blenkle mit den Worten: ,,Des isch ab hit iisern Chef!“ Im Kreistag nahm ihn dann sogleich der Furtwanger Bürger­ meister und Landtagsabgeordnete Hans Frank kritisch ins Visier, doch bestand der Neuling, auch damals rhetorisch schon recht versiert, seine Premiere auf der politischen Bühne ganz gut. Hans Frank kam dann auch prompt nach der Sitzung, klopfte dem jun­ gen Kollegen auf die Schulter und meinte: „Hast Du gut gemacht. Ich wollte Dich nur mal testen.“ Harald Mattegit, wer ist dieser Mensch, der zumeist ein freundliches Lächeln trägt und den offenbar fast nichts aus der Ruhe brin- Gebürtiger Schweizer gen kann. Er ist auf jeden Fall ein Kreisrat der ersten Stunde, Fraktionsvorsitzender der Liberalen im neuen Kreistag, der nach der Kommunalreform vor rund 25 Jahren ge­ bildet worden war. Ob Kreis-FDP, Blum­ berger Gemeinderatsfraktion oder Kreis­ tagsfraktion, der Liberale war stets von Be­ ginn an die Galionsfigur an den lokalen und regionalen Fronten, geachtet wegen seiner Fairneß, gefürchtet ob seiner Wortgewandt- Harald Mattegits Beziehung zur Schweiz und zur Grenzlandschaft besteht seit seiner Geburt am 19. März 1933. Das Licht der Welt erblickte er nämlich im schweizeri­ schen Laufenburg. Der Vater war beim Kraftwerk angestellt und die Familie lebte jenseits der Grenze. Bis 1945 dauerte dies, dann wurden die Mattegits des Landes ver­ wiesen und zogen nach Bad Säckingen und 126

nur zwölf Monate später in den Blumberger Vorort Zollhaus, wo der Vater im Um­ spannwerk beschäftigt war. Neben dem El­ ternhaus war sicherlich auch das „St.-Hein­ rich-Konvikt“ in Donaueschingen prägend für den jungen Mattegit, der die Einrich­ tung von 1946 bis 1948 besuchte. Der heu­ te 64jährige hätte sich durchaus auch ein Le­ ben als Pfarrer vorstellen können, zumal ihn die missionarische Arbeit stets reizte und noch immer reizt, nur daß er statt der Kan­ zel das Podium der kommunalen und re­ gionalen Politik gewählt hat. Sein Abitur baute Mattegit 1954 am Do­ naueschinger Fürstenberg-Gymnasium. Als Studienfach wählte er hernach eben nicht die T heologie, auch wenn seine Mutter dies durchaus gerne gesehen hätte, sondern die Zahlen: Steuern und Recht wurden nach Harald Mattegit dem Diplom Ende der 50er Jahre auch der Inhalt seines Arbeitslebens, sehr bald schon als Unternehmer mit eigenem Steuerbera­ tungsbüro in Donaueschingen, in dem heu­ te über 30 Mitarbeiter beschäftigt sind. Ein bodenständiger Mensch Politisch, beruflich und auch privat liebt Harald Mattegit die Bodenständigkeit. So verwundert es auch nicht, daß er 1959 seine alte Jugendliebe Helga Schmid heiratete. Die Tochter des einstmaligen Blumberger Bürgermeisters hatte er auf gemeinsamen Busfahrten zur Schule nach Donaueschin­ gen kennengelernt. Ein Sohn und eine Tochter entsprangen aus dieser Verbindung, die auch heute noch sehr harmonisch ist. „Wahrscheinlich, weil ich so selten daheim Harald Mattegit mit der Generalsekretärin der FDP, Dr. lrmgard Adam -Schwaetzer. Aufgenommen im Jahr 1983 in der „Scheffellinde“ in Achdorf beim politischen Aschermittwoch. 127

mit dem Satz: ,,Tue Gutes und rede darüber“ absolut nichts anfangen kann. Zudem ist er das lebende Beispiel dafür, daß die FDP of­ fenbar doch nicht nur kalte Wirtschaftslibe­ rale und stromlinienförmige Politaufsteiger in ihren Reihen hat. Ein echter Liberaler, so Mattegit, ist auch immer ein sozialer Li­ beraler! ,,Allerdings glaube ich, daß der Mensch sein Schicksal selber verantworten soll. Dazu muß ihm der Staat aber die Mög­ lichkeit geben. Der Ruf nach Staat ist nur zu oft verbunden mit der Preisgabe persönli­ cher Freiheit.“ Harald Mattegit, der sich nie um Verantwortung gedrückt hat und der für die Jugend den weisen Rat bereit hält, zuerst einen Beruf zu lernen, um unabhängig von Parteien und Wahlergebnissen zu sein, cha­ rakterisiert sich selber als völlig normalen Menschen mit Schwächen und Stärken, der Höhen und Tiefen, der Erfolge und Mißer­ folge erfahren hat. Und: Ein paar Jahre Politik in der Region wird er wohl noch dranhängen … Ach ja, wie war das nun mit Dietrich Gen­ scher und der großen Politik? Hat diese Harald Mattegit denn jemals gereizt, oder war er froh, angesicht der Eiertänze in Bonn, Kommunal- und Kreispolitiker zu sein? „Letzteres ja, wenngleich diese Tanzform inzwischen auch zuweilen von Kommunal­ politikern dargeboten wird.“ Trotzdem gibt er zu, daß er sich ein höheres politisches En­ gagement durchaus überlegt hatte: ,,Wenn die große Politik auch ihre eigenen Reize hat, so bin ich doch lieber Harald Mattegit geblieben, um für Menschen, die ich kenne und die mich kennen und vielleicht auch er­ tragen müssen, etwas bewirken zu können.“ Daß er diesem Anspruch gerecht wird, ist si­ cherlich unbestreitbar. Achim Stiller Harald Mattegit Leidenschaftlicher Rhetoriker bin“, verrät der mittlerweile zum Großvater aufgestiegene Liberale. Dennoch, die Fami­ lie ist für ihn der ruhende Hort, den er trotz zugegebener Vernachlässigung braucht und dem er einen hohen Stellenwert beimißt. Die Geselligkeit ist eine der vielen Seiten des Harald Mattegit und nicht zuletzt auch eine Triebfeder für das umfangreiche Engage­ ment in der Politik und in zahlreichen Ver­ einen und Institutionen, in denen sein Rat und Mitwirken hoch geschätzt sind. ,,Zu­ sammensein mit Menschen bereitet mir Freude, regt mich an, gibt mir Impulse, und mit Menschen gemeinsam zu lachen ist mein Lebenselixier. Mein Engagement in Vereinen und beruflichen Organisationen ist mir ein Anliegen, nicht von anderen et­ was zu verlangen, wenn man selber zu be­ quem ist.“ Dabei liebt der Badener die Bequemlich­ keit, vor allem, wenn sie mit seiner Lieb­ lingsspeise verbunden ist, dem badischen Hochzeitsessen (gekochtes Rindfleisch mit Bouillonkartoffeln, Meerrettichsoße und Rahnensalat) oder Fleischküchle, aber nur wenn sie von seiner Frau gemacht sind. Oder auch mit einem guten Viertele und den geliebten dünnen Sumatra-Zigarillos. Dabei kann der leidenschaftliche Rhetoriker Mattegit schon einmal ins humorige Philo­ sophieren kommen, wenn es zum Beispiel um die Verbindung von Rebsaft und Politik geht: Der alte Satz „Im Wein liegt Wahr­ heit“, sollte auch für die Politik gelten. Es gilt aber als gesichert, daß diesem Satz na­ türlich auch bei einem Glas Fürstenberg-Pil­ sener zum Durchbruch verholfen werden kann. Politik und Wahrheit sollten keine Gegensätze sein. Doch hat das vielfältige Engagement von Harald Mattegit auch eine christlich-soziale Komponente. Wer Schutz und Hilfe bedarf, der kann auf ihn zählen, wenngleich er des­ wegen im Gegensatz zu anderen Politikern 128

Die Politik zweier Landkreise mitgestaltet Rüdiger Schell ist seit 1966 in der Kreis· und Kommunalpolitik engagiert Persönlichkeiten Was der damals 32jährige empfand, als er das erste Mal in den Kreistag marschierte? Rüdiger Schell kann sich an ein sonderlich ,,erhebendes Gefuhl“, gar eine Art von „Tri­ umph“ anläßlich seines „Erstauftrittes“ im Ratsgremium des Kreises nicht erinnern. Zu sehr war er damals, frisch gewählt von seiner sozialdemokratischen Klientel, von seiner politischen Aufgabe überzeugt, als daß er sich zu diesem Zeitpunkt hätte von Emo­ tionen leiten lassen wollen. Eine gewisse Aufbruchsstimmung läßt sich nicht leug­ nen. Der Schwung der „68er“-Generation, die zum ,;Weg durch die Institutionen“ auf­ rief, ist in jenen Jahren, als Willy Brandt an den Grundzügen seiner Ostpolitik baut, auch hier, im Südwesten Deutschlands zu spüren. Aber völlig unabhängig davon hat Schell sich zu diesem Zeitpunkt bereits seit drei Jahren im Donaueschinger Gemeinderat Gehör zu verschaffen gewußt – wobei er als Vorsitzender des SPD-Ortsvereins durchaus auch des „Revoluzzertums“ verdächtigt wer­ den mochte. Für seine erste Wahl in den Kreistag, bei der er ganz oben auf der Liste steht, kann er sich – obwohl erst seit 1966 in Donaueschingen lebend – gute Chancen ausrechnen. Der Einzug ist gesichert. Der 1939 in Gengenbach geborene Gym­ nasiallehrer ist damals einer der Jüngsten im Gremium. In Freiburg, München und Hei­ delberg hat er zwischen 1959 und 1966 Ge­ schichte, wissenschaftliche Politik, Deutsch und Philosophie studiert. Durch die Mitbestimmung im Donau­ eschinger Rathaus schon auf die Realität der Tätigkeit des praktizierenden (Kommu­ nal)Politikers eingestimmt, steht er nun also im Sitzungssaal des Landratsamtes in der Käferstraße, das damals noch das des alten Kreises Donaueschingen ist. An Bernhard Blenkle und Karlhermann Russ zum Bei­ spiel kann er sich – neben anderen – noch Rüdiger Schell (rechts vorne) im Kreis der SPD-Fraktion, Anfang der 1980er Jahre. 129

Rüdiger Schell Ein neuer Landkreis gut erinnern. Der damalige Frakti­ onsvorsitzende Werner Gerber weist die Neulinge ein. ,,Und dann“, sagt Schell, ,,haben wir uns erst mal mit­ ten reingesetzt.“ Donaueschingens damaliger Land­ rat, Robert Lienhart, findet seiner­ zeit diplomatische Worte. Er schickt dem jungen Rüdiger Schell nach dem Wahltag ein persönliches Schreiben, in dem er ihm gratuliert. „Ich wäre Ihnen dankbar“, heißt es darin allerdings auch, ,,wenn Sie da­ zu beitragen könnten, das gute Ein­ vernehmen (im Kreistag) auch in der neuen Wahlperiode zu erhalten“ – was nicht immer Übereinstimmung der Auffassungen voraussetze. Die aktuellste Aufgabe, die ansteht, ist zu diesem Zeitpunkt die Auflö­ sung und Abwicklung des alten Landkreises. Dazu gehört auch die Frage, was mit dem kreiseigenen Pflegeheim in Geisingen geschehen soll. Schell, der gleichzeitig mit dem nur ein Jahr älteren und heutigen FDP/FW-Fraktionsvorsitzenden im Donaueschinger Stadtrat, Hansjür­ gen Bühler, in den Kreistag einzieht, Die Familie Schell: von links Tochter Daniela, Tochter Chri­ wird ins kalte Wasser geworfen. Daß er gleichzeitig im Kultur-und So­ zialausschuß, bald darauf im Finanz-und bei denen die SPD 18 Sitze erringt. Rainer Gutknecht wird Landrat. Verwaltungs-sowie dem Landwirtschafts­ ausschuß sitzen soll, bezeichnet er heute Mit der Zeit kann es nicht ausbleiben, daß Sozialdemokrat Schell, mittlerweile Vorsit­ noch als „Ochsentour“. Doch das gewaltige zender des Kreisverbandes, sich der Frage Pensum, das ihm bevorsteht, vermag ihn nicht zu schrecken. Im Gegenteil: Die Men­ stellt, ob er den Weg in die Berufspolitik ein­ schlagen soll. Den Landtagswahlkampf 1976 ge der Aufgaben, die er zu bewältigen hat, erlebt er als Zweitkandidat für Villingen­ scheint seinem festen Willen, sich und seine Schwenningen Seite an Seite mit Adam Ber­ Auffassungen mit Nachdruck in die Kom­ berich. Anläßlich einer zweifelsohne auch munalpolitik einzubringen, nachgerade zu entsprechen. von familiären Überlegungen geprägten 1973 finden erstmals Wahlen für den neu­ Zwischenbilanz entscheidet er sich schließ­ lich dafür, bei der Kommunalpolitik zu blei- gebildeten „Schwarzwald-Baar-Kreis“ statt, 130 stiane sowie Ehefrau johanna Schell und Dackel „Purzel“.

ben – ein Entschluß, den er bis heute nicht bereut. 1979 nimmt Rüdiger Schell im Kranken­ hausausschuß Platz. In den 80er Jahren wird der Neubau des Landratsamtes zum beherr­ schenden T hema. „Ich war anfangs sehr skeptisch“, sagt Schell. Als es dann dem Kämmerer gelingt, die Schulden des Kreises von 90 auf 60 Millionen zu reduzieren, kann er sich langsam mit dem Gedanken an einen Neubau anfreunden – wenn ihm manche auch den unangenehmen Aus­ spruch nachtragen, daß der Neubau kein ,,Palazzo Protzi“ sein solle. 1984 wird Schell stellvertretender Frak­ tionssprecher – freilich zu einem Zeitpunkt, als die SPD einen deftigen Einbruch bei den Wählerstimmen hinnehmen muß. Wesent­ lichen Anteil daran haben die Grünen, die sieben Sitze für sich verbuchen – eben vor allem aufKosten der Sozialdemokraten, die auf13 Sitze zurückfallen. Schell heute: „Das hat wehgetan.“ Neue Schwerpunkte Ende der 80er Jahre beginnt die Abfall­ wirtschaft in den Brennpunkt zu rücken, einschließlich der thermischen Restmüll­ entsorgung und des Bioabfalls. Gleichzeitig wird der öffentliche Nahverkehr wieder stär­ ker thematisiert. An den Berufsschulen des Kreises zeichnet sich die Notwendigkeit ab, verschiedene Ausbildungszweige aus Grün­ den der Kostenersparnis nicht mehr an je­ dem Standort, wo das Duale Bildungssy­ stem gepflegt wird, anzubieten. Bei den Wahlen im Jahr 1989 erringt die SPD schon wieder 14 Sitze, Schell rückt in den Techni­ schen Ausschuß, das heutige Gremium für Abfall- und Umweltfragen. 1992 wird er Fraktionssprecher der Sozialdemokraten im Kreistag. 1994 kann mit 17 Sitzen fast wie­ der der einstige Anteil an Wählerstimmen eingefahren werden. Das Verhältnis zu Landrat Rainer Gut­ knecht, sagt Schell rückblickend, hat sich im Per önlichkcitcn Lauf der Zeit gewandelt. Man respektiert sich gegenseitig, achtet die Standpunkte des jeweils anderen und weiß Sachfragen den Vorrang zu geben. Mit Gutknechts Nach­ folger Karl Heim sieht Schell für die kom­ menden Jahre eine fruchtbare Zusammen­ arbeit voraus. Auf mehr als zweieinhalb Jahrzehnte kreis­ politischen Engagements zurückblickend, weiß Rüdiger Schell aber auch, daß er dies alles nicht ohne seine Familie, seine Kinder, das Einverständnis und die Unterstützung von Ehefrau Johanna hätte bewältigen kön­ nen. Und ist doch zugleich stolz darauf, sich stets einen festen Raum für seine „bessere Hälfte“ und die Töchter reserviert zu haben, von denen die ältere, Daniela (29), zwi­ schenzeitlich Apothekerin ist, Christiane, die jüngere (28), Grund- und Hauptschul­ lehrerin wurde. Neben seinem Beruf als Studiendirektor widmet er heute immer noch zwischen 20 und 25 Stunden pro Woche der Kommu­ nalpolitik, denn zur Kreistagsarbeit addiert sich immer noch das Mandat im Donau­ eschinger Gemeinderat hinzu. Über die Er­ fahrungen seiner Töchter, die noch während ihrer Schulzeit auch mal den ein oder ande­ ren Kommentar über Kollegen ihres Vaters loswurden, hat der 57jährige gelernt, auch manchen Aspekt seiner eigenen Berufstätig­ keit zu relativieren. Wobei er das Wörtchen vom vorzeitigen Ruhestand „nicht einmal in den Mund nehmen“ würde: Zu viele Din­ ge, die noch nicht erledigt sind, und durch­ aus noch der erfahrenen Unterstützung be­ dürfen, stehen für ihn gegenwärtig im Raum. Und Demokratie, sagt er, hängt im­ mer noch entscheidend davon ab, wieviele „mitmachen“. Er jedenfalls ist immer noch dabei – aus Überzeugung. Klaus Koch 131

Persönlichkeiten Otto Sieber ist ein Mann der Tat Am 1. Mai 1970 mit viel Engagement das Bürgermeisteramt in Niedereschach übernommen Otto Sieber ist ein Mann der Tat. Wie sonst läßt es sich erklären, daß er – gerade 26jährig – als frisch gebackener Verwal­ tungsinspektor den Griff nach dem Bürger­ meisteramt in Niedereschach wagte? Seine mutige und selbstbewußte, mit klarem Er­ folg gekrönte Bewerbung, gab dem Leben des am 1. August 1944 geborenen Balingers schon früh jenes feste Fundament, das er braucht, um mit sich und seiner Umwelt zu­ frieden zu sein. Die Tatsache wiederum, daß er dieses Amt nun schon seit über einem Vierteljahrhundert bekleidet, ist freilich nicht nur auf die Bodenständigkeit des Schultes, sondern in noch größerem Maße auf den eindrucksvollen Vertrauens- und Sympathiebeweis „seiner“ Bürger zurückzu­ führen. Das Schalten und Walten in deutschen Amtsstuben hat Otto Sieber bereits bei sei­ ner Ausbildung zum gehobenen Verwal­ tungsdienst kennengelernt, die sich dem Abitur anschloß. Als Auszubildender war er im Bürgermeisteramt Geislingen und im Landratsamt Saulgau tätig, und nach der 1968 absolvierten Staatsprüfung arbeitete er als Inspektor im Landrats­ amt Balingen. Als Otto Sieber am 1. Mai 1970 den Bürgermeisterpo­ sten in Niedereschach an­ trat, zählte der Ort nur 1 600 Einwohner. Doch die Ver­ waltungsreform der 70er Jahre ließ den Kernort bin­ nen weniger Jahre um die Ortsteile Fischbach, Scha­ benhausen und Kappel an­ wachsen. Heute leben in der Gesamtgemeinde Nieder­ eschach 5 500 Menschen, davon allein im Kernort 2 800. Otto Sieber erinnert sich noch gut an die schmerzhaften Geburtswe­ hen bei der Entstehung der neuen Gemeindestruktur, und er hat nicht vergessen, wie sehr insbesondere die Fischbacher unter dem Zu­ sammenschluß litten. Ob­ wohl sie am liebsten selb­ ständig geblieben wären, hatten sie plötzlich die Qyal der Wahl zwischen einer Otto Sieber, Tag für Tag schon ab 7 Uhr am Schreibtisch. 132

Zugehörigkeit zu Königsfeld oder Nieder­ eschach. ,,Es war eine schwierige Entschei­ dung, die nicht nur einen Graben durch ganz Fischbach zog, sondern sogar Freund­ schaften zerstörte“, so Sieber im gedanken­ vollen Rückblick auf die turbulenten An­ fänge seiner Bürgermeisterzeit, die ihm gleich eine gehörige Portion Verhandlungs­ geschick und Einfühlungsvermögen abver­ langten. Heute ist über die Angelegenheit zwar Gras gewachsen, doch das macht den Niedereschacher Rathauschef nicht blauäu­ gig. Er ist realistisch genug, um zu wissen, daß es um die momentane Ruhe schnell geschehen wäre, sollte sich eines Tages ein gesetzliches Schlupfloch zur Revidierung dieser Reform auftun. Da ist es gut, daß die Erfolge der Gesamtgemeinde klar auf der Hand liegen, daß sich sowohl der Kernort als auch die Teilorte in all den Jahren ihres Zusammenseins positiv und kontinuierlich weiterentwickelt haben. Zahlreiche Dorf­ erneuerungsmaßnahmen, gute Straßen und neu erschlossene Baugebiete, mehrere Schulhaus- und Kindergartenerweiterun­ gen, dazu die Instandhaltung des Hallenba­ des, und jetzt die nagelneue Gemeindehalle stärken die Infrastruktur, die über die politi­ sche Arbeit hinaus ganz entscheidende Im­ pulse von einem überaus aktiven Vereinsle­ ben erhält. In mehr als vierzig Vereinen wird in Nie­ dereschach, Fischbach, Kappel und Scha­ benhausen in Eigenarbeit und ehrenamtli­ cher Tätigkeit gewerkt und gewirkt und oft kommt das Ergebnis nicht nur den Vereins­ mitgliedern, sondern eben allen Bürgern zu­ gute. Die Kulturfabrik, ein Vogel-, ein Wald­ und ein geologischer Lehrpfad, die Stollen in Schabenhausen und viele Beispiele mehr kann Bürgermeister Sieber anbringen, um auf eindrucksvolle Weise das gute Mitein­ ander auch über die Ortsteilgrenzen hinaus zu dokumentieren. Gerade in der heutigen Zeit, in der die Fi­ nanzkraft von Bund, Ländern und Gemein­ den stetig und unaufhörlich schwindet, Otto Sieber scheint Otto Sieber die Arbeit der Vereine bares Gold wert. Denn freilich spürt auch seine Gemeinde den eisigen Wind der all­ gemeinen Finanzmisere ums Rathaus we­ hen. Die Zuschüsse aus Bundes- und Län­ dertöpfen werden immer kleiner, die Umla­ gen der Kommunen an das Land dagegen immer größer. Arbeit für 450 Menschen Bisher noch konnte Niedereschach diesen Spagat verkraften, weil sich hier eine breit­ gefächerte Industrie- und Gewerbeland­ schaft entfalten konnte. Ihren Ursprung hat­ te diese Entwicklung in zwei großen Uhren­ fabriken, die schon vor 150 Jahren eine par­ allele Schiene zur Landwirtschaft legten. Zwar sind diese Fabriken heute stillgelegt, doch die verloren gegangenen Arbeitsplätze konnten durch das Anfang der 80er Jahre angesiedelte, bereits mehrmals erweiterte In­ dustriegebiet ersetzt werden. Heute finden hier 450 Menschen Arbeit. Dieses florierende Industrie- und Gewer­ begebiet ist ein lachender Joker, ,,ein Rie­ senvorteil“ für den ganzen Ort. Denn die ge­ sunde Arbeitsplatzsituation, so rechnet Bür­ germeister Sieber vor, führt dazu, daß sich Niedereschach als Selbstversorgergemeinde darstellen kann, daß neben der öffentlichen auch die private Infrastruktur sehr gut aus­ gebaut ist und sich die Kaufkraft – ganz dem Wortsinn entsprechend – kräftig entwickel­ te. Eine so positive Bilanz können heute nicht alle Gemeinden des Schwarzwald-Baar-Krei­ ses aufweisen. Und wie es ansonsten um den ländlichen Raum bestellt ist, welche Sorgen und Nöte die Nachbarorte quälen, aber auch welche Stärken sie ausspielen können und welche Gemeinsamkeiten sie alle ver­ bindet, das erfährt Otto Sieber im Kreistag, dem er von der ersten Stunde seines Beste­ hens an als Bürgermeister Niedereschachs, aber auch als Wahlkreisabgeordneter des Hintervillinger Raumes angehört. Diese 133

Otto Sieber quasi automatische Bürgermeister-Mitglied­ schaft findet er auch sinnvoll, denn schließ­ lich sei es wichtig, daß die Kontakte zwischen Kreis und Kommune eng und ver­ trauensvoll sind. ,,Das tut dem Kreis gut und den Gemeinden auch“, glaubt Otto Sie­ ber, auch wenn der Pioniergeist aus der An­ fangszeit des Kreistages heute ein bißchen verstaubt ist, was keinesfalls mit mangeln­ dem Interesse seitens der Gesprächs- und Verhandlungspartner, als vielmehr mit der momentanen Finanzsituation in Zusam­ menhang gebracht werden muß. „Wenn man sich in den Anfängen der Kreisreform für die Interessen der Bürger stark machte“ und gemeinsam mit den Ver­ tretern aus Königsfeld, Mönchweiler und Dauchingen die Belange des Hintervillinger Raumes vertrat, ,,dann war dies auch mit Er­ folg gekrönt“, so meint Otto Sieber im fast wehmütigen Rückblick auf die „Gründer­ jahre“ und verweist auf attraktive Dorfer­ neuerungsmaßnahmen, auf den „vorbildli­ chen Kreisstraßenbau“, auf den Ausbau des Berufschulwesens, die Schülerbeförderung und nicht zuletzt die stetige Verbesserung des öffentlichen Personennahverkehrs, den man nun so gerne noch weiter ausbauen wolle. Doch wo ein Wille ist, ist nicht immer auch ein Weg. „Investitionen konzentrieren sich“ Und die allgemeine Finanznot wird künf­ tig gewiß für tiefe Schlaglöcher sorgen. Man­ cher Wunsch, ja mancher Bedarf wird da auf der Strecke bleiben. Und notgedrungen, so lautet die Prognose Otto Siebers, der auch dem Verwaltungs- und Wirtschaftsausschuß des Kreistages angehört, werden sich die In­ vestitionen des Kreises immer mehr auf die Städte und Oberzentren konzentrieren. Das sei zwar für die Umlandgemeinden nicht unbedingt von Nachteil, doch müsse sehr darauf geachtet werden, daß die Nutzung al­ ler städtischen Institutionen auch für die Be­ völkerung der Umlandgemeinden gewähr- 134 leistet werde. Große Pläne und Zukunftsvi­ sionen seien heutzutage – sowohl aufKreis­ wie auch auf Kommunalebene – freilich fehl am Platze. Wichtig aber sei es, das bisher Er­ reichte zu erhalten und darauf hinzuwirken, daß der Kreis die Umlagen für die Kommu­ nen im Rahmen halte. An eisernem Willen und bärenstarker Ar­ beitsmoral auch für die eher ernüchternden Aufgaben der heutigen Zeit mangelt es Ot­ to Sieber ganz gewiß nicht. Frei nach dem Bestseller „Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung“ sitzt der Niedereschacher Schultes tagtäglich schon zu eben dieser frühen Stunde am Schreibtisch – und abends um sieben ist sein Arbeitstag noch lange nicht zu Ende. Sitzungen auf Kreis­ und Kommunalebene, Vereinsversammlun­ gen, Veranstaltungen, das „Nachtpro­ gramm“ des Otto Sieber ist vielfältig. „Entweder ich mache den Job richtig, oder aber gar nicht. Für’s Richtige hab‘ ich mich entschieden und da bleibt’s jetzt auch da­ bei“, meint der CDU-Mann, der seine christliche Gesinnung nicht verleugnet. Als Kind war er Internatsschüler am bischöfli­ chen Knabenseminar Rottenburg, heute schöpft er jährlich Kraft bei den Besin­ nungstagen für Bürgermeister und Kommu­ nalpolitiker im Kloster Beuron. Für Hobbys allerdings bleibt dem Ge­ meindeoberhaupt Niedereschachs keine Zeit. Da reicht es höchstens einmal zum Volkswandern in der nahen Umgebung. Das Musizieren auf dem Klavier und der Trom­ pete ist unter dem Stichwort Vergangenheit abzuheften und auch das Schwingen des Tennisschlägers hat, so gibt er klaglos zu, ziemlichen Seltenheitswert. Und wie steht es mit der Familie? Otto Sieber ist Vater von vier Kindern im Alter zwischen vierzehn und 27 Jahren. Ehefrau Theresia managt das Familienleben, samt Haushalt, Garten und Biotop und entlastet ihren Mann so maß­ geblich. Brigitte Schmalenberg

Persönlichkeiten Walter Eichner – Ein Leben für die Kultur Als Kulturamtsleiter von Villingen-Schwenningen eine Vielzahl von Akzenten gesetzt Wem ist es schon vergönnt, das Kulturle­ ben einer Stadt aufzubauen? Und wer wird schon nach einem langen Arbeitsleben aus seinem Ruhestand auf seinen alten Platz zurückgerufen, um ein vom Kurs gekom­ menes Schiff wieder in die Fahrrinne zu­ rückzusteuern? Beides hat er erfolgreich ge­ meistert und kann nun mit Zufriedenheit und Genugtuung auf die vielen und vielfäl­ tigen Aktivitäten zurückblicken, die heute das Kulturleben in Villingen-Schwenningen ausmachen: der waschechte Münchner Wal­ ter Eichner hat diesem Kulturbetrieb zwi­ schen Brigach und Neckar mehr als deutlich seinen Stempel aufgedrückt. Insgesamt 22 Jahre war er – um im Bild zu bleiben – in Personalunion Kapitän und Steuermann eines Kulturamtes, in dem sich das Traditions bewußtsein einer fast lOOOjäh­ rigen Stadt ebenso widerspiegeln mußte, wie neue, avantgardistische Kulturformen. Bei allem nahm er sich immer den Spielraum, um eigenen Vorlieben nachzugehen. Denn für Eichner war die Zeit in Villingen­ Schwenningen mehr als nur ein Job; und so viel Umtriebigkeit läßt sich nur dann be­ wältigen, wenn massives Engagement da­ hintersteckt. Obwohl Walter Eichner, der 1949 zum Dr. phil. promovierte und seinerzeit eine Dis­ sertation über „Münchens Entwicklung als Musikstadt im Spiegel der zeitgenössischen Presse“ schrieb, immer wieder in ganz Eu­ ropa mit beachtlichem Erfolg Opern insze­ nierte (wobei die Komponisten Carl-Maria von Weber und Richard Wagner seine Fa- Walter Eichner, insgesamt 22jahre lang prägte er das Kultur/eben im Oberzentrum maßgeblich. 135

Walter Eichner voriten sind), machte den Hauptteil seiner beruflichen Tätigkeit die Arbeit am Schreib­ tisch im Kulturamt im Untergeschoß des Theaters am Ring aus. Sie war eher damit ausgefüllt, mit einem relativ bescheidenen Budget dafür zu sorgen, daß die Theater­ und Konzertfreunde aus Villingen-Schwen­ ningen und Umgebung mit einem attrakti­ ven und abwechslungsreichen Programm bedacht wurden. Diese Unmöglichkeit schaffte er. Und der Erfolg gab Eichners Konzept recht: Die Abonnements im Theater am Ring, bei denen er eine gekonnte Mischung aus Boulevardkomödie und modernen Klas­ sikern servierte, erfreuten sich stets großer Beliebtheit und die Musikreihen wurden in erster Linie geprägt durch die Meisterkon­ zerte, die sich nach Fertigstellung des Fran­ ziskaner-Konzerthauses eines regelrechten Booms erfreuten. In beiden Sparten kamen immer wieder namhafte Künstler in die Stadt, viele nicht zuletzt aufgrund der guten Kontakte, die der gewiefte Kulturarbeiter sich mit den Jahren geschaffen hatte und mit denen er auch den guten Ruf mehrte, den die Doppelstadt im Schwarzwald heute in diesem Bereich hat. Natürlich stand Eichner auch das Glück des Tüchtigen zur Seite, denn das Franzis­ kaner-Konzerthaus ist heute im Klassikbe­ reich eine Spielstätte, von deren akustischer und atmosphärischer Qialität es nicht viele gibt. Entgegen vieler skeptischer Stimmen schaffte es Eichner, das Konzerthaus mit re­ gelmäßigen Belegungen mit Leben zu fül­ len. Und zum Ende seiner zweiten Ära in Villingen-Schwenningen begann auch noch der Ausbau des Bühnenhauses am Theater am Ring – ein Projekt, für dessen Realisie­ rung sich Eichner viele Jahre stark gemacht hat. Kaum jemand hatte geahnt, daß er nach seinem offiziellen Ausscheiden 1992 noch einmal an den wohlvertrauten Schreibtisch gerufen würde. Drei Jahre nach dem Ab­ schied aus den Diensten der Stadt Villingen- 136 Schwenningen erklärte er sich bereit, das in arge Schieflage geratene Kulturschiff wieder flottzumachen, als Nachfolger seiner so un­ glücklich agierenden Nachfolgerin Stürmer. Kein Wunder, daß Eichner bei seinem zwei­ ten Abschied von der Stadt Villingen­ Schwenningen, Anfang 1997, so mit Lob und Dank überschüttet wurde wie noch kein ausscheidender Amtsleiterkollege vor ihm. Denn das Spektrum dessen, was unter sei­ ner Ägide begann, angestoßen oder ausge­ weitet wurde ist beachtlich. Neben dem of­ fiziellen Theater- und Konzertbetrieb sorg­ te er mit dafür, daß die kirchenmusikali­ schen Aktivitäten angeschoben wurden, daß ein Jazzfestival zu mittlerweile beachtlichem Niveau heranreifen konnte, daß sich ein Sinfonieorchester zu neuen Qialitäten ent­ wickelte und daß sich alternative Kultur­ aktivitäten im Jazz-, Folklore-, Kino- und Theaterbereich stabilisierten. Darüberhin­ aus schlug er noch den Bogen zur traditio­ nellen Blasmusik der Stadt- und Bürger­ wehrmusik Villingen-Schwenningen und managte als Geschäftsführer der Zuggesell­ schaft noch den öffentlichen Veranstal­ tungsreigen der Narrenvereine. Da ist dann kaum noch erstaunlich, wenn Eichner viele Jahre ehrenamtlich Geschäfts­ führer der Städteoper Südwest oder Präsi­ dent der „Interessengemeinschaft der Städ­ te mit Theatergastspielen“ war. Die Kultur füllte ihn aus, rund um die Uhr. Eichner, der trotz all dieser Belastungen noch immer Zeit fand, seinem Stecken­ pferd, den Operninszenierungen, nachzu­ gehen, steckt auch jenseits der 70 noch vol­ ler Tatendrang und denkt keineswegs an einen beschaulichen Ruhestand im gemütli­ chen Haus in Hardt. Solange die Gesund­ heit mitmacht, wird er weiterhin im Kultur­ leben mit dabei sein: immer wieder mit Inszenierungen und gelegentlich auch als ganz einfacher Veranstaltungsbesucher. Friedhelm Schulz

Außergewöhnlicher Einsatz für die Baar Persönlichkeiten Prof. Dr. Günther Reichelt und seine Liebe zur Geologie, Natur, Geschichte und zur Kunst Wenn Günther Reichelt vor seine Haustü­ re in der Uhlandstraße tritt, sieht er auf Do­ naueschingen. Wie ein Teppich breitet sich das Häusermeer vor ihm aus, mitten drin die Stadtpfarrkirche St. Johann mit ihren beiden Türmen. Nahtlos schmiegt sich die einmalige Hügellandschaft der Baar an, die der Professor für Naturwissenschaften lieb­ gewonnen hat: als Beobachter, als Geologe und als Maler. Eine Landschaft, für deren Erhalt er sich einsetzt. Seine Art, für die Umwelt zu kämpfen, Schäden an Land­ schaften sachlich zu dokumentieren und gleichzeitig Lösungsmöglichkeiten aufzu­ zeigen, machten Reichelt in ganz Europa bekannt. Die Zahl seiner Ehrungen nimmt ständig zu, darunter das Bundesverdienst­ kreuz (1980), und gleich zweimal die Staats­ medaille in Gold. 1990 wurde Reichelt wis­ senschaftlicher Beirat der Europäischen Akademie für Umweltfragen. 1996 feierte der Umweltschützer seinen 70. Geburtstag. Unterwegs in der Natur hat er immer Feld­ buch, Geologenhammer, Messer, Spachtel, Notizblock und Stifte dabei. Wie ein Foto­ graf durchforstet er Wald und Flur, auf­ merksam registriert er jede Veränderung. Seit 1943 führt er Tagebuch. Bis vor wenigen Jahren schätzte er sogar die Höhe der Bäu­ me ab. Seine Entdeckungen zeichnet er Prof Dr. Günther Reichelt in seinem Studierzimmer. Der Umweltschützer engagiert sich seit Jahrzehnten für die Baar, eine Landschaft, die er liebt wie die Menschen, die dort zuhause sind. 137

Günther Reich lt sorgfältig auf, den Geologen interessieren besonders die verschiedenen Gesteinsarten, die er mit Farbstiften festhält. Sein Wissen mündet immer wieder in Büchern und Bild­ bänden. Günther Reichelt ist kein bequemer Mensch. Er sagt was er denkt, den Politikern und Vertretern der Behörden ebenso wie sei­ nen Nachbarn. Wenn ihm etwas am Herzen liegt, läßt er nicht locker. Eine Karriere hat er nie angestrebt. Für seine Zukunft wünscht er sich, daß ihm seine geistige Kraft und Be­ weglichkeit möglichst lange erhalten bleibt, denn Pläne habe er genug. Geboren wurde der „Kenner der Baar“ in Sehladen im Harz als dritter Sohn des Inge­ nieurs Paul Reichelt und seiner Frau Anna­ Luise. Nach der Volksschule in Sehladen wechselte er 1939 nach Wolfenbüttel auf die Deutsche Oberschule in Aufbauform. Ab 1941 Flieger-HJ in Wolfenbüttel, wurde er 1943 als Luftwaffenhelfer in Braunschweig eingesetzt. 1944 kam er als 18jähriger an die Front. Nach kurzer amerikanischer Gefan­ genschaft kehrte er im Juni 1945 heim und verdingte sich zunächst als Landarbeiter. Ein Studium der Biologie, Chemie, Geographie und Philosophie in Göttingen und Freiburg legte 1951 den Grundstock für seinen be­ ruflichen Werdegang. Im gleichen Jahr heiratete Reichelt seine erste Frau Gertraude. Seine gewonnenen Kenntnisse gab er früh an seine Kinder Pe­ ter und Eva weiter. 1988 starb seine Frau. Ein Jahr später vermählte sich Reichelt mit Helga Kirschvink geborene Meister. Auch Vorsitzender des Landesnaturschutzverbandes Von 1951 bis 1954 war Reichelt als Ökolo­ ge und Pflanzenökologe am Staatlichen For­ schungsinstitut für Höhlenlandschaft in Do­ naueschingen tätig. Ab 1954 unterrichtete er, inzwischen als Studienrat, bis 1964 in Donaueschingen, Freiburg, Baden-Baden und Villingen. Davon war der umtriebige 138 Mensch fünf Jahre lang parallel als Kreisbe­ auftragter für Naturschutz und Landschafts­ pflege im Landkreis Villingen tätig. Dieser Aufgabe widmete er sich bis 1970. Nebenbei promovierte Reichelt 1960 in Freiburg zum Doktor „rer. nat.“ und wurde Leiter des Fachseminars in Biologie, wo er als Gymnasialprofessor unterrichtete. Eren­ gagierte sich ab 1980 acht Jahre lang als Fachberater am Staatlichen Studienseminar Rottweil. 1970 folgte seine Ernennung zum Professor. Von 1959 bis 1969 war Reichelt Naturschutzbeauftragter im Kreis Villingen. 1982 wurde er Vorsitzender des Landesna­ turschutzverbandes Baden Württemberg. Als Vorsitzender leitete er von 1964 bis 1978 den „Verein für Geschichte und Naturge­ schichte der Baar“. Während dieser Tätigkeit gründete er zu­ dem die „Arbeitsgemeinschaft Umwelt­ schutz Schwarzwald Baar Heuberg“, eine der drei Wurzeln des späteren „BUND“. Er ist Mitglied mehrerer staatlicher Landes­ beiräte für Natur-und Umweltschutz. Rei­ chelt gehört weiter dem Umweltbeirat der evangelischen Landeskirche Baden an. Den Menschen setzt er stets in Beziehung zur Landschaft, die eine Rückwirkung auf ihn habe. An der Baar liebt er die herbe Landschaft mit ihrer befreienden Weite. Er schätzt ihre klaren Formen und reinen Far­ ben. Täglich stellt er das Leben in Frage. Für jeden Neubeginn ändert Reichelt bereitwil­ lig seinen Kurs. Seine geowissenschaftlichen Erkenntnisse wie auch Themen, die die Umwelt betreffen, hielt Günther Reichelt als Autor und Mit­ autor in zahlreichen Büchern fest. Dazu kommen noch um 120 Fachveröffentli­ chungen. Darunter befinden sich seine Tier­ und Pflanzenbeobachtungen. Von Tradition hält Reichelt viel. Er selbst ist Mitglied im 1805 gegründeten Verein für Geschichte und Naturgeschichte der Baar Donaueschingen. Von 1960 bis 1980 war Reichelt für die Herausgabe der umfang­ und abwechslungsreichen Schriften des

„Vereins für Geschichte und Naturgeschich­ te der Baar“ verantwortlich. Nach längerer Pause übernahm er 1991 die Schriftleitung für die Herausgabe der jährlichen Publika­ tionen. 1941 entdeckte Reichelt, daß er nach der Natur zeichnen könne. Selbst Reiseanekdo­ ten bebilderte er. In seinen Motiven spie­ geln sich seine Empfindungen wider. Selbst im Urlaub hält Reichelt ständig neue Ein­ drücke fest. Seine Neugierde scheint gren­ zenlos, sein Wesen rastlos. So setzte er sich 1994 in Mecklenburg-Vorpommern dafür Persönlichkeiten ein, daß eine ökologisch wertvolle Region als Naturschutzgebiet ausgewiesen wurde, ebenso in der Lausitz. Dieses zweite Gebiet sei, so versichert Reichelt mit Stolz, das größte Naturschutzgebiet in ganz Sachsen. Seinen außergewöhnlichen Einsatz für die Baar hält er übrigens für selbstverständlich: „Man muß ganze Arbeit leisten, da wo man ist.“ Birgit Tilgner Ein Leben für die Geologie Zum Tode von Professor Willi Paul Im Oktober 1996 starb Professor Willi Paul im 89. Lebensjahr. Der nachfolgende Bei­ trag zeichnet Stationen eines Lebens für die Geologie nach, in dem sich der in Vöhren­ bach beheimatete Willi Paul zahlreiche Ver­ dienste um die Geologie des Landes Baden­ Württemberg erworben hat, für die er mit hohen Ehrungen bedacht wurde. Wer sich mit Professor Willi Paul im 1968 bezogenen Wohnhaus in der Vöhrenbacher Hagenreutestraße auf ein Gespräch über die Geologie einließ, erlebte faszinierende Stun­ den: Bereits der Gang durchs Treppenhaus hinauf zum Arbeitszimmer war vom Blick auf Fossilien und interessante Gesteins­ stücke begleitet. Im Arbeitszimmer bot sich das gleiche Bild: Überall Fundstücke, zu­ sammengetragen bei Exkursionen in der näheren und weiteren Umgebung. Über die­ se „toten Dinge“ verstand es Willi Paul span­ nend zu erzählen. Ereignisse, die sich vor Millionen von Jahren zugetragen hatten, so zu schildern, als wären sie gerade eben im Gang: ,,Steine sind keine tote Masse, son­ dern höchst lebendig“, pflegte Willi Paul sei­ nen Erklärungen oft voranzuschicken und lieferte in der Folge mit seinen Ausführun­ gen den Beweis. Gerne erzählte er auch, wie der geborene Villinger (5.10. 1907) als Fünfjähriger lei­ denschaftlich aber vergebens in der frisch eingeschotterten Brigachstraße nach Über­ resten von Dinosauriern suchte. Als Zwölf­ jähriger fand er in einem Steinbruch bei Vtl­ lingen seinen ersten Ammoniten (ausge­ storbene Kopffüßer aus der Kreidezeit), verschlang alles an Fachliteratur, was zu be­ kommen war, und begann eigene Abhand­ lungen zu verfassen. Die Liebe zur Geologie war früh und in­ tensiv ausgeprägt. Doch familiäre Schick­ salsschläge und das Dritte Reich machten Willi Paul den Abitursabschluß mit nach­ folgendem naturwissenschaftlichem Studi­ um unmöglich. Nach der Oberrealschule trug er zwei Jahre lang als Hilfsarbeiter in der feinmechanischen und Uhrenindustrie zum Unterhalt der Familie bei, erlernte dann den Beruf des Industriekaufmanns, holte im Selbststudium das Abitur nach (1931) und widmete sich nach dem Schei­ tern eines Studiums (Drittes Reich) als Au­ todidakt voll und ganz der Geologie, neben 139

Willi Paul der beruflichen Tätigkeit als kaufmännischer Geschäftsführer eines Industrieunterneh­ mens in Furtwangen (Baduf) und einer nachfolgenden leitenden Position in der Elektroindustrie (DZG, Vöhrenbach). Ministerpräsident Lothar Späth zeichnete die wesentlichen Stationen dieser außerge­ wöhnlichen geologischen Laufbahn bei der Verleihung des Professorentitels im Jahr 1980 nach: ,,Bereits mit der 1936 veröffent­ lichten Schrift über den Hauptmuschelkalk im südöstlichen Schwarzwald machten Sie die Fachwelt auf sich aufmerksam. Ihr Re­ nommee unter den Geologen war bald so groß, das Sie 1948 aus Anlaß des 60jährigen Bestehens der Badischen Geologischen Lan­ desanstalt wegen Ihrer Verdienste um die Geologie des Landes zum ständigen freien Mitarbeiter ernannt wurden. Dem geologi­ schen Landesamt gehören Sie seit seiner Gründung ebenfalls in gleicher Eigenschaft an. Nach dem Kriege haben Sie eine Fülle wis­ senschaftlicher Veröffentlichungen vorge­ legt. Sie befaßten sich im wesentlichen mit den Vereisungsvorgängen vorwiegend des mittleren Schwarzwaldes, der Morphogene­ se (Ausgestaltung, Entstehung) dieses Ge­ birges, dem Ablauf der Gebirgsbildung im Schwarzwald und der Flußgeschichte in Südwestdeutschland sowie der Problematik des Muschelkalkes und des Keupers, von der Sie dereinst ausgingen. Es ist bemerkenswert und von den Schulgeologen als Beweis der �alität Ihrer Forschungen stark beachtet worden, wie breit das Spektrum Ihres wis­ senschaftlichen Werkes ist, ein bei Autodi­ dakten seltener Fall.“ Soweit der damalige Ministerpräsident. Über 30 wissenschaftliche Arbeiten, darun­ ter grundlegende über die Altersfolge der Schichtgesteine, zur Tektonik, Fluß- und Landschaftsgeschichte von Wutach, Donau und Baar sowie der Eiszeitgeologie sind im Laufe dieses von der Geologie erfüllten Le­ bens entstanden, die noch heute als Stan­ dardwerke ihre Gültigkeit haben. Gewon- 140 Professor Willi Paul nen wurden diese Erkenntnisse bei Tausen­ den von Exkursionen, fast immer in Beglei­ tung der vor wenigen Jahren verstorbenen Ehefrau Mathilde, mit der Willi Paul eine Seilschaft fürs Leben gebildet hatte, wie er es gerne formulierte. Willi Paul hat sein Fachwissen auf vielfa­ che Weise weitergegeben. Nicht nur durch Veröffentlichungen, sondern auch im Rah­ men von Exkursionen bei Volkshochschu­ len oder Schwarzwaldvereinen und in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Abteilung Naturgeschichte des „Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar“, der ihn zum Ehrenvorsitzenden ernannte. Der profunde Kenner der Geologie verstand es als Ver­ pflichtung, das eigene und das Wissen derer weiterzugeben, die vor uns waren. Von die­ ser Einstellung haben auch Städte und Ge­ meinden profitiert. Für sie suchte Willi Paul

Persönlichkeiten nach Trinkwasservorräten. Für die Stadt Furtwangen fand W illi Paul die ergiebigen Tiefbrunnen im Katzensteig. Eine besondere Freude war es Professor Paul in einer Gesellschaft Ehrenmitglied zu werden, in der alle maßgeblichen Eiszeit­ forscher zusammengeschlossen sind und die als „illustrer Zirkel“ gilt. Es handelt sich da­ bei um die Deutsche Q!iartärsvereinigung, die den Geologen seit ihrer Gründung im Jahr 1948 als Mitglied führte. W illi Paul hat in den Jahrbüchern dieser Vereinigung zahl­ reiche wissenschaftliche Beiträge veröffent­ licht und konnte die hohe Auszeichnung im Jahr 1980 im Rahmen einer Tagung in Aachen entgegennehmen. Präsident Prof. Dr. Fränzle: ,,Dies geschieht in W ürdigung Ihrer hervorragenden Leistungen auf dem Gebiet der Q!iartärsforschung, durch die Sie wesentliche Erkenntnisse über Ausmaß und Zeitstellung der Schwarzwaldvergletsche­ rung und zu räumlich und inhaltlich be- nachbarten quartär-geologischen Proble­ men gewonnen haben.“ Wohl kein zweiter Vöhrenbacher hat seine Umwelt mit den Augen W illi Pauls betrach­ tet: Wenn er zu seinen täglichen Spazier­ gängen aufbrach, dann war ihm bewußt, in einer Landschaft umherzustreifen, die vor 400 Millionen Jahren winziger Bestandteil eines riesenhaften Gebirges war, des Variski­ schen Gebirges. Eine Landschaft auch, durch die vor 20 Millionen Jahren erstmals die Ur-Breg zu fließen begann und die noch heute Jahr für Jahr um zirka einen Millime­ ter in die Höhe steigt. Die Erde befindet sich in einem beständigen Wandel und ist dabei ihr eigener Biograph. Professor Willi Paul vermochte die Spuren dieses Wandels in „toten Steinen“ nachzulesen. Im Fall von Schwarzwald und Baar wie kein zweiter zu­ vor. Wi!frfed Dold Hilfe für den Mitmenschen als Herzenssache Christel Esterle wurde im Alter von nur 43 Jahren plötzlich dem Leben entrissen Sie war Mutter von sechs Kindern, das jüngste neun Monate alt, die sich bei ihr wohl behütet wußten. Eine große Aufgabe, die sie voller Lebensfreude erfüllte. Und es ringt einem uneingeschränkte Bewunderung ab, daß es Christei Esterle als Selbstver­ ständlichkeit sah, es für sie eine Herzenssa­ che war, weit über den familiären Rahmen hinaus anderen Menschen zu helfen, einen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten. Fas­ sungslos stand am 19. Januar 1997 ganz Vöhrenbach dem plötzlichen Tod einer Mit­ bürgerin gegenüber, die im Alter von erst 43 Jahren aus dem Leben gerissen wurde und die allen als eine liebenswerte Wegbeglei­ terin in Erinnerung ist. Geboren am 26. Oktober 1953 und aufge­ wachsen in Langenbach auf dem Bauernhof der Eltern, war es Christei Esterle geborene Schätzle von Kindesbeinen an gewöhnt, in der Landwirtschaft und im Haushalt dort anzupacken, wo es das Tagwerk erforderte. Langenbach und Vöhrenbach, hier fühlte sie sich zuhause, fest verwurzelt in ihrer Fa­ milie und einer großen Gemeinschaft von Freunden. Die überzeugte Katholikin begann schon in jungen Jahren damit, sich für die Allge­ meinheit zu engagieren. Als Gruppenleite­ rin in der Katholischen Jugend erfreute sie sich am Beginn der 1970er Jahre großer Wertschätzung und wurde 1974 als An- 141

Chsi tel Esterle sprechpartnerin für die Jugend in den Pfarr­ gemeinderat berufen. Sie half zudem, das Jugendrotkreuz des Ortsvereins des Roten Kreuzes aufzubauen, zusammen mit ihrem späteren Ehemann. Nach der Heirat mit Manfred Esterle er­ füllte sie sich den Traum von einer großen Familie, ihr öffentliches Engagement führte sie so gut es ihr möglich war weiter. Im Ro­ ten Kreuz wirkte Christei Esterle zunächst als Schwesternhelferin, dann als Sanitäterin. Und 1993 übernahm sie das Amt der Be­ reitschaftsleiterin, kurz darauf zugleich das der stellvertretenden Kreis-Bereitschaftslei­ terin. Hatte sie von 1974 an erstmals dem Pfarrgemeinderat angehört, führte sie ihr Engagement in diesem Gremium nach einer längeren Pause am Ende der 1980er Jahre weiter. Bei der letzten Pfarrgemeinderats­ wahl erhielt Christei Esterle die mit Abstand meisten Stimmen, genoß im Gremium ho­ hes Ansehen und galt als feinfühliges Bin­ deglied zur Katholischen Jugend, die in ihr eine verständnisvolle Mittlerin in vielerlei Angelegenheiten hatte. Eine wertvolle Stüt­ ze war sie zudem innerhalb der katholischen Frauengemeinschaft. Sie liebte den Turn­ sport, gehörte dem Turnverein an und half bei der Volkshochschule im Rahmen der Hausaufgabenbetreuung. Gleich ob Rotes Kreuz oder Katholische Pfarrgemeinde, Christei Esterle galt als ver­ läßliche und kompetente Mitarbeiterin, die unauffällig half, wo es geboten schien. Sie organisierte für das DRK Hilfsdienste jeder Art, auch im Rahmen der Rußlandhilfe und der Kinderhilfe Osijek. Vielfach interessiert und talentiert, verfaß­ te Christei Esterle für die lokale Presse zahl­ reiche redaktionelle Beiträge über das Ge­ schehen in Vöhrenbach. Sie liebte es, Ge­ dichte und Verse zu schreiben und hätte die­ se gerne einmal als Büchlein herausgegeben. Geschätzt war sie zudem als Mitarbeiterin des Vöhrenbacher Narrenblättles der Hei­ matgilde „Frohsinn“, denn der Fastnacht fühlte sich die lebensfrohe Frau eng ver- 142 Christei Esterle bunden. Kaum ein Fasnetmendig der jün­ geren Vergangenheit, an dem die Familie Esterle samt Anhang und Freunden nicht mit einer großen Gruppe beim Umzug ver­ treten gewesen wäre. Überall angesehen und beliebt, weil hilfs­ bereit und in Freundschaft vielen Menschen verbunden, es gibt nur wenige, die dieses für sich in Anspruch nehmen dürfen. Christei Esterle hätte es nie getan, ihre Bescheiden­ heit hätte das nicht zugelassen, aber bei ihr war es der Fall. Vöhrenbach hat eine enga­ gierte, im Stillen sozial wirkende Bürgerin verloren, für die caritatives Engagement ei­ ne Menschenpflicht, eine Ehrensache war. Wf!fried Dold

Der Kunst des Wortes verpflichtet Dr. Lorenz Honold hat den „Almanach“ über ein Jahrzehnt lang entscheidend mitgeprägt Per önlichkeiten Er habe sein Berufsleben lang den Men­ schen gedient, anerkannte Stadtpfarrer Dr. Otto Scheib am 5. Dezember 1996 in der Einsegnungskapelle des Donaueschinger Stadtfriedhofes bei der Trauerfeier für Dr. Lorenz Honold. Gedient habe der Mann, den der Tod erlöst hatte, den Menschen mit der Kunst seines Wortes und der Seriosität seiner Arbeit als Journalist. Gedient hat Dr. Honold den Menschen, so ist hinzuzufü­ gen, gewiß auch mit seinem langjährigen Wirken als einer der Schriftleiter dieses „Almanach“, des Heimatjahrbuches des Schwarzwald-Baar-Kreises. Lorenz Honold, am 7. Juli 1905 im heuti­ gen Blumberger Stadtteil Riedböhringen zur Welt gekommen, absolvierte nach der heimatlichen Volksschule die humanisti­ schen Gymnasien in Sasbach bei Achern und in Freiburg und studierte danach Theo­ logie und Philosophie, Neuphilologie und Geschichte, Literatur und Kunstgeschichte. Über das Verständnis der Rechtsphilosophie in der Renaissance promovierte er, erst 22jährig, in Freiburg zum Dr. phil. Nach zwei ersten Berufsjahren als wissenschaftli­ cher Mitarbeiter des Deutschen Volkslied­ Archives in Freiburg wurde Honold 1931 Volontär bei der „Kölnischen Volkszeitung“. Sie übernahm ihn nach seiner journalisti­ schen Ausbildung als Redakteur in ihr Kul­ tur-Ressort, machte ihn bald darauf zum Re­ feratsleiter für Schauspiel und Bildende Kunst und vertraute ihm auch ihre Sonder­ seiten und Serien an. Der bereits in jungen Jahren geschichtlich denkende Kulturredakteur machte sich über den politischen Weg und die Zukunft des Dritten Reiches schon früh keine Illusionen, als die relative Mehrheit der Deutschen in den wirtschaftlichen Nöten und geistigen Wirren am Ende der Weimarer Republik ih- Dr. Lorenz Honold re Hoffnungen 1933 auf Adolf Hitler setzte und der greise Präsident Hindenburg den Nazi-Führer zum Reichskanzler machte. Dr. Lorenz Honold entzog sich der Gleich­ schaltung und Trenddiktatur der Partei auch in der Kulturberichterstattung, indem er für die „Kölnische Volkszeitung“ als Umbruch­ redakteur nach Essen ging. Eine Ausstellung mit angeblich „entarteter Kunst“, mit der die Nazis zwei Jahre später in München ihr jeglichem Experiment feindseliges Kunst­ verständnis demonstrierten, nahm ihm voll­ ends jede Hoffnung, sein journalistisches und kulturelles Selbstverständnis je noch einmal ins angestammte berufliche Metier investieren zu können. Der Kultur-Redakteur, der mit der Rezen­ sion großer Aufführungen im Ruhrgebiet 143

Lorenz Honold und namhafter Ausstellungen in ganz West­ deutschland und selbst in den Niederlanden sich einen Namen gemacht hatte, zog sich 1937 ins Lokal-Ressort der „Dürener Zei­ tung“ zurück, wo er, wie er später immer wieder berichtete, dem Meinungsdruck der Nazis leichter habe ausweichen können, doch die Zeitung sei zu dieser Zeit nur noch sein „Brotberuf“ gewesen. Sieben Jahre tat er diesen Dienst, der seiner umfassenden Bildung nur eine aufgezwungene schmale Basis beruflicher Betätigung bieten konnte, bis auch Düren zerbombt wurde und Dr. Honolds umfangreiche Bibliothek und vie­ le Kunstschätze zerstört oder von später ein­ rückenden Besatzern verbrannt wurden. Seine Frau und die beiden kleinen Söhne hatte er schon zwei Jahre zuvor auf der hei­ matlichen Baar in Sicherheit gebracht. Als die „Badische Zeitung“ wenige Mona­ te nach ihrer Gründung am l. Februar 1946 in Freiburg auch auf der Baar Fuß zu fassen suchte, ließ sich Dr. Lorenz Honold von ihr als Redakteur in Donaueschingen engagie­ ren. Bis November 1971, also gut ein Vier­ teljahrhundert, wirkte er für das Blatt. Doch es war halt erneut „nur“ das Lokal-Ressort, das ihm einen Job bot, der – wenn auch un­ ter nun viel positiveren politischen Vorzei­ chen – damit dem Journalisten zum zweiten Mal zum „Brotberuf“ wurde. Doch dem Mann mit der umfassenden hu­ manistischen Ausbildung und der noblen Geisteshaltung blieben die zuweilen kon­ fliktbeladene Kommunalpolitik, die Zahlen und Fakten der heimischen Wirtschaft und das Regelwerk der vielen Sportarten eher fremd. Viel vertrauter waren ihm im Ver­ gleich dazu die Kunstschätze der Fürstlich­ Fürstenbergischen Sammlungen, des F. F. Archivs und der Bibliothek des Fürstenhau­ ses. Unter Arbeitbedingungen, die sich heu­ te kaum ein Journalist mehr vorstellen kann, erfüllte Dr. Honold seine Berufspflichten, so gut er es als BZ-Alleinredakteur und ge­ gen die übermächtige Konkurrenz anderer Zeitungen im langgestreckten einstigen 144 Landkreis Donaueschingen vermochte. Als er, bereits mehr als 66jährig, im November 1971 pensioniert wurde, blieb er der Do­ naueschinger Redaktion der „Badischen Zei­ tung“ als Autor ungezählter Beiträge zu Kunst, Geschichte und Brauchtum, zum ak­ tuellen Kulturgeschehen wie über die Jah­ resausstellungen der „Künstlergilde“, zum Schaffen des Donaueschinger Hans-Thoma­ Preisträgers Helmut Müller-Wiehl und mit Rezensionen selbst von Theateraufführun­ gen und Konzerten verbunden. Dr. Lorenz Honold war schon 70 Jahre alt, als ihn Dr. Gutknecht bat, an der Herausga­ be des Heimatjahrbuches des noch jungen Schwarzwald-Baar-Kreises mitzuwirken; der 1981 verstorbene Donaueschinger Dichter und Reiseschriftsteller Max Rieple hatte dem Landrat den Tip gegeben, sich dieses Engagement zu sichern. Nach wenigen Ta­ gen Bedenkzeit sagte Dr. Honold zu; er ver­ stand sich freilich nicht als Mitarbeiter, der lediglich die Beiträge anderer zu redigieren hatte, sondern er wurde rasch auch zu einem der fruchtbarsten Autoren des Heimatjahr­ buches. Und er bereicherte dieses jedes Jahr von vielen erwartete und meist auch umge­ hend ausverkaufte Werk als Ideengeber für andere Mitbürger des Landkreises, die seine Themenvorschläge aufgriffen. Daß andere Landkreise Baden-Württembergs Dr. Gut­ knechts „Almanach“- Idee mit eigenen Jahr­ büchern kopierten, war damit auch das Mit­ verdienst von Dr. Lorenz Honold. Mehr als ein Jahrzehnt arbeitete der pen­ sionierte Journalist, körperlich wie geistig beneidenswert lange rüstig geblieben, für das Heimatjahrbuch des weiten Landkreises zwischen Blumberg und Triberg, zwischen Gütenbach und Tuningen. Und wie zuvor im Journalistenkreis der „Badischen Zei­ tung“, blieb er auch in diesem Aufgabenfeld der stets bescheidene und zurückhaltende Kollege, der belesene und kluge Gesprächs­ partner, der gerade zwischen Meinungsfron­ ten ausgewogene Vermittler, der für jede Art des Sensationsjournalismus nie zu haben

gewesen wäre, der liebenswürdige Mit­ mensch und eingängig formulierende Schreiber. Mit dem Begriff „Heimat“ und dem, was der Leser unter dieser Rubrik er­ wartet, hatte er ebenso wenig Probleme wie mit Menschen, die sich als Intellektuelle se­ hen und eben diese Heimat und ihre Werte als „Provinz“ betrachten. Über derlei Schub­ ladendenken war der Mann, der ein rasches, ja vorschnelles Urteil stets vermied und der selbst in Enttäuschung oder gar Ärger nie „auszurasten“ pflegte, ebenso gescheit wie altersweise erhaben. Er sei ein „Mensch von lauterstem Charakter“, hatte der Haupt­ schriftleiter der „Dürener Zeitung“ Dr. Lo­ renz Honold bei dessen Ausscheiden gegen Ende des Zweiten Weltkrieges bescheinigt. Sich selbst als Journalist als „Meinungs­ macher“, ja als „Mann der vierten Gewalt“ wichtig zu sehen oder sich gar wichtig zu machen, wäre Honold nie in den Sinn ge­ kommen; er tat bescheiden seine Pflicht und hielt sich im übrigen im Hintergrund. Nur einmal ließ er sich überreden, im Mittel­ punkt zu stehen: Am 24. Oktober 1984, we­ nige Monate vor seinem 80. Geburtstag, hef­ tete ihm der Landrat das Bundesverdienst­ kreuz am Bande an, das ihm auf Dr. Gut­ knechts Antrag Bundespräsident Richard von Weizsäcker verliehen hatte. Dr. Lorenz Persönlichltei1en Honold war der erste Journalist im Schwarz­ wald-Baar-Kreis, dem diese Ehrung zuteil wurde. Sein Engagement sei für den Almanach zum Glücksfall geworden, würdigte der Landrat als Laudator im schönen Sitzungs­ saal des Donaueschinger Rathauses damals das Werk des Geehrten. Denn dieser hatte als gebürtiger Baaremer die eingehende Kenntnis seiner Heimat in Geschichte und Gegenwart mit dem Können und der hand­ werklichen Routine des Redakteurs verbun­ den, der sich auch fern dieser „Landschaft der weiten Horizonte“ (Max Rieple) be­ währt und aus diesem Wirken ein gutes Stück Weitläufigkeit in die sogenannte Pro­ vinz zurückgebracht hatte. Dr. Lorenz Ho­ nold bekannte damals bewegt, sein W irken für das Heimatjahrbuch des Schwarzwald­ Baar-Kreises sei auch für ihn selbst zum Glücksfall geworden. Denn dieses Engage­ ment hatte ihm im Herbst seines Lebens ganz unverhofft die Chance geboten, seine umfassend gebildete Persönlichkeit abseits aller Tageshektik noch einmal umfassend in eine geschätzte Publikation einbringen zu können. Gerhard Kiefer Winter-Abend Der Frost schreibt die Partitur des Violin-Konzerts von L. v. Beethoven in D-Dur mit feiner Schrift auf das Fensterglas Das Orchester unsichtbar Ich stelle mir vor: wie die zarten Töne der Violine behutsam deine Haut berühren im Zimmer wird es warm Ist es die Musik oder meine Vorstellung .. ? Bernhard Brommer 145

Persönlichkeiten Der Heimat und den Menschen verbunden Der Triberger Alexander Jäckle zählte auch zu den Mitarbeitern des „Almanachs“ In der Nacht von Allerheiligen auf Aller­ seelen starb im vorigen Jahr Alexander Jäck­ le. Daß er just in diesem Kirchenjahrs-Ab­ schnitt heimgerufen wurde, bedeutete für ihn die Erfüllung einer seiner wenigen Wün­ sche. Groß war die Schar derer, die ihm, Wind und Wetter trotzend, das letzte Geleit auf dem Triberger Bergfriedhof gaben. Alexander Jäckle, der nie einen Anspruch aufEhrungen und Dankadressen erhob, leb­ te bescheiden, war aber doch stets präsent. Der gebürtige Triberger wirkte über 40 Jah­ re als Mitarbeiter der Südkurier-Lokalredak­ tion, aber auch für die Badische Zeitung, für die er über Jahrzehnte hinweg einen stän­ digen Nachrichtenüberblick für die Ausgabe Furtwangen über die Geschehnisse in der Raumschaft Triberg lieferte. Er begleitete die Kommunalpolitik, aber auch das kulturelle Leben in Triberg als Berichterstatter, seine besondere Liebe galt dem Vereins- und kirchlichen Leben. Als ausgebildeter Kaufmann fand er nach dem Krieg, an dem er als Soldat teilnehmen mußte, seinen Arbeitsplatz bei der Elektri­ zitäts-Gesellschaft Triberg. In dieser Zeit hei­ ratete er Waltraud Jehle, mit der er bis zu ihrem Tode 1992 in Friedrichshafen glück­ lich zusammenlebte. Groß waren seine Be­ mühungen und sein Wirken in der Kir­ chengemeinde. Als Witwer engagierte er sich im Alten- und Altenpflegeheim in Tri­ berg. Dort wurde er zum Heimfürsprecher gewählt. So bescheiden Alexander Jäckle lebte, in der Musik war er anspruchsvoll. Er gehörte der Sängerlust an, bildete Anfang der 50er Jahre mit Josef Schwer, Willi Kienzler, Lo­ thar Bräuer und Josef Dold das „Qyartett der Frohen Fünf“, die auch Kurkonzerte be­ stritten. Jäckle spielte selbst Klavier und träl­ lerte immer gern ein fröhliches Lied. Neben 146 Akxander }äckle dem Wohl für die Mitmenschen lag ihm auch das Leben und die Geschichte seiner engsten Heimat am Herzen. Von 1986 bis 1996 und in über zehn Beiträgen schilderte er im „Almanach“ Menschen und Ereignis­ se rund um Triberg. 50 Jahre nach Kriegsende sagte Alexander Jäckle in einem Interview, das er, der als Zei­ tung-Berichterstatter sonst fragte, erstmals gab: ,,Man sollte bewußt dankbar sein für so viele Lebensmöglichkeiten heute und sich bewußt sein, daß das im Grunde genom­ men gar nicht selbstverständlich ist.“ Das war seine Lebensmaxime. Renate Bökenkamp

Archäologie 8. Kapitel I Almanach 98 Die Römerbadruine in Hüfingen Modeme Präsentation einer archäologischen Kostbarkeit aus der Zeit um 70 n. Chr. Nach dreijähriger Sanierungszeit konnte im Oktober 1995 die römische Badruine in Hüfingen wieder der Öffentlichkeit zugäng­ lich gemacht werden. Das ehemalige Militärbad wurde von rö­ mischen Soldaten gebaut, die im ersten nachchristlichen Jahrhundert im Kastell auf dem Galgenberg stationiert waren. Das Hü­ finger Kastell war der westliche Befesti­ gungspunkt des Donaulimes, der zur Regie­ rungszeit Kaiser Claudius (41-54 n. Chr.) angelegt wurde. Das Badewesen war ein unverzichtbarer Bestandteil der römischen Lebensart, selbst in den entferntesten Provinzen und auch für das Militär. Auch in Hüfingen, zu Fuße des Kastells, das in seiner Hochzeit 1 000 be­ rittene Soldaten aufnahm, entstand um 70 nach Christus eine römische Badeanlage. Ursprünglich diente sie den Kastellsoldaten zur Hygiene, körperlichen Abhärtung, Ge­ sundheit und Entspannung. Die Zivilbevöl­ kerung, die in der nahe gelegenen Siedlung ,,Brigobannis“ im Mühlöschle lebte, be­ nutzte das Bad aber bald mit. Jeder Besu­ cher, der heute bei winterlichen Außentem­ peraturen auf der rauhen Baar die Ruine be­ sichtigt, bekommt eine direkte Vorstellung davon, welchen Luxus ein warmes, beheiz­ tes Bad für die Menschen damals bedeutet haben muß, egal ob römischer Soldat, Söld­ ner oder Bewohner des Dorfes „Brigoban- . „ms. Die Hüfinger Römerbadruine mißt 19 x 30 Meter. In zwei Bauphasen entstanden zuerst ein Heizraum, ein Warmbaderaum, ein lau- Von den Besucheostegen aus sind alle Teile deo oömischen Badouine bestens einsehbar. 147

Archäologie waschbecken). 1 Der lauwarme Raum (tepidarium) diente als Wärmeschleuse zwi­ schen Warm-und Kaltbaderaum und benötigte kein Wasser. Im Kaltbaderaum (frigidarium) stan­ den Kaltwasserwannen und die Badegäste konnten in ein tiefer ge­ legenes Becken (piscina) hinab­ steigen. Aus dem Maul eines stei­ nernen Löwenkopfes sprudelte einst das Wasser in die Piscina. Im großen Umkleideraum (apodyte­ rium), der auch als Ruhehalle diente, gab es ein Becken von 7 x 5 Blick ins Caldarium mit Hypokaustpfeiler und Labrum (Hand- Meter, das aufwendig isoliert und von Säulen umstanden war. Ni­ schen in den Wänden und Regale warmer Raum und ein Kaltbaderaum mit dienten als Ablage für die Kleidung. Das Kaltwasserbecken. Wahrscheinlich in Folge runde Schwitzbad (sudatorium) hatte einen der Truppenverstärkung im Kastell wurden Durchmesser von 7 Meter und war über­ in einer zweiten Bauphase ein großer Aus­ kuppelt. Von seiner Funktion ist es mit der kleide-und Ruheraum mit großem Becken und ein rundes Schwitzbad hinzugefügt. Die für den Bau des Badegebäudes verwen­ D deten Ziegel mit Stempeln der 11. Legion sind nicht nur wichtig für seine Datierung, sondern legen auch die Vermutung nahe, daß die in Hüfingen stationierten Truppen dem Legionskommandanten in Vindonissa (Windisch) unterstellt war. Im Heizraum (praefumium) ist ein aufge­ mauerter Heizkanal mit Holzfeuerstelle zu sehen. Hier wurden die Heizgase für die Bo­ den-und Wandheizung in den angrenzen­ den Warmräumen erzeugt. Auch die Warm­ wasseraufbereitung erfolgte im Heizraum auf der Feuerstelle. Der Warmbaderaum (caldarium) war mit Heißwasserwanne, Fuß­ bodenheizung und einem Springbrunnen (labrum) ausgestattet. Hier war es heiß und feucht wie in einem türkischen Dampfbad, das ja aus der römischen Badetradition ent­ standen ist. Wie genau die römische Boden­ und Wandheizung, die sogenannte Hypo­ kaustanlage funktioniert, wird vor Ort an­ hand der Originalbefunde und der didakti­ schen Schautafeln sehr anschaulich erklärt. 148 1 Praefi,mium 2 Caldarium mit Labrum 3 Tepidarium 4 Frigidarium mit Wasserbecken 5 Apodyterium mit Wasserbecken 6 Sudatorium 5

Hüfinger Römerbad es still im und um das Bad. Erst im 17. Jahrhundert, zur Zeit der ba­ rocken Gelehrten und ihrer humani­ stischen Bildungsideale, tritt die rö­ mische Vergangenheit Hüfingens wieder ans Licht. Das allgemeine In­ teresse dieser Zeit an der Antike er­ faßte auch den damaligen Ortsher­ ren Hans von Sehellenberg, genannt der Gelehrte. Er berichtete erstmals von römischen Funden aufHüfinger Gemarkung. Doch erst zwei Jahr­ hunderte später erfolgten die ersten systematischen Ausgrabungen. Da­ mals identifizierte nämlich ein Pro­ fessor aus Regensburg Hüfingen mit Skizze von Joseph Frick, Ansicht des Bades bei seiner Frei- legung im Jahr 1821. modernen Sauna und ihrer trockenen Hitze vergleichbar. Den körperlich hart arbeiten­ den Soldaten diente das Schwitzbad zur Ab­ härtung. Nachdem die Kastellbesatzung um die er­ ste Jahrhundertwende herum abgezogen wurde, benutzte die Zivilbevölkerung das Bad noch bis ins dritte, vierte Jahrhundert weiter, also auch noch nach Beendigung der römischen Herrschaft (259/60). Dann wird dem antiken Brigobannis. Der junge Karl Egon von Fürstenberg be­ auftragte daraufhin 1820/21 eine Kommis­ sion mit der Grabung auf dem Gelände am Fuße des Galgenberges, und die Badeanlage wurde freigelegt. Sie erhielt sogleich einen Schutzbau in Form einer Baaremer Scheu­ ne, der heute als einer der ältesten musealen Schutzbauten Deutschlands schon selbst wieder ein geschütztes Denkmal ist. Eine In- Reste des Fußbodenmosaiks im Caldarium und Tepidarium. 149

Archäologie Blick ins Tepidarium, einst ein Baderaum mit einer Temperatur von ca. 25 Grad. Bau, der ja bereits aus mehreren Bauphasen besteht, sicher eine sinnvolle Entscheidung. Der Dachstuhl des Schutzbaus wurde sa­ niert und der Dachfirst als Oberlicht geöff­ net. Zwei Glasanbauten und eine transpa­ rente, freischwingende Besuchersteganlage aus verzinktem Stahl kamen hinzu und er­ möglichen dem Besucher einen guten Blick auf die römischen Befunde. Museumsdi­ daktische Schautafeln vervollständigen das Konzept, das einen Rundgang über alle Räu­ me des Bades mit zusätzlichen Erläuterun­ gen am jeweiligen Standort vorsieht. Im Ein­ gangsbereich wird der Besucher mit einem geschichtlichen Überblick, aufgelockert durch zahlreiche Abbildungen und inte­ grierte Kleinvitrinen mit Originalfunden, auf die Besichtigung der Badruine einge­ stimmt. Öffnungszeiten: Das Römerbad ist von Mai bis Oktober sonn- und feiertags von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Archäologische Führungen sind jeder­ zeit, auch in den Wintermonaten, nach telepho­ nischer Vereinbarung mit der Stadtverwaltung möglich. schrift, die er sich selbst setzte, erinnert an den „Ausgräber“: ROMANO RUM QUAE HIC SPECTAS MONUMENTA ERUIT POSTERISQUE SERVAVIT CAROLUS EGON PRINCEPS DE FUERSTENBERG MDCCCXXI (Die Denkmale der Römer, die du hier siehst, hat Karl Egon, Fürst zu Fürstenberg, ausgegraben und für die Nachwelt bewahrt. 1821) 1970 ging die ganze Anlage in das Eigen­ tum und die Baupflicht des Landes Baden­ Württembergs über. Der Schutzbau war in schlechtem Zustand und der Gesamtein­ druck der Badeanlage entsprach in keiner Weiser ihrer kulturhistorischen Bedeutung. In den 90er Jahren erfolgte schließlich, for­ ciert durch die Stadt Hüfingen und Bürger­ meister Knapp, die Sanierung, für die das Land Baden-Württemberg fast 2 Millionen Mark zur Verfügung stellte. Das Sanie­ rungskonzept basierte auf einer konsequen­ ten Trennung von alt und neu -in einem 150 Beatrice Scherzer

Geschichte Vom „Eisen“, Nagelschmied und Feilenhauer Untergegangene Berufe und Tätigkeiten am Beispiel der Raumschaft Triberg 9. Kapitel/ Almanach 98 Der technische Wandel hat ständig neue Tätigkeiten und Berufsbilder hervorgebracht. Wer heutzutage ein Ver­ zeichnis von Gewerbetreibenden des ver­ gangenen Jahrhunderts zur Hand nimmt, findet darin Weißgerber und Leimsieder, Ziegler, Tonfedernmacher oder Kohlbren­ ner. Aber auch Nagelschmiede, Seiler und eine Vielzahl von Berufen, die im Zusam­ menhang mit der einstigen Uhrmacherei standen, die wie die Strohflechterei aber nicht Gegenstand des nachstehenden Bei­ trages sein sollen. Zunächst am Beispiel der einstigen Herrschaft Triberg, dann am Bei­ spiel Tuningens (Dreher und Pfeifenmacher sowie Küfer) und schließlich mit einem Bei­ trag über den Grüninger Orgelbauer Sieg­ fried Fromm wird an einige meist fast ver­ gessene Berufe und Tätigkeiten erinnert. Die meisten alten Berufe sind untergegan­ gen, viele bereits im Zuge der Industrialisie­ rung des ausgehenden 19. Jahrhunderts, ei­ nen endgültigen Wandel brachten dann je­ doch die 1950er und 1960er Jahre. Karl Wacker beschreibt diesen Umbruch in sei­ nem 1966 erschienenen Buch „Landkreis Donaueschingen“ für den Bereich der Baar, was er festhält, hat in dieser Form für den ge­ samten Landkreis seine Gültigkeit: ,,Viele der in der Baar früher sehr weit verbreiteten Handwerksberufe, wie etwa die Wolle-und Leinenweber, die Gerber oder die Rechen­ macher, haben der Industrialisierung wei­ chen müssen und sind heute völlig ausge­ storben. Andere Handwerkszweige wieder­ um, vor allem solche des Landhandwerks, befinden sich mitten in einer Umstellung und müssen sich durch Ausweichen auf an- dere Arbeiten den geänderten Marktver­ hältnissen anpassen. So sind z.B. von den vielen früher hier bestehenden Mühlen ei­ nige wenige Betriebe, die Kundenmüllerei betreiben, übriggeblieben. Dieselschlepper und motorisierte Arbeitsgeräte verdrängen Pferd und Wagen. Der Dorfschmied hat sich darum weitgehend von Hufbeschlag aufRe­ paratur und Kundendienst für landwirt­ schaftliche Geräte umgestellt, und der Wag­ ner wurde zum Bauschreiner oder zum Karosseriebauer. Der Sattler, der keine ffer­ degeschirre mehr anzufertigen und zu repa­ rieren hat, verlegt Linoleum und verkauft Polstermöbel. Der Küfer, den das Vordrin­ gen der Kunststoffe arbeitslos gemacht hat, übernimmt eine Bier-und Weinhandlung.“ So weit die Schilderungen von Karl Wacker. Am Beispiel der Raumschaft Tri­ berg sei nachfolgend an einige fast vergesse­ ne Tätigkeiten erinnert, die über Generatio­ nen hinweg zum Lebensunterhalt der Be­ völkerung beitrugen. Die ursprünglich aus Holz oder Horn ge­ schnitzten und von Glasträgern vertriebe­ nen Eßlöffel wurden in der ersten Hälfte des 18.Jh. immer mehr von hauptsächlich in Sachsen hergestellten Blechlöffeln ver­ drängt. Als erste in der Herrschaft Triberg beschäftigten sich der Schönwälder Anton Weißer und der Schonacher Johann Ketterer erfolgreich mit dem Schmieden von Löffeln aus Schwarzblech. In Triberg selbst began­ nen Q.iirin Haas und Christian Walter 1735 und 1737 mit der Blechlöffelfabrikation. Im Generallandesarchiv in Karlsruhe ist das Ge­ such eines gewissen Anton Neininger, Löf-151 Der Löffelschmied

Nachdem es möglich war, die Wasserkraft für die Produktion zu nutzen, konnten die Triberger Löffel- schmiede bis zu 6 500 Dutzend Löffel im Jahr erzeugen. Geschichte felschmied und Spengler in Triberg, zur Er­ richtung einer Feuerstätte (kleine Schmiede, d. Verf.) vom 22. 1. 1769 erhalten. Unter der Bedingung, daß jährlich 1 fl. (Gulden) rhei­ nisch als Gebühr zu zahlen sei, wurde das Gesuch mit Datum vom 15. 3. 1769 geneh­ migt. Zunächst wurden die Löffel aus Schwarz­ blech mit angenieteten Stielen hergestellt, später dann aus einem Stück geschmiedet. Die erfolgreiche Schwarzwälder Produktion erlitt einen Rückschlag, als die sächsischen Hersteller in großem Umfang verzinnte Blechlöffel auf den Markt brachten. Nach anfänglichen Schwierigkeiten beim Verzin­ nen gelang es den heimischen Löffelschmieden jedoch bald, die richtige Flüssigkeit des Zinns und dessen strahlenden Glanz auf dem Eisenblech zu erzielen. Um der nun wieder laufend steigenden Nachfrage gerecht zu werden, entstanden um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert 15 Löffel­ schmieden in der Herrschaft Triberg, in denen im Schnitt der Meister und ein Geselle ar- beiteten, die jährlich 2 000 bis 2 600 Dut­ zend Löffel herstellten. Nachdem es mög­ lich geworden war, die Wasserkraft für das bis dahin mühsame und Kraft kostende Schlagen und Aushöhlen der Eisenbleche zu nutzen, konnte die jährliche Produktion auf ungefähr 6 500 Dutzend Löffel erhöht werden. Der wohl letzte Triberger Löffelma­ cher, Sebastian Rimprecht, genannt „Löffel­ basche“, erbaute nach dem Stadtbrand von 1826 in der Kreuzstraße neben dem Gast­ haus Rößle ein neues Haus mit Werkstatt, in dem sich später als letzter Handwerksbetrieb die Metzgerei Obergfell befand. Das Anwe­ sen wird heute als Wohn- und Geschäfts­ haus genutzt. Das einst bedeutende Löffelmachergewer­ be, das eine Zeitlang manchen Herrschafts­ bewohner und seine Familie ernährte, ist 152 längst untergegangen, von der andernorts ansässigen Industrie verdrängt worden. Der Nagelschmied Das Schmieden von Nägeln aller Art ist ei­ ne weitere handwerkliche Tätigkeit, die heu­ te ebenfalls ganz verschwunden ist. ,,Die Na­ gelschmiede sind im Jahr 1680 zum ersten Mal erwähnt. Sie kamen aus den Hammer­ schmieden und bedurften keinerlei großer Einrichtungen und Kenntnisse. Ein Blase­ balg, Amboß, Hämmer und Nageleisen genügten für die kleinen Werkstätten voll­ auf.“ So berichtete Wilhelm Maier über die- ses Handwerk, das bereits um 1844 erste schmerzliche Ein­ bußen erlitt, als erstmals Na­ gelmaschinen, sogenannte Schlagmaschinen, aufkamen. Mit Ausnahme der langen Zimmermannsnägel für den Bau der Schwarzwaldhäuser, die noch bis zum Beginn unse­ res Jahrhunderts weiterhin mit der Hand geschmiedet wur­ den, produziert die Industrie seither alle übrigen Nagelsor­ ten als typische Massenware billiger und in gleichbleibender Qialität. In Triberg waren 1860 noch zwei Na­ gelschmiede ansässig. Während Benedikt Holzmann seine Werkstatt gegenüber dem Gasthaus Rößle betrieb, ist der Standort des Anwesens von Bartholomä Meier nicht mehr bekannt. Über die Feilenhauerei Knapp achtzigJahre – zwischen 1797 und 1874 – spielte die Feilenhauerei für die an­ sässige Uhrenfabrikation eine nicht unwe­ sentliche Rolle, bis auch dieses Handwerk von der Industrie außerhalb unseres Raums verdrängt wurde. Die handwerksmäßige Feilenherstellung erfolgte in mehreren, teils aufwendigen Ar-

beitsgängen. Der etwa 50 cm lange Amboß war in einen mächtigen, tief in der Erde ver­ ankerten Holzklotz eingelassen. Verschiede­ ne harte Meißel mit breiter, scharfer Schnei­ de und eine Vielzahl eigenartig geformter Hämmer mit kurzen, krummen Stielen la­ gen griffbereit. Bevor der Feilenhauer mit der Arbeit begann, wurde der eiserne Roh­ ling zunächst mit zwei Lederriemen auf den Amboß gespannt. Beide Riemen konnte der am Amboß sitzende Handwerker mit den Füßen gespannt halten, während er mit Hammer und Meißel Schlag um Schlag, im Schnitt mehr als lOOmal je Minute, paralle­ le Kerben in das Werkstück schlug. Über die­ se „Unterhieb“ genannten Linien wurde ein versetzter „Oberhieb“ gehauen und so das für die meisten Feilen typische Rautenmu­ ster erzielt -die Feile hatte ihre Zähne be­ kommen. Jetzt mußte das in der Form ferti­ ge Werkzeug noch gehärtet werden. Dazu wurde es mit einer bestimmten Masse be­ strichen, die beispielsweise aus Kochsalz­ lösung, Roggenmehl, Bierhefe, Hornkohle, Ofenruß, Pferdemist und Ton bestand. Erst wenn dieser Mantel trocken war, wurde das Werkstück rot-glühend gemacht und in Re­ genwasser oder Kochsalzlösung getaucht. Nach der Reinigung nochmals erwärmt und dann eingeölt, wurde die nunmehr fertige Feile in Papier verpackt. Wahrscheinlich gehörten alle Triberger Feilenhauer der weitverzweigten Sippe Schwer an, der im übrigen auch der spätere Gründer der „Schwarzwälder Apparatebau­ Anstalt SABA“ entstammte. Als Feilenhau­ er wurden im Laufe der Jahre aktenkundig Leonhard Schwer und dessen Söhne Josef, Benedikt, Sigmund und Clemens. Mit dem Tod von Benedikt Schwer 1874 starb das Handwerk in Triberg aus. Wahrscheinlich nur in Triberg beheimatet war die Herstellung einer ganz besonderen Art von Topf-und Pfannenreiniger, den so- Von der Hamischmacherin Altes Handwerk Feilenhauer bei der Arbeit. Eine originalgetreue Darstellung im Schwarzwaldmuseum Triberg erin­ nert an dieses lang ausgestorbene Handwerk. genannten „Harnischen“. Diese über Jahr­ zehnte von Heimarbeiterinnen als „leichte Nebentätigkeit neben der Haushaltung“ ausgeübte Sonderform der Drahtverarbei­ tung wurde 1907 in einem amtlichen Bericht an die Großherzoglich Badische Regierung beschrieben: „Eine Drahtzieherei und Kettenfabrik zu Triberg . .. beschäftigt eine geringe Anzahl von Heimarbeiterinnen, vorwiegend Frauen ihrer Arbeiter, mit der Herstellung von Har­ nischen, das sind Ketten zur Reinigung von gußeisernen und emaillierten Kochgeschir­ ren …. Die Arbeiterinnen erhalten offene Stahldrahtringe von 12 mm Durchmesser zugewogen; ihre Aufgabe besteht darin, die­ se Ringe durch Ineinanderhängen und Zu­ sammendrücken der Ringenden zu bewegli- 153

Geschichte chen Flächen wie bei Panzerhemden – daher der Name Harnisch – zu vereinigen. Die Drahtringe sind einfach, zweifach oder drei­ fach gewunden. Die Arbeiterin hat das Ma­ terial in großer Menge vor sich auf dem Tisch liegen; sie hält in jeder Hand ein Flachzängchen und hängt in methodischer Weise die verschiedenen Ringe ineinander. Die Harnische werden in fünf verschiede­ nen Größen hergestellt.“ Als das gußeiserne Kochgeschirr zuneh­ mend von Töpfen und Pfannen aus ande­ ren, empfindlicheren Materialien verdrängt wurde, verschwanden die Harnische aus dem Reich der Hausfrau und wurden durch schonendere Putzmittel ersetzt. Der Holzfuhrmann Noch bis weit in die fünfziger Jahre un­ seres Jahrhunderts hinein wurde das Lang­ holz mit zwei- oder mehrspännigen Pferde­ fuhrwerken vom Wald in die Sägewerke ge­ fahren. Zum Transport des Langholzes, also der gefällten, entasteten und geschälten Fichten- und Tannenstämme, war ein spe­ zieller, schwerer Wagen notwendig. Dieses Fahrzeug bestand aus zwei einachsigen, von­ einander unabhängigen, manchmal mit Holmen versehenen Pritschen. Ursprüng­ lich hatten sie wuchtige, hölzerne, eisenbe­ reifte Speichenräder, die etwa seit der Jahr­ hundertwende nach und nach von voll­ gummibereiften, eisernen Scheibenrädern abgelöst wurden. Schließlich erhielten die Langholzwagen gummibereifte LKW-Fel­ gen. Bespannt waren die Fuhrwerke mit schweren, kräftigen Rössern oder auch mit ,,Schwarzwälder Füchsen“. Die etwas leich­ teren Pferde aus einer Züchtung des Hoch­ schwarzwaldes gelten auch heute noch als besonders ruhig und zuverlässig. Für den Umgang mit diesem Fuhrwerk, häufig auch Holländer-Wagen genannt, weil besonders im 18. Jh. die langen Stämme nach Holland verkauft wurden, wo sie vor allem im Segelschiffbau (z. B. als Masten) 154 Verwendung fanden, waren in der Regel zwei kräftige, erfahrene Männer erforder­ lich, die sich absolut aufeinander verlassen konnten. Die Teamarbeit begann schon beim Verladen der großen Stämme, die zu­ vor von den Waldarbeitern mit Ochsen­ oder Pferdegespannen aus dem Wald an den Holzabfuhrweg gezogen worden waren. Handelte es sich um einen in der Raum­ schaft häufig vorkommenden Hangwald, befanden sich entlang des Weges in größe­ ren Abständen rampenartig aufgeworfene, von Trockenmauern zur Wegseite hin befe­ stigte, längliche Erdhügel. Auf diese Ram­ pen wurden die Langholzstämme gezogen und in schwieriger Arbeit vorsichtig über an­ gelegte Ladehölzer auf das Fahrzeug gerollt. In flachem Gelände mußten die Stämme mit Hilfe von (Draht-)Seilen, ebenfalls über Ladehölzer, auf das parallel zum Wegrand stehende Fuhrwerk gezogen werden. Diese Arbeit hatten die Pferde, die sich auf der an­ deren Längsseite des Gefährts befanden, zu verrichten. Das verladene Langholz mußte noch durch schwere Ketten zusammenge­ halten und gesichert werden. Während der Fuhrmann die Pferde zu führen und die Kurbeibremse an der vorderen Pritsche des Fuhrwerks zu bedienen hatte, war sein Mit­ arbeiter für die abgestimmte Steuerung der hinteren Pritsche und deren Bremse zustän­ dig. Es war schon ein Kunststück, wie die Fuhrleute immer wieder die schweren Fahr­ zeuge sicher über die steilen Wege, Straßen und durch die engen Kurven (z. B. ums Pfaff-Eck) ins Städtle brachten. Nicht nur die Buben und die Kurgäste, sondern auch einheimische Erwachsene staunten dabei nicht schlecht, mit welcher Geschwindigkeit die Männer, jeder für sich an seinem Teil des Gefährts und doch in Zusammenarbeit mit dem Kollegen an der anderen Pritsche, die ,,Migi“ (regionaler Ausdruck für Kurbei­ bremse) mit viel Fingerspitzengefühl auf­ und zudrehten. Heute ist die schwere und recht gefährliche Arbeit längst motorisiert sowie durch den

Altes Handwerk Langholzfuhrmann Lauble mit dem Dreispänner der Steinbissäge am Triberger „Pfaff-Eck ‚:fotografiert in den 19 5 Oer Jahren. Einsatz von LKW-eigenem Seilzug und Greifarm wesentlich erleichtert worden. Und so ist der Holzfuhrmann alten Schlags mit seinem Gespann aus unserer Landschaft verschwunden. Das „Eisen“ auf den Eisweihern Bis zu sieben Brauereien waren früher in Triberg ansässig, von denen die meisten et­ wa um 1930 ihre Tätigkeit eingestellt haben. Lediglich die Adler-Brauerei arbeitete bis August 1960. Zur Temperierung des herge­ stellten Biers wurde Eis benötigt. Da die Er­ zeugung von Kunsteis damals noch nicht möglich war, mußte im Winter Natureis gewonnen und so eingelagert werden, daß auch in der wärmeren Jahreszeit genügend Eis zur Kühlung des laufend gebrauten Biers zur Verfügung stand. Beinahe jede Brauerei hatte vor den Toren der Stadt ihren eigenen Eisweiher. Sobald sich bei anhaltendem Frost auf den Weihern eine Eisschicht von mindestens 10 Zenti­ metern Dicke gebildet hatte, traten die Eiser in Aktion. Kräftige Männer in hochreichen­ den, den Flößerstiefeln vergleichbaren Stie­ feln – meist Bauhandwerker und Holzfäller, die witterungsbedingt ohne Arbeit waren – brachen mit speziellen Werkzeugen Eis­ schollen aus dem Weiher und spalteten sie in kleinere, fur den Abtransport mit Pferde­ fuhrwerken günstigere Brocken. Die Einla­ gerung dieser Eisstücke erfolgte in brauerei­ eigenen Felsenkellern, die das ganze Jahr über konstant niedrige Temperaturen auf- 155

Geschichte wiesen. Doch auch hier schmolz das Eis langsam ab. Um diesen Prozeß zu verzögern und um das Anbacken der Stücke aneinan­ der zu verhindern, wurden die Eisbrocken rundum mit Sägemehl bestreut. So wurde eine recht gute Isolierung erreicht, und für die warme Saison stand genügend Eis zur Verfügung. Derartige Eisweiher lagen an der Abzwei­ gung der Straße zum Hoflehentalgrund von der Rohrbacher-Straße (Buisson -Weiher), an der Alten Schonacher-Straße oberhalb des Friedhofs und an der Abzweigung der Schönwälder-Straße / Schonacher-Straße oberhalb des Gasthauses ,Jägerhaus“. Heu­ te stehen auf diesen ehemaligen Weiher­ grundstücken Wohnhäuser bzw. das Verwal­ tungsgebäude der EGT. Die Lage anderer, einst vorhandener Eisweiher ist nicht mehr eindeutig nachweisbar. Eiskeller befanden sich beispielsweise im Berg unterhalb des Felsenhäusles mit Eingang im Riffhaldeweg, im Kapellenberg mit Eingang im Gasthaus ,,Krone“ in der Schulstraße, im Berg ge­ genüber dem Haus Touristik-Duffner in der Gerwigstraße, im Hohnenberg gegenüber der Einmündung der Frejus-Straße in die B 33 mit Eingang in der Hornberger-Straße/B 33 und nochmals im Hohnenberg mit Ein­ gang in der Nußbacher-Straße/B33 schräg gegenüber dem früheren Gaswerk und heu­ tigen Städt. Bauhof. Ein Teil dieser Keller, die allesamt im Zweiten Weltkrieg als Luft­ schutzkeller genutzt wurden, ist heute noch begehbar. Nachdem der technische Fortschritt die bequeme und immer preisgünstigere Her­ stellung von Kunsteis ermöglichte, wurde die aufwendige, schwere und gefahrvolle Ar­ beit des Eisens im Laufe der fünfziger Jahre eingestellt, die Eisweiher aufgegeben. Wolfgang Müller Sekundenleben Jeder Tag Abschied von gestern – Heute ist das Gestern von morgen. Mit jeder Sekunde stirbst du sekündlich der künftigen Vergangenheit entgegen – 156 die du als ständigen Abschied nicht wahr-nimmst. Aber du ahnst die Bedeutung des Wortes: Tausend Jahre sind wie ein Tag. Jürgen Henckell

Der letzte „Dreher“ Tuningens Christian Hauser verstand auch die Kunst des Tabak-Pfeifenmachens Altes Handwerk Sogar die Zimmerleute nahmen seine Dien­ ste beim Treppenbau in Anspruch und dies bis in die neueste Zeit hinein. Die feineren Arbeiten wurden meist in den Winter verlegt, wobei Christian Hauser oft Freunde und Nachbarn als Zuschauer bei sich hatte, die sich gerne bei ihm in der Wenn man im alten Tuningen das „Dorf hinab“ ging, d. h. die Hauptstraße hinunter, sah man links an einem etwas zurückste­ henden Haus ein großes Schild: ,,Christian Hauser, Dreher“, auf dem neben der Schrift noch eine Tabakspfeife abgebildet war. Das bedeutete, daß besagter Christian Hauser Dreher (Drechsler) und Pfei­ fenmacher war. Auf tunin­ gerisch nannte man ihn „Dra­ jer“ und seine Familie hieß Jahrzehntelang „s’Drajers im Doarf „, denn Christian Hau­ ser war Drechsler in der drit­ ten Generation und seit dem Ersten Weltkrieg ermöglichten die vielseitigen Kenntnisse des „Drajers“, daß er bis ins hohe Alter noch erfolgreich im Be­ ruf tätig sein konnte. Er drech­ selte Grobes und Feines auf seiner Bank, die er bis zur Elektrifizierung Tuningens im Jahre 1913 mit dem Fuß in Schwung halten mußte. Ein Elektromotor brachte dann Erleichterung. Die großen Naben für die Wagenräder mußten sehr sta­ bil sein, denn sie mußten schon bei der Weiterverarbei- Christian Hauser beim Drehen einer Stakete.für Treppengeländer. tung beim Wagner einiges aus­ halten, von der späteren Belastung, zum Beispiel bei den schweren, sogenannten ,,Holländerwägen“ (Langholzfuhrwerke), ganz zu schweigen. Auch die früher von den Ofensetzern verwendeten gedrechselten Füße für die Kachelöfen mußten stabil sein. Gute Kunden für den „Drajer“ waren die Schreinereien, denn die Möbel hatten früher viel Gedrechseltes an sich und wur­ den ausschließlich handwerklich hergestellt. Werkstatt wärmten und mit ihm muntere Gespräche führten. Kunkeln und Spinnrä­ der mit mancherlei Zubehör waren von Frauen und Mädchen vor dem Ersten Welt­ krieg noch sehr begehrt. Im Gegensatz zu heute, wo sie der Zierde dienen, mußten diese Gegenstände damals gut funkti­ onstüchtig sein. Eine ganz tüftlige Arbeit war das Pfeifenmachen. Hier zeigte sich das Qialitätsbewußtsein des „Drajers“. Seine 157

Ge chichtc ,,Tuninger Schäferpfeifen“ waren weithin be­ kannt und bei allen Schäfern beliebt. Das Bruyereholz bezog er direkt aus Frankreich, und daraus wurde der Pfeifenkopf ge­ schnitzt, fur das Mundstück verwendete er Horn von Rindern. Den Bedarf konnte er nicht immer decken, denn neben den ande­ ren Aufträgen mußte auch die Landwirt­ schaft noch umtrieben sein. Eine Freude auch fur den „Drajer“ war je­ des Jahr im Frühling die sogenannte „Ha­ bergoaßazeit“ (Tanzkreisel). Oft standen die Schulkinder von Tuningen und Umgebung Schlange vor der Werkstatt, um schnell eine vom „Drajer“ gefertigte „Habergoaß“ zu er­ gattern, denn die waren auch ohne Farbe be­ deutend besser als die aus dem Laden (außerdem im Dreck war Farbe doch nutz­ los). Das ging dann flott: Ein Stück Holz eingespannt, mit dem Beitel abgeschrägt, ein Paar Rillen und an der Spitze eine klei­ ne Kerbe fur den Schuhnagel, und fertig lag eine in den Spänen, wo sie der Junge schnappte, zehn Pfennig auf den T isch leg­ te und beglückt verschwand; ,,der nächste, bitte.“ Manchmal gab es auch ein Tauschge­ schäft: ,,Habergoaßa“ gegen Kuhhorn. Sehr nützlich machte sich Christian Hau­ ser nochmals in der Kriegs- und Nach­ kriegszeit, als er Dinge herstellte, die es fur Geld nicht zu kaufen gab. Wie froh waren viele Frauen, wenn er ihnen Knöpfe fur ei­ ne Strickjacke machte oder wenn er Stopfei­ er zum Strümpfestopfen herstellte. Sogar Fabriken benutzten seine Gefälligkeiten zur Herstellung von Griffen fur Feilen und Schraubenzieher oder auch fur Gehäuse zu Einsteckuhren. Christian Hauser war sehr beliebt, er starb 80jährig im Jahr 1966 und mit ihm der letz­ te „Drajer“ im Dorf Ernst Braunschweiger ,,Zügküaffers“ Zuber und Fässer begehrt Das Küferhandwerk war in Tuningen durch die Familie Erchinger ehemals gut vertreten Da früher die meisten Behälter fur Flüssig­ keiten in Haushalt und Landwirtschaft sta­ bil aus Holz gefertigt waren, konnten diese nur von einem Fachmann, dem Küfer, was­ serdicht hergestellt werden. Weit über Tu­ ningen hinaus war deshalb Küfermeister Michael Erchinger bekannt und beliebt. Schon 1887 wurde von Vater Johann-Georg Erchinger das Geschäft gegründet. Da er be­ reits 1908 starb, mußte der Sohn Michael schon mit 18 Jahren in das Geschäft einstei­ gen. Sein Hausname war „Ziigmichel“, denn die Vorfahren der Erchinger waren früher Zeugweber. Die Küferwerkstatt befand sich an einem günstigen Standort, denn Tuningen war in jener Zeit sozusagen ein Unterzentrum mit überörtlich bedeutsamen Handwerksbetrie- ben und größeren Kaufläden. Nach dem Er­ sten Weltkrieg und nach Ablegung der Mei­ sterprüfung 1922 begann der Aufschwung. Da in Tuningen und Umgebung reichlich Bedarf vorhanden war, fehlte es nie an Kundschaft und Arbeit. Die Landwirtschaft wurde aufgegeben und die freigewordenen Räume zum Zwecke der Küferei ausgebaut. Die Werkstatt wurde vergrößert und moder­ nisiert, auch eine in der Gegend erstmalige hydraulische Kelter eingebaut. Die guten Handlangerdienste seiner An­ gehörigen und auch einiger Nachbarn gerne nützend, wurden nun Fässer aller Größen sowie Zuber, Krautstanden, Kübel, Gelten, Schapfen und Wannen hergestellt und ver­ kauft. Dazu brauchte der „Ziigmichl“ gutes trockenes Holz, das er in der Werkstatt vor- 158

bereitete und dann im Freien aufsta­ pelte. Die Herstellung eines Fasses erfor­ derte gute und genaue Arbeit. Dabei war eine besondere Kunst des Küfers das Zusammenfügen der fertigen Dauben zwischen den vom Schmied hergestellten Eisenreifen. Das war Musik für die ganze Kalkhofstraße, es tönte: ,,Hopp, die bopp, mein Hammerschlag, Hopp, die bopp, am Arbeitstag, Hopp, die bopp, das Faß umrunden, Hopp, die bopp, den Reif nach unten, Küafferschlegile, hopp die bopp, Hammerschlag, Meister/ob.“ Mit Schliff wurden danach die Fu­ gen abgedichtet und gleichzeitig Deckel und Boden eingefügt – das Faß war jetzt weitgehend fertig und der Küfer und seine Helfer hatten sich eine kleines „Richtfestle“ ver­ dient. Sorgfalt mußte der „Ziigmichl“ auch für andere Geräte aufwenden, die seine Werkstatt verlassen sollten. Denn welcher Bauer führte nicht mit geringem Stolz sein schmuckes Gül­ lefaß durchs Dorf, das nicht nur schön sein sollte, sondern auch den stinkenden Inhalt behielt. Ebenso mit Freude stellte die Bäuerin das Butterfäßchen nach Gebrauch zum Trocknen in die Sonne, ans Küchen­ fenster. Die kleinen Badewännchen für Säuglinge, stets vorrätig beim Kü­ fer, mußten immer sorgsam gepflegt Beim Auftürmen der für Faßdauben vor­ gesehenen Eichenhölzer: Links Meister Michael in der Mitte Bruder Karl ganz oben Sohn Fritz und rechts Manfred Er­ chinger. Alte Handwerk 159

weiter. Da der Küfermeister im eigenen Haus einen guten Brunnen hatte, begann er mit der Herstellung von Limonade, der Start zur alkoholfreien Zeit. Mit dem Namen „Er­ chola“ entwickelte sich das Geschäft sehr gut, erforderte auch nochmals Arbeitskräfte. Im letzten Krieg waren auch etliche fran­ zösische Kriegsgefangene in der Fabrikation beschäftigt, zu denen teilweise jetzt noch Verbindung besteht. Der „Ziigküafer“ war in der Nachkriegszeit noch sehr aktiv, ob­ wohl er ahnte, daß sein geliebtes Plakat an der Werkstattwand „Holz bleibt Holz“ doch bald nicht mehr erforderlich war. Sohn Fritz lernte das Handwerk noch und machte 1935 die Meisterprüfung. Der zweite Sohn Man­ fred ging zur Ober-Realschule in Schwen­ ningen und machte 1938 das Abitur, um ei­ nen anderen Beruf zu ergreifen. Doch beide mußten in den Krieg und Fritz kam nicht zurück. Manfred mußte notgedrungen ins Geschäft einsteigen und machte mit 29 Jah­ ren noch die Küferlehre. Die gesamte Tätig­ keit ging auch unter Manfreds Führung wei­ ter und wurde 1962 vom Vater auf den Sohn übertragen. Der „Ziigküafer“ Michael Er­ chinger starb 1966 mit 76 Jahren. Sohn ,,Ziigmanfred“ führte das noch mit Wein­ handel und Schnapsbrennerei vergrößerte Geschäft weiter, bis auch er, nun ebenfalls im Ruhestand, sehen mußte, daß er sich mit den inzwischen entstandenen Großmärkten nicht messen konnte. Zug um Zug gab er sämtliche Geschäftszweige auf Nur das „Doaninger Brennt’s“, der edle Tuninger Schnaps aus seiner Brennerei, wird noch über den Tuninger Heimatverein ver­ trieben. ErnsL Braunschweiger Geschichte sein und möglichst für die ganze Kinder­ schar der Familie halten, sprich, es war Pro­ duktqualität verlangt. Dann waren da noch die kleinen, mes­ singbeschlagenen Fäßchen, die vom „Ziig­ michl“ besonders sorgfältig gemacht wur­ den und im Sommer stets mit guten Ge­ tränken (oder nur mit Wasser) gefüllt vom hinteren Wagenteil hingen und zum Durst­ löschen bei der Feldarbeit gute Dienste lei­ steten – ein Stolz der Besitzer. Weniger Sorg­ falt erforderten die großen Zuber, die beim Schlachtfest benötigt wurden und nebenbei für die ganze Familie als Badewanne dien­ ten. Da Badezimmer früher kaum vorhan­ den waren, wurden die Wannen nach jedem Gebrauch frisch mit warmem Wasser gefüllt und in der Waschküche benützt. Die V ielseitigkeit des „Ziigküaffers“ zeigte sich auch darin, daß er laufend kleine, aber auch große Gölten zum Wassertransport an­ fertigte. Tuningen besaß nämlich bis Ende der 20er Jahre keine Wasserleitung und man mußte an die vielen Pumpbrunnen im Dorf zum Wasserholen für Küche und Stall ge­ hen. Nur das Großvieh kam zur Tränke an den Brunnen. Auch das Kraut wurde früher zur Bevorratung in die vom Küfer angefer­ tigten Krautstanden eingestampft. Mit eigener Mosterei und Limonadenherstellung Als Einheimischer wußte Erchinger zur Genüge, daß die obstarme Baar zusätzliche Getränke benötigte und ließ jeden Herbst waggonweise Mostobst aus der Schweiz her­ fahren und verkaufte es. Dadurch wurde nicht nur die Werkstattarbeit durch ver­ mehrte Herstellung von Fässern gefördert, sondern auch die Arbeit in der Mosterei. Außerdem wurden tausende Liter eigenen Mosts in den inzwischen von der früheren Ochsenbrauerei angekauften Kellern zum ganzjährigen Verkauf in großen Fässern ein­ gelagert. Im Jahre 1928 ging es noch einen Schritt 160

Einst Orgelbaumechaniker bei Bmder Söhne Der Grüninger Siegfried Fromm erlebte noch die Zeit des Orgel- und Orchestrionbaues Alt Handwerk Ein Satz aus dem Arbeits­ zeugnis von Siegfried Fromm vor mehr als 60 Jahren: ,,Das Schicksal hat es gewollt, daß diese Liebe für den größten Teil seines Lebens eine stille Liebe bleiben sollte.“ Tatsäch­ lich konnte er seinen „Traum­ beruf“ Orgelbauer nur wenige Jahre ausüben: Auf seine Lehr­ jahre folgte die Zeit der Welt­ wirtschaftskrise, dann über­ rollte die „moderne“ Technik in Form von Koffergrammo­ phon und Radio die Wunder­ welt der mechanischen Musik­ werke in Spieluhren, Orche­ strien, Dreh- und Jahrmarkt­ orgeln, die weltbekannten Orgelbaufirmen standen vor dem Aus. Die Leidenschaft für die ho- he Kunst der mechanischen Musikinstrumente blieb Siegfried Fromm immer erhalten, aber erst in seinem Ruhe­ stand konnte er sich seiner alten Liebe wie­ der voll widmen. Was lange Zeit unbeachtet blieb, als wertloser Plunder zerstört wurde, verfallen und unbrauchbar geworden war, gelangte wieder zu großem Ansehen bei pri­ vaten Sammlern und Museen. Noch waren zahlreiche Exemplare alter Meisterwerke, wenn auch meist in beklagenswertem Zu­ stand, vorhanden, was fehlte, war die für die Renovierung notwendige Sachkenntnis. Dies war die Stunde von Siegfried Fromm, dem letzten Lehrling der bekannten Wald­ kircher Drehorgelfabrik „Wilhelm Bruder Söhne“. wo bereits Großvater, Vater und Onkel eine Familientra­ dition begründet hatten. Sie alle waren in Waldkircher Or­ gelfabriken tätig, von denen ab 1834 nacheinander sechs entstanden waren, die den guten RufWaldkirchs als „Or­ gelstadt“ in alle Welt trugen. Siegfried Fromm begann im Jahre 1924, nachdem er zuvor eine von den Orgelbaufirmen eingerichtete Musikschule be­ sucht hatte, seine Lehre als Or­ gelbaumechaniker bei „Wil­ helm Bruder Söhne“ in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit. Das 1868 gegründete Unternehmen, zeitweise größ­ ter Orgelbauer in Waldkirch mit einer Produktpalette von der Spieluhr über Drehorgeln bis zu motorgetriebenen und figurenverzierten Walzenorgeln, hatte be­ reits während des 1. Weltkriegs die Produk­ tion einstellen müssen. Nach deren Wieder­ aufnahme 1918 und zögernder Erholung erschütterten Inflation und dann schwin­ dende Auslandsaufträge das Unternehmen. Schließlich besserte sich die Auftragslage, Aufbau und Umbau von Orgeln wurden das erste Tätigkeitsfeld von Siegfried Fromm. Da ;;w. B. S.“ die einzige Waldkircher Orgel­ Siegfried Fromm aus Grünin­ gen erlebte als Orgelbaume­ chanik.er bei „Bruder“ in Waldkirch noch die große Z-eit des Orgelbaues. Der 87jährige gilt heute als Kapazität für al­ le Gattungen von mechani­ schen Musikinstrumenten. fabrik war, die noch Walzendrehorgeln her­ stellte, bei der zudem auch Spieluhren re­ pariert wurden, erhielt er bereits während seiner Lehrjahre einen Einblick in ein brei­ tes Spektrum der mechanischen Musikin­ strumente. Geboren wurde Siegfried Fromm am 10. Mai 1909 in Obertal im Landkreis Freuden­ stadt. Schon früh kam er nach Waldkirch, Im verschärften Konkurrenzkampf der von der heraufziehenden Weltwirtschafts­ krise bereits angeschlagenen und nicht zur 161

Geschichte möglicherweise existenzsichernden Koope­ ration gewillten Orgelbauunternehmen er­ hoffte man sich die Rettung von neuen Pro­ dukten im Bereich mechanischer Großor­ geln. Starktonorgeln, Rollenorgeln, Kinoor­ geln wurden gebaut. Aber alle Versuche waren vergeblich, im Jahre 1930 war der Or­ gelbau in Waldkirch am Ende. Wie Vater und Onkel bei anderen Waldkircher Orgel­ bauern, mußte auch Siegfried Fromm zunächst den bitteren Gang in die Arbeits­ losigkeit antreten. „Vom Balg bis zur fertigen Orgel ging alles durch unsere Hand“ „Nach Hitlers Machtübernahme“, erinnert er sich, ,,konnten wir mit 4 Mann die Arbeit wieder aufnehmen, aber wir mußten zu­ sätzlich für den Luftschutz benötigte Teile fertigen, Bälge und Filter für die Frischluft­ zufuhr in Luftschutzkellern.“ Im eigentli­ chen Orgelbau galt es für die kleine Beleg­ schaft, ,,Mädchen für alles“ zu spielen. Nicht schlecht wiederum für die Erweiterung des Kenntnisstandes, denn „vom Balg bis zur fertigen Orgel ging alles durch unsere Hand.“ Finanzielle Engpässe und fehlende Materialzuteilungen bedeuteten dann aber doch das Ende der einst blühenden Orgel­ fabrikation. Eine Fabrik nach der anderen mußte aufgeben, aber zwei Jahre, bevor Wil­ helm Bruder Söhne im Jahre 1939 die Tore endgültig schloß, war Siegfried Fromm be­ reits nach Gutmadingen gezogen, wo er bei der Firma „Kramer-Schlepper“ zum Mecha­ niker umgeschult wurde. Im gleichen Jahr heiratete er seine aus Oberwasser-Unzhurst stammende Frau Ma­ riaJosefine geb. Trapp, die, wie es der Zufall wollte, auf einer Fortbildungsschule in Unz­ hurst bereits vom späteren Grüninger Leh­ rer Schelling unterrichtet worden war. Die Familie zog nach Geisingen, wo 1938 und 1940 die beiden Töchter Gisela und Christa zur Welt kamen. 1940, kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde er zur Villinger 162 „Saba“ dienstverpflichtet, wo er dann auch den Rest seines Arbeitslebens verbrachte, vornehmlich mit Aufgaben der Qialitäts­ kontrolle beauftragt. Nach Grüningen zogen die Fromms im Jahre 1941. Zunächst wohnten sie zur Mie­ te am Bergring, aber als in den fünfziger Jah­ ren das Neubaugebiet am Rebberg entstand, waren sie unter den ersten „Häuslebauern“. 1957 konnte das Haus bezogen werden, in dem er nun mit der Familie seiner Tochter Gisela, verheiratet mit Peter Chudzinski, sei­ nen Lebensabend verbringt. Seine Frau Jo­ sefine verstarb im Jahre 1991. Im Jahre 1972, im Alter von 63 Jahren, wechselte Siegfried Fromm in den Ruhe­ stand. Zwar war seine Begeisterung für die mechanischen Musikinstrumente noch le­ bendig, viele Wochenenden hatte er mit Re­ paraturen an Spieluhren und kleinen Or­ geln verbracht, aber das rechte Betätigungs­ feld für eine erneute intensive Beschäftigung mit der alten Kunst fehlte. Zu dieser Zeit gab es in Waldkirch Bestrebungen, wieder an die Tradition als Orgelstadt anzuknüpfen. Her­ mann Rambach wurde mit dem Projekt ,,Elztal-Heimatmuseum“ beauftragt. Die Orgelabteilung des ab 1978 aufgebau­ ten Museums, inzwischen in „Elztalmuse­ um -Regionalgeschichte und Orgelbau“ umbenannt, verfügte zwar über zahlreiche Exponate, aber viele Orgelwerke waren re­ paraturbedürftig. Rambach, Laie auf diesem Gebiet des Orgelbaues, beklagte fehlende Unterlagen und Zeichnungen, vergeblich hatte er nach Fachleuten für Restaurie­ rungsarbeiten gesucht. Rambachs Freund Josef Hermann, ein ehemaliger Klassenka­ merad von Siegfried Fromm, gab den ent­ scheidenden Hinweis. Im Oktober 1979, als Siegfried Fromm zu einem Klassentreffen in Waldkirch weilte, bat Bürgermeister Eisele ihn persönlich um seine Mithilfe: Siegfried Fromm sagte ohne Zögern zu. Mit großer Freude ging Siegfried Fromm an seine neue Aufgabe. Zeichnungen wurden angefertigt, Reparaturen durd1geführt. Viele Wochen im

Altes Handwerk Mit prachtvollen Figuren geschmückt, eine von Siegfried Fromm restaurierte „Bruder-Orgel“. Jahr verbrachte er in Waldkirch, ehrenamt­ lich stellte er Wissen und Tatkraft zur Verfu- gung. Das Charakteristikum mechanischer Mu­ sikinstrumente ist das Vorhandensein eines Steuerteils, von dem die Tonfolge von ei­ nem Toninformationsträger, etwa Stiftwal­ ze, Lochband oder Lochplatte, abgelesen und an das eigentliche Musik- instrument, den Schallquellen­ teil, übergeben wird. Spieluh­ ren sind die kleinsten und frühesten Vertreter dieser Gat­ tung, Drehorgeln und mecha­ nische Großorgeln wie Jahr­ markt- oder Tanzorgeln die wohl kunstvollsten mechani­ schen Musikinstrumente, letz­ tere beein­ druckend durch die üppigen Schmuckfassaden. Mit den als „Wunderwerke“ bestaunten Orchestrien ließen sich durch eine Vielzahl spezieller Pfeifen die wichtigsten Instrumente eines ganzen Orchesters nachbilden, mechanisch bewegte Musikantenfiguren sorgten für die Faszination dieser Vorläufer der Musikbox. Die komplizierten pneumatisch gesteuer- insbesondere Das Charakteristikum mechanischer Musik- instrumente ist ihr Steuerteil (z.B. Loch- band), von dem die Tonfolge von einem Toninformationsträger abgelesen wird. ten Schaltungen, ohne gründliche Kenntnis der je nach Hersteller unterschiedlichen Funktionsweise eines Instruments schwer zu durchschauen und zu verstehen, wurden so­ zusagen zum Spezialgebiet von Siegfried Fromm. Teils verfügte er über alte Zeich­ nungen, teils fertigte er sie neu an, insgesamt wohl über vierhundert, auch noch im hohen Alter. Ihm erschlossen sich die Zusammenhänge schnell, viele Orgelwerke kannte er in klein­ sten Details. Die Orgelabtei­ lung des Museums verdankt seiner Arbeit sehr viel, mit sei­ nen technischen Zeichnungen hat er ihr nach den Worten von Dr. Petra Rohde vom Elz­ talmuseum „einen unschätzba­ ren Dienst für die wissen­ schaftliche Aufarbeitung und konzeptionelle Aufbereitung des Orgelbestands“ geleistet. Kein Wunder, daß Siegfried Fromm, der weiterhin häufiger Gast in Waldkirch ist, dort höchstes Anse­ hen genießt. Anläßlich eines von ihm ar­ rangierten Besuchs des Grüninger „Alten­ treffs“ berichtete die Tagespresse von einer Führung durch „sein“ Museum. 163

Alt Handwerk Für private Liebhaber, aber auch kleinere Orgelbaufirmen, ist Siegfried Fromm auf seinem Spezialgebiet noch heute, 87jährig, ein gefragter Ansprechpartner. Zahlreiche Dankschreiben belegen die große Hilfsbe­ reitschaft Siegfried Fromms, aus ihnen spricht aber auch immer wieder Bewunde­ rung über sein technisches Verständnis und die noch in hohem Alter vorhandene Fähig­ keit, technische Vorgänge präzise und ver­ ständlich wiederzugeben. Zum Standardwerk des Metiers, ,,Mecha­ nische Musikinstrumente -Einführung in Technik und Geschichte“ von Dr. Ing. Her­ bert Jüttemann, der ihn oft in Grüningen besuchte, leistete er wertvolle Beiträge zu Einzelheiten der pneumatischen Steuerung. Im Vorwort wird er neben Hermann Ram­ bach und dem aus einem alten Orgelbauge­ schlecht stammendem Carl Frei jun. als ei­ ner der wenigen erwähnt, die noch die Blü­ tezeit mechanischer Musikinstrumente mit­ erlebt haben und das Wissen aus dieser Zeit weitergeben können. Seine über Jahrzehnte gesammelten schriftlichen Unterlagen und seine sachkundigen Angaben seien für die Erhaltung von Dreh-und Jahrmarkt-Orgeln von unschätzbarem Wert, sie helfen, ein be­ deutsames Kulturgut zu retten, schrieb ihm der Verfasser. Siegfried Fromm, der „Kulturträger des Orgelbaues“ Siegfried Fromm, der „Kulturträger des Orgelbaues“, wie er oft genannt wird, ist langjähriges Mitglied der „Gesellschaft für selbstspielende Musikinstrumente e. V.“ und 1995 zum Ehrenmitglied ernannt wor­ den. In deren Journal „Das Mechanische Musikinstrument“ findet er oft Erwähnung, sei es wegen wertvoller Hinweise auf bisher unbekannte Fakten zur Geschichte einst­ mals bekannter, aber heute fast vergessener Orgelbaufümen, sei es wegen der Zurverfü­ gungstellung seltener Unterlagen. In dieser Zeitschrift findet sich auch ein Portrait von 164 ihm, darin berichtet er in anschaulicher Wei­ se von den bewegten Jahren bei der „Wil­ helm Bruder Söhne“. Seine letzte Ehrung erfuhr Siegfried Fromm anläßlich des 5. Internationalen Waldkircher Orgelfestes im Juni 1996. In der als Festschrift erschienenen „Waldkircher Orgelzeitung“ werden seine Verdienste in einem Beitrag noch einmal gewürdigt. Im­ mer noch steckt er voller Tatendrang und freut sich schon wieder auf einen längeren Aufenthalt in Waldkirch, wo er zwei junge Japaner in die Kunst des Orgelbaus einwei­ sen soll. Fast selbstverständlich, daß sich Siegfried Fromm auch in seinem Wohnort Grünin­ gen für die Musik engagiert hat: Beim Mu­ sikverein ist er Gründungs-und Ehrenmit· glied. Beim ehemaligen Gesangverein küm­ merte er sich in den 50er Jahren um die Theateraufführungen. Groß ist aber auch sein geschichtliches In­ teresse. Diese Liebe erwachte, als er 1936 an­ läßlich der 1000-Jahrfeier der Stadt Wald­ kirch als „Fremdenführer“ für die zahlrei­ chen Besucher ausgebildet wurde und in ei­ nem Kurs bei Professor Fischer, Lehrer an der Realschule, seine ersten Kenntnisse sammelte. Die damals ausgestellten Unter­ lagen aus der vorderösterreichischen Zeit blieben ihm im Gedächtnis. Als er sich 1979 zur Mitarbeit bei der Orgelrenovierung be­ reit erklärte, wünschte er sich als Gegenlei­ stung daraus die Qiellen, die sich auf seine zweite Heimat Grüningen bezogen. Viele Fakten zur Geschichte des Dorfes im Brig­ achtal hat er bis heute zusammengetragen, vieles gibt er mündlich weiter. Ein Geschenk aber hat Siegfried Fromm den Einwohnern gemacht. Die von ihm 1951 entworfene, in vielen Arbeitsstunden erbaute und seitdem zweimal umgestaltete große Krippe ziert noch immer zur Freude von Jung und Alt in der Weihnachtszeit die Grüninger St. Mauritiuskirche. Dr. H.- G. Buller

Geschichte der Auswanderer vom „Hof“ Geschichte Die Schicksale der Familie Klausmann aus Gremmelsbach in der „Neuen Welt“ Mit der Auswandererbewegung verbinden sich etwas voreilig Illusionen wie „das große Geld, das große Glück machen“, ,,der reiche Onkel aus Amerika“, der die „unbegrenzten Möglichkeiten“ wahrgenommen hat. Weni­ ger assoziiert wird, daß diese Möglichkeiten auch alle negativen Dimensionen ausmes­ sen konnten. Ein nahezu unentwirrbares Knäuel bildeten die Motive, der ange­ stammten Heimat für immer den Rücken zu kehren: Die dürftige ererbte Scholle und die Aussichtslosigkeit, je zu einer komfortable­ ren Existenz zu finden, rückständige Indu­ strie, Mißjahre, religiöse Intoleranz, fehlen­ de politische Freiheit, eine Verpflichtung oder ein Vergehen, dem man sich durch Flucht entziehen konnte, aber auch Widrig­ keiten aller Art in der alten Heimat. Dies al­ les auf der einen Seite, und die Hoffnung auf ein paradiesisches Leben, Abenteuerlust, Pioniergeist, unbändiges Vorwärtsstreben, der Wille, keinem andern als dem freige­ wählten Gesetz untertan zu sein, die Ver­ lockungen von Werbeagenturen, an der großen Freiheit teilzuhaben, das Hinausge­ drängtwerden durch die Behörden (die sich von der Versorgung von Habenichtsen be­ freiten) auf der anderen Seite verursachten einen welthistorischen Vorgang, der nach dem 30jährigen Krieg einsetzte und den auch das Wilhelminische Kaiserreich nicht aufzuhalten vermochte. Im Gegenteil, es er­ lebte in den Jahren 1881 bis 1890 einen Aus­ wanderungsschub von 1,3 Millionen. Den Ersatz bildete der Zuzug billiger Arbeits­ kräfte aus den östlichen Nachbarländern (GWU, 2, 82, S. 81). Auch dies eine unge­ heure Wanderbewegung. Der Heimat blieb die Hoffnung, durch enge Verbindung mit den ethnischen Inseln in der Neuen Welt Der „Hof‘ in Gremmelsbach. Im Vordergrund ein Holzpolter, dem Seelenwaldwanderer an dieser Stelle ein gewohntes Bild. 165

Ge chich1 oder wo immer, deutsche Art im Ausland zu erhalten und durch den Handel mit den Auswanderern in den Kolonien an ihrem Wohlstand zu partizipieren. Einzelne Fami­ lien mochten hoffen, daß die blutmäßigen Bande in die Zukunft tragen, sogar die näch­ sten Generationen erfassen würden. Die Wahrheit sah in vielen Fällen sehr pro­ saisch aus, die Existenzgründung war eine Sache auf Leben und Tod, und die alte Hei­ mat lag in unerreichbarer Feme, schon von den Kindern vergessen, die oft kaum noch die Sprache ihrer Eltern kannten, geschwei­ ge denn sich als Deutsche fühlten. Anderer­ seits werden auch heute noch Heimatfor­ scher von Nachkommen der Auswanderer aus O t und West gebeten, bei Angaben zu ihren Vorfahren behilflich zu sein. In keinem Fall – soweit bekannt – ließen sich nach der Vertreibung der Donausd,wa­ ben wieder familiäre Zusammenhänge mit Nachkommen gemeinsamen Ur prungs herstellen, wenn sie je gesucht wurden. Und oft genug war es mit den Amerika-Auswan­ derern nicht anders. Beispiele, die exempla­ risch sein mögen für Tausende, können dies belegen, und zwar vom „Hof“ in Grem­ melsbach, wo seit dem 30jährigen Krieg der Name „Klausmann“ beheimatet ist. Söhne und Töchter verließen zu verschiedenen Zeiten in entgegengesetzte Rid,tungen den heimatlichen Boden. Zwei Enkelinnen des Andreas Klausmann, ihres )ieben Großvaters“, Katharina und Rosina Kienzler, wanderten 1760 mit ihren Ehemännern nach Ungarn (Kolluth) aus, ih­ re Spuren sind in den Weiten der Pußta und im Dunkel der Geschichte verweht (Vgl. Almanach 1992, S. 99, und W Hacker, Aus­ wanderungen aus dem südöstl. Schwarz­ wald zwischen Hochrhein, Baar und Kinzig, insbesondere nach Südosteuropa im 17. und 18. Jahrhundert, München 1975). Etwa 120 Jahre später waren es drei Brüder, die der Heimat den Rücken kehrten, und nur einer von ihnen sah sie für kurze Zeit wieder. Was man von ihnen noch weiß, ver- 166 danken wir dem Erinnerungsvermögen von Matthias Klausmann, Alt-Josenbauer in Tennenbronn, 1909 geboren in Gremmels­ bach auf dem „Hof“, dessen Bruder Bern­ hard (Unterschafberg) und Frau Hilda Bert­ sche, Gremmelsbach. Von den sieben Kindern (fünf Buben und zwei Mädchen) aus der Generation der El­ tern (al o Onkel und Tanten von Matthias Klausmann) wanderten drei (Klaus, Micha­ el [ ,,Hofmichel“] und Hans) nach Amerika (USA) aus. Den Hof konnte nur einer erben, und die damalige Industrie war nicht in der Lage, den Ansturm geburtenreid,er Jahr­ gänge zu bewältigen. Auch der vierte Bruder Fridolin hatte die Absid,t, vermutlich weil sein Vater ihm den Hof (nod, ?) nicht über­ geben wollte. Er war schon bis Hamburg ge­ kommen, um die Überfahrt zu regeln, da er­ reichte ihn ein Brief von der Mutter Agata mit der Bitte, doch wieder zurückzukehren und den Hof zu übernehmen. Der Vater Qo­ hann) war am 22. Juni 1892 gestorben, Fri­ dolin konnte den Hof übernehmen. Des Briefes hätte es wohl nicht bedurft, denn als Fridolin das weite Meer sah, grauste ihn, und er wollte die Fahrt nicht mehr wagen, so Bernhard Klausmann. Die drei Brüder gerieten just in die große wirtschaftliche Krise der USA, die 1893 den Höhepunkt „panic of 1893″ erreichte und zum Nachlassen des Einwanderungsstroms aus Deutschland führte (GWU, ebda). Vermutlid, als einzigem ist es Klaus Klaus­ mann gelungen, eine Existenz aufzubauen und zu Geld zu kommen. Er war Bierbrau­ er, das Brauen hatte er in Deutschland ge­ lernt, freilich ist nicht mehr festzustellen wo. Er ließ sich mit seiner Ehefrau Karoline (geb. Eble), die er auf dem Schiff geheiratet haben soll, in New York nieder und betrieb dort selbständig eine Brauerei. Das Alko­ holverbot in den Vereinigten Staaten, die Prohibition, auch „Trockenlegung der USA“ genannt (1919 vom Kongreß beschlosssen, 1933 wieder aufgehoben), tat dem Geschäft großen Abbruch. Da versuchte der Unter-

%,,� �\,�G\b�te� \G� �o�b“ \\b �ÜbG\��ltG. Die Auswanderung in die „Neue Welt“ wurde in vielen Fällen durch Agenten gegen teure Gebühren organisiert, die in Tageszeitungen und Amtsblättern zuhauf für sich Werbung machten. Auswanderung vom .Hof“ (4) met Unter3eid)ncle beföl’bert jebe mlod)e übet .4-,,tu,erp“n• Bre· „“““• Havre. Lo-,1tlon, ßtJtterdana auf ll3oft,, ®enel• unb mamµf, �. fd>iffrn l3nffaniere �u billigen l3tcifen. mie @eneraT,2lnentur: met IBr3itftlagent: 1!i1!k D?. fill i t f d) i 11 g in IDlam,�ehn. D? a ;i; !ß tu g g et in g)onnuef cliingen. die Verbindung mit ihm abgerissen. Der nehmungslustige sein Glück als Goldgräber. zweite der Brüder, Michael, blieb unverhei­ Den Interessenten wurde staatlicherseits ein ratet. Er baute in New York ein Fuhrgeschäft Stück Land zugeteilt. Er habe oft tagelang auf Mehr ist von ihm nicht bekannt. ein Feuer unterhalten, damit der Boden auf­ Der dritte Bruder, Hans Klausmann, war taute. Das spricht dafür, daß die Grabungs­ ein „Naturmensch,“, auch er blieb ehelos. Er stelle in Alaska lag. Viel mehr als ein Zubrot gab sich hemmungslos seiner Reiselust hin; war der Goldsegen freilich nicht. Daraus er­ seine Strecke war der ganze amerikanische wuchs kein Reichtum. In dieser Zeit hätten Kontinent von Nord bis Süd. Ging ihm das sie Bärenfleisch geräuchert und gegessen. Geld aus, so verdiente er sich neues, wo er Dies erzählt noch Hilda Bertsche. Gelegenheit dazu fand. Er berichtete in die Klaus Klausmann kehrte mit seiner Ehe­ alte Heimat, 2 000 km gefahren zu sein, oh­ frau 1919 nach Deutschland zurück, be­ ne einen Baum gesehen zu haben. Große suchte auch den „Hof“, schenkte jedem sei­ Sorgen machten sich seine Angehörigen in ner Verwandten eine Orange, die erste und Gremmelsbach, er könnte wilden Tieren für längere Zeit die letzte die sie sahen (wie zum Opfer gefallen zu sein, als längere Zeit sich so etwas im Gedächtnis festsetzt!). Das eine Nachricht von ihm ausblieb. Sie erfuh­ Ehepaar brachte seine beiden Töchter Lilli ren aus Briefen von ihm, daß er ein Gebiet und Anne mit und erwarb sich in Baden – mit einer äußerst gefährlichen Löwenrasse Oos eine Villa mit einem Obstgarten dar­ durchquerte. Später berichtete er, er sei sol­ um, ob durch das Alkoholverbot dazu ver­ chen begegnet, habe aber, obwohl er ein Ge­ anlaßt, ist ungewiß. Die Eltern durften sich wehr trug, nicht zu schießen gewagt. Wieder ihres Glücks nicht lange freuen, denn sie wuchs die Angst um ihn, als in Zeitungen starben beide wenig später. Sie kamen noch von einem schweren Erdbeben in einer Re­ das eine oder andere Mal nach Gremmels­ gion, wo er sich gerade aufhielt, zu lesen war. bach. Die Töchter wurden in Deutschland Diesmal nahmen die Angehörigen die Hil­ nicht heimisch und kehrten in die USA fe des Roten Kreuzes in Anspruch, und dem zurück. Ihre beiden Brüder waren in der gelang es, ihn ausfindig zu machen. Er war Neuen Welt geblieben. wohlauf. Noch einmal schickte er ein Le­ Der eine war ein Abenteurer, ein Rennfah­ benszeichen über den Ozean -und dann rer, von ihm hat man nichts mehr gehört. Er nie wieder. So galt er als verschollen. ist wahrscheinlich untergegangen. Der an­ Die Geschichte des heimatlichen Hofes dere betrieb die Brauerei des Vaters weiter, nach Matthias Klausmanns Kenntnis durfte aber durfte nicht stillstehen. Von Hamburg zurückgekehrt, übernahm Fridolin Klaus­ er weiterhin Leichtbier brauen. Er kam nach mann am 28. September 1893 den „Hof“, dem Zweiten Weltkrieg nach München, heiratete am 2. Oktober 1893 Apollonia kaufte dort eine komplette Brauereiausstat­ Dieterle vom Alpirsbachhof (Schonach) tung, weil die alte völlig verrostet war, und und widmete sich in nimmermüder Weise ließ sie nach Amerika schaffen. Seither ist 167

Auswanderung vom ,Hof“ der „Heimat“. Er schloß sich der Auffor­ stungswelle der damaligen Zeit an, hatte in 6 Jahren eine Fläche von 35 ha Weidfeld an­ gepflanzt, er legte damit den Grund für den Holzreichtum seines Hofes bis zur Gegen­ wart, mußte aber 1899 einen schweren Schicksalsschlag verkraften, ein Blitz äscher­ te eines Sonntagabends im August den Hof ein, mit 14 000 Mark von der Versicherung baute er ihn an der jetzigen Stelle wesentlich kleiner wieder auf, hatte in den zwanziger Jahren mit dem Problem zu kämpfen, das Holz aus dem Wald zu bringen, weil die Nachbarn Schwierigkeiten machten, die Ehefrau in jungen Jahren starb und die Kin­ der noch klein waren. Da verleidete ihm al­ les, er dachte ans Verkaufen, hatte auch schon einen Interessenten, das Sägewerk Katz und Klumpp (Mannheim), aber der Oberamtmann in Triberg redete es ihm wie­ der aus. Er stieß noch einen Großteil des Seelenwaldes, das auch ein steiles Stück im Geißloch umfaßte (36 ha) ab, dabei beließ er es. Der Hof blieb erhalten und der jahr­ hundertelang gleiche Name auf dem „Hof“ auch. Karl Volk Q!,cllen: Erzählungen von Matthias und Anton Klausmann Literatur: Emö Deak: Die Auswanderung – eine Massenbewegung in: Das Zeitalter Kaiser Franz Josephs 2. Teil 1880- 1916, Glanz und Elend, Beiträge, Schloß Grafenegg 9. Mai – 26. Okto­ ber 1987 Niederösterreichische Landesausstellung, S. 25 ff. Propyläen Geschichte Europas Bd. V, TI1eodor Schieder: Das europäische Staatensystem als Vormacht der Welt 1848 – 1918 o.J. S. 169 ff. Franz Schnabel: Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahr­ hundert III. Band Erfahrungswissenschaft und Technik, Frei­ burg 1954, S. 358 ff. Klaus Dade: Die .Gastarbeiter“ des Kaiserreichs – oder: Vom Auswanderungsland des 19. Jahrhunderts zum ,Einwan­ derungsland Bundesrepublik“ in: Geschichte in Wissen­ schaft und Unterrid1t, 2, 1982, S. 79 ff. ,,Morgennebel am Blindensee‘: Aquarell von Herbert Böhm. 168

Adolf Heer, ein fast vergessener Bildhauer Ein Beitrag aus Anlaß des 100. Todestages des gebürtigen Vihrenbachers Ge chichte Am 29. März 1998jährt sich zum 100. Ma­ le der Todestag von Adolf Heer. Er ent­ stammt einer angesehenen Vöhrenbacher Bürgerfamilie, deren Namen seit 1688 in den Kirchenbüchern zu finden ist. Im Jahre 1808 gründete der Bildhauer Fi­ del Heer (1781-1862) in Vöhrenbach eine Bildhauerwerkstatt, die seine Söhne Josef Heer (1819-1891) und Carl Heer (1821- 1911) unter dem Namen Gebr. Heer weiter­ führten. Beide Söhne erhielten ihre künstle­ rische Ausbildung in München bei Hof­ bildhauer Ludwig von Schwanthaler (Bavaria, Walhalla). Am 13. Septem­ ber 1849 wurde Adolf Heer in Vöhrenbach als Sohn des Bildhauers Josef Heer, dessen Name über die Heimat hinaus bekannt war, geboren. Schon sehr früh erkannte der Vater die künstlerische Begabung sei­ nes Sohnes und erteilte ihm die ersten Anleitungen im Zeichnen und Modellie­ ren. Während der Lehrzeit Adolfs in der väterlichen Werkstatt half ihm der mit der Familie Heer befreunde­ te Arzt Dr. Constantin Merz, seine Kenntnisse in der Kul- tur- und Kunstgeschichte zu erweitern. Um sich weiterzubil­ den, besuchte Adolf Heer von 1868 bis 1871 die neu errichtete und von Direktor Kre­ ling geleitete Kunstge­ werbeschule in Nürn­ berg, an der er sich den ornamentalen, archi­ tektonischen und pla­ stischen Studien wid- mete. Nach Ablauf der Studien gab Kreling dem außergewöhnlich begabten Schüler den Rat, sich der monumentalen Bildhaue­ rei zuzuwenden und die Studien und prak­ tischen Arbeiten in einem Meisteratelier in Berlin oder Dresden fortzusetzen. Heer ent­ schied sich für Berlin, wo er in den Werk­ stätten der Bildhauer Calandrelli und Sie­ mering von 1871 bis 1873 Aufuahme und vielfältige Arbeit fand und nebenbei auch die Kunstakademie besuchen konnte. Bald erhielt Heer von Prof. Adolf Brey­ mann in Dresden das Angebot, ihm bei monumentalen Arbeiten behilflich zu sein. Unter anderem war er an der Herstellung der zwei Engelsfiguren beteiligt, die im Auftrag der engli- schen Königin Victoria für das Mau­ soleum ihres Prinzgemahls Albert von Sachsen-Coburg-Gotha in W indsor an- gefertigt wurden. Die Arbeiten in Berlin und Dresden (1873-1875) im klassischen Stil prägten Heers späteres Schaffen. Heers Aufenthalt in Rom (1877-1880) Die Mitarbeit an den En­ gelsfiguren verhalfen Heer zu seiner ersten großen selb­ ständigen Arbeit und zu ei­ nem Aufenthalt in Italien, zumeist in Rom. Der kunst- liebende Fürst Carl Egon III. von Fürstenberg von den Engelsfiguren in W indsor unterrichtet, bestellte bei Heer zwei ähnliche überlebens­ große Engelsfiguren (Engel des Todes und Bildhauer Ado!f Heer (1849-1898} 169

Ge chichte „Die Baar deutet ihrer jungen Tochter- der Donau – den Weg in die Ferne“; Donauquellen-Denkmal von Adolf Heer im Donaueschinger Schloßpark. und fanden die Anerkennung vieler ausländischer Künstler, wodurch Heers Name der Fach­ welt bekannt wurde. Da Heers Arbeit auch zur Zufriedenheit des Bestellers ausgefallen war, erteilte ihm sein fürstlicher Gönner einen neuen Auftrag: die Figurengruppe „Die Baar deutet ihrer jungen Tochter – der Donau – den Weg in die Feme“. Dieses Werk stammt auch aus Heers römischer Schaffensperiode, wurde aber erst 1896 vollendet; es steht heute an der Donauquelle im fürstlichen Schloßpark in Do­ naueschingen. Am Ende seines Aufenthalts in Italien bewarb sich Heer um eine Lehrerstelle an der Kunstgewerbeschule in Karlsruhe, dessen Lehrkörper er erst als Lehrer und vom 1. Ju­ li 1881 an als etatmäßiger Pro­ fessor bis zu seinem Tode an­ gehörte. Heers Arbeiten in Karlsruhe Hier begann Heers zweite Schaffensperiode. Es eröffnete sich ihm ein reiches Betäti­ gungsfeld als Lehrer für den plastischen Unterricht wie als Künstler. Viele Arbeiten in und außerhalb von Karlsruhe zeu- gen von Heers unermüdlicher der Auferstehung) in carrarischem Marmor für die Fürstengruft Maria-Hof in Neudin­ gen bei Donaueschingen. Die Ausführung der Arbeit hatte in Rom zu geschehen. So bot sich Heer die seltene Gelegenheit, Itali­ en, das klassische Land der Kunst und die zahlreichen Kunstwerke der Antike kennen­ zulernen und seine künstlerische Ausbil­ dung zu vervollkommnen. Diese beiden Erstlingswerke wurden in Rom ausgestellt Schaffenskraft. Der reiche Bankier August Sehmieder ließ in Karlsruhe durch den Architekten und Oberbaudirektor Josef Durm eine Villa er­ bauen, um hier seinen Lebensabend zu verbringen. Durm erteilte Heer den Auftrag, 16 überlebensgroße Statuen, vier riesige At­ lanten, vier große allegorische Reliefs sowie zwei Medaillons (Frauenbildnisse) anzu­ fertigen. Dieser reiche architektonische 170

Schmuck an der Villa Sehmieder (seit 1899 Prinz-Max-Palais) ist wohl das bedeutendste Werk des damals erst 32jährigen Künstlers. In einem Bericht von 1886 steht: „Zu den reizendsten Bauten in Karlsruhe hat man je­ denfalls das Palais Sehmieder zu zählen, wo die bildhauerische Verzierung durch Heer in richtigem Verhältnis zur Architektur steht.“ Für den Figurenschmuck an der Kunsthalle in Karlsruhe schuf Heer die Sta­ tuen Holbein und Dürer sowie allegorische Werke. Diese Künstlerstatuen vertreten nicht mehr die italienische, sondern die deutsche Kunst. Im Jahre 1888 schrieb die Stadt Karlsruhe einen Wettbewerb aus zur Errichtung eines Denkmals für den Dichter JosefViktor von Scheffel. Obwohl Heer für sein Modell der erste Preis zugesprochen wurde, erhielt er den Auftrag nicht. Zu gleicher Zeit plante man auch in Heidelberg, ein Scheffel-Denk­ mal zu erstellen. Durch eine namhafte Spen­ de des Malers W ilhelm Klose konnte das Heidelberger Scheffel-Komitee den Entwurf Heers erwerben und ihn mit der Ausführung des Denkmals beauftragen. Das Scheffel­ Denkmal auf der Schloßterrasse in Heidel­ berg stellt den Dichter als Wanderer im Rei­ segewand vor. Im Zweiten Weltkrieg mußte das Denkmal zur Rohstoffgewinnung abge­ liefert werden. Das Grabmal von Josef Viktor von Schef­ fel auf dem Karlsruher Friedhof (Bronzere­ lief), zwei eherne Figuren (Wissenschaft und Fama) für die Aula der Universität Heidel­ berg, die Sandsteinfiguren am Heidelberger Rathaus und die Büste des Literaturhistori­ kers Gervinus (1805-1871) auf dem Berg­ friedhof in Heidelberg stammen ebenfalls aus Heers Atelier. Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal Dieses Standbild, eine überlebensgroße Reiterfigur, wird vielfach als das größte Werk Heers bezeichnet, das ihm den Ruf eines Künstlers ersten Ranges verschaffte. Es wur- Adolf Heer Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal in Karlsruhe. de auf dem Kaiserplatz am ehemaligen Mühlburger Tor errichtet und am 18. Okto­ ber 1897 enthüllt. Anwesend waren alle Mit­ glieder der großherzoglichen Familie, ein Vertreter der Kaisers – er selbst besichtigte es drei Tage später – der Behörden, der Stadt Karlsruhe und viele Ehrengäste. Auch in diesem Werk erweist sich Heer wie in seinen 171

Adolf Heer anderen als Anhänger des Klassizis­ mus, wobei zeitbedingt ein patrio­ tisch-pathetischer Einschlag nicht zu übersehen ist. Dieses Werk war Heers letzte große Arbeit. Weitere Werke Heers, die aber nicht mehr erhalten sind: die allegorische Figurengruppe „Festesfreude und Ruhm“ am Nordportal der Festhalle in Karlsruhe (durch Bomben zer­ stört), der Figurenschmuck am Kaise­ rin-Augusta-Bad in Baden-Baden (ab­ gerissen) und das Kaiser-Wilhelm­ Denkmal in Osnabrück (abgeliefert zur Rohstoffgewinnung). Die letzten Monate Den Anstrengungen jahrelangen an­ gestrengten Schaffens war Heers schwache Gesundheit nicht gewach­ sen. Ein Lungenleiden kam zum Aus­ bruch. Heer suchte Heilung im mil­ den Klima Italiens. Doch der Aufent­ halt in Rom brachte nicht die erhoff­ te Genesung. Vielmehr überfiel ihn bald nach seiner Ankunft ein Mala­ riafieber. Schwer erkrankt kehrte er nach Karlsruhe zurück, wo ihn nach wenigen Wochen eine Lungenentzündung dahinraffte. Er starb am 29. März 1898 im Alter von nur 49 Jahren. Auf dem Höhe­ punkt seines künstlerischen Schaffens wur­ de Heer abberufen, der lehrend und schaf­ fend noch Bedeutendes hätte leisten kön­ nen. Heer war nicht verheiratet. An seinem Grabe trauerten seine Ge­ schwister, Freunde, viele Schüler und Ver­ ehrer seiner Kunst sowie die Angehörigen der großherzoglichen Familie. Heer ruhte bis zum Jahre 1976 auf dem Karlsruher Friedhof an der Seite seines Freundes, des Malers Rudolf Gleichauf von Hüfingen. Der Maler Wilhelm Klose, Heers Freund, ließ beiden Künstlern ein schönes Denkmal er­ richten. Heute steht das Grabmal mit den Medaillons der beiden Künstler auf dem 172 „Der Engel des Todes“ in der Fürstengruft Maria Hof in Neudingen gilt als erstes Werk des Vöhrenbacher Bild­ hauers Prof Ado!f Heer. Friedhof von Hüfingen. Adolf Heer war zweifellos ein gottbegnadeter Künstler; sein ganzer Werdegang prädestinierte ihn zum Bekenner jener klassischen Richtung, welche die Wurzeln ihrer Kraft im Nährboden der großen Kulturzentren des Altertums findet. Er hielt mit Zähigkeit, die dem Schwarzwäl­ der eigen zu sein pflegt, an seinem Ideal fest und hatte dabei immer den Triumph, daß selbst die Widersacher seiner künstlerischen Anschauungsweise anerkennend,· bewun­ dernd vor seinen Schöpfungen standen. Erich Willmann, Bernhard Kleiser

Lucian Reich und seine kleine Hüfinger Welt Über die Wechselwirkungen zwischen Heimat und Schaffen im Werk des Malers und Dichters Geschichte Es war der große Jean Paul, der in seiner „Selberlebensbeschreibung“ schrieb: „Lasse sich doch kein Dichter in einer Hauptstadt gebären oder erziehen, sondern womöglich in einem Dorfe, höchstens in einem Städt­ chen.“ 1 (Er selber war in Wunsiedel geboren worden.) Lucian Reich scheint diesen hin­ tersinnigen Rat seines Lieblingsdichters be­ folgt zu haben: er kam am 26. Februar 1817 in Hüfingen zur Welt. Und es steht fest, daß er ohne dieses Städtchen nichts oder etwas ganz anderes geworden wäre. Hüfingen war klein, überschaubar, voller anschaulicher Einzelzüge. Yor den Häusern standen plaudernde Männergruppen, den frühen Feierabend in behaglicher Ruhe ge­ nießend, und an Bach und Brunnen waren noch fleißige Hände mit Waschen und Put­ zen beschäftigt. Aber die Kinder, welche bis­ her vor dem Rathause, um die hohe, mit ei­ sernem Geländer versehene Freitreppe, ihr lärmendes Wesen getrieben, hatten sich, nachdem die Betglocke angezogen, gebüh­ rendermaßen schon von der Gasse entfernt. Das steinerne, mit Blumen bekränzte Mut­ tergottesbild auf dem Stadtbrunnen sah ernst und schweigend herab auf den Platz, wo um den Brunnen die Knechte und Bu­ ben ihre Rosse tränkten.“2 So schrieb Reich in seinem Hauptwerk, dem „Hieronymus“. Wenn man seine Worte liest, sieht man Bil­ der vor sich; diejenigen, die er selber seinem Buch beigegeben hat, oder auch solche von Zeitgenossen wie Ludwig Richter, Carl Spitzweg oder Moritz von Schwind (mit dem Reich einst den Schwarzwald, die Baar und den Hegau durchstreifte und dem er bei der Ausmalung der Karlsruher Kunsthalle zur Hand ging). Hüfingen war eine kleine Welt und eine Welt auch für die Kleinen. Den Kindern fehlte es nicht an Raum zum Spiel und nicht Lucian Reich an Zeit (bis die besagte Betglocke sie nach Hause rief). Noch im Alter wußte Reich ge­ nau, wie diese Spiele alle hießen – Haber­ fassen und Messerspicken, Humaußen und Eckballen, Bruckspringen und Geißhüten und Steindechseln und so weiter; und eben­ so genau wußte er noch, wie er und seines­ gleichen einst auszogen, um „im Wolfbühl oder am Hölenstein eine Meisenhütte zu er­ richten, Palmenreis zu holen, im Frührot ei­ nes ahnungsvoll verschleierten Herbstrnor­ gens mit Klebruten und Lockvogel auszu­ ziehen, im Feld ein Wurzelfeuer anzufa­ chen, Erdäpfel in der Glut zu braten und nebenher Cigarren, d. h. dürre Hanfstengel zu rauchen.“3 Hüfingen war eine kleine, aber dennoch 173

Gescbid,1 Der Hiifinger Stadttunn, Zeichnung von lucian Reich, dem ‚kizzenbuch entnommen. keine heile Welt; die Abendsonne, die diese Stadt beschien, warf auch tiefe Schatten, und am Horizont zogen zuweilen schwarze Wolken auf Am Rand der bürgerlichen und bäuerlichen Ge ellschaft, die Reich so schön beschrieb, trieb sich allerlei land-, recht- und gesetzloses Gesindel herum, das er (z.B. im 15. Kapitel des „Hieronymus“) ebenfalls be­ schrieb. Und er wußte Bescheid, aud, weil ein Großvater Schelble als Vorsteher des fürstenbergischen Zuchthauses zu Hüfingen amtierte. eine Großmutter wohnte übri­ gens im Henkerhaus nahe am Galgenberg, und seine Kindsmagd, die einst des Mordes an ihrem ungeliebten Gatten überführt wor­ den war, hatte draußen auf dem Hexenplatz, der alten Richtstätte, schon auf dem Richt­ stuhl gesessen und auf den Schwertstreich des Henkers gewartet, als dann dod1 nod1 Gnade vor Red1t erging. Auch dies gehörte 174 zur sogenannten guten alten Zeit, in der Reich lebte. Hüfingen war eine kleine, überschaubare Welt; und dennoch ragte die große in sie hinein. Das Hüfinger Schloß muß dem jun­ gen Reich wie eines aus dem Märchen er­ schienen sein; denn in ihm standen die „ge­ schnitzten und gepol terten Sessel und Lehnstühle, die verschnörkelten, mit far­ bigem Holze künstlich eingelegten Kom­ moden und Kästchen“4, die er noch im ,,Hieronymus“ beschrieb; und an den Wän­ den hingen die „lebensgroßen, in Oel gemalten Ahnenbilder de erlauchten Fürstenhauses in ihren kriegerischen Rü­ stungen und verschiedenartigen Ordensge­ wändern“ 5 und viele Bilder mit kriegeri­ schen, jagdlid1en und biblisd1en Motiven. Doch das schönste Zimmer zeigte man zu­ letzt: ,,Gleich beim Eintritt fielen die Augen auf einige Pudel, Truthähne und Pfauen, welche auf einer freistehenden Kommode aßen, denn sie waren aus verschiedenen Schnecken und Muscheln so natürlid1 nad1- gebildet, daß man fast davor erschrak. In ähnlicher Weise waren an den Wänden pos- ierliche Affen und häßli he Waldteufel, grimmig blickende Tiger und Löwen in al­ lerlei Positur zu sehen; sodann wieder ganze Landschaften, Städte, Burgen und Seehäfen, aus Rinde, Moos und Korallen, w1d weil ,,curios das Aug und menschliche Gemü­ tl,er“ so präsentierten sich dazwischen far­ bige Zwerge, Bettler und Mißgeburten, Kohl- und Salatstöcke, von feinstem, glän­ zendstem Porzellan.“6 Ein Kuriositäten­ kabinett, eine fürstliche Kunstkammer mit­ ten im bürgerlichen Städtchen – das war auch ein bildendes, bleibendes Erlebnis.7 In seinen späten autobiographischen Auf­ zeichnungen hat Reich die e Erinnerungen nod1mals erneuert und erweitert; sie waren ihm wichtig, und er wußte wohl warum. „Von nid1t zu unterschätzender Bedeutung für die kleine Stadt war das fürstliche Schloß mit seinem schönen Garten und den Kunst­ und Naturmerkwürdigkeiten im „Kabinet“.

Lucian Reich und Hüfingen Hüfingen zur Z,eit des Lucian Reich, immer wieder drehte sich das Schaffen um diese kleine, überschau­ bare Welt, deren Abbild der Hiifinger Künstler unzählige Male festgehalten hat. Was es da zu betrachten und zu bewundern gab, machte auf mich einen lebendigeren und nachhaltigeren Eindruck als das, was wir bald nachher von Sammlungen, wissen­ schaftlich geordnet, klassifiziert und katalo­ gisiert, zu sehen bekamen. Und dasselbe möchte ich auch von andern Jugenderinne­ rungen sagen, z. B. von den Schlittenfahr­ ten, welche die Herrschaften oft an schönen Wintertagen hierher machten, in den phan­ tastisch gestalteten Schlitten aus der Zeit des Rokoko. Diana mit dem Hirsch, Neptun das Walroß lenkend, Löwen und anderes Gebil­ de zeigend. Abends sahen wir das Schloß dann erleuchtet, im Saale gegen den Hof zu ertönte Musik zu improvisierten Tänzen, und die bei Fackelschein bewerkstelligte Rückfahrt ließ uns den Zug erst recht im ro­ mantisch märchenhaften Lichte erschei­ nen.“ 8 Das war eben eine andere Welt, die hier aufschien. Der kluge Graf Kessler schrieb einmal, die vielen Residenzen hätten „gewiß viel Gutes getan für die allgemeine Bildung in Deutschland“ 9, sie hätten „die Kultur geför­ dert, aber den Menschen gebrochen“10. In nächster Nähe der Fürstenthrone konnte kein Bürgerstolz gedeihen. Auch Reich hat seiner „Hochfürstlichen Durchlaucht“, dem damaligen Fürsten zu Fürstenberg, sein Hauptwerk „in tiefster Ehrfurcht“ gewid­ met. 11 Wenn ihm dafür nur die Förderung zuteil geworden wäre, die er gebraucht hät­ te, um sich entfalten zu können! ,,0, sie war eine Künstlerin, die ihresgleichen gesucht hat. Bei richtiger Anleitung hätte sie es ge­ wiß auch in der größern Welt zu etwas ge­ bracht. Aber so fehlt es eben manchem Bäumlein im schattigen Wald an Licht und Luft, emporzuwachsen.“ 12 So sagt bei Reich ein Mann über seine früh verstorbene Frau, die Uhrenschilder malte -er hätte es über Reich selber sagen können. Es wurde ja schon viel aus ihm, aber längst nicht so viel, wie aus ihm hätte werden können. Hüfin­ gen steht für seine Größe und auch für sei­ ne Grenze. Aber ohne Hüfingen wäre er gar nichts oder etwas ganz anderes geworden; hier hat er zuerst die Augen geöffnet, die Stifte ge­ spitzt und die Farben gemischt. Und da er nicht nur ein Zeichner und ein Maler, son­ dern auch ein Dichter werden sollte, muß­ ten auch seine sonstigen Sinne geöffnet wer­ den, mußte er nicht nur sehen, sondern 175 Vom Öffnen der Sinne

Lucian Reich und Hüfingen 1 :i;J;h/ ‚t‘ � -9?1 . … ‚1t .. //1 Seite aus dem Skizzenbuch von Lucian Reich, das im Hüfinger Stadtmuseum ßi.r Kunst und Geschichte zu finden ist. /, ·–· auch hören, riechen, schmecken und fühlen lernen – und dies alles beschreiben, zur Sprache bringen lernen. Und wie sein did1terisches Schaffen auf je­ der Seite zeigt, lernte er es auch: ,,In der al­ ten Stadtmauer und auf den Vogelbeerbäu­ men am Stadtgraben schrieen und jagten sich die Spatzen wie im tollen Gaudium über den schönen Tag. Red1ts floß die Breg so ruhig und tiJI hinter der Stadt weg – als wolle sie ausruhen von ihrem ungestümen Lauf über Stock und Stein – die glatte Was­ serfläcl1e dampfte wie in Schweiß geraten. Weiter hinaus in der Baar in den Dörfern längs den blauen Wellenlinien des Heuber­ ges, welcher die rauchenden Morgennebel überragte, tönten die Morgenglocken – es war ein Festtag – herrlich weit und breit. In den Gärten unten an dem Stadtgraben stan­ den schon einige Hausväter betrachtend vor den Bienenkörben oder dem knospenden Tulpen- und Rosenflor, und auf der Straße von Donaueschingen her wanderten festlich gekleidete Leute, einzeln und in Gesell­ schaft gegen die Stadt.“ 13 Über Johann Peter Hebel, den Reich lieb­ te, sagte Goethe: ,Jahres- und Tageszeiten gelingen dem Verfasser besonders. Hier 176 kommt ihm zugute, daß er ein vorzügliches Talent hat, die Ei­ gentümlichkeiten der Zustände zu fassen und zu schildern. Nicht allein das Sichtbare daran, son­ dern das Hörbare, Riechbare, Greifbare und die aus allen sinn­ lichen Eindrücken zusammen entspringende Empfindung weiß er sich zuzueignen und wieder­ zugeben.“ 14 Goethes Lob gilt auch für das, was Reich schrieb. Die Heimatstadt, die Reich formte, die ihn und seine Sinne in die beste Schule nahm, hieß Hüfingen. In ihr ist er am 2. Juli 1900 auch gestorben.15 Dr. Johannes Werner . 29. . 705-754; hier S. 716. I Jean Paul, Selberlcbensbcschreibung. In: J. P., Werke Bd. 3. 4. Aufl. München 1986, 2 Lucian Reich, Hieronymus. Lebensbilder aus der Saar und dem Schwarzwalde. Karlruhe 1853, 3 Lucian Reich, Blätter aus meinem Denkbuch. In: Schrif­ ten des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Saar und der angrenzenden L1nde teile in Donaueschingen 9 (1896), S. 89-136; hier S. 97. 4 Reid,, Hieronymus S. 33. 5 Ebd. 6 Ebd. S. 34. 7 Die im Schloß von Hüfingen verwahrten Sammlungen wurden 1870 nach Donaueschingen in das damals neu er­ baute Museum am Karlsplatz überführt; die von Reid1 er­ wähnten Gebilde aus Schnecken, Muscheln etc. sind fi-eilich nicht mehr aufzufinden (frdl. Mitteilg. von Georg Goerlipp, Fürst!. Fürstenberg. Ard1ivar, am 16.10. 96.) 8 Reich, Blätter S. 100 f. 9 Harry Graf Kessler, Tagebüd1er 1918-1937. Hrsg. von Wolfgang Pfeiffer-Belli. Frankfurt a. M. 1961, S. 392. 10 Ebd. l l Reich, Hieronymus (o. S.) 12 Lucian Reich, Wanderblüthen aus dem Gedenkbuche ei­ nes Malers. Karlsruhe 1855, 13 Reid,, Hieronymus S. 30. 14 Johann Wolfgang von Goetl,e, Rez.: Johann Peter Hebel, Alemannische Gedichte. In: J. W. G., Werke Bd. 12. Hrsg. von Erich Trunz. 11. Aun. München 1989, S. 261-266; hier s. 263. 15 Der Verfasser verweist insgesamt auf einen Vortrag, den er am 8.10. 1996 im Stadtmuseum Hüfingen gehalten hat und der demnächst im Druck erscheinen wird (,In sich und in allem perfekt“. Das literarische Werk von Lucian Reich). . 102.

10. Kapitel /Almanach 98 Museen im Schwarzwald· Baar · Kreis Das „Schwarze Tor“ in St. Georgen Ein sorgfältig restauriertes Bauernhaus erzählt vom Leben in alter Zeit Wenn mir Eich hit e weng verzelle, wa mir im Städtle mache welle mit em alde »Schwarze Dor“, konnt manchem des weng komisch vor. Wer denkt denn no an alde Zite, wenn om‘ s ganz Huus rom stehn Fabrike. Doch bsinnt mer se – un isch weng still, uff oamol konnt e ander Gfiehl, pletzlich -jo – do duet mef s merke: Des isch e Stickte »Ald-Sanderge’� Mit diesen Überlegungen wurde die Re­ staurierung des „Schwarzen Tors“ 1987 durch einen Förderverein, gegründet und geleitet von Helmut Diebe!, in Angriff ge­ nommen. Mit viel Liebe, in vielstündiger, uneigennütziger Arbeit, wurde das Haus in der Folge in seinen Urzustand gebracht. Das „Schwarze Tor“ wurde 1803 erbaut, nachdem das alte Gebäude zuvor durch Blitzschlag zerstört wurde. Die Besitzer wa­ ren Gottlieb und Anna Maria Lehmann. Im Lagebuch von St. Georgen sind Aufzeich­ nungen über ein Haus auf dem Platz des „schwarzen T hores“, wonach das Gebäude wahrscheinlich schon vor dem Jahre 1666 bestand. 1906 verkaufte Gottlieb Lehmann eine Hälfte des Hauses an Bäcker Philipp Haas für 850 Gulden, so daß es bis zur Re­ novierung zweigeteilt war. Ab 1912 gehörte das Anwesen der Firma Tobias Baeuerle, und wurde von dieser 1978 kostenlos an die Stadt St. Georgen weitergegeben. Von dieser Zeit an lag das Haus im Dornröschenschlaf, keiner wußte, was daraus werden sollte. 1986 endlich war die Erhaltung und damit Das „Schwarze Tor“ in St. Georgen wurde durch den eigens gegründeten Förderverein mit viel Liebe zum Detail in uneigennütziger Arbeit restauriert, sprich in seinen Urzustand versetzt. 177

Museen im Schwarzwald· ßaar · Krei Die Küche im „Schwarzen Tor“ ist die einzige original erhaltengebliebene Rauchküche der Region. die Zukunft des „Schwarzen Tores“ durch den gegründeten Förderverein gesichert. Man sah sich einer riesigen Aufgabe ge­ genübergestellt, sowohl arbeitsmäßig, als auch finanziell. Der Verein hatte jedoch in Helmut Diebe! einen unermüdlichen Motor – seine Devise: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg! – Und der Erfolg sollte ihm rechtge­ ben. 1977 bereits wurde das „Schwarze Tor“ vom Landesdenkmalamt als schützenswert eingestuft, und somit wurden auch die Bau­ arbeiten auf das sorgfältigste überprüft. Ei­ ne genaue Vermessung und Bestandsauf­ nahme waren der erste Schritt. Jeder Stein, jeder Balken, jede Farbe wurde aufgezeich­ net, um den Originalzustand gesichert zu wissen. Es war für die „Bauarbeiter“ nicht die reinste Freude, das Haus erst einmal zu säubern, lOOjähriges Heu von der Tenne zu holen, den alten Stall auszuräumen, und das Unbrauchbare, das die verschiedenen Be- wohner der Nachkriegszeit hinterließen, beiseite zu schaffen. Das „Schwarze Tor“ ist kein Museum im üblichen Sinne, wo erhal­ tenswerte Dinge ausgestellt werden, sondern ein altes Schwarzwälder Bauernhaus in sei­ nem ursprünglichen Zustand, das in seinen Räumen das ganze bäuerliche Leben der da­ maligen Zeit widerspiegelt. Beginnen wir also unseren Rundgang und kommen zuerst in die Küche. Es ist in wei­ ter Umgebung wohl die einzige, noch origi­ nal erhaltene Schwarzwälder Rauchküche. Ohne Schornstein, leitete das Gewölbe (‚ s Gwelm), aus Sandstein, Stroh und Lehm hergestellt, den kalten Rauch in den Dach­ raum, wo er dann langsam durch das große Schindeldach abzog. Im Gewölbe hingen die Speckseiten, Schinken und Würste aus der Hausschlachtung, und das so langsam Geräucherte ergab die unverwechselbaren Delikatessen aus dem Schwarzwald. Den Boden der Küche bedecken die alten Sand- 178

Das .Schwarze Tor“ Zubehör. 1856 entstand in St. Georgen die Stroh- und Palmhutfabrik des Andreas Weißer, in welcher die geschickten Flechte­ rinnen -es mußte mit bis zu 800 Halmen gleichzeitig geflochten werden -die bis nach Amerika begehrten Panamahüte anfertig­ ten. Der Mittelpunkt des Schwarzwaldhauses ist die Stube mit ihrem großen Kachelofen. Sie war der einzige beheizbare Raum und aus diesem Grund Eß-, Aufenthalts-und Ar­ beitsraum zugleich. Die ersten Uhrmacher hatten hier auch ihre Drehbank aufgestellt. Der originelle Wandschrank enthält schöne Gläser, Dokumente, Geschenke und sicher auch ein „Kriesewässerle“ für den Besuch. Gehen wir jetzt eine Treppe höher und kommen in die Uhrenwerkstatt: Sie ist mit allem eingerichtet, was man zur Herstellung und Reparatur von Holzuhren und Mes­ singrädern benötigt. Werkbank, Dreh-und Zahnstuhl und viele Werkzeuge erzählen von der Kunstfertigkeit der damaligen Uhr­ macher. Gleich im Raum daneben hängen die typischen Schwarzwalduhren. Die Aus­ stellung im „Schwarzen Tor“ zeigt alle Ent­ wicklungsstufen der Räderuhren, von der einzeln angefertigten Holzräderuhr von 1730, bis zum industriell gefertigten „Ame- steinplatten. An der einen Wand steht der Schüttstein, ebenfalls aus Sandstein gehau­ en. Der gemauerte Herd wärmte zugleich ei­ ne Kachelwand im angrenzenden Zimmer, von wo der Rauch durch Züge in der hoh­ len Wand wieder in das Küchengewölbe zurückgeführt wurde. Durch das große Feu­ erloch in der linken Ecke heizte man mit Reisigwellen den großen Kachelofen in der Stube. Sonst war die Einrichtung mit klei­ nem Kasten, Wandborden und dem Tisch sehr spärlich, aber die vielen Gebrauchsge­ genstände des täglichen Bedarfs runden das Bild ab, wie die Bäuerin damals in der ruß­ geschwärzten, rauchigen Küche hantieren mußte. Jetzt betreten wir das Strohflechtzimmer. Schon 1740 wurde in St. Georgen Stroh ge­ flochten, um den kärglichen Verdienst etwas aufzubessern. Während einer großen Hun­ gersnot suchte die Stuttgarter Regierung nach einer Lösung, das Strohflechten etwas produktiver zu gestalten. So sandte man ei­ nen Herzog!. Rat in das Oberamt St. Geor­ gen, der anmahnte, „zwecks Ersparnis zur Backung eines Brods Erdbirn, weiße Rüben u. Kirbsen zu verwenden, an das Vieh Gin­ ster u. Thanen-Spitzen zu verfuttern.“ Er regte die Fertigung von Strohhüten an und, um alles in Gang zu bringen, wurde das Stroh unentgeltlich abgegeben und die fertigen Er­ zeugnisse in Form von Le­ bensmitteln abgegolten. 1797 kam es dann zur ersten Strohflechtschule. An den or­ dentlichen Unterricht wurden ein paar Stunden angehängt, und in der Schulstube, die aber „nicht sonders geheizt werden durfte“, Flechtunterricht gege­ ben. In unserem Zimmer hier sieht man die verschiedenen Flechterzeugnisse, Taschen in allen Formen und Größen, Strohschuhe, ein altes Muster- Das Strohflechtzimmer erinnert an ein Gewerbe, das sich far St. Ge­ buch und alles notwendige orgen bereitsfar die Zeit um 1740 nachweisen liißt. 179

Museen im Sd,warzwald-ßaar-Kreis Trachten der Raumschaft St. Georgen, darunter auch der prächtige St. Georgener Schäppel, und eine Uhrmacherwerkstatt (unten) sind im „Schwarzen Tor“gleichfalls zu bestaunen. 180

Das .Schwarze Tor“ rika-Werk“ von 1900. Dabei stellt eine signierte Originaluhr, welche mit Sicherheit von einem bekann­ ten St. Georgener Uhrmacher her­ gestellt wurde, eine besondere Ra­ rität dar, dürfte sie doch die älteste noch erhaltene Schwarzwalduhr sem. Jetzt kommen wir wieder in den Wohnbereich und befinden uns in der doch recht heimeligen „Kam­ mer“. Das große Himmelbett, die Kinder- und Puppenwagen, die schöne Truhe für Aussteuer und Leinen, und nicht zuletzt die schön bemalten Schränke, geben Das Schlafzimmer mit Kinderbett ist ebenso origi.nalgetreu re­ ein buntes Bild. Eine kleine Bo- konstruiert wie alle übrigen Räume im St. Georgener Heimat­ denluke, direkt über dem darun- museum. terliegenden Kachelofen, bringt ein wenig Wärme in die Kammer. Das anschließende Trachtenzimmer zeigt die St. Georgener Tracht in ihrer ganzen Vielfalt. Da ist der rote und der schwarze Bollenhut, das reichhaltige Zubehör zur „Hippe“ aus schönen Stoffen, Perlen und Glitzerzeug, und nicht zuletzt die Braut aus­ gestellt, die den St. Georgener Schäppel trägt. Dieser ist ein Prachtstück aus Glasper­ len und Spiegeln, bis zu 7 Pfund schwer. Kein Wunder, daß er von Generation zu Ge­ neration weitervererbt wird, er darf aber von der Frau an ihrem Hochzeitstag zum letzten Mal getragen werden. Jetzt werfen wir noch einen Blick auf den großen Speicher. Da ist zunächst auch der Raum des Uhrenschildmalers, wie er einmal in diesem Haus gearbeitet hat. Die fortlau­ fenden Beispiele erklären, wie zuerst aus Erdfarben und Kasein, dann über Kreide- Myrta Stieber grundierung, Gips und Leim in mehreren Schichten aufgetragen, am Ende die herrlich bemalten Holzschilder entstanden. Am be­ kanntesten ist wohl das Rosenmotiv. Auf dem Speicher finden auch viele landwirt­ schaftliche Arbeitsgeräte ihren Platz. Eine Küferwerkstatt, Faßdauben, die damals be­ gehrten Abfahrts- und Langlaufski, große Webstühle, Flachsbreche und vieles mehr, wecken das Interesse des Besuchers. Wenn man den Rundgang über eine Trep­ pe in das Erdgeschoß beendet, führt der Weg noch an einer großen Hausmahlmüh­ le mit vielen Funktionen vorbei, und in ei­ ner Ecke wird man in die Fertigkeit des Schindelspaltens eingeweiht. Zum Schluß erzählen die (Teucheln) ,,Diechele“ vom ehemaligen Wasserleitungsnetz in St. Geor­ gen. ,,Diechele“ sind zirka 6 Meter lange, aus gerade gewachsenen Kiefern ausgehöhlte Baumstämme. Mit einem „Diecheleboh­ rer“, 3,5 Meter lang, wurden die Stämme von zwei Seiten gleichzeitig durchbohrt, um sich in der Mitte zu treffen. Dann war das Leitungsrohr geglückt – eine ganz besonde­ re Handwerkskunst. Anschrift: Bahnhofstraße 37, 78112 St. Ge­ orgen (Tel. 07724/87194, Verkehrsamt) Öffnungszeiten: Mai – September, samstags 13 bis 16 Uhr. Okt.-Apr. 1. Samstag im Monat 13 – 16 Uhr. 181

Museen im Schwarzwald-Baar-Kreis Fassadenmalereien am Alten Rathaus Im Villinger Franziskanermuseum werden zwei wertvolle Entwürfe bewahrt Das Franziskanermuseum in Villingen­ Schwenningen bewahrt zwei großformatige Aquarelle, die beide die Fassade des Alten Rathauses in Villingen zeigen, jedoch mit ei­ ner jeweils völlig unterschiedlichen Bema­ lung. Beide sind etwa gleichzeitig entstan­ den. Die Geschichte ihrer Entstehung soll hier erzählt werden. Sie entpuppen sich da­ bei als wichtige Qiellen zum politischen Selbstverständnis der Stadt Villingen. Doch nicht nur deshalb werden sie hier vorge­ stellt. Im Rahmen der Vorbereitungen zur Feier der lOOOjährigen Wiederkehr der Ver­ leihung des Marktrechtes gibt es Bestrebun­ gen, die Fassade des Alten Rathauses wieder neu zu bemalen. Die früheren Fassungen gewinnen so neue Aktualität, zumal eines der beiden Aquarelle sogar als Vorlage für ei­ ne Rekonstruktion in die Diskussion ge­ bracht worden ist. Das Alte Rathaus in Villingen ist eine Ge­ bäudegruppe, deren älteste Bestandteile aus dem 13. Jahrhundert stammen. Das äußere Erscheinungsbild wird geprägt durch eine repräsentative Fassade zum Münsterplatz hin, die spätestens seit dem 18. Jahrhundert bemalt war. Nachdem das Gebäude 1876 zur städtischen Altertümersammlung um­ genutzt wurde, war man bestrebt, die alte, offensichtlich nur noch in Spuren vorhan­ dene Bemalung zu erneuern. 1892 setzte der Gemeinderat eine Kommission zur Restau­ rierung der Fassade ein. Im Zuge der nun folgenden konkreten Pla­ nungen legte der Malermeister Albert Säger 1893 eine „nach den vorhandenen Überre­ sten“ erstellte Rekonstruktion der Fassade des 18. Jahrhunderts vor (Abb. 1). Das Ge­ bäude wird mit gemalten Eckquadern dar­ gestellt, den Treppengiebel akzentuiert ein Band aus flachen Segmentbögen über Kon- 182 solen, die Fenster sind durch Pilaster und Gesimse verziert sowie von Vasen und Bü­ sten bekrönt. In der Giebelzone befinden sich links das österreichische, rechts das Vil­ linger Wappen und als zentraler Abschluß der doppelköpfige Reichsadler, der zusätz­ lich von einer auf die Habsburger-Dynastie verweisenden Kette des Ordens vom Gol­ denen Vlies umgeben wird. Zwischen den Fenstern des Obergeschosses thront in einer gemalten Nische die Personifikation der Ge­ rechtigkeit mit Waage und Schwert in den Händen sowie den mosaischen Gesetzesta­ feln in einem muschelförmigen Baldachin. Dieser Hinweis auf die Gerichtsbarkeit steht ganz in der Tradition von Rathausausstat­ tungen seit dem Mittelalter. Das eigene Stadtrecht und die Ausübung der Gerichts­ barkeit waren die wichtigsten Privilegien der vom Reich bzw. vom Landesherren garan­ tierten städtischen Freiheit. Albert Sägers Rekonstruktion mit Kruzifix und Balkon Sägers Rekonstruktion weist darüber hin­ aus eine interessante Besonderheit auf: Über dem Fensterband des Ratssaales verläuft ei­ ne gemalte Balustrade mit einem vorsprin­ genden mittleren Balkon. Ein Verkündi­ gungsbalkon ist im südwestdeutschen Rat­ hausbau des 18. Jahrhunderts nicht ohne Parallele. In Villingen jedoch kann von hier aus niemand ein Urteil verkünden, denn statt eines Fensters erhebt sich über dem Bal­ kon in einer altarartigen Rahmung aus stuckierten Vollsäulen ein Kruzifix vor ei­ nem Landschaftshintergrund. Der Balkon wird durch eine Stoffdraperie wie ein Altar verziert und erhält eine Inschrift: ,,Non iu­ dices contra iudicem.“ (,,Du mögest nicht

Fas adenmalerei gegen den Richter urtei­ len.“) Eine weitere Inschrift­ tafel vermittelt in der Ge­ simszone über dem Kruzi­ fix zur darüber befindlichen Personifikation der Gerech­ tigkeit: „Diligite Iustitiam“, zu ergänzen ist: „non tem­ nite divos“ also: ,,Achte die Gerechtigkeit hoch und ver­ achte Gott nicht.“ Die In­ schriften beziehen also Christus in das Gerechtig­ keitsprogramm mit ein. Christus ist aber nicht -wie allgemein in Rathäusern üblich -als Weltenrichter dargestellt, sondern am Kreuz auf einer Art Altar. In einer 1887 verfaßten Be­ schreibung der Bemalungs­ reste wird dieses Detail mit der üblichen Rechtspraxis erklärt: ,,ein Cruzifix, wie solches bei Eidesabnahmen üblich“. Die gesamte Rat­ hausfassade bekommt so den Charakter eines monu­ mentalen moralischen Ap­ pells an die gesamte Bürger­ schaft: Die Aufforderung „Achte die Gerechtigkeit hoch!“ wird zusätzlich durch eine immerwährende Eidesleistung des „So wahr mir Gott helfe“ christlich verstärkt. Die Rekonstruktion der al­ ten Fassadenbemalung wur­ de jedoch nicht realisiert. Daß die Kommission sich dazu nicht entschließen konnte, lag wahrscheinlich daran, daß der gesamte Erdgeschoßbereich fehlte und der junge Malermeister auch ei­ nige künstlerische Unbeholfenheiten offen­ barte. Das ganz auf die Gerichtsfunktion des Abb. 1: Albert Säger, ,,Facade des Alten Rathhauses zu Villingen im 18. Jahrhundert‘: 1893 (Franziskanermuseum Villingen-Schwennin­ gen, lnv.-Nr. 12560) Rates abgestimmte Programm paßte aber auch nicht mehr zum längst als Museum ge­ nutzten Gebäude dahinter. Noch entschei­ dender dürfte gewesen sein, daß die alten 183

Museen im Schwarzwald-Baar·Kreis protokoll die Rekonstruktion Albert Sägers zwar scheinbar als Grundlage der Neufas­ sung anerkannt, in Wahrheit aber ein ganz anderes histori­ stisches Programm festgelegt: Neu hinzu kommen sollten Darstellungen der Kaiser Ot­ to III., Rudolf 1. und Maxi­ milian I., des Herzogs Alb­ recht von Österreich, des Grafen Egino von Fürsten­ berg sowie der „geborenen Villinger“ Matthäus Hum­ mel, Georg Pictorius, Trud­ pert Neugart und Hans Kraut. Weiterhin sollten auch Berthold III. und Berthold IV.von Zähringen aufgemalt werden, ,,welche die Gründer der Stadt sind“. Karl Eyth und seine Gruppe der drei Kaiser Auf dieser inhaltlichen Grundlage bat man im März des selben Jahres den Profes­ sor für dekorative Malerei an der Karlsruher Kunstgewer­ beschule Karl Eyth um die Herstellung eines Entwurfs, den Eyth im August 1894 nach Villingen schickte (Abb. 2). Dessen dominierendes Zentrum ist die Gruppe der drei Kaiser. Rudolf!. und Ma­ ximilian I. stehen überlebens­ groß auf einem monumenta- len Sockel, den ihnen die Stadt Villingen bereitet: In der optisch zu­ sammengefaßten Zone aus Erdgeschoß und Fensterband des Ratssaales im ersten Ober­ geschoß, die im Zentrum das Villinger Wap­ pen aufnimmt, sind in engen, wie Kellerge­ wölbe wirkenden Rundbögen die lokalen Gelehrten und Künstler Hummel, Pictorius, Abb. 2: Karl Eyth, ,,Entwurf zur Bemalung der Rathhausfassade in Villingen ‚: 18 9 4 (Franziskanermuseum Villingen -Schwenningen, Jnv.-Nr. 12561) städtischen Freiheiten seit 1806 endgültig verloren gegangen waren und Villingen nun eine politisch relativ unselbständige Kom­ mune innerhalb des badischen Staates ge­ worden war. Folglich galt es, für die Fassade neue, zeitgemäße Inhalte zu finden. Am 6. Januar 1894 wurde in einem Besprechungs- 184

Kraut und Neugart eingezwängt. So betreibt der Entwurf einen ausgesprochen untertäni­ gen Kaiserkult, während die mittelalterli­ chen Landesherren Berthold III. und Egino von Fürstenberg bewußt an den Rand ge­ drängt und dort in Ornarnentgrotesken fast versteckt werden. Das entspricht der offiziellen, auch in Vil­ lingen geteilten, wilhelminisch-bürgerlichen Sicht auf die Geschichte: Die historischen Kaiser wurden ebenso als Garanten der bür­ gerlichen Freiheiten gesehen wie der aktuel­ le, während die Feudalherren des Mittelal­ ters tendenziell als despotisch verschrien waren. Das Bürgertum feierte so seinen ak­ tuellen Kompromiß mit dem preußisch do­ minierten, obrigkeitsstaatlichen Kaiserreich in historischer Verkleidung. In den Städten des Spätmittelalters und der frühen Renais­ sance mit Nürnberg als der „Stadt der Städ­ te“ erblickte das in seiner politischen Mit­ bestimmung auf die kommunale Selbstver­ waltung beschränkte Bürgertum das leuch­ tende Vorbild. Dem entspricht auch der ,,Übergangsstil der Spätgotik zur Renais­ sance“, den der Künstler für seinen Entwurf wählte. In Villingen konnte man mit dieser Sichtweise mühelos die Erinnerung an die große vorderösterreichische Zeit verbinden, da die Habsburger zugleich auch Landes­ herren waren. So sind die beiden Habsbur­ ger Kaiser die eindeutig dominierenden Fi­ guren des Arrangements, während Otto III. nur in Halbfigur erscheint. Gegenüber soviel Geschichte „großer Männer“ in hierarchisch strenger Über-und Unterordnung geriet die Funktion des Ge­ bäudes zur Marginalie. Vom alles beherr­ schenden Gerechtigkeitsthema ist links ne­ ben dem Fensterband des 1. Obergeschosses lediglich ein Putto mit Schwert und Gesetz­ buch übriggeblieben, der mit ,Justitia“ be­ schriftet wird, während rechts ein weibliches Pendant mit Kunkel und Kachelofen sowie der Unterschrift: ,,Am guten Alten / In Treue halten“ auf die aktuelle Funktion des Gebäudes als Ausstellungsort der Altertü- Fassadenmalerei mersammlung hinweisen soll. An dieser merkwürdigen Allegorie des Heimatmu­ seums zeigt sich die inhaltlich diffuse Dar­ bietung von Geschichte im Historismus am Ende des 19. Jahrhunderts. Die konkreten Zeugnisse der Villinger Geschichte werden von der politisch motivierten Dokumenta­ tion der Kaisertreue an den Rand gedrängt und als dekorative Unverbindlichkeiten prä­ sentiert. Der Entwurf Karl Eyths wurde mit eini­ gen gravierenden Veränderungen ausge­ führt. Der im Sommer 1895 realisierten Fas­ sadenbemalung war jedoch keine lange Dauer beschieden. Schon bald zeigten sich Schäden. Seit 1928 ist sie durch den seither bestehenden nüchternen einfarbigen An­ strich ersetzt. Überraschend hat eine Grup­ pe von Bürgern der Stadt nun vorgeschla­ gen, den Fassadenentwurf von Karl Eyth zu rekonstruieren und das Alte Rathaus wieder im kaiserzeitlichen Glanz erstrahlen zu las­ sen. Dieses Projekt stößt jedoch nicht nur auf praktische Schwierigkeiten, weil das er­ haltene Aquarell keineswegs mit der ausge­ führten Version identisch ist. Ein ganz aus dem politischen Geist des späten 19. Jahr­ hunderts entwickeltes Geschichts-und Ge­ sellschaftsbild vermag auch kaum den Weg ins nächste Jahrtausend zu weisen. Die Ge­ schichte der beiden Aquarelle zeigt, daß man vor gut hundert Jahren erkannt hatte, wie sehr neue politische und gesellschaftli­ che Verhältnisse nach einer neuen und ei­ genständigen künstlerischen Gestaltung ver­ langen. Anschrift: Rietgasse 2, 78050 VS-Villingen, Tel. 07721/82-2352. Öffnungszeiten: Dienstag -Freitag 10 -12 Uhr, Dienstag, Donnerstag -Samstag 14 -17 Uhr, Mittwoch 14 -20 Uhr. An Sonn-und Feiertagen 13 -17 Uhr. 185 Dr. Michael Hütt

Mu eo im Schwarzwald· Baar·Kreis Europas größte Drehorgelsammlung Der Telefonanruf eines Waldkircher Dreh­ orgelspezialisten und das rasche Handeln von Museumsleiter Werner Oppelt (Bild rechts) bescherten dem Schwarzwaldmu­ seum Triberg eine einmalige Spende: Über 100 Drehorgeln und andere kostbare Stücke aus der Sammlung des Berliners Kurt Nie­ muth sind in den Besitz des Museums ge­ langt. Wert der einmaligen Sammlung: 2,5 Millionen Mark. Größtes Exponat der Nie­ muth-Sammlung ist die Zirkus-Drehorgel der Firma Wrede aus Hannover (Bild unten, im Hintergrund). Sie entstand um das Jahr 1925 und verfügt über 69 Tonstufen. Auch Fotoalben und Stühle mit Musikwerk sowie Schwarzwälder Drehorgeln gehören zu die­ ser Stiftung. Die schönsten Drehorgeln der Niemuth-Sammlung, die größte Europas im übrigen, stammen aus Waldkirch. 186

11. Kapitel I Almanach 98 ,,Guck mal, da kommt (k)ein Vögelchen raus“ Über den Erfolg und die Herkunft der Schwarzwälder Kuckucksuhr Uhren und Uhrengeschichte Neben den kulinarischen Spezialitäten Kirschwasser, Kirschtorte und Schinken ver­ sinnbildlichen vor allem Kuckucksuhr und Bollenhut aus der Sicht des Fremden den Schwarzwald. Die Kuckucksuhr dürfte da­ bei, was Bekanntheit und Beliebtheit an­ geht, an vorderster Stelle stehen. Schon das au&nerksamkeitsheischende und beschwö­ rende „guck mal, da kommt ein Vögelchen raus“ des Fotografen rechnet mit dem Wis­ sen des zu fotografierenden Kindes um die­ se seltsame Erfindung. Woher kommt nun eigentlich die Popularität der Schwarzwälder Kuckucksuhr? Im Volksglauben spielt der Kuckuck unter anderem durch Ruf und Lebensweise eine wichtige Rolle, zum Beispiel als Glücks-und Unglücksbringer oder als Vorhersager des Schicksals. Dabei wird die Zahl seiner Rufe gedeutet als Zahl der verbleibenden Le­ bensjahre, zu erwartender Kinder oder ins­ gesamt als bedeutsam für künftigen Reich­ tum. Der Kuckuck brütet bekanntlich seine Eier nicht selbst aus, sondern er legt ein Ei in ein „Wirtsnest“. Das Ei gleicht in Größe und Farbe täuschend derjenigen seines bevor­ zugten Wirtes. Dieser Täuschungseffekt ist wohl der Grund, warum man dem Kuckuck eine besondere Klugheit und Weissage­ fahigkeit zutraute. Da der Kuckuck sich seinem Schicksal (der Brutpflege) geschickt entzieht, vermutete man eine besondere Be­ ziehung zum wechselhaften Glück. Zudem hat der Kuckuck in der Natur die Eigen­ schaft, daß man ihn wohl immerzu hört, aber nie zu sehen bekommt. Die rätsel­ hafte Unsichtbarkeit und die Eignung des Wortes als Fluchwort (,,zum Kuckuck!“) sowie die Rücksichtslosigkeit seines Brut­ verhaltens -denn die zuerst schlüpfen­ den Kuckucksjungen werfen die übrigen ,,legitimen“ Nachfolger des Pflegeeltern­ paares aus dem Nest -führten dazu, den Kuckuck auch mit negativen Erscheinun­ gen, wie dem Teufel, Ehebrechern bzw. den Gehörnten oder dem Gerichtsvoll­ zieher in Verbindung zu bringen. Die Bedeutungsebene des „memento 187 Abb.1: Enthauptungsuhr, um 1800, Franzis­ kanermuseum Villingen-Schwenningen.

_:�� ‚ mori“, der Erinnerung an die Vergänglichkeit von (Lebens)­ Zeit und Glück, ließ den Kuckuck neben seiner allge­ meinen Beliebtheit als Bildmotiv auf Zeitmes­ sern vorzüglich geeignet erscheinen. So ist der Kuckuck bereits auf Lackschilduhren abge­ bildet. Der Kuckuck hat gegenüber den zum Teil sehr drasti­ schen Darstellungen anderer Automaten­ uhren mit Gerippen, _…�� lJ ;··· Totenkopf, Schlacht­ oder Enthauptungs­ szenen (Abb. 1) den � – • = Vorzug, diese The­ matik nur sehr ver­ steckt anzusprechen, so daß sie in dieser ·—.. u·�,-�· Form für sensible Gemüter auch heute noch akzeptabel ist. Der Kuckuck ist einer der wenigen Vögel, die ihren eigenen Namen rufen oder umgekehrt: Mit der Benennung „Kuckuck“ versucht man, lautmalerisch den Ruf des Kuckucks Abb. 2: Sogenannte Paradiesuhr mit Kuckuck, nachzuahmen. Dies ist wohl mit ein Grund, warum sich der Kuckuck bei Kindern großer Beliebtheit erfreut und in zahlreichen Liedern und Ver­ sen vorkommt. Die Nähe zum Wort „gucken“ oder „kucken“ im Sinne von ,,blicken“ ist zudem Grundlage für ein Spiel, das die Erwachsenen schon mit den Aller­ kleinsten und mit großer Begeisterung üben. Jemand ruft -wie der Vogel -aus ei­ nem Versteck heraus „Kuckuck“, meint „guck mal!“, ,,such mich mal!“, und ehe sich der Angerufene versieht, schaut der Rufer überraschenderweise schon aus sei­ nem Versteck und erschreckt den Suchenden. Dieses Sichverstek- ken, Rufen, Suchen und dabei Erschrecken ist ein altes und beliebtes Spiel, das in vie­ lerlei Variationen auftritt. Indem man den Kuckuck hinter ein Türchen pack­ te, das sich nur zu be­ stimmten Zeiten öff­ nete, nutzte man ge­ nau diesen Effekt aus. Zudem kam Be­ wegung ins Spiel. Die Freude an „bewegli­ chen Bildern“, wel­ cher die Automaten­ uhren insgesamt ihre Entstehung verdan­ ken, scheint hier be­ reits die an Kino und Fernsehen vorweg­ zunehmen. Aber im Gegensatz zu den übri­ gen Automatenuhren, die eine Szene, welche die ganze Zeit über sicht­ bar ist, kurzfristig in Bewegung versetzen, reduziert der Kuckuck die Schaufreude auf wenige Augenblicke und schlägt die Türe – unvermutet rasch – wieder hinter sich zu. Daß der Kuckuck da­ mit diejenigen narrt, die nicht die Muße ha­ ben aufzupassen, entspricht ganz seinem „natürlichen“ Wesen und gibt der Uhr mit beweglichem Kuckuck einen zusätzlichen Reiz. Den Kuckuck hinter einem Türchen findet man ebenfalls bereits bei einigen Lackschilduhren, meist in einen gemalten Baum integriert (Abb. 2). Die Kombination des optischen Phäno­ mens mit einem akustischen, dem Kuk­ kucksruf, wurde den Kindern zur Freude, um 1770-90,jüngere Übermalung, Franziska­ nermuseum Villingen -Schwenningen. Uhren und Uhrengeschichte 188

Schwarzwälder Kuckucksuhr Entwurf als Entwurf für das Äußere einer Uhr verwenden? Der Baurat Friedrich Ei­ senlohr (1805-1854) hatte den Auftrag, beim Bau der badischen Staatseisenbahn die notwendigen Begleitbauten wie Bahnhöfe und Bahnwärterhäuser zu entwerfen. Im Jahre 1853 veröffentlichte er die Schrift ,,Holzbauten des Schwarzwaldes“, die in ty­ pisch historistischer Manier als Vorlagen­ sammlung ausgenutzt wurde. Versatzstück- schreckhaften und genervten Erwachsenen zum Ärgernis. Gegen Ende des 18. Jahr­ hunderts setzte man besondere Ambitionen in die Nachahmung von Tierstimmen durch Musikinstrumente. Der charakteristische Kuckucksruf bot sich für derlei Experimen­ te besonders an. Schon mit einfachen Flöten oder auch Orgelpfeifen ließ er sich imitie­ ren. Die Betrachtung des Blasebalgs einer Orgel soll daher auch – nach einer der bei­ den Ursprungslegenden – Auslöser für die „Erfin­ dung“ der Kuckucksuhr gewesen sein. Franz An­ ton Ketterer aus Schön­ wald soll diese Einge­ bung 1730 umgesetzt haben. Nach einer an­ deren Ursprungslegende haben zwei Schwarzwäl­ der Uhrenhändler auf ei­ ner ihrer Reisen einen böhmischen Händler ge­ troffen, der hölzerne Kuckucksuhren verkauf­ te. Sie brachten diese Kunde in den Schwarz­ wald, woraufhin einige Uhrmacher solche Kuk­ kucksuhren nachbauten. Gegen beide Varianten der Ursprungslegende gibt es begründete Be­ denken, so daß man nicht sicher sagen kann, wie der Kuckuck in die Uhr kam. Nun fehlte – um das Ganze zum Verkaufs­ schlager und „Inbegriff“ einer Schwarzwalduhr zu machen – nur noch das typische Gehäuse. Wie schon der Name sagt, hat auch die Uhr ihr Haus. Warum sollte man nicht Abb. 3: Bahnhäusleuhr mit Kuckuck, datiert 1859, Franziskanermu- einen architektonischen seum Villingen-Schwenningen. 189

chwarzwäldcr Kuckucksuhr artig werden in der „Bahnhäusleuhr“ (Abb. 3) Elemente aus den verschiedensten Berei­ chen zusammengeführt. Das Stabwerk und die Fialen der Gotik als Zugeständnis an den zeitgenössischen Architektur- und Einrich­ tungsstil, Wildbret, Eichenlaub und Hirsch­ geweih, um sich die Natur, bzw. den Schwarzwald ins Haus zu holen, und mit dem „Bahnhäusle“ Assoziationen an die moderne Technik der Eisenbahn. Ein stim­ miges Konzept für die damalige Zeit und aufgrund der inzwischen damit verbunde­ nen Gemütlichkeit und Urtümlichkeit auch noch für heutige Liebhaber, wenn auch manchmal ironisch zitiert oder verfremdet. Eine Uhrenidee und die Kunst Eine solche ironische Verfremdung stellt die „Guckucksuhr“ des Videokünstlers Her­ bert Wentscher von 1993, die im Eingangs­ bereich des Franziskanermuseums zu sehen ist, dar. Äußerlich entspricht sie vollkom­ men dem Klischee einer Kuckucksuhr. War­ tet man jedoch bis zum Stundenschlag, dann „kommt kein Vögelchen raus“, son­ dern das Ebenbild des Betrachters auf einem Monitor, das über eine eingebaute Videoka­ mera aufgezeichnet wird. Die Doppelung, die das Wort „Kuckuck“ (,,Guck, guck!“) beinhaltet, wird hier in eine Verdoppelung des Guckenden umgesetzt. Der Betrachter wird damit möglicherweise zweifach genarrt. Wenn er den Stundenschlag verpaßt so­ wieso, aber wenn er ihn nicht verpaßt, auch. Denn er sieht nicht, was er erwartet. Er sieht nicht den sondern den ,,Gucker‘, sich selbst. Zu dieser Ent-Täu­ schung kommt ein Moment der Verunsi­ cherung. Nicht einmal in der „unschuldi­ gen“ Freude am Kuckuck ist man „sicher“ (unbeobachtet), selbst hier lauert „einer“ auf, filmt den Betrachter, der dies bestenfalls mit einem irritierten und leicht panischen Lächeln quittiert. Die Videoskulptur von Herbert Wentscher kann als postmodernes Kunstwerk gelesen werden. Wentscher zi- „Kuckuck“, 190 tiert eine bekannte, allzu bekannte Form und „dekonstruiert“ sie: er verwendet die Form so, daß ihr „eigentlicher“ Sinn (gucken, überraschen, narren) wieder be­ wußt gemacht wird. Wenn der „dritte Mann“, die Hauptperson in dem gleichnamigen Filmklassiker in sei­ ner schwersten Stunde und zur Rechtferti­ gung des Bösen sagt: ,, … unter den Borgia war Mord und Totschlag, aber sie förderten einen Michelangelo und brachten die Re­ naissance hervor. In der Schweiz herrscht seit 900 Jahren die Demokratie, und was ha­ ben wir davon: die Kuckucksuhr“, dann wird nicht nur an die widersprüchlichen Meinungen erinnert, die wie bei vielen le­ gendären Erfindungen auch hinsichtlich der ,,Urheberrechte“ der Kuckucksuhr existie­ ren, sondern eine „Schöpfung“ verharmlost, die vielleicht nicht unbedingt genial, aber sehr gut durchdacht war. Dr. AnilaAuer Auf der Antikuhren-Messe Ein Mann, der über Land fuhr, sucht auf der Mess‘ ne Standuhr. Vielleicht auch eine Wanduhr. Zur Not eine Armbanduhr. Jedoch aus erster Hand nur. Doch nichts gefiel dem Schlecker, da kauft‘ er sich ’nen Wecker. So sind halt die Geschmäcker. Dietrich Schnerring

Uhren und Uhrengeschichte Ein innovativer Schulterschluß in schwerer Zeit Vor 150 Jahren wurde der „Gewerbsverein für den uhrenmachenden Schwarzwald“ gegründet kosteten vor 10 Jahren 18 Thaler, jetzt die­ Die Uhrmacherei gab der Region Furt­ selben 8 Thal er … Die Email blätter haben wangen /Triberg in der ersten Hälfte des 19. seit 10 Jahren durchweg die Hälfte abge­ Jahrhunderts die entscheidenden Impulse schlagen, ebenso alle Lackier-Gegenstände für ein rasches Wachstum. Gleich ob Holz­ auf Blech und Holz, und dennoch sind all uhrenmacher, Gestellmacher, Schildbrett­ diese Gegenstände weit schöner und ge­ macher, Schildmaler, Glocken- und Rä­ schmackvoller als vor zehn Jahren! Woher dergießer, Uhrenräderdreher, Uhrenzeiger­ dieses? Weil man vorangeschritten ist in der macher, Uhrenkettenmacher, die Verfertiger Fabrikation … “ musikalischer Spielwerke, Spediteure oder Der Absatz-und Preisverfall im Uhren­ Händler; sie allesamt lebten vom „Gang der gewerbe traf die Bevölkerung doppelt hart, Zeit“. An sechs Tagen in der Woche wurden denn er wurde durch Kartoffel-Mißernten – von morgens um 5 Uhr bis abends 9 Uhr, die Kartoffel war damals das Hauptnah­ bei starker Nachfrage sogar bis 10 Uhr, die rungsmittel -noch verschlimmert. Das Zu­ in aller Welt bekannten Schwarzwälder Uh­ sammenkommen all dieser Faktoren drohte ren gefertigt. Adolph Poppe berichtet in sei­ die nahezu vollständig vom Uhrenbau ab­ ner „Geschichte der Schwarzwälder Uhren­ hängigen Menschen in der Raumschaft Furt­ industrie nach ihrem Stand im Jahr 1838″, wangen/Triberg an den Rand des Ruins zu daß im einstigen Marktflecken Furtwangen bringen. In der „Neuen Freiburger Zeitung“ die Bevölkerung im Zuge des rasch wach­ steht in einem Rückblick auf diese schlimme senden Uhrengewerbes in 20 Jahren um 500 Zeit im Juli 1851 zu lesen: »Die Noth und „Seelen“ zugenommen habe, die Bevölke­ rung des gesamten Triberger Amtsbezirkes Verarmung macht Riesenschritte; Ban­ gar um 1500 „Seelen“. querotte in Menge fanden statt, und man­ cher gute Schwarzwälder Uhrmacher mußte Das „Uhrenland“ erlebte eine Hochkon­ sein täglich Brod durch eine andere Be­ junktur mit all ihren positiven Folgen, die schäftigung verdienen. Es hatte damals den sich aber ab 1845 ins Gegenteil verkehrte: Anschein, als solle der Schwarzwald ein Weil man sich auf den Erfolgen auszuruhen zweites Schlesien geben.“ begann, immer mehr minderwertige Uhren Nicht wenige versuchten, der Not in der gefertigt wurden, die sich gegen die auslän­ Heimat durch eine Auswanderung nach dische Konkurrenz nicht behaupten konn­ Amerika zu entrinnen. Die Zeitungen jener ten, da diese billiger und in besserer �alität Tage sind voll von Auswanderungsangebo­ produzierte, war die Vormachtstellung der ten diverser Agenturen. Viele angesehene Schwarzwälder jäh beendet. Romulus Kreu­ Handwerker verloren ihr Hab und Gut, wie zer, Uhrenschildmaler, Furtwanger Chronist beispielsweise der Furtwanger Schilderma­ und zusammen mit dem Vöhrenbacher ler Bonaventur Moser, dessen Haus an der Kunstmaler Casimir Stegerer die Haupt­ triebfeder zur Gründung des „Gewerbs­ Straße von Furtwangen nach Schönenbach verein für den Uhren machenden Schwarz­ gelegen, 1847 zwangsversteigert wurde. Ein wald“, berichtet im März 1847 über diese ,,Blick auf die ungünstige Lage der Uhrenfa­ Entwicklung: ,,Vor 10 Jahren kostete eine brikation des Schwarzwaldes“, abgedruckt Franc-Comte -Uhr 50 Frc., jetzt kostete die­ am 4. Mai 1847 im „Schwarzwälder“, faßt selbe �alität 22 …. Die Amerikaner-Uhren die Situation zusammen: „Welcher Zukunft 191

Uhren und Uhrengmhi bt sieht der Schwarzwälder bei allem Fleiße, bei aller Ausdauer, bei aller eisernen Be­ harrlichkeit entgegen, wenn das Übel nid1t bei der Wurzel gefaßt und vertilgt wird? Werfen wir unseren Blick nur um zehn Jahre zurück; damals, als die Uhren noch einigen Wert hatten, welche Lebens­ freude? Welcher Mut zur Ge­ werbtätigkeit? Welcher Absatz aller in diesen Industriezweig einschlagenden Gegenstände? Jedes Kind von 12 bis 14 Jah­ ren konnte damals durch seine Beihilfe sich sein Brot erwer­ ben. Und jetzt – alle Gegen­ stände, die der Sd1warzwälder zu verkaufen hat, sind um die Hälfte gesun­ ken, und jene, welche er kaufen muß, ins­ besondere alle Nahrungsmittel, sind dop­ pelt so teuer als früher – welcher Unter­ schied! Können wir uns auf die Produkte, die uns von diesen rauhen Bergen spärlich zugemessen werden, beschränken? Oder sollen wir den teuren Ort der Geburt, wie­ wohl von der Natur stiefmütterlich behan­ delt, an den uns aber manch heitere Erinne­ rung knüpft, sollen wir unsere Heimat, un­ ser Vaterland, sollen wir dies alles verlassen, und uns dort in der neuen Welt, dem Sam­ melplatze aller Nationen, eine Heimat su­ chen, die wir vielleicht nie finden werden? Und doch – welche Aussichten stehen uns offen, wenn wir uns noch lange in dieser an­ geborenen Lethargie, in diesem Phlegma fortschleppen? Wenn dieser Zustand noch länger so fortdauert, so ist keine Rettung für den Schwarzwald zu hoffen … “ „Neues Leben“ für die Industrie Der wahrscheinlich aus der Feder von Ro­ mulus Kreuzer stammende Beitrag endet mit dem Aufruf, sich am Uhrengewerbsver­ ein zu beteiligen. Ein Aufruf, dem ein Erfolg beschieden war, der noch heute seine posi­ tiven Auswirkungen auf die Entwicklung der 192 Romulus Kreuzer: „Und doch – welche Aussichten stehen uns offen, wenn wir uns noch lange in dieser angeborenen Lethar­ gie, in diesem Phleg- ma fortschleppen?“ Raumschaft Furtwangen hat. Und wie wenn sein Mit-Begründer dieses damals vorausge­ sehen hätte, heißt es in einer von Romulus Kreuzer im „Schwarzwälder“ gleichfalls ver- öffentlichten Anzeige: ,,Durch diesen Verein soll keine Hand, welche durch diese Industrie ihren Erwerb hat, beeinträch­ tigt, sondern dem Schwarzwal­ de in allen Fächern seiner In­ dustrie neues Leben beige­ bracht werden.“ Um die Not zu beenden, galt es den Rückstand aufzuholen, innovative Ideen in die Uh­ renfertigung einzubringen, vor allem die Qialität zu steigern. Romulus Kreuzer und Casimir Stegerer hat­ ten dies zusammen mit anderen führenden Köpfen des Uhrengewerbes erkannt. Und ihr Ansatz zur Bewältigung dieser Wirt­ sd1aftskrise ist heute so aktuell wie damals – kurz vor der Jahrtausendwende würde man die hinter der Gründung des Gewerbever­ eins stehende Absicht schlicht als Technolo­ gietransfer umschreiben. Ins Leben gerufen wurde der Gewerbeverein am 13. Mai des Jahres 1847 im „Löwen“ zu Schönenbach. 68 Personen aus dem gesamten Schwarz­ wald nahmen an der Versammlung teil, die den Vöhrenbacher Lithografen Casimir Stegerer zu ihrem kommissarischen Vorsit­ zenden wählte, Romulus Kreuzer, damals Wirt auf dem „Löwen“, zu dessen Stellver­ treter. In Vöhrenbach fand dann im Juni des sel­ ben Jahres die erste Generalversammlung statt, wo die erste ordentliche Vorstand­ schaft gewählt werden sollte, wa aufgrund diverser Meinungsversdliedenheiten aber nicht möglich war. Eingeladen hatte man zu dieser Zusammenkunft im eigenen Vereins­ organ, dem „Uhrengewerbsblatt für den Schwarzwald“, das der Villinger Druckerei­ be itzer Ferdinand Förderer alle 14 Tage ko- tenlos als Beilage zum „Schwarzwälder“ lie­ ferte. Welche Bedeutung diesem Zusam-

menschluß mittlerweile beigemessen wurde, zeigt exemplarisch die Entwicklung in Vöhrenbach auf, wo 50 Bürger binnen we­ niger Wochen dem neuen Gewerbeverein beitraten. Und um es vorwegzunehmen: Einzig dem 1847 gegründeten Uhrengewerbsverein ist es zu verdanken, daß in Furtwangen eine Uhrmacherschule entstand, von der wesent­ liche Impulse für die gesamte Industrie der Region ausgingen und die zugleich den Vor­ läufer der heutigen Fachhochschule dar­ stellt. Auch etliche lokale Gewerbevereine, wie etwa der Furtwanger, sind aus dem Uh­ rengewerbsverein hervorgegangen. Zudem ist aus dem Uhrengewerbsverein die Be­ zirkssparkasse Furtwangen hervorgegangen, die sich im März des Jahres 1848 als „Spar­ cassa-Gesellschaft“ gründete, um sich der Not der Armen anzunehmen. Bei der ersten Generalversammlung im Vöhrenbacher Rathaussaal am 28. Juni 1847 sind dem Verein 200 weitere Mitglieder bei­ getreten, über 300 Personen waren anwe- Furtwangcr Uhrcngcwerbsvercin send. Im Uhrengewerbsblatt wird berichtet: ,,Einstimmig erklärte man sich einverstan­ den mit drei Bittschriften, welche der provi­ sorische Verwaltungsrat vorlegte. Nämlich mit den Bittschriften einmal um Errichtung einer Uhrengewerbschule samt Musterwerk­ statt auf Staatskosten zur Einführung der Stockuhrenmacherei; dann um Absendung von 4 geeigneten Schwarzwäldern in die Schweiz, nach Frankreich und nach England zur Herbeischaffung von Werkzeugen und Maschinen, Musteruhren und Verfertiger solcher für die Musterwerkstatt; endlich um Erkundigungseinziehung, ob sich nicht mit den Schwarzwälderuhren nach China Ge­ schäfte machen ließen. Außerdem wurde noch beschlossen, der provisorische Verwal­ tungsrat solle zwei weitere Bittschriften an die großherzogliche Staatsregierung richten, die eine um Festsetzung der Bestimmung, daß nur nach Antritt des Bürgerrechtes das Uhrengewerbe selbständig betrieben wer­ den dürfe … “ Auch wenn sich viele Hemmnisse ein- Die Großherzog/ich Badische Uhnnacherschule in Furtwangen, Fotografie aus den 1930er Jahren. 193

Furtwangcr Uhrcngewerb vcrcin stellten: alles was im Uhren machenden Schwarzwald Rang und Namen hatte, war in jener Zeit im Gewerbsverein zusammenge­ schlossen. Sein wohl wichtigstes Ziel konn­ te der Verein am 5. Februar 1849 erneut bei einer Versammlung in Vöhrenbach verwirk­ lichen: Nach vorausgegangener Genehmi­ gung durch die großherzogliche Regierung legte man den Standort für eine Uhrma­ cherschule fest: Da Furtwangen 552 Uhren­ gewerbsleute vorweisen konnte und die zen­ tralste Lage hierfür besaß, wurde dort die Uhrmacherschule eingerichtet. Sie eröffnete am 28. März des Jahres 1850 und in dem da­ mals 30jährigen Ingenieur Robert Gerwig fand sich ein weitsichtiger Schulleiter, der in der Folge dem darniederliegenden Uhren­ gewerbe tatsächlich die erhofften Impulse geben konnte. Die Einführung von Arbeits­ teilung und besserer Produktionsmethoden machten die Schwarzwalduhren wieder kon­ kurrenzfähig. Und: Es ist zudem im Umfeld der Uhrmacherschule eine feinmechanische Industrie herangewachsen, die noch heute Bestand hat und in der Region Furtwangen eine gute Beschäftigungslage garantiert. Zugleich legte Gerwig damals den Grund­ stein für eine weitere wichtige Einrichtung: aus einer von ihm initiierten Schwarzwald­ uhrensammlung, die den Uhrmacherschü­ lern als Anschauungsmaterial dienen sollte, ist später das Deutsche Uhrenmuseum Furt­ wangen hervorgegangen. Uhrengewerbsverein wird im Zuge des Badischen Aufstandes verboten Dem Uhrengewerbsverein war trotz seiner eminent wichtigen Bedeutung ein nur kur­ zes Leben beschieden: Er wurde im Zuge des niedergeschlagenen Badischen Aufstandes wie alle anderen Vereine auch 1849 verbo­ ten. Als er im März des Jahres 1853 seine Geschäfte wieder aufnehmen durfte, konn­ te er seine einstige Bedeutung nicht mehr er­ reichen, sein Wirkungskreis blieb von nun an aufFurtwangen beschränkt. Und das, ob- 194 wohl er im September des Jahres 1847 be­ reits über 700 Mitglieder gezählt hatte. Die Bedeutung des Uhrengewerbsvereins widerspiegelt zuguterletzt auch die Zusam­ mensetzung seiner Vorstandschaft, die sich nach der Übergangszeit mit provisorisch be­ setzten Ämtern am 27. September 1847 im „Engel“ in Furtwangen als Verwaltungsrat konstituiert hatte. Vorsitzender wurde der praktische Arzt Dr. Josef Duffner aus Furt­ wangen, Romulus Kreuzer blieb zweiter Vorsitzender, als Sekretär und Redakteur des Uhren-Gewerbsblattes fungierte Johann Ge­ org Schultheiß aus St. Georgen, als Kassie­ rer der Furtwanger Schildermaler Florian Hummel. Der Verwaltungsrat setzte sich zu­ dem aus folgenden Personen zusammen: Taschen-Uhrenmacher Xaver Heine aus Vöhrenbach, Wunnibald Kienzler, Handels­ mann aus Schönwald, Lorenz Bob, Uhren­ genius aus Furtwangen, Lorenz Furtwängler, Uhrmacher aus Neukirch, Gregor Duffner, Uhrmacher aus Rohrbach, Joseph Pfaff, Uhrmacher von Triberg, Maximilian Kam­ merer, Uhrmacher von Furtwangen, und Karl Brucker, Bärenwirt aus Triberg. Daß der Uhrengewerbsverein mit der Gründung der Furtwanger Uhrmacherschu­ le tatsächlich schon bald der ganzen Region Furtwangen/Triberg eine wirtschaftliche Neubelebung bescherte, belegt unter ande­ rem eine Zeitungsnotiz im „Schwarzwälder“ vom 21. November des Jahres 1856: ,,Der Uhrenhandel, in welchen die Kriegswirren einen fatalen Stillstand gebracht, beginnt sich allmählich wieder zu beleben; der fleißige Wälder sieht mit Vergnügen wieder Bestellungen aus den Ländern eingehen, na­ mentlich von Rußland her, wohin übrigens der Absatz auch während des Krieges nie ganz aufgehört hatte. Haben wir einmal den Frieden wieder fest und sicher, so wird die Industrie des Waldes ohne Zweifel einen er­ neuten Aufschwung nehmen … “ Wf!fried Dold

Prunk und Pracht im Deutschen Uhrenmuseum Sammlung wertvoller französischer Pendeluhren als Stiftung in Aussicht gestellt Uhttn und Uhreng chichte Die Sonderausstellung „Französi­ sche Pendeluhren des 18. Jahrhun­ derts. Eine Stiftung für das Deut­ sche Uhrenmuseum Furtwangen“ bildete den Höhepunkt des Mu­ seumsjahres 1997 in Furtwangen. Vom 16. Mai bis zum 17. August 1997 konnte erstmals eine hoch­ karätige Privatsammlung, der Öf­ fentlichkeit vorgestellt werden, die zu einem späteren Zeitpunkt als Stiftung an das Museum überge­ hen wird. Die Sammlung doku­ mentiert die Blütezeit der französi­ schen Pendule vom späten 17. bis zum frühen 19.Jahrhundert. Frankreich Zu Beginn dieser Epoche hatte sich Frankreich als mächtigstes Land Europas etabliert. Dafür ver­ antwortlich war in erster Linie das System des Absolutismus mit seiner spezifischen Herrschafts­ form und -repräsentation, mit sei­ ner Wirtschaftspolitik und seiner höfischen Kultur. Im kulturellen Bereich fand der französische Ab­ solutismus seinen wohl prägnante­ sten Ausdruck im Schloß Versailles, wo der französische Hof seit 1682 ständig residierte. Zu diesem Hof gehörte nicht nur die königliche Familie, sondern fast der gesamte französische Adel, den Ludwig XIV. an den Hof gebunden und damit poli­ tisch entmachtet hatte. In Versailles und in Paris stand der Adel ganz im Dienste der kö­ niglichen Repräsentation. Paris und Versailles – der Hof und die Hauptstadt – bildeten zusammen das Zen- Abb. 1: Religieuse Paris, spätes 17. Jahrhundert. Werk: Feder­ zug, Spindelhemmung mit waagrecht liegender Spindel Zyk/.o­ idenpendelaujhängung. Rechenschlagwerk mit Halbstunden­ schlag auf Bronzeg/.ocke. Signatur: Gilles Martinot AParis. trum Frankreichs. Hier führte die Konzen­ tration des Adels zu einer massiven Kauf­ kraftsteigerung, die sich auf Kunst, Hand­ werk und Gewerbe und insbesondere auf die Nachfrage nach Luxusgütern auswirkte. Denn wer zum Hof gehörte, hatte dessen 195

Uhren und Uhrenge chichte Abb. 2: Kaminuhr. Paris, Mitte 18. Jahrhundert. Das fiuervergoldete Bronzegehäuse zeigt den Raub der Europa. Z-eus in Stiergestalt trägt die auf der Uhr sitzende Königstochter Europa davon. Sockel mit Akan­ thusblättern, iibergehend in geschwungenes Linienornament. Signiert: GUDIN A PARIS. 196

Etikette zu befolgen, zu der die standes­ gemäße Repräsentation, d. h. die Zurschau­ stellung von Luxus gehörte. Einen weiteren Impuls erhielten Kunst und Handwerk in Paris durch großzügige königliche Unter­ stützung und Förderung. Der französische Absolutismus mitsamt seinem höfischen Luxus wurde andernorts vielfach kopiert und nachgeahmt. Was am Hof in Versailles und in Paris Mode war, wurde von den europäischen Führungs­ schichten rasch übernommen. Paris wurde dadurch zum unbestrittenen Zentrum der europäischen Luxusgüterproduktion. Die französische Hauptstadt war der Ort, wo Mode und Geschmack für den ganzen Kon­ tinent bestimmt wurden. Zu den gefragten Luxusprodukten französischer Provenienz gehörten vom späten 17. bis ins frühe 19. Jahrhundert immer auch Pendeluhren. Daran hat sich bis in die Gegenwart wenig geändert. Französische Pendeluhren jener Zeit gehören heute zu den Prunk­ stücken vieler Museen in der ganzen Welt. Pendeluhren Die Erfindung des Pen­ dels in der Mitte des 17. Jahrhunderts war nicht nur eine bahn­ brechende tech­ nische Innovati­ on, welche die Ganggenauig­ keit der Uhren mas- siv verbesserte, es ver­ änderte auch deren Er­ scheinungsbild. Einerseits mußte das Uhrengehäuse auf Länge und Amplitude des Pendels Rücksicht nehmen. An­ dererseits zwang der Umstand, daß das Pendel nur in einer verti­ kalen Ebene schwingt, zu einem permanenten Aufstellungsort der Französi cbe Pendeluhren Uhren. Pendeluhren wurden rasch als Teil der Möbilierung oder als dekoratives Wand­ element zu einem festen Bestandteil der französischen Innenarchitektur. Der Ruf der französischen Pendeluhren geht in erster Linie auf die hohe künstleri­ sche und handwerkliche �alität ihrer Ge­ häuse zurück. In diesem Bereich spielten die französischen Handwerker während des ganzen 18. Jahrhunderts europaweit eine führende Rolle, während sich damals in der Uhrmacherei immer häufiger englische Pro­ duzenten besonders hervortaten. Französi­ sche Pendeluhren aus dem 18. Jahrhundert haben in der Regel vergleichsweise einfache, aber solide und meist sehr sauber gearbeite­ te Werke. Die Hersteller Die Herstellung von Pendeluhren im 18. Jahrhundert war in Paris durch eine weitge- hende Arbeitsteilung charakterisiert. Die wichtigsten Personengruppen waren die Uhrmacher, die Gehäusemacher und die „mar­ chands-merciers“. wohl Obschon französische Pendeluh­ ren in der Regel so­ auf dem _./ Uhrwerk als auch – auf dem Ziffer­ blatt die Signatur eines Uhrmachers tra­ gen, stellte er diese nicht alleine her. Der Uhr­ macher war vielmehr der Organisator eines komplexen Produktionsprozesses, der die einzelnen Teilarbeiten von Speziali- Abb. 3: Carteluhr. Paris, Mitte 18. Jahrhundert. Signiert: TH/OUT L’AINEA PARIS. 197

Uhren und Uhreng chicht sten ausführen ließ. Die „Encyclopedie“ nennt in der Mitte des 18. Jahrhunderts 15 verschiedene Teilarbeiter und Teilarbeiterin­ nen, die an der Herstellung einer Pendeluhr beteiligt waren. Der eigentliche Uhrmacher setzte lediglich die verschiedenen von an­ deren gefertigten Bestandteile zusammen und arbeitete diese bei Bedarf nach, er stell­ te das Uhrwerk fertig und kontrollierte des­ sen Gang. Zu den Gehäusemachern in Paris gehörten namentlich Schreiner, Kunstschreiner, Skulpteure, Bronzegießer, Ziseleure und Vergolder. Diese arbeiteten aber nicht nur als Zulieferer für die Uhrmacher, sie ließen umgekehrt auch die Uhrmacher als Zuliefe­ rer für sich arbeiten. Daß bei französischen Pendeluhren das Gehäuse nicht nur in ästhetischer sondern auch in ökonomischer Hinsicht im Vordergrund stand, zeigt das Beispiel von Pendulen mit feuervergolde­ ten Bronzegehäusen. Hier weiß man, daß von den gesamten Pro­ duktionskosten in der Re­ gel auf den Modellentwurf etwa 10 Prozent, auf den Guß 20 Prozent, auf die Zi­ selierung 30 Prozent, auf die Vergoldung 30 Prozent und auf das Uhrwerk ledig­ lich 5-10 Prozent entfielen. Die wichtigste Rolle im Pro­ duktionsprozess spielten aber nicht die eigentlichen Hersteller, sondern die Händler, die soge­ nannten „marchands-merciers“, die Abb. 4: Pendule a Cercles Toumants. Paris, letztes Viertel 18. Jahrhtmderl. Gehäuse: in Dreifuß eingelegte Vase mit Uhrwerk und Zeitanzeige atif ro­ tierenden Reifen, feuervergoldete Bronze mit blauem Porzellan. Signiert: BAUDJN A PARIS. 198 sich auf den Handel mit Luxusprodukten spezialisiert hatten. Ihnen war zwar verbo­ ten, selber etwas zu produzieren, sie durften den Luxusgütern aber den letzten Schliff ge­ ben, sie verzieren. Die „marchands-mer­ ciers“ hielten daher Uhrengehäuse, Dekora­ tionselemente und Uhrwerke am Lager. Auf diese Weise kam ihnen bei der Organisation und Koordination der Produktion von Pen­ deluhren eine Schlüsselrolle zu: Sie ließen bei Uhr-und Gehäusemachern Bestandteile anfertigen, die sie anschließend nach ihren Vorstellungen und denen ihrer Kunden zu­ sammensetzten. Lag der Verkauf von Uhren in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Paris noch zu einem beträchtlichen Teil in den Händen der Uhrmacher, so entglitt ihnen dieser im Laufe des 18. Jahrhunderts zunehmend. Es waren die „marchands-merciers“, die wesentlich mehr Uhren verkauften als die Uhrmacher selbst, deren Markt­ anteil im Jahre 1766 nur noch ein Drittel betrug. Wer sich im 18.Jahrhundert in Paris eine Pendeluhr kau­ fen konnte, stand an der Spit­ ze der Sozialpyramide. Es wa- ren jene Kreise, die von den Einkünften ihrer Vermögen leben konnten. Der Hof in Versailles und die Hauptstadt Paris waren für sie der bevorzugte Aufenthaltsort. Es waren Angehörige dieser Gruppen, die in den Ladengeschäften der „marchands-merciers“ verkehrten und sich dort oder auch bei einem Uhr-oder Gehäusemacher eine Pendeluhr kauften. Paris war aber nicht nur das Zentrum Frankreichs, sondern während des ganzen 18. Jahr­ hunderts auch Vorbild für die europäischen Eliten. Zur Kli- Die Käufer

entel der Pariser Produzenten und Händler gehörte die Oberschicht aus ganz Europa, die sich hier mit Luxusgütern aller Art ein­ deckte. Ausländische Höfe, Aristokraten, fremde Gesandte und Reiche von Lissabon bis Stockholm und von London bis St. Pe­ tersburg kauften in Paris ein. Paris hatte den Ruf, das „Warenhaus Europas“ zu sein. Mo­ de- und Luxuswaren machten denn auch während des ganzen 18. Jahrhunderts rund die Hälfte aller registrierten französischen Ausfuhren aus. Die Sammlung Die neunzehn Uhren der Sammlung und Stiftung dokumentieren fast alle gängigen Typen aus der Blütezeit der französischen Pendeluhr und die Qialität aller Uh­ ren ist hervorragend. Sie können ty­ pologisch und chronologisch nach pragmatischen Gesichtspunkten in drei Gruppen unterteilt werden. Die Pendeluhren aus dem späten 17. und frühen 18.Jahrhundert haben in der Regel Gehäuse aus Holz. Zuerst dominierte ein einfaches, rechteckiges und dunkles Holzgehäuse. Später kamen immer häufi­ ger Verzierungen aus feuer­ vergoldeter Bronze und prunkvolle Einlegearbeiten aus Schildpatt und Edelmetallen dazu (Abb. 1). Diese Tech­ nik wird nach dem berühmtesten Kunst­ schreiner der Epoche, Andre-Charles Boul­ le, auch als Boulle­ Marketerie bezeich­ net. Sie erreichte um 1700 in Paris eine historisch einma­ lige Qialität und Perfektion. In der 18. Mitte des � Franzö i ehe Pendeluhren Jahrhunderts wurden anschließend vor al­ lem Pendeluhren mit feuervergoldeten Bronzegehäusen hergestellt. Dabei kom­ men sowohl Kaminuhren (Abb. 2) als auch die als „Carteluhren“ bezeichneten Wand­ uhren (Abb. 3) vor. Das ausgehende 18. und frühe 19. Jahrhundert war die große Zeit der Kamin- oder Tischuhren. Diese wurden in großer Formenvielfalt und aus unterschied­ lichen Materialien hergestellt, beispielswei­ se aus feuervergoldeter Bronze, aus Porzel­ lan und aus Marmor (Abb. 4 und 5). Obschon zur Sammlung des Deutschen Uhrenmuseums auch heute schon einige bedeutende französische Pendeluhren ge­ hören, wird erst diese Stiftung die französi­ sche Pendule zu einem wichtigen Standbein des Museums machen. Gerade in Zeiten knapper öffentlicher Finanzen und schrumpfender Museumsbudgets ist eine solche Stiftung als Form der pri­ vaten Kulturförderung hochwillkom­ men. Dem Stifterpaar gebührt nicht nur der Dank des Deutschen Uhren- museums sondern ebenso der Dank der Öffentlichkeit, die letztlich durch diese Stiftung französischer Pendeluhren bedacht wird. Jakob Messerli �����;;-;���;i�- feuervergoldete Bronzede- Abb. 5: Kaminuhr mit Datum, Mondalter und Mondphase. Pa­ ris, Ende 18.Jahrhundert. Werk: Federzug, Laufdauer 8 Tage. Weißer Marmorsockel und koration mit Emaileinla- gen. Signatur: Bruel A PARIS. 199

Brauchtum 125 Jahre Villinger Katzenmusik 12. Kapitel I Almanach 98 Aus schlichten Anfängen heraus zu einem großen Fastnachtsverein entwickelt Überlieferungen von der Entstehung ein­ zelner Fastnachtsbräuche sind eine Rarität. Meist stützen sich die Annahmen auf Ver­ mutungen: man unterstellt, daß es so und nicht anders gewesen sein muß (könnte}. Auch wer die Geschichte der Villinger Kat­ zenmusik darstellen will, die an der Fast­ nacht 1997 ihr 125jähriges Bestehen feierte, ist für die Gründungszeit auf mündliche Überlieferungen aus früherer Zeit an­ gewiesen. Das Treiben der Villinger Fastnacht, bei dem der allseits bekannte Villinger Narro im Vordergrund steht, dürfte auch schon früher mit vielerlei Ab­ wechslungen verbunden gewesen sein. Das läßt sich aus der Ausgelassenheit, die mit einem Fastnachtstreiben un­ willkürlich verbunden ist, ohne wei­ teres schließen, denn der Narro allein hätte dem Leben auf den Straßen und Gassen sowie den Lokalen nicht den vollen Impuls geben können. Da die Welt kein Zustand ist, sondern ein Vorgang, war auch die Zeit nicht stehengeblie­ ben: Auch der „kleine Mann“, der Hintersaße von einst, wur­ de zum Akteur, verlangte sei­ nen Platz an der Fasnet. Und er gestaltete sie sich auf seine Art, ohne die traditionell beding­ ten Hintergründigkeiten der Fasnet des Bürgertums. Kat­ zenmusik nannte sich die närrische Gesellschaft, die vor diesem Hintergrund entstand und deren Ur­ sprünge wegen fehlender 200 Aufzeichnungen etwas im Dunkeln liegen, die aber ihren gesicherten Ausgangspunkt nach dem 1870er Krieg hatte. Den Namen ,,Katzenmusik“, der sich von dem vierbeini­ gen schnurrigen Haustier ableitet, hat diese närrische Vereinigung im übrigen nicht im­ mer gehabt. Und es gilt weiter: zwar ist der Kater seit langem das Wappentier der „Kamuvi“, doch ist sicher, daß er nichts mit jenem Gemütszu­ stand zu tun hat, der allzu aus­ schweifenden Trinkfreuden folgt. Eher mit einer Art mißtönender Musik, die der Volksmund als Katzenmusik bezeichnet und die im Zusammenhang mit der Fasnet seit dem frühen Mittelalter bekannt ist. Ihre Wurzeln hat die Kat­ zenmusik in der „Schar der damaligen Uh­ renschildmalerei“, die erstmals im Jahre 1872 auftrat. Sie zog musi­ zierend und singend durch die Straßen und spielte in den von ihr ab- wechselnd besuchten Wirt­ schaften auf. Dieser Musiker­ schar schloß sich die Jugend be­ geistert an. Die Uhrenschild­ maler vereinigten sich in der Folge mit einigen Freunden zu einer Musikkapelle, die ihre Proben in der Werk­ stätte der Maierschen Uhrenschildmalerei abhielt (heute Platz der neuen Festhal­ le). Im Laufe der Zeit hieß sie die ,,Lang’sche Kapelle“ und spielte un- Kater mit Laterne und der Eule auf dem Schwanz.

Vtllingcr Katzenmusik Historische Aufaahme der Katzenmusik, wohl 1920er Jahre. ter der Führung eines Musikers namens Lang auch bei Hochzeiten und gelegentli­ chen Tanzveranstaltungen auf. Und weil man an Fastnacht so „gräßlich schöne“ Mu­ sik machte, war es nur zu natürlich, daß man diesem närrischen Volk in W indeseile den Namen „Katzenmusik“ zuordnete. Somit wird das Jahr 1872 als Gründungsjahr der Katzenmusik dokumentiert. Anfangs geschah bei der Volksfastnacht der Katzenmusiker alles mit primitiven Mitteln: es ging mit umgewendeten Kitteln, Frauen­ röcken, mit gefärbten und geschwärzten Ge­ sichtern und selbstgefertigten Larven auf die Straße. Als Stammlokal dieser kleinen Ge­ sellschaft diente die damalige W irtschaft „Zum Ockenfuß“ (ehemals Photo Bräunlich in der Bertholdstraße), wo sich die Anhän­ ger dieses Fastnachtstreiben regelmäßig zu­ sammenfanden. Von Jahr zu Jahr wurde die Schar immer größer, so daß selbst die „Lang‘ sehe Kapel­ le“ für das Radaumachen nicht mehr aus- reichte. Blechbüchsen, Kochtopfdeckel, selbstgefertigte Blechtrommeln und anderes mußte herhalten, um das Spektakel zu ver­ größern. Gestalten der buntesten Art tauch­ ten im Laufe der Zeit auf. Der Fremde, der in jenen ersten Jahrzehnten der Katzenmu­ sik nach Villingen kam und in den Hexen­ kessel des Fastnachtmontags hineingeriet, mochte sich die schwäbisch-alemannische Fastnacht anders vorgestellt haben. Eine ganze Stadt war ein Tollhaus geworden, in dem einzig der Umzug der Narrozunft eine würdige Note trug. Nach Auflösung der „Lang‘ sehen Kapelle“ übernahm die „Kuner‘ sehe Kapelle“ das Wecken und stellte sich als Festkapelle der Katzenmusik zur Verfügung. Nach und nach schalteten sich auch Gruppen ein, die die örtlichen und persönlichen Begebenhei­ ten sowohl in satirischer als auch in humo­ ristischer Art und Weise während des Um­ zugs und auch vor den Häusern der Verulk­ ten aufführten. Eine gewisse Zeit herrschte 201

Brauchtum immer Ordnung, aber nach und nach arte­ ten die Veranstaltungen aus und glichen ei­ nem „Haberfeldtreiben“, wie sich ein dama­ liger Chronist ausdrückte. Es vergingen Jahre, bis sich aus dieser neu­ en Fastnachts-Gesellschaft, der „Katzenmu­ sik“, die ersten Gruppen zu Fuß und zu Wa­ gen zu organisieren begannen, sich ange­ führt von Tambourmajor, mit Trommeln und Pfeifen, und „Oberrolli“ zu regelrech­ ten Umzügen formierten. Diese Gruppen wurden begeistert begrüßt und belacht. Aber auch wenn das Lachen bekanntlich ge­ sund sein soll, manchem, selbst bis in den Rat der Stadt hinein, war eben dieses gründ­ lich vergangen. Die Folge waren öffentliche Rügen und Polemiken in den Zeitungen. Doch trotz allem wiederholte sich das Spiel im nächsten Jahr wieder. Doch dank einiger beherzter Männer wurde diesem wüsten Treiben ein baldiges Ende bereitet. Strenge Ordnung kehrte wieder ein, ohne jedoch dem gesunden Humor oder anständigen Ulk Vorschriften zu erteilen. Vielleicht in Verhöhnung des „Preußen-Reiches“, aber auch zum Schutz der Ordnung, wurde eine militärisch ausgerichtete und uniformierte ,,Zugpolizei“ geschaffen. Schon 10 Jahre später, im Jahre 1882, wur­ de zu einer ordnungsgemäßen Versamm­ lung unter Abwicklung der Regularien in ‚Jl ‚. den „Felsen“ in die Gerberstraße eingela­ den. Damals schon hat man den heute noch gespielten Katzenmusikmarsch intoniert. Es war somit eine lange Entwicklung bis die Katzenmusik, diese „zweitstärkste Partei“ im städtischen Fastnachtsrummel und sozusa­ gen die „Oppositionspartei aus Grundsatz“, soweit war wie sie heute ist. Um jene Zeit war man sich auch klar dar­ über, daß es ohne straffe Organisation nicht mehr geht, das hieß, man mußte sich vor den hohen Tagen treffen, um die Gestaltung des Umzugs zu besprechen. Man sprach da­ mals schon innerhalb der Katzenmusik von einer Zuggesellschaft, die vereinsintern alles Organisatorische für die Fastnacht festlegte. Ein Zusammenschluß mit dem damaligen Fröhlichkeitsverein hatte wegen unüber­ brückbarer Meinungsverschiedenheiten kei­ nen Bestand. Die Katzenmusiker machten der Lamentierei schon bald ein Ende und organisierten ihr Vereinsgeschehen wieder in eigener Regie. Die Vorbereitungen für die hohen Tage wa­ ren allerdings noch nicht so umfangreich wie heute: man traf sich drei Tage vor dem „Fescht“ und gab Direktiven aus, um die Fastnachtstage „unfallfrei“ über die Bühne zu bringen. Viele Namen wären an dieser Stelle zu nennen, die sich voll und ganz der Katzenmusik vor dem Ersten Weltkrieg ver­ schrieben hatten. Der Krieg brachte dann das Fastnachtstreiben in der ganzen Stadt zum Erliegen. Sehr viele Katzenmusiker waren zum Kriegsdienst eingezogen worden und kehrten erst 1919 und 1920 wieder in die Heimat zurück. Im Jahre 1920 machten die Katzen­ musiker Nägel mit Köpfen, bildeten ei­ nen Ausschuß, der am l. Februar zu ei­ ner Gründungsversammlung einlud. Nach einer kurzen Erklärung und an­ schließender Aussprache waren sich die Teilnehmer einig, die 48 Jahre lang be­ standene Umzugsgesellschaft wieder aus dem Schlaf zu wecken und ihr nun Anfahrt zum traditionellen Katerempfang beim Romäus- turm am Fasnetstmdig. 202

den offiziellen Namen „Katzenmusikverein Miau“ zu geben. Damit war die Fastnachts­ vereinigung auf ein Fundament gestellt, auf das nachfolgende Generationen Stein auf Stein setzen konnten. Von da an spürte man den Willen, eine ordentliche Fastnacht auf die Beine zu stellen. Man hatte nun eine Führung, die sich bei Vorbereitung und Durchführung des Umzugs jegliche erdenk­ liche Mühe gab, getreu nach dem Motto: ,,Wir sind mit Stolz und Würde der Katzen­ musik Zierde.“ Im Jahre 1924 die großen Unterhaltungsabende begründet Im Jahre 1924 entschloß man sich zusätz­ lich zum Umzug einen Unterhaltungsabend zu veranstalten, der sich seitdem alljährlich großer Beliebtheit erfreut. Diese Auffüh­ rungen nahm das Publikum begeistert auf, wurden doch hierbei jeweils die Villinger Begebenheiten mit einem gepfefferten Stadtklatsch beleuchtet. Diese Abende fan­ den einen solchen Zuspruch, daß die Säle stets überfüllt waren. Die Verantwortlichen setzten sich weiter mit der Neuordnung des Umzugs auseinan­ der. Die Wagen- und Fußgruppen bekamen in ihren Ausdrucksformen ein eindeutiges Gepräge. Die Ausführungen wurden von Jahr zu Jahr besser. Und obwohl die Kat­ zenmusiker im Dritten Reich als die „Roten“ verschrieen waren, gelang es ihnen immer wieder, unter ihrer Narrenkappe ein offenes Wort zu riskieren. Der Zweite Weltkrieg brachte dann das närrische Treiben erneut zum Erliegen. 1947 tritt die Katzenmusik wieder mit ei­ ner Wagengruppe (,,Wer hat dich du schöner Wald … „) an die Öffentlichkeit. Der Wagen wurde kurzerhand von der damaligen Be­ satzungsbehörde verboten, weil er die Re­ parationshiebe zum Ziel hatte. In den nach­ folgenden Zeiten des Wirtschaftswunders ging es auch bei der Katzenmusik mit Rie­ senschritten weiter aufwärts. In das Jahr Vlllinger Katzenmusik 1950 fällt der Zeitpunkt, an dem die Stadt­ harmonie Vtllingen in voller Stärke beim Katzenmusikumzug auftrat. Zum 80jähri­ gen Jubiläum imJahre 1952 wurde dem Ge­ neralfeldmarschall eine „Katzmotter“ zur Seite gestellt. Über viele Jahre hinweg war dies die bekannte Maria Zschoche. Zu die­ sem Jubiläum wurde auch erstmals ein Ga­ lawagen für die Vorstandschaft eingeführt. Bisher wurden die Umzüge vom jeweiligen Generalfeldmarschall immer hoch zu Roß angeführt. 1953 wurden in der Vorstandschaft der Katzenmusik die verantwortlichen Zustän­ digkeiten in der Weise geschaffen, daß Kom­ missionen für den Wagenbau, Unterhal­ tung, Zeitung und Ordensverleihung festge­ legt wurden. Ein Kostüm für die Leitfigur des Vereins, den Kater, wurde erstmals 1958 geschaffen. Mit der Laterne in der Hand und in Begleitung einer Eule, als Zeichen der Weisheit, versucht er zu „loschoren“. Anstelle des Fastnachtssuchens wird seit 1958 der Kater am „Fasnet-Sundig“ aus dem Romäusturm befreit und mit viel Trara zum Generalappell in die Tonhalle geleitet. Im Jahre 1954 wurde wieder ein entschei­ dender Schritt unternommen, man ent­ schloß sich, den Verein in das Vereinsregister eintragen zu lassen. Seitdem fuhrt der Ver­ ein die Bezeichnung „Katzenmusikverein Villingen e. V.“ Ohne Idealisten, die leider nicht alle ge­ nannt werden können, wäre die Katzenmu­ sik heute nicht auf solch einem hohen Ni­ veau. Das Ansehen der Katzenmusik stieg permanent, was nicht zuletzt ein Verdienst ihrer Generalfeldmarschälle war. Ludwig Rapp und Hermann Ummenhofer galten als die Erneuerer des Vereins. Ihre Nachfol­ ger Karl Strittmatter, Heinz Glunz und vor allen Dingen Alfons Moser, brachten die Katzenmusik mit ihrem Engagement immer weiter zu resr.ektvollem Ansehen. Eine neue Ara begann im Jahre 1991. Al­ fons Moser gab den Marschallstab in jünge­ re Hände. Heinz Gabriel, ein Katzenmusi- 203

Villinger Katzenmusik Die Narrenwelt aus d$r Sicht des Katers, Blick vom Romäusturm beim Katerempfang am Fasnetsundig. wurde im Jahre 1992 nachgeholt -mit Stolz und Würde zog man wieder in die alte Zähringerstadt ein. Aus simplen Anfängen heraus hat sich die Katzenmusik zu einem der großen Fast­ nachtsvereine entwickelt. Sie ist auf dem richtigen Weg, denn sie will ein großes sati­ risches Bilderbuch für jeden sein. Werner jörres ker von altem Schrot und Korn, übernahm mit einer jungen Vorstandschaft die Füh­ rung über das Katzenheer. Doch gleich zu Beginn seiner Amtszeit wurde ihm ein her­ ber Schlag versetzt: Die Fastnacht 1991 fand nicht statt. Wegen des unheilvollen Golf­ krieges wurden auf Empfehlung der Bun­ derregierung keine närrischen Tage veran­ staltet. Alle Vorbereitungen für den großen Katzenball und den Umzug waren umsonst. Was im Jahre 1991 nicht zum Tragen kam, 204

Fohrebobbele verkörpert den Schwarzwald Die Fasnacht wird in St. Georgen erst seit dreißig Jahren gefeiert Brauchtum Die Fasnacht hat im im Schwarzwald-Baar­ Kreis eine lange Tradition und es gibt wohl kaum einen Ort, wo zur fünften Jahreszeit die Narren nicht zu finden wären. Auch im überwiegend evangelischen St. Georgen wird das närrische Brauchtum heutzutage gepflegt. Allerdings reichen die Wurzeln nicht wie bei echten Narrenhochburgen ins vergangene Jahrhundert zurück. Zwar ist in Zeitungsberichten schon Anfang des 20. Jahrhunderts die Rede von Fasnachtsveran­ staltungen, doch diese beschränkten sich auf Saalfeiern. Erst 1967 wagte eine Handvoll Männer den Schritt, die Fasnet in die Bergstadt zu brin­ gen. Die Anfänge waren bescheiden, jedoch wollten die Organisatoren die St. George­ ner Fasnacht in kleinen, dafür beständigen Schritten aufbauen. Heute, 31Jahre danach, zählt St. Georgen fünf eigenständige Nar­ rengruppen, einen Fanfarenzug sowie eine Tanz- und eine Junggarde. Aus dem Ortsteil Peterzell reihen sich eine Bürgerwehr, eine Narrengruppe und eine Guggenmusik in die närrische Familie ein. Daß die Fasnet in St. Georgen so lange überdauert hat, ist nicht selbstverständlich. Zur Zeit der Grün­ dung der Narrenzunft war St. Georgen kon­ fessionell überwiegend protestantisch, und die Idee, ausgerechnet hier die alemanni­ sche Narretei anzusiedeln, stieß auf wenig Gegenliebe und noch weniger Verständnis. Für die Gründungsmitglieder der Narren­ zunft war klar, daß die Fasnachtsfigur die Landschaftsverbundenheit ausdrücken soll­ te. Und so erblickte im Frühjahr 1967 das ,,Fohrebobbele“ das Licht der (Fasnachts)­ Welt. Die Maske ist einem Kiefernzapfen nachempfunden, das braune Häs mit klei­ nen Kiefernzapfen, eben Fohrebobbele, und Glöckchen bestückt. Auf dem Rücken thront ein gemaltes Eichhörnchen, und das Beinkleid ist mit Motiven aus der Natur handbemalt. Um das Fohrebobbele nicht als Einzelfigur laufen zu lassen, stellte man ihm bereits zwei Jahre später das Kräuter­ wieble an die Seite. Hier fällt die Bemalung des Rockes mit allerlei Kräutern besonders auf Die grüne Jacke symbolisiert den Wald, in dem sich das Kräuterwieble vorwiegend aufhält, die Maske zeigt ein liebenswertes, wettergegerbtes Gesicht. In den ersten Jah­ ren des Bestehens der Narrenzunft St. Ge­ orgen wurden außerdem ein Fanfarenzug und dank der rheinischen Herkunft eines der Gründungsmitglieder eine Georgetten­ garde gegründet. Im Laufe der Jahre hat sich die Fasnet in St. Georgen etabliert, ist aber bis zum heu­ tigen Tag nicht unumstritten. Immerhin säumen beim alljährlichen Rosenmontags­ umzug einige tausend Bürgerinnen und Bürger die Straßen, um den närrischen Lindwurm an sich vorüberziehen zu lassen. Auch das „Bütteg’schwätz“, eine Veranstal­ tung mit Büttenreden, Sketchen und Tän­ zen, hat seinen festen Platz im Narrenka­ lender, ebenso wie die Machtübernahme der Narren am Schmotzigen Donnerstag durch die symbolische Übernahme des Rathaus­ schlüssels und die Fasnachtsverbrennung am Dienstag auf dem Marktplatz. So hatte die St. Georgener Fasnet in den ersten 25 Jahren ihres Bestehens eine Mo­ nopolstellung in der Bergstadt. Abgesehen von Peterzell, das mit seiner närrischen Bür­ gerwehr seit Anfang der siebziger Jahre ebenfalls an der St. Georgener Fasnet mit­ wirkt und als einziger Ortsteil von St. Ge­ orgen seit 1990 eine eigene Fasnachtsfigur, den Engelegoascht, und die Guggenmusik „Bloos-Arsch“ besitzt. Im Jahr 1992 gesellte sich eine neue Fasnachtsfigur hinzu: Die „Nesthexe“, eine nach einer alten Brigacher 205

Brauchtum Fohrebobbele und Kräuterwieble, die Haztpifigu.ren der St. Georgener Fasnacht. Sage entworfene Figur. Das „Nest“ ist ein Zinken im St. Georgener Ortsteil Brigach. Dort, so die Sage, lebte einst eine alte Frau, die im „siebten Buch Moses“ las. Allerdings verstand sie den Inhalt nicht recht und merkwürdige Dinge passierten. Erst als die alte Frau das Buch unter einem Grenzstein vergrub, herrschte Ruhe. Heute hüpft die Nesthexe als Fasnachtsfigur im Schwarz-Li­ la-Häs und mit einer Maske mit echtem Roßhaar durch die fünfte Jahreszeit. Ein Jahr später blätterten wohl wieder ei­ nige narrenbegeisterte junge Leute in der St. Georgener Chronik und entdeckten die Geschichte von einem jungen Mann, dem im St. Georgener Hochwald der Teufel in leibhaftiger Person erschienen sein soll. So entstand der „Hohwalddeufel“ mit weinro­ tem und schwarzem Häs. Die St. Georgener Bevölkerung hatte jedes Jahr beim großen Rosenmontagsumzug ei­ ne neue Attraktion zu bewundern, denn die neuen Figuren wurden dort der Öffentlich­ keit meist erstmals vorgestellt. Doch mit den „Hohwalddeufel“ hatte die Vermehrung der Bergstädtischen Narren noch lange kein Ende gefunden. Zur Fas­ nacht 1995 stießen die „Mühlbachgeister“ hinzu. Die Entstehungsgeschichte dieser Mühlbachgeister geht auf einen habgierigen Bauern zurück, den Mühlbachjockel, der ei­ nes nachts in seinem Weiher ertrank und seither als Geist umherirren soll. Das Häs des Mühlbachgeistes ist farblich den Ele­ menten der Sage angepaßt. Schwarze Lei­ nenhose als Symbol für die Nacht, der Kit­ tel in blauer Grundfarbe zur Darstellung des Weihers, und die aufgemalte Mühle auf der Vorderseite des Kittels steht für die Mühlen im Schwarzwald. Eine Besonderheit der 206

SL Georgeocr Fasnacht Mühlbachgeister ist ihr Hand­ werkszeug: Mit langen, peit­ schenähnlichen Karbatschen treiben sie, zumindest symbo­ lisch, den harten und kalten Winter aus. Die letzte Figur, die die St. Ge­ orgener Fasnacht bereichert, ist der „Schof-Striezi“. Auch eine Hexenfigur, fällt die Gestalt durch großzügige Verwendung von Heidschnuckenfell auf, das als Schürze, Weste und in der Kopfbedeckung verarbeitet wur­ de. Daher auch der Name „Schof“. Der „Striezi“ steht für einen kleinen Strolch, der aber nichts Böses im Sinn hat. Im Ge­ gensatz zu den anderen Figuren entstand der Schofstriezi nicht nach einer Sage, sondern aus der Kreativität einiger junger Män­ ner und Frauen. Zur Fasnacht gehört auch Mu­ sik und Gesang, und ein be­ kannter Tegernseer Blasmusiker komponierte den Fohrebobbele­ marsch. Dem fügte ein St. Geor­ gener Bürger später noch einen zweiten Teil hinzu, und zu die- sen beiden Melodien tanzen Fohrebobbele und Kräuter­ wieble bei Saalveranstaltungen einen Tanz mit echtem Brauch­ tumscharakter. . – Der Fortbestand der St. Geor­ gener Fasnacht ist für die kom­ menden Jahre wohl kaum ge­ fährdet, denn sämtliche Zünfte und Gruppen können über Der Engelegoascht aus Peterzell, St. Georgens einzigem Stadtteil Nachwuchsmangel nicht klagen. mit eigener Fasnachtsfigur. Und so werden sicherlich auch nach der nahen Jahrtausendwende die ver­ schiedensten Fasnachtsfiguren an den närri­ schen Tagen zwischen Schmotzigem Don- nerstag und Aschermittwoch durch St. Ge- orgens Straßen hüpfen und mit lauten „Nar- ri-Narro“-Rufen die Bergstadtbevölkerung zur Narretei animieren. Roland Sprich 207

Ein Bilderbuch des Glaubens Zeugnis gibt. Jedenfalls mußten sich die Bräunlinger über Jahrhunderte hinweg mit der Remigiuskirche draußen vor der Stadt begnügen. Der Bau der heutigen, monu­ mentalen Stadtkirche erfolgte dann erst im vorigen Jahrhundert. Die Initiative zum Bau einer großen Kir­ che geht auf den damaligen Pfarrer und De­ kan Carl Alois Metz zurück, der von 1876 13. Kapitel I Almanach 98 Die Pfarrkirche „Maria vom Berge Karmel“ in Bräunlingen ein monumentales Bauwerk Entsprechend der langen Geschichte Bräunlingens -lange vor der Stadterhebung 1295 -reicht auch die kirchliche Vergan­ genheit weit zurück. Heute gilt Bräunlingen nachweislich als Mutterpfarrei der gesamten Westbaar. Das christliche Gemeindeleben dürfte bereits im 8. Jahrhundert mit einem kleinen Remigius-Heiligtum begonnen ha­ ben. Die Gründungsurkunde, auf welche sich die Pfarrei Bräunlingen heute berufen kann, datiert aus dem Jahre 799. Sie stammt vom Kloster Reichenau im Bodensee und beurkundet, daß der damalige Abt des In­ selklosters, Waldo, einen Priester entsandte mit der Aufgabe, in der neu errichteten Pfar­ rei „ad sacellum Sancti Remigii“ (Heiligtum des Heiligen Remigius} die Seelsorge wahr­ zunehmen. Das genannte Remigius-Heiligtum war wohl eine kleine bescheidene Holzkirche, von der sich keine Spuren erhalten haben. Vermutlich um das Jahr 900 wurde dann an Stelle des Holzkirchleins ein größeres Got­ teshaus aus Stein errichtet. Dieser Bau über­ dauerte etwa 400 Jahre, ehe er durch die heutige Remigiuskirche abgelöst wurde. Diese heutige „Gottesackerkirche“ erinnert noch an die Zeiten, wo das Gotteshaus kirchlicher Mittelpunkt der gesamten West­ baar war. Eine große Kirche inmitten der Stadt ha­ ben die Bräunlinger allerdings im Verlauf der Jahrhunderte nie besessen. Das 1695 eingeweihte Lieb-Frauen-Kirchlein, zur Un­ terscheidung von der Remigiuskirche „unte­ re Pfarrkirche“ genannt, war viel zu klein und zu eng. Allerdings muß der Bau mit ei­ ner prächtigen barocken Innenausstattung geschmückt gewesen sein, wovon die noch heute in der Stadtkirche erhaltene Kanzel Kirchen und Kapellen Die Bräunlinger lfarrkirche „Maria vom Berge Karmel“ wurde im 19. Jahrhundert erbaut. 209

Kirchen und Kapellen bis 1906 Seelsorger in Bräunlingen war. Ihm gelang es, die Bevölkerung rasch für das große Vorhaben zu begeistern und schon bald wurde mit dem Abbruch der alten Lieb­ Frauen-K.irche („untere Pfarrkirche“) begon­ nen, an deren Stelle die neue Stadtkirche emporwachsen sollte. Kurioserweise begann Dekan Metz den Neubau mit der Beschaf­ fung eines neuen Geläutes, das er in einem hölzernen Notturm aufhängen ließ. Nachdem die Verhandlungen über Pla­ nung und Finanzierung zum Abschluß ge­ bracht worden waren, stand fest, daß die Bauleitung nicht bei der Pfarrgemeinde, sondern bei der politischen Gemeinde lie­ gen sollte. Als Bauleiter sollte der damalige fürstlich fürstenbergische Hofbaumeister Weinbrenner fungieren. Die politische Ge­ meinde mußte mit 115 000 Goldmark auch die Hauptlast der Kosten übernehmen, während die Kirchen­ gemeinde rund 90 000 Mark aufzubringen hatte. In diesen Ko­ sten war der Innenaus­ bau nicht erhalten, der von der Kirchenge­ meinde selbst getragen werden mußte. Da die politische Ge­ meinde als Hauptgeld­ geberin des Rohbaus auch für die Baulei­ tung verantwortlich zeichnete, waren der Kirchengemeinde die Hände gebunden, was den Baustil der neuen Kirche betraf. Pfarrer Metz hätte am liebsten eine Kirche im rein romanischen Stil mit zwei niedrigen Tür­ men verwirklicht. Der ausgeführte Kirchen­ bau hingegen ist nicht eindeutig einer Stil­ richtung zuzuordnen. Er vereinigt sowohl neuromanische, neugotische, neubarocke wie auch Elemente des Nazarener-Stils. Stadtpfarrer und Dekan Carl Alois Metz, der von 1876 bis 1906 in Bräun- fingen tätig war. Nach zweijährigen Vorbereitungen und Planungen war am 8. Juni 1881 feierliche 210 Der Patron der Friedhofikirche Remigius, wie die Kanzel auf dem Bild unten geschaffen um 1750 durch den Villinger Bildhauer Schupp. Die Kanzel stammt aus der früheren lieb-Frauen-Kirche.

.Maria vom Berge Karmel“ Maße wie eine wahre Kathedrale“, schrieb der Bekannte Dichterpfarrer Heinrich Hans­ jakob über seinen ersten Eindruck, den er beim Betreten der neuen Kirche hatte. Und eben dieser monumentale Innenraum sollte nach dem Willen von Pfarrer Metz eine prächtige Ausstattung bekommen, mit far­ benfroh getönten Wandflächen und zahl­ reichen Wand-und Deckengemälden. Den Auftrag für die Verwirklichung des großen Werkes bekam der Bildhauer und Maler Franz Simmler aus Offenburg. In Grundsteinlegung. In der Folgezeit wuchs der Rohbau rasch empor und schon zu Al­ lerheiligen 1883 nahm die Gemeinde ihr neues Gotteshaus in Besitz, obwohl es da­ mals noch nicht fertiggestellt war und sogar die Fenster noch mit Brettern vernagelt wa­ ren. Die festliche Einweihung der neuen Stadtkirche „Maria, Unsere Liebe Frau vom Berge Karmel“ erfolgte dann am Kirchweih­ fest 1889 durch den Bischof von Mainz, da der damalige Erzbischof von Freiburg krank­ heitshalber nicht nach Bräunlingen reisen konnte. Entstanden war ein monu­ mentaler Bau, der noch heu­ te durch seine Größe impo­ niert. Ohne Turm umfaßt die Kirche eine Innenfläche von 963 Qiadratmetern, hat im Mittelschiff, Qierschiff und Chorraum eine lichte Höhe von 17,50 Meter und in den Seitenschiffen von 8,80 Me­ ter. Die äußere Höhe bis zum Dachfirst mißt 21,90 Meter, die Kirche ist insgesamt 54 Meter lang und bis zur Kreuz­ spitze erhebt sich der Turm 62 Meter über den Erdboden. Als der Neubau vollendet war, konnte Pfarrer Metz in sein Tagebuch schreiben: „Gott sei Lob und Dank, daß wir soweit sind und kein Un­ fall passiert ist… Der Rohbau mit Gestühl hat gekostet 246000 Mark“, Damit war der Kostenvoranschlag um 41000 Mark überschritten worden, ganz abgesehen von den immensen Kosten für die innere Ausgestaltung des Baus. Bei der Innenausstattung der Kirche hatte Pfarrer Metz freie Hand. ,,Er imponiert Der Hochaltar mit der großen Figurengruppe „Maria, Unsere Liebe durch seine Größe in hohem Frau vom Berge Karmel“. 211

Kirchen und Kapellen leuchtenden Farben schuf er ein wahres Bilderbuch mit Darstellungen von Bi­ belmotiven, Engeln und Heiligen. Im Jahre 1889 war das Werk im wesentlichen vollendet, wovon die im Gewölbe des Chores einge­ malte Jahreszahl Zeugnis gibt, doch bis der letzte Pin­ selstrich getan war, sollten nochmals zehn Jahre ins Land ziehen. An diesen Ar­ beiten war dann auch der einheimische Kunstmaler Carl Hornung beteiligt. gepaßt. Nicht zuletzt erhielt die Pfarrkirche damals auch eine neue Orgel mit 35 Re­ gistern aus der Werkstätte der Firma Schwarz aus Überlingen am Bodensee. Die Ausstattung der Kirche ist ungewöhnlich reich. Ins­ gesamt schmücken über 100 farbige Gemälde und rund 50 figürliche Werke den Kir­ chenraum. Blickfang ist der Hochaltar mit der großen Figurengruppe „Maria, Un­ sere Liebe Frau vom Berge Karmel“. Die W ände und die Decke sind fast vollstän­ dig mit Gemälden überzo­ gen. So prangen beispiels­ weise am Kreuzgewölbe in der Vierung die vier Evan­ gelisten mit ihren Symbo­ len: Matthäus mit der Bei­ gabe eines Menschen- oder Engelgesichts, Markus mit Löwe, Lukas mit Stier und Johannes mit Adler. Über den Säulen des Mittelschiffs sind umlaufend die zwölf Apostel dargestellt. Im Deckengewölbe des Haupt­ schiffs hat der Maler acht detail- und farbenreichen Fenster der Szenen aus verschiedenen Bräunlinger Kirche. Heiligenleben geschaffen, zur Illustration der acht Se- ligkeiten: Franz von Assisi, Franz von Sales, Engel am Grab Jesu, Franz Xaver, Elisabeth von Thüringen, Königin Kunigunde, Niko­ laus von Flüe und Bischof Athanasius von Alexandrien. Im Deckengewölbe der Sei­ tenschiffe sind festgehalten die Werke der Barmherzigkeit: Hungrige speisen, Durstige tränken, Nackte bekleiden, Fremde beher­ bergen, Gefangene befreien, Kranke besu­ chen, Tote begraben und schließlich Chri­ stus beim Weltgericht. Gelungen ist den beteilig­ ten Künstlern damals ein beachtenswertes Gesamt­ kunstwerk von Architektur und Ausstattung, das der Bräunlinger Stadtkirche ei­ nen besonderen Rang unter den Kirchenbauten aus der Zeit des Historismus ver­ leiht, jener Zeitspanne also, als es für Kirchenbauten von der Mitte des 19. Jahr­ hunderts bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts keinen verbindlichen Stil gab. Da­ mals nahmen die Architek- Kostbare Meisterwerke sind auch die ten und Künstler Anleihen aus den Epochen von Ro­ manik, Gotik und Barock und schufen aus diesen Elementen ganz neue Stilkompositionen. Nach langen Jah­ ren der Geringachtung, schätzen heute selbst Fachleute wieder den Wert der Kir­ chenbauten aus dieser Phase. In jedem Falle blieb das wertvolle Bräun­ linger Gesamtkunstwerk bis heute vollstän­ dig erhalten, eine Seltenheit. Auch die große Renovierung der Jahre 1972 und 1973 ließ die Ausstattung unangetastet und frischte die Farben behutsam auf. Neues wie der Volksaltar wurde sorgsam in den Raum ein- 212 Eines der auffälligsten Ausstattungsstücke

ist zweifellos die prächtige Kanzel. Sie stammt noch aus dem alten Lieb-Frauen­ Kirchlein, das beim Neubau der Stadtkirche abgebrochen wurde. Geschaffen wurde das barocke Meisterwerk wohl in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in der Villinger Schupp-Werkstatt. In den Feldern des Kan­ zelkorbes finden sich Darstellungen der vier lateinischen Kirchenlehrer: Augustinus mit Buch, Gregor der Große mit Tiara, Ambro­ sius mit Bienenstock und Hieronymus mit Löwe. Den Schalldeckel schmückt das für die Schupp-Werkstatt charakteristische kräf­ tige Laubwerk mit Rosetten. Auf dem Rand des Schalldeckels stehen die Figuren der Evangelisten sowie Petrus und Paulus. Auf der Spitze der Kanzel thront Jesus Christus, das Wort Gottes. Zudem gehören zum In­ ventar der Kirche zahlreiche Heiligenfigu­ ren, darunter ein Johannes Nepomuk und ein Remigius, die ebenso wie die Kanzel aus der Schupp-Werkstatt stammen. .Maria vom Berge Karmel“ Erst nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt die Bräunlinger Stadtkirche ihr heutiges Geläute. Die Glocken von 1877 und von 1921 hatten allesamt die Kriege nicht über­ standen. In der Amtszeit von Bürgermeister Blenkle und Pfarrer Weißmann wurde bald nach Kriegsende an die Beschaffung neuer Glocken herangegangen. Gegossen wurden die fünf neuen Glocken in der Werkstätte von Meister Hermann Hamm im pfälzi­ schen Frankenthal. Glockenweihe durch Prälat Schuldis war am 29. Juni 1950. Seit­ her rufen vom Bräunlinger Stadtkirchturm aus luftiger Höhe in der Tonfolge cl -esl – fl -g 1 -bl die Christkönigsglocke (2100 Kilogramm), Marienglocke (1210 Kilo­ gramm), Remigiusglocke (872 Kilogramm), Donatusglocke (632 Kilogramm) und die Agathaglocke (355 Kilogramm). Jochen Schultheiß Blick in die Vierung mit den Darstellungen der vier Evangelisten. 213

Kirchen und Kapellen ,,Eine der schönsten im Schwarzwald“ Schönenbacher St.· Nikolaus· Kirche geht auf das Jahr 1221 zurück „Sie ist eine der schönsten des ganzen Schwarzwaldes.“ So rühmte Hermann von Vicari einst die Schönenbacher Pfarrkirche. Das war im Jahre 1844, als der Freiburger Erzbischof eigens nach Schönenbach ge· kommen war, um in der St-Nikolaus-Kir­ che die Firmung zu spenden. Inzwischen sind nicht nur über 150 Jahre vergangen, die Kirche hat auch mehrere Renovationen er­ lebt, die ihr Erscheinungsbild im Innern so stark veränderten, daß es so, wie es sich heu­ te präsentiert, nicht mehr viel Ähnlichkeit haben dürfte mit dem, was Erzbischof von Vicari 1844 noch vor Augen hatte. Die Schönenbacher St. -Nikolaus-Kirche, die einst eine Wehrkirche gewesen sein könnte. 214 Nach der letzten Renovation, außen 1983, innen 1986/87, präsentiert sich die Schö­ nenbacher St.-Nikolaus-Kirche aber wieder so geschlossen und reizvoll, daß sie zumin­ dest zu den interessantesten Kirchen des Schwarzwaldes gezählt werden muß, vor al­ lem auch, was ihre Geschichte anbelangt. Archivar Dr. Walter Fauler und der Salesia­ nerpater Franz Hettel, gegenwärtig Pfarrer in Schönenbach, haben in der Forschung die­ ser Geschichte Vorzügliches geleistet. Auf ihren Nachforschungen und Niederschrif­ ten fußt dieser Beitrag. Als „filia ecclesiae parrochialis Herzogin­ wilare“ – als »Filial-Kapelle“ der Pfarrkirche von Herzogenweiler also -so taucht die er­ ste Schönenbacher Kirche im Jahre 1221 aus der Geschichte auf. Vermutlich war schon dieses Kirchlein »St. Niclasen“ geweiht. Dem bei Renovierungsarbeiten aufgefunde­ nen Restmauerwerk nach zu schließen, dürf­ te es ein regelrechtes Wehrkirchlein gewesen sein mit dicken Mauern und Schießschar­ ten. Die Siedler, die in dieser Kirche seeli­ schen Trost und leiblichen Schutz suchten, bewirtschafteten die 29 Lehensgüter des Klosters St. Georgen, die um 1160 zur Vog­ tei „Sconowe“ vereinigt worden waren. Der Name „Sconowe“ bedeutete im damaligen Amtsdeutsch „Waldwiese“ oder »schöne Wiese (Au) im Wald“. Der Name wandelte sich später in Schönowe (1315). Schönach (1360), Schönnow (1430), Schenow (1541) und schließlich ab 1709 in Shenenbach und Schönenbach. 1599 schreibt sich Vikar Conrad Binder mit seinem »Schönenbacher Kalendarium“ in die Ortsgeschichte ein; erster Pfarrer wird aber Christoph Landherr, Magister und Pfarrer aus Geisingen (1639-1651), denn 1639 wird die Pfarrei, mittlerweile zu Vöhrenbach gehörig, selbständig.

Nach Pfarrer Christoph Landherr sind wei­ tere 42 Namen im Register der Schönen­ bacher Pfarrer verzeichnet, darunter der gegenwärtige Furtwanger Stadtpfarrer und Geistliche Rat Josef Beha gleich dreimal – zweimal als Pfarrverweser (1972-1973, 1977) und einmal als „vicarius oeconomus“ (1981-1982). 1982 übernahm Salesianerpa­ ter Franz Bettel die Pfarrei Schönenbach samt der Filiale Linach. Unter den Schönenbacher Pfarrern waren einige herausragende Persönlichkeiten. Von ihnen sei nur einer herausgegriffen: Pfarrer Florian Baumgärtner (1875-1913). Er war nicht nur 38 Jahre lang in Schönenbach überaus segensreich tätig (Pfarrer Stephan Scherer: ein heiligmäßiger Mann}; er war es auch, der die große Innenrenovation einlei­ tete und (1909-1912} durchführen ließ. Dies ist insofern von Interesse, als die Kirche heute, nach mehrfachen Veränderungen, in etwa wieder das Bild von damals bietet. Die Schön nbacber Kirche Chronisten hatten dazu festgehalten: ,,Neo­ romanische Altäre wurden aufgestellt, die schmucklosen Fenster durch schön bemalte ersetzt. Maler Kallen aus Konstanz schuf auch das Chorgemälde mit den zwölf Apo­ steln. Der Kreuzweg wurde neu gefaßt. Der Beichtstuhl kam von Marmon in Sigmarin­ gen.“ Es ist anzunehmen, daß die Kirche auch die malerische Ausgestaltung erhielt, die sie heute aufweist, die Deckengemälde und die Bänderung der Decke (Schablonen­ malerei), ebenso die Gestaltung der Wände hinter den Seitenaltären mit Jugendstilmo­ tiven. Diese Malereien verschwanden 1938 wieder. Sie wurden weiß überstrichen. 1955 wurde das Kircheninnere abermals verän­ dert, ,,im Geist der damaligen Zeit ausge­ staltet.“ Die Decke wurde mit schlichten Bändern mit wenig Ornamenten bemalt und 1968 wurde die ganze Kirche nach ei­ nem Brand am Marienaltar mit einem ge­ deckten Weiß ausgemalt (Dispersionsfarbe). Die kostbaren Deckengemälde und Ornamente wurden im Rahmen der groß angelegten Innenrenovation im Jahr 19 8 6 wieder freigelegt und restauriert. 215

Kirchen und Kapellen Die Schönenbacher Madonna aus graugrünem Sandstein. Ihre Entstehung wird um das fahr 1250 datiert. Erhalten blieb nur die Apostelgruppe im Chorbogen. 1983 Außenrenovation der Kirche; 1986 Innenrenovation, 1993 Einbau der „neuen“ Orgel – so der chronologische Ablauf der Gesamterneuerung der Schönenbacher Kir­ che. Bei der Innenrenovierung entschied man sich, die Ausmalung von 1909bis 1912 wieder sichtbar zu machen. Das Abnehmen der deckenden Farben erwies sich im Nach­ hinein aber als sehr schwierig. Allein der Mehraufwand dafür betrug 213 392 Mark. Erhalten geblieben war die Bemalung des Chorbogens (Christus mit Mandorla inmit­ ten der zwölf Apostel von Maler Kollen aus 216 Konstanz, 1909), freigelegt wurde wieder die Bebänderung (sieben Sakramente und Or­ namente), die Bemalung der Wände hinter den Seitenaltären Ougendstil?) und die Deckengemälde, die den Auferstandenen mit Wächter und Engel zeigen (vorne), die Krönung Mariens (Mitte) und Mariä Ver­ kündigung (hinten). Außergewöhnliche Fenster Die bunten Glasfenster (1909-1912) wa­ ren der Kirche erhalten geblieben. In ihnen sind die acht Seligpreisungen dargestellt. So zeigen die Fenster der Nordseite (von hin­ ten) die Hirten von Bethlehem (,,Selig sind die Armen im Geiste“), ein Raubüberfall (,,Selig sind die Sanftmütigen“), Magdalena und den Auferstandenen (,,Selig sind die Trauernden“),Jesus und Nikodemus (,,Selig sind die Hunger und Durst leiden“) und der Südseite (von hinten) eine Gefängnisszene (,,Selig sind die, die Verfolgung leiden“), den verlorenen Sohn (,,Selig sind die reinen Her­ zens sind“) und einen barmherzigen Sama­ riter (,,Selig sind die Barmherzigen“). Diese Darstellungen werden von Kunstkennern als „außergewöhnlich“, weil sonst nirgend­ wo auftretend, erachtet. Mariens Darstel­ lung im Tempel ist im linken, der Kirchen­ patron, der hl. Nikolaus, im rechten Chor­ fenster zu sehen. Mittelpunkt des prachtvollen, goldgefaß­ ten, von gotischen Türmchen gekrönten Hauptaltars ist der Tabernakel, darüber eine Kreuzigungsgruppe und Christus als Ho­ herpriester. Skulpturen – der hl. Nikolaus und Bischof Konrad von Konstanz – und Tiefenreliefs -Abraham opfert seinen Sohn und das „Manna-Wunder“ – ergänzen das Bildwerk. In der Mitte des Antipendiums ist Emmaus dargestellt. Links wird auf Mala­ chias verwiesen (1.11 „An jedem Ort wird meinem Namen Rauchopfer dargebracht und reine Opfergabe.“) und rechts auf Kö­ nig David, Buch der Weisheit (16,20 „Man­ na. Statt dessen gabst du deinem Volke En-

gelspeise zu es­ sen.“) „Marienleben“ ist das Thema des linken ebenfalls gotischen Seitenaltares. Mittel­ punkt ist die „Schönenbacher Madon­ na“. In Reliefs ist „Mariä Verkündigung“ und ihr Besuch bei Elisabeth dargestellt. Vier kleine Skulpturen krönen den Altar: Die Heiligen Aloisius, Katharina, Appolo­ nia und Barbara (von links). Die beiden Re­ liefs in der Predella haben Mariä Ver­ kündigung und den Besuch Marias bei Elisabeth zum Vorwurf. Legendä­ res ist in dem kleinen Bild zwischen diesen Reliefs dargestellt: Die Mutter Gottes überreicht dem heiligen Do­ minikus den Rosenkranz. Der „Schönenbacher Madonna“ sollte der Besucher seine besondere Aufmerksamkeit schenken. 97 Zentime­ ter hoch, aus graugrünem Sandstein, farb­ lich gefaßt, stellt sie ein außergewöhnliches Kunstwerk dar. Ihre Entstehung wird um 1250 datiert. Maria trägt das Kind auf dem linken Arm. Sie reicht ihm einen Rosen­ zweig mit zwei Blüten. Auf dem Zweig sitzt ein kleiner Vogel. Das Kind berührt den Vogel mit der rechten Hand; der Vo­ gel beißt das Kind in seinen linken Zeige­ finger, ein Symbol des irdischen Leidens, der Passion, der das Kind ausgesetzt sein wird. Stil, Ausdruck und eine verblüffende Ähnlichkeit mit der Madonna im Freiburger Münster (Westportal, Innenseite) lassen den Schluß zu, daß diese wertvolle Plastik in ei­ ner oberrheinischen Bauhütte entstand. Gleich aufgebaut ist auch der rechte Sei­ tenaltar, der ,Josefsaltar“. Die Skulptur ,Jo­ sef mit Kind“ wird von zwei Reliefs flankiert ,Josefs Traum“ und „Flucht nach Ägypten“. In der Predella ist eine ausgesprochene Ra­ rität eingelassen, ein kleines Gemälde ,Jo­ sefs Tod“. Die Kleinplastiken stellen dar (von links): Franz Xaver, Wendelin, Franzis­ kus und Antonius. Ein Rätsel gibt noch die neoromanische Schönenbacher Kirche 300 Jahre alter Christus, gearbeitet aus Kiefernholz. genauer: Kanzel auf, die Darstellung einer Frau mit Krone inmitten der abend­ ländischen Kirchenlehrer Augu­ stinus, Gregor, Hieronymus und Ambrosius. Ihre Gewandnadel (Fibel) zeigt das Bild einer Tau­ be. Der heiligen Theresia von Avila wurde erst später der Status einer Kirchenlehrerin zuer­ kannt, so daß diese nicht ge­ meint sein kann. So liegt die Vermutung nahe, daß es sich um eine allegorische Darstel­ lung der Kirche handelt. Auch der übrige Kirchen- schmuck ist beachtenswert, so die Statuen, die an den beiden Seiten­ wänden ihren Platz gefunden ha­ ben. Einige von ihnen dürften noch von dem barocken Bildhauer Jakob Rappenecker stammen, der, ein gebür­ tiger Schönenbacher, zwischen 1710 und 1749 an der Ausschmückung der Kirche arbeitete. Auf den Podesten an der Nordwand (links) stehen: Nepomuk, Ge­ org, Wolfgang, Aloisius, V inzenz von Paul (um 1760; 1990 gestiftet), Franz Xaver (Mis­ sionar) und Jakobus d. Ältere; an der Süd­ wand: Konrad v. Parzham, Bernhard v. Ba­ den (selig gesprochen), dann der Apostel Paulus, die Evangelisten Markus, Lukas und Johannes und schließlich der hl. Nikolaus. Der Evangelist Matthäus fehlt. Im Jahr 1915 wurden die Barockaltäre von 1722/23 verbrannt. Die schönen Altar­ gemälde, der hl. Nikolaus und die Kreuzi­ gung, blieben erhalten. Sie schmücken heu­ te wieder die Kirche, ebenso die Bildnisse des Antonius von Padua und der Theresia vom Kinde Jesu. Eine besonders wertvolle Skulptur, ein aus Kiefernholz gearbeiteter Korpus, dessen Al- 217

Schönenbacher Kirche ter auf 300 Jahre geschätzt wird, schmückt die Südwand auf der Orgel­ empore. Ehemals im Außenbereich an­ gebracht, war der Korpus dick bemalt. Pater Bettel selber hat die Farbschich­ ten abgenommen und die schöne Holz­ maserung wieder freigelegt. Mit einer „neuen“ Orgel, 1993 einge­ baut, wurde die Ausstattung der Niko­ lauskirche in Schönenbach würdig er­ gänzt. Das wertvolle Instrument aus dem Jahre 1867 (Gebrüder Link in Giengen an der Brenz) hat 23 klingen­ de Register und kann als eine besonde­ re Kostbarkeit angesehen werden. Der auswärtige Besucher hat auch noch das wunderschöne Geläut der Schönenba­ cher Kirche zu entdecken und, zur Weihnachtszeit, die mechanische Krip­ pe von Karl Dorer. Die vier neuen Glocken, von F. W. Schilling in Heidel­ berg gegossen, wurden am 8. Juni 19 52 eingeweiht. Sie wurden Christus, Ma­ ria, dem Erzengel Michael als dem Pa­ tron der Deutschen und dem Kirchen­ patron, dem hl. Nikolaus gewidmet. So präsentiert sich die Schönenbacher Pfarrkirche heute wieder, wie sie Hein­ rich Hansjakob, dessen Urgroßvater mütterlicherseits in der Schönenbacher Nikolauskirche getraut wurde, im Jahre 1900 erlebt hatte: ,,Es (Anm. das Wald­ kirchlein) ist innen so lieblich ausge­ stattet wie außen, ein echtes, rechtes Schwarzwälder Volksheiligtum, farbig und goldig und blumig.“ Robert Scherer Blick ins Kirchenschi.ff und auf die Schönen­ bacher Kanzel mit allegorischen Darstellun­ gen, deren Symbolik noch nicht vollständig ge­ klärt ist. 218

V iele Verdienste um evangelische Gemeinde Heinrich Karl Wilhelm Lotz von 1908 bis 1946 Pfarrer in Mönchweiler Kirchen und Kapellen Er war der am längsten dienende Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde von Mönchweiler. Heinrich Karl Wilhelm Latz wurde am 11. Februar 1871 in Rochester im Staat New York geboren. Seine Eltern waren der Kupferschmiedemeister Wilhelm Karl Latz aus Darmstadt und Magdalena Hart­ mann aus Pirmasens. Sie waren kurz vor dem deutsch-französischen Krieg, im Jahre 1870, in die USA ausgewandert und erhoff­ ten sich dort bessere Existenzbedingungen. Sie besuchten viele große Städte, fanden aber das Gesuchte nicht und kehrten nach einigen Jahren wieder in die angestammte Heimat zurück. Zunächst ließen sie sich in Mainz nieder, kurze Zeit später ging es dann wieder nach Darmstadt. Der junge Latz besuchte die Schulen in Mainz und Darmstadt und studierte später in Basel und Heidelberg. Er war ab 1897 sechs Jahre lang im Dienst des Evangeli­ schen Vereins für Innere Mission in Frank­ furt am Main tätig. Es waren sehr gewinn­ reiche Jahre für ihn. Er lernte u. a. auch Friedrich Naumann und dessen Mitarbeiter kennen, den späteren Bundespräsidenten T heodor Heuss. Beeinflußt in jener Zeit wurde er von Hofprediger Stöcker, der oft nach Frankfurt kam. Bevor er 1905 unter die badischen Pfarrkandidaten aufgenommen wurde, vermählte er sich in Darmstadt mit Margarete Stritzinger, Tochter des Möbel­ händlers Jean Stritzinger und der Katharina Engesser. Drei Kinder wurden ihnen im Laufe der Jahre geschenkt: lrene, Walter und Waldemar. Von 1905 bis 1908 war er Stadt­ vikar in Homberg. Diese drei Jahre unter Pfarrer Dr. Lehmann gehörten zu den schönsten seines Lebens. Inzwischen war die von ihm gewünschte Pfarrstelle in Mönch­ weiler frei geworden, der er zunächst als Pfarrverwalter vorstand. Kurze Zeit später ijarrer Heinrich Karl Wilhelm Lotz folgte die Wahl zum Pfarrer durch den Kir­ chengemeinderat. Von 1908 bis 1946, also fast 40 Jahre lang, diente er seiner Gemein­ de als Seelsorger. Auch nach seiner Zurruhe­ setzung wohnte er noch 14 Jahre im Ort. Im Jahre 1962 nahm er infolge seines schlechten Gesundheitszustandes schweren Herzens Abschied von seiner geliebten Ge­ meinde Mönchweiler, um die letzten Jahre im Hause seiner Tochter Irene und deren Mann in Mannheim zu verbringen. Im Fe­ bruar 1962 durfte der Jubilar im Kreise sei­ ner Großfamilie seinen 90. Geburtstag ver­ bringen. V iele Mönchweiler nahmen immer noch lebhaften Anteil daran, konnten sie die guten Jahre ihres langjährigen Pfarrers doch nie vergessen. Am 24. Juli 1962 ver­ starb er hochbetagt und wurde neben seiner 219

Pfarrer Heinrich Karl Wtlhelm Lotz Ehefrau, die ihm 20 Jahre vorher in den Tod vorausgegangen war, auf dem Bergfriedhof von Heidelberg feierlich zu Grabe getragen. Pfarrer Lotz war ein weltoffener Mann, der in seinen Predigten nicht nur biblische Ge­ schichten vorlas, sondern auch zum Weltge­ schehen Stellung bezog. So erfuhren die Mönchweiler Kirchenbesucher von der Kan­ zel herunter z.B. vom erfolgreichen Flug dreier Piloten nach Amerika. Einer der Pilo­ ten war Kapitän König aus Frankreich, der „unter schrecklichen Magenschmerzen den Flug durchhielt.“ So etwas interessierte die Leute, gab es doch damals kaum Radio oder eine Tageszeitung im Ort. In der Schule, wo er Religionsunterricht abhielt, war er ein gar strenger Mann, der auch den Rohrstock be­ nutzte, wenn die Dorfjugend im Unterricht unaufmerksam war. Ihn ärgerte vor allem auch, wenn die jungen Buben während des Unterrichts „das Lachen nicht verheben konnten.“ Die Kirche hatte um die Jahrhundertwen­ de einen größeren Einfluß als heute. So hieß es für die damaligen Konfümanden nach der Konfirmation nicht „Ade Kirche!“, son­ dern es mußte 4 weitere Jahre lang die Chri­ stenlehre bzw. die Sonntagsschule von 13 bis 14 Uhr besucht werden. Nach dieser Zeit erfolgte eine offizielle Entlassung durch den Pfarrer mit Überreichung eines Besuchs­ scheines über diese 4 Jahre. Dabei wurde auch immer eine Anwesenheitsliste geführt über den morgendlichen Kirchenbesuch, bzw. den nachmittäglichen Sonntagsschul­ besuch. Eines von beiden war Pflicht, um den begehrten Entlassungsschein zu be­ kommen. Bekannt ist auch, daß am Anfang der Tätigkeit von Pfarrer Lotz, nachdem im übrigen heute einer der Mönchweiler Straßen im Neubaugebiet benannt ist, vor seinen Predigten oft so aufgeregt war, daß es ihm auf der Kanzel übel wurde und Lehrer Schneider, der die Orgel spielte, auch noch die Predigt übernehmen und den Gottes­ dienst zu Ende führen mußte. Später legte 220 sich diese menschliche Schwäche des Pfar­ rers und seine Predigten wurden so gut, daß die Kirche sich über Besuchermangel nicht zu beklagen hatte. Viele der älteren Mitbürger erinnern sich auch gerne an die Zeit dieses langjährigen Pfarrers, durch den viele Generationen, sei es im Konfirmandenunterricht, dem Schul­ unterricht, bei Tauf-und Ehegesprächen, bei Beerdigungen und Hochzeiten, geprägt wur­ den. Dieter-Eberhard Maier Wenn i furt bi Wie de Liib vibriert noch em e Dag uf em See as wäre d’Welle no do spür i di Huuch alls wiiter Unsi gspurte Gsichter nebenenander luege vorus ins gliichlig Stuck verwachsene Weg un doch mueß eins im andere si Spiegel si wie det i suscht so dini wiite Ärm vo Auge gegenüber zärtlich spüre durch un durch Kei Land het Chraft gnueg aß es alli Sinn devo det neh vo dir Johannes Kaiser

Große Gestaltungskraft und intensive Farben Der Vohrenbacher Kreuzweg des Freiburger Kunstmalers Dominik Weber Kirchen und Kapellen In der Vöhrenbacher Pfarrchronik befindet sich unter dem Jahr 1876 aus der Hand von Pfarrer Wilhelm Thum­ mel (Pfarrer dort 1872-1886) folgen­ der Eintrag: ,,Am Montag, den 12.Ju­ ni, wurden die neuen Stationsbilder, welche ich aus milden Beiträgen für 600 fl. = 1000 M durch Hr. Maler We­ ber in Freiburg malen ließ, in der Pfarrkirche aufgehängt. Am Sonntag, 25. Juni, wurden sie von mir nach ge­ haltenem Gottesdienst benediziert (geweiht).“ Es handelt sich dabei um den Kreuzweg, der bis zum Abbruch der alten Kirche im Jahre 1953 darin ver­ blieb. In der anschließend neu errich­ teten Pfarrkirche wurde er erst wieder im März 1992 angebracht, nachdem er fast 40 Jahre auf dem Pfarrhaus­ speicher verwahrt worden war. In der Chronik wird der Preis mit 600 Florentiner Gulden (fl) angege­ ben, der ehemaligen badischen W äh­ rung, die am 1.1.1875, also fast vier Jahre nach Gründung des Wilhelmi- Dominik .l’t’eber, Selbstbildnis (Augustinermuseum). nischen Kaiserreiches, durch die Mark abgelöst wurde; deshalb ist der Preis auch in Mark angegeben: 1 Gulden (fl) entsprach 1,71 Mark. Die 1000 Mark von damals wären heute ungefähr 25 000 Mark. Bei dem genannten Freiburger Maler D. Weber, des­ sen Signatur unten auf der 14. Station des Kreuzwegs zweifelsfrei zu erkennen ist, han­ delt es sich um Dominik Weber. Von ihm stammt bereits aus dem Jahr 1858 das Sie­ ben-Jungfrauen-Bild im Vöhrenbacher Bru­ derkirchle. Im Almanach 1984 (S. 131) wur­ de es zwar „wahrscheinlich dem Hüfinger Maler JosefHeinemann“ zugeschrieben. Es trägt jedoch, wenn auch schwer erkennbar, die Signatur Dominik Webers, der es für 33 Kunstmaler Dominik Weber selbst ent­ stammt einer kunstsinnigen Familie. Sein Großvater Johann, dessen Ehefrau Maria Käfer aus Aufen kam, war Bauleiter und Unternehmer in Bräunlingen. Als er 1805 in Gremmelsbach zur Zufriedenheit aller die Kirche errichtet hatte, wurde der letzte Abt von St. Peter, Ignaz Speckle, auf ihn auf­ merksam. Er berief ihn im April 1806 als f1 gemalt hatte. Weber verdankt seine Bezie­ hung zu Vöhrenbach wohl der Tatsache, daß der Vater seiner Frau Sofie Winterhalder, mit der er am Stephanstag 1850 in der Frei­ burger St-Martins-Kirche die Ehe schloß, aus Vöhrenbach stammte. 221

Klosterbaumeister nach St. Peter. Schon acht Monate später wurde das Kloster durch die Säkularisation aufgehoben; Johann Weber trat nun in badische Dienste. Der Vater Dominiks, Mat­ thias Weber, war Steinbild­ hauer, vor allem aber Bau­ meister; von 1842 bis 1848 war er zudem Bürgermeister von St. Peter. Dominik Weber wurde am 27.Juli 1819 in St. Peter als Sohn dieses Matthias Weber und dessen Gattin Magdalena geb. Braun geboren. Seine künstlerische Tätigkeit beginnt Dominik mit der Schildmalerei. In Freiburg wird er Schüler des aus Eisenbach stammenden Ma­ lers Dionysius Ganter. 1845 zieht es ihn nach München, wo er wohl durch die dorti­ ge Akademie mit den „Nazarenern“ in Berührung kommt. Die Nazarener, zu­ nächst wegen ihrer Kleidung so genannt, wurden 1810 in Rom von Johann Friedrich Overbeck (1789-1869) als Künstlergemein­ schaft gegründet. Sie hatten als Vorbilder Maler wie Fra Angelico, Dürer und Rapha­ el. Ihre Malerei war gekennzeichnet durch Innigkeit, Gemütstiefe und Nähe zum christlichen Glauben. Auch der Einfluß der Romantik ist unübersehbar: Ein idealisie­ render Naturalismus prägt den Malstil. Die­ se Einflüsse bleiben für das gesamte Werk Dominik Webers maßgebend. Als er 1847 in Freiburg seinen Wohnsitz Bildtexte zu Abbildungen links: Oben links: I. Station:Jesus wird zum Tode verur­ teilt. Oben rechts: VIII. Station:Jesus begegnet den wei­ nenden Frauen. Unten links: IX. Station: Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz. Unten links XIII. Station: Jesus wird vom Kreuz abgenommen. Webtr · Kreuzweg Das Wappen mit Weberschiffchen und Farbpalette zierte den Platz Dominik Webers in der Freibur­ ger Ponte-Molle-Künstlergesell­ schafi. mischen Künstlerviertels, nimmt, gründet dort der Ma­ ler Wilhelm Dürr (1815 – 1890), ein gebürtiger Villin­ ger, die Ponte-Molle-Gesell­ schaft. Sie hat ihren Namen von jener Tiberbrücke des rö­ in dem die deutschen Künstler zu Hau- se waren. Der Freiburger Künstlergruppe schlossen sich Maler, Bildhauer und Archi­ tekten an, die sich auch gesellschaftlich in ei­ ner Art Zunftstube trafen. Dominik Weber trat von Anfang an dieser Künstlergemein­ schaft bei; das Wappen mit dem „Weber“­ Schiffchen an seinem Stammplatz ist wohl von ihm selbst gemalt. Der Künstler schuf eine breite Palette von Bildern: die soge­ nannten Genre-Bilder, also Landschafts­ und Familien-Idyllen aus dem täglichen Le­ ben, Portraits und religiöse Motive, darun­ ter viele Altarblätter. Bilder des Malers besitzt u. a. das Freibur­ ger Augustinermuseum. Mit diesen Werken war er vertreten bei der Sonderausstellung ,,Schwarzwaldmaler des 19 . Jahrhunderts“ (1957) und bei der berühmten Stauferaus­ stellung in Stuttgart 1977. Zu den Werken Dominik Webers gehören Kreuzwegbilder. Sogenannte Kreuzwege waren entstanden, als es üblich wurde, in Jerusalem gläubig den Leidensweg Jesu nachzugehen. Dabei hielt man des öfteren inne, um ganz bestimmter Ereignisse seines Kreuzweges zu gedenken. Die meisten Wegstationen sind biblisch be­ gründet, doch einige, wie die „drei Fälle“ oder die Darreichung des Schweißtuches durch Veronika, sind legendäre Ergänzung. Vor allem die Franziskaner, die in Jerusalem hohes Ansehen genossen, wollten den vie­ len Gläubigen, die nie nach Jerusalem kom­ men konnten, auch in deren Heimat eine 223

solche „geistliche“ Wallfahrt ermöglichen. So entstanden die Kreuzwege, teils im Frei­ en, teils in Kirchen. Die Anzahl der Statio­ nen schwankte. Waren es zuerst nur derer sieben, so sind um 1590 bereits zwölf und seit 1704 fast überall vierzehn Stationen nachweisbar. Im Freien wurden diese vierzehn Kreuz­ wegstationen meist in Form von Bild­ stöcken gestaltet. Die meisten führten zu Wallfahrtsorten, so z. B. rings um unseren Landkreis zum Dreifaltigkeitsberg, zum Hömleberg, auf den Lindenberg, von St. Märgen zur Ohmenkapelle und von Löffm­ gen zum Schneekreuz. In unserem Land­ kreis Schwarzwald-Baar ist dem Verfasser nur der Mitte der 50er Jahre errichtete Kreuzweg im Gütenbacher Pfarrdobel be­ kannt; früher führte auch ein inzwischen verschwundener Kreuzweg zum Vöhrenba­ cher Bruderkirchle. Innerhalb des Gottes­ hauses gehört ein Kreuzweg heutzutage ge­ radezu zur Grundausstattung einer katholi­ schen Kirche. Dominik Weber schuf seinerseits allein für den Schwarzwald eine ganze Reihe solcher Kreuzwege: 1851 für die eben fertiggestellte Kirche im benachbarten Rohrbach, 1867 für den Lindenberg, 1871 für Rickenbach und 1873 für Göhrwihl, beide im Hotzenwald. Für Vöhrenbach schließlich malte Domi­ nik Weber im Alter von 47 Jahren die vier­ zehn großformatigen Bilder in Öl auf Lein­ wand im Format 102 x 73 cm. Die Bilder sind gefaßt von breiten, profilierten Rah­ men aus Tannenholz; die Stationszahl wird jeweils oben in der Mitte in römischen Zah­ len auf einem von Voluten gehaltenen Tä­ felchen genannt. Die teils leuchtenden, teils in Pastell gehaltenen Farben sind bis heute sehr gut erhalten. Welche Qialität hat dieser Kreuzweg? Sie liegt nicht in der Originalität. Denn im 19. Jahrhundert war durch zahlreich verbreitete Holzschnitte zur Bibel, z.B. von Julius Schnorr-von-Carolsfeld, die Vorstellung, was auf jedem StationsbiJd zu sein hat, fast Weber· Kreuzweg genormt, zumindest typisiert. So hält sich auch Dominik Webers Malerkollege und Hofmaler Wilhelm Dürr in seinem Kreuz­ weg für die Freiburger Konviktskirche (heu­ te in Günterstal) getreulich an diese Vorga­ ben. Die große künstlerische Leistung beim Vöhrenbacher Kreuzweg liegt in der Gestal­ tungskraft des Malers: Dramatisch sind die Personengruppen aufeinander bezogen, überzeugend sind die lebendigen Gesichter, die den erfahrenen Portraitisten verraten. Spätromantik leuchtet auf in den Land­ schaften, im Wechsel von Licht und Dunkel des Bildhintergrunds. Die Liebe zum Detail ist eingebunden ins Gesamtbild. Man spürt die innere Nähe des Malers zum Drama der Passion. Ein Vergleich mit dem 25 Jahre zu­ vor gemalten Kreuzweg im nahen Rohrbach zeigt die Steigerung seiner Meisterschaft. Er hat hier ein bleibendes Kunstwerk geschaf­ fen. Wie konnte es indessen dazu kommen, daß dieser Kreuzweg nach dem Neubau der Vöhrenbacher Pfarrkirche 1954 dort keinen Platz mehr fand, sondern vier Jahrzehnte lang verborgen auf dem Pfarrhausspeicher schlummerte? Es waren die Nachahmer der Nazarener um die Jahrhundertwende, die weder schöp­ ferische Kraft noch Größe besaßen. So de­ generierte dieser Kunststil zum süßlichen Kitsch und kam deshalb bei den Kunstsach­ verständigen in Verruf. Es brauchte ein hal­ bes Jahrhundert, ehe die klassische Stilepo­ che der Nazarener wieder ohne Vorein­ genommenheit und mit neuen Augen Signatur Webers im Bild der XIV. Station. 225

Weber· Kreuzweg betrachtet und beurteilt wurde. Das ist inzwischen geschehen. So war es nur folgerichtig, diesem Kunst­ werk im Jahr 1992 wieder den ihm gebührenden Platz zu geben. Seither sind die vierzehn Original­ bilder in der zwar beeng­ ten, aber intimen Kreuzka­ pelle der Vöhrenbacher Pfarrkirche St. Martin allen zugänglich. Sie werden von jung und alt beachtet und geschätzt. Dominik Weber ist am 7. September 1887 in Frei­ burg 67jährig verstorben. Er hat ein großes Werk hinterlassen, wenn auch davon im Unverständnis der Zeit manches ver­ schwunden ist. Das Bild im Bruderkirchle und der Vöhrenbacher Kreuzweg sind Zeugen seines Kön­ nens. Aus einer ganzen Reihe positiver Beurteilun­ gen seines Werkes durch anerkannte heutige Kunst­ kenner sei der für die re­ gionale Kunst besonders kompetente Professor Her­ mann Brommer zitiert: „Dominik Weber war ein für das 19. Jahrhundert typischer, sehr begabter Mann, ein anerkannter Künstler, den ich sehr schätze.“ Es ist gut, dessen Ver­ mächtnis in Ehren zu hal­ ten. 226 Bernhard Adler „Die sieben Jungfrauen auf dem Scheiterhaufen.“ Ein Gemälde Dominik Webers in Anknüpfung an die Vöhrenbacher Bruderkirchle- Sage. Es schmückt den linken Seitenaltar des Bruderkirchles.

Wegkreuze, Kleindenkmäler und Brunnen Eine schreckliche Mordtat vor 1 SO Jahren Ein Gedenkstein erinnert an den gewaltsamen Tod des Fürstenbergischen Hof- und Kabinettsrats Carl Hubert Dilger 14. Kapitel/Almanach 98 Auf der Gemarkung des Donaueschinger Ortsteils Grüningen, im Grenzbereich der Gewanne „Schwarze’s Wald“ und „Kronen­ wirts Wald“, befindet sich ein Gedenkstein, der an den gewaltsamen Tod des Fürstlich Fürstenbergischen Hof- und Kabinettsrats Carl Hubert Dilger vor etwas mehr als 150 Jahren erinnert. Weitgehend in Vergessen­ heit geraten steht der Stein im Waldesdun­ kel. Zu finden ist er, wenn man auf dem von Grüningen über das Reuthefeld nach Wol­ terdingen führenden Weg kurz nach Errei­ chen des Waldrandes einem teilweise zuge­ wachsenen Pfad in südlicher Richtung folgt. Nach etwa einhundert Metern, wenn der Wald sich lichtet, markiert der Stein die Stel­ le, an der sich „ein furchtbares und in unse­ rer Gegend bis jetzt unerhörtes Verbrechen“ (Donaueschinger Wochenblatt, Nr. 34, vom 28. April 1846) ereignet hat. Was war geschehen? Am späten Nachmit­ tag des 19. April 1846, einem Sonntag, brach der Fürstlich Fürstenbergische Hof­ und Kabinettsrat Carl Hubert Dilger mit ei­ nem Jagdgehilfen zur Inspektion eines fürst­ lichen Jagdbezirks auf. Auf getrennten We­ gen gehend, wollte man an einem verabre­ deten Ort wieder zusammentreffen. Die hereinbrechende Nacht war regnerisch und finster, lange wartete der Jagdgehilfe ver­ geblich am Treffpunkt, schließlich ging er nach Hause, um Erkundigungen einzuzie­ hen. Nirgendwo jedoch war Carl Hubert Dilger gesehen worden, die Besorgnis wuchs, schließlich wurde mit großer Mann­ schaft, sogar unter persönlicher Leitung von Fürst Karl Egon II. und der Prinzen, das be­ treffende Waldgebiet durchkämmt, keine Spur aber von dem Vermißten. Eine hohe Belohnung wurde für sein Auffinden ausge­ setzt, und tatsächlich, bereits früh am näch­ sten Morgen, konnte sich ein armer Mann namens Hinterskireh, der eine Abkürzung durch den Wald genommen hatte, diese Prä­ mie verdienen, allerdings um den Preis eines schrecklichen Anblicks. Dilger lag, den Kopf in eine Wagenspur gedrückt, tot am Boden, ein nach oben gerichteter Schuß aus näch­ ster Nähe in den Unterkiefer hatte Hals und den unteren Kopfteil zerschmettert. Speku­ lationen wurden laut, es könne sich um Selbsttötung handeln oder ein Mord aus Rache vorliegen, da Dilger als strenger, will­ kürlicher und zuweilen hochfahrender Mann, insbesondere in Angelegenheiten der Jagd und des Forstes galt, und er auch nicht beraubt worden war. Doch neben ihm wurde seine geladene Doppelflinte gefun­ den, zudem meldete sich ein Geistlicher als Zeuge, der zur fraglichen Zeit, etwa gegen 18 Uhr, nicht weit vom Ort des Geschehens vorüberging und deutlich die Worte „Leg‘ das Gewehr nieder und mach dich nicht un­ glücklich“ hörte. Ein Wilderer als Täter? Soweit läßt sich in etwa das Geschehen aus Berichten im oben zitier.ten „Donaueschin­ ger Wochenblatt“ und in einem Artikel der Mannheiner Abendzeitung, Nr. 111, vom Samstag, den 25. April, S. 443, rekonstru­ ieren, wobei in letzterem Beitrag auch Bezug auf eine ähnlich lautende Darstellung in ei­ ner nicht näher gekennzeichneten Ausgabe der „Karlsruher Zeitung“ genommen und eine längere Passage einer ebenfalls nicht weiter gekennzeichneten Ausgabe des 227

Wegkreuze, Kleindenlcmälcr und Brunnen Gedenkstein für den Fürstlich Fürstenbergischen Hof und Kabinettsrat Carl Hubert Dilger, der vor rund 150 Jahren im Donaueschinger Wald von einem Unbekannten ermordet wurde. große Strenge bei der Verfolgung von Jagd­ freveln „feindselige Stimmung“ und „gehäs­ sige Darstellungen“ zu verbreiten, während sich doch der Getötete bei allen, die ihn richtig kannten, einer „aufrichtigen Hoch­ schätzung“ erfreute und „das Vertrauen ei­ nes der edelsten Fürsten“ genoß. Die Re­ daktion weist in einer kurzen Stellungnah­ me diese Vorwürfe „aus offiziöser, beson­ ders beauftragter Hand“ zurück, für die Aufrichtigkeit ihres Korrespondenten ,,bürgt uns auch dessen bekannte Persön­ lichkeit“. In der Tat bleiben einige Fragen um Carl Hubert Dilger und seinen gewaltsamen Tod offen. Aus der sich im Fürstlich Fürstenber­ gischen Archiv befindlichen Personalakte „Di No. 18″ geht hervor, daß der aus einer Viele Fragen bleiben offen ,,Schwäbischen Merkur“ zu den Vorkomm­ nissen verwendet wird. Die Mordtat eines Wilderers, so stand zu vermuten, denn das Wildererunwesen stand in diesen harten Jahren hoch im Sehwange, strenge Handha­ bung der Jagdrechtsbeschränkungen hatte schon vielerorts zu solchen Morden aus Ver­ zweiflung geführt. So konzentrierten sich auch bald alle Nachforschungen auf die des Wildems verdächtigen Personen, einige Ver­ haftungen wurden vorgenommen, intensive Verhöre durchgeführt. Alle Bemühungen um eine Aufklärung blieben aber vergeb­ lich. Noch einmal findet sich eine Spur des Ver­ brechens in der Ausgabe Nr. 119 der „Mann­ heimer Abendzeitung“ von Sonntag, dem 3. Mai 1846. Darin wird der für den ersten Be­ richt verantwortliche Donaueschinger Kor­ respondent verdächtigt, durch die Erwägung eines Selbstmordes und Hinweise auf über- 228

seit langem im Dienste des Fürstenhauses stehenden Familie stammende Rechtsprak­ tikant Dilger nach einem philosophischen und juristischen Studium in Freiburg und Heidelberg 1828 als Aktuar beim Großher­ zoglich Badischen Bezirksamt Hüfingen an­ gestellt wurde und sich 1831 um den Eintritt in den Fürstenbergischen Dienst bemühte. Im Dezember dieses Jahres unterschreibt Karl Egon II. die Resolution, mit der Dilger widerruflich zum Gehilfen beim Kabinetts­ sekretariat ernannt wird. Er scheint tatsäch­ lich die Gunst des Fürsten in besonderer Weise genossen zu haben, denn bereits 1833 wird er zum wirklichen Kabinettssekretär be­ rufen, 1839 zum Kabinettsrat im Rang eines Domänenrats und 1843 zum Hofrat. In die­ sem Jahr beantragt er auch den Heiratskon­ sens für seine Verbindung mit Amalie Frei­ in von Verschuer, Tochter des späteren Hof­ marschalls Ernst von Verschuer, die eben­ falls von Fürst Karl Egon II. genehmigt wird. Viele Berichte, Gesuche und Aufstellungen sind in der äußerst umfangreichen Personal­ akte enthalten, nicht jedoch das Perso­ nalblatt mit den persönlichen Daten. Zu sei­ nem Tod findet sich gar nur die lapidare Notiz: „Ermordet am 19. IM (laufender Monat 1846), hinterläßt Witwe und 2 Kin­ der.“ Danach folgen zahlreiche Schrift­ stücke, die sich auf die Berechnung, Aus­ zahlung und Erhöhung der Witwenpension beziehen. Auch hier aber ist das Ende ab­ rupt: Die Akte endet mit dem Vermerk, daß im Jahre 1848, also nur zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes, auch die Witwe verstirbt. Das Schicksal der Kinder ist unbekannt. Aufgeklärt werden konnte die Tat nicht, war es ein Mord, so blieb er ungesühnt. Al­ le verdächtigen und festgenommenen Per­ sonen mußten freigelassen werden, da kein Geständnis zu erlangen war und Beweise, die für eine Verurteilung ausgereicht hätten, nicht beigebracht werden konnten. In über­ lieferten Erzählungen wurde vermutet, daß der Täter möglicherweise tatsächlich ein Wilderer aus einer umliegenden Gemeinde Schreckliche Mordtat vor ISO Jahren gewesen, nach dem Verbrechen in die Schweiz geflüchtet und dann nach Amerika ausgewandert sei. Im Jahre 1983 erfuhr der Bürgermeister Burr von Königsbronn, der im Museum sei­ ner Stadt eine Wildschützenausstellung mit Fotos von Gedenksteinen in Wildererzu­ sammenhang eingerichtet hatte, von dem Grüninger Gedenkstein und bat die Stadt Donaueschingen um nähere Auskünfte. Der fürstenbergische Archivar Georg Goerlipp, dem ich auch für die Unterstützung bei die­ sem Beitrag danken möchte, stellt bereits damals in seiner Antwort fest, daß „merk­ würdigerweise kein ausführlicher Bericht über die Ermordung in der Personalakte vor­ handen“ sei. Grüningens Ortsvorsteher Her­ mann Winterhalter konnte das fehlende Da­ tum auf dem Gedenkstein mit einem Ein­ schuß aus dem II. Weltkrieg erklären. Aus der mündlichen Überlieferung älterer Ein­ wohner war ihm bekannt, daß der zur Tat­ zeit vorübergehende Geistliche der Pfarrer von Wolterdingen gewesen sei, der die Wor­ te „Bub‘ wehr‘ dich“ gehört habe, bevor ein Schuß fiel. Er habe daraufhin sofort einige Männer in Grüningen verständigt, die Carl Hubert Dilger an der Stätte des jetzigen Ge­ denkstein erschossen aufgefunden hätten. Trotz des großen Aufsehens, das der Vorfall erregt hätte und der umfangreichen Unter­ suchungen habe der Schütze aber nicht fest­ gestellt werden können. Der Tat verdächtig sei ein junger Mann aus einer umliegenden Gemeinde gewesen, der aber trotz langer und intensiver Verhöre die Tat nicht gestan­ den hätte. Weitere �eilen, die noch Licht in die Vor­ kommnisse bringen könnten, sind nicht be­ kannt. So wird über den gewaltsamen Tod Carl Hubert Dilgers wohl für immer der Schleier eines Geheimnisses gebreitet blei­ ben. Dr. H.- G. Butler 229

Wegkreuze, Kleindenkmäler und Brunnen Ein religiöser Brunnen ohne Namen Die Schöpfung des Steinhauers Frank Schröder steht in Tuningen Normalerweise haben sie einen Namen: Marktbrunnen, Georgsbrunnen, Narro­ brunnen, Radmacherbrunnen etc. Doch in Tuningen in der Bergstraße vor dem Haus Nr. 16 steht ein Brunnen, der noch auf ei­ nen Namen wartet. Steinmetz und Bildhau­ er Frank Schröder hat ihn aus Sandstein aus dem Steinbruch in Lahr gearbeitet. Der Brunnen ist sein Meisterstück, d. h. er gehört als sogenannte praktische Übung zur Erlan­ gung des Meisters im Steinmetzhandwerk. Eine nicht alltägliche Wahl, ist doch die An­ fertigung eines Grabsteines wesentlich be­ liebter und erfordert von der Prüfungskom­ mission keine inhaltlichen Überlegungen. Der Bildhauer schuf diesen Brunnen allein aus seinen Vorstellungen heraus, da er nicht speziell – wie vielfach üblich – für einen be­ stimmten Platz gefertigt wurde, mußte er keine anderen gestalterischen Ge­ sichtspunkte beachten. Er war frei in der Wahl der Größe, des Mo­ tivs und des Materials. Brunnen gab es bis ins 19. Jahr­ hundert in den Städten und Ge­ meinden in großer Zahl, denn sie sicherten die Wasserversorgung. Mit dem Aufbau der heute bekannten Trinkwasserver­ sorgung verloren sie ihre einstige Bedeutung und nur die reichhaltig gestalteten blieben erhalten. Brunnen, ausgestat­ tet mit fließendem Wasser, um so ei­ nen handelt es sich auch bei dem Tunin­ ger Brunnen, sind seit altersher Bilder der körperlichen und geistigen Stärkung und 230 Reinigung, dies trifft auf die Antike ebenso wie auf das Christentum (Moses schlägt Wasser aus einem Felsen) und den Islam (Kaaba zu Mekka) zu. In den fernöstlichen Religionen kommt dem Wasser ebenso eine Reinigungsfunktion zu. Man denke an das Bad im Ganges, das auch für die Wiederge­ burt reinigen soll. Der Brunnen ist in allen entwickelten Stadtkulturen künstlerisch ausgestaltet wor­ den. Im Atrium frühchristlicher und mittel­ alterlicher Kirchen gab es auch einen Brun­ nen, der zu liturgischen Zwecken (in der Nähe: Kloster Maulbronn) genutzt wurde, oft floß das Wasser aus einem Lamm (Chri­ stus). Aber auch im Märchen und im Volksglau­ ben besitzt der Brunnen eine Bedeutung. Früher erzählte man den kleinen Kin- dern, daß ihre Geschwisterchen aus einem Brunnen kämen, aus denen der Storch sie ans Licht der Welt ziehen würde. Der Brunnen wird hier mit weiblich-mütterlichen Qyalitäten ausgestattet. Das im Brunnen fließende Wasser ist in gleicher Weise mit vielerlei Symbolik verbunden. Es wird meist als weibliches Ele­ ment aufgefaßt, in der in­ dischen Überlieferung trägt es das Weltenei, die Urzelle, im Alten Testament schwebte der Geist Gottes über den Wassern (1 Mos. 1,2), im Pa­ radies strömt aus der} Brunnen das Lebenswasser. Dies zeigt sich auch in der Taufe, die für Paulus so-

Tuninger Brunnen wohl ein Begrabenwerden als auch eine Auferstehung bein­ haltet. Jesus antwortet einer Sa­ mariterin: ,Jeden, der von die­ sem Wasser trinkt, wird aber­ mals dürsten; wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, den wird nicht mehr dür­ sten in Ewigkeit; sondern das Wasser, das ich ihm gebe, wird zu einem Qiell von Wasser, das aufsprudelt zu ewigem Leben Ooh 4, 13-14).“ Brunnen sind auch Orte des Volksglaubens, um nicht zu sa­ gen des Aberglaubens, z. B. soll es Glück bringen, wenn man in Rom in den Fontana di Trevi Münzen wirft. An diese symbolische Tradi­ tion knüpft der Brunnen in Tu­ ningen nicht an, er soll vielmehr den Betrachter zur Auseinan­ dersetzung mit seinem religiös geprägten Programm anregen. Er besteht aus drei Teilen, der oberen zweiteiligen Kugel, dem Brunnenstock mit vier Köpfen Ein Bnmnen ohne Namen, Meisterstück des Tuninger Steinhauers Zeichnung: Helmut Groß der Evangelisten und dem zwei- Frank Schröder. stufigen Becken. Hier werden die über die Jahrhunderte entstandenen Stil­ elemente vermischt. Das runde Becken gab es schon in der Antike; seit der Gotik rück­ te der Brunnenstock in die Mitte des Brun­ nens, oft mit einer Figur gekrönt. Die All­ seitigkeit der Säule vermehrte die Zahl der Ausflüsse. Bei diesem Brunnen sind es vier entsprechend der Zahl der Evangelisten. damit das Wasser nicht über die Oberfläche fließt, sondern erkennbar aus ihrem Innern kommt, wie die Lava eines Vulkans. Viel­ leicht auch religiös zu sehen, so wie das Le­ ben auf Erden ihren Ursprung bei Gott hat. Nur warum ist die Kugel nicht dreiteilig, als Anklang an die göttliche Dreifaltigkeit? Brunnen aus dem 18. Jahrhundert sind oft von einer ungeteilten Kugel gekrönt. Bei einer Kugeldarstellung im oberen Teil denkt der Betrachter unwillkürlich an die Weltkugel, nicht so der Bildhauer, denn für ihn verkörpert sie das Göttliche, das immer da ist und keinen Anfang und kein Ende kennt. Der Bildhauer will den Betrachter herausfordern, seine Neugier wecken, seine Phantasie anregen und nachdenklich stim­ men. Die Kugel wurde horizontal geteilt, Die Kugel bildet den Endpunkt des Brun­ nenstocks, in dessen Mitte befinden sich vier kleine Auffangbecken, die modellierten Symbole der vier Evangelisten. Dort sam­ melt sich das Wasser, bevor es in das zwei­ stufige Becken hinabfließt. Die Biographien der vier Evangelisten sind zum Teil Legende, doch versuchte die Kir- 231

Tuninger Brunnen ehe, einen Anschein von Echtheit zu be­ wahren, da sie als Augenzeuge Kunde vom Leben, Wirken und Sterben Christi geben konnten und daher fiir die Verbreitung des Christentums von besonderer Bedeutung waren. Die Evangelistensymbole sind der Apokalypse (Offb. 4) des Johannes ent­ nommen, die endgültige Festlegung geht auf Hieronymus – einem Kirchenvater des 4. Jahrhunderts – zurück: Matthäus als En­ gel wie hier manchmal auch als Mensch, Markus als Löwe, Lukas als Stier und Jo­ hannes als Adler. Alle vier zusammen wur­ den so zum Symbol Christi, der in seiner Person die Einheit der vier Evangelien ver­ körpert. So ist der Engel (Mensch) Abbild der Menschwerdung Christi, der Stier be­ deutet den Opfertod, der Löwe die Aufer­ stehung Christi und der Adler seine Him­ melfahrt. Die älteste Darstellung der vier ist vermut­ lich das Fresko in der Markus-und-Marcel­ linus- Katakombe in Rom aus dem 4. Jahr­ hundert. Ihre Anordnung am Brunnen läßt den Betrachter an die vier Paradiesflüsse (Offb. 14 u. 22,1) denken, die vom Kreuz als dem Baum des Lebens ausgehen, denn der Brunnenaufbau läßt durchaus an eine Kreuzform als Lebensbaum denken. Auf mittelalterlichen Christusdarstellungen ge­ hören die Evangelisten zur nächsten Umge­ bung Christi, denn sie künden ja von seiner Herrlichkeit und Wirkungsweise. So könnte die zweigeteilte Kugel fur Gottvater und den heiligen Geist, die vier Evangelistensymbo­ le fur Gottsohn stehen. Besonders an Kan­ zeln des Barocks wurden die Symbole oft als Stellvertreter fur Gottes Wort auf Erden an­ gebracht. Der Brunnenstock mit den Evangelisten­ symbolen steigt aus dem zweistufigen Becken hervor. Das zweistufige Becken hat im oberen Teil die Form eines Qiadrats, dort vereinigen sich die Wasser wieder als symbolisierte Botschaft Gottes. Das Qia­ drat steht hier fur die meßbare, erfaßbare und rationale Welt. In dieser Welt will Gott durch sein Wort wirken, und wenn der Mensch sich darauf einläßt, dann kann er dieses erkennen und erfahren. Aber nicht al­ les Wasser wird in den Becken der Evangeli­ stensymbole zwischengesammelt, einiges fließt direkt von der Kugel am Brunnen­ stock in das Becken, es verdeutlicht das di­ rekte Einwirken Gottes auf die Welt. Das quadratische Becken hat zwei Über­ läufe, von dort fließt das Wasser in das größere runde Becken. Damit ist der Kreis­ lauf geschlossen. Der Brunnen erzählt eine alte Geschichte, die aber immer noch aktu­ ell ist, denn die Frage nach Gott hat jede Ge­ neration wieder gestellt. Ingeborg Kottmann Liebe Lieder Flirt ich will nicht verzichten auf Gespräche, Lächeln, gemeinsames Schweigen und Fingerspitzenzärtlichkeit selten wie Blüten im Schnee. 232 blinzelnd hinter geschliffenen Gläsern verraten deine Augen all das, was Stimme und Hände schon lange gesagt haben versteck dich nicht komm! Christiana Steger

Sagen der Heimat Die Wallfahrt zur ,,Maria in der Tanne“ Selten findet sich ein Buch über Sagen aus dem Schwarzwald und Baden, das die Ge­ schichte der Wallfahrt zu „Maria in der Tan­ ne“ nicht berichten würde. Eine der besten Funds teilen für die ursprüngliche Version ist die „Geschichte der Stadt Triberg“ von Wil­ helm Maier und Karl Lienhard, die der Hei­ mat-und Gewerbeverein im Jahr 1964 her­ ausgegeben hat. Darin schreiben die Chro­ nisten: ,,Die Geschichte der Wallfahrt und insbesondere ihres Ursprungs ist hauptsäch­ lich in den handschriftlichen Aufzeichnun- 15. Kapitel/Almanach 98 gen von Dr. Johann Baptist Degen, Direktor an der Triberger Wallfahrt von 1705 bis 1726, überliefert. Auf diese wichtigste �ei­ le stützen sich die folgenden Darlegungen: Wenn wir heute diese heilige Gnadenstätte betreten, so erinnert sie an längst vergange­ ne Zeiten, als Triberg noch vorderöster­ reichischer Herrschaftssitz war. Die Gegend um die heutige Wallfahrtskirche war durch rauhe Wälder vom Städtchen getrennt, der einzige Fahrweg dorthin zog sich am jensei­ tigen Faulberg entlang nach Schonach. Zur Zeit des Dreißigjähri­ gen Krieges grünte in die­ ser Wildeinsamkeit ein Tannenbaum mit weiten, herabhängenden, zottigen Ästen. Nahe dabei führte vom Städtchen her durch Gestrüpp und Felsblöcke ein Fußweg, an dessen linker Seite ein starker Brunnquell hervorbrach. Dieser Baum und die �eile luden den Vor­ übergehenden zu einer kurzen Rast ein, zumal an der Tanne ein Pergament­ bildchen, die unbefleckte Jungfrau darstellend, ange­ bracht war. Manch armer Wanderer mag davor den Hut gezogen und ein frommes Gebet verrichtet haben. Mit der Zeit weichten Re- 233 Die Wallfahrtskirche „Maria in der Tanne‘: Ölgemälde von Urban Kaltenbach, 50×60 cm, 1985.

.Maria in der Tanne gen und Wind das Bildchen auf, so daß es eines Tages herabfiel. Ein siebenjähriges Kind, Barbara Franz, fand das Bildchen am Boden liegend und hob es auf. Inständig bat sie ihre Mutter, es mit nach Hause nehmen zu dürfen. Voller Freude zeigte Barbara allen Hausgenossen, was sie gefunden hatte, und heftete das Bildchen unter dem Kreuz in der Wohnstube fest. Nach kaum drei Tagen wur­ de allerdings die Freude der kleinen Barba­ ra durch ein schmerzliches Augenleiden ge­ trübt, das sich nach kurzer Zeit so ver­ schlimmerte, daß das Mädchen in Gefahr kam, das Augenlicht völlig zu verlieren. Die Eltern machten Gelübde und opferten Al­ mosen, wenn nur der Herrgott ihrem Kinde wieder gesunde Augen schenkte. Und siehe, die Barbara wurde ruhiger und fiel in einen erquickenden Schlaf, nachdem die Schmer­ zen schon etwas nachgelassen hatten. Als sie erwachte, erzählte sie munter den Eltern von einem wundersamen Traum: ,,Es kam mir vor, als wenn jemand ganz deutlich zu mir spräche. Wirst du das Pergamentbildlein wieder zur Tanne tragen an seinen Ort, so wird die Krankheit völlig von deinen Augen weichen.“ Gleich am nächsten Tag gingen die Eltern vertrauensvoll zur Tanne und setzten das Bildchen wieder an seinen ur­ sprünglichen Ort. Sie knieten andächtig nie­ der, empfahlen sich der Gottesmutter und kehrten getröstet wieder nach Hause zurück. Nach zwei Tagen hörten die Augenschmer­ zen auf, so daß Barbara auch nicht die Spur mehr davon merkte. Dieses Ereignis erregte überall großes Aufsehen, und die Verehrung des Marienbildes nahm allgemein zu. Barbara Franz war geboren am 21. Febru­ ar 1637. Später heiratete sie den Amtsschrei­ ber Johann Ketterer und lebte mit ihm 54 Jahre lang in glücklicher Ehe. 1717 starb sie, ohne daß sie jemals wieder von einem Au­ genübel befallen worden wäre, was eidlich beurkundet wurde. Als Ursprung der Triberger Wallfahrt, die unzählige volkstümliche Darstellungen in Bild und Text hervorbrachte, wird auch 234 noch eine andere Schilderung vermerkt. Die hier wiedergegebene Fassung stammt aus dem „Deutschen Sagenschatz“ von Zaunert: „Während des österreichisch-französischen Krieges kamen drei Tiroler Soldaten hier vorbei und vernahmen einen gar lieblichen Gesang. Sie suchten nach und entdeckten die Bildtanne, von der noch etliche alte Leu­ te wußten, gleichsam wieder neu. Die Wall­ fahrt kam wieder auf und nahm zu; endlich entstand eine Kirche an der Stätte. Die Bildtanne mußte jetzt umgehauen werden, nur der untere Teil des Stammes blieb ste­ hen. Die Äste wurden verbrannt, damit sie nicht abergläubisch mißbraucht werden konnten. Anno 1713, sagt ein Dokument, mußte man das Mirakelbild vor den Franzosen in die Pfarrkirche flüchten. Dabei war es sehr verwunderlich, daß die französischen Räu­ ber, die ringsherum alles ausgeplündert, Herden fortgetrieben, Hirten abgeschossen hatten, sobald sie nur von der Höhe die Wallfahrt erblickten, gleich als von einem Blitz getroffen sich zurückzogen und die Wallfahrt wie Triberg durchaus unversehrt ließen.“ Wia zwei ghirata hen Dr Karli kunnt zua dr Liberata un sait: ,,Du, ich han welle hirata!“ ,,Hä“, sait druff d’Liberata, ,,un ich au!“ Jez goahts e paar Dag, dno hen si enand gnau. Berlin Nitz

Felsenkönigin (Sage vom Triberger Wasserfall) Sagen der Heimat n-o, Es lebte einst ein Jägersmann bei Triberg dort im Wald, ein junger Bursche, sto1z unI …_..lili‘!’illt“ von großer, kräftiger Gestalt. Und irgendwann auf einer Pi die Sonne stand schon tief, -… ��,1,�:-.1 da hörte er im dunklen Wald, daß irgendjemand nach ihm rief: Und vor ihm stand ein wunde geheimnisvoll und magisch war ihr So blaue Augen, abgrundtief up Man nennt sie Gutta, die FelsenMUl Die Schöne hatte sich verirrt, die Nacht rückt schbn ganz nah. Der Jäger nimmt sie in sein Haus, und keiner weiß was dort gesch Am nächsten Morgen führt er si aufs Felsenschloß zurück. Mit stolzem Blick entläßt sie vergebens hofft er auf sein Glü So blaue Augen ….. Der Jäger findet keine Ruh, die Gutta fesselt ihn. Die alte Mutter warpt den Soh Das Weih wird dich ins llnglü Doch er hört nicht, hält an um geheimnisvoll und magisch is So blaue Augen ….. Springe über diese verlangt die Königin. Die Liebe macht den Burse das Weib erstarrt zu Ste.;;;;in … __ _ Ein wilder Bach entspringt daraus, es müssen Guttas Tränen sein. Verse von Dietrich Danksin nach der „Felsenkönigin“ (1996) aus der CD „Wurzeln“ 7.eichnung: Helmut Groß 235

16. Kapitel /Almanach 98 Heiteres aus dem Klosterleben St. Ursula in Villingen Das „Schänzele“ – einst Teil der Stadtmauer Das „Schänzele“ im Bereich des Klosters St. Ursula war Teil der erweiterten Stadtbe­ festigung, wie sie mit Einsatz der Feuerwaf­ fen nach dem 15. Jahrhundert notwendig geworden war. Noch heute ist der „Schänzele“ genannte Bereich der inneren Stadtmauer beim Kloster St. Ursula teilweise überdacht. Da­ mit sind die zur Klosterringschule eilenden Klosterfrauen gegen die Unbilden der Wit­ terung weitgehend gefeit. Vor Zeiten bestand von der Remise im Ka­ nonengässle eine Rampe zum „Schänzele“ über den heutigen „Autohof“ und den Klostergarten. Seit die äußere Stadtmauer im Zuge des Straßenbaues vor der Jahrhun­ dertwende abgetragen wurde, genießen die gärtnerisch talentierten Klosterfrauen auf dem „Schänzele“ ein blumengeschmücktes südliches Ambiente. Bei Regen können sich die Gäste unter die Überdachung des zu ge­ selligen Zwecken arrangierten Verbindungs­ ganges zum „Hock“ zurückziehen. Das im westlichen Innenstadtbereich zu besichtigende Areal des Franziskaner­ klosters vermittelt einen Eindruck, wie es auch beim Schänzele einmal ausgesehen ha­ ben könnte. An die 1709 nach Zerstörung im Spanischen Erbfolgekrieg neu errichtete Klosterschanze wurde 1713 die heute noch zu sehende, südlich des Franziskaners be­ findliche Geschützrampe angebaut. Das Schänzele Ein Juwel historischer Art, vom Kloster liebevoll bewahrt, ist’s „Schänzele“, hoch auf der Mauer, ein Augenschmaus für den Beschauer: Efeuumrankt -der Pflanzen Blüten an Farben nicht zu überbieten – Rosen, Glyzinien, ein ganzes Heer, Clematis, Kakteen, viele mehr, entfalten des Sommers volle Pracht, als Wundermaler meisterhaft! 236

Die Mauer einst die Stadt umgab, damit kein Feind und Potentat Gelüst‘ verspürt‘, sie auszuplündern – mit Gottes Hilf konnt man’s verhindern. ,,Das Schänzele ist der schönste Platz, für den Konvent ein wahrer Schatz,“ laut Superiorin „wie geschaffen für Fülle, die groß‘ Freude machen.“ Heut dient es friedlicheren Zielen, wir nennen nur ein paar von vielen: All die bunten Blumen gießen, .Das Schänzele“ im Freien mal ein Buch genießen, sich still mal ins Gebet versenken – oder träumen – gar nichts denken. Fein bewirten liebe Gäste, feiern froh Geburtstagsfeste, Jubiläen, andre Feten, die sich dann und wann ergeben. Besonders zünftig ist ein „Hock“ beim „Viertele“ und „Doppelbock“ am Sommerabend bis zur Nacht, hei, wie das doch Stimmung macht! Der Münsterpfarrer spielt Gitarre, und auf seiner „Klampfenschnarre“ zupft der gute Pater Fuchs die Saiten routiniert und flugs zu den „Wandervogelweisen“ – E�nerungen an Jugendzeiten! Und gar manche Moritat enthüllt, was man getrieben hat, was „böse Buben“ so an Streichen spielten oft und ohnegleichen. Auf diese Weis‘ hält man in Ehren, was einst erbaut, um sich zu wehren. Ja’s „Schänzele“ bleibt ewig „jung“, drum sei mein Reim auch Huldigung an jene, die dies „Werk“ errichtet, zu ihrem Ruhm sei er gedichtet! Helmut Groß 237

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17. Kapitel/ Alruanach 98 Musik 7 5 Jahre Donaueschinger Musiktage „Neue Musik wäre undenkbar ohne Donaueschingen“ „Donaueschingen wäre auch ohne Musik zu denken, jedenfalls ohne neue, aber die neue Musik wäre undenkbar ohne Donau­ eschingen“ (Max Rieple). Der F. F. Musikdirektor Heinrich Burkard und die Gesellschaft der Musikfreunde ha­ ben am 31. Juli 1921 die ersten „Donau­ eschinger Kammermusikaufführungen zur Förderung zeitgenössischer Tonkunst“ ins Leben gerufen. Drei Jahre nach dem Ersten Weltkrieg sollte die neue Musik einen Absprung von den romantischen Vor­ stellungen der Väter, eigene Vorstellungen über Konsonanz und Dissonanz erbringen können. Ein Arbeitsausschuß, in welchem Richard Strauss den Ehrenvorsitz hatte, sichtete mit Hilfe des Komponisten Haas und des Pianisten Eduard Erdmann die Einsendungen. Darunter war das berühmte „Streichquartett Opus 16“ des 26jährigen Paul Hindemith, das in Donaueschingen zur Uraufführung kam. Beginn des späteren Weltruhms von Hindemith. In den folgen­ den Jahren entwickelten sich die Musiktage mit sensationellen Neuheiten hin zu Arnold Schönberg, der sein Werk „Serenade op. 24“ in der neuen 12-Tontechnik ebenfalls in Do­ naueschingen zur Uraufführung brachte. In den Jahren 1927 bis 1929 gab es eine Un­ terbrechung. Max Riepl.e im Gespräch mit dem tschechischen Komponisten Alois Haba (rechts), aufgenommen bei den Donaueschinger Musiktagen 1960. 239

Musik Musiktage 1961, von links: Pref. Strobel Hans Rosbaud und Oliver Messiaen. Die neuen Formen der Musik, auch des Musiktheaters, wurden in dieser Zeit in Ba­ den-Baden erprobt. 1930 gab es die „Deut­ sche Kammermusik Berlin“, das Songspiel „Mahagonny“ von Bert Brecht und Kurt Weil!. 1933 wurden die Musiktage verfehmt, stattdessen herrschte das „Kraft-durch-Freu­ de-Ideal“ mit Handharmonika, Mandoline, Gitarre, Militärkapellen, die dominierten. 1950 begannen nach verschiedenen Fehl­ versuchen nun die „Donaueschinger Musik­ tage“. In ununterbrochener Reihenfolge bis heute fanden sie alljährlich statt in Zusam­ menarbeit des Fürstenhauses zu Fürsten­ berg, der Gesellschaft der Musikfreunde, der Stadt Donaueschingen und des Südwest­ funks Baden-Baden. Als Namen sind zu nennen: Bela Bart6k, Igor Strawinsky, als Dirigent Hans Rosbaud bis 1962, in der Zeit von 1964 bis 1983 als berühmter Dirigent des Südwestfunks Ernest Bour, dann Mi­ chael Gielen. Die Beschränkung auf Kammermusik wur- 240 de aufgegeben, das Orchester des Südwest­ funks bot vielfache Besetzungsmöglichkei­ ten. Leiter der Abteilung Musik des Süd­ westfunks war Professor Heinrich Strobel, der Südwestfunk wurde zum wahren Mäzen der neuen Musik. Kompositionsaufträge ergingen in den 50er Jahren an Wolfgang Fortner, Boris Bla­ her, Luigi Dellapiccola, später Pierre Boulez mit seiner „Poliphony X“, Karlheinz Stock­ hausen („Spiel für Orchester“), Hans Werner Henze, Luigi Nono. Die Reihe der berühm­ ten Namen, die nun mit Donaueschingen in Verbindung standen, läßt sich fortsetzen. 1956 war das Jahr von John Cage und Igor Strawinsky mit der Ballettmusik „Argon“. In den 60er Jahren kam es zu einer Neube­ wertung der Klangfarbe, eine von Klang­ flächen und Klangbändern charakterisierte Musik (Penderezki, Ligeti, Beriot, Holliger, Kagel). 1970 bis 1975 war Otto Tomek als Nachfolger von Strobel im Amt des Musik­ direktors beim Südwestfunk.

Vokalgruppen, Fernsehkameras, Monito­ re, die Anwendung des Films als Medium, Diapositive wurden notwendig – ein ganzes Kompendium von Artikulationsmöglich­ keiten der menschlichen Stimme. 1970 be­ ginnt auch die Phase der elektronischen Klangtransformation, die Life-Elektronik. Giuseppe Sinopoli, Wolfgang Rihm – junge Leute im Alter zwischen 25 und 35 Jahren starteten wieder in Donaueschingen als Ex­ ponenten der jungen Komponistengenera­ tion von heute. Donaueschingen ist damit das älteste Festi­ val für neue Musik und in Europa das ein­ zige, das stets mit vollen Sälen rechnen kann. Zum Rahmenprogramm gehört seit 1954 regelmäßig der Jazz, lange Jahre mit Joachim Ernst Behrend, und die Hörspiel­ vorführungen „Akkustische Spielformen“, die von einer Jury des Südwestfunks ausge­ zeichnet werden. Donaueschinger Mu iktage Ich kann nun verschiedene persönliche Abenteuer und Erlebnisse aus dem Jahre des Besuchs der Musiktage für zeitgenössische Tonkunst in Donaueschingen berichten, auch von der Organisation: Die Wegzugsdrohung nach Villingen­ Schwenningen, Riedels „Tropfsteinhöhle“, bei der wir Versicherungen für Wasserschä­ den prüften, die Begegnung mit Stockhau­ sen nach dem Beifall für Sinopoli, die An­ fangsschwierigkeiten mit dem neuen Inten­ danten Hilf bzw. mit seiner anfänglichen Einstellung zur Neuen Musik, und die Gründung des musikalischen, sehr ein­ flußreichen Beirats, der „Stop“ von Micha­ el Gielen nach 8 Takten, als im Zwischen­ gang geflüstert wurde, die neue Etappe mit den Problemen durch die Hörfunkge­ bühren, die fehlenden Werbeeinnahmen und der Sparvorschlag des jetzigen Inten­ danten Voß sind darzustellen, der bundes- Impression von der Uraufführung des Werkes „Epifanie“ an den Musiktagen 1961. Es singt Cathy Ber­ berian, die Frau des Komponisten Luciano Berio, von dem das Werk stammt. 241

Musik Nach der Uraufführung von „Structures pour deux pianos, deuxilme Livre‘: links Yvonne Lorioch, rechts Pierre Boulez, aufgenommen bei den Musiktagen 1961. weit Furore machende Gedanke der Bienna­ le als tödliche Gefahr. Wesentlich und günstig für Donau­ eschingen sind folgende Punkte: Die geographisch günstige Situation im Dreiländereck Deutschland, Frankreich, Schweiz. Die Kürze der Zeit: Nur ein Wochenende lang finden die Musiktage statt. Die mäzenatische Haltung des Fürsten­ hauses und des Südwestfunks. Der persönliche Kontakt in Donau­ eschingen, dem sich jeder verpflichtet fühlt. Dennoch erreichen die Donaueschinger Musiktage eine Ausstrahlung bis nach Ame­ rika und Japan, die Musiktage werden in 30 Länder der Welt übertragen! Die heutige Stilart der Musiktage läßt sich am ehesten mit einer großen Freizügigkeit darstellen. Teilweise eine Rückkehr zur Har­ monie, immer aber Neues auf dem Gebiet der Tonkunst. Donaueschingen soll ein La­ boratorium bleiben, ein Prüfstand und ein 242 Treffpunkt für Neugierige, für Kunst der Ge­ genwart. Zum Schluß ein Wort zur aktuellen Situa­ tion: Der Südwestfunk soll jährlich 60 bis 70 Millionen DM einsparen laut „KEF“ (Kom­ mission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten) wegen des zu gering aus­ gehandelten Gebührentarifs, deshalb der Kürzungsvorschlag von 300000 Mark für Donaueschingen. Als Folge gab es einen bundesweiten Aufschrei von Kritikern, Pres­ se, Komponisten von Rang, spezielle Fern­ sehsendungen und Diskussionsrunden im Rundfunk, aber auch hunderte von Protest­ briefen an den Intendanten und den Mini­ sterpräsidenten. Deshalb folgten die inten­ sive Suche nach Sponsoren und die Auffor­ derungen an Bund und Land, finanziell einzuspringen. Schließlich kam es zur glücklichen Gemeinschaftsförderung dank der Kulturstiftung der Deutschen Bank und der Hilfen von Bundesrepublik Deutsch-

land und Land Baden-Württemberg bis zum Jahr 2 000. Für die Zeit danach hat die Kul­ turstiftung der Deutschen Bank die Option erhalten. Diese „Krise“ der Donaueschinger Musik­ tage im Frühjahr 1996 hat eine Vielzahl von offenen Protestbriefen gegen den Vorschlag der „Biennale“ und heiße Befürwortungen der bisherigen Form der Musiktage gegen­ über dem Südwestfunk und gegenüber dem Land Baden-Württemberg hervorgerufen, ein neuer, großer Werbe-Impuls für „Do­ naueschingen“! Am 18. Oktober 1996 wurde mit viel Pro­ minenz, mit dem Staatsintendanten Prof. August Everding als Festredner, mit Mini­ sterpräsident Teufel, Kanzleramtsminister Bohl und mit mehr als 800 Fachleuten aus der Welt der Tonkunst gestärkt das 75jähri­ ge Jubiläum der Donaueschinger Musiktage gefeiert! Dr. Bernhard Everke, Oberbürgermeister Donauescbinger Musiktage Vertieft ins Studium der Komposition, Musiktage 1961. Das Siefonie-Orchester des Südwesifunks unter Leitung von Hans Rosbaud (1960). 243

Musik Erinnerungen an den Musiker Josef Raus Der Tradition zugewandt, aber stets aufgeschlossen für Neues Josef Raus wurde am 28. Oktober 1894 in Donaueschingen als Kind von Xaver und Anna Raus geboren. Sein Vater Xaver, Ka­ pellmeister und Briefträger zugleich, hatte sich bereits eine ansehnliche junge Blaska­ pelle herangezogen, die allabendlich im oberen Rausen-Zimmer seine selbstarran­ gierten Opern-und Klavierauszüge probte. Alle vier Xavere-Söhne kamen in Papas Blas­ kapelle, die inzwischen eine Attraktion er­ sten Ranges für den ganzen Kreis darstellte und machten schnell Fortschritte. Karl, der Älteste, versuchte sich schon bald im Komponieren, vervollkommnete sein Klarinetten-und Violinenspiel und durfte alsbald am Essener Konservatorium Violine und Komposition studieren. Als zweiter Konzertmeister und erster Soloviolinist hatte er in allen namhaften Orchestern Deutschlands, vornehmlich unter Abend­ roth {erster Dirigent) und Pfitzner (Gastdiri­ gent) gespielt. Auch der heiteren Muse war er aufgeschlossen. So sprang er im Kinoor­ chester oder beim Operettentheater ein, wenn Not am Mann war. Wegen anhalten­ der Revolutionsunruhen im Ruhrgebiet kehrte er 1919 vom Essener Theater nach Donaueschingen zurück, wo er in den Kur­ orchestern Villingen und Dürrheim mit sei­ nem Solistenspiel erfreute. Seine Dirigierkunst konnte er dann in den 20er Jahren zur Entfaltung bringen, indem er das aufgelöste Kurorchester {welches er auch mit einer neuen Klangfarbe, nämlich einem Saxophon -mit ihm selber als Soli­ sten -zu bereichern verstand) zunächst al­ lein (später mit einem Freund) wiederaufle­ ben ließ, bis die Nazi-Diktatur dem Orche­ ster den Garaus machte. Er gab aber nicht auf; führte die Idee des Kurorchesters auf kammermusikalischer Ebene fort, indem er das Klaviertrio Höfler-Raus ins Leben rief. 244 Inzwischen auch als geschätzter Lehrer be­ kannt, entstanden in seiner Musezeit klei­ nere Kompositionen (Walzer, Märsche, In­ termezzi), von seinem Bruder Josef im Kel­ ler auf seiner gewaltigen Maschine gedruckt. Diese wurden zunächst im Eigenverlag her­ ausgebracht, bis auch andere Verlage sich zur Herausgabe bereit erklärten. Allmählich fand seine Salonmusik zu mäßigen Preisen guten Absatz, was nicht zuletzt seinen Kon­ zerten mit dem Höfler-Raus-Trio zu ver­ danken war. Die beiden anderen Brüder widmeten sich neben ihrem Berufe auch der Musik. Franz beherrschte das Spiel auf diversen Flöten, Lauten und konnte auf der Gitarre sowohl solistisch als auch accompagnativ auftreten. Wilhelm beherrschte Horn und Trompete. Josef, der auch das Zeug dazu gehabt hät­ te, mußte auf einen Konservatoriumsbesuch verzichten, da er bereits in jungen Jahren gut verdiente und damit eine unentbehrliche Stütze fur die Seinen war. Also wählte er das Druckereigewerbe zu seinem Hauptberuf, erweiterte seinen Horizont durch Bekannt­ schaft mit namhaften Künstlern, deren Li­ thografien er druckte. Daneben aber hatte er sich gänzlich der Klarinette verschrieben. Zunächst spielte er beim Donaueschinger Musikverein. Da aber seinem Vater Josefs schöner Ton immer mehr auffiel und zudem 1913 die Gesellschaft der Musikfreunde mit dem Gedanken „Vergangenes neu zu bele­ ben und an die Jetztzeit anzuschließen“ ge­ gründet wurde, war Josef einer der Jüngsten, die eintraten. Als einzigem Amateurmusiker war es ihm ermöglicht, solistisch hervorzutreten. Unter Burkards Anleitung wurde er zum unum­ strittenen ersten Soloklarinettisten der Ge­ sellschaft der Musikfreunde bis zu deren Auflösung 1926.

Danach trat er weiterhin als Soloklarinet­ tist der monatlichen Orchesterkonzerte bis 1936 auf. Am liebsten spielte er Webers Kla­ rinettenkonzerte und die Solopartien aus Griegs „Peer Gynt“ oder den Mendelssohn­ Ouvertüren. Zudem war er in der Marien­ kirche regelmäßig als Solist in diversen Ora­ torien und Messen (von Händel bis Liszt) zu hören. Damals fanden auch viele Urauf­ führungen sakraler Chor- und neuer Orgel­ musik (z.B. Heiller) statt, was aber bald im­ mer mehr auf Ablehnung stieß. Nun wußte Burkard vor allem Josefs Gleichmut, Fleiß und sein Auftreten ohne große Worte zu schätzen. Burkard (seiner Zeit 2. Kapellmeister Pfitzners) wurde von Dr. Feurstein nach Donaueschingen emp­ fohlen. Burkards Orchester, anfangs be­ scheiden mit Streichern, Flöte und Chor be­ setzt, wurde durch seine sorgsam ausge­ wählte Chor- und Orchesterkost bald zu ei­ nem soliden Klangkörper. Dabei verstand er es vor allem, alte Musikschätze der Hofbi­ bliothek (Dittersdorf, Fiala, Kreutzer) neu zu beleben. Durch Orchesterzuwachs aus der Umgebung kam es zu erstem öffentli­ chen Auftreten. Sänger/-innen und Bläser­ solisten wurden von auswärts verpflichtet. Zwar konnten im Ersten Weltkrieg nur drei Kammermusikkonzerte gegeben werden, aber nach 1918 wurde das Orchester durch eine bedeutsame Militärmusik in Form des garnisionierenden Ausbildungsbataillons verstärkt. Die Konzerte gewannen dadurch immer mehr Zuspruch und Josef lernte durch die Hände der weltbesten Klarinetti­ sten immer mehr Kniffe hinzu. 1921 fand das erste Kammermusikfest, vom hiesigen Fürsten gefördert, in festlichem Rahmen statt. Das war aber eigentlich nichts Neues; das untergründig vorhandene Fluidum brauchte bloß den entscheidenden Anstoß eines Heinrich Burkards, um an den Ge­ pflogenheiten des 18. Jahrhunderts anzu­ schließen; feierten damals etwa Haydns ,,Schöpfung“ oder Mozarts „Neuste Gebur­ ten“ ihre Premieren, so gab’s jetzt Urauf- Josef Raus Josef Raus, 1984 führungen von Hindemiths „Marienleben“ und seinen Streichquartetten II-N Haas und Hindemith waren an den Auf­ führungen maßgebend beteiligt. Haasens Musik, volkstümlich und gelehrt zugleich, stimmungsschön in spätromantischem Neo­ barock, war in der Thematik nicht über­ mäßig bedeutend, gewann aber als Ganzes durch kompositorische Dichte und gepfleg­ te Instrumentation. Hindemith wurde 1922 mit seinem 2. Streichquartett weltberühmt, indem er zum ersten Male die Spätroman­ tik durch einen zupackenden Bewegungs­ strom zu überwinden vermochte. Dr. Feurstein war wie Josef ein begeisterter Kammermusikler humorvoller Art. An ei­ nem jener Abende im Kurhaus in traulicher Runde bei Wein und „Musig“ gab Feurstein Burkard einen W ink. Der schaltete gleich und raunte zu Hindemith: ,,Schau der jun­ ge Mann da, das ist der Josef, der ist zwar bloß Dilettant, aber sein Ton hat Seele, sag ich Dir.“ Und so lernte Josef Raus den großen Hindemith kennen. 245

Josef Raus Nach dem Zweiten Weltkrieg beschränkte sich Josefs Begeisterung auf Passives, aufs Zuhören. Seine Lieblingskomponisten wa­ ren Johann Nepomuk David mit seiner Frei­ tonalität, einem wesentlichen strengen In­ nenreichtum, aller Moden fern und abseits vom Musikbetrieb, unmittelbar fühlbar wohl erst späteren Geschlechtern und Wolf­ gang Fortner, welcher der Dodekaphonie durch Reihenabschnittsinterpolation auf va­ riabler Transposition neue Modi abzuge­ winnen verstand. Nach dem Zusammenbruch der Gesell­ schaft der Musikfreunde kehrte er zur Stadt­ kapelle zurück. Das war ihm aber nicht ge­ nug und so betreute er das hiesige Mandoli­ nenorchester, trat auch solistisch mit der Mandoline hervor. Die dabei zur Auffiih­ rung gelangenden Salonstücke arrangierte er teilweise neu und schrieb für die Mitglieder die einzelnen Stimmen nach der Partitur. Da er die gestochen schöne Notenschrift von seinem Vater geerbt hatte, war er im­ stande, seine handgeschriebenen Noten in seinem Keller auch zu vervielfältigen. Vor allem nach dem 2. Weltkrieg, als das meiste Notenmaterial der Vernichtung an­ heimgefallen war, arrangierte er, schrieb er um und druckte oft ganze Nächte lang wie sein Vater. Heute noch sind diese Noten bei vielen Orchestern und vor allem Kirchen­ chören in Gebrauch. Josef aber, der Tradition zugewandt, blieb zeit seines Lebens aufgeschlossen für Neues. Auch in reifem Alter verfiel er nicht einem festgefahrenen Hörschematismus, sondern suchte stets die Einzelheiten zu einem orga­ nischen Gesamtbild zusammenzufassen. Der Jugend gerade auch in ihrer überstei­ gerten Form hatte er stets das Recht aufs Probieren eingeräumt. So begann er mit der Ausbildung des Jugendblasorchesters. Da er fast alle Instrumente (außerdem noch Violi­ ne, Flöte, Gitarre, Oboe, Zither) spielen konnte und zudem ein offenes, leutseliges Herz im Leibe trug, traf er bei den Jungen auf volle Anerkennung. Wenn Not am 246 Josef Raus nach einer Zeichnung von Detlef Roth. Mann, konnte er auch dirigieren. Im hohen Alter, als der Ansatz nachließ, gab er sein In­ strument seinen Enkeln weiter; aber zwi­ schen 85 und 90 ging er immer noch gern in den Wald und pfiff auf seinen Flöten den Vögeln eins vor. Mit über 90 konnte er kaum noch spielen, hatte aber bis zuletzt seine Freude an seiner umfangreichen Plat­ tensammlung. Sein Bewahren des Alten an der Musik und zugleich seine Aufgeschlossenheit für alles Neue in der Musik hat er seinen Enkeln als Vermächtnis hinterlassen, welche sich auch wie er des Partiturspiels, Notenschrei­ bens und auch graphischer Notationsversu­ che befleißigen. Josef Raus starb am 22. März 1991 in Donaueschingen. Uwe Roth

18. Kapitel/ Almanach 98 Kunst und Künstler Inspirationsquelle Afrika Die multiästhetische Bildsprache der Schwenningerin elfi schmidt Paul Klee und August Macke reisten 1914 nach Tunis, um sich von nordafrikanischem Licht- und Formenspiel inspirieren zu las­ sen. Heutzutage fühlt sich Michael Buthe vom Schwarzen Kontinent angezogen und auch elfi schmidt (e. s.) packt seit 1991 jedes Jahr ihre Pigmentdosen, Pinsel und Binde­ mittel in ihren Rucksack und landet nach sechsstündiger Flugzeit in Gambia/West­ afrika, das mittlerweile zu ihrer zweiten Hei­ mat zu werden scheint. Der andere Heimatort, quasi der nördliche Pol in ihrem künstlerischen Arbeitsfeld, ist VS-Schwenningen. Hier wurde sie 1944 ge­ boren; hier unterhält sie seit 1985 ein Ate­ lier in einem ehemaligen „Fabrille“ für Uh­ renteile. In die Zwischenzeit fallt u. a. eine Bauzeichnerlehre beim Städt. Hochbauamt Schwenningen. Weiterhin wesentlich für ih­ re künstlerische Entwicklung waren die Stu­ dienjahre der Bildenden Kunst von 1969 bis 80 an der Fachhochschule Hannover und an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig. Dort schloß sie ihre Ausbil­ dung als Meisterschülerin bei Prof. Peter Voigt ab. Abb. 1: ,Jlügelstek, the gambia 1992 „. Pigment und Binder, Textil auf Papier/ Holz, 120 x 150 cm. 247

Kunst und Kün tler Abb. 2: GAME XVIIL thegambia 1994. Pigment, Sand und Binder, Textil, Garn auf Papier/Holz, 120x150cm. Die Mechanismen des Kunstmarktes und der Kulturpolitik lernte sie in den Jahren 1976-83 als Mitbegründerin und Ausstel­ lungsmacherin der Produzentengalerie »Li­ ster Werkstatt“ in Hannover kennen. Blei­ bende kunstgeschichtliche Impulse erhielt sie in den 80er Jahren (1982-91) in Ober­ ägypten auf der Westbank von Luxor, wohin sie mehrere längere Studienreisen führten. Dreh- und Angelpunkt im künstlerischen Schaffensprozeß von e. s. ist das Tagebuch, das sie seit ca. 20 Jahren regelmäßig führt. In ihm notiert und skizziert sie ihre Erlebnisse und klebt Fundstücke, wie z. B. Stoffetzen und Papierreste, ein. Aus ihm heraus entwickelt sie ihre Kunst­ werke. Dabei bindet sie konkrete Bildideen im freien Spiel der oft unbewußten Rück­ besinnung an Farbe, Form und Fundstücke. Für ihre Gambia-Bilder dient ihr Zement­ sackpapier als Malgrund. Es ist, als eurospa­ nischer Importartikel, überall im Land zu haben und es ist strapazierfähig, das heißt e. s. kann ihre darauf gemalten oder collagier­ ten Bilderwerke zusammengefaltet im Ruck­ sack zurücktransportieren. Von 1991 bis 94 zog sie ihre „Faltbilder“ im Atelier auf Holzplatten auf. Da die Ar­ beiten durch dieses „Aufbügeln“ etwas von ihrer spontanen Machart verloren, ging sie seit 1995 dazu über, ihre Bilder mit einer dicken Pappmacheschicht zu hinterfüttern. Der Übergang vom Tafelbild zum Bildob­ jekt war hiermit vollzogen. 248

elfi schmidt schreibt mit diesen Kunstwerken keine weitere Fußnote zu einer sich in beliebige Facetten auflösenden Postmoderne. Sie sucht vielmehr nach einer ästhe­ tischen Bildersprache, in der sich afrikanische Ursprüng­ lichkeit und Sinnlichkeit mit abendländi­ scher Mentalität zu einer multiplen Daseinsschau ver­ schmelzen. Aspektive und Per­ spektive werden von e. s. nicht mehr als Gegensätze gesehen, die grelle schlagschat­ tenhaltige Farbigkeit Afrikas wird transponiert in ein mehrwertiges Farbraumgefüge, voller Zwischentö­ ne und Valeurs. Eine weitere Brechung ihrer Normen und Werte erfährt e. s. in Afrika durch ein soziales Umfeld, in dem emotionaler und direkter agiert wird als hierzulande. e. s. setzt sich diesem Spannungsfeld bewußt aus, um für sich selbst zu neuem Bewußtsein Abb. 3: UFO 1 (rastar), thegambia 1995. Pigment und Binder, Garn auf Papier/ Pappmachi, 90x 73 cm. elfi schmidt oder /und Zuneigung zur gefahrvollen Fremdheit Afrikas. Diese Methodik schließt selbstre­ dend eine unverbindliche „1 art pour 1 art“ – Haltung aus. ,,L‘ art pour la vie“ ist e. s. ’s De­ vise, die sich in beispiel­ hafter Weise in ihren Kunstwer­ ken reflektiert fin­ det. Die „flügelste­ le, the gambia 1992″ (Abb.1) leuchtet in ei­ nem magischen Hellblau aus dem dunklen, erdigen Bildgrund hervor. Der leicht geschwungene, mit geneigtem Kopf dastehende Körper hält sei­ ne Arme (zwei collagierte Stoffteile) in beschwörender Gestik ausgebreitet. Ein riesiger Raum liegt zwischen der in ritueller Haltung verharrenden Person und dem Bildgrund. Er wirkt unüber­ brückbar, doch die Figur, möglicherwei­ se die Künstlerin selbst, steht den Einflüssen dieser archa­ ischen Welt offen gegenüber. Das Tafelbild „GAME XVIII, the gambia 1994″ (Abb. 2) trägt den gleichen dunkeler­ digen Grundton. Doch hier wird die uner­ gründliche Tiefe durchbrochen von rhyth­ misch gesetzten, weißen Wischern, die wie Kometenschweife den Bildgrund erhellen. Mittig darüber schwebt ein Dreieckskörper (ein Drachen, ein UFO?), auf dessen Ober­ fläche sich zwei segmentierte Ovalformen befinden. Diese Rundungen erinnern an Bullaugen, an fremdartige Augenformen, die eine Beobachterposition andeuten. Doch das Beobachtete erscheint für den Betrachter (e. s.) genau so fremd wie der Betrachter es für das beobachtete Objekt (Afrika) ist. Abb. 4: UFO III, thegambia 1995. Pigment und Binder, Textil Garn auf Papier/Pappmachi, 135x 130 cm. 249

Kunst und Künstler Abb. 5: UFO IV (snakefami!Y), thegambia 1995. 250 Pigment und Binder, Textil, Garn auf Papier/Pappmache, 135x120cm. elfi schmidt versetzt den Bildbetrach­ ter in eine visuelle Zwickmühle: eine Sinnbildsynthese scheint nicht möglich und dennoch versuchen wir sie zu voll­ ziehen. Europa und Afrika prallen in diesem Weltbild unversöhnlich auf­ einander. Ein Jahr später, bei den Bildobjek- ten der „UFO“-Serie (Abb. 3, 4, 5) scheint der Konflikt zwischen dem Beobachter und den Beobachteten aufgehoben zu sein. Die nun ge­ doppelte Dreiecksform hat sich ver­ selbständigt; doch der Ablösungs­ prozeß hinterließ Spuren der Ver­ letzung. Die an Schutzschilde er­ innernden Bildobjekte weisen eine Reihe von Löchern auf (Abb. 3 und 4), die wie Durch­ bohrungen von Speeren oder Feuerwaffen wirken. Aus Si­ cherheitsgründen haben die UFO’s I und IV Tarnfarben angelegt. Der europäische „Fremdkörper“ kleidet sich Die Schutzschildserie ’96 verdeutlicht die- mit den Rastarfarben Afrikas (grün-gelb- rot), ,,UFO I (rastar), the gambia 1995″ ses Thema auf’s neue: die UFO’s haben ih- re Schutzschilde vergrößert; e. s. hat ihre (Abb. 3) und benutzt einheimische Tiere wie Tarnfähigkeit weiter kultiviert. Gelegentlich bei „UFO IV (snake family), the gambia 1995″ (Abb. 5) als zusätzliche Deckung. finden noch Kämpfe statt, doch die Verlet- zungen sind nur von peripherer Natur, In den 80er Jahren fertigte e. s. Federfell- Objekte, in die sie sich nach fiktiven Flug- ,,schutzschild II (pfeile), the gambia 1996″ reisen schützend einhüllte. Doch der Be- (Abb. 6). Das „schutzschild III (sechszackig), trachter (e. s.), der heute zwei-bis drei-,.—… the gambia 1996″ (Abb. 8) strahlt fach gesichert in seinem futuristi- abschreckende Dominanz aus und sehen Flugkörper sitzt, bleibt auf weist schwache, kaum wahr- nehmbare Schlitzungen auf Distanz. Die Adaption des Mit dem Bildobjekt „schutz- Fremden scheint nur in ge- schützter Form möglich. (fanal), the schild VIII gambia 1996″ (Abb. 7) Europa nähert sich Afrika, aber es gibt sich nicht deutet sich eine andere preis und auch der Richtung in der Ausein- andersetzung der Künstle- Schwarze Kontinent be- rin mit Afrika an. Die ovale wahrt seine Geheimnisse. Es ist eine Annäherung unter Schildform trägt einen blau- gleichzeitiger Wahrung von Ab­ stand. Abb. 6: ,,schutzschild II (pfeife)‘: the gambia 19 96. Pigment und Binder, Textil, Garn auf Papier/ Pappmache, 154x139cm.

Abb. 8: ,,schutzschild III (sechszackig), thegambia 1996.“ Pigment, Sand und Binder auf Papier !Pappmachl, 212x 77 cm.

,lfi schmidt schwarzen Bildgrund, auf den e. s. weiße Zierpapierreste (Fund­ stücke, die von festlich ge­ schmückten, mit Kerzen beleuchteten Papierboo­ ten- oder Häusern stam­ men, die zum Jahresen­ de auf den Straßen von Kindern herum­ getragen werden – Fanal -), collagiert hat. Im Bildzen­ trum befindet sich ein Loch, das mehr an einen Durch­ blick denken läßt als an eine im Kampf entstandene Durchbohrung. Der dokumentarische Charakter dieser Arbeit überwiegt den Aspekt der Tarnung und verweist auf das Diptychon „africa (black culture) – europe (money), the gambia 1996″ (Abb. 9). „europe“, das ist für e. s. eine nicht enden wollende Ziffernfolge in zentripedaler Rotation oder schlicht ge- sagt „money“. In gleicher Größe daneben gesetzt, nicht davor oder dahinter, nein, deckungsgleich geformt, breitet sich auf dem Tondo ein homogenes, erdbraunes Feld aus, über dem wie Wolkenfetzen drei durchscheinende Blautonzonen schweben. Abb. 7: ,.schutzschild VIII ([anal)‘: thegambia 1996. Pigment, Sand und Binder auf Papier /Pappmachi, 158×95 cm. Dieser gerundete Farb­ klang, voll von ele­ mentarer Sinnlich­ keit, symbolisiert für e. s. ,,africa“. Das Spannungs­ feld zeigt sich wie­ der in aller Deut­ lichkeit; die beiden Pole sind differen­ ziert beschrieben, doch die Formge­ bung W“.rleiht diesem Werk einen versöhnli­ chen Aspekt. e. s. wird ihr afrikani­ sches Abenteuer fortsetzen in weiteren Bilderzyklen, die die Unterschiede beider Kul­ turen dokumentieren und die gleichzeitig einen gemeinsamen Nenner beschwören, wenngleich dieser vorerst wohl mehr auf einer magisch-meta­ physischen Ebene in den Bildobjekten von elfi schmidt zu erleben sein wird. Horst Kurschat Abb. 9: ,,africa (black culture)- europe (money), thegambia 1996. „Pigment, Sand und Binder auf Papier/ Pappmachi, 2 x 120 cm Durchmesser. 252

Kunst und Künstler Ein Maler ohne Grenzen Wiederentdeckt: Der Dix-Schüler Hermann Wiehl aus St. Georgen Sein Grab findet man auf dem St. Ge­ orgener Waldfriedhof, eines seiner Bilder schmückt das St. Georgener Kranken­ haus, aber um den Kunstmaler Hermann Wiehl, der 1978 gestorben ist, war es still geworden. Bis vor rund fünf Jahren der Galerist Roland Roeder aus Oberuhldin­ gen seine Spur aufnahm. In mühsamer Puzzlearbeit suchte und fand er mit sei­ ner Tochter Tamara im Schwarzwald die überall verstreuten Gemälde des Man­ nes, der immerhin im Lexikon der Bil­ denden Künste (Vollmer, Band 5) ver­ ewigt ist. Inzwischen gehört der verstor­ bene Maler fast zur Familie Roeder. ,Je­ desmal, wenn ich wieder ein Bild von ihm entdecke, freue ich mich wie ein Kind“, sagt Roland Roeder. Mehrere Ausstellungen, ein Kunstband, Kunstka­ lender und Postkarten hat Roeder initi­ iert, gestaltet und herausgegeben. Und warum tut er das? ,,Der Mann darf ein- Hermann Wiehl (1900-1978), Selbstportrait. fach nicht vergessen werden, immerhin Öl auf Malkqrton, 40×45 cm. war er ein Schüler von Dix.“ Daß ihr „Honig-Wiehl“ doch so ein großer Künstler gewesen sein soll, daran zweifeln immer noch einige Bergstädter. Andere kön­ nen sich noch an ihn erinnern: Er fuhr einen großen Wagen, immer die Staffelei im Kof­ ferraum, betrieb zusammen mit seiner Frau ein Honighaus, in dem sich auch sein Ate­ lier befand, und war viel auf Reisen. Daß be­ reits zu seinen Lebzeiten Ausstellungen mit Gemälden von ihm, Dix, Grieshaber, Antes, Bill und Ackermann stattfanden, hat nur ei­ nen bestimmten Kreis in seiner Heimat er­ reicht. Die letzte Ausstellung in St. Georgen, die Werke von Wiehl und dem kürzlich ver-· storbenen St. Georgener Bildhauer Willi Dorn zeigte, fand 1965 auf Initiative des Volksbildungswerk-Leiters Horst Hecker statt. Da war Wiehl 65 Jahre alt geworden. Hermann Wiehl wurde am 9. November 1900 in Nußbach geboren, besuchte die Schule aber in St. Georgen, wohin die Eltern sehr bald zogen. Die Großeltern stammten vom Waldhasenhof bei Langenschiltach, den Wiehl später malte. Er erlernte den Kaufmannsberuf und arbeitete nach dem Ersten Weltkrieg, zu dem er noch 1918 ein­ gezogen wurde, als Handelsvertreter. 1925 gründete er das Honighaus in St. Georgen, heiratete und hatte somit eine Existenz für sich und seine Frau. Die Ehe blieb kinderlos. Bald unternahm er einige Maiversuche, be­ kam Kontakt zu Professor Anselment in Nürnberg, später zu Otto Dix in Hem­ menhofen. Im Lexikon der Bildenden Kün­ ste steht sein künstlerischer Werdegang: „Schüler von 0. Dix in Dresden, von Max 253

Kun I und Künstler Roeder und seiner Tochter ge­ lang es, bei mehreren Gemäl­ den den Zeitraum der Entste­ hung einzugrenzen und auch die Motive wiederzufinden. So kann man Wiehls Werk, das rund 1600 Exponate umfaßt, nur anhand der künstlerischen Einflüsse und seiner eigenen Philosophie einordnen. Die Kunsthistorikerin Marie-The­ res Scheffczyk aus Konstanz meint: ,,Wiehls gestalterischer Erfindungsreichtum, der sich im wesentlichen auf expressio­ nistischem Terrain verwirk­ licht, scheint keine Grenzen zu kennen. Nicht nur, daß sehr Naturnahes neben extrem Na­ turfernem und gelegentlich Abstraktem steht, seine Far­ benmusik weiß gleicherweise um strahlenden Glanz wie um nahezu nächtige Dunkelheit, sein Pinsel kann sich in erupti­ ven Farbstürmen ergehen, kann die Farbe aber auch, gra­ phisch scharf umzirkelt, in sich gänzlich homogen setzen.“ Der Schwarzwald, der Boden­ see und die südlichen Land­ schaften werden von ihm im­ mer wieder malerisch neu um­ gesetzt. Wiehl begründete seine stilistische Beweglichkeit einmal so: ,,Der Maler soll sich nicht einseitig einer bestimmten Rich­ tung verschreiben und nur mit dieser alle sich ihm bietenden Aufgaben lösen wol­ len … Die Natur ist ebenso reich wie das Le­ ben und hat wie dieses verschiedene Aspek­ te.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm man Notiz von ihm: Eine erste Gemälde­ ausstellung fand 1948 in Villingen statt. Von 1955 bis 1958 stellte er im Villinger Kunst­ verein aus. 1961 erlebten die St. Georgener eine Ausstellung mit Gemälden von Dix, Ackermann und Wiehl. 1977 erfüllte sich Blumenstilleben, 1950er Jahre. Öl auf Maiplatte, 60x 80 cm. Ackermann in Stuttgart-Horn und von An­ selment in Nürnberg. Studienaufenthalte in Paris (Begegnung mit Leger), in Vallauris (Begegnung mit Picasso), in Cannes, Rom, Venedig, Florenz und auf Capri. Hauptsäch­ lich Landsehafter (südbadische Motive und Bodenseelandschaft).“ Die Begegnung mit den großen bildenden Künstlern hinterließ ihre Spuren im künst­ lerischen Werk von Hermann Wiehl. Da er beim Malen keine kommerziellen Gedan­ ken hegte, eher seine Gemälde verschenkte, fehlen auf vielen Exponaten genauere Hin­ weise wie Entstehungsjahr und Titel. Roland 254

Wiehl noch einen Wunsch und stellte in der Partnerstadt an der Cote d‘ Azur, in St. Ra­ phael, aus. Ein Jahr später, am 9. August 1978, starb Wiehl und wurde auf dem Wald­ friedhof in St. Georgen beigesetzt. Nach dem Tod seiner Witwe landete der Nachlaß teils auf dem Sperrmüll, teils im Keller des Honighauses, wo er bei Hochwasser stark beschädigt wurde. Das eine oder andere Bild wurde gerettet. Roland Roeder hat sie ge­ sucht und gefunden. Einmal wiederentdeckt, soll nach Wunsch und Willen des Galeristen Hermann Wiehl nicht wieder in Vergessenheit geraten. Ein in Fachkreisen anerkannter Kunstband mit rund 250 qualitativ hochwertigen Repro­ duktionen erlebte inzwischen seine zweite Auflage. Mit einer Ausstellung im Her- Hermann Wiehl mann-Hesse-Museum in Gaienhofen, un­ weit des Wohnhauses von Otto Dix, erlebte Wiehl 1995 eine erste Renaissance. Es folg­ te eine Ausstellung in Friedrichshafen und im Mai 1996 nun endlich in St. Georgen. Auch mit Kunstpostkarten und einer Serie von Kunstkalendern will Roeder Wiehl posthum zu Ehren verhelfen. Einer freut sich darüber ganz besonders: Dr. Walter Probst aus St. Georgen, der hochbetagt als Freund Wiehls es sich nicht nehmen ließ, die Ausstellungen zu eröffnen. Renate Bökenkamp Idyll.e am Waldrand. Öl auf Maiplatte, 65 x 7 5 cm. 255

Kun t und Künstler Landschaften aus Plastik und Gouachen Rupert Schumachers Blick auf die Wirklichkeit hinter den Dingen Material und Bildinhalt ergeben in ihrem Zusammenspiel die Botschaft und lassen die Absicht des Künstlers erkennen: Ein häufig gehörtes Credo zeitgenössischer Kunst, das zu oft nur idealtypischen Charakter hat. Kunstwerke, die diesem Anspruch auch in der Realität gerecht werden, sind ohne Zwei­ fel die Plastikarbeiten des Künstlers Rupert Schumacher. Der 1950 in Riedlingen gebo­ rene und in Schwenningen aufgewachsene Künstler studierte von 1974 bis 1980 an der Staatlichen Akademie für Bildende Künste in Stuttgart. Ein Gastsemester an der Wiener Akademie folgte. Danach arbeitete Schu­ macher als freischaffender Künstler in Mün­ chen, Frankfurt und Berlin. Nach längeren Studienaufenthalten, wie beispielsweise ein einjähriger Italienaufent- halt, lebt und arbeitet er seit 1995 wieder in Villingen. Seit Abschluß seines Kunststu­ diums arbeitet Schumacher hauptsächlich mit dem Material Plastik. Nach Jahren der Versuche mit Malerei und anderen stoffli­ chen Materialien, die aber allesamt nicht sei­ nem Anspruch an zeitgemäße Auseinander­ setzung mit dem Thema genügten, erschien ihm Kunststoff als adäquates Material, seine Intention zu verdeutlichen. Schon zuvor war das Thema Landschaft für ihn treiben­ de Kraft künstlerischer Tätigkeit. Das Thema Landschaft und Natur erfordert in unserer Zeit eine völlig andere Sehanforderung. Schumacher stellt nicht die Natur selbst dar, er will den Blick des Betrachters auf die Wirklichkeit hinter den Dingen richten. Er möchte mit seinen Bildern unseren Umgang Rupert Schumacher 256

Rupert Schumacher mit der Natur sichtbar ma­ chen. Sie handeln von der Domestizierung, Technisie­ rung und Verkünstlichung der Welt, in der wir leben. So verdeutlichen seine trag­ baren Landschaften, Plastik überzogene Kartons, an de­ nen sich Tragegriffe befin­ den, die selbstverständliche Verfügbarkeit von Natur. Die Auflösung der reinen Ästhe­ tik ist eine weitere Intention des Künstlers. Ein Bild wird aufgebaut und dann mittels Hitze durch einen Heißluft­ fön wieder partiell oder gänz­ lich zerstört. Was in seinem Resultat aber nicht zu einem häßlichen Bild führt, son­ dern den Blick frei gibt für Sonnenblumen, 19 91, Plastik. ein erweitertes Sehen der Ab- läufe in und außerhalb des Bildes. Innerhalb des Bildes kommt es zu einer gewollten Auflösung der Ästhetik, außerhalb des Bil­ des muß weiter gedacht werden, denn dort greifen ganz andere Mechanismen. Rupert Schumachers Plastik­ landschaften sind her­ gestellt aus einem ver­ femten Werkstoff, der aber täglich von uns be­ nutzt wird. Somit for­ dert dieses kritische Ma­ terial den Betrachter zur Selbstreflexion und zur Kritik heraus. Die künstlerische Aus­ einandersetzung mit dem als Synonym für Künstlichkeit schlecht- hin zu bezeichnenden Werkstoff nimmt eine zentrale Stellung in R5r:- Schumachers Kunst- schaffen ein. Daneben, und mit solchen Arbei- Tür, 1995. Gouache und Stifte. ten begann sein künstlerischer Werdegang bereits zu Gymnasialzeiten, triffi man Ru­ pert Schumacher ganz unspektakulär an der Staffelei an. Mit Gouachenfarben, Bunt­ und Bleistiften gibt er Ansichten von Ge­ bäuden oder bestimmte Details wie Fenster oder Türen wieder. Der künst­ lerische Blick richtet sich hierbei vorwiegend auf Gebäude, die bereits vom Zerfall gezeichnet sind. Ruinenhafte Struk­ turen und Auflösung von Kultur, Suche nach Geheimnissen in verlas­ senen Bauwerken, aber auch die Rückgabe an die Natur sind die Eck­ punkte seiner Faszinati­ on an diesem Sujet. Sei­ ne Motive findet er bei Ausflügen in die nähere Umgebung sowie auf sei­ nen Reisen und Studien-257

Rupert Schumacher mehr und somit sind die Bilder oft letztes Zeugnis vor der endgültigen Auflösung. Eine im Rahmen des „Brigachtaler Kultu­ rellen Herbstes“ bis Ende November 1997 im Heimatmuseum in Brigachtal-Überau­ chen zu sehende Ausstellung stellt den Künstler von beiden Seiten vor. So unter­ schiedlich diese auch vordergründig erschei­ nen mögen, die kreative Triebkraft ent­ springt einer einzigen Qielle: Ob konkur­ renzlos mit Heißluftfön und PVC-Folien oder traditionell mit Pinsel und Gou­ achefarben, Schumacher will nicht das Ge­ schaute, Vorgefundene konterfeien, es geht ihm in seinen Arbeiten um nichts weniger, als unseren Umgang mit der Natur und der Umgebungswelt transparent zu machen. Stefan Simon Ernte, 1989, Plastik. aufenthalten im Ausland. Zuweilen begibt er sich auch ganz gezielt auf die Suche nach geeigneten Objekten, die er dann recht schnell in Form der Klengener Mühle, ei­ nem Schwarzwaldhof oder einem stillgeleg­ ten Fabrikgebäude in Schwenningen findet. Drei beliebig ausgewählte Objekte künstle­ rischer Begierde, die dem Betrachter aber ei­ nes vor Augen halten -Schumachers inten­ sive Auseinandersetzung mit dem Gegen­ stand. Denn in den Bildern kommt es ihm nicht auf die rein naturalistische Abbildung des Gesehenen an. Die Sicht auf die Dinge soll etwas Fragmenthaftes, die Phantasie des Be­ trachters Anregendes haben. Ein wesentli­ ches Anliegen des Künstlers ist, die Sensibi­ lität des Betrachters zu schärfen für den Blick auf die Dinge, die im Begriff sind, ver­ loren zu gehen. Viele der von ihm gezeich­ neten Objekte gibt es mittlerweile nicht 258

Kunst und Künstler Keramik als Gestaltungselement der Architektur Die Arbeiten des Keramikers OlafHovingh in Donaueschingen „Die knet-und brennbare Erde gibt uns unerschöpfli­ che Möglichkeiten, plasti­ sche Werte von stärkster Wir­ kungskraft zu schaffen.“ Die­ ser Satz des renommierten Künstlers Paul Rudolf Hen­ ning aus dem Jahre 1917 hat auch heute nach wie vor Gül­ tigkeit und prägte nachhaltig das Schaffen des Donau­ eschinger Keramikers Olaf Hovingh. Er drückte in den letzten Jahren mit seinen Keramiken zahlreichen Ge­ bäuden in und um Donau­ eschingen seinen unverkenn- baren Stempel auf. Sein wohl umfangreichstes und bekanntestes Werk ist die komplette künstlerische Ausgestaltung des „Qiell­ höfles“ in der Donaueschinger Karlstraße, eine Passage mit zahlreichen Gastronomie­ betrieben, Geschäftsräumen, Praxen und Wohnungen, die 1986 durch die grundle­ gende Sanierung alter Bausubstanzen ent­ stand. Balkongeländer aus Keramik und Me­ tall, konzipiert nach der Chaostheorie, zie­ hen sich über alle Stockwerke und geben dem Innenhof, der im Sommer von der Ga­ stronomie genutzt wird, ein südländisches Flair. Auf den ersten Blick scheinen sich die Elemente des Balkongeländers zu gleichen, doch beim genaueren Betrachten ist zu er­ kennen, daß es sich bei jedem Teil sowohl von der Form-wie von der Farbgebung her um ein Unikat handelt, das in sorgsamer Handarbeit geschaffen wurde. In dieser Einmaligkeit der einzelnen Wer­ ke liegt für Olaf Hovingh auch die Faszina­ tion bei der Auseinandersetzung mit dem Werkstoff Ton, mit dem er sich seit seiner frühen Jugend beschäftigt. Ob in Form oder Farbe, nie­ mals ist es möglich, das Glei­ che nochmals zu schaffen, jedes Werk hat sein ganz spe­ zielles Eigenleben. So auch die unzähligen Keramikkat­ zen, die der Betrachter in al­ len Winkeln und Ecken des „Quellhöfles“ entdecken kann, und auf das Werk „Hidigaiga“ von Victor von Scheffel hinweisen, der einst in Donaueschingen lebte. Vor dem „Qiellhöfle“ befin­ det sich eine Werbesäule, ebenfalls aus Keramik und Metall, deren Elemente sich in den Türgriffen zu den ein­ zelnen Geschäften wiederfinden. Ganz besonders reizvoll ist auch die Ausgestaltung der Kinder-Leseecke in der Donaueschinger Stadtbibliothek durch den Künstler, die 1987 entstand. In einem zu­ sammenhängenden, über 11 Meter langen Bildfries, der aus fünf großformatigen Bild­ platten besteht, die untereinander durch kleinere Keramikteile verbunden sind, ver­ suchte OlafHovingh den kindlichen Tages­ ablauf festzuhalten. ,,Nacht -Vormittag – Mittag -Nachmittag -Abend, in Perspekti­ ve und Farbgebung wollte ich die kindliche Weltsicht einbringen“, und so wählte der fünffache Vater naive Darstellungsformen und klare, kräftige Farben, um das Lebens­ gefühl und die Weltsicht der jüngsten Mit­ glieder unserer Gesellschaft wiederzugeben. Die Verbindungsstücke zwischen den ein­ zelnen Fliesen stellen das Rad des Lebens dar. Interessant auch die Ausgestaltung des Eingangsbereiches der Verbandskläranlage OlafHovingh 259

Kun t und Kün tler Kunst und Architektur: Links ein r Wandfries, unten ein Detail der Ausgestaltung der Verbandsklär­ anlage in Donaueschingen und rechts ist ein Balkongeländer des ,,Quellhöß-e“ in der Donauesch­ inger Karlstraße zu sehen. Im Quellhöß-e ziehen sich Balkon­ geländer aus Keramik und Metall über sämtliche Stockwerke . . – ! -‚ ‚ ‚,;;;i.;“ . ,. – in Donaueschingen, die im Jahre 1988 voll­ endet wurde. Auf einer großen runden Scheibe mit einem Durchmesser von 1,20 Meter wird der „Wasserkreislauf“, so auch der Name des Werkes, symbolisiert. Von der linken Hälfte der Scheibe dringen kleine Würfel, stili­ sierte Häuser, auf ein spitz­ winkliges Dreieck im Zen­ trum der Scheibe vor, wäh­ rend rechts ruhig fließende Ströme die Dreieckform ver­ lassen. Am Rande verbinden sich schließlich wieder alle Elemente zu einem in sich kreisenden Bewegungskreis­ lauf, dem Wasserkreislauf. Über der Scheibe die Wap­ pen der fünf Städte, die der Verbandskläranlage angehö- ren. Drei Monate Arbeitszeit „Qjtellhöß-e“. 260 benptigte OlafHovingh zur Fertigung eines großformatigen Wandbildes von 2,10 Meter auf 1,40 Meter, das die Verbindungen der Stadt Hüfingen zu ihren Stadtteilen darstellt und seit 1990 im neu erbauten Rathaus zu Hüfingen zu betrachten ist. Die Idee zur Ausgestaltung des Themas kam dem damals in Hüfingen wohnenden Künstler beim Studium der Landkarten. Die in verschie­ denen Grautönen gehalte­ nen Kacheln des Wandbildes versinnbildlichen nach Olaf Hovingh die Strukturen der Landschaft in ihren unter­ schiedlichen Erscheinungs­ formen: freies Feld, Wald, besiedeltes Gelände. Die Kernstadt und die Hüfinger Katze am Fenster, Impression vom Stadtteile sind durch kreis- förmige Vertiefungen darge-

Olaf Hovingh Balkongeländer aus Keramik- und Metallelementen im Donaueschinger „Quellhiffie“ (oben). Die Hand­ schrift Olaf Hovinghs tragen auch die Türgriffe der Läden im Wohn- und Geschäftshaus. 261

Kunst und Künstler Besonders reizvoll ist die Ausgestaltung der Kinder-Leseecke in der Donaueschinger Stadtbibliothek. stellt, wobei die unterschiedlichen Größen für die jeweiligen Ortsgrößen stehen. Interessant ist die Herstellungsweise der Wandbilder- und friese, die nicht nur künst­ lerische Begabung, sondern vor allem auch handwerkliches Geschick erfordern. Nach eingehender Beschäftigung mit dem T hema fertigt OlafHovingh einen Entwurf „en Mi­ niature“ aus Ton. Um die Wirkung des Wer­ kes im Großformat überprüfen zu können, wird der Entwurf im Verhältnis 1:1 auf Pa­ pier übertragen sowie ein Farbentwurf ge­ fertigt. In intensiver Kleinarbeit entstehen die vielen kleinen Einzelteile, aus denen die Bildfriese bestehen. Anschließend werden diese gebrannt, glasiert und wieder gebrannt und um ihnen Stabilität zu verleihen, von hinten wieder mit Ton ausgefüllt. Letzter Arbeitsschritt ist die Anbringung des Werkes an die Wand. Olaf Hovingh verwendet meist den weiß­ bis beigefarbigen Steinzeugton, der bei Tem­ peraturen von mindestens 1220 Grad ge­ brannt werden muß. Er verglast und somit kann beim Brennen auf das Zusetzen des Kindgerecht und farbenfroh, die Arbeiten OlafHo­ vinghs in der Donaueschinger Stadtbibliothek. 262

OlafHovingh Keramik­ kachel aus der Donau­ eschinger ir:Mr1-�..-_,Z1. Stadtbi­ bliothek. bringen“, interpretiert der 43jährige sein Schaffensziel. Neben seiner Arbeit als Keramikkünstler unterhält der auch pädagogisch talentierte Künstler eine private Kunstschule in Do­ naueschingen und Bräunlingen und ist gleichzeitig als Gastdozent bei der Arbeits­ gemeinschaft Bild und Form in Nordrhein­ Westfalen sowie an der Kunstakademie in Remscheidt tätig. Petra Herdlitschka giftigen Bleis verzichtet werden. Außerdem können bei diesen Temperaturen Mattgla­ suren verwendet werden, die Hovingh be­ vorzugt selbst herstellt. Als Jugendlicher kam er mit dem Material Ton erstmals in Berührung, das ihn mit sei­ nen Eigenschaften so faszinierte, daß er den Entschluß faßte, eine Ausbildung an der Ke­ ramikfachschule Landshut zu absolvieren. Doch schon bald wurde ihm klar, daß er nicht das Handwerk eines T öpfermeisters ausüben wollte, der vorwiegend Gebrauchs­ keramik in Serie herstellt. Er selbst sieht sich heute als freischaffen­ den Künstler auf dem Gebiet der Keramik. „Kunst gehört ins öffentliche Leben, auf je­ den Platz, in jede Stadt. Sie soll die Men­ schen erfreuen, sie zum Denken anregen und sie in ihrem Handeln ein Stück weiter 263

Kunst und Künsdtt

19. Kapitel/Almanach 98 Gesundheit und Soziales Wegbegleiter für Sterbende „Hospizbewegung im Schwarzwald-Baar-Kreis e. V.“ hat sich gegründet Wenn du erlaubst, laß mich ein paar Schritte mit dir gehen: „Als er fühlte, daß sein Ende nahte, rief er seine Frau und seine Kinder zu sich, traf letzte Anordnungen, ermahnte alle, einan­ der Trost und Hilfe zu sein, segnete eines nach dem anderen, legte sich nieder, und verschied bald darauf.“ So, wird berichtet, seien Menschen früher gestorben. Sie waren so vertraut mit dem Tod, daß sie sein Her­ annahen spürten und sich auf ihn vorberei­ ten konnten. Das Sterben war öffentlich, die Familie, Verwandte und Nachbarn waren häufig anwesend. Und heute? Wieviele von uns waren wirk­ lich anwesend und konnten Abschied neh­ men, wenn Mitglieder der eigenen Familie starben, von Nachbarn und Verwandten ganz zu schweigen? Der Tod und das Ster­ ben sind weitgehend aus den Familien „aus­ gelagert“ worden. Natürlich gibt es dafür vielerlei Gründe, bessere und weniger gute. Einer der wichtigsten ist sicher der me­ dizinische Fortschritt. Er hat unsere Chan­ cen und unsere Hoffuungen auf Heilung oder Lebenserhaltung aber so sehr verstärkt, daß wir weitgehend verlernt haben, uns mit dem Tod auseinanderzusetzen und ihn nun oft als medizinischen Mißerfolg oder Be- Die gehaltene Hand oder das tröstende W0rt: Oft sind es im Hospizdienst die kleinen Gesten, die Schwerst­ kranken und deren Angehörigen helfen. 265

Gesundheit und Soziales Mit einem Blumenstrauß wurden Michele Godest (Diakonie) und Waltraud Glaser (Caritas) für ihre jah­ relange Aufbauarbeit in der Hospizbewegung im Schwarzwald-Baar-Kreis geehrt. triebsunfall ausklammern und verdrängen. Aber kehren wir zurück zu unserem Bei­ spiel von oben. Heute (oder noch bis vor kurzem) hätten die Angehörigen vermutlich den Notarzt gerufen. Sie hätten schnellst­ möglich den Sterbenden in die Intensivsta­ tion des Krankenhauses bringen lassen und alles Erdenkliche veranlaßt, um sein Leben zu retten. In der Hektik wäre dann wohl kei­ ne Zeit mehr für einen Abschied gewesen! Vielleicht wäre es auch gelungen, sein Le­ ben, bzw. sein Sterben, zu verlängern, und er hätte, angeschlossen an diverse Geräte, noch eine Weile „gelebt“. Vielleicht sind die Bilder etwas übertrie­ ben. Aber durch Übertreibung kommt ja oft das Wesentliche deutlicher zum Vorschein. Und in welcher der beschriebenen Situatio­ nen würden Sie sich selbst lieber vorfinden? Laut statistischen Umfragen wollen jeden­ falls neunzig Prozent der Menschen am lieb- 266 sten zu Hause sterben. Tatsächlich ist dies aber nur bei etwa zehn bis zwanzig Prozent der Fall, die anderen sterben in Kranken­ häusern oder in Alten- und Pflegeheimen. Ausgebend von den angelsächsischen Län­ dern hat inzwischen jedoch ein Umden­ kungsprozeß eingesetzt. Das Sterben wird nicht mehr als Tabubereich verdrängt, son­ dern wieder als ein Teil des Lebens gesehen – und zwar als ein wichtiger Teil. Zwei be­ deutende Wegbereiterinnen sind hier vor al­ lem zu nennen: Die Sterbeforscherin Elisa­ beth Kübler-Ross, die 1969 das bahnbre­ chende Buch „Interviews mit Sterbenden“ veröffentlichte, und Cicely Saunders, eine englische Krankenschwester, Sozialarbeite­ rin und Ärztin. Sie eröffnete 1967 in Lon­ don das erste Hospiz, das inzwischen berühmte „St. Christopher’s Hospice“, als einen schützenden Raum, um schwerst­ kranken Menschen durch „Terminal Care“

ein wirkliches Leben bis zuletzt und ein Sterben in Würde zu ermöglichen. Inzwi­ schen hat sich die Hospizbewegung über die ganze Welt verbreitet. Welches sind die wichtigsten Prinzipien und Ziele der Hospizbewegung? Die Hos­ pizbewegung bejaht das Leben. Sie will den Tod weder beschleunigen noch hinauszö­ gern. Der sterbende Mensch und seine An­ gehörigen stehen im Mittelpunkt. Seine Wünsche und Bedürfnisse bestimmen die Art der Unterstützung. Die Angehörigen werden aufWunsch auch in der Zeit der Trauer begleitet. Ein inter­ disziplinäres Team von Ärztinnen, Pflege­ kräften, Sozialarbeiterinnen, Seelsorgerin­ nen und freiwilligen, ehrenamtlichen Helfe­ rinnen ergänzt sich in der Fürsorge für die Betreuten und unterstützt sich auch gegen­ seitig. Eine optimale Schmerztherapie nimmt dem sterbenden Menschen weitge­ hend die physischen Schmerzen und damit auch einen großen Teil seiner Angst, ohne ihm das klare Bewußtsein zu rauben. Die antizipative (vorwegnehmende) und genau dosierte Gabe von Schmerzmitteln kann in 9 50/o der Fälle erfolgreich eingesetzt werden. Aber auch seelische, soziale und spirituelle Schmerzursachen werden wahr- und ernst­ genommen. Auch im Schwarzwald-Baar-Kreis wurden immer drängender die Fragen gestellt: ,,Wann gibt es auch in unserem Kreis eine In­ itiative, die sich gezielt um sterbende Men­ schen und ihre Angehörigen kümmert? Wie können wir möglichst vielen Menschen ein Sterben in Würde, weitgehend schmerzfrei, und umgeben von liebevoller Fürsorge er­ möglichen?“ Im September 1992 fanden erste Vorge­ spräche statt. Unter der Trägerschaft von Diakonischem Werk, Caritas, katholischem Bildungswerk und Ev. Erwachsenenbildung, ganz besonders aber getragen durch das persönliche Engagement von Waltraud Gla­ ser, Sozialarbeiterin der Caritas in Donau­ eschingen, und Michele Godest, Sozial- Hospizbewegung pädagogin der Diakonie in Villingen, ent­ stand die ökumenische Arbeitsgemeinschaft „Hospiz im Schwarzwald-Baar-Kreis“. Im November 1993 war es soweit: ein erster Vorbereitungskurs „Sterbebegleitung“ konn­ te angeboten werden – und das Interesse daran war erstaunlich groß. Seither findet in jedem Winterhalbjahr ein Kurs statt, und die Zahl der sorgfältig vorbereiteten ehren­ amtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbei­ ter ist inzwischen auf über fünfzig ange­ wachsen. Bei Bedarf können sie in die Fa­ milie, ins Krankenhaus oder ins Pflegeheim gerufen werden. Noch im Jahr 1993 wurden zwei sterbende Menschen von Hospiz-Mitarbeiterinnen begleitet (19 Stunden), 1994 waren es 24 Be­ gleitungen (299 Stunden), 1995 wurden 42 Menschen begleitet (663 Stunden), und im Jahr 1996 (bis Oktober) 61 Menschen (660 Stunden). Im Jahr 1995 erhielt die Arbeitsgemein­ schaft Hospiz im SBK für ihr soziales Enga­ gement den ersten Gesundheitspreis der Stadt Villingen-Schwenningen. Nachdem die vierjährige von den „Wer­ ken“ getragene Anlaufphase zu Ende ging, wurde am 2. Dezember 1996 die „Arbeits­ gemeinschaft Hospiz“ in einen Verein um­ gewandelt, um ein neues organisatorisches und finanzielles Fundament zu schaffen. Die 54 Gründungsmitglieder des neuen Ver­ eins „Hospizbewegung im Schwarzwald­ Baar-Kreis“ wählten Dr. Friedrich Bettecken, den langjährigen Chefarzt der Kinderklinik Villingen, zu ihrem Vorsitzenden. Unter­ stützt wird er von Klinikseelsorger Hans­ Martin Bergner als seinem Stellvertreter so­ wie der Volkswirtin Martina Furtwängler als Schatzmeisterin und der Lehrerin Heidi Wolfart-Zundel als Schriftführerin. Neben den Vertreter/innen der bisherigen Träger werden noch weitere Mitglieder in den Vorstand bzw. den Beirat des Vereins entsandt. Dies sind Monika Mönch, Micha­ el Nopper und Barbara Dargel. Der Beirat setzt sich zusammen aus: Michele Godest, 267

Die Patientenverfügung Kreisseniorenrat hat einen Vordruck für Jedermann entworfen Hospizbewegung / Patientenverfügung Waltraud Glaser, Bernhard Seitz, Marielies Schmid, Karin Nagel, Michael Nopper, Hil­ degard Höller, Monika Mönch, Barbara Darge!, Willi Haller und Renate Bergner. Die „Hospizbewegung e. V.“ ist dankbar für Spenden und nimmt gerne weitere Mit­ glieder in den Verein auf. Die Vereinsadres­ se lautet wie folgt: ,,Hospizbewegung im Schwarzwald-Baar-Kreis e. V.“, Mönchwei­ lerstr. 8, 78048 Villingen-Schwenningen (Tel. 07721/845156). Einsatzleitung: Marie- Nicht ganz unbegründet haben viele Menschen Angst vor den heutigen Möglichkeiten der „Apparatemedizin“. Bei der Gratwanderung zwischen fragwür­ diger Lebensverkürzung einerseits und sinnloser Sterbeverlängerung andererseits kann eine Willenserklärung sprich Patien­ tenverfügung sowohl für den behandeln­ den Arzt wie auch für die Angehörigen ei­ ne wertvolle Entscheidungshilfe sein. Die Patientenverfügung bietet die Mög­ lichkeit, den eigenen Willen im voraus nie­ derzulegen für den Fall, daß man nicht mehr in der Lage ist, ihn selbst zu vertre­ ten (z.B. bei Bewußtlosigkeit). Sie muß mit Datum und Unterschrift versehen sein, sollte leicht auffindbar sein (zu Leb­ zeiten also nicht mit dem Testament ver­ wahren!) und sollte in regelmäßigen Ab­ ständen erneuert, bzw. bestätigt werden. Der Kreisseniorenrat Schwarzwald-Baar hat einen Vordruck für eine Patientenver­ fügung entwickelt, den man sich vom Landratsamt (Am Hoptbühl 2, 78 048 Vil­ lingen-Schwenningen) zusenden lassen kann (bitte Rückporto beilegen). Die Ver­ fügung trägt man im Kleinformat am be­ sten in der Brieftasche ständig bei sich. Die große Ausfertigung verbleibt im Haus und 268 lies Schmid (Tel. 07725/7421). Spenden sind auf folgende Konten möglich: Volksbank eG Villingen (BLZ 694 900 00) Konto-Nr. 48 80 803, Sparkasse Villingen-Schwenningen (BLZ 694 500 65), Konto-Nr. 67167 Deutsche Bank (BLZ 694 700 39) Konto-Nr. 0240333. Heidi Wo[fart-Zundel enthält weitere wichtige Angaben, so meh­ rere Personen, die im Ernstfall zu verstän­ digen sind. Eine dieser Personen ist auch in der Patientenverfügung genannt. Kern­ satz der Patientenverfügung ist folgende Willenserklärung: ,,Falls ich in einen Zu­ stand gerate, in welchem ich meine Ur­ teils-und Entscheidungsfähigkeit unwi­ derruflich verloren habe, will ich, daß man auf Maßnahmen verzichtet, die nur noch eine Sterbens-oder Leidensverlängerung bedeuten würde. Mein Leben soll sich in Stille und Würde vollenden.“ Weiter heißt es darin: ,,Für jeweilige Pro­ bleme, die Entscheidungen über das wei­ tere Vorgehen erfordern, verlange ich, daß die verantwortlichen Ärzte/Betreuer mit folgenden Personen und/ oder folgendem Arzt meines Vertrauens Rücksprache neh­ men … “ Es folgt ein Name oder die Na­ men. Wichtig ist auch der letzte Abschnitt, der ausführt: ,,Mit ihrer oben genannten Un­ terschrift bestätigen diese Personen, daß sie von meiner Patientenverfügung Kennt­ nis genommen haben und daß ich diesen Willen im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte unabhängig von Einflüssen Dritter unterschrieben habe.“

125 Jahre Pflege- und Altenheim Geisingen Das „Wartenberg“ kann sich mit 420 Betten zu den großen Häusern zählen Gesundheit und Soziales nommen“, erklärt Häßler. Für einen Teil der Bewohner bietet die Arbeit eine sinnvolle Tageseinteilung, die sie an das zurückliegen­ de Arbeitsleben erinnert. Der andere Teil kann sich kreativ betätigen und sich die Zeit vertreiben. Das Ziel ist, die körperliche und geistige Mobilität zu festigen und das „psy­ chische Krankheitsbild“ zu verbessern. Je nach den Erfordernissen sind die Be­ wohner in Schwerstpflegestationen, be­ schützenden oder offenen Betreuungssta­ tionen und einem Pflegeheim für Senioren untergebracht. Überwiegend niedergelasse- Ein großes, modernes Haus, das es auf ei­ ne lange Tradition in der Pflege bringt und stolz darauf ist: Das Pflegeheim Haus War­ tenberg in Geisingen wurde am 1. Februar 1997 exakt 125 Jahre alt. Mit derzeit 420 Betten, die sich auf verschiedene Häuser ver­ teilen, mit einem neuen Gemeinschaftshaus samt Schwimmbad, Praxis- und Therapie­ räumen und einer Cafeteria kann sich das „Wartenberg“ zu den großen Häusern zählen. Es ist fast so etwas wie eine „Stadt in der Stadt“, mit zur Zeit 280 festangestellten Mitarbeitern, die sich in Geisingen herausgebildet hat. In einer ange­ gliederten Altenpflegeschule berei­ ten sich rund 65 Altenpflege­ schülerinnen und -schüler in drei Kursen auf ihren Beruf vor. Die Fachschule sorgt seit über zehn Jahren für den Nachwuchs an qua­ lifizierten Pflegefachkräften. Ein eigener Gutshof mit rund 120 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche, 120 Großvieheinhei­ ten und 200 Schweinen, eine Gärt­ nerei mit insgesamt 14 Ar Glas­ fläche zum Anbau von Gemüse, Pflanzenkulturen und Blumen, mehrere Werkstätten und ein haus­ eigener Verkaufsraum sind im Heimbetrieb mit integriert: Bernd Häßler, seit 1988 Verwaltungs- und Heimleiter, und sein Team haben ein breites Betätigungsfeld. Rund 140 Heimbewohner sind zur Zeit in der Beschäftigungsthe­ rapie tätig. Sie setzen Kugelschrei­ ber oder Rohrsehellen zusammen oder sie basteln, malen, häkeln oder stricken: „Das freiwillige An- gebot wird gerne und rege ange- Im Dienste kranker und alter Menschen: das Pflegeheim „War­ tenberg“ in Geisingen besteht seit 125 Jahren. 269

ten die Ritter aus christlicher Überzeugung für das Abendland gekämpft, sich aber auch mit ansteckenden Krankheiten wie Lues, Tu­ berkulose, Pocken und dergleichen infiziert. Die Kranken wurden in einem Leprosen­ und Aussätzigenhaus vor den Toren Geisin­ gens untergebracht. Karl Straub, der das Heim von 1950 bis 1970 leitete, erinnert in seinem Rückblick zum lOOjährigen Bestehen des Kreispflege­ heims Geisingen an eine wechselvolle Ge­ schichte. So wurde im 18. Jahrhundert aus dem „Siechenhaus“ ein „Gutleutehaus“, in dem die Armen aufgenommen wurden. Fürst Joseph Wilhelm Ernst zu Fürstenberg hatte mit einer Geldanweisung den Grund­ stock für ein Landesspital gelegt. Die „jüngere“ Geschichte der Geisinger Pflegeeinrichtung begann 1870, als das bis­ herige F. F. Landesspital nach Hüfingen übersiedelte. Die in Geisingen freiwerden­ den Gebäude wurden vom damaligen Kreis Villingen-Donaueschingen für 10 000 Gul­ den aufgekauft und zu einer Kreispflegean­ stalt umgebaut. Im ersten Jahr wurden bereits 60 Pfleglin­ ge aus dem ganzen Kreisgebiet aufgenom­ men: ,,Sieche, arme Geisteskranke, Alters­ schwache und Bresthafte“, wie es eine alte Verordnung ausdrückt. Schon 1899 verzeichnet die Pflegeanstalt 213 „In­ sassen“, im Revisionsbe­ richt des Jahres 1900 wird die Kreispflegeanstalt als „eine der bestgeleiteten Badens“ bezeichnet, weiß die Geisinger Stadtchro­ nik zu berichten. Pflege· und Altenheim Gei ingen ne Ärzte aus Geisingen übernehmen die Be­ treuung der Bewohner und seelsorgerischer Beistand kommt ebenfalls aus Geisingen. Träger der großen Einrichtung mit der langjährigen Geschichte ist seit 1972 der ,,Zweckverband Pflegeheim Haus Warten­ berg“, dem die Landkreise Schwarzwald­ Baar und Tuttlingen und die Städte Gei­ singen, Donaueschingen und Villingen­ Schwenningen angehören. Verbandsvorsit­ zender ist seit Juli 1996 der Landrat des Schwarzwald-Baar-Kreises, Karl Heim. Ursprung liegt im Mittelalter Die Geburtsstunde für diese vorbildliche und damals einzigartige Einrichtung im Großherzogtum Baden schlug am l. Febru­ ar 1872. Die Fürsorge für alte, schwache und bedürftige Menschen lag der großherzogli­ chen Regierung am Herzen. So bekam der Großkreis Villingen bereits 1863 den Auf­ trag, Versorgungseinrichtungen für die Not­ leidenden zu schaffen, die „Kreispflegean­ stalt Geisingen“ wurde ins Leben gerufen. In Wahrheit aber können die Geisinger stolz sein auf eine viel ältere Einrichtung: Alles begann nämlich im frühen Mittelalter. Bei den Kreuzzügen im fernen Orient hat- Der Pflegesatz betrug 1872, im Gründungsjahr also, 44 Pfennige am Tag bei insgesamt 13 858 Pfle­ getagen. 100 Jahre später liegt der Pflegesatz bei täg­ lieh 15 Mark, die Zahl der ist auf gut Pflegetage Mit viel Engagement und Fürsorge im Einsatz, die Mitarbeiter des Geisinger Heimes „Wartenberg“. 270

Gesundheit und Soziales Teile der Anstalt wurden in den beiden Kriegen als Lazarett genutzt, im Ersten Weltkrieg wurden „ner­ venkranke Soldaten“ in Geisingen gepflegt. Der ,,Reichsnährstand“ förder­ te im Dritten Reich die Landwirtschaft besonders. So erreichte der Grund­ stücksbesitz rasch 43 Hek­ tar und 1937 wurde ein neues Gutsgebäude er­ stellt. Ansonsten schwei­ gen die Qiellen über die Großzügige Räume und moderne Einrichtung: In Geisingen ist man Zeit des Zweiten Weltkrie­ ges, sieht man einmal da- ständig um das Wohl der Bewohner bemüht. von ab, daß in einem Be­ richt davon die Rede ist, daß „für das Ge­ sinde schöne, helle und luftige Wohnräume erstellt wurden.“ Das Jahr 1945/46 ist von schlimmen Ernährungs- und Versorgungsverhältnissen geprägt. Es bringt 191 Todesfälle, was 3 6 Prozent der gesamten Belegung ausmacht. Der neue Zeitabschnitt beginnt 1949 mit einem schweren Brand: Innerhalb weniger Stunden brennen in der Nacht vom 25. auf den 26. August die beiden Ökonomiege­ bäude nieder. Die gesamten Futtervorräte und das bereits eingebrachte Getreide wer­ den ein Raub der Flammen. Ein Bewohner des Heimes, der an Verfolgungswahn litt, hatte das Feuer gelegt. 187 000 angewachsen. Heute, zum 125jähri­ gen, liegt die Zahl mit 150 000 Pflegetagen jedoch wieder niedriger, weil die Zahl der Betten um 130 reduziert wurde. Mittelfristi­ ges Ziel ist ein weiterer Abbau der Pflege­ betten auf insgesamt nur noch 320. Die barmherzigen Schwestern vom Orden des Heiligen Vinzenz von Paul hatten seit der Gründung des Heims Pflege und Haus­ haltsführung übernommen. Teilweise waren bis zu 13 Ordensschwestern gleichzeitig im Haus tätig. Die Schwestern machten ihre Ar­ beit zurückgezogen und kaum von der Öf­ fentlichkeit beachtet. Aber sie gaben den Be­ wohnern ein Stück Menschlichkeit und Hil­ fe, trotz aller bescheidener Mittel. Schon 1881 wurde ein eigener Anstalts­ friedhof angelegt und 1886 wurde der erste Gutshof erstellt, 1900 eine eigene Bäckerei angebaut, 1903 ein moderner Schweinestall. Das alte Spitalgebäude wurde abgerissen, da es den Anforderungen nicht mehr ent­ sprach. 1912 wurde ein neues Frauenhaus errichtet. Die Zahl der Heimbewohner stieg weiter an, der Lebensmittelbedarf konnte aus der eigenen Landwirtschaft nicht mehr gedeckt werden. Daher wurde 1931 in Kir­ chen-Hausen ein Hofgut samt 18,95 Hektar Wiesen- und Weideland angekauft. Es folgt ein rascher Wiederaufbau der Ge­ bäude. Gleichzeitig wird die Gelegenheit ge­ nutzt, die gesamte Anstalt von Grund auf zu erneuern. Ein erster Schritt dahin ist die Umbenennung. Die Kreisversammlung ent­ scheidet am 26. Januar 1953, die bisherige ,,Kreispflegeanstalt“ in „Kreispflegeheim“ umzutaufen. Karl Straub schildert, daß die neue Zeit nicht nur im Abkratzen der alten Fassaden­ aufschrift deutlich wurde, sondern auch dem Sinne nach: ,,Die Umbenennung wur­ de zu einer Verpflichtung, alten kranken 271

Pflege-und Altenheim Geisingen Ständige Fortbildung und Gespräche zum Wohl der Bewohner gehören im Haus“ Wartenberg“ zum selbst­ verständlichen Alltag der Mitarbeiter. Die eigene Fachschule sorgt seit über 10 Jahren für den Nad,wuchs an engagierten !Jlegekräften. Menschen wirklich ein Heim mit zeit­ gemäßem Komfort und eine Heimat zu bie­ ten. So beschließt der Kreistag im Januar 1955 den ersten Bauabschnitt für ein Altersheim: Das Haus Wartenberg, das der Geisinger Einrichtung ihren heutigen „modernen“ Namen gibt, wird 1956 in Betrieb genom­ men. Weitere wichtige Stationen waren: ei­ ne neue Gärtnerei 1963, ein neues Verwal­ tungsgebäude 1966, ein Jahr später dann ein neues Männerhaus mit einem Schwestern­ wohnheim und der Bau eines neuen Guts­ hofes (1968). 1976 kommt wieder ein Frau­ enhaus hinzu, das alte wird grundlegend re­ noviert. Ein zweiter Bau, mit 100 Betten und 20 Personalunterkünften, wird am 13. Juli 19 81 eingeweiht. 198 9 wird das Haus Wartenberg saniert, 1992 ein Sechsfamilien­ haus für Mitarbeiter gebaut und schließlich 272 entsteht 1993 und 1994 das neue Gemein­ schaftshaus mit Cafeteria, Schwimmbad, Friseur, ärztlichen Funktionsräumen und Räumen für die Beschäftigungs- und physi­ kalische Therapie. Im Jubiläumsjahr 1997 feiert das Pflege­ und Altersheim Geisingen nicht nur das 125jährige, sondern nimmt ein weiteres Großprojekt in Angriff: Die Bettenhäuser müssen saniert und auf den neuesten Stand gebracht werden. Die geschätzten Sanie­ rungskosten liegen für den 1. Sanierungsab­ schnitt bei rund 18 Millionen Mark. Die Verantwortlichen des Zweckverbandes hof­ fen, mit dem 1. Sanierungsabschnitt im Jah­ re 1997 beginnen zu können. Manfred Beathalter

„Essen auf Rädern“ und Zeit für Gespräche Die Blumbergerin Friede! Gerber – eine sozial engagierte Frau Gesundhcituod Soziales Untrennbar mit der Persön­ lichkeit von Friede! Gerber, der Witwe des verstorbenen Blum­ berger Bürgermeisters Werner Gerber, verbunden ist die sozia­ le Einrichtung „Essen auf Rä­ dern“ in der Eichbergstadt, die zum vielfältigen Angebot des Roten Kreuzes gehört. Friede! Gerber geborene Brunner kam in Mußbach in der Pfalz zur Welt. Eine Drogi­ stenlehre konnte sie kriegsbe­ dingt nicht beenden. 1940 ar- Friede! Gerber beitete sie in der Verwaltung ei- nes Krankenhauses und 1946 heiratete sie Werner Gerber. Mit ihm ging sie nach Kehl, von dort 1961 nach Villingen und im De­ zember, nach der Wahl zum Bürgermeister, erfolgte der Umzug nach Blumberg. Zu den drei Kindern der Familie nahm Friede! Ger­ ber 1964 noch eine Nichte mit in den Haus­ halt auf „1978, da waren die Kinder aus dem Haus“, erinnert sich Friede! Gerber, ,,da wollte ich etwas machen.“ Es war ihr einfach zu still geworden. So gründete sie zusam­ men mit sechs Gleichgesinnten den „Mobi­ len Mittagstisch“. ,,Am Anfang haben wir noch selber gekocht“, erzählt Friede! Gerber aus dieser Gründungsphase. Das allerdings erwies sich auf die Dauer als nicht machbar und so übernahm im September 1978 die TRW-Werksküche das Kochen und das ist bis heute so geblieben. W ährend der Be­ triebsferien der Firma hat sich bislang im­ mer eine Vertretung gefunden. So wurden die Gaststätten „Kranz“, ,,Krone“ und „Fär­ berstüble“, aber auch „Sonne“ und „Kranz“ in Riedböhringen aktiv, sie wurden 1991 abgelöst durch die Metzgerei Kiefer und nachfolgend dann die Metzgerei Lebek. ,,So haben all die alten Leute, die am Mittagstisch teilneh­ men, immer täglich ihre fiisch gekochte, warme Mahlzeit be­ kommen und sie können wählen zwischen Normal- und Schonkost,“ so die Initiatorin. Ganz wesentlich sind für Frie­ de! Gerber all die Helfer im Team, die dafür sorgen, daß die Mahlzeiten pünktlich ausgelie­ fert werden. ,,Wir sind im Besitz eines Fahrzeuges und alle eh- renamtlichen Helfer nehmen sich die Zeit für ein persönliches Wort, wenn sie die Mahlzeit zu den meist al­ ten Leuten bringen. Das ist nicht nur mir, sondern allen Beteiligten gleichermaßen wichtig. Oftmals ist hier für etliche Senioren die einzige Möglichkeit am Tag, einmal mit jemandem zu sprechen.“ Friede! Gerber weiß viel über die Einsamkeit mancher alten Mitbürger. Derzeit werden in Blumberg und seinen Ortsteilen 25 Essen pro Tag verteilt und bis Ende 1996 war Friede! Gerber Anlaufstation für alle Probleme und zudem zuständig für alle organisatorischen Arbeiten und den Re­ chenschaftsbericht für das DRK-Blumberg. Mit Ablauf des Jahres 1996 hat Friede! Gerber die Leitung des „Kommunalen Mit­ tagstisches“, wie die Einrichtung mittlerwei­ le heißt, in jüngere Hände gelegt. ,,Es war ei­ ne schöne und wichtige Zeit, die ich nicht missen möchte“, stellt die liebenswerte, agi­ le Siebzigerin im Rückblick fest. In den nun frei gewordenen Stunden wird sie sich mehr als bisher ihrer großen Familie widmen, der Gymnastik und dem Lesehobby frönen und noch manche schöne Reise unternehmen. Christiana Steger 273

20. Kapitel/ Almanach 98 Umwelt und Natur Gliederung und Namensgeschichte der Baar Die Schüsselform eine Folge der Entstehung des Oberrheingrabens Die Baar – eine Hochmulde im Über­ gangsbereich zwischen Schwarzwald im We­ sten und der Schwäbischen Alb im Osten – hebt sich durch eine Vielzahl charakteri­ stischer Landschaftsmerkmale von ihren Nachbarräumen ab. Dabei kommt nicht nur der Topographie eine wichtige Bedeutung zu. Die typische „Schüssel- form“ ist eine Folge komplexer geologischer und geomorpho­ logischer Prozesse, die durch die Entstehung des Ober­ rheingrabens ausgelöst wur­ den und zur Bildung der Süd­ westdeutschen Schichtstufen­ landschaft führten. Daneben unterscheidet sich die Baar auch durch ihre besonderen hydrographischen und boden­ kundlichen Merkmale, die Vegetationsbedeckung und Landnutzung sowie nicht zuletzt durch ein charakteristisches Klima von den anderen Naturräumen in ihrer Umgebung. So stellt die Region am Ursprung von Donau und Neckar einen eigenständigen Natur- und Kulturraum dar, dessen Spuren sich bis weit in die Vergangenheit zurückverfolgen las- sen. Die Namensgeschichte der „Baar“ Die ursprüngliche Bedeutung und die Her­ kunft des Begriffs „Baar“ werden bis heute wissenschaftlich kontrovers diskutiert. Nach wie vor ist noch nicht eindeutig geklärt, ob es sich dabei anfangs um eine landschaftli­ che oder verfassungsrechtliche Bezeichnung für ein bestimmtes Hoheitsgebiet handelte. Unumstritten ist indes das hohe Alter des 274 In einem engen Zusammenhang zur heutigen Bedeutung findet der Begriff „Baar“ erstmals zwi· sehen 741 und 747 als „Bertoldsbaar“ eine ur· kundliche Erwähnung. Namens. So reicht die Bezeichnung „Baar“ bis weit in die vorhistorische Zeit zurück. Bereits die Kelten und Germanen benutzten diesen Ausdruck, wenn auch zum Teil in ei­ ner etwas anderen Schreibweise wie etwa „Bar“ oder „Par“, als Landschaftsnamen. Die mögliche ursprüngliche Bedeutung des Be- griffs läßt sich über den Wort­ stamm „Bar“ bzw. ,,Bher“ so­ gar bis in die indogermanische Zeit zurückverfolgen. Er wur­ de stets in einem engen Zu­ sammenhang mit Wasser ver­ wendet, wie etwa bei der Be­ zeichnung von Flüssen und feuchten, sumpfigen, moori­ gen oder quellenreichen Ge­ bieten. Auch heute findet sich der Begriff „Bara“ noch in vie­ len slawischen Sprachen als Ausdruck für kleine Flüsse oder Sumpflandschaften – ein Tatbestand, der sich durchaus auf den quellen- und sum pfreichen Charakter der Landschaft zwi­ schen Schwarzwald und Schwäbischer Alb übertragen läßt. In einem engeren Zusammenhang zur heutigen Bedeutung findet der Begriff „Baar“ erstmals zwischen 741 und 747 als „Bertoldsbaar“ (,,Perahtoltespara“) eine urkundliche Erwähnung. Im weiteren Ver­ lauf des 8. und 9. Jh. tauchen immer wieder ähnliche Bezeichnungen in den Urkunden auf, die sich jeweils aus einem Personenna­ men und dem Wort „para“ oder „bara“ zu­ sammensetzen. So finden sich u. a. die „Ber­ toltisbara“ (760), ,,Adelhartespara“ (769), ,,Perihtilinspara“ (785), ,,Folcholtespara“ (805) sowie die westliche und östliche „Al­ buinspara“ (851 bzw. 788-838). Diese Baa-

n Mittlerer- – O b e r e G ä u e Süd- ‚- östlicher­ � Zur Ge chichte der Baar Hohe Schwabe n- Nördliches Bodensee­ und Hegau – Becken Abbildung 1: Karte der naturräumlichen Gliederung der Baar und ihrer Nachbarregionen (Quelle: eige­ ner Entwurf nach Benzing 1964 und Huttenlocher 1959). ren stellten Teilstaaten des alten Alemanni­ ens dar und bezeichneten daher politische Herrschaftsbezirke, deren Entstehung wahr­ scheinlich bis zum Fall des Limes (260) zurückreicht. Die einzelnen Baaren gehen dabei auf alemannische Herzogsgeschlech­ ter zurück, deren Allodialbesitz die jewei­ ligen Regionen darstellten und in denen sie ihren rechtlichen und politischen Einfluß ausübten. Ihre räumliche Ausdehnung reichte weit über den heutigen Naturraum der Baar hinaus. Die Baaren erstreckten sich im wesentlichen über den gesamten Bereich der Orte mit „ingen“-Endung, der den ale­ mannischen Siedlungsraum zur Zeit der Landnahme kennzeichnet. Sie umfaßten da­ mit Teile des Schwarzwaldes, des Neckar­ landes, der Schwäbischen Alb und des Al­ penvorlandes fast bis hin zur Iller im Osten. Durch den Sturz des alemannischen Stam­ mesherzogs im Jahre 746 existierten die Baa­ ren als historisch-politische Landschaften 275

Umwelt und aiur Dreidimensionales, digitales Geländemodell der Baar Höhenstufen von 500 bis 950 Meter Entwurf: A. Siegmund Datengrundlage: Landesvermessungsamt Baden-Württemberg zum Zeitpunkt ihrer urkundlichen Etwähnung bereits zumeist nicht mehr. Sie wurden vielmehr in rein geographi­ schem Sinne zur Bezeichnung der entspre­ chenden Räume vetwendet. Nach einer letz­ ten urkundlichen Etwähnung der „Perahtoltespara“ im Jahr 890 findet sich in den schriftli­ chen Überlieferungen bis heu­ te nur noch die Bezeichnung ,,Baar“ bzw. ,,Para“. Nach der Unteiwerfung der Alemannen wurden auf deren Territorien durch die Franken Grafschaften eingerichtet. Im Südwesten der ehemaligen (,,Perahtolte­ ,,Bertoldsbaar“ spara“) entstand auf diese Wei- se eine Grafschaft der „Baar“. Während die Bezeichnung „Baar“ in den an­ deren ehemals alemannischen Regionen nach und nach verschwand, lebte sie auf die­ se Weise im Ursprungsgebiet von Donau und Neckar als offizielle Bezeichnung eines politischen Hoheitsbereichs fort. Im Jahr 276 1283 erfuhr der Baar-Begriff durch die Belehnung des Grafen Hein­ rich von Fürstenberg mit der „Landgraf­ schaft Baar“, deren Existenz durch ein Sie­ gel des Landgrafen Konrad von Wartenberg erstmals 1264 nachgewiesen ist, erneut eine rechtlich-poli­ tische Bedeutung. Über die Jahrhunderte hinweg blieb die Baar jedoch auch als Land­ schaftsbezeichnung in geogra­ phischem Sinne erhalten. Seit der Mediatisierung des Für­ stentums Fürstenberg im Jahre 1806 fand das Wort nur noch unter natur-und kulturräum­ lichen Aspekten Vetwendung. Erst die Bezeichnung ,,Schwarzwald-Baar-Kreis“ ver­ lieh ihr eine erneute, zusätzliche verfas­ sungsrechtliche Bedeutung. Im Laufe der Geschichte veränderten sich die Grenzen der Baar in rechtlich-politi­ schem Sinne als Bezeichnung eines Ho­ heitsgebiets mehrfach. Daneben entwickelte Wahrend die Bezeich- nung „Baar“ in den an­ deren ehemals aleman- nischen Regionen nach und nach verschwand, lebte sie im Ursprungs- gebiet von Donau und Neckar weiter.

sich jedoch auch ein Landschaftsbegriff, der sich mehr und mehr von seiner offiziellen politischen Bedeutung löste. Auf diese Wei­ se wurden mit dem Begriff „Baar“ zuneh­ mend bestimmte landschaftliche Vorstel­ lungen verbunden, die bis heute bestehen. Naturräumliche Grenzen der Region Welche Region umfaßt aber nun genau der Naturraum der Baar? Wo liegen seine Gren­ zen ? Fragen, die in der länderkundlichen Li­ teratur zum Teil kontrovers diskutiert wer­ den. Dabei werden die Grenzen der Baar von Fall zu Fall enger oder weiter gefaßt und schieben sich zum Teil bis in die Nach­ barregionen vor. Kulturgeographische An­ sätze stellen das „Gaubewußtsein“ der Be­ völkerung in den Mittelpunkt zur Abgren­ zung der Region – ,,Wo das Bewußtsein, Baaremer zu sein, ausklingt, da ist die Baar zu Ende“ (FISCHER 1936, S. 8). Neben den methodischen Problemen, die eine sol­ che Definition mit sich bringt, kann das Zu­ gehörigkeitsgefühl der Bevölkerung zu einer Region in Abhängigkeit von verwaltungs­ politischen oder sozio-ökonomischen Ge­ gebenheiten durchaus tem- porären Schwankungen unter­ liegen, so daß sich die Gren­ zen ständig verändern. Letztlich läßt sich die Baar nur naturräumlich sinnvoll abgrenzen. In einer ersten Annäherung beschreibt E. FISCHER die Lage der Regi­ on: „Nahe am Fächergriff, wo die Landstufen (der Südwest­ deutschen Schichtstufenland­ schaft) eng zusammenrücken und man in wenigen Stunden vom Granit des Schwarzwaldes ins Tertiär des Randengebietes wandern kann, breitet sich zwischen der Waldlandschaft im We­ sten – dem Schwarzwald – und der Wald­ mauer im Osten – der Steilstufe der Badi­ schen Alb – in einer Höhenlage von 700 bis Zur Geschichte der Baar 800 m ein weithin offenes Land aus: die Baar“ (FISCHER 1936, S. 4) (vgl. Abb. 1). Im Norden und Süden wird die Baar im wesentlichen durch das Einzuggebiet des Rheins und seiner Nebenflüsse begrenzt. Durch die tiefere lokale Erosionsbasis weist das rheinische Flußsystem ein deutlich stär­ keres Gefälle auf als das danubische. Aus diesem Grund haben sich die Nebenflüsse des Rheins, wie die Wutach im Süden und der Neckar im Norden der Baar, durch rück­ schreitende Erosion sehr stark in den Un­ tergrund eingeschnitten. Die dadurch ent­ standenen Tallandschaften mit ihren mar­ kanten Reliefgegensätzen heben sich deut­ lich von der wesentlich weniger reliefierten Hochebene der Baar ab (vgl. Geländemo­ dell). Das �ellgebiet des Neckars zählt dabei zur Baar, da sich die starken Erosionser­ scheinungen noch nicht bis zum Ursprung des Flusses vorgearbeitet haben. So bilden die Oberen (Neckar)-Gäue und das Mittlere Wutachland die Nord- bzw- Südgrenze der Baar (vgl. Abb. 1). Auf diese Weise läßt sich der Kernraum der Baar abgrenzen. Er umfaßt in etwa ein Fünf- eck, das durch die Städte Löff­ ingen, St. Georgen, Rottweil, Tuttlingen und Blumberg auf­ gespannt wird und in dessen Zentrum die Städte Villingen­ Schwenningen und Donau­ eschingen liegen. Eine genaue Abgrenzung der Region zu ihren Nachbarräumen stellt sich jedoch im einzelnen sehr schwierig dar. Die Ränder des Naturraumes lassen sich im Landschaftsbild zumeist nicht als klare Grenzlinien nach- zeichnen, sondern stellen vielmehr Über­ gangsbereiche dar, die mehr oder weniger breit sein können. Aus diesem Grund erge­ ben sich aus den verschiedenen Entwürfen zur naturräumlichen Gliederung der Region zum Teil gewisse Differenzen in der Grenz- 277 Im Norden und Süden wird die Baar im wesent· liehen durch das Ein· zugsgebiet des Rheins und seiner Nebenflüsse begrenzt, wie der Wutach im Süden, dem Neckar im Norden.

Umwelt und Natur Winter bei Pfohren, die Baarhochmulde mit dem Wartenberg im Hintergrund. führung aber auch in der Nomenklatur. Die West- und Ostgrenze der Baar läßt sich aufgrund der geologischen Verhältnisse am eindeutigsten festlegen. So bildet der Über­ gang vom oberen Buntsandstein zum unte­ ren Muschelkalk die Abgrenzung zwischen der Baar und des sich westlich an­ schließenden Mittleren Schwarzwaldes. Er entspricht in etwa einer Linie Döggingen – Tannheim – Pfaffenweiler – Villingen. Im Landschaftsbild hebt sich dieser Wechsel recht deutlich hervor. Während auf den Buntsandsteinflächen des Schwarzwaldes dichte Wälder stocken, geht der Waldanteil im Bereich des Muschelkalks erheblich zurück. Der Ackerbau nimmt dort bei der landwirtschaftlichen Nutzung eine wichtige Bedeutung ein, während im Schwarzwald die Grünlandwirtschaft dominiert. Verein­ zelt wird die Grenze zwischen Schwarzwald und Baar auch an den Fuß des Oberen Mu­ schelkalks und damit weiter nach Osten ver­ schoben. Dieser bildet die eigentliche mar­ kante Muschelkalkstufe der Südwestdeut­ schen Schichtstufenlandschaft aus und hebt sich daher geomorphologisch deutlicher hervor als der Übergang vom Oberen Bunt­ sandstein zum Unteren Muschelkalk. Noch deutlicher als die westliche Begren­ zung der Baar ist deren Ost- und Südost­ grenze im Landschaftsbild zu erkennen. Der Fuß der teilweise über 100 m mächtigen Schichtstufe des Malms bildet hier den Übergang von der Baar zur Baaralb. Durch 278

Zur Gcschicbte der Baar grenze der Baar. Mitunter wird der Natur­ raum der Baar im Südwesten weiter gefaßt. Er bezieht dann auch Teile des Oberen Wut­ achlandes mit ein und reicht bis über Löf­ fingen hinaus. Am problematischsten erweist sich die Ab­ grenzung der Baar im Norden. Hier zeigen sich kaum markante landschaftliche Verän­ derungen zwischen der Baar und den sich nördlich anschließenden Oberen-(Neckar)­ Gäuen – die Übergänge sind fließend. Letzt­ lich gibt auch hier der Einflußbereich des rheinischen Entwässerungssystems, das durch tief eingeschnittene Flußtäler geprägt ist, in etwa den Grenzverlauf vor. Dabei spielt neben dem Neckar, dessen �eile und Oberlauf noch zur Baar zählen, die Eschach eine wichtige Bedeutung. Die südliche Grenze ihres Einzugsgebietes fällt in der na­ turräumlichen Gliederung in etwa mit der Nordgrenze der Baar zusammen. Im Nord­ osten bildet die Prim, die wie die Eschach bei Rottweil in den Neckar mündet, den Übergang von der Baarhochmulde zum westlichen Albvorland. Auf diese Weise fächert die Baar in ihren nördlichen Berei­ chen entsprechend des Streichens der Schichtstufe des Malms relativ weit nach Osten aus und reicht fast bis nach Spaichin­ gen. Somit bildet eine Linie von Spaichin­ gen über Deißlingen und Kappel bis nach Villingen in etwa die nördliche Abgrenzung der Baar. Innere Gliederung der Baarhochmulde Aufgrund ihrer morphologischen und landschaftlichen Vielfalt läßt sich die Baar­ hochmulde in insgesamt fünfTeilräume un­ tergliedern. Zunächst wird dabei das Villin­ gen-Bräunlinger Schwarzwaldvorland, auch als Baar-Gäuplatten bezeichnet und das Baaralbvorland voneinander unterschieden. Die Grenze zwischen beiden Einheiten bil­ det der Übergang vom Keuper zum Lias, dessen Schichtstufe sich im Landschaftsbild deutlich hervorhebt. Teilweise wird jedoch 279 die Bestockung des Stufenhanges und der sich anschließenden Hochfläche mit Laub­ und Mischwäldern tritt der Unterschied zur offenen, flachen Baarhochmulde noch mar­ kanter in Erscheinung. Die Ostgrenze der Baar entspricht dabei in etwa einer Linie zwischen den Ortschaften Fürstenberg, Gei­ singen, Talheim, Seitingen und Spaichingen (vgl. Abb. 1). Das Einzugsgebiet von Wutach, Gauchach und Krottenbach bilden die südliche Be­ grenzung der Baar. Durch ihre starke Relie­ fierung heben sie sich topographisch deut­ lich von dem wesentlich flacheren Gelände­ charakter der Hochmulde ab. So bildet eine Linie, die von Fürstenberg über Hausen vor Wald bis nach Döggingen reicht, die Süd-

Umwelt und Natur bereits der Keuper zum Baaralbvorland ge­ rechnet. Im Bereich der Donauniederungen im Süden der Baar ist die Abgrenzung zwi­ schen dem Villingen-Bräunlinger Schwarz­ waldvorland und dem Baaralbvorland an den Westrand der dort ausgebildeten Ried­ baarsenke verschoben. Damit entspricht der Grenzverlauf in etwa einer Linie Hüfingen – Hochemmingen -Deißlingen. Das Baaralbvorland wird in vier weitere naturräumliche Teileinheiten untergliedert, die sogenannten Liasplatten der nördlichen Baarhochmulde, die Riedbaar, das südliche Baaralbvorland und den nördlichen Baar­ albsockel /Lupfenbergland, der auch als Baaralbvorberge bezeichnet wird. Die Lias­ platten der nördlichen Baarhochmulde um­ fassen den Bereich der Liasschichten, die zwischen Pfohren und Trossingen eine etwa 4 bis 6 km breite, flachwellige Schichtstufe bilden. Ihre östliche Begrenzung bildet der Stufenrand des Doggers. An die Liasplatten der nördlichen Baarhochmulde schließt sich im Süden die Riedbaar an, die als flache Senke durch quartäre Schotter gekennzeich­ net ist. Sie liegt gänzlich im Einflußbereich der Donau und wird in etwa durch die Ge­ meinden Hüfingen, Neudingen, Geisingen, Pfohren und Donaueschingen abgegrenzt. Der Anstieg des Geländes südlich der Ried­ baar kennzeichnet den Übergang zum süd­ lichen Baaralbvorland. Es erstreckt sich von Hausen vor Wald bis nach Gutrnadingen. Der Nordosten der Baar umfaßt den nördli­ chen Baaralbsockel und das Lupfenberg­ land. Es ist im wesentlichen durch die Dog­ gerstufe, die sich im Landschaftsbild deut­ lich hervorhebt und einige Auslieger der Schichtstufe des Malms, wie etwa den 977 m hohen Lupfen, gekennzeichnet. So stellt sich die Baar als Mosaik ver­ schiedener Landschaftseinheiten dar, die je­ weils charakteristische naturräumliche Ei­ genschaften aufweisen und sich ihrerseits in vielfacher Hinsicht deutlich von den be­ nachbarten Regionen abheben. Das typi­ sche Relief, die Hydrologie sowie die spezi- 280 fische Landnutzung und charakteristische Vegetationsformen sind nur einige der Fak­ toren, die der Baarhochmulde und ihren Teilräumen dabei einen unverwechselbaren Charakter verleihen. Literatur BADER, K. (1972): Zur Geschichte. ln: REICHELT, G. (Hrsg.): Die Baar, Wanderungen durch Landschaft und Kultur, Villingen, S. 101 – 114. Alexander Siegmund BADER, K. (1985): Zu Herkunft, Bedeutung und Ge­ schichte der Baar. In: LANDRATSAMT SCHWARZ­ WALD-BAAR-KREJS (Hrsg.): Almanach 1985, Hei­ matjahrbuch des Schwarzwald-Baar-Kreises, 9. Folge, Villingen-Schwenningen, S. 103 – 113. BAN SE, H. (1984): Die Baar – Eine neue Deutung des Landschaftsnamens. In: Verein fur Geschichte und Na­ turgesd1ichte der Baar (Hrsg.): Schriften des Vereins fur Geschichte und Naturgesd1ichte der Baar, Bd. 35, Do­ nauesdlingen, S. 17 – 25. BENZING, A. (1964): Die naturräumlichen Einhei­ ten auf Blatt 186, Konstanz. ln: BUNDESANSTALT FÜR LANDESKUNDE (Hrsg.): Geographisd1e Lan­ desaufnahme 1 : 200.000, Naturräumlid1e Gliederung Deutschlands, Bad Godesberg. BENZING, A. (1966): Gesichtspunkte zur natur­ räumlichen Gliederung der Baar. ln: VEREIN FÜR GE­ SCHICHTE UND NATURGESCHICHTE DER BAAR (Hrsg.): Schriften des Vereins fur Geschichte und Naturgeschichte der Baar, Bd. 26, Donaueschingen, S. 123 – 137. FISCHER, E. (1936): Beiträge zur Kulturgeographie der Baar, Freiburg. HUTH, V. (1988): Zur Entstehungsgeschichte der Landgrafsd1aft Baar. In: Almanach 1988, Heimatjahr­ bud1 des Schwarzwald-Baar-Kreises, 12. Folge, Villin­ gen-Sd1wenningen, S. 125 – 131. HUTTENLOCHER, F. (1959): Die naturräumlichen Einheiten auf Blatt 178, Sigmaringen. In: INSTITUT FÜR LANDESKUNDE (Hrsg.): Geographische Lan­ desaufnahme, Naturräumliche Gliederung Deutsch­ lands, Remagen. OBIDITSCH, F. (1961): Die ländliche Kulturland­ sdiaft der Baar und ihr Wandel seit dem 18. Jahrhun­ dert, Tübinger Geographische Studien, Tübingen, H. 5. REICHELT, G. (1972): Die natürlichen Landschaften. In: REICHELT, G. (Hrsg.): Die Baar, Wanderungen durch Landschaft und Kultur, Villingen, S. 9 – 24.

Der Hüfinger Heilkräuterlehrpfad Bereits die Römer wußten um die Kraft der Kräuter auf der Baar Umwelt und Natur Im Frühjahr 1996 wurde das Areal um das Hüfinger Römerbad um eine Facette berei­ chert: Von dort aus kann man einen Heil­ kräuterlehrpfad begehen, der zwei Rundwe­ ge zu 3, 5 und sieben Kilometer anbietet. Die Idee hierzu hatte der Kneippverein der Baar, die von Bürgermeister Anton Knapp sofort aufgegriffen wurde. So konnte mit wesentlicher Unterstützung der Stadt Hü­ fingen der Lehrpfad erstellt werden. Er wur­ de im Mai 1996 bei großem Interesse der Be­ völkerung eröffnet. Den Kräuterlehrpfad hat man bewußt in der Nähe des Römerbades angelegt, um so eine Verbindung zu jenen Heilkräutern zu schaffen, die auf den Hüfinger Fluren wach­ sen und die bereits in der Antike bekannt waren. Es ist anzunehmen, daß sie bereits von den Römern und Griechen genutzt wurden. Aber auch die in der Nähe des Rö­ merbades gelegene Wassertretstelle war für den Kneippverein Anlaß, den Heilkräuter­ lehrpfad hier beginnen zu lassen, so daß drei Elemente der Kneipp’schen Lehre genutzt werden können: Die Phytotherapie (Pflan­ zenheilkunde), die Hydrotherapie (Wasser­ anwendung) und die Bewegungstherapie. Die Wegstrecke, die über das freie Feld und durch den Wald fuhrt, ist ausgeschildert. Insgesamt 34 Heilpflanzen werden durch farbig gestaltete Hinweistafeln näher erläu­ tert. So erfährt man stichwortartig das Wich­ tigste über Vorkommen, Aussehen, Stand­ ort, Sammelgut, Wirkstoffe und Anwen- Im Mai 1996 eröffnete die Stadt Hüfingen unter großer Resonanz der Bevölkerung ihren Heilkräuterlehr­ pfad, die Idee dazu hatte der Kneippverein der Baar. 281

Hü6nger Htilkräut rpfad 11.!:!UFINGEN · KRÄUTER-LEHRPFAD a=GHchlchte ���;�•’• ‚bChöllkraul „‚ a,,1,,1,nN H,t11111,1i1tu· ltro,chw,,n 11nO 1m 11111- h•v•, llltm,1b1CI 9dt1 tt,,,,. liltMjppHfllft H.Wi,hll M In Hlilmt,n „,i.ttuich Über insgesamt 34 Heilkräuter informiert der Hüfinger Lehrpfad, der bei der römischen Badruine beginnt. Taftln stellen die einzelnen Pflanzen vor, oben links beispielsweise das Schöllkraut. dung. Durch ein Tempelsymbol sind jene Pflanzen, die bereits im Altertum als heil­ kräftig bekannt waren, besonders gekenn­ zeichnet. Eine farbliche Darstellung der je­ weiligen Heilpflanze rundet die Informati­ on ab. Wer es ganz genau wissen will, kann sich der mit großem Sachverstand und mit Lie­ be durch die Vorsitzende des Kneippvereins, Apothekerin Birgit Soffel, verfaßten Bro­ schüre »Der Hüfinger Kräuterlehrpfad“ be­ dienen. Für Kenner und Interessierte glei­ chermaßen informativ sind beispielsweise die Ausführungen über die Geschichte der einzelnen Heilpflanzen, die mitunter bis ei­ nige Jahrhunderte v. Chr. zurückreicht. Man erfährt, wie große Ärzte des Altertums und 282 des Mittelalters sich der Heilkräuter bedien­ ten. Auch der Wissensstand der modernen Medizin wird dargestellt. Die Pflege der Heilkräuterstandorte wird von Mitgliedern des Kneippvereins über­ nommen, was vor allen Dingen in den Anfangsmonaten großen Zeitaufwand er­ forderte. Von der Bevölkerung wird der Heilkräuterlehrpfad gerne angenommen, besonders auch deshalb, weil er durch eine reizvolle Landschaft mit herrlichem Blick auf die Ostbaar und den Sehellenberg führt. Ktmo Fritschi

Schüler praktizieren wertvollen Naturschutz Umwelt und Natur Arbeitsgemeinschaft Vogelkunde der GHS-Obereschach besteht seit 15 Jahren Seit über 15 Jahren gibt es die landesweit bekannte Arbeitsgemeinschaft für Vogel­ kunde der Grund-und Hauptschule Ober­ eschach, zu der auch Schülerinnen und Schüler aus Weilersbach gehören. Die Ziele und Beweggründe der AG sind klar abge­ steckt: praktizierter Natur, Arten-und Um­ weltschutz durch Jugendliebe. Durch ver­ schiedenste Aktivitäten sollen die Schüler, aber auch Erwachsene, praxisbezogen an die Themenbereiche Natur und Umwelt heran­ geführt werden. Mit oft einfachen Mitteln, kann auf diesem Gebiet jeder sehr viel er­ reichen. Nicht umsonst hat die AG in den zurückliegenden Jahren viele wertvolle Um­ weltpreise errungen. Kaum eine andere im Umweltbereich aktive Gruppe, hat in den zurückliegenden Jahren eine solche Konti­ nuität und Zuverlässigkeit in der Arbeit ent­ wickelt. Die „Vogel-AG“ wurde 1981 im Rahmen einer Arbeitsgemeinschaft des erweiterten Bildungsangebotes an der Grund- und Hauptschule Obereschach von Konrektor Klaus Blöhe aus Fischbach ins Leben geru­ fen. Inzwischen gehören dieser AG im Durchschnitt immer rund 18 Schülerinnen und Schüler an, hinzu kommen noch wei­ tere ehemalige Schülerinnen und Schüler, die sich nach wie vor mit der AG und ihrer Arbeit verbunden fühlen und nun als Er­ wachsene mithelfen. Die Unterstützung für die AG ist jedoch noch breiter: zahlreiche Firmen und auch viele Naturfreunde haben erkannt, daß es sich bei der AG aus Ober­ eschach um etwas Einmaliges, ja Wertvolles handelt und unterstützen deren Arbeit durch Rat und Tat oder Sachspenden. So baut die AG in jedem Jahr für alle hei­ mischen Vogelarten, Insekten und Fleder­ mäuse über 1 000 Nisthöhlen aus Holz. Hinzu kommt der Bau von Futterstellen für Auch 1997 haben die Mitglieder der Ober­ eschacher AG, hier im Fischbacher Steinwald, weitere Nistkästen aufgehängt, wobei alles genau dokumentiert wird, damit die Kästen auch be­ treut und jährlich gereinigt werden können. 283

Umwelt und Natur In Schulen und Kindergärten (hier der Kindergarten in Kappel) zeigen Mitglieder der Obereschacher AG schon den Kleinsten, wie man einen Nistkasten baut, worauf man beim Aufoängen achten muß und wie viel Freude es dann bereitet, wenn die Nistkästen von den Vögeln auch angenommen werden. Und mitten­ drin: Klaus Blähe. die heimischen Vogelarten, ebenfalls aus Holz und in einem bewährten Silomodell. Doch nicht nur das: selbständiges Auf­ hängen, Kontrollieren, Unterhalten und Reinigen von über 700 Nisthöhlen in den heimischen Wäldern und Fluren in einem Umkreis von rund 15 Kilometern rund um Obereschach sind für die AG längst zur lieb­ gewonnenen Routine geworden. Die Tätig­ keit geschieht in enger Zusammenarbeit und Absprache mit den Forstbehörden, bei de­ nen man das Wirken der Schülerinnen und Schüler mit Freude und wohlwollender Un­ terstützung begleitet. Routine hat die AG zwischenzeitlich auch bei der Betreuung und teilweise der Unter­ haltung von vogelkundlichen Lehrpfaden entwickelt, einschließlich dem Bau der Nisthöhlen, in der Nähe der aufgestellten und selbstgefertigten Lehrtafeln. Unter an­ derem sind Lehrpfade der AG in Nie­ dereschach (1990), Gaienhofen/Bodensee (1991), Bad Dürrheim (1993), Horn/Bo­ densee (1993 mit Schmetterlingspfad), Oberwolfach (1995), Waldbronn (1996) und Langensteinbach (1996) zu bewundern. Im Rahmen der Landesgartenschau in Bad Dürrheim waren es die Schülerinnen und Schüler der AG, die Schulklassen, Jugend­ gruppen und Kindergärten beim Bau von Nisthöhlen angeleitet haben. Eine Ausstel­ lung des BUND über Nisthilfen wurde von der AG maßgeblich mitgestaltet. Wie selbst­ verständlich hilft die AG in praktischer Wei­ se auch bei Projektwochen an anderen Schu­ len oder bei Jugendgruppen und gibt ihr enormes Wissen speziell beim Bau von Brut- und Niststätten an andere weiter. 284

Vogelschutz und eines Vogelschutzgehölzes im Gewann „Unteres Weiherle“ in Obereschach. Die Ortsverwaltung stellte der AG ein geeignetes städtisches Grundstück (rund 0,5 ha) zur Verfügung. Das Garten-und Friedhofsamt der Stadt Villingen-Schwenningen hat dabei die Planung mit der damit verbundenen An­ lage einer Wasserfläche und Bepflanzung ge­ fertigt, und die AG hat das gesamte Biotop mit überwiegend freiwilligen Helferinnen und Helfern und mit eigenen finanziellen Mitteln und Spenden gestaltet. Die Betreu­ ung und Unterhaltung des Biotops liegt ebenfalls in den Händen der AG. Der Bau einer Trockenmauer, die Pflanzung von Wasserpflanzen und einige Maßnahmen mehr, sorgten 1996 für eine weitere Berei­ cherung des Biotops, das rund einen Kilo­ meter von der Grund-und Hauptschule Obereschach entfernt liegt. Vieles ließe sich über die Arbeit der agilen Obereschacher AG noch schreiben und sa- In vielen Kindergärten der Region hat die AG zusammen mit den Kindern und Erzie­ herinnen Nistkästen zusammengebaut und aufgehängt, so daß die Kinder das ganze Jahr über die Ergebnisse ihrer Arbeit verfol­ gen und sich an der nistenden, brütenden und ihre Jungen versorgenden Vogelwelt er­ freuen können. Wie könnte man Kindern die Vogelkunde und die Natur besser näher bringen? Jährlich führt die AG natur-und vogel­ kundliche Exkursionen durch, beteiligt sich an Jugend-Umwelttagen und anderen Ver­ anstaltungen rund um die Natur. Alle 2 Jah­ re organisiert die AG rund um Obereschach eine Aktion „Saubere Landschaft“. Immer mehr Helfer und Helferinnen unterstützen hierbei die Schülerinnen und Schüler rund um Klaus Blöhe. 10 Schleiereulen-Schläge in der Region wurden von den AG-Mitgliedern ebenfalls gebaut, wobei der Erfolg beeindruckend ist: die meisten Schläge sind belegt. Im Winter werden Futterstel­ len für die Vögel unterhalten, 1995 hat die AG auf der Höri ein Vogelstimmrad gebaut, das großen Anklang fand und fin­ det. Für Schulungszwecke bastel­ ten die AG-Mitglieder einen mobilen Vogelstimmenapparat (1995), von 1992 bis 1995 wur­ den über 30 Obstbäume ge­ pflanzt, rund um das Ober­ eschacher Schulhaus wurden 1995 etwa 30 Beerensträucher für Vögel gepflanzt. 1994 hat man einen Beergarten am Schulhaus angelegt. Das jährli­ che Schneiden der Obstbäume, eine eigene Pflanzenzucht für den Weiher und die Vögel, läuft quasi nebenher. Eine der besonderen Glanzlei­ stungen der AG war 1995/1996 Klaus Blähe greift auch selbst zum Hammer, wenn es für die die Anlage eines Feuchtbiotopes Schülerinnen und Schüler der AG zu hoch hinaus geht. 285

Vogelschutz gen. Doch eines muß besonders erwähnt werden: die Arbeit der AG seit 1981 läßt sich in Worten oder gar in Mark und Pfennig gar nicht fassen. Im „Schneeballsystem“ hat die AG in dieser Zeit auch viele andere da­ zu animiert, sich im Umweltbereich zu en­ gagieren, vielen Schülerinnen und Schüler, Kinder und Jugendliche, die heute bereits im Erwachsenenalter sind, haben durch die AG ein ganz besonderes Verhältnis zur Na­ tur erhalten und handeln auch danach. Tau­ sende von Nist- und Brutstätten der AG hängen in privaten Gärten und helfen der Vogelwelt, bedingt auch durch eine ständig ausgefeiltere Technik, raubtiersicher zu über­ leben. Und die vielen Preise, die meist mit einer Geldsumme dotiert waren, wurden al­ lesamt wieder für die Umwelt- und Natur­ schutzzwecke verwendet. lange suchen müssen, um eine AG, beste­ hend aus Schülerinnen und Schülern zu fin­ den, die über einen derart langen Zeitraum und mit so großem Erfolg und überaus ak­ tiv tätig war und ist. Und ein Ende der viel­ fältigen Aktivitäten läßt sich noch nicht ab­ sehen, bei der AG hegt man weitere, große Zukunftspläne, versäumt aber nicht, auch das bereits Geschaffene zu erhalten, zu un­ terhalten, zu verbessern und zu betreuen. Daß dies alles so ist, hängt ganz eng mit Klaus Blöhe zusammen, der es hervorra­ gend versteht, die Jungen und Mädchen sei­ ner AG zu motivieren und der im Hinter­ grund die Fäden zieht, organisiert und leitet, der aber auch weiß, daß er die ganze Arbeit ohne die Schülerinnen und Schüler nie lei­ sten könnte. Man wird in ganz Baden-W ürttemberg Albert Bantle Schwenninger Moos, Aquarell 1996, LudwigSchopp 286

Historische Wasserkraftanlage in Neudingen Es klappert die Mühle – Doch nur sacht rauscht der Bach Umwelt und Natur Träge fließen die t:riib-braunen Fluten dahin. Nur ab und zu kräuselt sich die Oberfläche, um ein leises Glucksen frei­ zusetzen. Fettes, grünes Gras säumt das Ufer, Weiden hängen ihr Geäst fast bis in die Mitte der Strömung. Ein Enten­ paar entschließt sich zum Landgang, als ein Kahn mit leisen Ruderschlägen naht. Das Idyll, das sich hinter der Eisen­ bahnbrücke auftut, die in Neudingen über den alten Gewerbekanal führt, ist eines, wie es viele nur von historischen Gemälden kennen. Wäre die Zufahrt zur alten Mühle des heutigen Donau­ eschinger Ortsteils nicht asphaltiert – die Zeit könnte stehengeblieben sein. In Höhe des Bahnhofs zweigt ein Wehr das Bett des künstlichen Kanals auf einem halben Kilometer Länge von der hier noch jungen Donau ab, deren Wasserkraft den Müller einst zum Besit­ zer eines stolzen Monopols in weitem Umkreis machte. Mehr noch: Das Mahl­ werk, nach 1200 Jahren zum Stillstand gekommen, und heute durch die Schau­ feln einer Wasserturbine zur umwelt­ freundlichen Stromgewinnung ersetzt, ist nicht nur eines der ältesten, sondern schlichtweg das erste am mehr als 2300 Kilometer langen Lauf dieses Stromes, der an seinen Gestaden so viele Länder von der �eile bis hin zu seiner Mün­ dung ins Schwarze Meer miteinander vereint. Wie so oft, wenn die Geschichte weit in die Jahrhunderte zurückreicht, ist auch hier die erste urkundliche Erwäh­ nung nicht mit dem Jahr der Erbauung identisch. Immerhin vermeldet die Neudin­ ger Chronik, daß die Mühle schon am 13. Januar 1299 von Graf Konrad Mariahof ver­ kauft wurde. Der Übergabevertrag regelte sogar, daß auf Neudinger Gemarkung keine andere Mühle gebaut werden durfte. Nur schlaglichtartig tauchen anno 1312 eine ,,Wildenmühle“, die jedoch außerhalb geie- 287

Umwelt und Natur Malerisch gelegen, die Neudinger Mühle. Der heutige Mühlekanal stammt aus dem Jahr 1779 und wur­ de von Johann Riedmüller gebaut. gen haben muß, und eine weitere am Rein­ lesbach auf, um dann wieder im Gewirr der Zeitläufe unterzugehen. Die Nonnen von Mariahof jedenfalls durf­ ten sich mit der willkommenen Nebenein­ nahme ihr „Taschengeld“ aufbessern. Viel­ leicht, weil sie mit der Technik nicht so ganz klarkamen, verpachteten die Damen bald an einen „Lehens-Müller“. 1439 findet na­ mentlich ein „Hanns Säßler“ Erwähnung. Doch die Mühle ist weder heute noch zu vergangenen Zeiten je geeignet gewesen, die Gemüter derer, deren Schicksal sich mit dem ihren verband, zu einen. Ganz im Ge­ genteil schieden sich hier im Laufe der Jahr­ hunderte nicht nur einmal die Geister. We­ nig später begannen somit auch die Streite­ reien zwischen den Nonnen und jenem ,,Hanns Säßler“. Zahllose Auseinanderset­ zungen zwischen der Geistlichkeit und ihrem eigensinnigen Müller, die mehr als einmal vor dem Landgericht Fürstenberg en­ deten, sind in den Annalen vermerkt. Trotz „Gottes Segen“ gingen die Verfahren nicht immer zugunsten des streitbaren „Boden­ personals“ aus, nahmen die Differenzen bis­ weilen derart Formen an, daß in den Fürst­ lich Fürstenbergischen Archiven sogar eine eigene Akte unter dem Titel „Müllerprozes­ se“ Aufnahme fand. Der heutige Mühlenkanal in seinem der­ zeitigen Verlauf wurde 1779 von Johann Riedmüller gebaut, der mit seinem Projekt nicht auf viel Gegenliebe stieß. Nicht wegen drohender Hochwassergefahren, sondern weil im Gewann Espe! mehrere Weiden von 288

eudinger Mühle Über 20 Jahre hinweg versorgte die Mühle ganz Neudingen mit Strom, im Keller findet sich eine Francis-Schachtturbine. dem Fließgewässer durchgeschnitten wur­ den, soll es in der Gemeinde einen regel­ rechten Aufruhr gegeben haben. Im Februar 1804 kommt die Mühle in fürstliche Hände, wird umgebaut, erweitert und modernisiert, aber 1845 -mangels Ge­ winnaussichten -schon wieder veräußert. 1885 erwirbt sie Mathias Bühler aus Geisin­ gen, Großvater des heutigen Betreibers Ott­ mar Bühler. Bemerkenswert, daß bereits 1891 in dem historischen Gebäude moder­ ne Zeiten anbrachen: eine damals zusätzlich eingebaute Turbine versorgte über zwanzig Jahre hinweg fast ganz Neudingen mit Strom. Ende der 30er Jahre folgte eine etwas stärkere Francis-Schachtturbine, die auch heute noch durch ein sattes Schnurren im Keller auf sich aufmerksam macht. Senior Ottmar Bühler hat hier bis vor zwanzigJah­ ren sogar noch für Kundschaft gemahlen. 1976 waren es noch 45 Doppelzentner, da­ nach wurde bis 1979 nur noch für den Ei­ genbedarf produziert. Einen nicht nur aus Sicht der alteingeses­ senen Müllerleute unglücklicher Verlauf nahmen die Dinge, als die Neudinger im Sommer 1973 eine 525 Meter oberhalb der Mühle baufällig gewordene Feldwegbrücke ersetzten. Das Getreide wurde inzwischen zunehmend bei den großen Genossenschaf­ ten gemahlen, und so schien das Interesse an der gewerblichen Nutzung ohnehin nur noch gering. Flugs war der Q!ierschnitt des Durchlasses herabgesetzt, und auch einige Beiwerte wie Gefälle und Durchfließge­ schwindigkeit verloren rasch an Bedeutung. 289

Umwelt und alllr Der heutige Betreiber der Neudinger Mühle Ottmar Biihler beim Mahlen von Getreide. Freilich nicht für Ottmar Bühler, der kurz darauf seine Turbine nur noch mit einem Drittel der vorher üblichen Leistung „fah­ ren“ konnte. Ließ er sie, wie in früheren Jah­ ren, mit bis zu vier Kubikmetern Wasser pro Sekunde laufen, fiel der Kanal innerhalb kürzester Zeit trocken. Auch vorher schon hatte es immer mal Niedrigwasserstände in der Donau gegeben, konnte das Aggregat nicht zu jeder Zeit mit der maximalen Kapazität von viertausend Litern pro Sekunde ausgelastet werden. Doch forthin sollte die Turbine auf Dauer nur noch mit einem Drittel der Auslastung vor sich hinschnorcheln: Das Loch für den Durchlaß war einfach zu klein. Das Wasserwirtschaftsamt mahnte noch 1973 an, daß hier nicht korrekt gearbeitet worden sei. Wenig später wurde die bis da­ hin selbständige Gemeinde Neudingen Do- naueschingen zugeschlagen, die Mühle der Rubrik ,,Altlast“ zugeordnet. Der Müller zog vor das Verwaltungsgericht, bekam dort je­ doch in der Sache nicht recht. Zwar sei ihm erlaubt, so hieß es, bis zu vier Kubikmeter Wasser pro Sekunde über den Gewerbekanal auf die Schaufeln seiner Turbine rauschen zu lassen. Es könne jedoch auch jederzeit we­ niger sein – die Wassermenge an sich sei nicht einklagbar und auch in alten Unterla­ gen aus dem Wasserkataster nicht belegbar. Der amtliche Wasserpegel wurde fürderhin einfach ein Stück niedriger angesetzt. Wei­ tere Unterlagen, außer einer behördlich nicht beglaubigten Kopie in alter Akten­ schrift, die dem Müller ein bißchen mehr als „nasse Füße“ und als Oberkante nicht viel mehr als Kniehöhe in seinem Kanal garan­ tiert hätte, waren nicht verfügbar. ,,Alte Akten über Ihr Wasserrecht ( … )“, so das 290

Schreiben der zuständigen Behörde, seien nicht mehr vorhanden. Vermutlich sei­ en sie „beim Bombenangriff auf das Landratsamt in Do­ naueschingen im Jahre 1944 zerstört worden.“ Das allein wäre noch nicht das komplette Unglück ge­ wesen, wäre die Pegelmarke im Kanal bei Temperaturen unter Null nicht immer wie­ der mal durch Schnee und Eisgeschiebe verlorengegan­ gen. Und die Konsequenz: die „Nichtaufklärbarkeit“ des tatsächlichen Pegels, so wurde verfügt, gehe klar zu seinen Lasten. Vermutlich wird die un­ endliche Geschichte um des Müllers Wasserrechte auch in künftigen Jahren noch ih­ re Fortsetzung finden. Denn inzwischen geht es im Espe! im Rahmen des integrierten Hochwasserschutzes um den schnellen Abfluß bei starken Niederschlägen vom Für­ stenberg herabrauschender Fluten. Läuft dann der Mühlekanal zu schnell voll, würde sich just an derselben Feldwegbrücke, die seit zwei Jahrzehnten wie ein Pfrop­ fen den Lauf der Dinge be­ hindert, schnell wieder das Wasser stauen – diesmal stromaufwärts … Klaus Koch Neudinger Mühle 291

Umwelt und Natur Mit Hakenschlagen auf der Flucht Der Feldhase – ein volkstümlicher Vertreter der heimischen Tierwelt Die Geschichte dieses allgemein bekann­ ten Wildtieres geht bis in graue Vorzeit zurück: Hasenknochen wurden in Mahl­ zeitresten der Menschen aus der frühen Bronzezeit – 3. Jahrtausend v. Chr. – gefun­ den. Der Hase hat demnach schon sehr früh zum Überleben der Menschen beigetragen. Jagdmotive mit diesen Tieren sind uns in fast allen Formen der damaligen Malerei und von vielen Kulturen überliefert. Bereits in antiken Schriften steht er nach Hund und Hauspferd an dritter Stelle bei der Anzahl der Etwähnungen. Somit war der Hase das meistgenannte Wildtier in diesem Kultur­ kreis. In unserer abendländischen Kultur steht der Hase als ein Sinnbild für gute, aber auch Der Hase kann im eigentlichen Sinne nicht stehen, sondern sitzt atef seinen verlängerten Hinterläufen (Beinen). 292 schlechtere Eigenschaften der Menschen und der Natur. Kinder, aber auch Erwachse­ ne lieben den Osterhasen. Hier wird seine Fruchtbarkeit zum positiven Zeichen für die etwachende Natur im Frühjahr. Negativ ge­ sehen wird seine stete Fluchtbereitschaft. Ausdrücke wie „Hasenfuß“ oder „Angstha­ se“ stehen für Menschen mit entsprechen­ dem Charakter. Verhalten, Vorkommen, Körperbau und Lebensweise Zur Ehre des Hasen muß erwähnt werden, daß bei ihm zuerst das Verbergen und erst an zweiter Stelle die Flucht steht. Für ein Wildtier, das zu seiner Verteidigung nur vier schnelle Läufe (Beine) und so viele Feinde hat, verhält er sich nicht wie ein Angsthase. Selbst wenn ihm sein vorzügliches Tarnkleid nichts mehr nützt und er entdeckt zur Flucht gezwungen wird, rennt er nicht kopf­ los davon, sondern versucht, seinem Ver­ folger, z. B. einem Hund, durch sein be­ rühmtes Hakenschlagen zu entkommen. Wird er von seinem Lager (Ruheplatz) auf­ gescheucht, so läuft er in der Regel in einem Kreisbogen wieder dahin zurück. Jeder Jäger und Naturbeobachter kennt dieses Verhal­ ten. Mir als Naturfotografen hat dies schon zu manch gutem Bild verholfen, indem ich gut getarnt auf seine Rückkehr gewartet ha­ be. Der Feldhase soll nach einschlägiger Lite­ ratur bis zu 12 Jahre alt werden können, doch in freier Wildbahn ist ein Höchstalter von 5 bis 6 Jahre anzunehmen, wenn er nicht vorher einem seiner zahlreichen Fein­ de zum Opfer fallt. Jäger sind hier sicher nicht die bösen Buben, denn in den letzten Jahren werden immer weniger Hasen ge­ schossen, trotzdem hat sich der Bestand

Der Feldhase Putzen ist für das Wohlbefinden des Hasen von großer Wichtigkeit. kaum erholt. Über die Ursachen des Rück­ ganges der Hasenpopulation ist in kompe­ tenten Kreisen schon viel diskutiert und ge­ schrieben worden, ohne daß sich jedoch die Situation für den Hasen wirklich verbessert hätte. Hasen sind zwar anpassungsfähig -sie werden deshalb auch als sog. Kulturfolger bezeichnet -ihr Lebensraum wurde aber in den letzten Jahren durch Freizeitaktivitäten, Besiedelung und viele anderen Faktoren teilweise vernichtet bzw. eingeengt. Die Feldflur bietet ihm durch die modernen Bearbeitungsmethoden der Landwirtschaft weniger Deckungsmöglichkeiten und somit keinen ausreichenden Sichtschutz mehr vor seinen vielen Freßfeinden. Die von uns Menschen als „Unkräuter“ be­ zeichneten Futterpflanzen, auf die er drin­ gend angewiesen ist, verschwinden mehr und mehr. Die vielen Hunde, die im sprich­ wörtlichen Sinn des Hasen Tod bedeuten, sind heute hauptsächlich alle Arten von Autos oder Motorrädern und in seiner Ju­ gendzeit die landwirtschaftlichen Maschi­ nen. Wildernde Hunde bedeuten zwar eine große Gefahr für ihn, prozentual spielen sie jedoch bei den Todesursachen eher eine un­ tergeordnete Rolle. Vielleicht sind dies Gründe dafür, daß sich der Hase in unseren Regionen zunehmend zum Waldhasen entwickelt, der sich dort si­ cherer fühlt und ein mehr oder minder ver­ borgenes Dasein führt. Das gilt nach mei­ nen Beobachtungen in den letzten Jahren je­ denfalls für seinen Lebensbereich in den mittleren bis höheren Schwarzwaldlagen. An Waldwegen und Lichtungen findet er noch eher die Nahrung, die ihm bekommt, als auf der offenen Feldflur, wo sie größten­ teils verschwunden ist. Sein täglicher Nah­ rungsbedarf sollte im übrigen -neben den Kulturpflanzen -zur Hälfte aus den schon genannten Unkräutern bestehen, damit er gesund und widerstandsfähig gegen zahlrei-293

Umwelt und atur Dieser Hase im Wollgras macht einen sogenannten Kegel. Die Löffel (Ohren) sind dabei wie Schalltrichter aufgestellt. ehe Krankheiten bleibt, die ihn heimsuchen können. Ein weiterer Aspekt ist, daß sich dadurch der Hase bei uns den Blicken der Menschen immer mehr entzieht. Vielfach werde ich von Mitbürgern, die meine Fotos betrach­ ten, gefragt, wo ich denn diese aufgenom­ men hätte, man sehe ja kaum noch Hasen auf den Feldern und Fluren. Die Antwort ist: es gibt sie noch, wenn auch weniger wie früher, sie leben einfach verborgener, d. h. mehr im Wald. Mit Ausnahme von Irland und den nörd­ lichen Teilen von Skandinavien und Ruß­ land, bewohnt der Feldhase ganz Europa. Im Hochgebirge wird er durch den Schnee­ hasen, auf der Iberischen Halbinsel durch den Kaphasen vertreten. Seine Gesamtlänge beträgt 50 bis 70 cm, das Gewicht schwankt zwischen 3 bis 6 kg, die Löffel (Ohren) wer­ den ca. 12 bis 15 cm lang und wirken wie Schalltrichter, die ihm das leiseste Geräusch zutragen. Außerdem dienen sie auch zur Wärmeregulierung seines Körpers. An zwei- Verbergen steht vor der Flucht. Deshalb heißt es hier in Deckung gehen und die Löffel anlegen. 294

ter Stelle seiner Sinnesorgane steht der Ge­ ruchsinn, der es ihm in seinem Revier er­ möglicht, seinen eigenen, oder den von sei­ nen Artgenossen gelegten Duftspuren zu folgen, und sie richtig zu deuten. Diese Duftsekrete stammen aus verschiedenen Drüsen, besonders aber aus dem sogenann­ ten Backenorgan und er verteilt sie bei sei­ ner ausgiebigen Fellpflege auf seinem Kör­ per einschließlich der Pfoten. Dem Putzen seines Haarkleides widmet er viel Zeit und Aufmerksamkeit, denn ein gut gepflegtes Fell ist für ihn überlebenswichtig. Die Hinterläufe setzt der Hase stets vor seine Vorderläufe Seine großen hellbraunen Augen sitzen ziemlich seitlich am Kopf und gewähren ihm eine fast perfekte Rundumsicht. Hasen schlafen aber nicht mit offenen Augen, wie oftmals behauptet wird. Mit einem Fernglas konnte ich einmal einen Hasen beobach­ ten, der sich ganz in der Nähe eines Hoch­ sitzes niedergetan hatte, auf dem ich saß. Dieser Hase schloß seine Augen und legte sich dabei sogar auf die Seite. Diese Phase Der Feldhase seines „Schlafens“ oder Ausruhens dauerte allerdings nur etwa eine Minute lang, da­ nach richtete er sich wieder auf und öffnete die Augen. Der Hase scheidet zwei verschiedene Kot­ arten aus: eine weiche mit Vitamin BI-Spu­ renelementen und bakterienreich sowie eine größere, harte und strohige. Die erstge­ nannte Kotart stammt aus dem Blinddarm. Sie wird einmal am Tage, meistens morgens, ausgeschieden und teilweise vom Hasen wieder aufgenommen. Wir Menschen mö­ gen dieses Verhalten als wenig fein empfin­ den, doch die Natur hat ihre eigenen Geset­ ze. Noch verwertbare Nährstoffe werden in diesem Fall nicht vergeudet. Eine weitere Eigenart des Feldhasen ist seine Fortbewegung, die seine Spuren – be­ sonders im Schnee – von allen anderen Revierbewohnern deutlich unterscheidet. Seine langen Hinterläufe setzt er beim schnellen Lauf – wie auch beim langsamen Hoppeln – stets vor die viel kürzeren Vor­ derläufe. Dabei werden die Hinterläufe ne­ beneinander und die Vorderläufe hinterein­ ander gesetzt. Seine kurzfristige Höchstge­ schwindigkeit auf der Flucht liegt bei rund Bild oben: Die Hinterläufe überholen dabei gleichzeitig die vorderen und ergeben die typische Hasenspur im Schnee. Auf diesem Bild war die Lauf richtung des Hasen von rechts nach links. Bild links: Deutlich ist zu sehen, daß die Vorderläufe hintereinander und die Hinterläufe nebeneinander aefgesetzt werden. 295

Umwelt und Natur Ein »Dreiläufer“ ljunghase), ca. 3 bis 4 Monate alt. 70 bis 80 km/h. Und er kann, streng ge­ nommen, auch nicht stehen, sondern sitzt auf seinen verlängerten, behaarten Hinter­ läufen. Wenn er besser hören oder sehen will, richtet er sich auf, so daß die Vorder­ läufe in der Luft hängen, er macht einen so­ genannten Kegel. Die langen, borstenartigen Haare an Stirn und Lippen dienen zur Verlängerung des Tastsinns. In der Not, oder bei schweren Ver­ letzungen, hört man den Hasen klagen, es erinnert an das Schreien eines kleinen Kin­ des. Die Häsin hat eine Tragzeit von vier bis sechs Wochen Die Fortpflanzungszeit beginnt schon zei­ tig im Jahr, in den Niederungen im Januar, auf den Höhen etwas später. Die Hauptzeit liegt im März, man spricht dann vom „Mär­ zenkoller“ der Hasen. Dieses Schauspiel der 296 Rammlergesellschaften mit den rituali­ sierenden Kämpfen – bei denen aber selten ein Rammler ernsthaft verletzt wird – und den Verfolgungsjagden zwischen Hase und Häsin, sind amüsant und ein Erlebnis für den Naturfreund. In den siebziger Jahren konnte ich es selbst einmal in den frühen Morgenstunden beobachten. Beteiligt wa­ ren dabei sechs Hasen beiderlei Geschlechts. In den letzten Jahren sieht man dagegen auf den Waldwegen meistens nur noch einzelne Rammler „verträumt“ der Spur einer Häsin folgen, oft den Gefahren, die da unterwegs lauern können, keine Beachtung schenkend. Die Häsin, die sich nur am Verhalten, je­ doch nicht äußerlich vom männlichen Ha­ sen unterscheiden läßt, kann nach einer Tragzeit von zirka 6 Wochen dreimal – sel­ tener viermal – im Jahr zwei bis vier Jung­ hasen setzen, bzw. zur Welt bringen. Sie kommen behaart und sehend zur Welt und sind Nestflüchter, d. h. sie können bereits

wenige Stunden nach ihrer Geburt die Nest­ mulde verlassen. Die Jungen werden von der Mutter getrennt abgelegt und zwei bis dreimal am Tage zum Säugen aufgesucht. Durch das seltene Aufsuchen der Häsin, das gute Tarnkleid der Kleinen und der geringen Eigenwitterung, die sie abgeben, sind sie re­ lativ sicher vor Bodenfeinden. Aus der Luft droht ihnen Gefahr von Greif- und Raben­ vögeln, wenn sie von diesen erspäht werden. Auch nasskalte Witterung kann ein Großteil des Wurfes vernichten. Dazu kommen noch die schon erwähnten Gefahren und Fak­ toren wie landwirtschaftliche Maschinen, Krankheiten und Schmarotzer, die den Junghasen noch mehr zusetzen als den aus­ gewachsenen Tieren. Tatsache ist, daß der Feldhase weiträumig seltener geworden ist. Er bedarf in den näch­ sten Jahren noch mehr unseres Schutzes, sonst ist er vielleicht schon in naher Zukunft Der Fcldba c auf der Roten Liste der bedrohten Arten zu finden. Denn auch durch seine relativ ho­ hen Fruchtbarkeitsraten kann der Feldhase auf Dauer seine Verluste nicht ausgleichen. Sicher ist es für die Landwirtschaft nicht möglich, zurück zu den Bearbeitungsme­ thoden der kleinbäuerlichen Betriebe von früher zu gehen, um damit dem Hasen wie­ der Deckungsmöglichkeiten und auch reich­ lich Hasennahrung in Form von Unkräu­ tern zu geben. Doch bei einiger Überlegung läßt sich der Lebensraum des Hasen wieder verbessern. Ansätze in Form von Renaturie­ rungen, Flächenstillegungen, weniger Ein­ satz von Düngemitteln oder Unkrautver­ nichtungsmitteln lassen hoffen, daß für den liebenswerten »Meister Lampe“ wieder bes­ sere Zeiten anbrechen werden. Erwin Kienzler Die sehr seitlich an seinem Kopf sitzenden Augen gewähren ihm eine fast peifekte Rundumsicht in seinem Lager (Ruheplatz). 297

Umwelt und amr Baumgefüge wird Naturdenkmal Entlang der Kreisstraße Nr. 5749 sind typische alte Mostobstsorten zu finden Dieser Beitrag wurde durch den Autor für die Internetrecherche nicht freigegeben. 298

Entlang der Kreisstraße Nr. 5749 sind typische alte Mostobstsorten zu finden Dieser Beitrag wurde durch den Autor für die Internetrecherche nicht freigegeben. 299

Umwelt und Natur Lebensraum für bedrohte Pflanzen und Tiere „Birken-Mittelmeß“ ein neues Natur- und Landschaftsschutzgebiet im Schwarzwald-Baar-Kreis Nachdem auf dem Gebiet der großen Kreisstadt Donaueschingen 1994 die Weiherwiesen bei Wolter­ dingen und 1995 das Grüninger Ried als Naturschutzgebiete ausge­ wiesen wurden, unterzeichnete Re­ gierungspräsident Dr. Schroeder im Dezember 1996 auch die Verord­ nung über das Natur-und Land­ schaftsschutzgebiet „Birken-Mittel­ meß“. Damit erhielt eines der be­ deutendsten Feuchtgebiete in der Region endlich den ihm gebühren­ den gesetzlichen Schutz. Das Flurneuordnungsverfahren 1988 hat die Unterschutzstellung begünstigt, indem fast alle öko­ logisch besonders bedeutenden Flächen dort in öffentlichen Besitz überführt wurden. Lage und Größe Das neue Schutzgebiet befindet sich östlich von Donaueschingen­ Pfohren und umfaßt Flächen auf dem Gebiet Donaueschingens, den Gemar­ kungen Pfohren und Neudingen sowie der Stadt Bad Dürrheim, Gemarkung Unterbal­ dingen. Die beiden Gewanne „Die Birken“ und „Das Mittelmeß“ gaben dem Schutzge­ biet seinen Namen. Die ökologisch wertvollsten Bereiche fin­ den sich auf drei Teilflächen mit Natur­ schutzstatus (zusammen 170 ha). Diese sind zum Schutz vor Beeinträchtigungen von außen in ein Landschaftsschutzgebiet (138 ha) eingebettet. Durch die direkte Angliede­ rung des neu ausgewiesenen Schutzgebietes an das bereits vorhandene Naturschutzge­ biet „Unterhölzer Wald“ entstand an der Kreisgrenze zum Kreis Tuttlingen über die 300 „NSG/LSG“ Birken-Mittelmeß 500m …._ Grenze hinweg ein „Großschutzgebiet“ von über 1 000 ha Fläche. Gebietsbeschreibung Auf den ersten Blick beeindruckt der wei­ te, offene Charakter der Landschaft. Ausge­ dehnte, scheinbar monotone Grünland­ und Riedflächen sind nur gelegentlich durch einzelne Bäume und Gebüschgruppen un­ terbrochen. Nur im Südosten findet man dichteren Bewuchs mit Weiden und Birken. Die Entwicklung einer Waldgesellschaft hat eingesetzt. An einigen Stellen verraten heute noch Torfstichkanten, daß sich das Feuchtgebiet

„Birken-Mittelmeß“ aus einem ehemaligen Torfabbaugebiet entwickelt hat. Wo die Dorfgemeinschaften Pfohrens und Unter­ baldingens noch bis in die Mitte unseres Jahrhunderts Torf für die Gewinnung von Brennmaterial gestochen haben, findet sich heute ein vielseitiges Mosaik aus Naßwie­ sen, Röhrichten, Niedermoorflächen, Torf­ stichtümpeln und Verwaldungskomplexen. Weite Bereiche des Schutzgebietes werden auch heute noch zum Teil extensiv als Heu­ und Streuwiesen landwirtschaftlich genutzt. Landschaftsbild und vorkommende Le­ bensgemeinschaften stehen also für eine na­ turnahe Kulturlandschaft. Bedeutung 1976 veröffentlichten F. Zinke und G. Rei­ chelt eine Arbeit über die Riedbaar, ihre Bio­ tope und ihren Bestand bedrohter Vögel. Sie machten darin auch die Bedeutung des Gebietes „Birken-Mittelmeß“ als unersetz­ liches Natur- und Kulturdenkmal deutlich und forderten schon damals die Schaffung des jetzt ausgewiesenen Naturschutzge­ bietes. Der hohe Wert des Gebietes für die T ier- und Pflanzenwelt wurde später wieder­ holt bestätigt, auch durch Untersuchungen der Bezirksstelle für Naturschutz und Land­ schaftspflege in Freiburg. Das Vorkommen vieler bedrohter T ier- und Pflanzenarten führte letzlich zur Unterschutzstellung, wo­ bei z. T. auch die Größe der noch vorhan­ denen Bestände von Bedeutung war. Kleinseggenrieder mit u. a. Schmalblättri­ gem Wollgras, Fleischfarbenem und Breit­ blättrigem Knabenkraut kommen noch in ausgedehnten Beständen vor. Die für die Baar so typischen Bachkratzdistelwiesen zei­ gen Ende Juni hier ebenfalls noch ihre tief violette Farbe. Auf der übrigen Baar ist die­ ser Wiesentyp weitgehend verschwunden. Dicht drängen sich stellenweise die Troll­ blumen auf blühenden Feuchtwiesen, wo auch noch die Sibirische Schwertlilie und der Moortarant zu finden sind. Selbst ein Birken·Mittelmeß Relikt aus der letzten Eiszeit, nämlich die Strauchbirke, wächst im Gebiet noch in ei­ nigen Exemplaren. Natürlich profitieren von der bunten Viel­ falt der Wiesenpflanzen auch viele Insek­ tenarten. Hier seien stellvertretend für die nahezu unüberschaubare Fülle nur die sehr auffalligen Arten wie Schwalbenschwanz, Distelfalter, Nachtpfauenauge und Wanst­ schrecke genannt. Auch finden hier zahlreiche Wiesenbrüter noch Lebensraum so z. B. Braunkehlchen, Wiesenpieper, Grauammer und Kiebitz. Diese Arten sind anderen Orts sehr selten geworden. Mit 70 bis 100 Brutpaaren des Braunkehlchens befindet sich hier die größ­ te Brutpopulation Baden-Württembergs die­ ser Art. Bis zu 7 verschiedene Greifvogelar­ ten können mitunter im Sommer nach der Heuernte gleichzeitig beobachtet werden, darunter so seltene Arten wie Wanderfalke und Baumfalke. Im Herbst und Winter be­ sitzt das Gebiet ebenfalls überregionale Be­ deutung für dann rastende nordische Greif­ vögel. Kornweihen (max. 50 Exemplare), Merlinfalken und gelegentlich die sehr sel­ tene Sumpfohreule können beim abendli­ chen Schlafplatzeinflug in die ungestörten Hochstaudenrieder beobachtet werden. Ausblick Mit der Ausweisung von Naturschutz­ flächen im Gebiet „Birken-Mittelmeß“ ist si­ cher ein erster Schritt zur Erhaltung dieses einzigartigen Lebensraums gemacht wor­ den. Aber ebenso wichtig ist die Beibehal­ tung der extensiven Bewirtschaftung der Wiesen in dem angrenzenden Landschafts­ schutzgebiet. Diese ist jedoch nur mit den betroffenen Landwirten möglich, die für ihren Beitrag zu Bewahrung einer natur­ kundlichen Besonderheit mit ihrer biologi­ schen Vielfalt leistungsgerecht honoriert werden müssen. Dr. Helmut Gehring 301

Eine extensiv bewirtschaftete Feuchtwiese in „Birken-Mitt Zu ihren Bewohnern gehören die Wanstschrecke (unten links, auf einer Bachkratzdistel si und die Trollblume (unten rechts). Eine weitere Besonderheit ist das Vorkommen der Si�· •tmeM Schwertlilie (großes Bild, unten Mitte).

Der Turmfalke im Flug und der Roifußfalke auf einem Baumstumpf sitzend. Der Turm­ falke ist in „Birken-Mittelmeß“ ein NahrtJngsgast während seiner Brutzeit, der Rot­ fußfalke hingegen gilt als seltener Gast.

Im Spiegel der Jahreszeiten: Das große Bild zeigt eine Somme iese, doch das Natur- und Landschaftsschutzgebiet „Birken-Mittelmefs“ hat auch im Wit1ter seinen Reiz. Links oben winterliches Schilf, rechts oben die Kornweihe, die Zf‘ den regelmiißigen Wintergäswejört und hier ihren traditionellen Schlafplatz hat. , 1 ! , ( I I

Artenliste der Vogel des Gebietes „Birken-Mittelmeß“ (H. Gehring, F. Zinke) n •• .1 Stockente Schleiereule Wachtel Wachtelkönig Kiebitz Bekassine Großer Brachvogel Kuckuck Feldlerche Baumpieper W iesenpieper Bachstelze Neuntöter Feldschwirl Sump&ohrsänger Braunkehlchen Grauammer Goldammer Rohrammer Bluthänfling Elster Rabenkrähe vereinzelt 1 Paar in Nachbarschaft verbreitet wiederholt Brutverdacht vereinzelt bis 1987 regelmäßig um 5 Reviere Brutversuche 1989 und 1990 vereinzelt weit verbreitet vereinzelt verbreitet vereinzelt vereinzelt verbreitet weit verbreitet weit verbreitet (um 100 Paare!) vereinzelt verbreitet weit verbreitet verbreitet vereinzelt vereinzelt Vereinzelt: 1-10 Reviere, verbreitet: 10-30 Reviere Weit verbreitet: über 30 Reviere l’t..T …. L-.. – •• ··t . .l > D-. •• 1 nnA�“ Graureiher Mäusebussard Rotmilan Schwarzmilan Turmfalke Baumfalke Star Grünfink Stieglitz n Kornweihe (traditioneller Schlafplatz!) Rohrweihe Wiesenweihe Wanderfalke Merlin Sumpfohreule Bekassine Raubwürger Wiesenpieper Grauammer regelmäßig regelmäßig regelmäßig unregelmäßig regelmäßig unregelmäßig regelmäßig regelmäßig regelmäßig regelmäßig regelmäßig unregelmäßig regelmäßig unregelmäßig unregelmäßig regelmäßig regelmäßig regelmäßig regelmäßig 309

21. Kapitel/ Almanach 98 Landwirtschaft und bäuerliches Leben Die Kobisenmühle vor dem Verfall gerettet In St. Georgen ein wertvolles Stück bäuerliche Geschichte bewahrt jahrhundertelang war die Hausmühle eines der wichtigen Nebengebäude des Schwarzwaldhofes. Kaum ein Fünftel des einstigen Bestandes ist heu­ te noch in mehr oder weniger gutem Zustand vor­ handen. Die Restaurierung und Unterhaltung solcher Mühlen ist daher ein wichtiger Beitrag zur Denkmalpflege und zur Dokumentation des bäu­ erlichen Wirtschaftens in vergangener Zeit. Abgelegen in einem Seitental, genannt „Hippengehr“, zwischen Oberkimach und Unterkimach liegt der Kobisenhof. Er ist zu­ sammen mit seinen Nebengebäuden denk­ malgeschützt. Allerdings haben die Jahre an der Bausubstanz aller Gebäude kräftige Spu­ ren hinterlassen. Da die Hausmühle akut vom Einsturz bedroht war, hat der Verein für Heimatgeschichte St. Georgen sich zu­ erst um ihre Rettung und Renovierung bemüht. Es war mit vielen Schwierigkeiten finanzieller und anderer Art zu kämpfen, bis die Mühle wieder in Betrieb genommen werden konnte. Vom alten Mühlengebäude waren nur noch einzelne Balken zu verwenden, so daß von außen gesehen eine neue Mühle ent­ stand. Aber es waren vor allem die techni­ schen Einbauten, welche eine Renovierung sinnvoll machten: zwei Mahlwerke sind die Besonderheit der Hausmühle des Kobisen­ hofes. Das Mühlrad treibt über ein Getriebe, wel­ ches in vielen Einzelheiten überholt werden mußte, entweder den Mehlgang (Weizen- Akut vom Einsturz bedroht: Der Ze,fall der Kobisenmiihle schien im August 1989 besiegelt, als sich ihr der verein für Heimatgeschichte St. Georgen annahm und sie mustergültig restaurierte und sanierte. 310

Die Kobismühle Der Kobisenhofzwischen Oberkirnach und St. Georgen, im Seitental“Hippengehr“gelegen. gang) oder aber den sogenannten Gerbgang an. An dem scheinbar neuesten Teil der Mahlgänge, dem Sechskantsichter, fand sich verdeckt zwischen zwei Brettern die In­ schrift: ,,Verfertigt von Johann Maier Mühlenbauer in Oberkirnach im 77. Le­ bensjahr am 15. Juli 1815.“ Ein schöner An­ haltspunkt für das Alter dieses Mühlenteils und eine Erklärung für die teilweise erhebli­ chen Abnutzungsspuren an verschiedenen Getriebeteilen. Beim Mehlgang gelangen die vom Boden und Läuferstein zerriebenen Körner in den Sechskantsichter, wo die groben und feinen Bestandteile voneinander getrennt werden. Genauer dargestellt geschieht dabei fol­ gendes: Der Bodenstein, das ist der untere feststehende Mühlstein, und der Läufer­ stein, der obere sich drehende Mühlstein, zerkleinern mit ihren Furchen und entspre­ chend dem zwischen den Steinen einge­ stellten Abstand die durch den Eingabe- trichter, dem sogenannten „Tremel“, zuge­ führten Getreidekörner. Es ist äußerst inter­ essant, wie durch die Aufhelfvorrichtung, bestehend aus einer Gewindespindel und zwei einseitig gelagerten Balken, der sich auf einer senkrechten Welle befestigte und sich drehende Mühlstein während des Laufes sehr genau in der Höhe verstellt werden kann. Je feiner das Mehl sein soll, um so kleiner muß der Abstand zwischen den Mühlsteinen sein, ohne daß diese aufeinan­ der streifen. Es ist eine schwierige Arbeit des Mühlen­ bauers, den Läuferstein auf seiner Achse, dem Mühleisen, so zu lagern, daß er voll­ kommen plan läuft und der Abstand zum feststehenden, ebenfalls ausgerichteten Bo­ denstein ringsum gleich groß ist. Hier wird viel Können verlangt, um die unhandlichen und viele Zentner schweren Steine mit ver­ hältnismäßig einfachen Mitteln genauestens auf der Achse zu befestigen. 311

Die Kobi müble Die Kobisenmühle nach ihrer Sanierung. kennen mußten, um sie bei der Wiederherstellung richtig montieren und einstellen zu können. Selbst einfache Bauern­ mühlen zeigen in vielen Ein­ zelheiten den Einfallsreich­ tum früherer Generationen. Dazu zählt auch die ausge­ klügelte Nutzung der Eigen­ schaften von verschiedenen Holzarten. So wurden für die Lagerung der Wellen Apfel­ oder Birnbaumholz, für die Zähne der großen Antriebs­ räder Weißbuche, für die ver­ schiedenen Holzfedern Bir­ kenholz, für die Mühlrad­ speichen Eichenholz und für Wie erwähnt, fällt das zerkleinerte Korn den Wasserzulauf Kiefernholz oder Ahorn- von den Mühlsteinen in den Sechskantsich- holz verwendet. Zusätzlich hat man die ter. Sichter werden die Vorrichtungen ge- Zähne des Kammrades geräuchert, um sie nannt, welche die feinen und groben Be- haltbarer zu machen. Wie geschildert, hat die Kobismühle einen standteile des Mahlgutes voneinander tren- nen (sichten). Der Sechskantsichter hat sei- zweiten Mahlgang, der auch als Gerbgang nen Namen von der in seinem Innern genutzt werden kann. Bei diesem Mahlgang befindlichen sechskantigen Walze. Diese fällt das von den Mühlsteinen zerkleinerte Walze ist mit feiner Gaze bespannt und Korn in den Bitte!, das ist ein mit Gaze be- dreht sich um ihre leicht geneigte Achse. spannter Schlauch. Dieser Schlauch wird Durch die Flächen des Sechs- ••••••‘! kantes wird das Mahlgut seit- lich angehoben und fällt dann nach unten. Dabei fal­ len die feinen Bestandteile, das Mehl, durch die Gaze. Die gröberen Teile wandern nach vorne und landen im Kleietrog. Um das Korn gut auszunützen, muß das Mahl­ gut fünf bis sieben mal ge­ mahlen werden, bis im Kleie­ trog wirklich nur noch Kleie zu finden ist. Der Antrieb der Walze, des Rüttelsiebes und des Klopfhammers erfordern sinnreiche Vorrichtungen, welche die Helfer des Vereins Beim Schärfen des Mühlsteins. 312

durch eine Vorrichtung über einen Stab seitlich geschlagen oder gerüt­ telt. Auch hier fallen die feinsten Bestandteile durch die Gaze in den Mehlkasten, während die gröberen Teile durch den Kleiekotzer in den Kleietrog gelangen. Zur guten Aus­ nützung des Kornes sind auch hier mehrere Mahlgänge nacheinander notwendig. Bei dieser älteren Art der Mahlgutsichtung ist ein ganz anderer Mechanismus für den Beu­ telschlag und den Rüttelsiebantrieb notwendig. Hauptsächlich wurde der zweite Mahlgang zur Herstellung von Schrot oder zur Trennung von Korn und Spelzen verwendet. Das Schroten ist der gleiche Vorgang wie bei der Mehlherstellung, nur wird in ein oder zwei Durchläufen das Korn nur grob zerkleinert. Ein Sichter (Bitte!) ist hierzu nicht not­ wendig. Das Trennen (Rollen) von Korn und Spelzen ist jedoch ein beson­ derer Vorgang. Der Abstand zwi­ schen den Mahlsteinen muß so groß sein, daß die Hafer-oder Ger­ stenkörner nicht zerquetscht, son­ dern nur die Hüllen aufgesprengt werden. Körner und Spelzen fallen von den Mahlsteinen durch einen querfließenden Luftstrom in den Sichter. Der durch die Mühlstein­ welle angetriebene Ventilator er­ zeugt einen kräftigen Luftstrom, welcher die leichteren Körnerscha­ len, die Spelzen, mit sich fortreißt und in einen besonderen Behälter befördert. Die schwereren Körner werden vom Luftstrom nicht mit­ gerissen und fallen wie beschrieben direkt in den Kasten. Die beiden Mahlgänge mit ihren Sichtern fiillen das Mühlengebäude fast aus. Trotzdem haben die frühe- Landwirt chaft und bäuerliches Leben Das Kammrad mit !Jannsteg. Die Zähne des Kammrades wurden früher geräuchert, um sie haltbarer zu machen. Das Triebwerk der typischen Schwarzwaldmühle ist simpel kon­ struiert: Wasserrad und Kammrad situn auf der gleichen WH­ le, dem Wellbaum. Die Drehung des Wasserrades löst also zu­ gleich die des Kammrades aus. Diese Bewegung wird über den Spinde/wagen auf das Mühleisen mit dem Läuferstein über­ tragen (siehe „Das Schwarzwaldhaus‘: Hermann Schilli). 313

Die Kobismüble Der Sechskantsichter der Kobisenmühle ist gleichfalls detailgetreu rekonstruiert worden. ren Bauern mit der Mühle noch andere Ar­ beiten erledigt. Über ein Vorgelege und ein langes endloses Drahtseil, welches von der Mühle bis in den etwa 60 Meter entfernten Hof reichte, wurden dort Dreschmaschine, Häckselmaschine, Kreissäge, Putzmühle und andere Geräte angetrieben. Auch zur Stromerzeugung wurde die Mühle verwen­ det, sie war das Kraftwerk des Hofes. Aber Mahlen, Geräte antreiben oder Strom erzeugen konnte man nur, wenn man genügend Wasser zum Antrieb der Mühle hatte. Der jetzt wiederhergerichtete Weiher oberhalb der Mühle reichte dazu nicht im­ mer. Deshalb hatte man zirka 1,5 Kilometer weiter talaufwärts einen zweiten Mühlwei­ her angelegt, der bei Bedarf genutzt werden konnte. Im Zuge der Renovierung wurde aber nur der nahe Weiher wieder instandge­ setzt. Das Mühlengebäude, die Mahlwerke, 314 das Mühlrad, der Wasserzulauf und eben der Weiher erforderten viele, viele Stunden unbezahlte Eigenarbeit. Diese wurde aber von den Mitgliedern des Vereins für Hei­ matgeschichte St. Georgen gerne geleistet, um eine sogenannte Sachgesamtheit, das heißt einen Hof mit seinen Nebengebäu­ den wie Mühle, Speicher und Backhaus, für spätere Zeiten und Generationen zu erhal­ ten, denn gerade solche stattlichen Höfe prägen das Bild unserer Heimat. Öffnungszeiten: Regelmäßig werden in der Mühle Vorfiihrungen geboten. Gruppen können eigene Termine vereinbaren. Auskünfte sind beim Verkehrsamt St. Georgen oder beim Verein für Heimatgeschichte, Goethestraße 3 in 78112 St. Georgen, Telefon 07724/6125, zu erhalten. Willi Meder

22. Kapitel I Almanach 98 Architektur, Bauen und Wohnen Die Ökosiedlung ,,Auf der Staig“ Ein Versuch der Stadt Donaueschingen, Niedrigenergiebauweisen zu fördern Am Anfang stand das Klimakonzept der Stadt Donaueschingen: Gefertigt wurde es auf Initiative von Oberbürgermeister Dr. Everke vom Umweltberater des Gemeinde­ verwaltungsverbandes, Dr. Bronner. Der Gemeinderat hat das Konzept am 16. Juni 1992 als Eigenverpflichtung und als Hand­ lungsanweisung an die Stadtverwaltung be­ schlossen. In seinem kommunalen Teil ent­ hält das Klimakonzept Aussagen zu Bebau­ ungsplänen, zur Reduzierung des städti­ schen Energieverbrauchs, zur Nutzung regenerativer Energiequellen, zum Straßen­ verkehr, zur Verwendung von FCKW und zum Beschaffungswesen. Kohlendioxid (C02) ist einer der wesent­ lichen Verursacher der Klimaveränderun­ gen. Kohlendioxid wird bei jedem Verbren- nungsprozeß frei. Vermeidung von Kohlen­ dioxid heißt zuallererst Energieumwand­ lungsanlagen mit einem besseren W ir­ kungsgrad zu installieren, effektivere Ener­ gienutzung, aber auch Einsparungen im Straßenverkehr. Die meiste Energie wird in Donaueschingen für die Raumbeheizung verbraucht. Insgesamt sind dies in der Kern­ stadt 176 Millionen Kwh pro Jahr. Pro Ein­ wohner macht das 11 000 Kwh aus, also den Gegenwert von 1000 Litern Heizöl. Bebauungsplan ,,Auf der Staig“ Parallel zu den Diskussionen des Klima­ konzeptes liefen Überlegungen zur Bebau­ ung des neuen Wohngebietes „Auf der Staig“. Im April 1991 hat auf Initiative des Baugebiet „Atif der Staig“ von Norden. 315

Die Erdhiigelhäuser mit Ansicht von Süden. Stadtbauamtes der Geschäftsführer der Gruppe ARCHI NOVA, Erhardt Wächter, im Technischen Ausschuß Aspekte des öko­ logischen Bauens erläutert. Der Ausschuß war angetan von der Idee, im Rahmen des neuen Wohngebietes einen verdichteten Be­ reich für experimentelle Niedrigenergiehäu­ ser zu reservieren. Noch 1991 wurde die Novellierung der Wärmeschutzverordnung auf Bundesebene sehr strittig diskutiert. Eine Verabschiedung der Novelle war nicht in Sicht. Verschiede­ ne Baubranchen nutzten ihre Einflußmög- 316 lichkeiten, um die geplante Verschärfung in Frage zu stellen. In dieser Situation wollte der Technische Ausschuß für den Bereich der Stadt Donaueschingen ein Zeichen set­ zen. Mit der Ökösiedlung „Auf der Staig“ sollten erste Erfahrungen mit der Niedrig­ energiebauweise gesammelt werden. Von Anfang an stand fest, daß die Erfah­ rungen der Ökosiedlung den Handwerkern, den Architekten und Bauleitern und den zukünftigen Bauherren weitervermittelt werden sollten. So sollte ein Gegengewicht geschaffen werden zu den Angeboten der

Der kurze Weg zur Ökosiedlung Fertighausindustrie, die Niedrigenergiehäu­ ser bereits seit langer Zeit im Angebot hatte. Die Idee zur Ökosiedlung war schnell ge­ boren. Der Technische Ausschuß war mit Begeisterung bei der Sache. Wie jedoch soll­ te die Idee nun umgesetzt werden? Zwei We­ ge boten sich an: Der Weg nach oben, das bedeutet, die zukünftigen Bauherren über detaillierte Festsetzungen im Bebauungs­ plan, über privatrechtliche Regelungen und kommunale Satzungen auf den Weg zu bringen. Der Weg von unten, das heißt: ei­ ne Bürgerinitiative fordert Baugelände für eine Ökosiedlung, sie kämpft für ihr Projekt und dieses wird gegen verschiedene Hinder­ nisse durchgesetzt und realisiert. Der Weg von oben erschien nicht möglich. Das Planungsrecht bietet nur begrenzt Mög­ lichkeit zur Durchsetzung der ökologischen Bauweisen. Die Verwaltung besitzt keine Möglichkeiten, ausgedehnte vertragliche Re­ gelungen auf ihre Einhaltung zu überprü­ fen. Und was ist, wenn man die Bauherren bei der Nichteinhaltung einer Regelung er­ wischt? Welche Sanktionsmöglichkeiten be­ sitzt die Gemeinde? Für den zweiten Weg, den Weg von unten, war weit und breit keine Bürgerinitiative in Sicht. Also galt es, interessierte Bauherren zu finden und diese für die Idee der Öko­ siedlung zu begeistern. Der erste Schritt auf diesem Weg von unten war eine Informati­ onsveranstaltung am 5. Juni 1991 in der Ju­ gendmusikschule. Erhardt Wächter von der Gruppe ARCHI NOVA zeigte mit beein­ druckenden Dias Möglichkeiten und Gren­ zen der ökologischen Bauweisen auf. Der Autor erläuterte mit Beispielen aus anderen Städten, daß eine Siedlung mehr sein kann als eine Ansammlung von Häusern. Ge­ meint waren die sozialen Aspekte des ge­ meinsamen Bauens und Wohnens. Nach dieser Veranstaltung fanden sich be­ reits zirka 20 Familien, die Interesse an der Zielkonzept der Ökosiedlung Ökosiedlung zeigten. Mit diesen Familien organisierte das Stadtbauamt im Juli 1991 eine Exkursion, bei der verschiedene Öko­ siedlungsprojekte besichtigt wurden. Diese Familien formulierten dann auch, unter­ stützt vom Umweltberater Dr. Bronner, das Zielkonzept für die Ökosiedlung „Auf der Staig“. Es waren also nicht gesetzliche Verord­ nungen und Erlasse, die die zukünftigen Bauherren auf den steinigen Weg des öko­ logischen Bauens zwangen. Es waren die Bauherren selber, die ihre Zielsetzungen for­ mulierten. Stichpunktartig umfaßte das Zielkonzept folgende Punkte: •Kleine Grundstücke, begrünte Dächer. •Umweltverträgliche Baustoffe, keine tro­ pischen Hölzer, keine FCKW-geschäumten Baustoffe, Minimierung des Einsatzes von PVC und Aluminium, kein chemischer Holzschutz. •Geringer Energiebedarf (6 Ltr. Öl pro Jahr/qm), schadstoffarme Wärmeerzeu­ gung, passive und aktive Sonnenenergie­ nutzung. •Sparsamer Umgang mit Wasser, Zister­ nen, Versickerung von Regenwasser. •Begrünte Außenwände, Verwendung von einheimischen Gehölzen, Trockenmau­ ern, minimale Verkehrsflächen. •Gemeinschaftliche Nutzung von Spiel­ flächen, Sportflächen, Kommunikations­ flächen, kooperative Lebensformen. Dem Gemeinderat wurde dieses Zielkon­ zept am 8. Oktober 1991 vorgestellt. Nach kurzer Diskussion stimmte er zu. In der 317

Folge wurden die 20 Bauplätze, die der Ge­ meinderat für das Siedlungsprojekt reser­ viert hatte, nur dann verkauft, wenn die Er­ werber vorher schriftlich ihre Zustimmung zum Zielkonzept erklärten. Daraus wird klar, daß eine wichtige Vor­ aussetzung für die Realisierung der Öko­ siedlung das städt. Eigentum an Grund und Boden im Siedlungsbereich war. Nur so sind privatrechtliche Vereinbarungen mit den Käufern bzw. den zukünftigen Bauherren möglich. Jeder Erwerber im Bereich der Ökosied­ lung mußte gleichzeitig zu seiner Parzelle ei­ nen Teil des Gemeinschaftsgrundstückes miterwerben. Die Nutzung auf dem Ge­ meinschaftsgrundstück war den zukünftigen Bewohnern freigestellt: Der gemeinsame Grundbesitz sicherte jedoch Gesprächsstoff und Diskussionsprozesse für ei- nige Abende. So war die Situation Ende Erdhügelhaus im Rohbau. 318 1991: Das Zielkonzept für die Ökosiedlung war formuliert und vom Gemeinderat ver­ abschiedet. Zirka fünf Familien bildeten den harten Kern der „Ökosiedler“. Das städte­ bauliche Konzept für die Siedlung stand fest. Das Jahr 1992 verging mit der Suche nach weiteren bauinteressierten Familien. Zuerst war die Reihe der Erdhügelhausbau­ er komplett. Im Sommer 1992 konnte mit großer Pressebeteiligung der Spatenstich für die neun Erdhügelhäuser getätigt werden. In der Zwischenzeit hatte das Kraftwerk Laufenburg sein Interesse an der Realisie­ rung des zweiten Projektes bekundet. Das Kraftwerk Laufenburg wollte Erfahrungen mit der Niedrigenergiebauweise sammeln. Gemeinsam mit dem Architekturbüro Luds­ zuweit, Donaueschingen, und dem Fraun­ hofer Institut .aus Freiburg wurden auch die Solarhäuser als Architektenhäuser ohne Bauträger realisiert. Beim dritten Projekt, den Holzblockhäu­ sern, fand sich ein Bauträger aus Vorarl­ berg, die Firma Ökoplan, die ge­ meinsam mit dem Architekten Ul­ rich Weber, Tuttlingen, ein Holz­ haus entwickelten und als Bauträger auf den Markt brachten. 1993 wurden die Erd­ hügelhäuser fertiggestellt und die anderen Projekte begonnen. Auch das Wirtschaftsministerium, das in Baden-Württem­ berg für die Bau- und für die Wärmesch u tzver­ ordnung verantwort­ lich ist, zeigte Interesse an den Erfahrungen in der Ökosiedlung. Schon in der Planungsphase wurde eine Arbeitsgrup­ pe gegründet, an der die beteiligten Architekten, die Bauherren, das Wirt- schaftsministerium und

im Auftrag des Wirtschaftsministeriums der Bauphysiker Prof. Dr. Stohrer von der FH Stuttgart vertreten waren. Hier wurden die Projekte und verschiedene Plandetails dis­ kutiert und festgelegt. Das Wirtschaftsmini­ sterium veröffentlichte später die richtungs­ weisenden Plankonzepte in einer Broschüre, die im ganzen Bundesgebiet großes Interes­ se fand. Während der Bauzeit organisierte das Stadtbauamt im Juli 1992, vor dem ersten Spatenstich, eine Ausstellung der Pläne und Modelle im Foyer des Rathauses. Im Winter 1992/93 fand dann in den Rohbauten der Erdhügel- und der Holzblockhäuser ein „Tag der offenen Tür“ statt, der Besucher aus der gesamten Region anzog. All dies ge­ schah mit dem Ziel, die Erfahrungen der Ökosiedler anderen Handwerkern, Planern und Bauherren zu vermitteln. Spektakulärstes Objekt ist und bleibt die Reihe der neun Erdhügelhäuser. Die Erd­ hügelhäuser stellen ein neues Hauskonzept Die Ökosiedlung heute Behagliche Wohnräume, Blick in eines der Erdhügelhäuser. dar, bei dem sowohl Energie-als auch Bau­ kosten gesenkt werden sollen. Der Natur wird durch die Erdüberdeckung verbautes Land zurückgegeben. Die Gewölbekon­ struktion gibt maximale Freiheit bei der Raumaufteilung bei einem optimalen Ver­ hältnis zum Volumen. Durch die gewählte Bauweise wurde ein gesundes Raumklima geschaffen. Die sechs Solarhäuser stellen das technisch am weitesten entwickelte Konzept dar: Ein hochwärmegedämmter Massivbau mit ho­ her Wärmespeicherkapazität und hohem Solargewinn soll Energie einsparen: Der An­ teil der Solarenergie für Heizung und Warm­ wasserbereitung beträgt ca. 50 0/o. Entspre­ chend dem Dämmstandard und dem Solar­ energiekonzept kann die Heizung von April bis Oktober ausgeschaltet bleiben. Inte­ grierter Wintergarten, transparente Wärme­ dämmung und Sonnenkollektoren auf dem Dach prägen das Aussehen der Häuser. Den Publikumsgeschmack am ehesten tref­ fen die fünf Holzblockhäuser. Hier sollte der Gesamtenergieverbrauch durch äußerst strenge ökologische Bauanforderungen auf 319

Solarhaus, Südansicht. Die Solarenergie deckt in den sechs gebauten Anwesen 50 Prozent der Energie, die ßir Wanmuasserbereitung und Heizung benötigt wird. ein wirtschaftlich sinnvolles Minimum optimiert werden. Dazu dienen unter an­ derem Wandflächen-Heizsysteme als Infra­ rot-Strahlungsheizung (Kachelofenprinzip). Das Haus soll wie eine dritte Haut sein: At­ mungsfähig und wie auch die zweite Haut, die Kleider, sollte es keine künstlichen Stof­ fe enthalten. Alle drei Typen versuchen, auf unter­ schiedlichem Weg das Ziel zu erreichen, die Energie für die Gebäudeheizung zu mini­ mieren. Entsprechend unterschiedlich sind auch die drei Projekte von ihrer äußeren Er­ scheinung ausgefallen. Zusammengehalten werden sie durd1 eine strenge städtebauliche Grundfigur, das U: Der Mittelpunkt des U‘ s wird vom Heinrich-Burkard-Platz gebildet. Im Ansd1luß an diesen Platz befindet sid1 das Gemeinschaftsgrundstück, das von den Anwohnern als naturnahe Frei- und Spiel­ fläche gestaltet wurde. Zum Erscheinungsbild der Ökosiedlung gehören auch die vielen Besuchergruppen. Fast wöchentlich reisen Gemeinderatsgrup­ pen aus nah und fern, aber auch Architek­ ten- und Studentengruppen an, um die Siedlung zu besichtigen. Zeitungsartikel über die Siedlung erschienen auch in Japan, in Kanada und auf den Philippinen. Wie soll es weitergehen? Da die Ökosiedlung „Auf der Staig“ ge­ zeigt hat, daß Niedrigenergiebauweise mit einem Mehrkostenaufwand von rund 5 0/o möglid1 ist, hat der Donaueschinger Ge­ meinderat festgelegt, Grundstücke zum Zwecke der Bebauung zukünftig nur nod1 mit der Auflage zu verkaufen, einen gerin­ geren Wärmeverbraud1 anzustreben, als in der Wärmeschutzverordnung festgelegt wird. Vor dem Kaufvertrag müssen die Käu­ fer die Planung für ihr Gebäude erstellen und den Wärmeschutznachweis über den Frankfurter Energiepaß vorlegen. Und für das neue Wohngebiet der Stadt Donau- 320

eschingen, die Erweiterung des Baugebietes „Holzsteig“, hat der Technische Ausschuß wieder eine Fläche von sechs Grundstücken für ein Siedlungsprojekt reserviert. Das Stadtbauamt hat über Informationsveran­ staltungen eine Gruppe von interessierten Familien zusammengebracht, die diese Grundstücke gemeinsam überplanen und bebauen wollen. Ziel ist es, kostengünstig mit viel Eigenarbeit Niedrigenergiehäuser zu realisieren. Der Baubeginn für diese Sied­ lung steht jedoch noch nicht fest. Über die Ökosiedlung „Auf der Staig“ wurde ein wichtiger Teil des Donaueschinger Klimakonzeptes mit Leben gefüllt. Das Land Baden-Württemberg hat der Stadt u. a. für die Ökosiedlung 1995 den Umweltpreis verliehen. Donaueschingen ist seinem Ziel, die Emissionen bis zum Jahre 2010 zu hal­ bieren, einen Schritt näher gekommen. Kontaktadresse: Michael Blaurock Heinrich-Burkard-Platz 15 78166 Donaueschingen Heinzßunse Die Holzblockhäuser (oben) und die Erdhügel­ häuser (unten) zur Erschließungsstraße hin. 321

Architektur Repräsentatives Wahrzeichen des Ortsbildes Das Dauchinger Rathaus von 1909 gilt als frühes Beispiel kommunalen Selbstverständnisses Wären da nicht seit 1904 die ständigen Mahnungen des Landgerichtes Konstanz wegen schlechter Unterbringung des Grund­ bucharchives gewesen, hätte Dauchingen vielleicht niemals zu jenem beeindrucken­ den neuen Rathaus gefunden, welches noch heute wie ein Wahrzeichen das Ortsbild prägt1• Der endlich auf Drängen der Kon­ stanzer Behörde am 28. November 1905 gefaßte Beschluß des Gemeinderates, Pläne für ein Grundbucharchiv im bestehenden Schul-und Rathaus ausarbeiten zu lassen, wurde dabei zum Ausgangspunkt für das größte Bauprojekt Dauchingens zu Zeiten des Großherzogtums Baden. Die Abfolge der Beschlüsse vom Umbau eines bestehen­ den Gebäudes bis hin zum völligen Neubau sind in mehr als einem Sinne lehrreich. Der ständige Sinneswandel des Ratsgremiums spiegelt eine der wirtschaftlichen Vernunft unzugängliche Eigendynamik prestigebela­ dener kommunaler Bauprojekte wider, wie sie auch der heutigen Zeit nicht fremd sind. Positiv formuliert ließe sich auch sagen, der Gemeinderat jener Jahre hat einen außer­ ordentlichen Weitblick bewiesen. Bis zum heutigen Tag genügt das in seiner Baukultur nach wie vor beeindruckende Gebäude den Raumansprüchen der Verwaltung. Als die Planungen für das Grundbuchar­ chiv begannen, kam es bald zu Spannungen mit der Schulbehörde, die anscheinend eine Verkleinerung des der Schule und dem Leh­ rer zustehenden Raumes zugunsten der Ge­ meindeverwaltung befürchtete. Am Ende sah auch der Gemeinderat ein, daß in der bevölkerungsmäßig anwachsenden Gemein­ de eine sachgerechte Raumaufteilung des Schul- und Rathauses bei Einbau eines Grundbucharchivs nicht mehr möglich war, da die Frage nach neuen Räumen für die Schule und der Einbau einer Lehrerwoh- 322 nung ebenfalls dringend geworden waren. Ein weiterer Anstoß zur Abkehr vom ur­ sprünglichen bescheidenen Umbauplan war der Tod des beauftragten Villinger Architek­ ten Karl Kaiser2 und die Verhinderung des Zimmermannes Bertsche , der die Pläne we­ gen Arbeitsüberlastung nicht zu Ende brin­ gen konnte. So fiel nach zwei Jahren Vorbereitung in der letzten Sitzung des Jahres, am 30. De­ zember 1906, endlich der Grundsatzent­ scheid, ein neues Rathaus zu bauen. Damit war die Abkehr vom ersten Gedanken eines notwendigen Umbaues alter Räumlich­ keiten vollzogen. Kennzeichnend für den Fortgang der Entwicklung in Richtung auf einen herausgehobenen Repräsentativbau ist, daß nach zweimaligem Architekten­ wechsel die Wahl schließlich auf den Villin­ ger Architekten Karl (Carl) Nägele3 fiel, der außer in Villingen auch in Offenburg zu­ sammen mit seinem Schwager das Architek­ turbüro Nägele & Weiß betrieb. Er hatte sich gegen seinen Mitbewerber Karl Drissner4 durchgesetzt, den man am 7. Februar 1907 wie Nägele um einen ersten Plan mit Ko­ stenaufstellung gebeten hatte. Repräsentatives Gewicht Ein Vergleich der zahllosen öffentlichen Bauten Nägeles5 mit denen seines Konkur­ renten Karl Drissner zeigt ersteren als den großzügigeren Planer mit stilistisch wie räumlich aufwendigeren Bauten. Nägeles vor 1909 gebaute Rathäuser wie die in Mar­ bach (1905/06) oder jenes von Weilersbach (Umbau in den Jahren 1905/1906) sind im Vergleich zu Drissners Rathäusern in Nie­ dereschach (1905) dabei keineswegs immer teurer geworden. Überschreitungen des Ko­ stenvoranschlages sind bei beiden festzu-

Dauchinger Rathaus Prunkvoll und Zierde des Ortsbildes, das Rathaus von Dauchingen nach der Renovierung J 99Z stellen. So kostete zwar der (Um)bau des Weilersbacher Rathauses kaum über 15 000 Reichsmark6, der Marbacher Bau überstieg jedoch wie der Dauchinger am Ende um runde 20 0/o die Kosten für den Voran­ schlag 7. Dies gilt auch für Niedereschach, wo aus den geplanten 32 800 RM am Ende rund 38248 RM wurden8• Die 1907 abgegebene Erklärung des Bür­ germeisters, Nägele habe in Konkurrenz zu dem Villinger Architekten Karl Drissner nach Ansicht des Gemeinderates die besse­ re Raumaufteilung geboten, ist nur bedingt richtig. Bei näherer Betrachtung vermittelt Nägeles Entwurf bei den auf den ersten Blick ähnlichen Außenansichten mehr re­ präsentatives Gewicht. So wird der Ent­ scheid des Gemeinderates verständlich, den Nägele-Plan zu verwirklichen, weil dieser kostengünstig den größtmöglichen Ein­ druck versprach. In der Ausführung des Rathauses mit Schwesternwohnung schwingt so die Mate­ rialisierung des Ausdruckes eines gesteiger­ ten Willens zur Repräsentation. Planung und Beschluß des Rathausneubaues werden in einer Zeitspanne gefaßt, als zahlreiche Gemeinden des Amtsbezirkes ebenfalls pla­ nen und bauen. Damit entsteht trotz Über­ nahme eines allgemeinen Grundrasters – Verwaltung und Schwesternwohnung unter einem Dach -eine Art Konkurrenzsituati­ on, die den Wunsch nach einem unver­ wechselbaren, eindrücklichen und eigen­ ständigen Bau begünstigt. Konkurrenz und Geltungsanspruch beste­ hen dabei nicht nur im Rahmen eines Wett­ streites der Verwaltungen, sondern auch auf der kirchlichen und staatlichen Ebene. Als Bauplatz war ursprünglich von dem über Losentscheid neugewählten Bürgermeister Vinzenz Bertsche und seinem Gemeinderat 323

Architektur ,.,/ Plan des Rathauses Niedereschach von Karl Drissner, 1905 (Gemeindearchiv Sig.: IV, J Nr. 11). ein Gelände nahe den zahlreichen Neubau­ ten am Ortsrand in Richtung Schwenningen vorgesehen gewesen. Dann entschied man sich aber für den heutigen Standort. Im Nachklang zum Kirchenkampf jedoch soll­ te das Rathaus sich zumindest architekto­ nisch gegenüber Kirche und Pfarrhaus erhe­ ben, sahen letztere doch gewissermaßen auf diesen unterhalb errichteten Amtsbau her­ ab. Und auch die mit der Gemarkungsgren­ ze teilweise identische Staatsgrenze zum Königreich Württemberg ist zu berücksich­ tigen. Rund einhundert Jahre nach der Ent­ lassung aus dem Herrschaftsverband Rott­ weils konnte das einst arme Brudersd1afts­ dorf Dauchingen seinen einst gleichfalls reichsstädtischen und nun württembergi­ schen Nachbarorten architektonisch vor­ spielen, daß man es im Großherzogtum Ba­ den zu Wohlstand gebracht habe. So kam es, daß die endgültigen Baukosten von anfangs 18 000 bis 20 000 RM für ein er­ stes Projekt schnell auf 30 000 RM bei dem angenommenen Entwurf stiegen, die bei der Endabrechnung dann noch einmal um mehr als 20 0/o überschritten wurden. Dabei war noch nicht einmal jene aufwendige Aus­ führung umgesetzt worden, die nach dem Willen des Gemeinderates dem Ort mehr ein imposantes Renaissanceschloß mit ba­ rockisierenden Elementen beschert hätte denn ein angemessenes Rathaus. „Der Erker ließe sich entbehren“ Der Verwirklichung dieses Planes, auf dem eine unbekannte Hand das Epitheton „Ma­ jestätvoll ! !“ vermerkt hat, gebot das Be­ zirksbauamt Donaueschingen als Aufsichts­ behörde Einhalt. ,,Für die Lokale der an­ scheinend kleinen Gemeinde scheint uns et­ was zuviel Raumaufwand vorzuliegen“, schrieb man am 16. Juni 1907 nach Dau­ chingen. Auch die prunkvolle Außengestal­ tung wurde moniert: ,,Die Gestaltung des Aeusseren trägt den städtischen Charakter und sollte sich mehr der lokalen Bauweise anschliessen, … bei Rücksichtnahme auf Ein- 324

sparung liesse sich der Erker, wenn schon … er ein dekorativ wirksames Element der Aus­ senarchitektur bildet, entbehren.“ Trotzdem hielt man auch im letztendlich am 24. De­ zember 1907, sozusagen als Weihnachtsge­ schenk, genehmigten Plan an dem Erker fest. Nur wurde er stärker in das Gebäude zurückgenommen wie auch der Staffelgiebel nicht ganz so auffällig barock gestaltet wur­ de. Die Fenster gerieten etwas kleingliedriger und nicht in ganz so herrschaftlicher Höhe wie zuvor. Alles in allem ließ sich die hochverschul­ dete Gemeinde keine Zügel anlegen, nach­ dem der Bürgerausschuß bereits im Oktober für Nägele gestimmt hatte, rund 60 0/o der Kosten wurden über eine weitere Anleihe fi­ nanziert, der Rest nahezu ausschließlich über einen außerordentlichen Holzhieb von 700 fm im Gemeindewald. Im zweiten An­ lauf 1911 gelang es sogar, vom Innenmini­ sterium eine Beihilfe zur Schuldentilgung unter Hinweis auf die finanziell belastende Maul- und Klauenseuche zu erhalten. Nur zaghaft wurden Sparmaßnahmen umgesetzt und dann auch nur dort, wo sie die Außen­ wirkung nicht schmälerten. An sichtbaren Stellen bleibt das verwandte Material stets qualitätsvoll9 • Die vom Publikum begehba­ ren Innentreppen sind daher beispielsweise aus Eiche, die zu Speicher und Keller füh­ renden Treppen hingegen nur aus Tannen­ oder Forlenholz. Was schließlich den zur Ausführung ge­ langten Bau selbst anlangt, so spiegeln Bau­ körper und Stilelemente ein Stück Architek­ turgeschichte. Ungewöhnlich war die als Ausformung des Neohistorismus vorge­ schlagene Architektur im Stile der Neore­ naissance im badischen Großherzogtum zunächst nicht. Nahe Bezirksamtsbauten wie das 1891 von dem Architekten und her­ ausragenden Oberbaudirektor Josef Wil­ helm Durm (1837-1919) errichtete Bezirks­ amt V illingen hatten bereits Renaissance­ Elemente nach dem Vorbild des Nürnberger Peller-Hauses nachgebildet. In Ausführung Dauchinger Rathaus Der mit einer Wappenkartusche prächtig gestaltete Eingang des Dauchinger Rathauses. Unten: Rat­ haus Marbach, von Karl Nägele, 1906. 325

Architektur und Proportion waren dies je­ doch übersteigerte Bürgerhäu­ ser, wohingegen Dauchingen sich bewußt als Gebäude des Adels präsentierte. Wenn der in den Baukörper zurückgesetzte linke Erker ein verbreitetes Element bürgerli­ cher Wohnarchitektur darstellt, so war der darunterliegende Eingang zur Schwesternwoh­ nung gleich einem Lauben­ gang für Rechtsprechung oder Markt geschaffen worden, wie man ihn zum Beispiel vom Vi1- linger Alten Rathaus her kennt. Der rechts das gesamte Gebäu­ de übersteigende Staffelgiebel bildet den hervorstehenden Rathaus Weilersbach, von Karl Nägele, 1906. Bauteil und beherbergt zudem in seiner Mitte den gleichfalls in Art eines Schloß­ portales mit Wappenkartusche gestalteten Eingang, der in seiner ursprünglichen Form mit Treppenaufgang und Geländer den Be­ sucher gleichsam zur Obrigkeit hinaufstei­ gen ließ. Was beim Dauchinger Rathaus am Ende zu bemerken bleibt, ist die doppelte An­ knüpfung an alte Bauformen einer spätneu­ zeitlichen Stadtbürgerzeit wie an die eher ländliche Adelskultur. In dieser Vermen­ gung liegt vielleicht auch das unbewußte Programm des standesübergreifenden Bau­ ens, das die fortgeschrittene Demokratisie­ rung der badischen Gesellschaft gegen Ende des Großherzogtums kennzeichnet. Ob den vorgesetzten Behörden und den Politikern am Ende ob so viel dörflicher Repräsentati­ on nicht bange wurde? Zur festlich mit Böl­ lerschießen und Fahnenschmuck begange­ nen Einweihungsfeier am 15. August 1909 erschienen von den Eingeladenen weder der Villinger Oberamtmann Adolf Bauer noch der zuständige Landtagsabgeordnete Görla­ cher oder der Villinger Bürgermeister Emil Braunagel. Noch heute bildet das mit stolzer Fassade Joachim Sturm 326 zur Kirche hinaufblickende ortszugewandte Rathaus ein bauliches Kleinod, das bis 1995 unter Beachtung denkn1alschützerischer Be­ lange umfassend renoviert wurde. I Gemeindearchiv Dauchingen, Best.l, Nr. 138, 192 (Bau­ akten), 1228-1232 (Rechnungen), 1550, 1569 (Pläne) 2 28. 1. 1851 • 1906. Bürgerrecht in Villingen seit 1877. StA Villingen Best. 2.2, Sign. IV 5.416, Nr. 13 und Best. 1.42.3, Nr.37 (Nachlaß Honold). 3 geb. 19.8.1873 Villingen, gest. 22.2.1952 ebd. Noch immer fehlt för diesen bedeutenden Architekten, Mitglied des Bür­ gerausschusses (Zentrumsfraktion), mit zahlreichen öffentli­ chen und privaten Bauten in Baden, die würdigende, um­ fassende Biographie. S.a. Nachruf (mit Foto) im Südkurier 26.2.1952. 4 Geb. 9.10. 1875 Villingen, gest. 7. 8.1945 Villingen, Sohn des Kaminfegermeisters Max Drissner (Drißner). 5 Darunter das Forsthaus (1899) in der Waldstr., den Schlachthof (1906), das Theater am Ring, den Saal bau der Tonhalle, die Turnhalle Villingen u. v. a., StA Villingen, Nachlaß Honold (1.42.3, Nr. 40) 6 StA Villingen, Best. 108, Nr. 6/200 7 StA Villingen, Ortsteilarchiv Marbach, Rechnungen 1905/06 8 Gemeindearchiv Niedereschach 1/11 Akte IV/3 Fasz.10: Abhör der Gemeinderechnung 1906, § 42 9 Steinhauerarbeit: weiße, scharrierte Sandstei.ne; Eingangs­ treppe Granit; Riegelmauerwerk: rheinischer Schwemm· stein; Ziegel: Bieberschwanz l. Q,alität; Erkerdach, Dach­ gaube und Dachreiter: verkupfertes Zink; Fenster: astreines Forlenholz; Stangenverschlüsse: Weißmetall.

Stätten der Gastlichkeit 23. Kapitel/ Almanach 98 Wo Schwarzwald-Urlaub ein Erlebnis ist Der Landgasthof „Bergbor‘ der Familie Schwer in Gremmelsbach ist weithin bekannt Beinahe wäre der „Berghof“ nicht der „Berghof“ geworden. Als nämlich 1961 das Anwesen, früher „Waldhas“ genannt, zum Verkauf anstand, war es schon an einen vorübergehenden Besitzer verkauft, der eine Pferdezucht oder einen Reithof daraus ma­ chen wollte. Doch da zog die Behörde nicht mit. So ergab sich 1962 für das junge Paar Ursula und Johann Schwer die Möglichkeit es zu kaufen. Sie bauten das Haus neu auf, machten das verhuschte Gelände darum­ herum wieder urbar und vermieteten, wie es damals viele taten, ein Zimmer an Gäste, während das Haus noch gar nicht vollstän­ dig ausgebaut war. Sie lebten aber bis 1970 nur von der Landwirtschaft,Johann arbeite­ te im nahegelegenen Steinbruch. Das schö- ne Plätzchen lockte neue Gäste an, die von der Möglichkeit der Küchenbenutzung gern Gebrauch machten. Bald kam ein zweites und drittes Gästezimmer (in Eigenarbeit ausgebaut) hinzu. Der anfängliche Pensions­ betrieb reichte nicht mehr aus, der Heubo­ den mußte 1978 als Gastraum ausgebaut werden. Es war die Idee von Architekt Paul Kienzler, Triberg. 1986 kam das Gästehaus nebenan hinzu, das aber zunächst nur als Leibgedinghaus mit Stallung von der Behörde, die sich sehr restriktiv verhielt, genehmigt wurde. Es gab auch keine Zuschüsse und keine verbilligten Darlehen; daß alles so gut klappte, das be­ tont das Ehepaar Schwer mit besonderer Freude, ist dem Zusammenhalt der ganzen Der „Berghof“ in Gremmelsbach und das danebenliegende Gästehaus. 327

Der .Berghof“ Geschmackvoll und origi.nell ausgestattet ist die Gaststube des „Berghof‘. Die zahlreichen Schnitzwerke stammen von Sohn Edgar Schwer. Zeiten, als er jahrelang mit seinen kraftvol­ len Pferden (er besaß fünf) beim „Hornber­ ger Schießen“ mitwirkte -als „herzoglicher Kutscher“ hatte er die Ehre, den Landes­ herrn nach Hornberg zu bringen -er mach­ te mit seinen Gästen auch Kutschfahrten, am Vormittag zum Stöcklewaldturm, am Nachmittag auf den Föhrenbühl, wer sich gern auf den Rücken eines Pferdes schwang: bitte sehr! Und wem der Sinn nach einer zünftigen Fußwanderung stand, der fand in ihm einen Führer nach Wolfach. Markierte Höhenwege ohne Ende, in nächster Nähe zu erreichen, zeigen auch dem Ortsunkun­ digen immer die richtige Richtung. In einer Zeit, da der Schwarzwald in den Windschatten des Tourismus geraten ist, muß einem Wirt und seiner Familie etwas Besonderes einfallen, um Gäste zu werben und ihr Wiederkommen zu sichern. Familie Schwer ist nicht leicht in Verlegenheit zu bringen. Der Seniorchef macht mit seinen Gästen, wenn sie es wünschen, noch heute zünftige Fußwanderungen, mit dem Klein- Familie zu verdanken, den beiden Söhnen, dem Schreiner und Holzbildhauermeister Edgar, der heute als Selbständiger in Ober­ ammergau tätig und wohnhaft ist, und Sohn Norbert, Gastronom, der die Gäste kulina­ risch verwöhnt. Sein Können hat er sich in bekannten Hotels angeeignet. Geschmackvoll und originell ist denn auch die Ausstattung des großen Gästeraumes: die vielen Schnitzwerke, von der Madonna bis zu Krippenfiguren, Uhrenträgern und Nachtwächtern, Füchsen und eingeschnitz­ ten Sprüchen. Oft blicken Gäste erst einmal lange um sich und lassen die Kunstwerke auf sich wirken, bevor sie ihr Bier bestellen. Es ist ein Familienbetrieb im besten Sinn des Wortes. Ein Beispiel auch, wie aus kleinen Anfängen ein ansehnlicher gastronomischer Betrieb werden kann. Sogar ein Beispiel dafür, wie eine Tradition begründet wird, denn Sohn Norbert wird, was die Eltern auch mit seiner Hilfe aufgebaut haben, wei­ terführen. Gern erinnert sich Seniorchef Johann der 328

bus Kaffeefahrten, Fahrten ins Blaue, wobei er bei der Abfahrt selbst noch nicht weiß, welche blauen Femen angesteuert werden. Es kann einmal der Glaswaldsee, ein ander­ mal die Wutachschlucht sein. Aber zufrie­ den mit dem Ziel waren seine Gäste immer. Mit besonderer Genüßlichkeit erzählt er die Story, als er auf einem eigens hergerichteten Planwagen mit seinen Gästen im Alter von 3 bis 60 Jahren eine zweitägige „Zigeuner­ fahrt“ machte. Der Spaß dabei: Eltern hiel­ ten sie für echte Zigeuner und versteckten in Panik ihre Kinder. Wie sich Vorurteile doch lange halten! Diese Gäste hielten dem Berg­ hof bis heute die Treue. Urlaub mit Familienanschluß Was die Gäste besonders schätzen, ist der Familienanschluß. Der ist bei der Wirtsfa­ milie Schwer groß geschrieben. Was Groß­ stadtkinder nicht haben, der Berghof bietet es: ,,mehrere Bächlein mit Matsch, einen Teich mit Zuber, Wiesen, Berge, Wälder, Tiere. Das alles in gesunder Luft bei freund­ lichen Bauersleuten und deren Kindern.“ So äußerte sich eine Gastfamilie. Ein anderes Vergnügen war das Zusammensuchen von Reisig im Wald mit einer ganzen Treckerwa­ genladung voller Kinder und das abendliche Lagerfeuer. Wenn das keine Romantik ist! Am frühen Morgen durften dann einzelne Kinder mit „Onkel Schwer“ Milch von den umliegenden Bauernhöfen ins Tal fahren. Dafür hatte er dann für sie auf dem Rückweg ein Brötchen. Und da schon auf dem Land, halfen die Kinder auch einmal mit, wenn dringend Kartoffeln gelesen werden muß­ ten. Auch bietet der Berghof das ideale Am­ biente für Hochzeiten, selbst schon Silber­ hochzeiten, Gäste aus der großen weiten Welt kommen, auch aus Übersee. Manche schon in der zweiten Generation! Da wer­ den dann auch mit Dias Erinnerungen aus früheren Jahren aufgefrischt. Freizeitmög­ lichkeiten für Alt und Jung! Senioren finden Stätten der Gastlichkeit um das Haus Ruhebänkchen, Kinder einen Spielplatz mit Schaukeln, Tennisspielen ist möglich, Fußball, Federball, und wer gern schwimmt, kann dies in einem beheizten Naturschwimmbecken, Kinder im Kinder­ becken. Und will sich jemand von der Son­ ne bräunen lassen, Familie Schwer kann dafür eine große Terrasse anbieten, wo im Sommer Grillwochen, Sommernachtspartys und andere Feste abgehalten werden kön­ nen. Ein besonderer Genuß auf der Terrasse ist das „Leutschenbacher Brotpfännlepolder“ sowie das „Brunnholzkuckucksbrot“, wel­ ches beides JuniorchefNorbert im Holzofen bäckt. Ebenso geschätzt ist das reichliche, originelle Schwarzwälder Vesper, auch eine gute Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen wer­ den gerne angenommen. Vom Frühjahr bis zum Herbst bevölkern bei schönem Wetter Wanderer und Mountainbike-Fahrer diese Terrasse mit ihrer schönen Aussicht. Individueller ist der Urlaub im Schwarz­ wald kaum noch zu haben. Eine Seltenheit dürfte es auch sein, daß ein Gasthaus eine Glocke auf dem Dach hat. Da haben die Gä­ ste mit Spenden mitgewirkt, daß das mög­ lich wurde. Die Zeitschaltuhr wurde von der Firma Grässlin St. Georgen gestiftet. Es war ein eindrucksvolles Bild, wie ein Geselle die Glocke auf den Schultern zu ihrem luftigen Platz trug. Die Einweihung vollzog der da­ malige Triberger Vikar Siegfried Karow. „Das war ein großes Fest, zu dem alle Stammgäste aus nah und fern anreisten und ein Wochenende lang feierten“, erinnert sich Ursula Schwer. Immer wieder sagen Gastfa­ milien: ,,Für uns ist der Berghof im Schwarz­ wald mit der Herzlichkeit seiner Wirtsleute zur zweiten Heimat geworden, die wir we­ nigstens einmal im Jahr sehen müssen.“ Sie sal1en ihr Urlaubsgeld „in Erweiterungen, Neuerungen, Verschönerungen, Moderni­ sierungen verwandelt“ und konnten es in den nächsten Urlauben genießen. Karl Volk 329

Stätten der Gastlichkeit Der ,,Felsen“ ein Gasthaus mit Tradition Von der Kaiserlichen Post zum Treffpunkt für Feinschmecker aus der ganzen Region Wo früher die Kaiserliche Post verkehrte, können sich heute Gaumenfreunde ver­ wöhnen lassen. Die Rede ist vom Gasthaus „Felsen“ in Hammereisenbach, das von den Bächen Eisenbach (innerhalb des Ortes Hammerbach genannt) und Breg umgeben ist. Längst hat jedoch die Kaiserliche Post ihren Dienst aufgegeben und Hammerei­ senbach hat nur noch eine Postagentur. Die­ se wurde am 3. Juni 1996 am anderen Ende des Ortes eröffnet. Die letzte Kutsche der kaiserlichen Post fuhr am 19. Mai 1893 von der Restauration „Felsen“ ab. Die idyllische Postkutschenzeit wurde darauf von der Bregtalbahn abgelöst. Das Wirtshaus „Felsen“ war zu dieser Zeit noch offizielle Station der Kaiserlichen Post. Insgesamt 48 Jahre existierte die Poststelle im „Felsen“. Am 20. Oktober 1892 wurde die Teilstrecke der Bregtalbahn Donau­ eschingen – Hammereisenbach in Betrieb ge­ nommen, was sich dann wie erwähnt auf den Betrieb der Postkutsche auswirkte. Doch nun wieder zur Geschichte der Gast­ wirtschaft, früher Restauration „Felsen“. Der „Felsen“ zählt zu den ältesten Häusern in Hammereisenbach, wurde jedoch etliche Male umgebaut. Im Jahre 1869 erhielt Josef Winterhalder die Genehmigung für den Gastwirtebetrieb und seither werden auch im „Felsen“ Biere der Marke „Fürstenberg“, natürlich auch vom Faß, unterhalb der Burgruine Neufürstenberg, ausgeschenkt. Der „Felsen“ hatte sogar, wie viele Häuser in Hammereisenbach, eine eigene Wasserver­ sorgung. Die Wasserversorgung teilten sich die Gaststätte und der gegenüberstehende Elsäßerhof. 1925 übernahm Ernst Kühn die Restaura­ tion „Felsen“. Die „Post Marie“, Maria Win­ terhalder, half ihm bei der Betreuung der Gaststätte. 1939 heiratete Ernst Kühn Karo- 330 line Hoch aus Beuron und fortan führten sie den „Felsen“ gemeinsam. Fast SO Jahre lag der Betrieb des Gasthauses „Felsen“ in den Händen der Familie Kühn. Einen erneuten Wechsel in der Führung der Wirtschaft gab es im Jahre 1971, als Tochter Rosa mit ihrem Mann Helmut Kerschbaum den Gastwirt­ schaftsbetrieb übernahmen. Etliche bauliche Veränderungen wurden in der Folge vorgenommen, welche dem „Fel­ sen“ sein heutiges äußerliche Aussehen ver­ liehen haben. Mittlerweile hat der „Felsen“ 25 Plätze für die Freunde guten Essens und weitere 100 Plätze gibt es im Saal, so daß man für Familien- und Be­ triebsfeste oder Hoch­ zeiten und andere Feier­ lichkeiten bestens gerü­ stet ist. Übernachtungs­ möglichkeiten gibt es in modern eingerichteten Zimmern ebenfalls. Weitere Baumaßnah­ men vollzogen sich zu Anfang des Jahres 1996, als sich abermals ein Generationswechsel im „Felsen“ anbahnte. Die Küche erhielt den neue­ sten Schliff und dem mittleren Raum wurde ein noblerer Tapeten­ wechsel verpaßt. Offizi­ ell ging der „Felsen“ am 8. März 1996 auf Sohn Jürgen Kerschbaum und seine Freundin Bärbel Hanselmann, die heuti­ gen Betreiber, über. Der Musikverein Hammer­ eisenbach mit Dirigent

.Der Felsen‘ Wolfgai:i Spiegelhalder untermalte die jüngste Ubergabe, zu welcher alle Hammer­ eisenbacher Vereine geladen waren. Mit ei­ nem Händedruck und herzlichen Gratulati­ onswünschen besiegelten darauf Konrad Winterhalder (Sportverein), Ullrich Wins­ kowski (Burgzunft), Ruprecht Knöpfle (An­ gelsportverein), Christoph Schreiber (KCB), Rolf Haase (Feuerwehr), Robert Preisinger (Vereinsgemeinschaft), Thomas Demattio (Musikverein) und Karl Elsäßer (Pfarrge­ meinderat) die Gasthausübergabe. Ortsvor­ steher Albrecht Fitz umriß bei diesem Fest­ akt mit Daten die über 200jährige Ge­ schichte des „Felsen“ und überreichte einen Wandschmuck. Mit dem Brauchtum des Wirtebaums machte am 25. Mai 1996 die Burgzunft Hammereisenbach auf sich aufmerksam. Die Burgzunft beauftragte Hammereisenba­ cher und Uracher Zimmermänner, vor ihrem Stammlokal „Felsen“ einen 25 Meter hohen Wirtebaum aufzustellen. Regenwet­ ter und kräftige Windböen machte den Zim­ mermännern diese Arbeit nicht gerade leicht und etwa 50 Zuschauer feuerten die Baum­ aufsteller immer wieder an. Am 1. Juni 1996 läuteten für die jungen Wirtsleute die Hoch­ zeitsglocken. Mit der Übergabe des Gasthauses an Jür­ gen Kerschbaum erhielten jedoch nicht nur einige Gasträume ein anderes Aussehen, auch die bisherige Speisekarte erfuhr eine grundlegende Änderung: Die feine gehobe­ ne Küche mit Fisch- und Fleischspezialitä­ ten zog in den „Felsen“ ein. Alles kommt Einst war der „Felsen“ in Hammereisenbach Kaiserliche Post- und Kutschenslation. 331

,Der Ftl en“ 1 frisch auf den Tisch, so lautet die De­ vise des jungen Wirtepaares. Die Vorraussetzungen, daß die Fein­ schmecker auf ihre Kosten kommen, hat sich Jürgen Kerschbaum in einer intensiven Ausbildung mit vielen Stationen geschaffen. So erlernte Kerschbaum das Handwerk der Kochkunst im Hotel „Rebstock“ in Schonach in den Jahren 1984 bis 1987. Weitere Qyalifikationen zur Verbesserung der feinen Küche wa- ren die Beschäftigungen im „Hotel am Schinderbuckel“ in Filderstadt, ,,Hotel Alemannenhof“, Titisee, ,,Renaissance Hotel Zürich“, ,,Re­ naissance Hotel Köln“ und „Inter­ continental Hotel Luxemburg“. Bei letzterem, wie auch im „Park Hotel“ in München, war Jürgen Kersch­ baum „Gardemanger“ und zeichnete somit als Chef für die kalte Küche verantwortlich. Und es folgte zudem eine Saisonbeschäftigung auf Kreta in Elounda. Auf Anfrage kehrte Kerschbaum schließlich wieder in das Renaissance Hotel in Zürich zurück, wo er ein Jahr lang als stell­ vertretender Küchenchef arbeitete. Auch die Ausbildereignungsprü­ fung, die zum Ausbilden von Lehr­ lingen berechtigt, besitzt Jürgen Küchenchef Jürgen Kerschbaum hat seine Ausbildung in Kerschbaum. renommierten Häusern erhalten. Großer Erfahrungsschatz Bereits auf Kreta und in Zürich hatte Ker­ schbaum seine spätere Frau Bärbel Hansel­ mann zur Seite, die als Service-Ausgebilde­ te für das Wohl der Gäste sorgte. Auf die Meere der Welt gingen die beiden mit dem berühmten Traumschiff „MS Berlin“. Während dieser zweimonatigen Tour über Colombo, die Malediven, Arabien, Afrika und Europa verwöhnte Jürgen Kerschbaum die Gäste mit kulinarischen Spezialitäten. Diesen großen Erfahrungsschatz setzt nun der 28jährige Wirt in der heimischen Küche in die Tat um und bereitet seinen Gästen im traditionsreichen „Felsen“ leckere Gaumen­ freuden. Qyalität und Frische stehen dabei an erster Stelle. Bereits beim Einkauf steht dieser Grundsatz ganz oben. Gekocht wird mit Kräutern und beim Garnieren spielen diese ebenfalls eine große Rolle. Auf saiso­ nale Gerichte aus heimischen Landen, aber auch Köstlichkeiten der internationalen Küche, können sich die Gäste im „Felsen“ freuen. Feinschmecker haben also im „Fel­ sen“ einen neuen – noch -Geheimtip. Eine 332

handbeschriebene Speisekarte stimmt er­ wartungsfroh. Sie preist unter anderem ei­ nen fangfrischen Papageienfisch an vanil­ lierter Papayasauce an, welcher mit einem Ragout von Süßkartoffeln und Mango ser­ viert wird. Passend dazu gibt es einen italie­ nischen Wein] ahrgang 1991 „Molino delle Balze“ Chardonnay aus der Toscana. Eben­ falls nicht ganz alltäglich kann eine geeiste Himbeersuppe als Zwischengang sein. Kom­ binationen aus frischen Marktgemüsen, ho­ nigtrunken und liebevoll mit auserlesenen Kräutern dekoriert, wecken neue lukullische Genüsse. Der eingeschlagene Weg ist nicht einfach. Denn das Ziel, das Dorfgasthaus zu einer guten Adresse zu machen, braucht Zeit. Hartmut Ketterer Stätten der Gastlichkeit Der „Felsen“ in Hammereisenbach, ezne neue Adresse für Feinschmecker. Gastlichkeit unter dem Schindeldach Das „Haus des Gastes“ in Achdorf verfügt über 80 Plätze und eine Gartenterrasse In der Ortsmitte von Achdorf, der Blum­ berger Ortsteilgemeinde, liegt wenig neben der Straße, die nach Aselfingen führt, gut ausgeschildert das „Haus des Gastes“. Architektonisch zeitgemäß konzipiert schmiegt sich der mit Holzschindeln be­ plankte und mehrfach aufgefächerte Bau für das Auge harmonisch in die sanfte, bewal­ dete Hügellandschaft des Achdorfer Tales ein. Umgrenzt von Wiesenflächen und ei­ nem eiligen, kleinen Bachlauf führt eine Brücke zum Eingang des Cafe/Restaurants. Beim Blumberger Architekten Franz Lesch­ nik lag Planung und Ausführung des städti­ schen Bauwerkes. 1982 war das „Haus des Gastes“ fertiggestellt und wurde der Öffent­ lichkeit übergeben. Die Bewirtschaftung der Räumlichkeiten, dazu Konsens und Absprache mit den akti­ ven Vereinen, gestaltete sich nicht einfach und so stand das Haus wiederholt leer. Mitt­ lerweile im zweiten Jahr führen nun Ilona Engelhardt und Doris Rösli aus Blumberg das Lokal, das im Untergeschoß über fünf­ zig Plätze verfügt, dazu noch einmal dreißig auf der Galerie. Bei Sonnenschein sind natürlich auch alle Plätze im Eingangsbe­ reich oder entlang des Bachlaufes gefragt und werden als Gartenterrasse genutzt. Schwerpunkt im gastronomischen Ange­ bot der beiden jungen Frauen ist eine reich­ haltige Auswahl selbstgebackener Kuchen zur Kaffeezeit. Da gibt es dann, obligato­ risch hier im Schwarzwald-Baar-Kreis, die ,,Schwarzwälder Kirschtorte“, ,,Linzertorte“ und viele leichte Obstkuchen mit Früchten der jeweiligen Saison. Christstollen und Weihnachtsbrödle sind gleichfalls Eigenher­ stellung, ,,aber jedes zu seiner Zeit“, wie die beiden Pächterinnen unisono erklären. Mittlerweile gibt es auch eine Eiskarte mit eigenen Kreationen. ,,Wir wollen uns da ein bißchen abgrenzen und mal anderes bie­ ten“, und so findet sich hier, üppig garniert 333

Haus des Gastes Achdorf Das „Haus des Gastes“ in Achdorf, Blick auf die Sonnenterrasse. der ,�utachbecher“ oder auch die Varian­ ten, die die Namen der Hausherrinnen tra­ gen. Wer es nun aber nicht unbedingt süß mag, kommt im Angebot nicht zu kurz. So gibt es im „Haus des Gastes“ eine kleine feine Speisekarte mit wechselnden, pfiffigen Ge­ richten. Dazu kommt in der warmen Jah­ reszeit Fleisch vom Holzkohlengrill und Fleisch-oder Käsefondue im Herbst und Winter. Speziell für all die Wanderer, die hier eine Rast zur Vesperpause einlegen, bieten En­ gelhardt und Rösli neben den ausgiebig belegten guten „Seelen“ auch variantenrei­ che Wurstsalate an. Aber nicht ausschließ­ lich nur Kulinarisches gibt es in diesem Haus. Mittlerweile fanden zwei Live-Kon­ zerte hochangesehener Jazz-Formationen statt und geplant sind noch weitere. Dazu soll es auch Ausstellungen geben. ,,Hier wol­ len wir Künstlern aus der Region ein Forum bieten, seien es nun Malereien, Grafiken oder Fotos, aber auch Plastiken oder kera- 334 mische Arbeiten können es sein.“ Natürlich soll auch das Wort seinen Platz finden, sprich die Kleinkunst ihre Bühne. Und Büh­ ne und viel Beifall gab es schon für die Thea­ terspielgruppen von Achdorf, die zwischen Weihnachten und Dreikönig das Rauman­ gebot im „Haus des Gastes“ nutzen. Dann ist natürlich volles Haus angesagt. Aber nicht nur Vereine finden den Weg ins Tal, sondern auch viele private Festlichkeiten wie Hochzeiten, Taufen, Kommunion und Konfümation, dazu Geburtstage und man­ ches Jubiläum. ,,Wir erstellen dann mit den Gästen zu­ sammen die Menuefolge und planen den gesamten Ablauf individuell abgestimmt auf die jeweiligen Wünsche und Vorstellun­ gen“, so Doris Rösli und Ilona Engelhardt, ,,dazu bieten wir dann Service und Dekora­ tion.“ Und: der weibliche Einfluß ist im Ambiente des Achdorfer „Haus des Gastes“ nicht mehr zu übersehen. Christiana Steger

Freizeit und Erholung 24. Kapitel I Almanach 98 ,,Jeder Mensch hat ein Talent“ Mit Nadel, Faden und Palette – Der Schonacher Urban Kaltenbach Urban Kaltenbach aus Schonach feierte im vergangenen Jahr seinen 85. Geburtstag. Er ist sehr rüstig und suchte noch im letzten Winter seine Motive mit der Kamera auf Langlaufskiern. Seine Lebensmaxime heißt: ,,Tue recht und scheue niemand.“ Bereits in der siebten Klasse der Volks­ schule Schonach erkannte Lehrer Hammer sein Zeichentalent. Diese Begabung wurde nach der Schule vorrangig für den Schnei­ derberuf genutzt. Er lernte bei seinem Vater Cölestin Kaltenbach. Als Geselle führte ihn sein Weg nach Säckingen. Der nahe Rhein gab ihm Motive für seine große Leiden­ schaft, die Malerei. Selbst während seiner Soldatenzeit malte er in seinen dienstfreien Stunden. Die Kuhberg-Kaserne in Ulm zier­ te eine drei Meter große Ansicht von Ulm, die ihm besonders gelungen war. Während seine Pferdekompanie in Ostpreußen lag, malte er Bilder der masurischen Seen, bevor es nach Rußland an die Front ging. Urban Kaltenbach heiratete 1944 die Schonacherin Hedwig Hettich. Im Jahre 1947 machte er seine Meisterprüfung im Schneiderhandwerk. Schon bald stellten sich Erfolge auf Modelehrtagungen ein. Die erste Gold-Medaille gab es 19 51 beim Badi­ schen Schneidertag in Karlsruhe. Für die Fachwelt war es fast eine Sensation, daß ein Urban Kaltenbach beim Malen in der Natur. 335

Frtizeit und Erholung BlickaufdasSkido,fSchonach, Öl 60x90cm, 1980 Frühling im Hexenloch, Öl 55×85 cm, 1988 336

unbekannter Schneider vom Land den Eh­ renpreis der Stadt Karlsruhe 1951 mit nach Hause nehmen konnte. Seine Frau Hedwig führte den von ihm entworfenen Damen­ mantel auf dem Laufsteg vor. Am höchsten ist der zweite Preis beim Deutschen Schnei­ dertag in München einzustufen. Und mit dem „Haus der Mode“ hat Kaltenbach im Jahr 1957 im übrigen auch ein eigenes Mo­ dehaus gegründet. Doch nicht allein dem geschäftlichen Fort­ kommen galt sein Interesse, er setzte sich in­ nerhalb der Herrenschneider-Innung auch für die Belange seines Berufsstandes ein. Bei einer Modetagung wählte man ihn zum In­ nungsmodewart des damaligen Kreises Vil­ lingen. Diese ehrenamtliche Aufgabe erfüll­ te er über den Zeitraum von 20 Jahren. In seiner Freizeit engagierte er sich auch sportlich: Dem Turnverein stc.nd er 22 Jahre vor. Seine Tätigkeit im Turnrat umfaßt über 60 Jahre. Dieses Engagement für die Allge- meinheit wurde mit der Verleihung der Eh- Waldweg am Kroneckberg, Öl, 70×80 cm, 1994 renmedaille des Landes Baden-Württem­ berg am 15. Juli 1983 gewürdigt. Und obwohl es an freier Zeit stets mangelte, gehörte Urban Kaltenbach auch dem Bür­ gerausschuß an und war zum Schöffen be­ stellt. ,Jeder Mensch hat Talent, er verfolgt es aber meist nicht weiter. Sein Pedant ist der Fleiß. Ich male zu meiner Freude, ich will nicht um jeden Preis verkaufen, ich bin Au­ todidakt. Unterstützung habe ich durch den Malerfreund Ernst Ganter erfahren. Von ihm habe ich gelernt, einfach und beschei­ den meinen Lebensweg zu gehen“, so Ur­ ban Kaltenbach. Und was den Furtwanger Ernst Ganter anbelangt, berichtet er weiter: „Diesen Charakterzug, der auch in seinen Bildern zum Ausdruck kommt, habe ich vom Anfang unserer Begegnung an bewun­ dert. Ich liebe ungebrochene Farben. Mai­ reisen nach Italien, insbesondere nach Süd­ tirol in die Dolomiten, an die Mosel und ins Elsaß haben meine Kenntnisse erweitert. Anfangs sind wir noch mit dem Bus gefah- Selbstportrait, Öl, 50×80 cm, 1995 Urban Kaltenbach 337

Schemmenbildner aus Passion Freizeit und Erholung ren und haben recht beschwerlich Freilicht­ malereien geschaffen. Einmal standen wir mit Gummistiefeln direkt in einem Bach­ bett, um eine Brücke und die herrlichen Ber­ ge verbinden zu können.“ Die Bilder von Urban Kaltenbach wurden in Schonach, Triberg und Bad Dürrheim ausgestellt. Bei schönem Wetter ari:?.eitet er draußen in Sonne und Licht, meist aber im Atelier, das er sich im Dachgeschoß seines Wohnhauses eingerichtet hat. Das Licht fällt durch zwei Dachfenster direkt auf das Mai­ pult. In zwei Zimmern sind unzählige Bil­ der zum Trocknen aufgestellt, die noch auf ihre endgültige Fassung warten. Seine Her­ kunft als Modezeichner kann und will er nicht verleugnen. Seine Bilder sind dekora- Karl Kohnle entdeckte im Pensionsalter die Schnitzerei für sich Schwenningens Fasnet hat ei­ nen guten Ruf, Schwenninger Schemmenschnitzer kaum. Das mag auch an deren Bescheiden­ heit liegen, derjenigen des akademischen Bildhauers wie des Autodidakten. Eine wahre Schatztruhe für Maskenliebha­ ber findet sich im Hause des bald 90jährigen Könners Karl Kohn­ le, der erst im Pensionsalter seine ,,höhere Berufung“ fand. Am 23. Februar 1908 erblickte er in Schwenningen am Neckar das Licht der Welt -was in sei- Karl Kohnle nem langen Leben längst nicht der einzige Lichtblick war. Der spätberufene Künstler von hohen Graden weiß das. Die vielen Arbeitsjahre als Meister bei Mauthe, der „Uhrenfirma von Weltruf“, gehören zu einem erfüllten, sich zum guten Bilde run­ denden Leben. Die glückliche Ehe mit der zu früh verstorbenen Frau Erna Kohnle, die den Schwenningern als kommissarische Lei- 338 tiv und in den Farben kräftig, sie heben her­ vor, was die Natur dem Auge bietet: Farbe und Licht. Er verzichtet auf gekünstelte Stimmungen. Wenn das Licht rote Herbst­ blätter zum Glühen bringt, dann ist es bei ihm eben ein Meer von Rot. „Gott sei Dank bin ich noch so gesund und kann jeden Tag an Pult oder Staffelei ar­ beiten“, so Kaltenbach. Die Motive erarbei­ tet er sich oft durch fotografieren. Die enge­ re Heimat, vor allem der Rohrhardsberg, das Hexenloch und das Paradies, sind seine be­ vorzugten Motive. Dort ist er auch sicher diesen Winter wieder zu finden, wenn es die Gesundheit erlaubt, was man ihm wünscht. Jochen Bender terin des Kultur-und Sportamts in Nachfolge Werner Gräbers noch in bester Erinnerung sein dürfte, als gute Seele in der „Be­ schützenden Werkstatt“, als täti­ ge Mitarbeiterin der Rumänien­ hilfe. Die Söhne Eberhard und Dieter, dem Vater gleich Tüftler, Denker, Künstler, die Enkel. Aufgewachsen in guter, fürsorg­ licher Familie, schaute der Sohn eines Drechslers seinem Vater manches ab; der Umgang mit dem Werkstoff Holz war ihm von Kindesbeinen an vertraut. Nur ließen alle anderen Aufga­ ben des Lebens die Zeit nicht, sich der Kunst zu widmen. Erst vor einem Vierteljahrhun­ dert begann Karl Kohnle mit der Masken­ schnitzerei und ging gleichsam noch einmal in die Lehre: bei sich selbst. Heute kann der Kunstfreund bei Karl Kohnle ein beachtliches Werk bestaunen, das einige hundert Skulpturen und Masken

Karl Kohnle umfaßt: ausdrucksstarke. Das Werkzeug, das ein Holzbildhauer eigentlich benötigt, wird sich in dem kleinen Musentempel in der Kantstraße allerdings nicht finden lassen. Was aus der Werkstatt des Vaters überdauer­ te, mußte seinen Dienst tun. Um so erstaun­ licher, was dem Könner gelang. Unverwechselbar sind Kohnles Charakter­ larven: Harte, grimmige, zutiefst melancho­ lische Gesichter ziehen ihn an; Gesichter, die, vom Leben gezeichnet, etwas zu sagen haben. Aber auch verschmitzte, schalkhafte, schelmische haben es ihm angetan; ,,wohl­ monnige“, wahrhaft durchtriebene; selten abgeklärt-heitere, die in frohem Herzen alle Maskenvielfalt: Oben ein rätselheftes Lächeln, links ein Männergesicht mit Hauern, der mittelalterli­ chen Teufelsdarstellung nachempfunden, und unten eine Holzschemme mit melancholischen Gesichts­ zügen. Weisheit des Lebens eingefangen haben, le­ benssatt, nie lebensüberdrüssig: Karl Kohn­ le gleichend. Die „glatta Gsiatle“ gelingen dem Begab­ ten, die so heilig-scheinheilig dreinblicken wie die heimischen Hansile der Baar, wohl auch. Nur finden sich die puppen- oder put­ tenhaften weit seltener im Werk des Man­ nes. Den „wiaschta“ gehört nun einmal sei­ ne Vorliebe, den „gruusiga“ mit gewaltigen 339

Karl Kohnlc Hexenmaske Höcker-und Sattelnasen, Gesichtserkern, Zinken: geraden, gekrümmten, verbeulten und verbogenen, gleichförmigen und geradezu unförmigen. Kunst, die Wirklichkeit allenfalls in ihren We­ senszügen übersteigert, gelegentlich bis ins Grotesk-Karikatur­ hafte. So selten ste­ hen wir im Alltag dem nicht gegenüber: dem Glotzer wie dem Geizigen, dem Ban­ ker und dem Bettler, dem Ruhenden wie dem Rasenden, dem saugroben Zornigel und dem zürnenden ,,Suupfude“. Der belese­ ne und in der darstel- !enden Kunst außerordentlich bewanderte Bildhauer aus Passion läßt sich von manch großem Schaffenden begeistern -von da Vinci bis Prechtl. In seinen Schemmen aber wird sich auch mancher Zeitgenosse wieder­ finden -vorausgesetzt, daß er es will. Die Freude an dem Facettenreichtum, an der Vielgestaltigkeit derer, die des Herren Paradiesgärtlein bevölkerten, hätten sie es nur sich nicht verdorben, ist jeder Arbeit an­ zumerken. Nur stehen die aus Holz heraus­ gearbeiteten Werke nicht mehr im Mittel­ punkt des Schaffens. Zu beschwerlich wird der Umgang mit diesem Werkstoff. Karl Kohnle hat sich zum Tonkünstler gewan­ delt, der neben bemerkenswerten Masken auch Plastiken von beachtlicher Qialität formt, wie die Bittflehende in großer Not zum Beispiel oder die Schützende, die sich Notleidenden mütterlich annimmt; auch hier sich anregen lassend von den wahrhaft Großen -von Dürer bis Barlach. Der Ton nämlich ist, seiner Auffassung zu­ folge, ,,guatmiatig wia d’Khii’d und dia alta Manna.“ Gutmütig wie er selbst, der gebil­ dete Bildner, der lebenslang dazulernt. Ein Warmherziger, dem gleichwohl der Schalk im Nacken sitzt -der einen an der Haustür in Gestalt des „jungen Kasper“ schelmisch schon begrüßt. Karl Kohnle, der in sich versunken lebensglücklich lächeln kann wie kaum ein zweiter, ist zufrieden mit seinem Leben. Über seinem Lebenswerk stehen die Wor­ ten seines Sohnes Eberhard: ,,Er schuf, was Lust ihm ver­ band, formte aus Lehm und aus Sand, schnitzte, was Holz ihm erweckt, verwirklichte, was in ihm gesteckt.“ Michael}. H. Zimmermann 340 Ein „Schalk“ aus Ton

Sport Toller Empfang für „Schwarzwald-Adler“ Furtwangen feierte die Bronze-Medaillengewinner von Trondheim 25. Kapitel I Almanach 98 Drinnen trommelte die Guggenmusik mit schwungvollem Getöse zum Finale des fu­ riosen Empfangs für die „Schwarzwald-Ad­ ler“, die bei der nordischen Ski-Weltmei­ sterschaft in Trondheim zur Bronze-Me­ daille gesprungen waren. Draußen vor der Tür der Furtwanger Festhalle stand an je­ nem Dienstagabend im März 1997 um kurz nach zehn fast unbemerkt jener Mann, der den kollektiven Jubel zusammen mit Lokal­ matador Martin Schmitt, dem Schonacher Hansjörg Jäkle und Christof Duffner vom SC Schönwald ausgelöst hatte: Dieter Tho­ ma. Den rechten Arm um die Schultern sei­ ner Frau Manuela gelegt, mit der Linken den Kinderwagen samt dem vom Schlaf übermannten Söhnchen Nicolas Maximili­ an wiegend, betrachtete der Überflieger aus Hinterzarten, der in Trondheim drei Tage zuvor auf der Großschanze Silber gewon­ nen hatte, den Jubel mit Abstand und stiller Freude. Galt doch der Jubel der 2000 Skifans hier in Furtwangen vor allem Martin Schmitt, dessen Name kaum ein halbes Jahr zuvor nur wenigen Kennern ein Begriff war. Im Intercontinental-Cup hatte der 18jähri­ ge kurz vor Weihnachten mit guten Lei­ stungen auf sich au&nerksam gemacht und bei der Internationalen Vierschanzen· Tournee erstmals für Furore gesorgt. Ein Jahr ‚“““ Nach dem Eintrag ins „ Goldene Buch“ der Stadt Furtwangen wurden die Bronze-Medaillengewinner der Skiweltmeisterschajien in Trondheim von rund 2 000 Fans mit Beifall vor dem Rathaus begrüßt. 341

port 342 Warten im Fackelschein auf die eifolgreiche Skispringermannschafl des DSV, der Furtwanger Empfangftir die Bronze-Medaillengewinner konnte sich sehen lassen. zuvor nur Ersatzmann bei der Junioren­ WM, schoß Schmitt, der Schweigsame, ei­ nem Kometen gleich, in Trondheim mitten hinein in die Phalanx der weltbesten Wei­ tenjäger. Bronze mit der Mannschaft, Rang zwölf auf der Großschanze. Ein Erfolg, den sich Schmitt kaum zugetraut hatte. Seine Fans schon. Die feierten „ihren“ Martin wie einen Olympiasieger. Keiner, der ihm nicht die Hand drücken, anerkennend auf die Schulter klopfen, ein Autogramm abluchsen oder ihn wenigstens an der Jacke zupfen wollte. Stolz sein durften zudem gleich vier Institutionen: Allen voran der Skiclub Furtwangen, für den Schmitt Ski­ sprunggeschichte geschrieben hat, dann die zum Oberzentrum Villingen-Schwenningen zählende Gemeinde Tannheim, wo die Fa­ milie Schmitt zuhause ist und last not least das Skiinternat Furtwangen, wo Martin Schmitt vom Talent zum Spitzensportler herangereift war und dessen Aushängeschild

.Schwarzwald-Adler“ Hans-Reinhard Scheu vom Südwesifunk interviewt Martin Schmitt beim Empfang in der Furtwanger Fest­ halle. Unter den vielen Fans auch die Mitschüler vom Otto-Hahn-Gymnasium (rechts). er nun ist. Klar auch, daß sich seine Klas­ senkameraden vom Otto-Hahn-Gymnasi­ um freuten, wo Schmitt im Juni das Abitur absolvierte, die ihn besonders umjubelten. Auf bunten Plakaten wurde die Freude mit Sprüchen wie: ,,Nepi, wir lieben dich“ deut­ lich zum Ausdruck gebracht. Mehr Jubel war selten in Furtwangen. Ein Feiersturm, der sich wohl zum Orkan ge­ steigert hätte, wenn Schmitt mit einer Ein­ zelmedaille in die Uhrenstadt zurückgekehrt wäre. Die war für ihn beim Springen von der Großschanze zum Greifen nahe. 127,5 Me­ ter, so weit wie zuvor kein anderer aus der am Lysgards-Backen versammelten Welteli­ te, war der Oberschüler (Leistungskurse Ma­ thematik und Sport) im ersten Durchgang geflogen. Ein perfekter Sprung. Ein Sprung, den die Jury einem etablierten Weltklasse­ athleten wohl zugetraut hätte, nicht aber ei­ nem vermeintlichen Namenlosen. Der erste Durchgang wurde abgebrochen, der Anlauf um lächerliche 60 Zentimeter verkürzt. Auch drei Tage nach dieser Entscheidung, als der Furtwanger Jung-Adler, mit Sprech­ chören gefeiert, seinen auf eine Großbild­ leinwand projizierten Riesensatz beim Fest­ akt in der Furtwanger Festhalle noch einmal kommentieren sollte, war die Enttäuschung noch nicht verdaut. ,,Das war eine Frech­ heit“, beschied Schmitt dem Südwestfunk­ Reporter Hans-Reinhard Scheu knapp, der die Flüge der „Schwarzwald-Connection“ humorvoll analysierte. Immerhin: ,,Es über­ wiegt die Freude, so langsam merke ich, was ich geleistet habe“, befand Schmitt. Tugen­ den will der junge Mann an sich nicht fest­ gestellt haben. ,,Naja, ich glaube, daß ich ganz normal bin.“ Bundestrainer Reinhard Heß war in Trondheim deutlicher gewor­ den: ,,Der Martin kann ein ganz Großer werden.“ 343

.Schwarzwald-Adler“ ZUM GROSSARl“t EN Blumen und Geschenke, die vier Bronze-Medaillengewinner im Skispringen, die „Adler aus dem Schwarz­ wald‘: erwartete in Furtwangen ein geradezu sensationelles Skifest. Ganz groß, das waren der Schonacher Hansjörg Jäkle und Christof Duffner vom Skiclub Schönwald bei den olympischen Spielen 1994 in Lillehammer. Damals hat­ ten sie zusammen mit Jens Weißflog Mann­ schafts-Gold gewonnen. Das Lob für Team­ Bronze und die Huldigungen seines Fan­ Clubs wollte „Duffi“, der Coole, beim fröh­ lichen Festakt in Furtwangen nur zögernd entgegennehmen: ,,Ich war doch der Schwächste im Team.“ Selbstironie ist Duff­ ner nicht fremd: ,,Bei 108,5 Metern bin ich wohl zweimal auf einen Magneten gesprun­ gen.“ Glücklich über die Team-Medaille (,Jetzt hab‘ ich alle drei Farben: Gold, Sil­ ber, Bronze“), aber nicht ganz zufrieden mit seiner Einzelleistung, zeigte sich Hansjörg ,Jackson“ Jäkle: ,,Ich hatte mehr gewollt.“ Dieter Thoma kennt dieses Gefühl des Wollens und Nicht-Könnens aus eigener, leidvoller Erfahrung. So kamen seine auf- 344 munternden Worte an die Teamkollegen, die er nach dem Gewinn der Silbermedaille gefunden hatte, von Herzen: ,,Ihr kommt wieder, es gibt nicht nur mich im deutschen Skispringen.“ Der Festakt in Furtwangen jedenfalls war mehr als gelungen. Über 2 000 Skifans bil­ deten unter Regie der Stadt einen Fackelzug vom Rathaus zur Festhalle. Im Rathaus hat­ ten sich die erfolgreichen Sportler am Be­ ginn des Furtwanger Empfanges in das „Gol­ dene Buch“ der Stadt eingetragen. Bürger­ meister Richard Krieg würdigte an diesem Abend eine hervorragende sportliche Lei­ stung, freute sich vor allem über den ersten Medaillen-Gewinner einer Skiweltrneister­ schaft in Furtwangen, über Martin Schmitt. Johannes Bachmann

Sport „Jahrhundert-Spiel“ des FV Donaueschingen Im DFB-Pokal gelang dem 1. FC Köln nur ein mühsamer 3:1 Erfolg Ein ,Jahrhundert“-Spiel erlebten die Ver­ bandsliga-Fußballer des FV Donaueschin­ gen am 10. August 1996. Zwar mußte sich das Team von Erfolgstrainer Dieter Rinke in der ersten DFB-Pokalrunde dem Bundesli­ gisten 1. FC Köln mit 1 :3 Toren geschlagen geben, dennoch durften sich die Donau­ eschinger, von 5 000 Zuschauern begeistert gefeiert, als moralische Sieger fühlen. Allen voran FVD-Torjäger Günter Limberger, der an jenem denkwürdigen Samstag im son­ nendurchfluteten Anton-Mall-Stadion eine fußballerische Sternstunde erlebte. Ehefrauen kennen die Schwächen ihrer Männer. Und vor allem deren Stärken. ,,Der Günter macht sein Tor. Bestimmt!“, sagte Sonja Limberger, während Ex-Turnweltmei­ ster Eberhard Gienger das Objekt spieleri­ scher Begierde zwischen die Knie geklemmt, per Fallschirm ins Stadion schwebte. Se­ kunden später wird der Flug-zum Spielball, 41 Minuten später die Vorahnung Wirklich­ keit. Samstag, 16.11 Uhr: FVD-StürmerJörg Klausmann lockt die vermeintlichen Kölner „Goliaths“ mit verzögertem Freistoß auf die falsche Fährte, die Abseitsfalle schnappt ins Leere -Günter Limberger hat, die Kugel am Fuß, an der linken Strafraumecke freie Bahn: drei, vier raumgreifende Schritte, ein Tritt mit links wie ein Donnerschlag. Der Ball wird fürs bloße Auge zum Strich, stellt Sekundenbruchteile später das Netz hinter National-Torhüter Bodo Ilgner vor die Zer­ reißprobe -der Ausgleich zum 1:1. Eine Kölner Boulevard-Postille hatte per vier­ spaltigem Aufmacher umsonst gewarnt: ,,Bodo paß‘ auf den gelben Bomber auf“ Ein Treffer, reif für die ARD-Kür zum Tor des Monats. Ein unverwechselbarer Treffer Marke Limberger. Ein Treffer, der jeden vom Sitz reißt. 5 000 Zuschauer, selbst jene im rot-weißen Dress der Geisböcke, stamp­ fen, klatschen, johlen wie Zehntausend. „Lirnbo“ wird von seinen Mitspielern fast erdrückt, Donaueschingens Trainer Dieter Rinke hüpft mitten in der Brandung der Spielszene aus Donaueschingen gegen den 1. FC Köln. Von Donaueschingen zu sehen (von links, blau­ schwarzes Trikot) Stefan Kälble, Markus Knackmuß und Christoph Nezefeld. 348

FV Donaueschingen Donaueschingens Torhüter Bernhard „Bernie“ Wolf vor großer Kulisse. ,,standing ovations“ wie ein Gummiball. Mehr Jubel war nie in Donaueschingen. Wie hatte der selten um Superlative verlegene FVD-Coach doch noch vor dem Anpfiff geunkt? ,,Wir stehen vor einem Jahrhun­ dertspiel.“ In diesen Sekunden kollektiven Glücks zweifelt an diesem Samstag um kurz nach vier niemand daran. Und der Sport­ journalist bringt, während sich Sonja Lim­ berger unter der Sonnenbrille verstohlen über die Augen wischt, schon mal seine Lieblingsüberschrift zu Papier: ,,Günter Limberger Architekt der Donaueschinger Pokalsensation.“ Doch das Schicksal ist zu selten mit den Tüchtigen und die Sensation nur ein Traum. Mit 3: 1 gewinnt der Bundesligist 1. FC Köln das ungleiche Duell – und blamiert sich den­ noch nach Kräften. Gäb‘ s für Überheblich­ keit Minuspunkte und für Fußball mit Herz und Verstand Torgutschriften – der Sieger hätte nur FV Donaueschingen heißen dür­ fen. Vollmundig hatte Kölns Trainer Peter Neururer vor dem Anpfiff noch seine Profis in die Pflicht genommen: ,,Wir müssen nach Donaueschingen fahren, die weghauen und wieder zurückfahren.“ Ein Ruf, der ungehört verhallte. Nur in den ersten fünf Minuten jeder Halbzeit zeig­ ten die hochdotierten Kicker vom Rhein, die just am letzten Spieltag der Saison 1995/96 den Klassenerhalt geschafft hatten, daß sie nicht in die zweite Liga gehören. Neururer schimpfte denn auch, trotz Dauerlächeln und blauäugigem Blick bei Halbzeit wie ein Rohrspatz: ,,Eine Zu­ mutung. Soviel Überheblichkeit, das ist ei­ ne Frechheit.“ Angesprochen fühlen durfte sich da vor allem Toni Polster. Der hätte je­ nen, seinem österreichischen Landsmann Prohaska Weiland verliehenen Ehrentitel „Schneckerl“, in Donaueschingen wahrlich 349

FV Donaueschingen Johannes Bachmann Knackmuß und Uwe Baumann: Sie alle zei­ gen im bürgerlichen Beruf jenes Stehver­ mögen, das sie auf dem Rasen zu kämpferi­ scher Klasse befähigt. Daß den Donau­ eschingern nach dem Seitenwechsel die Kräfte schwanden und der unnötige Platz­ verweis für Stefan Kälble, der nach 75 Mi­ nuten Kölns Geißmaier am Trikot gezupft hatte, der Spielfluß verebbte -wer wollte es den FVD-Fußballern verdenken. Donau­ eschingens Trainer Dieter Rinke, Lenker und Motivationskünstler beim FVD, war nach dem Schlußpfiff denn auch sichtlich ge­ rührt: ,,Die Mannschaft ist über sich hin­ ausgewachsen. Das hätt‘ ich meinen Jungs nicht zugetraut. Wir haben in Relation ge­ setzt besser gespielt als die Kölner.“ Ins Aus manövrierte sich zwei Stunden nach dem Schlußpfiff in Donaueschingen die ARD. Ein Dutzend Ton-und Bildtech­ niker und Moderator Thomas Wehrle hat­ ten in einer mehrminütigen „MAZ“ ver­ sucht, die Leistung des FV Donaueschingen TV-gerecht ins Bild zu setzen. Der Jubel der 800 Zuschauer, die vor vier Mattscheiben im neben dem Rasen aufgestellten Festzeit noch einmal das Tor von Günter Limberger miterlebten, war kaum verklungen, da ver­ dunkelten sich die Fernsehschirme. verdient gehabt. Selbst die Eckfahnen im Anton-Mall-Stadion boten da mehr Bewe­ gung. Und Martin Braun, einziger Schwarzwäl­ der in Diensten des 1. FC Köln? Der hatte sich „riesig“ auf den Auftritt an alter Wir­ kungsstätte gefreut. Doch beim Abschluß­ training am Samstagmorgen verspürte der gebürtige Löffinger, auf Schritt und Tritt von Autogrammjägern (,,Gängele, schreib mal“) umlagert, ein Zwicken an der Patella-Sehne des rechten Beines und verzichtete auf sein „Heimspiel“. Nicht bestätigen wollte Braun Gerüchte, daß er sich bei einem Einsatz eh‘ im falschen Team gefühlt hätte. Nicht ohne Wehmut fiel Braun, der unverkrampft Bo­ denständige, nach dem Schlußpfiff dem Mann des Tages, den er „meinen Freund“ nennt, um den Hals: ,,Der Günter Limber­ ger ist eine Rakete. Ich hab‘ ihm früher 20 Tore aufgelegt, er hat 36 geschossen.“ Do­ naueschingens Torjäger hatte vor dem Spiel „natürlich“ von seinem Tor geträumt, sich allerdings nicht um den Schlaf bringen las­ sen. ,,Der Günter hat vor dem Spiel ge­ schlafen wie ein Stein“, erinnert sich Ehe­ frau Sonja. Schließlich sei Fußball für ihren Mann, der als Architekt die 60-Stunden-Wo­ che kennt, nur ein Nebenjob. Ein Arbeitsleben, das für manchen Kölner Profi den Kollaps bedeuten würde. Doch für die Kicker des FV Do­ naueschingen, von den bezahlten Balltretern nicht ohne Arroganz ,,Amateure“ genannt, ist das der Alltag. Von Torhüter Wolf, der 34jährig gegen Köln mit reaktionsschnellen Paraden, klugem Stel­ lungsspiel und lautstar­ ker Stimme seine Klas­ se bewies, bis zu Racke­ rer Ronny Herder, dem umsichtigen Libero Jörg Kienast, Markus Ronny Herde, und Patrick Fossi verteidigen gegen Kölns Muteann. 350

Rock ’n‘ Roll in höchster Perfektion 15. Platz bei Weltmeisterschaften für Sylvia Pfisterer und Thomas Bantle Sport Zur internationalen Rock ’n‘ Roll-Elite zählt das Fischbacher Tanzpaar Thomas Bantle G ahrgang 1967) und Sylvia Pfisterer Gahrgang 1966). Nunmehr hat das erfolg­ reiche Paar auf dem Höhepunkt der Karrie­ re mit einem 15. Platz bei der Weltmeister­ schaft in der Europahalle in Karlsruhe seine internationale Karriere beendet. Allein schon die Qialifikation für Karls­ ruhe war eine meisterliche Leistung, schließ­ lich wären gut und gerne einige hundert Paa­ re aus ganz Deutschland gerne bei dieser WM dabeigewesen. Das Paar aus Fischbach hat sich schließlich für die WM qualifizieren können und im erlesenen Starterfeld aus al­ ler Welt mit Rang 15 das Halbfinale nur hauchdünn verpaßt. Beide sind sich einig: bei der WM in Karlsruhe haben wir unsere bislang beste Leistung geboten. Und das nicht ohne Grund: unter den 3 500 begei­ sterten Zuschauern in der Europahalle wa­ ren über 300 Freunde und Bekannte des Paares, um Thomas Bantle und Sylvia Pfi­ sterer anzufeuern. Und mit dabei war auch der größte Fan: die 12jährige Tochter von Thomas, Carina. Und im Bewußtsein, diese Fangemeinde nicht zu enttäuschen, und auch vor Augen, daß viele, die selbst gern in Karlsruhe ge­ startet wären, kritisch zuschauen, steigerten sich Bantle / Pfisterer zur Höchstform. Die frenetische Anfeuerung der Fans in der Eu­ ropahalle wird den beiden unvergessen bleiben, ging unter die Haut, den nicht mehr enden wollenden Applaus genoß das Paar in vollen Zügen, die wochenlange Ner­ venanspannung löste sich, die La-Ola-Wel­ le für das Paar bezeichneten sie nachher als unbeschreibliches Gefühl. Ein Dreivierteljahr hat das Paar für diesen Moment trainiert, jegliche Freizeit geopfert und wohl wissend, daß letztlich Minuten Sylvia ]Jisterer und Thomas Bantle entscheiden, ob all die Mühen, alles Trai­ ning vielleicht vergeblich waren. Die Vor­ runde ‚überstand das Paar als 13. ohne Pro­ bleme, viele andere mußten in die Hoff­ nungsrunde. Und dann das Viertelfinale: eine erneute Steigerung ist vorhanden, es keimt Hoffnung auf, daß vielleicht sogar Rang 14 und damit das kaum für möglich gehaltene Halbfinale erreicht werden kann. Da würden die Karten noch einmal neu ge­ mischt, mit dem Doppelsalto, der erst im Halbfinale gezeigt werden darf und der eine Premiere für das Paar gewesen wäre. Am En­ de schrammte das Paar mit Rang 15 nur hauchdünn am Halbfinale vorbei. Doch von Enttäuschung keine Spur: Karls­ ruhe war der absolute Höhepunkt für das Paar, eine Steigerung auf Grund beruflicher Erfordernisse würde es wohl nicht mehr ge­ ben, deshalb auch der Rücktritt von der in­ ternationalen Bühne, auf der Sylvia Pfisterer und Thomas Bantle seit 1992 sehr erfolg­ reich aktiv waren. Seit 1984 betreiben sie 351

Seit 1984 beteiligt sich Thomas Bantle an Turnieren. Als er im Schwarzwald keine sportlichen Perspektiven mehr sah, wechsel­ te er ins Leistungszentrum nach Stuttgart, eine Hochburg des Rock’n Roll. Dort begegnete er 1990 Sylvia Pfisterer bei ei­ nem Turnier in Heil­ bronn. Und da beide aus beruflichen Gründen gerade ihre bisherigen Rock ’n‘ Roll-Partner verlo- ren hatten, überredete Thomas Bantle Sylvia Pfisterer zu einem Probetraining und daraus wurde nicht nur auf der Tanzfläche, sondern auch privat ernst. Zwischenzeitlich ist das Paar 7 Jahre zusammen und verlobt. Ganz können beide natürlich nicht auf den Rock ’n‘ Roll verzichten und so wird man sie auch künftig bei Schauturnieren immer wie­ der bewundern können. Albert Bantle Ob Propeller, Be­ tarini, Schulterku­ gel Schrauben­ salto oder Todes­ sturz (Bild), Sylvia ]Jisterer und Thomas Bantle geben im­ mer eine gute Fi­ gur ab. Sylvia Pfisterer und Thomas Bande Rock’n Roll als Wettkampfsport, seit 1991 tanzen die beiden, die auch privat ein Paar sind, zusammen. 1994 wurde das von Mar­ kus und Uschi Hoffmann trainierte Tanz­ paar in den Nationalmannschaftskader be­ rufen, 1996 standen die beiden bereits auf Rang 17 der Weltrangliste. Die Rock ’n‘ Roll Begeisterung des Paares geht bis in die Schulzeit zurück. Syl- via Pfisterer, eine gebürtige Mosbacherin, erfaßte bei einer Schulver­ anstaltung das Rock ’n‘ Roll-Fieber, machte als 14jährige in einer Rock ’n‘ Roll AG mit, diese AG wurde später in einen Rock ’n‘ Roll Club umgewandelt, und der seitherige Trainer wurde der Tanzpartner von Sylvia Pfisterer. Thomas Bant­ le bewunderte bereits als 13jähriger seine tanz- sportbegeisterten Eltern, meldete sich zu einem Tanzkurs an, und späte­ stens, seit er 1980 in der Vil- linger Tanzschule den amtie­ renden Rock ’n‘ Roll-Weltmei­ ster Jörg Heumann live erlebte, konnte er sich vom Rock ’n‘ Roll nicht mehr lösen. Auch Tho­ mas machte mit und er be- legte 1987 Rang 4 in der deutschen Rangliste der B­ Klasse. Zusammen mit seinem Vater Gerhard gründete er 1987 den zweiten Rock ’n‘ Roll Verein in Villingen, den Rock ’n‘ Roll­ Club 2.

Lyrik der Heimat Vom Charme des kleinen Fehlers 26. Kapitel I Almanach 98 Der Mensch -ein fehlbares Wesen. Nein, was hat nicht die Menschheit, jeder einzel­ ne unter dieser Tatsache gelitten! Und welch tiefsinnige Gedanken machte man sich schon darüber! Der Mythos ist undenkbar, jedenfalls ein großer Teil von ihm, die Theo­ logie, die Philosophie, das „Lob der Torheit“ von Erasmus. Und wozu soll die Pädagogik sonst dienen, als junge Menschen von Feh­ lern abzuhalten? Gäbe es Geschichte, wenn es anders wäre, Kriege, Spannungen, den ganzen Hexensabbat hektischer diplomati­ scher Aktivitäten, Erpressungen und was noch? Vergeblich die Hoffnung auf den menschlichen Fortschritt, den Aufschwung des Guten, das Glück eines Endzustandes, aus dem alles Böse eliminiert ist. Be­ drückend das Los derer, die das Unheil kom­ men sehen und es nicht wenden können. Viele „wußten“ schon die Heilmittel (alle die Anhänger der „Ismenj, aber keines half, eher machte jedes das Unheil ärger. Was wirklich nützt, wird als solches nicht erkannt oder gar verworfen. Dächten wir einmal in dieser Richtung weiter, immer weiter, bis ans Ende, wir stünden vor dem Zweifel, ob die Weltgeschichte nicht überhaupt scheitern könnte, am Ende alles umsonst gewesen wä­ re, die Barbarei in ihrer wüstesten Form ihr Haupt erhöbe. 0 weh! Doch diese eher zur Schwermut stimmen­ den Gedanken sind hier unsere Sache nicht. Unser Thema befaßt sich nicht mit den schlimmen Verfehlungen, den grausigen Ab­ gründen, den Sünden der Weltgeschichte, sondern mit den Fehlern, die leicht daher­ kommen, dem falschen Reagieren auf unge­ wohnte Situationen, den Dummheiten, den kleinen Irrtümern, die zum Schmunzeln, wenn nicht zu herzlichem Lachen anregen, wobei, das ist die Voraussetzung, niemand, auch nicht der Verursacher des Fehlers, ei­ nen Schaden davonträgt. Die Stars für Fehler dieser Art sind die Kin­ der, für die es im Keller nicht „finster“, son­ dern „schwarz“ ist, und die deswegen, weil sie es so ausdrücken, die Erwachsenen auf­ fordern, doch nicht so „kinderig“ darüber zu lachen. Oder die meinen, wenn sie die Blu­ mentopferde auf dem Wohnzimmerteppich schön gleichmäßig verteilt haben, sie hätten ,,gearbeitet“ und dafür gelobt werden wol­ len. Wer wollte eine fehlerfreie Aufführung bei einer Schulfeier -oder wo sonst Kinder in der Öffentlichkeit mitwirken -erwarten oh­ ne kleinen Ausrutscher, das Steckenbleiben beim Gedichtvortrag, einen nicht getroffe­ ner Ton beim Liedchen? Mit welcher Nach­ sicht und Freundlichkeit begegnet man dem allem, wie gern verzeiht man das alles. Wenn nur der kleine Mann da vorn da oben nicht ganz drauskommt! Und nun wirkt selbst noch die Art, wie er sich wieder fängt und mit der Peinlichkeit fertig wird, char­ mant. Manchmal bleibt fürwahr nur noch der Fehler in Erinnerung. Vergessen sind Anlaß und Inhalt einer Feierstunde, behalten habe ich nur die Situation, daß ein Vortragender mitten im Gedicht stecken blieb, sogar zwei­ mal und ihm einer aus der Zuhörerschaft mit der Hilfsbereitschaft, die in diesem Au­ genblick möglich war, zurief: „Lies doch vom Blatt ab!“ Bis Kinder Leute werden, müssen sie hier­ zulande viele Schulen durchlaufen und die Lehrer dürfen manche sprachliche Unge­ reimtheiten nicht durchgehen lassen. Das geht nicht: ,,Nach dem Feuermachen brum­ melt der Ofen wie ein Bär.“ Das muß man anders ausdrücken! Würde ein Lehrer kon-353

Charme des kleinen Fehler sequent die Stilblüten sammeln, er könnte in Jahrzehnten wohl eine Broschüre füllen. „Die Entwicklung des Verbrennungsmotors erreichte ihren Höhepunkt bei Wanke!, bei dem sich alles im Kreise dreht.“ Doch Schüler sollen durch das Vortragen auch Hemmungen abbauen, Selbstsicher­ heit gewinnen, sozusagen forensisch ge­ schult werden, wozu der Gedichtvortrag benützt wird. Wetten, daß eine Klasse schal­ lend lacht, wenn der Aufgerufene sich ver­ haspelt: ,,Was wolltest du auf dem Dache (statt mit dem Dolche), sprich!“ Ja wirklich, manchmal bleibt nur noch der Fehler in Er­ innerung. Es scheint, daß Menschen jeden Lebensal­ ters ihre speziellen Fehler machen, in der Ju­ gend nicht weniger als auf der Höhe des Le­ bens und im Alter: ,,Sepp, hast Du einen guten Most“, lobte der Hausmetzger mei­ nen Großvater zum Abschluß des Schlacht­ festes -und trank schwarzen Kaffee. Und ei- ne Generation lang lachte man über jene feuchtfröhliche Korona, die nach ausge­ dehntem Umtrunk das Bachbett als den Nachhauseweg benutzte und an Ort und Stelle beschloß, sich beim Bürgermeister über den schlechten Zustand desselben be­ schweren zu wollen. Selten, aber das gibt es, schafft es „ein Irr­ tum“ als solcher berühmt zu werden, wie der eines „Kenners“, der meinte, vor dem Lessingdenkmal Goethe für „Das Lied von der Glocke“ loben zu sollen. Zugegeben: Nicht immer schwingt die rei­ ne Liebe mit, wenn gelacht wird, doch sag mir, mein Lieber, was schrieben die Redak­ teure auf die Seite „Humor“, vom Narren­ blättle ganz zu schweigen, woher kämen die Ideen für so viele Essays, für „Pleiten, Pech und Pannen“ ohne die liebenswerten klei­ nen Fehler! Karl Volk Wandkeramik von Nevzat Sahin (St. Georgen) an der Michael-Balint-Klinik in Königsfeld. 354

1,yrirdcr Heimat Europa beginnt in St. Georgen Oder: eine ganz persönliche Beziehung zu einem Fluß Das Schiff hieß „Sofia“ und fuhr gerade an Krems vorbei, der gemütlichen Stadt in der Wachau, lieblich am Ufer der Donau hinge­ bettet. „Wissen Sie, wo die Donau ent­ springt?“, fragte ich meinen Nachbarn zur Linken. Der lag im Liegestuhl und blätterte in der gestrigen Zeitung. Er guckte irritiert und murmelte was von „Süddeutschland“. Mein Nachbar zur Rechten ging, bevor ich ihn fragen konnte. Mein Interesse aber war geweckt: Wer wußte wirklich, wo die Donau entspringt, wie ihre Qyellflüsse heißen? Beim Spaziergang übers Deck stellte ich fest, daß die Donau zwar gern befahren, ihre Herkunft aber zwischen „Schwarzwald, Süd­ deutschland und Weiß-ich-nicht“ vermutet wird. Mein Satz: „Ich wohne an einem der Qyellbäche“, wurde mit einem „So?“ kom­ mentiert. Mit »Donaueschingen“ beglückte mich dann eine Mitreisende. Sie kam aus Stuttgart. Ich ging zur Rezeption zwei Decks tiefer. Dort tat gerade lrina Dienst. Sie wußte, wo die Donau ihren Lauf beginnt: in Donau­ eschingen. Begeistert erzählte ich ihr, daß ich an einem der Qyellbäche wohne -,,Brigach oder Breg?“, fragte die junge Bulgarin und machte mich glücklich. Dafür erzählte ich ihr ausführlich von St. Georgen. Yielleicht komme ich mal dorthin“, sagte sie. Doch ihr Wunsch wird sich so schnell nicht erfüllen. Sie gehört zur Besatzung des in Russe/Bul­ garien registrierten Flußkreuzfahrtschiffes, das im Wochen-Rhythmus von Passau nach Budapest fährt und zurück. Sechs Wochen ohne Pause ist sie unterwegs, dann gibt es zwei Wochen Urlaub -zu Hause. Für Reisen in den Schwarzwald fehlen Zeit und Geld. 2858 Kilometer windet sich die Donau, nachdem Brigach und Breg sie zuweg ge­ bracht haben, durch Europa bis ans Schwarze Meer. Die Brigach-Qyelle am Hirzbauernhof in St. Georgen läßt die Größe dieses Flußes kaum ahnen, so sanft fließt das Wasser in den Teich, so leicht kräu­ selt sich die Brigach dann zum Klosterwei­ her hin; sucht die »Breg“, die sie in Do­ naueschingen trifft. Und was der Bach im kleinen erlebt, das muß der Fluß über hun­ derte von Kilometern hinweg im großen aushalten: Verschmutzungen, Schleusen, Begradigungen. Dabei wechselt er den Na­ men: Donau -Dunai -Danube. Als 1970 !gor aus der Ukraine beim An­ blick der Brigach-Qyelle mit leuchtenden Augen sagte: „Unser Fluß“ und dazu mit ei­ nem Schlag auf die Schulter seiner deut­ schen Arbeitskollegen diese Gemeinsamkeit bekräftigte, stand für uns fest: Die Wasser­ straße „Donau“ werden wir befahren. Und so begann eine langjährige Beziehung, die bis heute besteht. Seit wir im Schloßpark in Donaueschingen Kinderwagen schoben, in der Brigach-Mühle Silvester feierten, ’s Hoch-Mariele an der Breg besuchten, ist die Donau unser Familien-Fluß. Die junge Do­ nau wurde mit der Jugend erwandert, Beu­ ron, Sigmaringen, Herbertingen, alle die -in­ gens erlebt. In Ulm erstiegen wir den Mün­ sterturm, ins Bayrische führte dann die Do­ nau-Straße, hinüber nach Österreich mit der traumhaft schönen Wachau, dem k.u.k. Wien, Preßburg, Budapest, Belgrad, Buka­ rest … Die Donau fließt entlang und durch die Slowakei, Ungarn, Kroatien, Serbien, Rumänien, Bulgarien, Moldavien und die Ukraine. Zwar haben die Ukrainer mit 134,1 Kilometer den kleinsten Anteil am euro­ päischen Fluß (den größten hat die Bundes­ republik Deutschland mit 626,85 Flußkilo­ metern), aber sie freuen sich am meisten über diese Fluß-Teilhaberschaft -das erleb­ ten wir immer wieder. Von der Brigach-Qyelle zum Schwarzen 355

ehe Sonnenblumenfelder sahen wir in Rumänien und kamen zur Erkenntnis: das Schwarze Meer ist leider auch deshalb schwarz, weil die Donau viele, viele Schad­ stoffe mit sich führt. Sie zu beseitigen und diesem großen Strom nicht mehr Schaden zuzufügen ist eine europäische Aufgabe – die schon in St. Georgen in Angriff genom­ men werden kann. Renate Bökenkamp sollen hier erwähnet sein. Unser Rinnsal ist so satt. Es erzeugt die ersten Kilowatt. Und bei Launen der Natur, sieht man im Tal dann Wasser nur. Auch bringen sie manchen frischen Fisch auf der Leute Mittagstisch. ’s Badmühlebächle fließt von rechts hinein, von links wird es der Wolfsbach sein. Der Brändbach gibt ihr weit‘ re Kraft, daß sie den Weg nach Osten schafft. Genannt wird sie von altersher „die Breg“, mit der Brigach zusammen bringt sie die Donau z’weg. EugenMurr Europa btginntin St Georgen Meer -wechselnde Landschaften und stei­ nerne Zeugen der Vergangenheit und Ge­ genwart begleiteten uns. So mancher Ka­ pitän erfreute die nächtlichen Deck-Besu­ cher aus St. Georgen mit einem Schein­ werfer-Schwenk zum Beispiel auf die Kathedrale von Esztergom, dem Sitz der ungarischen Erzbischöfe. Eindrucksvoll war die Fahrt durch das Eiserne Tor zwischen den Karpaten und dem Balkan, dieser wun­ derschönen Strecke zwischen Felsen und Riffen. Dort muß die Donau Schwerarbeit leisten, um ans Ziel zu kommen. Bibbernd bestaunten wir am frühen Morgen die Durchschleusung durch das größte Kraft­ werk am Ende des Eisernen Tores. Unendli- Die Breg Ein Rinnsal ist’s, das sich ergießt, bescheiden vom Stollenwald herunter­ fließt. In ihrem steten Abwärtslauf nimmt’s viele kleine Bächlein auf. Der Rohrbach es dann kräftig stärkt, man dies bereits am Rauschen merkt. In ihrem Fluß zeigt sie schon Stärke, Sie treibt bereits die ersten Werke. Vom Langenbach dann unterstützt bewirkt, daß Fabrikkraft sie schon besitzt. Mit der Linach dann vom andern Berge, treibt sie ganze Sägewerke. Die Urach und der Eisenbach, folgen ihr gemeinsam nach. Das Gumpen-und das Mörderbächle, noch so klein 356

Verschiedenes Personen und Fakten Prof. Willi Paul, Geologe, Geschichtsfor­ scher und langjähriger Kenner der Heimat, starb am 2. Oktober 1996 in Vöhrenbach im Alter von 89 Jahren (siehe auch Seite 139). Alexander Jäckle, langjähriger Mitarbei­ ter am Kreisjahrbuch „Almanach“, starb im Alter von 75 Jahren am 2. November 1996 in Triberg (siehe auch Seite 146). Dr. Lorenz Honold, Mitglied der Redak­ tion des Kreisjahrbuches „Almanach“ von 1976 bis 1987, Redakteur der Badischen Zei­ tung 1946 bis 1971 und hervorragender Kenner der Kunst und Kultur der Region, starb am 23. November 1996 im Alter von 91 Jahren (siehe auch Seite 143). Hans- Georg Schmidt, Bürgermeister von Schönwald, wurde am l. Dezember 1996 mit 52,48 0/o der Stimmen bei einer Wahlbe­ teiligung von 74 0/o und drei Mitbewerbern in die dritte Amtsperiode gewählt. Im Zuge des Ausbaues der B 31 nach Frei­ burg erfolgte am 4. Dezember (St. Barba­ ratag) durch Edith- Maria Schroeder, der Frau des Regierungspräsidenten von Frei­ burg, der Durchstich durch die Nordröhre des Tunnels von Döggingen durch Freiräu­ mung der letzten Meter. Die Südröhre wur­ de am 19. Mai 1997 vollständig freigeräumt und begehbar gemacht. Paul Haaga, 1984 -1989 Mitglied des Kreistages (CDU), 1959-1994 Gemeinde­ rat in Schwenningen und Villingen ­ Schwenningen, starb am 4. Dezember 1996 im 77. Lebensjahr. Anton Knapp, Bürgermeister in Hüfin­ gen, wurde am 8. Dezember 1996 bei einer Wahlbeteiligung von 69,4 0/o mit 54,5 0/o der abgegebenen Stimmen gegen zwei Mitbe­ werber in die zweite Amtsperiode gewählt. Joachim Gwinner, Sozialdezernent am Landratsamt des Schwarzwald- Baar- Krei­ ses, wurde mit Wirkung zum l. Februar in Nachfolge von Friedemann Kühner, der am l. 11. 1996 pensioniert wurde, zum Er­ sten Landesbeamten ernannt. Johann Hiebl, Oberstudienrat und langjähriger Mitarbeiter am „Almanach“, verstarb am 15. März 1997 in Furtwangen im Alter von 60 Jahren. Andre Noel, französischer Militärgou­ verneur für den Landkreis Donaueschingen 1945 bis 1948, verstarb im Alter von 86 Jah­ ren am 22. März 1997 in Paris. Erwin Teufel, Ministerpräsident und Wahlkreisabgeordneter (CDU), konnte am 23. April 1997 auf 25 Jahre T ätigkeit als Landtagsabgeordneter zurückblicken. Die Berufsakademie konnte am 18. Juli 1997 ihren Neubau in VS-Schwenningen einweihen. An der Spitze der Festgesell­ schaft befanden sich Ministerpräsident Er­ win Teufel und Landrat Karl Heim. Robert Schellhammer (63), gebürtiger Villinger, wurde Präsident des Landgerichtes Konstanz (25. 7.1997). Uta Baumann, Gartenarchitektin, Stadt­ rätin (CDU) in VS-Villingen, langjährige Schriftführerin im Geschichts- und Heimat­ verein Vtllingen und Trägerin des Bundes­ verdienstkreuzes, starb am 7. April 1997 im Alter von 82 Jahren. 357

Dr. Bernhard Everke, wurde am 28. Sep­ tember mit einem Votum von 95 0/o der Stimmen als Oberbürgermeister der Stadt Donaueschingen im Amt bestätigt. Dr. Bernhard Everke ist damit dienstältester Bürgermeister von Donaueschingen und tritt seine vierte Amtszeit an. Robert Strumberger, Personalratsvorsit­ zender am Landratsamt, wurde am 28. Sep­ tember mit 66,3 0/o der Stimmen zum neuen Bürgermeister der Stadt Vöhrenbach ge­ wählt. Amtsinhaber Karl-Heinz Schneider erreichte 33,7 0/o. Dr. Josef Astfaller, zweieinhalb Jahr­ zehnte Landrat des Kreises Villingen, feier­ te am 29. September seinen 90. Geburtstag. Sein Wirken legte den Grundstein für den heutigen Schwarzwald-Baar-Kreis, wie seine Nachfolger Altlandrat Dr. Rainer Gutknecht und Landrat Karl Heim beim Besuch des Ju­ bilars hervorhoben. Der gebürtige Südtiro­ ler beendete 1930 in Padua sein Jura-Studi­ um und praktizierte danach einige Jahre als Rechtsanwalt. In unsere Region kam Dr. Astfäller 1942, als er im Landratsamt Regie­ rungsrat wurde. Ab 1949 war er Landrat. Orden, Medaillen Nachstehende Personen aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis wurden im Zeitraum vom 1. 9. 1996 bis 31. 7. 1997 öffentlich ausgezeichnet: Mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland (Abkürz.: BVK I. Kl. = Bun­ desverdienstkreuz I. Klasse, BVK a. B. = Bundesverdienstkreuz am Bande, BVM = Bun­ desverdienstmedaille): Bugge, Paul Prof. Mann, Rudolf Günter, Otto Dr. Walz, Hannsheinrich 23. 01.1997 Febr. 1997 25.03.1997 22.07. 1997 BVK.a.B. BVK.a.B. BVK.a.B. BVK.a.B. Villingen-Schwenningen Unterkirnach Unterkirnach Villingen-Schwenningen Mit der Zelter-Plakette: Gesangverein „Frohsinn 1897 Öfingen e.V.“ 26. 04. 1997 Arbeitslosigkeit in Prozentzahlen Stichtag Schwarzwald-Baar-Kreis Land Bundesgebiet West Bundesgebiet Ost 30.6.1995 30.6.1996 30. 6.1997 7,7 0/o 7,90/o 8,60/o 7,0 0/o 7,6 0/o 4,8 0/o 8,90/o 9,7 0/o 10,6 0/o 16,00/o 18,60/o Arbeitslosigkeit im gesamten Bundesgebiet zum 30. 6.1997: 12,2 0/o 358

Bevölkerungsentwicklung im Schwarzwald-Baar-Kreis Gemeinde Veränderungen in Zahlen +165 + 47 + 17 + 47 + 36 + 94 – 27 – 14 +194 + 10 + 12 +165 – 20 – 59 – 46 – 82 – 12 -250 – 55 – 19 in 0/o + 1,43 0/o + 0,44 0/o + 0,29 0/o + 0,90 0/o + 1,07 0/o + 0,45 0/o – 0,27 0/o -0,96 0/o + 2,69 0/o + 0,170/o + 0,37 O/o + 3,04 0/o -0,140/o -2,180/o -1,06 0/o – 1,41 0/o – 0,44 0/o – 7,70 0/o -0,07 0/o – 0,45 0/o Bad Dürrheim Blumberg Bräunlingen Brigachtal Dauchingen Donaueschingen Furtwangen Gütenbach Hüfingen Königsfeld Mönchweiler Niedereschach St. Georgen Schönwald Schonach Triberg Tuningen Unterkirnach Villingen-Schwenningen Vöhrenbach Stand der Wohnbevölkerung 31.12.1996 31.12.1995 11 714 10 742 5 974 5 241 3 413 20 810 10 028 1 451 7 415 5 966 3 222 5 586 14 159 2 647 4294 5 749 2 723 2996 80 679 4 222 11 549 10 695 5 957 5 194 3 377 20716 10 055 1 465 7 221 5 956 3 210 5 421 14179 2 706 4 340 5 831 2 735 3 246 80 734 4 241 Kreisbevölkerung insgesamt 208 828 209031 +203 + 0,10 0/o Ausländische Mitbürger in Zahlen Gemeinde Ausländer insges. Stichtag 31.12.1996 davon Türken ehemaliges Jugoslawien Italiener Sonstige Ausländeranteil in Prozent Bad Dürrheim Blumberg Bräunlingen Brigachtal Dauchingen Donaueschingen Furtwangen Gütenbach Hüfingen Königsfeld Mönchweiler Niedereschach St. Georgen Schönwald Schonach Triberg Tuningen Unterkirnach Villingen-Schwenningen Vöhrenbach Gesamt 699 1 872 685 263 169 2 193 1 166 68 773 300 277 298 1 781 92 336 641 250 266 11 922 613 24664 68 798 404 78 13 613 256 11 300 27 35 38 271 3 42 230 62 64 2 402 229 5 944 245 382 71 27 55 298 337 5 150 83 128 134 615 37 163 151 15 33 4 357 195 7 481 122 40 23 43 46 374 328 41 156 22 36 20 584 14 83 92 112 45 2 172 134 264 652 187 115 55 908 245 11 167 168 78 106 311 38 48 168 61 124 2 991 55 4487 6 752 6,3 16,2 11,5 5,1 4,7 10,5 11,1 4,7 10,7 5,1 8,6 5,3 12,6 3,3 7,8 11,0 9,3 8,5 14,8 14,2 11,7 359

scher, Donaueschingen 126 -A. Stiller, Ar­ chiv Schwarzwälder Bote, Blumberg 127 – Gerhard Schlageter, Furtwangen 142 -Foto­ Carle, Triberg 146 -Stadtmuseum Hüfin­ gen 173 bis 176 -Deutsches Uhrenmuseum Furtwangen 195 bis 199 -Archiv Katzen­ musik VS-Villingen, 200 bis 204 -Augusti­ nermuseum Freiburg 221, 223 -Hans Kal­ tenbach, Schonach 222, 224, 225, 226 -Wil­ ly Pragher, Freiburg 239, 241, 242, 243 – Heinz Finke, Konstanz 240 -Roland Sig­ wart, Hüfingen 259 bis 263 -C. Kurz, VS­ Villingen 265 -Willi Hummel, St. Georgen 310 bis 314 -Eberhard Kern, Albert Bohner, Harry Ludszuweit, alle Donaueschingen 315 bis 320 -Dieter Reinhardt, VS-Villingen 348, 349, 350 -Alex Neumann, Wien 351 und 352. Bildnachweis Die Aufnahme auf der Titelseite stammt von Wilfried Dold, Vöhrenbach. Motiv Titelseite: Donauquelle im Park des Fürsten zu Fürstenberg, Donaueschingen. Die Fotografie auf der Rückseite stammt von German Hasenfratz, Hüfingen. Motiv Rückseite: Kuhreihen in Villingen­ Schwenningen Bildnachweis: Soweit die Bildautoren hier nicht namentlich angeführt werden, stam­ men die Fotos jeweils vom Verfasser des be­ treffenden Beitrages. Mit Fotos sind ferner im Almanach vertre­ ten (die Zahlen nach der Autorenangabe be­ ziehen sich auf die jeweilige Textseite): Stadtarchiv Villingen-Schwenningen 6/7, 187 bis 189 -Fürstlich Fürstenbergisches Archiv, Donaueschingen 8 -Wilfried Dold (Dold-Verlag), Vöhrenbach: Seiten 9, 11 o., 13, 18, 21, 26, 36, 37 u., 38 bis 46/47, 55, 61, 67, 69 bis 79, 80 o., 95 u., 96 bis 99 (außer 96 o.), 140, 147, 148 o., 149 u., 150, 167, 186, 193,208,209,210r.o. undr. u.,211 bis 218, 282 1. o., 321, 334, 341 bis 344 -Werner Oppelt, Triberg 10 -Stadt Donaueschingen, 11 u. -Alexandra Primuth, Vöhrenbach 19 -Stadt Donaueschingen 23 – Georg Mül­ ler, St Georgen 27, 28, 29 -Erwin Kienzler, Schonach 31 bis 33, 34 u., 37 o., 165, 177 bis 181, 327, 328, 335 bis 337 -Monika Ecker­ le, Schönwald 340. und 35 -Nikolaus Re­ der, Niedereschach 48, 50, 51, 52, 54, 56 – Wilfried Mayer, VS-Villingen 49 -German Hasenfratz, Hüfingen 53, 238, 278, Südku­ rier VS-Villingen 62 -Südkurier Donau­ eschingen 66, 143 -Joachim Sturm 80 u., 81 o., 114, 116, 354 -Roland Sigwart, Hüfin­ gen 107 bis 110 -Erich Schwer 122 -Archiv Gebauer VS-Villingen 124, 125 -Foto-Fi- 360

Die Autoren unserer Beiträge Adler, Bernhard, Pfr., Kälbergässle 9, 78147 Vöhrenbach Auer, Dr. Anita, Kalkofenstraße 9/1, 78050 Villingen-Schwenningen Bachmann,Johannes, Albert-Schweitzer Straße 27/1, 78087 Mönchweiler Bantle, Albert, Sinkinger Straße 40a, 78078 Niedereschach Beathalter, Manfred, Wiesenstraße 29, 78166 Donaueschingen Bender,Jochen, Friedenstraße 18, 78136 Schonach Braunschweiger, Ernst, Wohnpark Kreuz 1, 78073 Bad Dürrheim Brommer, Bernhard, Volkartstraße 31, 80634 München Buller, Dr. H.-G., Kirchberg 3, 78166 Donaueschingen-Grüningen Bunse, Heinz, Lehenstraße 15, 78166 Donaueschingen Bökenkamp, Renate, Schwarzwaldstraße 4, 78112 St. Georgen Danksin, Dietrich, Am Hoptbühl 2, 78048 Villingen-Schwenningen Dold, Walter, Am Hoptbühl 2, 78048 Villingen-Schwenningen Dold, Wilfried, Waldstraße 13, 78147 Vöhrenbach Dufner, Elfriede, Rathaus, 78089 Unterkirnach Everke, Bernhard, Oberbürgermeister, Rathaus, 78166 Donaueschingen Fehrenbacher, Ansgar, Am Hoptbühl 2, 78048 Villingen-Schwenningen Fritschi, Kuno, Karl-Bromberger-Straße 5, 78183 Hüfingen Gehring, Dr. Helmut, Königsberger-Straße 30, 78052 Villingen-Schwenningen Groß, Helmut, Am Schwalbenhaag 1, 78048 Villingen-Schwenningen Gutknecht, Dr. Rainer, Alt-Landrat, Bahnhofstraße 1, 78073 Bad Dürrheim Gwinner, Joachim, Am Hoptbühl 2, 78048 Villingen-Schwenningen Günzler, Dr. Rainer, Wilhelm-Schickard-Straße 10, 78052 Villingen-Schwenningen Henckell,Jürgen, Buchbergstraße 3, 78176 Blumberg Herdlitschka, Petra, lnKofen 8, 78183 Hüfingen Hütt, Dr. Michael, Rietgasse 2, 78050 Villingen-Schwenningen Jörres, Werner, Hochstraße 48, 78048 Villingen-Schwenningen Kaiser,Johannes, Weiherstraße 13, 78050 Villingen-Schwenningen Ketterer, Hartmut, Bregenbach 4, 78147 Vöhrenbach-Hammereisenbach Kiefer, Gerhard, Rathausweg lb, 79312 Emmendingen Kienzler, Erwin, Grubweg 15, 78136 Schonach Kleiser, Bernhard, Am Mättenbühl 6, 78147 Vöhrenbach Koch, Klaus, Danzinger Straße 12a, 78151 Donaueschingen Kossow, Martin, Hans-Thoma-Straße 6, 78120 Furtwangen Kottmann, Ingeborg, Bruggerstraße 96, 78628 Rottweil Kurschat, Horst, Römerstraße Sa, 78054 Villingen-Schwenningen Letule, Hans, Rathausstraße 14, 78086 Brigachtal-Überauchen Maier, Dieter-Eberhard, Rektor, Schillerstraße 3, 78087 Mönchweiler Meder, Willi, Goethestraße 3, 78122 St. Georgen Mescheder, Prof. Dr. Ulrich, Gerwigstraße 11, 78120 Furtwangen Messerli,Jakob, Deutsches Uhrenmuseum, Gerwigstraße 11, 78120 Furtwangen Meßner, Herwig, Kirschstraße 6, 78073 Bad Dürrheim 361

Murr, Eugen, Angerweg 5, 78166 Donaueschingen Müller, Wolfgang, Ringmauerweg 15, 78098 Triberg Opp, Margot, Weierweg 10, 79111 Freiburg Preuß, Stefan, Hoher Rain 22, 78052 VS-Weilersbach Reich, Martin, Eschachstraße 19, 78078 Niedereschach-Kappel Roth, Uwe, Sankt-Lorenz-Straße 7, 78166 Donaueschingen Rothermel, Dr. Helmut, Weidenmattenstraße 2, 79312 Emmendingen Sandmaier, Prof. Hermann, Wilhelm-Schickard-Straße 10, 78052 Villingen-Schwennin­ gen Scherer, Robert, Am Bodenwald 24, 78120 Furtwangen Scherzer, Beatrice,Jacobstraße 18a, 78183 Hüfingen Schmalenberg, Brigitte, Auf der Zinnet 9, 78126 Königsfeld Schnerring, Dietrich, Baumannstraße 15, 78120 Furtwangen Schnibbe, Prof. Klaus, Ilbenstraße 50, 78120 Furtwangen Schultheiß,Jochen, Blauenweg 25, 78112 St. Georgen Schulz, Friedhelm, Sebastian-Kneipp-Straße 30, 78048 Villingen-Schwenningen Siegmund, Alexander, Zähringer Straße 31, 78183 Hüfingen-Fürstenberg Simon, Stefan, Haselweg 17, 78052 Marbach Sprich, Roland, Bühlstraße 57, 78112 St. Georgen Stahl, Clemens, Bürgermeister, Eichbergstraße 3, 78176 Blumberg Steger, Christiana, Birkenweg 8, 78176 Blumberg Stieber, Myrta, Kühlbrunnenweg 16, 78122 St. Georgen Stiller, Achim, Kellen 4, 78176 Blumberg Sturm, Dr. Joachim, Steigstraße 32, 78078 Niedereschach Tilgner, Birgit, Haldenstraße 9, 78166 Donaueschingen Tribukait, Wolfgang, Hochkopfweg 21, 78050 Villingen-Schwenningen Ungethüm, Prof. Dr. Dr. Michael, Romäusring 4, 78050 Villingen-Schwenningen Volk, Karl, Untertal 19, 78098 Triberg-Gremmelsbach Werner, Dr. Johannes, Steinstraße 21, 76477 Elchesheim Willmann, Erich, Hagenreuthestraße 47, 78147 Vöhrenbach Wolfart-Zundel, Heidi, Moltkestraße 19a, 78166 Donaueschingen Zimmermann, Michael, Karlstraße 119, 78054 Villingen-Schwenningen 362

Inhaltsverzeichnis Impressum Ehrenliste der Freunde und Förderer Heimat und Tradition / Landrat Karl Heim 1. Kapitel / 25 Jahre Schwarzwald-Haar-Kreis Vom Bezirksamt zum Landratsamt – Der lange Weg hin zur Gründung des Schwarzwald-Baar-Kreises / Joachim Sturm Die Entstehung des Schwarzwald-Baar-Kreises – Die große Zielsetzung: Stärkung der kommunalen Selbstverwaltung / Dr. Helmut Rothermel Hat der Landkreis die Erwartungen erfüllt? – Eine Betrachtung durch Alt-Landrat Dr. Rainer Gutknecht Reflektionen auf25 Jahre Kreispolitik – Im Gespräch mit Dr. Gerhard Gebauer und Dr. Bernhard Everke / Wilfried Dold 2. Kapitel / Schwarzwald und Baar – Portrait eines Landkreises (1) Rund um die Wasserscheide Rhein/Donau – Unterwegs in der Region Triberg, Schonach und St. Georgen / Renate Bökenkamp Oberes Bregtal – Im Herzen des Uhrenlandes – Furtwangen, Vöhrenbach und Gütenbach, eine geschichtsträchtige Region / Robert Scherer Wanderungen im Hintervillinger-Raum – Unterwegs in Mönchweiler, Niedereschach und Königsfeld / Wolfgang Tribukait 3. Kapitel / Aus dem Kreisgeschehen Erstmals leichter Rückgang bei Sozialkosten – Soziales im Landkreis – Entwicklungen und Tendenzen / Joachim Gwinner Neuordnung der Beruflichen Schulen – Der Kreistag hält an den vier Gewerbeschulstandorten auch künftig fest / Walter Dold Nahverkehr ganz im Zeichen der Finanznot – Kürzung der Landeszuschüsse für die Schülerbeförderung führt zu massiven Protesten / Ansgar Fehrenbacher Neues von der Partnerschaft mit Bacs-Kiskun – Landesberufsschule für Hotel- und Gaststättengewerbe in Ungarn zu Gast / Dr. Helmut Rothermel 4. Kapitel / Städte und Gemeinden Gelungenes Beispiel moderner Architektur – Die Stadt Blumberg – „Drehscheibe“ zwischen Deutschland und der Schweiz / Clemens Stahl, Bürgermeister Oberbaldingen – Ein lebendiges Gemeinwesen – Die beiden Baldingen haben eine lange gemeinsame Geschichte / Herwig Meßner Das Wappen von Oberbaldingen / Prof. Klaus Schnibbe Kappel – grüner Ort im mittleren Eschachtal – Wallfahrtsort „Elsenau“ weithin bekannt – Stolz auf die Rückkehr der Grundschule / Martin Reich Das Wappen von Kappel / Prof. Klaus Schnibbe 5. Kapitel / Behörden, Organisationen und Institutionen Ein Partner für Firmen der Region – Das Institut für Mikro- und Informationstechnik unterstützt die Industrie bei der Realisierung von High-Tech-Entwicklungen / Dr.Rainer Günzler/Prof. Hermann Sandmaier 2 3 5 6 13 19 21 27 36 48 57 61 63 64 67 72 77 78 82 83 363

Spitzenwerte beim Umsatz mit Neuprodukten – Die Region Schwarzwald-Baar-Heuberg gehört zu den innovativsten im Südwesten / Prof. Dr. Dr. Michael Ungethüm Vor allem für Anwendungen rund ums Auto – Mikromechanischer Neigungssensor erschließt neue Anwendungen / Prof. Dr. Mescheder 87 88 6. Kapitel / Industrie, Handwe.rk und Gewerbe Kiffe-Kaddies erobern den Golfmarkt – Wie aus einer Idee Arbeitsplätze entstehen – Höchste Designpreise erhalten Die Faszination der Welt des Druckens – Die Villinger Todt-Druck GmbH besteht seit 90 Jahren / Wilfried Dold Wo Klein- und Kleinstserien entstehen – Alfred Schlösser produziert in Gremmelsbach mit modernsten CNC-Drehmaschinen / Karl Volk 100 Wir verbinden Mensch und Technik- Die Stein Automation GmbH in VS-Schwenningen 102 Bundespreis für innovatorische Leistungen – Wieländer+Schill mit „Airpuller AP 95″ weiter auf Erfolgskurs/ Dr. Helmut Rothermel MBK: Vier erfolgreiche Firmenzweige – Rolf Bonnert und Otto Kaiser haben sich dem Dienstleistungssektor verschrieben Ein Sägewerk mit modernster Technik – Waldemar Finkbeiner und seine Steinbissäge – Eine außergewöhnliche Unternehmerpersönlichkeit/ Karl Volk Hirth-Fahrzeugbau eine führende Adresse – Das Niedereschacher Unternehmen produziert Anhänger aller Art/ Albert Bantle 105 107 91 94 111 114 7. Kapitel / Persönlichkeiten Trotz Karriere ein bescheidener Mensch – Bürgermeister und Kreisrat Siegfried Baumann und sein Unterkirnach / Elfriede Dufner Stets ein Anwalt der Bürger geblieben – Kreisrat Lukas Duffner von Kindesbeinen an mit der Landwirtschaft verbunden / Martin Kossow Einst der jüngste Bürgermeister im Land / Auch im Kreistag ist Albert Haas zu allererst ein Vertreter der Interessen seiner Heimatregion/ Renate Bökenkamp Kommunalpolitiker mit Leib und Seele – Dr. Gerhard Gebauer 35 Jahre Oberbürgermeister und Kreispolitiker/ Dr. Helmut Rothermel Ein Liberaler mit hohem sozialen Anspruch – Der Blumberger Harald Mattegit ist seit 1971 viel geachteter Sprecher seiner Kreistagsfraktion / Achim Stiller Die Politik zweier Landkreise mitgestaltet – Rüdiger Schell ist seit 1966 in der Kreis- und Kommunalpolitik engagiert/ Klaus Koch Otto Sieber ist ein Mann der Tat – Am 1. Mai 1970 mit viel Engagement das Bürgermeisteramt in Niedereschach übernommen / Brigitte Schmalenberg Walter Eichner – Ein Leben für die Kultur – Als Kulturamtsleiter von Villingen-Schwenningen eine Vielzahl von Akzenten gesetzt/ Friedhelm Schulz Außergewöhlicher Einsatz für die Baar – Prof. Dr. Günther Reichelt und seine Liebe zur Geologie, Natur, Geschichte und zur Kunst/ Hans-Joachim Tilgner Ein Leben für die Geologie – Zum Tode von Professor Willi Paul / Wilfried Dold Hilfe für den Mitmenschen als Herzenssache – Christei Esterle wurde im Alter von nur 43 Jahren plötzlich dem Leben entrissen/ Wilfried Dold Die Kunst des Wortes verpflichtet- Dr. Lorenz Honold hat den „Almanach“ über ein Jahrzehnt lang entscheidend mitgeprägt/ Gerhard Kiefer Der Heimat und den Menschen verbunden – Der Triberger Alexander Jäckle zählte auch zu den Mitarbeitern des „Almanachs“/ Renate Bökenkamp 117 119 121 124 126 129 132 135 137 139 141 143 146 364

8. Kapitel / Archäologie Die Römerbadruine in Hüfingen – Modeme Präsentation einer archäologischen Kostbarkeit aus der Zeit um 70 v. Chr./ Beatrice Scherzer ‚ 9. Kapitel/ Geschichte Vom „Eisen“, Nagelschmied und Feilenhauer – Untergegangene Berufe und Tätigkeiten am Beispiel der Raumschaft Triberg/ Wolfgang Müller Der letzte „Dreher“ Tuningens – Christian Hauser verstand auch die Kunst des Tabak- Pfeifenmachens / Ernst Braunschweiger „Zügküaffers“ Zuber und Fässer begehrt – Das Küferhandwerk war in Tuningen durch die Familie Erchinger ehemals gut vertreten/ Ernst Braunschweiger Einst Orgelbaumechaniker bei Bruder Söhne – Der Grüninger Siegfried Fromm erlebte noch die Zeit des Orgel- und Orchestrionbaues / Dr, H.-G. Buller Geschichte der Auswanderer vom „Hof“ – Die Schicksale der Familie Klausmann aus Gremmelsbach in der „Neuen Welt“/ Karl Volk Adolf Heer, ein fast vergessener Bildhauer – Ein Beitrag aus Anlaß des 100, Todestages des gebürtigen Vöhrenbachers / Erich Willmann, Bernhard Kleiser Lucian Reich und seine kleine Hüfinger Welt – Über die Wechselwirkungen zwischen Heimat und Schaffen im Werk des Malers und Dichters / Dr, Johannes Werner 10. Kapitel/ Museen im Schwarzwald-Baar-Kreis Das „Schwarze Tor“ in St, Georgen – Ein sorgfältig restauriertes Bauernhaus erzählt vom Leben in alter Zeit/ Myrta Stieber Fassadenmalereien am Alten Rathaus – Im Villinger Franziskanermuseum werden zwei wertvolle Entwürfe bewahrt/ Dr. Michael Hütt 11. Kapitel/ Uhren und Uhrengeschichte „Guck mal, da kommt (k)ein Vögelchen raus“ – Über den Erfolg und die Herkunft der Schwarzwälder Kuckucksuhr/ Dr. Anita Auer Ein innovativer Schulterschluß in schwerer Zeit – Vor 150 Jahren wurde der „Gewerbsverein für den uhrenmachenden Schwarzwald“ gegründet/ Wilfried Dold Prunk und Pracht im Deutschen Uhrenmuseum – Sammlung wertvoller französischer Pendeluhren als Stiftung in Aussicht gestellt/ Jakob Messerli 12. Kapitel / Brauchtum 125 Jahre Villinger Katzenmusik – Aus schlichten Anfängen heraus zu einem großen Fastnachtsverein entwickelt/ Werner Jörres Fohrebobbele verkörpert den Schwarzwald – Die Fasnacht wird in St. Georgen erst seit dreißig Jahren gefeiert/ Roland Sprich Der Schwarzwald-Baar-Kreis im Farbbild 13. Kapitel / Kirchen und Kapellen Ein Bilderbuch des Glaubens – Die Pfarrkirche „Maria vom Berge Karmel“ in Bräunlingen ein monumentales Bauwerk/ Jochen Schultheiß „Eine der schönsten im Schwarzwald“ – Schönenbacher St.-Nikolaus-Kirche geht auf das Jahr 1221 zurück/ Robert Scherer Viele Verdienste um evangelische Gemeinde – Heinrich Karl Wilhelm Lotz von 1908 bis 1946 Pfarrer in Mönchweiler I Dieter-Eberhard Maier 147 151 157 158 161 165 169 173 177 182 187 191 195 200 205 208 209 214 219 365

Große Gestaltungskraft und intensive Farben – Der Vöhrenbacher Kreuzweg des Freiburger Kunstmalers Dominik Weber / Bernhard Adler 14. Kapitel/ Wegkreuze, Kleindenkmäler und Brunnen Eine schreckliche Mordtat vor 150 Jahren – Ein Gedenkstein erinnert an den gewaltsamen Tod des Fürstenbergischen Hof- und Kabinettsrats Carl Hubert Dilger / Dr. H.-G. Buller Ein religiöser Brunnen ohne Namen – Die Schöpfung des Steinhauers Frank Schröder steht in Tuningen / Ingeborg Kottmann 15. Kapitel / Sagen der Heimat Die Wallfahrt zur „Maria in der Tanne“ Felsenkönigin – Sage vom Triberger Wasserfall / Dietrich Danksin 16. Kapitel/ Heiteres aus dem Klosterleben St. Ursula in Vtllingen Das „Schänzele“ – einst Teil der Stadtmauer/ Helmut Groß 17. Kapitel / Musik 75 Jahre Donaueschinger Musiktage – „Neue Musik wäre undenkbar ohne Donaueschingen“ I Bernhard Everke, Oberbürgermeister Erinnerungen an den Musiker Josef Raus – Der Tradition zugewandt, aber stets aufgeschlossen für Neues/ Uwe Roth 18. Kapitel / Kunst und Künstler lnspirationsquelle Afrika – Die multiästhetische Bildsprache der Schwenningerin elfi schmidt/ Horst Kurschat Ein Maler ohne Grenzen – Wiederentdeckt: Der Duc-Schüler Hermann Wiehl aus St. Georgen / Renate Bökenkarnp Landschaften aus Plastik und Gouachen – Rupert Schumachers Blick auf die Wirklichkeit hinter den Dingen / Stefan Simon Keramik als Gestaltungselement der Architektur – Die Arbeiten des Keramikers Olaf Hovingh in Donaueschingen/ Petra Herdlitschka 19. Kapitel/ Gesundheit und Soziales Wegbegleiter für Sterbende – „Hospizbewegung im Schwarzwald-Baar-Kreis e. V.“ hat sich gegründet / Heidi Wolfart-Zundel 125 Jahre Pflege- und Altenheim Geisingen – Das „Wartenberg“ kann sich mit 420 Betten zu den großen Häusern zählen / Manfred Beathalter „Essen auf Rädern“ und Zeit für Gespräche – Die Blumbergerin Friede! Gerber – eine sozial engagierte Frau / Christiana Steger 20. Kapitel / Umwelt und Natur Gliederung und Namensgeschichte der Baar – Die Schüsselform eine Folge der Entstehung des Oberrheingrabens / Alexander Siegmund Der Hüfinger Heilkräuterlehrpfad – Bereits die Römer wußten um die Kraft der Kräuter auf der Baar / Kuno Fritschi Schüler praktizieren wertvollen Naturschutz – Arbeitsgemeinschaft Vogelkunde der GHS-Obereschach besteht seit 15 Jahren/ Albert Bantle Historische Wasserkraftanlage in Neudingen – Es klappert die Mühle – Doch nur sacht rauscht der Bach / Klaus Koch 221 227 230 233 235 236 239 244 247 253 256 259 265 269 273 274 281 283 287 366

Mit Hakenschlagen auf der Flucht – Der Feldhase – ein volkstümlicher Vertreter der heimischen Tierwelt/ Erwin Kienzler Baumgefüge wird Naturdenkmal – Entlang der Kreisstraße Nr. 5749 sind typische alte Mostobstsorten zu finden/ Hans Letule Lebensraum für bedrohte Pflanzen und Tiere – ,,Birken-Mittelmeß“ ein neues Natur- und Landschaftsschutzgebiet im Schwarzwald-Baar-Kreis /Dr.Helmut Gehring 21. Kapitel/ Landwirtschaft und bäuerliches Leben Die Kobisenmühle vor dem Verfall gerettet – In St. Georgen ein wertvolles Stück bäuerliche Geschichte bewahrt/ Willi Meder 22. Kapitel / Architektur, Bauen und Wohnen Die Ökosiedlung „Auf der Staig“ – Ein Versuch der Stadt Donaueschingen, Niedrigenergiebauweisen zu fördern/ Heinz Bunse Repräsentatives Wahrzeichen des Ortsbildes – Das Dauchinger Rathaus von 1909 gilt als frühes Beispiel kommunalen Selbstverständnisses /Dr.Joachim Sturm 23. Kapitel / Stätten der Gastlichkeit Wo Schwarzwald-Urlaub ein Erlebnis ist – Der Landgasthof „Berghof“ der Familie Schwer in Gremmelsbach ist weithin bekannt/ Karl Volk Der „Felsen“ ein Gasthaus mit Tradition – Von der Kaiserlichen Post zum Treffpunkt für Feinschmecker aus der ganzen Region / Hartmut Ketterer Gastlichkeit unter dem Schindeldach – Das „Haus des Gastes“ in Achdorf verfügt über 80 Plätze und eine Gartenterrasse / Christiana Steger 24. Kapitel / Freizeit und Erholung Jeder Mensch hat ein Talent“ – Mit Nadel, Faden und Palette – Der Schonacher Urban Kaltenbach/ Jochen Bender Schemmenbildner aus Passion – Karl Kohnle entdeckte im Pensionsalter die Schnitzerei für sich/ Michael]. H. Zimmermann 25. Kapitel / Sport Toller Empfang für „Schwarzwald-Adler“ – Furtwangen feierte die Bronze-Medaillengewinner von Trondheim / Johannes Bachmann Michael Maier gehört zur Weltspitze – Weilersbacher Ultraläufer gewinnt bei Europameisterschaften Gold und Silber/ Stefan Preuß Traude Hanßmann Europameisterin – Die Triathletin erreicht auch einen 5. Platz bei den Duathlon-Weltmeisterschaften / Stefan Preuß Jahrhundert-Spiel“ des FV Donaueschingen – Im DFB-Pokal gelang dem 1. FC Köln nur ein mühsamer 3:1 Erfolg/ Johannes Bachmann Rock’n‘ Roll in höchster Perfektion – 15. Platz bei Weltmeisterschaften für Sylvia Pfisterer und Thomas Bande/ Albert Bande 26. Kapitel / Lyrik der Heimat Vom Charme des kleinen Fehlers/ Karl Volk Europa beginnt in St. Georgen/ Renate Bökenkamp Gedichte Fascht verrote oder: Isch Karlsruah d‘ Hauptstadt vom Badische? / Bertin Nitz 292 298 300 310 315 322 327 330 333 335 338 341 345 346 348 351 353 355 90 367

Die warme Stube I Margot Opp Winter-Abend I Bernhard Brommer Sekundenleben I Jürgen Henckell Auf der Antikuhren-Messe I Dietrich Schnerring Wenn i furt bi I Johannes Kaiser Liebe Lieder I Christiana Steger FI irt I Christiana S teger Wia zwei ghirata hen I Bertin Nitz Die Breg I Eugen Murr Verschiedenes Personen und Fakten Orden, Medaillen Arbeitslosigkeit in Prozentzahlen Bevölkerungsentwicklung im Schwarzwald-Baar-Kreis Ausländische Mitbürger in Zahlen Bildnachweis Die Autoren unserer Beiträge Inhaltsverzeichnis 116 145 156 190 220 232 232 234 356 357 358 358 359 359 360 361 363 368

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Almanach 1997 https://almanach-sbk.de/almanach-1997/ Fri, 20 Dec 2019 12:12:08 +0000 https://almanach-sbk.de/almanach-1997/

Almanach 1997 H e i m a t j a h r b u c h d e s S c h w a r z w a l d – B a a r – K r e i s e s 2 i . F o l g e

Herausgeber: Landratsamt Schwarzwald-Baar·Kreis Redaktion: Karl Heim, Landrat Dr. Joachim Sturm, Kreisarchivar Karl Volk, Realschuloberlehrer Wilfried Dold, Redakteur Für den Inhalt der Beiträge sind die jeweiligen Autoren verantwortlich. Nad1drucke und Vervielfäl­ tigungen jeder Art werden nur mit Einwilligung der Redaktion und unter Angabe der Fundstelle gestattet. Gestaltung, Satz und Lithografie: Dold-Verlag, Vöhrenbach Verlag und Druck: Todt-Druck GmbH, Villingen· Sdnvenningen ISBN: 3-927677-10-8

Ehrenliste der Freunde und Förderer des Almanach 1997 ANUBA-Beschläge X. Heine & Sohn GmbH, Vöhrenbach Emil Frei GmbH & Co. Lackfabrik, Bräunlingen-Döggingen Auer + Weber + Partner, Freie Architekten, Stuttgart S. D. Joachim Fürst zu Fürstenberg, Donaueschingen Dr. Hanno Augstein, Hüfingen AZ-Armaturen GmbH u Co. KG, Geschäftsführer: Dipl. Ing. Gerhard Wisser und Dipl. Ing. Jörg Wisser, Waldstr. 7, Mönchweiler Bad Dürrheimer Mineralbrunnen GmbH + Co. Heilbrunnen, Bad Dürrheim Baden-Württembergische Bank AG, Filiale Villingen-Schwenningen Biedermann Firmengruppe, Bena-Suttner-Str. 23, Villingen-Schwenningen lng.-Büro für Haustechnik Budde & Oberle, Ostbahnhofstraße 19, Villingen-Schwenningen Burger Industriewerk GmbH & Co. KG, Schonach Erhard Bürk-Kauffmann GmbH, Vertretung der Esso AG, Neuffenstr. 27-29, Villingen-Schwenningen EGT Elektrotechnik GmbH, Schonacher Str. 2, Triberg EGT Gebäudemanagement GmbH, Schonacher Str. 2, Triberg Ewald Eble, Schonachbach 27, T riberg-Schonachbach Walter Glatz, Blumberg Dipl.-Ing. M. Greiner VBI, Ingenieurbüro für Statik/Wasser-, Straßenbau und Umweltschutz, Donaueschingen Siegfried Heim GmbH, Triberg Otto Heitzmann KG, Gabelstapler-Service, Donaueschingen Dr. med. Egon Hochmann, Triberg Hotel „Hänslehof“ GmbH, Sieglinde Schreijäg, Geschäftsführerin, Bad Dürrheim Institut Dr. Jäger, Friedrichstraße 9, Villingen-Schwenningen Herbert Jauch, Industrievertretungen, In der Lache 24, Villingen-Schwenningen Kartonagenfabrik Schwenningen GmbH, Villingen-Schwenningen Kraftwerk Laufenburg KUNDO System Technik GmbH, St. Georgen Kur- und Bäder GmbH, Bad Dürrheim Liapor-Werk, Tuningen Energieversorgung Südbaar GmbH, Blumberg Familie Limberger, Bad Dürrheim 3

Ernst Lorch KG, Bosch-Vertragsgroßhändler, Funkservice, Rottweiler-Str. 25, VS-Schwenningen Elementbau Spadinger GmbH, Bräunlingen Sparkasse Donaueschingen Lutz Fleischwaren AG, Blumberg Sparkasse Villingen-Schwenningen MAI CO Elektroapparate-Fabrik GmbH, Steinbeisstraße 20, Villingen-Schwenningen Vermessungsbüro Dipl.-Ing. Viktor Mandolla, Villingen-Schwenningen Günther Stegmann, Donaueschingen Stein Automation GmbH, Villingen-Schwennin­ gen Straub-Verpackungen GmbH, Bräunlingen Leopold Messmer, Freier Architekt, Furtwangen SWEG Südwestdeutsche Verkehrs-Aktiengesell­ schaft, Lahr MODUS Gesellschaft f. beruAiche Bildung GmbH & Co. KG, Vöhrenbach TRW Deutschland GmbH, Motorkomponenten, Werkstr. l, Blumberg Mohr+ Friedrich GmbH, Mutternfabrik, Vöhrenbach Dr. Peter Pfaff, Frauenarzt, Villingen-Schwenningen Guido Rebholz, Architekt, Zehntstraße 1, Bad Dürrheim Albin Vogt, Transporte, Peter-Maier-Str. 16, DS-Hubertshofen Volksbank Triberg eG, Triberg Volksbank eG Villingen Wagner Lasertechnik GmbH, Dauchingen Ricosta GmbH & Co. Schuhfabriken, Donaueschingen F. K. Wiebelt GmbH & Co. KG, Villingen-Schwenningen Anne Rieple-Offensperger, Friedrichstraße 1, Bad Dürrheim Dr. Fritz Wilke, Orthopäde, Villingen-Schwenningen Dipl.-Ing. Eckart Rothweiler, Freier Architekt, Donaueschingen Johann Wintermantel Verwaltungs-GmbH & Co. KG, Kies- u. Betonwerke, Donaueschingen Matthias Schlenker Brennstoffe + Spedition, Villingen-Schwenningen Ursula Wollersen, Birkenweg 8, Triberg Alfons Schlenker, Schotterwerk GmbH + Co. KG, Dauchingen 11 weitere Freunde und Förderer des Almanach wünschen nicht namentlich genannt zu werden. SCHMIDT Feintechnik GmbH, St. Georgen S. Siedle & Söhne Telefon- und Telegrafenwerke Stiftung & Co., Bregstraße 1 Furtwangen 4

Heimat und Landkreis Dem Heimatjahrbuch des Schwarzwald-Saar-Kreises 1997 zum Geleit M it dem Begriff „Heimat“ verbindet man üblicherweise entweder den engeren Lebensbereich, die Ge­ meinde, in der man geboren oder zu Hause ist, oder die Landschaft, in der man lebt, die Baar oder den Schwanwald. Die nach der Kreisreform neu gebildeten Kreise sind zwar zwischenzeitlich als lei­ stungsfähige Verwaltungseinheiten etabliert, ein Kreisbewußtsein, ein W ir-Gefühl, kann aber nicht per Gesetz verordnet werden. Es muß wachsen! Dazu bedarf es mehr als ei­ nes einheitlichen Kennzeichens. Um eine emotionale Beziehung zu dem neuen Kreis entwickeln zu können, muß man ihn kennen: die Städte und Gemein­ den, die vielfältigen landschaftlichen Gege­ benheiten, die geschichtliche Entwicklung, die vielen liebenswürdigen Besonderheiten. Man muß nachempfinden können, wie die Menschen von Nordhalden bis Gremmels­ bach, von Öfingen bis Gütenbach leben, wie sie arbeiten und feiern, was sie bewegt. Die Einmaligkeit des Schwarzwald-Baar­ Kreises liegt in seiner Vielfältigkeit. Die Schwarzwaldhöhen und tief eingeschnitte­ nen Täler im Westen, die weite Hochebene der Baar im Osten. Ein Landkreis, dessen Geschichte ebenso bunt und vielfältig ist, wie seine geologische Struktur. Diese V ielfältigkeit zu vermitteln, den Schwarzwald-Baar-Kreis als Lebensraum be­ wußt zu machen, ist seit nunmehr 20 Jahren das erfolgreiche Bemühen des Heimatjahr­ buches Almanach. Er ist der jährliche Be­ gleiter durch Geschichte und Kultur, Wirt­ schaft, Gewerbe und Industrie sowie die Ge­ genwartsprobleme des Schwarzwald-Baar­ Kreises, seiner Städte und Gemeinden. Der Almanach hat damit ganz entschei­ dend dazu beigetragen, ein Kreisbewußtsein entstehen und wachsen zu lassen. Wenn wir heute unseren schönen Schwanwald-Baar­ Kreis als unsere nähere Heimat empfinden, ist dies vor allem das Verdienst meines Vor­ gängers, Herrn Landrat i. R. Rainer Gut­ knecht, dessen Kind der Kreisalmanach ist und der dieses Kind mit außerordentlicher Liebe gepflegt und gefördert hat. Es ist mir ein großes Anliegen, diese Tra­ dition fortzuführen und ich hoffe, daß auch der Almanach 1997 die gewohnt gute Reso­ nanz findet! Ich bedanke mich bei den treuen Freunden und Förderern, die auch in diesem Jahr zur preiswerten Gestaltung des neuen Bandes beigetragen haben, verbunden mit der herz­ lichen Bitte, auch künftig die Herausgabe unseres Jahrbuches zu begleiten und tat­ kräftig zu unterstützen. Kar/Heim Landral 5

Aus dem Kreisgeschehen Wechsel an der Spitze des Landratsamtes Dr. Rainer Gutknecht verabschiedet – Karl Heim als neuer Landrat vereidigt Wo die „zentrale kommunale Selbstver­ waltungsebene“ (Erwin Teufel) des Schwarz­ wald-Baar-Kreises angesiedelt ist, wo Politik im Sinne der Bevölkerung des Landkreises gemacht und umgesetzt wird, im Landrats­ amt auf dem Villinger Hoptbühl, war im Sitzungssaal des Kreistages versammelt, was Rang und Namen hat: Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben des Schwarzwald­ Baar-Kreises, aus Verwaltungen, Schulen und Fachhochschulen, Institutionen, der Politik mit Ministerpräsident Erwin Teufel an der Spitze, aus Kultur und Wirtschaft. Die Gäste erwiesen einem Mann ihre Refe­ renz, der am 31. Mai 1996, nach 23 Jahren an der Spitze des Schwarzwald-Saar-Krei­ ses, einen Tag vor seinem 65. Geburtstag in den Ruhestand wechselte: Landrat Dr. Rai­ ner Gutknecht. Und sie begrüßten mit herz­ lichem Beifall und guten Wünschen den neuen Mann an der Spitze des Landkreises: Karl Heim, der im Rahmen dieser Feier­ stunde als Landrat vereidigt wurde. Günter Lauffer, dem stellvertretende Vor­ sitzenden des Kreistages, oblag es, den Wer­ degang von Rainer Gutknecht zu umreißen, all das skizzenhaft in seinen wesentlichen Stationen nachzuzeichnen, was in den vergangenen Jahren unter der Regie von Dr. Gutknecht umgesetzt werden konnte. Wie Ministerpräsident Erwin Teufel und Regie­ rungspräsident Dr. Conrad Schroeder, wür­ digte er das außergewöhnliche Engagement von Rainer Gutknecht, der ein Landrat aus Leidenschaft war, sein Amt als Lebensauf­ gabe verstand. Dankbar für die sehr gute Arbeit, aber auch ein bißchen wehmütig beim Gedanken an die vertrauensvolle Arbeit der Vergangen- 6 heit, zeigte sich Ministerpräsident Erwin Teufel. Er attestierte Gutknecht, immer „bo­ denständig und von hohem Pflichtgefühl“ gewesen zu sein. All die Jahre habe er sich ,,mit Haut und Haaren“ seiner Aufgabe ver­ schrieben. Dabei sei es ihm gelungen, trotz der heterogenen Zusammensetzung des neuen Kreises, allen Regionen gerecht zu werden. Daß sich der Schwarzwald-Baar­ Kreis innerhalb einer knappen Generation etabliert habe, sei mit Gutknechts Verdienst. Der Ministerpräsident nannte stellvertre­ tend für etliche wichtige Bereiche die Schulpolitik. Das berufliche Schulwesen im Schwarzwald-Baar-Kreis gelte als vorbild­ lich. Erwin Teufel nutzte die Feierstunde zu­ gleich, um auf die Bedeutung der Landkrei­ se als zentrale kommunale Selbstverwal­ tungsebene zu verweisen: Das große Ver­ trauen, das er und der Landtag in die Landkreise setzten, zeige sich schon daran, daß ihnen im Laufe der Zeit zahlreiche öffentliche Aufgaben übertragen worden seien. Das Amt des Landrats stelle eine großarti­ ge Gestaltungsaufgabe und eine wichtige Schaltstelle dar, merkte Erwin Teufel auch mit Blick auf den Nachfolger im Amt an, Karl Heim. Dabei sei Bürgernähe erstes Ge­ bot. In einer Zeit, in der sich die Gesell­ schaft immer schneller verändere und aus­ einanderzubrechen drohe, müsse ein Land­ rat versuchen, den Menschen abstrakt er­ scheinende Entscheidungen begreiflich zu machen. Nur so könne Entfremdung zwi­ schen Politik und Bürgern vermieden wer­ den. ,,Wenn die Menschen die Welt nicht mehr verstehen, bedarf es der Interpreten“, sagte der Ministerpräsident.

Dem scheidenden Landrat überreichte Erwin Teufel die Stauffer-Medaille. Zudem kündigte er die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes Erster Klasse in einer zweiten Feierstunde im Regierungs­ präsidium Freiburg an (siehe „Orden und Medaillen“ im Anhang zum Almanach). „Landräte kommen und gehen, der Landkreis bleibt bestehen,“ zitierte Rainer Gutknecht zu Beginn seiner Abschiedsrede einen Verwal­ tungsgrundsatz von Otto Mayer. Dr. Gutknecht: ,,So sehr bei einem Amtswechsel Personen betroffen sind, so steht doch aus meiner Sicht heute der Landkreis als In­ stitution in seiner konkreten Gestalt als Schwarzwald­ Baar-K.reis im Mittelpunkt.“ Und der scheidende Landrat zeigte sich überzeugt davon, daß wenn es die Landkreise nicht schon gäbe, diese heu­ te neu geschaffen werden müßten. ,,Die Landkreise haben sich ohne Einschränkung bewährt“, fuhr Gutknecht fort, und listete die Aufgaben der Daseinsvorsorge auf, die vom Schwarzwald-Baar-K.reis zu leisten wa- ren. Zum Thema Abfall bilanzierte Dr. Gut­ knecht: ,,Keine Sitzung des zuständigen Ausschußes ohne Abfall! Wem ist noch be­ wußt, wie schwer es in den 70er Jahren war, die Deponie in Tuningen einzurichten? Das Thema Abfall ist übrigens ein gutes Beispiel, wie sich Aufgaben inhaltlich fortentwickelt haben. Ging es am Anfang darum, den Müll einfach zu beseitigen und ihn zu deponie­ ren, stehen heute abfallwirtschaftliche Fra­ gen im Vordergrund, d. h. die Ablagerung des Restmülles spielt nur noch eine Neben­ rolle, wichtig ist heute die wirtschaftliche Landrat Dr. Rainer Gutknecht bei seiner Verabschiedung aus dem Amt am 31. Mai 1996: ,,Die Landkreise haben sich ohne Ein­ schränlumg bewährt.“ Verwertung von Abfällen, eine Betrach­ tungsweise die -zum Mißfallen vieler -zu immer höheren Gebühren fuhrt.“ Zum öffentlichen Personennahverkehr: „Ein anderes Beispiel, wie sich die Aufgaben des Landkreises in den letzten 20 Jahren ver­ ändert haben, ist der Öffentliche Personen­ nahverkehr, ÖPNV genannt. Er spielte bei uns in den 70er Jahren noch eine unterge­ ordnete Rolle, wenngleich seine Bedeutung schon damals nicht zu unterschätzen war. 1-kute ist der ÖPNV auch bei uns zu einer wichtigen Aufgabe der Daseinsvorsorge ge­ worden. Das Stadtbahnprojekt von Bräun­ lingen nach Trossingen möge diese Aussage verdeutlichen! Der Landkreis ist bereit, wenn es seine finanzielle Leistungskraft zu­ läßt, sich in diesem Bereich noch mehr als bisher einzubringen.“ 7

Zur Zukunft der Landkreise: ,,Unter dem undeutlichen Begriff der Regionalisierung wird auch bei uns versucht, weniger den Kreis als Institution aufzulösen, als vielmehr einzelne Aufgaben, wie z.B. den eben ge­ nannten ÖPNV und auch den Abfall, aus der Zuständigkeit der Landkreise herauszu­ brechen und sie ‚freiwillig‘ auf den Regio­ nalverband zu übertragen. Ich kann mich für solche Gedanken nicht erwärmen. Wir haben bewiesen, daß wir die uns vom Lan­ desgesetzgeber übertragenen Aufgaben sehr wohl aus eigener Kraft erbringen können. Selbstverständlich waren und sind wir auf­ gabenbezogen zu einer regionalen Koopera­ tion bereit, wie diese die drei Kreise in der Region schon immer praktizierten. Über ei­ nes muß man sich im klaren sein: Die soge­ nannte Regionalisierung einzelner Kreisauf­ gaben verlagert zwangsläufig immer weitere Aufgaben aus der Landkreis- in die Regio­ naJebene und es ist eine Frage der Zeit, bis die Auflösung der Kreise herkömmlicher Art in die Diskussion kommt.“ Mit einem Hinweis auf die schwierigen wirtschaftlichen und finanziellen Rahmen­ bedingungen im Schwarzwald-Baar-Kreis, wechselte Dr. Gutknecht zu einer persönli­ chen Betrachtung seines Amtes. Das Amt des Landrates bezeichnete er als eine der schönsten Aufgaben in Verwaltung und Po­ litik. AJs persönliche Richtschnur zitierte er Worte des ehemaligen preußischen Innen­ ministers Bill Drews in den Jahren 1917/18 über den politischen Einfluß des Landrates in seinem Kreis: ,,Sein politischer Einfluß soll ich darauf gründen, daß er seine Ver­ waltung so gut und vor allem gerecht, so sachlich, so unparteiisch führt, daß mög­ lichst viele sich sagen, eine Regierung, die für eine so treffliche Verwaltung sorgt, muß mit ihren politischen Aussagen und Zielen Recht haben.“ Dank hatte Dr. Rainer Gutknecht für die vielen Weggefährten parat. Über fünf Wahl­ perioden hinweg führte der scheidende Landrat mit Blick auf seinen Kreistag aus: 8 „Es war über alle Fraktionen hinweg zum Wohl des Landkreises ein faires Miteinan­ der, zwar gelegentlich, wie es anders nicht sein kann, kontrovers in der Sache, aber nie verletzend.“ Und einem Mann der „ersten Stunde“ gedachte Gutknecht besonders, Bürgermeister Otto Weissenberger: ,,Sie ha­ ben mir als damaliger Fraktionsvorsitzender der CDU im Jahr 1973 zielstrebig den Weg in den Schwarzwald-Baar-Kreis geebnet.“ Abschließend bat Dr. Gutknecht alle poli­ tischen Kräfte im Kreistag, seinen Nachfol­ ger Karl Heim tatkräftig zu unterstützen. Der neue Landrat Als Karl Heim exakt um 17. 45 Uhr vom stellvertretenden Vorsitzenden des Kreista­ ges Günter Lauffer die Ernennungsurkunde überreicht bekam, gab es herzlichen Beifall. Danach vereidigte Regierungspräsident Dr. Schroeder den neuen Mann an der Spitze des Schwarzwald-Baar-Kreises auf sein Amt. Karl Heim war am 15. April 1996 durch den Kreistag zum neuen Landrat gewählt worden. Er konnte im dritten Wahlgang 36 Stimmen auf sich vereinen, nach zwei span­ nenden Stunden, denn mit Tribergs Bürger­ meister Klaus Martin, zugleich Vorsitzender der CDU-Kreistagsfraktion, und dem Er­ sten Beigeordneten der Stadt Donaueschin­ gen, Bernhard Kaiser, hatte es namhafte Mitbewerber gegeben. Damit hatten sich im dritten Wahlgang mehr als 50 Prozent der Kreistagsmitglieder für den Ersten Landes­ beamten des Zollern-Alb-Kreises entschie­ den. Karl Heim unmittelbar nach seiner Wahl: ,,Diese Stimmenzahl ist für einen Landrat eine gute Basis.“ Die Wahl war von einem „riesengroßen Interesse der Öffent­ lichkeit“ (Dr. Gutknecht) begleitet, denn auf der Empore des Sitzungssaales im Landrats­ amt gab es keinen freien Sitzplatz mehr. Anläßlich seiner Amtseinführung betonte Karl Heim: ,,Das Amt des Landrates ist das schönste kommunale Amt in diesem Land.“

Karl Heim wird als neuer Landrat des Schwarzwald-Baar-Kreises vereidigt. Die Eideiformel nahm Regierungspräsident Dr. Conrad SdJroeder (rechts) ab. Peter Disch / Wilfried Dold 9 Mit ihm seien ein großer Auftrag und eine hohe Verpflichtung verbunden. Bei­ dem könne er nur gerecht werden, wenn er die Unterstützung aller finde. Wie schon am Tag der Landrats-Wahl, de­ finierte Heim sein neues Amt als das eines Mittlers. Ausgleich, Toleranz und Respekt seien die Maxime, die er der zukünftigen Arbeit zugrunde legt, unterstrich Heim. Bür­ gernähe und Selbstverwaltung seien aber nur möglich, wenn dem Kreis der nötige Gestaltungsspielraum und eine „angemesse­ ne finanzielle Ausstattung“ zugestanden würden. Mahnende Worte richtete der neue Landrat an die Landesregierung, indem er verlangte, die Handlungsspielräume der Kommunen nicht noch weiter einzuengen. Die Verbundenheit mit Dr. Rainer Gut­ knecht und die herzliche Aufoahme seines Nachfolgers im Schwarzwald-Baar-Kreis ka- men mehrfach auch im Anschluß an den offiziellen Teil der Feierstunde zum Aus­ druck. Den Stehempfang nutzten die Gäste, um „Danke“ an Dr. Gutknecht zu sagen und Karl Heim einen guten Start zu wünschen. Den musikalischen Rahmen hatte im übri­ gen das Saxophon-Ensemble der Stadtka­ pelle Blumberg geschaffen. In bekannt vor­ züglicher Art und Weise war mit seinem Auftritt ein persönlicher Wunsch von Dr. Gutknecht erfüllt worden. Aud1 daß die ge­ samte Feier in schlichtem Rahmen stattfand, war der Wunsch der beiden Hauptpersonen, wie eingangs des Festaktes St. Georgens Alt­ Bürgermeister Günter Lauffer zum Aus­ druck gebracht hatte.

Das Saxophon-Ensemble der Stadtkapelle Blumberg umrahmte die Feierlichkeiten aus Anlaß der ver­ absc/1i1,dung von landmt Dr. Gutknecht und der Amtseirifiihrung von Karl Heim mit excellenter Musik. Unten: Ministerpräsident Erwin Teufel (Mille, hinten) im Gespräch, vorne rechts Donau­ eschingem Bürgermeister D,: Everke wünscht Landrat Karl Heim einen guten Start. 10

Im Dienst am Schwarzwald-Baar-Kreis Dr. Rainer Gutknecht ein Landrat aus Berufung Mit Ablauf des 31. Mai 1996 ist Landrat Dr. Rainer Gutknecht nach nahezu 23 Dienstjahren in den Ruhestand getreten. Was liegt näher, als diesen Mann in der 21. Folge seines Almanachs zu würdigen. Hat er doch selbst diese Schriftenreihe 1977 be­ gründet und seither mit Herzblut mitredi­ giert. Das Handeln Dr. Gutknechts, seine An­ schauungen und Interessen, damit auch sei­ ne Amtsführung sind, wie eigentlich bei je­ dem Menschen, Ergebnis vielfaltiger Ein­ flüsse. Sicher hat ihn aber, das verkennt er selbst nicht, das Elternhaus, insbesondere der Vater entscheidend geprägt. In der Fa­ milie des damaligen Bürgermeisters der ehe­ maligen freien Reichsstadt Rottweil be­ stimmte dieser, der von sich selbst, wohl eher spaßhaft aber nicht ohne Grund, als ei­ nem preußischen Schwaben sprach. Da herrschte Pflichtbewußtsein, Korrektheit auf allen Ebenen, Sparsamkeit und Distanz wo nötig. Dr. Gutknecht hat öfters ein bleiben­ des Jugenderlebnis erzählt: In der Zeit kurz nach dem Kriege, als die Lebensmittel äußerst knapp waren, erhielt der Vater von einem Forstbeamten ein Stück Wild ge­ schenkt. Dieses landete zum Leidwesen des damals 15 oder 16 Jahren alten, stets hung­ rigen Jungen nicht im mütterlichen Koch­ topf Auf Geheiß des Vaters mußte er das Stück schweren Herzens in der Küche des städtischen Spitals abliefern. Die Mutter hat jedoch, so berichtet Dr. Gutknecht, die Strenge des Vaters mit mütterlicher Güte im­ mer wieder korrigiert. Es war kein Wunder, daß im Elternhaus unter dem starken Einfluß des Vaters die kommunale Laufbahn des Sohnes vorbe­ stimmt wurde. Dem Abitur am humanisti­ schen Gymnasium zu Rottweil 1951 folgte das Studium der Rechts- und Staatswissen- schaften an den Universitäten Tübingen, Heidelberg und München, 1955 die erste juristische Staatsprüfung, 1958 die Promoti­ on und anfangs 1960 die zweite juristische Staatsprüfung. Dr. Gutknecht wußte, daß der Blick hinter den Horizont noch keinem geschadet hat, und daß Theorie und Praxis­ erfahrung für eine künftige kommunalpoli­ tische Tätigkeit in der Heimat außerordent­ lich wichtig sind. Dies alles holte er sich fernab dem schwäbischen Milieu, nämlich dort, wo die sprichwörtlichen rheinischen Frohnaturen zu Hause sind. Ob diese auf ihn abgefärbt haben, mag jeder, der Dr. Gut­ knecht kennt, selbst beurteilen. Ein Kreisrat aus dem durch die Kreisreform „annek­ tierten“ südlichen Bereich des Schwarzwald­ Baar-Kreises, glaubt dies jedenfalls ausge­ macht zu haben, wenn er bei ihm eine ge­ wisse „Schlingeligkeit“ feststellt. Sicher ist, daß Dr. Gutknechts Ungeduld auch Mitar­ beitern gegenüber, bei der Umsetzung von Vorhaben und Verwaltungsvorgängen, seine Genauigkeit und Disziplin sich selbst und anderen gegenüber ihren schwäbischen Ur­ sprung nicht verdeckten. So war die mehr theorieorientierte Tätig­ keit beim Deutschen Städtetag in Köln als Referent für Organisation, Verfassung und Polizei während insgesamt 6 Jahren und die 6 ‚hjährige Aufgabe als Kreisdirektor des Rheinisch-Bergischen Kreises eine hervorra­ gende Schulung für das nun folgende Amt des Landrats. In dieses Amt wurde Dr. Gut­ knecht am 13. Juli 1973 vom ersten Kreistag des Schwarzwald-Baar-Kreises gewählt. Er trat es am 1. Oktober 1973 an. Nach zwei­ maliger Wiederwahl, am 6.Juli 1981 und am 4. Juli 1989, wechselt er nun wegen Er­ reichung der Altergrenze mit Ablauf des 31. Mai 1996 in den Ruhestand. Dr. Gutknecht hat diesem Amt seinen per- 11

sönlichen Stil gegeben. Er hatte den Vorteil, am Anfang keine eingefahrene Geleise be­ nutzen zu müssen. Dies war schon deshalb nicht möglich, weil bis kurz vorher zwei Landräte ihre sicher nicht parallel verlau­ fenden Geleise gelegt hatten: Dr. Astfaller im ehemaligen Landkreis Villingen und Dr. Lienhart im früheren Landkreis Donau­ eschingen. Trotz dieses Zwanges zum nahe­ zu radikalen Neubeginn, den beide Vorgän­ ger sicher nicht immer in völliger Überein­ stimmung beobachtet haben, hat er mit beiden ein freundschaftliches Verhältnis auf­ gebaut, indem er sie, wo immer möglich, in das Kreisgeschehen einband. Es waren zwei große kreispolitische Pro­ blemfelder, die Dr. Gutknecht umtrieben. Zum einen die Bewahrung der Stärke und der Kompetenzen des durch die Kreisreform neugebildeten Landkreises. Zum anderen aus dem Kreis, dem unbekannten Wesen, wie er öfters zu sagen pflegte, eine Gebiets­ körperschaft zu formen, die bei den Bürge­ rinnen und Bürgern eine ähnliche Akzep­ tanz wie die der Städte und Gemeinden hat. So hat er den Landkreis gegen alle Versuche verteidigt, ihn von unten oder oben zu schwächen. Vielleicht war ihm hierbei seine strenge, ju­ ristisch geschulte Denkweise manchmal et­ was im Wege. Da konnte es deshalb hin und wieder zu Konflikten mit dem einen oder anderen Bürgermeister kommen, wenn ein Ermessensspielraum von ihm zwar juristisch einwandfrei, aber nicht unbedingt zu dessen Gunsten angewendet wurde. Diesen engen Rahmen setzte er sich bewußt, weil er stets mit gleicher Elle messen wollte. Sein großer Angstgegner war der Regionalverband. Ge­ gen dessen Bestrebungen auf Kompetenz­ ausweitung verteidigte er den Landkreis mit Zähnen und Klauen, nicht immer zur Freu­ de mancher seiner Kollegen und mancher Kreisräte. Seine Therapie, das Gebrechen der relati­ ven Unbekanntheit des Kreises zu heilen und ein gemeinsames Kreisbewußtsein zu 12 schaffen, war wirkungsvoll. Da sind die zwanzig Folgen des bereits erwähnten Kreisalmanachs, der in weiten Kreisen der Bevölkerung jährlich mit Freude und Span­ nung erwartet wird. Da ist das Kreiskran­ kenhaus in Donaueschingen, das sich unter seiner Fürsorge zu einer bei Bürgern des ganzen Kreisgebietes und darüber hinaus anerkannten Einrichtung entwickelt hat. Gewaltige Investitionen zur Verbesserung der Gesamtinfrastruktur des Landkreises wurden nicht nur in Villingen-Schwennin­ gen, dem Oberzentrum der Region getätigt, sondern mit dem Willen Dr. Gutknechts de­ zentral und mit Absicht gerade auch in Do­ naueschingen, dem einstigen Sitz des ehe­ maligen Landkreises. Es ist unmöglich, an dieser Stelle alle Maß­ nahmen aufzuzählen. Erwähnt werden sol­ len nur der vorbildliche Aus- und Neubau von Berufsschulen mit insgesamt 88 Millio­ nen Mark, die modernen und schülerge­ rechten Sonderschulen für körperlich und geistig Behinderte mit 37 Millionen Mark und die Kreisstraßen mit rund 122 Millio­ nen Mark Investitionssumme. In diesen Rahmen gehört auch die Über­ nahme der gesamten Abfallwirtschaft auf den Landkreis und damit die Schaffung ei­ ner wirkungsvollen und kreiseinheitlichen Umweltvorsorge. Ein Höhepunkt, vielleicht der Glanzpunkt im beruflichen Leben Dr. Gutknechts, war der Bau des neuen Landratsamtes, das er selbst stets als „Kreishaus“ anpries. Es ging ihm hier nicht nur vordergründig um ein Gebäude, in dem endlich alle Zweige der Verwaltung unter einem Dach vereinigt sind, in dem für die Mitarbeiter endlich gute Arbeitsbedingungen zur Verfügung stehen und in dem kurze Wege zu effektiverer Ar­ beit führen, sondern auch darum, den Land­ kreis nach außen in seiner Bedeutung für den Bürger sichtbar darzustellen. Die durch­ sichtige und filigrane Architektur des Hau­ ses, die Kunst im und am Bau, für die er sich besonders einsetzte, hat ihm in seiner Ab-

Kein persönliches Geschenk, sondern eine Spende fiir die philippinische Region Albay halle sich Dr. Gut­ knecht (Mille} aus Anlaß der Verabschiedung in den Ruhestand gewiinscht. Bei einer Sammlung im Landratsamt waren insgesamt 2 500 Mark zusammengekommen. Der Erste Landesbeamte Friede­ mann Kiih11er (rfchts} iiberreichte symbolisch einen Scheck. Links der neue Landrat Karl Heim. sieht recht gegeben. Dieses Vorhaben war im Kreistag heftig umstritten. Dr. Gutknecht war sich mit der Mehrheit des Kreistages darüber einig, daß der an sich notwendige Neubau erst nach er­ heblichem Abbau der durch die vorrangigen Berufs- und Sonderschulneubauten entstan­ denen Schulden begonnen werden sollte. Als dieser Zeitpunkt gekommen war, war er der unermüdlich treibende Motor für dieses Werk. Das Datum der Einweihung, der 8. November 1991, wird ihm immer in Erin­ nerung bleiben. Der neue und doch schon in die Jahre ge­ kommene Schwarzwald-Baar-Kreis steht nun nach dem Ende der Dienstzeit Dr. Gut­ knechts auf solidem Fundament. Er hat ihn, mit Ausnahme der ersten neun Monate sei­ nes Bestehens, entwickelt und ihm in vielen Bereichen seine persönliche Handschrift ge- geben. Sein Vorgänger, Dr. Astfäller, hat im­ mer wieder die Quintessenz allen Handelns, insbesondere auch im kommunalpolitisch­ en Raum, so auf den Punkt gebracht: ,,Man schiebt und wird geschoben.“ Bei Dr. Gut­ knecht überwog eindeutig das Schieben. Doch hat er nie das Erreichte mit seinem Namen verknüpft. Denkmäler für sich zu schaffen, entsprach nicht seinem im Grun­ de bescheidenen Wesen. Er hat deshalb nie verkannt, daß die Gremien des Kreises – Kreistag und Ausschüsse – letztendlich ent­ sprechend ihrer verfassungsgemäßen Sou­ veränität entscheiden. Daß diese Entschei­ dungen überwiegend partei- und fraktions­ übergreifend getroffen werden konnten, war Ausfluß seines Bemühens, keine einseitige Parteilichkeit aufkommen zu lassen. Günter La11.ffer 13

Die Zukunft aktiv mitgestalten Landrat Karl Heim erhofft sich weitere Intensivierung des Kreisbewußtseins Er will wissen, wo die Menschen hier „der Schuh drückt“, im Gespräch ihre Sorgen kennenlernen. Und er will die Zukunft des Landkreises mitgestalten, nicht „nur“ Ver­ walter einer Behörde sein. Karl Heim erlebt die ersten Monate seiner Amtszeit als span­ nendes Hineintasten in eine Aufgabe, wie sie aus seinem Blickwinkel vielfaltiger und interessanter nicht sein könnte. Er sagt es frei heraus: Landrat zu sein, bedeutet für ihn die Verwirklichung eines Lebenszieles. Das stellt Karl Heim beim Gespräch über den neuen ersten Mann im Landratsamt auf dem Villinger Hoptbühl vorne an. Seine persönliche Bilanz der ersten 100 Tage: Die Aufnahme im Schwarzwald-Baar-Kreis ist überaus freundlich. Gleich ob bei Antritts­ besuchen in Städten und Gemeinden, bei Behörden, Schulen, caritativen Organisa­ tionen oder der Wirtschaft, Karl Heim ver­ spürt Offenheit, und auch die Probleme werden frei heraus benannt. Der Schwarzwald-Baar-Kreis ist einer von 35 Landkreisen Baden-Württembergs, die im Zuge des Kreisreformgesetzes vom 26. Juli 1971 aus ehemals 63 Landkreisen neu gebildet wurden. Der von Verwaltungsrefor­ mern verordnete Zusammenschluß von 20 Städten und Gemeinden unserer Region, in denen gegenwärtig rund 208 000 Menschen leben, 12 Prozent davon ausländischer Na­ tionalität, brachte den erhofften Zuwachs an Leistungs- und Verwaltungskraft, das ist heute unbestritten. Doch auch nach bald 25 Jahren präsentieren sich die beiden ehema­ ligen Landkreise Villingen und Donau­ eschingen als eine Heimatregion mit nicht nur tiefgreifenden geologischen Unterschie­ den: Zwischen dem niedrigsten Punkt, der Wutach südlich von Blumberg, und dem höchsten Punkt, dem 1155 Meter hohen 14 Rohrhardsberg, trifft man auf eine über Jahr­ hunderte gewachsene Vielfalt und Eigen­ ständigkeit, die die Kreisreform nicht „über Nacht“ beendet hat, nicht beenden wollte. Doch erhofft wurde ein neues Kreisbewußt­ sein, aber dieses hat sich noch nicht in voll­ em Umfang ausgebildet: Daß sich die Men­ schen noch stärker mit ihrem Schwarzwald­ Baar-Kreis identifizieren, dem gemeinsa­ men Dach, ihr Kreisbewußtsein weiter wächst, bezeichnet Karl Heim deshalb als ei­ nes seiner Hauptanliegen. Der Landrat: „Nur gemeinsam sind wir stark. Es ist mein Ziel, das Kreisbewußtsein zu intensivieren. Die Menschen sollen stolz sein auf ihre Heimatgemeinde, sprich Heimatstadt, aber eben auch auf ihren Schwarzwald-Baar­ Kreis.“ Ein Konzept für Arbeit In einer Zeit der beschränkten finanziellen Möglichkeiten ist Gemeinsamkeit auch in anderer Hinsicht dringend: Neben Sozial­ ausgaben, Müllentsorgung und Nahverkehr, ist die Arbeitsmarktsituation das zentrale Thema: Mit jedem Arbeitsplatz, mit jedem Unternehmen, stirbt auch ein Stück dieser Region. Die Konsequenz hieraus ist von er­ schreckender Banalität: Nur wo Menschen Arbeit finden, können sie leben. Karl Heim: ,,Was tun wir mit der steigenden Zahl von ar­ beitslosen Jugendlichen und Langzeitar­ beitslosen? Es gibt zwar Ansätze, diese in ei­ ne Beschäftigung zu vermitteln, doch letzt­ lich sind die gegenwärtigen Aktivitäten nicht mehr als der berühmte Tropfen auf den heißen Stein.“ Auch wenn die Möglichkeiten eines Land­ kreises hinsichtlich der Sicherung von Ar­ beitsplätzen und Neuansiedlung von Un-

ternehmen beschränkt sind, will der neue Landrat seine – begrenzten – Spielräume konsequent nutzen, z.B. durch zügige Ge­ nehmigungsverfahren, ergänzende Ausbil­ dungsmöglichkeiten an den Beruflichen Schulen oder Hilfestellungen für jugendli­ che Arbeitslose. Von einer Stärken-Schwäch­ en-Analyse des Landkreises erhofft er sich neue Ansätze zur Belebung der Wirtschaft. Sie soll die Basis für einen Schulterschluß sein: Der Landrat sucht die verstärkte Zu­ sammenarbeit mit Arbeitsamt, lndustrie­ und Handelskammer, Handwerkskammer und den Kommunen. Karl Heim: ,,Wir brauchen auf der Basis der Stärken­ Schwächen-Analyse ein konkretes Hand­ lungskonzept. Die geographische Lage des Schwarzwald-Baar-Kreises bietet gute Chan­ cen, vor allem für den Mittelstand und das Handwerk.“ Dabei ist der Landrat hinsicht­ lich der Organisationsform, in der die Maß­ nahmen umgesetzt werden sollen, offen. Denkbar wäre z.B. eine Gesellschaft für Wirtschaftsförderung mit dem Landkreis und den Städten und Gemeinden als Ge­ sellschafter, wie sie im Zollernalbkreis seit dem 1. Januar 1996 besteht. Eng verknüpft mit der Lage auf dem AI­ beitsmarkt sind die Problemstellungen im sozialen Bereich. Karl Heim: ,,Die Sozial­ ausgaben belasten unseren Etat enorm. 1996 mußten allein für diese Kreisaufgabe 90 Millionen Mark aufgewandt werden.“ Weil die Sozialausgaben das Angehen ande­ rer dringender Aufgaben immer mehr be­ hindern – Aufgaben, die der Landkreis im Dienst der Städte und Gemeinden zu leisten hat – sieht Karl Heim in der Explosion der Sozialkosten eine Entwicklung, die das Ver­ hältnis zwischen Landkreis und Kommunen belasten könnte. Zumal, da der Landkreis so gut wie keinen Einfluß auf die Höhe der So­ zialausgaben ausüben kann: er hat umzu­ setzen, was von der Bundesregierung be­ schlossen wird. Wie sehr die Sozialkosten zum Zünglein an der Waage werden könnten, wenn es um Die erslen 100 Tage sind nbsoh1ierl: Landrat Karl Heim beim Tagesgeschäft in seinem Biiro im Landratsamt auf dem Villinger Hoplbiih/. die Bewältigung dringender Zukunftsaufga­ ben im Landkreis geht, zeigt sich auch am Beispiel des Öffentlichen Personennahver­ kelm, kurz ÖPNV. Karl Heim i1ieht hier ei­ ne der großen neuen Gestaltungsaufgaben der Landkreise. Was die Planung anbelangt, sei der Schwarzwald-Baar-Kreis relativ weit. Das Stadtbahnkonzept für die Strecke von Bräunlingen bis Trossingen liegt auf dem Tisch und findet die volle Zustimmung des neuen Landrates. ,,Wenn überhaupt ver­ dichteter Schienenverkehr, dann dort. Das Stadtbahnkonzept ist für mich auch kein Widerspruch zur Ringbahn, sondern inte­ graler Bestandteil“, faßt Heim zusammen. Und was den Busverkehr anbelangt, so sei dieser schon relativ gut ausgebaut. Jetzt müs­ se der integrale Taktverkehr eingeführt wer­ den, der Busse und Bahnen aufeinander ab- 15

stimme. Wie rasch und in welchem Umfang sich diese Optimierung des Nahverkehrs je­ doch umsetzen läßt, hängt eng mit der Ent­ wicklung der Finanzlage zusammen. Über allem steht die Frage: ,,Was kann sid1 der Schwarzwald-Baar-Kreis denn schlußend­ lich noch leisten'“ Darauf, so Heim, komme es an. Wirtschaftsförderung, Sozialausgaben und ÖPNV, die Auflistung von Zukunftsaufga­ ben des Landkreises ließe sich auf viele Ge­ biete ausweiten, ein Thema aber steht in der Wertigkeit ebenfalls ganz oben: Was ge­ schieht mit dem Müll unserer Wohlstands­ gesellschaft? Für Karl Heim führt an der thermischen Behandlung des Restmülls kein Weg vorbei. Er will an der Planung einer ge­ meinsamen Müllverbrennungsanlage mit den Nachbarkreisen Rottweil und Tuttlin­ gen festhalten, wenn auch die Nachbarkrei­ se weiterhin zu dieser Kooperation stehen. Aber neun Jahre im „Müllgeschäft“ haben ihm auch aufgezeigt, daß man für neue tech­ nische Entwicklungen offen sein muß. Es gelte, den Rat von Fachleuten einzuholen, die die Techniken im Vergleich zu bewerten hätten und danach eine Entscheidung zu fallen. Die Aufgabenstellungen der Zukunft sind komplex, unbewältigbar erscheinen sie Karl Heim nicht. Er warnt davor, in Pessimismus zu verfallen, auch wenn von „oben“ sicher kein Geldsegen zu e1warten sei. Und: Eine Finanzierung der Vorhaben nur über eine weitere Erhöhung der Kreisumlage ist für Karl Heim gleid1falls keine Lösung, er will die Kommunen möglichst nicht erneut in die Pflicht nehmen müssen, denn auch de­ ren Kassen sind leer. Die ersten acht Jahre seiner Amtszeit im Schwarzwald-Baar-Kreis stehen somit im Zeichen einer finanzpoliti­ schen Gratwanderung, die Karl Heim je­ doch auch als Chance begreift. Es gelte, not­ wendige Veränderungen anzugehen, das Landratsamt sei davon nicht ausgenommen. Wirtschaftlich und transparent arbeiten, Ei­ genverantwortung und Budgetierung der 16 Kosten in den einzelnen Ausgabenberei­ d1en, sind einige Ansätze zu einer „Verwal­ tungsreform nach Innen“, bei der der neue Landrat auf seine Mitarbeiter baut, die er als seine besten Helfer bezeichnet. Für Karl Heim bringt das Amt des Landra­ tes eine Fülle von Aufgaben und Pflichten. Er hat den Vorsitz im Kreistag mne – aller­ dings ohne Stimmrecht – leitet das Land­ ratsamt und ist gesetzlicher Vertreter des Landkreises. Umfassende Kenntnisse des Verwaltungsrechts und vielfaltit;e Erfahrun­ gen im öffentlichen Dienst sind für ihn die Basis bei der Bewältigung der mit dieser Po­ sition verbundenen Arbeitsla:;t: 1950 in Bochingen, Kreis Rottweil, geboren, begann er als l 7jähriger seine Verwaltungslaufbahn mit dem Vorbereitungsdienst n r den geho­ benen Verwaltungsdienst, den er als Di­ plom-Verwaltungswirt (FH) abschloß. Es folgte das Studium der Verwaltungswissen­ schaften an der Universität Konstanz in den Jahren 1972 bis 1977. Abgeschlossen hat Karl Heim mit dem akademischen Grad „Diplomverwaltungswissenschaftler“. Der zweiten Staatsprüfung mit Befähigung für den höheren allgemeinen Verwaltungs­ dienst ging ein Referendariat beim Land­ ratsamt Böblingen, dem Regierungspräsidi­ um Stuttgart, im Innenministerium Baden­ Württemberg sowie an der Fachhochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer voraus. Am Beginn des beruflit:hen Werdegangs stand in den Jahren 1979 bis 1982 eine T ätigkeit als Regierungsassessor und im Anschluß als Regierungsrat beim Landrats­ amt Freudenstadt, wo Karl Heim als Dezer­ nent für die Bereiche Verkehrswesen sowie Rechts- und Ordnungsamt fungierte. Im Oktober 1982 wurde Karl Heim an die Hochschule für Verwaltungswissensdiaften in Speyer berufen, wirkte als Assistent von Prof. Dr. Frido Wagener am Lehrstuhl für allgemeine Verwaltungswissenschaften. In den Jahren 1984 bis 1987 ist er im Regie­ rungspräsidium Stuttgart zunächst als Refe-

Landrat Karl Heim mit Ehefrau Ingrid und den Töchtern Daniela {links) und lerena. rent für Immissionsschutz tätig und danach als Leiter der Koordinationsstelle des Regie­ rungspräsidenten. Mit Wirkung zum 1. Mai 1987 wechselt Karl Heim als Erster Landesbeamter und Stellvertreter des Landrates zum Landrats­ amt Zollernalbkreis in Balingen. In dieser Eigenschaft übernimmt er die Leitung der Landkreisbehörde in Vertretung des Land­ rates sowie die Vertretung und Repräsenta­ tion des Landkreises nach außen. Als De­ zernent war er dort unmittelbar zuständig für das Bau- und Umweltschutzamt, Rechts­ und Ordnungsamt, Abfallwirtschaftsamt, Schulverwaltungsamt und seit dem l. Juli 1995 zudem für das Wasser- und Boden­ schutzamt sowie das Veterinäramt. Angesichts der Fülle von Aufgaben ist die Freizeit für Karl Heim nach seiner Wahl zum Landrat knapp bemessen. Sie widmet er voll und ganz der Familie, Ehefrau Ingrid, mit der er seit 1976 verheiratet ist, und den beiden Töchtern Verena und Daniela. Karl Heim bezeichnet sich als Familienmensch, und die Freizeit wird aktiv verbracht: die Heims fahren gerne Rad oder gehen Wan­ dern, im Schwarzwald und der Baar, um den neuen Wirkungskreis noch besser kennen­ zulernen. Auch ansonsten sind die Interes­ sen breit gefächtert: Der 46jährige fotogra­ fiert und liest sehr gerne, am liebsten greift er zu Büchern, die regionale Zeitgeschichte zum Inhalt haben. Im Augenblick zu jenen mit den Schwerpunkten Schwarzwald und Baar, der neuen Heimat der Familie Heim. Wi!fried Dold 17

Der Landkreis und seine Aufgaben Fahrtenangebot verdichtet und vertaktet Der öffentliche Personennahverkehr leistet wichtigen Beitrag zum Umweltschutz Mit der Bahnreform wurde zum l. Januar 1996 die Aufgabenträgerschan und damit die Verantwortung für die Organisation des Nahverkehrs auf die Länder und Kommu­ nen verlagert. Der Schwarzwald-Saar-Kreis hat damit nun formell die Zuständigkeit für den „Straßen-ÖPNV“. Ziel ist eine bessere Vernetzung des Nahverkehrs auf Schiene und Straße. Die Verbesserung des Fahrtenangebotes strengte der Schwarzwald-Saar-Kreis jedoch bereits seit der Übertragung der Zuständig­ keiten für das Personenbeförderungsrecht und die Schülerbeförderung im Jahr 1983 von den Regierungspräsidien auf Stadt- und Landkreise an. Insbesondere die Schüler­ busse wurden soweit als möglich in den ÖPNV integriert. Durch diese Einbezie­ hung wurde das kreisweite Angebot an Fahr­ ten erheblich gesteigert und auch in schwächeren Zeiten das Angebot verdichtet. Die Schülerbeförderung ist wesentlicher Be­ standteil der öffentlichen Verkehrslinien und deshalb das Rückgrat des ÖPNV. Der Landkreis hat darüber hinaus seit dem Jahr 1983 fast im gesamten Kreisgebiet den ÖPNV neu geordnet, indem er das beste­ hende Fahrtenangebot überarbeitet, ver­ dichtet und vertaktet hat. Im Jahr 1996 war die Neukonzeption des Am B((/mhofin VS-Villingen, die Optimierung des Nahverkehrs isl ein vorrangiges Ziel im Kreis. 18

Ein kreisweiter Zonen- tarif wird die Tarif- strukturen vereinfa- chen und übersichtli- eher machen. Ein neu- es Informationssystem soll das Lesen der Fahrpläne erleichtern. sogenannten Hintervillinger Raumes (Be­ reich zwischen Königsfeld, Mönchweiler, Villingen-Schwenningen und der Kreisgren­ ze Rottweil) eines der Hauptthemen im Be­ reich des Nahverkehrs. Zum Schuljahresbe­ ginn 1996/1997 wurde durch eine Abstimmung von Fahr­ plan und Tarif vor allem die Anbindung an das Oberzen­ trum Villingen-Schwenningen verbessert, um denselben Ver­ dichtungsgrad wie im übrigen Kreisgebiet zu erhalten. Im Rahmen einer gegenseiti­ gen Kooperation der zahlrei­ chen Busunternehmen, die in diesem Bereich Linienverkehre betreiben, wurden durch den Abbau von Parallelverkehren und der Einrichtung von Mehrleistungen neue Zusatzangebote geschaffen. Im Berichtszeitraum war die bereits vorge­ stellte Stadtbahnkonzeption als Bestandteil des Ringzugsystemes um weitere Varianten ergänzt und aktualisiert worden. Gemein­ sam mit den Landkreisen Rottweil und Tutt­ lingen wurde 1996 der Rahmen-GVFG-An­ trag für eine Bezuschußung des Ringzugsy­ stemes beim Land Baden-Württemberg ge­ stellt. Eine Umsetzung der Konzeption ist nur möglich bei finanziellen Zuschüssen des Landes Baden-Württemberg, so daß derzeit diese Entscheidung abzuwar­ ten ist. Der Schwarzwald-Baar-Kreis sieht es als eine seiner Haupt­ aufgaben an, der Bevölkerung ein effizientes ÖPNV-Angebot zur Verfügung zu stellen. Denn nur dann, wenn der ÖPNV eine attraktive Alternative zum Individualverkehr darstellt, wird er von noch mehr Bür­ gern angenommen und Städte und Gemeinden vom Fahr­ zeugverkehr entlastet. Neben einem ausreichenden Fahr- planangebot sind möglichst günstige Tarife und die Fahrgastinformation wesentliche Faktoren für die Steigerung der Attraktivität des ÖPNV Mit der Einführung der elektronischen im Jahr Fahrscheindrucker 1994/1995 besteht nunmehr die Möglichkeit, Abrechnun­ gen zwischen den Unterneh­ men linien- und unterneh­ mensbezogen vorzunehmen. Dies ist zwingende Vorausset­ zung für eine Tarifkooperati­ on. Einzelne Busunternehmen haben nach der Erprobungs­ phase die tarifliche Zusam­ menarbeit verstärkt, so daß für bestimmte Strecken nur noch ein Fahrschein erforderlich ist. Darüber hinaus hat die Verwaltung einen Zonentarif geplant, der kreisweit eingeführt werden soll. Damit wird die Tarifstruktur vereinfacht und übersichtlicher. Bei der Um­ setzung sind den Unternehmen allerdings Durchtarifierungsverluste zu ersetzen, was erhebliche Mehrkosten mit sich bringen wird. Der Schwarzwald-Baar-Kreis wird beim Land Baden-Württemberg Zuschüsse zu diesen verbundbedingten Mehrkosten beantragen. Die Verwaltung ist sich gleichzeitig be­ wußt, daß eine aktuelle und umfassende Verkehrsinformation wesent­ licher Bestandteil eines effi­ zienten ÖPNV-Angebotes ist. In bewährter Zusammenarbeit mit der SüdbadenBus-GmbH, gibt der Landkreis seit 1993 ei­ nen Kreisfahrplan heraus. Alle Verkehre des Kreisgebietes und der näheren Umgebung sind zur Unterrichtung über das Fahrplanangebot enthalten. Um denjenigen Kunden, der sich im Fahrplansystem nicht auskennt, den Zugang zu er­ leichtern, fördert das Land Ba-19

den-Württemberg fur eine landesweite Fahr­ planauskunft über alle öffentlichen Ver­ kehrsmittel das System „EFA-WIN“. Dieses System enthält sämtliche ÖPNV-Daten von Haus zu Haus, einschließlich der Angaben der Haltestelle, alternativer Beförderungs­ mittel wie z. B. Anruf-Sammelbus, des Prei­ ses und evtl. erforderlicher Fußwege. Der ÖPNV-Kunde kann sich seinen persönli­ chen Fahrplan bei den Verkaufsstellen der Verkehrsunternehmen, an Informationssäu­ len oder über den PC im Büro oder zu Hau­ se „on line“ erstellen lassen. Der Schw,1rz- Mit der Einfiilmmg der eleklronischen Fahrscheindrucker besieht seil geraumer Zeil di1• Möglichkeit da Trtrijkooperation. Piir be­ stimmle Strecken ist Ji:lzt 1111, norh ein Fahrsrhein e,forderlich. 20 wald-Baar-Kreis beabsichtigt, sich bei der Einführung dieses Systems zu beteiligen und damit auch den Kreisbürgern in naher Zukunft jederzeit einen aktuellen Zugriff auf sämtliche Daten aller Verkehrsmittel zu ermöglichen, um auf diese Weise ebenfalls die Akzeptanz des ÖPNV zu erhöhen. Die Verwaltung ist sich bewußt, daß in un­ serem ländlichen Raum der ÖPNV nicht zu einer gleichwertigen Alternative zum moto­ risierten Individualverkehr ausgebaut wer­ den kann. Dennoch beschränkt sich diese Auf)!,tbc ,HIS Sicht des Landkreises nicht auf die Sicherung der Grundver­ sorgung. Eine Verbesserung des ÖPNV wird überall dort ,rngestrebt, wo sie betriebs­ wirtschaftlich vertretbar und finanzierbar ist. Dabei be­ schränkt sich der Landkreis nicht auf die Neuordnung vorhandener Verkehre, son­ dern strebt darüber hinaus ta­ riAiche Verbesserungen, die Einführung alternativer Be­ dienungsangebote und noch aktuellere Fahrgastinforma­ tion an. Denn nur bei einem insgesamt abgestimmten Nah­ verkehrs-Angebot kann die Motivation zu einer Verhal­ tensänderung erhöht werden. Schließlich ist jede Fahrt, die nicht mit dem eigenen Auto, sondern mit dem ÖPNV , zurückgelegt wird, ein Beitrag zum Schutz der Umwelt. Und gerade der Schwarzwald-Baar­ Kreis als Erholungsraum muß wirksam vor den Umweltein­ flüssen des Verkehrs geschützt werden. Gabriele Seefried

Erstmals sinken Sozialhilfekosten leicht Für die soziale Sicherung müssen 90 Millionen Mark aufgewendet werden Das vergangene Jahr läßt sich im Sozial­ wesen des Landkreises – jedenfalls in finan­ zieller Hinsicht – als Verschnaufpause auf ei­ nem langen steilen Weg nach oben bezeich­ nen, verbunden mit einem Blick in schwin· delerregende Höhen. Erstmals seit Jahren wird 1996 der vom Landkreis zu finanzie­ rende Aufwand für die soziale Sicherung ge· genüber dem Vorjahr von knapp 91 Millio­ nen Mark auf gut 90 Millionen zurückge· hen. Er liegt damit aber immer noch weit über der von den Gemeinden an den Land­ kreis zu leistenden Umlage von rund 80 Millionen Mark. Der Blick nach vorne verheißt jedoch für die Kommunen nichts Gutes: Beim Bund, aber auch beim Land, bestehen bekanntlich enorme Finanzierungsprobleme. Der Bund beabsichtigt daher massive Einschnitte bei der Arbeitslosenhilfe, was zwangsläufig Konsequenzen für die Sozialhilfeträger hat. Die Abschaffung der sogenannten ori· ginären Arbeitslosenhilfe (Arbeitlosenhilfe ohne vorangegangenes Beschäftigungsver­ hältnis aus dem Arbeitslosengeldansprüche erwachsen) sowie die jährliche Absenkung der Bemessungsgrundlage für die verblei· bende Arbeitslosenhilfe und andere Lei· stungski.irzungen, werden in der Sozialhilfe weitere Millionenaufwendungen zu Lasten der Kommunen verursachen. Auch das Land hat seine Sozialhilfeerstattung an die Landkreise für untergebrachte Spätaussied­ ler deutlich reduziert. All diese Maßnahmen reihen sich nahtlos ein in den seit Jahren zu beobachtenden „Verschiebebahnhof“ zu La· sten des letzten Netzes in der sozialen Si· cherung, nämlich der Sozialhilfe. Dieser Entwicklung gilt es mit aller Macht entge· genzutreten. Hinzu kommen Leistungsversprechungen in Bundesgesetzen, die von den Kommu- nen einzulösen sind (z. B. Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz). Diese Ent· wicklungen nahmen die Fraktionen des Kreistages zum Anlaß, sich Anfang 1996 in einer Resolution an den Bundeskanzler zu wenden, mit der Aufforderung, die Lasten· verschiebung zu beenden und dem Grund­ satz Geltung zu verschaffen, ,,wer anschafft, der bezahlt.“ Die Resonanz war – wie zu er­ warten – dürftig. Stabilisiert auf hohem Niveau In der Sozialhilfe war das vergangene Jahr geprägt von einer Stabilisierung auf hohem Niveau (Nettoaufwand 1995 – ohne Asyl· berechtigte, Bürgerkriegsflüchtlinge und ausländerrechtlich Geduldete: DM 23,3 Mio; Vorjahr DM 23,1 Mio). Diese Ent­ wicklung ist zurückzuführen auf die Entla· stung durch die Pflegeversicherung im am· bulanten Bereich. Die Pflegeversicherung ist auch Ursache dafür, daß die vom Landkreis zusätzlich zu finanzierende Umlage an den Landeswohlfahrtsverband für den Aufwand in den Pflegeheimen um gut DM 4 Mio. auf DM 37 Mio. reduziert werden konnte. Gleichwohl bleiben Zweifel, ob diese Entla· stungen, insbesondere im Heimbereich, dauerhaft sein werden. Die Begutachtung der Heimbewohner durch den medizini· sehen Dienst der Krankenkassen belegt, daß voraussichtlich 1/4 aller Heimbewohner keinen Anspruch auf Leistungen der Pflege­ kassen haben werden, also weiterhin viel­ fach auf Sozialhilfe angewiesen sind. Hinzu kommt, daß die Leistungen der Pflegekassen „gedeckelt“ sind (im Regelfall max. DM 2 800 pro Monat für den pflegebedingten Aufwand). Bei Pflegesätzen von rund DM 5 000 pro Monat werden viele nicht die Dif­ ferenz von über DM 2 000 aus eigenem Ein· 21

kommen/Vermögen aufbringen können. Skepsis, was die Entlastung der Kommunen angeht, ist also angebracht. Gleichwohl wird den Kommunen bereits jetzt die Entlastung angerechnet. So hat der Landtag im Juli 1995 beschlossen, den Landkreisen eine För­ derverpflichtung hinsichtlich der Investitio­ nen der ambulanten Pflegedienste (Sozial­ stationen, privat- gewerbliche Träger) aufzu­ erlegen. Hieraus erwächst dem Kreis ein zu­ sätzlicher Aufwand von rund DM 600 000 jährlich. Hinzu kommt die Förderverpflich­ tung hinsichtlich baulicher Investitionen für teilstationäre und stationäre Pflegeeinrich­ tungen. Anstehende Baumaßnahmen bei den Heimen im Landkreis erfordern hier Zuwendungen in Millionenhöhe. Die drin­ gend notwendige finanzielle Entlastung der Landkreise schmilzt so dahin. Erfreulich hat sich das vom Landkreis ini­ tiierte Förderprogramm für arbeitslose So­ zialhilfeempfänger entwickelt. Mit Unter­ stützung einer Vermittlungskraft des Dia­ konischen Werkes, konnten in 10 Mo­ naten knapp 70 So­ zialhilfeempfänger in Arbeitsverhältnis­ se auf dem regulären Arbeitsmarkt vermit­ telt werden. Damit ergibt sich für diese Personen und ihre Familien wieder eine Chance, unabhängig von der Sozialhilfe zu leben und für den Landkreis die Mög­ lichkeit, Steuergelder einzusparen. Explosionsartig ge­ stiegen sind im ver­ gangenen Jahr dage­ gen die Aufwendun­ gen des Landkreises für sogenannte aus­ länderrechtlich Ge- 22 Defizit: 10 Millionen Mark duldete und die Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien. Während 1994 hier noch ein Aufwand des Landkrei­ ses von DM 1,5 Mio. zu Buche schlug, be­ lief sich dieser 1995 auf rund DM 3,7 Mio. Zwar hat sich der Neuzugang von Asylbe­ werbern auch im vergangenen Jahr wieder reduziert (durchschnittlich lebten 1995 rd. 950 Asylbewerber im Landkreis), jedoch mußte nach Abschluß des Asylverfahrens eine Vielzahl der Personen geduldet werden, weil sie nicht abgeschoben werden können (insbesondere wiederum die Personen aus dem ehemaligen Jugoslawien). Die Fallzah­ len in der Sozialverwaltung beim Landkreis haben sich bei diesem Personenkreis binnen Jahresfrist mehr als verdoppelt. Bei den Bürgerkriegsflüchtlingen (ca. 700 Personen im Kreisgebiet) beobachten wir, daß diese zunehmend auf das Sozialamt zu­ kommen. Die Hilfsbereitschaft der Lands­ leute, die sie aufgenommen haben, er­ schöpft sich bei zunehmender Verweildauer der Flüchtlinge im­ mer stärker. Bei den Spätaussied­ lern setzt sich die ab­ nehmende Zugangs­ entwicklung der Vor­ jahre ebenfalls fort. Waren Anfang 1994 noch knapp l 400 in den Personen im Wohnheimen Landkreis unterge­ bracht, belief sich diese Zahl im Früh­ jahr 1996 auf nur noch 600 Personen. In der Folge konnten Heime im Landkreis geschlossen werden, zuletzt die Einrich­ tung „Maria Tann“ in Unterkirnach, wo Anfang der 90er Jah­ re noch bis zu 600 pro Einwohner ca..432,-DM 90Milhone:n Madt Sozialausgaben im Vergleich zur Kreisumlage – Etat 1996

Vom 1. Januar des Jah· rcs 1999 an hat jedes dreijährige Kind im Landkreis einen Platz im Kindergarten – Dank des Engage· ments der Kreisge· meinden und kjrchlicher Träger Aussiedler untergebracht waren. So erfreu­ lich diese Entwicklung auch sein mag, die Integrationsprobleme dieser Menschen wer­ den immer größer. Insbesondere im Bereich der Jugendlichen stellen wir zunehmend ei­ ne fehlende Motivation zur Integration fest. Massive Sprachprobleme und fehlende be­ rufliche Perspektiven für diese jungen Men­ schen führen zur Abschottung in Gruppen, oft verbunden mit Sucht-, Ge- walt- und Kriminalitätsproble­ men. Hier war und bleibt die Unterstützung durch die Ju­ gendhilfe gefordert. Ein vom Landeswohlfahrtsverband ge­ fördertes Modellprojekt in der Arbeit mit jugendlichen Spät­ aussiedlern ist dazu im Land­ kreis angelaufen. In der Jugendhilfe hatten wir im vergangenen Jahr die er­ freuliche Entwicklung, daß der vom Kreis zu finanzierende Aufwand ungefähr auf dem – allerdings hohen – Stand des Vorjahres blieb (rund DM 14 Mio.). Nach bis zu zweistelli­ gen Zuwachsraten in früheren Jahren ist dies um so erstaunlicher, als die Fallzahlen in den Hilfen zur Erziehung keineswegs rück­ läufig waren, im Gegenteil, die Fallzahlen nahmen nochmals um 120/o zu. Wesentli­ cher Grund für diese – wenigstens finanziell – erfreuliche Tatsache dürfte sein, daß es dem Kreisjugendamt mit der Ausdifferen­ zierung seiner Angebote zunehmend ge­ lingt, teure Fremdunterbringungen zu ver­ meiden. Hierauf wird an anderer Stelle des diesjährigen Almanachs ausführlich einge­ gangen. Im Bereich der Jugendhilfe sind drei wei­ tere Eckpunkte der Kreispolitik im vergan­ genen Jahr zu nennen: Im Oktober 1995 verabschiedete der Kreis­ tag die Jugendhilfeplanung (Hilfen zur Er­ ziehung) für das Städtedreieck Donau­ eschingen, Hüfingen und Bräunlingen. Dar­ in wurde die Absicht der Kreisverwaltung, vermehrt präventive Hilfeansätze zu schaf­ fen, ausdrücklich bestätigt. Die oben er­ wähnte Entwicklung zeigt, daß der Land­ kreis hier auf dem richtigen Weg ist. Im Jahr 1996 steht nunmehr die Jugendhilfeplanung für die Stadt St. Georgen an. In der Jugendhilfe waren das ausgehende Jahr 1995 und das Frühjahr 1996 weiter ge­ prägt von der Diskussion um den Rechtsan- spruch auf einen Kindergar: tenplatz. Bundes- und Landes­ gesetzgeber haben den Kreisen nach langem Ringen nun die Möglichkeit eingeräumt, in ei­ ner Übergangszeit bis Ende 1998 Stichtage einzuführen. Dies bedeutet, daß der Rechts­ anspruch für alle 3jährigen Kinder erst zu diesen Stichta­ gen eingefordert werden kann. Ab 1.Januar 1999 ist jedoch für jedes dreijährige Kind bis zum Schuleintritt ein Kin- dergartenplatz bereitzustellen. Die Gewährleistungsverantwortung hier­ für liegt beim Landkreis als Jugendhilfeträ­ ger. Die im Frühjahr 1996 von der Kreisver­ waltung bei den 19 Kreisgemeinden (ohne Stadt Villingen-Schwenningen, die eigener Träger der Jugendhilfe ist) erhobenen Daten und Ausbauabsichten belegen, daß Dank des außerordentlichen Engagements der Kreisgemeinden und der kirchlichen Träger der Rechtsanspruch zu den Stichtagen und ab dem !.Januar 1999 erfüllt werden kann. 1999 stehen voraussichtlich rund 5 600 theoretisch anspruchsberechtigten Kindern im Kreisgebiet rund 5 700 Kindergartenplät­ ze zur Verfügung. Mit sinkendenJahrgangs­ stärken ab dem Jahr 1999 wird dieses Ver­ hältnis noch besser, mit der Folge, daß die Gemeinden und die kirchlichen Träger be­ reits jetzt gut daran tun, bei den Planungen andere Nutzungen der dann freien Kapa­ zitäten ins Auge zu fassen. Kreisintern wird derzeit heftig die evtl. ,,Abgabe“ des Jugendamtes der Stadt Villin- 23

gen-Schwenningen an den Landkreis disku­ tiert. Diese seit Jahrzehnten bestehende Rechtsstellung der Stadt bedeutet, daß sie im Stadtgebiet anstelle des sonst zuständi­ gen Landkreises die Aufgaben der öffentli­ chen Jugendhilfe wahrnimmt. Die dabei in den Einzelfällen entstehenden Hilfeauf­ wendungen werden jedoch der Stadt vom Landkreis vollständig erstattet. Mit der Auf­ gabe der Stellung als öffentlicher Träger der Jugendhilfe erhofft sich die Stadt eine deut­ liche Reduzierung ihrer Personalausgaben, da die Aufgaben dann vom Landkreis wahr­ zunehmen und von dort das Personal zu stellen wäre. Nachdem einzelne Rechtsfra- gen geklärt sind, liegt es jetzt am Gemein­ derat der Stadt, einen entsprechenden Be­ schluß zu fassen. Dabei ist auch zu berück­ sichtigen, daß der Landesgesetzgeber nun­ mehr der Stadt Villingen-Schwenningen, so sie ihre Rechtsstellung beibehält, einen An­ spruch gegenüber dem Landkreis auf Ersatz der Personalkosten in Höhe von zwei Drit­ teln einräumt. Es bleibt abzuwarten, ob sich im Gemeinderat vor diesem Hintergrund ei­ ne Mehrheit für die „Abgabe“ findet, oder ob sich die Stadt als Oberzentrum weiterhin dieser sicherlich nicht unbedeutenden Auf­ gabe für Ihre Bürger stellen will.“ joad,im Gwinner Neue Wege in der Jugendhilfe Gemeinsam mit den Betroffenen nach individuellen Lösungen suchen Die „Fürsorgerinnen mit grauem Kostüm und Dutt“, deren Aufgabe es war zu kon­ trollieren, ob die Kinder gut genährt und der Haushalt ordentlich versorgt ist, gehören längst der Vergangenheit an. Die Jugendhil­ fe hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten grundlegend geändert: aus der früheren, ho­ heitlichen Eingriffsverwaltung, ist ein diffe­ renziertes Dienstleistungsangebot gewor­ den. Nicht mehr Kontrolle, sondern die ge­ meinsame Suche aller Betroffenen nach Lösungen bestimmen inzwischen die all­ tägliche Arbeit des Jugendamtes. Gemein­ sam mit den hilfesuchenden Familien, ju­ gendlichen und Kindern, werden Probleme besprochen und individuelle Lösungen ge­ sucht. Vor allem die Ende der 60er Jahre kritische Diskussion über die Lebensbedingungen in der Heimerziehung und neugewonnene fachliche Erkenntnisse in der Beratungsar­ beit, führten zu der Suche nach neuen Hil­ femöglichkeiten. Dabei gewann die Zusam­ menarbeit mit der Familie entscheidende Bedeutung. Oft müssen weitere Menschen oder Institutionen in den Beratungsprozeß eingebunden werden, Lehrer und Lehrerin­ nen z.B. bei Schulproblemen, aber auch Verwandte und Freunde oder Freundinnen. Ziel ist es, das soziale Umfeld des Kindes und der Familie so zu verändern, daß eine Lösung der Schwierigkeiten möglich wird. Zumeist ist dies für alle Beteiligten ein lan­ ger Prozeß des Suchens und Lernens, der Auseinandersetzung und schrittweisen Ver­ änderung. Nur im Ausnahmefall, dann, wenn Kinder in ihrer körperlichen, seelischen und geisti­ gen Entwicklung gefährdet sind und die El­ tern nicht zu einer Zusammenarbeit mit dem Jugendamt bereit oder in der Lage sind, wird über das Vormundschaftsgericht ver­ sucht, Hilfe für die Kinder zu sichern. Dies kann ein Eingriff in das elterliche Aufent­ haltsbestimmungs- oder Sorgerecht sein, möglich ist auch eine gerichtliche Anord­ nung einer Hilfemaßnahme, z.B. der Be­ such einer Tagesgruppe oder die Unterbrin­ gung außerhalb der Familie . Eingriffe in das elterliche Sorgerecht sind 24

Auch nur Spaß haben gehört zur sozialen Gruppenarbeit, die Kindern dabei hilft, ihre Probleme zu be­ wältigen und ihr Selbstwertgefühl zu stärken. in den letzten Jahren seltener geworden, da es zunehmend gelungen ist, Eltern für eine Zusammenarbeit zu gewinnen. Auch Kin­ der und Jugendliche selbst können sich bei Problemen an die Mitarbeiter/innen des Ju­ gendamtes wenden, was meist erst dann ge­ schieht, wenn die Situation zuhause wirk­ lich nicht mehr auszuhalten ist. Viele dieser Kinder sind von Gewalt oder Vernachlässi­ gung betroffen. Kinder, die unmittelbar ge­ fährdet sind, können vom Jugendamt vor­ läufig „in Obhut“ genommen werden. Sind die Eltern dann nicht bereit oder in der La­ ge, mit der Hilfe des Jugendamtes die Situa­ tion so zu verbessern, daß die Kinder nach Hause zurückgehen können, muß für die Betroffenen eine andere Möglichkeit ge­ sucht werden. Sind die Eltern nicht mit ei­ ner Jugendhilfemaßnahme einverstanden, muß das Vormundschaftsgericht eingeschal­ ten werden. Starke Beteiligung der Betroffenen, Ent- scheidungen über Hilfeangebote durch kompetente Fachteams des Jugendamtes und die Bereitstellung eines differenzierten, aufeinander abgestimmten Hilfeangebotes, sind die grundlegenden Maßgaben des seit 1991 geltenden Kinder-und Jugendhilfege­ setzes, dem SGB VIII. Auch im Schwarz­ wald-Baar-Kreis hat sich -nicht erst seit In­ krafttreten des SGB VTII -ein umfassendes Hilfeangebot entwickelt, das derzeit weiter ausdifferenziert wird. Je nach Situation und Problemlage können im Landkreis, oder der näheren Umgebung, bei unterschiedlichen Jugendhilfeträgern verschiedene Hilfeformen gewählt werden. Manchmal ist schon die Beratung oder in­ tensive Betreuung durch den Allgemeinen Sozialen Dienst des Jugendamtes im Land­ ratsamt oder auch der Stadt Villingen­ Schwenningen ausreichend. Bei Bedarf kann auch an die Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche in Villingen, mit 25

Die soziale Gruppenarbeit soll das Selbstwertgefühl der Kinder stärken und ihnen vor allem den Kontakt zu anderen Menschen möglich machen Außenstellen in Donaueschingen und Furt­ wangen oder eine andere Beratungsstelle im Landkreis vermittelt werden. Auch eine ganze Reihe weiterer ambulanter Hilfefor­ men können genützt werden. Die wichtigsten, auch im SGB VIII aus­ drücklich genannten, sind dabei Erzie­ hungs- und Familienhilfe, die erzieherische Tagesgruppe, intensive Einzelbetreuung und soziale Gruppenarbeit. Je nach Pro­ blemlage und Familiensituati- on wird im Zusammenwirken der Eltern und Kinder mit dem Fachteam des Jugendamtes die jeweils angemessene Hilfeform gesucht. So können etwa Familien­ oder Erziehungshelfer/innen bei Überforderung der Familie oder in Krisensituationen über eine Zeit hinweg intensive Un­ terstützung bieten. Familien­ probleme, Beziehungsstörun­ gen oder Suchterkrankungen in der Familie können in der Familien- und Erziehungshilfe ebenso Thema sein wie zum „Kleinkrieg“ gewordene Hausaufga­ bensituationen oder der Umgang mit einem behinderten Kind. Die Palette der Probleme ist weit gefächert. Ist eine Betreuung des Kindes tagsüber notwendig, oder nur so die entsprechende Förderung möglich, kann die Unterbrin­ gung in einer erzieherischen Tagesgruppe in Betracht gezogen werden, die sehr eng mit den Eltern in Kontakt steht. Erzieherische Tagesgruppen gibt es in St.Georgen, Hüfin­ gen und in der Stadt Villingen-Schwennin­ gen. Die intensive Zusammenarbeit der Ta­ gesgruppe mit den Eltern ist notwendig, um einerseits Ursachen von Störungen heraus­ zufinden, und andererseits, um zu überle­ gen, wie diese beseitigt werden können. El­ tern sollen so auf Dauer wieder in die Lage versetzt werden, ihre Kinder ohne profes­ sionelle Hilfe zu versorgen und zu erziehen. Kinder und Jugendliche, die sich zeitweise 26 in einer schwierigen Situation befinden oder in ihrem sozialen Umfeld Schwierigkeiten bereiten, können in einer sozialen Grup­ penarbeit mit anderen neue Erfahrungen machen, Probleme besprechen oder auch nur Spaß haben. Die soziale Gruppenarbeit soll das Selbstwertgefühl der Kinder stärken, soziale Kompetenzen vermitteln und Kon­ takte zu anderen Kindern ermöglichen. Sie ist so z.B. eine Möglichkeit auf Straffällig- keit zu reagieren; viele Kinder nützen sie auch, um über die Scheidung der Eltern oder Schulprobleme zu reden. Es gibt jedoch Situationen, in denen Eltern die Versorgung und Erziehung ihrer Kinder nicht mehr oder nur noch teil­ weise übernehmen können. Dann ist es notwendig, daß Kinder und Jugendliche eine enge und stabile Einbindung in einer Pflegefamilie oder ei- ner Heimgruppe finden, in der sie für begrenzte Zeit oder auf Dauer leben können. Jugendliche, die schon relativ selbständig sind, können im Rahmen von betreutem Wohnen oder einer intensiven Einzelbetreuung Unterstützung finden. Der/die Jugendliche kann beispielsweise in der gewohnten sozialen Umgebung eine Wohnung beziehen und wird von Fachkräf­ ten intensiv betreut. Auch bei einer Unter­ bringung auf Dauer wird in der Regel ver­ sucht, den Kontakt zur eigenen Familie für die Kinder zu erhalten. So viel und so wenig Hilfe wie nötig Nicht nur die Einbeziehung des sozialen Umfeldes und der Gedanke der Hilfe zur Selbsthilfe bestimmen die moderne Jugend­ hilfe, sondern auch der Grundsatz: soviel Hilfe, wie nötig, aber so wenig, wie möglich. Die Familie soll unterstützt werden, das Pro­ blem darf ihr jedoch nicht abgenommen werden, da damit keine Lösung auf Dauer

Kindern und jugendlichen Sich-Finden helfen, ob durch sinnvolle Freizeitbetätigung wie die Musik, vor allem aber eingebettet in die Familie, gelingt nur, wenn alle Beteiligten bereit sind, neue Wege zu gehen. erreicht werden kann. Vielmehr müssen El­ tern und Kinder darin bestärkt werden, ihre Beziehungen zu klären und eigene Lösun­ gen zu entwickeln. Deshalb ist Elternarbeit in der Jugendhilfe so wichtig, wird so viel Wert darauf gelegt, daß Kinder so lange wie möglich in ihrer eigenen Familie leben kön­ nen oder zumindest enge Kontakte zu El­ tern und Geschwistern halten. Dies gelingt jedoch nur dann, wenn alle Beteiligten bereit sind, neue Wege zu gehen und adäquate Hilfe erhalten. Ein frühzeiti­ ges Erkennen und Bearbeiten der Schwie­ rigkeiten birgt die größten Chancen, auch auf Dauer zu helfen. Betroffene müssen des­ halb ermutigt werden, früh Beratung oder ambulante Hilfen in Anspruch zu nehmen. Noch immer suchen sie leider erst dann Hil­ fe, ,,wenn das Kind quasi schon in den Brun­ nen gefallen ist“. Dem Aufbau präventiver Hilfen wird des­ halb im Schwarzwald-Baar-Kreis Priorität eingeräumt. Außer den genannten Hilfen im Vorfeld der sehr einschneidenden Fremdunterbringung, wurden z.B. auch An­ gebote für alleinerziehende Eltern und jun­ ge Aussiedler/innen eingerichtet. In vielen Gemeinden gibt es Bestrebungen, mehr für Kinder und Jugendliche zu tun, etwa in Form von mobiler Jugendarbeit und der Be­ reitstellung von Räumen für Kinder und Ju­ gendarbeit. Information über die Arbeit der Beratungsstellen, der Jugendhilfeträger und des Jugendamtes ist in der vorbeugenden Arbeit genauso wichtig wie die enge Zusam­ menarbeit mit Bildungs- und Erziehungs­ einrichtungen. Weniger Kontrolle – aber mehr und diffe­ renziertere Hilfe, vor allem im präventiven und ambulanten Bereich, sind die Maximen für die Zukunft, um Eltern und Kinder in schwierigen Situationen zu unterstützen. Denn „Kinder wünschen sich keine andere Familie, sondern ihre Familie anders“. Ulrike Gfrörer 27

Hochwasserschutz im Bregtal An erster Stelle steht das Rückhaltebecken bei Wolterdingen seine Auswirkungen Der Almanach berichtete in der Vergangenheit mehrmals (1991/S. 11-14, 1996/S. 8) iiber Hochwasser und im Sclnuarzwald-ßt111r-Kreis. In dieser Ausgabe sol­ len die inzwischen veranlaßten und die in Zu­ kunft anstehenden M11ß11ahmen gegen die Hoch­ wassergef11hr vorgestellt 1uerden. Dabei 11rbeiten verschiedene Ainter da Lnndkreisverwaltungeng mit den sta11tlichen Behörden zusammm. Im Bregtal gab es, wie auch andernorts im Schwarzwald-Baar-Kreis, im 20. Jahrhun­ dert über viele Jahrzehnte kaum extreme Hochwässer. Mit dem Bau eines Registrier­ pegels bei Hammereisenbach im Jahre 1926 beginnt die amtliche Statistik, die bis zum Jahre 1990, also innerhalb eines Zeitraumes von über 60 Jahren, als stärkstes Hochwas­ ser das vom 17. 11. 1972 mit einer Abfluß­ spitze von 110 m3/s aufweist. Anhand die­ ser Messungen wurden letztlich auch die je­ weils aktuellen „Bemessungswassermengen“ für Flußquerschnitte, Brückendurchlässe etc. entwickelt. Diese zufällig günstigen me­ teorologischen Verhältnisse, gerade auch in den Zeiten des Wiederaufbaus und „Wirt­ schaftswunders“, sind jedoch auch Mitursa­ che für eine gewisse Sorglosigkeit in der Be­ bauung von Tatauen. Am I S. 02. 1990 je­ doch geschah mit einer Abflußspitze von 190 m3/s ein Hochwasserereignis, welches das oben genannte größte Hochwasser der vorhergehenden 70 Jahre um mehr als 70 Prozent ( ! ) übertraf. Hochwasserschutz erhielt nun plötzlich ei­ nen hohen Stellenwert in der Öffentlich­ keit. Innerhalb weniger Monate nach dem Katastrophenhochwasser hatte das damalige Wasserwirtschaftsamt die wesentlichen Vor­ schläge zur Verbesserung der Hochwassersi­ tuation in einer Planmappe zusammenge- 28 faßt: An erster Stelle steht dabei der Bau ei­ nes großen Hochwasserrückhaltebeckens im Bregtal. Daneben wurden örtliche Verbesse­ rungen beschlossen: der Bau einer bregpar­ allelen Flutmulde in Bräunlingen, Damm­ erhöhungen in Hüfingen, Entlastung des Breghochwassers unter der B 27 in Richtung Riedsee durch Bau eines entsprechenden Durchlasses und unter anderem auch Ob­ jektschutzmaßnahmen in Wolterdingen und Pfohren. Parallel hierzu wurde in Zu­ sammenarbeit mit dem Landratsamt und der Polizeiverwaltung ein Hochwasseralarm­ plan erstellt. Von dieser ersten planerischen Konzeption bis zur Baudurchführung ist es jedoch in der heutigen Zeit ein weiter Weg. Die vorge­ schlagenen Maßnahmen mußten aufeinan­ der abgestimmt und in das Gesamtkonzept der Flußgebietsuntersuchung Donau-Bri­ gach/Breg eingeführt werden. Die hydrolo­ gische Wirksamkeit mußte von der Univer­ sität Karlsruhe geprüft und die ökologischen Auswirkungen von der Universität Hohen­ heim abgeschätzt werden. Dabei konnte auf bereits laufende Untersuchungen an der Donau im Regierungsbezirk Tübingen auf­ gebaut werden, wo man aufgrund extremer Hochwässer in den l 970er und 80er Jahren im Raum Sigmaringen und Riedlingen be­ reits über entsprechende frühere Untersu­ chungen verfügte. Die Untersuchungen sind zwischenzeitlich auch in unserem Raum in allen wesentlichen Teilen abgeschlossen und bestätigen unsere Auffassung, daß neben dem Kernstück, dem großen Rückhalte­ becken oberhalb Wolterdingens, örtliche Ausbau- und Objektschutzmaßnahmen notwendig sind. In einer Voruntersuchung/Machbarkeits­ studie wurde aufgezeigt, daß oberhalb von

Es kann noch fünf bis zehn Jahren dauern, bis das Trockenbecken bei Wolterdingen den Menschen in der Baar einen effektiven Schutz vor Hoch· wasser bietet. Wolterdingen ein Rückhalteraum (RHB) für bis zu 3,5 Millionen Kubikmeter Wasser rea­ lisierbar wäre. Die Landstraße im Bregtal wä­ re dann bei Beckeneinstau kurzfristig nicht befahrbar, Umleitungen wären über Tann­ heim und Vöhrenbach möglich. Mit dieser Einschränkung müßte in Abständen von mehreren Jahren für die Dauer von 1 bis 2 Tagen gerechnet werden. Ein Klimagutach­ ·ten ist fast abgeschlossen, eine Umweltverträglichkeitsprüfung wird derzeit durchgeführt, so daß Anfang des nächsten Jahres das Raumordnungsverfahren eingeleitet werden kann. Die Vorplanung wurde sowohl im Ortschaftsrat als auch im Stadt­ rat von Donaueschingen sowie bei einer großen internen Be­ hördenbesprechung im Re­ gierungspräsidium in Freiburg grundsätzlich positiv aufge- nommen. Die Solidarität der Unterlieger, die dieses Becken mit 300/o Ei­ genmittel mitfinanzieren müßten (700/o Land), scheint grundsätzlich ebenfalls vor­ handen zu sein. Ein alternativer Vorschlag, der anstelle des einen großen Beckens auf mehrere kleine Becken abzielt, wird nun nochmals von der Universität Karlsruhe aus hydrologischer Sicht zusammen mit Rück­ haltemöglichkeiten im Donautal im Land­ kreis Tuttlingen abgeprüft. Je nach Ausgang des Planfeststellungsverfahrens, das sich an das Raumordnungsverfahren anschließt, und der Finanzierbarkeit, könnte das Pro­ jekt innerhalb von 5 bis 10 Jahren verwirk­ licht werden. Ein Trockenbecken entsteht Wie hat man sich nun ein solches Damm­ bauwerk in der Landschaft vorzustellen? Es wird keine Betonmauer wie beim Kirn­ bergsee oder ein Bauwerk wie die Linach­ Talsperre geben, es wird vielmehr ein Erd­ staudamm ausgebildet werden, wie es bei den vielen Becken im Gebiet von Jagst und Kocher-Lein im Regierungsbezirk Stuttgart geschehen ist. Zudem wird das Becken Wol­ terdingen im Gegensatz zu fast allen ge­ nannten Becken im Bezirk Stuttgart wahr­ scheinlich keinen „Dauerstausee“ erhalten, sondern als sogenanntes „Trockenbecken“ gebaut werden. Parallel zum RHB Wolterdingen wurden die Planungen der örtlichen Schutzmaßnahmen vorange­ trieben, die wegen ihres klei­ neren Planungs- und Finanz­ mittelbedarfs und ihres gerin­ geren Konfliktpotentials ra­ scher realisierbar sind: Einen Schwerpunkt bildet dabei die zur Breg parallele Flutmulde in Bräunlingen, die nicht zu­ letzt aus Finanzierbarkeits­ gründen gemeinsam mit der Umgehungsstraße L 181 ge­ baut werden soll. Dadurch be­ dingt war der Abstimmungsbedarf und die Umweltverträglichkeitsuntersuchung we­ sentlich zeitaufwendiger, so daß erst dieses Jahr das Planfeststellungsverfahren eingelei­ tet werden konnte. Es bleibt zu hoffen, daß der Bau noch 1996 begonnen wird. Zum Schutz von Allmendshofen und Hü­ fingen konnte im Spätherbst letzten Jahres nach Rücknahme der Einsprüche von Un­ terliegern die Erhöhung des linksseitigen Bregdammes ab dem Kofenweiher bregab­ wärts wasserrechtlich entschieden und seit März 1996 gebaut werden. (Abschluß der Arbeiten voraussichtlich April/Mai ). Ent­ sprechende Dammerhöhungen bregauf­ wärts (Kernstadt Hüfingen) sollen unver­ züglich weitergeführt werden. Eine Planungskonzeption zum Schutz des Donaueschinger Stadtteils Pfohren wurde ebenfalls erarbeitet. Eine erste Teilmaßnah­ me, Schutz einer Gebäudegruppe an der Hüfinger Straße, soll noch 1996 detailliert geplant, wasserrechtlich behandelt und 1996/97 verwirklicht werden. 29

Ein Erdstt111da111m wie im Gebiet von jagst und Kocher-Lein im Regierungsbezirk Stulfgart (Bild) soll in Wolterdi11gen zum Srlmlz 11or Hochwassern gebaut werden,jedorh ohne „D1111ersee „. Frühzeitig wurden auch intensive Unter­ suchungen zum Schutz des Donaueschinger Stadtteils Wolterdingen durchgeführt. Mit Ausnahme des großen Rückhaltebeckens scheint hier kein befriedigender kurzfristiger 1 Iochwasserschutz erreichbar. Einzelne Ob­ jektschutzmaßnahmen sind hier auch tech­ nisch schwieriger und letztlich an Ein­ sprüchen gescheitert. Bei größeren unter­ suchten Lösungen (Flutmulde Längental) steht der Aufwand zum „Erfolg“ in signifi­ kantem Mißverhältnis. Beim letzten „Ver­ such“, einer Flutmulde ab Ortsende wird derzeit geprüft, inwieweit mit ihr eine dem Aufwand angemessene Wasserspiegelabsen­ kung der Breg im Ortskern erreichbar ist. Die Planungen geschahen stets im engen Einvernehmen mit Stadt, Ortschafi:sverwal­ tung und Betroffenen (einschl. Grund­ stückseigentümern), um deren örtliche Er­ fahrungen und Kenntnisse mit einzubrin- 30 gen. Bei positivem Ausgang könnte mit dem Bau noch 1996/97 begonnen werden. Die Reaktivierung des Überschwem­ mungsgebietes der Riedseen, die neben ei­ ner Entlastung der Donauunterlieger auch dem örtlichen Schutz von Pfohren, Hüfin­ gen und Donaueschingen dient, wird eben­ falls weiterverfolgt. Die Voraussetzung hier­ zu, ein entsprechender Durchlaß unter der B 27, ist detailliert geplant, seine bauliche Verwirklichung ist mit dem 4-spurigen Aus­ bau der B 27 (voraussichtlich ab 1998) vor­ gesehen. Problematisch ist jedoch diese Ein­ leitung von Breghochwasser in die mit dem Grundwasser verbundenen Riedseen (Gut­ terquellen !) allemal, was entsprechend auf­ wendige, zur Zeit laufende Untersuchungen bedingt. Neben diesen vielen geplanten Baumaß­ nahmen ist Erhaltung und Schutz der bei Hochwasser überschwemmten Flächen, die

Zusammenfassend bleibt festzustellen: Die Grundsatzüberlegungen zum Hoch­ wasserschutz und die Vorplanungen sind im wesentlichen abgeschlossen, jetzt stehen De­ tailplanungen bzw. Baudurchführung an. Deutlich geworden ist dabei auch, daß die­ se komplexen, miteinander vernetzten Maß­ nahmen nicht kurzfristig lösbar sind, son­ dern eine längerfristige Aufgabe darstellen, die mit umso größerer Zähigkeit und Kon­ tinuität weiter betrieben werden muß, je mehr die Erinnerung an das Katastrophen­ ereignis vom 15. 02. 1990 zu verblassen droht. So bleibt zu hoffen, daß dieses The­ ma in der öffentlichen Diskussion seine Pri­ orität behält. Auch dann, wenn wieder, wie zu Anfang geschildert, eine zeitliche Periode von 50 bis 70 Jahren ohne Extremhochwas­ ser vor uns läge. Ausweisung von Überschwemmungsgebie­ ten durch Rechtsverordnung, von entschei­ dener Bedeutung. Daher werden auch diese Aufgaben parallel und zügig weitergeführt. Vorplanung und hydraulische Untersu­ chungen liegen vor. Die Verwaltungsreform entsprechend dem Sonderbehi:,rdeneingliederungsgesetz vom 12.12. 1994. die zum 01. 07. 1995 vollzogen werden mugte, mit der Aufgabenaufgliede­ rung des ehemaligen Amtes für Wasserwirt­ schaft und Bodenschutz auf Landratsamt, Gewerbeaufsichtsamt und neugebildeter Gewässerdirektion mit den zugehörigen Umzügen, Personalwechsel, Einarbeitung in fremde Fachgebiete etc. , hat die kontinu­ ierliche Weiterarbeit auf dem Gebiet des Hochwasserschutzes sicher nicht beschleu­ nigt. Jedoch wird von der jetzt zuständigen Gewässerdirektion in Rottweil alles getan, um diesen Übergang möglichst ohne Zeit­ verluste zu überbrücken. Der Landkreis hat vielfältige Koordinierungsaufgaben festgeschrieben Nach dem „Jahrhundert-Hochwasser“ vom 15./16. Februar 1990 (siehe Almanach 1991, S.11-14) wurde der Einsatzverlauf der Hochwasserkatastrophe aufgearbeitet, mit dem Ziel, durch organisatorische Maßnah­ men und Planungen eine optimalere Alarmierung aller zuständigen Behörden und Organisationen zu gewährleisten. In Zusammenarbeit mit dem damaligen selb­ ständigen Wasserwirtschaftsamt Rottweil, Außenstelle Donaueschingen, wurde ein „Hochwasseralarmplan“ erstellt, obwohl die Gewässer im Schwarzwald-Baar-Kreis nicht der Hochwassermeldeordnung des Landes Baden-Württemberg unterliegen und es da­ her keine Pflicht hierzu gab. Aus Verant­ wortung den Bürgerinnen und Bürgern im Hochwasseralarmplan zum Schutz der Bürger Manfred Fichtner Landkreis gegenüber, wurde dennoch der Versuch unternommen, einen auf hiesige Verhältnisse ausgerichteten Alarmplan zu erarbeiten, der seit 1991 auch in Anwen­ dung ist. Der Hochwasseralarmplan regelt insbe­ sondere: O Verfahrensweise für Wetterwarnungen und Hochwasserinformationen, O Überprüfung der Wasserstände der Ge­ wässer (in der Regel über Abfragepegel), O Hochwasserwarnung mit Informations­ pflichten der betroffenen Feuerwehren, der 31

Bürgermeisterämter, des Landkreises sowie weiterer Behörden, 1) Hochwasseralarm mit Anweisungen an die beteiligten Feuerwehren und Behörden. In den vergangenen Jahren wurde der Schwarzwald-Baar-Kreis immer wieder von größeren Hochwasserereignissen heimge­ sucht, so am 22.12.1991, am 19./20.12. 1993 und am 25./26. 01. 1995. Damit be­ stätigte sich die Notwendigkeit, die kon­ kreten Hochwassergefahren durch straffe Alarm- und Einsatzplanungen zu regeln, Zuständigkeiten zu ordnen und ggf. zu bün­ deln. Dabei hat das Amt für Brand- und Ka­ tastrophenschutz innerhalb der Kreisver­ waltung u. a. folgende Aufgaben: Die halb­ jährliche Aktualisierung des Hochwasser­ alarmplanes und dessen Fortentwicklung mit den zuständigen Fachbehörden. Weiter die Herausgabe von Hochwasserinformati­ onsblättern für die Gemeinden und für die Bürgerinnen und Bürger im Landkreis, aber auch Unterrichtungs- und Informations­ pflichten nach Auslösung der Hochwasser­ warnung und ggf. der Einrichtung einer Ko­ ordinierungsgruppe im Landratsamt. Aber auch: Einrichtung einer Stabsgruppe nach Auslösung des Hochwasseralarms (Teil des Katastrophenschutzstabes) für die Ge­ fahrenabwehr bei Hochwasser im Landrats­ amt mit folgenden Schwerpunkten: stündli­ che Abfrage der Pegelstände aller Gewässer im Landkreis, Informationspflichten über die Entwicklung der Wasserstände und der Hochwassersituation im Landkreis, Progno­ seerstellung mit Fachbehörden und Wetter­ dienst, Koordinierung von Hilfsmaßnah­ men zur Hochwasserbekämpfung, Einrich­ tung einer oder mehrerer technischen Einsatzleitungen, zur Leitung der vor Ort befindlichen Einsatzkräfte der Feuerwehren, aller sonstigen Organisationen und ggf. der Bundeswehr. Das aber ist nicht alles, hinzu­ kommen: Anforderung überörtlicher Ein­ satzkräfte und Einsatzmittel für die Hoch- 32 Im J-/ochwt1Sser-Katastrophenfal! hat der Land­ kreis auch fiir genügend Sandsäcke zu sorgen. wasserbekämpfung, regelmäßiger Informati­ onsaustausch mit der Feuerwehrleitstelle einschließlich der flußabwärts gelegenen Leitstellen und Landkreise, Straßensperrun­ gen und Verkehrsumleitungen durch die zu­ ständigen Behörden veranlassen, die betrof­ fenen Gemeinden laufend über die Lage, die Lageentwicklung und die Einsatzmaß­ nahmen zu unterrichten – verbunden mit dem Ziel rasch weitere Maßnahmen, wie z.B. Beobachtungen der Gewässerdämme und Wasserdurchläufe (einschließlich der Brücken) sicherzustellen – und bei Überflu­ tungsgefahr bebauter Gebiete rechtzeitige Evakuierungsmaßnahmen einzuleiten. Und zu guter letzt: Rundfunkwarnungen durch­ führen, bzw. Lautsprecherwarnungen mit den Gemeinden organisieren. Die beim Hochwasser eingesetzte Stabs­ gruppe des Katastrophenschutzes wird er­ gänzt um Vertreter und Verbindungsbeam-

Hochwasser im Urachtal bei Vöhrenbach, aufgenommen im Januar 1995. te der Fachbehörden, der Polizeidirektion, der Feuerwehr und anderer Organisationen sowie ggf der Bundeswehr. Damit wird ge­ währleistet, daß alle Hilfs- und Einsatzmaß­ nahmen gebündelt und koordiniert werden. Die Vertreter der Stabsgruppe prüfen lau­ fend, ob die bisherigen Maßnahmen ausrei­ chend sind, Gefahren für Leib, Leben und Gesundheit von Menschen und Tieren, so­ wie Gefahren für Sachwerte und die Umwelt abzuwehren oder so gering wie möglich zu halten. Erfordert die Gefahrenlage die ein­ heitliche Leitung der Bekämpfungsmaß­ nahmen durch den Kreis als untere Kata­ strophenschutzbehörde, und lassen sich die Schadensmaßnahmen dadurch wirkungs­ voller durchführen, ist eine Entscheidung über den Katastrophenfall herbeizuführen. Weitere Maßnahmen durch den Katastro­ phenschutzstab zur Gefahrenabwehr könn­ ten sein: Auf- und Abbau von Dämmen, Be­ füllung und Transport von Sandsäcken, Heranziehung von Privatpersonen/-firmen für z. B. Pump-, Bergungs- und Transportar­ beiten, die Evakuierung von Gebäuden bzw. bewohnter Gebiete, Beseitigung von Öl- schäden, vorläufige Unterbringung von Be­ dürftigen und Obdachlosen, Unterstützung bei der Betreuung der Bevölkerung und Heranführung von weiteren Einsatzmitteln wie Booten, Ölbekämpfungsmitteln oder Sandsäcken. Die Hauptlast bei einer Hochwasserlage hat zunächst der Bürger zu tragen. Hilfe­ stellung erhalten sie in erster Linie durch die zuständige Feuerwehr und durch die Ge­ meinde. Diese Arbeit gilt es zu unterstützen. Hierfür gibt es den bereits mehrfach er­ wähnten Hochwasseralarmplan. Der Land­ kreis hat den Feuerwehren in den vergange­ nen fünf Jahren 20 Tauchpumpensätze für Hochwassersituationen zur Verfügung ge­ stellt, sowie eine Sandsackreserve bei der Feuerwehr Villingen-Schwenningen ange­ legt. Damit ist gewährleistet, daß zukünfti­ gen Hochwassersituationen besser begegnet werden kann. Die Verbesserung der Ein­ satzmittel bleibt gleichrangiges Ziel der Kreisverwaltung, neben Verbesserungen in den organisatorischen Maßnahmen. Manfred Pfeffinger 33

Eingliederung staatlicher Einrichtungen Die Bürgernähe hat entscheidende Verbesserungen erfahren Im letzten Almanach 1tmrde bereits über die Eingliederung der bisherigen staatlichen Einrich­ tungen Gesundheitsamt, Veterinäramt und Teile des Amtes für Wasserwirtschaft und Bodenschutz berichtet. In dieser Ausgabe sollen kurz der Ver­ lauf der Eingliederung und die neuen Arifgaben dargestellt werden. Das Gesundheitsamt Seit Juli 1995 ist das Gesundheitsamt als Dezernat in die Landkreisverwaltung einge­ bunden und erhält schneller und umgehen­ der die Information vor Ort. Dies ermög­ licht das Handeln mit mehr Bürgernähe. Die Mitarbeiter des Amtes haben die Ein­ gliederung angenommen, die veränderten Verwaltungswege sind inzwischen gebahnt und zu den neuen Partnern besteht ein gut­ er Kontakt. Nach Neugestaltung der inneren Organi­ sation, wird die Personalsachbearbeitung, Mittelbewirtschaftung und Materialbeschaf­ fung nun durch eine zentrale Abteilung übernommen. Der soziale Dienst wird vom Jugendamt betreut. Dafür wird das Gesund­ heitsamt als untere Gesundheitsbehörde mit Vollzugsaufgaben betraut. Es muß bei­ spielsweise darauf achten, daß niemand un­ erlaubt die Heilkunde ausübt. Das zu Jahresbeginn 1995 in Kraft getrete­ ne Gesundheitsdienstgesetz legt die Aufga­ ben des Amtes fest. Hauptschwerpunkte sind die Förderung und der Schutz der Ge­ sundheit der Bevölkerung sowie die Beo­ bachtung und Bewertung der gesundheitli­ chen Verhältnisse. Hierzu gehören auch die Auswirkungen von Umwelteinflüssen auf die Gesundheit. Wie bisher ist auch darüber zu wachen, daß die Anforderungen an die Hygiene eingehalten werden und daß über- 34 tragbare Krankheiten beim Menschen ver­ hütet und bekämpft werden. Ebenso wer­ den auch weiterhin ärztliche Untersuchun­ gen vorgenommen und Gutachten erstellt. Beratungen über gesunde Lebensweise oder notwendige hygienische Maßnahmen wer­ den sowohl für Einzelne als auch für Grup­ pen, in Gemeinschaftseinrichtungen oder im Amt durchgeführt. Im besonderen sei dabei auf die AIDS-Fachberatung und auf die psychosoziale Betreuung nach Krebs­ erkrankungen hingewiesen. Im Umweltbe­ reich wird die Bevölkerung über Gesund­ heitsgefährdungen informiert, wie z.B. Be­ lastungen durch Ozon und Straßenlärm. So setzt sich das Gesundheitsamt auch weiter­ hin für die gesundheitlichen Belange ein und steht mit medizinischem Rat zu Verfü­ gung. Dr. Karin Flick Amt für Wasser- und Bodenschutz Gegen den Widerstand des Umweltmini­ steriums wurde am 12. 12. 1994 das Sonder­ behördeneingliederungsgesetz beschlossen und zum l. Juli 1995 vollzogen. Dieses Ge­ setz legte fest, daß die Bediensteten von 17 Ämtern für Wasserwirtschaft und Boden­ schutz mit sechs Außenstellen aufgeteilt werden sollten auf35 Landkreise und neun Stadtkreise, auf neun staatliche Gewerbe­ aufsichtsämter und auf drei Gewässerdi­ rektionen mit zehn Bereichsverwaltungen. In der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg wurden die Bediensteten des ehemaligen Wasserwirtschaftsamtes Rottweil und der Außenstelle Donaueschingen aufgeteilt auf die Landratsämter Schwarzwald-Baar-Kreis, Rottweil und Tuttlingen, das Gewerbeauf-

Donaueschingen hat sich für den Wasser· und Boden· schutz sowie das Veterinäramt als Standort bereits vielfach bewährt. sichtsamt Villingen-Schwenningen und die Gewässerdirektion Donau-Bodensee, Be­ reich Rottweil. Dabei wurden zum Teil auch Bedienstete von angrenzenden Wasserwirt­ schaftsämtern eingestellt. Das neu geschaf­ fene Amt für Wasser- und Bo- denschutz innerhalb des Land­ ratsamtes hat weiterhin seinen Sitz in den Räumen der ehemaligen Außenstelle des Wasserwirtschaftsamtes Rott­ weil in Donaueschingen, lrma­ str. 11. Die Aufgaben sind im wesentlichen Wasserrecht, Bo­ denrecht, überirdische Gewäs­ ser, Grundwasserschutz, Bo­ denschutz, Industrie- und Ge- werbe sowie kommunale Abwässer, Abfall­ beseitigung und Altlasten. Die bisherigen Erfahrungen der Zusam­ menarbeit von Verwaltungsbeamten und technischen Beamten innerhalb des neuen Amtes sind durchweg positiv. Schwierig­ keiten zeichnen sich jedoch ab durch die vom Gesetzgeber getroffene Aufgabenver­ teilung, die eine Reihe von Doppelzustän­ digkeiten mit zahlreichen Schnittstellen mit sich brachte. Dies führte unter anderem zu einer Zersplitterung der Zuständigkeiten und Schwächung der fachtechnischen Kom­ petenzen. Durch das verstärkte Engagement erfahrener Mitarbeiter kann davon ausge­ gangen werden, daß bestehende Probleme in absehbarer Zeit abgebaut werden kön- nen. Bruno Mößner Das Veterinäramt Mit der Eingliederung der bisher 21 Staat­ lichen Veterinärämter Baden-Württembergs in die Landratsämter der Landkreise und die Bürgermeisterämter der Stadtkreise zum 1. Juli 1995 sind insgesamt 44 Veterinärämter entstanden. Aus dem ehemaligen Staatli­ chen Veterinäramt Rottweil, das für die ge- samte Region Schwarzwald-Baar-Heuberg zuständig war, sind nach der Aufteilung auf die Landkreise drei in die Landratsämter eingegliederte Veterinärämter gebildet wor­ den. Nachdem der Schwarzwald-Baar-Kreis nun sein „eigenes“ Veteri­ im näramt besitzt, wird Verwaltungshandeln gegen­ über den Betroffenen in jedem Fall mehr Bürgernähe und Ef­ fizienz erzielt. In bezug auf die Bürgernähe war zudem die Wahl des Standortes für das „neue Vete­ rinäramt“ auf der Außenstelle des Landratsamtes in Donau- eschingen vernünftig und rich­ tig. Die bereits in Donaueschingen ansässi­ gen Ämter für Landwirtschaft und Tierzucht sowie die unter der Trägerschaft des Land­ kreises ansässige Fachschule für Landwirt­ schaft werden durch das neu hinzugekom­ mene Veterinäramt gut ergänzt. Die hier­ durch entstandenen kurzen Behördenwege sind sehr positiv aufgenommen worden. Das Personal des Veterinäramtes des Schwarzwald-Saar-Kreises umfaßt zur Zeit fünf Amtstierärzte und Amtstierärztinnen, eine ganztags- und zwei halbtags tätige Ver­ waltungssangestellte. Durch den Übergang der Aufgaben des Fleischhygienegesetzes von den Gemeinden auf den Schwarzwald­ Baar-Kreis, wurden weiterhin 19 Fleischbe­ schauer und 14 Fleischbeschau-Tierärzte in Stück- oder Stundenvergütung mit neuen Arbeitsverträgen übernommen. Aufgrund der mit den Gemeinden beste­ henden unterschiedlichen Arbeitsverträge des Fleischbeschaupersonals, waren schwie­ rige Verhandlungen notwendig, um eine einheitliche Anpassung an die aktuellen Ver­ hältnisse vorzunehmen. Der Einsatz des Fleischbeschaupersonals im Schwarzwald­ Baar-Kreis kann künftig über die Gemein­ degrenzen hinweg nach wirtschaftlichen Ge­ sichtspunkten gesteuert werden. Mit der Verwaltungsreform wurde gleich- 35

Die niedrigen Ge· bühren stellen sicher, daß der hohe Anteil an Hausschlachtungen im Schwarzwald-Baar· Kreis auch künftig erhalten bleibt. zeitig eine neue Fleischbeschaugebühren­ Verordnung erlassen, die in Baden-Würt­ temberg einheitlich die zu erhebenden Ge­ bühren für Haus- und Metzgereischlach­ tung für die Landkreise fest- legt. Von der Landesregierung waren insbesondere die Ge­ bühren für Hausschlachtung übermäßig hoch veranschlagt. Auf Initiative von Landrat Dr. Gutknecht konnte eine Ände­ rung erreicht werden. Die nun niedrigen Gebühren für Haus­ schlachtungen stellen sicher, daß der hohe Anteil von Haus­ schlachtungen an den Gesamt­ schlachtungen im Schwarzwald-Baar-Kreis auch zukünftig erhalten bleibt. Für die Schlachthöfe in Villingen und Schwenningen mußte durch das Landrats­ amt eine kostendeckende Gebührenkalkula­ tion vorgenommen werden. Aufgrund der organisatorischen Veränderungen im Perso­ naleinsatz an den Schlachthöfen sind die im Vergleich zu anderen Landkreisen errechne­ ten Fleischbeschaugebühren im Schwarz­ wald-Baar-Kreis durchweg kostengünstiger. Dadurch soll auch in Zukunft der Standort Schwarzwald-Baar-Kreis für alle Bereiche, die mit Landwirtschaft verknüpft sind, at­ traktiv bleiben. Als typische Eingriffverwaltung ist das Ve­ terinäramt als eigenständiges Amt innerhalb des Landratsamtes im Dezernat II organisa­ torisch gut eingebunden. Mit der Zusam­ menführung sämtlicher Aufgaben des Vete­ rinärwesens, angefangen bei der Tierseu­ chenbekämpfung sowie der Überwachung von Lebensmitteln, Tierarzneimitteln, bis hin zum Tierschutz in einer Behörde, wur­ den Zuständigkeitsstrukturen konzentriert und bereinigt. Durch diese Aufgabenbün­ delung auf das Landratsamt als untere Ver­ waltungsbehörde sind die Verwaltungsstruk­ turen klarer und überschaubarer geworden. Die Tatsache, daß man sich in sämtlichen Veterinärbelangen nur noch an eine Institu- 36 tion des Landratsamtes zu wenden hat, hat zu einer Verwaltungsvereinfachung mit mehr Außentransparenz geführt. Um die sich nun bietenden Synergieeffek- te zwischen Sach- und Fach­ verstand innerhalb des Land­ ratsamtes voll nutzen zu kön­ nen, werden künftig noch weitere organisatorische und personelle Veränderungen not­ wendig sein. Die ersten Schrit­ te hierfür sind beispielsweise mit der Akten- und Dateienzu­ sammenführung von verschie­ denen Ämtern bereits in An- griff genommen. Diesen be­ schrittenen Weg der Verwaltungsreform gilt es nun konsequent fortzusetzen, um die be­ reits nach einem halben Jahr erzielte posi­ tive Bilanz weiterzuführen. Durch die Umsetzung des Sonderbehör­ deneingliederungsgesetzes wird künftig das Landratsamt eine Schlüsselrolle in der Wahrnehmung von lebensmittelrechtlichen Vorschriften einnehmen. Diese Organisati­ onsstruktur ist durch EG-Recht vorgegeben und gewährleistet in hervorragender Weise eine effiziente und lückenlose Überwa­ chung von der Urproduktion bis hin zur Abgabe des Lebensmittels an den Verbrau­ cher. Dr. Michael langer April vorjährig und spröde ist falbfarbenes Gras in der Senke, wo unlängst der Bach sein Bett verließ blüht es gelb Dotterblume Frühlingsgeschenk Christiana Steger

Partnerschaft mit Bacs-Kiskum Schwarzwald-Baar-Kreis knüpft Kontakte mit Ungarn Am 24. Mai 1996 unterzeichneten Landrat Dr. Gutknecht, Landrat Karl Heim und Ko­ mitatspräsident Dr. Liszl6 Balogh die Part­ nerschaftsurkunde zwischen dem Schwarz­ wald-Baar-Kreis und dem ungarischen Ko­ mitat Bacs-Kiskun. Der Gedanke einer kommunalen Partner­ schaft, der einzigen des Landkreises, mit dem ungarischen Komitat Bacs-Kiskun ent­ stand während eines Besuches der Komitats­ präsidenten im Schwarzwald-Baar-Kreis im Oktober 1995. Nach einem ersten Besuch einer ungari­ schen Delegation der Komitatsverwaltung aus Kecskemet Anfang März 1996, reiste ei­ nen Monat später eine Delegation von Kreisräten und eines Lehrers der in Träger­ schaft des Kreises befindlichen Landesbe­ rufsschule unter Führung von Landrat Dr. Gutknecht nach Ungarn. Zusam- men mit Dr. Laszl6 Balogh, dem Präsidenten der General­ versammlung des dortigen Krei­ ses, unterzeichnete der Landrat eine Vereinbarung über die Zu­ sammenarbeit zwischen beiden Kreisen. Erste Ergebnisse die­ ser Partnerschaft zeigen sich bereits, wobei die Landesberufsschule für das Hotel-und Gaststät­ tengewerbe eine Vorrei­ terrolle übernommen hat. Bereits 1995 kam es zu einem ersten Aus­ tausch mit einer ent­ sprechenden Einrich­ tung in Kecskemet. Eine Gruppe ungarischer Schü­ ler besuchte 1995 Villingen und nahm am Unterricht teil. Eine Zusammenarbeit soll es vor allem in den Bereichen Brauchtum, Sport, Fremden­ verkehr und Kultur, aber auch in den Berei­ chen Wirtschaft und Ausbildung geben. Bei alldem sind sprachliche Probleme wenig zu befürchten, da im Komitat Bacs-Kiskun ei­ nige tausend Donauschwaben leben und Deutsch in Ungarn erste Fremdsprache ist. Der Komitatspräsident wies anläßlich des Festaktes im Landratsamt daraufhin, daß in der Region mehrere Minderheiten mit den Ungarn zusammenleben. Die wichtigste sei die deutschstämmige Volksgruppe, der 12 000 Menschen angehören. In vier großen Gruppen bilden sie sogar die Mehrheit der Bevölkerung. Seit kurzem gibt es für die Minderheiten die Möglichkeit der Selbst­ verwaltung. Bisher wird diese Autonomie in 14 Fällen genutzt. Außerdem pflegen be- reits über 20 Orte eine Partner­ schaft zu deutschen Städten. Verbindend wirke außerdem, so Laszl6 Balogh, daß die Do­ nau durch beide Regionen fließe, die im Schwarzwald­ Baar-Kreis entspringe, gleich wo nun die Qielle tatsächlich zu finden sei. Das Wappen des 1mgari­ schen Komitates Brics­ Kiskun, mit dem der Landkreis eine Partner­ schafl einging. 37

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Städte und Gemeinden Von der Landwirtschaft geprägt Pfarrkirche Allerheiligen das weithin sichtbare Wahrzeichen von Urach Urach liegt in einem Seitental der Breg. Die Urach, die der Talgemeinde den Namen gab, hat ihre Q!iellen an der Wasserscheide Rhein-Donau bei der Kalten Herberge. Der Bach fließt durch eine 10 Kilometer lange Talaue, in der sich der Ort mit 25 Hofbezir­ ken ausbreitet. Die höchste Erhebung der Gemarkung ist die Widiwander Höhe mit 1130 m. ü. M.; die tiefste Stelle befindet sich bei der Einmündung der Urach in den Eisenbach unterhalb des Dilgerhofes mit 772 m. ü. M. Um das Jahr 850 n. Chr. war die Besied­ lung auf der Baar abgeschlossen, nicht je­ doch im Schwarzwald. Zwar werden die Siedlungen „vor dem Wald“ (Schwarzwald), z. B. Wolterdingen und Tannheim, urkund­ lich bereits 772 bzw. 817 erwähnt, aber erst nach der Gründung der Benediktinerklöster St. Georgen 1084 und Friedenweiler 1123 kam es durch Talrodungen zu einer allmäh­ lich fortschreitenden Erschließung der Täler im Wassereinzugsgebiet von Brigach und Breg, also auch dem Urachtal. Damals ver­ folgten die Zähringerherzöge Konrad, Ber­ thold IV. und Berthold V. nachhaltig die Absicht, den südlichen Schwarzwald unter ihre Herrschaft zu bringen. 1275 ist im „Liber decimationis“, einem Besteuerungsbuch des Bistums Konstanz, die Pfarrei Urach urkundlich nachgewiesen: ,,Ura, Dekanat Pförren (Pfohren)“. Insge­ samt 25 Hofbezirke lassen sich nachweisen. Vieles deutet darauf hin, daß sie von der Er­ schließung an die Größe erhalten haben, wie wir sie zum Teil heute noch vorfinden. Urach und seine Pfarrkirche Allerheiligen, Aquarell von Rudo!f Heck. 39

Der Uracher Do,jkern milder lfarrkirche Allerheiligm. Diese Straße hat wesentlich zum damali­ gen Aufschwung des Handels in den beiden Städten Freiburg und Villingen beigetragen. An ihr entstanden die beiden ältesten Gast­ häuser Urachs, der Unterwirtshof(Gasthaus „Zum Löwen“) um 1580 und die „Kalte I Ierberge“ seit 1480. In den Wirren des 30jährigen Krieges ge­ riet die Straße durch das Urachtal nach und nach in Zerfall. Sie schied nach dem West­ fälischen Frieden im Jahr 1648 als Haupt­ handelsweg aus. 1806 kam das Fürstentum Fürstenberg und somit auch das Urachtal zum Großherzog­ tum Baden. Urach gehörte danach von 1811 bis zur Kreisreform 1971 zum Amtsbezirk bzw. Landkreis Neustadt/Hochschwarz­ wald. Seit dem 1. Dezember desselben Jahres ist Urach ein Stadtteil von Vöhrenbach mit der­ zeit 420 Einwohnern. Die höchsten Ein­ wohnerzahlen hatte Urach in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts: 1861 wohnten 657 Menschen im Urachtal. In den 25 Jahren, die seit der Eingemein­ dung nach Vöhrenbach vergangen sind, wurden u. a. folgende Investitionen ver­ wirklicht: Das Schlacht- und Feuerwehrhaus Von der Mitte des 13. Jahrhunderts an gehörte Urach zum Herrschaftsbereich der Grafen von Fürstenberg (Landgrafschaft Baar). Durch das Urachtal führte zwischen dem 14. Jahrhundert und dem 30jährigen Krieg eine bedeutende Handelsstraße. Sie verlief von Villingen über Herzogenweiler zum Fischerhof im Bregtal, von da durch das Urachtal zum Thurner und durch die Wagensteige ins Dreisamtal nach Freiburg. Im Fürstenbergischen Urkundenbuch ist in diesem Zusammenhang folgende Urkun­ de aufgeführt: /310,}rm. 23 Vil/ingm „ Graf Egen vo11 Fiirslenberg, lt1ndgrr{f in der 8t1re, kämm/ mil dem Schullheiß, dem Burgn­ meisler und den Burgern gemein/ich von Vi/ingen überein, dass er ihnen zum Nulzen seiner Si(I{// Vilingen er/cwbl zufr,hren und zu wandeln den Weg durch die Vrr, (dt1111rt!ige Schreibweise von Urach) …von Vi/ingen gegen Vriburg.“ in der Urkunde folgen nun die Zollsälzefiir Tuche, Klei­ der, Pferde, Rinder und Sd,afe . … ,,und wer zm­ rechte Wege oder um1erzol/1 fährl oder fremder leu/1′ Cul mfder S1mße t1nnimml, so/160 Schil­ linge schulden.“ 40

den früher die Mitglieder der Kirchenchöre genannt – in den Jahren 1748-1750 14 Gul­ den und 3 Batzen. Gewöhnlich wurde die­ ses Geld für einen Trunk an den Festtagen ausgegeben. Der Musikverein Urach feierte 1996 sein 95jähriges Bestehen (Gründungsjahr 1901) und steht auf einem hohen musikalischen Niveau. Die Freiwillige Feuerwehr wurde 1953 gegründet und besitzt eine moderne Ausstattung. Vorläufer war eine örtliche Löschmannschaft. Der jüngste Verein ist der Skiclub. Seit seiner Gründung im Jahre 1959 wurden bei regionalen Wettkämpfen und auch bei Deutschen Meisterschaften viele hervorragende und beachtenswerte Erfolge erzielt und sportliche Veranstaltungen in vorbildlicher Organisation durchgeführt. Vor einigen Jahren wurde dem Verein zu­ dem eine Radsportabteilung angegliedert. Das Wahrzeichen des Urachtales ist die Pfarrkirche Allerheiligen, deren imposanter Zwiebelturm scheinbar schwerelos über wurde fertiggestellt. Die Teilortfeue1wehr er­ hielt zwei Tragkraftspritzenwagen und einen Mannschaftstransportwagen. Nachdem die Schwesternstation aufgehoben wurde, ver­ kaufte die Stadt das Schwesternhaus. Mit dem Erlös wurden die nicht mehr benötig­ ten Schulräume zu einem Gemeindesaal umgebaut. Außerdem erhielt der Stadtteil eine Straßenbeleuchtung. Die Erschließung eines Neubaugebietes soll verhindern, daß junge Familien von Urach wegziehen. Die geplante Realisierung ist deswegen proble­ matisch, weil Urach keine zentrale Wasser­ und Abwasserversorgung besitzt. Die Landwirtschaft prägt seit Jahrhunder­ ten das Leben in der Talgemeinde. Die Ge­ markung umfaßt 2 109 Hektar. Davon sind 1425 Hektar Wald (67,6%) und 687 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche. 23 Voll- und 8 Nebenerwerbsbetriebe bewirtschaften 679 Hektar Grünland und nur noch 8 Hektar Ackerland. 1925 wurden noch 297 Hektar Getreide und Kartoffeln angebaut. Der Privatwald, die Milchwirt­ schaft und der Verkauf von Schlachtvieh sind die Exi­ stenzgrundlage. Seitdem die Technik auch in bäuerlichen Betrieben Einzug gehalten hat, ist die Zahl der in der Landwirt­ schaft Beschäftigten rückläu­ fig. Immer mehr Uracher finden ihren Lebensunter­ halt im heimischen Gewer­ be oder als Pendler im be­ nachbarten Umland. Für das kulturelle Leben und den Gemeinschaftsgeist unter den Einwohnern sind die örtlichen Vereine von großer Bedeutung. Der ka­ tholische Kirchenchor kann auf ein 250jähriges Bestehen zurückblicken. Nach den Pfarrakten erhielten die „Kirchensänger“ – so wur- Ländliche Idylle beim Adamenhof 41

dem Tal steht. Die ältesten Teile, der Turm in seinen unteren Geschossen und Teile des Chores, wurden vermutlich in der Zeit zwi­ schen 1150 und 1200 errichtet. Die baro­ cken Altäre und die Kanzel tragen unver­ kennbar die Handschrift des berühmten Künstlers Matthias Faller. Auch die monu­ mentale Friedhofsmauer mit den kantigen Ecktürmen und dem überdachten Treppen­ aufgang ist ein architektonisches Kunstwerk. Seit der Generalrenovation in den Jahren 1979 bis 1982 für fast 600 000 Mark kom­ men Schönheit und Pracht dieses Gottes­ hauses in besonderem Maße zur Geltung. Die Uracher Pfarrkirche ist ein Kleinod, nicht nur für das Urachtal, sondern darüber hinaus für den gesamten südlichen Schwarz­ wald. Klemens Laute Das Wappen von Urach _______ _ Wappen: Im gelben (goldenen) Schild ruif griinem Berg eine Burgmine in .,natiirlichen Farben“. Die Talgemeinde Urach hat lange kein eige­ nes Wappen geführt. ln den Siegelstempeln des vorigen Jahrhunderts prangte das badische Wap­ pen mit dem Schrägbal­ ken. Und weil die Siegel­ stecher dieses mit einer Krone zierten, die Ge­ meindesiegeln nicht zu­ kam, gab das schließlich Anlaß zur Annahme eines eigenen Wappens. Das Großherzoglich badische in Generallandesarchiv Karlsruhe schlug im Jahre 1909 die Burgruine als Wappen vor, die „an das alte Geschlecht der von Urach“ erinnern soll. Doch dürfte da ei­ ne Verwechslung mit der Ruine Alt-Urach bei Lenzkirch vorgelegen haben. Aber die Gemeinde war mit dem Vorschlag einver­ standen und erhielt noch im Herbst des sel­ ben Jahres einen schön gravierten Farb­ druckstempel mit dem Wappen. Die Wap­ penbeschreibung (,,Blasonierung“) lautete seinerzeit: ,,Im gelben (goldenen) Schild ruifgrii­ nem Berg eine Burgruine in „natürlichen Ft1r­ ben „. 42 Diese „natürlichen Farben“ sind auf Wap­ pen des 18. und 19. Jahrhunderts vielfach anzutreffen und werden bei guten Wap­ pendarstellungen durch die nächstgelege­ nen „heraldischen Tinkturen“ ersetzt. Auf der farbigen Zeichnung des GLA-Vorschlags war die Ruine bräunlich angelegt; auf den Stempeln wurde das Mauerwerk farblos gelassen und bei den späteren Be­ schreibungen als „silbern“ (= weiß) angesprochen – ei­ ne heraldisch unbefriedi­ gende Lösung. Besser hätte man wohl Rot oder Schwarz genommen. Bis zum l. De­ zember 1971, dem Datum der Eingemeindung nach Vöhrenbach, wodurch das Wappen als amt­ liches Symbol außer Kraft gesetzt wurde, ist jedoch nie eine Richtigstellung erfolgt. Da das Uracher Wappen jedoch zur Re­ präsentation des Ortsteils weiterhin vom Ortschaftsrat, den Vereinen und einzelnen Bürgern gezeigt werden kann, bringe ich hier die Ruine in der heraldisch besseren – und schöneren – roten Färbung. Qj1e/len und Literatur: Generallandesarchiv Karlsruhe, Wappenakten Amtsbezirk Donau-

eschingen, Landkreis Donauesd,ingen, Schwr1rz- 1oald-Baar-Kreis. GLA-Wappenkartei Sch1oarz­ wald-Baar-Kreis. G LA-Siegelkartei Schwarz­ wald-Baar-Kreis. K. Schnibbe, Gemeindewap­ pen im ehem. Landk. Donaueschingen, in: Schrif ten d. Vereins! Gesch. u. Naturgesd;. d. Baar in Donaueschingen, Band 33 (1980). (K. Schnib­ be) Urach, in: Volkshochschule „ Ob. Bregtal“ e. V Furtwangen, Trimesterplan 211983. Anmerkung: ,,Heraldische Tinkturen“ sind: die „Farben“ Blau, Rot, Schwarz und Grün und die „Metalle“ Gold und Silber, diese werden jedoch immer durch Gelb und Weiß dargestellt. Dazu kommen noch die selten verwendete Farbe Purpur und das her­ aldische Pelzwerk (wie z.B. das „Wolkenfeh“ im Fürstenberger Wappen); eine Ausnahme: menschliche Gesichter und unbekleidete Körperteile dürfen auch fleischfarben (rosa) wiedergegeben werden. Das ist jedoch kein Muß – meist sind sie farblos gelassen! In einem Wappen sollen dann jeweils auf Metall-Grund farbige Figuren stehen, auf farbigem Grund Metall-Figuren. Prof Klaus Schnibbe Wolterdingen 772 erstmals erwähnt Schwere Brandkatastrophen erfordern mehrfach den Neuaufbau der Heimat Freilich hat das Bauerndorf Wolterdingen nicht den Vorzug manch anderer Baarge­ meinden, Geburts- und Heimatort einer berühmten Persönlichkeit zu sein. Auch kein Baudenkmal vermag einen Besucher zum Verweilen zu bewegen. Dennoch hat Wolterdingen eine alte und bewegte Ge­ schichte. So hält es der Chronist Emil Hau­ ger fest, der in langjähriger Kleinarbeit die Geschichte von Wolterdingen erforschte und in der Ortschronik niederschrieb. Wolterdingen ist mit seinen 1532 Ein­ wohnern und seiner 1592 ha großen Ge­ markungsfläche seit 1971 der größte Stadt­ teil der Großen Kreisstadt Donaueschingen. In einer Urkunde, welche sich im Kloster­ archiv St. Gallen befindet, wird Wolterdin­ gen als eines der ältesten urkundlich ge­ nannten Dörfer der Baar benannt. Im Jahre 772 vermachte der Alemanne Sighihar dem Kloster St. Gallen Teile seiner Güter für die Erlangung seines Seelenheils. Die Schenkungsurkunde ist der erste schriftliche Beleg über das Dorf „Wultardin­ gen im Gau Bertoldsbaar“. Ähnliche Schen­ kungen fanden seinerzeit in vielen Orten der Baar statt. Auch das Kloster Reichenau hatte zu jener Zeit Güter in Wolterdingen. Die Herrschaft der Alaholfinger, zu der Wol­ terdingen damals gehörte, starb 973 aus und das Dorf mit der gesamten Baar fiel an die Herzöge von Zähringen. Im Jahre 1218 erfolgte ein erneuter Macht­ wechsel. Nach dem Tod des Zähringer Her­ zogs Bertold V., der kinderlos geblieben war, fielen die Besitzungen an den württember­ gischen Grafen Egino von Urach, der mit ei­ ner Schwester Bertolds verheiratet war. Ei­ ner seiner Enkel, Graf Heinrich, erhielt im Jahr 1245 die Besitzungen in der Baar. Hein­ rich verlegte seinen Wohnsitz auf den Für­ stenberg und nannte sich bald darauf „Graf von Fürstenberg“. Beim Hause Fürstenberg blieben die meisten Saar-Orte, so auch Wol­ terdingen bis zur Einverleibung in das Großherzogtum Baden im Jahr 1806. Fünf Jahrhunderte waren die Einwohner von Wolterdingen Untertanen der Fürstenberger und eng mit deren Geschichte verbunden. Wolterdingen hatte im Lauf der Zeit schwere Schicksalsschläge über sich ergehen lassen müssen. Der Bauernkrieg (1524/25) brachte dem Dorf ebensoviel Unheil wie der Dreißigjährige Krieg (1618-1648), deren Be­ gleiter Hungersnöte und Pest sowie Plünde­ rung, Mord und Totschlag waren. In solch 43

unruhigen Zeiten verlor Wolterdingen durch gewaltsamen Tod, Vertreibung oder Flucht bis zu dreiviertel seiner Einwohner. Im Laufe der Geschichte wurde Wolterdin­ gen wiederholt von Großbränden heimge­ sucht. Bei dem bis dato größten Brand am 26. April 1856, wurden innerhalb von zwei­ einhalb Stunden 22 Wohnhäuser einge­ äschert, 133 Bürger obdachlos und ihrer per­ sönlicher Habe beraubt. Am 20. September 1901 wurden die noch nicht einmal fünfzig Jahre alte Pfarrkirche, vier Wohnhäuser und die Gasthäuser „Zum Hirschen“ und „Zum Goldenen Kranz“ ein Opfer der Flammen. Kaum waren die Spuren der Brandkata­ strophe beseitigt, fegte erneut eine gewalti­ ge Feuersbrunst über Wolterdingen. Am 18. September 1923 brach im Sägewerk Strobel und Siering ein Feuer aus. 27 Wohnhäuser brannten in der Folge bis auf die Grund­ mauern nieder. 120 Bürger wurden obdach­ los. Für die Brandgeschädigten war dieses Unglück besonders tragisch, da es in die Zeit der Inflation fiel. Die Zahlungen aus den Gebäude- und Fahrnisversicherungen waren nahezu wertlos. Die Menschen haben je­ doch niemals aufgegeben. Es ist erstaunlich, mit welchem Willen zum Überleben die Ge­ meinde immer wieder aufs Neue aufgebaut wurde. Nicht viel besser erging es den leidgeprüf� ten Wolterdinger Bürgern in den beiden Weltkriegen. Zwischen 1914 und l 918 fielen auf den Schlachtfeldern 38 Bürgerssöhne, drei wurden als vermißt gemeldet. In den Jahren 1941-1945 waren es insge­ samt 65 junge Männer, die auf den Schlacht­ feldern ihr Leben verloren, davon gelten J 7 als vermißt. Ab 8. Februar 1945 war Wolter­ dingen mehrfach Angriffsziel feindlicher Bomber. Insgesamt waren 38 Bombenopfer zu beklagen, 22 Gebäude wurden zerstört, darunter auch die Pfarrkirche. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Wol­ terdingen eine große Aufbauleistung voll­ bracht. Mit nur noch wenig historischer Bausubstanz wurde der Ort zielstrebig wie- 44 Wolterdingm i 1/1 l11ji b i Ir/. Mehrere Brände habm das historisch gewachsene Bilrl der Ge­ meinde stark 11eriindert. der aufgebaut. Die Aufwärtsentwicklung be­ gann 1951 mit dem Neubau der Schule, J 953 erfolgte der Neubau des Kindergartens mit Schwesternhaus, noch im selben Jahr wurde die Wasserleitung durch die Wolf­ bachquelle erweitert und eine neue Pump­ station errichtet. Kontinuierlich wurde die kommunale Bautätigkeit weitergetrieben. Mit dem Neubau der Turn- und Festhalle im Jahre 1958. Bereits 1963 konnten das Feuer­ wehrgeräte- und Schlachthaus der Bestim­ mung übergeben werden. 1968 wurde die Kläranlage in Betrieb genommen. Im Jahr 1971 wurde das letzte Bauvorhaben der bis dahin selbständigen Gemeinde, die Fried-

hofskapelle, in Angriff genommen. Die Ge­ meindereform brachte auch für die Wolter­ dinger das Ende der Selbständigkeit. Am 1. 12. 1971 wurde Wolterdingen nach langen Verhandlungen ein Stadtteil von Donau­ eschingen. Der bis dahin amtierende Bür­ germeister Emil Winterhalter wurde Orts­ vorsteher. Das im Eingliederungsvertrag ver­ sprochene Freibad wurde im Jahre 1982 rea­ lisiert. Auch als Stadtteil von Donaueschingen wurde die Entwicklung des Ortes stetig wei­ terbetrieben, so zum Beispiel durch die Er­ schließung weiterer Bau- und Industriege­ biete. Als wichtigste Zukunftsbaumaßnah- me, zugleich aber auch die Schwierigste, wird seitens des Ortsvorstehers Anton Durler und des Ortschaftsrates der Bau des Hochwasserschutzdammes in Wolterdingen angesehen. Durch ein reges Vereinsleben ist in Wol­ terdingen ein Stück Eigenständigkeit erhal­ ten geblieben. 18 Vereine bereichern das Ge­ meindeleben. Der älteste heute noch exi­ stierende Verein ist die Musikkapelle, die am 15. Juli 1862 als Feuerwehrkapelle ins Le­ ben gerufen wurde. Bereits 1856 wurde von der Gründung einer freiwilligen Feuerwehr gesprochen, doch offizielles Gründungsda­ tum mit abgesicherten Dokumenten ist der 45

Wolterdingen, Blick 11uf die Breg und das Rathar1s. 14. Juli 1865, als der damalige Bürgermeister Josef Scherzinger zur Bildung einer Feuer­ wehr aufrief. Tags darauf meldeten sich 125 Söhne der Gemeinde, die damals gerade 800 Einwohner zählte, auf dem Rathaus. Heute noch bestehende Vereine sind: Der Gesangverein, gegründet im Jahr 1920 als Männergesangverein, der dann 1958 in ei­ nen gemischten Chor umgewandelt wurde. Ebenfalls ins Jahr 1920 fallt auch die Grün­ dung des Fußball Clubs Wolterdingen, 1922 wurde der Turnverein gegründet. Die Grün­ dung des Narrenvereins „Immerfroh“ fiel in das Jahr 1865. Der Name des Vereins geht auf die Gründerväter zurück, sie wollten die Bevölkerung von Wolterdingen durch ihr Wirken „immer froh“ stimmen. Der Kir­ chenchor kann auch schon auf eine über 130jährige Geschichte zurückblicken. Be­ reits 1865 wird in alten Dokumenten von ei­ nem Kirchenchor gesprochen. 1953 wurde die Kyffhäuser-Kameradschaft gegründet, deren Wurzeln im Jahre 1885 gegründeten Militärverein zu suchen sind, der 1938 auf­ gelöst wurde. Die Ziele der Kyffhäuser-Ka­ meradschaft waren, ehemaligen Soldaten Hilfe und Unterstützung zu gewähren und sich um deren Hinterbliebenen zu küm­ mern. Der Landfrauenverein, der im Jahre 1942 gegründet wurde, verfolgt die Ziele der Er­ wachsenenbildung, aber auch, und das war vor allem früher der Fall, die Interessenver­ tretung der Frau im ländlichen Wohnraum. Der Verein sollte ein soziales Sprachrohr und gleichzeitig Ventil für die Strapazen des 46

Das Wappen Wappen: In Gold ein vierspeichiges rotes Mühlrad. Bereits vor Anfall der fürstenbergi­ schen Landgrafschaft Baar an Baden führte die Gemeinde Wo!- terdingen ein eigenes Sie­ gel. Dieses zeigte frei im Sie­ gelfeld eine Kreuzscheibe (Radkreuz, siehe kleine Dar­ stellung unten), begleitet von zwei Palmzweigen und einem überhöht Röschen und einer heraldi­ schen Krone. Die Umschrift lautete: �:- SIGIL DES FLECKENS WOLDER­ DING:. Ein Abdruck dieses Siegels kommt zum Beispiel 1757 an einer Urkunde im fürstlich fürstenbergischen Hauptarchiv Donaueschin­ gen vor. von Auf einem ovalen Farb­ druckstempel des 19. Jahrhun­ derts erscheint dann ein primitives Rad mit Nabe in einen Schild gesetzt, der von einer Krone überhöht und von Lorbeerzweigen umgeben ist; die Um­ schrift lautete jetzt: BÜRGERMEI­ STERAMT WOLTERDINGEN. Das „Radkreuz“ als altes Ortszeichen war auch auf Grenzsteinen angebracht; z.B. auf dem alten Stein von 1683 an der Gemarkungsgrenze nach Tannheim. Im Jahre 1903, beim Wappenvor­ schlag des großherzoglich badischen Generallandesarchivs, wurde das rad­ ähnliche Zeichen als Mühlrad aufgefaßt und so wiedergegeben; damit war der Gemeinderat auch einver­ standen. Ein Grund für die Wahl der Farben ist nicht be­ kannt. Mit der Eingemein­ dung von Wolterdingen in die Stadt Donaueschingen zum l. Dezember 1971 ist das Wappen erloschen. Prof Klaus Schnibbe QJ1ellen und Literatur: FF Archiv Donaueschingen. General­ landesarchiv Karlsruhe, Wap­ penakten Amtsbezirk Donau­ eschingen, Landkreis Donau­ eschingen u. Schwarzwald-Baar­ Kreis. GLA-Wappenkartei Schwarzwald-Baar-Kreis. – GLA­ Siegelkartei Schwarzwald-Baar- Kreis. – E. Hauger u. A. .-tue,; Wolter­ dingen, Geschid1te eines Baardo,fes, Frei­ burg 1960 (Sd,r. d. lkr. Donaueschingen, Band 14), – K.Schnibbe, Gemeindewappen im ehem. Landkreis Donaueschingen, in: Schriften d. itreins f Gesch. u. Naturgesch. d. Baar in Donaueschingen, Band 33 (1980). harten bäuerlichen Lebens sein. Gleich zwei Vereine gründeten sich im Jahr 1957, das Ro­ te Kreuz und der Narrenverein „Bregtal­ glonki“. Weitere Vereine sind der Angel­ sportverein, die Sportfischer, Akkordeon­ verein, Sportkegelclub Freundschaft, Mo­ torsportverein, Kentucky Brothers und der Tennisclub. Während man in früheren Jahrhunderten in Wolterdingen ausschließlich von der Landwirtschaft und dem dazugehörenden Handwerk lebte, spielt sie heute kaum mehr eine Rolle mehr. Nur noch vier Voller­ werbslandwirte sind auf.zu finden. Sie sorgen mit ihrer Landbewirtschaftung dafür, daß der landschaftliche Reiz rund um Wolter­ dingen erhalten bleibt. Neben zwei Sägewerken gibt es in Wolter- 47

dingen drei metallverarbeitende Betriebe; in neuester Zeit haben sich Betriebe der Me­ tallveredelung, Elektro· und Steuerungs­ technik, Werkzeug-und Vorrichtungsbau so­ wie ein Betrieb für Verkehrsleiteinrichtun­ gen im neuen Gewerbegebiet Längenfeld angesiedelt. Zwei größere Transportunter­ nehmen, sowie Firmen des Hoch- und Tief­ baus, des Gerüstbaus und für Zimmerarbei­ ten oder ein Ing.-Büro für Tragwerkplanung gehören ebenso dazu. Zudem Handwerks­ betriebe von der Schlosserei bis zum Sa­ nitär- und Elektroinstallateur, vom Hei­ zungsbau über den Maler bis hin zum Schreiner/Möbelschreiner. Weiterhin findet man neben den Geschäften für den tägli­ chen Bedarf an Lebensmitteln, ein Friseur­ geschäft, einen Raumausstatter, einen Mö­ bel- sowie ein Autohaus, einen Fachhandel für biologische Produkte rund ums Wohn­ haus sowie eine weit über Wolterdingens Grenzen bekannte Demeter-Gärtnerei, zu­ sätzlich Filialen der Volksbank der Baar e.G. Hüfingen und der Sparkasse Donaueschin­ gen. Auch kulinarisch hat Wolterdingen einiges zu bieten. In den traditionsreichen Gasthäu­ sern „Sonne“, ,,Falken“, dem „Schwarzen Buben“ im Zindelstein und der Kegelstube mit ihren vier Bundeskegelbahnen, werden Einheimische und Fremde mit gehobener und gut bürgerlicher Küche kulinarisch ver­ wöhnt. Im Juli 1995 konnte der Jungunternehmer Ernst Zwick seinen Kindheitstraum verwirk­ licht sehen: Nach l 9monatiger intensiver Bauzeit konnte er sein eigenes Wasserkraft­ werk mit einer Jahresleistung von 2 Millio­ nen Kwh in Betrieb setzen. Die Pfarrkirche St. Kilian ist das weithin sichtbare Wahrzeichen der Gemeinde. Die im Jahre 1861 erbaute Kirche brannte 1901 bis auf die Grundmauern nieder. Im neugo­ tischen Stil wurde die Kirche mit drei Schif­ fen und einem Kreuzgewölbe erstellt. Bei den Luftangriffen 1945 wurde sie bis auf den Glockenturm fast völlig zerstört. 1948 48 konnte das wiedererstellte Gotteshaus neu eingeweiht werden. Erstmalig wurde die Pfarrei Wolterdingen im „Liber decimationis“, dem Zehntbuch der Diözese Konstanz, im Jahre 1275 ge­ nannt. Die ältesten Kirchenbücher sind bis auf den heutigen Tag erhalten geblieben. Pfarrer Christian Wuhrer aus Schömberg be­ gann im Jahre 1594 mit den ersten Einträ­ gen in das Taufbuch. Im Jahre 1608 beginnt das älteste Trau- oder Ehebuch. Mit den Sterbeeinträgen wurde im Jahr 1616 begon­ nen. In den 25 Jahren nach der Eingemeindung hat sich Wolterdingen zu einer attraktiven Gemeinde entwickelt. Die Einwohnerzahl stieg von 1209 auf 1532. Für die kommenden Jahre stehen umfang­ reiche Aufgaben zur Verwirklichung an. Ne­ ben der Erschließung neuer Wohngebiete, sind der geplante Bau eines Hochwasser­ schutzdammes und einer Umgehungsstraße wichtige Projekte für die Zukunft. Bernhard Hessemannn • • • Freiheit melodisch klingt Wildvogelschrei aus der Luft unabhängig, frei es bleibt die verlorene Feder schwer wiegt sie in meiner Hand. Christiana Steger

Ein schönes und liebenswertes Dorf Rohrbach hat sich auch nach der Eingemeindung die Selbständigkeit bewahrt Das DorfRohrbach, das seit 1973 zur Stadt Furtwangen gehört, liegt in einem linken Seitental des Bregoberlaufes. Im oberen Teil läuft es nach Osten, um dann nach Süden abzuschwenken. Eingerahmt wird Rohrbach von Bodenwald und Fohrenbühl im We­ sten, von Rappeneck und Schlegelberg im Osten, schließlich vom Stöcklewaldkopf im Norden. Vom Haupttal stoßen die westli­ chen Seitentäler ins Gebirge: Der Unter­ grund, der Wolfsgrund, das Reibschental, der Plazidobel und der Reinersgrund. Die Zinken Fürsatz, Holzdobel, Schlempen und Fuchsfalle runden das Bild ab. Die wohl erste Kurzbeschreibung des Or­ tes ist in Aufzeichnungen des Frauenklosters Waldkirch zu finden, in denen es heißt: „Rohrbach uf em Schwartzwald hat huser 23 von gemeinen Lyt nach 1525.“ Eine weitere Kurzbeschreibung stammt aus dem Jahre 1813: ,,Es ist eine rauhes Tal mit zerstreuten Höfen, einer neu errichteten Lokalkaplanei, neuer Kirche und einem schönen Pfarrhof, im Bezirksamt Triberg, zwei Stunden vom Amtsort und eine Stunde von Furtwangen.“ Im Jahre 1843 wird der Ort geschildert als ein Dorf mit 71 Häusern und 92 Familien, welche zerstreut im Gebirge leben. Der Ort habe eine Mahl- und Sägemühle. Die Leute würden von Feld- und Wiesenbau leben, Viehzucht betreiben, außerdem gebe es drei Wirtschaften. Zur Entstehungsgeschichte des Ortes: Das Tal gehörte ursprünglich zur Bertholdsbaar. Nach Auflösung der alten Gaue kam Rohr­ bach in den Besitz des Frauenklosters Wald­ kirch. 1178 bestätigt Papst Alexander III. eben diesem Kloster den Besitz von Rohr- Das „Dörfte“ mit Neubaugebiet und Reibschental. 49

‚ ‚· .� { … .,,.,. . . … ‚f.i’� ·. 1:;, .::1 Der über 600 Jahre alte Ahorn bei der Grundhefkapelle !rieb bis 11or wenigm Jahren im Frühjahr stels seine BI älter aus (linkes Bild), jelzl s/ irbl er (Bild rechls). Um 1900 gall der Rohrbarher Baum als ge- 1oal1igsler Ahorn Deutschlands. bach. Waldkirch bleibt Grundherrin bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. Um 1218, nach dem Aussterben der Zähringer Herzöge, kommt der Ort unter die Schirmherrschaft der Ritter von Triberg. Das Dorf wurde „tribergisch“, verblieb bei dieser Herrschaft, wurde mit Triberg vor­ derösterreichisch bis zum Jahre 1805. Zwar beanspruchten die Fürstenberger lange Zeit die östliche Talhälfte – wegen der ergiebigen Jagdgebiete – doch konnten sie ihre An­ sprüche nie rechtlich durchsetzen. Sie quäl­ ten damit nur die östlichen Talbauern, die zeitweise dadurch ihre Abgaben an zwei Herren leisten mußten. Ein Bauer war dar­ über so verärgert, daß er seinen Hof anno 1605 an der östlichen Talseite abriß und ihn westlich wieder aufbaute. Rohrbach wurde nicht nach und nach be­ siedelt, sondern von der Herrschaft in brei­ te Grundstückstreifen „zerlegt“, die den zu­ gewanderten Bauern zugewiesen wurden. Im Zentrum des jeweiligen Landstreifens lag das Hofgebäude. Wiesen, Felder und Wäl­ der erstreckten sich über beide Talseiten hin­ weg, so daß die Siedlungsform der Wald­ hufe entstand, oft auch Königshufe ge­ nannt: Der Hof bildete eine funktionieren­ de wirtschaftliche Kleineinheit. Über Jahrhunderte hinweg blieb die Ge­ meinde Rohrbach ein reines Bauerndorf mit seinen ursprünglich 23 Höfen: Gab bereits 50

die Beschreibung aus dem Jahr 1512 für Rohrbach 23 Höfe an, so war es 140 Jahre später immer noch die gleiche Anzahl. Eine Schrift des Waldkircher Klosters, der „Ding­ rodel“, legte fest, was Rechte und Pflichten der Bauern waren. Den Rohrbacher Bauern ging es nicht wie jenen unterdrückten Un­ tertanen, die man zu dieser Zeit andernorts findet. Ein Wandel der Verhältnisse trat nach dem 30jährigen Krieg ein: Nicht nur die Bauform der Höfe ändert sich, langsam erobern sich Handwerker und Gewerber eine Stellung im Dorfgefüge: Glasbläser, Kohlebrenner, Uh­ renmacher lassen die ersten „Hüsle“ bei den Höfen entstehen. Der Schmied, der Schnei­ der, der Krämer, die Uhrenhändler gesellen sich dazu, so daß um 1746 das Häuserver­ zeichnis schon ein echtes Streudorf vorstellt. Uhrenmacherei und Uhrenhandel brachten dem Dorf bis in die erste Hälfte des 19. Jahr­ hunderts eine Blüte. Die Rohrbacher Uh­ renhändler pflegten Verbindungen zu fer­ nen europäischen Handelszentren, trafen sich jährlich um Weihnachten beim Rotlö­ wenwirt, dem „Denzlinger“, um der Händ­ lergesellschaft Rechenschaft abzulegen. Rohrbach sei, so schreibt ein Chronist um 1850, ein Dorf in dem das Handwerk blühe, es sei auch das Tal, das die meisten „Englän­ der“ des ganzen Schwarzwaldes beherberge. Tiefgreifender Wandel Doch nach der Jahrhundertmitte stellte sich die Krise ein: Neue Zollschranken in die Handelsländer, neue Verkehrsadern, die an Rohrbach vorbei liefen, und Spekulations­ geschäfte um die größten örtlichen Bauern­ höfe warfen den Ort in den Wirtschafts- und Verkehrsschatten. Die Bevölkerungszahl wurde rasch rückläufig, Dutzende von Bür­ gern und Familien kehrten dem Dorf den Rücken und entschlossen sich zur Auswan­ derung. Stagnation und Bevölkerungsschwund hielten bis um 1970 an: Die Landwirtschaft – früher selbst in der kleinsten Hütte betrie­ ben – spielte nur noch eine mindere Rolle. Höfe änderten ihren Charakter, Klein­ landwirte gaben auf, wenige große Höfe be­ wirtschafteten ihre Güter intensiv, speziali­ siert, mit wenigen Personen auskommend. Der große Teil der arbeitenden Bevölkerung pendelte in die nahen Industrieorte St. Ge­ orgen, Vöhrenbach und Furtwangen. Viele ließen sich dort nieder, und Rohrbach war in Gefahr, ein sterbendes Dorf zu werden. Bür­ germeister Volk (bis 1967 im Amt) versuch­ te, durch Straßen- und Wegebaumaßnah­ men den Ort ans Verkehrsnetz anzubinden, die Außenbezirke ans Dorf heranzuholen. Ende der 60er Jahre wurde die Idee geboren, im Tal ein Neubaugebiet zu planen. Dieser Gedanke sollte für die künftige Dorfstruktur von entscheidender, positiver Bedeutung sein. Das Vorhaben wurde dann vom jun­ gen, energischen Bürgermeister Berthold Ketterer (gewählt 1967), der einen tatkräfti­ gen Gemeinderat zur Seite hatte, in die Tat umgesetzt. Der Ausbau der Rohrbad1er Landstraße, der Bau einer öffentlichen Wasserversor­ gung und der Bau eines Abwasserkanales, machten es möglich, daß ein Baugebiet „Am Reibschenberg“ entstehen konnte, wo junge Familien aus Rohrbach und der Umgebung bauen konnten. Als im Zuge der Verwaltungsreform dem Dorf die Selbständigkeit genommen wurde (1973), schmerzten diese Maßnahmen schwer, waren dem Ort doch wichtige Säu­ len uralten dörflichen Zusammenlebens weggenommen. Doch die Rohrbacher ließen sich nicht mehr entmutigen, man wollte keinesfalls nunmehr das fünfte Rad am Wagen der Stadt Furtwangen sein. (Rohrbach gehört jetzt zu Furtwangen.) Das Mühen der Rohrbacher wurde gelohnt, ein mittlerer Betrieb ließ sich am Ort nieder, schuf Arbeitsplätze, ein zweites Baugebiet, ,,Reibschenhofweg“, wurde nach langem, dornenreichen Kampf in die Tat umgesetzt. Der Erfolg der neuen Entwicklung spiegelt 51

52 Oben: Im Rohrb11d;er Untertal, links ist der Altenvogtshof z11 sehm. Unten: .reit zieht sich das Rohrbachtal hin, im Mi((e/punkt die 1843 neu erbaute Kirche.

sich in den Einwohnerzahlen: Seit 1961 hat die Zahl der Einwohner um mehr als 32 Pro· zent zugenommen. Mit Bürgermeister Richard Krieg steht nun ein Mann an der Spitze der Stadt, der die Probleme der „Dörfler“ ernst nimmt. Er re· spektiert die Stadtteilbürger, sie sollen mit· gestalten, aber auch mitverantworten. So ist Rohrbach wieder auf dem Weg, ein schönes liebenswertes Dorf zu sein, ein Erholungsort (dies Prädikat wurde Rohrbach verliehen), der ein blühendes kulturelles Leben bietet und Gastfreundschaft hoch hält. Eine wichtige Säule im dörflichen Leben sind gewiß nicht zuletzt die Vereine, die den Bürgern sowohl sozial wie auch kulturell wertvolle Säulen sind, die vieles zur Dorf­ gemeinschaft beitragen. Im Verhältnis zu seiner Größe hat der Ort recht viele Vereine und es gehört fast dazu, daß jeder in irgend einem derselben tätig oder aktiv ist: Der größte Verein ist die Musikkapelle „Froh­ sinn“ (gegr. 1923). Mehr als 40 aktive Mit­ glieder gehören diesem angesehenen, tra· ditionsreichen Orchester an. Neben ihm steht der Handharmonikaclub „Edelweiß“ Das Wappen Wappen: In Silber r111s blauem Wel/emchild­ J,ifs wachsend im Wl’chsel f,tnf großr und vier kll’im griine Schi!frohre mit schwr1rzen Kolben. Von diesem „redenden“ Bild leitete sich 1906 ein Wappenvorschlag des großherzoglich badischen Generallan­ desarchivs in Karlsruhe her, mit dem der Gemeinderat einverstanden war. Dieses Wappen war bis zur Eingemein- dung von Rohrbach in die Stadt Furtwangen zum !. Oktober 1973 in amtli­ chem Gebrauch. Pref. Kl((us Sdmibbe Q]lellen und Literatur: Gene· mllandesarchiv Karlsruhe, Wappenakten Amtsbezirk Triberg. ·GLA-Wt1ppenkr1r­ tei Sc!nvt1rzwald-Bt1t1r-Kreis. · GLA-Siegelkartei Schwarz- 1vrild-Baflr-Kreis. Furtwan· rm 54

(1933), der sehr großen Wert auf Jugendar­ beit legt. Schließlich hat Rohrbach noch den St.-Johann-Kirchenchor. Dieser Chor, ge­ gründet 1830, wurde 1994 für seine musika­ lische Leistung mit der „Palestrina-Medail­ le“ ausgezeichnet. Der Landfrauenverein hat sich kulturelle und soziale Arbeit zum Ziel gesetzt (gegr. 1966). Für sportliche Aktivitäten bietet sich der Schützenverein (1960) an, oder eine der Sportgruppen, die sich zum Freizeitsport im Vereinsraum der ehemaligen Schule treffen. Die Feuerwehr ist eine mannschaftsstarke, gut geführte Abteilung der Furtwanger Ge­ samtfeuerwehr. Schließlich hat sich 1993 noch ein Narrenverein mit dem traditions­ reichen Namen „Kohlebrenner“ gebildet, der sich zum Ziel gesetzt hat, alemannische Dorftradition zu wahren und zu pflegen. Bei so vielem, intensiven dörflichen Kul­ turleben ist jeder Rohrbacher stolz, daß es noch einen eigenen Pfarrer im Dorf gibt. Das ist der Pater Fleig, Salesianer, gebürtig aus Schonach, den alle im Dorf verehren und mit dem alle Rohrbacher hoffen, daß das Schwarzwalddorf, in dem jetzt über 500 Menschen leben, lebendige Gemeinschaft bleibt, in der es sich lohnt zu leben. Ein Dorf, das die Einheimischen lieben, das Gä­ ste gern besuchen. Manfred Kimmig Am Stockwald bei St. Georgen, Z,eiclmrmgvon Rudo(f Heck. 55

Behörden, Organisationen und Institutionen Das Märchen vom Park für alle Generationen Freizeitpark in Villingen-Schwenningen ein Paradies für Kinder Deutschlands einziger nicht kommerzieller Freizeitpark in Villingen-Schwenningen erfreut sich nicht nur großer Beliebtheit in der Doppelstadt selbst, son­ dern auch bei Tausenden von Urlaubern aus dem Schwarz­ wald- und Bodenseeraum sowie aus ganz Baden-Württemberg. Kann so etwas überhaupt wahr sein? Kletterburgen, Rutschen, Karussell, Sandburgen, Spring­ burgen und Tiere für Kinder zum Anfaßen, dazu weitläufige Erholungsmöglichkeiten für die Erwachsenen – und das alles zum Nulltarif. Ein Märchen? Keinesfalls. Die Stadtjugendpflege in Villingen­ Schwenningen im Schwarzwald hat möglich gemacht, wovon al­ le Kinder und Eltern träumen: Ein Ferien- und Freizeitpara­ dies, das für jeden Geldbeutel erschwinglich ist. Kein Wunder also, daß pro Saison mehr als 140 000 Besucher hierher strö­ men, um ihre Freizeit zu ge­ nießen. Der Familien-Freizeit­ park in Villingen-Schwennin­ gen läßt jedenfalls kaum Wün­ sche offen und ist zu einem Geheimtip im Südwesten ge­ worden. Von Ministerpräsident Ein Ort von dem Kinder träumen, der Freizeitpark bietet viel­ Erwin Teufel bis hin zu vielen fällige Spiel- und Unterbalt1111gsmöglichkeiten. Bundes- und Landespolitikern wird über den Park nur lobend gesprochen. Kein Wunder: die Einrichtung sucht ihres­ gleichen in ganz Deutschland. Dabei war es gar nicht so einfach, diese 56 nichtkommerzielle Freizeiteinrichtung zu etablieren. Die Idee dazu hatte Dieter Sir­ ringhaus, Stadtjugendpfleger in Villingen­ Schwenningen, der hier seit mehr als 20 Jah-

Der Freizeitpark hat seine „kulturellen Eigengewächse“: ,,Stupsis Freunde“ bereichern das Programm mit Liedern und Sketchen. ren nicht nur immer wieder neue Wege der Jugendarbeit geht, sondern vor allem ver­ sucht, das Freizeitverhalten aller Altersgrup­ pen aufeinander abzustimmen. Sein Motto: die Generationen müssen wieder miteinan­ der reden können. Im Familien-Freizeitpark klappt das problemlos. Kein Wunder, daß sich hier alle Schichten und Altersklassen wohl fühlen. Dabei gab es erhebliche bürokratische Wi­ derstände zu über­ winden, bis der Frei­ zeitpark schlußend­ lich anerkannt war. 1987 begann Dieter Sirringhaus, der im­ mer schon ein Faible für die Zirkuswelt hat· te, auf einer grünen Wiese am Rande von Villingen mit den er­ sten provisorischen Einrichtungen, einige Eine Spiellandschafl ohne Grenzen. Zirkuswagen und Zelte für Ziegen und Ponys waren der Anfang. Nachdem der Stadtjugendpfleger dem massiven Wider· ständen aus den Reihen seiner eigenen Ver­ waltungskollegen trotzte und sich über man­ che bürokratische Gängelung hinwegsetzte, wurde aus dem Provisorium ein richtiger Park mit 100 000 m2 Parkgelände und einem Wald. Die Spiellandschaften und Ruhezonen, die hier zum Nulltarif sind, zu genießen erfordern einen im­ Instandset­ mensen zungs- und Arbeits­ aufwand. Auch hier­ bei ist der gezeigte Einsatz für diese Ein­ richtung erstaunlich. Der Park wird von hauptamtlichen Mit­ arbeitern betreut, an­ sonsten tragen mehre- · . ..:… ‚-: 57

re ABM-Kräfte, Rentner, einige Asylbewer- ber und vor allem weitere freiwillige Helfer mit dazu bei, daß der Betrieb reibungslos laufen kann, obwohl an Spitzentagen meh­ rere tausend Besucher in den Park drängen. Eigentlich als Naherbolungseinrichtung für Villingen-Schwenningen gedacht, kom­ men die Besucher von Offenburg bis Kon­ stanz und von Freiburg bis Tübingen, um in der gewachsenen Ursprünglichkeit ihre Frei­ zeit zu verbringen. Doch längst sind es nicht mehr nur allein die Freizeitaktionen, die anlocken: während der Wochenenden wer- den unterschiedliche Programme angebo­ ten, von volkstümlicher Blasmusik über Kasperletheater, Kindertheater bis hin zu Akrobatik. Mit der Reihe „Kultur im Park“ sollen neue Publikumsschichten erschlossen werden. Kabarett, Blues und Bluesgrass sor­ gen für zusätzliche Attraktionen im Famili­ en-Freizeitpark. Aber auch Flohmärkte und weitere Sonderveranstaltungen ziehen neue Besucher an. Doch hat der Park auch seine kulturellen Eigengewächse. ,,Stupsis Freunde“ nennt sich nach dem Maskottchen der Einrichtung eine Gruppe von Kindern und Jugendli- Kostenlos ist aud, das Fahren mit dem Karussell. Klellern mrLChl Spaß. Eine vielfältige Erlebnislandschafl wartet auf die Besucher des Freizeitparks. 58

Die Rutschen und Kletterwände sind im Freizeitpark meisl dichl umlagert. chen, die sich im Park kennengelernt haben: Unter der Betreuung einiger Eltern führt die Gruppe regelmäßig Programme auf, mei­ stens werden Lieder und Sketche, der Jah· reszeit entsprechend, dargeboten. Die Grup· pe wird mittlerweile auch außerhalb des Freizeitparks für Veranstaltungen gebucht, und neben den Aktivitäten im Park stehen gemeinsame Freizeitabenteuer auf der Ta­ gesordnung. Rentner, Eltern mit Kleinkindern, Allein­ erziehende, Kinder, Schulklassen, Kinder· gärten, Behinderten- und Ausländergrup· pen und viele mehr kommen; der Freizeit· park ist ein Treffpunkt für alle Schichten und Altersklassen geworden. Vor allem während der Sommerferien ist er Anzie­ hungspunkt für viele, die sich eine Urlaubs­ reise nicht leisten können. Vollgepackt, mit Kind und Kegel, kommen die Familien am Vormittag und bleiben dann bis zum Abend – ein Ferienerlebnis der anderen Art wird hier geboten und viele Touristenfamilien aus dem Schwarzwald sind ständig zu Gast. Und natürlich lachen die Kinderherzen. Spielgeräte für kleine und größere Kinder, Klettertürme, Sandlandschaften, eine Was­ serrutsche, Autoskooter, Kinderkarussells, Springburgen, Rollenrutsche und die Pit­ Pat-Anlage können benutzt werden. Ziegen, Ponys, Känguruhs und die größte Spiel­ landschaft im süddeutschen Raum sowie ein weitläufiges Tiergehege sind unverzichtbarer Bestandteil des Parks. Nur eine handvoll angestellter Mitarbeiter sorgt dafür, daß der Apparat läuft und stän­ dig bauliche Verbesserungen vorgenommen werden. Ohne weitere freiwillige Helfer – und ohne die Unterstützung von Asylbe­ werbern aus einem nahegelegenen Wohn­ heim – wären indes die umfangreichen Ar· beiten kaum zu bewältigen. Erfreulich ist für den Stadtjugendpfleger, daß sich auch Besucher immer wieder tatkräftig engagie- 59

ren, wenn Arbeiten zu erledigen sind. Eh­ renamtlichkeit wird im Park großgeschrie­ ben! Denn der Familien-Freizeitpark in Vil­ lingen-Schwenningen ist wegen seiner be­ schränkten Mittel, trotz vieler freiwilliger Helfer und einer Fülle von Besuchern, kei­ ne „Insel der Glückseligkeit“, denn Geld­ und Personalmangel sind immer wieder schmerzlich spürbar. Ohne das Improvisati­ onsgeschick des Stadtjugendpflegers, der es geschickt versteht, örtliche Sponsoren zur Unterstützung für den Familien-Freizeit­ park zu gewinnen, hätte die Einrichtung nie­ mals die heutige Größe angenommen. Für Dieter Sirringhaus, der noch immer viele Ideen hat, wenn es um die qualitative Ausgestaltung der Freizeiteinrichtungen geht, ist vor allem wichtig, daß der Park an­ genommen wird. Für ihn ist das Märchen vom Park für alle Generationen Wirklichkeit geworden. Und zwischen April und Okto­ ber bescheinigen ihm Jahr für Jahr mehr als 140 000 Besucher, daß er richtig liegt, mit dem einzigen nichtkommerziellen Freizeit­ park Deutschlands. Sogar die Skeptiker aus Gemeinderat und Stadtverwaltung sind mittlerweile stolz auf die Einrichtung, die Villingen-Schwenningen für viele Familien aus Baden-Württemberg zum Ausflugsziel am Wochenende werden läßt. Dieter Sirringhaus Neues Informations- und Service-Center Industrie- und Handelskammer noch kundennäher Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Schwarzwald-Saar-Heuberg in Villingen­ Schwenningen präsentiert sich mit der Än­ derung ihrer Organisationsstruktur und der Eröffnung ihres Informations- und Service­ centers noch kundennäher. Mit dieser Neu­ organisation ist die IHK für die immer kom­ plexeren Aufgaben gerüstet und verstärkt die Synergieeffekte. Beispielsweise hat sich gezeigt, daß in Zei­ ten globalisierter Märkte die wettbewerbli­ che Position der Industrie unseres Wirt­ schaftsraumes eng mit außcnwirtschaftli­ chen Erfordernissen verzahnt ist. Im Um­ weltbereich sind die Ansprüche an die Unternehmen sehr viel komplexer gewor­ den und können aus Sicht der Kammer nicht mehr als rein eigenständiges Thema behandelt werden. Auch das Zusammen­ wirken von Ausbildung und Weiterbildung ist sehr viel intensiver geworden. Denn die notwendige Qialifikation der Arbeitneh­ mer im weltweiten Wettbewerb erfordert 60 von Beginn der Ausbildung an bis zum En­ de des Arbeitslebens eine permanente Wei­ terqualifikation. Aus all diesen, beispielhaft dargestellten Gründen hat die !HK ab Jah­ resbeginn 1996 ihre Geschäftsbereiche neu geordnet. Neben dem Geschäftsbereich Fi­ nanzen und Organisation gibt es statt ur­ sprünglich vier Abteilungen nur noch drei weitere Geschäftsbereiche, die von Ge­ schäftsführern geleitet werden. Diese Geschäftsbereiche sind: Industrie/Außen­ wirtschaft/Verkehr/Umwelt (Leitung: Franz Nienhaus), Handel/Recht/Dienstleistungen (Leitung: Stephen Gutberlet) und Berufsbil­ dung (Leitung: Albert Stelzte). Mit der zur Jahresmitte erfolgten Einwei­ hung des Informations- und Servicecenters erweitert die Industrie- und Handelskam­ mer auch ihr kundcnnahes Dienstleistungs­ angebot. Es hat sich gezeigt, daß die Bera­ tungsintensität in den letzten Jahren sehr viel stärker geworden ist. Neben der großen telefonischen Nachfrage nach Beratungen,

Uhr geöffnet. Damit kommt die IHK den Firmen und den berufstätigen Besuchern entgegen. Die Kundennähe ist durch dieses Dienstleistungsangebot beträchtlich ge­ wachsen. Zusammen mit der Neuorganisa­ tion der Kammerstruktur hat sich die Indu­ strie- und Handelskammer damit flexibel an die gewandelten Anforderungen angepaßt. I H K-Hauptgeschäfiifiihrer Dr. Rudolf Kubach kommen auch sehr viel mehr Besucher in die Kammer. Diese können im Informati­ ons- und Servicecenter Erstauskünfte ein­ holen, alle für den Außenwirtschaftsverkehr notwendigen Bescheinigungen erhalten oder sich auch über das umfassende Weiter­ bildungsprogramm der Kammer informie­ ren. Der Vorteil: eine schnelle Information auf kurzem Weg, denn das Center erreicht der Besucher gleich bei Betreten der Kam­ mer. Wenn eine intensive Beratung, etwa zur Existenzgründung erfolgen soll, wird der Kontakt über das Center zu dem Fachbera­ ter der IHK hergestellt. Auch die Öffnungszeiten des Informati­ ons- und Servicecenters orientieren sich an den Ansprüchen der Kunden. Das Center ist mittags durchgehend und abends bis 18.00 Die Industrie- und Handelskammer hat ein neues lnfonnalions- und Servicecenter eingerichtet. 61

Das Fenster zur Stadtgeschichte Im Stadtarchiv lagern über 5 000 Urkunden und 10 000 Siegel Im Schwarzwald-Baar-Kreis gibt es mehre­ re größere Archive. Eines davon ist das der Stadt Villingen-Schwenningen. Das Stadt­ archiv ist die zentrale Anlaufstelle für alle Fragen zur Stadtgeschichte. Als „Gedächtnis der Stadt“ verwahrt es stadtgeschichtliche Zeugnisse, die der interessierte Bürger im Benutzerraum einsehen kann. Das Archiv besteht in der heutigen Form erst seit 1991. Mit dem Amtsantritt von Dr. Heinrich Maulhardt wurden die bisher selbständigen Archive der Städte Schwen­ ningen und Villingen sowie die Ortsarchive unter einer Leitung zusammengeftihrt. Die räumliche Vereinigung der Archive von Mühlhausen, Schwenningen und Villingen geschah 1993. Die Bestände kamen aus dem ehemaligen Fabrikgebäude der Firma Ki­ enzle in der Friedrich-Ebert-Straße, dem Heimatmuseum Schwenningen, dem Depot im Hinterhaus der Volkshochschule am Münsterplatz und dem Osianderhaus in der Rietstraße. Die anderen Ortsarchive befin­ den sich noch in den jeweiligen Rathäusern der Ortschaften. Die Urkunden lagern in dem extra dafür eingerichteten Urkunden­ magazin in der Rietstraße. Die offizielle Eröffnung des neubezoge­ nen Gebäudes in der Lantwattenstraße 4 ge­ schah am 19. Mai 1994 durch den damali­ gen Oberbürgermeister Dr. Gerhard Gebau­ er. Die Kernaufgaben der Mitarbeiter des Ar­ chivs bestehen in der Übernahme, Bewer­ tung, Erhaltung und Erschließung der Ar­ chivalien. Dies bedeutet im einzelnen: Die von den stiidtischen Verwaltungseinheiten nicht mehr benötigten Unterlagen werden, wenn sie nach der Entscheidung der Mitar­ beiter des Archivs archivwürdig sind, von diesem übernommen, sachgerecht gelagert und verzeichnet, um sie der Öffentlichkeit 62 bei Einhaltung der gesetzlichen Vorschriften zugänglich zu machen. Insgesamt lagern in der Lantwattenstraße 2 569 laufende Meter Archivgut (Stand Februar 1996). Das Stadtarchiv Villingen blieb im laufe der Jahrhunderte von Kriegen und Bränden verschont. Lange Zeit war es im nördlichen Münsterturm, in der oberen Turmkapelle, untergebracht. Sogar den großen Stadt­ brand von 1271 überstand es ohne Schaden. Im alten Archiv sind Urkunden seit dem 12. Jahrhundert zusammengefaßt. Mit dem Be­ stand des Spital- und des Pfründ- oder Pfarr­ miinsterarchivs sind 5 000 Urkunden und mehr als 10 000 Originalsiegel vorhanden. Kaiserliche und königliche Urkunden, Frei­ heits- und Schirmbriefe, Unterlagen für Be­ dürfnisse, Pfandschaften, Rechtstreitigkei­ ten, Satzungen, Ordnungen, Landstände, Kriege und viele andere Dokumente bis hin zur Stadtverfassung sind im gesicherten Raum untergebracht. Neben den Urkunden sind Bürgerbücher seit 1360, Gerichtsproto­ kolle, Ratsprotokolle ab 1540, Anniversari­ enbücher u. a. ein wesentlicher Bestandteil des Villinger Archivs. 1945 Akten vernichtet Das Stadtarchiv Schwenningen enthält Unterlagen seit dem 17. Jahrhundert. Wich­ tige Archivalien befinden sich im Haupt­ staatsarchiv in Stuttgart, da nur Städte ver­ pAichtet waren, ein Archiv zu unterhalten, und Schwenningen erst 1907 zur Stadt er­ hoben wurde. Einige Aufgaben, die ab 1907 die Stadt wahrnahm, hat vorher das Ober­ amt Rottweil erledigt. Das Archiv ist von ei­ nigen Verlusten betroffen gewesen, u. a. wurden 1945 beim Einmarsch der französi­ schen Besatzungsmacht Akten vernichtet. Von einem Stadtarchiv kann man erst seit

und Weilersbach, befinden sich in den dortigen Rathäu­ sern. Sie vermitteln den je­ weils eigenen Charakter der Ortschaften und haben ihren Schwerpunkt ab dem 19. Jahrhundert. Die Unterlagen der gemein­ samen Stadt Villingen­ Schwenningen bilden seit 1972 den jüngsten Korpus innerhalb des gesamtstädti­ schen Archivs. Diese Archi­ valien sind den Benutzern größtenteils noch nicht zu­ gänglich, da laut Landesar­ chivgesetz von Baden-Würt­ temberg die Akten für 30 Jahre nach Abschluß ge­ sperrt sind. Das Stadtarchiv übernimmt Unterlagen, die im Bereich der Stadtverwaltung entstan­ den sind. Es sind dies: Ur­ kunden, Akten, Amtsbü­ cher, Datenträger, Photos, Karten, Pläne, Postkarten, Druckschriften, Ton- und Bildträger. Auch Privat- und Firmennachlässe werden zur Ergänzung gesammelt. Die Bestände sind in fünf Abteilungen gegliedert: l. Villingen-Schwenningen (ab 1972), 2. Vil­ lingen (bis 1971), 3. Schwenningen (bis 1971), 4. Fremde Provienzen und 5. Samm­ lungen. In der „Abteilung Vier“ sind Materialien zusammengefaßt, die von Stellen außerhalb der Stadtverwaltung abgegeben wurden, so zum Beispiel vom Badischen Bezirksamt Villingen, Landratsamt Schwarzwald-Baar­ Kreis, Landkreis Rottweil oder von der Uh­ renfabrik Urgos. Die „Abteilung Fünf“ enthält Photos, Dias, Negative, Postkarten, Zeichnungen und Skizzen, Videobänder, Filme, Schall- 63 Im Stadtarchiv Villingen-Schwenningen werden Archivalien nicht nur verwahrt, sondern auch fachgerecht restauriert. Das Bild zeigt die Reinigung von Akten bei der Übernahme. den Fünfziger Jahren sprechen. Dr. Manfred Reinartz, Leiter des Heimatmuseums und des Stadtarchivs Schwenningen, hat schon früh begonnen, um die Bestände zu scho­ nen, sie zu verfilmen. Gemeinderatsproto­ kolle, Inventuren und Teilungen, Grund­ und Pfandbücher, Einwohnermeldekartei, Fremdenbücher und Akten der Hauptregi­ stratur veranschaulichen die Schwenninger Geschichte. Die Ortsarchive der ehemals selbständigen Gemeinden Herzogenweiler, Marbach, Obereschach und Pfaffenweiler, aber auch die von Rietheim, Tannheim, Weigheim

platten, Tonbänder, Cassetten, Siegel, Sie­ gelstempel, Wappen, Karten und Pläne, Kli­ schees, Reproduktionen aus fremden Archi­ ven, Ausstellungsmaterialien, Münzen, Eh­ renzeichen und Medaillen, Briefköpfe, Zei­ tungen, Amtsdrucksachen, Kalender und die Stadtchronik. Die Archivalien beziehen sich nicht nur auf Villingen-Schwenningen, sondern grei­ fen teilweise auch auf den Kreis aus. Beson­ ders in der „Stadtchronik“, die eine Doku­ mentation von Zeitungsausschnitten, Fir­ menprospekten, Veranstaltungskalendern, Photos, Broschüren usw. darstellt, findet sich eine Rubrik „Kreis“. Zeitungen stark gefragt Ferner gehört zum Archiv eine umfang­ reiche wissenschaftliche Dienstbibliothek, die auch dem Benutzer zur Verfügung steht. Die Bücher werden ebenso wie die Archiva­ lien nicht entliehen. Wertvolle beschädigte Stücke werden von Fachleuten restauriert. Die Mikroverfilmung besonders häufig fre­ quentierter Bestände dient der Sicherung der Informationen im Fall der Vernichtung der Originale sowie als Arbeitsverfilmung zur Schonung des Schriftguts bei der Be­ nutzung. Die Filme können am Reader­ printer des Stadtarchivs von jedermann ein­ gesehen und Papierkopien erstellt werden. Unter Beachtung der Benutzungs- und Ge­ bührenordnung des Stadtarchivs Villingen­ Schwenningen besteht für die Öffentlich­ keit ein Recht auf Benutzung. Archivalien und Bücher können nur im Benutzerraum für wissenschaftliche, heimatkundliche und familiengeschichtliche Belange ausgewertet werden. Am stärksten nachgefragt werden: Zeitungen, Stadtchronik, Adreßbücher und Kopien der Kirchenbücher aus der Mün­ sterpfarrei. Die Fachberatung für Benutzer ist nur ein Aspekt der Öffentlichkeitsarbeit des Stadt­ archivs. Darüber hinaus gibt es verschiede­ ne Publikationen heraus, u. a. ,,Blätter zur 64 Auch alle Ansichtskttrlen sind im Stadtard1iv zu finden, hier eine Villingerin in Tracht. Geschichte der Stadt Villingen-Schwennin­ gen“. Auch Führungen sind auf Anfrage möglich. In Kooperation mit der Volks­ hochschule werden Kurse angeboten. In jüngster Zeit hat sich die Zusammenarbeit mit Lehrern intensiviert, die mit ihren Klas­ sen im Stadtarchiv arbeiten. Seit dem Bezug der Räume in der Lant­ wattenstraße hat die Benutzung des Archivs stark zugenommen, weil die meisten Unter­ lagen zur Stadtgeschichte nun an einem Ort zur Einsicht bereitliegen. Die Adresse zur Kontaktaufnahme: Stadt­ archiv Villingen-Schwenningen, Lant:vat­ tenstraße 4, 78050 Villingen-Schwenningen. (Postanschrift: Postfach 1260, 70002 Villin­ gen-Schwenningen). Oder telefonisch unter 07721/822383. Ingeborg Koll111t1nn!Ute Schulze

Bildungseinrichtungen Neuer Studiengang zielt auf Fernost Fachhochschule Furtwangen lehrt auch „Internationale Betriebswirtschaft“ Einen neuen, generalistisch und praxisnah angelegten Studiengang „Internationale Be­ triebswirtschaft“ startete zum Winterseme­ ster 1995/96 die Fachhochschule Furtwan­ gen am Standort VS-Schwenningen. Mit ei­ ner Festrede von Ministerpräsident Erwin Teufel wurde der neue Studiengang am 22. November 1995 bei einem Empfang feier­ lich eröffnet. Der Ministerpräsident, gleich­ zeitig Ehrensenator der FHF, machte in sei­ ner Festansprache gegenüber den rund 300 geladenen Gästen aus Politik, Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft und Gesellschaft die Bedeutung des internationalen Studiengan­ ges für die Wirtschaft der Region deutlich und hob die Chancen Baden-Württembergs und seiner Wirtschaft in Fernost und in der südostasiatisch-pazifischen Wirtschaftsregi­ on hervor. Darüber hinaus sei der Studien­ gang bahnbrechend für die Bewältigung ei­ nes Nachfragewandels im Bereich der tech­ nischen Fächer seitens der Studierenden und der Wirtschaft. Insbesondere die starke Konzentration auf den asiatisch-pazifischen Wirtschaftsraum und die Betonung der kulturellen Kompo­ nente unterscheiden den Studiengang TB von ähnlichen Studiengängen innerhalb und außerhalb Baden-Württembergs. Das bereits 1993 fertiggestellte Konzept des Stu­ dienganges umfaßt drei Hauptsäulen: l. Be­ triebswirtschaft mit den Vertiefungslinien Fünf Studentinnen des neuen Studienganges „Internationale Betriebswirtschaft‘: der an der FHF­ Außenstelle in VS-Sdnoenningen eingerichtet wurde. 65

Ministerpräsident Erwin Teufel (Mille) bei der Erqffnrmg des neuen Studienganges „Internationale Betriebswirtschaft“, rechts FHF-Rektor Walter Zahradnik. Finanzen/Controlling, Marketing oder Ma­ nagement. 2. Fremdsprachen (Chinesisch oder Französisch plus Wirtschaftsenglisch als Pflichtfach, weitere Fremdsprachen wer­ den angeboten). 3. internationale Studien zu Land, Geschichte und Kultur. Dazu kommen die Fächer Volkswirt­ schaftslehre, Recht und Datenverarbeitung. Integriert sind unter anderem zwei Praxisse­ mester, davon eines sowie ein Studienseme­ ster im Ausland. Diesbezüglich sind – neben den bereits bestehenden Partnerschaften mit einer französischen und einer ungarischen Hochschule – noch vor Ende des ersten Se­ mesters vielversprechende Kontakte zu den Universitäten von Tianjin, Yangzhou, Nanjing und Suzhou (alle Volksrepublik China) geknüpft worden. Das Ausbildungsziel orientiert sich am künftigen qualitativen und quantitativen Bedarf der Wirtschaft und an der voraus­ sichtlichen globalen Wirtschaftsentwick- lung. Das Konzept wurde auf der Grundla­ ge von Analysen und in Gesprächen mit der Industrie- und Handelskammer und Unter­ nehmen ennvickelt, der Schwerpunkt „Fern­ ost“ mit Chinesisch als Fremdsprache wird durch Fachgutachten gestützt. Neben seinen innovativen und zukunfts­ orientierten Inhalten ist an dem neuen Stu­ diengang besonders bemerkenswert, daß er fast vollständig aus Eigenmitteln der FHF fi­ nanziert wurde, ebenso wie die drei neu zu besetzenden Professorenstellen für den Be­ reich Internationale Betriebswirtschaft aus anderen Fachbereichen umgewidmet wur­ den. Auch die – in Rekordzeit freigemach­ ten und umgestalteten – Räumlichkeiten wurden anderen Fachbereichen abgezogen. Die 19 Studentinnen und 18 Studenten des „Pioniersemesters“, von denen über 80 Prozent bereits eine Berufsausbildung abge­ schlossen haben, bekommen nach acht Se­ mestern den akademischen Grad „Diplom- 66

Betriebswirt/in (FH) verliehen. Unter dem Motto „kompetent – weltoffen – verantwor­ tungsbewußt“ will der Studiengang künftig auf regionaler Ebene eine rege Zusammen­ arbeit der Studierenden mit Unternehmen durch Projekte, Praktika, Übernahme von Auftragsarbeiten und Gastvorträge pflegen. Zum Nutzen der Unternehmen und ebenso der Studierenden soll ein Kompetenzzen­ trum für den Wirtschaftsraum aufgebaut werden, dessen internationale Ausrichtung dazu beiträgt, den Strukturwandel in der Re- gion zu bewältigen. In diesem Sinne schloß die Studiengangsleiterin Prof. Dr. Petra Her­ kert ihre Dankadresse bei der Eröffnungs­ feier mit den Worten: .,Strukturwandel und Internationalisierung beginnt in den Köp­ fen, und dazu werden wir unseren Beitrag leisten!“ Birgit Hoss Wärmebehandlung gegen Krebstumoren Hyperthermiegerät zur intraoperativen Tumortherapie entwickelt Bei der Tumortherapie durch Überwär­ mung (Hyperthermie), wird die zu behan­ delnde Region für eine bestimmte Dauer, z.B. eine Stunde, auf 42° bis 45° erwärmt. Die Erwärmung kommt durch Einkoppe­ lung von elektromagnetischer Strahlung mittels eines sog. Applikators (siehe Bild) zustande. Diese Erwärmung wirkt zellschä­ digend und damit dem Tumorwachstum entgegen. Im Sinne der „schonenden The­ rapie“ wird angestrebt, das umgebene ge­ sunde Gewebe auf Normaltemperatur zu halten. Eine Beschränkung auf das erkrank­ te Gewebe und somit eine weitgehende Schonung der gesunden Zellen ist möglich, da bei der hier angewendeten induktiven Einkopplung mit 13,56 MHz (Kurzwelle) die erkrankten Zellen mehr Energie absor­ bieren und da sich das tumorerkrankte Ge­ webe wegen schlechterer Durchblutung nicht mehr so gut kühlen kann. Hyperther­ mie wird in der Behandlung begleitend zur Radio- oder Chemotherapie eingesetzt, wo­ bei deren Zusammenwirkung eine Er­ höhung der Heilungsraten von diversen Tumoren bewirkt. Auf dem Gebiet der Hy­ perthermie mit elektromagnetischer Kurz­ wellenstrahlung arbeiten bereits die Univer- sitätskliniken Berlin, Erlangen, Essen, Frei­ burg, München und Tübingen. Die Abteilung Strahlentherapie am Uni­ versitätsklinikum Freiburg ist unter Leitung von Prof. Dr. H. Frommhold auf dem Ge­ biet der lntraoperativen Radiotherapie in Europa führend. Intraoperativ heißt, daß unmittelbar nach dem chirurgischen Ein­ griff das Tumorbett mittels Strahlentherapie nachbehandelt wird. Bei der intraoperativen Radiotherapie wird seit 1990 an der Frei­ burger Klinik nach erfolgter Tumorentfer­ nung eine Bestrahlung mit Elektronen durchgeführt. Diese Bestrahlung wird im Rahmen von kontrollierten Studien bei fol­ genden Indikatoren eingesetzt: Kopf-Hals­ Tumore, Magen-Carcinom, Rektum Carci­ nom, Pancreas-Carcinom und gynäkologi­ schen Tumoren. Bei der intraoperativen Technik wird in der Regel der Tumor chirurgisch entfernt; das Tumorbett, das noch makroskopische oder mikroskopische Tumorreste enthalten kann, wird dann mit Dosen zwischen 12 und 25 Gy bestrahlt. Nach unseren Erfahrungen sind die meisten Bestrahlungsvolumina zy­ lindrisch, mit Durchmessern zwischen 4 und 9 cm und einer Tiefe von 1,5 bis 6 cm 67

Ein nerwrl iges Hyper/ herm iegerä I ist an der Ft1chhoch­ JCh11/e Furtwangen in enger Zus am 111en­ t1 rbeil mil der Ab1ei­ /11ng Strahlenlhera­ pie an der Univer­ sitälsklinik Freiburg en1wickell 1iJorden. Es ermöglich/ eine palienlenfreundliche Wärmebehandlung von Krebslumoren, da es ohne opemli­ ven Eingriff einge­ setzt werden kann. entsprechend einer Elektronenenergie von 6 bis 21 MeV. Bei etwa 60 · 70 0/o der Patien­ ten beträgt die notwendige therapeutische Tiefe 1,5 – 2,5 cm. Wegen dieser einschlägi­ gen Erfahrung auf dem Gebiet der intra­ operativen Therapie wurde von Dr. Brugg­ moser der intraoperative Einsatz der Hyper­ thermie im Rahmen der intraoperativen Ra­ diotherapie, mit dem Ziel der Verbesserung der Heilungsraten, eingeplant. Das Gerät selbst basiert auf wissenschaftli­ chen Arbeiten zur „Krebs-Hyperthermie“ in den Jahren 1984 und 1985 des verstorbenen Bundesverdienstkreuzträgers Professor Dr. rer. nat. Hans-Richard Schulz. Die techni­ sche Ausführung des jetzt m. E. kliniktaug­ lichen Hyperthermiegcräts wurde an der FH Furtwangen seit 1992 von Prof. Dr.-lng. Franz Aßbeck und seinen Mitarbeitern so- 68 wie durch zahlreiche Studien- und Diplom­ arbeiten im Fachbereich Feinwerktechnik und neuerdings auch Medical Engineering realisiert. Die an der FH Furtwangen entwickelten induktiv wirkenden Applikatoren werden aus einem HF -Leistungsgenerator (13,56 MHz, 1,2 kW) der Firma Hi.ittinger, Frei­ burg, gespeist. Die elektromagnetische Ener­ gie kann dabei über einen starren oder einen rotierenden Applikator verabreicht werden. In letzterem Falle erhöht sich die Fläche, die bestrahlt werden kann, um mehr als das Doppelte. Die Geschwindigkeit während der Rotation kann dabei derart verändert werden, daß trotz unterschiedlicher Gewe­ bezusammensetzung eine gleichmäßige lo­ kale Temperaturverteilung erreicht wird. Bei der sogenannten „Lokalen Antenne“,

einem erst in Untersuchung befindlichen Typ, schließlich können noch tiefere Gewe­ beschichten erreicht werden. Die hier mög­ liche Überlagerung von Feldern verschiede­ ner Reichweite beeinflußt die Höhe der ein­ gebrachten Leistung. Alle geschilderten Applikatoren sind je­ doch patientenfreundlich, da sie zum Be­ reich der „unblutigen“ d. h. nicht-invasiven Behandlung gehören. Sie sind zudem kon­ taktlos, was bedeutet, daß die Energie über­ tragen werden kann, ohne daß der Applika­ tor die Hautoberfläche bzw. das Gewebe berühren muß. Für die Energieübertragung benötigen sie daher auch keinen Wasser­ beutel (Wasserbolus), der bei der herkömm- liehen Weise zwischen Applikator und Ge­ webe eine Art „Energiebrücke“ bildete. Nicht zuletzt ist diese an der Fachhoch­ schule neu entwickelte Gerätegeneration wirtschaftlich, da sie den apparativen Auf­ wand vertretbar macht. Das vielversprechende Verbundprojekt zwischen der Radiologischen Universitäts­ klinik Freiburg und der Fachhochschule wird von der Deutschen Forschungsgemein­ schaft (DFG) und seit 1994 auch vom Mi­ nisterium für Wissenschaft und Forschung in Stuttgart gefordert. Prof Dr. Franz Aßbeck Entwicklungen und Forschungen an der FHF Die Fachhochschule Furtwangen ist eine der her­ amragenden Bildungseinrichtungen im Land­ kreis. Der Alm11nc1ch berichtet deshalb auch die­ ses Jahr über die neuesten Entwicklungen und Forschungen in ihren Fachbereichen. Labor für Lasertechnik und Optoelektronik erweitert Insgesamt knapp 20 0000 Mark stellte das Land aus Sondermitteln des sogenannten MOBIK-Programms zum Ausbau des La­ bors für Lasertechnik und Optoelektronik des Fachbereichs Feinwerktechnik der FH Furtwangen in den Jahren 94/95 zur Verfü­ gung. Unter Leitung der Professoren Dr. D. Kühlke und Dr. U. Mescheder konnte mit diesen Mitteln das bereits vorhandene La­ serlabor des Studiengangs Feinwerktechnik verbessert und ein weiteres Labor für Opto­ elektronik mit mehreren Projektpraktikums­ plätzen eingerichtet werden. Neben verschiedenen HeNe-Lasern und zahlreichen Laserdioden steht nun ein lei- stungsstarker Argonlaser (5 W ) zur Verfü­ gung, mit dem neben Lithographie und Ho­ lographie auch Grundzüge der Materialbe­ arbeitung vorgenommen werden können. Für die Charakterisierung von Laserstrahl­ Profilen ist ein industrieller Meßplatz vor­ handen. Für die zunehmend wichtigere Glasfaser­ technik besitzt das Labor verschiedene Handhabungsgeräte. Neben Spleißgeräten zum festen Verbinden von Glasfaserend­ stücken gibt es verschiedene hochgenaue Verstelltische, die u.a. mit piezoelektrischen Verstelleinheiten ausgerüstet sind. Spezielle, schwingungsgedämpfte optische Tische er­ leichtern den schnellen Umbau von opti­ schen Aufbauten im Rahmen von Projekt­ praktika. Verschiedene Meßgeräte (Spektro­ meter, Fabry-Perot-Tnterferometer, Lei­ stungsmeßgeräte) vervollständigen die Labors. Der zunehmenden Bedeutung des com­ putergestützten Entwurfs auch in der Optik wird schließlich mit verschiedenen Soft­ ware-Paketen Rechnung getragen, mit de­ nen konventionelle optische Aufbauten wie 69

auch sogenannte integriert optische Schal­ tungen entworfen und simuliert werden können. Solche Software -Werkzeuge sind vor allem bei der Entwicklung leistungs­ fahiger optischer Geräte (z.B. Kameraob­ jektive oder Laserstrahlfokussierung) von großer Bedeutung. Prof Dr. Ulrich Mescheder Das Umweltzentrum Mitglieder des Fachbereichs Verfahrens­ technik der Fachhochschule haben in Villingen-Schwenningen ein Umweltzen­ trum als gemeinnützigen Verein gegründet. Zweck des Vereins ist die Förderung des Um­ weltschutzes insbesondere durch Informati­ onsveranstaltungen, Fachveröffentlichun­ gen, Weiterbildungsveranstaltungen und Forschungsvorhaben. Hervorgegangen ist der Verein aus einem von der LfU (Landes­ anstalt für Umweltschutz) Baden-Württem­ berg über zweieinhalb Jahre geförderten Projekt. Darin wurde zusammen mit der Fir­ ma Aesculap ein Umweltmanagementsy­ stem entwickelt. Konkret werden Betriebsangehörige zu Abfall-, Gewässerschutz- und Immissions­ schutzbeauftragten ausgebildet. Aktuelle Unternehmensfragen beschäftigen sich mit der Organisation des betrieblichen Um­ weltschutzes nach der EG-Öko-Audit-Ver­ ordnung. Für ihre wegweisenden Arbeiten auf diesem Gebiet wurden Mitglieder des Umweltzentrums mit dem „Oce-van der Grinten-Preis 1995″, einem der ältesten und bedeutendsten Umweltpreise Deutschlands, ausgezeichnet. Im Rahmen von Industriekooperationen werden Abfallwirtschafts- und Energiekon­ zepte realisiert und umwelt- und recycling­ gerechte Produkte entwickelt. Im Laufe des Jahres 1996 werden die beteiligten Un­ ternehmen im Rahmen eines Umwelttages über ihre Erfolge berichten. Praxisnah Aießen die Erkenntnisse aus betrieblichen Umweltschutzfragen in die studentische 70 Ausbildung des Fachbereiches Verfahrens­ technik ein. Prof Dr. Helmut Krinn Pref. Dr. Heinrich Meinholz Fachbereichstag Information an Fachhochschulen (FBT-1) Dipl.-Math. Prof. Dr. rer. pol. Rainer Bi­ schoff wurde auf der 15. Jahrestagung des Fachbereichstag Informatik an Fachhoch­ schulen (FBT-I) im September 1995 an der HTW Zwickau erneut zum Vorsitzenden ge­ wählt (1991 Erstwahl, 1993 Wiederwahl). Ebenso erfolgte seine erneute Wiederwahl an der Fachhochschule Rheinland-Pfalz/ Abteilung Trier zum Sprecher des bundes­ weiten Arbeitskreises Wirtschaftsinformatik an Fachhochschulen (AK-WI). Er ist der Gründer dieses 1988 entstandenen Arbeits­ kreises und seither auch dessen Sprecher. Der FBT-I versteht sich als fachkompeten­ ter hochschulpolitischer Ansprechpartner in bezug auf alle Probleme, die Studiengänge der Informatik an Fachhochschulen und der Informatik als anwendungsbezogene Wis­ senschaft betreffen. Er ist der Gesprächs­ partner bzw. Ansprechpartner für Studien­ bewerber/Studenten, andere Vereinigungen im Hochschulbereich, Behörden/ Ministeri­ en, Wirtschaft und Öffentlichkeit, auch auf internationaler Ebene. Mitglied des FBT-1 kann jede Hochschule, Spezies Fachhochschule, der Bundesrepu­ blik Deutschland werden, die einen eigen­ ständigen Informatik-Studiengang mit überwiegendem Anteil Informatik anbietet. Zur Zeit sind dies 50 Hochschulen mit über 80 Studiengängen Informatik sowie zwei studentische Vertreter. Prof Dr. Rainer Bischeff

Ein Vierteljahrhundert Bildung Volkshochschule Oberes Bregtal feierte 25jähriges Bestehen Am 22. Juni 1970 fand im „Ochsen“ in Furtwangen die Gründungsversammlung der VHS „Oberes Bregtal“ statt, die das seit 1956 bestehende Volks- und Jugendbil­ dungswerk Furtwangen im Schwarzwald in die feste Form eines gemeinnützigen Vereins umbildete. Der junge Verein konnte damals Dr. Josef Janzing als Leiter der Volkshoch­ schule gewinnen. Ein kräftiger Aufschwung kennzeichnete die zweieinhalb Jahre seiner Tätigkeit. Als er jedoch Ende 1972 wegen Überlastung sein Amt niederlegte, fand sich kein Nachfolger für diese anspruchsvolle Tätigkeit. Das hätte das Ende des so hoff­ nungsvoll begonnenen Werks bedeuten können. In dieser Existenzkrise ergriff der Vereins­ vorstand die Initiative und teilte die Arbeit unter den fünf Vorstandsmitgliedern auf. Neben dem Vorsitzenden Prof. Klaus Schnibbe (1972-1985) wurde Karl Hettich zuständig für Seminare, Egon Bücheler für Studienreisen, Fritz Henninger für die Lehr­ gänge und Karl Wehrle für die Finanzen. Bis zum Jahr 1995 übernahm Wilhelm Schwa­ hofer den Vorsitz. Was als Provisorium ge­ dacht war, entwickelte sich in den folgenden Jahren zu einer hocheffektiven Tätigkeit, die zudem ehrenamtlich verrichtet wurde und wird. Der Umfang des Bildungsangebotes nahm stetig zu: Heute liegt die Zahl der jährlichen Veranstaltungen bei rund 140 (100 Lehrgänge, 25 Vorträge, 7 Seminare, 3 bis 4 Studienfahrten). 3 421 Unterrichts­ einheiten wurden 1994 geleistet, wobei sich das Haushaltsvolumen zwischen 250 000 und 300 000 Mark eingependelt hat. Ab 1976 übernahm nach Wegzug von Fritz Henninger bis heute Jochen Hollerbach die Organisation der Lehrgänge. Von 1976 bis 1990 gab es dabei fast eine Verdoppelung, wobei der jährliche Zuwachs 5 bis 6 Prozent betrug. Die Ausweitung des Angebots lag vor allem im musisch-gestalterischen Be­ reich, im Bereich Fitneß und Gesundheits­ wesen sowie im Bereich EDV. Neu im An­ gebot sind auch Kurse im Bereich Esoterik. Günstig erwies sich die Einrichtung von Vor­ mittags-Sprachkursen, die sehr gefragt sind. Mehrere Jahre folgte die Ausweitung des Kursangebotes auch auf Gütenbach, wäh­ rend vor allem Französischkurse mit Erfolg in Vöhrenbach angeboten werden. Verantwortlich für die Seminare ist seit Gründung der VHS Karl Hettich. Zwischen 1970 und 1995 wurden 175 Seminare abge­ halten, d. h. im Durchschnitt jährlich sie­ ben. Breit gefächert ist die Themenpalette, sie reicht von Gesellschaftswissenschaft und Politik, Sport, Religion, über Gesundheit und Ernährungswissenschaft, Kunstge­ schichte, Psychologie, Erziehung (Elternse­ minare) bis hin zur Wirtschaft. Ab 1975 wer­ den zudem in regelmäßigen Abständen Weinseminare angeboten und auch gut be­ sucht. Die Seminare finden ausschließlich in Furtwangen statt. Für die Organisation und Durchführung der Vorträge und Studienfahrten zeichnet Egon Bücheler verantwortlich. 750 Vorträge mit den unterschiedlichsten Themen wur­ den gehalten. Schwerpunkt waren länder­ kundliche Themen. Aber auch philoso­ phisch-literarische Themen wurden angebo­ ten (Marx, Sartre, Solschenizyn), Kunstthe­ men (Picasso, van Gogh, Goya, Zille) sowie Themen aus der Ernährungswissenschaft, Erziehung und Psychologie. Dazu konnten renommierte Referenten verpflichtet wer­ den wie z.B. Prof. Heinrich Harrer, Toni Hiebeler, Kurt Diemberger, Fritz Kortler, Helen Kaiser und Dr. Konrad Kunze. Die Auswahl der jeweiligen Referenten ist wich­ tig und oft schwierig, denn wie der Vortrag 71

Die Vorstrmdschaji der Volkshochschule Oberes Bregtal im 25. Jahr ihres Bestehem. Nur Dank des En­ gagements des Vorstandes konnte diese Einrirh11111g so lange Bestand haben, denn sieji11r111zierl sich zu großen Teilen selbst. gehalten wird, ist letztendlich maßgeblich entscheidend für seinen Erfolg beim Zuhö­ rer. Die Volkshochschule Oberes Bregtal ver­ sorgt weiterhin Gütenbach, wohingegen die Vortragstätigkeit in Neukirch und Vöhren­ bach an das dortige Katholische Bildungs­ werk (KBW) übergegangen ist. Großer Wert wird auf die Gemeinschaftsveranstaltungen mit anderen Vereinen wie dem Geschichts­ und Heimatverein, dem Schwarzwaldverein oder der Bergsteigergruppe gelegt, um so ei­ nen noch größeren Hörerkreis ansprechen zu können. Zum Bereich der Studienfahrten: In den 25 Jahren VHS fanden 91 Studienfahrten statt, d. h. im Durchschnitt 3 bis 4 jährlich. Dazu gehörten Tagestouren unter anderem nach Straßburg, Basel, Oberschwaben oder ms Uhrenmuseum nach La-Chaux-de Fonds sowie längere Studienreisen wie nach Ägypten, Israel, Syrien, Jordanien, Grie­ chenland, Portugal, Marokko, Tunesien, Ir­ land, Schottland, Polen und Rußland. Zu den vielfältigen Aufgaben einer VHS gehört nicht zuletzt die Unterstützung von Ausländern. Bereits im 3. Trimester 1978 wurde deshalb begonnen, sich der ausländi­ schen Kinder anzunehmen. Diese Unter­ stützung reicht von der Sprachforderung für ausländische Kinder im Vorschulalter über die außerschulische Hausaufgabenbetreu­ ung (sprich Sprach- und Lernhilfe) für aus­ ländische Kinder bis hin zu Deutschkursen für ausländische Jugendliche und Erwachse­ ne und den alljährlich stattfindenden Som­ merfesten, zu denen die ausländischen Mitbürger zum fröhlichen Zusammensein eingeladen werden. Es war daher nur folge­ richtig, daß die Volkshochschule als Sofort- 72

programm einen Deutschkurs für die elf Asylbewerber aus Sri Lanka und dem Irak anbot, die der Stadt Furtwangen im Schwarzwald im Herbst 1985 zur Unter­ bringung zugeteilt wurden. An fünf Tagen werden Ausländerkinder aus 6 Nationalitäten bei den Hausaufgaben betreut. Die Kinder kommen gerne, wohl auch, weil sie nach getaner Arbeit noch spie­ len können. Möglich ist diese Betreuung nur dank eines persönlichen Engagements der in der Ausländerbetreuung tätigen Mit­ arbeiter, die weit über das normale Maß hin­ ausgeht. Zu bemerken ist noch, daß in den ersten vier Jahren, von 1978 bis 1982, das VHS-An­ gebot aus eigenen Mitteln finanziert wurde und zwar mit 18 000 bis 20 000 Mark; dann war das finanzielle Polster aufgebraucht. Es gab fortan Zuschüsse in Höhe von rund 20000 Mark von der Staatsschuldenverwal­ tung, so daß die VHS aus eigenen Mitteln „nur noch“ den ungedeckten Aufwand zu tragen hatte, der mittlerweile auf 10 000 Mark angewachsen ist. Dies ist eine Beson­ derheit des „Furtwanger Modells“, denn die Regel ist heute, daß eine derartige Einrich­ tung von der jeweiligen Kommune getragen wird, wobei eine bezahlte Leiterstelle selbst­ verständlich ist. So hatte vor über 20 Jahren Donaueschingen ein Angebot zur Übernah­ me der VHS gemacht. Danach hätte Furt­ wangen einen jährlichen Beitrag von SO 000 bis 60 000 Mark beisteuern müssen. So aber kommt die Stadt mit einem Zuschuß von 10 000 Mark im Jahr aus. Allerdings verteilt sich noch immer die ganze Last des Managements im wesentli­ chen auf fünf Schultern, wobei drei der auch heute noch aktiven Vorstände Männer der ersten Stunde sind: Egon Bücheler (Vorträ­ ge und Studienreisen), Karl Hettich (Semi­ nare), Karl Wehrle (Kasse). Vorstandsspre­ cher ist Karl Kretschmer, der 1995 Wilhelm Schwahofer ablöste. Für Lehrgänge zustän­ dig ist Jochen Hollerbach, der auch schon fast 20 Jahre mit dabei ist. Obwohl die Stadt die Geschäftsstelle im Kultur- und Verkehrsamt zur Verfügung stellt, ist der Zeitaufwand für die Vorstands­ mitglieder beträchtlich. Karl Wehrle hatte vor Jahren einmal mitgerechnet und unterm Strich kamen schließlich rund 400 Stunden zusammen, die er in diesem Jahr für die VHS aufgewandt hatte. Seinen Kollegen im Vorstand dürfte es ähnlich gehen. Die Stadt honoriert die Arbeit der VHS aber auch, indem sie auf Raummieten ver­ zichtet und auch die Fachhochschule kommt der VHS im Raumangebot entge­ gen. Einen finanziellen Zuschuß gibt es vom Kreis, ebenso unterstützt das Land die Arbeit der VHS. Die Zuschüsse fließen vor allem in Seminare, Vorträge und die Aus­ länderbetreuung in Form von Hausaufga­ benhilfe und Sprachförderung. Die Sprach­ kurse und Studienreisen arbeiten kosten­ deckend. Es wäre außerordentlich zu be­ dauern, wenn im Zuge der allgemeinen Sparmaßnahmen wie auch anderwärts die Zuschüsse stark gekürzt würden. Derlei Ein­ sparungen am Kulturetat hätten in der Zu­ kunft fatale Folgen. Die Presse, und allen voran die Badische Zeitung, unterstützt ebenfalls die Arbeit der VHS durch die kostenlose Anbringung von Plakaten und die Veröffentlichung von An­ zeigen. All diese intensive und zeitaufwen­ dige Arbeit über viele Jahre hinweg konnten die fünf Vorstandsmitglieder nur leisten, weil ihnen als eingespieltes Team zahlreiche Kursleiter zur Seite standen, die mit Ein­ satzfreude und Engagement zum Gedeihen der VHS beitragen. Für deren Q.ialität und den Wissensdurst der Teilnehmer spricht, daß schon mehrere Kurse „Silbernes Ju­ biläum“ feiern konnten, d. h. 25 Mal in un­ unterbrochener Folge abgehalten wurden. (Leicht veränderte Fassung des Festvortrages vom 7. Oktober 1995.) Egon ßiicheler 73

Lücke in der Lehrlingsausbildung geschlossen 30 Jahre DVS-Kursstätte des Deutschen Verbandes für Schweißtechnik Seit Scptem ber 1965 ist der Gewerblichen Schule in VS-Schwenningen (Richard-Bürk­ Schule) eine Schweißkursstätte des Deut­ schen Verbandes für Schweißtechnik (DVS) angegliedert. Letztes Jahr konnte das 30-jäh­ rige Jubiläum begangen werden. Die Kurs­ stätte nimmt dies zum Anlaß, sich einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen. Im Jahr 1960 bezog die Gewerbeschule die vom damaligen Schulträger, der Stadt Schwenningen, neu erbauten Schulgebäude in der Erzbergerstraße. Damit konnte eine Lücke bei der Ausbildung der Lehrlinge für die aufstrebende hiesige Wirtschaft ge­ schlossen werden. Vorher mußten im 3. Lehrjahr die Lehrlinge des Kraftfahrzeug-, Karosserieflaschner- und Bauschlosserhand­ werks zu einer achttägigen Vollzeitausbil­ dung im Gas- bzw. Lichtbogenschweißen an die Schweißtechnische Kursstätte Tuttlingen gehen, die der dortigen Gewerbeschule an­ geschlossen ist. Zum damaligen Zeitpunkt hatte in unserer Gegend nur noch Singen ei­ ne derartige Einrichtung. Auf Initiative des damaligen Schwennin­ ger Gewerbeschuldirektors Palmtag, unter­ stützt durch einzelne Fachbetriebe aus Schwenningen und der Umgebung, konnte der damalige Schulträger für die Einrichtung einer vom DVS anerkannten Kursstätte an der Schwenninger Gewerbeschule gewon­ nen werden. Mit großem Einsatz wurde ei­ ne Werkstatt mit 10 Arbeitsplätzen für Gas­ schweißen und fünf Arbeitsplätzen für Lichtbogenschweißen einschließlich der notwendigen Einrichtungen für die Materi­ alvorbereitung nach DVS-Richtlinien einge­ richtet und ausgestattet. Gedacht war zunächst nur an die Ausbil­ dung von Lehrlingen. Später sollte dann die Erwachsenenschulung in Abendlehrgängen – wie schon in Tuttlingen und Singen prak- 74 tiziert – dazukommen. Ab März 1965 wur­ de die lehrgangsmäßige Schweißausbildung in der neuen Schweißwerkstatt durchge­ führt. Das „Schwenninger Tagblatt“ berich­ tete am 13. März 1965: ,,Modeme Schweißwerkstatt in Schwenninger Berufs­ schule eingerichtet. Der erste achttägige Kurs fand begeisterten Widerhall bei den Lehrlingen des Kfz-Handwerks.“ Erster Kursleiter war Schweißmeister Willi Bechler von der Beratungsstelle für Autogen­ schweißtechnik. Zur Anerkennung einer Schweißwerkstatt vom DVS als „DVS-Kursstätte“ mußte nachgewiesen werden, daß die Finanzierung der Ausbildung gesichert ist und ein DVS­ geprüfter Lehrschweißer ständig an der Ein­ richtung verfügbar ist. Die Finanzierung der Lehrlingskurse übernahm die Stadt Schwen­ ni ngen als Schulträger, für die Erwachse­ nenkurse waren kostendeckende Gebühren vorgesehen. Der seit 1963 als Technischer Lehrer an der Gewerbeschule in Schwen­ ningen unterrichtende Frank Weisshaar machte im Juli 1965 eine Ausbildung zum Lehrschweißer an der Schweißtechnischen Lehr- und Versuchsanstalt in Stuttgart. So­ mit waren alle Vorgaben des DVS erfüllt, und die Schwenninger Schweißwerkstatt war nach einer Überprüfung des DVS-Lan­ desverbandes Baden-Württemberg ab 21. September 1965 offiziell als DVS-Kursstät­ te anerkannt. Kursstättenleiter war der Schulleiter, Oberstudiendirektor Palmtag, der Geschäftsführer Studiendirektor Löffler und Lehrschweißer Technischer Oberlehrer Weisshaar. Parallel zu den Aktivitäten in Schwennin­ gen, wurde am 22. Oktober 1965 der DVS­ Ortsverband Tuttlingen-Schwenningen mit Sitz in Spaichingen gegründet, der aus den Kursstätten Tuttlingen und den beiden

Der langjährige Lehrschweißer Frank Weisshaar beim Brennschneiden eines Stahlrohres zur Schweiß­ nahlvorbereitungfiir eine Rohrschweißerpriifung. 75

„Neuen“ Spaichingen und Schwenningen bestand. Die größere Verbreitung der Schweißtechnik in unserem Raum ließ die­ se Neugründung notwendig erscheinen, nachdem die Kursstätten vorher dem doch ziemlich weit entfernten Ortsverband Kon­ stanz angehört hatten. Die Loslösung von Konstanz gestaltete sich schwierig und war ein langwieriger Prozeß. Es gab schon früher einen eigenen Ortsverband. Die Aktivitäten ließen aber nach, so daß damals der An­ schluß an den Ortsverband Konstanz ge­ sucht wurde. 1968 wurde in Rottweil an der Gewerbe­ schule eine weitere Kursstätte gegründet. 1975 wurde konsequente1weise der Ortsver­ band in „Bezirksverband Schwarzwald-Baar­ Heuberg“ umbenannt. Diesen Namen fuhrt der Bezirksverband mit neuem Sitz in Rott­ weil auch heute noch. 1978 wurden noch weitere Kursstätten an der Gewerbeakademie in Donaueschingen Srhutzgasschweißen (MAC) einer Erk11ah1 i11 sleigender Posilion. 76 und an der Beruflichen Bildungsstätte Tutt­ lingen gegründet, so daß der Bezirksverband heute aus sechs DVS-Kursstätten besteht und über 100 Firmen-bzw. persönliche Mit­ glieder hat. Die Arbeit wird größtenteils von ehrenamtlichen DVS-Mitarbeitern erledigt. Hierzu gehören, neben der Schweißausbil­ dung, Fachvorträge über neue technische Entwicklungen in der Schweißtechnik, Be­ ratungen der Firmen und die Abnahme von Sehweißerprüfungen für Blech- und Rohr­ schweißer. Die Prüfungen werden feder­ führend seit Gründung des eigenen Orts­ verbandes bzw. Bezirksverbandes von Schweißfachingenieur Josef Keller von den Stadtwerken Tuttlingen abgenommen, der auch seit einigen Jahren gleichzeitig 1. Vor­ sitzender des Bezirkverbandes ist. Bereits im Jahr 1966 wurden an der Schwenninger DVS-Kursstätte über 130 Teilnehmer in zusammen fast 6 000 Stun­ den im Gas- bzw. Lichtbogenschweißen aus­ gebildet. Großen Anteil an diesen Aktivitä­ ten hatte der Lehrschweißer und Technische Oberlehrer Frank Weisshaar. Weiterentwickelte Schweißverfahren und moderne Schweißgeräte stellten neue An­ forderungen an die Schweißausbildung. Ne­ ben dem Gas- und Lichtbogenschweißen ge­ wann das Schutzgasschweißen immer mehr an Bedeutung. Ab 1977 wurde auch im Schutzgasschweißen ausgebildet. So berich­ tete z.B. am 3. Februar 1977 der „Schwarz­ wälder Bote“: ,,Vordergründig könnte es ei­ nem Autobesitzer gleichgültig sein, ob der Blechschaden, mit dem er seinen Wagen in die Werkstatt bringt, mit Sauerstoff und Schweißdraht oder per Lichtbogen und Schutzgas geschweißt wird. Spätestens, wenn es ans Bezahlen geht, bemerkt jedoch auch er den Unterschied. Die neuen Schweißverfahren, wie sie an der Lehrwerk­ stätte der Gewerbeschule im Stadtbezirk Schwenningen in Abendkursen erlernt wer­ den, können Reparaturarbeiten besser und preiswerter machen.“ Die Schweißwerkstatt im Keller der Ge-

Der lechnische Lehrer Reinhard Ffeig (Mille} bei der Besprechung einer Schweißiibung mil Schülern der einjährigen Bemßfachschule. werbeschule stieß räumlich an Grenzen, außerdem stellten erhöhte Anforderungen an den Schallschutz sowie an Absaugein­ richtungen die Kursstätte vor schwierige Pro­ bleme. Infolge einer baulichen Erweiterung und eines Umbaus der Gewerbeschule im Jahr 1980 konnte durch Initiative des da­ maligen Schulleiters, Oberstudiendirektor Kapp, eine größere Schweißwerkstatt mit dazugehörigem Vorbereitungsraum geschaf­ fen werden. Dem Kreistag des Schwarzwald­ Baar-Kreises und Landrat Dr. Gutknecht ge­ bühren besonderer Dank für die Unterstüt­ zung bei der Errichtung und dem Betrieb der Schweißkursstätte, denn die Gewerbe­ schule war inzwischen aus der Trägerschaft der Stadt Villingen-Schwenningen an den Schwarzwald-Saar-Kreis übergegangen. Heute verfügt die Kursstätte über 10 Gas­ schweißplätze und 10 Lichtbogen- bzw. Schutzgasschweißplätze, die mit modern­ sten Schweißgeräten und Einrichtungen ausgestattet sind. Die Schweißausbildung an der Kursstätte findet größtenteils in Abend­ kursen statt. Das Ausbildungsangebot um­ faßt Lehrgänge für Gasschweißen, Lichtbo­ genschweißen, Metall-Schutzgasschweißen (MAG) und Dünnblechschweißen sowie Prüfungsvorbereitungen und Abnahme von Sehweißerprüfungen nach der Euro­ Norm EN 297-1 für Blech- und Rohr­ schweißer. Die Prüfungstätigkeit hat in letz­ ter Zeit stark zugenommen, da die Firmen im Rahmen erhöhter Anforderungen ihrer Qialitätssicherung über geprüfte Schweißer verfügen müssen. Ebenfalls sind geprüfte Schweißer bei sogenannten abnahmepflich­ tigen Schweißungen, wie z. B. Druckleitun­ gen für Gas oder bei Stahlbauten, erforder­ lich. Die Sehweißerprüfung muß im Nor­ malfall im zweijährigen Turnus erneuert werden. Neben der Erwachsenenausbildung legt die Kursstätte großen Wert auf die Vermitt­ lung von schweißtechnischen Kenntnissen im Rahmen der Berufsausbildung. In der 77

ist hauptberuflich seres Bezirks aus. Sein Leben ist untrennbar mit der Schweißtechnik verbunden. Für be­ sondere Verdienste um die Schweißtechnik wurde er, sowie auch der langjährige Kurs­ stättenleiter Oberstudiendirektor Kapp, vom DVS mit der goldenen Ehrennadel aus­ gezeichnet. Der neue Lehrschweißer, Gottfried Rehm, konnte schon nach kurzer Zeit durch wei­ terhin regen Zulauf bei den Schweißkursen überzeugen. Er im Schweißfachhandel und mit der Vorführung sowie Reparatur von Schweißgeräten be­ schäftigt. Dies kommt auch der Kursstätte bei Wartung und Reparatur der eigenen Geräte zugute. Durch vielfältige Kontakte zu den Firmen, die Schweißtechnik einset­ zen, konnte er schon so manchen Kursteil­ nehmer an unsere Kursstätte bringen. Seit Bestehen der Kursstätte wurden über 4 600 Teilnehmer in insgesamt über 213 000 Teilnehmerstunden im Schweißen ausgebil­ det sowie über 860 Prüfstücke nach den je­ weils gültigen Normen geschweißt und vom DVS-Bczirksprüfungsausschuß bewertet. Bei einem Teil der Prüfstücke wurden neben den obligatorischen Sicht- und Bruchprü­ fungen auch noch eine Röntgenstrahlen­ Prüfung durchgeführt, um dem Schweißer eine noch höhere Schweißqualifikation zu bescheinigen, wie sie z. B. beim Sd1weißen von Druckrohren im Heizungsbau verlangt wird. Auf dem Röntgenfilm lassen sich auch Fehler im Inneren der Schweißnaht erken­ nen und dokumentieren. Das Röntgen der Schweißproben führt eine Firma in Reutlin­ gen durch. Für die Kursstätte wäre die dafür erforderliche Einrichtungen zu teuer. Die Kursstätte wird auch weiterhin große Anstrengungen unternehmen, um zum Wohle der einheimischen Wirtschaft, die Schweißer nach neuestem Stand der Technik durch bestens geschulte Lehrschweißer aus­ bzw. fortzubilden und nach den gültigen Normen zu prüfen. Werner Heim Ein Kursteilnehmer beim Gasschweißen eines Rohres. einjährigen Berufsfachschule Metalltech­ nik/Krafrfahrzeugtechnik, die seit 1971 an der Gewerbeschule besteht, absolvieren die Berufsfachschüler den DVS-Lehrgang Dünnblechschweißen. Für die Schüler des Technischen Gymnasiums der Feintechnik­ schule Schwenningen führt die Kursstätte schon seit mehreren Jahren spezielle Ein­ führungskurse in die Schweißtechnik durch. Seit 1994 leitet der jetzige Schulleiter der Gewerbeschule, Studiendirektor Brodbeck, die Kursstätte. Im letzten Jahr legte unser Lehrschweißer Frank Weisshaar die Durch­ führung der Abendkurse in jüngere Hände. Er begleitete die Schweißtechnik an unserer Kursstätte von Anfang an. Es ist zum großen Teil sein Verdienst, daß die Schwenninger Kursstätte bei den Firmen unserer Region ei­ nen sehr guten Ruf genießt. Bis heute führt er noch spezielle Schülerschweißkurse durch und hilft auch bei anderen Kursstätten un- 78

Hilfe für Unfall- und Katastrophenhelfer Fachhochschule der Polizei untersucht den „posttraumatischen Streß“ Das Busunglück bei Donaueschingen am 6. September 1992, bei dem es 21 Todesop­ fer und viele Schwer- und Leichtverletzte gab, hat heute noch seine Nachwirkungen. In Zusammenarbeit mit dem Landratsamt, der Polizei, der Feuerwehr und den Ret­ tungsdiensten des Schwarzwald-Baar-Krei­ ses wurde von den Autoren dieses Beitrags ein Forschungsprojekt zum Thema „Kör­ perliche und psychische Belastungsreaktio­ nen bei Einsatzkräften während und nach einer Unfallkatastrophe“ durchgeführt. Sechs Wochen nach dem Unglück wurden 71 Personen befragt, die in helfender oder leitender Funktion Verletzte und Verstorbe­ ne bargen bzw. den Unfallort sicherten. Die Personen wurden speziell hinsichtlich psy­ chischer und körperlicher Auffalligkeiten befragt, die sie während und nach den Ret­ tungsmaßnahmen erlebt hatten. Die Ergeb­ nisse wurden in der Bundesrepublik und eu­ ropaweit beachtet und sie bestätigten, daß bei Einsatzkräften geringere psychische und körperliche Belastungen nach Unfallkata­ strophen auftreten als bei Katastrophenop­ fern selbst. Aus den Daten wurden Vor­ schläge für die Vorsorge und Nachsorge und die Betreuung von Einsatzkräften abgeleitet. In Zusammenarbeit mit dem Amt für Brand- und Katastrophenschutz wurden an der Hochschule für Polizei mehrere Fortbil­ dungsveranstaltungen für Einsatzkräfte zum Thema „Posttraumatischer Streß“ abgehal­ ten. Es ist für die allermeisten Menschen nor­ mal, daß sie nach belastenden, vielleicht sehr schmerzlichen oder todesangstähnli­ chen Situationen „Störungen“ empfinden (akute Belastungsstörungen). Man denkt dann immer wieder an das Ereignis, es kann zu Einschlaf- oder Durchschlafstörungen kommen; Magenbeschwerden und alle For- men leichterer psychosomatischer Störun­ gen werden berichtet. Wenn dann auch nach über 4 bis 6 Wo­ chen diese Symptome nicht verschwinden, wenn man immer noch den Ort des Ge­ schehens (oder ähnliche Situationen) mei­ det, wenn man immer noch nur bei dem Ge­ danken an das Unglück Schweißausbrüche hat und Atembeschwerden (o. ä.) empfin­ det, spricht man von posttraumatischen Störungen. Auch für Helfer kann das trau­ matische Ereignis belastend sein. Besonders dann, wenn man sich den Unglücksopfern gegenüber in einer Situation erlebt, in der man nicht qualifiziert helfen kann. Eine Arbeitsgruppe hat inzwischen einen Beratungsdienst für Einsatzkräfte im Ret­ tungs- und Polizeidienst, in den Feuer­ wehren und im Katastrophenschutz des Schwarzwald-Baar-Kreises ins Leben geru­ fen. Sieben professionelle Beraterinnen und Berater stehen den Angehörigen der Polizei, der Feuerwehren und den Rettungsorgani­ sationen zur Verfügung, wenn der Einsatz­ streß Beschwerden im Sinne einer akuten oder posttraumatischen Belastungsreaktion verursacht. Stärkste seelische Belastungen Es gibt diese traumatischen Folgeerschei­ nungen auch bei Opfern von Vergewalti­ gungen und Folter, bei Verschüttungen oder Erdbeben. Und immer sind auch die Helfer, die als erste an die Stätte des Grauens kom­ men, stärksten seelischen Belastungen aus­ gesetzt. Durch die Thematisierung der posttrau­ matischen Belastungsreaktionen erwuchs in allen Institutionen die Erkenntnis und Ver­ pflichtung, sich in der Betreuung ihrer Mit­ arbeiterinnen und Mitarbeiter verstärkt um 79

deren Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit im Einsatz zu kümmern. Aus diesem Grund fond an der Hochschule für Polizei im Mai 1995 eine internationale Tagung mit dem Thema „Tr,1um,1 und K,11.1�trophe“ st,ltt. Die Ergebnisse dieser Tagung sind in der Schrif­ tenreihe der I Iochschulc für Polizei erschie­ nen. Mehrere Fachpublikationen sind in­ zwischen entst.inden. Erste Film-Szenen für Lernzwecke wurden in Zu�.11nmen,1rbeit mit dem Medienzentrum der LPD in Freiburg erstellt. Auslfücr dafür waren die traumati­ schen Ereignisse beim Busunglück in Do­ naueschingen. Dr. Hrr111111111tz / Dr. ßurh111m111 GcdenkJlelt dt•J l lr11111111•rt’iJt’l1br1dJ1•r ßilrlh,1utrs ‚(lo!Jg1111g Kll’i.w fiir di,· Opfi•r des B11s1111,�liidm in Do11r111rsdn11,�1·11. Dm 1111.1 Kiefrmholzg1•.1dutf .fi’11e K1mshl’l’rk 1112.70 A,ft’/a hoch 1111d11111rt!1· im ./t1hr 1993 m da Niihr da U11,Jiirksstelll‘ ,11,jg,·­ .11ellt. Aufim/:gd,a wnr dil‘ katholisrh,· l}itrrge- 11ll’i11de ßfld /)firrheim. Am 6. Septembtr 1993 ofolgte dil‘ E1ml’l’ih1111g ,111.1 /lnlr{ß d1·J 1•ntm./t1h­ rntngcs der U1{/it!lkrllnstroph1·. 80

Industrie, Handwerk und Gewerbe Meilensteine der Orthopädietechnik Die Biedermann Orthopädie-Technik GmbH und Biedermann Motech Medizin­ und Orthopädie-Technik GmbH „Der Mensch ist das Maß!“ Unter diesem Motto wirken die traditionsreiche Bieder­ mann Orthopädie-Technik GmbH und die Biedermann Motech Medizin- und Ortho· pädietechnik GmbH in Villingen-Schwen­ ningen und in internationalen Niederlas­ sungen. Orthopädische Forschungen und Entwicklungen zum Wohle der Patienten ziehen sich wie ein roter Faden durch die Biedermann-Historie. Diese begann 1912, als der aus Wurmlin­ gen (Kreis Tuttlingen) stammende Max Bie­ dermann seine Meisterprüfung als Or­ thopädietech niker ablegte. Er übernahm die Leitung der orthopädischen Werkstätte an der Klinik Balgrist in Zürich, wo er Profes- sor Ferdinand Sauerbruch begegnete. Beide mußten die Schweiz mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges verlassen. In Singen/Hohentwiel trafen sie wieder zusammen. Professor Sauerbruch baute dort ein Lazarett mit orthopädischer Versuchs­ werkstätte auf Max Biedermann holte man aus dem Militärdienst zurück, um ihm die Leitung der Deutschen Ersatz-Glieder-An­ stalt (DERSA) zu übertragen. Beide expe­ rimentierten hier erstmals mit einer durch die Oberarm-Muskulatur aktiv steuerbaren Armprothese, dem späteren „Sauerbruch­ Arm“. Biedermann folgte dem Chirurgen nach München und an die Berliner Universitäts- Die Motech Medizin- und Orthopädieteclmik GmbH in Villingen-Schwenningen. 81

klinik der Charite. Die dortige Eröffnung ei­ ner orthopädischen Werkstätte zog eine le­ gendäre Zusammenarbeit mit Sauerbruch und bahnbrechende Fortschritte in der Or­ thopädietechnik nach sich. Max Biedermanns Sohn Walter setzte die Arbeit zunächst an der Charite, nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Aufbau eines neuen Betriebes in Rottweil fort. In den sechziger Jahren trat mit Walter Bieder­ manns Söhnen Lutz und Veit die dritte Ge­ neration in den Familienbetrieb ein, 1973 folgte die Gründung einer Filiale in Schwen­ nmgen. Und wieder brachte die Begegnung mit ei­ nem Mediziner den entscheidenden Inno­ vationsschub. Mitte der achtziger Jahre be­ gann Lutz Biedermanns Zusammenarbeit mit dem Wirbelsäulenchirurgen Professor Dr. Ji.irgen Harms (Langensteinbach) auf dem Gebiet der Implantatsforschung. Statt Handarbeit mit Stahl und Holz gehörten nun der Umgang mit Computer, Kunststoff und Titan zum Alltag. Die Implantate aus körperverträglichem Titan dienen als Ersatz für tumorbefallene Wirbel. Fi.ir diese Entwicklung erhielt Bie­ dermann Motech 1990 den Adalbert-Seif­ riz-Preis für Technologietransfer im Hand­ werk. Die weltweit große Resonanz auf die High­ tech-Implantate „Made in Schwenningen“ Modemsle Technik im Dienste von Behinderten. 82 Bei11prolhesen der Marke „Bieder111a1111 „. führte 1988 zur Gründung einer neuen Fir­ ma, der Biedermann Motech Medizin· und Orthopädietechnik GmbH. Der Name Bie­ dermann Motech steht heute für die Syn· these von Innovation und Qualität sowie für solide Bodenständigkeit, gepaart mit dem weltoffenen Pragmatis­ mus schwäbischen Unterneh· mertums. Im US-Bundesstaat Michigan siedelte sich die Firma 1991 mit einer Niederlassung an. Eine Kooperation mit der im US-Bundesstaat Indiana an· sässigen De Puy Inc., dem größten Hersteller künstlicher Hüftteile, begann. Beide Un· ternehmen gründeten im Fe· bruar 1993 die De Puy Motech mit dem Ziel der gemeinsa­ men Herstellung von Wirbel-

säulenimplantaten und deren Verkauf. Mo­ dernste Entwicklungen zur Rehabilitation brachten Biedermann eine international führende Rolle in der Orthopädie-und Me­ dizintechnik ein. Das der Kompetenz und Leistungsfahigkeit verschriebene U nterneh­ men genießt heute weltweit einen guten Ruf als Avantgardist der Branche. Ständige Kontakte zu führenden Experten der Medizin und Technologie rund um den Globus sowie intensive internationale Ko­ operation sind Garanten für die erfolgreiche Präsentation innovativer Systemlösungen. So gelang es Biedermann Motech, medizi­ nisch-technische Schlüsseltechnologien für den Einsatz am behinderten Menschen ver­ fügbar zu machen. Ein Meilenstein bedeutete die Entwick­ lung des Prothesensystems Endolite zusam­ men mit britischen Experten. Es besteht aus Karbonfasern. Das System läßt nicht nur in Alltag und Beruf, sondern auch im Hoch­ leistungssport Amputierte „ihren Mann ste­ hen“. So zum Beispiel Gunter Belitz, Gold­ medaillengewinner bei der Leichtathletik­ Weltmeisterschaft der Behinderten und mehrfacher erfolgreicher Paralympics-Teil­ nehmer. Biedermann Motech ist ein Förde­ rer des Behindertensports, besonders der Paralympics, und ist bei den Wettkämpfen stets mit einem Reparaturservice vertreten. „Design am Bein“ gilt dabei als besondere Herausforderung für die Tüftler des Hauses Biedermann. Das Herz der High-tech­ Schmiede befindet sich in Schwenningen, dem einstigen Zentrum der deutschen Uhrenindustrie. In der Berta-Suttner-Straße 23 sitzt das Team aus Ingenieuren, Or­ thopädietechnikern und Feinmechanikern – unterstützt von Computern und einem mo­ dernen Maschinenpark -in einem traditi­ onsreichen historischen Gebäude, einer ehe­ maligen Schreinerei für edle Uhrengehäuse, die mit Bedacht saniert worden ist. Ein Zeugnis für die optimale Verschmel­ zung von Hochtechnologie und humaner Produktkultur ist das Qyalitätssicherungssy- ,,Design am Bein“. stem, das den Standard der international an­ erkannten DIN/ISO-Norm 9001 erfüllt. Im Januar 1992 erhielt die Biedermann Motech GmbH als erstes Unternehmen im Bereich der Implantat-und Orthopädietechnik die­ ses Gütesiegel, das von einer unabhängigen Stelle überwacht wird. Seit dem 1. Juli 1991 lenkt die Familie Bie­ dermann auch wieder die Geschicke der Or­ thopädie-Technik an der Berliner Charite. Veit Biedermann widmet sich der Heraus­ forderung, mit diesem Leistungszentrum der Prothesen-und Orthesenversorgung an die Tradition seines Großvaters Max und seines Vaters Walter Biedermann anzu­ knüpfen. 83

Spezial-Werkzeuge für Kfz-Reparaturen Die KLANN-Spezial-Werkzeugbau-GmbH in Donaueschingen Wer in Donaueschingen die Breslauer Straße 41 passiert, stellt sich als Einheimi­ scher oder Fremder die Frage: ,,Was wird wohl in diesem Gebäude – welches an der Außenwand den Schriftzug KLANN trägt – verwaltet, produziert oder dergleichen ?“ Auf den ersten Blick ist dies nicht zu erken­ nen. Auf einem Grundstück von 15 000 m2 und auf einer vorhandenen Nutzfläche von 5 600 m2 ist hier seit 1992 die Firma KLANN-Spezial-Werkzeugbau-GmbH mit Produktion und Verwaltung untergebracht. Geschäftsführender Gesellschafter ist der heute 52jährige Horst Klann. Am 1. 7. 78 wurde die Firma KLANN-Spe­ zial-Werkzeugbau-GmbH mit Sitz in Do­ naueschingen in der Breslauer Straße 31 ge­ gründet. Geschäftszweck war und ist die Entwicklung, Herstellung und der weltweite Vertrieb von Spezial-Werkzeugen für die Re­ paratur von Kraftfahrzeugen. Der gelernte Kfz-Meister Klann erkannte sehr früh die Notwendigkeit, dem reparierenden Kraft­ fahrzeug-Gewerbe bessere Werkzeuge an die Hand zu geben, welche es ermöglichen, Re­ paraturarbeiten an Kraftfahrzeugen schnel­ ler, sicherer und einfacher durchzuführen, wobei die persönliche Berufserfahrung von großer Wichtigkeit war. Bereits 1978 begann man mit der eigenen Entwicklung von Sicherheits-Federspann­ geräten für Pkws. Der große internationale Erfolg mit diesen patentierten Produkten bestätigte Klann in seiner Philosophie, daß letztlich nicht der Preis eines Produktes ent­ scheidend für den Verkauf ist, sondern das, was dieses Produkt zu leisten vermag bzw. welche Vorteile es für den Anwender bringt. Um den Anfangserfolg zu festigen und weiter auszubauen, war es notwendig, die Werkzeug-Palette zu erweitern. Zu diesem Zweck wurde 1980 die eigene Produktion aufgenommen; sie ermöglichte eine größe­ re Flexibilität und ein schnelleres Reagieren auf Sonderwünsche von Kunden. Um sich nicht zu verzetteln, verfolgte man die Stra­ tegie der Konzentration auf einzelne Sach­ gebiete der Fahrzeug-Instandsetzung. Die­ ser Weg wurde bis heu­ te mit Erfolg beibehal­ ten. 1988 wurde deshalb zum Ausbau der inter­ nationalen Position die KLANN-Tools Ltd. in England gegründet, die sieb mit dem Ver­ trieb von KLAN N­ Pro du k te n im eng­ lischsprachigen Raum beschäftigt. Durch die rasante Ge­ sch ä ftse n twickl u ng wurde 1991 der Bau der heutigen Industrie­ anlage in der Breslauer Die Fertigungstiefe lieg/ bei 90 Prozent, KLA NN-Prod11kle sind auf dem Markl nahezu ohne Konkurrenz. 84

Die KLANN-Spezial-Werkzeugbau-GmbH in Donaueschingen besteht seit 1978 und beschäftigt 50 Mitarbeiter. 1991 ist man in den Neubau in der Breslauer Straße umgezogen. Straße 41 erforderlich. Mit SO Mitarbeitern und Unterstützung modernster CNC-Ma­ schinen werden hier Produkte hergestellt, die nahezu konkurrenzlos auf dem Markt sind. Die Fertigungstiefe liegt bei ca. 90 Pro­ zent. KLANN zählt heute zu den größten Anbietern von Sicherheits- und Spezial­ Werkzeugen für die Reparatur von Pkw­ Fahrzeug-Achsen, Kupplungen, etc. Zum Kundenkreis zählen die gesamte Automo­ bil-Industrie, der Fachhandel und die Kfz­ Reparatur-Werkstätten. Der Marktanteil einzelner Produkte liegt in Deutschland zwischen 60 und 95%. Der Exportanteil beträgt zur Zeit 30%. Zur Festi­ gung und dem Ausbau der Marktposition beteiligt man sich auch an internationalen Messen, wie z.B. in Südafrika, Mexiko, To­ kio, Jakarta, Hong Kong, Paris, Barcelona etc. Um die hohen Kosten der Entwicklung langfristig abzusichern, werden alle wichti­ gen Produkte patentiert. KLANN verfügt über ca. 50 Schutzrechte. Dies wiederum führt zwangsläufig zu internationalen pa­ tentrechtlichen Auseinandersetzungen bis hin zum Bundesgerichtshof. In der Vergan­ genheit konnte man die Angriffe des Wett­ bewerbs erfolgreich abwehren. Innovation und Produktfindung stellen für KLANN kein Problem dar. Viel schwie­ riger ist es, all diese neuen Gedanken, Ideen und Produkte auch auf den Markt zu brin­ gen, was oft an finanzielle Grenzen stößt. Horst Klann blickt heute auf eine 30jähri­ ge Selbständigkeit zurück. Für die Zukunft ist man bei KLANN durch die Einführung eines Qialitätsmanagementsystems nach DIN EN ISO 9001 und durch die Aufnah­ me neuer Produkte bestens gerüstet. 85

– Modernste Maschinen und hoch qunlijizierte Mitnrbeiter, dltS Donaueschi11ger Unternehmen KLAN N ist für die Zukunft bestens geriislet. 86

Mit Licht formen, schneiden und gestalten Wagner-Lasertechnik in Dauchingen – Mit dem Laserfeinschneiden eine eigene Existenz gegründet Unternehmer und Firmengründer mit Ideen prägten schon seit altersher unsere Re­ gion. Viele Gründer aus Schwenningen, Vil­ lingen und Umgebung mit bekannten Na­ men gelten heute wie damals als Männer der ersten Stunde – Menschen mit Ideen und dem starken Willen, diese auch zu realisie­ ren. Diese „Gründergenerationen“ sind natür­ lich nie ganz ausgestorben. Auch heute gibt es sie, wagemutige Firmengründer, mit den richtigen Ideen zur richtigen Zeit, besessene Tüftler, Ingenieure – Menschen, die mit viel Unternehmensgeist den Schritt in die Selbständigkeit tun. Einer davon, von dem hier die Rede sein soll, ist Kurt Wagner aus Dauchingen, Ab- solvent der Schwenninger Feintechnikschu­ le mit anschließendem Ingenieurstudium in Furtwangen. Jahrelang war er im elterlichen Betrieb, dem „Gong-Wagner“, den Schwen­ ningern sicherlich nicht unbekannt, für die technische Betriebsleitung verantwortlich. Vor etwas mehr als sechs Jahren, mit neu­ en Ideen im Kopf, machte er sich auf, noch einmal im Leben etwas Neues zu wagen, ei­ ne eigene Firma zu gründen. Seine Idee oder Vision bestand darin, in einen Markt vor­ zudringen, der nicht bis in alle Nischen be­ setzt war, nämlich der Lasertechnik. Mit sei­ ner Strategie, Betriebe ohne eigene Laser­ technik bei fehlender Kapazität oder bei Engpässen in der Produktion mit modern­ ster Lasertechnologie zu unterstützen, mar- Schneider mit der Präzision des Lasers, die Firma Wagner in Dauchingen. 87

Kein Auftrag ist zu klein für Kurt Wagner. Auch wenn die „Lückenbüßer“ -Funktion zum Alltag eines Laserlohnbetriebes gehört, gerade in diesem Ni­ schengeschäft sieht der Firmen­ chef auch seine Stärken – und die Ertragslage gibt ihm Recht. Hier werden Implantatteile für die Kieferorthopädie und die Chi­ rurgietechnik geschnitten, VA­ Stähle, T itan und Wolfram, Ke­ ramik, Silizium und Aluminium für die Mikromechanik und die Elektrofeinmechanik bearbeitet und selbst Schmuckdesigner Die Mitarbeiter des Dauchinger Jobshops, in der Bildmifle Fir- menchefKurt Wagner. schiert das noch junge Dauchinger Unter­ nehmen, das quasi als „verlängerte Werk­ bank“ für Firmen der Region kleine Stück­ zahlen, Prototypen oder Nullserien produ­ ziert, auf einem kontrollierten Wachstums­ kurs. Laser-Schneidkopf mit dem fokussierten Laser­ strahl (l.inks). Mit seiner „prmkiförmigen, ver­ schleißfreien Schneide“ e,folgen präzise Schnifle. 88 zählen zu Wagners Kunden. überhaupt ist die Branchenvielfalt und das große Spektrum der Anwendungen typisch für den Laserbetrieb. Kurt Wagner: ,,Oft­ mals weiß ich nichts oder nur sehr wenig über die Funktion oder den späteren Einsatz der Teile.“ Viele Kunden sind ebenfalls Zu­ lieferbetriebe, so daß die endgültige Be­ stimmung der von ihm gefertigten Laserzu­ schnitte unbekannt ist. Wenn allerdings hin­ ter einem Auftrag ein Waffenproduzent steckt oder Rüstungsindustrie zu vermuten ist, wird man bei Wagner Lasertechnik sehr nachdenklich, denn Umsatz „um jeden Preis“ steht nicht auf der Flagge des Unter­ nehmens. Überaus flexibel und unkompliziert, ohne zeitaufwendige Arbeitsvorbereitung, wer­ den die Aufträge bearbeitet, denn in der Pra­ xis ist es gang und gäbe, daß ein Auftrag morgens eintrifft und bereits am Nachmit­ tag zur Abholung bereitsteht. Dabei setzt der agile Unternehmer in erster Linie auf sei­ ne qualifizierten Mitarbeiter, die ein effekti­ ves und zuverlässiges Abwickeln der Aufträ­ ge erst ermöglichen. Denn Teamwork ist bei Wagner keine Phrase sondern Alltag, starre Hierarchien sind verpönt. Modernste Bürokommunikationsmittel unterstützen dabei das Unternehmen. Zeichnungsdaten gelangen immer häufiger

als DXF-Files über Diskette, Modem oder ISDN in das CAD-System und werden dort zum NC-Programm generiert. Herzstück dieses Systems ist eine ausgeklügelte CAD/CAM-Software, die aus den Daten der Zeichnungs- und Technologie-Daten­ bank sowie mit der CAD-Zeichnung über den Postprozessor direkt das von verschie­ denen CNC-Maschinensteuerungen lesbare NC-Programm generiert. Sie wurde von ei­ nem Software-Unternehmen speziell für Kurt Wagners Ansprüche angepaßt und ent­ hält alle für die Laserbearbeitung erforderli­ chen technologischen Daten. Daß eine sol­ che Datenbank ständig um Erfahrungswer­ te erweitert werden kann und muß, versteht sich von selbst. Nicht ohne Stolz sieht sich die Wagner La­ sertechnik mit als Pionier in diesem Bereich; hat sich doch die CAD/CAM-Software durch diese ständige Weiterentwicklung zu einem bemerkenswerten und leistungsfähi­ gen Instrument für alle Bereiche der Laser­ bearbeitung gemausert. Inzwischen hat Kurt Wagner weiter expan­ diert. Mit 300 Watt Laserleistung hat er sein Spektrum nach oben hin erweitert. Natür­ lich geht es dabei in erster Linie um das Be­ arbeiten dickerer Materialien. Die Nachfra­ ge seiner Kunden hat dem Unternehmer ge­ zeigt, daß die Palette in Sachen Präzisions­ bearbeitung ein großes Potential bietet. Der kleine aber feine Jobshop hat sich bei der heimischen Industrie als Problemlöser für Präzisionsschnitte herumgesprochen und die Zahl der Anfragen und Aufträge steigt. Aber auch die Grenzen seiner Anlagen wa­ ren bald erreicht. So mancher Auftrag muß­ te in der Vergangenheit abgelehnt werden, wenn es darum ging, Teile aus dickeren Ble­ chen zu schneiden. Hauptkriterium ist hier­ bei die Schneidleistung. Kurt Wagner dazu: ,,Auch mit dem guten alten 50-W-Laser ha­ ben wir schon 2-mm-Bleche geschnitten, al­ lerdings geht die Schnittgeschwindigkeit dann rapide in die Knie. Wirtschaftlich ist das meist nicht mehr.“ Trotzdem lassen sich manche präzisen Teile nur auf der 50-W-An­ lage so fein fertigen. Auf der leistungsstär­ keren 300-W-Laseranlage würden die feinen, filigranen Stege und Konturen abbrennen oder ausglühen. Doch in Stückzahlen sieht Kurt Wagner nicht den Weg, den er gehen will. Sein Me­ tier bleibt nach wie vor der Präzisionslaser­ schnitt. Diese Nische hat er sich vor sechs Jahren gesucht und seinen Platz fest eta­ bliert. Klein, aber fein – dieses Stichwort charak­ terisiert nicht nur sehr treffend Wagner La­ sertechnik, Dauchingen, die bisherige Ge­ schäftsentwicklung hat auch deutlich ge­ zeigt, daß der Einstieg in das Laser­ feinschneiden die richtige Entscheidung war und einzureihen ist in erfolgreiche Firmen­ gründungen unserer Region – einerlei, ob sie vor über einhundert Jahren oder erst in jüngster Zeit erfolgt ist. Ob Rotor-!Stator-Scheiben, lsolierwerksteffe, lm­ plantatteile oder Krawaltennadeln mit dem Schwenninger Bären – die Teilevielfalt bestimmt den Alltag eines Lohnbetriebes. 89

Technologie-Park Villingen-Schwenningen Wertvolle Stütze für Jungunternehmer bei der Existenzgründung Bereits Anfang der 1990er Jahre wurde in Villingen-Schwenningen darüber dis­ kutiert, sogenannte Ge­ werbehöfe für Jung­ unternehmen einzu­ richten. Greifbare Ergebnisse wurden nicht erzielt. Erst als 1994 die „Wirtschaftsförderungs­ gesellschaft Villingen-Schwen- ningen GmbH“ gegründet und seit 1. 7. 1994 auch personell mit Leben erfüllt wurde, ist der Überlegung zu einem Technologie-Park wieder näher getre­ ten worden. Dr. Rolf Wagner und Ge­ schäftsführer Rainer Bergmann traten an die Wirtschaftsfördemngsgesellschaft Villingen­ Schwenningen GmbH mit einem Angebot heran, das die seitherige Überlegung einer zur Verfügungstellung von Immobilien bei weitem übertraf Die Überlegung ging da­ hin, daß technologisch orientierten Jungun­ ternehmen neben den Räumlichkeiten auch qualifizierte Dienstleistungen, die die Deut­ schen Thomson-Brandt GmbH durch ihre Labors und deren Einrichtungen anbieten kann, zur Verfügung gestellt werden sollte. Dies war ein Novum und ging über die An­ gebote sonstiger Unternehmen hinaus, alt­ gediente Fabrikhallen für solche Zwecke zur Verfügung zu stellen. Dieses Angebot wurde im Aufsichtsrat und im Gesellschafterkreis der Wirtschaftsförde­ rungsgesellschaft Villingen-Schwenningen GmbH (Wifög) besprochen, und man kam dabei zu dem Ergebnis, daß eine solche Ein­ richtung nicht lediglich auf die Stadt Villin­ gen-Schwenningen begrenzt, sondern auch einem über die Stadt hinausreichenden Nut­ zerkreis zur Verfügung stehen solle. Dies war dann der Grund dafür, daß die Technologie­ Park-Villingen-Schwenningen GmbH recht­ lich verselbständigt wurde. Aus vorgenann- 90 tem Gedanken heraus konnte Landrat Dr. Gutknecht für diese Idee gewonnen werden, und nach einer Vorstellung des Projek­ tes im Kreistag, erklärte sich der Schwarzwald­ Baar-Kreis bereit, bei dieser GmbH Gesell­ schaftskapital zu zeichnen. Seit Januar 1996 wird die Tech- nologie-Park Villingen-Schwen­ ningen GmbH von folgenden Gesellschaf­ tern getragen: Wirtschaftsförderungsgesell­ schaft Villingen-Schwenningen GmbH (Wifög), Sparkasse Villingen-Schwennin­ gen, Schwarzwald-Baar-Kreis, Deutsche Thomson-Brandt GmbH, Volksbank eG in Villingen-Schwenningen, Schwenninger Volksbank in Villingen-Schwenningen. Bereits im ersten Geschäftsjahr 1995 konn­ ten 18 Unternehmen in diesen Technologie­ Park einziehen. Zum April 1996 haben die­ se Unternehmen 75 Mitarbeiter beschäftigt und belegen eine Fläche von ca. 4 000 1112. Das erste Jahr war gekennzeichnet von sehr intensiver Aufbauarbeit, wobei sich dann, wie stets bei solchen Projekten, sehr viel Kleinarbeit im Detail anhäufte, mit der so im vorhinein nicht zu rechnen war. Im März 1995 konnte im Kreistagssaal des Verwal­ tungsgebäudes des Schwarzwald-Baar-Krei­ ses ein Existenzgründertag durchgeführt werden, der großen Anklang fand. Einige Teilnehmer dieser Veranstaltung sind bereits in den Technologie-Park eingezogen, mit weiteren bestehen intensive Kontakte für ei­ nen Tagungstermin. Das Leistungsangebot Die Technologie-Park Villingen-Schwen­ ningen GmbH wurde gegründet, um tech-

nologieorientierten Firmengründern bzw. technologieorientierten Jungunternehmen eine erste Bleibe zu schaffen und ihnen wei­ tere Hilfe beim Start in die wirtschaftliche Tätigkeit zu geben. Demzufolge wendet sich diese Einrichtung an einen Personenkreis, der die in Villingen-Schwenningen und der Region ansässigen Bildungs- und For­ schungseinrichtungen in Anspruch nimmt und mit diesen kooperieren kann. An erster Stelle sei das Institut für Mikro­ und Informationstechnik genannt, aber auch die Fachhochschule in Furtwangen bie­ tet hier wertvolle Ansatzpunkte. Eine enge Zusammenarbeit wird ebenfalls praktiziert mit der am Ort ansässigen Steinbeis-Stif­ tung, desweiteren mit solchen Transferzen­ tren der Stiftung, die in der Region behei­ matet sind. Ziel der Einrichtung ist, wie eingangs erwähnt, den Jungunternehmen neben den reinen Räumlichkeiten ein quali­ fiziertes Dienstleistungsangebot zu bieten. Neben der Möglichkeit, Büro-, Produktions­ und Lagerräume maßgeschneidert für den Unternehmenszweck zeitlich wie räumlich variabel anzumieten, bietet die Technolo­ gie-Park Villingen-Schwenningen GmbH u. a. folgenden Dienstleistungsservice: 1) Telefonservice 1) Beratung und Vermittlung in allen Unternehmensfragen 1) Organisation von Hausmessen 1) Sicherheitsdienst 1) Werkschutz-/ Umweltschutz-/ Sicherheitsbeauftragter 1) Vermittlung von Kontakten zu Mikroinstitut / FH Furtwangen / Steinbeis Transfer Zentrum Vom Konzept her ist daran gedacht, die Jungunternehmen für die Zeitdauer von 6 Jahren im Technologie-Park zu fördern. Über die Wirtschaftsförderungsgesellschaft sollen diese Unternehmen in der nachfol- genden Zeit begleitet werden. So kann über die Wifög ergänzende Hilfestellung geboten werden bei der Suche neuer Räume oder sonstiger unternehmerischer Beratung über diesen Anfangszeitraum hinaus. Ein Ausblick Nach der Startphase der Technologie-Park Villingen-Schwenningen GmbH, die einen sehr guten Zuspruch bei den technolo­ gis;h orientierten Jungunternehmen gefun­ den hat, ist daran gedacht, im Rahmen der Existenzgründungsoffensive des Landes Ba­ den-Württemberg auch eine zweite Schiene in den Technologie-Park einzuziehen. Exi­ stenzgründern im konventionellen Bereich wird ab sofort auch die Möglichkeit gebo­ ten, sich in diesem Park niederzulassen. Da­ mit werden weitere Dienstleister, aber auch Handwerker, angesprochen. Mit diesem erweiterten Personenkreis läßt sich die Grundidee weiter formen, sie sieht vor, daß die Unternehmen im Park eine Ge­ meinschaft bilden, die sie nach außen hin so präsentiert und die sich gegenseitig befruch­ tet. Nur wenn in diesem Technologie-Park eine Mischung von verschiedenen Sparten wie auch unterschiedlich strukturierten Un­ ternehmen vorhanden ist, wird sich aus dem Park heraus neues Leben entfalten können. Insgesamt gesehen, dürfte diese Einrich­ tung eine wertvolle Stütze sein in der Un­ terstützung des Technologietransfers und Nucleus für neue Ideen, die die Region in wirtschaftlicher Hinsicht befruchten kön­ nen. Weitere Einzelheiten zu dem Angebot an Räumen und Dienstleistungen im Techno­ logie-Park sind zu erfragen bei Herrn Bir­ baum Tel.: 07721 /85-3170 oder Herrn Kön­ geter Tel.: 07720/82-1051. Ulrich Köngeter 91

Für Anforderungen der Zukunft gerüstet Die Pumpenfabrik Scherzinger besteht seit 60 Jahren Im Mai 1997 kann die Pumpenfabrik Scherzinger in Furtwangen auf ihr 60jähri­ ges Bestehen zurückblicken. Schon einige Zeit vor dem Start in die Selbständigkeit hatte sich der Firmengründer Ernst Scher­ zinger intensiv mit Pumpen und Zahnrä­ dern befaßt: als Meister des bekannten Furt­ wanger Herstellers von Verzahnungsmaschi­ nen, der Fa. Köpfer, gehörten Pumpenaus­ fälle und Schmierprobleme zu seinem Berufsalltag. Nach Feierabend versuchte Ernst Scher­ zinger – oft bis spät in die Nacht hinein – in einem zur Werkstatt umfunktionierten klei­ nen Gartenhäuschen in der Nähe der Fuß­ gänger-Brücke zur Firma Köpfer, die Pro­ bleme zu lösen. Diese Arbeiten wurden dann im Keller des zwischenzeitlich erwor- benen Wohnhauses fortgesetzt, auch schon mit Hilfe erster Arbeitskräfte. Zusammen mit den erforderlichen Kenntnissen in der Fertigungstechnik präziser Teile bildeten diese Erfahrungen die wesentliche Grundla­ ge für eine Existenzgründung – für eine ei­ gene Firma. Nachdem die Kellerräume zu klein gewor­ den waren und 1936 ein Werkstattanbau an das Wohnhaus angegliedert wurde, folgte 1937 die Eintragung der eigenen Firma in das Handelsregister: ,,Pumpen-Scherzin­ ger“, wie die Firma auch heute noch gerne genannt wird, war gegründet. Es folgte ein rasches Wachstum: gestützt durch den Kauf neuer Maschinen, rege Ent­ wicklungstätigkeit der ersten Typenreihe so­ wie lebhafte Verkaufsaktivitäten – im we- Das Hauptgebiiude der Firmfl Scherzinger in Furtwangen. 92

sentlichen über einen Vertreter in den damaligen Kerngebieten des Maschinenbaus Berlin und Sachsen­ Thüringen. 1939 zählte die Firma Scherzinger bereits 23 Beschäftigte. Neben Elektro-Zahnradpumpen und Zentrifugalpumpen wurden ab 1938 auch Lagerringe und Kettenrä­ der gefertigt. Für Fahrräder, wie es hieß – in Wirklichkeit jedoch für die JU 88, wie sich erst später heraus­ stellte. Bereits 1941 wurde es zu eng in der Bregstraße. Im Gebäude der ehema­ ligen staatl. Schnitzereischule am Marktplatz 3 (heute: Fachhochschu­ le Furtwangen) bezog man deshalb Erdgeschoß und 1. Stock – lediglich Härterei und Werkzeuglager verblie­ ben in der Bregstraße. Mit 60 Mit­ arbeitern wurden 1941 über 10 000 Pumpen in 16 verschiedenen Aus- Auch die Ausbildung 1uird bei Scherzinger großgeschrieben, führungen gefertigt, dazu über hier an einer Drehmaschine. 30 000 andere Einzelteile; sehr bald wurde die Fertigung auch auf das 2. Ober­ geschoß der Schnitzereischule ausgedehnt. Die sehr unruhige Zeit des Zweiten Welt­ krieges erfaßte auch die Pumpenfabrik Scherzinger. Obwohl für einige Mitarbeiter die „UK-Stellung“ erwirkt werden konnte, wurden immer mehr Betriebsangehörige zum Kriegsdienst eingezogen. Freigeworde­ ne Plätze wurden mit Dienstverpflichteten aus Belgien und Holland besetzt, kriegsge­ fangene Franzosen und Italiener wurden zwangszugeordnet. Eine 1 O- l 2stündige täg­ liche Arbeitszeit wurde besonders in den Jahren 1944/45 immer wieder unterbrochen durch Fliegerangriffe auf die Gebiete Ulm/München/Stuttgart. Diese auch im Oberen Bregtal unruhige Nachkriegszeit mit Ausgehverboten, Plün­ derungen und Einquartierungen von Besat­ zern, wurde für den Firmengründer und sei­ ne Familie noch überschattet von der Nach­ richt über den Tod des einzigen Sohnes und Firmennachfolgers, Erich Scherzinger, der am 23.4.1945 – also kurz vor Kriegsende – bei Berlin gefallen war. triebseinrichtung: fast 30 Werkzeugmaschi­ nen wurden demontiert und mit noch la­ gerhaltigen Einzelteilen, Werkzeug und Zu­ behör nach Frankreich transportiert. Fünf Tage vor der kampflosen Übergabe der Stadt Furtwangen an die Franzosen wurde am 23. 4.1945 der Betrieb geschlos­ sen. Den ersten Beschlagnahmungen nahe­ zu aller wichtigen Güter des täglichen Le­ bens folgte in den Jahren 1946 und 1947 die nahezu vollständige Demontage der Be- Da nach dem Krieg die ehemaligen Ab­ satzgebiete verloren waren und 1947 mit ei­ ner kleinen Belegschaft noch 855 Pumpen gefertigt wurden, beschloß Ernst Scherzin­ ger die EntwickJung und Fertigung von klei­ nen Mechaniker-Tischdrehbänken. In den folgenden drei Jahren wurden knapp 300 Maschinen gebaut, bevor es gelang, im west­ deutschen Gebiet neue Märkte für Pumpen – dem angestammten Kerngeschäft – zu er- 93

Eine Auswnhl vo11 Sonderpumpen für die vielfältigsten Einsatzmöglichkeiten. obern. Die anfangs durch Rationierung äußerst problematische Materialbeschaf­ fung wurde wieder einfacher, aus Krieg und Gefangenschaft heimgekehrte Arbeitskräfte konnten eingestellt werden, eine allmähli­ che Stabilisierung der Lage ermöglichte An­ fang der 50er Jahre wieder ordentliches Pro­ duzieren und Wirtschaften. Die Serienferti­ gung der inzwischen verbesserten Baureihe außenverzahnter Zahnradpumpen in Fuß­ und Flanschausführung sowie mit Elektro­ motor ausgestattet, konnte wieder aufge­ nommen werden. Sie wurden in den 50er und 60er Jahren ergänzt um eine Baureihe innenverzahnter Heizölpumpen, von de­ nen in den Zeiten bester Absatzmöglichkei­ ten bis zu 2 000 Stück monatlich verkauft wurden. Nach dem plötzlichen Tod des Firmen­ gründers Ernst Scherzinger, der 1973 uner­ wartet aus einem arbeitsreichen Leben ge­ rissen wurde, übernahm sein langjähriger Mitstreiter und Betriebsleiter Herbert Gan­ ter die Geschäftsführung und führte die Un- ternehmenspolitik konsequent fort. Das 1955 auf dem jetzigen Werksgelände errich­ tete Gebäude wurde zwischenzeitlich vier­ mal erweitert. Der Einzug NC-gesteuerter Maschinen in die Fertigungstechnik, der Einsatz von EDV in Verwaltung und Engineering sowie eine strikte Orientierung des Pumpenprogramms an den Bedürfuissen des Marktes und den Anforderungen der Kunden, waren Eckpfei­ ler fortschrittlicher Unternehmensführung in den folgenden Jahren. Sie führten zu ei­ nem Ausbau des Produktprogramms und ei­ ner umfangreichen Gruppe maßgeschnei­ derter Sonderpumpen für namhafte Kun­ den. So konnte Herbert Ganter 1988 an den Enkel des Firmengründers, Erich Willimsky, die Leitung eines modernen und gesunden Unternehmens übergeben. Heute präsentiert sich die Pumpenfabrik Scherzinger mit über 90 Mitarbeitern und einem Produktionsprogramm von rund 100 000 Pumpen pro Jahr in über 500 ver- 94

schiedenen Ausführungen als einer der Marktführer auf dem Sektor Zahnradpum­ pen. Das angestammte Geschäft der Pum­ pen für Öle und schmierende Medien stellt noch immer den Hauptanteil: seien es Schmierpumpen im Motor des bekannte­ sten deutschen Sportwagens oder KJein­ Brennstoffpumpen in Standheizungen für Omnibusse. Noch immer ist die Werkzeug­ maschinenindustrie wichtiger Abnehmer; in der Heizungstechnik werden Spezialisten wie z.B. Hersteller ölgefeuerter Kachelofen­ einsätze beliefert. Längst wurden jedoch die früher nur in Grauguß oder Aluminium gefertigten Pum­ pen ergänzt um Edelstahlpumpen für Che­ mie und Labor. Säurebeständige Sonderle­ gierungen und verstärkte Spezialkunststoffe werden heute auf den modernen Ferti­ gungseinrichtungen bei Scherzinger verar­ beitet. Magnetgekuppelte Spezialpumpen fördern vollentsalztes Wasser in Kühlkreis­ läufen von Analysegeräten. Komponenten für Gasturbinen von Scherzinger sind heute weltweit im Einsatz. In der Solartechnik, in medizinischen Geräten sowie auf dem Um­ weltsektor finden Scherzinger-Pumpen zu­ kunftsträchtige Anwendungsfelder. Einern qualifizierten Mitarbeiterstamm stehen ein PPS-System der zweiten Genera­ tion, CAD in der Konstruktion, NC-Tech­ nik in der Fertigung und ein fortschrittlich­ es �alitätsmanagementsystem zur Verfü­ gung. Vertretungen in fast allen Ländern Europas sowie Partner in Nahost und Fernost arbei­ ten mit und für Scherzinger – zum Teil schon seit Jahrzehnten. Die Erschließung neuer Kunden und Märkte bildet einen Schwerpunkt zukunftsorientierter Unter­ nehmenspolitik. Mit einem ausgewogenen Fertigungspro­ gramm, Mut zu Neuem kombiniert mit 60 Jahren Erfahrung und einem offenen Ohr für Probleme und Wünsche der Kunden ist „Pumpen-Scherzinger“ gerüstet für die An­ forderungen der Zukunft. Standardpumpen in Fuß- und Flanschauifülmmg sowie mit Motor. 95

Wirtschaftsgeschichte Grundstein zu Weltunternehmen gelegt Christian Steidinger gründete die Firma Dual Tüftlergeist, unendliche Geduld, Spürsinn, Erfindungsgabe und Fleiß ließen im vorigen Jahrhundert in den Heimwerkstätten der Schwarzwälder Bauern wahre technische Meisterleistungen entstehen. Damals wurde der Grundstein für eine blühende Industrie gelegt, die unserer Heimat über Jahrzehnte hinweg Arbeit und Wohlstand bescherte. In jene industriellen Gründerjahre zurück­ reichen auch die Anfange zahlreicher Un­ ternehmen, die noch heute das Gesicht der heimischen Industrie mitprägen, auch wenn die wirtschaftlichen Probleme der vergange­ nen Jahre manchen dieser traditionsreichen Betriebe ausgelöscht haben. Ein typisches Beispiel für Aufstieg und Niedergang einer Firma ist die Ge­ schichte der St. Georgener Dual­ Werke. Sich aus bescheide­ nen Anfängen heraus zu ei­ nem Unternehmen mit Weltgeltung entwickelt und schließlich in Zei­ ten des strukturellen Umbruchs unterge­ gangen – so läßt sich mit wenigen Wor­ ten die Entwicklung von Dual skizzie­ ren. Der Grundstein zu solchen Betrie­ ben wurde fast im­ mervon fleißigen und findigen Tüftlern ge­ legt, die es schafften, mit ihrem Erfindungsreich­ tum den anderen stets ein Stück weit voraus zu sein. Eine 96 dieser bedeutenden Unternehmerpersön­ lichkeiten war der St. Georgener Christian Steidinger, der Gründer der später welt­ berühmten Firma Dual. Die Vorfahren von Christian Steidinger hatten ihre Heimat im Grumpenloch im Stockwald, jenem großen Waldgebiet zwi­ schen St. Georgen und Unterkirnach. So­ weit die Erinnerung zurückreicht, wurden dort Uhren und Uhrmacherwerkzeuge her­ gestellt, hinzu kamen Nadeln für Spindel­ bohrer. Die erste Spindelbohrmaschine mit Teilscheibe zum Bohren der Hohltrieb­ stöcke für Schwarzwalduhren wurde dort er­ funden. Die ganze Familie war in der Heim­ industrie tätig. Die Geheimnisse der von ihr erdachten Erfindungen wurden streng gehütet. In den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hei­ ratete dann einer der Steidinger-Söhne Ma­ ria Fleig aus St. Geor­ gen und bezog mit ihr ein Haus in der „unteren Türkei“ in St. Georgen. Aus ih­ rer Ehe g111gen sechs Kinder her­ vor, vier Töchter und zwei Söhne, Josef und eben Chri­ stian. Er kam 1873 zur Welt und sollte in späteren Jahren Erfin­ dungen machen, die sei- Firmengriinder Christinn Steidinger

Ansicht der Fabrikanlage in der Luisen-, Leopold- und Sommerau-Straße, wie sie lange Zeit das Brief­ papier des Unternehmens Dual und andere Werbeträger schmückte. nen Kleinbetrieb zur Weltfirma werden ließen. Beide Söhne erlernten bei ihrem Vater das Werkzeugmacherhandwerk und auch ihnen schien das Geschick und der Tüftlergeist der Steidinger-Familie im Blut gelegen zu ha­ ben. Doch zunächst machten sie darüber­ hinaus auch durch ihr gesellschaftliches Engagement auf sich aufmerksam. 1888 gründete Christian zusammen mit seinem Bruder den Arbeitermusikverein, dem die beiden abwechselnd als Dirigenten vorstan­ den. Auch in der Gemeinde- und Parteipo­ litik fanden Christian und Josef ein reiches Betätigungsfeld. Doch bereits 1892 machte Christian mit ei­ ner Erfindung Schlagzeilen: Den Spezial­ auftrag einer Schramberger Uhrenfirma er­ füllte er so schnell und akurat, wie dies bis­ lang unmöglich war. Es war ihm gelungen, ein neues Werkzeug zu entwickeln, mit dem Lagerzapfen in einem Sechstel der bisheri­ gen Arbeitszeit hergestellt werden konnten. Der berühmte „Fräskopf mit Buchs und Messerle“ war geboren. An besagtem Auf­ trag verdiente er damals 20 Goldmark pro Tag – eine stattliche Summe. Im Spätjahr 1897 heiratete Christian Ma­ ria, die Tochter des Schreiners Rosenfelder. Aus dieser Ehe gingen zwei Töchter und sie­ ben Söhne hervor. Christian zog damals mit seiner Frau in das Haus seiner Schwieger­ mutter und richtete sich dort eine eigene Werkstatt ein. Schon ein Jahr später gab es jedoch den ersten Rückschlag. Ein Kunde stellte sämtliche Aufträge ein. Die Behaup­ tung, die Lieferungen seien mangelhaft, wa­ ren nur vorgeschoben. Der wahre Grund war vielmehr Steidingers Zugehörigkeit zur liberalen Partei, während sein Auftraggeber zu den Konservativen gehörte. In dieser Lage machten sich wieder einmal Christian Steidingers Ehrgeiz und Findig­ keit bezahlt. Er nahm den Auftrag eines Tri­ berger Unternehmens für Wassermeßuhren an und verpflichtete sich, wöchentlich 12 000 Räder zu liefern, eine Stückzahl, die damals unerreichbar schien. Wenig später erhöhte Steidinger die Zahl der gelieferten Räder gar auf 25 000. Die Mithilfe seines Bruders, einiger Bekannter und vor allem seine Erfindung, das „Buchs und Messerle“, ermöglichten diesen Kraftakt. Mit den ei­ sern gesparten Gewinnen aus seinen Aufträ- 97

nötigen Kredite. So gaben Christians alte Freunde aus dem Stockwald das nötige Startkapital: der Kammermi­ chelsbauer, der Bäckermeister Stock­ burger und der Eckenbauer Gottlieb Heinzmann. Doch schon bald waren die ersten Hürden genommen. Als die Grammophonlaufwerke 1908 auf der Leipziger Frühjahrsmesse ausgestellt wurden, war der Erfolg durchschla­ gend. Eine wahre Auftragsflut brach herein und 1909 mußte das Fabrikge­ bäude erstmals erweitert werden. Durch Neuschöpfungen im Bereich der Laufwerkproduktion wuchs die Nachfrage nach den Produkten des St. Georgener Unternehmens weiter an. Allein fur das „Laufwerk Nr. 5″ ging Blick in die Produktionsanlage, 1903 wurden alle Ma- ein Auftrag über 25 000 Stück ein und das bei einer monatlichen Kapazität schilun auf elektrischen Betrieb umgestellt. von 5 000. Waggonweise wurden vom Bahnhof Bandeisen für die Laufwerkplati­ nen herangeschafft. Die steigende Zahl der Aufträge machte abermals eine Erweiterung der Fabrikgebäude notwendig, ein Seiten­ flügel mit Flachdach entstand. Damals stan­ den bereits rund 80 Mitarbeiter bei den Stei­ dingers in Lohn und Brot. Das Jahr 1911 brachte die Trennung der beiden Brüder. Nach einigen Reibereien schied Josef aus dem Betrieb aus und richte­ te in der Sägemühle am Bahnhof eine eige­ ne Laufwerksproduktion ein, die später un­ ter dem Namen Perpetuum-Ebner (PE) fir­ mierte und ebenfalls zu den bedeutendsten Unternehmen seiner Branche aufstieg. Doch zurück zu Christian Steidinger. Mit großen Anstrengungen überwand er die Schwierigkeiten der Trennung. Große Auf­ träge konnten an Land gezogen werden, da­ von viele aus Rußland. Doch bereits wenig später machte der Ausbruch des Ersten Welt­ krieges alle Erfolge zunichte: Rußland wur­ de Feindesland. Nach der Mobilmachung ist der Betrieb bis auf die Frauen und weni­ ge ältere Männer verwaist. Doch Christian Steidinger gab nicht auf. So gelang es ihm, gen baute Christian Steidinger im Jahre 1900 ein eigenes, dreigeschossiges Wohn­ haus in der Sommerauer Straße in St. Geor­ gen mit großer Werkstatt. Acht Mitarbeiter wurden eingestellt und die Fabrikation von Wassermeßrädern, Stahl- und Messingan­ kern, Balance-Wellen und anderen Teilen für die Uhrenfertigung wurde vorangetrieben. 1903 wurden alle Maschinen auf elektri­ schen Betrieb umgestellt. Die Aktivitäten und Aufträge wurden im Laufe der Zeit immer umfangreicher. Bruder Josef, der bislang eine eigene Werkstatt be­ trieben hatte, wagte den Zusammenschluß mit Christian zum 1. August 1906. Im glei­ chen Jahr wurde auch ein neues Fabrikge­ bäude in der Leopoldstraße fertiggestellt. Zum l. Februar 1907 entstand die gemein­ same Firma „Gebrüder Steidinger, Fabrik fur Feinmechanik“. Ab Ende 1907 nahm sich der Betrieb dann allmählich des Produkts an, das ihn später weltberühmt machen sollte: der Herstellung von Grammophonlaufwerken. Die Banken waren dem Unterfangen allerdings kritisch gegenübergestanden und verweigerten die 98

Stück angewachsen. Kurz darauf wurde wie­ der eine Premiere gefeiert: die Dual-Moto­ ren wurden mit magnetischen Tonabneh­ mern und vollautomatischen Ausschaltern zu einer Einheit zusammengebaut. Die Stunde des Dual-Plattenspielers war gekom­ men. In dieser Stunde des Erfolges zog sich Christian Steidinger 1933 aus dem Geschäft zurück. Er übergab den Betrieb an einen Stab von Mitarbeitern, bei denen er das Un­ ternehmen in besten Händen wußte. Zu­ dem übernahmen seine Söhne entsprechen­ de Positionen in der Firma: Christian in der Werkzeug- und Maschinenkonstruktion, Oskar im kaufmännischen Bereich, Richard in der Montage, Willi in der Schreinerei, Er­ win im Verkauf, Siegfried als Betriebsinge- Aufträge für kriegswichtige Hufstollen für Pferdehufeisen zu bekommen. Ein weiterer Auftrag über fünf Millionen Laderahmen für das „Infanteriegewehr 88″ sicherte dar­ überhinaus die Existenz des Unternehmens. Schon 1917 mußte der Betrieb erneut ver­ größert werden, ein Anbau für die Mechanik und für Heeresaufträge wurde erstellt. Mit dem Jahre 1919 begann schließlich wieder die Normalisierung. Die Produktion vom Grammophonlaufwerken wurde wie­ der aufgenommen. Damals erhielt die Firma die Rechtsform einer GmbH mit den Geschäftsführern Christian Steidinger und Moritz Diegel, der 1917 in das Unterneh­ men eingetreten war. In jener Zeit machte Christian Steidinger auch die Bekanntschaft vom Emil Knecht, dem Betriebsleiter einer großen Berli­ ner Laufwerkfabrik. Es gelang ihm, Knecht als Generalvertreter für Berlin zu gewinnen und ihn als Berater und Mitarbeiter bei Neuentwicklungen zu verpflichten. Das Unternehmen ent­ wickelte sich auch weiterhin rasant. Die Nachfrage nach Grammophonlaufwer­ ken nahm derart zu, daß 1923 ein er­ neuter Erweiterungsbau errichtet wer­ den mußte. Schon 1925/26 mußten die Kapazitäten erneut vergrößert wer­ den, ein Anbau in der Luisenstraße wurde hinzugefügt. Nach einer kurzen Talsohle ging es schon bald wieder rasant aufwärts, täg­ lich wurden 1500 Laufwerke gefertigt. 1927 präsentierte die Firma eine aufse­ henerregende Neuheit: einen Gram­ mophonantrieb aus der Kombination von Federlaufwerk und Elektromotor. Dieses zweifache, eben duale System war es, das dann ab 1935 das noch heute populäre Dual-Markenzeichen prägte. Mit Hochdruck wurde die Entwick­ lung vorangetrieben. 1928 kamen be­ reits fünf neue Modelle auf den Markt, die tägliche Produktion war auf 10 000 Die Nachfrage nach Grammophonlaufwerken war derart groß, daß sie Dual eine ständige Aufwiirtsentwicklung bescherte. Zumal als im Jahr 1927 erstmals ein Elektro­ motor zum Einsatz kam. 99

nieur und Schwiegersohn Kurt Anton im Einkauf. Emil Knecht übernahm die Ent­ wicklungsabteilung. 1937 starb Christian Steidinger in der Ge­ wißheit, daß die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Zukunft des Werkes erfüllt wa­ ren. Noch im gleichen Jahr wurde seinem Sohn Oskar die kaufmännische Leitung übertragen, den technischen Bereich über­ nahm sein Sohn Siegfried. Mit Begabung, Fleiß, Verantwortungsbe­ wußtsein und Menschenkenntnis hatte Christian Steidinger damit den Grundstein zu einem Unternehmen mit Weltgeltung ge­ legt, das noch über Jahrzehnte rasant wuchs und Mitte der l 970er Jahre rund 3 000 Men­ schen beschäftigte, ehe der Konkurs 1981 die Firma faktisch auslöschte. In den einsti­ gen riesigen Fabrikgebäuden haben sich mittlerweile zahlreiche kleine, innovative Betriebe angesiedelt. In der Keimzelle von Dual, dem ehemaligen Werk 1, wird mitt­ lerweile im Technologiezentrum getüftelt und geforscht. Dort lebt der Schwarzwälder Pioniergeist weiter, aus welchem heraus Ein friiher Plallenspieler der Marke Dual. auch das Markenzeichen Dual entstand und von St. Georgen aus die Welt eroberte. Jochen Schul/heiß 100

Persönlichkeiten der Heimat Ein Bürgermeister aus kommunalpolitischem Urgestein Ministerpräsident Eiwin Teufel nannte ihn einen „stets verläßlichen Partner und Freund“, Landrat Dr. Rainer Gutknecht be­ zeichnete ihn als „echten Vater seiner Stadt“, und sein Nachfolger im Amt als Bürger­ meister, Wolfgang Scherge!, beschreibt ihn gar als „kommunalpolitisches Urgestein“, also als Kommunalpolitiker von echtem Schrot und Korn. Die Rede ist vom früheren Bürgermeister der drittgrößten Stadt des Schwarzwald-Baar-Kreises, Günter Lauffer, der nach 24jähriger Dienstzeit im Sommer 1992 in den wohlverdienten Ruhestand ver­ abschiedet worden ist. Seine Abschiedsfeier in der vollbesetzten Stadthalle auf dem Roßberg geriet zu einer gut vierstündigen Laudatio auf einen Mann, der wie kaum ein anderer vor ihm in St. Ge­ orgen Akzente gesetzt und die Entwicklung der Bergstadt maßgeblich bestimmt hat. Sei­ ne Verdienste um die Menschen, vor allem auch im ehrenamtlichen Bereich, wurden bei seiner Verabschiedung mit dem Bundes­ verdienstkreuz 1. Klasse belohnt. Im Auf­ trag des Bundespräsidenten nahm der Mi­ nisterpräsident des Landes Baden-Württem­ berg die Ehrung vor und übergab das Bun­ desverdienstkreuz nebst Urkunde unter großem Beifall der Festversammlung. Die höchste Auszeichnung und Ehre, die eine politische Gemeinde vergeben kann, ist die Ehrenbürgeiwürde. Diese Würde verlieh die Stadt St. Georgen -nach einem einstimmi­ gen Beschluß des Gemeinderats -ihrem ehemaligen Bürgermeister. Wolfgang Scher­ ge! sah darin ein Zeichen der Verehrung und des Dankes der Bürgerinnen und Bürger. Daß Günter Lauffer einmal der am läng­ sten amtierende Bürgermeister in der Ge- Günter Lau.fffr Günter Lauffer – ein stets verläßlicher Partner schichte der Stadt St. Georgen werden könn­ te, war ihm am 5. Mai 1928 in Schwennin­ gen a. N. gewiß nicht in die Wiege gelegt worden. Er hatte zwar veiwandtschaftliche Beziehungen nach St. Georgen, aber seine berufliche Laufbahn wies nicht in Richtung Kommunalpolitik. Nach dem Studium der Rechts-und Staatswissenschaften an der Universität Freiburg war Günter Lauffer ei­ nige Jahre als Referendar am Landgericht Rottweil, danach Rechtsanwalt in Schwen­ ningen, später Assessor im baden-württem­ bergischen Justizdienst am Landgericht Ra­ vensburg und dann Staatsanwalt in Hechin­ gen, Rottweil, Donaueschingen und schließ­ lich Amtsrichter in Villingen. 101

In diesen Jahren schälte sich bei dem en­ gagierten Volljuristen die Erkenntnis heraus, daß das Leben nicht nur daraus bestehen sollte, sich bei Gericht vorwiegend nur mit negativen Seiten menschlicher Verhaltens­ weisen zu befassen. Deshalb nutzte er 1968 die Chance zum „Absprung“ und bewarb sich mit weiteren 16 Kandidaten um das Bürgermeisteramt in St. Georgen. Aus der Stichwahl ging er erfolgreich hervor und un­ termauerte das Vertrauen der St. Georgener Wahlbürger nach acht bzw. 16 Jahren mit eindrucksvollen Ergebnissen. Als der frischgebackene Bürgermeister am l. August 1968 sein Amt antrat, waren die Zukunftsperspektiven der Stadt St. Georgen verheißungsvoll. Die örtliche Wirtschaft – vor allem die Industrie – entwickelte sich dank des Einsatzes und des Fleißes der Ar­ beitnehmer und der Unternehmer und ge­ stützt durch eine gute Konjunktur sehr positiv. So konnte Günter Lauffer in Über­ einstimmung mit einem weitsichtigen Ge­ meinderat die von seinem Vorgänger einge­ leiteten Projekte zur Verbesserung der Infra­ struktur zügig weiterführen und eine ganze Reihe neuer Maßnahmen in die Wege leiten und realisieren. Seine Ideen und seine Tat­ kraft brachten St. Georgen gut voran, und manche Projekte seines Lebenswerks wur­ den zum Vorbild für andere Kommunen in der näheren und weiteren Umgebung. Der Bau des neuen Rathauses leitete die spätere Stadtkernsanierung ein. Der moder­ nistische Baustil des neuen Stadtzentrums mit Flachdächern und viel Beton war aller­ dings nicht Lauffers Idee. Hier mußte er sich einer knappen Mehrheit im Gemeinderat beugen. Schon 1970 begannen im Rahmen der Ge­ meindereform die Gespräche mit den Nach­ bargemeinden. In einem fairen Miteinander gelang es dem St. Georgener „Schultes“, das frühere Kirchspiel St. Georgen zusammen­ zubringen und die Verhandlungen mit den selbständigen Gemeinden Brigach, Langen­ schiltach, Oberkirnach, Peterzell und Stock- 102 burg zu gegenseitiger Zufriedenheit zu En­ de zu führen. Planung und Bau des Bildungszentrums mit Sport- und Schwimmhalle, der Stadt­ halle, der großen Zentralkläranlage in Peter­ zell, neuer Kindergärten im Zentral- und im Außenbereich, die Erschließung neuer Bau­ gebiete, die grundlegende Sanierung des Krankenhauses als Haus der Grundversor­ gung, alle diese Projekte tragen die Hand­ schrift Günter Lauffers. Das soziale Engagement des St. Georgener Bürgermeisters bewies sich beispielhaft in der Gründung der Sozialstation als Modell­ station. Als langjähriger Vorsitzender dieser Einrichtung verstand er es, ein tragfähiges Modell hauptamtlicher Dienste und ehren­ amtlicher Aufgaben zu schaffen. Als Anfang der achtziger Jahre der Nieder­ gang der Unterhaltungselektronik eingeläu­ tet wurde, die Weltfirma DUAL in Konkurs ging und viele St. Georgener und Einpend­ ler ihre Arbeitsplätze verloren, sorgte Gün­ ter Lauffer dafür, daß – im Zusammen­ wirken mit den politischen Stellen im Land und der örtlichen Industrie – ,,die Lichter in St. Georgen nicht ausgingen.“ Seiner Be­ harrlichkeit ist es zu verdanken, daß die Bergstadt heute eines der bekanntesten und leistungsfähigsten Technologiezentren von Deutschland in ihren Mauern beherbergt. Diese Tat ist in erster Linie als eine Antwort auf die Herausforderungen der neuen Indu­ strieentwicklung zu verstehen. Die Betreuung und Eingliederung der vie­ len ausländischen Gastarbeiter und ihrer Fa­ milien lag dem weitblickenden Kommunal­ politiker ebenfalls sehr am Herzen. Er sah die Ausländer stets als gleichberechtigte Partner an, half ihnen bei der Wohnungssu­ che und stellte den ausländischen Vereinen im ehemaligen Gasthaus „Zum Löwen“ ein geeignetes Begegnungszentrum zur Verfü­ gung. Wegen seines guten Verhältnisses be­ sonders zu den Italienern, kam es so 1989 zu einer offiziellen Partnerschaft der Stadt mit der kalabrischen Gemeinde Scandale, aus

der viele italienische Familien stammen. Schon 17 Jahre früher war es zu einer Part­ nerschaft mit der französischen Mittelmeer­ stadt St. Raphael gekommen. Seine Liebe zur klassischen Musik machte Günter Lauffer von Anfang seiner Tätigkeit an zu einem Förderer der Musik. So ver­ wirklichte er schon 1968 zusammen mit Pe­ ter Dönneweg die Idee einer ,Jugendmusik­ schule St. Georgen“ und ist seit ihrer Grün­ dung auch deren Vorsitzender. Die Jugend­ musikschule hat sich in dieser Zeit -auch dank der Leistungen und der Konzertreisen des Jugendsinfonieorchesters in alle Welt – einen hervorragenden Namen gemacht. In­ zwischen betreut sie auch die musikbegei­ sterte Jugend von Königsfeld, Schönwald, Schonach und Triberg und ist -weiterhin unter Günter Lauffers Leitung -1995 mit der Jugendmusikschule von Furtwangen ei­ ne Fusion eingegangen. Die Förderung der offenen Jugendarbeit und der Vereine, der Vorsitz beim örtlichen Roten Kreuz und die aktive Mitarbeit bei der Baugenossenschaft waren und sind wei­ tere Merkmale der kommunalpolitischen Tätigkeit Günter Lauffers. Dazu kam ein außerordentlich gutes Verhältnis zu den Kir­ chen und ihren Einrichtungen, zu den Schu­ len in der Bergstadt, zu Arbeitnehmern und Arbeitgebern und auch zur Landwirtschaft. Seit 1972 gehört Günter Lauffer für St. Ge­ orgen auch ununterbrochen dem Kreistag an. Als Mitglied der CDU-Fraktion war er 16 Jahre lang deren Vorsitzender und zu­ gleich Stellvertreter des Landrats. Dieser rühmt ihn als „konsensfähigen Politiker und echten Demokraten, der im Schwarzwald­ Baar-Kreis und für die Region vorbildhaft gewirkt“ habe. Als die Lauffers im Jahr 1977 ihr Domizil, das damalige Bürgermeister-Haus an der Sommerauer Straße, auch käuflich erwor­ ben hatten, wurden die ehemaligen Schwen­ ninger erst „richtige St. Georgener“. Günter Lauffer und seine Ehefrau Liselotte, aber auch die Kinder Martin und Regina, fühlten sich in der Bergstadt jedoch von Anfang an sehr wohl. Die Jungen sind inzwischen al­ lerdings verheiratet und wohnen nicht mehr in St. Georgen. So haben der Altbürgermei­ ster und seine Frau mehr Zeit füreinander und für das gemeinsame Leben in dem ge­ schmackvoll umgebauten Haus mit dem schönen Garten. Aber auch jetzt läßt das an­ geborene Pflichtbewußtsein den umtriebi­ gen und ungemein agilen Günter Lauffer nicht ruhen. Neben seiner Tätigkeit im Kreistag verwendet er für die noch reichlich verbliebenen Ehrenämter jede Woche viele Stunden. Besonders der Vorsitz bei der er­ heblich vergrößerten Jugendmusikschule und beim Deutsch Roten Kreuz verlangen weiterhin seinen vollen Einsatz. Wt:rner Ludwig -· ._ — -.- – Liebe, Ruhe, Gastfreundschaft wurden schnell hinweggerafft, als der Fortschritt Wellen schlug. Nichts, was schon ist, ist gut genug. EDV und CAD VIDEO, DISC und auch PC schlägt sich im Wechsel um die Ohren der Mensch, nachdem er g‘ rad geboren. Und dann gab‘ s jenen Superknacks mit dem Siegeszug des FAX. Kaum noch leserliche Fetzen uns alle unter Zeitdruck setzen. Der Vorsprung ist neutralisiert. Der Streß am Ende triumphiert. Das Steinbeil wünsch‘ ich mir zurück. Handgefertigt, Stück für Stück. Zurück zum Steinbeil Dietrich Schnerring 103

Michael Jerg – schon immer musikbegeistert Einer der jüngsten Orchesterleiter – Musikdirektor der Stadt Blumberg Sicherlich einer der jüngsten hauptamt­ lichen Orchesterleiter im Schwarzwald­ Baar-Kreis dürfte Michael Jerg sein. Mittler­ weile hat der Orchesterchef der Stadtkapel­ le auch die Leitung der Musikschule Blum­ berg übernommen. ,,Musikbegeistert war ich schon immer“, so Jerg, ,,aber über ein Studium einen Beruf daraus zu machen, daran habe ich damals nicht gedacht.“ Geboren 1961, machte Michael Jerg nach Schulabschluß eine Lehre als Werkzeugma­ cher und war bis 1990 in seinem Beruf tätig. Schon als Jugendlicher war er Mitglied im Musikverein Mundelfingen und spielte Kla­ rinette, dazu kam dann die Oboe und mit sechzehn Jahren das Saxophon. ,,Heute ist es mein Lieblingsinstrument“, wie Jerg la­ chend zugibt. 1984 begann er sich auch theoretisch mit Musik und ihren Gegebenheiten auseinan­ derzusetzen. Er besuchte Weiterbildungs­ Lehrgänge und Fachseminare in Dirigat, In­ strumentalspiel, Unterrichtsmethodik, Ju­ gend- und Orchesterarbeit, Komposition, Arrangement und Musikschulleitung. 1986 bis 1988 absolvierte er ein nebenberufliches Musikstudium an der Bundesakademie in Trossingen. Vieles erarbeitete er sich auch autodidaktisch, und dankbar erinnert er sich an viele Musiker und Musikpädagogen, die mit ihrem Können und Wissen ihm in die­ sen Jahren hilfreich waren. Lange vor Studienantritt war Michael Jerg schon aktiver Musiker in der Blumberger Stadtkapelle. ,,Ich wollte einfach in einem Orchester mitspielen, wo ich gefordert wur­ de“, erinnert er sich, ,,und das war in Blum­ berg unter der Leitung von Paul Merz gege­ ben.“ 1988 wollte der langjährige Leiter der Blumbcrger Stadtkapelle den Dirigenten- 104 Michael Jerg stab aus Altersgründen abgeben, und so trat Michael Jerg die Nachfolge von Paul Merz als Orchesterchef an. Im Jahr 1990 erfolgte die hauptamtliche Einstellung bei der Stadt Blumberg und gleichzeitig die Einrichtung der Bläserschule, die von Kindern und Ju­ gendlichen sehr gut angenommen wird. Vie­ le Bläserschüler spielen schon nach relativ kurzem Unterricht aktiv in der Jugendka­ pelle mit, um nach gegebener Zeit dann in die Stadtkapelle zu wechseln. Die Qualität der Stadtkapelle hat sich weit über Blumbergs Grenzen hinaus herumge­ sprochen, und so sind die Konzerte immer ausgebucht. Michael Jerg ist es gelungen, in Konsequent weitergeführter Arbeit, mit den

Hobby-Musikern einen homogenen Klang­ körper auf hohem Niveau zu schaffen. Al­ lem Neuen aufgeschlossen, bringt Michael Jerg in seinen Orchester-Arrangements mit nichtblasmusiktypischen Instrumenten eine klangliche Bereicherung ein. ,,Das können Schlaggitarre oder E-Baß, aber auch Banjo oder Synthesizer sein“, merkt er dazu an, und genau zu diesem Thema hielt er im Frühjahr 1994 beim Dirigenten-Kongreß in Radolfzell ein Grundsatzreferat. Die Blum- berger Stadtkapelle demonstrierte beim Ga­ lakonzert zum Abschluß der Tagung dann moderne, zeitgenössische Blasmusik mit dem Einsatz von Technik. 1993 wurde Michael Jerg zum Städtischen Musikdirektor ernannt, und noch im glei­ chen Jahr erfolgte seine Wahl zum Ver­ bandsjugendleiter des Blasmusikverbandes Schwarzwald-Baar. Chrisliana Steger 100. Geburtstag von Hermann Schleicher Erinnerungen an einen verdienten Blasmusiker Als am 11. September 1963 an seinem 68. Geburtstag für alle überraschend schnell Hermann Schleicher starb, verlor die Region einen wohl einmaligen Idealisten und Freund der Blasmusik. Am 11. September 1895 in Villingen geboren, aus einfachen Verhältnissen stammend und mit weiteren funfGeschwistern aufgewachsen, verschrieb sich Hermann Schleicher schon früh der Blasmusik und trat 1908 im Alter von 13 Jahren der Knabenkapelle der Stadtmusik Villingen bei. Unter den Stadtkapellmei­ stern Heinrich Häberle sen. und Wilhelm Tempel erlernte er Zugposaune. Schon nach wenigen Jahren, um 1912, sah man ihn als gefragten Posaunisten in kleinen Besetzun­ gen der Stadtmusik bei den verschiedensten Anlässen mitwirken. Seine Dienstzeit während des l. Weltkrie­ ges verbrachte er von 1915 bis 1917 als Mi­ litärmusiker beim 1. Badischen Leibgrena­ dier-Regiment 109 und Infanterie-Regiment 169. Laut einer „Aufnahms-Urkunde“ vom 4. Mai 1921 wurde Hermann Schleicher als Hornist in das Korps der Freiwilligen Feuer­ wehr Villingen aufgenommen, denn in die­ ser Zeit wurde die Feuerwehr im Brandfalle noch von radelnden Hornisten alarmiert. Bis 1923 hielt Hermann Schleicher der Stadtmusik die Treue, doch als im gleichen Jahr ein „Musikbund“ Villingen gegründet wurde, sah er einen Wechsel, aus welchen Gründen auch immer, als gegeben an. Dem „Musikbund“, der nur Streichmusik machte, war nur ein kurzes Leben beschie­ den, und so kam es am 30. April 1924 zur Gründung des Musikvereins „Harmonie“ Villingen. Bei der Gründungsversammlung im „Lindenhof“ schlossen sich gleich 18 Musiker zusammen und wählten, da zu­ nächst kein 1. Vorsitzender zur Verfugung stand, Hermann Schleicher zum 2. Vorsit­ zenden und Geschäftsfuhrer. Die Jahre, die nun folgten, waren gekenn­ zeichnet von wirtschaftlicher Not und Ar­ beitslosigkeit und stellten die Verantwortli­ chen des noch jungen Vereines vor eine fast kaum lösbare Bewährungsprobe. Die Mu­ sikkapellen der näheren und weiteren Um­ gebung waren in verschiedenen Verbänden zusammengeschlossen; es gab den „Süd­ deutschen Musikerverband“, den „Gau der Landkapellen des badischen und württem­ bergischen Schwarzwaldes“, den „Musikver­ band der Baar“ und den „Bund Südwest- 105

deutscher Musikvereine“. Diese Zersplitte­ rung führte dazu, daß am 13. März 1932 in Donaueschingen der „Musik-Verband Baar­ Schwarzwald“ gegründet wurde, um eine Neuorganisation der Blasmusikvereine her­ beizuführen. Wieder war es Hermann Schleicher, der sich diesem Verband als 2. Präsident zur Verfügung stellte. Das Dritte Reich mit seinen unzähligen Kundgebungen, Aufmärschen, Fackelzügen sowie der 2. Weltkrieg brachte dem Musik­ verein „Harmonie“, obwohl nie in einer braunen Uniform gesteckt, katastrophale Folgen. Und es war Hermann Schleicher, der das zuletzt kleine Häuflein zusammen­ hielt. Dieser bekam am 1. März 1944 vom Bürgermeister den Auftrag, den verbliebe­ nen Rest von Stadtmusik und „Harmonie“ zu dirigieren. Das 1 Ojährige Stiftungsfest des Musikver­ eins „Harmonie“ an Pfingsten 1934 war An­ laß, daß Hermann Schleicher mit der 1927 gegründeten Jugendkapelle wieder erstmals und neu formiert als Dirigent auftreten konnte. Daß daraus 30 Jahre Dirigenten­ und Ausbildungstätigkeit wurden, ist in be­ sonderem Maße seiner unermüdlichen Energie und Tatkraft zuzuschreiben. Der letzte große Auftritt mit seiner Jugendka­ pelle war für ihn das Bundesmusikfest an Pfingsten 1963 in Offenburg. Wie wichtig für Hermann Schleicher auch die Zusammenarbeit mit den Landvereinen war, beweist seine Dirigententätigkeit von 1938 bis 1954 beim Musikverein Ober­ eschach. Mit der Ernennung zum Ehrendirigenten statteten die Musiker von Obereschach, be­ sonders für den Wiederaufbau der Kapelle nach dem Krieg, bei der Taktstockübergabe an seinen Sohn ihren Dank ab. Die „Harmonie“, seit 1942 nur noch mit dem Rest der Stadtmusik spielfähig, konnte ab Mai 1945 wieder selbständig auftreten und wurde bis Anfang l 946 unter der Lei­ tung von Hermann Schleicher zur Truppen­ betreuung der französischen Besatzungs- 106 Hermann Schleicher macht herangezogen. Die Wiedergründung der „Harmonie“, veranlaßt durch die fran­ zösische Besatzungsmacht, erfolgte am 24. März 1946. Neben dem neuen Vorsitzenden Fritz Eisenmann war es wieder Hermann Schleicher, der das Amt des 2. Vorsitzenden und Geschäftsführers übernahm. Der Musikverein „Harmonie“, und feder­ führend Hermann Schleicher, luden die Musikkapellen der Kreise Villingen und Do­ naueschingen zwecks Gründung eines Ver­ bandes auf den 25. September 1949 nach Villingen ein. Die Delegierten von 33 Ka­ pellen wählten Hermann Schleicher zu ihrem 1. Präsidenten, und der Verband er­ hielt den Namen „Volksmusikverband Schwarzwald-Baar“. Kaum ein Jahr später wurde er noch als Verbandspräsident in das Präsidium des neugegründeten „Bund Deutscher Blasmu­ sikverbände“ berufen und vertrat dort die Interessen seines Verbandes.

Bei vielen Jubiläumsfesten der Musikkap­ pellen, und es schlossen sich immer mehr an, sprach Hermann Schleicher in seinen jo­ vialen, aber eindringlichen Reden besonders die Bürgermeister an und bat um Unter­ stützung der Gemeinden für die Belange der Blasmusikvereine. Fünf große Verbandsmusikfeste mit Wer­ tungsspielen, davon alleine drei in Villin­ gen, die organisiert sein wollten, fanden in Hermann Schleicher einen versierten Orga­ nisator und Helfer. Die Ernennung zum Ehrenmitglied des Musikvereins „Harmonie“ Villingen, den Titel „Ehrendirigent“ des Musikvereins Obereschach, die Ehrenmitgliedschaft des Blasmusikverbandes Schwarzwald-Baar, die Präsidenten-Ehrennadel des Bundes Deut­ scher Blasmusikverbände und die „Große Goldene Ehrennadel“ für über SOjähriges aktives Musizieren, zählten zu den Aus­ zeichnungen, die Hermann Schleicher für sein rastloses Wirken für die Blasmusik ent­ gegennehmen durfte. Seine Beerdigung am 14. September 1963 brachte die Beliebtheit eines Mannes zum Ausdruck, der sein Leben uneingeschränkt der Blasmusik widmete. Der Musikverein ,,Harmonie“ mit Jugendkapelle und der Mu­ sikverein Obereschach sowie das gesamte Präsidium des Bundes Deutscher Blasmu­ sikverbände, das seine Jahreshauptver­ sammlung in Radolfzell unterbrach, sowie die Vertreter der Verbandskapellen von Ach­ dorf bis Tennenbronn und von Dauchingen bis Gütenbach, gaben dem Toten die letzte Ehre. Hans Schleicher Albin Vogt – Ein Leben für die Allgemeinheit Transportunternehmer, Bürgermeister und Ortsvorsteher Albin Vogt aus Hubertshofen, erfolgrei­ cher Transportunternehmer, ehemaliger Bürgermeister und jetziger Ortsvorsteher des 376 zählenden Donaueschinger Stadt­ teiles ist weit über die Grenzen seines Hei­ matortes bekannt und geschätzt. Er ist der erste Hubertshofer Bürger, der für besonde­ re Verdienste mit dem Bundesverdienst­ kreuz ausgezeichnet wurde. Im Beisein S. D. Joachim Fürst zu Fürstenberg, ein persönli­ cher Freund von Albin Vogt, und zahlreich geladenen Gästen, verlieh ihm der Donau­ eschinger Oberbürgermeister Dr. Everke im Rathaus die hohe Auszeichnung und wür­ digte damit einen seit dreißig Jahren in der Kommunalpolitik tätigen Unternehmer. Hauptberuflich ist der 60jährige dreifache Familienvater Transportunternehmer. Ge­ meinsam mit seiner Ehefrau Liselore, die von Wolterdingen stammt, baute er imJah- re 1958 mit einem Lkw ein Holztransport­ unternehmen au( Heute sorgen 32 Mitar­ beiter und 22 Lastzüge für den Geschäftsab­ lauf im In- und Ausland. Sein Sohn Harald als Geschäftsführer nimmt dem Seniorchef inzwischen viel Arbeit ab in dem gut florie­ renden Geschäftsbetrieb, der 1988 durch ei­ ne groß dimensionierte Umschlaghalle er­ weitert wurde.Trotz zahlreicher Verpflich­ tungen findet er immer noch die Zeit sich beispielsweise beim Verband des Verkehrs­ gewerbes Südbaden im Vorstand zu betäti­ gen. Als rühriges Mitglied gehört er außer­ dem der !HK-Vollversammlung an. Albin Vogt ist einer der wenigen Kommu­ nalpolitiker, die schon vor der Eingemein­ dung Bürgermeister waren und heute noch als Ortsvorsteher im Amt sind. Sein 25jähri­ ges Dienstjubiläum konnte er im Dezember 1994 feiern, wo er mit dem großen Wap- 107

penteller der Stadt Donaueschingen ausge­ zeichnet wurde. Kommunalpolitik habe ihn schon immer interessiert, so Vogt, und im Jahre 1962 wurde er in den Gemeinderat der damals noch selbständigen Gemeinde Hu­ bertshofen gewählt. Als Bürgermeister trat er dann 1969 die Nachfolge von Wilhelm Scherzinger an, dessen Stellvertreter er schon drei Jahre war. Seit dem 1. Juli 1972 ist aus Albin Vogt im Zuge der Gemeinde­ reform ein Ortsvorsteher geworden. Auch die Auflösung der Grundschule war unab­ wendbar. Heute gehen die Kinder nach Wol­ terdingen und Donaueschingen zur Schule. In all den Jahren hat sich Hubertshofen unter seiner Führung zu einem aufstreben­ den Erholungsort entwickelt. Die Zusam­ menarbeit im Ortschaftsrat und mit der Stadt Donaueschingen ist sehr gut. Viel ist erreicht worden und es wurden zahlreiche Projekte verwirklicht. Im Gebiet Mühlwie­ sen wurde ein Neubaugebiet erschlossen, ei­ ne komplett neue Wasserversorgung, durch die der 820 Meter hoch gelegene Ort an ei­ ne Ringleitung angeschlossen ist, wurde ge­ baut, ebenso ist das ganze Dorf an das Ka­ nalnetz angeschlossen. Neu gestaltet wurde auch die Peter-Maier-Straße mit Gehweg und Straßenbeleuchtung. Ein schmucker Dorfplatz ziert die Ortsmitte. Ein kleines beheiztes Schwimmbad und eine Wasser­ tretstelle erfreuen die Bürger und Feriengä­ ste. Die öffentlichen Gebäude, Kindergar­ ten, Rathaus und das ehemalige Schulhaus, das heute von den Vereinen für ihre Pro­ bentätigkeit und Jugendarbeit genutzt wer­ den, sind renoviert und in gutem Zustand. Großen Anteil hat Al bin Vogt auch am in­ takten Vereinsleben. Auf seine Initiative wurde im Jahre 1986 der Hubertshofer Blasmusikverein gegründet. Dort ist er Eh­ renmitglied, wie auch bei der Freiwilligen Feuerwehr, der er mehr als 40 Jahre aktiv an­ gehörte. Mitgegründet hat er auch den Nar­ renverein Waldwinkel und ist dort Ehren­ vorsitzender. Vertrauensvoll und gut ist die Zusammenarbeit mit der Kirchengemeinde 108 Albin Vogt und Pfarrer Werner Arnold. Von Ortsvor­ steher Albin Vogt werden auch die jährli­ chen Seniorenfahrten und der Altennach­ mittag organisiert. ,,Regieren“ in Huberts­ hofen, das sei nicht schwer, schmunzelt Vogt, da die Dorfgemeinschaft intakt sei. Die Jugend kehre gerne wieder hierher zurück, was die rege Bautätigkeit erkläre. Das Dorf ist seit 1969 um 150 Einwohner gewachsen. Albin Vogt ist Vertrauensperson und An­ sprechpartner für jedermann und hat sich stets für die Belange seiner Bürger und der Gemeinde Hubertshofen eingesetzt. Auch ist es für ihn eine besondere Freude, wenn er als Standesbeamter Brautpaare im Hu­ bertshofer Rathaus trauen kann. Wie recht hatte doch Oberbürgermeister Dr. Bernhard Everke in seiner Laudatio bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes: ,,Albin Vogt ist eine große Persönlichkeit, ein Mann mit Pioniergeist und ein Mensch, der sich dafür entschieden hat, für andere einzutreten“. Ingeborg Mayer

Bürgermeister und Politiker aus Passion Elmar Österreicher seit 1993 Ehrenbürger von Dauchingen Geboren am 5. Juli 1937, wächst Elmar Österreicher zusammen mit seiner Schwe­ ster bei seinen Eltern, der Vater ist Lehrer, die Mutter Organistin, in Ditzingen 12 km westlich von Stuttgart auf. Hier ist er in der katholischen Jugendarbeit und im Sportver­ ein aktiv und von hier aus besucht er das heutige Ferdinand-Porsche-Gymnasium in Stuttgart-Zuffenhausen, das er als l 7jähriger mit der Mittleren Reife verläßt. Angeregt durch seinen Freundeskreis ent­ schließt sich Österreicher, in die Laufbahn des gehobenen württembergischen Verwal­ tungsdienstes einzutreten. Mit Bestehen ei­ ner schriftlichen und mündlichen Prüfung beim Regierungspräsidium in Stuttgart wird Österreicher unter die 120 Verwaltungskan­ didaten von 600 Bewerbern aufgenommen. Die sechsjährige Ausbildung zum Ge­ meindeinspektor gliedert sich damals in ei­ ne dreijährige Lehrzeit in einem Bürgermei­ steramt unter 3 000 Einwohnern, eine sich darauf anschließende einjährige Praktikan­ tenzeit bei einem größeren Bürgermeister­ amt, einer einjährigen Praktikantenzeit bei einem Landratsamt und einem einjährigen Lehrgang an der Staatlichen Verwaltungs­ schule Stuttgart mit Staatsexamen als Abschluß. Österreicher wählte für seine Lehrzeit das Rathaus Hemmingen/Kreis Leonberg unter Bürgermeister Heinrich Rathfelder, das geradezu eine „Bürgermei­ sterschmiede“ ist: von den 1950 bis Anfang der 60er Jahre dort ausgebildeten ca. elf Lehrlingen werden acht Bürgermeister. Auch in Österreicher reift hier das Berufs­ ziel „Bürgermeister“ heran. Der 40jährige Rathfelder, aus gesundheitlichen Gründen nicht zum Krieg eingezogen, ist für seine Zeit sehr fortschrittlich: ,,Während andere Bürgermeister noch Schutt wegschaufeln ließen, hat Rathfelder gleich nach der Elmar Österreicher Währungsreform alle damals vorhandenen Geldquellen angezapft und eine Gemein­ schaftshalle mit Schule und Vereinsräumen gebaut. Er war in vielem ein beispielhafter Bürgermeister“, erinnert sich Österreicher. Die hauptamtlich Tätigen im Rathaus Hemmingen sind der Bürgermeister, der Kassenverwalter und eine Schreibkraft; die ganze übrige Arbeit wird von drei Lehrlin­ gen in je drei verschiedenen Lehrjahren und einem Praktikanten erledigt. So gestaltet sich die Ausbildung vielseitig, praxisnah und war an die Übernahme von Verantwor­ tung gekoppelt. ,,Im ersten Lehrjahr, als Siebzehnjähriger, hatte ich bereits Unter­ schriftsbefugnis“, erzählt Österreicher. Seine 109

Praktikantenzeit bei einer Gemeinde absol­ vierte Österreicher in Ditzingen unter Bür­ germeister Döbele, einer markanten Persön­ lichkeit im Strohgäu, seine Praktikantenzeit bei einem Landratsamt in Bad Mergent­ heim. Hier, und anschließend auf der Staat­ lichen Verwaltungsschule in Stuttgart, wird Österreicher zusammen mit Lothar Späth, dem späteren Ministerpräsidenten, ausge­ bildet, mit welchem ihn bis heute eine freundschaftliche Beziehung verbindet. Nach seinem Staatsexamen tritt Österrei­ cher seine erste Dienststelle als Inspektor im Rathaus Ditzingen an. Hier ist der 22jähri­ ge zuerst verantwortlich für das Wohnungs­ amt, die Wohnbauförderung und das Bau­ recht. Österreicher: ,,Hauptaufgabe war da­ mals, die Wohnungsnot zu beheben. Ver­ triebene und Bombengeschädigte aus dem Stuttgarter Raum brauchten dringend Woh­ nungen. Es war eine harte Zeit, da hat man jedes Jahr 100 Wohnungen gebaut.“ Manch privater „Häuslebauer“ in Ditzin­ gen, den Österreicher damals zum Bauen angesichts der günstigen Finanzierungs­ möglichkeit schier zwang, ist ihm heute dankbar dafür. Auch Österreicher baut sich zusammen mit seinem Vater, seine Mutter starb zwischenzeitlich, ein Haus in Ditzin­ gen, in das er mit seiner 1960 geheirateten Ehefrau Doris geb. Katz im gleichen Jahr einzieht. Sein Berufsziel, Bürgermeister ei­ nes kleinen Ortes zu werden, verliert Öster­ reicher jedoch nie aus den Augen und über­ nimmt sozusagen als Vorbereitung auf ein solches Amt im Rathaus Ditzingen zu sei­ nen bisherigen Ressorts noch die Abteilun­ gen Gemeinderatsprotokoll, Pressearbeit, Standesamt und Sozialamt. Immer wieder sieht sich Österreicher in fairer Konkurrenz mit den Mitgliedern sei­ nes Ausbildungsjahrgangs nach Bürgermei­ sterstellen um, wobei er sich aus gesund­ heitlichen Gründen auf Gemeinden „Rich­ tung Schwarzwald“ konzentriert. Als ihn Anfang November 1964 Vertreter der Ge­ meinde Dauchingen in Ditzingen aufsu- 110 chen, um bei ihm anzufragen, ob er, nach­ dem er sich für Dunningen interessiert aber nicht kandidiert hatte, in Dauchingen kan­ didieren wolle, sagt er sofort zu. Sein Wahlkampf beschränkt sich auf einen improvisierten Auftritt in Dauchingen, denn die Wahl steht unmittelbar bevor. Da seine Bewerbung aufgrund der späten Dau­ chinger Anfrage erst nach Ende der Bewer­ bungsfrist erfolgt, kann er nicht auf dem amtlichen Stimmzettel aufgeführt werden. Diejenigen Dauchinger, die Österreicher ih­ re Stimme geben wollen, müssen also seinen Namen auf dem Wahlzettel nachtragen. Um dies zu erleichtern, läßt diejenige Gruppe Dauchinger Bürger, die bei ihm in Ditzin­ gen angefragt hatte, in Absprache mit Land­ rat Dr. Astfäller gummierte Aufkleber mit seinem Namen drucken, verteilt sie in allen Dauchinger Briefkästen. Der Erfolg war überwältigend: Mit 84,5% der Stimmen bei einer Wahlbeteiligung von 85 0/o entscheidet der 27jährige Österreicher diese Wahl klar für sich und zieht im Frühjahr 1965 mit sei­ ner Frau und seinem 2jährigen Sohn Ingo nach Dauchingen, wo ihm ein Jahr später der zweite Sohn Siegfried geboren wird. Die Dauchinger haben deshalb ein großes Interesse an einem auswärtigen und fähigen Bürgermeister, weil zu der Zeit gerade die Flurbereinigung durchgeführt wird, die erste Aufgabe, die der neugewählte Bürgermeister in Angriff nimmt und bei der er seinen Sachverstand, gepaart mit Durchsetzungs­ vermögen und steten Bemühen um Aus­ gleich, unter Beweis stellen kann. In seiner ersten Wahlperiode führt Österreicher u. a. den Bau der Grund- und Hauptschule mit Turnhalle zu Ende, erweitert den Friedhof und baut eine neue Friedhofhalle, ferner das Lehrerwohnhaus und das Feuerwehrhaus. Die Wasserversorgung und Kanalisation läßt er erneuern und sämtliche Straßen mit durchgebend beidseitigen Gehwegen und entsprechender Straßenbeleuchtung aus­ bauen. Ihm gelingt es, Dauchingen in den Landesentwicklungsplan als Gemeinde mit

verstärkter gewerblicher Entwicklung auszu­ weisen, wobei Österreicher dies zum Aolaß nimmt, ,,sich bei alleo möglicheo Stellen eiozusetzen, daß auch eine verstärkte Woh­ nflächenzuweisung erfolgt.“ Wer arbeitet, soll dort auch in der Nähe wohnen, ist sei­ ne Devise. Auf diese Weise erreicht Öster­ reicher, daß sich die Zahl der Arbeitsplätze prozentual identisch mit deo Wohouogs­ zahlen steigert. Die Fähigkeit Österreichers, immer in komplexen Zusammenhängeo zu denkeo uod zu haodelo, kommt auch bei der Grün­ dung des Zwed.-verbandes für die Kläraola­ ge Oberer Neckar zum Ausdruck, zu wel­ chem sich unter maßgeblicher Mitwirkung Österreichers 1974 die Städte und Gemein­ deo Schwenningeo, Mühlhausen, Weig­ heim, Trossingen, Deißliogeo und Dauchio­ geo zusammeoschließen. Uod später beim Aoschluß Dauchingens ao das Erdgasoetz (1991) uod ao den Hochbehälter Hagen (1983) der Stadtwerke Villiogen-Schwen­ oiogeo. Auch beim Öffeotlichen Nahverkehr uod im Bereich der Jugendmusikschule arbeitet Österreicher als Verfechter der Idee einer kommuoalen Zusammeoarbeit in einzeloeo Bereicheo mit Villingeo-Schwenningen zu­ sammeo, wobei er immer den Vorteil für Dauchiogen im Auge behält uod deshalb ei­ oeo gewisseo Abstaod zur Großeo Kreis­ stadt bewahrt. In diesem Zusammenhang ist auch der Beitritt Dauchiogens Aofaog der 70er Jahre zum „Sechser-Club“ zu seheo, ei­ nem Zusammenschluß voo sechs Umlaod­ gemeioden zur Wahruog ihrer Interesseo ge­ genüber Villiogen-Schwenoingeo. Die erste Wiederwahl Österreichers fällt io das Jahr 1972, der „heißen Phase der Ge­ meiodereform.“ Die Situatioo erscheiot für Dauchingen anfangs hoffnungslos. Stark uoterstützt von Dauchinger Bürgern voll­ bringt Österreicher in Treue zu seiner Ge­ meinde das politische Glanzstück, die Selbständigkeit Dauchingens zu erhalten. Ist der Satz von 1000/o der gültigen Stimmen bei seiner ersten Wiederwahl 1972 darauf zurückzuführeo, daß Österreicher die Dau­ chioger aufruft, ihm mit ihrer Stimmabgabe den Rücken bei den Verhandlungen zu stär­ ken, so siod die 99,30/o der gültigen Stim­ men bei seioer zweiten W iederwahl 1984 Ausdruck des tief empfuodenen Daokes der Dauchinger für seioeo erfolgreicheo Einsatz für die Erhaltuog der politischeo Selbstäo­ digkeit der Gemeinde. Dauchingeo war Österreicher zur bleiben­ deo Lebeosaufgabe geworden, so daß er zwei Aufforderuogen seiner Heimatstadt Ditzingen io den 70er Jahren, dort Ober­ bürgermeister zu werdeo, ablehot. Bis zu seioem Ausscheideo aus dem Amt oach Ab­ lauf der Wahlperiode 1992 hat Österreicher Dauchiogen von eioem stark landwirt­ schaftlich geprägteo Ort zu einer Wohoge­ meinde mit industrieller Ansiedlung gewan­ delt. Dieseo sozialen Strukturwandel, der mit mehr als eioer Verdopplung der Ein­ wohnerzahl gekoppelt war, führt Österrei­ cher bewußt sehr behutsam durch: Die Ge­ meiode wächst in den 28 Jahren seioer Dieostzeit von 1 387 Einwohnero (1964) auf 3 255 Eiowohoer (1992). Dabei setzt sich Österreicher mit aller Kraft dafür ein, daß die Neubürger io der Gemeinde sozial fest integriert werden. ,,Daß dies geluogeo ist, darauf bin ich schoo eio bißchen stolz“, meiot Österreicher. Mit der Struktur waodelt sich auch das äußere Erscheinungsbild der Gemeinde: im Ortskern wird 1978 aostelle zweier Bauern­ häuser eio modernes, dreistöckiges Woho­ haus als Dieostleistungszentrum gebaut. Und io den Jahren 1978 bis 1992 wichen oeun weitere Bauernhäuser Geschäfts- uod Wohohäusern. 1969 folgt der Bau eines neu­ eo Feuerwehrhauses, 1968 der einer Turn­ halle. Der Ortskern liegt eingebettet zwi­ scheo den neu erschlosseneo Baugebieteo Hinter Wiesen (1960), Kramerswies 1 ( 1966) und II (1972), Auf Gstanden (1971) und Nordwest I, II, III (1975 bis 1991). Bei seiner Verabschiedung aus dem Amt 111

wird Elmar Österreicher am 29. Januar 1993 das Ehrenbürgerrecht der Gemeinde Dau­ chingen verliehen. Als Zeichen der Aner­ kennung und des Dankes, wie dies eine Kommune, die politische, demokratische Gemeinschaft freier Menschen, nicht ein­ drucksvoller vergeben kann. Am 27. August 1993 erhält Elmar Österreicher in Würdi­ gung seiner Lebensleistung das Verdienst­ kreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Die gesamte Bevölkerung von Dauchingen freut sich mit ihm über diese Auszeichnung. Seinen „Erlebnisstand“, wie Österreicher die jetzige Zeit nach seinem Ausscheiden aus dem Amt bezeichnet, verbringt er gerne in Dauchingen, wo er von der Sympathie al­ ler Dauchinger getragen wird: ,,Ich grüße je­ den Dauchinger und jeder Dauchinger grüßt mich“, erzählt er, ,,die Bürger schwät­ zen eher privat mit mir als früher, weil sie nicht mehr befürchten, es werde als Amts­ beeinflussung ausgelegt.“ Seine große Sach­ kenntnis ist beim Bildungswerk für Korn- munalpolitik Baden-Württemberg e. V. Stuttgart gefragt, wo er Seminare über Wahl­ recht hält, ferner ist er weiterhin (seit 1965) Mitglied im Kreistag. Aus der Hand von Landrat Dr. Gutknecht erhält er am 11. Dezember 1995 für beson­ dere Verdienste die Landkreismedaille in Sil­ ber des Landkreistages Baden-Württemberg. Und nun hat er endlich Zeit seinen Hob­ bys, dem Besuch von Opern in europäi­ schen Großstädten, dem Reisen und dem Wintersport, ausgiebig nachzugehen. Es ist aber auch bezeichnend für Österreicher, daß er seit sieben Jahren zusammen mit seiner Ehefrau bei sich zu Hause die Schwieger­ mutter persönlich pflegt. Ein ganz wesentli­ cher Zug im Charakter Österreichers ist sein Humor und so nimmt es nicht Wunder, daß er Wilhelm Busch besonders schätzt. Mit Wilhelm Busch kann man über Österreicher sagen: ,,Wirklich, er war unentbehrlich! überall wo was geschah, zu dem Wohle der Gemeinde, er war tätig, er war da!“ Anton Bruder • • • Zorn Geburtsdag Ich wünsch Dir zom Geburtsdag hüt alls Glück, wo‘ s uff der Welt nu git. En rechte schwere Hufe Geld, e Hüsli un e Stückli Feld, e nagelneu Paar Sundigschueh, e Gaiß im Stal un au e Kueh. Pro Dag zwanzg Häfe voller Milch, en Underrock us Delerzwilch, en rechte große Modihuet, zwei Rößli au, e Hengst, e Stuet. Bis später au en schöne Ma, er brucht nit grad en Schnauzbart ha. Un derno, was d’Hauptsach isch, daß e rechti Husfrau gisch. Vor allem sollsch no ha derzue, 112 e klei Maidli odr en Bua. Ich wünsch Dir sunscht no viel, abr i bin jez liaber still. Wia zwei ghirata hen Dr Karli kunnt zua dr Liberata un sait: ,,Du, ich han welle hirata!“ ,,Hä“, sait druff d’Liberata, ,,un ich au'“ Jez gohts e paar Dag, dno hen si enand gnau. Berlin Nitz

Sprache als Schrei in der Stille Zum Tode von Thomas Strittmatter Tiefschwarz sagt nichts mehr. Thomas Stritt· matter, in St. Georgen geborener Autor, ver­ starb 33jährig am 29. August 1995 in Berlin an Herzversagen. Er liebte die Farbe des To­ des in seinen Gemälden – er malte am lieb­ sten schwarz-weiß – und in den Wortbildern seiner Bücher. In dem letzten Film „bohai bohau“, einem modernen Märchen, tritt er in einer Nebenrolle als Reporter mit einem schwarzen Umhang auf. Schwarz sah der Fa­ den aus, der sich durch die Zeremonie seiner Beerdigung in seiner Heimatstadt St. Geor­ gen spann: Ein schwarzer Sarg mit silbernen Beschlägen, ein in schwarz gekleideter Ma­ drigal-Chor sang feierliche Lieder aus dem 16. Jahrhundert. TI10mas Strittmatter hörte die schweren, aber mit Melodien reichver­ zierten italienischen Kunstlieder in den letz­ ten Monaten seines Lebens mit Vorliebe. Schwarz trugen die meisten Trauergäste. Das phantasievolle Leben und Schaffen Thomas Strittmatters stand dazu im krassen Gegensatz. Er sah nämlich nicht schwarz. Unter schwarzer Ölfarbe mußten in seinen Bildern immer auch bunte Farben hin­ durchschimmern. Strittmatter wollte, daß sich die Menschen in die Details hineinver­ tiefen, ihre Umwelt feiner wahrnehmen. Seine Bücher wie auch seine Filme drücken dies aus. Er liebte das Leben und genoß es sichtlich. Seine Freunde kannten ihn als Gourmet, die Fachwelt schätzte seine Arbeit wegen der ausströmenden Herzenswärme und der ungeheuren Kraft, die den Stritt· matter-Sätzen entströmte. Es gibt Bücher und Filme, die schauen sich die Menschen mehrmals an. Thomas Strittmatters Arbei­ ten gehören zu diesem kostbaren Kunst- Thomas Strittmaller (zweiter v. links) bei der Premiere eines seiner Filme in St. Georgen. 113

letzter Ruhestätte auf dem Waldfriedhof. Ei· ne Erstaufführung ganz nach seinem Ge­ schmack: Mit Kulinarischem, Schwarzwäl­ der Gemütlichkeit und gegen Mitternacht mit einer Currywurst garniert, wie Stritt· matter es schätzte. Selbst nach einem hoch­ herrschaftlichem Feinschmeckermenü woll· te er auf diese fast ordinäre Speise nicht ver­ zichten. Auch in seinen Arbeiten spiegelt sich als Leitlinie die Sympathie zu den einfachen Menschen wieder. Er schreibt, wie es einem Bauern, Klavierstimmer, Steinmetz, Lastwa· genfahrer oder Asylbewerber gelingt, den kuriosen Alltag zu meistern. Vor allem die Filme fallen immer international aus und zeugen von Strittmatters grenzenlosen Herz für die Schwächsten in der Gesellschaft. Er schonte sich nicht, arbeitete trotz eines Herzfehlers oft über seine Kräfte. Sein Erbe besteht aus umfangreicher Literatur für Drehbücher, gespeichert in mehreren Com· putern, die er seiner Nachwelt hinterließ. Seine Familie ließ den Stoff für weitere Fil­ me von Fachleuten sichten. Zuletzt lebte Thomas Strittmatter in Berlin, wo es mitten in seinem Leben schwarz um ihn wurde und er früh morgens alleine in seiner Wohnung zusammenbrach und starb. Der einzige Red­ ner bei der Trauerfeier in St. Georgen sprach wohl allen aus der Seele, als er sagte: ,,Wir alle werden Thomas Strittmatter nicht ver· gessen.“ Sabine Przewolktl schaffen, das die Seele bewegt und das Den· ken verändert. Er wuchs in der Landschaft des Schwarz­ waldes auf, der schon im Namen seine Lieb­ lingsfarbe trägt. Magnetisch zog es ihn im­ mer wieder in die Bergstadt, nicht nur, um seine Familie und Freunde zu besuchen. Sei· ne kraftvollen Sätze, beispielsweise in sei· nem einzigen Roman „Raabe Baikal“, be· schrieb Thomas Strittmatter so: ,,Sprache als Schrei in der Stille.“ In einem Interview zu diesem preisgekrönten Werk meinte er: ,,Ich zweifle, ob ich, wäre ich nicht in dieser Stil­ le aufgewachsen, dann überhaupt zum Schreien gekommen wäre.“ Der Blick hin· unter in das tiefste Schwarz der Seele löste dieses außergewöhnliche Farbenspiel der Worte des talentierten Schriftstellers erst aus. Aber Thomas Strittmatter lebte nicht mit nach innen gekehrtem Blick. Vielmehr zoomte er minuziös auf seine Mitmen­ schen. Seine Theaterstücke „Viehjud Levi“, der in St. Georgen wirklich einmal lebte, zeugen davon. Mit diesen menschlichen Charakterstudien, auch mit dem „Kaiser· walzer“ und dem „Polenweiher“ machte sich Thomas Strittmatter in der Welt der Li­ teratur bekannt. Strittmatter verfilmte den ,,Polenweiher“ und drehte viele Szenen da· von in einem alten Bauernhof im Gewann Kaltenbronn in Langenschiltach. Die Pre· miere dieses Films ging denn auch in St. Ge­ orgen über die Bühne des alten Kinos. Tho­ mas Strittmatter verfaßte etliche Dreh· bücher, die für Aufaehen in der Filmwelt sorgten und Preise holten. Mit Jan Schütte als Regisseur drehte er „Das Königsstechen“, ,,Drachenfutter“, ,,Winckelmanns Reisen“ und „Auf Wiedersehen Amerika“. Seinen letzten Film „bohai bohau“ mit Di­ di Danquart als Regisseur, in dem er eine kleine Nebenrolle als Reporter übernahm, konnte er gerade noch fertigstellen. Die Pre· miere des modernen Filmmärchens fand in St. Georgen kurz vor Weihnachten 1995 statt, nur wenig entfernt von Strittmatters 114

Museum mit internationalem Rang geschaffen Prof. Dr. Richard Mühe wechselt in den Ruhestand ,,Das hätten wir nicht erwartet'“ oder „Mit­ ten im Schwarzwald ein solches Museum – damit hätten wir nie gerechnet'“ oder „Wie kommt eine so phantastische Sammlung in diese Gegend?!“ In diesen Fragen kommt das Erstaunen zum Ausdruck, das viele Be­ sucher empfinden, wenn sie das Deutsche Uhrenmuseum in Furtwangen zum ersten Mal besuchen. Sie betreten eine moderne, lichtdurchAutete Architektur und finden ei­ ne Ausstellung von Uhren, Werkzeugen und Maschinen, die im internationalen Konzert von Spezialsammlungen zum Thema Uh­ ren eine bedeutende Rolle spielt. Dazu kommt mit 140 000 Gästen im Jahr eine Be­ sucherzahl, die manch größeres Museum gerne haben würde. So eine Sammlung, und vor allem eine solche internationale Reputation, kommt natürlich nicht von ungefähr. Im Deutschen Uhrenmuseum hängt sie von der Persön­ lichkeit Prof. Dr. Richard Mühes ab. Es ist selten, daß eine jahrzehntelang erfolgreiche Institution an einer Person festgemacht wer­ den kann. Hier ist es möglich. Angefangen hat es 1961 mit der Weitsicht von Prof. Julius Lehmann. Er war Direktor der damaligen Staatlichen Ingenieurschule in Furtwangen, zu der eine Historische Uh­ rensammlung gehörte. Sie umfaßte etwa 800 Objekte im wesentlichen aus dem Schwarzwald und war der Öffentlichkeit auf Anfrage zugänglich. Mit der Einstellung von Richard Mühe als Dozent an der Inge­ nieurschule und seiner Beauftragung, auch die Uhrensammlung zu betreuen, begann der Aufstieg der Historischen Uhrensamm­ lung zum Deutschen Uhrenmuseum. 1929 im Lamspringe bei Hildesheim ge­ boren, absolvierte Richard Mühe in der vä­ terlichen Werkstatt eine traditionelle Uhr­ macher- und Optikerlehre. Nach dem Abi- Richard Miihe tur 1947 begann er dazu das Studium der Physik, mit Schwerpunkten in Astronomie, Mathematik und Chemie an der Techni­ schen Universität Braunschweig und der Universität Göttingen. Diese umfassende Ausbildung ist sicher ein Grund für seine später so erfolgreiche Tätigkeit. In der Di­ plomarbeit in elektronischer Uhrenmeß­ technik zeigt sich die Verbindung zur Uhr. Nach dem Diplom 1964 arbeitete Mühe als Assistent bei namhaften Forschern wie Prof. Dr. G. Cario und Prof. Dr.]. Fränz. Aus die­ ser Braunschweiger Zeit rühren auch die Ver­ bindungen zur Physikalisch-Technischen Bundesanstalt, die noch 1994 bestanden, als dem Uhrenmuseum eine der ersten kom­ merziellen Atomuhren geschenkt wurde. 115

1965 promovierte Richard Mühe an der Technischen Universität Braunschweig zum Dr. rer. nat. mit einem Thema aus der phy­ sikalischen Chemie. Diese Kenntnisse prä­ destinierten ihn um 1990 zur Mitwirkung an der Konzeption des neuen Studiengangs Verfahrenstechnik, der an der Außenstelle der Fachhochschule in Villingen-Schwen· ningen eingerichtet wurde. An der Ingenieurschule richtete Richard Mühe die auswärtigen Vorkurse in Villin­ gen, Donaueschingen und Schwenningen ein und leitete sie über zehn Jahre. Jn den l 970er Jahren bereiteten diese Kurse zahl­ reiche Jugendliche auf das Jngenieurstudi­ um vor und eröffoeten ihnen die Chance ei­ ner hochqualifizierten Ausbildung. Als Baudirektor und Professor wirkte Mühe als Abteilungsleiter an der Staatlichen Ingenieurschule und ihrer Nachfolgerin, der Fachhochschule, und richtete neben seinen Vorlesungen verschiedene Labors ein. Dort wurden die traditionellen Fächer Uhren­ technik und Physik, wie auch die zukunfts· orientierten Bereiche Kerntechnik, Strah· lungsmeßtechnik und Medizintechnik ge· lehrt. Die Labors bestehen, teilweise unter anderer Bezeichnung und Regie, noch heu­ te. Diesen modernen Ansätzen, der Korn· petenz, dem Ideenreichtum und der allseits bekannten, wenn auch nicht immer ge· schätzten Hartnäckigkeit Richard Mühes ist es zu verdanken, daß sich einer der wenigen Unterrichtsreaktoren der Bundesrepublik Deutschland in Furtwangen befindet und eine anspruchsvolle Ausbildung von Inge­ nieuren ermöglicht. Mühe war daneben nicht nur lange Jahre Fachbereichsleiter an der Fachhochschule, sondern auch Vorsit­ zender des Verbandes der Hochschullehrer in Furtwangen. Als Professor der Fachhoch­ schule trat Richard Mühe 1994 mit 65 Jah­ ren planmäßig in den Ruhestand. Das Deut· sehe Uhrenmuseum leitete er bis September 1996. Neben den hochschulspezifischen Tätig­ keiten als Dozent für Uhrentechnik und 116 Physik widmete sich Pro( Dr. Richard Mühe der Uhrensammlung und betrat damit ein Gebiet, das weniger von den Naturwissen­ schaften als vielmehr von Technik- und Kul­ turgeschichte geprägt ist. Daß er sich dessen bewußt war und diese Fragestellungen ne­ ben den technischen Aspekten verfolgte, zeigen schon die ersten Puplikationen aus den l 960er Jahren. Sie behandeln die vor­ handene Sammlung speziell von Schwarz· walduhren mit international hervorragen­ den Objekten wie den astronomischen Uh­ ren von Thaddäus Rinderte oder Philipp Matthäus Hahn. Jm Lauf seiner 35jährigen Tätigkeit in Furtwangen verfaßte Mühe über 20 Bücher, viele Zeitschriftenbeiträge und hielt zahlreiche Vorträge im In- und Aus­ land, wobei er immer wieder neue For· schungsansätze vorstellte. Als langjähriger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chronometrie und Mitglied ihrer ausländischen Schwestergesellschaften, sowie als Mitglied im Fachausschuß Tech­ nikgeschichte des VDE, aber auch in der Deutschen Physikalischen Gesellschaft und dem VDI pflegt er vielfältige Kontakte zu Naturwissenschaft, Technikgeschichte und Chronometrie. Neben dem kontinuierli­ chen Ausbau der Uhrensammlung von 800 auf heute 5 000 Objekte aus aller Welt, pro· fessionalisierte Mühe den Betrieb des Mu­ seums. Besucherbetreuung steht seitdem an oberster Stelle, denn nur ein zahlendes Pu­ blikum ermöglicht die Aktivitäten des Mu­ seums, seien es Führungen für Gruppen, Ankauf von Objekten und ganzen Samm· lungen, Publizierung von Forschungsergeb­ nissen, Sonderausstellungen oder Organisa­ tion des Betriebes. Hierbei gelang es Mühe auch, eine Anzahl von Personalstellen zu er· halten, die teilweise über Eintrittsgelder zu finanzieren sind. Erst die ausdauernde und kontinuierliche Arbeit an der Ausstellung und der Betreu· ung von Besuchern, die ständige Erweite· rung der Öffnungszeiten, die landesweite Präsentation des Museums in Sonderaus·

Stellungen, die Kooperation mit der Uhren­ industrie, die Tätigkeit auf Messen und die stete PR-Arbeit in Presse, Rundfunk und Fernsehen steigerten die Besucherzahlen von weniger als 20 000 auf 140000 im Jahr und machten das Museum weit über den Schwarzwald hinaus bekannt. Zu den wesentlichen Ergänzungen des Objektbestandes zählt der Erwerb der Hell­ mut-Kienzle-Sammlung 1975, der nicht oh­ ne Widrigkeiten über die Bühne ging. Hier verbuchte die Beharrlichkeit Mühes ver­ bunden mit politischem Gespür einen großen Erfolg, der das Museum auch auf den Gebieten der Renaissance- und Ta­ schenuhren in die internationale Szene be­ sonderer Sammlungen aufsteigen ließ. Im Aufbau des einzigartigen Objektbe­ standes an Armbanduhren und elektrischen Uhren, noch ehe sie die Sammler entdeck­ ten, zeigen sich Weitblick und Wissen um die Notwendigkeiten einer konstruktiven Museumsentwicklung. Mit dem Erwerb der einzigartigen astronomischen Weltuhr von Hans Lang 1996 erreicht die Reihe der nam­ haften astronomischen Uhren im Deut­ schen Uhrenmuseum einen Höhepunkt. Zum Kauf dieses besonderen Objektes wa­ ren außergewöhnliche Finanzierungsmodel­ le wie ein Gewinnspiel notwendig. Im Ausstellungskonzept zur Geschichte der Uhrenindustrie und -fertigung entwick­ elte Richard Mühe unkonventionelle Lö­ sungen aus räumlichen Schwierigkeiten und museumsdidaktischen Ansätzen. Dazu ge­ hört auch die Erkenntnis, daß im Schwarz­ wald, dem historischen und aktuellen Zen­ trum der deutschen Uhrenfertigung, die Dokumentation und Aufarbeitung von Ver­ gangenheit und Gegenwart dieser Schlüs­ selindustrie für Baden und Württemberg durch das Deutsche Uhrenmuseum eine lo­ gische Folge der Entwicklung ist. Diese Idee eines Forschungszentrums auf der Grundla­ ge des Museumsbestandes, der einzigartigen und umfangreichen Fachbibliothek, ver­ bunden mit Sachverstand und Verbindun- gen zur Uhrenindustrie, verfolgt Mühe seit mehreren Jahren. Daß die Durchsetzung visionärer Konzep­ te innerhalb eines Geflechts aus Hochschu­ len und Behörden mit zahlreichen divergie­ renden Interessen nid1t einfach ist, hat Rich­ ard Mühe auch bei dem Um- und Erweite­ rungsbau des Museums intensiv erfahren. Seit Mitte der 1970er Jahre waren die alten Räumlichkeiten den gestiegenen Anforde­ rungen des Betriebes und der Sammlung nicht mehr gewachsen. Doch erst 1992 konnte von Ministerpräsident Erwin Teufel das „neue Deutsche Uhrenmuseum“ unter Beteiligung der gesamten Fachwelt eröffnet werden. Mit dem modernen Bau hat das Museum, auch was die Ausstellungsräume angeht, seinen Platz in der internationalen Museumslandschaft konsolidiert. Geduld, Hartnäckigkeit, optimale Nutzung geringer Ressourcen, hoher persönlicher Einsatz, un­ konventionelle und kreative Lösungen, Of­ fenheit für kulturhistorische und technikge­ schichtliche Forschungsmethoden, die Fä­ higkeit, Prioritäten zu setzen und Mitarbei­ ter zu motivieren, machen den Erfolg Richard Mühes, des Uhrmachers, Physikers und Museumsleiters aus. Durch sein Fach­ wissen ist er für namhafte Sammler, Uh­ renspezialisten, Technikhistoriker, Muse­ umswissenschaftler und die Uhrenindustrie ein wichtiger Ansprechpartner. Das Engagement und die kontinuierliche Arbeit Mühes, die das Deutsche Uhren­ museum zur weltweit anerkannten Spezial­ sammlung gemacht haben, honorierte die Stadt FurtWangen unter Bürgermeister Hans Frank mit der Bürgermedaille. Seit 1989 gehört Prof. Dr. Richard Mühe zu den ersten Trägern der von Ministerprä­ sident Lothar Späth verliehenen Verdienst­ medaille des Landes Baden-Württemberg. Beatrice Techen 117

Ein Leben im Einklang mit der Natur Martin Schwer – Landwirt und Fabrikant von Rosenkränzen ,,Der Bauer ist der ewige Mensch, unab­ hängig von aller Kultur, die in den Städten nistet“. So konnte Oswald Spengler noch 1917 schreiben. Längst hat mit Macht die Geschichte aufs Land ausgegriffen und fun­ damentale Veränderungen hervorgerufen. Und die Generation, die sich heute aufs Al­ tenteil zurückziehen darf, kann sagen, sie hat dies alles erlebt, teils mit Erleichterung, teils mit Sorge. Martin Schwer, Bauer auf dem Mittelgefellhof in Gremmelsbach, er­ lebte den einzigen schweren Umbruch der Landwirtschaft – sehen wir es richtig – seit ihrem Bestehen und stellte sich ihm. Er er­ innert sich noch an die Mühseligkeit der na­ turnahen Arbeit, die das ganze Jahr mit Muskelkraft getan werden mußte und Mensch und Tier das Äußerste abverlangte. Als Angehöriger des Jahrgangs 1923 über­ blickt er die Entwicklung von der Sense über den Gespannmäher und den Bindemäher zum heutigen Kreiselmäher und zum Mäh- drescher – vom Pflug, den der Bauer mit der Hand fi.ihrte,bis zum heutigen Mehrscha· renpflug, den der Traktor zieht. Und so auf allen Gebieten. Eine ungeheuere Beschleu­ nigung in der Arbeit ist eingetreten; dauerte die Heuernte früher drei bis vier Wochen, mit Kindern, Verwandten, Knechten und Mägden, mit Mähern aus dem Elztal, so dauert sie heute noch ebenso viele Tage. Das bedeutet, der Bauer muß beute Tech­ niker sein, nur so kann er überleben. Er muß sich anpassen, muß wie jeder Unternehmer eines Betriebes den Markt beobachten, selbst auf neuentwickelte Früchte muß er sich einstellen z.B. aufTriticale, ein Futter· getreide, eine Kreuzung aus Roggen und Weizen, er muß seine eigenen Kunden be­ dienen, sich seinen Markt selbst schaffen und erhalten, um mit Preisverfall und Über­ produktion fertigzuwerden. So ist es Martin Schwer als einem der immer seltener werdenden selbständigen Landwirte gelungen, seinen Hof in die Gegenwart, heute heißt es „Post· moderne“, herüberzuretten, und was für ihn von hoher Bedeutung ist: Sohn Richard macht mit seiner Fa­ milie weiter. Leicht war es nicht immer, am we· nigsten in der Jugend, diese Jugend wurde in den Krieg getrieben. Martin Schwer erfuhr in St. Johann in Tirol, in Saalfelden und Innsbruck seine Ausbildung zum Sanitäter, seine Ge­ birgsjägerkompanie wurde nach ‚• Murmansk ans nördliche Eismeer verlegt, in die Tundra, wo meterho­ her Schnee lag, schwere Schneestür­ me wüteten, erbitterte Kämpfe tob­ ten und ein Marsch zurückzulegen war, in Worten: eintausend Kilome- ter weit. Grauenhaft zugerichtete Martin Schwer bei der Herstellung von Rosenkriinzen. 118

Menschen mußte der Sanitäter verbinden. Gegen Ende des Krieges Verlegung der Kompanie in die Pfalz und wieder nach St. Johann in Tirol! Entlassung in Ulm, vor­ übergehend Arbeit bei einem Bauern bei Neu-Ulm, Marsch nach Hause, und schon in Gremmelsbach, im Gewann Brunnen­ mättle, etwa zwei Kilometer vom heimatli­ chen Hof entfernt, schoß noch ein Marok­ kaner auf ihn. Jetzt galt es, die Zukunft zu gestalten, den elterlichen Hof zu übernehmen, die Gebäu­ deteile zu erhalten, eine Familie zu gründen. Er fand seine Frau Sofie in Schuttertal, die Familie wurde kinderreich, vier Söhne und drei Töchter hatten auf dem Mittelgefell ei­ ne schöne Heimat. Sohn Martin wurde Prie­ ster. Martin Schwer tat es in der guten Tra­ dition seiner Vorfahren -einer von ihnen, ebenfalls ein Martin, war im vergangenen Jahrhundert Gremmelbachs Bürgermeister -die diesen Hof in nicht mehr erforschba­ ren Zeiten gründeten. Sicher ist, daß er um 1550 schon erbaut war, seit 1783 der Name Schwer in ununterbrochener Folge dort zu Hause ist und daß der Hof 1852 abgebrannt und wieder aufgebaut worden ist. Dazu gehörte das ererbte Wissen um die Natur, Kenntnisse über klimatische Er­ scheinungen, biologische Gegebenheiten, Wachstum, Erhaltung und Verfall, alle Ar­ beitstechniken einschließlich des Mahlens, bei aller Freude über die Erleichterung durch die Technik das Maß zu wahren, um ihre negativen Folgen zu begrenzen. Über allem waltete aber auch das Wissen um die Abhängigkeit von einer höheren Macht, im Volksmund: An Gottes Segen ist alles gelegen. Traditionelle Feste wurden gern mitgefeiert, Agatha und Wendelin als helfende Heilige verehrt, an Bittprozessio­ nen nahm man teil, an Mariä Himmelfahrt ließ man den „Palmen“ (Kräuterbüschel) in der Kirche weihen, bei Trockenperioden oder Regenzeiten besuchte man die An­ dacht um gedeihliches Wetter. Und der re­ gelmäßige Sonntagsgottesdienst hebt nach wie vor die Woche. Zum Gottesdienst zählt Familie Schwer auch Wallfahrten nach Alt­ ötting, Einsiedeln und Lourdes. Martin Schwer hat ein seltenes Hobby. In freien Stunden stellt er Rosenkränze her. Und das seit über 60 Jahren. Wie das, wo man doch weiß, daß die Hand eines Land­ wirts mit der Größe seines Hofes besser die Axt und den Pflug fuhren als so knifflige Ar­ beiten verrichten kann? Es mag das Jahr 1930 gewesen sein, als sei­ ne Mutter Adelheid auf dem Schwarzwald­ hof in Linach, wo sie zu Hause war, wieder einmal einen Besuch machte. Dort hatte man eine Pflanze, die man nicht mehr woll­ te, und Adelheid erbot sich, sie auf ihrem Hofe weiterzupflegen. Und dann trug sie den Blumenstock über vier Stunden Wegs nach Gremmelsbach ins Mittelgefell. Sein Name: lkana, zur Familie der Storchschna­ belgewächse (Icaeinaceae) gehörend, die 400 Arten zählte und im tropischen Regenwald ihre Heimat hat -im Mittelgefell bisher ein­ fach „Rosenkranzstock“ genannt. In ihrer Wachstumsphase braucht sie täglich bis zu einem Viertelliter Wasser und in warmen Räumen gedeiht sie am liebsten am Fenster, allerdings schätzt sie es nicht, verstellt zu werden. Sie erreicht eine Höhe von über ei­ nem Meter und vermehrt sich wie die Dah­ lie durch ihr Wurzelwerk, das sie kräftig aus­ bildet und das dann geteilt werden kann. Es kann einen solchen Druck entwickeln, daß es den Topf sprengt. Die Pflanze hat eine kleine, helleuchtend rote Blüte, in deren Fruchtknoten sie in bis zu drei Reihen klei­ ne „Beeren“ entwickelt, manchmal an die 15 Stück. Diese „Beeren“ sind schwarz, stein­ hart und haben auf ihrer Oberfläche eine Struktur, wenn man genau hinsieht: ein größeres und ein kleineres Ringlein unter­ einander, so daß man meinen könnte, es sei ein winziges Madonnenbild. In diesen Sa­ men lebt offenbar keine Fortpflanzungs­ kraft, man hat sie schon in den Boden ge­ steckt, es ging aber nichts auf. Diese Früchte sind das „Rohmaterial“ für 119

die Rosenkränze, deren Herstellung also Martin Schwer sich zum Hobby gemacht hat. Er hat dafür ein kleines Bohrgerät, mit dem er sie bald nach der Ernte durchbohrt, denn später werden sie dafür zu hart. Ge­ wöhnlich macht er das am Sonntagvormit­ tag nach dem Gottesdienst. Als Werkzeuge benützt er sonst nur noch eine Rundzange, um den Draht zu biegen, und einen Seiten­ schneider, um den Draht abzuklemmen, das ist alles. Sonst aber braucht er nur einen hel­ len Platz im Zimmer und eine große Menge Sorgfalt, damit die fünfmal zehn Perlen des Rosenkranzes gleich groß sind, sie werden vorher ausgewählt, die für das „Ehre sei dem Vater … “ muß ums Merken größer sein. Die Arbeit für einen Rosenkranz dauert dann drei bis vier Stunden. Gelernt hat er das als Schüler bei Uhrmacher Bernhard Scherer in Triberg, mit dem Familie Schwer weitläufig verwandt war. Tn sechs Jahrzehnten hat Mar­ tin Schwer immerhin einige hundert Rosen­ kränze in Eigenarbeit hergestellt. Hat er auch Abnehmer dafür? Interessenten finden sich auch heute noch. Das können Kurgäste sein, die den Hof besuchen, denen die nie gesehene Pflanze auffällt und die sich nach ihr erkundigen. So kommt man ins Ge­ spräch, an dessen Ende sie gern einen Ro­ senkranz haben möchten. Auf diese Weise sind schon Rosenkränze nach Berlin, in die Schweiz und selbst bis Amerika gekommen. Autofahrer hängen sie auch statt eines Talis­ mans an den Rückspiegel. Kral Volk Von einem Hof in linach stammt die seltene FJ!a11ze, die im Mi11elgefellbof in Cremmelsbad1 die „Beeren „fiir die Rosenkriinze von Martin Sdnver liefert . Die Stille der Nacht, welch köstlich Geschenk. Der Morgen erwacht, was der Tag wohl bringt Die Stille 120 • • • Alleine zu sein ist die bitterste Not. Viel schlimmer vielleicht, als ein Tag ohne Brot. Margot Opp

Größte Kuckucksuhr der Welt gebaut Ewald Eble – erfolgreicher Uhrenhersteller mit großen Plänen Wir saßen in der Schule nebeneinander, und jeder wollte der Größere sein. Dann gingen unsere Interessen verschiedene We­ ge. Er wußte von Kindheit an seinen beruf­ lichen Weg, lernte schon mit zehn Jahren bei seinem Vater das Uhrenmachen, absol­ vierte bei ihm eine Lehre, lernte danach zu­ sätzlich das Mechanikerhandwerk, wurde darin Meister und eignete sich noch vier J ah­ re lang Kenntnisse im Werkzeugbau an: wenn das keine gründliche Ausbildung für seinen Beruf war! Das Uhrmacherhandwerk liegt ihm im Blut, er ist in der vierten Gene­ ration Uhrmacher, es ist also keine Über­ treibung zu behaupten: im Schwarzwald bleiben einzelne Familien ihrer großen Tra­ dition treu. Sein jetziger „Uhrenpark“ in Triberg- (ei­ gentlich Schonach-) Schonachbach fiel ihm freilich nicht in den Schoß. Zunächst kauf­ te er in der Hauptstraße in Triberg ein Ge­ schäft mit Werkstatt, dann ergab sich die Gelegenheit, von der Firma Willmann das Sägewerk (im Volksmund: den „Oberen Finkbeiner“) zu kaufen. Darauf konzen­ trierte sich von jetzt an alles. Für ein Ge­ schäft, wie es ihm vorschwebte, war dies das richtige Areal, nämlich 10 000 qm Fläche. Jedoch: ein Sägewerk zu einem Uhrenge­ schäft umzubauen, das erforderte alle un­ ternehmerischen Fähigkeiten: Ideen, Ener­ gie, Risikobereitschaft und Investitionen. Der Holzplatz wurde befestigter Parkplatz, die Sägehalle Verkaufs- und Ausstellungs­ raum. ,,Es ist alles neu“, sagt er heute. Ein Problem ergab sich, und dabei ging es um seine Existenz, als der Tunnel durch den Zuckerhut geführt wurde und der Verkehr nicht mehr direkt an seinem Parkplatz vor­ beifloß. Da sah er sich, um Käufer anzuzie­ hen, gezwungen, ein Wagnis einzugehen und mit großen Kosten ein zweites Gebäu- Ewald Eble de, eine neue, ins Auge fallende Hausfront zu erstellen – und als besondere Attraktion konstruierte und baute er fünf Jahre lang, 10 000 Arbeitsstunden, an Feierabenden, Samstagen, Sonntagen, während der Ar­ beitszeit, zuletzt unter Mithilfe seines Soh­ nes Ralf, die größte Kuckucksuhr der Welt, im Verhältnis 1 :60. Seine Idee, wie er mit Be­ tonung sagt: ein rein mechanisches Werk, ohne Elektroantrieb, von zwei Gewichten mit je zwei Doppelzentnern bewegt. Da wa­ ren Massen und Fliehkräfte zu berücksichti­ gen, an die keiner dachte. Um das Schlag­ werk zum Stillstand zu bringen, mußte man eine spezielle Bremse hierfür entwickeln. Die Werbewirkung blieb nicht aus, aber er 121

Das imposante /1111enleben der größteu Kurkucksuhr der Welt, erbaut von Ewald Eble. 122

hielt den Atem an am Tag, als die neue Ver­ kehrsführung eingeführt wurde: ,,Kommen jetzt noch Kunden oder … ?“ Die Rechnung ging auf. ,,Die weltgrößte Kuckucksuhr“ wollten sie alle sehen, ihren halbstündlichen Schlag zu hören, gehört zu den unvergeßlichen Ferienerinnerungen. Ein Einzel- oder Gruppenfoto vor ihr ist ein interessantes Souvenir, das sich sehen lassen kann. Die Fernsehgesellschaften aller Konti­ nente hatte Ewald Eble schon zu Gast. Der Einmaligkeit wegen (4,5 m x 4,5 m; Gesamt­ gewicht des Uhrwerks: 6 t; Länge des Pen­ dels: 8 m) durfte ein Hinweisschild an der Bundesstraße angebracht werden, und die Redaktion des „Guinnessbuch der Rekorde“ hat ihm die Aufnahme in die nächste Aus­ gabe verbindlich zugesagt. Ein solches Geschäft mit der größten Standuhrenschau im Schwarzwald, handge­ fertigten Kuckucksuhren und einer riesigen Souvenirabteilung und weltweitem Versand aufzubauen und in Gang zu halten, ist kei­ ne Kleinigkeit. Den Achtstundentag kennt Ewald Eble deshalb nicht, oft ist es die dop­ pelte Stundenzahl an einem Tag. Bei den Er­ neuerungsarbeiten griff er mit eigenen Hän­ den zu, er weiß auch mit Schaufel, Beton und Steinen umzugehen. Er hat zwei Uhrentypen anzubieten, die wie keine sonst sein Werk sind: eine „Fa­ denpendelruhr“, ursprünglich amerikani­ scher Herkunft, baut er in Eigenproduktion, und ein „Miniatur-Acht-Tage-Pendelwerk“, das aufgezogen werden muß. Für ihn bleibt es eine Selbstverständlichkeit, daß auch je­ der einheimische Kunde mit einer Uhr, die nicht mehr richtig geht, zu ihm kommen kann, er kann sie reparieren. überhaupt stellt er in letzter Zeit einen verstärkten Trend Einheimischer zum Uh­ renkauf fest. Er berät jeden persönlich und individuell, wenn jemand mit einem für ihn wertvollen Familienerbstück kommt. Und ganz wichtig: Er hat einen Kundendienst aufgebaut, der damit beginnt, daß Interes­ senten schon im Geschäft den Uhrentyp auswählen und zusammenstellen können, der ihnen am besten zusagt, also Farbe des Holzes, Art des Holzes, Uhrwerk, Dekor und was sonst. Für Ewald Eble ist der Kauf nicht abgeschlossen, wenn der Kunde die Türe schließt, eine Uhr muß an ihren neu­ en Standort gebracht werden, sie bedarf auch der Wartung, sie muß gereinigt und geölt werden, eine Fachkraft erledigt das al­ les. Der Kunde braucht sich nicht alleinge­ lassen zu fühlen. Doch er hatte im Büro und im Verkauf in seiner Ehefrau Gisela und seinem Sohn Ralf und dessen Ehefrau Bianca immer treue Helfer, Tochter Manuela, die Architektur studiert hat, hat den Neubau mitgeplant, es ist ein Familienunternehmen im besten Sinne des Wortes, und auf sein Stammper­ sonal von zehn Personen kann er sich ver­ lassen. In der Saison kommen noch Aus­ hilfskräfte hinzu, in der Hauptsache sind es Studentinnen, die verkaufen helfen. Wie sieht Ewald Eble die Zukunft seines eigenen Werks und die der ganzen Branche? Durch die Vereinigung der beiden deut­ schen Staaten ist der Käuferkreis buchstäb­ lich erweitert worden. Es ist das ganze Deutschland, es sind die benachbarten Staa­ ten Frankreich, die Schweiz, Benelux, die USA. Von „no future“ also keine Spur! Ganz im Gegenteil! Obwohl er in einem Al­ ter ist, in dem andere den Ruhestand pla­ nen, plant er noch einmal eine enorme Er­ weiterung seines Betriebes. Sein „Uhren­ park“ soll noch größer werden, eine zweite Uhr von der Größe der „weltgrößten Kuckucksuhr“ ist schon in Planung – und behördlich genehmigt, er kann sich vorstel­ len, daß er noch fünf weitere solcher Rie­ senuhren baut, Platz hat er für sie. Im Un­ tergeschoß seines Gebäudes möchte er eine vom ursprünglichen Sägewerk noch erhalte­ ne Dampfmaschine aufstellen (und natür­ lich in Bewegung setzen), der Raum ist groß genug, um auch einem Uhrenmuseum zur Verfügung zu stehen. Um die nötige Elek­ troenergie braucht er sich keine Sorgen zu 123

Der Uhrenpark der Familie Eble in Triberg ist weltweit bekannt. machen. Da die Gutach durch seinen Be­ trieb fließt, kann er wie wenige die Wasser­ kraft in idealem Maße ausnützen und sogar noch Strom verkaufen. Für wichtig sieht er es allerdings an, daß man die Tendenzen auf dem Uhrenmarkt rechtzeitig erkennt, ein gewisses Gespür gehört dazu. Artikel, die in einem Jahr von vielen Kunden bevorzugt werden, bleiben im nächsten schon unbeachtet. Die Markt­ beobachtung gehört unter allen Umständen dazu. Marktlücken gilt es zu entdecken und sich rechtzeitig darauf einzurichten, und Kreativität ist oberstes Gebot. Eine große Genugtuung für ihn ist, daß sein Geschäft eine Art Treffpunkt für Touri­ sten und Wanderer geworden ist. Beim Uh­ renpark Eble trifft man sich, verabredet man sich. Er ist nicht zu verfehlen. Ist eine Revolutionierung des Uhrenge­ schäftes im Rahmen der Globalisierung des Marktes zu erwarten? Ist es denkbar, daß Uhrenschilder nie gekannten Aussehens (grelle Farbgebung, irgendein Firlefanz, ab­ strakte Kunst usw.) die herkömmlichen ver­ drängen könnten? Das sieht Ewald Eble ge­ lassen. Solche Dinge sind höchstens Ein­ tagsfliegen. Selbstverständlich kann er Uh­ ren offerieren, bei denen statt dem Kuckuck der Hansel oder der Narro erscheint und statt dem Kuckucksruf für 16 Sekunden der Narrenmarsch ertönt, auch eine menschli- 124 ehe Stimme zur Überraschung des Hörers ir­ gendetwas Originelles spricht. Doch das sind Gags. Im großen und ganzen gibt es Veränderungen in der äußeren Gestaltung, aber diese bewegen sich in engen Grenzen, im Konventionellen. Einmal werden ältere, einmal jüngere traditionelle Motive bevor­ zugt. Die heimatlichen Motive werden Be­ stand haben, da ist sich Ewald Eble sicher. Doch Ewald Eble ist auch ein Mensch der Geselligkeit. Ein Kind von Traurigkeit war er nie, das weiß ich genau. Ist er in einer Ge­ sellschaft, ist der Abend gerettet. Er ist im­ mer fur jeden Spaß zu haben. Solange es in Gremmelsbach den Männergesangverein „Harmonie“ gab, war er Tenorsänger und anschließend im Triberger Männergesang­ verein „Sängerlust“. Er erlernte auch das Gi­ tarrenspielen, hatte ein großes Repertoire an Liedern. Er wanderte gern, und zum Aus­ spannen schienen ihm Skitouren in den Ber­ gen genau das Richtige. Und schließlich war er jahrzehntelang Mitglied – Oberfeuer­ wehrmann – der Freiwilligen Feuerwehr Gremmelsbach. Er hält es für seine Pflicht, etwas für seine Gemeinde zu tun. Als sein Glück sieht er es an, daß er nicht die Sinnfrage zu stellen braucht: ,,Wofür das alles?“ Sein Sohn wird das Erbe antreten und im Sinne des Vaters und der Familien­ tradition weiterführen. Karl Volk

Carpe diem oder: Uwe Conradt ist tot Begeistert von der Vielfalt zeitgenössischer Kunst Er hat immer geschafft. Geschafft, wie es ein schwäbischer Schaffer nicht besser könn­ te. Leerzeiten oder gar Langeweile gab es bei ihm (fast) nicht: kaum war ein Projekt abge­ schlossen, forderten zwei, drei andere Auf­ gaben ihn heraus. Neben seinen Vorträgen über kulturelle Fragen oder kunsthistorische Thesen, neben seinen literarischen Diskus­ sionsrunden zu klassischer, aber vor allem zur aktuellen Schriftstellerei, neben den un­ zähligen Ausstellungseröffnungen, bei de­ nen er die oftmals versteckten Inhalte der zeitgenössischen Kunst in verständlicher Sprache zu entdecken wußte, neben den kenntnisreichen Theater-, Kunst- und Film­ kritiken, die unter seinem Namen in den lo­ kalen Zeitungen erschienen und die Lust oder den Frust des Gesehenen in wohlfor­ m ulierte Sätze packten, neben seinen mit hi- storischem und kulturgeschichtlichem Wis­ sen geballten Studienfahrten in die Metro­ pole der abendländischen Kunst, neben dem nie ermüdenden Engagement für das rührige Kommunale Kino Guckloch, oder seinem Brotberuf als Pädagoge, in dem er mit überzeugender Leidenschaft das weiter­ gab, was ihn selbst faszinierte. Neben all die­ sem war Uwe Conradt Familienvater, Gatte, Kollege und Freund. Uwe Conradt wurde am 6. Oktober 1946 in Flensburg geboren. Nach Abitur und Stu­ dium der Germanistik und Geographie in Kiel, Köln-Bonn und Freiburg bestand er 1972 sein Staatsexamen und wurde Lehrer am Wirtschaftsgymnasium in Villingen. Hier wirkte er als Philologe im klassischen Sinne. Die Philologie, zeigt der Blick ins Lexikon, Uwe Conradt, ein Leben für die Kunst. 125

(griechisch aus philos und logos, ,,eifrige Bemühung um das Wort“) beschäftigt sich im engeren Sinne mit der „Kunst, Texte zu deuten, im weiteren (Sinne, um) die Erfor­ schung der geistigen Entwicklung und Ei­ genart eines Volkes oder einer Kultur auf­ grund seiner Sprache und Literatur.“ Und in diesen Sinne war Uwe Conradt ein Forscher. Ein Forscher, dem das barocke ,,memento mori“ (bedenke des Todes) zu­ sammen mit dem „carpe diem“ (nutze den Tag) Lust und Antrieb für das eigene Han­ deln, für die eigene Arbeit war. Mit Gespür und großer Sensibilität versuchte er sich dem Fremden, dem Unbekannten im zeit­ genössischen Kulturschaffen, in der Litera­ tur wie in der aktuellen Kunst, im Medium Film wie in der darstellenden Kunst auf der Theaterbühne, zu nähern. Mit offenem, ge­ schultem Auge sah er Dinge, die vielen ver­ borgen blieben. Seine „eifrige Bemühung“ ließ ihn seine Erfahrungen den anderen ver­ mitteln. Mit seinem wachen Geist war er den Künstlerinnen und Künstlern ein ad­ äquater Gesprächspartner. Er verstand ihre Sprache, auch wenn sie nicht in Worte ge­ faßt war, und nahm sie wie durch eine zarte Membran wahr. Mit ihm über Kunst und Philosophie zu streiten, war ein Erlebnis und ein Gewinn für beide, den Kunstschaf­ fenden und den Kunstinteressierten. Man mußte und konnte nicht immer seiner Mei­ nung sein, und oftmals sah er die Dinge ganz anders. Jedoch war sein Ansatz immer differenziert begründet und aus seiner Sicht logisch formuliert. Und er verstand es, Fra­ gen nicht isoliert zu sehen, und die Ant­ worten eingebunden in ein Netz von unter­ schiedlichsten Berührungspunkten zu ge­ ben, auf daß daraus sich neue Fragen stell­ ten. Dies alles und noch viel mehr zeichnete Uwe Conradt aus, manches müßte noch erwähnt werden, zum Beispiel seine nie en­ dende Neugierde auf Neues, auf Fremdes, seine menschliche Wärme, die sich in sei­ nem Zu-Hören-Können am direktesten vermittelte, und doch, es bleiben immer Lücken, will man den Mensch Uwe Conradt beschreiben. Uwe Conradt, Mitarbeiter von 1986 bis 1995 am „Almanach“ in Sachen Kunst, starb am 22. November 1995, aber er lebt in un­ serer Erinnerung, solange wir an ihn den­ ken. Wendelin Renn 126 Der große R1if, Mischtechnik von Peter Heinzefmann.

Echte Freunde in der Not Wie aus dem Wallfahrerkreis Triberg der „Helferkreis Slunj“ wurde Januar 1996: In der Cafeteria des Alten­ heimes in Triberg sitzt eine fröhliche Schar Frauen und Männer, man kennt sich und trinkt ein Viertele miteinander. ,,Weißt du noch … „, wird hier gefragt, ,, … also, das war schon ein Streß“, erinnert man sich dort. Still zwischen ihnen sitzt Else Hock. Die Tribergerin hat die rund zwanzig Personen eingeladen zur gemeinsamen Bilanz. End­ lich wird die Tür geschlossen und Else Hock tut das, was sie seit Jahren gewohnt ist: Sie begrüßt herzlich, gibt das Programm für den Abend bekannt und freut sich über jeden Besucher. Else Hock kennt jeden in der Run­ de, leitete sie doch über Jahre den Wallfah­ rerkreis Triberg, dem sich viele Menschen aus dem Schwarzwald-Baar- und Hoch­ schwarzwald-Kreis anschlossen. Doch an diesem Abend gilt das Interesse der Gruppe nicht gemeinsamen Wallfahrten, sondern den vergangenen vier Jahren, die man nun als „Helferkreis Slunj“ gemeinsam bewältigt hat. Aber das ist eine lange Geschichte und El­ se Hock muß die eine oder andere Pause ein­ legen: umfangreich ist die Bilanz. Am Beginn dieser beispielhaften Aktion standen Wallfahrten der Triberger nach Medjugorje in Jugoslawien, wobei es von 1988 an schöner Brauch wurde, in Slunj, in Kroatien, eine Pause einzulegen und mit Pfarrer Mile Pecic und der dortigen Pfarrge­ meinde eine heilige Messe zu feiern. Sie­ benmal war man dort und es entstand eine Freundschaft, die sich zwischen den Wall­ fahrern aus Triberg und der Kirchengemein­ de vertiefte und festigte. Groß war daher die Bestürzung des Wallfahrerkreises, als sie Ende 1991 erfuhren, daß Slunj beschossen wurde, die Pfarrkirche brenne und die Be­ wohner fliehen mußten. Spontan sammelte der Wallfahrerkreis, der sich im Pfarrheim in Else Hock Nußbach traf, 1400 Mark. Da man nicht wußte, wo Pfarrer Pecic abgeblieben war, wurde dieses Geld über Pater Juro aus Pforz­ heim an den Erzbischof von Zagreb zur Weiterleitung mitgegeben. Erst am 3. Februar 1992 meldete sich Pfar­ rer Pecic aus Rijeka. Er schrieb einen er­ schütternden Bericht über die Situation in Slunj. Else Hock überlegte nicht lange, eröffnete spontan ein Spendenkonto über das katholische Pfarramt Triberg, suchte ein Lager und organisierte eine Spendenaktion. Damit begann eine vierjährige Tätigkeit für die Wallfahrer, aber auch andere kamen von auswärts dazu. Es wurden insgesamt 13 Transporte mit Lebensmitteln und Hilfsgü­ tern auf den Weg geschickt und über 750 000 Mark in Sachwerten oder in bar gespendet. Der erste Hilfstransport wurde unter großer Anteilnahme der Bevölkerung Tri­ bergs im Juli 1992 mit einem Lastwagen des 127

Hilfefiir Slun;; ((Uch Fahrräder gehörten zu den Hilfsgütern. Triberger Roten Kreuzes zur Caritasstelle des Franziskanerklosters nach Karlovac ge­ fahren. Er umfaßte damals 2,5 Tonnen Le­ bensmittel und 5 Tonnen Hilfsgüter, ver­ packt in 500 Paketen. Das war der „Bana­ nenschachtel-Transport“, denn unzählige Hände waren nötig, um die Lebensmittel und Hilfsgüter zu verpacken. Mancher Mus­ kelkater mußte in Kauf genommen werden. Es bildete sich bald ein „harter Kern“ der Wohnungsauflösungen vornahm, die Hilfs­ güter sammelte, Hilfsgüter von Spendern abholte, angelieferte Sachen verpackte und auflistete. Jedes Paket und jedes Teil bekam eine Nummer und wurde in die Ladeliste übernommen, die für das Zollamt notwen­ dig war. Am wenigsten schonte sich Else Hock, die sobald es ging mit Pfarrer Mile Pecic telefo­ nisch Kontakt hielt. Zu ihren Ansprechpart­ nern in Karlovac, wohin die Gemeinde von Slunj geflohen war, gehörten auch die Patres und Orden schwestern vom Franziskaner­ kloster und Janko Jurcevic vom Roten Kreuz in Karlovac. Ihrem Mut und ihrer Energie konnte sich kaum einer entziehen, so wur­ de aus dem Wallfahrerkreis ein „Helferkreis Slunj“. Die Bilanz, die an diesem Januarabend in Triberg gezogen wird, kann sich sehen las­ sen: 1992 gingen zwei Transporte auf die Reise, 1993 waren es drei, 1994 ebenfalls drei und im Jahre 1995 vier Transporte. 50,7 Tonnen Medikamente, Lebensmittel und 245 Tonnen an Hilfsgütern wurden nicht nur gespendet, sondern auch in 7 790 Kar­ tons verpackt. Und Else Hock erinnert an kleine Begebenheiten wie an das Vesper nach getaner Arbeit, an die Überführung ei­ nes Kleinbusses, den Roland Wehrle, Feuer­ wehrmann aus Triberg, direkt ins Franziska­ nerkloster nach Karlovac fuhr und an den erschütternden Besuch des dortigen Kran­ kenhauses. Jeweils eine Delegation von sechs bis zehn Personen begleitete die Trans­ porte auf eigene Rechnung. ,,Un ist nie et­ was passiert“, sagt an diesem Winterabend Else Hock und meint, daß auf dieser Aktion wohl der besondere Segen Gottes ruhte. Ab August 1995 konnten die Flüchtlinge 128

aus Slunj nach der Eroberung der Krajina wieder zurück in ihre Heimat. Nun widmet sich der Helferkreis der Aufbauarbeit, damit die zurückkehrenden Flüchtlinge die ausge­ raubten, ausgebrannten und zerschossenen Häuser wieder aufbauen und einrichten können. ,,Geldspenden sind immer noch dringend notwendig“, schätzt Else Hock die Situation jetzt ein. Ein dreizehnter und letzter Transport wur­ de für das Frühjahr 1996 geplant. Dann würden auch die Lager aufgelöst. ,,Die Leu­ te haben den ersten und sicher auch den schwersten Winter überstanden. Sie sind weitgehend Selbstversorger. Werkzeug und Installationsmaterial haben wir ihnen ge­ bracht. Möbel für den Anfang haben sie auch. Der Staat gibt Kredite für den Wie­ deraufbau“, sagt Else Hock und die Helfer nicken. Für die Ärmsten, die sich an den Pfarrer wenden, will man weiter Geldspen­ den sammeln. Die Geschichte „Helferkreis Slunj“ neigt sich dem Ende zu. Pfarrer Mile Pecic hat in seinem Jahrbuch für 1994 geschrieben: ,,Un­ sere Freunde aus Triberg, Simonswald, Gü­ tenbach, Waldkirch, Schönwald haben uns geholfen, unseren Kummer und unsere Sor­ ge zu lindern, uns ein Zeichen gegeben, daß es auch Gutes auf dieser Welt gibt, daß wir nicht vergessen worden sind. Frau Else Hock möchten wir besonders danken. Sie hat die­ se Aktion ins Leben gerufen. Sie und ihre Helfer haben ihre Freizeit und ihre ganze Energie für uns geopfert und tun es noch weiter für uns. Wir sind sehr dankbar.“ ,,Schade, daß es nun vorbei ist“, ein Bedau­ ern zieht durch den Raum. Man hat vier Jahre gemeinsam geschafft, alle werden Slunj und die Hilfsaktion vermissen, sind aber sicher: ,,Auf jeden Fall wollen wir die Freundschaft weiter pflegen.“ Hildegard Kammerer, Chronistin der Transporte, nennt den Schlüssel zur erfolgreichen Akti­ on: ,,Die Not der Menschen und ihre lie­ benswerte Art, hat den Helferkreis ermun­ tert, in der Hilfe für den Nächsten nicht nachzulassen.“ Renate Bökenkamp ·�— Vorsicht mit dem Alter schätze Wo mer no in d’Schual isch gange, het mer oftmoals ka s’Verlange, daß mer einem älter schätzt. Jo, ganz ehrlich kann mer sage: des het mer mit Stolz ertrage, het sich gar nicht g’fühlt verletzt. Aber jetz, wo‘ s ernscht isch wore, wo sich hen summiert dea Johre, bildet mer sich nint me i. Jo, mer isch sogar verwundert, sieht die Eitelkeit verwundet seit mer eim: bisch siebzig gsi. Des kann einem richtig störe, muaß mer gli uf Anhieb höre s’richtig Alter wo mer het. E paar Jährli no weng drunter des eim z‘ sage – des hält munter. So eim z’schätze, des wär nett. Drum isch z’roate alle Schlaue: Vorsicht! Vorsicht! bi dea Fraue, nit zwit mit dea Jährli nuf. Des tuat einem jo vernichte. Do druf kenne mir verzichte. Jo, mir pfiffe sogar druf! Gerlrud Mager 129

Ein Vöhrenbacher von altem Schlag Zum Tode des Messerschmiedemeisters Ernst Zugschwerdt Er wollte nie „ein Gefangener des toten Buchstabens sein“, erzählte der „Messerle“ ein ums andere Mal. Er, der zum Vöhren­ bacher Städtle dazu gehörte wie wenig an­ dere. Er, dessen Liebe nicht nur der Heimat Vöhrenbach, sondern eben auch dem Um­ herstreifen und Umherwandern in der Welt des Nordens gehörte. Er, der mit Max Schmeling, dem „Max“, ein Bier lupfte, war ein Original im besten Sinne des Wortes. Ernst Zugschwerdt, der selbst im Alter von 80 Jahren gerne noch einmal zum Polarkreis aufgebrochen wäre, starb 83jährig im Juni 1995. Seine letzte Ruhest:itte fand er in der Ostsee. Erinnerung an den Sommer 1992: Geißen und Schafe drängen gemeinsam vom Stall am Marktplatz, mitten im Vöhrenbacher Städtle gelegen, ins warme Sonnenlicht hin­ aus. Endlich draußen angelangt, gibt es kein Halten mehr: Die Tiere stürmen an Messer­ ies Garten vorbei, jagen durchs Zigeuner­ ländle in Richtung Winterberg davon, den Weg dorthin kennen sie selbst. Ernst Zug­ schwerdt hat derweil gehörig Mühe damit, hinterher zu kommen. Als 80jähriger ist der Messerschmiedemeister und Grönlandfor­ scher aufs Fahrrad umgestiegen: Kräftig tritt er in die Pedale, fast schon bei der Weide an­ gelangt, sind die Tiere wieder zu sehen. Schließlich ist der Hirte bei seiner Herde und läßt sich dort, als wär es das Normalste auf der Welt, vom Fahrrad fallen. Jeden Tag bremse er nicht so, kommentiert er auf dem Boden liegend das Manöver, um danach mit seinen Tieren den Berg hinaufzuziehen. Ernst Zugschwerdt war ein Original, ge­ wiß, aber er hat nicht nur durch seine unge­ zwungene und freie Art zu leben auf sich aufmerksam gemacht. Der „Messerle“, die­ ser Spitzname rührt vom Beruf des Messer­ schmiedes her, hat auch Bemerkenswertes 130 Ems! Zugsdnoerdt geleistet. Er hat sich als Autodidakt ein Wis­ sen über Pflanzen und Mineralien angeeig­ net, das teils dem eines Fachmannes eben­ bürtig war. In der Nachkriegszeit hatte er da­ mit begonnen, mit wachsender Begeisterung in die Abgeschiedenheit nordischer Länder zu reisen. Er hat zehnmal den Polarkreis überschritten und war Mitglied einer Expe­ dition, in deren Verlauf er eine bis dahin un­ bekannte Flechtenart entdeckte. Stolz prä­ sentierte er einem die Einladung zu einem wissenschaftlichen Fachvortrag nach Ham­ burg, wo er seine Entdeckung und die Foto­ grafien der Polarexpedition vorführte.

Der Fotografie galt neben seinen Tieren und dem Reisen die große Liebe. Er hielt Vorträge über Grönland, erzählte dabei ,,schaurig schöne“ Geschichten, etwa die, wie der „Messerle“ einen Eisbären in die Flucht schlug oder wie er mitten in Grön­ land als vermißt galt, weil er sich auf eigene Faust auf und davon gemacht hatte. Die Vöhrenbacher haben Ernst Zugschwerdts Vorträge über die Welt des Nordens und die Urgewalten der Natur, unnachahmlich in ihrer Art, in bester Erinnerung. Schwere Schicksalsschläge waren es, die das Leben von Ernst Zugschwerdt maßgeb­ lich bestimmten. Vater Josef Zugschwerdt betrieb mit Frau Maria eine angesehene Messerschmiede-Werkstatt, zusammen mit einer kleinen Landwirtschaft. Doch der Va­ ter fiel am l. November 1918 als letzter Vöhrenbacher im Ersten Weltkrieg, und die Inflation brachte die Zugschwerdts um ihre gesamte Barschaft. Zum Überleben blieb Maria Zugschwerdt eine kleine Landwirt­ schaft. Später heiratete sie den Gärtner Kä­ fer, zog mit ihren Kühen, Geißen und Scha­ fen durchs Städtle, war fortan das „Käfer­ Wibli“, ein Original wie bald darauf ihr Sohn Ernst eines wurde. Ernst Zugschwerdt, am 5. Dezember 1911 geboren, erlernte nach dem Schulabschluß den Beruf des Vaters, das Messerschmieden. Damit lebte dieses einst hoch angesehene Handwerk im Geschlecht der Zugschwerdts bereits in 5. Generation fort. Auf die Lehr­ jahre in Freiburg folgte die „Walz“, die ihn bis nach Mecklenburg führte. Dort stand ihm in einem angesehenen Unternehmen der Weg in eine glänzende berufliche Zu­ kunft offen, doch ein weiteres Mal war es ein Krieg, der seinem Leben eine schicksalhafte Wendung gab: Als er vom Kriegsdienst zurückkehrte, Ernst Zugschwerdt war vom Militär als Spezial-Schleifer zwangsver­ pflichtet worden, lag das einst blühende U n­ ternehmen in Schutt und Asche, die Inha­ berfamilie war gleichfalls Opfer des Zweiten Weltkrieges geworden. Darunter auch Ernst Zugschwerdts Braut. So machte sich Ernst Zugschwerdt auf den Weg zurück in die Heimat, wo er in Vöhrenbacher Firmen Ar­ beit fand. Von welch hoher Qialität diese war, ver­ deutlicht, daß der „Messerle“ über Jahre hinweg auch den Operationsbestecken der Universitätsklinik Freiburg den rechten Schliff gab. Seine Befähigung hatte ihm 1950 zum Meisterbrief verholfen, seine Prü­ fung absolvierte er mit Auszeichnung. 15 Jahre lang arbeitete Ernst Zugschwerdt in fester Anstellung für die Firma Voehre und als freier Handwerksmeister mal da und mal dort. Er verhalf oft auch Messern zu neuer Schärfe, die noch seine Vorfahren hergestellt hatten, die in ihrer Klinge das Zeichen der Messerschmiede-Familie Zugschwerdt tra­ gen, das Schwert. Hauptsächlich in die Nachkriegszeit fallt all das, was Ernst Zugschwerdt wie die Mut­ ter zum Original werden ließ. Er zog mit sei­ ner Herde umher, war mit den Tieren selbst mitten im Wald zu finden. Ernst Zug­ schwerdt klopfte seine Sprüche und fand Gefallen daran, einer zu sein, für den die Normalität des Alltages keine Gültigkeit be­ sitzt. Mit dem Stumpen im Mund, sein stän­ diger Begleiter, der Wollmütze auf dem Kopf und mit einem Arbeitskittel bekleidet, war er nicht nur beim Heuen, beim Hüten oder der Gartenarbeit anzutreffen, sondern auch mitten im Städtle. Und als die Gebre­ chen des Alters die Traktorfahrerei nicht mehr zuließen, da zog er sein Heukärrele von der Wiese vor den Toren Vöhrenbachs aus eben von Hand zum Wohnhaus am Marktplatz. Ernst Zugschwerd t war stolz darauf, Vöhrenbacher zu sein. So verwundert es nicht, daß er, der mit Liebe am „Städtle“ hing, regen Anteil am öffentlichen Leben nahm: Mit zwei Ziegen vor dem Leiterwa­ gen kämpfte er 1946 zusammen mit Bern­ hard Heizmann für eine Fastnachtsgeneh­ migung. Der unangemeldete Umzug hatte Wirkung, die französische Besatzungsmacht 131

Mit dem Heuklirrele im Stiidtle untenuegs, Ernst Zugsclnuerdt vor seinem Haus am Marktplatz. erteilte eine Fastnachtserlaubnis. Zur Besat­ zungsmacht hatten der „Messerle“ und sei­ ne Mutter Maria im übrigen ein gutes Ver­ hältnis, mehrfach setzten sie sich bei ihr mu­ tig für die Belange der Vöhrenbacher Bevöl­ kerung ein. Die Liebe zur Fastnacht hielt bei Ernst Zugschwerdt im übrigen ein Leben lang. Er war viele Jahre Fahnenträger der Heimatgilde „Frohsinn“, stieg als 76jähriger beim Kappenabend in die Bütt, erhielt höchste Ehrungen und war fast immer beim großen Umzug am Fasnetmendig auf der Straße zu finden. Aber Ernst Zugschwerdt wirkte auch 50 Jahre lang als Sanitäter beim Roten Kreuz und er war Gründungsmitglied des Schwarz­ waldvereins, wo er als Ehrenmitglied geführt wurde. Auch im Fernsehen war Ernst Zugschwerdt mehrfach zu sehen. Für die Südwestfunk-Se­ rie „Ebbes“ über Vöhrenbach wurde er beim Messerschmieden gefilmt, und in der be­ kannten „Schwarzwaldklinik“ lag er auf dem Operationstisch von Professor Brinkmann und wirkte mehrfach als Statist mit. Als der Südwestfunk mit den Dreharbeiten zu der Serie „Die Fallers“ begann, gehörte er er­ neut zu den Statisten. Etliche Hörfunk­ beiträge halten die Erinnerung an den Vöhrenbacher alten Schlages ebenfalls wach. Ernst Zugschwerdt war bis ins hohe Alter hinein vergönnt, was wenigen zugestanden ist: sich hoch oben vom Winterberg aus, auf der eigenen Matte stehend, mit dem Stum­ pen im Mund und umgeben von seinen Geißen und Schafen beschaulich die Hei­ mat Vöhrenbach zu besehen. Im Einklang mit der Natur und seinen Tieren lebend, ohne die er nicht sein konnte. Mit „Messer­ ies“ Tod gehört ein Stück Alt-Vöhrenbach der Vergangenheit an, das unwiderruflich verloren ist. Einen wie ihn kann es in Zu­ kunft nicht mehr geben, weil unsere moder­ ne Welt einem Menschen seines Schlages kein Auskommen mehr bieten könnte. Wiffried Dold 132

Archäologie Als Hüfingen noch Brigobannis hieß Aus dem Leben der römischen Zivilsiedlung Anlaß des Artikels über das römische Hüfingen ist die nach musenlem Ausbau und umfassender Sanierung durch die Stadl Hiifingen und das Landesdenkmalamt 1995 der Bevölkerung wie­ der zugänglich gemachte römische Badruine. (Über Hüfingen, Römerzfil und -fimde, berid,te­ /e bereits der Almanach 80, S. 90-100 und Al­ manach 88, S. 105-109.) Obwohl der helvetische Siedlungsname Brigobannis, d. h. ,,Ort an der Breg“, der rö­ mischen Zivilsiedlung den Namen gab, Kopfende eines Zierstabes (vergrößert). Fundort: römische Siedlung in Hüfingfn. kann nicht davon ausgegangen werden, daß die latenezeitliche Siedlung, welche auf dem späteren Kastellplatz auf dem Galgenberg bestand, zum Ausgangspunkt des römi­ schen Ortes wurde. Funde deuten darauf hin, daß der keltische Ort bereits um 50 v. Chr. verlassen wurde, während erst 15 v. Chr. die Adoptivsöhne des Augustus, Tibe­ rius und Drusus, im Zuge des Vorstoßes in das Alpenvorland erstmals auch Hüfinger Gebiet erreicht haben. Dem Geographen der Antike, Strabo, nach soll Drusus dabei sogar die Qiellen der Donau erreicht ha­ ben. Auch waren die römischen Gräben und der römische Holzbau im Gewann Krumme Äcker wohl eine provisorische Befestigung im Zuge der Ersteroberung und führten da­ her auch nicht zum Aufbau des zivilen Or­ tes. Dieser fällt aller Wahrscheinlichkeit nach in die Regierungszeit des Kaisers Clau­ dius (41-54 n. Chr.), als auf dem Galgen­ berg das große Kastell errichtet wurde, das in seiner Hochzeit rund eintausend berittene Soldaten beherbergte. Das Lager mit seiner Hilfstruppe, die dem Legionskommandan­ ten in Vindonissa unterstand, diente der Überwachung des wichtigen Verkehrskno­ tenpunktes. Hier traf sich die vom Legions­ lager Vindonissa (Windisch/ Aargau) herauf­ führende Straße mit der Donautalstraße. Bregübergang und Schwarzwaldrand konn­ ten gleichfalls überwacht werden. Die Zivilsiedlung selbst lag im Gewann Mühlöschle entlang der römischen Über­ landstraße. Es ist anzunehmen, daß hier zu­ erst der Troß, der die auf dem Galgenberg stationierte Truppe begleitete, sein Lager aufschlug. Später entwickelte sich daraus ein 133

Dorf, das die Soldaten im Kastell mit allem Nötigen versorgte. In der Siedlung (vicus) lebten Hand­ werker, Wirtsleute und Händler und die Frauen und Kinder der Soldaten. Als die Truppe um ca. 100 n. Chr. abgezogen wurde, blieb die Siedlung Brigobannis dennoch bewohnt. Man kann sie sich jetzt als eine Art Dienstlei­ stungszentrum für durchziehen­ de Reisende vorstellen: Wagne­ reien, Schmieden und Pferdeum­ spannstationen kamen zu den schon vorhandenen Handwerks­ betrieben, Wirtshäusern und Ge­ schäften dazu. Obwohl die Zivil­ siedlung wegen der Veränderung der römischen Straßenverbin­ dungen und dem geringer wer­ denden Durchgangsverkehr bald an Bedeutung verlor, blieb sie bis ins frühe 4. Jahrhundert be­ wohnt. Brigobannis ist als west­ lichster Befestigungsort des Do­ naulimes auch auf der berühmten römi­ schen Straßenkarte Tabula Peutingeriana aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. verzeichnet. Als typischer vicus bestand Brigobannis aus langen rechteckigen Fachwerkhäusern, die sich beidseitig der Straße aneinander­ reihten. Diese sogenannten Streifenhäuser waren mit einer durchgehenden Arkaden­ reihe zur Straße hin ausgerichtet. Die Ge­ samtfläche des Dorfes hatte eine Länge von rund 500 Meter und eine Breite von etwa 150-200 Meter. Die Ausstattung der Häuser scheint auch hier in der Provinz recht komfortabel gewe­ sen zu sein. Die Wände waren weiß verputzt und teilweise mit farbigen Wandmalereien geschmückt. Auch Mosaikfußböden konn­ ten nachgewiesen werden. Die gefundenen Dachziegel trugen zum Teil den Stempel der 11. Legion. Zahlreiche Glasstücke von Fensterscheiben wurden gefunden. Demnach gehörten ver- 134 Spielsteine und Wii,fel aus Glas l(nd Bein, ge­ funden in Hüfingen. glaste Fenster in der Art unserer heute noch verwendeten Butzen­ scheiben zum Ausstattungsstan­ dard in Brigobannis. Römisches Fensterglas war relativ dick und von grünlicher Färbung, es ließ Licht in die Häuser und hielt die kalte Luft ab, war aber nicht durchsichtig. Auch Türriegel, Eisen- und Bron­ zeschlüssel und Schloßbeschläge wurden in großer Zahl in dem Grabungsgebiet Mühlöschle ge­ funden. Der Fund von Fragmenten einer handwerklich sehr sorgfältig aus­ geführten Kalksteinin chrift, die leider nicht mehr zusammenge­ setzt werden konnte, gibt uns den Hinweis auf ein sicherlich reprä­ sentatives Gebäude, das in der Siedlung gestanden hat. Leider wissen wir nichts über seine Funk­ tion. Auf der Ostseite de Dorfes, die dem Wind abgewandt war, fanden sich in konzentrierter Form Reste feuergefährlicher Handwerksbetriebe wie Töpfereien und Schmiedewerkstätten. Auch mehrere Mühl­ steine wurden hier entdeckt. Das Industrie­ gebiet Mühlöschle bestand also bereits in der Antike! Nördlich und südlich des Dorfes lagen die Gräberfelder, in denen sowohl die Dorfbe­ wohner als auch die Kastellsoldaten ihre To­ ten bestattet haben. Während der römi­ schen Kaiserzeit waren Feuerbestattungen üblich, und die Asche des Verstorbenen wur­ de, oft in einer Urne, mit Grabbeigaben für das Weiterleben im Jenseits in einer Erdgru­ be bestattet. Besonders schöne und gut er­ haltene Grabfunde aus Hüfingen sind ein bronzener Handspiegel, ein Spiegel in Form einer Dose und ein Glasfläschchen mit Par­ fümöl aus einem Grab im Gewann „Krum­ me Äcker“. Sogar der Obulus für den Fähr­ mann ins Totenreich, hier in Form einer

Bronzemünze des Vespasian, war in diesem Frauengrab noch vorhanden (Abb. 10 bei Mayer- Reppert und Abb. 27). Auch ein römischer Gutshof (villa rustica) wurde auf Hüfinger Gemarkung, im Deg­ genreuschen Wald, gefunden. Allerdings ist nur das Herrenhaus der Anlage durch Gra­ bung erfaßt worden, die Nebengebäude sind nicht bekannt. Der Bau entsprach mit seinen turmartigen Eckrisaliten dem typi­ schen Aussehen römischer Gutshöfe. Die Wohnräume der Hüfinger villa rustica wa­ ren teilweise beheizbar und mit Wandmale­ reien ausgestattet. Die spärlichen Funde an diesem Platz weisen auf eine Erbauungszeit um ca. 70. n. Chr. hin. In den Gutshöfen lebte damals die Land­ wirtschaft betreibende Bevölkerung, wäh­ rend die Händler und Handwerker vici be­ wohnten. Der Gutshof versorgte die Dorf­ bewohner und das Militär auf dem Galgen­ berg mit Nahrungsmitteln aus Ackerbau und Viehzucht. Sowohl die Einwohner des vicus Brigobannis, als auch die Landleute in der villa rustica, waren wohl zum größten Teil Kelten, die sich der römischen Le­ bensform aber stark angepaßt hatten. Die römischen Hilfstruppen, wie sie beispielsweise im Kastell in Hüfin­ gen anzutreffen waren, setzten sich meist aus der Bevölkerung unterwor­ fener Provinzen zusammen. Die Badeanlage westlich des Galgenberges trug vermutlich sehr zur Romanisierung der einheimischen keltischen Bevölke­ rung bei. Sie wurde ursprünglich in den siebziger Jahren des ersten nach­ christlichen Jahrhunderts für die Ka­ stellbesatzung erbaut, später aber noch mindestens bis zum späten 3. Jahrhundert von der Zivilbevöl­ kerung weiter benutzt. Das Bad ist eines der ältesten römischen Militärbäder nördlich der Al­ pen und baustilistisch dem so­ genannten Blocktypus zuzu­ ordnen, der als ältester Bautyp römischer Bäder gilt. Als typisches Merkmal ist die kompakte und fast quadratische Bau­ form zu nennen. Das Hüfinger Militärbad setzt sich aus zwei Bauteilen zusammen. Der erstgebaute südliche Gebäudeteil in Blockform bestand aus einem Heizraum, einem Warmbade­ raum, einem lauwarmen Raum und einem Kaltbaderaum mit Kaltwasserbecken. Somit stellt er ein komplettes römisches Bad dar. Der nördliche Bauteil wurde später ange­ fügt, besteht aus einem einzigen großen Raum, der als Auskleide- und Ruheraum in­ terpretiert wird und hat annähernd die glei­ che Größe wie der komplette Südteil. Zur zweiten Bauphase, die um die Jahrhundert­ wende erfolgt sein muß, gehört auch das runde Schwitzbad im Südwesten der Ba­ deanlage. Hier sollten sich die körperlich schwer arbeitenden Soldaten erholen und abhärten. Ähnlich wie in den Wohnhäusern im vicus konnten auch für die Badeanlage Mosaikböden und Wandmalereien nachge­ wiesen werden. Die einzelnen Baderäume waren wahrscheinlich überkuppelt. Die römische Badekultur war sehr ausge- prägt und setzte sich sogar in den entlegendsten Provinzen des Im­ perium Romanum durch. Ein rö­ misches Bad hat mit unseren mo- dernen Schwimmbädern recht we­ nig zu tun. Es ist viel eher mit einer Sauna oder einem türkischen Schwitzbad zu vergleichen. Die Zu- sammenhänge zwischen Hygiene und Gesundheit, die Vorteile der Abhärtung und der Entspannung, waren den Römern bereits wohl be­ kannt. Für ein ganzheitliches Men­ schenbild spricht auch die berühmte Erkenntnis der Römer, daß ein gesun­ der Geist nur in einem gesunden Kör­ per wohnen könne. Auch Massagen und gymnastische Übungen fanden in ihren Badeanlagen statt, aber nicht nur das: Außer der Sauberkeit und körperli­ chen Ertüchtigung dienten die römi- Großer eiserner Schlüssel 135

sehen Bäder vor allem der Geselligkeit. Hier traf man sich zum Reden, Politisieren und Spielen. Zu Trinken gab es in den Bars der Bäder sicher auch – in heutiger Zeit käme ein Stammtisch im Erlebnisbad dieser Art von Kommunikation ziemlich nahe. Die Stadtrömer sollen übrigens täglich an die drei Stunden in den prächtigen Badean­ lagen, die sogar eigene Konzertsäle und Bi­ bliotheken besaßen, verbracht haben! In Brigobannis wurde das Badehaus ur­ sprünglich als Militärbad gebaut, schon bald aber von der Zivilbevölkerung mitbenutzt. Männer badeten nachmittags, Frauen vor­ mittags. Für die Soldaten war der Eintritt frei, die Dorfbewohner zahlten wahrschein­ lich einen kleinen Betrag – so eine Badean­ lage mußte schließlich auch unterhalten werden. Die Besucher brachten Handtücher aus Leinen, Badesandalen aus Holz und ihr Badegeschirr mit. Die Badesandalen wurden gebraucht, weil der Boden in den mit Hy­ pokaustanlagen beheizten Räumen über 50 Grad heiß war. Das Badegeschirr bestand aus SalbölAäschchen und Metallschabern (strigiles) zum Abkratzen des Öls, das an Stelle von Seife benutzt wurde, vom Körper. Auch eine Art Schöpfkelle zur Verabrei­ chung kalter Güsse gehörte zur Ausstattung. Als Amulell gefaßter Zahn, römische Siedlung in Hiifingen. 136 Der Badeablauf sah nach der Beschreibung des Arztes Galen so aus: Zuerst betraten die Besucher den lauwarmen Raum (tepidari­ um), in dem sie sich aufwärmten, einölten und massieren lassen konnten. Darauf folg­ te ein heißes Bad im feucht-heißen Warm­ baderaum (caldarium). Anschließend kühl­ te man sich im Kaltwasserbecken des Kalt­ baderaums (frigidarium) ab. Jetzt konnte sich noch ein Aufenthalt im trockenen Schwitzraum (sudatorium) anschließen, der wiederum mit einem Kaltbad abgeschlossen wurde. Funde aus dem Alltagsleben in Brigobannis Die Bewohner des vicus Brigobannis leb­ ten vom Handel und Handwerk, wobei sie sowohl die Kastellbesatzung, als auch die durchziehenden Reisenden als Kundschaft hatten. Einen besonderen Schwerpunkt bil­ dete im Dienstleistungszentrum Brigoban­ nis der Verkehr auf der Donautalstraße, die bis zum Schwarzen Meer führte und auf der Nordsüdverbindung von Vindonissa über Brigobannis nach Arae Flaviae (Rottweil). Dementsprechend viele Funde, die im Zu­ sammenhang mit verschiedenen Verkehrs­ mitteln stehen, wie z.B. Wagenbeschläge und Beschläge von Pferdegeschirr, wurden hier gemacht. Aber auch die Breg wurde als Verkehrsweg zur Donau benutzt, und in die­ sen Zusammenhang gehört der Fund eines eisernen Flößerhakens. Schmelzöfen und -tiegcl, die auf der Ost­ seite der Siedlung entdeckt wurden, weisen auf Eisenverarbeitung hin. Eine Schmiede oder Wagnerei ist denkbar. Bronze- und Glassehlacken sind wohl eher mit dem Begriff Recycling zu erklären. Alt­ reste und Scherben wurden eingeschmolzen und den jeweiligen Werkstätten wieder zu­ geführt. Töpferöfen und Fehlbrände bewei­ sen, daß auch die Töpferei in Brigobannis betrieben wurde. Die Holzverarbeitung ist

Funde durch von Bohrern, Meißeln und ähnlichen Werkzeu­ gen ebenso belegt wie die Steinbe­ arbeitung und das Bauhandwerk. Auch Metall- und Lederverarbei­ tung kann fur Hüfingen nachge­ wiesen werden. Im Gebiet Mühlöschle fanden sich auch zahlreiche Geweih-, Kno­ chen- und Hörnerteile, die Spuren von Bearbeitung aufwiesen. Beson­ ders ein halbfertiger Messergriff gilt als Nachweis für Beinschnitzerei. Nähnadeln und Spinnwirtel sind eher der Textilverarbeitung im häuslichen Bereich zuzuordnen. Waagen und Gewichte aus Bron­ ze und Blei dagegen belegen den Melonenförmige Glasperlen aus dem vicus Brigobannis. Stellenwert des Handels im vicus Brigobannis. Auch die vielen Funde von Terra Sigillata-Gefäßen und Amphoren, in denen in der Antike Olivenöl aus Spanien, Wein aus Italien oder Fischsaucen aus Frankreich transportiert wurden, sprechen für regen Handel. und spricht, vor allem, wenn es reich ver­ ziert war, für einen gehobenen Lebensstan­ dard. Die bekanntesten Manufakturen zur Zeit der Siedlung Brigobannis lagen in Süd­ frankreich, dem Elsaß und im Moselgebiet, die Waren wurden von dort bezogen. Die Gebrauchskeramik wurde im Gegensatz zur Terra Sigillata im Dorf selbst hergestellt. Töpfe, Schüsseln, Krüge und die typischen Reibschalen, ein Kombinationsgerät aus Mörser und Soßenschüssel, konnten für Hüfingen nachgewiesen werden. Terra Sigillata (,,gestempelte Erde“) wird das rotglänzende Keramikgeschirr aus römi­ scher Zeit genannt, weil sich auf dem Boden der Gefäße der Herstellerstempel befand. Dieses Geschirr ist im Gebrauchswert mit unserem heutigen Porzellan vergleichbar Luxusgeschirr aus Silber wurde nicht entdeckt, wohl aber Bruch­ stücke von Bronzegefäßen und ei­ nem kostbaren Millefioriglas. Man kann also von einem relativen Wohlstand der Bewohner von Bri­ gobannis ausgehen. Von der Kleidung der Bevölkerung sind uns nur Fibeln zum Ver­ schließen der Gewänder und Gür­ telschnallen bekannt. Auch einige Schuhnägel von den genagelten Schuhsohlen der Soldaten sind ge­ funden worden. Die keltisch-ger­ Fibe/ in Fischfarm, römisch, Auge emailliert, 2. Jahrhundert manische Tracht der Einheimi­ nach Christus. Original-Größe: 4,8 cm. sehen war besonders bei den Frau- 137

en mit mehreren Fibeln ausgestattet. Sie hielten die Stoffbahnen und -röhren zu­ sammen. Auch die römischen Soldaten tru­ gen Fibeln zum Befestigen ihrer Mäntel. Die Fibeln hatten über ihre Funktion hinaus auch Schmuckcharakter. Besonders schön ist eine Fischfibel aus dem Mühlöschle. Auch zahlreiche Haarnadeln aus Bein und Knochen, die zum Aufstecken der kompli­ zierten modischen Frisuren a la römisches Kaiserhaus benötigt wurden, konnten in Hüfingen nachgewiesen werden. Fingerrin­ ge und Perlen von Halsketten wurden eben­ falls gefunden. Schreibgriffel zum Einritzen der Schrift in die Wachstäfelchen, die die Römer anstelle von (Konto·) Büchern be­ nutzten, kommen im Mühlöschle so häufig vor, daß wir von einer hohen Anzahl von Schriftkundigen im ,rntiken Brigobannis ausgehen können. Spielsteine und beinerne Würfel weisen auf den Gebrauch von römischen Brettspie­ len hin, deren Nachfolger Mühle, Dame und Backgammon heute noch gespielt wer­ den. Von der Wohnungseinrichtung sind nur die von den Römern zur Beleuchtung ver­ wendeten Öllämpchen in großer Zahl er­ halten geblieben. Diese Lampen wurden mit Olivenöl gespeist und waren ein typisch rö­ mischer Einrichtungsgegenstand. Die An­ zahl der gefundenen Öllämpchen spricht für den hohen Grad der Anpassung der Bri­ gobannisbewohner .in den römischen Le· bensstil. Auch einige Fragmente von Haus.iltären sind vorhanden und beweisen Kulthand­ lungen im häuslichen Bereich. So bestand Brigobannis als eine blühende Siedlung, deren Bewohner sich an römische Lebensweise und Lebensart angepaßt hat­ ten. War im ersten Jahrhundert nach Chri­ stus noch eine einheimisch-keltische Tradi­ tion vorherrschend, so kann im zweiten Jahrhundert aber deutlich eine schrittweise Anpassung der Bewohner an die Eßge­ wohnheiten und die Mode der römischen 138 Welt festgestellt werden. Die gefundenen Keramik- und Fibelformen belegen diese Entwicklung gut. Am Ende verschmolzen im KastelldorfHüfingen, das zu einem Zen­ trum römischen Lebensstils in der Region geworden war, die keltische und die römi­ sche Kultur. Mit dem Fall des Limes im drit­ ten Jahrhundert war bereits d,1s Ende dieser keltisch-römischen Kultur und des ,,Vicus“ Brigobannis in Sicht. Bis heute aber ist das Hüfinger Römerbad, inzwischen saniert und museumsdidaktisch aufgewertet, ein eindrucksvolles Zeugnis römischer Lebens­ art – und sichtbarstes Zeichen von Hüfin­ gens römischer Vergangenheit. Benlria Scherzer M. A. Li1er.11urJusw.1hl: A. Eckerle, Die römische 8,1dmine in Hüfingen. Frei­ burg 1970; Ph. Filizinger/D. PIJnck/B. Cämmcrer, Die Römer in Baden-Würuemberg. Siuttgart 1986; G. Fingerlin/H.G.Jansen, GeomJgneiische Prospek- 1ion Jl1 einem ungewöhnlichen I lolzbau römischer Zeil in l lüfingen, Schw.m:wald-ßaJr-Kreis. Archäo­ logische AusgrJbungen in 8,tden-Würuembcrg 1990; P. M.1yer-Repper1. Brigobannis – D,1s römische Hü­ fingen. S1uug.1rt 1995; P. Revellio, D.1� K.1s1ell I Iüfingcn. In: Der oberger­ manisch-r.1etische Limes des Römerreiches, Hrg. E. Fabricius/F. Heuner/0. v. Sarwey. Abt. B Band V 2 Nr. 62.i. Berlin 1 937; P. Revellio, Die C.mabae von K:1s1ell Hüfingen. Ba­ dische Fundberichie 20, 1956; S. Rieckholf, Münzen und Fibeln .1us dem Vicus des Kastelb Hüfingen (Schwarzwald-Baar-Kreis). Sa.11- burg-J.thrbuch 32, I 975; A. Veuer, Hüfingen. Hüfingen 1984.

Einst ein wichtiger Wirtschaftsfaktor Römische Gutshofanlage in Überauchen ist ausgezeichnet erhalten Der römische Gutshof nordwestlich von Überauchen ist seit 1921 bekannt. Er wurde von P. Revellio an einem Nord-Südhang über dem Tal des Bondelgraben mit mehre­ ren Gebäuden lokalisiert (Abb. !). Das zu­ gehörige separate Bad (Abb. 1, Nr. 4) und ein Wirtschaftsgebäude (Abb. 1, Nr. 2) wur­ den zu Beginn der 80er Jahre im Neubauge­ biet „Im Brühl“ ausgegraben. Im Frühjahr 1994 kamen wiederum bei Erschließungsar­ beiten im nördlich anschließenden Neu­ baugebiet „Belli“ römische Mauern zutage (Abb. 2). Sie wurden in den Sommermona- ten 1994 und 1995 vom Landesdenkmal­ amt Baden-Württemberg, Archäologische Denkmalpflege, Außenstelle Freiburg, weit­ gehend freigelegt und gehören zu dem Wohngebäude (Abb. 1, Nr. 3) des römischen Gutshofes. Der Lage am Hang verdankt die­ ses Gebäude seine ausgezeichnete Er­ haltung. Im Laufe der Zeit hatten sich Schwemmschichten über die römische Rui­ ne gelegt und sie vor weiteren Zerstörungen geschützt. Auch die Größe des Gebäudes überraschte. Der Grundriß zeigt ein Gebäu­ de mit mindestens 10 Räumen (Abb. 1, ——- — ——>–._ -·-‚()… ____ _ 0 &Om Abbildung 1: Plan der römischen C111shofanlage in Überaue/Jen. 139

Abbildung 2: Eine Luftbildaufnahme von „ Gebäude 3 „des römischen Gutshofes. Nr. 3). Die Mauern waren stellenweise bis zu 1,4 m hoch mit mehreren Steinlagen er­ halten und in der typischen römischen Zwei-Schalen-Technik erbaut. Der Zwi­ schenraum zwischen den beiden Außen­ schalen aus Kalksteinquadern wurde mit Mörtel und Bruchsteinen verfüllt. Die Mauerecke im Nordwesten des Gebäudes vermittelt einen Eindruck vom guten Erhal­ tungszustand der Mauern und von der soli­ den römischen Bautechnik (Abb. 3). In zwei Räumen wurden Reste der Fußbodenhei­ zung (hypokaustum) angetroffen. Vom Hof­ areal führte durch einen Heizkanal die heiße Luft in den Hohlraum unter dem Fußboden und verteilte sich zwischen den senkrecht stehenden, grob zugehauenen Sandstein­ pfeilern und den aus quadratischen Ziegel­ platten gemauerten Säulchen (Abb. 4). Dar­ auf lagen Sandsteinplatten und der Estrich­ boden. In einem dieser beiden Räume wa- ren noch Reste der Wandheizung in Form von Hohlziegeln erhalten. Durch die sog. tubuli zog die heiße Luft an den Wänden hoch ins Freie. Die Räume waren mit Fußböden aus Kalkestrich ausgestattet und über Treppenstufen zugänglich (Abb. 1, Nr. 3). Auf der Innenseite der flächig verputzten Wände hatten sich stellenweise noch Reste der dekorativen Wandbemalung erhalten, wie größere Fragmente zeigen. Darauf sind nicht nur die Farben Rot, Grün, Blau und Gelb erhalten, sondern auch Kompo­ sitionen mit pflanzlichen Motiven (Abb. 5). Etwa in der Mitte von Gebäude 3 liegt ein etwa 175 qm großes Hofareal mit Feuerstel­ le und Backofen. In diesem Gebäudetrakt spielte sich weitgehend das römische All­ tagsleben ab. Hier wurden gekocht und ge­ backen sowie handwerkliche Tätigkeiten ausgeübt. Dafür sprechen neben den Be­ funden auch die zahlreichen eisernen Werk- 140

mit Fußboden- und Wandheizungen in mindestens zwei Räumen kennzeichnen dieses Gebäude 3. Die einzelnen Baudetails liefern Anhaltspunkte zur ursprünglichen Nutzung der Räume. Lage, Grundriß und Ausdehnung lassen darin das Wohnhaus der römischen Gutshofanlage erkennen. Die Funde in Gebäude 3 geben einerseits Hinweise zur Datierung, andererseits sind zeuge, darunter auch Messer mit Holzgrif­ fen und Schafscheren sowie Eisengeräte zur Behandlung von Tierhäuten und Fellen. Ei­ ne Kalkgrube in der Südostecke des Hofes diente zur Aufbereitung von Kalk, der für den Mörtel und den Wandverputz ge­ braucht wurde. In einem Gebäude dieser Größenordnung fielen immer wieder Repa­ raturen an; auch wurde nach Bedarf und Ge­ schmack des Besitzers um- und an­ gebaut, vergrößert und moderni­ siert. Baubefunde im Hofareal deuten darauf hin, daß dieser Wirt­ schaftstrakt auf jeden Fall in den Randbereichen überdacht war. Ob eine Gesamtüberdachung ange­ nommen werden kann, wird noch diskutiert. Die Witterungs- und Temperaturverhältnisse in dieser geographischen Lage erfordern eher einen Schutz in Form einer Gesamtüberdachung; doch fehlen für diese Annahme die überzeu­ genden archäologischen Befunde. Im südlichen Bereich bildet eine an den Hang gebaute Steinmauer die nördliche Begrenzung der über Abbildung 3 {oben) und 4: Die nordwestliche Mauerecke von einen mit Holzstufen versehenen Gebäude 3, ein Mauerwerk in Zwei-Schalen-Technik. Unten: Abganges in einen Keller. Im öst- Blick in einen Raum mit Fußbodenheizung. liehen Gebäudeteil liegen weitere Räume (Abb. 1, Nr. 3). Ein vorge­ zogener Eckbau (Eckrisalit) befin­ det sich im Nordosten; daran schließt sich hangabwärts eine überdachte Halle (portikus) an, die nach Osten ausgerichtet ist und oberhalb der Wegböschung endet. Dieser südliche Trakt wird noch in einer abschließenden Grabungs­ kampagne im Sommer 1996 un­ tersucht. Die außergewöhnlich gut erhal­ tene Bausubstanz, die qualitätvol­ le Innenausstattung mit flächigem Wandverputz und Malereien so­ wie mit Kalkestrichfußboden und 141

bilden den Hauptteil der Eisenfunde inner­ halb Gebäude 3. Zu erwähnen sind in die­ sem Zusammenhang auch Fragmente von Fensterglas. Daß Gebäude 3 mit Ziegel ge­ deckt war, belegen die zahlreichen Leisten­ ziegel. Von der hölzernen Wasserleitung ha­ ben sich eiserne Verbindungsringe mit Holz­ resten, sog. Deuchelringe, erhalten. Spiel­ steine aus Glas und Knochen (Abb. 8) zeigen, daß auch die Freizeit nicht zu kurz kam. Aus Knochen geschnitzte Haarnadeln und bronzene Fingerringe sind persönliche Gegenstände der Bewohner, von denen ei­ nige lesen und schreiben konnten, wie Schreibgriffel beweisen. Kunstvoll gearbei­ tete Bronzebeschläge von Etuis, in denen das Eßbesteck aufbewahrt wurden, liegen ebenfalls vor. Einige Silbermünzen belegen, daß der Gutshof von Überauchen seit der zweiten Hälfte des 2.Jhs. bis zu Beginn des 3.Jhs. n. Chr. bewohnt war. Der Gutshof von Überauchen liegt in der römischen Provinz Obergermanien, die im Zuge der römischen Eroberungspolitik in Südwestdeutschland im 1. Jh. nach Chr. ins Abbildung 6: Kemmikscherbe mit plastischer Gesirhtsdarstel/1111g. Abbildung 5: Fmgment eines bemalten Wand­ putzes. sie auch Hinterlassenschaften der Men­ schen, die in diesem Gebäude gelebt haben. Zu nennen sind Haushaltsgeräte wie der bronzene Griff eines Siebes, Reibschalen, das Koch- und Eßgeschirr aus gebranntem Ton sowie das qualitätsvolle römische ,,Meissner“, die Terra sigillata. Unter den Ke­ ramikscherben befindet sich auch ein Ge­ faßfragment mit einem plastisch modellier­ ten Gesicht, auf dem ein Bart und ein Grübchen am Kinn an­ gedeutet werden (Abb. 6). Scherben von Trinkgläsern und Glasschalen mit Fa­ cettenschliff deuten einen gehobenen Wohlstand an. Vom beweglichen Mobili­ ar haben sich Schlüssel, Beschläge und Scharniere von Truhen und Holzkäst­ chen erhalten. Die zahlrei­ chen eisernen Schlüssel von Schiebeschlössern (Abb. 7) und die Schloßbleche an Türen lassen gewisse Sicher­ heitsvorkehrungen erken­ nen. Eiserne Beschläge der Holztüren und handge­ schmiedete Nägel aus Eisen 142

Abbildung 7: Eiserne Schlüssel römische Reich eingegliedert wurde. Eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung der Infrastruktur im Hinterland des Limes war der Ausbau des Straßennetzes, auf dem nicht nur römische Truppen sondern auch römische Siedler in die neue Provinz ge­ langten. Auch der Nachschub für Militär und die militärischen Anlagen (Kastelle) vollzog sich auf diesem Weg. Parallel dazu entwickelten sich im Umfeld von strategisch wichtigen Verkehrspunkten dorfahnliche (vici) und ländliche Ansiedlungen (villae ru­ sticae oder Gutshöfe). In der weiteren Um­ gebung von Überauchen liegen die römi­ sche Stadt „Municipium Arae Flaviae“ (das heutige Rottweil), die Zivilsiedlung (vicus) „Brigobannis“ mit Kastell und Kastellbad (das heutige Hüfingen) und die inzwischen restaurierte römische Gutshofanlage von Fischbach, Gern. Niedereschach. Die heute weitgehend durch Lesefunde und Luftbilder lokalisierten und durch Not- grabungen untersuchten römischen Guts­ höfe prägten einst das römische Siedlungs­ bild in der Provinz Obergermanien. Nur wenige dieser unterschiedlich strukturierten Anlagen sind vollständig archäologisch un­ tersucht, nur wenige Steingebäude so gut er­ halten wie das Gebäude 3 von Überauchen. Das Spektrum erstreckt sich von einfachen Bauernhöfen bis hin zu größeren Landgü­ tern. Sie versorgten die Bevölkerung in den Städten mit Produkten aus der Landwirt· schaft und bildeten innerhalb der rom1- schen Provinzen einen wichtigen Wirt­ schaftsfaktor. Innerhalb einer römischen Gutshofanlage waren neben dem Wohngebäude auch Stal­ lungen und Scheunen sowie Handwerksbe­ triebe wie Töpferei und Ziegelei und das me­ tallverarbeitende Handwerk (Bronze und Eisen) untergebracht. Eine Hofmauer, an die sich die Acker-, Weide- und Waldflächen anschlossen, umgab das Gebäudeensemble. 143

te im Laufe der Zeit das Schicksal von vie­ len römischen Gebäuden, die allmählich zerfielen, als Steinbruch oder als Recy­ clingsstätte (Kalkbrennofen) benutzt wur­ den und in Vergessenheit gerceten, bis sie durch Bodeneingrcffe bec aktuellen Bau­ maßnahmen wieder ans Tageslicht geholt wurden. Beigaben lose Gräber mit West-Ost gerich­ teten Körperbestattungen, die außerhalb und innerhalb des römischen Gebäudes an­ getroffen wurden, waren eine Überra­ schung. Erst die anthropologische Untersu­ chung wird nähere Erkenntnisse über das in­ dividuelle Alter und die kulturelle Zuge­ hörigkeit bringen. Dr. Julia Klug-Treppe Literaturauswahl: G. Fingesling, Brigachtal-Überauchen. In: Die Rö· mer in Baden-Württemberg 1986, 26 l· 263 Abb. 103 Gebäude 1- 4. A. Harwath, Neue Ausgrabungen im Beseich des sö· mischen Gutshofes bei Überauchen. Mitt. d. Ges. f. Altertums- und Brauchtumspflege 3, 1981, 22 • 24. K. Hietkamp, Ein weiteres Gebäude des römischen Gutshofes von Überauchen. Mitt. d. Ges. f. Alter· tums- und Bsauchtumspflege 2, 1980, 17-18. J. Klug-Treppe, Der römische Gutshof in Überau­ chen, Gem. Bsigachtal, Schwarzwald-Saar-Kreis. Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württem· berg 1994 ( 1995) 176-182. ). Klug Treppe, Weitere Ausgrabungen im römischen Gutshof von Übe rauchen, Gern. Bsigachtal, Schwarz· wald-Baar-Kreis. Archäologische Ausgrabungen in B.1den-Würt1emberg 1995 (1996) im Druck P. Revel­ lio, Römisches Gehöft bei Über,1Uchen. Schriften des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar 15, 1924, 29-34. Abbildung 8: Spielsteine aus Knochen und Glas. Nach einer Phase des wcrtschaftlichen Wohlstandes beeinträchtcgten die um 233 n. Chr. einsetzenden Alamanneneinfalle das ruhige Leben der Bewohner im Hinterland des obergermanischen Limes. Vcele römi­ sche Gutshöfe wurden in dieser Zeit aufge­ geben. Eine Brandschicht in Gebäude 3 von Überauchen deutet auf eine Zerstörung durch Feuer hin. Ob die Bewohner durch die Alamannen endgültig zum Verlassen des römischen Gutshofes cn Überauchen ge­ zwungen wurden, wird wohl erst nach Ab­ schluß der Grabungen beantwortet werden können. Durch seine außergewöhnlcchen archctek­ tonischen Baubefunde und die qualitätsvol­ len Raumausstattungen hebt sich das Ge­ bäude 3 von vielen römischen Gebäuden ab, von denen sich nur noch die Funda­ mente erhalten haben. Die origcnale Sub­ stanz der unterschiedlich hoch erhaltenen Mauern und die baulichen Details wie Trep­ penstufen und Raumeingänge geben ein Raumgefühl, wie es weit und breit kecne an­ dere Ausgrabungsstelle vermittelt. Das Wohngebäude des römcschen Gutshofes von Überauchen ist ein archäologisches Kul­ turdenkmal von besonderer Bedeutung für die Ortsgeschichte und zugleich ein Zeugncs der römischen Besiedlung der Baar. Es teil- 144

Geschichte und Denkmalpflege Versuchsstation Schule Religionsunterricht im Landkapitel Donaueschingen zur Zeit des Dritten Reiches Durch eine Fülle von Erlassen griff das ba­ dische Ministerium für Kultus und Unter­ richt 1933/34 in das schulische Leben ein. Das Hissen der Hakenkreuzfahne, das Ab­ singen des Horst-Wessel-Liedes, das Tragen von Abzeichen oder das Erweisen des Hit­ lergrußes wurden in ihrem Ablauf minutiös geregelt. Dekan Meister berichtet 1935: ,,In Beach­ tung des Erlasses des Herrn Ministers des Kultus und Unterricht Nr. Bov. 4. 1. 1934, Hitlergruß und Flaggenordnung in den Schulen betreffend, habe ich voriges Jahr den in der Kirche versammelten Schulkin­ dern im Beisein von Vikar Burger erklärt und gezeigt, wie Geistliche vor und nach ihrem Religionsunterricht einander zu be­ grüßen haben. Ähnlich, sagte ich ihnen, sollt ihr den Geistlichen auch auf der Straße grüßen durch Erheben des rechten Armes und mit den Worten ‚Heil Hitler‘ und ‚Gelobt sei Jesus Christus!‘ Da in der Folgezeit auffallend viele Kinder den katholischen Gruß ‚Gelobt sei Jesus Christus‘ weg­ ließen und nur mit ‚Heil Hitler‘ grüßten, habe ich wiederholt in den fünf oberen Schulklassen, auch in Gegenwart von Vikar Bur­ ger, die Erklärung abgegeben: ‚Ihr Kinder! Ich habe euch noch nie verboten, ‚Heil Hitler‘ zu sagen, wenn ihr mir auf der Straße begeg­ net, und ich verbiete es auch jetzt nicht. Ich verlange nur, daß ihr außerdem auch noch hinzufügt ‚Gelobt sei Jesus Christus‘. Ähn­ lich wie es vom Ministerium für die Schule vorgeschrieben ist. Ich möchte nicht haben, daß dieser uralte Gruß abgeht.“ Für Dekan Meister waren die Aus­ einandersetzungen um den „Hit­ lergruß“ einer der Gründe für sei­ ne Vertreibung aus Bräunlingen. Bei anderen Priestern blieb es bei der Verwarnung durch die Schul­ behörde. Für alle aber mußte der Hitlergruß ein Ärgernis sein, denn 145 Ein Meer von Liigen und Gewalt. Unter der Propagandama­ schinerie von Goebbels halle auch die Kirche zu leiden. Ein Öl­ gemälde von Franz Mayrhofer.

er verdrängte die überlieferte Tradition, nach der Kinder bei der Begrüßung auf der Straße dem Geistlichen die Hand gaben, einen Knicks oder Diener machten und freundlich ‚Gelobt sei Jesus Christus‘ sagten. Wo der Gruß verdrängt wurde, entfiel auch eine Ehrfurchtsbezeigung gegenüber dem Geistlichen. In vielen Orten des Landkapitels arbeite­ ten Geistliche und Lehrer vertrauensvoll zu­ sammen, waren Lehrer auch Organisten in der Kirche. Und dort lief das Schulleben trotz aller Erlasse friedvoll weiter. Man ar­ rangierte sich. Im Jahresbericht der Erz­ bischöflichen Schulinspektion Hammerei­ senbach (1936), der die Hüfinger Volks­ schule, die Hüfinger Anstaltsschule Maria Hof und die Schulen von Bräunlingen, Waldhausen, Hubertshofen, Unterbränd, Wolterdingen und Tannheim umfaßt, stell­ te Pfarrer Huber fest: ,,In sämtlichen Schu­ len des Bezirkes wurde im vergangenen Schuljahr recht gute Arbeit geleistet. Sämt­ liche Lehrer haben in gut katholischer Ge­ sinnung ihre Lehraufgaben erfüllt und ge­ wissenhaft die religiöse Unterweisung be­ sorgt. Von einem Vorhandensein irgendwel­ cher antichristlicher, deutschgläubiger Ideen wurde nirgends etwas bemerkt. Im Gegen­ teil zeigten alle Lehrer eine gläubige, positi­ ve Gesinnung … Wir sprachen im Namen der Hohen Kirchenbehörde den Lehrperso­ nen Anerkennung und Dank aus und wie­ sen auf die von der Fuldacr Bischofskonfe­ renz erlassenen Katholischen Grundsätze für die Erteilung des Religionsunterrichts hin, ebenso auf den Offenbarungscharakter und die religiös sittliche Bedeutung des Al­ ten Testaments. Erfreulich war auch die rege Teilnahme der Stiftungs- und Gemeinderä­ te an den Prüfungen in allen Gemeinden.“ Wo aber andernorts Lehrer sich den For­ derungen der nationalen Revolution beug­ ten und die ihnen anvertraute Jugend im na­ tionalsozialistischen Sinn erziehen wollten, da wurden Geistliche gerügt, weil sie – wie gewohnt – am Montagmorgen Schüler und 146 Schülerinnen nach dem Besuch des Sonn­ tagsgottesdienstes fragten, weil sie Kirchen­ lieder im Religionsunterricht einübten oder Werbung für katholische Vereine betrieben. Wie sehr bei NS-Lehrern nationalsoziali­ stisches Gedankengut den Unterricht be­ stimmen konnte, zeigen Aufzeichnungen von katholischen Schülern der Staat!. Uhr­ macherschule zu Furtwangen aus dem Un­ terricht von Dipl. Ing. F.: ,,Eure Führer sind keine Führer, sondern Verführer. Der Natio­ nalsozialismus hat die Kirche geschützt. Ihm habt ihr es zu verdanken, daß über­ haupt noch eine Kirche da ist. Und jetzt wirft man ihm Neuheidentum vor. Zwei Ju­ den haben auf dem Papststuhle gesessen. Zwei ausgerechnet aus dem Volk, das den Erlöser ans Kreuz geschlagen hat. Ihr meint immer noch, euch aus irgendwelchen kon­ fessionellen Gründen von der Volksgemein­ schaft ausschließen zu können.“ Viele Geistliche neigen eher zum Ungehorsam Bis ins Innere des Gewissens der Geistli­ chen traf der Runderlaß des Reichs- und Preußischen Ministers für Wissenschaft, Er­ ziehung und Volksbildung vom März 1937, in dem von allen Geistlichen, die in der Schule Religionsunterricht gaben, ein Treue­ gelöbnis verlangt wurde: ,,Ich gelobe, ich werde dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler, treu und gehor­ sam sein und meine Dienstobliegenheiten gewissenhaft und uneigennützig erfüllen.“ Viele Geistliche neigten eher zum Ungehor­ sam gegenüber der Gelöbnisformel. Aus den Tageszeitungen wußten sie, was den Lehrern bei ihren Vereidigungen verkündet worden war: ,,Wer einmal auf diese Fahne schwört, hat nichts mehr, was ihm selber gehört.“ Doch Erzbischof Gröber gab aus pastoralen Gründen Anweisung an die Pfarrämter in Baden, das Treuegelöbnis ab­ zulegen. Er wollte nicht, daß die Schul-

behörden die Geistlichen aus formalen Gründen – Gelöbnisveiweigerung – aus den Schulen vertrieben. Die Geistlichen fügten sich. Aber noch nach Jahren brach aus dem Herzen von Stadtpfarrer Dr. Feurstein der Groll, wenn er im privaten Gespräch mit sei­ nem Freund Pfarrer Rimmele ausrief: ,,0 Jammer, o Jammer, warum erheben sich un­ sere Bischöfe nicht wie ein Mann und stel­ len sich vor ihr Volk und für ihre Kirche hin, um die bedrohten heiligsten Güter zu be- schützen! Unsere Jugend ist verloren, unse­ re Rechte auf Erziehung und Schule ge­ nommen, und die Bischöfe schweigen.“ Sein Freund Rimmele meint dazu: ,,Er schaute eben nur von seiner Warte aus die Dinge an, und seine Warte ist nicht die Hochwarte eines Bischofs, eines Nuntius, ei­ nes Papstes.“ Ganz anders – entschieden, unnachgiebig – reagierte Erzbischof Gröber, als die Natio­ nalsozialisten das Alte Testament als Unter- Die Einweihung des Kriegerdenkmales in Aasen am 28. Mai 1933. Trotz der Präsenz von 100 SA­ und SS-Leuten (7 aus dem Ort), sprach der lfarrer im Sinne jeder Vermeidung von Konfrontation. 147

richtsstoff verbieten wollten. Er klagte schon in seinem Neujahrsschreiben 1937: ,,Soll die deutsche Schule … zur weltanschaulichen Werbeanstalt für das Unchristentum und Neuheidentum werden?“ Gröber war sich längst darüber im klaren, daß sich „Das Christentum und die Kirche in einem entscheidenden Abwehrkampf befinden.“ Kreuzzüge, Inquisition, Hexenverbrennung und Gegenreformation gaben das Material, aus dem in der Schule die provokativen Fra­ gen gestellt wurden. Das Alte Testament wurde verächtlich gemacht. Vorträge der NS-Schulungsredner und be­ wußt plazierte Meldungen der Gauleitung in den Tageszeitungen weckten die Fragelust der jungen Menschen: Kann der Christ, oh­ ne in Widerspruch mit der Bibel zu kom­ men, Antisemit sein? Billigen Sie die Ehe zwischen einem katholischen deutschen Mädchen oder Mann und einem katholi­ schen Juden oder Jüdin? Gefährliche Fragen für den Religionslehrer, denn Spitzel lauer­ ten überall, und ideologisch fixierte Schul­ behörden waren bereit zum Eingreifen. Für die geistige Auseinandersetzung mit der NS­ ldeologie ließ Erzbischof Gröber die Geist­ lichen auf pädagogischen Konferenzen schulen. 1935 lautete das Thema: Wie ist der Unterricht in der biblischen Geschichte des Alten Testamentes zeitgemäß und religiös fruchtbar zu erteilen? Im November 1936 wurden die „Katechis­ muswahrheiten“ den Pfarrämtern durch Bo­ ten zugestellt. Nur ein vierseitiges Faltblatt! Aber scharf geschliffen im Wort und deut­ lich in seinem Inhalt. Ab dem 5. Schuljahr sollte es in allen Schulklassen aller Schul­ formen behandelt werden, sofort, ohne Rücksicht auf den Lehrplan. Und der Kate­ chet mußte nicht nur das Verständnis bei den Schülern sichern, sondern es ihnen auch unverlierbar einprägen. Auswendig! Ein Generalangriff auf das aufgebaute ideo­ logische Gedankengebäude der NSDAP. Parteitreue Eltern protestierten dagegen mit dem Kommentar: ,,Verherrlichung des Ju- 148 dentums, Mißachtung des Nationalsozialis­ mus!“ Der Minister des Kultus und Unter­ richts verbot am 27. 1. 1937 die „Katechis­ muswahrheiten“ als eine Flugschrift, die „staatsabträglich“ ist. Ohne Genehmigung der Behörden in den Schulen eingeführt! Vor allem die Frage 17 hatte Ärgernis erregt: Welches war die größte Ehre des jüdischen Volkes) Die größte Ehre des jüdischen Volkes war, daß aus ihm der Erlöser hervor­ ging. In diesem Sinne sagt Jesus: ,,Das Heil kommt aus den Juden“ Ooh. 4, 22b). „Nein“, befahl der Erzbischof gegen die Anordnung des Kultusministers, ,,die Kate­ chismuswahrheiten werden nicht vernich­ tet.“ Die Pfarrer im Landkapitel verstanden, denn in vielen Pfarrarchiven des Landkapi­ tels findet sich dieser kleine Zettel, auf den die bischöfliche Anweisung zum Ungehor­ sam gegen den Kultusminister vervielfältigt wurde. In welchem „Gewissenkonflikt“ sich die Religionslehrer befanden, zeigt der folgende Brief aus Aasen, verfaßt am 20. November 1938: ,,Geehrter Herr Pfarrer! Als deutscher Lehrer und Mitglied der NSDAP ist es mir nicht mehr möglich, den Religionsunter­ richt weiter zu erteilen. Man kann es doch nicht mit seinem Gewissen vereinbaren z.B. in der Geschichtsstunde die Juden als Gau­ ner zu kennzeichnen, während dann wieder in der Bibelstunde die Könige David, Sa­ lomon u. a. als tugendreiche, vorbildliche Männer auftreten. Wenn ich nun die Ertei­ lung des Religionsunterrichtes niederlege, so ist damit keineswegs gesagt, daß ich aus der Kirche austrete … Den Organistendienst würde ich, so lange sie keinen Ersatzmann finden, weiterführen. Sollten Sie anders ge­ sonnen se111, so bitte ich umgehend um Nachricht.“ Schwere Gewissenskonflike Nach dem Attentat des Juden Hersehe! Grynspan in Paris (7. 11. 1938) hatte der ,,Nationalsozialistische Lehrerbund“ in ei-

ner internen Anweisung alle Lehrer aufge­ fordert, ,,den Religionsunterricht mit sofor­ tiger Wirkung niederzulegen, da wir eine Vorherrschaft des jüdischen Verbrecher­ volkes nicht länger dulden können.“ Viele Lehrer und Lehrerinnen gerieten in schwere Gewissenskonflikte, weil sie sich dagegen sträubten, den Religionsunterricht nieder­ zulegen, andererseits aber schwere Nachtei­ le aus ihrer katholischen Haltung befürch­ teten. Manche versuchten auszuweichen, indem sie nur den Unterricht über das Alte Testament verweigerten. Generalvikar Rösch stellte unerbittlich fest: ,,Eine Scheidung zwischen Altern und Neuem Testament wi­ derspricht den Grundsätzen der Katholi­ schen Kirche, welche Altes und Neues Te­ stament als Offenbarung Gottes anerkennt.“ Und – wer den Religionsunterricht abgab, durfte „den kirchlichen Ehrendienst eines Organisten und Kirchenchorleiters nicht weiterhin verrichten.“ Über den Auszug der Religionslehrer im Landkapitel Donaueschingen meldete am 10. Januar 1939 Dekan Dr. A. Müller aus Neudingen an das Erzbischöfliche Ordina­ riat, daß etwa 80 Prozent der Lehrer den Re­ ligionsunterricht niedergelegt hätten: Aasen: Beide Lehrkräfte haben RU nieder­ gelegt. 5 Stunden RU vom Pfarrer über­ nommen. Bräunlingen: Von 5 Lehrern haben drei RU niedergelegt. 10 Stunden frei, nicht über­ nommen. Döggingen: 1 Lehrer RU niedergelegt, l. Leh­ rer nicht. 1 Stunde RU vom Pfarrer, 1 vom Lehrer übernommen. Donaueschingen: Bis jetzt kein Bericht er­ hältlich. Fürstenberg: Lehrer hat RU niedergelegt. Vom Pfarrer übernommen. Furtwangen: 3 Lehrer in Furtwangen und der Lehrer in Katzensteig haben RU niederge­ legt. 12 Stunden von Geistlichen übernom­ men. Griiningen: Lehrer hat RU niedergelegt. Ent- scheidung nicht endgültig. Gütenbach: 1 Lehrer hat RU niedergelegt. Pfarrer hat übernommen. Hammereisenbach: Lehrer hat sich noch nicht erklärt. Hausen vor Wald: In Hausen vor Wald keine Änderung. ln Behla hat Lehrer RU nieder­ gelegt. 3 Stunden RU frei, Pfarrer über­ nimmt 2. Heidenhofen: Lehrer erteilt vorläufig noch RU. Hondingen: Lehrer hat RU niedergelegt. 3 Stunden übernimmt Pfarrer. Hubertshofen: Lehrer in Hubertshofen RU niedergelegt. Lehrer in Unterbränd RU nie­ dergelegt. Stunden anderweitig belegt. Hüfingen: 3 Lehrer haben RU niedergelegt. 9 Stunden RU frei, 3 Stunden vom Pfarrer, 6 von Lehrerin übernommen. Munde!fingen: Lehrer hat RU niedergelegt. 3 Stunden vom Pfarrer übernommen. Neudingen: Beide Lehrer haben RU nieder­ gelegt. 6 Stunden frei, 4 1/z Stunden vom Pfarrer übernommen. Neukirch: Beide Lehrkräfte haben RU nie­ dergelegt. 6 Stunden vom Pfarrer übernom­ men. ffohren: Keine Änderung Riedböhringen: Keine Änderung Rohrbach: Keine Änderung Schönenbach: 1 Lehrer RU niedergelegt. Lehrer nicht katholisch. Unter- und Ober­ klasse kombiniert. Unterklasse RU um 1 Stunde gekürzt. Sumpfohren: Der Lehrer hat nach anfängli­ cher Niederlegung den RU wieder aufge­ nommen. Sunthausen: 1 Lehrer hat RU niedergelegt. 1 Lehrer nicht katholisch. 3 Stunden RU frei. Noch nicht geregelt. Tannheim: 6 Stunden RU frei. Auf 5 redu­ ziert und vom Pfarrer übernommen. Urach: Keine Änderung Vöhrenbach: 5 Lehrer haben RU niederge­ legt. Davon einer aus Langenbach. 13 Stun­ den RU frei geworden. Von den beiden Geistlichen übernommen. 149

Wolterdingen: Beide Lehrer haben RU nie­ dergelegt. 5 Stunden RU frei. Vom Pfarrer übernommen. So hielten die Geistlichen zu ihrer sonsti­ gen Seelsorgearbeit immer mehr den Religi­ onsunterricht. Auf den biblischen Unter­ richt, den zuvor die Lehrer erteilt hatten, mußten sie sich methodisch erst einstellen. Dann aber brachte es ihnen persönlichen Gewinn, neue Erfahrungen, denn sie konn­ ten jetzt Bibel und Katechismus inhaltlich stärker verbinden. Bei den Gesprächen auf den pädagogischen Konferenzen im Land- kapitel wurde ihnen klar, daß Bibel und Ka­ techismus Formen der Glaubensvermittlung waren, die gemeinsam über zwei Jahrtau­ sende die Kontinuität der Glaubensvermitt­ lung gesichert hatten. Es war nicht nur des Bischofs Befehl, daß kaum Religionsstunden ausfielen. Es war der Wille der Geistlichen, mit ungeheuren Anstrengungen die Weitergabe des Glau­ bens mit neuem Leben zu erfüllen und die Widerstandskraft gegenüber der Ideologie des Nationalsozialismus zu stärken. Richard Zahlten Eine Wurfweite von 37 Metern Dauchinger Feuerwehrspritze stammt aus dem 18. Jahrhundert Als die Freiwillige Feuerwehr Dauchingen bei den Vorbereitungen für ihr 125jähriges Jubiläum im Jahre 1994 ein Jahr zuvor ihre „alte Feuerspritze“ neu anstreichen wollte und deshalb den alten Anstrich ablaugte, entdeckte man mehrere Inschriften. Die In­ schrift am hinteren Druckbaumbasisbrett lautet: ,,DaMalige Vegt Ignatzi Hirt-Fidely Hirt“ und bezeichnet damit die Entste­ hungszeit der Feuerspritze fur das Jahr 1779 oder die Jahre zwischen 1783 und 1789. Zieht man in Erwägung, daß bei einem großen Brand in Dauchingen 1784 eine eigene Feuerspritze nicht erwähnt wird und in den Gemeinde­ rechnungen fur die Jahre 1787 /88 größe­ re und kleinere Arbei­ ten an der Feuersprit­ ze festgehalten sind, engt sich der Zeit­ raum für die Herstel­ lung der Feuerspritze auf die Jahre zwi­ schen 1784 und 1786 ein. Eine zweite, zeit- Die Dai1chinger Feuerwehrspritze gleiche Inschrift auf dem mittleren Teil der rechten Seite des Wasserkastens gibt den Herstellernamen an, von dem jedoch ledig­ lich einzelne Buchstaben erhalten sind. Aufgrund vergleichbarer Stücke in anderen Orten sind Fachleute der Ansicht, die Dau­ chinger Feuerspritze könnte von einem Mit­ glied der Familie Kurtz/Reutlingen herge­ stellt worden sein, was aber mit der erhalte­ nen Buchstabenfolge der Inschrift bis jetzt nicht in Einklang zu bringen ist, so daß die Frage nach dem Hersteller noch offen steht, auch wenn die Ähnlichkeiten zu Feuersprit­ zen, die von der Familie Kurtz in gleicher Zeit hergestellt wur­ den, sehr stark sind. Zwei weitere Inschrif­ ten in den beiden Fel­ dern auf der rechten Seite des Wasserka­ stens besagen, daß die Feuerspritze im Jahre 1826 vom Hü­ finger Spritzenma­ cher Josef Schelble „repariert“ Franz 150

Die Wurfweite der Dauchinger Feuerwehrspritze beträgt 130 württembergische Schuh, das entspricht etwa 37 Metern. wurde. Auf diese „Reparatur“ geht sicherlich die Farbgebung der Feuerspritze in ihrer Hauptsache zurück, so, wie sie sich heute präsentiert. Technisch hat Schelble an der Feuerspritze offensichtlich nichts verändert, sondern sich vermutlich auf das Ausbessern oder Erset­ zen verschlissener Teile beschränkt. Die Dauchinger Feuerspritze mit ihrer Länge von 3,70 m, einer Höhe von 2,24 m und ei­ ner Breite von 1,34 m ist eine fahrbare Stoß­ spritze. Bei gleichzeitigem Anheben und Senken des doppelten Druckbaums wird ein durch jeden Saughub unterbrochener Was­ serstrahl aus dem Wenderohr geworfen. Zeitgleich wurden technisch weitaus moder­ nere Geräte mit zwei Zylindern, einem Windkessel (für gleichmäßigen Strahl) und Schlauchanschluß gebaut, doch waren diese für den ländlichen Raum wenig geeignet, da der Schlauch, aus Hanf gefertigt, ein sehr empfindliches Verschleißstück war. Zudem war der Unterschied im Anschaffungspreis ein beträchtlicher: gemäß eines Werbepro­ spektes von Franz Kurtz und Sohn Chri­ stian Adam aus dem Jahre 1781 kostete eine Feuerspritze mit einfachem Werk, vergleich­ bar mit der Dauchinger Spritze, 380 FI. (bei 15 Jahre Garantie), während der Preis für ei­ ne „Schlauch-und Schlangenspritze“ 600 fl. betrug. Die Wurfweite der Feuerspritze wird im Prospekt mit 130 württembergischen Schuh angegeben, das entspricht ca. 37 Meter. Die in Burladingen-Stetten befindliche, laut In­ schrift von 1781 von Urban Kurtz und Sohn hergestellte Feuerspritze, die große Ähn­ lichkeiten mit der Dauchinger Feuerspritze aufweist, verfügt über eine Wurfweite bis zu 33 m, wie sie diese bei Wettkämpfen histori­ scher Handdruck-Feuerspritzen unter Be­ weis stellt. Acht bis zehn Personen, verteilt 151

an den Enden der beiden Druckstangen, sind zur Erzielung dieser Wurfweite not­ wendig, wobei die Pumpmannschaft wegen Erschöpfung nach 4 Minuten abgelöst wer­ den muß. Während heute der Wasserkasten mittels eines Schlauchs gefüllt wird, wurde in der Vergangenheit das Wasser mittels Le­ dereimer und einer Menschenkette von zum Teil weiter Entfernung herangeschafft. Einen echten Einsatz hatte die Stettener Feuerspritze noch in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs, als Benzinmangel und Stromausfall den Einsatz moderner Feuer- wehrgeräte unmöglich machten und des­ halb mit ihrer Hilfe beim Brand eines Hau­ ses das benachbarte Haus vor dem Abbren­ nen bewahrt wurde. Der letzte Einsatz der Dauchinger Feuerspritze liegt länger zurück, doch wird diese feuerwehr-historische Ra­ rität ersten Ranges künftig öfter bei Ausstel­ lungen historischer Handdruck-Feuersprit­ zen und ähnlichen Anlässen anzutreffen sem. Anton Bruder Der Kaiserturm in Villingen Vom mittelalterlichen Wehrturm zum Museum für Stadtbefestigung Wohl die meisten Einwohner des Schwarz­ wald-Baar-Kreises haben sie schon besucht: Die historische Altstadt der ehemals so wehrhaften, stolzen Zähringerstadt Villin­ gen. Nicht nur „Geschichtsfans“ und ro­ mantische Naturen fühlen sich beim An­ blick der Stadtmauern und Wehrtürme um Jahrhunderte zurückversetzt. Auch die Ju­ gend unserer sich rasch verändernden „Tech­ no-Welt“ bekennt sich zunehmend zum tra­ ditionellen, historisch Gewachsenen. Viel­ leicht wurde durch sie der Wunsch in die Öf­ fentlichkeit getragen, doch einen Wehrturm zur Begehung und Besichtigung freizuge­ ben. Schließlich wurde der Kaiserturm aus­ gewählt, der 1372 auf der bereits bestehen­ den Stadtmauer errichtet wurde, um die Ostseite hinter dem Brigachbogen noch wir­ kungsvoller gegen feindliche Angriffe abzu­ sichern. Das beeindruckende Bauwerk erhebt sich 31 Meter hoch über einem Grundriß von 7×7 m und umfaßt fünf Stockwerke. Sein er­ ster schriftlich belegter Name lautet „Ger­ berthurm“. Durch Uberlieferung und Aus­ grabungen in jüngster Zeit ist bekannt, daß nahe bei dem Wehrturm die Handwerker der Gerberzunft ihre T ätigkeit ausübten. Aus späterer Zeit sind noch die Bezeich­ nungen „Wachtelturm“ und „Schnabel­ turm“ überliefert. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts anläßlich der Entstehung des zweiten deutschen Kaiserreichs erhielt er seinen jetzigen Namen, wohl auch im Zu­ sammenhang mit dem neu erbauten „Kai­ serring“, welcher die neuen Grünanlagen nach Osten abschließt. Übrigens wurde der spitzbogige, gerne genutzte Durchgang erst 1898 geschaffen. Nachdem der Turm seine militärische Funktion verloren hatte, diente er zunächst als Wohnraum. Im 20. Jahrhundert war er der beliebte Versammlungsort verschiede­ ner Jugendgruppen, so der Pfadfinder, bis der Turm in den siebziger Jahren ganz ge­ schlossen wurde. Um ihn jetzt der Öffent­ lichkeit zugänglich zu machen, waren um­ fangreiche Sanierungsmaßnahmen erfor­ derlich, im Inneren des Turmes sowie im Eingangsbereich. Ein größeres finanzielles Problem für die Stadt, das jedoch auf vor­ bildliche und beispielgebende Art gelöst wurde und im Turm selbst besondere Er­ wähnung findet. Nach rund zweijähriger 152

Der Kaiserltmn in Vi/lingen überragt mit seinen 39 Metern Höhe die umstehende Bebauung deutlich und biete/ einen Ausblick iiber die gesamte Stadt hinweg. Tätigkeit von zahlreichen, hier ansässigen Handwerksbetrieben, konnte der Kaiser­ turm 1994 eingeweiht werden. Es soll dem Besucher zunächst das Erlebnis der Turm­ besteigung an sich vermittelt werden, mit reizvollen Ausblicken auf das historische und das neuzeitliche Villingen aus den zahl­ reichen Turmfenstern. Gleichzeitig, ,,wäh­ rend dieser (leicht pulserhöhenden) Turmer­ oberung, werden dem Gast auf spannende Art die mittelalterlichen Wehranlagen er­ läutert. Nachdem man den Eingangsbereich mit der stilvollen Laterne und die schwere Türe mit den alten Schlössern durchschritten hat, gelangt man in das l. Obergeschoß. Hier wird dem Betrachter die Planung und Er­ richtung der starken Befestigungsanlangen Villingens mit Stadtmauern, Tortürmen und Wehrgängen verdeutlicht, wofür die Bürger große finanzielle und persönliche Opfer auf sich nahmen, um sich einen bevorzugten Siedlungsraum zu schaffen. Auf den Kaiser­ turm, der diese geschichtliche Darstellung in seinen Mauern birgt, wird noch besonders hingewiesen. Eine neuzeitliche Wendeltrep­ pe, eingebaut in den fünfziger Jahren, führt in das 2. Obergeschoß, in welchem die Be­ festigungs- und Belagerungstechnik des 17. und 18. Jahrhunderts dargestellt wird. Be­ dingt durch die Erfindung von immer stär­ keren und weiter reichenden Feuerwaffen, wurden in vielen Städten die Befestigungs­ anlagen erhöht und verstärkt. Für Villingen gab es 1692 auch einen solchen Plan, der aber nur in bescheidenem Maße realisiert wurde: Gegenübergestellt werden zwei Städ­ te aus der Region: Freiburg mit dem Plan der Wehranlagen um 1713 und Neu-Breisach mit einem Schulbeispiel der Festungsbau­ kunst nach Plänen des Festungsbaumeisters Vauban. Folgt man weiter den Windungen der Wendeltreppe aufwärts, betritt man das 3. 153

Eingebunden in die Stadtmauer, ist der Kaiserlunn ein kostbares üugnis der Befestigungsanlagen im millelalterlichen Villingen. Obergeschoß, das im Gegensatz zu den an­ deren Räumen nicht verputzt ist. Absicht­ lich wurden die Innenwände mit den be­ hauenen Natursteinen so saniert, daß hier der ursprüngliche Charakter des Wehrturm­ es noch sichtbar ist. Ein wirkungsvoller Hin­ tergrund für Darstellungen aus Villingens schwerster Zeit. Nachdem im 1. und 2. Obergeschoß die Entstehung und Entwick­ lung von Befestigungsanlagen erläutert wur­ de, geben die Bildtafeln im 3. Obergeschoß Auskunft über einige Situationen, in denen die Stadtbefestigung ihre Schutzfunktion zu erfüllen hatte. Die erste starke Bedrohung erlebte Villingen im Bauernkrieg (1525), wo­ bei es allerdings nicht zur Belagerung kam. Im Dreißigjährigen Krieg überstand die Stadt (in den Jahren 1633/34) drei starke Be­ lagerungen und Sturmangriffe über mehre­ re Monate. Die Belagerung im spanischen Erbfolgekrieg (1704) stellte noch einmal höchste Anforderungen an Verteidiger und Wehranlagen, die nicht mehr dem damali­ gen technischen Stand entsprachen. Vierzig Jahre später war dann die militärische Be­ deutung der ehemals so wehrhaften Zährin­ gerstadt vorbei. Folgt man der Wendeltreppe nach oben, kommt man in das 4. Obergeschoß, die frühere Türmerstube, die als einzige Fenster nach allen vier Seiten aufweist, nach Osten ein gotisches Gruppenfenster. Hier soll früher ein Kachelofen für Wärme gesorgt haben. Interessant auch die eigenwillige Bal­ kenkonstruktion. Hier ist über das vorläufig letzte Kapitel der Villinger Wehranlagen ge­ schrieben: die Entfestigung. Nachdem im 19. Jahrhundert die Stadtmauern ihre Funk­ tion eingebüßt hatten, erschienen sie nutz­ los und kosteten der Stadt nur Unterhalt. Zudem gab die Enge in der übervölkerten Stadt den Ausschlag, die Wehranlagen „zu schleifen“. Die äußere Stadtmauer wurde abgebrochen, der Wall abgetragen, die Grä- 154

Der Eingangsbereich des Kaiserturms und ein Blick auf den Turm von der nahen Innenstadt aus. 155

ben zugeschüttet, die Vortore abgerissen, auch das Niedere Tor mußte weichen. Dies alles vollzog sich in wenigen Jahren und wurde von vielen Bürgern beifällig begrüßt. Doch in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts gewann eine romantische Verklärung des Mittelalters immer mehr Anhänger und der Spitzhacke wurde Einhalt geboten. Die noch bestehende Stadtmauer und die Wehr­ türme sollten erhalten bleiben, sie boten reizvolle Ausblicke in den neu angelegten Grüngürtel. Immer noch reich an Zeugen aus historischer Vergangenheit, steuerte die aufstrebende Zähringerstadt in eine sichere Zukunft als Höhenluftkurort in bevorzugter Lage. Romantisierte Plakate, die „Sommer­ frischler“ anlocken sollten, bilden den Ab­ schluß der gelungenen Ausstellung. Beson­ ders wieder herausgestellt: Der Kaiserturm, ist im Sommer wie im Winter ein lohnendes Ziel für Einheimische und Gäste, zumal der Turm noch eine Überraschung bereithält: Nachdem man die vier Obergeschosse be­ wältigt hat (und so an körperlicher und gei- stiger Fitneß dazugewonnen hat), wird man im 5. Obergeschoß mit einer wunderbaren Diaschau in Überblendtechnik belohnt. Die historischen Baudenkmäler, romantische Winkel, aber auch Alltägliches wurde foto­ grafisch und akustisch ins beste Licht ge­ rückt. So mancher Betrachter, der oft in „Alt-Vil­ lingen“ unterwegs ist, kann hier ganz neue Perspektiven entdecken. Das gilt auch für die interessanten Ausblicke aus den Turm­ fenstern, die man aus so luftiger Höhe eben nur vom Kaiserturm hinunter genießen kann. Leichtfüßiger gelingt der Abstieg, während man noch kurze Blicke in die un­ teren Stockwerke wirft. Am Ausgang steht man wieder auf historischem Boden mit dem bekannten Kopfsteinpflaster. Man ver­ läßt den Torbogen und wirft rückwärts­ blickend noch einen Blick auf den alten, ehrwürdigen Wehrturm. Gut, daß es ihn noch gibt, den Kaiserturm. Ingrid Forster Der Brand auf dem Rohrhardsberg Ein Beitrag zur Soziologie auf den Schwarzwaldhöfen Verwaltungs- und Gerichtsakten über ei­ nen Flächenbrand auf dem Rohrhardsberg aus dem Jahre 1753 geben Aufschluß über das Miteinander von bäuerlichen Menschen in Bereichen, die primär gar nichts mit dem Brand zu tun haben. Die Dichte der Besied­ lung am Rande der Herrschaft Triberg, sie bietet eine Momentaufnahme über die Wirtschaft im Schwarzwald, die Arbeit der Bauern im Frühjahr, bei der sie vom Brand überrascht wurden, über ihren Umgang mit Nachbarn und Knechten, ihre selbstver­ ständliche Hilfsbereitschaft und sogar über ihre Vergnügungen – alles in allem: über ei­ ne erstaunlich große Freiheit. Am 5. und am 11. Mai wütete ein Feuer auf dem Rohrhardsberg im Riediswald, im Blaseswald und im Ramselbauernhof auf drei Holzschlägen, also Kahlhieben, und vernichtete, wie man zunächst meinte, auch sämtliche 2 200 Klafter Seheiterholz (in Wahrheit, nachdem es neu aufgesetzt war, nur 1110 Klafter), die für das „Landesfürst­ liche Eisenschmelzwerk“ in Kollnau be­ stimmt waren und die Elz hinabgeflößt wer­ den sollten. Schäden durch Waldbrände wurden indes­ sen von der Obrigkeit und den betroffenen Waldbesitzern offensichtlich durchaus un­ terschiedlich gesehen. Die Bauern rodeten, wo immer sie konnten, um Weid- und Ackerfeld zu gewinnen, selbst an Steilhai- 156

Der Ramselbauemhof heute den eine Reute anzulegen, war vielen nicht zu mühsam. Es wurde gezündelt und ge­ brannt, daß es eine Art hatte; die Regierung hingegen befürchtete, daß „die … schönen jungen Holzaufwächs … zugrundegerichtet und die Wälder nach und nach gar abgetrie­ ben würden.“ Auffällig ist, daß der finanzi­ elle Verlust mit keinem Wort erwähnt wird. Ausgebrochen war der „entsezliche Brand“ auf dem „Holzschlag“ des Lorenz Ketterer, wo noch Reisig und Äste herumlagen. Be­ günstigt durch starken Wind und große Trockenheit, ,,ob wäre alles mit schwebet und pech bestreut“, zog es sich zum Ram­ selwald hinüber und ergriff die Holzbeige. Nur durch die „göttliche Gnad und ohner­ müdeten Fleiß der auf die Brand-statt häu­ fig abgeschickhten Trybergischen Bürgern“, eigens genannt wird der Kreuzwirt Qoh. Ge­ org Hummel? Vgl. Geschichte der Stadt Tri­ berg von W. Maier und K. Lienhard, Frei­ burg 1964, S. 425), konnte gegen Morgen die Hälfte des Kohlholzes gerettet werden. Obervogt Pflummern war am 6. Mai schon vor Sonnenaufgang an der Brandstelle. Trotz „wachen und patrouliren“ brach das Feuer am 11. Mai erneut aus. Wieder halfen Gottes Gnade und die Tryberger Bürger. Forstknecht Johann Weiß und Holzmei­ ster Hansjörg Scherer kamen von Triberg und dem Rendsberg zu spät an, um den Ur­ sprung des Brandes noch feststellen zu kön­ nen – letzterer lief erst los, als er „Rauch und Dampf “ gesehen hatte. Joseph Fehrenbach, der andere Holzmeister (von Kollnau) war beim ersten Brand nicht anwesend, beim zweiten standen die Holzschläge des Lorenz Ketterer, des Mathäus Rainer und des Jo­ seph Küenzlers in Flammen. Die Brandur­ sache (am 11. Mai) vermutete er in der schwelenden, unentdeckten Glut unter der Asche, einen anderen plausiblen Grund konnte niemand finden. Die alles entscheidende Frage war nun, wie 157

der erste Brand entstanden war und durch wen, durch Fahrlässigkeit oder gar „Malefi­ zischen Frevel“? Von den möglichen Zeu· gen, Umwohnenden wie Besitzer der ver­ brannten Flächen, hatte mit einer Ausnah­ me jeder ein Alibi und konnte folglich kei­ ne Angabe über den Ursprung des Feuers machen. Andreas Kuener, im „Loch“ unter dem Ramselbauer, war mit seinem Gartenzaun beschäftigt, er wurde von Nachbarn auf der ,,Haid“ auf den Brand aufmerksam gemacht, lief mit einer Hacke und in Begleitung zwei­ er anderer hin, fürchtete dann aber um sein strohgedecktes Häuslein, kehrte um und trug die Möbel „in die Matte hinaus“, während Leute der umliegenden Höfe, Tri­ berger Bürger und der Jäger, den Brand bekämpft hatten. Seine beiden Gehausen konnte er leicht entlasten. Thebus Schwab hatte acht Tage vorher Wasen gebrannt, Michael Küenzler einen Tag nach der Feu­ ersbrunst. Die Häuflein seien „mit umge· schürften Wäsen und Grund also wie die Kohlhäufen müssen bedeckhet werden“, ab· gedeckt worden. Der Rauch am Freitag vor dem ersten Brand sei von der bei ihm in Herberge befindlichen Strickerin durch Wa­ senbrennen verursacht worden. Er selbst sei wegen seines geschwollenen Gesichts nicht aus der Stube gegangen. Mit einer Hacke gegen das Feuer Lorenz Ketterer vom Rohrhardsberg war zur fraglichen Zeit in Hornberg. Durch den „gegen ihn gefahrenen Rauch“, sei er auf dem Rückweg in den „größten Schrecken“ gefallen, weil er meinte, sein Hof brenne. Mit einer Hacke habe er dann dem Feuer zu wehren geholfen. Er mußte allerdings auch gestehen, daß er am Mittwoch zuvor, ,,Reis und Stumpen“ … auf einen Haufen getragen und verbrannt habe, um „Erdäpfel dahin zu steckhen.“ Ramselbauer Jacob Kuener brachte am 5. Mai „seinen Völkhern“ das Abendessen auf 158 das Feld. Als er „über die Eckhen hinumb ei· nen starken Rauch gesehen“, habe er seine Leute aufgefordert, schnell zu essen und ihm zum Löschen zu folgen. Der Wind trieb das Feuer den Grat hinauf in seinen Holz­ schlag, das dürre Reisig und das aufgebeigte Holz brannte, da drehte aber der Wind, mit den „zugeloffenen Leuthen“ konnten „noch viele Holz beygen errettet werden.“ Zwar seien am Tag vor dem ersten Brand „ober· halb seines Bruders Andreas Häuslein auch Wäsen gebrennet“, aber es sei keine Flamme ,,verspi.ihret“ worden. Den schwersten Stand hattte freilich der „blutarme“ Taglöhner Andreas Gri.ishaber unten am Elzbach wohnhaft, 31 Jahre alt. Ihm hatte Lorenz Ketterer auf dessen „be­ ständiges bitten und anhalten, zu pflanzung etwas wenigs Frucht· und Erdäpfeln“ ein ,,Reuthele“ überlassen, der aber sei bei ei­ nem Klafter zu weith in den alten Holz­ schlag hineingefahren (wovon Ketterer nichts wußte) und (habe) ,,alda gehaket und gebrennet.“ Tags zuvor hatte er Wasen ge­ brannt, am 5. Mai aber den ganzen Tag ,,Erdäpfel“ gesetzt und dabei ein „Feurle“ zum „Tabakh anzünden“ unterhalten. Da hätten im neuen Holzschlag zwei Männer ,,Feyrio“ gerufen, ihnen habe er helfen wol­ len, da habe ihn der Schrecken gepackt, man könne ihn als „Ursächern … argwöhnen“. Ohne „Schopen und Kittel“ sei er dann durch das Prechtal in den Breisgau geflohen. Daß ein Funke von seinem Feuer auf den Holzschlag geweht wurde, habe er nicht ge· sehen. Joseph Kienzler vom Rendsberg säte gera­ de Gerste, erreichte den Brandplatz erst ge· gen Sonnenuntergang und half dem And­ reas Kuener das „Hausgeräth flüchten … We­ gen dem sehr starkh hin- und wider, son­ derbahr aber aldorten zwischen denen Bergen gewähtem würbe! wind“ habe man fliehen müssen. Bei der Einvernahme des Mathäus Rainer aus Schonach kam ans Licht, daß sein Ob­ knecht Lucas Hettich aus Schönwald, sein

Das Z,entrum der ehemals selbständigen Gemeinde Rohrhardsberg. Am linken Bildrand das ehemalige Schulhaus, das Gebäude beherbergte auch das Ratszimmer (Gemeindevenoaltung). In der Bildmitte ist der Elzhef zu sehen. Zuknecht Joseph Pfaff aus Gremmelsbach und der Hirtenbub, der offenbar noch nicht strafmündig war, weshalb auch Angaben über Name und Herkunft fehlen, am Oster­ montagnachmittag, also lange vorher, ,,aus einem bübischem Gespaß“ ein Spiel mit dem Feuer trieben. Obwohl es ohne Folgen blieb, nahm es die Obrigkeit sehr ernst. Während ihr Herr auf dem Markt in Villin­ gen war, gingen sie dessen Holzschlag hinab zum Weidgesellen Mathäus Schörzinger, um ihm eine Flinte abzukaufen. Beim ersten Verhör wiegelte Rainer ab. Sie hätten „nur mit dem am Zündel geschlagenen Tabak­ feur“ einige alte Reishaufen in Brand setzen wollen, was ihnen aber wegen „Schnee- und Winterfeuchte“ nicht gelungen sei. Zu Hau­ se habe sie der Altbauer zurechtgewiesen und sie darauf aufmerksam gemacht, daß sie „umb dises bubenstückhs willen gestraft werden könnten.“ Als Entschuldigung brachten sie vor, sie hätten „am stillen Frei­ tag … in des Lorenz Ketterers altem Holz­ schlag … brennen gesehen, so von denen va­ girenden Strolchen und Bettlern beschehen zu seyn, sie geglaubet“. Etwas anders sah die Sache nach dem Ver­ hör des Obknechts Hettich aus. Danach hat­ ten sie geraucht, seine beiden Begleiter zün­ deten fünf oder sechs alte Reisighäuflein an, sie ließen auch „einige Steine per gspaß die Halden abrennen.“ Hettich verhinderte aber weiteres Abbrennen von Reisig, um einer Strafe zu entgehen. Auf dem Rückweg konn­ ten sie feststellen, daß das Feuer „gänzlich erloschen gewesen.“ Vom Hof aus aber hat­ te der Bauer den Rauch gesehen und sie ,,ausgebalget“ (ausgeschimpft). Dies alles be­ stätigte Zuknecht Joseph Pfaff. Die Obrigkeit ließ jedoch nicht locker. War 159

nicht von Mathäus Rainer doch eine Wei­ sung ergangen oder aus einer Bemerkung zu schließen, daß das Reisig verbrannt werden solle? Umständliche Fragen mußten sich der ,,maister“ und seine Knechte gefallen lassen. Rainer betonte gleich zu Anfang, es habe die Knechte niemand geheißen, die Reisighau­ fen anzuzünden, was Hettich und Pfaff übereinstimmend bestätigten. Es sei „aus unbedacht und lauther gespaß vor sich selbsten“ geschehen. Wohl habe er, Rainer, „lang vorhero eins mahls gesagt: es wäre guth, wenn das alte Reys oben im Holz­ schlag weggeräumet wäre, damit das Vieh füglich hin und wider waiden könnte. Er ha­ be auch vorgehabt, die Obrigkeit umb Er­ laubnus“ für eine Reute zu bitten, er, Het­ tich, aber habe es ihm „ausgeredet und von darumben mißrathen, weillen es ihnen nur viel Arbcith gemacht hätte“. Zuknecht Pfaff ergänzte, um seinen Bauern zu entlasten, er habe von sich aus wegen des Viehes das Rei­ sig verbrennen wollen, ,,der Baur aber, der es zwar gehört, hätte weder Ja noch Nein dazu gesagt, keineswegs aber ihne solches zuthun gehaissen.“ Pfaff entschuldigte sich „als jun­ ger Bub“ für diese Dummheit. Er war 18, Hettich 24 Jahre alt. Ohne daß ihnen Gele­ genheit sich abzusprechen gegeben worden wäre, wurde Mathäus Rainer noch einmal verhört, ob er den Knechten nicht doch we­ nigstens „befingerzaiget“ habe, es zu tun. Dazu der Befragte: Sein Vater wie er habe sie ja am gleichen Abend „ausgebalget“ und be­ drohet, daß sie hierwegen gestraft werden können.“ Im übrigen konnte er nur wieder­ holen, was er bei der ersten Vernehmung schon angegeben hatte. Etwas anderes wür­ den auch die Knechte nicht sagen können. Knechte lebten relativ frei Diese Verhöre über den Brand am Rohr­ hardsberg geben einen höchst informativen, dazu noch ergötzlichen Einblick in die So­ ziologie des Lebens auf einem Schwarz- 160 waldhof zur damaligen Zeit, in das Rackern an unwirtlichen Hängen und – besonders kostbar – in die Freizeitbeschäftigungen von Bauersknechten. Diese sagten nicht gerade unter Eid, aber „nach ernsthafter Ermah­ nung die gründliche Wahrheit“ darüber, was sie am Ostermontag, zu einem Zeitpunkt al­ so, der mit dem Waldbrand nichts zu tun hatte, getan hatten. Der Zweck war ganz zweifelsfrei, sie von unnötigem Feuer im Freien abzuhalten. Wofür der Knecht eine Flinte brauchte, wurde nicht gefragt. Auch nur zum „Gespaß“? Gar zur Jagd? Gar zum Wildern? Unterwegs trieben sie Unsinn, wie es junge Leute zu allen Zeiten tun. Mehr Reisig zu verbrennen, verhinderte der Ob­ knccht. Ob der Handel zustande kam? Im­ merhin hatte ein Knecht so viel Geld, daß er sich etwas nicht unbedingt lebensnotwen­ diges leisten konnte. Von größerer Bedeutung ist die folgende Aussage des Obknechts. Sein Bauer habe einstmals gemeint, es wäre gut, das Reisig wäre weggeräumt, um Weide für das Vieh zu schaffen. Er habe sogar vorgehabt, diesen Holzschlag zu reuten und etwas anzubauen. „Er (der Obknecht) habe aber ihme solches ausgeredet und von darumben mißrathen, weil es ihnen nur viel Arbeit gemacht hätte.“ Der Knecht – der Berater seines Herrn! Was folgt daraus? Dies ist ein überzeugendes, glänzendes Beispiel zur Bestätigung für die relativ freie Existenz von Knechten, wie es der Soziologe Ferdinand Tönnies (Gemein­ schaft und Gesellschaft, Darmstadt, 1991, 3. Aufl., S. 23) zum Ausdruck bringt: ,, … der Knecht, der Freud und Leid der Familie teilt, der … das Vertrauen eines Gehilfen oder gar eines Ratgebers genießt, (ist) seiner mora­ lischen Beschaffenheit nach ein freier Mensch, wenn er es auch nicht in seinem rechtlichen Stande ist.“ Ob alle Bauern mit ihren Knechten ein solch partnerschaftliches Verhältnis pflegten? Mathäus Rainer jeden­ falls redete zu Hause unbefangen vor sei­ nem Gesinde und dieses seinerseits dem Bauern gegenüber auch. Nahezu uneinge-

schränkt war ohnehin ihren Möglichkeiten entsprechend die Freiheit der Knechte an den Feiertagen. Die korrekte Aussage des peinlich auf die Wahrheit bedachten Mannes, ,,es könne sein, daß Er … gesagt habe … es wäre guth … “ sollte auch ihm eine Strafe eintragen. Er, Grüshaber, Kuener, Ketterer, Hettich und Pfaff wurden vor Gericht gestellt. Obervogt PAummern sollte seine Meinung über das Strafmaß äußern. Er schlug vor, daß An­ dreas Grüshaber wegen seines „Tabak- Feur­ lein“ und die beiden Knechte des Mathäus Rainer für ihren „Gespaß“ einige Tage in den Turm gesperrt würden (eine Geldstrafe sei von ihnen wegen ihrer Unbemitteltheit nicht abzuverlangen), Andreas Kuener und Lorenz Ketterer hätten die Reuten zu nahe an ihren Holzschlägen geduldet, und Rainer habe durch seine „Conivenz“ die Anleitung zu ihrem Mutwillen selbst gegeben. Sie soll­ ten 5 Taler bezahlen. Die Strafe sollte auch auf andere abschreckend wirken. Das war am 16. Juni 1753. In einem späteren Vor­ schlag, zu dem er „wegen anderen vielen Amtsverrichtungen“ erst am 19. November 1754 kam, plädierte er für eine mildere Stra­ fe. Andreas Grüshaber, er war „allem An­ schein nach“, wenn auch „ohnvorsezlich“, der Täter, sollte mit 8 Tagen, beide Knechte mit zwei Tagen „Einthürmung“ bestraft wer­ den, die anderen drei sollten zwei, höch­ stens drei.Kronen bezahlen.Was wollte man der „obschwebenden Armuth“ wegen von „armen Gehausen“ und Tagelöhnern mehr verlangen? Ob die Strafen auch wirklich ver­ hängt wurden, verrät die Akte nicht. Karl Volk Quellen: Bad. Generallandesarchiv Karlsruhe 122/65. Geschichte der Stadt Triberg im Schwarzwald. Von Wilhelm Maier und Karl Lienhard, Freiburg 1964, S. 425 Ferdinand Tönnies: Gemeinschaft und Gesellschaft, Grundbegriffe der reinen Soziologie, Darmstadt. 3. Auflage 1991, S. 23. Erweiterte, verbesserte Fassung im Südkurier vom 5. und 11. Mai und Schwarzwälder Boten vom 5. und 8. Mai 1995. Das „Mauerhäusle“ am Elzbach in Rohrhardsberg. 161

Fünf Jahre „IG Baaremer Baukultur“ Zwischenbilanz einer engagierten Privatinitiative Erhaltenswerte Bauten geraten oft in Ver­ gessenheit. Dem Verfall preisgegeben, ver­ kommen sie zum „Schandfleck“. Zugunsten freier Grundflächen werden sie abgerissen. Kulturhistorisch wertvolle Bauten und de­ ren traditionelle, landschaftsprägende Ar­ chitektur gehen so immer mehr und unwie­ derbringlich verloren. Aus Betroffenheit über diese Situation gründete sich vor fünf Jahren die „Interes­ sengemeinschaft Baaremer Baukultur“. „Mitstreiter“ für gemeinsame Aktivitäten zur Rettung noch vorhandener alter Bau­ kultur suchten (und fanden) 1991 die Grün­ dungsinitiatoren Hermann Sumser, Archi­ tekt aus Hausen vor Wald – Besitzer des Das ehemalige Haus des Malers Hans Schroedter (! 872-1957) in Hausen vor Wald ist heute im Besitz des Hiifinger Architekten Hermann Sum­ ser, der dieses idyllische Kleinod ,movierte. 162 schmucken, einstigen Wohnsitzes des „Baar­ malers“ Hans Schroedter – und die Donau­ eschinger Kunsthistorikerin Antonia Reich­ mann. Holger Schmitt (Bräunlingen), Eber­ hard Kern (Donaueschingen), Hans Venohr (Hondingen) sowie aus Geisingen der Ar­ chitekt Markus Uhrig und die Theaterwis­ senschaftlerin Sabine Uhrig schlossen sich dieser Initiative an. Auf privater Ebene und durch gezielte Öf­ fentlichkeitsarbeit engagieren sich die sie­ ben Mitglieder für das Ziel, die Baarbewoh­ ner im Umgang mit historischer Bausub­ stanz zu sensibilisieren und sie auf die Charakteristik erhaltenswerter Häuser auf­ merksam zu machen. Der Erhalt land­ schaftsprägender Dorfstrukturen ist ein wei­ teres Anliegen. Die Absicht, in „falsch ver­ standener Nostalgie dem Vergangenen nach­ zutrauern“, bleibt bei diesem Engagement außen vor. insbesondere Ihren „Handlungsbedarf“ sieht die Inter­ essengemeinschaft in der Schutzwürdigkeit alter Gebäude, die mitun­ ter auch der Denkmalschutz bereits aus den Augen verlor. Aufgrund eigener Sanierungs­ erfahrungen werden finanzierbare Wege auf­ gezeigt, wie wertvolle Bauwerke ohne we­ sentlichen Verlust originaler Baudetails an heutige Wohnbedürfnisse angepaßt werden können. Zur Rettung vor Zerfall oder Abriß kauften bereits einige IG-Mitglieder vom Volks­ mund als „alte Hütten“ bezeichnete Häuser auf und richteten sie in Eigenleistung zum bewohnbaren „Schmuckstück“ her. Holger Schmitt beispielsweise: Er kaufte und re­ novierte 1988 den heruntergekommenen ,,Hölzlehof“ in Bräunlingen. Ein altes Hon­ dinger „Leibgeding“ rettete Hans Venohr vor dem Abbruch. 1989 ersteigerte er dieses Kleinbauernhaus für 5 000 Mark. Wie Hol-

Modeme und Historie: 77,omas und Sabine Uhrig integrierten einen Teil der Geisinger Stadtmauer als wirkungsvolles Architekturdetail ins Haus. ger Schmitt, renovierte auch Venohr in jah­ relanger „Feierabendarbeit“ sein Haus über­ wiegend unter Verwendung von Altbauma­ terial: Balken, Holzdecken, Fußböden stam­ men aus Abrißhäusern. Nachdem er als Mieter viele Jahre auf alten Baaremer Bau­ ernhöfen lebte und sie durch fachgerechte Eigenleistungen „bewohnbar“ machte, ver­ fügt auch Eberhard Kern (Donaueschingen) über reichliche Erfahrung im Umgang mit alter Bausubstanz. Die vorrangigste Aufgabe sah die »Interes­ sengemeinschaft Baaremer Baukultur“ kurz nach ihrer Gründung in der Erarbeitung ei­ ner „Bestandsaufnahme“. Bei systematisch durchgeführten Exkursionen in die Baar­ dörfer hielten sie deshalb Ausschau nach Re­ likten alter Handwerkskünste, nach erhal- tenswerten Bauten und auch nach (bisher noch) vorhandenen Teilen intakter Dorf­ charakteristik. 1992 wurde Sumpfohren, kleinster Teilort der Bregstadt Hüfingen, als erstes Dorf fo­ tografisch und schriftlich im „Ist-Zustand“ dokumentiert. Das Ergebnis präsentierte die IG Baukultur 1993 in einer Ausstellung mit dem Titel „Alt und Neu im Dorf – Ansicht ohne Aussicht?“ im Sumpfohrener Farren­ stall. Aus einem äußerst sensiblen und kriti­ schen Blickwinkel wurde den Bewohnern die Schönheit ihres Dorfes vor Augen ge­ führt – und auch die Gefahr der Vergäng­ lichkeit dieser Idylle. Im Zuge der Gebietsreform und mit dem Verlust der Gemeindeselbständigkeit ände­ rte sich das Leben auf den Dörfern. Land- 163

‚� – ……. bedroht ist: Vom Zerfall ge­ zeichnete Anwesen, verwitterte Schuppen und Scheunen, aus­ getretene Steintreppen, zer­ bröckelnde Mauern, Jahrhun­ derte altes Kunsthandwerk – meist durch Geringschätzung der Vergessenheit anheimgefal­ len. Daß zunehmend auch alte Baaremer Wirtshäuser mit ge­ täferten Stuben und abge­ schliffenen Holzböden, stei­ nerne Brunnen oder ungeteer­ te Plätze aus kleinen Dörfern verschwinden, gehört ebenso zur Negativ-Bilanz der IG Bau­ kultur. Intakte, ländliche Idylle und mancherorts auch ganze Altstadtensembles weichen zu­ nehmend dem modernen Ar­ chitektur-Zeitgeist. Stellvertretend für viele ande­ re von Dorfentwicklungsmaß­ nahmen gezeichnete Ortschaf­ ten, folgte 1995 am Beispiel der Blumberger Teilgemeinde Riedöschingen eine weitere Dokumentationsausstellung: „Ansicht ohne Aussicht? – 100 Riedöschingen“. Der 860-Ein- wohner-Ort kann als typisches „Dorf im Wandel der Zeit“ gelten, geprägt von gravierendem Landwirtschaftsrückgang (1925: 165; 1995: 5 Haupt- und 25 Neben­ erwerbsbetriebe) und dem damit einherge­ henden Verlust dörflicher Strukturen. eine wertvolle Fotosammlung alter Dorfansich­ ten, die der Riedöschinger Ortsvorsteher Hermann Barth sorgsam aufbewahrt, beleg­ te diese Dorfentwicklungsgeschichte beson­ ders eindrucksvoll. Davon überzeugt, daß „Reden und Schrei­ ben zu wenig bewirken“, legten die IG-Mit­ glieder 1994 an der sanierungsbedürftigen Geisinger Stadtmauer selbst Hand an. Sie sa- Der „Hölzlehof‘ in Bräzmlingen nach seiner Renovierung durch Jahre bauliche Entwicklung in Holger Schmitt. wirtschaftliche Betriebe wurden aufgegeben, Altes nach modernen Gesichtspunkten und städtisch orientierten Wohnvorstellungen umgebaut oder Neubauten erstellt. Auch Bauerngärten, heute vielerorts schon fast ei­ ne „Rarität“, wichen im Zuge der Dorfent­ wicklungsmaßnahmen breiten Gehsteigen und pflegeleichten Rasen-Vorgärten. Insgesamt stellte die Gruppe bei ihren Dorfbesichtigungen „gewaltige Verluste der alten Bausubstanz“ fest. Immer deutlicher wurde für auch die Diskrepanz zwischen dem, was sie als schön und erhaltenswert empfindet und gleichzeitig akut vom Abriß 164

nierten sieben Meter (von insgesamt 300) des vom Zahn der Zeit angegriffenen, histo· rischen Mauerwerks. Stück für Stück ent· fernten sie wildwuchernden Efeubewuchs, Mauerritzen wurden von den Architekten Sumser und Uhrig fachmännisch ausgebla­ sen und neu verfugt, ausgebrochene Basalt­ und Kalksandsteine eingesetzt. Als „Basisarbeit“ versteht die Gruppe die Weitergabe eigener Erfahrungen. An sanie­ rungsinteressierte Altbaubesitzer werden beispielsweise bodenständige, im Umgang mit alter Bausubstanz geübte und sensible Handwerker vermittelt. Auch für die Zwi­ schenlagerung und Beschaffung wertvollen Altbaumaterials hat die IG Baukultur Tips parat (Kontakt: 0771/7735). Immer wieder bringt die einerseits traurige Tatsache eines bevorstehenden Hausabrisses auch die Möglichkeit mit sich, wertvolle Stubentäfe­ rungen, Kachelöfen, Bodenplatten, Decken­ und Balkenholz zu retten. Als kulturhisto­ risch wertvolle „Fundstücke“ in eine Alt­ bausanierung integriert, bleiben auf diese Weise Teile abgerissener Bauten erhalten. Zur Rettung eines abrißgefährdeten Hau­ ses wurde mitunter auch die Möglichkeit des IG-Gemeinschaftskaufes in Erwägung gezo­ gen „Wer sich denkmalschützerisch enga­ giert, darf nicht nach dem Nutzen fragen“, so lautet das Fazit der „Interessengemein­ schaft Baaremer Baukultur“. Und obwohl sie trotz Protest und Einspruch immer wie­ der Rückschläge durch nicht zu verhindern­ de Hausabbrüche hinzunehmen hat, wird diese Privatinitiative ihre Arbeit fortsetzen – die „Notwendigkeit des Handelns“ ist dazu die beste Motivation. Ingrid Rockrohr Hondinger Bauernhaus vor und nach der Reno· vierung. Beinahe wäre dieses „Libgeding“ abge· rissen worden. 165

Ein berühmter Orgelbauer aus Gütenbach Philipp Furtwängler und seine Orgelfabrik in Elze/Hannover Das zu Ende des 17. Jahrhunderts von Neukirch nach Gütenbach eingewanderte Geschlecht der Furtwängler hat zahlreiche Talente hervorgebracht. Bekannt ist heute vor allem der Dirigent Wilhelm Furtwäng­ ler. Den Kennern der Wissenschaftsge­ schichte ist auch der Archäologe und Gym­ nasiumsdirektor gleichen Namens geläufig. Von dessen Bruder, dem Orgelbauer Philipp Furtwängler (6.4.1800 – 5. 7.1867) handelt der vorliegende Beitrag. Philipp, genannt „Schmiedefilp“, der dritt­ älteste Sohn des Handels- und Frachtfuhr­ mannes Bartholomäus Furtwängler (1772 – 1845) war zu aufgeweckt, um in Gütenbach sein Leben zu verbringen. Schon lange be­ schäftigte ihn der Gedanke, mit seinen Fähigkeiten den Schritt in die Fremde zu wa­ gen. Das sonntägliche Gequietsche der Hei­ matorgel brachte ihn auf die Idee, daß man im Orgelbau ein gesichertes Fortkommen haben und sich einen Namen machen kön­ ne. Er verließ daher vermutlich um 1820/22, möglicherweise auch früher, seine Heimat­ gemeinde Gütenbach und I‘ gelangte nach Elze bei Hannover. Dort erwarb er schon 1822 das Bürger­ recht, nachdem er Arbeit und Unterkunft bei einem Orgelbaumeister gefunden hatte, der des Lobes voll war über so einen ge­ schickten und zuverlässi· gen Arbeiter. In Elze begann also die ruhmreiche Laufbahn des Philipp Furtwängler. Man berichtet, daß der Güten­ bacher auch sogenannte Schwarzwälder Uhren ver­ . !,. -:;:::::zl!’m!ll,,l� habe. Anläßlich seiner Eheschließung mit Christine Heuer im Mai 1828 vor dem Elzer Magistrat heißt es in dem Vertragswerk, Furtwängler verfüge über ein nicht unbe­ deutendes Warenlager von Uhren, Materia· lien zu deren Verfertigung, Werkzeuge sowie auch zwei zum Verkauf bereite „musikali· sehe Instrumente“. Um was es sich dabei handelte, läßt sich nicht mehr endgültig feststellen. In einem Brief von 1855 erwähnt Furtwängler jedoch, er habe 1826 ein Pan­ phoneterion gebaut, wohl eine Flötenuhr oder eine Drehorgel. Das Wissen hierzu hat· te er aus Gütenbach mitgebracht, wo er ver­ mutlich bei Mattias Siedle bereits Flötenuh­ ren gefertigt hatte. Nachdem die hergestellten Schwarzwald­ uhren, in der Hauptsache Lackschilduhren, aufgrund des Standortes der Werkstatt im hohen Norden wohl nicht den rechten Ab­ satz fanden, kam Furtwängler die Idee zum Turmuhrenbau. Aufgrund seiner Fachkennt­ nisse war es nicht allzuschwer, das System der Schwarzwalduhren auf größere Werke ‚ zu übertragen. So fertigte �….. er schließlich Großuhren für Kirchen und hannover­ sche Bahnhöfe. Bereits 1823 wurde ihm die War­ tung der Turmuhr der Elzer St.-Peter-und-Pauls­ Kirche übertragen. Aus allen Aufzeichnungen ist zu entnehmen, daß der Orgel· und Turmuhrenbau bei ihm zusammenge­ hörten. So verwundert es nicht, daß er 1865 für die Gütenbacher Kirche eine Turmuhr fertigte. Damals, wie auch bei der neuen Orgel 1858, wurde Philipp fertigt und damit hausiert Philipp Furlwiingler und Frau 166

,,Mechanicus und Uhrma­ cher“, und 1836 trägt der Vertrag mit der Stadt Gro­ nau bereits die Bezeich­ nung „Ph. Furtwängler, Groß-Uhrmacher, Klein-u. Groß-Orgelbauer, u. me­ chanisch-musikalisd1er In­ strumentenmacher“. 1842 konnte er seine Geschäftsverbindungen in den Norden des König­ reichs Hannover ausdeh­ nen, nachdem der Elzer Superintendant Dr. Bauer Lobeshymnen über ihn ge­ schrieben hatte: ,,Er ist ein ausgezeichneter Mensch, sowohl an Geist als an Herz. Es sind vorzüglich zwei Gegenstände, in de­ nen er eine wahre Meister­ schaft durch sein eigenes Genie wie durch wahrhaft wissenschaftliches Studium und unermüdetes Forschen und einen eisernen Fleiß errungen hat: nämlich Or­ gelbau und Turmuhren­ Anfertigung. Bei beiden ist Mathematik die Grundlage und Furtwängler ist ein ge­ borener Mathematiker. betrifft, so ist er der red­ lichste und gewissenhafteste Mensch. Fast möchte ich sagen, er ist leider zu unei­ gennützig, daß heißt, er leistet mehr, als er den Kontrakten nach schuldig ist. So ist der Fall nicht selten, daß er, wenn nicht Scha­ den, doch keinen entsprechenden Vorteil an seinen Arbeiten hat.“ Der Hildesheimer Orgelbauer und Orgel­ forscher Ernst Palandt sagte von dem Grün­ der der Elzer Orgelbauanstalt treffend: ,,Phi­ lipp Furtwängler war begeisterter Autodi­ dakt, Idealist und baute aus innerer Beru- 167 Die alte Gütenbacher Kirchenorgel, erbaut von Philipp Furlzoiingler. Was sein Charakter an­ als Wohltäter der Kirchengemeinde be­ zeichnet. Wie Nachforschungen ergaben, hatte er beide Einrichtungen zum Selbstko­ stenpreis, für die Hälfte des normalen Prei­ ses an seine Gütenbacher Mitbürger gelie­ fert. Die außergewöhnlich große Uhr läßt sich heute im Dorfmuseum des Heimat­ und Geschichtsvereins bewundern, nach­ dem sie 1963 beim Abriß der alten Kirche abgebaut und nicht wieder verwendet wur­ de. Schon bald nach seiner Selbständigma­ chung im Jahr 1830 nennt Furtwängler sich

fung. Deshalb auch die ewigen Zugaben über seine Kontrakte. Seine Söhne gingen von Geschäftsprinzipien aus, gezwungen durch die gegebenen Verhältnisse.“ Furt­ wängler entwarf klassizistische wie auch früh romantische Orgeln. Während er zu Be­ ginn seines Orgelbaues nur dörfliche Kir­ chengemeinden beliefert hatte, baute er schließlich mehr und mehr Orgeln für Städ­ te wie Münder, Eldagsen, Buxtehude, Gro­ nau, Verden, Lüneburg, Soltau, Münster und Hannover. Davon war die größte und bedeutendste Leistung der „Elzer Orgelbau­ anstalt“ die Orgel für die St-Matthäi-Kirche zu Gronau 1860. Zwei Jahre zuvor hatte Furtwängler außer­ dem seiner Heimatgemeinde ein Angebot gemacht, für ihr Kirchlein eine „Furtwäng­ lerorgel“ zu bauen. Die Finanzierung sollte dabei in Erinnerung an die erste Orgelakti­ on des Pfarrers Jäck um 1700 erfolgen, wo­ nach die Bürger ihr Scherflein in Form von einer oder mehreren Uhren beitragen konn­ ten. Doch auch Bares floß in die Orgelkas­ se. Georg Scherzinger, bekannt unter dem Namen „Hinterwälder Glasträger“, machte mit 172 Gulden den verheißungsvollen An­ fang, gefolgt von dem Geistlichen Rat Grießhaber in Rastatt. Dieser spendete im Namen seines in Gütenbach geborenen Va­ ters 100 Gulden. Wilhelm Weber, Lehrer in Gütenbach und von Furtwängler begeistert, berichtet: ,,Bald rollten Kisten und Kasten die neue Straße herauf. Mit vereinten Kräften wurde das neue Werk erstellt. Sechsundzwanzig schö­ ne Register zauberten edle KJänge hervor. Während des Aufbaus traf man sich abends mit den Jugendfreunden im Gasthaus Zum Kreuz, das dem Bruder Pius gehörte und tauschte Erinnerungen aus“. Demzufolge hat Furtwängler seine Orgel selbst aufge­ stellt, wie er auch in seinen Aufzeichnungen schrieb, die „Klänge seiner Orgel mögen über die Gräber seiner Eltern schwingen.“ Die Gütenbacher Orgel hatte eine Beson­ derheit aufzuweisen: Der Spieltisch war se- 168 parat angelegt, d. h. der Organist saß entge­ gen der üblichen Art mit dem Gesicht zum Altar und konnte so den Ablauf der Hand­ lungen des Gottesdienstes beobachten. Furt­ wängler stattete die Orgel für seine Heimat­ gemeinde großzügiger aus als dies 1857 durch den Orgelinspektor L. Lump vorge­ schlagen worden war. Er richtete „diejenigen Arbeiten der Mechanik, die stets von mir und meinen Söhnen gemacht wird“ selbst ein; die Gesellen liefern „ortenaire Arbeit, selbige darf und kann ich nicht für Güten­ bach liefern.“ Bei dem Kirchenabriß 1962 wurde auch die Orgel zerlegt und ausgela­ gert. Heute kann man die Orgel mit ihren 26 Originalregistern in der Lutherkirche in Ba­ den-Lichtental besichtigen. Neben seinen beiden Söhnen Wilhelm und Pius, die auch das Geschäft übernah­ men, hatte Philipp noch weitere 14 Gesellen im Orgel- und Uhrenbau besdiäftigt. Seit 1862 hieß der Betrieb „Philipp Furtwängler und Söhne“. Die Firma expandierte nach seinem Tod 1867 noch weiter, bevor sie mit dem Ableben des Sohnes Wilhelm 1883 er­ losch. Pius Furtwängler, der verbliebene Bru­ der, mußte seine Zahlungsunfähigkeit an­ melden. Er verband sich bald darauf mit Adolf Hammer aus Herzberg zu der neuen Firma „P. Furtwängler & Hammer“ mit Sitz in Hannover, die diesen Firmennamen auch nach dem Ausscheiden Pius Furtwänglers am 10. August 1892 beibehielt und seit 1937 unter „Emil Hammer Orgelbau“ firmierte. Die Orgelbauanstalt Furtwängler hat während ihrer Elzer Zeit rund 220 Orgeln geschaffen, ganz zu schweigen von den zahl­ reichen größeren oder kleineren Uhren. Oswald Scherzinger Qiellen und Literatur: Handschriftliche Aufzeichnungen von Lehrer Wil­ helm Weber, Giitenbach. Ettlingen 1932. Festschrift zur Wiedereinweihung der Philipp-Furtwängler-Or­ gel in Buxtehude. Hg. vom Orgelbauverein St. Petri e.V. Buxtehude 1985. Jürgen Hude Von Orgelbau­ ern, Sängern und Musikantcn, ln:Jahrbuch 1992 des Landkreises Hildesheim, S.186-189.

Museen im Schwarzwald-Baar-Kreis Wo Stadtgeschichte lebendig wird Das Franziskanermuseum in Villingen-Schwenningen Unter „Franziskaner“ versteht man in Vil­ lingen-Schwenningen nicht in erster Linie den Angehörigen eines Bettelordens, son­ dern den markanten Gebäudekomplex des in einem ehemaligen Kloster eingerichteten Kulturzentrums im Stadtbezirk Villingen. Als Veranstaltungsort vielfältiger Kulturer­ eignisse, vom klassischen Konzert mit inter­ nationaler Starbesetzung bis zu Ausstellun­ gen der Städtischen Galerie, des Kunstver­ eins und der Museen, haben Kirche und Klostergebäude längst ihre hervorragende Eignung bewiesen. Mit dem Ausbau und der kompletten Neukonzeption des Mu­ seums wird der „Franziskaner“ in den näch­ sten Jahren weiter stark an Attraktivität ge- winnen und seinen Ruf als eine Institution mit überregionaler Ausstrahlungskraft festi­ gen. Ein erstes Etappenziel auf dem Weg zum neuen Franziskanermuseum wurde im Ok­ tober 1995 erreicht. In das erste Stockwerk der ehemaligen Klausur des Klosters zog die Dauerausstellung zur „Kulturgeschichte Vil­ lingens vom Mittelalter bis zum Ende des 18. Jahrhunderts“ ein. Die seit 1876 beste­ hende Altertümersammlung der Stadt – be­ reichert durch zahlreiche Leihgaben des Landesdenkmalamtes aus Grabungen im Stadtgebiet – wird damit zum ersten Mal überhaupt in einer professionell geplanten und dem überdurchschnittlichen Rang der Antependium mit Verklärung Christi, Basel, um 1490. 169

Organisation dieser zen­ tralen Institutionen städti­ schen Wirtschaftens ver­ mitteln lassen. Darüber hinaus werden zwei Hand­ werkszweige gründlicher betrachtet: Die Vorstel­ lung eines lederverarbei­ tenden Betriebs aus der Zeit um 1200 bietet in­ teressante wirtschaftsge­ schichtliche Aufschlüsse. Die Geschichte einer Ger­ berfamilie vom 16. bis zum 18. Jahrhundert be­ leuchtet das Thema sozial­ geschichtlich. Der Blick auf die Technik der Gerbe- Modeme Museumspiidagogik: d11s Fmnziskanermuseum ist 1111ch fiir rei zeigt, daß „mittelalter­ liehe“ Produktionsweisen Kinder ein Ort aktiver Geschichtsarbeit. noch bis ins frühe 20. Jahr­ hundert hinein beibehalten werden konn­ Objekte angemessenen Präsentation gezeigt. ten. Keramikscherben in einer Zeitleiste Die Ausstellungsstücke erscheinen nun in vom 12. bis zum 20. Jahrhundert belegen völlig neuem Licht. Das gilt sowohl für die hingegen die kontinuierliche technische künstlerisch herausragenden mittelalter­ Weiterentwicklung des Hafnergewerbes. Sie lichen Bildteppiche, die umfangreiche Sam­ sind deshalb eine wichtige Datierungshilfe mlung an sakraler Kunst aus den Kirchen für die archäologische Forschung. An ihrem und Klöstern Villingens und die wertvollen Beispiel läßt sich folglich auch vermitteln, Zunftaltertümer, aber auch für bescheidene­ wie die Geschichtswissenschaften zu ihren re „alltägliche“ Objekte wie Ellen und Hohl­ Erkenntnissen gelangen, auf denen unser maße, Kochtöpfe und Trinkgläser, Ofen­ Geschichtsbild fußt. keramik und Bodenfliesen, Brettspielsteine und Bocciakugeln. In der modern gestalte­ Museum und Kloster als Einheit ten Ausstellungsarchitektur erhalten die Objekte genügend Platz, um entsprechend Die Gliederung dieser vielfältigen Einzel­ wahrgenommen werden zu können. Sie ver­ themen erfolgte unter Berücksichtigung der mitteln ein möglichst vielschichtiges Bild historischen Architektur der ehemaligen der Kulturgeschichte der traditionsreichen Klosteranlage. Die Grundstruktur der auf­ Stadt. In Themenblöcken wie „Ernährung wendig restaurierten Räume ist so charakte­ und Küche“, ,,Leben in der belagerten ristisch, ja dominant und von der eines klas­ Stadt“ oder „Bilder und Zeichen der Fröm­ sischen Museumsbaus verschieden, daß sie migkeit“ wird Stadtgeschichte als soziale nicht überspielt, sondern möglichst pro­ Strukturgeschichte nahegebracht. duktiv mit in die Konzeption einbezogen Die Zünfte werden zum Beispiel nicht nur wird. Der Grundriß des ersten Stockwerks durch Truhen, Siegel und Wirtshausschilde über dem Kreuzgang zeigt eine Dreiflügel­ vorgestellt, prächtige Repräsentationsmittel, anlage, die sich an die Kirche anlehnt. Es lag anhand derer sich Geschichte, Aufbau und 170

Belagerungen oder die verschiedenen Stadt­ herren, die Villingen im Verlauf der Jahr­ hunderte erlebt hat, von innerstädtischen Aspekten wie den Herrschafts- und Verwal­ tungsstrukturen des Stadtrats und der städ­ tischen Ämter oder der Organisation der Zünfte unterschieden. Die Neukonzeption des gesamten Franzis­ kanerkomplexes macht indes weitere Fort­ schritte. Dies gilt nicht nur für die weiteren Ausstellungseinheiten zur Vor- und Frühge­ schichte, zur Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts und zur Schwarzwaldsamm­ lung. Mit dem Anbau eines Foyers werden einige infrastrukturelle Probleme gelöst und das reibungslose und anregende Nebenein­ ander von Konzert- und Ausstellungsbetrieb gewährleistet werden. Ein lebendiges Museum bietet mehr als in­ teressante Exponate in schönen Räumen. Das Franziskanermuseum sieht sich als ei­ nen Ort aktiver Geschichtsarbeit. Das gilt für das Sammeln und Erforschen von Zeug­ nissen der Sachkultur durch die Fachwissen­ schaftlerinnen im Haus ebenso wie für die Vorbereitung und Durchführung von Son­ derausstellungen. Dabei findet Forschung nahe, die räumliche Dreigliederung auch thematisch aufzugreifen und jedem Flügel ein Grundthema zuzuweisen. Zugleich be­ sitzt die hufeisenförmige Anlage im verbin­ denden Qiertrakt eine räumliche Mitte. Hier fand der Bereich der Alltagskultur sei­ nen Platz, das alltägliche Leben zwischen Küche und Werkstatt, Wohnhaus und Wirtshaus. In den Seitenflügeln, von zwei Seiten auf den Alltag einwirkend, werden einmal die Institutionen der weltlichen Ver­ fassung und Verwaltung, der Herrschaft in und über die Stadt, zum anderen die geistli­ chen Institutionen und die Formen der Re­ ligiosität ausgestellt. Der Raumeindruck in der ehemaligen Klausur ist in hohem Maß bestimmt von der Aufteilung in lange und relativ breite Flure und die von ihnen erschlossenen, nebeneinander aufgereihten ehemaligen Mönchszellen. Auch dieses Charakteristi­ kum des Baus wurde Ausgangspunkt für ein Charakteristikum der Konzeption: Es wurde durchgehend zwischen Themen unterschie­ den, die nach „draußen“, also in den Flur gehören, und solchen, die nach „innen“, al­ so in die ehemaligen Zellen gehören. Dabei wird „außen“ und ,,innen“ mal wörtlich­ räumlich verstanden im Sinne von Hand­ lungen und Ereignis­ sen, die unter freiem Himmel stattfinden wie Marktgeschehen Prozessionen und gegenüber solchen, die sich in Innenräu­ men abspielen wie Kochen oder die Feier des Meßopfers. Auf einer anderen Ebene werden von außen auf das städtische Le­ ben einwirkende Er­ eignisse und Struktu­ ren wie Kriege und Blick in den Kreuzgang des Franziskaner-Museums. 171

1 III — D— a— Der lnnenhef des Franziskaner-Museums in Vil/i11gen-Sclnoenni11gen. nicht im luftleeren Raum statt, sondern er­ arbeitet ihre Fragestellungen in bezug auf die Probleme und Bedürfnisse der Gegen­ wart. Aktive Geschichtsarbeit bedeutet auch den Kontakt zur und die Zusammenarbeit mit der Bevölkerung. So entstehen kleinere Forschungsarbeiten zusammen mit ver­ schiedenen Interessengemeinschaften, z.B. Berufsgruppen. Schülerarbeiten können im Museum der Öffentlichkeit zugänglich ge­ macht werden. Das Franziskanermuseum begreift sich auch als Lernort, als Ort der Bildung ohne Zwang und mit anderen Mitteln als die Schule. Führungen werden auf das im Lehr­ plan Geforderte abgestimmt, das Gesehene und Gelernte im gestaltenden Tun vertieft. Das Franziskanermuseum möchte ein Ort der Begegnung sein und zwar nicht nur der Begegnung des einzelnen mit Kunst und Geschichte. Mit themenspezifischen Füh­ rungen und Sonderveranstaltungen werden bestimmte Zielgruppen angesprochen, so 172 daß Menschen mit ähnlichen Bedürfnissen und Interessen hier zusammentreffen. Die Vielfalt der angebotenen Aktivitäten ermög­ licht eine abwechslungsreiche Bildungsar­ beit. Bildung bedeutet hier weniger Wis­ sensvermittlung als Vermittlung von Kultur, also einer inneren Haltung. Das Nachden­ ken über das eigene Woher und Wohin wird ebenso gefördert wie neue, ungewöhnliche Sichtweisen und Projekte. In diesem be­ wußten Wagnis, der Lust, etwas Neues aus­ zuprobieren und in der Anregung eigener künstlerischer Aktivitäten bestehen auch die Berührungspunkte mit den anderen Kultur­ trägern in der Stadt. (Anschrift und Öffnungszeiten: Rietgasse 2, 78050 VS-Villingen, Tel. 07721/82-2352. Geöffnet: Dienstag-Freitag 10-12 Uhr, Dienstag, Donnerstag-Samstag 14-17 Uhr, Mittwoch 14-20 Uhr. An Sonn-und Feier­ tagen 13 -17 Uhr.) Dr. Michael Hütt

Des Peregrinus Beck Groteskgemälde Ein Zeugnis der Villinger Spottlust im Franziskaner-Museum Der Villinger Fasnetsnarren Spottlust ist bekannt, und von den Bürgern aus der Bri­ gachstadt ganzjährig gefürchtet. Opfer sind vor allem seltsame Sonderlinge, für gefähr­ lich gehaltene Gegner inner- und außerhalb der Mauern, als bäurisch, plump und blöde bezeichneten Bewohnern der Nachbar­ schaft. Das nimmt einen nicht wunder, die Erkenntnis ist nicht neu. Weniger bekannt dagegen dürfte sein, daß die berühmt-be­ rüchtigte Schmähsucht der Altvorderen in der Zähringerstadt ihre sichtbaren Spuren hinterlassen hat. Im Franziskanermuseum findet sich ein Ölgemälde des Peregrinus Beck, das lange Jahre in der Fas(t)nachtsab­ teilung an versteckter Stelle zu sehen war, nun aber zu Recht einen herausragenden Platz in den Räumen einnimmt, die der Ge­ schichte von Herrschaft und Verwaltung ge­ widmet sind. Schönheiten sind es nicht gerade, die den neugierigen Betrachter in ihren Bann schla­ gen: Ein illustrer Sängerkreis gibt ein „lie­ dlin“ zum besten. Daß es sich dabei um ein Spottlied handelt, ist sehr wahrscheinlich. Denn nur drei Männer singen aus voller Brust, der vierte aber (links im Bilde) schweigt; sein verkniffener Gesichtsaus­ druck wie seine hohn- und spottabweisende Gebärde, die volkskundlich das „Hörnchen“ genannt wird, lassen darauf schließen. Was aber bringen die scharfzüngigen Tonkünstler zu Gehör? Man kann den Inhalt des Liedes dem aufgeschlagenen Buch, das sie in Händen halten, nur ansatz­ weise entnehmen. Nach einer unleserlichen Halbzeile lassen die aufgeschlagenen Seiten des Liederbuchs einen lateinisch-deutschen Mischtext nebst Noten erkennen. Rätselhaft aber bleiben die Worte. Wem nämlich ver­ möchte etwas zu sagen, was da schwarz auf weiß zu lesen steht? ,, … liedlin. / Omnia (= alles)/ Schnabeliner in harzis / Weberigel in fischis / harzerli in silva (= die Harzer im Wald)/ jogeli in Schwenningen I caazetli in Weipfeifen / haschen (= paschen, Würfel spielen?) ich werd dich(= werde dich)/ wa­ schen Me (= mich) lac (= Milch) et(= und, und zwar?)/ Kropferis (= am Kropf ?).“ Was verrät dieses Wortgemisch aus zwei Sprachen, wie es bei Abraham a Sancta Cla­ ra stehen könnte, wie es für die gesamte Barockzeit typisch ist? Mehr als nur einen ersten Hinweis auf die Entstehungszeit des Bildes, das – worauf Maistil und -technik deuten – der zweiten Hälfte des 18. Jahrhun­ derts zuzuordnen ist? Gewiß doch. Die ,,Schnabeliner“ in der dritten Zeile ge­ währen entscheidenden Aufschluß, sind sie doch mit einer jener Parteiungen zu identi­ fizieren, die sich im Streit um die Stadtver­ fassung Villingens im vorvergangenen Jahr­ hundert „einen Namen machten“ – und zwar als jene, die um finanzieller Vorteile willen „das gute alte Recht“ kampflos preis­ gaben. Als am Dreikönigstag 1757 der Bürger­ schaft in der Franziskanerkirche die im Zuge der vorderösterreichischen Verwaltungsre­ form verordnete neue Stadtverfassung ver­ lesen wurde, war die über Jahrhunderte hinweg unveränderte Struktur der Stadt­ verwaltung ein für allemal dahin. Bis 1418 hatte sich der Rat aus einem Amts- und Altbürgermeister, einem Amts- und Alt­ schultheißen, 22 Richtern, einem Amts- und Altoberzunftmeister, 17 Amts- und Alt­ zunftmeistern sowie 27 Beisitzern zusam­ mengesetzt. Jetzt wurde die Zahl der Rats­ mitglieder um 32 drastisch gesenkt; Richter und Beisitzer betraf es zuvörderst. Dem Bür­ germeister oblag im wesentlichen die Füh­ rung der Verwaltungstätigkeiten und die Wahrnehmung von Repräsentationspflich- 175

Ein Z.e11gnis der Vi/linger Spotflust, das Groteskgemälde von Peregrinus Beck. ten, der Schultheiß war vorab Vorsitzender des Gerichts. Besoldungen empfingen die alljährlich zu wählenden Amtsinhaber bei­ de; in der Regel übten sie im Nebenamt noch verschiedene Verwaltungsaufgaben aus, so als KornpAeger, SeelenjahrspAeger u. a. m. Daran änderte sich, abgesehen von weiteren Ratsverkleinerungen in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, Wesentliches nicht. Einen grundstürzenden Wandel brachte erst die Ratsverfassung, die 1756 bereits be­ schlossene Sache war: Der EinAuß der Zünf­ te in der Stadtverwaltung wurde geschwächt; bei der Bestellung der Amtsleute wurde das Prinzip des jährlichen Wechsels geopfert, die lebenslange Amtszeit von Bürgermeister und Schultheiß eingeführt, deren Besol­ dung angehoben. Aufgehoben hingegen wurde das Grundrecht der Stadt, die Anzahl der Magistratsmitglieder aus eigener Macht­ vollkommenheit festzulegen. Was Wunder, wenn der Magistrat, den 176 Mammon vor Augen, zustimmte? Was Wunder, wenn der Widerstand erheblicher Teile der Bürgerschaft heftig war? Die Lun­ te, die da entzündet ward, Aammte auf von Zeit zu Zeit, wenn auch kein Pulverfaß je ex­ plodierte. Immer wieder kam es zu Ausein­ andersetzungen und Unruhen in der Stadt, so 1758/1759, 1763, 1773. Anfangs der acht­ ziger Jahre spaltete sich die Bürgerschaft in drei Gruppen: den Magistrat und seine An­ hänger, die deren Gegner stets an reich ge­ deckter Tafel den Schnabel wetzen, ’schna­ bulieren‘ sahen, was stets in behaglich pro­ fitlichem Sinn gesagt ist; jene, die beim Blick auf diese „Schnabeliner“ nur noch Zet­ ter und Mordio zu schreien wußten, in lau­ te Weh- und Hilferufe ausbrachen; schließ­ lich alle, die sich auf die Seite von „Schna­ bulinern“ oder „mordinern“ schlugen, je nachdem, woher der größere Vorteil winkte: die „Finkenreiter“, will heißen Lügner, Schwindler, Schmeichler, die den Fuchs­ schwanz wohl zu streichen wußten. Mit

Worten, mit Beleidigungen wurde dann manch harter Strauß gefochten. Sollte der vom Gesang so ganz und gar nicht Angeta­ ne ein „Schnabeliner“ sein, ,,Mordiner“ die Sänger, ein „Finkenreiter“ womöglich dar­ unter? Zielscheibe von Hohn und Spott ist die Partei des Magistrats allemal. Auch der ,,Weberigel“, dessen Namen noch heute ei­ ne Villinger Schemme trägt, die an den alten Turmwächter Weber erinnert. Lokalkolorit verrät nicht zuletzt, daß die Schwenninger nicht ungeschoren davonkommen: ,,jogeli in Schwenningen“. Jockei also sollen die Nachbarn der Villinger sein, plumpe, unbe­ holfener, grobe, dumme, ungeschickte Men­ schen? Hanswurste, die ihnen „dar Jockl machat“? Grundüberzeugung mancher Vil­ linger, die sich in einem Fas(t)nachtsspott· lied vor mehr als zwei Jahrhunderten nie­ derschlägt? Möglich ist es. Möglicherweise ist eine fas(t)nachtliche Szene im Bilde festgehalten: Gestandene Männer schütten die Schale ih­ res Zorns höhnisch über die politischen Widersacher in der eigenen Stadt aus, schmähen Sonderlinge ihrer Gemeinde, ver­ gessen ihre Nachbarn nicht. Möglich ist eine solche Deutung des rätselhaften Textes. Gesicherte Erkenntnis ist es keinesfalls. Orts­ neckereien kamen und kommen bekanntlich ja ganzjährig vor; eine Einbettung des latei­ nischdeutschen Misch­ gesanges in einen Zu- Als Vorlage zum Gro­ teskgemälde von Peregri­ nus Beck diente die ne­ benstehende ‚Zeichnung eines unbekannten italie­ nischen Meisters aus dem 16. Jahrhundert. sammenhang mit Fas(t)nacht ist gewagt. Aufschluß über den Kontext könnte die Melodie geben. Vielleicht war sie anderwärts bekannt und wurde zu bestimmtem Anlaß gesungen? Sie aber läßt sich leider nicht be­ stimmen. Selbst im Deutschen Volkslieder­ archiv in Freiburg i. Br. läßt sich Näheres zur Melodie nicht herausfinden: Da sowohl No­ tenschlüssel als auch Taktzeichen fehlen, stehen die Musikwissenschaftler vor einem kaum lösbaren Problem, zumal da selbst der für eine nähere Bestimmung notwendige Liedanfang durch die Hand eines Sängers verdeckt ist. Gewiß ist eines: die Vorlage, die der Vil­ linger Maler des 18. Jahrhunderts vor sich sah. Es handelt sich um das Blatt eines unbekannten italienischen Meisters des 16. Jahrhunderts, das sehr einfache Leute zeigt, die sich an einem mehrstimmigen Gesang aus einem wohl handschriftlichen Lieder­ buch erfreuen. Erstaunlich aber ist, wie sehr sich Peregrinus Beck an die Vorlage gehalten hat. Michael}. H. Zimmermann 177

Eine „Sozialstation“ als Heimatstube In Tannheim wird an die einst schlechte soziale Lage der Bürger erinnert Museen in historischen Gebäuden, die Dokumentation und Vermittlung von Orts­ geschichte unter einem ebenso geschichts­ trächtigen Dach: diese beliebte Form der Neunutzung von Gebäuden, die ihre ur­ sprüngliche Funktion verloren haben, aber heimat- oder kunstgeschichtlich zu wertvoll sind, um abgerissen zu werden, hat in Tann­ heim eine neue Variante erhalten. Kein Klostergebäude, kein stattliches Bürgerhaus, keine leerstehende Scheuer, überhaupt kein altehrwürdiges, von einer jahrhundertelan­ gen Tradition gesättigtes Bauwerk, sondern eine sozialgeschichtlich wegweisende Ein­ richtung aus den Zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts bildet die räumliche Hülle der im Dezember 1995 eröffneten Tannheimer Heimatstube: die ehemalige „Sozialstation“ des Ortes mit Kinderschule, Volksbad, Näh­ schule und Krankenpflege. Diese Besonderheit prägt die Programma­ tik und die Themen der Ausstellung: Das Gebäude und seine ehemalige Nutzung stellt eine der beiden Hauptabteilungen des Ortsmuseums dar. In ihr wird ein wichtiger Bereich des Alltags im Dorf zum Thema ge­ macht. Die schlechte soziale Lage der Tann­ heimer Bürger veranlaßte die Gemeinde 1919 unter Bürgermeister Hässler und auf Anregung des Pfarrers Keller zur Gründung der Sozialstation. Die Kosten für Gebäude und Unterhalt trug die Gemeinde. Personell wurde die karitative Einrichtung jedoch von drei Niederbronner Schwestern aus dem Kloster Maria Hilf in Bühl (Baden) getragen, die in dem 1922 fertiggestellten Gebäude auch wohnten. Jede und jeder im Ort profitierten von der Einrichtung: sei es als Kind in der Kinder­ schule, als Patient in der ambulanten Kran­ kenpflege, als samstäglicher Benutzer des Volksbades oder – im Winter – beim Nähen 178 an hauseigenen Maschinen unter fachkun­ diger Anleitung einer Schwester. So machte auch jeder seine persönlichen Erfahrungen mit der 1975 aufgelösten Institution und mit den Schwestern selbst. Erinnerungen an ein Stück eigener Vergangenheit werden beim Besuch der Heimatstube wach: Viele ken­ nen das alte karge Spielzeug aus dem Kin­ dergarten, die als Fleißkärtchen verteilten Heiligenbildchen, die frommen, oft als Rol­ lenspiel vorgetragenen Gedichte zu den kirchlichen Festen. In den zahlreich noch vorhandenen Kostümen für die von der Kinderschwester mit großer Leidenschaft eingeübten Märchen und biblischen Ge­ schichten hat man selbst einmal gesteckt. Auf den ebenfalls ausgestellten Gruppenfo­ tos der verschiedenen Kindergartenjahrgän­ ge von 1919 bis 19 50 entdeckt man sich selbst oder die alten Freundinnen und Freunde wieder. Zugleich zeigt der Rück­ blick in die (eigene) Geschichte die damali­ gen Erziehungskonzepte auf, die, ganz von religiösen Normen und Werten geprägt, die Kinder in die kirchliche Gemeinde hinein erzogen und als wesentliche Inhalte sittliche Moral, Anpassung, Sauberkeit und Ord­ nung vermittelten. Den Eindruck naher, aber dennoch defi­ nitiv abgeschlossener Vergangenheit prägen auch die ehemaligen Wohnräume der Schwestern, die weitgehend im Originalzu­ stand erhalten geblieben sind und die von einem kargen und aufopferungsvollen All­ tag erzählen, einem Leben in selbstgewähl­ ter Armut und frommer Opferbereitschaft, das – obwohl erst zwanzig Jahre vergangen – fremd und irritierend in unsere säkulare, konsumorientierte Dienstleistungsgesell­ schaft hineinragt. So läßt sich der spezifische Charakter der gemeindeeigenen „Sozialsta· tion“ unter kirchlicher Leitung nachvollzie-

• ‚ • 0 Oben Spielmaterialien aus der Kinderschule und unten Ausstallungsstücke aus dem Tannheimer Pau!inerkloster. 179

hen: ein engagiertes so­ zial reformerisches Pro­ jekt, das ganz auf die sozialen Bedürfnisse und Nöte der Bevölke­ rung zugeschnitten war und das über fünfzig Jahre hinweg das Leben im Dorf mitprägte. Die weiteren Abteilungen der Heimatstu· be mit Beiträgen und Ausstellungsstücken zur allgemeinen und politischen Geschich­ te des Ortes, zur Alltags- und Wirtschaftsge­ schichte sowie zu den Vereinen runden den Blick in die Vergangenheit Tannheims ab. Hier liegen fur die Zukunft noch zahlreiche Entwicklungsmöglichkeiten des Museums, 180 Den zweiten Schwer­ punkt der Ausstellung bildet die Geschichte des 1898 abgebroche­ nen ehemaligen Paulin­ erklosters in Tannheim, eine Gründung der Für­ stenberger aus der Mit­ te des 14.Jahrhunderts, die dem Andenken an Ehemrrliges Wohn- und Empfangszimmer des Schwesternhtwses. den „Hausheiligen“ der Fürstenberger, den seligen Cuno, gewidmet war, der an dieser Stelle gelebt und gewirkt haben soll. Nach dem Abbruch des Klosters 1898 verschwand auch die Innenausstattung der erst 1792 nach einem Brand neu ge­ weihten Kirche auf Speichern und Turmver· liesen. Zwei Seitenaltäre, die Triumphbo­ gengruppe mit Christus am Kreuz, Maria und Johannes, zwei Engelskulpturen, die die Beichtstühle bekrönten, sowie weitere jün· gere Heiligenskulpturen haben nun in der Heimatstube eine würdige und vor allem fur die Öffentlichkeit zugängliche Aufstellung gefunden. Diese Abteilung des Museums mit sakraler Kunst vornehmlich des späten 18. Jahrhunderts ist ein Stück Ortsgeschich­ te und zugleich ein wichtiger Aspekt der Ge­ schichte des fürstenbergischen Herrscher· hauses und der lokalen Kunstgeschichte. sowohl in der Aquisition weiterer, bisher noch in Privatbesitz befindlicher Ausstel­ lungsstücke als auch in bezug auf die Aufar­ beitung und Vertiefung von lohnenswerten Einzelthemen. Wenn es gelingt, auf diese Weise populären, im allgemeinen Bewußt­ sein verankerten Aspekten der Ortsge­ schichte – wie z.B. der großen Zeit der Frei­ lichtbühne in den 20er Jahren dieses Jahr­ hunderts – nachzuspüren oder auch weniger bekannte Hintergründe aufzudecken, dann wird die Einrichtung ihre eigentliche und vornehmste Aufgabe erfüllen: Sie kann so etwas wie das kollektive Gedächtnis des Dorfes darstellen, den Ort, an dem die Ge­ schichte aufbewahrt und verlebendigt wird, den Ort auch, wo die Zeugnisse der Vergan· genheit, die jetzt noch in privaten Wohn­ zimmern und auf so mancher Bühne der Öffentlichkeit entzogen sind, am besten aufgehoben sind. Mit jedem weiteren neu­ erworbenen Objekt, mit jeder kleinen „For· schungsarbeit“ – und bestehe sie auch nur aus der Mühe, die Namen derjenigen Perso­ nen zu ermitteln, die auf einem historischen Gruppenfoto festgehalten sind, erst recht mit jeder neuen Ausstellungseinheit wird

Das Schwarzwaldmuseum in Triberg ein Stück Vergangenheit vor dem Vergessen ter den wenigen Überresten aus der „Schwe­ bewahrt. sternzeit“ des Kindergartens verborgenen Die wichtigste Voraussetzung für eine in Erziehungskonzepte anschaulich zu ma· diesem Sinne lebendige Heimatstube ist das chen. Bei der Einrichtung waren die Kennt· Engagement von Bürgerinnen und Bürgern nisse und die Tatkraft von Horst und Bene· dikt Scherzinger sowie Hermann Schlenker vor Ort. Über Jahre hinweg hat die Orts· vorsteherin Helga Eilts das Projekt nie aus unverzichtbar. Der Seniorinnen-Kreis um den Augen verloren und immer wieder für Emma Kaiser half mit Rat und Tat. Die Ar· sein Fortkommen gesorgt. Mit großem En· beitsgruppe wird weiterbestehen, neue Pro· gagement hat Helmut Neininger die Ge· jekte in Angriff nehmen und so dem kleinen schichte des Paulinerklosters aufgearbeitet Ortsmuseum eine hoffentlich lange und er· und vor allem die noch vorhandenen Reste folgreiche Zukunft sichern. Die Heimat· der Innenausstattung aufgespürt und vor stube im Tannheimer Ring 25 ist jeden er· dem Verfall gerettet. Unter seiner Obhut sten Sonntag im Monat von 14.00 bis 16.00 entstanden auch die weiteren ortsgeschicht· Uhr und nach Vereinbarung unter Tel. liehen Abteilungen. Die Leiterin des Kin· 07705/204 geöffnet. dergartens, Lilo Wuttke, verstand es, die hin· Jährlich kommen über 100 000 Besucher in eines der schönsten Heimatmuseen Mit dem Namen „Hei­ die Eingangshalle wird matmuseum“ verbindet man mit schwungvoller man oft die Vorstellung Musik aus einem der vie­ einer mehr oder weniger len Orchestrien empfan· geglückten Sammlung gen und somit spielerisch von Gebrauchsgegen· auf einen Schwerpunkt ständen und alten Remi· Schwarzwälder Gewer· niszenzen unserer Vor· bes, die Uhrenherstel· fahren, die allenfalls für Jung, hingeführt. Schritt Sammler und Liebhaber für Schritt bekommt man von Interesse sind. Doch einen Einblick in die Le· das Schwarzwaldmuse· bensgrundlagen unserer um Triberg bietet weit Vorfahren und erlebt, was mehr. Wenn man den sie aus bescheidenen An· Schwarzwald und seine fangen und in harter Ar· Menschen verstehen will, beit kulturell und wirt· sollte man es gesehen ha· schaftlich entwickelt ha· ben. Mit über 100 000 ben. Besuchern pro Jahr zählt In der Eingangshalle des die Einrichtung zu den Museums führt uns ein meist besuchten Heimat· von Schroeder-Schönen· museen Deutschlands. berg und Wilhelm Wink· Schon beim Eintritt in Sc/noarzwälder Schnitzkunst ist nicht nur ler gemalter Wandfries 181 Dr. Michael Hütt im Museum zu finden, sie weist dem Be· sucher auch den ,l:‘,eg.

durch die Kultur-und Wirtschaftsgeschich­ te des Schwarzwaldes, von der ersten Besie­ delung durch die Kelten und Römer zum Wirken der Benediktinermönche in ihren Klöstern. Die Köhlerei und Flößerei werden dargestellt, die Arbeit der Holzfäller und Fuhrleute und das Wirken der ersten Hand­ werker. Die Entwicklung des Verkehrs spiegelt sich im Bild einer alten Postkutsche und dem er­ sten Personenzug im Triberger Bahnhof wi­ der. Der wichtigste Rohstoff des Waldes, das Holz, war das geeignete Material für das er­ ste Gewerbe. Ein „Schnefler“, wie der Schin­ delmacher hieß, zeigt uns die Arbeit bei der Herstellung von Dachschindeln, Trögen, Tellern, Butterfässern, Löffeln und Gabeln in seiner Werkstatt. Die Arbeit mit dem Holz wurde immer mehr verfeinert und Kostbare Sclnoarzwiilder Trachten sind in Triberg in ihrer ganzen Vielfalt zu sehen. 182 führte zur Ausbildung einer Schnitzkunst, die vielfältige Anwendung fand und sich bis heute im Schnitzen von Uhrenschildern er­ halten hat. Werkstücke und Holzplastiken der damaligen Schnitzerschule Furtwangen zeigen die hohe Kunstfertigkeit Schwarz­ wälder Holzschnitzer. Werke des Schnitzersepps Zeugnisse einer besonderen Schnitzkunst finden wir aber in den Werken des Triberger Holzschnitzers Karl Josef Fortwänglers, des sogenannten „Schnitzersepps“, die den Charakter des Schwarzwaldmuseums unver­ wechselbar prägen. Im ganzen Haus stoßen wir auf die Zeugen seiner unermüdlichen Schaffenskraft. Der „Schnitzersepp“ war ein Original, ein eigenwilliger Schwarzwälder, der in keine Schablone paßte. Schon mit 16 Jahren lehnte er es ab, die Modelle der Furt­ wanger Schnitzereischule zu kopieren. Nach 24 „Lehrjahren“ in München, Paris und Rom kehrte er nach Triberg zurück und be­ gann seine Kraft im Holz auszutoben. Qiel­ le seiner Kreativität waren die Natur, die Menschen seiner Heimat und ihr Brauch­ tum. Seine Freundschaft mit dem Vorstand des Gewerbevereins Triberg, Ignaz Schöller, und dem Neugestalter des Schwarzwaldmu­ seums, dem Gründer der SABA-Werke Vil­ lingen, Hermann Schwer, führte zur Reali­ sierung seiner Idee, im damaligen Heimat­ museum ein Dokument „Schwarzwälder Urkraft“ zur schaffen. Es sollte ein Zeugnis für den Geist der Menschen sein, der sich ge­ gen den überhand nehmenden Einfluß der Technik und „dekadenten Subkultur“ zur Wehr setzte. Ihm schwebte die Erneuerung einer Volkskunst weit über die Grenzen des Schwarzwaldes hinaus vor. Im Museum betritt man den „Schnitzer­ sepp-Raum“ durch ein Tor knorriger Baum­ stämme aus Kiefernholz. Nicht die weiche Linde war das bevorzugte Material des Künstlers, sondern die astige Kiefer, welche

Das Schwarzwal.dmuseum Triberg ist eines der ältesten und schönsten Heimatmuseen in Deutschland. Unter anderem mit einem neuen Eingangsbereid,, wurde erst kürzlich dem großen Publikumsandrang Rechnung getragen. mit groben Werkzeugen kraftvoll behauen werden muß. Der Raum wurde nicht nach einer einheit­ lichen Idee gestaltet, sondern sollte Beispiele für die vielseitige Anwendung der Schnitz­ kunst zeigen, wie z.B. in einem Trauzimmer eines Standesamtes, der Wand einer Sakri­ stei, dem Wandschrank einer Bibliothek, dem Gehäuse einer Standuhr oder einer Treppe in einem Bürgerhaus. Daß Fort­ wängler aber auch ein Meister des Details war, zeigte er an Truhen, Kleinplastiken und der Theke der Schwarzwälder Bauern­ wirtschaft im Museum. 1926 schuf der Künstler auch den einmaligen Rathaussaal der Stadt Triberg. Pläne für die Erstellung ei­ nes „Schnitzersepp-Hauses“ als bleibendes Denkmal Triberger Handwerkskunst und als Lehrwerkstätte für eine neue Generation von Schnitzern, konnten jedoch aus vieler- lei Gründen nicht verwirklicht werden. Der Qiarzsand des Urgesteins und der Holzreichtum der Wälder waren die Vor­ aussetzung der Glasherstellung im Schwarz­ wald. Überall entstanden Glashütten wie z.B. in Herzogenweiler, Neukirch, Wolter­ dingen, St. Blasien und Aeule am Schluch­ see. Schöne Beispiele damaliger Glasbläser­ kunst kann man in den Vitrinen des Mu­ seums bewundern. Auch das Töpferhandwerk ist mit originell bemalten Schüsseln, Tellern, Vasen und Krügen vertreten. Steingutgeschirr wurde u. a. in Hornberg, Tennenbronn und Zell a. H. hergestellt. Einern Feilenhauer kann man in einer eigenen Werkstatt zuschauen. Fei­ lenhauer und Löffelschmiede waren in Tri­ berg die Vorläufer späterer Mechaniker und Uhrmacher. In ihrem Stübchen sitzt eine alte Frau am 183

man sogar den ersten motorisier­ ten Ski- und Schlittenlift im Hof­ lehen. Was die Uhrmacher über viele Generationen geschaffen haben, können wir im Uhrensaal be­ trachten. Als älteste Uhr der Sammlung gilt eine Holzräder­ uhr von 1651, mit bemaltem Schild, einem Stundenzeiger und einer Glocke aus Glas. Spätere Modelle weisen eine „Waag“ auf, einen mit Gewichten beschwerten, drehbaren Holzbal­ ken, mit dem der Gang der Uhr reguliert wurde. Bei der „Kuh­ schwanzpendeluhr“ schwingt ein Pendel vor dem Zifferblatt hin und her. 1860 wurde es durch lange Pendel unter dem Uhren­ kasten ersetzt. Das Bemalen der Uhrenschilder entwickelte sich mit der Zeit zu einem selbständigen Gewerbe. In Erinnerung an den letzten Uh­ renschildermaler, Karl Straub aus Linach, der 1979 starb, hat man ihn in Lebensgröße in seiner Werkstatt modelliert. Die älteste Kuckucksuhr der Sammlung stammt etwa aus dem Jahr 1780. Versuche, den Kuckuck durch andere Vögel zu erset­ zen, fanden keinen Gefallen. Zunächst hat­ ten die Kuckucksuhren bemalte Schilder. Ab 1860 ging man daran, die Schilder zu schnit- Kachelofen und flicht ein kunst­ volles Band aus Stroh. Sie erin­ nert an ein altes Hausgewerbe, die Strohflechterei, das den Schwarzwälder Bauern half, sich in Notzeiten ein paar Gulden hinzuzuverdienen. Das Strohge­ flecht wurde zu Hüten, Stroh­ schuhen, Taschen und Kaffee­ wärmern verarbeitet. Der Triberger Obervogt Dr. Karl Theodor Huber(] 785-1816) setzte sich besonders für die Aus­ bildung der Strohflechterinnen ein und ließ die Frauen in Stroh­ flechterschulen mit der Verarbei­ tung feinerer Geflechte vertraut machen. Das für den Schwarz­ wald entscheidende Gewerbe war Josef Fortwii11gler hat jedoch die Uhrmacherei. Be­ ein in jeder Hi11sicht scheiden hat alles angefangen, als großartiges Lebenswerk die ersten Uhrmacher, die Brüder hinterlassen. Zu dm Kreuz auf dem Glaswaldhof in Waldau, versuchten, aus dem schönsten Stücken im „Ausland“ mitgebrachte Uhren Schwarzwaldmuseum gehören a11ch seine lm­ in Holz nachzubauen. Die erste moristischen Darstel­ Kuckucksuhr soll Anton Ketterer lungen. aus Schönwald nach einem Be­ richt des Triberger Pfarrers Mar­ kus Fidelis Jäck um 1730 angefertigt haben. Wie es in einer Uhrmacherwerkstatt im Dorf ausgesehen hat, wird uns in einem ei­ genen Raum demonstriert. Es ist ein Teil ei­ ner Wohnstube, wo vor allem im Winter al­ le Hausarbeiten wie das Strohflechten, Spin­ nen, Stricken, Schnitzen und Besenbinden ihren Platz hatten. Gegenüber den ersten Uhrmachern ist die technische Ausstattung der gezeigten Werk­ statt allerdings erheblich verbessert worden und entspricht etwa dem Stand um 1890. An sonstigen Raritiiten sehen wir hier noch alte Wintersportgeräte, wie Schneereifen, Schneeschuhe und einen Schulranzen mit Kufen, auf dem die Kinder im Winter zur Schule rodeln konnten. Wintersport wurde in Triberg schon früh betrieben. 1910 baute 184 Schw(lrzwiilder C/askumt aus der Samm/1111g dl’s Sdno(lrzwald11111set1111s.

die ersten 400-Tage-Uhren hergestellt, die mit einem langsam schwingenden Drehpendel den Gang des Werks so verlangsamten, daß es mit einem Fe­ deraufzug über ein Jahr lang laufen konnten. Bis 1987 war die Jahres­ uhrenfabrik ein bedeutender Wirt­ schaftsfaktor für die Raumschaft Tri­ berg. Leider fiel sie dem Strukturwandel durch Einführung der Elektronik zum Opfer. In einem besonderen Raum wird die Produktion dieser Firma vor­ gestellt. Unser Gebiet war führend im Bau von Orchestrien, deren Melodien das ganze Museum erfüllen. Das Prachtstück des Hauses ist eine Konstruktion der Firma Tobias Heizmann, Villingen, aus c.lein Jahre 1885, die damals speziell für die Triberger Gewerbehalle gebaut wurde. Das Orchestrion ersetzt nach zeit­ genössischem Bericht ein Orchester von 50 Musikern. Gesteuert wird der Wtmn das Orchestrion spielt: Im Schwarzwaldmuseum pneumatische Antrieb der Pfeifen von sind zahlreiche Musikwerke aus heimischer Produktion einer großen Walze, auf der für jeden zu sehen. zen. Daß man sich schon früh auch mit dem Bau astronomischer Uhren in Holzbauweise befaßte, beweist ein seltenes Stück der Aus­ stellung. Die Glocken für den Stunden- und Halbstundenschlag waren die Vorstufe für spätere Spieluhren. Blasbalg und die Stimm­ pfeifen bei der Kuckucksuhr bildeten auch die Bauelemente späterer Flötenuhren. Aus diesen entwickelte man später die Orche- strien. Ihre größten Ausmaße haben die Uhren in den Turmuhren gefunden. Als Beispiel da­ für zeigt man ein laufendes Turmuhrwerk der alten Stadtkirche von Triberg aus dem Jahr 1855. Es wurde von dem berühmten Konstrukteur der Straßburger Münsteruhr, H. Schwilgue, gebaut. Einmalig in ihrer Art waren auch die Uhren der Jahresuhrenfabrik, August Schatz und Söhne, Triberg. Ende 1881 wurden hier Ton ein Steuerstift eingeschlagen ist. Die Firmen Imhof & Muckle, Vöhren­ bach, Ketterer, Furtwangen, und Gebr. We­ ber, Waldkirch, sind mit eigenen Modellen vertreten. Große Aufmerksamkeit verdient auch die Bauernkapelle der Firma Blessing, Unterkirnach. Sie wird von einem automa­ tischen Klavier der Firma Weite, Vöhren­ bach, dem Weite-Mignon gesteuert. Micha­ el Weite, der Erfinder dieses Klaviers, war schon auf der Pariser Weltausstellung 1867 mit seinen großen Orchestrien aufgefallen. Mit dem Weite-Mignon Reproduktionspi­ ano war es ihm 1904 gelungen, das Spiel be­ deutender Pianisten dieser Zeit mit allen Feinheiten in der Dynamik unter Wahrung der persönlichen Note auf das Genaueste aufzuzeichnen. Die dabei gestanzten Pa­ pierrollen ermöglichten dann die Repro­ duktion der Klavierkonzerte auf dem „Wei­ te-Mignon“. Das „Weite-Mignon“ aus dem Jahre 1904 ist ein Geschenk von Kommcr- 185

zienrat Vögele, der den ehemaligen Aus­ sichtstunn auf dem Kroneckberg erbaute. Findige Schwarzwälder Handwerker be­ schränkten sich jedoch nicht nur auf die Herstellung von Uhren, sondern nutzten ih­ re Kenntnisse auch zum Bau anderer Appa­ rate. Der Sohn des Triberger Uhrmachers August Schwer, Hermann Schwer, gründete in Villingen die weltweit bekannte Firma SABA, die Schwarzwälder-Apparate-Bau­ Anstalt, welche später führend im Bau von Rundfunkgeräten wurde. Ein Enkel des Fir­ mengründers, Hans Georg Brunner-Schwer, schuf 1979 in einem eigenen Ausstellungs­ raum eine Dokumentation zur Entwicklung der Rundfunktechnik vom einfachen De­ tektor, über den „Volksempfänger“ bis zum ,,Superhet“ der 30er Jahre. Bis in das 19. Jahrhundert war der Erz­ bergbau ein gewinnbringendes Gewerbe. Ein kostbarer Singvogel-Automat fl/lS Triberger Fabrikation. 186 Rund um Triberg grub man nach den Schät­ zen der Erde, so in Gremmelsbach, Nuß­ bach und im Kesselberggebiet. Die bedeu­ tendste Fundstelle war jedoch die Grube ,,Clara“ in Oberwolfach. Neben Schwerme­ tallen brachte der Bergbau auch eine Fülle kostbarer Mineralien zutage. In einem 1970 eröffneten Mineralien­ Bergwerksstollen kann man sich nun im Museum ein Bild machen von der Arbeit unter Tage und eine einmalige Sammlung von Mineralien aus dem ganzen Schwarz­ wald bewundern. Im Schwarzwaldbahn-Saal fallt uns ein großes Diorama der Schwarzwaldbahn ins Auge. Es zeigt die Doppelkehrschleife der Bahn zwischen Triberg und Sommerau und begeistert die Modelleisenbahner mit seinen laufenden Zügen. Der Bau der Schwarz­ waldbahn in den Jahren 1865-1873 war für die wirtschaftliche Erschließung unseres Ge­ bietes von entscheidender Bedeutung. Die Dokumentation im Saal stellt die Planung, den Bau und die in den Jahren 1972-1975 durchgeführte Elektrifizierung der Bahn vor. Dem genialen Erbauer der Bahn, Ro­ bert Gerwig, wurde 1889 in Triberg ein Denkmal errichtet. Beiträge zur Geschichte der Stadt Triberg sind im angrenzenden Raum zu sehen. Lei­ der hat der Stadtbrand von 1826 den Groß­ teil gesicherter Zeugnisse aus früherer Zeit vernichtet. Damals wie heute besteht das Leben aber nicht nur aus Arbeiten, Geldverdienen und Wirtschaften. In Brauchtum, Volkskunst und Wallfahrten kommt die geistige und seelische Seite der Menschen zur Geltung. Die Triberger Wallfahrtskirche „Maria in der Tanne“ war über lange Zeit A11Ziehungs­ punkt und Ziel vieler Pilger aus nah und fern. Prof. Hasemann zeigt uns in einem stimmungsvollen Gemälde (Kopie Weisser), wie es vor Zeiten bei einem Wallfahrtstag in Triberg ausgesehen haben mag. Reichhaltig ist die Schwarzwälder Trach­ tenschau mit Volkstrachten aus Triberg und

Umgebung. Der Bollenhut aus Gutach und die Strohzylinder der Frauen aus Triberg und Schönwald dürfen dabei nicht fehlen. Ein Brautpaar mit Schäppel aus St. Georgen in Lebensgröße, Trachten aus dem Prechtal, Glotter- und Kinzigtal und ein ganzer Hochzeitszug geben einen lebendigen Ein­ druck alter Volksbräuche. Einen besonderen Stellenwert im Brauch­ tum der Schwarzwälder hat die Fastnachts­ zeit. Die Triberger Narrenzünfte blicken auf eine lange Tradition zurück. Die für Triberg charakteristischen Fastnachtsmasken, der „Federeschnabel“, der „Rote Fuchs“ und der ,,Triberger Teufel“ beeindrucken die Besu­ cher mit ihren Originalkostümen. Was die Malkunst anbetrifft, so begegnen wir im ganzen Museum den Gemälden namhafter Maler aus der Region wie Carl Sandhaas, Johann Baptist Rimprecht, Carl Ludwig Frommet, Robert Weisser, Paul Wehrle, Lukas Pfaff u. a. Auch Beispiele Schwarzwälder Hinterglasmalerei sind zu se­ hen. Träger des Schwarzwaldmuseums Triberg ist der Heimat- und Gewerbeverein Triberg e.V., der aus dem 1853 gegründeten Gewer­ beverein Triberger Bürger hervorging. Die­ ser setzte sich für die Interessen von Hand­ werk, Handel und Gewerbe ein und erbau­ te 1873 eine Gewerbehalle, in der heimische Erzeugnisse ausgestellt wurden. Die Ausstellung wurde laufend erweitert; man richtete eine Uhren- und Trachten­ schau ein und der „Schnitzersepp“ gab dem Haus mit seiner Schnitzkunst ein unver­ wechselbares Gepräge. Da der Platz für die Exponate bald jedoch nicht mehr ausreich­ te, kam man 1933 auf den Gedanken, ein neues Heimatmuseum zu bauen und wollte dieses mit dem Bau eines „Hauses der Hei­ mat“ verbinden. Da die Bereitschaf zur fi­ nanziellen Unterstützung des Projektes vor allem bei der Industrie jedoch nicht groß ge­ nug war, gab man den Plan auf und der Tri­ berger Bürgersohn, Hermann Schwer, Grün­ der der SABA-Werke Villingen, entschloß sich, seine Mittel für die Neugestaltung der Gewerbehalle in Zusammenarbeit mit dem Vorstand des Gewerbevereins einzusetzen. 1935/36 wurde die Gewerbehalle umgebaut und dazu noch ein Neubau errichtet. Die Ausstellung bekam eine neues Gesicht und wurde wesentlich erweitert. So entstand das ,,Heimatmuseum“, das 1980 in „Schwarz­ waldmuseum Triberg“ umbenannt wurde. Die Entwicklung des Museums ist auch heute noch nicht abgeschlossen. 1994/95 wurde das Haus gründlich saniert und der Eingangsbereich erweitert. Die Schaffung weiterer Austellungsflächen, welche auch die Durchführung von Sonderausstellungen ermöglichen, soll baldmöglichst angegan­ gen werden. Im nächsten Jahrtausend ist dann noch ein Neubau auf einem angren­ zenden Grundstück geplant. Anschrift: Schwarzwaldmuseum, Wahl­ fahrtstraße 4, 78098 Triberg. Öffnungszei­ ten: Vom l. Mai bis 31. Oktober, 9-18 Uhr, von l. November bis 30. April 10-17 Uhr und vom 15.11 bis 15.12 nur am Woch­ enende offen, 10 Uhr bis 17 Uhr. Mehr­ sprachige Führungen. Ernst Bausch Schuld I stand im Feld. De Winter molt mer Farb vor ‚ s Gsicht bi jedem Schnuuf. D’Vergangenheit, wo noh mer bolt, riißt mi wie pfliegti Erden uf Und rechnet mit de Fehler ab, loßt mer kei Rueih und Unrueih nit. Gang, mach die letschte Blueme drabun mach mit mir, was numme wit. Johannes Kaiser 187

Alte Uhren künden von besseren Zeiten Der Uhrenfabrik Mauthe vergangene Größe – In Werner Pfänders Privatmuseum Für drei Dinge war das Städtchen am Rande Württembergs einst bekannt: den Neckarursprung; seine Uhrenindustrie, ob der es sich als Mittelpunkt der Welt wähnen durfte; selbstdenkende, selbständige, zuwei­ len skurrile Persönlichkeiten, die das Räder­ werk in Schwung hielten. Vereint ist solches selten nur mehr anzutreffen, angelegentlich aber noch. Wir werden sehen: Mittwoch­ abend, kurz vor 19 Uhr. In Schwenningen eine ungewöhnliche Zeit für einen Muse­ umsbesuch. Keine unmögliche. Zumindest nicht in der privaten Mauthe-Sammlung Werner Pfanders in der Neckarstraße, wo Uhren einen anderen Takt vorgeben. Ein freundlicher Fünfziger empfangt den späten Gast bereits unter der Haustür – und er ver­ spricht, was bereits 1944 die Jubiläums­ schrift aus Anlaß des lOOjährigen Bestehens ,,der Uhrenfabrik mit Weltruf“ verhieß: ,,ei­ nen kurzen, interessanten Beitrag aus der Geschichte der Friedrich Mauthe G.m.b.H. Schwenningen.“ Über ein halbes Jahrhundert danach leistet Werner Pfänder mit seinem gut be­ stückten Mautbe-Museum in der Neckarstraße 3 manch interessan­ ten Beitrag aus der bewegten Ge­ schichte des Unternehmens, dem er sich, ein alter „Mautheaner“ innerlich verbunden weiß. Nur: Kurz ist solch ein Beitrag nie; Zeit muß mitbringen, wem der gelernte Remonteur auseinandersetzt, was er an historischem Wissen bereit­ hält; wen er durch seine Uhren­ sammlung führt, die einen Über­ blick über die Mauthscbe Produkt­ palette quer durch die Jahrzehnte bietet; wem er Einblick gewährt in die (über)reich mit Urkunden- und Aktenmaterial belegte Firmenge­ schichte; wem er Bild-, Film- und Tondokumente als weitere Glanz­ punkte seines mit Liebe, das heißt aber auch unter mühevollen An­ strengungen, zusammengetrage­ nen Archivs nicht vorenthält. Doch der gebürtige Schwenninger ist nicht der Mann, der Mühen scheut; nicht, wenn es um die Uh­ renfabrik geht, die ihm ans Herz gewachsen ist. Sein Handwerk hat Pfänder bei Mauthe gelernt, viele Der letzte Träger eines klt111gvollen N({mens: Dr. Fritz Mauthe (1875-1951). 188

Jahre dem Traditionsun­ ternehmen die Treue ge­ halten, den ihn prägen­ den Lebensabschnitt in ihm und mit ihm zuge­ bracht – fast bis zum bit­ teren Ende der einst welt­ bekannten Firma. Da­ mals, als der Rettungsan­ ker, mit letzter Kraft geworfen, keinen Grund mehr fand: ,,Kiss-Kiss“, der sanfte Wecker unter dem Kopfkissen, wurde für das Unternehmen zur schrecklichen Ge­ fahr, der nicht mehr zu begegnen war, als man zu spät erwachte; ,,ein Doppelkuß mit Todes­ folge“, wie Journalisten formulierten. Zuviel für einen Greis, der sich nur mühsam noch auf den Beinen halten konnte. Sowie der Tod seine Bo­ ten sandte, sowie das Ende unmittelbar sich abzuzeichnen begann, sowie Mauthe (nicht) die unversehens Schlagzeilen geriet, be­ gann Werner Pfänder, Zeitungsartikel zu sam­ meln. Einen Leitz-Ordner füllen heu- te die Veröffentlichun- gen über den aufhaltbaren (?) Niedergang der Weltfirma, dem das Unternehmen ,,Kiss-Kiss“ wohl nur den letzten Stoß ver­ setzte: Schon in den Nachkriegsjahren und der Wirtschaftswunderzeit lagen die getätig­ ten Investitionen nur knapp über den Ab­ schreibungen, die Fabrikationsstätten veral­ teten; über längere Zeit wurden kaum Ge­ winne erwirtschaftet, negative Bilanzen mußten durch Grundstücksverkäufe ausge- 1920er Jahren. in ganzen Ein prachtvoller Regulateur aus den glichen werden. Weltwei­ te Rezession und die ,,Revolution der Qiarz­ uhr“ bestimmten in den siebziger Jahren den schrittweisen Nieder­ gang. Der bescheidene Grundstock für e111e Mauthe-Sammlung war mit der Dokumentation des Endes gelegt. Zum bedeutenden Pri­ vatarchiv wurde sie in den achtziger Jahren ge­ staltet. Es begann mit baulichen Unterlagen, die hart erarbeitet sein wollten. Als sich am er­ haltenswerten Mauthe­ Rundbau Ausblühungen am Bundsandstein zeig­ ten, ein Giftskandal ge­ argwöhnt wurde, die Be­ wachung der Gebäude rund um die Uhr erfor­ derlich schien, stellte sich der überzeugte „Mauthe­ aner“ zur Verfügung. Al­ ler Mühen Lohn bestand letztlich in Akten und Urkunden, die in alten Büros noch aufzustö­ bern waren. Es begann ein Leben als „Archivar aus Leidenschaft“. Seine Bereitschaft, die Zeugnisse der Firmenge­ schichte zu erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, erschloß dem Man­ ne neue Qiellen: Archivgut in Mengen fand den Weg zu ihm. Baupläne und Grund­ stücksverzeichnisse; Geschäftsunterlagen; Patentrechte im In- und Ausland; techni­ sche Zeichnungen, die auch ganze Arbeits­ abläufe dokumentieren; Belegschaftsstatisti­ ken; Schriftstücke, die von Gewerkschafts­ arbeit Kunde geben, Lehrverträge, Personal- 189

Eine Kostbarkeit: Schutz des Warenzeichens der Firma Mauthe i11 Mtmd- Produktionsquer­ schukuo (Mandschurei 1932-1945). Dokumente vieles erzählen von der Ge­ schichte einer Firma, welche in den knapp 130 Jahren ihres Be­ stehens manch wich­ tiges Kapitel Stadtge· schichte schrieb; von der Geschichte auch einer Familie und ih­ rer bedeutendsten Vertreter in lichten und düsteren Stun­ des deutschen Da­ seins. Nicht zu kurz kom­ men darf darob die Uhrensammlung, die wahrlich „einen schnitt aus dem Mauthe-Programm“ bietet: Armbanduhren, Wecker aller Arten, von einem Kriegserzeugnis aus dem Jahre 1914 bis zum „Kiss-Kiss“, Küchenuhren, Wohnzimmeruhren, Regulatoren aus allen Epochen. Ergänzt wird sie um Uhrmacher­ werkzeuge und Maschinen. Ausweich- und Nebenprodukte des Hauses Mauthe aus gut­ en wie aus bösen Tagen fehlen nicht: Zün­ der für den Krieg; Nähkästchen aus der Nachkriegszeit. Sammeln zur eigenen Freude Kurz: Was immer mit Mauthe zu tun hat, findet sich bei dem Manne, dem die Ge­ schichte dieser Firma zur Passion geworden; was immer mit Mauthe zu tun hat, hat in ihm einen dankbaren Abnehmer. Er sam­ melt zur eigenen Freude, gewiß; doch sind seine Beweggründe ebenso gewiß nicht ei­ gennützig. Sein Lebenswerk soll dereinst dem Schwenninger Uhrenindustriemuseum zugute kommen. Es profitiert übrigens be­ reits zu Lebzeiten des Mauthe-Fachmannes, wie zahlreiche Schenkungen belegen. •“ .. akten, Dokumente zur Geschichte der Be­ triebskrankenkasse, des Arbeiterunterstüt­ zungsvereins, der Betriebsfeuerwehr, aber auch der betriebseigenen Badeanstalt; ins­ gesamt mehr als 45 000 Dokumente in mehr als 22 000 Klarsichthüllen sind in über 150 Leitz-Ordnern nach Sachgebieten geordnet und katalogisiert, was einen verhältnismäßig raschen Zugriff ermöglicht. Wissenschaftli­ cher Nutzung dieses Mauthe-Archivs steht nichts im Wege: Historiker und Ingenieure – wie z.B. Annemarie Conradt-Mach, Inge­ borg Kottmann, Helmut Kahlert – machen mit Gewinn Gebrauch von dieser mittler­ weile zur festen Größe gewordenen Institu­ tion der Neckarstadt. Das persönliche Engagement Werner Pfän­ der ist aller Ehre wert; ,,große Hochachtung vor der enormen Arbeit und den Bemü­ hungen um die Historie Schwenningens“ spricht Dr. Jürgen Jung, einst Mitglied des Mauthe-Direktoriums, ihm aus, wie im Gä­ stebuch vermerkt; zu Recht. Doch solches Lob spornt nur an, noch ist nicht alle Arbeit getan – wenngleich die bereits erschlossenen 190

….. � . .. ‚1 i :.‘!‘!:· • , w• l, ,…:,,,; ‚ „‚, ‚ „‚/!. �{ . . •• P, Mit der „2:.eitmaschine“ zurückversetzt in die J 930er Jahre. Rechts der Museumsherr in rastloser Tätig· keit, �rner lfänder an der Pendelpresse. Tempus fugit; die Zeit aber flieht: In Wer· ner Pfänders Mauthe-Museum mit ange­ schlossenem Firmenarchiv vergeht sie wie im Fluge, unbemerkt. Nicht nur, weil sie stillzustehen scheint: Die Zeiger von 800 Uhren deuten starr auf zwei Minuten nach halb elf. Mauthe-Zeit, wie man sie aus den Katalogen der in Konkurs gegangenen Uh­ renfabrik kennt. Alles geht mit der Zeit. Manchmal unwillig. Wie gut dennoch, daß eine Uhr sich dem Willen des Meisters noch nicht gebeugt hat – und mutwillig ihren Gang geht. Sie schlägt zu mitternächtlicher Stunde, mahnt den Besucher, sich auf den Heimweg zu machen. Das Interesse freilich ist geweckt. Wen Werner Pfänders Lebens­ werk in seinen Bann geschlagen, kehrt wie­ der. Willkommen ist hier jeder Uhren­ freund. Die Anschrift und Öffnungszeiten lauten: Mauthe-Museum Werner Pfänder, Neckarstraße 3, 78054 VS-Schwenningen, Tel. 07720/66974 geöffnet jeden Mittwoch von 18.30 Uhr bis 21.00 Uhr und nach Vor­ absprache. Michael]. H. Zimmennann 191

Der Schwarzwald-Baar-Kreis im Farbbild 1. Blick autMundelfingen ( Gem11111 Hmenfratz, l liifi11gen) 2. Schon.ich im Spätherbst ( Gem11111 Hrmnfmtz, l liifi11gen) 3. Blick vom Fürstenberg ( Gem11111 Hmrnfratz, Hiifi11gen) 4. Morbili und Narro, Villingen ( Cem11111 H11smfmtz, Hi{fi11gen) 5. Winter-Impression auf der Baar ( Gem11111 H11smfmt/, Hiifi11gen) 6. Wintermorgen beim Reinertonishol in Schönwald (E1w111 Kie,ufer, Schom1ch) 7. Winterlandschaft ,1111 Farnberg in Schönwald (Erwi11 Kimzler, Srho11arh) 8. Winterabend in Donaueschingen ( Gem11m l lflsmfmt/, Hüfingen) Zeitgenössische Vision Die Erde verkommen zum Keller des I limmcls – Vor dem f.enstcr in Asche die zweite pompejische Stille – und dennoch von menschlicher 11.md in die Staubschicht der Scheibe geschrieben d.1s Rätsclwort nebcl – Wäre da noch Jemand eingekellert an�prechbar, er buchstabierte wohl vertatur korrigierend nebel – Scheinbar törichte Bestätigung der Undurchsichtigkeit, bis spiegclschrililich er es hoffnungwoll ,tls leben läe. Sicher ließe er die Scheibe splittern, um den Konjunktiv in ,,Wirklichkeit“ zu übersetzen. Jiirgen Hmcke/1 192

Uhren und Uhrengeschichte Es war die Lackschilduhr – nicht der Kuckuck Im 19. Jahrhundert lieferten die Schwarzwälder Uhrmacher bis nach Übersee ein besonderes Vertriebssystem einfallen las­ sen: Der Uhrmacher übergab das fertige Pro­ dukt dem Packer. Dieser belieferte als Spe­ diteur oder Großhändler die ausländischen Märkte. Dort waren in den großen Städten Es war die Lackschilduhr – und nicht der Kuckuck, die dem Schwarzwald als Uhrma­ chergebiet zu erstem Ruhm verhalf. Gewiß war mit den ersten in größeren Stückzahlen hergestellten Schwarzwälder Holzuhren An­ fang des 18. Jahrhunderts zunächst nur die eigene Region versorgt worden. Doch seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert wurden bei zunehmender Produktion Schwarz­ wälder Uhren – mittlerweile vornehmlich Lackschilduhren – nach ganz Europa, im 19. Jahrhundert dann sogar bis nach .. Ubersee geliefert. . Die Lackschilduhr ist eine Schwarz­ wälder Wanduhr mit bemaltem, lackiertem Holzschild. Die äußere Form besteht aus einem Viereck mit aufgesetztem Halbbogen. Während im Quadrat der Ziffernkreis an­ geordnet ist, bietet der Halbkreis Raum für Bemalungen, wobei sein eigentlicher Zweck ursprünglich im Verdecken der Glocken lag. Ein be­ liebtes Motiv, das hauptsächlich im eigenen Land großen Absatz fand und bald als „typisches“ Kennzei- chen der Lackschilduhr galt, war das ,,Apfelrosendekor“. Mit diesen bau­ chigen, meist rot dargestellten Ro­ sen ließen sich auch die Schildecken wirkungsvoll ausfüllen. Um aber im Ausland erfolgreich zu sein, orientierten sich die Her­ steller in der Bemalung der Uh­ renschilder am Geschmack ihrer fer­ nen Kundschaft. Ein vor Ort agie­ render Händler erkundete, welche Wünsche jeweils vorherrschten. Die Schwarzwälder hatten sich nämlich – . -==:· • l.:., ,{, H l :-�1-91 .:; …, _____ _ . � f� … , –�·;.· I Lackschilduhr, die eine landschaji mit Hirsch zeigt. Me­ tallräder im Holzgestell, Ankerhemmung, Dfltumsanzeige, Stunden- und Viertelstundenschlag auf 3 Glocken, Seilzug. Für den englischen Markt. Schwarzwflld um 1860. Deutsd,es Uhrenmuseum Furtwangen. 193

Händler stationiert, die die Ware ent­ gegennahmen. Von den zentralen Orten aus, die auch als Lager dienten, zogen die Uhrenverkäufer durch das Land und priesen ihre Ware an. Gleichzeitig waren diese Händler auch für die Kundenbetreuung zuständig, das heißt sie kamen auf Wunsch ins Haus, um angefallene Re­ paraturen an den Zeitmessern zu erledi­ gen. Auf ihren Reisen lernten die Uh­ renhändler die Marktlage kennen und konnten Nachricht geben über die Vor­ stellungen der Verbraucher. Der Packer leitete diese wichtigen Informationen an seine Handelspartner weiter, die dann auch eine entsprechende Gestaltung der Lackschilder anregen konnten. Das Au­ genfalligste dieser Wanduhren war eben das Schild, dessen Dekoration auf den er­ sten Blick ansprechend sein sollte. Was aber gefiel variierte stark zwischen den verschiedenen Absatzländern. In Eng­ land ließen sich am besten nur sparsam verzierte Schilderuhren verkaufen. Jagd­ motive, häufig auch nur einzelne Tiere vor schlicht gehaltenem Hintergrund machten meist die ganze Bemalung aus. So kann angenommen werden, daß auch die Uhr mit aufgemaltem Hirsch ihren Abnehmer in England gefunden hat. Die französische Kundschaft hingegen verlangte nach üppig ausgestalteten Zeit­ messern. Hier ließ sich nur mit aufwendig verzierten Schildern ein Geschäft machen. Zum Sortiment eines Uhrenhändlers in Frankreich zählten Lackschilduhren mit Stuckdekoration, einem Stilelement, das an die französische Comtoise-Uhr erinnert. In Rot· und Goldtönen gehalten, stellt die oben rechts abgebildete Schwarzwälder Lackschilduhr etwas besonderes vor. Den prunkvollen Eindruck macht neben den Far­ ben nicht zuletzt die reliefartige Darstellung der beiden Löwen aus. Die herrschaftlichen Tiere, (königliche) Machtsymbole, umrankt von lilienartigen Ornamenten, wie sie sich Herrscherhäuser gerne auf die Fahnen 194 lncksd,ilduhr mil rwfgeselzler S111ckdekoralion: zwei Lö1oen flankieren ein Denkmal. 8-Tage-Uhr, holzge­ spindelle Messingriider, Ankerhemmung, Tonfeder, Seilzug mil Trommel. Für den französischen Markl, Schwarzwald um 1850. Deulsrhes Uhrenmuseum Furlwangen. schrieben, verleihen der Uhr ihre exquisite Wirkung und den eigenen vier Wänden ein wenig Glanz. Im Ziffernring hat sich der Händler ver­ ewigt: ,,Charles Zehringer de Merz a Blois“, der vermutlich seinen ursprünglichen Na­ men Karl Zähringer aus marktstrategischen Gründen etwas abgeändert hat. Ein franzö­ sisch anmutender Händlername mag ver­ trauenswürdiger geklungen haben. Der wirtschaftliche Erfolg der fremden Ge­ schäftsleute basierte aber immer noch auf ih­ rer umsichtigen Absatzforschung. Sie unter­ richteten ihre Zulieferer zuhause auch über

aktuelle Modeströmungen, die dann auf die Gestaltung der Uhrenschilde Einfluß nah­ men. Ein hübsches Beispiel dafür liefert ei­ ne Lackschilduhr mit auffallender Bema­ lung: Zwei dunkelhäutige Männer in Plu­ derhosen und Turban führen eine Giraffe an der Leine durch eine Phantasielandschaft (siehe Bild auf dieser Seite). Denkbar wäre, daß dieser Zeitmesser für ein Land bestimmt gewesen war, in dem sich dieser Giraffenauftritt hätte abspielen kön­ nen. Tatsächlich bezieht sich die Darstel­ lung aber auf ein bestimmtes Ereignis, wel­ ches im Jahre 1827 Paris und wohl auch den Schwarzwald stark beeindruckt haben muß. Lackschilduhr mit auffälligem Motiv, Giraffe und zwei Führer. Holzgespindeltes 8-Tage-Werk, Messingräder, Ankerhemmung, Seilzug mit Trom­ mel. Halbslundenschlagwerk, Schlag auf Glocke. Für den französischen Markt, Schwarzwald um 1828. Deutsches Uhrenmuseum Furtwangen. Unsere Geschichte beginnt im Sudan 1826: Der Vizekönig von Ägypten wollte aus di­ plomatischen Gründen Frankreich beschen­ ken. Er ließ eine Giraffe fangen und nach Europa schicken. Um sie vor bösen Mäch­ ten zu schützen, hatte man ihr ein rotes Amulett um den Hals gebunden. Im Juni 1827 kam die Attraktion in Paris an. Ganz Frankreich schwärmte für das Tier. Bald wur­ den vielfältige Gebrauchsgegenstände im Giraffenlook angeboten. Auf Geschirr, Ta­ bakdosen, Geldbörsen und sogar Bügeleisen tauchte das Giraffenmotiv auf. Die Begei­ sterung war so groß, daß rückblickend das Jahr 1827 als das Jahr der Giraffe bezeichnet wurde. Auch am angeblich dod1 so „mondnahen“ Schwarzwald ging der Trend nicht vorüber. Vermutlich war ein Uhrenhändler so klug gewesen, auf das Pariser Modethema hinzu­ weisen, und über den Spediteur mag die Kunde im heimatlichen Uhrmachergebiet verbreitet worden sein. Die Schildmaler wit- terten ihre Chance und stiegen voll in das Giraffengeschäft ein. In vorliegendem Fall erhöht eine Schwarzwaldtanne im Hinter­ grund die Exotik der Darstellung. Sogar an das Amulett wurde gedacht. Diese Detailt­ reue dient uns heute als Corpus delicti. Erst dank des roten Halsbandes kann der geschichtliche Hintergrund unserer Lack­ schilduhr eindeutig bestimmt werden. Und noch etwas beweist dieses Objekt: Die ge­ schäftstüchtigen Schwarzwälder hatten die Nase schon immer ziemlich weit vorn. Selbstverständlich richtete man sich auch auf die Kundschaft fremder Kulturkreise entsprechend ein. So legten die orientali­ schen Länder großen Wert auf türkische Zahlenzeichen im Ziffernring. Solche Son­ derwünsche konnten mit Hilfe vorgefertig­ ter Schablonen schnell und vor allem preis­ günstig erledigt werden. Dank des um das Jahr 1850 aufgekommenen Umdruckver­ fahrens nahm auch die Vielfalt an Motiven erheblich zu. Statt langwieriger Malerei von Hand war es nun möglich, die Bilder 195

produzierte Schwarzwalduhr. Der Triumph· zug der Kuckucksuhr, die gemeinhin mit ,,dem Schwarzwald“ gleichgesetzt wird, soll­ te erst später beginnen, aber das ist eine an· dere Geschichte, die sich am besten bei ei­ nem Besuch im Deutschen Uhrenmuseum in Furtwangen nachvollziehen läßt. Iris Kiilmberger M. A. durch Umdruck vorzuzeichnen, so daß der Schildmaler nur noch die Umrisse auszu· malen hatte. Auch weniger geübte Maler er· zielten damit gute Ergebnisse. Noch billiger konnte das Massenprodukt Lackschilduhr mit Hilfe des etwa zehn Jahre später einge­ führten farbigen Abziehbildes produziert werden. Die Aufgabe des Schildmalers be· stand nur noch aus Grundieren, Aufziehen des Bildes und Lackieren. Mit dieser Methode ließen sich auch die seinerzeit häufig gewünschten figürlichen Darstellungen problemlos auf die Schilder übertragen. Bis etwa Mitte des 19. Jahrhunderts war die überall bekannte Lackschilduhr die meist· Lackschilduhr mit Ernteszene als Abziehbild, türkische Zif fern. 8-Tage-Uhr, Metallräder im Holzgestell, Ankerhem· mung, Seilzug mit Trommel. Für den türkischen Markt, Furtwangen 1908. Deutsches Uhrenmuseum Furl1t)(tngen. 196

Kirchen, Kapellen und Glocken Meisterwerke in Form und Klang Schilling-Glocken im Schwarzwald-Baar-Kreis Das Schicksal der Glocken unserer Kirchen ist meist ebenso wechselvoll wie die Ge­ schichte der Gotteshäuser selbst. Immer wie­ der wurden die Rufer hoch oben auf den Türmen ausgetauscht. Geschah dies freiwil­ lig, war dies meist ein Zeichen wirtschaftli­ chen Wohlstandes, der sich auch in der An­ schaffung von neuen und meist größeren Geläuten äußerte. Mußten die Glocken hin­ gegen auf Befehl der Regierenden hin ver­ stummen, verhieß dies meist nichts Gutes. Erst in diesem Jahrhundert hofften die Meister Friedrich Wilhelm Schilling beim Über­ prüfen eines neuen Geläutes. Mächtigen, daß das Umschmelzen von Glocken zu Kanonen helfen könnte, zwei Weltkriege zu gewinnen. Zuletzt mußten im Zweiten Weltkrieg unzählige Glocken in die Schmelzöfen der Rüstungsindustrie wan­ dern. Dabei wurden viele sehr alte Glocken vernichtet, aber auch viele, die damals erst wenige Jahre alt waren. Diese wechselnden Zeitläufe sind selbst­ verständlich auch über den Schwarzwald­ Baar-Kreis nicht spurlos hinweggegangen. Bei der näheren Betrachtung der heimischen Glockenstuben ist festzustellen, daß der ganz überwiegende Teil der heutigen Geläu­ te aus den Jahren nach dem Zweiten Welt­ krieg datiert. Einerseits traten die Glocken an die Stelle der im Krieg verlorenen, zum anderen handelt es sich um die Rufer neuer Kirchen, die vorwiegend in der Zeit der wirt­ schaftlichen Blüte der 1960er Jahre gebaut wurden. Doch so bitter und bedauerlich der Verlust vieler wertvoller, unersetzlicher Glocken während des Krieges auch war: Nach 1945 erlebte die Kunst des Glockengießerhand­ werks eine ganz besondere Blüte. Es kamen neue Geläute auf die Türme, oft größere und schönere als In Deutschland gab es nach Kriegsende über 20 Glockengießereien, von denen die mei­ sten Glocken in ganz ausgezeichneter Qia­ lität lieferten. Unbestritten zu den besten Gießern gehörte Friedrich Wilhelm Schil­ ling. Seine Gießerei in Heidelberg zählte zu den bedeutendsten Europas. Zahlreiche Ex­ perten bezeichnen Schilling gar als einen der besten Gießer aller Zeiten. Die Glocken aus seiner Werkstätte hängen heute auftür­ men in ganz Deutschland, in Domen und Münstern ebenso wie in Stadt- und Dorf- 197 ihre Vorgänger.

kirchen und darüber hinaus in allen Teilen der Welt. Um so bemerkenswerter ist die hohe Zahl von Schilling-Glocken, die auf den Kirch­ türmen im Schwarzwald-Baar-Kreis hängen. Über 140 Werke des Meisters prägen heute die Klangsilhouette unserer Heimat ent­ scheidend mit. Damit zählt unser Landkreis mit Sicherheit zu denen, in welchem die Glocken des berühmten Meisters in beson­ ders großer Zahl vertreten sind. Bevor je­ doch das Werk Schillings im Kreis darge­ stellt wird, soll zunächst einmal ein Blick auf den Werdegang des Meisters geworfen wer­ den. Der Glockengießer Friedrich Wilhelm Schilling Die Kunst des Glockengießens scheint Friedrich Wilhelm Schilling bereits in die Wiege gelegt worden zu sein. Er kam am 2. September 1914 im thüringischen Apolda zur Welt und stammt aus der berühmten Schilling-Dynastie, die bereits seit Jahrhun­ derten von Apolda aus Glocken fur alle Tei­ le der Welt goß. Sein Vater war der Hof­ glockengießer Otto Schilling. Nach dem Be­ such von Grundschule und dem damaligen Großherzoglichen Realgymnasium mit Re­ alschule in Apolda widmete sich Friedrich Wilhelm Schilling ganz der Sache, die er Glockenweihe in Weilersbach (1961) 198 später oft als seinen Lebensinhalt bezeich­ nete: der Glocke. In der väterlichen Gieße­ rei hatte er bereits Einblick in das Glocken­ gießerhandwerk gewonnen und schon im Alter von 12 Jahren hatte er selbständig sei­ ne erste eigene Glocke geformt und gegos­ sen. Im Alter von 18 Jahren ergänzte der junge Schilling seine Kenntnisse durch die Mitarbeit in Glockengießereien in der Schweiz. Danach kehrte er in den elterli­ chen Gießereibetrieb zurück, ehe er von 1941 bis 1945 Kriegsdienst leisten mußte. Nach Kriegsende wurde Schilling als Treu­ händer und Verwalter des Glockenlagers Hamburg eingesetzt. Unzählige Glocken waren dort während des Krieges zwischen­ gelagert worden, um zu Kanonen umgegos­ sen zu werden. Als der Krieg 1945 zu Ende war, lagerten dort noch immer über 12 000 Glocken, die durch das Kriegsende vor der Einschmelzung bewahrt worden waren. Die­ se galt es, wieder in ihre Heimatgemeinden zurückzuführen, was sich angesichts der großen Menge als nicht leicht erwies. Bis 1949 lebte Schilling in Hamburg, doch schon seit Jahren war es sein Wunsch gewe­ sen, als Glockengießer zu arbeiten. Eine Rückkehr in den Betrieb in Apolda, so war Schilling überzeugt, hätte unter den damals dort herrschenden politischen Verhältnissen für ihn wenig Chancen geboten. Auf der Su­ che nach einem geeigneten Standort fur sei­ ne eigene Gießerei kam Schilling schließlich nach Heidelberg. Dort entstand an der Römer- und der Bergheimer Straße eine neue Gießära. Kleinere Glocken für Gemeinden im Gebiet der lutherischen Landeskirche Han­ nover und für Bayern waren seine ersten Aufträge. Noch 1949, im er- i sten Jahr des Bestehens der Gieße­ rei, wurde als erstes Geläute das für die Kirche in Nußloch gegossen. Nachdem einige kleinere Anfangs­ schwierigkeiten überwunden wa- ren, machte sich die Gießerei von Friedrich Wilhelm Schilling rasch ‚—-

Die vier neuen Sd,illing-G/,ocken der katholischen Pfarrkird,e in St. Georgen, vorbereitet zur Glocken­ weihe am 28. Oktober 1962. einen guten Namen. Die ausgezeichnete Qialität ihrer Werke und die außergewöhn­ liche Klangfülle und Harmonie der Glocken brachten Schilling schon bald höchste An­ erkennung. Einer seiner schärfsten Kon­ kurrenten räumte neidlos ein: ,,Schillings Gießerei ist die berühmteste der Welt.“ Der Sachverständige Professor Friedrich Högner aus München schrieb: ,, … der Heidelberger Schilling ist unter allen Glockengießern, die ich kenne, der größte Meister; er übertrifft auch bei weitem seinen Onkel in Apolda.“ Neben seiner Begabung war dieser Erfolg sicherlich letztlich in seiner Liebe zum Be­ ruf begründet. Die Glocke war sein Lebens­ inhalt und ihre laufende Vervollkommnung sein Ziel. Diese Einstellung spiegelte sich vielleicht am besten in einem Ausspruch wi­ der, den Schilling immer wieder tat: ,,Mir geht es nicht um das Geschäft, mir geht es um die Kirche, die eine Stimme haben soll­ te, die ihrer Schönheit entspricht. Wissen Sie, ich bin unverheiratet und habe weder für eine Frau noch für Kinder zu sorgen, meine Glocken sind meine Kinder. Ich habe auch keine Vertreter, die ich bezahlen müß­ te, meine Glocken sind meine Vertreter, ich habe auch keine Aktionäre, die mir Ge­ winnspannen vorschreiben würden. Wenn ich schenken will, geht das nur den Herrgott und die betreffende Gemeinde an.“ Friedrich Wilhelm Schilling verstarb am 6. Juni 1971 und wurde auf dem Heidelberger Bergfriedhof beigesetzt. Damit war eine große Gießära zu Ende gegangen. Schillings Werkstätte wurde von der Karlsruher Glocken- und Kunstgießerei als Zweigbe­ trieb übernommen, ehe der Betrieb in Hei­ delberg 1982 endgültig geschlossen wurde und mit der Firma in Karlsruhe zusammen­ gelegt wurde, wo noch heute Glocken nach den Vorbildern von Schilling gegossen wer­ den. Das Werk Äußerst umfangreich ist die Werkliste Friedrich Wilhelm Schillings. Insgesamt schuf er zwischen 1949 und 1971 rund 7 600 Glocken. Die Aufträge dafür kamen von 199

berühmtesten Münster und Dome: Würz­ burg, Freiburg, Konstanz, Hildesheim, St. Blasien ebenso wie in zahllosen Städten und Dörfern. Seine größten Glocken goß er für die Marktkirche in Hannover (10 360 kg), den Würzburger Dom (9 080 kg), den Dom in Hildesheim (8 686 kg), St. Stephan in Karlsruhe (8 510 kg), das Münster in Kon­ stanz (8 349 kg), St.Nikolai in Hamburg (7 354 kg) und das Münster in Freiburg (6 856 kg). Bei der Addition des Gesamtge­ wichts aller Glocken eines Geläutes ergeben sich Würzburg, Freiburg und Konstanz mit Gesamtgewichten von knapp 24, 21 und 20 Tonnen als größte Aufträge. Unter den 75 größten Aufträgen befinden sich in der Um­ gebung unserer Heimat unter anderem: St. Blasien, Villingen (Münster), mehrere Kir­ chen in Freiburg, Biberach im Kinzigtal, Tiengen/Hochrhein, Villingen (St. Fidelis), Haslach/ Kinzigtal. Wie eingangs erwähnt, läuten von den Türmen der Kirchen im Schwarzwald-Baar­ Kreis rund 140 Glocken dieses berühmten Meisters. Dies ist ein Vielfaches des Werkes der Villinger Gießerei Grüninger, deren Glocken im Kreis kaum vertreten sind. An­ scheinend hat sich dort wieder einmal das Wort vom Propheten bewahrheitet, der im eigenen Land nicht viel gilt. Das größte und bedeutendste Schilling-Geläute im Land­ kreis ist das des Villinger Münsters, dessen acht Schilling-Glocken zusammen 11 703 Kilogramm wiegen und damit an 14. Stelle aller seiner Aufträge rangieren. Seit der Er­ gänzung um eine neunte Glocke im Jahre 1985 ist das Geläute noch um 3 400 Kilo- gramm schwerer geworden. Jochen Schultheiß Die 5 400 Kilogramm schwere große Glocke des Villinger Münsters 1oird hochgezogen (J 9 54). 1 395 katholischen Pfarrämtern, 701 evan- gelischen Pfarrämtern und 92 Kommunal- verwaltungen. Mit Gewichten unter 100 Ki- logramm goß er 1 233 Glocken, von 101 bis 500 Kilogramm 3 708 Glocken, von 50 l bis 1 000 Kilogramm 1 722 Glocken, von l 001 bis 3 000 Kilogramm 874 Glocken, von 3 001 bis 5 000 Kilogramm 45 Glocken und über 5 000 Kilogramm waren es 20 Glocken. Seine Werke läuten auf den Türmen der 200

Aufstellung aller Schilling-Glocken im Schwarzwald-Baar-Kreis ( ,,K“ bedeutet katholische Kirche, »E“ evangelische Kirche) Ort/Kirche Gußjahr Schlagtonlinie Gewichte in kg Aasen/K Allmendshofen/K Bad Dürrheim/K Behla/K Blumberg/K Bräunlingen/E Donaueschingen (St. Marien)/K Epfenhofen/K Eschach/K Furtwangen/K Grüningen/K Gütenbach/K Hammereisenbach/K Heidenhofen/K Hochemmingen/K Hüfingen/K Hüfingen (Mariahof) Klengen/K Kommingen/K Marbach/K Mundelfingen/K Neudingen/K Neukirch/K Riedböhringen/K Riedöschingen/K St. Georgen/K Schönenbach/K Sumpfohren/K Sunthausen/K Triberg/K Triberg (Kricgerehrenmal) Überauchen/K Villingen -Münster/K · Benediktiner/K -Bruder Klaus/K -Pauluskirche/E 1952 1953 1954 1950 1957 1968 1953 1959 1964 1953 1955 1951 1952 1965 1952 1952 1955 1954 1968 1952 1958 1953 1950 1952 1957 1952 1953 1954 1962 1952 1957 1954 1958 1953 1953 1954 1958 1963 1959 f1 -as 1 -b 1 -des 2 d 2 -f 2 es1 des 2 -f2 c1 -es1 -f1 -g1 -b1 b 1 -des 2 · es 2 · f2 g1-b1·es 2 es1 – f1 c1 cis2 -e2 -fis2 fis 2 b O -d1 . f1 _ g1. b 1 ges 1 -as 1 -b 1 -des 2 es1 .f1 -g 1 -b1 ·c 2 gis 1 • h 1 -cis 2 . e2 ges1 -h 1 -cis 2 f1. b1 des 1 -es 1 f2 -as 2 -b 2 dis 2 · fis2 f2 b1 -c 2 ·es 2 a1. 1,1 d1 e1-g1-a1-h1 d1 • f1 _ g 1 • b 1 e 1 . fis 1 . gis 1 . h 1 e 1 -fis 1 -gis 1 -h 1 -cis 2 cis 1 -e 1 -fis 1 • gis 1 cis 1 -e 1 • fis 1 • gis 1 fis1. gis 1 -h 1 d1 -fis 1 • a 1 _ h 1 h0-d1 -e1 .fis1 .31 d1 h 1 -cis 2 -e 2 as O • des 1 • es 1 -f1 • as 1 -b 1 -c2 – des2 ges 1 -b 1 -des 2 -es 2 -f2 des 1 – fes 1 -ges 1 -as 1 -ces 2 f 1 -as 1 -b 1 -des 2 1038-565-383-224 250-145 1491 zusammen 271 2353-1255-869-703-500 425-242-220-154 713-408-163 1595-1099 2428 218-148-103 122 3453-1549-858-601-345 833-578-392-220 1593·1079-705-514-351 501-285-226-128 539-28 l -l 95 1127-454 1960-1309 220-130-90 208-117 104 410-284-163 402-270 1552 1253-713-484-401 1349-793-537-305 1130-785-536-357 1126-776-625-448-308 l 980-1245-850-733 2143-1 J 97-853-558 780-606-333 1483-902-498-413 2890-l 600-1064-876-490 1678 338-230-133 5400-2065-1389-1089-617- 508-336-290 905-536-307-303-210 2366-1324-918-638-447 945-635-559-310 201

·St.Fidelis/K Vöhrenbach/K Vöhrenbach (Friedhof) Weilersbach/K Wolterdingen/K 1958 1952 1965 1961 1954 bO -des 1 • es 1 • ges 1 • as 1 des 1 • es 1 – f1 • as 1 -b 1 • des 2 c2 d1 .f1 f1 -as1 -b1 -des2 3040-l 737-1212-908-608 2280-1470-1016-579-406-294 356 1402-783 935-588-428-281 Hinweis: Diese Aufstellung umfaßt lediglich Glocken tles Meisters Friedrich Wilhelm Schilling. Glocken anderer Gießer, die mancherorts ebenfalls noch zuziiglich auf den Tiirmen hängen und dort zum Geläute gehören, sind nicht berücksichtigt. Schilling· Glocken ersetzten auch in Furtwangen das im Krieg verlorengegangene Geläut der katholischen Stadlkirche. Das Bild zeigt die große Furtwflnger Glocke, 3453 Kilogramm sdnuer, kurz nach dem Guß im Hof der Glockengießerei in Heidelberg. 202

Von der Diasporagemeinde zur Stadtpfarrei Die katholische St.-Georgs-Pfarrei in St. George n wird 90 Jahre alt 61t. �rot i t n. ·-�� …….. � …….. „“‚.-..� …….. _..�…—� erne fatijolif c{Je @otte�� · [801](1) am ranftl4r,1 t!onafag, bea 11. b. In. ‚ · bienfi fnt>rl 6iu brr but� kn �“‚“ !il,’4n lOn �1U.ot9 R•tr, 1041 brn �· ‚mrinbrauttbOrisn, ,:Cfflit aur Strna1n1i Qrbra.cflt a,,hb. Clllrid>1ri1i« br.rrn a,it unJ, bl, 1Jin1″o&n11if/,lt et. :;!:�:,,�·:mb�,IU�;u;:!�!!t“‚urabm. 1!.nfana bc:I GlotJ 5)fr ftll•llf“t ffir�t19tatl1-tratt. Anzeige aus dem „Schwarzwälder“ vom 8. April des Jahres 1880, dem damaligen amt­ lichen Verkündigungsbuitt für den Amtsbe­ zirk Villingen. Nachdem die Schutzherrschaft über das Kloster St. Georgen 1534 an den der Refor­ mation zugeneigten Herzog Ulrich von Württemberg gefallen war, kam 1535 der er­ ste evangelische Pfarrer in den Ort. Ein Jahr­ hundert der Religionswirren begann, in dem die Benediktinermönche mehrfach aus ihrem Zufluchtsort Villingen in das Kloster zurückkehrten. Dann fiel das Kloster nach dem Dreißigjährigen Krieg im Westfälischen Frieden 1648 endlich auf Dauer an Würt­ temberg. Rund zwei Jahrhunderte lebte im ganzen Kirchspiel kein Katholik mehr. So war im Markt­ flecken St. Georgen jede Spur des Katho­ lizismus verwischt, als er am 5. Oktober 1810 zu Baden kam. Die Zählung des Jah­ res 1812 belegt, daß in jenem Jahr in St. Georgen 914 Perso­ nen gelebt hatten, alle durchweg evan­ gelisch. Als die Industrie jedoch an Bedeutung ge­ wann, vermehrte sich der Zuzug von Aus­ wärtigen und so kamen erstmals seit Jahr­ hunderten wieder Katholiken nach St. Ge­ orgen. Im Jahre 1843 lag ihre Zahl bei 43. Sie mußten zunächst den beschwerlichen Weg zum Gottesdienst und zur Christen­ lehre nach Nußbach auf sich nehmen. All­ mählich wuchs ihre Zahl an. Die Eröffnung der Schwarzwaldbahn im Jahre 1873 tat ein übriges und bei der 1880er-Zählung waren es in St. Georgen bereits 191, in Brigach 27, in Peterzell 36 und in Stockburg 9, zusam­ men also 263 katholische Mitbürger. Interessanterweise war es ein angesehener evangelischer St. Georgener, der „ewige Stu­ dent“ Johann Georg Schultheiß, der den er­ sten Anstoß gab, für die kleine katholische Gemeinde eine eigene Kirche zu bauen. Die Kirchenbehörde lehnte aber das Ansinnen ab, da die erforderlichen Mittel nicht zur Verfügung standen. Sie hatte schon im Jah­ re 1842 und erneut 1847 angeordnet, daß der Pfarrer von Nußbach für die Betreuung der St. Georgener Katholiken zuständig sei. Endlich, im Jahre 1880, wurde ein Saal im Gasthaus „Bären“ gemietet. Am Sonn­ tag, den 11. April 1880, hielt Dekan Beck aus Triberg mor­ gens um 8 Uhr den ersten Gottesdienst darin ab. Ab Mai 1887 feierten Pfarrer Eduard Fahrländer aus Gremmelsbach und von Allerheili­ gen 1890 an Pfarrver- weser Adolf Schwei­ zer aus Nußbach im Saal der Wirtschaft regelmäßig die heilige Messe. Mit zunehmender Zahl der Katholiken wurde auch der Plan für eine eigene Kirche wieder aufgegriffen. Durch Vertrag vom 11. November 1881 erwarb der katholische Stif­ tungsrat auf dem Gebiet des ehemaligen Klosters einen Bauplatz für eine Kirche. Ein eigener Kirchenbaufonds wurde ins Leben gerufen. Durch zahlreiche Spenden, Schen­ kungen, Vermächtnisse und die Unterstüt­ zung des Bonifatiusvereins war dieser 1889 bereits auf stattliche 47 000 Mark ange­ wachsen. So konnte im Frühjahr des glei- 203

chen Jahres der Bau in An- griff genommen werden. Am 29. Mai 1889 begannen die Fundamentierungsarbeiten, am 14. Juli erfolgte die Grundsteinlegung und be­ reits am 10. August 1890 fei­ erte Pfarrer Fahrländer den ersten Gottesdienst in der neuen Kirche. Entstanden war nach den Plänen des Erzbischöflichen Bauinspektors Franz Baer (1850-1891) und des Archi­ tekten Friedrich Kempt ein einschiffiger, schmucker Bau im neuromanischen Stil mit einem Dachreiterturm. Die Kirche hatte eine Grund­ fläche von 272 Qiadratme­ tern und bot rund 300 Sitz­ plätze. Wahrlich genug bei einer Zahl von 346 Katholi­ ken im Jahre der Fertigstel­ lung der Kirche. Feierlich eingeweiht wurde die Kirche erst am 21. Juni 1896 durch Weihbischof Dr. Friedrich Justus Knecht zu Ehren des Heiligen Georg. Das Pfarr­ haus war bereits 1893 -94 er­ baut worden. Ein großer Tag für die noch junge Gemeinde war dann der 30. Septem­ ber 1907. Mit Urkunde von diesem Datum errichtete der damalige Erzbischof von Frei­ burg, Thomas Nörber (1846/1920), die Stadtpfarrei St. Georgen. Damit hatte die katholische Gemeinde in St. Georgen ihre Selbständigkeit erlangt und der damalige Pfarrkurat Emil Hogg wurde somit zum er­ sten Pfarrherrn der neu gegri.indeten Stadt­ pfarrei. In den folgenden Jahren entwickelte sich in der jungen Pfarrei ein reges Gemeindele­ ben. Zahlreiche Gruppierungen und Verei­ nigungen entstanden und zahlreiche Mit- 204 Die a!Le katholi­ sche Kirche wurde !889!90erbaut und 1960 abge­ brochen. glieder der Gemeinde übernahmen Aufga­ ben in der Pfarrei. 1924 wurde Chrysosto­ mus Fauth neuer Pfarrer. 1926 war die Zahl der Katholiken bereits auf 1 100 angewach­ sen. In den 1930er-Jahren wurde das Schwe­ sternhaus neben der Kirche gebaut. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zählte die Pfarrei rund 1500 Katholiken. 1947 i.ibernahm Pfarrer Albert Haßler die Ge­ meinde, die weiter anwuchs. Die bestehen­ de Kirche wurde nun zu klein. Trotz mehre­ rer Gottesdienste pro Sonntag herrschte bei gezählten rund 1 000 Gottesdienstbesuch­ ern qualvolle Enge, ganz abgesehen von ho-

Fall des Turmes der alten katholischen Kirche am 16.Mai 1960. hen Festtagen, an denen das Kirchlein völ­ lig überfüllt war. Am 1. Januar 1960 lebten in der Pfarrei bereits 3 741 Katholiken. 1966 bereits 4 500 Katholiken Pfarrer Willi Wellinger, von 1957 bis 1969 Seelsorger der St-Georgs-Pfarrei, nahm sich schließlich des drängenden Problems eines Kirchenneubaus an. 1966 lebten dann schon über 4 500 Katholiken in der Pfarrei. 1967 baute die Gemeinde einen Kindergar­ ten auf der Halde. Am 26. Januar 1969 wur­ de der erste Pfarrgemeinderat gewählt. Zum 1. Mai des gleichen Jahres gab es einen Pfarrerwechsel. Felix Dietrich trat die Nach­ folge von Willi Wellinger an. Am 23. April 1978 wurde das ökumenische Gemeindezen­ trum auf der Seebauernhöhe eingeweiht, das zusammen mit den evangelischen Kir­ chengemeinden gebaut wor­ den war. Im August 1981 war nach mehr als 50 Jahren das Ende der Schwesternstation gekommen. Nun verließen die letzten Gemeindeschwe­ stern St. Georgen. Im Okto­ ber 1985 nahm Pfarrer Felix Dietrich Abschied von der Gemeinde. Im Januar des Jahres 1986 übernahm Gun­ ter Storz die Pfarrstelle. Derzeit gehören zur St-Ge­ orgs-Pfarrei über 5 000 Ge­ meindemitglieder. Damit ist die einstige kleine Diaspora­ gemeinde zur Stadtpfarrei geworden, die sich inzwi­ schen ihres kleinen Begin­ nens kaum mehr erinnern kann. Nachdem das 1889/90 er­ baute Kirchlein den An­ sprüchen der stark gewachse­ nen Gemeinde nicht mehr genügte, wurde es im Frühjahr 1960 abgebrochen. Spekta­ kulärer Höhepunkt war der Fall des Turmes am Montag, 16. Mai 1960. Trotz eines Ge­ witters mit heftigem Regen, das damals über St. Georgen niederging, hatten sich mehre­ re hundert Zuschauer eingefunden, um bei diesem historischen Ereignis dabeizusein. Um genau 17. 23 Uhr, wie der Chronist da­ mals vermerkte, neigte sich der Turm lang­ sam zur Seite und stürzte dann mit lautem Getöse in das Innere des ausgeräumten Kir­ chenschiffs. Im feierlichen Fronleichnamsgottesdienst 205

Adventssonntag, 11. Dezember 1960, war Grundsteinlegung. In den folgenden Mona­ ten nahm das Bauwerk rasch Gestalt an. Am 20. September 1961 wurde Richtfest gefeiert und am 15. Oktober 1961, dem Kirchweih­ fest der Erzdiözese Freiburg, war schließlich der Tag der Einweihung gekommen. An je­ nem Tag konsekrierte Weihbischof Karl Gnädinger die neue Kirche. Der neue Turm 38,5 Meter hoch Noch nicht fertiggestellt war damals der Turm. Mit seinem Bau war im August 1961 begonnen worden. Im Spätsommer 1962 war der 38,50 Meter hohe »Zeigefinger Gott· es“ schließlich vollendet. Tag der Turm- und Glockenweihe war am Christkönigsfest, 28. Oktober 1962. Ihrer Bestimmung überge­ ben wurden damals die Christkönigsglocke (1980kg), die Marienglocke (1245 kg), die St. Georgs-Glocke (850 kg) und die Schutzen­ gelsglocke (733 kg). Gegossen wurde das har· monische vierstimmige Moll-Geläute in der Heidelberger Werkstatt von Friedrich Wil­ helm Schilling. Es erklingt in der Tonfolge cisl · e l • fisl – gisl. Die neue Kirche verfügt über rund 750 Sitzplätze. Ihr Grundriß insgesamt ist recht· eckig, der des Hauptschiffs jedoch trapez· förmig, er verjüngt sich nach dem Chor zu. Umgekehrt steigt aber auch nach dem Chor zu die Schiffshöhe an. Die niedrigen Sei­ tenschiffe sind wiederum wie das Haupt· schiff unregelmäßig im Grundriß, jedoch verbreitern sie sich im Gegensatz dazu nach vorne. Ihre Außenwände lösen sich durch ein schmales Lichtband von der Decke und lassen den Raum damit höher erscheinen, als er tatsächlich ist. Das nach dem Pfarrhaus zu abfallende Gelände führte zur Anord­ nung eines Untergeschosses, in welchem ein großer Saal mit über 300 Sitzplätzen samt Nebenräumen, Küche und drei Gruppen­ zimmern untergebracht wurde. Errichtet wurde der Bau nach Plänen von Oberbaurat Max Schätzle, dem damaligen Leiter des Aufziehen der neuen Glocken im No11ember 1960. Die fast zwei Tonnen sdnuae Christkö­ nigsglocke kurz vor ihrem Ziel. am 16. Juni 1960 wurde der erste Spaten­ stich zum Kirchenneubau getan, am dritten 206

wurden ausgebaut und erhiel­ ten in einer neu geschaffenen Seitenkapelle einen würdigen Platz. Seit der Fertigstellung der Kir­ che 1961 war die Gestaltung der hohen Chorwand mit den Fen­ stern der alten Kirche nur als Provisorium gedacht, das dann allerdings runde 30 Jahre über­ dauerte. Im Zuge der jüngsten Innenrenovierung wurde nun auch dieser Bereich neu gestal­ tet. Es entstand ein gut 136 Qyadratmeter großes Monu­ mentalgemälde, das den Kir­ chenbesucher in seinen Bann zieht. Es besteht aus 72 ein­ zelnen, jeweils 1, 10 auf 1,70 Meter großen Holzplatten. Ge­ schaffen wurde das Riesen­ Kunstwerk von dem Neckar­ steinacher Künstler Peter Valen­ tin Feuerstein und seinem Sohn Christoph. Thema des Monu­ mentalgemäldes sind grundle­ Die katholische Stadtpfarrkirche „St. Georg“ in St. Georgen. Erzbischöflichen Bauamtes Konstanz, die örtliche Bauleitung hatte Regierungsbau­ meister Berthold Haas. Ein Monumentalgemälde Bis vor wenigen Jahren zeigte sich das In­ nere des Gotteshauses in nüchternen und schlichten Formen. Lediglich das hoch über dem Altar in die Wand eingelassene Chor­ fenster der alten Kirche war einziger Schmuck. Bei der jüngsten Instandsetzung hat sich das Gesicht des Innenraumes gründ­ lich gewandelt. Im Sommer 1989 begann man mit einer umfassenden Renovierung. Das Innere erhielt einen hellen Anstrich, die Beleuchtung wurde gewechselt und der Al­ tarbezirk völlig umgestaltet. In der Oster­ nacht 1990 erklang erstmals die neue Orgel mit 27 Registern, ein Werk der Bonner Fir­ ma KJais. Die Chorfenster der alten Kirche gende Aussagen der Bibel. Das Bild ist so aufgebaut, daß auf der rechten Seite stets die Kainswelt und sie be­ treffende biblische Aussagen dargestellt sind, wohingegen die Motive der linken Sei­ te Grundentscheidungen im Sinne Abels in den Mittelpunkt rücken. Entsprechend sind rechts der Turmbau zu Babel, der feuerrote (= der Krieg), der schwarze (= der Hunger) und der fahle (= der Tod) apokalyptische Reiter dargestellt und darüber das Gericht über Babylon. Links sind Abraham vor dem Sternenhimmel, der brennende Dornbusch, das Paschamahl, der Durchzug durch das Meer und der apokalyptische Reiter auf dem weißen Roß(= der Sieger) zu sehen, darüber die Darstellung des Buches mit den 7 Sie­ geln. In der Mitte unten die Schöpfung, dar­ über die Arche Noah. In der blauen Zone im Zentrum sind die zentralen Aussagen des christlichen Glaubens dargestellt: Das Le- 207

Blick in den neugestalteten Kirchenraum mit dem neuen Gemälde an der Chorwand (siehe auch Bild rechts unten) und die Klais-Orgel von 1990 (links unten). – – – – 208

ben Jesu von der Verkündigung über das letzte Abendmahl und – im Zentrum – den Kreuzestod bis hin zum leeren Grab. Dar­ über oben in der Mitte in leuchtenden Far­ ben die Erlösung: Die Vision vom himmli­ schen Jerusalem, in der Mitte das geschlach­ tete Lamm vor dem Thron Gottes. Damit haben die St. Georgener Katholi­ ken nun zum 90. Geburtstag ihrer Pfarrei in diesem Jahr ein würdiges Gotteshaus be- kommen, das alleine schon durch seine geo­ graphische Lage der Antiphon der Kirchwei­ he alle Ehre macht: ,,Gegründet ist das Haus des Herrn auf der Höhe der Berge, erhaben über alle Hügel. Alle Völker kommen zu ihm und sprechen: Ehre sei Dir, o Herr. Sie kommen voll Jubel … “ Jochen Schulthe!ß Die Hubertus-Kapelle in Neuhausen Das Schmuckstück des Dorfes wurde gründlich renoviert Viele Jahre stand, unter hohen Ahornbäu­ men fast verborgen, das kleine „Fleige-Käp­ pili“ unbeachtet neben der Straße im Neu­ hauser Oberdorf. Nachdem in den 1960er Jahren einige der Kapellenfiguren geraubt worden waren, blieb es stets verschlossen. Im Herbst 1995 jedoch wurde nun die Ka­ pelle nach einer gründlichen Renovierung wieder geweiht und dem heiligen Hubertus gewidmet. Es fand ein dreitägiges „Kapel­ lenfest“ statt. Bläser der Villingen-Schwen­ ninger Parforcehorngruppe verschönerten die Hubertusmesse, die am 10. September unter großer Anteilnahme der Bevölkerung auf dem Hofplatz vor der Kapelle gefeiert wurde. Im Festzelt konnten sich dann Ein­ heimische wie Fremde – oder besser gesagt Freunde der Jagd und des Dorfes – an mu­ sikalischen Darbietungen erfreuen und mit zünftigen Speisen stärken; dies schon am Vorabend und noch am folgenden Tag. Das neue Schmuckstück des Dorfes weckte auch Fragen nach dessen Vergangenheit. Und vorneweg ist zu sagen: manche Fragen blei­ ben. Das Anwesen, zu dem die Kapelle gehört, hatte wechselvolle Schicksale. Zu Ende des 18. Jahrhunderts (1780) war es in Besitz von Anton Flaig. Von dieser Familie Flaig (Fleig) behielt das Haus wie auch die Kapelle den Hofnamen ,; s Fleige“ bis in die zweite Hälf­ te des 20. Jahrhunderts, obwohl schon 1811 ein anderer Besitzer genannt wird, nämlich Anton Neininger, der vielleicht ein Schwie­ gersohn Flaigs war. Nach Anton Neininger übernahm der Sohn Thomas Neininger den Hof, danach dessen Sohn Friedrich. Die Tochter Berta des Friedrich Neininger, wel­ cher 1879 noch nicht fünfzigjährig starb, heiratete später einen Eduard Seckinger. 1937 verkaufte der Sohn und Nachfolger Friedrich Seckinger den Besitz an Emil Stern, den „Pandure-Emil“. Von diesem ging der Hof auf den Sohn Konrad über. Nach dem Tod Konrad Sterns 1994 erwarb der jetzige Besitzer Artur Büttner das An­ wesen von Konrads Geschwistern. Die zum Gehöft gehörende kleine Kapel­ le steht, früher durch einen Feldweg vom Hofplatz getrennt, westlich des Hauses na­ he an der heutigen Forststraße. Sie soll zu Anfang des 18. Jahrhunderts errichtet wor­ den sein; in den Grundbuchbeschreibungen Neuhausens wird sie jedoch erst 1868 zum erstenmal genannt, auch erscheint sie nicht in früheren Übergabe-Verträgen. So dürfte sie wohl erst von Friedrich Neininger erbaut sein; bei der Erbteilung 1880, nach dem Tod 209

die Statuen des heiligen Joseph und der hei­ ligen Barbara. Alle diese Bildwerke wurden alljährlich als Schmuck des Fronleichnams-Altars aufge­ stellt; traditionell hatte der vierte „Herr­ gottstagsaltar“ seinen Standort bei ,,‘ s Flei­ ge“. (Die erste Station war beim „Bapischt“, Obereschacher-Str. 5, die nächste bei „Leh­ rertonis“ Forststr. 1, die dritte bei „Märtilis“ in der Forststr. 4.) Nach dem Diebstahl der beiden Putten und der Pieta brachte Familie Stern die rest­ lichen Statuen und das Kruzifix in ihrer Wohnung in Sicherheit. Das Kapellchen blieb versperrt und geriet fast in Vergessen­ heit. Aus diesem „Dornröschendasein“ holt nun der neue Besitzer Artur Büttner das „Käppili“ wieder heraus. Hierbei half der Vater Josef Büttner begeistert mit. Das Dach wurde renoviert, das Mauerwerk saniert und ein neuer Altartisch gefertigt. Die Türe und die Fenster wurden mit Gittern versehen. Fußboden und Tür bedurften keiner Erneu­ erung. Ebenso sind die Betstühle noch gut erhalten. Da Artur Büttner ein passionierter Jäger ist, wählte er, unterstützt von seinem Jagd­ freund Willi Stern, einem Bruder des Vor­ besitzers, den heiligen Hubertus zum Pa­ tron der renovierten Kapelle. Die südliche Innenwand wurde mit einer Darstellung des Jägerheiligen geschmückt. Vor allem aber: die bislang sichergestellten, nichtgestohle­ nen Statuen bekamen wieder einen würdi­ gen Platz. Das ausdrucksvolle Kruzifix hängt über Eck in alter Herrgottswinkel-Tradition. Auf dem Altartisch stehen vor Schein-Ni­ schen die Statuen des heiligen Joseph und der heiligen Barbara. Die Herkunft der Kapellenstatuen kann nur vermutet werden. Sie dürften aus der Hand des Neuhauser Pfarrers Ackermann stammen. Bernhard Ackermann war über 30 Jahre (1791-1822) in Neuhausen tätig; seine Heimat war die Ölmühle in Villingen – ein Ölmüller machte sich auch als Masken- Der Altar der Hubertus-Kapelle vor und nach der Renovierung im Jahr 1995. ,,,.. Friedrichs, wird die „Kappelle“ mit 400 Mark an Wert in der Erbmasse erwähnt. Dem Neuhauser Großbrand im Mai 1896 fiel auch die Kapelle zum Opfer; wie ein Fo­ to aus jenen Tagen zeigt, blieb das Mauer­ werk stehen, Dachstuhl und Holzwerk je­ doch verbrannten. Das „Käppili“ wurde da­ nach wieder hergestellt. Es ist ein schlichter, fast quadratischer Bau mit je einem Fenster in den Seitenwänden und einer breiten Tür nach Osten zu. Der offene Dachstuhl trägt weder Türmchen noch Dachreiter. Früher bestand die Ausstattung aus einem einfa­ chen Altar und je zwei Betstühlen rechts und links. Auf dem Altar stand eine Pieta, darüber hing ein Kruzifix, beiderseits davon je ein kelchtragendes Putten-Engelchen. Zu Seiten der Schmerzensmutter befanden sich 210

Die Hubertus-Kapelle in Neuhausen wurde nach gründlidm Renovierung am 10. September 1995 mit einem.feierlichen Golfesdienst geweiht, an dem auch eine Hombliisergruppe mitwirkte. schnitzer einen Namen. Über Pfarrer Acker­ mann berichtet einer seiner Nachfolger, Franz Xaver Hosp, 1866 in der Neuhauser Pfarrchronik: ,,Er war ein sehr geschickter Schreiner und Bildhauer, und die meisten Heiligenbilder sind von seiner Hand ge­ macht.“ In der Pfarrkirche St. Martin zu Neuhausen sind noch mehrere Ackermann­ Statuen zu sehen. Ob die Kapellen-Figuren beim Großbrand 1896 gerettet werden konnten oder erst nach dem Wiederaufbau gestiftet oder erworben wurden, läßt sich auch nicht feststellen. Wahrscheinlicher ist, daß die alte Ausstat­ tung verbrannte, denn „außer dem Vieh konnte nur sehr wenig an Fahrnissen geret­ tet werden“ (Zeitungsnotiz vom 11.5.1896). St. Joseph trägt auf dem linken Arm das Je­ suskind. Bekleidet ist er mit einem dunkel­ grünen Rock, schwarzen Stiefeln und einem lose über den Rücken hängenden dunkel­ blauen Mantel. Die leere rechte Hand dürf- te einen Lilienstab gehalten haben. St. Bar­ bara trägt ein dunkelrotes gegürtetes Ge­ wand und einen dunkelblauen Mantel. In der linken Hand hält sie einen (heraus­ nehmbaren) Kelch, in der rechten war ver­ mutlich eine verlorengegangene Märtyrer­ palme. Die Krone ist aus Metall aufgesetzt. Beider Figuren Gewänder sind mit einem Goldstreifen gesäumt. Anscheinend ist noch die ursprüngliche Fassung erhalten. Das Kruzifrx mit auffallend breitem Kreuz­ holz und einem Christuskorpus mit kap­ penartiger Netz-Dornenkrone stand zu­ nächst nicht in Zusammenhang mit den Heiligenfiguren, dagegen gehörten die ver­ schwundenen kelchtragenden Engel dazu, wahrscheinlich auch die gestohlene Pieta. Die Neuhauser Ackermann-Statuen zei­ gen, obwohl am Ende der Barockzeit ent­ standen, keinen barocken Überschwang, sondern schlichte, naiv-bäuerliche Formen. Sie sprechen mit ihrem frommen Ausdruck 211

Tuningen als Wallfahrtsort Auf den Spuren der Kirche des heiligen Gallus und in ihrer einfachen Art die Bevölkerung an. Ebenso wirken auch die Kapellen-Figu­ ren. Das Kreuz Christi und das Bild der Schmerzensmutter halfen den schwer arbei­ tenden, geplagten Landleuten, ihre Nöte und Sorgen -,,Kreuz und Leid“ -eher zu er­ tragen. Der heilige Joseph ist Schutzpatron der Familien und der Arbeiter, vor allem der Zimmerleute. Er wurde auch angerufen um eine gute Todesstunde, ebenso die heilige Barbara. Diese gehört zu den vierzehn Not­ helfern und gilt als Schutzheilige verschie­ dener Berufsgruppen. Wenn im Jahre 1997 Tuningen auf l 200 Jahre seiner Geschichte zurückblickt, sollte dies nicht ohne Gedenken an seine Verbin­ dungen und Traditionen mit dem KJoster St. Gallen geschehen. Die erstmalige Er­ wähnung des Ortsnamens „Dainingas“ kommt in einer Schenkungsurkunde an das KJoster St. Gallen vor, wo Thrutbert in Dai­ ningas (Tuningen) seine Besitzungen in Weigheim und Trossingen an das KJoster St. Gallen gab. So ist Tuningen mit eine der alamannischen Siedlungen, die durch eine Schenkung an das KJoster St. Gallen 797 n.Chr. eine besonders frühe urkundliche Erwähnung erfahrt. Im Mittelpunkt unserer jetzigen Betrachtung steht die ehemalige Wallfahrtskirche St. Gallus in Tuningen. Nachdem im Jahre 750 die Alamannen endgültig unter die unmittelbare Herrschaft der Franken gekommen waren, gewann das Christentum immer mehr Einfluß. Zuerst waren es die oberen Schichten, die sich dem neuen Glauben zuwandten; erst allmählich erfaßte er dann auch die breiteren Schichten der Bevölkerung. Die Bekehrung der Ala­ mannen zum Christentum wurde durch iri­ sche Missionare eingeleitet. Einer der zwölf 212 In nichtmotorisierten früheren Tagen be­ suchten die Fußgänger auf dem Weg zur Feldarbeit das „Fleige-Käppili“ gern für ein kurzes Gebet. Und wenn an der nun wieder geöffneten Kapelle die Besucher nicht nur sich an einem ländlichen Schmuckstück er­ freuen, sondern auch nachdenklich werden oder vielleicht ein Gebet sprechen, so dürf­ te dies sowohl im Sinn des Erbauers und des Bildschnitzers als auch der Erneuerer sein! lrene Link Gefährten des Wandermönchs Kolumban war Gallus. Er kam 610 in unsere Gegend und trieb aufgrund seiner vortrefflichen Sprachkenntnisse die Christianisierung der Gegend rings um den Bodensee, also auch in der Baar, stetig voran. Obwohl der Grundsatz Papst Gregors des Großen laute­ te: ,,Nichts zerstören, alles verwandeln und auf den heidnischen Kultstätten die christli- Von der Wal!fahrtskirche sind heute keine Spuren mehr zu finden, auf der hier abgebildeten Parzelle soll sie der Überlieferung nach gestanden haben.

Klöster, Kirchen und Kapellen des hl. Gallus chen Kirchen bauen“, brachte ihm die eige­ ne ungestüme Art der Zerstörung heidni­ scher Götzenbilder den Haß vieler Alaman­ nen em. Zunächst mußte St. Gallus fliehen. Er gründete im Hochtal der Steinach, dem heu­ tigen St. Gallen, eine Einsiedelei und ein kleines steinernes Gotteshaus. Es wurde zu einem Kristallisationspunkt der Religion. Am Orte der Gallus-Siedlung errichtete dann 719 Otmar, der ein Alamanne war, ein Kloster. Er gab ihm die Regeln des hl. Be­ nedikt und war bis 759 sein erster Abt. Es war das erste Kloster der im 6. Jahrhun- dert n. Chr. gegründeten Diözese Konstanz. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich das Kloster St. Gallen zu einem legendären Zentrum christlicher Kultur, Kunst und Wis­ senschaft. St. Gallus selbst starb 645 n. Chr. an seinem Wirkungsort. Seine überragen­ den, charismatischen Fähigkeiten übten ei­ nen außerordentlichen Einfluß auf viele Menschen aus. Vom 8. Jahrhundert an setz­ te eine ausgesprochene Gallusverehrung ein. Mit reichen Schenkungen bedacht, er­ blühte das Kloster St. Gallen zu hohem An­ sehen im alamannischen Raum. Viele Pilger aus der Baar, aus Deutschland, Frankreich 213

Der Timinger Ablaßbrief vom April des Jahres 1338. und Italien kamen nach St. Gallen, um die Hilfe in besonderen Nöten zu erflehen. Die Großen des Reiches wetteiferten bald mit den begüterten Kreisen des alamannischen Volkes, die Klöster mit Grund und Boden auszustatten. Neben Gütern und einzelnen Orten werden in Urkunden mehrfach auch Kirchen erwähnt, die dem Kloster St. Gallen als Eigenkirchen oder Fiskalkirchen ge­ schenkt wurden. Die vielen Galluspatrozi­ nien resultierten aus den mächtigen Grund­ herrschaften des Klosters, dessen Grenzen von ihm ausgehend die schweizerischen Gaue Allamanniens umfaßten, über den Rhein, dem oberen Elsaß und dem Breisgau zustrebten, in weitem Bogen den Oberlauf der Donau und des Neckars einbezogen, um über den Linz-Argen und Allgau am Bo- densee den Kreis zu schließen. Später dehn­ te das Kloster St. Gallen seine Grundherr­ schaft bis nach Italien aus. 1206 wurde St. Gallen Reichskloster und seine Äbte wa­ ren fortan reichsunmittelbare Fürsten. Die älteste St.-Gallus-Kirche in unserer Re­ gion wurde um 874 n. Chr. im Wurmlingen (Kreis Tuttlingen) als bestehend bekannt. Auch in Tuningen gab es eine St.-Gallus-Kir­ che, sie stand außerhalb des Dorfes im Ge­ wann Vogelösch, etwa 1 km südwestlich in Richtung Sunthausen. Die Gegend hieß da­ mals „Die kugelichte Wolfsgruben“, später ,,Auf der Lehr“. Der Abhang gegen die obe­ re und untere Mühle zu heißt heute noch, wegen der Nähe zur damaligen Kirche, ,,Auf heiligen Wegen“. In der Zeit von etwa 800 bis 865 n. Chr. 214

wurden im Missionsterritorium des Bene­ diktinerklosters St. Gallen viele neuen Kir­ chen und Kapellen dem hl. Gallus geweiht. Als aber 864 n. Chr. die sterbliche Hülle des hl. Otmar ebenfalls im Kloster beigesetzt wurde, erhielten die nachfolgenden Sakral­ bauten nicht mehr St. Gallus, sondern St. Otmar zum Kirchenpatron. Deshalb müßte die Tuninger Kirche St. Gallus entweder im letzten Viertel des 8. Jahrhunderts oder in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts erbaut worden sein. Das genaue Baujahr der Kirche ist leider nicht bekannt. Diese Tuninger Pfarr-und Wallfahrtskirche St. Gallus war höchstwahrscheinlich die Mutterkirche von Sunthausen, Hochem­ mingen, Mühlhausen und Weigheim. Da der Pfarrort Tuningen an der Schelmengas­ se lag, die von Geisingen herkommend als Heerstraße nach Rottweil führte und nach­ weislich als ablaßbegabter Wallfahrtsort aus­ gewiesen war, nahm er doch eine gewisse Sonderstellung unter den Ortschaften der Ostbaar ein. Zur Erhaltung der Kirche such­ te man zu Geldmitteln zu kommen und ver­ lieh der Kirche in Tuningen eine besondere Ablaßurkunde. Daß diese oft gebraucht, d. h. vorgezeigt wurde, ist daran zu sehen, daß an der heute im Stadtarchiv, in Villin­ gen liegenden Urkunde die Siegel abgefallen sind und fehlen. Am 25. April des Jahres 1338 wurde der Tuninger Pfarr- und Wallfahrtskirche zu St. Gallus die Ablaßurkunde verliehen. Sie ist heute der einzige sichtbare Beweis der einstigen Existenz der St. Galluskirche in Tuningen. Die 71 x59 cm große Urkunde wurde von Bischof Nikolaus 1. von Kon­ stanz (1334-1344) am päpstlichen Hof in Avignon beantragt und im Auftrag von Papst Benedikt XII. (1334-1342) von 14 Erzbischöfen und Bischöfen unterzeichnet und gesiegelt. Allen Besuchern der „Pfarrkirche in Tai­ ningen, gestiftet zu Ehren des hl. Gallus, und aller Altäre, die in dieser Kirche errich­ tet sind“, sollte ein Ablaß von 40 Tagen zu- gute kommen. Im Stile der Zeit, mit ihrer Sorge um größtmögliche Rechtssicherheit, enthält die Urkunde dabei eine genaue Auf­ zählung der Festtage und der vorstellbaren Gründe des Kirchenbesuches. Somit muß die Wallfahrt zur Tuninger Gallus-Kirche zu Beginn des 14. Jahrhun­ derts doch ein beträchtliches Ausmaß er­ reicht haben. Doch weder urkundlich noch durch andere Überlieferung ist bis heute et­ was über die Zerstörung und das Verschwin­ den der Wallfahrtskirche, die bis zur Refor­ mation von der ganzen Umgebung besucht wurde, bekannt geworden. Günther A. Ulmer Die evangelische Pfarrkirche 215

Tuninger Bilderbogen, von links oben: Der „Hiindebrunnen „von Goi/lieb Glöckler (J 985), Idylle am Sieblegraben, der Eingang vor dem Rathaus und schöne Faclnverkhiiuser in der Hauptstraße. 216

Heiteres aus dem Klosterleben Maria Canisia und ihr Damenorchester Diesmal, verehrter AJmanachleser, ist die Kapitelüberschrift in besonders hohem Maße zutreffend, denn einmal ist die im Ti­ tel ausgewählte Persönlichkeit, über die be­ richtet wird, im wahrsten Sinne des Wortes ein sonnig heiteres Wesen, und zum ande­ ren fehlt es der über sie ausgewählten Epi­ sode nicht minder an entzückend amüsan­ tem Gehalt. Sie, unsere Frau M. Canisia (1902 – 1987), bleibt unvergessen bei allen Mitbürgern, die sie kannten, sie ist bei ihnen hod1angesehen und beliebt. Eigentlich müßte sie ja wegen ihrer sprichwörtlichen Frohnatur und ihres nie versiegenden Optimismus noch einen schmückenden und verdienten Beinamen führen, z.B. Laetitia (zu deutsch „die Freu­ de“). Würde sid1 doch gut anhören: ,,Maria Canisia Laetitia !“ In über 60 Jahren Klosterleben war sie das nimmermüde, belebende, aber auch trost­ und ratgebende Element des Hauses. Dabei kamen ihr zu Hilfe die hohe musikalische Begabung und eine ausgeprägte Frömmig­ keit. Was hat diese bewundernswerte Frau doch alles gearbeitet und geleistet, und weil darüber schon ausführlich im Almanach 1989 unter dem Thema „Persönlichkeiten der Heimat“ berichtet wurde, beleuchten wir hier ergänzend noch einige heitere Sei­ ten ihres Lebens: Ein wichtiges Motto war für sie: ,,Ich bin zu jedem Späßchen bereit.“ Noch heute er­ zählen ihre ehemaligen Schüler, die der Klosterschule St. Ursula und die des Kna­ ben- und Pestalozzichors, mit Entzücken, wie freudvoll und erfolgreich bei ihr Musik­ und Gesangsunterricht waren. Auch Er­ wachsene, die bei ihr Klavierstunden nah­ men, berichten nur Gutes über ihre Lehre­ nn. Bei der „Villinger Fasnet“ blieb Frau Cani­ sia selbstverständlich keine Unbekannte, und heute noch bieten ihre Bänkelgesänge und komponierten Lieder mit selbstgedich­ teten Texten immer wieder Gesprächsstoff 217

bei „Schänzelefesten“ und gemütlichen ,,Hecks“. Eine besonders von ihr ins Leben gerufe­ ne Kostbarkeit war das einstige klösterliche Damenorchester. Dieses „1 musici Santa Ur­ sula“ spielte bei vielen kirchlichen Festen auf, aber auch bei anderen Gelegenheiten, und erntete jedesmal begeisterten Beifall. Ei­ nige seiner damaligen Mitglieder sind uns noch bekannt. Frau Canisia (Leitung, Klavier, Orgel, Brat­ sche), Frau Mechthildis (Dirigentin, Violi­ ne), Frau Konrada (Orgel, Violine), Frau Ri­ ta (Cello), Frau Benedikta und Frau Paula (Flöte) und als Gesangskoryphäe glänzte Canisias „Orgel-Hochseilakt“ Schon früh beim ersten Sonnenstrahl kräh’n Hähne übers Pustertal, und eilig lenken ihre Schritte die Klosterfrau’n nach frommer Sitte zum Viumser Kirchlein – o wie löblich – ein Bild, so herzig und so fröhlich. Hochwürden Wecker geht voran, bekannt als wack’rer Gottesmann. Hintendrein stelzt Anton Link, ,,Buspilot“, meist gutgesinnt. Ihm folgt als Schlußlicht „Mutius Groß“; die Heil’ge Messe geht gleich los. Frau Bonifatia (Sopran). Welches Instru­ ment unsere gegenwärtige Frau Superiorin spielte (Pauke, Waldhorn oder Posaune) konnte nicht ermittelt werden! So – und jetzt klopft der Autor direkt an der Himmelspforte an, um mit der Haupt­ person dieser „Reportage“ zu sprechen: ,,Liebe, gute Frau M. Canisia Laetitia, über dies, was nun in Reimen folgt, sollst Du Dich nochmal so recht freuen. Du erinnerst Dich noch als Du enthusiastisch und glück­ lich gemeinsam mit Deinen Mitschwestern zu Pfingsten mit dabei in Südtirol warst – hör zu! Helmut Groß Zuvor jedoch fürs Orgelspiel kostet’s der Mühen noch recht viel: Die Treppe hoch zu der Empore verursacht wahrlich Mordsfurore; denn sie ist steil, die Tritte schmal, kurz gesagt: einfach brutal! – Und uns’re Frau Canisia, zuständig für die „Musica“, ist zwar beschwingt und auch behend, doch vollschlank – etwas korpulent! Wie soll sie so bloß überwinden das Stiegenhindernis – und finden zum guten Pfeifeninstrument? – Da heißt’s: Schnell handeln – justament! Drum bindet man ums Bäuchlein, rund, ihr einen Strick, stabil und bunt. D’ran zieht man sie – hau ruck – nach oben, von hinten hat der „Link“ geschoben! – Der Orgelbock wird so erreicht, und bald dem Instrument entweicht zur Gottesehr‘ das erste Lied. Der Damenflor laut jubiliert. Das „Mannsvolk“ brummt nur zaghaft mit, weil dies, wie’s scheint, an Stimmbruch litt. 218

Bevor die Messe schließlich aus im Südtiroler Gotteshaus, erteilt »PW“ dann noch den Segen, damit auf allen Urlaubs­ wegen, besonders den alpinen Pfaden, das Wandervolk kommt nicht zu Schaden! Wichtig bleibt, hier noch zu sagen: Frau Canisias Herz und Waden haben Kondition erfahren; dies können laut wir offenbaren: Durch den „ Orgel – Hochseilakt“ blieb sie beim Klettern voll intakt. Mit Bravour durchstieg sie Rinnen, erstürmte Gipfel und auch Zinnen mit Rucksack, Seil und Eisenhaken, ohne ein „bisse!“ nur zu klagen. -Ja, wer geübt mit Eifer, Fleiß, dem gebührt der Siegespreis! – Helmut Groß 219

Wegkreuze und Kleindenkmäler Gedenkstein erinnert an die Gründung 1806 zum Bau von Königsfeld den ersten Baum gefällt Auf der vergleichsweise kleinen Gemar­ kung der Herrnhuter Siedlung Königsfeld findet man kein Wegekreuz, dagegen aber eine relativ große Zahl von 11 Gedenkstei­ nen. Der vermutlich älteste Gedenkstein ist ein Obelisk. Vom Vater des ersten Internats­ schülers, August Beringer, 1819 aus Dank­ barkeit errichtet, steht er vor der ehemaligen ,,Knabenanstalt“, dem heutigen „Zinzen­ dorf-Gymnasium“. Wenige Meter daneben befindet sich ein weiterer Gedenkstein. Auf ihm sind die Ini­ tialen von 16 während ihrer Schul- oder Dienstzeit in Königsfeld verstorbenen Schü­ lern und Lehrern verzeichnet. Der jüngste, 1991 errichtete Gedenkstein, steht mitten im Ort auf dem Zinzendorf­ platz. Er ist ein Buntsandstein-Obelisk und dem Gründer der Herrnhuter Brüderge­ meinde gewidmet, Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf. Auf einer ovalen Bronze­ plakette ist als Halbrelief das Profilbild des Grafen zu sehen. Der historisch interessan­ teste Stein aber steht nicht im Ort, sondern an der Verbindungsstraße von Königsfeld nach Erdmannsweiler. Einer Herrnhuter Tradition entsprechend – in Herrnhut steht ein ähnlicher Stein – kennzeichnet er die Stelle, an der der erste Baum zum Bau von Königsfeld geschlagen wurde. Am 12. August 1806 hatte Friedrich I., Kö­ nig von Württemberg, die lange erwartete Unterschrift unter die Gründungsurkunde gesetzt. Der Bereich des zukünftigen Ortes war das Gelände eines Bauernhofes, des Hörnlehofes, mit rund 150 Hektar. Er war im Auftrag der Brüdergemeine schon 1804 gekauft worden. Die Vorbereitungen zum Anbau der Siedlungen konnten beginnen, 220 Mit dem Fällen des ersten Baumes begann im fahr 1806 die Griindungsgeschichte von Königifeld. aber darüber wurde es Winter. Der beauf­ tragte Verwalter des Hörnlehofes, Bruder Adam Mayer, wollte aber wenigstens sym­ bolisch noch im Jahr der Gründung, 1806, mit dem Bau beginnen. Er beauftragte die beiden Knechte des Hofes, Konrad Rinder­ knecht und Leonhard Wacker, in dem zum Hof gehörenden Stellwald einen ersten Baum für den Baubeginn zu fallen. Das ge­ schah dann am letzten Tag des Jahres neben dem hofeigenen Verbindungsweg vom

Hörnlehof nach Erdmannsweiler, um auch einen einfacheren Abtransport zum Bau­ platz zu ermöglichen. Der Deckenbalken, der aus diesem Baum entstand, wurde im er­ sten Haus der Siedlung, dem Gasthof, dem heutigen „Herrnhuter Haus“, im Hausgang eingebaut. Aus den Briefen eines frühen Königsfeld­ Besuchers wissen wir, daß der Baumstumpf des ersten gefällten Baumes im Jahre 1829 noch zu erkennen war, man aber bereits plante, dort einen Gedenkstein zu setzen. Derselbe Briefschreiber berichtet in einem späteren Brief von 1832, daß nunmehr ein Gedenkstein an dem historischen Platz er­ richtet sei. Der erwähnte Obelisk steht noch immer am Rande der Straße, etwas erhöht in der in den Wald aufsteigenden Straßenbö­ schung. Er ist aus grauem Sandstein, 1,60 m hoch und von einer im Halbkreis aus Bruch­ steinen errichteten Stützmauer für die Bö­ schung umgeben. Eine in Versalien geschrie- bene Erklärung erläutert deutlich den Sinn des Steines: ,,Der erste Baum zum Bau von Königsfeld, den 3lten Dec. 1806 gefällt.“ Über dieser Notierung ist eingehauen: „Psalm 127,1 „. Kaum jemand, der heute mit dem Auto oder dem Fahrrad an diesem Platz vor­ beifährt, wird den Gedenkstein beachten. Noch weniger Menschen aber werden wis­ sen, auf welches Bibelwort die Psalmenan­ gabe hinweist, das den Brüdern als Segen Gottes für ihre Gemeinde wichtig war: ,,127.1 Wenn der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen. Wenn der Herr nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst.“ Der Gedenkstein schreibt also nicht nur ein kleines Stück Geschichte, sondern er­ mahnt wie ein Wegekreuz den Betrachter, sich des Herrn der Schöpfung zu erinnern. Dr. Peter Munk Brücke bei Allmendshofen, Ölgemälde von Helmut Sabrowski 221

Sagen der Heimat Wunderbare Rettung der Kirche zu Hondingen Kirche und in die Kapelle ist kein plün­ dernder Franzose gekommen, obwohl meh­ rere Franzosen gegen die alten J(jrchentüren mit aller Gewalt stießen, schlugen und ge­ rannt sind. Mit den schwächsten Werkzeu­ gen hätte man jedoch die alten J(jrch­ entüren öffnen oder einschlagen können. Ein kranker Mann, Anton Happle, der an zwei Krücken ging, wollte sich ebenfalls in den Wald retten. Aber er kam nur noch bis Im Jahre 1796 tobte in unserem Gebiet der 1. Koalitionskrieg. Die Franzosen drangen bis nach Bayern vor, wurden aber von Erz­ herzog Karl, einem Bruder des Kaisers, ge­ schlagen. Nun flutete das ganze Heer wieder zurück, dem Rheine zu. Morceau, der fran­ zösische Heerführer, versuchte einer Um­ klammerung zu entgehen und nahm den Weg über Stühlingen. Dabei bekamen auch Blumberg und Hondingen die Last der feindlichen Einquartierungen zu spüren. Die Blumberger hatten sich mit Pfarrer Honold rechtzei­ tig nach Achdorf in Sicherheit ge­ bracht. Dies war auch notwendig, denn der Pfarrhof in Blumberg, welcher heute noch steht, wurde wie üblich völlig ausgeplündert und zudem der gesamte J(jrchen­ schatz geraubt. Der Schaden be­ trug an die 1 000 Gulden. Drei Tage und Nächte über­ schwemmten die französischen Truppen auch Hondingen. Die Einwohner hatten sich fast alle in die Wälder und in versteckte Or­ te von Hondingen geflüchtet, und kaum ein Mensch war noch zu se­ hen. Die Franzosen P.li.inderten den Ort fürchterlich. Uberall, wo sie aufgetaucht waren, hatten sie auch die Gotteshäuser ausgeraubt, die Heiligtümer vernichtet, die Tabernakel eingeschlagen und natürlich Kelche und J(jrchen­ gerätschaften mitgenommen. Am Hondinger Pfarrhaus schlugen sie die Türen und Fenster ein, nah­ men alle Habseligkeiten mit oder zerschlugen sie. Aber in die da nebenstehende Die Kirche vo11 l-/011dingen 222

zur Kirche. Er ging also auf den Kirchhof und verbarg sich schnell in dem bei der Kapelle stehenden Beinhaus. Auch ihm ge­ schah kein Leid, obwohl die Feindestruppen hin- und herliefen und alles versuchten, in die Kirche einzubrechen. Er konnte alles mitansehen: weder der Kirche noch der Ka­ pelle geschah irgendein Unheil. Und auch er blieb von allen Gefahren verschont. War dies nun ein Zufall oder die Fürbitte des Gnadenbildes der Himmelskönigin Ma- ria? Noch 1821 erzählten viele aufgehängte Votivtafeln von den wundersamen Erhörun­ gen, die das Hondinger Gnadenbild verur­ sacht haben soll. Bernhard Prillwitz Qyclle: J. Wintermantel (Pfarrer in Hondingen von 1813 bis 1836). Kurze Geschichte der uralten Wall­ fahrt in Hondingen 1821. Der Lunzistein In der Nähe des Steges, der zwischen Füt­ zen und Blumegg die Wutach überquert, ragt an der südlichen Wand der Schlucht ein hoher, nackter Felsturm empor, auf dessen Platte ein paar Tannen stehen. Unweit von diesem Steinriesen, der unbezwingbar auf­ steigt, stand einst der Thalerhof, auf dem ein stolzer Freibauer hauste, der „Lunzi“, wie ihn das Volk lmrzerhand nannte. Selber ein freier Herr und ein geschickter Jäger, dünk­ te es dem jungen Bauern gar nicht so abwe­ gig, wenn er sich das schöne Edelfräulein Mechtild von Blumberg als Frau heimholte. Bald schon sollte Hochzeit sein. Da geschah es, daß Lunzi eines Tages gerade dazukam, wie der Burgvogt von Blumberg, der sich ebenfalls um das Edelfräulein bemühte und ihr heimlich nachstellte, Mechtild mit Ge­ walt in die Arme schloß und ihr einen Kuß rauben wollte. Jäh flammte der Zorn des Jungbauern empor. Mit einem Faustschlag streckte er den Rivalen nieder, dann floh er mit seiner Braut zu seinem Hof, versah sich dort mit Mundvorrat, entkettete seinen Hund und suchte schließlich auf dem Fels­ turm im Wutachtal Zuflucht. Als der Vogt aus seiner Betäubung erwacht war, ließ er seine Knechte die ganze Gegend nach dem Flüchtling absuchen und Tag und Nacht dessen Gehöft umstellen. Der Gefahr nicht achtend, schlich sich Lunzi eines Abends zu seinem Hofe zurück, und beina­ he wäre er seinen Verfolgern in die Hände gefallen. Aber noch ehe ihn der Schweins­ spieß eines Knechtes erreichte, streckte er diesen mit einem Schuß aus seiner Arm­ brust nieder. Immer wieder wußte sich Lun­ zi seinen Feinden zu entziehen, bis man endlich sein Versteck entdeckt hatte und ei­ ne regelrechte Belagerung des Felsturmes be­ gann. Noch hatte keiner der Verfolger die umgestürzte Tanne betreten können, die als schwanke Brücke die Felsnadel mit dem Rande der Schlucht verband. Denn kaum ließ sich dort ein Gegner blicken, streckte ihn ein Schuß aus Lunzis Armbrust nieder. Einmal aber war auch der letzte Bolzen verschossen. Doch immer noch ergab sich der trotzige Bauer nicht. Mit geschwungener Axt verteidigte er seine Felsburg, unterstützt von seinem Hunde Beißwolf und von Mechtild, die mit Feuerbränden die Feinde schreckte. Schließlich brach Lunzi, vom Spieß des Vogtes getroffen, zusammen. Schon wollte dieser Mechtild an sich reißen, da entwand sie sich ihm und sprang über den Felsrand in die Tiefe. Während ihr der Vogt entsetzt nachstarrte, raffte sich der ver­ wundete Lunzi noch einmal auf und spalte­ te dem verhaßten Gegner mit einem Axt- 223

Der Kampf von „Lunzi“ um das Edelfräulein Mechtild mit dem Vogt, illustriert von Helmut Groß. hiebe den Schädel. Dann floh er über den schwankenden Steg, und keiner hat ihn je wieder gesehen. Seitdem wurde der einsame Felsturm von den Anwohnern ängstlich gemieden und in Erinnerung an das grausige Geschehen 224 ,,Lunzistein“ oder „Brautfluh“ genannt. Max Rieple Aus: Die vergessene Rose. Die schönsten Sagen aus Baden und Württemberg. Neugestaltet von Max Rieple. Stähle & Friedel-Verlag, Stuttgart 1957.

Brauchtum 111 Jahre organisierte Schwenninger Fasnet ,,Ein Schwab läßt sich die Fastnacht nicht stören“ „Ein Schwab läßt sich die Fastnacht nicht stören“ – oder zumindest nur ungern. Die­ se Überschrift dürfte man der noch unge· schriebenen Geschichte der Fas(t)nacht in Altwürttemberg, von Hermann Bausinger bereits vor Dezennien als dringendes De­ siderat volkskundlicher Forschung ange· mahnt, wohl voranstellen. Die Wissenslücke zu schließen, mag das Beispiel der Stadt Schwenningen a. N. helfen, eines Ortes, in dem dies Fest des Volkes trotz einstmals star­ ker pietistischer und gar separatistischer Re­ gungen niemals ganz ausgerottet werden konnte. Wer in unserer Zeit über die „Hohen Tage“ in die Stadt kommt, mag an einem bunten Potpourri der Bräuche Gefallen finden. Der Umzug am Fasnetsuntig bietet bisweilen ei­ ne großartige Schau. Mehr noch ans Herz dessen, der es fühlen kann, rührt das Nar­ rensprüngle am Morgen des Schmalzigen Samstags, nach dem man hie und da auf ei­ nen Schande oder Hanse! trifft, der aus ei­ nem illustrierten Narrenbuch aufsagt, man· ehern Opfer seines „Rügerechts“ in wohlge­ setzten Worten „schaat’le tuat“, ihn strählt und zusammen mit anderen Narren „var· hächlat“. Schon vom Schmotzigen Dunsch­ tig an ziehen die maskierten Kinder durch Läden und Geschäftshäuser, um bescheide- Niirrisd,es Riigerechl: Schantle mit ihrem Narren- oder Striihlbuch, aus dem sie a1ifsagen. 225

ne Gaben zu heischen. Sie begleiten oftmals einen Hanse! durch die Stadt, bis sein Krätt­ le geleert, die letzten Orangen, Nüsse, Bre­ zeln, Würst und Wecken oder Zuckerle auch ausgeworfen sind. Wer dies erlebt hat, der wird schwerlich zu der Auffassung gelangen, daß die Fasnet „in protestantischen Städten und Ländern bis auf den heutigen Tag nicht ihren künstlichen Treibhauscharakter ver­ leugnen“ könne. Fasnet kein Privileg der katholischen Minderheit Jedoch, so wird der Zweifler einwenden, sei Schwenningen ja keine rein evangelische Stadt mehr. Sie sei es nicht mehr, seit im Zu­ ge der Industrialisierung katholische Arbei­ ter den Weg hierher fanden. Und man wird einen solchen Einwand grundsätzlich ernst nehmen. Daß jedoch Fasnet in Schwennin­ gen das Privileg einer zugezogenen katholi­ schen Minderheit gewesen sei, wäre ein vor­ eiliger Schluß, da er die (gar nicht immer so) lllarrcngcf rllf dJnf t �dJmcnningtn. ·�b,� ,· ,;�’\ un•, iu bct oat 12. b9.1Jll!. im 6ootc c6 Qloir�uf c• ium !>t i s I c ßott, �nbcnbtll �rnttalutt, rammlung �f�i�jt ci113u. loben. (1211 �d c1ct,1111�tG:8omltt. �-. ‚.� �- Die erste Annonce der Narrengesellschaft erscheint am f 2. 2. f 887 in der „Neckarque/le“. 226 latente Bereitschaft der alten Schwenninger zu mancherlei Fas(t)nachtslustbarkeiten ver­ kennt. Neben dem Schwenninger Diakon, der seinen siebenjährigen Sohn prügelte, da er sich von einem Friseur ein Schnauzbärt­ chen und rote Backen hatte anmalen lassen, standen die „bekannten lustigen Brüder Benzing aus Schwenningen“, die sogar als Schwenninger „Exportschlager“ im nahen Villingen mit humoristischen Gesangsvor­ trägen „den Wunsch (nach) einer Zwerch­ fellversicherung erregen mochten.“ Ferner seien erwähnt: die tanzlustige Ju­ gend; die Burschen mit ihrer bisweilen her­ ben Art, Fasnet zu feiern; die Kinder, die sich mit einem „Vorhängle“ oder einer Pa­ piermaske – in die Öffnungen für Nase, Mund und Augen geschnitten waren und die mit einer Schnur am Hinterkopf festge­ zurrt wurde – das Angesicht verhüllten. Als sich in den 1880er Jahren Erwachsene in Masken auf sJen Straßen zeigten, mag es Aufsehen erregt haben . einen kurzen Be­ richt ist es der Lokalpresse in dem Augen­ blick wert, als sie am 27. 2. 1884 auf in der Redaktion eingegangene Beschwerden hin dazu aufruft, ,,daß in Zukunft die Masken­ freiheit nicht dazu gebraucht wird, um das Publikum im allgemeinen damit zu mole­ stiren.“ Die abschätzig als „Fastnachtsradau“ verurteilte „wilde Fasnet“ schuf das Verlan­ gen nach Organisation. Und zwar . hier spielt das gesteigerte Selbstbewußtsein der Schwenninger und der Leistungsvergleich mit den Nachbarstädten eine nicht zu un­ terschätzende Rolle, da das Konkurrenz­ denken bis in die Sphäre der Fasnet reicht – nach einer „großartigen“ Organisation. Kein Geringerer als Johann Georg Bürk „Zum Storchen“ nahm sich dieser Aufgabe an und begründete mit mehreren „Gesinnungs­ genossen“ an der Jahreswende 1886/87 die Narrengesellschaft Schwenningen, aus wel­ cher die heute bestehende Narrenzunft her­ vorging. Der organisierten bürgerlichen Fas(t)nacht in Schwcnningen stand mithin als „Narren-Vatter“ bis zum Jahre 1904 einer

Mil einem Vierspänner hielt „Prinz Carneval“ 1904 Einzug; Tausende standen Spalier. der (evangelischen) ,,Honoratioren des da­ maligen Marktfleckens“ vor. Die Zeit bis zum Ersten Weltkrieg sieht groß angelegte „historische Festzüge“, aber auch, wie sich im Gefolge von Prinz Karne­ val der Baaremer Hanse! in Schwenningen endgültig sein Lebensrecht erficht, wenn man ihn auch – wie anderwärts – als un­ schöne Maske von Bällen ausgeschlossen wissen will. Und zuletzt, wie sich unter dem schützenden Dach des „Vereins für Fast­ nachts-Aufführungen“ eine „Narrenzunft“ bildet mit eigener Fahne, Hanseln und Narrensamen (d. h. verkleideten Kindern), dem ein Storch voranschreitet, ein kleines Wickelkind im Schnabel, ein anderes auf dem Rücken tragend. Von 1886 an kennt der Neckarquellort Fas(t}nachtsspiele und Umzüge, in denen sich „Fasnet“, ,,Fas(t)nacht“, ,,Fasching“ und ,,Karneval“ fröhlich die Hand reichen. Wohlgemerkt von 1886 an, was insofern Interesse verdient, als „öffentliche Aufzüge“ noch bis 1896 in Stuttgart polizeilich unter­ sagt waren. Von 1886 an finden wir in der aufstrebenden „Metropole des schwäbi­ schen Uhrwaldes“ eine städtische Form der Fas(t)nacht vor, die auf Anregungen der be­ nachbarten Städte zurückgriff. Allein, es stellt sich die Frage, ob zuvor jeder Gedan­ ke an dieses Fest im Jahreslauf bei den Schwenningern erstorben war, die Rede­ wendung, ,,ar khuu’t hinna-drii‘ wia die aalt Fasnat“, die einzige Reminiszenz an frühere Bräuche darstellte. Kaum! Fas(t)nacht war nach wie vor ein beliebter Hochzeitstermin, da die geschlossene Zeit (von Aschermitt­ woch, zu Zeiten sogar von Fas(t}nachts- 227

die Zeit für die (ärmeren) Kinder, ,,um ein Würstle zu singen“ und dergestalt bei den zahlreichen Metzelsuppen nicht zu kurz zu kommen. Das nach den Hausschlachtungen reichlich zur Verfügung stehende Schweine­ schmalz diente zum Backen der beliebten Küchle, ohne die eine Fasnet bis heute nicht recht gefeiert wäre. Diese kamen selbst im Hause des oben genannten Diakons auf den Tisch, und dies gleich zweimal: am Schmot­ zigen Dunschtig und am Fasnetsziischtig. Daß aber eines seiner Kinder, womöglich wie die eines Nachbarn, verkleidet umher­ ziehen hätte dürfen, um das gesuchte Ge­ bäck sich zu ergattern, war undenkbar, und mochten noch so viele Heischeverse und Kinderlieder um das Küchlein kreisen. Älte­ re Verwandte und Freunde freilich, wurden mit selbstgebackenen „Kostbarkeiten“ be­ dacht, die der Konkurrenz des Berliner Pfannkuchens bis heute standhaft trutzen. Als Ehrengabe wurden sie an Lehrer und Pfarrer verschenkt, wobei sich im letzten Fal­ le die Rollen von Gebenden und Nehmen­ den geradezu ins Gegenteil verkehrt hatten. Zehentküchlein für die Bauern Einstens mußten nämlich die Pfarrherren der gewohnheitsrechtlichen VerpAichtung genügen, das Fas(t)nachts- oder Zehent­ küchlein an die Bauern auszugeben – eine Zuwendung, die im Laufe der Zeiten auf die Kinder eingeschränkt wurde (woher das Hei­ scherecht der Bauernsöhne rühren könnte, die um ein Küchle bettelten). Ferner die Frauen auf Aschermittwoch zum Weintrunk zu laden, zuweilen gar darüber hinausge­ hende Regalierungen zu bestreiten: gleich­ sam Gegenleistungen für die dem Pfarrherrn zustehenden Abgaben, vor allem den ihm abzuliefernden kleinen Zehnten. Insofern ist die Weiberzeche als Rechtsbrauch zu ver­ stehen, der dem „Weinkauf“ nach der er­ folgten Versteigerung des großen Zehnten entsprechen mag, d. h. dem Umtrunk, der auf Kosten der Herrschaft wie derer, die den Das 1932 neu gestaltl’le Hansile,Jestgeha/ten von Kunstmaler Pmd Goetze. sonntag an) noch um die Jahrhundertwende beachtet wurde, während stille Hochzeiten (ohne Musik und Tanz) selten blieben. Ne­ ben den Hochzeitslustbarkeiten war Raum für „Gesellschaftsleben“ und Tanz. Der Schmotzige Dunschtig war einer der Hauptschlachttage des Jahres geblieben – 228

Zehnten kauften, ,,die gemeine Mayer­ schafft“ erfreuen sollte und oftmals mit ei­ ner Zehrung fur die Bauern (ebenfalls als Reichnis der Herrschaft) verbunden war. Der Termin der Frauenlabung weist aber deutlich auf den Fastentrunk hin, der in den Klöstern nebst einigen (fleischlosen) Zula­ gen am äschrigen Mittwoch den Konven­ tualen vergönnt wurde, galt es doch, sich am „caput jejunii“ vom irdischen Leben und seinen (sündhaften) Genüssen loszusagen, den „alten Adam abzustreifen“ und sich zu­ gleich ein letztes Mal kräftig, aber bereits fleischlos fur die Passionszeit, die vierzigtä­ gige vorösterliche Fastenzeit, ,,körperlich und moralisch zu stärken“. Kirchliches Ge­ dankengut und Rechtsbrauch sind mithin nicht leicht voneinander zu trennen, was fur das hohe und späte Mittelalter, in dem die­ se Gepflogenheiten wurzeln, auch einiger­ maßen erstaunlich wäre. Daß sich darüber­ hinaus an die Weiberzechen, zu deren voll­ ständiger Interpretation auch das „Weiber­ recht“ und dessen Rolle innerhalb der Fas(t)nachtsbräuche berücksichtigt werden müßte, wie an die häufig belegten Ascher­ mittwochsmähler allerlei weltliches Vergnü­ gen anlagerte, darf bei dem Drang der Menschen, den zwischen neuer und alter Fas(t)nacht fast deplaziert scheinenden Tag der Umkehr und der Reue zu einem Haupt­ festtag der Fas(t)nachtslustbarkeiten um­ zugestalten, um sozusagen ungehindert ,,durchfeiern“ zu können, nicht verwun­ dern. Wie aber hätt‘ es anders können sein beim ,,haustus vini“ fur die Frauen des Schwen­ ninger Sprengels, der in dürren Worten fur das Jahr 1601 erst- und letztmals belegt ist. Kein geringes Mißfallen erregte die Weiber­ zeche beim Tuttlinger Special, der am 13. April jenen Jahres den Flecken visitierte. Mußte er doch feststellen, daß, fast 90 Jah­ re nach Erlaß der Zweiten Landesordnung, noch immer derlei Fas(t)nachtsbräuche im Sehwange waren. Und dies, obwohl erst am 21. Januar 1600 (im Anschluß an ein gutes Der Sclnoenninger Schantle nach einer Zeichnung des Kunstmalers Paul Goetze. Weinjahr) Herzog Friedrich I. ein „Verbot der Fastnacht-Mummerey und Maskeraden, auch überflüssigen Zu- und Volltrinkens“ er­ lassen hatte. Auftrag und Mahnung fur den Herrn Special, sich pflichtgemäß über den alten Brauch zu entrüsten: ,,Billich abzu­ stellen“ sei, daß von dem Heiligen (d. h. 229

Mehrere Generationen miteinander im I-läs: Sclnoenninger I-lansile vor dem Heimatmuseum. vom Kirchengut) den Weibern seit Jahren auf Aschermittwoch mehrere Maß Wein „zu vertrincken“ gegeben worden seien. Ein aus­ drückliches Verbot wird verfügt. Ob man sich daran gehalten, ist nicht zu erweisen. Je­ denfalls hat sich in anderen altwürttember­ gischen Gemeinden die Weiberzeche bis ins 19. Jahrhundert erhalten. Bauernstuben als Tanzlokal Nicht allein die Weiberzeche erregte den Mißmut des Tuttlinger Specials; auch von Tänzen ist zu hören, die in jüngstvergange­ ner Zeit bis tief in die Nacht hinein gehal­ ten worden seien. Von Fas(t)nachtstänzen? Es geht dies aus dem Wortlaut des Visita­ tionsprotokolls nicht eindeutig hervor, doch läßt der (auch von der textlichen Anord­ nung her nahegelegte) enge Zusammenhang zwischen den Tänzen und dem beanstande­ ten Aschermittwochumtrunk solches ver­ muten. Auffällig ist der geordnete äußere Rahmen, in dem diese Tanzvergnügen ab­ laufen: ,,Mannbare“ und ,Junge“ sind fein säuberlich getrennt, nicht ohne Grund. In Ermangelung einer Tanzlaube, wie sie sich nur in größeren Städten findet, dienen Bau­ ernstuben als Tanzlokal. Es wird Eintritts­ geld (Stubenzinß) erhoben; der Vergleich zu modernen Tanzveranstaltungen drängt sich beinahe auf. ,,Faßnachtzechen“ und „Faßnachtdäntz“ beschäftigten weltliche und kirchliche Ob­ rigkeit noch lange, wobei jedoch die Gren­ zen nicht immer gleich eng gezogen wur­ den. Herzog Friedrich 1. (1593-1608), der die Ansicht vertrat, ,,eine gebührliche Fast­ nacht (könne) man niemand wehren“, scheint sie – anders als sein Nachfolger Jo­ hann Friedrich 1. (1608-1628), der in der Siebenten Landesordnung von 1621 das Holen des Fas(t)nachtsküchle verbot – wei­ ter gesteckt zu haben, als heute gemeinhin· angenommen wird. Für unseren Raum ist in diesem Zusammenhang ein Rottweiler Rats- 230

Ein Reskript vom 19. Januar 1664 ver· bietet die Fastnacht als „heydnisches Fest mit gottlosem Ur· sprung“ im gesamten württembergischen Bereich. protokoll des Jahres 1614 aufschlußreich, das den Gang ins Württembergische zur Fastnacht untersagte. Da gab es in Rottweil und seinen Untertanendörfern doch tat­ sächlich einige Stadtbürger wie Acker­ bauern, die dem Fasnetstrubel nicht entsa­ gen wollten und sich zweimal jährlich ins Vergnügen stürz­ ten, einmal in der katholisch gebliebenen Reichsstadt selbst, ein zweites Mal aber im württem bergisch-evangelisch­ en Ausland. Wie aber war solches mög­ lich? Dadurch, daß im evange­ lischen Altwürttemberg die Uhren anders gingen als im ka­ tholischen Rottweil; sie gingen nach – und zwar im wahren Sinne des Wortes. 1583 wurde in Rottweil wie im übrigen katholischen Deutschland der Gregorianische Kalender eingeführt, während die evangelischen Stände des Deut­ schen Reiches vom Julianischen Kalender noch nicht lassen wollten. Eigentlich betrug die Differenz zehn Tage nur bis zur Kalen­ derangleichung im Jahre 1700; doch der Reichstadt Rottweil Rechenkünstler waren der (katholischen Normal-) Zeit weit vor­ aus; so betrug der Unterschied anno 1614 mehrere Wochen, da „die Faßnacht nach al­ tem Calender gar in die heylige Zeit vnnd in die Palmwochen einfalt“, Grund genug, den Grenzübertritt aus Tanz- und Freßlust be­ sonders nachdrücklich zu untersagen und den etwaigen Grenzübertretern eine emp­ findliche Geldstrafe anzudrohen. Das Wis­ sen um die Fasnet „in evangelisch territorio“ vor dem Dreißigjährigen Kriege wird durch das Rottweiler Ratsprotokoll zumindest er­ weitert: Es wurde trotz der Reformation munter gefeiert. Und nach dem Dreißigjährigen Krieg, der für Schwenningen den Totalruin und das Herzogtum Württemberg an die Grenzen des noch zu Ertragenden brachte? Ein fast unverändertes Bild fas(t)nachtlicher Eß- und Tanzsitten! Wenn im Jahre 1664 das Gene­ ral-Reskript, die Feier der Sonn- und Feier­ tage betreffend, verfügt, daß die „Kirchwei­ hen und die Fasnacht an Sonntagen abzu­ stellen seyen“, mag das den Schluß nahele­ gen, daß – um in der Sprache der Zeit zu bleiben – ,,Volksergötzlichkei­ ten“ anderntags erlaubt waren, doch spricht hiergegen nicht nur eine 1669 erlassene Vi­ sitationsanordnung, sondern ebenso die 1664 erfolgte Neu­ auflage der herzoglich-würt­ tembergischen Verordnungen und Reskripte, unter denen sich auch die früher erlassene Fas(t)nachtsordnung findet (Reskript vom 19. 1. 1664): „Und weil die Faßnacht als ein Heydnisches Fest, so einen gottlosen Ur­ sprung hat, zugleich damit, daß dabey ver­ lauffende üppige Wesen in Unserer Landes­ ordnung ausdrücklich verbotten, solches Verbott aber in schlechter observanz gehal­ ten worden, Also daß Wir verursacht wor­ den, solches in Unserer Residenzstadt Stutt­ gart bereits vor etlichen Jahren de novo ab­ zustellen, so auch nützlich und mit guten ef­ fekt geschehen und Wir nicht sehen können, warumb andere Orth im Lande vor der Haubtstadt mehrere Licenz haben sol­ len. Als wollen Wir solches Heydnische Fastnachts-Fest und alles dabey vorgehende Unwesen mit Mummereyen, Zechen und anderer Ueppigkeit in unserem gantzen Hertzogthum durchaus verbotten und ab­ gestellt haben.“ Das Reskript läßt die Schere, die sich zwi­ schen Rechtsnorm und Rechtswirklichkeit auftut, sehr gut erkennen – und es wird sich mancher Bauer fern von Stuttgart gefragt haben, warum denn sein Ort nicht wenig­ stens zur Fas(t)nachtszeit „vor der Haubt­ stadt mehrere Licenz“ haben sollte. Ob dies die Überlegungen waren, die man im Ort an Neckars Qielle anstellte, bleibt ungewiß. Die tanzbegierige Jugend jeden- 231

falls kam noch 1743 nicht um eine behörd­ liche Erlaubnis für ihre Fas(t)nachtsvergnü­ gungen ein – wohl wissend darum, daß sie sie in jener Zeit kaum erhalten hätte. ,,Es ist verwichenen Dienstag“, so lautet der Eintrag in den Kirchenkonventsprotokollen, ,,ein Faßnachttanz hier in der Cronen gehalten worden, worbey nachfolgende personen von Jungen leutten gewesen, welche auch die Sonntag-Schuhlen versaumt, theils auch keine Schriften gebracht.“ Es bleibt nicht bei der Vorladung von zehn Jungmännern im Alter von 17 bis 23 Jahren; der sträfliche Vorfall bedurfte weiterer Un­ tersuchung, die in einer Verhandlung vor dem weltlich-geistlichen Censurgericht am 12. April 1743 mit der Bestrafung von 39 Tänzern und Tänzerinnen endete, die das Sündenregister namentlich aufführt: Die Namen fast aller alteingesessenen Schwen­ ninger Geschlechter finden sich hier vereint. Auf Antrag des energischen Pfarrers Ha­ belzhofer wird dem Spielmann die dreifache Strafe auferlegt (12 statt 4 Kreuzer, die die Tänzer zu erlegen haben), ,,wiewohl, der meiste theil der Richter der meinung ist, weil der Spielmann se(e berufen worden, habe Er mehr nicht straf als andere auch verdie­ net“, eine durchaus vernünfti­ ge Ansicht, auf die in unserem Falle aber keinerlei Rücksicht genommen wird. Am härte­ sten trifft es den Cronen-Wirt Erhard Schlencker (5. 8. 1685 – 16. 5. 1772), der, vielleicht auch aus Geschäftsinteressen – betrieb er doch eine Biersie­ derei – den Tanz veranstaltet hatte, obwohl er selbst zu den Censur-Richtern gehörte: Für ihn mußte die Strafe mit 20 Kreuzern deshalb am höchsten ausfallen, ,,daß Er nicht als KirchenCon­ ventRichter vor andern Richtern beschimpft werde.“ Dieser Fall lehrt beispielhaft, wie lang der Weg über zahlreiche Instanzen vom her- 232 zoglichen Consistorium über die Speciales und die Pfarrer bis zu den Kirchenkon­ ventsrichtern ist, er zeigt auch, daß die un­ teren Instanzen, zumal die „besonders from­ men Glieder der Gemeinde“, die dem Kir­ chenkonvent angehörten, dazu neigten, milder vorzugehen als gefordert, kurz: er er­ klärt, daß manche fas(t)nachtlichen Regun­ gen der Altwürttemberger bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts nicht unterdrückt wer­ den konnten, da sich immer wieder Nischen fanden, ihnen nachzugehen. Obrigkeit gegen Maskerade Es war bisher die Rede von bescheidenen Gelagen, Heischebräuchen, die sich als be­ sonders zählebig erweisen, ja selbst von Spiel und Tanz im reformierten Württem­ berg. Von der alten Dreiheit spätmittelalter­ lichen Fas(t)nachtsbrauches, der „Festele­ mente Gelage, Tanz und Maskierung“ fehlt das Letztgenannte. Wie war es um dieses dritte Element bestellt, galt doch die Kampfansage der Obrigkeiten vorab der Maske(rade), unter deren Schutz und Ano- nymität mancher Unfug, man­ che Unziemlichkeit und man­ cher Frevel begangen werden konnte? Noch zu Beginn des 17. Jahrhunderts konnte man in Tübingen maskierte Bürger­ söhne im Kindesalter beim Maskenlauf beobachten und dabei den alten Ruf der „Faß­ nachtsnarren“ hören: ,,Narri­ Narro!“ Im Jahre 1709 wurde in Ebhausen ein Mann zur Verantwortung gezogen, wel­ cher am Aschermittwoch „in Narrenkleidern geloffen.“ Und am Fas(t)­ nachtsdienstag des Jahres 1712 erlebte Scbwenningen am Neckar seine große Stun­ de, ,,als an der sogenannten Faßnacht, 2. Kerls ohngefahr umb 1. Uhr Nachmittag in perfecten Narren Kleidern, mit hölzernen Säbeln in den Händen, Schemen vor den Wegen eines Fast· nachtstanzes im Jahr 1743 in der .Cronen“, hatte der Wirt Erhard Schlencker als Veran· stalter eine Strafe von 20 Kreuzern zu entrichten.

Für das Jahr 1743 fin- det sich die wahr- scheinlich ältestes Be- scbreibung eines Baar- emer Hansels – wlter- wegs war er mit hölzernem Säbel in Scbwenningen. Gesichtern, vnd mit FuchsSchwanz außstaf­ firten hauben auff den Köpfen habende, oben zum Fleckhen herein kommen und Jhre Faßnachts und Narrenpoßen durch denselben hin und her getrieben … „. Die re­ gionale Bedeutung dieses Archivfundes für die Geschichte des Narrenwesens sei kurz er­ wähnt: Es scheint sich um die älteste bislang aufgefundene Beschreibung eines Baaremer Hansels zu handeln, die, dürf­ tig genug, immerhin Holzsäbel und Fuchsschwanz für das frühe 18. Jahrhundert als Attri­ bute des Narren zu erkennen gibt; daß es sich bereits um Holzschemen handelt, ist zu­ mindest wahrscheinlich. Die Narrengewänder wußten die W ürttemberger sich damals aus Vorderösterreichs Vorposten Villingen zu beschaffen – ein bemerkens­ wert früher Import städtischen Kulturguts über Konfessions- und Landesgrenzen hin­ weg. Heimisch fühlte das Hansele sich im ,,Zweistromland“ von Brigach und Neckar, an beider Flüsse Ufer … “ Jedoch: 1743 ist nicht nur für die Annalen der Schwenninger Fasnetsgeschichte ein be­ merkenswertes Datum – weit wichtiger ist dieses Jahr aufgrund des W ürttembergi­ schen Pietistenreskripts, durch welches die pietistischen Stunden in der Landeskirche ihre Heimstatt erhielten. Bald übten daher Stundenleute im Verbunde oft mit gewit­ zigten Aufklärern rigorose Seelenherrschaft: Harmlose „Faßnachts- und Narrenpoßen“ (1712) wurden eine „greuliche Sünde wider gott dem almechtigen“ (1765). Noch 1812 jedenfalls stand Schwenningen im Rufe, eine fasnetsfreudige Jugend zu be­ heimaten, behaupteten doch die Villinger Bürger in ihrem berühmt gewordenen Kampf für die Erhaltung ihrer Fasnetsbräu­ che, ,,daß auch zu Konstanz, Uiberlingen u. s. w., folglich in den besseren Städten des Großherzogtums, öffentlid1e Maskeraden stattfinden, daß sie selbst in den benachbar­ ten Orten Rotweil und Schwenningen ge­ duldet werden.“ Zwar konnte bereits der Wunsch eines Kindes, nach Villingen zu ge­ hen, eine kurze Reise in eine gleichsam an­ dere Welt zu unternehmen, ,,um einmal ei­ nen (richtigen) ,,Fasnatnarr“ zu sehen, um 1840 auf entsdüedene Ableh­ nung stoßen, doch besitzen wir glaubhafte Berichte für die zweite Hälfte des 19. Jahrhun­ derts als eine Zeit der „alten Burschenherrlichkeit“ im stol­ zen Marktflecken, als Ka­ meradschaften lediger Jung­ männer sich zu Bünden wie „Die Schwarzen Brüder“ oder ,,s’wilde Heer“ zusammen­ schlossen, um über die Sitten der Bevölkerung zu wachen, Mißstände anzuprangern, ge­ gen Zugezogene vorzugehen, die mit einem Schwenninger Mädchen anbändeln wollten. Dazu bot die Fasnet sich geradezu an; sie mochte aber auch zu „heiterem Treiben“ dienen, (fast) allen zum Wohl, (fast) nie­ mandem Weh. ,,In früheren Jahren hätten die jungen Bur­ schen an der Fastnacht auch gern in Schwen­ ningen etwas Umtrieb gemacht. Und so zo­ gen sie ihre Mäntel und Kittel verkehrt an, d. h. die Futterseite nach außen, und mach­ ten in diesem Aufzug etwas Fastnachtsstim­ mung. Dabei spielten sie die das Jahr hin­ durch geschehene Schildbürgerstreiche auf. Beispielsweise zogen sie mit einem großen Butterfaß vor ein Haus. Während der Eine butterte, suchten die Anderen angeblich nach des Mannes Sonntagshosen. Mit großem Tamtam wurde die Vermißte am Schluß aus dem Butterfaß gezogen.“ Pein­ lich konnte es mand1em werden, der so öf­ fentlich „in die Fasnet kam“. Noch schlim­ mer aber erging es jenen, die von den Bären­ treibern gefaßt und wie der Fasnetsbär an Seilen durch Straßen und Gassen des Ortes geführt wurden, um vor manch bekanntem 233

Der Fasnetsochs wird von Metzgern und Metzgersknechten seit altersher im Ort herumgeführt. kaum unheildräuenden Hex.Je, die gelegent- Haus mit lautem Getöse deren Schandtaten lieh ihren Hexenvater – eine Hosenrolle (?) zu verkünden – stets aufs neue. Narrenspott verdankte auch die „Aegg“ (Agathe) das bei- – bei sich hatten. Nicht zuletzt im Brauch- nahe zu unsterblichem Ruhm ihr verhelfen- leben der Kinder, welches nach vielen Be- de Fortleben in der Fasnet: Als Hippe ver- obachtungen und Erfahrungen als konser- kleidete Männer zogen seit den ———- vativer gelten darf, denn jenes 1880ern regenschirmbewaffnet der Erwachsenen und der durch den Flecken, jahrzehnte- (reiferen) Jugend, lebte die lang. Schwenninger Fasnet nahezu Zur Burschenfasnet gesellten ungehindert fort, ja überlebte selbst manch schwere Zeit. sich im vorigen Jahrhundert (schon oder eher: noch?) die Daß die Fas(t)nacht stets die Fas(t)nachtsaktivitäten der Kin- ,,Zeit des Fleisches“ war, sollte der. Mancher Bub machte ein über all dem nicht vergessen Affagsiat, verhüllte sein Ge- werden, zumal des Verbum sieht mit einem selbstbemalten ,,fasnen“ zunächst nichts an- deres bezeichnete als „reich- Lärvle aus Papier oder stabile- lieh essen und trinken“ und rem Pappendeckel, das mit ei- ner Schnur am Hinterkopf festgezurrt wur­ erst späterhin für „verkleidet Narrenpossen de – und auch die Mädchen durften in be­ treiben“ stand. Der Schmotzige Dunschtig scheidener Verkleidung „ge fasna'“: Ein war in Schwenningen einer der Haupt­ Stück Vorhang verschleierte das Antlitz der schlachttage des Jahres geblieben. Noch 234 So mancher Bub ver· hüllte sein Gesicht mit einem selbstbemalten Lärvle aus Papier oder stabilerem Pappen· decke!, das eine Schnurr am Kopf festhielt.

Das Schlachtfest an der Fastnacht war in früheren (ärmeren) Zeiten für die Schwen- Dinger ein wirkliches Erlebnis, denn jetzt zogen die .Säckle- strecker“ umher. während der Metzger seines Amtes waltete, eilten die Nachbarn herbei, ,,zum dar Schpäck gschouba“; die Qialität der ge­ schlachteten Sau wollte genau geprüft sein – und wer sie recht lobte, erhielt vom Bauern ein Wässerle zum Lohn. Wer darauf weniger Wert legte, er­ laubte sich einen ersten Fas­ netsspaß und brachte Laterne und Ellenmaß mit, um den (winzigen) Schinken zu suchen und, kaum gefunden, zu ver­ messen. War der Besitzer der Sau hier nicht auf der Hut, konnte er nicht selten den Ver­ lust eines Schulterblattes be­ klagen; er klagte lauthals aber nur, war er weiterem Spott der Gesellschaft gewachsen – und der hätte ihm womöglich doch die bald verführerisch duf­ tende, allerlei junges Volk herbeilockende Megsersupp „versalzen“. Während die Er­ wachsenen sich bei einem Faß starken Fas(t)nachtsbieres gütlich taten, fanden sich (zumeist ärmere) Kinder vor dem Hause ein und sangen um ein Würstle. Leer gingen die Sänger in den seltensten Fällen aus; sie schnitten jedenfalls meist bes­ ser ab als die „Säcklestrecker“, die nach Ein­ bruch der Dunkelheit den Ort durchzogen. Zu ihnen gehörten, wie die nahezu einhun­ dertjährige Marie Schlenker (geb. 6. Nov. 1889) sich erinnerte, nicht nur die jungen Leute, die beim Schmalzschneiden nicht benötigt wurden, sondern gelegentlich auch Ortsarme, die an dem allgemeinen Wohlle­ ben teilhaben wollten. Von letzteren abge­ sehen, war das nächtliche Umziehen der Ju­ gendlichen eine „Mordsgaude“. Die Bur­ schen banden einen Milchhafen oder einen gar nicht so kleinen Sack an einen langen Stecken, klopften damit an das Fenster und baten mit verstellter Stimme um eine Megs­ ersupp – Pech für sie, erhielten sie das Ge­ wünschte nicht, sondern wurden statt des­ sen mit Wasser übergossen: Dann hatte der Hausvater die Lacher gewiß auf seiner Seite. Gewitztere Naturen indes gingen schlauer vor: Sie suchten unmittelbar nach dem Anklopfen das Weite, nachdem sie ihren Stecken an das Fenster gelehnt. Auch ka­ men sie nicht mit leeren Händen: In dem Sack fanden sich kleine Auf- merksamkeiten, ja „Liebesga­ ben“ gar; ein Säcklebrief lag bei, oftmals in unbeholfenen Versen liebenswürdige „Anek­ doten“ festhaltend, Mittel der Diplomatie, Zeichen einer unerhörten Liebe bisweilen. Hatte die Familie jeden Vers, der ihr gegolten, gründlich stu­ diert, wurde das Säckle – je nach Gefallen – gefüllt, der Stecken wieder ans Haus ge­ lehnt. Wehe aber den Burschen, die sich beim Abholen erwischen ließen! In den nächsten Brunnen wurden sie getaucht und sie gingen ihrer „Beute“ verlustig. Mit solcher Freude wurde das Schlachtfest begangen in einer Zeit, als nicht allzuoft Fleisch auf den Tisch kam. Auch die Metz­ gergesellen feierten „die Hohen Tage“ mit einem kleinen Umzug: Sie führten die At­ trappe eines Fas(t)nachtsochsen durch die Gassen der Gemeinde, um ihn am Ende – welch schauerliche Prozedur! – so umständ­ lich und ungeschickt wie irgend möglich zu schlachten: Sie sorgten auf diese Weise dafür, daß mancher Zuschauer Tränen lach­ te; sie sorgten damit auch für sich – wurden sie doch mit mancherlei Gaben bedacht, die auch ihnen einen abendlichen Fas(t)nachts­ schmaus ermöglichten. Buntes Bild der Fas(t)nacht Ein buntes Bild der Fas(t)nachtsbräuche in einem evangelischen Marktflecken läßt sich erschließen: Umzüge maskierter Burschen, die ihre Mitbürger „i d’Fasnat toand“; jun­ ge Burschen, die sich als Bäuerin verkleiden und ins andere Geschlecht verwandelt ihr (Un-)Wesen treiben; sogenannte „Bärentrei- 235

ber-Gesellschaften“; maskierte Kinder, die um Gaben heischen, seien es nun die er­ wähnten Würstle oder Fasnetsküchle; Säck­ lestrecker; Metzger, die sich zünftig selbst darstellen – eine nicht zu leugnende Vielfalt an Bräuchen ist zu vermerken, ganz abgese­ hen davon, daß die Fas(t)nacht nach wie vor ein beliebter Hochzeitstermin vor Beginn der „stillen Zeit“ ist, was Obrigkeiten oft ein Ärgernis bleibt. Daß es bei all den Gasterei­ en manch einer übertrieb, daß wieder ein­ mal galt: ,,Es sind recht viele in den Fas­ nachtstagen, die sich verderben ihren Ma­ gen'“ -wer wollte es leugnen? Manch einem bekam zu viel „Schmotz“ und ein (Un-)Maß Bier nicht wohl. Was er dann tat, den andern nicht. Den „Stempel der Woblanständig­ keit“ trug derlei sicher nicht – es spielte in der Zeit vor der Verbürgerlichung des Fas­ netsbrauches, vor der genauen Normierung des „Narren“. 1886 war die Wendemarke; Markstein auf dem Wege dahin war die Fas­ net 1877, als Donaueschinger Hanse! mit den Schwenningern Fasnet feierten; der Siegeszug des Prinzen Karneval, der vor Schwenningen um 1880 nicht haltmachte, die ersten öffentlichen Aufzüge 1886, „d’Suuwoog“ und „Rinaldo Rinaldini“, die ,,historischen Umzüge“ sodann: ,Yolkskul­ tur in der technischen Welt.“ Schwenningen hat das Glück, eine Nar­ renzunft mit inzwischen 11 ljähriger (Ver­ eins-) Tradition zu besitzen, die mit ihren schönen 1932 möglicherweise unter Ver­ wendung alter Motive neu gestalteten Hä­ sern jung und alt zu erfreuen vermag; die das schwäbische Uhrenstädtchen in Würt­ temberg zu einem „kleinen Basel“ hat wer­ den lassen, bekannt ob der würdig ein­ herschreitenden Einzelfigur des Hölzlekö­ nigs, der herrlichen Hanse!, der schlagferti­ gen Schande, in denen der Geist des Grächmändles fortlebt, ob der mehr oder minder moligen Moosmulle auch und der herrischen (Moos-)Hexen. ,,Wir sind gute Christen, aber auch gute Schwaben“ Ooseph Victor v. Scheffel) -und diese lassen sich die Fastnacht, wie wir wissen, nicht stören. Mich(lef}. 1-l. Zimmermann • • • Du stehst zwischen Sonne und Mond als der verdunkelnden Erde ungezählter Schattenteil in vertrauter Wort Finsternis – Zeit für die Suche nach neuen Metaphern. Jiirgen Hencke/1 Mondfinsternis Rauchfahnen eines verlöschenden Feuers am Himmel oder Segelfetzen keines Kurses in lautloser Abschrift – Andersnacht. Der abnehmende Mond zeigt dir die Sichel für alle verblühenden Träume. 236

Musik Ein Mann für jede Tonart Portrait des St. Georgener Schulmusikers Peter Dönneweg „Die Stelle als Schulmusiker in St. Geor­ gen wurde frei. Alle halbe Jahre. Mit aben­ teuerlichen Begründungen verlangten mei­ ne Vorgänger hier ihre Versetzung nach Frei­ burg.“ Er war der erste, den es von den Schulmusikern in St. Georgen fur lange Zeit hielt und hält. Was der am 11. August 1937 im ostfriesischen Leer geborene Peter Dön­ neweg als Lehrer und Leiter der Jugend­ musikschule CTMS) St. Georgen in knapp dreißigJahren an schulpraktischer Arbeit ge­ leistet hat, verdient in hohem Maße An­ erkennung. Selbstkritisch bekennt der heu­ tige Studiendirektor, zunächst ein „leichtes Schaffen“ gehabt zu haben, weil er es als er­ ster dauerhaft im Schwarzwald aushielt. „Dönne“, wie ihn seine zahllosen Schüler liebevoll nennen, trat am 1. September 1967 seine Stelle in der Bergstadt an. Günter Lauf­ fer, frischgewählter Bürgermeister, gründete gleich in seinem ersten Amtsjahr 1968 die Jugendmusikschule CTMS). Die Erfolgsge­ schichte konnte beginnen. Dönneweg rück­ blickend: „Meine Not als Schulmusiker war zunächst groß, denn ich konnte mich vor Klavierschülern kaum noch retten. So kam mir die Idee, die JMS zu gründen. Denn Musik ohne instrumentale Ergänzung, das ist doch wie das Reden von Farben, die man nicht sehen kann.“ Das glückliche Zusammentreffen eines „friesischen und eines schwarzwälder Dick­ schädels, die mitunter kräftig zusammen­ knallten“ ( so Altbürgermeister Günter Lauf­ fer einst über seine Beziehung zu Peter Dön­ neweg), ermöglichte vieles auf dem kurzen Dienstweg, was sonst kaum zustandegekom­ men wäre. Dazu Dönneweg: ,,Herr Lauffer stand stets voll und ganz hinter der Sache. Er hat im Gemeinderat immer klare Priori­ täten gesetzt, obwohl ich nicht immer sorg­ sam mit ihm umgegangen bin.“ Auch nach seiner Pensionierung blieb Günter Lauffer Vorsitzender der Jugendmusikschule St. Ge­ orgen -Furtwangen mit heute 70 Lehrkräften und 1400 Schülern. Den Kontakt zur Hochschule hat der Pä­ dagoge nie ganz verloren. So übernahm er vertretungsweise einen Lehrauftrag fur Or­ chesterleitung angehender Schul- und Kir­ chenmusiker an der Trossinger Musikhoch­ schule. Sein großer Vorteil ist erneut der Pra­ xisbezug: Die Hochschüler können das Di­ rigieren an seinem Jugendsinfonieorchester erproben – so lange wie die Schüler gedul­ dig und ergeben mitspielen! 1969 bereits begann der heute sehr rege Schulaustausch mit der südfranzösischen Stadt St. Raphael und dem dortigen Gym­ nasium St. Exupery. Der Kontakt mit dem ebenso engagierten französischen Musik­ kollegen Daniel Artus hat dabei vieles er­ leichtert. Als die Partnerschaft mit St. Ra­ phael in festen Bahnen verlief, kam es über Artus zu Besuchen und Konzerten der St. Georgener Nachwuchsmusiker in Barce­ lona, Santander und Madrid. Später folgten Konzerttourneen unter Dönnewegs Leitung nach Athen und – vorläufiger Höhepunkt – im Sommer 1993 an die amerikanische Ost­ küste. Im musikalischen Reisegepäck: Dvo­ raks neunte Sinfonie „Aus der Neuen Welt“. Bestens betreut von einer Konzertagentur, tourte das Jugendsinfonieorchester St. Ge­ orgen im vergangenen Sommer durch Süd­ italien. An Pfingsten 1996 stand Istanbul auf dem Tourneeplan mit Carl Orffs „Carmina burana“. 237

Angefangen hat alles mit Georg Philipp Telemanns beziehungsreichem „Schulmei­ ster“ im Jahre 1967. Es war das erste öffent­ liche Konzert mit einem Jugendsinfonie­ orchester unter Peter Dönneweg. 1970 folg­ te Orffs „Carmina burana“, 1972 dann Gers­ whins „Porgy and Bess“. Als einen seiner Lieblingskomponisten bezeichnet Dönne­ weg Franz Schubert. So ist es denn nicht ver­ wunderlich, daß es durch den persönlichen Kontakt mit dem Schubert-Forscher Pater Reinhard van Hooricloc in Sartene auf Kor­ sika zu den vielgcrühmten Aufführungen der beiden Schubert- Opern „Spiegelritter“ und „Die Freunde von Salamanka“ kam. Letztere, ein Singspiel um die drei Studen­ ten Alonso, Fidelio und Diego, wurde zum 25jährigenJMS-Jubiläum im Oktober 1993 aufgeführt. Gefragt nach seinem Erfolgsrezept, ver­ weist der Ostfriese auf mehrere Umstände. Zunächst: die enge räumliche und personel­ le Verklammerung von Jugendmusikschule und Gymnasium. (Wo andernorts diese In­ stitutionen rivalisierend um die musikali­ schen Frühtalente kämpfen, kann er beides harmonisch zu einem tragfähigen Gesamt­ körper vereinen.) Seinen persönlichen An­ teil umschreibt Dönneweg mit der Formel: ,,Alles was ich tue, mache ich mit Begeiste­ rung.“ Klingt bescheiden und läßt nur in Umrissen erahnen, mit welcher Leiden­ schaft „Dönne“ am Werke ist. Nicht zu ver­ gessen ist sicherlich der Anreiz, den die er­ wähnten Auslandstourneen für die Schüler einer Kleinstadt darstellen. Der Anteil seiner Familie an dem großarti­ gen Erfolg soll nicht verschwiegen werden. Seine Gattin Elisabeth unterrichtet seit Jah­ ren selbst an der JMS und wirkt als Geigerin im Sinfonieorchester Villingen-Schwennin­ gen mit. Bei ungezählten Auftritten der Ju­ gendmusiker hat Tochter Gesa Oahrgang 1968) im wahrsten Sinne des Wortes die er­ ste Geige gespielt. Sie ist heute im Sinfonie­ orchester des Saarländischen Rundfunks en­ gagiert. Der älteste Sohn Karsten Oahrgang 238 Peter Dönneweg 1972) war ebenfalls bei vielen Gastspielen als Cellist mit dabei. Er studiert heute an der Musikhochschule in Düsseldorf. Wen wun­ dert es da, daß Hanno, der Benjamin der Musikerfamilie, nach dem Abitur Fagott stu­ dieren möchte? Wer musikalisch ein solches Spektrum ab­ deckt, wie es Peter Dönneweg mit seinen St. Georgener Schülern tut, wirkt weit über seine eigene Schule hinaus. So sind heute jährliche Auftritte im Yillinger Franziskaner­ Konzerthaus ebenso fest eingeplant wie die musikalischen Umrahmungen von großen Firmen- und gelegentlich auch Parteiju­ biläen. Dönneweg dazu: ,,Nicht allzuviel ba­ siert dabei auf freier Entscheidung. Viele Zwänge entstehen durch Zusagen.“ Para­ dox: Zu den Hauptbeschäftigungen der jun­ gen Geiger, Bratscher und Bläser aus St. Ge­ orgen zählt die musikalische Gestaltung von Begräbnissen. Wie er freimütig erwähnt, er­ reichen ihn in dieser Hinsicht regelmäßig Anfragen aus dem ganzen Kreisgebiet. Sein Rat an Kollegen: die Bedeutung der praktischen Schulmusik kann gegenüber der theoretischen Ausbildung nicht hoch genug veranschlagt werden. Bleibt zu hoffen, daß Peter Dönneweg in diesem Sinne Schule macht. Joachim Siegel

Dem Volk nach dem Mund gesungen Spittelsänger – der musikalische Inbegriff der Villinger Fasnet Sie gehören zu V illingen wie die Bläck Fööss zu Köln. Und wie es sich für richtige Volksmusiker ziemt, haben beide in der Fas­ net ihre Ursprünge. Lokalkolorit, bekannt­ lich das Salz in der Suppe der populären Musik, fordert seinen Tribut und Dialekt macht den Reiz der Texte aus. Ferner sind die markanten Gebäude aus ihren Liedern nicht wegzudenken: Der Romäusturm, der Käferberg oder der Hennyboge sind unver­ kennbare Bestandteile in den Liedern der Spittelsänger. Da dürfen dann die mensch­ lichen Originale nicht fehlen. Egal, ob der „Eierma“ Richard Säger (,,Hät denn kon kon Kamm“) oder der Spital-Mathis in dem gleichnamigen Lied: Ihnen wurde in den Hits der Spittelsänger ein musikalisches Denkmal gesetzt. „Woasch näemet, wo äweng Gitarr‘ spiele ka, ich wet bim Zunftball en Ufftritt ma­ che?“, fragte Karl-Heinz Ummenhofer, der unvergessene „Schanko“, im Jahre 1965 im Antoniuskeller den „Benne“ Sauter. Mit dessen Ja nahm vor mehr als 30 Jahren eine Erfolgsgeschichte ihren Anfang, die nicht nur in der Fasnet unüberhörbare Spuren hinterlassen hat. 1966 war die Idealbe­ setzung gefunden, nachdem Hans Messmer den Part von Wilhelm Wildi übernommen hatte. Das Trio in seiner ursprünglichen Zusam­ mensetzung hatte bis zum tragischen Tod von „Schanko“ Ummenhofer im Jahre 1988 Bestand. Dessen Rolle übernahm dann Wer­ ner „Tschäbet“ Hirt. Der Name des Trios, ge­ wählt nach den Auftritten im Spittel, blieb; die Musik machten auf vielfachen Wunsch Tschäbet, Benne und Hans weiter. ,,Schan- Die „Spille!“ in Ur-Besetzung: v. links: Hans Messmer, ,,Schanko“ Ummenhofer und Benne Saut er. 239

außer auf zwei längst vergriffenen Sd1all­ platten aus den Jahren 1976 und 1978 und einer Kassette mit Beiheft von 1991 nur auf der Fasnets-CD ,,‘ s goht degege“ zu hören ist. Hierauf finden sich die fünf T itel „Mir gon jetzt uf Gaß, Die schöne alte Jungfere, Hätt denn kon kon Kamm,Jo a isere Fasnet und Laufsch du im Städtle rum.“ Die Wurzeln ihrer Musik reichen weit zurück. Alle Spittelsänger haben irgend­ wann einmal beim Streit Rudi mitgemacht und ferner nach den Alt-Herren-Fußball­ spielen der DJK gemeinsam gesungen. Das tut das Trio gelegentlich immer noch. Das verbindet und macht Lust auf mehr. Aus al­ len Texten der Spittelsänger spricht das stol­ ze Selbstbewußtsein jener „räechte Liit“, die, „i iserm schöne Villinge machet do grad wa .. “ mer wan. So ist es kein Wunder, daß die Spittelsän­ ger bei bestimmten Anlässen in Villingen zu sehen und zu erleben sind, bei Buchvorstel­ lungen, Familienfeiern, Geburtstagen oder großen Jubiläen. Wie lange noch? Da schmunzelt Tschäbet Hirt nach weit mehr als 1 000 Auftritten ebenso wie die beiden anderen. ,,Mindestens bis zur 1000-Jahr-Fei­ er im Jahre 1999.“ Versprochen. Joachim Siegel ko“ freilich bleibt – nicht nur wegen seiner Texte – unvergessen und lebt in den Herzen der echten Villinger weiter. landeten die Spittelsänger 1968 mit dem erwähnten „Spital-Mathis“ ihren ersten rich­ tigen Hit, so geriet Schankos „Hät denn kon kon Kamm“ zur eigentlichen Nationalhym­ ne Villingens. Etliche Nachbarstädte benei­ den die Stadt um diesen Hit, der fester Be­ standteil des Selbstbewußtseins der Zährin­ gerstadt geworden ist. Ein echtes Villinger T(jnd darf nur das genannt werden, das Me­ lodie sowie Text noch im Halbschlaf aufsa­ gen kann und weiß, wie „Soapfe“ geschrie­ ben wird. Zur Routine freilich geraten Werner Hirt, Hans Messmer und „Benne“ Sauter die Auf­ tritte auch nach all den Jahren nicht. ,,Wir gehen vor jedem Auftritt die Texte durch und singen uns immer ein“, berichtet Tschä­ bet Hirt. Der härteste Tag für das Trio ist da­ bei der Fasnets-Samstag, wo sich mindestens sechs Auftritte von reichlicher Dauer anein­ anderreihen. Im Diegner, dem Torstüble­ Keller, der Weinstube Riegger und natürlich in der Zunftstube verlangen die Zuhörer nach ihren Lieblingsliedern. Die drei Barden im Alter zwischen 56 und 65 Jahren sind am Ende zwar heiser, aber glücklich. Und die Puste reicht immer noch f’tir den „Kriminal-Tango“ aus der Feder von Lothar Wöhrle. Mit diesem Lied wandten sich die Spittel­ sänger vehement dagegen, daß der Krimi von Felix Huby „Bienzle und das Narrenspiel“ in den Mau­ ern ihrer Heimatstadt ver­ filmt werden sollte. Mit Er­ folg. Und wie jede echte Volks­ musik, so lebt auch die der drei waschechten Villinger von den Live-Auftritten. Es ist daher nur konsequent, Die ,,Spillel-Siinger“ in heutiger Besetzung: v. links: ,,Tschiibet“ Hirt, daß die Musik des Trios Hans Messmer und Benne Sau/er mit der Gitarre. 240

Kunst und Künstler Von Rössern und Gaskugeln Kunst im öffentlichen Raum des Landkreises bietet ein breites Spektrum Der Begriff „Kunst im öffentlichen Raum“ bezeichnet Kunstwerke, die so präsentiert werden, daß sie der Öffentlichkeit zugäng­ lich sind. Auch im gesamten Schwarzwald­ Baar-Kreis trifft man auf Kunstwerke, die dieser Definition entsprechen. Um es gleich vorweg zu nehmen: der Schwarzwald-Baar­ Kreis ist nicht Frankfurt, aber dennoch fin­ det sich auch hier Kunst im öffentlichen Raum, die beachtenswert ist. Wird in den Metropolen nach der Devise „Klotzen, nicht Kleckern“ verfahren – am Beispiel Frankfurt, wo sich momentan ein Skulptu­ renboulevard quasi als Selbstläufer etabliert – stellt sich in der Provinz die Kunst viel un- spektakulärer zur Schau. Hat man aber ein­ mal den Zugang zur Kunst gefunden, so be­ gegnet man ihr fast an jeder Straßenecke. Wer ist aber nun für die künstlerische Auf­ wertung des öffentlichen Raumes verant­ wortlich? Wie kommt die Kunst in den öf­ fentlichen Raum? Da gibt es auf der einen Seite Initiativen von Privatpersonen und Firmen, auf der anderen Seite, und das macht den Löwenanteil der Kunst-am-Bau­ Maßnahmen aus, kommen die öffentlichen Bauherren ihrer Verpflichtung zur Erfüllung kultureller Aufgaben nach. An die Stelle der früheren Monarchen mit ihrer meist will­ kürlichen Kunstförderung treten heute die Zwei Plastiken von Martin Kirstein aus Winnenden stehen in der Gemeinde Mönchweiler. 241

gen. Das Staatliche Hochbau­ amt in Radolfzell ist für die Baumaßnahmen des Bundes verantwortlich. Für das Kreis­ gebiet sind es das Arbeitsamt und das Zollamt in VS-Villin­ gen. Bildende Künstler sind grundsätzlich bei allen Bau­ maßnahmen, deren Eigenart es rechtfertigt, zu beteiligen. Ein Grundsatz der Staatlichen Hochbauverwaltungen sagt aus, daß ein bis zwei Prozent der Bausumme für die Kunst­ am-Bau bereitgestellt werden sollen. Im Falle des Arbeitsam­ tes würde diese Regelung be­ deuten: bei einer Bausumme von knapp 20 Millionen DM müßten mindestens 200 000 DM für Kunst ausgegeben worden sein. Den Innenhof des Amtes ziert eine Freiplastik aus Corten-Stahl, geschaffen von dem in der Pfalz lebenden Bildhauer Franz Bernhard. • ,,Die Ruhende“ aus dem Jahre 1987 kostete mit etwa 100 000 DM gerade einmal die Hälfte der vorgesehenen Mindest­ pflichterfüllung. Kam hier der Staat als öffentlicher Bauherr seiner Verpflichtung zur Er­ füllung kultureller Aufgaben Hauser-Plastik: ,,Die Säulenwand“ dominiert den Innenhof des nicht in genügendem Maße nach? Macht man einen Rund- Hauptsitzes der Sparkasse in der Vi!!inger Gerberstmße. gang durch das Gebäude, be­ kommt man anschaulich die Antwort. In al­ len Gängen, auch hier ist öffentlicher Raum, befinden sich Bilder und Objekte, deren An­ schaffungspreis zusammen dem des Preises der Innenhofplastik entspricht. Eine der wertvollsten Arbeiten im Land­ kreis steht vor dem Villinger Gesundheits­ amt. Im Jahre 1959 wurde für den Neubau des damaligen Finanzamtes die Plastik ,,Räumliche Wand“ des Stuttgarter Künst- Staatlichen Hochbauverwaltungen. In unse­ rem Kreisgebiet gibt es für die Kunst am Bau bei öffentlichen Gebäuden zwei ver­ schiedene Entscheidungsträger. Das Staat­ liche Hochbauamt in Rottweil ist für alle Baumaßnahmen des Landes zuständig, wie beispielsweise für die Fachhochschule für Polizei in Schwenningen, die eine stattliche Anzahl von Kunstwerken besitzt, oder für das Berufsschulzentrum in Donaueschin- 242

lers Otto Herbert Hajek angeschafft. Damals schlug der Plastik seitens der politisch Ver­ antwortlichen, aber auch aus den Reihen der Bevölkerung, nicht nur Liebe entgegen. Mancher hätte sicher anders geurteilt, hätte Otto Herbert Hajek schon damals seine jet­ zige Popularität gehabt. Mit steigender Be­ kanntheit geht eine stetige Steigerung des Marktwerts einher. Nun steht vor dem Amt ein Werk, dessen Wert das Vielfache seines Kaufpreises ausmacht. Kunst mit lokalem Bezug Die Staatlichen Hochbauverwaltungen sind zwar maßgeblich, aber nicht aus­ schließlich für Kunsterwerbungen für öf­ fentliche Gebäude oder Plätze verantwort­ lich. Gerade für die künstlerische Aufwer­ tung von öffentlichen Plätzen sind die je­ weiligen Städte und Gemeinden zuständig. Ansehnliche Beispiele dieses Engagements stehen in fast allen Städten und Gemeinden im Kreisgebiet: Von der Brunnenanlage des Bildhauers Hans-Joachim Müller vor dem Blumberger Rathaus, über den Münster­ brunnen des Schonachers Klaus Ringwald auf dem Villinger Münsterplatz, bis hin zum Arrangement „Salzpfeiler, Salztor, Salzquell“ des Freiburger Bildhauers Jürgen Grieger im Bad Dürrheimer Kurpark, das im Zuge der Landesgartenschau dauerhaft für die Stadt angeschafft wurde. Die drei genannten Arbeiten verdeutli­ chen auch ein besonderes Merkmal von öf­ fentlichen Kunstwerken. Sie weisen durch Form und Inhalt einen eindeutigen lokalen Bezug auf. So erinnert der Blumberger Brunnen mit den aufeinander zugehenden Figuren an die Situation der Stadt als Schmelztiegel verschiedener zuziehender Volksgruppen. Im Villinger Münsterbrun- Bemalte Gaskugel an der Bundesstraße bei Vi/lingen. 243

nen wurde auf hintergründige, ironische Weise kommunalpolitisches Geschehen ver­ arbeitet. Die Bad Dürrheimer Skulpturen­ gruppe verweist in mehr abstrahierter Form auf die ungemein wichtige Solegewinnung und somit auf das wichtigste Gut der Kur­ stadt. Die Gemeinde Mönchweiler demonstriert mit ihren Kunstanschaffungen, daß auch kleinere Gemeinden mit geringerem Etat durchaus etwas bewegen können. 1990 konnte die Gemeindeverwaltung den Bild­ hauer Martin Kirstein aus Winnenden für eine Präsentation seiner Werke innerhalb der Ortschaft gewinnen. Einige der Kunst­ werke fanden bei der Bevölkerung so großen Anklang, daß die Verwaltung zusammen mit dem Gemeinderat beschloß, zwei Ar­ beiten zu erwerben. Die Plastiken in der 3 000 Einwohner zählenden Gemeinde wur­ den aufgrund des Bevölkerungswillens er­ worben und fast ausschließlich durch Spen- den finanziert. Ein drittes Kunstwerk kam auf Initiative einer Handwerkervereinigung dazu. Glockenspiel von Jo Homolka Auch die Stadt St. Georgen zeigt, daß Kunst auf städtischem Gebiet den Finanz­ etat nicht sonderlich belasten muß. Das Glockenspiel des Königsfelder Künstlers Emil Jo Homolka auf dem St. Georgener Marktplatz wurde durch einen finanziellen Beitrag realisiert, den die Sparkasse der Stadt anläßlich der 900-Jahr-Feier der Gründung von St. Georgen geschenkt hat. Blumberg­ Riedböhringen, eine gerademal 900 Ein­ wohner zählende Ortschaft, glänzt als Uni­ kum unter den kleinen Gemeinden im Kreis auch mit Kunst. Im Ortskern steht der bron­ zene „Bauer mit der Steinkarre“ des in Moos am Bodensee lebenden Künstlers Friedhelm Zilly. Die Vorgeschichte ist bemerkenswert: Naturalistische Pferde auf dem Kreisverkehr von Donaueschingen. 244

Da es in Riedböhringen, was nicht so üblich ist, gelang, das Flurbereinigungsverfahren zur � Zufriedenheit aller zu realisieren und zudem Geld dabei übrig blieb, kam es zur Gestaltung des idyllischen Platzes in der Orts- mitte, auf dem das künstlerische Zeichen gesetzt wurde. Aber auch der Schwarzwald­ Baar-Kreis selbst ist als Bauherr der Kunst-am-Bau-Regelung ver­ pflichtet. Das neue Landratsamt auf dem Villinger Hoptbühl be­ sitzt mit der „Kuckucksuhr“ (Al­ manach 93, S. 22-25) und dem ,,Baarteller“ (Almanach 95, S. 205-210) des Münchener Künst­ lers Albert Hien sowie dem inter­ aktiven Klangtryptichon des Frei­ burger Peter Vogels (Almanach 93, S. 26-27) im Innern des Ge­ bäudes repräsentative Beispiele zeitgenössischer Kunst. Neben dem Engagement der Kommunen, treten die Körper­ schaften des öffentlichen Rechts bei der Kunstförderung in Er­ scheinung. Die Industrie- und Handelskammer im Villinger Romäusring empfängt Mitarbei­ ter und Besucher mit einer ab­ strakten Marmorskulptur des Rottweilers Josef Bücheler im Eingangsbereich. Einige Meter Jochen Schimpfte „Der dynamische Läufer‘: Biedermann­ weiter befindet sich an der Lan- Motech, Schwenningen deszentralbank in der Vöhrenba­ cher-Straße ein Relief mit dem beziehungs­ reichen Titel „Gleichnis von den anvertrau­ ten Pfunden“, geschaffen von der Künstlerin Paula-Maria Walter. Die Hauptanstalt der Sparkasse in der Villinger Gerberstraße ist im Besitz eines der wertvollsten Kunstob­ jekte im Landkreis. Der Innenhof wird von einer stählernen „Säulenwand“ des interna­ tional renommierten Rottweiler Künstlers Erich Hauser dominiert. Aber auch ein be- sonders gelungenes Beispiel für Glaskunst findet sich an dem Geldinstitut: Sämtliche Eingangstüren wurden von dem in Rottweil­ Feckenhausen lebendenJulius Schittenhelm gestaltet. Nicht unerheblich ist der Beitrag der pri­ vaten Kunstliebhaber, die aus den unter­ schiedlichsten Gründen der Öffentlichkeit einen Kunstgenuß bieten. Vor der Apothe­ ke in Brigachtal-Kirchdorf steht eine Skulp- 245

tur des Furtwanger Holzbildhauers Hubert Rieber. „Die Figur zwischen Wänden“ ziert nicht nur die Fassade, sie wertet auch das dörfliche Erscheinungsbild auf, obwohl das Kunstwerk nicht allen behagt. So erregte sich doch mancher Zeitgenosse ob der unverhüllten Blöße der männlichen Figur, die in unmittelbarer Nähe zur Kirche steht. Die Firma Biedermann-Motech in der Schwenninger Berta-Suttner-Straße beher- Hubert Rieber, ,,Figur zwischen den Wänden“, Apotheke Brigachta/-Kirchdo,f 246 bergt gleich eine ganze Menge von Kunst­ werken. Das auffälligste, weil quasi als Fir­ men-Visitenkarte von der Straße sehbar, ist „Der dynamische Läufer“ des Überlinger Künstlers Jochen Schimpfle. Ein Werk mit eindringlichem Symbolcharakter: Die Fir­ ma stellt orthopädische Hilfsmittel her und verhilft somit körperlich Behinderten zu neuer Mobilität. Unübersehbar ist auch ei­ ne weitere Hauser-Plastik im Landkreis auf dem Gelände der Firma Grässlin in St. Georgen. Dieser kleine Streifzug durch den Schwarzwald-Baar-Kreis zeigt, daß es hier viel zu sehen, aber was bei Kunst genauso wichtig ist, noch mehr zu entdecken gibt. Auch I wenn aus finanziellen Gründen nicht die ganz großen welt­ bekannten Namen vertreten sind, so ist die Verbreitung von Kunst- • werken in der „Provinz“, gemessen an der Bevölkerungszahl und an der heterogenen Siedlungsstruk­ tur, dennoch überzeugend. Spür­ , bar ist die Liebe zum Detail bei der Kunst im öffentlichen Raum, die hauptsächlich das regionale Kunstschaffen mit all seinen Schattierungen repräsentiert. Das Spektrum des Gezeigten ist natur­ gemäß sehr weit gefaßt, spiegelt aber auch gleichzeitig die unter­ schiedlichen Kunstinteressen in der Bevölkerung wider und ist so­ mit ein Zeichen für Demokratie­ verständnis. So wurde manches Projekt trotz anfänglicher Kontro­ verse dennoch realisiert: Von der Bemalung der Gaskugel an der Bundesstraße vor Villingen bis hin zu den naturalistischen Rössern auf dem Kreisverkehr vor Donau­ eschingen. Stefan Simon

Logo des Schönen im Unscheinbaren Centric und XCentric – Die Materialkunst von Martin Starkmann Martin Starkmann, 1941 in Schweinfurt geboren, bündelte schon immer gerne Lini­ en und Flächen zu graphischen Strukturen. Seit Jahren lebt und arbeitet der Künstler in VS-Villingen. Hier ist von seinen Material­ bildern die Rede. Ob Ausruf oder Frage, unausgesprochen stehen die Worte: ,,Das soll Kunst sein!?“ in die Gesichter vieler Betrachter geschrieben, die vor Martin Starkmanns Materialbildern stehen und nicht so recht wissen, was sie sa­ gen sollen. Bis jemand seine Ratlosigkeit so formuliert: ,,Schön sind sie ja, aber ich ver­ stehe nichts davon.“ Ratlos wie er bleiben viele in der Luft hängen. Die Rede ist von einer Reihe Materialbil­ dern, die „Centric“ und „X-Centric“ be­ nannt sind. Tatsächlich sind sie bestechend schön, diese kleinen, fast quadratischen ,,Bildchen“. Mit ihrem seidigmatten, unifar- XCentric M2 (Neid), Materialbild, Entstehungsjahr 1993. 247

benen und deshalb so ruhig wirkenden Bild­ hintergrund sprechen sie unser Schönheits­ gefühl auf Anhieb an. Wer genau hinsieht, bemerkt in der matten Hintergrundschicht feine Schmirgelkörner, so minimal, als dürf­ ten sie nicht ins Auge fallen, schon gar nicht auf den ersten Blick. Wie vieles, das un­ scheinbar wirkt, sind es nicht einfach Schmirgelkörner oder Sand, sondern Rost, den Martin Starkmann dafür „züchtet“. Der Bildgegenstand löst jedoch besagtes Gefühl der Ratlosigkeit aus, zumal die Er­ wartungshaltung beim Betrachten von Bil­ dern immer noch am Erkennbaren, am Ab­ gebildeten, hängt. Fast quadratisch sind sie, beinahe quadra­ tisch, also nicht ganz. Weil manche Augen aus einem exakten �adrat ein Rechteck machen, ist die Breite größer als die Länge. Insofern ist das, was als �adrat erscheint, eine winzige Täuschung. Was aber macht so ratlos, was wirkt anziehend und gleichzeitig distanzierend? Zum einen sind es die „all­ täglichen“ Dinge, man könnte sogar sagen die banalen, die im Gegensatz zur raffinier­ ten Fläche stehen: Ein Stein, ein Lederfet­ zen, ein Holzspreißel – nichts Besonderes – abgesehen von der künstlerischen Verede­ lungskur. Starkmann verschönt und bringt in neuen Zusammenhang: was vorher im Centric M7 (Glyphe2), Materialbild, Entstehungsjahr 1995. 248

Schutt lag, wird ins Licht geho­ ben. Wie die „Dinge“ ins Bild ge­ stellt sind, das hat dann seinen eigenen Reiz, von dem jetzt die Rede sein wird. Solitär, so daß nichts anderes die Bildaussage stört, beherrscht jede einzelne Form ihren Raum. Zusammen mit Form und Farbe ist der Abfall nun Mittel des künstlerischen Zusammenspiels aus Farbe, Form und Eigen­ schaft. Wenn der Künstler in seiner Freizeit durch Felder, Wälder entlang der Ufer streift, läßt er seiner Phantasie spielerischen Lauf. Der Bildnerei erster Akt be­ ginnt. Noch dreht es sich ums Finden, das, wenn er Glück hat, eine Idee auslöst. Er hebt auf, was so her­ umliegt: Steine, Scherben, Holz, Plastik, Pappen. Verwestes sam­ melt er, Vertrocknetes, Verrotte­ tes, Zertretenes. Lauter Material, das die Zeit geschliffen hat, über das Regen, Sonne, Wind und Menschen gegangen sind. Mar­ tin Starkmann sammelt, was andere mit Füßen treten. Einmal ist es ausgelaugtes, XCentric M2 (Neid), Materialbild von 1993. 249

ausgewaschenes Holz, gewichtlos und längst ohne „Fleisch“, ein andermal das bloße Ske­ lett einer Pflanze, die auf ihre Struktur re­ duziert ist. Auf höchst rätselhafte Weise wer­ den sie zu ästhetischen Symbolen. Minimal im Aufgebot der Mittel, sparsam im Ver­ brauch erzeugen sie maximale Aussagen. Wenn nicht schon die Bildmittel nach Naturlyrik röchen! Die Titel tun das Ihre: ,,Wing“, ,,Mint“, ,,Butterfly“ oder „Glyphe“. Doch vergebens sucht man nach der damit zusammenhängenden Blümchenromantik – so ist die Welt heute nicht. Belegt wird, was real ist: Industrie und Technik schlagen sich in Starkmanns Naturkunst nieder, das Künstliche steht im Kontrast zum Natürli­ chen. Sowohl die angegriffene Natur als auch deren Widerstand ist Thema. Schnör­ kellos zeigen seine Materialbilder sowohl Harmonien als auch Diskrepanzen. Und nicht zuletzt wirkt in ihnen das Schöne im ,,Armen“. Damit wird der Fund zum Kürzel, zum Zitat – jedes Objekt ist ein Logo der Natur. Ein ernsthaftes, doch positives Bild mit ein wenig Nonsens, einem bißchen DA­ DA und dem Anklang von „arte povera“ – schlichtweg eine Reliquie der Natur. Helga Heinid;en XCentric M2 (Neid), Materialbild von 1993. 250

Fasziniert von der Formbarkeit der Erde Die Kunsthandwerkerin Anita Riemer-Wemick Der helle Ton klatscht auf den Teller, die kräftigen Finger kneten das Material – Ani­ ta Riemer-Wernick ist in ihrem Element. Die Kunsthandwerkerin sitzt am Fenster ihres Ateliers, der Holzofen knistert hinten an der Wand. ,,Schon als Kind“ war die Töpferin faszi­ niert von der Formbarkeit der Erde; jetzt, nach vielen Jahren, hat sie in ihrem Beruf den Meisterbrief erworben. Es soll so richtig losgehen: Hinter dem kleinen Scheunentor entstand in Eigenarbeit ein Laden, hier las­ sen sich auch unter der Woche irdene Krüge und feine Skulpturen bestaunen und auch kaufen. Eine Vase soll er werden, der plumpe Klumpen, der wie ein dicker Frosch auf dem Drehteller sitzt. Doch kaum rotiert die Scheibe, wächst das Material – man könnte meinen wie von selbst – zwischen den Hän­ den zu einer organischen Form heran. ,,Das ist nicht so leicht wie es aussieht“, lächelt die Töpferin, ein paar Jahre Übung braucht es dafür schon. Und Kraft, denn der Ton ist zäh und will nicht in die neue Form. Die Werkstatt von Anita Riemer-Wemick ist in einem Schuppen untergebracht und schon der Weg dorthin ist idyllisch. ,,Ich merke immer mehr, daß sich mein Ge­ schmack verändert.“ Es sind die runden, gleichmäßigen Formen, die sie heute so fas­ zinieren. Formen, die schon vor Jahrhun­ derten in der selben Art aus Ton gefertigt wurden. Diesen Wunsch nach Ruhe und Die Vogelköpfe sind ein Markenzeichen der Kunsthandwerkerin Anita Riemer-Wemick. 251

ins Schwärmen, wenn sie von ihrem Ar­ beitsmaterial erzählt. ,,Damit kann man so gut umsetzen was im Kopf drin ist“, freut sich die junge Töpfermeisterin – und in ihrem Kopf ist einiges drin. Fast schon ein Markenzeichen geworden sind die Vogelköpfe: mit ihren spitzen Schnäbeln und scharfen Augen, fast schon eine Karikatur. Auf einen Stiel gesetzt, ver­ schönern sie Balkon und Garten. Anita Rie­ mer-Wernick sieht in ihren Vogelgesichtern den „Chef-Besserwisser“ oder auch den „Angsthasen“. Sie freut sich diebisch, wenn sie über ihre Vögel erzählt. Dabei bekommt jedes Tier sein ganz individuelles Gesicht. Einen Kopf hat sie sogar einer menschli­ chen Figur aufgesetzt. Und wenn auf dem Töpfermarkt manch einer „Oh Gott, wie grausig!“ ruft, gefallt vielen anderen gerade diese Skulptur besonders. Keinesfalls will sie sich nur nach dem Geschmack der Käufer richten, wenn sie ihre „Ideen irrsinnig laufen läßt.“ So manches Stück ist ihr auch gerade deshalb ans Her.t gewachsen. Lächelnd er­ zählt sie die Geschichte von einer Kundin, die zwei Vasen zur Ansicht mitnahm. Eine davon wollte die Töpferin gar nicht gern hergeben, und als sich die Kundin dann für die andere entschied, fiel ihr ein Stein vom Herzen. Auch einige der Tonköpfe haben ei­ nen Platz im Atelier gefunden, Charaktere, von denen sie sich eigentlich gar nicht tren­ nen möchte. Der Keramikerin geht Ton nie auf die Ner­ ven. Das Hausschild hat sie ebenso gemacht wie die Vasen neben dem Kachelofen. Nur einfach müssen die Formen sein und für die schwarzen Glasuren schwärmt sie beson­ ders. Bis jetzt verkaufte Anita Riemer-Wernick ihre Arbeiten lediglich auf dem Donau­ eschinger Herbstfest, dem Hüfinger Töpfer­ markt und einigen anderen Märkten der Re­ gion. Dies wird nun anders: Diente bisher das Atelier als provisorischer Verkaufsraum, zog sie nun mit ihren Arbeiten in einen ei­ genen Laden um. Das verbessert die Präsen- Die Arbeit mit Scheibe und Ton braucht Kraji und viel Erfahrung. Gleichförmigkeit kennt Anita Riemer-Wer­ nick: Er ist auch in ihrem Alltag da und spie­ gelt wieder, was ihr Bedürfnis ist. So stehen in großer Anzahl Gefäße, Schalen und Va­ sen in den Regalen im Atelier. Manchmal geht sie auch ins Freiburger Museum für Ur­ und Frühgeschichte. Dort studiert die Töp­ fermeisterin die klassischen Formen und ge­ nießt die einfache Schönheit der antiken Va­ sen. ,,Ich bin da hingegangen und war über­ rascht: Das ist genau das, was ich versuche zu machen!“ Anita Riemer-Wernick bezeichnet sich selbst als „Dreherin“, denn am liebsten arbeitet sie zur Zeit an der Scheibe. Dabei hat sie noch so viele Ideen. ,,Für Gräber“ will sie was machen – ,,nicht so klobig wie die Dinger aus Bronze“ – und Teekannen und Skulpturen und Schmuck. Ton ist vielseitig, und Anita Riemer-Wernick kommt geradezu 252

tation und im Atelier gibt es nun mehr Platz für freies Arbeiten. So ist die Keramikerin nun zu festen Zeiten anzutreffen. Und wer den Blick in die Werkstatt sucht, bekommt ihn immer noch gewährt. Besonderen Spaß macht der Handwer­ kerin ein kleiner Töpferkurs, den sie nach vielen Anfragen in ihrem Atelier anbietet. „Nur mit ganz wenigen Leuten, sonst wird mir das zu unübersichtlich!“ Und mancher staunt dann, wenn er mit eigenen Händen fühlt, wie schwer es ist, auf der Töpferschei­ be eine Vase zu formen. Nach einer Pause über Weihnachten hat Anita Riemer-Wernick wieder richtig Lust zum Töpfern: Kleine Figuren, die vom Schrank herunterschauen, neue Schmuck­ stücke – die Ideen gehen der Keramikmei­ sterin wohl nie aus. Andreas Reinbolz Eine 4lse aus Ton entsteht. Sekundenleben Jeder Tag Abschied von gestern – Heute ist das Gestern von morgen. Mit jeder Sekunde stirbst du sekündlich der künftigen Vergangenheit entgegen – die du als ständigen Abschied nicht wahr-nimmst. Aber du ahnst die Bedeutung des Wortes: Tausend Jahre sind wie ein Tag. Jürgen Henckell 253

Kunst als sichtbares Lehen Zur Malerei von Ludwig Schopp aus Königsfeld Ist die Kunst Berufung, Poesie oder Schick­ sal, oder alles gemeinsam? Dies fragte sich Ludwig Schopp aus Königsfeld, geb. am 20. Mai 1946 in Ravensburg, der früher zeich­ nen lernte als lesen und schreiben. Ludwig Schopp stammt aus einer uralten Ravens­ burger Konditorendynastie. Dort, in dem stadtbekannten Cafe „Warme Wand“, ver­ kehrte der Verleger Otto Maier mit seinen Mitarbeitern und Gästen sowie die gesamte Kulturszene von Ravensburg. Besonders der Schöpfer von „Nick Knatterton“, Manfred Schmidt, faszinierte den Vierjährigen. So kam es, daß Ludwig Schopp sich lieber im Otto Maier-Verlag als zu Hause aufhielt. Manfred Schmidt wurde sein Lehrmeister und Wegbereiter. Damit das kleine Bürsch­ le assistieren konnte, schraubte „Onkel Manfred“ den Arbeitsstuhl auf die richtige Höhe. „Deine bildhaften Wünsche mußt du selbst erfüllen. Das kannst du nur, wenn du lernst, richtig zu beobachten und nur das festhältst, was dich daran ganz besonders in­ teressiert.“ Dies waren stets die Worte, die ihn fortan durch die Kunst begleiteten. Am Anfang waren es Drahtmännchen mit Eier­ köpfen. Nach und nach nahmen diese Ge- ,,Dialog über die Angst‘: Rolnfeder!Aquarell,januflr 1994. 254

,,In sich gehen‘: Mischtedmik!Aquarell, 60×80 cm. stalt an bis zur fertigen Karikatur. Trabende Pferde, reges Marktleben oder kuriose Sze­ nen sollte der kleine Ludwig Schopp mög­ lichst unauffällig skizzieren. Anfangs durfte er nur zwölf Buntstifte verwenden, später nur die Primärfarbstifte. Man­ fred Schmidt liebte die frech hingeworfenen Striche und konnte über unnötiges Drum­ herum richtig zornig werden. So erwarb Ludwig Schopp auch ein ausgeprägtes Farbge­ dächtnis, was ihm später er­ laubte, ein aufgefaßtes Bild mehrfach wiederzugeben. Die Großeltern und Eltern liebten diesen Umgang aller­ dings nicht und waren der An­ sicht, daß Kunst unnütze Spie- Ludwig Schopp lerei und Luxus wäre. Doch seine Berufung als Künstler fand Ludwig Schopp dennoch und zwar in München. Noch im Hotelfach tätig, lernte er Gestaltung und Design, was zwar nicht bei je­ dem höchste Weihen mit sich bringt und doch allemal als ei­ ne in Richtung auf die Kunst hinweisende Ausbildung gel­ ten kann. Darüberhinaus war Ludwig Schopp eine Zeit lang Karikaturist und Illustrator. Er wurde auch in den erlauchten Kunstkreis München aufge­ nommen und scherzhaft als Toulouse Lautrec von Schwa­ bing bezeichnet. 1974 zog er nach Konstanz, wo er ein Dachatelier mit Ra­ dierpresse einrichten konnte. 255

komplexe nicht sofort, denn das Begreifen seiner Bilder ist nur dem gegeben, der sie meditativ nachvollziehen kann. Vielleicht will Ludwig Schopp damit sagen, daß das, was er malt, nach sei­ nem Verständnis nicht mit dem üblichen Künstler- und Kunstbegriff zusammengeht oder zusammengehen soll. Für seine Arbeiten braucht er besondere Elemente. Zu ihnen gehören Motive und Vorsatzstücke aus Sagen, Mystik, Philosophie und Psychologie. Doch auch in den abstrakten Schöpfungen bleibt Ludwig Schopp der Natur oder der Landschaft verbunden. Gesundheitlich, durch sein Augenleiden bedingt, kann Schopp seine Motive nicht von anderen Bildern über­ tragen, er ist von Kindheit an ein Gedächtnismaler. Des­ halb bleiben seine Skizzen auf das Wesentliche be- schränkt. Diese wirft er mit Buntstiften aufs Papier und sagt: ,,Ein bißchen übertreiben kann ich zu Hause.“ Ludwig Schopp ist gleichzeitig Ate­ liermaler, der mit Licht und Schatten spielen will, so wie er auch gerne mit verschiedenen Techniken experimentiert, insbesondere mit der Naßaufnaß- Aquarellmalerei. Wenn Ludwig Schopp Künstler wie Dix, Schlichter, Hubbuch, Klimt oder Schiele als Vorbilder nennen mag, so sind es für ihn nur die biographischen Aspekte. Er will seine ei­ genen Kopfgeburten malen oder entsorgen. Deshalb auch sein Leitsatz: ,,Kunst ist nicht Abbild, sondern Urbild der Gedanken des Künstlers!“ Manfred Beid,L Braque Akt 11, Aqutlrell, 50 x 60 cm. Ein Großbrand vernichtete Atelier, Zubehör und sein gesamtes künstlerisches Lebens­ werk. Ein Unfall machte ihn zum Schwer­ invaliden. 1980 heiratete er seine Frau Hannelore in Königsfeld. Sie und ihre beiden Töchter ga­ ben ihm den Mut, neu zu beginnen. Ludwig Schopp hatte mehrere Ausstellungen im In­ und Ausland. Im Rahmen einer internatio­ nalen Kunstausstellung in Baden-Baden er­ hielt er im März 1995 die Eurokunstplaket­ te in Gold. Ohne sich einer bestimmten Kunstgattung verpflichtet zu fühlen, hat Ludwig Schopp seine eigenen Tiefenstrukturen verinner­ licht. Gewiß erschließen sich seine Motiv- 256

Lebensgefühle in Holz und Ton Der Künstler Josef König fand in Schwenningen eine neue Heimat Schon von weitem kündet das kleine Sieplungshäuschen in der Schwenninger Wil­ helmstraße’von seinem künst­ leris°chen Inhalt. Hinter dem geschnitzten Briefkasten und det getöpferten Hausnummer lebt seit Beginn der l 990er Jahre der tschechische Künst­ ler Josef König mit seiner Fa­ milie. In der wie alle Räume reno· vierten „guten Stube“ stehen in Nischen: Schränken und auf Beistelltischen die Arbei­ ten. Die einzelnen Arbeiten protzen vor Le­ bensfreude (Sonnen, Gottheiten, Clowns) oder haben beschützende Gebärden (Ma­ donnen, Engel, Heilige). Wir finden auch tiefsinnige Holzarbeiten mit teilweise ver­ menschlichten Tieren (Schnecken, Eulen, Frösche, Vögel), wobei jede für sich eine be­ stimmte Eigenschaft ausdrückt, in denen sich der Betrachter wiederfinden kann. Auch das Leiblich-Sinnliche, in seinen Proportio­ nen teilweise barock überzeichnet, fällt ins Auge (Frauen-Torso, Eva). Kunstvolle Ge­ brauchsgegenstände wie Schalen und Vasen runden das Repertoire ab. Allen Arbeiten ist eine positive Grundaussage zu eigen. Ihre Gestik wirkt zufrieden, ausgeglichen, nicht selten humorvoll und in sich ruhend. Sie wirkt dadurch wohltuend auf den Betrach­ ter. Herausragend bei den Plastiken sind die verschiedenen Variationen des HI. Franzis· kus: In Anlehnung an die schlichte Roma­ nik kommt der Künstler hier zu starker Aus­ sagekraft. Der Körper tritt in den Hinter· grund, herausgehoben sind übergroße, sich spendende Helferhände und ein nach oben gerichtetes, in sich schauendes Gesicht, um· geben von Vögeln mit Men· schengesichtern. Es sind kör· perliche Figuren, die nicht nur räumlich vorhanden sind, sondern die darüberhinaus dem Weltlichen – Mensch und Natur – wie dem Trans­ zendenten verbunden sind. Es überrascht dabei, daß die frühen Lebenserfahrun­ gen des Künstlers von Unfrei­ heit, Atheismus, materieller Not und frühem Verlust des Vaters geprägt sind. Josef König wurde 1945, kurz vor Kriegsende, in der Nähe Prags ge· boren. Nach der Schulzeit kam die Lehre als Elektromechaniker. Dann brach das Eltern­ haus auseinander. Noch in der Schule fiel der junge Josef durch seine Begabungen in Sport und Kunst auf. Durch den dominie­ renden Sportlehrer kam die Kunst strecken· weise zu kurz, dafür wurde die vom System gewünschte Hinlenkung zum zweijährigen Militärdienst begünstigt. In dieser Zeit er· hielt König zahlreiche sportliche Auszeich­ nungen. Nach einer Berufsausbildung als Elektro· mechaniker durchlief er eine dreijährige Abendschule, um das Abitur nachzuholen. Hier entfaltete sich sein Talent in den Kunst· fächern und hier bekam er erste Kontakte zur Prager Künstlergruppe „Ars“. Er malte, schnitzte, töpferte und „plastizierte“. Letz· teres überwiegend und aus Mangel an ande­ ren Materialien. Kostenlosen Plastikabfall aus Fabriken verformte er gekonnt zu Bro­ schen, Sonnen und Köpfen. Nach einigen Gemeinschaftsausstellungen 257

,,König‘: Ton, 1995, Höhe 50 cm. ,,Eule‘: Holz, 1993, Höhe30 cm. mit anderen Künstlern kam es 1980 zur er­ sten Einzelausstellung in Prag, die ihn in Konfrontation zum Staat brachte und in sei­ nem Leben bis heute traumatisch nachwirkt. Da die von ihm gewollte Aussage der Wer­ ke politisch nicht gewünscht war, wurden diese umgedeutet und damit verfälscht. So mußte die christliche Pieta als „Tod eines Soldaten“ betitelt werden. Die Gruppe der ,,Heiligen Familie“ wurde auseinandergeris­ sen, die Figuren einzeln gestellt und mit weltlichen Titeln versehen. König spürte, daß die Zensur seiner Kunst ihn am Lebensnerv traf und flüchtete im Sommer 1984 mit der Familie nach West­ deutschland. Nach mehreren Zwischensta­ tionen in Aufnahmelagern in Hochheim, Karlsruhe und Donaueschingen fand König schließlich eine kleine Wohnung in Bad Dürrheim. Dort erhielt er viel Unterstüt­ zung durch die Kirchengemeinde. Der im Ruhestand lebende und mit seiner Ehefrau künstlerisch und kreativ tätige Finanzpräsi­ dent a. D. Dr. Ernst Roskothen (Almanach 82/152-157; 83/234(; 86/166-168) freunde- te sich mit der Familie an und wurde Tauf­ pate der jüngsten Tochter Katharina. Nachdem König die ersten Schritte zur In­ tegration geschafft hatte und Arbeit für ihn und seine Frau bei einer Schwenninger Fir­ ma gefunden war, lebte das Bedürfois nach künstlerischer Betätigung mit aller Macht wieder auf. Nachdem die Mietwohnung kei­ nen Platz mehr zum Schleifen, Schnitzen, Töpfern und Brennen – das Malen wurde nicht mehr aufgegriffen – bot, fand man schließlich ein kleines, über 100 Jahre altes Häuschen in Schwenningen. Nach grundle­ gender Erneuerung, von der heute die getöpferte Gallionsfigur auf dem Dachfirst kündet, findet der Künstler in seinem klei­ nen Atelier im Keller nun wieder bessere Ar­ beitsmöglichkeiten. Seine Kunstwerke schei­ nen nach diesem Fußfassen noch lebensbe­ jahender und positiver geworden zu sein. überhaupt sind die Arbeiten Königs ge­ genständlich, spiegeln wohltuend Lebens­ freude, Harmonie, Schutz und Trost wieder. Sie sind ehrlicher Ausdruck der Grundstim­ mung des Künstlers und wurzeln in tiefem 258

,,Ecce homo „, Lindenholz, polychrom, 1990. ,Johannes der Tdtefer‘: Buche, 1994. Urvertrauen und religiöser Bindung. Es ist so, als ob sie dem Betrachter frei nach Jo­ hannes (I 0,10) zuriefen: ,,Ihr sollt das Leben haben und es in Fülle haben!“ Eine solche Kunst verdient es, hinausge­ tragen zu werden. Die eigenen Haus-Aus- stellungen wie die der Spaichinger Sparkas­ se, der Künstlergilde Donaueschingen, der Schwenninger Kunstscheune oder das Por­ trät in der Neckarquelle-Serie „Zeitgenos­ sen“ (160/1988) trugen dazu bei, Königs Ar­ beiten bekannter zu machen. Die im „Brigachtaler Kulturellen Herbst 1996″ im Heimatmuseum Brigachtal-Überauchen bis Ende November 1996 zu besuchende Groß­ Ausstellung ist sicher nicht die letzte Hom­ mage. Die Aussteller, das Bildungswerk St. Martin und die Gesellschaft für Altertums­ und Brauchtumspflege e. V., sind sich sicher, daß die Arbeiten und der Mensch Josef Kö­ nig den Landkreis bereichern. Winfried �gener ,,Napoleon Bonaparte‘: Buchenholz, 1994, 30 cm hoch, 40 cm breit. 259

Wo Kunst die Uhrenfabrikation ablöst Das „hanh art kunstprojekt“ in Gütenbach Seit Mai 1995 gibt es das hrmh art kunstpro­ jekt von Margot Sude und Claus-Volker Müller im Gebäude einer ehemaligen Uh­ renfabrik in Gütenbach im Schwarzwald. Dieses liegt an der L 173 und besitzt als weit­ hin sichtbares Zeichen eine überlebens­ große sehr eindrucksvolle menschliche Pla­ stik des Bildhauers Wolfgang Eckert. Die Renovation der Gesamtanlage mit über 1 500 qm Nutzfläche begann im No­ vember 1994 und soll im Laufe des Jahres 1996 abgeschlossen werden. Vielleicht wird das gesetzte Ziel, das Gebäude auch von außen seinem ehemaligen Originalzustand wie im Jahre 1887 anzugleichen, schon er­ reicht sein. Im Innern des Gebäudes finden professionelle Künstler aller Sparten Ar­ beits- und Wohnmöglichkeiten. Zur Zeit ar­ beiten hier zwei Bildhauer, zwei Malerin- nen, ein Percussionist und ein Schauspieler in großen, lichtdurchAuteten, abgeschlosse­ nen Ateliers. Zwar ist das Gebäude gegen­ wärtig ausgelastet, doch können sich Inter­ essenten für AtelierAächen gerne vormerken lassen. Zusätzlich zu den Ateliers gibt es weitere Räume. So findet man im Gebäude ein 110 qm großes Zimmertheater, in dem sowohl eigene Produktionen gezeigt werden, als auch auswärtige Theatergruppen agieren können. Die Hausherren selbst betreuen den 140 qm großen Galerieraum, der über alle Infra­ struktur für Ausstellungen, Seminare, Kurse und Feierlichkeiten verfügt (Licht, Stühle, Stellwände, Overhead, Flügel etc.). Erwei­ tert wird der Galerieraum durch das zirka 100 qm bietende Treppenhaus, welches sich Das „hanh arl kunstprojekt“ in Gütenbarh, im Vordergrund eine Plastik von Wo(fgang Eckert. 260

‚ in besonderer Weise für projekt fortlaufend Kurse Kunstausstellungen eig­ in den Bereichen Malerei, net. Ein 50 qm großes „Re­ Grafik und Plastik an, aber fektorium“ ist ebenfalls 4 auch Schauspiel und Tanz. verfügbar. ·• In kleinen Gruppen wird In diesen Räumlichkei­ auf anspruchsvollem Ni­ ten findet zweimal jährlich veau künstlerisch gearbei­ ein Kunstfest besonderer � tet. Aktmaikurse für sehr Art statt, welches eine Fortgeschrittene runden Welt jenseits der Massen- das halbjährlich wechsel- kultur widerspiegelt. Im • nde Kursprogramm ab. Hause arbeitende Künst- Kursleiter sind sowohl die ler, verstärkt durch be­ im Hause arbeitenden freundete Künstlerkolle­ Künstler als auch Gäste gen, stellen hier aus, so von nah und fern. daß sich rund zehn ver­ Durch die Ausstellungen, schiedene Künstler gleich­ die Kunstfeste, die The­ zeitig präsentieren. Erwei­ ater- und Konzertveran­ tert wird die Palette der Auch Tanz gehört zum Angebot des staltungen und das breite klassischen künstlerischen „hanh art kunslprojektes“. Kursangebot hat sich das Bereiche wie Plastik, Male- hanh art kunslprojekt mitt­ rei und Grafik, durch Vorführungen von lerweile auch überregional im Kultur-und Ballett, experimentellem Film, Musik, Thea­ Kunstbetrieb zu einer festen Größe ent­ ter und alle Formen der Kleinkunst. Zu die­ wickelt. sen Festen treffen sich etwa 250 Kunstinter­ Die günstige Lage zwischen Rheintal und essierte aus dem regionalen und überregio­ Baar ermöglicht es auch erfolgreich Fremd­ nalen Bereich. Die anschließenden Kunst­ seminare durchzuführen, wobei die regio­ ausstellungen sind immer gut besucht. nale Gastronomie die Teilnehmer von bür­ Der Erfolg des hanh art Kunstkonzeptes gerlich bis first-class versorgt. C!aus-Volker Müller liegt in der gezeigten Vielfalt. In der länd­ lichen Region fernab der Großstadt wird den Besu­ chern ein breites Spektrum von gegenständlich bis ab­ strakt geboten. Der Besucher findet was er sucht, wird aber auch mit anderem und neu­ em konfrontiert und ange­ regt, sich damit auseinander­ zusetzen. Neben diesen halbjährli­ chen „Events“ finden noch kleinere Dauerausstellungen statt, die nach Absprache ebenfalls besichtigt werden können. Während des Jahres Margot Sude und Claus-Volker Müller (links) bei der Eriiffmmg ih­ bietet man im hanh ar/ kunst- 261 res Kunstprojektes in Giitenbach.

Opus Spuma – Wiebelt-Installation in Schweden Die Ausstellung in der Kunsthalle von Lund hatte 22 000 Besucher Der Vöhrenbacher Bildhauer und Perfor­ mance-Künstler Bruno Wiebelt hat die schwedische Kunstszene auf sich aufmerk­ sam gemacht. Seine Installation „Opus Spu­ ma“ war bis zum 16. Juni in der Kunsthalle in Lund zu finden, der nach Malmö für Kunst bedeutendsten Stadt in Südschwe­ den. 22 000 Menschen besuchten die Aus­ stellung. Der Weg hin zur Installation zeichnet sich bei Wiebelt früh ab, dessen Werk über die Antroposophie deutbar ist. Es geht darum, das Lebendige und Natürliche in Formen sichtbar zu machen. In den Werken des in Schweden lebenden Vöhrenbachers werden vor allem jene etwas für sich entdecken, die über innere Aktivität verfügen, sie er­ schließen sich nicht von selbst. Der Mensch wird aufgefordert, sich seiner Sinne zu erin­ nern, zu empfinden. Dieses Tor zum Emp­ finden aufzustoßen, ist im Zeitalter der Technik und Sachlichkeit kein leichtes Un­ terfangen. Die positiven Stimmen der Kritik hatten ungewöhnlich viele Besucher in die Kunsthalle in Lund gelockt, die Installation ist so­ mit ein Meilenstein in Wie­ belts künstlerischem Schaf­ fen. ,,Opus Spuma“ nimmt die Kunsthalle mit der ver­ änderlichen Dynamik des Schaums in Besitz und ver­ mag selbst ihre starke Archi­ tektur zu brechen. Wiebelt schließt die Verbindungen zwischen den Ausstellungs­ räumen, die sonst den Besu­ cher rasch und ohne Ruhe­ pause durch jede Kunstschau schleusen. Es entsteht ein La­ byrinth, zu dem die Ausstel- Bruno Wiebelt 262 Jung die Karte darstellt. Der erste Raum zeigt paradoxerweise das Finale im Werk des Künstlers: An der Decke hängen große Behälter, gefüllt mit sich bewegendem Schaum, der selbst den leeren Boden dar­ unter, auf dem sich der Betrachter bewegt, einzunehmen droht. Längs der Wände hän­ gen datierte KJeiderbügel und bilden einen Fries, der die Losungsworte der Karte angibt, begleitet von rhythmisch zwischen Decke und Boden verteilten Glühbirnen. In den folgenden Räumen finden sich unterschied­ liche Skulpturen, alle übermalt in rostrot, ein Industriefarbton, aber auch die Farbe ge­ trockneter Rosen. Und um den Betrachter nicht auszuschließen, stellt Wiebelt Stühle in gleicher Weise aus, so daß man sich set­ zen und Teil der Installation werden kann. Man bewegt sich in einer konzeptuellen Landschaft. Bruno Wiebelt knüpft an einen naturwissenschaftlich-philosophischen Dis­ kurs über Bewußtsein und lnformation/Ex­ formation an. Wiebelt führt hier die Dis­ kussion über Maxwells Dämon weiter. Max­ well gilt heute als Vater der Thermodynamik, er stellte ei­ ne einfache Denkfigur darü­ ber auf, wie Moleküle mit un­ Fortbewe­ terschiedlichen gungsgeschwindigkeiten von­ einander zu unterscheiden seien. Maxwells Dämon, das vereinfachte Bild eines kom­ plizierten physikalischen Pro­ zesses, ist immer noch Thema von Spekulationen. Der Kon­ text aber hat sich verändert, denn im wissenschaftlichen KJima der J 990er Jahre be­ müht man sich um die Deu­ tung von Information, Kom- plexität, Ordnung, Chaos und

1 1 1 1 1 1 Zufall. Hier kommt Bruno Wiebelts Schaum zur Geltung. Die molekulare Struk­ tur des Schaums ist auf ein geometrisches, kristallines Muster festgelegt, nach außen hin strebt er aber ständig nach Ausgleich und nimmt daher zufällig Gestalt an. Die Dynamik des Schaums ist eine aktuel­ le Frage in den Kreisen der Physik. Schaum ist auch eine Metapher f’Lir menschliche Wahrnehmung, die jede Information in ei­ nem zufällig entstehenden Rhythmus nach Exinformation, nach Bedeutung, sortiert. Gegensatz zum veränderlichen Prozeß des Schaumes ist Salz. Salz kristallisiert in Wür­ feln, Salz konserviert, bewahrt. ,,Opus Spu­ ma“ kombiniert ständig unorganisches mit organischem Material. ,,Wissenschaft abstrahiert und schafft Mo­ delle, betrachtet die einzelnen Teile des Ganzen. Ich schaffe mir formale Systeme anhand unterschiedlicher Modulgrößen auf den Bildern, anhand des Rhythmus der Lampen, nur um sie auf einer anderen Ebe- 266 11 11 ,, ne wieder zu dekonstruieren. Die Ausstel­ lung zeigt ein Verhältnis zwischen Bewußt­ sein und Chaos, ich will kein vollständiges Chaos, wo keine Ordnung mehr zu finden ist, es ist ein Aspekt der Ordnung. Strenge Systeme umfassen auch große chaotische Gebiete“. Die Ausstellung ist ein Exformationspro­ dukt, ein Produkt des Schaffens von Bedeu­ tung, das bestimmte autobiographische Aspekte in einem anderen Zusammenhang setzt. Die Objekte in „Opus Spuma“ stam­ men aus früheren Installationen und Per­ formances, die man so aussortiert und gefil­ tert als Relikte früherer Erinnerungen wie­ dererkennt, die sich in der Ausstellung in ei­ nem anderen als dem vergessenen Kontext wiederfinden. Indem Wiebelt sein früheres Schaffen zu Relikten erklärt und die Objek­ te gegenseitig ins Verhältnis stellt, bilden sie neue Konzepte und Ausformungen. Beate Schirrmacher

Eine Stele zum Stadtjubiläum Wolfgang Kleisers Werk umfaßt 750 Jahre Vöhrenbacher Geschichte Die am 7. Mai 1995 enthüllte, drei Meter hohe Stele des Hammereisenbacher Bild­ hauers Wolfgang Kleiser ist die bleibende Erinnerung an das ein Jahr zuvor gefeierte 750jährige Jubiläum der Stadt Vöhrenbach. Das zwischen Volksbank und Kirche errich­ tete Bronzedenkmal geht auf eine bereits 1991 angestellte Überlegung des Arbeits­ kreises Stadtgeschichte der Heimatgilde ,,Frohsinn“ zurück, der mit dem im Jubi­ läumsjahr erschienenen Buch „Vöhrenbach im Schwarzwald – Neue Beiträge zur Stadt­ geschichte“, ein weiteres sichtbares Zeichen setzte. Obwohl die heimische Industrie von An­ fang an ihre Bereitschaft zur Mitfinanzie­ rung des Projektes signalisierte, geriet das Vorhaben 1994 kurzfristig ins Stocken. Die nun deutlicher werdenden Kosten überstie­ gen die Finanzkraft des kaum ein Dutzend Mitglieder zählenden Arbeitskreises Stadt­ geschichte, und erst als der Vorstand des Ge­ samtvereines die Verantwortung übernahm, konnte die Skulptur endgültig auf den Weg gebracht werden. Gewählt wurde die Form der Stele, weil diese die sieben Medaillons mit histori­ schem Bezug aufnehmen konnte, deren Themen der Arbeitskreis zusammen mit dem Künstler (über ihn berichtete der Alma­ nach 81, S. 135-138) ausgewählt hatte. Das Ergebnis haben wir vor uns: In großen Zif­ fern und Buchstaben ist der Grund der Er­ richtung dieses Denkmals angegeben: 750. Stadtjubiläum Vöhrenbach 1244-1994. Schauen wir uns nun die sieben geschaffe­ nen Szenen aus der Stadtgeschichte im ein­ zelnen an: Das Medaillon oben auf der Vor­ derseite zeigt die brennende Stadt. Zugrunde­ gelegt ist ein Gemälde aus der Zeit vor 1639. Am rechten unteren Bildrand sieht man Menschen, die ein Kind retten und mit Ent- setzen aus der Stadt fliehen. Oben sind die Jahreszahlen der Stadtbrände vermerkt. Die erste Brandkatastrophe war am 23. August 1544. Mehr als 100 Hofstätten wurden ein Raub der Flammen. Zum zweitenmal brannte die Stadt, als im Dreißigjährigen Krieg der in schwedischen Diensten stehen­ de Obrist Kanofsky mit etwa 1000 Mann am 2. April 1639 die Stadt an verschiedenen Stellen ansteckte. Es wurde „alles, was in der Ringmauer begriffen, in die Aschen gelegt.“ Eine Stele von Bildhauer Wo!fgang Kleise-r erin­ nert an das 750jährige Bestehen der Stadt. 267

Dreimal bmnnte die Stadt Vöhreubach fast voll­ ständig nieder. Der Sublodere-I-/nns ist die tmditionelle Pnsl­ nnchtif,gur der Heimatgilde „Frohsinn „. Am Pfingstmontag 1819 brannte die Stadt erneut; von 122 Gebäuden verbrannten 79, 17 wurden beschädigt. Noch heute erinnert die jährliche Gelübdeprozession am Pfingst­ montag zum Bruderkirchle an dieses ein­ schneidende Ereignis. Das Medaillon darunter trägt drei Gestal­ ten der Vöhrenbacher Straßen-Fastnacht, die Sublodere-Hrms-Gruppe: in Fuhrmanns­ tracht und mit dem Geschell, vor dem Ge­ sicht die von dem aus Vöhrenbach stam­ menden Bildhauer Josef-Albert Rißler 1952 in vier Varianten geschaffene Maske. Die Fi­ gur des Hansele gab es indessen schon im letzten Jahrhundert. Bereits 1845 wird in der Zeitung zum Nar­ rentreffen eingela­ den; 1863 wird die erste offizielle Nar­ rengesellschaft ge­ gründet, wie Wil­ fried Dold durch gründliche Recher­ chen seinem Vöhrenbacher Fast­ nachtsbuch nach- 111 weist. Die am 6. Februar 1949 gegründete „Heimatgilde Frohsinn“ sorgt dafür, daß die aus rheinischen und alemannischen Ele­ menten zusammengewachsene Fasnet bis heute voller Leben steckt. Den unteren Abschluß der Stele bilden zwei Hände, die sich vorsichtig zueinander tasten. Die Lettern M und V stehen als In­ itialen für Vöhrenbach und für die französi­ sche Parlnerstar/1 Morterm. Das Datum 2. 6. 1973 verweist auf den Partnerschafts­ vertrag, abgeschlossen in dem Jurastädt­ chen, von dem am 21. 9. 1974 750 Einwoh­ ner zur Gegenzeichnung nach Vöhrenbach kamen. Im Rahmen der 750-Jahrfeier hat Vöhrenbach mit zahlreichen Mor­ teauer Gästen 20 Jahre Partnerschaft gefeiert. Interessan­ terweise befindet sich die Stele mit dem Medaillon an der Stelle, wo bis zur Kirchenerwei­ terung 1953 das 268 Sich die Hände reichen: Parlnersrhafl mit Morletm.

70er-Denkmal stand, das am 18. Oktober 1889 mit einem Volksfest und mit patrioti­ schen Reden als Zeichen des Sieges über den „Erbfeind“ Frankreich gefeiert wurde. In der Tat ein denkwürdiger Wandel der Bezie­ hungen, der für die Zukunft verpflichtet. Das obere Bild auf der Rückseite zeigt sie­ ben Frauen, die auf einem Scheiterhaufen Die Sage von den sieben Jungfrauen, die beim Bruderkirchle verbrannt worden sein sollen. verbrannt werden; eine wirft den Schlüssel­ bund an den unteren Bildrand. Hinter der Gruppe ein gewalttätiger Mensch. Rechts das Bruderkirchle, das seit Jahrhunderten an der Steig an der alten Villinger Straße außer­ halb vom Städtle steht. Die Darstellung der drei Versionen dieser Sage hat Erna Huber im Almanach 84 (S. 130-133) ausführlich beschrieben. Eine Deutung besagt, beim Einfall der Hunnen hätten die Ratsherren dem Glauben abgeschworen, ihre Frauen dagegen hätten den Märtyrertod vorgezo­ gen, jede aber zuvor eine Unglücksbotschaft über die Stadt ausgesprochen. Und die letz­ te habe einen Schlüsselbund an einen Ort geworfen, wo sofort eine Qielle entsprang. In einer Karfreitagnacht könne ein reines Auge den Fisch mit den Schlüsseln ent- Der Ord;estrionbau machte Vöhrenbach in der ganzen Welt bekannt. trachter ein riesiges Orchestrion. Oben im decken und mit ihnen den Bann der Ver­ wünschungen brechen. Bis heute erfreut sich das sagenumwobene Bruderkirchle bei der Bevölkerung großer Beliebtheit. Im Medaillon darunter bestaunen zwei Be­ Bild ist vermerkt: Weite 1832 und lmhof & Muckle 1929. Ein Jahrhundert lang war Vöhrenbach ein Zentrum der Schwarzwäl­ der Musikindustrie (siehe Almanach 82, S.119-122). Begonnen hatte Michael Weite anno 1832. Vom Spieluhrenmacher wurde er zum Meister im Orchestrionbau. Seine Werke gingen nach Odessa und Kalkutta, nach St. Petersburg und Santiago de Chile; sein „Riesenorchester“ erregte 1862 bei der Londoner Weltausstellung großes Aufsehen. Zeitweise arbeiteten in Vöhrenbach über ein Dutzend Musikinstrumente-Hersteller; es gab Niederlassungen in London, St. Peters­ burg und New York. Besonders erwähnt sei die Fa. Imhof & Muckle, die außer in die europäischen Län­ der nach Kamerun, Ägypten, Indien, China und Australien lieferte. Ein Orchestrion für New York maß 12 m Breite und 5 m Höhe; 269

bei der Weltausstellung 1900 in Paris wurde ein ganzes T mhof-Orchester preisgekrönt. Doch 1929 war alles vor­ bei: Grammophon und Schallplatte hatten dem Orchestrionbau ein Ende gesetzt. Darunter im Rechteck sehen wir ein Bild der Talsperre im nahen Linachtal; 1922-25 gibt die Bauzeit an. Dem Text „Wie geht‘ s weiter?“ korrespondiert ein Mann, der sich mit beiden Händen an den Kopf greift. Geboren aus der Kohle­ knappheit der Nachkriegsjahre, pack- Die Linachtalsperre-undwiegeht’sweiter? te die Stadt Vöhrenbach dieses gewalti­ ge Projekt an, ein technisches Kulturdenk­ mal von internationalem Rang aus Eisen­ beton in aufgelöster Bauweise. Die Inflation behinderte den Fortgang der Arbeiten sehr und brachte die Stadt in große Verschul­ dungen. Die malerischen Notgeldscheine zeigen alle auf der Vorderseite die Talsperre (siehe Almanach 94, S.103/04). 45 Jahre lang lieferte das Werk den Strom für Bevöl­ kerung und Industrie. 1969 wurde es stillge­ legt; l 988 ließ man das Wasser ab und woll­ te mit der Instandsetzung beginnen. Doch seither ist nichts geschehen, weil die Finan­ zierung fehlt. ,,Wie geht es weiter?“ so fragt sich heute die ganze Bevölkerung. Neue In­ itiativen geben der Stadt jedoch Hoffnung. Den unteren Abschluß der Rückseite bil­ det ein trabender Esel. Er war durch viele Jahrhunderte das Vöhrenbacher Wappentier. Unrichtig ist, daß, wie zuweilen behauptet, dies die Strafe war für die Beteiligung am Bauernkrieg, wo am 8. Mai 1525 der fürstenbergische Obervogt von Neu-Für­ stenberg in Vöhrenbach durch die Spieße gejagt wurde. Das Eselwappen ist viel älter. Der Hänselei durch die Nachbarn über­ drüssig, ließ sich der Rat der Stadt im Jahr 1802 von Fürst Karl Joachim zu Fürstenberg (für 50 Gulden) in Gestalt der Forelle ein neues Wappentier geben, dem die Stadt bis heute treu geblieben ist. (Siehe Almanach 95, S. 25/26). Die Stele ist auf beiden Seiten mit einem vertikalen Zierband geschmückt. Auf der Vorderseite weisen Motive der Technik auf die Bedeutung der heutigen Industrie bin. Die Rückseite zeigt ein Zopfband, das an die im 19. Jahrhundert verbreitete Strohflechterei erinnert, durch die sich die Frauen mühsam ein kleines Zubrot verdienten. Am 7. Mai 1995, genau ein Jahr nach dem Festakt der 750-Jahrfeier, wurde die drei Meter hohe Jubiläumsstele feierlich enthüllt. Das sieben Zentner schwere Kunstwerk wurde in der Kunstgießerei Ernst Straßacker in Süßen gegossen und im Beisein von Wolfgang K.leiser pati­ niert. Die Stadt erstellte das Fundament und schuf das ansprechende Rondell aus Granitpflaster. Freiwillige Helfer be- Ein Esel als Wappentier. Im Jahr 1802 ersetzten die Vöhrenbacher dm Esel durch die Forelle. 270

Die Anlage neben der katholischen St. Martinskirche mit der Jubiläumsstele. werkstelligten die Aufstellung. ,,Errichtet durch die Heimatgilde, unterstützt von In­ dustrie, Bürgerschaft, Handel und Gewer­ be.“ So steht es in bronzenen Lettern auf der Stele. Etwa die Hälfte der Kosten übernahm die örtliche Industrie; Geschäfte und ein­ zelne Bürger trugen ihr Scherflein bei. An­ läßlich des Todes des nach den USA ausge­ wanderten und in Vöhrenbach beerdigten Albert Buchholz machten die Angehörigen eine größere Stiftung. Einige Vereine, insbe­ sondere die Heimatgilde selbst und der Ar­ beitskreis Stadtgeschichte, trugen zur Finan­ zierung bei. Zehn Wochen nach der Ent­ hüllung war das Kunstwerk bezahlt. Die Heimatgilde unter Leitung von Wolf­ gang Ruf, der Arbeitskreis Stadtgeschichte unter Vorsitz von Bernd Klausmann, der un­ ermüdliche Spendenwerber Hans Wolfer und das Entgegenkommen von Bildhauer Wolfgang Kleiser und der Kunstgießerei Straßacker haben die Realisierung der Stadt­ Stele ermöglicht. Mit ihren heimatge­ schichtlichen Motiven ist sie eine bleibende Erinnerung an das Fest der 750-Jahrfeier, ein Farbtupfer, der die Geschichte in beein­ druckenden Bildern lebendig erhält. Bernhard Adler Literatur: BADER, KARL SIEGFRIED: Beiträge zur älteren Geschich­ te der Stadt Vöhrenbach; Vöhrenbach 1965 (vergriffen). FURTWÄNGI.ER, FRANZjOSEI‘: Vöhrenbach, eine Schwan· waldgemeinde im Industriezeitalter; Vöhrenbach 1961 (vergriffen). ARBEITSKREIS STADTGESCHICHTE (Herausgeber): Die Li· nachtalsperre – Geschichte eines Baudenkmals der Schwamvaldgemcindc Vöhrenbach; Vöhrenbach 1990 (vergriffen). Dow, W ILFRIED: Vöhrenbach 1890 – 1935 Bildge· schichten aus der Musikwerke-Stadt. Dold-Verlag; Vöh· renbad1 1991. DOI.D, Wn.FRIED: Allen Wohl und niemand Wehe · Die Geschichte der Vöhrenbacher Fastnacht; Dold-Verlag, Vöhrenbach 1993. ARBEITSKREIS STADTGESCHICIITE (Herausgeber): Vöh· renbach im Schwanwald – Neue Beiträge zur Stadtge· schichte; Vöhrenbach 1994. 271

Gesundheit und Soziales Caritasverband feiert SOjähriges Bestehen Notaufnahmelager im zerbombten Bahnhof Donaueschingen stand am Anfang Damals im Mai 1945 – am Ende des Zwei­ ten Weltkrieges – herrschte Chaos, Hunger Obdachlosigkeit, Krankheit und Vertrei­ bung in ganz Deutschland. In diesen ersten Tagen und Wochen organisierten die Wohl­ fahrtsverbände Sofortmaßnahmen und Hil­ fen zur Linderung der Not und übernahmen die Verteilung der vielen Spenden, so auch im Schwarzwald-Baar-Kreis. Bei der Wei­ terverteilung von Kleidern und Lebensmit­ teln wurde Donaueschingen zu einem Umschlagplatz. In den Räumlichkeiten der Fürstlich Fürstenbergischen Brauerei wur­ den die Hilfsgüter sortiert, umgepackt und an die Caritasstellen Sigmaringen, Über­ lingen und Villingen weitergeleitet. Die Spenden wurden über die Pfarreien an die Bevölkerung weitergegeben. Mit Unterstüt­ zung der politischen Gemeinden, der Kir­ chengemeinden und dem tatkräftigen Enga­ gement von ehrenamtlichen Helfern konn­ ten im zerbombten Gebäude des Donau­ eschinger Bahnhofs eine Bahnhofsmission und in der Güterstraße in Baracken ein Not­ aufnahmelager eingerichtet werden. Dies war die Geburtsstunde der Institution Cari­ tas in Donaueschingen als Bezirksstelle des Caritasverbandes für die Erzdiözese Frei­ burg e.V. Die Caritasarbeit der Nachkriegsjahre war von spontanen Hilfsaktionen geprägt. Von 1946 bis 1950 befand sich in der Villa Dol- Das Elisabethenhaus in der Schu/stmße in Donaueschingen, Sitz des Caritas-Verbandes im Landkreis. 272

Ehrenamtlichkeitwird beim Caritasverbandgroßgeschrieben, auch bei „Essen atifRädem“. Den Mahl­ zeitendienst gibt es seit 1981. ly ein Heimkehrerheim fur aus der Gefan­ genschaft entlassene Soldaten, die wegen der Zonengrenze nicht zu ihren Angehöri­ gen zurückkehren konnten. Anfang der SOer Jahre entstand in der Friedhofstr. 25-29 ein Staatliches Über­ gangswohnheim fur Aussiedler und Vertrie­ bene, wodurch die Baracken in der Güter­ straße aufgelöst werden konnten. Bis in die 70er Jahre verhalf die Caritas Kriegsgeschä­ digten und durch den Krieg verschleppten Männern sowie heimatlosen Ausländern zu einer Heimat und einem Arbeitsplatz. Sie gab den Heimatvertriebenen neuen Mut und unterstützte sie in der Durchsetzung ih­ rer Rechte. Die Arbeit mit den Aussiedlern wurde gar ab 1989 zu einem neuen Schwer­ punkt im Aufgabenbereich des Caritasver­ bandes. Schon in den SOer Jahren wurden in den Sommerferien im Missionskonvikt St. Hein- rich Stadtranderholungsmaßnahmen fur Frauen und Mütter abgehalten. Beim Horn­ hof in St. Peter, später in Todtmoos, im Klei­ nen Walsertal und in Südtirol wurden über Jahre Zeltlager und Ferienerholungen fur Kinder organisiert. Zu Kleidersammlungen fur Flüchtlinge im Landkreis Donaueschingen fur das Durch­ gangslager in Friedland, fur Flut- und Kata­ strophengeschädigte und in jüngster Zeit fur Kriegsgeschädigte und Flüchtlinge in Ex-Ju­ goslawien wurde gleichfalls immer wieder aufgerufen. Seit 1988 werden die Räumlich­ keiten des ehemaligen „Konsums“ in der Haldenstr. 1 als Kleiderlager genutzt. Klei­ derspenden hiesiger Bürger kommen nach wie vor Familien in Notlagen, Alleinerzie­ henden und deren Kindern, älteren Men­ schen und ausländischen Mitbürgern zu­ gute. Am 15.0ktober 1947 wurde die Leitung 273

des Caritassekretariates Donaueschingen der Caritasschwester Gertrud Ober über­ tragen. Ihr folgte 1967 Lydia Hardenbicker nach. 24 Jahre organisierte Caritasarbeit gehörten bereits der Vergangenheit an, als Pia Brenner (Almanach 95, S. 9lf) die Ge­ schäftsführung des Caritasverbandes für den Landkreis Donaueschingen übernahm. In der Anfangszeit beschränkte sich ihre Dienstaufsicht auf eine Mitarbeiterin in der Verwaltung und zwei hauptamtliche Famili­ enpflegerinnen. Erst im Jahr 1981 stellte das Erzb. Ordinariat in Freiburg Mittel zur Fi­ nanzierung einer zweiten Sozialarbeiterin bereit, so daß sich Pia Brenner von da an stärker dem Auf- und Ausbau der Verbands­ tätigkeit zuwenden konnte. Im Laufe der Jahre wurden folgende Auf­ gaben weiterentwickelt oder neu aufgebaut: 1977 Anerkennung als Beratungsstelle§ 218 b StGB (Schwangerschaftsabruch) 1981 Übernahme der sozialen Betreuung von Flüchtlingen im Staat!. Ausländerwohn­ heim Donaueschingen, Ausbau des Mahl­ zeitendienstes „Essen auf Rädern“ 1982 Hilfslieferungen nach Polen Hi!fstranspor/ nach Zagreb, auch den Menschen in Kroatien und Bosnien hfll der CflrilflSverbtmd des Schwflrzwa/d-Baar-Kreises vielfad, geho!fen. 274 1984 Einstellung von Zivildienstleistenden 1985 Ausbau der Hilfen zur Entlastung pfle­ gender Angehöriger von Behinderten, Ein­ richtung des Hausnotrufdienstes, Einstel­ lung einer Sozialarbeiterin für Aufgaben der Altenhilfe 1986 Übernahme der Betreuung von Asyl­ bewerbern im Schwarzwald-Saar-Kreis 1987 Einrichtung des Sozialpsychiatrischen Dienstes 1988 Renovation des Elisabethenhauses und Umzug der Geschäftsstelle in die Schul­ straße, Aufbau von Gesprächskreisen für pflegende Angehörige 1989 Übernahme der sozialen Betreuung von Aussiedlern im Staat!. Übergangs­ wohnheim „Maria Tann“ in Unterkirnach, Einrichtung einer Koordinatorenstelle im Bereich „Altenhilfe“, – 1990 jährliche Hilfe­ leistungen nach Polen. 1990 Aufbau von Hilfen für Alleinerzie­ hende, Schulung von Nachbarschaftshelfer­ gruppen und -leiterinnen, Hilfslieferungen nach Rußland 1991 Anmietung des ehemaligen Missions­ hauses St. Heinrich in der Sennhofstr.6 1992 Errichtung einer 1. Wohngemeinschaft für psychisch Erkrankte in Donaueschingen, Aufbau eines ambulanten Hospizdienstes in Zusammenarbeit mit dem Diakonischen Werk im Schwarzwald-Baar-Kreis, Hilfslie­ ferungen nach Kroatien und Bosnien. 1993 Hilfslieferungen nach Kroatien und Bosnien, Errichtung einer lAV-Stelle für äl­ tere Menschen im Städtebereich Blumberg, Bräunlingen, Donaueschingen und Hüfin- gen. 1994 Einstellung einer Sozialarbeiterin für

Auch das Sammeln von Kleiderspenden für Bediiiftige ist eine Aufgabe der Caritas. Aufgaben des Caritas-Sozialdienstes, Hilfs­ lieferungen nach Karlovac (bosnische Gren­ ze), Gründung des Caritasverbandes für den Schwarzwald-Baar-Kreis e.V. am 18. 5. 94, Errichtung einer 2. Wohngemeinschaft für psychisch Erkrankte in Vöhrenbach. Außerdem wurden bis zu Beginn der 90er Jahre Maßnahmen der Kinder-, Familien­ und Altenerholung sowie bis 1994 Freizeit­ maßnahmen für Kinder, Familien, Alleiner­ ziehende und ältere Menschen durchge­ führt. Als Folge des Kreisreformgesetzes vom 26. Juli 1971 mußte sich der Caritasverband ei­ ner Neuorganisation unterziehen mit dem Ergebnis, daß der Caritasverband für den Landkreis Villingen in den Caritasverband für die Stadt Villingen-Schwenningen e. V. mit Sitz in Villingen und der Caritasverband für den Landkreis Donaueschingen in den Caritasverband für den Schwarzwald-Baar­ Kreis mit Sitz in Donaueschingen umge- wandelt wurde. Einzugsgebiete des Caritas­ verbandes für den Schwarzwald-Baar-Kreis sind nunmehr der gesamte Landkreis – aus­ genommen die Stadt Villingen-Schwennin­ gen – sowie die Gemeinden Tennenbronn im Landkreis Rottweil und Geisingen, Im­ mendingen, Tuttlingen-Möhringen, Tuttlin­ gen-Eßlingen und Emmingen-Liptingen im Landkreis Tuttlingen. Nach zähen Verhand­ lungen wurde der Caritasverband als letzter Verband in der Erzdiözese Freiburg am 18. Mai 1994 in seine Selbständigkeit entlassen und in einen eingetragenen Verein um­ gewandelt. Seit dem 1. Juli 1994 ist die Päd­ agogin Dr. Gabriele Schmid Leiterin der Be­ zirks- und Geschäftsstelle. Während der vergangenen 50 Jahre muß­ te die Caritas-Bezirks- bzw. Geschäftsstelle immer wieder ihre Räumlichkeiten wech­ seln, vom Pfarrhaus „St. Johann“ (1945/47) ging es über drei Stationen bis ins Elisa­ bethenhaus ( Schulstr. 3), das 1988 bezogen wurde. Gabriele Schmid 275

100 Jahre DRK-Ortsverein Villingen e. V. Hauskrankenpflege war in den Gründerjahren ein Schwerpunkt Der Ortsverein Villingen des Deutschen Roten Kreuzes zählt mit 3 215 Mitgliedern zu den mitgliederstärksten Vereinen nicht nur Villingen-Schwenningens, sondern des gesamten Landkreises. Er geht direkt hervor aus der 1896 aufgestellten „Freiwilligen Sa­ nitätskolonne des Kriegervereins Villingen“, die jedoch nicht die erste Rotkreuz-Organi­ sation am Ort war. Bereits am 13. Juli 1859 gründete der Vorstand des Bezirksamtes den „Zweigverein Villingen vom Badischen Frauen-Verein mit Sitz in Karlsruhe“. Er folgte damit einer Anregung von Großher­ zogin Luise vom 4. Juni 1859, die in Hin­ blick auf den „Italienischen Krieg“ vorge­ schlagen hatte, vorsorglich „Vereine von Frauen durch das ganze Land zu bilden, die sich das Helfen jetzt und dann die Vorbe­ reitung zur Hilfe fur spätere Zeit zur Aufga­ be machen …. Für den Fall des Kriegsaus­ bruchs seien Mittel anzusammeln, fur Krankenpflege Vorsorge zu treffen, mit dem Sammeln von Leinen, Verbänden, Charpie u. dgl. zu beginnen.“ Daraufüin haben sich bis Ende Juni 1859 in ganz Baden 37 Zweigvereine gebildet, de­ nen noch weitere gefolgt sind. Die Schlacht von Solferino am 24.Juni 1859 und der Frie­ de von Villafranca haben den Kriegsaus­ bruch fur Baden verhindert, der Badische Frauenverein blieb jedoch weiterbestehen und erweiterte sein Aufgabengebiet „auf Hilfe in besonderen Notständen, Unter­ stützung einzelner, in Not geratener Famili­ en, besonders durch richtige Krankenpflege, gute körperliche und sittliche Erziehung der Kinder, Ordnung und Reinlichkeit in den Haushaltungen“ und anderes. 1866 trat der Badische Frauenverein dem durch Genfer Konvention 1864 geschaffe­ nen Roten Kreuz bei. Der Zweigverein Vil­ lingen setzte sich als Schwerpunkt seiner 276 Tätigkeit die Hauskrankenpflege, gründete 1871 den ersten Kindergarten in Villingen und hatte ab ca. 1879 jahrelang die Mitauf- sicht über die Arbeitsschule für Mädchen. Ab 1894 verfugte der Zweigverein Villingen über ein eigenes, zweistöckiges Haus vor dem Oberen Tor (ehemals Klosterring Nr. 16). 1897 hatte der Verein sieben Barmher- zige Schwestern vom Heiligen Kreuz ange- stellt und zählte mit 1112 Mitgliedern zu den größten Zweigvereinen des Badischen Frauenvereins. Zusätzlich zu der Hauskran­ kenpflege engagierte sich der Zweigverein Villingen aber u. a. auch bei Katastrophen­ fällen, so 1893 beim Brand von Klengen, durch welchen innerhalb von anderthalb Stunden 122 Häuser ab­ brannten und 500 Perso· nen obdachlos wurden. Hier sammelte und ver­ teilte der Zweigverein Vil­ lingen zahlreiche Sach­ und Geldspenden. Als im gleichen Jahr in Villingen drei Häuser abbrannten, darunter ein Gebäude, ,,in dem 16 Familien mit 73 Köpfen Armenwohnun­ gen inne hatten“, sammel­ te wiederum der Frauen­ verein Kleider, Stiefel, Schuhe, Weißzeug, Betten und Möbel. Inhaltlicher Schwerpunkt des Zweig­ vereins Villingens blieb je­ doch weiterhin die Haus­ krankenpflege, auch wenn er während des Ersten Weltkrieges Schwestern­ helferinnen-Kurse veran­ staltete und satzungsge­ mäß weiter Aktivitäten Die Sanitätskolonne de.

zur Linderung der Kriegsnot entwickelte. Wohl gedrängt von kirchlicher Seite trat der Zweigverein Villingen am 8. Dezember 1928 mit seinem Vermögen aus dem Roten Kreuz aus und wurde ein eigener, eingetra­ gener Verein mit dem Namen „Frauenverein e. V Villingen“, heute „Krankenpflegeverein St. Elisabeth Villingen e. V in der kath. So­ zialstation Villingen-Schwenningen“. Nun war die Freiwillige Sanitätskolonne des Kriegervereins Villingen, neben dem in­ aktiven Männerhilfsverein, die einzige Rot­ kreuzorganisation in Villingen. Sie bestand seit dem 10. Oktober 1896 als eine Abtei­ lung des Kriegervereins. Der jeweilige Vor­ stand des Kriegervereins war gleichzeitig Vorstand der Kolonne; von den Mitgliedern gewählt wurde neben dem Kolonnenführer der Sectionsführer, der Schriftführer und der Kassier. Die medizinisch fachliche Aus­ bildung leistete der Kolonnenarzt, der in der Anfangszeit der jeweilige Bezirksarzt war. Bereits früh erfreute sich die Kolonne of­ fensichtlich großer Sympathie, wie dem Vil­ linger Volksblatt 1903 zu entnehmen ist: ,, … Über die Tätigkeit der Sanitätskolonne wurden nur Worte wärmster Anerkennung laut. Wenn ein Unglücksfall vorkam, waren stets die Sanitäter als erste auf dem Platze und sorgten in fachkundiger Weise für Un­ terbringung der Verletzten . … “ Das Selbst­ bewußtsein der Kolonne wird daran deut­ lich, daß sie 1909 in Villingen eine Gau­ übung veranstaltete. Selbstverständlich eilte die Kolonne Villingen 1908 beim Stadt­ brand in Donaueschingen und 1911 beim ,,Brandunglück in Engen“ und beim Stadt­ brand in Grüningen zur Hilfe. Der Aufbau der Kolonne zog sich bis ca. 1911/ 12 hin. Ab da verfügte sie über einen Mindestbe­ stand an notwendiger Ausrüstung, hielt re­ gelmäßig Übungsstunden und Abschluß- ‚Vereins Villingen während einer Gau-Übung im August 1909. 277

übungen ab, unterhielt einen funktionie­ renden Rettungsdienst und hatte eine über­ sichtliche Finanzlage. Ab 1910 bis zu sei­ nem Tod 1931 war Dr. Stöcker Kolonnen­ arzt. In den Jahren seiner Tätigkeit führte er die Kolonne auf ein sehr hohes Ausbil­ dungsniveau, wobei ihm die große Motiva­ tion der Kolonnenmitglieder und ihrer Füh­ rer entgegen kam. Seine Technischen Ver­ besserungen im Rettungswesen machte er überregional und reichsweit bekannt. So zeigte er auf der Bezirksübung 1923, die von der Sanitätskolonne Villingen abgehalten wurde, ein von ihm „ erdachtes System“, bei welchem „die Tragbahren in eine Art quer­ liegender hölzerner Schlittenkufen gestellt (wurden), … und durch Seile und einen be­ gleitenden Sanitätsmann gesichert, konnten dieselben mit ihrer Last ruhig und mühelos auf den Leiterbäumen abgleiten … “ 1925 das erste Sanitätsauto im Einsatz Eine weitere Erfindung war die Villinger Seilbahn, die einen schnelleren und fast schmerzlosen Transport von Verletzten in steil abfallendem, schwierigen Gelände er­ möglichte. Die Kreativität ihres Kolonnen­ arztes regte offensichtlich auch die Kolon­ nenmitglieder an. So konstruierte Kolon­ nenfuhrer Karl Ketterer um 1930 einen zer­ legbaren „Schischlitten zum Transport von Verletzten und Kranken bei Schnee.“ Hohe Maßstäbe setzt sich die Kolonne auch bei der Verbesserung des alltäglichen Rettungs­ dienstes. Ausdruck dafür ist die Anschaffung eines Sanitätsautos im Jahr 1925, was einen enormen finanziellen Kraftakt bedeutete. Im gleichen Jahr richtete sie zusätzlich zur Hauptmeldestelle „Polizeiwache“ drei wei­ tere telefonisch erreichbare Unfallmelde­ stellen ein, und 1927 hatte die Kolonne ein ebenfalls telefonisch erreichbares Wachlokal für den Wochenenddienst. Zwischenzeit­ lich, J 924, ist die Kolonne selbständig ge­ worden, nachdem sie bereits 1911 vom Krie­ gervere111 zum Männerhilfsverein überge- 278 wechselt hatte. Der Aufschwung der Kolon­ ne hielt auch nach 1933 an: die Mitglieder­ zahl vergrößerte sich, wobei seit 1935 zwi­ schen weiblicher und männlicher Bereit­ schaft unterschieden wurde. 1935 wurde ein zweites Sanitätsauto angeschafft und 1936 konnte sie im Erdgeschoß des ehemaligen Waisenhauses (heute: Franziskanermuse­ um) ihre ersten, eigenen Vereinsräume ein­ weihen. Die Leistung der Kolonne war bei der Be­ völkerung weiterhin gut angesehen: ,,Daß die Villinger sich angewöhnt haben, immer und zuerst bei Unfällen oder schwerer Krankheit die Kolonne anzurufen, sei das schönste Zeichen dafür, wie hervorragend sie sich bewährt habe“, erklärte der Kolon­ nenführer bei der Einweihung des Vereins­ heimes. Der „Abschnittsführer Südost“ stell­ te im Anschluß an eine Übung der Kolonne im Jahr 1936 fest: ,,So ausgezeichnete Lei­ stung wie heute bei der Villinger Kolonne habe er noch bei keiner anderen gesehen.“ Wie bereits im Ersten Weltkreig, so waren auch im Zweiten Weltkrieg die Kräfte der Kolonne auf den Kriegsschauplätzen ge­ bunden, wobei der Rettungsdienst vor Ort weiterhin aufrechterhalten wurde. Unver­ mindert ging die Arbeit der beiden Bereit­ schaften nach Kriegsende weiter. Es mußten nicht nur Verwundete, Gefangene und Ge­ flüchtete versorgt, sondern auch Übernach­ tungsheime eröffnet und betreut werden. 1950 wurde in Villingen das Jugendrotkreuz gegründet, das bereits 1954 „unter den Ju­ gend-Rot-Kreuz-Gruppen des Landes, wenn nicht des Bundes, … an der Spitze (steht).“ 1954 übernahm der Ortsverein den Kran­ kentransport und nahm nun auch im Kran­ kentransport im südbadischen Raum eine führende Stellung ein. Der Zeitraum Ende 50er, Anfang 60er Jahre, brachte für den Ortsverein als neue Aufgabenstellung ne­ ben der verstärkten Ausbildung der Bevöl­ kerung in „Erster Hilfe“ die Blutspendeakti­ on und die Reihenröntgenuntersuchungen, wobei die beiden erstgenannten Aufgaben

Die Bereitschaft des DRK-Ortsvereins Villingen im Oktober 1938. auf große Resonanz in der Bevölkerung stießen. 1962 bezog der Ortsverein seine Räume im Eckhaus Josefsgasse/Kronengas­ se, die er aufgrund seiner guten Zusammen­ arbeit mit der Freiwilligen Feuerwehr von dieser dort vermittelt bekam. Im Zuge der Städtepartnerschaft zwischen Villingen und Pontarlier nimmt der Ortsverein 1964 Kon­ takt zur Blutspendervereinigung Pontarlier auf. Bei wechselseitigen Besuchen spendete man Blut, lernte die jeweilige Blutspende­ zentrale kennen und war gesellig beisam­ men. Großen Wert legte der Ortsverein auf eine gute Ausbildung seiner Aktiven. Der hohe Ausbildungs- und Leistungsstand kam bei Übungen und in der Plazierung bei Wett­ kämpfen zum Ausdruck. So 1972 bei der Kreisübung, bei welcher fünfeinhalb Stun­ den lang mehr als 200 Helfer der Kreisbe­ reitschaft und der Feuerwehr im Einsatz standen, ,,bei dem den Akteuren nichts, aber auch gar nichts geschenkt wurde“, wie auch bei den zahlreichen, z. T. sehr aufwendigen Übungen des Ortsvereins. 1970 belegte die Bereitschaft beim Landesentscheid Südba­ den den 2. Platz und 1971 beim gleichen Landesentscheid den 1. Platz. Der Landes­ entscheid 1971 wurde in Villingen im Rah­ men des 7Sjährigen Jubiläums des Orts­ vereins ausgerichtet. Bei der Jubiläumsfeier sprach der Generalsekretär des Deutschen Roten Kreuzes, Anton Schlögel, dem Orts­ verein Villingen seine „ besondere Anerken­ nung“ zu dem ausgezeichneten Ablauf der 7Sjährigen Jubiläumsfeier aus und fuhr fort: ,,Das Rote Kreuz in Villingen ist offensicht­ lich sehr rührig und steht in vielen Punkten an der Spitze.“ 1971 veranstaltete der Orts­ verein zum ersten Mal einen Ausflug für die Bewohner des Städtischen Altenheimes ,,Heilig-Geist-Spital“, 1972 führte der Orts- 279

verein den „Mittagstisch auf Rädern“ ein, und 1975 eröffnete er die von der Stadtver­ waltung in eigener Verwaltung übernomme­ ne Seniorenbegegnungsstätte. Diese Stätte der Begegnung wurde von Rosa Bächle (Almanach 88, S. 78-80) betreut, die wegen ihres selbstlosen Einsatzes im Roten Kreuz mit dem Bundesverdienstkreuz und der Me­ daille des Landes Baden Württemberg aus­ gezeichnet wurde. Die beim „Tag der offe­ nen Tür“ 1978 zu besichtigenden Räume des Ortsvereins im Erdgeschoß des in unmittel­ barem Anschluß an das „Rot-Kreuz-Haus“ gebauten Wohnblocks, stellten insofern ei­ nen Meilenstein in der Geschichte des Orts­ vereins dar, als dort diese Räume erstmals ei­ gentümlicher Besitz des Ortsvereins sind. Diese Leistung ist auf den damaligen Ersten Vorsitzenden, Bürgermeister a. D. Max Mül­ ler, zurückzuführen, der nach seinem Aus­ scheiden aus dem Amt zum Ehrenvorsit­ zenden gewählt wurde. 1988 weihte der Ortsverein im Erdgeschoß der benachbarten „Krone“ neue Tagungs­ und Schulungsräume ein. Im gleichen Jahr gab der Ortsverein Villingen seine Abtei­ lung Krankentransport an der Kreisverband ab. In diesem Zusammenhang wurde daran erinnert, daß der Ortsverein Villingen bei der Menschenrettung eine Pionierrolle im Kreisgebiet übernommen hatte: ,,In Villin­ gen gab es zuerst den Notarztdienst und ei­ ne Rettungsleitstelle“ (Almanach 83, S. 73- 75). Auch die folgenden 18 Jahre waren für den Ortsverein angefüllt mit harter Arbeit für den Dienst am Nächsten. Sei es als Wache bei Sportveranstaltungen, Sommerfesten, der Fasnacht und bei Zirkusaufuitten, sei es im ehrenamtlichen Einsatz im Rettungs­ dienst, in der Leitstelle, in der Sozialarbeit oder sei es bei der Ausbildung weiter Bevöl­ kerungskreise in der Ersten Hilfe. Selbstverständlich legt der Ortsverein auf die eigene Ausbildung größten Wert: in wöchentlich 1,5 Stunden werden die Bereit­ schaftsmitglieder mit Arztvorträgen und 280 praktischen Übungen aus- und fortgebildet, mehrstündige Freilandübungen im Frühjahr und im Herbst ergänzen die Ausbildung. Ei­ ne große Rolle spielt die Ausbildung auch bei der Jugendrotkreuzgruppe, die darüber hinaus noch zahlreiche Aktivitäten für ihre Mitglieder entwickelt. Landesweit herausge­ hoben hat den Ortsverein seinen Einsatz für den Blutspendedienst. 1994 konnte er die größte Zahl Erstspender in Baden-Würt­ temberg aufweisen. Täglich fahrt er heute 46 Schüler in die Sonderschule oder in den Vorschulkindergarten, und täglich versorgt er 80 bis 100 Personen mit Essen dutch den ,,fahrbaren Mittagstisch“. Besonders bemüht sich der Ortsverein um die älteren, sozial schwachen Mitbürger un­ serer Stadt. Jährlich veranstaltet er für sie eine Weihnachtsfeier mit abwechslungs­ reichem Programm. Zusätzlich zu der ko­ stenlosen Bewirtung beschenkt er jeden der 150 bis 160 Gäste mit Geld und einem Christstollen. Großer Beliebtheit erfreut sich ebenfalls die täglich geöffnete Altenta­ gesstätte, nicht nur bei den betagten Bür­ gern, sondern auch als Clubraum verschie­ dener Vereine, wie dem Südstadtclub, der ostpreußischen Landsmannschaft, den „Alurentnern“ und dem „Internationalen Frühschoppen“ am Fasnet-Zieschtig. 18 Frauen arbeiten ehrenamtlich in der Alten­ tagesstätte. Unter Leitung von Dr. jur. Peter Bergmann konnte der Ortsverein im Ju­ biläumsjahr 1996 die neuen Räume im DRK- Zentrum am Benediktinerring bezie­ hen. Mit den im Jubiläumsjahr neu bezoge­ nen und eigenfinanzierten Räumen im DRK- Zentrum im Benediktinerring verbes­ serte der Verein weiter seine Einsatzmög­ lichkeiten zum Wohle der Mitmenschen und Bürger der Stadt. Dr. jur. Peter Bergmann (Die Zitate wurden der Festschriji des Ortsver­ eins zum JOOjährigenjubiläum entnommen.)

Natur und Umwelt Neue Elektrizität aus dem Bregtal Ernst Zwick investiert 2,8 Millionen Mark in ein Wasserkraftwerk Gearbeitet haben sie, daß buchstäblich die Wände wackelten: bei den umfangreichen Erdbewegungen, die nötig waren, um zwi­ schen Hammereisenbach und Zindelstein das neue Wasserkraftwerk an der Breg aus dem Boden zu stampfen, haben der Wol­ terdinger Zimmermann Ernst Zwick und seine Helfer des öfteren Dynamit gebraucht, um den Fels zu bezwingen. Im Mai ’95 lie­ ferten die Aggregate erstmals Strom ins Netz, Ende Juli ging die Einweihung des 2,8 Millionen Mark teuren Projekts, das voll­ ständig in Eigen- und Privatinitiative erstellt wurde, im Beisein zahlreicher Prominenz über die Bühne. Bis dahin hatte die gesam­ te Bevölkerung über Jahre hinweg regen An­ teil am Geschehen genommen. Dort, wo früher der „Bregtäler“ gen Furt­ wangen dampfte, hatte sich die Natur das Terrain zurückerobert. Das Tal mußte für den Kraftwerkbau auf einer Länge von meh­ reren hundert Metern umgegraben werden, um über eine komplett aus Holz gefertigte und unterirdisch verlegte Daubenleitung aus Holz genügend Gefalle für die Turbinen zu erzeugen. Der Weg zum frischgebacke- Tausende kamen zu den Eröffnungsfeierlichkeiten, verbunden mit mehreren „Tagen der offenen Tiir‘: um im Juli 1995 das Wasserkraftwerk von Ernst Zwick zu sehen, das an der Gemarkungsgrenze Hammer­ eisenbach/Wolterdingen erbaut wurde. 281

Das Innenleben des Wasserkraftwerkes Zwick, das Maschinenhaus, wurde bei den „Tagen der offenen Tür“ gleirhfalls in Augenschein genommen. nen „Elektrizitätsversorger“ war dabei für Ernst Zwick nicht nur deshalb ein steiniger, weil neben den normalen Baggern und Rau­ pen auch zwei Tonnen Sprengstoff zum Ein­ satz kamen, um rund zehntausend Kubik­ meter Fels von der Stelle zu bewegen. Denn allein mit dem mutigen Plan, an der Fi­ schersäge Strom aus den Fluten der Breg zu gewinnen, war es längst nicht getan. Zahl­ reich sollten die Hindernisse sein, mit denen Zwick sich auseinanderzusetzen hatte, nach­ dem er bereits 1986 ausgekundschaftet hat­ te, ob das Gelände für diese Zwecke geeignet sei. Mit den anliegenden Ortschaften Ham­ mereisenbach (Vöhrenbach) und Wolter­ dingen (Donaueschingen) sowie den betrof­ fenen Forstämtern von Blumberg, dem staatlichen in Donaueschingen sowie dem Fürstlichen Fürstenbergischen in der Do­ naustadt war er sich rasch einig. Nachhaltig gestalteten sich indessen die Schwierigkeiten mit der Naturschutz- und der Wasserwirt- 282 schaftsbehörde, mit den Kanusportlern und dem Fischereiverband. Die Angler befürch­ teten zu niederschlagsärmeren Zeiten ein re­ gelrechtes Trockenfallen der an der Fischer­ säge bisweilen ohnehin nur noch bei relativ niedrigem Wasserstand träge dahinplät­ schernden Breg. Mehrere tausend Liter Was­ ser, die pro Sekunde abgezapft werden, um die Schaufeln von zwei Turbinen anzutrei­ ben, wollen erst einmal verkraftet sein. Zum weiteren Handicap geriet die Tat­ sache, daß die Landesregierung trotz des fortgeschrittenen Planungsstadiums zwi­ schendurch einen bereits zugesagten Zu­ schuß wieder strich. Begründet wurde dies mit ökologischen Erwägungen, ebenfalls in Verbindung mit den am Kraftwerk vorbei­ zuleitenden Restwassermengen, denen vor der umweltfreundlichen Nutzung der Was­ serkraft nun doch erheblich stärkeres Ge­ wicht beigemessen wurde. Genauestens ge­ prüft wurde das Bauvorhaben natürlich im

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Stationen eines Krafiwerkbaues: Damit die zwei Turbinen im Maschinenhaus {links unten) bis zu 8 500 Liter Bregwasser pro Sekunde in Strom umwandeln können, war überall Präzisionsarbeit verlangt. Landratsamt: die Genehmigung zum Be­ treiben des Wasserkraftwerks gilt für 60 Jah­ re – da schaut man schon mal genauer hin. Bis vor das Verwaltungsgericht nach Frei­ burg ging 1993 schließlich der Streit, der da­ mit endete, daß nicht ganz ein halber Ku­ bikmeter, genauer gesagt: 438 Liter Wasser pro Sekunde für ausreichend gehalten wur­ den, um Flora und Fauna nicht verdorren zu lassen. Zeit, Geld und eine Menge Nerven hat den Wolterdinger Zimmermeister das gekostet, was für ihn zwischenzeitlich zum „Lebenswerk“ geriet. Auf nicht weniger als eine Million Mark beziffert er heute die Ko­ sten, die ihm dadurch entstanden, daß der Baubeginn ein ums andere Mal hinaus­ gezögert wurde. Eine Veränderung ergab sich für die Kanuten: Die „Fischtreppe“, die eingerichtet wurde, um den Kiemenatmern einen Durchlaß zwischen den ober- und un­ terhalb des Kraftwerks gelegenen Laichplät­ zen zu schaffen, reicht dem Menschen in seinem schwimmenden Behältnis eben nicht aus. Die Wassersportler müssen ihre Boote über eine Distanz von etlichen hun­ dert Metern tragen. Als im August 1993 endlich der „Rote Punkt“ vorlag, gingen Zwick und seine Mit­ arbeiter mit voller Kraft ans Werk. Allein 1 800 Kubikmeter Beton, 50 Kubikmeter Holz und 90 Tonnen Stahl wurden im Tur­ binenhaus verarbeitet, das sich unweit des ,,Schwarzen Buben“ am Zindelstein auf­ grund seiner Schwarzwald-Bauweise nach außen hin recht unscheinbar in die Land­ schaft einfügt, tatsächlich aber mit einem 284

zweiten „Tiefgeschoß“ und einem sechs Me­ ter unter der Erdoberfläche installierten Ag­ gregat beträchtliche Dimensionen aufweist. Hier rotieren eine Kaplan-Rohrturbine, die maximal 3 300 Liter Wasser pro Sekunde umsetzt, und ein moderneres Francis-Ag­ gregat mit bis zu 5 200 Litern Durchsatzver­ mögen pro Sekunde. Dafur, daß das Ma­ schinenhaus bei höheren Wasserständen und größeren Sturzfluten, wie sie den Breg­ städten in den vergangenen Jahren immer wieder enorme Überschwemmungen be­ scherten, nicht einfach „untergeht“, sorgt das stromaufwärts gelegene ,;wasserschloß“. Ein Durchflußbauwerk aus Beton, in dem sich tosende Fluten von gerade noch ver­ kraftbaren Wassermengen durch eingeengte Rohrdurchmesser teilen. Zwischen hier und dem Einflußbauwerk an der Fischersäge liegen mehrere hundert Meter des unterirdisch verlegten Holzdau­ benrohres, das sich an einer Stelle – freilich unsichtbar, weil unter der Wasseroberfläche gelegen – in einer Art Kreuzungsbauwerk so­ gar mit der Breg überschneidet. Fast 600 Ku­ bikmeter Kiefernholz wurden für diese mehr als mannshohe Röhre verbraucht, die wie die Spanten eines alten Bierfaßes, in mühevoller Kleinarbeit von Metallbändern umklammert, angefertigt und durch den natürlichen Qyellvorgang des nassen Hol­ zes nahezu selbsttätig dicht wird. Im Nor- ·- D‘ Fürspritzi un d‘ Orgle Dr Gmainderot von Dunderschla, der het e schweri Sitzing gha.Vor elf Woche im Gma­ indihus, do sin bal alli Gmaindrät obenus. E Fürspritzi hen si brucht un e Orgle zu gli­ che Zit, aber für beidi Teil langet’s Geld halt it. Drum schlage si Rot, di Manne am Tisch, wells von beide Teil ’s wichtigste isch. malfall funktioniert das hervorragend, im vorliegenden Fall mußten die Wolterdinger Zimmerleute dann doch noch einige Male mit Zement nachhelfen. Hart zu kämpfen hatten Zwick und seine Mannen dann noch einmal im Frühjahr 1995, als starke Regenfälle den Fortgang der Arbeiten am Einlaufbauwerk und dem dort zu montierenden Klappwehr behinderten. Stolz ist der Zimmermann heute aber auch auf die Fischtreppe in Naturbauweise, die auf der dem Einlaufbauwerk gegenüberlie­ genden Uferseite eher an einen ganz nor­ malen Bach, als an eine künstliche Passage für die Flossentiere erinnert. Als Ende Juli Wolterdingens Pfarrer Wer­ ner Arnold seinen Segen über das Wasser­ kraftwerk sprach, kamen tausende von Be­ suchern, um das Bauwerk, das künftig bis zu zwei Millionen Kilowattstunden pro Jahr ins Netz speisen soll, in Augenschein zu nehmen. Was dort an Energie erzeugt wird, könnte für rund 500 Haushalte – halb Wol­ terdingen – reichen. Tatsächlich hat die ,,Zwickmühle“, wie sie im Volksmund be­ reits getauft ist, in breiten Teilen der Bevöl­ kerung ein neues Bewußtsein dafür geschaf­ fen, welcher Aufwand und welche Mühsal mit dem Anspruch verbunden ist, mit Hilfe eines noch relativ bescheidenen Kraftwerks ,,sauberen“ Strom bereitzustellen. Klaus Koch „Ich bin mi Lebtig kei Fründ vom Kird1egau gsi, drum pfif eu au in euri Orgle ni. Un ich mein halt ebe, ’s sott e Fürspritzi her“, sait dr Pächter vom Holzhof, dr Christian Schwer. „Zu was au e Fürspritzi“, sait dr Marti vom Gschwend, ,,bi iis hets jo achtJohr lang scho nimmi brennt.“ Berlin Nitz 285

Baumriesen in und um St. Georgen Die 400 Jahre alte Klosterlinde hat einen Stammumfang von sechs Metern Dieser Beitrag wurde durch den Autor für die Internetrecherche nicht freigegeben. 286

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Baumriesen in und um St. Georgen Die 400 Jahre alte Klosterlinde hat einen Stammumfang von sechs Metern Dieser Beitrag wurde durch den Autor für die Internetrecherche nicht freigegeben. Die Riedbaar Geologische Entwicklungsgeschichte einer Landschaft Wo sich die südlichen Ausläufer des Schwarzwaldes und der Schwäbischen Alb einander nähern, liegt zwischen diesen bei­ den Mittelgebirgen eingebettet die Baar. Ihr naturräumliches Zentrum bildet die Ried­ baar, eine flache Senke und zugleich der tief­ ste Punkt der Hochmulde. Die Riedbaar läßt sich nach Westen durch den Anstieg zum Sehellenberg zwischen Bräunlingen und Donaueschingen und nach Osten durch den Stufenrand der Lias-Schichten bei Pfohren geologisch-morphologisch abgrenzen. Im Süden bilden der Fürstenberg und die Behlaer Höhe eine deutlich sichtbare Be­ grenzung, während sie nach Norden in Richtung Bad Dürrheim allmählich aus­ läuft. So bildet der Bereich zwischen Do­ naueschingen, Pfohren, Gutmadingen, Neu- 290 dingen, Sumpfohren und Hüfingen den ei­ gentlichen Kernraum der Riedbaar. Schon die Bezeichnung „Riedbaar“ (Ried = feuchtes, mooriges Gebiet) läßt auf die be­ sonderen hydrologischen Verhältnisse in diesem Bereich der Hochmulde schließen. Der Naturraum ist durch eine große Gewäs­ serdichte gekennzeichnet, die auch heute noch, trotz teilweiser Drainage, gut zu er­ kennen ist (vgl. Abb. !). Brigach, Breg und Donau sowie ihre zahl­ reichen Zuflüsse entwässern die Hochmulde durch die Geisinger Pforte nach Osten. Dar­ über hinaus treten im Bereich der Riedbaar, die früher auch als „Donaueschinger Ried“ oder „Pfohrener Ried“ bezeichnet wurde, et­ liche Karstquellen zutage. Diese charakteri­ stischen hydrologischen Besonderheiten ha-

.. � „“ Oo1uvut�•11 .,,,,.,.. 4 ( V l S St l 1 ( 1 Z O l ll l 1 ( 0 1 4 A t sco 1000• Abbildung/: Das Gewässernetz der Riedbaar, rekonstruiert durch Günther Reiche// nach orthographi­ schen Luftbildern des Landesamtes für Flurneuordnung. Höhenlinien sind im ]-Meter-Abstand als 1m­ terbrochene, im 10-Meter-Abstand als ausgezogene Linien dargestellt. ben auf der Baar immer wieder Über­ schwemmungen zur Folge, die vor allem im Frühjahr und im Herbst zu beobachten sind. Die Entstehung der Riedbaarsenke hängt in starkem Maße mit der des Oberrheingra­ bens zusammen, einem markanten geologi­ schen Grabenbruch von etwa 300 Kilometer Länge und durchschnittlich 40 Kilometer Breite. Eine Hebung des Gebiets der heuti­ gen Riedbaar im Zusammenhang mit der Bildung des Oberrheingrabens führte zu­ nächst zu einer Schrägstellung des gesamten Schichtpakets zum Zentrum der Aufwöl­ bung hin, dem späteren Grabenbruch. Mit Beginn der Einsenkung des Oberrheingra­ bens während des Alttertiärs vor etwa 50 Millionen Jahren, setzte an dessen oberen Flanken eine rückschreitende Erosion ein, die zu einer allmählichen Herausprägung unterschiedlicher Schichtstufen führte. Auf diese Weise bildete sich die Südwestdeut­ sche Schichtstufenlandschaft, in die die Riedbaar eingebettet ist (siehe Abb. 3). Durch die Bonndorfer Grabenzone wer­ den diese geologischen Großstrukturen Süd­ westdeutschlands zusätzlich modifiziert. Die Bruchzone verläuft in Nord-West/Süd­ Ost-Richtung vom Kaiserstuhl über den Schwarzwald und die Baar bis hin zu Hegau und Bodensee. Diese Grabenstruktur bilde­ te eine wichtige Voraussetzung für die Aus­ bildung der Riedbaarsenke. Durch die langsamere Absenkung des Oberrheingra­ bens im Süden und die damit verbundene geringere Ausbildung der Bonndorfer Gra­ benzone, kam es im Gebiet der Riedbaar le­ diglich zu einer leichten Senkung. Die damit 291

Abbildung 2: Blick über die teilweise iibe,jltttele Riedbaar bei Pfohren während eines Frühjahrhoch­ wassers. verbundenen Verwerfungen bildeten wichti­ ge Leitlinien für spätere unterirdische Lö­ sungsprozesse durch zirkulierendes Wasser. Die Wannenform der Riedbaar erklärt sich jedoch auch aus der geringeren Stärke der rückschreitenden Erosion, die zu einer schwächeren Ausprägung der Schichtstufen führte. Aus diesem Grund sind die Schicht­ stufen im Bereich der Baar weit weniger mächtig als in anderen Teilen der Südwest­ deutschen Schichtstufenlandschaft. Neben den genannten tektonischen Ursa­ chen kommt den besonderen Eigenschaften des geologischen Untergrundes der Ried­ baar eine entscheidende Rolle für die Ent­ stehung der typischen Wannenform zu. Der Raum fällt stratigraphisch in den Mittleren Muschelkalk und den Gipskeuper, die vor über 200 Mio. Jahren im Germanischen Becken, einem flachen Sehelfmeer, gebildet wurden. Sie bestehen im Untergrund des Rieds vor allem aus lösungsfähigen Gestei­ nen wie Dolomit, Anhydrit, Mergel, Gips und Bändersalzen, die zirkulierendem Was- ser großräumige Angriffsflächen zum unter­ irdischen Lösen geben. Aufgrund dieser Lö­ sungsvorgänge verringert sich die ursprüng­ liche Mächtigkeit der einzelnen Horizonte, eine zusätzliche Senkung ist die Folge. Zahl­ reiche Karsterscheinungen im Bereich der Riedbaar, so zum Beispiel einige Karstquel­ len zwischen Allmendshofen und Donau­ eschingen sowie etliche Dolinen südlich von Bräunlingen, zeugen noch heute von den unterirdischen Lösungsprozessen. Die Entstehung der Riedbaar geht dem­ nach auf ein komplexes Zusammenspiel mehrerer geologischer und hydrologischer Faktoren zurück. Dabei spielt neben der Bildung der Südwestdeutschen Schichtstu­ fenlandschaft vor allem ihre Lage auf der nördlichen Treppenstufe des Bonndorfer Grabensystems und dessen zahlreiche Ver­ werfungen in einzelne Bruchschollen eine wichtige Rolle. Darüber hinaus kommt den salinaren Lösungserscheinungen im Bereich des Untergrundes eine wesentliche Bedeu­ tung für die charakteristische Wannenform 292

der Riedbaar zu. Die Riedbaar war auch in ihrer jüngeren geologischen Entwicklungs­ geschichte immer wieder starken geologi­ schen und geomorphologischen Verände­ rungen unterworfen. Dazu trug vor allem der kontinuierliche Wechsel von Warm-und Kaltzeiten bei, der in den vergangenen etwa 2 Mio. Jahren des Qiartärs zu beobachten war. Die Herkunft und die zeitliche Einord- aber eiszeitlichen Prozessen eine große Be­ deutung zu. Diese hatten zusammen mit morphologischen Vorgängen während der Warmzeiten durch die Ablagerung und den Abtransport unterschiedlicher Geröllmas­ sen eine charakteristische Wechsellagerung verschiedener Materialien zur Folge. Das Nord-Süd-Profil durch die Riedbaar zeigt die Mächtigkeitsverhältnisse und das örtliche Auftreten des un­ terschiedlichen, im Qiar­ tär sedimentierten Ma­ terials (vgl. Abb. 4). Im Bereich des oberen Unter­ grundes sind große Men­ gen an Torfen und Leh­ men zu finden. Die Mor­ phologie der tieferen Schichten zeigt eine typi­ sche Talform, wie sie für Ausschürfungen durch Gletscher charakteristisch ist. Die unterschiedlichen Lagerungen von Fein­ und Grobkies deuten auf unterschiedliche Liefer­ bedingungen zur Abla­ gerungszeit hin. Diese Schotterdecken lassen den Schluß zu, daß die ge­ samte Riedbaar im ak­ tiven Einflußbereich ei­ Abbildung 3: Geologische Karte der Riedbaar, weitere Erläuterungen im nes ehemaligen Gletsch­ ers lag, der während der Eiszeiten zum Teil vom Schwarzwald bis auf die Baar reichte. Da die zu findenden Schotter aus zwei verschie­ denen Vereisungsperioden (Mindel-und Riß-Eiszeit) stammen, läßt sich daraus auf mehrere Gletschervorstöße und -rückzüge schließen, die durch den Wechsel von Kalt­ und Warmzeiten hervorgerufen wurden. Während der Eiszeiten verhinderte die Wannenform des Rieds das Abfließen der Gletscherbäche. Dadurch stauten sich zu den Gletschern hin Seen auf, in denen sich die schluffige Fracht und Suspension der ffljl Nalm � � Pletstozln. un9e9ludert CJ [SSJ E::23 � [II] L1 as bd Dogger Ytt“ft:rfung btw. Fluur nung der enormen Schottervorkommen, die heute im Bereich der Riedseen zum Teil aus­ gekiest werden, geben jedoch noch einige Rätsel auf. Höchstwahrscheinlich kommt Holozan, un9e9lledert Text (Legende siehe unten). Oberer Musc:helk•lk Uuper. ungegl ltdtrt 293

… „‚ … … … … … ‚“ … … … (IllJ) lt•• (41tlt1••I f121l1orf �1011 (ms••• (ili!)hl•·IIIHUII.IU (!;!) ,, … ,., (!!) „Sl,i11,·. ,uc111,_, Abbildung 4: Nord-Süd-Profil durch die Riedbaar, Darslellung von Cünlher Reichelt. Literatur: BENZI NG, G. (1966): Gesichtspunkte zur naturräumlichcn Gliederung der Baar. In: Verein für Geschichte und Natur­ geschichte der Baar (Hrsg.): Schriften des Vereins für Ge­ schichte und Naturgeschichte der Baar, 1-1. 26, Donau­ eschingen, S. 123-137. BENZING, G. (1974): Beiträge zur Gewässerkunde der Baar (IV}. In: Verein für Geschichte und Naturgeschichte der Baar (Hrsg.): Schriften des Vereins für Geschichte und Naturge­ schichte der Baar, 11. 30, Donaueschingen, S. 238-250. GEYER, 0./GWINNER, M. (1986): Geologie von Baden­ Württembcrg, Stuttgart. PAUL, W. (1972): Geologie. In: Reichelt, G. (Hrsg.): Die Baar, Wanderungen durch Landschaft und Kultur, Villingen­ Schwcnningen, S. 25·67. REICIIELT, G. (1992): Die Geologische Entwicklungsge­ schichte der Ricdbaar. In: Petermanns Geographische Mit­ teilungen, Bd. 4, 1-1. 1, S. 32-52. REICHELT, G. (1994): Untersuchungen zur Entwicklungs· geschichte der Riedbaar. In: Naturforschende Gesellschaft zu Freiburg im Breisgau (Hrsg.): Berichte der naturforschenden Gesellschaft zu Freiburg im Breisgau, 11. 82/83, Freiburg, S. 117-168. Schmelzwässer ablagerte, die heute als Moo­ re bzw. moorige und sumpfige Gebiete zu­ tage treten. Die durch die komplexen geologischen und morphologischen Prozesse gesteuerte Entwicklung der Riedbaar zeigt noch bis heute Auswirkungen auf die Gestalt und die Charakteristika dieses Naturraumes. So sammeln sich im Bereich der Hochmulde insbesondere in ausstrahlungsreichen Näch­ ten Kaltluftmassen, die aus den benachbar­ ten Regionen in die Baar einfließen und sich dort sammeln. Darüber hinaus verstärkt der relativ hohe Feuchtigkeitsgehalt der Ried­ flächen die Abkühlung der Luft zusätzlich. Nächtliche Temperaturinversionen und eine starke Frostgefährdung der Niederungen sind die Folge – ein typisches Kennzeichen der Riedbaar, das nachhaltige Auswirkun­ gen für die Vegetation, die landwirtschaftli­ che Nutzung und die Ökologie dieses Na­ turraumes mit sich bringt. Patrick Adam Simone Naumann Dipl.-Hdl. Alexander Siegmrmd 294

Die Heckenlandschaft der Westhaar Aus der Sicht der Erdkunde am Beispiel Bräunlingens Der Naturraum der Baar hebt sich in viel­ facher Hinsicht von seinen Nachbarregio­ nen ab. So bestimmt im westlichen Teil der Hochmulde oft eine typische Vegetations­ form den Raum, die in unseren Breiten nur selten zu finden ist – eine Heckenlandschaft. Inmitten einer landwirtschaftlich genutzten Kulturlandschaft sind zahlreiche Hecken und Feldgehölze zu finden, die sich als schmale langgezogene Gebüschreihen zwi­ schen den Feldern und entlang der Wald­ ränder erstrecken und dabei ganze Landstri­ che überziehen. Besonders häufig treten sie im Südwesten der Baar in der Region um Löffingen und Bonndorf und in der Umge­ bung von Bräunlingen auf. Geologie und menschliche Eingriffe Aus Schilderungen römischer Schriftsteller und aus mittelalterlichen Urkunden geht hervor, daß die natürliche Vegetation Mittel- europas ursprünglich aus einem fast ge­ schlossenen Waldgebiet bestand. Aufgrund dieser naturräumlichen Voraussetzungen gab es nur wenige Übergangszonen zwi­ schen Wald und waldfreien Gebieten. Diese aus Gehölzstreifen bestehenden Zonen, die Waldmäntel, lassen sich jedoch als Anfang der Hecken auffassen. Vor diesen Streifen la­ gen die überwiegend aus Kräutern beste­ henden Waldsäume. Mit Beginn der Ro­ dung der Wälder durch die Römer verän­ derte sich die natürliche Landschaft im Lau­ fe der Zeit, vor allem aber während des Mittelalters, in starkem Maße. Eine Kultur­ landschaft begann zu reifen, in deren Ver­ lauf sich die Waldmäntel durch die nun häu­ figeren Übergänge vom Wald zur freien Flur vermehrten. Büsche und Hecken verbreite­ ten sich nach und nach, vom Wald losgelöst, zuerst in der Feldflur und danach im Grün­ land. Die frühgeschichtliche Beeinflussung der Wälder der Baar fand, wie Reichelt Das Gebiet um Bräunlingen ist reich an Heckenlandschaften und Feldgehölzen. 295

Nußbühl Littreten 0 0 0 oo o o Hecke 0 100 200 m 300 400 Abb. 2: Die Verbreit“ng der Hecken in der Umgeb“ng von Bräunlingen (Kartographie Mitlehner). (1968, S. 73) in einer Studie über die Vege­ tationsentwicklung der Baar darlegt, bereits zwischen 800 v. Chr. und Christi Geburt statt. Die Heckenpflanzen wuchsen somit bereits vor der Landnahme durch den Men­ schen in der näheren Umgebung der heuti­ gen Hecken. Sie siedelten erst später auf die Steinriegel und Böschungen über. Dort ha­ ben sie sich bis heute gehalten (vgl. Abb. 2). Aufbau und Zusammensetzung Die Strauchgesellschaften der Waldränder und Hecken der Baar zählen zu den wärme- 296

liebenden Gebüschformationen, die dem pflanzensoziologischen Verband des Berbe­ ridions zugerechnet werden. Es kommen zwei Assoziationen vor: das Hasel-Rosen­ Gebüsch ( Corylo-Rosetum vosagiacae) und das Schlehen· Liguster-Gebüsch (Pruno-Siguslre­ tum). Während das Schlehen-Liguster-Ge­ büsch eher niederwüchsig bleibt, erreichen einzelne Straucharten des Hasel-Rosen-Ge­ büsches Höhen bis zu 8 Meter und darüber. Dessen Krautschicht ist im allgemeinen re­ lativ gut entwickelt, was durch den unter­ schiedlich dichten Aufbau der Strauch­ schicht bedingt ist. Dadurch erhalten die Kräuter genug Licht um zu gedeihen. Dar­ überhinaus fördert das große Lichtangebot von der Seite, infolge der bis nah an die Ge­ büsche heranreichenden Nutzung, das Wachstum der Krautschicht. Aus pflanzen­ soziologischer Sicht sind für das Schlehen­ Liguster-Gebüsch vor allem Liguster (ligu­ strum vulgare) und Berberitze (Berberis vulga­ ris) kennzeichnend, was sie vom Hasel-Ro­ sen-Gebüsch unterscheidet. Dort treten bevorzugt die Blaugrüne Rose (Ros11 vosa­ giaca) und die Berg-Johannisbeere (Ribes al­ pinum) auf (Bronner 1986, S. 18 ff.). Die beiden Assoziationen unterscheiden sich auch bezüglich ihrer bevorzugten Standorte. Während das Schlehen-Liguster­ Gebüsch insbesondere an Böschungen und steinfreien Waldrändern anzutreffen ist, be­ siedelt das Hasel-Rosen-Gebüsch fast nur die Steinriegel. Wenn es an Waldrändern ge· leiht, so sind diese aus Steinriegeln hervor­ gegangen. Dies ist auf der Baar recht häufig der Fall. Waldrand und Hecke bilden zumeist keine glatte Grenzlinie zur angrenzenden freien Landschaft. Der Übergang zum Umland er­ folgt stufenweise. Er vollzieht sich allmäh­ lich vom dichten Gehölz des Heckeninne­ ren über die aufgelockerten Randbereiche zu den Saumgesellschaften der Kletter­ pflanzen und Kräuter. Sie zeigen je nach Art der Nutzung des angrenzenden Kulturlan­ des und dem daraus resultierenden Nähr- stoffangebot eine unterschiedliche Artenzu· sammensetzung. Auf die Säume folgen schließlich die unkrautbewachsenen Acker­ raine. Die gleiche Abstufung zeigen auch natürliche vom Menschen nicht beeinfluß­ te Waldränder. Das demonstriert einmal mehr ihre enge Verwandtschaft mit den Hecken. Die Hecken haben demnach keinen ein­ heitlichen Bewuchs aufzuweisen. Sie beste­ hen vielmehr aus den vielfältigsten Ge­ wächsen, die verschiedene Bereiche der Hecken bevölkern. Auf diese Weise lassen sich mehrere Zonen abgrenzen. Die Gründe für diese Zonierung gehen vor allem auf das differierende Lichtangebot zwischen Rand­ bereich und zentraler Zone zurück. An den Rändern siedeln sich lichtliebende Pflanzen an und solche, die aufgrund der starken Düngung der angrenzenden Felder und der dadurch bedingten Anreicherung von Stick­ stoff gedeihen. Zu ihnen zählen etwa der weitverbreitete Gold-Kälberkropf (Chaero­ phyllum aureum), der Schwarze Holunder (Sambucus nigra), die Qyecken (Elymus) und Unkräuter wie die Große Brennessel (Urtica dioica). Dagegen sind im Heckeninneren Gewächse anzutreffen, die entweder mit we­ niger Licht auskommen oder aber andere Pflanzen verdrängen, da sie durch ein stär­ keres Höhenwachstum konkurrenzkräftiger sind, wie etwa der Feldahorn (Acer campesl· re). Hierzu trägt auch das fehlende Schlagen der Hecken bei – kleinwüchsige Pflanzen im Innern sterben dadurch ab oder verlagern sich in die Randbereiche. Auf diese Weise bildet sich ein bis zu 2 Meter hoher Rand­ mantel, während in der Mitte ein 6-8 Meter hoher Zentralbereich entsteht. Diese Diffe­ renzierung verleiht der Hecke eine hetero­ gene Struktur. Mikroklimatische Unterschiede auf den unterschiedlich exponierten Seiten einer Hecke spielen eine weitere wichtige Rolle für die Artenzusammensetzung. Während auf den Südseiten eher wärme- und trocken­ heitsliebende Gewächse wie Liguster (ligu- 297

Blick über die Heckenlandschaft der Westbaar bei Bräunlingen. strum vulgare), Schlehe (Pnmus spinosa) und Vogelkirsche (Pmnus avium) anzutreffen sind, werden die Nordseiten von Pflanzen besiedelt, die mit weniger Wärme auskom­ men und feuchtere Standortbedingungen bevorzugen. Daher treten auf der Schatten­ seite einer Hecke Arten wie die Schlehe (Pru­ nus spinosa) kaum auf, es dominieren Sal­ weide (Salix caprea), Haselnuß (Corylus avel­ lana), Holunder (Sambucus), Roter Hartrie­ gel (Cornus sanguinea), Esche (Fraxinus excelsior) und Berg-Johannisbeere (Ribes alpi­ ntan). Darüber hinaus spielen auch mesokli­ matische Unterschiede eine wichtige Rolle. So unterscheidet sich das Artenspektrum der Hecken auf wind- und sonnenexponierten Standorten zum Teil erheblich von kühleren und feuchteren Lagen. Hecken sind nicht nur durch eine große Artenvielfalt an Pflanzen gekennzeichnet. Sie sind zusammen mit den Höhlen und Klüften der Steinriegel, auf denen sie stocken, ein wichtiger Lebensraum für viele Tierarten. Zahlreiche Insekten, etliche Vo­ gelarten und verschiedene Kleinsäuger zeu- gen gleichfalls von der großen Artenvielfalt im Lebensraum „Hecken“. Die Tiere tragen den Steinriegeln Samen zu und sorgen zu­ sätzlich für eine Düngung der bereits vor­ handenen Pflanzen. Doch auch der Wind trägt zum Nährstoff- und Samentransport bei, indem er Staub, Laub und Samen ins Gebüsch treibt, die dort hängen bleiben. Dieses „Treibgut“ bildet zusammen mit den Tieren die Grundlage für eine natürliche Kornpostbildung, die ein gutes Gedeihen der Pflanzen bewirkt. Die Tiere tragen somit maßgeblich zur Entstehung einer artenrei­ chen Pflanzengesellschaft bei. Landschaftsökologie und Bedeutung für die Landwirtschaft Hecken haben in vielerlei Hinsicht eine ökologische Bedeutung für die Landschaft. Das gilt sowohl für die natürlich wach­ senden Wildhecken, als auch für vom Menschen kulturlandschaftlich angelegte Hecken. Sie beeinflussen ihre Umgebung in vielfältiger Weise. Aus diesem Grund sind 298

Hecken auch nicht zuletzt ein wichtiges Mit­ tel für die Landwirtschaft zum Schutz des Kulturlandes. Sie dienen dabei in erster Li­ nie dem Windschutz, indem sie den Wind nach oben, aber auch seitlich an sich vorbei lenken. Dadurch wird die Windgeschwin­ digkeit sowohl im Lee als auch auf der wind­ zugewandten Seite von Hecken deutlich herabgesetzt. So verhindern sie die Auswe­ hung wertvollen Ackerbodens. Die niedri­ geren Windgeschwindigkeiten bewirken aber vor allem einen Rückgang der Verdun­ stung, so daß den Pflanzen mehr Wasser zur Verfügung steht. In der Umgebung von Hecken sind auch höhere und gleichmäßi­ ger verteilte Niederschläge zu beobachten. Darüberhinaus fördern sie die nächtliche Kondensation und dadurch die Taubildung. Alle diese Faktoren tragen zur Verbesserung des Wasserhaushaltes bei. Darüberhinaus puffern sie Regengüsse ab. So verhindern sie das schnelle oberirdische Abfließen des Wassers und schwächen die damit einherge­ hende Bodenerosion als auch das Ver­ schlämmen der Krume ab. Ein weiterer positiver Aspekt der besonde­ ren klimatischen Bedingungen im Einfluß­ bereich von Hecken ist die Temperaturer­ höhung der bodennahen Luftschicht und des Bodens durch die geringeren Wind­ geschwindigkeiten. Dies hat ein früheres und schnelleres Keimen der Saat zur Folge. Durch die gleichmäßigere Verteilung der winterlichen Schneedecke friert der Boden zudem nicht so tief durch, weil die Bo­ dentemperaturen wegen der isolierenden Schneeschicht weniger stark absinken. Da­ durch kann sich der Boden im Frühjahr schneller erwärmen. All die genannten Faktoren können zu ei­ ner günstigen Beeinflussung der Umweltbe­ dingungen für den Pflanzenwuchs führen und haben somit oft eine Ertragssteigerung für die Landwirtschaft zur Folge. Dies gilt je­ doch nicht immer und überall. Torslen Wahl, Alexander Siegmund Literatur: BRONNER, G. (1986): Pflanzensoziologische Untersu­ chungen an Hecken und Waldrändern der Baar. In: Natur­ forschende Gesellschaft zu Freiburg im Breisgau (Hrsg.): Be­ richte der naturforschenden Gesellschaft zu Freiburg im Breisgau, Bd. 76, Freiburg, S. 11-87. OAPPER, J-1. (1992): Heckengehölze, Berlin. GEIGER, R. (1951): Der künstliche Windschutz als me­ teorologisches Problem. In: Erdkunde, Bd. 5, S. 106-114. HARTKE, Y/. (1951). Die Heckenlandschaft – Der geogra­ phische Charakter eines Landeskulturproblems. In: Erdkun­ de, Bd. 5, S. 132-152. KRAUSE, Y/. (1968): Die Heckenlandschaft der Y/estbaar. In: Verein für Geschichte und Naturgeschichte der Saar (Hrsg.): Schriften des Vereins för Geschichte und Naturge­ schichte der Saar, Heft 27, Donaueschingen, S. 82-100. OBERDORFER, E. (1990). Pflanzensoziologische Exkursi­ onsflora, 6. Aufl., Stuttgart. REICHELT, G: (1968): Über die Vegetationsentwicklung der Baar während der Vor· und Frühgeschichte. In: Verein für Geschichte und Naturgeschichte der Baar (Hrsg.): Schriften des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar, Heft 27, Donaueschingen,$. 50-81. TROLL, C. (1951): Die Problematik der Heckenlandschaft. In: Erdkunde, Bd. 5, S. 105-106. TROLL, C. (1951): Heckenlandschaften im maritimen Grünlandgürtel und im Grünland Mineleuropas. In: Erd· kunde, Bd. 5, S. 152-157. WENDT, H. (1951): Der Einfluß der Hecken auf den land· wirtschaftlichen Ertrag. In: Erdkunde, Bd. 5, S. 115-125. XlffSCHEL, M. (1980): Die Hecken der Muschelkalk-Saar, In: Verein för Geschichte und Naturgeschichte der Saar (Hrsg.): Schriften des Vereins für Geschichte und Naturge­ schichte der Baar, Heft 33, Donaueschingen, S. 151-156. ·– Orakel liebt mich liebt mich nicht Blatt für Blatt Gänseblümchen -Rupfespiel bekannt – nicht bekannt Heimstatt die ich für dich sein kann verlorenes wiedergefundenes Ich Aus „Handschriften“ Christiana Steger 299

Die Bräunlinger Heckenlandschaft Ein Beitrag aus der Sicht des Natur- und Landschaftsschutzes Einem naturkundlich Interessierten wird zunächst einmal das Stichwort „Pilze“ ein­ fallen, wenn er an Bräunlingen denkt. Doch das Zähringer-Städtchen hat dem Natur­ freund noch weiteres zu bieten: Am Hang des Sehellenberges, vor allem aber nach Sü­ den in Richtung Döggingen, ist eine wun­ derschöne Heckenlandschaft entwickelt. Das Bräunlinger Heckengebiet gehört zu den Muschelkalk-Gäuplatten, die sich von Pforzheim bis Waldshut östlich an die Schwarzwald-Abdachung anschließen. Sind Heckenlandschaften im Bereich dieser Gäu­ platten durchaus nicht untypisch, so gibt es doch nur wenige, die so gut entwickelt und so unbeschädigt erhalten sind wie die um Bräunlingen. Entstehung Die Bräunlinger Hecken sind sehr alt. Vie­ le dürften bereits im Mittelalter entstanden sein. In Ackerbaugebieten mit Kalkunter­ grund kommen regelmäßig beim Pflügen unverwitterte Kalksteine an die Oberfläche. Sie wurden als „Lesesteine“ aufgesammelt und an den Feldrainen abgelegt. In diesen ungenutzten Steinhaufen und an ihren Rän­ dern konnten durch Samenflug oder durch Tiere eingebrachte Samen keimen. Die dar­ aus entstehenden Gehölze wurden allmäh­ lich zur Hecke. Eine ganz ähnliche Methode wird heute häufig praktiziert: es werden „Benjesheck­ en“ angelegt, benannt nach ihrem „Erfin­ der“. Auf einem zur Bepflanzung vorgese­ henen Stück Land wird Heckenschnitt ab­ gelagert, in den man vereinzelte Gehölze pflanzt. Das Schnittgut bietet den Pflanzen in der ersten Zeit Verbißschutz und hält Kräuter nieder, die man sonst ausmähen müßte. Der Wall aus Heckenschnitt lockt bereits im ersten Jahr Vögel und anderes Getier an, das Samen von benachbarten Südlich von Briiunlingen priigt ein dichtes Netz von Hecken die Landschaji. 300

Hecken einbringt. Der Vorteil gegenüber ei­ ner konventionell gepflanzten Hecke: man spart sich die Einzäunung gegen das Wild und braucht weniger Gehölze zum Pflan­ zen. Südlich des Bräunlinger Heckengebie­ tes, in der kahlen Landschaft Döggingen zu, wurden kürzlich auf diese Weise Hecken an­ gelegt. Geduld braucht man freilich für eine „Ben­ jeshecke“. Es dauert etliche Jahre, bis sich zusätzliche Gehölze ansiedeln. Die Hecken durchlaufen auch eine Phase, in der Disteln und andere Ackerunkräuter besonders stark vertreten sind. Das sehen die Bauern ver­ ständlicherweise nicht so gern, vor allem wenn Äcker angrenzen. Früher wurden Hecken beseitigt Seit Anfang der sechziger Jahre ging der Heckenbestand vielerorts drastisch zurück. Die Hecken störten bei der Bewirtschaftung mit großen Maschinen und wurden deshalb entfernt, oft im Zusammenhang mit Flur­ bereinigungen. In den letzten Jahren kam es zu einem Umdenken. So werden Hecken heute wieder angepflanzt, bei Flurbereini­ gungen werden bestehende Hecken ge­ schont. In Bräunlingen jedoch ist der alte ge­ wachsene Heckenbestand noch weitgehend erhalten geblieben, erfreut sich großer Wert­ schätzung und wird auch von den Landwir­ ten akzeptiert. Die kahle Landschaft südlich des Heckengebietes in Richtung Döggingen ist übrigens nicht das Werk der Flurbereini­ gung. Auch dort gab es früher zahlreiche Le­ sesteinhecken. Sie wurden jedoch beseitigt, als man im letzten Jahrhundert die Eisen­ bahn zwischen Neustadt und Donaueschin­ gen baute. Für den Bahnkörper benötigte man Steine, und die holte man sich aus den Lesesteinhecken. Dadurch wurden die Flächen wieder kultivierbar und die Hecken verschwanden. Die Bräunlinger Hecken haben einen außerordentlich hohen ökologischen Wert. Dies wird unter anderem durch das Vor- kommen einer Reihe von Rote-Liste-Arten belegt. Als typische Heckenvögel seien hier nur Neuntöter (10 Brutpaare) und Rebhuhn genannt. Die außerordentliche Diversität der Baaremer Hecken wird belegt durch ver­ schiedene Untersuchungen (Zinke 1991). Im Rahmen der Diplomarbeit des Verfas­ sers, die sich der Pflanzensoziologie der Baa­ remer Hecken widmete, wurden 500 ver­ schiedene Pflanzenarten in den Hecken und ihren Säumen gefunden. Darunter sind auch geschützte Arten wie Türkenbund oder Orchideen. Insgesamt fand man in Hecken rund 8 000 verschiedene Tierarten. Die mei­ sten sind Insekten, aber auch Amphibien, Reptilien und ein Fünftel der einheimischen Vögel gehören zu den Heckenbewohnern. Hecken werden von Tieren gerne als Ver­ bindungsweg zwischen zwei Biotopen be­ nutzt, beispielsweise zwischen zwei Wald­ stücken. Sie sind daher die klassischen „Ver­ netzungselemente“ einer Landschaft. Heckengehölze und Aufbau Steinriegelhecken sind durch eine typische Pflanzenkombination gekennzeichnet. Der Vegetationskundler bezeichnet sie als Ro­ sen-Hasel-Gebüsch. Typische Gehölze sind die Haselnuß und die Vogesenrose. Durch die unterschiedlichen Wuchsformen sind auf engstem Raume die verschiedensten Klein-Lebensräume entstanden: das aus Baumkronen gebildete Dach, der lichtrei­ che Mantel mit Sträuchern an den Seiten der Hecke, sonnig und trocken im Süden, kühler und feuchter im Norden, der sonni­ ge oder halbschattige bodennahe Saum aus Kräutern und das schattige Zentrum in der Kernzone, das blattarm und feucht ist. Im Innern älterer Hecken können sich auch Waldbäume wie Esche, Ahorn, Ulme oder Hainbuche ansiedeln. Kennzeichnend für die Hecken sind aber lichtliebende Sträu­ cher, die im Innern eines Waldes nicht wach­ sen könnten: Liguster, Berberitze und rund zehn verschiedene Arten der Heckenrose. 301

Der schwarze Holunder (oben) wächse in nährseoffreichen Hecken. Der Roee- oder Trauhen-Holunder (uneen links) locke m ie seinen Frücheen Vögel an, ebenso wie der Wollige Schnee­ ball (M ieee links). Die aufgespießee Hummel ise indes ein un­ erügliches Zeichen fü r die Anwesenheie des Neuneöeers.

Die Raupen der Gespinsemoeeen le­ gen im Pfaffenhüechenserauch Ge­ spinsee an und fressen ihn manch- m al ganz kahl (links oben). Reches oben der Neuneöeer, links M ieee der Gold-Kälberkropf der einen Saum zwischen Acker und Hecke bildee. Uneen das Rebhuhn und eypische Bewohner von Heckenlandscbafeen: die Feldhasen.

Die meisten Heckensträucher haben Beeren, die gerne von Vögeln und Kleintieren ver­ zehrt werden. Die Samen passieren den Darmtrakt der Vögel unverletzt; auf diese Weise werden die Gehölze verbreitet. Viele Heckensträucher sind dornen bewehrt, wie z. B. Schlehe, Weißdorn, Kreuzdorn. Heckengehölze sind durchweg ausschlag­ fähig, d. h. sie beginnen wieder zu treiben, wenn sie „auf den Stock gesetzt“ (nahe dem Boden abgesägt) wurden. Heckensäume Zu jeder Hecke gehört auch ein „Saum“. Darunter versteht man den Randbereich, in dem keine Gehölze wachsen, der aber auch noch nicht zur angrenzenden Wiese oder zum Feld gehört. Im Heckensaum wachsen zahlreiche Wildkräuter mit einem prächti­ gen Blütenangebot. Die Säume unterschei­ det man nach ihrem Nährstoffgehalt in zwei Typen: Die Zickzackkleesäume sind nähr­ stoffarme Trockensäume, die meist an Grün­ land grenzen, und die nährstoffreichen Säu­ me werden von Brennesseln, Geißfuß und hohen Doldenblütlern beherrscht wie bei­ spielsweise dem Gold-Kälberkropf. Da oft Dünger von den angrenzenden Feldern auch in den Heckensaum gelangt, sind die nährstoffreichen Säume vorherrschend. Auch für Insekten sind die Säume ein wichtiger Lebensraum: Bienen, Schwebflie­ gen, Schmetterlinge und Hummeln bezie­ hen Nektar von den Pflanzen, Hecken sind Paarungsreviere für Schmetterlinge, und im Bodenbereich leben Schnecken und Käfer. Hecken sind bevorzugte Aufenthaltsorte des Wildes. Hase, Fuchs, Marder, Wiesel oder Dachs leben hier. Der Hase bervorzugt dichte Brombeerhecken, Wiesel und Marder leben eher in Lesesteinhaufen. Fuchs und Dachs haben ihren Bau meistens im Wald, benutzen die Hecken aber auf ihrer Nah­ rungssuche. Für Hase und Rehe sind sie Sicht- und Witterungsschutz auf ihren Streifzügen. Wo noch ausreichend Hecken 304 stehen, sind Hasen und anderes Kleinwild kaum von Greifvögeln bedroht. Im Winter fungieren Hecken als wichtiger Nahrungslieferant des Wildes. Wenn die freien Flächen mit Schnee bedeckt sind, können die Tiere oft nur noch an Sträuchern und Büschen äsen. Dies sieht man im Win­ ter an den vielen Tierspuren, die man rund um die Bräunlinger Hecken findet. Ein fünftel der heimischen Vögel lebt in Hecken oder hält sich dort für längere Zeit auf In erster Linie ist die Hecke für Vögel Brut- und Nahrungsbiotop. Sie dient auch als Balz- und Singwarte. Für Bussarde, Fal­ ken, Neuntöter ist sie eine vorzügliche Spähwarte, für Zugvögel Rast- und Futter­ platz. Am häufigsten sieht man in den Bräunlinger Hecken die Goldammer. Aber auch Mäusebussard, Baumfalke, Amsel, Heckenbraunelle und Buchfink brüten hier. Rebhuhn und Fasan nutzen die Verstecke am Boden. Zahlreiche Vögel brüten zwar nicht in Hecken, suchen sie jedoch regel­ mäßig zur Nahrungsaufnahme auf: Berg­ fink, Gimpel, Kernbeißer, Eichelhäher, Tan­ nenhäher, ziehende Drossel-, Laubsänger und Grasmückenarten. Seltene, aber sehr ty­ pische Heckenarten sind Domgrasmücke, Raubwürger und Neuntöter. Letzteren kann man mit etwas Glück auch in den Bräunlin­ ger Hecken beobachten. Oder man findet ei­ ne von ihm aufgespießte Hummel. Gelegentlich findet man in Hecken ganze Häufen von leeren Schneckenhäusern. Es handelt sich dabei um eine „Drosselschmie­ de“, einen Ort also, an dem die Wacholder­ drossel die Schneckenhäuser öffnet und den Inhalt verzehrt. Für Insekten stellen Hecken gleichfalls ei­ nen einmaligen Lebensraum dar. Sie bieten Nahrung und Unterkunft für viele Arten, da sie die verschiedensten Pflanzen beherber­ gen. So präsentieren Weißdorn, Hartriegel, Schlehe und Schneeball zur Blütezeit ein reichhaltiges Nahrungsangebot für blüten­ besuchende Wildbienen, Schmetterlinge und Schwebfliegen. Die Insekten wiederum

Im Herbst priisentieren sich die Hecken mit ihren verschiedenen Gehölzen in einer bunten Farben­ pracht (oben und unten). Arif offenen Steinriegeln wadmm Storchschnabel und Fetthennen {links).

bedanken sich mit der Bestäubung von über 70 Prozent der einheimischen Pflanzen. Die vielen Schnecken, die in der Hecke oder ihren Säumen leben, bieten Vögel ein reichhaltiges Nahrungsangebot. Maikäfer, Schwebfliegen, Florfliegen und Raubwan­ zen findet man nur zur bestimmten Jahres­ zeiten, zu denen sie die besonderen Nah­ rungssituationen ausnutzen. Andere Insekten kommen zur Überwinte­ rung oder zur Fortpflanzung. Schmetterlin­ ge vollziehen ihre Paarungstänze auf den Heckensäumen. Die hier lebenden Schlupf­ wespen und andere parasitierende Arten sind Vertilger von verschiedenen für die Landwirtschaft schädlichen Insekten. Er­ gänzt wird die Liste der Heckenbewohner durch Kreuzspinne, Grillen und Laufkäfer. Imker bevorzugen Hecken für ihre Bie­ nenkörbe, wegen des großen Blütenangebo­ tes und da der Bienenhonig von Hecken­ blüten immer einen Abnehmer findet. Heckennutzung und Pflege Früher wurden die Hecken regelmäßig auf den Stock gesetzt und verjüngt, um Brenn­ holz zu gewinnen. Man stellte aus dem Holz aber auch Rechen, Besen und Heuga­ beln her. Ihre Früchte wie z.B. Hagebutten, Holunder oder Schlehen lieferten schmack­ hafte Getränke oder Marmelade. Auch Heil­ mittel wurden aus Heckenpflanzen gewon­ nen. Die Holznutzung spielte in den letzten Jahrzehnten kaum noch eine Rolle. Deshalb durchliefen viele Hecken eine Sukzession hin zu hohen, waldartigen Hecken, die je­ doch an Vielfalt einbüßten. Die zahlreichen lichtliebenden Sträucher wurden zugunsten von Haselnuß, Feldahorn und Bergahorn verdrängt. Nach etwa zwanzig Jahren be­ steht eine Hecke nur noch aus wenigen Gehölzarten, die schon langsam Baumstär­ ke erreichen. Solche Beispiele gibt es etliche in Bräunlingen. Aus öfologischer Sicht wä­ re ein Auf-den-Stock-setzen in größeren Ab- 306 ständen durchaus erwünscht, um die Vielfalt der Hecken zu erhalten. In den letzten Jahren wurden deshalb mit Mitteln des Naturschutzes und der Stadt ei­ nige Pflegemaßnahmen durch ortsansässige Landwirte durchgeführt. So wurden die Hecken seitlich beschnitten, um die Bewirt­ schaftbarkeit der angrenzenden Flächen zu erhalten. Die Hecken wurden auch ausge­ lichtet, die Gehölze auf den Stock gesetzt. Damit kein Kahlschlag entsteht und die Heckenbewohner immer Lebensraum fin­ den, wird jedes Jahr nur ein Fünftel einer Hecke geschnitten. Jeweils im Abstand von 1-2 Jahren folgen dann die weiteren Ab­ schnitte, so daß immer bereits wieder Jung­ wuchs da ist. Die Pflegeaktionen finden im Spätherbst oder im Winter statt, wenn kei­ ne Vögel beim Brutgeschäft gestört werden. Starkes Holz, das bei den Pflegearbeiten an­ fällt, wird als Brennholz verwendet. Dünne­ res Gestrüpp kann in der Hecke verbleiben und bietet Tieren Unterschlupf. Die Stadt Bräunlingen ist sich des Wertes der Heckenlandschaft und ihrer Verantwor­ tung dafür durchaus bewußt. Gerade für Bräunlingen, in dem der Fremdenverkehr doch eine gewisse Rolle spielt, ist eine an­ sprechende und interessante Landschaft ein wichtiges Kapital. Als vor einiger Zeit ein Baugebiet in Rand­ bereiche des Heckenareals erweitert wurde, erfüllte die Stadt die Auflage des Natur­ schutzes, die betroffenen Hecken nicht zu beseitigen, sondern zu verpflanzen. Auf die­ se Weise gelang es, die in Jahrhunderten ge­ wachsene Pflanzengemeinschaft der Hecke zu erhalten. Eine neu gepflanzte Hecke bräuchte dagegen viele Jahrzehnte, um eine ähnliche Vielfalt zu erreichen. Um den Bürgern wie den Gästen der Stadt die Schönheit der Bräunlinger Heckenland­ schaft noch näher zu bringen, wird derzeit die Einrichtung eines Heckenlehrpfades dis­ kutiert. Dr. Gerhard Bronner

Artenliste für die Bräunlinger Hecken l. Gehölze: Heckenrose – Rosa canina, nitidula, vosagiaca, corym- bifera, R. tomentosa agg., rubiginosa u.a. Schlehe – Prunus spinosa Weißdorn – Crataegus mo- nogyna, C. oxyacantha, C. curonica Pfaffenhütchen – Evonymus europaeus Kreuzdorn – Rharnnus cat- hartica Roter Hartriegel – Comus sanguinea Liguster – Ligustrum vulgare Holunder – Sambucus nigra und S. racemosa Wolliger Schneeball – Vibur- num lantana Gewöhnlicher Schneeball – Viburnum opulus Rotes Geißblatt – Lonicera xylosteum Alpen-Heckenkirsd1e – Lo- nicera alpigena Stachelbeere – Ribes uva- crispa ‚Alpen-Johannisbeere – Ribes alpinum Salweide – SaJix caprea Haselnuß – Corylus avellana Berberitze – Berberis vulgaris Hainbuche – Carpinus betu- lus Stieleiche – Qiercus robur Traubeneiche – Qiercus pe- traea Vogelkirsche – Prunus avium Mehlbeere – Sorbus aria Vogelbeere – Sorbus aucupa- ria Winterlinde – Tilia cordata Feldahorn – Acer campestre Bergrnom – Acer pseudopla- tanus nach Felix Zinke, 199 J Esche – Fraxinus excelsior Rotbuche – Fagus sylvatica Mostbime – Pyrus Mostapfel – Malus domesti- ca Zitterpappel – Populus tre- mula 2. Sonstige besondere Pflanzen: Acker-Wachtelweizen Wollige Kratzdistel Silberdistel Kamm-Wachtelweizen Saatmohn Karthäusemel ke Gewöhnliches Sonnen- röschen Verschiedenblättrige Platt- erbse Purpur-Fetthenne Nesselseide Breitblättriges Laserkraut Purpurklee Heilziest Berg-Leinblatt Großer Ehrenpreis Ebensträußige Wucher- blume Labkraut-Sommerwurz Küchenschelle Flügelginster Männliches Knabenkraut Gewöhnlicher Seidelbast ßlutstorchschnabel Rötliches Fingerkraut Hirsch-Haarstrang Gewöhnliches Kreuz- blümchen Schopfiges Kreuzblümchen Echte Schlüsselblume Kleine Traubenhyazinthe Wolfseisenhut Moschuskraut Türkenbund Blauer Eisenhut Vielblütige Weißwurz Steinbeere Ähriges Christophskraut 3. Liste der Brutvögel: Mäusebussard Roter Milan Schwarzer Milan Sperber Baumfalke Turmfalke Rebhuhn Wachtel Wendehals Feldlerche Baumpieper Neuntöter Heckenbraunelle Gartengrasmücke Domgrasmücke Klappergrasmücke Mönchsgrasmücke Zilpzalp Amsel Wad10lderdrossel Kohlmeise Blaumeise Sumpfmeise Goldammer Buchfink Grünling Hänfling Elster Rabenkrähe 4. Liste sonstiger besonderer Tierarten: Schlingnatter Blindschleiche Zauneidechse Hufeisenklee-Heufalter Himmelblauer Bläuling Prächtiger Bläuling Schwarzbrauner Bläuling Wanstschrecke 307

Der Nordluchs kehrt zurück Bis zu seiner Ausrottung war der gefleckte Jäger in ganz Europa heimisch Der Luchs ist wieder im Gespräch, nach­ dem der letzte seiner Art im Schwarzwald 1770 bei Kaltenbronn und in Württemberg 1846 bei der Burg Reußenstein auf der Schwäbischen Alb erlegt wurde. Auslöser dieser teils kontrovers gefuhrten Diskussion sind Bemühungen, ihn in dem Mittelgebir­ ge zwischen Rhein und Schwäbischer Alb wieder anzusiedeln. Flurnamen wie Lux­ berg, Luchsbrunnen und Luchsfelsen geben noch heute Hinweise, daß der gefleckte Jä­ ger in den vergangenen Jahrhunderten in das Ökosystem dieser Landschaft eingebun­ den war. Bevor der gezielte Ausrottungsprozeß zwi­ schen dem 13. und dem 16. Jahrhundert einsetzte, war er fast in ganz Europa zu Hau­ se. Nur auf der Iberischen Halbinsel stellte sein kleiner Vetter, der Pardelluchs, Kanin­ chen nach. Die Trennung in zwei Arten er­ folgte während der Eiszeiten, in denen die Luchspopulation in verschiedene Gebiete ausweichen mußte. Die Feindschaft des Menschen zog sich der Nordluchs zu, weil hin und wieder Ziegen und Schafe zu sei­ nem Meni.i gehörten. Das Ausweichen auf Haustiere hatte eine besondere Ursache. Es gab damals eine Periode, in der sich die Be­ stände an Reh- und Rotwild ohne das Zutun der drei großen Beutegreifer in vielen Ge­ genden stark gelichtet hatte. Aus einigen Re­ gionen waren sie sogar ganz verschwunden. Als die höfische Jagd aufkam, ging es dem Luchs, Bär und Wolf erst richtig an den Pelz, denn mit ihnen wollte man die lästige Kon­ kurrenz loswerden. In diese Hatz wurden auch die Gemeinden mit eingebunden. Sie mußten sogenannte Wolfsschützen zur Ver­ fügung stellen, wobei man Wolf und Luchs gleichsetzte. Im Jahr 1655 nahm man in Württemberg auch die Forstknechte in die Pflicht. Ihr Ablieferungssoll pro Jahr lag bei 308 zwei Wölfen oder Luchsen. Tiere, die sie bei Gemeinschaftsjagden erlegten, blieben bei dieser Zahl unberücksichtigt. Durch die Weiterentwicklung der Feuerwaffen und die verstärkten Nachstellungen wurden allein von 1648 bis 1663 in Württemberg, den Der 85 bis 110 cm fflnge Nordluchs ist eine hoch­ beinige Katze und erreicht eine Srhulterhöhe von 50bis 75 cm.

Der Ranzschrei des Luchses verrät in klaren Februarnächten seinen Standort. Deshalb wurde er bei uns viel eher ein Opfer der Ausrottung als die anderen beiden Beutegreifer Wolf und Bär. Schwarzwald ausgenommen, 209 Luchse Opfer von Pulver und Blei. Im nahen Vor­ derösterreich sah es nicht viel anders aus. Dort erlaubt die Obrigkeit 1655 ihren „Un­ tertanen“ ausdrücklich „schädliche und wil­ de Thiere“ zu fangen. Dazu zählte selbst­ verständlich auch der Luchs. Für den Balg bekamen die erfolgreichen Jäger als Beloh­ nung 1 Florentiner und 3 Batzen. Einer der Gründe, warum es den Luchs meistens lan­ ge Zeit vor Bär und Wolf erwischte, ist in sei­ nem Ranzverhalten zu suchen. Dann schreit der sonst stille Pirschgänger seine Sehnsucht nach dem anderen Geschlecht laut in die klaren, den Ruf weittragenden Februarnäch­ ten hinaus. Dadurch ließ sich sein Standort leicht lokalisieren und die Spuren im Schnee verrieten am folgenden Tag sein Ver­ steck. Es waren also nicht Lebensraumver­ änderungen, sondern allein die Verfolgung durch den Menschen, die in den meisten eu­ ropäischen Gebieten mit der Ausrottung der großen Katze endete. So waren zum Beispiel die forstlichen Umstrukturierungen in der Schweiz schon einige hundert Jahre vor dem Verschwinden des Luchses abgeschlossen. Damit ist auch schon eine Aussage über seinen Lebensraum angedeutet. In der Regel sind das große, zusammenhängende Wäl­ der. Doch keine Regel ohne Ausnahme. Sei­ ne letzten Rückzugsgebiete waren weitge­ hend baumlose aber deckungsreiche Areale in den Alpen. In vegetations- und/oder deckungsreichem Gelände läßt sich die pin­ selohrige Katze nur sehr schwer ausmachen, ihr geflecktes Fell wirkt hier wie eine Tarn­ kappe. Von anderen Katzenarten unter­ scheidet sich der 85 bis 110 cm lange und 14 bis 36,5 kg schwere Nordluchs durch drei be­ sondere Merkmale. Das ist seine Hochbei­ nigkeit (die Schulterhöhe liegt zwischen 50 – 75 cm), die besonders bei jungen Tieren und Weibchen deutlich sichtbar ist, der mit 12 – 17 cm verhältnismäßig kurze Schwanz mit seiner schwarzen Spitze und die Pinsel­ ohren. Die letzteren wirken wie eine Anten­ ne und verstärken seine Fähigkeit, Schall zu orten. Die großen Pfoten haben im Winter 309

Junge Luchse (oben) sind 10 Monate lang auf die Nahrung angewiesen, die die Mutier bringt. Unten: Ein Luchs an seinem Rfßp{(l/Z. in ihrer Mitte und an ihrem Rand dichte Haarpolster, die nicht nur vor Kälte schützen, sondern wie Schnee­ schuhe wirken. Des­ halb kann er sich in dem weißen Nieder­ schlag auch viel besser fortbewegen wie zum Beispiel die schmalhuf­ igen Rehe. Menschen haben vor dem Luchs nichts zu befürchten. Es ist erstaunlich, auf welche kurze Entfer­ nung die Wildbiologin Petra Kaczensky eine telemetrierte Luchsin mit ihren Jungen foto­ grafiert hat. Führende Wildschwein bachen hätten ihr auf eine sol­ che Distanz das Sprin­ ten beigebracht. Auf­ grund der bisherigen Erfahrungen läßt sich mit Sicherheit feststel­ len, daß der hochbeini­ ge Jäger bisher weder ei­ nen Touristen noch ei­ nen Bergwanderer ver­ speist hat. Er bevorzugt in unseren Breiten deutlich Rehfleisch, verachtet Hirschkälber nicht und steigt im Ge­ birge auch Gemsen nach. Doch vor dem Festmahl kommt die Kunst des Erbeutens. Hat der Luchs zum Bei­ spiel ein Reh ausge­ macht, versucht er bis auf 6 Meter heranzu­ pirschen, ehe er mit langen Sätzen losspur-

tet. Mit dem letzten Sprung wird das Tier umgeworfen. Ein Biß in die Kehle unterbin­ det die Luftzufuhr und der Tod tritt schnell ein. Spuren eines Kampfes wurden bisher noch nie beobachtet. Führt der Angriff des Luchses nicht zu einem sofor­ tigen Erfolg, kommt es nach wenigen Metern zum Abbruch. Auch die Windrichtung fin­ det beim Anschleichen keine Beachtung, so daß das Wild immer die Chance des Ent­ kommens hat. In der Schweiz lief am 23. 4. 1971 mit der Aus­ setzung von zwei Luch­ sen im Jagdbanngebiet Huetstock im Melchtal Der Luchs stellt seinen Speisezettel individuell zusammen -je nach Beute­ eine erfolgreiche Wie- angebot. dereinbürgerungsakti- on an. Heute besiedelt Meister Pinselohr im Land der Eidgenossen wieder einen großen Teil seiner früheren Aktionsräume. Ein spä­ ter aufgestelltes wissenschaftliches Begleit­ programm führte zu einer wesentlichen Er­ weiterung unseres bisherigen Wissens. Die ersten Luchsreviere sind verhältnismäßig klein. Bei den Beutetieren ist die im Laufe der Evolution erworbene Luchserfahrung verschüttet, so daß der gefleckte Jäger in ei­ nem geringen Umfeld an Nahrung heran­ kommt. Doch bald haben sich die Rehe wie­ der auf ihren alten Freßfeind eingestellt, und um eine Beute zu reißen, muß der Pir­ schgänger sein Streifgebiet immer mehr er­ weitern. Wenn sich dann die Luchspopula­ tion etabliert hat, umfaßt der Aktionsraum eines Tieres, je nach Waldstruktur, im Durchschnitt 100 – 250 qkm, eine Gebiets­ größe, bei der sich ein Verlust von ungefähr 60 Rehen pro Jahr kaum bemerkbar macht. Seitdem der Luchs in der Schweiz wieder heimisch ist, konnte gerade ein Auerhuhn­ riß belegt werden. Diese Rauhfußhühner baumen in der Nacht auf und sind dann außer Reichweite des pirschenden Beute­ greifers. An der Ausbreitungsfront des Luch­ ses kam es in der Schweiz auch verstärkt zu Verlusten an Schafen, die dann aber inner­ halb kurzer Zeit wieder auf das normale Maß absanken. Insgesamt wurden von 1971 bis 1990 582 Schafe, vereinzelt auch Ziegen, von dem Luchs gerissen. Dafür mußten 167 932 Schweizer Franken als Schadenser­ satz an die betroffenen Personen vergütet werden. Wenn man die jährliche Verlustra­ te von durchschnittlich 30 Schafen auf die Luchspopulation in der Schweiz umlegt, entsprechen die gerissenen Tiere einem Pro­ mille des Gesamtbestandes. Die Verluste in- 311

zeptiert. So ist auch nicht bekannt, ob die Pyrenäen zum Streifge­ biet des Pardel- oder des Nordluchses gehö­ ren oder ob hier beide Arten vorkommen. Das Schweizer Wie­ derei n bü rgeru ngsmo­ dell hat inzwischen ei­ ne internationale Kar­ riere gemacht, und in den Westkarpaten gab es noch nie so viele folge Krankheit und Absturz liegen dagegen bei 2 Prozent. Auch diese verhältnismäßig geringen Ausfälle sind nur aufgrund der spe­ ziellen Schweizer Schafhaltung entstanden. Dort werden diese Tiere im Frühjahr auf ei­ ne der hochliegenden Weiden getrieben und bleiben dort bis zum Herbst praktisch ohne Aufsicht. An Schafherden, die unter der Ob­ hut eines Schäfers oder Hundes stehen, wagt sich der Luchs nicht heran. Der Blutzoll, den der Verkehr unter dem Schweizer Luchsbestand gefordert hat, hält sich ebenfalls in Grenzen. Diesem Ausfall­ konto mußten von 1974 bis 1994 insgesamt 25 Tiere zugerechnet werden. Welche heim­ liche Lebensweise die hochbeinige Katze fuhrt, dokumentiert sich in unserem Nach­ barland in der geschätzten Gesamtzahl, die mit 50 bis 100 angegeben wird. Eine Streu­ ung, die keine Bank bei ihren Geschäften ak- 312 Luchse wie heute. Im paare eine Population Es hat geschmeckt! Ausgelegtes Falhuild läßt die Großkatze liegen. Schiebt der Lynx lynx, so der man jedoch neben der Beute ein totes Tier nad,, wird es angenommen. Böhmerwald zieht er wieder seine Fährte. In Slowenien haben 1973 drei ausgesetzte Luchs­ begründet, die zum Teil schon in die angren­ zenden Länder aus­ strahlt. In Kärnten ist lateinische Name, seit 1976/77 wieder hei­ misch. Dort wird ebenfalls die im Schwarz­ wald praktizierte Mutter-Kuhhaltung be­ trieben und in der ganzen Zeit kam es nur zu einem einzigen Kälberriß. Aufgrund der heimlichen und nächtlichen Jagdweise des Luchses ist davon auszugehen, daß das Mut­ tertier diesen Überfall gar nicht gemerkt hat. Im Nachbargebiet des Schwarzwaldes, den Vogesen, begannen die ersten Wiederein­ bürgerungsversuche 1983. Heimlich, still und leise, ganz wie es ihrer Wesensart entspricht, haben die ersten ge­ fleckten Kundschafter auch im Schwarzwald (und im Pfulzer Wald) wieder die Lebens­ räume erreicht, die einst zu ihren heimatli­ chen Streifgebieten gehörten. Roland Kalb

Landwirtschaft Das Haushuhn – Zur Geschichte und Haltung SeitJahrhunderten ein Begleiter des Menschen Dieser Beitrag soll keine wis­ senschaftliche Abhandlung über die Züchtung und Legeleistung der verschiedenen Rassen sein, sondern es werden hauptsächlich Beobachtungen von Menschen geschildert, die in ihrem Leben nahezu täglich von Haushüh­ nern umgeben sind. Doch begin­ nen wir zunächst mit der Ge­ schichte des Haushuhns: Das Bankivahuhn, das als Stammva­ ter unserer Haushühner gilt und in wildlebender Form noch heu­ te in Indien und Malaysia zu Die „Glucke“ leitet ihren Nachwuchs zur Nahrungssuche auf Hause ist, wurde schon in sehr dem Misthaufen an. früher Zeit zum Haustier. Bereits im 5. Jahrhundert v. Chr. führte man diese Hühner von Indien nach China aus. Dort kannte man schon das künstliche Ausbrüten der Eier, was ebenfalls von den alten Ägyp­ tern berichtet wird. Von Ägypten gelangte die Urform unserer heutigen Hühner schon bald in die südeu­ ropäischen Länder. Im Alten Testament wer­ den die Haushühner seltsamerweise noch nicht erwähnt, in Griechenland dagegen schon im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr., und bei den alten Römern erfreuten sich die hei­ ligen Hühner besonderer Verehrung. Auch Germanen und Kelten hielten sie Jahrhun­ derte vor unserer Zeitrechnung, und schließ­ lich gelangten sie vor zirka 480 Jahren mit den weißen Eroberern nach Amerika. Zu Beginn der Rassehühnerzucht hat es in Europa schon drei Gruppen von Hühnern gegeben: die im europäischen Raum weit­ verbreiteten, den Bankivas ähnlichen Land­ hühner mit weißen Ohrscheiben und weißschaligen Eiern, die schweren as1at1- schen Cochins mit roten Ohrscheiben und gelblich bis braunen Eiern und die straff be­ fiederten Kampfhühner mit muskulösem Körper, roten Ohrscheiben und bräunlich gelblichen Eiern. Aus diesen drei Typen setzt sich wahrscheinlich die Hauptmasse der heutigen europäischen Hühnerrassen zusammen, deren Anzahl sich inzwischen bei zirka 160 bis 170 bewegt, in den ver­ schiedensten Farbschlägen. Viele dieser Hühnerrassen haben durch ihr Fleisch oder ihre hohe Legeleistung große wirtschaftliche Bedeutung erlangt. Gerade die gewaltige Steigerung der Legeleistung ge­ genüber früheren Zeiten ist zurückzuführen auf Zuchtauswahl, optimale Zusammenset­ zung der Ernährung sowie eine bessere Un­ terbringung. Hier sind es besonders die ,,Weißen Leghorns“, die heute zu reinen Ab­ legehennen herangezüchtet wurden. Was nun die Legebatterien anbelangt, so wird 313

,,Kräht der Hahn auf dem Mist“, iinderl sich das Weller, besagt eine alte Bauernregel. heute zwar viel von sogenannten glückli­ chen Hühnern geredet, die meisten Men­ schen vergessen aber beim Kauf von Eiern an diese zu denken und erwerben das billi­ ge Ei; jenes, das von den Legebatterie-Hüh­ nern stammt. Die oft zitierte „gute alte Zeit“ war folglich für unsere Hühner sicher eine glücklichere. Zwar gibt es auf den Höfen und landwirt­ schaftlichen Nebenerwerbsbetrieben noch die kleinen Herden von 15 bis 20 Hennen und einem Hahn – bei einer größeren An­ zahl auch mit zwei Hähnen – dieser Anblick wird aber zunehmend seltener. Diese Größenordnung entspricht im übrigen in etwa der Herdengröße der Bankiva-Wild­ hühner. Innerhalb dieser Herden herrscht eine bestimmte Rangordnung, die Tiere kennen und respektieren den Stärkeren, oh­ ne daß es dabei zu länger andauernden 314 Kämpfen kommt. Wer Hühner bei der Füt­ terung beobachtet, erkennt diese Rangord­ nung zum Beispiel daran, wenn eine domi­ nante Henne nach einer Unterlegenen hackt, diese kurz aufschreit und zur Seite springt. Dieser Vorgang wiederholt sich auch bei anderen Anlässen des öfteren, die Hackordnung innerhalb der Hennenschar muß eben stimmen. Der Hahn nimmt hier eine Sonderstellung ein. Er verteidigt seine Hennen und sein Re­ vier gegen mögliche arteigene Gegner, sein lautes Krähen und das klatschende Zusam­ menschlagen der Flügel demonstrieren, wer Herr auf dem Hühnerhof ist. Außerdem warnt er vor Gefahren, lockt seine Hennen mit bezeichnenden Lauten zum Futter und umwirbt sie mit typischen Bewegungen, in­ dem er seine Handschwungfedern spreizt und wetzt.

Kämpfe zwischen Hähnen sind meistens nicht so ernst wie es den Anschein hat, außer bei den extra für diesen Zweck Gezüchteten. Bei einer entsprechend großen Anzahl von Hennen und zwei Häh­ nen kommt es zwischen die­ sen öfters zu Auseinanderset­ zungen, teilweise auch zu ernsteren Rivalitätskämpfen. In der Regel wird dabei zu­ nächst der ältere und somit erfahrenere Hahn der Domi­ nierende sein. Das kann sich jedoch rasch dann ändern, wenn der Jünge­ re zu einem starken Hahn heranwächst und den Älteren eines Tages im Kampf besiegt, um selbst die Vorherrschaft zu übernehmen. Hühner als Wetterpropheten Hühner, die über einen relativ großen Aus­ lauf verfügen, wählen ihren Aufenthaltsort im Laufe des Tages nach dem Sonnenstand. Es wurde von Berta Volk aus Gremmelsbach berichtet, die ihren 80. Geburtstag schon hinter sich hat und Zeit ihres Lebens bis auf den heutigen Tag mit diesen Tieren zu tun hat, daß man nach deren Verhalten durch­ aus eine Wetterprognose abgeben kann. Die Küken folgen der Mutter meistens im Schlepptau nach. Stolz präsentiert sich der rebhuhnfarbene ltalienerhahn. Wenn beispielsweise die Hühnerschar bei Regen das Trockene aufsucht, hört der Re­ gen in kürzester Zeit auf, bleibt sie jedoch im Freien, regnet es in der Regel länger an­ haltend. „Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, än­ dert sich das Wetter, oder es bleibt wie es ist!“ Dieser Spruch kennt wohl jeder, er soll als Beispiel dienen, daß die alten Bauernre­ geln angeblich meistenteils unzuverlässig sind. Dem muß ich entgegenhalten, daß wir modernen Menschen dies aus Unkenntnis über die ausgezeichneten Naturbeobach­ tungen unserer Vorfahren dahersagen. Die richtige Version dieser alten Bauernregel lau­ tet nämlich: ,,Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich das Wetter, kräht er auf dem Hühnerhaus, hält das Wetter die Woche aus!“ Die Sache ist so zu erklären: Hahn und Hühner können bei Tiefdruck – also Regen­ wetterlage – bevorzugt auf dem Misthaufen aktiv sein, weil dann in den oberen Schichten ein besseres „Nah­ rungsangebot“ herrscht als bei Hochdrucksituationen, bei denen diese Schichten austrocknen und sich die Kleinlebewesen somit in die feuchten, tieferen Regionen 315

Bunte Vielfalt auf dem Hiihnerhef- hier gestreifter ltalienerhalm mit verschiedenfarbigen Legehennen. des Misthaufens zurückziehen. Für die Hühner wurde aus der Verhaltens­ forschung der Begriff „Kurztagstiere“ ge­ prägt, d. h. sie suchen im allgemeinen ihren Schlafplatz sehr früh auf. Unsere Redensart, ,,Mit den Hühnern zu Bett gehen“, be­ zeichnet diese Eigenart sehr gut. Morgens sind sie dagegen schon sehr zeitig wieder munter. Gegen Federlinge und Milben nehmen sie gern ein Sand- oder Staubbad, ins Wasser dagegen gehen sie nur höchst ungern. Bei überraschendem Schneefall, beispielsweise im Mai, kann man bei ihnen eine Art von Schneeblindheit beobachten. Zur Verständigung unterein­ ander gebrauchen sie zahlrei­ che Laute. Am bekanntesten ist das „Kakeln“, wenn die Henne ein Ei gelegt hat. Auch beim Hahn gibt es außer dem Krähen noch weitere Laut­ äußerungen, die seine Stim­ mungen und Bedürfnisse aus­ drücken. So beispielsweise das ,,Kollern“, welches wie „go­ gogogook“ klingt und der Stimmführung mit den Hen­ nen dient. Das Küken meldet sich schon mit Pieplauten kurz vor dem Schlüpfen aus dem Ei. Werden die Küken später von der Bruthenne geführt, lockt sie mit ihrem „gluck-gluck-gluck“ die Kleinen, daher auch der Name „Glucke“. Leider sieht man heute auf den Bauernhöfen nur noch selten Hennen mit Nachwuchs. Aber es ist erstaunlich und zugleich rührend, wie für­ sorglich sie mit den Kleinen umgehen. Ge­ gen mögliche Feinde verteidigt die Glucke ihre Küken sehr mutig und aggressiv, selbst vor größeren Hunden zeigt sie keinen Re­ spekt und schlägt sie sogar in die Flucht. Wahrscheinlich aus Aberglau­ ben wurden früher den Brut­ hennen stets eine ungerade Zahl von Eiern zum Ausbrü­ ten untergelegt. Wollte man jedoch den Bruttrieb unter­ drücken, wurde die Henne bei den ersten Anzeichen für 3-4 Tage in einen dunklen Raum bzw. unter einen Karton ge­ sperrt. Den Küken wurde in den ersten Wochen Bibiliskäs (Qiark) und Reiskörner gefüt­ tert, später sind Hühner im Nach allem, was irgendwie Jref?bar erscheint, wird schon im wahrsten Sinne Allesfresser. Die zerkleinerten Eierschalen jugendlid,en Alter gepickt. 316

Ein ziemlidJ aufgeblasener „ Gockel“ inmillen seiner Hühnerdamen. Er ist eben der „Hahn im Korb“. wurden ihnen verfüttert, um dem Kalkman­ gel vorzubeugen. In den heutigen moder­ nen Hühnerfarmen wird – wie schon ein­ gangs erwähnt – nur spezielles Futter verab­ reicht, für höchste Legeleistung oder schnel­ le Mast. Das Ei als kostbares Gut In früheren Zeiten waren Hühnereier auf den Bauernhöfen und auch im allgemeinen kostbarer als heute, was sich auch im Preis niederschlägt, der vor 30 bis 40 Jahren eher höher war als heute. Eier waren beim Bauer in erster Linie für den Verkauf bestimmt. Seine Knechte, Mägde oder Hirtenbuben bekamen äußerst selten eines zum Verzehr. Ältere Familienmitglieder erhielten Eier ab und zu zur Stärkung, kranke Kinder zur Wiedererlangung der Gesundheit. Beson­ ders bei Kleinbauern war der Erlös aus dem Eierverkauf oft die einzige Einnahmequelle für die Bäuerin, über die sie alleine verfügen konnte. Man achtete früher auch darauf, daß die Anzahl der Hühner in der Relation zum Gewinn des Eierverkaufes stand, d h., daß nicht – im übertriebenen Sinn – mehr verfüttert wurde, wie an Eiergeld wieder ein­ genommen wurde. Nach meiner Ansicht wird dies auch treffend durch das alte Sprichwort ausgedrückt, das besagt: ,,Hältst du viel Federvieh, kommst du um Haus und Hof und weißt nicht wie!“ Empfindliche Verluste gab und gibt es heu­ te noch bei freilaufenden Hühnern durch Fuchs und den Hühnervogel (Habicht). Fuchs und auch der Steinmarder können ein Blutbad unter den Hühnern anrichten, wenn vergessen wird, abends am Hühner­ stall das Türchen zu schließen. Schon man­ cher hat dadurch in einer Nacht seine ganze Hühnerschar verloren. 317

Die Aufzucht der Kiiken hat begonnen, andauemd ist der Naclnouchs au/Suche nach Nahrung. Des öfteren gab es früher auch Streit unter Nachbarn, deren Anwesen nicht weit aus­ einander standen, wenn die freilaufenden Hühner in fremde Gärten einfielen oder auf einem fremden Acker dem frisch sprießen­ den Getreide zusetzten. Unzählige Anekdo­ ten und Geschichten sind überliefert. Es wurde heftig und oftmals über Jahre hinaus wegen des lieben Federviehs gestritten. Be­ sonders im Umland von St. Georgen/Kö­ nigsfeld wird noch heute der Ausspruch ge· braucht, von dem jedoch die meisten nicht mehr wissen, woher er stammt und der da lautet: ,,Dem, oder Dere, due i, oder, han i awer de Henne ni due“, wenn man jeman­ den heftig die Meinung sagen will, bzw. ge­ sagt hat. Diese Redensart kommt sicher vom erbosten Nachbarn, wenn die fremden Hühner dessen Garten oder Acker heimge­ sucht hatten. Er meinte damit, des Nachbars Hühner werde er schon noch in dessen Stall 318 e111sperren. Bei allem Zwist und Streit, den es durch das Federvieh schon gegeben hat, sollte man aber eines nicht vergessen: keine andere Vo­ gelgruppe übertrifft die Hühnervögel in punkto leichte Zähmbarkeit, Schönheit und vor allem Nützlichkeit für den Menschen. Erwin Kienzler Stolzer Halm mit Henne

Freizeit und Erholung Begegnungsstätte für die gesamte Gemeinde Unterkirnach schafft verkehrsberuhigte Zone mit Kieschtock-Brunnen Wer von Stätten der Begegnung spricht, meint zunächst Räumlichkeiten, in denen man zusammenkommt, sei es zum Mei­ nungsaustausch, zum Besuch von Vorträgen oder ähnliches. Stätten der Begegnung und Erholung können aber auch Freiräume, die Natur oder das „Dorf“ allgemein sein. Daß sich ein Stück Dorfgemeinschaft auch auf Straßen und Plätzen abspielen kann, zeigt in Unterkirnach die verkehrsberuhigte Zone. Es ist kaum noch in Erinnerung, daß bis zum Bau der Umgehungsstraße sich Tag für Tag, Stunde für Stunde, ganze Kolonnen von Kraftfahrzeugen -Autos, Motorräder, Lkws -auf der Landesstraße durch die Orts­ durchfahrt drängten und die Straße das Dorf in zwei Teile zerschnitt. Fußgänger hat­ ten diesen Bereich wegen Lärm, Hektik und Abgase weitgehend gemieden. (Bei einer 1995 durchgeführten Verkehrszählung wur­ de auf der Umgehungsstraße ein Durch­ gangsverkehr von ca. 4 000 Fahrzeugen/Tag ermittelt.) Anders ist es heute. Durch den Rückbau der Straße in einen verkehrsberuhigten Bereich mit Gleichberechtigung zwischen Fahrzeugen und Fußgängern wurde wieder Lebensraum für den Menschen geschaffen. In der neu gestalteten Ortsmitte von Unterkirnach fühlen sid, die Einwohner wohl, möglich wurde der verkehrsberuhigte Bereich durch den Bau der Umgehungsstraße. 319

Buschwindröschen, Schlüs­ sel- und Sumpfdotterblu­ men, und im W inter erfreu­ en Eisgebilde und Rauhreif den Betrachter. Ruhebänke laden zum Verbleiben, zum Zeitung lesen oder ganz ein­ fach zum Nichtstun und zur Erholung ein. Laubbäume, inzwischen schon stattlich herangewachsen, spenden im Sommer den beliebten Schatten. Während der Ad­ vents- und Weihnachtszeit strahlen die beleuchteten Tannenbäume Frieden und Ruhe aus und regen zur Be­ sinnung an. Auf der Kirn­ achbrücke beim Stadthof, früher breit ausgebaut mit Linksabbiegespur, werben heute schmucke, dorfgerech­ te Buswartehäuschen, im Sommer mit farbenpräch­ tigem Blumenschmuck aus­ gestattet, zum Benutzen des Nahverkehrs und erleichtern das Warten. Bei diesen Bus­ wartehäuschen beginnt die verkehrsberuhigte Zone, sie endet kurz nach dem Rößle­ Platz. Mit dem Ausbau des Rößle­ Platzes wurde ein Mittel- punkt für diese Dorf-Begeg­ nungsstätte im Freien geschaffen. Beim Brunnen, einem Kunstwerk, fühlt sich nicht nur der Kunstbeflissene, sondern jedermann wohl, ob Einheimischer, Feriengast, Wan­ derer, Kinder, kurz gesagt jung und alt. Hier lädt das Element Wasser ein, den Durst mit frischem Trinkwasser zu stillen Der Brun­ nen, richtig: Der „Kieschtockbrunnen“, ist ein Werk des bekannten Bildhauers Leon­ hard Eder aus Rheinfelden. Mit fünf le­ bensgroßen, in Granit gehauenen Figuren wird eindrucksvoll die Geschichte Unter- Der Miuelpukt der Unterkirnacher Do,jinille ist der Kieschtock­ bmnnen. Man trifft sich auf dem Weg zur Arbeit, zum Einkauf, bei der Begleitung der Kinder zum Kindergarten oder zur Schule. Man trifft sich, spricht ein paar Worte oder sei es nur ein freundlicher Gruß, man fühlt sich nicht alleine, man gehört zur Dorfgemeinschaft. Ein Bächlein begrenzt die Fahrbahn, plät­ schert munter vor sich hin, dient den Vögeln zum Bad und als Tränke, dem Menschen zum Hinsehen, zum Sicherfreuen und zur Erholung. Je nach Jahreszeit säumen grüne und blühende Pflanzen den Bachsaum wie 320

kirnachs dargestellt. Wer kann sich das heu­ te noch vorstellen? Lange bevor es Strom gab, dienten Späne aus harzreichem Kie­ fernholz als Beleuchtung. Die Späne wur­ den auf Holzständer, Kie-Schtock (oder Käe-Schtock) genannt, aufgesteckt. Die Un­ terkirnacher Bauern fertigten Kienspäne und Kieschtöcke auf ihren Höfen und ver­ kauften diese in Villingen auf dem Markt, um so ein Zubrot zur kargen, wenig ertrags­ reichen Landwirtschaft auf den abgeschie­ denen Schwarzwaldhöfen zu erwerben. Die harten Lebensumstände in der Höhenland­ wirtschaft, die vorwiegend durch körperli­ chen Kräfteeinsatz zu erbringende Wald­ und Feldarbeit prägten Gesichtsausdruck und Mentalität der Menschen. Die Villinger hatten daher den Unterkirnacher Bauern den Spitznamen „Kie-Schtöck“ gegeben, mit dem später alle Unterkirnacher bezeich­ net wurden. Seit 1967 ist der „Kieschtock“ die Symbol­ figur der Unterkirnacher Fastnacht, zu der eine Scheme aus einem knorrigen Holz mit Wurzelausläufern, ein mit Zweigen und Zapfen bedrucktes Häs und ein astiger Stock gehören. 1976 kam das „Beerewieble“ dazu. Beerewieble, der Name bringt es zum Aus­ druck, damit sind die Frauen gemeint, die in den ausgedehnten Wäldern um Unterkirn­ ach mit den Riffeln Heidelbeeren sammel­ ten. Vor der Gründung der Kieschtock-Zunft wurde nach alemannischer Fastnachtstradi­ tion die Freude über den ausklingenden Winter durch die Katzenmusik ausgedrückt. Musiker zogen während der Fastnachtszeit im Gänsemarsch mit Musik und Gaudi von Hof zu Hof und wurden dort kostenlos be­ wirtet. Mit dem auf dem Brunnenstock vergnügt mit dem Beerewieble tanzenden Kieschtock stellte Bildhauer Eder die heutige Fast­ nachtsfigur dar. Etwas abseits steht der hi­ storische Kieschtock, nämlich der Bauers­ mann mit der Krätze auf dem Rücken in Richtung Villingen gehend, begleitet von dem ärmlich bekleideten Hütebuben und der Geis. Als „Kuh der armen Leute“ soll sie auf das nicht gerade von Reichtum geprägte Leben auf den Unterkirnacher Schwarz­ waldhöfen hinweisen. Am Brunnenrand sind Trommler, Bassist und Flötist als Katzenmusiker dargestellt. Die Würste am Sockel des Trommlers zeu­ gen von der reichlichen Bewirtung auf den Höfen und somit auch von der Beliebtheit dieses Treibens. Insbesondere die Kinder er­ leben den Gockel, den sich der Trommler unter den Arm genommen hat, als eine Gaudi: denn der Gockel speit frisches Trink­ wasser. Heute empfinden die Unterkirnacher den ,,Kieschtock“ längst nicht mehr als Spitzna­ men. Sie sind stolz auf das neu gestaltete Dorf, das Dorf als Stätte der Erholung und Begegnung und auf ihren Vorfahren, den ,,Kieschtock“. E!friede Dufaer – . ._ -..- D‘ Feuerwehr Rätsch, du bischt au no en Kerli, ’s ischt nu guet fer iisri Gmond, daß mer nitt vu diinre Sorte no e baar so Latschi hond. Guck, es duer dir nomool sage: mitmachscht bi de Feuerwehr. ’s handlet sech nit nu ums Spritze, ’s hoaßt debei au: Gott zur Ehr! Guet, ech kumm, du kascht mech melde; aber seil sag ech dir glii: gspritzt word niit, ech fiech weng ’s Wasser, will als Ziisler idoalt sii. Gottfried Schafbuch 321

Von Marionetten fasziniert Das außergewöhnliche Hobby des St. Georgener Bernhard Kammerer Reglos hängen sie im Wohnzimmer, die Arme und Beine baumeln schlaff. Erst als Bernhard Kammerer das Spielkreuz in die Hand nimmt, kommt Leben in die Bur­ schen – Verzeihung, Marionetten. Dann laufen und hüpfen sie, fuchteln mit den Ar­ men und neigen den Kopf schelmisch zur Seite, ganz so, wie ihr Schöpfer es will. Bern­ hard Kammerer aus St. Georgen ist faszi­ niert von Marionetten. Schon als Kind war er begeistert von der Augsburger Puppenkj­ ste, und den lustigen Abenteuern von Ur­ mel, Jim Knopf und Lukas, dem Lokomo­ tivführer. Heute baut der 38jährige selbst witzige Figuren an den unsichtbaren Fäden. Auf die Idee, Marionetten selbst herzu­ stellen, kam Bernhard Kammerer erst vor rund drei Jahren. Auf einer Reise nach Prag entdeckte er zwei kleine bekannte Mario­ netten aus dem tschechischen Fernsehen. Einfachste Bauweise zwar, aber schon beim Anblick stand für ihn fest: Die muß er ha­ ben. Sofort hatte er den Dreh raus, wie man die Schnüre betätigen mußte, damit die Bei­ ne und Arme der Figuren einigermaßen gezielt bewegt wurden. Zu Hause beschäf­ tigte er sich intensiver mit der Materie, und er wagte sich an einen ersten Versuch. Dar­ aus entstand Clown „Ferdinand“, eine 40 Zentimeter hohe Figur mit breitem Grin­ sen, großen Händen und einem knallbun­ ten und großkarierten Sakko. ,,Ferdinand“ hängt heute in illustrer Gesellschaft zwi­ schen einer gräßlich schönen Hexe, einem Flötenspieler, einem lustigen Kasper und weiteren originellen Figuren, von denen sich der St. Georgener nicht trennen kann. Bernhard Kammerer fertigt alles selbst. Kopf, Hände und Füße sind aus Modellier­ masse. ,,Da kann man seiner Fantasie richtig freien Lauf lassen“, beschreibt Bernhard Kammerer die Freude, wenn er aus der ecki- 322 gen Modelliermasse ein freches Grinsen oder ein anderes Charaktergesicht formt. Außer einigen Clowns, die zu Bernhards fröhlicher und unkomplizierter Art passen, sind auch schon Hexen, Kasper, Penner (mit Schnapsbuddel in der Tasche) und Musiker entstanden. Eine besonders gelungene Ge­ stalt ist auch ein Pierrot- Clown mit einem lachenden und einem weinenden Auge und schwarz-weißem Kostüm. Hände und Füße gestaltet der gelernte Werkzeugmacher so, wie es seiner Meinung nach am Besten zur Figur paßt. Den Körper, die Arme und die Beine fertigt er aus Fichtenholz, natürlich aus heimischen Wäldern. Rund drei bis vier Wochen benötigt „Bär“, wie er in seinem Bekanntenkreis genannt wird, für eine Marionette. Denn auch die Kleidung näht der stets gutgelaunte Bern­ hard selbst. Da allerdings bekommt er von seiner Frau Christiane und seiner Mutter Sunhild auch schon mal ein paar Tips und Hilfe. ,,Am Anfang habe ich mir schon ein paar mal in die Finger gepiekst, aber mitt­ lerweiler geht’s ganz gut“, erinnert sich Bernhard an die Anfange seiner Nähkünste zurück. Den Stoff für seine Puppen wählt der Hobbykünstler aber immer selbst aus. Eine riesige Kiste mit Stoffetzen, großen, kleinen, bunten oder einfarbigen, steht in seinem Bastelzimmer und liefert noch genü­ gend Material für unzählige seiner Gestal­ ten. Als „Wahnsinnsgefühl“ beschreibt Bern­ hard den Moment, wenn er eine gerade fer­ tiggestellte und mit allen Haken und schwarzem Zwirn versehene Marionette das erste Mal auf den Boden stellt und „laufen“ läßt. Da kommt Ehefrau Christiane dann in den Genuß eines kleinen privaten Puppen­ spiels, denn natürlich müssen alle Gesten und Bewegungen ausprobiert werden. Das

Ausmitteln der Haken und das Befe­ stigen der Schnüre ist sehr aufwendig. ,,Es muß alles genau parallel sein, sonst haben die Puppen eine hängen­ de Schulter oder ein zu kurzes Bein“, erklärt „Bär“ die diffizile Arbeit. Die Begabung für das Bauen und Hantieren mit den Puppen, die mit teilweise bis zu zwölf Fäden bestückt sind, kommt nicht ganz von ungefähr. Schon sein Großvater bastelte die be­ kannten „Schmiedeberger Handpup­ pen“ und reiste damit durch die Lan­ de. Noch heute sitzt Bernhard begei­ stert vor dem Fernseher, wenn irgend­ wo ein Puppenfilm läuft, und guckt sich technische Raffinessen an Puppen ab, die er bei seinen nächsten Puppen dann ausprobieren will. So unterschiedlich wie seine Mario­ netten sind auch Kammerers andere Hobbys. Sein starkes Engagement bei der DLRG, beim Roten Kreuz als Sa­ nitäter und bei der St. Georgener Nar­ renzunft, wo er in der „Fünften Jah­ reszeit“ als Fohrenbobbele umtreibt, füllt die Freizeit fast vollständig aus, so daß sich die Anzahl der gefertigten Marionetten pro Jahr in Grenzen hält, Bernhard Kammerer und seine Marionetten und der ideelle Wert jeder einzelnen Puppe steigt. Und so darf sich jeder seiner Bekannten und Freunde glücklich schätzen, wenn er zur Hochzeit, zum Geburtstag oder zu ei­ nem anderen wichtigen Ereignis eine Ma­ rionette aus den Händen von Bernhard Kammerer überreicht bekommt. Zu verkau­ fen sind die Stücke, von denen jedes ein Unikat ist, nicht. Auch Bestellungen nimmt Kammerer nicht entgegen. ,,Sonst hat man eine Verpflichtung und einen gewissen Druck, und dann macht’s kein Spaß mehr“, erklärt er seinen Entschluß. Mittlerweile haben sich in seinem kreati­ ven Hinterkopf schon wieder einige Ideen angesammelt: ,,Ein Tier zu basteln oder ei­ ne Puppe, wo sich der Mund bewegt“ spru- delt es aus dem Puppenvater heraus. Und wenn man weiß, daß das bevorzugte Ur­ laubsziel des Ehepaars Kammerers Norwe­ gen ist, dann verwundert’s nicht, wenn die nächste Puppe ein frecher Troll werden soll. Einen großen Wunsch hat der Fan von Jim Hensons Muppet-Puppen und Puppentrick­ filmen wie „Der dunkle Kristall“: ,,Ich möchte einmal hinter die Kulissen der Augs­ burger Puppenkiste schauen“, schwärmt Bernhard Kammerer, und seine Augen fan­ gen an zu leuchten wie die eines Kindes an Weihnachten. Und schon sitzt er wieder in seinem Bastelzimmer und kreiert ein Ma­ rionettengesicht, natürlich typisch „Made by Bernhard“. Roland Sprich 323

Heilquelle und Streichelzoo Die Freizeitanlage in Kappel ein Ausflugsort für die gesamte Familie Ihren Ausgang nahm die Kappler Freizeit­ anlage von einer Heilquelle, um die eine Naherholungszone errichtet wurde. Nach der Ansiedlung von Tiergehegen gab man ihr schließlich die Bezeichnung „Streichei­ zoo“. Letzterer war eine Idee von Bürger­ meister Otto Sieber, der Tiere ansiedeln wollte, die vor einhundert Jahren auf jedem Bauernhof zum lebenden Inventar gehör­ ten. Eingeweiht wurde der „Streichelzoo“ im August 1995 mit einem gut besuchten und von den Kappler Vereinen vorbildlich organisierten Fest im anmutigen Eschachtal zwischen Kappel und Niedereschach. Seit­ dem ist die Anlage ein vielbesuchter Ort. Die Anfange des Streichelzoos entspran- gen einem Zufall. Vor etwa 25 Jahren muß­ ten sich die Kappler Gemeindeväter mit der Verbesserung der Trinkwasserversorgung be­ fassen, nachdem die Einwohnerzahl von 300 nach dem Kriege aufüber 500 Personen angewachsen war. Bei einem Bohrversuch 1970 stieß die Firma August-Göttker im Ge­ wann Breitwiesen in 58 Metern Tiefe auf ei­ ne ergiebige Wasserader. Eine bakteriologi­ sche Untersuchung ergab jedoch, daß die Qielle als Trinkwasser nicht geeignet war, da die Werte weit über der Norm lagen. Neue Versuche wurden angestellt, und im Jahr darauf wurde man im entgegengesetz­ ten Gewann Bannwiesen wiederum fündig. Eine weitere Bohrquelle, diesmal in guter Der „Streiche/zoo „in Kappel beherbergt auch Rinder der Hintenoiildermsse,die iiber die Stutlgarter Wi/­ helma besorgt wurden. Im Hintergrund ist der Esel Ludwig zu sehen. 324

Erholungfür die gesamte Familie und viele heimisd1e Tierarten bietet die Freizeitanlage in Kappel. Qialität, entstand. Ein weiterer Glücksfall war, daß das erste Bohrloch in den Breit­ wiesen nicht zugeschüttet wurde. Eine er­ neute Untersuchung am Institut für Bal­ neologie und Klimaphysiologie der Univer­ sität Freiburg im März 1971 ergab nämlich eine vorzügliche bakteriologische Qialität. War möglicherweise bei der ersten Untersu­ chung noch zuviel Oberflächenwasser in die Proben gekommen? Eine Heilquelle gefunden Die beiden Freiburger Professoren Dom­ browski und Göpfert wurden sogleich bei der Gemeinde vorstellig. Nach ihrer Analyse gab die Qielle berechtigten Anlaß, balneo­ logisch wirksam zu sein. Die kurgemäße An­ wendung der Qielle, deren Wasser als Cal­ cium – Magnesium-Hydrogencarbonat-Sul- fat-Wasser gekennzeichnet sei, könnte the­ rapeutisch indiziert sein bei Erkrankungen des Verdauungskanals, der Leber, bei Gal­ lenleiden, sowie Erkrankungen des Bewe­ gungsapparates und der Atemwege. Als ver­ gleichbare Qielle wurde die Johannisquelle in Bad Dürrheim und die Kreuzquelle von Wildbad Kreuth genannt. Alle Qiellen be­ säßen vergleichbare Temperaturen (8,7 bis 11,3 Grad Celcius), einen PH-Wert um den Neutralpunkt (6,5 – 7,2), einen geringen gas­ förmigen Kohlendioxyd-Gehalt und seien kochsalzarm. Dies entspräche den Richtlini­ en des Verbandes deutscher Heilquellen. Die beiden Wissenschaftler hätten es ger­ ne gesehen, hätten die Kappler alsbald be­ gonnen, ihre „Heilquelle“ den Menschen zugänglich zu machen. Noch im gleichen Jahr besuchten sie mehrmals den Ort und verbanden ihre Vorträge stets mit der 325

lockenden Feststellung, daß Kappel ein sehr gutes Schonklima aufweise und eigentlich keine Gründe gegen den Weg zum Kurort bestünden. Doch den Kappler Gemeinde­ räten war nicht nach Schonklima zumute. Die Flurbereinigung stand vor der Tür, ebenso die Schul- und Gemeindereform. Die Neubaugebiete wuchsen und die damit verbundenen Probleme verlangten nach Lö­ sungen. So begnü�te man sich damit, einen Brunnen für die Offentlichkeit zugänglich zu machen. Heute stehen die „Wasserabho­ ler“ zeitweise Schlange und die Q!ielle spen­ det nach wie vor umsonst ihr „Heilwässer­ chen“ an die mit allen möglichen Behält­ nissen versehenen Besucher. langsam wuchs die Anlage, zumal man mit der Gemeindereform einen Unterstüt­ zung gewährenden Partner in Form der Ge­ meinde Niedereschach gefunden hatte. Ein kleiner See entstand, ein Pavillion, ein Kin­ derspielplatz und ein kleiner Festplatz folg­ ten, dazu eine Wassertretstelle und eine größere Biotopanlage. Tiergehege mit Scha­ fen verschiedener Rassen, Zwergziegen, Rinder der Hinterwälderrasse, aber auch Hühner, Tauben und langbeinige Pfauen wurden angelegt. Im Mittelpunkt steht, zu­ mindest was sein Gebrüll angeht, der Esel Ludwig, der seinen Namen eigentlich Lügen straft, denn er versteht sich inzwischen ge­ nausogut aufs Betteln wie alle anderen Tie­ re, die den Besuchern ungeniert aus der Hand fressen. Inzwischen sind weitere Tiergehege ge­ plant. Dies freilich immer unter dem Ge­ sichtspunkt der kleinen Schritte und mit Be­ dachtsamkeit. Auch ein Geräteschuppen, Toiletteneinrichtungen und vielleicht eine kleine Schankstätte stehen in den Vorstel­ lungen der Verantwortlichen. Mrmin Reich 326 Tiere fii1tern ist in Kappel erlaubt, Spaß haben die Kinder aber auch auf der Rutsche.

Stätten der Gastlichkeit Das Kurhaus Bad Dürrheim Ein gesellschaftlicher Treffpunkt im Herzen des Kurortes Gesellschaftlicher Mittelpunkt Bad Dürr­ heims für Kurgäste und Bürger mit Aus­ strahlung für die ganze Region – das ist das Kurhaus mit dem Kurhaus-Restaurant. Die­ se „gute Stube“ des Soleheilbades und Heil­ klimatischen Kurortes Bad Dürrheim ver­ fügt über eine lange Tradition als Stätte der Gastlichkeit. Das 1937 direkt am Kurpark er­ baute Kurhaus erfuhr 1962 eine erste Mo­ dernisierung und 1994 zur Landesgarten­ schau im Bad Dürrheimer Kurpark einen grundlegenden Umbau. Vom Keller bis zum Dach unterzog sich das Kurhaus einer 17monatigen Schön­ heitskur. Der große Kurhaussaal, das Re­ staurant, die Tagungsräumlichkeiten, die Bühne, die Foyers, die Technik – nahezu al­ le Bereiche zeigen sich nach erfolgtem Um­ bau zeitgemäß und ansprechend. Viel Glas, helles Holz und die Leitfarben Weiß, Grau und Blau betonen die elegante Note des lichtdurchfluteten Kurhauses. Große schallisolierte Glasschiebewände mit Jalousien erlauben eine flexible Nutzung der Räume: der Kurhaussaal und das benach­ barte Restaurant können als Einheit oder se­ parat eingesetzt werden. Die Gästebewir­ tung im gesamten Kurhaus liegt in den Hän­ den des engagierten Kurhaus-Pächters Bodo Müller und seinem Team. Dreh- und Schaltstelle der Kurhausrestau­ ration ist die runde TI1eke. Diese strategisch durchdacht plazierte Servicestation erlaubt die gleichzeitige oder auch separate Bewirt­ schaftung von Restaurant, Kurhaussaal und großem Foyer. Ein (behindertengerechter) Aufzug wirkt verbindend zu den Tagungs­ räumlichkeiten auf der Galerie im Oberge­ schoß. Als Stätte der Gastlichkeit verfügt das Kur- Das Kurhaus Bad Dürrheim hat einen zeitgemäßen und ansprechenden Umbau e,fahren. 327

Der Kurhaussaal bietet bis zu 180 Personen Platz, das Restaurant (Bild unten) bis zu 90 Gästen. Dreh­ und Schaltstelle ist die runde Theke, die die gleichzeitige ßewirtschaft1111gvo11 Kurhaussaal, Restaurant und großem Foyer erla11bt. Gastronomischer Mittelpunkt ist das A-la-carte-Resta11ra11l. 328

Sonnenreich, aud, an kalten Tagen: Der Wintergarten des Kurhauses, schick mit Natursteinen und großen Glaselementen gestaltet. 329

An den Wintergarten des Kurhauses schlief11 sich die Sonnenterrasse an, die an warmen Sommerabenden zum gemiitlichen Verweilen einliidl. system erlaubt die Bedienung von 250 Per­ haus über die Möglichkeit der Betreuung auch großer Gesellschaften. Der Kurhaus­ sonen mit einem Fünf-Gang-Menü binnen zweieinhalb Stunden. saal empfängt bis zu 180 Personen, das Re­ Zum Kurhaus gehört auch ein Wintergar­ staurant 90 Gäste. So können bis zu 270 Per­ ten, schick mit Naturstein und großen Glas­ sonen stilvolle Feste feiern. Der Konferenz­ elementen gestaltet, und die anschließende raum auf der Glasgalerie im ersten Stock Sonnenterrasse, umgeben von prachtvollen kann nicht nur für Tagungen und Seminare, Rosenbeeten und Blumenrabatten mit Blick sondern auch für private Feste oder Firmen­ in den Kurpark und auf das Bade-und The­ jubiläen (für bis zu 100 Teilnehmer) gebucht rapiezentrum Solemar. Wintergarten und werden. Sonnenterrasse verbinden das Kurhaus mit Gastronomischer Mittelpunkt des Kur­ dem Kurpark und holen die Natur quasi ins hauses ist das A-la-carte-Restaurant. In ni­ Haus hinein. Diese Kurhausbereiche erfreu­ veauvollem Ambiente begrüßt dort Bodo en sich großer Beliebtheit bei den Gästen. Müller seine Gäste. Gepflegtes Mittagessen Bad Dürrheims Kurorchester und der Al­ und abendliche Tafelfreuden im Kerzen­ leinunterhalter spielen regelmäßig auf der licht, Festmenüs und gemütliche Kaffee­ Kurhausterrasse, im Kurhaussaal und im be­ stunden mit hausgebackenem Kuchen am nachbarten Musikpavillon Kurkonzerte und Nachmittag – das Kurhausrestaurant be­ herrscht die Kunst des Verwöhnens. Das gepflegte Tanzmusik. Auf dem Veranstal­ tungskalender des Kurhauses stehen regel­ Spektrum der Speisen reicht von gutbürger­ mäßig Heimatabende, Konzerte, Theater­ lich über saisonale und regionale Spezialitä­ vorführungen und Tanzabende. ten. Auch auf größere Gesellschaften ist die Dagmar Schneider-Damm Küche eingerichtet. Ein spezielles Bankett- 330

International und doch bodenständig „Hirschen“ in Blumberg seit vier Generationen im Besitz der Familie Salomon Ein traditionsreiches Haus ist der „Hir­ schen“ an Blumbergs Hauptstraße, fast di­ rekt gegenüber vom Rathaus. Seit vier Ge­ nerationen ist das Gasthaus in Familienbe­ sitz und seit 1963 führt Herbert Salomon das Haus, mittlerweile unterstützt von sei­ nem Sohn Hans-Joachim Salomon, der als Küchenmeister die Regie in der Küche un­ ter sich hat. Ein altes, schönes Bild in der Gaststube zeigt den alten „Hirschen“, ein langge­ strecktes Gebäude mit den notwendigen Ökonomieteilen, angepaßt den benachbar­ ten, bäuerlichen Anwesen. Das hat sich lan­ ge schon geändert. Landwirte, zumeist Schä­ fer, waren es, die den Gasthof umtrieben, und manch alter Blumberger kann sich noch an das Wissen des Großvaters der jetzigen Generation erinnern. Hermann Salomon, Schäfer, hatte für viele Wehwehchen einen wirksamen Trank, besprach Warzen und war hilfreich für Mensch und Tier. 1972 brannte das alte Anwesen ab und wurde 1973 in heutiger Form wieder in Be­ trieb genommen. Das Lokal verfügt über ge­ pflegte Gästezimmer, Nebenräume für Ver­ anstaltungen und private Feiern sowie eine sehr gefragte Kegelbahn. 1992 hat der Sohn des Hauses, Hans-Joachim Salomon, die Re­ gie in der Küche übernommen und führt den „guten Grundstock der Eltern“ weiter. Geprägt wird die Küche im „Hirschen“ durch die eigene Landwirtschaft und Haus­ schlachtung. ,,Diese Möglichkeit und natür­ lich der regionale Touch ergänzen sich opti­ mal“, so Küchenmeister Hans-Joachim Sa­ lomon. Spezialitäten aus überlieferten Rezepten sind auf der Speisekarte zu finden, wie das „Blumberger Graupensüpple“ oder die Eine gepflegte Atmosphäre in freundlicher Umgebung zeichnet den B!umberger „Hirsd,en „aus, der sich seit vier Generationen im Besitz der Familie Salomon btftndel. 331

„Schweinskopfsülze nach Art der Hirschen­ wirtin“ mit hausgemachten Bratkartoffeln, die Bratwürste, die es variantenreich gibt, auch zum opulenten Salatteller und deren Ruf in Wanderkreisen weit verbreitet ist. Neben dieser bodenständigen regionalen Küche, enthält die Speisekarte auch eine in­ ternationale Auswahl, und bei privaten Fe­ sten berät Hans-Joachim Salomon seine Gä­ ste im vorhinein und spricht den gewünsch­ ten Menü-Plan sorgfältig ab. Klar, daß dann ebenso sorgfältig die Weine zu jedem Gang abgestimmt sind. Der Küchenchef kennt sich aus, hat er sich doch seine kochkünstle­ rischen Sporen im „Adler“ in Häusern, im ,,Ritter“ in Durbach und im „Krautkrämer“ im westfälischen Münster verdient. ,,Das ist alles für mich wichtig gewesen, und die Er­ fahrungen in der benachbarten Schweizer Gastronomie möchte ich auch nicht mis­ sen“, so Salomon. Alle diese Erfahrungen sind nun ins Blumberger Lokal eingeflossen. Großen Wert legt Salomon darauf, daß jeder an seinem Tisch essen kann, worauf er gera- de Lust hat, ob nun exquisite Cuisine oder badische Hausmacher-Kost. Wichtig für den Küchenchef sind beste, frischeste Zutaten und so ist nicht verwun­ derlich, daß er im eigenen Kräutergarten die Würzpflanzen selbst zieht. ,,Das ist ein Hobby von mir“, so Salomon, „und somit kann ich lOOprozentige Frische garantie­ ren“. Ausgesuchte badische Tropfen finden sich auf der Weinkarte und für „reingeschmeck­ te“ Gäste wird sorgsam beraten, welcher Wein denn nun zu welchem Menü paßt. Gefällig dekoriert und angerichtet wird jede Mahlzeit serviert, ,,auch der Wurstsalat“, merkt Salomon an, ,,das Auge ißt mit und darf nicht unterschätzt werden“. So versteht es sich dann auch, wie er die Gastlichkeit im Blumberger „Hirschen“ auf den Nenner bringt: ,,Sie bringen den Anlaß, wir stellen den Rahmen und bei uns ist jedermann ein wirklicher Jemand.“ Die Gäste wissen es zu schätzen. Chrisliana Steger Das Herzstiick des gasllichen Hauses isl die Küche, in der mil liebe gekochl wird. Auf unserem Bild Hans-Joachim Salomon mil Ehefrau. 332

II Der Blumberger „Hirschen‘: wie er sich um die Jahrhundertwende präsentierte. Im „Ochsen“ war auch Lloyd George zu Gast Das Furtwanger Hotel seit 1993 im Besitz der Familie Keller Eines der ältesten Wirtshäuser der Stadt Furtwangen ist der Gasthof „Zum Ochsen“. 1751 erstmals in einem Kaufbrief erwähnt, war der „Ochsen“ schon immer das erste Haus am Platz. Hier wurden bedeutende Anläße wie die Einweihung der Bregtalbahn vor mehr als 100 Jahren genauso gefeiert wie der Besuch des britischen Ministerpräsiden­ ten Lloyd George 1923. Vor neun Jahren wurde das Haus grundle­ gend renoviert, 1990 kam noch ein Anbau hinzu. Seit 1993 fuhrt der gebürtige Schwei­ zer Urs Keller als Pächter den Hotel- und Re­ staurantbetrieb. Der Koch und Hotelfach­ mann hat in der Schweiz gelernt, seine Frau Marion stammt aus dem Allgäu und ist ebenfalls vom Fach. Natürlich schlägt sich die Herkunft Kellers auch in der Speisekar­ te nieder – neben der regionalen Küche gibt es Schweizer Spezialitäten wie zum Beispiel Rösti. Aber auch Gerichte aus dem Allgäu findet der Gast auf der Karte. Eine beson- Urs und Marion Keller mit Tod,ter Carina. dere Spezialität des Hauses ist das „Ochsen­ pfannle“: Rinder- und Schweinslendchen in Pilzrahmsauce mit hausgemachten Spätzle, dazu eine Beilage aus vier verschiedenen Gemüsen. ,,Die Lendchen werden im Pfänn­ le serviert und sind mal etwas anderes“, sagt Keller. Immer wieder gern bestellt wird auch die Salatplatte mit Rindfleischstreifen. 333

im Millelpunkl von Furtwangen gelegen, der „ Ochsen“ um 1900, gegenüber das Rathaus. Aus dem hauseigenen Qiellwasserbassin kommen die frischen Forellen, gespeist wird das Becken von einer Qielle am Sommer­ berg. Durch das Qiellwasser bekommen die Fische genügend Luft, es muß kein Sauer­ stoff zugeführt werden. Bis zu 15 Forellen haben in dem Bassin im Keller Platz, wenn die verbraucht sind, muß Urs Keller für Nachschub sorgen. Die Forellen werden in den klassischen Zubereitungsarten angebo­ ten: Forelle blau, Müllerin und Forelle in Mandelbutter gebacken. Die Gäste geben keiner dieser Zubereitungsarten den Vorzug, ,,das ist Geschmackssache.“ Eine ständig al­ ternierende Tageskarte sorgt für Abwechs­ lung, dabei ist immer ein preiswertes Mittag­ essen. ,,Der Trend geht zu kleinen Portio­ nen, wir haben mittlerweile vier Senioren­ teller im Angebot. Häufig wollen die Leute nur eine Kleinigkeit essen.“ Ebenso auf dem Vormarsch sei die vegetarische Küche, leicht und fettarm soll das Essen sein. Hier biete sich Fisch an, der sei eiweißreich, oder Pu- tenfleisch. ,,Es müssen ja nicht immer Sah­ nesaucen sein, auch Salate sind sehr ge­ fragt.“ Eine Neuerung wird es im Sommer im „Ochsen“ geben, einmal in der Woche wird ein Grillabend im Gartenlokal angeboten. Bei gutem Wetter wird draußen gegrillt, da­ zu soll ein Salatbüffet mit 15 verschiedenen Salaten bereit stehen. Außerdem gibt es ne­ ben der Fischwoche im Frühjahr eine Wild­ woche im Herbst und die schon obligatori­ sche Spargelwoche. Eine Schweizer Woche ist geplant. Zu einem guten Essen gehört ein Dessert, das hausgemachte Eisparfait Souffle „Grand Manier“ läßt da keine Wünsche offen. Qualität und frische Ware sind dem Koch wichtig, die Zutaten für seine Küche kom­ men aus der Region. Das Gemüse bezieht Keller vorn Kaiserstuhl, das Fleisch kommt aus der Umgebung. Bei Fisch gibt es auch tiefgekühlte Ware, die sei frischer als der Frischfisch, klärt der Fachmann auf 334

In dem 64-Betten-Hotel steigen sowohl Geschäftsreisende wie auch Urlauber gerne ab. Im Winter sind es mehr Geschäftsrei­ sende, im Sommer kommen dann die Fe­ riengäste. Zu den wohl prominentesten Gä­ sten in jüngster Zeit gehören die „Fallers“, die bei Dreharbeiten in der Nähe gerne in dem komfortablen Landgasthof übernach­ ten. Im „Ochsen“ finden Vereinsversamm­ lungen und Familienfeiern statt. Bis zu 90 Personen können hier auch Hochzeit feiern. Zu den Familienfeiern meint Keller, es sei oft so, daß Familien alle feierlichen Anlässe in einem Gasthof abhielten. Natürlich gibt es im „Ochsen“ einen Stammtisch, so frequentiert wie früher sei dieser jedoch nicht mehr. In alten Zeiten sei­ en die Männer nach der Kirche zum Stamm­ tisch gegangen, ,,das ist heute nicht mehr so.“ Immerhin gibt es noch ein regelmäßiges Stammtischtreffen der Furtwanger Unter­ nehmer am Dienstagabend. Sabine Schnerring Die Gaststube des „ Ochsen“ und Blick auf die Fassade mit prächtigem Wirtshausschild. 335

Der „Maierhof“ war einst das „Bierhüsli“ Die Familie Bärmann bietet gute Küche und ein geschmackvolles Ambiente Um die Jahrhundertwende konnte der mü­ de Wanderer im Gütenbacher Gasthaus ,,Maierhof“ seinen Durst noch mit selbstge­ brautem Bier löschen. Bis 1950 wurden auch Limonade und Selters selbst hergestellt, bei den älteren Gütenbachern ist der „Maier­ hof“ deshalb immer noch als „Bierhüsli“ be­ kannt. Heute kann man dort zwar kein selbstgebrautes Bier mehr bekommen, dafür aber zwischen Vesperteller und Sieben-Gän­ ge-Menü schwelgen. Die vielseitige Speise­ karte bietet für jeden Geschmack etwas, vom einfachen, aber leckeren Wurstsalat, bis zur gehobenen, neuen badischen Küche, und das ist durchaus so gewollt. Das schöne alte Gasthaus ist seit 1873 im Besitz der Familie Bärmann und bietet ein geschmackvolles Ambiente. Die Wirtin Ul­ rike Bärmann, gelernte Hotelfachfrau, legt besonderen Wert darauf, ihre Gäste persön­ lich zu beraten. Ihr Mann Clemens hat als Auf ein geschmackvolles Ambiente wird im ,,Maierhoj“großen Wertgelegt. 336 Koch ebensoviel Spaß an seinem Beruf und überrascht seine Gäste immer wieder mit neuen Einfällen. Gelernt hat Bärmann im „Adler“ im Glottertal, seit 19 Jahren führt er mit seiner Frau den „Maierhof“, den er vom Vater übernahm. Natürlich müssen die Lebensmittel für die Küche Bärmanns besonders frisch sein. So kommt das angebotene Wild aus der Jagd des Vaters, die Forellen stammen aus dem ei­ genen Teich in der Teichbachschlucht. Wei­ tere Zutaten werden aus der näheren Um­ gebung bezogen. Zweimal in der Woche fährt Bärmann nach Freiburg oder Villin­ gen, um dort auf dem Markt einzukaufen. Zurück zum Schlemmen, ein Sieben-Gän­ ge-Menü könnte im „Maierhof“ folgender­ maßen aussehen: hausgebeizter Hirsch­ schinken mit Preiselbeerrahm, legiertes Kräutersüppchen unterm Blätterteighut, Lachs-Zanderroulade oder Perlhuhnbrust mit kleinem Gemüse, Sorbet von Limonen und Blutorangen, Rehfilet mit frischen Pil­ zen und hausgemachten Spätzle, Dessertva­ riationen von Früchten und Halbgefrore­ nem, Gütenbacher Bergkäse. Als Aperitiv empfiehlt sich Champagner aus dem Elsaß, Cremant d’Alsac, zum Wild einen Glotter­ taler Spätburgunder. Nach so einem oppulenten Mal kann der­ jenige, dem der Weg nach Hause zu weit ge­ worden ist, zum Übernachten gleich dablei­ ben: Acht moderne Gästezimmer stehen zur Verfügung. Zum Fitmachen gibt es eine Finnische Blockbohlensauna, einen Fit­ neßraum und auf Wunsch Trekkingräder. Viele Gäste lieben es, sich von einem Über­ raschungsmenü im „Maierhof“ verwöhnen zu lassen. Zu den reichlichen Portionen, die es bei den Bärmanns gibt, sagt der Koch: „Ich möchte nicht, daß ein Gast hungrig aus

Lithographie von Gütenbach und dem „Maierhof‘: entstanden um 1900. Unten die Gaststube in den 1950er Jahren. 337

gesellschaftliche Mittel­ punkt der kleinsten Ge­ meinde im Schwarzwald­ Baar-Kreis zu sein. Von den früheren „Wälder­ hochzeiten“ berichten die Eltern und Großeltern von Clemens Bärmann. Gehei­ ratet wurde damals diens­ tags und donnerstags, häu­ fig wurde ein Tag später noch nachgefeiert, weil nicht alle Gäste Platz hat­ ten. Zuerst ging man zur „Morgensuppe“, die bei den Eltern der Braut einge­ nommen wurde. Nach der Kirche begleitete die Mu­ sikkapelle die Festgesell­ schaft ins Wirtshaus. Dort angekommen, trugen sich alle Gäste in das Hoch­ zeitsgästebuch ein, da sie ihre Zeche selbst bezahlen mußten. So ein Hochzeits­ essen kostete zwischen 3,50 und 5,00 Mark. Vor dem Essen war der Suppentanz. Getafelt wurde mit Mittag­ essen, Kaffee und Kuchen, abends Braten und Spätzle Der „Maierhof“ und Giitenbach, eins/ befand sich in dem Gasthaus und um 22.00 Uhr noch Aufschnitt. An der Hoch- auch eine Bierbrauerei. zeitstafel gab es kein Bier, die Männer gingen deshalb am Nachmittag in ein anderes Gasthaus, man sagte, ,,sie gin­ gen ins Bier“. Erst in den 1960er Jahren wur­ den die eingeladenen Gäste freigehalten und das Hochzeitsgästebuch wurde nicht mehr gebraucht. Aus der Chronik des „Maierhofs“ läßt sich folgendes berichten: Das Haus wurde 1830 erbaut und von Roman Maier (Bierbrauer) 1873 erworben. Roman Maier ist der Großvater des heutigen Besitzers Clemens Bärmann, er war es auch, der das „Bierhüs­ li“ in „Maierhof“ umbenannte. Um die dem Lokal geht. Natürlich sind die Portio­ nen bei einem mehrgängigen Menü kleiner gehalten, aber auf dem Teller suchen muß man sie deswegen nicht.“ Für große Feste können die Wirtsleute bis 250 Personen in dem geräumigen Saal un­ terbringen, der besonders bei Hochzeiten und anderen Festivitäten gerne in Anspruch genommen wird. Neben der Atmosphäre im Wirtshaus, der freundlichen Bedienung und guten Küche, ist auch dieser Saal seit eh und je ein Garant dafür, daß der „Maierhof“ für sich in Anspruch nehmen kann, auch der 338

„Maierhof“ – GOtenbach Sonntag, den 2. Januar 1921 � === Theater-Abend==== veranstaltet vom Reichsbund der Kriegsbeschldi8f.en Ortsgruppe Furtwangen ,,fiubertus“ Scbntpitl la 4 A1lftlto no Robtr1: Onrwq. Spitll1ita1g: O.rl Oortr. Kottl·•: S.uewtb1t-Ml1-… :..:.“=;..,;=•‘–=““=‘ IL Pltlt IIL S.- PNise d“ Pl“‚e· 1. Pl•t• 111t. ,.- ) Sltbpl11J llt. 2.- K … u.01r6faao9 6 Ubr. tluellL St- Anlt19 patt 7 Ullf, Der „Maierhof‘ ist seit jeher ein geseUscheftlicher und kultureller Mittelpunkt Gütenbachs. Die Foto­ grafie links düifte eine der ältesten sein, die es von Gütenbach gibt, sie zeigt das Gasthaus im Jahr 1875 und wurde von F Hummel aufgenommen. Rechts die Ankündigung eines Theaterabends. Jahrhundertwende erweiterte er das Gast­ haus mit einem Saalanbau. Sein Nachfolger Alfred Maier ließ 1925 eine T heaterbühne an den Saal anbauen. Bier wurde nur bis 1914 im „Maierhof“ gebraut, Limonade und Mineralwasser stellte man bis 1950 her. In diesem Jahr übernahm Zita Bärmann ge­ borene Maier (die Tochter von Alfred Mai­ er} den „Maierhof“. Seit 1984 betreibt Sohn Clemens Bärmann mit seiner Frau Ulrike das renommierte Gasthaus. Zu den prominentesten Gästen der heuti­ gen Zeit zählt die Fernsehfamilie, „Die Fal­ lers“. Bei den Dreharbeiten im Februar und März 1996 hat Clemens Bärmann täglich für die Fernsehcrew gekocht. „Das war eine gute Sache für uns“, berichtet er. Sabine Schnerring 339

Ein Schonacher Berggeist: August Kaiser Vor 37 Jahren eröffnete er das „Berghüsli“ An der Aussicht allein kann es nicht liegen, daß Tag für Tag Hungrige, Durstige und Kaf­ fee-Lüsterne den steilen Anstieg, auch eini­ ge Kilometer Wanderung nicht scheuen, um zum „Berghüsli“ in Schonach zu gelangen. Es wird auch die gutbürgerliche Speisekarte allein nicht sein, die dem Cafe-Restaurant den Zulauf beschert, von dem andere Be­ triebe in der Umgebung gern träumen. Liegt es am „Berggeist“, den der Senior-Wirt Au­ gust Kaiser seit den 60er Jahren eigens für sein Haus brennen läßt? Oder ist es eher der (Berg)-Geist, der in diesem Haus herrscht, der Einheimische und Stammgäste unter den Touristen immer wieder nach oben treibt? Den Geist des Hauses verkörpert August Kaiser. Als gebürtiger Schonacher ist ihm Müßiggang zuwider, humorvoll wandelt er auf Optimismuspfaden. Kein Wunder, wenn sich so mancher Gast anstecken läßt und ihm unbesehen glaubt, daß die Felsen hinter seinem Haus eben die „Kaiserfelsen“ sind. Weitblick, den will der Senior-Wirt im doppelten Sinne: Wer im „Berghüsli“ einen der begehrten Fensterplätze erwischt, hat ei­ nen herrlichen Blick über Schonach hinweg hinüber zum Winterberg. ,,Als ich dieses Haus hier baute, konnte ich direkt ins Dorf gucken und auf den Kirchturm“, sagt August Kaiser. Das ist schon einige Zeit her. Damals bewies er inneren Weitblick: August Kaiser suchte nach dem Zweiten Weltkrieg für sich und seine Familie eine Existenz, die Heimat zugleich sein sollte. Nach der Währungsre­ form kaufte er das Grundstück oberhalb Schonachs. ,,Damals war es hier noch nicht so besiedelt“. Kaiser baute in Eigenarbeit ein Einfamilienhaus und richtete einen Holzbetrieb ein. Er fertigte Kuckucks­ pfeifen. Das Geschäft lief zwar, es wurde ei- 340 nc Werkstatt angebaut, doch Kaiser hatte andere Pläne. Schonach hatte in den fünfzi­ ger Jahren als Fremdenverkehrsort schon ei­ nen Namen, ein Cafe hätte Zukunft, also wurde das Haus umgebaut. 40 Plätze hatte das „Berghüsli“. W ährend August Kaiser die äußeren Voraussetzungen für das künftige Cafe sicherte, erwarb Ehefrau Henny das ga­ stronomische Rüstzeug als künftige Wirtin in einem Hotel in Reit im Winkel. Ab dem 1. Mai 1959 hatte Schonach eine Attraktion mehr: das „Berghüsli“ wurde eröffnet und fand sofort Anklang. August Kaiser erinnert sich: ,,60 Pfennige kostete ei­ ne Tasse Kaffee und unsere Karte war klein.“ An Getränken führte man neben Kaffee, Tee und Kakao Starkbier, Lagerbier, Limo, Na­ tursprudel, Cola und Libella. Die Speisen, von der Wirtin gerichtet, waren: Wurstbrot, Schinkenbrot und Wurstsalat. Der Kuchen wurde und wird auch heute noch selbst ge­ backen. Bald war die Gaststube zu klein, man baute um, erv,eiterte. Heute haben 120 Gäste Platz und die Karte ist wesentlich er­ weitert. In der Küche arbeitet nach wie vor die Seniorwirtin. Und da der Sohn Peter in­ zwischen das Haus übernommen hat, ist auch die Schwiegertochter in der Küche tätig. ,,Das ist ein Familienbetrieb“, freut sich August Kaiser. Und der Enkel Timo läßt auf ein Weiterbestehen des Betriebes hof­ fen: er lernt zur Zeit Koch. Zurück zum „Berggeist“. Der in Flaschen gefüllte hat so manchen Gast zum Wieder­ kommen veranlaßt und zu kreativem Tun angeregt. Davon zeugt das Gästebuch. Die Jakob-Sisters waren zu Gast, Erich Bölcke, der lange Zeit das Philharmonische Orche­ ster in Tokio geführt hat, auch Gung Sook Cho und einige andere Koreaner. Einen Gast aber wird August Kaiser nicht so schnell vergessen. Er verhalf nicht nur sei-

Das „Berghiisli“ in Sd,onach, der dort ausgeschenkte „Berggeist“ und August Kaiser fanden sich in den sechziger Jahren unversehens wieder in einem „Wastl“-Comic. Zwei dieser Hefte hütet der Schonacher Wirt wie seine Augäpfel. nem Haus, sondern ganz Schonach zu einer gewissen Berühmtheit. In den sechziger Jahren gab der Bastei­ Verlag aus Bergisch-Gladbach die „Wastl“-Hefte heraus. Und in einem dieser Hefte waren Wastl und seine J Freunde Kuckucksuhrendieben auf der Spur und kamen überTitisee und St. Georgen auch nach Triberg und in die „Kuckucksuhrenstadt“ Schonach. Da muß der „Berggeist“ von August Kaiser kräftig mitgespielt haben, den der Comic-Zeichner bei ihm genoß. Auch das „Berghüsli“ wurde zeichne­ risch verewigt. ,,Im Nu waren alle Wastl-Hef­ te damals ausverkauft“, erinnert sich August Kaiser, ,,die letzten sieben Hefte habe ich am BahnhofVillingen gekauft.“ August Kaiser ist ein zufriedener Mensch. Er hat sein Leben lang geschafft und wird auch weiterhin arbeiten. Darin sieht er die Grundlage für Glück und Zufriedenheit. Dennoch: ,,Ein rechter Wirt darf das, was er tut, nicht als Arbeit ansehen, sondern als Hobby“, sagt er, vergißt aber auch nicht sei­ ne 73jährige Frau, für die das all die Jahre 341

Das Ziel vieler Auiflügler, das Schonacher „Berghüsli“. kein Zuckerschlecken war. ,,Ich habe das al­ les keine Minute bereut.“ Und dabei hatte er kaum Freizeit. Nur einmal im Jahr überläßt er das „Berghüsli“ der Familie: zur Fasnet. Seit 33 Jahren sitzt er im Elferrat der Scho­ nacher Narrenzunft der Geißenmeckerer und Geißenmägd. Auch die Narrenzeitung gehört zu seinem Wirkungskreis. Und so manchem jungen Gast kommt die Stimme sehr bekannt vor. Kaiser war auch jahrelang als Nikolaus sehr erfolgreich. Soviel Heimatliebe hat auch noch andere Auswirkungen: Im April 1980 kam das Tri­ berger Wörterbuch von Oskar Fleig heraus, an dem August Kaiser maßgeblich beteiligt war. Zur Freude des Autorenteams entdeck­ te er, daß die Gremmelsbacher und Scho­ nacher ähnliche Dialekt-Begriffe und ande­ re als die Triberger haben. Das, so schluß­ folgert August Kaiser, komme daher, daß Triberg durch den internationalen Gäste­ strom um die Jahrhundertwende von außen beeinAußt wurde, während die ländlichen Orte davon unberührt blieben. Nein, nur der Aussicht wegen kommen auch die Schonacher nicht ins „Berghüsli“. Neben Küche und Keller ist es wohl vor al­ lem August Kaiser und seine Lebensphilo­ sophie ein Magnet. Einer seiner Grundsätze lautet übrigens: ,,Ärgern ist Energiever­ schwendung.“ Renale Bökenkamp 342

Sport Willi Müller eine lebende Legende Einer der erfolgreichsten deutschen Gewichtheber kommt aus Fischbach Willi Müller – in Gewichtheber- und Kraft­ dreikampfkreisen kennt diesen Namen je­ der. Als „Rekord-Willi“ ist er weithin be­ kannt, und wären das Gewichtheben und der Kraftdreikampf keine „Randsportarten“, Willi Müller würde Weltruhm genießen. Seine Erfolge lesen sich wie ein Märchen­ buch: Bei den Gewichthebern war Willi Müller ein „Spätstarter“, denn er kam erst im Alter von 18 Jahren mit der Hantel in Berührung, das war 1957. Doch bereits in den Jahren 1959 und 1960 wurde er in der Klasse bis 82,5 kg Deutscher Juniorenmeister, und 1968 errang er in der Klasse bis 90 kg bei den Aktiven den Deutschen Meistertitel. Zehn Jahre lang war Willi Müller bei den Deut­ schen Gewichthebermeisterschaften immer unter den ersten drei zu finden. Zirka 20 Deutsche Rekorde und rund 120 Landesre­ korde hat Müller in dieser Zeit in den Klas­ sen bis 82,5 kg, 90 kg und 110 kg aufgestellt. Die Klasse bis 100 kg wurde erst 1972 ein­ geführt. Seine weitaus größten Erfolge errang Mül­ ler aber in seiner zweiten Karriere, als Seni­ or, in seiner neuen Disziplin dem Kraftdrei­ kampf, bestehend aus dem „Bankdrücken“, dem „Kreuzheben“ und der „Kniebeuge“. Vier Weltmeistertitel, sechs Europameister­ titel, sieben Deutsche Meistertitel, ein drit­ ter Platz bei der jüngsten Weltmeisterschaft 1995, und im Alter von 54 Jahren Deutscher Meister im Kreuzheben sowie ein 3. Platz bei den Deutschen Meisterschaften im Kraftdreikampf bei den Aktiven sprechen Bände. Der am 22. Juni 1939 in Fischbach geborene Ausnahmeathlet hat in dieser Zeit als Senior in der Klasse bis 100 kg 15 bis 20 Weltrekorde aufgestellt, in der Klasse bis 100 kg und 110 kg waren es 25 bis 30 Deutsche Rekorde. Hinzu kommen für Müller viele schöne Erfolge als Trainer. 1987 wurde er als Trainer des SV Flözlingen zum besten Trainer in Baden-Württemberg gewählt, in seiner 17jährigen Trainerlaufbahn konnte er mit seinen Schützlingen tolle Erfolge erzielen. Viele Landesmeister im Jugendbereich ka­ men aus seiner Schule, einmal reichte es mit Flözlingen im „Konzert der Großen“ sogar zum dritten Platz bei den Deutschen Ju­ gendmannschaftsmeisterschaften und zum 2. Platz bei den Deutschen Juniorenmann­ schaftsmeisterschaften. Viele schöne Erfolge in den Einzeldisziplinen seiner Schützlin­ gen kamen hinzu. Mehrere Deutsche Vize­ meistertitel und dritte Plätze erreichte Mül­ ler in seiner Trainerlaufbahn, den SV Flöz­ lingen führte er in die Gewichtheber-Ober­ liga, stolz ist er besonders auch auf die Erfolge von Sohn Reiner auf nationaler Ebe­ ne im Jugend- und Juniorenbereich. Und auf eines ist Müller ebenfalls stolz: al­ le seine Erfolge, ob als Aktiver, Senior oder Trainer, wurden ohne Pillen und Hilfsmittel erreicht. Stets war Willi Müller einer derje­ nigen, der sich für strenge Dopingkontrol­ len einsetzte. Sicher ist es kein Zufall, daß Müller immer erfolgreicher wurde, je stren­ ger die Dopingkontrollen wurden. Doch auch im Mißerfolg war Müller immer sport­ lich fair, daher war und ist er auch bei seinen Gegnern, und natürlich seinen vielen Fans, gleichermaßen beliebt. Um die Sportlerlaufbahn von Willi Müller und seine vielen Erfolge richtig bewerten zu können, muß man seinen Lebensweg ken- 343

Willi Miiller nen. Müllers große Vorbilder waren Juri Wlasow, der 1960 Olympiasieger wurde, so­ wie der Amerikaner Tommy Kono, der zwei­ malige Olympiasieger. Als Willi Müller 1957 als 18jähriger seine Liebe zum Kraft­ sport entdeckte, konnte er noch nicht ah­ nen, daß ihn diese Liebe bis fast ins „Ren­ tenalter“ begleiten würde. Unglaublich, daß er bereits 1959 und 1960 Deutscher Juni­ orenmeister wurde, 1962 stellte er seinen er­ sten Deutschen Rekord auf. In den folgen­ den Jahren, außer 1967, wo er am Blind­ darm operiert wurde, fehlte er bei keiner Deutschen Meisterschaft und stand immer auf dem Treppchen, 1968 sogar ganz oben. Im Mittelschwergewicht erreichte er 150 kg im Drücken, 179 kg im Stoßen und 145 kg im Reißen. Mit seiner Klasseleistung lag er damals im Stoßen nur noch II kg unter dem damaligen Weltrekord. 1968 war aber nicht nur ein Jahr der großen Erfolge fur Willi Müller, nein, es war auch das Jahr der wohl bittersten Enttäu- schung fur ihn. Der erhoffte Lohn seiner Mühen blieb aus. Er wurde um die Fahrkar­ te zu den Olympischen Spielen in Mexiko betrogen. Er mußte damals die schmerzliche Erfahrung machen, daß ihm ein anderer, mit besserer Lobby, nicht aber mit besseren Leistungen, vorgezogen wurde. Eine Praxis, die leider auch heute noch allzuoft ihre Gül­ tigkeit hat. Trotzdem gab Willi Müller, sei­ nem Naturell entsprechend, nie auf. Ab 1970 startete er dann in der Kategorie bis 110 kg, stets sein Traumziel, Olympia, vor Augen. Durch beständiges Training konnte er seine Leistungen immer mehr stei­ gern. Willi Müller brachte es im Drücken auf beachtliche 173 kg, seine Bestmarke im Reißen schraubte er auf 156 kg, im Stoßen erreichte er gar 196 kg. An der magischen 200 kg-Schallmauer scheiterte er nur knapp. Mit diesen Leistungen war er fur Olympia 1972 im eigenen Land auf Medaillenkurs. Doch es wäre zu schön gewesen, um wahr zu sein: Ein Jahr vor den Spielen mußte er we- 344

gen einer Arthrose im Schultergelenk aufge­ ben. Nach diesem neuerlichen Schicksals­ schlag verabschiedete sich Willi Müller vom Leistungssport, verließ seinen damaligen Verein Fellbach, die Stätte seiner größten Er­ folge, und kehrte in seine Heimat Fischbach zurück. 1973 heiratete Willi Müller seine Frau Wal­ traud, mit der er zwei Töchter und einen Sohn hat, den ebenfalls vom Gewichtheben begeisterten Reiner Müller. Im gleichen Jahr gründete Willi Müller als gelernter Maurer ein Baugeschäft und baute ein Eigenheim in Fischbach. Obwohl ihn sein Geschäft und seine Familie sehr in Anspruch nahmen, ließ ihn das Gewichtheben nicht los. Die Er­ innerungen an die zum Teil herben Enttäu­ schungen verblaßten, die positiven Stun­ den, die ihm der Sport gegeben hatte, stan­ den wieder im Vordergrund. Seine ganzen Erfolge hatte Willi Müller noch mit der Aus­ falltechnik errungen. Heute, mit viel mo­ derneren Trainingsmethoden und neuer Technik, sind seine Rekorde zwar überholt, den „Spitznamen“ ,,Rekord-Willi“ hat er je­ doch beibehalten. Von 1976 bis 1993 hat Willi Müller im benachbarten Flözlingen wieder eine Gewichthebermannschaft auf­ gebaut, die vielen Erfolge mit dem SV Flöz­ lingen hat Willi Müller alle mit „Eigenge­ wächsen“ erreicht, worauf er sehr stolz ist. Durch sein ehrenamtliches Engagement als Vereinstrainer hatte er zwar immer ein bißchen mittrainiert, so richtig „gepackt“ hat es ihn aber erst wieder 1983. Seine neue Liebe galt nun dem Kraftdreikampf. Bei den baden-württembergischen Meisterschaften überzeugte er mit guten 217,5 kg bei der Kniebeuge, 125 kg beim Bankdrücken und 260 kg in seiner Paradedisziplin, dem Kreuz­ heben, wo er in den folgenden Jahren einen Rekord nach dem anderen „purzeln“ ließ. Erneut packte Willi Müller der Ehrgeiz, er intensivierte sein Training und errang Erfolg um Erfolg und machte seinem Namen als ,,Rekord-Willi“ alle Ehre. Heute stehen sei­ ne Bestleistungen in den Kraftdreikampf- disziplinen auf 162,5 kg im Bankdrücken, 282,5 kg bei der Kniebeuge und 320,5 kg im Kreuzheben, wo er noch immer amtierender Weltrekordinhaber ist. Willi Müller, der in jungen Jahren bei Schnee stets mit Skiern von Fischbach nach Flözlingen durchs dunkle Teufental fuhr und dort wie besessen in einer Halle trai­ nierte, die mit schlechter Heizung ausge­ stattet war und in der mitunter die Finger an der Hantel angefroren sind, der im Kreuz­ heben noch nie einen Wettkampf verloren hat, selbst nicht gegen die jungen Athleten, hat wie schon gesagt alle seine großen Er­ folge ohne jeglichen „Stoff“ errungen. Und wer Willi kennt, weiß daß er diese Aussage als bare Münze nehmen kann, denn Willi Müller hielt mit seiner Meinung nie hinter dem Berg. Nicht, daß er Sportfreunde, die vom „Stoff“ nicht lassen können, von Grund auf verurteilt, aber billigen kann er diese Einstellung nicht. Er appelliert daher an alle, die Leistung nicht über Medika­ mente, sondern über das Training zu su­ chen. Und daß dies möglich ist, auch im fortge­ schrittenen Alter, dafür ist Willi Müller der lebende Beweis. Sein Doping ist ein gesun­ des Leben und eine intakte Familie, allen voran seine Frau, die ihn unterstützt, wo es nur geht und uneingeschränktes Vertrauen für ihren sportbesessenen Mann aufbringt. Waltraud Müller ist Willi Müllers größter Fan. Sie feiert mit ihm, wenn es schöne Er­ folge zu feiern gibt, sie steht ihm aber auch an weniger erfolgreichen Tagen zur Seite. Seit 22 Jahren trainiert Willi Müller im ei­ genen Trainingsraum in seinem Haus, un­ zählige Wettkämpfe hat er in dieser Zeit be­ stritten, darunter auch viele Länderkämpfe und Turniere. Unvergessen sind bei ihm der Aufstieg mit Flözlingen in die Gewichthe­ ber-Oberliga, seine vielen Bundesligakämp­ fe mit dem SV Fellbach und der mit Fell­ bach errungene 3. Platz bei den Deutschen Mannschaftsmeisterschaften. Seine bis heu­ te vorhandene Fairness und Kameradschaft 345

hat ihm in Fellbach einst den Titel des ersten sportlichen Vorbildes eingebracht. 1990 wurde er zum Sportler des Jahres im Kraft­ dreikampf in Baden-Württemberg gewählt und 1994 zum „Sportler des Jahres“ im Schwarzwald-Baar-Kreis. Erfolge, die in ei­ ner Randsportart sehr selten sind. Seine Bestleistung im Kraftdreikampf steht derzeit bei 755 kg, und wenn es die Ge­ sundheit zuläßt, dann wird Willi Müller, der momentan mit einigen Verletzungsproble­ men zu kämpfen hat, auch künftig noch bei Baden-Württembergischen, Deutschen-, Eu­ ropa- und Weltmeisterschaften an den Start gehen. Es ist also durchaus möglich, daß man auch in den kommenden Jahren von Willi Müller im Kraftdreikampf ähnliche große Taten vernimmt, wie er sie in den zurückliegenden Jahren in der ganzen Welt, von Australien über Ungarn, Kanada, Ruß­ land, Tschechien, Spanien und Schweden erreicht hat. Im übrigen hat Willi Müller alle diese Fahrten selbst bezahlt, denn bei einer Sport­ art, die nicht im Rampenlicht steht, da feh­ len auch die Sponsoren. Nichtsdestotrotz kann man Willi Müller mit seiner Einstel­ lung zum Sport, seinem Trainingsfleiß, sei­ ner Kameradschaft und sportlichen Fairness nur als leuchtendes Vorbild für den Sport allgemein und für die Jugend bezeichnen. Man kann nur hoffen, daß er als Kraftdrei­ kämpfer noch lange aktiv sein kann, auch wenn es jedes Jahr schwerer wird, immer neue Höchstleistungen zu bringen. Doch auch wenn sich Willi Müller eines Tages nicht mehr steigern kann und er sich nicht mehr selbst übertreffen kann, eines wird bleiben: sein Name als „Rekord-Willi“. Albert Bantle Martin Roth sprintet in die Bestenliste Der Sportler aus Fischbach ein hoffnungsvolles Nachwuchstalent Den Namen Martin Roth aus Fischbach wird man sich in der Leichtathletik merken müssen. 1995 nimmt der am 17. Januar 1979 geborene Nachwuchssportler im 100-m­ Sprint in der Bestenliste des Deutschen Leichtathletikverbandes der B-Jugend, das sind die 16 und l 7jährigen, mit 10,86 sec. den 2. Platz ein. Nur Thomas Sonnenkalb aus Leipzig mit 10,65 sec. war 1995 schnel­ ler als das Fischbacher Nachwuchstalent, das sogar schon einmal 10,81 sec. gelaufen ist, allerdings bei zu starkem Rückenwind. Fünf Tage in der Woche, je zwei Stunden am Tag, hat Roth für das intensive Training in Königsfeld, wo er die Zinzendorfschule besucht, in Rottweil und zum Kadertraining in Sindelfingen reserviert. Dieses Pensum schafft Roth nur dank der Unterstützung seiner Eltern Klaus und Rita Roth, die den Fahrdienst übernommen haben. Aufgrund der jüngsten Erfolge und einer Neugliederung im DLV kann Roth ab 1996 jedoch darauf hoffen, künftig wenigstens das Fahrgeld zu erhalten. Seit 1989 betreibt Martin Roth, der von seinem Lehrer und Trainer Stefan Diesel vom TUS Königsfeld entdeckt wurde, Leichtathletik. 1995 liest sich die sportliche Erfolgsleiter des Nachwuchssprinters wie folgt: Sieger bei den badischen Hallenmeisterschaften im 60-m-Sprint mit 7,24 sec. Sieger bei einem Einlagerenncn im Rahmen des Internatio­ nalen Hallenmeetings in Karlsruhe in 7,21 sec. über 60 m. Sieger bei den Badischen A­ Jugendmeisterschaften in Karlsruhe über 200 m in 22,05 sec. und Vizemeister beim 346

100-m-Sprint in 11,08 sec. bei der gleichen Veranstaltung. Die Badischen B-Jugendmei­ sterschaften in Weinheim gewann Roth in 11,03 sec. Herausragend auch sein 4. Platz als Ju­ gendlicher bei den Baden-Württembergi­ schen Meisterschaften in Pliezhausen in 11,14 sec. auf der 100-m-Strecke. Pech hatte Martin Roth bei den Deutschen B-Jugend­ meisterschaften in Rhede, wo er zunächst die zweitbeste Tageszeit überhaupt erreich­ te, im Zwischenlauf jedoch scheiterte, weil der Startblock verrutscht war. Mit der Baden-Württembergischen B-Ju­ gend-Auswahlmannschaft belegte Roth bei einem Länderkampf in Alberville in Frank­ reich einen 2. Platz. Gewonnen wurde von Roth bei drei Starts auch der IBM-Sprint­ cup. Trotz der vielen Erfolge wird der von der „Gruppe 3″ in V illingen gesponsorte und in den D/C-Kader des DLV aufgestiegene Ath­ let auf keinen Fall „abheben“. Er weiß zu gut, wie kurzlebig im Sport vor allem bei Verletzungspech Erfolge sein können. Des­ halb vernachlässigt er trotz seiner ins Auge gefaßten Sportlerkarriere die Schule nicht. Erst wenn das Abitur unter Dach und Fach ist, will er sich weitere Gedanken darüber machen, wie es mit der sportlichen Lauf­ bahn weitergehen soll. Hat man erst einmal einen Leistungsstand wie Martin Roth er­ reicht, dann erfordert es viel Aufwand und Energie, um sich auch nur ein Zehntel zu verbessern. Sollte es jedoch so laufen, wie es sich der ehrgeizige Martin Roth erhofft, könnte er schon bald in der nationalen Spitze dabei sein, von den internationalen Möglichkei­ ten will Roth im Augenblick noch nichts wissen, immerhin liegt der Weltrekord bei den Aktiven über 100 m derzeit bei 9,85 sec. Um in solche Bereiche zu kommen, müßte er sich also noch um eine ganze Sekunde verbessern und das ist sehr viel. Mit dem nötigen Qyentchen Glück, das im Sport einfach dazu gehört, trauen Ex- An einen Platz auf dem Siegerpodest ist Martin Roth längst gewohnt. Unser Bild entstand bei ei­ ne,n „Meeting 1995″ in Karlsruhe. perten dem hoffnungsvollen Talent jedoch auch eines Tages den Sprung in die interna­ tionale Spitzenklasse zu. Albert Bantle 347

Ein Weltmeister aus Vöhrenbach Sascha Schneider erhält Ehrenplakette des Karate-Bundes Bei den Deutschen und Baden Württem­ bergischen Meisterschaften des Jahres 1996 im Karate, deklassierte der Vöhrenbacher Sascha Schneider die Konkurrenz in allen Disziplinen. Bei den Deutschen Meister­ schaften in Rastede/Norddeutschland ge­ wann Schneider drei nationale Titel. Die Baden-Württembergischen-Meisterschaften hätte man getrost auch „Schneider-Kämpfe“ nennen können. Der 20jährige Shintaikan siegte in allen fünf Disziplinen und zwar: Kata Einzel und im Kumite Einzel in der Gewichtsklasse bis 75 Kilogramm, im Ku­ mite Einzel Allkategorie, in der Kata Mann­ schaft sowie auch in der Kumite Mann­ schaft. Wegen seiner in der Deutschen Karatesze­ ne einmaligen Vielseitigkeit wurde ihm die Goldene Ehrenplakette des Deutschen Ka­ ratebundes überreicht. Bisher schaffte es noch kein Deutscher Karateka in beiden Disziplinen Kata (Kür) und im Kurnite (Frei­ kampf) alle Meisterschaften eines Wettbe­ werbes zu gewinnen. Sein Trainer Nino Fa­ randa vergleicht dies mit einem Leichtathle­ ten, der im Sprint und Langstreckenlauf gleichzeitig Weltklasse wäre. im Gespräch betont der sympatische Vöh­ renbacher, daß dies aber alles nur der Lohn mühsamen und harten Trainings ist. Wie er erzählt, trainiert er vor Wettkämpfen zwei­ mal täglich, was ca. 25 Stunden Wochen­ training entspricht. Morgens steht stets Jog­ gen auf dem Programm und mittags geht es zum Kraft- und Techniktraining in die „Fol­ terkammer“. Im Moment bereitet sich der Soldat der Sportfördergruppe auf die Mi­ litär-Europameisterschaft vor. Es macht sichtlich Spaß, sich mit Schnei­ der über seinen geliebten Sport zu unter­ halten. Auf die Frage, wie denn nun die Techniken heißen, mit denen er gegen seine 348 Gegner die entscheidenden Punkte macht, antwortet er mit japanischen Fachbegriffen wie „Kiai“, dem Kampferöffnungsschrei, oder „Mawashi Geri“, was in der deutschen Übersetzung soviel wie Rundbogenschlag des Fußes zum Kopf bedeutet. Auf die ge­ naue Übersetzung kommt es beim Karate­ sport auch gar nicht an. Die Technik der Ka­ ratekämpfer ist ausschlaggebend für die Punktzahl und somit für die Erfolge. Sau­ bere Beinarbeit, fester Stand, tiefe Atmung aus dem Bauch heraus und natürlich die Fähigkeit, den Gegner so schnell anzugrei­ fen, damit er keine Chance zum Kontern hat. Die hohe Schule ist dabei, den Schlag unmittelbar vor dem Körper abzustoppen, um somit dem Gegner kein Haar zu krüm­ men. Ein neues Körperbewußtsein für Distanz, Genauigkeit, Beweglichkeit, Schnelligkeit, Spannung und Entspannung wird ent­ wickelt. Der verantwortungsvolle Umgang miteinander, Rücksichtsnahme und Diszi­ plin sind traditionelle ethische Inhalte des Karatesports. Motivation der meisten An­ fänger Karate zu erlernen, ist der Aspekt der Selbstverteidigung, wie Schneider betont. Sich waffenlos mit effektiven Karatetechni­ ken verteidigen zu können, begeistert ein­ fach. Wie Schneider sagt, hat das Erlernen von Karate mehrere Vorteile wie z.B. Fit­ neß, Körperbeherrschung und Konzentra­ tion. Die erlernten und geübten Techniken stärken das Selbsrvertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Die eigene Angst überwinden und selbstbewußt in bedrohlichen Situatio­ nen reagieren zu können, ist oft von ent­ scheidendem psychischem Vorteil. In seiner Entwicklungsgeschichte war Ka­ rate immer mit meditativen Aspekten ver­ knüpft. Die Fähigkeiten, sich auf sein Inne­ res zu konzentrieren, ist auch heute noch im

r Sascha Sdmeider, zweiter von links, bei einem Weukampf sportlichen Karate ein wichtiger Lerninhalt. Die durch verschiedene Meditationstechni­ ken erreichte Stärkung von Körper und Geist wirkt sich im Sport und Alltagsleben aus. Schneider, der übrigens im Alter von 11 Jahren durch seine Cousine Simone Fink zum Karatesport kam, bedauert es mit Blick auf die Olympiade in Atlanta sehr, daß ge­ rade seine Sportart nicht olympisch ist. Wie er betont, hegt er aber die Hoffnung, daß sie es vielleicht bis zu Olympia 2000 in Sydney ist, obwohl er nicht recht daran glauben mag. Einmal Edelmetall bei Olympia, wäre sicherlich noch das einzige, was in seiner großen Sammlung an Medaillen und Poka­ len noch fehlen würde. Beim Aufzählen seiner größten Erfolge muß er des öfteren in seinen Kampfbüchern nachschauen, wieviele Titel er eigentlich schon gewonnen hat. Er wurde 1995 in Sun- derland (England) Weltmeister, wurde sechs­ mal World Cup-Sieger, neunmal Deutscher Meister, zweimal internationaler finnischer Meister, war Sieger der Pan Amerikanischen Meisterschaften in Curacao sowie zweifa­ cher Silber und dreifacher Bronze Medail­ lengewinner bei der Europameisterschaft. Nach kurzem Überlegen, schiebt der ,,Schwarzwälder Sportler des Jahres 1993″ ganz bescheiden nach: ,,Ach ich bin ja auch noch 24facher Baden-Württembergischer­ Meister.“ Im Moment ist sein großes Ziel mit seinem Club Shintaikan Villingen den Aufstieg in die Karate-Bundesliga zu schaf­ fen. Wie von ihm zu hören, wären aber all die­ se Erfolge nie möglich gewesen, wenn er nicht sehr große Unterstützung erfahren hätte. An erster Stelle steht hier sein Vater Rainer Schneider, der über Jahre hinweg stets da war, wenn es darum ging, Sascha zu 349

irgendwelchen Wettkämpfen und Trainings­ lagern zu fahren. Extra zu diesem Zweck schaffte sich Rainer Schneider einen Kom­ biwagen an, damit Sascha schlafen kann, während ihn sein Vater ans Ziel fährt. Eben­ falls großen Anteil haben seine Großeltern, die ihm immer hilfreich zur Seite stehen. Sie waren es auch, die ihm Wohnhaus in der Hagenreute einen optimal ausgestatteten Trainingsraum eingerichtet haben. Deswei­ teren natürlich seine sportlichen Förderer wie die Trainer Faranda, Birdüzer, Dietl und Bundestrainer Mohr, um nur einige zu nen­ nen. Mohr war es auch, der Schneider 1992 erst­ mals in die Nationalmannschaft berief. Da­ bei verfehlte er bei seinem ersten interna­ tionalen Wettkampf in Wales 1992 als zwei­ ter nur knapp den Sieg. Um all diese Erfolge zu haben, muß der junge Sportler auf viele Dinge, die für Ju­ gendliche in ihrer Freizeit selbstverständlich sind, verzichten. Heißt es doch die tägli­ chenTrainingseinheiten nicht zu versäumen. Dafür muß man Schneider bewundern, denn nicht immer ist die Motivation gleich gut, um konstante Leistungen hervorzu­ bringen. Sascha Schneider ist trotz aller Er­ folge menschlich bescheiden geblieben. Dies zeigt sich auch daran, daß, wenn es sei­ ne Zeit zuläßt, er die Jugendlichen seines Vereines trainiert, was bei diesen natürlich einen unheimlichen Motivationsschub aus­ löst. Ist es doch nicht alltäglich, mit einem Weltmeister trainieren zu können. Auf die Frage, ob bei all diesen sportlichen Höhe­ punkten nicht die Gefahr besteht, daß ei­ nem die Erfolge zu Kopf steigen, antwortet er, das passiert bei Karate wohl kaum. Hin­ ter diesem Kampfsport steckt bekanntlich eine Lebensphilosophie, die zur Beschei­ denheit anhält. Die Vöhrenbacher und sei­ ne Vereinskameraden von Shintaikan Vil­ lingen hoffen, daß Sascha Schneider so bleibt wie er ist. Bernhard Fritschi • • • Straßen Wege, Straßen, Autobahnen führen nach ÜBERALL hin, nur nicht die MENSCHEN zu-einander … 350 leeres Papier Leeres Papier viele unbeantwortete Briefe, Fragen Die Antworten versteckt irgendwo 111 mir … Bernhard Brommer

Lyrik der Heimat Schulwege Wer erinnert sich noch an die Gedanken, die ihm, als er das erste Mal allein zur Schu­ le mußte, durch den Kopf gingen? Ehrlich! Ich weiß sie noch. Und irgendwie scheinen sie schon damals, vor über 50 Jahren, zu meinem Wesen gepaßt zu haben, was auch der Grund sein mag, daß sie in veränderter Form immer bei Anfängen, und nicht ein­ mal nur da, wiederkehrten. Also, mich quäl­ te die Angst auf dem Weg, der nur knappe zehn Minuten dauerte, die Ahnung wurde ich nicht los, daß alle die, die von heute an meine Mitschüler sein würden, alles schon wußten, was ich erst noch würde lernen müssen. Sie konnten schon lesen, sie konn­ ten schon schreiben, sie konnten schon rechnen. Sie konnten zeichnen und malen. Und ich würde der Letzte, der Dümmste von allen sein. Und ich wußte nicht, wie sich das je würde ändern können, wann ich ihren Vorsprung würde aufholen können. Woher mir diese eingebildete Unfähigkeit zuwuchs, wußte ich damals genauso wenig, wie sie mir in der Zwischenzeit klar wurde oder heute klar wäre. Daran, daß mir von den Eltern die Dummheit eingeredet wor­ den wäre, entsinne ich mich nicht, sie wer­ den genauso wie alle anderen die Versu­ chung verspürt haben, ihre Kinder eher zu überschätzen. Was ich dann wirklich als er­ stes hätte wissen müssen, war nichts von al­ ledem, sondern wie man den Schulranzen unter der schrägen Fläche der Schulbank verstaut, doch da wurde das Rösle aus der zweiten Klasse aufgerufen, mir das zu zei­ gen. Danach ließ sich die ganze Sache nicht ungeschickt, ja mit „Rudirudirallalla“ und „Alle meine Entchen“ sogar recht freundlich an. Was machte man sich doch für Gedanken über den Unterricht, was schrieben sie schon über die Motivierung der Schüler, Erarbei­ tung und Sicherung des Stoffes, eine Gene­ ration von Pädagogen entwickelte Curricu­ la, dabei war für manche Lebensbereiche der Schulweg so entscheidend wie die Schule selbst. Über den Schulweg forscht und phi­ losophiert man eigentlich viel zu wenig, der wurde von der Wissenschaft vergessen, das Thema verkümmert zum Verkehrsunter­ richt, zum Kennenlernen von Regeln, Am­ peln und Schildern. Weite Schulwege gelten als nicht mehr zumutbar und werden oh­ nehin im Bus zurückgelegt. Und gemeinsa­ me Erlebnisse bleiben auf der Strecke, ge­ naugenommen nicht einmal mehr da. Denn, wo erfuhr man so viele Neuigkeiten wie auf dem Schulweg, wann politisierten wir je heftiger als im ersten Schuljahr, wann schlugen wir uns gegenseitig tiefere Wunden in die Seele? (Von der Streitkultur kannten wir nicht einmal das Wort.) Die Wunden aber – o Wunder – heilten wie eine leichte Schürfung an einem Kinderärmchen. Hof­ fentlich bei allen! Eine Kinderseele kann trotz aller Zartheit vieles ertragen. Man stelle sich einmal vor, man hätte Be­ rufskollegen, von denen man sich das bieten lassen müßte! Wir aber waren gleich wieder Freunde, vielmehr: blieben es, fanden je­ denfalls schnell wieder zueinander, ohne förmliche Abbitte, ohne „Verzeihung“ und „Entschuldigung!“ oder die Zurücknahme der Behauptungen. Wir gehörten zueinan­ der, mochten einander, halfen einander, lernten voneinander, verprügelten einander und wünschten uns im Ernst doch nichts Böses. Und mit welcher Herzlichkeit umar­ men wir uns heute beim Klassentreffen, das leider schon nie mehr vollzählig stattfinden kann! Aber wir stritten nicht nur. Wie war das Schlittenfahren in die Schule oder aus 351

der Schule schön, das „Schludern“ (Schlei­ fen) auf dem schneeglatten Weg, der noch nicht sofort gestreut wurde wie heute, oder auf einer schnell angelegten Rutschbahn! Wilde Wettrennen veranstalteten wir, Forel­ len fingen wir mit der Hand aus dem Bach, warfen mitleidlos Steine nach ihnen, Baum­ schwämme rissen wir ab für das Osterfeuer, jede Veränderung registrierten wir und sei es nur ein Stück eingebrochener Bachmauer oder die Anlage eines Brunnentrögleins – das war der Weg von und zur guten alten Volksschule. Es war der erste Schulweg! Der zweite führte zum Gymnasium. Bevor auch dort so etwas wie Routine aus dem Un­ terricht wurde, war er täglich ein sorgenvol­ ler Gang, und obwohl er doppelt so lang war wie der frühere, wünschte ich ihn mir länger, viel länger, drei Stunden weit oder mehr, über eine große Ebene hinweg oder durch finstere Schluchten, daß man den ganzen Vormittag brauchte, um die Schule mit ihren stumpfsinnigen Klassenzimmern (ich nehme es nicht zurück) zu erreichen, in de­ nen man sich nicht anders als ein armer Schlucker fühlen konnte, der Fragen aus­ weichen mußte, die er objektiv nicht beant­ worten konnte, oder fürchten mußte, eine Meinung zu äußern, die von den versam­ melten Mitschülern als derart hinterwälde­ risch empfunden wurde, daß sie einem höh­ nisch ins Wort fielen oder in wieherndes Gelächter ausbrachen. Da war auf dem Nachhauseweg am Mittag noch einiger Trost. Und noch einmal Schulweg!Jetzt zur Uni­ versität. Wieder weiß ich noch die Gedan­ ken des ersten Tages, und sie waren denen des Sechsjährigen nicht unähnlich. Die Sor­ ge war nicht kleinzukriegen, daß alle die Kommilitoninnen und Kommilitonen phi­ losophische Probleme brillant würden lösen können, nur ich nicht, sie würden sich in kühnen Theorien unbefangener bewegen können als ich; sie würden mit Sicherheit die klassischen Texte leichter übersetzen und genauer interpretieren können, mit mehr 352 Einfühlungsvermögen in vergangene Epo­ chen sich hineindenken und die geschichtli­ chen Fakten großen Zusammenhängen zu­ ordnen können, sie hätten überhaupt eine größere Auffassungsgabe, ein besseres Ge­ dächnis, weniger Examensangst, mit einem Wort; sie wären für das Studium befähigter und am Ende die größeren Wissenschaftler. Begegne ich heute wieder einmal dem göt­ ternahen Homer und dem genialen Aristo­ teles, der mir seine Erkenntnis zu lesen gibt, wonach alle Menschen von Natur aus nach dem Wissen streben (darüber habe ich bis heute meine Zweifel, er muß es in einem sehr philosophischen Sinn gemeint haben), dann erinnere ich mich an das Herzklopfen, das mich befiel, als ich das erstemal zwi­ schen ihnen hindurchging. Ein letztesmal Schulweg. Heute muß er mit dem Auto zurückgelegt werden, ein (Be­ rufs-) Leben lang, er führt nicht anders als bei allen zur täglichen Fron, er schenkt, wie er es eben kann, Abstand, der unschätzbar ist, und Nähe, die noch als solche empfun­ den wird. Und wenn nicht Eis und Schnee dräuen und die äußerste Aufmerksamkeit erfordert, so bleibt noch Zeit, die Gedanken zu ordnen, Einfalle zu registrieren, sich auf zu erwartende Schwierigkeiten einzustellen, Lösungen zu suchen, Ziele abzustecken, an Termine zu denken, ein System in den Tag zu bringen, sich allerlei vorzunehmen, zum Beispiel Fehler zu korrigieren, Mißverständ­ nisse zurechtzurücken, Vergessenes nachzu­ holen, Neues in Angriff zu nehmen, ein Momcntchen Freizeit für das Hobby unter­ zubringen, alles zusammengenommen ein Teil von „des Lebens ernstem Führen?“ Nachrichten und Pressestimmen lenken den Blick auf das Geschehen in der weiten Welt, meist sind sie geeignet, das Fürchten zu leh­ ren, Erfreuliches ist selten, danach die ge­ liebte klassische Musik aus dem Radio oder von der Kassette. Aber über alledem darf es nicht dazu kommen, daß ich das Empfin­ den für die schöne Heimat verliere, för die Mühe, die sich andere um sie machen, för

die Eingriffe der Menschen in die Land­ schaft heute und früher, für die Höfe, die Blumenwiesen, die gepflügten Äcker, die Dobel, die Viehherden, die Krähen, die Spinnweben am Straßenrand voll Tau, die Nebel, den Winterwald und alles, alles übri­ ge. Anders ist das Befinden auf dem Nach­ hauseweg. Ausgelaugt der Kopf, in Span- nung noch das Herz und die Nerven, schwächer die Stimme, Thomas Mann ge­ stand, und ich darfs auch, nach stunden­ langer geistiger Arbeit müde zu sein, und in vorgerückten Jahren schleicht sich häufiger die Frage ein, wann es für mich zum end­ gültig letztenmal der Schulweg sein wird. Karl Volk Aus der Mengenlehrezeit oder Elternfreuden „Ich habe es mir überlegt, ich gehe heute nicht in die Schule“, so sprach er mit der ganzen Autorität seiner sechs Jahre, wie er nach dem Aufstehen aus dem Kinderzim­ mer trat. ,,Weißt du, der Schnupfen kann schlimmer werden.“ Doch da kam er bei Mama schön an: ,,Ein Schnupfen kann sie­ ben Krankheiten abhalten, außerdem ist deiner schon lang wieder weg!“ Was blieb ihm da anderes übrig als zu tun, was er muß­ te: nach dem Frühstück seine Bücher und Hefte einzupacken und davonzutrotten? Und als er aus der Schule kam, hatte ich Ge­ legenheit, ihn das letzte Stück vor dem Haus zu beobachten. Entgegen seiner Gewohn­ heit kam er allein die Straße herunter, ohne seinen neuen Freund, mit dem er sonst in intensivem Gespräch seine Probleme erör­ terte, geradeaus auf den Boden schauend, selbst der Schaufellader, unter normalen Umständen etwas vom Interessantesten auf der Welt, konnte ihn heute nicht anziehen, auch an die Bachforellen, nach denen er sonst Ausschau zu halten pflegte, dachte er nicht. Ohne Gruß durchschritt er Hausflur und Wohnzimmertüre, seine Augen strahl­ ten nicht, von seinen neuen Erkenntnissen aus der Sachkunde und aus der Mengenleh­ re sollten wir heute -schien es -nichts er­ fahren. Wortlos warf er seinen Schulranzen auf das Sofa und setzte sich an den Tisch. „Was ist? Habt ihr euch gestritten? Hast du dich in der Schule blamiert? Hat dir einer et­ was zuleid getan? Sag’s schon!“ Nach Se­ kunden des Schweigens fand er die Sprache wieder, und es brach aus ihm heraus. ,,Gar nichts! Ihr helft mir ja in der Mathematik, aber es war alles falsch. Nur was ich allein ge­ macht habe, war richtig.“ Wir schauten uns groß, aber unsicher an und versprachen ihm, es heute besser machen zu wollen. Das kann ja heiter werden, wenn es so wei­ tergeht. Wie bequem, ja genüßlich und aro­ matisch und gesund war das Rechnen noch vor Jahrzehnten, als wir Äpfel, Birnen, Nüs­ se und Pflaumen als Anschauungsmittel ver­ wendeten und in diesem Alter nur bis 20 zu zählen brauchten, statt uns in Teilmengen und Schnittmengen zu verirren. Er hatte für irgendetwas noch eine Auto­ fahrt gutstehen, und ich brachte das Thema ins Gespräch, weil mir der Augenblick gün­ stig erschien, seinen Schmerz vergessen zu machen und meine Autorität wiederherzu­ stellen. ,,Eine Fahrt ins Blaue?“ ,,Auja!“ Wir schwangen uns ins Auto, winkten dem Rest der Familie adieu und fuhren davon. In der Schule mußte er das Lied von den „Drei Chinesen mit dem Kontrabaß“gelernt ha­ ben, und das sang er nun -mir zur Freude, wie er meinte. Jetzt schon die sechste Stro-353

phe, in der alle Vokale und Diphthonge durch „ä“ ersetzt werden. Mit dem Gedan­ ken an „Singe, wem Gesang gegeben!“ und „Laß doch der Jugend ihren Lauf!“ suchte ich Haltung zu bewahren. Aber als mein Sänger nach dem Ende vom Lied auch noch in der gleichen Weise zu reden fortfährt: „Öch wöß ötwös, wös dö nöcht wößt“, sage ich denn doch: ,,Hör mal endlich auf, du dummer Kerl!“ – ,,Selber einer,“ tönt es zurück. Blitzschnell fährt da pädagogischer­ weise meine Hand ihm über den Schopf, er aber höhnt in der Sprache seiner kleinen Schwester: ,,Hatta dar nicht wehdetan.“ – Dann Stille von beiden Seiten, und ich er­ fahre nicht, was er Neues weiß. Eigentlich wollte ich, da mein Ziel eine Burgruine war, um ihn einzustimmen und sein Interesse zu wecken, etwas von den Rit­ tern erzählen, von Don �ichote und Götz von Berlichingen, von der Fehde und der Urfehde, von Tjost und Buhurt, von Burg­ graben, Pechnasen und Schießscharten, von Höhen- und Wasserburgen, von edlen Rit­ tern und Raubrittern. Er dagegen nutzte die Gelegenheit, mir voller Begeisterung eine elektrische Eisenbahn, die er in einem Schaufenster gesehen hatte, zu beschreiben, eine tolle Sache, Züge, die vorwärts und rückwärts und über verstellbare Weichen und durch Tunnels und Gebirgslandschaf­ ten und über Brücken fahren und automa­ tisch im Bahnhof halten. Ich wußte ja von Anfang an, wo das hinauswollte, aber so Hals über Kopf konnte ich mir seine Vor­ stellungen von der Anschaffung einer sol­ chen Anlage doch nicht zu eigen machen. Wir hatten uns dem Ziel genähert. Als er die Ruine sah, war seine Reaktion: ,,Ich ha­ be es ja gewußt, daß es wieder etwas Altes ist, wo du mit mir hinfährst.“ Gleichwohl woll­ te er vom Parkplatz aus den Burghügel hin­ aufrennen und mich im Sturmschritt nach­ ziehen. Wäre der Bergfried zu besteigen ge­ wesen, er hätte, ohne zu verschnaufen, die höchste Zinne erklommen, schwindelfrei, wie er noch ist. 354 Im Burghof stellte er, von der Burgenro­ mantik jäh ergriffen und noch außer Atem seine Fragen, die ich mit Mühe und unter Aufbietung einiger Phantasie zu beantwor­ ten versuchte. Von den „alten Rittersleut“ interessierte ihn am brennendsten das Le­ ben der Ritterbuben, ob sie auch schon ihre eigenen Rüstungen bekommen hätten, ob es wahr sei, daß sie vom Blitz erschlagen worden seien. Sehr schnell wurde mir be­ wußt, welcher Gefahr ich mich jetzt ausge­ setzt habe, obwohl ich nicht das Ansehen ei­ nes Bismarck zu verlieren hatte. Du lieber Himmel, über die historische Fernwirkung des Rittertums hätte ich ihm vieles sagen können, was aber hätte ich ihm erzählen sollen, wenn er mich gefragt hätte, ob seine Altersgenossen vor 700 Jahren im tiefen Schnee den Abhang hinuntergerutscht sei­ en, wobei ja ihre schmiedeeisernen Hosen als Schlitten hätten dienen können, und wie ein Loch in diesen Hosen wieder geflickt worden sein könnte; ganz zu schweigen von ernsthafteren Fragen wie der, ob jeder Ritter seine Standesgenossen habe niederstechen können, ohne nachher vom Gewissen ver­ folgt worden zu sein. Welcher Historiker hätte dies alles so gründlich untersucht, daß es auch möglichen Fragen eines Sechsjähri­ gen standhalten kann? Alle sind sie mit ihren Studien zufrieden, sagen, das sei nicht ihre Fragestellung gewesen, und lächeln da­ zu, und unsereiner steht dann da … Wir schlendern durch die Anlage, ge­ nießen die Aussicht, versuchen, uns ein Bild von der drangvollen Enge zu machen, wo einst viele Menschen hausten und es jetzt so einsam und in den Höhlungen so unheim­ lich ist. Ich muß es meinem Sprößling streng verweisen, auf die Mauerreste zu klet­ tern oder sich zu weit darüberzulehnen. Die Versuchung ist stark. Plötzlich zog die Burgschränke seine Auf­ merksamkeit auf sich, der Entschluß einzu­ kehren fiel uns beiden nicht schwer. Bevor ich etwas bestellen konnte (,,Einen Kaffee, ein Eis“) hatte er die Jagdtrophäen an den

wegende Dinge nicht mehr. Seine Schnitt­ mengen wollte er allein berechnen, damit sie auch stimmten. Ich hatte, froh, der Ver­ antwortung ledig zu sein, nichts dagegen einzuwenden. Über alledem war er müde geworden. Ich kam zu spät, als ich mich mit ihm an seinem Bett noch einmal über die­ sen schönen Tag unterhalten wollte. Karl Volk Wänden in Augenschein genommen. ,,Was, so viele Rehe und Hirsche haben die Ritter geschossen?“ Grenzenlos ist seine Enttäu­ schung, als er zur Kenntnis nehmen muß, daß diese ein Jäger ausgestellt haben kann, der heute kaum älter als ich zu sein braucht. Wie auf der Heimfahrt seine Hausaufga­ ben ihre Schatten auf mich werfen, kommt er wieder auf die Eisenbahn zurück, indem er mir von einem Vater erzählt, der damit stundenlang mit seinem Sohn spielt. Ein zu­ fällig uns überholender Zug bringt ihn zu der Frage, warum wir eigentlich so lange schon nicht mehr mit der Bahn gefahren sind. Zu Hause ereignen sich an diesem Tag be- J II 1-8 ·–. ,.–· r–, i.,:::::._,. ß�-, II II .,- � Vil/ingen: Markl auf dem Münsterpl.atz, Hans Georg Müller-Hanssen 355

Der Winter gehl: Blick ins Schönenbacher Untertal, nahe der Gemark11ng.sgrenze zu Vöhrenbach. 356

Verschiedenes Personen und Fakten Besuch aus der Schweiz: Im Zuge der langjährigen Verbindung des Schwarzwald­ Baar-Kreises zum Nachbarkanton Schaff­ hausen empfingen Landrat Dr. Rainer Gut­ knecht und sein Nachfolger Karl Heim am 15. Mai 1996 eine Delegation des Nachbar­ kantons Schaffhausen unter der Führung von Regierungsrat Dr. Peter Lenherr. Siegfried Baumann wurde am 5. November 1995 unter zwei Bewerbern zum zweitenmal im Amt des Bürgermeisters der Gemeinde Unterkirnach bestätigt. Bei einer Wahlbe­ teiligung von 62% stimmten 91,4% der Wähler für den bisherigen Amtsinhaber. Die neue Wahlperiode begann am 1. Febru­ ar 1996. Gerhard Dietz wurde am 28. Januar 1996 bei drei Bewerbern mit 53,6% der abgege­ benen Stimmen zum Bürgermeister von Mönchweiler wiedergewählt. Die Wahlbe­ teiligung betrug 81 %. Die neue Wahlpe­ riode hat am 25. April 1996 begonnen. Roland Wehrle, Geschäftsführer der Nach­ sorgeklinik Tannheim, wurde am 16. März 1996 in Bad Dürrheim zum Präsidenten der Vereinigung der schwäbisch-alemannischen Narrenzünfte gewählt. Karl Heim, Erster Landesbeamter beim Landratsamt des Zollern-Alb-Kreises, wurde am 15. April 1996 im dritten Wahlgang und bei zwei Mitbewerbern mit 36 von 65 gülti­ gen Stimmen zum Landrat des Schwarz­ wald-Baar-Kreises gewählt. Er trat sein Amt am 1. Juni 1996 an. Georg Bucher, Leiter des Staatlichen Schul­ amtes in VS-Villingen, wurde am 29. April 1996 in den Ruhestand verabschiedet. Gleichzeitig wurde sein Nachfolger Rudolf Stern vorgestellt, bisher Schulamtsdirektor am Staatlichen Schulamt Rottweil. Horst Ziegler, Bürgermeister von Königs­ feld, beging am 3. Mai 1996 sein 25jähriges Dienstjubiläum. Alexander Herr aus Schonach, Mitglied des SV Rohrhardsberg, gewann am 2. Februar 1996 in Asiago (Italien) in der Skispringer­ Mannschaft die Goldmedaille in der Nordi­ schen Junioren-Weltmeisterschaft. Angela Berlis aus Blumberg wurde am 27. Mai 1996 in der ehemaligen Jesuitenkirche in Konstanz zur altkatholischen Priesterin geweiht. Sie ist damit weltweit eine von zwei weiblichen altkatholischen Geistlichen. Helmut Willmann, der aus Bräunlingen stammende Befehlshaber des Eurokorps in Straßburg, wurde im Februar 1996 zum Ge­ neralinspekteur der Bundeswehr ernannt. (Biographie in Almanach 95, S. 82-83) in Prof. Rudolf Mann, Direktor der Berufs­ akademie (Villingen)-Schwenningen, wurde am 21. Februar 1996 aus dem Amt verabschiedet. Als Nachfolger wurde Prof. Gernot Riegraf ernannt. Dr. Rainer Gutknecbt, Landrat des Schwarzwald-Baar-Kreises, wurde am 31. Mai 1996 in einem Festakt in den Ruhe­ stand verabschiedet. Gleichzeitig wurde der gewählte Nachfolger Karl Heim in sein Amt eingeführt. Ministerpräsident Erwin Teufel, CDU­ Landtagsabgeordneter im Wahlkreis 54, wurde im Juni 1996 mit 81 von 155 Stim­ men im 2. Wahlgang als Ministerpräsident 357

von Baden-Württemberg wiedergewählt. Dr. Volker Hink, Leiter des Forstamtes Furtwangen, wurde am 24. Juni 1996 in den Ruhestand verabschiedet. Die Führung der Amtsgeschäfte übernahm Forstrat Stephan Gutzweiler. Dr. Jakob Messerli übernahm am 1. Sep- tember 1996 die Leitung des Deutschen Uh­ renmuseums in Furtwangen. Prof. Dr. Richard Mühe wurde als Professor an der Fachhochschule Furtwangen am 13. Oktober 199 5 in den Ruhestand verab­ schiedet. Bis zum 31. August 1996 hatte er die Leitung des Deutschen Uhrenmuseums mne. Orden, Medaillen Nachstehende Personen aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis wurden im Zeitraum vom 1.6.1995 bis 30.8.1996 öffentlich ausgezeichnet: a) mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland (Abkürz.: BVK l.Kl. = Bun­ desverdienstkreuz 1.Klasse, BVK a.B. = Bundesverdienstkreuz am Bande, BVM = Bundes­ verdienstmedaille): Haaga, Paul Vogt, Albin Henckell, Jürgen Reiske, Bernhard Kornhaas, Franz-Josef Würth, Wolfram Link, Erich Lintig, Eva von Dr. Gutknecht, Rainer 10.10.1995 20.07.1995 18.10.1995 19. 05. 1996 18.01.1996 15.12.1995 08.05.1996 11. 07.1996 09.08.1996 BVKa.B. BVKa.B. ßVKa.B. BVM BVKa.B. BVKa.B. BVKa.B. BVKa.B. BVK I.Kl. Villingen-Schwenningen Donaueschingen-Hubertshofen Blumberg Blumberg-Riedöschingen Villingen-Schwenningen Bräunlingen Königsfeld-Neuhausen Hüfingen Bad Dürrheim a) mit der Silbernen Ehrennadel des Landkreistages Baden-Württemberg för 30jährige Mitgliedschaft im Kreistag: Kreisrat Lukas Duffner (SPD) 6. 5. 1996 Schönwald b) mit der Staufer-Plakette des Landes Baden-Württemberg: Landrat Dr. Rainer Gutknecht 31. 5.1996 Villingen-Schwenningen c) mit der Sportplakette: Turngemeinde 1896 Tuningen, 21.06.1996 Tuningen d) mit der Palestrina-Medaille: Katholischer Kirchenchor St.Vitus, 15. 06. 1996 Donaueschingen-Aufen 358

Bevölkerungsentwicklung im Schwarzwald-Baar-Kreis Gemeinde Veränderungen in Zahlen + 44 + 12 + 45 + 9 + 33 +239 + 34 – 20 + 98 – 40 + 78 + 73 -172 + 5 – 57 – 60 + 61 + 13 -173 – 40 +182 in% + 0,380/o + 0,110/o + 0,760/o + 0,17 0/o + 0,99 0/o + 1,170/o + 0,34 0/o – 1,35 0/o + 1,38 0/o -0,67 0/o + 2,49 0/o + 1,36 0/o – 1,20 0/o + 0,19 0/o -1,300/o -1,02 0/o + 2,28 0/o + 0,400/o – 0,21 0/o -0,93 O/o + 0,090/o Bad Dürrheim Blumberg Bräunlingen Brigachtal Dauchingen Donaueschingen Furtwangen Gütenbach Hüfingen Königsfeld Mönchweiler N iedereschach St. Georgen Schönwald Schonach Triberg Tuningen U n terkirnach Villingen-Schwenningen Vöhrenbach Kreisbevölkerung insgesamt — Stand der Wohnbevölkerung 31.12.1995 31.12.1994 11 549 11 SOS 10 695 10 683 5 957 S 912 5 194 5185 3 377 3 344 20 716 20 477 10055 10 021 1 465 1 485 7 221 7 123 5 956 5 996 3 210 3 132 5 421 5 348 14 179 14 351 2706 2701 4340 4 397 5 831 S 891 2735 2 674 3 246 3 233 80734 80 907 4 241 4 281 208828 208646 Ausländische Mitbürger in Zahlen Gemeinde Ausländer insges. Stichtag 3l.12.1995 davon Türken ehemaliges Jugoslawien Italiener Sonstige Ausländeranteil in Prozent Bad Dürrheim Blumberg Bräunlingen Brigachtal Dauchingen Donaueschingen Furtwangen Gütenbach Hüfingen Königsfeld Mönchweiler Niedereschach St. Georgen Schönwald Schonach Triberg Tuningen Unterkirnach Villingen-Schwenningen Vöhrenbach Gesamt 682 1 872 663 261 146 1944 1 159 73 755 294 281 293 1 801 92 337 652 201 261 12088 646 24561 52 798 407 75 6 475 241 7 290 28 39 28 270 3 48 224 62 59 2 474 234 5 820 253 427 66 29 52 235 346 14 140 95 135 90 610 37 156 147 29 45 2 064 200 5170 111 40 23 36 25 328 314 39 165 14 36 18 595 14 86 96 122 53 2117 133 4365 266 607 167 121 63 906 258 13 160 157 71 157 326 38 47 185 48 104 5 433 79 9 206 6,1 16,2 11,2 5,1 4,3 9,4 11,6 5,0 10,6 5,0 8,9 5,3 12,9 3,3 7,3 11,1 9,7 8,1 14,9 14,8 11,7 359

Ergebnisse der Wahl zum Landtag von Baden-Württemberg am 24. März 1996 Wahlkreis 54 Villingen-Schwenningen 115 854 Wahlkreis 55 Tuttlingen-Donaueschingen 121583 Wahlberechtigte: Wähler insgesamt: ungültige Stimmen: gültige Stimmen: 77 976 1 012 76 964 67,310/o 1,300/o 98,700/o Wahlvorschläge CDU SPD REP Grüne FDP/DVP Graue ÖDP PBC 50,87% 39 155 17 442 22,660/o 4 769 6,200/o 8,940/o 6 877 6 577 8,550/o 739 0,960/o 1,070/o 821 0,760/o 584 Gewählt wurden: Erwin Teufel (CDU) Julius Redling (SPD) 82680 68,000/o 1 381 1,670/o 81 299 98,33 0/o 39 542 48,640/o 17 115 21,050/o 6 108 7,51 O/o 8,660/o 7 043 8 799 10,82 0/o 1 177 571 1,450/o 0,700/o Eduard Hauser (REP) Herbert Moser (SPD) Franz Schumacher (CDU) Ernst Pfister (FDP/DVP) Arbeitslose in Prozentzahlen Stichtag Schwarzwald-Baar-Kreis Land Bundesgebiet West Bundesgebiet Ost 30.6.1994 30.6.1995 30.6.1996 8,70/o 7,70/o 7,90/o 7,3 O/o 7,0 0/o 7,6 0/o 8,00/o 8,90/o 9,70/o 16,00/o Arbeitslosigkeit im gesamten Bundesgebiet zum 30.6.1996: 11 OJo 360

Farbaufnahmen und Fotonachweis Die Farbaufnahmen auf der Titel- und Rück­ seite stammen von German Hasenfratz, Hü­ fingen. Motiv Titelseite: Die Triberger Wasserfalle Motiv Rückseite: Kirche in Buchenberg Fotonachweis: Soweit bei den einzelnen Beiträgen die Bildautoren nicht namentlich hier angeführt werden, stammen die Fotos jeweils vom Verfasser des betreffenden Bei­ trages. 215, 216, 222; Sammlung Jürgen Schlenker 227; Narrenzunft Schwenningen 228, 229; Photo Sauer 239; W. Hirt 240; Navigo pho­ tography 257, 258, 259; Pierre Fauvelle 262, 263, 264, 265, 266; Hans Kaltenbach 267, 268, 269, 270, 271; DRK Ortsverein Villin­ gen 276, 279; Franz Krick! 281, 282, 283, 284; Foto-Gehring 303 links unten und oben; Helmut Glatz 319, 320; Bernhard Widmann 327, 328, 329, 330; Waltraud Müller 344; Raimund Fleischer 361. Mit Fotos sind ferner im Almanach vertre­ ten (die Zahlen nach der Autorenangabe be­ ziehen sich auf die jeweilige Textseite): Alexandra Primuth 7, 9, 10, 18, 19, 20; Land­ ratsamt 13, 37; Wilfried Dold 15, 32, 33, 40, 41, 50 oben links, 52/53, 64, 181, 182, 184, 185, 186, 356; Privat 17, 128, 147, 336, 337, 338, 339, 349; Dold-Verlag Infografik auf Seite 22, 25, 27, 334; Wasserverband Obere Jagst 30; Willi Hönle 44/45; Jörg Michaelis 46; Foto-Maier 65, 66, 72, 115; Werbefoto Robold 75; Wolfgang Kleiser 80; Atelier Hu­ gel 84, 85, 86; Atelier Wolfgang Brotz 101, 109, 169, 170, 171, 172, 173, 174; Roland Sprich 113; Foto Carle 121, 122, 124, 183; Jochen Hahne 125; German Hasenfratz 133, 134, 135, 136, 137; Clark Urbans Skiz­ ze 139; Landesdenkmalamt Baden-Würt­ temberg (Otto Braasch) 140; Landesdenk­ malamt Baden-Württemberg (Petra Eckerle, Dr. Jutta Klug-Treppe, Clark Urbans) 141, 142, 143, 144; Gemeindeverwaltung Dau­ chingen (Michael Merz) 150, 151; Thomas Herzog-Singer/Foto Singer 153, 154, 155; Erwin Kienzler 157, 159, 161; Antonia Reichmann 162, 163, 164, 165; Foto Wutt­ ke 179, 180; Deutsches Uhrenmuseum Furt­ wangen 193, 194, 195, 196; Gemeinde Wei­ lersbach (Ortschronik) 198; Katholische Pfarrgemeinde St. Georgen 199; Münster­ pfarramt Villingen 200; Fritz Straub 202; Artur Büttner 210, 211; Dr. Joachim Sturm Impression aus Beckhof en im Brigachtal 361

Die Autoren unserer Beiträge Adam, Patrick, Blücherstraße 9, 68259 Mannheim Adler, Bernhard, Pfr., Kälbergässle 9, 78147 Vöhrenbach Aßbeck, Prof. Dr. Franz, Gerwigstraße 11, 78120 Furtwangen Bantle, Albert, Sinkinger Straße 40a, 78078 Niedereschach Bausch, Ernst, Rohrbacherstraße 10, 78098 Triberg Beichl, Manfred, Mannheimerstraße 16, 78048 Villingen-Schwenningen Bergmann, Dr. Peter, Bildackerstraße 92, 78054 Villingen-Schwenningen Bischoff, Prof. Dr. Rainer, Mathias-Faller-Weg 13, 78120 Furtwangen Bökenkamp, Renate, Schwarzwaldstraße 4, 78112 St. Georgen Brommer, Bernhard, Volkartstraße 31, 80634 München Brenner, Gerhard, Karlstraße 58, 78166 Donaueschingen Bruder, Anton, Deißlinger Straße 1, 78083 Dauchingen Bücheler, Egon, Buchenweg 2, 78120 Furtwangen Buchmann, Prof. Dr., Knud-Eike, Sturmbühlstraße 250, 78054 Villingen-Schwenningen Disch, Peter, Dreisamstraße 25, 79098 Freiburg Dold, Wilfried, Waldstraße 13, 78147 Vöhrenbach Dufoer, Elfriede, Rathaus, 78089 Unterkirnach Fichtner, Manfred, Ruhe-Christi-Straße 29, 78618 Rottweil Flick, Dr. Karin, Schwenningerstraße 2, 78048 Villingen-Schwenningen Forster, Ingrid, Schleicherstraße 4, 78050 Villingen-Schwenningen Fritschi, Bernhard, Herzogenweilerstraße 10, 78147 Vöhrenbach Gfrörer, Ulrike, Am Hoptbühl 2, 78048 Villingen-Schwenningen Groß, Helmut, Am Schwalbenhaag 1, 78048 Villingen-Schwenningen Gwinner, Joachim, Am Hoptbühl 2, 78048 Villingen-Schwenningen Heim, Werner, Erzbergerstraße 28, 78054 Villingen-Schwenningen Heinichen, Helga, Schwarzwaldstr. 28, 78073 Bad Dürrheim-Hochemmingen Henckell, Jürgen, Buchbergstraße 3, 78176 Blumberg Hermanutz, Prof. Dr., Max, Sturmbühlstraße 250, 78054 Villingen-Schwenningen Hessemann, Bernhard, Ulmenweg 11, 78166 Wolterdingen Hoss, Birgit, Jacob Kienzlestraße 17, 78054 Villingen-Schwenningen Hütt, Dr. Michael, Rietgasse 2, 78050 Villingen-Schwenningen Kaiser,Johannes, Weiherstraße 13, 78050 Villingen-Schwenningen Kalb, Roland, Albstraße 7, 78085 Dauchingen Kienzler, Erwin, Grubweg 15, 78136 Schonach Kimmig, Manfred, Am Reischenberg 13, 78120 Furtwangen-Rohrbach Klug-Treppe, Dr. Jutta, Marienstraße 1 Oa, 79098 Freiburg Koch, Klaus, Danzingerstraße 12a, 78151 Donaueschingen Köngeter, Ulrich, Am Krebsgraben 15, 78048 Villingen-Schwenningen Kottmann, Ingeborg, Landwattenstraßc 4, 78090 Villingen-Schwenningen Krinn, Prof. Dr. Helmut, Gerwigstraße 11, 78120 Furtwangen Kubach, Dr. Rudolf, Romäusring 4, 78050 Villingen-Schwenningen Kühnberger, Iris, Gerwigstraße 2, 78120 Furtwangen Langer, Dr. Michael, lrmastraße 11, 78166 Donaueschingen Lauffer, Günter, Sommerauerstraße 52, 78112 St. Georgen Laule, Klemens, Tannheimerstraße 9d, 78166 Wolterdingen Letule, Hans, Rathausstraße 14, 78086 Brigachtal-Überauchen Link, lrene, Alte Krauchenwies 5, 72488 Sigmaringen 362

Ludwig, Werner, Kinzigstraße 30, 78112 St. Georgen Mager, Gertrud, Auf dem Bühl 20, 78120 Furtwangen Mayer, Ingeborg, Mistelbrunnerstraße 33, 78166 Donaueschingen 16 Meinholz, Prof. Dr. Heinrich, Gerwigstraße 11, 78120 Furtwangen Mescheder, Prof. Dr. Ulrich, Gerwigstraße 11, 78120 Furtwangen Mößner, Bruno, lrmastraße II, 78166 Donaueschingen Munk, Dr. Peter, Berlinerstraße 1, 78048 Königsfeld Müller, Claus-Volker, Martin-Blessing-Straße 13, 78120 Furtwangen Naumann, Simone, Gartenfeldstraße 4, 68169 Mannheim Nitz, Bertin, Gütenbach Opp, Margot, Weierweg 10, 79111 Freiburg Pfeffinger, Manfred, Am Hoptbühl 2, 78048 Villingen-Schwenningen Prillwitz, Bernhard, Schwimmbadstraße 1, 78176 Blumberg Przewolka, Sabine, Königsfelderstraße la, 78087 Mönchweiler Reich, Martin, Eschachstraße 19, 78078 Niedereschach-Kappel Reinbolz, Andreas, Eichendorffstraße 47, 78166 Donaueschingen Renn, Wendelin, Friedrich-Ebertstraße 35, 78054 Villingen-Schwenningen Rieple, Max, Donaueschingen Rockrohr, Ingrid, Am Rappenschneller 16, 78183 Hüfingen Schafbuch, Gottfried, Hüfingen Scherzer, Beatrice,Jacobstraße 18a, 78183 Hüfingen Scherzinger, Oswald, Hintertal 1, 78148 Gütenbach Schirrmacher, Beate, Heidenfeldstraße 18 D-10249 Berlin Schleicher, Hans, Kirnacherstraße 9, 78050 Villingen-Schwenningen Schmid, Gabriele, Schulstraße 13, 78166 Donaueschingen Schneider-Damm, Dagmar, Luisenstraße 4, 78073 Bad Dürrheim Schnerring, Dietrich, Baumannstraße 15, 78120 Furtwangen Schnerring, Sabine, Baumannstraße 15, 78120 Furtwangen Schnibbe, Prof. Klaus, Ilbenstraße 50, 78120 Furtwangen Schultheiß,Jochen, Blauenweg 25, 78112 St. Georgen Schulze, Ute, Landwattenstraße 4, 78090 Villingen-Schwenningen Seefried, Gabriele, Am Hoptbühl 2, 78048 Villingen-Schwenningen Siegel, Hans-Joachim, Beim Hochgericht 22, 78050 Villingen-Schwenningen Siegmund, Alexander, Zähringer Straße 31, 78183 Hüfingen-Fürstenberg Simon, Stefan, Haselweg 17, 78052 Marbach Sirringhaus, Dieter, Stadtverwaltung, 78050 Villingen-Schwenningen Sprich, Roland, Bühlstraße 57, 78112 St. Georgen Steger, Christiana, Birkenweg 8, 78176 Blumberg Techen, Beatrice, Gerwigstraße 11, 78120 Furtwangen Ulmer, A. Günther, Hauptstraße 16, 78609 Tuningen Volk, Karl, Untertalstraße 19, 78098 Triberg-Gremmelsbach Wahl, T horsten, Grünewaldstraße 42, 76149 Karlsruhe Wegener, Winfried, Eichendorffstraße 3, 78086 Brigachtal Zahlten, Richard, Schloß-Säge, 79853 Lenzkirch Zimmermann, Michael, Karlstraße 119, 78054 Villingen-Schwenningen 363

Inhaltsverzeichnis Impressum Ehrenliste der Freunde und Förderer Heimat und Landkreis / Landrat Karl Heim Aus dem Kreisgeschehen Wechsel an der Spitze des Landratsamtes -Dr Rainer Gutknecht verabschiedet -Karl Heim als neuer Landrat vereidigt/ Peter Disch/Wilfried Dold Im Dienst am Schwarzwald-Saar-Kreis -Dr. Rainer Gutknecht ein Landrat aus Berufung/ Günter Lauffer Die Zukunft aktiv mitgestalten -Landrat Karl Heim erhofft sich weitere Intensivierung des Kreisbewußtseins / Wilfried Dold Der Landkreis und seine Aufgaben Fahrtenangebot verdichtet und vertaktet -Der öffentliche Personennahverkehr leistet wichtigen Beitrag zum Umweltschutz/ Gabriele Seefried Erstmals sinken Sozialhilfekosten leicht/ Joachim Gwinner Neue Wege in der Jugendhilfe I Ulrike Gfrörer Hochwasserschutz im Bregtal / Manfred Fichtner Hochwasseralarmplan zum Schutz der Bürger I Manfred Pfeffinger Eingliederung staatlicher Einrichtungen / Dr. Karin Flick/ Bruno Mößner / Dr. Mi- chael Langer Partnerschaft mit Bacs-Kiskum -Schwarzwald-Saar-Kreis knüpft Kontakte mit Ungarn Städte und Gemeinden Von der Landwirtschaft geprägt -Pfarrkirche Allerheiligen das weithin sichtbare Wahrzeichen von Urach/ K.lemens Laute Das Wappen von Urach/ Prof. Klaus Schnibbe Wolterdingen 772 erstmals erwähnt/ Bernhard Hessemann Das Wolterdinger Wappen I Prof. Klaus Schnibbe Ein schönes und liebenswertes Dorf -Rohrbach hat sich auch nach der Eingemeindung die Selbständigkeit bewahrt/ Manfred Kimmig Das Rohrbacher Wappen / Prof. Klaus Schnibbe Behörden, Organisationen und Institutionen Das Märchen vom Park für alle Generationen -Freizeitpark in Villingen-Schwenningen ein Paradies für alle Kinder/ Dieter Sirringhaus Neues Informations-und Service-Center -Industrie-und Handelskammer noch kundennäher / Dr. Rudolf Kubach Das Fenster zur Stadtgeschichte -1 m Stadtarchiv lagern über 5 000 Urkunden und 10000 Siegel/ Ingeborg Kottmann/Ute Schulze Bildungseinrichtungen Neuer Studiengang zielt auf Fernost -Fachhochschule Furtwangen lehrt auch »Internationale Betriebswirtschaft“ / Birgit Hoss Wärmebehandlung gegen Krebstumoren / Prof. Dr. Franz Aßbeck Entwicklungen und Forschungen an der FHF -Labor für Lasertechnik und Optoelektronik erweitert / Prof. Dr. Ulrich Mescheder Das Umweltzentrum/ Prof. Dr. Helmut Krinn/Prof. Dr. Heinrich Meinholz 364 2 3 5 6 11 14 18 21 24 28 31 34 37 39 42 43 47 49 54 56 60 62 65 67 69 70

Fachbereichstag Information an Fachhochschulen (FBT-I) / Prof. Dr. Rainer Bischoff Ein Vierteljahrhundert Bildung – Volkshochschule Oberes Bregtal feierte 25jähriges Bestehen / Egon Bücheler Lücke in der Lehrlingsausbildung geschlossen – 30 Jahre DVS-Kursstätte des Deutschen Verbandes für Schweißtechnik I Werner Heim Hilfe für Unfall- und Katastrophenhelfer – Fachhochschule der Polizei untersucht den „posttraumatischen Streß“ / Dr. Hermanutz/Dr. Buchmann Industrie, Handwerk und Gewerbe Meilensteine der Orthopädietechnik – Die Biedermann Orthopädie-Technik GmbH und Biedermann Motech Medizin- und Orthopädie-Technik GmbH Spezial-Werkzeuge für Kfz-Reparaturen – Die KLANN-Spezial-Werkzeugbau-GmbH in Donaueschingen Mit Licht formen, schneiden und gestalten – Wagner-Lasertechnik in Dauchingen – Mit dem Laserfeinschneiden eine eigene Existenz gegründet Technologie-Park Villingen-Schwenningen – Wertvolle Stütze für Jungunternehmer bei der Existenzgründung I Ulrich Köngeter Für Anforderungen der Zukunft gerüstet – Die Pumpenfabrik Scherzinger besteht seit 60 Jahren Wirtschaftsgeschichte Grundstein zu Weltunternehmen gelegt – Christian Steidinger gründete die Firma Dual / Jochen Schultheiß Persönlichkeiten der Heimat Günter Lauffer – ein stets verläßlicher Partner/ Ein Bürgermeister aus kommunalpolitischem Urgestein/ Werner Ludwig Michael Jerg – schon immer musikbegeistert / Christiana Steger 100. Geburtstag von Hermann Schleicher/ Hans Schleicher Albin Vogt – Ein Leben für die Allgemeinheit – Transportunternehmer, Bürgermeister und Ortsvorsteher/ Ingeborg Mayer Bürgermeister und Politiker aus Passion – Elmar Österreicher seit 1993 Ehrenbürger von Dauchingen / Anton Bruder Sprache als Schrei in der Stille – Zum Tode von Thomas Strittmatter / Sabine Przewolka Museum mit internationalem Rang geschaffen -Prof. Dr. Richard Mühe wechselt in den Ruhestand/ Beatrice Techen Ein Leben im Einklang mit der Natur – Martin Schwer – Landwirt und Fabrikant von Rosenkränzen/ Karl Volk Größte Kuckucksuhr der Welt gebaut – Ewald Eble – erfolgreicher Uhrenhersteller mit großen Plänen/ Karl Volk Carpe diem oder: Uwe Conradt ist tot/ Wendelin Renn Echte Freunde in der Not – Wie aus dem Wallfuhrerkreis Triberg der „Helferkreis Slunj“ wurde / Renate Bökenkamp Ein Vöhrenbacher von altem Schlag – Zum Tode von Ernst Zugschwerdt / Wilfried Dold Archäologie Als Hüfingen noch Brigobannis hieß – Aus dem Leben der römischen Zivilsiedlung I Beatrice Scherzer Einst ein wichtiger Wirtschaftsfaktor – Römische Gutshofanlage in Überauchen ist ausgezeichnet erhalten I Dr. Jutta Klug-Treppe 70 71 74 79 81 84 87 90 92 96 101 l 04 105 107 109 113 115 118 121 125 127 130 133 139 365

Geschichte und Denkmalpflege Versuchsstation Schule – Religionsunterricht im Landkapitel Donaueschingen zur Zeit des Dritten Reiches/ Richard Zahlten Eine Wurfweite von 37 Metern – Dauchinger Feuerwehrspritze stammt aus dem 18. Jahrhundert I Anton Bruder Der Kaiserturm in Villingen / Ingrid Forster Der Brand auf dem Rohrhardsberg – Ein Beitrag zur Soziologie auf den Schwarzwaldhöfen/ Karl Volk Fünf Jahre „IG Baaremer Baukultur“/ Ingrid Rockrohr Ein berühmter Orgelbauer aus Gütenbach – Philipp Furtwängler und seine Orgelfabrik in Elze/Hannover I Oswald Scherzinger Museen im Schwarzwald-Baar-Kreis Wo Stadtgeschichte lebendig wird – Das Franziskanermuseum in Villingen-Schwenningen/ Dr. Michael Hütt Des Peregrinus Beck Groteskgemälde – Ein Zeugnis der Villinger Spottlust im Franziskaner-Museum I Michael]. H. Zimmermann Eine Sozialstation als Heimatstube – In Tannheim wird an die einst schlechte soziale Lage der Bürger erinnert/ Dr. Michael Hütt Das Schwarzwaldmuseum in Triberg -Jährlich kommen über 100 000 Besucher in eines der schönsten Heimatmuseen/ Ernst Bausch Alte Uhren künden von besseren Zeiten – Der Uhrenfabrik Mauthe vergangene Größe – In Werner Pfanders Privatmuseum/ Michael]. H. Zimmermann Der Schwarzwald-Baar-Kreis in Farbbildern Uhren und Uhrengeschichte Es war die Lackschilduhr – nicht der Kuckuck – Im 19. Jahrhundert lieferten die Sd1warwälder Uhrmad1er bis nach Übersee/ Iris Kühnberger M. A. Kirchen, Kapellen und Glocken Meisterwerke in Form und Klang – Schilling-Glocken im Schwarzwald-ßaar- Kreis / Jochen Schultheiß Von der Diasporagemeinde zur Stadtpfarrei – Die katholische St.-Georgs-Pfarrei in St. Georgen wird 90 Jahre alt/ Jochen Schultheiß Die Hubertus-Kapelle in Neuhausen – Das Schmuckstück des Dorfes wurde gründlich renoviert/ Irene Link Tuningen als Wallfahrtsort – Auf den Spuren der Kirche des Heiligen Gallus / Günther A. Ulmer Heiteres aus dem Klosterleben Maria Canisia und ihr Damenorchester/ Helmut Groß Wegkreuze und Kleindenkmäler Gedenkstein erinnert an die Gründung – 1806 zum Bau von Königsfeld den ersten Baum gefallt/ Dr. Peter Munk Sagen der Heimat Wunderbare Rettung der Kirche zu Hondingen / Bernhard Prillwitz Der Lunzistein / Max Rieple 366 145 150 152 156 162 166 169 175 178 181 188 192 193 197 203 209 212 217 220 222 223

Brauchtum 111 Jahre organisierte Schwenninger Fasnet I Michael J. H. Zimmermann Musik Ein Mann für jede Tonart – Portrait des St. Georgener Schulmusiker Peter Dönneweg / Joachim Siegel Dem Volk nach dem Mund gesungen – Spittelsänger – der musikalische Inbegriff der Villinger Fasnet I Joachim Siegel Kunst und Künstler Von Rössern und Gaskugeln – Kunst im öffentlichen Raum des Landkreises bietet ein breites Spektrum / Stefan Simon Logo des Schönen im Unscheinbaren – Centric und XCentric – Die Materialkunst von Martin Starkmann I Helga Heinichen Fasziniert von der Formbarkeit der Erde – Die Kunsthandwerkerin Anita Riemer-Wernick I Andreas Reinbolz Kunst als sichtbares Leben – Zur Malerei von Ludwig Schopp aus Königsfeld I Manfred Beicht Lebensgefühle in Holz und Ton – Der Künstler Josef König fand in Schwenningen eine neue Heimat I Winfried Wegener Wo Kunst die Uhrenfabrikation ablöst – Das „hanh art kunstprojekt“ in Gütenbach I Claus-Volker Müller Opus Spuma – Wiebelt-Installation in Schweden I Beate Schirrmacher Eine Stele zum Stadtjubiläum – Wolfgang Kleisers Werk umfaßt 750 Jahre Vöhrenbacher Geschichte / Bernhard Adler Gesundheit und Soziales Caritasverband feiert 50jähriges Bestehen I Gabriele Schmid 100 Jahre DRK-Ortsverein Villingen e.V. I Dr. Peter Bergmann Natur und Umwelt Neue Elektrizität aus dem Bregtal – Ernst Zwick investiert 2,8 Millionen Mark in ein Wasserkraftwerk I Klaus Koch Baumriesen in und um St. Georgen / Hans Letule Die Riedbaar – Geologische Entwicklungsgeschichte einer Landschaft / Patrick Adam/Simone Naumann/Dipl.-Hdl. Alexander Siegmund Die Heckenlandschaft der Westbaar – Aus der Sicht der Erdkunde am Beispiel Bräunlingens I Torsten Wahl/Alexander Siegmund Die Bräunlinger Heckenlandschaft – Aus der Sicht des Natur- und Landschaftsschutzes I Dr. Gerhard Bronner Der Nordluchs kehrt zurück I Roland Kalb Landwirtschaft Das Haushuhn – Zur Geschichte und Haltung / Erwin Kienzler Freizeit und Erholung Begegnungsstätte für die gesamte Gemeinde – Unterkirnach schafft verkehrsberuhigte Zone mit Kieschtock Brunnen I Elfriede Dufner Von Marionetten fasziniert – Das außergewöhnliche Hobby des St. Georgener Bernhard Kammerer I Roland Sprich 225 237 239 241 247 251 254 257 260 262 267 272 276 281 286 290 295 300 308 313 319 322 367

Heilquelle und Streichelzoo – Die Freizeitanlage in Kappel ein Ausflugsort für die gesamte Familie I Martin Reich Stätten der Gastlichkeit Das Kurhaus Bad Dürrheim – Gesellschaftlicher Treffpunkt im Herzen des Kurortes I Dagmar Schneider-Damm International und doch bodenständig – »Hirschen“ in Blumberg seit vier Generationen im Besitz der Familie Salomon I Christiana Steger Im „Ochsen“ war auch Lloyd George zu Gast – Das Furtwanger Hotel seit 1993 im Besitz der Familie Urs Keller I Sabine Schnerring Der „Maierhof“ war einst das „Bierhüsli“ I Sabine Schnerring Ein Schonacher Berggeist: August Kaiser – Vor 37 Jahren eröffnete das „Berghüsli“ I Renate Bökenkamp Sport Willi Müller – eine lebende Legende I Albert Bande Martin Roth sprintet in die Bestenliste I Albert Bande Ein Weltmeister aus Vöhrenbach – Sascha Schneider erhält Ehrenplakette des Karate-Bundes I Bernhard Fritschi Lyrik der Heimat Schulwege I Karl Volk Aus der Mengenlehrezeit oder Elternfreuden I Karl Volk Gedichte April I Christiana Steger Freiheit I Christiana Steger Zurück zum Steinbeil I Dietrich Schnerring Zorn Geburtsdag I Bertin Nitz Die Stille I Margot Opp Vorsicht mit dem Alter schätze I Gertrud Mager Schuld / Johannes Kaiser Zeitgenössische Vision / Jürgen Henckell Mondfinsternis I Jürgen Henckell Sekundenleben I Jürgen Henckell D’Fürspritzi un d’Orgle I Bertin Nitz D‘ Feuerwehr I Gottfried Schafbuch Straßen – Leeres Papier I Bernhard Brommer Verschiedenes Personen und Fakten Orden, Medaillen Bevölkerungsentwicklung im Schwarzwald-Baar-Kreis Ausländische Mitbürger in Zahlen Ergebnisse der Landtagswahl 1996 Arbeitslose in Prozentzahlen Bildnachweis Die Autoren unserer Beiträge Inhaltsverzeichnis 368 324 327 331 333 336 340 343 346 348 351 353 36 48 103 112 120 129 187 192 236 253 285 321 350 357 358 359 359 360 360 361 362 364

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Almanach 1996 https://almanach-sbk.de/almanach-1996/ Fri, 20 Dec 2019 12:07:58 +0000 https://almanach-sbk.de/almanach-1996/

Almanach 96 Schwarzwald-Baar-Kreis Heimatjahrbuch des Schwarzwald-Baar-Kreises 20. Folge Herausgeber: Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis Redaktion: Dr. Rainer Gutknecht, Landrat Dr. Joachim Sturm, Kreisarchivar Karl Volk, Realschuloberlehrer Für den Inhalt der Beiträge sind die jeweiligen Autoren verantwortlich. Nachdrucke sind nur mit Einwilligung der Redaktion und unter Angabe der Fundstelle gestattet. Verlag, Druck und Gestaltung: Todt-Druck GmbH, Villingen-Schwenningen

Ehrenliste der Freunde und Förderer des Almanach 1996 ANUBA-Beschläge X. Heine & Sohn GmbH, Vöhrenbach Auer + Weber+ Partner, Freie Architekten Dipl.-Ing. BDA, Königsträßle 2, Stuttgart-Degerloch Dr. Hanno Augstein, Hüfingen Bad Dürrheimer Mineralbrunnen GmbH + Co. Heilbrunnen, Bad Dürrheim Baden-Württembergische Bank AG, Filiale Villingen-Schwenningen Alfred Bausch, Rosen-Apotheke, Blumberg Bäurer Unternehmensberatung und Software GmbH, Römerstraße 39, Hüfingen/Behla Barbara und Albert Buchholz, Albany, N. Y., USA Ing.-Büro für Haustechnik Budde & Oberle, Ostbahnhofstraße 19, Villingen-Schwenningen Burger Industriewerk GmbH & Co. KG, Schonach EGT Elektrotechnik GmbH, Steinkreuzweg 6/1, Villingen-Schwenningen Claus Eller, Zahnarzt, Neue-Heimat-Straße 2, Vöhrenbach Elvedi GmbH Lagertechnik, Regalsysteme, Aitlingerstraße 18, Blumberg-Riedöschingen Helmut W. Falk, Wirtschafts-und Unter­ nehmensberater, Fürstenfeldbruck Emil Frei GmbH & Co., Lackfabrik, Bräunlingen-Döggingen Lars Frykman, Zahnarzt, Vor Weiden 25, Blumberg S. D. Joachim Fürst zu Fürstenberg, Donaueschingen Walter Glatz, Blumberg Dipl.-Ing. Theo Greiner VB!, Adolf-Kolping-Straße 12, Donaueschingen Dr. med. Egon Hochmann, Triberg Hock GmbH, Schönwald-Triberg Institut Dr. Jäger, Friedrichstraße 9, Villingen-Schwenningen Kraftwerk Laufenburg, Laufenburg KUNDO System Technik GmbH, St. Georgen Liapor-Werk, Tuningen 2 MAJCO Elektroapparate-Fabrik GmbH, Steinbeisstraße 20, Villingen-Schwenningen Mall Beton GmbH, Hüfinger Straße 39-45, Donaueschingen-Pfohren Vermessungsbüro Dipl.-Ing. Viktor Mandolla, Villingen-Schwenningen MEKU Metallverarbeitungs-Gm bH, Dauchingen Leopold Messmer, Freier Architekt, Furtwangen MODUS Gesellschaft f. berufliche Bildung GmbH & Co. KG, Vöhrenbach Dr. med. Paul Obergfell, Villingen-Schwenningen Dr. Peter Pfaff, Frauenarzt, Villingen-Schwenningen Prof. Dr. E. Pross, Villingen Guido Rebholz, Architekt, Zehntstraße 1, Bad Dürrheim Anne Rieple-Offensperger, Friedrichstraße 1, Bad Dürrheim Dipl.-Ing. Eckart Rothweiler, Freier Architekt, Donaueschingen SCHMTDT Feintechnik GmbH, St. Georgen S.Siedle & Söhne Telefon-und Telegrafenwerke Stiftung & Co., Bregstraße 1, Furtwangen Sparkasse Donaueschingen Günther Stegmann, Donaueschingen Stein Automation GmbH, Carl-Haag-Straße 26, Villingen-Schwenningen STRAUB-Verpackungen GmbH, Bräunlingen TRW Motorkomponenten GmbH & Co. KG, Präzision im Motor, Blumberg Volksbank eG Villingen F. K. Wiebelt GmbH & Co. KG, Villingen-Schwenningen Dr. med. Fritz Wilke, Villingen-Schwenningen Johann Wintermantel Verwaltungs-GmbH & Co. KG, Kies-und Betonwerke, Donaueschingen Udo Zier GmbH, Furtwangen 8 weitere Freunde und Förderer des Almanach wünschen nicht namentlich genannt zu werden.

Heimat – ein verpflichtendes Erbe Dem Heimatjahrbuch des Schwarzwald-Baar-Kreises 1996 zum Geleit Ist dieses Leitmotiv ohne Widerspruch? Unsere Jugend macht sich ihre eigenen Gedanken über dieses T hema. Der Begriff „Hei­ mat“ ist bei jungen Menschen bisweilen negativ besetzt. Heimat verbindet sich bei ihnen mit engem, spießigem Lokalpatriotismus, den sie, weltoffen wie sie sein wollen, ablehnen. Ein Grund für die Skepsis ist oft auch die Tatsache, daß sich viele nicht mehr an dem Ort, wo sie geboren oder aufgewachsen sind, aufhalten, sondern aus beruflichen Gründen weit weg „von zu Hause“ eine neue Heimat gefunden, dort Wurzeln geschlagen haben und sich in der neuen Umgebung wohlfühlen. Nicht nur der Beruf, auch die Freizeit bietet alle Möglichkeiten, die ganze, weite Welt kennenzulernen und zu erkennen, daß der Wohnort nicht der einzig schöne Fleck auf dieser Erde ist. Und schließlich ist auch darauf hinzuweisen, daß unsere Lebensweise, besonders in den Großstädten, die Anonymität fördert: der einzelne hat keinen festen Platz mehr in einer Gemeinschaft, es fehlt der soziale Halt, der ja auch Heimat mit aus­ macht, wie man ihn in kleineren Gemeinden oder auf dem Lande noch vielerorts hat. Der jeweilige Wohnort wird austauschbar, das Unverwechselbare der Heimat im herkömmlichen Sinne fehlt. Hat Heimat also ausgedient? Gibt es dementsprechend auch kein überkommenes Erbe, kein anvertrautes Gut, das es zu bewahren gilt? Ich meine: nein! Trotz der genannten Einwände gibt es noch viele unter uns, für die Heimat einen Wert dar­ stellt, den es zu erhalten gilt. Heimat als Verpflichtung im Sinne von Erhaltung der Gebräuche und Sitten, der Sprache (Dialekt!), der Umwelt sowie von Wachhalten der Heimatgeschichte und aktuellen Ereignissen. Wie viele aus Erfahrung wissen, kann die Beschäftigung mit den zahlreichen Glanzlichtern der Heimat zur persönlichen Bereicherung werden. Mehr noch: Heimat ist ein verpflichtendes Erbe, das uns zu „treuen Händen“ übergeben wurde und unse­ ren Nachkommen zu erhalten ist. Ich möchte die eingangs erwähnten Gedanken nochmals aufgreifen. Auch wenn der Ver­ lust des Heimatbegriffs der Unlust mancher Jugendlicher entspringen mag, richtig ist, daß Heimat eigentlich da verloren wird, wo die Wertschätzung der eigenen Herkunft aufhört. Der Verlust der Werte, der im privaten und öffentlichen Bereich zu beklagen ist, bedeutet eine wei­ tere Erscheinungsform der Auflösung zwischenmenschlicher Beziehungen. Heimatpflege kann, so gesehen, einen Beitrag zur inneren Erneuerung unserer Gesellschaft leisten. Die Redaktion des Almanach, der nunmehr zum 20. Mal erscheint, hat sich in der Vergan­ genheit bemüht, unseren Leserinnen und Lesern den Schwarzwald-Baar-Kreis als unsere engere Heimat unter den verschiedensten Gesichtspunkten nahezubringen. Die 20 Bände geben einen guten Einblick in die Vielfalt und Schönheit unseres Landkreises. Möge auch die neue Ausgabe das Interesse am Schwarzwald-Baar-Kreis wachhalten! Ich danke wie immer unseren treuen Freunden und Förderern, die uns seit Jahren begleiten und tatkräftig unterstützen. Dies war und ist ein schönes Zeichen der Zusammengehörigkeit. Dr. Rainer Gutknecht Landrat 3

Aus dem Kreisgeschehen Kreispolitik 1995 Das Jahr 1995 war – wie schon die Vor­ jahre – von der Sorge um die wirtschaftliche Entwicklung im Landkreis erfüllt, wobe� besonders die Verhältnisse in der Kreisstadt Villingen-Schwenningen zu der nach wie vor angespannten Lage beitragen. Die Arbeits­ losenquote war in den Wintermonaten 1994/95 dementsprechend mit 9,5 0/o hoch. Das Frühjahr 1995 brachte jahreszeitlich bedingt zwar eine leichte Besserung Ouni 1995: 7,7 %), insgesamt sind wir jedoch noch nicht „über dem Berg“. Auf Anregung des Wirtschaftsministeri­ ums in Stuttgart ging das Landratsamt in einer schriftlichen Ausarbeitung auf die drei Bereiche: Stärken und Schwächen des Schwarzwald­ Baar-Kreises, Leitbild für den Schwarzwald-Baar-Kreis und – Handlungsschwerpunkte zur Stärkung der Wirtschaft ein. Es wurden zahlreiche Gespräche mit den am wirtschaftlichen Leben Beteiligten ge­ führt. Die weiteren Bemühungen konzen­ trieren sich darauf, die „positiven Kräfte“ zu bündeln und durch gemeinsame Anstren­ gungen zu einer Verbesserung der wirtschaft­ lichen Lage beizutragen. Die angespannte Haushaltslage zwingt zu äußerster Sparsamkeit. Für den Investitions­ bereich heißt dies, daß nur das Notwendig­ ste angepackt bzw. fortgeführt werden konnte: – Die neue Unterkunft der Schule für Gei­ stigbehinderte in Donaueschingen konn­ te am 7. 4.1995 im umgebauten Missions­ konvikt offiziell in Betrieb genommen werden (vgl. Beitrag in diesem Almanach, Seiten 62-66). 4 – Der Neubau der Beruflichen Schulen in Furtwangen wurde am 25. 7. 1995 einge­ weiht (vgl. Beitrag in diesem Almanach, Seiten 66-69). – Nicht aufschieb bar ist die Erweiterung der Schule für Körperbehinderte in Villin­ gen-Schwenningen um einen dritten Bauabschnitt. Die drei beteiligten Kreise (Rottweil, Tuttlingen, Schwarzwald-Baar) beabsichtigen, für eine Übergangszeit ei­ nen Container-Anbau mit drei Klassen­ und zwei Gruppenräumen und in den nächsten Jahren einen Erweiterungsbau zu errichten. Als weitere Schwerpunkte der Kreispolitik standen auch im Berichtszeitraum die Ab­ fallwirtschaft, der Soziale Bereich und der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) im Vordergrund. Die Abfallwirtschaft bildet in dieser Aus­ gabe ein eigenes Kapitel (siehe Seiten 14-43). Sozialer Bereich Die soziale EntwickJung des Kreises war im vergangenen Jahr erwartungsgemäß ge­ prägt von einem weiteren drastischen An­ wachsen der Sozialhilfeausgaben. So stieg der vom Kreis aus eigenen Mitteln zu finan­ zierende Aufwand in der originären Sozial­ hilfe (ohne Asylbewerber und Bürgerkriegs­ flüchtlinge) um 18 O/o von 19,6 Mio. DM auf 23,1 Mio. DM. Hinzu kommt die an den Landeswohlfahrtsverband für die stationäre Pflege älterer Mitbürger und Behinderter zu leistende Umlage von über 41 Mio. DM. Mittlerweile gibt der Landkreis für die soziale Sicherung insgesamt rund 110 Mio. DM brutto aus, d. h. jede zweite Mark des Kreishaushaltes fließt in den Bereich Sozia­ les. In der Folge mußte die von den Gemein-

den des Kreises zu leistende Umlage erneut um 1 4 Punkte angehoben werden. Die Hauptursachen für die Entwicklun­ gen der Sozialhilfe liegen in der überaus pre­ kären Arbeitsmarktsituation mit über 8 000 Arbeitslosen im Kreis (höchste Arbeitslosen­ rate aller baden-württembergischer Land­ kreise) und der Tatsache begründet, daß der Bundesgesetzgeber seine Leistungen, insbe­ sondere bei der Unterstützung Arbeitsloser, ständig zu Lasten der örtlichen Sozialhilfe reduziert. Besonders betroffen ist hiervon der Personenkreis der Spätaussiedler, der infolge einer Änderung des Arbeitsförde­ rungsgesetzes nunmehr nach 6 Mona�en ausschließlich auf Sozialhilfe angewiesen ist. Rund 60 O/o der Fallzahlenzuwächse bei den Sozialämtern des Kreises entfallen auf diese Personengruppe. Trotz der Tatsache, daß die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und_ hi�r insbesondere der Langzeitarbe1tslos1gke1t mit rund 2 500 Personen im Schwarzwald­ Baar-Kreis primär die Aufgabe der Arbeits­ verwaltung ist, hat sich der Landkreis im März dieses Jahres entschlossen, ein eigenes Förderprogramm zur Beschäftigung ar­ beitsloser Sozialhilfeempfänger aufzule- gen: fü d“ B h““fi · 1e esc a tl- · r gung eines arbeitslosen Sozialhilfeempfän­ gers für 1 Jahr einen monatlichen Lo?nko­ stenzuschuß über DM 1500,-. Des weiteren kann die Förderung von Arbeitsbeschaf­ fungsmaßnahmen durch das Arbeit_samt für Sozialhilfeempfänger vom Landkreis auf b1s zu 100 0/o. der Lohnkosten aufgestockt wer­ den. Für �alifizierungsmaßnahmen wird die Sozialhilfe weitergewährt bzw. sogar-als Anreiz für die Betroffenen – aufgestockt. Mit diesen Maßnahmen setzt der Kreis die Priorität klar in der Eingliederung der Betrof­ fenen in den ersten Arbeitsmarkt, eine För­ derung des sogenannten zweiten Arbeits­ marktes etwa in Form von Beschäftigungsge­ sellschaften erfolgt allenfalls nachrangig nach einer genauen Kosten-Nutzen-Ana­ lyse. Der Kreis ist zuversichtlich, daß df e Arbeitgeber dieses Förderangebot gerade m Arbeitgeber erhalten Eingliederung staatlicher Behörden in das Landratsamt Ab 1. Juli 1995 sind die bisher staatlichen Einrichtungen Gesundheitsamt Villingen­ Schwenningen, Veterinäramt Donaueschin­ gen und Teile des Amtes für Wasserwirtschaft und Bodenschutz Donaueschingen in das Landratsamt des Schwarzwald-Baar-Krei­ ses eingegliedert worden. Landrat Dr. Rainer Gutknecht begrüßte am 4. Juli 1995 die rund 50 neuen Mitarbeiter und betonte, daß man sich bemühen werde, durch kürzere Ver­ waltungswege und die Bündelung des techni­ schen Sachverstandes mit der Verwaltungszu­ ständigkeit des Landratsamtes die vom Gesetzgeber vorgegebenen Ziele möglichst schnell zu erreichen. Frau Dr. Flick als Leiterin des neu einge­ richteten Gesundheitsdezernates, Herr Möß­ ner als neuer Leiter des Amtes für Wasser­ wirtschaft- und Bodenschutz und Herr Dr. langer als Leiter des Veterinäramtes gehören nunmehr der Leitungsebene des Landratsamtes an. An der räumlichen Unterbringung hat sich nichts geändert: Das Gesundheitsamt ist im bisherigen Gebäude im Stadtbezirk Villingen untergebracht. Das Amt for Wasserwirt­ schaft und Bodenschutz und das Veterinär­ amt des Landratsamtes befinden sich wie bis­ her in der Jrmastraße 11 in Donaueschingen (im Gebäude des ehemaligen Finanzamtes). Zeiten einer wieder anziehenden Konjunk­ tur annehmen. Ein weiteres beherrschendes Thema im Landkreis war und ist die Einführung der Pflegeversicherung mit ihren ambulanten und teilstationären Leistungen zum 1. 4.1995. In der Praxis wird spürbar, daß dieser „Pflege­ kom promiß“ vom Frühjahr 1994 doch “.mit heißer Nadel gestrickt“ wurde. Ungereimt­ heiten und Defizite in diesem Gesetzeswerk 5

zur 5.Säule der Sozialversicherung-etwa im Bereich der Leistungen an Behinderte -wer­ den mit Sicherheit noch lange die Gerichte und den Gesetzgeber beschäftigen. Bei aller -sicherlich auch berechtigten -Kritik sollte aber nicht vergessen werden, daß mit diesen Leistungen rund 90 OJo der Personen in der offenen Pflege außerhalb des Heimes und etwa 75 OJo der Pflegebedürftigen im Heim von der Sozialhilfe (d. h. Einsatz des „Erspar­ ten“ und Heranziehung der Kinder zu den Heimkosten) unabhängig sein werden. Aus Sicht der Kreisfinanzen und damit auch der der Gemeinden wird spätestens ab der Ein­ führung der stationären Leistungen der Pfle­ geversicherung zum 1. 7. 1996 eine deutliche Entlastung -landesweit wird von 800 Mio. DM gesprochen – erwartet. Allerdings scheint bei dieser Zahl Skepsis angebracht. Für die Heime, die Sozialstationen und die ambulanten Hilfsdienste im Kreis bringt die Pflegeversicherung tiefgreifende Änderun­ gen mit sich. Das Altenheim klassischer Prä­ gung wird es aus Sicht der Pflegeversicherung nicht mehr geben. Neue und komplizierte Abrechnungsverfahren mit den unterschied­ lichsten Kostenträgern sind zu entwickeln. Die Sozialstationen können im Bereich der Leistungen für die Pflegeversicherung nicht mehr mit kommunalen Zuschüssen von Kreis und Gemeinden rechnen. ,,Markt“ ein­ schließlich der Konkurrenz privat-gewerbli­ cher Anbieter ist angesagt. Der Landkreis wird seine Förderrichtlinien für die ambu­ lanten Dienste grundlegend für das Jahr 1996 überarbeiten müssen. Im Bereich der Hilfen für Nichtseßhafte konnte im vergangenen Jahr ein wichtiges Ziel erreicht werden: Die Arbeiterwohlfahrt wird in VS-Schwen­ ningen mit Unterstützung des Landkreises, der Stadt Villingen-Schwenningen, des Lan­ deswohlfahrtsverbandes und des Landes eine Einrichtung für Nichtseßhafte verwirk­ lichen. Hier sollen Übernachtungsplätze für 6 Personen sowie 11 Plätze zur Wiedereinglie­ derung Nichtseßhafter, verbunden mit einer angegliederten Werkstatt, für insgesamt rund 6 2,1 Mio. DM geschaffen werden. Mit dieser Einrichtung ist wiederum ein „weißer Fleck“ in der sozialen Landschaft des Schwarzwald­ Baar-Kreises verschwunden. Ruhig ist es im letzten Jahr um die Proble­ matik der Asylbewerber geworden. Der deutliche Rückgang der Bestandszahlen von 1 600 Asylbewerbern im April 1994 auf jetzt rund 1 000 im Landkreis, die um 60 OJo gesun­ kenen Neuzugänge sowie die Wiedergewäh­ rung von Geldleistungen an Asylbewerber im zweiten Verfahrensjahr haben dazu beige­ tragen. Die Gemeinden des Landkreises bau­ en mittlerweile wieder Unterbringungskapa­ zität ab. Trotz dieser Entwicklung hat die finanzielle Belastung des Kreises zugenom­ men: Mehr Asylbewerber werden als Berech­ tigte anerkannt, deutlich mehr Personen wer­ den nach Abschluß des Asylverfahrens hier geduldet oder erhalten eine Aufenthaltsbe­ fugnis. Zusammen mit der nach wie vor ho­ hen Anzahl von Bürgerkriegsflüchtlingen aus dem ehemaligen Jugoslawien wird der Kreis hierfür Mittel in Höhe von rund 3 Mio. DM erbringen müssen. In der Jugendhilfe war nach dramati­ schen Aufwandssteigerungen in den letzten Jahren jetzt erstmals eine verhaltene Steige­ rung um „nur“ 6 OJo auf rund 13,6 Mio. DM festzustellen. Hiervon entfielen allein 8 Mio. DM auf die Stadt Villingen-Schwenningen. Mit dieser – relativ gesehen – moderaten Steigerung macht sich die vom Kreisjugend­ amt eingeleitete Ausdifferenzierung der Hil­ fen für Kinder und Jugendliche vor einer teu­ ren vollstationären Heimunterbringung be­ merkbar. Als Vorfeldangebote in diesem Sinne konnten im vergangenen Jahr eine weitere Tagesgruppe in Hüfingen und in St. Georgen in Betrieb genommen werden. Ein zweites Angebot zur sozialen Gruppen­ arbeit für auffällige Kinder wird in Donau­ eschingen angeboten werden müssen. Durch das Einrichten eines Spezialdienstes im Kreisjugendamt wird die Arbeit mit und die Gewinnung von weiteren Pflegefamilien in­ tensiviert werden. Große Sorgen bereitet

dem Landkreis die Entwicklung sogenannter sozialer Brennpunkte, insbesondere in den Übergangswohnheimen für Spätaussiedler im Landkreis. Im größten Heim, in Maria­ Tann in Unterlcirnach, berichten Polizei und Betreuungskräfte von massiven Gewalt- und Drogendelikten. Aber auch andere Über­ gangswohnheime im Kreis sind hiervon nicht verschont. Die besondere soziale Lage der hier untergebrachten Personen, insbe­ sondere die der Kinder und Jugendlichen, die hier oft ohne persönliche und berufliche Perspektive leben, bietet ein geradezu ideales Umfeld für kriminelle Aktivitäten. Wenn schon Kinder in der Übergangswohnheimen zum Drogenkonsum verführt werden, ist Handeln dringend notwendig. In einer ge­ meinsamen Anstrengung haben Gemeinde, Diakonisches Werk und der Landkreis in Maria-Tann eine Sozialarbeit eingerichtet, die insbesondere Kindern und Jugendlichen eine sinnvolle Freizeit und persönliche Hi!- fen anbietet. Es bleibt zu hoffen, daß hiermit und mit weiteren begleitenden Maßnahmen die Situation, wenn schon nicht bereinigt, so doch jedenfalls deutlich verbessert werden kann. Öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV) Der ÖPNV stellt eine der wenigen Aufga­ ben dar, bei denen der Landkreis über Gestal­ tungsmöglichkeiten verfügt. Mit der Regio­ nalisierung des Schienenpersonennahver­ kehrs wird die Verantwortung für die Organi­ sation des Nahverkehrs auf die Länder und Kommunen übertragen. Zum 1.1.1996 über­ nimmt das Land die Aufgaben- und Finanz­ verantwortung im Schienenpersonennah­ verkehr und gleichzeitig wird die Zuständig­ keit der Stadt-und Landkreise im Busverkehr begründet. Mit dem Gesetz zur Umsetzung der Bahnstrukturreform und zur Gestaltung des ÖPNV (ÖPNVG) in Baden-Württem- (Fortsetzung Seite 12) Kuckucksuhr am Landratsamt in Villingen-Schwenningen, Künstler: Albert Hien, München 7

Hochwasser im Schwarzwald-Baar-Kreis In der 2.}anuarhä!fte 1995 war es wieder soweit: Weite Tei/.e des Landkreises, besonders im Ein­ zugsbereich von Brigach, Breg und Donau waren überschwemmt. Regen, Sturm, Schnee und glalle Straßen wechselten in schneller Folge ab. Am 25. Januar 1995 m11ßte Hochwasseralarm (nicht Katastrophenalarm!) a11sgeruftn werden. Die kri­ tischen Werte des Hochwassers vom 15. Februar 1990 (vgl. Almanach 93, Seite 11-14) wurden zwar nicht erreicht, dennoch waren viele Kräfte Hochwasser an der Donau bei !Johren im Einsatz, um unsere Bevölkerung zu warnen und zu schützen. Ahnliche Verhältnisse herrschten auch am 22. Dezember 1991 und am 20. Dezember 1994. Während im Dezember 1991 Hochwasseralann für das gesamte Bregtal ausgelöst wurde, reichte im Dezember 1994 eine Hochwasserwamungfür das Breg- und Brigachtal. Auch bei uns wurde die Frage laut, was denn die Ursache dieser sich hä11ftnden ,Jahrhunderthoch­ wasser“ sei. Deuten die großen Wassennassen a1if eine Klimaänderung hin oder sind die „Bau­ sünden“ der Vergangenheit schuld an den Schä­ den? Eine schlüssige Antwort gibt es bisher nicht. Hochwasser bei Beckhoftn Hochwasser an der Brigach!A1efen Hochwasser an der Brigach!Marbach 8

Hochwasser Brigachtal 9

Tunnelanschlag an der B 31 in Döggingen Der Dögginger Tunnel ist ein wichtiger Verkehrs­ abschnitt eines leistungsfähigen Ausbaues der B 31 zwischen Freiburg und Donaueschingen. Döggingen, ein Stadtteil der Stadt Bräunlingen, ist die letzte Ortsdurchfahrt zwischen Freiburg und Donaueschingen. Das hohe Verkehrsauf kommen quält sich seit Jahren durch den Ort. Der Verkehr wird sich in der Zukunft durch die Liberalisierung des europäischen Handels, den EG-Binnenmarkt und der Öjfnung der Grenzen zu Osteuropa noch verstärken. Der Bau einer zweibahnigen Straße ist daher unumgänglich. Die einzig ausführbare Variante war die am 10.Juli 1991 plarifestgestellte unterir­ dische Trasse. In Anwesenheit von Ministerpräsident Erwin Teuft!, Bundesverkehrsminister Matthias Wiss­ mann und Landesverkehrsminister Hermann Schaufler wurde am Freitag, den 9.juni 1995 der Startschuß fiir die dringende Baumaßnahme gegeben. Die Bilder halten das wichtige Ereignis fast. 10

berg, das vom Landtag am 23. Mai 1995 be­ schlossen wurde, wird das Landesrecht an die geänderten eisenbahnrechtlichen Bestim­ mungen angepaßt. Dieses ÖPNVG soll der geeignete Rahmen für eine Fortentwicklung und Verbesserung des ÖPNV sein. Der ÖPNV ist darin weiterhin als freiwil­ lige Aufgabe der Kommunen und nicht als Pflichtaufgabe ausgestaltet. Damit bleiben Spielräume erhalten, die frei sind von staatli­ chen Vorgaben und sich an örtlichen Bedürf­ nissen orientieren können, so daß hier tat­ sächlich von Gestaltungsmöglichkeiten ge­ sprochen werden kann. Es darf jedoch nicht übersehen werden, daß auf den Landkreis erhebliche finanzielle Belastungen zukom­ men werden. Ein weiteres Ziel des Landes ist die Ein­ führung des sogenannten Integralen Takt­ fahrplanes, mit dem eine vernetzte Ver­ kehrsbedienung auf der Schiene und damit eine erhebliche Verkürzung der Fahrzeiten erreicht werden soll. Eine stündliche Ver­ knüpfung aller Zugangebote des Nah- und Fernverkehrs und auf den integralen Takt­ fahrplan aufbauende lokale Verkehrsnetze können zu einer deutlichen Attraktivitäts­ steigerung der öffentlichen Verkehrsmittel führen. Um dies sicherzustellen, soll die Erfüllung der Aufgaben im Schienenperso­ nennahverkehr zunächst dem Land vorbe­ halten bleiben. Die Umsetzung des Integra­ len Taktfahrplanes für unseren Bereich soll ab dem Fahrplan 1996/1997 erfolgen. Die Umsetzung integrierter Nahverkehrs­ konzepte auf Kreisebene erfordert auch erhebliche finanzielle Mittel. Der Schwarz­ wald-Baar-Kreis kann umfangreiche Kon­ zepte zur Verbesserung des ÖPNV und eine Verknüpfung von Straße und Schiene nicht allein verwirklichen, sondern ist auf eine Unterstützung durch das Land angewiesen. Da mit der Regionalisierung auch die Fi­ nanzverantwortung auf das Land überging, mußten die planerischen Vorarbeiten recht­ zeitig fertiggestellt sein, um beim Land Ba­ den-Württemberg mit einem umsetzungs­ reifen Konzept die Gewährung von Förder- 12 mitteln aus den Regionalisierungsgeldern beantragen zu können. Ein besonderer Schwerpunkt im Berichtszeitraum war des­ halb die Entwicklung eines ÖPNV-Konzep­ tes durch die Landkreise Tuttlingen, Rottweil und Schwarzwald-Baar gemeinsam mit dem Regionalverband. Das sogenannte Ringzug­ system soll auf der Schiene das Oberzen­ trum Villingen-Schwenningen mit den Mit­ telzentren Rottweil, Tuttlingen und Donau­ eschingen verbinden. Gleichzeitig soll der die Fläche erschlie­ ßende Busverkehr mit dem Schienenverkehr vernetzt werden. Teile dieses integrierten ÖPNV-Konzeptes sind bereits umgesetzt. Bei einer ersten Vorstellung des Ringzug­ systemes stellte Verkehrsminister Schaufler eine Unterstützung des Landes in Aussicht. Die entsprechenden Förderanträge werden voraussichtlich im Herbst 1995 gestellt wer­ den. Aus der Sicht des Schwarzwald-Baar-Krei­ ses kommt einem Teil dieses Ringzugsyste­ mes besonders große Bedeutung zu. Ein wesentlicher Beitrag zur Kreispolitik ist die Umsetzung des Stadtbahnkonzeptes, der Verbindung von Bräunlingen über Hüfin­ gen – Donaueschingen – Brigachtal – Vil­ lingen und Schwenningen nach Trossingen. Diese Strecke führt durch die am dichtesten besiedelten Bereiche des Kreises und verbin­ det die an der Strecke liegenden Gemeinden direkt mit dem Oberzentrum Villingen­ Schwenningen. Auch können die aus dem südlichen Kreisgebiet auf Donaueschingen und Hüfingen ausgerichteten Buslinien durch die Stadtbahn mit Villingen-Schwen­ ningen verbunden werden. Im Berichtsjahr wurde das Stadtbahnkonzept nochmals überarbeitet und verfeinert. Die voraussicht­ lichen Investitionskosten wurden ermittelt und bei möglichen Betreibern der Stadtbahn die Preise erfragt. Die Stadtbahnkonzeption wurde den an der Strecke liegenden Gemein­ den vorgestellt und in den Gemeinderäten wie auch im Kreistag befürwortend aufge­ nommen. Die Stadtbahnkonzeption wurde inzwischen dem Land mit der Bitte um

Bezuschussung vorgetragen. Nächster Schritt wird die Organisation der Beteiligung der Gebietskörperschaften an der Stadtbahn sein. Selbstverständlich sind auch die Busunter­ nehmer einzubeziehen. Ein weiterer Schwerpunkt im Berichts­ zeitraum war die Einführung der elektroni­ schen Fahrscheindrucker, die zu Beginn des Jahres 1995 installiert wurden. Die Finan­ zierung wurde zu 20 % von den Busunter­ nehmern und zu je 40 % vom Land Baden­ Württemberg und dem Schwarzwald-Baar­ Kreis übernommen. Mit den elektronischen Fahrscheindruckern besteht die Möglich­ keit, linien- und unternehmensbezogene Abrechnungen vorzunehmen und den je­ weiligen Unternehmen den auf seine Linie entfallenden Anteil an Einnahmen zuzuord­ nen. Bereits unmittelbar nach der Installa­ tion begannen einige Unternehmer, die Fahrscheine gegenseitig anzuerkennen. Damit ist ein wesentlicher Schritt für eine stärkere tarifliche Zusammenarbeit der ver­ schiedenen Unternehmen getan. Die Neuordnung des Hintervillinger Raumes, mit der die Linienverkehre in fahr­ plantechnischer Hinsicht und im Bereich der Tarife aufeinander abgestimmt werden sollen, konnte 1994 aus finanziellen Grün­ den leider nicht durchgeführt werden. In den Beratungen für den Haushaltsplan 1995 hat der Kreistag eine grundsätzliche Absichtser­ klärung abgegeben, die Konzeption im Haushalt künftig zu berücksichtigen. Bis Ende des Jahres 1995 wird deshalb die Kon­ zeption an die geänderten Verhältnisse ange­ paßt und das Ziel verfolgt, die Umstrukturie­ rung im Hintervillinger Raum im Jahre 1996 durchzuführen. Dr. Rainer Gutknecht Joachim Gwinner Gabriele Seefried Haus in Nußbach Öl-Tempera, 1988: Klaus Burk 13

Eine wichtige Kreisaufgabe: Abfallwirtschaft Abfall und alles was dazugehört ist seil Jahren ein Schwerpunkuhema der Kreispolitik. Die Bedeutung des Themas rechifertigl eine Standortbestimmung, zumal das ö./fenlliche Interesse nicht zuletzt wegen der Inanspruchnahme der Einwohner des Kreises durch Gebühren weiter zunimmt. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Abfallwirtschafisamles in der Verwaltung des Landkreises haben unter Fede,füh­ rung ihres Leiters, Albrecht Tschackerl, die Fragen der Abfallwirlschafi aus der gegenwärtigen Sicht beleuchtet. Der Abfall im Brennpunkt des öffentlichen Interesses Müllbeseitigung – Entsorgung – Abfa/lwirt­ schafi. Schon die Wandlung der Begriffe macht die Entwicklung in diesem wichtigen kommunalpolitischen Thema deutlich. In den 60er Jahren gab es in fast jeder Ortschaft eine „Müllkippe“, auf der die Hinterlassen­ schaften der aufblühenden Wohlstandsge­ sellschaft abgekippt wurden. Dem damals noch vollkommen ungenügenden Kennt­ nisstand über chemische und biologische Abläufe in den Deponien stand die erheb­ liche „Chemisierung“ des deutschen Abfalls gegenüber, der ständig stärker mit Schadstof­ fen aller Art belastet war. Der Gesetzgeber hat dies zum Anlaß genommen, im Jahr 1972 ein erstes Bundesabfallgesetz zu formulie­ ren, das sehr deutlich machte, daß die Ent­ sorgung von Abfällen in gleicher Weise eine Maßnahme der Daseinsvorsorge darstellt, wie es die Versorgung der Bevölkerung mit Wa er, Energie und Grundnahrungsmitteln ist. In den 70er Jahren entwickelte sich sehr rasch eine fundierte Abfallforschung mit Standbeinen an den Universitäten von Ber­ lin, Braunschweig und Stuttgart. Sie hatte zunächst die Abfallablagerung mit ihren viel­ fältigen bautechnischen Ansprüchen und Umweltauswirkungen zum Gegenstand. Die Praxis folgte dem wissenschaftlichen Er­ kenntnisstand jedoch nur langsam. Sicher 14 auch eine Folge der gesetzlichen Übertra­ gung der Entsorgungsverantwortung auf die kommunale Ebene und der damit verbunde­ nen erheblichen Schwierigkeit der Wissens­ übertragung, die notwendig ist, um in Kom­ munalparlamenten umwelttechnische Inve­ stitionen in Millionenhöhe verantwortlich zu beschließen. In den 80er Jahren nahm die Müllbeseiti­ gung eine explosionsartige Entwicklung und folgerichtig führt diese Disziplin heute die Bezeichnung Abfallwirtschaft. Die Ablage­ rung des „Restmülls“ spielt nur noch eine Nebenrolle, obgleich die Entsorgung ohne belastbare Restmüll-Entsorgungsanlagen un­ mittelbar zusammenbrechen würde. Einen finanziell wesentlich umfangreicheren An­ teil hat die Verwertung von Abfällen, da heute technische Verfahren vorhanden sind, um nahezu alle Stoffe, die ohne Verschmut­ zung und sortenrein erfaßt werden können, einer Verwertung zuführen zu können. Die Voraussetzung dafür ist jedoch, daß sich alle Glieder unserer Gesellschaft am Sor­ tieren und getrennten Bereitstellen von Rest- toffen beteiligen. In gleicher Weise, wie vom Bürger und Konsumenten der An­ spruch an hochwertige Konsumgüter gestellt wird, ist für ein funktionierendes Recycling der Anspruch an den Verbraucher zu stellen, seine Reststoffe sauber und separiert der Ver-

wertung zur Verfügung zu stellen. Bedauer­ lich ist, daß damit nicht eine Verringerung der Entsorgungskosten einhergeht, da mit jedem Verwertungsvorgang Dienstleistun­ gen und Aufbereitungsvorgänge verbunden sind, deren Kosten in der Regel die Wert­ schöpfung aus ·der erneuten Verwendung eines Sekundärrohstoffes übersteigen. Bis heute hat sich eine alte Erkenntnis der frühen abfallwirtschaftlichenJahre bestätigt: beitsplatz an abfallarmes Konstruieren und Produzieren. Es gibt vielfältigste Berüh­ rungspunkte und folglich ist auch das öffent­ liche Interesse an diesem Zeitproblem be­ sonders ausgeprägt. Überall gibt es Müllex­ perten, selbsternannte und tatsächliche. Die politische Diskussion ist kontrovers, sie auf einem sachlichen Niveau zu halten ist schwierig. Die Vielfalt der Informationsquel­ len, ob seriös oder unseriös, ist unüberschau- WENIGER MULL SCHWARZWALD-BAAR-KRE I S •• Die billigste Entsorgung ist es, alles auf einen großen Haufen zu werfen, alles zu deponie­ ren. Umweltschutz kostet viel Geld. Um so wichtiger ist die ökologische und ökonomi­ sche Gesamtschau bei der Lösung abfallwirt­ schaftlicher Probleme. Eine für den Bürger noch vertretbare Abfallgebührenbelastung macht es notwendig, Kompromisse zwi­ schen dem ökologisch Wünschenswerten und dem ökonomisch noch Vertretbaren zu finden. Ein jeder wird tagtäglich mit Belangen der Abfallwirtschaft konfrontiert. Sei es der täg­ liche Gang zum Mülleimer, die Pressebe­ richterstattung über das entsorgungspoliti­ sche Ringen oder die Anforderung am Ar- bar. Trotz alledem ist es ein überaus erfreuli­ cher Zug unserer Zeit, daß sich die Bevölke­ rung intensiv mit der Erhaltung unserer natürlichen Umwelt auseinandersetzt. Es ist naheliegend, daß sie dies wegen der indivi­ duellen Betroffenheit gerade am Beispiel der Abfallwirtschaft tut. In unserem Landkreis wurden bis zum Ende der 80er Jahre die Abfälle vorwiegend abgelagert. Der Landkreis hat hierfür 1978 eine ausgedehnte Siedlungsabfalldeponie im Bereich des Bocksbartgrabens bei Tuningen eingerichtet und von der Stadt Hüfingen 1976 die städtische Deponie in der Nähe des Riedsees übernommen und weiterbetrieben. Daneben verblieb die Aufgabe des Sam- 15

melns und Transportierens von Abfällen bei allen 20 Städten und Gemeinden des Krei­ ses. Insbesondere die Städte haben sich früh­ zeitig der gesetzlichen Anforderung der Ab­ fallverwertung gestellt und Systeme zur Erfassung von Altglas, Altpapier, Dosen und später auch Kunststoffen eingeführt. 1991 wurde mit dem Erlaß der Verpak­ kungsverordnung und der späteren Grün­ dung der Duales System Deutschland GmbH bundesweit ein neues Element in das abfall­ wirtschaftliche System integriert. Der Land­ kreis hat sich im Herbst 1992 dem Dualen System angeschlossen und damit eine we­ sentliche Verbesserung der Wertstofferfas­ sung im gesamten Kreisgebiet erzielen kön­ nen. Die Menge des gesammelten Altpapiers und Altglases konnte durch die Verdichtung der Sammelsysteme nahezu verdoppelt wer­ den. Hinzu kamen rund 3500 t Kunststoffe und Metallverpackungen, die jährlich mit Hilfe des Gelben Sackes gesammelt werden. Heute verfügt der Schwarzwald-Baar-Kreis über ein ausgefeiltes abfallwirtschaftliches Konzept, das mit Ausnahme des sogenann­ ten Biomülls Verwertungsmöglichkeiten für nahezu alle denkbaren Bestandteile des Abfallkuchens aufweist. Der Kreistag des Schwarzwald-Baar-Kreises hat in den zu­ rückliegenden drei Jahren ein umfangreiches Arbeitspensum erledigt. Er hat sich dabei auch experimentierfreudig gezeigt und hat, wo es notwendig war, auch Korrekturen sei­ ner eigenen Beschlüsse vorgenommen. Wenn vom Abfallwirtschaftsamt des Landkreises alle Beschlüsse umgesetzt sein werden, ver­ fügt der Landkreis über ein zeitgemäßes Reststoff-Entsorgungssystem, das, im Lan­ desvergleich, bei günstigen Gebühren betrie­ ben wird. Die erfreulichen Fortschritte lassen sich auch mit Zahlen dokumentieren. Im Jahr 1989 wurden auf den Mülldeponien noch 196 900 t Abfälle aus Haushalten, Industrie und Kläranlagen abgelagert. Auf jeden Ein­ wohner entfielen! 004 kg pro Jahr.1995 wer­ den dies etwa 106 500 t sein, 510 kg pro Ein­ wohner, eine Reduzierung um etwa 50 O/o. 16 Dieses hervorragende Ergebnis ist zurückzu­ führen auf das enorme Engagement der Bevölkerung bei der getrennten Bereitstel­ lung von Wertstoffen, auf ebenso umfangrei­ che Bemühungen von Gewerbe und Indu­ strie zur Vermeidung des Abfallanfalls und Verwertung von Reststoffen und auf die Fortentwicklung der Verwertungsangebote für alle Abfallerzeuger in unserem Landkreis. Die Abfallwirtschaft in unserem Land­ kreis ist auf einem guten Weg. Nichtsdesto­ trotz liegen schwerwiegende und langfristige Entscheidungen vor uns. Der Kreistag muß Entscheidungen über die Erfassung und Ver­ wertung des Biomülls und über die Behand­ lung des dann noch verbleibenden Rest­ mülls treffen. Abhängig vom Erfolg der Bio­ müllerfassung und von der weiteren Verwer­ tung oder Entsorgung des Klärschlammes ver­ bleiben im Schwarzwald-Baar-Kreis noch 60 000 – 80 000 t Restabfälle pro Jahr. Der Gesetzgeber macht es zur Auflage, daß der Restmüll erst dann abgelagert wird, wenn er nicht mehr biologisch oder chemisch reagie­ ren kann. Dies ist nach Auffassung von Fach­ leuten erst dann der Fall, wenn der Restmüll vorher einer thermischen Behandlung unter­ zogen wurde. Die Verfahren hierfür sind die Verbrennung oder die Verschwelung des Abfalls, Stichworte wie Thermoselect- oder Schwel-Brenn-Verfahren sind in aller Munde. Diese gesetzliche Anforderung kann nur begrüßt werden, stellt sie doch sicher, daß die Abfallablagerungen von heute nicht zu Altlasten von morgen führen. Solche Altlasten stellen die Deponien dar, die in den vergangenen Jahrzehnten einge­ richtet und heute zu Ende betrieben werden. Die biologischen und chemischen Vorgänge in Müllbergen mit 1- 2 Mio. m3 Volumen sind aufDauer unkontrollierbar und werden uns erhebliche Nachsorgekosten bringen. Der Weg hin zur Ablagerung von nur noch reaktionslosen, erdkrustenähnlichen Mate­ rialien ist die einzige Möglichkeit, nachfol­ genden Generationen nicht die Lasten aus unseren heutigen Lebensgewohnheiten auf­ zubürden.

Die politische Diskussion über den richti­ gen Weg der Restmüllbehandlung ist kontro­ vers. Diese Diskussion wird mit viel Herz­ blut geführt und wird die Bürgerinnen und Bürger und die Politiker unseres Kreises auch in den kommenden Jahren nicht ruhen las­ sen. So notwendig diese Diskussion ist, muß doch angemerkt werden, daß sie auch zu einem Ergebnis geführt werden muß, um die Entsorgbarkeit unserer Region wie seither, so auch in Zukunft, sicherzustellen. Das folgende Kapitel beschäftigt sich mit dem vielgliedrigen Abfallwirtschaftskonzept unseres Landkreises, von der Aufklärungsar­ beit bis zur Sondermüllentsorgung für die privaten Haushalte, von der Verwertung von Glas und Papier bis hin zum Baustoffrecy­ cling. Albrecht Tschackert Vermeiden ist besser als Verwerten Öffentlichkeitsarbeit als wichtiges Standbein der Abfallwirtschaft Abfalle zu verwerten, sie in den Wirt­ schaftskreislauf zurückzuführen, ist gut. Ab­ falle vermeiden, sie gar nicht erst anfallen zu lassen, ist besser. Da das Abfallgesetz den Entsorgungs­ pflichtigen vorschreibt, Abfalle vorrangig zu verwerten, sind die Einflußmöglichkeiten des Landkreises auf die getrennte Erfassung und Verwertung von Abfallen relativ groß. Auch im Schwarzwald-Baar-Kreis werden immer mehr Abfalle von der Deponierung ausgeschlossen, für die sich Verwertungs­ wege aufgetan haben. Anders sieht es da bei der Abfallvermei­ dung aus. Nach dem Abfallgesetz darf nur die Bundesregierung durch entsprechende Rechtsverordnungen gesetzgeberische Maß­ nahmen zur Abfallvermeidung durchfüh­ ren. Eigenverantwortlich kann der Landkreis deshalb bei der Abfallvermeidung nur in beschränktem Umfang tätig werden. Hierzu gehört beispielsweise der Aufruf der Bevölkerung zu mehr Eigenverantwort­ lichkeit im Umgang mit den Abfallen und dazu, selbst mehr für die Abfallvermeidung zu tun. So hat der Landkreis eine gemein­ same Aktion mit Einzelhandel, Metzgern und Bäckern in Vorbereitung, die den Ein­ kauf mit dem selbst mitgebrachten Gefaß fördern soll. Mit dieser Aktion versucht das Abfallwirtschaftsamt, im Rahmen der ge- setzlich beschränkten Möglichkeiten abfall­ vermeidendes Verhalten von Seiten des Bür­ gers zu unterstützen. Öffentlichkeitsarbeit ist daher im Hin­ blick auf die Abfallvermeidung eines der wichtigsten Standbeine. Ohne die Informa­ tion und Aufklärung zu abfallwirtschaftli­ chen Themen wird die Umsetzung einzelner Maßnahmen, die für den Bürger oft mit gewissen Unbequemlichkeiten verbunden sind oder zumindest ein Abgehen von alten Gewohnheiten notwendig machen, zu einem schwierigen Unterfangen. Das Abfallwirtschaftsamt des Schwarz­ wald-Baar-Kreises ist deshalb darum be­ müht, die Bürger möglichst umfassend zu informieren. Dabei wird auf ganz unter­ schiedliche Methoden der Öffentlichkeits­ arbeit zurückgegriffen. Da ist zunächst die telefonische Bera­ tung zu nennen. Sowohl die Abfallberater der Sachgebiete Gewerbe/Industrie/Hand­ werk, Haushalte/Großhaushalte und Schu­ len/Kindergärten als auch die Betreuerinnen des Bürgertelefons für Fragen zur Müllab­ fuhr stehen dabei mit Rat und Tat zur Verfü­ gung. Da kommen pro Tag schon einmal 100 Anrufe zusammen. Falls die telefonische Beratung nicht die gewünschte Klärung des Problems ermöglicht, kann auch eine Bera­ tung vor Ort erfolgen. Dies ist vorwiegend 17

Die Müllstunde im Kindergarten Die Informationstafel des Abfallwirtschafis­ amtes auf der Ökologa 1993 Mit Grundschulkindern auf der Deponie Hijingen 18

bei der Abfallberatung für Gewerbebetriebe der Fall. Ein weiteres Standbein ist die Pressear­ beit. Über Pressemitteilungen werden nicht nur Entsorgungstermine bekanntgegeben. In Form von Pressemitteilungen oder Presse­ gesprächen wird auch über aktuelle Themen der Abfallwirtschaft berichtet. So zum Bei­ spiel wenn es um die Einrichtung eines Wert­ stoffhofes geht, über die Restmüllentwick­ lung im Schwarzwald-Baar-Kreis berichtet werden soll oder eine vom Abfallwirtschafts­ amt organisierte Umwelttheateraktion in Kindergärten angekündigt wird. Manchmal ist es aber auch nützlich, ,,Müllinfos“ gleich griffbereit zu haben. Dies gewährleisten die vielen Broschüren und Faltblätter, die das Abfallwirtschaftsamt herausgibt. Vom „Abfall-ABC“ bis zum Falt­ blatt zur Eröffnung eines Wertstoffhofes und vom Faltblatt „Umweltfreundlicher Schuleinkauf“ bis zur „Kornpostbroschüre“. Das Angebot ist vielfältig. Teilweise werden Broschüren und Faltblätter direkt an die Haushalte verteilt. Meist liegen sie jedoch in den Rathäusern der Städte und Gemeinden aus oder können beim Landratsamt angefor­ dert werden. Nicht zu vergessen ist der Abfallkalen­ der, der in 31 verschiedenen Gebietsversio­ nen erstellt wird und allen Haushalten jähr­ lich zugeht. Über 3000 Einzeltermine müs­ sen hierfür jährlich erfaßt und redaktionell aufbereitet werden. Ein völlig anderes Medium ist die Abfall­ ausstellung des Abfallwirtschaftsamtes. Auf insgesamt 10 Schautafeln werden die abfall­ wirtschaftlichen Maßnahmen des Schwarz­ wald-Baar-Kreises dargestellt. Die Ausstel­ lung findet in den öffentlich zugänglichen Räumen der Städte und Gemeinden, bei Messen wie der Ökologa in Schwenningen oder auch bei Verbraucherausstellungen Einsatz. Ausstellungen, Broschüren und Faltblät­ ter sollen anschaulich sein und gelesen wer­ den. Deshalb ist ein ansprechendes Äußeres besonders wichtig. Das Abfallwirtschaftsamt arbeitet aus diesem Grund mit einer Werbe­ agentur zusammen, die die textlichen Vor­ lagen überarbeitet und entsprechend gra­ fisch umsetzt. Die Öffentlichkeitsarbeit beschränkt sich jedoch nicht nur auf die Information der Erwachsenen. Schon Kinder und Jugend­ liebe – also die Erwachsenen von morgen – behandeln das Thema Müll in Schule und Kindergarten. Kinder und Jugendliche sind für Umweltprobleme meist noch empfäng­ licher als Erwachsene und eher bereit ihr Ver­ halten entsprechend zu verändern. Und so gilt auch hier „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“. Das Abfallwirtschaftsamt unterstützt die tägliche Arbeit der Lehrer und Erzieherin­ nen durch gezielte Aktionen. Den Kinder­ gärten werden beispielsweise umfangreiche Arbeitsmaterialien wie Bücher, Spielzeug und Bildtafeln zur Verfügung gestellt, an Hand derer das Thema Müll als kompakte Lehreinheit zwei Wochen lang intensiv im Kindergarten behandelt werden kann. Und durch die vom Abfallwirtschaftsamt organi­ sierten Mülltheateraktionen in Grundschu­ len und Kindergärten sowie bei Führungen auf den Mülldeponien wird jede graue Theo­ rie durch Praxisbezug ersetzt. Allein 1992 konnten dabei über 8000 Grundschüler in unserem Landkreis angesprochen werden. Viola Faust-Bemdt Unsauberkeit EIN SEIFENSTÜCK kann alles putzen, wie sich die Menschen auch beschmutzen. Auf weißen Westen doch den Fleck – bringt nicht die beste Seife weg! Jürgen Henckell 19

Das Bringsystem Die Sozialverträglichkeit eines Abfallwirt­ schaftskonzeptes rückt in dem Maße in den Mittelpunkt des Interesses, in dem die Ge­ samtkosten der Abfallwirtschaft zunehmend steigen. Seitdem einzelne Entsorgungsbau­ steine, die auch nur von Teilen der Bevölke­ rung genutzt werden, zu maßgeblichen Ko­ stenfaktoren geworden sind, ist auch deren Sozialverträglichkeit zu prüfen. Es muß des­ halb stets abgewogen werden, ob es noch ver­ tretbar ist, Einzelmaßnahmen, wie z.B. die Grünguterfassung, in einem sehr komfortab­ len Abholsystem durchzuführen. Gerade bei der Grünguterfassung wird zurecht von Teilen der Bevölkerung, die in ihrem privaten Lebensbereich keine Gärten nutzen können, in Frage gestellt, daß es ver­ tretbar ist, die Kosten für die Sammlung und Verwertung der Gartenabfälle in die allgemeinen Abfallgebühren aufzunehmen. Ähnliches gilt für die Erfassung von Altholz, Altmetallen, Elektrogeräten oder dem pri­ vaten Sondermüll. Es wird deshalb vielfach die Forderung erhoben, daß die Entsorgung solcher Abfälle in jedem Einzelfall gesondert abgerechnet wird. Es darf dabei jedoch nicht aus den Augen verloren werden, daß mit der Erhebung von Einzelgebühren für jeden einzelnen Entsor­ gungs- oder Verwertungsvorgang, die Bereit­ schaft vieler Abfallerzeuger erheblich ge­ schmälert wird, sich an diesen Maßnahmen zu beteiligen. Die Versuchung, dann Wert­ stoffe in den Restmülltonnen zu entsorgen, steigt erheblich an. Deshalb muß ein praktikabler Mittelweg mit dem Ziel gefunden werden, das Abfall­ wirtschaftskonzept nicht zu einem unsozia­ len Konzept entgleisen zu lassen. Der Kreistag hat sich deshalb dafür ent­ schieden, daß eine Reihe von Einzelabfällen nicht mehr bei jedem Haushalt abgeholt werden. Heute schon werden Altholz, Elek­ trogeräte und Sondermüll an zentralen Sam­ melplätzen erfaßt. Zukünftig werden an die- 20 sen Sammelstellen auch Grünschnitt und Altmetalle gesammelt. Damit entfallen die hohen Kosten für die kreisweite Einsamm­ lung dieser Stoffe. Die Transportkosten fal­ len beim Abfallverursacher an und der kann mit seinen individuellen Möglichkeiten auf eine Kostenreduzierung hinwirken. Das Bringsystem wird im Landkreis kon­ sequent durch Einrichtung von Recycling­ zentren und Wertstoffhöfen vorangebracht. Ziel ist, daß es in jeder Stadt und jeder Gemeinde eine Wertstoffsammelstelle gibt, auf der etwa 15 verschiedene Wertstoffarten angenommen werden können. Solche Wert­ stoffe, die nicht alltäglich zur Entsorgung anfallen, wie beispielsweise Elektrogeräte, Altreifen oder Fensterglas, werden nicht an jeder Sammelstelle angenommen, sondern nur an den Einrichtungen in den Städten unseres Landkreises. Um die abfallwirtschaftliche Komfortabi­ lität jedoch nicht ganz aufzuheben, werden „Massenabfälle“, wie z.B. der Restmüll oder die Kunststoff- und Metallverpackungen, auch weiterhin im Zuge von Straßensamm­ lungen abgeholt. Das Bringsystem hat den weiteren Vor­ teil, daß einzelne Wertstoffarten, die beson­ dere Kosten nach sich ziehen, an der Sam­ melstelle auch die Erhebung einer einzelnen Verwertungsgebühr ermöglichen. Es ist da­ bei zu beachten, daß die Gebührensätze im Einzelfall nicht zu hoch liegen, da sonst bedauerlicherweise eine Vielzahl von Stof­ fen nicht den Weg zur Verwertung sondern eher den Weg in die freie Natur nehmen. Diese Erfahrung mußte der Landkreis im Jahr 1994 machen, als er vorübergehend die Verwertung von Kühlgeräten in dieser Weise praktizierte und in über 400 Fällen die Erhe­ bung der Verwertungsgebühr in Höhe des Selbstkostenpreises von 65,- DM pro Gerät dazu führte, daß Kühlgeräte „ohne Absen­ derangabe“ wild abgestellt wurden und somit der Allgemeinheit zur Last fielen.

Zur Zeit wird bei Altreifen und Elektro­ geräten sowie Grüngut (bei einem Anfall von über 1 m3 pro Anlieferung) eine Verwertungs­ gebühr erhoben. Die Erfahrungen, die der Landkreis damit gesammelt hat, machen eine Änderung dieser Vorgehensweise der­ zeit nicht notwendig. Albrecht Tschackert Recyclingzentren und Wertstoffhöfe Aluminium, Altglas, Fernsehgeräte, Grün­ gut, Kartonagen, Kühlgeräte, Metalle, Pa­ pier, Reifen, Styropor … Die Liste von wie­ derverwertbaren Stoffen, die bei der Müllab­ fuhr nicht mehr mitgenommen werden, wird immer länger. Bei Altglas und Papier weiß mittlerweile jeder, wohin diese Sachen gehören. Was aber geschieht am sinnvollsten mit den anderen Wertstoffen? Diese Frage hat sich das Abfallwirtschafts­ amt ebenfalls gestellt. Als Ergebnis dieser Überlegungen wurde im August 1993 eine Konzeption zur Errichtung und dem Betrieb von Recyclingzentren und Wertstoffhö­ fen im Schwarzwald-Baar-Kreis erstellt. Grundgedanke dieses Konzeptes ist, das ganze Jahr über für eine breite Palette von Wertstoffen eine Entsorgungsmöglichkeit zu schaffen. Auf Grund der Vielzahl der Wertstoffe würde ein Holsystem mit regel­ mäßigen Straßensammlungen enorme Ko­ sten verursachen. Außerdem stünden den Bürgern so nur wenige unflexible Termine im Jahr zur Verfügung. Da Wertstoffe aber das ganze Jahr über anfallen, mußte ein System gefunden werden, das dem Bürger eine ganzjährige Abgabemöglichkeit schafft, ohne daß er weite Wege gehen muß. Das Konzept der kreisweiten Errichtung von Recyclingzentren und Wertstoffhöfen, wie es sie vereinzelt in Donaueschingen, Furtwangen, St. Georgen und Villingen­ Schwenningen bereits gab, war geboren. Die Konzeption war gleichzeitig der Startschuß für den Neubau von zahlreichen Wertstoff­ sammelstellen und die Übernahme der be­ stehenden Recyclingzentren. Insgesamt ist im Kreis die Errichtung von sieben Recy- clingzentren und 13 Wertstoffhöfen geplant, wobei zum Jahreswechsel 94/95 bereits fünf Recyclingzentren und drei Wertstoffhöfe den Betrieb aufgenommen haben. Die Wertstoffsammelstellen bieten den Bürgern ganzjährig die Möglichkeit, ver­ schiedenste Wertstoffe an einem Ort zentral abzugeben. Die Annahmepalette umfaßt dabei nicht nur die Wertstoffe, die von der Müllabfuhr· ausgeschlossen sind, sondern daneben auch noch Altkleider, Flach- und Drahtglas, Holz, Korken, Kunststoffolien, Kunststoffbehälter und Schuhe. Wertstoffe, deren getrennte Erfassung ansonsten aus Kostengründen kaum möglich gewesen wäre, können auf den Wertstoffsammelstel­ len ohne großen Mehraufwand miterfaßt werden. Das gesamte Wertstofferfassungs­ system ist auf diese Weise wesentlich flexi­ bler als bei regelmäßigen Sammlungen. So werden ab 1995 beispielsweise auch Fernseh­ geräte, PCs und sonstiger Elektronikschrott auf den Recyclingzentren zusätzlich erfaßt. Eine Erweiterung der Annahmepalette um Weinflaschen und Fette wird derzeit über­ prüft. Die Vielfalt und Menge der Wertstoffe macht es unmöglich, auf einem kleineren Wertstoffhof alle diese Dinge anzunehmen. Daher wurde von vornherein eine Gliede­ rung der Wertstoffsammelstellen in kleinere Wertstoffhöfe mit leicht eingeschränkter Annahmepalette und in Recyclingzentren vorgenommen. Insbesondere die Wertstoffe, die im Haushalt nicht tagtäglich anfallen, wie Kühlgeräte, Reifen und Elektronik­ schrott, werden nur auf den Recyclingzen­ tren angenommen. Da nur bei deren Anlie- 21

ferung Gebühren erhoben werden, wird das Personal der kleineren Wertstoffhöfe auch von der Aufgabe der Gebührenerfassung ent­ lastet und kann sich dadurch verstärkt sei’ner Hauptaufgabe widmen: dem Überwachen der Anlieferungen und der Beratung der Bür­ ger. Jeder Anlieferer erhält vor Ort fundierte Auskünfte und Beratung zur Abfalltrennung und -verwertung. Gleichwohl sollen diese Wertstoffsam­ melstellen kein Ersatz für die bewährten Sammlungen von Papier, Glas, Grüngut oder Altmetall sein, sondern diese ergänzen. So wurden durch den Landkreis zum Jahr 1994 auch in allen Gemeinden und Städten des Kreises wieder Straßensammlungen für Altmetall durchgeführt. Diese waren in den vergangenen Jahren zu einem großen Teil eingestellt worden, da die Vereine für das gesammelte Altmetall beim Schrotthandel kein Geld mehr erhielten. Der Landkreis hat sich entschlossen, die Zusammenarbeit mit den Vereinen wieder aufleben zu lassen, und fördert Vereins- 22 Aufnahme von einem Wertstojfhof sammlungen für Altmetall und Altpapier mit 50,- DM je Tonne Sammelgut. Damit ist die Durchführung der Sammlungen un­ abhängig von Erlösen oder Zuzahlungen am Altschrottmarkt und es ist sichergestellt, daß die Vereine regelmäßig sammeln. Dieses An­ gebot wurde mittlerweile immerhin von rund 60 Vereinen angenommen. Dadurch wird ein nicht unerheblicher Beitrag zur Finanzierung von gemeinnütziger Vereinsar­ beit geleistet. Insgesamt gibt der Landkreis für den Betrieb der Recyclingzentren und Wertstoff­ höfe, die Verwertung der dort gesammelten Wertstoffe und die Durchführung der Ver­ einssammlungen im Jahr 1995 über eine Million DM aus. Zusätzlich fallt alleine für die Sammlung und Verwertung von Altpa­ pier noch einmal 0,5 Millionen DM an, da die Kosten hierfür nur zu einem geringen Teil vom Dualen System Deutschland getra­ Oliver Hoß gen werden.

Duales System im Schwarzwald-Baar-Kreis Das sog. Duale System wurde zum 1. 9. 1992 im Schwarzwald-Baar-Kreis eingeführt. Grundlage hierfur ist die Verpackungs-Ver­ ordnung. Sie verpflichtet Hersteller und Händler, gebrauchte Verpackungen zu­ rückzunehmen. Diese Verpflichtung ent­ fällt jedoch, wenn sich diese einem eigen­ ständigen Sammel- und Verwertungssystem anschließen. Da die Rücknahme von Ver­ packungen vor Ort, also in den Läden, nicht praktikabel erschien, entstand neben der kommunalen Müllabfuhr ein zweites (,,dua­ les“) Entsorgungssystem. Die Organisation erfolgt über die Duales System Deutschland GmbH (DSD). Ziel der Verpackungsord­ nung ist es, die Entstehung von Verpak­ kungsabfällen zu vermeiden, indem sie die Hersteller von Waren stärker in die Verant­ wortung für die Entsorgung ihrer Waren ein­ bezieht. Gründe für den Anschluß des Schwarz­ wald-Baar-Kreises an das Duale System wa­ ren, relativ kurzfristig ein flächendeckendes, relativ einheitliches und insbesondere lei­ stungsfähiges Wertstoffsammelsystem aufzu­ bauen, ohne die kommunalen Verwaltungen zusätzlich zu stark zu belasten. Vorausset­ zung war, daß die Erfassung der Wertstoffe mit den entsorgungspflichtigen Körper­ schaften abgestimmt wurde. Im Schwarzwald-Baar-Kreis werden Ver­ kaufsverpackungen aus Glas nach den Far­ ben weiß, grün und braun getrennt über Depotcontainer gesammelt. Papier, Pappen und Kartonagen werden je nach Gemeinde über Depotcontainer, Monotonnen oder Bündelsammlungen erfaßt. Da lediglich etwa 25 0/o davon Verpackungen sind, wird nur dieser Anteil über die DSD GmbH ab­ gerechnet. Der Rest muß über die Abfall­ gebühren finanziert werden. Die Leichtver­ packungen aus Kunststoffen, Verbundstof­ fen, Weißblech und Aluminium gehören in die Gelben Säcke. Nur in Furtwangen wer­ den Dosen über Depotcontainer gesammelt. Das bereits bestehende Depotcontainer­ netz wurde mit Beginn des Dualen Systems auf maximal 500 Einwohner pro Stellplatz verdichtet. Die Sammlung von Leichtver­ packungen über Gelbe Säcke wurde in fast allen Gemeinden neu eingeführt, da nur ver­ einzelt Kunststoffsammlungen bestanden. Die Sammlung und Sortierung der Wert­ stoffe fuhrt eine Arbeitsgemeinschaft (ARGE) von sechs Entsorgungsunternehmen durch. Dieser ARGE gehören die Firmen Fischer, Heinemann, Kaspar, Meier, Oschwald und die Rohstoffverwertungs und Abfallentsor­ gungs GmbH (RAG) an. Der Landkreis ist ebenfalls Mitglied der ARGE. Das Abfall­ wirtschaftsamt übernimmt jedoch nur die Öffentlichkeitsarbeit und sorgt – in der Funktion als Ansprechpartner fur die Bevöl­ kerung, die Städte und Gemeinden und die Entsorgungsunternehmen – fur den not­ wendigen Dialog zwischen allen Beteiligten. Einige Entsorgungsunternehmen besit­ zen eigene Sortieranlagen z.B. fur Papier, wie die Firmen Meier, Oschwald, Kaspar und Fischer. Die Firmen Fischer, Heine­ mann und Kaspar lassen ihre Gelben Säcke in VS-Schwenningen bei der Sortieranlage der Firmen Fischer/Kaspar/Schlenker (FKS) sortieren. Die Sortierreste, die 15-20 0/o der Gesamtmenge ausmachen, werden auf die kreiseigenen Deponien nach Tuningen und Hüfingen gebracht. Sortierreste bestehen aus Fehlwürfen, wie z.B. Restmüll, oder aus Teilen kleiner6 cm, die beim Vorsieb, das die meisten Verunreinigungen abtrennen soll, durchfallen. Die Mengen und die Zusam­ mensetzung der Sortierreste werden von den Anlieferungskontrolleuren und in unbe­ stimmten Abständen zusätzlich von Mitar­ beitern des Abfallwirtschaftsamtes kontrol­ liert. Die Beteiligung der Bevölkerung an den Sammlungen des Dualen Systems war von Anfang an sehr hoch. Die von der DSD GmbH vorgegebenen Mindestmengen wur- 23

Über die zur Verwertung bereitgestellten Mengen an Verpackungen erfolgt keine Mel­ dung an die Kreisverwaltung. Die Kontrolle obliegt im gesamten Bundesgebiet den Lan­ desumweltministerien. Diese erhalten die Da­ ten über die verwerteten Mengen. 1993 wur­ den bei allen Verpackungsmaterialien die von der Verpackungsverordnung festgeleg­ ten Verwertungsquoten überschritten. Aus­ nahme ist Aluminium, da verschmutzte Ver­ packungen von den Haushalten häufig zum Restmüll gegeben werden. Zusätzlich ist die Sortierung schwieriger als bei den restlichen Materialien. Die Verwertung der Materialien ist pro­ blemlos möglich bei Glas und Papier. Pa­ piere, Pappen und Kartonagen werden nach Papiersorten getrennt in Papierfabriken zu neuen Papieren, Kartonagen oder Wellpap­ pen verarbeitet. Glas aus dem Schwarzwald­ Baar-Kreis wird farbgetrennt zur Herstellung von neuem Behälterglas in die Glashütten Gerresheimer Glas AG in Achern und Ober­ land Glas AG in Bad Wurzach geliefert. Aus Verbundpackungen, wie Milch- und Safttüten, wird vorwiegend der hochwertige Zellstoff gewonnen. Daraus werden Well­ pappenrohpapiere oder Hygienepapiere pro­ duziert. Eine weitere Möglichkeit ist das Pressen der gehäckselten Verbundstoffe zu Platten, die im Möbelbau eingesetzt werden können. Wertstojfsammlung im Gelben Sack den bei Papier, vor allem aber bei den ,,Leichtverpackungen“ erheblich überschrit­ ten. Pro Einwohner und Jahr wurden 11,4 kg Verpackungen aus dem Gelben Sack, 30 kg Glas und 50 kg Papier, Pappen und Kartona­ gen erwartet. Im Schwarzwald-Baar-Kreis wurden jedoch durchschnittlich 18 kg Gel­ ber-Sack-Material und 67 kg Papier, Pappen und Kartonagen pro Einwohner und Jahr er­ faßt. Von September 1992 bis Dezember 1994 wurden insgesamt 32 450 Tonnen Pa­ pier, Pappen und Kartonagen, 14 075 Ton­ nen Glas und 8 231 Tonnen Leichtverpak­ kungen bereitgestellt. Durch die Einführung des Dualen Sy­ stems im Schwarzwald-Baar-Kreis reduzier­ ten sich die zu deponierenden Mengen deut­ lich. Da die Leichtverpackungen vorher kaum gesammelt wurden, ist gerade hier der Anstieg von unter 100 Tonnen im Jahre 1991 auf 3 995 Tonnen im Jahr 1994 erheblich. 24 Kunststoffe wurden bisher vorwiegend werkstofflich verwertet, d. h. zu Granulat verarbeitet und umgeschmolzen. Da zu Be­ ginn der Sammlungen nicht genügend Verar­ beitungskapazitäten vorhanden waren, wur­ den Zwischenlager eingerichtet. Ein Teil wurde auch im Ausland verwertet. Da der Markt für Recyclingkunststoffe, die teilweise eine geringere Qualität aufweisen, begrenzt ist, wird geplant, zukünftig einen großen Teil rohstofflich zu verwerten. Die Kunststoffe werden dabei in ihre Bausteine zerlegt und wie Rohöl in Raffinerien weiterverarbeitet. Auch der Einsatz von Kunststoffen in der Stahlindustrie zur Reduktion von Eisenoxyd zu Eisen ist vorgesehen. Um das ordnungsge-

mäße Recycling der Kunststoffe sicherzu­ stellen, überprüft eine Arbeitsgemeinschaft von Technischen Überwachungsvereinen, ob geeignete Anlagen und Verfahren vor­ handen sind und ob die vertraglich festgeleg­ ten Mengen im vereinbarten Zeitraum ver­ wertet werden. Die Kosten für das Sammeln und Sortie­ ren der Wertstoffe sowie für die Öffentlich­ keitsarbeit liegen inzwischen bei 40 DM pro Einwohner und Jahr. Die Finanzierung erfolgt über die Lizenzgebühr für den „Grü­ nen Punkt“, die jeder Hersteller für die Teil­ nahme am Dualen System erstatten muß. Diese Gebühren werden an den Verbraucher weitergegeben, der beim Einkauf der Waren für die Verwertung der Verpackungen mit dem Grünen Punkt mitbezahlt. Sonja Meier Den Kreislauf der Natur unterstützen Die Grüngutverwertung Ganz ohne menschliches Tun hat die Natur ein Wiederverwertungssystem erfun­ den, um aus abgestorbenen Pflanzenresten wertvollen Humus zu erzeugen. Gemeint ist die Verrottung, die biologisch-chemische Zersetzung organischer Materialien. Seit der Mensch Gartenbau betreibt, hat er sich dies zu Nutzen gemacht und opti­ miert. Die durch den Menschen gesteuerte Verrottung bezeichnet man als Kompostie­ rung. Hierunter fallen alle bewußt gesteuer­ ten biochemischen Umsetzungsvorgänge zum Abbau organischer Reststoffe unter An­ wesenheit von Luft. In der Abfallwirtschaft spielte die Kompo­ stierung lange Zeit keine Rolle. Erst Mitte der siebziger Jahre, mit wachsendem Umweltbe­ wußtsein und der langsam keimenden Er­ kenntnis, daß das Befüllen von Deponien mit pflanzlichen Abfällen ökologischen und ökonomischen Unsinn darstellt, gewann die Kompostierung in der Abfallwirtschaft an Bedeutung. Dies war auch die Zeit, in der die ersten Kornpostanlagen gebaut wurden. Die Kornpostanlage Villingen im Schwarzwald­ Baar-Kreis, die im Frühjahr 1982 in Betrieb ging, zählte beispielsweise hierzu. Das zunehmende Wissen über ökologi­ sche Zusammenhänge führte zur Einfüh­ rung von getrennten Grüngut- bzw. Bio­ müllsammlungen. Unter Grüngut versteht man die organischen Abfälle aus der Grün- anlagenpflege wie Baum-, Heckenschnitt, Obst-, Gemüsepflanzen, Stauden, Blumen, Gras und Laub. Zum Bioabfall zählen neben den Gartenabfällen zusätzlich noch alle pflanzlichen Küchenabfälle. Gesetzliche Vorgaben – vor allem in Form der seit 1. 6.1993 in Kraft getretenen Techni- Grüngutsammlung 25

sehen Anleitung Siedlungsabfall – zwingen die entsorgungspflichtigen Körperschaften spätestens bis zum 1. Juni 1999, alle organi­ schen Abfälle separat zu erfassen und der Kompostierung oder der Vergärung zuzu­ führen. Seit Herbst 1991 führt der Schwarzwald­ Baar-Kreis bei den Städten und Gemeinden jeweils im Frühjahr und Herbst eine Grün­ gutsammlung in Form einer Straßensamm­ lung durch. Bis zur Übernahme der Müllab­ fuhr 1994 durch den Landkreis wurden diese Sammlungen als Dienstleistung den interes­ sierten Kommunen angeboten. Sammlung, Verarbeitung und Ausbringung auf landwirt­ schaftliche Flächen wurden im Auftrag des Landkreises vom Landmaschinenring und Betriebshilfsdienst Schwarzwald-Baar e. V. durchgeführt. Seit 1994 führt der Landmaschinenring die Grüngutsammlung flächendeckend im gesamten Kreisgebiet – ausgenommen in Villingen-Schwenningen – durch. Von Jahr zu Jahr steigen die eingesammel­ ten Mengen. 1991 wurden ca.1700 m3, 1992 ca. 3100 m3 und 1993 ca.11 000 m3 Grüngut eingesammelt. Entsprechend den Mengen steigen aber auch die Kosten. Waren es 1991 noch ca. 100 000,- DM, lagen die Kosten 1993 bei ca. 350 000,- DM. Aus Gründen der Kostendämpfung wird deshalb zukünftig die Grünguterfas­ sung ausschließlich über die Recyclingzen­ tren und Wertstoffhöfe des Landkreises erfolgen. Sobald alle Sammelstellen einge­ richtet sind und damit eine flächendeckende Annahme von Grüngut existiert, werden die kostenintensiven Grüngutsammlungen ein­ gestellt. Die Grüngutannahme soll bis zu einem Umfang von 1 m3 pro Anlieferung ge­ bührenfrei erfolgen. Die 1993 erstmals durchgeführte Christ­ baumsammlung wird aufgrund der guten Erfahrungen mit dem praktizierten Bringsy­ stem zukünftig weiterhin den Bürgern ange­ boten. In fast allen Ortsteilen der Städte und Kompostanlage in Villingen 26

Gemeinden stehen an zentralen Plätzen – für 1 bis 3 Stunden, je nach Größe der Kommune bzw. des Ortsteiles – Landwirte mit entspre­ chenden Fahrzeugen bereit und nehmen die Christbäume entgegen. Diese Form der Christ­ baumsammlung ist aufgrund der vielen Annahmestellen nicht nur bürgernah, son­ dern auch im Gegensatz zu einer Straßen­ sammlung, die einen hohen Personal- und Maschineneinsatz erfordert, kostengünstig. Die eingesammelten Christbäume wer­ den gehäckselt und als Mulchmaterial auf die Felder ausgebracht. Ein Teil der Christ­ bäume wird als Brennmaterial für die Fasnet­ feuer verwendet. Bei der Sammlung 1993 (Weihnachten 1992) wurden ca. 450 m3 Weihnachtsbäume und 1994 ca.1700 m3 alter Bäume eingesammelt. Die Kosten lagen 1993 bei ca. 9000,- DM und 1994 bei ca. 18 000,- DM. Eine Straßensammlung hätte 1994 dagegen ca.100 000,- DM gekostet. Die Teilnahme an den Grüngut- und Christbaumsammlungen sowie die Benut­ zung der Recyclingzentren und Wertstoff­ höfe ist nicht dem Gewerbe und nicht den Kommunen, sondern nur den privaten Haushalten gestattet. Dies schlägt sich unter anderem auch gebührenmäßig in unter­ schiedlichen Abfallgebühren für Gewerbe und private Haushalte nieder. Der Landkreis hat die Aufgabe, die Ent­ sorgung und Verwertung des im gesamten Kreisgebiet anfallenden Grüngutes, ein­ schließlich dem gewerblichen und kommu­ nalen Grüngut, sicherzustellen. Deshalb beschloß 1992 der Kreistag, die Kornpostan­ lage Villingen von der Stadt Villingen­ Schwenningen zu übernehmen und zwei weitere Kornpostplätze im Raum Furtwan­ gen und Hüfingen zu errichten. 1994 wurde die Kornpostanlage Villingen vom Landkreis übernommen. Die Kornpost­ anlage stellt ein nicht mehr wegzudenkendes Standbein in der Grüngutentsorgung dar. Das gesamte Grüngut aus der Stadt Villin­ gen-Schwenningen wird hierüber entsorgt. Der Einzugsbereich der Anlage reicht bis in die benachbarten Kommunen. Die zentrale Bedeutung der Anlage läßt sich an der verar­ beiteten Grüngutmenge ablesen. Diese lag 1994 bei ca. 49 000 m3 bzw. 8000 t. Die Kornpostanlage Villingen genießt aufgrund ihres hochwertigen Produktes, des VS-Edelkompostes, einen weit über die Region hinausreichenden guten Ruf. Neben dem bekannten Edelkompost werden hier hauptsächlich Fertigkompost und spezielle Erdenprodukte hergestellt. Bis einschließ­ lich 1994 wurde die Anlage vom Kreis mit mindestens 8,- DM je m3 angeliefertem Grüngut subventioniert. Der Wegfall der Subventionierung zog 1995 eine Gebühren­ erhöhung bei der Annahme von Grüngut nach sich. Ein weiteres Standbein in der Grüngut­ entsorgung des Schwarzwald-Baar-Kreises stellt die Förderung der Eigenkompostie­ rung dar. Der Landkreis unterstützt die Anschaffung eines Kornposters mit einem finanziellen Zuschuß in Höhe von 25,- DM. Auch „Gemeinschaftskornposter“ für Haus­ gemeinschaften werden finanziell gefördert. Mit einem einfachen Antrag beim Abfall­ wirtschaftsamt kann eine Hausgemeinschaft einen Zuschuß von 300,- DM erhalten. Christian von Nell Verweigerung Technisch einwandfrei das Auto computergesteuert Arbeitsplatz und Haus Zeit gemessen Freizeit verbucht und Liebe geplant jetzt weigere ich mich zu funktionieren und wünsche mir meine Höhle zurück Christiana Steger 27

blemstoffsammlungen. Das sind zeitweise Sammlungen, bei denen die Bürger die Mög­ lichkeit erhalten, ihren Haushaltssonder­ müll abzugeben. Dazu wird ein Spezialfahr­ zeug eingesetzt, das regelmäßig nach einem Terminplan bestimmte Standorte anfährt. Trotz intensiver Öffentlichkeitsarbeit ist immer wieder festzustellen, daß ein großer Teil der Bürger nicht weiß, daß sich hinter dem Wort Sondermüll auch viele Stoffe und Mittel verstecken, mit denen wir im tägli­ chen Leben umgehen. Dies führt beispiels­ weise dazu, daß Batterien, Kondensatoren, halbvolle Lackdosen, Reinigungs-, Holz­ schutz-, Pflanzenschutz-, Schädlingsbe­ kämpfungs-, Lösungsmittel und Kleber im Restmüll landen und die Hausmülldepo­ nien mit Schwermetallen und chlorhaltigen Verbindungen belasten. Problemstoffiammlung Von Farbdosen und alten Batterien Abfall ist eine Begleiterscheinung der Zivilisation. Früher machte man sich mit der Beseitigung der Abfälle keine besondere Mühe. Waren die Abfälle brennbar, wurden sie als Heizmaterial verwendet. Die übrigen, nicht verbrennbaren Abfälle, wurden auf dem kürzesten Weg beiseite geschafft und oft in die freie Natur gekippt. Dabei wurde selten zwischen gefährlichen und ungefähr­ lichen Abfällen unterschieden. Nur wenige gefährliche Abfälle wurden einer besonde­ ren Behandlung und Entsorgung unterzo­ gen. Bis in die sechziger Jahre war diese Vor­ gehensweise üblich. Die gewonnenen Er­ kenntnisse über ökologische Zusammen­ hänge machten eine geordnete Abfallbeseiti­ gung unumgänglich. Innerhalb der letzten 25 Jahre schaffte der Gesetzgeber die Voraussetzungen für den notwendigen Wandel. Anfang der siebziger Jahre, mit dem Abfallbeseitigungsgesetz (1972), der Abfallnachweisverordnung (1978) und der Abfallbeförderungsverordnung (1983), wurde die Sondermüllentsorgung der Indu­ strie in geordnetere Bahnen gelenkt. Dem Sondermüll im privaten Hausmüll hingegen wurde noch keine besondere Be­ achtung geschenkt. Die weitverbreitete Mei­ nung war, da es sich nur um kleine Mengen handelt, kann auch die hiervon ausgehende Gefahr nicht groß sein. Mitte der siebziger Jahre erkannte man den Irrtum dieser Aus­ sage. Zum einen stellte es sich heraus, daß die Mengen doch größer waren als angenom­ men, zum anderen lag die Erkenntnis vor, daß selbst kleine Mengen ein erhebliches Toxizitätspotential besitzen können. Man war bestrebt, die Gefahr, daß es in den Depo­ nien zu unvorhersehbaren chemischen Re­ aktionen kommen könnte, zu verringern. Eine Folge hiervon war, daß Anfang der achtziger Jahre die Landkreise begannen, sich mit der „Entgiftung“ des Hausmülls aus­ einanderzusetzen. Dies äußerte sich in der Einrichtung von sogenannten mobilen Pro- 28

Problemstoffsammlung Was versteht man eigentlich unter Son­ dermüll? Hier gibt uns das Abfallgesetz Aus­ kunft. Der Gesetzgeber spricht von „beson­ ders überwachungsbedürftigen Abfällen“. Damit sind alle Abfälle gemeint, die gesund­ heits-, luft- oder wassergefährdend, explosi­ bel oder brennbar sind oder Erreger übertrag­ barer Krankheiten enthalten. Damit einerseits die Haushalte Gelegen­ heit haben, ihren Haushaltssondermüll si­ cher und risikolos zu entsorgen und um andererseits eine hohe Abschöpfung dieser Stoffe zu erreichen, werden auch in unserem Landkreis seit Herbst 1983 Schadstoff­ sammlungen durchgeführt. Die erste Sammlung erfolgte probeweise über einen Zeitraum von nur 4 Tagen. In dieser kurzen Zeit sammelte das Schadstoffmobil ca. 20 t Sonderabfälle ein. Den größten Anteil hieran hatten die Farben und Lacke, gefolgt vom Altöl und den Autobatterien. Die Kosten beliefen sich auf ca.14 000,- DM. Aufgrund dieses guten Ergebnisses be· schloß der Kreistag, diese Einrichtung zu­ künftig beizubehalten. Das ganze Sammel­ system wurde im Laufe der Jahre immer weiter verfeinert und die eingesammelten Mengen stiegen ständig an. Von 1985 bis ein­ schließlich 1992 führte der Landkreis jähr­ lich im Frühjahr und Herbst eine Sammlung durch. Seit 1993 werden nun vier 14tägige Schadstoffsammlungen durchgeführt. Die erhöhte Anzahl von Sammlungen schlägt sich in erheblich gestiegenen Sam­ melmengen nieder. Waren es 1991 ca. 60 t und 1992 ca. 65 t, so wurden 1993 dann ca 205 t Sonderabfälle gesammelt. Der Aufbau eines solch intensiven Sam­ melsystems hat natürlich auch seinen Preis. Lagen die Kosten der Problemstoffsamm­ lung für 1992 noch bei ca. 600 000,- DM, so stiegen sie 1993 auf rund 1 Mio. DM. D. h, die Entsorgung eines Kilogramms Schad­ stoffes kostete 1993 ca. 4,90 DM. Zukünftig 29

sind hier jedoch wieder Kostenreduzierun­ gen zu erwarten, da infolge eines scharfen Wettbewerbs der Entsorgungsunternehmen rückläufige Kosten zu verzeichnen sind. Auf der einen Seite ist die Einsammlung solch großer Mengen an Sonderabfällen er­ freulich. Auf der anderen Seite zeigt dies aber auch, daß noch mehr Anstrengungen von Nöten sind, um das öffentliche Bewußtsein für diese Problematik weiter zu schärfen. Die Bewahrung einer intakten Umwelt stellt zu- künftig eine der größten Herausforderungen dar. Im kleinen beginnend, beim Einkauf und der Verwendung von schadstoffarmen und schadstofffreien Produkten, kann jeder seinen Beitrag hierzu leisten. Die „Entgif­ tung“ des Hausmülls ist eine der wesentli­ chen abfallwirtschaftlichen Aufgaben für unsere Zukunft, um den Betrieb von Rest­ müll-Behandlungsanlagen umweltverträg­ lich führen zu können. Christian von Nell Vom Abbruch zum Rückbau Das Baustoffrecycling Bei Neubau-, Umbau- und Abbruchmaß­ nahmen anfallende Abfälle werden im allge­ meinen Bauschutt genannt. Weitgehend unbekannt ist, daß sich diese Abfälle aus bis zu 90 0/o Wertstoffen wie Schrott, Holz, Glas, Verpackungen und zum größten Teil aus mineralischem Bauschutt zusammensetzen. Nach einer Sortierung an der Baustelle oder in geeigneten Sortieranlagen in die einzel­ nen Wertstofffraktionen fließen große Men­ gen „Abfälle“ einer Verwertung zu. Von Bau­ stellen müssen nur geringe Mengen Rest­ stoffe auf den Deponien abgelagert werden. Für bautypische Wertstoffe gibt es eine Reihe von Einsatzmöglichkeiten. Aufberei­ teter mineralischer Bauschutt findet bei­ spielsweise überwiegend als Schotter- und Kiesersatz Verwendung. Er eignet sich so­ wohl zum Straßen- und Kanalbau wie auch gut zur Verfüllung von Arbeitsräumen bei Neubauten. Unbehandeltes Holz wird in der Span­ plattenherstellung eingesetzt. Behandeltes Holz wird hauptsächlich in dafür speziell ausgerüsteten Anlagen verbrannt, um seinen Energieinhalt nutzen zu können. Schrott kommt in die Verhüttung und wird z.B. bei der Herstellung neuer Stähle beigemischt. Auch Flachglas wird wieder in der Glashütte eingeschmolzen und daraus neues Glas hergestellt. Es werden aber auch 30 Glasfaserprodukte, wie z.B. Dämmstoffe, aus Altglas produziert. Mit einem jährlichen Aufkommen von rund 60 000 t war der Bauschutt in der Ver­ gange_nheit einer der bedeutendsten Abfall­ arten in unserem Landkreis. Nachdem der Landkreis sich vergeblich bemüht hat, eine zentrale Aufbereitungsanlage für minerali­ schen Bauschutt einzurichten, hat sich im Jahre 1993 eine Projektgemeinschaft gebil­ det. Die Mitglieder sind im Landkreis ansäs­ sige Bauunternehmen, zwei Betriebe der Entsorgungsbranche sowie eine Ingenieur­ gesellschaft für Umwelttechnik. Sie gründe­ ten 1993 die BRS, Baustoffrecycling Schwarz­ wald-Baar GmbH, deren Zweck es ist, den anfallenden mineralischen Bauschutt der Wiederverwertung zuzuführen. Hierfür hat die BRS GmbH vom Landkreis einen langfri­ stigen Auftrag erhalten. Damit waren die Voraussetzungen geschaffen, um die Abfall­ mengen deutlich zu reduzieren und Depo­ nievolumen zu schonen. So konnten seit dem 1. 2.1994 mineralischer Bauschutt und seit dem 1. 7.1994 Baumischabfälle von der Ablagerung auf den Kreismülldeponien aus­ geschlossen werden. Bis Ende 1994 konnte die BRS GmbH ca. 29 000 t mineralischen Bauschutt wiederver­ werten. Weitere Mengen wurden von ande­ ren Bauunternehmen außerhalb unseres

Landkreises verwertet. Daneben ist auch wegen konjuktureller Einflüsse ein deutli­ cher Rückgang der Bauschuttmengen festzu­ stellen. Der Weg des im Landkreis anfallenden Bauschutts führt von der Anfallstelle zu den Aufbereitungsanlagen in Brigachtal, im Groppertal und in Pfohren. Die Standorte für die Annahme und Aufbereitung sind die Asphaltmischanlage der Fa. Fischbach in Donaueschingen-Pfohren, der Steinbruch der Fa. Riegger in Brigachtal-Klengen und das Hartsteinwerk im Groppertal bei Villin­ gen. Nicht verwertbare Baustellenabfälle, wie z.B. Gips, können noch auf den Kreis­ mülldeponien entsorgt werden. Um die Entsorgungskosten möglichst niedrig zu halten, ist eine Sortierung der Bau­ mischabfälle in einzelne Fraktionen auf der Baustelle oder im Baubetrieb empfehlens­ wert. Von Interesse ist auch, daß die Kosten für das Bauschuttrecycling sich ungefähr nur auf ein Viertel der Kosten für die Ablagerung solchen Materials auf den Kreismülldepo­ nien belaufen. Bei Anlieferung an einer der Aufberei­ tungsanlagen wird der Bauschutt einer Ein­ gangskontrolle unterzogen. Diese besteht aus der Prüfung des Herkunftsnachweises und einer organoleptischen Kontrolle, d. h. die Anlieferung wird optisch auf etwaige Ver­ unreinigungen untersucht und ihr Geruch geprüft. Sollte der angelieferte Bauschutt mit Asbest (Eternitplatten, -rohre, -tröge), Ben­ zin, Öl, Lösemittel oder Ammoniak Qauche­ gruben, Stallabbrüche) verunreinigt sein, wird er zur Deponie oder einer anderen Ent­ sorgungsart zurückgewiesen. Anschließend wird der Bauschutt gewogen, nach den Sor­ ten Beton, Ziegel, Straßenaufbruch, Natur­ steine getrennt und bis zur Weiterverarbei­ tung zwischengelagert. Bei Bedarf werden die einzelnen Fraktionen in verschieden gro­ be Körnungen gebrochen. Fremdstoffe, wie z.B. Armiereisen, Nägel, Holz und Kunst­ stoffe, werden abgesiebt und über Magnet­ abscheider aussortiert. Der zurückgewonnene Baustoff steht un­ ter ständiger Güteüberwachung einer dafür zugelassenen Materialprüfungsanstalt und kann nach deren Freigabe vorbehaltlos wie­ derverwertet werden. Qlalitativ ist aufberei­ teter Bauschutt bei der Verarbeitung in den vorgenannten Einsatzmöglichkeiten her­ kömmlichen Baustoffen gleichzusetzen. Ab­ satzprobleme gibt es keine. Die bisher häufig praktizierte Methode, bei Bauwerksabbrüchen Baumischabfälle nach unzureichender Sortierung zum Auf­ füllen und Befestigen von Waldwegen zu benutzen, ist unter Umweltgesichtspunkten nicht vertretbar und sollte unterbleiben. Der Wald ist der größte natürliche Wasserfilter und Wasserspeicher in unserer Region. Er darf deshalb durch das unkontrollierte Ein­ bringen von zum Teil auch belasteten Bau­ abfällen nicht gefährdet werden. Kurzfristige Kostenvorteile für die kostenlose Anliefe­ rung von Wegebaumaterialien im Forst kön­ nen hier langfristig erhebliche finanzielle Schäden nach sich ziehen. Günter Gerhardt Die Müllabfuhr räumt die Reste weg Gegenstände, die weder vom Lumpen­ sammler noch vom Alteisenhändler verwer­ tet werden konnten, wurden bereits Anfang des 20.Jahrhunderts von der Müllabfuhr ent­ sorgt. Im Laufe der Zeit war es zur Aufgabe der Gemeinde geworden, äen Hausmüll zu beseitigen. In kleinen schweren Zinkbehäl­ tern wurden die Abfälle gesammelt. Die städ- tischen Müllabfuhren hatten die Aufgabe, die Eimer zu entleeren und die Abfälle in Gruben zu vergraben oder in dafür errichte­ ten Anlagen zu verbrennen. Bis Anfang der 70er Jahre wurde so der Hausmüll von etwa 75 0/o der Einwohner regelmäßig eingesam­ melt und abgefahren; die übrigen 25 0/o – zumeist Randgebiete und Streusiedlungsbe- 32

reiche – waren auf Selbsthilfe angewiesen. 1972 wurden die ersten gesetzlichen Regelungen im Bereich der Abfallentsor­ gung verabschiedet. Haushalte oder Grund­ stückseigentümer wurden verpflichtet, sich an die öffentliche Müllabfuhr anzuschlie­ ßen. Die Zuständigkeit für diese wichtige öffentliche Aufgabe wurde den Landkrei­ sen und kreisfreien Städten zugeteilt. Im Schwarzwald-Baar-Kreis wurde jedoch, wie in den meisten anderen Landkreisen in Baden-Württemberg auch, vertraglich die Verantwortung den einzelnen Städten und Gemeinden übertragen. Die Kommunen waren somit zunächst weiterhin mit der Auf­ gabe der Müllabfuhr betraut. Sie haben zur Erledigung dieser Aufgabe teils eine eigene Müllabfuhr aufgebaut oder ein Abfuhrun­ ternehmen mit der Durchführung des Ein­ sammelns und Transportierens des Haus­ mülls beauftragt. Mit der Müllabfuhr konnte nun alles ent­ sorgt werden, was im Haushalt nicht mehr benötigt wurde. Durch den wachsenden Konsum war ein Anstieg der Müllmenge und damit der Größe der Müllbehälter zu ver­ zeichnen. Aufgrund von ständig gut gefüll­ ten Müllbehältern war es notwendig, daß die Müllabfuhr im wöchentlichen Turnus statt­ finden mußte. Wachsende Müllberge verursachten spä­ ter ein steigendes Umweltbewußtsein, die Vermeidung von Abfällen steht an erster Stelle. Schließlich konnten durch Verbesse­ rungen im Bereich der Verwertung (z.B. Re­ cycling von Glas, Papier, Kunststoffen u. a.) immer mehr Materialien vom Abfallbegriff ausgegrenzt werden. Ständig steigende An­ forderungen durch den Gesetzgeber wurden von den einzelnen Kreisgemeinden sehr un­ terschiedlich in Angriff genommen. So wur­ den beispielsweise in Furtwangen, Donau­ eschingen und St. Georgen bereits Recy­ clinghöfe zur getrennten Sammlung von Wertstoffen und anschließenden getrennten Weiterverarbeitung eingerichtet. 33

Um den gestiegenen Anforderungen kreis­ weit gerecht zu werden und im Schwarzwald­ Baar-Kreis ein einheitliches, fortschrittliches Abfallwirtschaftskonzept entwickeln zu kön­ nen, hat der Landkreis seine gesetzliche Zuständigkeit in Fragen der Müllabfuhr zum 1.Januar 1994 wieder an sich gezogen. Im Bereich der Stadt Villingen-Schwennin­ gen wird ab 1. Januar 1996 die Müllabfuhr vom Landkreis durchgeführt. Der Ausschluß von Wertstoffen und die Einführung des Dualen Systems hatten dazu geführt, daß im ganzen Landkreis die Müll­ abfuhr auf einen 14tägigen Abfuhrrhythmus umgestellt werden konnte und daß sich die Müllmenge verringert hat. So hat sich die Hausmüllmenge in den letzten zehn Jahren trotz gestiegener Einwohnerzahlen von 50 300 Tonnen (1985) über 40 200 Tonnen (1990) auf rund 35 000 Tonnen (1994) redu­ ziert. Bei dieser Entwicklung stellt sich häufig die Frage, für was denn überhaupt noch ein Restmüllbehälter benötigt wird. Es sind nicht mehr allzuviele Gegenstände, die noch über die Restmülltonne entsorgt werden. Trotz gründlicher Abfallvermeidung und Aussortierung aller Wertstoffe bleiben in jedem Haushalt aber noch Gegenstände übrig, die Restmüll sind. Beispielsweise sind hier die alten Zahnbürsten, Glühbirnen, Blu­ mentöpfe, Kugelschreiber, Filzstifte oder das zerschlagene Geschirr und sämtliche Ge­ brauchsgegenstände aus Plastik oder Misch­ materialien aufzuführen. Nicht zu vergessen die Babywindeln, der Straßenkehricht oder auch der Staubsaugerbeutel. Den müllfreien Haushalt gibt es selbst im Idealfall nicht. Auch die Sperrmüllabfuhr hat im Laufe der Zeit einige Änderungen erfahren. Noch bis Anfang der 80er Jahre waren die Straßen­ bilder geprägt von riesigen Sperrmüllbergen. Zweimal im Jahr wurden die Häuser vom Keller bis zum Speicher entrümpelt. Alles was nicht mehr gebraucht werden konnte, landete am Gehwegrand. Einzelne Gemein­ den haben beim Aufkommen des Schlag­ wortes „Vermeidung von Abfällen“ sich auch 34 bei der Sperrmüllabfuhr Gedanken zur Ver­ ringerung der Abfallberge gemacht. So beka­ men die Bürger die Möglichkeit, über die Gemeindemitteilungsblätter kostenlos An­ zeigen zu veröffentlichen. Dadurch können Gegenstände, die noch gebrauchsfähig sind, den Besitzer wechseln. Nachdem der Landkreis die Zuständigkeit in Sachen Müllabfuhr übernommen hatte, wurde für den Sperrmüll ein Abrufsystem eingeführt. Heute sind Sperrmüllanmeldun­ gen das ganze Jahr über telefonisch möglich. Spätestens fünf Wochen nach der Anmel­ dung wird der Sperrmüll abgeholt. Mit der telefonischen Anmeldung kann sicherge­ stellt werden, daß nur Gegenstände bereitge­ stellt werden, die auch zum Sperrmüll gehö­ ren. Und dies sind nur solche Teile, die von den Ausmaßen her nicht in die Mülltonne passen. Wertstoffe (Holz, Schrott u.ä.) zäh­ len nicht zum Sperrmüll. Um die Abfalltrennung für den Bürger möglichst einfach zu gestalten, ist es notwen­ dig, daß die Bürger die verschiedenen Sam­ meltermine für Restmüll, Gelben Sack, Wertstoffsammlungen, Sondermüll oder Sperrmüll mitgeteilt bekommen. Das Land­ ratsamt hat hierzu für alle 30 Abfuhrbezirke im Landkreis Abfallkalender gestaltet. Alle wichtigen Informationen und Termine zum Thema Müllabfuhr sind hierin enthalten. Darüberhinaus informiert ein Abfall-ABC lexikalisch über die Entsorgungs- und Ver­ wertungswege von etwa 500 verschiedenen Reststoffen, die im Alltag anfallen. Im Abfallwirtschaftsamt kümmern sich drei Arbeitskräfte (zwei davon nur halbtags) um das Thema Müll- und Sperrmüllabfuhr. Für 1995 werden für das Einsammeln und Transportieren von Hausmüll und Sperr­ müll rund 3,2 Millionen DM ausgegeben. Auf die betroffenen Einwohner im Schwarz­ wald-Baar-Kreis entfalJen damit ca. 25,-DM pro Jahr. Der größere Umfang der Abfallge­ bühren resultiert aus den Kosten für die Ent­ sorgung und Verwertung von Wertstoffen, den Kosten für die Kreismülldeponien, den Katja Ludwig Personalausgaben u.a.

Standbeine der Entsorgung – Die Kreismülldeponien Obwohl einerseits durch Ausschlüsse von Wertstoffen die Anlieferungsmengen auf den Deponien ständig reduziert werden, jedoch andererseits die bloße Ablagerung die letztmögliche Entsorgungsart ist, wird es auf längere Sicht hin einen Bedarf zum Betrieb von Mülldeponien geben. Der Schwarz­ wald-Baar-Kreis betreibt deshalb als entsor­ gungspflichtige Körperschaft zwei Kreis­ mülldeponien bei Hüfingen und Tuningen als öffentliche Einrichtung. Gemäß den Planfeststellungsbeschlüssen werden hier Hausmüll, hausmüllähnliche Gewerbeab­ fälle und Klärschlamm abgelagert. Den Betrieb der Deponien erledigen Pri­ vatunternehmen im Auftrag des Landkrei­ ses. Die Verwiegung und Eingangskontrolle wird mit kreiseigenem Personal erledigt. Die Anlieferungskontrollen werden ebenfalls, wie der Betrieb, von einem Privatunterneh­ men durchgeführt. Kreismülldeponie Hüfingen: Die Deponie Hüfingen wurde am 1.1.1976 von den Städten Donaueschingen und Hüfingen übernommen. Sie erstreckt sich über eine Fläche von ca.23 ,4 ha. Das Gesamt­ volumen beläuft sich auf ca. 2 680 000 m3• Die Nutzungsdauer geht weit über das Jahr 2000 hinaus. An die Deponie sind etwa 70 000 Einwohner angeschlossen. Das gefaßte Sickerwasser wird seit 1984 durch eine Sickerwasserleitung, die in den Abwassersammler Sumpfohren-Pfohren mün­ det, der Kläranlage des Gemeindeverwal­ tungsverbandes Donaueschingen zugeleitet. 35

Kreismülldeponie Tuningen: Durch natürliche Vergärung entsteht Depo­ niegas, das ebenfalls gesammelt und an­ schließend über eine Hochtemperaturfackel bei ca.1200 °C verbrannt wird. Die Böschun­ gen werden mit verdichtetem Lehm aufge­ baut und ständig rekultiviert. Diese Deponie wurde am 2.11.1978 in Be­ trieb genommen. Seit 1986 wird das Volumen vom Nachbarlandkreis Tuttlingen mitgenutzt. Die Gesamtfläche beträgt ca.18,6 ha mit ei­ nem Gesamtvolumen von ca. 2 562100 m3• Die Deponie wird voraussichtlich Ende 1997 verfullt sein. Die Abfälle von etwa 270 000 Einwohnern werden hier abgeladen. Das Sickerwasser wird gefaßt und der Kläranlage „Oberer Neckar“ bei Deißlingen zur Klärung zugeleitet. Dieses Sickerwasser wurde in letzter Zeit dadurch in das Bewußt­ sein der Öffentlichkeit gerückt, daß erhöhte Tritiumwerte festgestellt wurden. Das Tri­ tium stammt aus der Uhrenfabrikation. Sowohl in. Fabriken als auch in Heimarbeit wurden Zifferblätter mit tritiumhaltigen Leuchtfarben bestrichen. Über die Abfälle gelangten Reste dann auf die Deponie. Bei Tritium handelt es sich um ein radioaktives Wasserstoffisotop. Tritium ist ein sog. ß-Strahler, der nur auf sehr kurzen Distan­ zen wirkt. Die Ableitung des Sickerwassers in einer geschlossenen Leitung und die hohe Verdünnung in der Kläranlage schließen des­ halb eine Gefährdung der Bevölkerung na­ hezu aus. Das gefaßte Deponiegas wird zur nahege­ legenen Firma Lias-Leichtbaustoffe zur thermischen Verwertung weitergeleitet. Für Ausnahmefälle steht ebenfalls eine Hoch­ temperaturfackel zur Verfügung. Die Fa. Lias bezieht eine jährliche Gasmenge von etwa 5,5 Mio. m3, was ungefähr ein Drittel der dort benötigten Menge an schwerem Heizöl ersetzt. Auch diese Deponie wird mit einem Damm umgeben, der fortlaufend begrünt und rekultiviert wird. 36

Perspektiven: Der Schwarzwald-Saar-Kreis verfügt über eine Deponie Hüfingen, die eine weit ins 21. Jahrhundert reichende Restlaufzeit vorweist. Nach der gemeinsamen Verfüllung der De­ ponie Tuningen wird anschließend auf die Deponie des Nachbarlandkreises Tuttlingen bei Talheim ausgewichen. Ein in anderen Landkreisen bereits eingetretener Entsor­ gungsnotstand bleibt dem Schwarzwald­ Baar-Kreis somit erspart. Gesetzliche Vorgaben, wie z.B. die Tech­ nische Anleitung Siedlungsabfall, enthalten Vorgaben an die Restmüllqualität, die ohne weitere Behandlung des Restmülls nicht erfüllt werden können. Der im Dezember 1994 im Nachbarlandkreis Rottweil gefaßte Beschluß, eine thermische Abfallbehand­ lungsanlage einzurichten, ist richtungswei­ send. Harald Schabinger Kosten: Die Kosten des Betriebs beider Kreismüll­ deponien belaufen sich auf jährlich ca. 3,3 Mio. DM. Zusätzlich werden ca. 900 000,­ DM pro Jahr als Entschädigung für die aus den Deponien entstehenden Standortnach­ teile an die beiden Gemeinden Hüfingen und T uningen bezahlt. Weiterhin resultieren aus ca. 20,8 Mio. DM Anlagevermögen kal­ kulatorische Kosten. Diese belaufen sich für Abschreibungen aus Anlagevermögen auf et­ wa 2 Mio. DM jährlich und für Verzinsung des Anlagevermögens auf weitere 500 000,­ DM jährlich. Für notwendige Investitionen wurden im Jahr 1995 weitere ca.2,5 Mio. DM angesetzt. Die Kosten werden durch Gebüh­ ren gedeckt, die sowohl bei Selbstanlieferem als auch bei der öffentlichen Müllabfuhr erhoben werden. Weitere Kosten werden entstehen, wenn die notwendigen Sicker­ wasserbehandlungsanlagen gebaut wer­ den. Eine eventuelle Mitbenutzung dieser Anlage durch benachbarte Landkreise könnte die Kosten mindern. Klärschlamm Der Abfall, der aus dem Wasser kommt Nach dem Industrie- und Gewerbemüll sowie dem Hausmüll sind die Klärschläm­ me die drittgrößte Abfallart, die in unserem Landkreis zu entsorgen ist. Was sind Klärschlämme? Jede Bürgerin und jeder Bürger hat einen täglichen Wasser­ verbrauch von ca. 140 !. Eine noch höhere Menge Abwasser wird täglich in Gewerbe und Industrie erzeugt; Abwasser, das mit den verschiedensten Stoffen belastet ist und ge­ reinigt werden muß, bevor es in die Flüsse und Bäche eingeleitet werden darf. Die Ab­ wasserreinigung wird u. a. mit biologischen Verfahren durchgeführt. Spezielle Mikroor­ ganismen sind in der Lage, die Schmutz­ stoffe im Wasser aufzufressen. Dabei ver­ mehren sie sich und müssen aus dem Wasser herausgenommen werden. Diese Bakterien- masse und weitere Schlämme aus der Elimi­ nierung von Phosphaten im Abwasser sind die Hauptbestandteile des Klärschlammes. In den Kläranlagen in unserem Landkreis fal­ len jährlich rund 19 000 t Klärschlämme an, die einen Wasseranteil von 65 bis 75 °/o haben. Diese Menge entspricht einem Auf­ kommen von 250 Gramm Schlamm pro Ein­ wohner und Tag. In der früheren Vergangenheit waren diese Schlämme quasi frei von Schadstoffen, da in den Kläranlagen vielfach lediglich häusliches Abwasser behandelt wurde. Sol­ che Schlämme konnten vielerorts unbe­ denklich auf landwirtschaftliche Flächen ausgebracht werden. Mit dem Anschluß von Industrie- und Gewerbebetrieben an die Kläranlagen hat sich die Abwasserqualität 37

deutlich verändert. Schwermetalle und orga­ nische Schadstoffe wurden in das Abwasser eingeleitet und mit zunehmender Fortent­ wicklung der Klärtechnik auch aus dem Abwasser wieder herausgeholt. Alle unsere Hinterlassenschaften, die im Klärwerk erfaßt werden können, finden sich schließlich im Klärschlamm wieder. So angereichert mit Schadstoffen haben viele Landwirte die Auf­ nahme von Klärschlämmen trotz ihres erheblichen natürlichen Düngewertes auf ihren Feldern eingestellt. Auch in diesem Spezialbereich der Abfall­ wirtschaft war es notwendig, daß der Gesetz­ geber eingreift. Inzwischen liegt bereits die zweite Klärschlammverordnung vor, die scharfe Grenzwerte für Schwermetalle und organische Schadstoffe im Klärschlamm for­ muliert, deren Unterschreitung Vorausset- zung für eine landwirtschaftliche Verwer­ tung der Schlämme darstellt. V iele Kläranlagenbetreiber haben erfolg­ reich auf die Abwassereinleiter hingewirkt, um bereits an der Qielle den Schadstoffein­ trag in das Abwasser zu unterbinden oder zu verringern. Als Folge davon können heute die meisten Kläranlagen die Grenzwerte einhalten. Trotz alledem findet in unserer Region nur in sehr eingeschränktem Maße eine landwirtschaftliche Verwertung der Klärschlämme statt. Der Landwirt steht vor der Grundsatz­ frage, ob er auf seinen Böden, die sein we­ sentliches Betriebskapital darstellen, Klär­ schlämme, verbunden mit einem möglichen Restrisiko, aufnimmt oder ob er zur Sicher­ stellung der Bodenqualität dies grundsätz­ lich nicht tut. 38

Die Auffassung der Mehrheit der Land­ wirte unserer Region geht dahin, sich nicht an der Klärschlammverwertung zu beteili­ gen. Gespräche mit dem Landwirtschaftsver­ band haben zum Ergebnis gehabt, daß zu­ mindest in unserer Region eine langfristige landwirtschaftliche Verwertung der Klär­ schlämme nicht möglich ist. Hinzu kommt, daß die Technische Anlei­ tung Siedlungsabfall von den entsorgungs­ pflichtigen Körperschaften fordert, daß zukünftig keine Abfalle mehr, die hohe orga­ nische Anteile haben, auf den Deponien abgelagert werden. Dem Landkreis stellt sich damit ein weiteres, überaus schwieriges Ent­ sorgungsproblem. Da Schlämme aus der Abwasserreinigung nicht vermeidbar sind, deren landwirtschaftliche Verwertung je­ doch von den Landwirten nicht erwünscht ist, müssen Wege gefunden werden, um die Schlämme ordnungsgemäß zu entsorgen. Da der Gesetzgeber die Ablagerung dieser Schlämme mittelfristig nicht mehr akzep­ tiert, verbleibt für den Landkreis nur noch die Trocknung und weitere Verwendung des dabei erzeugten Granulats. Auch in dieser Hinsicht haben die Kreis­ räte weitreichende Entscheidungen zu tref­ fen. Die Alternativen sind die Verwendung des getrockneten Klärschlammes zur Erzeu­ gung spezieller Düngemittel oder zum Ein­ satz als Brennstoff in dafür speziell ausgerü­ steten Anlagen. Dies ist möglich, da ein getrockneter Klärschlamm einen Energiein­ halt wie Braunkohle hat. Bei dieser Entscheidung ist jedoch zu­ nächst zu klären, ob die thermische Entsor­ gung unter einem gemeinsamen Dach mit einer thermischen Restrnüllbehandlungsan­ lage erfolgen soll oder ob der Landkreis hier­ für eine gesonderte Klärschlammtrock­ nungsanlage einrichtet und den getrockne­ ten Klärschlamm bis zur Inbetriebnahme einer thermischen Abfallbehandlungsanlage an anderer Stelle verwerten läßt. Die zukünftige Klärschlammbeseitigung wird nicht mehr zu den Preisen von heute zu machen sein. Während die reine Ablagerung auf den Deponien Kosten in Höhe von etwa 80,- DM/t erzeugt, ist bei einer Klär­ schlammtrocknung und Verwertung mit Kosten in Höhe von über 250,- DM/t zu rechnen. Diese Kosten sind schließlich Bestandteil der Abwassergebühren, die jeder von uns zu tragen hat. Kostengünstigere Wege können die Klär­ anlagenbetreiber gehen, die es schaffen, eigene Verwertungswege für ihren schad­ stoffarmen Klärschlamm zu finden. Ein Musterbeispiel hierfür ist die Gemeinde Unterkirnach, deren nahezu schadstoff­ freier Klärschlamm in einem Schilfbecken vererdet wird und nach einer mehrjährigen Behandlung als Bodensubstrat für die Grün­ anlagenpflege in Unterkirnach eingesetzt werden kann. Albrecht Tschackert Schilfbecken zur Klärschlammvererdung Seit zehn Jahren wird in Unterkirnach der gesamte Klärschlamm vererdet. Es war ein langer Weg von der Idee bis zur heutigen Schilfpflanzenanlage. Am Anfang drängte sich eine Abwasserall­ tagsproblemlösung auf. Als „Endprodukt“ der Abwasserreinigung in der Kläranlage waren täglich ca. 2 m3 Schlamm zu entsor­ gen. War es in der Vergangenheit bisher pro­ blemlos, den Klärschlamm über die Land- wirtschaft als Dünger loszuwerden, wurde es unter anderem wegen der möglichen Schwer­ metallbelastung immer schwieriger, Abneh­ mer zu finden. Ohnehin war es übliche Pra­ xis, daß der Klärschlamm nicht im Bereich der Grünlandbewirtschaftung, sondern nur auf Ackerland unter den Pflug genommen wurde. In der Höhenlandwirtschaft, wozu die Gemarkung Unterkirnach zählt, trifft man überwiegend Grünlandbewirtschaftung 39

an, die Ausbringung des Klärschlamms war deshalb schon immer nur auf relativ wenig Bewirtschaftungsfläche möglich. Die Klär­ schlammverordnung brachte weitere Ein­ schränkungen bei der Ausbringung von Klärschlamm auf landwirtschaftlich genutz­ te Flächen. Die Ausbringung aufWaldböden wurde wegen der Gefahr von Bodenverdich­ tung ganz verboten. In dieser Situation mußte die Klärschlamm­ entsorgung gelöst werden. Das Nahelie­ gende war das Übliche, nämlich den Klär­ schlamm mit einer Presse zu entwässern bzw. ihn transportabel für die Verbringung auf eine Mülldeponie zu stabilisieren. Das war mit hohen Kosten verbunden. Erschwerend kam hinzu, daß für unsere kleine Anlage eine eigene Schlammpresse zu aufwendig war. Das Bild zeigt den kräftigen und dichten Wuchs der Schi!fpjlanzen mit einer Höhe von über zwei Metern. 40 Mit der Stadt St. Georgen hat man sich des­ halb über die Aufnahme des Klärschlamms verständigt. Weil keine getrennte Lagermög­ lichkeit in der Kläranlage der Stadt St. Geor­ gen gegeben war, mußte in Kauf genommen werden, daß unser Klärschlamm ohne nen­ nenswerte Belastung mit Schwermetallen mit dem stark belasteten Klärschlamm aus der Abwasserreinigung der Industriestadt St. Georgen vermischt werden mußte. Diese Fakten drängten die Frage nach einer Alternative bei der Klärschlamment­ sorgung geradezu auf Dabei half der Sach­ verstand und das Engagement von Herrn Ingenieur Reinhard Hosemann, der als sach­ kundiger Bürger in vielen Umweltbelangen ein geschätzter Berater ist. Er hat die Idee der Klärschlammvererdung vermittelt. Diese Alternative hörte sich einfach und logisch an. In einem Erdbecken wird Schilf angesetzt und in Klärschlamm eingetaucht. Über den Halm versorgt die Schilfpflanze ihr Wurzel­ werk mit Sauerstoff, der wiederum den bio­ logischen Umwandlungsprozeß von Klär­ schlamm zu Erde auslöst. Wurden solche Schilfpflanzen für Reinigungsprozesse in Gewässern und auch für die Abwasserreini­ gung von Einzelgehöften schon erfolgreich eingesetzt, war der Einsatz in einer kom­ munalen Kläranlage mit konzentriertem Klärschlammaufkommen Neuland. Viel Überzeugungsarbeit mußte bei der staatlichen Wasserwirtschaftsverwaltung – vom Wasserwirtschaftsamt über das Regie­ rungspräsidium bis zum Fachministerium – geleistet werden, bis ein solches Schilfbek­ ken „beihilfefahig“ war. Als Pilotanlage konnten wir schließlich mit 80 0/o der Investi­ tionskosten als Zuschuß rechnen. Für die wissenschaftliche Begleitung wurde durch das Ministerium die Staatlich-landwirt­ schaftliche Untersuchungs- For­ schungsanstalt Augustenberg in Karlsruhe verpflichtet. Diese Entscheidung überzeugte auch die Zweifler im Gemeinderat. Einstim­ mig wurde beschlossen, zur Klärschlamm­ entsorgung ein Schilfbecken zu bauen. und Die Praxis hat allerdings gezeigt, daß noch

Das Schilfbecken mit den Schlammzuleitungen viel experimentiert werden mußte. Unter verschiedenen Schilfarten mußte die für die Extrembelastung mit Klärschlamm geeig­ nete Schilfpflanze gefunden werden. Ein besonderes Problem trat zur Menge, Zeit und Art der Schlammbeschickung auf. Auch bei der Schlammbelüftung in den Schilf­ becken mußten Erfahrungen gesammelt werden. Zusammengefaßt waren fünf Ve­ getationsperioden bzw. viel Pragmatismus und Ideenreichtum des Klärwerkpersonals erforderlich, bis der für die Vererdung erfor­ derliche Schilfwuchs gesichert war. Im zehnten Betriebsjahr kann allerdings festgestellt werden, daß für kleine Kläranla­ gen die Vererdung des Klärschlamms in einem Schilfbecken eine echte Alternative ist. Weil je nach Klimazone und Lage für den Schlammanfall von drei bis fünf Einwoh­ nern ein Qiadratmeter Schilfbecken erfor­ derlich ist (in U nterkirnach grenzt das Schilf­ becken an eine Nordhanglage, deshalb wird für den Schlamm von drei Einwohnern ein Qiadratmeter Schilfbecken erforderlich), sind dem Einsatz Grenzen gesetzt. Wo die Flächenvoraussetzungen gegeben sind, ist die Klärschlammvererdung sowohl wirtschaftlich wie auch umweltverträglich eine echte bzw. die bessere Alternative zur üblichen Entsorgung über hohe Investitio­ nen für eine Schlammpresse mit hohem Energieaufwand und anschließender Depo­ nierung des Klärschlamms auf den Müllde­ ponien, wo der Schlamm zunehmend zur Destabilisierung und zum besonderen Pro­ blem wird. Es ist abzusehen, daß der Klär­ schlamm schon in Bälde nur noch in getrocknetem Zustand auf den Mülldepo­ nien aufgenommen werden kann. Schon mittelfristig ist die thermische Behandlung vorgeschrieben. Es ist damit zu rechnen, daß diese Art der Klärschlammentsorgung die Abwassergebühren um 2,- DM bis 4,­ DM/m3 zusätzlich belasten wird. Zum Ver- 41

gleich sei erwähnt, daß die Entsorgung über unser Schilfbecken die Abwassergebühr zur Zeit mit ca. 0,10 DM/m3 belastet. Weil der biologische Vorgang nicht an den allgemei­ nen Kostenentwicklungen teilnimmt, sind nur minimale Kostensteigerungen für die personelle Betreuung (z. Zt. täglich ca. zehn Minuten) und für die Räumung des Beckens alle zehn bis fünfzehn Jahre erforderlich. Wir gehen davon aus, daß ein großer Teil der Kosten für die Ausräumung des Schilfbek- kens mit der Vermarktung des hochwertigen Humus‘ gedeckt werden kann. Zusammenfassend kann festgestellt wer­ den: Für die Abwasser-Gebührenzahler der Gemeinde Unterkirnach hat sich die Experi­ mentierfreude des Gemeinderats und der Gemeindebediensteten gelohnt. Die Um­ welt ist geschont. Für eine zukunftsträchtige Innovation wurde mit dem Schilfbecken ein Beweis geliefert. Siegfried Baumann Schlußbetrachtung Die Abfallwirtschaft im Schwarzwald­ Baar-Kreis hat in den vergangenen fünf Jah­ ren eine vielschichtige und gute Entwicklung genommen. Die Reduzierung der Restmüll­ mengen von 1989 bis 1995 um 50 0/o unter­ streichen die Erfolge, die hierbei von allen Beteiligten erzielt worden sind. Eine weitere Reduzierung des heutigen Aufkommens um nochmals 30 0/o auf eine Restmüllmenge von dann noch etwa 70 000 t ist im Bereich des Möglichen. Diese weiteren Reduzierungen werden jedoch nicht mehr zu den Entsor­ gungsgebühren von heute zu machen sein. Verringerungen sind erzielbar im Bereich der Biomüllerfassung sowie der Klärschlamm­ entsorgung. Für den Aufbau einer Biomüll­ sammlung und Verwertung muß bei einem 4-Personen-Haushalt mit jährlichen Zusatz­ kosten von 150,-DM gerechnet werden. Die Klärschlammtrocknung und Verwertung wird bei diesem Modellhaushalt Jahresko­ sten von etwa 80,-DM nach sich ziehen. Derzeit ist der Landkreis in der Spitzen­ gruppe der günstigsten Landkreise in Baden­ Württemberg im Hinblick auf die Entsor­ gungsgebühren, die er von den Bürgern und Betrieben erheben muß, um die Abfallwirt­ schaft zu finanzieren. Entsorgen kostet in Zukunft immer mehr Geld. Faktoren der langfristigen Gebühren­ entwicklung sind die Reduzierung des Rest­ müllaufkommens (Verwertung von Biomüll und Klärschlamm), die Reinigung der Depo- 42 niesickerwässer, die neuen bautechnischen Anforderungen der Technischen Anleitung Siedlungsabfall, die auf den Deponien Hüfingen und Talheim (Landkreis Tuttlin­ gen) umzusetzen sind. Ggf. sind Sanierungs­ maßnahmen auf der Deponie in Tuningen durchzuführen, um technische Mängel zu beheben, die sich aus dem Stand der Depo­ ruetechnik von vor 20 Jahren inzwischen ergeben haben. Schließlich werden weitere Kosten aufgrund der Restmüllbehandlung auf uns zukommen. Ganz gleich, ob dies im Wege der biologisch-mechanischen Abfall­ behandlung, der thermischen Abfallbehand­ lung oder einer Kombination von beiden er­ folgt, wird diese Form der Abfallbehandlung stets teurer sein, als die derzeitigen Kosten des Mülldeponiebetriebes. Schließt sich der Landkreis an die Nut­ zung einer thermischen Abfallbehandlungs­ anlage an, so wird aus heutiger Sicht für einen 4-Personen-Haushalt eine Jahresent­ sorgungsgebühr in Höhe von 600,-DM er­ wartet. Die vorher genannten Faktoren, die· zur Gebührenentwicklung beitragen kön­ nen, sind hier noch nicht berücksichtigt. Das Zusammenspiel aller dieser Faktoren hat z. T. auch wechselseitige Auswirkungen, so daß sich rue Berechnung von verschiedenen Kostenszenarien als sehr schwierig erweist. Bei allem Bemühen um das Vermeiden und Verwerten von Abfällen aus den Haus­ halten, Betrieben und Kläranlagen des Land-

kreises, wird eine erhebliche Menge von Reststoffen auch zukünftig zu entsorgen sein. Der Gesetzgeber macht heute zurecht die Vorgabe, daß aus den verbleibenden Reststoffen keine neuen Altlasten entstehen sollen. In der Technischen Anleitung Sied­ lungsabfall werden deshalb Grenzwerte for­ muliert, die eine Ablagerung nur noch dann erlauben, wenn die Reststoffe erdkrusten­ ähnlichen Charakter haben. Dies ist heute nur mit thermischen Verfahren, mit der Ver­ schwelung oder Verbrennung möglich. Die Umsetzung dieser Anforderungen wird das bestimmende politische Thema in der Abfallwirtschaft unserer Region in den näch­ sten Jahren sein. Albrecht Tschackert Wutachwehr bei Achdorf Helmut Groß 43

Unsere Städte und Gemeinden, Wappen Erdmannsweiler Erdmannsweiler, an der Ostabdachung des mittleren Schwarzwaldes zwischen St. Geor­ gen und Rottweil, etwa 11 Kilometer nordöst­ lich von Villingen gelegen, ist heute mit 748 Einwohnern der viertgrößte Teilort der Ge­ meinde Königsfeld. In östlicher Richtung ist ein herrlicher Blick auf die Schwäbische Alb möglich, bei guter Fernsicht erscheinen im Süden die Ber­ ge der Schweizer Voralpen. Die frühe Ortsgeschichte ist eng mit dem Ursprung und der Entwicklung des Klosters St. Georgen verbunden. Ihr verdankt Erd­ mannsweiler seine erste urkundliche Erwäh­ nung in einer Abschrift aus dem Schen­ kungsbuch des Klosters St. Georgen. Darin heißt es, daß an einem nicht näher feststell­ baren Tag anno 1094 Manegold und Gott­ schalk dem Kloster schenkungsweise Grund und Boden überließen. Über die Persönlich­ keiten und Herkunft der beiden ist uns nichts bekannt. Es ist möglich, daß beide Angehörige einer begüterten, ortsansässigen Familie waren. Doch dafür gibt es keine wei­ teren Hinweise. Der ursprüngliche Namen 44 „Ortinswilere“ oder „Ortintinswiler“ steht mit dem Personennamen „Ortwin“ in en­ gem Zusammenhang. Das Wort „vilare“ = Gehöft ist in der Zeit um 700 n. Chr. feststell­ bar und hat als mittelhochdeutsches Wort ,,wiler“ Einzug gefunden. Im Hochdeut­ schen erscheint „wiler“ als Weiler, was so viel bedeutet wie eine kleine Gehöftengruppe. Damit wäre Erdmannsweiler als Weiler des Ortwin zu verstehen. Genaueres ist uns von diesem Ortwin nicht bekannt. Einiges deutet jedoch darauf hin, daß es sich bei ihm um ,,Ortuni“ gehandelt hat, der im Verbrüde­ rungsbuch des Klosters Reichenau seine Er­ wähnung fand. Im Jahre 1139 wartet Erdmannsweiler mit weiteren Besitzvergebungen zugunsten des Klosters auf Der Edelfreie Burchard und dessen Sohn Hermann schenken in diesem Jahr der Klostergemeinschaft alles, was sie an Feldern, Wiesen und Wäldern in „Ortinswi­ ler“ besitzen. Im Jahre 1324 werden in einer klöster­ lichen Urkunde fünf kleine Hofbauern in ,,Erkmannes Wiler“ genannt.

Eine weitere Erwähnung des Ortes Erd­ mannsweiler findet sich in dem 1380 -1400 angelegten Berain, wo vier zinspflichtige Un­ tertanen in „Erkmanswiler“ genannt werden. Aufgrund der Abhängigkeit und Zugehö­ rigkeit zur Herrschaft Burgberg kam Erd­ mannsweiler 1472 durch Verkauf an den Gra­ fen Eberhard von Württemberg und war fortan der Hauspolitik der Herzöge von Württemberg unterworfen. Diese Zugehö­ rigkeit dauerte mit nur kurzer Unterbre­ chung 338 Jahre lang. Während dieser Zeit, genau 1556, nahm Erdmannsweiler den pro­ testantischen Glauben an. Als 1810 Napo­ leon Europa „neu ordnete“, wurde der Ort badisch. In den Wirren des 30jährigen Krie­ ges wurde Erdmannsweiler 1633 überfallen und fast völlig durch Brand zerstört. Abt Gaisser beschreibt diesen Vorfall in seinen Tagebüchern ausführlich. Bis Mitte des 17. Jahrhunderts bildeten die Dörfer Erdmannsweiler, Weiler und Burg­ berg den Stab Weiler mit Sitz in Weiler. 1851 wurden die drei Gemeinden selbständig. Seit wann genau Schulunterricht in Erd­ mannsweiler erteilt wurde, läßt sich nicht genau feststellen. In den Kirchenbüchern von Weiler wird schon 1609 ein Jacob Stortz als erster Schulmeister genannt. 1686 findet sich im Lagerbuch von Hornberg ein weite­ rer Hinweis auf einen Schulbetrieb. Ein Hans Hermann erhält den „Befehl“ von Her­ zog Friedrich von Württemberg, ein Schul­ und Hirtenhaus auf einem Wildfeld zu bauen. In der Amtszeit von Bürgermeister Philipp Burgbacher entschließt sich die Gemeinde zum Bau eines Rat- und Schul­ hauses, das 1876 feierlich eingeweiht wurde. Am 8. September 1962 ziehen Kinder und Lehrer in das neu erbaute Schulhaus ein. Bereits zehn Jahre später lösen die Gemein­ den Erdmannsweiler, Burgberg und Weiler ihre Schulen auf und schließen sich zu einem Schulverband, mit Sitz in Burgberg, zusammen. 1887 kauften die Gemeinden Burgberg und Erdmannsweiler von Mathias Götz ein Gelände für den gemeinsamen Friedhof. In Eigenarbeit erstellten engagierte Bürger bei­ der Gemeinden eine Friedhofskapelle, die 1976 feierlich ihrer Bestimmung übergeben wurde. Im Zuge der Gemeindereform wurde Erd­ mannsweiler 1974 nach Königsfeld einge­ meindet. Die Erschließung eines Neubauge­ bietes machte den Bau eines Kindergartens dringend notwendig. Dank der Gründung eines Fördervereins und der tatkräftigen Un­ terstützung durch Eltern, konnte der Bau des Kindergartens 1990 realisiert werden. 1994 wurde Erdmannsweiler 900 Jahre alt. Dieses Jubiläum wurde lange und gründlich vorbereitet. Bereits im Vorfeld wurde heftig gefeiert. Alte Bräuche wie das „Funkefir“ wurden neu belebt, mit kleineren Festen wie dem Singen unterm Lindenbaum, dem Back­ hausfest oder dem Nikolausmarkt wurde das ,,große Fest“ vorbereitet. Vom 12. bis 15.Au­ gust 1994 fanden die Festtage statt. Höhe­ punkt war ein über zwei Stunden dauernder historischer Umzug, bei dem über sechs­ tausend begeisterte Zuschauer die Straßen säumten. Während der Vorbereitungen ent­ wickelte sich ein bis dahin nicht gekannter Gemeinschaftssinn. Und noch ein Ereignis bleibt zum Schluß zu vermelden. Wie aus dem Nichts tauchte in dieser Zeit plötzlich ein „Erdmännle“ auf. Dieses Männchen war das ganze Jahr über nie zu sehen, aber zur Fastnachtszeit erschien es plötzlich rudel­ weise, verteilte Erdnüsse, erfreute die Mit­ menschen und verschwand wieder genauso geheimnisvoll, wie es gekommen war. Axel Strecker Quellen: Beiträge zur Ortsgeschichte Erdmannsweiler 45

Das Wappen von Erdmannsweiler Wappen: Unter goldenem Schildhaupt, darin eine liegende schwarze Hirschstange, in Blau schräMe­ kreuzt ein silberner Spaten und eine silberne Hacke, beide golden gestielt. Erdmannsweiler wurde erst mit Gesetz vom 2. Dezember 1850 eine selbständige Gemeinde. Sie bildete vorher mit Burgberg und Weiler zusammen den „Gemeindever­ band Weiler“, der 1810 mit dem zuvor würt­ tembergischen Amt Homberg an das dama­ lige Großherzogtum Baden kam. Diese würt­ tembergische Vergangenheit wird durch die ,,württembergische Hirschstange“ im Schild­ haupt angezeigt. – Zu einem Wappen kam die Gemeinde erst spät. Im vorigen Jahrhun­ dert wurden Siegel und Farbdruckstempel verwendet, die nur Schrift aufweisen. Im Jahre 1902 kam vom großherzoglichen Generallandesarchiv ein Wappenvorschlag: Unter goldenem Schildhaupt mit querlie­ gender schwarzer Hirschstange in Rot eine ,,gestürzte“ goldene Pflugschar. Doch konn­ te sich der Gemeinderat damit nicht an­ freunden. Erst im Januar 1952 kam der Gemeinderat auf die Angelegenheit zurück. Um das Wap­ pen „redend“ zu machen, wünschte man je­ doch statt der Pflugschar einen „Erdmann“, d. h. einen Mann, der eine landwirtschaftli­ che Tätigkeit ausführt! Für ein Wappen ist eine solche Darstellung allerdings nur schlecht geeignet- außerdem geht der Orts- Aasen name auf ein mittelalterliches „Ortiniswi­ lare“ (d. h. Weiler des Ortin) zurück. Das GLA schlug darauf das Wappen mit Spaten und Hacke vor, dem der Gemeinderat im März 1952 zustimmte. Das Innenministerium Baden-Württem­ berg prach schließlich am 2.Dezember1960 die Wappenverleihung aus. Doch wurde Erdmannsweiler im Zuge der Gemeindere­ form am !.Januar 1974 nach Königsfeld im Schwarzwald eingemeindet. Damit ist das Wappen erloschen. Prof. Klaus Schnibbe Q}tel!en und Literatur: Generallandesarchiv Karlsruhe, Wappenakten Amtsbezirk Villin­ gen, Landkreis Villingen und Schwarzwald­ Baar-Kreis. – GLA Wappenkartei Schwarz­ wald-Saar-Kreis. – GLA Siegelkartei Schwarz­ wald-Baar-Kreis. – Gemeinsames Amtsblatt Baden-Würllemberg, 9.jahrg. (1961) Nr.1. – H. G. Zier, Wappenbuch des Landkreises Vil­ lingen, Stuttgart 1965. Die Ostbaargemeinde Aasen, die von wis­ senschaftlich umstrittenen Qiellen schon im Jahre 805 n. Chr. als „Asinheim“ genannt wurde, fand die erste offizielle Bestätigung im Jahre 973 in einer Schenkungsurkunde des Grafen Berthold an die Insel Reichenau. Eine traditionsbewußte Gemeinde kann auf eine wechselvolle Geschichte zurückblicken. 46 Eine herausragende Bedeutung hatte die Landwirtschaft in unserer ehemals selbstän­ digen Gemeinde immer. Selbstbewußte Bau­ erngeschlechter, die über große landwirt­ schaftliche Nutzflächen verfügten, konnten Knechten, Mägden und Taglöhnern einen geringen Verdienst anbieten. Die ortsansässigen Handwerker wie

Blick vom Scheibenrain auf Aasen Schmied, Schuster, Glaser, Küfer, Schneider und Zimmermann stellten fast alles her, was in der Dorfgemeinschaft benötigt wurde. Bescheiden waren die Gehälter, die der Bür­ germeister und der Ratschreiber bezogen. Mit noch bescheidenerem Verdienst mußte der Polizeidiener, der Forstwart, der Schul­ diener, der Wegwart und der Farrenwärter zufrieden sein. Trotz der geringen Verdienst­ möglichkeiten waren alle diese Posten sehr gefragt. Schon im Jahre 1780 zählte man in unse­ rer Gemeinde 441 Einwohner. Ca. 700 Men­ schen wohnten 1945 in unserer Dorfgemein­ schaft. Langsam stieg die Einwohnerzahl in den 50er und 60er Jahren. Im Jahre 1970 erstellte die Gemeinde den ersten Bebauungsplan »Kirchsteig“. In regel­ mäßigen Abständen folgten weitere Bebau­ ungspläne. Umfangreiche Erschließungsmaß­ nahmen waren die Folge dieser Bebauungs­ pläne. Von diesem Zeitpunkt an wurde auch Neubürgern die Möglichkeit gegeben, sich in Aasen einen Bauplatz zu kaufen und auch zu bauen. Schneller stieg von diesem Zeit­ punkt an die Einwohnerzahl. Jetzt sind bei uns 1107 Bürger gemeldet. Helmut Groß Bei Kriegsende traf es unsere Gemeinde sehr hart. Französische Panzer fuhren am 21. April 1945 in Aasen ein. Aus dem Keller des Schulhauses kam Gewehrfeuer. Die Pan­ zerspitze umstellte das Schulhaus. Nachkur­ zem Feuerwechsel war der geringe Wider­ stand gebrochen und diese Einheit fuhr in Richtung Donaueschingen weiter. Man glaubte, daß damit alles vorbei wäre. Aber es kam ganz anders. Noch am selben Tag ka­ men erneut französische Truppen und be­ setzten unser Dorf. Vergewaltigungen und Plünderungen durch die marokkanische Be­ satzung konnten nicht verhindert werden. Es sollte aber noch viel schlimmer kommen. Am 25. April versuchten deutsche Truppen, von Tannheim kommend, über das Brigach­ tal sich den Rückzug in Richtung Bodensee freizukämpfen. Wie schon erwähnt, war unser Dorf besetzt. Mit Artillerie und Gra­ natwerfern schossen die deutschen Soldaten in unser Dorf. Von der französischen Besat­ zung wurde zum Teil auch mit schwerer Artillerie erwidert. Der deutsche Angriff blieb in der Wiesengasse stecken. Unser sonst so friedliches Dorf wurde in einen schrecklichen Kriegsschauplatz verwandelt.47

Die Bevölkerung suchte Schutz in den Kel­ lern. Französische Patrouillen durchstreiften die Straßen und schossen wahllos umher. Lina Erndle, Maria Grießhaber und Adolf Veit mußten als Opfer der Zivilbevölkerung beklagt werden. 55 deutsche Soldaten fan­ den bei diesem sinnlosen Kampf den Tod. Auf unserem Friedhof konnten diese Solda­ ten ihre letzte Ruhestätte finden. Starke Beschädigungen an zahlreichen Häusern, darunter besonders das Gasthaus „Krone“, mußten verzeichnet werden. Durch eine Explosion am 27.April kam das Haus „Gott­ lob“ zu Schaden. Die Ursache dieser Explo­ sion, bei der marokkanische Soldaten zu Tode kamen, konnte nie richtig geklärt wer­ den. Der Rest des Hauses wurde von der fran­ zösischen Besatzung angezündet. Das Nach­ barhaus „Maier“ fing ebenfalls Feuer. Bei diesen Löscharbeiten verunglückte Josef Buck tödlich. Es waren grauenvolle Tage für die Menschen in unserer Gemeinde. Nach dem Bergen der Toten mußten alle arbeitsfähigen Männer wochenlang Kriegs­ material und Pferdekadaver beseitigen. Es ging lange, bis diese Wunden geheilt waren. In einem Buch mit dem Titel „Aasen – Schicksal einer Division“ hat Autor Riedel von Villingen alle diese schrecklichen Ereig­ nisse festgehalten. Nur langsam normalisierte sich das Leben in unserer Gemeinde wieder. Die kriegszer­ störten Häuser mußten instand gesetzt wer­ den. Kostenlose Bauplatzzuteilungen er­ möglichten drei Flüchtlingsfamilien im Jahre 1950 das Bauen eines eigenen Hauses. So nach und nach kam das Vereinsleben wie­ der voll in Gang. Sportverein, Musikverein, Schützenverein, Landfrauen, Landjugend, Kirchenchor und neuerdings auch ein Nar­ renverein sind die tragenden Säulen unserer Dorfgemeinschaft. Auch die freiwillige Feu­ erwehr Aasen ist eine nötige und wichtige Einrichtung, auf die man nicht gerne ver­ zichten möchte. Ein Strukturwandel vollzog sich auch in unserer Gemeinde. Die rückläufige Entwick­ lung in der Landwirtschaft zwang manchen 48 Do,jplatz Aasen Helmut Groß Landwirt zum Umdenken. Der bäuerliche Charakter unseres Dorfbildes verwässerte sich zusehends. Gutgehende Handwerks-, Gewerbebetriebe richten sich in unserer Ge­ meinde ein und können zahlreichen Men­ schen Arbeit und Brot geben. Die Flurberei­ nigung, die zusammen mit der Nachbarge­ meinde Heidenhofen durchgeführt wurde, begann im Jahre 1966. Aussiedlungswillige Landwirte erhielten die Möglichkeit, arron­ dierte Höfe zu errichten, um sich damit bes­ sere Entwicklungsmöglichkeiten zu schaf­ fen. Im Zusammenhang mit der Flurbereini­ gung stellten Gemeinde und Grundstücks­ eigentümer für den zu bauenden Golfplatz 76 ha Land zur Verfügung. Dies bedeutete grünes Licht für den Bau der attraktiven Frei­ zeiteinrichtung mit dem bekannten Hotel ,,Öschberghof“. Verantwortungsvolle Entscheidungen muß­ te der Gemeinderat in Sachen Gemeindere­ form treffen. Donaueschingen und Bad Dürr-

heim mühten sich um unsere Gemeinde. Donaueschingen gewann das Rennen. Am 1. Februar 1972 konnte der Zusammenschluß vollzogen werden. Ver- und Entsorgungseinrichtungen sind, Dank großer Anstrengungen der Stadt Donaueschingen, auf einem zeitgemäßen Stand. Mit unserer Mehrzweckhalle, die im Jahre 1989 erbaut werden konnte, schaffte man einen kulturellen Mittelpunkt in unse­ rer Dorfgemeinschaft. Das Wappen von Aasen Wappen: Von blauem Wolkensaum umgeben, in Silber schräglinks ein schwarzes Mühleisen. Der Wolkensaum ist aus dem Wolkenfeh­ Schildrand des fürstenbergischen Wappens abgeleitet und soll an die Zugehörigkeit des Dorfs zur fürstenbergischen Landgrafschaft Baar bis zum Jahre 1806 erinnern. Das Mühl­ eisen stammt aus dem Familienwappen der Herren von Balgheim, die im 14. und 15.Jahr­ hundert als fürstenbergische Vögte in Aasen saßen. Nachdem im 19.Jahrhundert die Gemein­ de nur Schriftsiegel führte, schlug das groß­ herzoglich badische Generallandesarchiv im Jahre 1895 obiges Wappen vor, das die Ge­ meinde nach anfänglicher Ablehnung 1896 doch in ihren Stempel aufnahm. – Mühlei­ sen dienten in Mühlen als Mitnehmer zur Übertragung der Drehbewegung auf den Oberstein eines Mahlganges. (Übrigens beschreibt Kindler von Knobloch das Wap­ pen des Burghard von Balghan, Edelknecht, 1396 zu Aufen gesessen, als eine linksschräge ,,Armbrust ohne Bügel“.) Als Aasen am 1. Februar 1972 in die Stadt Donaueschingen eingemeindet wurde, ist dieses einprägsame Wappen zwar als amtli­ ches Zeichen erloschen, es wird aber im Ort durchaus noch weiter verwendet. Prof Klaus Schnibbe Grundschule und Kindergarten sind be­ liebte und wichtige Einrichtungen, die uns erhalten geblieben sind. Für das leibliche Wohl sorgen zwei gutgehende Gaststätten. Ofenfrisches Brot und sonstige Lebens­ und Gebrauchsmittel können bei unserem Bäcker gekauft werden. Auch nach der Ein­ gemeindung läßt es sich in unserer Teilorts­ gemeinde ganz gut leben. Otto Maus Quellen und Literatur: Generallandesarchiv Karlsruhe, Wappenakten Amtsbezirk Donau­ eschingen, Landkreis Donaueschingen und Schwarzwald-Baar-Kreis. – GLA Wappen­ kartei Schwarzwald-Baar-Kreis. – GLA Sie­ gelkartei Schwarzwald-Baar-Kreis. -]. Kind­ /er v. Knobloch, Oberbadisches Geschlechter­ buch, Band 1, Heidelberg 1898 (v. Balgheim). – K. Schnibbe, Gemeindewappen im ehem. Landkreis Donaueschingen, in: Schriften d. Vereins/ Geschichte u. Naturgesch. d. Baar in Donaueschingen, Band 33 (1980). 49

Fützen Zwischen Randen und Wutach Man muß die Feste feiern, wie man Lust dazu hat. Als die Fützener im Mai 1983 (vgl. Almanach 84, Seite 82-86) ihr 900-Jahr­ Jubiläum begingen, lagen sie weder richtig noch falsch. Hätten sie doch ebenso ihre frühmittelalterliche oder merowingerzeitli­ che Siedlung und damit 1200 Jahre feiern können. Und was das Dokument betrifft, auf das man sich bei der Feier im Jahre 1983 stützte, so ließen sich daraus eine ganze Reihe von ,,Festjahren“ ableiten. Es ist nämlich keines­ wegs so, wie vielfach zu lesen, daß Fützen in einer Urkunde vom 4. Januar 1083 zum erstenmal erwähnt wird. Dies ist nur das in der Gründungsnotiz des Klosters Sankt Georgen genannte Datum, an dem der Schenker Hezelo das Dorf Walda (Königs­ eggwald bei Saulgau) zum Ausgangspunkt eines dort zu errichtenden Benediktiner- klosters machte, das aber in Wirklichkeit schließlich ein Jahr später im Schwarzwald gebaut wurde. In dem wahrscheinlich zwischen 1092 und 1094 niedergeschriebenen Gründungs­ bericht, der, was Fützens Ersterwähnung be­ trifft, auf einer Pergamenthandschrift des 15.Jahrhunderts überliefert ist, wird der Orts­ name in der Erzählung über die Schaffung des zentralen Grundbesitzes des Klosters erwähnt. Nach dem 7. März 1083 und vor dem 22. April 1084 erhielt ein gewisser „Wal­ tarius von Teningen“ (Tuningen? oder Dun­ ningen ?) dafür, daß er sein Land beim künfti­ gen Kloster hergab, von dem Mitausstatter des Klosters Hesso als Entschädigung eine und eine halbe gute sehr vorteilhafte Bauern­ stelle im Dorf „Phoezen“. Teile von Fützen waren demnach schon vor 1084 in der Hand des Hesso. so

Schon früher bestanden Weiler oder Ge­ höfte auf dem heutigen Gemarkungsgebiet. Eine Urkundenkopie des 16. Jahrhunderts, welche sich auf ein angebliches Original von 973 stützt, nennt eine Örtlichkeit „Tale“. Von ihr bleiben im 16.Jahrhundert nur ein Hof und eine Kapelle, die heute beide ver­ schwunden sind. Seit 1099 hatte das Kloster Alpirsbach Be­ sitzungen, die ihm von Adelbert von Zollern geschenkt worden waren. Wessen Dienst­ mannen die Familie derer von Fützen war, die von 1245 bis 1339 nachweisbar ist, bleibt ebenso zu erforschen wie ihr Schicksal über­ haupt. Auch wie Fützen Zubehör der Herrschaft Blumegg wurde, ist nicht bekannt. In dieser Eigenschaft geriet der Ort nacheinander in die Hände mehrerer Adelsfamilien. 1366 waren es die von Wolfurt, 1415 die von Frie­ dingen, 1436 die von Hallwyl. Sie alle besa­ ßen im Ort als Inhaber der Herrschaft Blumegg auch die Niedere Gerichtsbarkeit. Letztere kam zusammen mit der Herrschaft erstmals 1432 was Fützen betraf und dann 1456 an Sankt Blasien. Um die Hohe Gerichtsbarkeit stritten sich zunächst einmal die Grafen von Nellenburg, die Grafen der Grafschaft Stühlingen und die Grafen von Fürstenberg als Inhaber der Landgrafschaft der Baar. Es war dies durch eine Unsicherheit bezüglich des Grenzver­ laufs zwischen den Herrschaften bedingt, wie sie uns in jener Zeit oftmals entgegentritt und erst im Laufe der Zeit durch Verträge und viel später, ab Ende des 18.Jahrhunderts, durch deutliche Grenzziehung beseitigt wird. Die Ansprüche der Stadt Schaffhau­ sen, die 1722 vertraglich an Sankt Blasien abgetreten wurden, beruhten auf einer ande­ ren Grundlage. Als Rechtsnachfolgerin des Klosters Aller­ heiligen hatte die Stadt in dem ehemaligen Klosterbezirk, der auch kleine Teile der spä­ teren Gemarkung Fützen umfaßte, Gerichts­ barkeit und Hoheitsrechte erworben. Der Bezirk erhielt den vom lateinischen „immu­ nitas“, der Gerichtsbefreiung von Graf- schaftsrechten, abgeleiteten Namen „Mun­ dat (am Randen)“. Der noch 1457 als Einzel­ hof genannte abgegangene Weiler Hetzen­ hofen wird 1500 als Grenzmarke der Mundat genannt. Dessen Gemarkung, die 1331 von den Blumeggern an Fützen verkauft wurde, bewirkte anscheinend, daß Schaffhausen auch Fützen als Mundatsgebiet ansah und so die Hoheit beanspruchte. Auch für Fützen unter der Herrschaft St. Blasien kann gelten, was man für die geist­ lichen Gebiete des Heiligen Römischen Rei­ ches mit „Unter dem Krummstab ist gut leben“ umschrieben hat. Von den Pestseu­ chen (1543, 1611) oder den Verheerungen in den militärischen Auseinandersetzungen wie dem Dreißigjährigen Kriege einmal ab­ gesehen, verlief das Leben geruhsam und be­ schaulich ohne allzu große Einschnitte. Die Landwirtschaft war Haupterwerbs­ zweig, wobei jedoch zwei Einnahmequellen nicht verschwiegen werden sollen, die das Dorf weit über die Grenzen der Herrschaft hinaus bekannt machten. Spätestens seit 1561 besaß Fützen das Recht, an bestimmten Feiertagen und allen Sonntagen Markt ab­ zuhalten. Hier trafen sich die Einwohner umliegender Herrschaften zum Einkauf. An den Hauptmessetagen, am Vitustag (15.Juni) und am Kirchweihtag gar kamen die Besu­ cher von fern, nicht wenige aus dem Schwei­ zer Gebiet. Noch einträglicher, und für Fützens Ein­ wohnerschaft bedeutend, waren die auf der Gemarkung befindlichen Gipsvorkommen sowie die ebenfalls dort zu findende feinkör­ nige Abart des Gipses, der Alabaster. Dieser sieht dem Marmor zum Verwechseln ähn­ lich und ist für den Nichtfachmann nur schwer davon zu unterscheiden. Der bereits seit dem frühen 16.Jahrhundert in Kirchen­ bauten verwendete Fützener Alabaster fand seine höchste Bestätigung als edles Bau- und Ziermaterial, als der französische Architekt und berühmte Baumeister Michel d’Ixnard (1723-1795) zum Bau der Kathedralkirche von Konstanz 1775 eine Anzahl Alabaster­ blöcke orderte. 51

Der seit dem 16. Jahrhundert ebenfalls nachweisbare Gipsabbau entwickelte sich trotz des Streites zwischen Schaffhausen und Sankt Blasien um die Bergrechte und damit verbundenen Einnahmen zu einem ortsprä­ genden Wirtschaftsfaktor. Während zu Be­ ginn durch die von Schaffhauser Kaufleuten beherrschte Art und Organisation des Absat­ zes im Dorf kein Verdienst blieb, änderte sich dies im 18.Jahrhundert. Als die einhei­ mischen Brüder Gleichauf die Konzession erhielten, verschafften sie einem Teil der Füt­ zener Einwohner durch Transportdienste ein gutes Einkommen. Unbeschadet des dar­ aufhin von Neidern in Zusammenarbeit mit den vom Markt verdrängten Schaffhausern Kaufleuten angezettelten Widerstandes, der sogenannten „Gipsrevolte“ (1755-1757), hielt sich der Gipsabbau bis in die jüngste Zeit. Noch kurz vor der Einstellung des 1946 wiedergegründeten Gipsbetriebes im Jahre 1977 wurden monatlich 3000 bis 3500 t Gips­ stein gefördert, die mit Lkw in die Schweiz transportiert wurden. Aufschwung brachte auch der Bau der 1890 eingeweihten „Kanonen“- und heute „Sauschwänzlebahn“ genannten Bahnlinie Immendingen – Waldshut, die zahlreichen Einwohnern durch Materialtransporte lange Jahre ein gutes Einkommen verschaffte. Ein Gotteshaus im Besitz der Klöster Sankt Georgen und Reichenau ist mit dem Jahre 1179 erstmals urkundlich bezeugt, wobei der Turmsockel von der Mittelalter­ archäologie in das Jahr 1100 datiert wird. Die heutige Kirche, deren Patrozinium St. Vitus erst 1444 nachgewiesen ist, stammt allerdings aus dem Jahre 1734. Die 1874 nach einer öffentlichen Disputa­ tion zwischen dem katholischen Pfarrer Schöttle und dem suspendierten Theologie­ professor Friedrich Michaelis gegründete alt­ katholische Gemeinde ist bis heute mitglie­ derstark. Die nach 1875 errichtete Notkirche der Katholiken wurde 1890 den Alt-Katholi­ ken übertragen, nachdem sich das Verhältnis der Gläubigenzahlen zu ihren Ungunsten gewandelt hatte. Die 1930 wegen Baufällig- 52 Vitus-Statue in der katholischen Efarrkirche St. Vitus zu Pützen keit und Rechtsstreit mit der katholischen Kirche bezüglich der Notkirche errichtete Eigenkirche wurde zusammen mit der evan­ gelischen Landeskirche ins Werk gesetzt, die sich gegen ein eingetragenes Mitbenutzungs­ recht mit 6 000 Mark am Bau beteiligte. Die­ ser Fall einer durch gütliche Übereinkunft zustandegekommenen simultanen Benut­ zung einer Kirche scheint in Deutschland einzigartig zu sein. Von all den Auseinandersetzungen und Kriegen, dem Bauernkrieg im 16. Jahrhun­ dert oder dem Dreißigjährigen Krieg, haben vor allem zwei Zeitabschnitte sich tief in das kollektive Gedächtnis eingegraben. Es sind dies zuerst die Revolutionskriege 1796 bis 1800. Auf der Durchmarschstraße der öster­ reichischen wie der französischen Truppen gelegen, hat Pützen in einem fürchterlichen Reigen Plünderungen und Brandschatzun-

gen erlebt, die den Ort in einem vielfach zer­ störten und demoralisierten Zustand 1806 an das neue Großherzogtum Baden übergaben. Kurz zuvor, 1803, war Pützen noch dem Mal­ teserorden zugeschlagen und 1805 noch ein Jahr württembergisch geworden. Wenn auch die Rückzugskämpfe des 24./26. April 1945 in ihrer Zerstörung das Ausmaß der Revolu­ tionskriege nicht überschritten, so waren sie dennoch folgenreicher. Unter den 18 total zerstörten Gebäuden befanden sich auch das Schul- und Rathaus. Der völlige Verlust des im Gebäude gelagerten Gemeindearchives, das durch SS-Truppen in Brand gesteckt wurde, hat Pützen seiner Dorf- und Alltags­ geschichte beraubt und ihm nur die in ande­ ren Archiven lagernde Herrschaftsgeschich­ te gelassen. Nach dem Kriege gelang die Erneuerung. Wichtige Marksteine der Wiedererrichtung und des Ausbaues der Infrastruktur waren dabei der Neubau des Rat- und Schulhauses (1950), die Kanalisation (1957), das neue elek­ trische Ortsnetz (1959), die neue Priedhofs­ kapelle (1963) oder die Mehrzweck-(Buch- Das Wappen von Flitzen Wappen: In Gold, auf grünem Boden (Schildfuß) stehend, der rotgewandete heilige Veit (Vitus), gol­ den nimbiert, mit blauem Mantel in der Rechten einen grünen Palmzweig, in der Linken einen gol­ denen Reichsapfel haltend. Vitus ist der Kirchenheilige von Pützen, vermutlich leitet sich auch der Ortsname von ihm her („Vitusheim“?). Er erscheint schon in dem hochovalen Siegel aus der er­ sten Hälfte des 19.Jahrhunderts mit der Um­ schrift GEMEINDERATH / PÜEZEN, hier allerdings aus einem Kessel „wachsend“, die Rechte erhoben, in der Linken ein Kreuz hal­ tend. Nach der Legende wurde er in einem Kessel mit siedendem Öl gemartert. In einem Runderlaß vom 6. März 1895 machte das großherzoglich badische Mini­ sterium des Innern bekannt, daß künftig das berg)halle (1973). Auch die Eingemeindung nach Blumberg (1. 1. 1975) hat die Entwick­ lung nicht unterbrochen. 1992 wurde der 1959 begonnene Sportplatz erneuert (Ra­ sensanierung). Im April 1993 schließlich ging die neue Kläranlage in Betrieb und im Au­ gust öffnete das Vereinsheim der Eggäsi­ Zunft und der Landfrauen. Wichtigstes Ereignis für Pützen im Jahr 1994 war die Einweihung im August der 46 Millionen Mark teueren neuen, nördlich um den Ort führenden Bundesstraße 314. Nach fünf Jahren Planung und Vorbereitung war mit dem technisch aufwendigen Bau der Straße, die auch Epfenhofen umgeht, im Herbst 1985 begonnen worden. Auf 8,24 km Länge leitet diese nun, teilweise entlang der Museumsbahnlinie, den Verkehr aus dem Wutachtal auf die B 27 bei Randen. Aus der einstigen wirtschaftlichen und verkehrs­ mäßigen Randlage erlöst, ist der Ort heute so zu einem einladenden Rastplatz an einer süddeutschen Hauptschlagader des interna­ tionalen Verkehrs geworden. Dr.Joachim Sturm großherzogliche Generallandesarchiv in Karls­ ruhe auf Antrag kostenlos Vorschläge für Ge­ meindewappen ausarbeiten wird. – Die erste Gemeinde, die davon Gebrauch machte, war Pützen, und bereits Anfang Juni legte das GLA einen Entwurf vor, der noch im selben Jahr vom Gemeinderat angenommen wurde. Leider steht seither ein bärtiger Heiliger im Wappen. Friedrich von Weech schreibt 53

dazu, daß zu seinem Vorbild „eine alte Sta­ tue in der Kirche zu Mühlhausen in Würt­ temberg“ gedient habe (welches Mühlhau­ sen ist nicht gesagt). – Zum einen wäre die jugendliche Vitus-Figur in der Fützener Kir­ che mit Palmzweig und Ölkessel wohl geeig­ neter gewesen (Vitus soll im Alter von 12 Jah­ ren den Märtyrertod erlitten haben}. Zum andern ist in der Heraldik (Wappenkunde) ein Symbol (Attribut} für einen Heiligen wir- kungsvoller – man denke z.B. Die Zugehörigkeit zur Herrschaft Blum­ egg (Blumenegg) hätte sicher auch gut als U an die Petersschlüssel, das An­ dreaskreuz usw. – als die ganze qestalt. Hier wäre vor allem der Olkessel infrage gekommen. Der Palmzweig (Siegespalme) ist ganz allgemein ein Zeichen für einen Märtyrer. Der Reichsapfel als Zei­ chen für das „Reichspatronat“, wie Wimmer sagt, erscheint allerdings auf dem ersten Sie­ gel 1896 und auf den folgenden Farbdruck­ stempeln stets nur als „Kugel“. Grundlage für ein eindrucksvolles Gemein­ dewappen getaugt. Doch sind solche Überle­ gungen heute müßig. Durch die Eingemein­ dung in die Stadt Blumberg zum 1. Januar 1975 ist das Wappen erloschen. Prof. Klaus Schnibbe Quellen und Literatur: Generallandesarchiv Karlsruhe, Wappenakten Amtsbezirk Bonn­ do,f, Landkreis Donaueschingen und Schwarzwald-Baar-Kreis. – GLA Wappen­ kartei Schwarzwald-Baar-Kreis. – GLA Sie­ gelkartei Schwarzwald-Baar-Kreis. – R. Pjlei­ derer, Die Attribute der Heiligen, 2.Aujl.. Ulm 1920. – 0. Wimmer, Die Attribute der Heili­ gen, 2. Aufl.. Innsbruck – Wien – Miinchen 1966. – K. Schnibbe, Gemeindewappen im ehern. Landkreis Donaueschingen, in: Schrif ten d. Vereins/ Geschichte u. Naturgesch. d. Baar in Donaueschingen, Band 33 (1980). – P. Willimski, Pützen im laufe der Zeit, Blumberg 1981. Das Wappen von Königsfeld im Schwarzwald Wappen: Geviert von Gold und Rot, im J. Feld aus grünem Dreiberg zwei schräggekreuzte rote Roggenhalme mit geneigten Ahren, im 4. Feld auf grünem Dreiberg eine rote Burg mit zwei Zinnentürmen. Die durch Zusammenschluß von Bu­ chenberg, Königsfeld und Neuhausen am 1. Januar 1975 neugebildete Gemeinde Königsfeld im Schwarzwald hat lange gezö­ gert, sich ein Wappen zuzulegen. Erst der Neubau des Landratsamts in Villingen­ Schwenningen, in dem die Wappen aller selbständigen Gemeinden des Landkreises präsentiert werden sollten, gab letztlich den Anstoß zur Schaffung eines Wappens. 54 An sich hätte es nahegelegen, das Wappen der früheren Gemeinde Königsfeld: In Blau auf goldenem Dreiberg zwei schräggekreuzte sil­ berne Roggenhalme mit geneigten Ahren wieder aufzunehmen – evtl. vermehrt um eine (Königs-)Krone (?). – Jedoch entschied sich der Gemeinderat am 9. Oktober 1991 für einen Entwurf des Generallandesarchivs Karlsruhe. Diesem schönen Wappen liegt das Wappen der alten Herren von Burgberg

Geviert von Silber und Rot, im ersten Feld auf blauem Berg (oder Dreiberg) eine zweitürmige goldene Zinnenburg. zu Grunde, die im Mittelalter Grundherren der Gegend waren und im 15. Jahrhundert ausgestorben sind. Sie führten als Wappen: Bei der Neuschöpfung wurde die Burg ins letzte Feld versetzt, um den Ähren aus dem alten Königsfelder Wappen Platz zu machen, und die Farben wurden verändert, um ein harmonisches Bild zu erhalten. -Die Wappenverleihung sprach das Landratsamt des Schwarzwald-Baar-Kreises am 1.Juli 1992 aus. Prof. Klaus Schnibbe Quellen und Literatur: Generallandesarchiv Karlsruhe, Wappenakten Amtsbezirk Villin- gen, Landkreis Villingen u. Schwarzwald­ Baar-Kreis. – GLA Wappenkartei, Schwarz­ wald-Baar-Kreis. GLA Siegelkartei Schwarzwald-Baar-Kreis. – ]. Kindler v. Knobloch, Oberbadisches Geschlechterbuch, Band L Heidelberg 1898, betr. v. Burgberg. – W Merz u. F. Hegz� Die Wappenrolle von Zürich, Zürich-Leipzig 1930, betr. v. Burg­ berg(,,KVRBERG“). -H. G. Zier, Wappen­ buch des Landkreises Villingen, Stuttgart 1965. – K. Schnibbe, Die Wappen des Schwarzwald-Baar-Kreises, seiner Städte und Gemeinden, Faltblatt, hrsgg. v. Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis, Villingen-Schwen­ ningen 1991. – Gem. Amtshi. Bad.-Württ. 41 (1993) s. 420. Dämmerung an der Donau Aquarell: German Hasen.fratz 55

Behörden, Organisationen Kriminaloberrat Helmut Wider verläßt die Polizeidirektion Villingen-Schwenningen gen. Nach Schulausbildung und Ausbildung im Forstwesen trat er 1957 in die Bereit­ schaftspolizei des Landes Baden-Württem­ berg in Biberach an der Riß ein und wurde nach der Ausbildung 1960 zum Polizeiposten Triberg versetzt. Aufgrund seiner guten �a­ lifikation stieg er nach entsprechender Aus­ bildung in die Laufbahn des gehobenen Dienstes auf. Im Jahre 1970 wurde er zum Kriminalkommissar ernannt. In der Polizei des Landes hatte das Zeital­ ter der elektronischen Datenverarbeitung begonnen. Der junge Kriminalkommissar ließ sich beim Landeskriminalamt Baden­ Württemberg in Stuttgart im Bereich der EDV aus- und fortbilden. Dort folgte eine umfassende Ausbildung für die neue Technik, u. a. beim Bundeskri­ minalamt in Wiesbaden und bei namhaften Firmen wie IBM und Siemens, die es ihm ermöglichte, im Dezernat Rechenzentrum der Innenverwaltung beim Landeskriminal­ amt Baden-Württemberg Wegbereiter der polizeilichen Datenverarbeitung zu werden. In dieser Zeit erfolgten mehrere Beförde­ rungen im gehobenen Kriminaldienst, so 1971 zum Kriminaloberkommissar, 1972 zum Kriminalhauptkommissar und 1979 zum Ersten Kriminalhauptkommissar, dem höchsten Beförderungsamt im gehobenen Dienst. Damit war die Karriere nicht zu Ende. Helmut Wider wurde 1979 zur Ausbil­ dung für den höheren Dienst zugelassen und avancierte nach einem zweijährigen Stu­ dium an der Polizeiführungsakademie zum Kriminalrat. Nach dieser „Bilderbuchkar­ riere“ zog es den Kriminalrat im Juli 1981 wie­ der in die Heimat. Er wurde Leiter der Ab­ teilung II – Kriminalpolizei – und Vertreter Zum 1. Dezember 1994 wurde Kriminal­ oberrat Helmut Wider zur Landespolizei­ direktion Freiburg versetzt. Gleichzeitig wurde er zum Leiter des Referates IIa – Ein­ satz, Organisation, Aus- und Fortbildung – und zum Vertreter des Abteilungsleiters II – Kriminalpolizei – bestellt. Länger als 13 Jahre war Kriminaloberrat Wider Leiter der Abteilung II – Kriminal­ polizei – der Polizeidirektion Villingen­ Schwenningen: er steuerte Ermittlungen, wirkte bei der Personalauswahl mit und orga­ nisierte seinen Verantwortungsbereich. Helmut Wider wurde 1939 in Unterbränd geboren, heute ein Stadtteil von Bräunlin- 56

des Leiters der Polizeidirektion Villingen­ Schwenningen. In diesen Funktionen wurde er am 1. 1. 1988 zum Kriminaloberrat beför­ dert. Während der Amtszeit von Kriminal­ oberrat Wider in Villingen-Schwenningen hat sich das Aufgabengebiet der Kriminal­ polizei in Villingen-Schwenningen ständig erweitert. Neben Kapitaldelikten bearbeitet sie u. a. Fälle der Wirtschaftskriminalität, be­ faßt sich mit Verstößen gegen das Betäu­ bungsmittelgesetz, ermittelt bei Sittlichkeits­ delikten, betreibt Jugendschutz und fahndet nach Straftätern. Hervorzuheben ist der enorme Aufgabenzuwachs durch die Be­ kämpfung der organisierten Kriminalität und spezielle Jugenddelikte. Unterstützt wird die Arbeit der Kriminal­ polizei durch versierte Kriminaltechniker, eine Datenstation und durch eine Führungs- gruppe, die sich u. a. in der kriminalpolizeili­ chen Beratung von Bürgern und in der Vorbeugung engagiert. Zur Bewältigung all dieser Aufgaben standen Kriminaloberrat Wider im Jahr 1994 56 Kriminalbeamte und 26 Angestellte zur Seite. Beispielgebend war sein privates Fortbe­ wegungsmittel. Wenn es möglich war, ver­ zichtete er auf das Kraftfahrzeug und be­ nützte sein Fahrrad. Am Standplatz seines Fahrrades an der Dienststelle konnte man erkennen, ob er sich im Hause befand. Schon viele sind seinem Beispiel gefolgt und benut­ zen wie er das Fahrrad. Die Polizeidirektion Villingen-Schwen­ ningen dankt seinem bisherigen Abteilungs­ leiter II – Kriminalpolizei – für die gute Zusammenarbeit und wünscht ihm für die neue Aufgabe in Freiburg viel Erfolg. Robert Wölker 100 Jahre Forstamt Furtwangen Streiflichter aus seiner Geschichte Im Rahmen einer Feierstunde würdigte die Stadt Furtwangen das lOOjährige Beste­ hen des Staatlichen Forstamts Furtwangen. Repräsentanten des Landes, der Forstverwal­ tung mit Landwirtschaftsminister Gerhard Weiser an der Spitze und zahlreiche aktive und ehemalige Forstbeamte waren hierzu eingeladen. Die Bedeutung des Furtwanger Forstamtes für die geordnete Bewirtschaf­ tung der waldreichen Landschaft und der Waldungen aller Besitzarten im Laufe der 100 Jahre, die Arbeit engagierter Forstleute, fand hier Anerkennung. Am 4. August 1894, so ist es im Staatsan­ zeiger für das Großherzogthum Baden nach­ zulesen, geruhte seine Königliche Hoheit der Großherzog Friedrich der I. mit aller­ höchster Staatsministerialentschließung zu genehmigen: ,,Es wird die landesherrliche Bezirksfor­ stei mit Sitz in Furtwangen begründet.“ Wesentliche Gründe waren die große Ausdehnung der seitherigen Bezirksfor­ steien Triberg, Waldkirch und Freiburg mit den dadurch bedingten Diensterschwerun­ gen, die außerordentliche Vermehrung des staatlichen Grundbesitzes in dieser Gegend, bedingt durch die Ankäufe von Waldparzel­ len und Hofgütern, vor allem nach 1860, und die Verbesserung der Verkehrsverhältnisse und damit des Holzabsatzes. Damals wenig geordnete Verhältnisse in den zahlreichen zersplitterten bäuerlichen Waldungen war ein weiterer Grund. Die neue Bezirksforstei wurde mit 8951 Hektar Waldfläche ausgestat­ tet. Davon waren 1448 Hektar Staatswald, 1359 Hektar Gemeindewald, wobei Vöhren­ bach mit 1223 Hektar den größten Anteil stellte, 87 Hektar Körperschaftswald, 986 Hektar Standesherrenwald und 5071 Hektar Privatwald. Der Forstbezirk Triberg gab die Waldun­ gen auf den Gemarkungen Gütenbach, Neu­ kirch, Schönwald, Furtwangen und Rohr- 57

Ansicht von Furtwangen 1896/97. Unten links das neu erbaute Forstamt noch mit Baugerüst. bach ab. Der Forstbezirk Freiburg steuerte die Waldungen in Waldau, Wildgutach und Hintertraß, der Forstbezirk Neustadt Lin­ ach, Schollach und Urach bei. Der Forst­ bezirk Villingen trat die Gemarkungen Vöh­ renbach, Langenbach und Schönenbach ab. Dem neuen Amt wurde ferner die Bewirt­ schaftung der Waldungen SimonswälderGe­ markungen, Teile des Martinskapellenwal­ des, des Farnbergs und der Gutacherhalde übertragen. nun Bezirksförster. Waren die früheren „För­ ster“ Wirtschafts- aber auch Waldschutz­ beamte, denen Unterförster, Jägerburschen und Gehilfen beigegeben waren, so legte man jetzt mehr Wert auf praktisch und theo­ retisch ausgebildete Förster, deren Stellung aufgewertet wurde: sie wurden in die Klasse der „eigentlichen Staatsdiener“ gesetzt. Bis 1834 bestanden im Gebiet des späteren Forst­ bezirks Furtwangen die Reviere Simonswald, Triberg, St. Peter, Elzach und die fürstlichen Reviere Vöhrenbach und Eisenbach. Ein Blick zurück Die historische Entwicklung der badi­ schen Forstorganisation war mit geprägt durch die von Großherzog Leopold 1832 ver­ fügte Reform, die Forstreviere auf3600 Hek­ tar Waldfläche zu erweitern. Aus den 150 Revieren oder Forsten, wie sie bei Entstehen des Großherzogtums Baden im Jahre 1806 bestanden, wurden nun 1834 durch die um­ fangreichen Neueinteilungen 71 Bezirksfor­ steien begründet; die Förster nannten sich Die Erwerbungsgeschichte des (späteren) Forstbezirks Furtwangen Die von 1850 bis 1870 beschleunigte Indu­ strialisierung in Baden, die auch die boden­ ständige Hausindustrie des Schwarzwaldes mit erfaßte, Wirtschaftskrisen und zuneh­ mend geringere Rentabilität, waren der Grund für die Aufgabe von Hofgütern durch ihre bäuerlichen Besitzer. Lang ist die Auf­ listung der Waldverkäufe an die Staats- 58

domäne, wie sie uns Chronik und Statistik des Forstamts aufzeigt. Waren es im Martins­ kapellenwald und Farnwaldgebiet 11 Güter, so waren es in Gütenbach und im Kilpen 13 Güter, deren Wald von 1867 bis 1890 den Besitzer wechselten. Im Wagnerstal gehörte unter anderen auch der im Februar 1844 von einer Lawine völlig zerstörte Königenhof da­ zu. Aufschlußreich ist das uns noch erhal­ tene Erwerbungsprotokoll für den 1867 er­ worbenen Vogttonishof in Schönwald. Es verrät uns den Waldzustand; in manchen Fällen mögen ähnliche Verhältnisse bestan­ den haben: ,,Der Wald ist unter Beweidung aufge­ wachsen, er wurde zudem in letzter Zeit schonungslos behandelt und teilweise zu­ sammengehauen. Während bisher die stärk- Rechts: Der Amtsvorstand seit 1972 Oberforstrat Dr. Hink Aufarbeitung von Sturmholz an exponiertem Steilhang im Staatswald {Nonnenbach) 59

sten Stämme ohne Rücksicht auf die Umge­ bung herausgehauen und mitteljährige ange­ hende nutzbare Stangenorte kahl abgetrie­ ben wurden, blieb in den übrigen Waldteilen das dürre und schadhafte sowie gebrochene Holz liegen, so daß der Wald zur Zeit kein erfreuliches Bild bietet.“ Die Erwerbungen setzten sich weiter fort, auch Gemeinde- und Körperschaftswaldun­ gen führen ihre Existenz auf solche Ankäufe von Hofgütern zurück. Eine weitere Vergrößerung des Staats­ besitzes war die durch die Säkularisation be­ dingte Verstaatlichung des Kollegialstiftwal­ des Waldkirch und ehemals vorderösterrei­ chischer Staatsdomänen, die mit dem Ab­ schluß des „Preßburger Friedens“ an das Großherzogtum Baden fielen, gegeben. Die Forstleute der ersten Stunde Der erste Vorstand der Bezirksforstei Furt­ wangen war der Forstpraktikant Friedrich Schöpflin aus Hüfingen. Er erhielt bei sei­ nem Amtsantritt ein Jahresgehalt von 2000 Mark; ein „Diätenaversum“ von 750 Mark ergänzte seine Jahresbezüge. 160 Mark durfte er im Jahr für den sachlichen Aufwand seiner Behörde ausgeben. Bereits 1896 wurde er, inzwischen zum Oberförster ernannt, nach St. Blasien versetzt. Sein Nachfolger war dann bis zum Jahr 1905 Oberförster Leopold Diemer. Schon 1894 bestanden 3 Hutbe­ zirke; die seitherigen Waldhüter waren nun etatsmäßige Forstwarte. Sie verdienten 700 Mark im Jahr. Aufschlußreich auch die damaligen Arbeitslöhne der Waldarbeiter: Der Tagesverdienst lag bei 2,50 Mark; der Hauerlohn für 1 Festmeter lag bei einer Mark. Die tägliche Arbeitszeit lag bei 10 Stunden; die heutige soziale Absicherung für die Winterzeit bestand nicht. … und ihre Aufgaben Die ersten Forstleute trafen den neuen Bezirk als meist entlegene, dünn besiedelte Gegend an. Die Wegverhältnisse waren schlecht, wenn nicht völlige Weglosigkeit herrschte; Holzverbrauchszentren weit ent- 60 fernt. Holzpreise von 12 Mark für Stamm­ holz spiegeln die Marktsituation wider. Die rauhen Höhenlagen überließ man der Fichte, auch mit der heute korrigierten Be­ gründung, die Sturmgefahren zu mildern. Das heutige Übergewicht der 75- bis 120jäh­ rigen Fichtenreinbestände gehen noch auf die Aufforstung der Reut- und Bergfelder mit Fichten zurück. Wo es der Standort zuließ, wurde der Tannenanbau auf Kosten der Buche begünstigt. Große Aufgaben warteten auf die Forstleute. Allein in den ersten 10 Jah­ ren wurden 1 Million Fichten neu gepflanzt. Die Forstamtsgröße im Wandel Bereits llJahre später, im Jahre 1905, wur­ de das Forstamt St. Märgen begründet. Furt­ wangen gab die Waldungen vom Thurner bis St.Peter an das neue Amt ab. Zu einem Groß­ teil waren es ehemalige Klosterwaldungen, die nach Aufhebung des Klosters 1806 an den badischen Staat gefallen waren. Weitere Erwerbungen führten dazu, daß 1925 11 948 Hektar Waldfläche ausgewiesen wurden. 1974 gehörte der Forstbezirk mit 12 627 Hek­ tar, davon 2 098 Hektar Staatswald, zu den 1$:Ößten im Land. Die letzte einschneidende Anderung brachte 1975 die Forstamtsneu­ organisation im Land Baden-Württemberg. Im Zuge der Gemeinde- und Kreisreformen gab Furtwangen den Martinskapellenwald und den Wald auf der Gemarkung Schön­ wald an das Forstamt Triberg ab. Katastrophen erschüttern den Wald Viele außerordentliche Naturereignisse verzeichnet die lOOjährige Geschichte. Expo­ nierte Lagen mit Sturmhäufigkeit und star­ kem Schneefall waren die Gründe für regel­ mäßige Schneebruchschäden bis in die jüng­ ste Zeit. So sind die Waldschäden des Jahres 1923 mit 47 000 Festmeter Schadanfall, Aus­ fälle in einzelnen Beständen bis zu 75 %, noch in überlieferter Erinnerung. Insbeson­ dere die Kammlagen weisen seit den 80er Jahren die neuartigen Waldschäden durch Luftverunreinigungen auf, denen man mit Kompensationskalkungen entgegenwirkt.

Das Forstamt Furtwangen heute Im Jubiläumsjahr präsentiert sich das Forstamt Furtwangen mit einer Forstbe­ triebsfläche von fast 11 000 Hektar. Der Kleinprivatwald spielt mit seinen 6 185 ha = 57 0/o der Gesamtwaldfläche eine bedeut­ same Rolle. 500 Eigentümer teilen sich die­ sen Waldbesitz, 113 bäuerliche Betriebe be­ sitzen zwischen 10 und 50 Hektar, 36 über 50 Hektar Wald. Seit 1972 trägt Oberforstrat Dr. Hink die Gesamtverantwortung. Natur­ naher Waldbau ist das Ziel künftiger Wald- wirtschaft. Es gilt, reine Fichtenbestände in stabilere, ökologisch wertvolle Mischbestän­ de zu überführen, die weniger anfällig gegen Sturmwurf, Schneebruch und Borkenkäfer sind. In der Erhaltung und Pflege des ihnen anvertrauten Waldes sahen die Forstleute der vergangenen 100 Jahre nicht nur Dienstauf­ gabe, sondern auch ureigenstes persönliches Anliegen. Dies wird auch in Zukunft so sein. Karl Krieg Schwenningen: Blick von der Stadtkirche zum Rathaus, Zeichnung 1949 Hans Georg Müller-Hanssen . / / 61

Schulen Die Karl-Wacker-Schule Donaueschingen Ein neues Zuhause in der Fürstenbergstraße Seit dem Jahr 1970 war die Karl-Wacker­ Schule, ehemals Schule für Bildungssehwa­ che, in der Augustastraße beheimatet. Das Gebäude, im Jahre 1925 als Uhrenfabrik er­ baut und genutzt, beherbergte in den weite­ ren Jahren das Tagblatt, die Handelslehran­ stalten und die Realschule. In den vielen Jah­ ren hatte sich zwischen Schule und Umfeld eine gute nachbarschaftliche Verbindung aufgebaut, die Schüler schmückten zusam­ men mit ihren Klassenlehrern regelmäßig die Blumeninseln in der Augustastraße. Der fehlende Aufzug, ein enger asphal­ tierter Pausenhof und unzureichende Sanitär­ einrichtungen machten immer deutlicher, daß das Gebäude zeitgemäßen Erfordernis­ sen nicht mehr genügte. Die Mitglieder des Kreistages besichtigten im Juni 1991 das Gebäude und waren sich einig, daß eine umfassende Sanierung not­ wendig sei. Eine eingehende Bestandsauf­ nahme erbrachte jedoch die Aussichtslosig- Das ehemalige M issionskonvikt früher, heute 62

Carl-Orff-Schule 25Jahre alt Die Carl-0,jf-Schule im Stadtbezirk Villin­ gen feierte am Samstag, dem 20. Mai 1995, ihr 25jähriges Bestehen. Mit einem ökumeni­ schen Dankgottesdienst sowie dem anschlie­ ßenden Festakt gedachten zahlreiche Gäste der Gründung dieser Schule. Kinder, Eltern und die Lehrerschaft freuten sich über die durchweg positive Entwicklung der vergange­ nen Jahre. Die inzwischen 92 Schülerinnen und Schüler rundeten das Fest mit Theater­ spiel einer Zirkusvorstellung und musikali­ schen Darbietungen ab. keit, mit vertretbarem finanziellen Aufwand eine Verbesserung zu realisieren. Nachdem auch das Oberschulamt und die Oberfinanz­ direktion ihre Zustimmung gaben, befürwor­ tete der Kreistag einen Neubau der Schule. Da tat sich im Juli 1991 mit dem Freiwer­ den des ehemaligen Missionskonvikts der Spiritaner in der Fürstenbergstraße eine völ­ lig neue Perspektive auf. Die zentrale Lage, die Nähe zu den Geschäften und öffentli­ chen Freizeiteinrichtungen, den anderen Donaueschinger Schulen und dem Fürstlich Fürstenbergischen Park boten hier einmalige Vorteile. Glücklicherweise erkannten alle be­ teiligten Entscheidungsträger diese beson­ dere Chance und stimmten dem Ankauf des Konviktgebäudes zu. Mit dem Umbau wur­ de das, bereits in Zusammenhang mit dem Bau der Körperbehindertenschule im Stadt­ bezirk Villingen, bewährte Architekturbüro FAl in Stuttgart beauftragt. Für dieses Team war es eine besondere Herausforderung, aus einer ungewöhnlichen Bausubstanz eine be- 63

hindertengerechte, moderne Schule zu schaffen. Während im Innenbereich Räume mit völlig anderen Grundrissen erforderlich waren, sollten die ursprünglichen äußeren Gestaltungsmerkmale des Gebäudes erhal­ ten bleiben. Am 1.10.1993 konnte mit den Umbauar­ beiten begonnen werden. Ein Treppenturm an zentraler Stelle entstand, der gleichzeitig einen behindertengerechten Aufzug um­ schloß. Die transparente Gestaltung dieses Baukörpers öffnet die Flure und Innenräume in die weiträumige Landschaft. Die Bereiche der Ganztagsschule mit der­ zeit 50 behinderten Schülern, sind klar gegliedert. Im Erdgeschoß sind zentral an der Ein­ gangshalle die Verwaltung und das Lehrer­ zimmer angeordnet. Daran anschließend wurden die Werkräume und sanitären Pflege­ bereiche angegliedert. Die Fahrzeuge des DRK, die die Schüler aus dem ganzen süd­ lichen Kreisgebiet zur Schule bringen, kön­ nen in den Hof bzw. unter eine überdachte Zufahrt gelangen. Zwei schirmartige Glas­ dachkonstruktionen in Verbindung mit ei- nem überdachten Zugang und einer, mit Glas überdeckten Pausenfläche, gewährlei­ sten einen sicheren und hellen Zugang. Die allgemeinen Unterrichtsbereiche mit 8 Klassen- und Gruppenräumen sind im 1. und 2.0bergeschoß untergebracht. Im unte­ ren Geschoß sind der zentral gelegene Spei­ sesaal, in dem die Schüler das tägliche Mit­ tagessen einnehmen, sowie die Aufberei­ tungsküche und Lehrküche hell und über­ sichtlich angeordnet. Neben einem Rhyth­ mikraum und einem Universalraum befin­ det sich in diesem Geschoß die Versorgungs­ zentrale und ein Maschinenraum. Aus dem bis vor wenigen Jahren noch dunklen und introvertierten Gebäude ist eine helle, transparente, den Außenberei­ chen und der Natur zugewandte Schule ge­ worden. Gerade an diesem exponierten Punkt an der Stadtgrenze von Donaueschingen, neben dem Schloßparkplatz, bietet dieses Gebäude nun den Ankommenden ein freundliches Willkommen. Am 7. 4.1995 wurde das Gebäude offiziell seiner Bestimmung als neue Karl-Wacker­ Schule übergeben. 64 Drei� die sich .freuen: (von links nach rechts) Schulleiter Gerhard Weeber, Architekt Hans­ Günter Baisch, Landrat Dr. Rainer Gutknecht.

Der Präsident des Oberschulamtes Frei­ burg, Bruno Prändl, sprach dem Landkreis Dank und Anerkennung dafür aus, daß er mit diesem Bau einmal mehr sein Engage­ ment im Schulbereich und insbesondere sein Eintreten zum Wohle behinderter Kin­ der unter Beweis gestellt habe. Landrat Dr. Rainer Gutknecht brachte seine Freude dar­ über zum Ausdruck, daß nach den vielen Jahren enger und unzureichender Bedingun­ gen in der Augustastraße, Schüler und Leh­ rer nun in ein funktionsgerechtes freund­ liches Gebäude einziehen können. Einen be­ sonderen Dank richtete er an die Soldaten der französischen Garnison, die Ende De­ zember zusammen mit Lehrern und Eltern der Schüler den Umzug von der Augusta­ straße in die Fürstenbergstraße übernom­ men hatten. Der Architekt Hans-Günter Baisch übergab den Schlüssel des neuen Hauses an Herrn Landrat Dr. Gutknecht, der ihn an den Hausherrn, Schulleiter Gerhard Weeber, weitergab. Der Rektor dankte allen Verantwortlichen für die Realisierung des Projekts und wies darauf hin, wie glückJjch sich seine Schüler äußerten, als sie Anfang des Jahres in ihre „schöne neue Schule“, wie sie sagten, umziehen konnten. Eine beson­ dere Konstellation für die Karl-Wacker­ Schule sei, daß sie als Kreisschule gleichzei­ tig eine allseits akzeptierte Donaueschinger Schule in fürstlicher Nachbarschaft sei. Schüler des Fürstenberg-Gymnasiums und der Donaueschinger Realschule, die zusam­ men mit den Schülern der Karl-Wacker­ Schule musizierten und ein Schattenspiel aufführten und damit die gute Kooperation zum Ausdruck brachten, trugen zur fröh­ lichen Stimmung der gelungenen Eröffnung bei. Alle Anwesenden erhielten kunstvolle, in der Werkstufe gefertigte, Blumen aus Lin­ denholz, die als Symbole der Lebensfreude den Charakter dieser Schule deutlich ma­ chen sollen: In der Schule für das Leben ler­ nen. Die Schule unterrichtet Schüler mit Be­ hinderungen im Alter zwischen 6 und 24 Jahren. Nach dem Besuch der 3- bis 4jähri­ gen Unter-, Mittel- und Oberstufe erfolgt die berufsvorbereitende Erziehung in der Werk­ stufe. Neben einer Frühberatungsstelle, die entwicklungsverzögerte und von Behinde­ rungen bedrohte Kinder bereits in den ersten Lebensjahren fördert, vermittelt ein „Fach­ dienst Eingliederung“ Arbeitsplätze auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt und betreut den Personenkreis der Schulabgänger auch in den Bereichen Wohnen und Freizeit. Das große Interesse der Bevölkerung an der Arbeit der Karl-Wacker-Schule bewiesen die über 1000 Besucher, die am Tag nach der Einweihung zum „Tag der offenen Tür“ in die neue Schule kamen. Gerhard Weeber Die Robert-Gerwig-Schule in Furtwangen vereinigt Gewerbliche und Kaufmännische Schulen Der Neubau wurde bezogen Jeder Bericht über die Schulgeschichte und den Neubau der Robert-Gerwig-Schule Furtwangen muß mit dem Dank an den Mann beginnen, der sich über 20 Jahre sehr intensiv um die Verwirklichung dieses gro­ ßen Projektes verdient gemacht hat. Der Dank gilt dem Ministerpräsidenten des Lan­ des Baden-Württemberg, Erwin Teufel. Bis es zur Einweihung und zum Umzug im Juli 1995 kam, waren lange Jahre des Ver­ handelns, aber auch der Enttäuschung ins Land gegangen. Kompliziert wurden die Schulprobleme der Beruflichen Schule in Furtwangen vor allem dadurch, daß sowohl der Schwarzwald-Baar-Kreis als auch das Land Baden-Württemberg Träger der Schule sind, die inzwischen 11 leistungsfähige Schul­ arten unter einer Schulleitung vereinigt. 66

Ursprünglich gab es drei selbständige Be­ rufliche Schulen in Furtwangen, eine Kauf­ männische und zwei Gewerbliche. Der Landkreis und das Land unterhielten je eine eigene Gewerbliche Schule. Es war geradezu revolutionär, diese drei Schulen mit Erlaß des Kultusministeriums vom 23. 2. 1978 or­ ganisatorisch zusammenzulegen und einen gemeinsamen Schulleiter zu bestellen. Um­ gesetzt wurde der Erlaß am 1. 8. 1980. Aus der Geschichte der Schule 1850 Die Großherzogliche Badische Uhr­ macherschule wurde gegründet. 1903 durfte die Schule Gesellen- und Fach­ arbeiter-Zeugnisse ausstellen und hat so bis heute die Prüfungshoheit einer Kammer. 1914 ging das Gebäude in der Baumann­ straße 38 von der Stadt Furtwangen in die Trägerschaft des Großherzogtums Baden über. 1922 wurde die Schule zur „Staatlichen Fachschule“ erhoben. 1927 Anerkennung des Entlaßzeugnisses als „Mittlere Reife“. 1939 erhielt die Schule den Titel „Höhere Fachschule“ und wenig später hieß sie „Staatliche Höhere Fachschule“ und hatte so den Status einer Techniker­ schule. 1941 kam eine Meisterschule dazu. 1947 erteilte das Badische Ministerium – jetzt in Freiburg – die Erlaubnis, an der Schule Ingenieure auszubilden. 1963 Trennung der Berufsfachschule von der „Staatlichen Ingenieurschule“. 1963 Angliederung einer Berufsaufbau­ schule. 1969 erteilt die Kaufmännische Berufsfach­ schule (Wirtschaftsschule) wieder die Mittlere Reife. 1971 Genehmigung des Technischen Gym­ nasmms. 1974 erweitert das Wirtschaftsgymnasium das Furtwanger Bildungswesen. 1978 Genehmigung eines Kaufinännischen Berufskollegs l. 1980 Einrichtung eines Berufskollegs zum Erwerb der Fachhochschulreife. 1987 Kommunikationselektroniker in Voll­ zeitform werden in Furtwangen aus­ gebildet. 1989 Das Berufskolleg zum Erwerb der Fachhochschulreife erhält ein kauf­ männisches Schwerpunktfach. 1990 Die dreijährigen Berufsfachschulen erteilen durch Zusatzunterricht die Mittlere Reife und die Fachhoch­ schulreife und erlangen den Rang von dreijährigen Höheren Berufs­ fachschulen bzw. dreijährigen Berufs­ kollegs. Durch die Errichtung dieser verschiede­ nen Schulzweige und auch durch den Zu­ sammenschluß der beruflichen Schulen in Furtwangen waren die Voraussetzungen gegeben, an einen Schulneubau zu denken, wie er bereits 1975 geplant war. Ein solcher Neubau war nicht immer un­ bestritten! Zwar stammten beide Gebäude in der Baumannstraße aus dem letzten Jahr­ hundert und es erfolgten ständig An- und Umbauten, aber Flickwerk blieb doch alles. Zusätzlich erhielt Furtwangen auch das Ski-Internat (vgl. Almanach 86, Seiten 248- 250; Almanach 91, Seiten 296-298)- gerade wegen des vielfältigen Bildungsangebots -, aber es hatte keine vernünftigen Werkstät­ ten, die mußten in außenliegenden Keller­ räumen untergebracht werden. Die Jahre 1979-1991 waren dadurch ge­ kennzeichnet, daß um den Neubau der Schule zum Teil heftig gekämpft wurde. Es gab ein Auf und Ab, bis sich das Land im Jahre 1988 zu einem Neubau bekannte. Der Landkreis als Mitschulträger zog mit. In der Rückschau kann man die bisweilen kritisch durchlaufene Entwicklung in einem „milden Licht“ betrachten. Man muß jedoch fest­ halten, daß schwierige Zeiten zu bestehen waren, die auch persönliche Beziehungen auf eine harte Probe gestellt haben. Im Jahre 1989 wurde ein Architektenwett­ bewerb für den Neubau der Robert-Gerwig­ Schule am Großhausberg durchgeführt. An- 67

Einweihung des Neubaus am 25.juli 1995 mit Ministerpräsident Erwin Teufel fang des Jahres 1990 stand das preisgekrönte Modell der Architektengruppe Rutschmann & Partner, Stuttgart, fest. Noch fehlt bei dem Neubau eine Sport­ und Turnhalle, die hoffentlich in einem wei­ teren Bauabschnitt bald folgen wird. Der 1. Spatenstich für das Berufsschulzen­ trum fand am 27. 3.1990 statt. Das Richtfest wurde am 1. 7. 1993 gefeiert. Im Jahre 1995 beziehen wir eine vorbild­ liche Schule, auf die auch der Schwarzwald­ Baar-Kreis stolz sein kann, und in der rund 500 Schüler sowie 64 Lehrkräfte unterge­ bracht werden. Der Einsatz hat sich gelohnt! Viele Stunden mußten für Verhandlungen und Gespräche aufgebracht werden. Unseren Gymnasiasten, Kollegiaten, Be­ rufsfachschülern und Berufsschülern stehen heute in dem neuen Gebäude die nötigen Räumlichkeiten zur Verfügung: Eine Biblio­ thek, hervorragend ausgestattete Werkstät­ ten, Aufenthaltsplätze, Aufenthaltsraum, Kiosk, eine große Halle, eine einmalig an­ sprechende Architektur und eine wunder­ bare Lage über der Stadt. Dieses Gebäude kann auch als Krone Furtwangens angesehen werden. Für alles, was wir empfangen durf­ ten, sagen wir nach badischem Brauch und aus innerer Überzeugung: ,,Vergelt’s Gott!“ Klaus Panther 69

Fachhochschule Furtwangen – Hochschule für Technik Die Fachhochschule Furtwangen mil ihrer Außenstelle in Villingen-Schwenningen hat sich in den ver­ gangenen Jahren im Landkreis und darüber hinaus einen guten Namen gemacht. Sie ist aus den Bil­ dungseinrichtungen im Landkreis nicht mehr wegzudenken. Die Beiträge in dieser Ausgabe setzen die im Almanach 88 (Seiten 39-42), im Almanach 89 (Seiten 34-38) und im Almanach 93 (Seiten 69-7 4) erschienenen Berichte fort. Im Schwarzwald ticken die Uhren schneller Erste Absolventen des Fachbereichs Medieninformatik am Markt Vier Jahre nachdem die traditionsreiche Fachhochschule Furtwangen den Studien­ gang Medieninformatik gegründet hat, er­ hielten die ersten Absolventen ihre Diplo­ me. Schon in der Vergangenheit hatte die Fachhochschule ein Gespür für neue techni­ sche Entwicklungen gezeigt. So wird der von der Furtwanger Fachhochschule konzipierte Studiengang Wirtschaftsinformatik heute an fast jeder technischen Hochschule angebo­ ten. Werden auch die Medieninformatiker der dynamischen Entwicklung auf dem Ar­ beitsmarkt gerecht? Werden hier die Fach­ leute von morgen ausgebildet? Wer braucht Medieninformatiker? Schlagworte wie Mul­ timedia oder Digital Media sind heutzutage in aller Munde. Die Medien befinden sich im Umbruch von analoger zu digitaler Tech­ nologie. Fünfzehn Jahre nach Einführung der CD werden analoge Schallplatten zu Raritäten, das Telefon wird auf das digitale ISDN-Netz umgeschaltet, seit zwei Jahren gibt es die ersten digitalen Videokameras und das hochauflösende Fernsehen der Zu­ kunft wird ebenfalls digital übertragen wer­ den. Mit der rasanten Leistungssteigerung der Computer wird die digitale Integration der Medien im Rechner möglich. Die Ver­ schmelzung von Computer und Medien öff­ nen den Menschen die vielfältigsten Anwen­ dungsgebiete: Ausgefeilte Point-of-Sale-In­ formationssysteme werden im wirtschaftli- 70 chen Konkurrenzkampf unentbehrlich, digi­ tale Videobearbeitung öffnet der Kreativität neue Horizonte. In der Aus- und Fortbil­ dung werden sich bei der heutigen Halbwerts­ zeit des Wissens althergebrachte Methoden alleine als zunehmend ineffektiv erweisen. Ansprechende, technische und gestalterisch perfekte Präsentationen werden zur Darstel­ lung eines Unternehmens immer wichtiger. Die Vielfalt der Technik und ihrer Anwen­ dungsmöglichkeiten wird dabei zunehmend unüberschaubar. Hier ist der Medieninfor­ matiker der Fachmann: Er kennt die wirt­ schaftlichen und praktikablen Verfahren. Er integriert die Medien in einem System, weiß mit welcher Anwendung die größtmögliche Wirkung erzielt wird. Das Medieninformatik-Studium bildet Generalisten aus, Menschen mit der Fähig­ keit zu vernetztem Denken, die Kommuni­ kationsprobleme ganzheitlich lösen anstatt sich in ihrem Spezialgebiet abzugrenzen. Das Studium bildet das Fundament, schafft das Grundwissen, die Kenntnis aller wichtigen Verfahren und Methoden, auf die eine Spezialisierung im Berufsleben auf­ bauen kann. Neben einer soliden theoreti­ schen Ausbildung in Fächern wie Mathema­ tik, Informatik, Betriebswirtschaftslehre und Medientheorie erfolgt eine Vertiefung durch Workshops und Wahlfächer. Das Angebot der Wahlfächer reicht von Projekt-Manage-

ment bis zu Mediengestaltung. Bei den Workshops haben die Studenten die Aus­ wahl zwischen Videotechnik, Audiotechnik, Computeranimation, Telekommunikations­ medien und interaktiven, multimedialen Anwendungen. Dabei wird sozial kompeten­ tes und teamfähiges Verhalten in der Gruppe gefördert- Einzelkämpfer sind nicht gefragt. Das System der Fachhochschule trägt zur praxisnahen Ausbildung bei. Die Dauer des Studiums beträgt acht Semester, wobei zwei Semester in der freien Wirtschaft als Praxis­ semester absolviert werden. Wenn die Stu­ denten ihre Diplome erhalten, gehen sie bereits mit zwölf Monaten Berufserfahrung in die Praxis. Typisch für Fachhochschul­ Studenten: Die meisten besitzen schon vor dem Studium Berufserfahrung. Positiv auf das Lernklima wirken sich auch die klein be­ messenen Semester aus, die im Schnitt aus fünfunddreißig Studenten bestehen. In den Vorlesungen wie in den parallel laufenden praktischen Arbeiten wird die aktive Beteili­ gung gefördert. Dem Fachbereich Medieninformatik ste­ hen an der Fachhochschule Furtwangen mo­ dernste Einrichtungen zur Verfügung, in de­ nen die Studenten ihr theoretisches Wissen ständig in der Praxis umzusetzen lernen: ein Video-Studio, ein Tonstudio, Grafik-Work- stations für Computer-Animation, ein Tele­ kommunikations- und ISDN-Labor, natür­ lich PCs und Unix-Workstations. Die zehn Professoren des Fachbereichs sind mit den hohen Anforderungen der Branche bestens vertraut, denn sie haben mehrere Jahre in der freien Wirtschaft gearbeitet. Ergänzt werden sie durch Spezialisten aus Unternehmen, die als Dozenten aktuellste Erkenntnisse in die Lehre einfließen lassen. Zusätzlich sorgen Assistenten, meist Diplom-Ingenieure/In­ formatiker, für den technischen Support. Die Resonanz des Marktes ist positiv. Den Praktikanten wird fachliche Kompetenz, Kreativität, Flexibilität und Teamfähigkeit bescheinigt. Medieninformatiker sind die Idealbesetzung für vielfältige neue Arbeits­ bereiche, die bislang von konventionell aus­ gebildeten Fachkräften nur unzureichend abgedeckt werden können. Das zeigt, daß die Entscheidung für diesen zukunftsträchtigen Studiengang zum richtigen Zeitpunkt getrof­ fen wurde. Medieninformatiker helfen mit ihrem Know-how unter Einsatz modernster Kommunikationsinstrumente die Entwick­ lung eines Unternehmens in der Informati­ onsgesellschaft zu sichern. Medieninforma­ tiker sind eine Investition in die Zukunft. Professor Fritz L. Steimer Kontakte zur De Montfort University in Leicester/ Großbritannien Unter den Auslandskontakten der Fach­ hochschule Furtwangen haben die Bezie­ hungen zur De Montfort University in Lei­ cester/Großbritannien, ca. 150 km nördlich von London, sicherlich die größte Bedeu­ tung. Es begann vor etwa 15 Jahren mit per­ sönlichen Kontakten von Professoren der Fachhochschule Furtwangen zu Kollegen am damaligen Leicester Polytechnic. Besu­ che von Professoren und Studenten mit Be­ sichtigungsprogrammen an den Hochschu­ len und in Firmen schlossen sich an. Seit mehreren Jahren haben Studierende ver­ schiedener Fachbereiche die Möglichkeit, ihr 7. Semester als Austauschsemester an der jetzigen De Montfort University in Leicester zu verbringen. Ihre dortigen Noten werden hier angerechnet und erscheinen auch im Diplomzeugnis. Das Studium wird so nicht verlängert. Die in England anfallenden Stu­ diengebühren werden (bis auf weiteres) von der Europäischen Union übernommen. Der Fachbereich Product Engineering ist dabei sogar in ein Projekt mit mehreren anderen 71

De Monifort University Leicester (Queens Building) europäischen Hochschulen eingebunden, das aus dem ERASMUS-Programm der EU finanziert wird. Jährlich nehmen ca. 50 Studentinnen und Studenten dieses Angebot wahr, um ihre Sprachkenntnisse weiter auszubauen und durch die gewonnene Auslandserfahrung auch ihren „Marktwert“ als Ingenieur(in) oder Informatiker(in) zu steigern. Darüber hinaus belegen noch jährlich ca. 3-7 Stu­ dent(inn)en einen ljährigen Masterkurs in Leicester, entweder in der Informatik (Hu­ man Computer Systems) oder in Elektronik/ Feinwerktechnik (Mechatronics). Sie erwer­ ben so nach ihrem Fachhochschuldiplom einen zweiten internationalen Abschluß, der auch den in Deutschland für Fachhoch­ schulabsolventen immer noch mühseligen Zugang zur Promotion ermöglicht. Dieser Kurs muß allerdings bezahlt werden. Leider ist der Studentenstrom ziemlich einseitig: Mit Ausnahme der Vermittlung 72 von Praxisplätzen und Betreuung von Pro­ jekten in Furtwangen konnten -vor allem wohl wegen der Sprachprobleme -noch keine englischen Studenten „über den Kanal gelockt werden.“ AJlerdings befanden sich im Sommer 1995 zum zweiten Mal nach 1994 15 polni­ sche Studentinnen und Studenten für 4 Monate an der Fachhochschule Furtwangen im Rahmen eines Aufbau-Masterkurses in Informatik der De Montfort University. In diesem, durch das TEMPUS-Programm der EU zur Förderung der früheren osteuropäi­ schen Länder finanzierten Projekt, können jeweils 30 Absolventen von polnischen Hochschulen ein Zusatzdiplom in Informa­ tik erwerben. Nach zwei Studiensemestern in Gdansk/Danzig und Leicester schließt sich ein Projekt entweder in Eindhoven/Nie­ derlande oder an der Fachhochschule Furt­ wangen an. Prof. Dr. Hans-Volker Niemeier

Forschung und Entwicklung an Fachhochschulen Ohne Forschung ist eine wissenschaftli­ che, praxisbezogene Lehre, wie sie die Fach­ hochschulen pflegen, nicht denkbar. Umge­ kehrt gehört zur Forschung die Lehre. Fach­ hochschulen pflegen traditionell eine inten­ sive Zusammenarbeit vor allem mit der ein­ heimischen Industrie. Ein wichtiger Schritt war 1983 die Einrichtung der Steinbeis-Trans­ ferzentren an den Fachhochschulen in Ba­ den-Württemberg, derer es inzwischen etwa 200 gibt. Dort betreiben Professoren im Nebenamt Forschung und Entwicklung, d. h. zusätzlich zu den Aufgaben als Profes­ sor. Wenig später wurden die Institute für In- Echtzeit-Auswertung von Sonagrammen !���,w-····················· � 8r �································· ··•········•·•·· ….. · 8_ ��,-4-o�o-o�-,-4-2�·�0-o���-,-4-J�o�o���-,-4-5�·�0-o���-,4—s�o�o���-,-s-o’600 Abtastungen (Zeit) Das Bild zeigt die Auswertung von medizinischen Sonagrammen. Sonagramme entstehen bei der Untersuchung von Verengungen (Stenosen) von Arterien mittels Ultraschall. Während das obere Bild anscheinend nichtssagend ist, kann man nach einer aufwendigen Transformation und dreidimensiona­ ler Darstellung bereits eine wesentlich genauere Diagnose stellen. Im nächsten Schritt wird die Verengung in % errechnet, es ergäbe sich hier ein Wert von 80%. Es wurden Spezialrechner entwickelt, die es wirt­ schaftlich gestatten, solche Berechnungen in Echtzeit – entsprechend der Dauer eines Pulsschlages – zu bestimmen. 73

novation und Transfer IIT, jetzt Institute für angewandte Forschung IAF genannt, vom Ministerium für Wissenschaft und For­ schung Baden-Württemberg eingerichtet. Professoren betreiben dort Forschung im Hauptamt, d. h. als Dienstaufgabe. Die Fi­ nanzierung erfolgt teils durch das Ministe­ rium, teils durch den Auftraggeber. Forschung und Entwicklung werden mit starkem Anwendungsbezug betrieben. Da­ mit erfüllen die Fachhochschulen eine wich­ tige Aufgabe für die kleinen und mittleren Unternehmen unserer Region, weil die Er­ gebnisse direkt in Produkte oder Verfahren einfließen. Dafür sorgt schon die Finanzie­ rung, die teilweise oder vollständig vom Auf­ traggeber getragen wird. Zusätzlich werden Mitarbeiter, die im allgemeinen aufZeit ein­ gestellt werden, nach Projektabschluß als Multiplikatoren in die Wirtschaft entlassen. Nicht zuletzt profitiert die Lehre von diesen Aktivitäten, und aktuelle, praxisbezogene Vorlesungen sind gerade im technischen Be­ reich unverzichtbar. Als Defizit ist das ungenügende Fördervo­ lumen des Ministeriums bzw. der öffentli­ chen Hand anzusehen. Aus diesem Grunde konnte nur ein kleiner Teil der Anträge be­ willigt werden. Andererseits zeigt diese Tatsa­ che, daß an den Fachhochschulen noch ein großes nichtgenutztes Potential vorhanden ist. Unbefriedigend ist auch die Situation für wissenschaftliche Mitarbeiter in Forschungs­ projekten, denen eine Promotion an deut­ schen Universitäten im allgemeinen ver­ schlossen ist. Dafür haben unsere ausländi­ schen Partnerunive’rsitäten wie Prag, Buda­ pest, London weniger Berührungsängste, und die ersten Promotionen konnten dort erfolgreich abgewickelt werden. Die Fach­ hochschulen setzen weiterhin auf Forschung, und die Erfolge geben ihnen recht. Die bei­ den letzten Fachhochschul-Forschungstage haben das hohe Niveau der Forschung und Entwicklung in Baden-Württemberg deut­ lich gezeigt. Prof. Dr.-lng. Walter Kuntz 74 Morgen Tag für Tag Perlenschnur Morgen Morgen ist Anfang ist Freiheit ist Weite die Lampe anzünden Licht hinter Nebeln Hoffnung Brücke Morgen ist Zeit Zeit für Neues Anderes Verstehen das Gestern abstreifen das Getane ruht Tun will leben Morgen ist Kampf ist Lachen und Singen Morgen ist Weinen aber auch getröstet werden jemanden trösten verzichten annehmen Morgen ist Ringen um Vollendung ist Erkenntnis Wachsen Sein und Werden Tod und Vergehen Erwachen neu Morgen Perlenschnur Tag für Tag Doris Benz

Industrie, Handwerk und Gewerbe Existenzgründer: Keimzelle für neue Arbeitsplätze Das Thema „Existenzgründungen“ hat gerade in schwierigen wirtschaftlichen Zei­ ten mit hoher Arbeitslosigkeit einen wichti­ gen Stellenwert. Denn diejenigen, die den Schritt in die Selbständigkeit wagen, sind die Keimzelle für neue und zukunftsorientierte Arbeitsplätze. Die Botschaft muß lauten: ,,Den Mut stärken und jede Form der Unter­ stützung bieten, um qualifizierte Existenzen zu gründen!“ So hat auch die Landesregie­ rung besondere Aktivitäten auf diesem Ge­ biet entwickelt, u. a. finanziert durch Erlöse aus dem Verkauf der Gebäudebrandversiche­ rung. Die Kammer unterstützt dieses Ange­ bot und bietet speziell Existenzgründern einen besonderen Beratungsservice. Damit möchte die IHK ganz bewußt zur Existenz­ gründung ermutigen. Existenzgründer sind Hoffnungsträger – das kann man mit Fug und Recht behaupten. Sie wählen den Weg in die Selbständigkeit. Dies kann geschehen in der klassischen Form der Gründung einer eigenen Existenz – mög­ lichst mit der Umsetzung eigener, völlig neuer Produktideen. Oder aber durch Mana­ gement-Buy-Out, Ausgründungen, Betriebs­ übernahmen, durch aktive Beteiligungen oder sonstige Formen der Verselbständi­ gung. Existenzgründungen sind mittel- und langfristig wichtig für gesundes wirtschaftli­ ches Wachstum. Und sie verbreitern die mit­ telständische Basis der regionalen Wirt­ schaft. Einige Daten, Zahlen und Fakten sollen dies untermauern: 1994 gab es im Verantwor­ tungsbereich der IHK Schwarzwald-Baar­ Heuberg bei Unternehmen, die in das Han­ delsregister eingetragen werden, 405 N euein­ tragungen, davon 340 als Neugründungen. Zum Vergleich: 1993 registrierte die Kammer 378 Neueintragungen, davon 291 Neugrün- dungen. Die Zahl der neugegründeten Be­ triebe ist also im Ansteigen begriffen. Bricht man die Daten von 1994 auf die Branchen herunter, so ergibt sich für die Industrie ein Zuwachs von 61 neugegründe­ ten Firmen, im Bereich Handel von 75 Betrieben und auf den Dienstleistungssektor ein Anstieg von 224 Firmen. Zahlenmäßig am stärksten zugelegt hat der Landkreis Schwarzwald-Baar mit i64 neu hinzugekom­ menen Unternehmen, gefolgt vom Land­ kreis Tuttlingen mit 91 Firmen und dem Landkreis Rottweil mit 85 Betrieben. Die Entwicklung bei den nichthandels­ registerpflichtigen Betrieben – den soge­ nannten Kleingewerbetreibenden – ist ähn­ lich. Hier wurden 1994 per Saldo 554 Be­ triebe mehr registriert. 1993 lag der Zuwachs bei 508 Unternehmen. Interessant ist die Vielfalt der Existenz­ gründungen auf dem Dienstleistungssektor. Beispielhaft erwähnt sei hier das Gebiet der EDV: Software, Projektierung, Applikation, Vernetzung, Schulung und Multimedia sowie auf anderem Gebiet die Unterneh­ mensberatung/Technische Beratung und Marketing/Werbung. Wieviel Arbeitsplätze tatsächlich neu geschaffen wurden, läßt sich nur schwer sagen. Aber jede Neugründung eines Unternehmens schafft erfahrungs­ gemäß mittelfristig durchschnittlich drei bis fünf Arbeitsplätze. Zeiten der Arbeitslosigkeit sind Zeiten verstärkter Existenzgründung. Und das gilt erst recht bei der Arbeitslosigkeit qualifizier­ ter Mitarbeiter, und dies sind in unserer Region auch zahlreiche Ingenieure. Erfreu­ licherweise ist zu beobachten, daß sich immer mehr engagierte Mitarbeiter aus dem Beschäftigungsverhältnis heraus selbständig machen. Ihr hauptsächliches Motiv ist der 75

bewußte Schritt in die eigene Existenz zur persönlichen Verwirklichung mit möglichst besserem Einkommen. Nimmt man als Basis die in der Region mit öffentlichen Mitteln geförderten Exi­ stenzgründer, so läßt sich der positive Trend zahlenmäßig nachweisen. Nachdem das Gesamtinvestitionsvolumen der öffentlich Geförderten 1993 noch etwas mehr als 42,1 Mio. DM betrug, stieg es 1994 auf rund 65,6 Mio. DM – immerhin in zwei Jahren knapp 108 Mio. DM. Die dazu gewährte öffentliche Förderung wuchs ebenfalls an. Sie macht nach ihrem Volumen aber auch deutlich, wie wichtig diese Hilfe für Exi­ stenzgründer ist. Im Jahr 1993 erhielten 111 Existenzgründer Fördermittel in Höhe von ca. 17,5 Mio. DM. 1994 stieg die Zahl der geförderten Existenzgründer auf 160 mit einer Förderhöhe von ca. 27,5 Mio. DM. Unter den Geförderten waren 1993 27 und 1994 84 Arbeitslose. Alle Verantwortlichen in Wirtschaft, Poli­ tik und Gesellschaft müssen noch nachhalti­ ger dafür Sorge tragen, daß schlechthin noch mehr Existenzen gegründet werden und ge­ rade auch aus der hohen Zahl qualifizierter Arbeitsloser heraus. Nur so können der wach­ senden Quote der Erwerbslosigkeit Einhalt geboten und zugleich neue Strukturen in der Region geschaffen werden mit einem vielsei­ tigeren Branchenmix. Zum Aufbau neuer Existenzen ist ein passendes Umfeld hilf­ reich. Potentielle Existenzgründer benötigen ein geeignetes und vor allem finanzierbares Umfeld durch die Schaffung eines flächen­ deckenden und miteinander verbundenen Angebotes an Technologie- und Gründer­ zentren. Ein solches Netz ist notwendig, denn vielfach mangelt es nicht an Ideen, son­ dern an dem Einstieg für ihre Umsetzung. Mit dem Thema Technologie- und Grün­ derzentren hat sich intensiv der Arbeitskreis Wirtschaftsförderung Schwarzwald-Baar- Technologie-Park in Villingen-Schwenningen gegründet Die Technologie-Park Villingen-Schwenningen GmbH wurde im Dezember 1994 gegründet. Gesellschafter dieses Unternehmens sind: • die Wirtschaftiforderungsgesellschaft Villin- gen-Schwenningen GmbH (Wifog) • die Sparkasse Villingen-Schwenningen • der Schwarzwald-Baar-Kreis • die Deutsche Thomson-Brandt GmbH Die Gesellschaft wurde gegründet, um neue Arbeitsplätze im innovativen und technologie­ orientierten Bereich zu schaffen. Der Technolo­ giepark soll Existenzgründer und junge Unter­ nehmen anwerben und beraten, zentrale Ge­ meinschaftsl.eistungen und Service-Angebote verwalten, um neuen Unternehmen Starter­ leichterungen zu bieten. Der angesprochene Personenkreis setzt sich damit zusammen aus Existenzgründern in der Region, aus bereits bestehenden Jungunterneh­ men, die Produktionsfläche, Büro und Dienst- 76 leistung suchen, und ausländischen Unterneh­ men, die sich hier niederlassen und ihr bisheriges Betätigungsfeld ausweiten wollen. Insgesamt steht in den Räumen der Deutschen Thomson-Brandt GmbH eine Nutzfläche von 20 000 Quadratmetern zur Verfagung. Diese gliedert sich in: • Büro-/Laborjläche • Produktionifläche • Lagerfläche 4400qm 9300qm 6300 qm Anschrift: Technologiepark Villingen-Schwenningen GmbH Am Krebsgraben 15 7 8048 Villingen-Schwenningen Telefon O 77 21185-31 70 Telefax O 77 21/85-3455 Michael Leiße

Heuberg befaßt. Dieser Kreis – bestehend aus den Landräten, den Oberbürgermeistern und Bürgermeistern dieses Wirtschaftsrau­ mes, dem Regionalverband und der Hand­ werkskammer sowie der IHK – strebt die Schaffung eines solchen Netzes an. Ein er­ ster wichtiger Schritt ist der Technologiepark Villingen-Schwenningen. Weitere Gründer­ zentren, vor allem in den Kreisstädten und Mittelzentren, sollen hinzukommen. Es wäre ein wichtiger Schritt für die Entwick­ lung des Wirtschaftsraumes, daß sich diese Vorhaben verwirklichen und dieses gute Angebot in aller Breite genutzt wird. Die Unterstützung von Existenzgrün­ dern, aber auch die Existenzsicherung, ist ein besonderes Anliegen der Industrie- und Handelskammer. Sie kann in dieser Rich­ tung ein hervorragendes Angebot präsentie­ ren. 1995 veranstaltete die IHK sechs Exi­ stenzgründungsseminare mit 269 Teilneh­ mern. Die Zahl der Beratungen Gründungs­ williger lag bei 1 200. Zusätzlich hat die Kam­ mer 1994 jeweils am zweiten Donnerstag eines jeden Monats bis 19.00 Uhr einen Dienstleistungsabend für Existenzgründer eingeführt mit hoher Akzeptanz. Zudem gehen die IHK-Existenzgründungsberater vor Ort und beraten Interessenten in Zusam­ menarbeit mit den Stadtverwaltungen in den Rathäusern und auch in der Fachhoch­ schule. Diese Palette wird weiterhin ergänzt durch Seminare für Existenzgründer und neuerdings auch solche zur Existenzfesti­ gung. Über die Erstberatung hinaus informiert die Industrie- und Handelskammer die Gründer auch permanent weiter, z.B. über mögliche Aktivitäten im Exportbereich oder durch ihre Innovationsberater auf techni­ schem Gebiet. Die IHK berät angehende Unternehmer/innen über Standortfragen, Marktgegebenheiten, Fördermöglichkeiten, Kapitalbedarf und -beschaffung, über öffent­ liche Finanz- sowie Beratungshilfen, erfor­ derliche Genehmigungen, über die Ge­ schäftsbezeichnung und Handelsregisterein­ tragung, über Rechtsform, Pacht, Franchi­ sing, allgemeine Geschäftsbedingungen, Da­ tenschutz und viele andere betriebswirt­ schaftliche Fragen. Als ergänzendes Element unterhält die Kammerorganisation eine regional und bun­ desweit arbeitende Existenzgründungsbörse. 1994 wurden aus dem Kammerbezirk SO An­ gebote und Nachfragen veröffentlicht. Hin­ zu kommt noch die IHK-weite Koopera­ tionsbörse, in der 1994 90 Kooperationsmög­ lichkeiten angeboten wurden. Verstärkt wird die IHK dazu beitragen, ausgeschiedene oder frühpensionierte Persönlichkeiten aus der Wirtschaft zu finden, die ihr Know-how den jungen Unternehmerinnen und Unter­ nehmern als Paten zur Verfügung stellen und sie begleiten. Die Industrie- und Handels­ kammer bietet also ein umfassendes Bera­ tungsspektrum an. Sie möchte die erste und beste Adresse für Existenzgründer sein. !HK-Präsident Prof. Dr. Dr. Michael Ungethüm Seit vielen Jahren erfolgreich mit „Tipp-Kick“ Die Schwenninger Firma Edwin Mieg OHG Wenn der immer schnellere Wechsel das Charakteristikum unserer Zeit ist, dann paßt die Edwin Mieg OHG aus Schwenningen nicht mehr in unsere Zeit. Denn sie stellt seit nunmehr 71Jahren ein Spiel her, das inzwi­ schen in eine Reihe mit Klassikern wie ,,Mensch ärgere dich nicht“ und „Mono­ poly“ gehört: das „Tipp-Kick“. Hätte man Edwin Mieg 1924 solch einen Erfolg prophezeit, wäre er skeptisch geblie­ ben. Gerade als Exportleiter von J unghans zu Mauthe gewechselt, war er von einem Be­ kannten auf das Spiel aufmerksam gemacht worden, das der Stuttgarter Apotheken­ möbelhersteller Carl Mayer erfunden hatte. Die Sache gefiel ihm, er schloß einen Lizenz-77

vertrag ab, ersetzte die Blechkicker durch Figuren aus Blei und begann in einer Scheuer in der Kornbindstraße mit der Produktion. Obwohl er sich auf der Leipziger Messe keinen Stand leisten konnte, fuhr er hin, setzte sich auf einen Treppenabsatz und ließ seine Kicker und Torwarte in Aktion treten. Bald war er von soviel Interessenten umringt, daß er seinen Platz räumen mußte. Doch un­ beirrt spielte er in der nächsten Halle weiter und machte seine ersten – guten – Geschäfte. Im Prinzip funktionierte Miegs Leipziger Spiel von 1924 wie das ultramoderne „Tipp­ Kick Street Soccer“, das zur WM 1994 auf den Markt kam. Ein einen Meter langes Spielfeld, zwei Tore an den Enden, ein per Stange bewegter Torwart und ein Spieler, dessen rechtes Schußbein mittels Knopf­ druck vorschnellt. Dazu ein zwölfeckiger Ball, halb gelb, halb rot, wobei die obenlie­ gende Farbe entscheidet, wer schießen darf­ so einfach war das und ist das. Trotzdem hat sich an der Grundidee eini­ ges verändert, wie auch Maggi und Cola nicht mehr dieselben sind wie vor 70 Jahren. Vor allem der Torhüter ist viel beweglicher als sein Vorkriegskollege. Lange kniete die Zink-Version, als ob sie einen heranrollen­ den Ball erwarte. Seit 1954 kann sich derToni aus Plastik (benannt nach Toni Turek aus der Herberger-Elf) per Knopfdruck zur Seite hechten, seit zehn Jahren auch nach vorne. Auch die Feldspieler sind inzwischen spe­ zialisiert. Der mit dem runden Schußfuß ist der Allrounder, der mit der angefeilten Fuß­ spitze schlenzt gut, und der mit dem Innen­ rist hat sowohl gefühlvolle Heber als auch harte Hämmer drauf. Die Kugel landet inzwischen in Toren mit echtem Netz, frü­ her taten es auch Plastikmaschen oder Flie­ gendraht. Und der Ball selbst, der besteht nun ebenfalls aus Plastik – obwohl sich Hansjörg, der Sohn des Firmengründers, erinnert, wie er zu Beginn der Fünfziger noch Korkwürfel zwischen Sägeblätter schob und zurechtfräste: ,,Mein Rekord lag bei über 100 pro Minute.“ An Konkurrenten auf dem Tischfußball­ feld hat es nie gemangelt. Vor dem Krieg ver­ wendete der Trossinger Musikinstrumente- Produktionsgebäude Hardtstraße, ca. 1940. Edwin Mieg (rechts im Bild) mit Familie. 78

hersteller Hohner für Pfeifen ungeeignete Hölzer als Fußballer: Man drückte auf eine Feder und schon wurde unten eine Stahl­ kugel herauskatapultiert. Nach dem Krieg legte sich die Hirschhor­ ner Firma Meta mit den Miegs an. Zunächst baute sie Metallkicker, bei denen der Ball per Luftdruck aus einer Düse geblasen wurde; dann imitierte sie mit „Hurra, Tor!“ die Tipp­ Kick-Mechanik. Und schließlich warb sie noch mit dem Slogan „Tipp mit Toto-Kick“ – aber so, daß vor allem die Worte „Tipp“ und „Kick“ ins Auge fielen. Den Urheber­ rechtsprozeß gewannen die Schwenninger. Nach der Wende bekamen die Schwen­ ninger eine Plaste-Billigkopie ihres Spiels aus der DDR geschickt, deren Produktion dann hastig eingestellt wurde. Die jüngste Heraus­ forderung tauchte ausgerechnet zur Fußball­ WM 1994 auf. Der US-Spielwaren-Multi Hasbro (Umsatz weltweit 2,8 Milliarden Dollar, Werbeetat in Deutschland 50 Millio­ nen Mark, das ist zehnmal der Mieg-Jahres­ umsatz) überschwemmte die Spielzeuggroß­ märkte mit „Pro Action“. Die Kundschaft Tipp-Kick-Spiel, Mitte Dreißigerjahre strömte, von der Fernsehwerbung angesta­ chelt – und viele verließen den Laden mit einem Tipp-Kick in der Hand: Die Anstren­ gungen der Konkurrenz steigerten den eige­ nen Umsatz um 50 Prozent. Das brachte den Mittelständler sogar in Lieferschwierigkeiten, denn die Mieg OHG ist immer ein Familienunternehmen geblie­ ben. Firmengründer Edwin Mieg zog von der Kornbind- zunächst in einen Hinterhof der Jakob-Kienzle-Straße. Erst 1939 baute er in der Hardtstraße selbst (dort wird heute noch produziert) und beschäftigte damals vier Mitarbeiter. Nach Kriegsende fing er mit einer einzigen Helferin neu an (die sich lange gegen Neueinstellungen wehrte mit der Begründung „Wo viele Frauen sind, ist viel Streit“). Doch 1949 starb Edwin Mieg, und seine Söhne Peter und Hansjörg weiteten vorsich­ tig auf konstant zehn Festangestellte aus. Dazu kommt ein kleines Heer von Heimar­ beitern – bis zu 40 -, denn jede einzelne Fi­ gur wird immer noch handbemalt – zuletzt sogar in den Trikotfarben aller WM- Teilneh- 80

Bildmontage mit Hansjörg (links) und Peter Mieg mer in den USA. ,,Um die Kicker per Ma­ schine bedrucken zu können, müßten wir weg von der natürlichen Körperform, und das wollen wir nicht“, philosophiert Hans­ jörg Mieg. Seit 1961 befinden sich Büro, End­ montage und Versand in der Dickenhardt­ straße. Obwohl sie jeder automatisch mit dem Namen Tipp-Kick identifiziert, haben die Miegs stets auch an anderen Ideen getüftelt. Schon in den Dreißigern brachten sie ein Pferderennspiel und das „Ski-Wipp“ heraus: Eine bewegliche Schanze mußte so einge­ stellt werden, daß der Skispringer einen mög­ lichst großen Satz unternahm. Später kam „ConterBall“ (mit einer Pi­ stole sollte eine rote Stahlkugel in ein Tor ge­ schossen werden), das Eishockeyspiel „Cre­ sta“ (mit Cracks auf hin- und herschiebbaren Stangen) und „Floretto“, wo mit der Spitze eines Degens Ringe aufgespießt werden mußten, die am Handschutz des Fechtgeg- ners hingen. Eines schönen Tages traf Peter Mieg in einem Frankfurter Spielwarenladen Leinwand-Robin Hood Errol Flynn, drückte dem Weltstar sein „Florette“ in die Hand – und hatte die beste Werbung, die sich den­ ken ließ. Ähnliches Glück hatten die Schwennin­ ger, als sie ein Jahrzehnt später mit einem ziemlich unbekannten Fußballer einen Tipp­ Kick-Werbevertrag abschlossen. Für 1000 Mark stellte dieser Gerd Müller sein Konter­ fei zur Verfügung – und scheiterte vor Ge­ richt, als er seine steigende Berühmtheit spä­ ter in ein steigendes Honorar ummünzen wollte. Golf-, Crocket-, Boccia- und erst kürzlich zwei neue Brettspiele haben die Miegs kre­ iert. Ihr festes Standbein war, ist und bleibt Tipp-Kick.180 000 Stück verkauften sie 1954, als die Helden von Bern Weltmeister wur­ den; jetzt hat sich die Stückzahl auf 50 000 eingependelt. In einem WM-Jahr steigt die 81

Werbefoto mit Peter Mieg, 1974 Nachfrage auf 65 000, und wenn die Konkur­ renz freundlicherweise mithilft (siehe oben), können es auch mal 80 000 werden. Schauspieler mögen ihre Fanclubs haben und Swatch-Uhren ihre Sammlerbörsen. Tipp-Kick hat es viel weiter gebracht. In zwei Bundes-, drei Ober- und elf Regionalligen tragen die 180 im Deutschen Tischfußball­ verband organisierten Vereine jedes Wochen­ ende Turnierspiele aus; es gibt Auf- und Absteiger und einen Deutschen Tipp-Kick­ Meister. Zu den jüngsten Tipp-Kick-Infizier- 82

Boris Becker mit Tipp­ Kick, ca. 1989 ten gehört TV-Starmoderator Friedrich Küp­ persbusch. Selbst unser Duden hat Notiz genom­ men. Dort stand wörtlich: „Tipp-Kick“, engl. für Tischfußballspiel. So ehrenhaft die Er­ wähnung für den Hersteller war, er mußte Einspruch erheben. Denn Tipp-Kick ist ein eingetragenes Warenzeichen, und jeder hätte sich auf den Duden berufen können, der ein Spiel dieses Namens herausgebracht hätte. Der Duden-Verlag unterläßt seitdem diesen Eintrag. Hanns-Georg Rodek Weißer+ Grießhaber GmbH Ein kunststoffverarbeitendes Unternehmen in Mönchweiler 1969 gründeten die Familien von Lothar Weißer und Paul Grießhaber eine kleine Firma mit einer Produktionsfläche im Wohnzimmerformat von gerade 80 O!ia­ dratrnetern. Bis heute wuchs ihr Familien­ unternehmen – wegen seines Designs mit ei­ nem Architekturpreis ausgezeichnet – samt nigelnagelneuem Anbau auf fast 8000 O!ia­ dratmeter an. Über 130 Mitarbeiter finden bei Weißer+ Grießhaber eine zukunftsorientierte Arbeit. Und jedes Jahr kommen wegen der soliden Auftragslage mehr hinzu. Worin liegt nun das Geheimnis, weshalb die Firmengründer Lothar Weißer und das Ehepaar Paul und Christa Grießhaber die Krisenzeiten in den Anfangen und negative wirtschaftliche Ströme so gut überstanden haben? Wohl stecken hinter einem mittelständi­ schen Unternehmen wie Weißer + Grieß­ haber ein enormer Fleiß und Einsatzwille, nicht nur von Unternehmerseite. Aber das genügt nicht. Der Erfolg von Weißer + Grießhaber liegt vor allem auch in der spe­ ziellen Firmen-Philosophie, auf Qualität zu setzen. Präzisionsprodukte von Weißer + Grießhaber werden aus diesem Grunde nicht nur von deutschen Markenfirmen bevor­ zugt, weil sie halten, was sie versprechen. Durch eine qualifizierte Entwicklungsabtei­ lung lassen sich auch spezielle und kompli­ zierte Kundenwünsche in Kunststoff ab 4 83

Milligramm bis 300 Gramm verwirklichen. Weißer + Grießhaber beliefert Kunden aus nahezu allen Branchen wie Uhren, Auto­ mobil, Sanitär, Elektro, Haushalt, Medizin, Telekommunikation, Heizung, Belüftung, Optik, Meß-, Antriebs- und Regeltechnik. Bei Weißer + Grießhaber werden über 400 verschiedene Material- und Farbsorten in etwa 2800 Teilen verarbeitet. In Zahnräd­ chen klein wie Konfetti liegt die Stärke von Weißer + Grießhaber. Weißer + Grießhaber spezialisierte sich auf winzige und kleinste Teilchen aus Kunst­ stoff in vielfältigsten Formen. Dabei vertraut der umfangreiche Kundenstamm auf die gleichbleibende Qualität. Im Jahr 1995 legte Weißer + Grießhaber als weiteren erfolgrei­ chen Abschnitt in die Zukunft die Prüfung für das Qialitäts-Zertifikat ISO 9001 auf höchstem Niveau ab. ,,Wir sind aufgenom­ men in den Reigen der Besten“, umschreibt die Firmenspitze dieses Zertifikat. ISO 9001 ist ein Nachweis für ein doku­ mentiertes Qialitäts-Management-System. Das bedeutet eine Garantie für eine gleich­ bleibende Qialität für den Kunden. ,,Über 130 Mitarbeiter stehen für Qialität“, be­ schreibt Vertriebsleiterin Ute Grießhaber diese weltweit anerkannte Norm. Die beiden 84 Töchter arbeiten bereits schon in leitenden Funktionen, Ute Grießhaber zeichnet für den Vertrieb verantwortlich und Elke Fricker für Projekte. Der Erfolg des Familienunternehmens gründet sich vor allem auch darin, daß die beiden Familien stets an einem Strang zie­ hen und sich auch in ihrer Freizeit häufig treffen. Wobei sich Lothar Weißer mit sei­ nem unternehmerischen Mut zum Risiko und Paul Grießhaber mit seinem kritischen Blick für das Machbare immer perfekt er­ gänzten. Das Ziehen und das Halten endete im goldenen Mittelweg und damit zielstre­ big im Erfolg. Weißer+ Grießhaber wagte nie den Sprung ins Ungewisse, sondern expandierte auf soli­ der Grundlage. Beim 25jährigen Betriebsju­ biläum im Jahr 1994 meinte Lothar Weißer in seiner Festansprache aber auch: ,,Wer uns damals gesagt hätte, daß wir unseren 25jähri­ gen Geburtstag in einer festlichen Versamm­ lung erleben würden, dem hätten wir das nicht geglaubt. Weder Paul Grießhaber, seine Frau Christa noch ich haben daran gedacht, einmal 130 Mitarbeiter einschließ­ lich 16 Auszubildende zu führen, als wir am 29.April 1969 den Entschluß faßten, uns auf eigene Füße zu stellen.“

Ein roter Faden zieht sich sowohl durch die Firmengeschichte wie auch durch den Umgang mit Kunden. Weißer+ Grießhaber setzt auf Partnerschaft. Mit Hilfe des Fraun­ hoferinstitutes entwickelte das Unterneh­ men Strategien, um seine Mitarbeiter für ihre Arbeit zu motivieren. Bei Weißer + Grieß­ haber bildeten sich verschiedene Arbeits­ gruppen, die Feste ebenso organisieren wie Fremdsprachenkurse und innerbetriebliche Fortbildungen. In der Werkstatt sind ein- zeine Arbeitsgruppen jeweils für ein Produkt verantwortlich und übernehmen dafür auch den Service. Ziel: Die Mitarbeiter sollen sich aktiv mit Ideen am Betrieb beteiligen und Verantwortung übernehmen. Auch das bürgt für die gute �alität der Produkte. Nicht nur zum 25jährigen Betriebsjubiläum im Jahre 1994 wählte sich das Unternehmen bewußt das Motto: ,,Im Aufwind mit einem starken Team.“ Ute Grießhaber 85

Internationalität und Innovation Dieter Grässlin KG in St. Georgen Es war ein Betriebsstundenzähler. Der Verkaufserfolg motivierte zu weiteren Eigenentwicklungen in den nächsten Jahren. Der große entscheidende Durchbruch gelang mit der Realisierung der ersten Kleinzeit­ schaltuhr im Jahr 1964; nicht nur in ihrer Komplexität und auch vorher nicht gekann­ ten Schaltmöglichkeiten, sondern auch die Ganggenauigkeit des patentierten Antriebs­ systems waren eine Sensation in der Branche. Dazu kam als weiteres Novum für die damalige Zeit der Einsatz moderner Ther­ moplaste in der Getriebetechnik. Durch die Beherrschung der Spritzgußtechnologie er- Das Unternehmen, 1956 von Dieter und Anna Grässlin gegründet, hat sich in seiner nahezu 40jährigen Geschichte beispielhaft entwickelt. Der Beginn, fast traditionell für den Schwarzwald, ein junger Techniker und Konstrukteur sieht nur den Weg der Selb­ ständigkeit, um seine Vorstellung von Pro­ duktentwicklungen und Innovation zu ver­ wirklichen und die eingefahrenen Struktu­ ren zu verlassen. Sein Name: Dieter Grässlin. Sein Thema: Die Feinwerktechnik. Die Selbständigkeit begann in der Maler­ werkstatt des Großvaters. Die ersten Aufga­ ben waren anspruchsvolle Montagearbeiten für die heimische Uhrenindustrie. Das Geschäft dehnte sich aus, und bald waren Maschinenanschaffungen notwendig. Ein halbes Jahr dauerte der Aufschwung, dann kam die Ernüchterung: Die Aufträge blieben aus, es war praktisch keine Arbeit mehr da. Zum ersten Mal bekam man zu spüren, daß die Abhängigkeit als reiner Zulieferbe­ trieb groß ist. Die Erkenntnis, daß nur eigenentwickelte Produkte und deren Vermarktung eine ge­ wisse Unabhängigkeit bringen, dominierte in den Gedanken, und schon ein Jahr später war das erste Produkt fertig. 86

öffneten sich große Chancen für den Bau technischer Geräte wie der Zeitschaltuhr. Neben der Möglichkeit, die Produkte wesentlich preisgünstiger zu fertigen, konnte man hauptsächlich in Sachen Produktdesign und Farbgestaltung vollkommen neue Wege gehen. Hier setzte Grässlin neue Akzente, welche in den folgenden Jahren zu einer Vielzahl an Designpreisen führten, aber auch die gesam­ te Branche beeinflußten. Der Einstieg in die Elektronik im Jahre 1968 war ein weiterer Meilenstein und ein weiteres Beispiel für die Innovationskraft des mittlerweile schon weltbekannten Unter­ nehmens. Nicht nur der Produktentwicklung, son­ dern auch der Vermarktung wurde im Hause Grässlin schon frühzeitig Priorität einge­ räumt. Die ersten Vertriebspartnerschaften wur­ den bereits im Jahre 1963 im In-und Ausland geknüpft, und speziell der Export spielte in den folgenden Jahren eine wichtige Rolle. Die bessere Bearbeitung des damals wie heute sehr wichtigen Exportlandes Schweiz führte zu der Überlegung, eine eigene Nie­ derlassung für Produktion und Vertrieb in unserem Nachbarland zu gründen. Im August 1976 konnte nach sehr kurzer Vorbereitung die Produktion eines auf dem Markt noch neuen Programmes für Haus­ haltsschaltuhren aufgenommen werden. Leider konnte der Firmengründer die positive Entwicklung dieser ersten Auslands­ tochter in der Firmengeschichte nicht mehr lange miterleben, er starb erst 50jährig im November 1976. Es war ihm und seiner Art, Mitarbeiter zu führen und zu fördern, zu verdanken, daß die entstandene große Lücke durch seinen engsten Mitarbeiter, Herrn Wolfgang Haas, wieder geschlossen werden konnte. Er ent­ wickelte die Firma als Geschäftsführer zu ihrer heutigen Größe. In den folgenden Jahren wurde auf die Entwicklung elektronischer Produkte ein Hauptaugenmerk gerichtet. So wurde 1977 /78 die erste in Serie herge­ stellte Digitalschaltuhr auf den Markt gebracht, ein weiterer Beweis für die Lei­ stungsfähigkeit der Firma Grässlin. Mit dem Wachstum des Marktes wuchs auch das Unternehmen. Im Jubiläumsjahr 1981 konnte man das ,,25jährige“ mit einem Fest begehen. Gleichzeitig wurde der geplante zweite Bauabschnitt eingeweiht. Die 80er Jahre waren neben der stetigen Weiterentwicklung der Produkte geprägt durch große Anstrengungen im Ausbau der Organisation, der Logistik und der Modula­ risierung von Baugruppen und Endproduk­ ten. 1986 wurde der Grundstein für ein Joint Venture in Taiwan gelegt. Die Grasslin Far East Corporation wurde gegründet. Die Zusammenarbeit mit einem Unter­ nehmen, das Haushaltsschaltuhren fertigt, war der richtige aber auch manchmal stei­ nige Weg, um zu verhindern, daß auf dem 87

� � a• a- e 00000 Je nach Bedarf konnte nun nach entspre­ chenden Sanierungsmaßnahmen die Pro­ duktion nach Peterzell verlagert werden. Die immer schneller voranschreitende Elektronisierung der Produkte wurde von Grässlin energisch vorangetrieben. Immer wieder bessere, in kurzer Folge angebotene Mikroprozessoren erforderten einen schnel­ len Entwicklungsrhythmus. Die einfache Bedienung dieser modernen Produkte war das oberste Gebot, um die Akzeptanz der Kundschaft zu bekommen. Hier kam dem Unternehmen die langjährige Erfahrung im Bau von elektronischen Zeit­ schaltuhren zugute. Die Öffnung der Ostmärkte war Anfang der 90er Jahre eine neue Herausforderung. Es war klar, daß man als exportorientiertes Unternehmen dieses riesige Potential sah und sofort eine Marketing- und Vertriebs­ strategie für diese Länder entwickelte. Der Lohn für die sofortige Reaktion: die Marktführerschaft in einigen Ländern des ehemaligen Ostblocks. Markt ein gefährlicher Wettbewerber als Konkurrent auftritt. Die Notwendigkeit, durch steigenden Ko­ stendruck die Produktionsabläufe zu auto­ matisieren, führte im Jahre 1987 zur Grün­ dung der Grässlin Automationssysteme. Es entstand auf der Basis von speziell ent­ wickelten Aluprofilen ein Baukasten von Handlingskomponenten als Basis für die fle­ xible Montageautomation. In Zusammenarbeit mit der Entwicklung und Konstruktion für Zeitschaltgeräte konn­ ten nun frühzeitig die Belange der Montage­ automation berücksichtigt werden, ein Muß, wenn man erfolgreich automatisieren will. Durch die stetige Expansion des Unter­ nehmens war absehbar, daß die vorhande­ nen Räumlichkeiten bald aus allen Nähten platzen. Als Grundstein für eine Weiterentwick­ lung konnte mit dem Industrieareal der Firma Zeyko ein passendes Grundstück mit Gebäude erworben werden. 88

.1 Für die Zukunft hat man bei Grässlin klare Visionen: Die immer stärker ausgebaute Elektrifizie­ rung auch in Schwellenländern, der Wunsch nach mehr Komfort und die Notwendigkeit, Energie zu sparen, lassen den Weltmarkt für Zeitschaltsysteme weiter wachsen. Mit dem kontinuierlichen Ausbau des Vertriebsnetzes werden diese Potentiale ge­ nutzt. Neue Technologien der Hausleit- und Energietechnik erfordern große Anstrengun­ gen in der Forschung und Entwicklung, sind aber auch große Chancen für ein mittelstän­ disches Unternehmen. Um die Marktversorgung und die Kon­ kurrenzfähigkeit auf den Weltmärkten zu sichern, müssen die Arbeitsprozesse perma­ nent verbessert werden. Für diese Aufgaben kann die Geschäftslei­ tung des Familienunternehmens, die 1994 durch Thomas Grässlin als weiteren Ge­ schäftsführer erweitert wurde, auf eine moti­ vierte, traditionell engagierte Mannschaft von heute weltweit ca. 530 (St. Georgen 440) Mitarbeitern zurückgreifen. Ein Potential, welches in der Kette der Erfolgsfaktoren eines der wichtigsten ist. Wolfgang Haas 89

Firma Gehr. Grieshaber GmbH in Triberg Draht- und Blankstahlzieherei Bis ins Jahr 1823 reicht die Geschichte der Gebr. Grieshaber GmbH zurück. Gegründet wurde das Unternehmen in Triberg von Valentin Kammerer. Anno 1867 ging das bis dahin herunter­ gewirtschaftete Unternehmen an die aus Furtwangen stammende Familie Grieshaber über. Der Abnehmerkreis des Unternehmens beschränkte sich zu dieser Zeit auf die auf­ strebende Uhrenindustrie und die noch in ihren Anfängen steckende feinmechanische Industrie. Aufgrund der stark ansteigenden Nach­ frage nach Produkten aus Draht wurde ein Standort im Bereich des heutigen Schwarz- wald-Baar-Kreises als lohnenswerte Alterna­ tive zu den zumeist in den Schwerindustrie­ zentren des Ruhrgebietes und des Saarlandes drahtherstellenden Unternehmen angese­ hen. Zumal die in unserer Zeit selbstverständ­ liche Infrastruktur im Schwarzwald des ver­ gangenen Jahrhunderts noch in den Kinder­ schuhen steckte. Die Rohmaterialien mußten jedoch schon im vorigen Jahrhundert hauptsächlich aus den Industriezentren bezogen werden, da sich hier die Standorte der Hochöfen befan­ den. Dabei handelte es sich im vergangenen Jahrhundert um kleine Eisenbarren, die im firmeneigenen, 1838 errichteten, kleinen 90

Ursprünglich als Zulieferer der Uhrenin­ dustrie tätig, gesellten sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts auch Produkte für die Land-, Forst- und Bauwirtschaft hinzu, wie ver­ schiedenartige Ketten und Nägel für den damals noch vorherrschenden Holzbau. Um die Jahrhundertwende wurde das Fer­ tigungsprogramm erneut erweitert, dies be­ deutete einerseits die Produktion von Federn und Federdraht verschiedenster Güten, andererseits wurde damals auch der Grund­ stein für das heutige Produktionsprogramm gelegt: Die Herstellung von, für die damalige Zeit, besonders präzise gezogenen Ring- und Stangendrähten. Dies waren keine Endprodukte wie im frü­ heren Produktionsprogramm, sondern Vor­ produkte für die immer stärker expandie­ rende feinmechanische und die Drehteile­ industrie. Um nach dem 2. Weltkrieg in den darnie­ derliegenden Märkten besser Fuß fassen zu können und dabei ein gewisses Maß an Unabhängigkeit zu ermöglichen, wurde die Betriebsabteilung Drahtwarenfertigung ge­ gründet. Erste Schritte wurden mit Blumen- 91 Walzwerk zu Walzdraht verarbeitet wurden. Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts wur­ den jedoch die Walzwerke im Ruhrgebiet immer weiter verbessert und ein kostengün­ stiger Bezug in großen Mengen war möglich. Die neugebaute Schwarzwaldbahn sorgte damals für den sicheren und kostengünsti­ gen Transport. Zwischenzeitlich kann das Unternehmen auf die 5. Generation im Familienbesitz zurückblicken. Nach dem ursprünglichen Gründer Valentin Kammerer ging das Unter­ nehmen an C. A. Grieshaber sen. und seine Brüder Adolf und Engelbert, daher der Na­ me Gebr. Grieshaber. Im Jahr 1903 wechselte die Unterneh­ mensführung zu C. A. Grieshaber jun. und Fritz Grieshaber. In den Kriegswirren des Jahres 1943 wurde Dipl. Kfm. Helmut Grieshaber zum Ge­ schäftsführer bestellt. Sein Sohn Jürgen übernahm im Jahre 1972 die Leitung des Un­ ternehmens. Seit dem !.Januar 1995 wurde Dipl. Kfm. Cornel Grieshaber als Vertreter der 5. Generation in das Amt des Geschäfts­ führers bestellt. Die Produktpalette des Familienunter­ nehmens variierte im Verlauf der Jahrzehnte viele Male, jedoch blieb das Unternehmen immer im Bereich der Metallverarbeitung.

töpfen, Teppichklopfern aus Draht und anderen Haushaltswaren gewagt. Später dehnte das Unternehmen die Pro­ duktion auf Drahtkörbe, Grill- und Kühl­ schrankroste und weitere Artikel für den Bürobedarf aus. Heute fertigt die seit 1978 selbständige Grieshaber GmbH in Mühl­ heim/Baden eine breite Palette von Produk­ ten im Bereich Postbearbeitung, EDV und Ladeneinrichtung, ergänzt durch vielfältige Vorprodukte für die Haushaltsgeräte- oder auch Automobilindustrie. Das Kriegsende war für die Inhaberfamilie wie auch die Mitarbeiter ein totaler Neuan­ fang. Zwar gab es im Bereich von Triberg nur wenige direkte Kriegsschäden, jedoch er­ folgte eine gezielte Demontage des Maschi­ nenparks durch die Besatzungsmacht Frank­ reich. Für das damalige Produktionsprogramm notwendige Maschinen wurden abgebaut und mittels der Schwarzwaldbahn in andere Regionen verbracht. In dieser Phase von knapp zwei Jahren war das Unternehmen auf die Kreativität des Geschäftsführers Helmut Grieshaber angewiesen, der es mit viel Ge­ schick verstand, die notwendigen Maschi­ nen und Materialien zu „organisieren“. Ein wichtiger Handelsfaktor war zu dieser 92 Zeit der noch vorhandene Bestand an Nä­ geln aus der Produktion vor dem Kriegsende. Wegen der großen Nachfrage nach Materi­ alien für den Wiederaufbau bildeten diese Nägel einen der Grundsteine für den raschen Wiederaufbau des Unternehmens. Im Stammproduktionsbereich wurde das Produktionsprogramm Mitte der SOer Jahre stark bereinigt, es erfolgte der endgültige Wandel zur reinen Blankstahlzieherei, dies bedeutet die ausschließliche Produktion von Gütern für die weiterverarbeitende Industrie. Eine Erweiterung fand unser Produktions­ programm durch die Ergänzung mit Han­ delswaren im Abmessungsbereich oberhalb des eigenen Abmessungsspektrums sowie im Handel mit nichtrostenden Stählen. Heute werden sogenannte Automatenstäh­ le in einem Abmessungsbereich von 0,5 mm bis zu 16 mm hergestellt. Es handelt sich dabei sowohl um Rundmaterialien als auch um Profilgüten, wie z.B. Vier- und Sechs­ kant. Toleranzhaltigkeiten bis in den Bereich von wenigen tausendstel Millimetern sind dabei selbstverständlich. Der Kundenkreis der Gebr. Grieshaber GmbH umfaßt heute, neben den Drehe­ reien, die unterschiedlichsten Abnehmer­ branchen. Beispielhaft erwähnt seien hier

die Automobil-, die Elektro- und die Be­ schlagindustrie, aber auch der Maschinen­ bau und die Spielzeugindustrie, hier insbe­ sondere die sich bei Söhnen und Vätern immer größerer Beliebtheit erfreuenden Spielzeugeisenbahnen. Jedoch finden sich Endprodukte aus unserem Vormaterial auch in High-Tech-Produkten wie Computerfest­ platten, in der Steuer- und Regeltechnik, in ABS-Systemen oder Herzschrittmachern. Dem Einsatzbereich von Produkten aus Blankstahl, den Drehteilen, sind fast keine Grenzen gesetzt, zumal es sich bei den Pro­ dukten um voll recyclingfähige Bauteile han­ delt. Ebenfalls grenzenlos, im Sinne des Wortes, ist der Kundenkreis des Unterneh­ mens. Waren zu Beginn des Jahrhunderts direkte Lieferungen ins Ausland eher die Ausnah­ me, so sind sie heute fester Bestandteil der Geschäftspolitik. Produkte der Gebr. Gries­ haber GmbH werden direkt oder über Korre­ spondenten in alle S Erdteile verkauft. Sie kommen immer dort zum Einsatz, wo hohe Präzision und engste Toleranzen gefordert werden. Der Bedarf an qualifizierten Mitarbeitern kann über die Jahrzehnte ebenfalls als Spie­ gelbild der wirtschaftlichen Entwicklung an­ gesehen werden. So startete das Unternehmen bei seiner Gründung mit rund 25 Arbeitskräften, um die Jahrhundertwende waren es schon ca. 90 Mitarbeiter. Zusammen mit der jetzt selb­ ständigen Drahtwarenproduktion beschäf- tigte die Firma Grieshaber in den 60erJahren ca.140 Mitarbeiter. Heute liegt die Zahl der im Kernunternehmen tätigen Personen bei ca. 65. Sein Verantwortungsbewußtsein für die Mitarbeiter zeigte das Unternehmen durch zwei heute eher unübliche Strategien. So wurde 1910 ein Pensions- und Versorgungs­ werk gegründet, um pensionierten, verun­ glückten und erkrankten Mitarbeitern und deren Witwen bei sozialen Härten zu helfen. Dieses Pensionswerk ist bis zum heutigen Tage aktiv und betreut aktuell rund 110 Rent­ nerinnen, Rentner und Rentenanwärter. Eine weitere Säule der Mitarbeiterversor­ gung war der Werkswohnungsbau; so ver­ fügte das Unternehmen über bis zu knapp SO werkseigene bzw. angemietete Wohnungen für seine Mitarbeiter und Rentner. Heute hat sich die Anzahl auf rund 25 reduziert, da sich mit dem verbesserten Angebot auch auf dem freien Markt genügend Wohnungen fanden. Nach dem für die gesamte Wirtschaft in der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg pro­ blematischen Jahr 1993 mit seinen starken Einschnitten sieht die Firma Gebr. Griesha­ ber GmbH optimistisch in die Zukunft. Für das Jahr 1995 wird mit einer mehrere Millio­ nen Mark teuren hochmodernen Beizanlage ein neuer Beweis dafür geliefert, daß ein Standort in der Region mit ihrem innovati­ ven Potential nach wie vor zukunftsträchtig ist. Cornel Grieshaber Ausbau und Jubiläum der Dögginger Lackfabrik Frei Über die Dögginger Lackfabrik Frei wurde zum ersten Mal im Almanach 79, Seiten 56-58, berichtet. Der Neubau eines zweistöckigen Pro­ duktionsgebäudes im J ahrel 994 sowie das 70jäh­ rige Firmenjubiläum am 15. September 1996 geben Veranlassung, erneut auf die Firma und ihre leitenden Herren einzugehen. Das Jubiläum der Dögginger Lackfabrik Frei wäre mit dem 70. Geburtstag des langjährigen Geschäftiführers Emil Frei zusammengefallen. Leider ist Herr Emil Frei am 24.juni 1995 über­ raschend verstorben. Die Auiführungen über ihn sind nunmehr auch ein Nachruf auf seine Ver­ dienste um die Firma. Im Februar 1992 gab der Ortschaftsrat Bräunlingen-Döggingen für den Ausbau der Lackfabrik grünes Licht. Geplant wurde ein 93

. neues zweistöckiges Produktionsgebäude von 84 m Länge und 30 m Breite, parallel zur jetzigen Jethalle. Ein Großteil der Produk­ tion wurde in das neue Areal verlegt, wo die baulichen Voraussetzungen nicht nur opti­ male Produktionsabläufe garantieren, son­ dern auch die vielen Auflagen des Personen­ und Umweltschutzes den neuesten techni­ schen Erkenntnissen entsprechend, realisiert wurden. Als markantes Datum geht der l.J uli 1992 in die Annalen der Firma Frei Lacke ein. Seit 1966, als anläßlich des 40jährigen Firmenju­ biläums der Senior Emil Frei seine Söhne Franz, Erwin und Emil Karl mit den Geschik­ ken der Firma betraute, verabschiedeten sich diese altershalber. 66jährig trat Emil Karl 1992 in den Ruhestand. Mit der Führung des Unternehmens wurde nun RudolfLuley als Ge­ schäftsführer verpflichtet. Franz, Erwin und Emil Karl bilden fortan mit zwei weiteren Herren den fünfköpfigen Beirat ihrer Firma . Die weltweite wirtschaftliche Rezession im letzten �artal 1992 verschonte auch die­ ses Unternehmen nicht. Durch das erwei­ terte Produktionsvolumen sollte einer Kom­ pensation des bis dahin dreiprozentigen Umsatzminus gegenüber dem Vorjahr und mit der Erschließung weiterer Märkte in den neuen Bundesländern und im Osten begeg­ net werden. Im Oktober 1993 verstarb RudolfLuley an den Folgen eines Fahrradunfalls. Dies be­ deutete ein tragisches Ende seiner Geschäfts­ führertätigkeit bei Frei Lacke. Durch Gesell­ schafterbeschluß wurde Emil Karl Frei wieder als Geschäftsführer bestellt und hat die von Luley vorgegebene Linie „Vision 2000″ wei­ tergeführt. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, mußten Kosten in der Produktion, Logistik, Verwaltung und Labor gesenkt werden. Die Grundlagen für das �alitätssiche- 94

rungssystem nach „ISO 9000″ zur Steige­ rung der Wettbewerbsfähigkeit und des Ver­ trauens gegenüber den Kunden wurden neu geschaffen. Im April 1994 konnte als Nachfolger von Herrn Luley ein neuer Geschäftsführer, Dr. Ing. Kurt Fahrbach, gewonnen werden. Emil Karl Frei arbeitete ihn in seine neue operative Tätigkeit ein. Zuerst sollte eine Kapazitätser­ weiterung durch die neue Produktionshalle, seit Herbst 1994 teilweise und im April 1995 vollständig, in den Produktionsprozeß inte­ griert werden. Produktionsreserven sind auch in einer effektiveren Nutzung des Maschinen­ parks und in einer räumlichen Erweiterung der Pulverlack-Produktionsstätte vorhanden. 95

Auf Zukunftssicherung ausgelegt ist auch die Aus-und Weiterbildung bei Frei Lacke, es wurden bei 330 Mitarbeitern 17 Jugendliche ausgebildet. Durch den Konjunktureinbruch bis weit über die Jahreshälfte 1994 konnte ein über­ durchschnittliches Plus von 3 0/o gegenüber dem Vorjahr erwirtschaftet werden. Emil Karl Frei konnte sich Anfang Sep­ tember 1994 wieder in den Ruhestand zu­ rückziehen. In Döggingen am 15.Januar 1926 geboren, besuchte er acht Jahre die Volksschule, an­ schließend zwei Jahre die höhere Handels­ schule. Siebzehnjährig wurde Herr Frei 1943 zum Kriegsdienst einberufen. Schwerverwundet im Einsatz an der Front mit anschließender Internierung, kehrte er 1945 wieder heim. Die dreijährige Berufsausbildung als In­ dustriekaufmann im väterlichen Betrieb schloß sich an, welche er mit erfolgreichem Abschluß beendete. Eine große Herausforderung stellte sich Emil Karl Frei, als er 1948 seine Tätigkeit im Außendienst des Unternehmens Frei auf­ nahm. Der alte Kundenstamm mußte be­ treut, neue Kunden gewonnen werden. Sein besonderes Interesse galt dem Vertrieb, der Organisation, ebenso dem Personalwesen. Emil Karl Frei hatte 1966 von seinem Vater, Emil Frei sen., dem Gründer der Fir­ ma, als persönlich haftender Gesellschafter die Geschäftsführung übernommen und das Unternehmen mit seinen Brüdern Franz und Erwin zu der heutigen Größe und Be­ deutung in der Lackbranche geführt. Die Fir­ ma erwirtschaftete Ende 1990/91 mit 330 Be­ schäftigten einen Jahresumsatz von mehr als 100 Mio. DM. In vielfacher Weise war der gelernte Indu­ striekaufmann auch ehrenamtlich tätig. Ne­ ben seiner mehr als 35jährigen Mitglied­ schaft in der Vertreterversammlung der AOK gehörte er seit 1973 der Vollversammlung der Industrie- und Handelskammer Schwarz­ wald-Baar-Heuberg an, deren Vizepräsident er seit 1988 war. Emil Freit Lackfirma erhält Urkunde für die inter­ nationale Norm ISO 9001 Nach fast dreijähriger Vorbereitungszeit erhielt die Dögginger Lackfabrik Emil Frei, vertreten durch den Geschäftsfüh­ rer Kurt Fahrbach, am 9.Februar 1995 aus der Hand des TÜV-Südwest-Prüfers Christoph Grüner die Urkunde für die internationale DI N ISO 9001 überreicht. Die Firma Frei ist damit eine der ersten Lackfabriken in Süddeutschland, die die hohen Anforderungen der ISO-Norm dokumentiert bekamen. Fahrbach kün­ digte im Rahmen einer kleinen Betriebs­ feier auch an, daß inzwischen schon die Vorplanungen für das „Ökoaudit“ lau­ fen, mit dem die Firma dokumentieren will, daß der Betriebsablauf und die Pro­ dukte ökologisch einwandfrei sind. 96

Zum Handelsrichter an der Kammer für Handelssachen des Landgerichts Konstanz wurde er 1972 berufen. Für die Branche enga­ gierte er sich schon lange im Lackverband. Er war über 20 Jahre lang Fachvorstandsmit­ glied der Fachgruppen Industrie- und Pulver­ lacke. Darüber hinaus war Emil Karl Frei viele Jahre in verschiedenen Gremien seiner Hei­ matgemeinde (Gemeinderat, 29 Jahre im Vorstand der Raiffeisenbank) und als Mit­ glied des Kreistages gewählt worden. Walter F. Bogotsch Bäurer Unternehmensberatung und Software GmbH in Behla Hersteller von Software zur Produktionsplanung und -Steuerung Fährt man von Donaueschingen in Rich­ tung Schaffhausen, so führt der Weg auch durch das kleine Örtchen Behla. Behla mit seinen knapp 440 Einwohnern macht einen eher ländlichen Eindruck. Um so erstaunter ist man, gleich am Ortseingang rechterhand die Firma Bäurer in ihrem modernen, 1991 erbauten, in weiß und blau gehaltenen Fir­ menhauptsitz zu sehen. Heinz Bäurer, der zusammen mit seiner Frau Christa die Geschäfte der Firma Bäurer leitet, hat 1980 die Chancen im Bereich In­ formationstechnologien erkannt und die Firma Bäurer gegründet. Ursprünglich mit 2 Mitarbeitern angefangen, entwickelte die kleine Behlaer Softwarefirma ihre Program­ me noch lange Zeit in den Räumen des Pri­ vathauses der Familie Bäurer. Anfängliche 97

Christa und Heinz Bäurer, Geschäftsleitung Aufgabenschwerpunkte waren im Bereich der EDV- Beratung sowie generelle Software­ projektarbeit. 1982 kam jedoch die Firma Bäurer in ein neues „Fahrwasser“, das die wei­ tere Entwicklung der Firma nachhaltig be­ einflussen sollte. Durch neu geknüpfte Kon­ takte mit der Firma Mannesmann-Kienzle bekam Bäurer erste Aufträge für Kunden­ anpassungen und Support der Kienzle-Pro­ gramme. Im Jahre 1988 initiierte Bäurer maßgeb­ lich die Umstellung von KIFOS auf das neu­ zeitliche Betriebssystem UNIX und die rela­ tionale Datenbank Informix und war bis zum Jahre 1993 in Zusammenarbeit mit Digital-Kienzle federführend in der KIFOS­ Entwicklung tätig. Anfang der 90er Jahre, mit damals ca. 45 Mitarbeitern, wurde schließlich der Neubau des Firmensitzes begonnen.1995, nur knapp 5 Jahre nach dem Bau des Gebäudes, zählt die Bäurer-Untemehmensgruppe bereits über 100 Mitarbeiter, so daß der Ausbau des Dachgeschosses notwendig wurde. Ein Er­ weiterungsbau scheint mittelfristig unum­ gänglich. Neben den stetigen Erfolgen und strategischen Weiterentwicklungen der Fir­ ma Bäurer gehörte jedoch, wie so oft im Leben, auch das besagte Quentchen Glück dazu, das die positive Entwicklung noch be­ schleunigte. Der rasante Mitarbeiterzuwachs 98 der Firma Bäurer in den letzten zwei Jahren liegt nämlich zum Teil in den großen Um­ strukturierungen begründet, die die Firma Digital Equipment, die Ende der 80er Jahre die Firma Kienzle aufgekauft hatte, im Jahre 1993 durchsetzte. Ein rigoroser Sparkurs wurde international angesagt und so be­ schloß die Digital Deutschland, sich künftig auf ihren strategischen Kernbereich, das Hardwaregeschäft, zu konzentrieren und die Betreuung der Software von qualifizierten Vertriebspartnern übernehmen zu lassen. Heinz Bäurer, der mit seinen Mitarbeitern bereits seit 1988 maßgeblich an der Entwick­ lung der Software KIFOS beteiligt war, er­ warb Anfang 1994 alle Rechte und Pflichten an dieser Produktionsplanungs- und -steue­ rungssoftware, die bei über 500 Firmen im deutschsprachigen Raum für die komplette Abwicklung ihrer Geschäftstätigkeit einge­ setzt wird. Seither ist die Firma Bäurer offi­ zieller Vertriebspartner der Digital Equip­ ment GmbH. Zugleich mit den Rechten für die Software übernahm Heinz Bäurer im Rahmen eines klassischen Management-Buy­ Outs von Digital-Kienzle auch die wichtig­ sten Know-How-Träger für den Bereich KIFOS. Zur besseren Aufteilung der Ge­ schäftsaktivitäten wurden die einzelnen Ge­ schäftsfelder auf fünfUnternehmen verteilt. Die Entwicklung der Software, die Anpas-

1989 wurde die Firma SHS Informations­ technik GmbH gekauft, die mit einem eige­ nen Softwarepaket und Beratungsdienstlei­ stungen den Themenbereich „vorbeugende Instandhaltung“ abdeckt. Die dritte Firma, die zur Bäurer-Gruppe gehört, ist die CCG „Cost Consulting Group“. Sie bietet neben betriebswirtschaft­ licher Beratung auch Know How im Umfeld der SAP-Beratung an. Unmittelbar nach Grenzöffnung zwischen der Bundesrepublik und der ehemaligen DDR, wurden auch für die Ostmärkte die Weichen gestellt. Heute sind 6 Mitarbeiter der Firma Bäurer Software GmbH in Dresden vorwiegend mit der Pro­ grammierung von individuellen Kundenan­ forderungen beschäftigt. sung der Programme an kundenspezifische Bedürfnisse und die Beratungsdienstleistun­ gen sind die strategischen Geschäftsfelder der Bäurer Unternehmensberatung und Soft­ ware GmbH. Sie stellt den eigentlichen Schwerpunkt der Bäurer Unternehmens­ gruppe dar und hat heute ca. 70 Mitarbeiter beschäftigt. Um strategische Ziele direkt am Markt durchsetzen zu können, wurde 1994 eine eigene Vertriebsfirma für die Bäurer-Gruppe, die Bäurer Systemhaus GmbH, gegründet, die 16 Mitarbeiter umfaßt. Dabei reicht das Produktspektrum von der Hard- über die Software bis hin zu Vernetzungen, techni­ scher Unterstützung und Beratungsdienst­ leistungen. Mit Niederlassungen in den Städten Hamburg, Bielefeld, Dortmund, Dresden, Ulm, Würzburg und München zeigt Bäurer heute in der ganzen Bundesre­ publik Präsenz. Die gute und schnelle Be­ treuung der Kunden steht für das Familien­ unternehmen noch immer an erster Stelle und dafür ist die weitere Ausdehnung der Niederlassungen ein wesentlicher Wettbe­ werbsfaktor. Schließlich muß sich Bäurer heute neben den ganz Großen der Software­ branche (wie z.B. SAP, die knapp 2000 Mit­ arbeiter in Deutschland haben) behaupten. Aber die Weichen für die Zukunft sind bereits gestellt. Möglichst vielseitige Einsatz- möglichkeiten und flexible Handhabung sind für die Kunden oberste Priorität im Soft­ warekauf. Bäurer hat sich daher bereits An­ fang 1994 entschieden, die komplette Soft­ ware mit Hilfe eines neuen Entwicklungs­ werkzeuges ,JAM“ noch flexibler für die Zu­ kunft zu gestalten. Die Umstellung des Pro­ gramms KIFOS auf JAM ist beinahe abge­ schlossen. JAM unterstützt dabei alle gängi­ gen Hardwareplattformen, Datenbanken und Benutzeroberflächen, so daß eine noch grö­ ßere Einsatzbasis für KIFOS in Zukunft neue Perspektiven eröffnet. Auch die Mehrspra­ chigkeit der Software soll schon bald reali­ siert werden, so daß sie außerhalb des deutsch­ sprachigen Raumes verkauft und eingesetzt werden kann. Große Pläne also für die wei­ tere Verbreitung des Programms KIFOS: Auch der Bereich Dienstleistungen wird noch weiter ausgebaut. Neben der bislang schwerpunktmäßig durchgeführten PPS­ Beratung erweitert sich Bäurer jetzt auch den Schritt in die betriebswirtschaftliche Bera­ tung. Themen wie Rechnungswesen oder Re-Engineering, also Beratung zur radikalen Neustrukturierung ganzer Unternehmens­ prozesse sind für seine Mitarbeiter schon lange kein Neuland mehr. Besonders erwei­ tert wurde auch der Bereich Schulungen. Rund 500 Firmen, die die Software KIFOS im Einsatz haben, haben eben auch einen großen Schulungsbedarf. So beheimatet das kleine Örtchen Behla jede Woche Mitarbei­ ter von Firmen aus der gesamten Bundesre­ publik. Wen wundert es daher, daß erst vor kurzem wieder neue Schulungsräume im Bäurer-Gebäude eingerichtet wurden. Ob solch einer Fülle von Aufgabenberei­ chen und eines so großen Kundenpotentials scheint die Zukunft der Firma Bäurer schon gesichert. Fest steht jedenfalls, daß die ra­ sante Weiterentwicklung im Bereich Infor­ mationstechnologien und die breite Kun­ denbasis im deutschsprachigen Raum gute Aussichten für die weitere Verbreitung von Software aus dem kleinen Örtchen Behla eröffnen. Susanne Wack 99

Firma ELVEDI GmbH in Blumberg-Riedöschingen Eine Schweizer Niederlassung in Blumberg erfolgreich Waren Sie schon einmal in Graubünden? Es gehört sicher zu den schönsten und auf­ regendsten Gegenden Europas. Klare Seen, tiefe Schluchten, hohe Berge. Aus dieser Gegend stammt ursprünglich der Name ELVEDI. Walter A. Elvedi nahm 1984 die Entwicklung seines Unternehmens in Angriff Heute gehört die ELVEDI-Grup­ pe zu den international anerkannten Lager­ logistik-Spezialisten, und der Name ELVEDI ist zu einem geschätzten Markensymbol für zuverlässige und wirtschaftliche Lager- und Regaltechnik geworden. Als Walter A. Elvedi vor zehn Jahren in Dübendorf bei Zürich (Schweiz) die ELVEDI AG zum Leben erweckte, bestand für den dynamischen Geschäftsmann ein klares Ziel: Entwicklung und Herstellung von Lager- und Regalsystemen – speziell für die Langgut- und Schwerlastlagerung. Stan­ dardlösungen aber standen trotz ausgefeilter Systemtechnik nie im Vordergrund. Kun­ denwünsche erfassen und diese dann tech­ nisch wie wirtschaftlich von der Planung bis zur Inbetriebnahme für den Betreiber zu der bestmöglichen Lösung umzusetzen, ist ein Grundsatz des Unternehmers. Diese bis heu­ te von allen Mitarbeitern übernommene 100 und gelebte Unternehmensdevise ist sicher ein wesentliches Motiv für das ungewöhn­ lich schnelle Wachstum der ELVEDI-Grup­ pe im wettbewerbsharten Umfeld der Lager­ technik-Hersteller. In vielen Ländern Europas wie Deutsch­ land, Frankreich, Österreich, Belgien, Hol­ land, Großbritannien, Dänemark, Norwe­ gen wie auch im vorderen Orient stießen die Erzeugnisse auf so großes Interesse, daß man umgehend mit dem Aufbau einer leistungs­ starken Fertigung und internationalen Ver­ triebsorganisation begann. Zunächst richtete W A. Elvedi eine auf hohem �alitätsniveau arbeitende Produk­ tion durch Vergabe von Lizenzen an die ita­ lienische Firma „M.C.T. spa“ in Bergamo em. Blumberg wird Produktionsstandort Die Gelegenheit, in Deutschland nicht nur eine Vertriebsniederlassung zu führen, sondern die Kundennähe durch einen weite­ ren Fertigungsbetrieb zu verstärken, reali­ sierte das erst vier Jahre junge Unternehmen durch einen Betriebserwerb in Blumberg­ Riedöschingen. Die Nähe zur Schweizer Grenze war dabei natürlich mit ein Grund

für die Standortwahl, aber vor allem auch die positive Unterstützung und Aufnahme durch die Stadt Blumberg. Auf einer Ge­ samtfläche von 11000 Quadratmeter wurden zu Beginn nebst bestehendem Verwaltungs­ gebäude mit Lagerhalle, eine neue Lager­ und eine Produktionshalle erstellt. Heute ist die Niederlassung in Blumberg eines der Nervenzentren der international tätigen ELVEDI-Gruppe. In diesem Betrieb installierte der Firmen­ inhaber eine auf modernste Technologien ausgerichtete Fertigung, in der auch Umwelt­ schutz und ressourcensparende Aspekte einen sehr hohen Stellenwert erhalten. So hat man unter anderem in eine vollautomati­ sche Pulverbeschichtungsanlage investiert, mit der weit unter den gesetzlichen �mmissi­ onswerten für Luft und Abwasser alle Regal­ komponenten umweltschonend und nach Kundenwünschen farblich beschichtet wer­ den. EU = Elvedis Unternehmungen … Die Betriebe in Italien und Deutschland aber sind noch nicht das Ende des unterneh­ merischen Wachstums. Zahlreiche Bera­ tungs- und Verkaufsbüros in verschiedenen europäischen Ländern wurden errichtet und speziell in Frankreich die Aktivitäten intensi­ viert.1989 erwarb W. A.Elvedi eine federfüh­ rende Beteiligung an der in der französischen Lagerbranche bekannten „Arvas Equipment SA“ in Rouen. Gleichzeitig wurde das Unter­ nehmen in ELVEDI France SA umbenannt. Diesem Schritt folgten die Gründung einer Verkaufsniederlassung in Paris sowie 1993 die Übernahme der französischen Firma „SUPERACK“, die ebenfalls im Bereich der Lagertechnik tätig ist und sich auf die Her­ stellung von hochwertigen Palettenregalen spezialisiert hat. Durch diesen Firmenkauf konnte die ELVEDI-Gruppe nun ihr eigenes Palettenregal-System im Verkaufsprogramm führen. Gleichzeitig mit dem Einstieg in Zusammenarbeit über die Grenze mit dem Kanton Schaflhausen Der Schwarzwald-Baar-Kreis grenzt im Süden auf einer Länge von 18 Kilometern an den Kan­ ton Schaffhausen. Trotz klarer raumordneri­ scher Zielsetzungen ist die grenzüberschreitende Zusammenarbeit in unserem Raum noch we­ nig ausgeprägt. So wurde beispielsweise schon 1983 im Landesentwicklungsplan Baden­ Württemberg eine Entwicklungsachse Donau­ eschingen – Blumberg – Schaffhausen ausge­ wiesen. Die hier vorhandenen Entwicklungs­ potentiale sind bei weitem noch nicht ausge­ schöpft, vielmehr besteht auf beiden Seiten ein großer Nachholbedarf. Mit Hilfe einer Studie sollen zunächst die ge­ meinsamen grenzüberschreitenden Entwick­ lungsmöglichkeiten im Raum Blumberg – Schaffhausen aufgezeigt werden. Anknüp­ fungspunkte ergeben sich etwa in den Bereichen Wohnen, Arbeiten, Verkehr, Energie, Freizeit oder Naherholung. Im Vordergrund stehen da- bei die Förderung des grenzüberschreitenden Leistungsaustausches und die Nutzung der grenzlandspezifischen Entwicklungschancen. Dies stellt auch einen Beitrag zur Auiformung der Entwicklungsachse Donaueschingen – Blumberg – Schaffhausen und deren Vernet­ zung mit dem schweizerischen Entwicklungs­ konzept dar. Zur Verwirklichung des Projekts hat die Euro­ päische Union im Rahmen ihrer Gemein­ schaftsinitiative lnterreg II Fördermittel bereit­ gestellt. Daneben beteiligen sich die Stadt Blum­ berg, der Schwarzwald-Baar-Kreis, der Regio­ nalverband Schwarzwald-Baar-Heuberg und das Land Baden-Württemberg sowie der Kan­ ton Schaffhausen an den Kosten der Studie. Nach Vorliegen der Studie wird es daraef an­ kommen, einzelne in Frage kommende Projekte in praktische Politik umzusetzen. Michael Leiße 10 1

Frankreich erfolgte die Gründung der Ver­ kaufsniederlassung in Graz/Österreich. Zusammenarbeit gezielt gesucht Vom kleinen Ein-Mann-Betrieb ist die ELVEDI-Gruppe mittlerweile auf rund 80 Mitarbeiter angewachsen und das Ferti­ gungs- und Vertriebsprogramm kompletter geworden. Heute werden Kragarm-, Palet­ ten-, Durchlauf-, Ein- und Durchfahrregale, Fachboden-, Archiv- und mobile Regale sowie Lagerbühnen, Spezialkonstruktionen und lagertechnisches Zubehör für praktisch alle Aufgaben und Anforderungen der Lager­ und Materialflußtechnik gefertigt. Die ELVEDI-Gruppe setzt sich aus einem Team von Fachleuten mit umfassenden, langjährigen Erfahrungen zusammen. Für die Mitarbeiter ist nach wie vor jedes Projekt, unabhängig von Größe und Komplexität, ein individuelles, denn die Bedürfnisse des Kunden werden noch stets in den Vorder- grund gestellt. Das nunmehr vervollstän­ digte Angebotspotential, gepaart mit engster Kundenzusammenarbeit in der Erarbeitung von Problemlösungen, erzeugt größte Effi­ zienz in Planung und Realisierung. Unver­ bindlich bietet deshalb das Team seine Hilfe in der Lösungssuche an. Ein Service, der das ELVEDI-Unternehmen europaweit zu ei­ nem verläßlichen Partner in Planung und Errichtung von Lagerlösungen gemacht hat. Und das wissen die Kunden zu schätzen. Funktionell richtig dimensioniert Die Palette der realisierten Projekte um­ faßt Bände. Und jedes dieser Projekte verfügt immer wieder über eine ganz bestimmte In­ dividualität, die nicht zuletzt das Salz in der Suppe ist. Es wurde zum Beispiel ein 13 Meter hoher Lagerhallenneubau in einem Schweizer Unternehmen errichtet, bei dem das Betondach direkt auf der Regalständer­ Konstruktion aufgesetzt wurde. Eine Beson- Kragarmregalefür übersichtliche Holzlagerung 102

Basis für die Zukunft Bisher nur angesprochen, nicht aber näher spezifiziert, wurde die �alität der ELVEDI-Produkte und deren Erzeugung. �alität wird durch die Mitarbeiter und den eingesetzten Mittel geprägt. Modeme Tech­ nologien sind für hohe �alitätsansprüche unabdingbar. Vernetzte inner- und außerbe­ triebliche elektronische Datenverarbeitung, zu der als Anlagenfabrikant natürlich ein effizientes CAD-System gehört, bilden die Basis. ISO 9000, die höchste zertifizierte �alitätssicherung in Industrieunterneh­ men ist für das Stammhaus und andere Nie­ derl;ssungen bereits eingeleitet. Die Ferti­ gung der Palettenregale und Applikationen davon erfolgen bereits heute in einem IS0- 9000-zertifizierten Betrieb. Dieses Zertifikat ist auch für Neukunden von vornherein ein sichtbares Merkmal der guten ELVEDI-�a­ lität. Die ELVEDI-Gruppe hat sich trotz schwieriger Marktsituation in der jüngsten Vergangenheit behauptet und ist für die Zu­ kunft gut gerüstet, weil ihr Gründer von An­ fang an konsequent auf hohe �alität, Kun­ denbedürfnisse und -forderungen sowie auf Europa als Markt gesetzt hat. Georges Lüscher SO Jahre TRW Werk Blumberg Am 8.juli 1995 wurde mit einem Festakt und einem Tag der o.ffenen Tür das 50jährige Bestehen des Hauses TR W Blumberg be­ gangen. Als Hersteller von Motorenventilen – inzwischen ist die Gesamtmenge aller herge­ stellten Ventile auf über 560 Millionen Stück angewachsen – ist das Werk ein bedeutender Zweig der Zulieferindustrie im Automobil­ bereich. Im Schwarzwald-Baar-Kreis ist die Firma einer der größten Arbeitgeber. Geschiiftsleitung und Belegschaft duiften aus Anlaß des Jubiläums herzlichen Dank und hohe Anerkennung entgegennehmen. 103 Palettenregal zur Lagerung von Chemikalien derheit, die keineswegs mit jeder Lagertech­ nik verwirklicht werden kann. Schlank, stabil, last-und funktionsgerecht lautet die Thematik, mit der sich die Regal­ bauer von ELVEDI beschäftigen. Sie legen alle Regale ressourcenbewußt und nach den statischen Anforderungen aus. Im Laufe der Zeit sind dazu neue Fertigungstechnologien entwickelt worden, die die Zielsetzung kon­ sequent erfüllen. Es darf nicht vergessen werden, daß alle ELVEDI-Regalsysteme ein Höchstmaß an Flexibilität bieten. Ein raffinerter Lochraster ermöglicht jederzeit die rasche Regalfachein­ richtung durch einfaches Versetzen der Trä­ gerelemente. Wird noch mehr Lagerflexibili­ tät verlangt, ist auch dies mit der ELVEDI­ Technik problemlos zu realisieren. Fertigung und Montage der Regalelemente sind teil­ weise sogar patentrechtlich geschützt.

Villinger Kutmühle Unter den „besten Bäckern“ Deutschlands Im Januar 1995 ging die Meldung durch die Presse, daß die Villinger Kutmühle wegen ihres schmackhaften Brotes von der Fachzeitschrift ,,Der Feinschmecker“ in die Liste der besten Bäk­ ker Deutschlands aufgenommen worden ist. Die Redaktion des Almanach bat den Autor des im Almanach 85, Seite 70-73, erschienenen Beitra­ ges über die Kutmühle, die A uszeichmmg im Zusammenhang mit der neueren Entwicklung der Kutmühle für unsere Leserinnen und Leser festzuhalten. „Vom Korn zum Brot“, diese Philosophie des Müllers und Bäckers Berthold Riegger umschließt zum einen den Alltag in einer der ältesten Mühlen der Stadt, zum anderen auch die Geschichte dieses Unternehmens. Am Anfang, und der liegt bei dieser Mühle im geschichtlichen Dunkel, gab es nur das Korn. Die Zähringerstadt Villingen ist seit Jahrhunderten der Kristallisationspunkt ur­ banen Lebens am Rande der Baar und war auf die Mühlen in ihrem Bannkreis ebenso angewiesen wie die Mühlen auf den Schutz der befestigten Stadt. Aus dem Dunkel der Geschichte taucht die „Eschinger Mühle“, wie die Kutmühle einst hieß, durch eine Urkunde aus dem Jahr 1438 auf. Zu Maria Lichtmeß jenes Jahres überschreibt die Kon­ ventualin Lucia Tanhaimerin die Mühle den Clarissen des Benediktinerklosters in Villin­ gen. In großen Zeitabständen erhellt die Müh­ le an der unteren Brigach den Horizont der Heimatgeschichte. Meist waren es Brände, die wie Schlaglichter aufleuchteten. So im Jahr1539, bei der Belagerung der Stadt durch die Württemberger und dann noch einmal sechzigJahre später. Ihren heutigen Namen erhielt die Mühle 1849, als Anton Kuth das Anwesen kaufte. Schon vier Jahre später er­ warb der Ochsenwirt Xaver Riegger die Mühle, die seither im Besitz der Familie blieb. 104 „ Vom Korn zum Brot‘: das ist die Philosophie des Kutmüllers Berthold Riegger, der zugleich auch Bäckermeister ist. Seit Generationen wird in die­ ser Villinger Mühle auch gebacken. Den ersten Schritt auf dem Weg vom Korn zum Brot verdankt die Mühle den Backkünsten einer Müllerin in den zwanzi­ ger Jahren dieses Jahrhunderts. Sie verteilte nämlich an die eislaufende Jugend aus der Stadt Brotscheiben, die so gut schmeckten, daß alsbald eine Nachfrage nach diesem köstlichen Brot entstand. Hinzu kam eine Entwicklung, die den da­ maligen kleinen Mühlen betrieben schwer zu schaffen machte. Sie bekamen Konkurrenz durch Großmühlen. So war auch der dama­ lige Müller gezwungen, für die Kutmühle neue Wege zu suchen. Da wies das schon damals geschätzte Brot aus der Mühle den Weg. Selbstvermarktung ist also keine Erfin­ dung unserer Zeit, denn der Müller Riegger entschloß sich, nun auch Bäcker zu werden und sein eigenes Mehl auf diese Weise zu ver-

längst ist der holzbeheizte Backefen in der Kut­ mühle durch moderne Einrichtungen abgelöst worden. Doch geblieben ist die handwerkliche Sorgfalt, mit der hier das tägliche Brot gebacken wird. Ein breites Sortiment bietet die Kutmühle ihrer Kundschaft. Das reicht vom Mehl über Korn und Müsli bis hin zum Brot, das in einer Vielzahl von Sorten täglich frisch in die Filialen kommt. 105

kaufen. In einem Anbau entstand ein holz­ beheizter Ofen und damit war der geschicht­ liche Schritt vom Korn zum Brot vollzogen. Die folgenden Generationen gingen die­ sen Weg weiter und aus der Mühle mit dem einen Backofen wurde die wohl größte Bäk­ kerei in der Region. Zur Zeit gibt es allein im Oberzentrum vier Kutmühle-Verkaufsstel­ len und vier weitere im Kreisgebiet. Bekannt und geschätzt ist das Brot aus der Villinger Mühle auch in Trossingen und Rottweil. Das Unternehmen beschäftigt sechzig Mitarbei­ ter und sie halten ebenso treu zu ihrer Mühle wie die zahlreichen Kunden, die oft schon seit Jahrzehnten ihr tägliches Brot beim ,,Kutmühle-Beck“ kaufen. Aus berufenem Munde wurde der Kut­ mühle erst kürzlich bestätigt, daß ihr Brot zu den schmackhaftesten in ganz Deutschland zählt. Eine Feinschmeckerzeitung ent­ schied, daß die Villinger Bäckerei auf einer Liste der 21 besten Bäckereien ihren wohlver­ dienten Platz hat. Zu dieser Qualität des Bro­ tes und der anderen Backwaren kommt bei der Kutmühle eine breite Vielfalt an Sorten. Bis zu Beginn der fünfziger Jahre wurde nur Brot gebacken und das höchstens in fünf ver­ schiedenen Varianten. Mittlerweile liegen über ein Dutzend verschiedener Brotlaibe in den Regalen und dazu kommen noch viele Sorten von Brötchen und einfachem Hefe­ gebäck. Für Berthold Riegger hat dieser Erfolg, auf den er zurecht stolz ist, viele Gründe. Da ist einmal die Nähe zum Kunden und damit die enge Verbundenheit mit dem Verbraucher. Die Bäckerei kann so auf Wünsche und Ge­ schmacksrichtungen reagieren. So wurde speziell für die Kundschaft in Trossingen kürzlich ein Vollkorntoast neu in das Sorti­ ment aufgenommen. Zum Bereich Kunden­ nähe gehört auch die enge Bindung zu den Mitarbeitern, die sich mit ihrem Betrieb identifizieren. Hier ist in guter Handwerks­ tradition nicht nur soziale Verantwortung, sondern auch ein partnerschaftliches Ver­ hältnis zwischen dem Chef und seinen Angestellten entstanden. Die Qualitätskon- 106 trolle für das, was täglich über den Laden­ tisch geht, geschieht nach Schwarzwälder Art beim Vespern in der Mühle. Dabei wird das eigene Brot von Berthold Riegger und seinen Mitarbeitern kritisch geprüft und, so der Inhaber, ,,wenn es uns schmeckt, dann sind sicher auch die Kunden zufrieden.“ Natürlich haben sich Bäckerei und Mühle im Zuge der Jahrzehnte gewandelt. Obwohl die Brigach noch das alte Wasserrad treibt, gibt es längst elektrische Motoren, um Mahl­ werk und Maschinen in Gang zu halten. Die körperlich schwere Arbeit der Bäcker und Müller haben Maschinen übernommen. Doch Berthold Riegger hat auch zu dem Be­ reich Modernisierung seine eigenen Vorstel­ lungen. Die Technik, so seine Devise, muß der handwerklichen Fertigung angepaßt sein, denn ein Teig, so der erfahrene Bäcker­ und Müllermeister, muß langsam geknetet werden, damit der Verbraucher im täglichen Brot das Korn der Heimat noch schmecken kann. So ist der Grund für den Erfolg dieses Unternehmens sicher nicht ein geheimes Backrezept, sondern die Unternehmensphi­ losophie, die zwar unserer Zeit angepaßt ist, ihre Wurzeln aber in der bäuerlich-boden­ ständigen Vergangenheit und in handwerk­ licher Tradition hat. Klaus-Peter Friese Sehunke-Ab fäll Zorn Metzger Johann kunnt en halbgroße [Bua Uhni Schtrümpf un uhni Schuah: „Ich han wieder welle e Pfund Sehunke-Abfall für de Hund. Sie sotte aber nit so fais si, gell, gisch acht, Waisch, di letschte hen im Vadder schlecht (gmacht.“ Bertin Nitz

In Triberg noch eine einzige Bäckerei Gremmelsbacher Bäckermeister Christian Weisser Wer hätte das vor einem halben Jahrhun­ dert für möglich gehalten, daß in der Stadt Triberg heute noch eine einzige Bäckerei betrieben wird – und dies auf der „Ecke“ in Gremmelsbach, an der Grenze zu Langen­ schiltach – im übrigen das Brot von auswärts herangefahren werden muß. Bäckermeister Christian Weisser, der „Eckebeck“, führt den Betrieb, den sein Vater Johannes mit seiner Ehefrau Karolina und seiner Schwester Salomea (dem „Sali“) 1902 begründete, mit unwandelbarer Treue bis zum heutigen Tag weiter. Ein Teil leben­ diger Ortsgeschichte! Wie war doch damals das Leben hart! Jeder Arbeitsschritt war zunächst in Handarbeit auszuführen, wobei Johannes Weisser mit einer schweren Behin­ derung an einer Hand aus dem Ersten Welt­ krieg zurückkehrte, ein Fuhrwerk hatte er nicht, das Brot mußte er in der Krätze zu den Kunden tragen. Und außerdem gab es in Gremmelsbach noch die Bäckerei Furtwäng­ ler, zu der er in Konkurrenz trat. Erst 1930 kam elektrischer Strom ins Haus, ein Benzin­ motor neben der Backstube trieb mit dem Transmissionsriemen die Teigmaschine an. War die Arbeit in der Backstube bei Nacht schon hart genug, so war es das Ausfahren, wetter- und wegebedingt, nicht minder. Auf ein Bernerwägele wurden die Brotlaibe gela­ den, Stollen wurden erst nach 1945 gebak­ ken. An drei Pferde, die jahrzehntelang die Last zogen, erinnert sich Christian Weisser bis heute: Fritz, der auf einem Auge blind war, Peter, der altersschwach an einem Herz­ schlag auf dem Heimweg zwischen Täler­ bauer und Bopper starb, und die feurige Fanni. Dreimal wöchentlich wurde die Tour gefahren. Einmal durch den Leutschenbach bis zur Dorfmitte und zurück, zweimal 107

durch Gremmelsbach, zur Bundesstraße, zur Steinbissäge, und über Nußbach, Bopper und Staude wieder nach Hause. Das Gefährt gehörte ganz selbstverständlich zum Stra­ ßenbild im Dorf. Christian Weisser kann Dramatisches erzählen. Im Winter mußte auf der Höhe erst der Weg freigeschaufelt werden, einmal benötigte man 14 Mann dazu, und auf der Bundesstraße beim „Römi­ schen Kaiser“ in Nußbach mußte das Brot vom Wagen auf den Schlitten umgeladen werden. Menschen und Tieren wurde die äußerste Kraftanstrengung abgefordert, des­ halb auch die ausdrückliche Erwähnung der Pferde. Es wurde immer darauf geachtet, daß wegen der Witterungsverhältnisse jeweils ein Vorrat an Mehl für ein Viertel bis ein halbes Jahr im Haus war. Schlimme Erinnerungen hat Christian Weisser an die Kriegszeit. Das Aufkleben der „Reichsbrotmarken“ war eine stundenlange Arbeit, als Klebstoff fand man, da es dafür keinen gab, schließlich „Eiwohl“, eigentlich 108 zum Einlegen der Eier hergestellt, als geeig­ net heraus. Nach den abgelieferten Marken wurde das neue Quantum Mehl berechnet. Dieses mußte von Hornberg herauftranspor­ tiert werden, und nachdem die Stadt bom­ bardiert worden war, befanden sich im Mehl Metallsplitter, so daß es gesiebt werden mußte. An Austausch war nicht zu denken. Beim Umsturz lagerten in der Bäckerei Weis­ ser 500 Zentner Mehl; aus Sorge darüber, es könnte gestohlen oder von der Besatzungs­ macht beschlagnahmt werden, wurde es an die Kunden verteilt und pfundweise für Brot wieder zurückgenommen. Neben aller Ar­ beit tat Familie Weisser immer auch allen, die es wünschten, den Gefallen, auf der war­ men Decke des Backofens Obst zu dörren, geschnitzte Äpfel und Birnen, sie brauchten eine Woche, ganze Zwetschgen gar zwei Wochen. Während es im Krieg nur Schwarz­ brot gab, begann der „Eckebeck“ bald nach 1945 mit Feinbackwaren, Lebkuchen gehör­ ten zu den ersten, Torten kamen hinzu, eine

besondere Spezialität ist die „Schwarzwälder Kirschtorte“, die eine Entwicklung von der Creme zur Sahne genommen hat. Auch Lau­ genbrezeln wird er in Bälde wieder anbieten. Der Radius seiner Kundschaft hat sich buch­ stäblich erweitert. Christian Weisser verkauft Backwaren auch in Triberg bis zur Oberstadt. Doch die Nachtarbeit ist geblieben, zweimal in der Woche beginnt sie um 1 Uhr und dau­ ert bis 8.30 Uhr in der Frühe. Die Technisierung hielt auch bei Chri­ stian Weisser Einzug. 1957 übernahm er, zwei Jahre nachdem er in Konstanz die Mei­ sterprüfung abgelegt hatte und ein Jahr nach dem Tod seines Vaters, den Betrieb. Er brach­ te das Brot mit einem Eicher-Traktor zur Kundschaft, später mit einem Unimog, heu­ te ist es ein VW-Bus. In jungen Jahren schaff­ te er mit dem Motorrad frühmorgens die Brötchen in einer Krätze in die Gasthäuser ,,Staude“, ,,Rößle“ und „Pflug“. Nicht genug: Christian Weisser fuhr auch zehn Jahre lang die Milch von den Bauern­ höfen zur Sammelstelle, und volle 30 Jahre bahnte er (1963-1993) einen Teil von Ge­ meindeverbindungsstraßen und Hofzufahr­ ten in Gremmelsbach bis in die äußersten Zinken. Selbstverständlich hat er auch innerbe­ trieblich investiert. Er hat eine Knetma­ schine für den Brot-, Mürb-, Süß- und Hefe­ teig, eine Rührmaschine für Tortenböden, eine Teigteilmaschine für die Brötchen und eine Rollfix für Stollen, Blätterteig und Hefe­ teig. In Ehefrau Friedhilde hat Christian eine Helferin von unverbrüchlicher Treue; die Freude beider ist, erleben zu dürfen, daß ihr Sohn Willi, nachdem er die Meisterprüfung abgelegt hatte, das Bäckergewerbe nunmehr in der dritten Generation fortführen will. Auch er wird – ein Glück für Triberg, Grem­ melsbach und Nußbach – wie Vater und Großvater den Kunden das tägliche Brot ins Haus bringen, er wird mit der gleichen Regel­ mäßigkeit wie sie für viele einen weiten Weg auf sich nehmen, die Familientradition fort­ führen und so die Menschen mit dem trotz aller Veränderungen und Verfeinerungen in den Essensgewohnheiten wichtigsten Grund­ nahrungsmittel versorgen. Nach vierzigjähriger Tatigkeit als Bäcker­ meister erhielt Christian Weisser im Früh­ jahr 1995 aus der Hand von Kammerpräsi­ dent Bernhard Hoch den Goldenen Meister­ brief. Die Auszeichnung der Handwerks­ kammer Konstanz wurde ihm bei der In­ nungsversammlung m VS-Villingen über­ reicht. Karl Volk Der grimmige Gremmelsbach/Untertal Helmut Groß 109

Wirtschaftsgeschichte Von 1934 bis 1942 Doggererzabbau in Blumberg Für das ehemalige 700 Einwohner zäh­ lende Dorf Blumberg auf der Baar war der Frieden bereits dahin, ehe die Nazis Europa in den Zweiten Weltkrieg stürzten. Das war im Jahre 1934. Ein Jahr zuvor hatten die Nazis in Deutschland die Macht ergriffen. Blumberg gehörte zu den ersten Opfern des Regimes. Jahrhunderte hatte die Gemeinde in einer heilen Welt gelebt. Allerdings auf einem Pulverfaß. Denn unter der Erdober­ fläche des weit verzweigten Gemeindege­ biets ruhten hunderte Millionen Tonnen Eisenerz. Das Wissen darüber stammte aus dem 16.Jahrhundert. Graf Friedrich zu Für­ stenberg ließ Mitte des Jahrhunderts das erste Erz abbauen. Nach dem 30jährigen Krieg hatte der damalige Landesherr Graf Franz Christoph von Fürstenberg in dem Bestreben, dem verarmten Land eine neue Erwerbsquelle zu erschließen, 1663 das erste Blumberger Hüttenwerk zur Erzgewinnung errichten lassen. Es förderte 2600 Tonnen Eisenerz. Indessen, die Kosten waren hoch, die Rentabilität mager und so wurde das Pro­ jekt wieder aufgegeben. Das war um die Wende des 17./18.Jahrhunderts. Die Betriebs­ gebäude wurden abgebrochen, die Hütten­ arbeiter verschwanden wieder. Blumberg sank in die friedliche Stille eines kleinen Pfarrortes zurück. Bis das Schicksal erneut an seine Pforten klopfte. Es war vor über 60 Jahren. Im Früh­ jahr des Jahres 1934 erschien der Saar-Indu­ strielle Kommerzienrat Dr. Hermann Röch­ ling in Blumberg, der im Auftrag der natio­ nalsozialistischen Reichsregierung die Ma­ schinerie des Erzabbaus im Blumberger Revier erneut in Gang setzte. Die Eisenerz­ vorkommen sollten im Zuge der Autarkiebe­ strebungen des Deutschen Reiches erschlos- 110 Er brachte den Erzabbau in Blumberg 1934 in Gang: Kommerzienrat Dr. Hermann Röchling, gestorben 1955. sen werden und damit der Saarhütten-Indu­ strie die Basis wieder geben, die sie durch den Verlust der lothringischen Minette einge­ büßt hatte. Unverzüglich wurde am Stoberg, Eichberg, Ristelberg und Lindenbühl mit Probeschürfungen in Form von vier Meter tiefen Gruben begonnen. Die Schürfko­ l01111e unter ihrem Vorarbeiter Otto Cosal­ ter, aus bäuerlicher Familie stammend, för­ derte Ende des Jahres 1934 am Stoberg täg-

Erstes Schürfkommando unter Otto Cosalter (Bildmitte} 1934 am Stoberg lieh zwei bis drei Waggons Eisenerz, die nach Völklingen/Saar geschickt wurden, wo die Techniker nach den wirtschaftlichsten Auf­ bereitungsmethoden forschten. Sie kamen zu dem Ergebnis, ,,daß wir die Erze an Ort und Stelle rösten und die dadurch um 20 Prozent ihres an sich geringen Eisengehalts anreichern und transportfähig machen müs­ sen. Die Verarbeitung müßte sich dann im einzelnen je nach den Einrichtungen der ein­ zelnen Werke vollziehen.“ So Kommerzien­ rat Dr. Hermann Röchling. Als erster Be­ triebsfuhrer kam 1934 der Steiger Karl Brei­ ing als erster Bergwerksinspektor nach Blum­ berg mit dem Markscheider Saßning im Gefolge, der die Erzlager kartierte. Blumbergs Bürgermeister T heo Schmid, ein Randener Bauern- und Handwerker­ sohn, der sich schon in jungen Jahren in der Welt umgesehen und es zum Architekten in staatlichen Diensten gebracht hatte, ehe ihn die Blumberger 1928 aufs Gemeindeamt beriefen, ahnte, was dies alles für Blumberg bedeuten und daß es mit der friedlichen Ländlichkeit fortan vorbei sein würde. Pflichtschuldigst hatte er die Reichsregie­ rung ja auf die reichen Erzvorkommen auf­ merksam machen müssen. Im Sommer 1935 erschien der Gauleiter Robert Wagner auf der Bildfläche und befahl, daß Blumberg Bergarbeiterstadt werden soll, während die Nachbardörfer in ihrer ländlichen Struktur zu erhalten sind. Nazigrößen wie auch der Reichsorganisationsleiter Dr. Robert Ley tauchten in der Folgezeit wiederholt in Blumberg auf. Dem Bürgermeister, der gleichzeitig auch Ortsgruppenleiter war, sei­ nen engen Mitarbeitern, Ratschreiber Max Schlenk und Gemeinderechner Karl Müller, und den Räten wurde eine gewaltige Bürde 111

…. I Bürgermeister in schweren Zeiten von 1928 bis 1945: Theo Schmid am Reißbrett in seinem Büro. Bäckermeister En“ch Knöpfte, erster gewählter Nachkriegsbürgermeister aufgeladen: Aus der dörflichen Gemeinde in rasendem Tempo eine Stadt zu formen, ge­ wissermaßen aus der Retorte, vom Reißbrett. An der ersten Stelle aller Überlegungen’stand nun die Beschaffung von Wohnraum für die vielen bergbaubedingten Zuwanderer. Blum­ berg wurde zu einem Schmelztiegel, wie manche Ruhrgebietsstädte im vorigen Jahr­ hundert. Es kamen Arbeiter aus dem Ruhr­ gebiet, aus Schlesien, von der Saar und aus Sachsen, später auch aus Polen, der Tsche­ choslowakei, aus Jugoslawien und Italien. Teils kamen sie freiwillig, teils wurden sie dienstverpflichtet. Die Zahl der Einwohner hatte sich bis 1945 verzehnfacht. Es fehlte dabei aber jegliche Infrastruktur für eine derart explosiv wachsende Gemein­ de. Zuerst werden Baracken zur Unterbrin­ gung der Arbeiter aufgestellt. Wohnsiedlun­ gen müssen erst aus dem Boden gestampft werden. Den einheimischen Grundeigentü- mern bleibt keine andere Wahl als Bauge­ lände zur Verfügung zu stellen. Kanalisation und Wasserversorgung müssen geplant und gebaut werden. Die Dorfschule hat nur zwei Klassen. Baracken werden auch hier als Pro­ visorium eingesetzt. Es fehlen Einrichtun­ gen wie Krankenhaus, Gemeinschaftshaus oder Badeanstalt. Es gibt zur Unterhaltung nur ein Kino. Eine einzige Metzgerei und nur vier Lebensmittelgeschäfte müssen die Versorgung der Bevölkerung sicherstellen. Daß es zu tätlichen Auseinandersetzungen kam, lag auf der Hand. Von der Wohnungsbaugesellschaft der 1936 gegründeten und 1940 unter Beteili­ gung des Reiches in eine AG umgewandelten Doggererz GmbH wurden ab 1937 bis 1940 1100 Wohnungen errichtet: an der Schwarz­ waldstraße, Tevesstraße, Kirchstraße, Im Winkel, Scheffelstraße. Im typischen Berg­ mannssiedlungsstil. 112

In ebensolcher Rekordzeit waren die Werksanlagen ab dem Jahre 1935 aus dem Boden gestampft worden, das Nordwerk am Stoberg und das Südwerk in Zollhaus. Durch eine 1200 Meter lange Förder­ brücke, die sich auf Stelzen über das Ried schwang, wurden die Werke miteinander verbunden. Vom Nordwerk liefen die mit Erz beladenen Rollwagen zum Südwerk, wo das Erz aufbereitet werden mußte, ehe es zur Verhüttung ins Saarland transportiert wurde. Die Förderziffern stiegen rapide von Jahr zu Jahr. Betrug die Menge des geförderten Erzes 1936 noch 19 600 Tonnen, stieg sie 1937 auf 157 000 Tonnen, 1939 auf 920 000 Tonnen und 1940 sogar auf 953 000 Tonnen. Der Zweite Weltkrieg war bereits im Gange. ,,Eisen schaffen für das kämpfende Heer“ – das war jetzt die Devise. Im Jahre 1941 war die Förderung allerdings auf 918 000 Tonnen Prokurist und Verwalter der Doggererz-Anlagen: Ernst Denzer. zurückgefallen. Mit Hilfe zahlreicher Pro­ duktionsverbesserungen sollte 1942 eine Re­ kordtonnage erreicht werden. Da trifft es die junge Bergbaustadt auf der Baar wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Der Reichsminister für Rüstung, Albert Speer, legt per Verfügung vom 10. April den Dog­ gererzabbau in Blumberg von einem auf den anderen Tag still. ,,Der Führer hat sich eben­ falls mit der Einstellung der Vorhaben ein­ verstanden erklärt“, teilt er lapidar mit. Das Reich verfügte zu diesem Zeitpunkt durch die Eroberungsfeldzüge der Wehrmacht über reichere und bessere Erzlager in besetz­ ten Gebieten, als sie in Blumberg vorhanden waren. „Es ist die große Tragik des Bergbaus in Blumberg, daß er ausgerechnet in dem Au­ genblick gedrosselt wurde, wo sich ein neues Abbauverfahren bergmännisch bewährt hat­ te und nur noch der Maschinisierung bedurf­ te, für die alle Voraussetzungen gegeben sind.“ So Bergwerksdirektor Dr. Bornitz an den Vorstand der Doggererz AG. Für Blum­ berg eine neue Katastrophe. Der Bürgermei­ ster alarmiert die Behörden und fordert Hilfe für die Gemeinde, ,,um die Erregungen und die grobe Mißstimmung der Bevölkerung zu beheben und das Vertrauen in die neue Hei­ mat und den Ausbau Blumbergs wiederzuge­ ben.“ Aber es bleibt dabei. In den Werksanla­ gen wird demontiert und das Material ande­ ren kriegswichtigen Betrieben zugeführt. Stoberg- und Eichbergstollen müssen zuge­ baut werden. Die ganze Abwicklung liegt nun in den Händen des Prokuristen Ernst Denzer. Er verwaltete bis zuletzt Grund und Boden und Immobilien der Doggererz AG. In Blumbergs schwerster Zeit blieb er der Gemeinde Ratgeber und Helfer. Um den Verlust an Industrie auszugleichen, bemühte sich die Gemeinde um neue Unternehmen. Mit der Firma Kopperschmidt aus Hamburg, die Plexiglaskanzeln für Flugzeuge herstellte, dem Minenbetrieb Otavi (Vanadium-Erzeu­ gung) und der Firma Teves (Produktion von Motorenteilen) konnte die wirtschaftliche Basis der Gemeinde in etwa wieder gestärkt 113

Von der Natur wieder eingeholt: Das Mundloch des Stoberg-Stollens von 1935. werden. Eine 1944 wegen Verlust der Erzvor­ kommen in den eroberten Gebieten erneut erwogene Abbauphase in Blumberg wurde durch das Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr praktikabel. In den ersten Monaten des Jahres 1945 gelangte abermals Abbaugerät in die Baar. Bevor jedoch eine regelmäßige Förderung in Gang kommen konnte, hatte die deutsche Kapitulation allen weitgespannten Erzab­ bauplänen ein Ende bereitet. Für Blumberg ist der Zweite Weltkrieg am 23. April 1945 nach tagelangem heftigem Beschuß zu Ende gegangen. Die Franzosen nahmen den Ort ein und besetzten das Rat­ haus. Unter Einsatz ihres Lebens, denn die SS trieb sich noch in der Gegend herum und machte in solchen Fällen meist kurzen Pro­ zeß, waren Ratschreiber Schlenk und Ge­ meinderechner Müller den Franzosen mit einer weißen Fahne bis Zollhaus entgegenge­ laufen, um schljmmeres Übel zu verhüten. Bürgermeister Theo Schmid war noch im Februar als Kompanieführer zum Volks­ sturm kommandiert worden. Nach dessen Auflösung hatte er sich weisungsgemäß einer deutschen Wehrmachtseinheit angeschlos­ sen. Über Randen sollte sie in Richtung Engen den Vormarsch der Franzosen aufhal- 114 ten. Mit ihr geriet Schmid in französische Gefangenschaft. Bittere Jahre warteten auf ihn. Ehe er Blumberg und sein „Lebensauf­ bauwerk“, wie er es nannte, verließ, hatte er Ratschreiber Max Schlenk als Nachfolger eingesetzt. Schlenk, Müller und Prokurist Ernst Den­ zer von der Doggererz AG, der fließend Fran­ zösisch spricht, verhandeln sofort mit den Franzosen. Denzer darf die Werksanlagen nicht mehr betreten. Die vom Volkssturm kurz zuvor auf Befehl noch zugesprengten Stolleneingänge müssen wieder geöffnet werden, verlangt die Besatzungsmacht. Gro­ ße Mengen wertvollen Geräts und Mascru­ nen waren in den Stollen verborgen und fal­ len nun den Alliierten in die Hände. Für Blumberg beginnt das schwärzeste Kapitel seiner jüngeren Ortsgeschichte. Es schien, als ob die auf allerhöchsten Befehl aus dem Boden gestampfte, halbfertige Stadt ganz allein die Folgen für die von der Nazi­ Regierung überstürzte Industrialisierung und ihren unorganischen Aufbau tragen sollte. Viele tausend Menschen hungern, Blumberg kann sie nicht ernähren, Betriebs­ stätten werden demontiert. Es gibt Über­ griffe. Bürgermeister Max Schlenk, Gemein­ derechner Karl Müller, der katholische

Stadtpfarrer Wieck und sein evangelischer Kollege Lohr und einige weitere entschlos­ sene Bürger, zu denen nach Rückkehr aus der Gefangenschaft auch Bäckermeister Erich Knöpfle gehört – er wurde 1946 erster frei gewählter Bürgermeister – arbeiten Hand in Hand, die größte Not für die Bevölkerung zu bannen. Diese schweren Jahre der Nachkriegszeit und die Aufbaujahre in Blumberg bilden ein besonderes Kapitel. Das wäre noch zu schrei­ ben. Damit nachfolgende Generationen die Zeit nicht vergessen. Zehn Jahre später. Die Stadt Blumberg hat sich nach dem Desaster erstaunlich gut kon­ solidiert. Auch wenn noch vieles zu leisten bleibt. Sie macht einen positiven Eindruck. Die Heimatzeitung „Südkurier“ beauftragte den Chronisten mit einer Darstellung über die Schicksalsjahre des Doggererzabbaus. Die jüngere Generation ahnt nämlich kaum noch etwas von den ungeheuren Problemen ihrer Heimatstadt. Auf der Spurensuche: In der Gemeinde leben noch die Persönlichkeiten, die Zeit- zeugen sind. An erster Stelle der integre und von der Bevölkerung anerkannte Theo Schmid. Er betrieb nun ein privates Architek­ turbüro. Die Bürger hatten ihn in den Ge­ meinderat gewählt. Er war Bürgermeister­ Stellvertreter. Da war auch der Otto Cosal­ ter, Leiter der ersten Schürfkolonne, nach dem Krieg städtischer Arbeiter. Der Proku­ rist Ernst Denzer, Verwalter von der Dogger­ erz AG. Sie hatten den Krieg überlebt. Max Schlenk, Karl Müller und Erich Knöpfle, Männer der ersten Stunde nach dem Krieg­ sie alle gaben bereitwillig Auskunft über die folgenschweren Jahre. Ihre Berichte fanden ihren Niederschlag in einer Berichtsreihe ,,Das Doggererz ist Blumbergs Schicksal“. Eine erste Dokumentation. Im Rathaus am­ tete nun Bürgermeister Karl Wilhelm Schmid. Er hatte große Aufgaben vor sich. Im Gemeindegebiet waren noch die stum­ men Zeugen dieser Jahre zu sehen: die Beton-Pfeiler der Förderbrücke, Stollenein­ gänge zu den Bergwerken. In ehemaligen Betriebsstätten hatten sich verschiedene Fir­ men etabliert. Am Eichberg hatte sich die 115

Erinnerung an die Bergbauzeit: Der „Schwarze Mann‘: ein Denkmal das Kommerzienrat Dr. Her­ mann Röchling 1940 gestiftet hat. 116

Schützengesellschaft einen Schießstand er­ richtet. Blumberg war auf einem guten Weg in eine neue Zeit. Abermals 30 Jahre später am gleichen Ort. Die Stadt ist eine hübsche und blühende Gemeinde auf der Baar geworden und auch größer. Frühere Nachbargemeinden wurden nach der Gebietsreform ihrem Stadtgebiet eingegliedert. Sie besitzt so etwas wie städti­ sches Flair, hat nun wohl fast alle Einrichtun­ gen, die sie sich einst in ihrer Pionierzeit gewünscht hat: Modeme Schulen, Sportstät­ ten, Sportzentrum, Freibad, Geschäfte, Gast­ stätten, Hotels. Aus den typischen Bergar­ beitersiedlungen sind schmucke, blumenrei­ che, moderne Straßenzüge geworden. Blumberg wuchert mit seinen Pfunden: Mit der landschaftlich reizvollen Lage inmit­ ten seiner Hausberge, den zahlreichen Wan­ der- und Erholungsmöglichkeiten, der Nähe zur Schweiz, mit der einzigartigen Muse­ umsbahn, die viele zur Mitfahrt verlockt. Auch ein Eisenbahn-Museum ist inzwischen dazu gekommen (vgl. Almanach 95, Seiten 153-158). Für die Stein- und Mineralien­ sammler ist das Gebiet ein Eldorado gewor­ den. Sie kommen aus ganz Deutschland. Nur noch wenig erinnert an die Doggererz­ Zeit. Die allmächtige Natur hat ihre Zeugen in der Landschaft allmählich gnädig über­ wachsen. Das Tagebaugelände am Ristelberg wurde von ihr zurückerobert. Es mutet wie eine Urlandschaft an. Die meisten Persön­ lichkeiten aber, die die Jahre des Erzabbaus von Beginn an miterlebt haben, deckt der kühle Rasen. Die Doggererz AG existiert nicht mehr. Es hatte sich Ende der 60erJahre die Erkenntnis durchgesetzt, daß in der Baar wohl nie mehr Erz gefördert würde. Die AG wurde 1973 wieder in eine GmbH umgewan­ delt. Der Immobilienbesitz wurde verkauft und 1978 wurde das Unternehmen durch die Gesellschafter liquidiert. Aber sichtbar in der Stadt erinnert das von Kommerzienrat Hermann Röchling 1940 gestiftete, aus Blumberger Erz geschaffene, Bergmannsdenkmal an der Einmündung der Berg- in die Tevesstraße an die Zeit des Dog- gererzabbaus und an die schweren Jahre in Blumberg. Könnte es reden, würde es dies vielleicht mit den Worten von Peter Bernard tun, einem der ersten Saarbergleute in Blum­ berg: ,,Allen, die in späteren Tagen aufBlum­ bergs Straßen gehen und hier leben, möchte ich sagen: Blumberg hat seine Schicksals­ probe gut bestanden. Seine Straßen haben ein festes Fundament von Blut und Tränen, von Freud und Leid, von Fleiß und Aus­ dauer. So sage auch ich als Bergmann von der Saar, und ich glaube im Namen aller zu sprechen: Blumberg und das Doggererz waren unser Schicksal.“ Arthur Lamka Literaturangaben: Arthur Lamka: Das Doggererz ist Blumbergs Schicksal, 15teilige Berichtsserie im „Süd­ kurier‘: Ausgaben vom 24. November 1959 bis 12. Dezember 1959 für den Bezirk Donau­ eschingen. Berichte von Zeitzeugen. Doggererzakten. Bürgermeister Karl Müller, Niederschrift der Gemeinde zur Entwicklung Blumbergs aus Anlaß des Baus eines Fabrikgebäudes der Firma Spinnerei Lauifenmühle KG Tiengenl Oberrhein, 27 August 1949. Günter M. Walcz, Doggererz in Blumberg, das ungewöhnliche Schicksal einer Stadt – ein Kapitel deutscher Bergbaugeschichte, im Ver­ lag des „Südkurier“ Konstanz, 1983. Jürgen Henckel/, Blumberg vom Erzbergbau geprägt, Bericht im „Südkurier“ vom 28. Februar 1989. Roland Peter, Auf dem Reißbrett entsteht am Rande des Schwarzwalds ein Mini-Ruhr­ gebiet, ,.Schwäbische Zeitung“, 30. März 1994. Wo!f Ingo Seidelmann, Badische Eisenerz­ politik und Pläne zum A ujbau einer Montan­ Industrie (1917-1978), in „Zeitschrift.für die Geschichte des Oberrheins·: 142. Band, 1994. Stadt Blumberg, Blumberg zwischen Schwarz­ wald und Schweiz – Einladung zur Erholung. Fremdenverkehrsprospekt, Text von Jürgen Henckel/, Blumberg, ohne Jahresangabe. 117

Aus der Geschichte der Elektrizität in St. Georgen und Umgebung Vorreiter in der Verbreitung der Elektrizi­ tät in unserem engeren Raum war die Stadt Triberg. Bereits Ende des Jahres 1883 wurde die Gießhalle der Fa. Gebrüder Siedle mit elek­ trischem Licht einer einzigen Bogenlampe, System Gram, beleuchtet. Im Mai 1884 wur­ den auf dem Marktplatz zwei Bogenlampen aufgestellt. Noch im gleichen Monat geneh­ migte der Bürgerausschuß die Mittel für eine elektrische Straßenbeleuchtung, welche n0ch im selben Jahr die Nächte von Tri­ bc cg erhellte. Sogar die „Kölnische Zeitung“ ruhmte 1885 Triberg, weil die Stadt „ihr Bo­ genlicht nicht auf rohe Weise durch Dampf­ maschinen, sondern mittels der nichtsko­ stenden Wasserkraft“ erzeugte. Es spricht für eine schnelle Verbreitung dieser Erfindung, wenn man bedenkt, daß 1877 die Straßenbeleuchtung in Paris instal­ liert wurde, die erste Kohlefaden-Glühlampe mit Schraubensockel 1879 erfunden und das erste elektrische Kraftwerk von Th. A. Edi­ son 1882 errichtet wurde.1893 wurde von Tri­ berg aus Hornberg mit hochgespanntem Drehstrom beliefert. Furtwangen beteiligte sich noch im selben Jahr daran. 1896 wurde mit der Gemeinde Schönwald ein Stromlie­ ferungsvertrag abgeschlossen. Noch 1896 führte die finanzielle Notlage der Fa. Meiß­ ner & Co. zur Gründung der Elektrizitäts­ gesellschaft Triberg (EGT). St. Georgen stand etwas abseits dieser Ent­ wicklung, obwohl es im Jahre 1900 mit 3520 Das erste Elektrizitätswerk in St. Georgen wurde 1898 erbaut. Aufnahme aus dem Jahre 1908 118

Das 1949 neuerbaute Schallhaus in St. Georgen und die Fa. Staiger vor dem Umbau um 1970 sogar 600 Einwohner mehr hatte als Triberg. Erst 1896 wurde die Fa. 1. G. Weisser mittels eines Gleichstrom-Dynamos mit Bogen­ und Glühlampen elektrisch beleuchtet. Damit war sowohl in Triberg als auch in St. Georgen die Industrie der Innovations­ agent der Elektrizität. In St. Georgen hat man die Möglichkeit gehabt, sich vor der Errichtung der öffentlichen Beleuchtung an Ort und Stelle über die Wirkung der elektri­ schen Beleuchtung zu überzeugen. 1897 äußerte der Gemeinderat den Wunsch nach elektrischer Beleuchtung. Im März 1898 wurde mit der EGT ein Stromlieferungsver­ trag unterschrieben und bereits am Sonntag, dem 5. Februar 1899, fand die Probebeleuch­ tung der Stadt St. Georgen statt. Triberg nutzte die Wasserfalle zur Erzeu­ gung von Strom. Ein Teil der elektrischen Versorgung von St. Georgen wurde direkt von Triberg durch elektrische Leitung ge­ währleistet. Zwischen EGT und Brigach wurde ein Vertrag am 1. Mai 1899 unter­ schrieben, da die Leitung entlang der Bun­ desstraße durch Sommerau verlief. In dem EGT-Werk St. Georgen wurde zusätzlich ein Lokomobil mit 75 PS aufgestellt und im Jahre 1900 noch eins mit 150 PS. Im Jahre 1904 wurden an das E-Werk bereits 37 Elek­ tromotoren und an die 1200 Lampen ange­ schlossen. Die Beleuchtung wurde auch zu festlichen Anlässen genutzt. Während des großen Festes zur Einweihung des Krieger­ denkmals 1904 machten sich „die verschie­ denen Illuminationen“ recht schön. Die Erwartungen waren groß. Bereits ei­ nen Monat vor der Einweihungsfeier druck­ te der „Brigach-Bote“ am 5. Januar 1899 ein Gedicht des Hauptlehrers W. Wiedemann ab: 119

Elektrisch Licht! Hurrah, Blitz! Elektrisch Licht! – (Wie’s der „neuen“ Stadt entspricht) – Finsternis ist überwunden, Und die Nächte ganz verschwunden! Glücklich hat nun Sankt Georgen Ewig seinen „hellen“ Morgen; Schwere „Affin in der Nacht“ Werden sicher heimgebracht. – Jetzt noch eine Drahtseilbahn Aef den Berg zum „Adler“ ran, Fortgefahrt in die „ Türkei‘: ‚1 Daß die „ Großstadt „fertig seif Helle also ist die Stadt, Helle Bürgerschaft und -Rat, Mögen helle Bier und Wein, Hell die ganze Zukunft sein! •) Türkei = Gewann in St. Georgen Elektrizität in der Umgebung So gelang es St. Georgen, noch rechtzeitig den Sprung in das 20. Jahrhundert mit Hilfe des elektrischen Stroms zu schaffen. In Villingen wurde das Elektrizitätswerk erst 1905 errichtet. 1903 wurde Schonach an die EGT angeschlossen, 1910 Niederwasser und erst nach dem Krieg, 1919, Nußbach. Der Energiebedarf stieg also stetig, so daß die EGT 1913 mit dem Kraftwerk Laufenburg einen Fremdstrombezugsvertrag abschloß. Dadurch wurde die Eigenversorgungsanlage in St. Georgen bedeutungslos und nach und nach stillgelegt, schließlich zu einem Um­ spannwerk umfunktioniert. 1920 wurde die Fernleitung Triberg – St. Georgen aufl5 000 Volt umgebaut. Zwei Jahre danach, Ende 1922, kam es zu einer grundsätzlichen Änderung der Gesell­ schaftsform von EGT. Die Städte Triberg, St. Georgen, Furtwangen, Hornberg und die Gemeinde Schonach wurden gemeinsam zur Hälfte an der EGT beteiligt und das Stammkapital der Gesellschaft neu geregelt. Auch die an St. Georgen anljegenden Ge- 120 meinden wünschten elektrische Versorgung. Doch sind die Konditionen der EGT fur den Strombezug anders geworden wie am An­ fang. Die Gemeinden mußten diesmal ihre Ortsnetze selbst aufbauen und unterhalten, was fur die durchaus armen Gemeinden mü einer erheblichen finanziellen Belastung ver­ bunden war. So brachte z.B. die Gemeinde Brigach im Jahre 1919 nur ein Drittel der ver­ anschlagten Kosten auf. Den anderen Ge­ meinden erging es nicht anders. Nur Som­ merau war, seiner Lage wegen, Nutznießer der 1899 erbauten Fernleitung nach St. Geor­ gen. Bereits 1904 bekam der Sommerauer Bahnhof ein Anschluß, die Sommerau aber erst 1921. Die Höfe in Brigach wurden inzwi­ schen Eigenversorger. Nach einer Werbe­ aktion des Bezirksamtes Villingen, Mitte der zwanziger Jahre, entschlossen sich die Ge­ meinden zum Strombezug. Die Gemeinden sind damals nicht reicher gewesen als im Jahre 1919; die Anschaffungskosten wurden etwas günstiger. Nachdem die Gemeinden selbst, oder wie in Brigach durch eine neugeschaffene Strombezugsgesellschaft, die Ortsnetze hat­ ten aufbauen lassen, wurde 1925 Langen­ schiltach, 1928 Brigach, Oberkünach und Peterzell an die EGT angeschlossen. 1939 wurden die Ortsnetze der Gemeinden von der EGT aufgekauft. Während des Bombenangriffs am 22. 2. 1945 wurde in St. Georgen die Schaltanlage vollständig zerstört. Erst 1949 konnte das neuerbaute Schalthaus in St. Georgen in Betrieb genommen werden. In den 50er und 60er Jahren wurden mehrere Trafostationen in St. Georgen aufgestellt und die Leitungen unterirdisch verlegt. Da das Werk in Laufen­ burg keinen weiteren Strom mehr für den ansteigenden Bedarf liefern konnte, wurde mit dem Badenwerk ein Vertrag über den Bezug des elektrischen Stromes abgeschlos­ sen, welcher ab 1957 in die elektrische Lei­ tung einfließt. Seit dieser Zeit wird das Netz der EGT gering von Triberg, vor allem aber aus Offenburg gespeist. Dr. Carl Heinz Ciz

Geschichte Aus dem letzten Jahr der Selbständigkeit des Fürstentums Fürstenberg Die Redaktion des Almanach freut sich, einen weiteren Beitrag aus der Feder des bekannten Rechtshistorikers Professor Dr. Bader veröffentli­ chen zu können, der am 2Z Augi1st 1995 seinen 90. Geburtstag begehen konnte. Professor Dr. Bader, der in Waldau im Hochschwarzwald geboren ist und seine frühe Jugend in Gutmadin­ gen verbrachte, ist mit unserem heimatlichen Raum immer engverbundengeblieben. lmAlma­ nach 81 (Seiten 1491150) wurde er daher zu Recht als Persönlichkeit der Heimat gewürdigt. Das „Donaueschinger Wochenblatt für sämtliche Hochfürst!. Fürsten bergische Lan­ de“ – so der Titel des fürstenbergischen Amtsblatts in den Anfangsjahren des 19 .Jahr­ hunderts – ist eine von der Landes- und Hei­ matgeschichte eher wenig benutzte, für ver­ schiedene Sparten ergiebige Quelle. Mir lie­ gen die Lieferungen Nr.21 bis 25 vom 22.Mai bis 19.Juni 1805 vor, deren Hauptinhalt die anschaulichen Berichte über den „Einzug“ des nach dem überraschenden Tode des letz­ ten Reichsfürsten Karl Joachim (17. Mai 1804) zum Erbfürsten gewordenen knapp neun­ jährigen Prinzen Karl Egon (als Reichsfürst der Zweite dieses Namens nach dem Groß­ vater aus der Böhmischen Sekundogenitur) darstellen. Der seiner Erscheinung und sei­ nem Wesen nach noch eher dem Kindes- als dem Jünglingsalter zugehörige, nach dem Tod von Fürst Karl Aloys in der Schlacht bei Liptingen-Stockach 1796 vaterlose Erbe überschritt am Vormittag des 19. Mai 1805 mit großem Gefolge die Grenze des Fürsten­ tums bei Neufra, um die östlichen Teile der „fürstlichen Lande“ – eher ein Gebietswürfel als ein geschlossenes Territorium (clausum) – nacheinander in Augenschein und Besitz zu nehmen. Ranghöchste und, wie sich in Landgraf Joachim zu Fürstenberg von Weitra­ Wien (1749-1828) den folgenden Jahren überdeutlich heraus­ stellen sollte, wichtigste Begleiterin war die Fürstinwitwe Elisabeth geb. Fürstin (nicht Prinzessin!) von Thurn und Taxis, eine Frau von scharfem Profil und hohen geistigen Ga­ ben. Gesetzlicher Vormund und Landesver­ weser war der in Weitra bzw. Wien woh­ nende LandgrafJoachim Egon, dessen in der Folge nicht immer leichte Aufgabe es war, sich mit der Fürstinmutter in Erziehung und Fortbildung des Jungfürsten zu teilen und gleichzeitig das Geschick der gefährdeten Herrschaft im de forma noch bestehenden Reich und im aufziehenden Kaisertum Na­ poleons zu leiten. Er und seine Gemahlin gehörten mit weiteren Mitgliedern seiner 121

Familie zum Gefolge, zu dem aber auch zwei nachmals heftig rivalisierende Männer zähl­ ten: der (wie man in Donaueschingen sagte) ,,allmächtige“ Präsident Kleiser von Kleis­ heim, von Hause aus ein Bauernsohn aus dem Urachtal, und der jung-schöne Forst­ mann Joseph Freiherr von Lassberg, über dessen Rolle gerade in unseren gegenwärti­ gen Tagen viel gesprochen und geschrieben worden ist. So zog man von Neufra über Meßkirch, Hohenhewen-Engen, Möhringen und Geisingen nach Donaueschingen, je­ weils fast überschwenglich begrüßt von der aufgebotenen Bevölkerung, Geistlichkeit und Beamtenschaft. Und wie sehen nun die Formen dieser Huldigungen aus? Ein wenig wird man an Fronleichnam oder an die Kirchweih erin­ nert. Auf der Landstraße vor dem DorfNeu­ fra unweit Riedlingen „war eine sehr schön gemalte Ehrenpforte errichtet, neben wel­ cher die bürgerliche Infanterie in blauer Uni­ form mit rothen Aufschlägen unter Beglei­ tung türkischer Musik“ – Vorläufer heutiger Blechmusik – ,,paradiert.“ Chöre von Mäd­ chen und Knaben in Landestracht, mit Krän­ zen geschmückt, ,,verherrlichen das länd­ liche Fest. Die Mädchen streuen Blumen, überreichen Blumensträuße, und der kleine achtjährige Sohn des Herrn Rathes und Rentmeisters .. . übergab nach einer kurzen Anrede Seiner Erlaucht dem Herrn Landgra­ fen . .. eine auf höchstdero Ankunft verfaßte Ode.“ So begrüßen „die redlichen Unterta­ nen ihren weisen und väterlich milden Lan­ desadministrator.“ Auf seine „hohen Ein­ sichten und rastlose Tätigkeit für das allge­ meine Beste“ wird für die Zukunft vertraut. ,,Sie leben, sie leben!“ schrie die gegenwär­ tige zahlreiche Volksmenge. So geht der Zug in Flecken und DorfNeufra hinein, und von dort aus wiederholen sich an allen Stationen des Einzugs die offenbar sorgfältig von Obervögten und Dorfschultheißen angeord­ neten und überwachten Begrüßungsfeiern. In Meßkirch reitet der Forstmeister und ein Oberjäger mit sieben berittenen Revierjä­ gern dem Zug entgegen, und selbst die ver- 122 Elisabeth, Fürstin zu Fürstenberg (1767-1822) witwete „Fürstin-Großmama“, die zweite Gemahlin des unvergessenen Reichsfürsten Joseph Wilhelm Ernst, des Einigers der für­ stenbergischen Lande, die ihren Gemahl um beinahe 50 Jahre überleben sollte, schickt zur Verschönerung des Zuges einen mit sechs Pferden bespannten „sehr geschmack­ vollen Wagen“. Das Schauspiel erneuert sich an den verschiedenen Herrschaftsmittel­ punkten mit sorgsamer Wiederholung aller Einzelheiten in Form und Farben. In Donau­ eschingen ist es schließlich die „bürgerliche Garde“ in roten Uniformen, die unter be­ ständigem Kanonendonner die Reisenden bis in den Schloßhof eskortiert. Das ganze Zeremoniell wäre einer eigenen selbständi­ gen Studie wert: Hofkultur und Volksbräu­ che verbinden sich, wie es in Donaueschin­ gen übrigens durch das gesamte 19.Jahrhun­ dert trotz Mediatisierung und Achtundvier­ ziger-Revolution geblieben ist. Eine andere Frage ist es, was sich das für­ stenbergische Volk bei alldem dachte und was es erwartete. Leise Zweifel werden laut, auch wenn sie im „Wochenblatt“ nur in Bei-

läufigkeiten zum Ausdruck kommen. Man ist gut fürstenbergisch und setzt auf den klei­ nen Karl Egon, weil man, im ganzen zufrie­ den, Angst vor der unbekannten nahen Zu­ kunft hat. Daß die Souveränität des Hauses höchst bedroht war, ist schon in diesem Zeit­ punkt niemand entgangen. Man wollte aber doch eher bei dem Bestehenden bleiben, statt auf Baden und Württemberg abzustel­ len und mit neuen Behörden und Beamten sich abmühen zu müssen. Daß man mit neuen Abgaben rechnen mußte, lag in der Luft – schon die Säkularisierung der Klöster und Hochstifte sprach von bisher unbekann­ ter direkter Besteuerung. Daß im Fürstentum selbst wacker mitsäkularisiert wurde, um, mit Kleiser zu sprechen, anderen zuvorzukom­ men, war ein böses Omen. Die einheimi­ schen Klöster waren zwar im ganzen eher un- Fürst Karl Egon II. zu Fürstenberg (1796-1854) im Ornat des Ritters des Ordens vom Goi.denen Vlies. bedeutend gewesen, sie hatten aber doch gerade der ärmeren Bevölkerung caritativ beigestanden. Alles in allem: die patriarchali­ schen Verhältnisse waren nicht in allem beliebt, aber doch bequem. Republikanische Gelüste, wie sie in den neunziger Jahren des eben vergangenen Jahrhunderts von einigen Hitzköpfen mehr oder minder offen geäu­ ßert worden waren, hatten sich in den Kriegs­ jahren 1796 und 1799 verflüchtigt, echte Jakobiner waren im Fürstenbergischen selten anzutreffen, auch wenn im Gefolge der neu­ fränkischen Patrioten im Kinzigtal oder im Stühlingischen sogar unter den Augen der Obervögte Freiheitsbäume errichtet – und nach Abziehen des „Feindes“ wieder prompt beseitigt worden waren. Der Landesadmini­ strator war ein guter Österreicher, von dem man in der Tat nichts Böses zu erwarten hatte, aber in der fürstlichen Großfamilie waren die Neigungen eher gespalten. Als die Dinge sich schlecht entwickelten, schickte man die verwitwete Fürstin Karoline nach Paris, um am neuen französischen Hof gut Wetter zu machen; aber sie mußte nach dem Kniefall vor dem Despoten aus Napoleons Mund vernehmen, man wisse wohl, daß das Haus Fürstenberg stets „ein wenig österrei­ chisch“ gewesen sei. Kleiser selbst gab von sich, es sei eben ein Jammer, daß der junge Fürst ein Knabe und für eine Napoleonidin nicht heiratsbereit sei! Im „Wochenblatt“ war von alldem natür­ lich mit keinem Wort die Rede. Dort wurde vorerst noch streng fürstenbergisch geschrie­ ben. Die Zeiten eines regen Journalismus waren noch nicht gekommen, amtliche Er­ lasse füllten die sparsamen Seiten. Über Prei­ se und Löhne wurde ein wenig berichtet, Marktzeiten angekündigt, die Leistungen der Brandversicherung gebührend geprie­ sen. Selten, daß ein mitmenschlicher Zug zum Vorschein kam, so wenn in der Sparte „Gerichtliche Bekanntmachung“ unter dem 7.Juni von einem Blumberger Ereignis mit einigem Mitgefühl berichtet wurde, es seien in einem vom Mühlebach gebildeten „Gum­ pen“ zwei Blumberger Schulknaben ertrun- 123

ken, dieweilen die Kameraden achtlos dem Glockenton folgend nach Hause liefen. In meiner inzwischen aufgelösten Hand­ und Hausbibliothek befand sich, unter Nr. 197 schon 1930, also in meiner „vorfürsten­ bergischen“ Zeit erworben, ein jüngerer Jah­ resband des Wochenblattes, das 1808 nun als ,,Fürstlich-Fürstenbergisches Bezirksblatt“ zu seinem Eingang einen „Herzenswunsch“ des Redakteurs vorbrachte. Er galt jetzt in erster Linie dem „Landesvater“ Karl Fried- rich von Baden, daneben (aber dahinter) auch dem nun zur „Standesherrschaft“ ge­ wordenen einheimischen Hause Fürsten­ berg. Der gereimte Spruch fügte immerhin freundlicherweise hinzu: ,,Ich wünsche k: dem guten Untertan Zufriedenheit und Glück auf seiner Bahn“. Sich selbst erbat der bescheidene Reimverfasser „die werthe Gunst von Jedermann“. Prof. Dr. Karl S. Bader, Zürich Vor 200 Jahren: Kriegsnöte auf der Baar Aus dem Tagebuch des F. F. Archivars Merk 1796 Zwar ist 1996 bei weitem kein so wichtiges Gedenkjahr wie das letzte mit der fünfzig­ jährigen Wiederkehr des Endes des Zweiten Weltkriegs. Aber auch dieses Jahr gibt Anlaß zurückzublicken – waren doch weite Teile Europas vor 200 Jahren ebenfalls durch Krieg belastet, wenn auch auf eine Weise, die uns heute fast harmlos anmutet und es doch für die betroffene Bevölkerung überhaupt nicht war.Jener Krieg gehört zu den Erschüt­ terungen, die die Französische Revolution in Europa auslöste. Seite 1792 befand sich das revolutionäre Frankreich mit Österreich und Preußen im Krieg; nachdem Preußen im Sonderfrieden von Basel 1795 aus der Koali­ tion gegen Frankreich ausgeschieden war, richteten sich die französischen Stöße kon­ zentriert gegen Österreich. Die Folge war, daß Zehntausende von Soldaten, Franzosen wie Österreicher, in immer neuen Wellen auch durch unsere Gegend zogen und ihre Bewohner weniger durch Kampfhandlun­ gen, aber durch Einquartierungen, Requisi­ tionen und Plünderungen bedrückten. Der fürstenbergische Archivar ]. P. Merk hat 1789-1798 ein ausführliches Tagebuch der „Kriegsvorfallenheiten“ geführt; mit seiner Hilfe können wir die Ereignisse jenes Jahres 1796 und dabei auch die Gefühle und Nöte der Menschen auf der Baar noch einmal nacherleben. 124 Am 24.Juni 1796 überschritt eine franzö­ sische Armee unter dem General Moreau bei Kehl den Rhein und rückte über den Kniebis nach Württemberg vor. ,,Mit diesem Tag“, schreibt Merk, ,,[nahm] auch die höchste Stuffe des Elends ihren Anfang“ [91]. Als die Kunde davon am 4.Juli in Villingen eintraf, herrschte große Bestürzung, und zahlreiche Bürger flohen in die Schweiz. Das war keine übertriebene Panik; denn nur eine kurze Zeit lang hatten sich die Franzosen als Befreier unterdrückter Völker verstanden – schon längst kamen auch die Soldaten der Repu­ blik als Eroberer ins Feindesland. Zunächst jedoch wurde die Stadt mit „Kaiserlichen“ belegt; auch das auf kaiserlicher Seite kämp­ fende Emigrantencorps des Prinzen Conde tauchte wieder, wie schon 1792/93, in Villin­ gen auf, zahlte diesmal aber nicht, sondern mußte von den Bürgern unentgeltlich ver­ pflegt werden, wie alle anderen Soldaten auch. Diese Truppen zogen sich vor einer Unterabteilung der Moreau-Armee zurück, die am 21. Juli in die Stadt einrückte. Ihr General Jordis, der im Benediktinerkloster logierte, hatte seine Soldaten zwar im Griff, aber er verlangte riesige Mengen an Getreide, Heu, Stroh und Geld. In Donaueschingen lösten die Nachrichten von diesen Ereignis­ sen äußerste Besorgnis aus – ,,jeden Tag wuchß die Angst und Schröken für die Be-

Zechende französische Grenadiere werden von österreichischen Husaren überfallen. Johann Baptist Seele, Öl 1800 wohner hiesiger Gegend“, so Merks Kom­ mentar vom l.Juli 1796 zum Vorrücken der Franzosen auf den Kniebis. ,,Serenissimus regnans samt dero Frau Gemahlin und ein kleiner Hor‘ bereiten ihre Flucht auf den Heiligenberg vor und reisen am 4.Juli dort­ hin ab. Sämtliche fürstlichen Beamten aller­ dings werden „bey Verlust ihres Dienstes ver­ pflichtet, auf ihren Posten zu bleiben und den Unterthanen mit Rath und That zur Seite zu stehen.“ Allerdings schaffen sie ihre Wertsachen in die Schweiz, und der Fürst hat „die höchste Gnade, die Bestreitung der Kösten zu übernehmen“ [94]. Aus der Flucht des Fürsten, ,,der immer bies auf die äußerste Gefahr im Land zu bleiben versi­ cherte, schlosse man . .. auf die Nähe der Ge­ fahr, und wer bies nun herzhafft war, wurde in diesem Augenblick kleinmüthig“ [96]. Jetzt wird ein schon lange gedruckter Aufruf an die Bevölkerung verteilt. ,,Die Untertha- nen wurden hierin ermahnt, sich bei Eintritt des Feindes ruhig zu verhalten“ – Ruhe ist auch hier schon, wie überhaupt in den Krie­ gen dieser Jahre, auf deutscher Seite erste Bürgerpflicht … In diesem Zusammenhang fällt immer wieder auf, wie das Kriegsgeschehen von den Beteiligten und Augenzeugen, auch von dem Chronisten Merk, als übermächtiges Geschehen erlebt wird, das über eine Gegend hereinbricht, das man erdulden muß, an dem man nichts ändern kann. Von einer Par­ teinahme für die kämpfenden Seiten ist kaum etwas zu spüren; die Menschen hier haben kein Anliegen in diesem Krieg außer dem, möglichst verschont zu bleiben. Ent­ sprechend gering ist auch die Bereitschaft, selber zu den Waffen zu greifen. Am 11.Juli erlassen das „Ausschreibamt“ des Schwäbi­ schen Kreises und die vorderösterreichische Regierung in Konstanz einen Aufruf, ,,daß 125

bey gegenwärtiger Gefahr für das Deutsche Reich alle streitbare Manschafft aus den Reichsbesitzungen zwischen 20 und 40 Jah­ ren sich unverzüglich … bewaffnen und auf dem Samelplatz Donaueschingen zu Ret­ tung des Vatterlandes erscheinen solle“ [102]. Aber was ist denn des fürstlich-fürstenber­ gischen, was ist des kaiserlich-vorderöster­ reichischen Untertanen Vaterland? Schon 1793 mußte das Amt Löffingen berichten, daß es keinen einzigen freiwilligen Rekruten für das Schwäbische Kreiskontingent habe anwerben können. Jetzt ist auch die F. F. Re­ gierung der Ansicht, daß es für Gegenwehr schon zu spät sei; man setze sich dadurch nur der Rache des Feindes aus. Serenissimus gibt vom Heiligenberg aus seinen Beifall zu dieser Auffassung, und so sind Errichtung und Bewaffnung eines Landsturms in dieser Situation gänzlich unterblieben. Angesichts der vorrückenden Franzosen wich die kaiserliche Armee nach Osten aus; die ganze Nacht vom 18.auf den 19.Juli mar­ schierten Kolonnen durch Donaueschin­ gen. Viele Soldaten quartierten sich dabei bei Bürgern ein „und saufften in den Würthshäu­ sern, ohne einen Kreuzer zu zahlen“ [109]. Leider zieht aber das kaiserliche Heer nicht zügig ab, sondern schlägt zunächst in der südlichen Baar sein Lager auf. ,,Die ganze Länge unten am Fuß ist mit weißen Zeiten bespikt“, beobachtet Merk. Die Menschen machen sich deshalb große Sorgen, einmal, weil weitere Lieferungen an diese Armee sie in den Ruin treiben, aber auch, weil Kampf­ handlungen mit den Franzosen die Ernte auf den Feldern vernichten würden. Deshalb ist man sehr erleichtert, als die Kaiserlichen endlich im Laufe des 21. aus dieser Gegend verschwinden. Die letzten, die noch in Do- Badendes Mädchen, das mit dem Pferd eines verfolgenden Franzosen flieht. Johann Baptist Seele, Öl, um 1802 126

naueschingen ausharren, sind eine Abtei­ lung Conde-Soldaten bei der Sebastians­ kapelle. Diese zieht sich erst am Abend des­ selben Tages zurück, zertrampelt dabei blü­ hende Wiesen und „überlließ ins endlich dem Feinde, nach [sie] sich noch zuvor auf unsere Kosten recht satt gefressen und gesof­ fen hatte“ [117]. Auf ihrem Rückzug reißen diese Emigranten die Umzäunung des fürst­ lichen Wildgeheges in den Unterhölzern nieder, schießen rund 50 Stück Wild ab und rauben den fürstlichen Forstaufseher aus. ,,Nun standen wir ganz verlassen zwi­ schen freund- und feindlichen Trouppen und zitterten vor Angst über das uns bevor­ stehende Schicksal“ [111]. Man hielt es in Donaueschingen für ratsam, jetzt eine Depu­ tation zu dem „Frankengeneral“ nach Villin­ gen zu entsenden. Sie kam mit der Nachricht zurück, die Franzosen hätten bei ihrem Ein­ marsch in Villingen Kaufläden und Wirts­ häuser geplündert, und man riet, in Donau­ eschingen entsprechende Vorsorge zu tref­ fen. Im übrigen versprach GeneralJordis, die Franzosen kämen als Freunde und Brüder und würden jedes Bürgers Person und Eigen­ tum schützen [120]. Bald stellte sich heraus, daß man an den falschen geraten war: Jordis zog nämlich mit seiner Armee in Richtung Hochemmingen -Tuttlingen weiter; Donau­ eschingen hingegen wurde am 28.Juli von der Armee des Generals Ferino besetzt, die mit 14 000-15 000 Mann von Neustadt­ Löffingen her anrückte. Bei ihrem Ein­ marsch sah man „von hier bies Hüfingen … nichts als eine blaue Reihe von Trouppen und Kanonen“ [126]. Leider hatte man einen Fehler begangen: Man war dem Herrn, pardon dem Bürger General nicht entgegengezogen, um ihn mit einer hübschen Summe Geldes wohlwol­ lend zu stimmen. Die Folge war, daß er trotz des schönen Sommerwetters kein Lager auf­ schlug, sondern verlangte, daß alle seine Sol­ daten in Donaueschingen einquartiert wür­ den. So „traff es den ärmsten Bürger [mit] wenigstens 12 Mann, jeden Beamten [mit] 3-4 Officiers, und die Residenz war gesteckt voll.“ Täglich wurden 3 000 Flaschen Wein und 6 000 Flaschen Bier gefordert. Außer­ dem mußten sofort 1 600 Paar Schuhe abge­ liefert werden. Der Ziegler an der Dürrhei­ mer Straße wurde von plündernden Solda­ ten erschossen. Die Franzosen schimpften über das Pferdefutter, das ihnen in Donau­ eschingen geliefert wurde, ,,das Brod war nicht weis genug, bald nicht ausgebacken“ [129]. Kurzum, man merkte bald, daß man um eine größere Ausgabe nicht herumkam, wenn man den General bei Laune halten wollte, und so schickte man ihm am folgen­ den Tag doch noch ein Präsent von 1 000 Louisdors. Die Wirkung blieb nicht aus: Der General befahl strengste Manneszucht und vor allem den Abmarsch für den folgenden Tag. So „brache endlich die ganze Armee, unter deren Truck wir hier 3 Täge lang ge­ schmachtet, auf und zog sich nach Engen . . . Alles war frohe, dieser sauberen Gäste loß zu seyn“ [130 f.]. Allerdings währte die Freude nicht lange. Der Rückzug der kaiserlichen Armee war ein strategisches Manöver gewesen. In Bayern wurden die Franzosen von Erzherzog Carl zur Umkehr gezwungen, und Moreau orga­ nisierte seinen berühmten Rückzug durch den Schwarzwald. So tauchten seine Trup­ pen Anfang Oktober wieder auf der Baar auf, viele von ihnen in erbärmlichem Zustand. Am 9. kam es vor Villingen zunächst zu einem Gefecht, dann zu einer mehrstündi­ gen Kanonade, wobei die Franzosen von der Wanne, die Kaiserlichen mit zwei Geschüt­ zen vom Bickeberg her feuerten. Nachdem die Franzosen sich durchgesetzt hatten, drangen sie in die Stadt ein und nahmen den Leuten auf offener Straße Geld, Kleidung und Uhren weg. Kaum waren die Franzosen wieder abgezogen, rückten auch schon 7 000 Mann kaiserliche Kavallerie heran und muß­ ten ebenfalls von den Bürgern umsonst ver­ pflegt werden. Freund oder Feind – aus der Sicht der Einheimischen gab es kaum einen Unterschied, die einen waren eine ebenso große Plage wie die anderen. So endete das Jahr 1796 in allgemeiner Be- 127

drückung. Zwar wurde der Krieg 1797 durch den Friedensschluß von Campo Formio beendet. Aber bereits zwei Jahre später brach er wieder aus und legte den Menschen auf der Baar erneut die Belastungen auf, die manchen schon 1796 an den Rand des Ruins Michael Tocha getrieben hatten. Quelle: Alle Zitate aus:]. P. Merk, Tagebuch über die täglichen Kriegsvoifallenheiten 1789 bis 1798. Hrsg. v. F L. Baumann, in: Schriften des Vereins für Geschichte und Naturge­ schichte der Baar Vl, 1888, S. 91.ff. Das Triberger Malefizgericht und der unselige Galgen Erinnerungen an grausame und leidvolle Zeiten rund um Triberg Heute führt eine moderne Straße unmit­ telbar an zwei verwitterten, doch gut erhalte­ nen, sich verjüngenden Sandsteinsäulen vor­ bei, oben auf der Hochfläche, nicht weit vom Stöcklewaldturm: das ist die frühere Triberger Richtstätte, der sagenumwobene Galgen. Er steht in einer kleinen Lichtung auf einer flachen, kleinen Hochfläche, ein­ gerahmt von hohen Bäumen. Schicksale haben sich am Triberger Gal­ gen erfüllt und der Geschichten darüber gibt es viele. Mit den Jahren und Jahrzehnten haben sich manche Gedanken, Vorstellun­ gen und verklärende Zierrate hinzugesellt; aber steht man nachdenklich zwischen den beiden makabren Sandsteinpfosten, so weht einen auch heute noch ganz leise ein seltsa­ mer Hauch an. Manche Strauchdiebe und Schelme haben am „Tryberger Galgen“ ihr Leben beenden müssen. Für ältere Mitbürger von Triberg, Schön­ wald, Furtwangen und der umliegenden Orte ist der geschichtliche Themenkreis „Tri­ berger Malefizgericht und Galgen“, gespeist aus Gerichtsakten, Aufzeichnungen und mündlichen Überlieferungen, in guter Erin­ nerung. Der Blick in eine oft grausame Ver­ gangenheit in unserer Raumschaft wird durch vielfältige Urteile, Protokollberichte, Schilderungen von Gerichtsabläufen und Gerichtstagen gesichert und belegt. Am Ende vieler Prozesse in jenen Jahren stand in den meisten Fällen das Urteil: ,,Der Delin- 128 Das „Richtschwert“ der Triberger Herrschaft aus dem 18.Jahrhundert (1721-1779)

Triberg, 685 m ü. M., bad. Schwarzw., Der Marktplatz von Süden nach Norden. Die Aufnahme düifte um 1880 entstanden sein. quent ist vom Leben zum Tode zu bringen.“ Wie angedeutet: Mit den Jahren hat die Volksseele, aus welchen Beweggründen auch immer, manche großzügigere Auslegung von jenen Geschehnissen hingenommen. Manchesmal könnte man an der Frage ,‘;llar es wirklich so?“ nicht ganz vorbeikommen. Die Jahre und Jahrzehnte verklärten man­ ches. Geblieben ist durch alle Zeiten mit Sicherheit die Erkenntnis, daß es – zumin­ dest ausgehend vom Mittelalter – auch in unserer Raumschaft vernichtende und men­ schenverachtende Prozesse und Urteile gege­ ben hat, denen viele Menschen auf mannig­ fache Weise zum Opfer gefallen sind. Vergli­ chen mit jenen Untaten, die sie mit ihrem Leben bezahlt haben, sind ihre Vergehen heute kaum mehr als Kavaliersdelikte. Triberger Malefizgericht und Galgen gehören zusammen Was über die Geschichte des „Galgen“ durch alte Schriftstücke belegt ist, hat der Tri- berger Heimatforscher Wilhelm Maier (Mit­ verfasser der „Geschichte der Stadt Triberg“, erschienen 1964) zusammengetragen. So sind beispielsweise noch Aufzeichnungen über die Beköstigung der Handwerker vor­ handen, die im Jahre 1700 einen hölzernen und um 1721 den steinernen Galgen aufrich­ teten. Auch berichten die Akten über eine Hinrichtung am Galgen im Jahre 1776. Damals wurde der „ wegen Schelmereien und Diebstählen“ schwer belastete Josef Klaus aus Niederschopfheim (,,Oppenauer-Seppl“ genannt) zum Tode durch den Strang verur­ teilt, nachdem er schon 33 Wochen schwere Kerkerhaft verbüßt hatte. Der Henker voll­ streckte das Urteil an dem 25jährigen Übeltä­ ter in Gegenwart einer großen Volksmenge am 17. Mai 1776. Den Zuschauern sollte der Vollzug einer solchen Strafe als Abschrek­ kung dienen. Die letzte Hinrichtung am Tri­ berger Galgen fand wohl am 23. November 1779 statt, als der 30 Jahre alte Johann Fackler aus Osterberg (entweder Osterberg bei Iller- 129

Aufnahme vom Tn“berger Marktplatz aus den zwanziger Jahren. Hier war der Schauplatz der berüch­ tigten „Malefizprozesse“ im 18.jahrhundert. rissen oder bei Erfurt} dort den Tod fand. Mit dieser Art der Todesstrafe ahndete man in jenen Jahren vor allem den nächtlichen Diebstahl. Kaiser Karl V. führte das Römische Recht em Als das Römische Recht in Deutschland Aufnahme fand, hielt auch der lnquisitions­ prozeß seinen unheilvollen Einzug. Kaiser Karl V. (1500-1558) führte des „Heiligen Römischen Reiches Peinliche Gerichtsord­ nung“ im Jahre 1532 ein. Siebenerlei Todesstrafen hielt die reichs­ gesetzliche Bestimmung für Zauberei bereit. Das war die „Hoch-Zeit der Malefizpro­ zesse“. Hinrichtung durch Feuer, durch das Schwert, durch Vierteilung, durch das Rad, durch Erhängen, Ertränken und lebendiges Begraben. Die Furie des Dreißigjährigen Krieges zeitigte traurige Verirrungen des 130 menschlichen Geistes. Über einhundert Hexenprozesse zieren die Annalen des grau­ samen Obervogts Fabri von Triberg. Noch heute gibt es den Ankenbühl Im Jahre 1625 wurde die Bäuerin Agathe Ketterer aus dem Lehmannsgrund in Güten­ bach als eine Hexe gefangen und nach Tri­ berg geschleppt. Sie wurde beschuldigt, den Bauern ihre Kühe zu verzaubern, so daß diese nur blaue Milch gäben, während die Hexe selbst reichlich Butter mache. Den Anken, warf man ihr vor, mache sie nachts auf dem Bühl. Der Gewanname heißt heute noch ,,Ankenbühl“. Die Bäuerin wurde durch Folter zu einem Geständnis gepreßt und auf dem Marktplatz in Triberg öffentlich ver­ brannt. Das gleiche Schicksal traf den Bau­ ern auf dem oberen Fallengrund in Güten­ bach (gehört heute zu Neukirch). Auch er wurde der Zauberei beschuldigt und da er bei

Der „ Galgen“ bei der Fuchsfalle. Der Blick geht nach Norden, Richtung Hausach. Auf diesem Bild fehlt der Querbalken, der heute vorhanden ist (siehe Bild rechts). der Folter nicht so hartnäckig war, mußte er durch das Schwert des Henkers sein Leben lassen. Das Richtschwert befindet sich heute im Triberger Schwarzwaldmuseum. Vom Fallengrundbauern erzählt die Sage, er habe vor seiner Hinrichtung zu seinen Peinigern gesagt: ,,Wenn ich nach meinem Tode hinkomme, wo Gott ist, so will ich ihn bitten, auch mein Kind zu sich zu nehmen.“ Und wirklich, fünf Wochen nach seinem Tode starb der Knabe. Das Malefizgericht tagte auf dem Triberger Marktplatz Versammlungsort des „Malefizgerichtes“ war wohl immer der Marktplatz in Triberg (zu der damaligen Zeit Tryberg). Wichtig ist es, zu wissen, daß es damals kein Strafgesetz­ buch gab, vielmehr geschriebenes und unge­ schriebenes deutsches Volksrecht, was – mit kleinen Abweichungen – in ganz Deutsch- land Geltung hatte. Es war hart und streng und entsprang dem Bedürfnis, den damals zügellosen Zeiten ein Ende zu bereiten. Das Urteil sollte abschreckend wirken, daher wurde es öffentlich vollzogen. Man darf auch nicht übersehen, daß es damals, mit Ausnahme der Stadttürme, weder Gefängnis noch Zuchthäuser gab. In den heute noch vorliegenden Akten ist vor 1500 keine Hin­ richtung in Triberg amtlich nachzuweisen. Dies bedeutet jedoch nicht, daß es keine Hinrichtungen gegeben hätte. Triberg war im Mittelalter ein richtiger Kleinstaat; zu ihm gehörten Burg und Stadt Triberg sowie die zehn Landgemeinden Nie­ derwasser, Gremmelsbach mit Burg Alt­ Hornberg, Nußbach, Schönwald, Schon­ ach, Rohrhardsberg, Gütenbach, Neukirch, Furtwangen und Rohrbach. Dieser Klein­ staat hatte ein eigenes, selbständiges Ge­ richtswesen. Es bestand aus neun Nieder- 131

gerichten, von denen sich eines in der Stadt und die anderen als Dorfgerichte in den Landgemeinden befanden. Dazu kam das gemeinsame Hochgericht für den nörd­ lichen Herrschaftsbereich von Niederwasser bis Schönwald. Es hatte seinen Sitz in Triberg, unterstand aber nicht dem Stadtgericht. Dieses „Landgericht“ tagte allgemein zweimal im Jahr und zwar als Ding-Gericht um Johanni und um Weihnacht. Es handelte sich bei diesen Sitzungen meistens um die Kontrolle der gegenseitigen Rechte und Pflichten zwischen Landesherren und Un­ tertanen. Peinlich wurde es erst, wenn es sich mit Untaten, den sogenannten „malefizi­ schen Händeln“ befassen mußte. In diesen Fällen hieß es Malefizgericht, Blutgericht oder Hochgericht. Im Sinne des Volkes bedeutete das Hochgericht der Galgen. Hier wurden „die zum Galgen Verurteilten“ hin­ gerichtet, während die Urteile, die Rad, Feuer, Schwert oder „Schwert und Feuer“ als Todesart vorsahen, ihre Vollstreckung auf dem Triberger Marktplatz fanden. Eine genau festgestellte Hinrichtung, die aktenmäßig (d. h. handschriftlich verfertigt und im Schwarzwaldmuseum Triberg zu besichtigen) belegt ist, erfolgte auf dem Tri­ berger Marktplatz am 26. April 1686. Die umfangreiche Akte trägt den Titel: Kriminal­ prozeß gegen). Duffner vom 26. 4. 1686 in Triberg mit Hinrichtung. Ein lediger, junger Mann aus Furtwangen namens Josef Duff­ ner, der im Zinken Katzensteig tätig war, wahrscheinlich als Hirte oder Hütebub, wurde schwerer sittlicher Verfehlungen an­ geklagt und am 16. März 1686 von vier kräfti­ gen Männern von Furtwangen nach Triberg ins Rathaus abtransportiert, wo er dem Stadt­ knecht in Gewahrsam gegeben wurde, der angewiesen war, ihn gut zu verpflegen, wozu auch Wein gehörte. Als amtlicher Kläger (heute Staatsanwalt) fungierte nach altem Herkommen der Stadtschreiber von Elzach. Sein Name ist nicht bekannt. Schultheiß in Triberg war damals Jakob Schmied, Amts­ schreiber war Johann Ketterer und Stadt­ knecht war Jakob Ketterer. 132 Am 21. März 1686 kam der österreichische Hofadvokat Dr. Meyer zu Pferd von Walds­ hut nach Triberg geritten, wo er im „Löwen“ �artier nahm und drei Tage verblieb. Im Beisein von ObervogtJosefHeinrich Moser und dem Amtsschreiber Johann Kettererver­ hörte er als Untersuchungsrichter den Ange­ klagten. Als die „Siebner“, das sind sieben Personen, die als Zeugen gegen den Ange­ klagten dienten, gegen ihn aussagten, schien Josef Duffners Schicksal besiegelt. Sie alle bestätigten unter Eid, daß der Angeklagte des bezichtigten Verbrechens schuldig sei. Das Malefizgericht gegen Josef Duffner wurde auf den 26. April 1686 festgesetzt. Der Schultheiß, in der Hand den Richterstab, leitete die Verhandlung. Der Stadtschreiber von Elzach erhob die Anklage, die „Siebner“ gaben ihre Erklärung ab. Zwei Fürsprecher waren zugegen; einer sprach für den Ange­ klagten, der andere gegen ihn. Die zwölf Richter wurden befragt, danach verfaßte der Amtsschreiber das „Endurteil“: ,,Nach der gemeinen Gewohnheit und nach § 116 der Peinlichen Gerichtsordnung muß der Delin­ quent mit dem Feuer vom Leben zum Tode gerichtet werden.“ Es wurde ihm eine „Straf­ milderung“ gewährt. Josef Duffner wurde zuerst enthauptet und anschließend ver­ brannt. Der Schultheiß erhob sich von sei­ nem Richterstuhl, zerbrach den Stab und übergab den Verurteilten dem Scharfrichter, der nach dem Urteil, und seinem Eide gehor­ sam, an ihm handelte. Gnadenerweis am Galgen – nicht immer willkommen Bei den Hinrichtungen am Galgen war auch ein Gnadenerweis in letzter Minute üblich, wenn die nötigen Voraussetzungen dafür erfüllt waren. So sollte einmal ein 19jähriger Mann den Tod am Galgen sterben. Er hatte schon den Strick um den Hals, als sich der Henker an das zuschauende Volk wandte und erklärte, daß dieser ledige junge Mann begnadigt würde, falls sich unter den Zuschauern „ein jungfräuliches Wesen“ be­ finde, das bereit sei, den Todgeweihten zu

merei“. Er hatte auf Geheiß seiner Mutter einige Nähnadeln gestohlen, die in jener Zeit erfunden wurden und deshalb eine Kostbar­ keit darstellten. Der „Schelm“ wurde er­ wischt und nach monatelangem Kerker zum Tod am Triberger Galgen verurteilt. Unter dem Galgen fragte der Henker den Todge­ weihten, ob er einen letzten Wunsch habe. Der Verurteilte äußerte den Wunsch, seiner Mutter, die sich unter den gaffenden Zu­ schauern befand, einen Abschiedskuß geben zu dürfen. Der Wunsch wurde gewährt, er stieg vom Gerüst herunter, näherte sich sei­ ner Mutter. Er umarmte sie, aber anstatt sie zu küssen, biß er ihr die Nase aus ihrem Gesicht und sprach: ,,Mutter, Du hast mich zum Stehlen verleitet, Du bist schuldig, daß ich hier am Galgen sterben muß und nun hast Du auch Deine Strafe.“ Dann trat er wie­ der unter den Galgen und starb. Epilog Bald zwei Jahrhunderte sind vergangen oder noch mehr, seit sich diese Geschichten um „Malefizgericht und Galgen“ ereignet haben. – Geblieben ist die Erinnerung an eine böse Zeit, die man sich heute kaum noch in dieser Form vorstellen kann. – Geblieben und unverändert schön ist der weite Blick vom Galgen in den nördlichen Schwarzwald. – Geblieben ist die Erkenntnis, wie wunder­ voll diese Schwarzwaldheimat ist. – Geblieben ist jenes unaussprechliche Ge­ fühl tief drinnen, das einen beim Schauen erfüllt. Und geblieben ist wohl auch das leise Gefühl der Wehmut für viele todgeweihte Menschen und die stumme Bitte, daß sie nun alle „daheim“ sein dürfen. Alexander Jäckle 133 heiraten. Da ertönte von unten eine kräch­ zende Stimme und rief: ,,Henker, laß‘ Gnade walten, ich möchte den Mann ehelichen.“ Der Henker löste den Strick vom Hals des Todeskandidaten und ließ ihn vom Gerüst heruntersteigen. Da trat aus der Menge ein „steinaltes Jüngferle“ heraus, schon weit nach vorn gebeugt, mit spitzer Nase und einem faltigen, zahnlosen Mund. Erschreckt über soviel Häßlichkeit drehte sich der Todeskandidat zum Henker um, machte mit der Hand die bezeichnende Bewegung des „Hängens“ und sprach laut und deutlich, so daß es alle hören konnten: ,,Hängen“ – stieg wieder auf das Gerüst und starb. Wieder einmal mußte ein junger Mann am Galgen sterben und zwar wegen „Sehei-

Zeitungskampf auf der Baar Das Donaueschinger Tagblatt im Strudel von Wirtschaftskrise und nationalsozialistischer Pressekonzentration (1932-1936) Im Almanach 94, Seite 110-114, wurde der Weg des „Donaueschinger Tagblatts in den National­ sozialistischen Staat“ nachgezeichnet. Der diesjährige Beitrag ist die Fortsetzung jenes Beitrages und vertieft die Zeit von der Macht­ übernahme 1933 bis zum endgültigen Erlöschen des Donaueschinger Tagblattes im fahre 1936. Es geht um den wirtschaftlichen Konkurrenz­ kampf der Nationalsozialistischen Presse und des Donaueschinger Tagblattes, um das aussichtslose Bemühen der Gesellschafter, das Blatt über die Runden zu bringen. ,,An unsere Leser und Freunde! Nach den allgemeinen Verlautbarungen der Regierungsstellen im Reiche und in den Ländern, kann Niemand verwehrt werden, das Donaueschinger Tagblatt, das alte Heimatblatt zu bestellen. Wer als Werber durch Druckmittel die Abbestellung des Blattes erreichen will, dem sage man, daß er die Grenzen des freien Wettbewerbes unbefugt über­ schreitet u. gegen das Gesetz verstößt. Man lasse sich nicht einschüchtern und halte nach wie vor die Zeitung, die dem Leser gefällt und das ist doch das Donaueschinger Tagblatt“. [. . .] Redaktion und Verlag des Donaueschinger Tagblatts bringen in dieser für heutige Ver­ hältnisse ungewohnten und wenig nachvoll­ ziehbaren Mitteilung vom 11. August 1933 ihre Besorgnis zum Ausdruck, die aus einer unmittelbaren Bedrohung der wirtschaftli­ chen Existenz des Blattes herrührte. Überall im Reich eröffneten im Sommer und Spät­ sommer 1933 die nationalsozialistisch ge­ führten Zeitungen und Gauverlage die Jagd auf die Abonnenten der bürgerlichen Pro­ vinzpresse. Zeitungen wurden zu jener Zeit 134 üblicherweise noch an der Haustür bestellt und auch bezahlt. Vor allem in landwirt­ schaftlich geprägten Gebieten haben die Bauern während der arbeitsreichen Sommer­ monate die Zeitung oftmals abbestellt, da ihnen kaum Zeit zum Lesen übrig blieb. Monat für Monat mußte erneut um die Abonnenten geworben werden. Die Sitten im Zeitungsgeschäft waren schon in der Weimarer Republik ziemlich rauh gewesen, doch die Werbemethoden der nationalsozialistischen Presse mündeten in einen regelrechten Zeitungskampf. Werber in SA-Uniform und mit „schwarzen Listen“ der Bezieher gegnerischer Blätter ausgestat­ tet zogen von Haus zu Haus. Die braune Arbeitskleidung verfehlte ihre Wirkung nicht, und wer keinen Grund sah, seine alte Zeitung abzubestellen, dem wurde Gewalt ange­ droht. In der Folge häuften sich die Be­ schwerden der genötigten Zeitungsleser. Auch auf der Baar wurden die Bezieher des bürgerlich-demokratischen Donaueschinger Tagblattes diesem physischen und morali­ schen Druck ausgesetzt. Bereits in den Jahren 1931 und 1932 hatte das zum Nationalsozialismus konvertierte Schwarzwälder Tagblatt in Furtwangen der bürgerlichen Presse der Region wiederholt gedroht. Am 30. Dezember 1931 zitiert der Verlag des Donaueschinger Tagblattes „einen Ausspruch des Schriftleiters des Schwarzwäl­ der Tagblattes [ … ], der lautet: Wenn wir erst einmal am Ruder sind, dann werden wir ver­ bieten.“ In der Ausgabe des Donaueschinger Tag­ blatts vom 17. Februar 1932 gibt die Redaktion Auszüge eines Artikels des Schwarzwälder Tagblatts wieder, der mit polemischen Äuße­ rungen gespickt ist. So hatte das Schwarzwäl­ der Tagblatt am 13. Februar geschrieben:

kolonnen“ waren vielfältig und wirkten oft unterschwellig; sie gingen bis hin zu Ver­ leumdungen, böswilligen Unterstellungen und der Verbreitung geschäftsschädigender Gerüchte. Am 22. September 1933 warnte das Donaueschinger Tagblatt seine Leser davor, solchen Aussagen Glauben zu schenken. ,, Wie uns mitgeteilt wird, werben auswär­ tige Personen am hiesigen Platze gegen das Donaueschinger Tagblatt mit der Behauptung: es hätte keinen Wert, das Donaueschin­ ger Tagblatt zu bestellen, am 1. Oktober ginge es ein. Wir warnen vor dieser Wer­ bungsmethode und verweisen auf das bestehende Verbot: sich über Zeitungen von Mitgliedern des Vereins südwestdeutscher Zeitungsverle­ ger, dem wir angehören, sich in wahr­ heitswidriger, herabsetzender oder ver­ ächtlichmachender Weise zu äußern. Das Donaueschinger Tagblatt wird, was wir unseren Lesern in aller Form mittei­ len auch am 1. Oktober 1933 weiter er­ scheinen.“ Das Donaueschinger Tagblatt versuchte, sich mit der Veröffentlichung geschickt aus­ gewählter, informeller Bekenntnisse zur Hei­ matpresse aus dem Munde von NS-Funktio­ nären gegen die Angriffe auf seine wirtschaft­ liche Existenz zu wehren. Unter der Schlag­ zeile „Boykottmaßnahmen gegen bürgerli­ che Zeitungen untersagt“ bringt das Donau­ eschinger Tagblatt am 17.Juli 1933 auf der Titel­ seite den Wortlaut eines Telegramms des Reichsarbeitsministers an sämtliche Treu­ händer der Arbeit: „Reichsleitung der NSDAP hat Gauleiter und Gauzeitungen angewiesen, Boykott­ maßnahmen und Zwangsandrohungen gegen bürgerliche Zeitungen zu unterlas­ sen und alle in dieser Richtung ergange­ nen Aufrufe zurückzuziehen. Bitte Treu­ händer, an Durchführung dieser Maß­ nahme mitzuwirken.“ Einen Tag nach dem Appell an seine ,,Leser und Freunde“, den Einschüchterun- 135 Im Handelsschulgebäude in der Augustastraße in Donaueschingen waren Redaktion und Drucke­ rei des Tagblatts bis 1934 untergebracht. „Wahr ist allerdings auch, daß wir der Journaille‘ des sterbenden Systems im­ mer den Vorwurf machen werden, daß sie das Erwachen der deutschen Volksge­ nossen mit den infamsten Mitteln der Lüge, Verleumdung und Verdrehung zu verhindern versucht hat.“ Diese unverhüllten Drohungen richteten sich eindeutig gegen das Donaueschinger Tag­ blatt und den Donauboten in Donaueschin­ gen. Die ,Journaille“, das war im Sprachge­ brauch der Nationalsozialisten die gesamte gegnerische Presse, insbesondere jene, die angeblich in irgendeiner Form kapitalabhän­ gig war. Denn nach Lesart der nationalsozia­ listischen Propaganda hatte sich die Presse im „System“ der Weimarer Republik voll­ ständig dem „jüdisch-marxistischen“ Groß­ kapital ausgeliefert. Die Methoden der braunen „Drücker-

gen zu widerstehen und dem Blatt weiter die Treue zu halten, macht das Donaueschinger Tagblatt am 12 . August 1933 erneut auf die Unzulässigkeit derartiger Konkurrenzme­ thoden aufmerksam und zitiert zu diesem Zweck den stellvertretenden Reichspresse­ chef mit der Aussage, daß „die Regierung [ … ] von jetzt an jeden Versuch den Konkur­ renzkampf mit den machtpolitischen Mit­ teln zugunsten der Parteizeitung zu führen, aufs schärfste bekämpfen [werde], … „. Dem verantwortlichen Schriftleiter des Donaueschinger Tagblattes, Anton Rehse, war aber bereits wenige Wochen nach der Macht­ übernahme bewußt, daß sich seine Zeitung nicht lange gegen den Druck der national­ sozialistischen Presse halten konnte. Wie Anton Rehse bei einer Zeugenvernehmung nach dem Krieg selber aussagte, fuhr er im Mai 1933 heimlich nach Karlsruhe und erkundigte sich beim Pressereferenten der Badischen Regierung nach den Überlebens­ chancen der Zeitungen, „die in Opposition gegen die NSDAP standen“. Die Antwort des Pressereferenten )ieß keinen Zweifel darüber, daß die in Opposition gestandene bürgerliche Presse keine Fortkommensmög­ lichkeiten mehr habe“. Die wirtschaftliche Situation des Donau­ eschinger Tagblatts hatte sich als Folge der all­ gemeinen Wirtschaftskrise bereits vor der nationalsozialistischen Machtübernahme er­ heblich zugespitzt. Die Umsätze des Verlags waren seit 1927 permanent zurückgegangen und für 1932 mußte Geschäftsführer Frech einen Verlust von 7000 Rentenmark auswei­ sen. Die Lage verschlechterte sich 1933 noch­ mals katastrophal; auch ein „Darlehen“ des ehemaligen Reichsministers und Gesell­ schafters Hermann Dietrich in Höhe von 10 000 RM konnte das Blatt nicht lange über Wasser halten. Wie der ehemalige Minister später in einer Zeugenvernehmung angab, rechnete er von vornherein damit, ,,daß es sich um einen verlorenen Zuschuß handeln würde, wie dies dann auch der Fall war“. Mit einer Auflage von nicht viel mehr als 1200 Exemplaren im November 1933 war das Blatt nicht länger überlebensfähig. Noch 1932 hatte die Auflage einschließlich des Bregtalboten bei 2000 bis 2500 Zeitungsexem­ plaren gelegen. Mitte der 20 er Jahre hatte das Blatt einmal über eine Auflage von gut und gerne 3000 Exemplaren verfugt. In gleichem Maße wie die Abonnentenzahl gingen auch die Anzeigenaufträge zurück. Redakteur „Toni“ Rehse erinnerte sich 1951 , daß sich die in der Druckerei beschäftigten Mitarbeiter bei ihm über die Hereinnahme von „Insera­ ten gegen Entlohnung in Naturalien“ be­ schwert hatten. Die Gründe für den wirt­ schaftlichen Niedergang beschreibt Ge­ schäftsführer Georg Frech in einer „Denk­ schrift“ vom 3 .Januar 1934: „Die hier zahlreichen Ämter, wie aber auch die auf diesen Ämtern tätigen Be­ amten haben mit wenigen Ausnahmen das Donaueschinger Tagblatt abbestellt, und zwar die Ämter bis auf3 Ausnahmen von Amts wegen. Sie haben auf Anre­ gung das in Furtwangen im Druck herge­ stellte nat. soz. Schwarzwälder Tagblatt bestellt. Eine im Monat Oktober durch­ geführte Werbung des Schwarzwälder Tagblattes, bei der die Werber allerlei un­ haltbare Gerüchte über unsern Betrieb ausgesprengt haben, hat uns ebenfalls Schaden in Abbestellungen gebracht.“ Ein schwerer Schlag für das Donaueschin­ ger Tagblatt war der Entzug der bezahlten Aufträge für die amtlichen Bekanntmachun­ gen der Stadtgemeinde Donaueschingen und des Bezirksamtes. Georg Frech beklagt in seiner „Denkschrift“ außer dem finanziel­ len auch den damit verbundenen Prestige­ verlust: „Auch die Stadt Donaueschingen will uns nur noch gestatten, die Bekanntma­ chungen im neuen Jahre zwar abzudruk­ ken, sie will aber dafür nichts bezahlen, sie hat uns auch im alten Jahr die Vergü­ tung ab April verweigert. Der Ausfall der amtlichen Bekanntmachungen macht bei uns den Lohn aus für 3 Angestellte neben dem Schaden, der sonst aus psy­ chologischen Gründen entsteht, wenn 137

wir die amtlichen Bekanntmachungen nur nachdrucken dürfen.“ Die NSDAP hatte schon bald nach den Reichstagswahlen vom März 1933 erkannt, daß sie der verhaßten bürgerlichen Presse durch den Entzug der bezahlten Bekannt­ machungen schweren Schaden zufügen konnte. In den neu zusammengesetzten Stadt- und Gemeinderäten der deutschen Provinz stellte sie daher Anträge, den Auf­ trag zur Veröffentlichung der amtlichen Mit­ teilungen nunmehr einzig und allein an die NS-Presseorgane zu vergeben. Die niederen Funktionäre, Ortsgruppen- und Kreisleiter der NSDAP, übten auf diese Weise Rache für die Demütigungen, die ihre Blätter erleiden mußten, als die Nationalsozialisten noch nicht an der Macht waren. Als das Schwarzwälder Tagblau zum Bei­ spiel Ende 1931 mit einem fünftägigen Erscheinungsverbot belegt worden war und den Entzug der Bekanntmachungen hinneh­ men mußte, hatte es dafür das Donaueschin­ ger Tagblatt verantwortlich gemacht. Dessen Verlag hatte jedoch auf diese Anschuldigun­ gen am 30. Dezember erwidert, daß es nicht stimme, „daß das Donaueschinger Tagblatt a. den Entzug der amtlichen Bekannt­ machungen b. und im Zusammenhang damit auch die Änderung des Untertitels: ,amtli­ ches Verkündigungsblatt‘ beim Mini­ sterium und Bezirksamt veranlaßt hat. Das hat sich alles die Schriftleitung des Schwarzwälder Tagblattes als Kampf­ blatt, wie es sich jetzt bezeichnet, selbst eingebrockt.“ Die durch die allgemein schlechte Wirt­ schaftslage zugespitzten finanziellen Ver­ hältnisse des Donaueschinger Tagblattes wur­ den durch die Terrormethoden der national­ sozialistischen Konkurrenz soweit ver­ schärft, daß der Verlag Ende 1933 keine andere Möglichkeit mehr sah, als die Verlags­ rechte zum 1.Januar 1934 auf die Konstanzer Zeitung zu übertragen und die Zeitung im Lohndruck herstellen zu lassen. 138 Zuvor hatte es jedoch einen ersten Über­ nahmeversuch des Schwarzwälder Tagblattes gegeben, der unter nicht näher erläuterten Umständen zum Scheitern gebracht werden konnte. Georg Frech schildert den Vorgang in seiner „Denkschrift“: „Am 28. November trat die NSDAP durch Herrn Amtsgerichtsrat Dr. Schmoll .. . an mich heran zwecks Aufnahme von Verhandlungen wegen Erwerb des Blat­ tes mit Gebäude durch die NSDAP mit dem Zwecke, das Schwarzwälder Tag­ blatt in Furtwangen nach Donaueschin­ gen zu verlegen. Ich mußte mich auf diese Verhandlungen einlassen, weil ich mich vor dem Vorwurf, daß ich keine Gelegenheit gegeben habe, die Arbeiter weiter wenn auch in anderer Form zu beschäftigen, schützen mußte.“ Der aus purer Not heraus gebildeten „Interessengemeinschaft“ mit der Konstanzer Zeitung hatten sich in den Wochen und Mo­ naten zuvor bereits der Seebote in Überlin­ gen, die Meßkircher Zeitung, das Stockacher Tagblatt und die Oberländer Zeitung in Singen angeschlossen. Am 18. Mai 1935 werden Grundstück und Verlagsgebäude in der Augustastraße für 39 000 RM an die Stadt Donaueschingen verkauft; seit dem 24. Ok­ tober 1935 erscheint das Donaueschinger Tag­ blatt schließlich nur noch als Bezirksausgabe der Konstanzer Zeitung. Anfang 1936 hat die nationalsozialistische Presse ihr Ziel erreicht: Die Konstanzer Zei­ tung fällt an das NS-Organ Bodensee-Rund­ schau; das Donaueschinger Tagblatt und der Donaubote Donaueschingen gehen auf den neugegründeten und parteieigenen Verlag des Schwarzwälder Tagblattes über, dessen Erscheinungsort von Furtwangen nach Vil­ lingen verlegt wird. Am 31. Januar 1936 erscheinen in der Konstanzer Zeitung die Nachrufe auf zwei ehemals traditionsreiche Blätter im Südwesten Deutschlands. Das Donaueschinger Tagblatt richtet sich ein letztes Mal an seine Leser: ,,Mit Ende des Monats stellt das Donau­ eschinger Tagblatt sein Erscheinen nach

157jährigem Bestehen ein, nachdem auch die im Jahre 1727 gegr. Konstanzer Zeitung, in deren Verlag unser Blatt seit 1. Januar 1934 im Drucke hergestellt wurde, ihr Erscheinen auf diesen Zeit­ punkt ebenfalls einstellen wird. Das Un­ ternehmen der Konstanzer Zeitung ist in seiner Gesamtheit an den Verlag der Boden­ see-Rundschau käuflich übergegangen. Das an uns zurückgefallene Verlagsrecht des Donaueschinger Tagblatt haben wir dem Verlag des Schwarzwälder Tagblatt übertragen. – Das Schwarzwälder Tag­ blatt wird ab 1. Februar 1936 unsere Leser beliefern. Wenn wir heute von unseren Lesern, Mitarbeitern und Geschäftsfreunden Abschied nehmen, ist es uns zugleich ein Herzensbedürfnis, allen für die wertvolle Unterstützung und opferwillige Treue aufrichtig zu danken.“ Oliver Kopitzke Vom Bau der Schwarzwaldbahn durch Gremmelsbach Den Fahrgast, der im Seelenwald zwi­ schen Gremmelsbacher Tunnel und Gum­ mambs und wieder am Forellenberg aus dem Fenster sieht, werden kaum die Probleme um die Voraussetzungen politischer, wirt­ schaftlicher und technischer Art beschäfti­ gen, die für den Bau der Schwarzwaldbahn erfüllt sein mußten; auch nicht der Gewinn einer sicheren Existenz durch die Anstellung bei der Bahn mit Aufstiegsmöglichkeiten für strebsame junge Menschen, die dann durch die hohe Verantwortung ihres Dienstes in ihrem Charakter zutiefst geprägt wurden; wenig Zeit wird ihm auch bleiben, die Folgen der verkehrsmäßigen Erschließung einer Gebirgslandschaft für ihre Einwohner zu bedenken, das Bewußtsein, für immer zur großen Welt einen kurzen, bequemen Weg zu haben, wie auch diese die Schwarzwald­ täler jetzt leicht erreichen konnte; eher mag ihn, wenn ihm die faszinierende Aussicht dafür Zeit läßt und nicht der nächste Tunnel seine Gedanken unterbricht, für Augen­ blicke die Frage bewegen, wie es möglich war, mit den Mitteln früherer Technik eine Bahn­ linie an solch halsbrecherischem Steilhang entlangzuführen. Die Planung der Strecke Homberg-Som­ merau, bereits diese eine von mehreren Vari­ anten, mit einem Höhenunterschied von 471 m aufll km Luftlinie, forderte die ganze Meisterschaft des genialen Bahnbautechni- kers Robert Gerwig. Ursprünglich hatte er in Triberg und schon wieder im nur 3 km ent­ fernten Seelenwald in Gremmelsbach, bei der Gummambs, eine Kopfstation vorgese­ hen. War nun die Oberdirektion des Wasser­ und Straßenbaues in Karlsruhe noch mit einer Spitzkehre in Triberg einverstanden, weil „ohnehin alle Züge hier halten werden“, so mußte sie eine zweite als „an einem unbe­ deutenden Ort gelegen, der für den Eisen­ bahnverkehr nicht in Betracht kommt“, ent­ schieden ablehnen. Eine Denkschrift der Gemeinden Hornberg, Triberg, St. Georgen und Villingen spottete noch 1866, es sei ein Unterschied, ,,ob eine Kopfstation an einem Platz liegt, wo großer Verkehr ohnehin län­ gere Aufenthalte veranlaßt oder ob solche bei einem einzelnen Wirtshaus oder an einer unzugänglichen Bergwand, fern von mensch­ lichen Wohnungen, angelegt werden will.“ (Kuntzemüller S. 19) Gerwig beschäftigte sich wieder mit dem Projekt und fand wenig mehr als einJahr vor Baubeginn eine Lösung (vorgetragen am 23. Dezember 1865), die danach verwirklichte Streckenführung mit dem kleinen und großen Triberger Kehrtun­ nel und dem Gremmelsbacher Tunnel, im Volksmund „Gremmelsbacher Loch“ genannt. Die Arbeiten wurden von der Oberdirek­ tion des Wasser- und Straßenbaus in Karls­ ruhe über die Großherzogliche Eisenbahn­ bau-Inspektion in Triberg, die im Gasthaus 139

,llie fif rnba�n • Bnultn anf btm .Sd)wnt}tualb. , Ori9in11f)ti�nungm bon ff. ßolltt. Eine Zeichnung: Sprengung auf der Schwarzwaldbahnstrecke, rechts Brücke über den Nußbach(?) ,,Löwen“, geleitet von Ingenieur Grabendör­ fer, ihr Büro hatte, ausgeschrieben und an selbständige Unternehmer (sog. Akkordan­ ten) vergeben, die teilweise mit ihren Arbei­ tern von weither angereist kamen, aus Ita­ lien, von Tirol, aus Württemberg usw. Von den Anstrengungen und Schwierig­ keiten aller Beteiligten läßt sich aus den Akten ein realistisches Bild rekonstruieren. Schwerste körperliche Arbeit in hartem Gra­ nit im Berg, und auffreier Strecke den U nbil­ den der Witterung ausgesetzt, hatten die Arbeiter zu leisten. Unter Termindruck stan­ den die Akkordanten, häufig lebten sie in der Sorge, ob der vereinbarte Akkordlohn ausrei­ chen oder ein zu niedrig angesetzter ihre Exi­ stenz gefährden würde. Der Gremmelsba­ cher Tunnel und die Strecke im Seelenwald bis zur Gummambs, die schwierigste auf der gesamten Schwarzwaldbahn, stellten das 140 Können und den Durchhaltewillen aller Be­ teiligt�n auf die härteste Probe. Die Akkordanten Josef Litterst, Josef Krautschneider und Konrad Gollrad waren um ihre Aufgabe an ihren Baustellen zwi­ schen Gummambs und Seelenwaldtunnel wahrlich nicht zu beneiden. Um eine nach­ trägliche Erhöhung ihres Akkords um 20 0/o zu erreichen, schilderten Litterst und Kraut­ schneider ihre Situation in glaubhafter Spra­ che. Zunächst Litterst: Zur Verteuerung trug bei, daß die Arbeiter alle Materialien wie Eisen, Stahl, Hölzer, Öl, Schienen, Rollwa­ gen usw. den Berg hinauftragen mußten. Einen Weg zur Bahnstrecke gab es nicht. Da sich zu solcher Arbeit niemand gedrängt fühlte, hatten die Akkordanten Mühe, Ar­ beiter zu finden, sie mußten sie auswärts suchen und minder geübten Leuten große Taglöhne bezahlen. Vor dem Regen suchten

Die Skizze zeigt die Varianten der Teilstrecke Hornberg- Sommerau. Sreinenbilcher .. �,—.f!.oie f j , .. ········ I I / 1 , ······….. -,,} ‚�. ….._ ,. .,..- )‘) Hornberg -··-·· – altes Gcrwigschc, Projekt (1857) schcs PruicktJ (lSo.’1) ; – Schw!n:w:1.lclbahn (ausgcnihrtcs Gc:–wi�­ j i -• -· – erstes Projekt (S:1.ucrbeck u. a) (1SJ6) i‘ —- \’cuelschcs Projekt (1962) . i •••••••• •• l!lnct·rc Tu:111(:btrecl.:c:n (OorrJO M“ederwasser ••• ••• , I / r/Sranon) •: Gremmelsbach ‚ ‚ ‚ , ‚ K ,Y\ _./ {IJ�· .·· ‚! ··� / …….. «-j6em I 1. . …………. .,. O I � – 1, j „ltf!“..:_’0….-/-j‘ :/ ·-·· , .. ,o Haldehof ! ···· …. . .. .. /( / .. .,··· ••• •• •••• Sommerau ………… � � nael, ll’///;l’l9�n die Arbeiter in ihren Wohnungen Schutz, die weit entfernt lagen, so daß sie sich oft am gleichen Tag nicht mehr an der Baustelle ein­ fanden, die Schmiede aber, die die Stoß- und Schlagbohrer zu spitzen hatten, mußten das Feuer weiterbrennen lassen. Auch dem Auf­ sichtspersonal war der volle Lohn auszuzah­ len. Die Schmiede hatten nicht einmal Was­ ser, sie mußten entweder ihre Arbeit im Tal verrichten oder Wasser über eine längere Strecke herbeiholen lassen, was die Kosten in die Höhe trieb. Der Fels war „ein schwierig zu behauender, äußerst harter Granit.“ Pro­ bleme brachte es auch mit sich, daß unmit­ telbar unter der Gummarnbs die Straße vor­ beiführte, und „dem ungehinderten Passie- ren der Postwagen, der ,Omnibusse‘ (der letzten Postkutschen) unbedingter Vorrang eingeräumt, die Sprengzeit auf ein Mini­ mum beschränkt … werden mußte .“ Dies hatte für den Betrieb schwerwiegende Fol­ gen. Die Sprengungen, die „Schüsse „, muß­ ten gleichzeitig gezündet werden, was ihre Wirkung verminderte; aber die Zünd­ schnürn versagten bisweilen, die Zeit, ,,den Schuß nochmals anzuzünden „, fehlte, und bis zur nächsten Sprengzeit war das Pulver feucht, nicht mehr zu verwenden. Mußte das Sprengen auch nur ein wenig verschoben werden oder rollte ein Stein aus Versehen die Halde hinunter, ,,so schwebt(e) die Polizei­ strafe über unserem Haupte.“ Deshalb war 141

immer eine Wache an der Straße aufzustel­ len, die Passanten und Fuhrwerke auf die Gefahr hinzuweisen hatte. Krautschneider ergänzte die Ausführun­ gen Littersts: ,,Der Transport des Materials insbesondere hat die Mehrkosten verur­ sacht, denn täglich war die Herstellung von Terrassen im Auffüllmaterial erforderlich, um das Abrutschen des Materials an der stei­ len Bergwand zu verhindern. Da ferner, um Platz für die Anschüttung zu gewinnen, das Böschungspflaster rasch aufgefüllt werden mußte und hier häufig Mauersteine mangel­ ten, so mußte man mit großer Mühe einen jeden einzelnen Stein langsam herunterlas­ sen. Die Masse des herzustellenden Bö­ schungspflasters ist überdies im Vergleich zu(r) Masse des Dammes so bedeutend, daß nicht (ein) einziger Mauerstein des besseren und leichteren Transportes wegen in kleine Stücke geschlagen werden darf. Der Trans­ port an größeren Mauersteinen kostet aber mindestens das Dreifache des Akkordprei­ ses.“ Verluste machte der Akkordant ferner beim Ausheben der Fundamente für das Böschungspflaster. ,,Die Fundamente muß­ ten in ganz losem Gerölle ausgegraben wer­ den, und da an der steilen Bergwand ein Ab­ sprießen nicht möglich war, so wurde einige­ mal die fertig hergestellte Baugrube durch herabrutschendes Gerölle gänzlich verschüt­ tet.“ Der Böschungsfuß lag 150 Fuß (über 60 m) unter der Bahnlinie. ,,Die Arbeiten wurden vom Akkordanten, wo es nur mög­ lich war, in Unterakkord vergeben, meistens aber wurden diese Akkorde des geringen Ver­ dienstes wegen bald wieder aufgelöst.“ Die schwierigste Arbeit hoffte Krautschneider hinter sich gebracht zu haben, er hoffte, den Verlust mit bevorstehender Tunnelarbeit wettmachen zu können. Ein Schreiben von Gollrad liegt nicht vor, er hatte dem wohl nichts mehr hinzuzufü­ gen. Diese unbestreitbaren Tatsachen mußte die Großherzogliche Bahnbauinspektion Tri­ berg ernstnehmen, und zwar um so mehr, als Akkordant Krautschneider wahrheitsgemäß 144 versichern konnte, mit der notigen „Ge­ schäftskenntnis“, richtigem Urteil, mit aus­ reichender Anzahl von Arbeitern immer per­ sönlich auf der Baustelle gewesen zu sein, „alle Anordnungen willig befolgt und sich angestrengt (zu haben), mit der Arbeit zur rechten Zeit fertig zu werden.“ Ingenieur Grabendörfer sah die bedroh­ liche Lage der Unternehmer und beantragte mit einem ausführlichen Bericht bei der Oberdirektion des Wasser- und Straßen­ baues eine Aufbesserung von 16 0/o der ur­ sprünglich vereinbarten Summe. Zwischen dem großen Triberger Kehrtun­ nel und dem Gummambstunnel hatte Ak­ kordant Knoblauch mit den gleichen Schwie­ rigkeiten zu kämpfen, nur daß bei ihm noch die Gefahr der Beschädigung von Häusern dazukam. Auch er machte Verluste, wenn auch nach der Berechnung der Triberger Inspektion von nur 6 %. Knoblauch argu­ mentierte, in zwei Jahren keinen Gewinn erzielt zu haben, im Gegenteil gab er einen Verlust von zunächst 3000, danach von 4000 Gulden an. Die beantragten 16 0/o Akkorder­ höhung sah Grabendörfer als ungerechtfer­ tigt an, 110/o waren nach seiner Meinung an­ gemessen. Von der Oberdirektion wurde er zu einer Erhöhung von 10 bis 110/o ermäch­ tigt, vorausgesetzt, Knoblauch war damit ein­ verstanden. Wenn nicht, bleibe es bei 6 0/o. Ein Anspruch auf Erhöhung bestehe nicht, diese werde nur „aus Billigkeitsrücksichten nach unserem freien Ermessen gewährt.“ Aber der Druck wich nicht von ihm, dies­ mal der Termindruck. Am 16. April 1872 mußte Sektionsingenieur Hof der Inspek­ tion in Triberg berichten, absehbar sei, der Ausbruch des Einschnittes werde nicht ter­ mingerecht am 15. Mai 1872 fertiggestellt sein. Darauf ließ ihm Grabendörfer eröff­ nen, nach diesem Termin werde seine Arbeit im Muggenloch einem anderen Unterneh­ mer übertragen – auf Knoblauchs Kosten und bei einer Konventionalstrafe von 10 0/o des Wertes der rückständigen Arbeit. Aber der Seelenwald bereitete der Inspek­ tion in Triberg auch oberhalb des Anwesens

,./ – ; . ,4: . /_.- Oberer Voreinschnitt des Gummambstunnels Eble Schwierigkeiten, wo Akkordant Leucht­ mann beschäftigt war. 300 Kubikruthen wa­ ren am 15. März 1872 noch zu beseitigen, der Termin (1. Januar 1872) lange überschritten. Sektionsingenieur Wenner sah die Gründe in der Person Leuchtmanns, der vor wenigen Tagen noch 35 Mann, jetzt aber auf zwei Baustellen, wo 40 Mann beschäftigt werden könnten, ganze 17 stehen habe. Im vergange­ nen Monat, der von der Witterung her be­ günstigt war, seien etwa 30 Kubikruthen Material ausgebrochen worden, gerade der 10. Teil der zu bewältigenden Masse. Es ver­ ließen trotz großen Abzugs an ihrem Lohn deshalb so viele Arbeiter die Baustellen Leuchtmanns, weil sie auf anderen im See­ lenwald besser bezahlt und behandelt wür­ den. Dort könnten Akkordanten sogar Ar­ beitssuchende auswählen und weniger taug­ liche abweisen. Leuchtmann solle am kom- menden Zahltag die Gelegenheit wahrneh­ men, um neue Arbeiter einzustellen, von denen es genug gebe. Ihm wurde eine Frist­ verlängerung bis zum l.Juli 1872 eingeräumt, sonst treffe ihn eine Konventionalstrafe, er habe an Eble bis zur Vollendung monatlich 195 Gulden zu bezahlen, innerhalb von 8 Ta­ gen erwarte man eine schriftliche Äußerung, falle diese nicht befriedigend aus, werde das Geschäft von einem anderen auf seine Ko­ sten fortgesetzt. Hier war kein Mißverständ­ nis möglich. Leuchtmann versprach, den Felseneinschnitt im Seelenwald bis zum November „volstendich vertich“ zu machen. Grabendörfer konnte jetzt großzügiger sein. Am 1. August werde festgestellt, ob Aussicht bestehe, den Novembertermin einzuhalten. Sollte dies nicht der Fall sein, werde man „ohne Ermahnung vorgehen und die Vollen­ dung auf seine Kosten verakkordieren.“ 145

So paradox es erscheinen mag, die Arbei­ ten im Berg waren bisweilen besser berechen­ bar als die Hanganschneidung und die Siche­ rung der Trasse. Der Durchschlag des Gum­ mambstunnels erfolgte am 6. Mai 1870, die Akten vermerken die Bitte, den dort Beschäf­ tigten aus diesem Anlaß einen Imbiß verab­ reichen zu dürfen, und es wurden dafür 30 Gulden bewilligt. Eine der größten Arbeiten an dieser Strek­ ke war die Herstellung des „Gremmelsbacher Tunnels“, des zweitlängsten der Schwarz­ waldbahn. Mit den längsten Tunnels wurde zuerst begonnen. Für einen Akkordanten ge­ hörte das ganze Selbstbewußtsein eines er­ fahrenen Unternehmers dazu, sich mit einer Mannschaft an das Durchbohren des Berges zu wagen. Domenico Benonet war nicht von diesem Zuschnitt. Mit ihm sei „nichts anzu­ fangen“, schrieb Sektionsingenieur Gastei- ger schon am 12. März 1870. Er scheint seine Aufgabe sehr zögerlich in Angriff genom­ men zu haben. Die Eisenbahn-Inspektion mußte ihn schon drängen, auf den 30. Mai 1870 den unteren Voreinschnitt zu vollen­ den. Ursprünglicher Termin war der l. De­ zember 1869 gewesen. Im März liefen weitere Verhandlungen über 1000 Fuß Tunnelaus­ bruch vom unteren Portal aus. Der deut­ schen Sprache nicht recht mächtig, hatte er Bedenken, diese Teilstrecke im Innern des Berges – erst im Laufe dieser Jahre setzte sich ,,das neue französische Maß“ durch – her­ auszubrechen mit Ausflüchten wie: ,,Etwas passieren, schlechte Luft, Leute nicht aushal­ ten, nicht bleiben.“ Von Anfang an forderte er auf Kosten der Bauverwaltung die Aufstel­ lung einer Dampfmaschine zum Ventilieren. Von Seiten der Inspektion war höchstens an ein Entleihen einer der im Sommerauer Tun- Oberer Teil des Gummambstunnels vor dem Durchschlag mit Eisdecke über der Sohle 146

Seelenwald mit Gummambstunnel und Räuberhöhlegebiet nel vorhandenen Dampfmaschinen zu den­ ken, ,,und zwar vorbehaltlich der Rückstel­ lung in gutem Stande.“ Benonet bekam sie nicht. Ebensowenig konnte er erreichen, daß die Länge des Voreinschnitts gekürzt wurde. Am 24. März hatte er die 1000 Fuß übernom­ men, wurde aber schon am 3.April von Sekti­ onsingenieur Gasteiger gedrängt, eine grö­ ßere Leistung zu erbringen und so viele Ar­ beiter wie zweckmäßig einzusetzen, sonst müsse man ihm den Akkord wieder entzie­ hen. Es nützte alles nichts. Benonet bekam mit dem härter werdenden Gestein im Berg immer größere Schwierigkeiten, bis der Tag nahte, da er nicht mehr weiter wußte. Am 14. Juni 1870 kündigte er den Vertrag, am 17.Juni stellte er die Arbeit ein und behielt alle Geräte unter Verschluß. Seine Entschei­ dung begründete er mit der „peinlich trauri­ gen Lage“, die sich „seit mehr als einem hal­ ben Jahr Tag für Tag verschlimmert . . . trotz aller unausgesetzter Anstrengung und rast­ loser Tätigkeit.“ Schon jetzt habe er einen Verlust von 6 bis 7000 Gulden, in wenigen Monaten wäre er mit einem Minus von 40 bis SO 000 Gulden „ein vollständig ruinierter Mann.“ Deshalb habe er schon mehrfach ,,um Enthebung dieses Geschäftes“ gebeten. (Bemerkung am Rand: ,,Unwahr“.) Die Stel­ lungnahme von Sektionsingenieur Gasteiger sah die Situation nur teilweise so. Richtig war: Das Gestein wurde härter, es war ,,fein­ körnig und sehr hart, schwer zu bohren und schlecht brechend.“ Im Januar und Februar brauchte man für ein Bohrloch von einem Fuß Tiefe 42, jetzt 65 Minuten. Nach dem Sprengen in zwei Fuß tiefen Bohrlöchern blieb immer noch ein Rest des Bohrlochs von zwei bis drei Zoll. Aber Benonet habe auch nicht die entsprechend energischen Anordnungen gegeben, etwa durch Akkord­ vergaben seine Arbeiter „zu besserer Tätig­ keit“ anzuspornen, noch habe er probiert, „mit Dynamit zu schießen.“ Im Gegenteil, es schien der Akkordant sein Geschäft so einzu­ richten, daß das Mißliche des Gesteins so 147

recht zur Anschauung kam, um dann den Weg zu einer Preisaufbesserung oder zu sei­ nem jetzigen Vorgehen zu gewinnen. Die von Benonet angegebenen Verluste seien entweder „auf eine sehr schlechte Buchfüh­ rung oder aber fingierte Zahlen zu einer Schraubung der Preise“ zurückzuführen. Jetzt handelte die Großherzogliche Eisen­ bahnbau-Inspektion Triberg mit der Präzi­ sion und Konsequenz eines Automaten. Grabendörfer veranlaßte sofort alle notwen­ digen Maßnahmen. Benonet ließ er durch Gasteiger ausrichten, er könne den Vertrag nicht einseitig kündigen, für die Folgen und alle Unannehmlichkeiten sei er allein verant­ wortlich, von einer Abrechnung in der Mitte des Monats könne keine Rede sein, er habe das Geschäft weiterzuführen, ohne Einver­ nehmen mit der Großherzoglichen Oberdi­ rektion des Wasser-und Straßenbaus gehe nichts. Man werde sich an seine Kaution und sein Restguthaben halten. Doch Benonets Entscheidung war end­ gültig. Gasteiger erhielt die Weisung, noch am 17.Juni 160 Mann einzustellen. Benonet habe seine Baustelle innerhalb zweimal vier­ undzwanzig Stunden zu entfernen, Akkor­ dant Willibald Rieger sei das Geschäft auf Kosten Benonets zu übertragen, Benonet habe das Restguthaben anzuerkennen, der Stand der Arbeit sei aufzunehmen, Rieger solle sofort Schlegel und Bohrer aus dem Magazin beziehen, wegen befürchteter „Ru­ hestörungen“ durch die Arbeiter wurde das Bezirksamt schon um Maßnahmen ersucht. Die Oberdirektion in Karlsruhe legte Gra­ bendörfer nahe, Benonet zurückzuweisen, wenn er wegen einer „Preisaufbesserung“ einkomme. Sonst sei ein Präzedenzfall ge­ schaffen. Auch die Oberdirektion entschied rasch, indem sie vorschlug, den Vertrag mit Benonet „ganz aufzulösen, damit … kein Rechtsstreit daraus hervorgehe.“ Das ge­ schah bereits am 27. Juni 1870, Benonet Kolorierte Postkarte mit falschem Aufdruck„Partie der Höllentalbahn“. Das Gutachtal mit dem Hang des Seelenwalds. Links der später abgebrochene „Kaisertunnel“. Im Hintergrund das Rappenfelsengebiet Partie Ji.er H,;ttn,tafbalm. 148

wurde dies am 29.Juni in Anwesenheit von Gremmelsbachs Bürgermeister Schwer eröff­ net. Der Gesamtverlust Benonets wurde von Gasteiger auf höchstens 500 Gulden ge­ schätzt. Die Arbeiten wurden unverzüglich wieder aufgenommen. Schon um 6 Uhr in der Frühe des 17. Juni führte Akkordant Rieger provisorisch mit 16 Arbeitern das Geschäft weiter, für so viele war Gerät zu beschaffen gewesen. Die Sache lag in guten Händen. Chef und Arbeiter hatten die notwendigen Kenntnisse. ,,Die übrigen, meistens Italiener ziehen herum u. werden wohl Skandal an­ fangen, wenn ihnen der Lohn für die voll­ ständigen 15 Arbeitstage im Juni nicht be­ zahlt werden.“ Wegen des Deutsch-Französischen Krie­ ges wurde die Arbeit unterbrochen. ,,Die einstweilige Einstellung des Eisenbahnbaues dahier“ gab Bürgermeister Schwer am 31.Juli 1870 dem Gemeinderat bekannt. Im Januar 1871 wurde die Arbeit wieder aufgenommen. Im GremmelsbacherTunnel arbeiteten noch viele Akkordanten. Das Durchstoßen der Reststrecke wurde in mehreren Zeitungen ausgeschrieben, billigster Bieter war Giaco­ mo Battista (155 200 Gulden). Er war im Nie­ derwasser-Kehrtunnel und im Eisenbergtun­ nel beschäftigt. Am 9. Januar erhielt er ge­ naue Anweisungen. Bis zum 14.Januar wurde das Geschäft von der Bauverwaltung betrie­ ben. ,,Am Sonntag, 15.Januar, wird der Stand der Arbeit aufgenommen, woselbst Sie ge­ genwärtig sein müssen. Vom Montag, den 16. an haben Sie die Arbeiter 60 Tage lang zu behalten, sofern diese bei Ihnen bleiben wol­ len.“ Weiter habe er darauf zu achten, ,,daß der Ausbruch vor Ort mit aller Energie unausgesetzt Tag und Nacht betrieben wird.“ Battista aber war an Blattern erkrankt und konnte erst am 1. Februar beginnen. Wie die Zeit überbrückt wurde, ist den Akten nicht zu entnehmen. Eine Vollzugsmeldung, ob der Durchbruch am 4. September 1871, den man zum Ziel gesetzt hatte, erfolgte, war ebenfalls nicht zu entdecken. Die lebendige Erinnerung weiß jedoch von diesem Ereig- nis, daß sich die Arbeiter vor Freude umarmt hätten, sie seien zur Kirche hinuntergegan­ gen und Pfarrverweser Hermann habe mit ihnen eine Dankandacht halten müssen. Karl Volk Quellen und Literatur: Badisches Generallandesarchiv Karlsruhe 421/385-387. – (Pfarrakten Gremmelsbach). – (Personalakte Ffarrverweser Karl Hermann, Erzbischöfl. Archiv Freiburg). – Gemeindear­ chiv Gremmelsbach „Eisenbahn „. – Gemein­ deratsprotokolle Gremmelsbach. – Rudolf Friedmann: Die Schwarzwaldbahn, in: Ba­ dische Heimat 1960, S. 329 .ff Selbsterkenntnis Normalerweis‘, so saget d’Leut, wird an Schwob mit vierz’ge g’scheit. Bei mir hot’s no bis heut it g’schnackelt. Hau i mi ganz umsonscht abdackelt. I glaub‘, i be scho drüber nomm ond stirb wia älle andere domm. Dietrich Schnerring Gedicht von Sabine Angst, wieder zu verlieren, bevor ich gewonnen habe. Angst, nicht bestehen zu können in dieser Welt, die oft genug kalt und brutal zuschlägt. Angst, vor grauen, kalten Tagen. Sehnsucht nach einem Zuhause. Sabine Schnerring 149

Ein Dreibahnenblick. Im Vordergrund Schonachbach, ganz links Gasthof,,Bachjörg‘: im Hintergrund der Seelenwald. 150

Persönlichkeiten der Heimat Superiorin Schwester Eva-Maria Lapp Die Seele des Klosters St. Ursula ist eng verbunden mit Villingen und Umgebung Eine herzliche und ausgeprägte Fröhlich­ keit wurde Frau Supe­ riorin, Schwester Eva­ Maria Lapp, vom Kloster St. Ursula von Gott als Lebensmitgift schon in die Wiege ge­ legt. Sie wurde am 24. August 1929 in der Breisgaumetropole Freiburg als älteste Tochter geboren und mit dem Namen Erika ins Taufbuch eingetra­ gen. Gemeinsam mit ih­ ren drei Geschwistern verbrachte Erika im elterlichen Haus in Wildtal eine glückli­ che Kindheit und Ju­ gendzeit. Die Lehrer schlugen den Über­ gang auf eine höhere Schule vor. So kam es, daß sie fortan das Frei­ burger Goethe-Gym­ nasium besuchte und dort im Jahre 1950 das Abitur ablegte. Neben Schulbesuch und Hausaufgaben gab es noch viel anderes zu tun: Mithilfe in Gar- ten und Feld und im eigenen Rehberg. Der bescheidene Verdienst des Vaters mußte auf­ gebessert werden. So zogen Mutter und Tochter Erika oft fünf Kilometer weit mit einem Ziehkarren, vollbeladen mit allerlei frischem Gemüse auf den Freiburger Mün­ stermarkt. Nicht vergessen seien aber auch ihre ak­ tive Tätigkeit in der katholischen Pfarrju­ gend zu Wildtal und die Mitgestaltung kirch- 151

licher Feste. An hohen Feiertagen trug das Breisgauer „Maidli“ die schmucke Glotter­ täler Tracht, und mit Stolz erzählt Frau Eva­ Maria wie sie dereinst mit anderen Erstkom­ munikanten am Weißen Sonntag mit dem Landauer zur Kirche gefahren wurde. Nach dem Abitur besuchte Eva-Maria die Lehrerinnenakademie in Gengenbach, und diesen Lebensabschnitt bezeichnet sie als den unbeschwertesten ihres Lebens. Hier lernte sie viele gute Freundinnen kennen, mit denen sie bis heute in Verbindung steht. Wie wurden die Weichen von der Or­ tenau bzw. dem Breisgau nach Villingen zum Kloster St. Ursula gestellt? Schon vor ihrer Studienzeit nahm sie – damals noch als Fräulein Erika Lapp – einen mehrtägigen „Schnupperbesuch“ im Kloster St. Ursula wahr. Dabei lernte sie die ehemalige Lehr­ frau Theodora Prestel kennen, eine leibliche Schwester des einstigen Bürgermeisters von Waldkirch. Diese Frau war für sie eine so beeindruckende Persönlichkeit, daß in ihr der Entschluß reifte: Dieser Kongregation will auch ich einmal angehören. Und dabei blieb es auch. Ohne zu zögern, unmittelbar nach dem erfolgreich bestandenen Lehrerin­ nenexamen setzte sie ihr Vorhaben in die Tat um und trat als Novizin ins hiesige Kloster ein. Am 19.Juni 1955 feierte sie ihre Ordens­ profeß. Mit dem Eintritt ins Kloster begann auch ihre Lehrtätigkeit an der Villinger Mädchen­ schule, später Klosterringschule. Hier ver­ richtete sie ihren Dienst bis zum Jahre 1988, sowohl in der Grund- als auch in der Haupt­ schule. Nach ihren ehemaligen Schülern befragt, antwortet sie prompt: ,,1 han sie mege.“ Und ihre einstigen Zöglinge schwär­ men: ,,Bei Frau Eva-Maria machte das Ler­ nen Spaß, sie hat uns oft tolle, spannende Geschichten erzählt, da wurde gesungen, Theater gespielt, da gab’s herrliche Wander­ tage, Ausflüge und als Höhepunkte die un­ vergeßlichen Schullandheimaufenthalte im schönen Südtirol. Im Kloster bereitet ihr heute noch Freude, das Blumengärtchen im Hinterhof 152 zu pflegen – und ganz besonders die Kloster­ kirche mit herrlichem Blumendekor zu schmücken. Wenn es die Zeit erlaubt, fertigt sie auch wundervolle „Ikebanagestecke“; sie hat sich als Autodidaktin mit dieser bezau­ bernden japanischen Blumenkunst befaßt. Am 6. Juni 1979 wurde Schwester Eva­ Maria als Nachfolgerin von Schwester Maria-Anna Schätzle zur Superiorin ge­ wählt. Seither nimmt sie alle Obliegenhei­ ten, die sich aus diesem Amte ergeben, mit großer Gewissenhaftigkeit und Umsicht wahr. Sie sorgt für das leiblich seelische und das geistig geistliche Wohl ihrer Gemein­ schaft; besonders ihre hochbetagten Mit­ schwestern erfahren ihre liebevolle Fürsorge bis zur letzten Stunde. Sie erledigt das Ge­ schäftliche mit dem Ordinariat und anderen kirchlichen Stellen, hält Verbindung zu be­ freundeten Klöstern im In- und Ausland, vertritt St. Ursula gegenüber der Stadt, als deren Bestandteil sich das Kloster sieht, und bemüht sich auch um ein gutes Verhältnis zu den Mitbürgern. Viel Mühe wird auch inve­ stiert in gute Zusammenarbeit mit der Schul­ leitung der „St. Ursula Schulen“, wo es gilt, den guten Ruf dieser Einrichtungen zu erhal­ ten und auszubauen; die gegenwärtigen bau­ lichen Maßnahmen legen davon Zeugnis ab. Nach zweijähriger Restaurierung konnte im Herbst 1989 die Klosterkirche in neuem Glanze eingeweiht werden. Ein besonders wertvolles Schmuckstück darin ist die von dem aus Hinterzarten stammenden und heute im Allgäu lebenden Hermann Weber nach Plänen des berühmten Orgelbauers Silbermann gebaute neue Orgel. Ein Werk tätiger Nächstenliebe ist seit 1991 die „Rumänienhilfe“, über die in der Regionalpresse schon mehrfach berichtet wurde. Gemeinsam mit Frau Irmgard Rösch, der Dekanatsvorsitzenden der katholischen Frauengemeinschaft, organisiert und unter­ stützt die Superiorin diese Hilfsaktion. Meh­ rere Male begleitete sie persönlich die Lkw­ Transporte nach Oradea (Großwardein), wo Kleider, Medikamente und andere Sach­ spenden an Kliniken, Kranken- und Waisen-

häuser verteilt werden. Ihre Schilderungen über die dortige Situation der menschlichen Not, besonders die der Kinder, sind erschüt­ ternd. Mit Recht wird der Leser nun fragen: ,,Wie kann Schwester Eva-Maria dies alles bewälti­ gen?“ Gerne gibt sie Auskunft: ,,Es sind meine Mitschwestern, die mir treu und eifrig in allen Bereichen zur Seite stehen.“ Als Belohnung für diese tatkräftige Unterstüt­ zung gibt’s dann nicht selten eine frohe Fete, von denen ein besonders fröhliches Ereignis das sogenannte „Schänzelefest“ ist auf dem zum Kloster gehörenden Teil der Stadt­ mauer. Wer das Glück hat, einmal hier dabei zu sein, der weiß, wie lustig es dabei zugeht, besonders wenn Frau „Sup““. Regie führt oder selbst als Akteurin auftritt. Mit Vorliebe trägt sie humorvolle Reime und originelle ,,G’schichtle“ aus dem Alemannischen vor. Für Mundart hat sie nämlich eine besondere „Ader“ – und wen wundert’s da noch, wenn sie der historischen Villinger Fasnet von Her­ zen verbunden ist. Des Dankes Krönung aber an die lieben Mitschwestern ist der er­ lebnisreiche Südtirol-Aufenthalt in der Wo­ che nach dem heiligen Pfingstfest. Über die­ sen „verlängerten Betriebsausflug der Ursuli­ nen“ wurde bereits ausführlich in der Alma­ nach-Ausgabe 1993 berichtet. Zwei weitere Gründe für das erfolg- und segensreiche Wirken der Superiorin von St. Ursula sind noch hervorzuheben: Ihre posi­ tive Lebenseinstellung, resultierend aus der natürlichen und unbekümmerten Fröhlich­ keit, – wie sagt sie doch selber? ,,Heiter, wenn’s goht – immer goht’s nit“ – und ihr für den Ordensberuf selbstgewähltes Leit­ motiv „in der Nachfolge Jesu stehen und die Verehrung der Gottesmutter.“ • .Sup“: Abkürzung für Superiorin. Helmut Groß Kreiskrankenhaus Donaueschingen Privatdozent Dr. med. Ruprecht Zwimer Der Chefarzt der chirurgischen Abteilung trat Ende 1994 in den Ruhestand Am 16. 12. 1994 wurde Dr. med. habil. Ru­ precht Zwimer in einer zu seinen Ehren im Kreis­ krankenhaus Donaueschingen abgehaltenen Feier in den Ruhestand verabschiedet. Sein langjähriger Wegbegleiter, Prof. Dr. med. Dieter Klemm, Ärztlicher Direktor im Kreiskrankenhaus Donaueschingen, hielt eine ebenso gekonnte wie eindrucksvolle Abschiedsrede. Auf Bitten der Redaktion hat er die frei gehaltene Rede ausfor­ muliert und dem Heimatjahrbuch zur Ve,fügung gestellt. Um die unmittelbare Wirkung auch im gedruckten Text beizubehalten, ist der vertraute ,,Du-Stil“ nicht geändert worden. Lieber Ruprecht, der versierte historische Betrachter teilt den Lebensweg, der bis zum heutigen Tag hinter Dir liegt, in zwei geschichtliche Abschnitte, nämlich: 1. die präalemannische Periode und 2. die alemannische Periode. Die erste Periode ist kürzer, gemessen am Gesamtzeitraum, nichtsdestoweniger aber entscheidend für die Prägung der späteren Persönlichkeit. Diese Periode beginnt mit der Geburt des Carl Christoph Maximilian Eberhard Ruprecht am 28. November 1929 in Berlin, wo Du im Kreise von vier Geschwi­ stern eine behütete und ungetrübte Kindheit verbracht hast. Die sorgfältige, vorausschau­ ende Erziehung, die Du dabei erfahren hast, gab Dir im späteren Leben Deine Sicherheit und Gewandheit im Umgang mit jedermann. Es gibt aus dieser Zeit eine Anekdote, die so bezeichnend ist schon für den kleinen Zwir­ ner, daß ich sie nicht verschweigen möchte: Du fuhrst eines Tages mit Deinem Vater Paddelboot auf einem der Berliner Seen, saßest zwischen seinen Füßen im Bug und schautest durch ein Fernglas, das er Dir umgehängt hatte. Auf seine Frage: ,,Was 153

und 1956 folgten Staats- examen die Pfli eh tassisten tenzei t im Krankenhaus Meß­ kirch und einer Land­ praxis in der Pfalz. 1958 Promotion über das Thema „Bei­ trag zur lnneroation des Kehlkopfes“ bei Kurt Goerttler an der Frei­ burger Anatomie. 4 Jahre, von 1958 bis 1962, warst Du dann Assistent am Anatomischen Insti­ tut der Universität Freiburg. In dieser Zeit hast Du geheira­ tet, um durch Deine liebe Frau den „sitti­ genden Einfluß“ zu erfahren, der von Goethe beschrieben und hervorgehoben uns allen so notwen­ dig ist. schaust Du Dir denn an, Ruprecht“, die überlieferte Antwort: ,,Ich schaue den Wald an, der freut sich, wenn ich ihn anschaue!“ Es folgte der Umzug der Familie nach Mün­ ster in Westfalen und dann nach Braun­ schweig. Mit 21 Jahren hast Du dort Dein Abitur abgelegt und damit den präaleman­ nischen Zeitabschnitt beendet. Man darf den Begriff der nun folgenden ale­ mannischen Periode nicht all zu eng fassen. Wie wir noch sehen werden, wurde dieser lange Zeitabschnitt immer wieder unterbro­ chen durch kurzfristige, auswärtige Episoden. Aber ich will nicht vorgreifen. Im Jahre 1950 hast Du in Freiburg Dein Medizinstudium aufgenommen, vielleicht beeinflußt durch eine fast 300jährige tradi­ tionelle Zuwendung zu diesem Beruf in der Familie Deines Vaters. 154 In dieses Jahr fiel aber auch ein erster längerer Auslandsaufenthalt in Südpersien, wo Du an der medizinischen Hochschule Ahwaz im Zweistromland an der irakischen Grenze einen Lehrauftrag für Anatomie erfülltest. Ein gleicher Lehrauftrag führte Dich dann 1961/62, begleitet von Deiner Frau und dem erst 6 Monate alten Sohn, an die neugegrün­ dete Universität Hue in Südvietnam. Die grausame Eskalation des Vietnamkrieges beendete diesen Abschnitt. Nicht alle, die seinerzeit von Freiburg auf­ gebrochen sind, um dort in Hue den Aufbau einer Hochschule zu ermöglichen, kamen lebend wieder heim. Ich erinnere mich an einen Sommermorgen auf dem Freiburger Friedhof, als wir unseren Konassistenten Discher beerdigt haben, der mit einer Draht­ schlinge um den Hals nach einem ersten

Wiederabzug der Vietkong aus Hue dort auf­ gefunden worden war. Euch war die glückliche Heimkehr ver­ gönnt. Unter Hermann Kraus, diesem faszinie­ renden Arzt und Chirurgen, begann dann dort Deine chirurgische Fachausbildung: 1967 wurdest Du Oberarzt, zunächst am städtischen Krankenhaus Lörrach. 1969 führte Dich Dein Weg an der Seite Dei­ nes Chefs, Ernst Kern, an die chirurgische Universitätsklinik Würzburg und dort 1972 zur Habilitation über das T hema: »Die druck­ adaptierte Arterialisierung des intrahepatischen Ejörtadersystemes nach portocavaler Anasto- mose. “ Am 1. August 1974 wurdest Du Chirurg am Kreiskrankenhaus Donaueschingen. Von dem Architekten, der hier später Dein Haus gebaut hat, ist der Vergleich über­ liefert, daß das Grundstück, das Dir die Stadt seinerzeit abtrat, wie eine Muschelschale sei, in der das Haus die Perle werden muß. Ich möchte dieses Bild übertragen auf Deinen beruflichen Werdegang: Muschel ist die ganze alemannische Periode, die Perle darin unsere gemeinsame Donaueschinger Zeit. Sie begann mit einem ersten Gespräch auf der Mauer des damals noch im Rohbau ste­ henden Kreiskrankenhauses. Wir beide, die wir uns von unserer ge­ meinsamen Freiburger Zeit als Assistenten zweier verschiedener Kliniken nur flüchtig kannten, beschlossen, die Aufgabe hier gemeinsam anzugehen, wenn man uns ließe! Und sie haben uns gelassen! Sie, das ist der Kreistag des Schwarzwald­ Baar-K.reises, der Dich unter scharfen Kon­ kurrenten auserwählte. Was dann folgte, waren 20 Jahre erfüllter gemeinsamer Arbeit, wie sie in dieser Form wohl nur ganz selten einem Krankenhausin­ ternisten mit seinem Chirurgen vergönnt sind. Wir beiden wollten bewußt die Tradi­ tion unserer klinischen Lehrer HeiJmeyer und Kraus fortsetzen. Ich meine, was das ver­ trauensvolle Zusammenarbeiten angeht, ha- ben wir sie eher übertroffen. Lieber Ruprecht, mit Dir verläßt ein Voll­ blutchirurg den Operationstisch, geprägt vom Arztbild und der Tradition einer noch heilen medizinischen Welt, geprägt vom Pflichtgefühl, aber auch der unbändigen Freude am Beruf, der Hinwendung zu den Menschen – allen Menschen – und dem Verantwortungsgefühl gegenüber dem Kran­ ken. Salus aegroti suprema !ex. Diese Inschrift über dem Eingang der Frei­ burger chirurgischen Klinik hat Dich ein Leben lang als Maxime Deines ärztlichen Handelns begleitet. Du hast als klinischer und akademischer Lehrer eine Generation junger Menschen zu Ärzten und Chirurgen geformt und Du hast darüberhinaus in den letzten Jahren mit der Freude und der Begeisterung und der Kom­ petenz, mit der Du alles aufgenommen hast im Leben, Dich mit der Standespolitik und der Zukunftsgestaltung unseres Berufsstan­ des befaßt, eine Aufgabe, die Dich auch wei­ terhin nicht loslassen wird. Lieber Ruprecht, ich möchte Dir von Her­ zen danken, danken im Namen dieses Hau­ ses, im Namen Deiner Patienten, vor allem aber ganz persönlich, danken für Deine Arbeit, für Deine Freundschaft und für alles, was Du in den zurückliegenden 20 Jahren uns so überreichlich gegeben hast. Ich möchte am Ende meiner Worte aus Fontane zitieren, dem Mann aus dem Umfeld Deiner präalemannischen Zeit, der Dich ein Leben lang beschäftigt und beein­ flußt hat: Der ist beglückt, der sein darf was er ist, der Bahn und Zeit nach eigenem Auge mißt; nie sklavisch folgt, oft selbst die Wege weist, ununtersucht nichts tadelt und nichts preist. Und damit Weggefährte der letzten zwei Jahrzehnte: Vale! Du bleibst hier unvergessen! Prof. Dr. med. Dieter Klemm 155

Unvergessen – SABA-Mutter Gretel Scherb sie Unter den rund 4000 Betriebsangehö­ rigen bei SABA war die Seniorin des Hau­ ses so populär, daß man liebevoll ,,SABA-Mutti“ nannte. Außenstehende frag­ ten oft: ,,Wie ist es möglich, daß eine Ka­ pitalistin so beliebt ist bei ihren Mitarbei­ tern?“ Die Frage nach ihrem Geld verwirrte Frau Scherb niemals. „Selbstverständlich bin ich Kapitalistin“, sag­ te sie, wie andere sich ,,Angestellte“ oder „Ar­ beiter“ nennen. Als Tochter eines Schwarz­ wälder Fabrikanten ist sie das Leben mit und für die Belegschaft von Kindheit an ge­ wohnt. Zeitlebens hat sie von ihrem Vermö­ gen einen solchen Ge­ brauch gemacht, daß sie für viele Menschen zur Nothelferin gewor­ den ist. Ihre Populari­ tät in der Belegschaft und darüber hinaus in der Stadt und in der ganzen Region war der Lohn für ihre nim­ mermüde Hilfsbereitschaft. Am 3. April 1905 wurde sie in Triberg als Margarete Schwer geboren. Ihr Groß­ vater August Schwer und ihr Vater Her­ mann Schwer waren die eigentlichen Begründer der später weltweit anerkann­ ten SABA-Werke in Villingen. Der Umzug von Triberg nach Villingen erfolgte im Jahre 156 1918. In der ehemaligen „Waldmühle“, vor den Toren der Zähringerstadt, hatte man geeignetes Gelände und Bauten gefunden, die der Expansion des Betriebes gerecht wur­ den. ,, Willst Du glücklich sein im Leben, trag bei zu andrer Glück. Denn die Freude, die wir geben, kehrt ins eigene Herz zurück-“

Diesen Sinnspruch, den ihr eine Triberger Schulkameradin ins Poesiealbum schrieb, ohne zu ahnen, daß sie ihrer Freundin zwi­ schen die rührseligen Reime und getrockne­ ten Blumensträußchen ein wegweisendes Wort fürs Leben auf ein Albumblatt malte, wurde für Grete! Scherb zum Leitfaden für ihr ganzes Leben. ,,Der einfältige Spruch ist wahr“, betonte sie immer wieder. Schon als junges Mädchen lernte sie begreifen, daß zum Helfen vor allem die persönliche An­ teilnahme gehört, daß dazu Herz, Verstand und Geld gehören. ,,Als einziges Kind bin ich von meinen Eltern sehr verwöhnt wor­ den“, sagte Grete! Scherb immer wieder, und verwies zum Beweis auf ein liebevoll geführ­ tes dickes Familienbuch. Darin waren unge­ zählte Fotos, Scherenschnitte, Zeitungsarti­ kel und handschriftliche Aufzeichnungen. Bilder vom drolligen Kind, vom Mädchen mit den langen Zöpfen, von der weißen Kommunikantin in der Triberger Wallfahrts­ kirche, vom Fräulein mit der Haarkrone, einer Gretelfrisur, und natürlich Zeugnissen voll guter Noten und Lobesworte. Nach Art derTöchter von damals hat Frau Scherb keinen Beruf erlernt. Ihre Mutter war der Ansicht, das gehöre sich nicht. Ihr Vater wollte· es eigentlich anders. Aber anno 1920 schickte man die „höheren“ Töchter besten­ falls auf die Bürger- oder auf die Realschule, in ein Internat oder ein Pensionat. Sie sollten schöngeistiges Wissen. sammeln, gute Kon­ versation machen, musizieren, anmutig tan­ zen, vielleicht ein bißchen Tennis spielen. Es wurde ihnen schon viel zugemutet, wenn sie in der Führung eines Haushaltes unterrichtet wurden.. Mutter.Schwer war keineswegs eine welt­ fremde Frau, die ein exklusives Leben abseits der Gemeinschaft der Mitbürger geführt hätte. Die Triberger Fabrik wäre bei einer sol­ chen Einstellung niemals gediehen. Der Betrieb war ganz aus der handwerklichen Tradition der Schwers entstanden: die Fami­ lie wohnte im Vorderhaus und in den Rück­ gebäuden wurde „geschafft“. Der Fabrikant trug werktags weder Stehkragen noch flotte Maßanzüge, sondern legte den ganzen Tag im „blauen Anton“ mit Hand an. Seine Fa­ milie gehörte damals zum Werk wie das Wohnhaus auch. Grete! Scherb lernte ihr ,,Handwerk“ sozusagen von der Pike auf. Vater Schwer nahm seine Tochter oft bei der Hand und führte sie durch die Werkräume, aber weder in der Werkstatt noch in der win­ zigen Verwaltung war sie tätig. Aber sie kannte alle, und alle kannten sie. Zur Vesper­ zeit ging sie am liebsten in den Betrieb, und es gab in späteren Jahren noch einige Be­ triebsangehörige, die einst die kleine Grete! auf ihrem Arm getragen haben. Sozialarbeit und Werkfürsorge kannte der patriarchali­ sche Betrieb damals noch nicht. Aber „Papa Schwer“ sorgte eigenhändig für die Leute. Wenn Nachtschicht angesagt war, bedeutete das für die Frauen im Hause Schwer: Kaffee zu kochen und Vesperbrote zu schmieren, und nachts wurden dann die Körbe und Kannen in die „Waldmühle“ geschleppt. In den Jahren des Aufbaues hatte die Un­ ternehmerfamilie Schwer oft große Sorgen. Immer wieder erzählte Frau Scherb die Geschichte ihres Vaters, der um den Tisch herumgerannt ist und die Frauen aufforderte zu beten, weil er den Zahltag nicht beieinan­ der hatte. Zu wenig Lohngelder- das bedeu­ tete Bittgänge zu den Banken. Von ihrem Erfolg hing damals die Existenz der Familien ab, deren Väter und Mütter bei SABA arbei­ teten. Die Inhaberfamilie spürte die Verant­ wortung für die Beschäftigten ganz unmittel­ bar. Mit ihren eigenen Mitteln versuchten sie bei persönlichen Notlagen zu helfen: Wenn z.B. eine Mutter erkrankte, wurde der Mittagstisch aus der Küche der Familie Schwer mitversorgt. Je größer der Betrieb wurde, desto weniger war mit solcher Hilfe auszukommen, desto notwendiger wurde eine regelrechte Organisation für die „Sozial­ arbeit“. Frau Grete! Scherb mochte zwar die­ ses Wort nie, aber sie liebte die Arbeit, die es bezeichnet. Mit der Sozialarbeit hatte sie ihre Lebensaufgabe gefunden. Solange die Eltern noch lebten, stand sie im Schatten ihrer Mutter. Mit 21 Jahren heiratete sie sei- 157

ber, gebar zwei Söhne und lebte mit ihrer Familie im oberen Stockwerk der „Wald­ mühle“. Als die Eltern Schwer gestorben waren, mußte sie sich dem Betrieb stellen. Sie hat sich durch zielsichere kluge Fragen über alles informiert. Aber sie hat nie in die Geschäftsführung des Betriebes eingegriffen. Sie wollte über alles Bescheid wissen, aber nur dort tätig werden, wo sie sachkundig auf Erfolg hoffen durfte: in der Betreuung der Belegschaft. Vorbild in diesen Dingen war für sie ihr Vater. ,,Mein Vater hat sich mehr als Sachverwalter denn als Fabrikant gefühlt“ erzählte sie immer wieder, ,,und bei mir kommt hinzu, daß ich nie Eigentümer der SABA gewesen bin.“ Erben waren ihre Söh­ ne Hans-Georg und Hermann Brunner­ Schwer. Sie war lediglich als „befreite Vorer­ bin“ eingesetzt. Damit war im Testament festgehalten: sie stand hier für ihre Söhne, sie stand hier für SABA. Es kam für die engagierte Frau eine sehr schwere Zeit: der Krieg und die Jahre danach. Bomben zertrümmerten einen großen Teil des Werkes, doch sie war es, die die zuver­ sichtliche Losung ausgab: ,,Das bauen wir wieder auf!“ Das Arbeitsamt schickte Frau Scherb nach dem Kriege zum Putzen in die Gewerbeschule. Mit Eimer und Putzlappen bewaffnet machte sie sich auf den Weg, stieg auf die Bockleiter und rieb die Fensterschei­ ben blank. Als Weihnachten vor der Tür stand, lud Grete! Scherb die 30 Kinder der Werksangehörigen – später waren es weit über 1000 – zu einer bescheidenen Besche­ rung mit Spielzeug und einem Laib Brot ein. Das Mehl für das Brot hatte sie persönlich gehamstert. Für Kinder hatte sie immer ein Herz. Ihrer Liebe zu Kindern war auch die SABA-Kindertagesstätte, der Kindergarten beim Werk, zu danken. Sie sorgte aber nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Rentner bei der SABA. Sie lud sie zum Kaf­ fee, auch zu einem Ausflug an den Bodensee oder in den Schwarzwald ein. Ihre Antwort dafür war denkbar einfach: ,,Sie haben mitge­ arbeitet am Aufbau des Werkes, deshalb gehören sie zu uns.“ 158 Sie wußte um die Einsamkeit der alten Menschen, von ihrem Bedürfnis nach Gesel­ ligkeit und von ihrer Seligkeit, Erinnerungen auszutauschen an „früher“. Frau Scherb konnte nicht alle in den Betrieben persönlich kennen. Aber so ziem­ lich alle kannten sie oder sie hatten von ihr gehört. Sie hatte das Vertrauen der Beleg­ schaft, weil sie persönlich so vielen geholfen hat. ,,Die SABA ist mein Hobby“ war die Antwort auf die Frage nach ihren Liebhabe­ reien. ,,Nicht wem das Werk gehört ist we­ sentlich, sondern die Entwicklung der SABA und der Fortbestand des Unternehmens, die Sicherheit der Arbeitsplätze für die Beleg­ schaft.“ Für ihr einmaliges soziales Engagement wurde ihr im September1983, kurz vor ihrem Tode, das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. Was hinter den Türen des Hauses Hermann-Schwer-Straße 1 auf sozialem Ge­ biet alles getan wurde, wissen nur Einge­ weihte. An die „große Glocke“ hat Grete! Scherb das nie gehängt. Der Keller ihres Hauses glich oftmals einem Warenlager und keiner zählte die Pakete, die damals durch den Eisernen Vorhang geschickt wurde. Die geänderten Besitzverhältnisse der SABA, die 1968 den amerikanischen Kon­ zern General-Telephone & Electrics (GTE) ins Haus holte und 1980 in den Besitz des französischen Elektro-Giganten Thomson Brand überging, traf die engagierte Unter­ nehmerfrau schmerzlich, sie verlor aber nicht ihre Herzlichkeit und ihr frohes Wesen, das alle, die sie kannten, so sehr an ihr schätzten. Sie starb am 22. November 1983 und eine große Trauergemeinde begleitete sie auf ihrem letzten Gang. Sie war eine bemerkenswerte Unterneh­ merin, gleich geachtet vom „Kapital“ und ,,Arbeit“. Werner Jörres

Der langjährige Leiter des Donaueschinger Amtsgerichts Volker Schmitt nach kurzem Ruhestand überraschend verstorben Der Beitrag über Volker Schmitt war schon ge­ setzt, als die traurige Nachricht kam, daß er am 18. 8.1995 verstorben ist. Sein Wirken bleibt un­ vergessen. Seine Fähigkeiten und sein zweites juristi­ sches Staatsexamen hatten ihm den Weg für die große Karriere geöffnet. Doch Volker Schmitts Traum war es schon immer, Amts­ richter zu werden, und so zog es ihn 1968 zu­ rück in seine Heimatstadt Donaueschingen. Als guter Richter für die armen kleinen Sünder wirkte er hier fast drei Jahrzehnte lang; in den letzten zehn Jahren als Leiter des Amtsgerichts. Volker Schmitt war mit Leib und Seele Richter. Dennoch ist er 60jährig am 1. März 1995 „befreit“ in den Ruhestand getreten. Im Trend mag es vielleicht stim­ men, aber er kokettierte auch damit, wenn er davon redete, daß im Alter die Kräfte nach­ lassen. Hellwach engagierte er sich als An­ walt für die Senioren und für die Allgemein­ heit im Donaueschinger Gemeinderat, in den er 1994 über die Liste der Gemeinschaft Unabhängiger Bürger (GUB) gewählt wurde. Als Richter interessierte er sich nie für die großen Fälle. Ihn faszinierte das „Mensch­ liche, allzu Menschliche“, wie er das sagte und das nahm man ihm auch gerne ab. Für unbeteiligte Zuhörer konnte Schmitt in der schwarzen Robe so agieren, daß es ein Ver­ gnügen war. Straftäter haben das sicher anders empfunden; auch so mancher junge Staatsanwalt hatte seine Probleme. Schmitt war ein Freund klarer Worte. Er polterte, wenn er jemanden beim Lügen er­ tappte. ,,Das glauben Sie ja selbst nicht“, mußten sich die Beschuldigten vorhalten lassen. Mit Begeisterung war Schmitt Strafrichter für Jugendliche. Die besondere Verantwor­ tung machte für ihn den Reiz aus. Eine große Härte, aber auch eine zu große Milde kann da schädlich sein. Oft kannte er die Verhält­ nisse. Bis zu drei Generationen einer Familie standen vor ihm. Eigentlich einmal von dem Ansatz ausge­ hend, daß der Strafvollzug den Täter bessern soll, erkannte Volker Schmitt im Laufe seines Richterlebens, daß es Kriminelle gibt, die weder fähig noch willens sind, sich in die Gesellschaft einzufügen. Vor diesen Men­ schen müsse man die Gesellschaft schützen. Bei allem Ernst, der hinter dem Scheitern der Schwachen in unserer Gesellschaft steht, hätte Schmitt volkstümlichen Laienbühnen 159

Stoff für etliche Stücke liefern können. Wie viele seiner Generation war Schmitt ein De­ nunzianten-Geschädigter und äußerst vor­ sichtig, was eigene Einmischung anbelangte. Deshalb amüsierte er sich über den Morgen, als zwei von den vielen tausend Angeklagten wegen Trunkenheit am Steuer dran waren: zu­ nächst der Angeschwärzte – dann der Verräter. Wie unangenehm es ist, öffentlich vorge­ führt zu werden, wußte Volker Schmitt nur zu gut. Als Kenner der Menschen im Einzugs­ gebiet zwischen Gütenbach und Blumberg setzte sich der Amtsgerichtsdirektor dafür ein, die Fälle auf informellem Wege zu regeln. In Absprache mit Verteidiger und Staats­ anwaltschaft kam es so häufig bei geringem Verschulden, einer einmaligen Entgleisung oder nach Eingestehen der Schuld nicht mehr zu einer öffentlichen Anklage. Den Be­ troffenen blieb dadurch der Eintrag ins Straf- register erspart. Es wurde keine Geldstrafe verhängt, die der Justizfiskus vereinnahmte. Stattdessen waren Bußgelder zu zahlen, die gemeinnützigen Einrichtungen zugute kamen. Was Schmitt immer besonders naheging, waren Klagen, daß der Sohn den Vater ver­ prügelt hat, Beleidigungen, übelste Beschimp­ fungen bei Familienstreitigkeiten. Die bei diesem Beruf zwangsläufig erworbene Men­ schenkenntnis brachte Schmitt Sicherheit, daß ihm so schnell keiner etwas vorflunkerte. Am Verhalten des Angeklagten in den ersten 15 Sekunden im Gerichtssaal hat er oft vor­ hersehen können, wie sich dieser Mensch verhalten wird. Doch es gab auch Fälle, bei denen sich Schmitt getäuscht hatte, wie er im Nachhinein bedauerte. Letztlich ist es eben doch schwierig, in einen Menschen zu schauen, und oft ist die Wahrheit das Un­ wahrscheinlichste. Verena Wider In memoriam Edwin Nägele Der erste Nachkriegsbürgermeister von Villingen Er war ein Mann der ersten Stunde und im wahrsten Sinne des Wortes ein Kind dieses Jahrhunderts. Edwin Nägele, der am 22. März 1900 als waschechter R.ietvogel und ohn des Schreinermeisters Johann Nägele und dessen Gattin Rufina, geb. Dold, in der Villinger R.ietgasse 28 zur Welt kam und am 14.Januar 1995 in seiner Heimatstadt ver­ starb, war der erste Nachkriegsbürgermeister der Zähringerstadt (nach dem von den Fran­ zosen für kurze Zeit in sein Amt eingesetzten Fotografen Bräunlich) und von 1951 bis 1965 der alleinige Vorstand der Badischen Staats­ brauerei Rothaus AG. Daher war es nicht ver­ wunderlich, daß bis zuletzt alle 14 Tage ein Kasten „Tannenzäpfle“ als Haustrunk im Eingangsbereich seines Wohnhauses in der Bleiehestraße 14 stand. Seine Wahl zum ersten Bürgermeister Vil­ lingens nach der schrecklichen Zäsur des Zweiten Weltkrieges erfolgte am 22. Septem- ber 1946, als er auf Vorschlag der beiden Gemeinderäte Frech und Kuppel von der CSP (Christlich Soziale Partei, der Vorläufe­ rin der CDU in Baden) gewählt wurde. Zum Zeitpunkt dieser Wahl gehörte Nägele noch keiner Partei an. Nach der Wahl, die auf zwei Jahre erfolgte, wurde er für den Zeitraum vom 23. Dezember 1948 bis zum 31. Dezem­ ber 1950 durch das damalige Innenministe­ rium in Mannheim im „Interesse der geord­ neten Fortführung der Gemeindeverwal­ tung“ ernannt. Zuvor konnte in drei Wahl­ gängen kein Kandidat die erforderliche Mehrheit auf sich vereinen. Seine Ernen­ nungsurkunde zum Rathauschef hing bis zu Nägeles Tod an einem Ehrenplatz in seiner Wohnung, eingerahmt von den vielen Aqua­ rellen, die er selbst gemalt hatte. Unmittelbar vor seiner Wahl zum Bürger­ mei ter war er von Juni bis September 1946 Kreisstellenleiter des Badischen Landesam- 160

und war von 1927 bis 1933 als Oberle-Reprä­ sentant in Berlin tätig. Nägele, nach eigenem Bekunden ein „engagierter Nazi-Gegner, der für seine Überzeugungen schwer büßen mußte“, verließ die alte Reichshauptstadt, um in Villingen ein eigenes Treuhandbüm zu eröffnen. Der zufälligen Begegnung mit dem Uhrenfabrikanten Franz Kaiser ist es zu verdanken, daß er dort als Prokurist und Finanzchef tätig wurde. 1938 wechselte er in jene Branche, der er fortan einen Großteil seiner Schaffenskraft widmen sollte: bei der Herkules-Brauerei in Kassel sammelte er jene Erfahrungen, die ihn befähigen sollten, die Geschicke der Rothaus-Brauerei von 1951 bis 1965 zu leiten. Über seine Zeit als Rothaus-Chef berich­ tete Nägele dem Autor in einem Gespräch, welches aus Anlaß seines 94. Geburtstages geführt wurde, daß er für einen kargen Lohn (,,Ich war miserabel besoldet“) Enormes lei­ sten mußte. So habe er innerhalb einer drei­ monatigen Probezeit den gesamten Fuhr­ park umkrempeln, den Vertrieb wiederauf­ bauen und die „Bilanzen in Ordnung brin­ gen müssen“. Bei Rothaus habe er sich seine Altersversorgung redlich verdienen müssen, da es ihm gelang, den Bierausstoß mehr als zu verdoppeln. Als Prokurist der Kasseler Herkules-Brauerei allerdings hat der Träger des Verdienstkreuzes Erster Klasse der Bun­ desrepublik- mehr Geld bekommen als der spätere Vorstand der Schwarzwälder Staats­ brauerei. Das monatliche Nettogehalt Näge­ les als Villinger Bürgermeister betrug, wie sich den Akten des Stadtarchivs entnehmen läßt, 642 Reichsmark. Hinzu kam eine mo­ natliche Aufwandsentschädigung in Höhe von 100 Reichsmark. Auch wer die unmittelbare Nachkriegs­ zeit nicht aus eigenem Erleben kennt, der weiß, daß Nägele als erster ziviler Bürgermei­ ster Villingens Dinge organisieren mußte, die von allen heute nur noch als Selbstver­ ständlichkeit wahrgenommen werden. Es ging um das nackte Überleben und darum, den französischen Besatzern möglichst viele (Fortsetzung Seite 163) 161 Ernennungsurkunde zum Bürgermeister, Auf nahme im März 1994 in seiner Villinger Woh­ nung tes. Nägele gehörte nie der NSDAP an und wurde im Januar 1945 noch für fünf Tage zum sogenannten“ Volkssturm“ nach Kassel eingezogen. Nach vierjähriger Arbeit als Bürgermeister wurde 1950 der zunächst par­ teilose, später der CDU beigetretene Ober­ justizrat Severin Kern zum Rathauschef ge­ wählt (vgl. Almanach 81, Seite 151-153). Doch erzählen wir der Reihe nach. Edwin Nägele absolvierte nach dem Besuch des Realgymnasiums eine Banklehre und stu­ dierte ab April 1920 an der Handelshoch­ schule in Mannheim, die er 1924 mit dem akademischen Grad eines Diplom-Kauf­ manns wieder verließ. Bei der damaligen Backofenfabrik Gebrüder Oberle bekleidete er seine erste Stelle als Chef der Buchhaltung

Der Villinger Münschterbrunne Am Münschterplatz, eweng verschteckt, en Kaschte sich gen Himmel reckt. Isches en Turm, isches e Huus? Es gucket Liit zum Fenschter nuus. De Herr Dekan, jetzt saget au, duet sich e Zigarr schmecke lau. Bim Roseschtock, wo uffwärts schießt, e Jungfer iiri Blueme gießt. Und unne danne, ganz im Schatte, luuret miiseel zwei dicki Ratte. Am Erker loehnet on; o jeh, isch sell jetzt nit de Alt-OB? Daß ihm jo konn zu nahe kunnt, wacht nebem seller giftig Hund. E Büebli pinklet, gamit dumm, de Modder über d’Ahsel numm. Und sell jung Päärli uni Hääs dunkt manchs villiicht eweng kowäs. En Abtritt giits scheints konn dert dinne. Die, YO ebs nit vehebe kinne, leeret de Hafe wie zum Schpaß zum Fenschter nuus und nab uf d’Gaß. Zum Glück duet als de Käener triel� und so es Pflaschter suuber schpüele. Isch Wasser dert noo luschtig grunne, häsch gmerkt: Der Kaschte isch en Brunne!! Dunkt Dich des Ganz eweng vehext: Uff selle Tafle schtoht de Text. Wär ’s Hirn zwar willig, d’Auge schwach, no fallt d’Erklärung freili flach. Vum Sinn häsch Du konn blasse Dunscht bim Denkmal der moderne Kunscht. Dätsch Du jetzt läschtere uni Pause, guckt mer Dich aa fer en Banause. Doch ’s Münschter, baut us rote Schtäe, hät gwiß scho manchi Kunschtwerk gsäeh; ’s word allgemein und au im Bsundere sich wellwäeg über nint me wundere. Elisabeth Neugart 162

Zugeständnisse abzutrotzen. Die dringend­ sten Herausforderungen fur Nägele hießen: die zahllosen Flüchtlinge aus dem Osten unterbringen, verhindern, daß der Jungwald gänzlich eingeschlagen wurde sowie Auf­ rechterhaltung der Strom- und Wasserver­ sorgung. Nägele konnte sein Organisations­ geschick unter Beweis stellen, wenn es galt, Glühbirnen oder Zement fur die Wiederher­ richtung der Gehwege zu besorgen (nachzu­ lesen in: ,,Edwin Nägele -Ein Bürgermeister erinnert sich“, Jahresheft des Villinger Geschichts- und Heimatvereins, Jhg. 1987 / 88). Darin berichtet das Gründungsmitglied der örtlichen CDU auch, daß er sich das Viertele zur „Nachsitzung“ des Gemeindera­ tes im Hotel Blume-Post vom französischen Gouverneur genehmigen lassen mußte. Der Gemeinderat zählte damals übrigens ganze 13 Mitglieder (7 CDU, 3 SPD, 2 FDP und einen Kommunisten). Um so erstaunlicher, daß es fur eine Freiwilligkeitsleistung reichte: Nägele schaffte es, beim Villinger Kneipp­ bad auf dem Gelände der ehemaligen Stadt- gärtnerei einen Kleinzoo mit zwei waschech­ ten Bären einzurichten. Nägele fiel der Abschied vom Amt des Bürgermeisters alles andere als leicht, wie sich den Seitenhieben in dem erwähnten Beitrag auf seinen Nachfolger Severin Kern unschwer entnehmen läßt. Die Enttäu­ schung war sogar so groß, daß er sich wei­ gerte, seinem Nachfolger zur Wahl zu gratu­ lieren. Offensichtlich, so deuten Zeitgenos­ sen diesen Umstand, fuhlte er sich in seinen Leistungen fur Villingen von der Bevölke­ rung verkannt. Die aktive Politik gab er nach seiner Abwahl nicht völlig auf. Von 1946 bis 1951 gehörte er dem Kreistag des ehemaligen Landkreises Villingen an. Noch bis wenige Tage vor seinem Tode ging er regelmäßig in Villingen spazieren. Dabei war er in den Ringanlagen anzutref­ fen, wo er versonnen dem Treiben der Jünge­ ren zusah und die letzten Sonnenstrahlen genoß. Er selbst konnte auf ein erfülltes Leben zurückblicken. Joachim Siegel Der gute Geist von Andara Dr. med. Anneliese Bonath Viele Jahre Leiterin eines Krankenhauses in Namibia Es war der gebürtigen Villingerin bestimmt nicht in die Wiege gelegt worden, daß sie ein­ mal als Leiterin eines Krankenhauses im fer­ nen Afrika vielen hunderten von hilfsbedürf­ tigen Menschen als Wohltäterin erscheinen würde. Doch bis dahin war es ein langer und beschwerlicher Weg. In ihrer Heimatstadt Villingen verlebte sie, wie viele andere Jungen und Mädchen, ihre Jugendzeit. Sie gehört zum Jahrgang 1925 und ist jeden Tag treu und brav in die Mädchenschule in der Bärengasse mar­ schiert. Um eine solide Ausbildung nachwei­ sen zu können, wechselte sie auf die dama­ lige Realschule und anschließend auf die Höhere Handelsschule. Daß sie nebenbei auch eine ausgezeichnete Leichtathletin war, sei nur am Rande erwähnt. Etliche Gaumei­ stertitel in verschiedenen leichtathletischen Disziplinen brachte sie von vielen Wettbe­ werben mit nach Hause. In der Zwischenzeit brannte es in der Welt lichterloh, denn der grausame Zweite Weltkrieg zog über Europa. Daß es in dieser schwierigen Zeit überall und an allem fehlte, sah auch Anneliese Bonath. Ein großer Teil der Männer stand den Ange­ hörigen zu Hause nicht mehr zur Verfügung, kräftige und geschickte Frauenhände waren mehr denn je gefragt. Anneliese Bonath ent­ schloß sich der Freiwilligen Feuerwehr bei­ zutreten, um so ihren Teil zum „Dienst am Volke“ beizutragen. Zu Hause, in der Metz­ gerei Bonath in der Niederen Straße, wurde auch von ihr tatkräftige Mithilfe gefordert. 163

Dies alles stellte für sie keine Probleme dar. Sie war von einem gelernten Metzger nicht zu unterscheiden, denn ihre sprichwörtliche Bereitschaft zu allem Tun ließ sie schon in jener schweren Zeit erkennen. Die harte AI­ beit im elterlichen Betrieb mag vielleicht auch ihre Persönlichkeit geprägt haben, wel­ che nötig wurde, um sich später im fernen Afrika durchzusetzen. Durch die Krankheit ihres Vaters war sie gezwungen, in den harten Kriegsjahren von 1940 bis 1945 die Metzgerei voll verantwortlich zu führen. Doch die Vorstellungen über ihr späteres Leben waren ganz andere. Nachdem sie eine gewisse Zeit im Theresien-Krankenhaus in Mannheim im Wirtschaftsbereich tätig war, wurde in Anneliese Bonath der Wunsch wach, Ärztin zu werden. Das bedeutete für sie, noch einmal die Schulbank zu drücken, um in den Jahren 1947 bis 1949 das Abitur nachzuholen. Damit waren für sie die Grundlagen für das Medizinstudium ge­ schaffen. Ihr Eifer und ihr unstillbarer Wis­ sensdurst brachten die Studentin schnell voran. Im Jahre 1955 baute sie ihr Staatsexa­ men und war Ärztin für Allgemeinmedizin. Das Jahr 1956 war für die junge Ärztin ent­ scheidend: sie entschloß sich, dem Missions­ orden der Benediktinerinnen in Tutzing bei­ zutreten, der seine hochqualifizierten Kräfte überall dort einsetzt, wo Hilfe erwartet wird. Sie trägt seit dieser Zeit den Namen Maria Gottfried. Ihr Engagement zu lernen und sich Wissen anzueignen war aber noch lange nicht erschöpft. Einen Lehrgang in Ham­ burg über Schiffs- und Tropenkrankheiten brachte sie ebenso mit der Note eins hinter sich wie ihre Prüfung zum Zahnarzt. Mit solch enormen Wissen ausgestattet, wurde sie im Jahre 1963 nach Namibia, dem frühe­ ren Südwestafrika, als Leiterin eines Mis­ sionshospitals beordert. Neue Dimensionen taten sich für Dr. Anneliese Bonath auf. Wenn man bedenkt, daß das Land mit rund 842 000 Qµadratkilo­ metern viermal so groß wie Großbritannien und äußerst dünn besiedelt ist, dann ist es für einen Neuling nicht gerade einfach, sich dort 164

__ ,…. … Angola ———– ,, • • ‚,, ,,., … ‚ •u,••‘ 1 1 1 1 : , , Andara r,.. .,. c•• .. -�-… -� .. , 1 —–….. ,–:– ,.,.‘ 1 ••1 • r·� 1 • 1 … ,, ‚ I , , ___ , Botswana I 1 I L 1 1 ‚ 1 1 ,_ .. , ,…. ,‘ , Namibia • Wlndha•k Südafrika einzuleben. Die vielen Bevölkerungsgrup­ pen mit ihrem Sprachengewirr machen dem Fremden doch immer wieder, wenn es um Verständigung geht, erhebliche Schwierig­ keiten. Auch im fernen Afrika hat sie ihr Wis­ sen erweitert, denn im Jahre 1968 bestand sie die Prüfung zum Facharzt für Chirurgie. Dr. Anneliese Bonath selbst spricht drei europäi­ sche Sprachen, dazu die Owarnbosprache, so daß sie in ihrem Hospital gut zurecht kommt. Die medizinische Versorgung und der ganze hochtechnisierte Apparatismus in den Krankenhäusern der alten Welt, sind in Afrika nicht anzutreffen. Andara, im Capri­ vizipfel gelegen, liegt runde 1000 Kilometer von der Hauptstadt Windhoek entfernt und ist zum großen Teil nur über Schotterstraßen und Wüste zu erreichen. Das Einzugsgebiet des Hospitals in Andara ist riesengroß. Tage­ lange Fußmärsche der Patienten sind an der Tagesordnung, Nichtgehfahige werden auf Karren ins Hospital gebracht. Trotz vieler „Unebenheiten“, die sie in den vergangenen 32 Jahren als Leiterin „ihres“ Hospitals besei­ tigen und überwinden mußte, hat Dr.Anne­ liese Bonath ihre aufopfernde Arbeit in 165

Afrika immer mit viel Engagement und Freude verrichtet. Der anstrengende Alltag in Afrika hat die Gesinnung und die Lebens­ einstellung der Ärztin nicht verändert. Noch heute, im hohen Alter von 70 Jah­ ren, ist sie tagtäglich inmitten ihrer Kranken präsent, versieht ihre verantwortungsvolle Tätigkeit mit demselben Elan, den sie schon in ihrer Jugendzeit an den Tag legte. Die we­ nigen Urlaubstage, alle sechs Jahre einmal, benützt sie, um, fern ihres anstrengenden Alltags in Namibia, Erinnerungen an ihre Heimat aufzufrischen. ,,Ihr Hospital“ geht ihr auch während die er Zeit nicht aus dem Kopf, denn die Menschen werden dort auf sie warten, um Trost und Heilung zu erfah­ ren. Im Frühsommer des Jahres 1995 wird sie jedoch ihre Station in Andara verlassen, nicht um in ihr Mutterhaus nach Tutzing zurückzukehren, sondern um sich in der Hafenstadt Swakopmund wieder kranken, hilfesuchenden Menschen zu widmen. Sie übernimmt dort die Vertretung eines Arztes in einem Krankenhaus. Das Berufsleben von Dr.Anneliese Bonath als „Buschdoktor“, wie sie es selber nennt, ist ein erfülltes Leben und wird es wohl auch in Zukunft noch sein. Werner Jörres Senator h. c. Hans Schmidt Eine erfolgreiche Unternehmerpersönlichkeit, Träger der Wirtschaftsmedaille des Landes Baden-Württemberg „Wenn Sie mich fragen“, sagte Senator h. c. Hans Schmidt mit einem Lächeln, ,,wenn Sie mich fragen, was mein per ön­ liches Geheimrezept für unternehmerischen Erfolg gewesen ist, dann antworte ich Ihnen: Ich habe immer an die Zukunft geglaubt und andere motiviert, gemeinsam für die Zu­ kunft zu arbeiten.“ Dreiundvierzig Jahre ist es nun her, daß dem damals jungen Ingenieur Hans Schmidt von seinem Vater und seinem Onkel, den Gebrüdern Schmidt in St. Georgen, die Auf­ gabe übertragen wurde, deren bis dahin hand­ werklich gefuhrten Betrieb zu einem erfolgrei­ chen Industrieunternehmen umzugestalten. Von seiner beruflichen Entwicklung hatte er allerdings ganz andere Vorstellungen. Nach dem erfolgreich absolvierten Inge­ nieur-Studium der Fachrichtung Feinwerk­ technik, an der Ingenieurschule Furtwangen, von 1948 bis 1951, folgte die Wunschanstel­ lung bei Robert Bosch in Stuttgart. Hier, in dem damals schon weltweit operierenden Unternehmen, sah der junge Entwicklungs­ ingenieur seine berufliche Zukunft. Der Wunsch einer Familie war jedoch sehr bald schon ein anderer. Nachdem der 166 1938 zur Herstellung von Drehteilen gegrün­ dete Betrieb 1945 bis auf die Grundmauern niederbrannte und 1948 aus dem Nichts auf­ gebaut wurde, sollte Hans Schmidt die Pro­ duktion wieder auf die Beine bringen. Am !.Januar 1953 tritt er als Geschäftfuh­ render Gesellschafter in das Familienunter­ nehmen ein, das mit der Fertigung von Kugelschreiberminen interessantes Neuland betreten hatte. Risikofreudig, doch stets das Machbare wohl abwägend, ging er an die Arbeit. Im Zuge einer schrittweisen Automati­ sierung der Produktion entwickelt Hans Schmidt eine Vielzahl neuer Produkte wie Druckmechaniken fur Einfarb-Kugelschrei­ ber und völlig neue Minentypen, die in die DIN-Norm aufgenommen wurden. Die folgenden Jahre sind von einer schritt­ weisen Erweiterung der Produktion und In­ vestitionen in den Maschinenpark gekenn­ zeichnet. Aus einigen für den Eigenbedarf ent­ wickelten Sondermaschinen fur die Schreibmi­ nenfertigung entstehen ausgereifte Produkte wie Sägeautomaten, Rohrverformungsauto­ maten, Zahnstangen- und Kniehebelpressen, die nun auf dem Markt angeboten werden.

bäude, das von 1973 an beste Voraussetzun­ gen für die weitere Ent­ wicklung des Unter­ nehmens bot. Bei allem Engage­ ment im eigenen, auf­ strebenden Unterneh­ fand Hans men Schmidt immer die Zeit, zahlreiche ehren­ amtliche Tätigkeiten in Organisationen und Gremien der Wirt­ schaft sowie im Hoch­ schul- und Forschungs­ bereich auszuüben. Eine Übersicht hierzu ist beeindruckend: – 1962-1977: Beirat im Wirtschaftsverband für Baden (WVIB), Freiburg – 1968-1973: Kura­ toriums-Mitglied der Staatlichen Ingenieur­ schule Furtwangen – 1968-1980: standsvorsitzender der Fördergesellschaft der Fachhochschule Furtwangen – 1980: Ernennung zum Ehrensenator der Vor- Fachhochschule Furtwangen – 1981-heute: Mitglied des Fördergesell­ schaft-Vorstandes der Fachhochschule Furt­ wangen – 1986-heute: Vorstands-Mitglied des Indu­ strieverbandes Schreib- und Zeichengeräte in Nürnberg – 1989-1991: Mitglied des Kuratoriums der Hahn-Schickard-Gesellschaft für angewandte Forschung, Stuttgart – 1991-heute: Mitglied des Aufsichtsrates des Hahn-Schickard-Institutes für Mikrosy­ stem- und Informationstechnik, Villingen­ Schwenningen 167 So entstand der zweite Geschäftsbereich und trägt seither erfolgreich zur Entwicklung des Unternehmens bei. Ein Meilenstein in der Fortentwicklung des Unternehmens wurde von Hans Schmidt mit unternehmerischer Weitsicht 1968 ge­ setzt. Er beschloß, den im Laufe der Jahre auf mehrere Gebäude in der Innenstadt von St. Georgen verteilten Betrieb nicht mehr zu erweitern und statt dessen nach einem neuen Produktionsstandort zu suchen. Auf einem Areal von 25.000 m2 entstand nach einem General-Bebauungsplan ein hoch­ modernes Produktions- und Verwaltungsge-

Das unternehmerische Selbstverständnis von Hans Schmidt war zudem stets die Triebfeder für sein soziales Engagement und die Sorge um seine Mitarbeiter. Er unter­ nimmt hierbei außergewöhnliche Anstren­ gungen, um jungen Leuten zu einer soliden beruflichen Grundlage zu verhelfen. So wer­ den ständig ca.10 O/o der Mitarbeiter zu Fach­ arbeitern verschiedener technischer Berufe bzw. in kaufmännischen Berufen ausgebil­ det. Es ist wirklich bei allem in erster Linie der Mensch, welcher im Mittelpunkt seiner Überlegungen steht. Schließlich wurde 1984 der sehr zukunfts­ orientierte Geschäftsbereich Sensorik und Mikroelektronik gegründet, welcher sich unter Ausnutzung vieler Synergieeffekte har­ monisch in das Gesamtunternehmen ein­ fügt. Wieder gelang es Hans Schmidt, durch geschickte unternehmerische Weichenstel­ lung und beachtliches finanzielles Engage­ ment ein weiteres, drittes Standbein zu Sicherung der Arbeitsplätze am Standort St. Georgen zu schaffen. Mit großen Zuwachsraten werden nun Sensoren für die physikalischen Parameter Beschleunigung, Strömung und Rotation hergestellt. Highlights in diesem Programm sind Auslösesensoren für Airbag, Gurtstraf­ fer und Überrollbügel im Automobilbau. Die intensive Erkundung der internatio­ nalen Absatzmärkte führten Hans Schmidt im Laufe der Jahre auch bei einer Vielzahl von Auslandsreisen rund um den Globus. Schon Ende der 60erJahre wurden von ihm eine ganze Reihe ostasiatischer Länder be­ sucht, um in diesen aufstrebenden Industrie­ nationen Kontakte zu knüpfen. An vielen wichtigen Orten wurden weltweit Verkaufs­ stützpunkte errichtet und 1992 wurde als Basis für den amerikanischen Kontinent die SCHMIDT Feintechnik Corporation in Pittsburgh, USA, gegründet. Jährlich über 20 Auslandsmes ebeteiligungen sichern den Absatz der Produkte in über 70 Ländern. Im Dezember 1994 wurde Senator Hans Schmidt aus der Hand des Baden-Württem- 168 bergischen Wirtschaftsministers, Dr. Dieter Spöri, eine besondere Ehrung zuteil. Für her­ ausragende Verdienste um die Wirtschaft des Landes Baden-Württemberg wurde ihm die Wirtschaftsmedaille des Landes im Marmor­ saal des Neuen Schlosses in Stuttgart verlie­ hen. In seiner Laudatio bemerkte der Mini­ ster unter anderem: ,,SCHMIDT Feintech­ nik ist eine feine Adresse, deren guter Ruf weithin bekannt ist. Die hohe Qualität seiner Produkte sieht Hans Schmidt als Verpflich­ tung an. Das Unternehmen hat frühzeitig die Weichen für die Zukunft gestellt und die Chancen neuer Techniken erkannt. Schmidt hat sich darüber hinaus für den Ausbau der baden-württembergischen Forschungs-Infra­ struktur in vorbildlicher Weise eingesetzt.“ Dies war sicher einer der Höhepunkte auf dem Lebensweg des kreativen Unternehmers Hans Schmidt und man darf gespannt sein, welche innovativen Ziele er sieh für die näch­ sten Jahre noch gesteckt hat. Nun bleibt zu wünschen, daß sein hoch­ geschätztes unternehmerisches und fach­ liches Wissen und sein Elan noch lange er­ halten bleiben. Joachim Liedgens Ein gebürtiger ,,Schwarzwald-Baaremer“ Rektor der Universität Freiburg Prof Dr. Wo!fgang}äger wurde am26.April 1995 vom Großen Senat der Universität Frei­ burg zum neuen Rektor der Albert-Ludwigs­ Universität Freiburg gewählt. Er hat sein Amt am 1. Oktober 1995 angetreten. In Nie­ dereschach geboren und in Villingen aufge­ wachsen, ist Prof Dr.Jäger ein Sohn unserer Landschafl. Die Wahl von Prof. Dr. Jäger erinnert an Mathäus Hummel den Gründungsrektor und ersten Rektor der Universität Freiburg, der ein Villinger war und auf den Tag genau, am 26.April vor 535}ahren gewähltwurde (siehe Almanach 88, Seiten 19-23). Die Redaktion des Almanach gratuliert zu der ehrenvollen Berufimg!

De Münschterdorm Gi Friborg bini gfahre mol und ha de Bue mitgnomme, dor Gäßli simer kumme zmol as Münschter, zu dem fromme. Dear Bue, dear hät zwoa Auge gmacht, we Pflugrädli, so groß. Zmol hättermi am Kittel packt und gseit: ,,jetzt ninnt we los! Dear Dorm, dear isch jo ganz verheit, ear hätt jo Loch a Loch. Fort jetzt, bevor er zsämmitkeit, hei, Vadder, folg mer doch!“ De Betziitliiter Vorem Münschter bini gschtande, ha de Artur beimer kha, Vill hät ear jo nitt verstande, hät nu gfroget wie und wa. Womer sind ums Kaufhus boge hätter nomol umigschächt, mech ganz fescht am Schobbe zoge, und no seit der Dunderschlächt: Do mont bösi Kinder wohne, wo am Obed hoam nit gont, daß sie hie e so en hohne große Betziitliiter hond. Gottfried Schafbuch t, Hüfingen 169

Dr. Axel Borchers Arzt mit einem Herz für die Behinderten Nein, gradlinig und reibungslos verlief der Lebensweg von Dr. Axel Borchers sicher­ lich nicht. Klippen und Hürden, wie das im Leben so ist, waren zahlreich vorhanden. Jedoch, blickt Axel Borchers heute zurück, so tut er dies zumeist schmunzelnden Auges und mit der Gewiß­ heit, zumindest ein bißchen von den leid­ lichen Umständen zum Besseren gewendet zu haben. Für seine zahl­ losen Verdienste und das entschiedene Ein­ treten für die Belange von behinderten Men­ schen wurde der 71- jährige Axel Borchers geehrt und ausge­ zeichnet. Zuletzt im Jahre 1994, als er das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen bekam. Aufgewachsen mit fünf Geschwistern in Tübingen, lernte Bor­ chers schnell, sein ei­ genes Leben und eige­ ne Probleme in die Hand zu nehmen, aber auch, die Probleme von anderen zu erken­ nen und ernst zu nehmen. Wie sein Vater wurde Borchers Arzt, studierte in Freiburg, Tübingen und Heidelberg. In Tübingen, wo Borchers während der Kriegsjahre studierte, gerät er in die Fänge des Rassenwahns: Weil er „aussähe wie ein Jude“, wird er für kurze 170 Zeit von der Uni geschmissen. Sein Vater, der an der Uni früher gelehrt hatte, ,,geht des­ wegen hoch wie eine Rakete“, wird beim Rektor vorstellig und paukt seinen Sohn durch diese ekelhafte Angelegenheit. Bor­ chers beendet dort noch das Semester und wird dann kurz vor Kriegsende aus dem Stu-

dium gerissen und in Aachen zum Assisten­ ten eines Krankenhauschirurgen verpflich­ tet. Als das Krankenhaus kurz nach dem Ein­ marsch der Amerikaner geschlossen wird, schlägt sich Borchers mit Gelegenheitsjobs durch. ,,Auch als Heizer bei den Amis, irgendwie brauchte man ja was zwischen die Zähne.“ Im Rundfunk hörte er die Nach­ richt, daß man in „Heidelberg wieder anfan­ gen wollte“. Wieder hilft ihm sein Vater und so kann Borchers „relativ nahtlos“ sein Stu­ dium fortsetzen und dann es auch in Heidel­ berg „genau am Tag der Währungsreform“ mit dem Doktorexamen beenden. In Aachen, wo sein Vater am Hospital arbeitet, kommt der junge Doktor zunächst unter. Eine weitere Station wird das Kassler Kran­ kenhaus. Doch nach fast zehnjährigem „Krankenhaustrott“ schaut sich Borchers nach was eigenem um. Außerdem lernt er damals seine „Braut kennen“, was seinen „Freiheitsdrang“ noch verstärkte. Doch alle seine alten Studienfreunde, die es in alle Richtungen zerstreute, schildern ihm die Chancen für einen niederlassungswilligen Internisten als „katastrophal“. Nur aus dem Schwarzwaldstädtchen Villingen kommt von einem ehemaligen Kollegen eine positive Nachricht. Nur ein Internist sei in Villingen und einen weiteren „könnte es ruhig noch brauchen“. So kommt Borchers zusammen mit seiner „Braut“ 1957 nach Villingen und ist von der Stadt „sofort begeistert“. Doch auch hier beginnt der Start in die eigene Exi­ stenz nicht reibungslos. ,,An Kassenzulas­ sung ist überhaupt nicht zu denken“ be­ kommt Borchers von Kollegen zu hören. Doch damals „ war ich schon nicht mehr auf­ zuhalten, wo ich doch schon so weit gekom­ men bin“, erzählt Borchers. Er wagt den Start ohne Kassenzulassung und kann zunächst nur Privatpatienten gegen Rechnung behan­ deln, was damals alles andere als eine sichere Existenzgrundlage war. ,,Es war wirklich schlimm, wir lehnten oft nachmittagelang am Fenster und schauten aufs verlassene Trottoir oder ins menschenleere Wartezim­ mer“, erinnert sich Borchers. Dann aber fällt das Bundesverfassungsgericht ein Urteil, daß allen Ärzten, die sich niederlassen wollen und die entsprechenden Qualifikationen er­ füllen auch die Kassenzulassung erteilt wer­ den muß. Borchers ist seine Existenznöte los und ist auch an dem Richterspruch nicht ganz unbeteiligt. ,,Damals in Aachen sam­ melte der Marburger Bund Geld für die Ver­ fassungsklage und an dieser Sammlung habe ich mich auch beteiligt“, so Borchers, für den sich das damalige Engagement tatsächlich lohnte. ,,Von da an ging es dann aufwärts.“ Doch die härteste Prüfung hatte das junge Ehepaar Borchers noch vor sich. Infolge der Contergankatastrophe kommt die Tochter geistig und körperlich behindert auf die Welt. Dieses Schicksal „veränderte das Le­ ben“ des jungen Ehepaars, das sich mit die­ sem aber niemals passiv auseinandersetzte, sondern schaute, wie ihr eigenes Kind und auch andere behinderte Kinder bestrnög­ lichst gefördert werden können. So wird Axel Borchers Ende 1969 auf einer Schulver­ sammlung als Vorsitzender einer Elternver­ tretung gewählt, die die Belange behinderter Kinder konzentrierter als bisher ansprechen wollte. Die Kreisvereinigung der Lebenshilfe war geboren, deren Vorsitzender Dr. Axel Borchers 23 Jahre lang war. Auch wenn man sich unter das Dach der damals schon recht großen Hilfsorganisa­ tion Lebenshilfe stellte, fühlte man sich besonders zu Beginn der Vereinsarbeit im hohen Maße der Sonderschule für Geistig­ behinderte verpflichtet. ,,Das hieß damals in erster Linie, Räumlichkeiten zu finden“, er­ zählt Borchers. Anfang der 70er verbuchte der Hilfsverein den ersten großen Erfolg. Die Junghansvilla, in der damals noch das Kin­ derkrankenhaus untergebracht war, wurde nach dem Umzug der Kinderklinik zur end­ lich großzügigeren Herberge der Sonder­ schule, die seit 1969 in der Schulträgerschaft des Landkreises stand. Die Mitglieder der Lebenshilfe beteiligten sich damals nicht nur aktiv daran, den Gemeinderat zu dieser Orts­ entscheidung zu stimmen, sondern packten auch bei der Gestaltung der Außenanlagen 171

und des Spielplatzes selbst mit an. ,,Wir leg­ ten dabei immer großen Wert darauf, daß die Spielgeräte sowohl für behinderte als auch für nichtbehinderte Kinder nutzbar waren“, so Borchers, der sich immer um die Integra­ tion von behinderten Menschen bemühte, ja darin eine der wichtigsten Aufgaben der Le­ benshilfe überhaupt sah. Um in der Öffent­ lichkeit mehr Verständnis für Behinderte zu etablieren, machte sich die Lebenshilfe schon früh und mit originellen Veranstaltungen be­ merkbar. Mit Konzerten und Sommerfesten, die jeden üblichen Rahmen bei weitem spreng­ ten, zogen die Mitglieder der Lebenshilfe die Menschen an und machten diese quasi ,nebenbei‘ auf die Probleme von behinder­ ten Menschen aufmerksam, um so Toleranz und Sensibilität zu schulen und zu fördern. Außer der 23 Jahre währenden Vorsitzen­ dentätigkeit für die Lebenshilfe kümmerte sich Axel Borchers aber auch um die Nach­ sorge von Herzkranken. Seit 1981 betreut Borchers die Herzgymnastikgruppe als Me­ diziner und Organisator. In allen seinen ehrenamtlichen Amtern, für die er mehrfach ausgezeichnet wurde, spiegelte sich der Wil­ le Borchers‘, sich mit leidlichen Umständen nicht abfinden zu wollen. Dort anzupacken, wo Not am Mann ist und Veränderungen notwendig sind, hat Borchers mit seiner langjährigen Tätigkeit als Vorsitzender der Lebenshilfe vielen vorgelebt. Jens Pottharst Dr. Helmut Pfäffle Ein weltoffener Apotheker aus St. Georgen Geboren ist Dr.Helmut Pfäffle 1922 in der international geprägten Bäderstadt Baden­ Baden, wo er auch seine Jugend bis zum Ende der Gymnasialzeit verbrachte. Nach der Teilnahme am Kriege, seit 1942 in einer Panzereinheit an der Ostfront, wurde der junge, aus Gefangenschaft entlassene Leut­ nant zunächst einmal Praktikant der Phar­ mazie, bevor er sein Studium in Karlsruhe und Freiburg aufnahm. Nach Staatsexamen und Approbation 1949 folgte 1953 seine Pro­ motion mit einer Arbeit zum Stoffwechsel. Bei dieser Forschung stieß Helmut Pfäffle auf eine grundlegende Voraussetzung für die Wirksamkeit von Medikamenten, die end­ lich auch sein eigenes Leben bestimmte. Me­ dikamente, so fand er heraus, konnten in den Körper nur dann wirksam eingebaut werden, wenn sie durch ihren von der Produktion zu beachtenden Aufbau die stufenweisen Um­ wandlungen am geeigneten Ort und zur pas­ senden Zeit vollzogen. Diese Erkenntnis konnte er später nicht nur bei seiner Arbeit im Zentrallaboratorium der deutschen Apo­ theker praktisch umsetzen, sondern beein- 172 flußte maßgeblich seinen Berufsweg. Der stufenweise Aufstieg in die pyramidenför­ mige Spitze der Fach-Hierarchie erfolgte nach dem gleichen Muster! 1953 trat er auf Wunsch seines Schwieger­ vaters, er hatte 1950 die Studienkollegin J uliane Brünner geheiratet, in die St.-Georgs­ Apotheke ein. 1955 übernahm er diese selb­ ständig in Pacht und wiederum fünf Jahre später wurde er Eigner der Offizin, die er bis 1994 führte. Drei Kinder wurden geboren. 1978, nach 28 gemeinsam verbrachten Jah­ ren, starb die Gattin. 1994 ging Dr. Pfäffle eine zweite Ehe mit seiner neuen Lebensge­ fährtin Ingrid Uthe ein. 1954 wurde er zum Kreisapotheker ge­ wählt. 1962 folgte die Wahl in die baden­ württembergische Vertreter-Versammlung der Apotheker. Seit 1970 stellvertretender Kammer-Präsident, rückte er von 1974 bis 1982 an die Spitze. Schon 1972 war er zudem in den Vorstand der Bundes-Apotheken­ Kammer berufen worden und zwei Jahre spä­ ter war er auch hier Vize-Präsident. An die Spitze wollte er jedoch nicht treten, denn als

teresse führte ihn in den Vorstand der Villin­ ger Volksbank, sein soziales Bemühen hieß in, sich am Aufbau und Fortbestand der Schwesternschule am Krankenhaus St. Geor­ gen zu beteiligen. Den Ausgleich und Gegenpart fand er gerade in sportlichen Aktivitäten, die körper­ liche Anstrengung mit einem geistigen An­ spruch verbanden. Seine Bergwanderungen faßte er so in anschauliche Vorträge, bei de­ nen er bemerkenswerte botanische Kennt­ nisse verriet. Im Tennissport suchte er das „Spiel“, wo lange, flache Ballwechsel von der Grundlinie ihm mehr Genuß als die Aus­ sicht auf Sieg brachten. Und im Skifahren war es nicht der Rausch der Geschwindig­ keit, sondern die Körperbeherrschung über schwierigem Gelände als ein Zwiegespräch mit der Natur. Wer dem Charakter und Temperament Dr. Pfäffles nachspürt, findet sie zunächst in seinen Reden. Ständig wurden seine Tagun­ gen mit lehrreichen Referaten und kritischer Diskussion gewürzt. Er verschloß sich kei­ nem Streitgespräch, war lebhaft und sprühte vor Vitalität. Stets zur Rede bereit, schlank, charmant und fair, unterstrich er das, was er durchweg sprachlich glänzend vortrug, auch mit dem Körper. Selbst korrekt gekleidet, duldete er auch bei anderen keine Nachläs­ sigkeit. Hier hatte die sonst von ihm gepfleg­ te Toleranz ihre Grenzen. Die starke Rationalität seines Denkens war in seiner Studien- und Assistentenzeit entstanden und hatte sich seither durch Übung immer mehr verfeinert. Er stellte sie in den Dienst des kranken Menschen, der durch die Vermittlung des Pharmazeuten die ihm dienliche chemische Substanz, d. h. Medizin, erhalten sollte. Aus diesem Span­ nungsfeld zwischen Chemie und Mensch­ lichkeit wuchs die ihm eigene kreative Span­ nung, der Kraftschub, welcher sein ganzes Leben kennzeichnete. Aber vielleicht hat auch der Standort der Apotheke einiges zur Charakterentwicklung Dr. Pfäffles beigetragen. Nach zahlreichen Umzügen im Innern des einstigen Klosterbe- 173 ,,Hauptamtlicher“ hätte er seine Basis ver­ mißt. Auch Bonn war in diesen Jahren auf ihn aufmerksam geworden und entsandte ihn 1971 in die deutsche Delegation, die im Rah­ men der Europäischen Gemeinschaft Richt­ linien zur Harmonisierung des Apotheker­ standes und der Arzneimittelproduktion entwickeln sollte. Aufgrund seines Einsatzes in Brüssel erhielt er das Bundesverdienst­ kreuz !.Klasse und die Verdienstmedaille der baden-württembergischen Apotheken-Kam­ mer. Bei all dieser rastlosen Tätigkeit für den Apothekerstand vergaß Dr. Pfäffle seine Hei­ mat und ihre Belange nicht. Zu erwähnen ist deshalb sein Engagement für die Gemeinde­ politik im Kreis der Freien Wähler. Zwölf Jahre, von 1959 bis 1971, arbeitete er im Ge­ meinderat zum Wohle seiner Stadt St. Geor­ gen. Er war aktives Mitglied im Verein für Heimatgeschichte. Sein wirtschaftliches In-

zirks hat die Apotheke heute zwischen Apsis und Langhaus einen würdigen Standort ge­ funden. Die Fundamente der ersten romani­ schen Bauphase lassen sich noch im Keller des Hauses verfolgen. So strahlt die spiri­ tuelle Kraft, wie sie vor fast eintausend Jah­ ren von der Konzentration mönchischen Zusammenlebens ausging, gewissermaßen noch heute in die Räume des Gebäudes und auf einen mit dem Gespür für geheimnisvol­ les Geschehen begabten Herrn des Hauses. Wie sonst hätte dieser auch jenes glückliche Zusammenspiel dreier Ereignisse im letzten Jahr erleben dürfen, wo Heirat mit der Le­ bensgefährtin, Vollendung des siebten Jahr­ zehnts und Übergabe der Offizin an einen langjährigen Mitarbeiter die Höhepunkte bildeten. Wen wundert’s daher, daß die aus Lindenholz geschnitzten, dunkel getönten Schutzpatrone der Ärzte und Apotheker, Kosmas und Damian, bis zum heutigen Tage den Besucher aus dem Hintergrunde des Ver­ kaufstresens her anlächeln. Dr. Walter Probst Dr.Joachim Sturm Paul Haaga Ein engagierter Bürger mit vielen Ehrenämtern und Auszeichnungen ,,Paul Haaga war in Schwenningen der Ge­ meinderat, der Bürgernähe und Bürgerhilfe nicht nur als theoretische Begriffe verstand, sondern sie direkt und unkompliziert auch praktizierte.“ Mit diesen Worten charakteri­ sierte Oberbürgermeister i. R. Dr. Gebauer Paul Haaga anläßlich der Verleihung der Bürgermedaille in Gold der Stadt Villingen­ Schwenningen im Herbst 1994. Paul Haaga erkannte schon früh die be­ fruchtende Wirkung des persönlichen Ge­ sprächs, für das er sich deshalb immer – sowohl im Beruf, als auch in seinen vielen Ehrenämtern – viel Zeit nahm. Die offene, direkte, unkomplizierte Art, mit der er auf die Menschen zuging, nicht minder aber auch seine Hilfsbereitschaft, brachten ihm schnell Vertrauen und Anerkennung, aber auch Einfluß und beruflichen Erfolg. Paul Haaga wurde 1919 als Sohn eines Werkmeisters in Beffendorf bei Oberndorf geboren und wuchs dort mit noch drei Geschwistern in der Idylle eines kleinen Dor­ fes auf. Seiner eigenen Au sage zufolge wurde er streng und christlich erzogen. Her­ kunft und Elternhaus haben ihn geprägt. Die Wurzeln in die Heimat pflegt er heute noch, über die Spracheigentümlichkeit hinaus auch in menschlichen Beziehungen. 174 Nach der Volksschule besuchte Paul Haaga eine private Handelsschule in Obern­ dorf, wurde anschließend bei der Volksbank Alpirsbach zum Bankkaufmann ausgebildet und arbeitete danach bis zu seiner Einberu­ fung zur Wehrmacht 1940 bei der Haupt­ zweigstelle Oberndorf der Kreissparkasse Rottweil. Nach Rückkehr aus Krieg und Gefangen­ schaft 1945 wurde ihm die Leitung der Spar­ abteilung der Kreissparkasse Rottweil über­ tragen. Da der dynamische und ehrgeizige junge Mann dort für sich keine beruflichen Perspektiven sah, ließ er sich bereits 1949 zur damaligen Hauptzweigstelle Schwenningen der Kreissparkasse Rottweil versetzen. Nach dem Besuch der Württembergischen Spar­ kassenschule in Stuttgart im Jahre 1949 wurde Paul Haaga Kreditsachbearbeiter bei der Sparkasse Schwenningen. Die eigentli­ che berufliche Karriere aber begann, als er 1956, also schon mit 37 Jahren, in den Vor­ stand der Volksbank eGmbH Schwenningen berufen wurde, wo er in erster Linie für das gesamte Kreditgeschäft der Bank zuständig und verantwortlich war. Aufgrund seiner Kontaktfreudigkeit und seines hohen Sachverstandes wurde er bald in überregionale Bankgremien berufen, wie

stand des neuen Vereins BSV Schwennin­ gen. Anerkennung fand dieses Engagement u. a. – und darauf ist Paul Haaga besonders stolz – durch die Einladung als Ehrengast – zusammen mit dem allzufrüh verstorbenen Gustav Strohm – zur Teilnahme am Europa­ cup-Spiel 1960 in Glasgow zwischen Ein­ tracht Frankfurt und Real Madrid sowie der Verleihung der Ehrennadel in Silber des Württembergischen Fußballverbandes. Positiv herauszustellen ist auch seine 17jährige Tätigkeit als Hauptschöffe bei den Landgerichten Rottweil und Konstanz, wo er seine große berufliche und Lebenserfahrung bei den Verhandlungen einbringen konnte. Das bedeutendste und wichtigste Ehren­ amt im öffentlichen Leben aber war seine langjährige kommunalpolitische T ätigkeit. Paul Haaga war 35 Jahre lang Stadtrat und eine Wahlperiode auch Mitglied des Kreista­ ges des Schwarzwald-Baar-Kreises: ein Be­ weis für den Bekanntheitsgrad und die Wert­ schätzung, die er bei der Bevölkerung über Jahrzehnte genoß. Bereits 1959 wurde er in den Gemeinderat der Stadt Schwenningen als Mitglied der CDU-Fraktion gewählt. Als es um den Städtezusammenschluß ging, war es für ihn eine Selbstverständlichkeit, daß er im gemeinsamen Ausschuß, in dem die Fusion der beiden Städte Schwenningen und Villingen vorbereitet wurde, engagiert mitar­ beitete. Seit der Fusion am l.Januar 1972 bis zum 31. August 1994 war er Mitglied des Gemeinderates der Stadt Villingen-Schwen­ ningen. In den 35 Jahren kommunalpoliti­ scher Tätigkeit arbeitete er in insgesamt 7 Ausschüssen, vor allem aber im Kultur- und Verwaltungsausschuß und im Personalaus­ schuß. Außerdem gehörte er dem Aufsichts­ rat der Wohnungsbaugesellschaft mbH, der Kunsteisbahn GmbH sowie der Stadtwerke Villingen-Schwenningen GmbH an. Seine Mitarbeit in diesen Gremien wurde wegen seiner Fachkompetenz und seines unterneh­ merischen Denkens sehr geschätzt. Für seine großen Verdienste als Kommu­ nalpolitiker wurde Paul Haaga 1971 mit dem Ehrenring der Stadt Schwenningen, 1994 mit 175 z.B. in den Aufsichtsrat der Zentralkasse Württembergischer Volksbanken, der Ge­ nossenschaftszentralbank Stuttgart, der Re­ chenzentrale Württembergischer Genossen­ schaften in Stuttgart, ja sogar in den Beirat der Deutschen Genossenschafts-Hypothe­ kenbank AG Hamburg. Für die Verdienste um das Genossenschaftswesen wurde er beim Ausscheiden aus dem Beruf Ende De­ zember 1983 mit der Ehrennadel des Würt­ tembergischen Genossenschaftsverbandes ausgezeichnet. Trotz seiner anspruchsvollen und zeitin­ tensiven beruflichen Arbeit engagierte sich Paul Haaga über vier Jahrzehnte in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens. Neben der Mitgliedschaft in den verschiedensten Vereinen der Stadt widmete er einen großen Teil seiner Freizeit dem Sport und hier insbe­ sondere dem Fußballsport. Er war u. a. Vorstandsmitglied des SC Schwenningen und ist nach dem Zusammen­ schluß dieses Vereins mit dem VfR Schwen­ ningen seit nunmehr 20 Jahren Ehrenvor-

der Verdienstmedaille und der Bürgerme­ daille in Gold der Stadt Villingen-Schwen­ ningen ausgezeichnet. Die anspruchsvolle berufliche Tätigkeit und die vielen Ehrenämter haben auch von seiner Gesundheit Tribut gefordert. So ist Paul Haaga zu wünschen, daß er noch viele glückliche und zufriedene Jahre bei besserer Gesundheit im Kreise seiner Familie, mit sei­ ner Frau Franziska, seinen Kindern und Enkeln, erleben darf Alfons Grimm Zum Gedenken Peter Gramlich Ein Lehrer und Mitbürger, der in den Herzen fortleben wird „Der langen Rede kurzer Sinn … „, mit diesen Worten brachte Peter Gramlich seine engagierten Redebeiträge häufig auf den Punkt. Ja, es war wirklich eine Freude, mit diesem Lehrer zu reden und er tat es gerne und oft mit Unzähligen und mit großer Lei­ denschaft. Das wird künftig nicht mehr so sein, denn wir mußten diesen rührigen Pädagogen, poli­ tisch aktiven Bürger und lebensfrohen Chri­ sten mit erst 47 Jahren am 3. Dezember 1994 auf dem Kirchdorfer Friedhof zu Grabe tra­ gen. Peter Gramlich war ein imponierendes Beispiel positiver Menschlichkeit. Am 30. November 1994 verstarb er über­ raschend an Herzversagen. Sein Tod löste eine Welle von Trauer und Betroffenheit aus. Seine Familie, die Schüler und Lehrer der Realschule und eine breite Öffentlichkeit in Brigachtal und Bad Dürrheim empfanden seinen frühen Tod als herben Verlust; sie trauern diesem wertvollen Menschen sehr nach. Wer war dieser Peter Gramlich? Am 21.2.1947 in Walldürn in einer Lehrers­ familie geboren, wollte er nach dem Abitur und dem Wehrdienst selber Lehrer werden. Er studierte in Karlsruhe und machte dort sein Examen als Realschullehrer in den Fä­ chern Deutsch und Kath. Religion. 1971 verheiratete er sich mit seiner Frau Gabi. Die Hochzeitsreise führte die beiden in den Schwarzwald nach St. Georgen und Schonach. In diese Gegend verliebten sie 176 sich so sehr, daß sie auch die berufliche Zu­ kunft in dieser Region suchten. Die Freude war groß: Herr Gramlich durf­ te 1973 seinen Schuldienst an der Realschule Bad Dürrheim beginnen, wo er über 20 Jahre bis zu seinem Tode verblieb. Die Familie ließ sich in Kirchdorf nieder, was der Gemeinde Brigachtal zum Gewinn

werden sollte. Aus der Ehe gingen drei Kin­ der hervor. Neben seiner Berufsarbeit als Lehrer be­ teiligte er sich von Anfang an mit großer Selbstverständlichkeit am öffentlichen Le­ ben. In zwei Bereichen brachte er seine Talente em. Da gab es für den überzeugten Katholiken das Feld der Kirchengemeinde. Ob als Lektor oder Kommunionhelfer, ob als Mitglied der Brigachtaler Kolpingfamilie oder als Religionslehrer, immer war er ein Inspirator, Beweger und Helfer in den An­ liegen seiner Kirchengemeinde und be­ sonders den Schwachen und Ausgegrenz­ ten zugetan. Zu einer Spezialität seiner Person wurden seine Nikolausauftritte, sei es beim Bad Dürrheimer Weihnachtsmarkt oder bei vielen Gelegenheiten in Kindergärten, Schulen, Vereinen oder in Familien. Das war für ihn nicht einfach frommes Spiel mit religiösem Unterhaltungswert; er ver­ mittelte vielmehr die ganze Kraft und Bot­ schaft eines beeindruckenden Glaubens­ zeugen und Freundes der Kinder. Es gab auch noch den Bereich des enga­ gierten Bürgers und politischen Men­ schen. Bereits seit 1966 CDU-Mitglied, gehörte er von 1975 bis 1989 dem Gemein­ derat Brigachtal an. Seine Tätigkeit als Kreisrat im Schwarzwald-Baar-Kreis schloß sich 1989 an, wo er als Schwerpunkte sei­ ner Arbeit die Bereiche Kultur, Soziales und Jugendhilfe wählte. Doch zurück zu dem LEHRER und ER­ ZIEHER GRAMLICH, das war und blieb sein Beruf im wahrsten Sinne des Wortes. Herr Gramlich war ein Pädagoge, der diese Bezeichnung verdient. Er liebte junge Men­ schen und begegnete ihnen mit vorbildli­ chem Charakter, mit Wert- und Standpunkt­ festigkeit. Er wollte erziehen; er wollte Werte vermitteln. Er wich den Problemen nicht aus und verstand, in einer sehr liebevollen, ge­ winnenden Art auf seine Schüler erfolgreich Einfluß zu nehmen. Die Schüler schätzten seine lautere Ge­ radlinigkeit, sie wußten wo sie dran waren und vertrauten ihm. Seinen klar überzeugten religiösen Standort kannte jeder. Er ging feinfühlig damit um, bedrängte niemanden, was entscheidend zur hohen Akzeptanz des Faches Religion an der Schule beitrug. In großer Harmonie verband er fachliche Kompetenz mit seinem ganz persönlichen Lebenszeugnis. Nicht von ungefähr wählte ihn der Frei­ burger Erzbischof unter seinen Religionsleh­ rern aus und ernannte ihn noch im Herbst 1994 zum kirchlichen Schulbeauftragten für das Fach Kath.Religion im Schulkreis Villin­ gen-Schwenningen. Herr Gramlich wollte allen Religionsleh­ rern im Kreis ein guter Berater, Förderer und Begleiter sein. Noch ein Schwerpunkt dieses Lehrers muß erwähnt werden. Die Schüler erinnern sich sicherlich noch lange an die wöchentlichen Schülergottes­ dienste mit ihm und an die vielen Aktionen für die Notleidenden in dieser Welt. So setzte er sich auch immer wieder für das Ju­ gendhilfeprojekt ALBAY auf den Philippi­ nen ein, das der Schwarzwald-Baar-Kreis seit Jahren zum eigenen Anliegen machte. Bei vielen Festen trat Gramlich als Leierkasten­ mann auf und sammelte dafür. Über das Leben dieses Pädagogen stellte der Schulleiter der Bad Dürrheimer Real­ schule am Beerdigungstag das Wort des Phi­ losophen und Pädagogen Gustav Siewerth: „Alles Gute das den Menschen bewegt, berührt sein Herz mit dem Glanz und der Macht göttlichen Lebens.“ Peter Gramlich bewegte in seinem Leben viel Gutes. Er lebte aus seinem Herzen als herzerfri­ schender Mensch und ging mit allen herz­ lich um. Der Glanz und die Macht seiner Person waren bemerkenswert und bezogen ihre Kraft aus seinem göttlichen Quellgrund. 177

Michael Weinmann und hielt mit seiner Meinung nicht hinterm Diesem Menschen konnte man täglich Berg. Für so einen befähigten Lehrer und Erzie­ begegnen, er nutzte sich nicht ab. Er hatte die Gabe, von allen akzeptiert, zu her, für so einen aktiven und gestalterischen integrieren, zusammenzuführen, zu versöh­ Bürger, für so einen liebenswürdigen und nen und friedliche Lösungswege zu suchen. Er war nicht eben nett, ohne Biß und wertvollen Menschen kann man nur dank­ standpunktlos; -im Gegenteil: jeder wußte, bar sein. Sehr viele sind das, -dessen bin ich mir wo Peter Gramlich stand, immer mischte er sich aktiv und positiv ein, bezog Stellung Ernst Lutz gewiß. Mit Weitsicht die Geschicke der EGT Elektrizitäts-Gesellschaft Triberg GmbH geleitet Als Michael Weinmann im Jahre 1963 in das Energieversorgungsunternehmen in Tri­ berg eintrat, konnte selbst er nicht ahnen, welche beeindruckende Entwicklung dieses regionale EVU in den über dreißig Jahren seiner Tätigkeit, erst als kau&nännischer Leiter, dann als Geschäftsführer, nehmen würde. In Stuttgart aufgewachsen, ließ sich Mi­ chael Weinmann nach dem Abitur zum Industriekaufmann ausbilden. Danach stu­ dierte er in München und Wien Betriebs­ wirtschaft und machte 1957 sein Examen zum Diplom-Kaufmann. Seine über 5jährige Tätigkeit bei der WIBERA Wirtschaftsberatung AG in Stutt­ gart führte ihn auch nach Triberg zur EGT. Offenbar machte dieses U nternehrnen einen so guten Eindruck auf ihn, daß er im Jahre 1963 in dessen Dienste als kau&nännischer Leiter eintrat. 1971 wurde der erfolgreiche Prokurist vom Aufsichtsrat zum alleinigen Geschäftsführer der EGT bestellt. Im Januar 1995 wurde Michael Wein­ mann in den Ruhestand verabschiedet. Zum Festakt waren zahlreiche Vertreter aus Wirt­ schaft, Politik und öffentlichem Leben gela­ den. In den Festreden wurden die Verdienste Weinmanns auf beeindruckende Weise dar­ gestellt. Seine unternehmerischen Fähigkei­ ten wurden durch Zahlen aus seiner 30jähri­ gen Tätigkeit deutlich gemacht: 178 Der Stromverkauf hat sich in dreißigJah­ ren vervierfacht, der Umsatz verzehnfacht, die Zahl der Mitarbeiter auf nahezu 300 ver­ doppelt. Es wurden über 600 km Strom-und 250 km Gasleitungen gebaut. Während sei­ ner Tätigkeit wurden vornehmlich für die Verstärkung der Energieversorgung, die Ver­ besserung der Versorgungsmöglichkeiten

und Versorgungssicherheit über 250 Mio. DM investiert. Michael Weinmann hat aus der Elektrizi­ täts-Gesellschaft Triberg GmbH ein mo­ dernes und zukunftsorientiertes Dienstlei­ stungsunternehmen gemacht, das mit einem Einsatz von über 70 Mio. DM auch noch die Gasversorgung in 9 Städten und Gemeinden der Region sowie in zwei Städten durch die Erstellung von Blockheizkraftwerken auch eine Wärmeversorgung aufgebaut hat. Im Jahre 1983 konnte das unter seiner Regie entworfene neue Verwaltungsgebäude in der Schonacher Straße in Triberg bezogen werden, das heute noch als besonders gelun­ gen, hochmodern und zweckmäßig geprie­ sen wird. Den Betriebszweig Elektro-Installations­ technik hat Michael Weinmann konsequent ausgeba.ut und durch die Gründung einer Tochtergesellschaft, der EGT Elektrotechnik GmbH, zu großer Bedeutung in ganz Baden­ Württemberg geführt. Inzwischen hat die Tochtergesellschaft zwei eigene Tochterfir­ men im Großraum Stuttgart und in Offen­ burg. Seine Mitarbeiter schätzten an ihm seinen außergewöhnlichen Führungsstil, der jedem den Freiraum zu persönlicher produktiver und schöpferischer Entfaltung zum Wohle des Unternehmens ließ. Die Persönlichkeit und die Leistungen von Michael Weinmann sind auch außer­ halb der EGT anerkannt. Bis zu seiner Pen­ sionierung bekleidete er zahlreiche wichtige Positionen in der Energiewirtschaft. So war er Mitglied des Vorstandrates der Vereini­ gung Deutscher Elektrizitätswerke Baden­ Württemberg sowie des Arbeitgeberverban­ des der Elektrizitätswerke Baden-Württem­ berg und außerdem Mitglied des Landes­ fachausschusses für Stromtarife. Michael Weinmann war Gründer der Industriege­ meinschaft Triberg und des Lions-Club Tri­ berg. Außerdem bekleidet er noch immer eine Reihe ehrenamtlicher Tätigkeiten u. a. als Richter beim Arbeitsgericht Freiburg und als Handelsrichter beim Landgericht Kon- stanz. Für seine hervorragenden Leistungen als Unternehmer und in Anerkennung seiner Verdienste für das Gemeinwohl wurde Michael Weinmann bereits im Jahre 1988 das Bundesverdienstkreuz verliehen. Außerdem erhielt er bei seiner Verabschiedung aus der Hand des Triberger Bürgermeisters Klaus Martin die Bürgermedaille der Stadt Triberg. Ein Portrait von Michael Weinmann wäre nicht vollständig, wenn man nur den Unter­ nehmer, nicht aber den Menschen würdigt. Sein ausgleichender Charakter, die großzü­ gige Art des Denkens und Handelns, die wohl jedem auffällt, der mit ihm geschäftlich oder privat Kontakt hat, machen ihn zu einem besonders sympathischen und ange­ nehmen Mitmenschen. Dies und seine Er­ fahrung sowie seine Urteilskraft bewog die Gesellschafter der Elektrizitäts-Gesellschaft Triberg GmbH, ihn ab 1995 in den Aufsichts­ rat der Gesellschaft zu berufen. Unternehmer wie Michael Weinmann, die sich immer neue realistische Ziele stek­ ken und auch erreichen, sind es, die unsere Region positiv prägen. Manfred Wühr In unserer Zeit Du, stell dir vor, stündest vor verschloß’nem Tor, grau und alt, zitternd, kalt; pochst und pochst, hoffst und hoffst auf ein gütig‘ Kind, das dich an die Wärme bringt. – Knarrend fliegt da auf geschwind das Tor – doch hervor fegt nichts als Wind, eisigkalter Wind – nur Wind. – Bald bist du alt, bald – bald! – Helmut Groß 179

Lebensfreude durch Gymnastik Ruth Stockburger hält in Triberg Senioren in Schwung Donnerstagnachmittag in Triberg: Fröhli­ ches Lachen schallt aus dem Gymnastik­ raum der Turnhalle. „Und hopp -und jetzt -und hoch“ wird gerufen. Dazu erklingen flotte Weisen. Rund 30 Paar Damenbeine schnellen in die Höhe. Einige Beine bleiben zwar fast am Boden, aber das ist nicht so wichtig. Hier turnen nämlich die Seniorin­ nen der Kurstadt. Ruth Stockburger, mit 62 Jahren fast die Jüngste in der Gruppe, ist die Vorturnerin. „Seniorengymnastik“ heißt das offiziell, was Ruth Stockburger seit rund 16 Jahren im Rahmen des Deutschen Roten Kreuzes ver­ anstaltet. Und donnerstags kommt „ihre“ Triberg-Gruppe zusammen, die 42 Teilneh­ merinnen umfaßt. Manchmal kommt auch ein Mann, aber: ,,Die Männer tun sich schwerer.“ Die Seniorengymnastik wird vom Ortsverein des Deutschen Roten Kreuzes 180 angeboten. Ruth Stockburger gehört dem DRK schon seit ihrem 17. Lebensjahr an. Bis auf wenige Jahre der Mutterpflichten nahm sie seither aktiv am Vereinsgeschehen teil. Doch sie turnt nicht nur in Triberg mit Senioren. In Nußbach betreut sie ebenfalls eine Senioren-Gymnastikgruppe mit jetzt zwölf Frauen. ,,Wir haben viele Alleinste­ hende, die kommen immer gern.“ Zweimal die Woche ist Ruth Stockburger im Alten­ und Altenpflegeheim und bietet auch dort Gymnastik an und lebt und arbeitet so für ihre Mitmenschen. Für die ehemalige Schwesternhelferin ist das selbstverständ­ lich. Als Ruth Stadelmann kam die Tribergerin 1933 zur Welt, sie besuchte in Triberg die Schule und arbeitete später im Haushalt und im Laden ihrer Tante. 1958 wurde sie in St. Georgen zur Schwesternhelferin ausgebil­ det und war fortan im Einsatz für das Rote Kreuz. Dann heiratete sie, bekam 1960 ihren Sohn, 1967 noch ein Zwillingspärchen und die aktive DRK-Arbeit mußte zunächst ruhen. ,,Wenn Not am Mann war, habe ich im­ mer geholfen“, erinnert sich heute Ruth Stockburger. Der soziale Gedanke hatte in ihrem Elternhaus breiten Raum, er trägt sie noch heute. Im ehemaligen Triberger Kran­ kenhaus machte sie häufig Nachtwache oder übernahm Wochenend-Dienste. Sie war da­ bei, wenn die Blutspende-Einsätze es forder­ ten und sie begleitete 15 Jahre lang Behinder­ ten-Schulbusse, erst vor zwei Jahren hat sie diesen Dienst aufgegeben. Ruth Stockburger ist schon seit vielen Jah­ ren Wittfrau, doch einsam und allein ist sie nicht. Ihre Aktivität und Lebensbejahung gibt die fröhliche Frau gern an ihre Senioren weiter: Wer beweglich bleibt, bleibt inner­ lich jung und ist nicht einsam. ,,Eine Absage unseres Übungstages ist für alle fast eine Katastrophe“, bestätigt Ruth Stockburger, Donnerstag ist eben Gymnastik-Tag.

Für diesen Einsatz hat die T ribergerin eini­ ges auf sich genommen: Zwei Jahre lang nahm sie in Freiburg an Seminaren teil und erhielt dann ihren Lehrschein. ,,Mit alten Menschen muß man ganz andere Übungen machen, meistens sitzend auf dem Stuhl oder am Stuhl“, erläutert Ruth Stockburger. Überanstrengen darf sich keiner. 1994 mach­ te die vitale 62jährige noch den Lehrschein für Seniorenjoga, dessen Übungen ebenfalls anders ausfallen als die jüngerer Menschen. „Es macht mir einfach Spaß, mit den alten Damen und Herren zu arbeiten“, um­ schreibt sie ihre Motivation. Daß sie in ihrer Freizeit mit ihnen Fasnacht feiert, einen Aus­ flug organisiert, eine Wallfahrt zur Nußhurt unternimmt oder ein Terrassenfest bei einer Teilnehmerin organisiert, gehört für sie ein­ fach dazu wie auch der jährliche Drei-Tage­ Ausflug. Stolz ist Ruth Stockburger, die inzwi­ schen auch für die CDU im Gemeinderat sitzt, auf die Partnerschaft der Triberger Senioren mit dem „Club de l’age d’or“ (Club der goldenen Jahre) in Frejus, der Mittel­ meerstadt, die Partnerstadt Tribergs ist. ,,Wir sind die ersten Senioren, die so etwas ge­ macht haben.“ 1991 wurde eine entsprechen­ de Partnerschaftsurkunde unterzeichnet. Nach einer guten Stunde sind alle Da­ men, die ein einheitliches T-Shirt tragen, müde, aber aufgekratzt. Nun folgt der gesel­ lige Teil und man hat sich viel zu erzählen. Es wird wieder ein fröhlicher Abend. Und wenn einer oder eine aus der Gruppe sagt. ,,Wie schade, daß ich nicht schon früher dazuge­ kommen bin“, dann ist Ruth Stockburger glücklich und für ihre Mühe belohnt. Renate Bökenkamp In memoriam Emil Winterhalter Bürgermeister und Ortsvorsteher von Wolterdingen Das Wirken für die Gemeinde wurde dem am 6.März 1928 in Wolterdingen geborenen Emil Winterhalter gewissermaßen in die Wiege gelegt, hatte doch sein Vater Alfred Winterhalter damals das wichtige Amt des Farrenwärters inne. Die Lehr- und Ausbil­ dungszeit Emil Winterhalters fiel in die schwierigen Jahre des Zweiten Weltkrieges. Doch hat dies im nachhinein gesehen seiner Laufbahn als Kommunalpolitiker keinen Abbruch getan. Durch seine Berufswahl als Rechtsanwalt-Lehrling mit Besuch der Han­ delsschule hatte er nämlich bereits seinen Weg zur Kommunalpolitik vorgezeichnet. Mit juristischem und wirtschaftlichem Grundwissen versehen fand er 1947 Eingang in die mittlere Beamtenlaufbahn beim In­ nenministerium des Landes Baden, das ihn zur Ausbildung dem Landratsamt Donau­ eschingen zuwies. Kaum sieben Jahre später, 1955, trat er nach Besuch der Gemeinde-Ver­ waltungsschule in die gehobene Verwal­ tungslaufbahn. Inzwischen hatte er sich 1952 mit der Wolterdingerin Anni Egle verheira­ tet, die ihm im Laufe der Ehe drei Kinder schenken sollte. Die glückliche Verbindung von Kenntnis­ sen in der Gemeindeverwaltung mit seinem Interesse an Politik und seiner Verbunden­ heit zu seinem Heimatort Wolterdingen drängte ihn 1956 in den Gemeinderat. Dort legte er mit den Grundstein zu den großen Investitions- und Infrastrukturmaßnahmen der Gemeinde wie den Neubau des Farren­ stalles 1957 /58, der Festhalle (1959) oder des Feuerwehrgeräte- und Schlachthauses (1964). Am 21. Mai 1967 schließlich wurde er mit mehr als 60 0/o der Stimmen zum Bürgermei­ ster gewählt. Viel packte er in den folgenden Jahren an, 181

Umland eingebunden, zu nahe am Mittel­ zentrum Donaueschingen, als daß der Ort hätte seine Selbständigkeit bewahren kön­ nen. Die Eingemeindung am 1.Januar 1972 und die Einstufung Wolterdingens als Orts­ teil konnten die Kraft Emil Winterhalters nicht brechen. Auch als Ortsvorsteher war er unablässig um das Wohl seiner Mitbürger und seiner Gemeinde bemüht und vertrat stets die Interessen seines Ortsteiles in der Gesamtstadt. Neben seiner Tätigkeit an der Spitze der Gemeinde war er in vielen Vereinen und im kirchlichen Leben aktiv. Als Vorsitzender beim Ortsverein des Roten Kreuzes, beim Fußballclub, Gesangverein und dem Akkor­ deonverein gestaltete er zwei Jahrzehnte lang das Gemeinschaftsleben. Im Stiftungsrat der katholischen Pfarrgemeinde kümmerte er sich um soziale Belange und den Unterhalt des Kirchenvermögens. Anerkennung für sein rastloses Tätigsein für die Gemeinschaft fand Emil Winterhal­ ter in zahlreichen Ehrungen. Der Gemeinde­ tag von Baden-Württemberg verlieh ihm 1985 die Ehrenmedaille. Nach einer längeren, mit viel Geduld und Hoffnung ertragenen Krankheit entschlief Emil Winterhalter am 19. Februar 1990. Dr.Joachim Sturm Zeichnung: Helmut Groß um den Bürgern eine moderne Infrastruktur in den Bereichen Daseinsvorsorge, Gesund­ heit und Gemeinschaftsleben zu geben. Die Kanalisation wurde ausgebaut, eine Kläran­ lage errichtet, eine Fahrzeugwaage und eine Aussegnungshalle auf dem Friedhof. Dann kam die Gemeindereform. Zu stark war Wol­ terdingen bereits in das Donaueschinger 182

Gerd Bender Weithin bekannt durch seine Arbeiten über die Geschichte der Schwarzwälder Uhrmacherei Wer Gerd Sender besucht, der hat meist etwas zum Thema Schwarzwalduhr im Sinn, sei es aus wissen­ schaftlichen Gründen oder einer ganz pri­ vaten Leidenschaft wegen. Beim Eintritt ins Haus am Furtwan­ ger Sommerberg fällt der Blick auf eine lie­ bevoll restaurierte ba­ dische Grenztafel und bleibt dann am Heili­ genbildchen hängen; Zeugnisse einer tiefen Volksfrömmigkeit in vergangener Zeit. Zu ihnen gesellen sich Darstellungen der Hei­ matstadt Furtwangen, frühe Lithographien, Holz- und Kupfer­ stiche. Natürlich auch eine klassische Lack­ schild-Achttageuhr aus dem Schwarzwald, die ein schönes Barock­ stuckschild aus emer Furtwanger Werkstatt trägt. Gerd Bender ist vielseitig interessiert und leidenschaftlicher Sammler. Zumal wenn die Objekte mit der Geschichte seiner Hei­ mat zusammenhängen, dem Schwarzwald um Furtwangen herum. Dieser Heimatver­ bundenheit und einem ausgeprägten wissen­ schaftlichen Interesse ist das zweibändige Standardwerk „Die Uhrmacher des hohen Schwarzwaldes“ zu verdanken, das noch heute seinesgleichen sucht und den Furt­ wanger in der Fachwelt europaweit bekannt machte. Im November 1923 geboren, folgte in den Kriegsjahren 1940 bis 1942 auf den Besuch der Berufsschule eine Ausbildung an der tra­ ditionsreichen Staatlichen Uhrmacherschu- 183

Je Furtwangen. Doch nicht die Uhrmacherei hatte Bender dabei im Sinn, sondern die noch junge Funk-und Nachrichtentechnik. Auf Kriegsdienst in Rußland und amerikani­ sche Kriegsgefangenschaft folgte schließlich im Jahre 1949 eine Anstellung bei SABA in Villingen. Neben seiner Berufstätigkeit be­ reitete er sich auf die Meisterprüfung vor, die er 19 52 bei der Handwerkskammer Konstanz mit Erfolg ablegte. Und in die 1950er Jahre fallt auch ein Fund mit Folgen: Gerd Bender stößt beim Stöbern auf dem Speicher seines Schwieger­ vaters Oskar Mark auf die von AdolfKistner im Jahr 1927 verfaßte Schrift „Die Schwarz­ wälder Uhr“. Begeistert vom Inhalt, bemüh­ te sich Bender um weitere Literatur zu die­ sem Thema, die aber gab es kaum. Selbst Antiquare hatten für den Uhrenliebhaber aus Furtwangen meist nur Absagen bereit. Historische Schriften zur Entstehung der Schwarzwälder Uhrmacherei sind äußerst selten. Dem Interesse für den „Lauf der Zeit“ kam ein Berufswechsel im Jahr 1962 entgegen. Gerd Bender kehrte zu seinen Wurzeln zurück, er begann eine Tätigkeit als techni­ scher Lehrer für den Fachbereich Elektronik an der Staatlichen Berufsfachschule, die da­ mals noch der Staatlichen Ingenieurschule angegliedert war, und die er bis zu seinem Ruhestand im Jahr 1987 ausübte. In dieser Zeit erhielten viele Schülerjahrgänge durch Gerd Bender eine umfassende und praxis­ nahe Ausbildung auf diesem modernen Fachgebiet. So konnten auch viele seiner damaligen Schüler beim späteren Studium an der Fachhochschule Furtwangen auf seine jahrelange Industrieerfahrung in der Kon­ struktion elektronischer Geräte zurückgrei­ fen. Nachdem er zwischendurch geplant hat­ te, eine Bibliographie zum Thema Schwarz­ walduhr zu verfassen, wagte sich Gerd Ben­ der auf Anregung des damaligen Rektors der Staatlichen Ingenieurschule, Prof.Lehmann, der an der Uhrmacherschule noch sein Leh­ rer war, doch an sein Standardwerk. Unter- 184 stützung fand der Furtwanger beim Villinger Verlag Müller und in neun Jahren entstand schließlich eine umfassende Beschreibung der Schwarzwälder Uhrmacherei wie sie bis heute kein zweites Mal zusammengetragen wurde. Unzählige von Archivbesuchen, For­ schungen bei Firmen und in Privatarchiven waren vonnöten, denn Grundlagenmaterial gab es kaum. Inklusive dieser Vorarbeiten beschäftigten den Furtwanger seine beiden Standardwerke insgesamt 25 Jahre lang und am Schluß dieser Arbeit galt es hunderte von Manuskriptseiten zu tippen, mit zeichneri­ schen Darstellungen und Fotografien zu ergänzen. 1975 war es schließlich soweit, der erste Band kam auf den Markt und fand ein uner­ wartet großes Echo. Mittlerweile ist auch die dritte Auflage des Standardwerkes ausver­ kauft. Es gehört zum festen Repertoire jeder wissenschaftlichen Bibliothek und fand selbst in Japan, Rußland, in den USA, Eng­ land, Irland und Frankreich Abnehmer. Dem Technischen Oberlehrer ist es gel un­ gen, die Geschichte der Uhrmacherei nicht nurumfassend aufzuarbeiten, sondern leicht verständlich und unterhaltend zugleich dar­ zustellen. Der erste und der 1978 erschienene zweite Band bieten auf 1280 Seiten und durch 450 Abbildungen jedem etwas, der sich in irgendeiner Form für die Geschichte der Schwarzwälder Uhrmacherei interes­ siert. Sei es, weil man sich Grundwissen über die Technik aneignen will, oder weil man sich für ehemalige Uhrenproduktionsstät­ ten, die Arbeitsverhältnisse in Fabriken und im Handwerk, die Uhrmacher selbst oder den historischen Hintergrund der Uhrma­ cherei interessiert. Und Gerd Bender räumt auch mit Klischees auf. So mit dem, daß die Schwarzwälder die Uhren mit ihrem Brot­ messer schnitzten. Geschichten, die sich gehalten hatten, weil sie zu schön waren, die aber jeglicher Grundlage entbehren. Daß „Die Uhrmacher des hohen Schwarz­ waldes und ihre Werke“ noch heute als wis­ senschaftliche Nachschlagwerke ersten Ran­ ges gelten, ist weiter in dem Bemühen des

Thematik hatte sich Bender aus dem Berufs­ leben heraus erschlossen. Als Leiter der La­ borunterlagenstelle bei SABA fand er heraus, daß es über die neuartigen Geräte noch keine Literatur gibt. Die Arbeit geht Gerd Bender nicht aus. Gegenwärtig beschäftigt er sich mit der Strohflechterei im Schwarzwald, gleichfalls ein Gebiet, zu dem es nur wenige Qiellen gibt. Die lange Reihe von Büchern über Land und Leute, die in den Regalen des Wohnzimmers zu finden ist, füllt auch die Freizeit mit Lesen aus. Dazwischen steht ein Merian-Heft über den südlichen Schwarz­ wald, das auch einen Beitrag über Gerd Ben­ der und Furtwangen enthält. In seinem Arbeitszimmer findet sich je­ denfalls kaum ein Plätzchen, das nicht mit Büchern und Archivmaterial belegt ist. Wohlgeordnet und griffbereit stehen die Nachschlagewerke zur Orts-und Landesge­ schichte und Aktenordner mit jahrelang gesammeltem Schrift-und Bildmaterial zur Geschichte des Schwarzwälder Hausgewer­ bes bereit. Eine heimelig anmutende Unord­ nung findet man auf dem massiven Eichen­ schreibtisch, ein Erbstück aus dem Besitz sei­ nes Vaters. Die stattliche Anzahl von Pfeifen läßt eine weitere kreative Beschäftigung des „Unruheständlers“ zum Thema Heimatfor­ schung erahnen. Die Uhrenstadt und Gerd Bender, beide sind ein weithin bekannter Begriff geworden. Wilfried Dold Autors begründet, seine Quellen lückenlos aufzuzeigen. Besonders wertvoll ist die Fak­ similewiedergabe zweier seltener Schriften über die Frühzeit der Schwarzwälder Uhr­ macherei, die Schrift von Pater Steyrer aus dem Jahr 1796 und die 1826 erschienene Ab­ handlung von Jäck, Pfarrer von Gütenbach und Triberg. Auch in anderer Hinsicht findet sich in den vergriffenen Büchern von Gerd Bender vieles an Schrift-und Bildmaterial, das dem interessierten Laien -und selbst Wissenschaftlern -heute nicht mehr zu­ gänglich ist. Die umfassende Arbeit Benders fand viel­ fache Würdigung. Eine der schönsten Aus­ zeichnungen erhielt der Furtwanger Uhren­ freund im Jahr 1989, als ihm im Asam-Saal des Ettlinger Schlosses der Landespreis für Heimatforschung verliehen wurde. Die Jury würdigte das zweibändige Werk als Muster­ beispiel hochrangiger Heimatforschung. Und 1994 folgte eine weitere Ehrung, der Förder­ verein Schwarzwalduhr verlieh Gerd Bender den jährlich ausgeschriebenen Joumalisten­ pre1s. Gerd Ben der hat aber auch weitere Bücher veröffentlicht, neben zahlreichen Aufsätzen für Fachzeitschriften und die Schriftenreihe des Furtwanger Geschichts-und Heimat­ vereines. Darunter auch eine Schrift, die das Schaffen des Furtwanger Uhrengenius Lo­ renz Bob würdigt. Und zum Schaffen Ben­ ders gehört weiter ein Fachbuch über Elek­ tronenblitzgeräte, das 1956 erschienen ist und 1962 nochmals aufgelegt wurde. Diese Bürgermeister und Ortsvorsteher von Döggingen (1953-1979) Die Bürgerschaft von Döggingen wählte im Jahre 1953 Karl Ketterer mit großer Mehr­ heit zum Bürgermeister. Mit 33 Jahren war er der jüngste Bürgermeister des damaligen Landkreises Donaueschingen. Voll Idealis­ mus und mit hohem persönlichem Einsatz ging er die anstehenden Projekte und Pro- Karl Ketterer bleme der Gemeinde an, die sich während der Kriegs-und Nachkriegszeit ergeben und angestaut hatten. Es galt damals, zuerst die notwendigsten Aufbauarbeiten in Angriff zu nehmen. Aber nicht alle Wünsche der Bür­ ger konnten gleichzeitig erfüllt werden. Zuerst wurde das Gemeindehaus mit zwei 185

Schulsälen gebaut und der neue Farrenstall seiner Bestimmung übergeben. Während der fünfziger Jahre wurden landauf und -ab auch in den Dörfern Schlachthäuser mit Kühlanlagen gebaut. Öfters mußten Not­ schlachtungen durchgeführt werden, aber auch die Hausschlachtungen sollten in einem geeigneten Gebäude vorgenommen werden können. Die Einwohner Döggingens schlossen sich dem Trend jener Jahre an und forderten den Bau einer Gefrieranlage. Kühl­ schränke und Kühltruhen waren damals noch lange nicht in allen Wohnungen vor­ handen. Mitten im Dorf, für alle Bürger leicht zugänglich, wird diese Einrichtung heute noch in An pruch genommen. Inzwi­ schen war die Sanierung und Erweiterung der Wasserversorgung unumgänglich gewor­ den. Es gelang Karl Ketterer, die Männer des Dorfes zu bewegen, nach Feierabend an der Verlegung des Stromkabels zur Pumpsta­ tion unentgeltlich mitzuarbeiten. Dadurch sparte die Gemeinde Zeit und Geld, denn die beauftragten Firmen hätten ohne diese Mit­ hilfe die vereinbarten Fristen nicht einhalten können. Auch die Abwasserbeseitigung – Oberflächen- und Schmutzwasser – stand an. Gleichzeitig mit der Kanalisation wurden die Ortsstraßen ausgebaut. Alle Straßen des Dorfes sind seither staubfrei. Auch Döggin­ gen hatte während der ersten Nachkriegs­ jahre Flüchtlinge aufzunehmen. Wie den jungen Familien im Dorf, sollte auch ihnen die Möglichkeit geboten werden, ein Eigen­ heim zu erstellen, um ein Stück Heimat in Döggingen finden zu können. Im Fohental und auf dem Kalberrain fand man das geeig­ nete Baugelände, das zügig erschlossen wurde. Die fortschreitende Motorisierung und Technisierung der Landwirtschaft machte die Flurbereinigung dringend erforderlich. Mit viel Einfühlungsvermögen und starkem persönlichem Ein atz gelang es Bürgermei­ ster Ketterer, Uneinigkeit, Hader und Zer­ würfnisse in der Gemeinde zu vermeiden; der Dorffrieden geriet während des Bereini­ gungsverfahrens nie ins Wanken. Damals erklärten sich vier Landwirte bereit, auszusie- 186 dein. Dadurch wurde ein weiterer Ausbau der Wasserversorgung notwendig. Mit Mit­ teln aus dem „Grünen Plan“ konnten die Feldwege ausgebaut und mit Makadamdek­ ken versehen werden. Im Rahmen der Schulreform des Landes Baden-Württemberg wurde Döggingen Mit­ telpunktschule für die Orte Döggingen, Unadingen und Mundelfingen, die bis zur Gemeindereform bestand. Die Einrichtung dieser Mittelpunktschule bedingte, zusam­ men mit geburtsstarken Schülerjahrgängen, den Bau eines entsprechenden Schulhauses samt Turnhalle. Dieses Bauprojekt bereitete dem Bürgermeister viele Sorgen. Die schwie­ riger gewordene Finanzlage der Gemeinde erzwang den Verkauf des örtlichen Strom­ netzes. Seine zeitgemäße Unterhaltung machte Investitionen erforderlich, die Dög­ gingen in zu hohe Schulden gestürzt hätten. Wie viele andere Gemeinden im Land verlor auch Döggingen durch die Gemeinde­ reform seine Selbständigkeit. Die staatliche

Planung wies die Gemeinde der Stadt Hüfin­ gen zu. Jedoch auch Bräunlingen bemühte sich um den Anschluß Döggingens. Im Dorf entwickelte sich eine starke Unruhe. Der Bürgerfrieden schien nachhaltig gestört. Schließlich entschieden sich die Einwohner in einer Bürgerbefragung mehrheitlich für die Eingemeindung nach Bräunlingen. Karl Ketterer hatte viel Mühe und Geduld zur Beruhigung der Einwohner aufgebracht. In langwierigen Verhandlungen mit der Stadt Bräunlingen versuchte er, für „seine“ Ge­ meinde optimale Anschlußbedingungen zu erreichen. Nur wer Bürgermeister Ketterer kannte und nahen Kontakt zu ihm hatte, kann ermessen, welche Sorgen ihn damals belasteten. Von allen Seiten wurde er be­ drängt und bestürmt. Es gelang ihm in seiner ruhigen, überzeugenden und menschlichen Art, den Frieden im Dorfe wiederherzustel­ len. Der Abschlußvertrag über die Einge­ meindung nach Bräunlingen wurde zur Zufriedenheit der Bürger ausgehandelt. Während seiner Amtszeit konnte Karl Ketterer nun als Ortsvorsteher noch die neue Straßenbeleuchtung, die Erschließung wei­ terer Baugebiete, die Errichtung der Einseg­ nungshalle, die Friedhofserweiterung und die restlichen Arbeiten am Abwassersystem mitverwirklichen. Mit der Stadtverwaltung Bräunlingen verband ihn bald ein herzliches Einvernehmen, das durch verständnisvolle, fundierte Zusammenarbeit geprägt war. Neben der Tätigkeit als Bürgermeister und Ortsvorsteher widmete sich Karl Kette­ rer in besonderem Maße auch den Vereinen, die nach seiner Meinung besonders gemein­ schaftsbildend wirken und die Gemeinden mit Leben erfüllen. Schon vor dem Kriegs­ ausbruch war er aktives Mitglied im Musik­ verein. Als der Verein 1948 wiedergegründet wurde, wirkte Ketterer erneut aktiv mit und trug vier Jahre Verantwortung als zweiter Vorsitzender. In seiner Eigenschaft als Bür­ germeister oblag Karl Ketterer der Vorsitz im DRK-Ortsverband Döggingen, dem bis zur Gemeindereform auch Unadingen, Hausen vor Wald und Behla angehörten. Er half maßgeblich mit, dem jungen Ortsverband Rückhalt und Ansehen zu verschaffen. In Anerkennung seiner Verdienste wurde Karl Ketterer Ehrenvorsitzender des Ortsvereins. Von 1946 an bis zu seiner Wahl zum Bürger­ meister war er auch Vizekommandant der Freiwilligen Feuerwehr Döggingen, der er auch jederzeit mit Rat und Tat zur Seite stand. Als Karl Ketterer 1979 aus gesundheitli­ chen Gründen sein Amt als Ortsvorsteher aufgab, hatte er sich um Döggingen in hohem Maße verdient gemacht. Er war in der Gemeinde wegen seiner menschlichen Qialitäten hochgeachtet sowie Vertrauens­ person und Ansprechpartner für jedermann. Häufig hatte er seine persönlichen Belange hinter das Gemeindewohl zurückgestellt. Aufgrund der großen Verdienste um seine Heimatgemeinde konnte Landrat Dr. Gut­ knecht Karl Ketterer am 15. März 1985, dem 32.Jahrtag seiner Wahl zum Bürgermeister, das ihm von Herrn Bundespräsidenten ver­ liehene Bundesverdienstkreuz am Bande aushändigen. Karl Ketterer starb am 8. September 1989 völlig unerwartet. Sein HeimatdorfDöggin­ gen trauerte um eine hochangesehene Per­ sönlichkeit, deren Wirken in der Gemeinde und deren Dienen zum Wohle der Bürgerin­ nen und Bürger unvergessen bleiben. Werner Dold Psalm (3) sin deno vo alle dene wörter d’lippe ufgrisse ab de mieih un de schuld bliibt schwiige ellai Johannes Kaiser 187

Für Hüfingen ein Gewinn Landwirt und Kommunalpolitiker Emil Moog Zu den engagierte­ sten Bürgern der Stadt Hüfingen zählt zwei­ fellos Landwirtschafts­ meister Emil Moog. Speziell die Belange seines Berufsstandes – aber nicht nur diese – liegen ihm am Her­ zen, und trotz seines umfassenden Einsatzes für seinen 150-Hektar­ Betrieb, den er zusam­ men mit seinem Sohn Georg als Gesellschaft des bürgerlichen Rechts bewirtschaftet, bleibt ihm Zeit für Aufgaben im öffentlichen Leben. Seit 1968 ist er Mit­ glied des Gemeindera­ tes in der CDU-Frak­ tion und seit fünf]ah­ ren Stellvertreter des Bürgermeisters. Auch in berufsständischen Gremien leistet Moog vorbildliche Arbeit. Er ist stellvertretender Vorsitzender des BHLV im ehemaligen Kreis Donaueschingen. Sein Wort und sein Rat haben großes Gewicht bei Berufskollegen. In seiner knapp bemessenen Freizeit engagiert er sich in der Kolpingfami­ lie und als stimmgewaltiger Baß im katholi­ schen Kirchenchor. 1977 wurde dem 63jährigen auf Antrag der landwirtschaftlichen Abteilung des Regie­ rungspräsidiums Freiburg für seine Ver­ dienste um die Ausbildung des landwirt­ schaftlichen Nachwuchses das Bundesver- 188 dienstkreuz verliehen. Inzwischen sind es 50 junge Menschen, denen Emil Moog das Rüstzeug für ihren Beruf vermittelt hat. Auf dem Moog’schen Hof waren sie nicht nur in die Arbeitsprozesse eingebunden, sondern sie erfreuten sich auch der mütterlichen Für­ sorge von Emil Moogs Ehefrau Maria, die den künftigen Landwirten auch ein Stück Teilnahme am Familienleben ermöglichte. 1955 war Moog mit seinem Betrieb aus

der Stadt zu den „Eichhöfen“ ausgesiedelt. Schon als junger Landwirt hatte er sich um die Belange seines Berufsstandes geküm­ mert, und dies in einer Weise, die weit über das übliche Maß hinausging. Als vor mehr als 20 Jahren in Hüfingen die Flurbereini­ gung eingeleitet wurde, wählten ihn die Teil­ nehmer zu ihrem Vorstandsvorsitzenden. Noch heute blickt Emil Moog nicht ohne Stolz auf die Tatsache zurück, daß die gesamte Flurbereinigung in Hüfingen ohne Gerichtsverfahren und zur Zufriedenheit aller Beteiligten abgewickelt werden konnte, auch wenn ihm Sorgen, die mit dieser Maß­ nahme verbunden waren, nicht erspart blie­ ben. 1993 konnte der Abschluß der Flurbe­ reinigung dann festlich begangen werden. Nach wie vor fühlt er sich dem landwirt­ schaftlichen Nachwuchs verpflichtet, der, so Moog, ,,immer rarer“ werde. Aus dem gesam- ten Schwarzwald-Baar-Kreis werde derzeit nur ein einziger Lehrling ausgebildet. In der Regel handle es sich um junge Leute aus bäu­ erlichen Betrieben, die später deren Bewirt­ schaftung übernehmen möchten. Emil Moog ist ein ebenso kompetenter wie verständnisvoller Lehrherr. Sein Hof, so betont er, sei keine „Agrarfabrik“, sondern verstehe sich als landwirtschaftlicher Betrieb ,,zum Anfassen“. Er zählt zu den neun Be­ trieben im Schwarzwald-Baar-Kreis, die sich dem „integrierten Landbau“ verschrieben haben. Emil Moog bietet jeweils nach Ver­ einbarung Hofbesichtigungen an. Alle Eh­ rungen und Auszeichnungen, die ihm bisher verliehen wurden, versteht er als bleibende Verpflichtung zum Engagement für seinen Berufsstand wie für das Leben als praktizie­ render Christ in Staat und Gesellschaft. Käthe Fritschi Erwin Gießler Ein Gremmelsbacher im Guinness-Buch der Rekorde Er ist ein bekannter Mann, ,,Meister Er­ win aus Gremmelsbach“, sechsmal erreichte er mit seinen Musikinstrumenten „Guin­ ness-Buch“-W ürden. Er ist auf dem Titel­ blatt eines Bildbandes über das Elsaß abge­ bildet. Auf Ansichtskarten, die in Colmar verkauft werden, firmiert er als „Musikus Elsaß“, freilich in historischer Schwarzwäl­ der Tracht (Melone, rote Weste, schwarze Kniebundhose, weiße Strümpfe, schwarze Schuhe); ungezählte Zeitungsartikel, die ihm längst nicht alle zu Gesicht kommen, wurden – so von amüsierten wie von stau­ nenden und kritischen Beobachtern – über ihn und seine Kuriositäten geschrieben. „Orchestrophone“ nennt er seine originellen Straßenmusikinstrumente, die in ihrer Art die einzigen und größten der Welt sind. Er begann mit einer Elektronenorgel, schuf ein „Ein-Mann-Orchester“, und es sollten völlig neue Kreationen, seine „Orchestrophone“, hinzukommen. Als Material verwendet er entweder massives Holz (z. B. Kirschbaum­ holz für die Elektronenorgel) oder alte Möbelstücke, Antiquitäten (z. B. Stuhlleh­ nen aus dem Elsaß für das Bimbamphon), die die Händler nicht günstig absetzen konn­ ten und ihm verkauften. Sein „Epiphon“ zum Beispiel mißt 2,43 m in der Höhe und ist 92 cm breit. Es ist wie alle anderen so konstruiert, daß er auf verschie­ denen Instrumenten (Höchstzahl 13) spielen kann, zu ihnen gehören das Metallophon, die Mundharmonika, zwei Harfenzithern sowie Glockenspiele. Die Kunst also nach seiner Fasson liegt ihm im Blut, er sagt es selbst, wenn er darüber seine – nicht leicht nachvollziehbare – Phi­ losophie ausbreitet: ,,Wir haben das alles von unseren Schwarzwälder Vorfahren ge­ erbt, es steckt in uns.“ Er will nur das Tüfteln der Vorfahren fortsetzen. In Gremmelsbach kennt ihn nur noch die vorgerückte Generation, lebt er doch schon 189

seit seiner Jugend fern dem Schwarzwald, in der Heimat hält er nur noch zu wenigen die Verbindung aufrecht, der Künstler und Musiker, dem ein einziger Beruf nie genügen konnte und ihn in unerträglicher Weise ein­ geschränkt hätte. Seine universale Begabung machte ihm ein ruhiges, geradliniges Leben unmöglich. In der Volksschule bewunderten wir ihn, weil er zu den wenigen Schülern gehörte, die schon in den ersten Nachkriegs­ jahren unter Anleitung von Schulleiter Carl Neumayer Geige spielen konnten, er war während seiner Lehrzeit – er erlernte das Bäckerhandwerk in der Bäckerei Wehrle in Triberg – selbstverständlich Mitglied der Gremmelsbacher Blaskapelle mit dem Es­ Horn, er spielte in der Orchestergemein­ schaft Triberg und später in einem Duett in Gutach. Das Wohnen am gleichen Ort über Jahrzehnte war seine Sache nicht. Sein Zu­ hause ist die weite Welt. Er verbrachte seit 1960 Jahre in München, nicht als Bäcker, sondern als Holzwarenhersteller (Schatul­ len, Türschilder, Handtuchhalter) und Anti­ quitätenrestaurateur z. B. für Musikinstru­ mente (er entwarf auch Uhrenschilder)- die Holzschnitzkunst, die er sich autodidaktisch aneignete, ist neben der Musik seine zweite große Leidenschaft. Er reparierte Musikin­ strumente und Antiquitäten aller Art in der Westendstraße, entwarf Wandschränke und Uhrenschilder. Doch der Sohn Gremmels­ bachs, dessen Elternhaus in großer Einsam­ keit stand, kehrte der Großstadt den Rücken, der Trubel verleidete ihm. Ein Zeitungsinse­ rat lockte ihn, für sieben Jahre mit Frau und Sohn nach Frauenau im Bayrischen Wald zu ziehen, in eine bekannte Glasmalerstadt mit reicher Tradition an „Trachtlern“, Sängern und Musikanten. Es war ein singendes Dorf dazu – ein Eldorado für Erwin Gießler. Seine Wohnung, oberhalb von der zweier Künstler gelegen, deshalb wurde er von diesen „Ober­ künstler“ genannt, mit einer geräumigen Werkstatt ermöglichte es ihm, in der Stille zu arbeiten. Mit einer Dekupiermaschine für Kuckucksuhrenschilder aus dem Schwarz­ wald konnte er Schnitzwerke aller Art aussä- 190 Erwin Gieß/er unter den Arkaden der Alten Wache (Ancien-Corps-de-Garde) in Colmar mit Cordelion, einer Orgel mit Saiten und Glocken­ spiel, größte Straßenmusikorgel. gen. In Frauenau baute er seine erste Elektro­ nenorgel und sein „Ein-Mann-Orchester“, im Frauenauer Glasmuseum spielte er im Sommer Melodien, die sich großer Beliebt­ heit erfreuten und jeweils eine Attraktion waren. Er erregte Aufmerksamkeit für seine historischen Harfen. Er wirkte auch bei meh­ reren Radiosendungen über die Glasherstel­ lung mit. Die Bildende Kunst allein konnte Erwin Gießler nicht auf Dauer befriedigen. Er nahm an einem Kurs für Journalismus teil, arbeitete mit der Kötztinger Zeitung zusam­ men, er hielt auch Diavorträge. Achtmal rei­ ste er in dieser Zeit nach Südostasien, um auch Antiquitäten der orientalischen Kultur kennenzulernen, brachte auch einige Gegen­ stände mit wie Schnupftabaksdosen oder alte Grammophone, seine Verbindungen

zur Stadt Haputale auf Sri Lanka waren bereits so intensiv, daß eine Städtepartner­ schaft zwischen ihr und Kötzting bereits im Bereich des Möglichen schien. Doch die Beziehungen blieben in den Anfängen stek­ ken. In sein Haus verirrten sich jedoch nur Wanderer, so daß sich ein Wohnungswech­ sel empfahl. Er zog in die belebtere Zellertal­ straße in Matzelsdorf, wo eine geschnitzte V isitenkarte auf die „Holzkunst Zellertal“ aufmerksam machte. Den Bereich der Volks­ kunst, der mit Holz zu tun hat, deckte er ab: Brandmalereien (mit glühendem Stahlstift in Holz gebrannte Bilder), Schnitzereien aller Art, Bilderrahmen, Schlüsselhalter, Tel­ ler, Schalen sowie eigene Entwürfe. Er rückte später von der Herstellung dieser Kleinmö­ bel vollständig ab, kaufte wertvolle Truhen und Schränke auf – Kulturgüter aus dem Bayrischen Wald – stellte sie in einem geräu­ migen Ausstellungsraum aus, einer ehemali­ gen Scheune, verkaufte sie an Interessenten und lieferte sie selbst aus bis nach Lörrach und ins Rheinland. In einem Raum nebenan spielte er seinen Gästen Musik vor: er hatte bereits sein Ein-Mann-Orchester, zwei Zi­ thern mit Harmonika. In dieser Zeit begann er mit einer ganz neuen Schöpfung, seinem Orchestrophon. Aber Erwin Gießler war immer für große Überraschungen gut. Er wollte sich total ver­ ändern, verkaufte nach sieben Jahren alles, ließ alles zurück, auch die Familie, nur sein „Orchestrophon“ nahm er mit, und so zog er nach Frankreich, machte auf der Straße Mu­ sik, entlang der französischen Mittelmeer­ küste, in Marseille und Avignon, in Aix en Provence, in Annecy an der Schweizer Gren­ ze usw., um die Reaktion der Zuhörer zu testen. Es hielt ihn jedoch nirgends, bis er Colmar mit seiner lieblichen historischen Altstadt entdeckte und seine Menschen, die er den Schwarzwäldern – Alemannen wie sie – so ähnlich fand. ,,Bei unserer Sorte“ von Menschen fühlt er sich unter Verwand­ ten. In der Stadt Martin Schongauers und des Isenheimer Altars ist er also anzutreffen, je­ des Wochenende, sein Standort ist das Bar­ tholdimuseum, die Alte Wache, einige Schrit­ te vom Martinsmünster entfernt. Gelegent­ lich musiziert er auch im Ecomusee, den oberelsässischen Freichlichtmuseum in Un­ gersheim. Colmars Fremdenführer kommen alle mit ihren Gästen. Für sie spielt er eigene Kompositionen, festliche Weisen, fröhliche Weisen, klassische Melodien. Die Schwarz­ wälder, die mit Bussen anreisen, singen alle mit. Als wir ihn aufsuchten, sangen wir mit ihm „Es steht eine Mühle im Schwarzwälder Tal“ und „Freude, schöner Götterfunken“. Erwin Gießler ist ein gefragter Mann. Er hat ein Angebot in der Tasche, auf der Basler Mustermesse zu spielen, auf einer Moden­ schau könnte er spielen, mehrere Ortschaf­ ten im Elsaß versuchten ihn zur Unterhal­ tung der Gäste zum Spielen zu bewegen. Er kann nicht alle Angebote wahrnehmen. Sechsmal (1991 mit dem Epiphon, 1993 mit dem Cordelion, 1994 und 1995 mit Mimiaphon und Cordelion, nicht angemel­ det wurden Barockophon und Bimbam­ phon) im Guiness-Buch der Rekorde er­ wähnt, gelüstet es ihn nach weiteren Rekor­ den. Erwin Gießler schwebt vor, mit all sei­ nen Instrumenten ein ganzes Orchester von Orchestrophonen zu bilden, sie alle gleich­ zeitig erklingen zu lassen. Sein Problem ist aber noch, dafür Spieler zu finden. Sollte ihm dies nicht gelingen, so hat er schon für 1996 etwas „in der Hinterhand“. Er kann mit beiden zu einer Höhlung gefügten Händen die Töne zweier Oktaven blasen, das hat ihm bisher noch keiner nachgemacht. Karl Volk 191

Jahreszeiten unter der Hecke ducken sich die ersten Veilchen vor frostigen Windstößen, über grauem Wald liegt eine Ahnung von Grün, Meisen suchen ihre Gefährten und über wassergefüllte Senken gleitet der Schatten des Milan – er ist wieder gekommen – Frühling auf der Baar. hoher Sommer macht träge und sanft – über nackte Haut steigt Wärme bis ins Haar – komm Farn schattet neugierige Sonnenstrahlen ab und vielleicht sind deine Hände kühl Rascheln von trockenem Laub ist wie Geflüster aus vergangenen Tagen – Nebelgestalten winken – jäher Windstoß treibt sie zu atemlosen Tanz und mit taumelnden bunten Blättern wehen Träume dahin früher Schnee goldgefärbt von herabgefallenem Birkenlaub – Rauhreif adelt das geringste Geäst und macht es zum Szepter über die Winterwelt Der Schwarzwald-Baar­ Kreis in Farben 1. Ostbaar mit blühendem Raps (German Hasenfratz, Hüfingen) 2. Weide bei Vöhrenbach (German Hasenfratz, Hüfingen) 3. Im Schloßpark in Donaueschingen (German Hasenfratz, Hüfingen) 4. Im Katzensteig (German Hasenfratz, Hüfingen) 5. Wanderer bei Furtwangen (German Hasenfratz, Hüfingen) Christiana Steger 6. Hof bei Gütenbach mit Feldberg (German Hasenfratz, Hüfingen) 7. Die jahrhundertalte Entenburg bei Pfohren (German Hasenfratz, Hüfingen) 8. Bauernhaus im Ortsteil „Holz“/Schonach (Erwin Kienzler, Schonach) 192

Heiteres aus dem Klosterleben St. Ursula Der Auftrag für Frau Lindewisch 1. Die Bestellung Superiorin – neu im Amt – als vor ihrer Türe stand ein Dame, blond, adrett. Der erste Eindruck: Sie ist nett, beredsam, selbstbewußt, gepflegt; Sympathie sie gleich erregt. „Lindewisch, so ist mein Name,“ stellt sich vor die Tugendsame, „ich bin Vertreterin für Sachen, die angenehm die ,Sitzung‘ machen auf dem Örtchen, namens Klo; dies‘ verläßt du wieder froh, hast du benützt dies Top-Papier – ein Muster zeig ich Ihnen hier!“ Dann rührt sie Superiorins Herz, indem sie spricht von ihrem Schmerz, den sie erfuhr zur Jugendzeit, auch von der Eltern schwerem Leid, das die im Osten einst erlebt. Die „Sup“* ist sichtlich tief bewegt. Ihr gütig Herz ist butterweich; sie bestellt deshalb sogleich für EINtausend Mark Papier zum Verbrauch im Kloster hier. Ein gutes Werk ist angebracht, hat die „Sup“ dabei gedacht; Zumal Frau Lindewisch gab an: „Empfohlen selbst vom Vatikan der Artikel – kuschelweich, geeignet im Gesamtbereich für Schwestern, Gäste, Pädagogen, 193

Hausmeister, Schüler, Theologen, die Q!ialität -phänomenal, dreilagig, zart -kurz: ideal!-“ Frau Lindewisch ist sehr zufrieden, den Bestellschein unterschrieben, verläßt sie flugs St. Ursula, ein Liedchen trällernd: ,,trallala!“ 2.Die Bescherung (drei Wochen später) Im Kloster klingelt’s Telefon: ,,Hier Güterbahnhof -Spedition. Frau Superiorin -sind Sie dran? Ein Güterwagen kam hier an, vollgestopft von Eck‘ zu Ecke bis obenhin zur Waggondecke, laut Lieferschein mit Klopapier Marke ,Popokavalier‘. Ich bitte, dies gleich abzuholen, so sei Ihnen noch empfohlen. Sie können Standgeld dann ersparen für den großen Güterwagen!“ – Der Ohnmacht nahe ist die „Sup“. Sie kommt jetzt sichtlich unter Druck. Da hilft nur noch ein Stoßgebet zum Himmel -ach, wie sie doch fleht, daß sie solch‘ Unbill übersteht. – Jetzt faßt sie sich ein mutig Herz, und hofft: Vielleicht ist’s nur ein Scherz. Sie eilt, so schnell sie rennen kann, zu dem Güterbahnhof dann. Im Handumdreh’n wird ihr dort klar: Der Anruf doch kein Märchen war. Vor ihr steht in voller Größe das leibhaftig „Bitterböse“: der riesengroße Güterwagen mit Klopapier, ganz vollgeladen. 3.Der Transit bzw. die Überführung Nach solchem Los heißt die Devise: Sei ja nicht trübe oder miese; pack‘ an und hol die Sachen ab! Alle Schwestern sind auf Trab. Auch’s ganze Personal hilft mit bei dem Klopapier-Transit. Drei Lkw-und Karrenfuhren sind nötig, wie wir dann erfuhren, ____ ., I TOllETTt: 1 194

bis die Fracht im Kloster ist. Keiner je den Tag vergißt, am wenigsten die gute „Sup“, die Mitschuld trägt an diesem Spuk. – Wie kam’s dazu, was war geschehen? Auf dem Lieferschein zu sehen: Eine Null (0) war angefügt – so dreist man heutzutag‘ betrügt! – Zehnmal mehr das Resultat, Frau Lindewisch den Schwindel tat. – Jetzt kann im Kloster man – potztausend – ach, weit noch übers Jahr 2000 die Hinterteile sauberwischen; auch Staub von Treppen, Stühlen, Tischen mit dem Klopapier entfernen. – – – Aus derlei Fällen kann man lernen: Bei Bestellungen gib acht, daß keiner Gaunereien macht! – • .Sup“: Kurzbezeichnung für Superiorin. Nachwort Ja – und die Geschichte geht noch weiter, wenn auch nicht in Reimen: Nach nicht ein­ mal drei Jahren steht die berüchtigte Dame, deren Name ebenso wie derjenige ihres Ver­ kaufsartikels vom Autor geändert wurden, wiederum an der Klosterpforte. Sie will eine Bestellung entgegennehmen. Ihr Aussehen ist verändert, ihre Haare sind pechschwarz eingefärbt, geblieben aber ist ihr couragiert dreistes Auftreten. Diesmal jedoch hat Frau Lindewisch kein Glück. Unsere Frau Supe­ riorin erkennt sie sofort, und so plötzlich der unerwartete Besuch erschienen war, so schnell war dieser auch wieder an die frische Luft gesetzt. Helmut Groß Villingen: Blick auf die Benediktiner-Kirche, 1963 Zeichnung: Hans Georg Müller-Hanssen 195

Kirchen Konrad Kaltenbach – Ein Priester als Heimatforscher Der „Hansjakob von Niederwasser“ war Pfarrer in Aasen und Zimmern „Als Schwarzwälder Bauernsohn bin ich von Natur aus historisch veranlagt. Ich neige also mit Vorliebe zur geschichtlichen und sprachwissenschaftlichen Betrachtung der Dinge, aber nicht erst als Greis, sondern von Jugend an. Den ersten Anreiz zu heimatli­ chem Denken bekam ich auf dem Schul­ und Kirchenweg sowie beim Hüten, aber auch beim täglichen Anblick der Burgruine Althornberg auf der Gemarkung Gremmels­ bach und der gelegentliche Blick auf den Bergfried über der Stadt Hornberg.“ Mit die­ ser Feststellung erinnerte sich der ergraute, hochgeachtete Pfarrer Konrad Kaltenbach im Rückblick auf sein bewegtes Leben über seinen Zugang zur Heimatforschung. Gleichzeitig machen wir damit die erste Bekanntschaft mit einer markanten, ver­ dienstvollen Persönlichkeit, deren Lebens­ licht in der Bannmeile des historischen „Karlstein“ im majestätischen Obergießhof in Niederwasser zu leuchten begann, dann später weit über die Heimatgrenzen hinaus, besonders in der Baargemeinde Aasen bei Donaueschingen, erstrahlen sollte, bis es nach einem reicherfüllten Priester- und For­ scherleben erlosch, um dann in der heimatli­ chen Erde des Bergfriedhofs seine letzte Ruhestätte zu finden. Damit ist mit wenigen Strichen der weithin glänzende Lebensbo­ gen des Geistlichen Rates Kaltenbach aufge­ zeigt, der auf den Säulen des 29. Septembers 1877 und des 10. Dezembers 1955 ruht. Vom Hirtenbub zum Seelenhirten Doch hinter diesem ersten, kurzen Licht­ blick verbirgt sich nicht nur das Leben eines anerkannten Heimatforschers, sondern auch eines Menschen und Seelsorgers, der mit bei- 196 Der junge, tatendurstige Priester Konrad Kalten­ bach den Füßen auf der Erde stand und mit wachen Sinnen das Tagesgeschehen ver­ folgte. Das zeigte sich bereits durch eine harte Kinder- und Jugendzeit, als dem neun­ jährigen Konrad der Vater Franz Xaver durch den Tod entrissen wurde, und die Mutter Helene – eine geborene Moser aus dem nachbarlichen Oberprechtal – mit der acht­ köpfigen Bubenschar und dem großen Schwarzwaldhof alleine dastand. Doch der begabte Hirtenbub durfte trotzdem studie­ ren. 1897 legte er am Großherzoglichen Gymnasium in Konstanz das Abitur ab.

sorge im Dreiländereck engagierte. Die von kindauf gepflegte Vorliebe für alles Histori­ sche und Traditionelle erhielt weiteren Auf­ trieb und sollte sich später zur vollen Reife entwickeln. Aber noch eine weitere gute Eigenschaft setzte sich beim damaligen Wei­ ler Pfarrer durch: Er glänzte bei seinen an­ dächtigen Zuhörern als wortgewaltiger Predi­ ger. 1910 wurde Kaltenbach als Pfarrverweser nach Wehr und 1911 nach Birndorf entsandt. Noch im gleichen Jahre zog es dann den geschätzten Geistlichen, dessen Anlagen und Begabungen noch längst nicht voll zum Vorschein kamen, in den Schwarzwald hin­ ein, nach Höllstein im Wiesental. Diese Ge­ meinde sollte für ihn zehn Jahre lang zur Heimat werden. Dann siedelte er hinauf auf die rauhe Baar in das hügelumrandete Dörf- Konrad Kaltenbach bei einem Besuch (1925) auf dem elterlichen Hof im Obergieß in Niederwasser mit der Familie seines Bruders, der das Anwesen bewirtschaftete. 197 So präsentiert sich heute der stattliche Bauernhef, in dem die Kaltenbachs im malerischen Obergieß das Andenken an ihren berühmten Vorfahren Konrad Kaltenbach wachhalten. in Über die theologischen Studien an der Albert-Ludwig-Universität Freiburg (1897-1900) bereitete er sich auf das Priester­ tum vor und empfing am 4. Juli 1901 in St. Peter die Priesterweihe vom damaligen ErzbischofThomas Nörber. Als Vikar wirkte er zunächst in Herten in der St.Josefsanstalt, in Röhrenbach und in Sasbach bei Achern. In den Jahren 1905 bis 1910 widmete er seine ganze Kraft der Diasporagemeinde Leo­ poldshöhe, das spätere Weil am Rhein. Die Nähe zur Universitätsstadt Basel reizte den jungen wissensdurstigen Geistlichen Vorle­ sungen über Nationalökonomie und Ge­ schichte zu belegen. Die dabei erworbenen Kenntnisse setzte er nach und nach in die Praxis um. So kam seine soziale Einsatzbe­ reitschaft alsbald zum Tragen, indem er sich schon damals tatkräftig in der Ausländersee!-

Von 1921 bis 1942 wirkle Kaltenbach als Seelsorger, Heimaiförscher und volksverbundener Pfarrer in der Baargemeinde Aasen bei Donaueschingen. !ein Aasen in die Nähe der Residenzstadt der Fürsten zu Fürstenberg mit ihren Archiven und Sammlungen über. Für Konrad Kalten­ bach begann mit diesem Umzug (1921) die umfassendste Schaffensperiode in seinem Leben! Der Pfarrer von Aasen und seine „Heimat­ blätter“ In erster Linie widmete er sich seiner eigentlichen Berufung als Priester dem seel­ sorgerlichen Dienst in der ihm anvertrauten Gemeinde. Dann aber ritt er, wo es ihm die Zeit erlaubte, sein Steckenpferd, die �eimat­ liche Geschichtsforschung. Die eigentliche Schicksalsstunde schlug ihm, als er bei der Renovation der Dorfkirche auf dem Dach­ boden vergilbte Akten auffand. Dabei schlug das Herz des einstigen naturverbundenen Hirtenbuben für seine Heimat im Gutachtal. Dessen weithin noch nicht durchschaubare Vergangenheit wollte er durch seinen For­ scherdrang erhellen, für die Gegenwart be­ greifbar machen. Zunächst forschte er in den Unterlagen des reichhaltigen fürstlichen Ar­ chivs im nachbarlichen Donaueschingen. Doch sein Tatendrang ließ ihn nicht ruhen. Um in die Tiefe vorzudringen, suchte er die 198 Archive in Karlsruhe, Innsbruck, Wien und St. Paul in Kärnten auf, um nur einige aus der Vielzahl der Orte in Süddeutschland, in der Schweiz und Österreich zu nennen, die der Aasener Dorfpfarrer in der Hoffnung durch­ stöberte, �ellenmaterial für die Auswer­ tung seiner Forschungen zu finden. Schon wurde ihm der Beiname „Reisepfarrer“ ver­ liehen. Doch dies sollte weniger seine häu­ fige Abwesenheit dokumentieren als viel­ mehr sein Bestreben herausstellen, die Wahrheit seiner Aussagen durch Quellenan­ gaben zu belegen. Nein, der Pfarrer Kaltenbach vernachläs­ sigte seine Schäfchen nicht! Treu und brav kam er seinen seelsorgerlichen Pflichten nach. Mehr noch, der vielseitig begabte Bau­ ernsohn unterwies die Leute in die Geheim­ nisse der Bienenzucht und des Obstbaus, selbst in den rauhen Lagen der Baar. Dabei übte er sich beispielgebend in der Nächsten­ liebe, verschenkte den Honig an die Kran­ ken, die Äpfel an seine Pfarrkinder und das Geld an Bedürftige. Nicht selten mußte die treusorgende Pfarrhaushälterin Marie den freigiebigen Herrn darauf aufmerksam machen, daß auch der eigene gedeckte Tisch Kosten bereite. Dadurch, aber auch durch

seine leutselige, ausgeglichene und beschei­ dene Art, gepaart mit priesterlicher Zurück­ haltung, verschafften ihm die Zuneigung und Achtung seiner Pfarrgemeinde. Mit der Zeit aber wurde aus dem Pfarrer auch ein anerkannter Heimatforscher und Schriftsteller, der gelegentlich den Pegasus bestieg. Kaltenbach gab nämlich seine fun­ dierten Forschungsergebnisse in schriftli­ cher Form an das Volk weiter. Als Beilage zur Tageszeitung „Triberger Bote“ erschienen ab 1926 über viele Jahre die „Heimatblätter – Triberg-Burg und Stadt, Herrschaft, Amtsbe­ zirk und Dekanat in Wort und Bild – Nach geschichtlichen Qiellen dargestellt von Pfarrer Konrad Kaltenbach in Aasen.“ Sie beinhalten geschichtliche Abhandlungen und Hinweise über die Herren von Horn­ berg, deren Besitz später in die Herrschaft Triberg und Hornberg aufgeteilt wurde. Dabei legte der rastlose Forscher sein Augen­ merk auf die Ritter von Hornberg und das Leben und die Abstammung der Herren von Triberg. Dann begegnen wir in den gesuch­ ten „Heimatblättern“ den Kapiteln „Heimat – Schrifttum“ und „Heimat – Volkstum“. Hier erzählt er über Brauchtum, Volkstum, Volkskunde und fügt Berichte über Land und Leute an (,,Männer der Heimat“). Die im allgemeinen den Zeitraum von 1100 bis 1800 umfassenden, meist den einstigen Amtsbezirk Triberg betreffenden Artikel sind bis heute eine historische, volkskundli­ che Qielle ersten Ranges. Selbstverständlich wird auch dem unteren Gutachtal eine gebührende Reverenz in diesen Beilagen erwiesen. Von seinen Freunden wurde er ermutigt, sogar gedrängt, seine Veröffent­ lichungen in einem Buch zusammenzufas­ sen. Kaltenbach lehnte bestimmend ab, da er fürs einfache Volk, für den Bürger schreibe, für Menschen, die sich kein Buch leisten können, wohl aber Zugang zu den „Heimat­ blättern“ haben. Von vielen Seiten bekam Konrad Kaltenbach inmitten seiner großen Verwandschaft bei einem Treffen vor dem „Rössle „in seinem heimatlichen Niederwasser 199

der Pfarrer von Aasen für seine heimatkund­ liche Tätigkeit Lob, Anerkennung und Auf­ munterung. Dann aber, sein silbernes Priesterjubi­ läum (1926) lag schon lange hinter ihm, wurde es nach und nach um den geistlichen Heimatforscher ruhig. Die neuen Machtha­ ber des Dritten Reiches setzten dem aufrech­ ten, seine christkatholische Grundüberzeu­ gung in den Alltag hinaustragenden Pfarrer von Aasen zu. Seine Feder erkaltete, seine schriftlichen Ausführungen verstummten Im Alter von 65 Jahren entschloß sich Kaltenbach, Aasen zu verlassen und für 11 Jahre die kleine, donauabwärts liegende Pfar­ rei Zimmern bei Immendingen zu überneh­ men (1942). Zur Feier des goldenen Priester­ jubiläums (1951) ernannte der Erzbischof den unerschrockenen, verdienstvollen Die­ ner des Herren zum Geistlichen Rat. Als die­ ser spürte, daß ihn die Kräfte immer mehr verließen, setzte er sich in das nahegelegene Geisinger Spital ab, um auch dort noch den Alten und Gebrechlichen nahe zu sein. Eine schwere Krankheit zwang ihn, das Freiburger Loretto-Krankenhaus aufzusuchen. Dort er­ eilte ihn – 78jährig- am 10. Dezember 1955 der Tod. Wenige Tage darauf wurde sein Leib in die heimatliche Erde des Bergfriedhofs von Niederwasser gesenkt, in eine Land­ schaft, deren Vergangenheit er Odem und Licht verliehen hatte. Vom Tode ihres hoch­ geschätzten Sohnes überrascht, ernannte die Gemeinde Niederwasser Pfarrer Kaltenbach posthum zum Ehrenbürger. Anerkennung über das Grab hinaus Verschiedentlich vergleicht man das Leben und Wirken Kaltenbachs, des „Hans­ jakobs von Niederwasser“, mit dem des bekannten Schwarzwälder Volksschriftstel­ lers Hansjakob. Beide Männer gehörten dem geistlichen Stand an, und der Pfarrer von lfarrer Kaltenbach am Tage seines 25jährigen Prieste,jubiläums 200

waren echte Volkspfarrer, die es verstanden, den einfachen Menschen anzusprechen und für Höheres zu begeistern. Hansjakob wie Kaltenbach glänzten als unerschrockene Künder des Wortes Gottes und der Erfor­ schung der heimatlichen Geschichte. Als gute Prediger waren beide bekannt. Nach dem Tode Kaltenbachs wurden seine gesamten Forschungsunterlagen dem Archiv des Triberger Heimat- und Gewerbe­ vereins übereignet als eine heimatkundliche Fundgrube über die Vergangenheit des ge­ samten Gutachtales, vom Stöcklewaldkopf aus bis hin zur Mündung bei Gutach-Turm. Zunächst wurde es nach seinem Tode etwas ruhig um den Pfarrer Kaltenbach. Dann aber regten sich in Homberg Heimat­ freunde, die zusammen mit dem Musik­ verein Niederwasser im Mai 1970, die von Das Kirchlein von Zimmern bei lmmendingen, die letzte Pfarrstelle des alternden Kaltenbach. Von 1942 bis zu seiner Übersiedlung ins nahe­ gelegene Geisinger Spital war er dieser kleinen Gemeinde ein guter Seelenhirte. 201 Der Pfarrer und Heimaiförscher Konrad Kalten­ bach mit seinem breitrandigen Hansjakobhut Aasen trug auch gerne den breitrandigen, schwarzen Schlapphut, den „Hansjakob­ hut“. Doch diese Vergleiche wären doch zu gering. Dringen wir etwas tiefer vor, dann erfahren wir, daß die beiden Priester gemein­ same verwandtschaftliche Wurzeln haben, denn die Mutter von Hansjakob ist eine geborene Kaltenbach, die auf dem Wald beheimatet sind. Beide Geistliche zeichne­ ten sich durch ihr soziales Engagement aus und sahen in ihrer Schriftstellerei in erster Linie auch einen seelsorgerlichen Auftrag. Es ging ihnen darum, die Werte der Heimat, der Vergangenheit, von Sitte und Brauchtum, von einer gesunden Traditionspflege aufzu­ zeigen, um damit einer drohenden Entwur­ zelung des Volkes entgegenzuwirken. Da­ durch wurde aber letztlich der Glaube geför­ dert und gefestigt. Hierbei wurde keine Ver­ beugung vor dem Zeitgeist und dem herr­ schenden System gemacht. Beide Geistliche

rungstafel zu lesen ist: ,,Hier wurde Geistli­ cher Rat Konrad Kaltenbach (1877-1955) geboren, Heimatforscher des Gutachtales, errichtet von Heimatfreunden aus Nieder­ wasser und Homberg im Jahre 1971.“ Ganz groß wurde sein 100. Geburtstag als gehalt­ volles Volksfest in Niederwasser begangen. So durfte dieser vielseitig begabte und enga­ gierte Heimatsohn, der zeitlebens von Be­ scheidenheit geziert war und persönlichen Ehrungen gerne aus dem Wege ging, doch noch die ihm gebührende Anerkennung fin­ den. Zur Ehrung Kaltenbachs schrieb der Verfasser des Freilichtspiels „Das Hornber­ ger Schießen“, Erwin Leisinger aus Hom­ berg, folgende Zeilen: Dein Mund er schweigt! Du schläfst in unserer Heimaterde, geborgen wie in einer Mutter Schoß. Vor deiner Größe neigt sich, vom Winde angehaucht, wipfelwiegend unser Wald. Und moosgrasüberdeckte Fluren durchwandern wir – geführt von deinen Spuren. Je mehr wir uns mit dem Leben, vor allem mit der wertvollen heimatgeschichtlichen Hinterlassenschaft Konrad Kaltenbachs be­ schäftigen, um so mehr spüren wir die Ver­ pflichtung, sein Andenken in der Reihe unserer großen heimatlichen Geister zu wah­ ren und nach seinem Vorbild den Menschen und der Heimat zu dienen. Kurt Klein 1971 wurde vor dem Geburtshaus von Konrad Kaltenbach im Obergirß von Niederwasser zu sei­ ner Erinnerung dieser Graniifindling enthüllt. ihnen zu Ehren des Heimatforschers einge­ richtete Heimatstube im Gasthaus „Rößle“ der Öffentlichkeit übergaben. Ein Jahr spä­ ter, im Mai 1971, konnte vor dem Geburts­ haus Kaltenbachs im Obergieß ein Granit­ findling enthüllt werden, auf dessen Erinne- Die Augenkapelle in Obereschach – ein christliches Naturheiligtum Seit Jahrhunderten wird das Wunder im­ mer wieder zur Gegenwart: Der Landwirt M. erkrankt am Auge. Eine schlimme Sache. Er muß nach Freiburg in die Klinik. Dort kann man ihm nicht helfen. Sein Weg führt zur Kapelle. Der Altar ist über jener Qielle errichtet, aus der seit Urzeiten Menschen das Wasser schöpfen, um ihre erkrankten Augen 202 zu netzen und um Heilung zu bitten. Auch er wird wieder gesund. Es ist ein jahrtausendaltes Geheimnis um Quellen als Ursprung des Wassers. Mit ihm verbindet sich der Glaube an die Heilkraft des Wassers, wenn es an einem ganz be­ stimmten Ort aus dem Schoß der Erde quillt. Auf diese Weise wird der Ursprung des flie-

ßenden Wassers geheiligt, und kultische Bräuche werden zur frommen Sitte der Ver­ ehrung. Die Kapelle liegt südlich der Verbin­ dungsstraße Obereschach -Mönchweiler, nahe dem Waldrand, auf Obereschacher Markung und gehört heute als Bestand dieses Ortsteils der Stadt Villingen-Schwenningen. Die Entstehung des Wunderglaubens ver­ liert sich im Dunkel einer längst untergegan­ genen Kultur. Historisch faßbar gibt es im Bereich alter Religionen und Kulte im euro­ päischen Raum und damit auch bei uns, mindestens seit der Keltenzeit vor mehr als zweieinhalbtausend Jahren, Orte der Kraft: Naturheiligtümer wie Haine, Felsen oder Steine, Bäume und Q!iellen. Gelegentlich finden sich auf Felswänden, als Örtlichkei­ ten früher Steinkulte, geheimnisvolle Zei­ chen, magische Symbole. Neben ihnen christliche, mit denen oft die älteren Zeichen überritzt wurden, ein Hinweis auf die Aus­ einandersetzung mit den vorchristlichen Kulten. Mit dem Einzug des Christentums wandeln sich heidnische Glaubensinhalte in ein neues Bild von der Schöpfung und Welt. An die Stelle von Dämonen, unsichtbaren Wesen oder Wassergeistern treten Heilige. Von einem solchen Übergang ist uns aller­ dings bei der Augenkapelle nichts überlie­ fert. Aber vielleicht ist sie dennoch eine Spur zurück zu den abgelösten Kulten, ist sie doch unbestreitbar christliche Architektur gewor­ dener Ausdruck eines Naturheiligtums. Die Augenkapelle ist der heiligen Odilia geweiht, und so steht es auf der Predella über dem Altar. -Gegen Ende des 7. Jahrhunderts wollte der alamannische Herzog Athich seine blind geborene Tochter töten lassen. Der Mutter gelingt es, das Kind in ein Kloster zu retten. Dort erhält es das Augenlicht, als der durch einen Engel zur Tochter gewiesene Wanderbischof Erhard von Regensburg sie tauft. Später gründet sie, mit dem Vater ver­ söhnt, das dann nach ihr benannte Kloster Odilienberg im Elsaß. Am Fuße des Berges 203

entsteht eine zweite Gründung mit Spital und heilkräftiger Qielle, die ihr der heilige Johannes der Täufer in einer Vision gezeigt hatte. Unterhalb des Altarbildes findet sich in einer Aufschrift der älteste Hinweis auf die Kapelle. Er lautet übertragen: Der Allerhei­ ligsten Dreifaltigkeit zu Lob und Mariae der Mutter Gottes zu sondern Ehren, habe ich, Johann Hoch von Haigerloch, derzeit Pfar­ rer allhier, diesen Altar erbauen und aufrich­ ten lassen. Anno Domini 1604. Im Innern befindet sich, außer dem Altar mit der Brunnengrotte darunter und dem Dreifaltigkeitsbild, eine Barockfigur der hei­ ligen Odilia. An der Westwand ist ein Kruzi­ fixus angebracht, mit mächtigen Nägeln in den Wundmalen. Es heißt, der Mesner von Obereschach nähme den Gekreuzigten je­ weils am Karfreitag wie ein Nikodemus vom Marterholz ab, lege dessen Arme, die kunst­ voll mit Scharnieren am Körper befestigt sind, zusammen und verbringe den Corpus ins Heilige Grab in der Kirche zu Ober- 204

dem Dreifaltigkeitsauge, ein eingemauerter Stein mit der Jahreszahl 1747, ein Hinweis auf die Bedeutung der Kapelle in der Barock­ zeit. Es soll einst eine vielbesuchte Wallfahrt gegeben haben. Eine weitere Jahreszahl, 1826, belegt, daß auch diese Kapelle über die Säkularisation hinweg christlicher Kultplatz geblieben ist. Zuletzt ließ die Stadt Villin­ gen-Schwenningen die Kapelle restaurieren. An Christi Himmelfahrt 1975 wurde sie neu geweiht. Im Jahre 1970 siedelte der Landwirt Hubert Mosbacher aus dem Dorf aus und gründete den Kapellenhof. Seit dieser Zeit betreut er ehrenamtlich das kleine Gottes­ haus. Er stiftete den Dachreiter mit der Glocke, die 1970 in Heidelberg gegossen wurde. Seit zwanzig Jahren läutet er jeden Morgen um fünf Uhr, vor dem Tagwerk, das Glöcklein. Noch immer finden zu diesem Ort des Glaubens, der Tröstung und Heilung Bitt­ prozessionen statt. Kinder werden getauft und Ehen geschlossen; meist aber sind es die Wenigen mit der stillen Andacht im Herzen. Der Ort ist gleichsam ein Bild aus der Tiefe, das uns wie ein verborgenes Geheimnis um­ gibt, das unser Verstand nicht zu fassen ver­ mag. WemerHuger eschach. – Noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg befanden sich in der Kapelle beim Altar mehrere gerahmte Votivinschriften als Zeichen der Dankbarkeit, daß den Stiftern ihr Augenleiden geheilt wurde. Sie sind inzwischen nicht mehr auffindbar. Über der Eingangstür befindet sich am äußeren Giebel, unterhalb des Dreiecks mit Die Schonacher Pfarrkirche St. Urban erstrahlt in neubarockem Glanz Ein unbekanntes Kleinod Fast 900 Jahre reicht die Geschichte der für ein Dorf ungewöhnlich großzügigen und stattlichen Pfarrkirche St. Urban in Schon­ ach zurück; denn bereits um das Jahr 1100 dürfte eine erste kleine Kirche gebaut wor­ den sein. Bis zur Einrichtung einer selbstän­ digen Pfarrei im Jahre 1150 wurde diese vom 1084 gegründeten Kloster St. Georgen aus betreut. Im Jahre 1542 trat dann ein Neubau an die Stelle des zu klein gewordenen Kirch­ leins. Von diesem Bau hat das Untergeschoß des Turmes, das heute als Eingangshalle dient und früher der Chorraum war, die Zei­ ten überdauert. In den Jahren 1748/49 wurde die gotische Kirche vergrößert. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts tauchten dann abermals Pläne zu einer Vergrößerung des Gotteshauses auf. Unter Pfarrer Johann Röderer kam das Projekt 1862/63 zur Aus­ führung. Doch nur wenige Jahre später erwies sich die Kirche erneut als zu klein. Eine Ortsbesichtigung im September 1895 205

Bauamtes sollte für die Anzahl der Sitzplätze 2/3 der Seelenzahl berechnet werden. Für Schonach wären demnach 1866 Sitzplätze erforderlich gewesen. Das Erzbischöfliche Bauamt versuchte immer wieder, eine Ein­ schränkung des Projekts zu erreichen und so sollten schließlich 1000 Plätze genügen. Der Stiftungsrat mit Pfarrer Fichter an der Spitze reagierte ungehalten: ,,Man hege noch immer das Vertrauen, daß der Oberstiftungs­ rat und das Erzbischöfliche Ordinariat sich entschließen, der großen Pfarrei Schonach nicht eine verpfuschte, sondern eine geräu­ mige Kirche zu genehmigen.“ Doch das Erzbischöfliche Bauamt blieb zunächst bei seiner Linie und, um mit einer möglichst kleinen Kirche auszukommen, wurden schließlich drei Gottesdienste pro Sonntag erwogen, was am 3. März 1912 probeweise praktiziert wurde. Kurz darauf gab der Stif­ tungsrat eine umfassende Antwort über die Unmöglichkeit einer solchen Gottesdienst­ ordnung. Ausführlich wurde die Problema­ tik erläutert, von den weiten Kirchwegen und der Unmöglichkeit, darum im Winter schon zur Frühmesse in der Kirche sein zu können, über den Brauch, daß sich der ganze Ort nach dem Gottesdienst auf dem Kirch­ platz trifft, die Notwendigkeit des einheitli­ chen Beginns der Christenlehre, die große Zahl der Kirchenbesucher an Festtagen bis hin zur Furcht, daß das Hab und Gut der Leute nicht mehr sicher sei, wenn nicht alle gleichzeitig im Gottesdienst wären. Schließlich war den Schonacher Bemü­ hungen doch Erfolg beschieden, und am 15. März 1912 erteilte das Erzbischöfliche Ordinariat und am 15.Juli das Bezirksamt die Genehmigung zum Abbruch der alten und zum Bau der neuen Kirche mit 1600 Sitzplät­ zen. Die Pläne fertigte RaimundJeblinger. Der Oberösterreicher hatte 1901 in Freiburg die Nachfolge des Erzb. Baudirektors Max Mek­ kel angetreten. Als Stil für die neue Kirche wählte man barocke Bauformen. Nachdem seit der Mitte des 19. Jahrhunderts vorwie­ gend auf romanische und gotische Stilele- ergab die Unmöglichkeit, den bestehenden Bau nochmals zu erweitern. Bald darauf erhielt Schonach einen neuen Pfarrer. Als 36. Seelsorger kam am 24. April 1906 der aus Achkarren am Kaiserstuhl gebürtige Wilhelm Fichter hierher. Er war wohl der volkstümlichste und schaffens­ reichste Pfarrer in all den Jahrhunderten und noch heute erinnert in Schonach eine ihm zu Ehren benannte Straße an sein segensrei­ ches Wirken. Mit einer Energie sondergleichen ging er sofort an die große Aufgabe heran, eine wür­ dige und ausreichend große Kirche zu erhal­ ten. Noch im Sommer des gleichen Jahres erklärte er, Veränderungen an der bestehen­ den Kirche vorzunehmen, wäre eine Torheit, da die Kirche zu klein sei und eine neue gebaut werden müsse. Bald wurden erste Pläne gefertigt, doch folgten nun lange und zähe Auseinandersetzungen um die Größe, die das neue Gotteshaus bekommen sollte. Nach einem Erlaß des Erzbischöflichen 206

mente zurückgegriffen worden war, entstan­ den in einer relativ kurzen Zeitspanne, etwa zwischen 1905 und 1914, Neubauten im Barockstil. Diesen hatte man zuvor als „ver­ schnörkelt“ abgelehnt. Ihr Kennzeichen ist, daß sie oft viel prächtiger gestaltet wurden als ihre originalen Vorbilder, denn solch reicher Schmuck, wie er nun in die Kirchen einzog, war früher meist reichen Städten und Klö­ stern vorbehalten. In unserem Kreisgebiet stammt die Pfarrkirche in Obereschach aus dieser Epoche, ein weiteres WerkJeblingers ist St. Laurentius in Friesenheim (Ortenau­ kreis). Als Bauführer wurde der Triberger Archi­ tekt Haas bestimmt. Die Arbeiten gingen zügig voran und bereits am Nikolaustag 1912 waren Chor und Sakristei im Rohbau fertig. Immer wieder gab es jedoch Reibereien, da der Stiftungsrat Arbeiten nach seinem Gut­ dünken und ohne Genehmigung ausführen ließ. Dazu meinte Pfarrer Fichter immer wie­ der: „Wir müssen den ganzen Bau alleine bezahlen, es hilft uns niemand; dann bauen wir aber auch die Kirche so, wie wir sie gebaut haben wollen.“ Am 24. August 1913 konnte schließlich der Grundstein gelegt werden. Jedoch standen der Stiftungsrat und das Erzbischöfliche Bauamt auch in der Folge­ zeit oft in krassem Gegensatz. Es ging so weit, daß Pfarrer Fichter ein Disziplinarverfahren angedroht wurde, wenn noch einmal Arbei­ ten ohne Genehmigung ausgeführt würden. Nun beklagte sich der Stiftungsrat: „Wir haben indes die Komödie satt … Es wird bald Zeit, daß die Welt erfährt, wie mit den Fondsgeldem und Erträgnissen der Kirchen­ steuer gewirtschaftet wird.“ Der Oberstif­ tungsrat war empört: »Die ungebührlichen Ausfälle des dortigen Berichts gegen das Bau­ amt müssen wir rügen. Auch für den Stif­ tungsrat in Schonach bleibt unsere kirchli­ che Ordnung und die Zuständigkeit des Bau­ amts verbindlich. Jede Erörterung in der Presse hätte Strafen zur Folge. Wir warnen rechtzeitig!“ Auch in der Folgezeit gab es weitere Schwierigkeiten. So bildeten sich im Kirchturm, der beim Neubau stehenblieb, 207

Risse, als dieser entblößt vom stützenden Mauerwerk des Kirchenschiffs dastand, und er drohte einzustürzen. Nur mit größter Mühe konnte er schließlich gerettet und dann um ein paar Meter erhöht werden:,, … ganze Wagen von Beton flogen um das Fun­ dament, Betonstreben mußten den wanken­ den Turm halten und mehrere 100 Ztr. Eisen legten sich um den Leib des Lebensmüden … „. Zu Beginn des Jahres 1915 war der Bau dann im wesentlichen vollendet, seine Weihe durch Erzbischof Dr. Karl Fritz erhielt er jedoch erst am 29. Mai 1922. Damals unterblieb die Vollendung der inneren Ausgestaltung. So blieben die gro­ ßen Gewölbefelder an der Decke über 30 Jahre lang leer. Erst 1956/57 ließ Pfarrer Hugelmann die drei großen Hauptbilder und die anderen Gemälde durch den Kunst­ maler J osefB ra un aus Wangen im Allgäu aus­ führen. Bereits am 17. Oktober1954 hatte die Gemeinde eine neue Orgel weihen können. Der herrliche Prospekt in Rokokoforrnen, der fast den ganzen Ostteil der Kirche aus- 208 füllt, wurde von Angela Valentin aus Offen­ burg geschaffen und zählt sicherlich zu den schönsten weit und breit. Mit den Jahren hatte jedoch der Zahn der Zeit an der Schonacher Kirche genagt und der barocke Glanz war allmählich verblaßt. Eindringende Feuchtigkeit hatte ein Übriges geleistet. Schon vor einigen Jahren hatte die Kirche eine neue Beleuchtung erhalten und war neu isoliert worden. Das große Anliegen der Pfarrgemeinde, eine umfassende Innen­ renovierung, mußte jedoch aus finanziellen Gründen immer wieder zurückgestellt wer­ den. Nach einer langen Geduldsprobe konn­ te im Dezember 1988 endlich mit den Arbei­ ten begonnen werden. Zuerst stand die Trok­ kenlegung des Kirchplatzes mittels einer Drainage an. Bald darauf zeigte sich dann das Innere von großen Baugerüsten ver­ deckt. Die Firma Fuggis aus Haslach konnte mit ihren Arbeiten beginnen. Zuerst kam die vordere Hälfte, dann die hintere an die Reihe. Sämtliche Wand-und Deckenflächen wurden neu verputzt und präsentieren sich

Maria mit Kind HI. Urban (Patron der Ffarrgemeinde) nun in strahlendem Weiß. Die Deckenge­ mälde wurden ebenso vom Schmutz der Zeit befreit wie die Altäre, die Kanzel und der Orgelprospekt. Neue Blattgoldverzierungen wurden angebracht und verleihen nun den Werken festlichen Glanz. Sämtliche Figuren wurden in mühevoller Arbeit in der Werk­ statt des Meisters restauriert. Kurz vor Weih­ nachten 1990 sind die letzten Stücke zurück­ gekehrt, erst im Frühjahr 1992 wurde der neu­ geschaffene Ambo aufgestellt. Viel Arbeit und Geld erforderte auch die Reinigung und Neuintonation des Orgelwerks, dessen Klang mit den Jahren dumpf geworden war. Doch nicht nur das Bestehende wurde erneuert, das Gotteshaus erfuhr auch einige Veränderungen. So wurde beispielsweise eine neue Heizung eingebaut und, damit verbunden, ein völlig neuer Bodenbelag in einem warmen Braunton. Die vorderen Rei­ hen des Gestühls, die sog. kleinen „Kinder- bänke“, wurden entfernt. Dafür wurde die Altarinsel vergrößert, so daß der Zelebrati­ onsaltar nun näher an die Gemeinde heran­ gerückt ist. Die restaurierten Reliefs der ehemaligen Kommunionbank haben dort inzwischen einen neuen Platz gefunden. Auch der Taufstein erhielt einen neuen Standort. Das gesamte Gestühl, das sich bis­ her in einem dunklen Braun gezeigt hatte, wurde abgelaugt. Darunter kamen herrliche Schnitzereien zum Vorschein. Über 1,5 Millionen Mark haben die Arbei­ ten verschlungen. Durch Spenden und Festerlöse haben die Schonacher bisher 500.000 Mark dazu beigetragen, 300.000 Mark mehr, als der Neubau der Kirche vor 80 Jahren gekostet hat. Ohne Innenausstattung mußten damals über 200.000 Mark aufge­ bracht werden. Doch die Mühe hat sich gelohnt, strahlt doch nun die Pfarrkirche, deren freie Nachschöpfung einer Barockaus- 209

stattung Seltenheitswert besitzt, in neuem Glanz: Da sind die drei aus der alten Kirche über­ nommenen Altäre, von denen zumindest die Gemälde wohl noch aus dem 18. Jahr­ hundert stammen. Das des Hochaltars stellt die Krönung Mariens dar. Flankiert wird der Hochaltar von den Figuren der hl. Wende­ lin, Josef, Sebastian und Johannes Nepo­ muk. Das linke Seitenaltarbild zeigt, wie Maria dem hl. Dominikus und der hl. Katha­ rina den Rosenkranz reicht, im rechten liest Mutter Anna ihrer Tochter Maria aus der Schrift vor. Von den Heiligenfiguren, die in der ganzen Kirche verteilt sind, ist eine die Marienfigur, die auch im Schonacher Orts­ wappen dargestellt ist. Von den drei großen Deckengemälden schildert das über der Orgel das Weihnachtsgeheimnis. Das Mitt­ lere zeigt die Kreuzigung Jesu, das Vordere das Pfingstwunder.Umrahmt werden sie von einer Reihe kleinerer Bilder, die thematisch auf die Hauptgemälde bezogen sind. Das Bild im Chorraum schließlich zeigt den Namen Gottes im alten Bund, Jehova, in hebräischer Sprache. Über den Bogen der einzelnen Joche sind umlaufend die 12 Apo­ stel dargestellt. Umspielt wird alles von prächtigem Rocailleschmuck, geschaffen von dem gebürtigen Schonacher Eduard Kuner. Beachtenswert sind auch die schwungvolle Kanzel, die sehr schönen Kreuzwegstationen und der Taufstein (1624), das älteste Aus­ stattungsstück der Kirche. Beim Verlassen des Gotteshauses sollte man noch kurz in der Vorhalle verweilen. Sie ist das Untergeschoß des Turmes. In ihm hängt noch die alte Marienglocke von 1501, zu der nach der Glockenweihe vom 1. Okto­ ber 1950 fünf weitere Glocken kamen. Seit­ her künden folgende Glocken das Got­ teslob: Christkönigsglocke (2500 kg), St. Urbansglocke (1400 kg), Michaelsglocke (1000 kg), die alte Marienglocke (820 kg), Josefsglocke (400 kg) und die Engelsglocke (300 kg). Die neuen Glocken entstammen der Werkstätte von Meister Benjamin Grü­ ninger in Straß bei Neu-Ulm. Dort wurden 210 sie am 11. August 1950 gegossen. 1948 hatte Grüninger seinen Betrieb von Villingen nach Straß verlegt, da ihm in Villingen keine geeignete Ersatzfläche für eine neue Gießerei an Stelle der im Krieg zerstörten zur Verfü­ gung gestellt worden war. Die Vorhalle selbst, die von einem schö­ nen gotischen Netzgewölbe überspannt wird, beherbergt neben einem Kruzifix noch einige alte Grabsteine aus vergangenen Jahr­ hunderten. Kann sich eine solche Kirche von ihrem künstlerischen Anspruch her auch nicht mit den berühmten Werken barocker Architek­ tur messen, so ist es doch ein festlicher Raum, der erfüllt ist von der Freude des Glau­ bens und eine der schönsten Kirchen unserer Heimat. Jochen Schultheiß �eilen: 1) ,,Chronik der katholischen Kirchenge­ meinde Schonach“, in: Chronik der Ge­ meinde Schonach im Schwarzwald, 1981. 2) Eigene Aufzeichnungen. 3) Pfarrer Ehrath: Kirchenführer Schon­ ach, 1. Auflage 1969, 2. Auflage 1980, 3. Auflage 1992. Wetter II (Gewitter) Gewölk zieht auf fern murmelt Donner blauer Horizont färbt sich fahl Mauersegler suchen kreischend Unterschlupf vor heftigen Windböen im Duett mit nahen Blitzen fallen schwere Regentropfen auf Grün und Gold der Ebene brennende Kerze Segensspruch gegen Wetternot und Hagelschlag Sommergewitter Christiana Steger

Museen Das Uhrenindustriemuseum Villingen-Schwenningen Eine nicht gehaltene Ansprache zur Eröffnung des Museums am 10. Dezember 1994 Über die planerischen Arbeiten des neuen Muse­ ums wurde bereits im Almanach 93, Seiten 290 bis 293, berichtet. Nach der Eröffnung des Mu­ seums ist unsere Museumslandschaft noch reicher geworden. Es war ein langer Weg bis hierher, und er ist noch nicht zu Ende. Pläne, in Villingen­ Schwenningen ein regionales Industriemu­ seum zu gründen, reichen bis in die frühen 1970er Jahre zurück. Sie wurden erstmals vom Leiter des Schwenninger Heimatmuse­ ums, Dr. Manfred Reinartz, skizziert, der erkannte, daß die im Schwenninger Heimat­ museum befindliche wertvolle Sammlung handwerklich gefertigter Uhren durch Zeug­ nisse hiesiger Industriekultur ergänzt werden müßte. Dr. Reinartz begann, im Heimatmuseum eine Sammlung von industriellen Produk­ ten anzulegen, besonders solchen aus der Uhren-und feintechnischen Industrie. In zahlreichen Gesprächen mit Fabrikeignern und -geschäftsführem wurde ihm Interesse an einem solchen Industriemuseum und Ko­ operationsbereitschaft signalisiert. Am 3. Oktober 1979 beschloß der Ge­ meinderat, im Stadtbezirk Schwenningen, im sogenannten Vogtshaus in der Kronen- 211

straße, ein Industriemuseum einzurichten. Aber die bereits im Detail vorliegenden Pläne kamen nicht zur Ausführung, weil das Geld fehlte. Auch alternative Pläne zur Eta­ blierung einer eigenständigen Abteilung des Heimatmuseums mit dem Thema Uhren­ industrie konnten damals nicht realisiert werden. In den 1980er Jahren wurden die Pläne, allerdings mit einem etwas anderen Akzent, neu belebt. Nicht mehr das ganze Spektrum der Schwenninger Industrie vergangener Tage stand im Blickpunkt, sondern allein die Uhrenindustrie, die freilich eine Schlüssel­ industrie dieser Stadt war und zum Teil noch ist. Konkrete Chancen für die Errichtung eines Uhrenindustriemuseums ergaben sich schließlich, als im Rahmen der Stadtsanie­ rung in Schwenningen auch für die ehe­ malige Württembergische Uhrenfabrik in der Bürkstraße ein neues Nutzungskonzept erarbeitet werden mußte. Der Geschäftsfüh­ rer der städtischen Wohnungsbau GmbH, Walter Grimminger, kam auf die Idee, daß sich die in dem Fabrikgebäude vorgesehene Wohnnutzung gut mit einem Museum am gleichen Ort nachbarschaftlich verbinden ließe, ja daß dies sogar eine ganz besondere, einzigartige Form von Wohnqualität erge­ ben könnte. Mit dem Leiter des städtischen Fremden­ verkehrsamtes, Ulrich Schlichthaerle, war er sich darin einig, daß man so ein Museum mit anderen musealen Einrichtungen in der wei­ teren Umgebung in einen größeren Zusam­ menhang einbinden, ja sogar mit bereits bestehenden Uhrenstraßen im Ausland in Verbindung bringen könnte. Und es dauerte in der Tat gar nicht lange, bis durch den Regierungspräsidenten Dr. Conrad Schroe­ der am 15. April 1992 die „Deutsche Uhren­ straße“ offiziell eröffnet werden konnte, mit Villingen-Schwenningen als Ausgangs­ und Zielort (vgl. Almanach 94, Seiten 223 bis 234). Eine Gruppe des Schwenninger „Arbeits­ kreises Heimatkunde“ um den jetzigen Vor- 212 sitzenden des Schwenninger Heimatvereins, Jörg Weisbrod -dessen Engagement für die Erhaltung des Wohngebiets Ob dem Brüclle in guter Erinnerung ist -suchte nach Mit­ teln und Wegen, den Gedanken eines Uh­ renindustriemuseums in die Tat umzuset­ zen. Diese Enthusiasten begannen in den späten 1980er Jahren mit der Sammlung von alten Fertigungsmaschinen aus der Uhren­ industrie. Herr Weisbrod und Herr Walter Schlen­ ker berieten sich damals unter anderem mit dem Leiter des Deutschen Uhrenmuseums, Prof. Richard Mühe, mit Prof. Lothar Suh­ ling vom Mannheimer Landesmuseum für Technik und Arbeit und mit Dr. Reinartz über die Chancen, hier am Ort ein regionales Uhrenindustriemuseum zu schaffen. Aber die mutige Aktion hätte womöglich nicht den ihr bis heute eigenen Schwung erhalten, wenn nicht ein paar Schwenninger Fabrikanten und Kaufleute -ein paar „rääte aalte Schwenninger“, wie man so sagt -die Idee Uhrenindustriemuseum des „Arbeits­ kreises“ begeistert aufgegriffen hätte, an ihrer Spitze ein Mann, dessen visionäres und doch stets realitätsbezogenes Engagement etliche Jahre zuvor schon ein anderes, damals eben­ falls „phantastisches“ und angeblich „nicht machbares“ Projekt, die Schwenninger Kunst­ eisbahn, erfolgreich auf den Weg gebracht hatte: der Unternehmer Max Ernst Haller (vgl. Almanach 93, Seiten 203-205). Zusammen mit seinem Freund, dem Fa­ brikanten Manfred Link, mit dem er seiner­ zeit auch die Realisierung der Eisbahn ausge­ heckt hatte, schmiedete er Pläne, wie man das nun einmal unabdingbare Geld zusam­ menbekommen könnte, um das Projekt zu verwirklichen. Am 2. Mai 1990 wurde der „Förderkreis Lebendiges Uhren-Industriemuseum“ ge­ gründet, und Herr Haller gewann tatsächlich einige potente Mitstreiter, die bereit waren, sogenannte „Patronate“ zu übernehmen. Sie verpflichteten sich schriftlich, drei Jahre hin­ tereinander einen bestimmten, namhaften Geldbetrag für die Realisierung des Muse-

derat und Kreistag für eine großzügige Betei­ ligung an der Mitfinanzierung des Projektes gewonnen werden konnten, ist dem über­ zeugenden Engagement von Alt-Oberbürger­ meister Dr. Gerhard Gebauer und Landrat Dr. Rainer Gutknecht zu verdanken. Noch im Jahr 1991 legte die „Forschungs­ gruppe Kulturgeschichte und Sachgut (Focus)“ im Auftrag der Stadt eine Rahmen­ konzeption für das Uhrenindustriemuseum vor. Sie war gemeinsam mit den Mitgliedern des Förderkreises, mit Dr. Reinartz als Vertre­ ter der städtischen Museen und unter Mit­ hilfe von Dr. Axel Burkarth von der Landes­ stelle für Museumsbetreuung erarbeitet wor­ den. Und sie bildete die Basis aller weiteren Arbeiten. Am 30. Januar 1992 wurde der Verein Uhrenindustriemuseum gegründet. Er ist der eigentliche Trägerverein des Museums. Alt-Oberbürgermeister Dr. Gebauer über­ nahm darin den Vorsitz, Landrat Dr. Gut­ knecht und Herr Weisbrod wurden seine Stellvertreter. Der Schwenninger Museums­ leiter Dr. Reinartz wurde vom ehemaligen OB Dr. Gebauer zum Geschäftsführer be­ stellt und von der Mitgliederversammlung bestätigt. Frank Lang, Kulturwissenschaftler aus Vaihingen/Enz, entwickelte das Focus-Kon­ zept später zu einer detaillierten Gesamt­ planung weiter. Die von ihm erarbeiteten Inhalte der einzelnen Ausstellungsabteilun­ gen setzte das vom Verein beauftragte Stutt­ garter Gestalterbüro Nicolai Koncza plane­ risch um. Für die Graphik war Hans Joachim Fladda aus Stuttgart zuständig. Bei allem Respekt vor dem beträchtlichen finanziellen Engagement der „Patrone“: Die beeindruckendste Leistung im Zusammen­ hang mit der Realisierung des Uhrenindu­ striemuseums war wohl doch die der zahlrei­ chen ehrenamtlichen Helfer. Über Jahre hin­ weg haben sie durch ihren persönlichen kör­ perlichen Einsatz und das Einbringen ihrer zum Teil jahrzehntelangen fachlichen Erfah­ rungen -als Uhrmacher, Feinmechaniker, Maschinenbauer und was es sonst sein mag-213 ums bereitzustellen, einige von ihnen stell­ ten dreimal 10.000, daß heißt je 30.000 Mark zur Verfügung! Die Patrone des Uhrenindustriemuse­ ums, deren beispielhaftes Vorangehen das Projekt erst möglich gemacht hat, seien hier namentlich genannt, es sind: Herr Max Ernst Haller bzw. die Firma Friedrich Ernst Benzing, Technische Uhren; (siehe Almanach 91, Seiten 66-69, Alma­ nach 95, Seiten 210-211); Herr Walter Bürk bzw. die Firma Autohaus Walter Bürk; Herr Bernhard Schlenker bzw. die Firma SEL VA Uhrenbau & Hobby; Herr Michael Kopp bzw. die Firma Gustav Kopp, Uhrengroßhandlung; die Schwenninger Volksbank; die Sparkasse Villingen-Schwenningen und die Firma IVO Irion & Vosseler, Zählerfabrik (siehe Almanach 82, Seiten 64-65). Die Mitgliederzahl des Förderkreises stieg schnell auf über hundert. Durch deren tat­ kräftiges Eintreten für die Bewahrung eines wichtigen Denkmals der Industriekultur be­ eindruckt, konnte sich schließlich auch die Stadt Villingen-Schwenningen der Verpflich­ tung zur Mithilfe nicht entziehen. Ebenso der Schwarzwald-Baar-Kreis. Daß Gemein-

die Voraussetzung geschaffen, daß die ehe­ mals in dieser Stadt und in der Region domi­ nierende Uhrenindustrie in wirklichkeits­ naher Darstellung im Museum gezeigt wer­ den kann. Stellvertretend für die vielen, die bis in die späten Vorabendstunden des Eröffnungs­ tages hinein an „ihrem Museum“ gearbeitet haben, seien hier jene genannt, die in beson­ ders herausragender Weise und mit der größ­ ten Ausdauer von Anfang an ehrenamtlich tätig waren, damit das große Werk gelinge: Arthur Beck, Rolf Goebel, Horst Haller, Hans Herbert Kammerer, alle aus Schwen­ ningen, Norbert Knauer aus Trossingen, Klaus Lonzer, Walter Morath, Christian Oberndorfer, Karl Schlenker, alle aus Schwenningen, und Jörg Weisbrod aus Bad Dürrheim. Sie haben – zum Teil schon in beträchtli­ chem Alter- ein Stück ihrer eigenen Lebens­ zeit in verdienstvoller Weise für das Uhren- industriemuseum hingegeben! An dieser Stelle muß auch der vielen Frauen dankbar gedacht werden, die es die ganze Zeit lang mitgetragen haben, daß ihre Männer bis an die Grenze der Zumutbarkeit ihre Privatzeit für das Museum geopfert haben. Es ist bedauerlich, daß am 10. Dezember 1994 noch nicht das vollständige Projekt in der ursprünglich geplanten Form der Öffent­ lichkeit übergeben werden konnte. Bekannt­ lich hat das Land Baden-Württemberg die Förderung solcher Unternehmungen seit dem Jahr 1993 erheblich gekürzt, so daß sich der Vereinsvorstand schweren Herzens ent­ schließen mußte, das Projekt in zwei Bauab­ schnitte aufzuteilen. Etliche Finanzierungslücken konnten durch großherzige Spenden des Verbandes der Deutschen Uhrenindustrie, der Landes­ girokasse Stuttgart, der Firma PRO NET Johannes Rietschel und anderer geschlossen werden, aber die Zurückhaltung des Landes 214

wird dem Verein Uhrenindustriemuseum auch in Zukunft noch gehörig zu schaffen machen. Unter diesen Vorzeichen ist es wichtig, den Erfolg des Museums durch das weiterhin enge Zusammenwirken aller sicher­ zustellen. Denn nur so kann es durch regen Besucherverkehr seine Einnahmen erhöhen und sich allmählich ein wenig freischwim­ men. Zu einem größeren Museum gehört heut­ zutage ganz selbstverständlich ein Museums­ laden mit Cafe. Man kann es deshalb nur begrüßen, daß Herr Bernhard Schlenker bzw. seine Firma SELVA Uhren + Hobby auf dem Museumsareal eine solche Einrich­ tung geschaffen hat. Die angestrebte Sym­ biose nützt vermutlich dem Museum, wie umgekehrt das Museum zur Attraktivität des Museumsladens und des Museumscafes bei­ tragen dürfte. Auf jeden Fall ist das Uhrenindustriemu­ seum Villingen-Schwenningen ein wichtiger und notwendiger Teil unserer städtischen und regionalen Museumslandschaft und ein Glanzpunkt an der „Deutschen Uhren­ straße“. Diejenigen, die dazu beigetragen haben, daß es Wirklichkeit wurde, dürfen auf das Erreichte mit Recht stolz sein. Ein Dankeswort muß auch den Leihge­ bern und den zahlreichen Spendern abge­ stattet werden. Unter den Leihgebern -Pri­ vatleute und Firmen – sind solche, die Objekte aus ihren persönlichen Sammlun­ gen für die Museumsabteilung „Produktpa­ lette“ zur Verfügung stellten, und solche, die dem Museum Maschinen oder Werkzeuge verschiedenster Art als Leihgabe überließen, damit sie ausgestellt oder in der Museums­ werkstatt eingesetzt würden. Der Name von Eduard Hauser, Fabrikant in Weigheim, sei an dieser Stelle besonders hervorgehoben. Aber auch allen anderen Leihgebern und Spendern sei von Herzen Dank gesagt. Dem Museum ist Erfolg zu wünschen, 215

Die astronomische Kunstuhr von Hans Lang im Deutschen Uhrenmuseum tritt mehrmals das damals noch im Aufbau befindliche Museum besucht und der aus der Bevölkerung heraus erbrachten Leistung Respekt und Anerkennung ausgesprochen hat. Das gibt Anlaß zur Zuversicht. Das Uhrenindustriemuseum in der Bürk­ straße 39 (Tel. 0 77 20-3 80 44) ist dienstags bis sonntags von 10 bis 12 und von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Dr. Manfred Reinartz liehen Region finden wir neben der welt­ berühmten Straßburger Münsteruhr den Uhrenturm in Solothum, die öffentliche Uhr der „Zytglogge“ in Bern oder die Villin­ ger Kunstuhr, im 14. Jahrhundert gebaut, jedoch seit 1714 verschollen. Gemeinsame Merkmale der astronomi­ schen Kunstuhren von ähnlicher Gestalt allen Menschen nah und fern aber Gefallen an unserem Uhrenindustriemuseum Villin­ gen-Schwenningen. Denen, die jetzt und in Zukunft für die Stadt Verantwortung tragen, legen wir dieses Museum ans Herz. Es war eine Ermutigung für alle an dem Projekt Be­ teiligten, daß der neue Oberbürgermeister von Villingen-Schwenningen, Dr. Manfred Matusza, schon lange vor seinem Dienstan- Keine Region Europas ist ohne astrono­ mische Kunstuhr aus den Jahrzehnten nach Erfindung der Räderuhr. Sowohl die Hanse­ städte Lübeck, Rostock, Stralsund, Danzig, die oberdeutschen Städte Nürnberg, Ulm, Heilbronn wie auch die europäischen Me­ tropolen Paris, Prag, Padua oder Venedig ber­ gen sie in ihren Mauem. In unserer heimat- Frontseite der Hans-Lang-Uhr 216

und Funktion aus dem Spätmittelalter seit etwa 1350 sind – die kompakte Darstellung aktueller, auf Tag und Stunde bezogener Zeitdaten am zentralen Zifferblatt, meist mit einem Astrolabium verbunden, – vielfältige Kalenderindikationen, pro­ grammiert für Jahrtausende und die Veranschaulichung besonderer Ereig­ nisse des christlichen Jahres durch Auto­ matenspiele bewegter Figuren. Nach dem ersten Aufkommen dieser Uhren im 14. Jahrhundert suchten Städte und Landesherren mit immer interessante­ ren Kunstuhren zu wetteifern. Etwa um 150 Jahre später kam eine andere Art astronomi­ scher Uhren auf. Vielgestaltige, auch phanta­ stische Formen mit Bildzyklen und unge­ wohnten Indikationsarten wurden erson­ nen. Es entstanden die Globenuhren von Jost Bürgi in Zürich und Kassel, die Kunstuh­ ren von Eberhard Baldewein in wertvollen Metallgehäusen, jetzt in Dresden und Kas­ sel, auch Planetarien oder „Orreries“. Ein besonderes Planetarium von Philipp Mat­ thäus Hahn finden wir im Deutschen Uh­ renmuseum Furtwangen. Die Erklärung des Gestirnelaufs und neue Vorstellungen vom Kosmos traten an die Stelle des vorher eng umschriebenen und nahezu festgeprägten Bild- und Funktionsprogramms der frühen Kunstuhren. Die Uhrmacher verbanden mit ihren Schöpfungen nicht nur aktuelle Zeitanga­ ben; sie wollten die Welt und ihre Ordnung über Gestirnebewegungen erklären. Der Wandel vom geozentrischen zum heliozen­ trischen System oder von Ptolemäus zu Kopernikus, die Vielfalt der Zeitanzeigen, manchmal vor allem die Gestaltung bestim­ men das Gesicht dieser Uhren. Sie waren für fürstliche Schatzkammern, nicht als öffent­ liche Rathausuhren geschaffen. Die Ausfüh­ rung im Stil der Renaissance ist meist von bewundernswerter Schönheit sowohl im künstlerischen Entwurf wie in der handwerk­ lichen Vollendung. Im 19.Jahrhundert wurden Nachahmun­ gen früher Kunstuhren in modischen Gestal­ tungen üblich. Meist sind es erstklassige Handwerksarbeiten. Doch wird ihr künstle­ rischer Wert gelegentlich in Frage gestellt, wenngleich sie in Perfektion und automati­ sierten Funktionen bemerkenswert sind. Kennzeichen unseres Zeitalters sind Sach­ lichkeit, Funktionalität, Komplexität sowohl im Grundsätzlichen wie in Details. Unter diesen Aspekten sind astronomische Kunst­ uhren unserer Jahrzehnte zu beurteilen. Her­ ausragend ist eine Kunstuhr im Kopenhage-217

Verschiedene Einblicke in das Uhnoerk endeter Klarheit und Präzisionsuhren-Ge­ nauigkeit, die durch Atomuhren-Steuerung über Funksignale erreicht wird, ist sie Zeuge ihrer Entstehungszeit. Brillant demonstriert sie in formaler Nüchternheit wichti�ste Aspekte moderner Technik und ihrer Ara. Eine ausführliche Darlegung der Räderwerke – die Herstellung von 412 Zahnrädern war dafür nötig-, Getriebe und Kurvensteuerun­ gen kann hier nicht unser Ziel sein. Vielmehr wollen wir uns aufVerständnis, Indikationen und astronomische Daten konzentrieren. Das funkgesteuerte Hauptuhrwerk treibt neun Nebenuhrwerke für Zeitanzeigen mit Kalenderdaten wie für die Veranschaulichung kosmischen Geschehens. Diese Werke sor­ gen auf den fünf nebeneinanderstehenden Anzeigetafeln für die Indikation von Son­ nen- und Sternpositionen. Bei der mittleren Tafel beginnend finden wir ganz oben die – MESZ -, – mitteleuropäische Sommer- zeit – als Normalzeit, links un­ ten die – MOZ -, – mittlere Ortszeit -, weiter rechts die die – MEZ-, – mitteleuropäische Zeit – und – WSZ -, – wahre Sonnenzeit -. Darüber erscheint in der Mitte al Differenz von MOZ und WSZ die ner Rathaus von Jens Olsen, der vor der Voll­ endung 1945 starb. Erst seinen Schülern gelang 1955 die Inbetriebnahme. Wir wollen unsere besondere Aufmerk­ samkeit einer einmaligen astronomischen Kunstuhr widmen, die von dem Glashütter Uhrmachermeister Hans Lang in 25 Jahren ersonnen, in allen Details konstruiert und während 6 Jahren in 8200 Arbeitsstunden gefertigt wurde. Diese astronomische Uhr, von ihrem Meister 1986 vollendet, ist ein besonderer Glanzpunkt der klassischen Uhr­ macherei. Mit modernster Funkuhrsteue­ rung für höchste Zeitgenauigkeit und kom­ plexen Räderwerken, 412 Zahnräder enthal­ tend, steht sie in der Folge ihrer Vorläufer. Dort fanden wir so unterschiedliche Gestal­ tungen wie etwa die Planetenuhr von Gio­ vanni de Dondi zu Padua. Die Fassadenuhr auf der Isle de la Cite von Paris oder die ganz anders gestalteten Globenuhren von Jost Bürgi. In ihrer kulturhistorischen Bedeutung sind all diese Objekte Zeugen ihrer Zeit. Das gilt auch für die erst jüngst entstandene, noch nicht altehrwürdige Hans-Lang-Uhr, wobei Alter oft als Zeichen für besonderen Wert angesehen wird, die am Ende der gro­ ßen Epoche mechanischer Uhrmacherei steht. Als mechanisches Kunstwerk von voll- 218

-Zeitgleichung -(ZGL = -ZGL -, MOZ -WSZ), links und rechts flankiert von zwei Zifferblättern für den Sonnenauf-und -untergang. Mondkugel und Zeiger geben das -Mondalter -an. Die Anordnung von drei Zifferblättern über diesen Indikationen gibt die -UTC -, -universale Weltzeit -an, die auf den Meri­ dian von Greenwich bezogen ist. Die drei Zifferblätter rechts gelten der Sternzeitan­ zeige. Sternzeit ist im Unterschied zur „nor­ malen“ Sonnenzeit als Abstand zweier auf­ einanderfolgender Kulminationen oder Durchgänge eines Fixsterns durch den Orts­ meridian definiert. Die Länge von Sonnen­ tag und Sternentag unterscheidet sich um knapp 4 Minuten. Die Anzeigetafel rechts der Mitte bringt auf dem großen unteren Zifferblatt das Datum im gregorianischen Kalendersystem. Der von der UNO favorisierte, aber bisher nicht eingeführte Weltkalender ist hier wohl erstmalig auf einer Uhr realisiert. Darüber zeigt eine getriebegesteuerte Kugel den Ster­ nenhimmel zwischen 35 und 65 Grad nörd­ licher Breite. Zusammen mit ihren Stern­ bildern sind 750 markante Sterne in fünf Größenklassen auf der Kugel markiert. Sie liefern jederzeit das aktuelle Bild des Ster­ nenhimmel über uns. Die Anzeigetafel links der Mitte trägt oben ein Zifferblatt, das Sonne, Mond und Erde im geozentrischen Weltbild zeigt. Die Umläufe von Sonne und Mond um die Erde sind hier zu verfolgen. Sie sind den Tierkreis­ zeichen der Sternbilder zugeordnet. Die Zuordnung dieser Gestirnebewegung ist hier besonders anschaulich zu verfolgen, wenn sie auch nach dem heliozentrischen Welt­ bild nicht richtig ist. Auf dem unteren Zifferblatt dieser Tafel bewegen sich die Planeten Venus, Erde und Mars im heliozentrischen System um die Sonne. Venus und Mars rotieren entgegen dem Uhrzeigersinn und verändern ihre Ent­ fernung zur Erde deutlich, wie es hier sicht­ bar gemacht wird. Die Anzeigetafel ganz links wird von einem Planetarium ausgefüllt, das die Plane­ tenbewegungen im Sonnensystem zeigt. Die momentanen Planetenstände sind ablesbar. Von innen nach außen finden wir, unsicht­ bar langsam rotierend, Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun. Den unteren Rand der Tafel nimmt eine maßstabsgerechte Darstellung ihrer Größen ein. Pluto fand aufgrund seiner gro­ ßen Entfernung in diesem Maßstab keinen 219

Platz mehr. Auch die Planeten selbst mußten zwecks Sichtbarkeit vergrößert werden. Sonst hätte die Erde, auf ihren Abstand von der Sonne bezogen, nur 0,00085 Millimeter Durchmesser. Im gleichen Verhältnis würde der Sonnendurchmesser dem äußeren Ge­ häuserand der Uhr entsprechen. Die Um­ laufzeiten der Planeten variieren von 88 Tagen für Merkur bis zu 165 Jahren für einen Neptun-Umlauf. Die fünfte Anzeigetafel rechts außen gibt die Bewegungen des Planeten Jupiter mit sei­ nen vier Monden Io, Europa, Ganymed und Kallisto wieder. Diese Monde wurden 1610 von Galilei entdeckt und werden relativ häu­ fig beobachtet. Sie sind schon mit einfachen Feldstechern gut sichtbar, und sie weisen Umlaufzeiten von nur 2 bis 17 Tagen auf. In der Mitte des Zifferblattes steht Jupiter. An den vier Zeigerenden sind die vier Monde in ihrem Größenverhältnis durch winzige Löcher gekennzeichnet. Von der Erde aus vollführen diese Monde statt der eiwarteten Kreisbewegung um Jupiter eine Pendelbewe­ gung. Denn ihre Bahnen liegen fast exakt in der Erdbahnebene. Deshalb sehen wir sie von Ost nach West und wieder zurück wan­ dern.Jupiter selbst verändert seinen Abstand zur Erde zwischen 599 und 967 Millionen Kilometern. 220 Planetarium Zur Darstellung der kleinen Monde krei­ sen zwei Speichen über dem Zifferblatt und scheinen eine Pendelbewegung zu machen. Dadurch werden Verfinsterung, Durchgang, Bedeckung und Schatten erkennbar. Diese Anzeige demonstriert erstmals bei Uhren diese Vorgänge in unserem Planetensystem. Bei der Hans-Lang-Uhr sind verschiedene Indikationen erstmalig in einer astronomi­ schen Kunstuhr veiwirklicht, nämlich die äkulare Akzeleration (Beschleuni­ gung in Jahrhunderten) des Mondes der Weltkalender als echter ewiger Kalender – die heliozentrischen und geozentrischen Positionen von Venus und Mars unter Berücksichtigung ihrer scheinbaren Rück­ läufigkeit – die Marsbewegung unter Berücksichti­ gung des zweiten Keplersd1en Gesetzes das Spiel der vier Jupitermonde – die Entfernungs­ anzeige zwischen Erde und Jupiter – der Winkelabstand von Jupiter zu sei­ nem Perihel. Uhnoerkfiirdie Darstel­ lung der inneren Plane­ ten im heliozentrischen System

Diese Uhr ist somit nicht nur Zeitmesser, sondern ein Spiegel des Kosmos, der in mechanische Bahnen gebannt scheint. Als Instrument zur Zeitanzeige ist die Uhr gleichzeitig ein Spiegel der Welt und kon­ frontiert uns mit der Unendlichkeit des Uni­ versums. Dabei hilft sie, unsere subjektive und objektive Bedeutung in der Welt zu ermessen. Das Meisterwerk von Hans Lang bietet umfassende Zeit-und Gestirneanzei­ gen wie bisher keine andere Uhr. Damit ist sie eine Bereicherung für die Uhrenwelt und das Museum, in dem sie ihren Platz hat. Wesentliche Gesichtspunkte unserer kultur­ historischen Epoche werden demonstriert. Im mechanischen Räderwerk zeigt sie nicht allein technische Funktionen. Vielmehr birgt sie in der Unendlichkeit der ungreifbaren Zeit weit darüber hinausgehende Ideen. Das Uhrwerk führt über das ästhetische Eine Kostbarkeit im Schwarzwaldmuseum in Triberg Einen weiten Weg hätte die Technik, aus Stroh, ausgerechnet aus diesem zarten, als sehr vergänglich geltenden Material Intar­ sien herzustellen, zurücklegen müssen, wenn sich Hersteller in China namhaft machen ließen, deren Erzeugnisse im 15.Jahrhundert in Europa, in den Ländern Frankreich, Flan­ dern, Deutschland, England, Italien und Österreich von Künstlern aufgenommen und zu einer Kunst eigener Schönheit und Anmut entwickelt wurden. Weit davon ent­ fernt, nur als Tiernahrung, Dünger, Streu, Strohlager, Fiecht-, Dachdeck-und Isolier­ material gebraucht zu werden, fand es wegen seiner Elastizität und der Dauerhaftigkeit seines Glanzes für Einlegearbeiten von un­ widerstehlichem Zauber vielfältige Verwen­ dung. Was dem Gedächtnis längst ent­ schwunden ist: die Herstellungstechnik wur­ de in der Barockzeit gleichzeitig mit der für Holz-, Metall-und Elfenbein, Schildpatt, Die Marketerie Ansprechen von Form und Konstruktion zum letzten Zweck der Uhr, dem Erkennen unserer menschlichen Position im Kosmos. Höchster Stand klassischer Uhrmacherei und neuester Stand der Zeitmeßtechnik sind hier vereint. Analog zum Mittelalter, als die Darstellungen des Weltgerichts die Endlich­ keit des Menschen zeigten, rückt diese Uhr die Winzigkeit des Menschen angesichts scheinbar grenzenloser Zeiten ins Bewußt­ sein. Bei den mittelalterlichen Kunstuhren spiegeln bildhafte Darstellungen der religiö­ sen Welt die damals bestimmenden schola­ stischen Vorstellungen wider. Den heutigen Wissenschaftsstand der Astronomie dage­ gen demonstriert uns die Hans-Lang-Uhr in zeitgemäßer Art und Weise. Prof. Dr. Richard Mühe Glas und Gold, Schuppen und Messing ent­ wickelt. -Und wofür? Stroh eignete sich als Dekor für die Ober­ fläche ungezählter Gegenstände wie Schmuck­ kästchen, Schachteln, Schatullen, Brillen­ etuis, Teedosen, Büchsen, Schnupftabak­ dosen, Vitrinen, Bilderrahmen, Buchdeckel, Spiele, Schubladen, Blasebälge, Schreib­ pulte, Bonbonieren, Möbel aller Art, im letz­ ten Jahrhundert in Paris sogar Wandverklei­ dungen und Zimmerdecken. Und wie wäre es in Zeiten lebendiger Volkfrömmigkeit denkbar, daß Strohmarketerien nicht auch für Devotionalien verwendet worden wären, sog. ,,Berchtesgadener Waren“! An Motiven herrschte nie Mangel. Be­ wegte menschliche Szenen, Landschaften, Ornamente in Schachbrett-, in Zickzack-, in Rautenform, in Bändern, in Dreiecken, Ster­ nen, Landschaften, Architekturen, rokoko­ hafte Filigrangebilde … 221

Die Herstellungsweise ist die der Intarsien überhaupt: geplättete, gefärbte Strohhalme wurden auf Holz, Metall oder Pappmache aufgeklebt. Diese diffizile und zeitraubende Arbeit wurde mit viel Kunstsinn, mit hinge­ bender Liebe und Geduld von Nonnen, von Sträflingen, von Kriegsgefangenen, jedoch auch im Hausgewerbe von Handwerkern, Designern, Meistern ihres Fachs, angefer­ tigt, die ihre Werke selbstbewußt signierten. (Prachtvolle Stücke wurden in den Hafen­ zuchthäusern in Toulon, Brest und Roche­ fort angefertigt). Der Merkantilismus Jean­ Baptiste Colberts (FAZ 18. 2.1995) zog auch hier die Künstler nach Paris. Niederländi­ sche und französische Kriegsgefangene fer­ tigten in England Marketerien, französische Soldaten, die 1870 von deutschen Truppen in die Schweiz abgedrängt wurden, taten in ihrer Internierungszeit dasselbe. Bilder des flämischen Malers David Teniers und des französischen Rokokomalers Jean Antoine 222 Watteau erscheinen als Imitationen in Stroh -gewiß ein aufwendiges und anspruchsvol­ les Bemühen! In der Mitte des letzten Jahr­ hunderts verschwand die Technik der Stroh­ Marketerien zum großen Teil, erlebte jedoch in den 20er Jahren dieses Jahrhunderts in Paris mit der Dekoration ganzer Zimmer­ wände mit Stroh eine Renaissance, wurde vorübergehend noch einmal stilbildend. In den Schulen Österreichs wurden bis vor kur­ zem noch Handarbeiten dieser Art angefer­ tigt, Strafgefangene stellen dort bis heute Strohintarsien her. Die zeitliche Parallele des Barock mit sei­ ner Freude an Bildern, seiner Freude an Far­ ben blieb nicht ohne Einfluß auf die Klein­ kunst aus Stroh. Seine Liebe zu allem Pflan­ zenhaften, zum Exotischen, zum Bewegten, zum Ornamentalen ist unverkennbar. Mu­ scheln, Blattwerke, Schnecken, Ovale und Kreise schlingen sich um das Horizontale und Vertikale, das durch die Gestalt des Hai-

mes vorgegeben ist. Blumen, vor allem Ro­ sen und Lilien, waren häufige Motive, dem (oder der) mit einer solchen Marketerie Be­ schenkten das Eingeständnis der Liebe, lei­ denschaftliche Liebe zeigte sich in karmesin­ roter, unerwiderte Liebe in weißer Farbe. Wasserlilien signalisierten Gleichgültigkeit, überhaupt hatten Farben ihre eigene Spra­ che. Blau bedeutete reine Zärtlichkeit, Gelb reines Glück. Mitteilungen in Worten konn­ ten lauten: ,,Befreit diesen Gefangenen!“ – „In Freundschaft überreicht.“ – .,Mein Herz ist winzig.“ (Es hat nur für einen Platz, es ist treu). Volkskundler vieler europäischer Länder bemühen sich, diese Kleinodien zu retten, zu sammeln und sie in Ausstellungen der Nachwelt vorzustellen. Unsere Marketerie in Triberg mit der Be­ zeichnung „Lisabon“ auf der Schauseite ist das einzige Juwel dieser Art im Schwarzwald­ museum in Triberg. Eine Tradition für Mar- keterien hat es im Schwarzwald offenbar nicht gegeben. Erstaunlich ist der gute Erhal­ tungszustand und der unverblaßte Glanz des Strohs. Die Bilder im Innern strahlen die Fri­ sche des ersten Tages aus. Auf seiner Unter­ seite trägt das Kästchen eine Aufschrift, die zum größten Teil nicht mehr lesbar ist. Ein­ deutig erkennbar ist aber die Ortsangabe ,,Annweiler“ und die Jahreszahl „1818″. Da es eine teure Anschaffung oder ein graziles, wertvolles Geschenk darstellte, eher zum Repräsentieren als zum täglichen Gebrauch geeignet war, muß es im Besitz einer begüter­ ten Familie gewesen sein. Und es diente buchstäblich als Schatzkästlein, denn darin waren im allgemeinen goldene und silberne Ketten, Perlen und Schmuck aller Art auf­ bewahrt. Die Außenseiten sind mit Darstel­ lungen von Straßenzügen dekoriert, hier überwiegen die Horizontale und die Verti­ kale, die einzelnen Flächen im Innern zeigen (wohl) allegorische Häusergruppen mit spit- 223

zen Kirchtürmen, ein moscheeähnliches Ge­ bäude mit einer Kuppel, eine Burg mit einer überdimensional großen Fahne. Wo nicht in Frontalansicht „gemalt“ ist, versuchte der Künstler sich auch in der Perspektive. Im Ganzen ist dem Schwarzwälder eine fremde, wenn auch nicht typisch exotische Welt vor Karl Volk Augen geführt. [ßtellen: Osterreichisches Museum für Volkskunde Sonderausstellung – STROH-INTARSIA Kunsthandwerk, Hausgewerbe und Volks­ kunde in Europa vom 17. bis 20.jahrhundert Sonderausstellungvom 23. September 1993 bis 9.Januar 1994. Michael Peppiat: ANTJQUES: FRENCH STRAW WORK, SUPERPRISING DE- CORAT!VE EFFECTS FROM THE HUMBLEST OF MAMTAERIALS in Architectural Digest 1994 VOLKSKUNDE IN ÖSTERREICH – NACHRICHTEN DES VEREINS FÜR VOLKSKUNDE Jahrgang 28 Wien 1993: Strohintarsia – La Marqueterie de Paille DIE FURCHE, 23. SEPTEMBER 1993: Möbel mit Stroh-Intarsien RAIFFEISEN-ZE!TUNG (Wochenzeitung des österreichischen Raijfeisenverbandes Nr. 39, 30. September 1993: Meisterwerke aus Stroh KUNST UND ANTIQUITATEN HEFT 11. MÜNCHEN 1993: Stroh-Intarsia Chronik der Volkskunde Heft 3, 1993: ,,Stroh­ lntarsia“ – Kunsthandwerk, Hausgewerbe und Volkskunst in Europa vom 17. bis 20. Jahrhundert. Fürstlich-Fürstenbergische Gemäldesammlung in Donaueschingen ,,Versuchung des Heiligen Antonius“ Meister mit dem Veilchen 1510, Züricher Meister Ob ein Besuch in der fürstlich-fürstenber­ gischen Gemäldesammlung dem Besucher auch einen Schrecken einjagen könnte? Wer nach dem großen Saal der Meister von Sigmaringen in das 4. Kabinett einbiegt, der steht ihm persönlich gegenüber: dem ,,schönsten“ Teufel von der Baar. Nachdem wir viele harmonische Bilder gesehen haben, springt uns hier etwas Dämo­ nisches ohne Vorwarnung an. Bevor wir auch nur im geringsten die Schönheit dieses Altarbildes des Veilchenmeisters wahrneh­ men können, greift uns das Groteske einer scheußlichen Dämonengestalt an. Ein Rot, wie von glühendem Eisen, leuchtet aus dem Bild heraus. Ein Rot, wie es in der ganzen Gemäldesammlung nicht mehr vorkommt. Eine Mischung aus Menschengestalt, Schna­ beltier und Bocksgestalt tritt uns gegenüber. Bewohnt ist diese Gestalt von wurmartigen Schlangen mit ekelerregender Wirkung. Nicht im wilden Angriff wird dieser Teufel gezeigt, sondern im eindringlichen Einspre- chen auf eine andere Person. Erst jetzt kann sich das Auge der Hauptperson des Bildes zuwenden. Im Zentrum des Bildes sitzt auf einer Art Grasbank ein Mann mit wallen­ dem, feingekämmtem Bart, der mit gelasse­ ner Handbewegung den aufihn einredenden Teufel zurückweist. Er ist ein Mann im reifen Alter. Er steht offenbar im Dialog mit dem Teufel. Um wen handelt es sich? Wie viele Heiligenfiguren hat er sein per­ sönliches Kennzeichen. Links unten im Bild sehen wir ein Schweinchen mit einem Glöck­ chen im Ohr. Der Kenner des Isenheimer Altars kennt dieses Heiligenattribut genau und weiß damit, daß es sich nur um den Hei­ ligen Antonius von Ägypten handeln kann, der im Jahr 356 im Alter von 105 Jahren gestorben ist. Er lebte als Einsiedler und gilt als der „ Vater der Mönche“. Deshalb hält er das zweistufige Patriarchenkreuz in seiner Hand. Seine Bildwirkung geht von seinem geradezu eleganten Gewand aus, das in einer 225

ungewöhnlich schönen Auberginefarbe ge­ malt ist. Auch sie kommt in den ganzen Sammlungen nicht wieder vor. Das Ungewöhnliche an unserer Szene liegt darin, daß kein Dämonenkampf zwi­ schen Antonius und dem Teufel stattfindet, sondern daß die zwei Bildfiguren miteinan­ der diskutieren. Um zu überzeugen, zählt der Teufel seine Argumente an den Fingern auf Nach alter theologischer Diskussions­ methode benötigt er dazu die 10 Kategorien von Aristoteles. Antonius kann bei diesem Geisteskampf in guter Ruhe bleiben. Der Teufel bekommt die nötigen 10 Kategorien nicht zusammen, denn er hat an jeder Hand nur 4 Finger. Eine dritte Person fällt im Bild noch auf Rechts unten kniet ein elegant gekleideter Mann. Er blickt zu Antonius auf und hält ihm seine brennende rechte Hand entgegen. Hiermit wird eine schlimme Krankheit der damaligen Zeit symbolisiert: das „Antonius­ feuer“. Die späteren Antonitermönche ver­ suchten in ihren Hospitälern, zum Beispiel auch die von Isenheim im Elsaß, den von dieser Krankheit befallenen Menschen zu helfen. Wurde vom Mutterkorn befallenes Getreide nicht sorgfältig gereinigt, so wurde es mitgemahlen und geriet so ins Brot. Mut­ terkorn wirkt gefäßverengend und kann bei Dauerzufuhr alle Gliedmaßen brandig ma­ chen und „brennende“ Schmerzen hervorru­ fen. Dagegen sollte Antonius und seine Mönche helfen in dieser vorwissenschaft­ lichen Zeit. Ein Blick auf den Hintergrund unserer Szene läßt uns ein wunderbares Kunstwerk der Landschaftsmalerei erleben. Der Fluß rechts soll den Nil darstellen. Die Landschaft könnte aber an das Rheintal erinnern. Die Landschaft links im Bild ist so idyllisch, daß sie mit der ägyptischen Wüste auch gar nichts mehr zu tun hat. Sie könnte ein Stück­ chen Schweizer Mittelland darstellen. Was tut unser Maler? Er aktualisiert. Er versetzt die Szene in seine eigene Zeit, um sie dem damaligen Betrachter noch näher zu bringen. Die Qialität der Landschafts­ malerei ist von so hohem Rang, daß sie leicht mit Landschaften von Albrecht Dürer ver­ glichen werden kann. Daran läßt sich ablesen, was für ein hoch­ rangiger Meister der anonyme Maler unse­ rers Bildes gewesen sein muß. Unter dem rechten Schweinchen entdecken wir sein Werkstattzeichen, ein Ackerstiefinütterchen, das die Kunsthistoriker als Veilchen bezeich­ nen. Daher heißt er der „Meister mit dem Veilchen“. Martin Hermanns Das Gütenbacher Dorfmuseum Bei vielen Besuchern des Oberen Bregtals ruft die Wirtschaftsstruktur Verwunderung im positiven Sinn hervor. Trotz relativ gro­ ßer Distanz zu industriellen Ballungsräu­ men, schwieriger topographischer Bedin­ gungen und ländlicher Prägung konnte sich in Furtwangen, Vöhrenbach und Gütenbach eine relativ große Anzahl mittelständischer Unternehmen etablieren, die bislang geringe Arbeitslosenraten und materiellen Wohl­ stand garantierten. Diese Situation kommt nicht von ungefähr. Sie ist das Ergebnis eines langwierigen Prozesses, der im 1988 eröffne- ten Gütenbacher Dorfinuseum auf ein­ drucksvolle Weise nachvollzogen werden kann. Die vom Gütenbacher Geschichts­ und Heimatverein getragene Einrichtung re­ flektiert die Wirtschafts- und Sozialgeschich­ te des Ortes zwischen Mitte des 18.Jahrhun­ derts und der Nachkriegszeit. Sie widmet sich dabei vor allem der Entwicklung der Uhrenproduktion und den Lebensverhält­ nissen der mit ihr beschäftigten Menschen. Mit der Uhrenherstellung nahm die Indu­ strialisierung im Oberen Bregtal bekanntlich ihren Anfang und sie prägte über lange Zeit 227

hinweg das Bild der heimischen Wirtschaft. Das Original einer alten Uhrmacherwerk­ statt bildet das Zentrum des im ehemaligen Gütenbacher Schulhaus untergebrachten Museums. In ihr können Besucher die Werk­ zeuge betrachten, mit denen die einheimi­ schen Uhrmacher vor 100 Jahren ihrer Arbeit nachgingen. Für die unverzichtbare Q!ialität der Endprodukte sorgten unter anderem Prä­ zisionsinstrumente wie der hölzerne Zahn­ stuhl, mit dem die Tüftler aus dem hohen Schwarzwald einst millimetergenau die Uhrenräder zahnten. Auch ein Spindelboh­ rer und zahlreiche Handwerkzeuge vermit­ teln einen Eindruck von der damaligen Pro­ duktionstechnik. Zudem wird dem Interessierten anschau­ lich vor Augen geführt, daß die heutige Tren­ nung zwischen Arbeitsplatz und Wohnung noch vor nicht allzu langer Zeit kaum ver­ breitet war. Die Werkstatt befindet sich in­ mitten einer Wohnstube, Essenstisch und Werkbank stehen dicht beieinander. Ein Zustand, der erst im Zuge der industriellen Revolution verschwand. Damals wurde die Herstellung von Gütern vom Haus in die gerade entstehenden Fabrikhallen verlegt, wo mittels maschineller Fertigung eine grö­ ßere Produktivität erzielt werden konnte. Die ersten Schritte in Richtung Industria­ lisierung sind in den Räumen des Museums ausführlich dokumentiert. An den Wänden hängen Abbildungen der ersten Uhrenfabrik in Gütenbach, die von dem 1832 geborenen Uhrmacher Leo Faller gegründet wurde. Er hatte frühzeitig die Kostenvorteile einer fabrikmäßigen Herstellung erkannt und da­ mit einen wichtigen Beitrag zur Sicherung der Uhrenproduktion in Gütenbach gelei­ stet. Dies war für die Entwicklung des Ortes von entscheidender Bedeutung, da in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts mehr als 200 der insgesamt 800 Einwohner direkt oder indirekt mit der Uhrenfertigung ver­ bunden waren. Daß die heimische Wirtschaft schon da­ mals stark exportorientiert war, zeigt das Geschäftsjournal des Uhrenhändlers Adolf 229

Adrian Furtwängler, das ebenfalls im Dorf­ museum in Augenschein genommen wer­ den kann. Die Aufzeichnungen zeugen von den vielfältigen und weitreichenden Han­ delsbeziehungen der damaligen Zeit. Die Kontakte des Händlers reichten unter ande­ rem bis in das zaristische Rußland. Der Ein­ blick in Schwarzwälder Erfindungsreichtum wird abgerundet durch eine Kuckucksuhren­ sammlung. Die Markenzeichen heimischer Schaffenskraft stammen aus der Zeit zwi­ schen 1760 und dem Ende des Ersten Welt­ kriegs. Als Prunkstück gilt eine Holzräder­ Kuckucksuhr, auf die man in den Reihen des Vereins besonders stolz ist. Die Mitglieder des Geschichts-und Hei­ matvereins verstehen ihr Dorfmuseum aller­ dings keinesfalls als „kleinen Bruder“ der gro­ ßen Uhrensammlung im Nachbarort Furt­ wangen. Vielmehr wollen sie in ihrem Mu­ seum auch andere Aspekte dörflichen Le­ bens beleuchten. Und so befinden sich ne­ ben der Uhrmacherwerkstatt eine alte Küche und ein Schlafzimmer aus der vorindustriel- 230 Jen Zeit. Die beiden mit viel Liebe zum Detail eingerichteten Räume zeigen, unter welchen häuslichen Bedingungen die Vor­ fahren der Gütenbacher einst gelebt hatten. Von Töpfen, altem Geschirr bis hin zu einem gemauerten Herd und einem 300 Jahre alten Schrank reicht die Spannbreite der Ausstel­ lungsstücke. Das Bild wird vervollständigt durch eine Schuhmacher-und eine Schreinerwerkstatt. Sie sind zusammen mit der Kuckucksuhren­ sammlung im Dachgeschoß des alten Schul­ hauses untergebracht, das dem Verein seit Sommer 1994 als zusätzliche Ausstellungs­ fläche dient. Hier werden die Blicke des Betrachters vor allem von den unterschiedli­ chen Werkzeugen angezogen, die im Zeital­ ter industrieller Massenproduktion nur noch den wenigsten vertraut sind. Dazu gehört zum Beispiel ein Leistensortiment, mit des­ sen Hilfe die Schuhmacher einst clie Schuhe der Fußform und den individuellen Ge­ schmacksvorlieben ihrer Träger anpaßten. Einen eigenwilligen Charme versprühen

die übrigen Räume des Dachgeschosses. Beim Anblick der Phonoschränke aus den fünfziger Jahren fühlt man sich in die Nie­ rentischatmosphäre von Ludwig Erhards Wirtschaftswunder zurückversetzt, das auch die Gütenbacher Industrie rasch expandie­ ren ließ. Allen voran die Firma Faller, die mit ihren Modellhäusern für Spielzeugeisenbah­ nen ungeahnten materiellen Wohlstand nach Gütenbach brachte und die Schwarz­ waldgemeinde weit über die Kreisgrenzen hinaus bekannt machte. Die Entwicklung des Unternehmens ist im Dorfmuseum an­ schaulich nachgezeichnet. Auf die anfängli­ chen Produkte -es waren Holzkämme – folgten bald die ersten Modellhäuschen, de­ ren Pappkartonwände die Heimarbeiterin­ nen noch mit eßbarem Gries bewarfen, um für die richtige Fassade zu sorgen. Doch damit nicht genug: Wer will, kann in den Räumen des alten Schulhauses auch alte Geldscheine bestaunen, die in der Infla­ tionszeit von der Furtwanger Stadtverwal­ tung gedruckt worden sind. Oder der Muse- umsbesucher kann sich mit den Bildern der ehemaligen Gütenbacher Bürgermeister ver­ traut machen, die ebenfalls im Dorfmuseum zu finden sind. Dafür haben Interessenten an zwei Tagen in der Woche Gelegenheit: Am Sonntag zwi­ schen 10 und 12 Uhr steht die Tür des Muse­ ums ebenso offen wie am Mittwoch zwi­ schen 14 und 17 Uhr (Gruppen finden nach Voranmeldung auch außerhalb der norma­ len Öffnungszeiten Einlaß). Immer sind es Mitglieder des Geschichts-und Heimatver­ eins, die die Besucher mit dem „Leben, Woh­ nen und Arbeiten auf dem hohen Schwarz­ wald“, so das Motto des Museums, vertraut machen. Überhaupt ist das Dorfmuseum ein Mu­ sterbeispiel einer gelungenen Privatinitia­ tive, bei der die öffentliche Hand nur für die nötigen Rahmenbedingungen sorgte. Sie stellt dem Verein die Räumlichkeiten kosten­ los zur Verfügung und half bei der Realisie­ rung der Museumserweiterung 1994. Ein Umstand, der den ersten Vorsitzenden des 231

Als wichtiger Garant für den Erfolg des Museumsprojektes erwies sich die Güten­ bacher Bevölkerung. Sie stellte nicht nur 80 Prozent der Ausstellungsstücke zur Verfü­ gung, sondern ließ auch reichlich Spenden in die Kassen des Vereins fließen, der 1994 mit der gelungenen Museumserweiterung seinen zehnten Geburtstag feiern konnte. Bernd Kramer gen. Dank gebührt in diesem Zusammen­ hang der Einwohnerschaft von Buchenberg und Umgebung, die viele der Gegenstände zur Verfügung stellten, der Gemeinde, wie Alte Taufbriefe im Doifmuseum Geschichts- und Heimatvereins und Muse­ umsinitiator, Oswald Scherzinger, keines­ wegs verbittert. Schon zur Eröffnung des Museums sei klar gewesen, daß die Gemein­ de angesichts der angespannten Haushalts­ lage dem Verein finanziell nicht unter die Arme greifen könne. Allerdings half die Ver­ waltung unter den Bürgermeistern Richard Krieg und Thomas Klüdtke den Mitgliedern in jeder anderen Hinsicht bei der Gründung und dem Betrieb ihres Museums. Dorfmuseum Buchenberg Ausdruck kulturellen Eigenlebens Der Geschichtsverein Buchenberg hat sich bei seiner Gründung im Oktober 1987 die Aufgabe gestellt, die Geschichte von Buchenberg und ihre Zeugen zu erfassen, zu pflegen und zu bewahren sowie im Rahmen eines Dorfmuseums der Öffentlichkeit dar­ zustellen. Mit der Eröffnung des Dorfmuse­ ums im August 1989 wurde ein vorläufiges Ziel erreicht. Mit der Sanierung des Rathau­ ses und der Bereitstellung der Räume hat die Gemeinde mit einigem finanziellen Auf­ wand die erforderlichen Voraussetzungen dazu geschaffen. Auch die örtlichen Vereine haben bei den Renovierungsarbeiten in frei­ willigem Einsatz mitgeholfen. Zu erwähnen sind dabei auch die Arbeiter des Bauhofes der Gemeinde wie auch die Handwerker. In vielen Sitzungen und Zusammenkünf­ ten haben die Mitglieder der Vorstandschaft und des Beirates des Geschichtsvereins in den vorangegangenen Monaten und Jahren in intensiver Arbeit ein Konzept für die Gestaltung des Dorfmuseums erarbeitet. „Heimatbewußtsein braucht in Buchenberg nicht erst geweckt werden; es ist in reichem Maße vorhanden“ betonte Bürgermeister Horst Ziegler in seinem Grußwort zur Eröff­ nung. Eine weitere bedeutende Arbeit bestand darin, die für die Ausstellung not­ wendigen Exponate aufzuspüren, zusam­ menzutragen und in einen Rahmen einzufü- 232

Motiv aus dem Musterbuch des Buchenberger Uhrenschildmalers und Heiligenpjlegers Jakob Maier (1822-1899) auf der Halde auch dem Land Baden-Württemberg für die finanzielle Unterstützung. Fachmännische Hilfe kam sowohl von der Landesstelle für Museumsberatung in Tübingen wie auch von dem Graphiker und Designer Erich Villa, der mit seiner Arbeit viel zur anspre­ chenden Gestaltung beitrug. Noch gibt es einiges zu tun, um die geplanten endgültigen Vorstellungen zu verwirklichen und dazu bedarf es weiter der Unterstützung der Ein­ wohnerschaft, um das örtliche Brauchtum und das kulturelle Eigenleben von Buchen­ berg zu erhalten und zu pflegen. Mit großem Interesse haben die vielen Besucher der Gestaltung und Einrichtung des Dorfmuse­ ums volle Anerkennung und ein uneinge­ schränktes Lob gezollt. Die Texttafeln im Eingangsbereich des Dorfinuseums infor­ mieren über die Besiedlung des Raumes, die bäuerliche Wirtschaft, das dörfliche Hand- werk, die Rolle der Bäuerin und des Gesindes wie auch über Daten aus der Geschichte von Buchenberg. Auf dem weiteren Rundgang sind in zwei Räumen die wichtigsten dörf­ lichen Gewerbe vertreten: die Weberei, Ver­ arbeitung der Wolle und des Flachses, Schreiner- und Schuhmacherwerkstatt und die Werkzeuge des Zimmermannes. Der Hauptraum zeigt in lebensgroßen Figuren die Buchenberger Tracht, die Uhrmacherei und an Uhrenschildern, Wandtafeln, Tru­ hen, Schränken und einem Kappentrögle die Arbeiten des Buchenberger Uhrenschild­ malers Jakob Maier. Buchenberger Kultur­ denkmale und Gegenstände werden mit dem St.-Nikolaus-Kirchlein, seinen Wandmale­ reien und der Burgruine Waldau dargestellt. Hinzu kommt das Buchenberger Herrgöttle, ein aus Lindenholz geschnitzter Kruzifixus aus dem 12. Jahrhundert, eine 200 Jahre alte 233

faktur Zell a. H., eine bemalte Rahmenuhr als „Augenwender“ sowie eine Schwarzwäl­ der Figurenuhr, sogenannte Glockenschläger mit drei Figuren aus der Zeit von etwa 1810. Weiter hinzu kam ein restaurierter Schrank, eine Spende von Luise und Erich Fischer, aus dem Jahre 1843. Zahlreiche Besucher haben die Sonderausstellungen „Schwarzwälder Ge­ brauchs- und Zierglas aus zwei Jahrhunder­ ten“ im Jahre 1991 und „Schwarzwälder Kera­ mikgeschirr und Steingut aus Schramberg, Homberg, Zell a. H. sowie Hafnergeschirr aus St. Georgen, Tennenbronn, Buchenberg und Umgebung“ im Jahre 1992 besucht. Dokumente der Vergangenheit in Form von rund 150 Bildern des Malers Otto Leiber mit Motiven von vielen alten Höfen und Landschaften wurden im Jahre 1993 in einer weiteren Sonderausstellung gezeigt. Johann Haller Gemälde in der „Otto-Leiber-Ausstellung“ im Doifmuseum in Buchenberg Kappentrögle mit Motiven des Uhrenschild­ malers Jakob Maier (1822-1899) im Dorf museum Buchenberg Bibel, die Abendmahlskelche aus dem Jahr 1615, ein geschmiedeter Truhenschrank der Zollstation auf dem Brogen und die Darstel­ lung von Tauf-, Konfirmations- und Hoch­ zeitsbräuchen sowie Trachtenpuppen als eine besondere Augenweide. In einem fünf­ ten, kleineren Raum wird die Glasherstel­ lung in Buchenberg durch alte Scherben und Werkzeuge aufgezeigt. Ergänzt wird das Kunsthandwerk durch altes wertvolles Kera­ mikgeschirr. Die Frühzeit wird mit dem alten Steinbeil und den Gefäßscherben aus der Horgener Kultur verdeutlicht. Der Rundgang führt sodann zu den bei­ den bedeutenden Buchenberger Künstlern Otto Leiber und Mechthild Weitbrecht. Gezeigt werden Ausschnitte des künstleri­ schen Schaffens mit Gemälden, Plastiken und auch Puppen. Besonders geweckt wurde das Interesse zur Eröffnung der „Deutschen Uhrenstraße“ durch eine spezielle Sonder-Taschenuhraus­ stellung mit einer Auswahl von rund 30 selte­ ner Taschenuhren, einer Sammlung aus Eng­ land, Frankreich, Amerika und Deutschland aus der Zeit des 18. und 19. Jahrhunderts. Erweitert wurde die Ausstellung von alten Schwarzwalduhren um ein Dutzend wert­ voller Kleinlackschilder-Wanduhren. Dar­ unter auch eine Sorguhr,Jockele-Uhren mit gemalten Porzellanschilder aus der Manu- 234

Der Narrenschopf in Bad Dürrheim Baudenkmäler Ein Haus voller Narren und noch mehr Der Narrenschopf in Bad Dürrheim wurde be­ reits in der 1. Ausgabe des Almanachs in Form eines Rundgangs vorgestellt (siehe Almanach 77, Seiten 8-11). Der Autor des 1. Beitrags, der langjährige Mitar­ beiter im Almanach, Dr. Lorenz Honold, hat auch den 2. Beitrag im Almanach 85 (Seiten 165-170) verfaßt. Der Narrenschopf in Bad Dürrheim ist nach sei­ ner nochmaligen Erweiterung nicht nur eine wür­ dige Stätte, um die schwäbisch-alemannischen Fasnachtsbräuche lebendig zu erhalten, auch als Bauwerk verdient er festgehalten zu werden. Die Redaktion des Almanach hat den Vorsitzenden des Vereins Narrenschopf Bad Dürrheim e. V, Martin Blümcke, um eine Gesamtschau des Ge­ schaffenen gebeten. Im Süden des Bad Dürrheimer Kurparks lenkt ein eigenartiger Gebäudekomplex die Aufmerksamkeit auf sich: drei riesige, dun­ kelrote Runddächer. Sie sind durch einen lichten Zwischenbau verbunden, aus dem ein hölzernes Türmchen emporragt, in dem ein Hofnarr lässig Platz genommen hat. ,,Narrenschopf, größtes deutsches Masken­ museum“ kann man auf Schildern lesen, und in der Tat umschließen zwei der Kuppelbau­ ten 400 lebensgroße Narrenfiguren aus dem Einzugsbereich der Vereinigung schwäbisch­ alemannischer Narrenzünfte, das sich vom Allgäu bis zum Kaiserstuhl und von der Landschaft Neckar-Alb bis in die alemanni­ sche Schweiz ausdehnt. Der dritte überdi­ mensionierte Iglu wird für Feste und Tagun­ gen, vor allem aber für Ausstellungen mit wechselnden Themen genutzt. Oft werden diese Kuppeln als Solebehäl­ ter bezeichnet, und viele meinen, sie seien Überreste der Bad Dürrheimer Saline. Um es gleich zu sagen: Beides ist falsch! Zwar wur- den in dem neubadischen Dorf Dürrheim, das zuvor dem Johanniterorden gehört hatte, 1822 Salzlager erbohrt und das in Was­ ser gelöste „Weiße Gold“ als Sole heraufge­ pumpt. Doch die Württemberger folgten diesem Beispiel und wurden im benachbar­ ten Schwenningen und bei Rottweil gleich­ falls fündig. Von 1825 bis 1827 legte hier Sali­ neninspektor Friedrich von Alberti die Sa­ line Wilhelmshall an; für sie mußte die Sole aus dem Primtal nach Rottweil hinaufge­ pumpt und in ausgemauerten Erdgruben ge­ lagert werden, bis das Sieden, bis die Salzge­ winnung beginnen konnte. Um eine Ver­ dünnung der Sole durch Regen und Schnee 235

Im Jahre 1969 wurde die Saline Rottweil vom Eigentümer, vom Land Baden-Würt­ temberg, stillgelegt. Bald danach las man in der Presse, die Überdachungen der Solebe­ hälter sollten abgebrochen werden. Otto Weissenberger, damals Bürgermeister und Kurdirektor in Bad Dürrheim, erkannte die Chance, verhandelte mit den zuständigen Behörden wegen einer Überlassung der Bau­ ten und ließ, bevor sie abgeschlagen und auf die Baar transportiert wurden, von Stuttgar­ ter Architekturstudenten genaue Bauaufnah­ men anfertigen. Die achteckige Kuppel wurde sogleich am Rand des Bad Dürrheimer Kurparkes aufge­ stellt und mit alten handgestrichenen Zie­ geln gedeckt; Architekt Guido Rebholz war beauftragt worden, das Baugesuch zu erstel­ len. Dabei wußte damals noch niemand so recht, wie das Gebäude zu nutzen wäre. Als Jugendhaus? Dieser sympathische Plan schied wegen der Feuergefährlichkeit aus. Wäre es nicht der geeignete Platz für ein Heimatmu­ seum? Wie wäre es mit einem Fasnachtsmu­ seum, fragten hingegen Walter Sieger und seine Dürrheimer Zunftmitglieder. Hans Strähle, seinerzeit Präsident der Vereini­ gung, wurde ins Vertrauen gezogen und ver­ handelte mit Bürgermeister Weissenberger, der am 10. Januar 1970 bei der Hauptver­ sammlung der Vereinigung in Bräunlingen vorschlug, das „Narren-und Brauchtums­ museum schwäbisch-alemannischer Narren­ zünfte“ in einem ehemaligen Solebehälter in Bad Dürrheim einzurichten. Alle Anwesen­ den stimmten dem Angebot zu. Bürgermei­ ster Weissenberger hatte nur eine Bedin­ gung, die gerne akzeptiert wurde: Wilhelm Kutter müsse die Aufstellung übernehmen, seines Zeichens Kulturreferent der Vereini­ gung und Volks-und Landeskunderedakteur beim Süddeutschen Rundfunk. Nachdem der Dürrheimer Gemeinderat zugestimmt und den Einbau einer eisernen Plattform gebilligt hatte, konnte am 24. No­ vember 1971 Richtfest gefeiert werden. Ne­ ben Bürgermeister Otto Weissenberger und Präsident Hans Ströhle hatte auch der örtli- zu verhindern, ließ man innerhalb weniger Jahre über den Behältern zwei riesige Kup­ peldächer mit mehr als 20 Meter Durchmes­ ser in Holzkonstruktion und Schindelabdek­ kung errichten. Ein oder mehrere unbekannte Zimmermänner, wahre Meister ihres Fachs, haben das Holzgerippe entworfen und aus­ geführt. Im älteren Typ laufen von einem Achteck aus die Holzbinder im gleichen Ab­ stand nach oben und vereinigen sich dort, wo sie aufeinander stoßen; ihre Zahl nimmt also zum höchsten Punkt der Kuppel hin ab. Ganz oben im Scheitelpunkt treffen nur noch wenige Rippen zusammen und sind miteinander verzahnt. Im anderen Typ lau­ fen von einem Kreis aus 32 viertelsrunde Trä­ ger in 7,5 Meter Höhe in einer Laterne zu­ sammen, in einem gewaltigen runden Leim­ binder mit ca. 4 Meter Durchmesser. Oben­ drauf sitzt eine Glas-Aluminium-Konstruk­ tion, nach der dieser Bau von den Dürrheimern den Namen „Pickelhaube“ bekommen hat. 238

ehe Zunftmeister Walter Sieger in den „Nar­ renschopP‘ eingeladen. Ein Schopf, das ist im Dialekt ein Gebilde aus Holz, oft ein Anbau, in dem man das abstellt, was man nicht jeden Tag braucht. Das war das Zauber­ wort für dieses Vorhaben: Mit der Verbin­ dung von Narr und Schopf war die Schwie­ rigkeit der Namensgebung behoben, denn gegen die Etikettierung als Museum hatte es von Anfang an Widerstände gegeben, da die Fasnacht und ihre traditionellen Gestalten nichts Museales sind. Zumindest nicht im deutschen Südwesten. Danach wurde im winterlich kühlen und im sommerlich warmen Narrenschopf ge­ hämmert, gesägt, geschraubt und aufgestellt, um auf den 550 Quadratmetern Grundflä­ che rund 300 Narrenfiguren, deren Larven und Gewänder von den Zünften samt den Schaufensterpuppen zur Verfügung gestellt worden waren, in Gruppen zu präsentieren. Zu den Zünften der Vereinigung schwä­ bisch-alemannischer Narrenzünfte gesellten sich auch solche, die mittlerweile ausgetre- ten waren: Villingen, Überlingen und Oberndorf am Neckar, später noch Elzach, nicht jedoch Rottweil, dessen Zunft das An­ gebot einer Ausstellung entschieden ablehn­ te. Am 5. Mai 1973, an einem frühlingsfri­ schen Maientag auf der Baar, wurde dieses Museum mit einem Festakt im Bad Dürrhei­ mer Kursaal eröffnet. Beim anschließenden Rundgang war die politische Prominenz be­ eindruckt von der Reichhaltigkeit der über­ lieferten Gestalten, aber auch vom Alter ein­ zelner Ausstellungsstücke: so werden eine Laufenburger Holzmaske mehr als 300 Jahre und Narrenkleider aus Kiebingen und Möh­ ringen gut 150 Jahre „auf dem Buckel“ haben. Weiterhin erregten Dokumente wie Fahnen und vergilbte Narrenblätter die Aufmerk­ samkeit. Unübersehbar war aber die Enge, das Ge­ dränge der Narrenfiguren. Doch dieser erste Narrenschopf war nur als Übergangslösung gedacht, und der zweite Kuppelbau sollte, so Bürgermeister Weissenberger, rasch folgen. Doch trotz des erfreulichen Zuspruchs, den 239

die Ausstellung durch die Besucher erfuhr, geschah nichts, weil im Zuge einer Rezession die finanzielle Decke der Stadt Bad Dürr­ heim immer enger wurde. Im Herbst 1978 lehnte der Gemeinderat die Erweiterung in städtischer Regie ab. Ein Jahr später waren viele Zunftmeister von dem Gedanken über­ rascht, das Schicksal in dieser Sache in die eigenen Hände zu nehmen, und wieder ein Jahr danach stimmten sie bei der Hauptver­ sammlung in Haslach mit überwältigender Mehrheit zu. Am 19. April 1980 wurde dann der Verein Narrenschopf Bad Dürrheim gegründet, der die Trägerschaft für die beste­ hende Ausstellung im ersten Kuppel bau und die Bauherrschaft für die zwei danach errich­ teten Rundlinge übernahm. Zum Vorsitzen­ den wurde der Autor dieses Artikels gewählt, zum Schatzmeister Architekt Guido Rebholz aus Bad Dürrheim; als „geborene“ Mitglie­ der des Vorstandes fungieren der jeweilige Bürgermeister, damals schon Gerhard Hag­ mann, und der jeweilige Präsident der Verei- 240 nigung, seinerzeit Karl Dilger aus Donau­ eschingen, heute Horst Bäckert aus Lindau. Guido Rebholz plante sogleich die zweite Kuppel und einen verbindenden Zwischen­ trakt. Als man dann die Konstruktionsteile im städtischen Bauhof suchte, wurden die Gesichter lang und länger. Unter dem Lager­ dach fand man nur noch einige Reste, darun­ ter die Laterne. Die Erklärung: Eine Familie, die in der Nähe wohnte, hatte im Verlauf von acht Jahren das alte Bauholz nach und nach verheizt. Ein Denkmal war, in ofengerechte Scheiter zersägt, in Flammen aufgegangen. Nach diesem Befund genehmigte das Frei­ burger Denkmalamt eine wortwörtliche Kopie des Ganzen, nur sollten anstelle der Holznägel nun aus Sicherheitsgründen Schraubendübel die Leimbinderrippen zu­ sammenhalten, die in Stahlschuhen auf dem kreisrunden Betonfundament stehen. Kurz vor Pfingsten 1981 war der erste Spa­ tenstich für dieses Bauwerk, im Dezember dann das Richtfest. Zimmermeister Karl

Goetz, der auch schon den ersten Schopf aufgerichtet hatte, trug in seinem Richt­ spruch vor: Sehr heißen Dank für alle Spenden, die wir an diesem Bau verwenden. Ich sag es frei und unbenommen, es werden noch weitere angenommen. Sei’s in natura oder Geld, auch viele Arbeitsleistung zählt. An Spenden und Preisnachlässen fehlte es nicht, auch nicht am Einsatz zahlreicher Helfer aus den Zünften, die jeden Samstag auf der Baustelle arbeiteten, um die Bau­ summe so niedrig wie möglich zu halten. Auch wenn die Baaremer Zünfte wegen des kurzen Anfahrtsweges die meisten Arbeits­ stunden erbrachten, so sei doch dankbar ver­ merkt, daß zwei Drittel aller Mitgliedszünfte mindestens einmal nach Bad Dürrheim gekommen sind. 820 �adratmeter Holz­ schalungen, 700 Quadratmeter Glaswolle und Dachpappe, 7 Kilometer Dachlatten und -nicht zu vergessen -30.000 alte Biber­ schwanzziegel waren in Handarbeit anzu­ bringen. Dank dieses Einsatzes konnte mit einem Kapital von weniger als DM 600.000 ein Werk vollendet werden, das mindestens doppelt so teuer zu veranschlagen ist. Am Samstag, dem 17. September 1983, gab es in Süddeutschland zwei überragende volkstümliche Ereignisse, die Eröffnung des Münchner Oktoberfestes und die Einwei­ hung des erweiterten Narrenschopfes in Bad Dürrheim. Kein Zweifel, das für die Narren wichtigere Ereignis wurde auf der Baar gefei­ ert. Jürgen Hohl, der Leiter des kulturellen Beirats der Vereinigung, hatte die Narrenge­ stalten aus dem alten, dem ersten Narren­ schopf großzügig auf beide Kuppelbauten verteilt und nach Narrenorten gruppiert: insgesamt fast 400! Der Rundgang ist ein optisches Defilee der acht Fasnachtsland­ schaften: Baar, Schwarzwald, Hegau, Do­ nau, Hochrhein, Bodensee-Linzgau-Schweiz, Neckar-Alb und Oberschwaben-Allgäu. Die Figuren stehen in Flächen, die mit Kies beschüttet sind, der Besucher wandelt dazwi­ schen auf Parkettwegen hindurch. Abgese- hen von der großräumigeren Gliederung zie­ hen gelegentliche Brauchdarstellungen – Stockacker Narrenbaumsetzen und Fridin­ ger Pflugumzug -sowie die bemalten und fotografischen Kulissenwände das Augen­ merk auf sich. Es ist für Eingeweihte wie für Neulinge in Sachen Narretei ein Vergnügen, durch die Vielfalt der Gestalten hindurchzu­ gehen, ihre Gewänder zu betrachten, ihre hölzernen Gesichtszüge zu prüfen und die närrischen Attribute und Dokumente zu stu­ dieren. Das tun durchschnittlich 25.000 Be­ sucher im Jahr. Sieht man einmal von den Videofilmen ab, die auf dem stählernen „Kuchenteller“ im ersten Schopflaufen und die örtliche Fas­ netsbräuche zeigen, so ist die Dauerausstel­ lung statisch, unbeweglich. Da lag der Ge­ danke nahe, noch einen Raum für Wechsel­ ausstellungen zu schaffen, für Tagungen und Begegnungen. Zudem war der Eingangsbe­ reich zu klein, wenn ein Bus ankam und 30 oder 40 Personen vor der Kasse standen. Weiterhin war das Archiv der Vereinigung auf sechs Quadratmeter Fläche und mit einer alten Schulbank als Arbeitsplatz im Keller des Zwischentrakts mehr als unzulänglich untergebracht. Nachdem sich 1990 die Stadt Bad Dürr­ heim entschieden hatte, sich für die Landes­ gartenschau 1994 zu bewerben, erfolgreich wie man weiß, da war für Guido Rebholz und bald auch für den Vorstand des Vereins und das Präsidium der Vereinigung klar: Mir münt nomel baue! Ein dritter Kuppelbau, die Kopie des zweiten, sollte entstehen, mit einem Archivraum im Kellergeschoß, mit einem größeren Foyer und mit einem Türm­ chen als Akzent, in dem mittlerweile der Hofnarr mit einer einladenden Pose erstarrt ist. Angesichts der nochmaligen Erweiterung gab es bei der Herbstarbeitstagung 1991 in Lindau und im folgenden Jahr bei der Haupt­ versammlung der Vereinigung in Bonndorf lebhafte Diskussionen, nicht zuletzt wegen einer Bauumlage von DM 4.000 pro Zunft, um die Archivetage zu finanzieren. Das war 241

ein Novum, dem jedoch zuletzt mit klarer Mehrheit zugestimmt wurde. Im Juli 1992 wurde von Präsident Horst Bäckert und dem Vorsitzenden Martin Blümcke mit einem Doppelspaten der erste Spatenstich getan, und am 19. März 1994 konnten Foyer und dritter Kuppelbau, ein weiter, lichter Raum mit mehr als 20 Metern Durchmesser, in Anwesenheit von Ministerpräsident Erwin Teufel sowie weiterer politischer und närrischer Prominenz eingeweiht werden. Danach war diese Ausstellungsmöglichkeit während der Landesgartenschau an das Land vermietet, das sich darin mit seinem „ Treffpunkt Baden-Württemberg“ den rund 750.000 Besuchern präsentierte. Seitdem wird dieser Bau für unterschiedliche Ausstellungen ge­ nutzt; die erste hieß „70 Jahre Vereinigung schwäbisch-alemannischer Narrenzünfte“. Die Linach-Talsperre der Stadt Vöhrenbach Die Redaktion hat den Verfasser des im Alma­ nach 81, Seite 185/186, erschienenen Beitrages über die Linach-Talsperre um eine weitere Doku­ mentation gebeten. Es sind Tausende im Jahr, die im Linachtal das „Billionen-Loch“ bestaunen: Die Lin­ ach-Talsperre der Stadt Vöhrenbach, ein in Europa einzigartiges Technik-Denkmal. Doch was Fremde beeindruckt, reißt unter den Einheimischen selbst 70 Jahre nach der Voll­ endung immer wieder tiefe Gräben auf: „Weg damit“, ,,sprengen“, ,,dem Erdboden gleichmachen“, lautet das Urteil derer, die nicht verstehen können, weshalb sich eine badische Kleinstadt der 1920er Jahre jemals auf ein derart gigantisches Projekt einlassen konnte. Unentschlossen steht die Stadt im Jahr 1995 vor dem Problem, die Zukunft der Linach-Talsperre zu regeln, die ihrem Zerfall entgegensieht: Eine 1990 begonnene Sanie­ rung wurde wegen Finanzmangel eingestellt, nicht einmal dringendste Sanierungsarbei­ ten werden gegenwärtig ausgeführt. Dieser neue stimmungsvolle Rundbau und der großzügig gestaltete Zwischenraum haben – samt der Innenausstattung – rund zwei Millionen gekostet, wobei Zuschüsse von der Stadt Bad Dürrheim und aus dem Landesprogramm Ländlicher Raum geflos­ sen sind. Spenden und Preisnachlässe, für die Guido Rebholz wortreich geworben hat, und erneute Eigenleistungen vieler Zünfte haben zu diesem günstigen Abschluß ge­ führt. Nun steht am Rand des Bad Dürrhei­ mer Kurparks ein einmaliges Ensemble, ein unverwechselbares Bauwerk am Übergang vom Garten zur freien Landschaft. Für die Badestadt und für die Region zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb ein eigenwilliger kultureller Schwerpunkt. Martin Blümcke Längst haben Denkmalschützer und Kom­ munalpolitiker vor dieser Aufgabe kapituliert, das Technik-Wunderwerk anderen überlas­ sen. Ingenieuren, die am Wochenende die Talsperren-Bautechnik studieren und beim anschließenden Hock im nahen Talsperren­ Gasthaus Planspiele zur Reaktivierung der Anlage betreiben. Die darüber sinnieren, wie die 143 Meter breite Mauer und das gleich­ falls unter Denkmalschutz stehende Kraft­ werksgebäude bei der Kohlbrücke erneut zur Stromgewinnung mittels Wasserkraft heran­ gezogen werden könnten. Ist es heute die Finanznot, die den Zerfall der Talsperre endgültig zu besiegeln droht, so ist die Anlage in den 1920er Jahren aus einer ganz anderen Not heraus entstanden, einer frühen Energiekrise: Um 1915 reichte die im Vöhrenbacher E-Werk erzeugte Strom­ menge bei weitem nicht mehr aus, um den Energiebedarf der Industrie zu decken. Der Siegeszug der Elektrizität ging schneller vor sich, als das kleine städtische E-Werk Strom 243

erzeugen konnte. So lieferte in der Folge auch das Kraftwerk Laufenburg Strom nach Vöhrenbach, doch den Bedarf konnte man auch auf diesem Wege nicht decken. Als 1920 sogenannte Stromsperrtage eingeführt wur­ den und somit in den Vöhrenbacher Fabri­ ken die Maschinen an bestimmten Wochen­ tagen stillstehen mußten, hatte diese frühe Energiekrise ihren Höhepunkt erreicht. Das 2058 Einwohner zählende Vöhren­ bach suchte nach einem Ausweg, denn mitt­ lerweile hing das Wohl der meisten der rund 520 Familien vom guten Gang der Industrie ab, denn über 350 männliche Bewohner arbeiteten in der Fabrik. Deshalb sollte ein Speicherkraftwerk und damit eine eigene Stromversorgung den geregelten Gang der Industrie sicherstellen. Vöhrenbach wagte sich an den Bau des zunächst Millionen, dann Milliarden und zuletzt Inflations-Bil­ lionen teuren Staubeckens im Linachtal. Am 6.NovemberdesJahres 1921 beschloß der Bürgerausschuß im Rahmen einer Bür­ gerversammlung in der Festhalle den Bau der Linach-Talsperre. 500 Vöhrenbacher wohn­ ten der Versammlung bei, was das große Interesse der Bevölkerung an diesem Tech­ nik-Wunderwerk dokumentiert. Bei nur ei­ ner Nein-Stimme und drei Enthaltungen stimmten die Vöhrenbacher für das Projekt. Bereits am 1. Januar des Jahres 1922 war im Linachtal die Baustelle eingerichtet, die Bau­ leitung hatten die Vöhrenbacher dem Karls­ ruher Diplomingenieur Fritz Maier übertra­ gen. In den Jahren 1922 bis 1925 entstand eine 143 Meter breite Staumauer, die etwa drei Meter stark und 25 Meter hoch ist. Diese Eisenbetonmauer in aufgelöster Bauweise ist heute einzigartig in Europa; zu ihrem Bau wurden 11000 Kubikmeter Beton benötigt. Das besondere an der Gewölbemauer sind ihre Pfeiler, die den Wasserdruck auf den Felsuntergrund übertragen. Die Gewölbe, es gibt davon dreizehn, sind 10,80 Meter weit gespannt und geben der Talsperre ihr Gepräge. Die Baugeschichte der Linach-Talsperre bietet Stoff für einen Abenteuerroman: 244 Immer wieder neue Schwierigkeiten bei der Ausführung, dazu Menschen, die von über­ all her nach Vöhrenbach zur Arbeit kamen und die ständige Finanznot der Stadt sind das Gerüst der Handlung. Im Mai 1922 lief der Baubetrieb an, ein größerer Trupp Öster­ reicher, Durchwandernde, Arbeitslose, ent­ lassene Strafgefangene und Einheimische Kräfte wurden beschäftigt, insgesamt 350 Arbeiter waren es im Juli. Die hatten die Straße durch das Linachtal um 30 Meter höher zu legen, im Steinbruch wurde Steinma­ terial gebrochen und die mühevollste Arbeit war das Ausheben der Fundamente, die bis zu 14 Meter tief im Erdreich verankert sind. Die Skepsis der Behörden gegenüber der neuen Talsperrenbauweise brachte weitere Verzögerungen, immer wieder neue statische Berechnungen mußten vorgelegt werden. So konnte erst im Oktober 1922 der erste Beton eingebracht werden. Schweißtreibend war auch der Bau des Stollens, am 23.Juni 1922 verunglückte dabei ein Bergmann aus Yach tödlich. Als der von zwei Seiten in Angriff genommene Stollen endlich bewerkstelligt war, schrieb Bürger­ meister Kraut, das sei ein denkwürdiger Tag und im „Ochsen“ versammelte sich alles zu einer kleinen Feier. Ein 315,28 Meter langer Stollen war durch den Berg getrieben wor­ den, jetzt war es Winter und die Arbeiten ruhten. Wie rasch die Talsperre in Anbetracht ih­ rer Dimension voranschritt, geht aus einem Brief von Bürgermeister Kraut hervor, den er am 2.Juni 1923 an die Girozentrale in Mann­ heim schickte: ,,Das Maschinenhaus ist fer­ tig. Die ganze elektrische und maschinelle Ausstattung ist vorhanden und hat einen Wert von 1,5 Millionen Mark. Staumauer, Stollen, Rohrleitung und Wasserschloß sind so weit gediehen, daß der Betrieb Ende des Jahres aufgenommen werden kann. Die ge­ samten Aufwendungen für das Kraftwerk be­ trugen bis zu diesem Zeitpunkt annähernd fünf Milliarden Mark.“ Ein weiterer Höhepunkt in der Bauge­ schichte fand am 24. Juni des Jahres 1923

Zu den Fotos vgl Erkl.ärung Seite 246. statt, die Grundsteinlegung. Der Bauleiter und Planer, Oberbaurat Dr. Maier, sprach dabei von einem Markstein in der Geschich­ te des deutschen Talsperrenbaues, weil im Linachtal die erste Eisenbetonstaumauer Deutschlands entstehe. Doch bei aller Freu­ de: zu diesem Zeitpunkt bedrohte längst die Inflation das Werk. Das Geld war immer schneller immer weniger wert. Bis Ende März konnte Vöhrenbach den Kraftwerks­ bau aus Holzerlösen finanzieren, der Wald­ reichtum der Stadt Vöhrenbach hatte das ge­ waltige Projekt überhaupt erst ermöglicht. Doch die Kosten begannen nun infolge der Geldentwertung zu explodieren. Vöhren­ bach konnte sein Holz gar nicht so schnell schlagen, wie neuer Finanzbedarf entstand. Ein Beispiel: Im Juli 1923 mußte die Stadt vier Darlehen in Höhe von über 800 Millio­ nen Mark aufnehmen, im August folgten zwei Kreditanträge über 4 sprich 4,5 Milliar­ den Mark. Da die Reichsbank zu diesem Zeitpunkt alle Kreditanforderungen ablehn­ te, begannen die Vöhrenbacher selbst Geld zu drucken (vgl. Almanach 94, Seiten 90-105) 245

Historische Bil4folge vom Bau der Staumauer und dem Kraftwerksgebäude samt Aufnahme der Turbi­ nen. Das Kraftwerkshaus steht heute unter Denkmalschutz, es ist im Jugendstil erstellt. Die 143 Meter breite Staumauer im September 1924 und im Sommer 1925, kurz vor ihrer Fertigstellung. 246

Bilder vom Zeifall. Der Betonübergang hat bereits Risse und ausgebrochene Stellen, die Gewölbe sind mit Moos bewachsen. Nach dem A blassen des Sees im] ahr 198 8 hat sich die Natur den Seegrund rasch zurückerobert. Betreten der Anlage auf eigene Gefahr 247

Die Dimension des Bau­ werkes zeigt der Größen­ vergleich, allein der Hochwasserentlastungs­ turm ist an die sieben Meter hoch und kann bis zu 40 Kubikmeter Was­ ser je Sekunde abführen. und eigene Schuldverschreibungen auszu­ geben. Gegenwert war das Holz im Stadt­ wald. Als Folge begannen die Arbeiten ins Stok­ ken zu geraten, die Zahl der Arbeitskräfte wurde von über 500 auf 150 reduziert. An­ fang Oktober mußte man die Arbeiten gar völlig einstellen. Nur Dank der Hilfe der Holzanleihe, in die viele kleine Sparer inve­ stierten, weil das wertbeständige Holz eine sichere Geldanlage bedeutete, konnte das Projekt weiter voranschreiten. So konnte am 16.Dezember des Jahres 1923 erstmals mit Hilfe der Talsperre Strom erzeugt werden, 248 die Vöhrenbacher feierten ihr „Lichtfest“. In einem historischen Zeitungsbericht heißt es dazu: ,,Schon hörte man das Wasser der Linach rauschen. Herr Kupfer setzte mit einem ,Glück auf‘ die Turbinen in Bewe­ gung. Um 14.43 Uhr erstrahlte erstmals Vöh­ renbacher Licht … “ Im Jahr 1924 konzentrierten sich die Arbeiten hauptsächlich auf die Fertigstel­ lung der Staumauer. Dabei wurde der Beweis geliefert, daß sich die Vöhrenbacher für die richtige Bauweise entschieden hatten. Dank der sogenannten „aufgelösten Konstruk­ tion“ gewann die Mauer in nur 3 Monaten

Stolz der Stadt, der in ganz Deutschland Beachtung fand. Am Wochenende pilgerten die Menschen zum „Bootle-Fahren“ auf dem Kunstsee im Linachtal, im Sommer wurde dort gebadet. Kritiker gab es zu dieser Zeit keine mehr, der Nutzen dieser Investition zeigte sich jeden Tag. Die „Zeitenwende“ aber kam in den 1960er Jahren. Eine falsche Finanzpolitik der Stadt -und nur diese -ließen die Defizite aus dem Kraftwerksbetrieb immer größer werden, da das Geld für dringende Investitio­ nen fehlte, unter anderem in den weiteren Ausbau des Ortsnetzes. Und die Kommu­ nalpolitiker fürchteten vor allem die Lasten, die aus einer notwendigen Sanierung der 249 14 Meter an Höhe. An ihrem Fuß staute sie vom 17.Dezember an das Wasser der Linach, mit dem von sofort an Strom erzeugt wurde. Aus einer Notiz geht hervor, daß bis zu die­ sem Zeitpunkt für den Bau der Staumauer rund 564 000 Arbeitsstunden aufgewendet wurden, man hat 2150 Tonnen Zement, 550 Tonnen Trass und unter anderem 30Tonnen Eisen verarbeitet. 1925 schließlich konnte die Anlage end­ gültig fertiggestellt werden, am 8. Mai 1926 genehmigte das Bezirksamt Donaueschin­ gen den vollen Einstau. In Linach war jetzt ein Kunstsee mit einem Kilometer Länge vorzufinden, der 1,1 Millionen Kubikmeter Wasser beinhaltete und eine Fläche von 110 000 �adratmetem überflutete. Was der Talsperrenbau gekostet hat, läßt sich aufgrund der Inflationszeit nur schät­ zen, nicht exakt beziffern: Es waren Billio­ nen von Mark, womit sich der Kreis zum eingangs zitierten „Billionen-Loch“ wieder schließt. Wie dringend der Talsperrenbau war, zeigte sich bereits im 1. Jahr seiner Fertig­ stellung, als die Stadt einen Strombedarf von 518 000 Kilowattstunden hatte, wovon 374 000 Kilowattstunden das eigene Kraft­ werk lieferte. Die Talsperre war damals der

Mit Probebohrungen zur Überprüfung der Be­ tongüte begannen 1990 die Sanierungsarbeiten, die nach einer Kostenex­ plosion, erste Schätzun­ gen sprachen von 4,5, eine zweite von 8,5 Mil­ lionen Mark, so.fort ein­ gestellt wurden. Seitdem zerfällt die Anlage. Staumauer auftreten würden. So beschloß der Gemeinderat im Dezember 1969 mit 8:3 Stimmen die Stillegung der Talsperre und den Verkauf des Ortsnetzes an das Kraftwerk Laufenburg. Von Laufenburg bekam die Stadt sogar 250 000 Mark für den Abbruch der Staumauer, der bis heute glücklicher­ weise ausblieb. Allerdings: Noch 1968 hatten die Vöhrenbacher mit ihrem Kraftwerk 65 000 Mark Gewinn erwirtschaftet. Damals eine beachtliche Summe. Wäre auch der Ge­ winn der Vorjahre in die Anlage reinvestiert worden, könnte die Linach-Talsperre wahr­ scheinlich noch heute kostengünstigen und umweltfreundlichen Strom erzeugen. Was nun begann, war ein „Streit“ der Gut­ achter. Die Gutachter waren an der Stille­ gung der Anlage maßgeblich beteiligt und auf Gutachter stützte man sich auch, als 1990 unter tatkräftiger Hilfe des Landes die Sanie­ rung der Talsperre in Angriff genommen wurde. Damals ging man davon aus, daß die Anlage frühestens 1992 wieder in Betrieb genommen werden könnte. Auch hatte man bereits am 28.April 1988 das Wasser abgelas­ sen. Schon seit Jahren war ein Volleinstau verboten, da die Behörden um die Stand­ festigkeit der Mauer fürchteten. Daß es in diesem hoffnungslosen Sta­ dium zum Stillstand der Arbeiten kam, wurde mit neuen Kostenschätzungen be­ gründet: Mindestens 8,5 Millionen Mark, ursprünglich war man von 4,5 Millionen Mark ausgegangen. Die Mehrkosten resul­ tierten aus einem Gutachten der Techni­ schen Universität Karlsruhe, die den Zu- 250

Die Talsperre, aufgenommen bei einem Hochwasser im Jahr 1983, das zu einem unbeabsichtigten Voll­ stau führte, dem die Mauer aber problemlos standhielt. Das Wasser stieg nach heftigen Regenfällen innerhalb weniger Stunden um zehn Meter, bis etwa einen Meter unterhalb der Gewölbeoberkante. stand des Betons der 13 Tunnelgewölbe als schlecht bezeichnete. Im Augenblick ruhen alle Arbeiten, nur der Zahn der Zeit nagt an der Linach-Tal­ sperre, die in den 1960erJahren bis zu 1,9 Mil­ lionen Kilowattstunden Strom im Jahr er­ zeugte. Im Mittel konnten die Vöhrenba­ cher in den 1960er Jahren rund 30 Prozent ihres Strombedarfes aus dem Betrieb der Linach-Talsperre decken. „Wanderer, führt dich dein Weg ins stille Linachtal“, steht in einer historischen Frem­ denverkehrsbroschüre von Vöhrenbach zu lesen, ,,dann versäume nicht, die Linach-Tal­ sperre zu besuchen.“ Wie lange das für eine große Touristenattraktion im Bregtal und ein Technik-Denkmal von europäischem Rang noch gelten wird, ist offen. Wer die immer rascher um sich greifenden Schäden sieht, die überall zutage treten, zweifelt am baldi­ gen und endgültigen Zerfall nicht mehr. Wilfried Dold 251

Hausmühle des Weiberhofes in Buchenberg-Martinsweiler vor dem Verfall bewahrt Vor dem Veifall gerettet wurde die Hausmühle des Weiberhofes in Buchenberg-Martinsweiler Mit finanzieller Hilfe des Amtes für Denkmalspflege wurde die letzte noch vor­ handene Hausmühle in Buchenberg-Mar­ tinsweiler vor dem völligen Verfall gerettet. Es handelt sich um die Mühle der Familie Bittlingmayer vom Weiherhof. Von den rund einem Dutzend Mühlen im oberen Glasbachtal und am Roggenbächle auf der Gemarkung Buchenberg sind nur noch zwei übriggeblieben. Es ist die Mühllehenmühle und die Hausmühle des Weiherhofes. Beim Brand des Weiherhofes am 28. Februar 1981 konnte die wenige Meter vom ehemaligen Hof entfernte Mühle gerettet werden. Doch in den Jahren danach verfiel sie zusehends. In der Zwischenzeit wurde das Dach erneu­ ert und auch das verfaulte Wasserrad wieder instandgesetzt. Auch die Mahlsteine ver­ richten wieder ihren Dienst. Lediglich das eigentliche Mahlwerk ist noch nicht in Betrieb. Durch viel Eigenarbeit hat die Fami­ lie Bittlingmayer zu der Instandsetzung bei­ getragen. Wann die Mühle gebaut wurde, steht nicht mit Sicherheit fest. Auf zwei höl­ zernen Hemmrädern sind die Jahreszahlen 1744 und 1761 vermerkt. In einem Bericht über „Das Ende der Mühlen und Speicher im Schwarzwald“ schreibt Alfons Beck 1963 in der „Badischen Heimat“ von einer Mühle unterhalb des Tonishofes unter anderm: ,,Die Nachforschungen beim Bauer, vermut­ lich Bartholomäus Lehmann, enthüllten das Schicksal dieser Mühle: um 1888 herum, als der Bauer ein kleiner Junge war, wurde die 252

Mühle abgetragen, ihr Material wurde ver­ kauft und eine halbe Stunde Weges weit wie­ der für eine andere Mühle verwendet. Die Mühle feiert also fröhliche Auferstehung und existiert heute noch, wenn sie auch nicht mehr in Tätigkeit ist. Ihr Standort ist bei der Ruine Waldau, an der Umbiegung gegen das Glasbachtal. Es wäre wünschens­ wert, daß diese Mühle unter Denkmals­ schutz gestellt würde, um sie damit der Nachwelt zu erhalten. Alle anderen Mühlen in der Nähe sind abgetragen oder aufgeho­ ben.“ Soweit Alfons Beck im Jahre 1963. Nach diesem Bericht zu schließen, wurde die Mühle unterhalb des Donisweihers am Hüh­ nerbach, eingezeichnet in alten Lageplänen von Königsfeld, in den 80er Jahren des ver­ gangenen Jahrhunderts abgerissen und beim Weiherhof wieder aufgebaut. Auf einem der entfernten Balken hatte sich auch Nikolaus Howard durch einen mit Bleistift geschriebenen Spruch verewigt. Nikolaus Howard zog 1853 mit seinem Bru­ der Samuel nebst den Familien und einer großen Viehherde von Wengi im Kanton Bern in der Schweiz nach Königsfeld und Buchenberg, wo er den Schloßhof kaufte und auch kurze Zeit Besitzer des Weiher­ hofes war. Das Vieh, gegen dreißig Stück schöner Schweizer Kühe, wurde in mehreren Tagereisen hergetrieben und die zahlreiche Familie fuhr den größten Teil des Weges hin­ terdrein. Es war ein Ereignis für Königsfeld, als die stattliche Karawane unter dem voll­ tönenden Geläute der Alpenglocken, die die Kühe um die Hälse trugen, einzog. Der Name Howard ist heute noch durch einen Waldweg bekannt, den er zum Besuch der Gottesdienste in Königsfeld im Schloßwald angelegt hatte. Matthias Ettwein, gebürtig im Weiherhof, starb im Januar 1995 als ältester männlicher Einwohner von Buchenberg und als letzter von elf Geschwistern der Familie Ettwein. Er erinnerte sich, daß in der Mühle in den 60er Jahren noch gemahlen wurde. In den Zeiten des Ersten und Zweiten Weltkrieges hatte die Hausmühle Hochkonjunktur. Wenige Meter von der Hausmühle ent­ fernt steht noch ein altes Backhäusle. Auch dieses wurde 1981 von dem Brand verschont, verfiel aber in den vergangenen Jahren zuse­ hends. Christian Bittlingmayer nahm sich auch dieses alten Häuschens an und hat es in den vergangenen Monaten in Eigenarbeit soweit restauriert, daß die Familie Bittling­ mayer an diesem kleinen Bauwerk nun Richtfest feiern und zu diesem Fest darin auch wieder backen konnte. Johann Haller Drescherei Wa word nu de Nochber dresche? ’s ischt jetzt Mai und leer ischt d‘ Schiir. Mit sim Pflegle, sim verrockte, macht er mech schier hinterfiir. Tale, tak, tak, tak, scho zwo Schtunde schtoht im Drasch de Adolf loa, pfleglet, daß ihm d‘ Ohre gwacklet. Selli gearn mueß er des doa. Hoppla, er duet d‘ Sünd verdresche wo ihm geschtert ischt passiert. ’s hätt ihm i sim Sarawackel grussig schnell halt zmol pressiert. Z‘ spoot ischt er uffs Hüsle kumme, hätt e mords Bescheerung g’ha. ’s Suurkruut, d‘ Knöfpli und baar Griibe kleabet a de Hose aa. Hinterm Dorm, am Gartehägli, knipft de Adolf d‘ Hose uff. Duet sie i de Sunn schnell rösche, schleet jetzt mitem Pflege! druff. Gearschteagle spritzet koni, ’s giit kon Schtaub und ’s giit ko Schtrau … duet mer d‘ Hose gherig dresche, brucht mers scho niit wäsche lau. Gottfried Schafbuch t 253

Kreuze im Schwarzwald-Baar-Kreis Die Kreuze im Katzensteig Das Kreuz im Katzensteig la Familie Pahling Am Eingang zum Ortsteil Katzensteig steht, wenn man von Furtwangen kommt, auf der linken Seite am Hang ein Steinkreuz. Das Kreuz gehört zum Anwesen Pahling, Katzensteig la. Auf einem Vierkantfuß erhebt sich ein mächtiger Schaft. Auf der Seite, die zur Straße zeigt, ist in den Schaft eingraviert: Es ist voll­ bracht. Dann folgt ein waagerechter Strich und darunter sind die zwei ersten Worte des Gebetes des Herrn zu lesen: Vater unser. Der Schaft ist dann nach oben abgestuft, und darüber ist das Steinkreuz aufgerichtet. Es trägt keine Figur des Gekreuzigten. Der Anfang des „Herrengebetes“ lädt da­ zu ein, ein Vaterunser oder sonst ein Gebet zu sprechen. In jedem Fall mahnen uns sol­ che Kreuze, an unsere Erlösung durch Jesus Christus zu denken. Das Kreuz auf dem Käppeleberg Von der Straße von Furtwangen zum Katzensteig Ja, Familie Pahling Wegkreuz auf dem Käppeleberg 254

Brend zweigt nach dem Anwesen Muckle auf der sog. Ladstadt vor dem Anstieg zum Brend ein Waldweg ab. Dieser führt über den Käp­ peleberg hinab zum Josenhof im Katzensteig. Wenn man diesem Weg aufwärts folgt, kommt man nach ca. 400 m an ein Kreuz, das rechts des Weges steht. Dieses Kreuz steht auf einem Granitsok­ kel, der an den Kanten und oben glatt be­ hauen ist. Über diesem Sockel erhebt sich zunächst ein Aufbau aus Metall, der in der Grundfarbe Schwarz gehalten ist. Dieser Aufbau besteht aus Ranken, silbern gestrichen, in dessen unteren Teil ein Totenkopf mit Knochen auszumachen ist, ebenfalls aus Metall. Darüber erhebt sich schräg nach links oben – vom Betrachter aus – eine ovale Tafel mit der Aufschrift: Bei dem Herrn ist Barm­ herzigkeit und bei ihm ist überreiche Erlö­ sung. Angegeben wird auch die Fundstelle die­ ses Textes: Psalm 129,8. Darunter sind die ersten zwei Worte des ,,Herrengebetes“ zu lesen: Vater unser … Darüber erhebt sich ein rankenförmiger Aufbau bis zum Fuß des Metallkreuzes. Auf diesem Aufbau sind links und rechts vom Kreuz zwei Figuren angebracht: links die Mutter Jesu, Maria, und rechts der Lieblings­ jünger Jesu, Johannes. Diese Figurengruppe spielt an auf die Kreuzigung Jesu, wie sie der Evangelist Jo­ hannes überliefert. Beide Figuren sind aus Metall und bron­ zefarben gestrichen. Der Kreuzesstamm, der ebenfalls aus Metall und schwarz gestrichen ist, ist wie aus Holz geformt und mit Ranken verziert. Der Metallkorpus trägt eine Farbe aus Gold­ bronze, ebenso die beiden Figuren, wobei das Lendentuch Jesu, das rechts verknotet ist, in Silberbronze gehalten ist. Über dem Gekreuzigten auf dem oberen Teil des Kreuzesstammes ist die Kreuzes­ inschrift INRI angebracht. Da deutlich erkennbar ist, daß das Kreuz vor nicht allzu langer Zeit restauriert wurde, ist das Kreuz heute wieder Zierde unserer heimatlichen Flur. Das Kreuz beim ehemaligen „Hirschen“ im Katzensteig Im Katzensteig, beim Haus Nr. 55, dem ehemaligen Gasthaus „Hirschen“, zweigt rechts von der Straße, wenn man von Furt­ wangen kommt, ein Weg ab. Dieser Weg führt hinter dem Haus Nr. 55 ca. 60 m von der Straße schräg den Hang hinauf in einen Dobel, den man „die Schweiz“ nennt. Wenn man diesen Weg etwa 150 m hinauf geht, kommt man an ein Steinkreuz. Dieses Kreuz, so erzählt man im Katzen­ steig, wurde vom „Hirschen-Sepple“, einem frommen Mann, errichtet, zum Dank, daß er von der Wallfahrt nach Lourdes wohlbehal­ ten zurückkehrte. Das Kreuz dürfte etwa nach dem 1. Weltkrieg errichtet worden sein. Auf einem Vierkantsockel aus Granit er­ hebt sich ein Schaft aus Stein, der abgestuft Beim ehemaligen „Hirschen“ 255

ist. Im unteren Teil ist auf der Vorderseite zu lesen: Mein Jesus Barmherzigkeit. Im obe­ ren, · größeren Teil des Schaftes ist eine Nische gehauen, in der eine Muttergottes­ figur mit einem Jesuskind auf dem Arm steht. Die Nische ist mit einem 4teiligen Glasfenster verschlossen. Mit einem leichten Rundbogen schließt dann der Schaft nach oben ab. Auf einer Vierkantabdeckplatte er­ hebt sich das schlichte Steinkreuz, an dem der Korpus aus Eisen hängt. Der Gekreuzigte hat den Blick nach oben gerichtet. Das Kreuz bei der „Pelzkappe“ Etwa auf der Höhe des Josenhofes, steht rechts oben am Waldrand in der Nähe des Hauses „Pelzkappe“ an einem sonnigen Platz ein Feldkreuz aus rotem Sandstein. Ursprünglich war das Kreuz auf dem Feld von Gutsbesitzer Duffner errichtet. Als dann 1936 der Hof an den Staat verkauft wurde, wollte Duffner, daß dieses Kreuz wieder auf Bei der „Pelzkappe“ 256 seinem Feld aufgestellt wird. Also wurde es beimJosenhof abgebrochen und 1937 an sei­ nem jetzigen Standort wieder errichtet. Das Kreuz selbst hat einen Vierkantfuß, auf dem sich ein achteckiger Schaft erhebt. Dieser verjüngt sich nach oben in 4 Wölbun­ gen. In den mächtigen Teil des Steinschaftes waren einst 8 Emailletafeln eingelassen. Heute sind allerdings von den 8 Tafeln nur mehr 2 vorhanden; die eine hängt noch am Schaft an dem dafür vorgesehenen Platz, die andere liegt neben dem Kreuz auf dem Waldboden. Auf der weißen Emailletafel, die noch am Schaft hängt, kann man lesen: ,,An Gottes Segen ist alles gelegen“. Wo die restlichen Tafeln hingekommen sind, ist nicht be­ kannt. Rechts neben der Emailletafel ist auf dem freien Feld zu lesen, allerdings schon sehr verwittert und daher nicht mehr ganz zu entziffem:JosefDuffner, darunter Dr. med., darunter stehen zwei Jahreszahlen, die aber teilweise schon unlesbar sind: … 24. Feb. 1897 und … Juni 1865. Die zweite Emailleplatte, die am Boden liegt, hat reiche Verzierungen und in der Mitte einen Kreis, in dem die Jahreszahl 1901 zu lesen ist. Auf einer abgeflachten, ebenfalls achtek­ kigen Abdeckplatte erhebt sich das Stein­ kreuz aus Granit. Der Korpus am Kreuz ist aus Eisen. Das Kreuz selbst ist an den Kanten ausgehöhlt und hat in der Nähe des Korpus Verzierungen aus Stein. Da das Kreuz direkt am Waldrand steht, und der Jungwald davor schon höher ge­ wachsen ist, kann man das Kreuz von der Katzensteigstraße aus nicht mehr sehen. Aber wer sich die Mühe macht, dort hinauf­ zusteigen, wird sehen, daß man unterhalb des Waldes einen herrlichen Blick auf den Josenhof und seine Umgebung hat. Das Kreuz der Familie Brugger im Katzensteig, Nr. 59 Im Katzensteig beim Haus Nr. 59, wo Familie Brugger wohnt, steht etwa 50 m rechts neben der Straße ein schmiedeeiser­ nes Kreuz auf einem Feld der Familie Brugger.

Bei Familie Brugger, Katzensteig 59 Beim Vogtshüsle Der Gestaltung nach dürfte das Kreuz zwischen 1850 und 1880 errichtet worden sein, so vermuten es auch die Anwohner. Der Grund für die Errichtung des Kreuzes war, so erzählen die Besitzer, daß dadurch das Haus und der Hof unter den Segen Got­ tes gestellt werden sollte. Diese Gepflogen­ heit ist auch sonst bei Kapellen und Weg­ kreuzen zu finden. Damit wird ein Brauchtum gepflegt, das die gläubige Gesinnung der Menschen zum Ausdruck bringt. Das Kreuz beim Vogtshüsle im Katzensteig Bei dem neugebauten, aber im alten Stil wieder errichteten Vogtshüsle im Katzen­ steig in der Nähe der Piuskapelle findet sich ein sehr schön gestaltetes schmiedeeisernes Kreuz. Das Kreuz, das auf Grund seiner Gestal­ tung ein Alter von 150 bis 200 Jahre vermu­ ten läßt, stand ursprünglich in Furtwangen in der Bregstraße beim sog. „Schattenküfer“, jetzt Hausnummer 44. Ursprünglich stieg 257 Das Kreuz aus Eisen trägt hinten eine Stütze. Etwa in der Mitte zwischen Korpus und Boden ist eine weißgestrichene Blechta­ fel angebracht, die mit einem gewölbten, etwas vorspringenden Blechdach abschließt. Auf dieser Tafel ist folgender Text zu lesen: Gelobt seist Du, Herr] esu Christ, der Du den Weg zum Himmel bist. Herr erbarme Dich, Vater unser. Farn. Brugger- Löffler, erneuert 1970. Das obere Ende des Kreuzes und die Enden des Querbalkens sind weiß gestrichen und nach vorne gebogen. Der Metallkorpus ist mit Goldbronze überzogen. Über dem Kreuz spannt sich ein 20 cm breites Blechdach, das innen weiß gestrichen ist und so dem Ganzen einen freundlichen Ausdruck verleiht im Gegen­ satz zum schwarzgefärbten Kreuz.

dort die Straße etwas an und führte über den Buckel bei der Schreinerei Schwer wieder abwärts. Beim Beginn dieser Steigung stand auf der linken Seite der Straße vor dem Haus des „Schattenküfers“ dieses Kreuz auf einem viereckigen steinernen Sockel. Dieses Haus, das über 200 Jahre alt war, brannte in der Nacht vom 23. auf den 24.10.1983 völlig ab. Von den Besitzern des Hauses und des Grundstückes bekam Herbert Dold aus Furt­ wangen das stark verwitterte Kreuz ge­ schenkt, allerdings mit der Auflage, es wie­ derherstellen zu lassen. So ließ er das Kreuz von Walter Hättich restaurieren und stellte es im Jahre 1984 beim Vogtshüsle im Katzensteig, das ihm gehört, wieder auf. Das Kreuz steht heute auf einem abgerun­ deten Granitblock, den der damalige Förster der Martinskapelle, Willi Hug, lieferte. Das Kreuz selbst ist am Fuß über dem Granit­ block, unter dem Korpus und an den Enden oben und an den Seiten reich verziert und goldfarben bemalt, während das Metallkreuz schwarz gehalten ist. Der Korpus aus Metall hat eine weiße Bemalung mit einem braunen Lendentuch, das mit einem Goldrand versehen ist. Über dem Gekreuzigten ist in �erformat die Kreuzesinschrift INRI angebracht. Man kann mit Recht sagen, daß dieses Kreuz durch die Restaurierung vor dem Verfall gerettet wurde. So steht es heute beim Vogts­ hüsle im Katzensteig als ein Schmuckstück. Das Kolmenkreuz auf der Martinskapelle Am Wanderweg Pforzheim -Basel, dem sog. Westweg, steht ca. 500 m nach dem Gasthaus „Martinskapelle“ in Richtung Brend auf der rechten Seite, bevor der Hoch­ wald beginnt, ein Steinkreuz. Auch im Win­ ter ist dieses Kreuz ein markanter Punkt; denn der Fernskiwanderweg Schonach – Belchen führt ebenfalls bei km 16 an dieser Stelle vorbei. In sehr schneereichen Wintern kann es schon mal vorkommen, daß dieses Kreuz ganz eingeschneit ist. 258 Kolmenkreuz auf der Martinskapelle Über die Entstehung des Kreuzes war fol­ gendes zu erfahren: In den Jahren 1813-1815 (Ende der napoleonischen Kriege) gab es auch im Schwarzwald zahlreiche Deserteure. Auf Desertion stand aber eine hohe Strafe, oft sogar die Todesstrafe. Für die Ergreifung eines Deserteurs wurden ansehnliche Beloh­ nungen bezahlt. Auch auf dem Weg von der Martinska­ pelle zum Brend seien damals häufig Deser­ teure gesehen worden. Eines Tages kam einem Sohn des damaligen Kolmenbauers der Gedanke, sich die Belohnung für die Ergreifung eines Deserteurs zu verdienen. So hielt er kurzerhand auf der Martinskapelle kurz vor dem Wald einen Deserteur an, der sich auf dem Weg über den Schwarzwald in Richtung Brend befand. Er forderte ihn auf, mitzukommen. Darauf habe der Soldat gesagt, der junge Mann soll ihm aus dem Weg gehen, da sonst ein Unglück passiere.

Kurz darauf hörte man einen Schuß und man fand den jungen Mann vom Kolmen­ hof in seinem Blut liegen. Kurze Zeit später starb er. An der Stelle des Unglückes wurde dann ein Holzkreuz errichtet. Als dies verwittert war, stellte man ein zweites Holzkreuz auf, das aber ebenfalls der extremen Witterung zum Opfer fiel. Damals sei gerade auf dem Furtwanger Friedhof ein nicht mehr verwendeter Grab­ stein gestanden, und man habe diesen dann an dem jetzigen Ort aufgestellt. (Eine Vertie­ fung auf der Vorderseite des Schaftes könnte auf eine ehemalige Kreuzesinschrift oder Namensangabe hindeuten!) Dieses Kreuz trug einen Metallkorpus, der aber ca. 1975 gewaltsam abgeschlagen und gestohlen wurde. Später fand ihn der Förster im Wald wie­ der. Er hat ihn zunächst wieder angebunden, Oberkatzensteig beim ehemaligen Rotehof dann aber wurde der Metallkorpus wieder mit Metallstiften befestigt. Das Kreuz ruht mit seinem zweigeteilten Schaft auf einer viereckigen Steinplatte. Der obere Abschluß des Schaftes ist zum Kreuz hin abgeflacht. Das Kreuz selbst ist ein schlichtes Stein­ kreuz, dessen oberes Ende sowie die Enden bei den Querbalken abgerundet sind. Am Kreuz hängt ein ebenso schlichter Korpus aus Metall. Da das Gelände dort zum Kolmenhof in der Nähe gehört, wird dieses Kreuz das Kolmenkreuz genannt. In der Vertiefung des Schaftes steht jetzt auf der Vorderseite des Kreuzes die Bezeich­ nung „Kolmenkreuz“, was auf die Herkunft des Kreuzes hinweist. Das Kreuz beim ehemaligen Rotehof (Benjaminenhof) im Oberkatzensteig Seit 1991 steht beim Leibgedinghaus des ehemaligen Rotehof (Benjaminenhof) im Oberkatzensteig rechts neben der Straße gegen das Furtwängle in der Kurve ein schön gestaltetes Holzkreuz. Es wurde vom Besit­ zer des Leibgedinghauses Sauter errichtet. Der Vierkantstamm, der bis zur Höhe von 74 cm vom Boden aus verbreitert ist, ist mit einer Metallschiene an der Rückwand im Boden befestigt. Das Kreuz hat eine Rückwand, die schräg nach unten gezogen ist, als Schutz gegen die Witterung. Denselben Zweck erfüllt auch das spitz zulaufende Holzdach, das bei den Enden des Qp.erbalkens gerade abfällt. Durch seine Bemalung wirkt der Korpus, der aus Holz geschnitzt ist, sehr eindrucks­ voll: Blutstropfen von den Wunden der Gei­ ßelung und Dornenkrönung -die Dornen­ krone ist grün bemalt -ebenso die Wunden der Kreuzigung und des Lanzenstiches durch den römischen Hauptmann verleihen der Gestalt des Gekreuzigten einen starken Ausdruck. Das Lendentuch, das rechts ge­ knotet ist, zeigt eine graue Farbe mit einem Goldrand am unteren Ende. Johann Hieb! 259

Kunst und Künstler Felix Schlenker Zum 75. Geburtstag des Schwenninger Künstlers und Kunstsammlers Er hat den Nagel stets auf den Kopf ge­ troffen und versucht, aus dem O!iadrat eine runde Sache zu ma­ chen. Felix Schlenker, der als Urschwennin­ ger am 12.Juli 1920 das Licht der Welt erblick­ te und im Neckarstadt­ teil aufwuchs, kann aus Anlaß seines 75. Ge­ burtstages auf ein for­ menreiches künstleri­ sches Schaffen und eine anregende Samm­ lertätigkeit zurückblik­ ken. Er hat in seiner Doppelrolle als Künst­ ler und als Sammler die moderne Kunst nach Schwenningen gebracht. Was berich­ ten und was weglassen bei einem derart pro­ duktiven Menschen, der ein Leben lang die Goethe-Maxime be­ herzigt hat, wonach der Mensch arbeitend immer gleich eine Stufe höher steigt. Denn wer hätte dieses Schaffen vorherzu­ sagen gewagt? Der Weg eines Felix Schlenker reicht von den naturalistischen Aquarellen, welche die Menschen und Dorfidyllen aus dem Ort Fluorn der Jahre 1947 /48 aufs Papier bringen, bis zu den späten Werken aus den 80er Jahren mit jener strengen Formenspra­ che, die alles Verzichtbare wegläßt und dem Betrachter einen großen Freiraum für Inspi­ ration läßt. Da alle Kunst eigentlich verlangt, von ihrem Betrachter hervorgebracht zu wer- 260 Der Künstler und Kunstsammler Felix Schlenker, der im Juli sein 75. Lebensjahr vollenden konnte. Das Foto zeigt den Künstler mit einem Band seiner Tagebücher in seiner Wohnung in Mühlhausen. den, beherrscht Schlenker die Kunst des Aussparens. Manche seiner Werke haben den Zauber der Unmittelbarkeit und sind doch Ausdruck lebendiger Gedanken. Felix Schlenker nimmt bereits kurz nach Kriegsende in Schwenningen Kontakt zu Dr. Lovis Gremliza (Lovis-Presse), Wilhelm Graf von Hardenberg, Werner Gotheim und Walter Herzger auf. Er, der von 1945 bis 1978 als Fachlehrer für bildhaftes Gestalten, Wer­ ken und Musik tätig war, nimmt ab 1958 an Gruppen- und Einzelausstellungen teil. Er­ wähnt seien hier nur die Galerie d’art modern in Berlin (1960), die Staatsgalerie Stuttgart

(1966), die ,,Art“ in Basel (1971 und 1972) und regelmäßige Teilnahmen an den Künstler­ bund-Ausstellungen in Baden-Württemberg. Neben Erich Hauser war der Schwenninger die treibende Kraft, als es 1970 in Rottweil zur Gründung von „Forum Kunst“ kommt. Ohne Felix Schlenker und ohne den Archi­ tekten Karl Heinichen hätte es auch jene legendäre „Kleine Galerie“ (1961 bis 1967) nie gegeben, in der unter anderem Thomas Lenk, Gerlinde Beck, Paul Wunderlich, H. P. Alvermann auftauchten. Es war immerhin 262 der heutige Berliner Kunstprofessor Robert Kudielka, der in diesen Jahren Rezensionen für die Schwenninger Tageszeitung „Neckar­ quelle“ schrieb. Ironie der Geschichte: Bedürfen in der Regel die Künstler eines Förderers, so kehrt Felix Schlenker den Spieß einfach um und schlüpfte 1992 als Künstler in die Rolle des Mäzens. Er vermachte der Stadt 225 Bilder als Bestandteil der „Sammlung Felix Schlen­ ker“. Darunter befinden sich beispielsweise Werke von Sol Lewitt, Otto Herbert Hajek,

Hans Peter Alvermann oder Jochen Winck­ ler. In einem seiner vorläufig letzten Werke, das am 10. Dezember 1994 aus Anlaß der Er­ öffnung des Schwenninger Uhrenindustrie­ museums in der ehemaligen Württembergi­ schen Uhrenfabrik erstmals der Öffentlich­ keit gezeigt wurde, ist Felix Schlenker wieder ganz der Alte und der Ewig-Junggebliebene. Aus Fundsachen, die der Industrielle Max­ Emst Haller auf seiner Bühne entdeckte, fer­ tigt der Kunstprofessor (eine der wenigen Auszeichnungen, auf die Schlenker wirklich stolz ist) jenes „Schwenningen, zahngerä­ dert“ genannte Werk, das trotz seiner schein­ baren Beliebigkeit Ausdruck einer wohl­ durchdachten Ordnung ist. Felix Schlenker sammelte schon als Kind alles, was nicht niet-und nagelfest war. Er, der später zu einem wahren Archäologen sei­ ner Heimatstadt wurde, wollte Dinge für die Nachwelt aufbewahren, die nicht dem Ver­ gessen anheirnfallen sollten. Es ist wohl der gleiche Antrieb, der ihn zur Feder greifen 263

ließ, um ein Werk zu schaffen, das nach mei­ nem Dafürhalten dem Wert seiner Samm­ lung – mindestens in lokalhistorischer Be­ trachtung – gleichkommt. Die Rede ist von jenen Tagebüchern, die der Autodidakt seit seinem 14. Lebensjahr lückenlos führt. Da mischt sich Privates mit Reflexionen über die eigene Arbeit. In den handgebundenen Ta­ gebüchern finden sich – eine wahre Berei­ cherung – Zeichnungen als Erinnerung an Reisen nach Italien oder Griechenland eben­ so wie Skizzen für zukünftige Arbeiten. 264 So ist unter dem Datum des 29. Novem­ ber 1947 beispielhaft über die eigene Arbeit zu lesen: »Man muß mit den malerischen Mitteln ge­ rungen haben, um sie später souverän zu beherr­ schen und in eigener Art neu entstehen zu lassen. Es ist 5.30 Uhr nachmittags, das Dunkel der Nacht senkt sich langsam herab und ich bin mit dem, Winterbild‘ heimgekehrt. Es sind die ergötz­ lichen Augenblicke, wenn man sich in seine Bilder versenken kann. Sie fallen sehr artig natumah aus. Wo bleibt die Entmaterialisierung, die trans-

,,fensterhaft“ ,,schleierhaft“ felix s das Licht nach draußen verdüstert der Blick nach innen getrübt quadratisch die geteilte Fläche gegliedert ins Mehrfache gefügt zum Raster -da scheint Zweifel durch Müdigkeit liegt hinterm Strich Trauer in Grautönen tranchierte Lust eines Sommers gelöschte Freude im Geviert die Suche nach Heiterkeit skandaliert wo Hoffnung trüge, dräut düstere Gegenwart ,,phrasenhaft“ die Helle heraus gedämpft die Sicht einwärts getrübt das Quadrat permutiert im Raster gerafft sachter Zweifel rührt von Tag zu Tag das Blatt kaskadisch aus grauer Pracht glimmende Freude Heiteres zur Ecke gedrängt hoffend im freien Spiel mit Würde felix s ,,endlich“ für meinen Bruder Gerhard t 1944, für meinen Freund Walter Baur t 1942, für alle Opfer des deutschen Faschismus. 265 zendente Uteformung? Aber ich muß hier sehr wohl dem Gremliza recht geben: Eh man zu sol­ cher Steigerung durchdringt, muß man diese Phase bestanden und sehr wohl ausgetreten haben. Kürzlich schaute eine Frau eine Zeichnung an. Zu meiner Verwunderung konnte sie diese nicht ,lesen‘. Die Aufaahmefähigkeit in bezug auf Kunstwerke ist also sehr wohl vom Intellekt ab­ hängig und es darf einen daher nicht stören, wenn die Allgemeinheit mit abstrakten Bildern nichts anzufangen weij?. Der Menge wird das Bild an sich immer ein Rätsel bleiben. “ (Zitiert nach: Fluom – Dorfzeit, 1947-1948, Seite 60/) Bei allem könnte über Schlenkers Leben und Werk ein Satz des französischen Aphori­ stikers Paul Valery stehen: ,,Mon systeme, c’est moi.“ Joachim Siegel

,,Was ich möchte: Transparenz und Dichte.“ Ein Künstler aus Schwenningen Anmerkungen zur Bildwelt von Harald Kille Gruppenbilder! In seinem künstlerischen Schaffen hat sich Harald Kille in den letzten Jahren einem Genre zugewandt, das seit jeher in der Bildenden Kunst unterschied­ liche Darstellungsweisen erfahren hat. Ob in den Wandmalereien der ägyptischen Grab­ bilder in den Totenkammern der Mächtigen oder in den ersten Abendmahl-Darstellun­ gen in der Calixtus-Katakombe in Rom, ob bei der sogenannten „Nachtwache“ von Rembrandt oder dem gemeinsamen fotoge­ nen Auftritt neugewählter Regierungen oder siegreicher Fußballmannschaften, immer sind es Bilder von Menschen, die eine An­ sammlung von Individuen zeigen, mit glei­ chem Ziel, Interesse oder doch zumindest einer sie alle verbindenden Idee. Dabei be- gründet sich die Darstellungsabsicht sowohl in sakralen Handlungen, in rituellen Umset­ zungen theosophischer Vorstellungen oder aber in der Wiedergabe repräsentativer Figu­ ren als Mandatsträger in einem Gemeinwe­ sen beziehungsweise in einer bloßen bildhaf­ ten Erinnerung und Dokumentation eines gewesenen Jetzt. Harald Kille -er wurde 1958 in Schwen­ ningen am Neckar geboren; an der Akade­ mie der Bildenden Künste in Karlsruhe stu­ dierte er ab 1978 bei den Professoren Max G. Kaminski und, ab 1982 als Meisterschüler, bei Hiromi Akiyama; 1986/1987 wurde er mit dem Graduiertenförderungsstipendium des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet und erhielt 1987 ein DAAD-Stipendium für 266 Abbildung 1: ,,Ananas“, Öl und Acryl auf Lein­ wand, 86x86cm, 1988

Abbildung 2: „Weltgesicht III (Edzard Reuter)‘: Öl auf Leinwand, 110 x 110 cm, 1990 Unten: Abbildung 3: ,,Kunst an der Plakatwand‘: Karlsruhe-Neureut, 1994 Griechenland – greift die Gattung des Grup­ penbildes auf, macht sie zur Grundlage sei­ nes Gestaltungswollens. In seinen früheren Bildern wählte er als Motiv Gegenstände des Alltags, Gläser, Flaschen, Obst oder anderes, die er isoliert und überdimensional vor pla­ nem Malgrund mit kräftiger Farbe zum Thema seiner malerischen Fragestellung machte (Abbildung 1). Diesen Arbeiten folg­ ten Bilderserien, in denen er den Physiogno- 267

Abbildung 4: ,,Fünf weibliche Figuren‘: Acryl Pigment auf Holz, 260 x 360 cm, 1994 mien deutscher Wirtschaftsbosse wie Edzard Reuter, Walter Dürr und anderen Persönlich­ keiten des öffentlichen Lebens nachspürte (Abbildung 2). Die malerische Umsetzung des gegenständlichen Motivs in diesen Ar­ beiten veränderte sich vom pastosen Auftrag mit leuchtenden, grellen Farben zu Bildern, bei denen die Gesichter der Porträtierten sich erst aus der Verdichtung verschiedenartiger Pinselstriche im Auge des Betrachters bilde­ ten. Harald Killes heutige Bildthemen sind Frauenbildnisse, die er im Aquarell oder als großformatige Ölbilder ausführt. Im Vor­ dergrund seines Arbeitens stehen dabei weniger physiognomische Details der Figu­ ren, sondern eher Haltung und Verdichtung der Figurengruppen sowie die malerische Transparenz mittels gestischem Farbauftrag und nachvollziehbarer Ordnung im Bild­ raum. 268 1994 wurde Harald Kille aufgefordert, für die Ausstellungsreihe „Kunst an der Plakat­ wand“, bei der seit einigen Jahren im Karlsru­ her Stadtteil Neureut in unmittelbarer Nach­ barschaft zu einer kommerziellen Werbe­ Plakat-Wand, im Freien, zeitgenössische Kunst gezeigt wird, eine Arbeit zu schaffen. Aufgebaut und ausgestellt – in Konkurrenz für mehrere Wochen zu einer McDonalds­ Frühstücks-Werbung, der dann das feinste ,,Mineralwasser aus dem Schwarzwald“ folgte (Abbildung 3) – wurde das Bild „Fünf weibliche Figuren“ 1994 (Abbildung 4). Es trotzte an diesem Ort über mehrere Wochen Wind und Wetter und behauptete sich mühelos gegenüber der millionenfach ver­ breiteten Produktwerbung. Das großformatige Tafelbild zeigt fünf spärlich bekleidete Frauen, die in Frontal­ sicht, dicht zusammengedrängt, in 4/5- Größe das Bild ausfüllen. Ihre Haltung ist

posenhaft, geradezu starr und nur die jewei­ lige Neigung des Kopfes deutet geringfügige Bewegung an. Neben der unterschiedlichen malerischen Behandlung der einzelnen Kör­ per sind die Köpfe der Figuren betont und beleben die marionettenhaft wirkenden Per­ sonen. In differenzierten Rottönen, verhal­ tenem Blau und nur spärlich verwendetem, mattem Weiß ist der gestische Farbauftrag als malerisches Herantasten an die Dargestell­ ten zu verstehen. Die aufrechte Haltung der Figuren betont die Vertikale; ein gleichseiti- ges Dreieck, das die mittlere Figur umfängt, löst ein eingeschriebenes Parallelogramm im Kompositionsschema spannungsvoll auf Als Vorlage dienten dem Künstler Werbe­ fotos für Dessous, Bilder somit, bei denen nicht die Menschen, sondern die Produkte, die sie tragen, im Vordergrund stehen. Vom Fotografen in Szene gesetzt hatten die Auf­ nahmen einzig das Ziel, Kaufinteresse beim Betrachter für die präsentierten Waren zu wecken. Zwar entsprechen die ausgewählten Models alle einem heutigen Schönheits- Abbildung 5: »Drei weibliche Figuren‘: Acryl Pigment auf Leinwand, 140 x 140 cm, 1994 269

Abbildung 6: ,,Drei weibliche Figuren‘: Acryl Pigm.ent auf Leinwand, 140 x 140 cm, 1994 ideal, sind jung, schlank und sportlich, doch eben auch damit anonym, austauschbar und beliebig. In ihrer Künstlichkeit werden sie selbst zur Ware, ihr Idealkörper, oder was uns die Werbeindustrie dafür halten läßt, wird zum verfügbaren Produkt einer (projizier­ ten) männlichen Phantasie. Den im Werbeprospekt mit einem Hauch von Erotik und Exotik wiedergegebenen Körpern der Frauen stellt Harald Kille seine mit heftigen Pinselstrichen, mit Übermalun- gen und Korrekturen herausgearbeiteten Bil­ der von Frauen gegenüber. Im steten Ringen um die gültige Form gilt sein Anliegen der „Transparenz und Dichte“, wie er einmal im Gespräch sagte. Transparenz des maleri­ schen Standpunktes heißt hier, daß die Malerei als Prozeß nachvollziehbar wird bei gleichzeitiger Dichte in der sensiblen Behandlung des motivischen Sujets. Der Anonymität und Austauschbarkeit der weiblichen Models in der Vorlage setzt 270

Abbildung 7: ,,Fünf weibliche Figuren·: Öl auf Leinwand, 125 x 190 cm, 1994 Abbildung 8: ,,Fünf weibliche Figuren·: Öl auf Leinwand, 125 x 190 cm, 1994 271

Harald Kille in seinen Bildern ein Ensemble von weiblichen Körpern gegenüber, die sich in ihrer malerischen Ausarbeitung indivi­ duell unterscheiden. Die Figuren bestehen so, jede für sich, als selbständiges Motiv, als eigenständige Figur im Bild. Der Beliebigkeit wird das Bestimmte, dem Anonymen das Be­ nannte gegenüber gestellt. Harald Kille verweist in seinem maleri­ schen Werk auch auf die Gefahren, die im schnellen Konsum von Bildern liegen kön­ nen. Den vordergründigen Lockungen der Werbebilder setzt er differenzierte und kom­ primierte malerische Bildlösungen gegen­ über. Seine Bilder sind in ihrem Entste­ hungsprozeß nachvollziehbar und in ihrer Unverwechselbarkeit und Offenheit können sie im Betrachter Neugierde und eine Lust zum Sehen evozieren. Wendelin Renn Holzbildhauer Otmar Mayer aus Hüfingen Der im Jahre 1931 geborene Otmar Mayer aus Hüfingen ist Holzbildhauermeister. Im Bayerischen würde man ihn möglicherweise „Herrgottsschnitzer“ nennen, doch diese Berufsbezeichnung träfe auf den Meister aus Hüfingen nur teilweise zu. In seiner Werk- statt, in der es heimelig ist und nach Holz riecht, findet sich in trautem Verein „Heili­ ges“ und „Profanes“, Kreuze, Krippen- und Madonnenfiguren, aber auch Fastnachts­ masken in reicher Auswahl. Skulpturen, eigene Entwürfe oder nach Vorlagen, als Links Hexen und Hansele- rechts „Ecco homo “ – Profanes und Sakrales- in Otmar Mayers Werkstatt findet sich beides in trauter Gemeinsamkeit. 272

der gleichzeitig sein Hobby ist, nicht mehr vorstellen, und der Gedanke, daß eine an­ dere berufliche Orientierung ihm mehr zu­ gesagt hätte, ist ihm nie gekommen. Die Aus­ bildung bei seinem Meister bestätigte May­ ers Talent. Auch nach der Gesellenprüfung, die er 1949 ablegte, blieb er für weitere zwei Jahre bei seinem Lehrherrn, wollte sich dann jedoch einmal „draußen“ umschauen. Dabei stand ihm das bayerische Ober­ ammergau als lohnendes Ziel vor Augen. Per Fahrrad und mit seinem Werkzeug im Ge­ päck erreichte er die Heimat der „Herrgotts­ schnitzer“, wo er zwar Arbeit hätte bekom­ men können, nicht jedoch eine Unterkunft. Ernüchtert kehrte er in den Schwarzwald zurück, und Karl Rieber freute sich, Otmar Mayer wieder in seine Dienste nehmen zu können. Insgesamt sechs Jahre pendelte er von Hüfingen nach Furtwangen, ehe er 1955 Otmar Mayer mit einigen seiner zahlreichen Kreationen närrischer Masken. 273 Die Figur des heiligen Laurentius entsteht. Gast-oder Ehrengeschenke gedacht, tragen des Meisters eigene unverwechselbare Hand­ schrift, sind seine „Kinder“, die er jeweils mit einem lachenden und einem weinenden Auge aus seiner Werkstatt scheiden sieht. Im Laufe von fast 40 Jahren hat er sich einen Namen gemacht, weit über die Region hinaus. Und dabei hatte er es sich als Junge nicht träumen lassen, jemals kunsthand­ werklich tätig zu sein. Er hatte nach Beendi­ gung seiner Schulzeit bereits eine solide Lehrstelle als Schreiner in Aussicht, als sein früherer Lehrer Otto Heizmann ihm riet, es doch mit der Bildhauerei zu versuchen, da er in dem jungen Hüfinger ein förderungswür­ diges Talent vermutete. Und Otto Heiz­ mann hatte auch schon eine Lehrstelle parat bei dem Furtwanger Holzbildhauer Karl Rie­ ber, bei dem Otmar Mayer dann auch seine Ausbildung erhielt. Heute, im nachhinein, könnte er sich ein Leben ohne diesen Beruf,

vor der Handwerkskammer Freiburg seine Meisterprüfung ablegte. Für ihn bedeuteten Meisterehren aller­ dings nicht, auf Lorbeeren auszuruhen. In den verschiedensten Seminaren bildete er sich weiter. Sein Bedürfnis nach immer neuen Eindrücken und dem Kennenlernen von Menschen befriedigte er auf weiten Rei­ sen, und immer wieder entdeckte er Neues, was sich in seinen Arbeiten niederschlug. Darüber hinaus belegte er Kurse an der Frei­ burger Volkshochschule und bildete sich im Figurenzeichnen und in Kunstgeschichte weiter. In seiner 1956 gegründeten Werkstätte brennt speziell vor Beginn der närrischen Zeit das Licht oft bis in den frühen Morgen, denn Jahr für Jahr schnitzt der Meister höl­ zerne Fastnachtsmasken. Eine Vielzahl von ihnen hat er für ganze Gruppen selbst ent­ worfen oder nach vorgegebenen Modellen angefertigt. Etwa 65 Zünfte stattete er mit ,,Gesichtern“ aus, und rund 100 unterschied­ liche Masken konnte er bisher an seine Auf­ traggeber liefern. Ungebrochen ist in den einzelnen Orten der näheren und weiteren Umgebung das Bestreben, eine eigene, unverwechselbare Larve für ihre Gruppe zu erhalten. Insbesondere Hexenmasken sind gefragt, wobei der Meister oft beratend zur Seite stehen muß: Es reicht eben nicht, daß eine Maske besonders „ wüscht“ ist, wenn der spezielle Ausdruck fehlt oder die Ähnlich­ keit zu anderen Gruppen gar zu augenfällig wäre. Otmar Mayer wird regelmäßig zur Fasnet selbst vom närrischen Bazillus befallen. Wenn der Narrenmarsch erklingt, hält ihn nichts mehr in seiner Werkstatt. Er schlüpft ins „Häs“ des von ihm entworfenen „Berche­ appeli“, jener verschmitzt lächelnden Hüfin­ ger Sagengestalt, die mit allerlei Schabernack die närrische Szene belebt. Zu Mayers größeren Arbeiten zählen das Hüfinger Kriegerehrenmal sowie die Ehren­ male von Pfohren und Kluftern. Eine der jüngsten größeren Auftragsarbeiten war eine fast lebensgroße Figur des heiligen Lauren- 274 tius für die Pfarrkirche in Tengen. Hinzu kamen Weihnachtskrippen für Kirchen, Ma­ donnen und Kreuzwege. Der Meister schuf auch eine Kopie der Johannesstatue aus der Klosterkirche in Birnau, die in der Pfarrkir­ che von Oppenau steht. Nicht selten kopiert er auch wertvolle Figuren, die anstelle der Originale in Kirchen aufgestellt werden, um diese vor Kunstdieben zu schützen. Eine reizvolle Aufgabe war für Otmar Mayer auch Entwurf und Ausführung eines Wachs­ modells für die 1991 gegossene Hüfinger Frie­ densglocke. Einige Male hat Otmar Mayer auch in Stein gearbeitet. Er schuf Brunnenfiguren für Unadingen und Behla. Doch sein liebstes Material blieb das Holz. Derzeit arbeitet er an einem Grabmal, das er für den Auftragge­ ber entwarf. Viel Feingefühl gehört mit dem Kunstverständnis und dem handwerklichen Können zu einer solchen Aufgabe, die Ot­ mar Mayer als sehr anspruchsvoll und auch dankbar empfindet. Zwei der sechs Söhne Mayers sind beruf­ lich in des Vaters Fußstapfen getreten, Ger­ hard und Michael. Letzterer hat sich inzwi­ schen mit einer eigenen Werkstatt in Hüfin­ gen etabliert, wo er des Vaters Nachfolge antreten wird. Seine aus Fürstenberg stammende Ehe­ frau Luise ist Otmar Mayer stets eine unent­ behrliche Stütze gewesen. Ohne sie, so versi­ chert er, wäre er beruflich nicht so weit gekommen, und insbesondere in dem ange­ schlossenen Foto-, Buch- und Kunstgewer­ begeschäft ist ihre Mitarbeit unverzichtbar. Sie hat auch immer viel Verständnis für die sporadisch auftretende Reiselust ihres Mannes bewiesen, und wenn sie auf dessen Werkbank eine Landkarte entdeckte, so wußte sie, daß es ihn wieder einmal fortzog. Nie hat sie versucht, ihn zurückzuhalten, im Gegenteil, sie redete ihm zu, weil sie wußte, daß er neue Eindrücke brauchte. Ansonsten möchte Otmar Mayer, der in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Ehrenämter bekleidete, etwas kürzer treten und das schnitzen, was ihm selbst Spaß und

Villinger Krippen und Krippenkünstler Freude macht, ohne zeitlichen Druck und ohne festes Datum für die Fertigstellung. Neben dem Vorsitz des katholischen Kir­ chenchores, dem er sich eng verbunden Die Kultur des christlichen Abendlandes kennt eine große Zahl von Darstellungen, die sich um das Geschehen im „Stall von Bethlehem“ und die an dieses Geschehen sich knüpfenden Vorkommnisse drehen. In der Stadt Villingen, die vom 13. bis zum 18. Jahrhundert zu den bedeutenden deut­ schen Städten zählte, kann man an den Kul­ turerzeugnissen die Strahlkraft wie Anzie­ hungskraft heute noch erkennen. Wir wis­ sen, daß etwa zur Zeit des Ausbaues des Münsterchors (Fertigstellung 1282) Heinrich und Agnes von Fürstenberg der Münster­ pfarrei ein großes Kunstwerk, den Fürsten­ bergkelch, vermacht haben. Zur selben Zeit scheint sich die Bürgerschaft der Stadt zu­ sammengetan und der Münsterpfarrei ein bedeutendes Kunstwerk geschenkt zu haben: das „Scheibenkreuz“. Die Vorderseite zeigt vom Jahre 1268 eine Krippenszene, eine Ver- fühlt, bleibt ihm dann noch Zeit für seine zahlreichen Hobbies, zu denen auch Filmen und Fotografieren zählen. Käthe Fritschi kündigung und die Szene der Taufe im Jor­ dan. Aus der ersten Urkunde des Kreuzes wissen wir, daß der „Priester Ulrich, Rektor der Kirche zu Schabenhausen und Kunrad Stehelin, Bürger zu Villingen, dieses Werk im Auftrag der Villinger Bürger gekauft haben von dem Meister Johannes, Gold­ schmied in Freiburg, im Jahre des Herrn 1268, am Tag des heiligen Valentin, in Ge­ genwart des Priesters Ulrich, des Bürgers Konrad und des Ulrich Rinkoph, Ritter zu Freiburg sowie des Albert, Leutpriester zu Feldkirch, des Spoerlin und des Bugenruiti“. Versucht man, für die alte Stadt Villingen das Weihnachtsgeschehen in den von hier ausgehenden und hier entstandenen künst­ lerischen Darstellungen zu erfassen, so muß man zwischen Weihnachtsdarstellungen und Krippendarstellungen unterscheiden. Die Weihnachtsdarstellungen beginnen 275

mit dem Scheibenkreuz, die zeitlich unmit­ telbar übergehen in Freskomalereien. Drei­ Königs-Darstellungen werden Ende des 15. Jahrhunderts und vor allem im 16. Jahr­ hundert aufgegriffen durch Stickereien, die besonders für das hiesige Franziskanerinnen­ (Bicken-)Kloster nachzuweisen sind, sodann in auch heute noch zahlreich erhaltenen Tafelmalereien des Villinger Malers Anton Berin (1570-1623). Bereits für diese Zeit des 16.Jahrhunderts, vor allem in der Person des Hafuerkünstlers Hans Kraut, darf man den Beginn der FigurenhersteUung aus Ton in Villingen annehmen. Das Ursulinenkloster bewahrt eine größere Anzahl von schönen und auch bekleideten Figuren, deren älteste dem Renaissance-Stil zuzuweisen sind. Im Museum ist außerdem eine spätgotisch zu interpretierende künstlerisch hochstehende Darstellung der Krippenszene, in Speckstein geschnitzt und farbig gefaßt, vorhanden. Weitere Krippenfiguren-Darstellungen be­ finden sich im Museum, die der Zeit des Manierismus in einigen Figuren, d. h. etwa 1640, zuzuordnen sind, sodann der Barock­ zeit bis um 1800. Mit dem „Berglehafuer“ JosefWalser be­ ginnt dann die breite Bewegung in Villingen, die im Schwerpunkt bis 1840/45 anhält und bis Anfang des 20. Jahrhunderts in einigen Teilen fortgeführt wird, nämlich die Herstel­ lung von Tonfiguren, farbig bemalt und gla­ siert zum Weihnachtsthema. Dieses Thema ist weit gespannt über volkstümliche Darstel­ lungen von der Geburts-und Dreikönigs­ szene bis zur Taufe Jesu im Jordan. Über die Herstellung der Tonfiguren selbst lassen wir den ehemaligen Villinger Hafnermeister und späteren Professor Karl Kornhaas, der an der Gewerbeschule in Karlsruhe gelehrt hat, sprechen (veröffent­ licht 1926 im Jahrbuch der Badischen Hei­ mat/Ekkehart): „Der bildsame, eisenschüssige Ton, der im Gebiet der Stadt zutage tritt oder gegraben wird, war der Werkstoff. Wegen seiner Weich­ heit waren Arme und Beine nicht selbsttra­ gend, und so mußte der Ton um ein Draht- 276 gerüst geformt werden, was große technische Fertigkeit und Erfahrung voraussetzte. Um ungehindert modellieren und später malen zu können, setzte man die Figürchen mit den gebohrten Löchern aufHolzstäbchen, nahm diese in die linke Hand, während mit der rechten modelliert und gemalt wurde. Die Figürchen wurden in Brennöfen, aber auch im Topf über dem Herdfeuer gebrannt, was zur Folge hatte, daß fast alle keramischen Härtegrade vom porösen, weichen bis zum harten gesinterten zu finden sind. Es sind so­ gar Figürchen darunter, die kein Feuer gese­ hen haben und wie die Ziegelsteine im alten Babylon an der Sonne getrocknet wurden. Das alles deckte dann die schützende und er­ haltende Decke der Öl-und Lackfarben zu, die durch Übung und künstlerisches Emp­ finden diese Malerei zu vorteilhaftester Wir­ kung steigern konnte.“ Am stärksten vertreten unter den „Ton­ künstlern“ ist die Familie Ummenhofer: Zunächst der Vater Xaver Ummenhofer, 1774-1843, Leinenweber, Mesner und Land­ wirt, dessen Figuren, z.B. der Hochzeit von Kanaa (die auch zum Weihnachtsthema zählt, wie der Opfertod des HI. Stephan, die Flucht nach Ägypten, der Kindermord, die Beschneidung und der 12jährige Jesus im Tempel), Villinger Tracht zeigen oder dessen „Zahnzieher“ fein beobachtenden Humor beweist. Erhalten sind von ihm ferner Schafe, Ziegenbock, Reh, Hirsch und Hase. Sein Sohn Dominikus, 1805-1856, Uhr­ macher und später Kirchenvogt, mit dem Übernamen „Guller“, dessen Ölportrait uns erhalten ist, hat die größte Bedeutung und große biblische Gruppenplastiken mit Ton­ plattenhintergrund geschaffen. Er hat wohl weitaus am meisten produziert, was aber immer noch nicht rechtfertigt, alle übrigen Krippenwerke der Stadt rundweg „Gullerfi­ guren oder -krippen“ zu nennen, wie es in Villingen geschieht. Der zweite Sohn des Xaver, Michael Um­ menhofer, 1816-1852, war ebenfaUs Künstler und sehr begabt, wie die erhaltene offene Krippe oder die originelle „Flucht nach

Ägypten“ zeigen, auf die man am ehesten die oft gehörte Formel „tief empfunden“ anwen­ den darf. Der früh verstorbene Sohn Fridolin Um­ menhofer, 1831-1856, Maler, hatte zu großer künstlerischer Hoffnung Anlaß gegeben, wie sein erhaltener HI.Josef und das 70 cm hohe Kruzifix beweisen. In chronologischer Reihe folgte dann Johann Baptist Binder, 1800-1882, Weber­ meister und Kaufhausverwalter, der – seines schwächeren plastischen Könnens sich bewußt – seine Figuren mit reichem Farb­ schmuck, Gold und Silber geziert, was durch seine hermelinbesetzten Figuren erkennbar ist. Ein Bildnis Binders und seiner Frau ent­ stammt der Freundschaft mit dem hiesigen Hofmaler Wilhelm Dürr. Auch der Kamm­ macher Fidel Singer, alias „Butterfidele“, geb. 1813, gehört zu den schwächeren Kleinplasti­ kem. Neben der Familie Ummenhofer traten die beiden Göth auf:JosefGöth, 1805-1883, Schreiner und Stiftungsverwalter, von dem es in der Stadt noch zwei gut erhaltene Kastengrippen gibt, davon eine vielleicht später übermalte Figuren aufweist. Hier sei erwähnt, daß es unter den Villinger Krippen außer solchen Kastengrippen auch offene Krippen und Krippen unter kugeligem Glas gibt. Mit seinem Sohn Theodor Göth, 1833- 1879, tritt uns ein Künstler entgegen, der nicht in den Kreis der Villinger Laienkünst­ ler paßt. Er studierte als Bildhauer bei Prof Halbig in München. In seine Vaterstadt zu­ rückgekehrt, betätigte er sich als Lehrer im Zeichnen und Modellieren und fertigte Modelle für Uhrenschilder bis zu Glocken und deren Dekorationen. Aber der �t der Neuromantik paßte den Villingem nicht, so daß Theodor Göth einem Ruf an das Gym­ nasium in Straßburg folgte. Seine im Mu- Heilige Drei Könige, ,,Berglehafner“ josef Walser, Villingen, 1781-1845, in Ton modelliert, Glasur­ farbenfassung. 277

seum der Stadt erhaltene Krippe mit dem dekorativen Holzrand zeigt die grazile Aus­ arbeitung und gründliche Schulung. Zu den Familien, die dem Beruf nach z. T. künstlerisch tätig waren, gehören die Säger (Albert Säger ist bei den alten Villingern noch ein Begriff) und Ackermann, deren be­ kanntester Vertreter unter dem Beinamen Ölmüller bekannt ist. Einern A. Ackermann wird auch eine im Museum erhaltene Ka­ stenkrippe zugeschrieben, die mit bemalten Papierfiguren besetzt ist. Dem großen Zyklus von Papierkrippenfiguren, der im Museum erhalten ist und dynamisch bewegten Barock­ stil in Schnitt und Malweise zeigt, müßte eine eigene Darstellung gewidmet werden. Diese Art scheint ein Hinweis darauf zu sein, daß die Villinger Krippenkünstler nicht ganz ohne Kenntnis davon geblieben sind, was auf dem Gebiet der Krippenherstellung seit dem 16. Jahrhundert – Hauptort war wohl Neapel -alles geschaffen wurde. Erst später hielten die Prachtkrippen des Adels auch in die Bürgerhäuser Einzug. Dr. Josef Fuchs Töpfermarkt und Keramikwochen Hüfingen Alljährlich ein Ort künstlerischen Austausches Seit 1992 lockt der H üfinger Sennhofplatz jeweils im Herbst zum internationalen Stell­ dichein der Töpfer. Die bunten, reichbe­ stückten Ausstellungsstände beleben damit alljährlich am zweiten Septemberwochen­ ende die Hüfinger Altstadt. Eine Vielfalt getöpferter Ware-vom schlichten Gefäß für den Alltagsgebrauch bis hin zum kunstvoll geschaffenen Einzelstück – wetteifert hier um die Gunst des Publikums. Der bis heute mittelalterlich geprägte Sennhofplatz, dessen Idylle trotz Stadtsanie­ rung erhalten blieb, bietet für das herbstliche Fest der „tönernen Handwerkskunst“ einen besonders reizvollen Rahmen. Auch die Be­ sucher der Region, Keramiksammler und Galeristen aus ganz Baden-Württemberg, aus der Schweiz und Frankreich haben Hüfingen als attraktiven Anziehungspunkt zum Thema „Keramik“ längst entdeckt. Mit nur rund 40 Teilnehmern ist der Hüfinger Töpfermarkt bewußt „überschaubar“ gehal­ ten. Zu Gunsten der O!ialität und seiner Atmosphäre soll er auch in Zukunft nicht zur „Großveranstaltung“ entwickelt werden. Nicht selten werden hier auch Kontakte für Galerieausstellungen in anderen Orten ge­ knüpft. 278 Doch der „Publikumsmagnet“ Töpfer­ markt mit dem Titel „Töpfern: Hand-Werk und Kunst“ ist nur ein Bestandteil der Ge­ samtveranstaltung „Internationale Keramik­ wochen Hüfingen“. Ebenso vielbeachtete „Highlights“ bilden vor allem Ausstellungen im Stadtmuseum, in der Rathausgalerie und im Rathausfoyer. Dabei werden seit 1992 international renommierte Keramiker vorge­ stellt, deren Werk einen Beitrag zur zeitge­ nössischen, europäischen Keramik darstellt. Das Konzept dieser Präsentationen befaßt sich inhaltlich mit den Themen „Gefäß – Skulptur – Objekt“. Die Stadt Hüfingen als Gesamtveranstal­ ter der „Internationalen Keramikwochen Hüfingen“ verbindet neben der Fortführung einer publikumswirksamen Veranstaltung auch noch weitere Ziele: Sie gelten der För­ derung der Keramiker. So soll die herbstliche Veranstaltung auch als Forum verstanden werden. Ein Keramik-Forum, auf dem sich die überwiegend jüngere Generation jener Töpfer darstellen kann, die nach zeitgemä­ ßen Kriterien arbeitet, dabei die klassische Linie des traditionell handgeformten Gefä­ ßes achtet und sich mit hohem Anspruch ihrer Handwerkstradition verpflichtet sieht.

Ebenso wendet sich dieses Forum an Kera­ miker, die das Werkmaterial“ Ton“ zur künst­ lerischen Auseinandersetzung reizt. Handwerk, Kunst und Kultur haben in Hüfingen seit langem Bestand und Tradi­ tion. Gleichwohl man sich in diesem Zusam­ menhang an den Hüfinger Künstler Franz Xaver Reich (1815-1881) erinnert, der in Hüfingen 104 Terrakotta-Medaillons für das Hoftheater Karlsruhe schuf (vgl. Almanach 83, Seiten 209-211), kann man in der Breg­ stadt auf keine nachhaltige Tradition der Töpferzunft zurückgreifen. Vor fünf Jahren (1992) startete dennoch mit nur 18 handver­ lesenen Töpfermarktteilnehmern sowie ei­ ner Ausstellung im Stadtmuseum mit sechs namhaften Schweizer Keramikern ein Pro­ jekt, das über das Stadium eines Experimen­ tes überraschend schnell hinausgewachsen war. Bereits nach einem Jahr hatten sich die Marktteilnehmer ebenso verdoppelt wie die Ausstellungen und Zusatzveranstaltungen. Damit, und mit einer enormen Besucher­ resonanz, war bereits im zweiten Jahr eine „gesunde Basis“ für Folgeveranstaltungen ge­ schaffen. 1994 expandierte das Projekt noch einmal: Zu den bestehenden Veranstaltungs­ komplexen bildet eine Künstlerperformance als „Open air“-Abend auf dem „Alten Fest­ platz“ seitdem einen festen, vielbesuchten Programmbestandteil. 1996 schließlich feiern die „Keramikwo­ chen Hüfingen“ nun ein halbes Jahrzehnt ihres Bestehens. Trotz dieser noch „jungen“ Veranstaltungsreihe gelten die Bemühungen dem Erhalt eines möglichst langen Fortbe­ standes der Gesamtveranstaltung. Und dies ist nicht zuletzt im Sinne der Töpfermarkt­ teilnehmer. Sie sind wie kaum eine andere Handwerkszunft unserer Zeit zum existenz­ erhaltenden Absatz ihrer handgefertigten Ware -die von dem Aufbereiten des Tones bis zum fertigen Stück einen aufwendigen Arbeitsprozeß erfordert -auf Töpfermärkte angewiesen. Andererseits bedarf auch das Kunstschaffen der Keramiker im Bereich der „zeitgenössischen Keramik“ steter Förde­ rung. Denn obwohl der „Fachbereich Kera- mik“ mit eigenen Lehrstühlen für Professo­ ren an den Universitätsfakultäten „Bildende Kunst“ seit vielen Jahrzehnten besteht und in aller Welt vielbeachtete Wettbewerbe auf hohem Niveau durchgeführt werden, fristet die oft mit hochdotierten Preisen ausge­ zeichnete Keramik als „Kunst“ bisher eher ein Schattendasein. Verständlicherweise standen 1991 in der Vorbereitungsphase die gezielt ausgesuchten Künstler der Stadt Hüfingen, einem in der „Keramikszene“ völlig unbekannten Ort, skeptisch gegenüber. Dieselbe Reaktion zeig­ ten auch die, die man „handverlesen“ als Töpfermarktteilnehmer für 1992 gewinnen konnte. Der qualifizierte Kreis von Mitbe­ werbern, sichtbare Konzeptions-und Orga­ nisationsstrukturen der Veranstaltung wirk­ ten dann doch überzeugend. Hüfingen, als „Veranstaltungsort in Sachen Keramik“, mußte sich also erst „bewähren“. Das damals geleistete Stück Aufbau-und Überzeugungs­ arbeit hat sich dem Ergebnis nach bis heute gelohnt. Dies bestätigen einmal mehr die Bewerbungsanfragen aus der gesamten Bun­ desrepublik und dem Ausland. Mit all diesen Aspekten stellt sich Hüfin­ gen als geeigneter Ort dar, alljährlich das Thema Keramik in einem repräsentativen Q!ierschnitt zu präsentieren. Die Resonanz der jährlich mehr als zehntausend Besucher erkennt damit wohl die „Keramikwochen“ und Hüfingen als einen Ort des lebhaften künstlerischen Austausches an, womit sich die Ziele des Veranstalters auf erfreuliche Weise erfüllen. Ingrid Rockrohr 281

Musik Johann Wenzel Kalliwoda Ein Fürstlich Fürstenbergischer Hofkapellmeister im 19.Jahrhundert Am 3. Dezember 1996 jährt sich zum ein­ hundertdreißigsten Mal der Todestag des Komponisten und Dirigenten Johann Wen­ zel Kalliwoda, der in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts über mehrere Jahrzehnte das Musikleben am Hofin Donaueschingen maßgeblich beeinflußte. Der Name Kalli­ woda ist heute nur wenigen Kennern der Musikgeschichte ein Begriff. Seine Werke spielen im Repertoire unserer großen Orche- 282

ster, Chöre und Kammermusikvereinigun­ gen nur eine bescheidene Rolle. Bereits in seinen letzten Lebensjahren geriet das Lebenswerk Kalliwodas in Vergessenheit. Daß er kein unbedeutender Kleinmeister war, sondern ein großes Talent als Kompo­ nist und Dirigent zu entfalten vermochte, bezeugen noch heute erhältliche Notenaus­ gaben, mehrere Schallplattenaufnahmen und Lexikonartikel über sein Leben und Werk. In diesem Beitrag soll sein Leben in knappen Strichen skizziert und seine musi­ kalische Bedeutung im Kontext der Musik­ geschichte des deutschen Südwestens gewür­ digt werden. Kalliwoda wurde am 21. Februar 1801 in Prag geboren. In seiner Geburtsstadt genoß er eine solide musikalische Ausbildung. Be­ reits als Zehnjähriger konnte er in das neuge­ gründete Prager Konservatorium aufgenom­ men werden. In der letzten Hälfte des 18. Jahrhunderts brachte Böhmen eine Reihe von hervorragenden Musikern hervor, die einen großen Einfluß auf das Musikleben an den deutschen Fürstenhöfen ausübten. Künstler böhmischer Abstammung wie Sta­ mitz, Benda, Danzi, Krommer u. a. gestalte­ ten maßgebend die damalige musikalische Landschaft. Auch Kalliwoda sollte später gleich anderen Künstlern seine Heimat Böh­ men verlassen, um sein Glück an einem fürstlichen Hof innerhalb des habsburgisch geprägten süddeutsch-österreichischen Kul­ turkreises zu suchen. In den Jahren 1814/15 tritt Kalliwoda in Prag bereits öffentlich auf. 1816 spielt er mit großem Erfolg sein Prüfungskonzert und erlangt die Aufmerksamkeit des berühmten Komponisten Carl Maria von Weber. Noch im selben Jahre tritt er in das Orchester des ständischen Theaters in Prag ein, in dem Weber die Operndirektion innehatte. Dort lernt er auch seine spätere Gattin, die Schau­ spielerin und von Weber im Klavierspiel unterrichtete Sängerin Therese Brunetti ken­ nen. 1821 gibt Kalliwoda sein erstes eigenes Konzert. Er bleibt bis zum Jahre 1822 Mit­ glied des Orchesters des ständischen Thea­ ters in Prag. Bald unternimmt er seine ersten Konzertreisen nach Linz, nach München und auch in die Stadt, die er vier Jahrzehnte lang musikalisch prägen sollte: Donau­ eschingen. Am Fürstenbergischen Hofe hatte sich zum Ende des 18. Jahrhunderts ein reges musikalisches Leben entwickelt. Am damali­ gen Hoftheater gelangten Werke berühmter Komponisten wie Mozart, Haydn und Dit­ tersdorf zur Aufführung. Die Auflösung der Reichsfürstentümer im Zuge der Mediatisie­ rung von 1803 bis 1806 unterbrach dieses 283

1– l_,1 /tfrJ.i:-. rege kulturelle Leben für mehrere Jahre. Nach der Übernahme der Regierung im Jahr 1817 beriefFürst Carl Egon II. aus Schaffhau­ sen den aus Meßkirch stammenden Musik­ direktor Konradin Kreutzer an die Spitze des Hoforchesters. Als Kalliwoda 1822 seine Reise nach Donaueschingen unternahm, war die Stelle des Hofkapellmeisters durch den Weggang von Kreutzer nach Wien ge­ rade vakant geworden. Eigentlich hatte Kalli­ woda nur die Absicht, seinen Bruder Franz zu besuchen, der im Verwaltungsdienst des kunstsinnigen Fürsten Carl Egon II. stand. Doch bald wurde er dem Fürsten vorgestellt und muß so großen Eindruck auf ihn ge­ macht haben, daß dieser ihm das Hofkapell­ meisteramt übertrug. Am 19.12.1822 tritt Kalliwoda sein neues Amt an. Er hat die Oper zu leiten, sich als Solist und Komponist in den Hofkonzerten zu betätigen, die Kirchenmusik zu betreuen und die fürstlichen Kinder musikalisch zu 284 unterrichten. Kurz zuvor schloß er die Ehe mit Therese Brunetti. Aus dieser Verbindung gingen acht Kinder hervor. In Zusammenar­ beit mit neuverpflichteten Künstlern, den musikalisch befähigten Kräften des Hofes und der fürstlichen Beamtenschaft entfaltet Kalliwoda nahezu 40 Jahre hindurch ein reges künstlerisches Leben. In Donaueschin­ gen gelangen unter seiner Leitung Mozarts „Don Giovanni“, ,,Titus“ und „Zauberflöte“, Cherubinis „Wasserträger“ sowie Orchester­ werke von Weber, Mendelssohn und ande­ ren zur Aufführung. Berühmte Pianisten der damaligen musikalischen Welt wie Robert und Clara Schumann, Franz Liszt und Sigis­ mund Thalberg treten in Donaueschingen auf. Mit Weber, den er schon in Prag kennen­ gelernt hatte, und Mendelssohn, der bei ihm eine Ouvertüre bestellte, bleibt er freund­ schaftlich verbunden. Mit leichter Feder schreibt er daneben eine Fülle von Komposi­ tionen für unterschiedlichste Gattungen

und Besetzungen. Die Großzügigkeit des Fürsten gestattet ihm die Durchführung vie­ ler Konzertreisen. Sein Auftreten als Kapell­ meister und Violinvirtuose ist in vielen zeit­ genössischen Berichten überliefert. Deshalb verwundert es nicht, daß Kalliwoda mehr­ mals Angebote erhält, hoch angesehene mu­ sikalische Positionen zu übernehmen, so in Mannheim, Leipzig oder Prag. Diese schlägt er jedoch zugunsten Donaueschingens regel­ mäßig aus. Das beharrliche Festhalten an sei­ ner musikalischen Position in Donaueschin­ gen abseits von den Großstädten kennzeich­ net seine konservative Wesensart, die es ihm letztlich unmöglich machte, die große musi­ kalische Karriere zu wagen. Seine Tätigkeit in Donaueschingen wird jäh im Revolutionsjahr 1848 unterbrochen. Mit Erlaubnis des Fürsten verweilt er für ei­ nige Zeit in Karlsruhe, wo er sich ausschließ­ lich der Komposition widmet. Nach dem Brand des Hoftheaters 1850 kehrt Kalliwoda nach Donaueschingen zurück, wo es ihm jedoch nicht in gleicher Weise gelingt, an die früheren großen Leistungen anzuknüpfen. Die Aufgabe, das Orchester und den Kon­ zertbetrieb wieder aufzubauen, glückt nicht mehr; die Glanzzeit war vorüber. Ein letztes Mal kommt Kalliwoda 1858 nach Prag zurück Im Frühjahr 1866 wird er von seinen Dienst­ pflichten entbunden und nimmt seinen Auf­ enthalt in Karlsruhe, wo er nach längerer Krankheit am 3. Dezember 1866 verstirbt. Seinem Sohn Wilhelm Kalliwoda vererbte er das musikalische Talent, das dieser als Kon­ zertpianist, Dirigent und Komponist bis in das letzte Jahrzehnt des 19.Jahrhunderts im Karlsruher Musikleben zur Geltung brachte. Im Schloßpark von Donaueschingen ließ der Fürst Johann Wenzel Kalliwoda ein Denkmal errichten; noch heute erinnert eine Straße in Donaueschingen an dessen Wirken. Jnnerc Ansicht [von aerreclrten La�e aus] das frühem Fiil’stt.c Hoftheaters fa Ilonaueschin§en im Jahre 1$43- 285

–5üdwe�oohsiciit d���e.afu • sene[l füitba1m jn IJonauasc1tiuqen vor d.J. 1843. aagelmmnt dm 1:Jlir l113t1n 2 01tlidtt•t nnsterj,hörtm 3ur §eschlos,enen fÜrsllic w1. �1!b�hn,. =) 2t.April .185a. 286

Kalliwodas kompositorisches Schaffen er­ streckte sich auf nahezu alle damals gepfleg­ ten Gattungen und Besetzungsformen. Sei­ ne Kompositionen nahmen von 1825 bis etwa zur Mitte des 19.Jahrhunderts im Reper­ toire der deutschen Theater, Orchester und Chöre einen beachtlichen Platz ein, gerieten aber dann schnell in Vergessenheit. Musika­ lisch frühreif prägte er seinen musikalischen Stil in seinem dritten und vierten Lebens­ jahrzehnt aus, den er sodann nicht mehr wei­ terentwickelte. Mit seiner ersten Symphonie gelang ihm ein genialer Wurf, der zu großen Hoffnungen berechtigte. Er machte „vielsei­ tig, auf jedem Gebiete sicher, oft neu und ori­ ginell und doch einfach und natürlich, wie­ derholt den Eindruck eines Auserwählten“ (so Kretzschmars Konzertführer). Melodi­ sche Erfindungsgabe, gehaltvolle Thematik und solide Kontrapunktik machen die Stär­ ken seines Stiles aus. Wäre Kalliwoda nur ein unbedeutender Epigone Webers, Spohrs und Mendelssohns gewesen, hätte ihm Robert Schumann sicher nicht mehrere Beiträge in der von ihm begründeten „Neuen Musikzei­ tung“ gewidmet. Schumann lobt an Kalliwo­ das fünfter Symphonie „die in allen Sätzen herrschende Zartheit und Lieblichkeit und die vielen feinen und kunstreichen Züge, sowie die glänzende Instrumentation.“ An anderer Stelle vergleicht Schumann Kalliwo­ das Symphonien mit „Blitzen, die einmal an römischen und dann an griechischen Rui­ nen hingleiten.“ Im Formalen tadelt er je­ doch die übermäßigen Breiten in der Aus­ fuhrung und die Ungleichwertigkeit der ein­ zelnen Teile. Kalliwodas Ouvertüren zeigen anfangs noch Schwung und frische Natür­ lichkeit. Die späteren Werke lassen keinen musikalischen Fortschritt im Sinne einer Vertiefung oder Vergeistigung seines Stils erkennen. Aus heutiger Sicht kann man die meisten seiner späteren Werke der gehobe­ nen Unterhaltungsmusik zurechnen. Seine zeitgenössischen Kritiker halten ihm „routi­ nierte Vielschreiberei“ vor. ,,Schade um ein ursprünglich so schön angelegtes Talent“ ist schließlich in der Fachpresse zu lesen. Seinem persönlichen Wesen fehlte jeder extravagante und künstlerisch exaltierte Zug. Seine Werke zeichnen sich durch rhythmi­ schen Schwung, heitere Gelassenheit und apollinische Klarheit aus. Tiefe des Aus­ drucks oder dramatische Leidenschaft blie­ ben ihm fremd. Viele Seiten seiner Persön­ lichkeit lassen ihn eher als Hofbeamten erscheinen denn als freischaffenden Musi­ ker. Letztlich blieb seine Persönlichkeit ähn­ lich wie die Rossinis dem Ancien Regime des 18. Jahrhunderts zugetan und dem Bieder­ meier-Stil verhaftet. Auch musikalisch ge­ lang es ihm aufDa uer nicht, Anschluß an die bürgerlich geprägte Musikkultur der deut­ schen Hochromantik zu finden, die mehr am vorwärtsorientierten Wirken und Schaf­ fen von Brahms, Wagner und Liszt Anteil nahm.Kalliwoda ging es wie vielen Komponi­ sten, die in jungen Jahren zu großem Ruhm gelangt waren: In seinem letzten Lebensjahr­ zehnt mußte er zur Kenntnis nehmen, daß die musikalische Fachwelt sich für ihn nicht mehr interessierte. Möglicherweise trug die Abgeschiedenheit der kleinen Residenz Do­ naueschingen auch zur künstlerischen Isola­ tion des Komponisten bei. Seine Werke ver­ schwanden ab 1850 schnell von den Konzert­ programmen. Etwas länger hielten sich seine Kammermusik-und Chorwerke im Reper­ toire. Zu seinen besten Werken gehören sei­ ne erste und fünfte Symphonie sowie seine Messen für Chor und Instrumente, die zum größten Teil noch in Donaueschingen in der Hofbibliothek aufbewahrt werden. Eine be­ sondere Vorliebe muß Kalliwoda dem soli­ stischen Konzertieren von Blasinstrumenten entgegengebracht haben; auffallend viele Solokonzerte und Konzertstücke sind für Flöte, Oboe, Fagott und Horn geschrieben. Darüber hinaus schuf Kalliwoda eine Fülle von Liedern und Chormusik. Von diesen Werken blieb allein das „Deutsche Lied“ bis in die dreißiger Jahre bei Chorfesten leben­ dig. In der zeitlichen Distanz erscheint Kalli­ wodas Werk als letzter und bedeutender Bei-287

trag zum Stil der deutschen Frühromantik. Eine jedem Pathos abholde Schönheit und unaufdringliche Eleganz spricht aus den Werken, die sein Wirken überdauert haben. Daß das 20.Jahrhundert Kalliwodas künst­ lerische Bedeutung wohl gerechter als sei­ ne jüngeren Zeitgenossen einschätzt, wird durch die Tatsache belegt, daß mittlerweile eine ganze Reihe von Werken in Musikverla­ gen ediert bzw. neu aufgelegt wurden oder aufTonträgern erhältlich sind. Als Beispiele seien genannt: Introduktion und Variation für Klarinette und Klavier op. 128, Variatio­ nen und Rondo für Fagott und Orchester op. 57, Divertissement für zwei Hörner und Orchester, Introduktion und Rondo für Horn und Orchester op. 51 (alle bei Edition Eulenburg/Kunzelmann verlegt). Auf Schall­ platte/CD sind in den letzten Jahren die erste, fünfte und sechste Symphonie (Can­ dideNox bzw. Disco-Center/Centaur), das Concertino op. 110 F-Dur für Oboe und Orchester (Edition Capricio), Introduktion, Thema und Variationen op. 128 für Klari­ nette und Orchester (Edition Koch) sowie einige Kammermusikstücke erschienen. Besonders das Lied- und Chorschaffen sowie das Klavierwerk Kalliwodas harrt noch der Wiederentdeckung. Es wäre zu wün­ schen, daß eine Auswahl dieser Werke Kalli­ wodas der Öffentlichkeit in Aufführungen und Editionen bekannt gemacht würde. Willi Frank ,,MUSICA MECHANICA“ Ein neuer programmatischer Akzent der 40. Donaueschinger Musiktage 1994 Die gewerblichen Schulen in der Träger­ schaft des Landkreises wurden vom 14. bis 16. Oktober 1994 im Rahmen der Musiktage zur Pilgerstätte von Musikexperten, Tonkünst­ lern und Besuchern aus der ganzen Welt. Ein neuer Akzent im Programm der 40. Donaueschinger Musiktage war die „Musica mechanica“, die elfTonkünstler zur Vorfüh­ rung ihrer mechanischen Instrumente in die Werkstätten der Schule führte. Bei der Eröff­ nungsfeier freitagabends in der Aula der Gewerbeschule erklang einleitend und als Uraufführung die Etude pour Piano No. 14a COLOANA PARA SFARSIT. Von den zwei pianistenlosen Flügeln war bei den Uraufführungen und auch bei den Player-Piano-Workshops 1 und 2 am Samstag bzw. Sonntag „mechanische Musik“ zu hören. Da die Kompositionen technisch äußerst schwierig sind, kanh Genauigkeit, Schnellig­ keit und Brillanz auf den Flügeln nur durch Lochstreifen und Computersteuerung er­ reicht werden. Die rasenden Tonleitern und Klangfolgen 288 der kaum mehr als fünf Minuten dauernden Stücke voller Klangfülle waren für das mensch­ liche Ohr fast nicht mehr unterscheidbar. Darüberhinaus sprach die Komposition auch gewollt den Sehsinn als Hilfe und Un­ terstützung an. Man setzte das Klanggesche­ hen in Bilder um, wobei bewegte graphische Strukturen auf einer Leinwand zu sehen waren. Auf die Leinwand projiziert wurden dabei die Perforationslöcher des als Tonin­ formationsträger dienenden Papierstreifens. So wurde die jeweils innere musikalische Logik in Form von graphischen Stickmu­ stern sichtbar. Während mit Hilfe des Selbstspielklaviers und Notenrollen die . . . Möglichkeiten des Klangspektrums erforscht wurden, bildeten die ,,Musikmaschinen“ im Programm eine wei­ tere Neuerung. Diese hatten zum Ziel philo­ sophische Gedanken zum Phänomen der Zeit in Musik beziehungsweise in Töne umzusetzen (Helmut Weidhase, Südkurier). So wurden mechanische Musikinstrumente der Ausstel­ lung „Musica mechanica“ in Räumen der

� Ll.w„u J. ,t • • Loch-1„Stickmuster“, Programmheftauszug zu Hans Haass, Intermezzo Auszug aus dem Musiktageprogramm zur Eröffnungsfeier Gewerblichen Schulen von zwanzig Künst­ lern mit der Absicht vorgeführt, andere Kunstformen mit der Ton-Kunst zu verbinden. ,,Musique machinales“ (Gitarrenart mit Bau­ kastenelementen) Eröffnung der Ausstellung Musica mechanica Mechanische Musikinstrumente György Ligeti �TUDE POUR PIANO No. 14a „COLOANA FARA SFARSIT“ (1993) Übertragung von Francis Bowdery Uraufführung Dauer: ca. 2 Minuten Carlos Sandoval FAST PIECE für Player Piano (1991) Uraufführung Dauer: 6 Minuten Tom Johnson STUDY für Player Piano (1994) Uraufführung Dauer: 3.40 Minuten Hans Haass FUGE IN C für mechanisches Klavier (1926) Dauer: 4.30 Minuten INTERMEZZO für mechanisches Klavier (1927) Dauer: 4.40 Minuten Conlon Nancarrow STUDY No. 40 a, b (1988) für 2 Player Pianos Live-Uraufführung der Version für 2 Player Pianos Dauer: 8’40 Minuten Jürgen Hocker Player Pianos Sendung: Diens1ag, 1. November 1994, 19.05 Uhr über 52 Kultur 289

„Hangi.ng Klompen“ (hängende Holzschuhe) Vorgestellt wurden selbstspielende, aus unterschiedlichen Elementen zusammenge­ setzte Gegenstände, die auch die räumlichen Vorgaben der Gewerbeschule mit einbezo­ gen. Zwei Ausstellungsstücke können diesen Akzent recht gut verdeutlichen: So war beispielsweise im Raum E 1.07 die Installation HANGING KLOMPEN (von Trimpin) zu sehen und zu hören. Rund ein­ hundert holländische Holzschuhe (Klom­ pen) hingen wie ein Mobile von der Ecke. Der Betrachter oder Zuhörer wandelte nicht nur durch einen „Klang-und Farbenwald“, sondern er löste beim Betreten gleichzeitig eine Melodienfolge aus, deren durchdrin­ gender Klang durch kleine Klöppel in jedem Schuh elektro-mechanisch erzeugt wurde. Darüberhinaus konnte jeder Besucher an den Klompen „spielen“, indem er Knöpfe betätigte, die den elektromechanischen Ab­ lauf beeinflußten (nach Trimpin, 135). 290 Die MUSIQUES MACHINALES von Pierre Bastien werden als Musikautomaten beschrieben, die aus Teilen der Meccano­ Metallbaukästen für Kinder zusammenge­ setzt wurden. Sie bestehen aus elektronisch betriebenen Maschinen, die rhythmische Folgen auf verschiedenen Musikinstrumen­ ten spielen. Diese ungefähr dreißig traditio­ nellen Schlag-, Saiten-und Blasinstrumente, die aus Europa, Asien und Afrika stammen, wurden automatisiert, programmiert und so an die Maschinen angepaßt. Auf diese Weise entstand eine ganz neue Art der Musikpraxis. Die Meccano Elemente der MUSIQUES MACHINALES verbinden somit Energie und Musik, Elektromotor und Musikinstru­ ment (nach Pierre Bastien, 108). Die Ausstellung „Musica mechanica“ kam bei der Kritik gut an, was sowohl am zahlreich erschienenen interessierten Publi­ kum als auch am Echo in den Medien abzu-

Letzter Schliff vor der Aufführung: Spezialist (rechts) mit Komponist Carlos Sandoval am Welte­ Mignot-Klavier lesen war. Dies war sicherlich auch dadurch möglich, daß die Lehrerschaft der Gewerb­ lichen Schulen uneigennützig und engagiert in ihrer Freizeit die Künstler und Akteure beim Aufbau und während der Veranstal­ tung tatkräftig unterstützte. Der Südwest­ funk dankte in diesem Sinne Schulleitung und Kollegen der Gewerblichen Schulen Donaueschingen. Dr. Winfried Waldvogel Requiem II ich suchte den Wald – über braunen Tannenresten ragt ein Autobahnkreuz – ich suchte die Wiese – zugebaut mit Einzelzellen – ich suchte den Bach – eingedolt in Beton – ich sucht den Menschen und fand einen Hörigen, ausgeliefert dem Lautsprechergequarre und Videogeflimmere das junge, selbsternannte Götter für ihn machen 20. Jahrhundert Christiana Steger 291

Brauchtum Rudolf Gleichauf und die „Badischen Landestrachten“ Rudolf Gleichauf ist neben Lucian Reich der „Kronzeuge“ für die Tracht der Baar. 1826 in Hüfingen geboren und väterlicher­ seits mit Johann Nepomuk Schelble ver­ wandt, wurde ihm eine solide Ausbildung am Städel’schen Institut in Frankfurt ermög­ licht. Er verbrachte mehrere Jahre in Mün­ chen bei Schnorr von Carolsfeld, später lebte und wirkte er in Karlsruhe und starb dort 1896. Gleichauf war ein sehr guter Portraitist, außerdem arbeitete er mit den großherzog- liehen Baudirektoren Hübsch und Dürr zusammen. Er wirkte unter anderem an der Ausmalung der Kunsthalle, des Hoftheaters und des Vierordtbades in Karlsruhe, der Trinkhalle in Baden-Baden und verschiede­ nen Kirchen mit. Auch am fürstlichen Hofe in Donaueschingen war Rudolf Gleichauf als Dekorationsmaler tätig. Die Tracht war nicht sein eigentliches Thema und vermutlich galt ihr auch nicht sein besonderes Interesse. Ein großherzog­ licher Auftrag vom 1. Februar 1861 bewirkte 292

jedoch, daß sich der Künstler mit Akribie mit Trachten befasste: Er sollte eine »systemati­ sche bildnerische Dokumentation“•> der badischen Trachten anfertigen. Rudolf Gleichauf schuf bis zum Ende des Jahres 1869 39 Aquarelle, die heute im Besitz des Badischen Landesmuseums sind. Geplant war, ein umfassendes badisches Trachtenwerk zu veröffentlichen. Der Kunstverlag H. Müller in Stuttgart sollte die Bilder herausgeben – das Unternehmen gelang nur ansatzweise: nachdem zehn Blät­ ter in den Handel gekommen waren, wurde der Druck weiterer Bilder eingestellt, da es an interessierten Abnehmern mangelte.2> Für Hüfingen ist interessant, daß jedoch noch weitere Drucke hergestellt wurden – nicht von Müller, sondern vom Hüfinger Lithographen Johann Nepomuk Heine­ mann. Diese Blätter unterscheiden sich durchaus von den Müller-Drucken, zeich­ nen sich durch zurückhaltendere Farbge- Wt:STLICHl:. BAAi‘ bung aus und sind dem Original-Aquarell von Gleichauf ähnlicher. Die Gleichaufschen Trachten werden von ihren Trägern regelrecht „präsentiert“; auch die den Aquarellen vorhergegangenen Skizzen zeigen keine „Schnappschüsse“, sondern Personen, die dem Künstler Modell saßen. Zieht man noch in Betracht, daß Rudolf Gleichauf selbst zu den baaremer Trachten, die er zwischen 1862 und 1865 dokumentierte, geschrieben hat, daß sie zu diesem Zeitpunkt sehr selten, 40 Jahre zuvor, also um 1820 noch häufiger anzutreffen ge­ wesen seien, so erstaunt seine Darstellungs­ weise nicht. Rudolf Gleichauf kannte dem­ zufolge aus eigener Anschauung die Tracht nicht mehr als allgemein übliche Kleidung, genausowenig wie die Personen, die ihm in der Tracht Modell saßen. Schwierigkeiten, jemanden zu finden, der noch eine Tracht besaß und bereit war, dem Künstler Modell zu sitzen, könnte auch ein Grund für den 293

relativ langen Zeitraum von acht Jahren, die Gleichauf für seine Dokumentation brauch­ te, gewesen sein. Auch die Tatsache, daß die fertige Serie kaum Abnehmer fand und der Druck nach nur zehn Blättern eingestellt worden ist, spricht für sich. Die Gleichaufschen Trachtenbilder ent­ sprechen Darstellungen in einem Modejour­ nal, sind ästhetisch sehr ansprechende Werke, dazu ist Rudolf Gleichauf bis ins Detail genau – jeder Knopf, jede Naht und jeder Stich sind zu erkennen. Dazu kommt die ausführliche Beschreibung jeder Tracht und die Auflistung aller Einzelbestandteile mit der Preisangabe für eine „feinere“ und eine „geringe“ Ausführung. Vergleicht man nun die Kosten für die Anschaffung einer einfacheren Tracht mit dem Verdienst eines Knechtes bzw. einer Magd zu dieser Zeit, so wird schnell deutlich, daß eine Tracht nicht für jeden erschwinglich war. 3> In den nachfolgenden Ausführungen gibt Rudolf Gleichauf eine Beschreibung der Volkstrachten aus der Baar und zwar aus dem westlichen Teil (es handelt sich um hand­ schriftliche Aufzeichnungen, die bisher nicht veröffentlicht worden sind): Die Tracht der Baar ist zu Hause in den Orten: Donaueschingen, Hüfingen, Allmendshofen, Pfohren, Unterbaldingen, Aasen, Gutmadingen, Sumpfohren, Neudingen, Fürstenberg, Behla, Riedböhringen, Riedöschingen, Blomberg, Hau­ senvorwald, Bacheim, Unadingen, Döggingen, Munde!fingen, Ofterdingen, Bräunlingen, Löf­ fingen, Bruggen, Hubertshofen, Wolterdingen, Tannheim, Aufen, etc. Dieselbe wurde vor etwa 40 Jahren noch ziemlich allgemein getragen, gegenwärtig.findet man sie in ihrer Achtheit nur noch bei Einzelnen oder mit vielen modernen Abweichungen. Sie besteht bei den Männern in dem bis an die Hüften reichen­ den Kittel „Schopen“ von dunkelgrünem oder schwarzem Samt mit Stahlknöpfen, oder auch, besonders bei Verheiratheten Männern in dem langen dunkelblauen Tuchrock mit Stehkragen u. engen Ärmeln u. weißem Futtertuch, u. in dem schwarz u. rothseidenen Halstuch, das aber zu­ weilen mit einem goldenen Ring zusammengehal- 294 ten wird u. über welchem der Kragen des Leinen­ hemdes hervorsieht, sodann in der Pelzmütze von Marderpelz mit Goldtroddeln, oder in dem hohen runden, schwarzen Filzhut mit handbreitem Rand, den kurzen schwarzen enganliegenden Lederhosen mit reicher Verzierung an den Hüften u.großen blanken Stahlknöpfen besetzt, den wei­ ßen baumwollen oder wollenen gestrickten Strümpfen u. den bis über die Knöchel reichenden Lederschuhen „Knodenschuhen „oder in Stiefeln, die hier über die Waden oder die Knie reichen, das Hemd ist von Leinenzeug u. hat ziemlich weite Ärmel das Brusttuch von rothem Scharlach bis an die Hüften reichend, wird über der Mitte der Brust mit runden blanken eng aneinander gereih­ ten Knöpfen von Zink zusammengeknöpft. Die weibliche Tracht ist charakteristisch durch den hohen weißen, etwas spitz zulaufenden Strohhut mit schmalem Rand, der an den Stellen wo er über den Schläfen aufzusitzen kommt, mit breiten schwarzen seidenen ,,gewässerten « Bändern be­ setzt ist, die oben zu einer Schleife gebunden zu bei-

und festlichen Anlässen ist sie auch von Seiden­ zeug; das Hemd von Leinenzeug hat faltenreiche Ärmel die über dem Ellenbogen festgebunden wer­ den; an Sonntagen, bei Kindstaufen, Hochzeiten etc. ist die Gürte/kette, über den‘ Hüften um den Leib geschlungen, von versilbertem Messingdraht oder von Silber vorn in vielen Kettenreihen herab­ fallend, eine besondere Zierde; die Strümpfe von weißer Baumwolle sind gestrickt die Schuhe von schwarzem Leder sind weit ausgeschnitten. In früheren Zeiten trugen die Jungfrauen bei Pro­ zessionen, bei Hochzeiten die Braut die Schapel­ tracht; die Schapel war eine 1 Fuß hohe, oben 5 Zoll breite Jungfrauenkrone, von bunten Glasper­ len, Blumen, Gold und Silberflitter, von welcher zwei lange buntseidene Bänder bis aef die Füße herabhingen; in die, von der Stirne straff zurück­ gezogenen Haare wurde hochrothes Wollengarn den Seiten bis beinahe auf die Füße herabreichen, unter diesem, oder auch (wie in gegenwärtiger Zeit) ohne diesen wird die schwarze Kappe getra­ gen, die nach vorne zu mit zwei schwarzseidenen Bändern besetzt ist, die gleich denen auf der Rück­ seite entweder frei herabhängen oder unter dem Kinn gebunden werden, die nur wenig erhöhte handbreite jla.che Rückseite der Kappe ist mit Sil­ ber oder Goldstickereien au/Samt oder mit gelben Brockat verziert, an dem unteren Ende desselben sind zwei schwarzseidene Bänder oben schleifen­ artig verbunden, befestigt, und hängen bis auf die Fi{ße herab; ein weiterer Bestandtheil bildet der Schopen (Armelschopen) von schwarzem Tuch mit engangliegenden vorne umgeschlagenen Ar­ meln, hinten kurz und nach vorn zu länger ausge­ schnitten, auf der vorderen Fläche und auf den Ärmelumschlägen mit au/gemodelten (verzierten) handbreiten schwarzen Seidenbändern besetzt, am oberen Rand und auf der Rückseite in der Form der Schulterblätter ist Plz Zoll breiten gemo­ delten schwarzen Samtbändern besetzt; der Gol­ fer, meist von Samt, mit Gold oder Silberstickerei und Flimmer umschließt zur Hälfte den Hals, und bedeckt den oberen Theil der Brust und des Mieders, an seinen vorderen Ecken rothseidene Bänder oder Ketten, die unter den Armen durch­ geschlungen an den Ecken der hinteren Seite befe­ stigt werden; über dem Golfer ist das große roth oder schwarzseidene Halstuch mit lichten Rand­ verzierungen geschlungen, und auf dem Rücken geknüpft; Brust und Rücken sind von dem oberen Theil der Jüppe (Hüppe) von buntem Brockatsto.ff oder von buntem Samt oder Seidenstoff bekleidet, vorn durch den mit Stickerei verzierten Brustlatz (Vorstecker) verbunden, der durch die Neste! (schmale farbige Samtbändchen oder auch Ketten, die durch die an den Seiten befindlichen Haften gezogen werden)festgehalten wird; die »Hüppe“, der Oberrock besteht aus schwarzem Wollenstoff, ist sehr eng gefältelt, ein Fuß hoch am unteren Rande mit roth und blauem Wollens toff besetzt, und reicht bis an die Knöchel· der Unterrock ist von scharlachrothem Wollenzeug, die Schürze von farbigem, meist blauem oder grünem Baum­ wollensto.ffmit schmalen gelben Streifen ist in viele Falten gezogen und so groß, daß sie beinahe den Oberrock vollständig bedeckt, bei reichen Frauen

Es ist natürlich, daß bei den Feldgeschäften der Landleute manche wesentliche Theile der Tracht zur bequemeren Verrichtung der Arbeit, oder auch um die Kleider zu schonen, nicht angezogen wur­ den, sodaß man, um die ganze Tracht zur An­ schauung zu bringen, genöthigt ist, zumeist die Sonntagstracht darzustellen, und hierbei hat auch selten eine Ausnahme gemacht werden können; zur Sommerszeit arbeiten Männer und Burschen fast immer in gewöhnlichen Kitteln oder Hemdär­ meln, die langen Röcke werden vermieden; Frauen und Mädchen tragen statt der schwarzen „Hiippe“ und statt dem Brustlatz und der engen Nesteleinfassung eine leichtere Bekleidung, auch das enganliegende Käppchen wird oft vennieden, und statt dessen ein farbiges Tuch entweder ein­ fach um den Kopf gelegt und am Kinn gebunden, oder bei großer Hitze nur oben auf dem Kopfe von den Zöpfen festgehalten, sodaß es in leichtem Fal­ temilu,:f über das Gesicht hervorsteht und Schat­ ten gewährt, ist das Mädchen, daß sich einen der­ artigen Kopfputz zurechtmacht, noch jung, viel­ leicht auch hübsch und guter Laune, so wird noch ein lustig blühend und rankendes Zweiglein hin­ eingeflochten, das sich oft nicht minder glücklich geflochten nach millelalterlicher Weise; ein schwarzer Flor oder tajfetnes Tuch war in der Gegend der Schläfen befestigt und nach Art der altdeutschen Marienbilder um Wangen und Kinn und Hals bis auf die Brust herab geschlun­ gen, zu dem festlichen Anzuge trugen sie eine schwarzseidene Schürze und die Gürte/keile, in der Hand eine Wachskerze, und ein weißes Schild mit rothen Rosen und dem Nahmenszug der HI. Maria bemalt. in längsvergangenen Jahren sollen die Männer unter dem blauen langen Tuchrock einen beinahe ebenso langen Rock ohne Kragen von karmesin­ rothem Wollensteff getragen haben,ferner von Her senträgern über dem Brusttuch festgekniipfl; die Frauen der damaligen Zeit Pelzkappen ähnlich denen, wie sie später Männer und Burschen trugen. in Traue,:fällen war die ganze Tracht schwarz, nur der Hut der Frauen weiß und darunter eine Spitzenhaube, die unter dem Kinn mit schwarzen Bändern gebunden wurde. Besuche und Reisen in der Gegend 1t)l(rden von den Bm,ernhefsbesitzern und ihren Frauen zu Pferd gemacht. 296

ausnimmt, als die silbergestickten auf dem sonn­ täglichen dunkelsamtenen Goi/er. In vier Bildern, und zwar drei Bildern in Kniestückformat und ein Gesamtbild in gan­ zen Figuren, beschreibt Rudolf Gleichauf die Trachten der westlichen Baar. Das Bild Seite 293 (rechts) zeigt die männ­ liche Tracht, einen Burschen in dem Samt­ schopen mit Stahlknöpfen, in der Marder­ pelzmütze, in dem „rothen“ Brusttuch „Leible“ mit den vielen runden Knöpfen, den schwarzen, verzierten Lederhosen, die stets bereite Ulmer Pfeife in der Hand steht er im ,,Esch“ (Gemarkung) zwischen Kornfeldern, einen Bekannten erwartend; die Feme ist im Charakter der Baar gehalten. „rothsamtenen“ Nesteln, mit der silbernen Gürtelkette auf der festtäglichen Schürze, dem „Bigkorb“ an dem einen Arm ist sie als auf der Wanderung in ein nahegelegenes Dorf oder Städtchen gedacht. Das Bild Seite 296 (unten rechts) stellt ein junges Mädchen dar als Schnitterin in der fruchtbaren Baar; das Kopftuch aufgebun­ den, mit breiten Zöpfen und grünen Ranken geschmückt, mit der Sichel in der Hand von der Arbeit ausruhend, sitzt sie im Freien neben sich den Krug und ein Sträußlein Erdbeeren. Das Gesamtbild (Seite 292) zeigt männli­ che und weibliche Trachten, wie sie oben beschrieben sind, in ganzen Figuren, darun­ ter auch ein Schapelmädchen. Susanne Huber-Wintermantel M.A. I) vgl. Schmitt, H.: Volkstracht in Baden, S. 59 Z) vgl. Schmitt, H.: a. a. 0., S. 59 J) vgl. Gutmann: Landw. Corresp. blatt, V /VI 1860: Der Jahreslohn eines Knechtes betrug zu dieser Zeit dem­ nach 66 fl.barsowie für6 fl.Tuch; der einer Magd 24 fl. bar und die selbe Menge Tuch. Das Bild Seite 294 (rechts) zeigt die weibli­ che Tracht, eine junge Frau in dem hohen weißen Strohhut mit den schwarzseidenen Bändern zur Seite, in dem großen seidenen Halstuch, in dem schwarzen Ärmelschopen, mit dem gestickten Vorstecker und den Die Triberger Fastnachtsmasken und -kostüme Der „Federeschnabel“ Wie so oft, ja bei fast allem verbergen sich die Anfänge und Urspünge im Dunkel-Ge­ heimnisvollen der Geschichte, und ebenso oft bemächtigen sich Gerüchte und Legen­ den des Geschehens, wo man sichere Quel­ len vergeblich sucht. Irgendwann zu Beginn der Neuzeit, vor 400 Jahren also, wurde die Spottfigur des Federeschnabels als die Ver­ körperung der Armut geschaffen, so weiß es die Überlieferung. Obervögte und Pfandher­ ren ließen sich zwar nicht gebratene, aber doch geschlachtete und gerupfte Vögel (Hühner und Singvögel) ins Haus bringen, darüber hinaus ein großes Maß an Natural­ abgaben, ,,Zuberhaber“ zum Beispiel. Ein Obervogt habe eine Zwangsabgabe an Feder­ vieh für eine Festlichkeit eingetrieben, unge­ wiß ob in einem Mißjahr oder nicht, so daß es den Untertanen nicht mehr möglich war, sich mit warmer Kleidung zu versehen. Es fiel ihnen nichts anderes ein, um ihre Not 297

zum Ausdruck zu bringen, die besonders ihre Winterkleidung betraf, als an ihre Klei­ der Federn zu nähen, und um sich unkennt­ lich zu machen, den Kopf in eine Maske aus Zinkblech zu stecken, der sie die Form eines Schnabels gaben. So wurde der Federeschna­ bel, „die Spottfigur gegenüber der Triberger Burgherrschaft“ (H. Erhardt), zur frühesten Triberger Fastnachtsfigur, gewiß keine ge­ wöhnliche Art, dies zu werden. Der Reim, den man dem Träger des Federeschnabels entgegenrief, „Federeschnabel rät-tät-tät, wenn dich nur de Kuckuck hät.“, bedeutet gleichzeitig Opposition gegen die politische Herrschaft wie Angehen gegen das unfaßbare Schicksal. Die Gestalt existiert im ganzen nur dreimal. Das Orignal (mit dem Zinkblechschnabel) ist Eigentum der Nar­ renzunft Triberg und wird -so will es die Vorschrift -beim Fastnachtsumzug als Ein­ zelfigur getragen. Eine Kopie ist im Schwarz­ waldmuseum ausgestellt. Zweimal erhielt sie ein neues Kleid, 1929 von der Firma Karl Griesbaum und 1959 im Auftrag der Narren­ zunft von Damenschneiderin Emma Dip­ pel. Die dritte Figur ist im Narrenschopf in Bad Dürrheim ausgestellt. Die beiden Figu­ ren haben eine Maske aus Holz. Der „Rote Fuchs“ Wie die zweite Fastnachtsfigur, der „Rote Fuchs“, ursprünglich ausgesehen hat, war nur noch aus alten Fotos zu erschließen. Er war jahrzehntelang in der Versenkung ver­ schwunden, bis er im Auftrag der Narren­ zunft von Holzbildhauermeister David Kienzler in Schonach 1935 neu geschnitzt wurde. Getragen wurde diese Scheme, (in Triberg weiblichen Geschlechts und „Sche­ me“ genannt, vgl. „Geschichte der Stadt Tri­ berg im Schwarzwald“ von Wilhelm Maier und Karl Lienhard, Freiburg 1964, S. 443 f.), Symbol nicht nur für Schläue, sondern auch für Schalkheit, mit Fuchsschwanz und rotem Gewand. Die jetzige, künstlerisch wertvolle Fuchslarve wurde 1953 von Holzbildhauer Manfred Merz, VS-Villingen, geschnitzt. Für 298 die Fastnacht 1958 stiftete Fabrikant und Jäger Paul Furtwängler mehrere Fuchsbälge, d.h. echte Fuchspelze. Fuchsgesicht und Fuchsgewand wirkten jetzt noch naturge­ treuer und bereicherten die Fastnacht in Tri­ berg.Der „Triberger Teufel“ Welche Vermehrung ein Einzelkunstwerk erleben und welches Schicksal es haben kann, zeigt die Maske des Triberger „Teufels“. Zur Entstehung des Teufelskostüms findet sich in den Akten zur Triberger Fastnacht die Vermutung, deren Wahrheitsgehalt noch genauer erforscht werden müßte: Nach dem Ende der Herrschaft der Vögte wurde auch ihre Truppe aufgelöst und ihre Uniformen in Fastnachtskostüme umgemodelt. Erhalten blieben, was diese These stützt, die aufge­ nähten Zackenlitzen, die Doppelknopfrei­ hen, die geknotete Kordel und die über Kreuz getragenen Glockengurte. Das Urbild der Teufelsmaske ging verloren. Nach einem

Spuren zurückgeblieben wären. 1945 mußte man vor dem Einzug der Besatzungsmacht um ihr Leben fürchten. So sorgte Zunftmei­ ster Karl Siebert für ein sicheres Versteck. Sie wurde in einem Tresor der Bezirkssparkasse versteckt, der Tresor im Keller des Gebäudes in den Erdboden versenkt und die Stelle dar­ über glattzementiert. So überstand die Maske auch diese Wirrnis. Heute wird sie zu Recht von Frau Rosemarie Siebert wie ein Heiligtum gehütet. Bis 1959 blieb diese Maske ein Einzelstück, aber dann erlebte sie einen Aufschwung ohnegleichen. Manfred Merz schnitzte nach einem Foto 1952 zwei TribergerTeufel und stellte von 1952 bis 1968 in Handarbeit etwa 80 Triberger Teufelslar­ ven her, die er auch bemalte. In den letzten Jahren wurde er dabei von seinem Vater Eu­ gen unterstützt. Er führte minutiös Buch über jedes Einzelstück. Ab 1968 wurden die Teufelslarven von anderen Schnitzern meist kopiergefräst, wobei ein Merz-Teufel als Vor­ lage diente. Heute gibt es eine Anzahl von etwa 350 Exemplaren, genug um am Abend des „Schmutzigen Donnerstag“ einen reinen Teufelsumzug durch die verdunkelte Stadt ziehen zu lassen. Allein die Fackeln erzeugen ein romantischfastnächtliches Licht. Der Umzug findet seit 1980 auf Initiative von Zunftrneister Theo Hirt und Stadtapotheker Gerd Luz, Bürgermeister i. R. Alfred Vogt und Peter Erhardt statt. Der „Spättlehansele“ 1874 kam der Spättlehansele in Triberg auf. Närrisch wollte man an der Fasnet sein und es äußerlich zeigen, und doch durfte es nicht kosten, was es wolle. Also wußte man sich zu helfen, indem man seine Jacke umdrehte, und um die Wirkung fastnachts­ mäßiger zu machen, möglichst bunte Spät­ ter daraufnähte. Zum farbenprächtigen Spättlekostüm kam eine Maske, die auf der einen Hälfte lachen und auf der anderen wei­ nen kann. Zur Maske trägt der „Spättle“ eine weiße Halskrause, einen Fuchsschwanz an der Scheme und einen Gurt Glocken. Der­ zeit gibt es in Triberg etwa 40 „Hästräger“. 299 aber damals noch vorhandenen Exemplar schnitzte 1893 der aus der Schweiz stam­ mende Holzbildhauer Friedrich Pfahrer eine neue Scheme. Den Auftrag dazu erhielt er von Maskenverleiher Carl Erhardt. Dem jungen Mann, der noch die Schnitzerfach­ schule in Furtwangen besuchte, gelang ein Meisterwerk: das grinsende Teufelsgesicht mit seinen Hörnern, den schwarzen Stirn­ haaren und dem schwarzen Kinnbart. Das rotglänzende Gesicht und das rote Gewand spiegeln den Widerschein des höllischen Feuers. Zu seinen Utensilien gehören heute die gekreuzten Sehellenriemen, die schwarze Halskrause, schwarze Handschuhe, ein Fuchsschwanz an der Maskenhaube und eine Klopfpeitsche oder eine „Sublodere“. Auch Masken können ihr Schicksal haben. Dieses Original (seit 1926/29 im Besitz der Familie Siebert) bekam einmal während eines Umzugs einen so starken Schlag, daß ein Sprung zurückblieb, der zum Glück noch zu reparieren war, ohne daß sichtbare

Der „Gutseleschlecker“ Die neueste Kreation ist der „Gutsele­ schlecker“. Er erblickte erst 1979 in der Stab­ halterei Freiamt das Licht der Welt. Den Namen verdankt er Tribergs lieber Nachbar­ schaft früherer Zeiten, die die Städtler so nannten. Auf diesen Spottnamen also grif­ fen die Narren zurück und schufen eine neue eigenständige Figur mit einem freundlich gehaltenen Maskengesicht. Auf seiner her­ ausgestreckten Zunge ist ein abgelutschtes Bonbon zu sehen. Sein grünes Gewand ist mit vielen „süßen Requisiten“ geschmückt, wie es sich gehört. Mütze und Handschuhe sind in den Triberger Stadtfarben Rot und Weiß gehalten. Die Strümpfe sind gelb und erinnern an die „Badischen Gelbfüßler“, in alter Triberger Tradition stehen die Stroh­ schuhe. Die Fastnachtsgestalten geben natürlich dem Umzug am Fastnachtssonntag ihr Ge­ präge. Vorausgetragen wird eine Standarte, ihr folgen die vier Originalmasken: jeweils ein „Federeschnabel“, ein „Roter Fuchs“, ein 300

„Spättle“ und ein „Teufel“. Hinter diesen gehen die neugeschaffenen „Spättle“, der Narrenrat, die Musikkapelle und schließlich die „Teufel“. Die historischen Fastnachtsgestalten sind nun seit 1977 durch Bildhauer Hubert Bern­ hard aus Waldkirch in Steinguß im Narren­ brunnen verewigt – jedem sichtbar als Zei- chen für das Alter und die Lebendigkeit der Triberger Fastnacht. Karl Volk Für diese (gekürzte) Fassung wurde ein ausführ­ licher Beitrag von Heinz Erhardt f verwendet. In ihrer ganzen Länge konnte diese Arbeit im A lma­ nach keine Aufnahme finden. Trachten in Sunthausen Sunthausen ist die einzige Gemeinde auf der Baar, welche in früheren Jahren zwei ver­ schiedene Trachten ihr eigen nennen konn­ te. Wer kennt nicht den oft gebrauchten, lan­ desweit bekannten Ausdruck „Halb und halb wie Sunthuse“? Im Jahre 1572 wurden die Bürger von Sunthausen durch die Schenkung des da­ mals regierenden Fürstenhauses in zwei kon­ fessionell verschiedene Lager gespalten. Graf Heinrich von Fürstenberg vermachte damals aus einer Spenderlaune heraus das halbe junge Sunthausen“nnen in der alten Tracht, links die evangelische, rechts die katholische 301

schwarz. Das Mieder, das ebenfalls zur ,,Hippe“ gehört, wird vom mit Haften ver­ schnürt. Ein weißes „Koller“ mit weißen Bändern umrahmt den Hals. Die Kappe ist eine runde, enganliegende Haube aus Da­ mast mit Nackenbändem, die ebenfalls bis zum Boden reichen. Die früher getragenen langen Zöpfe waren in Samtbänder ein­ geflochten. Dreiviertellange, weißleinene Hemdsärmel schauen aus dem Mieder her­ vor und lockern somit das etwas strenge Schwarz auf. Über dem Mieder wird eine engärmelige schwarze Tuchjacke, die mit Samt eingerahmt ist, getragen. Das einzig Bunte an der evangelischen Tracht ist der rote Saum am Brustlatz sowie die weithin leuchtenden roten, selbstgestrickten Strümpfe, die unter der Hippe hervorlugen. Die Zeiten haben sich geändert, und die Tracht, welche in früheren Jahren die täg­ liche Bekleidung war, wird nur noch bei be­ stimmten festlichen Anlässen getragen oder zur Schau gestellt. Rudolf Siebold ,,._.,� Mühle im Hintertal/Nußbach Aquarell: Herbert Böhm Dorf Sunthausen mit allen Rechten und Zubehör seiner Gemahlin, Gräfin Sophie von Zollem, ohne sich wohl bewußt zu sein, welches Erbe er damit der Nachwelt und sei­ nen damaligen Untertanen und deren Nach­ kommen aufbürdete. Somit kam es auch zu den verschiedenen Volkstrachten innerhalb der Gemeinde. Der katholisch gebliebene Teil der Bürgerschaft trug nach wie vor seine angestammte Tracht, welche bei den Frauen aus der weithin bekannten Backenhaube besteht mit dem Kappenblätz, der sich durch besonders reichlich verzierte Silbersticke­ reien hervorhebt. Dabei bildet die Rose als Symbol in ihren verschiedenen Stadien (Knospe und Blüte sowie die Blätter und Ranke) die Verzierung des Kappenblätzes. Zu einer großen Schlaufe werden die breiten Bänder, welche am Haubenrand angenäht sind und die Wangen beidseitig bedecken, unter dem Kinn gebunden. Besonders auf­ fallend sind zwei lange Bänder, welche vom unteren Kappenrand von der Nacken­ schleife weg über den Rücken fast bis zum Boden den Abschluß der Kopfbedeckung bilden. Die Kappe und die Bänder sind ebenso schwarz wie der Rücken. Das Mieder oder „Brust“ ist aus Samt und kann rot, grün oder auch blau sein. Reiche Stickereien verzieren das Mieder, welches vorne durch Silberfäden verschnürt ist. Über dem Mieder ist der Halskragen oder wie man hier sagt, das „Koller“, grünseidene Bänder, welche unter der Achselhöhle durchgezogen werden. Aus dem Mieder ragt das „Leib­ chen“ mit seinen Puffärmel heraus, die bis zu den Ellenbogen reichen. Den Abschluß bil­ det eine grün-oder blauschillemde Seiden­ schürze, bekannt unter dem Namen „Für­ tuch“. Der Hüftgürtel setzt sich aus vielen sil­ bernen Kettchen zu einem Schmuckstück zusammen. Die evangelische Frauentracht wirkt in ihrer Art etwas einfacher und schlichter und besteht aus dem vielgefälteten „Hippen­ rock“. Im Volksmund hieß es halt „Hippe­ wieb“ oder ,,’s isch a Hippere“. Der Rock und die ebenfalls gefaltete Schürze sind 302

Die Baaremer Tracht in Hondingen Die Tracht ist für alle, die sie tragen, ein Symbol des Verbundenseins mit der heimat­ lichen Landschaft und ein äußeres Zeichen der Gemeinschaft. Die Tracht soll leben, d.h. gewisse Funktionen im Leben der Gemein­ schaft erfüllen. Sie darf und soll daher bei möglichst vielen kommunalen, kirchlichen und privaten Anlässen (Hochzeiten, Ehrun­ gen, Kommunion, Konfirmation, Schulent­ lassung, Jubiläen usw.) getragen werden, nicht nur etwa bei Heimatabenden oder in der Fremdenverkehrswerbung. Zur Beschreibung der Festtagstracht der Burschen Die schwarze Kniebundhose aus Stoff mit roten Bändern zur Verschnürung am Knie ist an die Stelle der schwarzen Lederhose in der gleichen Form getreten. Dazu gehören wei­ ße, wollene Strümpfe und schwarze Halb- schuhe, die je nach Vermögen quasi als Sta­ tussymbol wie bei den Frauen auch mit sil­ bernen Schnallen, den sog. „Rinken“, ver­ ziert sein können. Ein weißes Leinenhemd, welches in der Hose getragen wird, ist die Unterkleidung. Die in Hondingen rote, ärmellose Weste, das „Gillet“, mit vielen goldfarbenen Metall­ knöpfen versehen, setzt hier den Farbpunkt. Meist nicht ganz zugeknöpft schaut aus ihr das blaue, meist seidene Halstuch heraus. Die bis zur Gürtellinie reichende Jacke, den „Tschoben“, ist in Hondingen grün und hat am Vorderteil ebenfalls goldfarbene Knöpfe sowie am Halsausschnitt ein niedriges Steh­ krägchen. Die Kopfbedeckung ist in der ganzen Baar bis zum heutigen Tag die Pelzkappe. Sie wurde aus den Fellen heimischer Tiere wie Iltis, Marder und Fuchs gefertigt. Der Kap- 303

penboden aus Stoff oder Samt ist ge­ schmückt mit sich überkreuzenden, golde­ nen Borten und dem Troddel, auch „Zeddel“ genannt. Der Pelzaufschlag des vorderen Tei­ les der Pelzkappe ist höher als der rückwär­ tige. Während der kalten Jahreszeit wurde die Pelzkappe aus verständlichen Gründen auch zum langen Rock der Männertracht getragen. Die Freude, eine Tracht zu tragen, wird nur dann aufkommen, wenn sie aus gutem Material und passend gearbeitet ist und sorg­ sam gepflegt wird. Zur Beschreibung der Festtracht der Mädchen Zur Mädchentracht gehört ein langer, schwarzer Rock aus schwerem Stoff, welcher oben eng gefaltet bzw. gerafft ist. Die Falten laufen bald aus, so daß der Rock oder die „Hippe“, wie man in Hondingen sagt, unten sehr weit fällt, was beim Drehen im Tanz besonders zur Wirkung kommt. Die letzten Zentimeter des unteren Rocksaumes ziert ein schwarzer Samtstreifen von etwa 10 cm Breite, den ein schmaler Paspel abschließt. Das Samtrnieder, welches schwarz, rot, blau oder grün sein konnte, hat sich haupt­ sächlich bei der Festtagstracht durch das Besticken zum kostbarsten und schönsten Teil der Tracht entwickelt. Durch die Trach­ tenstickerinnen wurden kunstvolle Blumen und Blattmuster meistens mit Silberfaden aufgestickt. Als Stickunterlagen verwendete man ausgestochene oder ausgestanzte Kar­ tons, über die der Silberfaden gelegt und mit einem normalen Nähfaden festgenäht wurde. Heutzutage wird das Mieder genau auf die Trachtenträgerin zugeschneidert. Eine sil­ berne oder goldene Kordel, die „Nestei“ ge­ nannt wird, wird von sechs bis acht großen verzierten Haken gehalten und kreuzweise verschnürt. Die Kordelenden werden zu einer Schleife. gebunden. Die zwei Qyasten hängen über die Schürze, das „Fürtuch „, her­ unter. Ein ebenfalls samtener und reich bestick­ ter „ Vorstecker“ steckt hinter der Verschnü- 304 rung. Die Schürze, aus feinem Schiller Taft­ stoff bestehend, kann in verschiedenen Far­ ben sein, bildet aber immer einen feinen Kontrast zum Schwarz des Rockes und setzt farbige Akzente. Das bestickte Stehkrägchen des Koller oder „Goller“ umschließt eng den Hals. Der kleine Rand einer schützenden, eingenähten, schmalen und weißen Spitze ist am Hals sichtbar. Rote, schmale und ge­ zackte Moirebänder, an den unteren Koller­ ecken angenäht, hängen jeweils unter dem Arm durch. An einem aus weißem, feinerem Leinen gefertigten „Leibchen“, welches praktisch als Hemd oder Bluse unter dem Mieder getra­ gen wird, sind weite „Puffärmel“ angenäht, die den Oberarm „schinkenartig“ umgeben. Sie sind exakt gefaltet und laufen zu einem Bündchen aus, das über dem Ellenbogen mit weißen Leinenbändeln gebunden wird. Gehäkelte, fingerlose „Handele“ aus wei­ ßer Wolle bedecken Hand und Arm bis knapp unterhalb des Ellenbogens und wär­ men in der kühleren Jahreszeit. Als Kopfbedeckung tragen die Frauen ,,Bändel-Kappen“, die immer schwarz sind. In der Hauptsache bestehen diese Häubchen aus breitem, schwarzen und gezackten Moi­ reband. Breite Backenbänder, ebenfalls aus Moirematerial, werden unter dem Kinn zu einer Schleife gebunden und halten so die Haube fest. Der Kappenboden, ein fast rechteckiger „Kappenblätz“, besteht aus mit Samt überzogenem Karton. Dieser kann ent­ sprechend dem Koller verschiedene Farben haben und ist reich mit Silberfäden bestickt. Bei der Trauerkappe ist der Kappenboden schwarz und mit schwarzer Seide bestickt. Aus einer kleinen Schleife in der Nacken­ gegend hängen zwei breite, schwarze und gezackte Moirebänder bis zum Rocksaum. Die Strümpfe der katholischen Trachten­ trägerin der Baar sind aus weißer Wolle und der Schuh entwickelte sich vom robusten Schnürschuh zu einem zierlichen Halb­ schuh aus Leder. Landjugend Hondingen

Lebendiges kirchliches Brauchtum auf Blumberger Gemarkung Stichworte sind: Lichtmeß, Blasius, Agatha Unendlich eng verflochten sind kirch­ liches Brauchtum und christliche Heiligen­ gedenktage mit dem vom Naturablauf be­ stimmten bäuerlichen Kalender. Reich an Namensfesten und einem wich­ tigen Lostag ist der Monat Februar und hier haben sich in den Ortsteilgemeinden von Blumberg wunderschöne, traditionelle Bräu­ che erhalten. Wesentliches Datum für unsere Altvorde­ ren war der Lichtmeßtag (2. Februar), an dem die Helligkeit eine Stunde länger dauert als an Weihnachten und überliefert ist der Vers: Von Heiligabend bis Neujahr – nur ein Vogelsprung, von Neujahr bis Dreikönig – ein Hirschsprung und von Epiphanie bis Lichtmeß – eine ganze Stunde. Nach der Tagesmesse wurden zu diesem Datum die Kerzen geweiht, die nicht nur der sakralen Handlung in der Kirche dienten, sondern auch die mitgebrachten Wachs­ stöcke der Gläubigen. Diese so geweihten Triumphierend hält die Agatha-Figur, die aus Sankt Märgen nach Riedöschingen kam, dem Betrachter den Palmwedel als Siegeszeichen vor. Der schönen, mädchenhaften Figur der Heiligen Agatha in der Epfenhofener Kirche ist über die Jahre hin der Palmzweig abhanden gekommen. 305

Der Blasius-Altar in der Fützener Sankt Vitus-Kirche zeigt alle Relikte auf, die in der Legende mit dem Heiligen in Verbindung gebracht werden. Kerzen wurden bei Hochzeit und Kindtaufe wieder angezündet, aber auch bei Kranken­ kommunion und der Letzten Ölung. Ebenso holte die gläubige Hausfrau sie bei schwerem Gewitter hervor. Aus Riedöschingen hat sich zudem noch ein alter Brauch überliefert. Am Lichtmeß­ abend wurde für jeden Verstorbenen der Familie eine geweihte »Kerze aufs Bett ge­ setzt und dann gemeinsam drei Rosenkränze gebetet“. 306 Wichtig war der Lichtmeßtag auch als Tag, an dem das Gesinde den Dienst aufkün­ digen konnte. So spricht sicherlich dieser alte Vers manchem der Dienstboten aus dem Herzen, der nicht wegen zu schwerer Arbeit oder der Laune des Bauern den Dienst wech­ seln wollte. ,,S‘ Johr ischt us -und isen ganze Troscht: mir kriaget a neui Bürin und a anderi Choscht.“ Sparsamkeit ist seit jeher als eine Tugend süddeutscher Bauersfrauen bekannt und so gab es zwar nahrhafte und

sättigende, aber eben doch eintönige Kost. Unterbrochen wurde der winterliche Speise­ plan nur durch das Schlemmen zur Fas­ nacht, um dann in das absolute, fleischarme Fasten überzugehen. Im südlichen badi­ schen Raum ist noch der Brauch belegt. So geht am Lichtmeßtag der Imker zu seinen Stöcken und mahnt die Bienen: ,,Bienlein, freut euch, Lichtmeßtag ist da.“ Noch heute in fast allen katholischen Gemeinden der Baar ist der „Blasius-Segen“ am Tag des Heiligen üblich (3. Februar). Eine ganz enge Beziehung dazu hat die Gemeinde Pützen. Links neben dem Hauptaltar der Vituskirche befindet sich ein Bild des Orts­ heiligen Vitus, der wohl dem Ort den Namen gab (Vitsheim, Fietzheimb, Vuezen, Fietzen, Pützen). Auf der anderen Seite ist ein Blasius-Altar. Er deutet auf die uralte Beziehung zwischen dem Kloster Sankt Bla­ sien und dem Ort Pützen hin, gehörte doch Pützen lange Zeit zum Kloster und bekam auch von dort den Ortsgeistlichen gestellt. Das Altarbild zeigt den heiligen Nothelfer im Bischofsornat, seine Freundschaft zu den Tieren stellt ein kapitaler Hirsch zu seinen Füßen dar, für seine vielfältige Marter steht der eiserne Kamm und eine kleine Engels­ figur hält die zum Andreaskreuz gebunde­ nen Kerzen hoch. In dieser Form wird heute noch der Segen in Kopf und Halsbereich gespendet, gilt der Heilige doch als hilfreich gegen Zahnweh und Angina, die „Bräune“ (Diphterie) und gegen „Herz-Bräune“ (Angina pectoris). In früheren Jahren erschienen Kindergarten­ Gruppen und Schulklassen geschlossen, um den Segen zwischen den Kerzen zu erhalten. Der Legende nach errettete Sankt Blasius ein an einer Fischgräte erstickendes Kind vom Tod. In zwei Kirchen auf Blumberger Gemar­ kung sind Figuren der heiligen Agatha aufge­ stellt. In der Kirche von Epfenhofen steht neben dem Aufgang zur Empore ein Bild der standhaften Jungfrau aus Catania, wenn ihr über die Zeit hin auch die Siegespalme, die sie wohl einmal in Händen hielt, abhanden gekommen ist. Mit der Palme in der Hand steht sie in der Riedöschinger Sankt Martins-Kirche, ist sie hier doch die zweite Patronin der Gemeinde­ kirche. Nach der lnnenrenovation der Kir­ che in den 50/60er Jahren kam diese Figur aus Sankt Märgen nach Riedöschingen. Ihr Tag ist der 5. Februar. Unbestimmt sind die Lebensdaten dieser Frau aus frühchristlicher Zeit, aber die from­ men Legenden haben sich ihrer angenom­ men. Standhaft gegen alle Anfechtungen blieb sie ihrem Christenglauben treu und starb nach schlimmen Folterungen, so wur­ den ihr der Vita nach die Brüste abgeschnit­ ten. Dieses wurde im Barock vielfach immer wieder dargestellt und so steht dann die Mär­ tyrerin oftmals mit der abgetrennten Brust auf einem Buch oder einem Teller. Hierauf fußt nun ein frommer, makaberer Irrtum, die Brust wurde als Brot interpretiert und daraus entstand der uralte Brauch der Brotsegnung am Agatha-Tag. Heute noch wird in den Blumberger Ortsteilen frisch gebackenes Brot am Heiligen-Tag mit zum Gottesdienst gebracht und danach gesegnet. Gegen Brandgefahr wurden Brösel des geweihten Brotes in die Hausecken gestreut oder bei schwerem Gewitter ins Feuer gewor­ fen. Gilt doch in der Feuersnot die Jungfrau aus Catania als besonders hilfreich. So sind auch die Agathen-Briefe (Zettel) zu verste­ hen, auf denen die Heilige mit brennender Kerze und einer lateinischen Bittformel dar­ gestellt ist. Im Mauerwerk, hinter Türen, Schlagläden und Sparren sind im Schwarz­ wald-Baar-Kreis in uralten Häusern, oftmals bei Abbruchmaßnahmen, solche alten Bitt­ briefe belegt. Schutz vor Krankheit oder aber Genesung bringt es dem Vieh, nach altem Verständnis, wenn Krümel des Agathen-Bro­ tes unter das Futter gegeben werden. Hier hat sicherlich uraltes, menschliches Denken Einzug in christliche Riten gefun­ den und sich bis jetzt erhalten. Wichtige weitere Daten für die bäuer­ lichen Gemeinwesen früherer Jahrhunderte waren der Peterstag (22. Februar) und Mat­ thias (24. Februar}. Sah man beim einen so 307

langsam das Ende des Winters, so lehrte die Erfahrung: ,,Mattheis brichts Eis – hat er keins, so macht er eins.“ Doch das Ende der kalten, dunklen Jah­ reszeit in den nur von Kienspan oder Herd- feuer erleuchteten niedrigen bäuerlichen Stuben war abzusehen. Vom Lichtmeßtag an werden die Tage merklich länger. Christiana Steger Maria Chmiel-Deusch Trachtenstickerin in zweiter Generation aus Wolterdingen Wohl jeder, der im Schwarzwald-Baar­ Kreis etwas mit Brauchtumspflege zu tun hat, kennt die Trachtenstickerin Maria Chmiel-Deusch aus Wolterdingen. Sie hat die warmherzige Ausstrahlung einer zufrie­ denen Frau, die ihr Leben gemeistert und ihre Berufung gefunden hat. Dabei wurde sie vom Schicksal nicht gerade verwöhnt, son­ dern ist eher durch eine harte Schule des Lebens gegangen. Im Jahre 1932 wurde sie im „Wolfloch“ in Neukirch geboren und wuchs zusammen mit sieben Geschwistern in Wol­ terdingen auf. Schon frühzeitig mußte sie in der elterlichen Landwirtschaft mithelfen. Da blieb keine Zeit für Träume von einer in­ nig gewünschten Schneiderlehre. Nach der Schulentlassung nahm sie bei der Nähsei­ denfabrik Metz in Bräunlingen eine Tätig­ keit in der Zwirnerei auf. Nebenher half sie immer noch tatkräftig auf dem elterlichen Bauernhof, bis sie 1957 Jan Chmiel heiratete. Wenige Jahre später, 1963, konnte die junge Familie ihr eigenes Haus beziehen. Drei Kin­ der machten das Glück komplett. Doch 1967 erkrankte ihr Ehemann lebensgefährlich und wurde trotz aller ärztlichen Bemühungen zum Frührentner. Maria Chmiel-Deusch gab ihre Tätigkeit bei der Firma Metz auf, um 308

sich ganz der Fürsorge um ihren kranken Mann und der Erziehung ihrer Kinder zu widmen. Aber die Schulden des neuerbauten Hauses zwangen sie auch weiterhin, das Familieneinkommen „aufzubessern“. Als Glücksfall bezeichnet es Frau Chmiel­ Deusch, daß sie von ihrer Mutter, der weit über die Grenzen bekannten Maria Deusch, die seltene Kunst des Trachtenstickens erler­ nen konnte, und zuerst für sie arbeitete. Von ihrer Mutter spricht Maria Chmiel-Deusch mit großer Bewunderung. Unter den ge­ schickten Händen der ausgebildeten Trach­ tennäherin und Goldstickerin entstanden rund hundert Trachten und fast ebensoviel wurden noch in Stickkursen unter ihrer An­ leitung gefertigt. Für ihre Verdienste um die Heimattracht und deren Erhaltung wurde Maria Deusch mit der „Goldenen Ehren­ nadel“ des Bundes „Heimat und Volksleben“ ausgezeichnet. Längst nun ist ihre Tochter, Maria Chmiel-Deusch, in die Fußstapfen ihrer großartigen Mutter getreten. Sie hat das Trachtensticken nicht nur in Perfektion er- 309

lernt, sondern es auch in zahlreichen Stick­ kursen weitergegeben. Natürlich hat sie auch ,,so nebenbei“ das Schneidern der komplet­ ten Tracht gelernt, wozu immer auch die pas­ sende Haube gehört, erklärt uns die fröh­ liche Schwarzwälderin. Ja, eigentlich macht sie alles selbst, auch die oft schwierige Mate­ rialbeschaffung. Eine ganze Sammlung alter Mustermotive besitzt die Trachtenstickerin, die sie noch durch eigene Kreationen ergänzt hat. Die heimatlichen Trachten unterschei­ den sich nämlich durch ganz bestimmte Merkmale in der Stickerei. Typisch für die Baaremer Tracht beispielsweise ist die Rose, während die Ähre für Bräunlingen und die Rebe für Hüfingen charakteristisch ist. Die filigranen Motive werden auf festen Karton aufgezeichnet, dann muß das Muster ausge­ stochen werden. Das geschieht sehr sorgfäl­ tig mit feinen Schnitzmessern. Mal rechts herum, mal links herum, für die rechte und linke Seite von Wams und Mieder. Die so entstandenen Vorlagen werden auf dem Samt befestigt und erst jetzt kann das eigentliche Kunststicken beginnen. Gearbeitet wird tat­ sächlich mit einem echten Goldfaden (oder Silberfaden). Er besteht aus einem hauch­ dünnen Leinenfaden als Kern, der mit ganz feinem Goldgespinst umwickelt ist. Der Goldfaden wird jedoch nicht durch das Ge­ webe gezogen, sondern in Hin-und Rück­ reihen eng über die Schablone gelegt und mit dem Nähfaden fast unsichtbar ange­ heftet. Wenn man der berufenen Trachtensticke­ rin über die Schulter schaut, erkennt man, wieviel Geduld und Fingerfertigkeit die kunstvolle Ausarbeitung der Motive ver­ langt. Maria Chmiel-Deusch betont, daß man so höchstens vier Stunden arbeiten kann, dann läßt die Konzentration nach. Für eine fertige Tracht braucht sie rund 150-200 Arbeitsstunden. Im Winter bietet sie Kurse in Goldstickerei in Überauchen im Brigach­ tal am dortigen Heimatmusem an. Durch ihre seltene Kunstfertigkeit ist sie schon weit herumgekommen. Im badischen Landesmu­ seum in Karlsruhe sowie im Museum für 310 D’r Großvadder Volkskunde in Berlin war schon eine Aus­ wahl der schönsten Arbeiten der begabten Schwarzwälderin ausgestellt. Außer Trachten bestickt die vielseitige Künstlerin nämlich auch Bilder, Täschchen, Puppenkleider, Bro­ schen und Krawatten. Ist sie mit ihrer Sticke­ reikunst vollkommen zufrieden? ,,Man lernt immer noch dazu“, räumt sie gerne ein und strahlt. Eine erstaunliche Frau in unserer an Ido­ len so armen Zeit. Ingrid Forster Wia huke si so munder do, Dia dri uff sellem Bänkli; D’r Großvadder ischs im wiße Hoor, Mit zwei von sine Enkli. Ja, d‘ Kinder, selli isch er gwöhnt, Mer künnts nit anderscht sage, Er het scho manich Stumbili Uff sine Arme trage. Dia K.inderli,dia wisse ’s scho, Drum düen si ’n nia verliare, Un wenn sie ebbis von ihm wen, No düen si ihm fladiare. Vom Morge bis zum übe spot, Düen si bi ihm rumschpringe, ’s eine lachet, ’s ander schreit, Un ’s dritt dös duet eins singe! Un kunnt er emol von witem her, Sie wer’ne sicher kenne, Dno düen si gschwind: ,, wa gisch, wa hesch ?“ Ihm gli vergegen renne. Ja, glaub‘ mers nu, wenn älder bisch, Wenn d‘ Hoor dir use falle, Magsch viel au sehe um di rum, Ganz selte wurds dir gfalle. E K.indergsichtli aber, mit Dem unschuldsvolle Lache, Dös wurd im ältste Menschen no Ganz sicher Freude mache! Bertin Nitz

Sagen der Heimat Der Giftbrunnen An der Grenze zwischen dem Fürstlich Fürstenbergischen Forst auf Tannheimer Markung und dem Wald des vormaligen Spi­ talhofbauem, im sogenannten „Kapuziner­ winkel“, ist der „Giftbrunnen“, eine Quelle, deren Wasser einst dem Hof als Viehtränke diente. Der Name der Q!ielle kam nach alter historischer Überlieferung wie folgt zu­ stande: Einmal sichtete der Tannheimer Jäger in fürstlichen Diensten einen kapitalen Bock auf dem Wechsel. Auch am nächsten Abend fand er denselben wieder an gleichem Ort und zur selben Zeit in seinem Revier. Dies wiederholte sich allabendlich, so daß man seine Uhr nach dem Tier hätte stellen kön­ nen. Voller Stolz meldete der Weidmann seine Beobachtungen der vorgesetzten Stelle und vergaß auch nicht, den Bock in den leuch­ tendsten Farben zu schildern. Und wie erhofft, richtete sich bald auch die Aufmerk­ samkeit des durchlauchtigsten Herrn selbst auf dieses Prachtexemplar und seinen Heger. Kurzfristig wurde also eine Jagd angesetzt, auf welcher dero Gnaden selbst gedachte, das Böcklein auf die Strecke zu bringen. Die Schulkinder standen an der Straße und san­ gen: ,,Vivat“, und die älteren Untertanen winkten ehrerbietig mit den Hüten und Kopftüchern, als der Sechsspanner des Für­ sten durch das Dörflein stob. Nach kurzer huldvoller Begrüßung seiner getreuen Tann­ heimer, begab sich der hohe Gast mit seinem Jägersmann sofort zum Anstand, um ja keine Gelegenheit zu verpassen. Doch die durch­ lauchtigste Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Längst war es über die Zeit und kein Wild ließ sich blicken, geschweige denn das Böcklein, das die Jagdleidenschaft so erhitzte. Verärgerung breitete sich aus in der kleinen Jagdgesellschaft und unser Jägersmann wurde immer kleinlauter, denn binnen kurzem hatte er die allerhöchste Gunst verspielt, deren er sich doch so sicher glaubte. Bis auf die Knochen blamiert, kehr­ te er heim, nachdem Seine Durchlaucht nicht einmal geruhten, in einer hiesigen Wirtschaft einzukehren, um dem mißglück­ ten Abend wenigstens ein angenehmeres Ende folgen zu lassen. Anderntags mußte der geplagte Jäger zu allem Verdruß auch noch hören, daß der Spi­ talhofbauer sich damit brüstete, das edle Wild quasi vor der durchlauchtigsten Nase weggeschossen zu haben. Dieser Jagdfrevel“ konnte jedoch nicht geahndet werden, weil es sich bei dem Reh um einen sogenannten „Grenzgänger“ han­ delte, der zudem rechtmäßig im nachbarli­ chen Revier geschossen wurde. Dies verbit­ terte aber unseren Forstmann nur noch mehr, so daß er danach trachtete, der Gerechtig­ keit, so wie er sie sah, selbst und auf eigenem Wege auf die Beine zu helfen. In aller Heim­ lichkeit schüttete er Gift in den Brunnen im „Kapuzinerwinkel“ und sorgte so dafür, daß seine Gerechtigkeit ihren Lauf nahm. 97 Stück Vieh, der gesamte Bestand des Spital­ hofbauem bis auf ein Kalb, wurde dahinge­ rafft, ohne daß der Geschädigte mehr äußern konnte, als einen gelinden Verdacht, dem aber Beweiskraft fehlte. So zogen Jahre ins Land und die beiden Streithähne hatten in dieser Zeit noch so manches Hühnchen miteinander zu rupfen, bis zu dem Tag, als eine Fügung es wollte, daß sich die zwei unverhofft am „Giftbrunnen“ trafen. Unvorbereitet wie sie waren, gerieten sie in ein Gespräch, das immer tiefere Kreise zog und zum Schluß auch den St. Nimmer­ leinstag zum Thema hatte. Vor allem die 311

Links: Der „Giftbrunnen“ im Kapuzinerwinkel bei Tannheim Aussicht auf das Jüngste Gericht ließ die alten Schwerenöter tief seufzen, denn sie spürten das Gewicht doppelt und dreifach, das auf ihrer Seele lastete. So kam es, daß sie sich ein Herz faßten und sich gegenseitig ihre Schuld eingestanden. Nun war es her­ aus, eine Zentnerlast fiel von ihren Schultern und sie glaubten zu schweben, denn wie anders ist es zu erklären, daß sie auf der Stelle gelobten, aus Dankbarkeit, barfüßig bis nach Rom zu pilgern. (Aufgeschrieben nach der mündlichen Überlieferung von Xaver Riesle.) Der Sterngucker Im Jahre 1796 kehrte der Uhrenhändler Jakob Kammerer, von Prag kommend, in seine Heimat zurück. Das väterliche Haus am Roßberg in St. Georgen wurde durch die Franzosen niedergebrannt. Nach Abzug der Franzosen baute Jakob Kammerer das abge­ brannte Haus wieder auf Auf dem Dach sei­ nes Hauses postierte er ein geheimnisvolles „Guckrohr“, das er von Prag mitgebracht hatte. In mitternächtlicher Stunde saß der „vom Teufel besessene“ Jakob vor seinem Guckrohr und schaute unserm Herrgott in die Werkstatt. Man mied den geheimnisvol­ len Mann schon wegen seines „bösen Blicks“ und weil es in seinem Hause umgehen sollte. Liebevolle Mitbürger wollten sogar den Bel­ zebub mit seinem langen Schwanz persön­ lich beobachtet haben. Geschah jemandem Unglück im Stall, dann war der Sterngucker schuld. Gab die Kuh keine Milch, dann hatte er sie aus der Feme mit einem Handtuch ge­ molken. Es war eine wunderliche Zeit da- mals. Der Schimmelreiter ohne Kopf aufs ,,Hiesemicheles Höh“, das „Siebehippewieb­ le“ auf dem Kohlbühl, die Schatzgräber zu mitternächlicher Stunde an den Kreuzwegen und anderer Teufelsspuk treiben in den Köpfen der Waldbauern ihr Unwesen. Trotz aller Anfechtungen studierte der Wälderastronom in seinen „Teufelsbüchern“ und durch ein Guckrohr die Erhabenheit des Himmels, die Wunderwelt der Sterne. Unbeschwert von allem Menschen-und Erdenleid verspürte er die tausendtönige Sternensymphonie. Jahr um Jahr betrachtete er das Stirb und Werde im Weltenraum, bis Urnacht seinen Geist umschattete. Fern der Bergheimat verlöschte das Irrlicht des Sternguckers. Quelle: St. Georgen, Chronik des Klosters und der Stadt, 1972; Stadt St. Georgen im Schwarz­ wald 313

Gesundheit, Soziales In Geborgenheit selbständig sein – 30 Jahre beschützender Lebensraum Heim Fischerhof Im malerischen Bregtal, umgeben von bewaldeten Höhen des Schwarzwaldes, liegt zwischen Vöhrenbach und Wolterdingen das Heim Fischerhof, eine Zweigeinrichtung der HAUS AM BERG gern. GmbH. Im Jahre 1964 wurde das ehemalige Gast­ haus „Fischer“ von der Staatsforstverwaltung von HAUS AM BERG gern. GmbH mit Sitz in Bad Urach erworben. ,,HAUS AM BERG“ ist eine gemeinnützige GmbH und Mitglied im Diakonischen Werk Württemberg und widmet sich mit ihren Einrichtungen seit 42 Jahren in vielfältiger Weise der Alten- und Behindertenhilfe. Das Heim Fischerhof versteht sich als Baustein in der Versorgung von psychisch leidenden Menschen und mehrfachbehin­ derten Menschen im Schwarzwald-Baar­ Kreis. Nach dem Erwerb wurde der Fischerhof entsprechend den damaligen Anforderun­ gen umgebaut und konnte 1965 als Wohn­ heim für 40 Menschen mit geistiger Behin­ derung in Betrieb genommen werden. In den Jahren 1966 bis 1969 wurde das angrenzende landwirtschaftliche Anwesen erworben und mit dem Neubau des Hauses Forbental ein Wohnheim für 40 psychisch leidende Perso­ nen fertiggestellt. 1973 wurde das bisherige Landwirtschafts­ gebäude zu einer Werkstatt und einer Wohn­ gruppe für 12 Personen umgebaut. Das neu erstellte Mitarbeiterhaus wurde 1989 bezo­ gen. Mit dieser Maßnahme wurde es mög­ lich im Haus Forbental nunmehr eine Wohngruppe für 4 psychisch leidende Men­ schen einzurichten. Damit konnten Drei­ bettzimmer entsprechend der Heimmindest­ bauverordnung abgeschafft werden. Einen vorläufigen Höhepunkt in der Entwicklung des Fischerhofes bildete im Herbst 1992 die Einweihung einer nach neuesten Anforde­ rungen konzipierten Werkstatt mit 60 Plät­ zen im Produktionsbereich und 6 Plätzen im Arbeitstrainingsbereich. Im Heim Fischerhof leben zur Zeit im Haus Weiberberg, dem ehemaligen Gasthof, 36 Erwachsene mit Mehrfachbehinderun­ gen in vier Wohngruppen. Im Haus Forben­ tal und im Haus Haselnußhalde wird für 48 psychisch leidende Männer und Frauen in 6 Wohnbereichen ein an den individuel­ len Bedürfnissen der Bewohner orientiertes Spatenstich für die Nachsorgeklinik Tannheim In Anwesenheit von Ministerpräsident Er­ win Teufei Seiner Königlichen Hoheit Carl Herzog von Württemberg und Klausjürgen Wussow sowie vielen weiteren Gästen wurde am 6. 7.1995 der erste Spatenstich für die familienorientierte Nachsorgeklinik für krebs-, herz- und mukoviszidosekranke – Mukoviszidose ist eine angeborene Stoff­ wechselerkrankung- Kinder und jugendliche in Tannheim vorgenommen. In Tannheim, einem Stadtteil von Villingen-Schwenningen, soll bis zum Herbst 1997 ein in der Bundes­ republik Deutschland einmaliges Nachsorge­ modell entstehen. In den Ansprachen wurde die Hoffnung geäußert, daß die Klinik nach ihrer Fertigstellung den erkrankten Kindern und den betroffenen Familien Hilfe in der Bewältigung ihrer lebensbedrohlichen Er­ krankung sein möge. 315

Das Heim Fischerhof mit den Häusern Weiherberg (links), Haus Forbental und Haselnußhalde (rechts) Wohnangebot vorgehalten. Insgesamt bietet damit das Heim Fischerhof derzeit Platz für 84 Menschen. Aufgenommen werden im Heim Fischer­ hof Menschen, die aufgrund ihrer Behinde­ rung nicht mehr oder noch nicht wieder allein oder bei ihren Angehörigen leben kön­ nen. In allen Wohngruppen wird nach Kon­ zeptionen gearbeitet, die sich an den Bedürf­ nissen der Bewohner orientieren und darauf ausgerichtet sind, die Persönlichkeit des Ein­ zelnen weiterzuentwickeln. Das Heim soll für den betroffenen Menschen ein Zuhause darstellen. Davon ausgehend haben sich die Mitarbeiter im Fischerhof zum Ziel gesetzt, den Bewohnern eine ganzheitliche sowie aktivierende Hilfe und Pflege zuteil werden zu lassen. Jedem Bewohner soll es ermöglicht wer­ den, soweit es seine individuellen Möglich­ keiten erlauben, unabhängig von fremder Hilfe zu leben. 316 Um diese Zielsetzung zu erreichen ist es notwendig, daß die Mitarbeiter durch eine qualifizierte Ausbildung auf ihre Aufgaben vorbereitet sind. So arbeiten auf dem Fi­ scherhof Heilerziehungspflegerlnnen mit sozialpsychiatrischer Zusatzausbildung, Er­ zieher, Krankenschwestern mit sozialpsych­ iatrischer Zusatzausbildung, Altenpflegerin­ nen, Sozialarbeiter, Heilpädagogen, Arbeits­ therapeuten, Erzieher am Arbeitsplatz mit sozialpsychiatrischer Zusatzausbildung, Haus­ wirtschafterinnen, Technische Betriebsmei­ ster, Zivildienstleistende, Praktikanten und Schüler der genannten Berufe eng miteinan­ der zusammen. Unterstützt werden die Mit­ arbeiter regelmäßig von einem prakt. Arzt und einem Psychiater. Die Einrichtung Fischerhof ist für die obengenannten Berufe zur Ausbildung aner­ kannt. Das Heim Fischerhof ist eine offene Ein­ richtung, das heißt jeder Bewohner entschei-

Die neu eingeweihte Werkstatt mit 60 Arbeitsplätzen det selbst, ob und wie lange er hier im Haus bleiben will. Es ist selbstverständlich, daß ein Bewohner, der es wünscht und bei dem es erforderlich ist, auch bis zu seinem Lebens­ ende auf dem Fischerhof bleiben kann. Un­ geachtet aber dieses Grundsatzes ist es unser Bestreben, geeigneten Bewohnern einen Wohnplatz in einer Außenwohngruppe an­ zubieten. Dazu wird im Mai 1995 in Ham­ mereisenbach ein neues Wohnhaus fertigge­ stellt, in dem 12 Bewohner ein gemeindena­ hes Wohnangebot erhalten. Die Konzeption des Fischerhofes bietet neben dem Wohnangebot eine Vielzahl von Beschäftigungsmöglichkeiten, sei es in der dem Heim angegliederten Werkstatt, der Be­ schäftigungstherapie, der Hauswirtschaft oder der Hausmeisterei sowie in der Tier- und Landschaftspflege. Während in den An­ fangsjahren des Heimes das Arbeitsangebot der Bewohner auf die Landwirtschaft ausge­ richtet war, wurden nach und nach die land- wirtschaftlichen Tätigkeiten eingestellt. An ihre Stelle traten mehr und mehr Industriear­ beiten. In der neugebauten Werkstatt arbei­ ten die Bewohner täglich bis zu 7 Stunden an geschützten Arbeitsplätzen. Es werden Ar­ beiten für Industriebetriebe aus der Region verrichtet, z.B. Montage von Schreibgerä­ ten, Kartonagearbeiten, Entgratungsarbei­ ten, Senk- und Bohrarbeiten, Leitungskabel­ montage. In der neuen Werkstatt konnte auch die Töpferei vergrößert werden, in der Gebrauchsgegenstände hergestellt werden. Hier können die Bewohner selbst kreativ werden und eigene Ideen verwirklichen. In den letzten Jahren wurden im Fischerhof zwei weitere Angebote zur sinnvollen Be­ schäftigung der Bewohner geschaffen. Eine Arbeitstherapeutin mit sozialpsychiatrischer Zusatzausbildung bietet zusammen mit einem Kunsttherapeuten, einer Kranken­ schwester und einem Zivildienstleistenden für 16 Personen ein umfangreiches Kreativ- 317

Die Arbeit in der Werkstatt – ein Stück Lebensqualität.für behinderte Menschen zu werden. Dieses Gefühl ist für das Wohlbe­ finden oft wichtiger als viele gutgemeinte Therapieangebote. Auch dürfen für die Bewohner die Frei­ zeitangebote nicht zu kurz kommen. Aus­ flüge, Basteln, Kegeln, Schwimmen, Gaststät­ tenbesuche, Gymnastik, Handarbeiten, Thea­ ter-und Konzertbesuche stehen regelmäßig auf dem Programm. Großer Beliebtheit er­ freuen sich die vielfältigen Urlaubsangebote. In jedem Jahr haben die Bewohner die Mög­ lichkeit, in den schönsten Gegenden unserer Heimat neue Eindrücke und Erlebnisse zu sammeln. Ein wichtiges Ziel unserer täglichen Ar­ beit auf dem Fischerhof besteht darin, enge Kontakte zu den Gemeinden und benach­ barten Einrichtungen herzustellen und zu erhalten. Neben vielfältigen Begegnungen mit den Bewohnern der Gemeinden Hammereisen­ bach, Vöhrenbach und Donaueschingen, angebot an. Die Angebote sind Textil-und Webarbeiten, Peddigrohr, Holzwaren, Ma­ len, Lesestunden. Hier sind Bewohner tätig, die auf Grund ihrer psychischen Belastung einen Arbeitstag in der Werkstatt nicht mehr oder noch nicht durchstehen können. Es werden kunsthandwerkliche Gegenstände hergestellt, die auf Verkaufsmessen zusam­ men mit Produkten der Töpferei großen Zu­ spruch finden und gern gekauft werden. Bewohner mit einer geistigen Behinde­ rung, die ebenfalls noch nicht kontinuierlich tätig sein können, arbeiten in aufgelockerter Form in einem eigens für sie geschaffenen Arbeitstrainingsbereich der Werkstatt. Hier wird der tägliche Arbeitstag durch arbeits­ begleitende Maßnahmen aufgelockert und ihnen ein Zugang zu einer ihnen angemesse­ nen Arbeit ermöglicht. Die Arbeit gibt den Bewohnern das Be­ wußtsein Sinnvolles zu tun und von der Gesellschaft auch als Arbeitender gebraucht 318

wo die Bewohner des Fischerhofs bekannt und gern gesehen sind, veranstaltet die katholische Kirchengemeinde in jedem Jahr einen Begegnungsnachmittag mit den Be­ wohnern und Mitarbeitern des Fischerhofes und der Bevölkerung aus Hammereisen­ bach. Bei Kaffee und Kuchen finden viele Gespräche und gemeinsame Spiele statt. Besuche von Angehörigen und Freunden sowie der Kontakt zu Außenstehenden sind selbstverständlich und immer gern gesehen. Es helfen uns auch immer wieder die Ver­ eine der umliegenden Gemeinden mit Einla­ dungen zu ihren Veranstaltungen, das Frei­ zeitangebot bunt und unterhaltsam zu ge­ stalten. All diese Möglichkeiten tragen dazu bei, unsere Bewohner in das Gemeinwesen der Gemeinden zu integrieren. Geistig Behinderte und psychisch kranke Menschen haben oftmals ein ausgeprägtes Verhältnis zu Tieren. Hieraus ergab sich, daß seit 1985 heilpädagogisches Reiten angebo- ten wird. Seit 3 Jahren werden auf dem Fi­ scherhof wieder 2 Pferde gehalten, um dieses Therapieangebot kontinuierlich einsetzen zu können. Diese Pferde werden von den Be­ wohnern unter Anleitung der Mitarbeiter versorgt und gepflegt. Die Pferdepflege ist für viele Bewohner inzwischen zur lieben Ge­ wohnheit und zu einer sinnerfüllten Freizeit­ beschäftigung geworden. Die Mitarbeiter des Fischerhofes werden auch in Zukunft mit dem ihnen zur Verfü­ gung stehenden Fachwissen ihr Bestes ge­ ben, um dem Ziel, ,,den Randgruppen unse­ rer Gesellschaft ein Zuhause zu geben und durch bestmögliche Begleitung die Lebens­ qualität dieser Menschen zu erhöhen“, im­ mer näher zu kommen. Um unsere Arbeit auch für Außenstehende durchsichtig und erlebbar zu machen, stehen interessierten Besuchern unsere Türen jederzeit offen. Alfons Olbrich/Hans Lampe Schuldnerberatung Eine Einrichtung des Landkreises stellt sich vor Der Kreistag des Schwarzwald-Baar-Krei­ ses hat am 5. 3. 1990 beschlossen, eine Schuldnerberatungsstelle einzurichten. Seit 1. 4.1991 ist sie in Betrieb. Über Schulden berichten die Medien fast täglich. Öffentliche Haushalte sind ver­ schuldet. Firmenpleiten nehmen zu. Diese Entwicklung zeichnet sich auch bei den Pri­ vathaushalten ab. Eine steigende Zahl von Menschen in der relativ reichen Bundesrepublik hat Schul­ den. So sind nach neueren Schätzungen allein in den alten Bundesländern 1,5 Mio. Privathaushalte überschuldet. Die Frage ist naheliegend, wie man in eine solche Situation kommt. Das nachfolgende Beispiel das Hans P. (Namen geändert) ist sicher außergewöhn­ lich, verdeutlicht jedoch einiges: Herr P. ist geschieden und unterhalts­ pflichtig für insgesamt drei minderjährige Kinder. Aus einer früheren Selbständigkeit hat er Schulden in Höhe von DM 90 000,­ bei 24 Gläubigern. Als er sich bei der Schuld­ nerberaterstelle einfindet, hat er neben De­ pressionen, deretwegen er bereits in psycho­ logischer Behandlung ist, folgende Probleme: – eine neue Arbeitsstelle ist in Aussicht, aber kein Girokonto für die Überweisung der Bezüge, er sucht nach einem günstigen Zimmer, da er sich keine Wohnung leisten kann, einer Unterhaltsforderung von über DM 1000,- monatlich seitens seiner Frau ist nachzukommen, Herr P. hat Angst, eine Pfändung während der Probezeit könnte seine Arbeitsstelle gefährden. 319

Aufgrund der Flut von Briefen, die Herr P. nach dem Scheitern seiner Ehe und nach der Geschäftsaufgabe erhalten hat, ist er außer­ stande, diese zu öffnen und sich mit der Pro­ blematik auseinanderzusetzen. Zunächst werden mit der Schuldnerbera­ tungsstelle die Unterlagen des Herrn P. gesichtet und geordnet. Nach der Einrich­ tung eines Girokontos mit Hilfe der Schuld­ nerberatungsstelle und deren Kontaktauf­ nahme zu den 24 Gläubigern entspannt sich die Situation zunächst. Der erste Lohn von Herrn P. beträgt netto 1700,- DM. Herr P. hat inzwischen ein Zimmer gefunden. Nach Abzug seiner notwendigen Lebens­ haltungskosten ist es ihm nicht mehr mög­ lich, auch nur annähernd 1000,- DM Unter­ halt an seine Frau für die drei Kinder zu zah­ len. So zahlt Herr P. freiwillig DM 400,- an seine Ehefrau. Seine Schulden steigen täg­ lich um die Kosten der Gläubiger und Zinsen von etwa DM 25,- (DM 750,- monatlich, wenn der Verzugszinssatz des Verbraucher­ kreditgesetzes in Anwendung gebracht wird; zur Zeit 9 0/o p. a.). Herr P. sieht keine Perspektive für ein schuldenfreies Leben. Er kann nicht einmal die Zinsen aufbringen. Durch die Sorgen um die Schulden hat er bereits Schlafstörungen und Selbstmordgedanken. Er kann seine freien Tage nicht genießen. So nimmt er eine zweite Beschäftigung auf 580-DM-Basis an. Diese Beträge setzt er für die Schulden ein, indem er das Geld an die Beratungsstelle weiterleitet. Aufgrund der Tatsache, daß das Einkom­ men des Herrn P. auch mit DM 2300,- netto unpfändbar ist bei einer Unterhaltspflicht für drei Personen, lassen sich die ersten drei Gläubiger zum Verzicht von 70 0/o des Schul­ densaldos bewegen. Mit den ersten 580,- DM können somit die Forderungen von drei Gläubigem von ursprünglich DM 1300,­ beglichen werden. Falls alle Gläubiger Entgegenkommen zeigen, ist Herr P. vielleicht in 5 bis 10 Jahren schuldenfrei. 320 Für ihn eine Perspektive, für die es sich lohnt, weiter zu arbeiten. Schulden zu haben ist nichts Ungewöhn­ liches. Die Grenze von der Ver- zur Über­ schuldung beginnt da, wo die Betroffenen nach Abzug der Lebenshaltungskosten vom Einkommen keine ausreichenden Mittel mehr für die Bezahlung der Schuldverpflich­ tungen haben. In den ersten zwei Jahren des Bestehens der Schuldnerberatungsstelle wandten sich über 300 Einzelpersonen und Familien an die Beratungsstelle. Die Beratung beginnt mit einem Ge­ spräch, das zunächst dazu dient, die Gründe, die zur Überschuldung geführt haben, und die aktuelle Situation zu beleuchten. Schwer­ punkt der Beratung ist die finanzielle Situa­ tion im Haushalt. Zusammen mit der Schuld­ nerberatung werden Wege aus der Über­ schuldung gesucht. Das Hauptziel dabei ist, einen ausgegli­ chenen Haushalt zu erreichen, d. h. keine höheren Ausgaben als Einnahmen. Hierfür können je nach Einzelfall folgende Maßnah­ men ergriffen werden: 1. Streichung/Senkung unnötiger Ausgaben 2. Erhöhung von Einkünften 3. Reduzierung der Schuldenbelastung (z.B. Schuldenerlaß, Vergleich, Zinsreduktion). Neben diesen haushaltsökonomischen Gesichtspunkten der Schuldnerberatung werden z.B. auch Maßnahmen ergriffen in bezug auf Sicherung des Arbeitsplatzes und Wiedereingliederung in das Berufsleben. Die Erarbeitung von Zukunftsperspekti­ ven ist ein wichtiger Teil der Schuldnerbera­ tung. Durch Überschuldung fehlen oftmals jegliche positiven Zukunftsaspekte. Die Schuldnerberatung kann erfolgreich sein, wenn Klienten mitarbeiten und zu Ver­ änderungen an ihrem bisherigen Verhalten bereit sind. Das Phänomen der Überschul­ dung hängt stark mit gesellschaftlichen Wer­ ten zusammen. Materielle Werte wie z.B. Lebensqualität durch Konsum und Status­ symbole spielen dabei eine wesentliche Rolle. Oftmals wird ein mangelndes Selbst-

wertgefühl über Konsum und Statussymbole kompensiert. Je früher Überschuldete zu der Erkenntnis kommen, etwas in ihrem Leben zu verändern, um so größer ist die Chance für den Erfolg. Folgende Ratschläge können unter Um­ ständen zur Vermeidung von Überschul­ dung führen: keine leichtfertige Kreditaufnahme ohne beständige Einkommensbasis für die Ra­ tenzahlung, Führung eines Haushaltsbuchs, -Bedenkzeit vor Kreditaufnahme, -Vorsicht bei Zeitungsanzeigen, welche einen schnellen Kredit versprechen, -keine Schulden mit Schulden bezahlen; dies wird möglicherweise teuer, -planen Sie, z.B. über ein Sparbuch, eine monatliche Rücklage für unerwartete Er­ e1gmsse. Die Situation überschuldeter Haushalte spiegelt in gewisser Weise unsere Gesell­ schaft wider. Es ist schwer, festgefahrene Verhaltens­ muster zu ändern. Gesucht sind dabei We­ ge, wie ein ausgeglichenes und zufriedenes Leben erreicht werden kann. „Nicht wer wenig hat, wer viel wünscht ist arm.“ (Seneca) Irmtraud Kromer Die Geschichte der Luisenklinik in Bad Dürrheim Die Luisenklinik ist nicht ein auf der „grü­ nen Wiese“ errichteter Klinikzweckbau. Stattdessen kann sie auf eine große traditi­ onsreiche Geschichte zurückblicken. Ange­ sichts der Tatsache, daß die Luisenklinik 1912 bis zu Beginn des 2. Weltkrieges eine jüdische Einrichtung war, kann sie nicht nur auf eine stolze, sondern gerade in Bezug auf die natio­ nalsozialistische Zeit auch auf eine sehr leid­ volle und tragische Geschichte zurückblik­ ken. Der 80. Geburtstag des Großherzogs Fried­ rich von Baden war Anlaß für den Oberrat und den Synodalausschuß der israelitischen Gemeinde in Baden, eine Kureinrichtung für israelitische Kinder und sozial schwache Er­ wachsene zu errichten. Diese Einrichtung sollte den Namen des großherzoglichen Paa­ res tragen. Dank dem großen, für diese Zeit ungewöhnlichen sozialen Engagement der Großherzogin Luise, die das Haus großzügig finanziell unterstützte und unter deren Pa­ tronat es gestellt wurde, war auch die Finan­ zierung gleich von Anfang an gesichert. Nach dem Spatenstich im Sommer 1911 kamen die Bautätigkeiten sehr zügig voran, so daß bereits im Dezember des gleichen Jah­ res mit dem Architekten Lehmann aus Mann­ heim Richtfest gefeiert werden konnte. Am 28. 7. 1912 war das geplante Hospiz fertiggestellt, so daß es im Rahmen einer Ein­ weihungsfeier seiner Bestimmung überge­ ben werden konnte. Die Ausstattung des Hauses war so ausgelegt, daß 76 Kinder zu­ nächst zur Aufnahme kommen konnten. Aus Dankbarkeit für das großherzogliche Protektorat und die großzügige finanzielle Unterstützung wurde das Haus schließlich auf den Namen „Friedrich-Luisen-Hospiz“ getauft. Von diesem Zeitpunkt an waren jüdi­ sche Kinder aus dem gesamten badischen, ins­ besondere nordbadischen Raum zur Kur im Friedrich-Luisen-Hospiz in Bad Dürrheim. Desweiteren wurden in dieser Einrichtung zahlreichen jüdischen Praktikantinnen eine solide fundierte Ausbildung ermöglicht. In den ersten Jahren nach der Machter­ greifung durch Hitler war das Luisenheim für viele jüdische Mitbürger in dieser Zeit voller Demütigungen ein Refugium. Mit Beginn 321

rüchtigten Nacht war es dem langjährigen Hausmeister, Valen­ tin Obergfell, zu dan­ ken, daß das Friedrich­ Luisen-Hospiz frei von solchen Verwüstungen blieb. Dieser sehr coura­ gierte und engagierte Hausmeister, Valen­ tin Obergfell, sorgte mit seinem persönli­ chen Einsatz dafür, daß „seinem Haus“, in dem er arbeitete, in dieser Nacht nichts Böses widerfuhr. Mit Beginn des 2. Weltkrieges 1939 muß­ ten alle jüdischen Bür­ ger die Stadt Bad Dürr­ heim verlassen. In die­ sem Rahmen wurde auch das Friedrich­ Luisen-Hospiz zwangs­ geräumt. Alle damali­ gen jüdischen Mitar­ beiter/innen, Patien­ ten und Gäste wurden daraufhin in Konzen­ trationslager depor­ tiert. gleichen Jahr wurde die jüdi­ sche Gemeinde mit ihrem Sitz in Karls- ruhe enteignet und das Friedrich-Luisen-Hospiz wurde durch die deutsche Heeresleitung beschlagnahmt, die das Luisenheim an die Berufskranken­ kasse der Kaufmannsgehilfen in Hamburg veräußerte. Während der ersten zwei Kriegs­ jahre konnten dann im Luisenheim in Bad Dürrheim Mitglieder der kaufmännischen Krankenkasse die entsprechenden Kurein­ richtungen nutzen. 1941 wurde das Luisen­ heim in ein deutsches Kriegslazarett umge­ wandelt. Im des 2. Weltkrieges fand dieses erste große Kapitel in der Geschichte der Luisenklinik ein jähes und zugleich tragisches Ende. Mit der politischen Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 wurden die jüdischen Mitbürger sukzessive und sy­ stematisch ihrer bürgerlichen Rechte be­ raubt. Am 9. November 1938 wurden in der sogenannten Reichskristallnacht unzählige Terrorakte gegen jüdische Mitbürger und deren Einrichtungen verübt. In dieser be- 322

Mit dem Einmarsch der französischen Armee in den letzten Kriegstagen des Jahres 1945 wurde das Luisenheim durch die Fran­ zosen beschlagnahmt und für eii:iige Monate als Lazarett für französische Kriegsverletzte genutzt. Im gleichen Jahr wurde dann aus dem Kriegslazarett wieder eine Kinderkur­ einrichtung, diesmal für französische Kinder. Im Jahre 1949, also genau 10 Jahre nach der Enteignung, wurde das Luisenheim wie­ der an die israelitische Gemeinde, jetzt mit Sitz in Freiburg, zurückgegeben. Mit dieser Rückgabe fand ein sehr tragisches und leid­ volles Kapitel in der Geschichte der Luisen­ klinik ein Ende. Die israelitische Gemeinde in Freiburg hatte für dieses Haus keine direkte Verwen­ dung, und so kam es im November 1949 zu einem Pachtvertrag zwischen der isrealiti­ schen Gemeinde in Freiburg und der Stadt Bad Dürrheim. Das Luisenheim wurde zu­ nächst von der Stadt Bad Dürrheim als K.in- Großherzogi.n Luise derkureinrichtung betrieben und verwaltet. Kinder aus ganz Deutschland konnten in das Luisenheim kommen und dort kuren. Es sollte sich jedoch bald herausstellen, daß die mit dem Pachtvertrag verbundenen Erwartungen in der Stadtverwaltung bald sehr viel nüchterner gesehen wurden. So­ wohl die mit dem Betrieb des Luisenheims verbundene Arbeit als auch die finanziellen Belastungen trugen zu dieser raschen Er­ nüchterung bei. So war die Stadtverwaltung nicht un­ glücklich darüber, daß sich Anfang 1951 der Chrischona-Schwesternverband mit seinem Mutterhaus in der Nähe von Basel für das Luisenheim interessierte und den Vorschlag unterbreitete, das Luisenheim von der israe­ litischen Gemeinde zu pachten und das An­ wesen in Eigenregie zu betreiben. Zur Freude aller wurde sehr schnell eine vertragliche Lösung gefunden, so daß im April 1951 der Chrischona-Schwesternver­ band das Anwesen von der israelitischen Gemeinde in Freiburg übernehmen konnte. Herr Dr. med. Heinz Harrass, damals Stadt­ rat in Bad Dürrheim, der schon die Rückgabe durch die französische Armee organisiert und geleitet hatte, wurde mit dieser Aufgabe betraut. Er war maßgeblich an dem Aufbau des neuen medizinischen Verwendungs­ zweckes beteiligt. Der Chrischona-Schwe­ sternverband führte das Luisenheim dann als Kinderkureinrichtung weiter. Es sollte sich sehr schnell zeigen, daß das Haus unter der neuen Leitung aufblühte und einen sehr guten Ruf gewann. Das Mutter­ Haus der Chrischona-Schwestern war mit der Entwicklung außerordentlich zufrieden und trat infolgedessen an die israelitische Gemeinde in Freiburg heran, um das Luisen­ heim käuflich zu erwerben. Im April 1953 wurde der Kaufvertrag geschlossen und von nun an war der Chri­ schona-Schwesternverband Eigentümer des Luisenheimes. In den folgenden 3 Jahrzehnten stand das Luisenheim in voller Blüte und war immer sehr gut ausgelastet, so daß sich der Träger 323

bald Gedanken machte über eine Erweite­ rung des Luisenheimes. Mitte der 60er Jahre wurde dann der Entschluß gefaßt, das Lui­ senheim zu erweitern und durch einen ent­ sprechenden Neubau zu vergrößern. Der Neubau wurde 1969 erbaut und fertiggestellt und im gleichen Jahr seiner Bestimmung übergeben. Das 1912 erbaute Stammhaus und das neu erstellte Haupthaus wurden über einen Verbindungsgang miteinander verbunden. Aufgrund gewandelter medizinischer Er­ fordernisse entschied sich der Chrischona­ Schwesternverband 1974 zum Bau eines Schwimm- und Bewegungsbades. Ab Mitte der 80er Jahre, verursacht durch vielfältige restriktive Entwicklungen im Ge­ sundheitswesen, wurde es für das Luisen­ heim immer schwieriger, das Haus ganzjäh­ rig voll zu belegen. Ende der 80er Jahre konn­ te das Haus nur noch während den Schulfe­ rien mit Kindern belegt werden, so daß es sich für den Chrischona-Schwesternverband immer deutlicher abzeichnete, daß das Haus als Kinderkureinrichtung aus den genannten Gründen sinnvoller Weise nicht mehr weiter zu führen ist. Zum Jahreswechsel 1990/91 übernahm dann die Gesellschaft für Verhaltensmedizin und Gesundheitsforschung mbH das Lui­ senheim, um dort eine verhaltensmedizini­ sche Fachklinik für erwachsene Patienten zu etablieren. Für den neuen Verwendungs­ zweck der Luisenklinik waren immense Sa­ nierungs- und Umstrukturierungsarbeiten in beiden Gebäuden erforderlich. Das 1912 er­ baute denkmalgeschützte Stammhaus wur­ de in enger Zusammenarbeit mit dem Lan­ desdenkmalamt im Innenbereich grundle­ gend saniert. Die kompletten Neustrukturie­ rungen und Sanierungen des Haupthauses wurden sofort mit dem Jahreswechsel 1990/ 91 in Angriff genommen, und es wurde zwi­ schen beiden Gebäuden ein neuer Speisesaal in Form eines großzügigen Glaspavillons er­ baut. Dieser erhebliche Sanierungsaufwand bedurfte einer exakten Planung und Zusam­ menarbeit zwischen Architekten, Bauträ- 324 gern und Landesdenkmalamt. Bereits im Mai 1991, also 5 Monate nach der Über­ nahme, war das Haupthaus in seiner bauli­ chen Gestalt soweit, daß bereits die ersten Patienten aufgenommen werden konnten. Im August des gleichen Jahres konnte dann das Stammhaus nach einer grundlegenden Sanierung und Restaurierung seiner neuen Bestimmung übergeben werden. Mit der Ubernahme der Gesellschaft für Verhaltensmedizin und Gesundheitsfor­ schung 1990/91 wurde somit ein neues Kapi­ tel in der Geschichte der Luisenklinik aufge­ schlagen. In der jetzigen Luisenklinik stehen 143 Therapieplätze für die Patienten zur Ver­ fügung. Dem persönlichen Engagement des neuen Trägers ist es zu danken, daß im Früh­ jahr 1994, wiederum in Zusammenarbeit mit dem Landesdenkmalamt und der Denkmal­ stiftung Baden-Württemberg, die Außenfas­ sade des 1912 erbauten Stammhauses unter immensem Aufwand originalgetreu wieder­ hergestellt werden konnte. Somit erstrahlt die Luisenklinik seit Herbst 1994 wieder in dem Glanz, wie es bereits bei der Erbauung 1912 der Fall war. Dr. Rolf Wahl, Volker Enser, Ulrike Gaß Trennung Mit dir glaubte ich lachen zu können unbeschwert wie ein Kind – als du gingst nahmst du das Lachen mit und ließest nicht eihmal Erinnerung zurück Christiana Steger

Sport Deutsche Nordische Skimeisterschaften 1995 in Schonach Schonach ist und bleibt d a s Skidorf „Skidorf im Schwarzwald“ – es war ein Ehrentitel, der Schonach schon fast in Urzei­ ten des Skisports verliehen wurde. Er hat heute noch genau so Gültigkeit wie damals. Selbst den Begriff „Dorf“ darf man noch ste­ hen lassen, denn trotz aller Industrieansied­ lung gibt es noch genug Schwarzwaldhöfe, in denen bäuerliche Nutzung Broterwerb ist. Und „Ski“? Da bedarf es keiner Überlegung. In Skikreisen der ganzen Welt ist Schonach ein Begriff Junioren-Weltmeisterschatten (vgl. Almanach 80, Seiten 218/219) und die Weltcup-Kombination um den Schwarz­ wald-Pokal (vgl.Almanach 92, Seiten 318-321) trugen den Namen Schonach bis nach Japan und Nordamerika, und perfekte Organisa­ tion verbunden mit herzlicher Gastfreund­ schatt und damit einer fast einmalig zu n·en­ nenden Atmosphäre haben diesem Namen Glanz verliehen. Im Winter 1994/95 stand Schonach gleich zweimal im Mittelpunkt des skisportlichen Interesses, denn kaum war der Schwarzwald­ Pokal vergeben, standen vom 19. bis 22.Janu­ ar 1995 die Deutschen Nordischen Skimei­ sterschatten auf dem Programm. Fast spie­ lend bestand das Organisationsteam um Ski­ Club-Vorsitzenden Gunter Schuster und Renn-Sekretärin und „Seele“ aller Skifeste in Schonach, Heidi Spitz, diese Doppelprü­ fung. Auch die nationalen Titelkämpfe ge­ reichten Schonach zu Ehren. Bürgermeister Albert Haas (inzwischen Ruheständler), der sich bei allen Veranstaltungen als der „Mann Silber für den Schonacher Hansjörg ]äkle Zusammen mit seinen Teamkollegen Gerd Siegmund (Oberhof), Dieter Thoma (Hinter­ zarten) und Jens Weißjlog (Oberwiesenthal) gewann Hansjörg}äkle (Schonach) Silber im Skispringen bei der Nordischen Ski-Weltmei­ sterschaft 1995 in Thunder Btry (Kanada). Der Mannschaftsolympiasieger von Lille­ hammer (vgl. Almanach 95, Seiten 343/ 344) hat mit diesem Sieg seiner sportlichen Laufbahn einen weiteren Glanzpunkt aufge­ setzt. Am 21. 3.1995 wurde er in seiner Hei­ matgemeinde im festlichen Rahmen empfan­ gen und geehrt. 325

vorderen Platz gut war, hatte man sich so viel versprochen; einmal sportlich, aber auch von den Einnahmen her. Das war wirklich großes Pech. Dem Gesamteindruck von den Meisterschaften konnte es freilich keinen Abbruch tun. Bei den sportlichen Entscheidungen kam bei den Skifreunden aus dem Schwarzwald etwas Wehmut auf. Man dachte zurück an die Zeiten, in denen der Schwarzwald und Bayern sich gegenseitig die Titel abjagten. Diesmal konnte bei der Siegerehrung im „Haus des Gastes“ kein Schwarzwälder als Meister geehrt werden. Dominant war der Schwarzwald nur im Springen auf der Groß­ schanze, mit dem der Ski-Club Neustadt auf seiner Hochfirst-Schanze am Samstag mehr Glück hatte als die Schonacher am Sonntag: Hinter dem an diesem Tag überragenden Jens Weißflog belegten vier Schwarzwälder die nächsten Ränge: Dieter Thoma aus Hin­ terzarten, Hansjörg Jäkle aus Schonach, Sven Hannawald aus Hinterzarten und Chri­ stof Duffner aus dem benachbarten Schön­ wald. Andreas Scherer vom Schonacher Ver­ ein SV Rohrhardsberg wurde noch Achter. Wie schon erwähnt: Schade, daß auf der Langenwald-Schanze in Schonach nicht ge­ sprungen werden konnte … Im Langlauf setzte es Überraschungen ab. Schon am ersten Tag über 30 Kilometer in der klassischen Technik: Jochen Behle, der hohe Favorit, stieg aus und machte den Weg frei für Torald Rein, hinter dem Andreas Schlütter Zweiter wurde. Beide stammen aus den neuen Bundesländern, starten aber für Vereine aus den alten -ein Merkmal für die Zeit seit der Wende. Überraschung zwei: Nicht der hochfavorisierte, durch seine „Spuk­ geschichten“ ins Gerede gekommene Johann Mühlegg gewann, sondern Andreas Schlüt­ ter, ein Talent hohen Grades im 15-km-Ren­ nen in der freien Technik. Als bester Schwarz­ wälder wurde der Furtwanger Walter Kuß einmal Siebter und einmal Fünfzehnter. Bei den Damen, die einen Neuanfang machten, teilten sich lna Kümmel (15 km) und Sigrid Wille (10 km) die beiden Titel. Hier fiel die für alle Fälle“ in den Dienst der Organisation stellte, darüber hinaus aber auch ein stets freundlicher Gastgeber war, der den richti­ gen Ton gegenüber Sportlern und ihren Be­ treuern und Funktionären fand, konnte zu­ frieden sein. Glück und Pech liegen im Leben eng bei­ einander. Auch im Sport und … beim Wet­ ter. An Schnee fehlte es im Gegensatz zu den letzten Jahren nicht. Endlich konnte das kleine Skistadion bei Schule und Rathaus, also mitten im Ort, wieder aufgebaut wer­ den, und dort herrschte bei allen Langläufen großartige Stimmung. Und das Wetter hielt … bis zum Sonntag. Da kam der große Re­ gen, vor allem aber ein orkanartiger Sturm. Das Springen auf der Normalschanze mußte abgesagt werden. Gerade von diesem Wett­ bewerb mit den Olympiasiegern, darunter dem Schonacher Hans-Jörg Jäkle (der sich allerdings verletzt hatte) und einem weiteren Schonacher, Andreas Scherer, der für einen 326

Überlegenheit der jungen Damen aus den neuen Bundesländern in der Breite auf. Die Kombination (ohne den zurückgetretenen Hans-Peter Pohl aus Schonach) ging an den Bayern Thomas Dufter. Erfreulich hier der dritte Platz für einen Schonacher: Christian Dold vom SV Rohrhardsberg. Ein besonderes Ereignis wurde die Mann­ schaftskombination: Der Langlauf nach Art der Sechstagerennen im Radsport wurde am Abend auf einer beleuchteten Strecke ent­ schieden. Viele Zuschauer erfreuten sich an diesem abendlichen Spektakel. Überhaupt: Die Zuschauer nahmen regen Anteil am sportlichen Geschehen, in erster Linie natürlich die Schonacher, die ihre Ver­ bundenheit mit dem Skisport unter Beweis stellten. Die kam auch deutlich in anderer Meinrad Beha Ein Leben für den Laufsport Wenn jemand für „langjährige herausra­ gende sportliche Leistungen“ vom Bürger­ meister seiner Heimatgemeinde geehrt wird und die Glückwünsche vom Ministerpräsi­ denten des Landes Baden-Württemberg ent­ gegennehmen darf, hat das seinen besonde­ ren Grund. In über zwanzigjähriger sport­ licher Tätigkeit auf dem Gebiet des Lauf­ sports erlief sich der Unterkirnacher Post­ bote Meinrad Beha unzählige Siege und Meistertitel. Die so erfolgreiche sportliche Karriere wurde ihm wahrlich an seiner Wiege nicht mit auf den Weg gegeben. Als Drittjüngster von sieben Kindern wurde er am 9.Januar 1952 auf dem elterlichen Bauernhof am Hohrain in Unterkirnach geboren. Viel­ leicht waren die vier Kilometer Schulweg, den die Kinder der Familie Beha zurücklegen mußten, in Wintern wie man sie heute nur noch vom Hörensagen kennt, der Grund­ stein für seine spätere erfolgreiche Sportlauf­ bahn. Kein Schulbus brachte die Kleinen in Hinsicht zum Ausdruck: Die Preise wurden durchweg von einheimischen Firmen (auch aus Triberg und St. Georgen) gestiftet. Sie wurden für Sieger und Plazierte nicht nur zu einer Erinnerung an den Erfolg, sondern auch an Schonach und den Schwarzwald. Beim Empfang für Mannschaftsführer und Medienvertreter im alten Skisportler-Gast­ haus Rebstock und bei der Siegerehrung mit anschließender Unterhaltung im Haus des Gastes durften Bürgermeister Albert Haas und der Ski-Club viele anerkennende Worte von den Spitzen des Deutschen Skiverban­ des hören. Sie waren Lohn für viel Arbeit, aber auch eine Bestätigung: Schonach ist und bleibt d a s Skidorf im Schwarzwald. Werner Kirchhofer die Schule und wieder zurück an den elter­ lichen Herd. Geschadet hat es, wie man an den späteren sportlichen Erfolgen sehen konnte, in keiner Weise. 1967 wählte er die Deutsche Bundespost zu seinem Arbeitge­ ber. In den Jahren 1972/73 leistete er den Wehrdienst in Koblenz. Dort begann er seine läuferischen Fähigkeiten zu entdecken, denn bei einem Soldatenlauf von über 5000 Meter erlief er sich den zweiten Platz in einer für ihn heute undiskutablen Zeit von 24 Minuten. Im Vergleich dazu sei seine Best­ zeit über diese Distanz aus dem Jahre 1987 erwähnt, die bei stolzen 15:04 Minuten liegt. Doch das Lauffieber hatte ihn gepackt, auch wenn er noch sehr weit entfernt war von einem systematischen Trainingsplan. Auch sein Körpergewicht war alles andere als ideal. Seine 76 Kilo waren für Spitzenzeiten in kei­ ner Weise gerechtfertigt. Es war der Spaß an der Freud, der ihn im Jahre 1975 seinen ersten Marathon laufen ließ. Dazu suchte er sich gleich den Naturmarathon von Bräunlingen 327

aus. Ohne Training und aus reiner Aben­ teuerlust brachte er die von vielen Läufern gefürchteten 42 Kilometer in 3:41 Stunden hinter sich. Seit 1976 war der angehende Laufstar Post­ zusteller am Sommerberg in Unterkimach. Die ca. 2000 Treppenstufen, die er täglich auf-und absteigen mußte, waren eine ideale Trainingseinheit zu seinen sonst üblichen Waldläufen. Das Jahr 1978 war für Meinrad Beha ent­ scheidend. Privat wie sportlich sollte sich einiges ändern. Die Hochzeit mit seiner Frau Ursula bildete den Höhepunkt des Jahres. Der Beitritt zum neugegründeten Lauftreff Unterkimach trat dadurch etwas in den Hin­ tergrund. Beha begann mit einem regelmäßi­ gen, auf Leistung abgestimmten Training, und schon im Jahre 1979 zeigten sich die Erfolge. Er lief, wiederum in Bräunlingen, den Marathon in 2:54 Stunden. Das war eine enorme Steigerung. Jetzt wußte Meinrad Beha, daß es bis zu einem überzeugenden Sieg nicht mehrweitwar. Man wurde auf den Läufer aus dem Kirnachtal aufmerksam. Er avancierte in der Folgezeit zum Laufstar über 5000 Meter, 25 Kilometer und die Mara­ thondistanz. Doch in dieser Zeit war auch für ihn klar, daß es ohne ein hartes Training nicht mehr ging. Das Energiebündel aus Unterkimach nahm diese gewaltige Heraus­ forderung an, die er, wenn man seine Erfolge betrachtet, in meisterlicher Manier löste. Seine hervorragenden Ergebnisse erzielte er aber nicht nur auf ebenen Strecken. Daß er ein ausgezeichneter Bergläufer ist, beweisen seine sensationellen Zeiten bei über regiona­ len Berglaufveranstaltungen. Seine gesam­ ten Erfolge hier an dieser Stelle aufzuzählen, wäre müßig, doch seine markantesten Siege seien hier erwähnt: 1984 war das Ausnahme­ talent Süddeutscher und Baden-Württem­ bergischer Marathonmeister. Im selben Jahr stellte er beim 25-km-Lauf in Hildrizhausen einen neuen Streckenrekord auf, 1985 war er Gesamtsieger des Marathons in Bräunlingen und 25-km-Meister von Süddeutschland. 1986 gewann er den großen internationalen 328

Schluchseelauf und wiederholte im selben Jahr seinen Erfolg über 25 km aus dem Vor­ jahr in Hildrizhausen. 1987 wurde er Baden­ Württembergischer Meister, Vizemeister im Berglauf, der am Hochblauen ausgetragen wurde. Zugleich errang er mit seinen Vereins­ kameraden aus Unterkirnach den Meister­ titel in der Mannschaft. Die Bronzemedaille erlief er sich 1988 bei der Deutschen Berg­ laufmeisterschaft in Bühlertal. Sein zweiter Erfolg in Bräunlingen war ihm im Jahre 1990 beschieden und er war zugleich Gesamtsie­ ger des erstmals ausgetragenen Schwarzwald­ Baar-Cups. 1986, 87, 88 und 90 gingen die Titel eines Bezirksmeisters des Leichtathle­ tikbezirks Schwarzwald-Baar-Zollernalb an Meinrad Beha. 1992 errang er im schwedi­ schen Motala mit seinem dritten Platz bei der Europäischen Cross-Meisterschaft einen weiteren Achtungserfolg. Ein absoluter Hö­ hepunkt in Behas Läuferleben war sein Start beim Tsuchiara-Marathonlauf in Japan. Zu diesem Start im Land der aufgehenden Sonne kam er durch die sportlich faire Hal­ tung des Siegers Takayasa Komatsu, der den Bräunlinger Marathon gewonnen hatte und spontan den ersten Preis, eine Flugreise nach Japan, an den Postboten, als Zweitplazierten, weitergegeben hatte. Meinrad Beha ent­ täuschte in Japan in keiner Weise und lief als bester Europäer auf den beachtlichen 10.Platz. Was bleiben wird, so der Akteur Langlauf, sein Leben Über den Sportler Klaus Weiß wurde bereits im Almanach 86, Seiten 246, 247, berichtet. Sein neuester sportlicher Triumph wird im nach­ folgenden Beitragfestgehalten. 3.März 1995, Canmore/Calgary, Orts­ zeit: 11.39 Uhr: Klaus Weiß ist Weltmeister über die Kö­ nigsdisziplin der Langläufer, die 50 km. Goldmedaillengewinner bei den Senioren­ Weltmeisterschaften 1995 in Kanada. selber, ist ein unvergeßliches Erlebnis und die Erfahrung, daß der Sport nicht immer nur mit verbissenem Siegeswillen verbunden sein muß, sondern daß das Sichkennenler­ nen von Menschen verschiedener Art und Rasse, einen Menschen reicher macht. Das Jahr 1994 bescherte ihm nocheinmal den Titel eines Vizemeisters der Senioren im Berglauf und zusammen wieder mit seinen Vereinskameraden den Titel eines Deut­ schen Mannschaftsmeisters der Senioren. Die Liste seiner einmaligen Erfolge ließe sich fortsetzen, denn in seinen bisher 311 Wettkämpfen (davon einmal aufgegeben) war der langlaufende Postbote immer ein Anwärter auf einen Sieg oder Titel. Aber es gibt nicht nur den Läufer, sondern auch den Menschen und Kommunalpoliti­ ker Meinrad Beha. Neun Jahre lang (1980- 89) war er Mitglied des Gemeinderates seiner Heimatgemeinde Unterkirnach. Seine offe­ ne und sachliche Art war es wohl, die von den Bürgern der Gemeinde geschätzt wurde, als sie ihn mit überwältigendem Stimmenan­ teil in das Gremium wählten. Rückhalt fin­ det Meinrad Beha in seiner Familie, die ihm die Unterstützung gibt, welche er unbedingt braucht. Seine Erfolge hängen eng mit seiner Familie zusammen, denn ein Leben mit all seinen Höhen und Tiefen kann nur in einer Gemeinschaft, wie die Familie ist, gemeistert Werner Jörres werden. Die Laufzeit auf der technisch anspruchs­ vollen Olympiastrecke: 2 Std. 39 Min. Hin­ ter ihm, 79 geschlagene Teilnehmer aus aller Welt, die Seniorenklasse M 50. Sein härtester Konkurrent, der Russe Evquini Soliankine, kommt 25 Sekunden später ins Ziel. Lange Zeit waren sie zusammen gelaufen. Dann, kurz vor dem Ziel, mobilisierte der Ober­ eschacher nochmals seine letzten Kräfte und errang seinen ersten Einzeltitel als Senioren-329 Klaus Weiß wurde in Calgary Langlaufweltmeister der Senioren

den Reihen ehemaliger aktiver Rennläufer, aus Nationalmannschaften und Leistungs­ kadern. Mit ungebrochenem Ehrgeiz, be­ währter Technik und viel Erfahrung, werden bei diesen Meisterschaften hervorragende Leistungen erzielt. In diesem Umfeld Weltmeister zu wer­ den, einen Einzeltitel zu erringen, ist eine Superleistung. Dafür hat Klaus Weiß lange trainiert. Pro Jahr ca.1200 Schneekilometer, Skirollertraining im Sommer, 6 -8 Stunden pro Woche, dazu Radfahren und Laufen. Verstärktes Armtraining, was auch im klassi­ schen Stil zunehmend wichtig wird. Pro Winter ca.15 Rennen. Langläufer seit dem 16. Lebensjahr, richtig aktiv ab 21. Früher Klasse-1-Läufer und Kadermitglied im Ski­ verband Schwarzwald. Seither über 300 Siege und unzählige Plazierungen unter den ersten 10. Ein Ausnahmeathlet, konstant vorne mit dabei, seit 30 Jahren. Den Ruck­ sacklauf Schonach – Belchen hat er gewon­ nen, war schon einmal Goldmedaillenge­ winner bei der Seniorenweltmeisterschaft in der Staffel, holte am legendären Holmenkol­ len bei der Senioren-WM Bronze, war mehr­ facher Deutscher Senioren- und Skiroller­ Bergmeister. Das sind nur einige der vielen Erfolge des Obereschacher Ausnahmeläufers, der sei­ nem Club, dem Skiclub Villingen, bis heute die Treue hielt. Manche Mark hätte fließen können, wenn er aufs Geld geschaut hätte und die vielen Angebote anderer Vereine angenommen hätte. Vereinsmeister wurde er beim Villinger Skiclub immer dann, wenn er antrat. Bis heute ungeschlagen, errang er über 20 Titel. Sein unbändiger Siegeswille, Trainings­ fleiß und eine hervorragende technische Begabung auf den Skiern, sind der Fundus, auf dem Klaus Weiß seine Erfolge erringt. Als Sportartikelhändler kann er freilich auch auf gutes Material zurückgreifen, weiß, was Sache ist und ein glückliches Händchen beim Wachsen hat er allemal. Das hat ihm auch in Calgary geholfen. Dort, in einer Mischung aus Alt- und Kunst- Klaus Weiß bei der Siegerehrung im kanadischen Calgary weltmeister. Das war die Krönung einer bei­ spiellosen, sportlichen Laufbahn. Seine her­ vorragende Zeit hätte auch noch gereicht, um in den drei jüngeren Klassen M 35, M 40 und M 45 eine Medaille zu gewinnen. 2 Tage zuvor hatte er sich die Silberme­ daille über 15 km geholt. Dazwischen noch mit der Staffel den 4. Platz über 3 x 10 km. Bei diesem Staffelrennen gelang ihm sein per­ sönlicher „kleiner Rekord“. Er errang als 5ljähriger von allen Teilnehmern die viert­ beste Zeit. „Wenn’s läuft, dann läuft’s.“ So sein bescheidener Kommentar nach gran­ dioser Leistung. Dabei sind Seniorenweltmeisterschaften beileibe kein Touristentrip. Die 1800 Teil­ nehmer aus den klassischen Langlaufhoch­ burgen Rußland, Norwegen, Schweden, Finn­ land, Italien, Österreich, Schweiz und Deutschland rekrutieren sich allesamt aus 330

Karin Romer steuert Olympiade an gehabt“ sagt er schmunzelnd und kommt schnee, waren optimal präparierte Skier schnell zum nächsten Thema. Daraus machen wichtiger denn je. „Du läufst wie auf Millio­ sie alle ein Geheimnis, die Meister des nen kleiner Kugeln, die haben keine Bin­ schnellen Brettes. dung zueinander, und die oberste Schicht Die Frage, ob der Weltmeistertitel, der klebt Dir am Ski.“ So seine fachmännische bisherige absolute Höhepunkt seiner Kar­ Beschreibung der Schnee-und Spurverhält­ riere, jetzt vielleicht der richtige Moment nisse bei dieser Weltmeisterschaft. Für Klaus wäre, ans Aufhören zu denken, weist er la­ Weiß sein erstes Kunstschneeerlebnis, wel­ chend zurück. ,Jetzt macht es doch erst rich­ ches seinem Wachstalent natürlich alles tig Spaß“ sagt er und fügt lächelnd hinzu: abverlangte. Wie er seine Ski präparierte, „Was sollen denn meine Kunden von mir und was letztlich auf den Ski gezaubert denken.“ wurde, daß er trotz widriger Schneeverhält­ Hilmar Kirchgeßner nisse gut lief, weltmeisterlich, versteht sich, verrät der alte Fuchs indes nicht. „Glück Mit 18 Jahren dreimal Mountainbike-Weltmeisterin Die dreifache Mountainbike-Weltmeiste­ rin Karin Romer aus Niedereschach setzt aufs Ganze. Das Ziel heißt Olympia-Teil­ nahme 1996 in Atlanta, USA. Dafür ging die am 12. November 1976 geborene Sportlerin frühzeitig von der Schule ab und wechselte zur Bundeswehr. Nach der Grundausbildung in der Truppe bleibt nun genügend Zeit für Training, Wett­ kämpfe, Verpflichtungen. Dabei ist der Ter­ minkalender von Karin Romer auch ohne Schule prallvoll. Sie plant immer drei bis vier Wochen voraus. Daß sie sich auf ihre Kräfte konzentrieren muß, hat Karin Romer nach bitterer Nieder­ lage bei der Weltmeisterschaft im Straßen­ rennen erkannt. Konsequent und hart mit sich selbst feierte sie nur wenige Wochen danach ihren bislang größten Triumph: den dritten Mountainbike-Weltmeistertitel. So zeichnet sie sich als Vorbild aus. Dieser Rolle ist sie sich durchaus bewußt. Gerade im Schwarzwald-Baar-Kreis genießt Karin Romer große Popularität. Viele junge Rad­ fahrer bewundern sie und wollen ihr nach­ eifern. Wer wie Karin Romer als Sportamateur profihaft seine Ziele erreichen will, braucht Talent, Trainingsfleiß, ein gutes Umfeld und den Willen, „die Beste zu sein“. In ihrer ach­ ten Rennsaison weiß Karin Romer mit der Erfahrung aus über 300 Rennen, daß man nicht vom Start weg allen davonfahren kann, sondern auch taktieren muß. Ihr fällt es leichter, nach Niederlagen erstarkt wieder nach vorne zu fahren, als immer dem Anspruch der Nummer eins ge­ recht zu werden. Rennen fahren ist für sie das Schönste am Radsport, so wie Boris Becker sagt, er spiele gerne Tennis. Sie liebt den Wettbewerb, erinnert sich gerne an die Zeit, als sie noch mit den Jungs bei Schüler-B­ Rennen um Sieg und Punkte kämpfte. Inzwischen fährt sie in der Frauenklasse. Da läßt sich auch Geld verdienen, obwohl es noch immer vergleichsweise wenig ist. Rad­ fahren ist eine Randsportart, obwohl fast jeder ein Fahrrad besitzt. Doch zwischen radeln und einem Tempo von durchschnitt­ lich 43(!) Kilometer pro Stunde bei Straßen­ rennen ist ein riesengroßer Unterschied. Eine schöne Tour auf Feldwegen kann man genießen. Beim Höllentempo im Down­ Hill-Rennen mit dem Mountainbike ist auch eine Karin Romer bis zum letzten Nerv ange­ spannt. 331

wald härtet sie ab. Dank einer robusten Gesundheit war sie in den letzten Jahren nie geschwächt oder durch Medikamente in ihrer Leistung beeinflußt. 1995 wird für Karin Romer noch ein weite­ res Jahr der Orientierung sein. Straßenren­ nen und Mountainbike-Wettbewerbe: die­ sem doppelten Anspruch will sich Karin Romer, losgelöst von schulischen Verpflich­ tungen, noch einmal stellen. Was dann kommt, ,,wird man sehen“, sagt sie mit der Vorsicht und Ruhe, die sie persön­ lich auszeichnet. Der Druck von der Straße baut ihr die Bombenkondition für die Off­ Road-Wettbewerbe auf. Deshalb steht sie weiterhin zur zweigleisigen Taktik, läßt ihre Entscheidung für das Olympiajahr noch rei­ fen. Dabei scheint sie im Herzen längst zu dem Entschluß gekommen sein, der für die gesamte Radsportentwicklung gilt: dem Mountainbike gehört die Zukunft. Mit viel Arbeit und Disziplin kann Dreifach-Welt­ meisterin Karin Romer bei der Olympia-Pre­ miere diese Zukunft mitgestalten. Doch wie bei jedem großen Ziel, muß auch ein Scheitern einkalkuliert sein, damit man an Niederlagen nicht menschlich zerbricht. Verena Wider Doch sie kennt wenig Angst, wie man auf Videos von den Sportereignissen sieht. Un­ empfindlich trumpft sie bei Schlamm, Re­ gen und Kälte auf. Das Wetter im Schwarz- Ein Schüler als Spitzensportler Alexander Herr Wenigen Menschen ist es gegeben, mit 16 Jahren überregionalen, ja internationalen Bekanntheitsgrad zu genießen und dement­ sprechend für Schlagzeilen zu sorgen. Einer dieser wenigen istAlexander Herr aus Schon­ ach, Juniorenweltmeister und Deutscher Jugendmeister im Skispringen, Mitglied des Skivereins Rohrhardsberg und Schüler der Realschule Triberg. Wie kommt nun einer zurecht, der so jung in die Medien gerät, dessen Erfolge „über den Äther“ gehen, der in der Presse portrai­ tiert wird und der auch schon vielfältige Erfahrungen mit dem Fernsehen hat? Wie verkraftet er Niederlagen, Enttäuschungen und Verletzungen physischer und psychi­ scher Art? Wie verarbeitet er Lob, Ruhm und Erfolg? Wenn man davon ausgeht, daß der Mensch ein Leben lang lernt, dann steht ein 16jähriger erst am Anfang seiner Lebenser­ fahrungen. Diese sind natürlich aufgrund seiner sportlichen Tätigkeiten schon weitaus größer als die seiner Alters- und Schulkame­ raden. Denn Bildung ist Begegnung, und an letzterer besteht für Alexander Herr, der all- 332

jährlich weit in der Welt herumkommt und viele Menschen kennengelernt hat, kein Mangel. Berühmte Pädagogen behaupten, daß nur auf diese Weise echte Bildung sich ereignet, weil die Schule die Realität des Lebens hauptsächlich nur simulativ darbie­ ten könne. Dennoch bedarf es schulischer Grundbildung in materialer wie auch forma­ ler Hinsicht. Dieses gilt allgemein als Voraus­ setzung und in gewisser Weise als Garant für ein gelingendes Leben, in dem neben Ge­ sundheit und Familie der Beruf eine heraus­ ragende Rolle spielt. Für Alexander Herr ist es jetzt schon eine gesicherte Erkenntnis, daß er trotz aller sportlichen Möglichkeiten nicht darauf vertrauen darf, als erfolgreicher Spitzenathlet dann auch sein Leben bestrei­ ten zu können. Sein Bestreben ist deshalb, nach einem guten Realschulabschluß eine solide Berufsgrundlage zu schaffen. Die Gleichzeitigkeit dieses Vorhabens von Schu­ le bzw. Beruf und Spitzensport ist bekannter­ maßen die „Crux“ des Ganzen, die hohe Anforderungen an Willenskraft, Talent und Durchhaltevermögen stellt. Auch hierin ist Alexander Herr „trainiert“. Gleichwohl die Anforderungen der Realschule in Richtung Abschlußprüfung und die Fehlzeiten auf­ grund von Lehrgängen und Wettkämpfen proportional anstiegen, ist es ihm alljährlich gelungen, mit einer „Belobigung“ ausge­ zeichnet zu werden. Dies verdankt er seiner Begabung, seinem Fleiß und seiner Kon­ stanz, die wiederum es seinen Lehrern er­ leichterten, ihm zusätzlich Hilfe und Ver­ ständnis entgegenzubringen. Die Kooperation zwischen Skiverband und Schule, die über die Eltern lief, war der­ gestalt optimal, daß Terminplanungen exakt und verläßlich eingehalten und somit Vor­ aussetzungen geschaffen wurden, auch ei­ nem Spitzensportler auf seinem schönen, interessanten, aber schweren Weg eine gute schulische Grund-und Abschlußbildung zu­ teil werden zu lassen. Alexander Herr wurde am 4. Oktober 1978 als Sohn der Eheleute Hans-Paul Herr und Mella Herr geb. Kuschel geboren. Mit drei 333

stungsgruppe I), wo neben dem Ausnahme­ springer Jens Weisflog mit Dieter Thoma, Christoph Duffner und HansjörgJäckle wei­ tere Schwarzwälder sich etabliert hatten. Um im Winter fit zu sein, muß Alexander von April bis Oktober ein gezieltes Sommer­ training durchführen. Nach einem Rahmen­ trainingsplan des Bundestrainers, der mit dem Co-Trainer Wolfgang Steiert indivi­ duell abgestimmt wird, sind diverse Trai­ ningseinheiten hinsichtlich Kondition und Schnellkraft und ca. 700 Sprünge an Som­ merschanzen zu absolvieren. Nach der Schneevorbereitung durch Springer-Lehr­ gänge beginnen dann die Wettkämpfe. Alex­ ander fühlt sich dabei durch Medien und Öffentlichkeit nicht unter Druck gesetzt. ,,Den Druck-oft zuviel -mache ich mir sel­ ber.“ Entscheidend für den Erfolg seien neben einer optimalen Vorbereitung viele Dinge, vor allem Umfeld, psychische Belast­ barkeit und Tagesform. ,,Vor Klassenarbeiten bin ich nervöser als vor dem Springen“, meint Alexander, der sich selbst als „Dick­ kopf‘ bezeichnet, ,,der wegen des Sportes auch öfter mal anstößt.“ Schule und Spitzen­ sport seien schon eine „enorme Belastung“, dennoch „ging die Schule leichter als erwar­ tet.“ Für die Zukunft hofft er, ,,daß es weiter gut läuft“ und er von Verletzungen verschont bleibt, schulisch strebt er die Fachhoch­ schulreife an und menschlich ist ihm, dem 16jährigen, sein eigenes Urteil wichtig: ,,Ich gehe überall meinen eigenen Weg, ich lasse mich nicht beeinflussen.“ Dem Menschen und dem Athleten Alex­ ander Herr ist zu wünschen, daß sich seine erfolgreiche sportliche Laufbahn fortsetzt und er auch im Leben stets gute „Haltungs­ noten“ erzielt. Horst Herr Jahren bekam er sein erstes Paar Ski. Am Schonacher Winterberg sprang er über selbstgebaute Hügel und mit vier Jahren an der Schülerschanze im Obertal schon zwölf Meter weit. ,,Aus eigenem Antrieb“, wie er sagt, wobei auch das Vorbild von Großvater und Vater Gewicht haben mag. Der Groß­ vater Paul Herr war zu seiner Zeit ein Schwarzwälder Spitzenspringer, und der Vater Hans-Paul Herr ist seit 1995 haupt­ beruflich als Landestrainer für den Skiver­ band tätig. Von Anfang an gehörte Alexander Herr dem Skiverein Rohrhardsberg an. Dieser kleine, aber erfolgreiche Verein der ehemals selbständigen Wäldergemeinde, dessen An­ fänge in die 20er und 30er Jahre zurückrei­ chen, besteht offiziell seit 1952. Seine alljähr­ lich ausgerichtete Vereinsmeisterschaft bil­ dete für den jungen Alexander die erste Wett­ bewerbsmöglichkeit seines Lebens. Betreut wurde er von seinem Vater, der über zehn Jahre sein Trainer war und „dem ich meine Erfolge verdanke“. Mit sechs Jahren erhielt er dann die ersten Sprungskier, eine Sonder­ anfertigung. Bald war Alexander baden-würt­ tembergischer Schülermeister und mehr­ facher Gewinner des Georg-Thoma-Pokals. Es folgten Sichtungslehrgänge bei Ewald Roscher und Rudi Tusch, der Gesamtsieg bei den Bundesskispielen 1991 und der Aufstieg in das DSV-Kader D/C. Für die Teilnahme am Deutschlandpokal für Jugendliche benö­ tigte er 1992 einen Sonderantrag des Skiver­ bandes, weil er als Schüler noch zu jung war. Doch Antrag und Teilnahme lohnten sich. Alexander Herr wurde Gesamtsieger dieses Wettbewerbs. Die Aufnahme in die Junio­ ren-Nationalmannschaft folgte. Bei der Junioren-WM 1993 errang er überraschend im Einzelwettbewerb und mit der Mann­ schaft die Bronze-Medaille. 1994 stellten sich die Erfolge dann nicht so ein wie ge­ wohnt, obwohl Alexander den Alpenländer­ cup gewinnen konnte. ,,Doch dies gab mir Antrieb.“ Mit 16 Jahren(!) berief ihn Bundes­ trainer Reinhard Hess in die deutsche Ski­ springernationalmannschaft (d. i. die Lei- 334

Landschaft, Naturdenkmäler, Umwelt Der Rohrhardsberg Mit 1163 m ü. d. M. höchster Berg des Landkreises Zugleich ein Blick in die Vergangenheit der einstigen Wäldergemeinde Die einstige tibetanische Weltabgeschie­ denheit und lange Armut unter den Bewoh­ nern der einst selbständigen Wäldergemein­ de Rohrhardsberg findet nur im Reiz der landschaftlichen Schönheit und Eigenart ihren Ausgleich. Auch wenn ausgesproche­ ne romantische oder gar alpine Formen feh­ len, ist doch der Wechsel der unterschied­ lichen landschaftlichen Charaktere reich ge­ nug, um nicht eintönig zu erscheinen. Es gibt keinen Weg oder Saumpfad, auf dem nicht Interessantes aufzulesen wäre. Der Rohrhardsberg ist bis heute eine Streusied­ lung geblieben. 90 Prozent der Gemarkungs­ fläche ist Wald. Wenig Ackerland, viel Wei­ defeld mit Bocksbart-Gräsern mögen das ih­ re beitragen, daß der Rohrhardsberg zu einer Landscha&sinsel im Schwarzwald-Baar-Kreis geworden ist. Eiszeitspuren, Moorflächen, Felsspalten, Felsenmeere und die Elzfalle (Wasserfall) sind Inhalt der ruhigen Insel, eingesäumt von Tannen und Fichtenwäl­ dern. Wer mit Herz und Heimatliebe ausge­ stattet ist, wird sehr bald herausfinden, daß der Begriff „Trostlosigkeit“ auf dem höchsten Berg des Schwarzwald-Baar-Kreises nicht anwendbar ist. Jede Landschaft, auch die scheinbar herb­ ste und einsamste, hat ihre Sprache, ihre Seele und letztendlich ihre Geschichte. Erst wer den Rohrhardsberg kennt, kann diesen auch lieben lernen und die Opfer, die seine Geschichte den Bewohnern seit der urkund­ lichen Erwähnung im Jahre 1335 aufbürdete, verstehen. Es ist dies eine Pfandurkunde, ausgestellt von Ulrich von Schwarzenberg. Die Urkunde besagt, daß das religiöse Leben der Siedler auf dem Rohrhardsberg sehr im „Erstbesteigung“ des höchsten Punktes im Schwarzwald-Baar-Kreis – eine nicht ganz ernstgemeinte Entdeckungswanderung auf dem Rohrhardsberg Als höchste Erhebung des Landkreises galt gemeinhin ein Punkt auf dem Höhenrücken des Rohrhardsberges (auf der Gemarkung Schon­ ach), der mit 1155 Metern angegeben war. In­ zwischen steht fest, daß der höchste Punkt auf dem Gebiet des Schwarzwald-Baar-Kreises 8 Meter höher liegt, also 1163 Meter beträgt. Beide Stellen liegen auf dem Gebiet des Rohr­ hardsberges. Diese Erkenntnis, die vom Staatlichen Vermes­ sungsamt Villingen-Schwenningen sozusagen amtlich bestätigt wurde, ist an sich nicht neu, wurde aber nunmehr von Herrn Wolfgang Schyle aus Schonach, der sich in seiner Freizeit mit der geschichtlichen Entwicklung von Schon­ ach und mit der örtlichen Geographie beschäf tigt, iiffentlich gemacht. Am Samstag, den 10. 6. 1995,fand bei einer Wanderung, an der u. a. der Landrat teilnahm, die „Erstbesteigung“ der höchsten Erhebung des Schwarzwald-Baar-Kreises statt. Mit einem „Gipfeltrunk“ wurde der höchste Punkt des Landkreises gebührend gewürdigt. 335

Blick vom Rohrhardsberg nach Osten Argen liege. Rohrhardsberg war zu jener Zeit nach Elzach eingepfarrt. Nach dem topografischen Wörterbuch des Großherzogtums Baden wurde der Berg als „RORHART“ bezeichnet. Der Name sei eindeutig auf einen Landeseigentümer oder Siedler zurückzuführen. Ob diese Wälderge­ meinde mit der Bezeichnung „RORHART“ dies dem ersten Siedler zuschreibt, oder ob es sich um einen im U�kreis bekannten Vogt gehandelt hat, steht nicht fest. Im Laufe der Geschichte, nämlich 1480, war von einem „RORHARTZBERG“ die Rede, nach 1525 kam „RORRATESBERG“ als Schreibweise an die Reihe, danach „RORRATSBERG“. 336 Noch im Jahre 1936 schrieb der bekannte Geo­ loge Prof. Dr. Göhringer „ROHRHARDTS­ BERG“ mit „dt“. Der Ort zählte 1525 „vil huser von gmey­ nen lutten“. Also in der heutigen Sprache ar­ me, sozial schwache Leute.1816 wurde Rohr­ hardsberg eine Vogtei mit 32 zerstreut liegen­ den Häusern und Gehöften, 48 Familien und 282 Seelen. 1875 zählte der Ort noch 277 und 1947 39 Familien mit 200 Einwohnern. Zur Geschichte der einst selbständigen Gemeinde Rohrhardsberg wäre noch zu erwähnen, daß am 1. Januar 1971 der Rohr­ hardsberg zu Schonach eingemeindet wur­ de. Im Rahmen der vom Gesetzgeber ange-

Viehweide am Rohrhardsberg, im Hintergrund der Schänzlehof ordneten Gebiets- und Gemeindereform war Rohrhardsberg, zusammengehend mit Schon­ ach, ein Vorreiter auf Landes- und Bundes­ ebene. Der freiwillige Zusammenschluß wurde damals noch mit einer saftigen Geld­ prämie aus der Staatskasse belohnt. wie die blühende Bergflora im Sommer und Herbst, zu den Mitmenschen. Von den Alt­ vorderen gilt es zu sagen, daß sie dichterisch veranlagt waren. Den Beweis liefert bis heute ihr ureigener Vespergesang, in dem den Ein­ wohnern Hohn und Spott, verteilt auf Reich und Arm, zuteil wurde. Die Menschen, die dort ihre Wurzeln hatten Zwei Bauernpropheten Die Menschen, die auf dem Rohrhards­ berg Wurzeln schlugen – geboren waren-, sind zäh geblieben wie die dortige Land­ schaft. Rauh und abgehärtet wie die Natur in den langen und grimmigen Wintermonaten. Sie sind aber auch freundlich und hilfsbereit, Diese gab es auch in der Wäldergemeinde, in diesem Jahrhundert. Der eine war der ,,Bälgmathies“, eigentlich von der Yach ab­ stammend, und der andere Albert Bühler, Holzhauer-Haumeister und Pächter des „Ochsenhofes“. Der erste Hellseher war oft 337

Blick vom Rotenberg zum Ochsenhof – Rohrhardsberg im Herbst auf dem „Bärt“ Gast bei mehreren Schoppen Wein. Er verkündete nach Beginn des Ersten Weltkrieges, daß dieser für die Deutschen verloren und der Kaiser abdanken würde. Die Pfaffen und Ordensleute würden sich in der Mitte der 30erJahre am liebsten unsicht­ bar in einer „Dohle“ verstecken. Mit ihnen kämen auch die Juden an den Pranger. Es werde wieder zu einem verlorenen Krieg kom­ men, mit vielen Heimsuchungen. Danach würde es wieder aufwärts gehen. Die Damen würden so hohe Stöckelschuhe tragen, daß der Mond durchscheine. Drahtzäune würden die Hirtenbuben ersetzen. Elektrisch geladen würden am Berg die Funken sprühen … Der Albert Bühler stand in Sachen Hell­ sehen dem Bälgmathies keineswegs nach. So kündigte er den hohen Forstbeamten das Waldsterben an, als noch keiner nur im ge­ ringsten daran dachte. Auch er sprach 1940 davon, daß wir Deutschen auch diesen Krieg verlieren werden. Nur im hintersten Winkel und unter vorgehaltener Hand teilte er diese düstere Prophezeiung vertrauten Personen mit. Das Geld werde eingestampft und jeder könne von unten anfangen. Die Steuern würden hoch hinaufgesetzt und in einer Vielfalt auftreten. Eine wiederkehrende Ar­ mut und Arbeitslosigkeit würden unter an­ derem die Folge sein. 338

Ein schwarzer Sonntag war der 29. 4.1945 Aufgeatmet haben die wenigen Rohr­ hardsberger – die meisten Väter und Söhne waren noch im Krieg oder in Gefangenschaft-, als die Franzosen am 24.April 1945 die kleine Gemeinde besetzten. Ihre Suche galt ver­ steckten deutschen Soldaten und den propa­ gierenden Werwolfgruppen in den vielen Schlupfwinkeln der Schluchten und Wälder. Bis dahin waren unter den Zivilpersonen keine Opfer zu beklagen. Am darauffolgen­ den Sonntag, den 29. 4.1945, sollte dies an­ ders werden. Nach der Sonntagsmesse in der Pfarr­ kirche St. Urban befanden sich die Buben Stefan und Klaus Maier und August Schüs­ sele auf dem Heimweg. Auf der Paßhöhe „Wilhelmshöhe 1000 m hoch gelegen“ lag links und rechts des Weges ein wahres Waf­ fenarsenal. Für die Rohrhardsberger Buben brachte dieser Fund beim Begutachten ein folgenschweres Unglück. Ein Sprengkörper detonierte und zerstückelte den Stefan bis ins Unkenntliche. Der Klaus und der August wurden durch Splitter verletzt und in das Krankenhaus abtransportiert. Den Stefan legte man auf ein Bretter-Wägeli, abgedeckt mit Stroh und einer Plane. Er wurde in die Friedhofkapelle gebracht, die darauf abge­ schlossen war. Nach zwei Tagen wurde vom Schreiner der Sarg geliefert zur Grablage auf dem Schonacher Friedhof. So hatte die kleine Gemeinde nach Kriegsende einen Schulbube als Kriegstoten und zwei Buben, die dem Tod noch von der Schippe gesprungen waren. Dieser29.April 1945 war der traurigste Tag der Einwohner. Sie nahmen sich dem gro­ ßen Leid der betroffenen Eltern und Ge­ schwister an, die der Krieg, von dem‘ man meinte, er sei vorbei, über die Wälder­ gemeinde gebracht hatte. An den Fronten des unglückseligen Krieges starben 10 Väter und Söhne vom Rohrhardsberg. Ein weiterer zählt zu den Vermißten. Bruno Bender Erdrutsche zwischen Wutachschlucht und Flühen Die Wutach hat in 70 000 Jahren in einer rückwärtsschreitenden Erosion eine Schlucht gestaltet, die erst kurz vor Neustadt endet. Doch warum gehen ihre Steilabfälle im Be­ reich der Wutachmühle in eine völlig anders geformte Landschaft über? Das Tal verbrei­ tert sich und die Hänge werden flacher. Die Architekten dieses neuen Reliefs, das bis zu den Flühen den Fluß begleitet, sind die Schichtprofile des Keuper, Lias und Dogger. Diese Formationen haben gegenüber dem Muschelkalk, in dem sich die Wutach in ihrer zweiten Hälfte bis zur Gauchachmü­ dung eingearbeitet hat, bei Nässeaufnahme völlig andere Eigenschaften: Sie quellen und neigen zu enormen und häufigen Rutschun­ gen. So haben die Rutschmassen des Scheff­ heu, eine zwischen dem Aubach- und Krot­ tenbachtal gelegener Rest eines Höhenzu­ ges, den Aubach an den gegenüberliegenden Talhang abgedrängt. Dabei wurde nordwest­ lich von Aselfingen das weltbekannte Lias­ Schichtprofil und ein Teil des Doggers ange­ schnitten. Ständiges Nachrutschen hält es fortlaufend in einem frischen Zustand. Wei­ tere Zeugnisse solcher extremen Erdbewe­ gungen sind aufgerissene Bergflanken, Ra­ sen- und Bodenschlipfe an den Wutachhän­ gen, in Aubach-, Krottenbach- und Schlei­ fenbachtal sowie an den Hanglagen des Scheffheu, des Eich- und Buchberges. Große schollenartige Abschnitte, die an den Ab­ wärtsbewegungen teilnahmen, haben den Lias bis zur Wutach völlig zugedeckt. Keine Erosion oder Abtragung hat es bisher ge­ schafft, seine Sedimente wieder freizulegen. Beim Abwärtsgleiten des Berghanges, der sich am Scheffheu in Form von geschlosse­ nen Arealen in Bewegung setzte, bildeten sich aus zerfallenen Sackungsschollen teil- 339

Sch,chtprof,l ,m Rutschgeb,et •.ü.M. 900 DO Großer Buchberg 87’7 • E,chber 915 • Handbuck Langfuhre Gneise und Granite des Grundgebirges weise spitze Einzelkuppen, sogenannte Spitzbühler, auf die auch ein Gemarkungs· name am Scheffheu bezug nimmt. Diese Naturgewalten haben im Laufe der Zeit in den Fluß- und Bacharealen bei Achdorf, Aselfingen, Eschach, Opferdingen und Überachen eine ausgeprägte Buckelland­ schaft gestaltet. Die weiter fortdauernden, teilweise gewaltigen Erdbewegungen bilden eine ständige Gefahr fur die Ortschaften, ihre Bewohner sowie für die Land- und Forst- wirtschaft. Die Rutschfreudigkeit des Bo­ dens hat eine längerfristige Besiedlung des Tales nur auf den etwas standfesteren Schutt­ kegeln des Au- und Krottenbaches zugelas­ sen. Auf ihnen liegen Achdorf und Aselfin­ gen, kleine Dörfer, die bereits im Jahr 755 bzw. 802 zum ersten Mal urkundlich er­ wähnt wurden. Anderen Siedlungen berei­ tete der unruhige Untergrund ein vorzeitiges Ende. Flurnamen helfen uns heute, sie zu lokalisieren. Auf der linken Talseite, 1 km öst- 340 Diese „ Spitzbühl.en „ge­ nannte Hügelkuppen sind Sackungsschol/.en, die sich vom Bergkamm des Schejfheu gelöst ha­ ben.

Entwicklungs­ beginn vor Millionen Jahren 150 lieh der Wutachmühle, lag Weschbach, und auf der gegenüberliegenden Seite, 0,5 km weiter, Mühlefingen. Danach folgten ober­ halb von Aselfingen Dampfhausen und Bachreuthof und ebenfalls auf der linken Seite unterhalb von Achdorf Hetzenhofen. Diesen ständigen und teilweise großflächi­ gen Umgestaltungsprozeß erlebten die Ach- Aubach � zur Wutach111ühl,• Im Krottenbachtal hat eine Rutschung am west­ lichen Fuß des Eichberges das Schichtprofil des Unteren und Mittleren Dogger angeschnitten. dorfer in der Nacht vom 6. zum 7. Januar 1966. Die Erde setzte sich überwiegend im Dogger alpha, im Bereich des Opalinus Tones auf einer Fläche von etwa 52 ha mit 1 m pro Stunde in Bewegung. Betroffen waren von dieser zerstörenden Naturgewalt ca. 12 ha Wald, 40 ha landwirtschaftlich genutzte Areale und 500 m der Kreisstraße 21. Das Krottenbach !E-fchberg MOhlefingen S-fedlung-n. d-fe aufgrund der rut•chfreud�gen Sch-fcht­ prof-fle von Keuper. L-faa und Dogger aufg•geben werden ..ußten_ 341

Der weltberühmte Lias­ und Doggeraufschluß oberhalb von Ase!fingen wird gern von Fossilien­ sammlern aufgesucht. Durch ständiges Nach­ rutschen werden immer wieder neue Fragmente der urgeschichtlichen Ent­ wicklungsepoche freige­ legt. Bett des Krottenbaches wurde stellenweise bis 6 m angehoben. Sein Wasser staute sich so auf, daß man die abflußhemmenden Bar­ rieren schleunigst durchstechen mußte. Abgehende Muren hätten sonst für das unterhalb des Geschehens liegende Achdorf verheerende Folgen gehabt. Beteiligt an die­ sem Abwärtsgleiten war in einer Art Ketten­ reaktion zwei Schollensysteme. Das nördli­ che umfaßte 5 (1-5) und das südliche 3 (6-8) Einzelschollen. Nun wird es etwas kompli­ ziert. Die in Bewegung geratene Scholle Nr.1 vollführte eine Drehbewegung und legte sich mit ihrer Wulst auf den oberen Teil der Scholle 2. Diese gleitete durch den Anstoß talwärts und reißt den unteren Teil der Scholle 1 mit. Die Wulst 2 ist nun die Ursa­ che für den Abriß 3 und 4. Zwar kommt jetzt ein Teil der Wulst 3 zum Stillstand, löst dafür aber die Fahrt der Wulst 4 und des Abrisses 5 aus. Damit endet die nördliche Rutschpartie, die in ihrer oberen Hälfte 32 m und an dem unteren Teil 26 m zurückgelegt hat. Das südliche System, welches maximal nur über 10 m seine Lage verändert, startet mit Scholle 6 etwa zeitgleich mit der nördli­ chen Scholle 1. Scholle 6 und Wulst 1 brin­ gen nun den Abriß 7 in Schwung, an dem sich auch Scholle 8 beteiligt. Hier hat sich aus einer Rutschwand am Aubach ein größeres Ammonshorn gel.öst. 342

Auch weiter bachauf wärts kommen die quel­ lenden Schichten der Steil­ hänge nicht zur Ruhe. Fast genauso kompliziert wie der Ablauf ist auch die Ursache der Erdbewegungen, bei der verschiedene Gegebenheiten zusam­ menkamen, die insgesamt die Funktion des Auslösers übernahmen. Die zum Schichtprofil des Unteren Dog­ ger gehörenden rutschfreudigen Opalinus­ tone erreichen in diesem Gebiet eine maxi­ male Mächtigkeit von 100 m, von denen der Krottenbach 80 m angeschnitten hat. Die Hangneigungen im Bereich dieser Schicht und der unteren murchisonae-Tone beträgt 20-30°, in höheren Lagen bis 50°. Das Mate­ rial ist nun für eine solche Steilheit nicht geeignet und versucht sich zu verflachen. In gewissen Teilen wirken als Gleithorizonte auch eingelagerte Sandschichten. Dazu ver­ stärkt der Kalkgehalt der Tone ihre Wasser­ durchlässigkeit und erhöht außerdem erheb­ lich die Rutscheigenschaft. Weiter vergrö­ ßern die Tonmineralien, wie sie besonders in dem beschriebenen Bereich in der Verwitte­ rungsdecke vorkommen, bei Feuchtigkeits­ aufnahme ihr Volumen um 50 0/o. 1966 brachten die Monate Novemberund Dezember nach einem extrem trockenen Oktober ebenso außergewöhnlich hohe Nie­ derschläge, die 263 0/o bzw. 299 0/o über den monatlichen Mittelwerten lagen. Die Ver- Feuchtigkeit sorgt auch am Steilhang des Scheff­ heu, der hier in das Tal des Krottenbaches abfällt, für eine fortdauernde Bewegung. 343

brachte die Stand-oder Scherfestigkeit des Hanges langsam aber stetig aus dem Gleich­ gewicht. Als der Knackpunkt am 6. Januar erreicht war und sich die Schollen in Bewe­ gung setzten, geschah dieses nicht in der Sandschicht, sondern das Gleitlager befand sich innerhalb der durchfeuchteten Tone. Begünstigt wurde das Abgleiten durch zwei im Hang verlaufende Störzonen. Die in diesem Areal auftretenden geologi­ schen Formationen erleichterten gerade hier und an keiner anderen Stelle vor 70 000 Jah­ ren auch die Ablenkung der Wutach. In der Talaue, die damals 170 m höher lag als heute, führte das geringere Gefälle zu einer 20 m mächtigen Ablagerung des aus dem Schwarz­ wald mitgeführten Gerölls. So konnte der um diesen Betrag erhöhte Fluß die Wasser- Im Tal des Krottenbaches haben sich auch Halb­ trockenrasen ausgebildet. Sie sind der Standort vom »Deutschen Enzian“. Das kleine Schleifebächle läßt die Wunden am Fuße des Buchberges nicht zuheilen. Immer wieder stürzen gri!ßere und kleinere Schollen der Opali­ nus-Tone in das Gewässer und werden umgehend der Wutach zugeführt. witterungsdecke hat bei normalen Witte­ rungsverhältnissen immer soviel Feuchtig­ keit gespeichert, daß Risse und Spalten durch das Q!iellverhalten erst gar nicht ent­ stehen und sie damit die Funktion eines dichten Regenmantels erfüllt. In dieser vor­ wiegend als Ackerland genutzten oberen Bo­ denschicht bildeten sich im Oktober Trok­ kenrisse, die sich bei Wasseraufnahme nur sehr langsam wieder schließen. Als dann der Himmel seine Schleusen öffnete, drang das Wasser allmählich durch den oberen, nun rissigen 3 m mächtigen Schutzmantel und gelangte bis zu einer sandigen Gleitfläche. Hier staute es sich und durchdrang von die­ ser Ebene aus das Tonmaterial. Das wieder 344

scheide überwinden und sich ein neues Bett graben, welches heute 2 km nach dem Ab­ lenkareal am Grund der Wutach-Flühe ver­ läuft. Die auch in diesem Schluchtgebiet vorkommenden Bergrutsche beruhen je­ doch auf einer ganz anderen Ursache. Hier sind es die Auslaugungsprozesse im Mittle­ ren Muschelkalk, die die Standfestigkeit der aufliegenden Schicht des Oberen Muschel­ kalkes im wahrsten Sinne des Wortes unter­ graben und riesige Pakete aus dem Verbund lösen und zur Talfahrt bringen. Abgerissene Felspartien am Trauf bei Blumegg und auf der gegenüberliegenden Seite gewaltige Risse neben dem Steilabfall, deren Tiefe man nur erahnen kann, sind Zeugnisse dieser land­ schaftsgestaltenden Naturgewalten. Roland Kalb In der Nähe von Munde!fingen verläßt der Au­ bach die standhaften Arietenkalke und tritt in die rutsch.freudigen Formationen ein. Die Übergangs­ stelle markiert dieser schöne Wasserfall. Das von Blumberg herabrauschende Schleife­ bächle ist ein Landschaftsgestalter ersten Ranges. Die durch sein Wirken aufgeschlossenen und ewig rutschenden Steilhänge des Lias und Dogger ver­ ursachen auch an der Kreisstraße zwischen Blum­ berg und Achdorf immer wieder erhebliche Schä­ den. Hungerblümchen Das Hungerblümchen zittert leis Vom Schwung der Märzwindflügel. Es ziert mit zartem Blütenweiß Am Rain Ameisenhügel. Es nützt mir nicht und schadet nicht, Zwerghaftes Pflanzenwesen; Doch kann ich aus dem Bleichgesicht Verschämte Armut lesen. Josef Albicker 345

rechter Hand ein Waldgebiet auf, das sich eigentlich durch nichts von den Wäldern der Umgebung unterscheidet. Das ist nicht immer so gewesen. Bis vor rund 80 Jahren wurde die ganze Umgebung von einem majestätischen Baumriesen über­ ragt, dem Hölzlekönig. Er galt einstmals als höchste Tanne Deutschlands. Die Geschichte eines majestätischen Baumes Der Schwenninger Hölzlekönig , /lü/2/ckii11 ,.� Eine der bekanntesten Sagen im Gebiet des heutigen Schwarzwald-Baar-Kreises ist „Der Hölzlekönig“ bei Schwenningen am Neckar (vgl. Almanach 92, Seiten 276 bis 279 und Alma­ nach 95, Seiten 353 bis 355). Im Mittelpunkt der Sage steht ein Baum, der einst als höchste Tanne Deutschlands galt und der der Sage sei­ nen Namen gegeben hat. In den nachfolgenden Auiführungen wird das Schicksal dieses Baumes festgehalten: Von der alten Zähringerstadt Villingen schlängelt sich die Straße die Steige hinauf und strebt über den Höhenrücken dem Stadtbezirk Schwenningen zu. Dort, wo die Straße zur Stadt am Neckarursprung hin abfällt, scharf hinter der Grenze zwischen dem ehemaligen Großherzogtum Baden und dem ehemaligen Königreich Württem­ berg, taucht vor den Toren Schwenningens 346 Über 50 Meter hoch ist der Hölzlekönig einst gewesen, beinahe so hoch wie die Türme des Villinger Pfarrmünsters. An die 400 Jahre alt war der stolze Baum, als ein hef­ tiger Sturm im Herbst 1876 seine beiden Hauptgipfel abriß. Eine genaue Beschreibung des Baumes verdanken wir Oberförster Junginger. Im Jahre 1889 nahm er den Hölzlekönig unter die Lupe. Einschließlich des verbliebenen Seitengipfels brachte er es immerhin noch auf die stattliche Höhe von 42 Metern. Aus den Aufzeichnungen von Förster Junginger lassen sich eine Reihe von interessanten Daten entnehmen, die Aufschluß über die riesigen Ausmaße des Baumes gaben. Jun­ ginger schrieb damals unter anderem: ,,Der Hölzlekönig, eine Weißtanne, welcher im Herbst 1876 durch einen Sturm ihre beiden Hauptgipfel abgerissen wurden, stellt sich jetzt etwa so dar. Die Gesamthöhe inkl. dem noch stehenden Seitengipfel beträgt 42 Me­ ter, die Höhe bis zu den Gipfelstümpfen ist 33 Meter. Der Umfang bei 1,30 Meter Höhe ist 600 cm, bei 1,50 Meter Höhe 580 cm, bei 3 Meter Höhe 502 cm, bei 30 Meter Höhe 360 cm.“ Interessante Aufschlüsse geben auch die von Oberförster Junginger angestellten Be­ rechnungen zur Festrneterzahl des Baumrie­ sen. Für den Stamm ermittelte er 52,2 Fm, für den 9 Meter hohen Seitengipfel von 132 cm Umfang errechnete er 0,4 Fm, für die Wur­ zelanläufe 2 Fm und für die mächtigen Äste veranschlagte er 3,4 Fm. ,,Damit errechnet sich die oberirdische Derbmasse des Baum-

riesen in seinem jetzigen Zustand auf rund 58 Fm“, führte er aus. Für die im Herbst 1876 abgerissenen Hauptgipfel veranschlagteJun­ ginger etwa 6 Fm, so daß der Hölzlekönig vor dem Sturm stolze 64 Fm Inhalt hatte. Der einzigartige Baum war damals für die Schwenninger ein beliebtes und viel besuch­ tes Ausflugsziel. Tische und Bänke luden zum Verweilen ein und manches zünftige Sommerfest wurde dort gefeiert. Gerne stellte man sich zu Füßen des Baumriesen zum Erinnerungsfoto. Um so trauriger waren denn auch die Schwenninger, als es zu Beginn unseres Jahr­ hunderts mit dem Hölzlekönig stetig bergab ging. Hatte OberförsterJunginger1889 noch aufgeschrieben, daß die Tanne noch immer frisches Leben und Treiben zeige, hörte sich das 1911 schon ganz anders an. In jenem Jahr schrieb nämlich der Landesausschuß für Natur- und Heimatschutz auf Anfrage des Schwenninger Stadtschultheißen Dr. Brau­ nagel: ,,Das allmähliche eingehen des ehrwürdi­ gen Baumes ist ä�erst bedauerlich, aber, nach Meinung aller Sachverständigen, als ein natür­ licher Vorgang namentlich im jetzigen Stadium durch künstliche Mittel nicht mehr zu verhin­ dern.« Das Ende des Hölzlekönigs kam dann aber doch schneller als erwartet. Am Sams­ tag, 16 .Januar 1915 , fällte ein Sturm den ange­ schlagenen Baumriesen. Die Zeitung „Nek­ karquelle“ schrieb damals: ,,Der seit heute.früh herrschende Sturm brachte über die Mittagszeit ein Gewitter mit Hagelschauer und auch einen großen Verlust für unsere Stadt, indem er das Wahrzeichen derselben, den Hölzlekönig, in einer Höhe von zirka 20 Metern abknickte, so daß nicht mehr viel von der Majestät übriggeblieben ist.“ Wenige Tage später war zu lesen: ,,Man hätte weinen mögen, wenn man das Ende dieses Königs betrachtete, der in seinem Leben von über 400 Jahren auf viele Geschlechter hemieder­ schaute, der soviel geehrt und besungen wurde und nun dem allgegenwärtigen Feinde Tod den Tn’but zahlen mußte … “ Jochen Schultheiß Wetter und Klima in Furtwangen Nach Messungen der Jahre 1979 bis 1994 Die Wetterstation Die Wetterstation liegt in Furtwangen in 956 Metern Meereshöhe. Seit Anfang 1979 werden hier Niederschläge, Temperaturen, Luftfeuchtigkeit, Luftdruck und Schneever­ hältnisse kontinuierlich registriert. Im Jahr 1982 kam die Messung der Windgeschwin­ digkeit hinzu, seit 1985 werden auch Son­ nenscheindauer und Sonnenenergie gemes­ sen. Da die Sonnenenergie eine Meßgröße ist, die nur von wenigen Stationen im Land er­ faßt wird, wurden die diesbezüglichen Mes­ sungen in den vergangenen Jahren in Zusam­ menarbeit mit der Furtwanger Fachhoch­ schule erheblich ausgeweitet. So wurden auch separate Messungen der diffusen Ein- strahlung vorgenommen und Meßsensoren der Sonne nachgeführt. Neben den klassischen meteorologischen Beobachtungen werden auch Messungen der Ultraviolett-Strahlung vorgenommen, sowie die Luftradioaktivität kontinuierlich registriert. Ferner werden auch Luftschad­ stoffmessungen angestellt. Damit zählt die Meteorologische Meßstation Furtwangen zu den größten privaten Wetterstationen im Land Baden-Württemberg. Die höchstgelegene Stadt des Landes In kaum einer anderen Region im Bundes­ gebiet sind in unmittelbarer Nähe so unter­ schiedliche Klimatypen anzutreffen, wie in Südbaden: Die wärmsten Gebiete Deutsch- 347

lands liegen am Kaiserstuhl, die höchsten Jahresniederschläge fallen im Nordschwarz­ wald – und eine der schneereichsten Städte Deutschlands ist Furtwangen. Der Schneereichtum des Schwarzwald­ städtchens ist nicht verwunderlich, gilt Furt­ wangen mit einer Höhenlage des Ortskerns von 870 Metern über dem Meeresspiegel schließlich als höchstgelegene Stadt des Lan­ des. Folglich sind die Temperaturen im Durchschnitt recht niedrig, 5,4 Grad wurden im Mittel der Jahre 1979 bis 1994 gemessen. Und die Niederschläge fallen reichlich, rund 1900 Liter pro �adratmeter sind es in Furt­ wangen jährlich; ein Viertel davon fällt gewöhnlich als Schnee. Nach Osten hin neh­ men die Regenfälle rapide ab, Vöhrenbach verzeichnet bereits ein Viertel weniger Nie­ derschläge, in Donaueschingen regnet es gar nur noch gut ein Drittel der Furtwanger Menge. 1876 Liter Regen pro Quadratmeter Genau 1876 Liter Niederschlag wurden im Mittel der Jahre 1979 bis 1994 jährlich pro �adratmeter in Furtwangen gemessen, im Vergleich zum Bundesmittelwert von 830 Litern ist dies mehr als das doppelte. Im Ge­ gensatz zu den Talgebieten, wo das Maxi­ mum der Niederschläge in den Sommer fällt, sind in den mittleren und höheren Schwarz­ waldlagen die Wintermonate besonders nie­ derschlagsreich. Jeweils rund 220 bis 230 Liter pro Quadratmeter im Dezember und im Januar stehen bis 120 Litern im August und September gegenüber (Abb. 1). Die Niederschläge verteilen sich im Jahr auf etwa 184 Tage, wobei wiederum der Sep­ tember mit nur 13 Regentagen am besten abschneidet. Im Januar regnet oder schneit es an durchschnittlich 17 Tagen. Natürlich sind all das nur Mittelwerte, von Jahr zu Jahr sind hier erhebliche Schwankungen mög­ lich. So lagen die Jahresniederschlagssum­ men bisher zwischen 1408 Litern im Jahr 1985 und 2321 Litern pro �adratmeter 1981. Die Anzahl der Regentage variierte zwischen 139 und 212 jährlich. 350 Die größten Niederschlagsmengen inner­ halb weniger Tage wurden im Februar 1990 registriert. Zwischen dem 16. Februar um 18 Uhr und dem 18. Februar um 12 Uhr wurden 240 Liter Regen je �adratmeter gemessen, Überschwemmungen im ganzen Landkreis waren die Folge. Der niederschlagsreichste Monat bisher war der März 1988 mit 613 Litern pro �adratmeter, der trockenste Monat in den vergangenen 14 Jahren war der August 1991 mit nur 19 Litern. Die bislang längste Trockenperiode betrug 30 Tage, ge­ messen im Herbst 1986 (zwischen dem 19. September und dem 18. Oktober fiel kein meßbarer Niederschlag). Typisch für das Klima der höheren Schwarzwaldgebiete ist die im Vergleich zur Niederschlagsmenge relativ geringe Nieder­ schlagsdauer. Anders ausgedrückt: Es regnet zwar viel (von der Menge her betrachtet), aber nicht übermäßig oft. In den vergange­ nen Jahren wurden überwiegend Jahreswerte zwischen 1000 und 1200 Stunden Nieder­ schlag gezählt – es regnet also durchschnitt­ lich drei Stunden täglich. Die jährliche Son­ nenscheindauer liegt- zum Vergleich – im langjährigen Mittel bei rund 1700 Stunden im Jahr – Furtwangen hat folglich mehr Sonne als Regen. Temperaturen zwischen -25 und +34 Grad Mit einer Jahresmitteltemperatur von 5,4 Grad entsprechen die Furtwanger Tempera­ turen den für diese Höhenlage typischen Werten. Der Januar war im Mittel der Jahre 1979 bis 1994 mit minus 2,5 Grad der kälteste Monat, am wärmsten ist es durchschnittlich im Juli (14,5 Grad). Der absolut kälteste Monat in der 14jährigen Furtwanger Wetter­ statistik war der Februar 1986 mit minus 8,7 Grad, der wärmste Monat war der Juli 1983 (18,7 Grad). Als bisher wärmster Tag ist der 31.Juli 1983 in der Wetterstatistik verzeich­ net, die Quecksilbersäule stieg an diesem Tag bis auf34 Grad im Schatten an. Am kältesten war es am 12.Januar 1987 mit minus 25 Grad, jeweils auf die Normmeßhöhe von zwei Metern über dem Erdboden bezogen.

,,,,., ‚O‘ – – .,, …. ,, 1 ,, Ym2 – – 150 kWh _100 _50 Abb. 4: Sonnenenergie in Furtwangen (Mittel 1986-1994) 351

In einem durchschnittlichen Jahr werden in Furtwangen 153 Frosttage gezählt, 38 da­ von sind Tage mit Dauerfrost, sogenannte Eistage. Etwa 17 Sommertage mit minde­ stens 25 Grad werden jährlich gezählt, ein Hitzetag pro Jahr mit 30 Grad im Schatten ist ebenfalls normal. Die Temperatur von 20 Grad wird in einem mittleren Jahr an 69 Tagen überschritten. Bis auf den Juli und den August wurde in 14 Beobachtungsjahren in jedem Kalender­ monat Frost verzeichnet. Der späteste Frost trat am 30.Juni 1984 auf, der früheste Nacht­ frost im Herbst wurde am 5. September 1986 verzeichnet. Der Juni bringt in Furtwangen in jedem vierten Jahr noch einmal Frost, im September tritt Frost bereits in mehr als jedem zweiten Jahr auf Mit durchschnittlich 27 Frosttagen steht der Januar diesbezüglich an der Spitze, gefolgt vom Februar (25 Frosttage) und dem März mit 23 Frosttagen. Mit Eistagen (Tagen mit Dauerfrost) ist zwischen November und April zu rechnen, im Januar mit 11,1 und im Februar mit 9,4 Tagen. Doch in den zurück­ liegenden Jahren ist auch die Anzahl der Dauerfrosttage erheblich zurückgegangen: Statt der üblichen 43 waren es im Winter 1988/89 nur 21, im Jahr darauf sogar nur neun Tage. Ein „Schneeloch“ sei Furtwangen sagen die einen, ein schneesicheres Wintersportge­ biet nennen es die anderen. Bis vor einigen Jahren zumindest waren diese Aussagen zutreffend, durchschnittlich 3,10 Meter Neuschnee (Mittel 1979 bis 1994) wurden an der Wetterstation in 956 Metern Meeres­ höhe jährlich verzeichnet -nicht gerade wenig, bedenkt man zudem, daß bisweilen mehr als zwei Meter innerhalb eines Monats gemessen wurden und daß an einem Tag ein halber Meter Schnee fallen kann. Am schneesichersten ist der Februar mit 39 Zen­ timetern mittlerer Schneehöhe, gefolgt vom Januar mit 34 Zentimetern. Auch der März liegt mit 32 Zentimetern noch recht hoch. 352 Normal sind 3,10 Meter Neuschnee Schlagzeilen machte der Furtwanger Win­ ter zuletzt im März 1988, als innerhalb von 24 Stunden 58 Zentimeter Neuschnee fielen. Zahlreiche Hausdächer, mit Schneemassen von 500 Kilogramm pro Q!iadratmeter bela­ den, waren vom Einsturz bedroht. In diesem März gingen 229 Zentimeter Neuschnee nie­ der. Mehr Schnee wurde bisher nur zweimal registriert: Im Dezember 1981 wurden 234 Zentimeter gezählt, und der Januar 1981 brachte es auf 232 Zentimeter Neuschnee. Der früheste Schneefall wurde in Furt­ wangen an einem 6. Oktober (1982), der spä­ teste Schneefall am 25. Mai 1983 verzeich­ net. Etwa in jedem zweiten Jahr fällt im Mai noch Schnee, 1979 waren es im Wonnemo­ nat sogar noch 34 Zentimeter. Daß der Okto­ ber bereits Schnee bringt, kommt in jedem vierten Jahr vor. Ein für Furtwanger Verhältnisse recht ungewöhnliches Ereignis wurde im Dezem­ ber 1987 verzeichnet: Den ganzen Monat wurde nicht an einem einzigen Tag Schnee­ fall gemessen. Andererseits hat es in 15 Beob­ achtungsjahren bisher auch nur einen einzi­ gen Monat gegeben, in dem alle Nieder­ schläge als Schnee fielen: im Januar 1981. An 90 Tagen im Jahr ist in Furtwangen mit einer durchgehenden Schneedecke zu rech­ nen, zumindest besagt dies der Mittelwert von 1979 bis 1994. Doch läßt sich auch hier bereits ein Trend erkennen: Während im Winter 1981/82 139 Tage mit Schneedecke gezählt wurden, waren es im Winter 1989/90 gerade 17 solcher Tage. Die Neuschnee­ menge variierte zwischen 606 Zentimetern (1981/82) und 81 Zentimetern (1989/90). In Zusammenhang mit einem ebenfalls erkennbaren Anstieg der Temperaturen könnte die abnehmende Tendenz der Schneesicher­ heit bereits ein Anfang folgenschwerer Kli­ maveränderungen sein. Bereits seit Jahr­ zehnten warnen Wissenschaftler vor den möglichen Folgen, die unser ungehemmter Energieverbrauch und die damit verbun­ dene Kohlendioxidfreisetzung für das Welt­ klima haben könnte (Abb. 3).

Kondensstreifen über Furtwangen (Foto: 3.12.1989) 1854 Stunden Sonne in einem Jahr 1854 Stunden Sonnenschein wurden im Jahr 1989 an der Furtwanger Wetterstation gezählt. An 315 Tagen des Jahres zeigte sich die Sonne am Himmel. Dies sind Werte, die vergleichbar sind mit den Messungen ande­ rer Stationen in Südbaden. Darüber hinaus wird in Furtwangen eine Meßgröße regi­ striert, die nur von wenigen Wetterstationen im Land erfaßt wird: die Sonnenenergie, von Meteorologen als Globalstrahlung bezeich­ net. Anfang 1986 wurde hier mit der kontinu­ ierlichen Registrierung dieser -für energie­ technische Berechnungen höchst interessan­ ten -Meßgröße begonnen. Aus neun Beob­ achtungsjahren geht der Juli mit durch­ schnittlich 165 Kilowattstunden pro Qya­ dratmeter als der sonnenscheinreichste Mo­ nat hervor, der Dezember steht mit 26 Kilo­ wattstunden am Ende der Skala. Der sonnig­ ste Monat bisher war der Mai 1989 mit 190 Kilowattstunden, in diesem Monat schien die Sonne 266 Stunden auf Furtwangen. Im Vergleich zu Meßwerten anderer Orte, die der Deutsche Wetterdienst ermittelt, kann Furtwangen sich sehen lassen: Trotz der hohen Furtwanger Niederschlagsmen­ gen liegt die Sonneneinstrahlung hier im Mittel sogar etwas höher, als an vielen ande­ ren Stationen im Bundesgebiet. Im Winter erreichen die höheren Schwarzwaldlagen oftmals Spitzenwerte; wenn in tieferen Lagen Inversionsnebel herrscht, scheint auf den Bergen gewöhnlich die Sonne. So wur­ den im Januar 1989 in Furtwangen 139 Stun­ den Sonne verzeichnet, bei nur 91 Stunden in Freiburg. Die Sonnenenergie belief sich in diesem Monat an der Schwarzwälder Station auf beachtliche 50 Kilowattstunden pro Qyadratmeter. In der Jahressumme waren es 1989 genau 1195 Kilowattstunden Sonnenenergie, die pro Qyadratrneter gemessen wurden, 1148 353

Meßgeräte für Windrichtung und Windgeschwindigkeit Kilowattstunden fielen 1988 ein. Im Mittel der Jahre 1986 bis 1994 ergibt sich jährlich der Wert von 1112 Kilowattstunden je Quadrat­ meter – genug um sich mehr Gedanken über die Nutzung dieser Energiequelle zu machen. 90 Megawattstunden Sonnenenergie lie­ ßen sich hier im Schwarzwald mit den heute verfügbaren technischen Möglichkeiten auf einem 80 Q!iadratmeter großen Dach jähr­ lich einfangen – ein Mehrfaches dessen, was in einem Einfamilienhaus an Heizwärme gebraucht wird. Allerdings scheint die Sonne nicht immer dann, wenn die Energie gerade gebraucht wird. Doch weitergehende Simu­ lationen anhand der Furtwanger Meßdaten zeigen, daß sich dennoch problemlos 80 Pro­ zent des Wärmebedarfes durch Sonnenener­ gie decken lassen: Mit einem Wassertank als Wärmespeicher für Schlechtwetterperioden. Die Furtwanger Sonnenenergiemessun­ gen zeigen regelmäßig, welche enormen Energiemengen uns die Sonne liefert, allein 354 an einem einzigen Sommertag fallen bis zu neun Kilowattstunden auf jeden Q!iadrat­ meter ein – auf ein durchschnittliches Haus­ dach etwa soviel, wie dem Brennwert von 150 Litern Heizöl entspricht (Abb. 4). 162 Stundenkilometer als Spitzenwert Der Wind ist für die Witterung von besonderer Bedeutung, da mit ihm nicht nur kalte oder warme, sondern auch mehr oder weniger feuchte Luftmassen herangeführt werden. Am häufigsten bläst der Wind im Schwarzwald aus südwestlichen Richtungen, am seltensten wird Südost als Windrichtung notiert. Doch der Südwestwind ist nicht nur der häufigste, sondern auch der stärkste; Stürme, wie sie vorwiegend im Winter auf­ treten, sind in der Regel Südwestwinde. Die Spitzengeschwindigkeit, die eine Orkanböe in Furtwangen bisher erreichte, lag bei 162 Kilometern pro Stunde, gemessen am 25. März 1988. Wenn derartige Spitzen auch die Ausnahme sind, so wird die

100-Stundenkilometer-Grenze dennoch fast in jedem Winter mehrmals überschritten. Eine ungewöhnliche Reihe von Stürmen wurde Anfang 1990 verzeichnet. Erhebliche Schäden im Schwarzwald, wie auch im gesamten Bundesgebiet, waren die Folge. Die Liste der Sturmböen liest sich für Furt­ wangen folgendermaßen: 97 Stundenkilo­ meter am 24. Januar, 98 am 3. Februar, 89 am 8. Februar, 94 am 15. Februar, 102 am 26. Fe­ bruar, 128 am 27. Februar und 107 Stunden­ kilometer am 1. März. Diese Werte beziehen sich auf eine Meßhöhe von sechs Metern über dem Erdboden. Von Gewitterböen einmal abgesehen kom­ men Winde mit Sturmstärke im Schwarz­ wald fast ausschließlich im Winterhalbjahr vor, bedingt durch das größere thermische Gefälle von den niedrigeren zu den höheren Breiten. Entsprechend läßt sich der Januar nach über zwölf Beobachtungsjahren (Mitte 1982 bis Ende 1994) als windreichster Monat einstufen, die niedrigsten Windgeschwin­ digkeiten werden gewöhnlich im Juli und August registriert. Mit einem Jahresmittel­ wert der Windgeschwindigkeit von rund fünf Metern pro Sekunde zählen die höhe­ ren Lagen des Schwarzwaldes zu den wind­ reicheren Regionen im Bundesgebiet. Während der Ostwind in der Regel kühles aber trockenes Wetter bringt, fallen bei west­ lichem und südwestlichem Wind die mei­ sten Niederschläge. Hat die Erwärmung schon begonnen? Das Jahr 1994 war in Furtwangen mit durchschnittlich 6,6 Grad das wärmste seit Beobachtungsbeginn, 1990 war mit 6,4 Grad nur wenig kälter. Auch läßt sich seit einigen Jahren ein Trend zu schneeärmeren Wintern erkennen (siehe auch Abbildung 3). Nach Erkenntnissen von Klimaforschern könnte dies bereits der Anfang von globalen Klima­ veränderungen sein, hervorgerufen durch die Verschmutzung der Atmosphäre durch Kohlendioxid (COz). Durch Verbrennungsprozesse – also den Autoverkehr, Raumheizungen, Kraftwerke – steigt der Gehalt an Kohlendioxid in der Atmosphäre derzeit um etwa 0,4 Prozent jährlich an. Daß dieser Stoff zu den Treib­ hausgasen zählt, ist bereits seit Jahrzehnten bekannt: Die Strahlung der Sonne wird durchgelassen, nicht aber die Rückstrahlung von der Erde in den Weltraum. Die Folge ist eine Erwärmung der Erde mit daraus resultie­ renden Verschiebungen ganzer Klimazonen. Bernward Janzing Die Furtwanger Wetterhütte mit Schreiber für Temperatur und Luftfeuchtigkeit ·v . 355

Landwirtschaft Emtedank- Ein Fest für Stadt und Land Zur Entwicklung des Kreiserntedankfestes und der Landjugendgruppen ,, … denn wäre nicht der Bauer, so hättest du kein Brot … “ Daran denken Menschen in Stadt und Land alljährlich besonders zum Fest des Erntedanks. Am ersten Oktoberwochenende im Jahre 1996 kann die Bevölkerung des Schwarz­ wald-Baar-Kreises ein besonderes Ernte­ dankfest feiern: Es ist das 3Sste Kreisernte­ dankfest nach dem Zweiten Weltkrieg. Besu­ cher aus Stadt und Land, aus nah und fern, werden, wie in den vergangenen Jahren, wie­ der an den zahlreichen Veranstaltungen im Rahmen des Kreiserntedankfestes teilneh­ men. Bauern und Bäuerinnen sowie die Landbevölkerung danken zum Erntedank­ fest für den eingebrachten Erntesegen, die Bewohner der Städte werden daran erinnert, daß ihr gedeckter Tisch von Bauern und Gärtnern in aller Welt ermöglicht wird. In Industrienationen vergessen die Men­ schen gar zu leicht den Kampf ums tägliche Brot, in unterentwickelten und ärmeren Län­ dern sind gute Ernten nach wie vor Voraus­ setzung für das Überleben. Dort ist bis heute Brauchtum und Überlieferung um Frucht­ barkeits- und Erntekult erhalten. Erntedank ist eines der ältesten Feste in Kulturnationen. Schon im Altertum brachte man den Göttern Opfer dar, wenn die Ernte eingebracht war. Das von den Römern zum Herbstanfang gefeierte Fest wurde von der christlichen Kirche bereits im 3.Jahrhundert übernommen. Aus neuerer Zeit wird berich­ tet, daß im Jahre 1621 fromme Einwanderer aus England in Amerika die erste reiche Maisernte zusammen mit den einheimi­ schen Indianern gefeiert haben. Den tradi­ tionellen „Thanksgiving Day“ in den USA 356 erklärte Präsident Abraham Lincoln 1863 zum Nationalfeiertag. In deutschen Landen wurde der Erntedank von alters her unter­ schiedlich gefeiert. 1972 legte die Katholi­ sche Bischofskonferenz den ersten Sonntag im Oktober als Erntedanktag fest. Die Menschen waren schon immer vom Kreislauf der Natur abhängig. Unwetter und Klimaveränderungen verursachten in der Vergangenheit Mißernten und als deren Folge Hungersnöte und Elend. Witterungs­ einflüsse bestimmen im besonderen Maße den Arbeitsrhythmus des Bauern: Die Arbeit im Bauernjahr gipfelt in der Erntezeit. In vie­ len Gegenden Deutschlands begann der erste Erntetag mit einer Gebetsstunde in der Kirche. War das nicht der Brauch, sprach der Bauer am Feldrand ein „Vaterunser“. In man­ chen Gegenden Deutschlands wurde der letzte Erntewagen geschmückt, ehe er hoch­ beladen durchs Dorf in den Hof fuhr. War die Ernte eingebracht, feierten die Bauersfa­ milien mit ihren Hilfskräften das Erntemahl, ein Fest mit Essen, Trinken und Musik. Im südbadischen Raum hielten sich um das Erntefest viele unterschiedliche Bräuche, u. a. das Binden einer Erntekrone oder eines Ährenkranzes. Auf der Baar verwendete man dazu die fünf häufigsten dort angebauten Getreidearten wie Gerste, Hafer, Weizen, Dinkel und Roggen. Zum Erntedankfest brachte man Erntegaben in die Kirche und schmückte damit den Altar. Im Erntedank­ gottesdienst dankte man für den Segen de� Erde. Viele dieser überlieferten Bräuche wer­ den heute noch gepflegt. Überörtlich traf sich die Landbevölke­ rung in der Neuzeit zu Kreiserntedankfesten. Das erste Kreiserntedankfest dieser Art

wurde im Jahre 1934 in Schabenhausen im ehemaligen Landkreis Villingen gefeiert. Im Sommer 1962 trafen sich die Vertreter der Landjugendgruppen des ehemaligen Landkreises Donaueschingen in der dorti­ gen Landwirtschaftsschule, um über ihr Jah­ resprogramm zu beraten. Dabei regten Land­ wirtschaftslehrer Bruno Weber aus Ober­ eschach – der langjährig!! Betreuer der Land­ jugendgruppen – und Landwirtschaftsasses­ sor Walter Wieswesser von der Landwirt­ schaftsschule Donaueschingen an, den alten Brauch der Erntedankfeste wieder aufleben zu lassen. Da in Mundelfingen eine aktive Landjugendgruppe bestand, wurde diese Gruppe mit der Durchführung des „Kreis­ erntedankfestes 1962″ beauftragt. Am 6. und 7. Oktober 1962 fand unter Mithilfe der gan­ zen Mundelfinger Bevölkerung das erste Kreiserntedankfest im ehemaligen Landkreis Donaueschingen nach dem 2. Weltkrieg statt und wurde auf Anhieb zu einem großen Er­ folg. Der Sonntag wurde eingeleitet mit einem Erntedankgottesdienst in der schönen Barockkirche. Beim anschließenden Land­ jugendtreffen beschäftigte man sich mit Fragen moderner Landjugendarbeit. Nach­ mittags bewegte sich ein großer Erntedank­ festzug unter Mitwirkung der Landjugend­ gruppen aus Weilersbach, Schabenhausen, Kreiserntedankfist 1934 Schabenhausen Landjugend aus dem Schwarzwald-Baar­ Kreis in Berlin 357

Leistungspflügen, Kreisentscheid 1966 in Aasen Kreiserntedank.fest 1966 Aasen: BEL-Gruppe Munde!fingen Pfohren, Öfingen, Bräunlingen und Mun­ delfingen mit ihren Festwagen und Gruppen durch die Straßen des Dorfs. In einer nach­ folgenden Landvollekundgebung im Festzeit wurden seitens der Redner aktuelle Pro­ bleme der Agrarpolitik angesprochen. Das Festzeit war ob des unerwarteten Zustroms von ca.3 000 Besuchern bei weitem zu klein. Der damalige erste Erfolg bei der Durch­ führung eines Kreiserntedankfestes bewog die Landjugendgruppen, die einmal neu auf­ genommene Tradition bis zum heutigen Tage fortzusetzen. Jährlich ist eine andere Landjugendgruppe im Schwarzwald-Baar- Kreis Ausrichterin des Kreiserntedankfestes. In ihrem Bemühen um das Gelingen dieses Festes wurden und werden sie unterstützt von den anderen Landjugendgruppen des Land­ kreises, vom „Badischen Landwirtschaftli­ chen Hauptverband“ (BLVH), von den land­ wirtschaftlichen Schulen im Landkreis, von der politischen Gemeinde des Veranstal­ tungsortes sowie von allen örtlichen Verei­ nen. Da in der Zwischenzeit das Kreisernte­ dankfest zu der Großveranstaltung im länd­ lichen Raum wurde – man zählte bisweilen bis zu 30 000 Besucher- ist eine erfolgreiche Durchführung der Festveranstaltungen nur 358

Landjugendtag 1967 Weilersbach: Schlepper­ geschicklichkeitifahren Landjugendtag 1967 Weilersbach: Gruppenwettkampf unter Aufbietung aller Kräfte organisato­ risch zu meistem. Hauptanziehungspunkt für die vielen Besucher des Kreisemtedank­ festes ist der farbenprächtige Festumzug am Sonntag. Waren bei früheren Veranstaltun­ gen die Früchtewagen, die Landjugendgrup­ pen in ihren schmucken Trachten, Darstel­ lungen nach dem Motto „Landwirtschaft einst und jetzt“ und andere Themen des Erntedanks Schwerpunkte im Festzug, so werden in den letzten Jahren auch kritische Themen aufgegriffen, die zum Nachdenken anregen sollen. So stand z.B. der Festzug 1986 in Mönchweiler unter dem Motto: „Danken für eine Ernte, die keiner mehr haben will“ oder 1989 in Mundelfingen: „Von der Schöpfung der Welt zur ihrer Er­ schöpfung“ oder 1991 in Dauchingen: „Erntedank – Dank an wen?“ und so fort. Ein unabhängiges Schiedsrichterteam hat jährlich die überaus schwierige Aufgabe, eine Bewertung der Beiträge der Landjugend­ gruppen vorzunehmen. Umfang und Schwergewichte der Veran­ staltungsreihe haben sich im Verlaufe der Jahre begreiflicherweise verändert. War 1962 noch ein zweitägiges Fest geplant, muß man heute von einer mehrtägigen Veranstaltungs- 359

folge ausgehen. Das Fest beginnt am Freitag­ abend und endigt am Montagabend. Tanz­ abende, Brauchtumsabende mit Musik-, Lied- und Volkstanzeinlagen, Unterhal­ tungsnachmittage und Kinderfest berei­ chern das umfangreiche Programm, das sei­ nen Höhepunkt mit den Veranstaltungen am Sonntag erreicht: Beim gemeinsamen Kirchgang dankt die Landbevölkerung für den Erntesegen. Im Gottesdienst wird die mitgeführte Erntekrone geweiht. An den Kirchgang schließt sich in der Regel ein Steh­ empfang der veranstaltenden Gemeinde an. Am Nachmittag zieht der große Erntedank­ festzug mit zahlreichen Festwagen und Gruppen durch die Straßen des Dorfe /der Stadt. Im Verlaufe des anschließenden Un­ terhaltungsprogramms im Festzeit werden die Erntekrone und Erntegaben an den Landrat des Schwarzwald-Baar-Kreises über­ geben. Die Erntekrone findet für ein Jahr einen Ehrenplatz im Foyer des Kreishauses in Villingen-Schwenningen und soll die Ver­ bundenheit der Landbevölkerung mit der Stadtbevölkerung zum Ausdruck bringen. Im Vorgenannten ist immer wieder die Rede von den Landjugendgruppen als Aus­ richter der Kreiserntedankfeste. Wer also sind diese Landjugendgruppen, welche Ziele verfolgen sie und welche Tätigkeiten üben sie aus? Aus einer gewissen „Ohne mich“-Haltung in den ersten Jahren nach dem 2. Weltkrieg entwickelte sich bald unter der Dorfjugend das Interesse an Geselligkeit und Weiterbil­ dung. Zunächst trafen sich die Jugendlichen in losen Gruppen ohne feste organisatori­ sche und eigenständige Struktur. Aus spora­ dischen, improvisierten Dorf- und Gruppen­ abenden, gelegentlichen Lehrfahrten und Kursen wurden, vor allem in den Wintermo­ naten, vielerorts regelmäßig stattfindende und vorausgeplante Arbeitsprogramme. Aus geselligen und Bildungs-Angeboten – von Dorf-, Berufsschul- und Landwirtschaftsleh­ rern organisiert – entstanden zunehmend örtliche Gruppen, die sehr bald begannen, ihre Ziele und Aufgaben zu definieren. 360 Um im Reigen der anderen Jugendorgani­ sationen und in der Arbeitsgemeinschaft der Nachkriegs-Jugendverbände das nötige Ge­ wicht zu erhalten, wurden die zunächst lose arbeitenden Landjugendgruppen im neuge­ gründeten „Bund Badischer Landjugend“ (BBL) zusammengeschlossen. Die Grün­ dung fand am 25.Juni 1950 in der „Badischen Bauernschule“ in Schwerzen, Kreis Walds­ hut, statt. Die damals aufgestellten Leitlinien sind heute noch Gegenstand der Gruppen­ arbeit. Es heißt dort u. a.: „Der ,Bund Badischer Landjugend‘ ist ein freier Zusammenschluß junger Menschen aief dem Lande. Er ist ein selbständiger Jugendver­ band, der parteipolil isch ungebunden arbeitet und eine christliche Grundhaltung in der Stellung­ nahme zu den Fragen des Lebens bejaht. Der ,Bund Badischer Landjugend‘ ist die eigenstän­ dige Jugendorganisation innerhalb des ,Badi­ schen landwirtschaftlichen Hauptverbands‘ (BLHV).“ Aus der „Pionierzeit“ des „Bundes Badi­ scher Landjugend“ datieren die Gruppen­ gründungen in Bräunlingen (1950), Behla und Öfingen. Es folgen in den nachfolgen­ den Jahren: Pfohren (1957), Mauenheim (1959), Mundelfingen (1959), Schabenhau­ sen (1962), Weilersbach (1962), Aasen (1964), Dauchingen (1964), Vöhrenbach (1964), Mönchweiler (1966), Weiler (1968), Hausen vor Wald (1970), Hondingen (1972), Schon­ ach (1977), Unadingen (1977), lppingen (1978), Brigach (1985), Hochemmingen (1985), Brigachtal (1986). Heute wirken im Kreisverband BBL im Schwarzwald-Baar-Kreis 16 aktive Landju­ gendgruppen. Im nachfolgenden soll auf die früheren und heutigen Tätigkeiten der Landjugend­ gruppen des BBL im heutigen Bereich des Schwarzwald-Baar-Kreis eingegangen wer­ den: In den Anfangsjahren der 50er und 60er Jahre hatte sich die Landjugendarbeit zum Ziele gesetzt, die Jugendlichen beruflich, charakterlich und geistig zu fördern. Die Gruppenprogramme erstrebten demnach

Kreiserntedankfest 1967 Weilersbach: BEL-Gruppe Bräunlingen ,,Siehe/henket“ die Vertiefung des beruflichen Wissens und der Allgemeinbildung, besonders durch Vor­ träge, Lehrfahrten und Besichtigungen. Da­ neben waren in der Gruppe die Möglichkei­ ten zu Geselligkeit und zum offenen Ge­ spräch über alle Fragen, die Jugendliche be­ wegen, sowie die Hinführung zur sinnvollen Freizeitgestaltung gegeben. In Verwirklichung dieser Ziele stellten die Gruppen eigene Pro­ gramme auf, ergänzt durch Programmange­ bote des Landes-und Bundesverbandes der Landjugend, örtlich unterstützt durch eh­ renamtliche Mitarbeiter im Landkreis. Als Vorkämpfer heutiger Volksbildungs­ werke organisierten die Landjugendgruppen offene, meist allgemeinbildende Dorfsemi­ nare, an denen die Dorfbevölkerung lebhaf­ ten Anteil nahm. Beliebt waren die Vortrags­ reihen über ferne Länder. Gruppenintern wurden sogenannte „Ländliche Seminare“ durchgeführt, welche sowohl politische und agrarpolitische Fragen als auch Probleme der täglichen Lebenswelt behandelten. Die Be­ schäftigung mit den politischen, wirtschaft­ lichen und gesellschaftspolitischen Proble­ men der geteilten Stadt Berlin sowie mit der „Sowjetisch Besetzten Zone“ (SBZ) führte zu zahlreichen Studienreisen nach West­ und Ostberlin unter Leitung von Landwirt­ schaftslehrer Bruno Weber. Um die Erzeugnisse der heimischen Landwirtschaft den Besuchern der „Grünen Woche Berlin“ zu präsentieren, waren mehr­ mals einheitlich gekleidete sogenannte „Wer­ behelferinnen“ aus dem Schwarzwald-Baar­ Kreis für jeweils eine Woche in West-Berlin tätig. Studienreisen und Lehrfahrten führten fast in alle Länder Westeuropas. Oft waren diese Fahrten mit Gruppenbegegnungen ver­ bunden, die in der Folge zu zahlreichen per­ sönlichen Kontakten und bleibenden Freund­ schaften führten. Herausragendes Ereignis dieser Art war seinerzeit die Studienreise vom 13. bis 30.Mai 1965 nach Wales in Groß­ britannien. Vom 13. bis 20. Oktober 1965 kamen die Mitglieder der „National Federa­ tion ofYoung Farmers Clubs of Wales“ zu einem Gegenbesuch in unseren Landkreis. Gute Kontakte unsererseits bestehen heute noch nach Wales/GB. Daß Verbindungen auch nach Übersee geknüpft werden konn­ ten, zeigen die Begegnungen mit Mitglie­ dern der „Future Farmers of America“ (FFA) oder der Besuch einer japanischen Land­ jugendgruppe vom 13. bis 18.August 1974 bei der BBL-Gruppe Mundelfingen. Theaterbesuche in Villingen, Donau­ eschingen und Freiburg führten die Jugend­ lichen in die Welt der klassischen Literatur 361

Leistungspflügen, Kreisentscheid 1969 in Bräunlingen ein, bei Filmdiskussionsabenden wurden Problemfilme kritisch betrachtet. Die Film­ arbeit sollte dazu beitragen, die Jugendlichen zum guten Film hinzuführen. Werklehr­ gänge und Bastelabende, durchgeführt von der „Neuwerk-Gemeinschaft Frankfurt“ und von Frau Brunhilde Weber aus Obereschach, erfreuten sich großer Beliebtheit, besonders im Winterprogramm der Gruppen. Im Rahmen des „Arbeitsvorhabens – Unser Dorf soll schöner werden“ übernah­ men die BBL-Gruppen Dauchingen, Aasen, Pfohren und Öfingen die Errichtung und Pflege von Dorfanlagen, Dorfbrunnen und Denkmälern. Sehr bald war in den 60er Jahren seitens der Landjugendgruppen der Wunsch laut geworden, bei örtlichen Festen und Feiern sowie bei Heimatabenden durch Vorträge und Auftritte das Programm zu bereichern. So entstanden unter Leitung des Verfassers die ersten Volkstanzgruppen innerhalb der Landjugendgruppen. Unterstützt wurde die Volkstanzarbeit durch überregionale Volks­ tanzseminare. Volkstanzarbeit ist heute fester Bestandteil des Programms vieler Landjugendgruppen im Landkreis. Weitere Betätigungsfelder der Landjugendgruppen innerhalb der Gemeinden waren Veranstal­ tungen, welche zur Dorfgemeinschaft auf 362 der einen Seite und zur Anerkennung der Landjugendgruppe im Dorf auf der anderen Seite beitrugen, so z.B. Maifeiern, Alten­ nachmittage und Heimatabende. Sportliche Betätigungen innerhalb der Landjugendgruppe und im Wettbewerb mit anderen Gruppen förderten das Gemein­ schaftsgefühl und die guten Beziehungen zu den Nachbargruppen. Gemeinsame Vorhaben der Landjugend­ gruppen im Landkreis demonstrierten die Arbeit und die Bedeutung der Jugendarbeit nach außen hin. Hier wären im besonderen zu nennen: das Kreiserntedankfest, die ge­ meinsame Sonnwendfeier, das Sport-und Spielwochenende, das Kreisfußballturnier, der „Berufswettkampf der Landjugend“ und ab 1967 der „Landjugendtag“. Diese Veran­ staltung richtete sich im Gegensatz zum Kreiserntedankfest nicht an ein breites Publi­ kum, sondern die Gruppenmitglieder trafen sich auf Kreisebene zum friedlichen Wett­ streit um den „Wanderpokal des BBL-Kreis­ verbandes“. Gefordert wurden die Wett­ kampfteilnehmer bei fachlichen und allge­ meinbildenden Fragen, bei einem Kurzrefe­ rat und bei sportlichen Gruppenwettkämp­ fen. In Podiumsdiskussionen oder Referaten beschäftigten sich die Gruppenmitglieder mit aktuellen Jugendfragen und wurden an-

Kreiserntedankfest 1970 Weiler: BEL-Gruppe Weiler ,,Erntekrone“ geregt, sich mit diesen Problemen auseinan­ derzusetzen. Dem Wunsch nach einer intensiven Grup­ penarbeit in vertrauter Umgebung entsprang in den 70er Jahren der Wunsch der Land­ jugendgruppen nach eigenen Gruppenräu­ men. Im Verlaufe der weiteren Jahre war es dann gelungen, innerhalb der Dörfer und Städte, mit Unterstützung der politischen Gemeinde und mitfinanziert durch Zu­ schüsse aus dem Landesjugendplan, in Ei­ genarbeit meist gemeindeeigene Räumlich­ keiten auszubauen und einzurichten. Heute haben die Landjugendgruppen im Schwarz­ wald-Baar-Kreis eigene Gruppenräume. Die Gruppenmitglieder konnten bereits in den Jahren des Aufbaus der Organisation des BBL an Programmen teilnehmen, wel­ che vom Landesverband des BBL ausge­ schrieben und organisiert waren. Damalige Angebote des Landesverbands, wie Grup­ penleiterseminare, Rednerschulungen, Ski­ freizeiten, Studienfahrten in europäische und außereuropäische Länder, Praktikanten­ austausch im In- und Ausland, internatio­ nale Begegnungen und andere mehr können heute noch von den Gruppenmitgliedern in Anspruch genommen werden. Mit dem Strukturwandel in der Landwirt­ schaft nahm der Anteil der Jungbauern und Jungbäuerinnen in den örtlichen Landju­ gendgruppen stetig ab. Demnach war es erforderlich geworden, die Thematik und die Methoden in der Jugendarbeit den Anforde­ rungen der Zeit und den Interessen der Jugendlichen anzupassen. Heute erfaßt die BBL-Landjugendgruppe die Jugend auf dem Lande“, die sich aus allen Herkünften und Berufen zusammensetzt. Landjugend­ arbeit ist heute vermehrt der Konkurrenz durch kommerzielle Freizeitangebote einer ganzen Freizeitindustrie ausgesetzt. Unter diesem Aspekt ist es erstaunlich, daß sich die Jugendarbeit der BBL-Gruppen in etwa er­ halten hat. Die Frage ist nun, wie Jugendarbeit heute beschaffen sein muß, damit sie für die jun­ gen Menschen auf dem Lande genügend attraktiv bleibt. Da die Jugendarbeit von dem ehrenamtlichen Engagement der Mit­ glieder lebt, sind alle gefordert, wenn es darum geht, neue Orientierungen zu finden. Die Konsumhaltung vieler Jugendlicher wird zukünftig die Möglichkeiten der Grup­ penprogramme vor Ort eingrenzen. Wenn wir die heutigen Jahresprogramme der BBL-Landjugendgruppen mit denen der 60er und 70er Jahre vergleichen, fällt auf, daß viele Initiativen vom Landesverband des BBL ausgehen, während früher die Haupt- 363

Kreiserntedankfast 1994 Weiler: Übergabe der Erntekrone und der Erntegabe an Herrn Landrat Dr. Gutknecht im Kreishaus in Villingen-Schwenningen. last der Organisation des Jahresprogramms bei der örtlichen Landjugendgruppe oder beim Kreisverband lag. Erfreulicherweise hat die Landjugend im Schwarzwald-Baar-K.reis in ihrer gegenwärtigen Gruppenarbeit viele Projekte und Aktivitäten aus früheren Jahren übernommen und fortgeführt. Man denke nur an die K.reiserntedankfeste, die Land­ jugendtage, die Sonnwendfeiern, die zahlrei­ chen Aktivitäten in der Gruppe und vieles andere mehr. Projekte und Programme, die der Geselligkeit und der Freizeitgestaltung dienen, nehmen jedoch einen größeren Spielraum ein als früher. Was besonders erwähnenswert erscheint, ist die Tatsache, daß sich die Landjugend­ gruppen des Schwarzwald-Baar-K.reises der Pflege der einheimischen Tracht angenom­ men haben und diese Tracht als Gruppen­ tracht bei den zahlreichen Veranstaltungen in der Öffentlichkeit tragen. Überregional wurden in der Neuzeit Arbeitskreise für besondere Schwerpunkte in der Jugendarbeit des BBL gebildet. Die Mit­ glieder der Landjugendgruppen im Schwarz­ wald-Baar-K.reis haben die Möglichkeit, in diesen Arbeitskreisen mitzuarbeiten. Der „Arbeitskreis Öffentlichkeitsarbeit“ sieht es als seine Aufgabe an, auf die Arbeit des BBL aufmerksam zu machen. Im „Arbeitskreis Kreisemtedankfest 1973 Pfohren: Festwagen 364

Aktivtreff“ wird der gruppenpädagogische Bereich abgedeckt. Mit besonderen Anlie­ gen der weiblichen Gruppenmitglieder be­ schäftigt sich der „Arbeitskreis Frauen und Mädchen“, desgleichen der „Arbeitskreis Land-Liv(f)e“, verstärkt mit Fragen der Lebens- und Arbeitswelt der Frauen auf dem Lande. Landwirtschaftliche und weinbauli­ che Fragen werden im „Weinbau- und agrar­ politischen Arbeitskreis“ behandelt. Dieser Arbeitskreis möchte zusammen mit der „Arbeitsgemeinschaft Junger Bauern im BLHV“ mit aktuellen Themen, Aktionen und Lehrfahrten Hilfestellung geben für en­ gagierte landwirtschaftliche Unternehmer, neue Konzepte erarbeiten und Perspektiven aufzeigen. Das Programm beinhaltet u. a. im Rahmen des Projekts „Gläserne Produktion“ die Durchführung eines „Tages des offenen Hofs“. Dabei wird der breiten Öffentlichkeit die Möglichkeit geboten, vor Ort einen Ein­ blick in landwirtschaftliche Betriebe zu ge­ winnen, für die Landwirte eine gute Gelegen­ heit, die Verbraucher auf besondere Pro­ bleme der Landwirtschaft hinzuweisen. Die Landjugendgruppen des „Bundes Ba­ discher Landjugend“ im Schwarzwald-Baar­ Kreis haben in ihrer Gruppenarbeit moderne Formen entwickelt und dazu Tätigkeiten in ihre Programme aufgenommen, die breite Kreise der Jugend ansprechen. Sie sind sich bewußt, daß sie sich dabei in einem ständi­ gen Entwicklungsprozeß befinden, der durch neue Situationen und Probleme im­ mer wieder neue Fragen an Inhalt und Form ihrer Arbeit aufwirft. Bruno Weber Landmaschinenring und Betriebshilfsdienst Schwarzwald-Baar e. V. feierte sein 25jähriges Jubiläum Der Landmaschinenring und Betriebs­ hilfsdienst Schwarzwald-Baar e. V. feierte am 18. und 19. März 1995 sein 25jähriges Jubi­ läum. In den 25 Jahren seines Bestehens hat sich in der Landwirtschaft vieles verändert. Der Strukturwandel in der Landwirtschaft ist gravierend. Im Schwarzwald-Baar-Kreis wer­ den nur noch etwa 30 0/o der Betriebe im Haupterwerb bewirtschaftet, die restlichen 70 0/o im Zu- oder Nebenerwerb. In dieser Situation bietet sich der Maschinenring als Partner an, um landwirtschaftliche Betriebe und somit eine flächendeckende Landbe­ wirtschaftung auch in Zukunft zu erhalten. Auch der Landmaschinenring und Be­ triebshilfsdienst Schwarzwald-Baar e. V. hat sich gewandelt. Neue Arbeitsfelder kamen hinzu, alte wurden ausgebaut. Derzeit wer­ den 860 Mitglieder gezählt, der Verrech­ nungswert betrug 1994 ca. 3,1 Millionen. Die ragenden Säulen des Ringes sind: Maschinenvermittlung – Betriebshilfsdienst – Selbstbauweise Landschaftspflege/Kommunalarbeiten – nachwachsende Rohstoffe. Das „klassische“ und nach wie vor größte Arbeitsfeld ist die Vermittlung von Maschi­ nen. Die Maschinenvermittlung ist gerade heute im Zeichen des neuen EU-Agrarre­ formkurses mit gravierenden Preissenkun­ gen für landwirtschaftliche Produkte von großer Bedeutung, da durch den überbe­ trieblichen Maschineneinsatz die Festkosten gesenkt werden können. Als weitere Felder kamen 1974 der Be­ triebshilfsdienst mit dem heute dritthöch­ sten Verrechnungswert hinzu. Seit Beginn erhält der Betriebshilfsdienst im sozialen Be­ reich finanzielle Unterstützung des Schwarz­ wald-Baar-Kreises. Die Selbstbauweise wurde 1978 ins Le­ ben gerufen. Damals wurden Fahrsilos in Selbstbauweise errichtet, heute erfahren Landwirte über den Maschinenring in na­ hezu sämtlichen Bereichen landwirtschaftli- 365

chen Bauens die Unterstützung von Berufs­ kollegen und sind damit in der Lage, die Bau­ kosten zu senken. Seit 1986 vermittelt der Maschinenring auch Landschaftspflege- und Kommunal­ arbeiten. Dieser Tätigkeitsbereich hat mitt­ lerweile den zweitgrößten Verrechnungswert angenommen. Jüngstes „Kind“ des Maschinenrings ist das Feld der nachwachsenden Rohstoffe. Im Februar 1994 wurde die „Erzeugerge­ meinschaft für Ölfrüchte und nachwach­ sende Rohstoffe Südbaden“ gegründet, de­ ren Mitglied auch der Landmaschinenring und Betriebshilfsdienst Schwarzwald-Baar e. V. ist. In Zukunft wird für die Landwirtschaft die Einkommenskombination immer wichtiger, um ein ausreichendes Gesamteinkommen zu erwirtschaften. Nicht nur in der Produk­ tion landwirtschaftlicher Güter, sondern ver­ stärkt im Dienstleistungsbereich ist die Ent­ wicklung selbständiger landwirtschaftlicher Betriebe zu sehen. Landschaftspflege, Kom­ munalarbeiten, Grüngutentsorgung und Kom­ postierung sind Dienstleistungen, die Land­ wirte mit dem Maschinenring als Mittler übernehmen können. Landwirte, organisiert im Maschinenring, sind zuverlässige Partner. Der Maschinen­ ring kann aus einem großen Pool von Ma­ schinen und Arbeitskräften schöpfen und ist somit Einzelunternehmen bei der Abwick­ lung überlegen. Die Präsenz vor Ort und die fachliche Qualifikation machen Landwirte zu idealen Gesprächspartnern in den oben­ genannten Bereichen. In der Übergabe von Aufträgen an Land­ wirte mit dem Maschinenring als Mittler ist die Möglichkeit schlechthin für den Erhalt der Kulturlandschaft bei uns im Höhenge­ biet zu sehen. Darüber hinaus sind damit Arbeitsplätze in der Landwirtschaft gesichert und junge Unternehmer haben wieder ein klares Ziel vor Augen. Klaus Hall 366

Gastronomie Beim „singenden Wirt“ Hotel – Gasthof „Kranz“ in Blumberg-Riedböhringen „Hoch droben auf des Schwarzwalds Höhen“ als eigene Komposition oder noch höher „La Montanara“ tönt es mitten in Riedböhringen gleich fünfstimmig zur Key­ board-Begleitung bis auf die Straße hinaus. Danach wie im Wunschkonzert „Blau, blau, blau blüht der Enzian“ und „Sierra Madre de! Sur“. Das sind, wenn Busse und Pkws rund um den Hotel-Gasthof „Kranz“ auf Blechfühlung gehen, die reinsten Schritt­ bremsen für alle flanierenden Nachmittags­ ader vorrangig Abendpassanten. Lauschend bleiben sie stehen, hören Beifall rauschen, aus dem sich die rhythmischen Aufforder­ rungen „Zugabe! Zugabe!“ wie zwingende Ausrufezeichen lösen, und werden dann womöglich von Freddys Oldie „Heimatlos“ oder gar dem Evergreen „In the mood“ nostalgisch animiert. Irgendwo dämpft eine geschlossene Stalltür das vorletzte Melk­ Muh einer baaremer Kuh, doch der alles rest­ landwirtschaftliche übertönende Jubel im ,,Kranz“ gilt jetzt offenbar einem angekün­ digten Gesellschaftsspiel, das viel Pep ver­ spricht. Im Gästehaus „Zur alten Schule“ gegenüber prosten sich dann wohl Zimmer­ nachbarn von Fenster zu Fenster schmun­ zelnd zu oder steigen angeregt schnurstracks zur Weinprobe in den urig gewölbten Torkel­ keller hinab, weil es drüben im Haupthaus keinen freien Platz mehr gibt. Was nicht eben selten vorkommt. Eine solche Szenerie mit der Geräusch­ kulisse einer im besten Sinne unterhaltsa- 367

men Gastronomie gibt es auf ungebrochene Dauer nur in Blumbergs idyllisch gelegenem Stadtteil Riedböhringen: Ein Bilderbuch­ dorf übrigens, in dem museal an den dort geborenen und – nach beispielhafter römi­ scher Präsenz für eine vehement vertretene Einheit der Christen – zur letzten Ruhe gebetteten Kurienkardinal Augustina Bea erinnert wird … Akustisch überzeugend wird im „Kranz“ ein Fenster geöffnet, um einem auf dem Tasteninstrument intonierten Tusch mehr weltliche Aufmerk-Entfaltung zu geben. Wenn dem – wie oben beschrieben – so ist, dann hat die „Kranz“-Wirtsfamilie von Herbert und Rosemarie Riesle alle Hände und Kehlen voll zu tun. Eben weil sich der ,,singende Wirt“ diese überaus werbewirk­ same Apostrophierung seit langem rechtens verdient hat und seine erblich musikalischen Töchter Beate, Martina, Birgit und Annette im Alter jetzt zwischen 16 und 27 Jahren sin­ gend schon von klein auf reagierten, wenn der philharmonische Papa sie per Knopf­ druck an der Hausorgel aus anderen Räum­ lichkeiten in den Saal zitierte, um den erwar­ tungsvollen Gästen zum Dessert nur gute Töne beizubringen. Dieser spezielle Service des örtlich derart urgemütlich und hochmu­ sikalisch vertretenen Hotel- und Gaststätten­ gewerbes sprach sich mit Gütesiegel so zug­ kräftig herum, daß ohne Übertreibung von einem nahezu „weltweiten Echo“ geschrie­ ben werden darf. Denn Riedböhringens „sin­ gender Kranz“ hat durch die Jahre mit im buchstäblichen Sinne zusätzlichen Noten für einen so guten Ruf gesorgt, daß mittler­ weile über 160 Reiseunternehmen aus Deutschland, Italien, Frankreich, Belgien, Holland, England, Schweden und der Schweiz dieses klingende Schwarzwaldziel mit ihren Bussen ansteuern. Weil dort auch Unterkunft, Küche und Keller stimmig sind: Stimmig und stimmlich hervorragend betreut, das sind die Spezialakzente im ,,Kranz“. „Logo, logo … “ singt das Quintett im Viermäderl-Haus und rundet das Marken­ zeichen damit bestätigend ab: Denn der Gasthof „Kranz“ ist seit 1908 im Besitz der schon ab 1630 mit Wappen beurkundeten Familie Riesle. Das einladende Haus begann mit Johann Riesle, der es im Jahre 1935 an Hermann Riesle weitergab, dessen Sohn Die „Scheffellinde“ in Achdorf feierte 450. Geburtstag So alt wie kein anderes Gasthaus auf der Baar Die „Scheffellinde“ in Achdoif .feierte im Mai 1995 ihren 450. Geburtstag. Begonnen hat die Geschichte der „ Scheffellinde“ in den Jahren 1453 bis 1455, als eine Taverne gebaut wurde, die spätestens 1455 den Gastbe­ trieb aufnahm. Sie war Bestandteil eines herr­ schaftlichen Meierhofes, zu dem auch eine Landwirtschaft, eine Brauerei und Drechslerei gehörten. Im Andenken an den Wesifälischen Frieden 1648 pflanzten die Bewohner im Jahr 1651 eine Friedenslinde vor dem Gdsthaus. Unter dieser Linde wurde lange Zeit das Achdoifer Ding­ gericht äbgehalten. ,,Linde“ hi� dann auch das Gasthaus, das nach dem Tod des Dichters Vik- tor von Scheffel 1866 in „Scheffellinde“ umbe­ nannt wurde. Scheffel, der seit 1857 im Haus Fürstenberg in Donaueschingen als Hofbiblio­ thekar angestellt war, kam bei seinen Wander­ zügen in den Süden immer wieder nach Ach­ dorf. Die Geschichte des Gasthauses ist freilich auch von Schicksalsschlägen geprägt. 1930 brannte das alte Gebäude bis auf die Grundmauern nie­ der, viele wertvolle Dokumente gingen damals verloren. 1932 wurde die „Schejfellinde“ an gleicher Stelle und im gleichen Stil wieder auf gebaut. Michael Leiße 368

Herbert den „Kranz“ dann 1966 als 20jähri­ ger übernahm, ihn zeitgemäß renovierte und in den Jahren 1980 bis 1983 ansprechend erweiterte. Im Jahre 1992 kam das bequem gegenüberliegende Gästehaus „Zur alten Schule“ hinzu. Hier möbelte Herbert Riesle nach vielen Widerständen das sich in desola­ tem Zustand befindliche alte Schulgebäude recht kostenintensiv auf. Den rustikalen Gewölbekeller, der 100 Personen Platz bietet, baute er als Ausschank und für die inzwi­ schen beliebten Weinproben aus. Unter dem Dach können ebenfalls rund 80 Gäste bewir­ tet werden. Am Haupthaus wurde kürzlich auch er­ weiternd angebaut. Seitdem singen die Ries­ les zur beifällig aufgenommenen Unterhal­ tung ihrer Gäste und diese in höchsten Tönen das Lob eines renommierten Hauses mit Gasträumen, die bis zu 380 Personen Platz bieten und in dem 30 Kräfte mit dem Hausherrn als geschätztem Küchenchef zum Wohle der Gäste beschäftigt und gemeinsam auf den Ansturm von mehreren Busbesat- zungen vorbereitet sind. Die 70 Gästezim­ mer mit 140 Betten fangen selbst ein Stoßge­ schäft mit plötzlich anrollenden Großgesell­ schaften auf. Die Zimmer sind durchgängig mit Dusche, Toilette, Telefon und Fernseh­ anschluß ausgestattet. Spezialisiert ist das familiär betonte „Kranz“-Team auf eine rasche und dabei versierte Betreuung von Reisegesellschaften im neu angebauten, 55 Personen fassenden „Schwarzwaldstüble“, das separat für Tagungen hervorragend geeig­ net ist. Im Schnitt werden täglich zehn bis zwölf Reisebusse abgefertigt. Als betriebsamste und damit lebendigste Besuchsmonate gel­ ten Mai und September. Über das reichhal­ tige Angebot einer gutbürgerlichen Landkü­ che hinaus kommen selbst Feinschmecker wie Schlemmer – also Gourmets und Gour­ mands der gehobenen und reichlichen Tafel­ freuden – auf ihre Zungen- und Gaumenko­ sten. ,,Separat“, so betonte der „singende Wirt“ in einem informativen Gespräch, ,,bauten 369

Gasthof ,,Engel“ in Vöhrenbach von internationaler Fachzeitschrift hoch bewertet In der Februar-Ausgabe 1995 des in der Schweiz erscheinenden und in München redi­ gierten gastronomischen Fachjournals „Sa­ voir vivre“ erfährt der Gasthof „Engel“ in Vöhrenbach eine besondere Würdigung: Die Zeitschrift zeichnete die Küchenleistung Rein­ hold Ketterers und den Service unter Ursula Ketterer mit seinem selten vergebenen „Son­ nen-Emblem“ in hoher Bewertung aus. Das weithin bekannte Lokal wird unter die 500 am besten eingestuften gastronomischen Unternehmen in Deutschland eingereiht. Der Almanach gratuliert zu dieser bemer­ kenswerten Auszeichnung! wir eine spezielle Kaltküche für den Party-, Platten- und Büfett-Service an. Hier muß ich einer steigenden Nachfrage natürlich Rech­ nung tragen.“ Von den entstandenen und laufenden Kosten für ein so expandierendes Gastronomie-Unternehmen kann Herbert Riesle auch ohne Stimmgabel ein Lied sin­ gen. Deshalb muß täglich vielhändig zuge­ packt werden, eben damit sich keine falschen Töne einschleichen. ,,Einmal“, so plauderte der musikbegei­ sterte „Kranz“-Wirt, dazu ermuntert, aus der gasthäuslichen Anekdoten-Schule, ,,kam es bei unserem abendlichen Unterhaltungspro­ gramm mit Liedern und munteren Gesell­ schaftsspielen wieder zu einer Polonaise. Die zog dann fröhlich singend und albernd durch alle Räume. Dabei ließ sie selbst Scheune und Heustall nicht aus. Einige von denen, die da mitmachten, sahen wir aller­ dings erst nach einer guten halben Stunde wieder. Rein zufällig pärchenweise .. . “ In den Gästebüchern „verewigten“ sich nicht nur Stammgäste und anonyme „Ein­ tagsfliegen“, sondern ebenso Träger bekann­ ter Namen, wie beispielsweise Johannes Kar­ dinal Willebrands und 40 andere geistliche Würdenträger aus aller Welt, unter ihnen Bischof Vasilios von Aristi, der Freiburger Erzbischof Dr. Oskar Saier, der Jesuiten-Pro­ vinzial Pater Dr. Alfons Klein und Hans Heinz Altmann, Vertreter des Zentralrates der Juden in Deutschland. Auch an zufriede­ nen Eintragungen von Politikern und Wan­ derern jeglicher Couleur herrscht kein Man­ gel. ,,Bei Riesle einzukehren, mundet wie der beste Riesling!“ Das könnte ein Werbeslogan werden. Wer so viel für die behagliche Gast­ lichkeit investiert, der darf jederzeit einer lukrativen Anerkennung gewiß sein. Beson­ ders dann, wenn gastronomisches und musi­ kalisches Ensemble übereinstimmen und dank konzertierter Aktionen ihr Renommee regional und überregional festigen: Ver­ flochten zu einem bunten, einladenden ,,Kranz“. Jürgen Henckell Ein Haus mit Tradition Hotel „Pflug“ in Gremmelsbach Worauf viele Wirtsfamilien mit Stolz hin­ weisen, ein Haus mit Tradition zu leiten, das kann die Wirtsfamilie im Hotel „Pflug“ in Gremmelsbach auch. Karl Günter ist in der vierten Generation „Pflugwirt“, sein Vorfahr Josef Günter zog 1864 von Lauterbach nach Gremmelsbach, damals stand das Gasthaus etwas weiter talaufwärts, hieß in den ersten 370 Jahren „Erker“, seine Hofstatt ist heute ein Garten. Das Gebäude brannte 1871 ab und wurde an der jetzigen Stelle neu erbaut. Den Grund für den neuen Platz mag man in dem alpinen Berghang darüber vermuten, unter dem man vor Steinschlag nicht sicher war. Die Konzession wurde Josef Günter erst am 24. August 1874 erteilt.

Der „Pflug“ machte sich die Vorteile der modernen Technik zu­ nutze. Karl Günter, Wirt und Wagner, ließ 1925 eine Druck-und Saugturbine erbauen, gespeist von dem ei­ gens dafür angelegten Weiher, schloß einen Dynamo an und hatte in weitem Umkreis als elektrisches erster Licht. Als absolute Neuheit wurden die beiden Straßenlater­ nen in der Kurve un­ ter dem „Pflug“ und an der Bundesstraße angesehen. Eine be- sondere Attraktion für große und kleine Gäste war in einer Zeit, da Musik selten zu hören war, ein elektrisches Klavier. Unter einem Dach war in früheren Jahrzehnten die Wagnerei untergebracht, es fand sich sogar noch Platz für den Stall. Auf der gegenüber­ liegenden Straßenseite stand ein kleines Sägewerk, wo die Waldbesitzer von Grem­ melsbach ihre Sägklötze zu Brettern aller Art sägen lassen konnten. Auch ein Milchhäus­ chen erwähnt ein alter Kaufvertrag. 1975 brannte der „Pflug“ ein zweites Mal ab und wurde an der gleichen günstigen, son­ nigen Stelle als Hotel wieder aufgebaut. Architekt Paul Kienzler, Triberg, mußte aus der topographischen Lage das Bestmögliche machen, da eine Erweiterung nur in östlicher und westlicher Richtung möglich war, nicht gegen die Bergseite und nicht gegen die Straße. Der jetzige Besitzer und Wirt Karl Gün­ ter hat sein „Handwerk“ gelernt. Nach der Hauptschule absolvierte er eine Kochlehre im Parkhotel Wehrle in Triberg, war anschlie­ ßend drei Winter auf verschiedenen Schiffen (der „Jakob Becker“, einem Frachter; der 371

,,MS Freiburg“, einem Frachter und Passa­ gierschiff in einem; und der Jodonna“, ei­ nem norwegischen Frachter), durchkreuzte das Mittelmeer, kennt sich in der Nord- und Ostsee aus, im Atlantik und besonders in der Karibik. Die freien Stunden in den Hafen­ städten nutzte er, um möglichst viel von ihrer Geschichte und Kultur und der ihrer Länder kennenzulernen. Der damals 19 Jahre junge Chefkoch war auch für den Einkauf verantwortlich, einmal es gab für eine Bot­ schaft einen Empfang, das kalte Büffet ent­ hielt das Feinste vom Feinen, Karl Günter hatte die Aufsicht. Überhaupt sind die Herr­ schaften auf dem Schiff Gutes gewöhnt, fünf Mahlzeiten täglich, zum Frühstück schon Koteletts, Eierspeisen, eine Mehlsuppe … Küchenchef war er danach zwei Winter lang in Hinterzarten im Hotel Linde und Kur­ haus. 1977 machte er die Meisterprüfung, war danach Chefkoch in der neueröffneten Kurklinik, ein Jahr im Hotel „Krone“ in Peterzell. Nach dem Brand 1975 war er im eigenen Betrieb unentbehrlich. Seit Neujahr 1981 liegt das elterliche Erbe, das Hotel ,,Pflug“, in seinen Händen. Und der Gastronom wußte seinem Haus eine eigene Note zu geben. 16 Doppelzim­ mer, alle mit Dusche, WC, Balkon und Fern­ sehen ausgestattet, und eine Ferienwohnung kann er vermieten. Durch den Bau eines Eigenheimes, das gleichzeitig auch ein Stück Dorfverschönerung darstellt, hat er seinen Betrieb vergrößern können. Da er gern Holz schlägt, sein Hobby, hat er für seine Heizung mit 44 Heizkörpern und zwei Kachelöfen immer genug Brennmaterial und kann eine gemütliche Wärme erzeugen. V ielseitig ist die Speisekarte im „Pflug“, um allen Ansprü­ chen gerecht zu werden. Er räuchert den Speck für ein Schwarzwälder Vesper im eige­ nen Rauchfang. Zu den Schwarzwaldspezia­ litäten gehören „Hausmacher“ Wurst, Schlachtplatten, Gallert. Als kleine Auf­ merksamkeit bietet er Grieben mit Schmalz als Einleitung oder Quiche Lorraine zum Abendessen an. Ganzjährig hat er Wild und lebendfrische Forellen vorrätig. Selbstver- 372 ständlich hat er einen gutsortierten Weinkel­ ler und gepflegte Biere, Pils vom Faß. Be­ dingt durch die Nähe Tribergs ist sein Publi­ kum international. Angehörige von sieben Nationen und mehr zählt er öfters gleichzei­ tig auf den Anmeldescheinen. Monteure, Ver­ treter, die im Umkreis von 40 km zu tun haben, übernachten im „Pflug“. Um immer möglichst hohe Übernachtungszahlen zu er­ reichen, muß ein Hotel heute mehreren Rei­ sebüros angeschlossen sein. Das geht nicht anders. Obwohl es ein reiner Familienbe­ trieb mit einigen Angestellten ist, kann der Service auf überraschende Situationen schnell reagieren. Selbst ein unangemeldeter Bus voll Gästen braucht nicht abgewiesen zu werden. Was wäre aber ein Gasthaus in einem Dorf ohne Stammtisch? Oft findet sich am Feierabend und nach Vereinssitzun­ gen noch eine gutgelaunte Runde im „Pflug“ zusammen. Für alle anfallenden Arbeiten ist ihm seine Ehefrau Monika die beste, treueste unent­ behrlichste Stütze. Auch sie kommt „vom Fach“, ist in einer Pension im württembergi­ schen Allgäu zu Hause, war im Service meh­ rerer Hotels tätig und bewältigt neben der Familie her den Hotelbetrieb. Das Haus Günter ist auch kinderfreund­ lich. Seit einiger Zeit ist auf einer Spielwiese eine Spielhütte angelegt, die zudem noch am Bach liegt, ein wahres Eldorado, weil sie trotz ihrer tiefen Lage sonnig ist und vom Wald­ rand der Schatten kommt, und als Grillplatz und fürs Tischtennis und fürs Ausruhen auf dem Liegestuhl genutzt werden kann. Für Hobby-Angler hat er ein Stück des Grem­ melsbach gepachtet, auch ein Fischteich steht zur Verfügung. Keine Frage, daß es den Gästen, von denen heute viele weltweit die �alität von Hotels vergleichen können, im „Pflug“ gut gefallt, viele wieder und wieder kommen, ja ihn zu ihrem ständigen Ferien­ domizil erwählen, weshalb Kurgastehrungen für 20 und 25maliges Kommen keine Selten­ heit sind. Karl Volk

Verschiedenes Personen und Fakten Dr. Manfred Matusza ist am 13.11.1994 unter 15 Kandidaten im ersten Wahlgang mit 50,93 % der knapp 57.000 Wahlberechtigten zum Oberbürgermeister von Villingen­ Schwenningen gewählt worden. Die Wahl­ beteiligung betrug 56,4 %. Dr. Matusza hat am 2. 1. 1995 sein neues Amt angetreten. Der bisherige Oberbürgermeister, Dr. Gerhard Gebauer, ist aus Altersgründen ausgeschieden. Gerhard Hagmann wurde am 26. 3.1995 unter drei Bewerbern zum 3. Mal zum Bür­ germeister von Bad Dürrheim gewählt. Der bisherige Amtsinhaber erhielt 72 % der gülti­ gen Stimmen bei einer Wahlbeteiligung von 43, 7 %. Die neue Amtsperiode hat am 1. 6. 1995 begonnen. Jörg Frey setzte sich am 7.5.1995 im ersten Wahlgang unter fünf Bewerbern als neuer Bürgermeister von Schonach durch. Bei 81,8 % Wahlbeteiligung erhielt er 70,3 % der gültigen Stimmen. Er hat sein Amt am 1. 7. 1995 angetreten. Der bisherige Amtsinhaber Albert Haas schied aus gesundheitlichen Gründen vor­ zeitig zum 30.6.1995 aus dem Amt aus. Erlei­ tete die Gemeinde 27 Jahre. Kriminaloberrat und Leiter der Kriminal­ polizei bei der Polizeidirektion Villingen­ Schwenningen, Helmut Wider, wurde auf eigenen Wunsch mit Wirkung vom 1.11.1994 zur Landespolizeidirektion Freiburg ver­ setzt. Seine Nachfolge trat am 1. 3.1995 Hel­ mut Dorer an. Forstdirektor Lud�ig Heneka, langjähri­ ger Leiter des Forstamtes Triberg, ist mit Wir­ kung vom 31. 5. 1995 altershalber in den Ruhestand getreten. Sein Nachfolger stand bei Redaktionsschluß noch nicht fest. Karl Kirschvink, langjähriger Schulleiter der Kaufinännischen und Hauswirtschaft­ lichen Schulen in Donaueschingen, ist mit Wirkung vom 26. 7.1995 altershalber in den Ruhestand getreten. Sein Nachfolger wurde mit Beginn des Schuljahres 1995/96 Heinz Baumgartner. Bernhard Hoch, Bäcker-und Konditor­ meister aus Villingen-Schwenningen, wurde am 9. 11. 1994 zum Präsidenten der Hand­ werkskammer Konstanz gewählt. Emil Kiess aus Hüfingen wurde von Herrn Ministerpräsident Erwin Teufel am 14. 3.1995 der Ehrentitel „Professor“ verlie­ hen.Im Rahmen der langjährigen Verbindung des Schwarzwald-Baar-Kreises zum Nach­ barkanton Schafihausen fand am 6. 9.1995 ein weiteres Freundschaftstreffen statt. Re­ gierungsrat Dr. Hans-Peter Lenherr empfing mit seinen Chefbeamten des Erziehungs­ departements eine kleine Delegation des Kreistages des Schwarzwald-Baar-Kreises mit Landrat Dr. Gutknecht. Die Begegnung diente neben der Festigung der persönlichen Bezie­ hungen der Unterrichtung besonders über den Zivilschutz im Kanton Schaffhausen. 373

Nachstehende Personen aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis wurden seit Mai 1994 aus­ gezeichnet: Orden, Medaillen a) mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland: Dr. Axel Borchers Max Hirt Gerhard Ballof Oberbürgermeister i. R. Dr. Gerhard Gebauer Gerhard Luz Wilfried Leibold (Abkürz.: BVK I. Kl. = Bundesverdienstkreuz I. Klasse BVK a. B. = Bundesverdienstkreuz am Bande) Villingen-Schwenningen Brigachtal-Klengen Villingen-Schwenningen 5. 5.1994 BVK a. B. 16. 8.1994 BVK a. B. 20. 9.1994 BVK a. B. 7. 11.1994 BVK I. Kl. 18. 1.1995 BVK a. B. 30. 1.1995 BVK a. B. Hans Göppert 13. 2.1995 BVK a. B. b) mit der Zelter-Plakette: Kath. Kirchenchor St. Martin MGV Sängerkreis ,,1895 Villingen e. V.“ 26. 3.1995 26. 3.1995 Villingen-Schwenningen Triberg Villingen-Schwenningen Stadtbezirk Mühlhausen Schönwald Blumberg-Riedöschingen Villingen-Schwenningen c) mit der Wirtschaftsmedaille: Senator h.c. Dipl.-Ing. Hans Schmidt 13.12.1994 St. Georgen d) mit der Lebensrettungsmedaille: Johann Hassler 15. 9.1994 Bräunlingen e) mit dem italienischen Orden „Grado di Ufficiale“, überreicht vom italienischen Konsul in Südbaden, Fabrizio Nicoletti: Bürgermeister i. R. Günter Lauffer St. Georgen 5. 7.1995 Arbeitslose in Prozentzahlen Stichtag Schwarzwald-Baar-Kreis 30. 6.1993 30. 6.1994 30. 6.1995 374 7,6% 8,7 0/o 7,7 0/o Land 6,1 % 7,3 0/o 7,0 0/o Bundesgebiet West 7,0% 8,00/o 8,9 0/o

Bevölkerungsentwicklung im Schwarzwald-Baar-Kreis Veränderungen Gemeinden in Zahlen Stand der Wohnbevölkerung 31.12. 1993 31.12. 1994 in 0/o Bad Dürrheim Blumberg Bräunlingen Brigachtal Dauchingen Donaueschingen Furtwangen Gütenbach Hüfingen Königsfeld Mönchweiler Niedereschach St. Georgen Schönwald Schonach Triberg Tuningen Unterkimach Villingen-Schwenningen Vöhrenbach 11.535 10.785 5.823 5.040 3.259 20.372 10.172 1.488 7.033 5.936 3.091 5.231 14.434 2.738 4.463 5.938 2.575 3.130 81.315 4.277 11.505 10.683 5.912 5.185 3.344 20.477 10.021 1.485 7.123 5.996 3.132 5.348 14.351 2.701 4.397 5.891 2.674 3.233 80.907 4.281 Kreisbevölkerung insgesamt 208.635 208.646 30 102 89 + + 145 + + 105 85 151 3 90 60 41 + + + + 117 83 37 66 47 + 99 + 103 + + 408 4 11 0,26 0,95 + 1,53 + 2,88 + 2,61 + 0,52 1,48 0,20 + 1,28 + 1,01 + 1,33 + 2,24 0,58 1,35 1,48 0,79 0,50 + 3,84 + 3,29 + 0,09 + 0,01 Ausländer in Zahlen Gemeinde Ausländer insgesamt Bad Dürrheim Blumberg Bräunlingen Brigachtal Dauchingen Donaueschingen Furtwangen Gütenbach Hüfingen Königsfeld Mönchweiler Niedereschach St. Georgen Schönwald Schonach Triberg Tuningen Unterkimach Villingen-Schwenningen Vöhrenbach Gesamt 836 1.575 657 257 133 1.836 1.162 65 746 297 324 323 1.793 85 360 650 255 258 12.130 647 24.389 Türken 57 786 420 66 9 424 244 7 289 22 48 66 267 4 60 230 61 60 2.437 222 5.779 davon Jugoslawen Italiener 264 385 56 32 47 229 354 13 122 86 141 131 633 44 157 143 34 41 2.111 206 5.229 97 40 24 37 21 326 306 35 158 16 37 27 569 8 98 85 126 59 2.074 131 4.274 Sonstige 418 364 157 122 56 857 258 10 177 173 98 99 324 29 45 192 34 98 5.508 88 9.107 1. 2. 1995 Ausländcr4 antcil in CM, ca. 7,6 14,1 11,4 5,0 4,0 9,0 11,5 4,4 10,6 5,0 10,2 6,1 12,4 3,0 8,1 11,0 9,7 8,0 15,0 14,9 11,7 375

Ergebnisse der Bundestagswahl am 16. Oktober 1994 im Wahlkreis 190 Schwarzwald-Baar Wahlberechtigte Wähler darunter mit Wahlschein davon Briefwähler ungültige Erststimmen gültige Erststimmen davon für Belle, Meinrad Lörcher, Christa Zeller, Hans Grieshaber, Rita Kimme!, Claudia Schwarzwälder, Karl-Ernst Martin, Wolfgang CDU SPD FDP/DVP GRÜNE REP GRAUE ÖDP ungültige Zweitstimmen gültige Zweitstimmen davon für CDU SPD FDP/DVP GRÜNE REP PDS APD Bürgerrechtsbewegung Solidarität CM GRAUE NATURGESETZ MLPD ÖDP PBC STATT Partei absolut 148.010 114.718 12.868 12.591 1.749 112.969 58.751 34.915 4.776 9.067 3.214 1.043 1.203 1.488 113.230 . 51.868 33.413 11.531 9.657 3.010 665 413 15 241 766 162 36 772 410 271 in Prozent 77,51 11,22 10,98 1,52 52,01 30,91 4,23 8,03 2,85 0,92 1,06 1,30 45,81 29,51 10,18 8,53 2,66 0,59 0,36 0,01 0,21 0,68 0,14 0,03 0,68 0,36 0,24 Wahlkreisabgeordneter: Meinrad Belle CDU Über die Landesliste in den Bundestag gewählt: 376 Christa Lörcher SPD Rita Grieshaber GRÜNE

Farbaufnahmen und Fotonachweis Die Farbaufnahmen auf der Titel- und Rückseite stammen von German Hasenfratz, Hüfingen. Motiv Titelseite: Am Rathaus mit Stadttor Bräun­ lingen Motiv Rückseite: Johannes und Maria (Museum Bräunlingen) Die Zeichnung auf der Seite 165 wurde von Wienhart Prigge, Villingen-Schwenningen, ge­ fertigt. Wir danken dem Badischen Landesmuseum Karlsruhe für die Genehmigung zum Abdruck der Fotos auf den Seiten 292, 293, 294, 296 (oben). Ebenso danken wir der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe für die Genehmigung zum Abdruck der Fotos auf den Seiten 296 (unten) und 295. entnommen: Abbildungsnachweis zur Seite 141: Die Skizze mit den Varianten der Teilstrecke Hornberg – Sommerau (Siehe „Q!iellen und Literatur“ nach R. Friedmann) SO Jahre Schwarzwaldbahn. Ein Beitrag zur Verkehrs­ geschichte Südwestdeutschlands. Von Dr. A. Kuntzemüller. Mit 2 Karten Sonderdruck aus „Archiv für Eisenbahnwesen“ 1923. Verlag von Julius �pringer in Berlin *VERLAG VON L. SCHONENBERGER TRIBERG (SCHWARZ­ WALD). Abbildungsnachweis zu den Seiten 142/143: Zeichnung Götz: GLA G Techn. Pläne Eisen­ bahnen 3/43 Blatt 11. Abbildungsnachweis zu der Seite 145: G Techn. Pläne Eisenbahnen 3/33 Blatt 11. Abbildungsnachweis zu der Seite 146: GLA G Techn. Pläne Eisenbahnen 3/33 Blatt 12. Abbildungsnachweis zu der Seite 150: GLA G Techn. Pläne Eisenbahnen 3/43 Blatt 8. Fotonachweis: Soweit bei den einzelnen Beiträ­ gen die Bildautoren nicht namentlich hier ange­ führt werden, stammen die Fotos jeweils vom Ver­ fasser des betreffenden Beitrages. Mit Fotos sind ferner im Almanach vertreten (die Zahlen nach der Autorenangabe beziehen sich auf die jeweilige Textseite): Badische Zeitung 7; German Hasenfratz 8, 9 (unten), 84, 85, 279, 280; Bronn er 9 (oben); Heinz Ackermann 10, 11; Viola Faust-Berndt (oben) 18; Dietrich Krieger 18 (Mitte, unten), 22, 24, 25, 28, 29; Sabine Lehmann 26; BRS Baustoffrecycling Schwarzwald-Saar GmbH 31; Walter Kaspar 33; Erhard Hehl 35, 36; Schwabenbild Regierungs­ präsidium Stuttgart 120-12147 38; Helmut Glatz 40, 41; PeterObergfell 44; Straßenbauamt Donau­ eschingen SO;Jörg Michaelis 52; Aribert Hoch 58; Johannes Fischer 62, 63, 97, 322, 323; Karl-Wak­ ker-Schule 64, 65; Wolfram Janzer 68; Herbert Gravenstein 69; Werner Ruoss 72; Archiv Edwin Mieg OHG 78, 79, 80, 81, 82, 83; Dieter Grässlin KG 86, 87, 88, 89; Gehr. Grieshaber GmbH 90, 91, 92; Stuttgarter Luftbild Elsäßer GmbH 94; Emil Frei KG 95; Bäurer Unternehmensberatung und Software GmbH 98; Elvedi GmbH 100, 102, 103; Erwin Fleig 107, 108; Stadt Blumberg 115; Haus der Geschichte Stuttgart, Sammlung Metz 118; Archiv Fa. Staiger 119; Georg Goerlipp 121, 122, 123, 125, 126, 282, 283, 284, 285, 286; Schwarzwald-Muse­ um Triberg 128; Sammlung Horst Klink 129, 130, 131 (links); Stadt Donaueschingen 135; General­ landesarchiv Karlsruhe 142/143, 145, 146, 150; Kurt Grill 154; Schroff-Bild 156, 164; Helmut Groß 162, 169, 312, 314; Hanne Gössl 159; Wolf­ gang Brotz 211, 213, 214, 215; Deutsches Uhren­ museum 216, 217, 218, 219, 220; Foto Carle 207, 208, 222, 223, 224; Heimat- und Geschichtsverein Gütenbach 228, 229, 230, 231; Andrea Graf 235, 236/237, 238, 239, 240, 242; Karl-Hermann Stöt­ zel 251; Städtische Galerie Villingen-Schwennin­ gen 266, 267 (oben); Harald Kille 267 (unten), 268, 269, 270, 271; Rolf Gambeck 289; Roland Siegwart 290; Klaus Koch 291; Foto Günter 297, 298, 299, 300; privat 140, 147, 190, 308, 309, 330, 371; Helmut Groß 312, 314; Heim Fischerhof 316, 317, 318; Karl Koch 325, 326; Guido Gutje 328; Photo Mühlich 333; Erwin Kienzler 209, 336, 337, 338; Landmaschinenring und Betriebshilfs­ dienst Schwarzwald-Saar 366; Schotten 367, 369. Repro-Service Kötz, Villingen-Schwenningen. 377

Die Autoren unserer Beiträge Albicker, Josef, 78183 Hüfingen-Hausen vor Wald (verst.) Bader, Prof. Dr. Karl S., Rebbergstraße 57, CH-8049 Zürich Baumann, Siegfried, Bürgermeister, Fohrenweg 19, 78089 Unterkirnach Bender, Bruno, Friedenstraße 18, 78136 Schonach Benz, Doris, Föhrenweg 7, 78078 Niedereschach Blümcke, Martin, Schönbergstraße 86, 72793 Pfullingen Bökenkamp, Renate, Schwarzwaldstraße 4, 78112 St. Georgen Bogotsch, Walter F., Immanuel-Kant-Straße 9, 78166 Donaueschingen Ciz, Dr. Carl Heinz, Sautierstraße 60, 79104 Freiburg Dold, Werner, Schützenstraße 6, 78199 Bräunlingen Dold, Wilfried, Waldstraße 13, 78147 Vöhrenbach Enser, Volker, Luisenstraße 56, 78073 Bad Dürrheim Faust-Berndt, Am Hoptbühl 2, 78048 Villingen-Schwenningen Forster, Ingrid, Schleicherstraße 4, 78050 Villingen-Schwenningen Frank, Willi, Matthias-Grünewald-Straße 5, 79100 Freiburg Friese, Klaus-Peter, Pforzheimer Straße 25, 78048 Villingen-Schwenningen Fritschi, Käthe, Karl-Bromberger-Straße 5, 78183 Hüfingen Fuchs, Dr.Josef, Rietgasse 10, 78050 Villingen-Schwenningen Gaß, Ulrike, Luisenstraße 56, 78073 Bad Dürrheim Gerhardt, Günter, Am Hoptbühl 2, 78048 Villingen-Schwenningen Grieshaber, Cornel, Bürgerwehrstraße 28, 78050 Villingen-Schwenningen Grießhaber, Ute, Waldstraße 11, 78087 Mönchweiler Grimm, Alfons, Otto-Gönnewein-Strnße 15, 78054 Villingen-Schwenningen Groß, Helmut, Am Schwalbenhaag 1, 78048 Villingen-Schwenningen Gutknecht, Dr. Rainer, Landrat, Am Hoptbühl 2, 78048 Villin�en-Schwenningen Gwinner, Joachim, Am Hoptbühl 2, 78048 Villingen-Schwenmngen Haas, Wolfgang, Bundesstraße 36, 78112 St. Georgen Hall, Klaus, Waldhof-Aasen, 78073 Bad Dürrheim Haller, Johann, Buchenberger Straße 30, 78126 Königsfeld Henckell, Jürgen, Schriftsteller und Grafiker, Buchbergstraße 3, 788176 Blumberg Hermanns, Martin, Akademiereferent, Oberer Sonnenbühl 23, 78052 Villingen-Schwenningen Herr, Horst, Realschulrektor, 78136 Schonach Hiebl, Johann, Weiherstraße 40, 78120 Furtwangen Hoß, Oliver, Am Hoptbühl 2, 78048 Villingen-Schwenningen Huber-Wintermantel, Susanne, M. A., Bräunlinger Straße 6, 78183 Hüfingen Huger, Werner, Anton-Bruckner-Straße 5, 78333 Stockach Jäckle, Alexander, Bergstraße 10, 78098 Triberg Janzing, Bernward, Stephan-Blattmann-Straße 23, 78120 Furtwangen Jörres, Werner, Hochstraße 48, 78048 Villingen-Schwenningen Kaiser, Johannes, Weiherstraße 13, 78050 Villingen-Schwenningen Kalb, Roland, Albstraße 7, 78083 Dauchingen Kirchgeßner, Hilmar, Waldstraße 35, 78048 ViHingen-Schwenningen Kirchhofer, Werner, Zas1usstraße 120, 79102 Freiburg Klein, Kurt, Haselwanderstraße 11, 77756 Hausach Klemm, Prof. Dr. Dieter, Kreiskrankenhaus, 78166 Donaueschingen Kopitzke, Oliver, Zieglerösch 18, 88699 Frickingen Kramer, Bernd, Oberbregenbach 1, 78120 Furtwangen Krieg, Karl, Villinger Straße 7, 78147 Vöhrenbach Kromer, Irmtraud, Am Hoptbühl 2, 78048 Villingen-Schwenningen Kuntz, Prof. Dr. Ing. Walter, Gerwigstraße 11, 78120 Furtwangen Lamka, Arthur, Reuterstraße 155, 51467 Bergisch Gladbach Lampe, Hans, Bregenbach 11, 78147 Vöhrenbach Landjugend Hondingen, 78176 Blumberg-Hondingen Leiße, Michael, Am Hoptbühl 2, 78048 Villingen-Schwenningen Liedgens, Joachim, Feldbergstraße 1, 78112 St. Georgen Ludwig, Katja, Am Hoptbühl 2, 78048 Villingen-Schwenningen Lüscher, Georges, Aitlingerstraße 18, 78176 Blumberg-Riedöschingen 378

Lutz, Ernst, Schöne Aussicht 6, 78073 Bad Dürrheim-Hochemmingen Maus, Otto, Ortsvorsteher, Käppelestraße 2, 78166 Donaueschingen-Aasen Meier, Sonja, Am Hoptbühl 2, 78048 Villingen-Schwenningen Mühe, Prof. Dr. Richard, Ilbenstraße 54, 78120 Furtwangen Nell, Christian, von, Am Hoptbühl 2, 78048 Villingen-Schwenningen Neugart, Elisabeth, Langstraße 4, 78050 Villingen-Schwenningen Niemeier, Prof. Dr. Hans-Volker, Vogt-Dufner-Straße 37, 78120 Furtwangen Nitz, Bertin, Gütenbach (verst.) Olbrich, Alfons, Bregenbach 11, 78147 Vöhrenbach Panther, Klaus, Oberstudiendirektor, Baumannstraße 12, 78120 Furtwangen Pottharst,Jens, Am Sachsenwäldle 35, 78050 Villingen-Schwenningen Probst, Dr. Walter, Ginsterweg 57, 78112 St. Georgen Reinartz, Dr. Manfred, Museumsleiter, Beroldingerstraße 27, 78078 Niedereschach Renn, Wendelin, Städt. Galerie, Friedrich-Ebert-Straße 35, 78054 Villingen-Schwenningen Riesle, Xaver, Mühleschweg 10, 78052 Villingen-Schwenningen, Stadtbezirk Tannheim Rockrohr, Ingrid, Journalistin, Am Rappenschneller 16, 78183 Hüfingen Rodek, Hanns-Georg, Im Holderbusch 5, 78056 ViJlingen-Schwenningen Schabinger, Harald, Am Hoptbühl 2, 78048 Villingen-Schwenningen Schafbuch, Gottfried, Hüfingen (verst.) Schlenker, Prof. Felix, Stöckenweg 7, 78056 Villingen-Schwenningen Schnerring, Dietrich, Baumannstraße 15, 78120 Furtwangen Schnerring, Sabine, Baumannstraße 15, 78120 Furtwangen Schnibbe, Prof. Klaus, Ilbenstraße 50, 78120 Furtwangen Schultheiß, Jochen, Blauenweg 25, 78112 St. Georgen Seefried, Gabriele, Am Hoptbühl 2, 78048 Villingen-Schwenningen Siebold, Rudolf, Kirchweg 10, 78073 Bad Dürrheim Siegel, Hans-Joachim, Journalist, Beim Hochgericht 22, 78050 Villingen-Schwenningen Steger, Christiana, Birkenweg 8, 78176 Blumberg Steimer, Prof. Fritz L., Gerwigstraße 11, 78120 Furtwangen Strecker, Axel, Schöneggert 2, 78126 Königsfeld Sturm, Dr.Joachim, Baarstraße 12, 78166 Donaueschingen-Pfohren Tocha, Michael, Langes Gewann 33, 78052 Villingen-Schwenningen, Stadtbezirk Pfaffenweiler Tschackert, Albrecht, Am Hoptbühl 2, 78048 Villingen-Schwenningen Ungethüm, Prof. Dr. Dr. Michael, Romäusring 4, 78050 Villingen-Schwenningen Volk, Karl, Untertal 19, 78098 Triberg-Gremmelsbach Wack, Susanne, Römerstraße 39, 78183 Hüfingen Wahl, Dr. Rolf, Luisenstraße 56, 78073 Bad Dürrheim Waldvogel, Dr. Winfried, Klenkenreute 27, 78166 Donaueschingen Weber, Bruno, Oberstudiendirektor a. D., Billingerstraße 5, 78078 Niedereschach-Schabenhausen Weeber, Gerhard, Rektor, Dorfstraße 16, 78073 Bad Dürrheim-Oberbaldingen Wider, Verena, St.-Nepomuk-Straße 1/4, 78048 Villingen-Schwenningen Wölker, Robert, In den Ziegelwiesen 2 a, 78048 Villingen-Schwenningen Wühr, Manfred, Schonacher Straße 2, 78098 Triberg 379

Inhaltsverzeichnis Impressum Ehrenliste der Freunde und Förderer Heimat – ein verpflichtendes Erbe / Landrat Dr. Rainer Gutknecht Aus dem Kreisgeschehen KreiSJ?Olitik 1995 / Landrat Dr. Rainer Gutknecht, Joachim Gwinner, Gabriele Seefried Eingliederung staatlicher Behörden in das Landratsamt Hochwasser im Schwarzwald-Baar-Kreis Tunnelanschlag an der B 31 in Döggingen Eine wichtige Kreisaufgabe: Abfallwirtschaft Der Abfall im Brennpunkt des öffentli�hen Interesses I Albrecht Tschackert Vermeiden ist besser als Verwerten – Offentlichkeitsarbeit als wichtiges Standbein der Abfallwirtschaft / Viola Faust-Bemdt Unsauberkeit/ Gedicht von Jürgen Henckell Das Bringsystem / Albrecht Tschackert Recyclingzentren und Wertstoffhöfe / Oliver Hoß Duales System im Schwarzwald-Baar-Kreis / Sonja Meier Den Kreislauf der Natur unter tützen – Die Grüngutverwertung / Christian von Nell Verweigerung / Gedicht von Christiana Steger Von Farbdosen und alten Batterien / Christian von Nell Vom Abbruch zum Rückbau – Das Baustoffrecycling/ Günter Gerhardt Die Müllabfuhr räumt die Reste weg/ Katja Ludwig Standbeine der Entsorgung – Die Kreismülldeponien / Harald Schabinger Klärschlamm – Der Abfall, der aus dem Wasser kommt / Albrecht Tschackert Schilfbecken zur Klärschlammvererdung / Siegfried Baumann Schlußbetrachtung / Albrecht Tschackert Unsere Städte und Gemeinden, Wappen Erdmannsweiler / Axel Strecker Das Wappen von Erdmannsweiler / Prof. Klaus Schnibbe Aasen / Otto Maus Das Wappen von Aasen / Prof. Klaus Schnibbe Fützen – Zwischen Randen und Wutach / Dr. Joachim Sturm Das Wappen von Fützen / Prof. Klaus chnibbe Das Wappen von Königsfeld im Schwarzwald / Prof. Klaus Schnibbe Behörden, Organisationen Kriminaloberrat Helmut Wider verläßt die Polizeidirektion Villingen-Schwenningen / Robert Wölker 100 Jahre Forstamt Furtwangen – Streiflichter aus seiner Geschichte / Karl Krieg Schulen Die Karl-Wacker-Schule Donaueschingen – Ein neues Zuhause in der Fürsten­ bergstraße / Gerhard Weeber Carl-Orff-Schule 25 Jahre alt Die Robert-Gerwig-Schule in Furtwangen vereinigt Gewerbliche und Kaufrnänni ehe Schulen – Der Neubau wurde bezogen / Klaus Panther Fachhochschule Furtwangen – Hochschule für Technik Im Schwarzwald ticken die Uhren schneller – Erste Absolventen des Fachbereichs Medieninformatik am Markt / Prof. Fritz L. Steimer Kontakte zur De Montfort University in Leicester/Großbritannien / Prof. Dr. Hans-Volker Niemeier 380 l 2 3 4 5 8 10 14 17 19 20 21 23 25 27 28 30 32 35 37 39 42 44 46 46 49 50 53 54 56 57 62 63 66 70 71

Forschung und Entwicklung an Fachhochschulen / Prof. Dr.-lng. Walter Kuntz Morgen / Gedicht von Doris Benz Industrie, Handwerk und Gewerbe Existenzgründer: Keimzelle für neue Arbeitsplätze I Prof. Dr. Dr. Michael Ungethüm Technologie-Park in Villingen-Schwenningen gegründet/ Michael Leiße Seit vielen Jahren erfolgreich mit „Tipp-Kick“ – Die Schwenninger Firma Edwin Mieg OHG / Hanns-Georg Rodek Weißer + Grießhaber GmbH – Ein kunststoffverarbeitendes Unternehmen in Mönchweiler / Ute Grießhaber Internationalität und Innovation – Dieter Grässlin KG, St. Georgen / Wolfgang Haas Firma Gehr. Grieshaber GmbH in Triberg – Draht- und Blankstahlzieherei / Cornel Grieshaber Ausbau und Jubiläum der Dögginger Lackfabrik Frei/ Walter F. Bogotsch Bäurer Unternehmensberatung und Software GmbH in Behla – Hersteller von Software zur Produktionsplanung und -Steuerung/ Susanne Wack Firma ELVEDI GmbH in Blumberg-Riedöschingen – Eine Schweizer Niederlassung in Blumberg erfolgreich / Georges Lüscher Zusammenarbeit über die Grenze mit dem Kanton Schaffhausen/ Michael Leiße 50 Jahre TRW Werk Blumberg Villinger Kutmühle unter den „besten Bäckern“ Deutschlands / Klaus-Peter Friese Sehunke-Abfall / Gedicht von Bertin Nitz In Triberg noch eine einzige Bäckerei – Gremmelsbacher Bäckermeister Christian Weisser / Karl Volk Wirtschaftsgeschichte Von 1934 bis 1942 – Doggererzabbau in Blumberg/ Arthur Lamka Aus der Geschichte der Elektrizität in St. Georgen und Umgebung/ Dr. Carl Heinz Ciz Geschichte Aus dem letzten Jahr der Selbständigkeit des Fürstentums Fürstenberg I Vor 200 Jahren: ,,Kriegsnöte auf der Baar – Prof. Dr. Karl S. Bader Aus dem Tagebuch des F. F. Archivars Merk 1796″ I Michael Tocha Das Triberger Malefizgericht und der unselige Galgen – Erinnerungen an grausame und leidvolle Zeiten rund um Triberg/ Alexander Jäckle Zeitungskampf auf der Baar – Das Donaueschinger Tagblatt im Strudel von Wirtschaftskrise und nationalsozialistischer Pressekonzentration (1932-1936) / Oliver Kopitzke Vom Bau der Schwarzwaldbahn durch Gremmelsbach / Karl Volk Selbsterkenntnis / Gedicht von Dietrich Schnerring Gedicht von Sabine / Gedicht von Sabine Schnerring Persönlichkeiten der Heimat Superiorin Schwester Eva-Maria Lapp – Die Seele des Klosters St. Ursula und eng verbunden mit Villingen und Umgebung / Helmut Groß der chirurgischen Abteilung, trat Ende 1994 in den Ruhestand / Prof. Dr. Dieter Klemm Kreiskrankenhaus Donaueschingen – Privatdozent Dr. med. Ruprecht Zwirner, der Chefarzt Unvergessen – Saba-Mutter Grete! Scherb / Werner Jörres Der langjährige Leiter des Donaueschinger Amtsgerichts – Volker Schmitt – nach kurzem Ruhestand überraschend verstorben / Verena Wider In memoriam – Edwin Nägele – Der erste Nachkriegsbürgermeister von Villingen / Hans-Joachim Siegel De Villinger Münschterbrunne / Gedicht von Elisabeth Neugart Der gute Geist von Andara – Dr. med. Anneliese Bonath – Viele Jahre Leiterin eines Krankenhauses in Namibia / Werner Jörres 73 74 75 76 77 83 86 90 93 97 100 101 103 104 106 107 110 118 121 124 128 134 139 149 149 151 153 156 159 160 162 163 381

Senator h. c. Hans Schmidt -Eine erfolgreiche Unternehmerpersönlichkeit, Träger der Wirtschaftsmedaille des Landes Baden-Württemberg/ Joachim Liedgens Ein gebürtiger „Schwarzwald-Baaremer“ Rektor der Universität Freiburg De Münschterdorm / Gedicht von Gottfried Schafbuch De Betziitliiter / Gedicht von Gottfried Schafbuch Dr. Axel Borchers -Arzt mit einem Her.l für die Behinderten / Jens Pottharst Dr. Helmut Pfaffle -Ein weltoffener Apotheker aus St. Georgen / Dr. Walter Probst, Dr. Joachim Sturm Paul Haaga -Ein engagierter Bürger mit vielen Ehrenämtern und Auszeichnungen/ Alfons Grimm Zum Gedenken: Peter Gramlich -Ein Lehrer und Mitbürger, der in den Herzen fortleben wird / Ernst Lutz Michael Weinmann -Mit Weitsicht die Geschicke der EGT Elektrizitäts-Gesellschaft Triberg GmbH geleitet I Manfred Wühr In unserer Zeit/ Gedicht von Helmut Groß Lebensfreude durch Gymnastik – Ruth Stockburger hält in Triberg Senioren in Schwung / Renate Bökenkamp In memoriam -Emil Winterhalter – Bürgermeister und Ortsvorsteher von Wolterdingen / Dr.Joachim Sturm Gerd Bender -Weithin bekannt durch seine Arbeiten über die Geschichte der Schwarzwälder Uhrmacherei / Wilfried Dold Karl Ketterer -Bürgermeister und Ortsvorsteher von Döggingen (1953 -1979) / Werner Dold Psalm (3) / Gedicht von Johannes Kaiser Für Hüfingen ein Gewinn -Emil Moog -Landwirt und Kommunalpolitiker I Käthe Fritschi Erwin Gießler -Ein Gremmelsbacher im Guinness-Buch der Rekorde / Karl Volk Jahreszeiten / Gedicht von Christiana Steger Der Schwarzwald-Baar-Kreis in Farben (Einlage) Heiteres aus dem Klosterleben St. Ursula Der Auftrag für Frau Lindewisch / Helmut Groß Kirchen Konrad Kaltenbach -Ein Priester als Heimatforscher – Der „Hansjakob von Niederwasser“ war Pfarrer in Aasen und Zimmern / Kurt Klein Die Augenkapelle in Obereschach -Ein christliches Naturheiligtum / Werner Huger Die Schonacher Pfarrkirche erstrahlt in neubarockem Glanz – Ein unbekanntes Kleinod / Jochen Schultheiß Wetter II (Gewitter) / Gedicht von Christiana Steger Museen Das Uhrenindustriemuseum Villingen-Schwenningen – Eine nicht gehaltene Ansprache zur Eröffnung des Museums am 10. Dezember 1994 / Dr. Manfred Reinartz Die astronomische Kunstuhr von Hans Lang im Deutschen Uhrenmuseum I Prof. Dr. Richard Mühe Eine Kostbarkeit im Schwarzwaldmuseum Triberg -Die Marketerie/ Karl Volk Fürstlich-Fürstenbergische Sammlungen in Donaueschingen -Versuchung des Heiligen Antonius -Meister mit dem Veilchen 1510, Züricher Meister/ Martin Hermanns Das Gütenbacher Dorfmuseum / Bernd Kramer Dorfmuseum Buchenberg -Ausdruck kulturellen Eigenlebens/ Johann Haller Baudenkmäler Der Narrenschopf in Bad Dürrheim -Ein Haus voller Narren und noch mehr/ Martin Blümcke 382 166 168 169 169 170 172 174 176 178 179 180 181 183 185 187 188 189 192 193 196 202 205 210 211 216 221 225 227 232 235

Die Linach-Talsperre der Stadt Vöhrenbach/ Wilfried Dold Hausmühle des Weiherhofes in Buchenberg-Martinsweiler vor dem Verfall bewahrt / Johann Haller Drescherei / Gedicht von Gottfried Schafbuch Kreuze im Schwarzwald-Baar-Kreis Die Kreuze im Katzensteig / Johann Hieb! Kunst und Künstler Felix Schlenker -Zum 75. Geburtstag des Schwenninger Künstlers und Kunstsammlers / Hans-Joachim Siegel fensterhaft / Gedicht von Felix Schlenker schleierhaft / Gedicht von Felix Schlenker Ein Künstler aus Schwenningen: ,,Was ich möchte: Transparenz und Dichte“ – Anmerkungen zur Bildwelt von Harald Kille / Wendelm Renn Holzbildhauer Otmar Mayer aus Hüfingen / Käthe Fritschi Villinger Krippen und Krippenkünstler / Dr. Josef Fuchs Töpfermarkt und Keramikwochen Hüfingen – Alljährlich ein Ort künstlerischen Austausches / Ingrid Rockrohr Musik Johann Wenzel Kalliwoda – Ein Für tlich Fürstenbergischer Hofkapellmeister im 19.Jahrhundert / Willi Frank Musica mechanica -Ein neuer programmatischer Akzent der 40. Donaueschinger Musiktage 1994 / Dr. Winfried Waldvogel Requiem II/ Gedicht von Christiana Steger Brauchtum Rudolf Gleichauf und die „Badischen Landestrachten“/ Susanne Huber-Wintermantel M.A. Die Triberger Fastnachtsmasken und -kostüme / Karl Volk Trachten in Sunthausen / Rudolf Siebold Die Baaremer Tracht in Hondingen / Landjugend Hondingen Lebendiges kirchliches Brauchtum auf Blumberger Gemarkung Stichworte incl: Lichtmeß, Blasiu , Agatha/ Christiana Steger Maria Chmiel-Deusch aus Weiterdingen -Trachtenstickerin in zweiter Generation / Ingrid Forster D’r Großvadder / Gedicht von Bertin Nitz Sagen der Heimat Der Giftbrunnen / Xaver Riesle Der Sterngucker I Helmut Groß Gesundheit, Soziales In Geborgenheit selbständig sein -30 Jahre beschützender Lebensraum – Heim Fischerhof/ Alfons Olbrich, Hans Lampe Spatenstich für die Nachsorgeklinik Tannheim Schuldnerberatung -Eine Einrichtung des Landkreises stellt sich vor/ Irmtraud Kromer Die Geschichte der Luisenklinik in Bad Dürrheim/ Dr. Rolf Wahl, Volker Enser, Ulrike Gaß Trennung I Gedicht von Christiana Steger Sport Deutsche Nordische Skimeisterschaften 1995 in Schonach / Werner Kirchhofer Silber für den Schonacber Hansjörg Jäkle Meinrad Beha -Ein Leben für den Laufsport/ Werner Jörres Langlauf, sein Leben -Klaus Weiß wurde in Calgary Langlaufweltmeister der Senioren / Hilmar Kirchgeßner 243 252 253 254 260 265 265 266 272 275 278 282 288 291 292 297 301 303 305 308 310 311 313 315 315 319 321 324 325 325 327 329 383

Karin Romer steuert Olympiade an -Mit 18 Jahren dreimal Mountainbike­ Weltmeisterin / Verena Wider Ein Schüler als Spitzensportler -Alexander Herr/ Horst Herr Landschaft, Naturdenkmäler, Umwelt Der Rohrhardsberg -Mit 1163 m ü. d. M. höchster Berg des Landkrei es – Zugleich ein Blick in die Vergangenheit der einstigen Wäldergemeinde / Bruno Bender „Erstbesteigung“ des höchsten Punktes im Schwarzwald-Baar-Krei Erdrutsche zwischen Wutach chlucht und Flühen / Roland Kalb Hungerblümchen/ Gedicht von Jo ef Albicker Die Geschichte eines majestätischen Baumes – Der Schwenninger Hölzlekönig / Jochen Schultheiß Wetter und Klima in Furtwangen – Nach Messungen der Jahre 1979 bis 1994 / Bernward Janzing Landwirtschaft Erntedank -Ein Fest für Stadt und Land -Zur Entwicklung des Kreiserntedankfestes und der Landjugendgruppen / Bruno Weber Landmaschinenring und Betriebshilfsdienst Schwarzwald-Baar e. V. feierte sein 25jähriges Jubiläum / Klaus Hall Gastronomie Beim „singenden Wirt“ -Hotel-Gasthof „Kranz“ in Blumberg-Riedböhringen / Jürgen Henckell Die „Scheffellinde“ in Achdorf feierte 450. Geburtstag / Michael Leiße Gasthof „Engel“ in Vöhrenbach -Von internationaler Fachzeitschrift hoch bewertet Ein Haus mit Tradition -Hotel „Pflug“ in Gremmelsbach / Karl Volk Verschiedenes Personen und Fakten Orden, Medaillen Arbeitslose in Prozentzahlen Bevölkerungsentwicklung im Schwarzwald-Baar-Kreis Ausländer in Zahlen Ergebnisse der Bundestag wahl am 16. Oktober 1994 im Wahlkreis 190 Schwarzwald-Baar Farbaufnahmen und Fotonachweis Die Autoren unserer Beiträge Inhaltsverzeichnis 331 332 335 335 339 345 346 347 356 365 367 368 370 370 373 373 374 375 375 376 377 378 380 384

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Almanach 1995 https://almanach-sbk.de/almanach-1995/ Fri, 20 Dec 2019 12:05:56 +0000 https://almanach-sbk.de/almanach-1995/

Almanach 95 Schwarzwald-Baar-Kreis Heimatjahrbuch des Schwarzwald-Baar-Kreises 19. Folge Herausgeber: Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis Redaktion: Dr. Rainer Gutknecht, Landrat Dr. Joachim Sturm, Kreisarchivar Karl Volk, Realschuloberlehrer Für den Inhalt der Beiträge sind die jeweiligen Autoren verantwortlich. Nachdrucke sind nur mit Einwilligung der Redaktion und unter Angabe der Fundstelle gestattet. Verlag, Druck und Gestaltung: Todt-Druck GmbH, Villingen-Schwenningen

Ehrenliste der Freunde und Förderer des Almanach 1995 ANUBA-Beschläge X. Heine & Sohn GmbH, Donaueschinger traße 2-6, Vöhrenbach Auer + Weber + Partner, Freie Architekten Dipl.-Ing. BDA, Königsträßle 2, Stuttgart-Degerloch Dr. Hanno Augstein, Hüfingen Baden-Württembergische Bank AG, Filiale Villingen-chwenningen Alfred Bausch, Rosen-Apotheke, Blumberg Park-Klinik Benner, Gartenstraße 13, Bad Dürrheim Benzing Zeit + Daten GmbH Barbara und Albert Buchholz, Albany, N.Y., USA lng.-Büro für Haustechnik Budde & Oberle, Ostbahnhofstraße 19, Villingen-chwenningen Burger lndustriewerk GmbH & Co. KG, Schonach EGT Elektrotechnik GmbH, Steinkreuzweg 6/1, Villingen-Schwenningen Claus Eller, Zahnarzt, Neue Heimatstraße 2, Vöhrenbach Helmut W. Falk, Wirtschafts-und Unter­ nehmensberater, Fürstenfeldbruck Emil Frei GmbH & Co., Lackfabrik, Bräunlingen-Döggingen Lars Frykman, Zahnarzt, Vor Weiden 25, Blumberg S. D. Joachim Fürst zu Fürstenberg, Donaueschingen Walter Glatz, Blumberg Dipl.-Ing. Theo Greiner VBI, A.-Kolping-traße 12, Donaueschingen Lars Henker, Villingen-Schwenningen Dr. med. Egon Hochmann, Triberg Hock GmbH, chönwald-Triberg Institut Dr. Jäger, Friedrichstraße 9, Villingen-Schwenningen Kraftwerk Laufenburg, Laufenburg KUNDO System Technik GmbH, St. Georgen Liapor-Werk, Tuningen MAI CO Elehroapparate-Fabrik GmbH, teinbeisstraße 20, Villingen-Schwenningen 2 Vermessungsbüro Dipl.-Ing. Viktor Mandolla, Villingen-Schwenningen MEKU Metallverarbeitungs-GmbH, Dauchingen Leopold Messmer, Dipl.-Ing. FH, Freier Architekt, Bühlhofstraße 8, Furtwangen MODUS Gesellschaft f. berufliche Bildung GmbH & Co. KG, Vöhrenbach Dr. med. Paul Obergfell, Villingen-chwenningen Dr. Peter Pfaff, Frauenar..:t, Villingen-chwenningen Guido Rebholz, Architekt, Zehntstraße 1, Bad Dürrheim Ricosta-Schuhfabriken, Donaueschingen Anne Rieple-Offensperger, Friedrichstraße l, Bad Dürrheim Dipl.-Ing. Eckart Rothweiler, Freier Architekt, Donaueschingen SCHMIDT Feintechnik GmbH, St. Georgen . iedle & Söhne Telefon-und Telegrafenwerke tifrung & Co., Breg traße 1, Furtwangen Sparkasse Donaueschingen parkasse Villingen-Schwenningen mit Hauptanstalt in Villingen, Zweiganstalten in Schwenningen, St. Georgen und Triberg, Haupt­ zweig teilen in Bad Dürrheim, Königsfeld, chonach und Vöhrenbach und weiteren 43 Zweigstellen Günther tegmann, Donaueschingen Stein Automation GmbH, Carl-Haag-Straße 26, Villingen-Schwenningen Sto AG, Hauptwerk Stühlingen, Niederlassung und Werk Donaueschingen STRAUB-Verpackungen GmbH, Bräunlingen TRW Motorkomponenten GmbH & Co. KG, Präzision im Motor, Blumberg Buchhandlung F. K. WIEBELT, Bickenstraße 6-8, Villingen-Schwenningen Dr. med. Fritz Wilke, Villingen-Schwenningen Johann Wintermantel Verwaltungs-GmbH & Co. KG, Kies-und Betonwerke, Donaue chingen Udo Zier GmbH, Furtwangen 7 weitere Freunde und Förderer des Almanach wün chen nicht namentlich genannt zu werden.

Heimat und die Menschen Dem Heimatjahrbuch des Schwarzwald-Baar-Kreises 1995 zum Geleit „D‘ Hoemet sin d‘ Leut‘. „Dieser Satz in Mundart drückt kurz und bündig das Leitthema zu unserem diesjährigen Heimatjahrbuch aus. Wer sich längere Zeit beruflich oder zur Ausbildung in einer fremden Stadt aufhält, fühlt sich dort zu Hause, wenn er Menschen begegnet, mit denen er in engeren Kontakt kommt. Schön geltende Städte gefallen oft gar nicht, wenn menschliche Begegnungen ausbleiben. Umgekehrt kann man sich in einer weniger attraktiven Stadt wohlfühlen, wenn Menschen einem Geborgenheit und Wärme vermitteln. Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch umschreibt diesen Gedanken wie folgt: ,,Heimat ist der Mensch, dessen Wesen wir vernehmen und erreichen.“ Daraus wird deutlich, daß auch die Fremde zur Heimat werden kann, wenn den Neuankommenden menschliche Zuwendung entgegengebracht wird. Wo sie fehlt, kann auch die angestammte Heimat fremd werden. Um die Verbindung zur Heimat zu befestigen, beobachten wir, wie vielerorts soziale Kontakte gepflegt werden, seien es Stadtfeste oder andere Begegnungen. In einer Zeit, in der viele Menschen eine neue Heimat suchen, sind wir aufgerufen, die Türen unserer Herzen zu öffnen und unseren ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbür­ gern das Gefühl, angenommen zu werden, zu vermitteln. Sie und vor allem deren Kinder, die hier geboren und aufgewachsen sind, müssen oft doppelte Heimatlosigkeit empfinden, füh­ len sie sich doch oft weder der Heimat ihrer Vorfahren noch dem Gastland ganz zugehörig. Wir haben es durch unser persönliches Verhalten mit in der Hand, ihnen heimatliche Gefühle zu vermitteln oder ihnen unser Land aber auch zu entfremden. Hoffen wir, daß die Einsicht zunimmt, unseren Mitbürgern bei uns eine Heimat zu geben und dementsprechend auch das Zusammengehörigkeitsgefühl wächst! Leider fördert unser Wohlstand nicht immer die Bereitschaft, sich um andere zu kümmern und sie anzunehmen. Das Gebot der christlichen Nächstenliebe fordert uns aber immer wie­ der dazu auf, Verständnis füreinander aufzubringen und Menschenfreundlichkeit zu prakti­ zieren. Unser Heimatjahrbuch möchte zu diesen Gedanken einen Beitrag leisten. Echte Heimat geben nicht Orte und Landschaften, sondern letztlich die Menschen in ihrer Zuwendung zum anderen. Dank sage ich wie immer unseren treuen Freunden und Förderern, die wiederum zur preis­ werten Gestaltung eines neuen Bandes beigetragen haben. Möge auch der neue Band viele Leserinnen und Leser erfreuen! Dr. Rainer Gutknecht Landrat 3

Aus dem Kreisgeschehen Kreispolitik 1994 Die jährlichen Beiträge über die Kreispoli­ tik sind eine gute Gelegenheit, kurz innezu­ halten und zu fragen: Wo stehen wir? Wohin gehen wir? Das Jahr 1994 brachte zunächst eine wei­ tere Verschlechterung der Auftragslage der heimischen Wirt chaft und als Folge davon eine in ihrer Höhe nicht gekannte Arbeitslo­ sigkeit. Die 10-0/o-Marke wurde im Februar ’94 nahezu erreicht (9,9 0/o). Erste Anzei­ chen deuten zwar auch bei uns auf eine Besserung der wirtschaftlichen Lage hin, aber die Arbeitslosigkeit bleibt nach wie vor auf einem verhältnismäßig hohen Niveau Ouni 1994: 8,7 0/o). In diesem kritischen wirtschaftlichen Um­ feld hatte es die Kreispolitik schwer. Im Haushalt 1994 mußten wir uns auf das Notwendigste beschränken und Kürzungen mußten in vielen Bereichen in Kauf genom­ men werden. Auf der Ausgabenseite sind es besonders die Kosten der Sozial- und Ju­ gendhilfe, die weiter unaufhaltsam anstei­ gen, denen auf der Einnahmenseite keine entsprechenden Mittel gegenüberstehen. Im Investitionsbereich konnten daher nur die Vorhaben fortgeführt werden, die bereits begonnen bzw. so weit in der Vorbe­ reitung waren, daß sie nicht mehr gestoppt werden konnten: dies sind der Neubau der beruflichen Schulen in Furtwangen und die Unterbringung der Schule für Geistigbehin­ derte in Donaueschingen im Hause des frü­ heren Missionskonvikts. Die Ausbauarbeiten in den Beruflichen Schulen in Furtwangen gehen planmäßig voran. Eine unangenehme Üb.erraschung erlebten wir insofern, als in dem bisherigen Kostenanteil des Landkreises von 9,5 Mio. DM, den wir als Maximum angesehen ha­ ben, die Einrichtungskosten nicht enthalten 4 sind. Unter Berücksichtigung der finanziel­ len Engpässe sollen die Einrichtungskosten nicht höher als 2,5 Mio. DM kommen, da­ von Landesanteil 1,5 Mio. DM und Kreis­ anteil 1,0 Mio. DM. Von diesem Gesamtbe­ trag sind zur Aufnahme eines ordnungsge­ mäßen Schulbetriebs bis zum Bezug des Neubaues 1,5 Mio. DM bereitzustellen. Der Kreisanteil beläuft sich entsprechend der Vereinbarung mit dem Land auf 600.000 DM, die im Haushalt 1995 zu finanzieren sind. Die restlichen 400.000 DM sollen im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten in den Folgejahren bereitgestellt werden. Mit den Umbauarbeiten am Missions­ konvikt in Donaueschingen, in das die Schule für Geistigbehinderte untergebracht werden wird, wurde im September 1993 begonnen. Nach der Terminierung des Architekten soll der Bau im Herbst 1994 fertiggestellt sein. Ein neues Raumproblem besteht in der Schule für Körperbehinderte in Villingen­ Schwenningen. Kaum daß der Erweiterungs­ bau im Frühjahr 1993 eingeweiht werden konnte, ist die Schule wieder zu klein. Die Verwaltung ist bei Redaktionsschluß dabei, auf der Grundlage der zu erwartenden Schü­ lerzahl im Einzugsbereich der 3 beteiligten Landkreise Rottweil, Tuttlingen und Schwarz­ wald-Baar (auszugehen ist von 135 Schülern) das Raumprogramm zu überprüfen und Fol­ gerungen für neu zu schaffende Räume, evtl. als Zwischenlösung, zu ziehen. Weitere Schwerpunkte der Kreispolitik waren auch im Berichtzeitraum – wie schon in den vergangenen Jahren – die Abfallwirtschaft der soziale Bereich sowie (mehr im planeri chen Bereich) der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV).

Am 12. 9.1994 wurden im Kreishaus im Stadtbezirk Villingen die aus dem Kreistag ausgeschiedenen Kreisräte, soweit sie anwesend waren, im festlichen Rahmen verabschiedet. Unser Bild (von rechts nach links): Christian Schlenker, Hugo Rösch, Martin Schneider (verdeckt), Jürgen Siebold, Bernhard Dury, Udo Zier, Paula Straub, Lotti Späth, Elke Bettecken, Kurt Heizmann, Anita Limberger, Willi Kessler, Ursula Schenkel, Martin Wentz, Karl-Josef Ballof Abfallwirtschaft Im Jahre 1994 hat der Landkreis die Müll­ abfuhr von den Städten und Gemeinden – mit Ausnahme von Villingen-Schwennin­ gen – zurückgenommen. Das Einsammeln und Befördern von Abfällen einschließlich Wertstoffen und Grüngut – ausgenommen Sondermüll und Kühlgeräte – hatte der Land­ kreis den Städten und Gemeinden übertra­ gen. Die Rückübertragung war notwendig geworden, um den wachsenden Anforderun­ gen an die Abfallvermeidung und -verwer­ tung sowie umweltfreundliche Restmüllent­ sorgung gerecht zu werden. Die wöchentliche Abfuhr wurde auf2wö­ chige Abfuhr umgestellt. Neu organisiert wurde auch die Sperrmüllabfuhr; anstelle einer regelmäßigen Straßensammlung wird sie nur auf Abruf durchgeführt. Die Grüngutkompostanlage Villingen, die im Eigentum der Stadt Villingen-Schwen­ ningen stand, wurde im Jahre 1994 vom Landkreis übernommen. Jährlich werden hier ca. 6.500 t Grüngut zu Kompost und Blumenerde verarbeitet. Fortschritte erzielten wir auch bei der Ver­ wertung von Bauschutt. Seit 1994 ist die Ablagerung von Bauschutt und Straßenauf­ bruch auf den Kreismülldeponien Tuningen und Hüfingen untersagt. Diese Reststoffe müssen zu einer der 3 Anlagen im Gropper­ tal, Pfohren und Brigachtal transportiert wer­ den. Durch diese Maßnahme gelangen jähr­ lich ca. 60.000 t Reststoffe weniger auf die Deponien und werden einer Verwertung zugeführt. Nach Inbetriebnahme der 3 Bau­ schutt-Recyclinganlagen wird die Deponie Hirzwald, die 1993 der Landkreis von der 5

Stadt Triberg übernommen hat und wo Bau­ schutt aus dem dortigen Raum zwischenge­ lagert wurde, zur Ablagerung von Erdaushub der umliegenden Städte und Gemeinden genutzt. Um die Wertstofferfassung zu erhöhen, hat der Landkreis die Einrichtung von 21 Recyclingzentren und Wertstoffhöfen be­ schlossen, ein Teil wird noch 1994 seine Tore öffnen. Wir rechnen damit, daß nach Inbe­ triebnahme aller Anlagen ca. 6.500 t Wert­ stoffe jährlich abgeschöpft werden. In den beiden Hausmülldeponien in Tuningen und Hüfingen wird der nichtver­ wertbare Abfall gelagert. Obwohl noch auf Jahre hinaus Platz zur Verfügung steht, müs­ sen wir uns – nicht zuletzt im Hinblick auf die Technische Anleitung Siedlungsabfall – mit der thermischen Behandlung(d. h. Ther­ moselect-Verfahren oder Schwel-Brenn-Ver­ fahren) des Restmülls beschäftigen. Nach einer entsprechenden Beschlußfas­ sung im Kreistag erneuerten wir unser Ange­ bot an den Landkreis Rottweil, dort die ther- Polizei mit Kreiswappen Die Polizeidirektion Villingen-Schwenningen hat fiir ihre Beamten die Möglichkeit eröffnet, Brust­ anhänger mit dem Kreiswappen zu tragen (Bild links). Landrat Dr. Rainer Gutknecht befiele am 15. 4.1994 Herrn Polizeioberkommissar Werner Fehrenbacher das erste Abzeichen an die Brust (Bild unten). 6

Herr Landrat i. R. Dr. Robert Lienhart konnte am 26. 9.1993 seinen 85. Geburtstag begehen. Der Jubilar leitete 28 Jahre den ehemaligen Landkreis Donaueschingen. Seine Persönlichkeit wurde im Almanach 1979, Seilen 90-93, gewürdigt. 7

Neubau Ber1ifsschulzentrum Furtwangen mische Restabfallverwertung durchzufüh­ ren. Die Restedeponierung für die 3 Kreise Rottweil, Tuttlingen und Schwarzwald-Saar soll dann auf der Deponie Tuningen/Tal­ heim bzw. Hüfingen erfolgen. Sollte eine kreisübergreifende Lösung nicht durchzu­ setzen sein, werden wir einer kreisbezogenen Lösung nähertreten müssen. Sozialer Bereich Der soziale Bereich nahm auch im Berichtsjahr einen wichtigen Platz ein, ja er entwickelte sich von der Ausgabenseite her noch deutlicher zum Thema Nr.1 der Kreis­ politik. Steigerungen im Nettoaufwand des Landkreises für Sozialhilfe von annähernd 20% sowie in der Jugendhilfe von 16% zwin­ gen den Landkreis zu äußerster Sparsamkeit auch im Feld sozialer Unterstützungsleistun­ gen. Vordringlich geht es in der heutigen Zeit darum, das in den vergangenen Jahren Erreichte zu sichern. Wo andere Kostenträ- 8 ger bereit und in der Lage sind, soziale Lei­ stungen abzudecken, muß der Kreis sein bisheriges Engagement zurücknehmen. So beschloß der Kreistag im Dezember 1993, die seit 1975 in seiner Trägerschaft stehende Jugend- und Drogenberatungsstelle im Stadtbezirk Villingen an den Badischen Lan­ desverband gegen die Suchtgefahren, einen bewährten und fachlich kompetenten freien Träger in der Arbeit mit Suchtkranken und Suchtgefährdeten, abzugeben. Der Kreis kann damit jährlich rd. DM 400.000 an Per­ sonal- und Sachkosten einsparen. Ebenso wurden im Hinblick auf die stark verbesserte Finanzierung der 9 Sozialstationen durch Krankenkassenleistungen die Förderung der Fachkräfte ab dem Jahr 1994 um 50% redu­ ziert. Damit ist für den Landkreis eine Ein­ sparung von über DM 200.000 verbunden. Trotz solcher auf allen Ebenen zu beobach­ tenden notwendigen Sparmaßnahmen konnte aber die oziale Infrastruktur im Kreis auch

in den Jahren 1993/1994 „weiter verbessert werden: In der Altenhilfe konnte im November 1993 im südlichen Kreisgebiet für die Sozial­ stationen Donaueschingen und Blumberg die erste Informations-, Anlauf- und Ver· mittlungsstelle eingerichtet werden. Sie ge· währleistet ein alle Fragen hilfesuchender älterer Menschen und ihrer Angehöriger umfassendes Beratungs- und Vermittlungs­ angebot. Dieses Angebot wurde bereits nach kurzer Zeit intensiv von der Bevölkerung genutzt. Die Finanzierung erfolgt durch Land, Kreis, Kommunen, Sozialstationen und dem Träger. In der stationären Altenhilfe zeichnet sich eine Korrektur der bisherigen Bedarfszahlen für Altenpflegeplätze ab: kürzere Verweil· dauer in den Heimen, der notwendige Aus­ bau der geriatrischen Rehabilitation in spe· ziellen von den Krankenkassen finanzierten Einrichtungen, ein vermehrtes Angebot des betreuten Altenwohnen (neu etwa in Do­ naueschingen und geplant in Villingen· Schwenningen im alten Landratsamtsge­ bäude) sowie der zu beobachtende Trend zur häuslichen Pflege durch Angehörige werden den Bedarf reduzieren. Anfang 1995 wird deshalb der Kreisaltenplan erneut fortge­ schrieben werden müssen. Auffallend ist im Kreisgebiet, daß sich neben den gemeinnüt­ zigen Trägern in den letzten Jahren vermehrt privat-gewerbliche Träger in der stationären aber auch der ambulanten Altenhilfe enga­ gieren. Offensichtlich wurde hier ein „neuer Markt“ entdeckt. Neubau Berufsschulzentrum Furtwangen 9

In der Hilfe für psychisch Kranke und seelisch Behinderte ist die 1992 im Stadtbe­ zirk Schwenningen eröffnete Werkstatt voll belegt. Weitere Wohngemeinschaften sind im Stadtbezirk Villingen und in Vöhrenbach vorgesehen. Für geistig behinderte Menschen leistet ein freier Träger in Donaueschingen Modell­ haftes für das gesamte Land Baden-Würt­ temberg: Neben der Vermittlung geistig be­ hinderter Menschen in reguläre Arbeits­ plätze der Wirtschaft wird das Wohnen in einer Wohngemeinschaft und ab 1994 auch eine Betreuung in selbst von den Behinder­ ten angemieteten Wohnungen oder im elter­ lichen Haushalt angeboten. Neben der da­ durch bewirkten Verbesserung der Lebens­ qualität für diese Mitbürger werden mit die­ sen Maßnahmen auch die Haushalte der Sozialhilfeträger, die bislang teure Heimauf­ enthalte finanzierten, entlastet. Ein Modell mit Zukunft, das landesweit Beachtung fin­ det. Besondere Aufmerksamkeit – nicht zu­ letzt auch wegen der dramatisch gestiegenen Kosten – hat in den letzten Jahren die Jugendhilfe erhalten. Vor dem Hintergrund oft zerrütteter Familienverhältnisse, ver­ mehrter Probleme Alleinerziehender und Orientierungslo igkeit bei Kindern und Ju­ gendlichen gilt es, verstärkt differenzierte Angebote der öffentlichen Jugendhilfe im Kreis zu schaffen. Als Hilfemaßnahme kön­ nen nicht mehr nur die (teure) Erziehung im Heim oder in der Pflegefamilie in Betracht kommen. Ambulante und teilstationäre Maßnahmen sind notwendig. Aufgrund der Erkenntnisse der Jugendhilfeplanung im Landkreis wurde im Herbst 1993 im Zusam­ menwirken mit der Stadtjugendpflege in Donaueschingen ein Angebot an sozialer Gruppenarbeit für „auffallige“ Kinder ge­ schaffen. Diese Maßnahme hat sich be­ währt, weitere müssen folgen. Parallel wur­ den Tage gruppen als teilstationäre Maß­ nahmen in den Stadtbezirken Villingen (am ,,Stelzenhaus“) und im Stadtbezirk Schwen­ ningen (am „Franziskusheim“) aufgebaut. 10 Weitere Tagesgruppen in Hüfingen (am „Heim Mariahof“) und in St. Georgen sind geplant. Sie bieten den Vorteil, daß die Kin­ der tagsüber eine intensive pädagogische Betreuung erfahren, am Abend und am Wochenende jedoch durch die Rückkehr in die Familie den Kontakt zum Elternhaus nicht verlieren. Besondere Erwähnung bedürfen auch die Herausforderungen, denen das Landratsamt im Zusammenhang mit der Umsetzung des Asylbewerberleistungsgesetzes im Früh­ jahr 1994 ausgesetzt war. Ab März war es zunächst gelungen, für mehr als 1100 Asyl­ bewerber im Landkreis die Versorgung mit Naturalien, d. h. mit Lebensmittel- und Hy­ gienepaketen, sicherzustellen. Hierbei kam es zu zahlreichen Protestaktionen der Asyl­ bewerber – die ja bislang Geldleistungen er­ hielten – und der Helferkreise. Trotz nicht ausgebliebener Schwierigkeiten in der Orga­ nisation blieb die Verwaltung bei der vom Innenministerium verfügten grundsätzlichen Vergabe der Sachleistungen auch an die Asylbewerber, die bereits länger als ein Jahr im Asylverfahren waren. Aufgrund einer Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofes Baden-Württemberg mußten aber ab Mai 1994 für diese Asylbewerber die Leistungen wieder in Geld gewährt werden. Lediglich die Asylbewerber, die erst kurze Zeit hier sind, erhalten weiter Sachleistungen. Bei der stetig abnehmenden Zahl dieser Personen wird aber auch hier aus wirtschaftlichen Gründen eine Umstellung auf ein unbares Abrech­ nungsverfahren nicht zu vermeiden sein. Im April 1994 verabschiedete der Bundes­ tag nach langem Ringen das Gesetz über die Pflegeversicherung. Ob hier im Jahre 1995, wenn die erste Stufe der ambulanten Pflege­ versicherung in Kraft tritt, eine Entlastung bei den von der Sozialhilfe gewährten Pflege­ leistungen (bislang DM 3 Millionen jährlich) eintritt, bleibt abzuwarten. Eine weitere Ent­ lastung sollte ab 1. 7. 96, dem Inkrafttreten der stationären Pflegeversicherung, erfolgen. Fortsetzung Seite 12

Keine Standortsuche mehr für eine Sondermülldeponie in Tuningen/Talheim Seit der Veröffentlichung des Gutachtens der Deut­ schen Projekt Union (DPU) im Juni 1993, wonach fii.r eine Sonder­ mülldeponie neben ande­ ren Plätzen auch das Ge­ biet um Tuningen!Tal­ heim in Frage kommt, gab es viel Unruhe unter der Bevölkerung. Der Um­ weltminister des Landes Baden- Württemberg, Herr Harald B. Schäfer, stellte sich am 7. 10. 1993 in Tuningen einer Diskussion (unser Bild unten). Die gemeinsamen Bemühungen vieler hatten Eifolg: Minister Schäfer teilte am 23. 2. 1994 vor der Landespressekonferenz mit, daß der Standort Tuningen/Talheim aus der weiteren Standortsuche herausgenommen werde, weil es sich bei den betroffenen Grundstücken um Erholungswald handle. 11

Öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV) Die Zeit seit der letzten Berichter tattung haben wir genutzt, um die planerischen Vor­ arbeiten für eine Verbesserung des ÖPNV weiter voranzutreiben. Stark beschäftigt hat uns die Neuordnung des sog. Hintervillinger Raumes. Leider können aus finanziellen Gründen die geplanten Maßnahmen jetzt nicht durchgeführt werden. Zu Beginn des Jahres 1994 konnte das Startzeichen zur Anschaffung von elektro­ nischen Fahrscheindruckern gegeben wer­ den, indem die erforderlichen Kreismittel aus früheren Jahren zur Verfügung ge teilt wurden. Zusammen mit Landeszuschü sen und Eigenmitteln der in Frage kommenden Busunternehmer konnte die Finanzierung sichergestellt werden. Technisch ist es nun möglich, die Einnahme der jeweiligen unter­ nehmerischen Leistung zuzuordnen, was im übrigen Voraussetzung für die Einführung eines einheitlichen Kreistarifs ist. Die Regionalisierung des Schienenperso­ nennahverkehrs, die am 1. 1. 1996 wirksam werden oll, wirkt sich auch im Schwarz­ wald-Baar-Kreis aus. Der ÖPNV als Aufgabe der Daseinsfürsorge fällt in die Zuständigkeit der Länder. Die näheren Einzelheiten ollen in einem ÖPNV-Gesetz des Landes festge­ legt werden, dessen „Eckpunkte“ bei Redak­ tionsschluß bereits in der Diskussion sind. Für den Landkreis ist u. E. wichtig, daß wir bis zum Wirk amwerden des Regionalisie­ rung ge etzes eine auf unseren Raum bezo­ gene Verkehrskonzeption, die Straße und Schiene verbindet, vorliegen haben, um dann beim Land für die nötige Finanzierung eintreten zu können. Deshalb wurde auch das Stadtbahnprojekt Bräunlingen/Villin­ gen-Schwenningen fortgeschrieben und der technischen Entwicklung (Dieselbetrieb statt elektrifiziertem Betrieb) angepaßt. Finan­ ziell gesehen kann eine Stadtbahn nur dann das Rückgrat eines integrierten Nahverkehr – konzeptes sein, wenn finanzielle Mittel aus der Regionalisierung zur Verfügung stehen und/oder die Deutsche Bunde bahn AG zu 12 moderaten Preisen ihre Gleisanlagen mitbe­ nutzen läßt. Unter Federführung des Regio­ nalverbandes haben sich die 3 Landkreise in der Region dieser Aufgabe zugewendet. Das City-Bahn-Konzept, das Freiburg und Villingen-Schwenningen zeitlich gün­ stig und möglichst umsteigefrei verbinden soll, könnte durch den Integralen Taktfahr­ plan profitieren. Werden in einer sog. Zwi­ schenstufe Dieselpendolinos eingesetzt, führt dies zu einer zeitlich attraktiven Verbindung. Wird in einem zweiten Schritt der Zielstufe, die jedoch erst nach dem Jahr 2000 einge­ führt werden soll, die Umsteigefreiheit ge­ währleistet, wären die Forderungen des City­ Bahn-Konzeptes voll tändig erfüllt. Dr. Rainer Gutknecht, Landrat Frühling Die Vögel singen allerorten. Hörst du die Stimmen, es ist Frühling geworden. Ganz leis über Nacht hat er den Winter vertrieben und ist uns zur Freude hier geblieben. Man atmet den Duft der ersten Blüten. Es klingt die Lu� voller Frühlingslieder. Man lauscht und lauscht den tausend Tönen. Der Vögel Plausch wiJI uns verwöhnen. Freude über Freude allüberall. Es ist wieder Frühling auf dem Berg und im Tal. Margot Opp

Unsere Städte und Gemeinden, Wappen Rietheim Wie zahlreiche andere Orte in Villingens Umgebung, so bezieht sich auch Rietheims 900-Jahrfeier 1994 auf die Gründungsnotiz des Klosters Sankt Georgen, die für das Jahr 1094 einen „Waltere de Rietheim“ vermerkt. Bei dem für 1091 in einer Urkunde des Schaffhauser Klosters Allerheiligen genann­ ten „Sigiboto de Ritheim“ bleibt die Zuord­ nung zum Rietheim im Schwarzwald-Baar­ Kreis fraglich. Noch andere Rietheims, im Landkreis Tuttlingen, bei Münsingen und gar in der Schweiz kämen hierfür in Frage. Doch sind solche Überlegungen immer ein wenig „akademisch“, da außerhalb der Schriftzeugnisse durchaus Anzeichen für ein höheres Alter bestehen. Dazu zählen neben dem später nachgewiesenen Ortsadel, Mini­ sterialen der Zähringer dann Fürstenberger, vor allem die aus den Zeiten frühester Chri­ stianisierung stammenden Besitzungen der Klöster Sankt Gallen und Salem auf der heu­ tigen Gemarkung. In der Nähe der mächtigen Stadt Villin­ gen konnte Rietheim trotz Zugehörigkeit zum fürstenbergischen Herrschaftsbereich der Warenburg nicht lange seine Eigenstän­ digkeit behalten. Als 1326 Burg und Land an Österreich gingen, war es um den bisherigen 13

Gottesdienste statt. Nur an hohen Fest-und Feiertagen kamen Villinger Kapuziner in die 1487 dem heiligen Konrad geweihte Kapelle, um die Messe zu lesen. Erst 1797 gelang es, Rietheim der Villinger Pfarrkirche anzu­ schließen, obwohl die Verwalter des (städti­ schen) Kirchenbe itzes, die „Heiligenpfle­ ger“, als städtische Bedienstete schon seit mindestens dem 17. Jahrhundert aus der Habsburger Stadt kamen. Rietheim teilte mit zahllosen Gemein­ den des deutschen Südwestens das schlim­ me Schicksal des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) und vor allem des Spanischen Erbfolgekrieges (1701-1714). Gewalt, Zerstö­ rung, Hunger und Seuchen waren an der Tagesordnung. Wenn sich der Ort jedesmal erholte und auch nach fast völligem Erlö­ schen vor 1648 aufs neue entstand, so lag es an der gottvertrauenden Zähigkeit der Über­ lebenden, die die Hoffnung und damit ihre Heimat nie aufgaben. Dies wäre jedoch bei­ nahe durch jenen unglückseligen Entschluß 1901 gelungen, die Gemarkung mit in die Flä­ che für einen riesenhaften Truppenübungs­ platz zu werfen, dem auch Tannheim und Pfaffenweiler mit einem guten Stück Villin­ ger Gemarkung zum Opfer fallen sollten. Fast hätten die Rietheimer nach einer mit 24 zu 18 Stimmen für den Platz ausgefallenen Bürgerversammlung sich selbst in Erwartung einer saftigen Bargeldentschädigung aufge­ geben, nachdem Villingen sie mit dem Argu­ ment einer Erhöhung der Grundstückspreise und möglicher Belebung des Handels ange­ zogen hatte. Erst als der Schrecken einer Umsiedlung nach Posen anstatt nach Villin­ gen die Entwurzelung in greifbare Nähe rückte, besann man sich und ließ alles beim Alten. Bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts blieb die Landwirtschaft die vorherrschende Ein­ kommens-und Lebensgrundlage, in der eine von 1810 bis 1900 von 160 auf 231 Personen langsam wachsende Dorfgemeinschaft ihr Auskommen fand. Doch suchten mehr und Fortsetzung Seite 16 Schutz geschehen. Das habsburgische Vil­ lingen erwarb die Dorfherrschaft, um sie bis in das 18.Jahrhundert fest in den Händen zu halten. So wuchs der Groll des zum abhängi­ gen Lieferanten für Agrarprodukte herabge­ sunkenen Rietheim und entlud sich endlich im Bauernkrieg. Aus den Reihen der Dorfge­ nossen kam jener Oswald Meder, der Mitun­ terzeichner – und vielleicht Mitverfasser – des in die deutsche Geschichte eingegange­ nen 16-Punkte-Forderungskataloges (Artikel­ briefes) war, den die Brigachtäler an einem stürmischen Novembertag 1524 dem Villin­ ger Rat präsentierten. Doch die Hoffnung auf eine Lösung von der Herrschaft blieb ein Traum, der kaum ein halbes Jahr später im grausamen Strafgericht der Herren zerstob. Im kirchlichen Leben hingegen konnten die Rietheimer durch ihre Zugehörigkeit zur Kirchdorfer Pfarrei ein gewisses Eigenleben behalten. In der dortigen, von Sankt Gallen leben abhängigen Pfarrkirche auf fürsten­ bergischem Boden, fanden die regelmäßigen 14

Es Laiblt· isch kon hohe Berg, geg anderi grad nu en Zwerg; ’s isch au nit grad en kleine Zwuckl, halt so en schöne, lange Buckl. De Wäeg dert nuff isch zwar ko Schuur, doch bliibsch mol schtau, gucksch au retuur. Und siehsch noch jedem Schritt i d’Höh älls wiiter no und äbel meh. Wie schön die Stadt im Grüene liit, und wies vill neui Viertel giit. Vu Süde duet de Eichberg grüeße, und Riete liit Der grad zu Füeße. En Katzesprung bloß wär es au, wenn dätsch ge Pfaffewiiler gau. Westwärts ziit sich de Schwarzwald naa, so wiit es Aug au blicke maa. Wie kaasch do hobe d’Alpe säeh, wenns duet bald ander Wetter gäeh! Es Laibli kinnt iis manches sage us graue, längst vergangne Tage; vum Lebe, Sterbe, Kumme, Gau, doch kaa si Sprooch wohl koes verstau. Mer woeß, es hond do Kelte glebt und ihren Fürscht scheints schwer verhebt, so daß si ihn, wies d’Kelte dond, uf em Laibli schön bestattet hond. Wenn ihm au koes en Kranz meh flicht, si einstig Grab jetzt kahl und schlicht, so manchi Schtei verzettlet sind, – am Laibli gooht en bsundre Wind. Elisabeth Neugart • Eine Anhöhe im Stadtbezirk Villingen 15

mehr Rietheimer Arbeit in den nahen Indu­ striebetrieben in und rund um Villingen, wie ie seit Beginn des Jahrhunderts entstanden. Vor allem nach 1950 ging die Zahl der Land­ wirte schnell zurück. Heute bestehen nur noch sieben Vollerwerbsbetriebe, die über­ wiegend auf 400 ha Fläche Viehzucht betrei­ ben. Den chritt in die moderne Zeit mit einer durchgreifenden Verbesserung oder dem Neuaufbau einer Infrastruktur tat Rietheim bereits in der Zeit des Großherzogtums Baden. Gleich anderen Gemeinden auf der Baar oder im nahen Schwarzwald bediente man sich zur Finanzierung dieser kostspie­ ligen Bauten des Waldes. Bis 1833 übernutzt und dann bis heute konsequent gepflegt und verwaltet, wurde er zu einer nie versiegenden Geldquelle. Mit dem Erlös aus dem Holzver­ kauf, der au einem bis heute um rund 300 Prozent je Hektar gesteigerten Holzvorrat gezogen wurde, beglich man die Gemeinde­ schulden {1852) und finanzierte heraus­ ragende Vorhaben wie die Brunnenleitung (1904), die Kriegsanleihe (1917), die Schul­ und Rathausumbauten {1922/30) oder zu­ letzt den Wiedereinbau 1949 von Kupferlei­ tungen im 1915 errichteten elektrischen Netz. Bis in die jüngste Zeit lebte Rietheim unverkennbar in einem gewissen Gleich­ klang mit der Region. In der Phase der Schul­ hausbauten in dem Jahrzehnt 1825 bis 1835 erhielt Rietheim 1827 sein erstes Gebäude. Als eine Vergrößerung anstand, nahm man dies wie andernorts zum Anlaß, um Verwal­ tung und Schule ab 1849 in einem einzigen Gebäude zusammenzuführen. Auch der Übergang von der Weimarer Republik in die Vorkriegsjahre der NS-Zeit zeigt Parallelen mit anderen Gemeinden ähnlicher Wirtschafts- und Sozialstruktur. So blieb der 1928 gewählte Bürgermeister JosefMutschler bis 1937 im Amt. Auch seine Ge chäftsführung wandelte sich bald von der verwalterischen Begleitung des neuen Staates zu einer verschleierten Opposition. Erst als er 193 7 eine Gemeinderatssitzung am Tag einer Villinger Parteikundgebung an- 16 setzte, war der Konflikt offenkundig und man betrieb seine Entlassung. Dann kam der Krieg und man hatte andere Sorgen. Der Neuanfang nach 1945 war schwierig, da die Überwachung und Bewirtschaftung der landwirtschaftlichen Produkte zusam­ men mit der Abgabe landwirtschaftlicher Geräte (schon 1941 alle 39 Zentrifugen und 40 Butterfässer) die bis dahin hauptsächliche Einkommens- und Lebensart, und daher das dörfliche Selb tverständnis, tief berührt hatten. Doch hat wahrscheinlich gerade dieser tiefe Einschnitt den Weg für eine Selbst­ bestimmung gebahnt, in der Rietheim seine Stellung und vor allem seine Beziehung zu Villingen dauerhaft bessern konnte. Einige neue und für Rietheim bedeutende Begeben­ heiten: Zwei neue Glocken und Rückkehr der letzten Kriegsgefangenen aus Rußland 1949, 45 Flüchtlinge bei 338 Einwohnern 1951, Fertigstellung des Flüchtlingswohn­ hauses für vier Familien 1956 und der Neu­ bau des Schulhauses 1965 waren sichtbare Zeichen für die Erneuerung des Ortes. Dazu kam die Neugründung 1955 des 1921 als Fuß­ ballclub FC Rietheim gegründeten Sportver­ eins und das Ende der alten öffentlichen Brause- und Wannenbäder 1960 im Zei­ chen gestiegener Hygieneeinrichtungen im Wohnbau. Den starken Bevölkerungsanstieg zwi­ schen 1950 und 1994 von 271 auf 935 Ein­ wohner verdankt Rietheim der Nähe zu Vil­ lingen-Schwenningen, wie auch die Indu­ strie dieser Stadt den Rückgang der landwirt­ schaftlichen Arbeitsplätze mehr als kompen- iert hat. Und zudem hat die Lage Rietheims in Sichtweite des immer mehr wachsenden Oberzentrums Villingen-Schwenningen dies­ mal eher Vorteil gebracht. Die Bereitstellung von Bauland und in geringerem Maße Ge­ werbeland, haben den Ort zu einer geschätz­ ten Wohngemeinde werden lassen, dessen Überschaubarkeit ein Gefühl von Geborgen­ heit erzeugt. Dr.Joachim Sturm

Das Wappen von Rietheim Wappen: In Rot ein goldener Kelch. Die kleine Gemeinde, seit dem 14. Jahr­ hundert bis 1806 ein Villinger Dependenz­ ort, hat auch im 19.Jahrhundert kein Wap­ pen besessen. Im Siegel und in den Farb­ stempeln standen die Buchstaben RH, von Laubzweigen umgeben. – Im Juli 1901 schlug das großherzoglich badische Generallandes­ archiv Karlsruhe vor, ins Wappen einen Abendmahlskelch zu nehmen als Attribut des Kirchenpatrons von Rietheim, des heili­ gen Konrad. Als seine Attribute gelten Spinne und Kelch. – Nach der Le­ gende soll dem heili­ gen Bischof Konrad von Konstanz einmal bei der Eucharistie un­ bemerkt eine Spinne in den Wein gefallen sein, die er dann ver­ schluckt habe. Doch sei sie ihm später wie­ der – noch lebend – aus dem Mund gekro­ chen. – Ein „Wun­ der“? Obwohl die Spinne schon garnicht in den Wappenentwurf mit aufgenommen wurde, konnte sich der Gemeinderat damals nicht mit dem Kelchwappen anfreunden, er lehnte ihn ab. Doch wurde später ein neuer Ge- meindestempel mit dem vorgeschlagenen Wappen angeschafft. Das geschah jedenfalls noch vor dem 1. Weltkrieg von 1914/18. Im Zuge der Gemeindereform wurde Rietheim zum 1. März 1972 nach Villingen­ Schwenningen eingemeindet. Dadurch hat das Kelchwappen seine amtliche Gültigkeit verloren. Prof. Klaus Schnibbe Quellen und Literatur: Generallandesarchiv Karlsruhe, Wappenakten Amtsbezirk Villin­ gen, Landkreis Villingen u. Schwarzwald­ Baar-Kreis. – GLA Wappenkartei Schwarz­ wald-Baar-Kreis. GLA Siegelkartei Schwarzwald-Baar-Kreis. – R. Pfleiderer, Die Attribute der Heiligen, 2. Aefl., Ulm 1920. – H. G. Zier, Wappenbuch des Landkreises Vil­ lingen, Stuttgart 1965. – 0. Wimmer, Die Attribute der Heiligen, 2. Aufl., Innsbruck 1966. – H. Maulhardt/M. Reinartz (Red.), 900 Jahre Rietheim, Geschichte u. Gegenwart 1094/1994, hrsgg. v. Stadtarchiv Villingen­ Schwenningen 1994 (Schriftenreihe d. Stadt Vill.-Schw., Bd. 6), bes. S. 6Jjf: Aspekte der Kirchengeschichte. 17

Langenschiltach Wer auf der 1989 eingeweihten Straße nahe der Kreisgrenze Langenschiltach um­ fahrt, erhält einen schönen Blick auf den markanten Turm der vom St. Georgener Ar­ chitekten Berthold Haas erbauten und 1964 eingeweihten evangelischen Kirche. Sie erin­ nert daran, daß das Kloster St. Georgen und nach 1576 das württembergische evangeli­ sche Klosteramt den aus Einzelhöfen und Häusergruppen bestehenden Ort an der obe­ ren Schiltach seit 1483 in Händen hielt. Erst etwa zweihundert Jahre nach seiner Grün­ dung begann der Benediktinerkonvent die­ sen Teil des Schwarzwaldes stärker zu durch­ dringen. Derl303 urkundlich bestätigte Hof­ und Grunderwerb ist zudem die erste gesi­ cherte schriftliche Erwähnung von Langen­ schiltach. Aufschlußreicher für die Bestimmung des Ortsalters ist jedoch eine urkundliche Nen­ nung von 1330, die den Großteil der zum Dorf gehörenden Besitztümer als fürsten ber­ gisches und damit wohl noch älteres zährin­ gerisches Lehen kennzeichnet. So ist es nicht allzu gewagt, die Entstehung des Ortes vor das Jahr 1200 zu legen. Im 14. Jahrhundert schon begannen die großen Lehenshöfe des Klosters neben der Waldwirtschaft vor allem mit der Viehzucht. Bis heute hat in etwa dieses Verhältnis ange­ halten, da die 1231 ha Gemarkungsfläche über die Hälfte aus saftigen Wiesen besteht, während sich Wald und Ackerland die übrige Fläche ungefähr im Verhältnis 2:1 teilen. Oft wechselten die aus Holz errichteten mächtigen Schwarzwaldhäuser ihren Hofna­ men, so daß es nicht immer einfach ist, ihre Geschichte zu verfolgen. Die Herren von Falkenstein als Schutzvögte des Klosters übten die Gerichtsrechte über den bedeuten­ den Langenschiltacher Hofbesitz aus. Ihr zu langes unangefochtenes Regieren endete al- 18

dem Klosterweiher verspeist hatten, zogen sie friedlich wieder heim und das Kloster war gerettet. Zehn Jahre später kam die Reformation und Herzog Ulrich gelang es, das Kloster landsässig zu machen. Die Schirmvogtei wurde zur Landeshoheit, was in etwa bedeu­ tet, daß Langenschiltach nun von einer Art ,,Landratsamt St. Georgen“ seine Anweisun­ gen bekam. Auch nach dem Dreißigjährigen Krieg blieb Langenschiltach evangelisch und württembergisch, denn als Stichjahr fur die Festlegung der Religionsverhältnisse galt 1624. Mit der Einführung der kaiserlichen Thurn-und-Taxissehen Post, die auf der alten römischen Trasse und späteren Süd-Nord (Königs-)Handelstraße eine Postlinie Schaff­ hausen-Straßburg einrichtete, wurde Lan­ genschiltach durch seine Lage am Paßüber­ gang zur Poststation. 30 bis 40 Pferde waren seit 1760 ständig im Posthof, dem späteren Gasthof Grüner Baum, fur Umspannzwecke Langenschiltach: ,,Im Tal“ 19 Langenschiltach: ,,Im Tal“/Findling an der jun­ gen Schiltach lerdings in Bereicherung, Machtmißbrauch und scheinbar auch in Gewaltanwendung. 13 79 beschloß daher der St. Georgen er Kloster­ konvent unter Androhung von Pfründever­ lust und Kerker keine Familienangehörige der Falkensteiner mehr in das Kloster auf­ zunehmen. 1430 endlich übernahmen die Grafen von Württemberg die Schutzvogtei. Bis 1519 konnte St. Georgen nahezu ganz Langenschiltach erwerben. Im Bauernkrieg 1525 bildeten die Langen­ schiltacher Bauern eine „christliche Vereini­ gung“. Ortskirche und Pfarrer ließ man in Ruhe und richtete seine Wut nur auf das Kloster als Steuer- und Gerichtsherren. Doch kaum waren die Bauern mit vielen Nachbarn in der Sommerau angelangt, hatte der schlaue Abt Nikolaus Schwander bereits einige Wa­ gen Wein bereitgestellt und mehrere Ochsen und Kühe schlachten lassen. Nachdem die Bauern schließlich auch 300 Karpfen aus

den, konnte Langenschiltach nicht alle seine Einwohner halten. Nach einer Phase des Auf­ schwunges zwischen 1946 und 1950, in der die Einwohnerzahl um 15 0/o von 578 auf 665 stieg, ging diese bis heute leicht auf 622 (30. 6.1993) zurück. Die Veränderungen in der Bevölkerung – und Altersstruktur und die Abwanderung aus der Landwirtschaft konnten durch die Schaffung eines Neubau­ gebietes mit 26 Wohnhäusern im Bereich des Fleighansenhofes nicht ganz wettge­ macht werden. Die Langenschiltacher sind aber dadurch nur um so näher zusammengerückt. Neue Vereine entstanden, alte wurden wiederbelebt: 1947 der Ortsverein de Badischen Landwirt­ schaftlichen Hauptverbandes (BLHV); 1962 Fremdenverkehrsverein und 1965 der evan­ gelische Kirchenchor. Die Eingemeindung 1973 nach t. Geor­ gen hat nicht nur die alten Bindungen erneu­ ert, sondern vor allem auch die Vorausset­ zungen geschaffen, daß die Langenschilt­ acher die Einrichtungen de Mittelzentrums in allen Bereichen der Kultur und Daseins­ fursorge besser nutzen konnten. Um Langenschiltachs heutige Stellung zu erkennen, muß man nur einmal die Verbin­ dungslinie über St. Georgen hinaus bis zum itz des Landkreises in Villingen-Schwen­ ningen weiterziehen. Am Rande des Kreisge­ bietes, aber inmitten de Schwarzwaldes gelegen, kommt Langenschiltach die Rolle des „Botschafters“ zu. Dem Wanderer oder dem Touristen, der über die alte Poststraße das Tal heraufkommt, entbietet Langenschilt­ ach mit seinen grünen Wiesen, rauschenden Bächen und hohen Tannen das Willkom­ men des Schwarzwald-Baar-Kreises. Dr. Joachim Sturm bereitgestellt. Im Winter hatten die Bauern durch Vor panndienste im hohen Schnee einigen Zusatzverdienst. So angesehen war die Po thalterei, daß deren Inhaber am Ende gar mit dem Auftrag versehen wurde, die schulpflichtigen Kinder und auch die Hütekinder im „Hirtengymna­ sium“ zu unterrichten. Bis 1836 fand die Schule in der Posthalterei statt. Erst danach wurde ein Lehrer besoldet und 1838 ein Schul- und Rathaus errichtet, das bis zur Ein­ gemeindung 1973 nach St. Georgen seine Dienste leistete. Der am Ende mißlungene Versuch des Austausches von Wohnstätten und dreißig reichen Bürgern mit Tennenbronn 1836 lei­ tete die Zeit einer verhaltenen Entwicklung im Großherzogtum Baden ein. Die Zerstreu­ ung der Wohnplätze entlang der Schiltach und ihrer kleinen Zuflüsse, die langsame, fast stagnierende Bevölkerungsentwicklung und die Verlegung der großen Straße 1839 ins Paralleltal Hornberg-Triberg waren wesentli­ che Gründe, warum Langenschiltach erst sehr spät zu einer Infra truktur kam, wie sie viele größere Orte mit dichter Bebauung noch vor 1900 erhielten. Die beiden Weltkriege mit 33 Gefallenen und Vermißten im Er ten und 43 Gefallenen im Zweiten Weltkrieg hemmten noch ein­ mal den Aufschwung. Erst 1925 beispielsweise hatte man so ein eigenes Stromnetz fertigstellen können. Noch später erhielt die Gemeinde eine groß­ flächige Wasserversorgung mit Wasserhoch­ hälter samt Pumpstation und einer rund neun Kilometer langen Rohrleitung. Auch das Vereinsleben entwickelte sich recht spät in der Weimarer Republik und kam erst nach dem Zweiten Weltkrieg zur Blüte. 1921 war das Gründungsjahr de Rad­ fahrervereins Frohsinn, der Trachtenmusik­ verein wurde 1927 aus der Taufe gehoben. 1940 erfolgte die Gründung der Freiwilligen Feuerwehr. Trotz des industriellen Aufschwunges im nahen St. Georgen in den 1950er und 1960er Jahren, wo viele Arbeitskräfte benötigt wur- 20

Das Wappen von Langenschiltach Wappen: In Silber auf grünem Schildfuß stehend ein schwarzer Räderpjlug. Als Langenschiltacb durch den Pariser Vertrag vom 21. Oktoberl810 zusammen mit dem gesamten württembergischen Oberamt Hornberg an das neue Großherzogtum Baden abgetreten werden mußte, besaß die Gemeinde wohl noch kein eigenes Siegel. – Dem Huldigungsprotokoll aller Einwohner zur Thronbesteigung des neuen Großher­ zogs Carl vom 19. August 1811 wurde ein neues Lacksiegel aufgedrückt; es war hoch­ oval und zeigte das damalige badische Staatswappen, umgeben von der Um­ schrift VOGTEY LANGENSCHILTACH. ein damals weitverbreitetes Einheitsmuster. Die badische Gemeindeordnung von 1831 änderte die Bezeichnung Vogtei in Gemein­ de. Das wohl danach beschaffte runde Siegel weist, sauber graviert, nur die Inschrift GEMEINDE ,:- LANGEN ,:- SCHILTACH au( – Bereits 1840 äußert die Gemeinde den Wunsch nach einem Siegel mit den Buch­ staben L S, doch erst der seit 1880 verwen­ dete Farbdruckstempel mit der Umschrift C/) GEMEINDE C/) LANGENSCHILTACH zeigte von zwei Lorbeerzweigen umgeben die verschlungenen Kursivbuchstaben � � Im Jahre 1900 schlug das Großherzoglich badische Generallandesarchiv als Gemein­ dewappen das Wappen der Herren von Fal­ kenstein zu Ramstein vor, die hier einst teil­ weisen Besitz hatten: In Schwarz auf goldenem Dreiberg ein stehender silberner Widder. – Doch berichtete das Bezirksamt Triberg darauf an das Innenministerium in Karlsruhe: ,,Die Gemeinde Langenschiltach wünscht als Siegelbild die Buchstaben ,L S‘, wie im alten Siegel, oder einen ,Pflug‘ oder ein ,Pferd‘, dagegen nicht den ,Widder‘.“ – Darauf schlug das GLA ein Wappen mit einem Räderpflug vor, wie es schon von der Ge­ meinde Unterentersbach (Bez. Offenburg) geführt wurde. Damit war die Gemeinde ein­ verstanden. Der Pflug war ursprünglich nicht in heral­ discher Farbgebung sondern „natürlich“ wiedergegeben: blauschwarze Eisenteile und braunes Holz. Da in den Stempeln ja nur eine Schwarz-Weiß-Darstellung stand, störte sich niemand daran. Erst 1961 wurde der Pflug als heraldisch schwarz festgelegt. Das Innenministerium Baden-Württemberg nahm die Farbänderung unterm 22. Januar 1962 zur Kenntnis. – Mit der Eingliederung in die Stadt St. Georgen im Schwarzwald zum 1. Juli 1973 ist der amtliche Gebrauch dieses Wappens erloschen. Prof. Klaus Schnibbe Quellen und Literatur: Generallandesarchiv Karlsruhe, Wappenakten Bezirke Triberg und Villingen, sowie Landkreis Villingen. – GLA Wappenkartei, Schwarzwald-Baar-Kreis. – GLA Siegelkartei, Schwarzwald-Baar-Kreis. – H. G. Zier, Wappenbuch des Landkreises Villingen, Stuttgart 1965. Schlechte Troscht ,,Franzsepp, jetz kunnscht du in Himmel, häscht dert Friide und all Freid; ’s hätt i dier uff iiserm Buckel nie e Hoa e Eier gleit!“ ,,’s ischt mer gliich, ech duer gern schtärbe, bi am Läbe nimme froh. ’s ergscht ischt nu, mer lob de Himmel di letzscht Ziit au nimme soo!“ Gottfried Schafbuch t 21

Hondingen Hondingen, eingebettet im Tal des Müh­ lenbaches, auf der Südseite des Fürstenber­ ges, zwischen Wallenberg und Länge, hat eine Gemarkung von 1032 Hektar, darunter 601,10 Hektar Wald. Es ist erstmals 746 urkundlich erwähnt, dürfte aber als aleman­ nische Siedlung weit früher bestanden haben, wie das die Chronik von Martin Münzer ausweist. Die St-Martins-Kirche (Schiff) stammt aus dem 8.Jahrhundert, wenn man die Untersuchungen des Verfassers der Chronik zugrunde legt. Der mächtige trutzige Turm trägt die Jahreszahl 1455, allerdings gegrün­ det auf dem Fundament eines früheren Bau­ werkes. Im Laufe der Jahrhunderte hat die Kirche viele Veränderungen erfahren. Dazu gehört auch die Eingangshalle mit Empore „Die Kapelle unserer lieben Frau“. Das „Hondinger Fäscht“ erinnert alljährlich an die seit 600 Jahren bestehende Marienver­ ehrung. Erneuerungs- und Renovierungsarbeiten waren mehrfach notwendig. Reichlichen Schmuck erhielt das Gotteshaus im 18.Jahr­ hundert. Auf der Rückseite des Hochaltares ist folgender Vermerk enthalten: ,,Zur Ehre Gottes, der seligsten Jungfrau Maria und aller Heiligen hat dieser Altar mit den zwei Seiten­ altären besorgt der gerade ehrenwerte und außerordentliche Herr Andreas Zolck, des ehrwürdigen Kapitels Wurmlingen und ver­ dienstvollen Pfarrers von Esslingen im Jahre 1711. Bildhauer war Joseph Schupp, Maler Jo. Martin Meinrad, Villingen.“ Der Hochaltar und die beiden Seitenal­ täre wurden 1966 abgebaut für die notwen­ dige Restaurierung. Erst 1985 kehrte der Hochaltar in das Gotteshaus zurück und zu Weihnachten 1988 auch die Seitenältäre mit den übrigen Figuren zur großen Freude der ganzen Gemeinde. Fremde Besucher der St-Martins-Kirche sind stets voller Bewun­ derung. 22

Hondingen war wie fast alle Gemeinden bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges ein rein bäuerliches Dorf Seither hat sich die Struktur jedoch ganz wesentlich verändert. Es gibt im Ort gerade noch vier Vollerwerbs­ landwirte. Die meisten Bürger, einschließ­ lich der Zuerwerbslandwirte, sind Auspend­ ler und arbeiten in den umliegenden Gewerbe-, Industrie- und Dienstleistungsbe­ trieben, der weitgrößte Teil in Blumberg. Gleich nach dem letzten Weltkrieg wur­ den mehrere Gemeinschaftseinrichtungen geschaffen, so eine Gemeinschaftsantennen­ anlage, Gemeinschaftsgefrieranlage und die Bildung eines Wasserversorgungsverbandes. 1971 konnte das Beschleunigte Zusammenle­ gungsverfahren und damit auch der großzü­ gige Ausbau des landwirtschaftlichen Feld­ wegenetzes zum Abschluß gebracht werden. Seit 1. April 1972 ist Hondingen ein Stadt­ teil von Blumberg. Die Infrastruktur konnte seither wesentlich verbessert werden. Ortska­ nalisation, Straßenbau, die Renovierung von städtischen und privaten Gebäuden mit Zu­ schüssen des Landes, Dorfbrunnen, Fried­ hoferweiterung, Schaffung von Anlagen und Anpflanzung von Laubbäumen sind in diesem Zusammenhang zu nennen. Verwirk­ licht wurde der Bebauungsplan „Öhmdwie­ sen“. Nach Aufhebung der Grundschule gelang es, im Schulgebäude einen städti­ schen Kindergarten einzurichten. Positiv herauszuheben ist das rege Ver­ einsleben und der Gemeinschaftssinn der Bürger. Viermal hat Hondingen am Wett­ bewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ teilgenommen und stets sehr gute Resultate erzielt. Das altehrwürdige Pfarrhaus, eines der ältesten Gebäude im Ort, war viele Jahre ein Ärgernis der Einwohner und gammelte still und leise vor sich hin. Seit 1958 war es ver­ waist. Die Seelsorge hat seither Pfarrer Franz Ruby, Fürstenberg, übernommen. 1987/88 entschloß sich die Kirchenbehörde zur Renovierung des Gebäudes. Im September 1988 konnte der Ruheständler, Pfarrer Karl Johannes Heypeter, das Haus beziehen. Die ehemalige Scheune ist zu einem schmucken Pfarrheim ausgebaut worden, das für kirchli­ che und andere Veranstaltungen zur Verfü­ gung steht. Der geschmackvolle Raum mit Küche und kleinem Nebenzimmer findet einen erfreulichen Zuspruch des monatli­ chen Altentreffs „Seniorenclub St. Martin“, der von Ortsvorsteher Hubert Münzer und seiner Frau Uschi hervorragend geleitet wird. Durch eine großzügige Spende eines Hondinger Ehepaares wurde das Geläute der St-Martins-Kirche verstärkt durch zwei Glocken. Die größte trägt den Namen des Kirchenpatrons, während die kleinere der Gottesmutter geweiht ist. Erstmals an Ostern 1981 haben die Glocken die Gläubigen zum Gottesdienst gerufen. Der neue Sportplatz des am 21. Septem­ ber 1974 gegründeten Sportvereins konnte am 13.Juli 1980 in Betrieb genommen wer­ den. Wie in den übrigen Gemeinden hat die Stadt Blumberg 60 Prozent der Kosten über­ nommen. Das 40jährigeJubiläum des Musikvereins war 1991 ein kulturelles Ereignis ersten Ran­ ges. Seine verbindende Kraft in der Dorfge­ meinschaft kann nicht hoch genug einge­ schätzt werden. Initiator der Gründung war der ehemalige Bürgermeister Karl Gilly. Im Jahre 1987 wurde der „Röhrtalzug“ ins Leben gerufen, eine Schalmeien-Gruppe, die schon nach wenigen Jahren ihre Daseinsbe­ rechtigung unter Beweis gestellt hat. Relativ spät, erst am 14.Januar 1940, fand die Gründungsversammlung der Freiwilli­ gen Feuerwehr statt. Das 50jährige Jubiläum mit zahlreichen Gastwehren wurde entspre­ chend gefeiert. Besondere Beachtung im gemeindlichen Leben finden auch die Landfrauen und die Landjugend. Letztere hat 1993 das Kreisem­ tedankfest ausgerichtet und dafür viel Lob und Anerkennung erhalten. Ortsvorsteher Hubert Münzer hat schon früh erkannt, daß das gemeinschaftliche Miteinander in einem Gemeinwesen nur funktionieren kann, wenn gewisse Voraussetzungen erfüllt sind. Dazu gehört eine Einrichtung, in der Gemein- 23

schaft praktiziert werden kann. Bereits 1986 hat Münzer dieses Thema im Ortschaftsrat zur Sprache gebracht. Der Wunsch nach einem Gemeinschaftshaus wurde an die Stadt herangetragen. Schließlich erhielt der örtliche Architekt Helmut Ochs den Auftrag für einen Entwurf mit Kostenberechnung. Auf zwei Millionen Mark bezifferte sich die Kostenschätzung, eine Summe, die, gemes­ sen an der finanziellen Lage der Stadt, nicht akzeptierbar war. ,,Abspecken“ war das Ge­ bot der Stunde, um überhaupt Befürworter im Gemeinderat zu finden. In Verhandlun­ gen mit den Vereinen und Bürgern war es möglich, gewisse Eigenleistungen auszuwei­ sen, so daß schließlich 1,4 Millionen Mark zur Finanzierung anstanden. Ein Landeszu­ schuß war bereits genehmigt. 1991 konnte das Bauvorhaben begonnen und ein Jahr später zur Freude der gesamten Einwohner­ schaft eingeweiht werden. Ein langgehegter Wunsch hat damit seine Erfüllung gefunden. 1991 hat Hondingen auch die 500-Seelen­ Zahl überschritten. Im gleichen Jahr hat das seit 1455 bestehende Gasthaus Adler seine Pforten geschloßen. Das einzige Lebensmit­ telgeschäft konnte sich mangels Inanspruch­ nahme nicht mehr halten und hat dicht gemacht. Ähnlich erging es der Poststelle, der Volksbank-Zweigstelle und der Raiffei­ sengenossenschaft. Positiv darf bewertet wer­ den, daß die jungen Hondinger im Dorf blei­ ben wollen. Die Forderung des Ortschaftsra­ tes auf Erschließung von Baugelände im Gewann „Kirchberg“ wurde vom Gemeinde­ rat genehmigt. 590.000 Mark sind fur die Bau­ maßnahme veranschlagt, die am 27. April 1994 begonnen wurde. Insgesamt 18 Bau­ plätze für Einfamilienhäuser mit Einlieger­ wohnung werden ab Herbst 1994 für die Bauwilligen bereitstehen. Bis zum Jahres­ ende wollen die ersten Häuslebauer ein­ ziehen. Hans Müller Das Wappen von Hondingen Wappen: Von blau-silbernem Wolkenfeh-Schild­ rand umgeben, in Rot ein wachsender goldener Abtsstab mit silbernem Sudan.um. Die alt-fürstenbergische Gemeinde (bis 1806) hat noch im 19.Jahrhundert kein Wap­ pen geführt. Um die Jahrhundertwende hatte das Großherzoglich badische General­ landesarchiv in Karlsruhe begonnen, für alle badischen Gemeinden Wappen zu entwer­ fen. Da schon im 9.Jahrhundert das Kloster St. Gallen Besitz in Hondingen hatte, schlug das GLA im Jahre 1903 vor, deshalb einen Abtsstab ins Wappen zu nehmen und ihn mit dem fürsten bergischen Wolkenfeh, einer stilisierten Pelzdarstellung, zu umgeben. Der Abtsstab wird in heraldischer Darstellung vom Bischofsstab durch das „Sudarium“ (lat. für Schweißtuch) unterschieden. Der Vor­ schlag wurde vom Gemeinderat für gut befunden und angenommen. Seither wurde 24 dieses ansprechende Wappen, vor allem in den Gemeindestempeln, geführt. Amüsant ist, daß sich im Jahre 1970 die Frage erhob, ob es sich bei dem Wappenbild um einen „Baum“ oder einen „Bischofsstab“ handle. Niemand im Rathaus konnte Aus­ kunft geben. Erst eine Anfrage beim General­ landesarchiv in Karlsruhe führte zur Klarstel­ lung. Bei dieser Gelegenheit wurde übrigens das Sudarium als golden blasoniert (angespro­ chen) und so dargestellt! Durch die Eingemeindung in die Stadt Blumberg zum 1. April 1972 ist der amtliche

Gebrauch dieses gelungenen Wappens erlo­ schen. Doch es kann weiterhin von Vereinen und einzelnen Bürgern des Ortsteils gezeigt werden. Prof. Klaus Schrubbe {}]teilen und Literatur: Generallandesarchiv Karlsruhe, Wappenakten Amtsbezirk Donau­ eschingen, Landkreis Donaueschingen und Schwarzwald-Baar-Kreis. – GLA Wappen- kartei Schwarzwald-Baar-Kreis. – GLA Sie­ gelkartei Schwarzwald-Baar-Kreis. – B. Heim, Hera/dry in the Catholic Church, Ger­ rards Cross, Bucks.lU.K.1978 (Sudarium). – M. Münzer, Geschichte des Dorfes Hondin­ gen, 1979. – K. Schnibbe, Gemeindewappen im ehem. Landkreis Donaueschingen, in: Schriften d. Vereins J Geschichte u. Natur­ gesch. d. Baar in Donaueschingen, Bd. 33 (1980). Das Wappen der Stadt Vöhrenbach Wappen: In Blau ein goldener Wellenschrägbal­ ken, belegt mit einer aefwärtsschwimmenden roten Forelle. Das ältere Wappen Vöhrenbachs, das wohl schon bald nach der Stadtgründung (1244) eingeführt wurde, zeigte bekanntlich einen stehenden Esel, von dem aber heute niemand mehr weiß, was er zu bedeuten hatte. Viele Vermutungen und Sagen rank­ ten sich um dieses Wappentier. Falsch ist auf jeden Fall, daß der Esel als Sühne für die Ermordung des fürstenbergischen Ober­ vogts im Bauernkrieg von 1525 eingeführt werden mußte. – Der Esel stand schon lange vor dieser Zeit im Stadtsiegel. Der älteste, heute noch erhaltene Siegel­ abdruck hängt an einer Urkunde vom Jahre 1498. Jedoch scheint der Siegelstempel dem Stil nach bereits in die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts zurückzureichen. Der Esel steht hier in einem gotischen Dreieckschild. – Besonders schön darge­ stellt wird er im Renais­ sancewappen des 2. Sie­ gels mit der Umschrift �:-s�:- CIVITATIS : IN : VERENBACH +/ 1586. Abdrücke davon sind von 1622 bis 1760 bekannt; – daneben erscheint 1752 noch ein kleines Rokokosiegel mit dem Esel im kartuschenverzierten Rundschild. Leider sind uns Farben für dieses Wappen nicht überliefert. – Ob die „Ballen“, die im ältesten Siegel ins Schildfeld gestreut erschei­ nen, Silbermünzen darstellen, und der Esel damit auf früheren Bergbau im Bregtal hin­ weisen soll, mag dahingestellt bleiben. Da aber diese Ballen mit der Zeit aus dem Schild verschwinden, scheinen sie keinen wesent­ lichen Bestandteil des Wappens gebildet zu haben und sind wohl eher als „Damaszie­ rung“ (= Verzierung des leeren Schildfeldes) aufzufassen. Daß die Bürger Vöhrenbachs manchmal wegen dieses Wappenbildes gehänselt wor­ den sind, geht aus einer Bittschrift um Wap­ penänderung hervor, die die Stadtoberen 1802 an den regierenden Fürsten Karl Joachim von Fürstenberg richteten. Dieser gestattete sei­ ner Stadt daraufhin am 10. Juli 1802, gegen Erlegen einer Gebühr von 50 Gulden, fortan eine in einem Bach schwimmende Forelle im Wappen zu führen. – Die Forelle (forha) im Bach „redet“ für den Stadtnamen. 25

Das neue Sie­ gel, das man nun stechen ließ, ist nebenstehend abgebildet. Es gleicht in Größe Aufma­ und chung ganz dem Rokokosiegel von 1752, zeigt jedoch im kartuschenverzierten Rundschild (nach der Schraffierung gespal­ ten von Rot und Silber) einen Schrägbalken mit Wellenandeutung, belegt mit einem auf­ wärtsschwimmenden Fisch. Die genaue Farbgebung bleibt unklar, die ganze Darstel­ lung unbefriedigend. Die Umschrift lautet · SIGIL: CIVITATIS VERENBACENSIS · Das nächste Siegel aus der 2. Hälfte des vorigen Jahrhunderts zeigt dann im blau­ schraffierten ovalen Wappenschild einen Wellenschrägbalken, belegt mit der auf­ wärtsschwimmenden Forelle. Auf weiteren Siegeln und Stempeln kommt die Forelle aber auch auf einem Schräglinksbalken ab­ wärtsschwimmend vor. – Die heutige Farb­ gebung, die aber schon 1862 auf Stiehle’s Wappentafel wiedergegeben ist, wurde erst 1905 auf Betreiben des badischen General­ landesarchivs Karlsruhe durch Gemeinde­ ratsbeschluß endgültig festgelegt. Vöhrenbach wurde nach der Zerstörung der Burg Neufürstenberg bei Hammereisen­ bach im Bauernkrieg 1525 Amtssitz des vor­ maligen Amtes Neufürstenberg. Es wurde noch 1802 in ein neues fürstlich fürsten bergi­ sches Obervogteiamt Vöhrenbach umge­ wandelt, das jedoch nach dem Übergang an das neue Großherzogtum Baden 1806 im Jahre 1808 aufgelöst und dem badischen Amtsbezirk Neustadt zugeschlagen wurde. 1850 kam die Stadt zum Amtsbezirk Villin­ gen und am 1. April 1924 zum Amtsbezirk, nachmals Landkreis, Donaueschingen. – Durch die Deutsche Gemeindeordnung von 1935 verlor Vöhrenbach das Recht auf die Bezeichnung „Stadt“. Am 6.September 1956 beschloß der Gemeinderat das Stadtrecht wiederanzunehmen. Die Bestätigungsur- 26 kunde des Innenministeriums Baden-Würt­ temberg datiert von 11. Oktober des gleichen Jahres. – Mit der Kreisreform kam Vöhren­ bach am 1. Januar 1973 zum neugebildeten Schwarzwald-Baar-Kreis. Prof. Klaus Schnibbe Quellen und Literatur: FF Archiv Donau­ eschingen. – Generallandesarchiv Karlsruhe, Wappenakten Amtsbezirke Villingen und Donaueschingen u. Lkr. Donaueschingen. – GLA Wappenkartei Schwarzwald-Baar­ Kreis. – GLA Siegelkartei Schwarzwald­ Baar-Kreis. – X. Stiehk, Wappen und Siegel sämtlicher Städte des Großherzogthums Baden, o. 0. 1862. – j. Siebmachers großes Wappenbuch, Bd. /, 4.Abth., Die Wappen der Städte und Märkte in Deutschland und den angrenzenden Ländern, Nürnberg 1885 ff. (Nachdruck Bd. 6, Neustadt a. d.Aisch 1974). – F. Frankhauser u. A. Krieger, Siegel der badischen Städte, 3. Heft, Heidelberg 1909. – 0. Hupp, Deutsche Ortswappen, hrsgg. Kaffee HAG, Bremen o.j. (um 1927), Freistaat Baden. – Gem. Amtsbl. Baden-Württ. 5 (1957) S. 210. – E. Keyser, Badisches Städte­ buch, Stuttgart 19 5 9 (= Deutsches Städtebuch, Ed.IV, 2. Teilband Baden). -K.S.Bader, Bei­ träge zur älteren Geschichte der Stadt Vöhren­ bach, Vöhrenbach 1965. – K. Stad/er, Deut­ sche Wappen, Bundesrepublik Deutschland, Band 8, Die Gemeindewappen des Bundes­ landes Baden-Württemberg, Bremen 1971. – K. Schnibbe, Gemeindewappen im ehemaligen Landkreis Donaueschingen, in: Schriften d. Vereins J Gesch. u. Naturgesch. d. Baar in Donaueschingen, Band 33 (1980). – K. Schnibbe, Vöhrenbachs Wappen, in: VHS „ Oberes Bregtal“ Furtwangen, Trimesterplan 1/1981. – H. John u. M. Heine, Kreis- u. Gemeindewappen in Baden-Württ., Bd. 3, Die Kreis- und Gemeindewappen im Reg. -Bez. Freiburg, Stuttgart 1989. – K. Schnibbe, Die Wappen des Schwarzwald-Baar-Kreises, sei­ ner Städte und Gemeinden, Faltblatt hrsgg. v. Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis, Vil­ lingen-Schwenningen 1991.

Schulen und Bildungseinrichtungen 30 Jahre Landesberufsschule für das Hotel- und Gaststättengewerbe in Villingen „Ab nach Villingen“ hieß es 1963 für die bis dahin auf der Bodenseeinsel Reichenau beheimatete Fachschule für das Hotel- und Gaststättengewerbe. Weitsicht und Beharr­ lichkeit der Villinger Gastronomen Adolf Ketterer, Hans Diegner und Erwin Kaiser, des Oberbürgermeisters der Stadt Villingen Severin Kern, des Landrates Dr.Josef Astfäl­ ler sowie des Hauptgeschäftsführers der Industrie- und Handelskammer Dr. Rein­ hold Dietl machten diesen Umzug möglich. Villingen bot mit den Handelslehranstalten und einem ausgedienten Krankenhaus in unmittelbarer Nähe günstige Voraussetzun­ gen zur Einrichtung einer Fachschule mit Internat. Am 15. September 1963 konnten der Schulbetrieb aufgenommen und die ersten Köche, Kellner, Hotel- und Gaststät­ tengehilfen sowie Hotelkaufleute in den all­ gemeinen und fachspezifischen Fächern unterrichtet werden. Durch den Anstieg der Schülerzahlen wurden die Unterrichtsräume knapp, so daß selbst in der ehemaligen Kran­ kenhauskapelle und in den Holzbaracken – sie dienten vormals als Isolierstation des Krankenhauses – unterrichtet wurde. Im Jahre 1971 wurde das neu erstellte Schul­ gebäude mit 14 Klassenzimmern, einem Chemiesaal, zwei Räumen für das praktische Servieren und einer Lehrküche bezogen. Oberstudiendirektor Herbert Motz bei der Begrüßung der Ehrengäste und Gratulanten 27

Ausdauer, Fantasie, Geschicklichkeit und Sinn für Asthetik demonstrierten eindrucksvoll Koch­ A uszubi!dende 28

Neue Ernährungstrends in der traditionellen Gastronomie Gingen im Jahre 1963/64 1.000 Schüler in Villingen zur Schule, waren es 1971/72 bereits über l. 700 und vier Jahre später über 2.800. Die Schülerzahl war so groß gewor­ den, daß ein Teil der Schüler in den vorgese­ henen Unterrichtsblöcken von jeweils neun Wochen Schule nicht mehr beschult werden konnte. Ein weiterer Aus- und Anbau der Schule war unumgänglich. Mit einem Kostenaufwand von über 13 Millionen DM wurde 1981 unter der Feder­ führung von Landrat Dr. Rainer Gutknecht ein zusätzlicher Schultrakt mit 12 Unter­ richtsräumen, 2 Lehrküchen und 2 Servier­ räumen, ein Internat mit 200 Plätzen und eine Turnhalle in Betrieb genommen. Die Schülerzahl war mittlerweile auf 3.287 ange­ stiegen. Mit den nun über 600 Internatsplät­ zen konnte auch die Quartierfrage befrie­ digend gelöst werden. Die ständig wachsende Schülerzahl zog ein ständig wachsendes Lehrerkollegium nach sich. Hatten 1963 noch 12 Lehrer den Schulbetrieb bewältigt, so sind es heute rund 40. Ihr Engagement geht weit über das Nor­ malmaß hinaus. Neben dem reinen Berufs­ schulalltag wirken die Lehrer bei Meisterkur­ sen und Meisterprüfungen mit. Mit fach­ praktischen Kursen für irische Küche und für angehende Köche aus China, die die euro­ päische Kochkunst hier erlernen, hat sich die gastronomische Fachschule in Villingen auch international einen Namen gemacht. So kann man mit Recht behaupten, daß Absolventen der Villinger Landesberufs­ schule in Hotels und Restaurants der ganzen Welt anzutreffen sind. Mit Beginn des Schul­ jahres 1991/92 gab Oberstudiendirektor Franz Etspüler, der 21 Jahre .die Geschicke der Landesberufsschule geleitet hatte, die Führung an Herbert Motz ab. So sind nun 30 Jahre vergangen, seit die Landesberufsschule (tir das Hotel- und Gast­ stättengewebe, die von den Villingern 29

Aller Anfang ist schwer! Diese Weisheit trifft insbesondere für JOjunge Chinesen zu, die seit dem Jahres­ beginn 1994 an der landesberefsschule für das Hotel- und Gaststättengewerbe in Villingen in die Geheimnisse der badischen Küche eingeführt werden. respektvoll Hotelfachschule, von den Schü­ lern eher respektlos „Hofa“ genannt wird, ihren Sitz vom Bodensee in den Schwarz­ wald-Baar-Kreis nach Villingen verlegt hat. Grund genug, dieses außergewöhnliche Jubi­ läum zu feiern. 30 Jahre Landesberufsschule für das Hotel- und Gaststättengewerbe in Villingen war für Lehrer und Schüler Anlaß und Her­ ausforderung, eine einmalige Leistungs­ schau zu arrangieren und diese einem brei­ ten Fachpublikum zu präsentieren. Als der Hausherr, Oberstudiendirektor Herbert Motz, die illustre Gesellschaft der Gratulanten, unter ihnen der Ltd. Regie­ rungsdirektor im Landratsamt Friedemann Kühner, der Vizepräsident des Hotel- und Gaststättenverbandes Heinrich Schwär und die Vorsitzende des Landesausschusses für Berufsbildung Eva Rühle, am 21. Oktober 1993 begrüßte, hatten die angehenden gastro- nomischen Fachkräfte, die derzeit die Villin­ ger Bildungseinrichtung besuchen, eine aus­ drucksstarke Präsentation von gastgewerb­ lichen Themen in 26 Unterrichtsräumen aufgebaut. In einem Schüleraufsatz liest sich dieser Projekttag so: ,Jede Klasse hatte sich ein spezielles Thema ausgewählt, das sie in ihrem Klassenzimmer ausgestaltete. So hat­ ten einige Köche alle Sorten von Rohmilch­ käse zusammengetragen und zu jeder Sorte eine Beschreibung gefertigt. Durch kleine Kostproben konnte man die geschmackli­ chen Eigenheiten der einzelnen Sorten ver­ gleichen. In einer gemütlich eingerichteten Milchbar wurden verschiedene Milchcock­ tails und -shakes angeboten. Außer der Milchbar gab es auch eine richtige Cocktail­ bar, die viele interessante Mixgetränke be­ reithielt. Die Servierräume waren in eine badische Wirtsstube verwandelt, wo es Sekt, Bier, verschiedene badische Weine, Schwarz- 30

wälder Speck, Honig und köstliche Marme­ laden zum Probieren gab. Eine Präsentation von über 500 verschiedenen Bier- und Wein­ gläsern konnte man ebenso bewundern, wie die verschiedenartigen Anrichteweisen von Süßspeisen, schön verzierten Torten, Petits Fours und Gebäckarten. Das krasse Gegen­ teil zu den Süßspeisen waren die Meeres­ früchte. Eine derartige Artenvielfalt hatten die meisten Schüler bis dahin noch nie gese­ hen. Wer sich traute, der konnte frische Austern und Muscheln probieren. Ebenfalls außergewöhnlich war die Ausstellung von exotischen Gemüsen und Früchten. Der würzige Duft ließ erahnen, daß ein Klassen­ zimmer ganz im Zeichen der Kräuter stand. In einem anderen Raum konnte man sich die Kunst des Tranchierens näherbringen lassen. Daneben stellte eine Klasse die verschieden- artigsten Hotelprospekte aus. Eine andere hatte den größten Teil der Fachliteratur fur die Gastronomie gesammelt und anschau­ lich aufgebaut. Ein anderes Thema nahm sich der Umweltproblematik im Hotelbe­ reich an. Dabei wurden viele verwertbare Tips zur Abfallvermeidung im Hotel auf­ gezeigt. Beim Thema Hygiene wurden gute und schlechte Beispiele herausgestellt. Eine Modenschau mit verschiedenen Berufs­ bekleidungsmodellen rundete die Themen­ palette ab.“ Mit einem musikalischen Potpourri in der Sporthalle klang der Jubiläumstag aus. Einmal mehr hat die Landesberufsschule fur das Hotel- und Gaststättengewerbe auf eindrucksvolle Weise bewiesen, daß sie ein Aushängeschild der berufsbildenden Schule im Landkreis ist. Josef Vogt 25 Jahre Realschule Triberg Mit einem kleinen Festakt und anschlie­ ßendem Schulfest feierte die Realschule Triberg im Jahre 1993 ihr 25jähriges Beste­ hen. Seit 1969 werden in Triberg wieder Real­ schüler unterrichtet. Sie kommen aus der Kernstadt, aus Nußbach und Gremmels­ bach, aus Gutach, aus Homberg mit Nieder­ wasser und Reichenbach sowie aus Schon­ ach und Schönwald. Wer die Geschichte der Stadt kennt, weiß, daß Triberg bereits in vergangener Zeit Sitz einer Realschule gewesen war. Gegründet als Badisch-Großherzogliche noch vor dem 1. Weltkrieg wurde sie anfangs der 30er Jahre umgewidmet in eine „Private Oberschule“. Für diese erste Realschule in Triberg erstellte die Stadt 1908 an der Bergstraße ein Schul­ haus und ein Direktionsgebäude fur rd. 200 000,- Mark. Das Gebäude der heutigen Realschule befindet sich in der Ignaz-Schöller-Straße, in sonniger Lage, idyllisch am Waldrand und abseits vom Verkehr gelegen. Es wurde 1954 vom früheren Landkreis Villingen erbaut und beherbergte Berufsschulen der gewerb­ lichen, kaufmännischen, landwirtschaftli- 31

chen und hauswirtschaftlichen Richtung. Der älteren und mittleren Generation dürf­ ten die damaligen Schulleiter Schmidt, Stei­ ne!, Greth und Maier noch in Erinnerung se111. Im Zuge der Konzentration des Berufs­ schulwesens nach Villingen und Furtwangen stand das Gebäude Ende der 60er Jahre der neu zu gründenden Realschule zur Verfü­ gung. 1968 hatte der Stadtrat unter Bürger­ meister Dr. Heinz Villinger den Antrag auf Einrichtung einer Realschule in Triberg gestellt. Mit Schreiben vom 20. Mai 1969 des Kultusministeriums in Stuttgart wurde dem zugestimmt, wobei einzelne Klassen „vor­ übergehend“ nach Schonach auszulagern waren. Begonnen wurde als „nichtselbstän­ dige Realschule“, die Leitung Rektor Hans Zenker übertragen. Die Umwandlung er­ folgte 1973, die Schonacher Realschüler kamen nach Triberg, und 1975 konnten die l Die Realschule Triberg mit Neubau 1993 V Technik in neuen Räumen 32

ersten Schüler mit dem Realschulabschluß entlassen werden. Die Stadt hatte zwischen­ zeitlich das kreiseigene Gebäude erworben. Sie fungierte zusammen mit dem Realschul­ verband (heute Gemeindeverwaltungsver­ band) als Schulträger. Die Realschule Triberg war von Beginn an raumschaftlich-regional orientiert. Trotz to­ pographisch und demographisch wenig gün­ stiger Verhältnisse erfreut sie sich eines an­ haltend guten Zuspruchs. Es zeigt sich, daß auch in diesem Raum der landesweite Wunsch besteht nach einer praktisch-theore­ tisch ausgerichteten Schulart mit den Ziel­ richtungen Handwerk und Technik, Wirt­ schaft und Dienstleistung. Nach dem Real­ schulabschluß gehen etwa 30 0/o der Schüler direkt in den Beruf, viele besuchen noch ein Berufskolleg oder ein Gymnasium der tech­ nischen, wirtschaftlichen oder sozialpädago­ gischen Richtung. Der Erfolg der Realschule liegt vor allem darin begründet, so Ministerpräsident Erwin Teufel 1993 bei der Einweihung des neuen Fachtraktes, ,,daß sie ihren Praxisbezug nie­ mals aufgegeben hat.“ Neue Fachräume für Technik, Physik, Chemie, Biologie, Kunst und Musik sowie ein modern ausgestatteter Computerraum, zeitgemäße Lehrmethoden und Unterrichtsmaterialien bilden in Ver­ bindung mit kompetenten und engagierten Lehrerinnen und Lehrern, denen ein beson­ deres „pädagogisches feeling“ nachgesagt wird, die Grundlage für eine Schule, die in der Region Ansehen und Vertrauen genießt. Horst Herr ,, …. Hammereisenbach Aquarell: Rudo!f Heck tl.J-..,-. 33

Wirtschaft und Gewerbe Wirtschaftsfaktor Tourismus Obwohl der Schwarzwald-Baar-Kreis stark von der Industrie geprägt wird, beeinflußt der Fremdenverkehr (Incoming-Tourismus) mittel-und unmittelbar das Wirtschaftsleben dieses Landkreises in beachtlichem Ausmaß. Zu den typischen Tourismusbetrieben, de­ ren Leistungen überwiegend von Reisenden nachgefragt werden, zählen die Wirtschafts­ bereiche Gastronomie/Beherbergung, Kon­ greß-und Tagungswesen, Verkehrsämter und Kurverwaltungen, Reisemittler, Busausflugs­ verkehr und Bäderwesen. Neben den „klassi­ schen Tourismusbetrieben“ sind viele an­ dere Wirtschaftsbereiche -angefangen vom Einzelhandel über Werbeagenturen bis hin zu Ärzten und Masseuren oder der Landwirt­ schaft -zum Teil erheblich vom Tourismus abhängig. Rund 13.000 Betten in fast 300 konzessio­ nierten Beherbergungsbetrieben im Schwarz­ wald-Baar-Kreis brachten 1993 fast 2,1 Mil­ lionen Übernachtungen. Zusammen mit den ca. 7000 Betten der sogenannten Parahotel­ lerie (Anbieter unter neun Betten: Ferien­ wohnungen, Privatquartiere, Ferien auf dem Bauernhof) sind es sogar rund 2,8 Millionen Übernachtungen. Insgesamt sichern die 20.000 Betten des Beherbergungsgewerbes in diesem Landkreis heute rund 3300 Ar­ beitsplätze. Allein der Fremdenverkehrsum­ satz der Übernachtungsgäste (für Unter­ kunft, Verpflegung, Einkäufe, Sport und Freizeit, lokaler Transport etc.) im Schwarz­ wald-Baar-Kreis liegt derzeit hochgerechnet bei 329 Millionen Mark. Unberücksichtigt sind dabei die Umsätze, die aus dem soge­ nannten Tages-und Ausflugstourismus re­ sultieren. Unter uchungen des Wirtschafts­ wissenschaftlichen Instituts für Fremdenver­ kehr an der Universität München haben er­ geben, daß pro Person und Ausflug im Durchschnitt 28,20 DM ausgegeben werden. 34 Obwohl Tagesausflüge statistisch schwer er­ faßbar sind, ergab eine grobe Schätzung der Raumschaft Triberg/Schönwald/Schonach für das Jahr 1992 rund 900.000 Tagesbesucher. Allein schon diese Zahlen belegen die wirt chaftliche Bedeutung der „weißen In­ dustrie“ für den Landkreis. Für die Lebens­ qualität und den Wohlstand dieser Region wird in den kommenden Jahren der Touris­ mus immer bedeutender. Viele Gemeinden haben dies bereits früh erkannt und in den letzten Jahren erhebliche Investitionen im Bereich der sogenannten „touristischen In­ frastruktur“ getätigt. Nicht nur Gäste, son­ dern auch die Einheimischen nutzen das breite Angebot für Freizeit, Gesundheit und Sport. Nur wenige Gemeinden in diesem Kreis könnten sich ohne den Tourismu ein eige­ nes Frei-oder Hallenbad, Tennisplätze, Mini­ golfanlagen, Skilifte, Loipen, Kurhaus und Kurgarten, Wanderwege in diesem Umfang oder ein großzügiges Veranstaltungsangebot leisten. So wird auch der Wohnwert der orts­ ansässigen Bevölkerung durch den Touris­ mus verbessert. 16 der 20 Gemeinden des Landkreises unterhalten ein eigenes Verkehrsamt bzw. eine Kurverwaltung. Im Kur-und Gesund­ heitstourismus engagieren sich Orte, die nach der strengen Kurortegesetzgebung des Lan­ des prädikatisiert sind: Bad Dürrheim als ein­ ziges SoleheiJbad im Schwarzwald und gleich­ zeitig Heilklimatischer Kurort; Königsfeld, Schönwald und Triberg als Heilklimatische Kurorte; Königsfeld und Villingen-Schwen­ ningen als Kneippkurorte. Acht Gemeinden des Landkreises führen entweder das Prädi­ kat Luftkurort oder Erholungsort. Nach Jahrzehnten fast ununterbrochenen Wachstums zeichnen sich leider auch 1m Tourismus schwierigere Zeiten ab.

Der zunehmende Konkurrenzkampf der innerdeutschen Ferienziele untereinander wird durch die verschlechterte Finanzlage der Gemeinden verstärkt. Überall muß der Gürtel enger geschnallt werden. Die Unter­ haltung der örtlichen Infrastruktur ver­ schlingt einen Großteil des Kommunalhaus­ haltes. Für Werbung bleibt immer weniger Geld. Deshalb werden Kooperationen mit anderen Leistungsträgern zunehmend den Tourismus der Zukunft bestimmen. Der Landkreis hat dies bereits frühzeitig erkannt und unterhält seit nunmehr neun Jahren die „Zentrale Zimmervermittlung Mittlerer Schwarzwald“. Der Erfolg gibt dem Land­ kreis Recht. Die aus der Zimmervermittlung resultierenden Umsätze lagen 1993 bei ca. 2,5 Millionen DM. Diese Verkaufsorganisation vermarktet zen­ tral über 250 Beherbergungsbetriebe im Landkreis. Die Vorteile einer überörtlichen Kooperation und eines zentralen Buchungs­ kataloges sind offensichtlich: Das touristi­ sche Angebot eines größeren Raumes ist viel­ seitiger als das einzelner Gemeinden. Eine entsprechende Auswahl an direkt buchba­ ren Beherbergungsbetrieben erschließt neue touristische Vertriebs- und Absatzwege über Reisebüros/Reiseveranstalter und verkürzt die Buchungswege zwischen Gast und Be­ herbergungsbetrieb. Weitere erfolgreiche, ortsübergreifende Ko­ operationen sind die „Deutsche Uhrenstraße“, die gegenseitige Anerkennung der Kurkarten über die „Gästekarte Plus“ und die Auflage eines regionsweiten, kostenlosen Veranstal­ tungskalenders für Einheimische und Gäste seit Mai 1994. Ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung ist auch die verstärkte Ko­ operation der Raumschaft Triberg/Schon­ ach/Schönwald, die letztendlich in den Betrieb einer gemeinsamen Kurverwaltung münden soll. Der Tourismus im Schwarzwald-Baar­ Kreis kann noch weiter expandieren. Wachs­ tumsgrenzen sind lange nicht erreicht, wenn alle am Tourismus Beteiligten noch koopera­ tiver als bisher zusammenarbeiten. Dazu gehört eine Strategie, die noch mehr touristi­ sche Attraktivität schafft und die Region in ihrer landschaftlichen Vielfalt besser be­ kannt macht und nutzt. Die Zeit der Einzel­ kämpfer und des „Tellerranddenkens“ ist endgültig vorbei. Nur gemeinsam sind wir stark. Dr. Rudolf Kubach !HK-Hauptgeschäftsführer ,,Eine Region in Not“ Der Arbeitsmarkt im Schwarzwald-Baar-Kreis Wenn sich an einem grauen und trüben Dezembernachmittag über 4000 Menschen zu einer Kundgebung auf dem Villinger Münsterplatz zusammenfinden, mußte es dafür einen besonderen Anlaß geben: ,,Eine Region in Not“ – so lautete das Motto der Veranstaltung am 3. Dezember 1993, die von der IG Metall organisiert wurde. Namhafte Redner wie der Landrat des Schwarzwald-Baar-Kreises, Dr. Rainer Gut­ knecht, waren sichtbarer Ausdruck für den Ernst der Lage, in der sich die Region wirt­ schaftlich befindet. Bereits die Entwicklung der Arbeitslosen­ quoten von 1991 bis 1993 macht deutlich, in welchem Abwärtsstrudel die Region Schwarz­ wald-Baar-Heuberg steckt. Zur gebeutelten Region gehören neben dem Schwarzwald­ Baar-Kreis auch die Landkreise Rottweil und Tuttlingen (Arbeitsamtsbezirk Rottweil). Mischte die Region 1991 noch im „Mittel­ feld“ unter den Arbeitslosenquoten mit, so wäre sie 1993 – sportlich ausgedrückt – bereits abgestiegen. Lediglich Mannheim verhinderte bisher die „rote Laterne“ in der Betroffenheit von Erwerbslosigkeit. 35

,,Region in Not“: Rund 4.000 Menschen demonstrierten am 3.12.1993 aef dem Villinger Münster­ platz gegen den Arbeitsplatzabbau in vielen Betrieben. Bei der von der IG Metall und dem Gewerk­ schaftsbund veranstalteten Kundgebung wurde aef die kritische Wirtschaftslage im Landkreis aufmerk­ sam gemacht. Die nachfolgende Betrachtung des Ar­ beitsmarktes konzentriert sich vor allem auf den Arbeitsamtsbezirk Villingen-Schwen­ ningen, dessen Grenzen sich mit dem Schwarzwald-Baar-Kreis decken. Wie aus der Tabelle Abbildung 1 ersichtlich, hat sich die Arbeitslosenquote im Kreis in nur zwei Jah­ ren verdoppelt. Im Vergleich zu 1991, wo bereits über 3500 Menschen ohne Arbeit waren, stieg die Arbeitslosenzahl an den Q!Jellen von Neckar und Donau um mehr als 100 0/o auf weit über 7000 Arbeitslose in 1993 an. Die „Eckdaten“ Abbildung 2 machen deutlich, daß nicht nur die bloßen Arbeits­ losenzahlen Krisenstimmung im Bezirk an­ zeigen, auch die Zahl der Kurzarbeiter ist geradezu sprunghaft gewachsen. Arbeiteten im Jahre 1991 durchschnittlich weniger als 1000 Arbeitnehmer kurz, so hatten 1993 weit über 6000 Beschäftigte durch Arbeitsausfall verkürzte Arbeitszeit, denen der Arbeitsplatz so zumindest erhalten blieb. Für 1994 zeich­ net sich ein Rückgang der Kurzarbeit ab, was aber nicht gleich als Anzeichen wirtschaft­ licher Entspannung gewertet werden darf, denn viele Firmen wirtschafteten bereits 1993 am Rande ihres Überlebens. Die jüngste Rezession zeigt sich auch bei der Arbeitskräftenachfrage. Zwar werden längst nicht alle freien Stellen dem Arbeits­ amt gemeldet; es kann jedoch von der Zahl der dem Arbeitsamt in Villingen und seinen vier Nebenstellen gemeldeten offenen Stel­ len auf einen massiven Nachfragerückgang geschlossen werden. Hatte das Arbeitsamt Villingen-Schwenningen 1991 im Jahres­ durchschnitt noch 1902 offene Stellen im 36

Arbeitsamtsbezirken Baden-Württembergs Die Arbeitslosenquote in den in den Jahren 1991 und 1993 Ueweils Jahresdurchschnitte) 1991 1993 Lfd. Nr. Arbeitsamtsbezirk 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 Quote Lfd. Nr. Arbeitsamtsbezirk 2,70/o Schwäbisch Hall 2,80/o Göppingen 2,90/o Ludwigsburg 3,00/o Waiblingen 3,20/o Nagold 3,20/o Ravensburg 3,20/o Stuttgart 3,30/o Offenburg 3,40/o Rastatt 3,40/o Rottweil** 3,50/o Balingen 3,60/o Pforzheim 3,70/o Heilbronn 3,70/o Ulm 3,90/o Aalen 3,90/o Reutlingen 3,90/o Villingen-Schw. * 4,10/o Karlsruhe 4,10/o Lörrach 4,20/o Tauberbischofsheim 4,5% Freiburg 4,50/o Konstanz 4,6% Heidelberg 6,40/o Mannheim Baden-Württemberg 3,7% Nagold Ravensburg Schwäbisch Hall Waiblingen Ludwigsburg Rastatt Göppingen Karlsruhe Ulm Stuttgart Offenburg Heidelberg Konstanz Lörrach Reutlingen Freiburg Balingen Pforzheim Tauberbischofsheim Aalen Heilbronn Rottweil** Villingen-Schw.* Mannheim Baden-Württemberg 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 Quote 5,00/o 5,20/o 5,30/o 5,30/o 5,40/o 5,50/o 5,60/o 5,90/o 5,90/o 6,10/o 6,20/o 6,50/o 6,50/o 6,50/o 6,5% 6,6% 6,8% 6,8% 6,8% 6,90/o 7,20/o 7,40/o 7,80/o 8,30/o 6,30/o Arbeitslosenquote in Prozent der abhängigen zivilen Erwerbspersonen (sozialversicherungs­ pflichtig und geringfügig Beschäftigte, Beamte, Arbeitslose) * Arbeitsamtsbezirk Villingen-Schwenningen = Schwarzwald-Saar-Kreis •• Umfaßt die Landkreise Rottweil und Tuttlingen und bildet zusammen mit dem Schwarzwald­ saar-Kreis die Region Schwarzwald-Saar-Heuberg Abbildung 1 37

Eckdaten des Arbeitsmarktes im Arbeitsamtsbezirk Villingen-Schwenningen in Tausend DArbeitslose – Kurzarbeiter 6 4 …. · …. ·; … ·:· … ·:· 2 ot[J]������LJtJ �������$$$������� � � � � � � � � � � � � � � � � � Die angegebenen Werte sind Jahresdurchschnitte Abbildung 2 Vermittlungscomputer, so sank diese Zahl auf 843 im Jahre 1993. Der Schwarzwald-Baar-Kreis hat seit sei­ ner Entstehung am 1. 1. 1973 bereits zwei große ökonomische Schwächephasen hinter sich. Doch die jüngste -dritte -Wirtschafts­ flaute hinterläßt das größte „Heer“ an Ar­ beitslosen in der bisherigen Krei��eschichte. In die Gründungszeit fiel die Olkrise von 1973, die viele Leser noch wegen der Sonn­ tagsfahrverbote im Gedächtnis haben. Die Zahl der Arbeitslosen verzwölffachte sich in nur zwei Jahren von 1973 bis 1975 von 275 auf über 3300 Erwerbslose. Nach einer wirt­ schaftlichen Erholungsphase in der zweiten Hälfte der 70er Jahre erschütterte ein zweiter Ölpreisschock auch den Schwarzwald-Baar­ Kreis: 1979 waren 1453 Personen arbeitslos, 1983 im Jahresdurchschnitt 6294! Die Abbil­ dung 3 gibt aus erhebungstechnischen Grün- den lediglich die Entwicklung seit 1977 bis 1993 wieder. Die Arbeitslosenzahlen für den Arbeits­ amtsbezirk Villingen-Schwenningen wären für sich betrachtet nur wenig aussagekräftig. Vergleicht man die Arbeitslosenquoten im Bezirk mit denen des Landes Baden-Würt­ temberg, ist spätestens nach dem zweiten Ölpreisschock 1980 eine Entwicklung zum wirtschaftlichen „Sorgenkind“ im „Ländle“ festzustellen. Seit 1981 war kreisweit immer ein höherer Anteil an Erwerbspersonen im Vergleich zum Land ohne Arbeit. Besonders augenfällig ist, daß die Arbeitslosigkeit so­ wohl in der Rezession Anfang der 80er Jahre als auch in der jüngsten Rezession seit 1991 steiler als auf Landesebene ansteigt. Die Erwerbslosigkeit im „westlichen“ Bundes­ gebiet lag seit der Kreisgründung immer auf einem höheren Niveau als im Arbeitsamts- 38

Arbeitslosenquote ( Jahresdurchschnitte ) 10 6 Arbeitsamtsbezirk VS � Baden-Württemberg —-o– Bundesgebiet (West) ‚“ N M cc „‚ 0 „‚ „‚ cc cc „‚ � � � � � � 0 “ cc „‚ 0 … „‚ „‚ “ “ “ “ a) M cc cc cc cc cc � � � � � � � � � � � ai N a) Jahr Abbildung 3 bezirk Villingen-Schwenningen und dem Landesarbeitsamtsbezirk Baden-Württem­ berg. In der jüngsten Rezession kommt die Arbeitslosenquote des Kreises jedoch be­ drohlich nah an die Bundesquote heran. Wo liegen die Ursachen für die rasante Zunahme der Arbeitslosigkeit gerade im Arbeitsamtsbezirk Villingen-Schwenningen? Hervorzuheben ist hierbei die relativ ungün­ stige Beschäftigtenstruktur im Schwarzwald­ Baar-Kreis. Knapp 56 Prozent aller sozialver­ sicherungspflichtig Beschäftigten des Krei­ ses waren Mitte 1991 im Verarbeitenden Gewerbe tätig gegenüber nur noch 46 Pro­ zent landesweit. Die jüngste Rezession hat besonders bei der Zahl der Industriearbeits­ plätze ihre negativen Spuren hinterlassen (Abbildung 4), während sich der wirtschaftli­ che Niedergang im Dienstleistungsbereich nur abgeschwächt widerspiegelt. Trotz massivem Stellenabbau in der Indu­ strie war die Mehrzahl der Beschäftigten im Arbeitsamtsbezirk Villingen-Schwenningen auch Mitte 1993 noch immer im Verarbeiten- den Gewerbe tätig. Nicht ganz 52 von 100 Be­ schäftigten im Schwarzwald-Baar-Kreis hat­ ten noch einen Arbeitsplatz in der Industrie, im Land sank der Anteil auf unter 43 Pro­ zent. Bei den Dienstleistern konnten in den Jahren 1991 bis 1993 im Bezirk teilweise ge­ ringere Beschäftigungsgewinne verzeichnet werden. Nennenswerte Zuwächse gab es im Gesundheitswesen (von 5418 auf 5576 Be­ schäftigte) sowie im Hotel- und Gaststätten­ gewerbe (von 2134 auf 2210 Beschäftigte), während die Gesamtbeschäftigtenzahl im Kreis in diesen zwei Jahren insgesamt rück­ läufig war (von 83429 auf 79442 Beschäftigte =minus 3987=minus 4,7 %!). Bei Rechtsan­ wälten und Steuerberatern wuchs die Zahl der Mitarbeiter innerhalb von nur zwei Jah­ ren sogar von 1187 Beschäftigten auf 1494, was einer Steigerung um rund ein Viertel ent­ spricht. Leider haben diese Wirtschafts­ zweige nur einen verhältnismäßig kleinen Anteil am Gesamtbeschäftigungsmarkt. Au­ ßerdem sind die Dienstleistungen insgesamt im Vergleich zum Land schwächer vertreten. 39

Arbeitsplatzabbau im Verarbeitenden Gewerbe des Schwarzwald – Saar – Kreis 1991 – 1993 Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte Oeweils 30.06) nach ausgewählten Wirtschaftsgruppen 11,6 20 6,4 9,6 3,6 16,2 -23,7 27,5 9,1 -8,8 ·-1,2 •1,s 23,4 Verarbeitendes Gewerbe KunststoCfverarbeitung Gießerei stahtverformung u.a. Masohlnenbau Fahrze!JllbaU EDV.Elektrotechnik Feinmechanik, Optik Uhren Eisen/Blech/Meta/.lwaren sage. und Holzwrarbeitung Texlilverarbeltung Nahrungs- und Genußmittel • • • • • • • • • • • Änderungen in Prozent Abbildung 4 Diese „Sahnestückchen“ des Arbeitsmarkt­ kuchens sind hier anteilsmäßig magerer, so daß der Wirtschaftsabschwung den Land­ kreis mit besonderer Härte getroffen hat – vor allem die vorherrschenden Industrie­ zweige mußten „Federn lassen“: – Allein in der Elektrotechnik wurden innerhalb von nur zwei Jahren kreisweit über 2300 Arbeitsplätze abgebaut. Von der früher bedeutenden Unterhaltungs­ elektronikindustrie ist nicht mehr viel übrig geblieben. die Uhrenindustrie, historische Schlüs­ selindustrie im jetzigen Schwarzwald­ Baar-Kreis, baute innerhalb von 24 Mona­ ten mehr als ein Viertel der Belegschaften ab: 1991 standen noch über 4000 Mitar­ beiter in den Gehaltslisten, 1993 nicht ein­ mal mehr 3000! – Auch im Maschinenbau, wo etwa jeder 20. Beschäftigte im Kreis sein Geld ver­ dient, fielen von 1991 bis 1993 über 400 Stellen weg. Nur noch knapp 4000 Ar- 40 beitsplätze gab es dort am 30. 6.1993. Das Verarbeitende Gewerbe hat den Löwen­ anteil an der Personalreduktion zu ver­ kraften. Deshalb gingen anteilsmäßig bei den Männern mehr Arbeitsplätze verlo­ ren als bei den Frauen, und es gab im Juni 1993 weit weniger Arbeiter im Vergleich zu 1991 (von 46710 auf 42471 = minus 4239). Im Gegensatz dazu hatten die An­ gestellten sogar einen geringen Beschäfti­ gungszuwachs (von 36719 auf 36971 = plus 252) zu verzeichnen. Die Konzentration großer Firmen in Villingen-Schwenningen und dem näheren Umland trug entscheidend dazu bei, daß im Bereich der Dienststelle Schwenningen und im Vifünger Zuständigkeitsbereich seit jeher die höchsten Arbeitslosenquoten zu vermel­ den waren. Während im Jahre 1991 die Qyote kreisweit bei 3,9 0/o lag, waren in Villingen und den betreuten Umlandgemeinden 4,3 0/o arbeitslos, in Schwenningen sogar 5,2 0/o! In Furtwangen gab es mit einer Arbeitslosen-

quote von 1,8 0/o fast paradiesische Zustände. Die verhältnismäßig günstige Betriebsstruk­ tur mit vielen kleinen und mittleren Fami­ lienbetrieben verhinderte bislang im Bregtal schlimmeres. Allerdings hat sich auch hier wie in Villingen (von 4,3 0/o auf 8,9 O/o) inner­ halb von nur zwei Jahren die Betroffenheit von Arbeitslosigkeit mehr als verdoppelt (von 1,8 0/o auf 4,5 %). St. Georgen und Donaueschingen waren mit 3,5 0/o (1991) leicht unterdurchschnittlich von Erwerbs­ losigkeit betroffen, wobei die Süd-Baar (Dienststelle Donaueschingen) die jüngste Rezession bislang etwas besser als St. Geor­ gen und Triberg überstanden hat. Die Quote lag 1993 in St. Georgen mit 7,3 O/o zwar noch unter dem Kreisschnitt (7,8 %), in Donau­ eschingen waren allerdings „nur“ 6,3 0/o der Erwerbspersonen ohne Arbeit. 1993 insgesamt Welchen Berufen zeigt der Arbeitsmarkt Villingen-Schwenningen in der jüngsten Rezession in besonderem Maße die „kalte Schulter“? Vor allem Metall- und Elektro­ berufe sind von der wirtschaftlichen Talfahrt im Kreis betroffen. Waren 1991 im Schwarz­ wald-Baar-Kreis bereits stattliche 975 Metal­ ler und Elektrobeschäftigte ohne Arbeit, so hat sich diese Zahl in nur zwei Jahren auf 2352 Arbeitslose erhöht. Fast jeder dritte Arbeitslose im Kreis ist damit dem Bereich Metall und Elektro zuzuordnen. Über 7300 Menschen waren im Schwarzwald-Baar-Kreis ohne Job. Auch Techniker und Berufe im Verkehr und Lager sind 1993 verstärkt beim Arbeitsamt Villin­ gen-Schwenningen arbeitslos registriert: technische Berufe sind in den Computern fast dreimal so häufig zu finden wie 1991! Relativ moderat gegenüber dem Anstieg in der Industrie fällt der Zuwachs an Arbeits­ losen im Bereich Gesundheit, Erziehung und Kunst aus. In diesen Berufen stieg die Zahl der Arbeitslosen von 1991 bis 1993 um weniger als ein Drittel von 253 auf 335 ge­ meldete Arbeitslose im Schwarzwald-Baar­ Kreis an. Eine Gruppe, die den Wirtschafts­ abschwung besonders zu spüren bekam, sind unsere ausländischen Mitbürger. Deren Anteil steigerte sich von 16,9 0/o in 1991 auf 20,8 0/o aller Arbeitslosen im Kreis in 1993! Insgesamt hat sich die Zahl der beim Villinger Arbeitsamt gemeldeten Arbeits­ losen in den Rezessionsjahren 1991 bis 1993 im Jahresdurchschnitt von 3500 auf über 7300 Erwerbslose mehr als verdoppelt, wäh­ rend die Zahl der offenen Stellen von etwa 1900 auf etwas mehr als 800 freie Arbeits­ plätze (das heißt weit weniger als die Hälfte) zurückging. Die zunehmende Zahl von Menschen ohne Arbeit wirkt sich selbstverständlich auch auf die öffentlichen Haushalte aus: Vor allem die Bundesanstalt für Arbeit sieht sich einem explosionsartigen Anstieg der Ausga­ ben gegenüber. Auch im Arbeitsamt Villin­ gen-Schwenningen haben sich die Ausgaben für Arbeitslosengeld und Arbeitslosenhilfe sowie anderer Leistungen teilweise verviel­ facht! Die einzelnen Zuwächse bei nur vier wichtigen Leistungen am Arbeitsmarkt macht Abbildung 5 deutlich. Die zunehmende Zahl an Firmenzusam­ menbrüchen führte dazu, daß sich die Aus­ gaben des Arbeitsamtes Villingen-Schwen­ ningen für Konkursausfallgeld innerhalb von zwei Jahren auf rund 3 Millionen DM verdoppelte. Die höhere Zahl an Arbeits­ losen zeigt sich auch bei den Lohnersatz­ leistungen. Die Ausgaben für Arbeitslosen­ geld und Arbeitslosenhilfe haben sich in zwei Jahren jeweils etwa verdreifacht. 1993 zahlte das Arbeitsamt Villingen-Schwennin­ gen 116,9 Millionen DM Arbeitslosengeld und 18,9 Millionen DM Arbeitslosenhilfe aus. Die Ausgaben für Mitarbeiter in kurz­ arbeitenden Betrieben (Kurzarbeitergeld) haben sich von 1991 bis 1993 mehr als ver­ achtfacht. 27,5 Millionen DM im Jahr 1993 trugen hier zumindest zum Teil zum Erhalt von Arbeitsplätzen bei. Gesamtausgaben von rund 283,5 Millionen DM im Jahre 1993 machen deutlich, daß das Arbeitsamt Villingen-Schwenningen zu einem wichti­ gen Wirtschaftsfaktor im Schwarzwald-Baar­ Kreis geworden ist. Ohne die Lohnersatzlei­ stungen an Arbeitslose und Kurzarbeiter 41

Die Rezession im Schwarzwald – Baar – Kreis Ausgaben des Arbeitsamtes Villingen – Schwenningen Daten der Leistungsabteilung (in Mio. DM) • 1991 • 1992 • 1993 120 100 80 60 40 20 Arbeitslosengeld Arbeitslosenhilfe Kurzarbeitergeld Konkursausfallgeld Abbildung 5 wäre die Kaufkraft der Kreisbevölkerung um einiges schwächer. In den Gesamtausgaben 1993 sind auch etwa 13,5 Millionen DM Per­ sonalausgaben enthalten, die ebenfalls für höhere Konsumnachfrage durch die Arbeits­ amtsmitarbeiter sorgen. Hinzu kommen Aus­ gaben für Büromaterial und andere Sachlei­ stungen, die wieder in den Wirtschaftskreis­ lauf fließen. Wie effizient im Arbeitsamt Vil­ lingen-Schwenningen gearbeitet wird, zeigt die Tatsache, daß der Personalkostenanteil nur 4,8 0/o ausmacht. Nicht zu vergessen sind letztendlich die Ausgaben des Landkreises für die Sozialhilfe. In den Büchern des Land­ ratsamtes ließe sich die wirtschaftliche Tal­ fahrt ebenfalls gut nachzeichnen … Auf die Frage, wie die Wirtschaft wieder aus der Krise kommt, gibt es leider kein 42 Patentrezept. Auch an dieser Stelle soll kein Allheilmittel für die angeschlagene Region genannt werden. Gefordert sind jedoch Ideen und Tüftlergeist, wie einst der von Robert Gerwig, der im 19.Jahrhundert durch die weltberühmte Kuckucksuhr der Uhren­ industrie wieder auf die Beine- half. Auch heute ist Kreativität gefragt, sei es bei der Schaffung neuer Produkte, beispielsweise im Umweltschutz oder aber im Fremdenver­ kehr. Die Politik bleibt aufgefordert, Neu­ entwicklungen aufgeschlossen gegenüberzu­ stehen. Außerdem bleibt zu hoffen, daß am Arbeitsmarkt verstärkt wieder �alifizie­ rungsmaßnahmen gefördert werden können (Fortbildung und Umschulung). Die bloße Zahlung von Arbeitslosenunterstützung hilft den Arbeitslosen nur finanziell – je länger

die Arbeitslosigkeit dauert, um so mehr Qia­ lifikationsdefizite müssen ausgeglichen wer­ den – Ende September 1993 war bereits etwa jeder fünfte Arbeitslose im Schwarzwald­ Baar-Kreis ein Jahr und länger arbeitslos! Langzeitarbeitslosigkeit ist nur eines der Pro­ bleme, zu dessen Beseitigung die Arbeitsver­ waltung dringend auf die (finanzielle) Unter­ stützung der Politiker in Bonn und Stuttgart angewiesen ist. Die Mitarbeiter des Arbeits­ amtes Villingen-Schwenningen können nur dann alles in ihrer Macht Stehende leisten, um die Arbeitslosigkeit wirkungsvoll zu be­ kämpfen. Das Arbeitsamt Villingen-Schwenningen kann mit seinen Möglichkeiten nur die Not lindern. Wir als Arbeitsgemeinschaft „Ar­ beitsamt“ sind uns unseres sozialen Auftra­ ges bewußt und wollen, wie in der Vergan­ genheit auch, unsere Ideen und Tatkraft zum Wohle der arbeitenden Menschen rund um den Arbeitsmarkt einbringen. Horst Billing Lars Henker Institut für Mikro- und Informationstechnik in Villingen-Schwenningen Neue Technologien für die Region Die Mikroelektronik ist in praktisch alle Bereiche unseres Lebens eingedrungen. Meist sind wir uns dessen aber nicht bewußt. Wer denkt beim Einschalten der Waschmaschine oder vor dem Fernseher im wohlig warmen Wohnzimmer an die elektronischen Chips, welche sowohl Waschmaschine, Fernseher als auch Heizungsanlage steuern? Periphe­ riegeräte für Personal-Computer, Fahrten- schreiber und Zeiterfassungssysteme sind Beispiele für Produkte aus unserer Region, die auf dieser Technologie aufbauen. Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt entwickelten sich in den letzten Jahren neue Technologien in den Labors der Grundla­ genforschung: die Mikromechanik und die Mikrosystemtechnik. Fachleute und Markt­ forscher sind der Meinung, daß diese Tech- 43

Bild rechts: Computer-Simulation eines Drucksensors nologien in Zukunft noch viel mehr als die Mikroelektronik bereits heute unser Leben beeinflussen werden. Verfolgt man Messen und Ausstellungen der letzten Jahre, so kann man tatsächlich erkennen, daß diese neue Technologien schon dabei sind, die Grund­ lagenlabors zu verlassen und sich ihren Platz in ersten industriellen Anwendungen zu erobern. Beispiele sind Drucksensoren für verschiedenste Anwendungen und Beschleu­ nigungssensoren vor allem zur Auslösung von Air-bags im Kraftfahrzeug. Was verbirgt sich nun hinter der Mikro­ mechanik? Die grundlegende Idee ist einfach: während man in der Mikroelektronik elek­ tronische Funktionen auf einem Halbleiter­ chip realisiert, geht es hier um mechanische Funktionen. Mit Hilfe der Mikromechanik lassen sich mechanische Elemente reali­ sieren, die noch sehr viel kleiner sind als dies z.B. durch die Feinwerktechnik ermög­ licht wird: nämlich nur einige Mikrometer (µm = 1/1000 mm). Was ist das Neue und gleichzeitig Faszinierende daran? Durch Miniaturisierung gewinnen mechanische Bauteile {ähnlich wie die mikroelektroni­ schen) an Geschwindigkeit, an Präzision, an Funktionalität. Dabei sind die physikali- 44 M ikromechanischer Kraftsensor sehen Gesetze im Mikrobereich genau die gleichen wie im Makrobereich, nur nehmen deren Folgen eine neue Dimension an. Der Grund liegt u. a. in der Größenabhängigkeit physikalischer Phänomene. Wer kann sich schon beim Betrachten eines Wassertropfens vorstellen, daß winzige Tröpfchen (kleiner als der Durchmesser von Menschenhaaren) durch elektrische Felder auf hohe Geschwin­ digkeiten beschleunigt und in ihrer Flug­ bahn gesteuert werden können? Nur in die­ sem Dimensionen können kleinste Tröpf­ chen in T intenstrahldruckern zur Erzeugung ästhetischer Buchstaben benutzt werden. Die Kombination der Mikromechanik mit anderen Miniaturisierungstechnolo­ gien, wie der Mikrooptik und der Mikroelek­ tronik, sowie der Informationstechnik nennt man Mikrosystemtechnik. Diese Kombination leistet als Ganzes wesentlich mehr als die Summe ihrer Teile: Das große Potential der Mikrosystemtechnik liegt im Synergie-Effekt. Dies führt zu völlig neuen Lösungsansätzen bekannter Probleme und damit zu Produk­ ten, die qualitativ hochwertig und dabei preiswert herstellbar sind. Doch dazu später mehr. Zunächst zurück zur Mikroelektronik.

sie ein Beispiel für eine schon in naher Zukunft technisch realisierbare Anwendung der Informationstechnologie. Sie demon­ striert eindrucksvoll die Veränderungen, die sich zukünftig für unseren Alltag ergeben können. Und, vielleicht noch wichtiger, sie zeigt auf, daß selbst Produkte aus dem High­ Tech-Bereich sehr schnell von neuen abge­ löst werden mögen. Welcher Tastaturherstel­ ler denkt denn schon heute an ein mögliches Ende seiner Produktion? Deutschland als kostenintensiver und ex­ portorientierter Wirtschaftsstandort lebt da­ von, bestehende Produkte in ihrer Leistungs­ fähigkeit zu verbessern und vor allem neue Produktideen zu verwirklichen. Wenn man sich die Entwicklungen z.B. in der Uhren­ industrie oder auch der Automobilindustrie vor Augen führt, wird ganz deutlich: wir dür­ fen nicht in alten, eingefahrenen Gleisen kle­ ben bleiben, sondern müssen neue Markt­ chancen erkennen, beweglich und flexibel agieren. Das Beispiel Tastatur aus dem Bereich der Mikroelektronik kann in einen größeren Rahmen gestellt werden. Den Mikrochips fehlen heute noch die geeigneten Verbin­ dungen zu unserer realen Welt. Eine Tastatur ist eine solche Verbindung, aber Buchstabe für Buchstabe muß mehr oder weniger müh­ sam eingegeben werden. Für viele Anwen­ dungen gibt es intelligentere Lösungen. Eine Vielzahl von Verbindungen können durch mikromechanische Bauelemente realisiert wer­ den. Es gibt – derzeit meist erst als Labor­ muster – Geruchs-, Tast-, Farb- und andere Sensoren auf der Basis mikromechanischer Strukturen. Und Bauteile, die Aktionen aus­ führen – sogenannte Aktoren, wie Pumpen, Ventile und Schalter. Durch die Verknüp­ fung solcher Sensoren und Aktoren mit Elektronik, die Sensorsignale auswertet und Aktoren ansteuert, entsteht ein Mikro­ system. Einige Beispiele aus der Arbeit des Insti­ tuts für Mikro- und Informationstechnik (IMIT) der Hahn-Schickard-Gesellschaft sol­ len diese Gedanken verdeutlichen. Im Rah- 45 Dieser Artikel wurde mit Hilfe eines Com­ puters verfaßt. Buchstaben für Buchstaben wurden über eine Tastatur eingegeben. Viel­ leicht kommt in der Zukunft einmal eine Idee der Firma IBM zum Tragen: die tasten­ lose Tastatur. Auf der Tischfläche vor dem Monitor befinden sich nur die Hände des Schreibers. Sie werden von einer Kamera beobachtet. Auf dem Monitor ist eine Tasta­ turschablone und das Bild der Finger einge­ blendet. Modeme Bildverarbeitung ermög­ licht, daß die Fingerbewegungen auf dem Tisch erkannt und in die entsprechenden Buchstaben oder Befehle umgesetzt werden. Eine reale Tastatur ist überflüssig. Sie wird von einer kleinen Kamera und Software ersetzt. Aber nicht nur das. Die tastenlose Tastatur kann nachts, wenn sie nicht benutzt wird, als Teil einer Alarmeinrichtung fungie­ ren. Sie kann von Banken zur Überprüfung von Unterschriften eingesetzt werden, da nicht nur die Unterschrift selbst, sondern auch der Vorgang des Unterschreibens cha­ rakteristische Merkmale aufweist. Viele wei­ tere Aufgaben sind denkbar. Die tastenlose Tastatur ist also viel mehr als eine Tastatur. Unabhängig davon, ob diese provokative Idee Wirklichkeit werden wird oder nicht, ist

M ikromechanischer Kraftsensor men eines vom Bundesministerium für For­ schung und Technologie geförderten Ver­ bundvorhabens hat das IMIT zusammen mit den Firmen Bizerba (Balingen), Bosch (Stuttgart), Gesellschaft für Mikrotechnik und Sensorik (Villingen-Schwenningen) und MotoMeter (Leonberg) die Grundlagen sogenannter frequenzanaloger Sensoren er­ arbeitet. Diese mikromechanischen Senso­ ren, mit denen man Größen wie Kraft, Druck und Durchfluß bestimmen kann, beruhen auf einem fast jedem Menschen bekannten Prinzip. Spannt man eine Gitarrenseite, so ändert sich der Ton (physikalisch ausge­ drückt: die Resonanzfrequenz), der beim Anzupfen erzeugt wird. Die Mikromechanik ermöglicht die Herstellung kleiner Balken, einige Mikrometer dick und einige Millime­ ter lang. Regt man diese Strukturen zu Schwingungen an und ändert z.B. die Kraft, die auf sie einwirkt, so verändert sich ihre Resonanzfrequenz. Diese Veränderung wie­ derum ist ein Maß für die einwirkende Kraft. Die Vorteile dieser Kraft-Sensoren sind vor allem die gegenüber herkömmlichen Senso­ ren hohe Empfindlichkeit und die unkom­ plizierte Signalverarbeitung, die nur ein Abzählen von Schwingungen erfordert. Die 46 Verwendung dünner, schwingender Mem­ branen erlaubt die Messung von Druck oder aber auch die Messung bestimmter Stoffe in der Umwelttechnik. Im letzteren Fall über­ zieht man die Membran mit einem dünnen Film, an dem sich bestimmte Moleküle anla­ gern. Ein weiteres Verbundprojekt, gefördert vom Land Baden-Württemberg, wird derzeit am IMIT unter Mitwirkung auch von Fir­ men aus der Region bearbeitet. Ziel ist es, verschiedene Aktorstrukturen, wie Mikro­ Ventile, Mikro-Pumpen und Mikro-Schalter zu entwickeln. Bei diesem Projekt wird ein bedeutsamer Unterschied der Mikromecha­ nik zur Feinmechanik deutlich. Die erwähn­ ten – aus funktionaler Sicht sehr unter­ schiedlichen – Bauelemente können aus ganz ähnlichen mikromechanischen Struk­ turen bestehen. Ein Vorteil vor allem in be­ zug auf die Herstellungskosten. Die Mikro­ technik ermöglicht eine sogenannte Batch­ Fabrikation: im Gegensatz zur konventio­ nellen Technologie, wo man meist seriell fer­ tigt (d. h. ein Teil nach dem anderen), kön­ nen hier hunderte, tausende von Elementen gleichzeitig hergestellt werden. Kann man nun, wie bei den genannten Strukturen, ganz

unterschiedliche Funktionen aus den selben oder ähnlichen Elementen aufbauen, so wird auch bei kleineren Stückzahlen eine preisgünstige Fertigung möglich. Auf den Ergebnissen der beiden genann­ ten Projektbeispiele basierend, kann man schließlich ein Mikrosystem entwickeln, in­ dem man z.B. einen Volumenstromsensor nach dem oben ausgeführten frequenzana­ logen Prinzip mit Ventilen und Pumpen aus dem Aktor-Projekt und entsprechender Aus­ werte- und Steuerelektronik zusammenge­ fügt – eine der Projektideen, die derzeit von den Mitarbeitern des IMIT verfolgt werden. Ein solches Mikrodosiersystem hat sehr viel­ fältige Anwendungen in den verschieden­ sten Bereichen. Man denke z.B. an die Medi­ zintechnik, die Pharmaindustrie oder die Lebensmitteltechnik. Es kann überall dort eingesetzt werden, wo eine hochgenaue Do­ sierung auch kleinster Mengen gefordert ist. Für eine Firma, die Drucker für Spezial­ applikationen herstellt, entwickelt IMIT einen neuen Tintenstrahl-Druckkopf. In den im Moment eingesetzten feinwerktechnisch hergestellten Druckkopf werden schrittweise mikrotechnische Elemente integriert. Das Ziel ist ein Druckkopf, der nur noch aus mikrotechnischen Bauteilen besteht. Ob­ wohl in diesem Beispiel keine hohen Stück­ zahlen im Hintergrund stehen, ist der mikro­ technische Druckkopf dem feinwerktechni­ schen sowohl im Hinblick auf die Druckqua­ lität als auch auf den Herstellungspreis deut­ lich überlegen. Dieses Beispiel einer Auf­ tragsentwicklung zeigt, daß die Mikrome­ chanik die Feinwerktechnik in Anwendun­ gen verdrängen wird, wo sie preiswertere und/oder leistungsstärkere Produkte ermög­ licht. Die genannten Beispiele aus der Arbeit des IMIT können in wenigen Jahren zu neuen Produkten führen. Wir bearbeiten aber auch schon wichtige Probleme, deren Lösung noch einige Zeit in Anspruch neh­ men wird. In einem von der Kommission der Europäischen Gemeinschaft unterstützten Projekt forschen wir zusammen mit fünf wei- teren Partnern an der Entwicklung von „Ner­ vensteckern“. Werden, z.B. durch einen Un­ fall verursacht, Nerven durchtrennt, ist die Folge davon eine Einschränkung der Bewe­ gungsmöglichkeit (oder Schlimmeres). Wenn überhaupt, so wachsen nur einige Nervenfa­ sern wieder richtig zusammen. Zusammen mit unseren Partnern werden wir mikrosko­ pisch kleine Kanäle aus biologisch verträgli­ chen Materialien entwickeln, in die Nerven­ fasern hineinwachsen können. Die elektri­ schen Signale der Fasern können durch ent­ sprechende Kontakte in den Kanälen abge­ nommen werden. Modeme, mikroprozes­ sorgestützte Methoden der Informationsver­ arbeitung sorgen dafür, daß die richtigen Fasern künstlich wieder miteinander verbun­ den werden. Der Einsatz dieser Nervenstek­ ker in der Humanmedizin ist sicher erst in einigen Jahren zu erwarten. Es ist dennoch wichtig, schon jetzt an dieser anspruchsvol­ len Problemstellung zu arbeiten. Die genannten Beispiele geben einen �erschnitt aus der Arbeit des IMIT, das im Sommer 1993 offiziell eingeweiht wurde. Anhand der Beispiele ist unschwer zu erken­ nen, daß die Mikrosystemtechnik in vielen Branchen wichtig werden wird. Es liegt an uns, die Potentiale für uns alle nutzbringend einzusetzen: dem Unternehmer durch Inno­ vationen zur Sicherung seiner Konkurrenz­ fähigkeit und der Arbeitsplätze, jedem ein­ zelnen durch Produkte z.B. im Bereich der Medizin oder des Umweltschutzes, die hel­ fen, unseren Lebensstandard zu erhalten und unsere Lebensqualität zu verbessern. Mit dem neuen Institut für Mikro- und Informationstechnik im Zentralbereich zwi­ schen Villingen und Schwenningen verfügt die Region über ein großes Technologiereser­ voir. In einem von der Stadt Villingen-Schwen­ ningen zur Verfügung gestellten neuen Ge­ bäude mit insgesamt 3600 m2 Nutzfläche ste­ hen, derzeit von etwa 45 jungen und hochqua­ lifizierten Mitarbeitern betreut, zur Verfügung: • Ein modernes Rechnernetz für Entwurf und Simulation sowie Meßdatenerfas­ sung 47

Arbeit im Reinraum Raster-Elektronen-Mikroskop • Reinräume (ca. 600 m2, Klasse 10-1000) mit allen zur Mikrostrukturierung erfor­ derlichen Geräten • Meßtechnik zur Charakterisierung von mechanischen und elektrischen Eigen­ schaften sowie von Oberflächen e Modeme Lasersysteme für die Mikroma­ terialbearbeitung und die Aufbau- und Verbindungstechnik. Der Schwerpunkt der Arbeit des IMIT liegt in der Umsetzung von Ergebnissen der Grundlagenforschung aus dem Bereich der Mikromechanik in industrielle Produkte. Dies erscheint besonders wichtig, da der Flaschen­ hals zu einer breiten Anwendung der Mikro­ mechanik und der Mikrosystemtechnik der­ zeit nicht durch ungelöste Probleme der Grundlagenforschung oder der Technologie, sondern durch den noch unzureichenden Transfer entsprechender (Grundlagen-)Ergeb­ nisse in Produkte gebildet wird. Deshalb ist es die Aufgabe des IMIT, interessierte Unter­ nehmen zu unterstützen. Diese können sich im Rahmen der Zusammenarbeit mit IMIT auf dem Weg von einer Produktidee bis zu deren Realisierung beraten lassen: Als ,,Dienstleistungszentrum Mikromechanik“, gefördert vom Bundesforschungsministe­ rium, unterstützt IMIT die Industrie bei der Einführung der Mikrosystemtechnik u. a. durch: Information und Beratung, Beur­ teilung der technischen Machbarkeit von Produktideen, Risikoabschätzung, rezensierte 48 Literaturdienste, Patent- und Literatur-Da­ tenbankrecherchen, Seminare und Sympo­ sien, Unterstützung bei Organisation und Q!.ialifikation, Beratung bei F & E-Projekten sowie einer breiten Palette wissenschaftlich­ technologischer Dienstleistungen, von der Erarbeitung von Lösungskonzepten über Hilfestellungen bei der Lösung konkreter technischer Einzelprobleme und die Ab­ wicklung von kompletten Produktentwick­ lungen bis hin zur Einarbeitung von Partner­ Mitarbeitern am Institut und die Über­ nahme von Kleinserienproduktionen. Zwei Beispiele aus dem Bereich Fortbil­ dung dieses Dienstleistungsangebotes seien näher betrachtet. Im regelmäßig stattfinden­ den Mikrotechnischen Kolloqium des IMIT referieren Fachleute aus Forschung und In­ dustrie über verschiedene Themen aus dem Bereich Mikrotechnik. Die Veranstaltung hat das Ziel, einem breiten Kreis von Interes­ senten die Möglichkeit zu geben, neueste Entwicklungen zu verfolgen, Kontakte her­ zustellen und einen regen Gedankenaustausch zu pflegen. Fortbildungsseminare führt IMIT auch in Zusammenarbeit mit mehreren bedeutenden europäischen Instituten und Universitäten durch. Inzwischen wurden etwa ein Dutzend Fortbildungsseminare mit verschiedenen Schwerpunktthemen erarbei­ tet, so daß das europa- wenn nicht weltweit umfangreichste Seminarangebot auf dem Gebiet der Mikrosystemtechnik hier im

Schwarzwald-Baar-Kreis angeboten werden kann. Die Zusammenarbeit von Industrieunter­ nehmen und IMIT eröffnet der Region neue Chancen auf einem jungen und sehr innova­ tionsträchtigem High-Tech-Markt. Die Auf­ gabe des IMIT ist es, die Industrie in Villin­ gen-Schwenningen und Umgebung durch neue Impulse zu stärken und bei der Einfüh­ rung der neuen Technologien Mikromecha­ nik und Mikrosystemtechnik zu unterstüt­ zen. Es ist sicher wünschenswert, daß die Wirtschaft der Region die Unterstützung und das Kooperationsangebot des IMIT noch stärker annimmt als dies derzeit schon der Fall ist. Denn nur durch eine enge Zu- sammenarbeit zwischen der Industrie und Dienstleistungszentren wie dem IMIT ist es möglich, die anstehenden Herausforderun­ gen in Wirtschaft und Gesellschaft erfolg­ reich zu meistern. Man darf nicht erwarten, daß IMIT als Denkfabrik fungiert, deren Mitarbeiter die Problemlösungen und Pro­ dukte erfinden, die dann nur in die Industrie zu transferiert werden brauchen. Vielmehr bedarf es einer Zusammenarbeit, die mög­ lichst nach dem Erkennen von Problemen oder dem Aufkommen einer Idee beginnt und bis zur Markteinführung eines Produk­ tes andauert. Arbeiten wir gemeinsam an und für unsere Zukunft! Dr. Rainer Günzler Ernst Reinhardt GmbH Ein Villinger Maschinenbauunternehmen mit weltweiten Verbindungen Das den Älteren noch als „Bibbele“-Rein­ hardt bekannte Unternehmen hat sich im Laufe seiner nunmehr 57jährigen Geschich­ te zu einem namhaften Maschinenbauunter­ nehmen entwickelt. Mit den Maschinen und Anlagen, die sich unter dem Oberbegriff Warmbehandlungsanlagen zusammenfas­ sen lassen, ist die Ernst Reinhardt GmbH weltweit zu einem der führenden Hersteller dieser Anlagen geworden. Der Begriff „Bibbele“-Reinhardt geht zu­ rück auf die Anfänge des Unternehmens. Man schrieb das Jahr 1937, als der Villinger Ernst Reinhardt eine Einzelfirma gründete und in der Flaschnerwerkstatt seines verstor­ benen Vaters in der damaligen Gartenstr. 5 (heute General-Horn-Straße) damit begann, Geflügelzuchtgeräte herzustellen. Die Pro­ dukte kamen gut an und schon bald wurde es in der kleinen Werkstatt zu eng. Im Jahr 1940 erwarb Ernst Reinhardt an der Schwenninger Straße (heute Güterbahnhofstraße) die ehe­ malige Winterschule für Landwirte. Zu die­ sem Gebäude gehörte auch eine Halle, die als Produktionsstätte geeignet war, sowie ein entsprechendes Gelände, das Platz für die zukünftige Entwicklung bot. Im Jahr 1947 wurde das Unternehmen als GmbH in das Villinger Handelsregister ein­ getragen. Nachdem die Produktion aufgrund der großen Nachfrage für einige Jahre in eine Halle am Güterbahnhof ausgelagert werden mußte, entschloß sich Ernst Reinhardt zum Bau einer Produktionshalle auf dem eigent­ lichen Firmengelände. Dieses Projekt wurde im Jahr 1950 realisiert. Einschneidende Veränderungen brachte dasJahr1953 mit sich. Nach entsprechenden vertraglichen Vereinbarungen mit den Nie­ derlanden wurden in Deutschland vermehrt die wesentlich preisgünstigeren Eier der hol­ ländischen Geflügelfarmer gekauft. Für viele der meist kleineren Kunden der Ernst Rein– hardt GmbH bedeutete dies das Aus, und auch Ernst Reinhardt war aufgrund der sin­ kenden Nachfrage gezwungen zu reagieren. Aus dieser Situation heraus entwickelte er einen Trockenofen, in dem das System eines Brutapparates mit langsamlaufenden Seiten- 49

lüftern integriert war. Der erste Einsatzzweck war das Trocknen von bedruckten Kugel­ schreiberminen. Der neuen Produktpalette boten sich sehr viele Anwendungsgebiete, so daß die Herstellung von Geflügelzucht­ geräten schon bald aufgegeben wurde. Damit verbunden war auch eine Änderung der Fertigungsmethoden. Während die Ge­ häuse der Brutapparate aus Holz gefertigt wurden, war es notwendig, auf Blechver­ arbeitung umzusteigen, da für die Trocken­ öfen isolierte Stahlblechgehäuse benötigt wurden. Die ersten Trockenöfen waren zwar noch aus Holz hergestellt, doch dank der Flexibili­ tät der zum damaligen Zeitpunkt 40 Mitar­ beiter und entsprechenden Investitionen in neue Blechbearbeitungsmaschinen wurde diese Hürde relativ schnell und erfolgreich genommen. Aus den Erfahrungen des Jahres 1953 und der damit verbundenen Konsequenzen machte sich Ernst Reinhardt daran, seine Trockenöfen an die unterschiedlichsten In­ dustriezweige zu liefern, um nicht von Wohl 50 und Wehe eines Zweiges abhängig zu sein. Zudem wurden Farbspritzanlagen in das Fer­ tigungsprogramm mit aufgenommen. Zu Beginn der 60er Jahre war eine Vergrö­ ßerung der Produktionsfläche notwendig geworden. Durch die Angliederung einer weiteren Fertigungshalle wurde die Produk­ tionsfläche mehr als verdoppelt. Schon von einer schweren Krankheit gezeichnet, über­ wachte Ernst Reinhardt die Bauarbeiten, und nur wenige Monate nach der Fertigstel­ lung schloß er im Jahre 1962 im Alter von 61 Jahren die Augen für immer. Sein Sohn Eugen Reinhardt übernahm nach seinem Tod im Alter von erst 22 Jahren die Geschäftsführung. Er setzte das Werk seines Vaters konsequent fort. Die Produkt­ palette wurde ständig ergänzt und erweitert. Komplette Anlagen, in denen Warmbehand­ lungsöfen integriert sind, wurden entwickelt. Ziel war und ist es, durch entsprechendes Know-how und hervorragende Q!ialität einen Wettbewerbsvorteil zu erhalten, um auf dem immer härter werdenden Weltmarkt bestehen zu können.

Das Konzept ging auf Schon anfangs der 70er Jahre folgte eine weitere Erweiterung der Produktionsfläche durch den Anbau einer Halle, die mit einer Nutzhöhe von 8 Metern und entsprechenden Krananlagen die Voraussetzungen dafür bot, auch Groß­ anlagen zu bauen. Abgerundet wurde diese Baumaßnahme durch die Einrichtung moderner Sozial- und Aufenthaltsräume für die zum damaligen Zeitpunkt ca. 80 Mitarbeiter. Durch stetige Investitionen in den Ma­ schinenpark wurde dafür gesorgt, daß die Fertigung für die ständigen Herausforderun­ gen durch die immer komplexer und kompli­ zierter werdenden Maschinen und Anlagen bestens gerüstet war. Im Jahr 1990 konnte ein weiterer Bau­ abschnitt abgeschlossen werden. Für die Mitarbeiter der Konstruktion und der kauf­ männischen Abteilung wurden großzügige, freundliche Büroräume geschaffen, die mit modernsten Bürokommunikationsanlagen und CAD-Arbeitsplätzen ausgerüstet sind. Im Rahmen dieser Investitionsmaßnah­ men wurde das äußere Erscheinungsbild des Unternehmens geändert. Das Produktions­ und Bürogebäude präsentiert sich heute in den Farben lichtgrau und taubenblau, die auf das neue Reinhardt-Firmenlogo abge­ stimmt sind. Zum Produktionsprogramm der Ernst Reinhardt GmbH gehören u. a. Hochlei­ stungstrockner, Warmbehandlungsanlagen, Vorwärmeöfen, Entisolierungsöfen, Rota­ tionsformanlagen, Beschichtungsanlagen, Naßlackiereinrichtungen, Durchlauftrock­ ner, Kerntrockner, Temperöfen, Aushärte­ öfen, Feuchtekammern sowie Glüh- und Härteöfen. Ihren guten Ruf, den die Ernst Reinhardt GmbH mit ihrer Produktpalette weltweit genießt, hat sie in erster Linie ihrer Fähigkeit zu verdanken, besondere Aufgabenstellun­ gen seitens der Kunden konsequent umzu­ setzen und technisch und wirtschaftlich her­ vorragende Lösungen anzubieten. Klaus Storz Gasbeheizter Durchlaufofen zum Vorwärmen von Kunststojfplatten vor dem Verpressen zu Pkw-Teilen. Rotationsformanlage ‚Jype „RSU 45″ zur Her­ stellung von Behältern und Hohlkörpern aus PE (auf dieser Anlage können Behälter mit einem Volumen bis zu 20 000 Liter hergestellt werden – z.B. Erdtanks zur Sammlung von Regenwasser). Diese Anlage ist die grijßte dieser Art in Europa. Entisolierungsefen mit thermischer Nachverbren­ nungsanlage zum vollautomatischen umwelt­ freundlichen Entfernen organischer Isolations­ und Beschichtungsmaterialien (z.B. aus Motoren}. 51

Firma AZ-ARMATUREN GMBH & CO KG in Mönchweiler Hersteller von Sonderarmaturen Wenn man von Villingen auf der B 33 kommend entlang des Industriegebietes Mönchweiler in Richtung Peterzell fährt, sind linker Hand augenfällig die modernen türkisfarbenen Verwaltungsgebäude und Pro­ duktionshallen der Firma AZ-ARMATUREN zu sehen. Gerhard Wisser, geboren 1932 in Schonach, besuchte in Freiburg das Gymnasium und schloß 1951 mit dem Abitur ab. Anschlie­ ßend begann er im elterlichen Betrieb eine kaufmännische Lehre, mit Abschluß 1954. Ab Wintersemester 1956 studierte Ger­ hard Wisser an der Technischen Hochschule Stuttgart Maschinenbau. Der Abschluß des Studiums erfolgte im Frühsommer 1961 mit der Diplomarbeit. Ein Jahr arbeitete Gerhard Wisser als Diplom-Ingenieur in den Vereinigten Staa­ ten von Amerika. Von 1962 bis 1965 war er dann mit dem Aufbau einer deutschen Toch­ tergesellschaft für eine US-amerikanische Firma als Betriebsleiter in Lindau tätig. 1965 gründete der damals 33jährige seine eigene Firma. Nach kleinsten Anfängen mit zunächst einem einzigen Mitarbeiter wurde in der ausgedienten Werkstatt von Mechani­ ker-Meister Meinrad Spath im Triberger ,,Roßgrund“ mit der Produktion von Küken­ hähnen mit Teflon-Buchsen begonnen. Die Gebäudekomplexe fügen sich gut in die Landschaft ein. Die mit viel Grün gestal­ teten Außenanlagen geben dem Gesamt­ komplex eine besondere Note. Die Firma AZ-ARMATUREN GMBH & CO KG ist spezialisiert auf die Herstellung von hoch-säure-festen Sonderarmaturen, hauptsächlich Kükenhähne (Durchgangs­ und Mehrweghähne) unter Verwendung von Werkstoffen wie Edelstahl, Monel, Nickel, Titan, Hastelloy und Teflon. Abnehmer im In- und Ausland sind hauptsächlich Anwender in der Chemie, Petro-Chernie, Ingenieur-Gesellschaften und Kraftwerke. Die Firmengründung erfolgte am 1.1. 1965. Der Firmengründer Dipl.-Ing. 52

Die Geschichte der weiteren Entwicklung von AZ-ARMATUREN liest sich wie ein Roman. Schon im Jahre 1967 konnte die Firma ihren ersten Fabrikbau mit einer Grundfläche von 540 qm in Schonach­ Untertal erstellen. Obwohl die Konkurrenz mit allen Mitteln versuchte, der kleinen Wettbewerbsfirma den Garaus zu machen, setzten sich die Erzeugnisse der Firma AZ aufgrund hoher Qpalität und technischer Verbesserungen nach und nach in starkem Umfang durch, so daß bereits im Jahre 1971 ein Erweiterungsbau auf etwa die doppelte Betriebsfläche erstellt werden konnte. Schon bei der Grundstücksbeschaffung für den ersten Fabrikneubau in Schonach, Talstraße 11, waren die Gebrüder Johann und Josef Spath in dankenswerter Weise behilflich. Da sich bereits nach wenigen Jahren die Notwendigkeit zu weiterer Vergrößerung abzeichnete, wurde in der näheren Umge­ bung nach Baugelände bzw. betrieblichen Erweiterungsmöglichkeiten gesucht. Zu da­ maliger Zeit konnte jedoch nichts gefunden werden. Eine Zwischenlösung zeichnete sich 1976 durch den Erwerb der Firma J. Seifert KG in Rastatt-Ottersdorf ab. Diese Firma verfügte über ausreichend Industriegelände, eine bestehende Halle mit Verwaltungsge­ bäude sowie über einen guten, von der Firma AZ-ARMATUREN so dringend benötigten Maschinenpark. Die Produktion wurde zweigeteilt. Die Firma in Rastatt arbeitete unter dem Namen Baflon GmbH & Co KG als 1000/oige Tochter von AZ-ARMATUREN zunächst als Zulieferer von Drehteilen, spä­ ter als Hersteller von Teflon-Auskleidungen, fast ausschließlich für AZ. Eine zweiteilige Produktion bei einer Ent­ fernung von über 100 Kilometern war auf die Dauer absolut unbefriedigend. Als daher im Jahre 1979 die (in Schonach benachbarten) Gebrüder Spath GMBH der Firma AZ-ARMA­ TUREN ihre Verkaufsbereitschaft signali­ sierten, wurde man bald handelseinig und Werkhallengelände von Gebr. Spath über­ nommen. Die Raumprobleme schienen vor­ läufig gelöst, die Produktion wurde wieder Seniorchef Gerhard Wzgger mit Junior Jörg Titus Wigger zusammengelegt und die Immobilien in Rastatt verkauft (an Fa. Argus/Ettlingen). Durch die stetige Weiterentwicklung der Produkt-Palette und durch den Aus- und Aufbau des heute bestehenden Vertriebsnet­ zes wuchs jedoch der Umsatz stetig und es zeichnete sich bereits im Jahre 1987 ein wei­ terer Raumengpaß ab. Es wurde also wie­ derum nach Erweiterungsmöglichkeiten ge­ sucht. Die Gemeindeverwaltung Schonach wur­ de mehrfach angesprochen und (vergeblich) um Hilfe bzw. Unterstützung bei der Grund­ stücksbeschaffung gebeten. Viele Möglich­ keiten, auch in Nachbargemeinden, wurden in Betracht gezogen. Alle Bemühungen scheiterten jedoch an der Topographie oder am kurörtlichen Charakter der angesproche­ nen Gemeinden. Die Suche nach einem geeigneten Betriebsstandort mit entspre­ chender Erweiterungsmöglichkeit wurde schließlich belohnt. Die Firma AZ fand in Mönchweiler das geeignete Grundstück mit bereits bestehenden Hallen (3.700 qm) und 53

Die Firma AZ-ARMATUREN beschäftigt heute 75 Mitarbeiter, nachdem die rückläu­ fige Konjunktur auch an der Firma nicht spurlos vorüberging. Emil Rimmele Die Produkte von AZ-ARMATUREN sind inzwischen weltweit in Fachkreisen anerkannt. Auch heute noch geht ein Teil des Exports in die ehemaligen sozialistischen Länder, die nach wie vor über erheblichen Bedarf verfügen. Die Firma AZ-ARMATUREN wird sich auch in Zukunft den wachsenden Herausfor­ derungen stellen. Die Nachfolge scheint gesichert. Der zweite Sohn des Firmengrün­ ders,Jörg Titus Wisser, hat 1992 sein Maschi­ nenbau-Studium an der Technischen Uni­ versität Karlsruhe als Dipl.-Ingenieur abge­ schlossen und arbeitet seither in der Ge­ schäftsleitung. ausreichend (weitgehend ebenem) Erweite­ rungsgelände (ca. 20.000 qm) der ehern. Firma Pfundstein/Benz. Beim Kauf des Areals in Mönchweiler waren die bestehen­ den Gebäude vermietet, so daß es nicht unbedingt notwendig war,‘ den Betrieb von Schonach nach Mönchweiler sofort zu verle­ gen. Im Jahr 1991/1992 wurde ein Verwal­ tungsgebäude erstellt und die bestehenden Produktionshallen renoviert bzw. instandge­ setzt. Die Außenanlagen wurden neu konzi­ piert. Der Umzug am l. 4. 1992 ging verhältnis­ mäßig reibungslos vonstatten. Es war ledig­ lich ein Produktionsausfall von 3 bis 4 Wochen im Jahre 1992 in Kauf zu nehmen. Anfängliche Diskussionen mit dem Mit­ arbeiterstamm wurden gemeinsam gelöst, so daß alle Arbeitnehmer den Umzug mittru­ gen und keinerlei Personalfluktuation statt­ fand. 54

StoAG Das Stühlinger Unternehmen investierte 30 Millionen in sein neues Werk in Donaueschingen Bereits seit Ende 1992 prägt der 36 Meter hohe Produktionsturm der Sto AG die „Skyline“ von Donaueschingen. A ef einem Gelände von 2 6. 000 Quadratmetern, vormals im Besitz der Firma Contraves, wurden 2.300 Quadratmeter über­ baut, entstanden so Verwaltungsgebäude, Ver­ triebszentrale, Lager und Produktionsgebäude. Am 7. Mai 1993 wurde das Werk offiziell einge- weiht. Für den aufstrebenden Industriestandort Donaueschingen bedeutete dieser Schritt eine wichtige Aufwertung. ,, Unser Unternehmen ist mit der Region .fest verbunden‘: betont Vorstands­ vorsitzender Jochen Stotmeister und schlägt damit einen Bogen vom Kreis Waldshut zum Schwarz­ wald-Baar-Kreis. ,,Immerhin wird seit 1835 in unserem Stammwerk in Weizen produziert.“ 55

Die dynamische Entwicklung der Sto AG hatte die alten Produktionskapazitäten in Stühlingen-Weizen schon lange an den Rand der Auslastung gebracht. Der Bau eines neuen Werks wurde unvermeidlich. Auf der Suche nach einem neuen Standort in der Nähe des Hauptwerks wurde man jedoch recht schnell fündig: Donaueschingen. Die günstige Verkehrslage mit Autobahn­ anschluß und Bundesbahnlinie und das Angebot eines Baugeländes, dessen Fläche aufZuwachs ausgerichtet ist, gaben den Aus­ schlag zugunsten der Stadt an der Donau­ quelle. Auch Donaueschingens Oberbürger­ meister Dr. Bernhard Everke zeigte sich natürlich erfreut, daß die Stadt einen so renommierten Betrieb für sich gewinnen konnte. Dies war für die Gemeinde sogar doppelt erfreulich: zum einen, weil dadurch neue Arbeitsplätze geschaffen werden konn­ ten, zum andern, weil diese Arbeitsplätze keine Monoindustrie festschreiben, sondern das breit gemischte Spektrum mittelstän­ discher Betriebe noch erweitert. Am Sto-Standort Donaueschingen sind drei Unternehmensbereiche untergebracht. Erstens werden hier- zentral für den ganzen deutschen Markt sowie für die Sto-Nieder­ lassungen in Europa – Flüssig- und Trocken­ produkte für Betoninstandsetzung, Boden­ beschichtungen sowie für Wärmedämm­ Verbundsysteme produziert. Zweitens ist hier die Vertriebszentrale für rund 2000 Kun­ den in Südbaden und Südwürttemberg. Und drittens steht in Donaueschingen das Regio­ nallager der Sto AG für Selbstabholer aus dem Handwerk und Baugewerbe im südöst­ lichen Schwarzwald. Dafür investierte die Sto AG etwa 30 Mil­ lionen DM und bis jetzt entstanden dadurch 40 neue Arbeitsplätze im Werk Donau­ eschingen. Positiv für Donaueschingen wirk­ ten sich dabei natürlich auch die damit ver­ bundenen Aufträge für die örtliche Wirt­ schaft aus. Denn schon beim Bau des neuen Werkes setzte die Sto AG – traditionell Part­ ner des Handwerks – konsequent auf Hand­ werksunternehmen aus der Region. Tradition und Modeme: Die Sto AG ist ein altes, im Hinblick auf das heutige Pro­ duktionsspektrum aber ein noch junges Unternehmen. Die Ursprünge liegen in dem 1835 gegründeten „Cement- und Kalkwerk Weizen“, das 1936 von Wilhelm Stotmeister erworben wurde. Seit der Gründung der Stot­ meister KG im Jahre 1955 entwickelte sich das Unternehmen von einer kleinen Putz­ und Farbenfabrik von allenfalls regionaler Bedeutung zu einem international tätigen Unternehmen mit Werken und Niederlas­ sungen in ganz Deutschland, in zahlreichen Ländern Europas und in Nordamerika. Heute ist die Sto AG einer der führenden deutschen Zulieferer des Bau- und Ausbau­ handwerks. Weltweit mehr als 1.800 Mitar­ beiter entwickeln, produzieren und vertrei­ ben Putze und Farben Wärmedämm-Verbundsysteme Akustiksysteme Systeme zum Betonschutz und zur Be­ toninstandsetzung Bodenbeschichtungen Farbgestaltungsentwürfe für Fassaden und Designkonzeptionen für die Raumgestal­ tung. 56

Menge, die aber im fertigen Produkt ent­ scheidend sein kann für den �alitätsvor­ sprung, der Sto-Produkte auf dem Markt so erfolgreich gemacht hat. Große Reichweite Dem Sto-Werk Donaueschingen ange­ schlossen ist die Sto-Niederlassung Donau­ eschingen. Sie ist die Verkaufsniederlassung für das südliche Baden-Württemberg. Kon­ kret bedeutet dies, daß allein von Donau­ eschingen aus ein Einzugsgebiet mit erheb­ lichen Ausmaßen betreut wird: von Offen­ burg bis Lörrach, von Lindau bis Albstadt­ Ebingen, von Balingen bis Schramberg. In der näheren Umgebung gehört zudem der Raum Sigmaringen, Tuttlingen, Rottweil und natürlich Donaueschingen dazu. 12 Außendienstmitarbeiter, dazu ein tech­ nischer Berater und ein Systemberater sor­ gen als Einführmeister vor Ort auf der Bau­ stelle oder als Fachberater dafür, daß Sto für die Kunden mehr ist als „nur“ das Produkt im gelben Eimer. Rund 2000 Handwerksbe­ triebe sowie etwa 1000 Architekten und Ämter werden so durch die Niederlassung Donaueschingen betreut. Unterstützt wird dieser Service durch ein Netz von Lagern, eines davon ebenfalls in Donaueschingen, die die schnelle Belieferung auch mit kleinen Warenmengen gewährleisten. Beide zusammen, Werk und Niederlas­ sung Donaueschingen, werden sich -da ist sich die Geschäftsleitung der Sto AG sicher­ in absehbarer Zeit zu einem der wichtigsten deutschen Standorte außerhalb des Stühlin­ ger Stammwerks entwickeln. Für Donau­ eschingen und das dazugehörige Umland sicher keine schlechte Zukunftsprognose. Thomas Petereit Die Kapazität der Anlage liegt derzeit bei acht bis zehn Tonnen pro Tag, ist aber jeder­ zeit erweiterbar. Dazu kommt eine vollauto­ matische Abtönanlage für wasserverdünn­ bare Systeme, die es gestattet, in immer gleichbleibenden Standardfarbtönen oder auch -je nach Kundenwunsch -in Sonder­ farbtönen abzumischen. Die Trockenproduktion Die Herstellung von Trockenprodukten, die in Säcken oder größeren Verpackungs­ einheiten abgefüllt werden, ist die Aufgabe der 14 Mitarbeiter des zweiten Produktions­ bereichs. Dabei läuft auch hier die eigentli­ che Produktion von der Dosierung der Roh­ stoffe bis zur Palettierung vollautomatisch ab. Um Mörtel für die Betoninstandsetzung, Klebe-und Armierungsmassen für Wärme­ dämm-Verbundsysteme oder mineralische Deckputze herzustellen, müssen teilweise bis zu 50 Kleinkomponenten im richtigen Mischungsverhältnis zugesetzt werden. So ist die Dosieranlage auf eine Wägegenauig­ keit bis zu zehn Gramm ausgelegt -bei einem Stundenausstoß der Anlage von 25 Tonnen, bei Abfüllung in Container sogar 36 Tonnen -eine verschwindend geringe Chronik der Ereignisse •· Im Juni 1991 erwarb die Sto AG das Gelände mit bereits bestehenden Ge­ bäuden. •> Im Dezember 1991 begann der Um­ bau des Pavillons, in den im Frühjahr darauf die Niederlassung einzog. •> Im März 1992 begannen die Neu­ arbeiten für den Produktionsturm mit angegliederten Gebäuden. •:· Am 1.Juni 1992 fiel der Startschuß für die automatische Flüssigproduktion. •· Am 1. April 1993 wurde die Trocken­ produktion aufgenommen. Am glei­ chen Tag nahm auch das Regional­ lager Donaueschingen seinen Betrieb auf 58

Siedle-Warmpreßteile, Vöhrenbach Von der Glockengießerei zum Hohlschmiede-Spezialisten Wenn ein mittelständisches Unterneh· men am Standort Schwarzwald eine über 200jährige Tradition vorzuweisen hat, dann können seine Ursprünge nur in der Uhrma· cherei zu suchen sein. Und so verhält es sich auch bei der Gebrüder Siedle Warm preß teile GmbH, die an der Donaueschinger Straße in Vöhrenbach angesiedelt ist und zu den Spe· zialisten in der Herstellung von Hohlpreß· teilen zählt. Siedle ist einer der großen Ar· beitgeber in Vöhrenbach, beschäftigt heute 160 Mitarbeiter. Für den Bau von Schlaguhren benötigten die Uhrmacher im Schwarzwald Glocken, die von etwa 1760 an in Gießhütten berge· stellt wurden. Zuvor hatte man diese aus der Schweiz und Nürnberg bezogen. Die wohl bekannteste Gießhütte wurde die von Salo· mon Siedle, des Bregeme Salomon. Er führte das Werk seines Vaters Andreas Siedle fort, der seit 1794 den Bregenbachhofin Neukirch bewirtschaftete und dort eine Gießhütte erbaut hatte. Sein Sohn Salomon erwarb 1816 den vom Bregenbachhof abgetrennten Oberbregenbachhof (siehe Gerd Bender, Uhrmacher des hohen Schwarzwaldes und ihre Werke, Bd.1) und stieg zum bedeutend· sten Glockengießer im Schwarzwald auf. Seine drei Söhne gründeten drei Firmen, Salomon II. das Unternehmen S. Siedle & Söhne in Furtwangen, Vinzenz Siedle eine Gießerei in Triberg und Josef Siedle 1854 in Schönwald gleichfalls eine Gießerei. Der Tatkraft vonJosefSiedle schließlich ist es zu verdanken, daß das heute in Vöhrenbach ansäßige Unternehmen entstehen konnte und sich hier ansiedelte: Er verlegte seine Glockengießerei im Jahr 1905 nach Vöhren· bach, da es ihm in Schönwald an Erweite· rungsmöglichkeiten fehlte und dort zudem kein Bahnanschluß gegeben war. In Vöhrenbach, in unmittelbarer Nähe 59

Gebrüder Siedle v’öhrenbach Glod!en-Giesserei und Gah1anisierungsanstall Station dff 8rt9t1tbthn : : : trl,phon no. 1a : : : @:8 (03 @:!j Preisliste eys Gegossene Glocken poliert, 11ernid!elt, kupfergeflämmt und Rohguss für elektrische !iöutewerke, Celephon, Uhren, Fahrräder u. s. w. Titelblatl eines Firmenkataloges aus den 1920er Jahren, als der Unternehmensschwerpunkt noch in der GlockengiefJerei zu suchen war. zum Bahnhof der Bregtalbahn, führte Josef Siedle die Gießerei in der ehemaligen Schrei­ nerei Bernhard fort. Zusammen mit seinem Bruder Paul übernahm dann 1912 Adolf Siedle die Gießerei, deren Standort 1925 mit viel Weitsicht ein weiteres Mal verlegt wur­ de: An der Donaueschinger Straße entstand ein vorbildliches Fabrikgebäude, das ergänzt um Erweiterungsbauten, die von einer be­ ständigen Aufwärtsentwicklung zeugen, noch heute genutzt wird. Die Firma Gebrüder Siedle, Glocken-Gie­ ßerei und Galvanisierungsanstalt, wie es in einem Produktkatalog der1920erJahre heißt, fertigte ihre gegossenen Glocken poliert, ver­ nickelt oder kupfergeflämmt. Doch schon zu dieser Zeit kamen die Siedle-Glocken längst nicht mehr nur in Uhren zum Einsatz: Mit dem Einzug der Elektrizität waren elek­ trische Läutwerke an der Haustüre schick 60 geworden, die Glocken dazu stammten von Siedle aus Vöhrenbach. Telephonglocken und Fahrradglocken goß Siedle gleichfalls, auch die Läutwerke von Straßenbahnen und Signalanlagen jeder Art, selbst auf Schiffen, waren mit Siedle-Glocken bestückt. Der Wandel von der Glockengießerei zum Metallpreßwerk vollzog sich bei Siedle schon früh: Bereits 1925 hatten Paul und Adolf Siedle die Vorzüge eines gepreßten Werkstückes erkannt und gliederten ihrer Metallgießerei ein Preßwerk an. Die Brüder Siedle nutzten ihre lange Erfahrung in der Messingverarbeitung dazu, neue Fertigungs­ verfahren zu erschließen. Der Vöhrenbacher Chronist Franz-JosefFurtwängler hat diesen technologischen Wandel in anschaulichen Worten geschildert: ,,Im Laufe des Ersten Weltkrieges und in der Folgezeit haben sich Bearbeitun_gsmaschinen, Stahlqualitä­ ten, elektrische Ofen und andere Vorausset­ zungen so entwickelt, daß es möglich wurde, zahlreiche Gegenstände, Maschinen und Be­ standteile von Apparaten statt zu formen und gießen im Verfahren der Warmpreßver­ formung ganz oder nahezu ganz gebrauchs­ fertig herzustellen. Das machte frühere Bear­ beitungsvorgänge wie Bohren, Fräsen, Ho­ beln und Drehen überflüssig.“ Und in der Tat ging das Glockengießen in der Folgezeit mehr und mehr zurück, und jetzt sicherte die neue Preßtechnik den Fort­ bestand des Unternehmens, das mittlerweile rund 25 Arbeitsplätze bot. Einer der letzten Gießaufträge wurde im übrigen für die Hei­ matgilde „Frohsinn“ getätigt. Adolf Siedle fertigte dem traditionsreichen Vöhrenba­ cher Sublodere-Hans in den 1950er Jahren die Glocken für das neue G’schell. Noch heute zeugen diese Glocken mit ihrem unverwechselbaren Klang von der hohen Qialität der einstigen Gießerei. Auch ist der Name Adolf Siedle eng mit der jüngeren Vöhrenbacher Geschichte verbunden. Der Fabrikant war auf vielfältige Art und Weise um das öffentliche Leben in Vöhrenbach bemüht, AdolfSiedJe (1889-1976) wirkte als Stadtrat und stellvertretender Bürgermeister.

Formteile mit besonderer Obe,jl.ächenbehandlung, die zur Steuerung von Gasen und Flüssigkeiten verwendet werden und in der Elektrotechnik, in der Sanitärindustrie oder Medizintechnik zum Einsatz kommen. 61

Das neue Fertigungsverfahren, das Warm­ pressen, eröffnete dem Vöhrenbacher Un­ ternehmen in der Folgezeit vielfältige Mög­ lichkeiten, die Produktpalette Zug um Zug auszubauen. Beim Warmpressen wird das Ausgangsmaterial auf Schmiedetemperatur erwärmt und dann verformt. Die frühen Erfahrungen auf diesem Gebiet machten bei Siedle in den 1960er Jahren einen erneuten technologischen Wandel möglich: Siedle wandte neben dem klassischen Schmieden als eine der ersten Firmen das Hohlschmie­ den an, bis heute zählt man in diesem Bereich zu den Spezialisten. Dank der rationellen und somit wirt­ schaftlichen Herstellung liegt eine der Stär­ ken von Siedle darin, vielfältigsten Kunden­ wünschen gerecht werden zu können. Wie derlei Hohlschmiedeteile entstehen, wie aus der Idee des Kunden binnen weniger Wochen ein Produkt heranrei� und zur Auslieferung gelangt, verdeutlicht ein Gang durch das mit modernen Pressen und CAM­ Systemen (Computer Aided Manufacturing) ausgestatteten Unternehmen. In der Konstruktionsabteilung bedient man sich zunächst modernster Computer­ technik, um zu schmiedegerechten und opti­ mal zerspanbaren Formteilen zu kommen, denn bereits in der Konstruktionsphase wer­ den die Weichen für die Qualität des End­ produktes gestellt. Bei herkömmlicher Pro­ duktionsweise entwickelt sich aus der Roh­ teilzeichnung eine Werkzeugzeichnung, die anschließend ein Werkzeugmacher umsetzt. Bei Siedle jedoch wird aus den einmal per Computer erfaßten Daten direkt die Form entwickelt, die dann am Computerbild­ schirm zu sehen und ständig modifizierbar ist. Auf dem selben Weg werden auch die für die Produktion erforderlichen Zerspa­ nungswerkzeuge konstruiert. Im Werkzeugbau des Unternehmens be­ ginnt nun die Umsetzung dessen, was bis­ lang nur eine Produktidee war. Doch es werden keine Zeichnungen weitergereicht, sondern ausschließlich Computerdaten, die vom CAM-Programm generierte, über ein 62 NC-Programm direkt auf die Fräsmaschine übertragene, komplexe dreidimensionale Form. Mit der so erstellten Elektrode wird dann die Teileform aus dem Stahlrohling erodiert. Es entsteht das Werkzeug, mit des­ sen Qualität und Präzision die Güte der spä­ teren Serienfertigung steht und fällt. Der Werkzeugbau hat die Grundlagen für die Güte der Werkstücke geschaffen, jetzt kom­ men vollautomatische Schmiedesysteme zum Einsatz, die sowohl für Mittel- als auch für Großserienproduktionen ausgelegt sind. Aus einfachen Rohlingen werden komplexe Schmiedeteile geformt, die hoch bean­ spruchbar, absolut lunkerfrei und gasdicht sind, die aber dennoch günstige Zerspanungs­ eigenschaften aufweisen und deren Ober­ fläche auf vielfältige Art und Weise bearbeit­ bar bleibt. In einem Arbeitsgang entstehen komplexe Schmiedeteile mit einem Gewicht von fünf Gramm bis zu 10 Kilogramm. Auf ausschließlich nach den Anforderun­ gen von Siedle gebauten Sondermaschinen werden die Rohlinge im weiteren Verlauf der Fertigung nachbearbeitet. Neue CNC-ge­ steuerte Rundtakt-Sondermaschinen eröff­ nen bei der Nachbearbeitung Möglichkei­ ten, denen kaum Grenzen gesetzt sind. Die Werkstücke werden gewaschen, exakt entgra­ tet und kontrolliert, bis das Produkt das Unternehmen verlassen kann. Bei diesen Produkten handelt es sich beispielsweise um Formteile, mit denen Gase und Flüssigkeiten gesteuert und geregelt werden können. Auch gibt es in Deutschland kaum einen Wasser­ zähler, dessen Gehäuse nicht bei Siedle in Vöhrenbach gefertigt wurde. Aber auch Branchen, wie die Sanitärindustrie, Elektro­ technik, die Uhrenindustrie oder die Medi­ zintechnik zählen zum Abnehmerkreis des Vöhrenbacher Unternehmens. Namhafte Ab­ nehmer in ganz Europa nutzen den seit Jahr­ zehnten gleichbleibend hohen Qualitäts­ standard bei Siedle, wo eine verantwortungs­ bewußte und zeitgemäße Qialitätssicherung die Produktion begleitet. Und auch der Umweltschutz spielt bei Siedle seit langem eine große Rolle. Die Wiederverwertung der

Kupfer- und Aluminiumknetlegierungen wird seit Jahrzehnten praktiziert. Was bei anderen Werkstoffen noch viele Fragen aufwirft, ist hier bereits Wirklichkeit geworden: lOOpro­ zentiges Recycling. Schwarzwälder Unternehmergeist und weitsichtiges Handeln haben in Vöhrenbach ein mittelständisches Unternehmen entste­ hen lassen, das heute 160 Menschen Arbeit bietet und junge Menschen an das Berufs- leben heranführt: Siedle bildet Werkzeug­ mechaniker der Fachrichtung Formenbau, Zerspanungsmechaniker der Fachrichtung Drehtechnik und Technische Zeichner aus. Das Vöhrenbacher Traditionsunternehmen wird von Herbert Kern, Technischer Leiter und Betriebsleiter, von Rainer Kern, Ver­ triebsleiter, und von Rüdiger Hirt geführt, der die kaufmännische Leitung innehat. Wilfried Dold E. WEHRLE GMBH, Präzisionstechnik, Furtwangen Ein erfolgreiches Unternehmen seit mehr als 150 Jahren Auch die E. WEHRLE GMBH, die 1992 ihr lSOjähriges Firmenjubiläum feiern konnte, hat ihren Ursprung wie viele andere Furtwan­ ger Traditionsunternehmen im Uhrmacher­ handwerk. Gegründet wurde der Betrieb 1842 durch den Musikuhrenmacher Franz Xaver Wehr­ le. Das damalige „Produktionsprogramm“: Musikuhren, Spieluhren, Trompeteruhren, Wanduhren. 1849 konnte der Firmengründer für 2610 Gulden das Haus Nr. 4 im Moos (Gemeinde Schönenbach) ersteigern und damit den Grundstein für die Aufwärtsentwicklung legen. 1858 trat dann ein gewisser Ernilian 63

Wehrle in das Unternehmen ein, ebenfalls ein gelernter Uhrmacher, und 1866 wurde die neue Firma Emilian Wehrle und Com­ pany gegründet. Der Sohn Julian Wehrle führte das Geschäft fort. Hergestellt wurden damals Flötenuhren, Hahnenschreiuhren, Musikwerke und vieles andere mehr. Die Nachfolger von Franz Xaver Wehrle kauften 1880 die Firma Zimber in Furtwan­ gen auf und übernahmen auch deren Pro­ duktionsprogramm. So kam es zur Produk­ tion von elektrischen Uhren, Laufwerken, Tableaus und als Besonderheit Beichtstuhl­ heizungen. Wachstumsschübe und Krisen wechselten sich auch bei Wehrle ab. Einen großen Einschnitt in die Entwicklung der Firma bildete der Erste Weltkrieg. Der eigentliche Aufschwung begann, als der jüngste Sohn Erwin von seinem Vater Julian Wehrle 1923 den Betrieb übernahm. Zusammen mit seiner Frau Elise kann er als der eigentliche Begründer des heutigen Un­ ternehmens genannt werden. Tüftler, Kon­ strukteur, Fertigungsmann und Verkäufer in einem, war er eine große Unternehmerper­ sönlichkeit. Schon bald erkannte er, daß er sich spezialisieren mußte, und das hieß für ihn, die Verarbeitung von schwer zu bearbei­ tenden Materialien anzugehen, wie er sie schon aus der Herstellung von Uhren kannte. Es begann die Produktion von Einzelteilen wie Zahnrädern, Achsen, Wellen usw. aus Messing, Nickel, Hartgummi, nichtrosten­ dem Stahl usw., und damit war der Weg vor- 64

programmiert als Lieferant für die Wasser­ zählerindustrie. Nach dem ersten Ausbau 1937 folgten rasch weitere Um- und Anbauten. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges zur Rüstungsproduktion gezwungen (Wehrle lieferte als einziger Hersteller komplizierte Amboßschrauben aus Messing für Granat­ zünder), folgte eine harte Zeit bis zur voll­ ständigen Demontage durch die Besatzungs­ mächte. Aus dem Nichts heraus erfolgte der Wiederaufbau. Der Jahresumsatz nach der Währungsreform lag bei etwa 150 000 DM. Zum Vergleich: im Boomjahr 1991, das durch die Öffnung der Märkte im Osten, insbeson­ dere der neuen Bundesländer, gekennzeich­ net war, lag der Umsatz bei über 45 Mio. DM. Als erster Fabrikant in der Wasserzähler­ branche erprobte und verwendete Erwin Wehrle 1949 anstelle der bisherigen Materia­ lien Kunststoff für Zahnräder. Von da ab ging der Fortschritt sehr schnell.1953 startete man schließlich mit der Montage von Zähl­ werken. Erwin Wehrle wurde zu dem angese­ henen Lieferanten der Wasserzählerbranche. Aber auch im persönlichen Bereich war er stets Vorbild und Ansprechpartner für seine Mitarbeiter. Als Gemeinderat und Bürger­ meisterstellvertreter nahm er 15 Jahre lang kommunale Belange in Schönenbach wahr. 1966 wurde ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen. Als Erwin Wehrle am 20. Mai 1971 starb, hinterließ er ein florierendes Unternehmen, 65

in dem auch nach sei­ nem Tod die systema­ tische Weiterentwick­ lung der Produktpa­ lette im Vordergrund stand. Nach dem Tode ihres Mannes über­ nahm Elise Wehrle die Position des Kom­ plementärs der zwi­ schenzeitlich gegrün­ deten KG. Im Zuge einer Be­ triebsaufspaltung wur­ de die Firma 1977 in eine GmbH und eine Besitzgesellschaft auf­ gegliedert. Seither ist Fritz Vosseler, Dipl.­ Ge­ Betriebswirt, schäftsführer. Frau Elise Wehrle starb im Jahre 1980. Die Geschäftsanteile befinden sich heute im Besitz der Tochter Renate Wehrle und der Familie der ver­ storbenen Tochter Friedhilde Herth geb. Wehrle. WEHRLE heute: Die systematische Weiterentwicklung sowohl der Produkt­ palette als auch der Unternehmensstruk­ tur führte dazu, daß Wehrle sich heute als modernes und erfolg­ reiches Unternehmen präsentiert. Das Pro­ duktionsprogramm ist vielfultig; immer aber handelt es sich um Spe­ zialartikel, die ein ho- 66

hes Maß an technischem Können voraus­ setzen. Etwa 75 Prozent des Umsatzes, der 1991- im bisher besten Geschäftsjahr des Unter­ nehmens – über45 Mio. DM betrug, entfal­ len auf Produkte zur Messung flüssiger Medien. Hierzu gehören insbesondere Haus­ wasserzähler, Wohnungswasserzähler, Wär­ mezähler, Durchflußmeßgeräte für indu­ strielle Anwendungszwecke. Sowohl hoch präzise Spritzgießformen als auch nahezu sämtliche Einzelkomponenten werden im Hause gefertigt. Bei sehr großer Fertigungstiefe sind es nur wenige Spezial­ teile wie Magnete, Lagersteine etc. und die Messinggehäuse, die zugekauft werden. Die Produktion der Spritzgießteile erfolgt überwiegend im Dreischichtbetrieb. In der modernen Halle stehen heute ca. 50 Kunst­ stoffspritzmaschinen, auf denen überwie­ gend vollautomatisch produziert wird. Ro­ boter, Handlinggeräte sowie sonstige kom­ plizierte Peripheriegeräte gehören zum All­ tag. Gerade in der Werkzeug- und Kunst­ stofftechnologie besitzt Wehrle ein weit über das Inland hinaus geschätztes Know-how. Endmontage und Funktion der Geräte un­ terliegen einer strengen �alitätssicherung, wie überhaupt die Qualität ein Hauptgrund für die positive Unternehmensentwicklung ist. Die Bauartzulassung der Produkte durch die Physikalisch-Technische Bundesanstalt wie Beglaubigung in den staatlich anerkann­ ten Prüfstellen für Wasser und für Wärme bei der E. WEHRLE GMBH sind wesentliche Voraussetzungen sämtlicher Produkte. Etwa 30 0/o des Umsatzes werden expor­ tiert, insbesondere in die europäischen Staa­ ten, aber auch nach Nah- und Mittelost so­ wie Übersee. Kooperations-, Know-how- und Lizenz­ vereinbarungen mit Partnern in aller Welt garantieren die Präsenz von Wehrle in vielen Ländern. So war Wehrle zum Beispiel eines der ersten Unternehmen der Branche, das bereits Anfang der achtziger Jahre eine enge vertragliche Zusammenarbeit mit Partnern in der Volksrepublik China realisierte. Etwa 25 0/o des Umsatzes erzielt Wehrle mit Werkzeugen und technischen Kunst­ stoffspritzgießteilen. Hauptabnehmer dieser Spezialartikel (Mehrfarb- und Mehrkompo­ nententeile, komplizierte Baugruppen) sind die optische Industrie, Hersteller hochwer­ tigster Schreibgeräte sowie die Automobil­ und elektrotechnische Industrie. Produziert wird auf einer Fläche von rd. 8 500 m2 • An gut ausgestatteten Arbeitsplät­ zen sind etwa 250 Mitarbeiter (zum Teil rund um die Uhr) tätig. Modeme Datenverarbei­ tung und Kommunikation, computerunter­ stützte Konstruktions- und Laborplätze schaffen die Voraussetzungen für den Erfolg. Ziel der integrierten Unternehmenspla­ nung, wie sie bei Wehrle seit vielen Jahren praktiziert wird, ist es, das Unternehmen auch für die Zukunft als mittelständisches Unternehmen erfolgreich zu machen. Hier steht die Anpassung der Produktpalette im Vordergrund. In Verbindung mit der heute möglichen Informationstechnik entstehen Geräte, die zum Beispiel für Fernablesung, Datenweiterverarbeitung und -auswertung geeignet sind. Feinmechanik wird dort, wo sinnvoll, durch Elektronik ersetzt bzw. ergänzt. Neue Konzepte in Zusammenhang mit Umweltschutzgedanken und Recycling sind in Vorbereitung. Rund um die Medien Wasser und Wärme sowie auf dem Sektor hochwertige Präzi­ sionsspritzgießtechnik will das Unterneh­ men auch in Zukunft kompetenter Partner seiner Kunden sein. Schwierige allgemeinwirtschaftliche Si­ tuationen werden Wehrle immer wieder vor neue Herausforderungen stellen. Trotzdem sieht Geschäftsführer Fritz Vosseler optimi­ stisch in die Zukunft und möchte gerne zusammen mit seinen Mitarbeitern die erzielten überdurchschnittlichen Zuwachsra­ ten fortsetzen. Nachdem Wasser eine immer kostbarere Ressource darstellt und der ge­ samte Energie- und Umweltsektor mehr und mehr an Bedeutung gewinnt, dürfte die Zu­ versicht durchaus gerechtfertigt sein. Isolde Barthillat 67

Vor SO Jahren – Erinnerungen an den Luftkrieg Bombenangriffe auf Schwenningen Am 2. Januar schon fing das Jahr 1945 für Schwenningen mit einem fürchterlichen Paukenschlag an. Mit ihrem zweiten Luftan­ griff auf das militärisch vollkommen unbe­ deutende Schwenningen setzten die Ameri­ kaner mit der 8. Luftflotte ihre Angriffe gegen die deutsche Zivilbevölkerung fort. Dieser verlustreiche Angriff forderte 101 Todesopfer. Es waren 15 Kinder, 9 Jugendli­ che, 35 Frauen und 42 Männer (davon 12 Fremdarbeiter). So viele Männer deshalb, weil die ehemalige „Zündholzfabrik“, in der die Firmen RIEBLE & MATHAUER und GUSTAV STROHM waren, nach der Mit­ tagspause gerade wieder mit der Arbeit begonnen hatte. Schwer getroffen und zer- stört wurde das Gebiet zwischen der Bis­ marck-(heute Erzbergerstraße), Gneisenau­ (heute Pestalozzi-, früher Zündholzstraße), Scharnhorst- (heute Hans-Sachs-Straße), Karlstraße, Arndtstraße und Jahnstraße. Abgelegener noch Mühlweg und Sänger­ straße. Die 250-Kilo-Bomben zerfetzten die Fachwerkhäuser und setzten sie teilweise in Brand. So hatten die in ihren Kellern Schutz suchenden Menschen kaum eine Überle­ benschance. In einigen Häusern starben die Großeltern mit Töchtern und Enkeln (Män­ ner waren Soldat), manchmal 6 Personen. Auf der Sängerstraße war gerade ein Bäcker­ lehrling und das Dienstmädchen mit einem 2.Januar 1945, Karlstraße nach Westen 68

Schwenningen am 2.1. 1945, Mühlweg 22-24 Handwagen unterwegs, um Brot auf den „Sauerwasen“ zu fahren. Sie warfen sich in den Straßenkandel an den Randstein, um Deckung zu haben. Ein Bombenvolltreffer zerriß alles in tausend Stücke, die nach Tagen erst auf Bäumen und Dächern gefunden wurden. Ein 18jähriges Mädchen verbrannte im Haus und schrumpfte bis zur Unkennt­ lichkeit. Eine 48jährige Frau wurde in den Trümmern unter dem noch heißen Herd ver­ schüttet – sie starb am 27. Januar 1945 an den Verbrennungen. Der 7 0jährige Haus­ meister bei Rieble & Mathauer wurde erst am 13. April 1945 unter den Trümmern gefun­ den. Zeitzeugen berichten über unvorstell­ bare Leiden und Schicksale. Am 9. Februar 1945 traf der 3. Angriff die Bachen- und Schwabstraße (oberhalb der Karlstraße). Im Doppelhaus Schwabstraße 61/63 starben allein 12 Personen, darunter ein Säugling mit 6 Wochen. Nur ein 16jähri­ ges Mädchen konnte spät in der Nacht noch lebend geborgen werden, noch im August lag sie im Krankenhaus. In der Bachenstraße starb ein 74 und 69 Jahre altes Ehepaar, ein 43jähriger Mann 3 Wochen später an seinen Verletzungen. Ein Pferd wurde zerrissen, 31 Kühe und 6 Schweine getötet. Dieser Angriff forderte 15 Menschenleben, davon waren 2 Kinder, 8 Frauen und 5 Männer. Die Leichen wurden auf dem Gehweg der heutigen Alleenstraße abgelegt und von einem 15jäh­ rigen Gymnasiast bewacht. Ein fehlender Frauenkopf wurde erst in der Nacht gefun­ den. Am 22. Februar 1945 erlebte die Stadt den 4. Luftangriff der US-Air Force. Es waren 25 viermotorige Bomber – sogenannte Flie­ gende Festungen – der 390. Bombergruppe mit ihrem 259. in England gestarteten Ein- 69

satz. Sie sollen 90 Tonnen Sprengbomben lärm vorbei war, rannte ich gleich auf die auf das Gebiet südlich des Bahnhofes und Straße und sah die Zerstörungen ab der Wirt- schaft „Deutsches Haus“. In der Lamm- auf den Neckarstadtteil zwischen Neckar-/ straße war das Haus Nr. 2 nurnoch ein Trüm- Reutestraße und Lamm-/Olgastraße abge- worfen haben. Luftbildaufnahmen der Stadt merhaufen, das Haus Nr. 10 war gar nicht mit angezeichneten Fabrikstandorten wur- mehr da, nur ein riesiger Bombentrichter, der wochenlang mit Trümmerschutt aufge- den schon am 23. April 1944 gemacht. De- füllt wurde. Auf dem Zimmerplatz des Zim- tajlangaben dazu kamen aus der Schweiz. Von den Zielobjekten wurde keines getrof- mergeschäfts Jäckle in der Werastraße war ein „Splitterschutzgraben“ in die Erde ge- fen, hauptsächlich aber das Arbeiterviertel baut worden, verkleidet mit Holzdielen und am „Necker“. Dieser Stadtteil hatte nur wenige Luftschutzräume. Die Bevölkerung überdeckt mit Balken, Blechtafeln und Aus- rannte hoch in den Reutewald oder saß in hubboden. Dort haben 22 Menschen Schutz den Kellern der kleinen, meist l 112stöckjgen gesucht. 6 schwere Bomben fielen auf den Fachwerkhäuschen. Deshalb gab es auch so kleinen Platz, zerquetschten oder zerrissen 21 davon; es waren 8 fünder, 11 Frauen und 2 viele Tote. Ich selbst war Zeitzeuge und zu Hause in Männer. Kaum zu glauben, daß eine Frau der Werastraße 44 im Keller. Wir hörten das schwer verletzt davon kam, doch hatte sie fürchterliche Pfeifen und Dröhnen der her- den Mann und ihre 3 Kjnder verloren-auch abstürzenden und explodjerenden Bomben, ihren Lebensmut! Im Sumpf eines Bomben- trichters fand ich zerrissene Körperteile eines spürten den Luftdruck der Explosionen. Das ganze Haus schien zu wackeln. Zu unserem Mannes. Auf einer herumliegenden T üre haben wir den Leichnam zusammengesetzt, Glück fiel die letzte Bombe etwa 100 m von damit auch alle Körperteile gefunden wur- uns entfernt. Als der Bomben- und Bomber- Bahnhojgelände nach einem Lufiangrijf, 22. 2. 1945 70

1yp eines Flugzeuges, mit dem die Bombenangriffe geflogen wurden (heute im Museum in Tucson/ Arizona) Schrifttafel mit den Namen der Einsätze und der bombardierten Städte tstH COIV MAR SYN AIRF 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 8 0 0 0 ,- – 250 251 252 253 254 255 258 257 258 259 280 281 282 283 284 285 288 287 2ea 289 ·– WESEL, GA BERLIN, GA CHEMNITZ, GA WEIMAR-EISENACH, GA CHEB,CZEC COTTBUS, GA FAANKFUAT,GA OSNABAUCK,GA NUANBEAG, GA SCHWENNI NGEN, GA TAEUCHTLI NGEN, GA WESEL, GA BEALIN,GA LEIPZIG , GA KASSEL,GR ULM,GA DRESDEN, GA BAUNSW ICK, GA DATTELN, GR LANGENDREER, GR 1 FEB ’45 3 FEB ’45 6 FEB ’45 9 FEB ’45 14 FEB ’45 15 FEB ’45 17 FEB ’45 19 FEB ’45 20 FEB’45 22 FEB ’45 23 FEB ’45 24 FEB ’45 26 FEB ’45 27 FEB ’45 28 FEB ’45 1 MAR ’45 2 MAR ’45 3 MAR ’45 7 MAR ’45 MAR MAR MAR. MAR MAR MAR BRID RAIL RAIL MAR! �RS MAR Mill SYN1 8 MAR ’45 – ,…UCI 71

Wandtafel mit den bombardierten Städten 72

den. Noch im Augustl945 fand einJunge auf dem Dach der ATEGE-Lagerhalle den Arm einer Frau aus der Neckarstraße. Im Haus neben dem Zimmerplatz waren 12 Personen im Keller. Eine Frau wurde noch vom Haus­ gang aus in den Garten geschleudert, das Gebäude war total zerbombt. Im Keller starb eine schwangere Frau mit 2 kleinen Mäd­ chen, der Hausherr mit Frau und Tochter. Nur deren damals 18jährige Tochter konnte nach vielen Stunden aus den Trümmern lebend geborgen werden – ihre tote Mutter lag auf ihr und hat ihr so wahrscheinlich das Leben gerettet. Zusammen gab es in diesem Haus 11 Tote. Im Haus Kornbindstraße 89 starben die Eltern mit 7 ihrer 9 Kinder samt dem Pflichtjahrmädchen. Die Kinder waren zwischen 14 Monaten und 12 Jahren (Zwei Buben waren als Flakhelfer im Einsatz!). Im Haus Reutestraße 86 starb mit den Eltern die Tochter und deren 2 Mädchen (2 und 5 Jahre alt), die extra aus Friedrichshafen herzogen, weil dort so schwere Angriffe waren. An die­ sem Tag verloren 22 Kinder, 1 jugendliche, 35 Frauen und 17 Männer, zusammen 75 Menschen ihr Leben. Im Reutewald zwischen dem Panorama­ weg und der Straße vom Krematorium zum Kurhaus lagen eine Menge Steine, Mauer­ brocken, Gebälk und verbogene Eisenbahn­ schienen. Vom Malergeschäft STORZ in der Werastraße wurden Farbpulverfasser bis zum Reutehang geschleudert und zerrissen. Die ganze Gegend dort war farbig bestreut. Die Opfer wurden gegen Abend geborgen und auf den Straßen oder Wegen nebenein­ ander gelegt. Fuhrwerke brachten dann rohe Holzkisten vom MAYER und MAUTHE­ Sägewerk. Die Toten wurden dann zum Kre­ matorium gefahren. Erst einige Tage später erfolgte die Bestattung auf einem abgelege­ nen Platz weit hinter dem Krematorium. In langen Gruben wurden die Kisten nebenein­ ander gestellt. Der evangelische Pfarrer Schä­ fer von der Pauluskirche und der katholische Pfarrer Singer hielten die Trauerreden. Noch monatelang waren wir mit den Aufräu­ mungsarbeiten beschäftigt – manche konn- Gedenkstein für die Bumbenopfer auf dem Schwenninger Friedhof ten erst nach einem Jahr wieder in die halb­ wegs hergerichteten Wohnungen einziehen. Reparaturen an beschädigten Häusern wur­ den mit Abbruchmaterial und noch brauch­ baren Ziegeln der ganz zerstörten Häuser durchgeführt. Der Zufall wollte es, daß eine Schwennin­ ger Familie das Museum dieser 390th Bom­ bergruppe in TUCSON/ Ariz. USA besich­ tigte. Durch eine Schrifttafel mit dem Na­ men der Einsätze und der bombardierten Städte auf den Einsatz 259 SCHWENNIN­ GEN GR 22. FEBR. ’45 MARSHALLING YARD (Verschiebebahnhof) aufmerksam geworden, brachten sie einige Fotos und den Museumsprospekt mit. Diese Bombergruppe rühmt sich zu der ,,erfolgreichen primären Mission des Bom­ bardierens“ mit 301 Einsätzen von England aus. Sie wurde auch berühmt durch den Abschuß von Feindflugzeugen. 73

fch habe darauf an das MANAGEMENT 390th MEMORIAL MUSEUM geschrieben – was sie an diesem 22. Februar an Schäden angerichtet hat und daß 75 Menschen, meist Frauen und Kinder, dabei starben. – daß sie den Tod von tausend Zivilisten auf dem Gewi sen haben und die Einsätze als große Erfolge darstellen, obwohl die e als „exakte Chronik des Grauens“ anzusehen sind. (So eine amerikanische Geschichts­ professorin.) daß das Bombardieren der Zivilbevölke­ rung das Ergebnis einer nach der Charta der Vereinten Nationen „kriegsverbreche­ rischen Strategie“ war. daß sie im Unrecht waren, als sie ihre Kräfte gegen Frauen und Kinder wandten. daß aus ethischer, moralischer und christ­ licher Ansicht ihren Tafeln hinzugefügt werden müßte, wieviel Tausende Frauen und Kindern durch ihre Bomben getötet wurden. – daß ich hoffe, daß das christliche Gewis­ sen und der Glaube an einen Herrgott auch den ehemaligen Soldaten der 390th das 5. Gebot zum Bewußtsein bringt. – daß, wenn ich einmal das Museum be­ suche, hoffentljch diese Wandlung erken­ nen werde. Die Gesamtopfer aller Fliegerangriffe auf Schwenningen vom Dezember 1944 bis 20. April 1945 beliefen sich auf 39 Kinder, 10 Jugendliche ab 15 Jahre, 78 Frauen, 66 Männer, zu ammen 193 Tote. Ehre ihrem Gedenken. Karl Benzing Luftkrieg und Bomberabstürze in Obereschach und Niedereschach längst hat in unserer Heimat der von außen kommende Tod für den einzelnen die Methode gewechselt: Da wird eine Tank­ stelle überfallen, der Pächter erstickt am Kne­ bel; ein Gastwirt stirbt, weil er keine Schutz­ gelder zahlt; am Bahnhof hat man einen Drogentoten gefunden – Zeitungsmeldun­ gen unserer Tage, druckenswerte Aktualität. Vor 50 Jahren, 1944: Der Bombenkrieg auf deutsche Städte eskaliert. Allein in den Großstädten sterben Hunderttausende, die Trümmer machen die Straßen unpas ierbar. Es sterben vor allem Frauen, Kinder, Alte. Fa t täglich greifen amerikanische und engli­ sche Bomber an. Insgesamt sind es zehntau­ sende, und sie tragen hunderttausende Ton­ nen Bombenlast. Die Zukunft Deutschlands wird ausgelöscht, so scheint es. Zahlenmäßig unterlegen, greifen bei Tag und Nacht deut­ sche Jagdflugzeuge die feindlichen Bomber­ verbände an, schlagen sich mit technisch überlegenen Geleitschutz-Jägern herum. In ständigen Abnutzungskämpfen überfordert, bleibt die Abschußquote verhältnismäßig gering, wird der Kampf immer aussichtslo­ ser. Dennoch: Auch hier wird gestorben, hüben wie drüben. 50 Jahre danach: Dem jungen Zeitungsredakteur ist die Erinnerung an die Luftkämpfe und den Absturz feind­ licher Bomber vor unserer Haustür keine Zeile mehr wert. Leid von früher scheint wie Schnee von gestern. Für das Kriegsjahr 1944 und rue restlichen Monate bis zum Kriegsende im April 1945, la sen sich auf dem Gebiet des heutigen Schwarzwald-Baar-Kreises mehrere Flug­ zeugabstürze nachweisen, sowohl deutscher Jagdmaschinen als auch feindlicher Bomber. Zwei davon sollen hier Erwähnung finden: In Obereschach ahnte niemand, daß die­ ser winterliche Tag des 15. März 1944 die größte Gefahr für das Dorf bringen würde, eit dem Dreißigjährigen Krieg, als württem­ bergische Truppen zahlreiche Häuser anzün- 74

Obereschach, 15. März 1944: Am späten Abend stürzte eine Maschine dieses viermotorigen Typs, eine britische Lancaster, ab. An Bord hatte sie, neben zahlreichen Brandbomben, eine riesige 8000-lb­ Minenbombe (rd. 3,6 Tonnen), die glücklichenoeise nicht explodierte. (Die Bombe aiif dem Tieflader in der Fotografie ist „nur“ halb so schwer.) Niedereschach, 18. März 1944: Am Nachmittag stürzte ein viermotoriger Bomber Boeing B-17 Flying Fortress (Fliegende Festung) im Gewann Bubenholz ab, nachdem sie kurz zuvor im Luftkampf abge­ schossen worden war. 75

deten. An diesem Tag waren 863 Bomber der Royal Air Force (Großbritannien) zu einem Nachtangriff auf Stuttgart gestartet. Teile des deutschen Nachtjagd-Geschwaders 6 (7. Nachtjagddivision) flogen ihnen mit zwei­ motorigen Jägern, Messerschmitt Bf 110 und Junkers Ju 88, entgegen. Dabei kam es nicht nur über Stuttgart, sondern auch im süd­ badisch-elsäßischen Raum zu Luftkämpfen. Insgesamt wurden 40 feindliche Maschi­ nen abgeschossen. Einer dieser Luftkämpfe ereignete sich in den späten Abendstunden des 15. März unweit Obereschachs und dürfte aus der Erfahrung nur ein paar Minu­ ten gedauert haben, dann stürzte das briti­ sche Flugzeug ab. Es kam von Südosten, aus Richtung Weilersbach, angeflogen und drohte auf das Dorf zu stürzen. Zum Glück für die Bewohner Obereschachs schlug es aber einige hundert Meter vor den ersten Häusern auf dem Gewann „Vordere Halde“, nördlich der Stumpenstraße, auf und zer­ schellte. Die Stelle liegt heute zwischen der Hauskapelle und dem Haldenhof der Fami­ lie Wilhelm Zimmermann. In einer engli­ schen Liste wird der Absturztag mit dem 15. März 1944 angegeben, d. h., die Maschine ist vor Mitternacht, möglicherweise 23.21 Uhr, abgestürzt. In den deutschen Abschuß­ listen erfolgt keine Zuweisung an einen bestimmten Piloten, er bleibt offen, jedoch gibt es signifikante Hinweise auf einen be­ stimmten Namen. Die abgeschossene Ma­ schine der RAF war eine viermotorige Lanca­ ster. Sie verfügte über eine Besatzung von sie­ ben Mann und hatte eine Bewaffnung von zehn Maschinengewehren (7,6 mm). Das Flugzeug gehörte zur 1. Group der 625 Squa­ dron (Staffel) mit Heimatflugplatz Kelstern (Lancaster) in England. Der Pilot war Flight Sergeant (Oberfeldwebel) Frank Grafton Hodgk.ins aus Worcester in England. Beim Aufschlag der Maschine starb er ebenso wie seine Mannschaftskameraden, deren Namen ebenfalls bekannt sind. Der Aufprall im Gelände war so heftig, daß der Schütze im Maschinengewehrturm an der Rumpfober­ seite samt seiner Kanzel herausgeschleudert 76 wurde. Man fand ihn etwa 150 m nördlich der Maschine tot in einem eisernen MG­ Kranz liegen, ein junger Mann mit dunkel gelockten Haaren. Ob allerdings alle sieben Besatzungsmitglieder zu Tode kamen, ist deshalb nicht sicher, weil sich am Tage ein paar hundert Meter südöstlich der Absturz­ stelle ein Fallschirm fand und von wo sich im restlichen Schnee Fußspuren im nahen Wald verloren. Ebenfalls aus der Maschine herausgeschleudert wurden zahlreiche der sechseckigen Stabbrandbomben und klei­ nere Phosphorbomben mit Aufschlagzün­ der. Die ganze Halde brannte, berichtet noch im Jahre 1994 ein Augenzeuge. Der­ selbe berichtet, man sei, als man die Trüm­ mer beseitigte und die verstümmelten Toten barg, auf die riesige Bombe gestoßen, die teil­ weise aus dem Boden schaute. Man habe sie ausgegraben, zur Straße gerollt und dann ab­ transportiert. Sie sei so groß gewesen wie ein kleines Jauchefaß und habe sowohl dessen Durchmesser als auch die runde Form beses­ sen. Dieser Schilderung entsprechend, han­ delte es sich um eine der größten Bomben des britischen Arsenals, nämlich eine 8000-lb­ Minenbombe, das sind umgerechnet rund 3,6 Tonnen. Wäre sie explodiert, würde, trotz der relativ weiten Entfernung vom Dorf, in Folge der Druckwelle, wohl kaum ein Haus ganz heil geblieben sein. – Die Toten beerdigte man zunächst auf dem Dorf­ friedhof Obereschach. Von dort wurden sie am 30. Juli 1948 im Rahmen einer Umbet­ tungsaktion von den Engländern nach Dürnbach (heute Gemeinde Gmund) in Bayern auf deren Kriegsgräberfriedhof über­ führt und in einem Sammelgrab bestattet. Drei Tage später, an einem Samstag, kam es in der Nachbarschaft, nämlich in Nieder­ eschach, erneut zu einem Flugzeugabsturz. Diesmal war es eine viermotorige amerikani­ sche Maschine. Zur Vorgeschichte: Seit 1943 flogen amerikanische Maschinen des Typs Fortress und Liberator fortgesetzte Tagesan­ griffe gegen europäische Ziele. Sie gehörten zur 8. Luftflotte der US-Air-Force. Unter der Bezeichnung 8AF 264 wurden am 18. März

1944 zwei Einheiten für einen Tagangriff nach Bayern in Marsch gesetzt. Beim ersten Verband, lBD, wurden 290 Maschinen abge­ fertigt, davon erschienen über den Zielgebie­ ten 284 Flugzeuge. Sie warfen ihre Bomben auf Oberpfaffenhofen, Lechfeld, Landsberg und Memmingen. Bei der zweiten Abtei­ lung, 3BD, wurden 221 Maschinen abgefer­ tigt, davon erschienen über dem Ziel 196 Bomber. Hier galt der Hauptschlag der Stadt München, weitere Ziele waren Oberpfaf­ fenhofen und Lechfeld. Von diesem Einsatz melden die Amerikaner 8 + 7 = 15 Flugzeuge als vermißt. Bei den Maschinen handelte es sich um den modernsten Bautyp der Boeing Aircraft Company, B-17G Flying Fortress. Man nannte sie also „Fliegende Festung“. Die Besatzung betrug zehn Mann, größte Reichweite knapp 3 000 km, Bewaffnung: 13 Maschinengewehre Kaliber 12,7 mm, Bom­ benzuladung bis zu 7850 kg. Die Verbände flogen geschlossen zurück auf Heimatkurs nach Westen und erreichten gegen 15 Uhr die Gegend um Rottweil. Hier entspann sich ein Luftkampf, der von Rottweil, von Ober­ eschach, von Fischbach und von Nieder­ eschach aus beobachtet wurde. Die rund 465 amerikanischen Bomber flogen in großer Höhe, hintereinander gegliedert in Staffeln oder Gruppen. Zwischen ihnen kurvten die metallicglänzenden angreifenden deutschen Jagdflugzeuge wie Winzlinge; knatternde Schüsse waren zu hören. Plötzlich seien, so berichten die Augenzeugen, am wolkenlos blauen Himmel vier, fünf weiße Punkte auf­ getaucht, die, größer werdend, sich sehr schnell als die Fallschirme abgesprungener Besatzungsmitglieder herausstellten. Die Soldaten seien in Gefangenschaft gekom­ men. Dem Berichterstatter selbst stellt sich der Vorgang wie folgt dar: Er befand sich gegen 15 Uhr in Villingen auf freiem Wiesen­ gelände beim heutigen Ifangle. Dröhnend zogen von Nordost nach Südwest vor dem hellen Firmament die Bomber vorüber. Plötzlich scherte, scheinbar unmotiviert, eines der viermotorigen Flugzeuge aus seiner Gruppe aus. In einer steilen Spirale ging die Maschine im Sturzflug nieder. Kurz darauf stieg am nördlichen Horizont eine schwarze Rauchsäule senkrecht in die Luft. Wie unbe­ rührt von dem Ereignis zogen indessen die übrigen Bombenflugzeuge ihre Bahn. An der südlichen Seite der Landstraße, im Tal des Fischbachs zwischen Niedereschach und dem Dorf Fischbach, steht der Hof Vogelsang. Dort stand an jenem klaren Nachmittag des 18. März 1944 die dreizehn­ jährige Eisa Dörflinger vor ihrem Elternhaus. Plötzlich donnerte aus Richtung Fischbach ein gewaltiges Flugzeug heran, so nieder, daß das Mädchen vor Schreck glaubte, dieses stürze gegenüber in die Obstbäume. Sie erzählte, sie habe auch das helle Knattern von Schüssen gehört, die aus dem Flugzeug abgegeben wurden. Noch einmal habe das Flugzeug einen Hupfer getan, da sei es auch schon heruntergefallen. Es gab einen riesi­ gen Feuerball, und danach habe einige hun­ dert Meter schräg gegenüber am Fuße des Gewanns Bubenholz im Wald alles ge­ brannt. Die Erinnerung an den Schrecken jagt ihr noch heute eine Gänsehaut über die Glieder. Die Maschine plumpste förmlich, wie Untersuchungen vor Ort bestätigten, in den Wald gegenüber dem Bubenholzhof. Die sich noch im Flugzeug befindlichen Besatzungsmitglieder wurden teilweise her­ ausgeschleudert und starben. Eine lokale Qielle berichtet, die zerfetzten Leichen seien von französischen Kriegsgefangenen eingesammelt und in Kisten gegeben wor­ den. Aus neun an der Absturzstelle gefunde­ nen Füßen schloß man, daß noch fünfBesat­ zungsmitglieder (von zehn) an Bord gewesen seien. ,,Totengräber Andreas Mauch bestat­ tete die zwei Kisten auf dem Friedhof, wo sie bald nach Kriegsende von einem amerikani­ schen Suchkommando abgeholt wurden.“ Einern makabren Detail ist zu entnehmen, daß ein sowjetischer Kriegsgefangener aus der Ukraine, der im Arbeitseinsatz auf dem Bubenholzhof bei Familie Schuler tätig war, sich als Leichenfledderer betätigte. Er sei als einer der ersten an der Absturzstelle gewesen und habe dort Toten Geld in schweizerWäh- 77

rung und ein paar Handschuhe abgenom­ men; auch von einem verschwundenen Ring ist hier die Rede. Dazu bemerkt Eisa Dörflin­ ger, heute verheiratete Müller, sie sei später in der Nähe der Absturzstelle gewesen. Dort sei noch ein toter Mann aus dem Flugzeug gelegen. Sie erinnert sich an seinen Unter­ arm und die Hand, wo an einem Finger ein goldener Ring mit einem blauen Stein steckte. Am andern Tag habe der Finger samt Ring gefehlt. Er sei von einem, möglicher­ weise polnischen, Zwangsarbeiter auf dem Bubenholzhof abgeschnitten worden. Die Polizei habe ihn dann in einer Futterkrippe gefunden. Der Arbeiter sei hingerichtet wor­ den, vermutlich gehängt. Erst unmittelbar vor der Drucklegung die­ ses Artikels erhielten wir von Chr. G. Sturm aus Portland, USA, einen schwierig zu be­ schaffenden und von ihm ausgewerteten Bericht der sogenannten MACRs (Missing Aircrew Reports = Vermißtenmeldungen), hier Nr. 3419, aus den National Archives in Washington. Nach dieser Verlustliste der Amerikaner können wir folgendes rekonstru­ ieren: Es handelte sich bei dem abgestürzten Flugzeug um den modernsten Bautyp einer Boeing Fortress, B-17G. Die Maschine gehörte zur 94th Bomb Group (94. Bomber-Gruppe), 333rd Squa­ dron (333. Staffel) und trug die laufende Nummer 42-31159. Sie gehörte zu denen, die die Stadt München angegriffen hatten. Die amerikanischen Zeugen berichten, sie seien 60 Meilen (rd. 100 km) westlich von Mün­ chen von sechs bis sieben feindlichen Flug­ zeugen angegriffen worden. Die betreffende Maschine ist zuletzt gesehen worden mit Kurs 180 Grad, das heißt demnach senkrech­ ter Absturz. Zuvor müssen sich in der Maschine dramatische Minuten ereignet haben. Feldwebel FrankJurach, der Maschi­ nengewehrschütze im Heck, meldete über die Bordsprechanlage die anfliegenden Jagd­ maschinen. Diese griffen von hinten an, und die Geschosse schlugen hauptsächlich im Heckteil der Fortress ein. Einer meinte, Jurach sei sofort getroffen worden. Zum Zeit- 78 punkt des ersten Angriffs rief der Kanzel­ schütze links, Feldwebel Joseph Link, ver­ zweifelt über die Sprechanlage: ,,Mein Gott! Ausgerechnet jetzt klemmen die Heckge­ wehre!“ Er war direkt dem Angriff ausgesetzt. Feldwebel Charles Hagermann, Schütze Mitte rechts, war von einem Geschoß in den Magen getroffen worden, und man glaubte, er sei wohl tot gewesen, als das Flugzeug aufgege­ ben wurde. Mit ihm starben spätestens beim Absturz auch Jurach und Link. Ein Überle­ bender berichtet: ,,Das Heckteil der Maschi­ ne war ganz zerschossen. Es sah aus wie in zwei Hälften geschnitten.“ In den letzten fünf Minuten fiel die Bordsprechanlage aus. Alle Kontakte waren damit abgebrochen. Es galt nur noch abzuspringen oder zu sterben. Chr.G.Sturm warnt: Die meisten MACRs sind sehr lückenhaft. Auch in unserem Bericht lassen sich Unklarheiten oder ver­ meintliche Widersprüche nicht ganz vermei­ den. Wenn möglich, verwenden die Ameri­ kaner auch deutsche Mitteilungen, vor allem über den Absturzort und die Zeit. Deshalb steht auch hier: 1535 Niedereschach. Und weiter lautet eine Textpassage der MACRs: Bericht KU (aus Deutschland) 1500, Nieder­ eschach, 10 km NW Villingen, DS4, Boeing Fortress, Beschädigung 100 %, explodierte in der Luft, 5 Tote, 5 Gefangene, Kennzeichen: nicht erkennbar, Werknummer: 5328 R, abgeschossen von Jäger. Weitere Einzelhei­ ten aus MACR 3419 erfahren wir über die Besatzung, soweit sie nach dem Absprung mit Sicherheit in deutsche Gefangenschaft kam: Pilot Copilot Navigator Radio Op. (Funker) Left Waist Gunner 2/Lt. Ronald W. Croft 2/Lt. Lester D. Krapf 2/Lt. Glenn E. Likewise S/Sgt. Russe! W. Maizahn (Schußverletzung Beine) Sgt. John R. Harris (leicht verwundet) Anscheinend gehörte auch Leutnant James A. Parker, der Bombenschütze, zu de­ nen, die sich mit dem Fallschirm retten konnten und der bei Mönchweiler gefangen wurde.

(Ein 2/Lt. ist ein Second Lieutenant, bei unserer Luftwaffe ein Leutnant, ein Lieuten­ ant wäre ein Oberleutnant. Sgt. =Sergeant= Feldwebel, der Left Waist Gunner ist der aus dem Mittelteil der Maschine, zwischen Trag­ fläche und Höhenruder, auf der linken Seite [ siehe Foto] mit dem Maschinengewehr her­ ausschoß.) Die abgesprungenen und gefangengenom­ menen Flieger wurden in Stalag Vb, dem · Kriegsgefangenenlager in Villingen, eingelie­ fert. Die Verwundeten, Maizahn und Harris, wurden in den Krankenhäusern in Villingen bzw. in Freiburg behandelt. Der Navigator Likewise bezeichnete die Absturzstelle nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft ziemlich genau mit „3 Mei­ len von Fischbach“ und glaubte allerdings, das gehöre zu Bayern. Es bliebe noch der Hinweis auf den deut­ schen Jagdflieger, dem der Abschuß dieser ,,Fliegenden Festung“ zugesprochen wurde. Hans Ring teilt für den 18. März 1944 mit: 15.35 Uhr, Leutnant Koch, 8./JG 3, B-17, 10 km westlich Rottweil. Somit kann es sich bei dem Abschuß nur um diese Maschine handeln. Hans Ring ergänzt, bei dem obigen Lt. Koch handle es sich um den später zum Hauptmann beförderten Raimund Koch, der, ausgezeichnet mit dem Deutschen Kreuz in Gold, im selben Jahr am 2. 11. 1944 nach 26 Abschüssen gefallen sei. Mit dieser Bemerkung endet der Bericht aus einer Zeit, in der immer wieder der Tod am Ende eines Ereignisses steht, das die Zeit­ genossen bewegte. Den Nachgekommenen zur Besinnung. Werner Huger Qu e l l e n : Obereschach: Bomberzahl: Alfred Price, Bildbuch d. dt. Luftwaffe 1933-1945, 1969 Ian Allan, S. 63; Angriffstag: Price a. a. 0. sowie Commonwealth War Graves Com­ mission, GB Maidenhead, Berkshire SL6 7DX; deutscher Jagdeinsatz u. Zahl d. Abschüsse: schriftl. Mittig.· Hans Ring, Übersee (Bayern), lt. Militärgeschichtl. Forschungsamt Freiburg der beste Kenner in Deutschland, Hinweise auch bei Price a. a. O.; Flugzeugart und Bombe: H. Ring a. a. 0., Manfred Hettich, VS-Villingen, Herdstr. u. a.; Augenschein der abgestürz­ ten Maschine: Verfasser sowie Haldenhof­ bauer, s. unten, Wilhelm Zimmermann, letzterer beschreibt als Augenzeuge die 3,6-t-Bombe und Flächenbrand; toter Flugzeugführer: Brief v. 4. 3. 1994 C. W. G. Commission, s. oben, sowie M. Het­ tich a. a. 0., letzterer besitzt die übrigen Daten über die anderen Toten; Literatur: Kenneth Munson, Die Weltkrieg-II-Flug­ zeuge, Motorbuch Verlag Stuttart, 18. Aufl., 1993, S. 45 u. 47, sowieA. Price a. a. 0. Niedereschach: Angriffsdaten u. Verluste: Roger A. Freeman „Mighty Eighth War Diary“, Jane’s, London, New York, Syd­ ney, 18 March 1944, mitgeteilt v. Chr. G. Sturm, USA, Portland; auch: Department of the Air Force, AF Historical Research Agency, USA, Maxwell, Alabama; Luft­ kampf und, teilweise, Fallschirmab­ sprünge: Augenzeugen, Rottweil: Landrat Dr. R. Gutknecht, Fischbach: Walter Müller, Fischbach, Römerweg 2, Eisa Dörflinger, Vogelsanghof, Ehefrau des W. Müller a. a. 0., Wilhelm Zimmermann, Haldenhofbauer, VS-Obereschach, Be­ fragung 1994; Absturzzeugen: Verfasser sowie Eisa Dörflinger-Müller a. a. 0., Lokalquelle: Beiträge zur Geschichte d. Gde. Niedereschach, Bd. 1, 1986, Dieter Mink, S. 313; Abschuß durch Lt. Koch: briefl. Mitteilung Hans Ring a. a. 0., 27. 12. 93; Literatur K. Munson, Weltkrieg-II­ Flugzeuge, a. a. 0., S. 25 ff u. S. 52 ff., sowie Price a. a. 0., S. 57 ff. 79

Persönlichkeiten der Heimat Der Finanzwissenschaftler Prof. Dr. Heinz Haller 80 Jahre alt Ein bedeutender Sohn Schwenningens .Am 19. Nlärz 1914 ist Heinz Haller in Schwenningen auf die Welt gekommen. In seinen liebenswürdi­ gen Lebenserinnerun­ gen „Selten vom Glück verlassen“ (1992, Carl­ Winter-U niversitäts­ verlag, Heidelberg) be­ schreibt er seine „träu­ merische Kindheit“ in Schwenningen. Köst­ lich zu lesen, wie er etwa auf dem nachbar­ lichen Bauernhof mit­ arbeitete, vor allem auch beim Vespern, wie er, zum ersten Nlal als Kind in der Großstadt Stuttgart, mit seinem Alemannisch auffiel, und wie er das Glück hatte, in einer Klasse mit 71 (!) chülern einen besonders stren­ gen, aber gerechten Lehrer zu bekommen, der ihn mit Tatzen und Hosenspannern zum Klassenprimus brachte. Wieder einmal ein Be­ weis, daß es nicht gesagt ist, daß aus einem guten Schüler nichts Rechtes werden könne. Aus dem Schwenninger Büble Heinz Hal­ ler wurde einer der bedeutendsten Finanz­ wissenschaftler Deutschlands. Der Tübinger Student der Volkswirtschaft geriet, nachdem er den Krieg von 1939 bis 1945 als Soldat voll hatte miterleiden müssen und einige Praxis­ erfahrungen als Wirtschaftsprüfer hinter sich gebracht hatte, zum Wissenschaftler mit 80 Lehraufträgen in Tübingen, Freiburg und Hamburg. 1954 wurde er an der Universität Kiel zum Ordinarius ernannt. Später wirkte er in Heidelberg, und 1967 erhielt er den besonders ehrenvollen Ruf an die Univer­ sität Zürich. Unzählige Veröffentlichungen über volkswirtschaftliche und finanzwissen­ schaftliche Fragen stammen aus seiner Feder. Zahlreich sind auch die Ehrungen und Wür­ digungen, die er erfahren hat. Ohne daß ich ihn persönlich kannte, wurde Prof. Haller zu einem meiner Lehrer.

Als Bonner Volksvertreter merkte ich nach 1965 bald, daß in den Gremien allzu viel ge­ redet wurde und es dabei häufig an Ge­ nauem, Realem, Rationalem fehlte. Dies war mit ein Grund, weshalb ich mich verstärkt der Finanzpolitik zuwandte. Zwei klassische Standardlehrbücher, beide von Prof. Haller, das eine „Die Steuern“, das andere „Finanz­ politik“, studierte ich systematisch wie in einem zweiten Studium. Ich verdanke es mit Prof. Haller, daß in meiner politischen Praxis der Hunger nach dem Präzisen und der Klar­ heit ebenso stark war wie die Abscheu vor dem Wolkigen und den großen Weltverbes­ serungsplänen. Das hohe Ansehen von Prof. Haller im Sinne eines rationalen Steuersystems und einer vernunftgeleiteten Finanzpolitik ver­ anlaßte den damaligen Bundesfinanzmini­ ster Alex Möller, ihn 1970 zum Staatssekretär für die Vorbereitung der geplanten „Großen Steuerreform“ zu berufen. Dabei lernte ich, damals als Abgeordneter der Opposition, Prof. Haller zum ersten Mal persönlich ken­ nen. Ich erinnere mich an ein Gespräch, das wir auf dem gemeinsamen Freitagsheimflug von Bonn nach Zürich führten. Nicht nur pflichtgemäß als Oppositionsabgeordneter, äußerte ich meine Zweifel über das Gelingen der „Großen Steuerreform“. Es war für mich eine Genugtuung, daß der seriöse Professor, bei aller Loyalität zu seiner Regierung, nicht gerade eine alle Einwände entwaffnende Zuversicht über das Vorhaben ausstrahlte. Entsprechend lief dann auch die Geschichte. 1972 gab Prof. Haller nach dem Rücktritt von Minister Möller den Bonner Auftrag zurück, um sich wieder voll seiner wissenschaft­ lichen Arbeit in Zürich zu widmen. Am 19. März 1994 konnte Prof. Haller an seinem Wohnsitz in Zürich seinen 80. Geburtstag feiern, in bester Verfassung und voller Dankbarkeit für sein Leben, aber ebenso willens, auch künftig seinen Rat in wissenschaftlichen Gremien einzubringen, etwa im Wissenschaftlichen Beirat des Bun­ desfinanzministeriums und in dem des Bun­ deswirtschaftsministeriums. Prof. Haller kann auch heute noch mit Stolz nach Bonn blicken, denn sein Sohn ist inzwischen auf der Beamtenleiter bis zum Staatssekretär beim Bundesfinanzministe­ rium aufgestiegen. Wie nicht selten bei innerlich reichen Per­ sönlichkeiten fällt bei Prof. Haller auf, daß er keineswegs nur der nüchterne, gar kalte Den­ ker und Wissenschaftler ist. Schon vom Erscheinungsbild her ist erkennbar, daß er eine künstlerische Ader mit zartem Empfin­ den hat, musikalisch und malerisch. Offen­ bar hat er diese Begabung von seinem Vater geerbt, der Opernsänger war. Die große wis­ senschaftliche Leistung kann man als Kon­ trapunkt zu der künstlerischen Seite der eige­ nen Persönlichkeit sehen, als Frucht des Sich-selbst-Einfügens in die Disziplin der Ratio. Wer ihn kennt, wünscht Prof. Heinz Haller auch für die Zeit nach seinem 80. Lebensjahr, daß er mit seiner Familie ,,Selten vom Glück verlassen“ sein möge. Staatssekretär a. D. Dr. Hansjörg Häfele Der Kirchturm Der Kirchturm in den Himmel ragt, die Kirche ist nicht zu sehn. Ein Wald von Birken, der ihr ganz nah, umhüllt sie grün und schön. Doch die Spitze, die in die Lüfte steigt, blinkt traumhaft im Sonnenlicht. Ein einfacher Turm, den Weg er weist, wo der Ort zum Beten ist. Halt an, oh Wandrer im Erdenrund, zur Einkehr in meinem Haus. Hier wird bestimmt deine Seele gesund, tritt ein und ruhe dich aus. Margot Opp 81

Generalleutnant Helmut Willmann Noch heute mit Bräunlingen verbunden Als Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl und der französische Staats­ Frani;:ois präsident Mitterrand am 14. Oktober 1991 die Idee des Eurokorps der Öf­ fentlichkeit vorstellten, konnte noch niemand ahnen, daß nur knapp drei Jahre später ein Alemanne und gebür­ tiger Konstanzer an der Spitze dieses Euro­ korps am 14. Juli 1994 in Pari paradieren würde: Generalleut­ nant Helmut Will­ mann. Am 10. 3. 1940 in Konstanz geboren, schloß Helmut Will­ mann seinen ersten Lebensabschnitt mit dem Abitur 1959 am humanistischen Gym­ nasium in Donau­ eschingen ab. Fest ver­ wurzelt in seiner ale­ mannischen Heimat, wohnhaft in Bräun­ lingen, wo noch heute seine Eltern leben, trat der 19jährige ins Pan­ zergrenadierbataillon 292 im heimatlichen Immendingen in den Dienst der Bundeswehr als Offiziersanwärter em. Nach der Offiziersausbildung in Ham­ burg und Munsterlager führte die erste mili­ tärische Verantwortung den jungen Leut­ nant nach Wetzlar. Dort blieb er zehn Jahre in verschiedenen Verwendungen und fiel als Kompaniechef durch sein taktisches Kön- 82 nen und seinen Weitblick für operative Zusammenhänge auf. Folgerichtig war die Auswahl für die Generalstabsausbildung in Hamburg, die Anerkennung der Führerqua­ litäten des Hauptmann Willmann. Nach brillantem Abschluß an der Füh­ rungsakademie in Hamburg wurde der Ma­ jor im Generalstabsdienst als Referent in den Führungsstab des deutschen Heeres nach

152 Nach einer zweijäh­ rigen Kommandeur­ zeit beim Panzergrena­ dierbataillon in Westerburg und da­ nach als Referatsleiter für Operationsführung und Planw1g beim Führungsstab des Hee­ res wurde der Oberst Willmann Komman­ deur der Panzergrena­ dierbrigade 5 in Hom­ berg. Dies war ein erster großer Höhepunkt als Truppenführer. Will­ mann stand für konse­ quente, der damaligen Bedrohung angepaß­ ten Härte und for­ dernde Ausbildung sei­ ner Soldaten und für ideenreiche Operati­ onsführung in den viel­ fältigen Manövern mit Alliierten. 1988-1990 führte Helmut Will­ mann dann als Brigade­ general die Stabsabtei­ lung Organisation beim Führungsstab des Heeres. Von 1990 bis 1993 Kommandeur der 7. westfälischen Panzergrenadierdivision Unna, oblag dem zum Generalmajor beförderten die Umgliederung seiner Division und die Vorbereitung auf die neuen Bedingungen operativer Führung. In dieser Zeit gründete Generalmajor Willmann zwei bedeutsame Patenschaften: Mit der Industriegewerk­ schaft Bergbau Erden, die zu einem engen Verhältnis zwischen den Soldaten der 7. Panzerdivision und der Bevölkerung im Ruhrgebiet führte, und – von internationa­ ler Bedeutung – seine Patenschaft zur berühmten 2. Panzerdivision „Leclerc“ in Versailles. 83 Bei der Parade am 14.Juli 1994 in Paris Bonn berufen. An verantwortlicher Stelle war er für die langfristige Planung des Heeres zuständig, eine Fähigkeit, die ebenso wie seine nächste Verwendung, seine Karriere beeinflussen sollte: Von 1976 bis 1979 war der Oberstleutnant i. G. nämlich für die Ver­ teidigungsplanung beim Nato-Korps „Land­ jut“ in Rendsburg zuständig. Sein Planungs- und Organisationsvermö­ gen sowie sein operatives Geschick wurden nicht nur von der Führungsspitze der Bun­ deswehr erkannt und anerkannt, sondern auch die Alliierten schätzten seine Fähigkei­ ten und seinen Durchsetzungswillen.

1993 zum Chef des Stabes der Heeres­ gruppe Nord in Mönchengladbach ernannt, löste Generalmajor Willmann diesen Stab auf und wurde zum ersten Kommandeur des Eurokorps in Strasbourg bestimmt, um die­ ses Korps aufzubauen. Am 1. Oktober 1993 wurde Helmut Willmann zum Generalleut­ nant befördert. Seine reichhaltige Erfahrung in Planung und Organisation von Streitkräften, seine Menschenkenntnis und sein Gespür für die Anliegen seiner Soldaten, seine französi­ schen Sprachkenntnisse sowie die enge Ver­ bundenheit zu den französischen und belgi­ schen Streitkräften erleichtern Generalleut­ nant Willmann diese einmalige Aufgabe. Das Eurokorps wird unter seiner Führung zum außen- und sicherheit politischen In­ strument der Europäischen Union reifen und gleichzeitig für die Nato eine wichtige Komponente im Krisenmanagement und der Verteidigung sein. Das Korps mit seinen 50.000 Soldaten aus Frankreich, Belgien, Spanien, Luxemburg und Deutschland wird am 1. 10. 1995 seine Aufgaben voll überneh­ men können. Generalleutnant Willmann wird mit sei­ ner Aufbauarbeit einen bedeutsamen Platz in der neuen europäischen Militärgeschichte haben. Hartmut Bühl Oberst i. G. (im Generalstab) Dr. med. Peter Graf zu Dohna Der langjährige Chefarzt der Medizinischen Klinik Schwenningen ist in den Ruhestand getreten Am 30. 11. 1992 ist Dr. Peter Graf zu Dohna, Chefarzt der Medizinischen Kli­ nik Schwenningen des Klinikums der Stadt Villingen-Schwenningen in den Ruhestand getreten. Damit ist eine der, wenn nicht gar die prägende Persönlichkeit aus dem Kli­ nikum ausgeschieden. Die anläßlich des Ausscheidens von verdienten Mitarbeitern gern gebrauchte Floskel von der hinterlasse­ nen, schwer zu schließenden Lücke ist, auch nach den seither vergangenen eineinhalb Jahren, ebenso unbezweifelbar zutreffend wie schon „am Tage danach“: Er wird hier vermißt, im folgenden soll der Versuch einer Erklärung hierfür unternommen werden. 1927 in Ostpreußen, nahe Königsberg ge­ boren, ist er Sproß einer weitverzweigten Fa­ milie, die im 13. Jahrhundert mit dem Deut­ schen Orden nach Osten gekommen war und durch die Jahrhunderte hindurch in ganz außerordentlichem Maße die Ge­ schicke O tpreußens und damit auch Preu­ ßens mitgestaltet hat. Nicht grundlos, so läßt sich vermuten, trägt eine der beiden auch 84 heute noch (als letzte Reste überhaupt) erhal­ tenen Bastionen des Königsberger Schlosses den Namen der „Dohna“. Nach Schuljahren in Königsberg und Templin (Uckermark) wird Graf zu Dohna zum 1. 1. 1945, gerade 17 Jahre alt geworden, zum Militärdienst eingezogen, am 29. 4. 1945 gerät er – verwundet – in russische Kriegsgefangenschaft, aus der er glücklicher­ weise bereits Ende 1945 entlassen wird. 1948 legt er das Abitur in Bremen ab, stu­ diert von 1949 bis 1954 in Heidelberg Medi­ zin und tritt, inzwischen verheiratet, am 1. 5. 1955 als Medizinalassistent in das Städt. Kli­ nikum Mannheim ein. Nach Ableistung der vorgeschriebenen Pflichtzeiten in verschie­ denen Fächern wird er Assistenzarzt der dor­ tigen 2. Med. Klinik und bereits 1962 zum Oberarzt ernannt. Im Sommer 1966 erfolgt die öffentliche Ausschreibung der Stelle des Chefarztes der Inneren Abteilung des Städt. Krankenhauses chwenningen a. N. (Nachfolge Dr. Wilhelm), unter 39 Bewerbern wählt der Gemeinderat

Gallendiagnostik) oder die vom rosafarbe­ nen Privatbad (nicht des Chefarztes) auf einer Krankenstation muß man von ihm selbst gehört haben, um Zugang zu den Ver­ hältnissen hinter der Geschichte zu gewin­ nen. Die Innere Medizin jener Jahre befand sich im Umbruch. Eine explosionsartige Ver­ mehrung des Fachwissens, zahllose, auch durch die wirtschaftliche Prosperität begün­ stigte technische Innovationen und pharma­ zeutische Neuentwicklungen führten zu völ­ lig neuen diagnostischen und therapeuti­ schen Möglichkeiten, die Spezialisierung innerhalb der Inneren Medizin nahm ihren Anfang. Die allermeisten der neuen Verfah­ ren mußten in Schwenningen etabliert wer­ den: alle endoskopischen Verfahren (,,Spie­ gelung“), die invasive Herz- und Kreislauf­ diagnostik, Ultraschall, internistische lnten­ sivmedizin, um nur einige Gebiete beispiel­ haft herauszugreifen und immer war es Dr. Graf zu Dohna, der die Entwicklung voran­ trieb. Dabei verlor er für nicht einen Moment die Einheit seines Fachgebietes und die dar­ aus abgeleitete zentrale Stellung innerhalb der gesamten Medizin aus dem Auge: Er be­ handelte erkrankte Menschen und nicht er­ krankte Organe und verlangte folgerichtig von sich und seinen Mitarbeitern ebenso breite wie tiefe Kenntnisse der gesamten In­ neren Medizin weit über das schließlich be­ vorzugte, aber eben nicht ausschließlich ge­ pflegte Spezialgebiet der Gastro-Enterologie hinaus. Bis zu seinem letzten klinischen Arbeits­ tag war die tägliche Visite, der Besuch am Krankenbett mit der direkten Patienten­ Arzt-Begegnung der Kern seines ärztlichen Tuns; unzählige Male wiederholte er einen Krankenbesuch nach der großen Visite, da ihm die Beklemmung auf seiten des Patien­ ten angesichts gleich mehrerer Ärzte nur zu vertraut war und er spürte, daß der Patient wesentliche Dinge nicht über die Lippen gebracht hatte. Alle Technik, so sehr er sie begrüßte und zu nutzen verstand, war nie- 85 Dr. Graf zu Dohna mit überwältigender Mehrheit. Das zur Bewerbung vorgelegte Zeugnis seines damaligen Chefs hebt zwei Dinge her­ vor: ein aus heutiger Sicht ungewöhnlich breites fachliches Spektrum mit speziellen Kenntnissen sowohl der Herz-Kreislaufer­ krankungen als auch der Organe des Magen­ Darm-Traktes (er zählt zu den Pionieren der invasiv-internistischen Diagnostik von Le­ ber und Nieren) und zum zweiten die „natür­ liche Autorität, die Könnerschaft und Inte­ grität zusammen zu verleihen pflegt.“ Dieser Aussage muß man aus heutiger Sicht, 28 Jahre später, nun beipflichten. Über seinen Dienstantritt in Schwennin­ gen hat er oft und in großer Heiterkeit erzählt, fanden sich doch reichlich Relikte längst vergangen geglaubter Zeiten und das nicht etwa in einem altehrwürdigen Kran­ kenhaus aus den 20er Jahren, wie es seiner­ zeit vielerorts noch Standard war, sondern in einem modernen Neubau. Die Geschichte vom Kühlschrank mit dem Eier-Hort (für die

mals Selbstzweck sondern Mittel zum Zweck: Erkennung von Krankheit, Behand­ lung erkrankter Menschen. Kaum in Schwenningen etabliert und sich heimisch fühlend kam im Rahmen der baden-württembergischen Gebietsreform die Städtefusion und damit die funktionelle Ver­ einigung der beiden Städtischen Kranken­ häuser Schwenningen und Villingen in Sicht, die zum 1. 1. 1972 auch vollzogen wur­ den. Daß diese vieldiskutierte Städteehe auf dem Sektor Krankenhaus ein doch wohl durchschlagender Erfolg wurde, hat etliche Gründe, einer davon heißt Dr. Graf zu Dohna. Die Voraussetzungen, unter denen die Zusammenführung und gleichzeitig Neustruk­ turierung der Krankenhäuser erfolgen mußte, waren höchst diffizil: Beide Krankenhäuser waren bis dahin direkte Konkurrenten, hat­ ten ein fast identisches Fachspektrum (Vil­ lingen zusätzlich die Kinderklinik, Schwen­ ningen ein Institut für Pathologie), die Ver­ bindung untereinander bestand allenfalls in einem gegenseitig akzeptierten Nicht-Ver­ hältnis, was durchaus der Grundeinstellung vieler, vor allem alteingesessener Einwohner entsprach. In dieser Situation schien es zumindest einfacher zu sein, sich auf sein Haus, seine Abteilung zu beschränken, andere tätig wer­ den zu lassen, und die Auswirkungen der Fusion eher passiv hinzunehmen. Es ver­ wundert nicht, daß Dr. Graf zu Dohna sol­ che Verhaltensweisen völlig fern lagen, er­ kannte er doch sehr frühzeitig die großen Chancen, die in der Krankenhausfusion la­ gen, beispielsweise die dann auch erfolgte Zuerkennung einer höheren Leistungsstufe (,,Zentralversorgung“) durch das Land oder die ebenfalls erfolgte Einrichtung leistungs­ fähiger neuer Abteilungen. Wo immer er konnte, trieb er das Zusammenwachsen der Krankenhäuser voran, vertrat diese Idee auch in schwierigen Situationen und warb immer aufs neue für dieses als richtig er­ kannte Ziel, seit 1974 als ständig wiederge­ wählter Ärztlicher Direktor. In einem Klinikum mit über 1200 Mitar- 86 beitern verteilt auf je eine Betriebsstätte in den immer noch unvollkommen zusam­ mengewachsenen Kernstädten, das inner­ halb von rund zehn Jahren von 9 auf14 selb­ ständige Fachabteilungen (dazu 4 Belegab­ teilungen) erweitert wurde und zudem von jeher wirtschaftlich straff geführt wurde, also nie über seine Verhältnisse leben durfte, blei­ ben Konflikte unter den Beteiligten, nicht zuletzt um die Verteilung der vorhandenen, stetig knapper werdenden Mittel nicht aus. Hier bedurfte es immer aufs neue der schon oben angesprochenen „natürlichen Autori­ tät, die aus der persönlichen Integrität er­ wächst“: Mit großer Überzeugungskraft, je­ doch nie überredend geschweige denn über­ fahrend, sondern zuhörend und Argumente abwägend vertrat Dr. Graf zu Dohna seinen schließlich gefundenen Standpunkt, bis ein mehrheitsfähiger Beschluß gefunden war. Diese Art der Konfliktlösung, der ständige Versuch, nach allen Seiten hin offen und gerecht zu sein, führte auch dazu, daß sein Rat in oft sehr persönlichen Dingen gesucht wurde: Es dürfte kaum je einmal vorgekom­ men sein, daß ein Ratsuchender abgewiesen worden wäre, auch wenn es ihm zeitlich oder auch inhaltlich überhaupt nicht paßte. Sein Arbeitstag in der Klinik begann in aller Regel vor 7 Uhr und endete selten vor dem Abend, Wochenenden eingerechnet, seine Familie wird damit nicht immer zufrie­ den gewesen sein. Den zehn Jahre jüngeren Schreiber dieser Zeilen erfüllte diese auch physische Leistungsfähigkeit mit Neid und Bewunderung, zumal diesem Arbeitstag häu­ fig noch einige Stunden im Wald – teils auf der Jagd, teils einfach nur, um dort zu sein – vorausgmgen. Die Engländer kennen den Begriff des Eider Statesman, den nicht nur nach Jahren älteren Staatsmann, sondern, vor allem, den durch Persönlichkeit, Erfahrung und Klug­ heit überlegenen. Das KJjnikum hat mit Dr. Peter Graf zu Dohna einen Eider Statesman verloren. Dr. Christian Gülke Chefarzt der Zentralen Anästhesie-Abteilung

Martin Wentz Vielseitig aktiv als Land- und Forstwirt sowie Kommunalpolitiker hatten es seinem Vater nicht mehr erlaubt, die schwere landwirtschaftliche Tätigkeit weiterzuführen. Sohn Martin besuchte in Königsfeld bis zum Abitur die Zinzendorf­ Schulen. Sein Interesse an praktischer Tätigkeit führte ihn zunächst in eine zweijährige land­ wirtschaftliche Lehre, u. a. am Fürstenbergi­ schen Gutsbetrieb Werenwag im Donautal. 1951 begann er ein naturwissenschaftli­ ches Studium in Freiburg. Schon ein Jahr später beendete er seine akademische Lauf­ bahn, durch den wohl einschneidensten Entschluß seines Lebens. Er heiratete Ingrid Müller und stieg in Brigach in den Hof des Schwiegervaters ein, den die beiden 1954 übernahmen. „Die ersten Jahre waren harte Knochenarbeit. Der Wald war ;img, es mußte auf dem ganzen Hof Aufbauarbeit geleistet werden‘: erinnert sich Martin Wentz an die 50er Jahre zurück.1959 wurde die erste Forsteinrichtung auf seinem Hof vorgenommen. Seither hat sich der Holzvorrat ständig vermehrt. Mit berechtig­ tem Stolz weist er darauf hin, daß in ein bis zwei Generationen seine Nachkommen über stattliche Holzvorräte verfügen werden, über deren Ertrag er aber keine Prognose wagen möchte. Zu sehr sind die Preise im primären Wirtschaftssektor, der Land- und Forstwirt­ schaft, in den letzten Jahren verfallen, so daß sich daraus für die Zukunft eher Hoffnung denn Gewißheit auf eine prosperierende Entwicklung ableiten ließe. Dennoch: ,,Ich glaube, daß sich unsere Gesell­ schaft viel zu wenig der Bedeutung der Forstwirt­ schaft fo.r das Landschaftsbild,für das Klima und für das Wohlbefinden der Menschen bewußt ist. Solange weder die naturschädigenden noch die naturpflegenden Auswirkungen unserer Lebens­ und Arbeitsweise in deren Kosten integriert wer­ den, wird es an verantwortungsvollem Umgang mit der Natur und damit Verantwortung für 87 Ein Gespräch mit Martin Wentz ist jedes­ mal ein Gewinn für mich. Darin begegnet mir ein besonnener, gescheiter, lebenserfah­ rener Mann, der überlegt seine Worte wählt und seine Überzeugung und profunde Sach­ kenntnis unaufdringlich, verständlich, ja charmant vermittelt. Martin Wentz entstammt einer Familie, in der humanistische Bildung und Bewäh­ rung im praktischen Berufsleben eine glück­ liche Synthese bildeten. Er kam 1930 in Bielefeld zur Welt, wo seine Eltern am Rande des Teutoburger Waldes ein Obst­ und Gemüsegut bewirtschafteten. Da auch die Forstwirtschaft zur Familientradition gehörte, hat er die Liebe zur Landarbeit geerbt und ihm letztlich bei seiner Berufs­ wahl die entscheidende Richtung gewiesen. Als er acht Jahre alt war, zog die Familie nach Königsfeld. Gesundheitliche Gründe

unsere kommenden Generationen mangeln. Gerade dafür ist die Forstwirtschaft beispielge­ bend: Wer Wald pflegt, weiß, daß der Nutzen die­ ser Pflege erst künfligen Generationen zugute kommen wird. Wer in den Genuß dieses Nutzens kommt, weiß, daß er dies seinen Voifahren zu ver­ danken hat. Das kann man einen wahren Gene­ rationenvertrag nennen. Es wäre gut, wenn dieses weitsichtige Denken in alle gesellschaflliche und wirtschaflliche Bereiche Eingangfinden könnte. “ Dieser Erkenntnis möchte Martin Wentz mehr Geltung verschaffen und dazu sein Amt als Präsident der baden-württembergi­ schen Forstkammer nutzen. Dieser Verband der nicht-staatlichen Waldbesitzer (Kommunal- und Privatwald, darunter auch der Bauernwald) hat sich 1974 organisiert, zumal darin über 75 O/o des Wald­ bestandes in Baden-Württemberg repräsen­ tiert sind. 1991 wurde Martin Wentz zum Verbandspräsidenten gewählt – mit ihm wurde erstmals ein Vertreter des Bauernwal­ des Präsident dieses Verbandes. Seine Wahl ist Ausdruck der Anerken­ nung für einen Mann, der sich sein ganzes Leben lang politischen und berufsständi­ schen Aufgaben gestellt und sich dabei durch seinen Sachverstand, seine Standfe­ stigkeit, seine sachliche Argumentations­ weise und seine Menschlichkeit Respekt und Vertrauen erworben hat. Eingeschlagen hat Martin Wentz diesen Weg schon bald, nachdem er sich in Brigach niederließ. Schon 1956 wurde er in den Gemeinderat und 1969 zum Bürgermeister in Brigach gewählt. In seiner Amtszeit als Bürgermeister wurde das Wohngebiet ,,Nest“ erschlossen. Nachdem der baden-württembergische Landtag die Gemeindereform verabschie­ dete, war für Brigach die Eingliederung nach St. Georgen nicht mehr abwendbar. ,,Ich mußte aus dem Unabänderlichen das Beste für Brigach machen‘: erkennt er den damals ein­ geschlagenen Weg auch im Nachhinein als den richtigen an. Und die Einrichtungen, die er im Eingemeindungsvertrag festschreiben konnte und in den Jahren nach der Einge- 88 meindung am 1.1. 1972 geschaffen wurden, geben ihm recht: Landwirtschaftliche Erschließungsmaß­ nahmen, Kindergarten, zwei Grundschul­ klassen und nicht zuletzt das Brigachhaus. Der Bau dieses für Brigach so wichtigen und architektonisch gelungenen Gemeindezen­ trums ist ganz entscheidend auf seine Initia­ tive zum richtigen Zeitpunkt zurückzufüh­ ren. Als Ortsvorsteher von 1972 bis zu seinem selbstgewählten Ausscheiden 1990 hat er sich intensiv um diese Belange „seiner Ge­ meinde“ gekümmert. In seinem unermüdlichen kommunal­ politischen Engagement, im Gemeinderat St. Georgen von 1972 bis 1990 und im Kreis­ tag seit 1971 bis heute, wurde er zu einer der tragenden Persönlichkeiten in diesen Gre­ mien. Nachdem Martin und Ingrid Wentz 1957 die Meisterprüfung abgelegt hatten, begann für ihn 1959 mit der Mitgliedschaft in der Meisterprüfungskommission des Regie­ rungspräsidiums Freiburg ein weitreichen­ des Engagement im berufsständischen Be­ reich. Es führte ihn in die Spitze des Badi­ schen Landwirtschaftlichen Hauptverban­ des (BLHV); außerdem war er Vorstandsvor­ sitzender im Milchwerk Radolfzell. In diesen Funktionen ist er vehement mit den Struk­ turproblemen der Landwirtschaft im allge­ meinen und speziell den Problemen der Milchwirtschaft in unseren benachteiligten Höhenregionen konfrontiert worden. Bei allen schweren und nerven belastenden Ent­ scheidungen, die von ihm abverlangt wur­ den, z.B. bei der Schließung des Milchwer­ kes Radolfzell, hat er stets den Erhalt einer gesunden bäuerlichen Betriebsstruktur, in der dem Familienbetrieb eine faire Chance zusteht, fest im Blick gehabt. Auch aus diesem Grund lag ihm die Grün­ dung der Arbeitsgemeinschaft für Höhen­ landwirtschaft, deren Vorsitzender er seit 1988 ist, besonders am Herzen. ,, Wir müssen in unseren sensiblen Regionen eine jlächendek­ kende, extensive Landwirtschafl betreiben, diejiir

die Erhaltung dieser herrlichen Kulturlandschaft Schwarzwald angemessen entlohnt wird‘: um­ reißt Martin Wentz den Schwerpunkt seiner Arbeit als Berufsstandsvertreter. Gerne hätte er seine Ziele an noch ein­ flußreicherer Stelle weiterverfolgt. Aber sowohl 1976 als F.D.P.-Kandidat für den Landtag von Baden-Württemberg, als auch 1983 bei der Wahl zum Präsidenten des BLHV ist er unglücklich und denkbar knapp unterlegen. Diese Niederlagen haben seinen Kampfeswillen nicht dämpfen können und seine persönliche Ausstrahlung eher ge­ stärkt. Heute hat er die Verantwortung für den ,Jäckleshof‘ dem jüngsten seiner vier Kin­ der, seinem Sohn Georg und dessen Frau, übertragen. Er und seine Frau haben das „Libding“ bezogen, aber sich bei weitem nicht aus der Arbeit und der familiären Für­ sorge auf dem Hof zurückgezogen. ,,Die Arbeit im Wald bleibt das Faszinierendste an meinem Beruf Sie ist filr mich wie ein Kirch­ gang‘: sagt er über seine Lieblingstätigkeit. Dort, in der äußeren Ruhe der Natur schöpft Martha Held Schwester aus Leidenschaft Die Welt wäre um vieles ärmer, gebe es nicht solche Menschen wie Schwester i. R. Martha Held aus Bad Dürrheim. Die gebürtige Oberbaldingerin, als viertes Kind des Kaufmanns Karl Held und seiner Frau Maria geb. Mauthe, am 5. Mai 1913 geboren, ist offiziell bereits seit 1976 im Ruhestand. Doch nur offiziell! Ihr beruflicher Lebensweg begann 1928, als sie die Haushaltschule der evangelischen Diakonieanstalt in Karlsruhe besuchte, wo ihr gleichzeitig die ersten Kenntnisse in der Säuglingspflege vermittelt wurden. Das blieb bis zum heutigen Tage Bestand­ teil ihres Lebens: den Menschen zu helfen und ihnen in allen Lebenslagen beizustehen. er seine innere Ruhe. Dort sammelt er seine geistigen Kräfte, dort reifen Entscheidungen. Auch seine Fähigkeit zur Muße hat er sich bis heute bewahrt. Nicht selten kann man ihn aus]. S. Bachs „ Wohltemperiertem Kla­ vier“ spielen hören. So ist wohl das Geheimnis seiner Persön­ lichkeit eine beeindruckende Universalität, die er sich in seiner Familie, im Aufbau eines landwirtschaftlichen Betriebes und in den politischen wie den berufsständischen Her­ ausforderungen selbst erworben hat. Seine Situation umschreibt er so: ,,Ich konnte nie aus der Position des Stärkeren agieren. Ich war immer auf der Seite des Schwächeren: sei es bei der Einge­ meindung Brigachs nach St. Georgen; sei es als kleine Fraktion in Gemeinderat oder Kreistag; sei es als Vertreter der Landwirtschaft in einer Indu­ strie- und Dienstleistungsgesellschaft; sei es als Bauer in einer benachteiligten Region. “ Martin Wentz hat diese Rolle angenom­ men und seit Jahrzehnten unter Einbrin­ gung seiner ganzen Persönlichkeit zum Wohle der Schwächeren beispielgebend ge­ Gerhard Mengesdorf wirkt. Zu Beginn ihrer pflegerischen Aufgaben waren es die kranken Kinder, denen sie im privaten Kinderkrankenhaus Junghans in Schramberg und im Kinderheim in Königs­ feld beistand. Nach der Ausbildung zur Krankenschwe­ ster an der evangelischen Diakonissenanstalt in Stuttgart, nahm sie 1941 eine Stellung am Staatlichen Klinikum an. Ihre Tätigkeit in Stuttgart im Katharinen­ hospital fiel in eine Zeit von Not und Zerstö­ rung. Bis zur vollständigen Vernichtung durch Bombenangriffe arbeitete sie unter schwersten Bedingungen. Diese Zeit in Stuttgart während des 2. Weltkrieges hat Schwester Martha Held 89

wärtstreibender Wille, wenn es um die Gene­ sung eines Patienten ging, waren schon bald sprichwörtEch unter den Patienten. Daher ist es kein Wunder, daß sie noch heute Post von ehemaligen Hirschhaldepatienten er­ hält. Doch es sind nicht nur briefliche Kon­ takte, die Schwester Martha mit ehemaligen Patienten pflegt. Als bestes Beispiel für ihre Fürsorge um die Patienten gilt wohl die Tat­ sache, daß sie viele Jahre hindurch, bis Ende 1993 eine schwerkranke Patientin, die ohne Hilfe von „draußen“ in ein Heim hätte ein­ gewiesen werden müssen, von ihr intensiv betreut wurde. Diese Betreuung ging so weit, daß sie die Sehwerk.ranke in den letzten Monaten vor deren Ableben zu sich in die Wohnung nahm, um sich rund um die Uhr dieser zu widmen. V iel Kraft kostete Martha Held der Brand auf der Hirschhalde und der Tod einer Mit­ schwester. Daß sie seit ihrer Pensionierung ohne materielle Vergütung weiterhin da einspringt, wo Hilfe Not tut, entspricht ihrer Einstel­ lung zum Glauben an Jesus und dem Leben. Obwohl sie nun elbst das 80. Lebensjahr längst überschritten hat, tritt sie nicht kürzer. Noch immer macht sie Besorgungen für kranke, ältere Menschen, wozu auch lange Jahre die einst älteste Bürgerin Bad Dürr­ heims, Paula Schmidt, mit ihren 102 Jahren zählte. Ihre Krankenbesuche in den Senio­ renstiften oder in den Krankenhäusern, an­ gefangen in Schwenningen und Donau­ eschingen, sind für die Patienten nicht nur eine Abwechslung, sondern eine Begegnung mit einer ungewöhnlichen Frau. Sie findet immer wieder für alle ein freundliches Wort und wendet sich dabei auch besonders den einsamen Menschen zu, sei dies in Briefform oder im praktischen Dienst. Da ist es kein Wunder, daß sie wenig Zeit hat, sich ihren Hobbys zuzuwenden. Trotz­ dem greift sie manchmal zur Gitarre und stimmt religiöse Lieder an. Sie ist dem Heimat- und Geschichtsverein sowie dem Trachtenverein in Bad Dürrheim verbun- nicht vergessen können. War damals ihr Leben, wie das von tausend anderen Men­ schen, doch zu oft in Gefahr. Sie wäre aber nicht die Schwester Martha, wenn sie sich nicht zuerst um die ihr anvertrauten Patien­ ten gesorgt hätte. Dieses aufopfernde Wir­ ken den Mitmenschen gegenüber zeichnete Martha Held schon damals aus. 1945 nach dem Umsturz kam sie an das Kreiskrankenhaus Tuttlingen, das schon bald von französischen Soldaten belegt wurde. Zwei Jahre blieb sie in Tuttlingen, um dann 1947 in Calw zu wirken. Schicksalhaft wurde ihr ein Heimatur­ laub. Dr. Leichtwies, Chefarzt an der LVA­ Kur-Klinik Hirschhalde, holte Schwester Martha Held als „Retterin in der Not“ zu sich. Eigentlich sollte sie nur kurz dje prekäre Situation beim Pflegenotstand mildern. Aus dem kurzen Einspringen wurde eine Lebens­ stellung und der Beginn einer besonderen Verbundenheit mit Bad Dürrheim und des­ sen Bürgern. 27 Jahre war sie, so ein Zitat, ,,die Seele der Hirschhalde“. Ihre ansteckende Fröhlichkeit, ihre stete Hilfsbereitschaft und ihr immer wieder vor- 90

den. Ihre besondere Sympathie gehört aller­ dings dem Musik- und Gesangverein in ihrem Geburtsort Oberbaldingen. Daß sie in den sozial wirkenden Verbänden der AWO und dem Roten Kreuz ist, betrachtet sie dabei ebenso, wie ihre Zugehörigkeit zu den christlichen Verbänden, als selbstverständ­ lich. Annemarie Fischer Pia Brenner Ein Leben im Dienst für den Nächsten ,,Es braucht der Mensch den Menschen“ ist nicht nur ein oft zitierter und das „Aufein­ ander-angewiesen-sein“ treffend umschrei­ bender Ausspruch von Ludwig Börne, son­ dern könnte auch als Herausforderung ver­ standen werden, seine Kräfte in den Dienst des Nächsten zu stellen. Diese Herausforde­ rung angenommen und sich 25 Jahre lang uneigennützig für den Mitmenschen einge­ setzt zu haben, ist der Verdienst der Caritas­ rektorin Pia Brenner, die im Juni vorigen Jah­ res in den Ruhestand trat. Aus der Industrie kommend, brachte sie Erfahrungen aus dem modernen Management mit, die ihr bei der Leitung eines kirchlichen Wohlfahrtsver­ bandes von der Größe und Bedeutung des Caritasverbandes (CV)-Schwarzwald-Baar sehr zugute kamen. In Todtnau, am Fuße des Feldberges be­ heimatet, war ihre Kindheit überschattet von den Ängsten und Nöten des Krieges. Man mußte sparen und lernte sich einzuschrän­ ken und das Vorhandene überlegt und sinn­ voll einzusetzen, lauter Erfahrungen, auf die sie in ihrem Zweitberuf dankbar zurückgrei­ fen konnte. In der Nachkriegszeit holten Pia Brenner und ihr Bruder Hermann vieles nach, was im Dritten Reich verboten war: Gruppenarbeit, Treffen und Fahrten mit den Pfadfindern und der katholischen Jugend (KJG). Diese beglückenden Erlebnisse und nicht zuletzt auch das christliche Elternhaus, prägten den späteren Lebens- und Berufsweg der jungen Pia Brenner. Nach Schulentlassung und Ausbildung zum Industriekaufmann wurde sie Jugend- leiterin in Todtnau/St:]ohann. Doch auch schulisch und beruflich ging es weiter, so daß sie bald nach erfolgreichem Abschluß der Handelsschule in die verantwortliche T ätig­ keit einer Chefsekretärin in der damals größ­ ten Bürstenfabrik Deutschlands aufsteigen konnte. Martha Beistier – langjährige Leiterin des Referates Gesundheits- und Altenhilfe und ,,Mutter der Sozialstationen“ beim Diöze­ sancaritasverband – leistete Schützenhilfe beim Wechsel zum Schulungsbereich des CV-Freiburg. Es folgte von 1966 bis 1969 ein Studium an der Fachhochschule für Sozial­ arbeit und anschließend die erste Anstel­ lung, am 1. November 1969, beim CV­ Donaueschingen als Geschäftsführerin. Vor- 91

sitzender dieser Einrichtung war damals Dekan Hermann Fautz, mit dem eine opti­ male Zusammenarbeit und Möglichkeiten selbständiger beruflicher Entfaltung gewähr­ leistet waren. Die engagierte Todtnauerin nahm auch weiterhin alle sich bietenden Chancen zur Fort- und Weiterbildung wahr und entwik­ kelte sich zu einer tüchtigen und qualifizier­ ten Mitarbeiterin des Caritasverbandes. So übertrug man ihr in der Folge auch eine Anzahl ehrenamtlicher Aufgaben. In den vielen Berufsjahren machte sie die Erfahrung und gewann die Erkenntnis, daß es unmög­ lich sei, ohne eine treue Schar ehrenamtli­ cher Helferinnen und Helfer den Anforde­ rungen, mit denen man in diesem breitgefä­ cherten Aufgabenbereich fast täglich kon­ frontiert wird, auch nur annähernd gerecht zu werden. Auf diese Hilfe und Unterstüt­ zung durch diese Mitarbeiter hat sie bei allen sich bietenden Gelegenheiten in der ihr eige­ nen, bescheidenen Art dankbar hingewie­ sen. Waren es in den Donaueschinger Jahren anfangs die Heimatvertriebenen, die fach­ lich-kompetente Hilfe brauchten, gewann nach und nach die Flüchtlings- und Asylan­ tenproblematik eindeutige Priorität. Nicht zu vergessen die große Herausforderung, die die Drogenwelle mit sich brachte und – oft damit eng verbunden – auch die Betreuung der mit dem Gesetz in Konflikt geratenen Hilfesuchenden, die an die Türen des Cari­ tasverbandes im „Sternen“ (Gemeindezen­ trum St.Johann), später „Elisabethenhaus“ Schulstraße, klopften. Zu diesen vielfachen Aufgaben kamen immer neue hinzu, die in einem schriftlichen Zweijahresbericht aus­ führlich dargestellt wurden, einschließlich der Rechenschaftslegung über die verausgab­ ten Mittel, was der Caritasrektorin schon aus Gründen der Tran parenz stets ein besonde­ res Anliegen war. Die Palette der angebotenen Dienste, die z. T. auf Eigeninitiative von Frau Brenner zurückgingen, reichten von Altenhilfe (Nach­ barschaftsarbeit, Kontakt zu pflegenden An- 92 gehörigen, ambulanter Hospizdienst) über ,,Essen-auf-Rädem“-Aktion, Hausnotrufdienst, Sozial psychiatrischer Dienst (einschließlich betreuter Wohngruppen für psychisch Kran­ ke), Familienhilfe (Schwangerschaftskon­ fliktberatung), Alleinerziehende, Familien­ kuren, Mutter-Kind-Kuren, Altenerholung, Familien- und Altenfreizeiten, Familien­ pflege Dorfhelferinnenvermittlung, Behin­ dertenpflege), Aussiedlerbetreuung, Betreu­ ung der Flüchtlinge, Auslandshilfen (Kon­ takte nach Ex-Jugoslawien und Polen) bis hin zu jahrelanger Hilfe beim Aufbau der fünf Sozialstationen (Ambulante Hauskranken­ pflege) des Landkreises. Diese gewaltige Ausweitung der Aufgaben bedingte auch eine ständige Weiterentwick­ lung der Organisationstechnologien. Ob auf diesem Gebiet oder bei Hilfsgütertranspor­ ten, ob auf Wallfahrten nach Lourdes oder als Stimmungsmacherin mit Gitarre bei Seniorenfreizeiten in Südtirol – Pia Brenner war immer mitten drin – eingedenk viel­ leicht die Worte ihres Vorgesetzten, des Di­ özesancaritasdirektors Heinz Axtmann: ,,Der erste Ort des Caritas ist die Gemeinde; dort wo Menschen sich versammeln, auf das Wort Gottes hören, und an Jesus Christus Maß nehmen müssen, müssen sie auch den Bruder und die Schwester in den Blickwinkel nehmen, ihre Nöte sehen und dafür hellhö­ Gusta Keintzel rig werden!“ ,,._ ,� Der Blumenstrauß Ein roter und ein blauer Strumpf- verrut cht, die Hosen noch voll Sand vom gestrigen Spiel verkehrtherum der Pullover – eine vor Eifer feuchte kleine Hand hält den Blumenstrauß Gänseblümchen – morgen um fünf Muttertag Christiana Steger

Otto Maier Ein sachkundiger und unermüdlicher Anwalt der Landwirtschaft Am 21. Januar 1993 wurde in einer beein­ druckenden Feierstunde der Leiter des Amtes für Landwirtschaft, Landschafts- und Bodenkultur, Donaueschingen, Landwirt­ schaftsdirektor Otto Maier, in den Ruhe­ stand verabschiedet. Wer an dieser Feier­ stunde teilnahm, spürte bald, daß es unmög­ lich ist, den Jubilar zu würdigen, ohne gleich­ zeitig seinen bisherigen Wirkungsbereich nochmals vor unserem geistigen Auge vor­ überziehen zu lassen. Dieses Unterfangen ist im vorliegenden Fall zwar nicht einfach, jedoch um so auf­ schlußreicher, handelt es sich doch bei der Behörde, der Otto Maier 17 Jahre lang vor­ stand, um ein äußerst vielschichtiges Ge­ bilde. Eine Besonderheit liegt sicher schon al­ lein darin, daß hier ein Amtsleiter und ein Schulleiter in den Ruhestand ging. Gegenstand beider Tätigkeitsbereiche – Schule und Amt – waren im Grund die Schicksale vieler Landwirtsfamilien im Schwarzwald-Baar-Kreis. Gerade die bäuer­ liche Mentalität brachte es mit sich, daß zahlreiche existentielle Fragen direkt in das Amtszimmer von Otto Maier getragen wur­ den. Es waren Fragen der Hofübergabe, der Berufsausbildung, man erwartete Hilfestel­ lung bei außergewöhnlichen Situationen im Betrieb, meist jedoch war der sachkundige Rat auf dem ureigensten Fachgebiet von Otto Maier, dem Pflanzenbau, gefragt. Wer Otto Maier in Aktion erlebt hat, könnte darüber sinnieren, welche Rolle ihn mehr befriedigt hat, die des Schulleiters oder die des Amtsleiters, wenngleich diese Unter­ scheidung zu machen ihm selbst ja gar nicht erlaubt war. Eines steht fest, Otto Maier war ein Schul-Profi. Nicht umsonst nannten ihn die Schüler wegen seines fundierten, praxis­ bezogenen Fachwissens liebevoll den „Pflan­ zen-Otto“. Doch nicht nur im Schulsaal wirkte er mit Begeisterung. Bei Lehrlingstreffen oder im fachpraktischen Sommersemester konnte man ihn schon in aller Frühe, lange vor Dienstbeginn, im „blauen Anton“ inmitten seiner Schüler bei Pflanzenbestimmungs­ übungen antreffen. Im gleichen Aufzug führte er auch die Saatenanerkennung in den weitläufigen Gemarkungen des Dienstbezir­ kes durch. Auch die Erwachsenenfortbil­ dung lag Otto Maier gleichermaßen am Her­ zen. Schüler und Mitarbeiter konnten ihren Chef aber auch ganz anders erleben, sei es als bibelfesten Nikolaus oder in der „Bütt“ bei der traditionellen Schülerfastnacht. Bei der eigentlichen Amtstätigkeit waren die Anforderungen nicht weniger anspruchs­ voll. Das Aufgabenfeld der Behörde, der Otto Maier vorstand, wuchs ständig, was nicht zuletzt mit der Sensibilisierung der Öffentlichkeit im Umwelt-Bereich zusam­ menhing. Die Besonderheit des Dienstbezir­ kes mit einer Größe von 102.000 ha Fläche, in dem 2.400 Landwirte 41.220 ha landwirt- 93

schaftlich nutzen, lag zudem darin, daß zwei völlig verschiedene Naturräume, Schwarz­ wald und Baar, mit teilwiese völlig unter­ schiedlichen Problemstellungen zum Amt gehörten. Zu den klassischen Disziplinen Pflanzenbau, Tierhaltung und Betriebswirt­ schaft kamen Bereiche wie Agrarplanung, Umweltschutz, Landschaftspflege und Dorf­ entwicklung hinzu. Die steigende Zahlung von indirekten Einkommensübertragungen an die Land­ wirte hatte zur Folge, daß seine Dienststelle zuletzt 1900 äußerst komplizierte Förderan­ träge mit einem Finanzvolumen von ca. 10 Millionen DM zu bearbeiten hatte. Sorge bereitete hier Otto Maier vor allem, daß die wachsende Abhängigkeit von diesen Förder­ mitteln nicht selten zu einer Identitätskrise in der Landwirtschaft beiträgt. Bei Erfüllung dieser Aufgabenflut litt der Dienststellenleiter ebenso wie seine Mitar­ beiter häufig unter wenig hilfreichen Vor­ schriften und Richtlinien von EG, Bund und Land. Letztere konnten ihn bisweilen gehö­ rig in Rage bringen. So ist auch sein Aus­ spruch bei seiner Verabschiedung, daß derje­ nige ein guter Beamter sei, der kein guter Beamter ist, nicht als billige Koketterie mit dem Zeitgeist zu werten. Er zeigt vielmehr, daß bei Otto Maier Praxisbezug und Bürger­ nähe im Vordergrund standen und er sich einen gesunden Widerspruchsgeist bewahrt hatte. Daß er sich von der geschilderten Aufga­ benfülle immer wieder herausfordern ließ, verdankte er sicher seiner Herkunft aus einem landwirtschaftlichen Betrieb, seiner humanistischen Schulbildung sowie der star­ ken Praxisbetonung während seiner weiteren Ausbildung mit Fremdlehre, Gehilfenprü­ fung, Hochschulstudium und Referendariat. Obwohl von Otto Maier also ein beachtli­ ches Feld zu beackern war, verlor er nie den Kontakt zu seinen Mitarbeitern, für deren Anliegen er immer ein offenes Ohr hatte. So verwundert e nicht, daß er, für den Chef­ allüren ein Fremdwort war, bei seiner Ver­ abschiedung als einziger Redner das Lob und 94 die Anerkennung, die ihm entgegengebracht wurden, an seine Mitarbeiter weitergab. Ausgleich vom Berufsalltag suchte Otto Maier bei der Leichtathletik. Auch hier be­ gnügt er sich nicht mit einer Mitläuferrolle. Er selbst leitet vielmehr diese Abteilung der Sportvereinigung Donaueschingen, für die er auch Statistiker, Chronist und Wettkampf.. richter ist. Daß er nicht nur das Sportabzei­ chen abnimmt, sondern es auch selbst trägt, versteht sich von selbst. So ist zumindest über die Sportleidenschaft ein nahtloser Übergang in den wohlverdienten Ruhestand gegeben. Auch bei einem weiteren Hobby ist die Kontinuität gesichert, nämlich bei der sach­ kundigen und begeisterten Pflege seines Gar­ tens, der für ihn bereits bisher ein „Neben­ kriegsschauplatz“ des Pflanzenbaues war. Auch wenn er hier seinen „Dienstbezirk“ flä­ chenmäßig erheblich abspecken muß, so braucht man kein Prophet zu sein, wenn man Otto Maier auf diesem Gebiet auch wei­ terhin als Berater für Nachbarn und andere interessierte Personenkreise sieht. Schon allein die beiden Hobbys erfordern eine gute Konstitution und Kondition. Bei­ des ist dem scheidenden Dienststellenleiter Otto Maier von Herzen zu wünschen. Klaus Schwab Das Gras Wer je den Duft geschnittnen Grases erlebt, wenn vor ihm Schnitter gehn. Der kennt den Zauber, dieses Tages, an dem die Wiesen abgemäht. Man soll nicht trauern um die Blumen, die grad noch tanden bunt und schön. Die Samen fallen und sie suchen den Platz, an dem sie auferstehn. Margot Opp

Emil Schafbuch Er hat sich mit seinen Fähigkeiten in das Gemeindeleben eingebracht Emil Schafbuch, der im November 1993 aus der Hand von Landrat Dr. Rainer Gut­ knecht das vom Bundespräsidenten verlie­ hene Bundesverdienstkreuz am Bande er­ hielt, hat sich um seine Vaterstadt Hüfingen verdient gemacht. In den Annalen der Stadt aus jüngerer Zeit sucht man vergeblich ein so ausgeprägtes ehrenamtliches Engagement für die Allgemeinheit, wie dies Emil Schaf­ buch in mehr als drei Jahrzehnten erbracht hat. Dies kam auch in den Laudationes an­ läßlich der Feierstunde im Hüfinger Rathaus bei der Überreichung der hohen Auszeich­ nung immer wieder zum Ausdruck. Die Stadt Hüfingen und ihre Bürger seien Emil Schafbuch zu großem Dank verpflichtet, versicherte Bürgermeister Anton Knapp. „Wir sind stolz darauf, einem so verdienten Mitbürger zu dieser hohen Auszeichnung gratulieren zu dürfen“, meinte das Stadt­ oberhaupt. Landrat Dr. Rainer Gutknecht würdigte Schafbuch als einen „fachlich kompetenten und in seiner toleranten und ausgleichenden Art bemerkenswerten Menschen“, dessen Wort trotz großer Bescheidenheit auch im Kreistag Gewicht habe. Der gebürtige Hüfinger hatte sich 1956 als junger Architekt mit soeben abgeschlossener Ausbildung um ein Gemeinderatsmandat beworben, damals noch unter Bürgermeister Rudolf Müller. Bei diesem Urnengang einer freien Wählergruppe, die sich später zur FDP hin orientierte, errang Emil Schafbuch die Am 12.11.1993 erhielt Emil Schafbuch (links) von Landrat Dr. Gzaknecht das Bundesverdienstkreuz am Bande ausgehändigt. 95

höchste Stimmenzahl. Auch bei den folgen­ den Kommunalwahlen erreichte er jeweils respektable Ergebnisse. Zu Beginn seiner kommunalpoliti chen Arbeit war Emil Schafbuch mit Abstand der jüngste Mann im HüfingerGemeinderat, der zusammen mit Edwin Morath die Freien Wähler vertrat. Auch die übrigen Ratsmit­ glieder waren durchweg eine ganze Genera­ tion älter. Schafbuchs Wissen und seine fachliche Kompetenz verschafften ihm je­ doch schon bald Respekt und Anerkennung. Auch im Technischen Ausschuß war sein Rat stets gefragt. Was Emil Schafbuch jedoch besonders auszeichnete, waren seine Besonnenheit und die Fähigkeit, ausgleichend zu wirken, nicht durch „Fensterreden“, sondern durch fun­ diertes Wissen. Wohl keiner seiner Rats­ kollegen hat Emil Schafbuch jemals „laut“ werden hören, im Gegenteil, er war stets ein Mann der „leisen Töne“, der jedoch beharr­ lich und unbeirrbar seinen Standpunkt ver­ trat und zum Wohle der Stadt und ihrer Bür­ ger wirkte. Was er in mehr als drei Jahrzehn­ ten im Gemeinderat einbrachte, war stets grundsolide und ausgewogen. Noch unter Bürgermeister Rudolf Müller hatten in Hüfingen wichtige Vorhaben ange­ standen, die Realisierung einer zentralen Wasserversorgung mit Tiefbrunnen und Hochbehälter als vordringlichste Aufgabe, dazu der Neubau der Schule und die Er­ schließung weiterer Baugebiete wie „am Kennerbach“ und „auf Hohen“. Als 1963 Max Gilly zum Bürgermeister gewählt wurde, war Emil Schafbuch bereit, die mit dessen Amtszeit beginnenden viel­ fältigen Aufgaben mitzutragen. Ende der sechziger Jahre zeichnete sich die Gemeinde­ reform ab, die 1973 verwirklicht wurde. Emil Schafbuch und seine Gemeinderatskollegen kämpften vehement für ein weiterhin selb­ ständiges Hüfingen und hatten damit die gesamte Bevölkerung hinter ich. Noch heute sieht Emil Schafbuch mit Genugtu­ ung auf die letztlich erfolgreichen Bemü­ hungen zurück, die Hüfingen seine Selbstän- 96 digkeit sicherten, was dazu führte, daß außer Sumpfohren, das sich chon früher zu einem Anschluß an Hüfingen entschlossen hatte, sich noch weitere vier benachbarte Dörfer der Stadt Hüfingen anschlossen. In den siebziger Jahren, so erinnert sich der heute 64jährige, begann sich die Altstadt­ sanierung abzuzeichnen. Die erste Turnhalle wurde gebaut, der 1980 eine zweite, größere folgte sowie Hallenbad und Einsegnungs­ halle. Obwohl sein eigenes Architekturbüro stets den ganzen Mann forderte, Emil Schaf­ buch brachte es fertig, sich auch kommunal­ politisch voll einzubringen. Die Frage nach seinem Motiv für diese umfangreiche, stets auf das Ziel gerichtete Arbeit beantwortet Schafbuch mit seinem Bestreben, an der Ent­ wicklung und zum Wohle seiner Heimat­ stadt aktiv beizutragen. Als er zum Jahres­ beginn von 1993 aus dem Gemeinderat aus­ schied – auf eigenen Wunsch-, war dies für das Stadtparlament ein großer Verlust. 36 Jahre lang hatte er am Ratstisch gesessen und ein Stück Hüfinger Geschichte mitgeschrieben. Hinzu kamen 17 Jahre Tätigkeit im Kreisrat. Auch die Hüfinger Vereine profitierten von Emil Schafbuchs Engagement: Von 1958 bis 1965 war er Vorsitzender des Turn­ und Sportvereins, der ich unter seiner Füh­ rung stark entwickelte. Er selbst hat stets aktiv Sport betrieben, früher als Handballer, später mit Volleyball und auch als Sport­ schütze. Während der Fasnet schlüpfte er ins „Häs“ der „Bercheappeli“. Heute allerdings hat er sich aus dem Vereinsleben weitgehend zurückgezogen. BeruAich jedoch hat er noch nicht zu­ rückgesteckt, sondern steht noch immer „voll drin“. Zusammen mit seinem Sohn betreibt er weiterhin ein Architekturbüro, und viele Objekte, nicht nur in Hüfingen, tragen seine Handschrift. Seine Frau Doris unterstützt ihn dabei nach Kräften. Sie hat das ungewöhnliche Engagement ihres Man­ nes über Jahrzehnte mitgetragen. Am Schluß der Feierstunde, die Emil Schafbuch anläßlich der Überreichung des Bundesverdienstkreuzes erlebte, dankte er

allen seinen Wegbegleitern über mehr als drei Jahrzehnte. Er zog eine kurze Bilanz über sein Wirken und versicherte, daß ihm diese Arbeit auch viel Positives gebracht habe. Das Wort einer alten Hüfinger Bürge­ rin hatte sich ihm eingeprägt, mit dem sie ihn nach seiner ersten Wahl in den Gemeinderat angesprochen hatte: ,,Mir hond dech g’wählt – jetzt, Bue, machs reächt!“ An dieser Auf­ forderung hat Emil Schafbuch seine Arbeit ausgerichtet. Käthe Fritschi Karl Wiehl Im Dorf verwurzelt – dem Umland verbunden „Er ist ein engagierter Kommunalpolitiker und herausragender Vertreter seiner Heimat. Er hat nachhaltig Interessen seines Heimat­ ortes Mühlhausen in vielfältiger Weise geför­ dert.“ Mit dieser Würdigung bedachte Mini­ sterpräsident Eiwin Teufel Karl Wiehl anläß­ lich der Überreichung des Bundesverdienst­ kreuzes am 16. Oktober 1993. Oberbürgermeister Dr. Gebauer lobte Wiehls verantwortungsvollen Einsatz im Gemeinderat der Stadt Villingen-Schwen­ ningen. Karl Wiehl sei einer, so führte der Oberbürgermeister aus, der sich durch ein ausgeprägtes gesamtstädtisches Denken aus­ zeichne. Der Festakt zur Überreichung des Bun­ desverdienstkreuzes fand in der Mühlhauser Heimatstube statt, so hatte es der Geehrte gewünscht. Hier besuchte der am 10. Mai 1928 geborene Karl die einklassige Volks­ schule. Der Ausbau des einstigen Schulzim­ mers zur Heimatstube war das erste Werk dorfeigener Bürgerinitiative im Jahr 1971, im zweiten Jahr der Eingemeindung Mühlhau­ sens nach Schwenningen; Karl Wiehl hat dabei wesentlich mitgewirkt. In dieser Hei­ matstube fanden seit ihrer Fertigstellung ge­ wichtige Sitzungen des Bezirksbeirats Mühl­ hausen statt, dem er seit 1970 ununterbro­ chen angehört. Aufgewachsen ist Karl Wiehl mit sechs Schwestern auf einem der größten Mühlhau­ ser Bauernhöfe. Als „Roßbauer“ verdiente der Vater mit Lohnfuhren zusätzlich noch sein Geld. Früh und vielfältig war Karls Arbeitskraft im elterlichen Betrieb gefordert. Mit dreizehn Jahren übernahm er die erste selbständige Langholzfuhr vom Neuhäusle nach Schwenningen ins Sägewerk Maier. Die letzten Kriegsmonate brachten Karl Wiehl 1945 zum Arbeitsdienst nach Gersfeld in der Rhön, von dem er glücklicheiweise heil nach Mühlhausen zurückfand. – In der Absicht, eventuell den väterlichen Bauern­ hof zu übernehmen, besuchte er 1946/47 die Landwirtschaftsschule in Rottweil. Zum 1. Februar 1954 machte er sich jedoch mit einem Lastwagen – Marke Magirus – zum selbständigen Fuhrunternehmer. Er trans- 97

Gestaltung des eigenen Ortes. So gelang es mit bürgerschaftlichem Engagement 1968 einen dorfeigenen Kinderspielplatz anzule­ gen. Auch hierbei stellte sich Karl Wiehl mit in die erste Reihe. Ohne seine kostenlosen Fuhren und Materialbeschaffungen wären viele aus dieser Bürgerinitiative hervorgegan­ genen Projekte nicht möglich gewesen. So war es kein Zufall, daß die Auszeichnung mit dem Bundesverdienstkreuz auf denselben Tag fiel, an dem die Bürgerinitiative Mühl­ hausen ihren 25. Geburtstag feierte. Seit 1972 ist Karl Wiehl Mitglied der CDU und wirkt seit 1975 im Gemeinderat der Stadt Villingen-Schwenningen. Er gehört sowohl dem Technischen Ausschuß an als auch dem Verkehrs- und Landwirtschaftsbeirat. Außer­ dem arbeitet er im Aufsichtsrat der Stadt­ werke mit. In allen diesen Ämtern zeichnet sich Karl Wiehl durch sein unternehmeri­ sches Fachwissen aus. Aber auch sein Den­ ken in größeren Zusammenhängen, das über enge Kirchturmpolitik hinausweist, ist ge­ schätzt. Gutnachbarschaftliche Beziehun­ gen zum Umland standen bei ihm schon immer oben an. Möge es ihm, zusammen mit seiner Frau Hildegard, vergönnt sein, künftig zwar ruhi­ gere, dafür aber gesunde und friedliche Jahre im Kreise seiner Kinder und Enkel am Ort seines erfolgreichen Wirkens zu erleben. portierte Milch und Baumaterialien und betrieb einen Holzhandel. Mit einem Sam­ meltankwagen wird heute im Unternehmen Wiehl immer noch Milch transportiert. Der Schwerpunkt liegt jedoch in der Beförderung von Lebensmitteln und Baustoffen. Zudem ist dem Geschäft, das heute über 20 Personen Arbeit gibt, ein Baustoffgroßhandel ange­ schlossen. Junior Karlheinz soll demnächst den Betrieb übernehmen. In den örtlichen Vereinen hat sich Karl Wiehl recht früh engagiert. Schon 1945 gelang es mit seiner Initiative, den Sportver­ ein Mühlhausen wieder neu zu gründen. Dabei bildeten gesellige Veranstaltungen im Dorf einen besonderen Schwerpunkt. Das dörfliche Theaterspiel erlebte unvergessene Höhepunkte und gastierte sogar im Saal der Schwenninger „Neckarquelle“. Sportlich be­ teiligte sich Karl Wiehl aktiv im Fuß- und Handball. Er gehörte 1974 zu den Grün­ dungsmitgliedern des Tennisclubs Weig­ heim-Mühlhausen und wirkte in diesem Ver­ ein seit Gründung bis 1981 als 2. Vorsitzen­ der. Herausragende Verdienste erwarb sich Karl Wiehl darüber hinaus im „Freundes­ kreis Dorf Mühlhausen“. Seit dessen Grün­ dung im Jahr 1982 wirkt er als stellvertreten­ der Vorsitzender. Schon lange vor der Grün­ dung des „Freundeskreises“, schon ab 1968, waren Mühlhauser Bürger initiativ bei der Wilfried Leibold In memoriarn Mohrenwirt Albert Weisser Er gestaltete das Gemeindeleben über vier Jahrzehnte mit Nicht nur als Gastwirt mit Ausstrahlung gewesen, die Früchte des Umbaues der Gast- und Lebenserfahrung prägte Albert Weisser wirtschaft zu ernten. Er hatte aber die Freude, noch kurz vor seinem Tod am das Gemeindeleben in Fischbach, sondern auch als Mandatsträger und Förderer des 1. Oktober 1990 den Abschluß der Arbeiten Vereinslebens. und die Anpassung des Betriebes an die ver- änderten Lebensbedingungen des ausgehen- den Jahrhunderts erleben zu können. Bis auf den Ausbau weniger Fremdenzimmer war der Umbau des Traditionsgasthofes an der Fischbach, dort, wo sich Glasbach und Hin- Vier Jahrzehnte der über 150jährigen Geschichte des Gasthauses Mohren in Fisch- bach wurden von Albert Weisser geprägt. Er hätte am 8. Oktober 1994 seinen 75. Geburts- tag feiern können, wäre es ihm vergönnt 98

wurden. Nur wenige Gäste konnten sich damals ein Auto leisten. Zu denen, die öfters mal mit dem Auto kamen, um am Stamm­ tisch ein „Viertele zu schlotzen“, gehörte Bernhard Maier, der, in Sinkingen geboren, auch nach der Geschäftsgründung in Villin­ gen seine Heimatgemeinde nie vergaß. Die Zeit der Wirtschaftskrise war auf dem Land nicht so hart spürbar, als man ja noch Selbst­ versorger in fast allen Belangen war.. Für Albert Weisser ging der Selbstversorgungs­ grad natürlich weiter als für andere Dorfbe­ wohner. Denn früh erkannte er die Möglich­ keit, frische Bachforellen in das Angebot der Gaststätte aufzunehmen, selbstverständlich von ihm selbst aus den klaren Bächen gean­ gelt, die es dank der Kläranlage und den neu gebauten Kanalisationsleitungen bis zum heutigen Tag gibt. Es war auch nur logisch für ihn, sich dem Waidwerk zu verschreiben. Ein selbsterlegtes Reh, ein Hase, gelegentlich ein Wildschwein und zu früheren Zeiten manch Rebhuhn boten die Möglichkeit, das Angebot des Gasthauses auszuweiten. Bevor der junge Mohrenwirt sich aber voll der Gastwirtschaft unter Nutzung seiner Liebhabereien widmen konnte, wurde er als Rekrut benötigt. Ein halbes Jahr war er Sol­ dat, da brach der Krieg aus, der ihn an viele Fronten verschlug. In Frankreich, auf dem Balkan, drei Jahre in Rußland, bei der Abwehr der Invasion, dem letzten offensi­ ven Versuch der Wehrmacht in den Arden­ nen, den vergeblichen Entsatzversuchen von Budapest und dem folgenden Rückzug bis zur Kapitulation war er dabei, glückli­ cherweise nur leicht verwundet. Und als es ihm in der Steiermark in den letzten Kriegs­ wochen einmal nicht gelang, rechtzeitig aus dem Fahrzeug in den Graben zu kommen, trafen die Bomben der „Sturmowik“ der roten Luftwaffe ausgerechnet den Graben, und er blieb unverletzt. Von den Amerika­ nern dann gefangen genommen und an die Franzosen übergeben, hatte er das Gefühl, eine schwere Zeit vor sich zu haben. In Kehl flüchtete er vor dem Rheinübergang und kehrte aufUmwegen nach Hause zurück, wo 99 terbach eben zu diesem Fischbach vereini­ gen, abgeschlossen, sein Lebenswerk sozusa­ gen vollendet, das nun seine Frau Hedwig mit ihren Kindern und der Unterstützung von Berta Weisser ganz in seinem Sinne fort­ führt. Am 8. Oktober des Nachkriegsjahres 1919 geboren, war er von Kindesbeinen an mit der Gaststätte – wozu bis 1964 auch eine kleine Landwirtschaft gehörte, die man bis dahin noch als Vollbetrieb mit Viehhaltung führte, danach jedoch auf Ackerbau reduzierte – verwachsen. Doch bis auf den heutigen Tag kann man sich im „Mohren“ beim Schlacht­ plattenessen auf Eigenprodukte verlassen, denn noch heute werden Schweine so gefüt­ tert, daß sie den Ansprüchen derer gerecht werden, welche Wert auf gute Q!ialität legen. Während sich auf diesem Gebiet im Ver­ laufe des Lebens von Albert Weisser wenig geändert hatte, war es in allen anderen Berei­ chen umso stürmischer. Als Kind verdiente er sich ein Gutzele oder auch mal ein Trink­ geld, indem er sich nützlich machte und die Pferde betreute, welche damals noch über­ wiegend von den Gästen als Zugtiere für die „Chaise“ und die „Bennäwägele“ benutzt

er sich allerdings nicht lange aufhalten konnte, da er sich dann noch einmal stellen mußte. Die Gefangenschaft überstand er problemlos. Sein Tatendrang war unge­ schmälert. Kaum zuhause, worüber sich Mutter und Schwester natürlich freuten, gehörte er zu denen, die den Fußballclub Fischbach wiederbelebten und zu einem Markenzeichen machten. Selbstverständ­ lich war der „Mohren“ Dreh- und Angel­ punkt auch für die Fußballer. Im Saal wurde teilweise die Technik verbessert, wie sich Willi Echle noch gut erinnern kann. Umklei­ deräume und Waschgelegenheiten gab es selbstverständlich nur im Gasthaus.Und der Mohrenwirt war auch der Mann, der talen­ tierte junge Männer dem Verein zuführte. Den „Wuttko“ mit seiner unnachahmlichen Technik und dem satten Schuß holte er ebenso wie den Torhüter Kurt Großmann und machte aus dem Fußballclub Fischbach, in welchem er selbst bis zum Alter von 42 Jahren aktiv spielte, zu der Erfolgsmann­ schaft der Fünfziger und Sechzigerjahre. Wenn man heute von Belastung und Überlastung spricht, dann kann man nicht mehr ermessen, welchen Arbeitseinsatz ein Mann wie Albert Weisser leistete, denn neben dem Fußball widmete er einen weite­ ren Teil seiner „Freizeit“ der Feuerwehr. Seine Fähigkeiten und Kenntnisse kamen der Wehr zugute, deren Mitglieder ihn zum Kommandanten wählten. Für 20 Jahre übte er dieses Amt als Nachfolger des zum Bürger­ meister gewählten Karl Seemann erfolgreich aus. Durch die Ernennung zum Ehrenkom­ mandanten würdigte man auch die völker­ verbindenden Aktivitäten, die mit den Kon­ takten zur elsässischen Feuerwehr von Kertz­ feld und deren damaligem Kommandanten Legrand getätigt wurden. Zum Ehrenmitglied des Musikvereins wurde er ebenfalls ernannt, hatte er doch 1938 als Aktiver mitgewirkt. Eine Tätigkeit, die er nach dem Krieg aber nicht mehr fort­ setzen konnte. Dafür reichte die Zeit nicht mehr. Denn schon 1947 begann man wieder, den Saal für Tanzveranstaltungen zu nutzen. 100 Tanzkapellen, wie die damals entstandene „Edelweiß“, sorgten trotz der mangelnden Motorisierung bald für eine Belebung derart, daß man oft von Überfüllung sprechen konnte. Zusammen mit der Mutter Karoline, einer Schwester des legendären Bürgermei­ sters Martin Müller, und der Schwester Berta führte Albert Weisser das Lokal, wo man sich heute noch am Stammtisch an den Anekdo­ ten freut, die sich um die knorrigen, selbstbe­ wußten Originale ranken. Für eine sorgte der ,,Marti“ in seiner Zeit als Bürgermeister, denn während einer Visite des Landrates in Fischbach hatte dieser Fahrensleute im Ort entdeckt. Kurze Zeit später wurde vom Land­ ratsamt angefragt, ob diese noch im Ort wären. Daraufhin des „Martis“ Antwort: „Seit Herr Landrat weggingen, sind keine Zigeuner mehr hier.“ Als im Juli 1954 seine Mutter starb, die Poststelle ja auch noch von der Schwester Berta versorgt werden mußte, wurde es Zeit für den Albert, an die Gründung einer Fami­ lie zu denken. In Hüfingen traf er erstmals seine Frau Hedwig, die aus einem stattlichen landwirtschaftlichen Anwesen in Münchin­ gen stammt. Alte und noch nicht ganz so alte Fischba­ cher erinnern sich noch heute an die Hoch­ zeit am 30. April des Jahres 1956, da man sich nicht auf einen Festtag beschränkte, sondern gleich tagelang feierte. Das Feiern lohnte sich für den Ort und dessen herausragendes Gasthaus. Denn rasch wuchs die Familie um den Peter, die Carola, den Albert und den Berthold sowie die Manuela. Eine Selbstver­ ständlichkeit war es für die Kinder, die Eltern zu unterstützen, die natürlich mehr als aus­ gelastet waren, denn damals wurden im Saal auch noch Theaterstücke aufgeführt, Kon­ zerte fanden statt und natürlich wurden in den Fünfziger Jahren noch Dorfhochzeiten in großem Stil gefeiert. Doch die Zeiten änderten sich. Ein Mann wie Albert Weisser, der, dessen Ohr die Stimme des Volkes auf­ merksam vernahm, Wirt und Marketingchef in einem war, erkannte den gesellschaftli­ chen Wandel und zog die Konsequenzen.

Statt des allmählich überflüssig gewordenen Saales entstanden Fremdenzimmer. Und in seinen letzten Lebensjahren, als er erleben konnte, wie alle Kinder, bis auf den Ältesten, der nach der Ausbildung bei der Bundespost und dem langen Dienst als Fernspäher bei der Bundeswehr sich für die Laufbahn des Betriebswirtes entschied, der Gastronomie treu blieben, entstand das Konzept des modernen, familiären Gasthofes, als den sich der traditionsbeladene Mohren heute präsentiert. Gestützt auf die Erfahrung von Hedwig und Berta Weisser, die in vielen Jah­ ren für gute Hausmannskost sorgten, aber auch hohen Ansprüchen gerecht wurden und mit den Forellen in vieler Form ein Mar­ kenzeichen schufen, können heute Berthold und Carola die Mutter bei der Führung des Gasthofes unterstützen. Berthold als Koch, der sein Handwerk im Hotel Ketterer in Vil­ lingen erlernte und seine Erfahrung im Hänslehof und in Grindelwald gesammelt hat und Carola im Servicebereich, welche zu den im Hause gesammelten Erfahrungen das notwendige Rüstzeug während einer Lehre im Hause Limberger in Bad Dürrheim erwarb. Der Sohn Albert begann seine Lehre als Kellner im Hotel Ketterer, ging danach zum heute in die Schlagzeilen geratenen Meisterkoch Witzigmann nach München, arbeitete in Frankfurt und London, sam­ melte Erfahrung auf hoher See und ist der­ zeit in Orlando in Florida tätig. Die Manuela wurde zunächst ebenfalls Fachgehilfin im Hotel- und Gaststättenge­ werbe, erweiterte die Kenntnisse durch ein Praktikum als Konditorin, schnupperte die hohe Kunst der familiären Gastronomie in der Traube in Tonbach, dem Haus mit den drei Michelinsternen, arbeitete im „Le Gour­ met“ in München und war zuletzt in Davos, um Auslandserfahrung zu sammeln. Albert Weisser, der für 15 Jahre auch als Gemeinde­ rat wirkte und so auch direkte politische Erfahrungen sammelte, hat mit seiner Frau Hedwig das Haus so bestellt, daß die Voraus­ setzungen für eine weitere lange Zukunft als Familienbetrieb mit besonderem Charakter geschaffen sind. Die nachgewachsene Gene­ ration ist durchaus auch in der Lage, Gäste wie den Botschafter der Volksrepublik China, der aufEinladung des MdB und spä­ teren Staatssekretärs Dr. Hansjörg Häfele, und Ministerpräsident Erwin Teufel, der schon als kleiner Junge nach Fischbach zum Taubenmarkt kam, zu bewirten. Trotzdem ist nicht zu leugnen: Mit dem Tode von Albert Weisser verlor nicht nur die Familie den Mittelpunkt, sondern auch die Gäste das Markenzeichen, eben den Mann, der es außergewöhnlich gut verstand, mit Groß und Klein, mit Eminenzen und Magnifizen­ zen umzugehen in einer so unnachahmli­ chen Art von bleibender Erinnerung bei all denen, die seine Gäste waren. Und das waren erfreulicherweise sehr viele. Dieter Mink Oskar Steiger Seine Liebe gilt der Musik und der Mathematik Gleich zwei Dingen, die erst bei genau­ erem Betrachten wesensverwandt sind, gilt seit vielen Jahren die Liebe Oskar Steigers – der Musik und der Mathematik. Beides hat er in einem langen, pädagogischen Leben im Schuldienst wie auch im persönlichen Be­ reich hervorragend zu verbinden gewußt. Oskar Steiger,Jahrgang 1933, stammt aus einem pädagogischen Haus, schon sein Vater war Lehrer. Er sorgte auch dafür, daß der musikalisch begabte Sohn schon mit fünf Jahren Klavierunterricht erhielt. „Spä­ ter dann war mir das Klavierspielen immer lieber und wichtiger als jede Art von schulischen Hausaufgaben“, erinnert sich Oskar Steiger an seine Kinderjahre. Jahre danach, der Vater war nach Pfohren versetzt worden, vertrat ihn der Sohn oftmals an der 101

und Musik von Oskar Steiger stammen. Am 30. November 1963 kam der Chorsatz erstmals zur Aufführung. Nach autodidaktischem Studium der Fächer Musik und Mathematik, die Lehrer­ ausbildung in diesen Jahren verlief noch anders, wechselte Oskar Steiger 1961 als Real­ schullehrer an die neuerbaute Blumberger Realschule. In langen Jahren hat er seither jungen Menschen geduldig mathematische Begriffe erläutert und sie zugleich die Liebe zur Musik gelehrt. Viele der jungen Leute, die im Realschulchor mitgesungen haben, wechsel­ ten in Kirchenchor oder Männergesangver­ ein über und brachten beiden Chören die so notwendige, stimmliche Verjüngung. Seit 1960 arbeitet Oskar Steiger aktiv im Schwarz­ waldgau-Sängerbund mit und hat seit vielen Jahren die Leitung von dessen Gruppe 8 mit insgesamt zwölf Männergesangvereinen zu betreuen. Anfang des Jahres 1993 wurde Oskar Stei­ ger nach über 40jährigem Schuldienst in den wohlverdienten Ruhestand entlassen. ,,Mitt­ lerweile haben schon Kinder von ehemali­ gen Schülern bei mir im Klassenzimmer gesessen“, erinnert er sich lächelnd. Einige seiner vielen Verpflichtungen hat er mittlerweile abgegeben und die Verant­ wortung für den MGV 1860 in jüngere Hände gelegt. Musikalischer Chef des Kir­ chenchores ist er allerdings bislang geblie­ ben. So bleibt Oskar Steiger jetzt erstmals rich­ tig ausgiebig Zeit für die persönliche Ausein­ andersetzung mit der Vielfalt der Musik und privates Klavierspiel. ,,Musik ist etwas ungemein Lebendiges. Über viele Jahre eines Lebens bekommt man zu geliebten, gut bekannten Werken großer Meister eine immer neue Einstellung“, zieht Oskar Steiger sein Resümee und erklärt, daß er jetzt Zeit und Muße findet, sich mit dem Musikschaffen der Modeme auseinanderzu­ setzen. Christiana Steger Kirchenorgel beim sonntägEchen Gottes­ dienst. Nach dem Abitur und Studium an der Pädagogischen Akademie in Freiburg kam Oskar Steiger 1954 als Volksschullehrer an die Blumberger Viktor-von-Scheffel-Schule. „Im damaligen Klassenlehrersystem war ich für alle Fächer zuständig“, erinnert sich Oskar Steiger, aber auch, daß der damalige Kirchenchor einen neuen Leiter suchte und dies den Ausschlag für die Entscheidung Blumberg gab. Seither arbeiten Chor und Chorleiter kontinuierlich zusammen, was Kirchenkonzerte und Gottesdienstgestal­ tungen an den kirchlichen Hochfesten immer wieder auf hohem Niveau bewiesen. 1957 übernahm Oskar Steiger zudem die Leitung des „Männergesangvereines 1860 Blumberg“ und auch hier erreichte er über­ zeugende chorsängerische Q!ialität, weit ab vom neuromantischen „Schmalz“. So brachte er moderne Gesangsliteratur ein, zudem Gehör- und Stimmbildung. Aus­ ländisches Liedgut gehört somit fest zum Repertoire des Männerchores, wie auch der „Blumberger Sängerspruch“, dessen Text 102

Erwin Mayer Ein Schulmann mit Idealismus Erwin Mayer, er starb im Sommer 1988, war Pädagoge und Idealist. Als ihn der Tod ereilte, unerwartet und daher für seine Ange­ hörigen besonders schmerzlich, hatte er noch viele Pläne. Zwar hatte ihm sein kran­ kes Herz die Ausübung seines Schulleiter­ postens an der Hüfinger Lucian-Reich­ Schule verboten – er ging vorzeitig in den Ruhestand-, doch für ihn, den Unermüd­ lichen, hätte auch ein viel längeres Leben kaum ausgereicht, um all das zu verwirk­ lichen, was er sich vorgenommen hatte. Knapp 66 Jahre alt war Erwin Mayer, als ihn bei der Ausübung seines geliebten Segel­ sports der Herztod traf. Als er 1981 feierlich aus seinem Dienst verabschiedet wurde, hatte er sich keinen sonnigen Lebensherbst, sondern einen „windigen Altweibersom­ mer“ für seinen Ruhestand gewünscht, der fortan ausgefüllt war mit einem unermüd­ lichen Engagement für die Allgemeinheit. 1922 war er in Donaueschingen geboren worden, wo er auch aufwuchs und zur Schu­ le ging. Unmittelbar nach seinem Abitur mußte er die feldgraue Uniform anziehen. Bei seinem letzten Besuch in der Heimat starb auf tragische Weise sein Vater. Er durfte bleiben, bis dieser beerdigt war, doch dann sollte er die Heimat fünf lange Jahre nicht wiedersehen. Er kam 1944 in Bukarest ver­ wundet in Gefangenschaft. Als Kriegsgefan­ gener ertrug er in Sibirien schlimmste Strapa­ zen, ehe er 1949 endlich heimkehren durfte. Als 27jähriger begann er sein Pädagogikstu­ dium in Lörrach, das er 1951 mit dem Exa­ men abschloß. Seine erste Dienststelle als junger Lehrer war Hüfingen, wo er bis 1953 tätig war. Da­ mals hätte er sich nicht träumen lassen, daß er einmal Leiter dieser Schule werden könnte. Es folgte nun eine Anstellung als Lehrer in Leipferdingen, und von 1955 bis 1964 leitete er die dortige Schule eigenverant­ wortlich. Inzwischen hatte Erwin Mayer sich mit Lydia geborene Schweizer verheiratet und war Vater von zwei Kindern. Die Arbeit in Leipferdingen machte ihm Freude, und auch die junge Familie fühlte sich in der dörf­ lichen Umgebung sehr wohl. Auch außerhalb des schulischen Berei­ ches engagierte Erwin Mayer sich in Leipfer­ dingen. Er war Mitbegründer der dortigen Narrenzunft und war maßgeblich an der Kreierung der Fasnetfigur des „Strohhan­ sels“ beteiligt. Außerdem leitete er den ört­ lichen Gesangverein. Selbst im privaten Bereich schätzten die Dorfbewohner die Hilfe des Schulleiters, der ihre Sorgen und Nöte mittrug. Dazu zählte etwa auch die Formulierung einer Heiratsan­ zeige oder das Chauffieren einer werdenden Mutter zur Entbindung ins Krankenhaus. Als 1964 die Berufung Mayers als Schul­ leiter nach Hüfingen kam, bedeutete dies erneut eine Umstellung der familiären Lebensgewohnheiten. An der Gierhalde wurde ein Haus gebaut, und Erwin Mayer wurde Zeuge, als auf einem benachbarten 103

Grundstück wertvolle Funde aus alemanni­ scher Zeit zutage traten. Die Beschäftigung mit diesem frühgeschichtlichen T hema hat Erwin Mayer lebenslang fasziniert. Neben seiner Schulleiterstelle übernahm Erwin Mayer auch die Leitung des Männer­ chors beim Gesangverein „Liederkranz“. Bei entsprechenden Gelegenheiten ftihrte er auch den Gesamtchor. Als ihn 1974 nach einem Konzert der erste Herzinfarkt traf, mußte er den Taktstock niederlegen. Die Auswirkungen der Bildungsreform mit Einführung des neunten Schuljahres und die Bestimmung der Schule als Mittel­ punktschule, auch für die Schüler der Stadt­ teile, brachten große Raumprobleme. Den Idealzustand – genügend Lehrkräfte sowie Schulräume – optimale Voraussetzungen für den Sportunterricht, hat Erwin Mayer zu seinem großen Bedauern während seiner Dienstzeit nicht mehr erlebt. Große Verdienste hat er sich zweifellos auch als Mitbegründer der Städtepartner­ schaft mit dem französischen Ornans erwor­ ben. Er organisierte schon früh einen Aus­ tausch von Schülern zwischen den Schulen beider Städte. Als 1986 in Hüfingen der Förderkreis Stadtmuseum ins Leben gerufen wurde, war Erwin Mayer wieder ein Mann der ersten Stunde. Als Schriftführer half er beim Ent­ wurf der Satzung und scheute keine Arbeit, wenn es galt, für den Förderkreis auch über diese Tätigkeit hinaus zur Verfügung zu ste­ hen. Es war ihm nicht vergönnt, die Eröff­ nung des Museums im März 1992zu erleben. Das Hüfinger Römerbad, das zuvor von Erwin Mayers Vorgänger im Amt, Rektor Otto Heizmann, betreut worden war, nahm, nachdem dieser wegen seines hohen Alters dieser Tätigkeit nicht mehr nachgehen konnte, Erwin Mayer bildlich gesprochen unter seine Fittiche. Er sorgte für Ordnung in der Badruine und leitete unzählige Führun­ gen mit lebendigen Schilderungen über das Leben der römischen Soldaten. Seine Liebe galt auch der Hüfinger Tradi­ tion der Blumenteppiche. Schon als Kind 104 war er Jahr für Jahr mit seinen Eltern an Fron­ leichnam nach Hüfingen gekommen, um die Blumenteppiche zu bestaunen. In seinen reifen Jahren war er selbst aktiv, wenn es darum ging, die Organisation für jenen Teil des Teppichs zu übernehmen, den die Schule anfertigte. Er hielt auch vielbeachtete Vorträge zu diesem T hema, unter anderem in der Donaueschinger Lehrerakademie. Hier referierte er auch vor Lehramtskandida­ ten zu heimatkundlichen Sachbereichen. Dem Segelsport war er immer schon sehr zugetan, und als begeisterter Segler gehörte er der Segelkameradschaft Riedsee an, der er auch als Schriftführer diente. Es waren wohl auch jene schweren Erleb­ nisse in Krieg und Gefangenschaft, die ihn zum getreuen Sachwalter beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge machten. Er übernahm die Organisation der jährlichen Feierstunde am Volkstrauertag auf dem Friedhof, warb neue Mitglieder für die Orga­ nisation und betätigte sich als Sammler, wohl im Gedenken an jene Kameraden, denen der Krieg keine Heimkehr gewährt hatte. Als Hüfingen sich 1984 anschickte, seine 900-Jahrfeier zu begehen, stellte sich Erwin Mayer unverzüglich als tatkräftiger Mitorga­ nisator zur Verfügung. Unter anderem leitete er szenische Darstellungen aus Hüfingens Geschichte und schrieb die Texte zu einem Bildband über die Stadt. Darüber hinaus war er Mitbegründer des Hüfinger Stadtlaufes. Trotz seines vielfältigen Engagements behielt seine Familie Priorität in Erwin Mayers Leben. Zahllose Mitbürger versam­ melten sich an jenem heißen Julitag auf dem Hüfinger Friedhof, um den Angehörigen ihre Anteilnahme zu bekunden beim Ab­ schied von einem Menschen, der stets ein Gebender blieb. Er ließ an vielen Stellen Lücken zurück, die kaum zu schließen waren und die das Andenken an einen Menschen wachhalten, der trotz schwerer Erlebnisse zeitlebens eine positive Lebenseinstellung behielt. Käthe Fritschi

Erinnerungen an Fritz Schultheiß Fritz Schultheiß kam am 2.Juni 1875 in Tübingen zur Welt. Bereits in jungen Jahren zählte er zu den führenden Tüftlern bei der Weiterent­ wicklung im Bereich der Fo­ tografie, die damals noch in den Kinderschuhen steckte. Schnell hatte sich sein Kön­ nen weithin herumgesprochen und so avancierte er bald zum Hoffotografen und bannte Kaiser und Fürsten auf Zellu­ loid. Zu seinen weiteren Statio­ nen zählten ein Volontariat in Frankreich und die Mitar­ beit bei Pathe, wo er als Pio­ nier der Stummfilmzeit die Entstehung der ersten laufen­ den Bilder miterlebte. Der gebürtige Schwabe sammelte in Weltstädten wie Paris, Brüssel und London Berufs­ erfahrung, und um die Jahr­ hundertwende war er sogar als Fotograf für die damalige Regierung in der Reichshaupt­ stadt Berlin tätig. Am 22.Juli 1967 wurde auf dem alten Friedhof im Schatten der Lorenzkirche mit Fritz Schultheiß ein beliebter und verdienst­ voller St. Georgener Bürger zu Grabe getra­ gen. Er gehörte zu den Pionieren der Foto­ grafie und der Kinematografie. Auf unzähli­ gen Gebieten erarbeitete, entwickelte und erfand er bahnbrechende Neuerungen in der damals noch jungen „Wissenschaft“. Noch heute ist er vielen älteren Bergstädtern durch seinen trockenen Humor und seine großen Verdienste in Erinnerung. Sein Name lebt in dem von ihm gegründeten und noch heute bestehenden Fotogeschäft fort. Auf seine Initiative hin wurde in jenen Jahren in Stuttgart das erste Kino eröffnet. Später arbeitete er in Dresden für die Firma „Zeiss­ Ikon“ an der Konstruktion für „Photo­ Cameras“ und „Photo-Automaten“. Besonders gern erinnerte er sich an die Weltausstellung 1897 in Brüssel, an deren Auf­ bau er beteiligt war. Bei einem Gala-Abend, zu dem König Leopold eingeladen hatte, unter­ hielt er die illustre Gesellschaft mit einigen Zauberkunststücken. Der „Brieftrick“ hatte den König so beeindruckt, daß er Fritz Schultheiß von einer Droschke ins Schloß bringen ließ und ihn dort zu einer Privat­ audienz empfing. Als der junge Fotograf 105

dem Monarchen den Trick erklärte, mußte dieser wegen der Einfachheit des Täu­ schungsmanövers herzlich lachen. Bei dieser Gelegenheit bekam er vom König eine Erin­ nerungsmedaille für seine beruflichen Ver­ dienste überreicht. Besondere Aufmerksamkeit erregte da­ mals der von ihm konstruierte Photoauto­ mat „Bosco“, der auf Münzeinwurf inner­ halb von drei Minuten ein Bild lieferte. Diesen unruhigen Geschäften entschlüpfte er 1902. In jenem Jahr ließ ich Fritz Schult­ heiß in St. Georgen nieder, wo er in der Roß­ bergstraße sein erstes Atelier einrichtete. Aus dieser Zeit haben sich noch zahlreiche Auf­ nahmen von Alt-St. Georgen, von Trachten­ festen und von der Schwarzwaldbahn erhal­ ten, auch wenn vieles in den Weltkriegen unwiederbringlich verlorenging. In den Dreißigerjahren wurde das Geschäft in die Gerwigstraße verlegt, und 194 7 übertrug er den Laden seinem Sohn Karl. Nach dessen frühem Tod, 1961, ging er an seinen Enkel Bernd über, der das Geschäft heute in der dritten Generation führt. Aus der ersten Ehe von Fritz Schultheiß gingen die beiden Söh­ ne Karl und Siegfried sowie Tochter Kriem­ hilde hervor. Nach dem Tod seiner Frau hei­ ratete er Anna Weidemai er. Sie schenkte ihm die Söhne Gunter und Helmut, die beide im Zweiten Weltkrieg ihr Leben lassen mußten. Seine Frau Anna verstarb 1974 in der Berg­ stadt. Bald nach seiner Niederlassung in St. Geor­ gen richtete Fritz Schultheiß im „Deutschen Haus“ das erste Kino in der Bergstadt ein. Er gründete den Schwarzwälder Fotografen­ Verein, war Mitbegründer der Handwerker­ Krankenkasse und später Vorsitzender der Meisterprüfungskommission der Hand­ werkskammer Konstanz. Zudem rief er den badisch-württembergisch-pfälzischen Licht­ spieltheaterverband ins Leben und war des­ sen vereidigter Sachverständiger. Mehrfach wurde er zum Obermeister der Fotografenin­ nung gewählt. Neben seinem Beruf widmete er sich auch seiner Wahlheimat mit viel Idealismus und Einsatz. Er war Gründungsmitglied des Trachtenvereins St. Georgen im Jahre 1907, und bei der Wiederbegründung des Ge­ werbevereins nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er zu dessen Vorsitzenden gewählt. V iele Jahrzehnte war er Mitglied im Turn­ verein, Kraftsportverein und beim Sänger­ bund. Noch bis ins hohe Alter erfreute er sich bester Gesundheit. Zu seinem 90. Geburts­ tag konnte er die Glückwünsche vom dama­ ligen Bürgermeister, Dr. Helmut Dahringer, ein Glückwun chtelegramm des Minister­ präsidenten und von Staatssekretär Dr. Sei­ fritz entgegennehmen. Beim Gautrachten­ treffen in St. Georgen wurde ihm am 15.Juli 1967 die goldene Ehrennadel des Trachten­ gaus Schwarzwald verliehen. Beim großen Trachtenfestzug am 16.Juli fuhr er als Ehren­ mitglied des Vereins im offenen Wagen durch die Straßen der Stadt. Nur drei Tage später, am 19.Juli 1967 , verstarb er im Alter von 92 Jahren nach einem erfüllten Leben. Jochen Schultheiß Die Geschwister Barth aus Riedöschingen spielt bestenfalls eine kontrapunktisch klin­ gende Internationale mit, die anderen Bestand als die politi eh komponierte hat. Doch benötigen wir beim hier vorgestellten Quartett kein so großes Szenarium, um das Verbindende von gleichgestimmter Musik oder: die Kompromißbach-Musikanten In der Musik- das beweist die begeisterte Anerkennung ihrer Interpreten bei vielfarbi­ gen Freiluft-Festivals – gibt es keine mit eigentlich überholten Nationalismen pla­ katierte Feindseligkeiten. Da gilt der Brük­ kenschlag des Für- und Miteinander, da 106

und Resonanz zu erleben, in dem jede eng­ stirnige Ablehnung des Andersfarbigen und deshalb exotisch Erscheinenden keinerlei Chance hat. Im Schwarzwald-Baar-Kreis – und dort genauer von Blumbergs Stadtteil Riedöschingen ausgehend – begegnen wir so sympathischer Übereinstimmung bei vier jungen, vielseitigen Instrumentalisten und ihrem immer wechselnden Publikum. Sie haben sich schon lange in die Herzen ihrer Zuhörer gespielt: die Geschwister Barth aus Riedöschingen, die sich den Namen „Kompromißbach-Musikanten“ gaben. Ein Quartett, das sich nicht dem hämmernden Disco-Sound verschrieben hat, sondern einer vorrangig streichinstrumentalen Volks­ musik, in der Traditionsbewußtsein mit­ klingt. Daß diese volkstänzerisch beschwing­ te Musik in ihrer fast kammerkonzertanten Unaufdringlichkeit, Stimmigkeit und Quali­ tät stets mit Beifall von jung und alt aufge­ nommen wird, ist die eine Überraschung. Die andere wird von ihrer äußeren Gestalt ausgelöst, denn das Erscheinungsbild über die Baaremer Tracht hinaus besitzt hier einen liebenswürdig fremdländischen Ak­ zent. Dieser läßt eher an südasiatische Sai­ teninstrumente als an Geige, Bratsche, Kon­ trabaß und Ziehharmonika denken. Von den Vornamen Paul, Maria, Paula und Atul der freundlichen Geschwister weist nur noch letzterer auf das bis in die 60er Jahre zurück­ reichende Herkommen hin. Schon im Jahre 1969 adoptierten Her­ mann Barth, der heutige Ortsvorsteher von Riedöschingen, und seine Frau Lieselotte den damals vierjährigen Paul sowie die fast dreijährige Maria.1971 kamen die 1968 gebo­ renen Paula und Atul dazu. Alle vier Kinder stammten aus christlich geleiteten indischen Kinderheimen. Lange Zeit hatte das kinder­ los gebliebene Ehepaar Barth den vom frü­ heren Pfarrer Harterd ins Leben gerufenen „Förderverein Andheri/Bombay“ finanziell unterstützt und sich dank dieser Verbindung mit der Möglichkeit einer Adoption befaßt. Die damit verbundenen Schwierigkeiten immer vor Augen, sahen die Barths eine praktizierte Nächstenliebe als in christli­ chem Selbstverständnis übernommene Auf- 107

gabe. Diese wurde ihnen mit Vertrauen und wachsender Wärme gedankt. Heute sind die so vorbildlich in die Familie eingegliederten früheren Einzelkinder schon zwischen 26 und 29 Jahre alt und nicht nur vom Gesetz legitimierte, echte Geschwister geworden. Früh erkannten ihre Eltern die musischen Begabungen der Kinder. Nach der musikali­ schen Früherziehung in Donaueschingens Jugendmusikschule schlugen sie über das Fach Flöte den Ausbildungsweg zu den ihnen mehr zusagenden Instrumenten ein. „Ich wollte schon immer Geige spielen“, sagt der jetzt 29jährige Paul. Zwei Jahre später lernten Maria und Paula bei Paissi in Donaueschingen; Atul begann mit dem Cello-Unterricht. Ihren ersten ge­ meinsamen Auftritt hatten sie vor elf Jahren bei einem Wettbewerb in Pforzheim. Nach klassisch fundierter Basis wandten sie sich der ihnen mehr liegenden Volksmu­ sik zu, der sie ihre eigenen Akzente gaben. Allmählich empfahl ihre erreichte Qualität sie für Auftritte sogar in Norwegen und Ungarn. Als überall gern gehörte „Kompro­ mißbach-Musikanten“ spielen Paul wie Maria Geige und Bratsche. Paula beherrscht zur Geige noch den Kontrabaß, Atul spielt außer Kontrabaß und Bratsche die Steirische Harmonika. Daß bei allen musikalischen Hobbys die berufliche Ausbildung nicht zu kurz kam, war bei so aufgeschlossenen Eltern nahezu selbstverständlich. Paul lernte als Feinme­ chaniker in Schwenningen und studiert auf diesem Gebiet jetzt in Furtwangen. Maria ist geprüfte Fremdsprachensekretärin für Eng­ lisch und Französisch; jetzt hängt sie in Tri­ berg noch Italienisch und Spanisch an. Paula ist als Zahnarzthelferin ausgebildet, und Atul will, nach seinem absolvierten Wehr­ dienst, auf dem Gebiet der Wasserbautech­ nik weiterstudieren. In Riedöschingen am Kompromißbach, der seinen Namen einem Vergleich zwischen adligen Herren in Sachen mittelalterlich strittigen Grundbesitzes verdankt, gab und gibt es keine Kontaktschwierigkeiten zwi­ schen Barths Kindern und den Altbürgern. Hier kann „Kompromiß“ in die zutreffende Bedeutung einer gelungenen Verständigung übersetzt werden, die sich deshalb als haltbar erwies, weil Menschlichkeit und Liebe nicht überall nur Vokabeln einer fremden Sprache sind. Das sollte heutzutage Schule machen. „Gibt es manchmal Erinnerungen an den Lebensbereich der ersten Kindheit?“ frage ich Paul. ,,Natürlich“, antwortet er, ,,aber sie bedeuten nicht mehr viel. Mit unserem alten Kinderheim in Bombay stehen wir noch in sporadischem Briefkontakt.“ Auch die frü­ here Sprache haben sie fast vergessen. „Damals sprachen wir so einen Mischmasch aus Hindi-Dialekt und Englisch.“ Jetzt spre­ chen er und seine Geschwister schon lange Zeit den alemannischen Dialekt Riedöschin­ gens, in den sie so gut betreut hineingewach­ sen sind. Sie sind mehr als adoptiert, sie gehören ganz einfach dazu. Eine bessere Ein­ gliederung ist kaum denkbar: Familie und Umfeld als harmonischer Akkord. Jürgen Henckell bergers. Feuerwehrmann aus Leidenschaft und Chronist mit der Kamera mag man ihn nennen. Beides beschäftigt ihn täglich, wenn es seine Gesundheit zuläßt. Und das Mate­ rial, das ihm seine Hobbys einbringen, füllen eine ganze Sammlerstube – ein Sammler ist er auch. Horst Klink Ein Feuerwehrmann mit Geschichtsinteresse Horst Klink aus Triberg – ihn kennen viele, auch wenn sie seinen Namen nicht wis­ sen. Horst Klink hielt seit dem Bau des Kur­ hauses in Triberg im Jahre 1960 dort die Brandwache. Er hat viele Persönlichkeiten kennengelernt: Politiker, Künstler, Juristen. Aber das ist nur eine Seite des gebürtigen Tri- 108

Über 200 Miniatur-Feuerwehrautos hat Horst Klink aus Triberg gesammelt – ein Bruchteil dessen, was der Triberger zum Thema „Feuerwehr“ seit 45 Jahren zusammentrug Mit den Ansichtskarten fing alles an. Nach dem Krieg – da war Horst Klink 15 Jahre alt, fand er einige Postkarten mit Ansichten von Triberg aus früheren Zeiten. Das weckte sein Interesse daran zu wissen, wie Triberg früher aussah. Er begann Ansichtskarten aus drei verschiedenen Zeit­ abschnitten zusammenzutragen mit Ansich­ ten aus der Jahrhundertwende, ab 1940 und ab 1945. Letzteres kam erst später dazu, als er neugieriger wurde. Da war er längst mit der Kamera unterwegs und hielt Veränderungen in der Stadt fest, Ereignisse, die Triberg präg­ ten. Früher die Kuridylle, heute Parkplätze – hier stand einst das Krankenhaus, heute ist es eine Brachfläche. Der Marktplatz, einst beschaulich mit Brunnen, heute ein großer Parkplatz … Der Chronist in dem jungen Mann erwachte. Der Großvater von Horst Klink gehörte der Feuerwehr Triberg an. Der Fünfzehn­ jährige erlernte das Schreinerhandwerk. Eines Tages brannte es in der Nähe seiner Lehrwerkstatt, der Bub half beim Löschen und hatte seine nächste Leidenschaft gefun­ den: er wurde Feuerwehrmann, avancierte bald zum Fahnenträger der Triberger Wehr und gehört dieser inzwischen fast 45 Jahre an. Er erlebte drei Feuerwehrkommandan­ ten und hielt seit 32Jahren im Triberger Kur­ haus die Brandwache. Als junger Feuerwehr­ mann verband Horst Klink das eine Hobby mit dem anderen: zu den Postkarten von und über Triberg gesellten sich Postkarten von und über die Feuerwehren. Die Geschichte der Feuerwehren in Deutschland interessierte ihn nun auch. Mit Feuerwehr­ autos en miniature hatte er als Bub gespielt, jetzt sammelte er sie. Inzwischen kann er nicht nur die Chronik der Freiwilligen Feuer­ wehr, lückenlos mit eigenem Bildmaterial, vorweisen, sondern auch allerlei Feuerwehr­ insignien wie Uniformteile aus verschiede­ nen Ländern. 700 Ärmelwappen, 40 Helme 109

1 Ersttagsbriefe vom 18. Deutschen Reichs-Feuer­ wehrtag in Leipzig 1913 sind nur einige der Rari­ täten, die Horst Klink sein Eigen nennt erfüllen ihn mit Stolz. Ja, die Helme – sie kommen aus Frankreich, Bulgarien, Chile, Polen, der Tschechoslowakei, Jugoslawien, Österreich, der Schweiz, Liechtenstein. Ein Helm bereitet ihm noch Kopfzerbrechen, dessen Herkunftsland muß er noch heraus­ finden … Feuerwehr und kein Ende: Ersttagsbriefe von großen Feuerwehrtreffen seit Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts sind sein gan­ zer Stolz und einige dicke Ordner bergen Briefmarken aus aller Herren Länder, natür­ lich mit Feuerwehrmotiven. Und dann sind da noch die vielen Medaillen, die anläßlich von Feuerwehrfesten ausgegeben wurden. Auch davon hat Horst Klink eine stattliche Anzahl. Inzwischen ist der Sechzigjährige weit überTribergs Grenzen als Sammler bekannt. Er steht mit anderen Sammlern in Verbin­ dung. Man besucht sich, trifft sich auf Aus­ stellungen, sucht günstige Gelegenheiten. 110 doch Horst Klink ist kein Sammler „um jeden Preis“. ,,Mein Hobby muß mir Spaß machen. Ich warte lieber auf eine günstige Gelegenheit als für teures Geld etwas zu erwerben,“ umreißt er seinen Einsatz. Freunde kennen seine Leidenschaften und schauen sich für ihn um. Statt Blumen brin­ gen seine Gäste vielleicht ein Miniatur-Feu­ erwehrauto mit. Und wenn er dann wieder ein „Schnäppchen“ gemacht hat, eine Feuer­ wehrpostkarte erstand, eine Briefmarke tauschte, dann beginnt für ihn der zweite Teil seines Hobbys, das Katalogisieren, die Beschäftigung mit dem Objekt. ,,So man­ chen Schlechtwetter-Sonntag habe ich hier am Schreibtisch verbracht,“ berichtet er stolz. Jahrelang gehörte er dem Narrenrat der Triberger Narrenzunft an und spielte früher im Gesellenverein Theater. Horst Klink wird oft auch um Ausstellungen in Triberg oder Furtwangen gebeten. So hat er sein Sammel­ gut unter verschiedenen thematischen Aspekten seinen Mitmenschen zugänglich gemacht. Bleibt da noch seine zweite und eigentlich erste Leidenschaft als Triberg-Chronist mit der Kamera. Die Triberger Feuerwehr-Chro­ nik birgt alle Feuerwehr-Einsätze bei Brän­ den, Katastrophen, Festen. Sie ist unbezahl­ bar. Und dann die Triberger Chronik auf Postkarten mit den Fotos von heute – eine ebenso unschätzbare Leistung. Zur Zeit weiß man zwar von Klinks Sammelleidenschaft im Rathaus, aber so recht Notiz genommen hat man vom wahren Wert der Exponate noch nicht. Dabei hat der Triberger schon an internationalen Sammler-Ausstellungen teil­ genommen. Urkunden und Medaillen bele­ gen, daß er einer der hervorragendsten Sammler ist, was den Wert, den Inhalt und die Form seiner Sammlungen angeht. Er erhielt eine bronzene Medaille in Berlin und eine Silbermedaille in der Schweiz; 200 Sammler hatten mit ihm ausgestellt. Für Horst Klink, verheiratet und Familienvater, ist das alles einfach sein Lebensinhalt. Renate Bökenkamp

Heiteres aus dem Klosterleben St. Ursula in Villingen Frau M. Lidwina Wang 1901 – 1988 Diesmal gilt unser Bericht ihr, die höflich und liebenswürdig von ihren Mitschwestern, Kolleginnen und Schülern das „zarte Lid­ winchen“ genannt wurde; Grund: ihre be­ scheidene gewinnende Art und ihre zierliche Gestalt. In diese war jedoch ein quickleben­ diges und gescheites Persönchen verpackt, mit einem Wort: ein echtes Breisgauer Kind. Sie wurde am 10. August 1901 geboren in dem schmucken Dorf Merdingen, unweit von Freiburg und dem Kaiserstuhl als einzige Tochter des daselbst hochgeachteten Haupt­ lehrers Wilhelm Wang und dessen Ehefrau Anna geborene Komminger. Hier, am Fuße des aufragenden Tuni­ bergs, wo auf fruchtbarem Lößgrund neben dem köstlichen Müller-Thurgau, Ruländer, Gewürztraminer auch der berühmte Mer­ dinger Rotwein gedeihen, verbrachte sie zu­ sammen mit ihrem Bruder eine glückliche Kindheit. Nach dem Besuch höherer Schulen in Freiburg legte sie anschließend am dortigen Lehrerinnenseminar das Volksschullehrer­ examen ab. Danach trat sie am 23. Septem­ ber 1923 in das Villinger Kloster St. Ursula ein, wo sie durch das heilige Gelübde ihr Leben für immer in den Dienst der Kirche stellte und in klösterlichem Auftrag über vier Jahrzehnte lang als beliebte und erfolgreiche Lehrfrau vorwiegend an der Grundschule wirkte. Im Juli 1966 wurde sie pensioniert und widmete sich fortan der Krankenpflege im Kloster. Ihr war vergönnt, im Juli 1986 das seltene und hohe Fest der „Diamanten Pro­ feß“ zu feiern. Bald danach erkrankte sie, und der HERR rief sie zwei Jahre später nach schwerem in Geduld ertragenem Leiden zu sich in die Ewigkeit. Frau Lidwina ist bei ihren ehemaligen Schülern in guter Erinnerung, und noch heute schmunzeln diese wie auch die einsti- gen Mitschwestern über eine amüsante Bege­ benheit, die sich während ihrer Lehrtätigkeit zugetragen hat: Eines Tages gibt’s überraschend und un­ angemeldet Unterrichtsbesuch durch den zuständigen Schulinspektor, zur damaligen Zeit „Kreisschulrat“ genannt. Dieser ist von den Lehrern meist mehr gefürchtet worden als von den Pennälern. – Ja, und so sehr das gestrenge Auge der Dienstaufsicht auch äugt und späht – und dies minutenlang- es kann zwar eine gutdis­ ziplinierte Klasse feststellen, aber nirgendwo eine verantwortliche Lehrperson. Schließ­ lich, nachdem der hohe Herr mehrmals tief Luft geholt hat und auch geschnaubt haben soll, wettert er mit Donnerstimme los: ,Jetzt sagt mal, Kinder, wo zum Kuckuck ist denn bloß eure Klassenlehrerin, hat die etwa ver­ schlafen?“ – Ein paar Augenblicke zurückhaltendes Schweigen, dann Räuspern und jetzt ein­ stimmig im Chor: ,,So etwas kommt bei unserer Frau Lehrerin nicht vor, Herr Kreis­ schulrat, schauen Sie doch mal in die hintere rechte Zimmerecke!“ Dort befand sich näm­ lich das „zarte Lidwinchen“ beim „Eschinger Kathrinle“ und kontrollierte gerade dessen Hausaufgaben. Sogleich erhellte sich die schon finster gewordene Miene des obrig­ keitlichen Kontrollorgans. Der Kreisschulrat hatte Lidwina ihrer winzigen Gestalt wegen übersehen und für eine Schülerin gehalten. Als der hohe Herr nach geraumer Zeit auch noch einen mustergültigen Unterricht testiert hatte, verabschiedete sich dieser alsbald höchst zufrieden und mit vielen Komplimenten. – Eine andere Lebensseite Lidwinas war eine außergewöhnlich übertriebene Tier­ liebe. Diese wandte sich den auf Samtpfoten gehenden und je nach Laune schwanzwe­ delnden Vierbeinern zu. Sie hatten’s der 111

Klosterfrau besonders angetan, war sie doch eine große Verehrerin der heiligen Not­ burga, des St. Leonhard und St. Wendelin, alle drei Schutzpatrone unserer Mitge­ schöpfe aus dem Reich der Tierwelt. Für Lid­ wina war es eine Selbstverständlichkeit, die­ sen frommen Vorbildern nachzueifern und so versorgte, fütterte und verwöhnte sie nicht nur ein Dutzend, sondern ein ganzes Regi­ ment solcher Lebewesen. Sie, liebe Leser, haben sicher schon längst gemerkt, um welche Gattung an Kreaturen es sich handelt. Kein Zweifel: Es sind Hauskat­ zen! – Nur die allerfeinsten Happen und Leckerbissen waren gerade gut genug für Lidwinchens „Kinder“. Resultat: Die so ver­ köstigten und verhätschelten Leckermäuler wurden sichtbar runder und molliger – aber auch bequemer. Von wegen noch Mäuse oder gar Ratzen fangen, die es ja im und um das Kloster zur Genüge gab! Nur in einem Punkt waren die „Samtbälge“ gar nicht faul. Sie vermehrten sich in beängstigendem Tem­ po, und es gab immer mehr Schleichfüße, denn vermutlich hatte sich im Villinger ,,Städtle“ unter den Viechern herumgespro­ chen, wie gut es ihnen im Kloster erging, so daß auch noch zahlreiche verwandte und 112 bekannte Schnurrbart- und Schwanzträger aus allen Teilen der Stadt hinzukamen. Der Zustrom nahm kein Ende. Solche Massen an Zehengängern verur­ sachten logischerweise nicht geringe Pro­ bleme. Man stelle sich nur die nächtlichen Jaul- und Fauchkonzerte bei „Hochzeitsfei­ ern“ und die unerträgliche Geruchsbelästi­ gung vor durch Verdauungsrückstände bei solch üppiger Verpflegung! – Frau Lidwina wollte ihren Lieblingen aber auch ein schüt­ zendes Obdach gewähren, und da die eigene Kemenate nicht mehr ausreichte, stellte sie diesen großzügigerweise auch noch Klassen­ zimmer und andere zweckgebundene Räu­ me zur Verfügung. Klar: Jetzt war das Maß voll und für die betroffenen Mitmenschen allerhöchste Zeit, den zur unerträglichen Plage gewordenen „Katzensegen“ einzudämmen und Abhilfe zu schaffen. Aber wie? – Ein Sonderaus­ schuß des Konvents beriet, während Lidwina abwesend war, in dieser dringlichen Sache. Eine der Konferenzteilnehmerinnen – es soll die gegenwärtige allseits geschätzte Superiorin Eva-Maria gewesen sein – trug eine brillante Idee vor: ,,Schicken wir die gute Lidwina doch einfach für zwei Wochen

Vorfahren abstammenden Hauskatzen ver­ ändern. Ein wahrlich schwieriges Unterfan­ gen; denn wie jedermann weiß, verhält es sich doch so, daß ausgesetzte Zehengänger dieser Gattung aus kilometerweiten Entfer­ nungen wieder heimfinden. ,,Hier kann nur der Himmel helfen“, sagten sich die be­ drängten Klosterfrauen. Eine NOVENE wurde angesetzt: Neun volle Tage bestürmte die Nonnenschaft den Heiligen Geist in die­ sem besonderen Anliegen – und das soll Wirkung gezeigt haben. Als die fromme Lidwina aus den Exerzi­ tien zurückkehrte, war der Katzenbestand deutlich verringert. Sie war davon überzeugt: Ohne mich hat’s „meinen Kindern“ im Klo­ ster halt nicht mehr gefallen, und sie haben sich deshalb davongeschlichen. Das „zarte Lidwinchen“ gab sich zufrieden, daß „Chef­ Rolli Heiner“ noch die Treue hielt, dazu noch einige andere Schmusekatzen und deren Kinder. Sie alle erfreuten sich auch weiterhin bester Betreuung durch die „Mater felinarum“ (Katzenmutter). Und wenn Kleinmieze oder sonst ein „Schnurrpinsel“ einmal krank wurde, dann durfte sich der Patient in Lidwinas Bett am Fußende ge­ sundschlafen. Vorteil für beide: Lidwina 113 in Exerzitien nach Sitten in die Schweiz.“ Dieser Vorschlag wurde einstimmig ange­ nommen und kurzerhand in die Tat umge­ setzt. – Und während die so auf Zeit Verbannte bei den Eidgenossen sich frommer Übungen und der Askese hingab, ereigneten sich hin­ ter und außerhalb der Klostermauern St. Ur­ sulas mysteriöse und seltsame Dinge: Eine einmalige Aktion in der Klostergeschichte wurde gestartet, und es entwickelten sich nie dagewesene Aktivitäten: Klosterfrauen in Arbeitstracht schwärmten in alle Himmels­ richtungen aus und schleppten Körbe voll zappelnden Inhalts. Zwar waren die Behält­ nisse mit blau- und rotkarierten Leinendeck­ chen getarnt, doch unschwer waren heraus­ hängende Katzenpfoten und -schwänze zu erkennen. Wohin die Frachtgebracht wurde?­ Zu tierliebenden Bürgern im „Städtle“, zu mitfühlenden, katzenfreundlichen Schüler­ eltern, zu vom Kloster verpachteten und anderen Bauernhöfen, aber auch zu städti­ schen Veterinären zur fachärztlichen Bera­ tung für Geburtenregelung bzw. -planung! – Eine besonders harte Knacknuß bei derlei Maßnahmen war: Wie kann man das Ur­ wesen der von ägyptisch-mesopotamischen

Lyrik von Christiana Steger Fine vorbei das Gespräch Stimme verklungen und Lachen verweht – verlieren durch Tod erträglicher als Verrat Ende einer Freundschaft Liebe verkleinert und seitenverkehrt sehe ich mich im Spiegel deiner Augen – hineingenommen und verändert verlorenes, wiedergefundenes Ich Winterwende Befreit von der Eisklammer fließt das Wiesenrinnsal vor sich hin – Vögel besuchen die Trinkquelle und im frühen Grün des Uferrandes zeigen sich zaghaft erste Frühlingsblüher Biotop künstlich angelegt unscheinbar Teich im Garten Seerose, Froschlöffel und Unkenruf Libellenflug in eine neue Welt 115

Kirchei Geliebt und unvergessen Klemens Maria Hofbauer Der große Heilige wirkte in Triberg Im Jahre 1805 hat der heilige Klemens Maria Hofbauer als Redemptoristenpater an der Wallfahrtskirche „Maria in der Tanne“ in Triberg segensreich gewirkt. Nicht lange, nur von Mai bis August. Diese kurze Zeitspanne genügte, um die Menschen jener Tage von ihm ehrfurchtsvoll sagen zu lassen: ,,Unser heiliger Pater.“ Klemens Maria Hofbauer war ein leuch­ tendes Beispiel an Glaubenstreue, unbeugsa­ mem Willen und unwandelbarem Bekenner­ mut, ein Mann von bestechender Ehrlich­ keit und Grundsatztreue. Der Lebensweg des heiligen Klemens Maria Hofbauer gleicht über weite Strecken einem fortgesetzten Zickzack-Kurs. In seinem Leben lag viel Tra­ gik. Immer wieder mußte er von vorne begin­ nen, scheinbar umsonst. Es gehört zum Schicksal dieses Heiligen, daß er während eines halben Menschenlebens um die Ver­ wirklichung seiner früh erkannten Berufung ringen mußte. Als Bauernsohn arbeitet er auf dem Feld, als Lehrling knetet er am Backtrog den Teig. Er ist Kammerdiener, Werkstu­ dent, Einsiedler, Pilger, Universitätsstudent, schließlich Redemptorist und Priester. Die verschlungenen Wege, die wir als Umwege bezeichnen mögen, waren für Gott die gera­ den Wege zum Ziel. Was Klemens später einmal in einem Brief schreiben wird, ist wie eine Zusammenfassung seiner ersten 34 Lebensjahre: ,,Nur Mut, Gott lenkt alles.“ Auf den ersten Blick vermutet man in ihm einen Mann von Energie, zum zähen Durch­ halten bestimmt; einen gütigen Menschen voll Liebe und Zartgefühl, fähig zu großen Freundschaften. Alles, was zusammenhängt mit Trug, Verschlagenheit, Verstellung, ist ihm abgrundtief fremd gewesen. Er konnte 116 scharf kritisieren, war manchesmal auch aufbrausend und konnte ungeduldig sein. Im Umgang mit anderen Menschen war Klemens Maria Hofbauer einladend, un­ kompliziert, einfach. Um seine Schwächen wußte er, er hat unter seinem manchesmal aufbrausenden Charakter gelitten, und er mußte lernen, mit Konflikten zu leben. Aber er ist unter der Last seiner eigenen Unvoll­ kommenheit nie zusammengebrochen. Mit einem Schuß von Selbstironie hat er sich sel­ ber Mut zugesprochen: ,,Alle Tage danke ich dem lieben Gott dafür, daß er mir diese Leb­ haftigkeit und Reizbarkeit gelassen hat, denn dies erhält mich in der Demut und bewahrt mich vor Hoffart.“ Er war durchaus ein feh­ lerhafter Heiliger, der genug Humor besaß, sich selbst wohlwollend „alter Esel“ und ,,armer Pudel“ zu schimpfen. Mit einem sol­ chen Heiligen fühlen sich heute viele Men­ schen verwandt. Klemens Maria Hofbauer war praktisch veranlagt. Er war ein geisterfüllter Seelsorger, ein Eremit und Wanderapostel, ein Freund der Armen und Tischgenosse von Adeligen. Eigen war ihm zeitlebens die Sehnsucht nach dem Jenseits. Klemens Maria war ein Mann voll tiefen Glaubens. Sein ganzes Leben war ein Leben aus dem Glauben, und er begriff es nie, wie Menschen ohne Glauben leben zu können vermeinten. Er sagte einmal: ,,Ein Mensch ohne Glauben ist wie ein Fisch ohne Was­ ser.“ Sein Leben verlief dramatisch. Anfein­ dungen, Verfolgungen, Verdächtigungen, Konfrontationen mit dem unseligen Geist des Josephinismus, jener aufklärerischen Epoche in Österreich, selbst Vertreibung und Abschiebung mußte er erdulden. Als er

Dieses große Bildnis des hei­ ligen Klemens Maria Hof bauer aef der linken Seite des Altarraumes der Wallfahrts­ kirche „Maria in der Tanne“ in Triberg ist betrachtendes Ziel vieler Gläubigen und Besucher. Es erinnert an die segensreiche Wirkungszeit des Heiligen im Jahre 1805 an eben dieser Kirche. endlich seine Primiz feiern konnte, war er bereits 34 Jahre alt. Seine über alles geliebte Mutter hat seinen Ehrentag noch erleben dürfen, wenige Tage danach ist sie verstor­ ben. Klemens Maria selber wurde achtund­ sechzig Jahre alt. Kind einer kinderreichen Familie Klemens Maria Hofbauer wurde am 26. Dezember 1751 als neuntes von zwölf Kindern im südmährischen Tasswitz, hun­ dert Kilometer nördlich von Wien, geboren. Bei seiner Taufe erhielt er den Namen J ohan- nes, doch als Klemens Maria ist er in die Ge­ schichte eingegangen. Hier sind einige Sta­ tionen seines Lebens: Schulbesuch in Tasswitz, Bäckerlehrling, von 1772 bis 1776 Studium im Prämonstra­ tenserstift Znaim, Einsiedler. Er geriet in die unselige Zeit der Aufklärung und des über­ spitzten Staatskirchentums. In Wien regierte Kaiser Joseph II., Maria T heresias ältester Sohn. Der Zeitgeist vertrieb Klemens Maria aus Wien. In Tivoli in Italien wollte er Ein­ siedlerwerden, dort stand er vor dem Bischof Bamaba Chiaramonte, dem späteren Papst 117

Pius VII. Der gab seinem Drängen nach, gab ihm den Namen Klemens. Diesen Namen wird er bis zu seinem Lebensende behalten. Der Spätsommer 1784 brachte die Wen­ de; Klemens kam nach Rom. Bei der Kirche San Giuliano geriet er an Redemptoristen­ patres. Ihr Ordensgründer war der berühmte Alfons von Liguori. Dort wurde Klemens Redemptorist – ,,Erlösermissionar“. Deren Grundideale waren: Christusnachfolge, das Evangelium verkünden, die Armen haben immer Vorrang. Am 19. März 1785 legte Klemens Maria als erster nichtitalienischer Redemptorist die Ordensgelübde ab, und am 29. März wurde er in Alatri nahe Rom zum Priester geweiht. Die Hälfte seines Le­ bens war verflossen. Zeitgenossen bezeich­ nen diese Zeit als „Dornengestrüpp und Wunder“. Klemens sagte es viel einfacher: ,,Nur Mut! Gott lenkt alles.“ Die zweite Lebenshälfte In den folgenden fünfunddreißig Jahren arbeitet Klemens rastlos, die Kongregation der „Redemptoristen – Erlösermissionare“ – bisher auf Neapel und den Kirchenstaat begrenzt-nach dem Norden zu tragen. Eine unendliche Arbeit voller Mühen, Enttäu­ schungen, Rückschlägen folgte. Klemens ging weite und beschwerliche Wege. Im win­ terlichen Februar 1787 kam er in Warschau an. Sein Schicksal in Warschau wurde die Bruderschaftskirche „St. Benno“, die Natio­ nalkirche der Deutschen in Warschau. Kle­ mens ist später als „Apostel von Warschau“ in die Geschichte eingegangen. Aber er mußte Warschau wieder verlas­ sen. ,,Die gottlosen Beamten tuen alles, um die Klöster auszuhungern und die Ordens­ leute zu vertreiben.“ Konstanz, Wollerau am Zürichsee, wieder Warschau, Heiligelinde bei Rastenburg in Ostpreußen, abermals Warschau – dann Jestetten bei Schaffhausen. Hier trifft er auf jenen Mann, der sein weiteres Schicksal be­ stimmen wird: Ignaz, Freiherr von Wessen­ berg, Generalvikar der Diözese Konstanz. In Jestetten erreicht Klemens Maria Hof- 118 bauer der Besuch einer Delegation der Bür­ gerschaft aus Triberg. Sie drängen ihn instän­ dig, die Seelsorge an der Wallfahrtskirche ,,Maria in der Tanne“ zu übernehmen. Tri­ berg war damals ein kleines Dorf, zählte 151 Familien mit achthundert Einwohnern. An­ fänglich war lgnaz Freiherr von Wessenberg Klemens Maria sehr zugetan. Doch Wessen­ berg wurde „ein anderer“ – plötzlich wehrte er sich aufs äußerste gegen die Wallfahrten. Mai 1805: Als die Einwohner von Triberg hörten, daß die Patres unterwegs nach Tri­ berg seien, brach ein wahrer Freudentaumel aus. Ende Mai 1805 empfing die Bevölke­ rung die Redemptoristen im Triumph und geleiteten sie bis zur Wallfahrtskirche. Zum erstenmal bestieg Klemens Maria Hofbauer die Kanzel in der altehrwürdigen Wallfahrts­ kirche „Maria in der Tanne“. Klemens Maria Hofbauer blieb nur etwa zehn Wochen in Triberg- von Ende Mai bis Mitte August 1805. Die Menschen nannten ihn nur „den Heiligen“. Das Unheil bricht herein Das Unheil kündigte sich bald an: Im Juli 1805 hatte Hofbauer drei seiner Theologie­ studenten vom Päpstlichen Nuntius in Lu­ zern zu Priestern weihen lassen. Als Ignaz Freiherr von Wessenberg als Vertreter des Bischofs dies erfuhr, war er maßlos verärgert. Seine bisherige Gewogenheit und U nterstüt­ zung schlug in unerbittliche Gegnerschaft um. Es kam zum völligen Bruch mit den Redemptoristen. Jetzt nannte von Wessen­ berg Hofbauer und die Seinen „berüchtigte Idioten, Bigotten und Schwärmer“. Hofbauer versuchte, von Wessenberg um­ zustimmen. In einem rührenden Schreiben bat der Heilige, ihm doch zu erklären, was eigentlich vorgefallen sei, ob er sich einer Ungebührlichkeit schuldig gemacht habe, und warum er die Geneigtheit von Wessen­ bergs plötzlich so schmerzlich entbehren müsse. Sollte er irgendwie gefehlt haben, so bitte er um gütige Verzeihung. Umsonst. Von Wessenberg – von den Aufklärern in­ fiziert – ließ sich nicht mehr umstimmen.

Als bekannt wurde, daß die Ausweisung der Redemptoristen mit Klemens Maria Hofbauer aus Triberg beschlossene Sache sei, wuchs der Unmut in der Bevölkerung Tribergs so mächtig an, daß man mit einem Volksaufstand rechnen mußte. Mitte August 1805: Klemens Maria geht Mitte August 1805 verließ Klemens Maria Hofbauer seine geliebte Wirkungsstätte an der Wallfahrtskirche in Triberg. Der Erzjose­ finer Ignaz Freiherr von Wessenberg, Gene­ ralvikar des Bistums Konstanz, hatte gesiegt. Im offiziellen Bericht des Obervogtei-Amtes Triberg heißt es dazu: ,,Diese Abreise war zwar ruhig, aber mit dem tiefsten Schmerz des größten Teiles vom Volke verbunden.“ Im Sommer 1805 befand sich Klemens Maria Hofbauer in einer ganz aussichtslosen Lage. Mit tiefer Enttäuschung mußte er ein­ sehen, daß seine Kongregation in der Di­ özese Konstanz nicht mehr wirken konnte. Die gänzliche Auflösung der beiden Nieder­ lassungen Jestetten und Triberg war nur noch eine Frage der Zeit. Gegen jede Hoffnung hoffend, versuchte der Heilige nun eine Gründung in Baben­ hausen. Der Anfang war vielversprechend. Aber da war der allgewaltige Minister Maxi­ milian Joseph Montgelas – ein eingefleisch­ ter Aufklärer – und im Januar 1807 wird den Redemptoristen jede Seelsorge in Baben­ hausen untersagt. Es ging zurück nach Warschau – jedoch nicht für lange, dann heißt es in einem Brief des französischen Marschalls Devoust an Napoleon: ,,Majestät, diese Redemptoristen sind Ihre persönlichen Feinde.“ Napoleon im Gegenzug: ,,Vertreibt diese Mönche aus Warschau, das ist ein Wiederaufleben der Jesuiten.“ Damit ist das Todesurteil über „St. Benno“ in Warschau gesprochen. Die Redemptoristen werden auseinandergerissen. Klemens Maria kommt nach Küstrin. Nach Wochen dann kam es zur endgültigen Tren­ nung von seinen Brüdern. ,,Da ist mir das Herz gebrochen“, wird er später oft wiederholen. Er hat seine Brüder nie wiedergesehen. Ende 1808 kam der Generalvikar Klemens Maria Hofbauer in Wien an, der letzten Sta­ tion seines Lebens. Versuch einer Deutung Die Spanne der Jahre 1795 bis 1808 war für Klemens die Zeit seiner großen Reisen und seiner vielen Versuche, Ordensniederlassun­ gen zu gründen. Er zog von einem Land zum anderen: von Polen in die Schweiz und ins ostpreußische Ermland (Heiligelinde, noch heute ein unvergleichliches Barockjuwel), nach Österreich und Deutschland, nach Frankreich und Italien. Seine Reisen machte er fast immer zu Fuß, und die meisten von ihnen waren schmerzlich mühsam und vol­ ler Entbehrungen. An vielen Orten ver­ suchte er, Niederlassungen seines Ordens zu gründen. Nur wenige glückten: in Mitau, Wollerau, Jestetten, Triberg, Babenhausen. Sie hatten alle nur kurzen Bestand. Nach einer langen Treibjagd von dreizehn Jahren erreichte der Heilige müdegehetzt Wien. Und nun wird er in den letzten zwölfJahren seines Lebens die Kaiserstadt und ihre näch­ ste Umgebung nicht mehr verlassen. Er wird zum „Apostel von Wien“, so, wie er lange zuvor schon der „Apostel von Warschau“ geworden war. Am 23. Mai 1819 verordnet Kaiser Franz II., daß Hofbauer, nachdem ihm in Wien schlimmes Unrecht widerfahren war, in Wien zu bleiben habe und die Statuten sei­ ner Ordensgemeinschaft vorlegen solle. Das ist die große Wende. Im August 1819 wird Klemens Maria Hofbauer von Kaiser Franz II. in Audienz empfangen und dabei bittet er den Monarchen um die Zulassung seines Ordens in Österreich. Nach Tagen bangen Wartens und Hoffens stürmt Baron Penkler ins Hofbauer-Haus. Vor innerer Erregung kann er kaum sprechen. Er umarmt seinen Freund Klemens und stammelt nur: ,,Lassen Sie uns ein TE DEUM singen, Pater Hof­ bauer, wir haben gesiegt.“ Hofbauer jubelt. Endlich, endlich sieht er seinen Lebens­ traum verwirklicht. Am 20. März 1819 ist das Kaiserliche Dekret über die Zulassung der 119

reste durch die Straßen jener Stadt getragen, in der er zuvor so viele Demütigungen hatte erdulden müssen. Am 4. November 1862 wurden die sterb­ lichen Überreste Hofbauers in einem neu­ erlichen Triumphzug durch Wien in die Redemptoristenkirche „Maria am Gestade“ überführt. Im Jahre 1888 (Dreikaiserjahr) hat Papst Leo XIII. Klemens Maria seliggesprochen. Unter dem – später selbst heiliggesproche­ nen – großen Papst Pius X. wurde er am 20. Mai 1909 heiliggesprochen und 1914 zum Stadtpatron von Wien erklärt. Triberg und seine Bevölkerung ihrerseits haben ihren großen Heiligen nie vergessen. Die neue Stadtpfarrkirche in der Stadtmitte -1956 bis 1958 erbaut-trägt seinen Namen, die Stadt hat einen Straßenzug nach ihm be­ nannt, in der Wallfahrtskirche prangt groß sein Bildnis, er bleibt gegenwärtig im Be­ wußtsein der dankbaren Triberger Bevölke­ rung. ,,Unser heiliger Pater“ hat bis heute nichts an Wertschätzung und ehrfurchts­ voller Dankbarkeit verloren. Sein großer „Erfolg“ – Klemens Marias Triumph – begann erst nach seinem Tod. Seine Lebensgeschichte liest sich wie eine Leidensgeschichte. Aber die unübersehbare Fülle seiner Enttäuschungen konnte seine kindlich-demütige Gottesliebe, seinen uner­ schütterlichen Glauben, seinen Bekenner­ mut und sein abgrundtiefes Gottvertrauen nie erschüttern und wankend machen. Und das machte ihn auch anders -nämlich zum Heiligen. Alexander Jäckle Kongregation der Redemptoristen – der Erlösermissionare -unterschriftsbereit. Der Tod klopft an Das Jahr 1820 begann. Im Februar er­ krankte Pater Martin Stark, der im oberen Stockwerk des gleichen Hauses wie Hof­ bauer wohnte. Pater Hofbauer pflegte seinen kranken Mitbruder. Einmal sagte er zu Mar­ tin: ,,Martin, ich weiß nicht, wer von uns bei­ den kränker ist.“ Klemens war tatsächlich sehr krank. Von seiner Wohnung bis zum gegenüberliegenden Kloster der Ursulinerin­ nen konnte man mehrmals im Schnee Blut­ spuren sehen, die Klemens hinterlassen hatte. Am 5. März 1820 hielt Pater Hofbauer in „St. Ursula“ in Wien seine letzte Predigt. Am darauffolgenden Tag hörte er zum letzten­ mal die Beichten der Schwestern -stehend. Vor Schmerzen konnte er nicht mehr sitzen. Zu einer Schwester sagte er: ,,Beten Sie für mich, ich bin sehr krank.“ Von Zeit zu Zeit flüsterte Hofbauer sein Lieblingsgebet: ,,Was Gott will, wie Gott will, wann Gott will.“ In seinen letzten Stunden wird er wie ein versie­ geltes Buch. Alles meinem Gott zu Ehren Der Mittwoch, 15. März 1820, wird der Sterbetag von Klemens Maria Hofbauer. Um sechs Uhr morgens öffnet er die Augen. Er lächelt freundlich wie ein Kind. Mit gebrochener Stimme betet er den Anfang sei­ nes Lieblingsgebetes: ,,Alles meinem Gott zu Ehren.“ Es wird Mittag, die Glocke läutet. Hofbauer rafft seine letzten Kräfte zusam­ men und spricht leise: ,,Betet, man läutet den Angelus.“ Das sind seine letzten Worte im Leben. Alle knien nieder und beten. Als sie sich wieder erheben, ist Klemens tot. -Ähn­ lich wie sein geliebter Ordensvater Alfons von Liguori ist Pater Klemens Maria Hof­ bauer beim Angelusläuten still vor Gottes Angesicht getreten. Am 16. März 1820 findet im Stephans­ dom die feierliche Begräbnisfeier statt. Im Triumphzug werden seine sterblichen Über- 120

P.Florin (Alfons) Volk In einem jener idyllischen Bahnwarts­ häuschen, dem letzten vor dem Gremmels­ bacher Tunnel, kam Alfons Volk am 9. Juli 1916 zur Welt, auf der „alten (abgebroche­ nen) Blockstelle“, der jüngste Sohn der Weichenwärterfamilie Josef Volk. Seine Kindheit war mit der Schwarzwaldbahn, dem Seelenwald und sehr früh mit der Kir­ che verbunden. In der Familienerinnerung setzte sich fest, daß der Schulbub die Gei­ ßen, das Milchvieh der meisten Bahnwärter­ familien, in den Dobein beim Haus hütete und sich dabei die Zeit mit dem Stricken von Socken und Fingerhandschuhen vertrieb, eine für einen Jungen gewiß ungewöhnliche Tätigkeit. Der Schuljunge war auch einer der eifrig­ sten Ministranten, der Weg zur Kirche war kurz. Religiöse Atmosphäre in der Familie und Dienst am Altar ließen in diesem Schul­ buben allmählich den Wunsch Gestalt annehmen, selbst Priester zu werden. Nach der Volksschulzeit instruierte ihn Pfarrer Alois Schäfer über den Stoff der ersten Gym­ nasialjahre, in eineinhalb Jahren eignete er sich das Wissen von dreiJahrgangsstufen an, war am Gymnasium im südhessischen Bens­ heim gleich einer der besten Schüler und blieb es. Nach der zwölften Klasse wurde Abitur gemacht, eine schriftliche Prüfung gab es nicht, und von der mündlichen wur­ den die besten Schüler befreit, Alfons Volk gehörte dazu. Unmittelbar darauf folgte die Ableistung des Arbeitsdienstes in Daun in der Eifel in der Landwirtschaft vom Frühjahr bis zum Herbst 193 7. Im November dieses Jahres trat er ins Noviziat des Kapuzinerordens in Stüh­ lingen ein. Er erhielt den Ordensnamen ,,Florin“. Es „wurde viel gebetet, maßvoll ge­ arbeitet und manchmal maßloser Schaber­ nack getrieben“ (ein Mitbruder). Nach den sogenannten „einfachen Gelübden“ (drei Jahre Treue gegenüber dem Orden) studierte er Philosophie an der Jesuitenhochschule in Frankfurt. Nach kurzem Aufenthalt in Krefeld wurde er zur Wehrmacht eingezogen (1. Dezember 1939). Als Funker war er in Holland, Belgien, Frankreich, drei Jahre in Rußland, zum Ende des Krieges an der West­ front. Er geriet in englische Gefangenschaft. Die Deutschen wurden bei Colchester in Nissenhütten bei maßvoller Verpflegung untergebracht, die Theologiestudenten wa­ ren von den anderen Gefangenen abgeson­ dert, sie konnten katholische Familien besu­ chen, konnten Gottesdienste halten und ihr Studium den Verhältnissen entsprechend leidlich fortsetzen. Voll Ungeduld erwarte­ ten die Gefangenen die Heimkehr. 1946 war es soweit. Florin hatte seine Berufung zum Priesteramt über Krieg und Gefangenschaft hinweg gerettet. Nach wenigen Tagen Hei­ maturlaub studierte er an der Ordenshoch­ schule in Münster/W. weiter, erhielt mit sechs Weihekandidaten am 31. August 1948 die Priesterweihe und feierte in Gremmels­ bach seine Primiz. Ein weiteres Jahr Studium in Münster, währenddessen die Neupriester 121

sorgepater und Schwesternseelsorger in Koblenz-Ehrenbreitstein wurde er Guardian in Waghäusel, dann endlich durfte er sich in die „Stille Seelsorge“ zurückziehen. Aber der Mann der heiligen Ordnung übernahm mit Freuden die Verwaltung der Klosterbi­ bliothek, die er neu ordnete, sein Chef über­ gab ihm auch die Buchhaltung des Hauses. Beide Tätigkeiten machte er zu seinen Hobbys. Er wußte um seine gebrechliche Gesund­ heit, machte aber nie viel Wesens darum, er ertrug sein Herzleiden, zu dem in den letzten Jahren noch ein Augenleiden kam, in Gott­ ergebenheit und verlor den Humor nie. Ruhiger im Ton wurden seine Predigten, tiefer ihr Gehalt. ,,Am Ende kommt es nur darauf an, wie sehr man Gott geliebt hat“ (Ansprache an seine Klassenkameraden). Seinen geistlichen Mitbrüdern legte er auf dem Dekanatstag in Koblenz 1967 nahe, der Predigt und der Katechese einen hohen Rang einzuräumen, ,,wo unser Wirken die Men­ schen in größerer Zahl erreicht“. P. Florin erfreute sich der Beliebtheit in der klöster­ lichen Gemeinschaft, in der weiteren Umge­ bung Waghäusels und in seiner Schwarz­ waldheimat. In die Heimat zog es ihn je län­ ger je mehr. 1987 konnte er in Gremmels­ bach das Goldene Ordensjubiläum begehen, das Goldene Priesterjubiläum zu feiern, war ihm nicht mehr vergönnt. Von einem Schlag­ anfall bei einer Autosegnung vor der Kloster­ kirche erholte er sich nicht mehr. Er starb am 12. Oktober 1992 im Diakonissenkranken­ haus in Speyer in unmittelbarer Nähe des Kaiserdoms. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Kapuzinerfriedhof neben dem Kloster in Waghäusel. Karl Volk nur die Messe zelebrieren, nicht aber predi­ gen und die Beichte abnehmen durften, folgte. Der junge Kapuziner stürzte sich mit seiner ganzen Energie in die Seelsorgearbeit, als er 1949 Kaplan in Karlsruhe-Dammer­ stock wurde. Leidenschaftlich waren seine Predigten, intensiv war die Arbeit mit Jugendgruppen seiner Pfarrei. 1952-55 war er Guardian im Kloster Zell a. H., mit diesem Amt verbunden war die „Leitung“ der Wall­ fahrt zu „Maria zu den Ketten“. Für seine Mitbrüder schuf er vom Klostergebäude zur Sakristei einen Übergangsbogen, so daß sie einen überdachten Weg zur Kirche hatten. Danach war er drei Jahre Superior in Maria Linden (Ottersweier), wo Restaurations­ arbeiten an der Wallfahrtskirche auf ihn war­ teten. Aber zu den Menschen gehen, blieb dennoch sein sehnlichster Wunsch, die Christianisierung der Gesellschaft, der Welt, sein innigstes Anliegen. Seine Oberen betrauten ihn mit der Aufgabe des Haus­ missionars in Frankfurt. Weitere Stationen waren Waghäusel, noch einmal Frankfurt, Dieburg, dort war er das letzte Jahr Superior. Von 1965 bis 1975 leitete er die Pfarrei in Koblenz-Ehrenbreitstein. Die konzilbeding­ ten Umstellungen in der Liturgie während dieser Jahre waren für ihn kein Problem, ebensowenig die Einführung eines Pfarrge­ meinderats und die Zusammenarbeit mit ihm. Er hatte Religionsunterricht zu erteilen, zur Seelsorge dieser Pfarrei gehörten auch Schiffswallfahrten auf dem Rhein nach Kamp-Bornhofen. Eine beständige Einrich­ tung wurden durch seine Initiative die Alten­ nachmittage. Als besonderes Glück empfand er es, die Erstkommunikanten auf den Wei­ ßen Sonntag vorbereiten zu dürfen. Er war auch nie ein Feind profaner Freuden; vom Pastor wurde erwartet, daß er in Umzügen von Vereinen mitmarschierte. Für ihn war es keine lästige Pflicht. Doch auf die Vielseitig­ keit seiner Begabungen kamen neue Anfor­ derungen zu. Er wurde von 1975 an Exer­ zitienmeister von so verschiedenen Berufs­ gruppen wie Ordensschwestern und Bundes­ wehrsoldaten. Nach weiteren Jahren als Seel- 122

Die Fürstliche Gruft:kirche von Theodor Dibold in Neudingen Dieser Beitrag sei Lina Bury, der Hüterin dieser Anlage, gewidmet. Im Almanach 1983, Seite 122-124, wurde die Grufikirche in Neudingen besonders unter geschichtlichen Gesichtspunkten vorgestellt. Das Schwergewicht des diesjährigen Beitrages liegt in der Vorstellung des Architekten und der Beschrei­ bung des Kirchenraumes. Ein Ort, der durch seinen ursprünglichen Zustand aus der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts unversehrt erhalten ist, ist die Gruftkirche in Neudingen mit Parkanlage. Weithin sichtbar als bewaldete Kuppe, er­ scheint der Hügel neben dem Dorf wie eine geschichtliche Insel. Das monumentale ei­ serne Eingangstor mit dem Mohnkapsel­ ornament und dem Hinweisschild für die Parkbenutzung läßt Erinnerungen an die vergangene große Zeit von Baden-Baden aufkommen, als der russische Großadel die Bäderstadt bereiste. Vielleicht sollte man mit der Lektüre von Dostojewskij oder Turgen­ jew ausgestattet, diese Atmosphäre auf sich wirken lassen. Wenn der Begriff des „Genius loci“ (Geist des Ortes) in unserer Gegend auf einen Be­ zirk angewandt werden darf, dann auf diesen kleinen Hügel oberhalb der Donau, stand doch hier schon zur Zeit Karls des Großen eine Pfalz. (Dessen Enkel Karl der Dicke ver­ starb ebenda 888.) Später blühte an der Stelle ein Frauenkloster. Bewußt wählten im 14. Jahrhundert die Fürstenberger diesen tradi­ tionsreichen Ort zu ihrer Grablege. Im Zuge der Säkularisation wurde das Kloster 1802 aufgelöst. 1852 zerstörte ein verheerender Brand Kloster und Klosterkirche. Unbeschä­ digt blieb die Gruft unter der Kirche, die ein Jahr vorher (1851) neu angelegt worden war. Fürst Karl Egon II. faßte nach dem Brand den Entschluß, über der Gruft eine neue Grabkapelle errichten zu lassen. Mit dieser Aufgabe wurde der fürstliche Baurat Theo­ dor Dibold betraut. Der Architekt bezeich- net in seiner Autobiographie diesen Bau als seine interessanteste und schwierigste Auf­ gabe. Dabei hatte ihm das Fürstenhaus eine stattliche Anzahl anderer bedeutungsvoller Bauverpflichtungen übertragen. Unter sei­ ner Leitung entstanden in Donaueschingen das Sammlungsgebäude und Jagdmuseum am Karlsplatz, die Domänenkanzlei an der Josephstraße sowie die Orangerie im Park. Die Ausbildung zum Architekten begann der in Durlach geborene Theodor Dibold (1817-1872) an der Karlsruher Bauschule, die damals von dem renommierten Lehrer Heinrich Hübsch geleitet wurde. Seine Stu­ dien beendete er in München. Dibolds Wiß­ begier galt nicht nur der Architektur, son­ dern auch der Malerei, vornehmlich der Ornamentgestaltung. Schon mit 27 Jahren wirkte er für das Fürstenhaus. Dies wurde für ihn, ähnlich wie für den Kapellmeister Kalli­ woda, eine Lebensstellung, die er nicht mehr aufgab. Am Ende seiner Laufbahn besaß er die Stellung eines Hofbaurats. Dibold wirkte in einer Zeit, die sich durch eine bis dahin nie gekannte Wahlmöglich­ keit innerhalb der Kunststile auszeichnete. (Die verschiedenen Richtungen und ihre Mixturen führten sogar zu der Wortschöp­ fung „Stilkarneval“!) Für den Kirchenbau, vornehmlich in Preußen, bevorzugte man Stilelemente der Gotik, was heute als Neugo­ tik bezeichnet wird. Aber diese für seine Bau­ ten zu wählen kam für Dibold nicht in Frage; bezeichnete doch sein Lehrer Hübsch eine gotische Kathedrale als „ein stachlichtes und confuses Aggregat“. Für Dibold als Badener war vielmehr der Baustil der italienischen Renaissance rich­ tungsweisend. Sein Brotgeber Fürst Karl Egon II. finanzierte ihm zum Studium eben dieser Architektur wiederholt Reisen nach Italien. Für den Bau der Gruftkirche ließ er sich vor allem von den überkuppelten Zen­ tralbauten Italiens inspirieren, wobei Sankt 123

Bräunlich kolorierte Frontansicht der Fürst­ lichen Grufikirche von Theodor Dibold in Neudingen (geweiht 1856). Die hier wieder­ gegebenen Fotos ent­ stammen einem Groß­ fo!ioband, den der Architekt kurz vor seinem Tod (1872) für die Weltausstellung in Wien (1873) anfertigte. Peter in Rom sicherlich einen wichtigen Ein­ fluß ausübte; was der Kirche übrigens im Volksmund den Namen „Klein Sankt Peter“ eintrug. Die als Zentralbau angelegte Gruftkirche wird im Osten durch eine halbrunde Apsis und im Westen durch einen rechteckigen Eingangsbereich ergänzt. Im Innern schließt diese vorgelagerte Eingangszone halbrund 124 an den quadratischen Hauptraum an. ,,Op­ tisch wird der Vorraum vom Zentralraum der Kirche durch zwei Säulen getrennt, die die ebenfalls segmentförmig gebogene Orgel­ empore abstützen“. In den Ecken des Haupt­ raumes befinden sich im Westen jeweils eine Treppe zur Orgelempore und eine ebensol­ che zu dem Glockenturm, im Osten dagegen fuhrt eine Wendeltreppe auf der einen

Seite hinab zur Gruft, während auf der ande­ ren Seite eine runde Kapelle, das sogenannte ,,Stahlkämmerle“ plaziert ist. Zwischen Ap­ sis und Hauptraum liegt ein Vorchor, in dem eine massive Bronzeplatte in den Boden ein­ gefügt ist. Hier wurden während der Begräb­ nisfeierlichkeiten die Särge in die Gruft hin­ abgelassen. Über eine Stufe erreicht man den Hauptaltar. Seitlich davon gelangt man in den Umgang, der als Sakristei genutzt wurde. Die Gruft selbst schließlich erstreckt sich über die volle Länge der Kirche und schließt ebenfalls mit einer Apsis ab. Der Außenbau ist gekennzeichnet durch den Wechsel von verputzten Mauerflächen und Backsteinlisenen (schwach vortretende, vertikale Mauerverstärkungen). Sämtliche Ecken sind damit hervorgehoben, wobei diese noch zusätzlich horizontal durch Bän- Längsschnitt durch Kirche und Gruft. Links: Seitlicher Blick in die Apsis, rechts: Der Ein­ gangsbereich. Querschnitt durch den Hauptraum in Nord-Süd­ Richtung. Man schaut in die freskengeschmückte Apsis und die östliche Hälfte der blau ausgemal­ ten Kuppel. der gegliedert sind. Dieses Schmuckelement belebt zudem die Mauerflächen im Norden, im Süden sowie an der Apsis. Auf diese Weise wird der Eingangsbereich betont, des­ sen wuchtige Kassettentüre zusätzlich durch eine Rundbogennische mit einer Lünette aus gebrannten Ziegeln gerahmt ist. Die seitliche Begrenzung bilden zwei schmale Backstein­ lisene, über denen je eine Sandsteinskulptur plaziert ist. Dargestellt sind zwei Nonnen, die an das ehemalige Kloster erinnern sollen. Als Verzierung finden sich hier, wie auch bei der Einfassung des Hauptaltares, von Dibold entworfene Efeublätter aus Terracotta. Die Gebälkzone des vorspringenden Eingangs­ bereichs ist mit antikisierendem Zahnschnitt­ ornament verziert. Die Giebelspitze krönt Maria mit dem Jesuskind. Seitlich von ihr 125

teilung des Tambours, die kreuzverzierte Laterne und die Kuppel selbst erinnern tat­ sächlich an die von Michelangelo (1475 bis 1564) entworfene Überwölbung von Sankt Peter in Rom, so daß die Gruftk:irche ihren Spitznamen zu Recht trägt. Die Innenausstattung ist original erhalten geblieben. Dabei nimmt beim Bildpro­ gramm die Marientypologie einen breiten Raum ein. Ihr sind der Haupt- und die bei­ den Seitenaltäre geweiht. Das Thema des ersteren ist die Verkündigung an Maria. In Anlehnung an das Werk des Renaissance­ bildhauers Donatello (1386 bis 1466) in Santa Croce in Florenz schuf Dibold selbst den Entwurf, den der Hüfinger Reich als Mar­ morrelief ausführte. Ergänzt wird das maria­ nische Konzept im Apsisbereich durch vier Szenen aus ihrem Leben in brauner Tonma­ lerei. Die Entwürfe zu der Ausmalung im Chor sowie für die vier Evangelistendarstel­ lungen in der Kuppel stammen von dem Hüfinger Heinemann. Die Seitenaltäre an den Wänden des Hauptraumes wurden zu Ehren der „Freudenreichen und Schmer­ zensreichen Maria“ geschaffen. Die Mar­ morfiguren sind voll plastisch ebenso wie die jede Altarwand figürlich abschließenden vier Seligpreisungen. Dies sind nach Matthäus: die Armen, die Trauernden, die Sanftmüti­ gen, die Gerechtigkeitssuchenden, die Barm­ herzigen, diejenigen, die reinen Herzens sind, die Friedensstifter und die Verfolgten. Wie an der Außenfassade so wurde auch die Kirche im Innern mit Hausheiligen geschmückt. In der Apsis zeigen ganzfigurige farbige Bilder die Heilige Elisabeth, die Hei­ lige Agnes, den Heiligen Heinrich II. und Konrad von Urach. Obwohl es sich um eine Gruftkirche handelt, finden sich außer zwei Posaune blasenden Engeln, die auf das jüng­ ste Gericht hinweisen, von Adolph Heer keine Todessymbole. Heute wird die Kirche noch an Festtagen genutzt, die Gruft jedoch hat ihre Funktion verloren. Stattdessen wurde im Jahr 1954 außerhalb eine neue Grabkammer angelegt. Seit etwa 30 Jahren wird der historistische Der von Dibo/d entworfene Hauptaltar mit der Verkündigungsszene. Von dem Hiifinger Bild­ hauer Franz Xaver Reich wurde er in Marmor ausgeführt. Hier, wie auch am Hauptportal zeigt sich Dibolds Vorliebe für das E.feublatt als Schmuckform. stehen der Heilige Aloysius und der Heilige Carolus Borromäus, die Namenspatronen von Karl Egon II. und dessen Vater Alois. Sämtliche Skulpturen am Außenbau schuf der Hüfinger Franz Xaver Reich. Auf den Metalldächern ruht der zwölfteilige zylindri­ sche Unterbau (Tambour) der Kuppel, beste­ hend aus einem Wechsel von Ziegelsteinlise­ nen und glatt verputzten Flächen. In den Mauerputz sind Engelköpfe aus Terracotta eingelassen. Die Zwölfteilung findet bei der Kuppel in breiten Rippen ihre Fortsetzung. Die bekrö­ nende, ebenfalls kupfergedeckte Laterne (lichteinlassender Aufsatz einer Kuppel) trägt ein Kreuz auf einer Kugel. Die Flächen- 126

Stil der Gruftkirche neu bewertet und erfreut sich zunehmender Wertschätzung, doch wird eine umfassende Anerkennung viel­ leicht erst in Zukunft stattfinden können. Dennoch ist das Ensemble, bestehend aus Gruftkirche, Kaplaneigebäude, Umfassungs­ mauer und wuchtigem schmiedeeisernem Parktor inmitten des romantischen Gartens mit seinen gewundenen Pfaden ein Kleinod und harrt noch mancher Entdeckung seitens des interessierten Besuchers: seien es nun die in die Außenmauern eingelassenen Grab­ platten von Fürst Alois und Äbtissin Hilde­ gard oder aber die Grabmäler der forstlichen Hofbeamten. Antonia Reichmann M. A. L i t e r a t u r 1) T heodor Dibold, die Gruft-Kirche des Fürstlichen Hauses Fürstenberg zu Maria­ hof entworfen und ausgeführt von Theo­ dor Dibold, Fürstlich Fürstenbergischer Baurath in Donaueschingen, Stuttgart, o.J. 2) Gisela Schauzu, Der Fürstlich Für­ stenbergische Hofbaumeister Theodor Dibold in Donaueschingen, Magister­ arbeit, Freiburg 1981, S. 42. 3) Franz Gottwalt, Die Fürstengruft zu Neudingen, in: Almanach 1983, S. 122 ff. 4) Martin Münzer, Die Geschichte des Dorfes Neudingen, Villingen 1973, S. 84 ff. Wie Langenschiltach zu seiner Kirche kam Wer den Ortsnamen Langenschiltach hört, dem fällt die neue Kreisstraße K 5725 zwischen der Bundesstraße 33 bei Peterzell und der Benzebene bei Hornberg ein. Viele Verkehrsteilnehmer – Autofahrer und auch Radfahrer – nutzen diese Abkürzung und umgehen somit die Fahrt auf der Bundes­ straße 33 über Triberg. Diese Umgehung hat eine lange Tradition. Bereits vor über 200 Jahren wurde die Langenschiltacher Strecke als Poststraße zwischen Villingen und Straß­ burg genutzt. Durch die heutige Trassierung der K 5725 tritt der Ortskern von Langenschiltach mit seiner Kirche besonders in den Blickpunkt. Die Freude über das Kirchengebäude mit sei­ nem eigenen unverwechselbaren Gepräge besteht jedoch erst nahezu drei Jahrzehnte. Wie sah es vorher aus? Das Dorf besaß noch keine eigene Kirche. Zum Gottesdienst, zur Hochzeit und zur Beerdigung zogen die Ein­ wohner auf einem der vielen Kirchwege durch den Hochwald oder Bruckenwald nach St. Georgen. Zwar hatte das Dorf 1836 seine Selbstän­ digkeit und einen Bürgermeister erhalten. Es vergingen jedoch über 100 Jahre bis zum Bau der Kirche. Anregungen, den Kirchenbau in die Wege zu leiten, trafen hin und wieder im Rathaus von Langenschiltach ein. So teilte Simon Hildbrand vom Sägerhof am 2.1.1934 folgendes mit: Ich, Unterzeichne- 127

ter, wäre bereit, zum Wohle der Gemeinde und der Allgemeinheit zum Bau einer Kirche und Friedhof die beiden Bauplätze auf mei­ nem Grundstück in der Nähe des Schul- und Rathauses kostenlos zur Verfügung zu stellen … Architekt Karl Kohler aus St. Georgen entwarf den Plan einer Dorfkirche mit einem Kostenvoranschlag von 18.330 Mark. Im fol­ genden wurden diese Bauplatzschenkung und die gezeichneten Baupläne nicht weiter bearbeitet. So ruhte die Idee einer eigenen Kirche bis nach dem 2. Weltkrieg. Im Jahre 1958, also 1 3 Jahre nach dem schrecklichen Krieg, arbeitete Kirchen­ gemeinderat Friedrich Bühler aus Langen­ schiltach als Dachdecker in Hornberg. Dort erfuhr er, daß sich die evangelische Kirchen­ gemeinde entschlossen hat, zwei Weiß­ bronzeglocken der Firma Grüninger in Villingen durch neue Glocken zu ersetzen. Dekan Sütterlin, vom damaligen Dekanat Hornberg, bot die bisherigen Glocken zum Metallwert an. Dieses Angebot teilte Fried­ rich Bühler dem Kirchengemeinderat von Langenschiltach mit. Nach eingehender Aussprache wurde der Beschluß gefaßt, die beiden Glocken zu übernehmen. Der Glok­ kenpreis wurde durch eine Spende gedeckt. Durch einen Traktor mit Anhänger transpor­ tierte 1958 der Neubauer Karl Fleig, ebenfalls Kirchengemeinderat, die Glocken durch das ReichenbacherTal über die Benzebene nach Langenschiltach. Hier stand seit 1956 neben dem Schul­ und Rathaus das Gemeindehaus mit drei angebauten Garagen. Dort wurden die zwei Glocken abgeladen und untergebracht, ohne eine Funktion zu erfüllen. Ortspfarrer Martin Hauß drängte darauf einen Glockenträger zu erstellen, denn nun sollten die Einwohner von Langenschiltach durch die vorhandenen Glocken zum Got­ tesdienst gerufen werden. Das Landratsamt Villingen erhielt kon­ krete Baupläne zur Überprüfung und Genehmigung. Am 12. 9.1958 teilte es dem Staatlichen Hochbauamt in Donaueschin­ gen folgendes mit: ,,Die Gemeinde Langen- 128

schiltach plant einen Glockenträger zu erstellen. Er soll auch als Schlauchturm für die örtliche Feuerwehr benutzt werden. Zunächst ist die Frage zu klären, an welcher Stelle er aufgestellt werden kann. Ein Turm hinter der Pausenhalle der Schule versackt zwischen Gemeindehaus und Rathaus. Um dies zu vermeiden, müßte der Turm die First­ linie der beiden öffentlichen Gebäude etwa ein bis zwei Meter überragen. Für eine solche Bauausführung ist der finanzielle Aufwand zu hoch … “ Auch die Aufstellung eines Glockentur­ mes in der vorderen Bauflucht des Gemein­ dehauses an der Dorfstraße befriedigte nicht, denn das anschlieHende Wohnhaus des Dachdeckermeisters Fritz Breithaupt würde dadurch überdeckt. Die Glocken tönten immer noch nicht durch das Tal, da reifte im Kirchengemeinde­ rat der Plan, oberhalb der Dorfstraße zur Staude einen Kirchenplatz zu kaufen. Ein Glockenträger sollte den ersten Bauab­ schnitt des künftigen Kirchturmes darstel- Jen. Zwischenzeitlich erklärte sich der Fleig­ hansenbauer Gottlieb Friedrich Stockburger bereit, ein Grundstück für den Kirchenbau in der gewünschten Lage abzugeben. Nun traf vom Oberkirchenrat in Karls­ ruhe am 10. 4. 1961 die entscheidende Nach­ richt ein: Baut in Langenschiltach nicht nur einen Glockenturm, sondern auch eine Kir­ che! Pfarrer Martin Hauß nahm mit dem Architekt Berthold Haas aus St. Georgen Kontakt auf. Dieser entwarf nach mehreren Wanderungen rund um das Kirchengrund­ stück die Pläne für eine Kirche mit Turm. Der Kirchengemeinderat und der Oberkirchen­ rat entschieden sich für den Entwurf, bei dem die Kirche mit dem Giebel zum Tal erstellt werden sollte. Der Turm sollte hierbei auf einem Stahlbetonblock erbaut werden, mit einem aufgebauten hölzernen Turm­ helm, der wie „ein Finger Gottes“, in der Form einer Schwarzwaldtanne in den Him­ mel ragt. Am 6. 5.1963 erfolgte der erste Spaten- 129

stich für den Bau der Langenschiltacher Kir­ che. Nacheinander griffen Pfarrer Martin Hauß, Architekt Berthold Haas und Baumei­ ster Gottlob Weißer zum Spaten. Kirchen­ ältester Hildebrand hatte die Gäste begrüßt und Bürgermeister David Weißer richtete zuletzt denkwürdige Worte an die Versam­ melten, unter denen sich auch die Schul­ jugend von Langenschiltach und eine Reli­ gionsklasse aus St. Georgen unter der Füh­ rung von Religionslehrer Arnold Wolff befand. Kaum hatten die versammelten Gäste den Bauplatz geräumt und kaum war der Choral „Lobe den Herrn, den mächtigen König der Ehren … „verklungen, setzte auch schon das Rattern des Baggermotors ein und die Aus­ hebung der Baugrube begann. Fleißig arbeiteten die Handwerker am Kir­ chenschiff und Turm. Die Berechnung des umbauten Raumes einschließlich Chor, überdachtem Verbindungsgang, Turm und ,,Unterkirche“ ergab 3.674,764 Kubikmeter. Als reine Herstellungskosten für die Kirche samt Außenanlagen waren vom Architektur­ büro 350.951,- DM veranschlagt. Der Termin für die Grundsteinlegung, das Richtfest und die Glockenweihe wurde vom Ältestenkreis von Langenschiltach unter der Federführung von Pfarrer Martin Hauß auf das Erntedankfest am 6.10.1963 festgelegt. In der Urkunde zur Grundsteinlegung heißt es unter anderem, daß Dr.Josef Astfäller zu dieser Zeit Landrat des Landkreises Villingen ist. Unterschrieben wurde die Urkunde vom Ortspfarrer Martin Hauß, vom Architekten Berthold Haas und von den Kirchenältesten Matthias Heinzmann, Johann Georg Kie­ ninger, Willi Hildebrand, Friedrich Bühler und Karl Fleig. Im Jahre 1964 folgte der weitere Ausbau der Kirche mit Glockenturm, so daß am 30. 8. 1964 die Einweihung stattfinden konnte. Der damalige Landrat Dr. Astfäller schrieb dazu: ,,Die Einweihung der neuen Kirche in Langenschiltach war nicht nur für die Gemeindebürger ein Fest- und Freuden­ tag, sondern hat auch überall im Landkreis Villingen teilnehmenden Widerhall gefun­ den. So übermittle ich denn auf diesem Wege Euch, liebe Bürger von Langenschil­ tach, die herzlichsten Grüße und Glückwün­ sche der Bevölkerung des Landkreises. Wir freuen uns mit Euch über das neue Gottes­ haus, das ihr Euer eigen nennen dürft und das erst eigentlich den Dorfmittelpunkt aus­ macht. Die e schöne Kirche ist zugleich ein Schmuckstück Eures lieblichen Tales und eine Bereicherung des Dorf- und Land­ schaftsbildes . .. “ So gaben einst die Glocken aus Hornberg den Anstoß zum Bau der Langenschiltacher Kirche, die heute ein markantes Wahrzei­ chen im Tal darstellt. Lothar Wagner Die St. Konradskirche von Rietheim wurde erweitert und renoviert Drei Kilometer südlich von Villingen, zwischen Schwarzwald und Brigachtal, liegt der Ort Rietheim, der seit 1972 mit nunmehr 900 Einwohnern zu Villingen-Schwennin­ gen gehört. Vom südlichen Laible – Magda­ lenenberg aus präsentiert sich das Dorf von einer recht malerischen Seite. In einer leich­ ten Talmulde, umgeben von den Dächern alter Gehöfte und Neubauten, fällt die 130 St. Konradskirche mit ihrem barocken Zwie­ belturm in den Blickpunkt. Die Anfänge dieser Kirche reichen bis in das 14. Jahrhundert zurück. Es war damals wohl eine kleine Kirche mit einem kleinen Chor. Rietheim besaß nie ein Pfarrhaus und hatte auch nie einen eigenen Pfarrer: Drei Jahrhunderte lang gehörte es zur Pfarrei

St. Martin, Brigachtal. 1797 übernahm die Münsterpfarrei Villingen die Seelsorge von Rietheim, nachdem die Bewohner wieder­ holt Anstrengungen gemacht hatten, zur Stadtpfarrei zu kommen. �s dann 1927 die Fidelispfarrei gegründet wurde, wurde Rietheim Filialgemeinde von St. Fidelis – und noch heute wird es von den Geistlichen dieser Pfarrei betreut. Die erste nachweisbar bauliche Verände­ rung erfuhr die Rietheimer Kirche im Jahr 1719, als der jetzige barocke Chor angebaut wurde. 1906-1909 erweiterte man die Kirche um eine Achse von sechs Metern nach Westen und erbaute den heutigen Turm. Die nächste größere Renovation fand 1938 unter dem St.-Fidelis-Kurat und späte­ ren Münster-Dekan, Herrn Max Weinmann, statt. Dabei wurde der Hochaltar um zwei Engel ergänzt, eine Warmluftheizung einge­ baut und ein Deckengemälde vom Künstler Valentin, aus Offenburg, angebracht. In jener Zeit ließ Herr Kurat Weinmann auch 131

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das Kriegerdenkmal am Chor, an der Ost­ seite anbringen. In den siebziger Jahren wuchs die politi­ sche Gemeinde Rietheim stark an, so daß die 120 Sitzplätze der St. Konradskirche nicht mehr ausreichten, und der Wunsch nach einer erneuten Erweiterung entstand. 1981 wurde dann auch nach Plänen des Erz­ bischöflichen Bauamtes eine „größere Lö­ sung“ genehmigt, die dann aber wegen Feh­ len finanzieller Mittel nicht zustande kam. So entschloß man sich schließlich 1989 fur eine „kleinere Lösung“, den Anbau eines Seitenschiffes mit etwa 40 Sitzplätzen und einer gleichzeitigen Renovierung. Da man das Erscheinungsbild der Kirche entlang der Pfaffenweilerstraße nicht verän­ dern wollte, baute man nach Norden an. Dazu wurde die Nordwand der Kirche durchbrochen und mit Rundbogen verse­ hen. Das Kirchenschiff erhielt noch Ober­ licht-Fenster, so daß sich die ganze Erweite­ rung nun harmonisch anfugt. Außerdem wurde die Sakristei durch den Anbau eines Gesprächsraumes erweitert; durch eine Schie­ bewand kann nun ein größerer Raum von rund 40 qm geschaffen werden, der für Pfarr­ gemeinderatssitzungen oder ähnliche Veran­ staltungen genutzt werden kann. Im Innern des Gotteshauses wurden die alten Böden der früheren Bauphasen erhal­ ten. Man verlegte den neuen Sandsteinbelag über dem vorhandenen -und erneuerte auch das Gestühl aus dem Jahre 1870, da ihm der Holzwurm stark zugesetzt hatte. Sehr viel Arbeit bereiteten die Wände. Die vorhandenen Dispersionsanstriche mußten mühsam entfernt werden, um die so wieder atmungsfähigen Wände mit einem neuen Kalkanstrich versehen zu können. Diese Arbeiten wurden von den Riethei­ mer Bürgern in vielen Stunden selbst ausge­ führt. Die Restaurierungsarbeiten übernahm der Restaurator, Herr Lorch aus Sigmaringen. Den Hochaltar, die Figuren und den Kreuzweg versetzte er wieder in neuen Glanz; die Ge­ genstände erhielten eine Fassung, die dem barocken Charakter der Kirche angepaßt wurde. Außerdem reinigte er die Deckenge­ mälde im Chor-und Altarraum und frischte die Farben auf. Der Bildhauer, Herr Kleiser, richtete den Chorraum mit dem Ambo, dem Altar und den Setilien neu ein. Neben der lnnenrenovation wurde auch eine Außenrenovation durchgeführt. Große Sorgen bereitete dabei der Turm. Als man mit der Restaurierung beginnen wollte, mußte man feststellen, daß durch schlechte Verfalzungen des Kupferblechs mit den Jah­ ren Wasser eingedrungen war und die Holz­ balken unter dem Blech teilweise verfault waren. So mußte der ganze Kirchturm abge­ tragen und von Grund auf erneuert werden, da man auf den schönen Kirchturm nicht verzichten wollte. -Nun ist der neue Turm im neuen Gewand aus Kupferblech und mit einem kunstvoll geschmiedeten Kreuz wie­ der ein nicht wegzudenkender Bestandteil der St. Konradskirche. Die renovierte St. Konradskirche kann nach nur achtzehnmonatiger Umbauzeit als sehr gelungen betrachtet werden, und die „Rietheimer“ dürfen, nachdem nun auch noch die Orgel renoviert und somit in ihren ursprünglichen Zustand versetzt wurde, mit Recht stolz auf „ihre Kirche“ sein. Hermann Hupfer 133

Vor 25 Jahren gestorben: Augustin Kardinal Bea Aus Anlaß des 25. Todestages von Augustin Kardinal Bea am 16.11.1993 gedachten die Erzdiözese Freiburg, die Stadt Bl11mberg, zu der Riedböhringen heute gehört, und die Kirchengemeinde Riedböh­ ringen mit einem Festgoflesdienst 11nd einem Festakt am Sonntag, dem 7.11.1993, des großen Sohnes Riedböhringens und der Baar, der unermüdlich ßir die Einheit der Christen tätig war. Zugleich wurde das neue Kardinal-Bea-Museum, das in dessen Geburtshaus eingerichtet wurde, durch den Erzbischof von Freiburg, Dr. Oskar Saier, eingeweiht. Die Feierlichkeiten wurden durch die Anwesenheit 11nd Mitwirkung von Johannes Kardinal Wille­ brands, Rom, ausgezeichnet, der den Festgottesdienst zelebrierte und beim Festakt den Festvortrag hielt. Die nachfolgenden Beiträge halten dieses auch für den Schwarzwald-Baar-Kreis bedeutende Ereignis fest und bilden eine Fortsetzung der im Almanach 1979, S. 87 ff., und im Almanach 1982, S.14.ff., ver­ öffentlichten Beiträge. Die Feierlichkeiten aus Anlaß des 25. Todestages von Augustin Kardinal Bea in Riedböhringen Festgottesdienst in der Pfarrkirche Die Pfarrkirche von Riedböhringen konn­ te an jenem trüben 7. November 1993 die zahlreichen Besucher kaum fassen, die ge­ kommen waren, um anläßlich des 25. Todes­ tages von Augustin Kardinal Bea, dieses gro­ ßen Sohnes einer kleinen Gemeinde auf der Baar, zu gedenken. Zelebriert wurde das Fest­ amt von Johannes Kardinal Willebrands aus Rom, Erzbischof Dr. Oskar Saier, Freiburg, und Generalvikar Dr.Bechtold aus Freiburg. Gekommen waren auch Vertreter des Jesui­ tenordens, dem Kardinal Bea angehört hat­ te. Musikalisch ge taltet wurde die Feier vom Riedböhringer Kirchenchor owie dem a-capella-Chor aus Villingen. Gäste aus kirchlichen Kreisen, aus Politik und Wirt­ schaft, wohnten der Eucharistiefeier am Gra­ be von Kardinal Bea bei, der hier seine Kind­ heit und Jugend verbracht hatte und dessen Wunsch es war, in der Heimatkirche bestat­ tet zu werden. Erzbischof Dr. Oskar Saier drückte in sei­ ner Ansprache die Anhänglichkeit Beas an seine Heimat aus: Er habe sich mehr als nur ehrfurchtsvolle Erinnerung in den Herzen der Baaremer Bevölkerung bewahrt. 134 Wenn auch vieles, so der Oberhirte, sich seit dem Tode Kardinal Beas verändert habe, seine Anliegen und Ziele seien bis heute nicht veraltet. Saier nannte den Zusammen­ bruch des kommunistisch-marxistischen Staatenbundes, aber auch die Wiedervereini­ gung Deutschlands. Die Kraft des christli­ chen Glaubens und das Streben nach Frei­ heit hätten sich mächtiger erwiesen als Haß und Gewalt. Die durch menschliches Ver- agen zerbrochene Einheit der Christen wieder herzustellen – dieses Anliegen Beas gelte es weiter zu verfolgen. Saier nannte Bea einen „unübersehbaren Fingerzeig Gottes“. Nicht umsonst trage seine Grabplatte die Inschrift: ,,Auf daß alle eins seien … „, womit sein ganzes Streben bereits umrissen sei, die getrennte Christenheit wieder zusammen­ zuführen. Mit Zähigkeit habe er dieses Ziel verfolgt. Möglichkeiten dazu gebe es auch heute noch: Die Rückbesinnung auf den allen Christen eigenen Schatz des Wortes Gottes als gemeinsames Fundament, aber au h den Dialog der Christen miteinander. Der Weg sei zwar mühsam und weit, aber unverzichtbar.

Festgottesdienst Einweihung des Kardinal-Bea-Museums Die Weihe des neuen Kardinal-Bea-Mu­ seums, das im Elternhaus des Kardinals ent­ standen war, schloß sich an. Gebete und Für­ bitten begleiteten die Weihehandlung. Einer der kirchlichen Würdenträger, der als Gast der Zeremonie beiwohnte, meinte ehr­ furchtsvoll: ,,In diesen Räumen wurde Kir­ chengeschichte geschrieben.“ Festakt in der Festhalle Beim dritten Teil der Feiern, dem Festakt in der gemeindeeigenen Mehrzweckhalle, freute sich Blumbergs Bürgermeister Stahl über das gelungene Werk, das Kardinal-Bea­ Museum. Es gehe auf eine Initiative von Riedböhringens Altbürgermeister Martin Buri zurück, der nach der Beisetzung Augu­ stin Beas die Idee zu diesem Museum für den großen Sohn der Gemeinde gehabt und arti­ kuliert habe. Das Haus habe jetzt, nachdem es fertiggestellt sei, regionale Bedeutung. Es gelte dem Andenken einer herausragenden Persönlichkeit. Ein Förderkreis sei notwen­ dig, welcher sich der Betreuung des Muse­ ums annehme und ihm bestmögliche Be­ deutung verschaffe. Derzeit liege diese Auf­ gabe noch beim Pfarrgemeinderat. Stahl dankte allen, welche „mit Kreativität und Schaffenskraft“ das Zustandekommen dieser Gedenkstätte ermöglicht hatten. Prominentester Redner des Festaktes war Johannes Kardinal Willebrands, der eigens aus Rom angereist war. Er war der unmittel­ bare Nachfolger Beas als Vorsitzender des Sekretariates für die Einheit der Christen in Rom gewesen und lebt nun bereits schon selbst im Ruhestand. Er schilderte Bea als eine der prägendsten Gestalten des Zweiten vatikanischen Konzils und einen der größ­ ten Förderer der Ökumene. Obwohl er als Jesuit höchste kirchliche Würden erreicht habe, seien diese für Bea von sekundärer Bedeutung gewesen, für ihn habe an erster Stelle die Berufung durch Gott gestanden. Sie sei immer der Leitfaden seines Lebens 135

Einweihung des Kardinal-Bea-Museums durch Erzbischof Dr. Oskar Saier, Freiburg geblieben. Die Weisheit und Güte, welche Bea ausgestrahlt habe, sei in der Liebe zu Gott und seiner Kirche begründet gewesen. ,,Hochgelehrt und tief bescheiden“ sei Augu­ stin Bea seinen Lebensweg gegangen, fest und unerschütterlich habe er an die Einheit der Christen geglaubt und für sie gearbeitet. Auch hohe Würdenträger anderer christli­ cher Konfessionen hätten Beas Charismata geschätzt und verehrt, die gepaart gewesen sei mit schlichter Frömmigkeit. Grundtenor in Beas Leben seien tiefe Gottes- und Men­ schenliebe gewesen. Dies komme besonders in der Biografie von Pater Stjepan Schmidt zum Ausdruck, welcher den Feierlichkeiten in Riedböhringen beiwohnte. Bea sei stets bestrebt gewesen, den Menschen die Frohe Botschaft „schmackhaft“ zu machen, nicht als „codex iuris“, sondern konkret. Papst Jo­ hannes XXIII. habe mit Bea ein besonderes persönliches Verhältnis verbunden. Feslansprache von Kardinal Willebrands beim Feslakt 136

An die Adresse Riedböhringens gewandt meinte der hohe Gast: ,,Was Sie hierherge­ stellt haben, ist nicht nur die Erinnerung an Vergangenes, sondern lebendiges Zeugnis fur die Zukunft.“ Prälat Gerd Schmoll, Vorsitzender der Ar­ beitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Baden-Württemberg, gab als Vertreter der evangelischen Kirche dem Festakt einen be­ sonderen Akzent. In dankbarer Erinnerung an das ökumenische Wirken von Kardinal Bea sprach er sich fur weitere Schritte auf dem gemeinsamen Weg der Christen für ihre Einheit aus. Hierbei sei besonders „wahre Menschlichkeit“ im Umgang mit Menschen anderer Konfessionen wichtig. Mit ihr reif­ ten „ökumenische Tugenden und Verhal­ tensweisen, die zuletzt alle Früchte der Liebe sind“, meinte Prälat Schmoll. Viele Möglich­ keiten des Mit- und Füreinanders würden gar nicht genutzt, oft fehlten hier Wissen und Willen. Er mahnte zu einem „Realismus der Hoff­ nung“, der sich nicht mit einem unbefriedi­ genden Status quo abfinde. Beharrlichkeit und Geduld, wie Kardinal Bea sie praktiziert habe, könnten weiterfuhren. ,,Es ist gut, daß es solche Wegbereiter gibt, an die wir uns erinnern können“, schloß Schmoll. In seinem Schlußwort mahnte Erzbischof Saier, auch weiterhin aus den theologisch­ spirituellen Quellen eines Augustin Bea zu schöpfen. Musikalisch wurde der Festakt, dem wie­ derum Gäste aus nah und fern beiwohnten, von der Musikkapelle Riedböhringen um­ rahmt. Der Erzbischof bedankte sich persön­ lich beim Dirigenten Siegfried Müller für die würdige Mitgestaltung der Feierstunde. Käthe Fritschi Das Kardinal-Bea-Museum in Riedböhringen Es war ein trüber und regnerischer Tag, jener 7. November 1993, als sich ein langer Zug von Festgästen, welche am Gottesdienst zum 25. Todestag von Kardinal Augustin Bea in der Riedböhringer St. Genesiuskirche teilgenommen hatten, zum Geburtshaus des Kardinals bewegte. Hier weihte Erzbischof Dr. Oskar Saier in Anwesenheit zahlreicher Ehrengäste aus Kirche, Politik und Gesell­ schaft das neue Kardinal-Bea-Museum ein. Das schlichte Haus, an der Eschacher Straße am Ortsrand gelegen, ist ein sogenanntes Baaremer Bauernhaus der kleinen Regel­ form. Es zeigt die ehemaligen Wohnräume der Familie Bea, welche die bescheidenen Verhältnisse dokumentieren, in denen der Kardinal aufgewachsen war. Es beherbergt nun aber auch seinen persönlichen Nachlaß und hält so das Andenken an einen Men­ schen wach, der sich seiner Heimat auch in der Feme verbunden fuhlte. Bei der Renovation war versucht worden, die Originalsubstanz, soweit dies technisch möglich war, zu erhalten. Durch den ge­ schickten Ausbau des Ökonomieteiles wurde mehr Ausstellungsfläche geschaffen, als es das Haus von außen vermuten läßt. Ein Vor­ tragsraum, der in der ehemaligen Scheune entstand, ist eine Bereicherung fur das Ge­ bäude. Das erste Museum mit Zeugnissen aus dem Leben Augustin Beas war ursprüng­ lich in der nach dem Kardinal benannten Schule beheimatet und konnte nunmehr in das ehemalige Elternhaus Beas integriert werden. Dies alles war nur möglich, weil die Stadt Blumberg als Rechtsnachfolgerin der ehe­ mals selbständigen Gemeinde Riedböhrin­ gen das Elternhaus Beas, welches sich in Privathand befand, käuflich erwarb. Beharr­ liche Verfechter des Projektes waren außer dem Riedböhringer Altbürgermeister Mar­ tin Buri auch Blumbergs Bürgermeister Werner Gerber und sein Amtsnachfolger Clemens Stahl. An den Kosten der Sanierung, die zum 137

Bei der Besichtigung des Museums (von links nach rechts):Johannes Kardinal Willebrands, Erzbischof Dr. Oskar Saier, Stadtarchivar i. R. Dr. Josef Fuchs, Villingen-Schwenningen, der das Museums­ konzept ausgearbeitet hat; im Hintergrund: Bundestagsabgeordneter Meinrad Belle. 138

Purpur – das Zeichen der Kardinalwürde Ausschnitt aus Arbeitszimmer mit Bildern von Persönlichkeiten, mit denen Bea zusammentraf Teil von der Stadt Blumberg, zum Teil auch von der Kirchengemeinde Riedböhringen getragen wurden, beteiligte sich die Erz­ diözese Freiburg durch Übernahme der hälf­ tigen, nicht durch andere Zuschüsse gedeck­ ten Aufwendungen. Die Bauplanung lag in der Hand des Erzbischöflichen Bauamtes Freiburg, während die örtliche Bauleitung vom Blumberger Stadtbauamt übernom­ men wurde. Die Sanierung zur späteren Nutzung des Gebäudes, das sich in einem denkbar schlech­ ten baulichen Zustand befand, war nicht ein­ fach. Es bedurfte großen Fingerspitzenge­ fühls, um sowohl das Museumskonzept zu realisieren als auch die Originalität des Gebäudes zu bewahren, soweit dies tech­ nisch möglich war. Schon in der Ausbau­ phase wirkte der Villinger Stadtarchivar i. R. Dr.JosefFuchs mit. Er und seine Mitarbeiter lieferten das Konzept für die Einrichtung des Museums. Seine Sachkenntnis und sein Engagement trugen wesentlich dazu bei, daß als Endergebnis eine Museumsgedenkstätte entstand, die wohl auch Kardinal Bea selbst hätte akzeptieren können. Ein Förderverein, welcher noch Mitglieder sucht, soll den Unterhalt des Museums für den großen Sohn der Baar sichern helfen. Im Erdgeschoß sind zahlreiche Zeugnisse aus Beas Laufbahn zu finden, wobei das Haus selbst eine Vielzahl von Merkmalen bäuerlichen Lebens aufweist. Außer dem bereits genannten Vortragsraum befinden sich hier Libdingküche und -wohnzimmer, ferner der ehemalige Stall. Über eine Treppe, die von vielen Hinweisen auf Beas Leben und Wirken flankiert wird, werden die wich­ tigsten Ausstellungsräume erreicht. Beas Büste, eine schöne Bronzearbeit, zeigt die 139

Blick ins Arbeitszimmer von Rom (nachempfunden) Den Treppenaufgang flankieren zahlreiche Dokumente, die das Wirken des Kardinals zum Thema haben eindrucksvollen Züge eines zutiefst verinner­ lichten Menschen, ausgestattet mit großer Güte und Menschenfreundlichkeit. Hinter Glas liturgische Gewänder und der Purpur des Kardinals, verbrämt mit schim­ mernd weißem Hermelin. Mitra und Stab verweisen auf Beas Hirtenamt, Kardinalshut und Bischofsring auf sein hohes Amt in der Kirche. Dem Besucher drängt sich der Ein­ druck auf, daß Bea in seiner tiefen Beschei­ denheit schwer an diesen prachtvollen Roben und Insignien seines Amtes getragen hat, sich jedoch den Vorschriften beugte – 140 denn nicht dem Träger, sondern dem Amt soll nach kirchlichem Verständnis die Ehre zukommen. In Vitrinen sorgsam verwahrt finden sich hohe Orden und Ehrenzeichen in großer Zahl, Originalurkunden, verliehen von welt­ lichen und kirchlichen Institutionen, dazu Fotos von Begegnungen Beas mit großen Persönlichkeiten aus Politik und Kirche. Eine kostbare hebräische Bibel und weitere wertvolle Geschenke, die Bea während seiner Wirkungszeit erhielt, fanden Platz im Mu­ seum. Einer der Räume zeigt die Einrichtung

Beas Kardinalswappen schmückt das Geländer zum Obergeschoß Beas Bronzebüste, im Hintergrund Purpur und Hermelin Liturgische Gewänder aus Beas Besitz 141

Orden und Ehrenzeichen in großer Zahl sind sorgsam in Vitrinen verwahrt Eine der besonderen Vitrinen mit Fuß- und Beinbekleidung des Kardi­ nals, eine besonders feine Handarbeit, die Hand­ schuhe Blick in die Schlafitube der Eltern 142

Blick in die Küche von Beas Elternhaus Die Wohnstube seines bescheidenen römischen Arbeitszim­ mers mit Schreibmaschine, Telefon, Feder­ halter und Tintenfaß. An anderer Stelle fin­ den sich sparsame Hinweise auf Beas Haus­ kapelle: Kelch und Patene, ein Kruzifix, sein rotes Birett. An zentraler Stelle ein Bild von Papst Johannes XXIII. Und Bea selbst scheint gegenwärtig zu sein in diesen ehrwür­ digen Räumlichkeiten, die mit subtiler Hand zum Museum umgestaltet wurden. Ein Rundgang führt auch in die Küche, in Wohn- und Schlafstube der Familie Bea, ori­ ginalgetreu erhalten und eine schlichte Würde ausstrahlend. Hier also wuchs ein Mensch heran, der in seiner Kirche höchste Ehren errang, der sich jedoch zeitlebens zu seinen Wurzeln bekannte. Mit der Schaffung des Museums, das seit seiner Eröffnung im November 1993 schon viele prominente Besucher zählte, geht auch ein Wunsch des Kardinals von der Baar in Erfüllung, der verfügt hatte, daß ein wesent­ licher Teil seiner persönlichen Habe in sei­ nem Elternhaus der Öffentlichkeit zugäng­ lich gemacht werden sollte. Käthe Fritschi 143

Museen Fürstlich-Fürstenbergische Sammlungen in Donaueschingen Mariä Verkündigung (Annuntiatio, Luk. l, 26-38) Treten wir in den ersten großen Saal der Fürstlich-Fürstenbergischen Gemäldesamm­ lung, so tauchen wir ein in eine ganze Flut festlicher Farben. Wir stehen im Saal des sogenannten Mei­ sters von Sigmaringen. Da die Herkunft vie­ ler hier ausgestellter Bilder unbekannt ist, ist diese Benennung nur eine Verlegenheitslö­ sung. Auf jeden Fall läßt sich sagen, daß diese Gemälde aus dem Raum zwischen Donau und Bodensee stammen und aus der Zeit um 1500. Damit wird ein besonderer Vorzug der fürstenbergischen mittelalterlichen Bilder­ sammlung deutlich. Fast das gesamte Mate­ rial stammt aus einem geschlossenen Her­ kunftsraum, was bei vielen anderen Kunst­ sammlungen so nicht der Fall ist. Wir haben in dieser Sammlung also ein besonderes Kulturdenkmal für die spätmittelalterliche Kunst des südwestdeutschen Raumes vor uns. So ist es nicht erstaunlich, daß die neun Tafeln an der Südwand des Saales durch den neuen Sammlungskatalog von Grimm und Konrad der Veringer Werkstatt von Hans und Jakob Strüb zugeschrieben werden. Die Reste eines Flügelaltares, der einst im Kloster Inzigkofen gestanden hatte, grüßen von der Wand herab. Wenn wir uns als Besucher die neun Bil­ der ansehen, so stellen wir fest, daß 6 Bilder paarweise zusammengestellte Heilige prä­ sentieren, die uns in fast statuarischer Ruhe gegenüberstehen. Drei Bilder zeigen kleine Szenen. Eine dieser Szenen fällt dem Besu­ cher besonders ins Auge. Es ist eine Verkündigungsszene. Die uns heute sprachlich schwerer ver­ ständlich gewordene Bezeichnung „Mariä Verkündigung“, Annuntiatio, meint die 144 „Verheißung der Geburt Jesu“. Nur im Lukasevangelium (1, 26-38) wird dieses hochreligiöse Ereignis erzählt. Die Kern­ sätze heißen: ,,Der Engel Gabriel wurde von Gott in eine Stadt in Galiläa namens Naza­ reth zu einer Jungfrau gesandt. ( … ) Der Name der Jungfrau war Maria. Der Engel trat bei ihr ein und sagte: Sei gegrüßt, du Begna­ dete, der Herr ist mit dir. ( … ) Sie erschrak über die Anrede. ( … )Da sagte der Engel zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden. Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären, dem sollst du den Namen Jesus (=der Retter) geben. Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden.“( … ) Von hier aus gesehen läßt sich verstehen, daß Verkündigungsbilder eigentlich zu den schwierigsten Aufgaben gehören, die einem Künstler gestellt werden können. Sie sollen den Einbruch des Göttlichen in die Welt der Menschen darstellen. Verkündigungsdar­ stellungen reichen von Dialogszenen bis zu hochdramatischen Szenen. Klaus Ringwald, als moderner Künstler, hat an den Villinger Münsterportalen den Engel eindrucksvoll als Brücke zwischen Gott und den Men­ schen dargestellt. Die Lösung dieser Aufgabe kann so schwierig werden, daß es Kunstkritiker gab, die die Darstellung komplexer theologischer Gedankenzusammenhänge rundweg verbo­ ten haben. Ohne die Kenntnis dieses Textes bliebe dem Betrachter das Bild völlig unverständ­ lich. Auch bei diesem Bild ist es so wie mit allen anderen hier ausgestellten Bildern, sie sind nur mit Hilfe von Heiligenlegenden oder mit Hilfe von Bibeltexten verstehbar.

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Ohne diese Schlüsseltexte bleibt religiöse Kunst dem Betrachter völlig verschlossen. Für den Kenner sind religiöse Bilder Hilfs­ medien, die dem Betrachter helfen, ganz bestimmte Zusammenhänge und religiöse Aussagen im Gedächtnis festzuhalten. Bei jeder Betrachtung sollen diese Ideen wieder lebendig werden und lebensgestaltend auf den wirken, der sich ihnen nähert; deshalb der große künstlerische Aufwand in der reli­ giösen Kunst. Warum kann gerade dieses Verkündi­ gungsbild aus den Fürstlich-Fürstenbergi­ schen Sammlungen unsere Aufmerksamkeit so sehr fesseln? Im Vergleich zu den anderen Bildern des Inzigkofener Altars ist es die Bewegung in diesem Bild, die den Betrach­ ter aufmerksam werden läßt. Auf der rech­ ten Seite, erhöht über dem Bildboden, be­ herrscht die ganze rechte Bildmitte ein blon­ der junger Mann. Sein leuchtend weißes Gewand strahlt so hell aus dem Bild hervor, daß dieses Strahlen schon den ersten Blick des Betrachters auf sich zieht. Erst daraufhin nimmt der Betrachter zwei hoch aufgereckte Flügel wahr und erkennt, daß er die Darstel­ lung eines Engels vor sich hat. Dann fallt der Blick wieder zu der schwungvollen Rundung des weißen Gewandes zurück. Fast im Halb­ kreis führen diese Linien nach oben und gehen in den Ärmelbereich des linken Ober­ armes über. An der Schulter erst wird dieser Schwung nach oben von der Gegenbewe­ gung des tiefdunkelgrünen Mantels abgefan­ gen. Diese Rechtsbewegung wird wieder durch die Linksbewegung einer dunkelroten Fläche aufgefangen, und jetzt erkennen wir erst, daß dies die Außenseite des Engelsman­ tels ist. Die rechte Hand des Engels hebt sich als hoch emporgereckte Schwurhand vom Gold des Hintergrundes ab. Die linke Hand wird nach links abwärts vorgestreckt. Sie hält einen Stab, der selbst wieder nach links oben weist. Beide Bewegungen weisen auf das junge Mädchen hin, das die linke Bildseite beherrscht und kniend viel tiefer im Bild erscheint als der Engel. Sie kniet mit ihrer Flut von Gewändern auf dem angedeuteten 146 Plattenboden. Von einem Gebets- und Lese­ pult, auf dem ein Buch mit rotem Einband liegt, wendet sie sich zum Bildbetrachter hin. Sie schaut nicht zu dem Engel hin, sondern wird eher wie intensiv lauschend dargestellt. So werden die Marien auch auf den beiden anderen Verkündigungsbildern in den F. F. Sammlungen dargestellt. Aufschlußreich ist immer der Vergleich mit anderen Künstlern. Konrad Witz stellt seine Maria auf seiner Verkündigung ebenso dar. Fra Angelico dagegen stellt auf seinen Verkündigungsbil­ dern die Maria sitzend dar und dem Engel zugewandt. Unsere Donaueschinger Bilder sollen mit der hörenden Haltung der Ma­ donna den Kernsatz der Bibel sichtbar machen: ,,Das WORT ist Fleisch gewor­ den.“ Aus einem ganzen Meer von Gewändern, fast einem Rausch von Gewangfalten, steigt die Gestalt der Maria auf. Die unaufdringli­ che weiche Goldfarbe ihres Gewandes wird nur durch das strahlende Gold des Nimbus­ ses noch überhöht und bildet das farbliche Gegengewicht zu dem Engel der Verkündi­ gung. Dadurch, daß die Maria sich nicht dem Engel zuwendet, sondern dem Bildbe­ trachter, bleibt dieser nicht einfach Zu­ schauer, sondern er wird zum persönlich in die Szene einbezogenen Teilnehmer. Ist das nicht auch „Medienpädagogik“? Um ihrem Bild eine hohe Wirkung zu ver­ leihen, gehen die Strübs aus Veringenstadt ebenso vor, wie Bartholomäus Zeitblom auf seinem Heimsuchungsbild, das wir im Alma­ nach 93, Seite 293-296, besprochen haben. Während die niederländischen Künstler die Mädchenkammer Marias mit den vielfältig­ sten Details ausstatten, reduzieren die Strübs die Darstellung des Raumes auf wenige hier unerläßliche Elemente: auf den perspektivi­ schen Fliesenfußboden, auf ein Betpult, auf einen roten Vorhang, der allein eine Andeu­ tung von Wohnlichkeit gibt, und auf eine steinerne Fensterleibung. Das Fenster, das nach der Mode der Zeit den Blick auf eine Landschaft freigeben könnte (vgl. Dürer), ist nur mit Goldfarbe gefüllt. Aber mit dem

höchsten symbolischen Farbwert für den Himmel. Die Raumtiefe wird nur durch die Darstellung einer geschnitzten Girlande in den beiden oberen Bildecken dem Betrach­ ter suggeriert. Im übrigen lebt das Bild von einem ganzen Spektrum symbolischer Far­ ben. Der Mantel der Madonna ist eigentlich blau. (Die abgelaufenen Jahrhunderte haben auf unserem Bild das Blau etwas verändert.) Blau ist die Farbe des Himmels, also wird die ,,Himmelskönigin“ mit dem Blau des Him­ mels gekleidet. Sehr selten ist es, daß Maria ein goldfarbenes Gewand trägt. Hier soll diese Farbe die höchsten Werte der Religion andeuten und, wie das Gold der mittelalter­ lichen Goldhintergründe, die Verbindung zum Himmel aufzeigen. Als dritte Farbe leuchtet im Futter und an den Ärmelsäumen des Mariengewandes die Farbe Rot auf. Rot kann die Farbe der Liebe oder des Martyri­ ums sein. Man erinnere sich an die Madon­ nen Grünewalds oder Martin Schongauers. Die Farben des Engels sind Weiß für die Reinheit, Feierlichkeit und Würde. Rot ist hier die Farbe der göttlichen Liebe. Das Dun­ kelgrün der Innenseite des Engelsmantels weist auf das Zukünftige hin, das von diesem Augenblick ausgehen soll. Es ist die Farbe der Hoffnung auf Erlösung und die des Neuen Testamentes. Als Boten einer höheren Macht weisen ihn nicht seine Flügel aus, sondern sein Heroldsstab als ein in der Antike wie im Mit­ telalter übliches amtliches Kennzeichen von Boten und „ Verkündem“ im Dienste von Königen. Seine Botschaft umwindet in Form eines Spruchbandes seinen Stab und kenn­ zeichnet das Zentrum des Bildes: ,,Ave Maria gratia plena dominus tecum.“ ,,Gegrüßet seist du Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir.“ Diese Botschaft ist auch das Zentrum der Bildaussage. Martin Hermanns Das Hüfinger Stadtmuseum für Kunst und Geschichte Mit der Eröffnung des Stadtmuseums für Kunst und Geschichte am 20. März 1992 ging für viele Hüfinger ein langgehegter Wunsch in Erfüllung. Nun endlich wurde es möglich, die zahlreichen Zeugnisse künstle­ rischen Schaffens, die durch die sogenannte Künstlerkolonie um Lucian Reich in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts entstan­ den waren, zentral und geordnet zu präsen­ tieren. Es war eine ebenso anspruchsvolle wie reizvolle Aufgabe mit einer mehrjähri­ gen Vorbereitung, doch bei der Eröffnung wurde deutlich, die eingetretenen Verzöge­ rungen waren dem Projekt nicht zum Nach­ teil gereicht, im Gegenteil. Das Haus an der oberen Hauptstraße, welches das Museum beherbergt, war geradezu prädestiniert, die markantesten Zeugnisse aus Hüfingens Kul­ tur und Geschichte aufzunehmen, ein Haus von diskretvornehmem Zuschnitt, über- schaubar in seinen Dimensionen, das den Bedürfnissen seines Zweckes in subtiler, ja liebevoller Weise angepaßt wurde. Hermann Sumser erhielt für die bauliche Gestaltung des Hauses einen von der Architektenkam­ mer Baden-Württemberg vergebenen Preis für beispielhaftes Bauen. Auf Vorschlag des damaligen Bürgermei­ sters Max Gilly hatte die Stadt das Gebäude 1986 erworben und im Februar 1987 dem Hüfinger Diplom-Ingenieur Hermann Sum­ ser den Planungsauftrag erteilt. Es zeigte sich bald, daß man mit dem Kauf dieses Hauses einen guten Griff getan hatte. Im Herbst wurde mit dem Bau begonnen, wobei das Gebäude entgegen dem anfänglichen Wi­ derstand des Landesdenkmalamtes ein Dach aus roten Biberschwanzziegeln erhielt. Bei der Planung hatte der Architekt die Nutzung des Gebäudes als Museum zu berücksichti- 147

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Eingangsbereich, Ur- und Frühgeschichte 149

gen, wobei seinem bisherigen baulichen Charakter weitgehend Rechnung zu tragen war. Dies ist Hermann Sumser in überzeu­ gender Weise gelungen. Für die Stadt und auch den Förderkreis Stadtmuseum stand von Beginn an fest, daß das Hüfinger Museum kein Heimatmuseum im üblichen Sinne werden solle, sondern in seinem Schwerpunkt sich auf die Darstel­ lung der Werke aus dem Hüfinger Künstler­ kreis beschränken werde. Hinzu kam der Nachlaß des Kunstmalers Hans Schroedter, der, aus Karlsruhe kommend, sich zu Beginn der zwanziger Jahre in Hausen vor Wald nie­ dergelassen hatte, wo er eine überaus frucht­ bare Schaffensperiode durchlief und wo er sein Leben auch beschloß (vgl. Almanach 1991, Seiten 214-220). Des weiteren verfügte die Stadt über wertvolle Gegenstände aus dem Vermächtnis der Familie Brugger, die ebenfalls im Museum einen Platz finden sollten. Diese Überlegungen erforderten zwingend ein Museumskonzept, das sowohl dem didaktischen wie auch dem museografi­ schen Aspekt Rechnung trug. Als Ziel war ein modernes, lebendiges Museum angestrebt, das durch einen steten Wechsel an Sonder­ ausstellungen zu bestimmten Themen im­ mer wieder Interessenten anzieht. Vorträge sollten als begleitende Veranstaltungen das Gezeigte vertiefen helfen. Dieses Konzept wurde von Hermann Sumser, Roland Straub und Tina-Maria Bul­ linger in engem Kontakt mit der Vorsitzen­ den des Förderkreises, Eva von Lintig, ent­ wickelt. Der Beleuchtung wurde großer Stel­ lenwert beigemessen, einmal, um die Expo­ nate ins „rechte Licht“ zu rücken, zum ande­ ren aber durften sie durch die Lichtquellen keinen Schaden nehmen. Schließlich erfor­ derte das Museum auch eine entsprechende Sicherung gegen Diebstahl. Hilfestellung bei allen Überlegungen kam für die Beteiligten auch von der Museumsberatungsstelle in Tübingen und ihrem Leiter Dr. Burghart. Schon der Eintritt ins Museumsgebäude vom Nikolausgäßle her vermittelt sein be­ sonderes Flair. Außer einem Infostand befin- 150 det sich im Erdgeschoß, auch als Vortrags­ raum geeignet, eine Ausstellung mit Funden aus Hüfingens Ur- und Frühgeschichte, mit Resten aus Urnengräbern sowie Relikten aus römischer und alemannischer Zeit. Der Raum besitzt alle technischen Einrichtun­ gen für Diavorträge, Übersichtstafeln kön­ nen durch Lichtsignale das Dargestellte noch besser verdeutlichen. 40 Plätze hat die­ ser Raum, der auch für Kleinkunstauffüh­ rungen nutzbar ist. Hier wurden beim Umbau Reste einer frü­ heren Bebauung angetroffen, die wahr­ scheinlich aus der mittelalterlichen Dorfan­ lage stammen. Dieses Fundament wurde in eine Bodenvitrine integriert und sichtbar gemacht. Die Bausubstanz im Erdgeschoß stammt aus der originalen städtischen Be­ bauung entlang der Hauptstraße, die im Zuge der Stadterweiterung im 15. Jahrhun­ dert planmäßig angelegt wurde. Die Räume dienten ürsprünglich als Keller und Lager, der nordwestliche Teil als Groß- und Klein­ viehstall. Der Architekt bewahrte den ur­ sprünglichen Charakter dieser Räumlichkei­ ten beim Ausbau, Wände und Decken wur­ den roh belassen. Das Erdgeschoß bildet so die erkennbare zweite Zeitschicht im Ge­ bäude aus der spätmittelalterlichen Bebau­ ung. Im ersten Obergeschoß befindet sich der Schwerpunkt des Museums: Ölbilder, Zeichnungen, Lithografien aus dem frühen 19. Jahrhundert von Künstlern, die in Hüfin­ gen geboren und aufgewachsen sind oder hier lebten und überregionale Bedeutung erlangten. In erster Linie sind dies Lucian Reich, Franz Xaver Reich,Johann Nepomuk Heinemann, Josef Heinemann, Rudolf Gleichauf und Karl von Schneider. Es finden sich jedoch auch Werke von Vorläufern die­ ser Künstler, Luzian Reich dem Älteren, Johann Baptist von Seele,Johann Nepomuk Schelble, um nur einige zu nennen. Hin­ weise über verwandtschaftliche Verknüpfun­ gen dieser Hüfinger Künstler untereinander werden ebenfalls deutlich gemacht. Im 18. Jahrhundert waren frühere Wohn-

1. Stockwerk: Dauerausstellung Künstler des vorigen Jahrhunderts 151

,R __ Obergeschoß: Hans-Schroedter-Ausstellung teile des städtischen Ackerbürgerhauses zu einer fürstlichen Kanzlei umgebaut worden. Aus dieser Zeit stammen die Barocktreppe, Täferungen, Türen und Stuckdecken. Das ganze Geschoß wurde entsprechend dieser Stilepoche restauriert und ergänzt. Als moderne Applikation an Barock und Klassi­ zismus wurden die Säulen in der Diele konzi­ piert. In diesem Geschoß wird die dritte Zeitebene in der Gebäudesubstanz sichtbar. Eine Sitzgruppe unter dem Fenster lädt zum Verweilen ein. Sie harmoniert in ihrem leuchtenden Sonnengelb sehr gut mit dem umlaufenden weißen Geländer und gibt so der Diele etwas Großzügiges. Noch eine Besonderheit befindet sich in diesem ersten Obergeschoß des Museums, ein computergesteuertes Bild- und Textar­ chiv mit Farbmonitor, das von den Besu­ chern selbst bedient werden kann. Es infor­ miert nicht nur über die ausgestellten Werke und Biografien der Künstler, sondern auch über jene Zeugnisse ihres künstlerischen Schaffens, die dem Hüfinger Museum nicht verfügbar sind. Das zweite Obergeschoß ist im wesent­ lichen Sonderausstellungen vorbehalten, jedoch sind zwei der Räume den Werken von Hans Schroedter gewidmet. Dieses Geschoß stammt aus einem Umbau sowie einer Erwei­ terung des Gebäudes nach dem Brand von 1905. Stilelemente aus dieser Zeit spiegeln sich wieder in den Türen und Türbeschlä­ gen. Sie wurden restauriert, die neuen Aus­ bauelemente in moderner Form in Anleh­ nung an den vorhandenen Charakter konzi­ piert. In diesem Geschoß wird die vierte Zeit­ ebene des Hauses sichtbar. Ein sachgemäß eingerichtetes Depot erlaubt eine dem Museumsgut angemessene Aufbewahrung. Im „Höfle“, einem kleinen intimen Gartenbereich, befinden sich, in Wände eingelassen, unempfindliche Plasti­ ken und Terrakotten. 152

Beim Erkennungszeichen, dem „Logo“ des Museums, handelt es sich um einen Aus­ schnitt aus einem Dekorfries in einem Haus in der Hüfinger Hauptstraße, ein abstraktes Merkmal mit signifikanter grafischer Wir­ kung. Es steht als Symbol für die Verbindung von Alltag und Kunst. Die Stadt hat sich ihr Museum etwas kosten lassen. Die reinen Bau- und Neben­ kosten beliefen sich auf rund 750 000 Mark. Hinzu kam die Einrichtung mit Vitrinen, Stelen, Infotafeln, Projektionsanlage sowie die Sicherung gegen Diebstahl mit insgesamt 318 000 Mark. 1992 wurde zwischen dem Förderkreis und der Stadt Hüfingen ein Betreibervertrag geschlossen. Die Stadt stellt das Gebäude zur Verfügung und trägt auch die Heizkosten. Ein jährlicher Zuschuß, dessen Höhe nach einer Probezeit festgesetzt wird, kommt hinzu. Für alles andere hat der Förderkreis selbst zu sorgen, der inzwischen auf rund 400 Mitglieder angewachsen ist. Die anfallenden Arbeiten, etwa Aufsicht und Reinigung, sind auf einen Arbeitskreis verteilt. Mit Eintritts­ geldern und Spenden wirtschaftet der För­ derkreis. Bürgermeister Knapp hatte von Beginn seiner Amtszeit an eine positive Einstellung zum Museum bekundet und unterstützte den Förderkreis mit Rat und Tat. Eva von Lintig, welche die Entstehung des Museums in Hüfingen mit nie erlahmender Energie betrieben hatte, hat während vieler Jahre bis zur Verwirklichung ihrer Idee trotz mancher Widerstände das Ziel nie aus den Augen ver­ loren. So war auch ihre Freude bei der Eröff­ nung nur allzu verständlich: ,,Wir sind am Ziel – welch ein Tag!“ hatte sie beim Festakt ausgerufen. Das Hüfinger Stadtmuseum für Kunst und Geschichte – es soll nach dem Willen seiner Initiatoren nie langweilig werden, son­ dern mit etwa drei Sonderausstellungen im Jahr stets das Interesse seiner Besucher wach­ halten. Dies zu verwirklichen ist Aufgabe des ständigen Arbeitskreises, er kann jeweils zu aktuellen Sonderausstellungen weitere sach­ kundige Mitarbeiter hinzuziehen. „Das kulturelle Herz einer liebenswerten Stadt“ – so nannte der Vorsitzende der Kunststiftung Hohenkarpfen, Professor Dr. Friedemann Maurer, das Hüfinger Stadt­ museum für Kunst und Geschichte. Aussa­ gen wie diese, und es gab sie mehrfach, mögen den Initiatoren Bestätigung und Ansporn gleichermaßen sein. Käthe Fritschi Das Blumberger Eisenbahnmuseum ,,Klein, aber fein“ -so lauten oft die Kom­ mentare der Besucher des in der ehemaligen Güterhalle im Bahnhof Zollhaus zum 1. Mai 1992 eröffneten Museums. Aber bis es so weit kam, war ein sehr langer Weg zurückzu­ legen. Genaugenommen fing alles mit dem Krieg 1870/71 an. Elsaß-Lothringen wurde dem neuen Reich einverleibt. In Straßburg wurde ein Militäreisenbahn-Planungsbüro beauftragt, Pläne für eine strategische Eisen­ bahn auszuarbeiten, damit die beiden Festungen Ulm (Donau) und Beifort (Elsaß) im erwarteten neuen Kriegsfall schnell mit Truppen zu verbinden waren. Die damals schon bestehende Linie über Schaffhausen konnte im Ernstfall durch die Schweiz ge­ sperrt werden. Nach mehreren vorgeschlage­ nen Varianten kam die Strecke Ulm­ Immendingen -Zollhaus-Weizen -Basel­ Belfort zur Ausführung, wobei der technisch interessanteste Teil die Strecke Zollhaus­ Weizen ist. Sie wurde in Rekordbauzeit von knapp drei Jahren bei einer Länge von etwa 25 km (Luftlinie etwa 9 km; Höhendifferenz über 250 m) mit dem einzigen Kreiskehr- 153

tunnel im Verlauf einer Mittelgebirgsbahn sowie weiteren Tunnels und gewaltigen Via­ dukten mit Hilfen von über 4000 italieni­ schen Gastarbeitern erbaut. Errichtet wurde dieser Abschnitt in den Jahren 1887 bis 1890, wobei wir heute immer noch die primitiven Arbeitsgeräte der damaligen Zeit bestaunen, in der die Elektrizität noch fremd war. Ent­ gegen den gewaltigen Bauanstrengungen erhielt die Strecke zu keiner Zeit eine nen­ nenswerte Bedeutung. Unter militärischen Gesichtspunkten wurde sie in den sechziger Jahren von der NATO technisch saniert, von der Deutschen Bundesbahn Mitte 1976 als unrentabel stillgelegt und erweist sich seit 1977 als Museumsbahn mit steigenden Fahr­ gastzahlen als Publikumsmagnet (vgl. Alma­ nach 78, S. 86 ff.; Almanach 88, S. 238 ff. und Almanach 91, S. 256 ff.). Weil die zahlreichen Fahrgäste, zwar mit einer Fahrkarte in der Tasche, aber mit viel Geduld auf dem Bahnsteig in Zollhaus auf die Abfahrt des Museumszuges warten muß- ten und dabei überall auch gerne hinter die Kulissen des Bahnbetriebes schauten, wurde die Idee eines Museums geboren. Bahnhofs­ gebäude und Güterhalle liegen als Gesamt­ gebäude direkt am Bahnsteig in Zollhaus. Die Güterhalle diente nur noch als Rum­ pelkammer. Auflnitiative der beiden Blum­ berger Pädagogen Prillwitz und Reimer sanierte der Bauhof den noch gut erhaltenen Hallenraum (Fachwerkkonstruktion) zu einem wahren Schmuckstück. Pläne für einen weiteren Museumsausbau wurden konzipiert, ausgeführt wurde zu­ nächst der erste Abschnitt, d. h. in der eben restaurierten Halle sollten drei Vorstellun­ gen realisiert werden: l. Dokumentation des historischen Bildma­ terials aus der Bauphase. 2. Darstellung „Blick hinter die Kulissen“, Dinge aus historischer Zeit. 3. Technischer Bereich, u. a. als Krönung mit einem detailgetreuen Modell der Museumsbahnstrecke im Vorführbetrieb. 155

Gleich beim Betreten des Museums über die frühere Zufahrtsrampe von der Ostseite her wird die gewollte exemplarische Dreitei­ lung deutlich. Eine aufgelockerte Fotodoku­ mentation führt entlang der linken Hallen­ wand durch die Bauzeit. Auftraggeber unse­ rer Strecke war damals das Reich, verantwort­ lich für die Aufsicht war aber der Großher­ zog von Baden (daher hieß diese Bahn bis zum Ende des Ersten Weltkrieges „Großher­ zoglich Badische Staatseisenbahn“). Weil er über die einzelnen Bauabschnitte eine Do­ kumentation anfertigen und diese zur Eröff­ nung der Strecke 1890 den leitenden Inge­ nieuren überreichen ließ, konnte die jetzige Ausstellung dank zweier erhalten gebliebe­ ner Exemplare fotografisch aufbereitet wer­ den. Aufgrund dieser Bilder können wir uns heute eine recht genaue Vorstellung von den Mühen der Arbeiter machen, aber auch von technischen Vorgehensweisen, etwa beim stückweisen Bau des Epfenhofener Viaduk­ tes mittels Hilfsgerüstbau. 156

Zum Reiz der Eisenbahn, und besonders der alte Dampfeisenbahn, gehört auch ein Blick hinter die Kulissen. Es liegt in der Natur dieser Dinge, daß sie wie alle techni­ schen Hilfsmittel früherer Zeiten durch Menschen benutzt oder bedient wurden. Und daher wird man sicher Verständnis dafur haben, daß Dinge, wie etwa die alten Laternen, Uhren oder Uniformen, größten­ teils nur hinter Glasvitrinen ausgestellt wer­ den können. Auch die original gezeichneten Pläne aus der Zeit 1887 bis 1890, oder ein Brief Robert Gerwigs, sowie zahlreiche Ori­ ginale, meist von privaten Leihgebern zur Dauerleihgabe, lassen beinahe vergessen, ,,nur“ in einem Museum zu sein. Daneben gibt es auch Technik zum Anfas­ sen: Ein Streckentelefon läßt seine Signal­ töne im Streckenwärterhäuschen ertönen, ein Fahrkartenstempler druckt auf nostalgi­ schen Fahrkarten das aktuelle Datum aus, Holzsitzbänke der ehemals 3. Klasse lassen von der alten Eisenbahnromantik in rattern- 157

der zahlreichen Vorführungen am Modell (Maßstab N) an der Stirnseite der Halle und für später geplanten Durchgang zum Muse­ umserweiterungstrakt. Dieses Modell ist die Hauptattraktion für jung und alt. Es zeigt detailgetreu den interessantesten Verlauf der Strecke vom Buchbergsüdportal bis zum Übergang über die Wutach beim Eintritt in den Kehrtunnel im Weiler. Wie groß ist jedesmal das Erstaunen, wenn das Modell­ bähnle im Kreiskehrtunnel verschwindet (Rätselraten und verblüfftes Suchen) und plötzlich an fast gleicher Stelle, aber höhen­ versetzt, wieder erscheint. Und wenn dann noch ein unüberhörbar lauter und langgezogener Pfiff ertönt, dann ist die Faszination Dampfeisenbahnroman­ tik fast vollkommen, denn in dem Moment rollt draußen mit einem nicht zu verkennen­ den Geräuschpegel der Museumsbahnzug ein. Und nun heißt’s Abschied nehmen, man ist eingestimmt auf eine Fahrt mit der wohl schönsten Museumsbahn der Welt. Eingestimmt durch ein kleines Museum, das nicht ein allgemeines Eisenbahnmuseum sein will, sondern ein Museum, das den lie­ bevollen Bezug zu „unserer“ Blumberger Bahn mit ihrer besonderen Geschichte her­ stellen möchte, nicht zuletzt auch endlich einer friedlichen Geschichte, denn Blum­ bergs Partnerstadt Valdoie ist ein Vorort der ehemaligen Festungsstadt Beifort. Dietrich Reimer den und rußgeschwärzten Abteilen träumen. Gleich daneben ein Stück „Stuhlschienen­ bau“, ein Originalschienenstück aus 1890 mit Holzschwellen, Gußbefestigung und Holznägeln zur Befestigung! Und wem das immer noch zu wenig ist, der bekommt einen Vorgeschmack auf den sonst während der Fahrt nicht nachzuvoll­ ziehenden Verlauf unserer Bahn während Max-Rieple-Archiv In Donaueschingen: Leben und Werk des Donaueschinger Schriftstellers werden wachgehalten Mit neun Jahren schrieb er seine ersten Gedichte. Eine Zeitung druckte sie. Die Muse in ihm war erweckt. Wie sollte dies auch anders sein bei einem, der in einem Haus aufwuchs, in dem ein Dichter gelebt hatte: Joseph Viktor von Scheffel, und das den Namen Scheffel-Haus bewahrt hat. Bis an sein Lebensende ist er der Muse treu geblieben. Das Letzte, was er schrieb, waren kurze Aphorismen. Auf dem Krankenlager notierte er sie. Gedanken über Leben und Tod. Im Alter von nahezu 79 Jahren nahm der Tod ihm die Feder für immer aus der Hand. Er hinterließ ein reiches schriftstelle­ risches Werk, das seinen Namen für die Nachwelt bewahren wird: Max Rieple. 158

,,Das gesprochene Wort ist ein davonflie­ gender Vogel, das geschriebene eingemeißelt in Stein“, so steht es auf einer Tafel aus Buntsandstein an seinem stattlichen Eltern­ und Sterbehaus an der Max-Egon-Straße in Donaueschingen, in dem die Erinnerung an Leben und Werk des Schriftstellers wach­ gehalten wird. Dank der Initiative seiner Tochter Angela Rieple-Egender und seiner Frau Anne Rieple­ Offensperger konnte dort im August 1992 in Gegenwart städtischer Repräsentanz ein Max-Rieple-Archiv eingerichtet und der Öf­ fentlichkeit übergeben werden, das allen in­ teressierten Bürgern, aber vor allem auch wis­ senschaftlichen Zwecken zur Verfügung steh“t. Literar- und Musikhistoriker finden hier eine Fülle an Material, insbesondere auch zu den Donaueschinger Musiktagen, deren Anfänge Max Rieple miterlebt und die er nach dem Kriege neu belebt und jahrelang als Vorsitzender der Gesellschaft der Musik­ freunde Donaueschingen begleitet hat. Er gehört zu den Naturen, ohne deren Werk und Wirken der badisch-alemannische Kul­ turraum um vieles ärmer wäre. In den Vitrinen des Archivs sind die liebe­ voll bewahrten Zeugnisse seines reichen, erfüllten Lebens, das 1902 in Donaueschin­ gen begann und dort 1981 beschlossen wurde, ausgestellt. Seine besonnte Jugend in dem rechtschaffenen Elternhaus, die er an­ schaulich geschildert hat, spiegelt sich nicht nur in den Fotos mit Eltern und Schwester, sie wird greifbar auch in konkreten Gegen­ ständen wie Griffelkasten, Zwille und Mund­ harmonika des Jungen und dem Kaleido­ skop, das sein liebstes Spielzeug war. ,,Solch ein Kaleidoskop mit seiner Vielfalt an unwie­ derholbaren Bildern schien mir mein Leben zu sein. Alles, was ich anpackte, packte auch mich an“, hat er einmal gleichnishaft formu­ liert. Schülerzeit und die Studentenjahre in Heidelberg, München und Freiburg werden in den Exponaten angesprochen. Die poeti- 159

MAX-RIB�LE-ARCHIV sehen Anfänge, eine erste Gedichtauswahl des 2ljährigen, werden ebenso dokumentiert wie seine Texte zu Theaterstücken und Sze­ nen für festliche Anlässe im Hause Fürsten­ berg. Musik wurde von Kind an Bestandteil seines Lebens, möglicherwei e lag sie ihm von Vorfahren wie Franz Schucker her im Blut. Schucker war Hofmusikus in Karls­ ruhe, seine ihm vom Patenonkel Franz Liszt verehrte Piccoloflöte vererbte sich auf Max Rieple. Sein Instrument wurde die Violine. Was die Pflege der Musen betrifft, so ver­ dankt er viel seinem väterlichen Freund und Mentor Heinrich Burkhard. Die weltweit bekannt gewordenen Donaueschinger Mu­ siktage nahmen einen hohen Rang in seinem Leben ein, dies alles wird in der Ausstellung lebendig. Seine lebenslange freundschaftli­ che Verbundenheit mit dem Hause Fürsten­ berg bekundet sich in Briefen, Medaillen, aber auch in Geschenken wie einem kostba­ ren Bowle-Service mit den eingravierten Symbolen: Geige, Zwirn und Federkiel. 160 Chronik und Werk tle! l>onaucM:hmgcr SchrtfL,tcllcr!i und Lyn�er, im MAX·RIEl’LE·IIAUS, Max·Egon-S1rußc 2, Parterre. Zugänglich; miuwoch� von 15.00 Uhr bis 17.00 Uhr oder nach Vcrcmh:1rung (Telefon: 0771-2375) I….W1l …. -• …. lUVl,p,tlrtnrnftW.�lot*lloo1 f“ll Im Zentrum der Ausstellung im Archiv stehen freilich das umfangreiche literarische Werk und sein Nachlaß. Statt Pflege der Schönen Künste war Max Rieple zunächst von der elterlichen Tradition her der Brot­ beruf des Kaufmanns beschieden, den er viele Jahre treulich ausgeübt hat. Er mußte sich also sein Werk, vor allem auch in den jungen Jahren schwerer Erkrankung, abrin­ gen, ehe er sich ausschließlich seinem poeti­ schen und literarischen Schaffen widmen konnte. Da hatte er sich schon längst einen Namen gemacht, der über Donaueschingen und die Region hinaus einen guten Klang im alemannischen Land und in ganz Deutsch­ land besaß. Fast hundert Bücher tragen seinen Na­ men auf dem Titel. Zahllos sind seine Ver­ öffentlichungen in Zeitschriften, Almana­ chen -darunter auch im Heimatjahrbuch des Schwarzwald-Baar-Kreises, Lesebüchern und Anthologien. Es sind vor allem klang­ schöne Verse: Max Rieple war eine lyrisch

gestimmte Natur. Viele Verse erlebten eine Vertonung. Er schrieb Erzählungen, Über­ tragungen von Gedichten insbesondere aus dem französischen Kulturraum. Für die Sprache des Nachbarlandes besaß er ein besonders feines Organ. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg hat er damit neue, tragfähige Brücken zwischen den so lange zerstrittenen Völkern geschlagen. Dafür ge­ bührte ihm die „Palme“, Frankreich ehrte ihn mit der Ernennung zum Offizier des Ordens Palmes academiques. Viele Landschafts- und Reisebücher, in denen er den Menschen Heimat und Welt auf faszinierende Weise nahebrachte, ent­ stammen seiner fleißigen Feder. ,,Reisen mit Rieple“, das wurde zum geflügelten Wort. „Als mir die Schwarzwaldheimat zu eng wurde, ,entdeckte‘ ich fremde Länder. Lö­ sten nicht die Bilder, die ich auf meinen Rei­ sen erschaute, wie jene im Kaleidoskop ein­ ander ab? Sie beflügelten mich so, daß ich in mehr als zwanzig Reisebüchern das Ge­ schaute wiedergab.“ So hat er es in einer klei­ nen Lebensbilanz einmal angemerkt. Im dichterischen Wort und in gehobener Prosa fand er Zugang zu den Lesern in vielen Lan­ den. Er war nicht nur ein Meister der Spra­ che, auch mit der Kamera verstand er mei­ sterlich umzugehen. Er reiste oft zu seinen Lesern, ihnen das Geschaute und Erlebte in Lichtbildervorträgen noch unmittelbarer zu vermitteln, solange es seine Gesundheit ihm erlaubte. Der Dichter und Schriftsteller emp­ fand, wie er es selbst ausgedrückt hat, sein ganzes Leben als eine Reise, die an jeder Wegbiegung etwas Neues bereithält. Das Archiv birgt als einen bedeutsamen Schatz auch 120 Leitz-Ordner mit Materia­ lien zu Rieples Leben und zu dem umfang­ reichen literarischen Schaffen: Dokumente, Briefwechsel mit bedeutenden Persönlich­ keiten, mit Schriftsteilerkollegen, berühm­ ten Komponisten und Musikern, Zeitungs­ berichte und Veröffentlichungen über Max Rieple. Das Vermächtnis ist von Anne Rieple-Offensperger treulich gepflegt und geordnet worden, damit es wissenschaft- liehen Zwecken leicht zugänglich gemacht werden kann. Als wesentliche Frucht einer ersten Sichtung und Bearbeitung ist eine mit wissenschaftlicher Akribie verfaßte Lebens­ dokumentation Max Rieples von Dr. Werner Heyd vorgelegt worden, die als Grundlage für weitere Aufschließung des Werkes die­ nen kann. Die gute Stunde und die Betreuerin des Archivs, Anne Rieple-Offensperger, öffnen dem interessierten Archivgast wohl auch ein Einblick in Max Rieples Gästebücher. Sie enthalten Eintragungen von Dichtern wie Rudolf Hagelstange, Werner Bergengruen, Karl-Heinrich Waggerl, Edzard Schaper, Friedrich Bischoff und Ludwig Emanuel Reindl. Komponisten, die die Musik des 20. Jahrhunderts entscheidend geprägt ha­ ben, waren, besonders an den alljährlich stattfindenden Donaueschinger Musiktagen für zeitgenössische Tonkunst, Gäste des langjährigen Präsidenten der Gesellschaft der Musikfreunde im Hause Rieple. Im Gästebuch sind die Namen verzeichnet u. a. von Alois Haba, Paul Hindemith, Igor Stra­ winsky, von Fortner, Stockhausen, Hart­ mann, Blocher, von Cage, Boulez, Nono, lsang Yun, von Sutermeister, Ligeti, Pende­ recki bis zu Kagel und Holliger. Ihre Eintra­ gungen, zum Teil mit Notenautographen versehen, sind ausdrucksvolle Zeugnisse aus­ gesprochen freundschaftlicher Verbunden­ heit mit Max Rieple. Paul und Gertrud Hin­ demith, als sie 1952 aus den USA wieder nach Donaueschingen kamen, schrieben: ,,Den alten Max wiedergesehen zu haben … “ Sol­ che Bücher sind große Kostbarkeiten. Persönlichkeiten wie Max Rieple, die im besten Sinne Kultur des Landes verkörper­ ten, sind rar geworden. Die Heimatstadt Donaueschingen, der zeitlebens seine große Liebe gegolten hat, und deren Fasnet er in Versen ein ganz persönliches Denkmal ge­ setzt hat, wußte seinen Rang und seine Ver­ dienste ebenso zu schätzen wie der Staat. Hinter Glas sind im Archiv denn auch hohe Auszeichnungen nebst Urkunden zu sehen, die dem berühmten Donaueschinger Bürger 161

zuteil geworden sind, die Goldene Medaille der Stadt Donaueschingen und das Bundes­ verdienstkreuz Erster Klasse, das ihm der Bundespräsident verliehen hat sowie die Goldene Medaille des Landes Baden-Würt­ temberg und der oberrheinische Kulturpreis. Ganz schlicht und einfach, aber zutref­ fend nimmt sich da am Ende das Plakat aus, das Susanne Seidel-Buri für das Archiv geschaffen hat: Auf ihm verschlingen sich der Zwirns- und Lebensfaden des Kauf- manns mit der Geige als dem Instrument des Musensohnes und der Feder des Poeten Max Rieple zu einem Symbol für ein reiches und erfülltes Leben. Auf den zahlreichen Foto­ grafien und in zwei Bildwerken von Rose Baumann und Alice Roskothen-Scherzinger ist der so Geehrte selbst gegenwärtig in einer Atmosphäre, die Geist und Luft der Kultur, von Poesie und Musik atmet. Arthur Lamka Das Brauerei-Museum der FÜRSTENBERG-Brauerei Die Geschichte des deutschen National­ getränkes BIER, eines der ältesten Nahr- und Genußmittel der Menschheit, ist spannend. Ein Ausschnitt dieser Geschichte wird doku­ mentiert im Brauerei-Museum der FÜRST­ LICH FÜRSTENBERGISCHEN BRAUE­ REI KG in Donaueschingen. Untergebracht ist dieses 1980 errichtete, 1987 /88 veränderte Museum, im alten Sud­ haus der Brauerei und in den angrenzenden Räumen, den sogenannten Tennen, der bis ins Jahr 1967 früher dort betriebenen Mälze­ re1. Jede Brauereiführung beginnt in diesem komplett mit Kupfergefäßen eingerichteten Sudhaus aus dem letzten Jahrhundert. Bis zum Jahr 1959 war dieses Sudhaus voll im Betrieb, wurde dann für Spezialsude bis 1977 noch weiterbetrieben und dann stillgelegt (Abb. 1). Die Besucher erhalten mit einer Dia­ Schau eine Einführung in die Geschichte des FÜRSTENBERG-Bieres und dessen heuti­ gen Herstellprozeß. Die Geschichte des Hauses FÜRSTENBERG wird dabei geschil­ dert, denn das Haus FÜRSTENBERG hat seit 1283 das offiziell von König Rudolf von Habsburg verliehene Braurecht. Daß die Geschichte des Bieres so alt ist wie die Geschichte der Menschheit, wird auf dem Besucherweg demonstriert. Im heuti­ gen modernen Sudhaus findet man einen Spruch aus dem Gilgamesch-Epos, dem älte- 162 sten Epos der Weltgeschichte, stammend von den Sumerern um ca. 3000 v. Chr. im Lande des Euphrat und Tigris, dem heutigen Irak: ,,Jß Brot, das gehört zum Leben, trink Bier, wie es Brauch ist im Lande‘: so lautet dieser Spruch aus dem Gilgamesch-Epos. Das Bier hat die Menschheitsgeschichte auf ihrem gesamten Weg begleitet. In diesem alten Sudhaus, dem heutigen Empfangsraum, fin­ det man auch Original-Grundrisse der frühe­ ren sogenannten „Schloß-Brauerei“, die im heutigen Schloßpark seit Ende des 16.Jahr­ hunderts stand. Weiter findet man Entwurfs­ pläne der 1739 an der Stelle errichteten Brau­ stätte, wo die heutige Brauerei steht. Beginnt man aus diesem Sudhaus den Rundgang durch das Museum, so findet man in der ersten Tenne das Original-Brauerwap­ pen der im Mittelalter hochangesehenen Handwerkszunft der Brauer. Dieses besteht aus einem Holzbottich, darin stehend das Gerät der Mälzer, die Malzschaufel, ein Rührscheit für das Sudhaus mit einer Holzschapfe. Das Ganze wird umrankt von Hopfendolden. In einem Bleiglasfenster fin­ det man dieses Original-Wappen und auch das Wappen des Geschlechts der FÜRSTEN­ BERGER. Im selben Raum, in einer Vitrine unterge­ bracht, findet man historische Trinkgefäße, zum Teil stammend aus dem Ende des letz­ ten Jahrhunderts mit der Aufschrift „Tafelge-

Abb. 1: Altes Sudhaus tränk Seiner Majestät, des Kaisers“. Spezielle Gläser sind darin untergebracht mit speziel­ len Namen: Paul Becher Grazer Tulpe Christian Tulpe Harzer Pokal. Glaskrüge befinden sich dort: Radeberger Eckenseidelstern Bodenseidel Hannakugel Tübinger Kugel. Dort befinden sich auch Tonkrüge der in den letzten 20 Jahren in der FÜRSTEN­ BERG-Brauerei aufgegangenen Brauereien: Bilger-Brauerei, Gottrnadingen Bären-Brauerei, Schwenningen Warthauser Brauerei, Warthausen Hanna-Brauerei, Albstadt. Hier befinden sich auch alte Bierflaschen, alte Bierteller, alte Etiketten und sonstige historische Werbeartikel. Aus diesem Raum führt ein Gang in eine weitere frühere Malz-Tenne, in den letzten Jahren umgestaltet zu einem repräsentativen Tagungs- und Schulungsraum, genannt die ,,TENNE“. Interessant in einer dieser Vitrinen sind auch Bierabholbücher aus den Jahren 1841, 1855, 1867 und 1869. Sie stammen aus dem früheren Gasthaus Gebert in Löffingen, ein bis 1980 von der Familie Gebert, seit 150 Jah­ ren mit FÜRSTENBERG betriebenen Lo­ kals, das nach Umbau als der heutige ,,Hexenschopf“ in Löffingen zu finden ist. Im Durchgang zur nächsten Tenne und Ausstellungsraum befinden sich Nachbil­ dungen historischer Ofenplatten aus dem Jahre 1746 aus der alten Brauknechtsstube, dem ersten 1739 errichteten Brauhaus. In die­ sem Raum befindet sich heute das Büro des Braumeisters. In dem angrenzenden Raum findet man Einzelstücke aus der historischen Technik 163

tige Malz und einige historische Geräte zur Bearbeitung des Grünmalzes, beginnend bei dem Haupthandwerkszeug des Mälzers, der Malzschaufel, eine bereits technische Ver­ besserung in Form eines Propellermalzpflu­ ges, Rechen- und Schüttelgabel für die Bear­ beitung des fortgeschritten keimenden Grünmalzes. Alte Wagen stehen dort, mit denen vor der pneumatischen und mecha­ nischen Förderung von Gerste, Malz und Grünmalz der Transport vorgenommen wurde. Besonderes Interesse findet immer ein Relikt für den weiteren wichtigen Rohstoff der Bierherstellung, das Wasser. Bereits im 16.Jahrhundert hatte man erkannt, welche Bedeutung das Wasser für die Qualität des Bieres hat und hat aus einer Q!.ielle in Aufen, heute einem Stadtteil von Donaueschingen, das Brauwasser in einer kilometerlangen Holzdeichelleitung zur damaligen Brauerei geführt. Eine historische Karte über den Ver­ lauf dieser Wasserleitung hängt dabei sowie eine historische Skizze über einen Brunnen. Auf derselben Seite des Raumes befin­ den sich umfangreiche Werkzeuge und Ge­ rätschaften aus der früher für die Brauerei so wichtigen Küfer-Werkstatt. Man findet Werkzeuge zur Bearbeitung der Dauben, eine Schnitzbank, die verschiedensten Ho­ bel, Zirkel, Brenneisen und viele Kleinwerk­ zeuge. Daran anschließend befinden sich einige Gerätschaften und Gefäße aus Kupfer, dem früher so wichtigen Metall in der Brauerei. Eine Handbierpumpe aus Messing und Kupfer ist dort noch ausgestellt (Abb. 3), dazu gehört ein sogenannter Verschneid­ bock aus Messing, einem wichtigen Gerät zum problemlosen Abwickeln der Bierförde­ rung. Im Hintergrund ist die Abbildung eines früheren Eiskellers einer Brauerei zu sehen. Vor der Erfindung der Kältemaschine wurden die Brauerei-Keller mit den natürlichen Kellern und zusätzlich mit Natureis gekühlt. Dazu gehört auch eine Original-Eiszange zum Fördern des Natureises aus einem Eisweiher. Abb. 2: Holzlagerfaß Abb. 3: Handbierpumpe der Brauerei; größere Gerätschaften, die aus Platzgründen dort nicht einzubringen waren, findet man auf dem weiteren Besu­ cherweg durch die Brauerei, dies sind histori­ sche Holzgärbottiche, Holzlagerfässer mit einem kompletten Faßabfüllorgan (Abb. 2). Links nach dem Eingang in diesen Raum befinden sich zunächst Gerätschaften aus der früheren Malzherstellung, eine kom­ plette Malzreinigungsmaschine für das fer- 164

Original-Schuhe eines Bierbrauers sind ebenfalls dort in der Ecke zu finden. Rechts von der Ausgangstür findet man einen alten sogenannten Haustrunk-Automaten, aus dem früher die Brauerei-Arbeiter ihren tägli­ chen Haustrunk im Krug gegen eine Bier­ marke herauslassen konnten. Auf der gleichen Seite schließt sich eine Abteilung an mit historischen Geräten aus dem auch schon damals wichtigen Brauerei­ Labor. Man findet ein Maisehbad, Kupferge­ räte zur Wasserbestimmung in Gerste und Malz, verschiedene Waagen, weitere alte Gerätschaften zur Untersuchung des Bieres. Seitlich davon ist die Entwicklung der Generationen von Biertransport-Fässern, vom alten traditionellen Holzfaß über das Aluminium-Faß bis zum heutigen moder­ nen „Keg“, dargestellt. Des weiteren sieht man die Entwicklung der Bierflaschen und der dazugehörigen „Bier-Kisten“, vom letzten Jahrhundert bis zur heutigen schlanken Flasche im Kunst­ stoff-Kasten. Damit schließt sich der Kreis des Rund­ ganges durch das kleine Museum der FÜR­ STENBERG-Brauerei mit einem Streifzug durch die Technik des Brauens und einer kleinen vergnüglichen Lektion über das Volksgetränk Bier. Werner Hohloch Öl: Nordstellen 1991 Klaus Burk 165

Baudenkmäler, Ortssanierung Die Grusen-Villa in Schwenningen Der Bau dokumentiert wirtschaftliche Prosperität Schwenningens bäuerlicher Kern, jüngst in den noch erhaltenen Teilen erfolgreich saniert, dokumentiert den geschichtlichen Ursprung des Ortes. Genau hier, Ob dem Brückle, steht heute noch das Stammhaus der Firma Schlenker-Grusen. Die ersten Anfänge industrieller Ferti­ gung von Zeitmeßgeräten wurden in diesem Fachwerkhaus vollzogen. 1888 beginnend, lag 17 Jahre lang die Produktion in ländlicher Idylle. 1905 läßt Jakob Schlenker-Grusen (1855 bis 1913) in unmittelbarer Nähe des Stamm­ hauses eine Fabrikanten-Villa großbürgerli­ chen Stils für die repräsentativen Wohnbe­ dürfuisse seiner Familie bauen. Auf dem Areal stadtauswärts hinter den Gebäuden entsteht eine weitläufige Fabrikationsanlage: der wirtschaftliche Aufschwung Schwennin­ gens dokumentiert sich in bürgerlicher Architektur. Das Büro für Architektur und Kunstgewerbe Blasius Geiger erkannte die Zeichen der Zeit. Neben Gaststätten und Wohnhäusern für leitende Angestellte war Blasius Geiger der Architekt für gehobene Ansprüche in Schwenningen. Von dem großbürgerlichen Prachtstück von 1905 war der Bauzustand in den achtzi­ ger Jahren des 20. Jahrhunderts weit entfernt. Fast 25 Jahre lang wurde das Gebäude so gut wie nicht genutzt, das Schieferdach war schadhaft, die hochwertige Ausstattung stark in Mitleidenschaft gezogen, die Ansicht schäbig. Direkt neben dem sanierten bäuerlichen Kern Schwenningens gab die Grusen-Villa 166

ein trauriges Bild am Rande des Ensembles ab. Erste Kontakte zwischen der Stadt Villin­ gen-Schwenningen, dem Eigentümer und dem Landesdenkmalamt reichen bis in das Jahr 1982 zurück. Die Vorgespräche gipfeln 1988 in einer Rüge des Oberbürgermeisters, der auf die Erhaltungspflicht nach§ 6 Denk­ malschutzgesetz hinweist. Dennoch war der Dialog in Gang gekommen, Rahmenbedin­ gungen wurden abgesteckt: Das Gebäude sollte den Eigentümer nicht wechseln. Der Sanierungs-Architekt wurde benannt, die Sanierung sollte stattfinden. Die Vorstellungen der Denkmalpflege zum Erhalt sowohl der Außenhaut als auch der inneren Einrichtung wurden heftig disku­ tiert. Starke Schäden durch undichte Dach­ haut sowohl an den Deckenmalereien, den historischen Tapeten, den Holzeinbauten und am Täfer ließen den Eigentümer die denkmalpflegerischen Sanierungsmaßnah­ men zunächst als unrealistische Forderun­ gen ansehen. Das Objekt sollte sich nach der Sanierung wieder rechnen lassen und der Kapitaleinsatz mit den Erlösen in einem ver­ nünftigen Verhältnis stehen. Ein Restaurie­ rungskonzept wurde entwickelt. Gleichzei­ tig wurde das Dach als Sofort-Maßnahme in Angriff genommen und die Schieferdeckung erneuert. Schritt für Schritt kamen einzelne Gewerke zur Entscheidungsreife. Auf der Seite des Investors sollte die Sanierung „et­ was Rechtes“ bringen, die Denkmalpflege wollte soviel historische Substanz erhalten wie möglich. Da waren z.B. die alten Fen­ ster, die wahrlich nicht den Eindruck mach­ ten, als würde man mit ihnen Wärme- und Schallschutz verbinden und gleichzeitig eine lange Lebensdauer gewährleisten können. Einer der Holzrestauratoren verdeutlichte mit einer kleinen Vorführung die �alität der historischen Fenster anschaulich, indem er sich während einer Diskussion über die Stabilität der historischen Fenster schlicht an einen schwingenden Flügel hängte – und das Fenster hielt. Verlauf der Oberdoifttraße in Schwenningen. Firmengebäude, rechts Villa. Das Fachwerkhaus, heute noch vorhanden,fehlt hier in der Darstellung. 167

Jakob Schlenker-Grusen (1855-1913) Wärme- und Schallschutz wurden durch die Aufdoppelung einer weiteren Scheibe erreicht. So gelang es, mit den Nutzungs­ wünschen der Langlebigkeit, des Wärme­ und Schallschutzes, durch die Reparatur der historischen Fenster einerseits Geld zu spa­ ren, andererseits durch die Erhaltung der Proportionen der Sprossen und der Fenster­ teilung das Gesicht de Hauses von außen zu wahren. Die Partner aus Handwerk und Restaurierungszunft haben erheblich zum Gelingen der Maßnahme beigetragen und brachten auch durch Gewährleistungen überzeugende Argumente in die Diskussion. 168 Zahlreiche Gespräche, bei denen das Ver­ ständnis für die Argumente des jeweils ande­ ren wuchs, wie die Unterstützung des Landes und der Denkmalstiftung haben zu einer ver­ trauensvollen Zusammenarbeit aller beige­ tragen, bei denen der Architekt sicherlich eine zentrale Rolle spielte. So kam es im Jahr 1990 zur Vorbereitung der Eintragung des Objekts in das Denkmalbuch(§ 12 Denkmal­ schutzgesetz). Der Landesdenkmaltag 1990 in Villingen­ Schwenningen hat nachhaltig das Selbstver­ antwortungsgefühl für historische Bausub­ stanz in der Doppelstadt unterstützt.

Schon bei der Materialwahl des neuen Daches kam natürlich die Frage der Kosten zur Diskussion. Der vorgegebene Baustoff Schiefer, der dem Charakter des Baus Rech­ nung trägt, konkurrierte mit einer Betondek­ kung. Bei dieser Entscheidung trug zum ersten Mal das Vertrauen zwischen Eigentü­ mer und Denkmalpflege. Schiefer wurde gewählt. Im Herbst 1991 wurde das Nut­ zungskonzept fixiert. Dort, wo früher die beiden Familien Schlenker-Grusen junior und senior residierten, sollte gewerbliche Nutzung bei Beibehaltung der Raumauf­ teilung und der Abgeschlossenheit der Woh­ nungen einziehen. Die Zimmer der Bedien­ steten im Dachgeschoß wurden zur Woh­ nung umgebaut. Die Restaurierung begann. Bei der Ab­ nahme zur Restaurierung des Täfers im Flur gab es einen bedenklichen Befund: Haus­ schwamm. Plötzlich stand die gesamte Sa­ nierungsmaßnahme in Frage. Erst die gut­ achterliche Stellungnahme des Schädlings­ sachverständigen zeigte einen Weg zur er­ folgreichen Befallsbeseitigung auf. Diese Maßnahme rettete einen Großteil der histo­ rischen Ausstattung. Unter Abwägung aller Aspekte, des Befalls, der Sanierungsmöglich­ keit, der bereits getätigten Investitionen, wurde der gemeinsame Entschluß getroffen: ,,wir wollen weitersanieren“. Bei der Ent­ scheidungsfindung halfen Erfahrungen bei bereits erfolgreich durchgeführten Haus- ,…. J Putzornamente 169

schwammsanierungen. Der künstlerische Wert des Hauses und die wirtschaftsge­ schichtliche Aussagekraft des Objektes für Schwenningen standen bei der Entschei­ dungsfindung nicht im Mittelpunkt der Beratung. Eine relativ nüchterne Nutzen­ Erfolgs-Kosten-Analyse hat zu diesem Er­ gebnis geführt. Die lange Phase der Nichtnutzung des Gebäudes sowie die Nichtbeachtung von Schäden im Dachbereich hatten zu gravie­ renden Feuchtigkeitsschäden bei der Aus­ stattung geführt. Einbauschränke, Stukkatu­ ren, Täfer und historische Tapeten hatten gelitten und bedurften restauratorischer Maßnahmen zum Erhalt und zum Teil zur teilweisen Wiederherstellung. Negativ hatte sich das Fehlen einer funktionierenden Hei­ zung über mehrere Jahre und die erwähnte Feuchtigkeit ausgewirkt. Dies war der Nähr­ boden für den Hausschwamm. Aus Kosten­ gründen wurde auf die Offenlegung und somit die Restaurierung der Malerei im Trep­ penhaus verzichtet. Lediglich konservie­ rende Maßnahmen wurden ergriffen, bevor die Malerei zugedeckt wurde. An der Außenhaut sind Natursteinarbei­ ten nur im akuten Gefährdungsbereich durchgeführt worden. Altersspuren sind bewußt belassen. Durch das Verständnis der Bauherrschaft und die Sensibilität des Archi­ tektenbüros konnten Handwerker und Restauratoren mit großem Gespür für die handwerklichen und kunsthandwerklichen Leistungen um die Jahrhundertwende beauf­ tragt werden. Von der gußeisernen Garten­ einfriedung und Fenstergittern, Sandstein­ dekor an der Fassade, über Holzarbeiten (Täfer, Einbaudekor und anderes) vegetabile Deckenmalerei, florale und geometrische Stuckarbeiten bis zum Prunkkachelofen und zur Prägetapete reicht die Palette der Mate­ rialgruppe, die am Haus vorzufinden waren. Bei all diesen Arbeiten wie bei der Bleivergla­ sung im Treppenhaus galt der Arbeitsansatz ,,Reparatur vor Ergänzung oder Erneue­ rung“. Gemeinsames Ziel der Durchführung der Sanierung war ein zügiges Fortschreiten des Planungsablaufes. Die Entscheidungsfin­ dung war jedoch geprägt von dem Gedan­ ken, daß dem Objekt wohltut, die richtigen Maßnahmen zu treffen vor schnellen Ent­ scheidungen. So wurde behutsam, aber zügig gearbeitet. Die Durchführung wurde im Frühjahr 1993 beendet. Das Objekt wurde in diesemJahr mit dem Denkmalschutzpreis des Schwäbischen Hei­ matbundes ausgezeichnet. Dr. Friedrich Jacobs Die Villa Dolly in Donaueschingen In der Donaueschinger Josefstraße, der Verbindungsstraße zwischen Bahnhof und Schützenbrücke, steht direkt neben dem Parkeingang an der Brigach ein Haus mit der Hausnummer 1, das ganz aus dem Rahmen der übrigen Häuser und Gebäude in dieser Straße fällt. Am ehesten paßt es vom Stil her, dem spätbarocken bis klassizistischen Aus­ sehen, zum schräg gegenüber gelegenen „Hotel zum Schützen“ , ist aber viel kleiner und wird privat genutzt. Es ist, zusammen mit dem sich dahinter befindlichen großen Gartengelände, eine Villa, die auch einen eigenen Namen hat, es ist die „Villa Dolly“, die dem Hause Fürstenberg gehört. Durch die Tatsache, daß dieses Haus erst im Jahre 1842 vom Fürsten Karl Egon II. (1796-1854) gekauft wurde, rund 60 Jahre vorher aber von einer Bürgersfamilie erbaut worden war, sind keinerlei Bauakten oder Pläne aus der Erbauungszeit im Fürstenberg­ Archiv vorhanden. Man weiß auch nicht, wer der Baumeister war, der im Jahre 1785/86 den Auftrag erhielt, für diese Villa, die als rei­ nes Wohnhaus Verwendung finden sollte, die Pläne zu entwerfen. 174

Man ist geneigt, in dem landauf, landab berühmten und sehr tätigen fürstenbergi­ schen Baudirektor Franz Joseph Salzmann (1740-1786) den Planverfertiger zu suchen (vgl. Almanach 1989, Seite 122-128). Vom Stil her, mit den Lisenen an den Fassaden – den pfeilerartigen, wenig vortretenden senk­ rechten Mauerstreifen zwischen den Fen­ stern zur Auflockerung der Flächen – und der für Salzmann so typischen Dachform, könnte er es sein. Gesichert ist dies allerdings nicht. Mit dem zentralen, etwas wuchtigen Haupteingang, den Verzierungen an den Fensterbänken und den kapitelartigen obe­ ren Lisenenabschlüssen ist die ,,Villa Dolly“ schon ein besonderes und auffallendes Haus, dessen Planer auch ein besonderer Baumeister gewesen sein muß. Vielleicht war es Salzmanns letztes Bauwerk. Eine erste Nachricht über dieses Haus erfahren wir aus einem ausführlichen vier­ händigen Werk, dem feinsäuberlich handge­ schriebenen „Lagerbuch“ (Urbarium) des einstigen Marktfleckens Donaueschingen, das zusammen mit der großen Donau­ eschinger Bannkarte im Jahre 1793 entstan­ den ist. Die fürstenbergische Regierung ließ es für ihre Zwecke von dem bei ihr angestellten Vermessungsingenieur (Renovator) Phillipp Jacob Krauß erstellen. Aus Band 4, Seite 1551, geht hervor, daß eine „Frau von Hirrlinger, verwittibte Ge­ heime Räthin“ im Jahre 1793 Besitzerin die­ ses Hauses war. Ihr Mann,Joseph Anton von Die“ Villa Dolly“ in der Josefstraße in Donaueschingen war im Jahre 1930 das Motiv einer gedruckten Postkarte. Der damalige Bewohner des Hauses, Max Egon II. Fürst zu Fürstenberg, ließ sich, am Eingang stehend, mit aufnehmen. • Villa Dolly, 175

Hirrlinger, seit 1749 in mehreren fürstenber­ gischen Amtsstädten in den Außenstellen der Verwaltung beschäftigt, kam im Jahre 1783 als „Geheimerrath“ nach Donaueschin­ gen, ist aber noch im gleichen Jahr verstor­ ben. Seine Witwe ließ diesen Bau errichten und wohnte dort mit ihren Kindern. Für den Bauplatz erwarb sie sowohl von der Gemein­ de Donaueschingen Gelände neben der heu­ tigen Schützenbrücke an der Brigach, als auch einen Teil der sogenannten „Oberen Hofwies“ vom Hause Fürstenberg. Diese Hofwiese, nur ein Teil der viel grö­ ßeren früheren „Ochsenweide“, war schon im Jahre 1793 zu sogenannten „Besoldungs­ gärten“ für die beim Hause Fürstenberg Beschäftigten angelegt worden. Es war das Gelände vom Platz des heutigen „Altenhei­ mes St. Michael“ bis hin zur Brigach, früher hier allgemein bekannt unter dem Namen ,,Kentrich-Gärten“. Zu dem „von Hirrlinger’schen Haus“ ge­ hörte sowohl hinter, als auch neben dem Haus, noch eine „Hofstatt“ – südlich bis hin zu dem Anwesen des ehemaligen fürstenber­ gischen Hofuhrenmachers Johann Finck -, auf der ein Wasch- und Backhaus und ein eigener „Gumpbrunnen“ (Pumpbrunnen), kein gemeindeeigener Tiefbrunnen, stand. Ein „Haus- und Kuchelgarten“ war ebenfalls vorhanden. Im Jahre 1805 verheiratete sich der 1790 in fürsten bergische Dienste getretene und 1805 zum „Fürstlichen Hofrat“ ernannte Anton Rautter mit der Tochter, dem Fräulein Nan­ nette von Hirrlinger und zog in das „von Hirrlinger’sche Haus“ in der Josefstraße ein. Nach dem Tod (Datum ist nicht zu ermit­ teln) der verwittibten Geheimen Räthin Frau von Hirrlinger ward das stattliche Haus neben der Schützenbrücke umgetauft und hieß von nun an das „Hofrath Rautter’sche Haus“. Anton Rautter lebte darin mit seiner Fa­ milie. Es war damals eines der wenigen Häu­ ser in der Josefstraße südlich der Brigach. Im Jahre 1837 ließ sich Rautter aus gesundheit­ lichen Gründen pensionieren, er verstarb im 176 Jahre 1842. Seine Witwe Nannette, geborene ,,von Hirrlinger“, zog mit den Kindern zu­ rück nach Meßkirch, von dort war ihr Vater gekommen. Das „Rautter’sche Haus“ stand nun zum Verkauf und schon hatte der für­ sten bergische Hoffactor Rothschild seine Hände im Spiel. Er hatte sich durch Kredite an die Witwe ein Vorkaufsrecht gesichert. Das Haus Fürstenberg, d. h. Karl Egon II. Fürst zu Fürstenberg (1796-1854), hatte aber großes Interesse an dieser Villa und über­ nahm von Herrn Hirsch Samuel Rothschild, seinem Hoffactor, das Haus samt zugehö­ rendem Gelände durch Kauf. Die Witwe Rautter in Meßkirch bekam noch 10 110 fl. (Gulden) ausbezahlt. Das Haus an der Schützenbrücke, nach dem Großherzog Leopold von Baden da­ mals „Leopoldsbrücke“ genannt, wurde nun von innen und außen total renoviert, diente sodann dem fürstenbergischen Hofkavalier und Hofintendanten Franz Simon von Pfaf­ fenhoffen und seiner Familie als Wohnung und nach seinem Tode im Jahre 1872 seiner Witwe als „Q!iartier“. Nach ihrem Ableben übernahm das Haus Fürstenberg das immer noch benannte „ehemalige Rautter’sche Haus“ in eigene Regie, d. h. es war als Wohn­ sitz für den Erbprinzen Karl Egon IV. und seine seit dem Jahre 1881 mit ihm verheira­ tete Gemahlin Dorothea von Talleyrand­ Perigord aus dem Hause der Herzöge von Sagan vorgesehen. Im Jahre 1890 verfügte Karl Egon III. Fürst zu Fürstenberg (1820- 1892), daß das Haus fortan ,,Villa Dolly“ (nach der Erbprinzessin Dorothea = Dolly) genannt werden solle. Fürst Karl Egon III. verstarb am 15. März 1892 und noch im selben Jahr begann sein Sohn, Karl Egon IV. (1852-1896) mit seiner Gemahlin, der Fürstin Dorothea, das hiesige Schloß total umzubauen. Das heutige Ausse­ hen erhielt das Schloß durch den Um- und Ausbau zwischen 1893 und 1896. Eine Kup­ pel wurde aufgesetzt, die Fassade reicher ver­ ziert, die Einfahrt mit Terrasse darüber vor­ gebaut und die rückwärtigen Flügel ange­ baut. Während dieser 4jährigen Umbau-

Der Donaueschinger Maler Erwin Heinrich wählte 1936 die „Villa Dolly“ als Motiv fiir ein zartes Aquarell. Das neben der Schützenbrücke an der Brigach gelegene Haus bietet auch im Winter einen schönen Anblick. Die Schwarzweiß-Wiedergabe des farbenfrohen Aquarells vermittelt nur annähernd den Reiz des Originals. phase wohnte das junge Fürstenpaar noch in der ,,Villa Dolly“. Im Jahre 1896, nur wenige Wochen nach der Fertigstellung des Schlos­ ses und nach der Übersiedlung in sein neues Schloß, verstarb Fürst Karl Egon IV. an einer heimtückischen Krankheit am 27. Novem­ ber in Nizza. Seine Witwe, die Fürstin Do­ rothea (Dolly) zog es wieder in ihre Heimat, nach Paris, und, da diese Ehe kinderlos geblieben, war somit die hiesige, d. h. die sogenannte „Schwäbische Linie“ des Hauses ausgestorben. Von der Sekundogenitur-Linie in Böh­ men, dort war das Haus Fürstenberg seit dem frühen 18. Jahrhundert ebenfalls begütert, kam schon im Jahre 1897 Max Egon II. Fürst zu Fürstenberg (1863-1941) nun als Chef des Gesamthauses nach Donaueschingen. Er zog nicht in das neue geräumige Schloß, son­ dern wählte die ,,Villa Dolly“ für sich und seine Familie als Wohnsitz. Seit dem Jahre 1890 war auch durch Kauf das nach Sü­ den anschließende sogenannte „Finck’sche Haus“ in den Besitz des Hauses Fürstenberg übergegangen, so daß genügend Platz vor­ handen war, um auch das Sekretariat des Für­ sten Max Egon II. darin unterzubringen. Fürst Max Egon II. verstarb im Jahre 1941. Im Zweiten Weltkrieg blieb die „Villa Dolly“ zwar von Bomben verschont, die Auswirkungen von der Sprengung der Schüt­ zenbrücke im April 1945 hatten ihr aber stark zugesetzt, sie war vorübergehend nicht mehr bewohnbar. Von 1947 bis 1949 hatte der 177

Deutsche Caritasverband darin ein Heim­ kehrerheim für entlassene deutsche Kriegs­ gefangene eingerichtet und unterhalten. Von 1951 bis 1957 war die ,,Villa Dolly“ nach einer gründlichen baulichen Überho­ lung Wohnsitz de damaligen Erbprinzen Joachim und seiner jungen Familie. Seither stand das Haus fürstenbergischen Beamten als Dienstwohnung zur Verfügung. Die ,,Villa Dolly“ aber behielt ihren Na­ men bis zum heutigen Tag und ist zu einem feststehenden und bekannten Begriff gewor­ den. Gerade die jüngste Generation der Do­ naueschinger verbindet mit diesem besonde­ ren Bauwerk an der Schützenbrücke schöne Erinnerungen, denn dort erhalten sie nach einer langen Tradition alljährlich an der Fast­ nacht vordem Haus am „Schmutzigen Don­ nerstag“ vom Fürsten selbst oder von Mit­ gliedern des Hauses Süßigkeiten als Lohn für die Teilnahme am Donaueschinger Kinder- umzug. Wer hat sich dort nicht schon gedul­ dig in Reih und Glied aufgestellt und sich zusammen mit den Eltern über die fürstli­ chen Bonbons gefreut? Seit einigen Jahren bewohnt Prinz Karl Friedrich, der zweitälteste Sohn des Fürsten­ paares, die Villa Dolly und hat sie und den angrenzenden Garten ganz im Stil seiner Generation eingerichtet und gestaltet. Noch in diesem Jahr wird sie wiederum einen neuen Anstrich in dezenter Farbgestaltung nach dem Stil der Erbauungszeit erhalten und somit weiterhin ein Schmuckstück der Josefstraße und somit der Stadt Donau­ eschingen bleiben. Den Fremden und Durchreisenden fallt sie jedenfalls schneller ins Auge als den Einheimischen. Durch die an der Fassade angebrachte Beschriftung gibt sie allen Interessenten Auskunft darüber, daß sie im Jahre 1786/88 erbaut wurde. Georg Goerlipp Die ,,Alte Färbe“ in Furtwangen wurde saniert Landauf, landab bestand oder besteht bei vielen Narrenzünften der Gedanke bzw. der Wunsch nach einer Zunftstube oder einem Zunfthaus. Auch bei uns war dieser Wunsch seit Jahren in den Hinterköpfen der Verant­ wortlichen. Nachdem wir 1984 unseren Nar­ renbrunnen seiner Bestimmung übergeben konnten, trat die Idee Zunftstube immer mehr in den Vordergrund. Und doch dauerte es noch bis 1987, bis wir dem Projekt einen Schritt näher kamen. Damals hatten wir in einem Pressegespräch laut über die Möglich­ keit nachgedacht, ein ziemlich herunterge­ kommenes Gebäude in der Innenstadt zu übernehmen, um es zu sanieren. Dieses Haus war damals im Besitz des Landes und war zum Abriß bestimmt. Die Stadt nutzte es als „Übergangswohnheim“ für sozial Schwache und Asylanten. Für uns war dieses Haus jedoch geradezu ideal, einmal wegen der Lage und zum anderen war es nicht in Privatbesitz, was vermuten ließ, daß bei einem Verkauf die Kosten nicht zu hoch sein würden. Diese Überlegungen waren richtig, denn wir bekamen unerwartete Schützenhilfe vom damaligen Fraktionsvorsitzenden der CDU und heutigen Ministerpräsidenten Erwin Teufel. Er fand unsere Idee hervorra­ gend, zumal wir damit auch ein Reststück Alt-Furtwangens erhalten wollten, und räumte uns verschiedene Behördenhinder­ nisse aus dem Weg. Doch damit nicht genug. Auch die Kontakte zum Landesdenkmalamt und zur Denkmalstiftung hatte er herge­ stellt. Seinem Engagement ist es letztlich zu verdanken, daß wir von der Denkmalstiftung Baden-Württemberg einen Zuschuß in Höhe von 25.000,- DM erhalten haben. Im April 1989 war es dann soweit. Zum Preis von 10.000,- DM ging das Haus in den Besitz der Stadt, die es dann umgehend an uns zum gleichen Preis weitergab. Durch einen Nach­ laß der Gemeinde und eine großzügige 178

Spende der örtlichen Sparkasse konnten wir das Haus zum Nulltarif übernehmen. Noch heute höre ich die Stimmen von Gemeinderäten bei der offiziellen Schlüssel­ übergabe, die uns gelinde gesagt für verrückt hielten, so eine „alte Gräze“ sanieren zu wol­ len. ,,Abreißen und neu aufbauen“ wurde uns immer wieder gesagt. Wir wollten aber soviel als möglich Altsubstanz erhalten, denn das Haus ist aller Wahrscheinlichkeit nach das älteste in Furtwangen. Aus alten Unterlagen konnten wir die Jahreszahl ent­ nehmen, wobei nach Aussage des Landes­ denkmalamtes der Ursprung noch weiter zurückliegt. Selbstverständlich lösten unsere Pläne innerhalb der Zunft große Diskussionen aus. Doch die Mitgliederversammlung im Januar 1989 sprach sich mit überwältigender Mehr­ heit für das Projekt aus. Auf was wir uns da bei eingelassen haben, merkten wir erst im Ver­ lauf der Umbauarbeiten. Was vorher nicht zu sehen, höchstens zu ahnen war, stellte sich als Wirklichkeit heraus. Nach den ersten Abbrucharbeiten konnten wir das ganze Ausmaß der schlechten bis miserablen Bau­ substanz erkennen. Nichtsdestotrotz haben wir die Herauforderung angenommen und im Oktober 1989 mit der Sanierung begon­ nen. Nach dem Bauzeiten plan sollten wir im Oktober 1990 fertig sein. Doch neben den erwähnten Baumängeln hinderten uns auch einige nachbarschaftliche Einsprüche an der Einhaltung des Termins. So wurde es Sep­ tember 1991, bis wir die Sanierungsarbeiten abschließen konnten. Ein großes Lob gilt an dieser Stelle allen Zunftmitgliedern, die in den 2 Jahren rund 6.000 Stunden geleistet haben, wobei sie von den weiblichen Zunft­ rnitgliedern bestens verpflegt wurden. Wie es wahrscheinlich bei solchen Projekten üblich ist, waren es zum Schluß nur noch zwei Hände Aufrechter, die das Werk vollendet haben. Bei der optischen Ausgestaltung haben uns ortsansässige Künstler, die in unserer Zunft Mitglied sind, großzügig mit Schnitze­ reien und Bildern unterstützt. Überhaupt 179

konnten wir einen reichhaltigen Spendense­ gen im Verlauf der Umbauarbeiten in Emp­ fang nehmen, sowohl von Firmen und Insti­ tutionen als auch von Privatpersonen. Ihnen allen gilt unser herzlichster Dank. Allerdings waren und sind wir auch darauf angewiesen, haben sich doch die Baukosten erheblich erhöht. Von der Stadt Furtwangen haben wir aus dem Sanierungsprogramm einen Zuschuß von 130.000,-DM erhalten. Dazu die schon erwähnten 25.000,-DM der Denkmalstif­ tung und ca. 60.000,-DM an Spenden. Den Rest müssen wir durch eine Baufinanzierung erbringen. Dies sind immerhin noch rund 150.000,-DM. Keine leichte Aufgabe für unseren Verein, wir sind jedoch zuversicht­ lich, daß wir sie mit unserem Konzept „Alte Färbe“ meistern werden, wenn uns Verwal­ tung und Behörden auch weiterhin unter­ stützen. Neben reinen Zunftveranstaltungen wird unser Haus, bis sich unsere finanzielle Lage verbessert hat, an drei Tagen in der Woche für die Bevölkerung geöffnet sein. 180 Die Bewirtung erfolgt über ein Zunftmit­ glied, das als Pächter gewonnen werden konnte. Außerdem vermieten wir unser Zunfthaus für geschlossene Gesellschaften und veranstalten mit Partnern (z.B. Kultur­ kreis) Kleinkunstabende. Selbstverständlich wird unser Zunfthaus über die hohen Fest­ tage als Besenwirtschaft bewirtet. Abschließend möchte ich allen Bauher­ ren, die sich mit dem Gedanken der Sanie­ rung eines alten Objektes befassen, Mut zusprechen, dies zu tun. Es ist zwar mit viel nervenaufreibender Arbeit, viel Hektik und manchen Auseinandersetzungen verbun­ den. Letztlich lohnt es sich aber, weil man bei einer solchen Sache auch viele positive Momente erlebt. So konnten wir beim Wett­ bewerb des Landkreises „Beispielhaftes Bauen“ einen ersten Preis entgegennehmen. Diese Auszeichnung war zwar nicht mit einem Geldpreis versehen, war jedoch für uns eine Bestätigung für unsere geleistete Arbeit. Daß die Öffentlichkeit positiv für unser Projekt reagierte, konnten wir im Rah-

men der offiziellen Eröffnung am Freitag, dem 13. September 1991, erfahren. Die Aus­ sagen über unsere Zunftstube steigerten sich von „Beispielhafter Aktion“ über „Schmuck­ stück der Stadt“ zu „Note 1 mit Stern für die Alte Färbe“. Auch die Bevölkerung hat regen Anteil an unserem Projekt genommen. Dies zeigte sich bei den Tagen der offenen Tür. Unzählige Besucher nahmen die Gele­ genheit wahr, unsere Zunftstube zu besichti­ gen. Jetzt, nachdem 3 Jahre vergangen sind, möchte ich ein weiteres Resümee ziehen. Unsere Konzeption, die Zunftstube an 3 Tagen zu bewirtschaften und als Gemein­ bedarfseinrichtung für kulturelle Veranstal­ tungen zur Verfügung zu stellen, wird von der Bevölkerung äußerst positiv angenom­ men. Dies macht uns Mut, auf diesem Weg weiterzugehen, und Hoffnung, daß unsere große Schuldenlast mittelfristig abgebaut Jacques Barthillat werden kann. Altes Haus mit neuem Sinn Das ,,Werk- und Vereinshaus“ in Klengen, Gemeinde Brigachtal Am 18. Mai 1990 wurde in einer Feier­ stunde und mit einem anschließenden „Tag der offenen Tür“ das neue „Werk- und Ver­ einshaus“ seiner Bestimmung übergeben und von den Bürgern der Gemeinde Brig­ achtal mit großem Interesse angenommen. Seit diesem Tag hat dieses Gebäude, das den Ortskern seit seinem Bau 1893/94 prägt, eine neue und wichtige Funktion im gesell­ schaftlichen Leben der Gemeinde Brigach­ tal. Wichtige Funktionen hat dieses Gebäude in seiner fast lOOjährigen Geschichte immer gehabt: Bürgermeister, Gemeindeverwal­ tung und Schule waren unter einem Dach vereint. Dazu kam es durch die verheerende 181

Feuersbrunst vom 26. April 1893, als 2 vier­ jährige Kinder in einem Heustall zündelten und ein Großfeuer auslösten. Nach 2 Stun­ den waren Kapelle, Schule, Rathaus und der gesamte innere Ort, insgesamt 62 Gebäude, in Schutt und Asche gelegt. Nach dem ersten Schock begannen die Klengener mit großer finanzieller Hilfe von außen mit dem Neuaufbau ihres Dorfes. So entstand 1893/94 das Schul- und Rathaus, die nebenstehende Kirche wurde als letztes Gebäude 3 Jahre nach dem Brand neu aufge­ baut. Wenn man das Gebäude heute betritt, befindet man sich im ehemaligen Schul­ hausteil, der zwei Schulsäle umfaßte, wobei einer für 70 Kinder und der zweite für60 Kin­ der ausgebaut war. Für heutige Verhältnisse undenkbar, in damaliger Zeit nichts Beson­ deres! Über den Schulsälen befand sich eine Lehrerwohnung und ein Zimmer für einen Hilfslehrer. Das Dachgeschoß war nicht aus­ gebaut und diente als Lagerraum für das Holz zum Heizen der Schulräume, als Archiv für alte Bücher der Schule und des Rathauses und zur „Erziehungsmaßnahme 182

widerspenstiger Schüler“, der Karzer war sta­ bil und nahm großen Raum ein. Der seitli­ che Eingang führte ins Rathaus, wo sich im Erdgeschoß zwei Amtsstuben befanden. Im Obergeschoß waren es drei Räume, die zum Rathausteil gehörten. Es bestanden zwei Treppenaufgänge, so daß die Gebäudeteile völlig getrennt voneinander waren. Nach dem Neubau des Behördenzen­ trums 1986 und dem Einzug der Verwaltung stand das alte Schul- und Rathaus zunächst leer und wartete auf eine weitere Verwen­ dung. Verschiedene Möglichkeiten wurden erwogen, den Durchbruch schaffte die Idee vom „Werk- und Vereinshaus“. Initiator war Schulleiter Kurt Ohmann, der im März 1987 die neue Verwendung dem damaligen Bür­ germeister Meinrad Belle näherbrachte. Nach vielen Gesprächen, Diskussionen und Beratungen wurde das Projekt dem Gemein­ derat vorgelegt, der sich einstimmig dafür aussprach. Die Frage der finanziellen Förderung des Projektes und der Umbauplanung bean­ spruchten die nächsten Monate. Intensive Gespräche mit dem Architekten, der Schule und den Vereinsvorständen brachten die Wünsche aller Benutzer in die Planung mit em. Das eigentliche Startsignal war die Zusage der Fördermittel durch die Robert-Bosch­ Stiftung im April 1988. Im September 1988 begannen Schüler der Hauptschule mit dem Ausräumen des Hauses. Es machte ihnen großen Spaß, neben dem Unterricht in ihrer Freizeit ihren Anteil zum Gelingen des Pro­ jektes beizutragen. Aber auch die Vereine lei­ steten wichtige Beiträge. Nur so war es mög­ lich, dieses Haus mit all seinen Möglichkei­ ten innerhalb des gesteckten Rahmens umzubauen. Welche Möglichkeiten bietet das Haus heute? Im Erdgeschoß sind Fachräume einge­ richtet, die nicht nur der Schule, sondern auch interessierten Gruppen und Vereinen zur Verfügung stehen. Hier bietet sich ein breites Angebot an sinnvoller Jugendarbeit an: Die Metall- und Elektronikwerkstatt ist mit 16 Arbeitsplätzen voll ausgerüstet, der anschließende Maschinenraum ist ausgestat­ tet mit Maschinen zur Metallbearbeitung. Die Druckerei ist mit einer kompletten Letterndruckerei und Rollenpressen bis DIN A 3 ausgerüstet, nicht nur zur Schriftsetzung, sondern auch kreatives Gestalten im Bereich Druckgrafik ist möglich. Ein weiteres Angebot sind die Ton-Kera­ mik-Fachräume mit einer Töpferscheibe und Brennofen. Nicht zu vergessen sind das Fotolabor mit Heilraum und Dunkelkam­ mer, in denen das gesamte Spektrum der Schwarzweiß-Fotografie erarbeitet werden kann. Mehrere Vereine aus der Gemeinde haben im Werk-und Vereinshaus eine neue Heimat gefunden. Einmal ist es der Akkordeonver­ ei n Brigachtal, der sich im Obergeschoß einen hellen und freundlichen Probenraum eingerichtet hat. Seine Mitglieder spielen im 183

Haupt- und Jugendorchester, der Nach­ wuchs wird in einer Spielgruppe an die Musik herangeführt. Im Dachgeschoß hat sich der „Gesang­ verein Harmonie“ ein neues Domizil geschaffen. Der Einsatz vieler Sängerinnen und Sänger machte es möglich, daß heute die Probestunden in einem schönen Raum mit guter Akustik durchgeführt werden. Die Landjugend Brigachtal war zweifellos der Verein mit dem größten Arbeitsaufwand für den Gruppenraum. In ungezählten Arbeits­ stunden wurde mit Hilfe vieler Mitglieder im Kellergeschoß ein Raum geschaffen, der durch seine Gemütlichkeit zu Gruppen­ abenden und anderen geselligen Aktivitäten einlädt. Im Gegensatz dazu wirkt der Grup­ penraum des Landfrauenvereins Brigachtal geradezu bescheiden. Aber auch er ist mit viel Liebe und Geschick eingerichtet und beherbergt viele nützliche Dinge, die zum Basteln benötigt werden. Gebastelt wird in den Werkstätten im Erdgeschoß, o daß der Landfrauenraum hauptsächlich der Aufbe­ wahrung dient. Auf der gleichen Etage hat der Ortssenio­ renrat seine Bleibe, ein Raum für kleinere Gruppen von Senioren, die sich zu Spielrun­ den, Singen und Musizieren, Handarbeiten und zu Tauschbörsen von Sammlern (Mün­ zen, Steine, Briefmarken) zusammenfinden. Zu erwähnen ist noch der Raum vom „Mal­ teser Hilfsdienst“ für Gruppentreffen und 1.-Hilfe-Kurse. Besonders auffällig sind die Wappen der Teilorte Kirchdorf, Überauchen und Klengen, die als Wandschmuck dem Raum eine be ondere Note geben. Für zwei Räume im Haus ist der Förder­ verein der Schule verantwortlich. In diesen Räumen findet täglich eine Hausaufgaben­ betreuung statt, die von einer Sozialpädago­ gin geleitet wird. Ziel ist eine umfassende Nachmittagsbetreuung chulkinder. Nicht nur schulische Aufgaben, sondern auch die Beaufsichtigung und Beschäftigung der Kinder gehören zum Angebot. So be­ kommen Kinder die Möglichkeit, sich in einer außerschuli eben Gruppe zu treffen, 184 für um zusätzliche, soziale Erfahrungen sam­ meln zu können. Zum Schluß sollen noch einige Ziele, Wünsche und Erwartungen genannt wer­ den, die mit der Einrichtung des Werk- und Vereinshauses verfolgt werden: – Verbesserung der Startchancen der Schü­ ler im beruflichen Leben Im Werkhaus findet die Schule Möglich­ keiten, praktisches Lernen im und außer­ halb des Unterrichts im Rahmen von Pro­ jekten und erweitertem Bildungsangebot anzubieten. Das Prinzip der offenen Schule Die Schule soll interessierten Schülern und Jugendlichen zur Freizeitbeschäfti­ gung offenstehen. Dafür bieten sich die Fachräume im Werkhaus an.Jugendliche haben dort die Möglichkeit, in Projekten und Gruppen mit anderen Schülern, die Schulen außerhalb besuchen, sich zu tref­ fen und die Freizeit sinnvoll zu gestalten. Kooperation mit Vereinen Die Schule strebt mit verschiedenen Ver­ einen eine intensive Zusammenarbeit an. Sie hat die Fachräume, die Vereine die interessierten Gruppen, beide können miteinander den Jugendlichen in das soziale Umfeld der Gesellschaft integrie­ ren. – Zusammenführung der verschiedenen Ge­ nerationen Die Fachräume stehen auch den Senioren und dem Seniorenbildungswerk zur Ver­ fügung. Dies führt zu einer zwanglosen und konfliktfreien Begegnung zwischen den Generationen. Es soll miteinander gearbeitet und voneinander gelernt wer­ den. Das Schlagwort von der generations­ übergreifenden Zusammenarbeit soll mit Leben erfüllt werden. Die Zeit nach der Einweihung hat deut­ lich gemacht, daß viele in Bewegung gera­ ten ist. Dies ist ein hoffnungsvolles Zeichen für die Zukunft! Bruno Braun

Ein Kleinod in der Baar: ,,’s groß Hus“ in Biesingen Der Altvogtshof stammt aus dem Jahre 1738 Fast in jedem Dorf auf der Baar befindet sich ein Gebäude, welches aufgrund seiner stattlichen Größe sich sichtbar von den anderen Häusern abhebt. So auch in Biesin­ gen der Altvogtshof, der sich seit eh und je im Besitz der Schnekenburger befindet. Der Altvogtshof, oder wie er im Volksmund heißt ,,’s groß Hus“, stammt aus dem Jahre 1738, wie es deutlich heute noch über dem Scheunentor ersichtlich ist. Dieser Altvogts­ hof war, wie schon aus seinem Namen her­ vorgeht, ehemaliger Sitz des Ortsvogtes der Grafen von Tübingen und hat im Laufe der Jahre in bezug auf seinen früheren Verwen­ dungszweck als reines Bauernhaus mit Vieh­ haltung, Heustock und Fruchtkammern eine große Wandlung durchgemacht. Wo vor Jah­ ren noch ergiebige Milchkühe sowie statt- liehe Zuchtbullen und Kälber standen, wo einst schwerbeladene Heu- und Fruchtwa­ gen eingefahren wurden, reihen sich heute riesige Tanks nebeneinander voll köstlicher Fruchtsäfte und dem wieder aufs neue be­ liebten Volkstrunk unserer Altvorderen, dem „Most“. Das weithin sichtbare dreistök­ kige, stattliche Wohnhaus mit breiten Dop­ pelfenstern wurde erst vor einiger Zeit durch eine Wohnung im dritten Stock erweitert, wobei sich die hinzugefügten Dachgauben harmonisch in das Gesamtbild einfügen. Die guterhaltene hölzerne Haustür mit kunstvol­ lem Beschlag und einem der damaligen Zeit entsprechenden Türklopfer ist von einer ba­ rocken Steinumrahmung eingefaßt. Den Be­ sucher empfängt die angenehme Kühle des Hausgangs mit Kreuzgewölbe, das sich auch 185

beidseitig links des Hausganges in den Kel­ lergewölben wiederfindet. Ein wirkliches Kleinod handwerklicher Kunst und Fertig­ keit offenbart sich dem Betrachter der Wohn­ und Schlafstuben im ersten und zweiten Obergeschoß. Getäferte Decken, schwere, mit herrlichen Beschlägen versehene Türen sowie kunstvoll geschnitzte, eingebaute Bü­ fetts künden von einem gediegenen Wohl­ stand der früheren Besitzer. Rechtzeitig zum 250.Jahrestag im Jahre 1988 wurde die kost­ bare Wohnstube im 1. Stock im bäuerlichen Stil der damaligen begüterten Bewohner mit sehr viel handwerklichem Geschick und Liebe restauriert. Ein Haus voller Tradition und Erinnerungen, voll emsigen Treibens und Schaffens sowie frohen Kinderlachens. Aber auch reichlich Sorgen machten sich bis auf den heutigen Tag in den dicken Mauern breit. ,,’s groß Hus“ oder ,,’s Engländers“ sind für die Einheimischen und Eingeweihten feste Begriffe und mit derGeschjchte der Ge­ meinde Biesingen unwiderruflich verbunden. 186 Das Gebäude wurde am 9. Dezember 1976 vom Regierungspräsidium Freiburg unter Denkmalschutz gestellt. Rudolf Siebold Jahreszeiten Lodernd wie einzelne Flammen stehen Lärchen in Wäldern kennzeichnen Herbst im Nadeldunkel überdauern Nacht und Frost um lichtgrün Fanal für Frühling zu sein Christiana Steger

Die Schloßmühle im Glasbachtal An der Landstraße zwischen Königsfeld und Schramberg liegt im oberen Glasbach­ tal, unterhalb der Ruine Waldau, die Schloß­ mühle. Längst wird auch dort, wo einst das Wasser des Glasbaches jahrhundertelang als natürliche Kraft nutzbar angewendet wur­ de, kein Mehl mehr gemahlen. Die frühere Schloßmühle, die quer zum Glasbachtal stand, besteht seit bald 80 Jahren nicht mehr: Sie brannte am 18. April 1916 ab. Ein Säge­ werk, das auch früher neben der Mühle betrieben wurde, steht an deren Stelle. Was heute unter der Schloßmühle verstanden wird, sind einige Häuser, ein Sägewerk, ein Ortsteil von Buchenberg. Wann die Schloß­ mühle gebaut oder in Betrieb genommen wurde, kann nicht mit Sicherheit ermittelt werden. Keine Aufzeichnungen geben dar­ über Auskunft. Es ist jedoch anzunehmen, daß die Schloßmühle schon vor dem Bau der Burg Waldau vorhanden war. Schon bei der Benediktinerkloster-Gründung von St. Ge­ orgen im Jahre 1084 wird berichtet, daß ein Folkmar von Fridingen im selben Jahr sein Eigentum in „Morceneswilere“ dem Kloster geschenkt hat. Bei dieser Schenkung handelt es sich um die in Martinsweiler liegenden Höfe. Da nachweislich die ältesten Siedlun­ gen am Glasbach entstanden, liegt die Ver­ mutung nahe, daß die Schloßmühle zu die­ sem Zeitpunkt schon – wenn auch nicht als Mühle – so doch als Siedlung bestand. Die erste schriftliche Erwähnung der Schloß­ mühle finden wir beim Verkauf der Waldau im Jahre 1445 von der Familie Haugk in Rott­ weil an den Herzog von Württemberg wie auch im Lagerbuch aufgenommen in der „Woche vor Simonis und Judä Anno Domini 1491″. In diesem Lagerbuch sind sieben im oberen Glasbachtal zum Stabe Die alte, im April 1916 abgebrannte Schloßmühle im Gl.asbachtal 187

angegeben. Das sind bei einem württember­ gischen Morgen 145,57 Hektar. Es ist wohl anzunehmen, daß in dieser Fläche die da­ mals noch gemeinsam genutzte Weide sowie Wildfeld und Wald des Schloßhofes enthal­ ten sind. Noch bis zum Ersten Weltkrieg ver­ sorgte die Schloßmühle die Bevölkerung der umliegenden Orte bis nach Schwenningen mit Mehl. Nach dem Brand im April 1916 wurde der Hof und das Sägewerk getrennt neu aufgebaut und der Grundbesitz nach dem Ersten Weltkrieg aufgeteilt. 23 Hektar blieben bei dem Hof, der nach dem Tode seines Vaters von Ernst Haller bewirtschaftet wurde. Wenn heute in geselliger Runde von der guten alten Zeit gesprochen wird und dabei der alte Schloßmüller erwähnt wird, so ist von Joseph Stockburger die Rede. Er starb 1925 im Alter von 85 Jahren, stammte aus Oberkirnach und war als unternehmungslu­ stig und schlagfertig bekannt. Er erwarb und bewirtschaftete im Wechsel den Jungbauern­ hof, die Schloßmühle und den im Jahre 1896 abgebrannten Hänslishof in Obermartins­ weiler. Noch heute sind viele Anekdoten von ihm in seiner Eigenschaft als Bauer und Gemeinderat – und besonders von seinem Vieh- und Pferdehandel auf Märkten – im Johann Haller Umlauf. Buchenberg gehörende Mühlen genannt. Unter diesen sieben Mühlen, die jeweils am Martinstag nach Hornberg zinspflichtig waren, ist die Schloßmühle wie folgt er­ wähnt: ,,Maria EtwanJacob Raps Witwe und jetzt Hans Kolins Frau zu Waldau zinste aus ihrer Mahlmühle mit zwei Gängen samt Säge-, Stampf- und Pulvermühle, alles bei­ sammen, auf ihrem Hof zu Waldau bar zwei Gulden und vier Simri Roggen.“ Schon damals wurde also neben der Mühle ein Sägewerk und eine Pulvermühle betrieben. Im Lagerbuch von 1591 finden wir bei der Beschreibung der zinspflichtigen Buchen­ berger Höfe dieselbe Eintragung. Ergänzend ist erwähnt, daß der Schloßhof, auf dessen Grund und Boden die Schloßmühle stand, vormals im Besitz von Mathis Wernlin war. Die Buchenberger Kirchenbücher weisen ab 1697 folgende Besitzer der Schloßmühle aus: Michael Rapp, Matthias Rapp, Stabsrich­ ter (Sohn des Vorigen), Matthias Rapp, Matthias Steidinger, von Erdmannsweiler (Schwiegersohn des Vorigen), Martin Haas, Andreas Haas, von Peterzell,Josef Stockbur­ ger. 1888 übernahm der Sägemüller Andreas Haller (1868-1912) aus Burgberg von seinem Schwiegervater Joseph Stockburger die Schloßmühle. Sein Sohn Andreas (1889 bis 1950) führte den Betrieb weiter, den er 1917 und 1934, nach zwei Schadenfeuer, ohne Mühle wieder aufbaute. In dritter Genera­ tion übernahm Friedrich Haller, nach dem Tode seines Vaters, das Sägewerk, das er 1962, nach einem erneuten Brand, wieder aufbau­ te und in den folgenden Jahren ausbaute. Heute wird das Sägewerk vom Holzwerk Roth GmbH betrieben. Das &ühere, in der Zwischenzeit mehrfach aus- und umge­ baute, talabwärts stehende Leibgedinghaus der Schloßmühle wird im Steuer- und Güther-Buch von 1699 erstmals genannt. Es dürfte daher eines der ältesten Häuser von Buchenberg sein, das die Stürme der Zeit überlebt hat. Im Mössnerey-Lägerbuch, auf­ gestellt von Ernst Treutwein und publiziert am 23. August 1717, wird der Grund und Boden der Schloßmühle mit 462 Morgen 188

Kreuze im Schwarzwald-Baar-Kreis Das Bärenkreuz zwischen Hubertshofen und Bubenbach Die Zeiten sind längst vorüber, als Wan­ derer oder Radler ziemlich achtlos an alten Wegkreuzen vorbeigezogen sind. Man geht wieder bewußter mit dem um, was unsere Vorfahren vor Jahrzehnten – ja Jahrhunder­ ten – in die Landschaft von Schwarzwald und Baar gestellt haben. Ein fest verankerter Glaube an die Kraft des Kreuzes fand damals in Holz oder Stein ein äußeres Zeichen. Wenn heute in und um Bräunlingen die Pflege und Restaurierung von Feld- und Wegkreuzen so ernst genommen wird, dann ist das ohne Vorbehalt dem mitgliederstar­ ken Kulturförderverein Bräunlingen zu ver­ danken. Seit einem Jahrzehnt nimmt man sich dort stark verwitterter Kreuze an, scheut Mühen und Kosten nicht, um sie in den Urzustand zu versetzen. Auch nach der Geschichte wird geforscht. Kein einfaches Unterfangen, wenn es um Monumente wie das Bärenkreuz geht, das direkt an der Straße zwischen dem Donaueschinger Stadtteil Hubertshofen und Bubenbach steht, jenem Verbindungsweg zwischen dem Schwarz­ wald-Baar-Kreis und dem Landkreis Breis­ gau-Hochschwarzwald. Schließlich hat das Steinkreuz mehr als ein halbes Jahrtausend Witterungseinflüssen standhalten müssen. Es ist wohl das älteste in unserem Raum; die gleich zweimal aufgeführte Jahreszahl 1474 sagt das schon aus. 1991 wurde die Initiative ergriffen und manche Handwerker und Hobbybastler ha­ ben oft den kilometerlangen Weg mitten in jenen Forst nehmen müssen, wo sich ein frü­ her so umstrittener Wald der Stadt Bräunlin­ gen und jener des Fürstenhauses aus Donau­ eschingen begegnen. Gleich hinter den Kohlwaldhäusern ist der Standort des Bären­ kreuzes. Schon die in Kreuzform gestellte Inschrift IN R I ist etwas Besonderes. Wie jedes Kreuz hat es eine Geschichte. Da wer- den sich nach so langer Zeit eventuell festge­ schriebene Daten sowie mündliche Überlie­ ferung ergänzen. Bären gab es in unserer Gegend lange Zeit, was sich vermutlich auch in verschiedenen Wirtshausnamen erhalten hat.1904, so wird geschrieben, wurde bei un­ seren Schweizer Nachbarn der letzte Bär er­ legt. Nun, mit unserem Kreuz im Hochwald ist das Raubtier folgendermaßen in Verbindung zu bringen: Ein Holzhauer verrichtete seine 189

Arbeit in diesem Distrikt und wurde durch ein Zotteltier gestört. Der Bär ging auf ihn los, der Mann rannte um sein Leben. Es wurde ihm durch ein kleines Wunder ge­ schenkt, so ist überliefert. Nahe der Kohl­ waldhöfe soll damals ein Weiher gewesen sein, zugefroren, wie es in heutigen Wintern durchaus nicht mehr selbstverständlich ist. Der Flüchtende überquerte die Eisfläche unbeschadet, der ihn verfolgende Bär brach ein und verschwand unter dem Eis. Die Bräunlinger Bürger ließen nach die­ sem Vorfall das Kreuz in Sandstein erstellen. Die Inschrift ist in Latein abgefaßt und lau­ tet: Ad Cruci Spie A lapi ita est Hiec, Crux a Civitate Brunling Anno 1474. Ein Bräunlin­ ger Lateiner hat das frei so übersetzt: ,,Zum Kreuz blicke am Stein, so ist hier das Kreuz von der Bürgerschaft von Bräunlingen im Jahre des Herrn 1474″. Anno Domini 14 74 – In der alten Zährin­ gerstadt lebte damals ein Conradus Bücklin, seines Zeichens Lehrer, Stadtschreiber und Kaiserlicher Notar. Ob er etwas über das Bärenkreuz schriftlich fixiert hat? Wir wissen es nicht. Die Restaurierung hat ebenfalls keine neuen Erkenntnisse der Geschichte erbracht. An der Spitze des Kulturförderver­ eins bleibt man trotzdem „auf Kurs“. Die Renovierungen werden chronologisch in Wort und Bild festgehalten und wer sich informieren will, findet aufschlußreiche Bände beim Vorsitzenden, Herrn Bernhard Dury, im Bräunlinger „Lindenhof“. Engelbert Kropfreiter Das Gickelekreuz von Flitzen Westlich von Pützen, knapp hinter dem Dorfausgang, steht an der alten Landstraße nach Grimmelshofen ein hölzernes Doppel­ hochkreuz, das durch seine reichhaltige Aus­ stattung besonders auffällt. Den ornamental verzierten Kreuzbalken zieren Leidenswerk­ zeuge wie Lanze und Hellebarde, Hammer und Zange, Kelch und Schwamm, Leiter und Würfel. Das Auffallendste ist jedoch der Hahn, der die Spitze des Kreuzes verschönt. Nach ihm bekam das Hochkreuz auch sei­ nen Namen: ,,Gickelekreuz“. In vielen Fäl­ len ist es sehr schwer, das Alter oder die Geschichte eines solchen Kreuzes herauszu­ bekommen. Meist bleibt es bei Schätzungen und Vermutungen. Bei unserem Kreuz haben wir jedoch Glück. Erhalten ist eine Foto­ grafie aus der Zeit um 1920, die uns den Ver­ gleich zu heute erlaubt: Der obere Kreuz­ querbalken war früher ohne Leidenswerk­ zeuge, den unteren, der heute leer ist, schmückte damals Kanne und Kelch. Die Lanzen waren im unteren Drittel ange­ bracht. Darunter war in einer kleinen Aus­ höhlung eine Figur eingelassen. Vielleicht eine Mariendarstellung. Der Gockel schaute 190 damals nach Osten, heute in die Gegenrich­ tung. Trotz aller Veränderungen blieb der Gesamtcharakter des Kreuzes bis heute erhalten. Um 1920 wird das Kreuz schon als eines der älteren der Baar beschrieben und der Zeit um 1850 zugeordnet. Damals gab es aufFützener Gemarkung 8 Kreuze aus Stein und 5 aus Holz. Um 1920 noch in recht gutem Zustand, war 30 Jahre später der Verwitterungszustand weit fortgeschritten, und man zweifelte an einer Renovierung.Jedoch wurde das Kreuz von Zimmermann Josef Happle vollkom­ men restauriert. Aus der alten Notkirche stif­ tete die Pfarrei einen neuen Corpus. Kranz­ wirt JosefRötenbacher bezahlte Materialien und Arbeitslohn. Malermeister Benedikt Hatz trug die Gesamtverantwortung für die Erneuerung. Im September 1952 wurde es von Dekan Armbruster geweiht. Nach einem weiteren Vierteljahrhundert war die nächste Renovierung fällig. Der alte Corpu war verschwunden und die Leidens­ werkzeuge fehlten fast vollständig. Dem Pfarrgemeinderat und Zimmermeister Kring gelang die erneute Wiederherstellung.

Wie lange ein Gickelekreuz an der Straße nach Grimmelshofen steht und warum es vielleicht ausgerechnet dort steht, läßt uns eine Mundartsage ahnen. Wenn wir auch den Ausdruck „Vor vielen Jahrhunder­ ten … “ nicht ganz so wörtlich nehmen dür­ fen, liegt doch die Vermutung nahe, daß sich unser Kreuz schon weit über 200 Jahre an sei­ nem jetzigen Platz befindet. Der Sage nach war unser „Gigelechriz“ also letzte geistliche Station vor der Hin­ richtung. „Vor vielä Johrhundertä hot z’Füatzä ’s Vehmgricht sin Sitz gha in Hus Nummerä viär. Hot oner ä Verbrechä sich z’schulde cho lo, no het men vors Vehmgricht gstelld. Isch oner verurtold worä, no hät men uf e zweiräddrgä Charre glade, hot e Roß vor de Charre gspanne und isch mit em d’Stroß gege Grimetzoffe gfahre. Bim Gigelechriz isch me mit em de Seeweg ufgfahre. Bim Brünneli het me no emol mit em ikehrt und het en trinke lo. So isch me mit em de Fuaß­ weg ufgfahre uf de Hoorbuck, au Galgebuck het men ghoße. Da obä sind emol die Ver­ brecher ghenkt wore.“ Bernhard Prillwitz L i t e r a t u r: Kirchengeschichte der Baar, Hermann Lauer, 1928. Fützen im Laufe der Zeit, Paul Willimski, 1981. Deutscher Sagenschatz, Sammlung. 191 Das „ Gickelekreuz bei Fützen“ ist das einzige Doppelbalkenkreuz der Gemarkung. Alter und Grund der Aufstellung sind nicht bekannt, aber 1928 wird es bereits als eines der älteren Hoch­ kreuze der Region genannt (H. Lauer). 1952 und 1978 wurde es aefwendig restauriert und leider auch z. T. verändert.

Erinnerungen an den Bregtäler Der Schwarzwald-Baar­ Kreis in Farben Im Tal der Breg fuhr einst ’ne Bahn, die hielt an jedem Dörflein an. Die Menschen stiegen ein, sie stiegen aus, das Bähnlein bracht sie fort, und auch nach es war für sie der Weg zur Welt, [Haus; er ging durch meines Vaters Feld. Fuhr dann ein Zug durch unser Tal, das gab es jeden Tag sechs mal, da haben wir uns hingestellt, und alle Wagen abgezählt. Die Fahrgäst‘ winkten uns dann zu, und wir zurück, was glaubst denn du, der Hund sprang bellend hinterher, so weit, man sah ihn fast nicht mehr. Mit dem „Bregtäler“ fahren war so schön, man konnt‘ die Landschaft sich besehn. Oschen- und auch Pferdgespann, begegneten uns dann und wann. Burgruinen, Schwarzwaldhütten, im Winter mal ein Pferdeschlitten, auch Bregtal-Trachtenfrauen, konnt‘ man auf der Fahrt beschauen. Man saß im Zug sich gegenüber, unterhielt sich, egal worüber. ’s war schön, in unsrer Bregtalbahn. Geschüttelt kam man dann mal an, an seiner Heimat-Bahn-Station, wo grüßend stand der Schaffner schon. Sehr romantisch wars, doch jetzt ist Schluß, heut‘ fährt nur noch ein Omnibus. Eugen Murr Probleme streiten über unsinnige Themen rechten über Schnee von gestern warum brauchts du Krücken um mir deine Liebe zu erklären Christiana Steger 192 1. Schnee wird im Wittenbachtal für den Weltcup 1993 in Schonach „produziert“ (Erwin Kienzler, Schonach) 2. Blick vom Rohrhardsberg zum „Schänzlehof“ (Erwin Kienzler, Schonach) 3. ,,Wunderle“, Schönwald (Monika Eckerle, Schönwald) 4. Durchziehender Schäfer (German Hasenfratz, Hüfingen) 5. Frühling bei Oberkirnach (German Hasenfratz, Hüfingen) 6. Im Achdorfer Tal, eine Oase der Erholung (German Hasenfratz, Hüfingen) 7. Hausen vor Wald im Frühling (German Hasenfratz, Hüfingen) 8. Dachgesicht (Hans Jungnickel, St. Georgen)

De Bärneder (= Barometer) Fixi, Sterne und Granate, will’s mit rängle noo nitt lau? ’s Wasser schtoht i Forche, Gräbe, ab de Wiis hätt’s d’Schöchli gnau. De Bärneder samt em Nagel riißt de Baschi vu de Wand; treit de uff de Abtritt hintri, werft de abi, – – – so e Schand. De Bärneder duert all schtiige. Guck nu, we der Siech schnell juckt, und doch duert es allfort rängle. Wiib, do word mer schier verruckt. Aber wart nu, Kaib, verrückte, du lügscht mech jetz nimme a. Diini Posse, die verdammte, ha ech hufegnueg jetz g’ha. So, du Simpel, jetz kascht schtiige, rieft der i de volle Wuet; druckt de Deckel khäb ufPs Hüsli. ’s Wätter word vu dert ab guet. 30. Juli 1947 Gottfried Schafbuch t De Bämeder: ,,So, du Simpeljetz kascht schtiige!“

Alte Schwarzwaldhöfe Der Obere Gschwendhof in Gütenbach In Fortsetzung der früheren Beiträge im Alma­ nach „Der Kienzler-Hansen-Hof (Gemeinde­ hof)“ in Schönwald-Oberort (Almanach 80, Seite 156-158), ,,Der Reiner-Tonis-Hof in Schön­ wald-Schwarzenbach (Almanach 82, Seile 132-136) und „Der Schwarzbauernhof‘ in Furt­ wangen-Katzensteig (Almanach 84, Seite 96-103) stellen wir als 1oeileres altes Schwarz­ waldhaus im Landkreis den Oberen Gschwend­ hofin Giitenbach, atif der Europäischen Wasser­ scheide Rhein/Donau beim „Neueck“, im Zustand vor der Sanierung und danach vor. Zum ersten Mal wurde iiber den Oberen Gschwendhof im Almanach /985, Seite 245- 247, berichtet. Zur Hofgeschichte: l. 1504 Der erste nachgewiesene Bauer war: ,,Hans Philipp auf dem Gschwendt“. Ansicht aus den JOer Jahren 2.-6. 1512-1587 folgten 6 Hofbauern mit Na­ men Ruf, Ketterer, Gschweng. 7.-8. 1597-1636 folgten 2 Hofbauern mit Na­ men Tuffuer. 9.-18. 1653-1903 19.-21. 1903 folgten 10 Hofbauern mit Na­ men Löffler (Leffler). (Die Lehensträger zwischen 1636 und 1653 sind unbekannt.) Das Geschlecht war 1892 ausge­ storben. erwarb den Hof Eduard Eschle, der ihn 1919 seinem Sohn Emil übergab. Seit 1958 ist der Hof im Besitz von Hans Eschle, dessen Ehefrau Hilda geb. Rießle im Jahre 1991 verstorben ist. Kin­ der: Andrea und Martina. 194

Der Flurname „Gschwendt“ weist, ähn­ lich den Namensendigungen -hardt, -wald, -löh, -loch, -reut, -schwand, -brand (Brend)­ die Fluren auf der Paßhöhe des Neueck als Teile einer Rodungsinsel im ehemals ge­ schlossenen Waldraum aus. Die folgende Beschreibung entspricht, auszugs­ weise, der Dokumentation „Schwarzwaldhäuser von gestern für die Landwirtschaft, von morgen“ des im Rahmen einer Reihe von Forschungsauf trägen des Landes Baden-Württemberg mit der Hofsanierung beaufiragten Professors Dr. Ulrich Schnitzer von der Universität Karlsruhe. Die Redaktion dankt auch an dieser Stelle dem Lan­ desdenkmalamt Baden-Württemberg, Stuttgart, für die Abdruckgenehmigung. Hoftyp und spätere Umbauten: Das mit dem First parallel zum Hang aus­ gerichtete Höhenhaus, mit Dreschtenne zwischen Wohn- und Stallteil, ist in der Lite­ ratur u. a. wegen seiner Ritzzeichnungen in der Tenne bekannt, die zum größten Teil in den sechziger Jahren entfernt, im Hippen­ seppenhof des Gutacher Freilichtmuseums wieder eingebaut wurden. Um 1800 wurde das Haus – leider hand­ werklich geringerwertig – an der Wohnseite für ein Leibgeding mit „Werkstatt“ erweitert. Die schwarze Küche erhielt 1957 einen Schornstein und eine massive Zwischen­ decke, später kam eine Milchkammer im Bereich Hausgang/Tenne hinzu. Der Zustand vor der Sanierung: Vor der Sanierung befand sich das Ge­ bäude in einer bedrohlichen Verfassung. Der Schwellenkranz hatte sich im Wirtschaftsteil um einen halben Meter gesenkt, die First­ ständer waren nach zwei Richtungen um nahezu eineinhalb Meter aus dem Lot gera­ ten. Durch das undicht gewordene Schindel­ dach drang Wasser ein und setzte die Verrot­ tung konstruktiver Teile in Gang. Die Stall­ decke war durch Kondenswasser vollständig zerstört. Das Dach des angefügten Leibge­ dings stürzte in dem schneereichen Winter 1980/81 unter einer riesigen Schneewächte ein und begrub den restlichen Bestand des Anbaus unter sich. Dieser Zustand warf Zweifel daran auf, ob das Gebäude über­ haupt zu halten sei. Wegen der Häufung von Problemen an diesem Hof, aber auch weil er – zusammen mit dem Schwarzbauernhof – am Anfang der Untersuchungen stand, kam dem Vorhaben die Rolle eines Vorreiters für andere Althofsanierungen zu. Die Nutzung: Der Hof sollte weiterhin der Milchvieh­ haltung mit Nachzucht (ca. 35 GV) im land­ wirtschaftlichen Zuerwerbsbetrieb dienen, wobei gleichzeitig die Herstellung angemes­ sener Wohnverhältnisse für die Familie und den künftigen Altenteiler anstand. Zur Lösung: Auch nach der Sanierung hat das Gebäude – wie bei allen Maßnahmen an­ gestrebt – die wichtigsten Raumzuweisun­ gen behalten. So bleibt im Stall die Anord­ nung zweier Anbindezeilen mit den Köpfen zum Futtergang unverändert. Die Zone der ehemaligen Dreschtenne ist dem Stall für das Jungvieh zugeschlagen. Der Dachraum dient als Rauhfutterlager. Zwei Gärfutter­ hochsilos sind vom Gebäude abgerückt, aber durch einen überdachten Gang, der gleich­ zeitig die bergseitige Stallwand vom Hang absetzt, mit dem Futtergang verbunden … … Im Wohnteil ist die Anordnung von Stube/Schlafstube und Küche erhalten. Die Räume des Libdings können, jeweils entspre­ chend der Familiensituation, teilweise der Hauptwohnung zugeschlagen oder auch an Feriengäste vermietet werden. An der schlecht belichteten Längsseite zum Hang hin, die zuvor Keller und Holzlager auf­ nahm, sind die Sanitärräume untergebracht. Die ehemaligen Gesindekammern bleiben einstweilen ungenutzt. Die Stabilisierung des Tragwerks verzich­ tet weitgehend auf ein Geraderichten der ver­ schobenen Konstruktion. Mit dem Aufrich­ ten eines zusätzlichen Firstständers an der Ostseite wurde eine Maßnahme nachgeholt, 195

die beim früheren Libdingsanbau (mit der Folge von Tragwerksschäden) unterlassen worden war. Die Dachrafen wurden teilweise durch Zwischenhölzer entlastet, und die neue Dachhaut aus Red-Cedar-Schindeln liegt aufKonterlattung über dem alten Dach. Für die Verbesserung des Brandschutzes wurden erstmals – wie gleichzeitig beim Schwarzbauernhof – Leichtbaustoffe einge­ setzt, die eine Wahrung des konstruktiven Zusammenhanges im Gebäude und die Erhaltung der Holzkonstruktion ermögli­ chen. Hierzu erteilten die Baurechtsbehör­ den Befreiung von den einschlägigen Be­ stimmungen der Ausführungsverordnung zur Landesbauordnung. Die Durchführung: Erste Vorüberlegungen zur Erhaltung des Oberen Gschwendhofes reichen in das Jahr 1977 zurück. Die Ergänzung einer alten Bau­ aufnahme, der Entwurf und das Baugesuch wurden im Frühjahr 1979 bearbeitet. Aus Finanzierungsgründen konnten die Bauar­ beiten erst im Laufe des Jahres 1980 mit der Errichtung des neuen Schopfes beginnen. Die Maßnahmen am Hofgebäude wurden in der Bauzeit 1981 o weit durchgeführt, daß der Stall vor Wintereinbruch bezogen wer­ den konnte. 1982 folgten die Fertigstellung des Wohnteils und der Abschluß der Arbei­ ten am und um das Hofgebäude. 1 0 1 1 J , ,. Bauaufnahme QJ1erschnilt Bauaufnahme Ansicht Ost 1 0 1 1 J ‚ , .. Sanierungsplanung Q]urschnitt Sanierungsplanung Ansicht Ost 196

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Südseite 24. 10. 1965 Ostseite 3. 5.1977 Mai 1977 200

Südseite 4.1.1990 Ostseite 4.1.1990 August 1985 201

Hocheinfahrt Libdingecke Südosten Stube/Ofenecke

Schlußbetrachtung des Verfassers: Dieser Hof ist, ähnlich den drei eingangs erwähnten, ein beeindruckendes Beispiel für das erstaunliche Gesamtergebnis der chnitzerschen Forschungen: nämlich daß sich, bei fast allen nach den soliden Kon­ struktions- und Handwerk regeln des Zim­ merhandwerks früherer Jahrhunderte erbau­ ten Höfen, die Sanierung (Altbauerneue­ rung) allemal lohnt-, nicht nur verglichen mit den Ko ten eines Neubaues, sondern auch hinsichtlich der betrieblichen Erforder­ ni se der Gegenwart. Mit der Erhaltung jedes alten Schwarz­ waldhauses bewahren wir einen in besonde­ rer Weise landschaftsprägenden Bestandteil unserer Schwarzwaldheimat. Berthold Haas L i t e r a t u r: Ulrich Schnitzer: ,,Schwarzwaldhäuser von gestern für die Landwirtschaft von morgen“. Landesdenkmalamt Baden­ Württemberg, Arbeitsheft 2, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart. Klara Weber: ,,Die Bauern von Güten­ bach und ihre Hofgüter von 1504 bis heute“. Erschienen 1966. H errgot IS1uinkel Oberer Gschwendhof, Giitenbach Zeichnung: Rudo!f Heck …… __ ___ • r : .•. ��l’· �,,,…,.·,,r .,.J�-·i,“:“i.�-·4 �.;, „‚ … � .. .1 .. � …. …, • ….,.,“ “ 204

Kunst und Kultur Albert Hien Der Künstler der beiden Kunstwerke am Landratsamt: ,,Kuckucksuhr“ und „Baar-Teller“ Die Fertigstellung des „Baar-Tellers“ im Herbst 1993 war Anlaß, die beiden Kunstwerke von Albert Hien am Landratsamt in den Blickpunkt zu stellen. In einer Ausstellung mit Entwürfen, Modellen und Zeichnungen auch über andere Werke stellte Albert Hien sein künstlerisches Schaffen vor. Der Kunsterzieher Uwe Conradt hielt bei der Ausstellungseröffnung am 9.10.1993 die nachfolgende Ansprache: Kunst im öffentlichen Raum hat ihren Ur­ sprung in vordemokratischen Zeiten: Auf­ träge und Käufe von fürstlichen Höfen, die den Willen zur Darstellung ihrer Macht durch Denkmäler, Siegessäulen, Triumph­ bögen Ausdruck verliehen, Künstlerprotek­ tion und absolutistische Akademien. Die Kunst war unumstritten wie der jeweilige ab­ solutistische Fürst auch. In der demokratischen Gesellschaft gelten andere Spielregeln. Angemessener Ausdruck der pluralistisch-demokratischen Gesell­ schaft wäre die Auswahl von Kunstwerken, die Lebensgefühl und Gestaltungswillen un­ serer Zeit konzentriert darstellen. Das kann und muß in kraß unterschiedlichsten Aus­ drucksformen geschehen, die dem künstleri­ schen Ausdruck größtmögliche Freiheit gibt. Daß die Wirklichkeit zumeist anders aus­ sieht, das haben wir erfahren müssen. Demo­ kratische Gremien suchen nach mehrheitsfä­ higen Kompromissen. Über Kunst kann, soll, muß jeder mitreden. Was dabei heraus­ kommt, ist nicht der „goldene Mittelweg“ – den gibt es in der Kunst nicht-, sondern der lauwarme Aufguß angeblich künstlerischer Traditionen. Schillers „Demetrius“ muß gar nicht zitiert werden, man gehe nur mit offe­ nen Augen durch unsere Städte. Albert Hien kann auf eigene leidvolle Erfahrungen zu- rückblicken: Das vor allem an bürokrati­ scher Schwäche und Engstirnigkeit geschei­ terte Unternehmen eines deutschen Pavil­ lons auf der „Expo 92″ in Sevilla ist nur ein Beispiel. Die Kunsthistorikerin Annelie Pohlen hat sarkastisch vermerkt: ,,Daß die vorgeschrie­ benen zwei, drei oder wieviel auch immer Prozent von den für öffentliche Bauten ange­ setzten Summen für bis zur Unerträglichkeit peinliche Werke verschleudert wurden (um das Wort ,Kunst‘ in diesem Kontext mög­ lichst zu vermeiden), liegt jedem auch nur einigermaßen sensiblen Architektur- und Kunstbetrachter seit je schwer im Magen.“ Und sollte dann doch einmal künstleri­ scher Ausdruck über gesundes Kunstempfin­ den gesiegt haben, dann stellt sich das ein, was es angeblich in unserer Gesellschaft gar nicht mehr gibt: Provokation. Wenn sich bil­ dende Kunst aus ihren angestammten Revie­ ren der Galerien, Skulpturenparks und Kunsthäusern nach draußen „wagt“, in einen Raum, in dem es keine „Schwellenangst“ mehr gibt, sich einer der künstlerischen Arbeit gegenüber uninteressierten Öffent­ lichkeit stellt, dann steckt darin auch immer ein Rest von Provokation, ein Risiko. Em­ pörte Leserbriefe sind dann noch die gering­ fügigste Reaktion. Dabei ist unsere Demo­ kratie auf die Vorstellung der Modeme von der Autonomie der Kunst durch die Verfas­ sung verpflichtet. Das gilt in der Bundesre­ publik nach den Erfahrungen aus der Ge­ schichte noch stärker als in den älteren De­ mokratien. Villingen selbst hat einen eigenen „Kunst­ Fall“. Mitte der 70er Jahre schuf Otto Her­ bert Hajek eine ungegenständliche Plastik für das alte Finanzamt. Die Protestwelle 205

Otto Herbert Hajek: Plastik vor dem alten Finanzamt im Stadtbezirk Villingen schwappte über bis in den Landtag, wo der Abgeordnete Dr. Haas den Antrag stellte, das Kunstwerk wieder zu entfernen: ,,Nun, es ist möglich, daß die Mehrheit des Hauses be­ fürchtet, gegen die Freiheit der Kunst stim­ men zu müssen … Ich habe mit einigen Finanzbeamten gesprochen, dann meinten sie und auch einige Steuerzahler: Ach, das Ding wieder wegzumachen, das kostet auch wieder einen Haufen Geld, man soll uns doch gestatten, einen Kasten mit Efeu vorne­ dranzustellen, wir werden es wacker gießen, damit das ganze bald zugewachsen ist.“ Das Protokoll verzeichnet „Heiterkeit“ im Land­ tag. Villingen ist wahrlich kein Einzelfall, Villingen ist überall. Vor dem Landratsamt in Villingen-Schwen­ ningen ist ein kleines Wunder eingetreten. Kein Protest, im Gegenteil. Daß Kinder die Skulptur von Albert Hien längst für sich ent­ deckt haben, ist nur die eine Seite. Besucher, die stehenbleiben und beobachten, die beim Vorübergehen zumindest interessiert hin- 206 schauen, das ist die andere. Und das alles, obwohl sich keine Spur einer Anbiederung an Zeit- oder Mehrheitsgeschmack findet. Vielleicht liegt das vor allem daran, daß Albert Hien ein Meister der Assoziation ist. Er selbst beschreibt den Weg des Auges und des Besuchers des Landratsamtes wie folgt: ,,Von der Stadt her kommend (West­ Ost), die Brücke über die Bahn benutzend, passiert man als erstes die als säulenartige Monolithen (Dolmen) den Eingang markie­ renden Zapfen … Danach steht man dem eigentlichen Por­ tal (Bahnhäusle?) gegenüber, einer giebeli­ gen Konstruktion, Dachform und Material des Gebäudes vorwegnehmend … Das ,Tor‘ wird von einem Wa serrad ein­ genommen, djeses vom Bach aus dem Osten getrieben. Das Wasserrad … mutiert zu Sägeblatt zu Zahnrad – leitet über zu den Fossilien, die ab hier dem Weg zum Eingang des Gebäudes entlang dem Bachlauf freigelegt sind.

Formen an Uhrwerksteile, Maschinen­ schrott … Versteinerungen .. . erinnernd. Nun stehen wir am Eingang des Landrats­ amtes, werfen aber noch einen Blick in Rich­ tung Osten, von wo sich der Bach herab­ schlängelt zwischen Fundstücken der be­ schriebenen Art. Im Hintergrund eine Land­ schaftskulisse hangartig hochgezogen, voll ihre Künstlichkeit zur Schau stellend … Dort am höchsten Punkt triumphiert der metallene Vogel (oder ist es die Metamor­ phose einer verzinkten Gießkanne) anstelle des erlösenden Kuckucksrufes einen Sturz­ bach aussendend.“ Ich glaube kaum, daß Albert Hien eine konkrete Vorstellung vom Schwarzwald­ Baar-Kreis hatte, als er mit ersten Entwürfen fur seine Arbeit am Landratsamt begann. Die Assoziation Schwarzwald – Kuckucksuhr liegt auf der Hand. Bei der Baar hilft das Lexikon, das die Region als von der Landwirtschaft geprägt auszeichnet. Landwirtschaft, Nah­ rung, Teller, Baaremer Teller – die Assozia­ tionsreihe ist scheinbar so einfach. Das abgeschrägte Dach, die Öffnung fur den „Vogel“, der Platz fur ein Zifferblatt. Die Vorderfront des Gehäuses gleicht einer Kuk­ kucksuhr. Es ist alles vorhanden und doch wieder nicht. Kein Zifferblatt, kein Kuckuck, der die Stunde ansagt, keine übliche kunst­ gewerbliche Ausschmückung. Aber links da­ neben, hoch aufgetürmt, ein monolithischer Tannenzapfen. Das Gewicht des traditionel­ len Aufzugs einer Kuckucksuhr ist neben die Fassade gestellt. Diese „Uhr“ läßt sich nicht aufziehen. Der „Tannenzapfen“ besteht aus Zahnrädern, Zahnräder, die nicht ineinan­ dergreifen, sondern wie herausgearbeitet aus dem Stein wirken, leicht versetzt lagern sie übereinander und greifen zugleich ins Leere, erinnern an Unfertiges oder Unbrauchbares. Ein Stück Natur und gleichzeitig ein Stück Technik. Am Anfang der Wasserrinne ein nicken­ des Wesen, der Kuckuck vielleicht, dieser „seltsame Vogel“, der rhythmisch das Wasser ausspuckt. Der Vogel findet seine Analogie in einer Pumpanlage mit ihrer Auf- und Abwärtsbewegung, mit ihrem „Nicken“, das durchaus an den Kuckuck erinnert, zugleich aber den Bezug zum Wasser und zur Bewe­ gung beinhaltet. Die Mechanik der Uhr wird wieder aufgenommen. Nach dem „Vogel“ kann man beinahe seine Uhr stellen, und das mutet in diesem Zusammenhang von Fragmenten und Ruinen besonders überra­ schend an. Das Mühlrad in der Fassade der Uhr treibt nichts an, kein Werk und auch keine Zeiger. Das Rad, das äußere Zeichen eines aufFunk­ tionalität und Rationalität getrimmten Zeit­ alters dreht unendlich seine Bahnen und kommt trotzdem nicht voran, treibt keinen Prozeß an, ist im ökonomischen Sinne „nutzlos“. ,,Sinnlosigkeit“ wird zum Prinzip erklärt. Eine Ruine des Fortschritts und des Glaubens daran, ein futuristisches Gebilde, dem auch der Gedanke eines Perpetuum mobile nicht fern liegt. Die „Kuckucksuhr“ war und ist Bestand­ teil „verkitschter“ Wohnungseinrichtungen, scheinbar notwendiges Utensil von Bauern­ stuben, in denen nostalgisch einer Vergan­ genheit nachgehangen wird, die es so nie­ mals gegeben hat, sie ist Verkaufsschlager einer immer noch prosperierenden Touri­ stik-Industrie. In der Verklärung der Vergan­ genheit liegt ihr Reiz. Gerade die berühmte „alte“ Kuckucksuhr wurde mit Ornamenten und Figuren geradezu zugedeckt. Zur echten Kuckucksuhr gehört bis heute das Edelweiß. Wer in der Umgebung danach sucht, wird erfolglos bleiben. Die Kuckucksuhr sammelt alle Abbilder der Idylle und ist letztlich nicht geographisch gebunden. Statt schöner Front und verkaufsfördernder Verpackung findet sich bei Albert Hien ein ruinöses Bauwerk, das so gar nicht in unsere glattlackierte Gegenwart passen will. Albert Hien verbindet alte Handwerkstra­ dition und industrielle Fertigung: Scheinbar normierte Teile und fast liebevolle Details, Präzision und Spielerei, perfektes lneinan­ derpassen der Einzelteile und grobe Anpas­ sung. Das Hauptinteresse liegt beim Machen, bei der Arbeit. Unfertig wirkt das, weil es die 207

Baar-Tell.er Möglichkeit von Veränderbarkeit beinhal­ tet, unfertig, weil der Betrachter mit seinen Augen die Einzelteile Stück für Stück selbst zusammenstellen kann. Nur ist diese Unfer­ tigkeit kein Mangel, sondern im Gegenteil die Voraussetzung zum Einsatz der Phanta­ sie. Albert Hiens Arbeit wirkt nicht in ihrer unverrückbaren Monumentalität, sondern wie ein bereitgestelltes Spielzeug. Und der Betrachter sollte sich in acht nehmen vor eindeutigen Zuweisungen. Könnte das „Ein­ gangstor“ nicht auch die Ruine eines „Bahn­ wärterhäuschens“ sein. Das abgeschrägte Dach läßt an ein Haus denken, und der Bahnhof liegt schließlich in unmittelbarer Nähe. Und könnte es sich bei den Zahnrä­ dern nicht auch um Teile von Sägeblättern handeln? „Märchenhaft und utopisch“ ist diese Kuckucksuhr. ,,Märchenhaft“ verweist sie auf die scheinbare Idylle ihrer Herkunft, und ,,utopisch“ weist die Skulptur auf eine unbe­ kannte Zukunft hin, deren Bausteine immer 208 noch dem längst überwunden geglaubten des mechanischen Zeitalter entstammen. Von denen, die die Uhren herstellen und hergestellt haben, findet sich in der Arbeit von Albert Hien nichts. Die Pumpanlagen sind unterirdisch verlegt. Fast scheint es, als produziere die Technik sich selbst. Aber der Prozeß Arbeit ist in der „Kuckucksuhr“ stän­ dig sichtbar. Nur ist dieser Prozeß nicht zeit-, nicht einmal objekt- oder ortsbezogen. Nicht einmal auf ein Ziel gerichtet. Der Pro­ zeß hat sich verselbständigt. Gleichzeitig lösen sich die Gegenstände von ihrer ange­ stammten Funktion. Ein festgemauertes Zahnrad ist kein Zahnrad mehr und bleibt es doch. Das Zahnrad treibt nichts mehr an, sondern liegt erstarrt da. Aber die alte Bewe­ gung bleibt dem Gegenstand erhalten. Das metallene Mühlrad, dem Zahnrad formal verbunden, dreht sich, auch wenn es nur noch sich selbst antreibt. Materiell bleibt die Verbindung bestehen, weil es an die alten steinernen Mühlräder erinnert.

Archaisch wirkt die ruinenhafte Gestal­ tung. Archaisch ist der Spieltrieb, der alles antreibt und der Traum nach einer unend­ lichen, vollkommenen Bewegung. Aber die­ ser Traum ist pure Illusion. Das Rad mag noch so blitzen, es steckt in einer Ruine. Die Bewegung ist sinnlos, eine praktische Umset­ zung wird nur vorgetäuscht. Erstarrt wird das Rad zum Denkmal. Gro­ tesk das Gegenüber des zerbrechlich wirken­ den Metallrades zu den wuchtigen Steinen, die Starre zur Bewegung, die künstlich-hand­ werkliche Form des Zapfens zur künstlich­ industriellen des Rades. In den Arbeiten AJbert Hiens steckt immer auch eine Portion ironischer Distan­ zierung, einer Distanzierung, die eine Reihe von Projekten scheitern ließ, weil die Auf­ traggeber vor so viel kritischer Distanz zu­ rückschreckten. Die „Kuckucksuhr“ steht vor einer Behörde. Der ewige Kreislauf, der sein Ende niemals erreichen wird, eine „Ma­ schine“, die arbeitet, ohne ein Produkt ihrer Arbeit vorweisen zu können. Wir könnten auch an eine Bürokratie denken, die selbstge­ nügsam sich selbst befriedigt. Erstarrte Struk­ turen, die bewegungslos-störrisch jeden An­ satz von Innovation verhindern. In witziger Verkehrung steht dem l’art pour l’art-Stand­ punkt der Kunst die Vorstellung einer sich selbst gehörenden Bürokratie gegenüber. Lesbar wäre der Zickzackkurs als Gang durch die Behörde, Kafka läßt grüßen. Die Assoziationen sind schier grenzenlos – aber niemals beliebig! Da ist der Zickzack­ kurs des Wassers. Wasser als Quelle allen Lebens im Zusammenhang mit Geburt und Tod, mit Paradies und Sintflut. Wasser wer­ den gleichgesetzt mit dem beständigen Flie­ ßen der manifesten Welt, mit Erinnern und Vergessen. Wasser zerstören, bauen auf, rei­ nigen, ,,waschen weg“ und regenerieren. Was­ ser als das flüssige Gegenstück zum Licht. Der Bach mäandriert in rechten Winkeln, der Zickzack-Kurs ist die schematische Um­ setzung der natürlichen Mäander, aber zu- Im Brigachtal Aquarell: German Hasenftatz 209

gleich ist dieser Lauf„gebändigt“ durch Rin­ nen. Von Stufe zu Stufe fällt das Was er durch eine kreisförmige Öffnung abwärt , die Bahnen überlappen sich. Die Öffnun­ gen, durch die das Wasser die folgende Stufe erreicht, wirken wie ausgestanzt, als habe hier jemand das Material für die steinernen Zahnräder hergeholt. Im Zusammenhang mit einer geschicht­ lichen Entwicklung wirken die Räder wie Fossilien. Aber man mag auch an die mecha­ nischen Teile und Ziffern der Uhr denken. Die Wa seroberfläche reflektiert die Sonne, so wie es die metallenen Zahnräder und die Glasfenster im Hintergrund tun. Ein Natur­ phänomen wird techni eh reproduziert. Nein, Albert Hien hat das Rad nicht er­ funden, aber er hat dem Rad wieder neue phanta tische Möglichkeiten eröffnet, die in der Funktionalität unserer Welt verschüttet schienen. Hiens Arbeiten sind niemals an beliebige Orte zu plazieren. Inhaltlich und formal geht er immer von den Bedingungen aus, die der jeweilige Auf tellung ort bietet. Die Zeichnungen und Modelle der Ausstellung im Landratsamt verdeutlichen das in jedem einzelnen Fall. Hier finden sich auch Bei­ spiele anderer Projekte von Albert Hien, und in jedem einzelnen dieser Projekte läßt sich der Bezug zur geographischen oder sozialen Umgebung wiederfinden. Der „Baaremer Teller“ auf der anderen Seite des Landratsamtes ist in die em Zusam­ menhang nur ein weiteres Beispiel. ,,Die Baar bildet als Hochebene mit den sie umgeben­ den Höhenzügen eine Art Schale, Schüssel oder Teller“ (Albert Hien). Die Schale ent­ spricht der Topographie, die Tellerform ruft die Funktion der Saar als Kornkammer in Erinnerung, und wieder ist das Wasser we­ sentlicher Bestandteil der Skulptur. Die Donau, der europäischste aller Flüsse, ent­ springt hier. Die Baar wird zum Zentrum Europas. Die Schüssel hat mehr als nur einen „ prung“. Das mag man ironisch auffassen und ist wohl auch so gemeint. Aber diese Sprünge ind zugleich das geographische Kürzel des Kreises: Donau, Breg, Brigach und Neckar, die Wasserscheide. Was zu­ nächst wie eine Verletzung aussieht, ist in Wirklichkeit die Lebensader. Dem Kreis muß man gratulieren zu die­ sen Arbeiten. Vielleicht auch zu dem Mut, obwohl dieser Mut eigentlich eine Forde­ rung der Verfassung ist. Albert Hien ist ein Blick von außen auf die Region gelungen – und wir finden uns in diesem Blick wieder. Uwe Conradt Das Bildmaterial konzentriert sich vor allem auf den „Baar-Teller‘: da Bilder zur „Kuckucksuhr“ bereits im Almanach 1993, eile 22-25, veröffentlicht wurden. Zeitgenössische Kunst in der Fabrik Vom „Gesicht“ der Schwenninger Firma Benzing Zeit und Daten ,,Unseren Erfolg“, schreibt das Schwen­ ninger Unternehmen der Bauer Kaba Gruppe Benzing Zeit und Daten GmbH in einer Werbebroschüre, ,,verdanken wir inno­ vativen Ideen, der �alität unserer Pro­ dukte, einer au gereiften Management- und Marketing-Strategie und dem unverwechsel­ baren Firmengesicht“. Diese unbescheidene Selbstein chätzung eines Unternehmens mit alter Familientradition könnte als Wer- 210 beslogan ftir viele andere Firmen ebenso gel­ ten, ist somit beliebig austauschbar, wäre da nicht auch der Hinweis auf ein unverwech­ elbares „Firmengesicht“. Das „Gesicht einer Firma“, was ist das? Bei Benzing Zeit und Daten ist es zunächst das von Professor Anton Stankowski vor mehr als zwanzig Jahren entwickelte Erschei­ nungsbild, dessen grafi ehe Prägnanz in seiner formalen Gestaltung auch nach zwei

Jahrzehnten immer noch Gültigkeit hat. Im Normenkatalog dieses Erscheinungsbildes, den der international renommierte Stuttgar­ ter Künstler und Grafikdesigner für Benzing und der spezifischen Produktpallette der Firma eigens entwickelte, sind alle wesent­ lichen visuellen Details präzise vorgeschrie­ ben. Nach dieser ironisch „schwarzen Bibel“ genannten Vorgabe werden ausnahmslos alle Drucksachen, ob Formulare, Prospekte, Briefköpfe, Visitenkarten oder Zeitungsan­ noncen gestaltet. Farbrad Hinzu kommt, daß auch die Designs der Produkte der Firma in ihrer äußeren Form auf dieses Erscheinungsbild verweisen und neben ihrer Funktionalität auch ästheti­ schen Gesichtspunkten genügen. Deutlich wird dabei, daß sich die G.!lalität der Pro­ dukte durch die klare und einfache Gestal­ tung ebenso transportiert, wie durch die immanenten technischen Gegebenheiten. Zum Schluß ist die Gestaltung der bau­ lichen Substanz des Verwaltungs-und Pro­ duktionstraktes im Schwenninger Industrie- 211

Diagonaler Knoten gebiet ebenso zu erwähnen wie ein kleines Biotop, das die Besucher wie die Mitarbeiter vor dem Haupteingang begrüßt. Die Aufzählung all dieser Merkmale unterscheidet dieses Unternehmen aber noch nicht von anderen mittelständischen Betrieben, wäre da nicht noch etwas, was diese Firma vor den meisten gleichartigen Produktionsstätten auszeichnet: Kunst. Ob im Verwaltungsgebäude oder im Produk­ tionsbereich, die Wände sind mit Bildern bestückt, Kunstwerke hängen von der Decke in den Raum; Kunst allüberall. Es war für den ehemaligen geschäftsfüh­ renden Gesellschafter Max Ernst Haller zu Beginn seines Engagements für die bildende Kunst Anfang der 70er Jahre sicher ein Aben­ teuer, das von vielen -waren sie höflich – belächelt, von den meisten aber als Marotte des „Chefs“ aufgefaßt wurde. Doch was als ,,Schplin vom Boß“ mehr oder weniger an­ gesehen wurde, entwickelte sich beharrlich und in Anton Stankowski war einer derwelt- 212 Neun Felder durch Linien besten Grafiker und Künstler als Partner gefunden. Stankowski, 1906 in Gelsenkirchen gebo­ ren, war zunächst Lehrling bei einem Deko­ rationsmaler, bevor er Anfang der 20er Jahre Kontakt zur Gruppe „Das junge Rheinland“ fand, in der neben Gerd Wollheim und Otto Pankok auch Otto Dix zu nennen ist. 1927-28 erfuhr er an der Folkwangschule in Essen bei Wilhelm Poetter und Max Bur­ chartz die Grundzüge der Neuen Gestaltung mit den Schwerpunkten Innenraum, Typo­ grafie und Fotografie. Ab 1929 arbeitete er im Reklame-Atelier Max Dalang in Zürich und entwickelte hier die „Konstruktive Grafik“ als neue Form des Grafikdesigns mit der Ein­ heit von Typografie und Bild. Er lernte in der Schweiz auch die Großen des Konstruktivis­ mus wie Max Bill, Richard Paul Lohse u.a. kennen. Anfang der SOer Jahre arbeitete er im eigenen Atelier in Stuttgart. Jetzt ist die Visualisierung abstrakter Vorgänge durch visuelle Symbole, somit allgemein verständ-

Flächenspirale Fünf Quadrate liehen Zeichen, sein Hauptanliegen. Ihn interessiert aber nicht nur die Signifikanz eines Zeichens, sondern, erst wenn dieses auch das Umfeld des zu Bezeichnenden als Ganzes vermittelt, kann dieses Zeichen zu einer positiven Identität führen. Wie bei dem von Anton Stankowski ent­ wickelten Signet für die Deutsche Bank- der aufsteigenden Diagonale im festgefügten Quadrat – und anderer Signets großer Unternehmen, ist es dem Grafiker auch bei Benzing Zeit und Daten überzeugend ge­ lungen, ein Erscheinungsbild zu entwerfen, das dem Unternehmen ein unverwechsel­ bares visuelles Firmenbild gibt. Anton Stankowskis Credo ,Yereinfachen – Versachlichen – Vermenschlichen“ ist nicht nur in seinen grafischen Entwürfen, sondern auch in seinem umfangreichen malerischen Werk von großer Bedeutung. Seine konstruktiven Bildfindungen, ob sie sich mit dem Lauf der Zeit als meßbare Ein­ heit oder als linearer Vorgang, als Ausdruck jahreszeitlicher Erscheinung (wie Frühling, Sommer, Herbst und Winter) präsentieren, oder ob Fläche und Raum ordnend gestaltet ist, immer sind diese Bilder durch ihre größt- 213

mögliche Reduktion und ihre klare Farbfin­ dung in ihrer Absicht eindeutig lesbar. Dem �adrat als einfachste geometrische Form eingeschrieben, ziehen diese Bilder den Betrachter in ihren Bann. Der Zusammenarbeit mit dem Grafik­ büro Stankowslci folgte das Sammeln seiner Kunst durch Max Ernst Haller. Diese Bilder wurden jedoch nicht im privaten Wohnzim­ mer aufgehängt, sondern fanden ihren Platz an den Wänden in der Chefetage ebenso wie im Treppenhaus oder im Foyerbereich des Firmengebäudes. Die Druckgrafik von Anton Stankowslci, die das Unternehmen für Geschenkzwecke edierte, schmückte alsbald die Büros der Mitarbeiter. Und es dauere nicht lange, da intere ierten sich auch die Beschäftigten im Produktionsbereich für die Arbeiten des Stuttgarter Künstlers. Zunächst hiengen sie Reproduktionen der Originale, die im Verwaltungstrakt ausgestellt waren, in die Werkhallen. Doch schon bald fanden auch Originale ihren Weg in die Produk­ tionsstätten. Heute finden sich mehr als 15 großformatige Arbeiten von Anton Stan­ kowslci in der Stanzerei, im Montagebereich, im Lager oder im Kontrollraum. Die Plazie­ rung dieser Arbeiten an diesen Orten ist auch Ausdruck eines Miteinanders zwi chen Verwaltung und Produktion; es wird deut­ lich, daß die Mitarbeiter weniger ein hirar­ chi ches Oben und Unten erfahren, als viel­ mehr ein gemeinsames Ringen um und für den Erfolg der Firma anstreben. Der Schwenninger Unternehmersohn Max Ernst Haller erinnert sich mit schalk­ haftem Schmunzeln an die Anfange, als er im neuen Haus Kunst ausstellte und vergißt nicht zu erwähnen, daß sich langsam eine Veränderung im Verhalten seiner Mitarbei­ ter bemerkbar machte. ,,Sie konnten fe tstel­ len“, erzählte er dem Verfasser, ,,daß sich zum Beispiel die Kleidung der Mitarbeiter mit der Zeit qualitativ veränderte. Ebenso veränderte sich das Verhalten der Mitarbei­ ter untereinander und daß immer mal auch von gelegentlichen Museumsbe uchen ge­ sprochen wurde, das war und ist für mich ein 214 Zeichen dafür, daß Kunst die Menschen ver­ ändern kann.“ Im Rückblick haben sich für ihn und das Unternehmen die damals getä­ tigten Investitionen im Arbeitsumfeld „hun­ dertfach gelohnt. Die Firma hat überall an Ansehen gewonnen. Davon profitieren wir in der Geschäftswelt.“ Anfang der 70er Jahre, als in der Bundes­ republik der Begriff der ,Corporate Identity‘ noch unbekannt war, wurde in der Schwen­ ninger Firma eben diese mit Leben gefüllt. Unter Corporate Identity wird „die Summe aller Darstellungsweisen, in denen sich ein Unternehmen gegenüber der Öffentlichkeit, den Kunden, seinen Mitarbeitern, der Presse, Versicherungen und Banken präsen­ tiert“, ver tanden. Dabei erkannte Max Ernst Haller sehr früh, daß ein Engagement für Konkrete Kunst ein Teil der Corporate Iden­ tity sein kann. Hierbei war und ist die moderne Kunst bei Benzing Zeit und Daten GmbH seit mehr als zwanzigJahren das Bindeglied zwi chen der Unternehmenskultur, der Unternehmens­ kommunikation und der Unternehmens­ gestalt – alles �alitäten, ohne die ein moderner Betrieb heute nicht mehr erfolg­ reich arbeiten kann. Seit Max Ernst Haller sich aus der Firma zurückgezogen hat und die Ge chäftsleitung in der Verantwortung von Walter R. Kaiser liegt, ist selbstverständlich manches anders geworden; nicht geändert hat sich aber die Einstellung der Unternehmensführung zur modernen Kunst. Auch Ge chäftsführer Walter R. Kaiser hält an der Entscheidung fest, zeitgenössische Kunst als ein eigenstän­ diges und die Lebensqualität bereicherndes Mittel für das Unternehmen und seiner Mit­ arbeiter zu fordern. Auch er ist sich gewiß, daß sich die es Engagement letztendlich für alle Beteiligten, die Mitarbeiter, die Kunden wie für das Unternehmen positiv auswirkt. Wendelin Renn

Carl Hornung (1876-1969) Maler und Bräunlinger Ehrenbürger Carl Hornungs Todestag jährte sich am 20. April 1994 zum 25. Mal. Sein Name ist in Bräunlingen, wo er sich sowohl als Künst­ ler als auch als Lokalpolitiker unermüdlich engagierte, nach wie vor präsent. Die ihm eigene ausgeprägte Bescheidenheit sowie die Tatsache, daß er seinen künstlerischen Schwerpunkt auf die Portrait- und nicht auf die ein breiteres Publikum ansprechende Landschaftsmalerei setzte, mögen die Grün­ de dafür sein, daß Carl Hornung außerhalb seiner Heimatstadt nur wenig bekannt ist. Carl Hornung wurde am 15. September 1876 geboren; seine Eltern betrieben in Bräunlingen eine Landwirtschaft und hatten insgesamt neun Kinder. Die erste Station der gediegenen vier­ zehnjährigen Ausbildung Carl Hornungs war eine Lehrzeit bei dem Maler und Bild­ hauer Franz Simmler, der gerade die neue Bräunlinger Stadtkirche ausmalte. Es folgten zwei Jahre Unterricht an der Kunstgewerbe­ schule und bei dem DekorationsmalerJosen­ hans in Nürnberg sowie drei Jahre Studium an der Badischen Kunstgewerbeschule in Karlsruhe. Von 1901 bis 1907 studierte Carl Hornung an der Kunstakademie in Mün­ chen, wo er sich eng an seinen Bruder Johan­ nes Baptist, inzwischen promovierter Kunst­ historiker und Inhaber einer Privatschule für adelige Knaben, anschloß. Er konnte ein eigenes Atelier unterhalten und zählte vor allem die Schüler seines Bruders und deren Familien zu seinem Kundenkreis. Im I. Weltkrieg mußte Carl Hornung als Soldat an die Westfront, eine Zeit, die den jungen Mann zeichnete. Den Entwicklungen nach dem I. Welt­ krieg fiel auch das Institut des Johann Baptist Hornung zum Opfer- beide Brüder kehrten 1920 in ihre Heimatstadt zurück – und blie­ ben dort bis an ihr Lebensende. Carl Hornung lebte sich in Bräunlingen schnell wieder ein. Er nahm mit großem Carl Hornung- Selbstportrait als Maler, 1914, Öl auf Leinwand, Privatbesitz Engagement seinen durch den I. Weltkrieg vereitelten Plan, in Bräunlingen ein Heimat­ museum einzurichten, wieder auf. 1923 konnte das erste Bräunlinger Museum tat­ sächlich eröffnet werden, eingerichtet mit Objekten, die Carl Hornung selbst zusam­ mengesammelt, beschafft und oft auch finanziert hatte und die auch den Grund­ stock des Kelnhof-Museums bilden! Die Fastnacht in den 20er Jahren erhielt durch ihn manche wesentliche Prägung. Die Narrenzunft besitzt in Bildern, Urkunden, dem großartigen Fastnachtsalbum und vor allem in der von Carl Hornung ausgegange­ nen Initiative zum Erwerb der Kostüm­ sammlung eine lebendige Erinnerung von hohem ideellem Wert an ihren einstigen Ehrennarrenrat. Es gibt wohl kaum einen damals existie­ renden Verein in Bräunlingen, der nicht wenigstens eine von Carl Hornung gestaltete Urkunde, eine Fahne oder ähnliches besitzt. In der Zeit vor 1933 und nach 1945 hat 215

Carl Hornung – Staudamm am Kirnbergsee, um 1920, Öl auf Leinwand, Privatbesitz Carl Hornung als Gemeinderat das politi­ sche Leben in seiner Vaterstadt mitgeprägt­ für all seine Verdienste um die Gemeinde wurde ihm 1956 zum 80. Geburtstag der Ehrenbürgerbrief überreicht. Der Stil Carl Hornungs kann als „Neo­ naturalismus“ eigener Prägung mit einem gewissen Übergang zur Modeme beschrie­ ben werden. Das Werk, das er hinterlassen hat, ist nicht nur umfangreich, es ist auch sehr vielfältig. Dank der Tatsache, daß die Familie Hornung einen großen Teil des Wer­ kes sorgsam hütete, ist es möglich, die künst­ lerische Entwicklung Carl Hornungs nach­ zuvollziehen: In der Lehrzeit, mit 17, 18Jahren, übte Carl Hornung sich in der exakten Kopie von ein­ facheren Vorlagen, dazwischen gibt es auch durchaus eigene Schritte, wie in den Skizzen­ blöcken zu erkennen ist. Carl Hornungs Zeugnisse heben stets neben seinen kün tierischen Fortschritten seinen Fleiß und sein „sehr lobenswürdiges Betragen“ hervor. Er war, aufgewachsen in einem streng katholischen Elternhaus, sein Leben lang ein tief religiöser Mensch. Seine künstlerische Au bildung kam seinen Neigungen und Vor­ lieben entgegen; die Vorbilder waren alte deutsche Meister, allen voran Dürer. Auch in den Jahren, in denen Hornung in München lebte, blieb er sich selbst und sei­ ner – im positiven Sinne – konservativen Einstellung treu, während zur gleichen Zeit München eine Hochburg der künstlerischen Avantgarde war. 216

einzelne Bilder noch bis kurz vor seinem Tod im Alter von 92 Jahren. Ein sehr hohes Niveau erreichen Carl Hornungs Portraits; faszinierend ist die Sammlung früher Arbeiten in Kohle, ein­ drucksvoll auch seine Portraitierkunst in Öl. In den Portraits, wo sich seine Meisterschaft so offenkundig zeigt, sind gelegentlich aber auch Abweichungen zu dem von ihm meist gewählten naturalistischen Stil auffällig, die, eingedenk seiner Sicherheit in der Darstel­ lung der menschlichen Anatomie, expressio­ nistische Anklänge erscheinen lassen. Einen weiteren Schwerpunkt im Werk Carl Hornungs bilden die Vielzahl und Viel­ falt der Stilleben mit Blumen. Hier domi­ niert der naturalistische Stil und erreicht sei­ nen Höhepunkt in den 1920er Jahren, doch auch die später entstandenen Bilder mit modernerer Pinselführung zeigen Hornungs Meisterschaft und seine künstlerische Ent­ wicklung. Relativ viele Blumenstilleben sind Carl Hornung – Bräunlinger Hansel Öl auf Leinwand, 1926, Narrenzunft Eintracht Bräun­ lingen 217 Carl Hornung – Stilleben, 1923, Öl auf Lein­ wand, Privatbesitz Konsequent bei seinen Überzeugungen blieb Carl Hornung auch während des „Drit­ ten Reiches“, so daß sein Lebenslauf keine Lücken, sein Werk keine heute peinlichen Perioden enthält. Was in dieser Zeit jedoch ihm und vor allem seinem Bruder Dr.Johan­ nes Baptist Hornung an persönlichem Unrecht widerfuhr und wie sehr ihm die damalige allgemeine politische Situation und der Krieg zusetzten, widerspiegelt auch sein Werk. In seinen Bildern überwiegen düstere, gebrochene Farben, ernste Mienen. Religiöse Motive, Entwürfe für die Gestal­ tung von Kirchen (in den wenigsten Fällen ist bekannt, ob und wo sie ausgeführt wur­ den) sind zahlreich und haben einen hohen Stellenwert im Gesamtwerk. Der Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens lag wohl in den 20er Jahren; das langsame Verlöschen seiner Schaffenskraft ist von den frühen 50er Jahren an zu erken­ nen. In den letzten Lebensjahren werden die Werke des Künstlers rarer -doch malte er

Carl Hornung – Villa Hornung in Bräunlingen, 1938, Öl auf Leinwand, Privatbesitz in der Zeit während des II. Weltkrieges ent­ standen, einige auch um 1950. Die Verbundenheit mit der Natur war bei dem aus einer bäuerlichen Familie stammen­ den Carl Hornung sehr ausgeprägt. Die Arbeit in der Landwirtschaft seines Bruders und die intensive und erfolgreiche Beschäf­ tigung mit dem Obstbau waren für Carl Hornung vielleicht auch ein Ausgleich zur künstlerischen Tätigkeit. Daß das Leben eines Künstlers nicht immer leicht war, wußte Carl Hornung, der nicht dem Klischee vom Kün tler als Bohe­ mien entsprach. Wahrscheinlich ist er im Grunde immer tief mit Bräunlingen verwur­ zelt geblieben und ohne den engen Zusam­ menhang, den das Werk Carl Hornungs – das künstlerische GEuvre und das lokal-poli­ tische Werk – mit seiner Heimat hat, würde das fehlen, was die Erinnerung an Carl Hor­ nung in Bräunlingen lebendig erhält. Susanne Huber-Wintermantel M. A. Kind und Kunst Seit Jahren pflegen die überregional beachteten Blumberger Kunstausstellungen nicht nur die gut angenommenen ersten An­ näherungen an die zeitgenössischen Kunst­ äußerungen für örtliche und auswärtige Schulklassen, andern ebenso für Kindergär- 218 ten und deren aufgeschlossene Betreuerin­ nen. Die Ausstellungen, vormals in der „Galerie unter der Kirche“ und seit sechs Jah­ ren in der geräumigeren Stadthalle „aufZeit“ großzügig untergebracht, werden vom Aus­ stellungsleiter auch dahingehend konzipiert,

Künste entschieden haben oder noch ent­ scheiden wollen. Diese interessieren sich, neben den ihnen nahegebrachten Kriterien, für die plastischen Formulierungen sowie vielschichtigen Zeichen- und Maitechniken der ausgestellten künstlerischen Potenzen, von den maltraditionellen Reminiszenzen über die klassische bis zur zeitgenössischen Modeme. Den besonderen Anschauungsun­ terricht für Vorschulkinder, eben mit dem Ziel der ersten Kunstkonfrontation und -vermittlung, pflegt die Blumberger Pädago­ gin Christiana Steger mit gegebener Einfüh­ lung und einer ohne Überforderung behut­ samen Einführung in die vorerst fremde und daher befremdende Materie. Der Beobachter erlebte mit großem Ver­ gnügen diese ersten Informationen in kin­ dergerecht vorbereiteter Atmosphäre, ein Vergnügen, das die praktizierten Einstiegs­ modi und die angeregte Aufmerksamkeit bis zur gefesselten Anteilnahme mit allen Reak­ tionen kindlicher Beeindruckung umfaßte. Um einer naheliegenden Überforderung der Aufnahmebereitschaft durch die gebotene Vielfalt zu entgehen, gab es nach dem auf neugierigen Rundgängen empfangenen All­ gemeinüberblick zögernde wie auch spon­ tane Einzelechos auf spezielle Entdeckun­ gen, die dann zu Konzentrationen auf ganz Zwiegespräch mit dem eindrucksvollen „Lau­ scher“ des kriegsblinden Plastikers Walter Richter, Blumberg, in einer der Ausstellungen. 219 Erste „Kunstbetrachtung“. Vorschulkinder wer­ den von der Pädagogin Christiana Steger kinder­ gerecht eingewiesen. daß sie Stile, künstlerische Entwicklungen sowie die unterschiedlichsten Gestaltungs­ auffassungen anbieten, um die Brücken­ schläge zum gesuchten Verständnis zu er­ leichtern. Diese umfassende Palette der Fach­ gruppe Bildende Künste im Internationalen Bodensee-Club aus dem Raum zwischen Bodensee, Oberschwaben und Schwarzwald hat ihre Eignung für eine Zugangssuche, ein­ schließlich der oftmals sehr kritischen Ju­ gend, mehrfach bewiesen, so daß selbst die noch ganz unbefangenen Kleinen der Kin­ dergärten wiederholt kommen, um die „Kunstbetrachtung“ über den ersten Weg der „Warum-Frage“ zu üben. In der ihnen vertrauten Heimumgebung von ihren Be­ treuerinnen im spielerischen Gestalten und Umgang mit Materialien, Farben und For­ men zu ihren ersten Erfahrungen grundle­ gend angeregt, sehen die Kinder ohne intel­ lektuelle Ablenkungen noch mit anderen Augen als zum Beispiel die altersbedingt auf­ geschlosseneren oder gar leistungsorientiert vorgeprägten Schüler, von denen sich einige zudem schon für das Wahlfach Bildende

unterschiedliche Exponate führten. Erstaun­ lich war, daß auch das Abstrahierte oder gar vollends Abstrakte dank Phantasie-Anstoß eine lebendig geäußerte „Anschaulichkeit“ bewirkte. Da stand die Entdeckung eines auf­ regenden „Neulands“ neben dem unbefan­ genen „Das kann ich auch!“ Deutlich wurde, daß alles Gegenständliche in seiner vorgege­ benen Erkennbarkeit zwar vorrangig an­ sprach, doch aus diesen Beispielen nicht jener rätselhafte Funke wie bei mancher ungegenständlichen Bildorganisation über­ sprang, der zu entflammen vermochte und nach dem „Was seht ihr da?“ die phanta­ stischsten Vermutungen in spontanen Wir­ kungsaussagen zeitigte. Eine glückliche und von der Ausstellungs­ leitung sogleich positiv aufgenommene Idee Christiana Stegers war das Experiment, die von den fünf- bis siebenjährigen „Kunstbe­ trachtern“ empfangenen Eindrücke unmit­ telbar nach der doch so ganz ungewohnten Begegnung mit Bildern und Skulpturen zeichnerisch oder malerisch wiederzugeben. Das erwies sich als eine kleine, pädagogische Sternstunde: Vielversprechende Tastversu­ che in Richtung der angeregten Aufnahme­ bereitschaft, des Erinnerungsvermögens, ei­ ner Verarbeitung und bildlichen Reflexion. Im lichten Foyer der Stadthalle war auf Tischen alles vorbereitet worden; Papier, Kreiden und Buntstifte lagen bereit. Eine geschickte Hinführung förderte die Konzen­ tration auf besonders Beeindruckendes, das die Kinder dann individuell, bevor es von anderen Eindrücken überlagert wurde, mit viel Eifer in einem Zuge oder auch von Denkpausen unterbrochen dem Papier an­ vertrauten. Natürlich gab es hier und dort Anzeichen von Ermüdungen. Eine der Klei­ nen murmelte: ,,Ich weiß nicht, was ich malen soll“, legte den Kopf auf das unbe­ malte Papier und schlief ein. Andere malten, als gelte es einen Wettkampf zu gewinnen oder folgten einfach neuen Eingebungen. Die Mehrzahl setzte das Gesehene und Ein­ geprägte jedoch mit eigenen Akzenten um. So entstehen seit Jahren Serien von Blättern 220 Munotyp,e /, l /,111s Lang, Donaueschingen der eigenwilligsten Betonungen kindlicher Betrachtungsintensität, die an einer Wand ausgestellt werden und sich in der Folge als ein Anziehungspunkt für viele Ausstellungs­ besucher erwiesen. Denn hier war eine Brücke vom ersten (womöglich in Erinne­ rung gerufenen eigenem) Seh-Erlebnis bis in die vielen Möglichkeiten endgültiger Umset­ zungen in bildliche Kompositionen geschla­ gen worden: Eine Anfangsstufe der Verstän­ digung mit ähnlich unterschiedlichen Ge­ staltungsformulierungen der sich entwik­ kelnden oder schon erreichten Reife. Die kindlichen Zugangsversuche sind dank ihrer Anschaulichkeit darum auch allen erinne­ rungs- und verständnisbereiten Erwachse­ nen dienlich und sollen dieser Gemeinnüt­ zigkeit wegen fortgesetzt werden. Jürgen Henckell

Brauchtum Hermann Schlenker Ein weltläufiger Schwenninger vermittelt als Filmproduzent den Zugang zu fremden Kulturen und einheimischem Brauchtum Nach ausgedehnten Reisen und langen Aufenthalten in den entlegendsten Gebieten der Welt hat sich der Filmproduzent Her­ mann Schlenker jetzt beruflich der Heimat zugewandt. Seine ersten Filmdokumentatio­ nen über aussterbendes Brauchtum und Handwerk in Baden waren für das Göttinger „Institut für den Wissenschaftlichen Film“ eine kleine Sensation: Hermann Schlenker hatte auf professionelle Sprecher verzichtet und stattdessen alle Akteure selbst reden las­ sen – den Schindelmacher, den Glasbläser, die Schäppelträgerin und die Senioren am Stammtisch. Damit konservierte er nicht nur schwindende Mundarten, sondern führte gleichzeitig die bisherige Meinung ad absur­ dum, daß wissenschaftlicher Film und Lan­ geweile ein Synonym sein müssen. Neben­ her erfüllt sich für den Schwenninger Her­ mann Schlenker der ganz persönliche Wunsch, Leben und Arbeit eines Mannes aufzuzeichnen, der ihn in der frühen Jugend­ zeit als Puppenspieler und Erzähler im Kin­ dergottesdienst tief beeindruckt hat und spä­ ter ein bekannter Künstler wurde: Der Schwarzwald-Baar-Kreis und weitere Spon­ soren ermöglichen durch die Übernahme der Materialkosten einen Film über den 221

in Schwenningen aufgewachsenen, heute 85jährigen Maler Hans Georg Müller-Hans­ sen (vgl. Almanach 84, Seite 159-164 und Almanach 94, Seite 258-262). Hermann Schlenker ist seit vielen Jahren in Burgberg zuhause. Die Oase am Hutzel­ berg diente bis vor wenigen Jahren allerdings nur der kurzen Entspannung zwischen den langen Reisen rund um den Erdball. Deren Ergebnis waren innerhalb von zweieinhalb Jahrzehnten unter anderem 300 lange For­ schungsfilme im Auftrag des Göttinger ,,Instituts für den wissenschaftlichen Film“. Für Schulen in USA hatte er Unterrichts­ filme in Auftrag. Auf deutschen und engli­ schen Fernsehschirmen faszinierte er Millio- 222

nen von Zuschauern mit den lebendigen Bil­ dern von fremdartigen Kulturen und Riten, die zuvor noch niemals gefilmt worden waren. Auf schwierigsten Expeditionen in die entferntesten Gebiete auf der ganzen Welt dokumentierte der Filmproduzent aus dem Schwarzwald vorwiegend eine noch unver- dorbene und unbeeinflußte Kultur von Na­ turvölkern, ,,die sich mit bedrückender Schnelligkeit verändert“. Dabei war er nir­ gendwo nur flüchtiger Gast, der sich mit den subjektiven Eindrücken eines nur kurzen Aufenthalts begnügt. Von Bequemljchkeit und Kompromissen hat der mit perfekter Technik ausgestattete Profifilmer ohnehin noch nie etwas gehalten: ,,Ich wollte schon immer schwierige Sachen machen, die an­ dere rucht können.“ Obwohl ihn die Fotografie und später der Film schon früh magisch angezogen hatten, stand der Sproß einer alteingesessenen Schwenrunger Familie zuerst tapfer eine lange Lehrzeit in der Feinmechanik und Uhrmacherei durch. Seinen wirklichen Be­ rufszielen kam er dann mit einer fotografi­ schen Ausbildung näher. Auf der fast ver­ zweifelten Suche nach beratender Hilfe hatte er zuvor in der Münchner Filmhoch­ burg Geiselgasteig einen Rausschmiß erlebt. Daß zwölfJahre später am gleichen Ort sein erster Film gekauft wurde, war ihm deshalb eine besondere Genugtuung. Dazwischen lag unter anderem eine vier­ jährige Odyssee in Island und Grönland, dje eine lange Geschichte für sich ist. Nachdem er mit einem Vermögen von 20 Mark, seiner noch bescheidenen Kamera- und Laboraus­ stattung und sehr viel Hoffnung auf der Insel angekommen und das erste Geld in einer Fischfabrik verdient war, kam ihm bald das Glück zu Hilfe: Der „deutsche Hermann“, der bald fast so gut isländjsch wie dje Einhei­ rruschen sprach, avancierte in kürzester Zeit zum bekanntesten und ungewöhnlichsten Fotografen der Insel. Dazwischen unter­ nahm er Vortragsreisen durch Deutschland. Der erste große Auftrag des „Instituts für den Wissenschaftlichen Film“ führte zu einem langen Aufenthalt bei den Bergvöl­ kern im afghanischen Hindukusch. Unge­ achtet aller Schwierigkeiten wurde Hermann Schlenker dabei klar, daß er seine Lebensauf­ gabe gefunden hatte: Den eigenen tiefen Eindruck mit der Kamera ebenso authen­ tisch wie künstlerisch zu „malen“, ohne er- 223

hobenen Zeigefinger erlebbar zu machen und gleichzeitig zu dokumentieren, was von erschreckend schnellen zivilisatorischen Veränderungen bedroht ist. Das Göttinger Institut erkannte die unge­ wöhnliche Begabung sehr bald an den ersten Ergebnissen. Anfänglich noch im Team mit Ethnologen, eignete sich der Filmemacher bald ein breites völkerkundliches Wissen an und begann, auf eigene Fau t zu reisen. Zugute kamen ihm dabei seine naturgege­ bene Energie und Zähigkeit. Eine Vielzahl einmalig gebliebener Filme gelang letztlich nur durch die Bereitschaft, sich psychisch und physisch rücksichtslos zu fordern. Her­ mann Schlenker war von seinen Zielen so be­ sessen, daß er selbst Lebensgefahr nie als Angstgefühl empfand. Groß war immer nur die Sorge um das Filmmaterial und die bis zu 1500 Kilogramm schwere Ausrüstung. Bei deren Ausfall oder Verlust wären alle An­ strengungen vergeblich gewesen. Der Wahl-Burgberger belichtete unzähl­ bare Filmmeter in Burma, Laos, Afghani­ stan, Pakistan und Malaysia. Im Grasland von Kamerun dokumentierte er Kunst, Kult und Medizin des Geheimbundes der Tikar. In Mali filmte er die fremdartige Welt der Dogon. In Südamerika lebte er in weit abge­ legenen Dörfern in den venezuelanischen Bergen bei den Makiritare-Indianern und bei den Yanomamo, die an den �ellflüssen des Orinoco das Pfeilgift Curare herstellen. Unter schwierigsten Umständen fand Her­ mann Schlenker Zugang zu den ehemaligen Kopfjägern von Papua-Neuguinea. Für die dokumentarische Aufzeichnung des Mann­ barkeitsrituals teilte er ein halbes Jahr lang die qualvollen Prüfungen der Jünglinge. In Afghanistan begleitete er die Nomaden von Pamir, im Tibet erlebte er die Riten des Lamaismus, tiefe Gläubigkeit und – in einer sehr persönlichen Begegnung-den 14. Dalai Lama. Bergstämme in Nordthailand teilten mit ihm ihre Mahlzeiten aus Reis, Mais, Ameiseneiern und rohem Hundefleisch. Im ehemaligen Ladakh, heute Teil der indischen Himalaya-Provinz Jammu-Kashmir nörd- 224 lieh des Nanga-Parbat-Massivs, war er Gast der Königin. In der Südsee lebte er ein halbes Jahr lang mit den 170 Bewohnern des einsa­ men Atolls Nuguria, an dem nur zweimal im Jahr ein Schiff anlegt, um die Kopra, das getrocknete Fleisch der Kokosnüsse, abzu­ holen. Ohne Schmeichelei darf man es als glück­ liche Auszeichnung betrachten, wenn der sonst eher stille und zurückhaltend-beschei­ dene „Abenteurer“ ins Erzählen gerät. Dabei wird schnell klar, daß er nie die Gefahr um ihrer selbst oder der eigenen Profilierung wil­ len gesucht, sondern für die Arbeit einfach hingenommen hat. Sämtliche Ziele waren zum Zeitpunkt der Reisen von zivilisatori­ schen oder gar touristischen Einflüssen noch weitestgehend unverdorben. Schilderungen der außergewöhnlichen Arbeit können nur einzelne Schlaglichter ein. Der Individualist, dessen Filme von Millionen bestaunt wurden, scheut für die eigene Person jedes Aufsehen in der Öffent­ lichkeit. Mit seiner Frau, die gleichzeitig ein­ fühlsame Mitarbeiterin ist, konzentriert er sich ganz auf die Arbeit. Eine Last ist ihm dabei der existentielle Zwang, auch kommer­ ziell denken oder agieren zu müssen. Die Einbeziehung des unverzichtbaren kauf­ männischen Aspekts wurde jedesmal neu durch die hohen Expeditionskosten im fünf­ stelligen Bereich, die kostspielige Ausrü­ stung und das teure Filmmaterial erzwun­ gen. Obwohl noch ein Filmprojekt in Namibia auf die Fertigstellung wartet, hat Hermann Schlenker jetzt seinem großen Interesse an der heimatlichen Kultur und Geschichte nachgegeben. Auf den langen Reisen rund um den Erdball hat er fur sich die Heimat , als den wichtigsten Platz auf der Welt“ ent­ deckt. Für die Filmprojekte, die in diesem Abschnitt entstehen, legt der 60jährige Film­ produzent erneut den strengen Maßstab der Professionalität an, weil er den selbstgewähl­ ten Prinzipien weniger denn je ausweichen kann: ,,Ich wollte es noch nie leicht haben.“ Rosemarie v. Strombeck

Die Trachtendarstellungen Lucian Reichs Zugleich ein Beitrag zur Dokumentation der Tracht im 19.Jahrhundert Das Lebenswerk von Lucian Reich, dem Maler und Schriftsteller, der 1817 in Hüfin­ gen geboren wurde und 1900 dort starb, steht in engem Zusammenhang mit seiner Hei­ matstadt Hüfingen, mit der Landschaft der Baar und mit den hier lebenden Menschen. Die Themen des Schriftstellers und die Objekte des Malers hatten mit dieser Heimat zu tun. Der von seinem Vater, einem aus bäuer­ licher Familie stammendem Lehrer, geför­ derte Lucian Reich genoß auf Vermittlung seines Onkels mütterlicherseits, des Musi­ kers Johann Nepomuk Schelble, eine Ausbil­ dung am berühmten Städelschen Institut in Frankfurt und verbrachte seine Zeit in Münchner Künstlerkreisen. Seine Verhält­ nisse zwangen Lucian Reich, 1855 die Stelle eines Zeichenlehrers am Lyceum in Rastatt anzunehmen. Er lebte dort, stets von Heim­ weh geplagt, bis zu seiner Pensionierung und kehrte dann nach Hüfingen zurück. Im Vorwort zu seinem bekanntesten Buch, dem „Hieronymus“, faßt Lucian Reich zusammen, was für ihn programmatisch war und was sich auch in seinem übrigen Werk als Leitmotiv findet: ,, Von den alten Sitten und Gebräuchen, wie sie ehemals waren, ist zwar Vie­ les schon abgekommen und erloschen, doch lebt noch ein Theil davon so charakteristisch im Volke fort, daß es wohl verdient, abgebildet und beschrie­ ben zu werden (. .. ). Wenn ich von all Diesem so Manches noch sah und hörte und mit dem herein­ brechenden modernen Leben verglich, so entstand in mir immer der Wunsch, das Gesehene und Gehörte, als Dauer im Wechsel nach besten Kräf­ ten in Wort und Bild darzustellen und aufzube­ wahren.“ 1> Mathias und Anastasia Reich, Großeltern des Künstlers, o.j. 225

einer – scheinbar – besseren Vergangenheit sucht und sie in Gegenwart und Zukunft hin­ überzuretten versuchte. Was er gefährdet, vom „Aussterben bedroht“, glaubte, hielt er, als Schriftsteller wie als Maler und Zeichner gleichermaßen begabt, in Wort und Bild fest. Was er für „alt hergebracht“ hielt, seien es Sit­ ten und Bräuche, Gebäude (von der zerfalle­ nen Hütte im Wald bis zur monumentalen Kirche) oder eben Trachten, dokumentierte er mit seinen – künstlerischen – Mitteln. „ Und nebenbei zeichnete und malte ich viel nach der Natur, sowohl in der Ortsumgebung als auch über Wald und zwar, wie es manchen – namentlich aber dem typischen Baarkind „ Wäl­ deroitlehans“ – vorkommen wollte, ziel- und zwecklos. Als ich mich eines Tages in Hausenvor­ wald mit Malkasten und Feldstuhl vor ein bau­ fälliges Häuslein hinpostiert hatte, kam er- in der Nähe mit Wiesenwässerung beschäfügt – wun­ de,jitzig herbei; und nachdem er mir eine Weile schweigend zugeschaut, entfernte er sich mit dem geringschätzigen Brummen: ,, Wenn i en Moler wär, wo/ i ou e g’hörig Gibäu abmale, und ko so lumpige Spelunke!“3> Der Tatsache, daß Lucian Reich einen Blick für solche „Spelunken“ hatte, und sich vom Spott mancher Zeitgeno sen, die Altes nicht (mehr) schätzten, nicht beirren lassen hat, verdankt beispielsweise Bräunlingen die einzige authentische Darstellung des Kirch­ tores, das in den 1850er Jahren abgerissen worden ist. Unter Lucian Reichs Skizzen überwiegen diejenigen, auf denen Trachten dargestellt werden und auch die T hemen seines schrift­ stellerischen Werkes umkreisen immer wie­ der das Thema „Tracht“. Dabei ging es dem Künstler erst in zweiter Linie um die Tracht als solches. Vielmehr stand „Tracht“ für Lucian Reich und viele seiner Zeitgenossen für eine ganz bestimmte Lebenshaltung. Als er den Fürsten von Fürstenberg um einen Zuschuß zur Finanzierung der Druckkosten für den „Hieronymus“ bittet, drückt Karl Egon IV. es so aus: ,,In unserer nivellierenden alles zersetzenden Zeit (. .. ) wäre es doppelt ver­ dienstlich, dem Volke das , Gute und Schöne: was Bauernmädchen aus Hüfingen, 1835 Beschäftigt man sich mit dem umfang­ reichen Werk Lucian Reichs als Maler oder Schriftsteller, fällt ins Auge, daß der größte Teil seines Schaffens das Phänomen „Tracht“ auf irgendeine Weise zum T hema hat. Bereits die Großmutter väterlicherseits war ,, … eine geschickte Näherin, die nicht nur ge­ wöhnliche Schneiderarbeit, auch zur ßtmern­ tracht gehörige Stickereien ( . .. ) zu fert[8en ver­ stand . .. „2> Das von Luzian Reich d. A. ange­ fertigte Portrait seiner Mutter zeigt, daß sie selbst auch Tracht trug – im Gegensatz zu ihrem Sohn und dessen Frau Maria Josefa geborene Schelble. Lucian Reich d.J., der sonst solche Details mit Akribie vermerkt, erwähnt niemals, daß ein Mitglied der Fami­ lie (außer der besagten Großmutter aus Dürr­ heim) bäuerliche Tracht getragen hätte – auch der Künstler gehörte als Lehrersohn selb t nicht zu den Trachtenträgern. Im Gegensatz zu seinem Vater war Lucian Reich jedoch ein typischer Romantiker, der mit liebevollem Blick fürs Detail Spuren 226

es noch besitze und eigen nenne, wirksam vor Augen zu stellen, wozu auch die alten Landes­ mehr verschwinden, so wird auch von altem Her­ kommen, Sitten und Bräuchen, bald nicht viel trachten zu rechnen seien. „4> Bereits als sehr junger Mann, in den späten 1830er Jahren, richtet Lucian Reich sein besonderes Augenmerk auf die Tracht und die Lebensgewohnheiten ihrer Träger: „ Gleich wie auch die Landestrachten mehr und mehr übrig sein. „5> Er dokumentierte durch seine Ölskizzen Trachten und Trachtenträger der westlichen Baar in einmaliger, authentischer Weise. Die überwiegende Zahl dieser äußerst lebendi­ gen Skizzen verkaufte Lucian Reich selbst in seinen letzten, finanziell äußerst kargen Lebensjahren ans Badische Landesmuseum, wo sie bis heute aufbewahrt werden. Lucian Reich „erwanderte“ sich seine Erfahrungen mit Land und Leuten. Er wan­ derte in seiner Jugend, um so auf Objekte sei­ nes künstlerischen Interesses zu stoßen, und er wanderte in späteren Jahren aus Sparsam­ keit auch über längere Strecken (von Karls­ ruhe und Rastatt) nach Hause. Von seinen Eindrücken und seinen Skizzen ließ er sich inspirieren -die realen Begegnungen mit Personen -,, Typen“ -und Szenen aus sei­ nem Leben spiegeln sich in den Erzählungen des „Hieronymus“ und den „Wanderblü­ then“ wieder. Trachten träger charakterisierte Lucian Reich als einen bestimmten „Typ“ Mensch, und mit dieser charakterlichen Ein­ schätzung stand er nicht allein. Sowohl am fürstlichen Hof in Donaueschingen als auch von Seiten der Landesregierung in Karlsruhe wurden Trachten zur Unterstützung des politischen Kurses gerne gesehen und gele­ gentlich sogar bewußt als Mittel zur Errei­ chung politischer Ziele eingesetzt. In seinem unveröffentlichten Manuskript zu dem Theaterstück „Der Gevatter Kanten­ wirth“, das im Jahre 1703 spielt, läßt Lucian Reich den Markgrafen von Baden sagen: „Mit der ausländischen Tracht tauschen wir auch ausländische Sitten ein. Und mit der Überschät­ zung des Fremden verliert sich die Lust und Lieb‘ Stroh.flechtendes Mädchen bei Hammereisen­ bach, 1847 am Eigenen und Heimischen. Darum lob ich mir unsere Frau Kantenwirthin, die ihren höchsten Wert und Stolz in der althergebrachten Tracht unseres eigenen Landes sieht: „6> Den schein­ baren Gegensatz zur scheinbar zeitlosen Tracht bietet die Mode; im „Kantenwirth“ entspinnt sich folgender Dialog: „Kantenwirth: Meine Frau geht immer noch in ihrer alten Landestracht, wie Euer Gnaden sehen; sie hat sich immer noch nicht zur Kleidung nach der Mode bequemen können. Markgraf Selbstgesponnen, selbstgemacht, ist die schönste Landestracht. Vasold: Leider kommt sie mehr und mehr in Abgang. Denn die neumodische Sucht hat sich bereits auch schon unter’m Landvolk ausgebreitet. Und wahr ist’s, was unser Landsmann Philander von Sittewald sagt: a la Mode bringt uns noch unter fremd‘ Reich und Joch. „7> Bezeichnenderweise existiert zu Beginn des 18. Jahrhunderts, wo Lucian Reich sein 227

Krämennichels und der Sternenwirthssohn: die waren nach anderthalbjähriger Abwesenheit wie­ der in ’s Doif zurückgekommen, trugen städtische Kleider und konnten etwas französisch. Diese ,Modebuben: wie sie von den Bauern genannt werden, fanden natürlich das Heimathieben gar nicht mehr nach ihrem Sinn. „9> Modische Damen aus der Stadt spielen in der Erzählung „Die Familie des Einungsmei­ sters“ aus den „Wanderblüthen“ eine kontra­ stierende Statistenrolle, so daß das Trachten­ mädchen neben ihnen um so makelloser strahlt. „Ob die Mutter zu Hause? fragt die adelige Dame grüßend mit herablassender Bewegung des Fächers, und steigt, als jener bejaht, gestützt auf den Arm des jungen Mannes, aus dem Wagen, ebenso das hochgethiirmte Puderköpfchen mit der Wespentaille, und zuletzt – das schöne Kind vom lande, welches in seiner gefälteten jüppe, dem dunkeln Goller und schwarz seidenen Plunder­ käpplein einen auffallenden Kontrast bildet gegen die modischen Damen der Stadt. „10> Auch im „Hieronymus“ findet Lucian Reich Gelegenheit, diesen Kontrast zu schaf­ fen und gleichzeitig zu betonen, daß Mäd­ chen vom Lande modische Kleidung weni­ ger vorteilhaft kleidet als die Tracht: Johanna, die Köhlerstochter aus dem Bregtal ,, … hatte ihren Sonntagsstaat angethan; die weißen, fein gefältelten Hemdärmel, der rothsammt’ne Latz mit der gold’nen Nestei, der dunkelgrüne Koller, der gelbe Strohhut und die gewaltigen hellbraunen Zöpfe darunter, alles war geeignet, die blühende Gestalt des schönen Mädchens zu erhöhen und herauszuheben. „11> Später tauschte Johanna die Kleider mit der städtisch (gleich mo­ disch) gekleideten Frau des Obervogts, doch ihr vornehmer Verlobter aus dem Elsaß ,, … versicherte aber gleich: daß seinem Mädchen die Landestracht doch tausend Mal besser stünde, und er werde nie zugeben, daß sie solche ablegte, wenn sie die Seinige geworden … „12> Vom optischen Eindruck her gibt es für Lucian Reich zwischen den Trachtenträgem keine sozialen Unterschiede, ganz allgemein beschreibt er „den Bauern“ der Baar im lan­ gen blauen TuchrockY> Der reiche Bräuti- Zopfflechterin aus [fohren, 1847 Drama angesiedelt hat, noch keine „alte Lan­ destracht“. ,,Die löbliche Sitte der Landleute, sich in selbst­ gefertigte Leinwand zu kleiden, hatte damals den ausgedehnten Anbau des Hanfes und Flachses zur Nothwendigkeit gemacht, und die Zuberei­ tung dieser beiden Erzeugnisse, bevor sie in die Hände des Webers kamen, war fast ausschließlich Geschäft der Hauifrau. „3> Dies entspricht dem gleichen idealisierenden Denken und trifft die Tatsachen ebensowenig. Das wenigste an der Tracht war selbst gesponnen und selbst gemacht: Moirebänder, Seide, Samtstoffe und Brokateinsätze waren Industrieware, ebenso die Wollstoffe und Mischgewebe und der Strohhut. Aus Leinen waren allen­ falls Bluse und Frauenrock. „Modebuben“ sind auch die Widersacher des „Armen Konrad“ in der gleichnamigen Erzählung aus den „Wanderblüthen“: ,,Um diese Zeit waren namentlich Zwei� der Sohn des 228

gam Peter kommt ,, … im stattlichen blauen Rock … „um seine Braut abzuholen14>; aber auch Hieronymus besitzt einen ,, … blau­ tuchenen Sonntagsrock“15>. Johanna, die Köh­ lerstochter aus dem Bregtal, trägt eine ebenso prächtige Tracht wie Mariann, die Tochter des reichen Vogts aus der Baar.16> Offenbar war sich Lucian Reich darüber im klaren, daß manche seiner Beschreibun­ gen und Illustrationen als zu idyllisch kriti­ siert werden könnten, und er kommt dem zuvor: ,,Da sagt Euer Bildchen die Wahrheit nicht. Die hübsche Tracht der Frau weißt nichts von Armuth, und das Zimmer sieht ja so blank­ gescheuert und wohlhabend aus. Bei diesem Ein­ wu,fist Lucian etwas betroffen geworden. Er zün­ det sein Pfeijlein wieder an, raucht einige nach­ denkliche Züge und erwidert dann: Reinlichkeit ist zwar auch Reichthum, gilt aber doch nichts im lfandbuche, und ein Sonntagskleid hat jedes ordentliche Mädchen schon von Haus‘ aus. Wenn sogar etwas Silber am Mieder glänzt, so kann deßwegen doch Schmalhans Küchenmeister seyn. „17> Auch die oben beschriebene Köh­ lerstochter schmückt sich sonntags mit ihrer prächtigen Tracht. In Wirklichkeit war die Tracht, auch sonntags, selten – und Lucian Reich war sich dessen bewußt.Ja gerade weil ihm, wie gesagt, der drohende Verlust der Tracht vor Augen stand, wurde er nicht müde, sie zu beschreiben, darzustellen und ihre Träger ins positivste Licht zu stellen, denn: ,,Auch der Bauer hält nicht mehr so zäh am Alten fest. Nur die Bäurin schritt sonntags noch im vollen Staat mit weißlackiertem Stroh­ hut, gesticktem Golfer, ,Fürstecker‘ und silbernem Gürtel zur Kirche, während vielleicht das Töchter­ lein den Tag kaum erwarten konnte, wo es sich die leichtere Modekleidung aneignen durfte. Den umgekehrten Fall die Verwandlung eines ,Rock­ meidli‘ in ein Jüppemeidli: habe ich nur einmal dahier beobachtet. „18> Lucian Reich sieht aber auch den Alltag und gewinnt dem, sowohl als Maler als auch als Schriftsteller, Poesie ab. Hirtenkinder, Strohflechterinnen, wassertragende Mägde, Bauern und Bäuerinnen bei der Feldarbeit, beim Mahl und im Wirtshaus und vieles mehr. Stets spielt dabei die Tracht eine Rolle, manchmal als Requisit, manchmal als Hauptdarsteller. ,,Als irrender Ritter wendete ich mich an ein Hirtenmädchen, welches mit sei­ nem Strohgeflechte in der Hand am Wege saß, und die in dem niedem Gehölze zerstreut grasen­ den Kühe hütete. „19> Lucian Reich dokumen­ tiert in seiner fragmentarischen Autobiogra­ phie einerseits die Bedeutung der Strohflech­ terei als Heimarbeit (im Verlagssystem) und andererseits die Beliebtheit des Strohhutes auch auf der Baar. Die zahlreichen Nach­ kommen eines fürsten bergischen Jägers bes­ sern das Haushaltsbudget auf: ,,Aber die guten Kinder wußten sich zu helfen. Sie bezogen vom Wald her Strohgeflechte zmd ve,fertigten als geschickte Näherinnen Hüte zum Verkauf, die sie dem Brauch gemäß schwefelten, d. h. grundierten, Alt Baar’scher Bauer, 1850 229

wie solche von den Bäuerinnen der Baar allge­ mein getragen wurden. „20> Am häufigsten schildert Lucian Reich die farbenprächtige Festtag tracht. Dabei hat er auch Gelegenheit, die Bräuche im Lebens­ und Jahreslauf zu erwähnen. Sein „Hierony­ mus“ beginnt mit der Schilderung der Tracht der Paten und der Hebamme bei der Taufe der Florentina. ,,Beide, versteht sich von selbst, glänzten in ihrem ehrbarsten festtäglichen Staate; er mit dem breiten Hut und der hinten überhän­ genden ,Hutbinde: dem blauen, weiß abgenähten Tuchrock, worunter das rothe , Wollehemd‘ an der Brust über dem scharlachrothen Leibte und dem grünen Hosenträger, wie vornen an den Handge­ lenken, noch ein wenig hervorschaute und mit dem Ueberrock die gelbledernen Beinkleider um ein gutes Theil bedeckte; sie in der gefältelten Jiippe‘ mit roth und grüner ,B’lege‘ und den eng­ anliegenden schwarztuchenen ,A ermeln: welche knapp genug waren, um noch einen Theil des reich eingebändelten ,Latzes‘ sehen zu lassen, während das rothe den Hals umschlief!ende ,Koller‘ von dem flatternden seidenen Mailänder Halstuch halb und halb bedeckt war. Das junge, noch hübsche Weib hatte den gelben Strohhut auf, während die alte Barbara, die nachfolgende Hebamme, noch die alterthümliche ,Pelzkappe‘ trug. „21> Mehrmals auch ergreift Lucian Reich die Gelegenheit, Bräute zu schildern: sei es im Schwarzwald oder auf der Baar, ihr wichtig­ stes Kennzeichen ist die Schappel, die ,,Krone der Jungfräulichkeit“. Ein „Schäp­ pele“ tragen auch die Brautjungfern und die Schwestern der Braut.22> Zur Hochzeit gehör­ ten ferner, so berichtet Lucian Reich, als ,,Kränzlejungfern“ die weibliche Schulju­ gend des Kirchspiels. Dies waren manchmal 50 bis 60 Mädchen verschiedenen Alters,, … vom seidenen Putz der Reichen, bis herab zum barfüßigen Hirtenkind im grünen Röcklein und gelhem Strohhut … „23> Nach der Trauung be­ kommen diese Kinder von den Gespielinnen der Braut und im Namen der Braut,, … ein Stiick farbigen Zeugs … „2•> Geringe Variationen machen die festliche Tracht zum Trauergewand: eine junge Pilge- 230 Reiter in Baaremer Tracht, o.}. rin ist auf dem Weg zur Witterschneekapelle bei Löffingen: ,,Der gelbe Strohhut sowie die übrige Tracht zeigten eine Landeseingeborene, während das schwarzseidene Halstuch und die gleiche Farbe der anderen Kleidungsstücke die Leidtragende verriethen. „25> An manchen Feiertagen, vor allem im Zusammenhang mit Prozessionen, wurde der Tracht besondere Geltung verliehen. Lucian Reich beschreibt solche Szenen anschaulich und hebt, die Tracht betreffend, folgende Bräuche besonders hervor: beim Öschritt, der Flurprozession der Männer, ,, … trugen die Verheuratheten den blauen Tuch­ rock, die ledigen jungen Männer das rothe Wol­ lenhemd, während den Buben nur der weiße Zwillchkittel zustand. „26> Ein Höhepunkt war für Hüfingen das sommerliche Jakobifest. ,,Nach der Predigt erfolgte ein feierlicher Umgang durch die Stadt, wobei sechs schmucke Jungfrauen in Schappel­ tracht das blumengeschmückte Mullergottesbild trugen. „27>

Auch Teilnehmerinnen aus den umlie­ genden Ortschaften trugen ihre Festtags­ tracht wie die Mariann in einer Erzählung aus den „Wanderblüthen“. Im Wagen reist sie zum Fest in die Stadt ,, … im dunkelgrünen Sammtschoopen ( .. ) einen frischen Resedastrauß am Busen zwischen dem roten Latz und Golfer, unter dem weißen Hut ein paar sonntäglich geflochtene gewaltige hellbraune Zöpfe … „28> Die „bürgerliche Tracht“, welche die Base des Hieronymus, die keine Bäuerin war, zum Pfingstgottesdienst trug, ist unter den Schil­ derungen Lucian Reichs eine Ausnahme; seine Aufmerksamkeit galt der „bäuerlichen Tracht“, die, schenkt man Lucian Reich Glauben, in Hüfingen öfter zu finden war als die folgende: ,,Sie zog diesmal denn es geschah nur bei ganz absonderlichen Gelegenheiten, ihr seidenes, großgeblümtes Hochzeitskleid an, ein Geschenk der verstorbenen Fürstin, gegen welche sie stets ein warmes Dankgefühl bewahrte. Den Kopfputz bildete die zierliche goldene Haube, mit dem mit Perlen und Flitter gestickten Boden. Einen weiteren Schmuck bildete das grünlich schillernde Mieder mit langer Taille, wie es die Tracht der Bürgersfrauen mit sich brachte. „29> Vorbild für die „Base“ in der Erzählung „Hie­ ronymus“ war vermutlich Lucian Reichs Großmutter, die Frau des Korrektionshaus­ verwalters in Hüfingen. Sie und ihre Tochter, Lucian Reichs Mutter, trugen „bürgerliche Tracht“, Vater Luzian Reich portraitierte sie ,, … in ihrer bürgerlichen Festtracht mit der Gold­ haube und dem blauseidenem Sehaal en minia­ tur … „30> Für die Dokumentation der Tracht im 19. Jahrhundert, für die Rekonstruktion der Rolle, die sie im gesellschaftlichen Leben ge­ spielt hat und für die Bedeutung, die sie für Lucian Reich und viele seiner Zeitgenossen hatte, ist das Werk Lucian Reichs eine einzig­ artige Quelle, nicht zuletzt auch deshalb, weil sich bei ihm schriftliches und bildliches Material ergänzen und so auch seine Beweg­ gründe und Ansichten nachvollziehbar wer­ den. Lucian Reich, der ein Vertreter der Romantik war, verband mit seinen Schriften stets eine pädagogische Absicht; die Protago- nisten einer Erzählung statuierten ein Exem­ pel und waren für den Leser Vorbild: Bescheidenheit, Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, Loyalität gegenüber dem Landesfürsten, Frömmigkeit, Heimatliebe, Fleiß und Sau­ berkeit waren die für die Gegenwart und Zukunft notwendigen Eigenschaften, die auch Lucian Reich repräsentierte. Bezeich­ nenderweise glaubte er, diese Charakterei­ genschaften bei Trachtenträgern gefunden zu haben. So wie er die vermeintlich sehr alte Tracht in ihrem Bestand gefährdet sah, so glaubte er auch, die seiner Meinung nach damit verbundene Moral ihrer Träger würde in der „modernen Zeit“ verloren gehen – und würde die Tracht erhalten, so bliebe es auch bei der alten Geisteshaltung. Susanne Huber-Wintermantel M. A. sowie Hieronymus, S. 108 gen, Manuskript Stadtarchiv Rastatt, S. 31 Autobiographie, Stadtarchiv Villingen, S. 33 Literatur: 11 Reich, L.: Hieronymus, Vorwort 21 Reich, L.: Blätter aus meinem Denkbuch, S. 80 31 Reich, L.: Autobiographisches, unveröffentlichte 41 Reich, L.: Blätter aus meinem Denkbuch, S. 131 51 Reich, L.: Blätter aus meinem Denkbuch, S. 118 61 Reich, L.: Der Gevatter Kantenwirth von Grötzin- 71 Reich, L.: Der Gevatter Kantenwirth, a. a. 0., S. 30 f. BI Reich, L.: Hieronymus, S. 110 91 Reich, L.: Wanderblüthen, S. 204 f. 101 Reich, L.: Wanderblüthen, S. 83 111 Reich, L.: Hieronymus, S. 44 121 Reich, L.: Hieronymus, S. 47 f. 131 vgl. Reich, L.: Blätter aus meinem Denkbuch, S.115, 141 Reich, L.: Hieronymus, S. 138 1s1 Reich, L.: Hieronymus, S. 116 161 Reich, L.: Hieronymus, S. 44; Wanderblüthen, 111 Reich, L.: Wanderblüthen, S. 190 1a1 Reich, L.: Blätter aus meinem Denkbuch, S. 115 f. 191 Reich, L.: Wanderblüthen, S. 99 201 Reich, L.: Autobiographisches, a. a. 0., S. 15 211 Reich, L.: Hieronymus, S. 1 221 Reich, L.: Hieronymus, S. 138 f., Wanderblüthen, 231 Reich, L.: Wanderblüthen, S. 99 f. 241 Reich, L.: Wanderblüthen, S. 99 251 Reich, L.: Wanderblüthen, S. 170 261 Reich, L.: Hieronymus, S. 108 211 Reich, L.: Wanderblüthen, S. 225 2a1 Reich, L.: Wanderblüthen, S. 223 291 Reich, L.: Hieronymus, S. 31 301 Reich, L.: Autobiographisches, a. a. 0., S. 8. s. 223 s. 137 231

Göttebriefe Geschrieben und gemalt für das Leben und das Leben danach „Göttebrief“ ist im Kirchspiel St. Georgen der Dialektausdruck für den Patenbrief. Die­ ser bezeichnet – den vom Paten anläßlich der Taufe an den Täufling gerichteten Taufbrief und den anläßlich der Konfirmation von Pa­ tenkindern an Paten gerichteten Konfir­ mationsbrie( Der Patenbrief-Brauch war im 18. und 19. Jahrhundert allgemein weitverbreitet. Erste handgemalte Patenbriefe kommen aber schon seit dem 17.Jahrhundert vor. Für den schlichten Verbraucher gibt es seit dem 18.Jahrhundert bereits vorgedruckte, kolo­ rierte, faltbare „Taufzettel“, meist mit der Darstellung des kirchlichen Aktes im größe­ ren Mittelfeld umgeben von Glückssymbo­ len und verzierten Segenswünschen. Wie alle Gedenk- und Gelegenheitsgraphik erleb­ ten diese Erzeugnisse in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts eine besondere Blüte. Begriffe wie: Paten-, Dotten-, Gevatter- oder Göttebriefe sind uns dafür bekannt. Unser Thema wird anhand der das Kirch­ spiel St. Georgen und das Dorf Buchenberg betreffenden Belege behandelt. Das sind Orte, welche bis 1810 unter der Verwaltung des ehemaligen Württembergischen Kloster­ amtes St. Georgen, beziehungsweise unter der des Württembergischen Oberamtes Hornberg gestanden haben und folglich evangelisch gewe en sind. Dabei zeigt sich, daß wir für den zu unter­ suchenden Raum anhand des bis jetzt zur Verfügung stehenden Materials andere Datierungen als die oben allgemein festge­ stellten anzunehmen haben. Im Kirchspiel St. Georgen ist der Patenbrief-Brauch für da 18.Jahrhundert vorerst nur einmal, nämlich für das Jahr 1788 nachzuweisen. Handge­ malte Göttebriefe kommen erst nach 1800 vor, und die vorgedruckten, kolorierten seit dem 18.Jahrhundert gebräuchlichen Tauf­ zettel sind hier erst um die Mitte des vergan- 232 genenJahrhunderts zu finden. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden sämtliche handgemalten Göttebriefe von den heimischen Uhren­ schildmalern hergestellt. Darüber hinaus zeigt sich, daß die gedruckte Gelegenheits­ graphik hier weniger beliebt gewesen ist als der gemalte Göttebrief, den die Uhren child­ maler trotz der billig angebotenen Taufzettel überwiegend bis zum Ausklang des Paten­ brief-Brauchs mit großer Sorgfalt angefertigt haben. Generell stellen wir fest: Im Gebiet unse­ rer Untersuchung tragen die gemalten Götte­ briefe ausnahmslos die typischen Merkmale der Uhrenschildmalerei. Sie sind nicht Pro­ dukte herumziehender Briefmaler, sondern unverkennbar Erzeugnisse ortsansässiger Handwerker. Göttebriefe sind Begleiter im christlichen Leben. Sie markieren den Anfang und sind geschrieben und gemalt für das Leben und das Leben danach. Diese Dreiteilung ist nicht zufällig, sondern ein wesentlicher Bestandteil des Taufbriefs. Sie wird durch die Zahl der Vollkommenheit mit Anfang, Mitte und Ende zum Ausdruck gebracht. Drei ist die Gotteszahl schlechthin, die im Dogma der Dreieinigkeit ihre Beständigkeit findet. Der Taufbrief, auch Taufzettel genannt, nimmt unter den Göttebriefen die erste Stelle ein. Seine Entstehung ist noch nicht vollständig geklärt, doch mag im Elsaß der Ursprung des Patenbrief-Brauches zu suchen sein. Jedenfalls stammt aus Zabern der bislang älteste Patenbrief, datiert 1593. Das Heimatmuseum Schwenningen besitzt einen elsässischen Patenbrief aus dem Jahr 1780. Im Jahr 1788 verfaßte Friderike Schmoller in St. Georgen einen Taufbrief, den wir al den bislang frühesten für den Untersu­ chungsraum feststellen konnten. Die ,,Schmollerin“ gehörte einer hochfürstlich­ württembergischen Beamtenfamilie an, die

im 18.Jahrhundert die höchsten Positionen im Kloster-Oberamt St. Georgen (Oberam­ tei und Klosteramtschreiberei) begleitet hat. Durch den Zuzug der Beamten, die der Her­ zog von Württemberg zur Verwaltung der eingezogenen Güter des vertriebenen Bene­ diktinerkonvents hier eingesetzt hat, mögen auch fremde Sitten, vielleicht auch der Patenbrief-Brauch, in den Marktflecken ge­ kommen sein. Fremd an diesem sogenann­ ten „Dottenbrief“ ist jedenfalls die Patenbe­ zeichnung in der Unterschrift „Deiner redli­ chen Dotten Friderike Schmollerin“. Dieses bestätigt ein zeitgenössischer Chronist, der berichtet: ,,Es werde die ,Gevatterin (die Dotte) in der National-Sprache Göttlinn‘ und die ,Dötten hier Götte genannt‘.“ Aller­ dings bedienten sich die einheimischen Gevattersleute des 19.Jahrhunderts keines­ wegs dieser ihrer landesüblichen Patenbe­ zeichnungen, sondern sie schrieben die ihrer Eigenschaft entsprechenden hochdeutschen Begriffe: Taufzeuge, seltener Taufpate. Dotte bleibt hier die Ausnahme, sie erscheint nur noch einmal, 1852 auf einem Taufbrief (vermutlich aus Buchenberg) und im Jahr 1820 wird in einem Taufbrief vom Bruderhaus St. Georgen der Täufling mit „Liebes Tödtlein“ angesprochen. Dagegen finden sich in den Konfirmationsbriefen derselben Zeit die respektvollen Anreden Taufpate – hier jedoch im umgekehrten Verhältnis, weniger Taufzeuge – seltener. Die Patenkinder gaben den in der Landes­ sprache gebräuchlichen, herzlicheren Be­ zeichnungen Götte und Gottle den Vorzug. Der schmucklose Taufbrief vom Jahr 1788 bezieht seine dennoch dekorative Ausstrah­ lung durch die gefällige Gliederung des aus fünf Reimen zu sechs Zeilen bestehenden Textes und von der Verwendung roter und schwarzer Tinte. Doch nicht weniger als das Schriftbild, trägt auch die Handschrift selber wesentlich zum gefälligen Gesamtbild bei. Hier ist die Hand eines Kalligraphen (Schön­ schreiber) tätig gewesen, weswegen wir annehmen können, daß der Taufbrief in der Klosteramtschreiberei geschrieben wurde. Die Aufgabe, Göttebriefe zu schreiben, über­ trugen die Paten auch später noch in den meisten Fällen einer schreibgeübteren Hand, zum Beispiel dem Ratschreiber, dem Acciser oder auch dem Schulmeister, welcher mit­ unter nicht nur schön schreiben konn­ te, sondern leidlich zu reimen verstanden hat. Der Taufbrief ist der von Taufzeugen beziehungsweise von Taufpaten an den Täufling gerichtete Brief. Er ist seit dem letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts als Dokument nicht mehr gebräuchlich und es gibt nur noch wenige Exemplare davon. In der Regel hat wohl ein Taufzeuge den Götte­ brief malen lassen. Doch kennen wir auch ein Paar, Gottle und Götte, aus (Ober-)Kir­ nach, welches 1856 gemeinsam auf einem Taufbrief in Erscheinung tritt. Und im Jahr 1847 verfaßten sowohl der „Taufzeuge“ als auch die „Taufpatin“ ihrem gemeinsamen Täufling Christian Weisser auf der Som­ merau jeweils einen eigenen Göttebrief Gemäß seiner Bedeutung bedachten den Taufbrief bald nach dem Aufkommen der Uhrenmacherei im Kirchspiel St. Georgen die Uhrenschildmaler mit der ganzen Fülle ihrer handwerklichen Kunst. Besonders aktiv scheinen sich auch die Schildmaler in Buchenberg mit der Briefmalerei befaßt zu haben. Man übertrug nicht nur das Blumen­ dekor der Uhrenschilder auf die Göttebriefe, sondern man arbeitete auch mit denselben Maimitteln und malte die Auszier der Briefe in der gebräuchlichen Schildmaler-Manier. Dabei wurde der Rose dieselbe zentrale Stel­ lung wie auf dem Uhrenschild eingeräumt. Dieser dominierenden Blume stehen Nel­ ke und Tulpe zur Seite und seinem Namen entsprechend spielte das „Vergißmeinnicht“ auf den Göttebriefen eine bedeutungsvolle Rolle. Ganz allgemein bildeten Blüten­ kränze und meist aufwendig gestaltete Her­ zen die Umrahmungen für den Text. Eine Besonderheit stellen die häufig vorkommen­ den kleinen Herzen dar, welche mit der Zahl 3 belegt sind. Als Symbol der Dreifaltigkeit, auch Dreieinigkeit (lat. Trinität), versinn- 235

bildlicht die heilige Zahl, das Grundgeheim­ nis von der einen Natur und den drei Perso­ nen – Vater, Sohn und Heiliger Geist. Dem Vater wird die Schöpfung, dem Sohn die Erlösung, dem Heiligen Geist die Heiligung zugeordnet. In den älteren, unbemalten Göttebriefen kommt die Trinität im Text zum Ausdruck. Ein Taufbrief aus Langen­ schiltach von 1805 macht das besonders an­ schaulich: ,,Gott der Vater der dich erschaf- fen … Gott der Sohn der dich erlöst … Gott der Heilige Geist der dich geheiligt hat … „In den meisten Fällen aber finden wir das Drei­ faltigkeitssymbol in Form der heiligen Zahl auf flammende Herzen gemalt. Nun ist aber das flammende Herz auf den evangeli chen Taufbriefen ein eigenständiges und rein katholisches Symbol für das „Herz-Jesu“, welches in der katholischen Kirche Gegen­ stand inniger Verehrung ist. Es gilt als Zei­ chen der Göttlichen Liebe und wird be on­ ders am Herz-Jesu-Fest und durch Herz-:Jesu­ Andachten verherrlicht. Wir finden das Herz-Jesu-Symbol zu Beginn des 19.Jahr­ hunderts erstmals auf unseren Göttebriefen belegt und ununterbrochen bis zum Ende des Göttebrief-Brauchs verwendet. Zunächst erscheint es noch selbständig, doch bald schon belegen e die Schildmaler mit dem Zeichen der Dreifaltigkeit. Auch wenn sie ausdrücklich das Anden­ ken an die Taufe bewahren sollten, sind Tauf­ briefe keinesfalls als Wandschmuck gedacht gewesen, obgleich ihre farbenfrohe Auszier solche Vermutung durchaus nahe legt. Son­ dern wegen ihres urkundlichen Charakters waren die Briefe zu gewissenhafter Aufbe­ wahrung bestimmt worden. Bemerkenswert ist auch die Nachricht, wonach man verstorbenen Kindern, gele­ gentlich aber auch Erwachsenen, den Götte­ brief – das Taufdokument – in den Sarg gelegt hat; ,,geschrieben und gemalt für das Leben und da Leben danach“! Dieter Klepper Que l l e : Dieter Klepper: Göttebriefe geschrieben und gemalt für das Leben und das Leben danach; Bräuche um Geburt, Taufe und Konfirmation. bundeni hoor Der Herbst bundeni hoor sin bundeni chraft liis glösti spange un d’huut spannt begehrlich im wind bundeni händ sin bundeni stärki losgsprengti chette un frei sin d’gedanke im sturm bundeni sprooch isch bundeni gwalt usgspuckti wörter mit klinge un spiegle im blitz 236 Johannes Kaiser Der Herbst, mit seinen bunten Farben, geht wie ein Maler übers Land, um Feld und Wald und Wiesen anzuhauchen mit seinem Pinsel und mit seiner Hand. Er tönt die Büsche, und er färbt die Wiesen. Der Wald gleicht einem bunten Strauß. Das muntre Bächlein, aber läßt er fließen, da ging ihm sicher auch die Farbe au . Da sieh nur her, wie alles er befeuchtet, wie er schraffiert in gelb und rot und braun. Es ist, als ob nun alles golden leuchtet, kein Blatt, das er vergaß am Baum. Es ist ein Lied mit tausend Klängen. Der Herbstwind spielt zum Reigen auf. Bis dann die Blätter, fallend drängen den Maler, in die Welt hinaus. Margot Opp

Sagen der Heimat Burg Zindelstein Kommt man von Donaueschingen über Wolterdingen fahrend in das Bregtal, so fahrt man in eine Landschaft, die schon deutlich vom Schwarzwald geprägt ist und von Rei­ senden als eines der schönsten Eingangstäler dieses urtümlichen Gebirges bezeichnet wird. Beim Gasthaus „Schwarzer Bube“ be­ ginnt der kurze, steile Aufstieg zur Burgruine Zindelstein. Sie steht auf einem nach Süd­ westen abfallenden Bergkegel und ist vom Bregtal aus nicht einfach einzusehen. Die Burg ist schon sehr alt und wurde ver­ mutlich von einem der Herzöge von Zährin­ gen erbaut. Zum ersten Mal wurde sie 1225 urkundlich erwähnt, als sie nach der Erbtei­ lung des Zähringer Besitzes in die Hände der Fürsten zu Fürstenberg kam. Im Bauernkrieg wurde sie vom „Klettgauer Haufen“ unter Hans Müller aus Bulgenbach ebenso wie die nahegelegene Burg Neu-Fürstenberg nieder­ gebrannt. Der Name der einstigen Burg soll auf den alten Namen „Sindolt“ zurückzuführen sein, doch die Sage weiß es anders: Als der Ritter der Burg in seinen jungen Jahren von einem Kreuzzug in das Heilige Land zurückkam, brachte er seiner Braut einen großen Karfunkelstein als Kriegsbeute mit. Der, auf die Burgmauer gelegt, funkelte und „zündelte“ nachts weithin. Als der Kaiser seinen treuen Waffenge­ fährten erneut zu den Fahnen rief, um die heidnischen Sarazenen aus der Heiligen Stadt Jerusalem zu vertreiben, ging der fromme Rittersmann pflichtgetreu den wei­ ten Weg, wohlwissend, daß schwere Müh­ sale ihn erwarteten. Seine Gattin gelobte ihm ewige Treue, und zum Zeichen dafür wollte sie allabendlich den Karfunkel auf die Burg­ mauer legen, damit er ihrem Gemahl den Weg zurück in die Heimat weise. Doch Jahre zogen in das Land, ohne daß Nachricht vom fernen Kriegsgeschehen in den Schwarzwald drangen. Der Burgverwal­ ter fühlte sich schon als Herr der Burg, und je geringer die Hoffnungen auf eine Rückkehr des Vogtes waren, desto mehr verdunkelte sich das Herz des Lehnsmannes, und eine finstere Gier nach den Besitztümern seines Herrn, ließ ihn den Treueeid gegenüber dem Ritter vergessen. Voll Ungestüm warb er um die Hand der edlen Frau, nichtachtend auf ihr gramgebeugtes Herz, das jedoch die Hoffnung auf die Wiederkehr des teuren Gatten nicht aufgab. Wütend ließ der Beses­ sene die Frau in ihrer Kemenate einschlie­ ßen, bis sie anderen Sinnes geworden sei und sein Werben erhöre. Indessen war es dem Ritter gelungen, nach langen Jahren der Sklaverei, aus der sarazenischen Gefangenschaft zu entfliehen und sich an Bord eines Schiffes zu begeben, mit dessen Hilfe er das Feindesland zu verlas­ sen hoffte. Doch ein schwerer Sturm auf dem Meer brachte das große Segelschiff zum Kentern und der schiffbrüchige Kreuz­ fahrer trieb alleine tagelang auf einem Wrackstück im offenen Meer. Ausgehungert und bar jeder Hoffnung auf eine glückliche Heimkehr, legte er sich eines Nachts zum Sterben nieder. Doch im Traum erschien ihm wie aus weiter Feme das strahlend helle Licht eines Karfunkels. Als der Mann erwachte, durchströmten neue geheimnis­ volle Kräfte seinen Leib. Er fertigte sich not­ dürftig ein Ruder und trieb damit seinen Kahn bis zu den Gestaden Italiens. Tagein und tagaus war nun das Licht sein ständiger Begleiter und führte ihn durch alle Gefahren bis hin zum heimatlichen Bregtal. Noch einmal erhoben sich die Mächte der Finsternis in der Gestalt eines fürchterlichen Unwetters in pechschwarzer Nacht, den 237

Heimkehrer in die Irre zu führen. Doch auch sie vermochten nicht, das erleuchtete Herz des wackeren Ritters zu brechen. Wohlbe­ halten gelangte er zu seiner Burg und seinem Eheweib, deren Treue den Edelstein nie zum Erlöschen brachte. Der Volksmund aber nannte, im Gedenken an jene wundersamen Geschehnisse, die Burg fortan Zindelstein. Gerhard Blessing Der Mord auf dem Längeschloß Schaute man um 1840 von den Ried­ öschinger Schabelhöfen auf die Länge, konnte man an klaren Tagen noch das Länge­ schloß sehen. Es hatte vier Türmchen und auf einem davon stand ein vergoldeter Hirsch, der bei hellem Wetter prachtvoll her­ überglänzte. Das Schloß wurde zu jener Zeit von einem Förster bewohnt, der allgemein als „Längejäger“ bekannt war. Neben seinen Aufgaben als fürstlicher Jäger betrieb er dort auch ein Wirtshaus. Auf der Riedöschinger Gemarkung „Im Gören“ hatte er zwei Grundstücke zu seinem Nutzen, die der Standesherrschaft gehörten. Man nannte sie nur die ,Jägerwies“ und den ,Jägeracker“. Die Erträge mußten Riedöschinger Bürger ins Längeschloß bringen. Das Schloß hatte vier Eingangsportale – das nördliche soll um jene Zeit noch erhalten gewesen sein. Auch eine Kapelle gab es im Schloß. Ihr Altar kam nach Riedöschingen, als das Gebäude zerfiel und das Mauerwerk als Wegmaterial verwendet wurde. Am Fron­ leichnamsfest wurde er noch lange beim Baschi-Bauernhaus aufgestellt. Ein Fürst­ lich-Fürstenbergisches Wappen soll ihn ge­ schmückt haben. Vom Längeschloß in seiner düsteren Ein­ samkeit ist uns aus dem Jahre 1779 folgende schauerliche Geschichte überliefert worden: Am 8. April erhielt die Tochter des Post­ halters und Adlerwirtes in Blumberg-Zoll­ haus von ihrem Vater den Auftrag, in Hau­ sen im Kirchtal eine noch rückständige Erb­ schaft von 100 Gulden abzuholen. Auf dem Rückweg über die Länge kehrte sie bei Mathäus Sorg, der nahe dem Längeschloß wohnte und eine Wirtschaft betrieb, ein und erzählte der Ehefrau von der Erledigung ihres Auftrages. Ein „Bauernkerl“, der im Längewald für den Baschi-Bauern Holz machte und ebenfalls bei Sorg ein Glas Wein trank, wurde Zeuge des Gespräches und ver­ ließ die Wirtschaft. Um 5 Uhr machte sich das Mädchen auf den Heimweg. Bald danach wurde sie von dem Burschen angefal­ len und beraubt. Mit durchschnittener Kehle konnte sich die Schwerverletzte noch bis in das Sorg’sche Haus zurückschleppen und den Täter anzeigen. Dann brach sie tot zusammen. Noch in der selben Nacht um zehn Uhr wurde dieser „zu Riedöschingen“ beim Baschi-Bauern aus dem Bett geholt und nach Blumberg zur Aburteilung gebracht. Das blutige Messer und auch das Geld wurden bei ihm gefunden. Er hatte es vor dem Haus unter dem Ruhebänkchen vergraben. Bernhard Prillwitz Qu e l l e n: 1) Chronik der Familie Schey, Alfred Schey (1920-1950) 2) Donaueschinger Tageblatt vom 15. April 1779 Zeichnung nächste Seite 239

Gesundheit, Soziales Die Katharinenhöhe Eine Modelleinrichtung der Arbeiterwohlfahrt, Bezirksverband Baden e. V., entwickelt ein wegweisendes Konzept im Gesundheitswesen Schon in den Jahren 1984 und 1989 wurde die Nachsorgeklinik KATHARINENHÖHE im Almanach vorgestellt (vgl. Almanach 84, Seite 61-64, und Almanach 89, Seite 222-225). Da sich diese Einrichtung ständig weiterentwickelt hat und sich durch eine große Dynamik auszeich­ net, soll im folgenden Beitrag über die Verände­ rungen berichtet werden. turn der Arbeiterwohlfahrt, Hauptausschuß Berlin, überging, diente sie als Kurklinik für TBC-kranke Kinder. Auch heute nimmt die Katharinenhöhe eine Aufgabe im Be­ reich des Gesundheitswesens wahr. Seit 1985 werden krebskranke Kinder mit ihren Familien aufgenommen und behan­ delt. Einleitung Als älteste und traditionsreichste Einrich­ tung der Arbeiterwohlfahrt kann die Katha­ rinenhöhe auf eine lange und wechselhafte Geschichte zurückblicken. Schon im Jahre 1925, als die Katharinenhöhe in das Eigen- Das System Familie wird zum Patienten Mit ihrem richtungsweisenden Konzept der familienorientierten, stationären Reha­ bilitation bricht die Arbeiterwohlfahrt mit der traditionellen, patientenzentrierten Sicht­ weise. Da die lebensbedrohliche Krebser- 241

krankung und die eingreifende harte T hera­ pie nicht nur das kranke Kind körperlich und psychisch belastet, sondern sich zwangsläu­ fig auf alle Familienmitglieder auswirkt, ist es notwendig, diese auch in die Behandlung miteinzubeziehen. Vater, Mutter und Geschwisterkind kla­ gen häufig über gesundheitliche Schäden und psychosomatische Beschwerden. Schlaf­ störungen, Appetitlosigkeit, Verdauungsbe­ schwerden treten ebenso auf wie massive Verhaltensauffälligkeiten bei den Kindern. Krankenhausaufenthalt bedeutet meist auch Trennung und Spaltung der Familie. Die Angst vor einem möglichen Rückfall wirkt lähmend auf alle. Nach der schweren Zeit der lntensivthera­ pie, die häufig zu einer Isolation des Patien­ ten fuhrt, hat die Familie auf der Katharinen­ höhe wieder neu die Möglichkeit, zusam­ menzuwachsen und Stabilität zu finden. Körperliche und seelische Erschöpfungszu- tände können aufgearbeitet und der Hei­ lungserfolg beim kranken Kind maßgeblich gefestigt werden. Obwohl es der Gesetzgeber nach wie vor versäumt hat, die Grundlage für eine die Gesamtfamilie umfas ende Rehabilitation klar zu definieren und viele Widerstände zu überwinden waren, konnten bis zum 31. De­ zember 1993 insgesamt 2095 Patienten mit ihren Angehörigen aufgenommen werden. Besonders positiv ist dabei sicherlich zu beurteilen, daß der Prozentsatz der komplett anreisenden Familien tändig gestiegen ist und heute einen Anteil von 85 Prozent ein­ nimmt. Nachdem im Herbst 1990 damit begon­ nen wurde, vereinzelt Familien mit einem kardiologisch erkrankten Kind einen Nach­ sorgeplatz zu bieten, konnte diese Patienten­ gruppe inzwischen fest integriert werden. In geringem Umfang werden auf der Kathari­ nenhöhe in Absprache mit den einweisen­ den Kliniken und den dort zuständigen psy­ chosozialen Mitarbeitern au h verwaiste Familien aufgenommen, also Familien, die ihr krankes Kind schon verloren haben. 242 Der Modellcharakter der Katharinen­ höhe hat nicht nur in der Bundesrepublik Aufsehen erregt. Inzwischen konnten auch Patienten aus der deutschsprachigen Schweiz und Österreich betreut werden. Aufbauend auf das Bei piel der Katharinenhöhe soll in Österreich eine eigene Einrichtung, die ,,Annahöhe“, ent tehen. Ausbau der Leistungsstruktur Um die notwendige Anerkennung der Sozialversicherungsträger zu erhalten und eine gute Versorgung der Patienten gewähr­ leisten zu können, war es erforderlich, die räumlichen und personellen Bedingungen entscheidend zu verbessern. Durch den im März 1991 eingeweihten Anbau der medi­ zinischen Abteilung ist es gelungen, das Spektrum der therapeutischen Behand­ lungsmöglichkeiten deutlich auszuweiten. Den Bedürfnissen der durch Hirntumore, Amputationen, Prothesen und ähnlichen Behinderungen beeinträchtigten Kindern und Jugendlichen kann so seitdem besser Rechnung getragen werden. Die Einrichtung einer kleinen ergothera­ peutischen Abteilung brachte eine weitere wesentliche �alifizierung der Arbeit und ermöglicht e , besonders belastete und be­ hinderte Kinder speziell und gezielt zu for­ dern, sowie den Prozeß der Krankheitsverar­ beitung durch eine spieltherapeutische Be­ handlung zu unterstützen. In Zusammenarbeit mit der Kranken­ hausschule des Schwarzwald-Baar-Kreises

pädagogischen Bereich stehen 3 Gesprächs­ zimmer, in denen die Psychologen und So­ zialpädagogen arbeiten können, ein Werk­ raum und zwei Gruppenräume zur Verfü­ gung. Der Unterricht wird in einem eigenen Raum durchgeführt. Den Betroffenen wer­ den Aufenthaltsmöglichkeiten geboten. Ein kleines Fotolabor wird eingerichtet. Primär sollen in der neuen Zweigstelle ,,Haus Schönwald“ tumor- und leukämie­ kranke Jugendliche {16-20 Jahre) und junge Erwachsene {20-25 Jahre) betreut werden. Auf Anregung der einweisenden Kli­ niken und der Sozialversicherungsträger ist es gelungen, für diese Patientengruppen ein eigenständiges Rehabilitationskonzept zu entwickeln. Dabei orientiert sich die Kathari­ nenhöhe an den altersadäquaten Bedürf­ nissen, Wertvorstellungen und Problemen dieser Betroffenen. Um dem altersspezifi­ schen Wunsch nach Ablösung und Verselb­ ständigung Raum zu geben, werden hier die Eltern der Patienten nicht mitaufgenom­ men. Die Patienten reisen aus der gesamten Bundesrepublik an und werden zu Gruppen mit ca. 12 Teilnehmern zusammengefaßt. Die häufig durch körperliche Behinderun­ gen und Handicaps beeinträchtigten Patien­ ten erfahren in der Gleichaltrigengruppe, daß sie auch mit ihrer Krankheit und den damit verbundenen Einschränkungen ihr Leben leben können. Es ist eindrucksvoll, beobachten zu kön­ nen, wie ein Jugendlicher mit einer Amputa­ tion oder Prothese während seiner Nach­ sorge mit Hilfe der Gruppe seine Hemmung verliert und in das öffentliche Schwimmbad geht oder zum erstenmal nach seiner Erkran­ kung auf Skiern steht. Patienten mit Knochenkrebs oder Hirntu­ moren lernen im Gehtraining mit Unterstüt­ zung moderner Geräte wie dem Lamellen­ laufband oder dem Fahrradergometer unter krankengymnastischer Betreuung neu ge­ hen. Doch darf sich die Behandlung nicht auf einen funktionalen Umgang mit der Behinderung beschränken. Es ist dringend erforderlich, den Patienten im Prozeß der 243 konnte deren Außenstelle auf der Kathari­ nenhöhe deutlich vergrößert werden. Um den von den Betroffenen und den Versicherungsträgern an die Klinik gestellten Anforderungen entsprechen zu können, muß­ te der Personalbestand in allen Abteilungen angehoben werden. Besonders stark äußert sich dies im medizinischen Bereich. Hier hat sich die Zahl der Beschäftigten seit Mitte 1990 verdreifacht. Bedarfsgerechte Erweiterung Haus Schönwald Die gestiegene Nachfrage und das Bedürf­ nis, das Konzept weiterentwickeln zu kön­ nen, hat 1992 die Arbeiterwohlfahrt dazu be­ wogen, sich fur eine räumliche Erweiterung der Katharinenhöhe zu entscheiden. Es ist gelungen, in Schönwald ein ehemaliges Ho­ tel zu erwerben und entsprechend den An­ forderungen, die an eine Nachsorgeklinik gestellt werden, umzugestalten. Der Betrieb konnte am 6.Januar 1993 aufgenommen werden. Die feierliche Eröffnung fand am 3. April 1993 statt. In Einzel- und Doppelzimmern können 35 Personen untergebracht werden. Ihre Behandlung und Versorgung ist im Hause selbst gewährleistet. Eine eigenständige me­ dizinische und physiotherapeutische Abtei­ lung mit Untersuchungszimmer, Arztsprech­ zimmer, Krankengymnastik und Massage­ raum ist entstanden. Auch medizinische Bäder können im Haus selbst verabreicht werden. Dem psychotherapeutischen und

cherungsträger gerecht werden zu können, war es erforderlich, den Personalstand stark zu vergrößern. Durch diese Weiterqualifizie­ rung ist es nun auch möglich, stärker beein­ trächtigte und körperlich behinderte Kinder aufzunehmen. Immer mehr Kinder und Ju­ gendliche im präfinalen Stadium finden den Weg in die Katharinenhöhe. Neben der Sicherung des medizinischen Heilungserfolges ist es das Ziel der Kathari­ nenhöhe, einen bestmöglichen Ausgleich der Behandlungsfolgen zu erreichen und eine Wiedereingliederung in das familiäre und soziale Umfeld zu ermöglichen. Voraus­ setzung hierfür ist ein ganzheitliches Vorge­ hen im interdisziplinären Team. Psychologi­ sche, pädagogische und medizinische Hilfen greifen ineinander über. Es zeigte sich, daß eine altersadäquate Differenzierung des Angebots erforderlich ist. Neben der Rehabilitation krebskranker Kinder mit deren Familie hat sich ein ziel­ gruppenorientiertes Rehabilitationskonzept für Jugendliche und junge Erwachsene her­ ausgebildet. Diese Patientengruppen werden seit Januar 1993 in einem eigenen Haus in Schönwald betreut. Dieses „Haus Schön­ wald“ ist so ausgestattet und eingerichtet, daß es autark geführt werden könnte. Nur durch die Hilfe der Öffentlichkeit in der Region und der Behörden und Organisa­ tionen des Schwarzwald-Baar-Kreises ist es der Arbeiterwohlfahrt gelungen, das rich­ tungsweisende und immer noch in der Bun­ desrepublik einmalige Behandlungskonzept der familienorientierten Rehabilitation um­ zusetzen. Um das Erreichte nicht zu gefähr­ den und im Interesse der Patienten die perso­ nellen, sächlichen und räumlichen Grund­ lagen erweitern zu können, ist dieses Engage­ ment auch weiterhin dringend erforderlich. Stephan Maier Krankheitsverarbeitung zu begleiten. Psy­ chologen und Sozialpädagogen helfen im Gespräch und in der gemeinsamen Aktivität, wieder eine positive Einstellung zum eige­ nen Körper zu finden und neue Perspektiven zu entwickeln. Im Gruppengespräch ergibt sich die Mög­ lichkeit, im Kontakt mit anderen Betroffe­ nen in derselben Lebenssituation persönli­ che Fragen und Probleme auszutauschen. Die Gruppe als therapeutisches Erfahrungs­ feld ist das entscheidende Charakteristikum dieses Angebotes, sich einander mitteilen, voneinander lernen und gemeinsam den Pro­ zeß der Krankheitsverarbeitung gestalten. Neben der medizinischen und der psy­ chosozialen Rehabilitation kommt der schu­ lisch-beruflichen Nachsorge besondere Be­ deutung zu. Viele der Erkrankten müssen ich neu orientieren, da sie den gewünschten oder erlernten Beruf aufgrund ihrer krankheitsbe­ dingten Beeinträchtigungen nicht ausüben dürfen. Die Mitarbeiter der Katharinenhöhe sind sehr dankbar für die enge Kooperation mit dem Arbeitsamt Villingen-Schwennin­ gen. In enger Zusammenarbeit mit dem Reha-Berater ist es so möglich, dem Kochlehr­ ling, der keine schweren Lasten mehr heben darf, oder dem Studenten, der aufgrund sei­ nes Hirntumors Konzentrationsschwächen hat, eine kompetente und fachlich fundierte Beratung zukommen zu lassen. Zusammenfassung Die Katharinenhöhe als eine der tradi­ tionsreichsten Einrichtungen der Arbeiter­ wohlfahrt hat sich als Rehabilitationsklinik etabliert, die weit über den Rahmen des Schwarzwald-Baar-Kreises hinaus Aufmerk­ samkeit erregt hat. Es ist gelungen, die Ver orgung und Be­ handlung der Patienten deutlich auszuwei­ ten. Durch den Anbau der medizinischen Abteilung und das Schaffen neuer Funk­ tionsräume in anderen Bereichen haben ich die baulichen Voraussetzungen der Arbeit deutlich verbessert. Um den Bedürfnissen der Patienten und den Ansprüchen der Versi- 244

Parkinson-Pilotprojekt Königsfeld betroffen und von Auflehnung und Resigna­ Seit Frühjahr 1987 kommen am Domizil tion gleichermaßen beengt. des Parkinson-Arbeitskreises Königsfeld, im Verursacht wird die Parkinson’sche Hotel und Kurhaus Gebauer-Trumpf, Par­ Krankheit von einer nicht erblichen und kinson-Betroffene und Angehörige zu Semi­ nicht ansteckenden hormonalen Überträger­ naren zusammen. störung vom Nerv zum Muskel. Der Bewe­ Diese Seminare waren seit Anbeginn auf gungswille ist wach, aber der Impuls kommt eine hohe zwischenmenschliche und thera­ nicht an. Nach dem heutigen Stand der Wis­ peutische Sinngebung hin konzipiert: senschaft ist Parkinson noch nicht heilbar, Gemeinsam erarbeitet man dort Impulse für eine aktive, trotz Parkinson würdige Lebens­ wohl aber in seinen physischen und seeli­ schen Beschwerden bei unverkürzter Le­ führung. Parkinson-Betroffene leiden bei unter­ benserwartung überzeugend zu lindem. Die Therapie heißt: Medikamente, Physiothera­ schiedlichster Symptom-Dominanz an pie und -liebevolle Zuwendung. Die erstge­ überschießender oder gehemmter Motorik. nannte Komponente erfahrt dank weltweiter Zittern, Verlangsamung, Sprechstörungen, Forschung eine variantenreiche Weiterent­ mimische Starre führen oft zur Abkehr vom geselligen Leben und zu Depression. Bei wicklung; die menschliche Zuwendung wachem und regem Geist fühlt sich der bleibt unabdingbar. Das aber bedarf bei den Patient bis in die Tiefe seiner Persönlichkeit Angehörigen, beim sozialen Umfeld und Hotel-Kurpension Gebauer Trumpf, 78126 Königsfeld/Schwarzwald, 800 m, Heilklimatischer + Kneippkurort, Bismarckstraße 10-12, Telefon (0 77 25) 76 07 245

letztlich beim Parkinson-Betroffenen selbst einer immer wieder von neuen Impulsen belebten Motivation, einer verstehenden wechselseitigen Humanitas. Königsfeld hat sich gegenüber der Parkin­ son-Herausforderung nicht hinter passivem Mitleidgehabe versteckt, sondern gleichsam die Tür zu seinem landschaftlichen, heilkli­ matischen und geistig-kulturellen Idyll weit geöffnet: Mitglieder des Vorstands, der Lan­ des- und der Regionalleitungen der Deut­ schen Parkinson-Vereinigung, leitende Ärzte der Parkinson-Kliniken, Fachtherapeuten, Sozialarbeiter sowie Psychologen aus For­ schung und Klinik und der Regionalge­ schäftsführer eines deutschen Versicherungs­ trägers stehen seither in nachgerade herzlicher Zusammenarbeit mit dem Königsfelder Arbeitskreis. Was hieraus bis heute an thera­ peutischen Ansätzen gewonnen wurde, könne nach dem Urteil eines Chefarztes bereits Stoff für Dissertationen bieten. Unter der Schirmherrschaft des Bürger­ meisters, unter förderlicher Mithilfe von sei­ ten des Gemeinwesens mit Kurverwaltung, kulturellen und kirchlichen Repräsentanten und ganz in der menschlichen Mitte von Königsfelds Bürgerschaft konnte sich der Arbeitskreis von Anbeginn als Partner des Pilotprojekts der Seminare einsetzen; es gab keinen zeitraubenden Vorlauf wie etwa Sta­ tuten, Titel oder Organisations-Tableaus. Es gibt auch kein Budget. Selbst der Name Arbeitskreis ist eigentlich zu offiziell. Es handelt sich um die gemein­ same Initiative eines Königsfelder Arztehe­ paars, der Inhaber des Hotels und Kurhauses Gebauer-Trumpf und weniger Mitarbeiter für betreuerische Funktionen, außerdem aber um Nachbarn, Freunde und Helfer aus Handel und Gewerbe. Wie sieht nach nunmehr sieben Jahren fundierter Praxis ein Seminar heute aus: In Zuständigkeit der Regionalgruppen der Deutschen Parkinson-Vereinigung als Selbst­ hilfeorganisation kommen zu Frühjahrs­ und Herbstterminen jeweils etwa dreißig Patienten und Angehörige für acht bis zehn 246 Tage im Hause Gebauer-Trumpf bei diäte­ tisch orientierter Vollpension sowie ärzt­ licher und physiotherapeutischer Hausbe­ treuung zusammen.Jede Seminargruppe hat ihr eigenes, individuell gestaltetes Programm mit Therapeuten-Vorträgen, Diskussionen und Übungen, zu denen Ärzte, Psycholo­ gen, Ergotherapeuten, Logopäden, Heil­ gymnasten und Fachkräfte für Gestaltungs­ und Bewegungsspiele nach Königsfeld kom­ men. Das Ganze steht unter dem Motto einer Impulse gebenden Gruppenarbeit, einer Hinführung zu neuer, motivierter Erlebnisfahigkeit und Re-Integration. Im Bewußtwerden persönlicher Autonomie und Würde trotz Parkinson erkennen Patient und Angehöriger spontan und hilf­ reich, wie weit sie nicht nur liebevoll aufein­ ander angewiesen sind, sondern wieviel Eigenständigkeit sie sich neu erschließen können, ja müssen, um freizubleiben von der entmündigenden Bürde einer Über­ Abhängigkeit oder Über-Betreuung. In Inter­ vallen von Seminararbeit und vertiefender Muße erwachsen den Teilnehmern physi­ sche und seelische Energien. Das thematisch anspruchsvolle Pro­ gramm jeder Seminargruppe ist eingebettet in jenes fast geheimnisvolle Fluidum, dem man den Namen Königsfeldischer Wir­ kungskreis gab. In ihm erleben Patienten und Angehörige die friedvolle, auch dem Behinderten zugängliche Landschaft mit ihrem markanten Heilklima. Sie erfahren aber auch unmittelbar die geistigen Kräfte dieses Gemeinwesens: Abendgespräche über Ursprung und Auftrag der Herrnhuter Brü­ dergemeine und über die pädagogische Kul­ tur des Zinzendorf-Schulwerks, klassische Musik, ein Orgelkonzert, Folklore, eine Tagebuchlesung zum Zeitgeschehen; erst aus solch einem Mosaik formt sich schließ­ lich die ganze Identität dieser Seminare mit einem von Mal zu Mal fortentwickelten Profil. Zutiefst bewegend ist bei alledem die menschliche Begegnung: Teilnehmer hoch in den Siebzigern oder älter, nach vielgestal-

Arztvortrag Bewegungsspiel

tigern Leben nun gebeugt und oft unbehol­ fen, – sie geben einander ab an Park:inson­ Erfahrung und an Lebensweisheit. Die jun­ gen dagegen, manchmal ganz ohne Beruf, ohne Familie, ohne Freunde, – andere in frü­ her Invalidität und voller Sorge um eine in der Liebe und Daseinsfreude gefährdete, fra­ gile Partnerschaft; sie ganz besonders brau­ chen sowohl die praktische wie auch die ethi­ sche Zuwendung. Die Begegnung mit ihnen hat eine Langzeitkomponente, sprich Zu­ kunft. Was in den Königsfelder Seminaren oft gerade von den jüngeren Parkinson­ Betroffenen an Einfühlungsvermögen, an wechselseitiger Hilfe und Handreichung, ja an Tröstung geleistet wird, das entzieht sich dem beschreibenden Wort. Im Raster der verschiedenen Kategorien der Kurortmedizin ist das Königsfelder Pilot­ projekt ein Novum, wenngleich es sich mit nunmehr siebentausendsechshundert Über­ nachtungen längst als Institution ausweist. Die Seminare sind ganzheitlich orientiert und sprechen die physische, die emotionale und die geistige Befindlichkeit der Patienten und ihrer Angehörigen in umfassender Gemeinsamkeit an. Tatsächlich sind dabei die Betroffenen und ihre Begleiter die eigent­ lichen Beweger. Ihr aktives Engagement ist die entscheidende Leistung! Sie nehmen nicht nur, sie geben; und der konkrete thera­ peutische Erfolg entlastet die Fachkliniken, das heimatliche Umfeld der Patienten, die Kostenträger im Gesundheitswesen und damit die Allgemeinheit. Die Seminare stär­ ken das Selbsthilfepotential der Teilnehmer und wirken so auch synergetisch· auf die Schicksalsgemeinschaft der Park:inson­ Selbsthilfegruppen zurück. So ist die Königsfelder Projektarbeit nicht etwa Gegenpol oder gar Konkurrenz zu den Fachkliniken, – sie ist vielmehr eine komple­ mentäre und alternierende Therapie. Gleich­ wohl müssen sich die Seminare derzeit noch in erheblichem Maße eigenfinanzieren, und zwar zuvörderst aus der Tasche der Teilneh­ mer, aus ad hoc zufließenden Spenden, aus Honorarverzichten und aus den freien Lei­ stungen des gastgebenden Gemeinwesens. Die eigentlichen Kostenträger im Kranken­ und Rentenversicherungswesen sehen sich außerstande, das ungewöhnlich rentable und therapeutisch eindrucksvolle Pilotpro­ jekt in Königsfeld zu unterstützen. Für die weitere Zukunft kann freilich kaum auf eine wirtschaftliche Mitträgerschaft verzichtet werden. Sie rechtfertigt sich durch den immer ansehnlicher werdenden Ertrag an therapeutischen und humanitären Wirkun­ gen und Erfahrungen, die das Pilotprojekt zutage fördert. – Im Archiv der Herrnhuter Brüdergemeine findet sich ein Grußzettel des Ehrenbürgers Albert Schweitzer, aus Lambarene: ,,An Königsfeld denke ich oft zurück. Dort hatte ich Freunde und konnte im Wald spazieren­ gehen. Und die Freunde denken noch an mich.“- Eine lakonische und verpflichtende Apo­ theose. Wolfgang Bülle Ein kleines Krankenhaus mit einem großen Namen Seit 23 Jahren besteht das Krankenbau Furtwangen Als im Januar 1971 das neue Städtische Krankenhaus Furtwangen die ersten Patien­ ten aufnahm, schrieb der damalige Innenmi­ nister Walter Krause, damit erfülle sich für die Einwohner der Stadt und ihrer Umge­ bung der lange gehegte Wunsch nach einer 248 Verbesserung der stationären Krankenver­ sorgung. Nur durch große Anstrengungen habe Furtwangen unter seinem Bürgermei­ ster MdL Hans Frank den Bau finanzieren können. Dafür gebühre der Stadt und dem Bürgermeister besonderer Dank. Das größ-

te kommunale Bauwerk von Furtwangen wurde somit dank der Unterstützung des Landes erstellt. „Die Sorge um den kranken Menschen und das verpflichtende Bewußtsein der hel­ fenden Fürsorge rechtfertige es, daß die Stadt Furtwangen im Interesse ihrer Bürger sehr große finanzielle Verpflichtungen auf sich genommen hat“, sagte Hans Frank zum Ge­ leit. Der frühere Bürgermeister hatte er­ kannt, daß es auch Aufgabe der Politik ist, die medizinische Versorgung auf einen modernen Stand zu bringen, damit die Men­ schen dieses Raumes nicht benachteiligt würden. In der Vergangenheit hatten die ört­ lichen Ärzte im früheren Krankenhaus Be­ legbetten. Nun galt es für die Stadt, für die neue Klinik die entsprechenden Abteilun- gen einzurichten und dafür geeignete Fach­ ärzte zu finden. Zu den Medizinern vom Beginn an ge­ hörte der Facharzt für Chirurgie und Urolo­ gie Dr. Samimi, der einige Kollegen von sei­ ner früheren Wirkungsstätte Ludwigshafen (Unfall-BG-Klinik Ludwigshafen, wo er zu­ letzt als Oberarzt tätig war) mitbrachte. Schon bald stellte es sich heraus, daß eine andere chirurgische Versorgung von Patien­ ten mit Schenkelhalsbrüchen notwendig wurde. Die Entwicklung der sogenannten AO-Methode aus der Schweiz war nicht die ideale Lösung des Problems. Ende der 60er Jahre hatte Professor Weller in Freiburg erste Versuche mit Prothesen gemacht, die erfolgreich waren. Dr. Samimi hatte mit dem bekannten Freiburger Profes- 249

sor Weller zusammengearbeitet. Er schlug im Mai 1971 mit Zustimmung des Bürger­ meisters dem Gemeinderat von Furtwangen im Rahmen einer kleinen Demonstration die Beschaffung der notwendigen Geräte für den Einsatz von Prothesen bei solchen Patienten vor, was der Gemeinderat weitblik­ kend auch genehmigte. Innerhalb kurzer Zeit war das Krankenhaus in Furtwangen für solche Operationen so bekannt, daß die Patienten von weit her kamen. Es stellte sich bald heraus, daß man auch Hüftarthrosen (zerstörte Hüftgelenke) durch Prothesen erneuern konnte. Dr. Samimi war auf diesem Sektor ein Spezialist geworden. Seine Mitarbeiter in der Chirurgie, deren Chefarzt er war, und er selbst haben seither pro Jahr zahlreiche Prothesen neu eingesetzt und somit für das Krankenhaus ein zweites Standbein geschaffen. Es sprach sich nicht nur im Kreisgebiet und in der Region, son­ dern im Land selbst und darüber hinaus rasch herum, daß es in Furtwangen ein vor­ zügliches Team für solche medizinischen Eingriffe gab. Dabei erkannten die vielen Patienten, daß die Ärzte nicht nur fachlich gut, sondern auch im Umgang mit den Patienten sehr menschlich sind, weil Kontakte und Gesprä­ che den Heilungsprozeß fördern. Furtwan­ gen hatte somit das erste Krankenhaus weit und breit, in dem erstmals für Knochen­ Operationen, für die Dr. Samimi eine spe­ zielle Ausbildung an der Unfallklinik in Lud­ wigshafen und in Freiburg hatte, ein geson­ derter OP-Raum als Knochen-OP für diese Eingriffe geschaffen wurde. Durch die Technisierung des modernen Lebens, mehr Freizeit und Sport, durch den Straßenverkehr und das Ski laufen im Winter im Schwarzwald, ist die Zahl der Unfalle stark gestiegen. Deshalb spielt die Unfall­ Chirurgie hier eine besonders wichtige Rolle. Es hat sich in den zwei Jahrzehnten gezeigt, daß die Stadt mit diesem modernen Bau einen guten Griff getan hat. Unzählige Patienten fanden hier Heilung, Linderung und Genesung. Das Krankenhaus ist im 250 Bedarfsplan III des Landes als Klinik der Grundversorgung eingestuft. Die Landesre­ gierung in Stuttgart, das zuständige Ministe­ rium und auch der neue Ministerpräsident und hiesige Landtagsabgeordnete Erwin Teufel kennen den guten Ruf des Kranken­ hauses Furtwangen. Für viele ist es nun unverständlich, daß eine Reduktion der Bettenzahlen erfolgte. Hier sollten die Politiker alles daransetzen, das Krankenhaus Furtwangen wieder auf den früheren Stand einzustufen. Alle Vorausset­ zungen dazu sind gegeben. Besonders zu erwähnen ist auch, daß es in Furtwangen schon bald nach der Eröffnung des Krankenhauses eine komplette Anästhe­ sieabteilung gab, was man damals in Fach­ kreisen als eine „Revolution“ für eine Klinik dieser Größe bezeichnete. In der Chirurgie gibt es einen Chefarzt, einen Oberarzt und drei Assistenzärzte, in der Inneren Abteilung zwei Chefarzte und drei Assistenzärzte. In der Anästhesie einen Chefarzt und einen Anästhesiepfleger und in der Gynäkologie einen Belegarzt. Es ste­ hen zwei OP-Räume für Knochenoperatio­ nen und für allgemeine Operationen zur Verfügung, ferner sind Röntgengeräte und ein Labor vorhanden. Zu erwähnen ist, daß das relativ kleine Krankenhaus ein Akutkrankenhaus ist, das heißt, rund um die Uhr gibt es eine ärztliche Besetzung. Das bedeutet für die Patienten rasche und optimale Hilfe. Anläßlich der Eröffnung der Klinik im Jahre 1971 hat Dr. Samimi in seinem Festvor­ trag die Frage gestellt, ob in mittleren Kran­ kenhäusern in Zukunft überhaupt noch eine vollwertige Chirurgie möglich ist. Die Ent­ wicklung habe gezeigt, daß der Wandel in der Medizin und insbesondere in der Chirur­ gie auch das Arbeiten in den mittleren Kliniken tiefgreifend beeinflußte, so daß in Deutschland mit Befriedigung die Leistung der Chirurgen außerhalb der Uni-Kliniken und großen Krankenanstalten gewürdigt werden könne. Das treffe gerade für das Krankenhaus in

Furtwangen in besonderem Maße zu. Denn auch die Bewohner von kleineren Städten und Gemeinden haben heute Anspruch auf eine optimale Behandlung. Sie können also auch an ihrem Wohnort nach den modernen Erkenntnissen der Medizin behandelt wer­ den. Die entsprechende Einrichtung derOP­ Abteilung unterstützt diese Zielsetzung. „Ich glaube, daß die Auffassung heute nicht mehr zu vertreten ist, wonach ein kran­ ker Mensch nur in großen Kliniken die abso­ lute Garantie für seine Gesundheit haben müßte“, schrieb der Chefarzt abschließend. Es sei weniger die Frage des fachlichen Kön­ nens, denn viele leitende Chirurgen in klei­ nen und mittleren Krankenhäusern hätten ja auch ihre Kenntnisse an großen Kliniken erworben. Die Errichtung des modernen Krankenhauses in dieser Stadt sei daher als eine bedeutende sozialpolitische Überle­ gung anzusehen. Die Innere Abteilung umfaßt nach Chef­ arzt Dr. Forster die Diagnostik aller und die Behandlung der meisten Erkrankungen des Herzens, des Kreislaufs, von Magen und Darm, der Nieren, der Stoffwechsel- und Hormonstörungen, der Bluterkrankungen etc. Der Patient mit einer heute alltäglichen Erkrankung, z.B. einem Herzinfarkt, habe die Sicherheit, sowohl in diagnostischer als auch in therapeutischer Hinsicht so behan­ delt zu werden wie in einer größeren Klinik. Dr. P. Samimi ging 1992 in den Ruhe­ stand. Neuer Chefarzt ist Dr. Heinrich.An­ ton Habicht, der zuletzt am Kreiskranken­ haus Glauchau/Sachsen als Allgemein-Chir­ urg (Unfallchirurgie) tätig war. Der gesamte OP-Trakt wurde saniert und ein Intensiv­ Überwachungszimmer eingerichtet. Ebenso wurde eine neue Sterilisations-Einrichtung geschaffen. Zehn Ärzte und 32 Schwestern, darunter drei Ordensschwestern vom Kloster Hegne, stehen im Dienste der Patienten. Segensreicher Dienst der Hegner Schwestern Was ist eine Klinik ohne ihre Schwestern? Ihre fachliche Ausbildung und ihr Mitwir- ken bei der Heilung sind von großer Bedeu­ tung. Seit 1895 bereits gehören auch die in Furtwangen tätigen Schwestern zum Pro­ vinzhaus Hegne am Bodensee. Da das dama­ lige Krankenhaus in Furtwangen sich als zu klein erwies, entstand ein Neubau, der im Dezember 1903 eröffnet wurde. Zum größ­ ten Teil mit Handwagen mußten die Or­ densschwestern, von einigen Helfern unter­ stützt, den Umzug vornehmen. Mit Ausbruch des Krieges 1914 wurde ein Reserve-Lazarett mit 60 Betten eingerichtet. Das Jahr 1927 war schicksalsschwer. In der Nacht vom 4. zum 5. Februar brach auf dem Speicher des Krankenhauses ein Brand aus, dem der dritte Stock zum Opfer fiel. Die 52 Patienten mußten in der Kälte bei Nacht in Nachbarhäuser gebracht werden. Während des 2. Weltkrieges wurden ständig Betten eingeschoben, so daß deren Zahl auf 150 stieg. Auch im neuen Krankenhaus übernah­ men 1971 Hegner Schwestern ihre wichtige Aufgabe nach dem Wort des Ordensstifters: ,, Was Bedürfnis der Zeit, ist Gottes Wille.“ Ihnen zur Seite stehen weltliche Schwestern, die Helfer im Labor und in der Röntgenab­ teilung, in Küche und Verwaltung. Daß auch das zuständige Ministerium der Landesregierung in Stuttgart die große Be­ deutung des Krankenhauses Furtwangen an­ erkennt, beweist die Tatsache, daß jetzt sechs Millionen Mark als Zuschuß für eine neue Klima-Anlage für den OP-Trakt und die Ambulanz bereitgestellt werden. Damit würde dieser Bereich dem neuesten Stand der Technik entsprechen. Wie sagte doch kürzlich ein fast 80 Jahre alter Herr aus der Schweiz zum Autor dieses Berichtes, nachdem ihm ein künstliches Hüftgelenk eingesetzt worden war: ,,Ich habe mein Zuhause nicht vermißt und mich in Furtwangen in besten Händen heimisch gefühlt. Wie froh können die Leute im Schwarzwald sein, daß es auch in kleinen Städten so gute Krankenhäuser wie hier gibt.“ Dem ist nichts hinzuzufügen. Konrad Schade 251

Luftrettung im Schwarzwald-Baar-Kreis hat sich bewährt Bundesrepublik gesucht wurde. Die Wahl Erste Berichte erschienen im Almanach 1978, fiel auf Villingen-Schwenningen, weil sich Seite 7-9, und 1982, Seite 89-91. Die weitere hier ein Krankenhaus der Zentralversorgung Entwicklung wird im nachfol.genden Beitragfest­ (u. a. eigenständige Unfallchirurgie, mehrere gehalten. operative und nichtoperative Intensivstatio­ nen, Kardiologie) befand, und weil von hier aus bei einem Aktionsradius von SO km in nur ungefähr 15 Minuten Flugzeit jeder be­ liebige Ort vom deutschen Bodenseeufer im Osten bis zum Rheintal mit Freiburg im Westen, von der Schweizer Grenze im Süden bis fast nach Horb im Norden erreicht wer­ den konnte. Seit dem 15. 11. 1975 existiert im Schwarz­ wald-Baar-Kreis ein Luftrettungsstützpunkt, das bedeutet: im allgemeinen ist zwischen 7 Uhr und Sonnenuntergang ein mit Not­ arzt, Rettungssanitäter und Pilot besetzter Rettungshubschrauber einsatzklar. Bis Juni 1993 wurden dabei über 12.900 Einsätze geflogen – eine recht stattliche Anzahl, die hier Anlaß für einige Bemerkungen sein soll. Zuerst erscheint es angebracht, einige Da­ ten der Geschichte von Christoph 11 anzu­ merken: Am 15. 11.1975 schickte der Bundesgrenz­ schutz einen seiner Piloten mit einem Hub­ schrauber vom Typ Alouette nach Schwen­ ningen. Dieser Hubschrauber konnte von seinen Ausmaßen her keine Patienten trans­ portieren. Kurze Zeit später wurde er dann auch gegen eine BO 105 ausgetauscht. Mit Begonnen hatte es damit, daß Mitte der siebziger Jahre im Rahmen des Ausbaues der Luftrettung ein geeigneter Standort für einen Rettungshubschrauber im Südwesten der Landeplatz in Donaueschingen 252

Innenausstattung BO 105 diesen beiden Hubschraubern wurden die ersten Einsätze geflogen, und das waren recht wenige. Dafür gab es mehrere Gründe: Zum Einen hatte ein Rettungshubschrauber noch nicht den Bekanntheitsgrad, den er heute genießt. Zum Zweiten wurde er an­ fänglich von manchen umliegenden Leit­ stellen und Krankenhäusern zumindest mit Argwohn betrachtet. Da wurde dann ziem­ lich unsachlich das Gespenst vom „Patien­ tenklau“ gezeichnet, man fürchtete wohl, daß Christoph 11 nicht nur die Schwerstver­ letzten nach Schwenningen bringen würde. Und zum Dritten herrschte oft Unsicherheit darüber, wer denn für die Kosten eines Ein­ satzes aufzukommen habe. Dabei war eigentlich von Anfang an klar, daß alle Flüge mit Patientenversorgung zu Lasten der Kran­ kenkassen gingen, alle Fehlflüge zu Lasten des DRK. Unter diesen Schwierigkeiten flog Chri­ stoph 11 erst einmal in die roten Zahlen. Teil- weise betrug das Defizit über DM 100.000,-. Es dauerte bis Ende 1977, bis langsam kostendeckende Einsatzzahlen erreicht wer­ den konnten. Zwischenzeitlich bedrohte ein anderer Umstand zusätzlich die Existenz des Ret­ tungshubschraubers. Der Bundesgrenz­ schutz sah sich Mitte des Jahres 1976 infolge Personalmangels außerstande, weiterhin Pilot und Maschine zur Verfügung zu stel­ len. Glücklicherweise leistete die Bundes­ wehr Amtshilfe, indem sie ab dem 8. 9. 1976 eine Bell UH 1D mit jeweils zwei Piloten und einem Bordmechaniker nach Schwenningen entsandte. In dieser Zeit wurde dann auch durch die Krankenhausverwaltung bzw. durch die Stadt als Träger der Kliniken der Standort etabliert, in dem der Hangar mit seinen heutigen Räumlichkeiten errichtet und am 22. 12. 1976 eingeweiht wurde. Ein Kuriosum nebenbei: erst jetzt konnte auch hier getankt werden. Vorher stand zum Teil 253

Noch ein Wunder, nur leichte Blessuren, Verkehrsunfall bei Blumberg ein Tankwagen hier, zum Teil mußte nach Neuhausen bei Tuttlingen oder an Wochen­ en9en auch noch weiter geflogen werden. Wiesep,r-sich das DRK als Kostenträger über v,qi;�telle,!_lr olc �1 ;?nkfJüge „freute“, kann man sich f-119� 1?7J fa,m es zur nächsten existen­ ziellen Krise von Christoph 11. Diesmal war es die Bundeswehr, die Mensch und Material nicht mehr zur Verfügung stellen wollte oder konnte. Nach längerem Hin und Her sprang dann der ADAC in die Bresche und über­ nahm mit einer gelben BO 105 und eigenen bzw. Werkpiloten von der Herstellerfirma die Station. Der ADAC zeigte dadurch, daß er sich bei seinem Anspruch, Mitinitiator und Träger der Luftrettung zu sein, auch in die Pflicht nehmen ließ. 254 Ab dem 1. 11. 1981 war der Bundesgrenz­ schutz, inzwischen personell erstarkt, wieder in der Lage, Piloten nach Schwenningen zu schicken. So kehrte mit den gleichzeitig durch das Innenministerium geschickten orangeroten Katastrophenschutzhubschrau­ bern für einige Zeit Kontinuität und Ruhe in unseren Standort ein, Grundvoraussetzung, um gute Arbeit leisten zu können. Zwischen dem 11. 9. 1991 und dem 27. 11. 1991 gab es einen erneuten personellen Eng­ paß bei den Beamten des Bundesgrenzschut­ zes, weil krankheitsbedingte Ausfälle und Aufgaben in den neuen Bundesländern nicht so schnell ausgeglichen werden konn­ ten. Diesmal halfen die Piloten einer SAR­ Staffel aus Penzing mit ihrer Maschine vom Typ Bell aus.

Gut ein Jahr später, am 22. 12. 1992, sprang nach kurzem Intermezzo des Bundes­ grenzschutzes erneut eine Einheit der Bun­ deswehr in clie Bresche und half mit jeweils drei Soldaten und einer Maschine Typ Bell der Heeresfliegerstaffel Neuhausen aus. Lei­ der stand erneut ein Wechsel an, denn die Einheit in Neuhausen wurde am 31. 3.1994 aufgelöst. In den Jahren 1991 bis 1993 wurden erstmals jeweils um 1000 Einsätze geflogen. Dies ist weniger ein Anzeichen für eine gestiegene Anzahl von Notfällen, als für eine verbesserte Akzeptanz von Christoph 11. Der Rettungshubschrauber ist aus der Ge­ samtheit der Rettungsmittel in unserer Re­ gion nicht mehr wegzudenken. Allgemein gilt, daß das Rettungswesen in der Bundesrepublik inzwischen ein sehr hohes Niveau erreicht hat. Menschen, die in eine medizinische Notsituation geraten, kann innerhalb von Minuten eine Erstver­ sorgung durch Ärzte oder Sanitäter ermög­ licht werden. Leider sieht es mit der anschlie­ ßenden Weiterbehandlung in einem Kran­ kenhaus, die ja oft sehr rasch erfolgen muß, häufig nicht mehr so erfreulich aus. Insbe­ sondere wenn ein mehrfach schwerverletzter Nach jahrelangen Bemühungen hat das Kreiskrankenhaus Donaueschingen einen Computertomo­ graphen (CT) erhalten, der am 27.1.1994 offiziell in Dienst gestellt wurde. Bei der Erklärung des neuen Untersuchungs-Systems führte der Chefarzt der Radiologischen Abteilung, Prof Dr. Gernot Bürkle, aus, daß mit dieser Ergänzung der apparativen Diagnostik-Möglichkeiten krankhafte Organveränderungen (z. B. TiJmore) zu einem frühestmöglichen Zeitpunkt entdeckt und ent­ sprechende Behandlungen eingeleitet werden können. Den Patienten des Kreiskrankenhauses bleiben nunmehr lange Transporte zum nächsten Computertomographen-Standort erspart, und sie können im Hause selbst von dieser neuen Einrichtung prefitieren. 255

Erhaltung der Funktion seiner rechten Hand oder gar die Verhinderung eines geistigen Schadens durch rechtzeitige Hilfe für unbe­ zahlbar erachten. Andererseits sind auch der medizinischen Kunst Grenzen gesetzt. Trotz aller Fort­ schritte in der Behandlung Schwerstkranker kommt oft jede Hilfe zu spät oder ist grund­ sätzlich nicht möglich. Hierbei wird häufig die Belastbarkeit auch der Helfenden auf eine harte Probe gestellt. Rainer Gojowczyk Unverständnis oder Fassungslosigkeit entsteht, wenn man feststellen muß, wie leichtsinnig, teilweise rücksichtslos mit der eigenen, beziehungsweise fremden Gesund­ heit umgegangen wird. Wer bei dichtem Nebel über die Autobahn rast oder betrun­ ken die Leistungsfähigkeit seines Fahrzeugs ausprobiert, darf sich im Falle eines Unfalles nicht wundern, wenn die Freundlichkeit der Helfer gedämpft ist. Gefährlich kann es auch für die Insassen des Hubschraubers selbst werden. Schlecht sichtbare Überlandleitungen, Sichtbehinde­ rungen durch sich plötzlich ändernde Wet­ terverhältnisse, einsetzende Dunkelheit so­ wie technische Probleme der Maschine las­ sen oft Situationen entstehen, wo genau abgewogen werden muß, ob ein Einsatz durchgeführt werden kann oder besser zu­ gunsten der Sicherheit abgebrochen bezie­ hungsweise abgesagt wird. Wir wünschen uns, daß auch in Zukunft schlimmere Unfälle ausbleiben, damit unser Rettungshubschrauber weiterhin seine Auf­ gaben in unserer Region erfüllen kann. Patient in ein Behandlungszentrum, zum Beispiel eine Universitätsklinik, gebracht werden soll, erklären in letzter Zeit immer häufiger Kliniken, daß sie nicht aufnahme­ bereit seien. Wahre Irrfahrten oder -flüge müssen dann oft in Kauf genommen wer­ den, bis eine weitergehende medizinische Versorgung erfolgen kann. Daß dies mei­ stens nicht zum Wohle des Patienten ist, kann man sich leicht vorstellen. Die Gründe hierfür sind vielseitig. Häufig fehlen die Pflegekräfte für die Intensivstatio­ nen und Operationssäle. Die seelische und körperliche Belastung in diesen Arbeitsberei­ chen ist hoch, die Bezahlung verglichen mit ähnlich verantwortungsvollen Berufen in anderen Bereichen gering. Um hier Abhilfe zu schaffen, sind wahrscheinlich vermehrte finanzielle Aufwendungen erforderlich. Die Gesellschaft muß für sich entscheiden, ob sie bereit ist, die Kosten für eine gute medizini­ sche Versorgung zu bezahlen. Die schon ver­ abschiedeten und die noch geplanten Ge­ setze zur Kostendämpfung im Gesundheits­ wesen lassen allerdings befürchten, daß die gesetzgebenden Instanzen eher eine Ver­ schlechterung der medizinischen Lage in Kauf nehmen, auch wenn das Gegenteil behauptet wird. Medizin ist kostspielig – das gilt auch für das Rettungswesen. Wie aber soll man, wenn es um Gesundheit oder gar Tod von Men­ schen geht, eine Kosten-Nutzen-Rechnung aufstellen? Unlängst wurde berechnet, daß volkswirtschaftlich gesehen die Rettung von zwei Menschenleben die Kosten eines Jahres einer Luftrettungsstation aufwiegen. Der Einzelne wird dagegen zum Beispiel die 256

Das Don-Bosco-Heim in Furtwangen Mehr als nur ein Jugendwohnheim Im Almanach 1983, S. 39 ff., wurde das erste Mal über das Don-Bosco-Heim berichtet. Der nachfolgende Beitrag beschäftigt sich mit dem Heim nach der Renovierung. Im neuen Glanz, im Innern, wie auch überwiegend von außen, erscheint nach der Fertigstellung des Umbaus im Jahr 1991 das Don-Bosco-Heim in Furtwangen. Über vier Millionen Mark wurden in einer zweiein­ halb Jahre dauernden Bauzeit, der einein­ halb Jahre Planung vorausgingen, für die Sanierung, Modernisierung und Erweite­ rung des Jugendwohnheimes aufgebracht. Teils öffentliche Gelder vom Sozialministe­ rium, vom Ministerium für Kultus und Sport sowie vom Ministerium für den ländlichen Raum, zu einem viel gewichtigeren Teil jedoch Eigenkapital des Salesianer Ordens, Träger der Einrichtung, ermöglichten die aus bautechnischen Mängeln und aus Gründen der Attraktivität längst anstehenden Arbei­ ten. Das „Don Bosco Furtwangen“ ist eine Wohn-, Freizeit- und Bildungsstätte vorwie­ gend für Auszubildende und Schüler. Die Salesianer Don Boscos sorgen für eine ange­ messene Unterbringung und versuchen, das fachpraktische und fachtheoretische Lernen in der Ausbildung beziehungsweise in der Schule bestmöglich durch eine harmonische Wohngemeinschaft zu ergänzen. Vorrangig ist, junge Menschen zu fördern und sie zu befähigen, verantwortlich in Kirche und Gesellschaft zu leben. In der neusten Chro­ nik heißt es unter anderem: ,,Als Salesianer Don Boscos versuchen wir, ausgehend von der Situation der Jugendlichen gelingendes Leben vor dem Hintergrund einer christli­ chen Lebensgestaltung zu ermöglichen. Wir bieten … nicht nur Wohnstätte, sondern tei­ len unser Leben mit den Jugendlichen.“ 257

Anläßlich der feierlichen Einweihung am 1./2. Februar 1992 würdigten zahlreiche Ho­ noratioren und kirchliche Würdenträger die veränderten Lebensbedingungen und die gestalterischen Neuerungen in drei der vier Gebäudeteilen. ,,Das Heim ist eine Stätte der Begegnung, die zu Furtwangen gehört“, for­ mulierte beispielsweise Alt-Bürgermeister Adolf Herb in seiner Festansprache. Jahrelang hatten sich in den 50ern und 60ern einige Furtwanger Bürger, allen voran der damalige Stadtpfarrer Stephan Blatt­ mann, mit dem Gedanken befaßt, für „junge Burschen, für Lehrlinge der Furtwanger Fein­ mechanik-, Uhren- und Spezialindustrie, für Schüler der Berufsfachschule und des Vorse­ mesters der Staatlichen Ingenieurschule eine Unterkunft“ zu bauen. In den Salesianern Don Boscos fand sieb recht bald ein Träger einer derartigen Einrichtung. Zuvor war die Realisierung des Bauvorhabens durch eine Donaueschinger Baugesellschaft gescheitert. Anfang der 60er Jahre fertigte der Provinzial­ rat der Salesianer Pläne an und regelte die Finanzierung, so daß im August 1961 mit dem Bau eines Lehrlingswohnheimes mit 85 Plätzen begonnen werden konnte. Im Laufe der ersten, knapp zweijährigen Bauphase traf der erste Direktor des Jugend­ wohnheimes Don Bosco in Furtwangen ein: Pater Dr. Michael Müller nahm am 23. Ok­ tober 1962 seine Tätigkeit auf. Zu ibm gesell­ ten sich im Februar 1963 der erste Lehrling, Bernhard Späth, sowie die ersten Schüler. Am 12. Mai 1963 weihte schließlich Erzbi­ schof Dr. Hermann Schäufele das Don­ Bosco-Heim, dessen Baukosten sich seiner­ zeit aufl,3 Millionen Mark beliefen. Damit war eine Stätte geschaffen, die sich als her­ vorragende Basis für weitere Entwicklungen herausstellen sollte. Es schlossen sich an den ersten Bauab­ schnitt weitere an, die im Zusammenhang mit der Erweiterung der schulischen Kapazi­ täten der Stadt zu sehen sind. So war die Ver­ selbständigung der Berufsfachschule neben der Ingenieurschule (heute Fachhochschule) im Jahre 1964 eine Bestandsgarantie für das 258 Don-Bosco-Heim und gleichzeitig der An­ stoß für den Bau eines Studentenwohnhei­ mes. Nachdem die freizeitlichen Möglich­ keiten mit dem Bau eines Sportplatzes er­ heblich gesteigert werden konnten, erfolgten schon ein Jahr später die Erdaushubarbeiten für einen neuen Gebäudetrakt. Dieser beher­ bergt eine Kapelle (für diese fertigte im übri­ gen 1975 der heimische Bildhauer Karl Rie­ ber einen modernen Kreuzweg), eine Sport­ halle sowie Freizeit- und Wohnräume. Am 15.Juli 1967 war der Neubau für 1,2 Millio­ nen Mark fertiggestellt. Damals wie heute war der Leitung des Don-Bosco-Heimes an einer Öffnung für die örtliche Jugend gelegen. Gerade dje Schaf­ fung der Turnhalle ermöglichte die Nutzung der Räumlichkeiten al Begegnungsstätte der Jugend der Stadt mit den Heimbewohnern, deren Zahl gleich zu Anfang der 70er Jahre die Hundertergrenze überschritt. Doch mit dem Neubau erwiesen sich dje Ausbaumöglichkeiten noch lange nicht als erschöpft. Zu Beginn des Schuljahres 1971/72 war dje Aufstockung des Altbaus, durch die die Kapazität des Heimes um 31 Betten auf 121 Plätze erweitert werden konnte, bereits abgeschlossen. Die Zeit danach war gekennzeichnet von etlichen internen, zum Teil provisorischen Neugestaltungen der Räumlichkeiten und von Veränderungen in der Struktur der Heimbewohner. Einige Beispiele: Am 6. Fe­ bruar 1975 richtete der Lehrer Hans Duffner eine Amateur-Funkstation mit Funkkontak­ ten rund um die Welt ein (vgl. Almanach 1987, S. 270 ff.). Die Heimkirche erhielt am 18. September 1983 einen neuen Ambo aus Marmor, gefertigt von Andreas Hubbuch, einem Heimbewohner, als Gesellenstück seiner Steinbildhauer-Ausbildung. Und am 20. Mai 1990 wurde die Orgel des Don­ Bosco-Heimes in Bad Neustadt/Saale in das Furtwanger Heim umplaziert. Schon Ende der 70er Jahre zeichnete sich ab, daß das Wohnangebot mit Vollverpfle­ gung eher von Schülern als von Studenten angenommen wird. Neuen „Wind“ in die

in Furtwangen“ Bewohnerstruktur brachte der „Modellver­ such Skiinternat (kurz SKIF). Der Präsident des Skiverbandes Schwarzwald, Fred Stober, hatte bereits 1979 Interesse an einem derartigen Pilotprojekt im Don-Bosco-Heim gezeigt, das jungen talen­ tierten Wintersportlern neben der sport­ lichen Karriere gleichzeitig eine fundierte Ausbildung ermöglichen soll. Am 10. Sep­ tember 1984 nahm das SKIF unter der Lei­ tung von Trainer Urban Hettich und vier Schülern seinen Anfang (vgl. Almanach 1986, S. 248 ff. und Almanach 1991, S. 296 ff.). Doch nicht nur die Heimstruktur verän­ derte sich im Laufe der Zeit. Auch zahlreiche Wechsel in der Leitung gehören zur Geschichte des Don-Bosco-Heimes. Auf den als sehr „baufreudig“ charakterisierten Pater Müller folgte 1969 Pater Alfons Schaaf in der Position des Direktors der Einrichtung.1975 wurde dieser von Pater Xaver Berchtold abgelöst, der bereits seit 1971 in Furtwangen weilte und der auch nach seiner Direktoren­ zeit (bis 1981) der Furtwanger Jugend eine Zeitlang erhalten blieb. Er widmete sich wei­ terhin der Studentenseelsorge und der Jugendarbeit. Nur ein Jahr fungierte Pater Walter Matawa als Direktor, bevor Pater Philipp Weißhaar seine Tätigkeit in dieser Funktion aufnahm. Für ihn kam schließlich 1987 Direktor Pater Wenzl. Dessen Nach­ folger wurde am 15. August 1992, also nach­ dem die umfangreichste bauliche Verände­ rung bereits abgeschlossen war, Pater Franz Betz, dem heute die Leitung des Heimes obliegt. Pater Wenzl traf auf einer „auslaufenden“ Baustelle im Don-Bosco-Heim ein. Die Sanierung der Küche und des Personalbaus stand kurz vor ihrem endgültigen Abschluß. Doch die Realisierung weiterer Bedürfnisse der Heimbewohner bezüglich der Wohn­ qualität und dringend notwendige Sanie­ rungsmaßnahmen galt es schleunigst anzu­ packen. Als „tickende Zeitbombe“ waren die vom aggressiven Furtwanger Wasser stark lädier- ten Leitungen schon von Pater Weißhaar bezeichnet worden. Erste Priorität von Pater Wenzls Wirken war, hier Abhilfe zu schaf­ fen. Im Zuge dieser umfangreichen Sanie­ rung, die sich gänzlich durch das mittler­ weile fast 30 Jahre alte Gebäude hindurch­ zog, sollten jedoch auch funktionale und gestalterische Veränderungen einhergehen, die die Attraktivität des Hauses steigern und den heutigen Wohnansprüchen junger Leute genügen. Und das ist ihm in Zusam­ menarbeit mit dem Architekten Gregor Kuner und seinem Team gelungen. Während es bis zum jüngsten Umbau pro Etage mit je 25 Bewohnern lediglich einen großen Waschraum gegeben hatte, fließt heute in jedem Zimmer kaltes und warmes Wasser. Die frei gewordenen Waschräume dienen nach der modernen Umgestaltung als Gemeinschaftsräume. Neben der Vollver­ pflegung stehen Wohnküchen zur Verfü­ gung. Mit den baulichen Veränderungen der vorhandenen Wohngebäuden ging eine kleine Erweiterung einher. Die Lücke zwi­ schen Alt- und Neubau wurde mit einem Zwischengebäude geschlossen, das weitere Duschen und WCs, auf jedem Stockwerk eine Sauna und einen Fitneß-Raum umfaßt. Zudem befindet sich darin nun der Haupt­ eingang. Das freundlich und modern gestal­ tete Foyer, an das sich ein großer Freizeit­ raum anschließt, stellt eine Bereicherung für die Einrichtung dar. Mit den grundlegend veränderten Lebensbedingungen durch die jüngsten Sanierungs- und Modernisierungs­ maßnahmen dürften die baulichen und ein­ richtungsmäßig zeitgemäßen Ansprüche der Heimbewohner, insbesondere des SKIF, für längere Zeit zufriedengestellt sein. Es war ein Verdienst des Direktors Pater Wenzl, daß während der Bauzeit der Heim­ betrieb nicht einen Tag eingestellt werden mußte. Selbst während der Ferienzeiten, lie­ ßen sich die Arbeiten so organisieren, daß das Wohnen im Don-Bosco-Heim möglich war. Mit der Millionen-Investition verbanden die Salesianer insbesondere die Hoffnung, 259

die Belegungszahlen zu verbessern. Dies glückte insofern, als daß sich eine Verände­ rung in der Belegungsstruktur einstellte. Zwar ging die Zahl der Schüler von 68 im Jahr des großen Umbaus 1991 auf 52 zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses zurück, dafür ließen sich entgegen den Vorjahren wieder mehr Studenten im Don-Bosco­ Heim nieder. 19 zählte die Heimleitung im Sommersemester 1994. 14 Heimbewohner gehörten im übrigen dem SKIF an. Neben der Erhöhung der Belegungszah­ len verfolgt die Heimleitung ein zweites Ziel: Sie will die Einrichtung wieder mehr für die Allgemeinheit öffnen, sprich, sie den Furt­ wanger jugendlichen zugänglicher machen, ein regeres Leben darin etablieren. Einen wesentlichen Beitrag hierzu leisten mit Si­ cherheit die geschaffenen freizeitlichen Ele­ mente in einem rundum modern und ju­ gendlich gestalteten Don-Bosco-Heim. Isolde Barthillat Vom Kaufmanns-Erholungsheim Badener Hof zur Nachsorge-Klinik Hohenstein Triberg Das über 80 Jahre renommierte Schwarz­ waldhotel über dem Eingang zum Wasserfall in Triberg im Schwarzwald war am 20. 10. 1959 durch die damalige Deutsche Gesell­ schaft für Kur- und Erholungsheime für Handel und Industrie e. V. mit dem Sitz in Wiesbaden (DGK) von der Witwe Hilde Gesser erworben und bis auf die ehemalige Dependence „Haus Waldlust“ abgebrochen worden. Ein Wahrzeichen der Kurstadt Tri­ berg war eingeebnet und harrte eines neuen markanten Neubaues mit zukunftsweisen­ der Aufgabenstellung. Ziel der Trägergesellschaft DGK war seit 1910 die Bereitstellung und der Betrieb von Kur- und Erholungshäusern für kaufrnänni- 260

sehe und technische Angestellte sowie lei­ tende Angestellte und ihren Familien aus der deutschen Industrie und dem Handel zu Kur-, Erholungs-und Urlaubszwecken. In den 50er Jahren war die Idee in der Gesell­ schaft gewachsen, dem bisherigen Angebot auch sogenannte Vorsorgehäuser anzuglie­ dern, um in Verbindung mit ärztlicher Be­ treuung und physikalischer Therapie Krank­ heiten infolge stark beanspruchter Gesund­ heit vorzubeugen. Die traditionsreiche und weithin bekannte Kurstadt Triberg, die in diesen Jahren durch die Errichtung des Kur­ hauses mit Kurmittelabteilung sowie der Ansiedlung von Pensionen, Familienerho­ lungsheimen und ähnlichen Einrichtungen große Anstrengungen unternahm, wurde von der Trägergesellschaft auch im Hinblick auf die landschaftlichen Schönheiten und die Sehenswürdigkeiten auserwählt, eines der ersten zur Gesundheitsvorsorge fortent­ wickelten Häuser zu erhalten. Ausschlagge­ bend war die Möglichkeit, die Kurmittelab­ teilung im Kurhaus der Stadt benutzen und damit auf den Einbau einer eigenen kosten­ trächtigen physikalischen Therapieabtei­ lungverzichten zu können. Für die Stadt Tri­ berg sollte eine rentierliche Kurmittelabtei­ lung gesichert werden. Die Deutsche Gesell­ schaft für Kur-und Erholungshäuser für Handel und Industrie e. V. in Wiesbaden baute in jener Zeit ihre Häuser durch die Wirtschaftshilfe der deutschen Industrie. Eine stattliche Anzahl von mittleren und großen Unternehmen erwarben für ihre Angestellten sogenannte Anmelderechte, um eine günstige Finanzierung und niedrige Tagessätze zu sichern. Über 33000 Gäste konnte die DGK auf diese Weise und zu die­ ser Zeit aufuehmen. Später erfolgte eine Aus­ dehnung der Bautätigkeiten auch auf andere Länder in Europa. Die Gesellschaft benann­ te sich deshalb in Europäische Gesellschaft für Kur-und Erholungshäuser e. V. in Wies­ baden (EGK) um und betrieb ca. 50 Häuser. Der größte Teil der deutschen Wirtschafts­ unternehmer, über 6000 selbständige Kauf­ leute und über 10 000 Angestellte als Einzel- mitglieder, schlossen sich damals der EGK an. Das Haus Waldlust wurde am 1.11.1959 mit 45 Betten und Personalräumen unver­ züglich in Betrieb genommen. Das Geneh­ migungsverfahren für den modernen Bau­ körper mit Flachdach und Balkonen für 115 Betten nahm bei dem Großprojekt mit 3,5 Millionen DM naturgemäß längere Zeit in Anspruch. Insbesondere erwies sich die Gründung des fünfgeschossigen Bettenhau­ ses mit Dachgarten in besonnter Ost-West­ Richtung mit vielen Stahlbetonpfeilern als schwierig und aufwendig. Der Wirtschafts­ trakt wurde im Verlauf des ehemaligen Hotels in Nord-Süd-Stellung errichtet und enthält auch heute noch im Erdgeschoß Küche und Speisesaal sowie im Oberge­ schoß großzügige und elegante Aufenthalts­ und Fernsehräume. Im Verbindungstrakt überrascht im Erdgeschoß die große Emp­ fangshalle mit der Rezeption und der Patien­ tenaufnahme. In den Obergeschossen sind die Funktionsräume für die medizinische Versorgung und Betreuung sowie die Verwal­ tung untergebracht. Am 20. 9.1961 wurde die Großbaustelle eingerichtet und am 13. 10. 1961 mit dem Erdaushub für die Fundamente begonnen. Die Ausführung der drei mitein­ ander verbundenen Gebäude erfolgte in Stahlbeton-Massivbauweise mit Ziegelstein­ mauerwerk. Am 8. 11. 1962 wurde das Richt­ fest gefeiert; der Richtschmaus fand im ehe­ maligen Hotel „Löwen-National“ am Markt­ platz statt. Bei dieser Gelegenheit verkün­ dete der damalige 86jährige Präsident der EGK, Stadtrat a. D. Heinrich Glücklich, in Anwesenheit des damaligen Landrats Dr. Astfaller sowie des Bürgermeisters i. R. Faster und des Bürgermeisters Dr. Villinger, den Namen „Badener Hof“ für das Vorsorge­ haus in Triberg. So wie die EGK europaweit durch ihre gemeinnützige Aufgabenstellung im sozialen und gesundheitsfördernden Be­ reich tätig sei, so sei durch die Einrichtung dieses Bauwerks durch deutsche, italieni­ sche, spanische und jugoslawische Bauarbei­ ter symbolisch gesehen ein Haus des in der 261

Einigung befindlichen Europas entstanden. Im Juli 1963 wurde auch das Ökonomie­ gebäude mit Personalwohnungen abgebro­ chen und die entstandene Fläche in einen Pkw-Parkplatz umgebaut. Endgültig zu Ende ging damit die Zeit, in der in diesem Ge­ bäude ehedem untergebrachte Pferdeomni­ busse und Landauer sowie 12 Pferde bereit­ standen, um Hotelgäste aus dem russischen Hochadel oder aus dem holländischen Königshaus von der Schnellzugstation Tri­ berg abzuholen. Versunken und vergessen sind damit jene für Triberg glücklichen Tage und Jahre, als außer Baden-Baden der wei­ tere weltweit bekannte Kurort Triberg er­ schlossen durch die schönste Mittelgebirgs­ bahn, die Schwarzwaldbahn, gewesen war. Die Inbetriebnahme des Vorsorgehauses Badener Hof der EGK erfolgte am 5. 8.1963 mit 160 Betten. Die positiven Auswirkungen des immer mehr als wichtig anzusehenden Hauses der Präventiv-Medizin über den Kur­ betrieb im Kurhaus und Kurmittelhaus hin­ aus, vor allem auf Einzelhandel und Gastro­ nomie war zu dieser Zeit nicht so gut voraus­ sehbar, wie sie in Wirklichkeit bis heute als wesentliche Belebung, ja teilweise Existenz­ grundlage, eingetreten sind. Die Veränderungen der Struktur des Ge­ sundheitswesens in der Bundesrepublik Deutschland, vor allem die Entwicklung der Nachsorge nach schweren Erkrankungen und Eingriffen in Akut-Krankenhäusern, ging am Badener Hof und der Trägergesell­ schaft EGKnicht ohne Spuren und Umden­ ken vorbei. Die Vorsorge hat nicht nur bei Kaufleuten, sondern bei allen Bevölkerungs­ schichten nicht den Stellenwert erreicht, den sie auch heute bis zur Krebsvorsorge verdie­ nen würde. Nach Schwerpunkten in den Haupturlaubszeiten Ostern, Sommer und Weihnachten gingen die Gästezahlen im Badener Hof in den übrigen Jahreszeiten stark zurück. In anderen Kurorten entstan­ den Kurheime, Sanatorien und Kurkliniken für stationären Aufenthalt, die neben der Präventiv-Medizin den Schwerpunkt auf die Nachsorge legten. Die Europäische Gesell- 262 schaft für Kur-und Erholungshäuser e. V. in Wiesbaden stellte diese Umstrukturierung auch in ihren anderen Vorsorgehäusern fest und begann auch in Triberg an eine Um­ wandlung des Badener Hofs zu denken. Die damalige Geschäftsführerin der EGK, Dr. Erika Fischer, kam mit ihrem Architekten Jakob Müller auf die Stadt Triberg zu, um über die Auflösung des Vertrages über den Nichteinbau einer Kurmittelabteilung und den Umbau des Hauses in eine Kurklinik Badener Hof zu verhandeln. Naßzellen soll­ ten zu Lasten von Zimmern eingebaut wer­ den. Im Untergeschoß des Hauses „Wald­ lust“ sollte eine Bäderabteilung eingerichtet werden. Erstmals mußte auch ein Angebot an die Bundesversicherungsanstalt für Ange­ stellte in Berlin (BfA) überlegt werden, weil der angestammte Gästekreis aus der Kauf­ mannschaft in Handel und Industrie nicht mehr ergiebig war. Die entstandenen Fragen wurden einvernehmlich und entsprechend den Zeichen der Zeit zwischen EGK und Stadt geklärt. Im Jahre 1972 wurde der Badener Hof im Stile eines Sanatoriums umgebaut und an­ schließend als Kurklinik Badener Hof mit 120 Betten in Betrieb genommen. Personell war eine erhebliche Aufstockung mit Fach­ kräften in den medizinischen und therapeu­ tischen Bereichen erforderlich. Chefarzt wurde Dr. med. Koppermann, Verwaltungs­ leiter blieb R. Meise. Die Küche hatte in grö­ ßerem Umfang auch Diätkost anzubieten und brauchte diätetisch geschulte Köche. Die Gäste blieben nun 4 Wochen. Kostenträ­ ger und Hausarzt erhielten den ärztlichen Schlußbericht des Hauses. Trotz intensiver Bemühungen war eine wirtschaftlich erfolgreiche Führung der Kur­ klinik Badener Hof nicht aufDauer möglich. Offensichtlich lag die Kurklinik mit nur 120 Betten bei einem durchschnittlichen Belegungsgrad von weit unter 90 v. H. unter der Wirtschaftlichkeitsgrenze. Eine weitere Strukturveränderung im Gesundheitswesen sowie die ersten Kostendämpfungsmaßnah­ men der Bundesregierung führten zu einem

Verkaufsangebot an die auf dem Markt ge­ kommene Kur- und Sanatorien-Betriebs GmbH (KSB) mit dem Sitz in Dreieich, spä­ ter Frankfurt/Main. Geschäftsführer Ger­ hard Isenberg nahm alsbald Verbindung mit der Stadt Triberg auf, um die für den Fall des Erwerbs erforderlichen Aufstockungs- und Umbaumaßnahmen sowie Finanzierungs­ möglichkeiten zu besprechen. Die Bedeu­ tung einer Kurklinik für den Kurbetrieb sowie für Einzelhandel und Gastronomie in Triberg hatten sich seit 1963 nicht nur ge­ zeigt, sondern auch als so weittragend her­ ausgestellt, daß sowohl für das erheblich stei­ gende Bauvolumen als auch für Übergangs­ maßnahmen Einvernehmen zwischen KSB und Stadt erzielt wurden. Im Jahre 1976 erwarb die KSB die Grund- stücke und die Gebäude und legte die Aus­ baupläne für eine 190 Betten ausgelegte Kur­ klinik für Herz-Kreislauf-Patienten ein­ schließlich des Einbaues einer Kurmittelab­ teilung und einer Erweiterung des medizini­ schen Bereichs vor. Mit der Erteilung der Baugenehmigung, die sich auch auf eine Generalsanierung des Hauses“ Waldlust“ als Haus II bezog, begann die Aufstockung des Hauses I durch eine eigene Bauabteilung der KSB, die in knapp zwei Jahren die Gesamt­ maßnahmen unter Inanspruchnahme von Nachtarbeit bis Ende August 1978 abge­ schlossen hatte. Geschäftsführer und Baulei­ ter waren nahezu ständig vor Ort. Auf dem Dach entstand anstelle der Terrasse der Gymnastiksaal, die Sonnenterrasse wurde auf den Mitteltrakt verlegt. In der neugestalteten Empfangshalle 263

Umbau und Generalsanierung des Hau­ ses II in ein Belegkrankenhaus sollte für die Bevölkerung der Raumschaft unter Einbe­ ziehung der bisherigen Belegärzte des alten städtischen Krankenhauses an der Wall­ fahrtstraße eine moderne medizinische Ver­ sorgung ermöglichen. Das alte Haus mit circa 60 Betten war inzwischen abgespro­ chen worden und diente später vorüberge­ hend als Alten- und Altenpflegeheim, bis der Neubau in der Schulstraße am alten Platz errichtet war. Das Haus II der Kurklinik sollte als Krankenhaus mit 35 Betten geführt werden. Die Krankenzimmer waren großzü­ gig und alle mit Naßzellen eingerichtet wor­ den. Im Untergeschoß waren Operations­ möglichkeiten mit modernster medizini­ scher Technik sowie Röntgenabteilung und Labor mit hohem Aufwand entstanden. Zum großen Leidwesen der KSB und der Raumschaft Triberg ist die Inbetriebnahme des neuen Krankenhauses am Krankenhaus­ bedarfsplan I der Landesregierung Baden­ Württemberg – auch auf Intervention der Krankenkassen und benachbarter Kranken­ hausträger – trotz heftiger Proteste aus dem Stadtrat und über 3000 Unterschriften von Kassenpatienten in der Raumschaft geschei­ tert. Die Bevölkerung der Raumschaft hatte am Tag der offenen Tür mit über 4000 Besu­ chern diese Einrichtung begrüßt und war nun tief enttäuscht. Im September 1978 hat der Geschäftsfüh­ rer der KSB die Bewohner des Alten- und Altenpflegeheimes Triberg auf drei Wochen kostenlos zum Probewohnen eingeladen. Dieses Angebot wurde gerne angenommen. Die KSB prüfte bei dieser Maßnahme den internen medizinischen und therapeuti­ schen Betriebsablauf sowie den Versorgungs­ bereich. Ab l. Oktober 1978 ging das Haus als Kurklinik Triberg in vollem Umfang in Be­ trieb und nahm entsprechend einer Verein­ barung mit der Bundesversicherung für An­ gestellte in Berlin vorwiegend Herz-Kreis­ lauf-Patienten auf. Der bis dahin in eigener Praxis tätige Internist, Dr. med. Manfred Schoenemeyer, wurde Chefarzt. 264 Weitere Kostendämpfungsmaßnahmen der Bundesregierung brachten auch der neuen Trägergesellschaft Schwankungen in der Auslastung und gemeinsam mit der BfA die Überlegung nach einem zweiten Stand­ bein und besserer Frequenz und Stabilität des Betriebes. Der wachsende Bedarf an Bet­ ten für onkologisch-hämatologisch nachzu­ behandelnde Patienten war schließlich Ursa­ che für die Entscheidung der Einrichtung einer solchen Abteilung mit zunächst 60 Bet­ ten. Am 1.10.1986 konnte diese Abteilung unter Leitung von Chefarzt Dr. med. Ger­ hard Adam den Betrieb aufnehmen. Schon nach kurzer Zeit zeigte sich die Notwendig­ keit der Einstellung weiteren Fachpersonals im medizinischen, psychologischen und therapeutischen Bereich sowie die verbes­ serte Ausstattung mit modernsten medizini­ schen Geräten und Einrichtungen bis hin zur richtigen Ernährungsberatung. Manche Funktionsräume genügten weder zahlenmä­ ßig noch lagemäßig den Anforderungen, andere waren zu klein. Weiter erforderlich gewordene medizinische Indikations- oder Behandlungsräume fehlten völlig. Aus die­ sem Grunde entschloß sich der Geschäfts­ führer der inzwischen nach Erlangung der Gemeinnützigkeits-Anerkennung umbe­ nannten Gemeinnützigen Klinik-Betriebe GmbH mit dem neuen Sitz in Nidda-Bad Salzhausen (GKB), Gerhard Isenberg, einen Anbau an das Bettenhaus im nördlichen Innenhof des Hauses I für die Physiotherapie planen und ausführen zu lassen. Die schon beim Bau des Badener Hof aufgetretenen Probleme der Gründung führten zu einem zweigeschossigen Anbau, in dessen Erdge­ schoß Räume für das Ergometer-Training, eine vergrößerte Beschäftigungstherapie und die gesamte Krankengymnastik entstan­ den. Auf der Ebene des Untergeschosses konnte in das zweite Untergeschoß des Bet­ tenhauses mit den rein statischen Elementen vorgedrungen und ein Film-, Video- und Vortragssaal mit 75 Plätzen eingerichtet wer­ den. Außerdem bestand nun die Möglich­ keit in den frei gewordenen Räumen im Un-

tergeschoß des Hauses II die notwendige Erweiterung der medizinischen Indikations­ möglichkeiten wie Röntgen, Sonographie und Echocardiographie einzurichten. Die Naßzellen der Patientenzimmer wurden behindertengerecht umgebaut. Die Außen­ anlagen erhielten einen Rundweg, einen Brunnenhof mit Sitzbänken und viel Grün­ fläche. Die onkologisch-hämatologische Abteilung wurde auf 90 Betten aufgestockt und nimmt nun auch Patienten aus der Raumschaft, dem Schwarzwald-Baar-Kreis und der Region auf. Die Kurklinik führt ab 1.1.1988 die Bezeichnung Klinik Hohenstein. Am 21. 9.1990 verkaufte Geschäftsführer G. Isenberg die Kliniken der GKB an die Asklepios-Klinik-Gruppe in Kronberg/Tau­ nus, die die Nachsorge-Klinik Hohenstein unter der Trägerschaft der GKB fortführt. Die heutigen Klinikträger haben seit der Übernahme die Klinik Hohenstein grundle­ gend saniert und modernisiert. So wurden die von den Kostenträgern gewünschten medizinischen Einrichtungen geschaffen. Gleichzeitig wurden alle thera­ peutischen Bereiche den heutigen Ansprü­ chen entsprechend vervollständigt. Die ge­ samte Physiotherapie erhielt ein neues Gesicht. Die Patienten erleben diese Einrich­ tung mit modernen technischen Geräten, in großzügigen und ansprechenden Räumen. Das Haus plant die Einrichtung einer neuen Turn- und Gymnastikhalle und die Erhöhung der Bettenkapazität mit Baumaß­ nahmen auf200 Betten. Die Klinik Hohen­ stein erreicht mit diesem Vorhaben auf lange Sicht eine wirtschaftliche Größe. Alfred Vogt / Wolfgang Siegert Bei der Wilhelmshöhe Aquarell: Herbert Böhm 265

Landesgartenschau 1994 in Bad Dürrheim Stadt Bad Dürrheim Landesgartenschau 1994 – ein großartiges Erlebnis ,,Zu Gast bei den Schätzen der Natur“ – getreu diesem Leitspruch erfreute die Lan­ desgartenschau in Bad Dürrheim vom 29. 4. bis 9 .10.1994 ihre vielen Besucherinnen und Besucher aus nah und fern. In der Tat, die Gäste fühlten sich inmitten der weiten und großzügigen Park- und Landschaftsanlage wie in der Natur. Die Übergänge vom enge­ ren Kurparkbereich rund um das Kurhaus über den großzügig gestalteten Landschafts­ park im Süden rund um das Salztor und den Salzpfeiler bis hin zu den weiten Fluren und Wäldern am Horizont außerhalb des einge­ zäunten Bereiches vermittelten ein tiefes Gefühl von Natürlichkeit, Landschaftsviel­ falt und gesunder Umwelt. Die Landesgar­ tenschau in Bad Dürrheim, gegenüber bishe­ rigen Landesgartenschauen von vornherein durch ihre optimale Lage im Vorteil, konnte sich wirklich mit ganzem Gewicht darauf konzentrieren, die Natur in ihrer ganzen Vielfalt bis hin zu herrlichen Blumen und Blüten in ihrer vollen Pracht zu zeigen und den Betrachter immer wieder mit neuen reiz­ vollen Eindrücken zu begeistern. All dies, was im investiven Bereich der Landesgartenschau geschaffen wurde, bleibt nahezu unverändert und vollständig in Bad Dürrheim auf Dauer erhalten. Ebenso wer­ den viele wertvolle Beiträge aus dem soge­ nannten Durchführungsbereich bestehen bleiben können. Mit dem neuen Kurpark ,,Luisen-Garten“ konnte somit ein ganz wert­ voller, neuer, großzügiger Erholungsraum für die Zukunft geschaffen werden. Dies ist eine Investition von bleibendem Wert und nachhaltiger positiver Wirkung für Bad Dürrheim und die Region. 266

Die Landesgarten­ schau hat den Be­ kanntheitsgrad von Bad Dürrheim im gan­ zen Land wesentlich vergrößert. Viele Besu­ cher wissen jetzt, wo Bad Dürrheim liegt und welche besonde­ ren Schätze der Natur es anbieten kann. Und wer vielleicht durch die Landesgartenschau spaziert ist und an­ schließend noch Zeit für ein erholsames Bad im preisgekrönten So­ lemar gefunden hat, der weiß, daß es sich lohnt, hierher immer wieder zurückzukom­ men. Der gesundheits­ bewußte und heilungs­ suchende Gast tut sich jetzt noch leichter als früher, sich für Bad Dürrheim zu entschei­ den. Ob zur klassi­ schen Kur oder auch nur vielleicht zum kurzzeitigen Erho­ lungsurlaub – Bad Dürrheim ist für bei­ des gleichermaßen gut geeignet. Und noch etwas wird haften bleiben: Die Erinnerung an die vielen schönen Veranstaltungen selbst. Wer eine Dauerkarte genommen hatte, kam aus dem Erleben in der Landesgartenschau gar nicht mehr her­ aus. Musik, Theater, Kinderveranstaltungen, Spezialinformationen, Mitmachaktionen – alles wurde in Hülle und Fülle geboten und stieß auf hervorragende Resonanz. Die außergewöhnlich große Zahl der Zuschauer bei vielen Veranstaltungen war ein Beweis für die hohe Qialität und die Attraktivität des Gebotenen. Ja, sie wird uns 1995 fehlen, diese Landes­ gartenschau. Für Bad Dürrheim war es ein Jahrhundertereignis, von dem viele begei­ sterte Gartenschaubesucher noch lange er­ zählen werden: – schön war es damals, im Sommer 1994 in Bad Dürrheim -. Gerhard Hagmann, Bürgermeister 267

Landesgartenschau 1994 in Bad Dürrheim vom 29. April bis 9. Oktober Die z. T. im Vorfeld geäußerte Ansicht, eine Landesgartenschau wäre für Bad Dürr­ heim „eine Schuhnummer zu groß“, hat sich als nicht richtig erwiesen. Sowohl in der Vor­ bereitungs- als auch in der Durchführungs­ zeit wurden die jeweiligen Aufgaben gut gemeistert und die Abwicklung lief fast pro­ blemlos. Die Landesgartenschau hat für Bad Dürr­ heim zum richtigen Zeitpunkt einen wesent­ lichen Beitrag zur Stabilisierung des Frem­ denverkehrs, dem hier wichtigsten Wirt­ schaftsbereich, geleistet. Bad Dürrheim kann mit dem neuen Kurpark Luisen-Garten und mit dem überwiegend positiven Echo bei den Besuchern der Landesgartenschau opti­ mistisch in die Zukunft blicken. Die Auswir­ kungen der letzten Gesundheitsreform und der stärkeren Konkurrenz aus dem westlichen, südlichen und östlichen Ausland scheinen mindestens deutlich gemildert zu sein, wenn man die Entwicklung der Übernachtungs­ zahlen mit denen anderer baden-württem­ bergischer Heilbäder vergleicht. Die Landes­ gartenschau konnte bisher ein gutes Image von Bad Dürrheim vermitteln. Sie wird – was die geschaffenen Anlagen und die Veran­ staltungen angeht – als eine besondere, feine, gelungene Gartenschau in die Ge­ schichte der Landesgartenschauen eingehen. Die Bevölkerung und die Besucher Bad Dürrheims werden sich noch lange am Lui­ sen-Garten erfreuen und sich in ihm wohl­ fühlen. Welche Vorbereitungen zu treffen waren und wie die Landesgartenschau ver­ lief, sollen nachstehende Ausführungen auf­ zeigen. 1. Organisation Im März 1991 wurde die Landesgarten­ schau Bad Dürrheim 1994 GmbH in das Handelsregister eingetragen. Gesellschafter sind zu je einem Drittel die Stadt Bad Dürr­ heim, die städtische Tochtergesellschaft Kur- 268 und Bäder GmbH und die Förderungsgesell­ schaft für die baden-württembergischen Lan­ desgartenschauen mbH. Gesellschaftszweck ist die Vorbereitung und Durchführung der Landesgartenschau 1994. Nach Abschluß sind die Investitionen an die Stadt und die Kur- und Bäder GmbH zu übertragen und die Landesgartenschau GmbH ist wieder auf­ zulösen. Bad Dürrheim war mit 11 454 Einwohnern (Stand 30. 6.1993) die bisher kleinste und mit 750 m die höchstgelegene Stadt, die eine Landesgartenschau ausrichtete. Dies stellte an alle Beteiligten hinsichtlich des Engage­ ments und der fachlichen Qialität beson­ dere Anforderungen. 2. Daueranlagen und Bauzeit Die intensive Planungsphase begann mit der Auslobung des Ideen- und Realisierungs­ wettbewerbs im Juni 1990 und fand ihren konzeptionellen Abschluß mit dem Beschluß des Entwurfsplanes durch den Aufsichtsrat der Landesgartenschau GmbH im Dezem­ ber 1991. Nach weiterer Detailplanung der einzelnen Bauabschnitte wurde im Juni 1992 mit den ersten Bauarbeiten begonnen. Be­ günstigt durch die gute Witterung über den Winter 1992/93 gingen die Arbeiten zur Her­ stellung der bleibenden Anlagen zügig voran und konnten zum Jahresende 1993 weitge­ hend abgeschlossen werden. Ab September 1993 herrschte jedoch eine längere Regenperiode, die den Bau der Aus­ stellungsbeiträge z. T. erheblich behinderte und dazu führte, daß verschiedene Bereiche erst kurz vor Eröffnung der Landesgarten­ schau bepflanzt werden konnten. Bis Ende März 1994 war das Gelände wäh­ rend der gesamten Bauzeit für Besucher begehbar und die regelmäßigen Baustellen­ führungen für Gäste und Einheimische waren sehr beliebt. Viele Teilnehmer an den Führungen konnten so die Entstehung des

neuen Luisen-Gartens Schritt für Schritt ver­ folgen. An neuen Inhalten im historischen Teil des Luisen-Gartens wurden geschaffen: – der Rosengarten mit 60 verschiedenen Rosensorten und dem Kunstwerk Salz­ quell als Mittelpunkt, – der Naturheilgarten mit Heilpflanzen­ Beeten, die nach Indikationen und Pflan­ zenarten angeordnet sind und einer menschlichen Figur, an deren Körperstel­ len Pflanzen zu finden sind, die auf diese Stellen oder dort befindliche Organe positiv wirken, – die offengelegte Stille Muse! mit den 5 filigranen Stahlbrücken und den interes­ sant gestalteten Uferbereichen, – der Farbkreis aus Wechself1or um das neu gestaltete Fontänebecken, – die 6 Themengärten entlang der Linden­ allee, die den historischen, von symmetri­ schen Achsen und Alleen geprägten Kur­ parkteil nach Süden hjn abschließen, – das Kunstwerk Salztor als Endpunkt der Mütelachse und zugleich Öffnung in den landschaftlichen Teil der Kurparkerweite­ rung. Im Kurparkerweiterungsgelände entstan­ den: – die Spielanlage in Form eines Schiffes, das gestrandet ist und mit vielerlei Kletter­ und Rutschmöglichkeiten aufwartet, – ein Natursee mü einer Fläche von 3200 qm, der vom Quellwasser des Fontänebeckens gespeist wird und wegen seiner direkten Anbindung an das Grundwasser einen wechselnden Wasserstand hat, der Naturgarten, gebaut unter Mithilfe des BUND, mit einem Teich, einer Kräu­ terspirale, Stauden- und Blumenwiesen­ flächen, ein Weidenlehrpfad mit unterschiedli­ chen Verwendungsmöglichkeiten von Weiden wie Faschinen zur Hangbefesti­ gung, Kriechtunnel oder Spielhäuschen, – ein großzügiger asphaltierter Rundweg, damit eine ganzjährige Nutzung möglich ist, 270 das Kunstwerk Salzpfeiler, das einen umgestülpten Bohrkern bis zu den Salz­ stöcken in 200 m Tiefe darstellen soll, am südlichen Ende des Geländes, ein Festplatz, auf dem die Bad Dürrhei­ mer Vereine künftig ihre Sommer- und Jubiläumsfeste abhalten können, das Eingangsbauwerk Süd, ein künstleri­ sches Gebilde aus Beton und Stahl, das am Hochpunkt des Geländes den Weg vom neuen Parkplatz zum Kurpark kurz­ weilig machen soll und von einer Platt­ form aus den Überblick über den süd­ lichen Teil des Lujsen-Gartens ermög­ licht. Außerdem wurden als Ersatz für die vom Ulmensplintkäfer befallenen und deshalb abgängigen Ulmen in den Alleen des histori­ schen Kurparks 121 Kaiserlinden und im Erweiterungsgebiet des Luisen-Gartens 110 Erlen, Eichen, Eschen, Linden, Pappeln, Kastanien und Ahorn gepflanzt. Schließlich wurde außerhalb des eingezäunten Berei­ ches südlich des Solemar eine neue Geh-und Radwegverbindung vom Kurpark zu den Sportanlagen im Westen der Stadt geschaf­ fen. Bei den Bohrtürmen am Minara, in denen seit 1988 die Stadtjugendpflege unter­ gebracht ist, wurde eine Skateboardanlage errichtet, die sich großer Beliebtheit erfreut. All diese Anlagen sind als Daueranlagen gebaut, die auch nach der Landesgarten­ schau den Besuchern des Lujsen-Gartens zur Verfügung stehen und – was insbesondere die Baumpflanzungen angeht- von Jahr zu Jahr schöner werden und ihre Pracht entfal­ ten. 3. AusstelJungsbeiträge Für die Landesgartenschau wurden die Daueranlagen ergänzt durch verschiedene Ausstellungsbeiträge, bei deren Bau und Pflege sich die Mitglieder vieler Organisatio­ nen, Verbände, Vereine und Fachbehörden vorbildlich engagierten. Zu nennen sind (ohne daß dies vollständig wäre und die Lei­ stung der Ungenannten dadurch geschmä­ lert werden soll):

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– der Garten der Elemente, ein gemeinsa­ mer Beitrag der Ba umschul- und Stauden­ gärtner und des Verbandes Garten- und Landschaftsbau, der die 4 Elemente Feu­ er/Wärme, Luft, Wasser und Erde zum T hema hat, eine modellhafte Grabgestaltung mit inruviduellen Grabmalen von den Fried­ hofsgärtnern, Metallgestaltern, Holzbild­ hauern und Steinmetzen, das Glasgewächshaus, in dem 14 Blumen­ sonderschauen – jede für sich ein sprü­ hendes Kunstwerk gärtnerischer und flori­ stischer Ideen – stattfanden und die Gärt­ nerinformation untergebracht war, 5000 qm Wechselflorflächen, der Ausstellungsbeitrag der Forstverwal­ tung zur Darstellung der Funktionen und des Zustandes des Waldes und der vielfäl­ tigen Verwendung des Holzes als ständig nachwachsender Rohstoff, die Pflanzung über 30 landwirtschaft­ licher Kulturen durch die Landwirt­ schaftsverwaltung, ein Bauerngarten mit Nutz- und Wohn­ garten der Landfrauenvereine, – ein lmkergarten der Imkervereine, der Anregungen enthielt, mit welchen Wild­ und Nutzpflanzen jeder im Garten dazu beitragen kann, daß sich das Trachtange­ bot für Honig- und Wildbienen verbes­ sert, eine umfangreiche Auswahl von Gemüse­ und Salatsorten sowie Kräutern, betreut vom Kreisgärtnermeister des Kreises Rott­ weil, naturgemäßes Gärtnern mit Mulchen, Gründüngung und Förderung von Nütz­ lingen im Beitrag der Gartenfreunde, – verschiedene Obstgehölze, an denen vom Landesverband Obstbau, Garten und Landschaft Baum- und Erziehungs­ formen im Obst- und Beerenanbau vorge­ stellt wurden, die Akademie für Natur- und Umwelt­ schutz mit der Ausstellung „Lebens­ räume in Baden-Württemberg – Natur­ schutz in der Gemeinde“. Natürlich war auch die gastronomische Versorgung der Besucher sichergestellt und im Gärtnermarkt gab es viele gartenschau­ typische Gegenstände zu erwerben. 4. Veranstaltungskonzeption Eine Landesgartenschau in der bisherigen Konzeption lebt auch wesentlich von einer Vielzahl unterschiedlicher Veranstaltungen. Selbstverständlich nahmen gärtnerische und mit der Natur zusammenhängende Themen zunächst einen festen Raum ein: Fachvor­ träge, öffentliche Verbandsversammlungen und Kundgebungen der beteiligten Organi­ sationen, persönliche Beratungsgespräche, Verarbeitung natürlicher Produkte wie Korb­ flechten, Schindeln machen oder Töpfern, Bodenuntersuchungen und das Naturklas­ senzimmer für Schulklassen bis zum 10. Schuljahr gehörten beispielsweise hierzu. Ein Schwerpunkt lag aber auch auf einem sowohl von Hobbykünstlern und -musikern als auch von Profis dargebotenen abwechs­ lungsreichen kulturellen Programm. Volks­ musik, Jazz, Blues, Beat, Gesang, Folklore, Kabarett, sportliche Darbietungen, Veran­ staltungen für Kinder – von allem war reich­ haltig und in hoher Qialität geboten. An einzelnen Veranstaltungen können als Höhepunkte sicherlich die beiden Sommer­ nachtsfeste mit Feuerwerk, das Jazz-Festival, das Wochenende der Volksmusik und der Tanzwettbewerb hervorgehoben werden. Außerdem sind die vielen Städte- und Ge­ meindetage zu nennen, an denen sich insge­ samt etwa 6000 Aktive beteiligten. Auch das kirchliche Programm mit sonntäglichen Gottesdiensten, Abendliedervorträgen und einem interessanten Kinderprogramm zeigte ein überdurchschnittliches Engagement. Ein besonderer Akzent und konkreter Bezug auf Bad Dürrheim wurde mit der Ein­ bindung eines Teils des Kurgastprogramms und des Kurhauses gesetzt. Arztvorträge, Ausstellungen zu Gesundheitsfragen, Tanz­ tee und -abende, Kurkonzerte, tägliche Gymnastik für jedermann mit den Thera­ peuten der Kur- und Bäder GmbH, Früh- 273

schoppenkonzerte u. a. sollten den Garten­ schaubesucher mit dem Kurwesen in Kon­ takt bringen und damit als potentiellen Kur­ ader Feriengast ansprechen. Ausstellungen und Aktionen des Schwarz­ wald-Baa.r-Kreises und seiner Gemeinden in der Wandelhalle, Kunstausstellungen und ein vielseitiges Veranstaltungs- und Ausstel­ lungsprogramm des Treffpunktes Baden­ Württemberg rundeten das Gesamtangebot ab, so daß keine Langeweile aufkam und jeder Besuch zu einem besonderen Erlebnis wurde. 5. Finanzen Als Grundlage des Beschlusses, sich für die Ausrichtung der 13. Landesgartenschau zu bewerben, gaben der Gemeinderat und der Aufsichtsrat der Kur- und Bäder GmbH 274 im März 1990 vor, daß für den Bau der Dauer­ anlagen höchstens 12 Mio DM ausgegeben werden. Der Durchführungshaushalt – also alle Ausgaben, die für die fast halbjährige Landesgartenschau im neu gestalteten Kur­ park Luisen-Garten anfallen – sollte kosten­ deckend und damit ohne städtischen Zu­ schuß bestritten werden. Zu den Investitio­ nen leistete das Land einen Zuschuß von 50 0/o, den Rest teilten sich die Stadt und die Kur- und Bäder GmbH. Inzwischen sind fast alle Bauabschnitte abgerechnet und die Investitionssumme wurde um beinahe 1 Mio DM unterschritten. Dies war durch konsequente Kostenkon­ trolle bereits in der Planungsphase und Be­ schränkung auf die unbedingt notwendigen Maßnahmen möglich.

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Der Durchführungshaushalt beinhaltet Ausgaben und Einnahmen von 8,4 Mio DM. Den Einnahmen liegt dabei eine erwartete Besucherzahl von rd. 850 000 zugrunde, die sich aus 450 000 Tagesbesuchern und etwa 10 000 Dauerkarteninhabern errechnet. Nach sehr gutem Beginn folgte zunächst eine Zeit mit 4 Wochen Regen und Temperaturen von nur 10 bis 13 Grad Celsius, die dann von 3 Wochen mit brütender Hitze über 30 Grad Celsius und starken Gewittern abgelöst wur­ den. Europaweit gab es im Mai und Juni mehrere Hochwasserereignisse, Erdrutsche, große Hagelschäden und einige Todesopfer. In Bad Dürrheim wurden glücklicherweise keine Schäden im Gelände, an den Bauwerken oder in den Pflanzungen angerichtet. Die Wit­ terung wirkte sich jedoch auf die Besucher­ zahlen aus, so daß zur Halbzeit weniger Besucher zu verzeichnen waren als erwartet wurde. Wenn die vorauskalkulierte Zahl in der zweiten Hälfte erreicht wird, kann das bisherige Einnahmedefizit durch Einsparun­ gen ausgeglichen werden, so daß derzeit auch das Ziel der Kostendeckung im Durch­ führungshaushalt noch in greifbarer Nähe ist. (Anm.: Zum Zeitpunkt des Redaktions­ schlusses für diesen Almanach im Juli 1994 lag erst die Halbzeitbilanz vor.) 6. Landesgartenschau als Wirtschaftsfaktor Neben der Investitionssumme von netto rd. 9,5 Mio DM reine Baukosten erhielten die Garten- und Landschaftsbau- sowie Tief­ baufirmen weitere Aufträge aus Maßnah­ men, die im Umfeld der Landesgartenschau sozusagen „in einem Zug“ durchgeführt wur­ den. So wurden fur den Bau des neuen Kur­ park-Parkplatzes am Eingang Süd 1,35 Mio DM und für die Umgestaltung des Salinen­ parks 0,5 Mio DM aufgewandt. Für den Bau der Ausstellungsbeiträge, die Pflege des Ge­ ländes, der Wechselflorflächen und die Blu­ menschauen fließen rund 2 Mio DM an be­ teiligte Firmen. In den Gastronomiebetrie­ ben und den 8 Gärtnermarktbetrieben wird ein Umsatz von gut 4,5 Mio DM erwartet (Stand: Juli 1994). Die Übernachtungszahlen dürften gegen­ über dem Vorjahr nach der Entwicklung im 2. �arta1 bis zum Jahresende 1994 um gut 20 000 bis 30 000 steigen. Auch die Ge­ schäfte in der Innenstadt profitierten von vielen Besuchern, die den kurzen Weg in die Friedrichstraße nahmen und dort die Stra­ ßencafes oder die verschiedenen Läden auf­ suchten. Innerhalb des Gartenschaugeländes wur­ den einschließlich der bei der Landesgarten­ schau angestellten Mitarbeiter ca.40 minde­ stens 6 Monate dauernde feste Arbeitsplätze geschaffen und bis zu 50 Aushilfskräfte be­ schäftigt. Dies war in einer Zeit, in der im Schwarzwald-Baar-Kreis eine hohe Arbeits­ losigkeit herrschte, besonders wichtig. Jörg Dieterle Herbscht Iisig rislet’s de Buckel ab won en ’s erseht Mol spür, do het er mit siim Nebelgsicht scho über d’Hüüser geschleckt un d’Fimis chiehl uf ’s Pflaschter dropfe lo. D’Gartewirtschaft het de Garte dinn ufbaut un ’s Lache iine gsuugt in d’Wärmi Samschtig morge, halber zehni chunnt er gschliche in siim übersatte Himmelviolett zue de Seck us gutschen em Fetze vo Farb in die fruchtigi Diefi. Raumwiit het er si Landschaft uftrait un gumpt jetzt drin umme un zündet si a wie ne Füürwerk bis alles glänzt un strahlt un saftet, un ’s Wunder eim wunderet do riiß i d’Lungen uf vor Freud un renn in d’Ärm vom Wind. Johannes Kaiser 281

Landschaft, Heimische Tierwelt Einklang zwischen Naturschutz, Erholung und Wintersport am Rohrhardsberg – ein Modellprojekt – Die Höhen um den Rohrhardsberg sind eine vielgestaltige Waldlandschaft. Inmitten von Tannen, Fichten und Buchen prägen wenige offene Flächen, Weidfelder, Wiesen, Brachen und Moore das Landschaftsbild. Eine für den Schwarzwald typische Fauna und Flora findet noch geeignete Lebens­ räume mit seltenen Pflanzenarten und schüt­ zenswerten Tieren. Interessant ist die Vogel­ welt, zu der noch der Kolkrabe, der Rauhfuß­ kauz und Auer- und Haselhühner gehören. Diesen Waldhühnern muß die besondere Aufmerksamkeit gelten, sie sind auf einen naturnahen Wald angewiesen. Ihr Bestand ist sehr gefährdet. Die reiche, vom Menschen durch Vieh­ weide, Ackerbau, Waldwirtschaft und Jagd geprägte Kulturlandschaft ist auch zu einem Erholungsgebiet ersten Ranges geworden. Durch die Höhenlage mit einem wechselnden, meist sanft geschwungenen Landschaftsre­ lief, ausgezeichnet mit guter Schneelage, eig­ net sich das Gebiet zwischen Schonach, Schönwald und Furtwangen besonders für den Wintersport. Schon nahezu hundert Jahre hat hier der Langlauf seine Tradition, wird auch von Hängen abgefahren, und seit Jahrzehnten sind Wettkämpfe zu Hause, die als Weltcupveranstaltungen in der Nordi­ schen Kombination in Schonach ihren Hö­ hepunkt haben. Nicht nur Leistungssportler schätzen dieses Gebiet, Einheimische wie Feriengäste laufen gern auf den abwechs­ lungsreichen Loipen Ski. Im Sommer, wenn es unten heiß ist, im Herbst, wenn die Täler im Nebel liegen und oben die Sonne wärmend strahlt, wandern viele Menschen auf die Höhen. Sie suchen die eindrucksvolle Landschaft mit weiten Ausblicken. Sie ist ein wahrer Anziehungs­ punkt, fast für jedermann zu jeder Jahreszeit. 282 Konflikte Angesichts der reichen Naturausstattung auf der einen Seite und der Vielzahl an An­ sprüchen zur Nutzung für Sport und Erho­ lung andererseits kam es in der Vergangen­ heit immer wieder zu Konflikten: Durch das einmalig schöne Hochmoor an der Martins­ kapelle war eine Langlaufloipe gelegt wor­ den. Am Rand des Moores sorgte ein Jugend­ zeltplatz für Abwasserbelastung der emp­ findlichen Vegetation. Mitten durch das Gebiet verläuft eine asphaltierte Straße mit Versiegelungsfolgen und regem Verkehr im Sommer wie im Winter. Sie wurde als Ski­ rollerstrecke benutzt und diente bei geringer Schneelage als Loipe. Die Straße lockte das Auerwild an, weil sie früh aufwärmte, wurde jedoch zur Falle für die bodenbrütende Auerhenne, die in der Nähe ihr Gelege hatte und die Aufzucht vornahm, immer wieder von Menschen gestört. Auch waldbaulich war das Gebiet lange Zeit mehr von ökono­ mischem Denken beherrscht, Monokultu­ ren waren die Folge. Mit der wachsenden Einsicht in die Pro­ bleme wurden seit Jahren immer wieder ein­ zelne Verbesserungen vorgenommen, so die Straße für den Autoverkehr gesperrt, die Loipe aus dem Moor verlegt, Volkswande­ rungen eingeschränkt usw. Dies genügte aber nicht. Auf Initiative der Forstdirektion Frei­ burg und des damaligen Vorsitzenden des Naturschutzverbandes, Professor Dr. Rei­ chelt, wurde beschlossen, eine Gesamtkon­ zeption zu erarbeiten und eine Arbeits­ gruppe aus Fachleuten der Forstlichen Ver­ suchs- und Forschungsanstalt Baden-Würt­ temberg, Naturschützern, Skisportlern, Ver­ tretern der verschiedensten Verbände unter Vorsitz von Forstdirektor Ludwig Heneka einzurichten. Die Erhebungen und Planun-

Modellgebiet Rohrhardsberg – Brend Optimierung Loipennetz „ Waldfläche c=J Landwirtschaft Loipen netz bestehende Loipen (gepuffert) neue Loipenteile wegfallende Loipen GIS/Arclnfo FVA-LP 1Ml3

Aziffahrt zur Martinskapelle Hochmoor bei der Martinskapelle 284

Skihütte Martinskapelle Ideales Langlaufgebiet 285

gen dieser Arbeitsgruppe, die durch Untersu­ chungen der Bezirksstelle für Naturschutz ergänzt wurden, fanden von Anfang an die massive Unterstützung der „Stiftung Sicher­ heit im Skisport“ des Deutschen Skiverban­ des, die in diesem Projekt ein Modell suchte, das überall in vergleichbare Problemgebiete übertragbar sein sollte. Die Planungsarbeiten dauerten über zwei Jahre. Im November 1991 konnte das Projekt der Öffentlichkeit vorgestellt werden. So­ wohl das Umweltministerium wie das Mini­ sterium für den Ländlichen Raum beteilig­ ten sich an der Präsentation und dokumen­ tierten die fachübergreifende Bedeutung die­ ses Projektes in seinem integralen Ansatz. Kernstück der Konzeption ist die ökologi­ sche Aufwertung des gesamten Gebietes. Auf einer Fläche von 650 Hektar werden alle waldbaulichen und landespflegerischen Maß­ nahmen getroffen, die die Lebenswelt beson­ ders der seltenen Tiere und Pflanzen verbes­ sern. Dabei werden die Wälder insgesamt durch starke pflegliche Eingriffe aufgelich­ tet, es kommt mehr Wärme und Wasser auf den Boden, nicht nur die Flora, das ganze Bodenleben wird angereichert. Abseits von den Wegen und den Loipen werden die Wald­ bestände so ausgeformt, daß sie den Ansprü­ chen der verschiedenen Vogelarten, insbe­ sondere der Auer- und Haselhühner, ent­ sprechen. Wo möglich werden Laubhölzer in die älteren Bestände hineingepflanzt und der Umbau zu Mischbeständen fortgesetzt. Das Netz der Skiloipen wird eingeengt, die Fläche also entlastet. Auf eine Reihe von Loipentrassen wird verzichtet. Dafür werden die verbleibenden Loipen sportgerechter ge­ staltet: ihr Profil wird interessanter angelegt, indem man nicht nur Wegen folgt, sondern auch neue Trassen im Wald in Kauf nimmt. Diese Auflichtung hat nur vordergründig Nachteile, denn sie schafft neue Randstruk­ turen und damit mehr Lebensraum für Kleintiere und Vegetation. In gleicher Weise wurde das Wanderwege­ netz überprüft und Wegeteile und -verbin­ dungen aus empfindlichen Bereichen her- 286 ausgenommen. Sie werden nicht mehr mar­ kiert und unterhalten. Insgesamt wird die Markierung so deutlich gestaltet, daß Wan­ derer und Besucher dorthin gelenkt werden, wo die Landschaft am wenigsten empfind­ lich ist. Die Skirollerstrecke bereitete besonderes Kopfzerbrechen, ist sie doch in diesem Raum die einzige Möglichkeit, im Sommer das Training zu bestreiten. Auf öffentlichen Straßen darf mit Skirollern nicht trainiert werden. Es mußte also ein Ausgleich gesucht werden, wenn man auf die Straße an der Mar­ tinskapelle verzichten wollte. Er wurde im Weißenbachtal gefunden, an der Landstraße gelegen, wo in einem ökologisch weniger empfindlichen Gebiet eine 2,5 km lange Ski­ rollerstrecke für hohe sportliche Ansprüche angelegt werden konnte. In den Startbereich dieser neuen Strecke wurde der Jugendzeltplatz vom Hochmoor an der Martinskapelle verlegt. Er war dort wegen fehlender sanitärer Einrichtungen und wegen der Störung des Moores insge­ samt nicht mehr vertretbar. Ein wunderschö­ nes Holzhaus bietet nun im Weißenbach alle zentralen Einrichtungen für den Zeltplatz und dient auch der Sk.irollerstrecke als Funk­ tionsgebäude. So wurden die verschiedenen Nutzungen gebündelt und die Eingriffe ge­ mindert. Die neue Sk.irollerstrecke dient auch im Winter dazu, Wettkämpfe durchzu­ führen, für die auf dem Asphaltbelag nur eine geringe Schneeauflage genügt. Lange wurde um den Rückbau und die Renaturierung der asphaltierten Waldstraße gerungen. Sie ist nicht nur ein ökologisches Problem, sie war auch in schneearmen Win­ tern damit belastet, daß man auf ihr den Schnee holte, um Sprungschanzen zu bele­ gen. Dies geschah im allerempfindlichsten Bereich, in dem sich das Auerwild konzen­ triert. Schließlich rang man sich durch, diese Straße in zeitlich gestreckten Etappen vom Asphalt zu befreien, auf das Schneeholen zu verzichten und dafür der Gemeinde Schon­ ach eine Beschneiungsanlage für ein Schnee­ depot zuzugestehen.

Wintererlebnis im Wald Pflegeziel: Artenreicher Mischwald Neugestaltung des loipenverlaefs 287

Der neuejugendzeltp!atz, auch als ökologische Begegmmgsställe, von der ÖVA gefördert !nfarmationstafeln 288

Durch intensive Information der Besu­ cher soll darüber hinaus erreicht werden, daß jeder einzelne Rücksicht auf die Natur und diese schöne Landschaft nimmt. Das Gebiet wurde inzwischen von der Forstdirektion Freiburg zu Schonwald er­ klärt. Die langfristigen Kosten liegen bei 800.000 DM. Die übrigen Kosten, die zu einem großen Teil bereits entstanden sind, belaufen sich auf rund 2 Millionen DM. Davon entfallt ein Drittel auf den Sport. Es beteiligen sich die Gemeinden Schonach und Schönwald. Mittel kommen von der Flurbereinigung, und auch der Landkreis hat sich besonders bei der Förderung der Pla­ nung beteiligt. Den Löwenanteil trägt aber die „Stiftung Sicherheit im Skisport“ des DSV, die über 900.000 DM einbringt. 100.000 DM übernimmt der Naturschutz­ fonds des Landes, was unterstreicht, wie sehr dieses Modell ein Symbol für die Versöh­ nung von Sport- und Erholungsnutzung mit der Natur ist. Erwin Lauterwasser, Forstpräsident Skirollerstrecke mit dem neuen Loipenhaus und dem zentralen Gebäude für den Jugendzeltplatz 289

Die Wutach . Zu ihnen gehört auch Der Schwarzwald-Baar-Kreis 1oeisl eine Reihe geologischer Besonderheiten auf die Wutachschlucht im südlichen Teil unseres Landkreises. Im nachfolgenden Beitrag1oird dieses Thema, auf das bereits im Almanach 1980, Seite 191-194, eingegangen wurde, vertieft. Innerhalb der Grenzen des Schwarzwald­ Baar-Kreises vollzog sich vor ca. 70 000 Jah­ ren eine Entwicklung, die geologisch und botanisch interessierte Menschen von weit her zu Exkursionen in den Schwarzwald und in die Baar führt: Die Umlenkung des ehe­ maligen Donauquellflusses Wutach nach dem Oberrhein. Der Ort dieses Ereignisses lag in unserer näheren Heimat, im Bereich der Blumberger Pforte. Die Wutach hatte ihren Q!iellbereich zuerst im Kandelgebiet. Verschiebungen der Höhenstrukturen verlegten ihren Ursprung in das Feldbergmassiv. Ihr erstes Wasser empfängt sie von kleinen Rinnsalen und Hangquellmooren. Von hier aus durchfließt sie 1 Hochmoor, 1 Niedermoor, 2 Seen und wechselt dreimal ihren Namen. In 2 verschie­ denartigen Landschaften, dem Schwarzwald und der Baar, hat sie eine teilweise caii.on­ ähnliche Schlucht gestaltet. Diese windet sich lückenlos durch alle Gesteinsforma­ tionen der süddeutschen Schichtfolge und legt dabei eine über 500 Millionen Jahre alte Entwicklungsperiode offen. Sie mündete ursprünglich in die Aare-Donau. Als die Aare infolge einer Laufänderung als Donau­ quellfluß ausfiel, übernahm die Wutach diese Funktion. Das war jedoch nur ein Zeit­ vertrag. Durch ihre eigene Ablenkung wan­ delte sie sich von einem Q!iellfluß der Im Bereich des Eich- und Buchberges liegt die Stelle, an der die Wutach vor ca. 70 000 Jahren in Rich­ tung Oben·hein abgelenkt wurde 290

Die Klippe, aiif der einst die Burg Neu Blumeneck, das spätere Räuberschlössle, stand, besteht aus einem besonders harten Gestein, dem Quarzporphyr Donau zu einem Nebenfluß des Oberrheins. Welcher kleine Fluß hat schon so viele Sonderheiten aufzuweisen! Die Wutach entspringt dicht unter dem Feldberggipfel im sogenannten „Grüble“. Kleine bachähnliche Rinnsale und Hang­ quellmoore spenden hier ihr erstes Wasser, welches sich in der Mitte der abfallenden Tal­ senke schon zu einem ansehnlichen Wasser­ lauf sammelt, der den Namen Seebach führt. Der Seebach fließt über kleinere und größere Wasserfälle dem Feldsee zu.Nachdem er die­ sen durchquert hat, berührt er das Feldsee­ hochmoor und fließt in Richtung Titisee weiter. Bevor er ihn erreicht, wird seine ge­ ringe Wassermenge noch durch die Schluch­ seewerke angezapft. Nach dem Verlassen des Titisees heißt der Wasserlauf Gutach. Die Gutach schlängelt sich anschließend bis Neustadt durch eine weite Talaue, um in dem Hochfirstgebiet in die Waldlandschaft des Schwarzwaldes einzutreten. Bei der Has­ lacheinmündung nimmt sie ihren letzten Namen an: Wutach. Um die Einmaligkeit dieses Flusses zu begreifen, muß man seine Entwicklungsgeschichte kennen, die in der Einleitung schon angedeutet wurde. Die Flüsse des südlichen Schwarzwaldab­ falles Schwarzenbach-lbach, Alb, Schwarza, Mettma, Schlücht, Steina, Merenbach und Wutach flossen vor langer Zeit in südöstli­ cher bis östlicher Richtung und mündeten in die Aare-Donau. Dieser von Südwest nach Nordost strö­ mende Fluß berührte einen Bereich, in dem sich später einmal die Ortschaften Tiengen, Stühlingen, Blumberg und Immendingen entwickelten. Das Höhenniveau dieser Fluß- 291

Eine der schönsten Orchideen der Baar blüht im Bereich der Wutachschlucht, der Frauenschuh Nachdem ein Teil des Wutachwassers eine Strecke unterirdisch zurückgelegt hat, tritt es an dieser Felswand wieder zu Tage landschaft lag in der erwähnten Epoche 200 Meter über dem heutigen unteren Wutach­ tal. Die Aufdomung des Schwarzwaldes führte zu einer Änderung der Fließrichtung. Zuerst war es die Aare-(Donau), die vor ungefähr 5 Millionen Jahren in der Nähe der Blumberger Pforte infolge der Gefällumkehr in ihrem eigenen Bett zurückfloß. Am Süd­ hang des Schwarzwaldes grub sie sich einen Weg nach Westen und wurde damit zu einem Nebenfluß des Hochrheins. Infolge dieses Vorganges verlor die Donau ihren ursprünglichen Qiellfluß, die Aare, deren Funktion jetzt die Wutach erfüllte. Die genannten Nebenflüsse änderten vor ca. 2 Millionen Jahren mit zeitlichen Ver­ schiebungen ebenfalls ihre Laufrichtung. In dem Areal, in dem das Höhersteigen des Schwarzwaldes ihre Ablenkung bewirkte, bogen sie in einem Winkel von 60 bis 90° nach Süden ab. Die entstandene Außenab­ dachung der neuen Erhebung bestimmte nun ihren Lauf, der sie ohne große Umwege zum Rhein führte. Am Beginn der letzten Eiszeit, vor 70 000 Jahren, verließ die Wutach als letzter der genannten Wasserläufe bei der Blumberger Pforte ihr altes Tal und floß ebenfalls dem Oberrhein zu. Damit hatte die Donau ein weiteres Mal ihren Qiellfluß verloren. Seit dieser Zeit sind die Brigach und Breg ihre Ursprungsgewässer- bei ausreichender Was­ serführung. Wenn sie in trockenen Zeiten ihr gesamtes Volumen in den Versickerungsstel­ len bei Immendingen verschwinden lassen, wird die Bära zum Qiellfluß. 292

Doch zurück zur Wutach. Das ursprüngli­ che Zwischenstück der Wutach – Donau, ihr alter 18 km langer Unterlauf, ist uns im Aitrachtal zwischen Blumberg und Geisin­ gen fast unverändert erhalten geblieben. Hier sind die aus dem Schwarzwald mitge­ führten Kiesschichten abgelagert. Sie sind inzwischen von anderem Bodenmaterial zugedeckt, welches die Eismassen aus den Seitentälern herausdrückten. Für die Laufrichtung der Wutach in ihrem mittleren Abschnitt, der sich von der Blum­ berger Pforte bis zu ihrem Austritt aus dem Schwarzwald erstreckt, war ein weiterer Fak­ tor bestimmend: Der Bonndorfer Graben! Das ist ein ca. 30 Millionen Jahre alter Ein­ bruch der Erdkruste, bis 15 km breit und 500 Meter tief. Sein Grabensystem durchzieht den gesamten Schwarzwald vom Kaiserstuhl bis zum Bodensee, mit seinen westlichen und östlichen Ausläufern. Ohne diesen Grabeneinbruch, dessen Zentrum die Wutach mit ihrem Mittellauf durchfließt, wäre es schon wesentlich früher zu der Ablenkung gekommen. Doch durch welche Entwicklung konnte die Wutach den Bonndorfer Graben dann doch noch überwinden? In den ·Eiszeiten waren auch Teile des Schwarzwaldes mit Schnee und Eis über­ zogen. Während der letzten und vorletzten Kaltzeit, der Würmeiszeit und der Riß- oder Saalevereisung, schob sich der Feldberg­ Bäratalgletscher talwärts und speiste mit sei­ nem Tauwasser einen Gletscherbach, den Wutachursprung. Auch in den Vereisungsperioden war es das ganze Jahr nicht gleichmäßig kalt. Wäh- Die Austrittsstellen sind Klefte und Höhlen, die im Winter einen Rahmen aus Eiszapfen erhalten Am Tannegger Wasserfall haben sich herrliche T ieffsteinbildungen entwickelt 293

rend in den langen Wintermonaten die Wutach bis auf den Grund gefroren war, taute ein Teil der Eis- und Schneemassen in der kurzen Sommerzeit und rauschte mit verstärkter Schubkraft durch ihr Einzugsge­ biet, vergleichbar mit heutigen Hochwasser­ führungen. Dabei riß der Wasserlauf gewal­ tige Geröllmengen mit sich, die sich auf den nachlassenden Gefällstrecken ablagerten. Im Mittellauf des Flusses türmte sich der Ablage­ rungsschutt aus Kies und Sand zu 25 Meter mächtigen Schichten auf Das hatte zur Folge, daß sich der Fluß mitsamt der Talaue in diesem Bereich erhöhte. So konnte die Wutach nicht nur das Absinken des Bonn­ dorfer Grabens ausgleichen, sondern auch der trennenden Wasserscheide zum Ober­ rhein näherkommen. Das führte vor unge­ fähr 70 000 Jahren zu dem berühmten Tag X. Am Rümmelesteg lag die ehemalige Versicke­ rungsstelle, die 1953 durch einen Bergsturz ver­ stopft. wurde Die Talaue hatte zu dieser Zeit fast das Niveau der Donau-Rheinwasserscheide er­ reicht, als im Laufe einer Tauperiode das Wutachwasser zum erstenmal die genannte Barriere überwand und sich einen Weg in Richtung Oberrhein suchte. Diese Stelle läßt sich noch heute lokalisieren. Sie lag 700 Meter ü. M. am Fuße des Buchberges. Es ist zu vermuten, daß im Gletscher­ bereich aufgestaute Seen sporadisch ihre Dämme durchbrachen und so die Aufschot­ terung und das Überlaufen wesentlich ver­ stärkten. Zwei der durch Gletschereinwir­ kung entstandenen Seen blieben uns bis heute erhalten, der Feldsee und der Titisee. Die Entfernung von der Überlaufstelle bis zum Oberrhein beträgt 38 km, der Höhen­ unterschied 400 Meter. Aufgrund dieses Gefälles, welches im Bereich der Überlauf- Teilweise übersteil ragen die Felswände in der Kalksteinschlucht empor 294

An einigen Stellen rücken die Felswände in der Urgesteinsschlucht bis auf wenige Meter zusam­ men stelle mit 10 0/o besonders ausgeprägt war, konnte das schnellfließende Wasser den ein­ mal geschaffenen Einschnitt verhältnismä­ ßig schnell vertiefen. Die auf die kurze Tauperiode beschränkte gewaltige Schub- und Schleifwirkung des Wassers und des mitgeführten Bodenmate­ riales, verstärkt durch die Sprengkraft des Frostes, fügten nicht nur den neuen Flußab­ schnitt tief in die Landschaft ein, sondern sie wirkten auch weit flußaufwärts nach. Bis zu seinem Durchbruch im Hochfirst­ gebiet gestaltete der Fluß eine Schlucht- und Cafionlandschaft, die weit in die Gesteins­ schichten des Schwarzwaldes und der Baar hinunterreicht. Zur Verdeutlichung der gro­ ßen ero iven Räumkraft des Wasserlaufes eine Mengenangabe, die sich auf die letzten 70 000 Jahre bezieht: Nach Bad Boll triu der Wanderweg flußabwärts in steile Felswände ein Zwei qkm Geröll hat der Fluß aus teilweise härtestem Urgestein und weicherem Sedi­ mentmateria1 herausgearbeitet und wegge­ schwemmt. Dabei ist dieser Abtragungspro­ zeß noch nicht abgeschlossen. Der Wasser­ lauf wird sich weitere, tieferliegende Stock­ werke der Gesteinsschichten erschließen. Übersteile Hänge werden zu Tal stürzen oder abrutschen, das Flußbett für kurze Zeit ver­ bauen, bis auch sie das nächste Hochwasser wegräumt und ihr Material flußabwärts in beruhigten Zonen wieder absetzt. Die freigelegten Schichten geben dem Kundigen Informationen über einen großen Zeitraum der erdgeschichtlichen Entwick­ lungsabläufe, die hier stellenweise bis in das Erdaltertum erschlossen sind. So ist ein Gang durch die Seebach-, Gutach-Wutach­ region ein Gang durch die Erdgeschichte. 295

Im Karbon, das war eine Epoche, die vor 360 Millionen Jahren begann und die ca. 70 Millionen Jahre andauerte, kam es durch Fal­ tungen zur Hauptbildungsphase des Variszi­ nischen Gebirges, einem Vorläufer unserer heutigen Mittelgebirgslandschaft. Gesteine dieses Grundgebirges finden wir in Form ver­ schiedener Granite und Gneise in dem obe­ ren Flußabschnitt der Wutach sowie in den Seitentälern der Haslach, des Rötenbaches und des Lotenbaches. Altkarbonische Ablagerungen sind beim Bahnhof Kappel und zwischen dem westli­ chen Ortsgebiet von Lenzkirch und der Rol­ lenmühle freigelegt. ie bestehen aus blau­ grüner, verfestigter vulkanischer Asche, in der roter Porphyrit eingeschlossen ist, und aus dunklerem Porphyrit, quarzarm und ohne Aschenbestandteile. Infolge seiner Härte konnte die Erosion dem Felsen nicht viel anhaben, während die anschließenden Gesteinsschichten wesent­ lich an Substanz verloren. Von der Rötenbachmündung bis zur Schattenmühle sind es Gneise, bestehend aus Feldspat, Glimmer und �arz, aus denen sich die teilweise steilaufragenden Fel­ sen und Hänge aufbauen. Im Bereich der Schattenmühle verschwin­ det das Grundgebirge unter der Talsohle. Das Areal der Wutach lag im Randbereich eines Beckens. Gebirge, von denen ein Teil des Sedimentmateriales in das tiefer liegende Land verfrachtet wurde, hatten ihren Stand­ ort in Frankreich und Belgien. Deshalb errei­ chen die Buntsandsteinschichten im Zen­ trum des Beckens teilweise eine Mächtigkeit von 1200 Meter. Als das weitere Einsinken der Mulde durch die Sedimenteintragungen nicht mehr ausgeglichen werden konnte, fuhrte das zu einer allmählichen Überflutung. So bildete sich ein Meer von 1500 km Länge und 300 km Breite, welches mit der Hochsee ein­ mal weniger und einmal mehr in Verbin­ dung stand. Das zeitweise trockene wü tenähnliche Klima, der wechselnde Verdunstungsgrad 296 und der einmal vorhandene und einmal unterbundene Zugang zu dem Weltmeer mit entsprechendem unterschiedlichem Wasser­ austausch, fuhrte zur Bildung verschieden­ artiger Sedimente. So entstanden in Zeiten mit hoher Was­ sereindämpfung die Steinsalz- und Gips­ lager. Dann wieder entwickelten sich große Muschelvorkommen, die den Grundstoff fur die bis 200 Meter starken Muschelkalk­ schichten lieferten. Auf dem inzwischen weit abgetragenen und nun überfluteten Variszinischen Mittel­ gebirge setzten sich so im Laufe langer Zeit­ räume Sedimentschichten gewaltiger Stärke ab und bildeten über dem Grundgebirge ein sogenanntes Deckgebirge. Das in dem Deckgebirge festgehaltene Auf und Ab des Klimas, des Wassers und des Landes sind in dem Gestein der Wutach­ schlucht ebenfalls gut erschlossen. Hier ein kurzer Abriß, der keinen An­ spruch auf Vollständigkeit erhebt. Über den Gneisschichten zwischen Rötenbach und der Schattenmühle ist der Buntsandstein an einigen Stellen ange­ schnitten. In seiner verschiedenartigen Zu- ammensetzung und einer ansehnlichen Farbskala erreicht er in der Wutachschlucht eine Mächtigkeit von 25 Meter. Etwas unterhalb der Schattenmühle bis zur Gauchachmündung ist der Muschelkalk die bestimmende Formation. Anschließend folgen meerische und kon­ tinentale Keuperablagerungen. Nach dem Lias bei Aselfingen beginnt das Dogernareal. Der obersten J uraschicht, dem Malm, begeg­ nen wir auf den Höhen des Eich- und Buch­ berges. Unten im Tal sind wir wieder im Bereich des Muschelkalkes. Im Randenge­ biet ist es der Jura, den der Fluß anschneidet. Oberhalb vom Rümmelesteg ist das gerade noch schnellfließende Wasser in einem Flußarm plötzlich im Boden ver­ schwunden. Eine Strecke flußabwärts tritt es unterhalb einer hohen Felswand aus Klüften und kleinen Höhlen wieder aus und fällt in Miniwasserfällen in die Wutach zurück.

Diese Felswand erhebt sich in der Nähe der alten Dieifurter Mühle, deren Reste versteckt in dem Wald liegen. In dem Bereich wird mit Eifolg nach Fossilien gesucht. Zu dieser Versickerung kommt es durch eine Eigenschaft des Muschelkalkes. Die Löslichkeit des Kalkes in reinem Wasser ist nicht besonders groß. 75 Liter Wasser lösen in diesem Fall ein Gramm Kalk. Zu einer 20mal verstärkten Reaktion kommt es, wenn das Wasser Kohlensäure enthält. In normal kohlesäurehaltigem Was­ ser lösen 4 Liter schon 1 Gramm auf. Das Niederschlagswasser reichert sich mit Kohlensäure an, welche im Boden durch Abbauprozesse gebildet wird. Klüfte und Spalten werden durch solche Vorgänge vergrößert und das Grundwasser schafft neue Höhlensysteme. Solange das einsickernde Wasser keine tieferlie- Ausweichmöglichkeiten durch Versickerung der Wutach im Jahre 1991. Auch 1992 war ein Versickerungsjahr, während sich der Fluß 1993 nur auf der Strecke Versickerungsste!le bis Rümmelesteg verabschiedete (1991/92 ca. 3 km, 1993 nur wenige hundert Meter}. gende Abflüsse findet, wirkt das Kalkgestein wie ein Schwamm, der sich mit Wasser voll­ saugt. Findet das Wasser jedoch einen Abfluß, wird dieser ständig so erweitert, daß schon einmal die Menge eines ganzen Flußarmes darin verschwinden kann. Wie schnell sich so ein Höhlensystem veränder­ ten Bedingungen anpaßt, zeigt folgendes Beispiel. 1953 wurde die ursprüngliche Versicke­ rungsstelle am Rümmelesteg durch einen Bergsturz verstopft. Umgehend fand das Wutachwasser am jetzigen Versickerungs­ platz einen neuen Eingang in die Unterwelt. Doch schon an der Felswand am Rümmele­ steg kommt ein kleiner Teil dieses Wassers wieder zum Vorschein. 297

In den besonders niederschlagsarmen Jahren 1991/92 wurde recht deutlich, wie groß die unterirdischen Hohlräume sind. Bei der etwas geringeren Wasserführung ver­ schwand an der beschriebenen Versicke­ rungsstelle der ganze Fluß innerhalb von ca. 30 Meter in dem Boden und kam erst an der bekannten Austrittsstelle wieder zum Vorschein. So lagen 2 km des Flußbettes ungefähr 2 Monate völlig trocken, ausge­ nommen einiger tiefliegender Kolke. Im Oberen Muschelkalkbereich hat die Wutach schon einige solcher Höhlen ange­ schnitten und zugänglich gemacht. Am Tannegger Bach bei Bad Boll können wir eine weitere Besonderheit der Wutach­ schlucht bewundern: Herrliche Tuffsteinbil­ dungen. Bei Erwärmung, Verdunstung und nach­ lassendem hydrostatischen Druck löst sich ein Teil der Kohlensäure von dem Kalk. Der wesentlich schwerer lösliche einfach-kohlen­ saure Kalk fällt dabei aus und setzt sich an Qiellen und Wasserfällen -wie hier bei dem Tannegger Wasserfall – als Kalktuff ab. Ein vorerst weiches Gestein, welches an der Luft jedoch schnell aushärtet. Die Wutachschlucht ist auch durch ihre Pflanzenvielfalt sobald nicht zu übertreffen. Urgesteine, Sedimentgesteine, Talaue, Trok­ kenhänge, Hänge mit ausgeglichenem Klima, Südhänge, Nordhänge und die wie- der auf verschiedenartigen Gesteinen, das sind Bedingungen, wo auf engstem Raum die unterschiedlichsten Pflanzengesellschaf­ ten wachsen können. Nach diesem Streifzug durch die Wutach­ schlucht noch einiges über ihre Gefährdung. Abwässer der Papierfabrik in Neustadt haben wiederholt zu großen Fischsterben geführt. Der Kanusport hat Gänsesäger und Eisvogel vertrieben. Erst 1960 wurde das Genehmigungsverfahren für die Errichtung einer 60 Meter hohen Staumauer oberhalb der Haslachmündung eingestellt. Durch die­ ses Bauwerk sollte ein Teil des Wutachwas­ sers zur Stromerzeugung abgeleitet werden. Nicht ganz freiwillig, sondern unter dem massiven Druck der Bevölkerung. An einer Unterschriftenaktion gegen diese geplante Maßnahme beteiligten sich 1955/57185 000 Mitbürger. Heute ist es eine Gefahr anderer Art, die diesen einmaligen Lebensraum bedroht. Das ist das durch die Luftverschmutzung verur­ sachte Grünsterben. Gelingt es uns nicht diese Gefahr einzudämmen, bedeutet das das Ende der Schlucht in ihrer heutigen Form. Pflanzen sind für die Wutachschlucht und deren Wasserhaushalt lebenswichtig. Oder können wir uns eine vegetations­ und wasserlose Wutachschlucht vorstellen? Roland Kalb Der Wildpflanzenpark Unterkimach – ein ökologisches Parkkonzept Richtungsweisend für zahlreiche kleinere Kur- und Erholungsorte und wahrscheinlich noch immer einmalig in ganz Baden-Würt­ temberg ist der Wildpflanzenpark am Unter­ kirnacher Talsee, der im September 1987 nach dreijähriger Bauzeit fertiggestellt und eingeweiht wurde. Einmalig und zukunftsweisend ist dieses Konzept, weil die Gemeinde es wagte, auf einen traditionellen Kurpark mit Rasenflä- chen, Garten- und Zierblumen zu verzichten und stattdessen eine Anlage mit Naturpflan­ zen vorzog. Obwohl es bisher kaum Vorbil­ der dafür gab und Erfahrungen allenfalls ansatzweise vorhanden waren, entschloß sich die Gemeinde zu diesem Konzept, weil es eher zum ländlichen und landschaft­ lichen Erscheinungsbild der Schwarzwald­ gemeinde zu passen schien. Andererseits zeigen zahlreiche Initiativen 298

Unterer Parkeingang am Wiesenweg und Projekte, mit denen oft genug Neuland betreten wurde, daß in Unterkirnach bei Gemeindeverwaltung und großen Teilen der Bevölkerung eine Offenheit gegenüber öko­ logischen Gedanken vorhanden und auch ein verändertes Naturverständnis zu finden ist. Dennoch war viel Informations- und Überzeugungsarbeit zu leisten, und auch gegenüber dem Wildpflanzenpark blieben Ressentiments und Skepsis nicht aus. Geboren wurde die Idee des naturnahen Parks bereits 1980/81, als Bürgermeister Baumann von Mitgliedern des Gemeinde­ rats das Buch „Der Naturgarten“ von Urs Schwarz aus Solothurn verehrt wurde. Ein Besuch des Gemeinderats bei Urs Schwarz in der Schweiz und sein nachfolgender Vortrag in Unterkirnach brachten das Projekt in Bewegung. Die Garten- und Landschaftsarchitekten Dipl.-Ing. R. Hosemann und Dipl.-Ing. W. Bähr wurden daraufhin beauftragt, ein Kon- zept zu entwerfen und die Idee des Natur­ gartens landschaftsgestalterisch umzusetzen. Das Ziel ihrer Planung war, unter Einbe­ ziehung des Talsees und der Kirnachaue eine Erholungseinrichtung sowohl für den Frem­ denverkehr als auch für die örtliche Bevölke­ rung zu schaffen, gleichzeitig aber auch eine Rückzugsfläche für gefährdete Pflanzen und Kleintiere anzulegen. Auf diese Weise sollte mit einem ökologisch nützlichen Projekt ein Ausgleich für notwendige, die Natur beein­ trächtigende Bau- und Erschließungsmaß­ nahmen geschaffen werden. Man wollte weiterhin den außergewöhnli­ chen Versuch wagen, typische Landschafts­ elemente der Umgebung in einem modell­ haft gestalteten Gelände zusammenzufassen und so dem Besucher das Besondere der umgebenden Natur und Landschaft kompri­ miert und überschaubar nahezubringen. Der Vergleich mit einem Tierpark oder Freilicht­ museum liegt nahe und in der Tat sind die Konzepte vergleichbar. 299

Moorbereich mit Wollgras Im Verlauf der Planungen stellte sich jedoch heraus, daß zumindest eine teilweise Änderung des Konzepts notwendig war. Man erkannte, daß bis dahin der Zusammen­ hang zwischen Pflanzengesellschaften und Gesteinsuntergrund nicht genügend berück­ sichtigt worden war, wenn man sie auf Dauer ansiedeln wollte. Es genügte daher nicht mehr, eine relativ dünne Boden- und Gesteinsdecke auf die modellierte Land­ schaft aufzubringen, sondern die Parkland­ schaft selbst, d. h. auch der Untergrund, mußte aus den jeweiligen Gesteinen beste­ hen. Dies hatte einen bedeutenden Mehr­ aufwand zur Folge. Auf knapp zwei Hektar Gelände wurden südlich des Talsees fast 3000 t Schotter- und Gesteinsmaterial aufgeschüttet und Hügel, Wasserläufe und Tümpel modelliert. Land­ schaftsgärtnermeister M. Riehle schuf mit viel Engagement, Schweiß und Phantasie ein Fleckchen Landschaft, das sich sehen lassen kann. 300 Der Kurgast und Besucher spaziert nicht auf ebenen, geraden und geteerten Fuß­ wegen, sondern die wenigen Hauptwege sind lediglich geschottert und gesandet. Mehrere schmale Fußpfade sind dem hügeligen Ter­ rain angepaßt und folgen kurvenreich einem Bachlauf oder der Uferlinie der Tümpel. Der Feuchtwiesenbereich in der Kirnachaue wird durch einen Holzsteg erschlossen, der eine Begehung bei jeder Witterung ermöglicht. Ein Gang durch den Park wird zum Geh­ Erlebnis, zum Seh- und Riech-Erlebnis, das die Neugier und die Sinne weckt. Mur­ melnde Bachläufe und Rinnsale, schilfge­ säumte Tümpel, über denen blau und grün schimmernde Libellen ihre Beute jagen, an deren Grund die Libellenlarven gefräßig junge Kaulquappen und Schnakenlarven vertilgen, Vögel beim Nestbau und beim Füttern der Jungen, Eidechsen, die träge auf einem warmen Stein in der Sonne dösen, um plötzlich blitzschnell in einer Felsspalte zu verschwinden, Wildbienen, die das Dach

eines Info-Pavillons zu ihrer Behausung aus­ erkoren haben, oder die Maikäfer im Früh­ jahr, die in Unterkirnach vielleicht zahlrei­ cher als anderswo abends um eine Laterne brummen, all dies sind Eindrücke, die aus diesem vergleichsweise kleinen Parkgelände mehr machen, als dies ein traditioneller Kur­ park vermocht hätte. Besonderes Augenmerk wurde auch auf eine informative und verständliche Beschil­ derung gelegt, denn der Besucher soll etwas über die Natur und die Naturgarten-Idee ler­ nen können. In zwei Informations-Pavillons wurden von K. Maiwald gestaltete farbige Texttafeln angebracht, die zehn Themenbe­ reiche näher erläutern und mit vielen Abbil­ dungen anschaulich darstellen: Der Grundgedanke des Wildpflanzenparks Es wird die Idee vorgestellt, Wildpflanzen der Umgebung in einer modellhaften Minia­ turlandschaft zu präsentieren. Wie in der Natur mit den Gesteinen die Landschaften, die Böden und die Pflanzen wechseln, so werden typische Pflanzengesellschaften auf verschiedenen Gesteinen und Böden unse­ rer Heimatregion gezeigt. Der Park weist zum einen die Bereiche Granit, Gneis und Kies, Buntsandstein und Kalk auf, die die Landschaften vom Schwarz­ wald bis zur Schwäbischen Alb repräsentie­ ren; zum anderen sind Moor, Feuchtwiese, Trockenwiese und verdichtete Trockenflä­ che als Beispiele für einige typische Pflanzen­ gesellschaften vertreten. Warum Wildpflanzen in einem Park? Etwa die Hälfte unserer heimischen Pflan­ zen- und Tierwelt ist bereits ausgestorben oder davon bedroht. Die wichtigsten Ursa­ chen dafür sind die Zerstörung der tierischen Lebensräume und Eingriffe in die Nahrungs­ ketten durch die Ausweitung der sog. ,,Kul­ turlandschaft“. Der Moorbereich im Herbst, dahinter die Felsen des Buntsandsteins 301

Am Anfang der Nahrungsketten stehen die Wildpflanzen, von denen sich zahllose Insekten, Würmer, Schnecken, Boden­ krebse, Spinnen ernähren. lndem wir durch Bau- und landwirtschaftliche Erschließungs­ maßnahmen die Lebensräume der Wild­ pflanzen und Kleinlebewesen zerstören und diese Arten auch direkt als „Unkraut“ und „Ungeziefer“ bekämpfen, machen wir auch all jenen Tieren den Garaus, die auf Pflanzen und Kleinlebewesen als Nahrung angewie­ sen sind. Diesem Prozeß sollen Naturgärten entge­ gensteuern, indem für Tiere und Pflanzen ein Refugium geschaffen wird. Nach der Devise: Natur schützen, wo immer möglich, müssen in diese Überlegung auch die Gärten einbezogen werden. Gestein und Landschaft In Süddeutschland sind verschiedene typische Landschaften zu finden, die vor allem auf den Gesteinsuntergrund und die zurückzuführen Entstehungsgeschichte sind. Der größte Teil des Schwarzwalds besteht aus dem sog. Grundgebirge; das sind vor allem Granit und Gneis, die sehr hart und wenig fruchtbar sind. Der nördliche und östliche Schwarzwald besteht dagegen über­ wiegend aus dem sehr nährstoffarmen Bunt­ sandstein, der einst den ganzen Schwarzwald überdeckte. Darüber befand sich der Muschelkalk, eine ca. 200 m mächtige Ablagerungsschicht aus kalkhaltigen Muschel-, Ammoniten­ und Algenresten, die heute östlich des Schwarzwaldes auf der fruchtbaren Baar­ hochfläche zu finden ist. Auch alle Jura­ Gesteine der Schwäbischen Alb bestehen aus fruchtbaren, nährstoffreichen Kalken, die jedoch wasserdurchlässig, deshalb meist trockene Standorte sind. Aus Gestein wird Boden Wenn das Gestein, das vorher Millionen Jahre lang in der Tiefe verborgen und Blick auf den Gmnitbereich. Im Hintergrund der Hardtberg. 302

Blick auf den Info-Pavillon am Wiesenweg. Die zahlreichen Wasserflächen sind ein wesentliches Element des Parkkonzepts. geschützt war, an die Erdoberfläche gelangt, beginnt ein mehrere hundert bis mehrere tausend Jahre dauernder Verwitterungspro­ zeß, der das Gestein in Boden verwandelt. Hitze, Kälte, Luft, Wasser, Pflanzen und Bodentiere sprengen und zerkleinern gemeinsam das Gestein und bilden den noch rohen Boden, der angereichert mit Tier- und Pflanzenresten zu fruchtbarem Humus wird. Je nach Gestein und Klimabedingungen ent­ stehen unterschiedliche Bodenarten, auf denen sich wiederum spezielle Pflanzenge­ sellschaften ansiedeln. Boden und Pflanze Ein Felsblock, Gesteinsbruchstücke im Boden, Pflanzen- und Tierreste enthalten Pflanzennährstoffe in fester Form. Für die Pflanzen sind sie jedoch nur verwertbar, wenn sie in Wasser löslich sind. Durch Ver­ witterung und Zersetzung müssen all diese groben Überreste zerkleinert und aufge- schlossen werden. Der Boden bietet den Wurzeln also nicht nur den nötigen Halt, sondern ist gleichzeitig Nährstoff- und Was­ serspeicher. Neben den Faktoren Licht, Wärme, Feuchtigkeit und Konkurrenz benachbarter Pflanzen ist es vor allem der Boden, der durch seine Eigenschaften, Mineralien und Spurenelemente bestimmt, was wo wächst. Pflanze und Standort Es gibt „Allerweltspflanzen“, die an­ spruchslos und überall anzutreffen sind, und es gibt viele Pflanzen, die tolerant und anpas­ sungsfähig sind. Aber dazwischen tauchen immer wieder Arten auf, die nur unter ganz bestimmten Standortbedingungen gedei­ hen, und die man deshalb als Zeigerpflanzen bezeichnet. Diese können vereinzelt oder mehrfach auftreten. Vor allem, wenn sie massenhaft vorkommen, läßt dies auf ideale Standortbedingungen schließen. 303

Schmale, dem Gelände angepaßte Fußpfade fügen sich harmonisch in die Landschaft ein. Künstlich angelegter Wasserlauf im Kalkbereich Der Naturgarten – ein tierischer Lebensraum Ein Wildpflanzengelände bietet der Tier­ welt wesentlich vielfältigere Ernährungs­ und Lebensmöglichkeiten als ein Kulturgar­ ten. Zwar finden dort Blattläuse, Kohlweiß­ linge, Schnecken und Sperlinge einen reich­ lich gedeckten Tisch, aber das Angebot wird nur von vergleichsweise wenigen Arten genutzt. Dagegen weisen Wildpflanzenflä­ chen meist einen viel größeren Artenreich­ tum bei Pflanzen und Tieren auf. Dadurch, daß nicht ständig für „Ordnung“ gesorgt wird und vor allem keine In ekten- und Unkrautvertilgungsmittel angewendet wer­ den (auch kein Dünger!), entwickelt sich bald eine bunte Pflanzen- und Tierwelt, die mehr 1(1it „Natur“ zu tun hat, als sog. ,,Kul­ turgärten“. 304 Brennesseln und Disteln fürs Überleben! Die Bedeutung der ungeliebten Wild­ pflanzen Distel, Brennessel u. a. für unsere heimische Tierwelt wird meist verkannt. So leben beispielsweise die Raupen unserer beliebtesten Tagfalter wie Landkärtchen, Kleiner Fuchs, Tagpfauenauge, Admiral, Distelfalter und C-Falter z. T. nur auf der Brennessel und die später ausschlüpfenden Falter unter anderem vom Nektar der Disteln. Aber ohne Raupen keine Schmetter­ linge! AufWegerich-Pflanzen leben die Rau­ pen von 48 Falterarten, auf dem Löwenzahn 41 und auf der Brennessel 25 Arten. Entstehung und Merkmale eines Hochmoores Moore sind feuchte Standorte mit über­ wiegend torfbildender Vegetation. Zur Torf-

bildung kommt es, wenn der Abbau von abgestorbenen Torfmoosen zeitweilig behin­ dert ist, weil in stehendem Wasser Sauerstoff­ mangel auftritt. Torfmoose sind die wichtig­ sten Pflanzen der Hochmoore. Sie sind in der Lage, wie ein Schwamm Feuchtigkeit zu speichern und ihre Umgebung feucht zu hal­ ten. Indem sie aus dem Wasser die wenigen vorhandenen Nährstoffe entziehen, wird dieses nicht nur extrem nährstoffarm, son­ dern auch stark sauer. Nährstoffarmut und saures Wasser, häu­ fige Bodenfröste und große Temperaturun­ terschiede zwischen Tag und Nacht machen das Hochmoor zu einem Grenzstandort für seltene Blütenpflanzen. Denksport für Naturfreunde Als Gedächtnisstütze und Anregung zur weiteren Beschäftigung mit den genannten T hemen werden für jung und alt einige Fra­ gen und Beobachtungsaufgaben gestellt, die den Blick für die kleinen Dinge der Natur schärfen sollen. Die Antworten finden sich dann jeweils im gegenüberliegenden Pavil­ lon. Zeugnisse der Vergangenheit Im oberen Pavillon bei der Roggenbach­ schule hat man nicht nur einen ausgezeich­ neten Überblick über das Parkgelände, hier befindet sich außerdem eine Baumscheibe mit einem eindrucksvollen Durchmesser von 1,80 m. Sie wurde unmittelbar über dem Wurzelstock entnommen und berichtet vom langen Leben der über 200 Jahre alten Neininger-Tanne, einem Naturdenkmal, das bis 1986 in der Nähe des Lippenhofes im Schlegelbachtal stand. Eine Tafel präsentiert dazu die Geschichte Unterkirnachs in den letzten 200 Jahren und Informationen über das Wachstum der Jah­ resringe eines Baumes. Die Zahl der Jahres­ ringe und ihre unterschiedliche Breite zeu­ gen vom Alter und den Lebensbedingungen des Baumes. Jedes Jahr wächst ein neuer Ring, und jeder Ring ist je nach den Witte­ rungsbedingungen des betreffenden Jahres verschieden breit. In einem trockenen Jahr entsteht z.B. nur ein schmaler Ring. Jahresringe können so zu einem wichti­ gen Mittel der Altersdatierung (sog. ,,Den­ drologie“) werden, wenn Archäologen Holz­ funde aus vorgeschichtlicher Zeit bergen, wie dies am Magdalenenberg geschah (Aus­ steUung im Villinger Franziskaner-Museum!). Weil alle Bäume einer Region eine ähnliche Jahresringstruktur haben, kann man den Aufbau eines unbekannten Balkens mit einem genau bestimmten Baumquerschnitt vergleichen und dessen Alter oft auf das Jahr genau bestimmen. Die Texte werden durch einen mehrfarbi­ gen Übersichtsplan des gesamten Parkgelän­ des und weitere informative Schaubilder ergänzt und abgerundet. Darüber hinaus wurden etwa 250 verschiedene Pflanzen des Parks mit Namensschildern versehen. Damit wird deutlich, daß der Wildpflan­ zenpark zugleich ein außergewöhnlicher wie vielseitiger Lehrpark ist. Ausstellungsobjekt ist die Natur selbst, die hier liebevoll und mit dem Blick fürs Detail präsentiert und in ihren Zusammenhängen erklärt wird. Klaus Maiwald Wetter unter Aprilschnee färben sich die Knospen weiter gesenkten Hauptes warten erste Frühlingsblüher die Wetterkapriolen ab leise grünt Gras und Löwenzahn wird seine kleinen Sonnen wieder leuchten lassen wenn der Schauer vorbei ist Christiana Steger 305

Betrachtungen und Beobachtungen über das Rehwild In unseren heimischen Wäldern und Wiesen gibt es keine zweite Wildart, die so gut erforscht und über die mehr einschlägige Literatur vorhanden ist, als über das Reh. Für Experten, wie Jäger und Heger, bringt dieser Bericht sicher keine neuen Erkenntnisse über diese Wildtiere. Eher möchte ich mich an den Naturfreund wenden, der nur gele­ gentlich ein Reh zu Gesicht bekommt und dessen Verhalten nicht immer richtig zu deu­ ten weiß. Für Körperteile und gewisse Ver­ haltensweisen wird in diesem Bericht die sog. Waidmannssprache benutzt, der allgemein verständliche Ausdruck steht in Klammern. Rehe gibt es seit ca. sieben Millionen Jah­ ren. Es ist wahrscheinlich auch unsere älteste Jagdwildart, die außer in Irland, Island und den Mittelmeerinseln in ganz Europa vor- Sechserbock zum Anfang des Monats Mai. Das Gehörn ist ,,gefegt‘; der Haarwechsel vom Winter­ zum Sommerhaar hat gerade begonnen. 306 kommt. In diesem Verbreitungsgebiet reicht ihr Lebensraum von der Meeresküste bis zur Baumgrenze im Hochgebirge. Ausgestattet mit einem vorzüglichen Geruchs-, Gehör- und Gesichtssinn, zudem vier schnellen Läufen (Beinen), zeigt sich das Reh als typischer Kulturfolger, d. h. es hat sich der vom Menschen veränderten Land­ schaft angepaßt. Vor allem der Bau seiner Hinterläufe ermöglicht ihm kurzfristig große Schnelligkeit und Sprünge von beachtlicher Weite und Höhe. Die Körperform ist keilför­ mig, eignet sich bestens zum lautlosen Durchwinden von Gebüschen und Dickun­ gen. Vom ganzen Erscheinungsbild her wird es wohl kaum ein wildlebendes Tier in unse­ rer Landschaft geben, das unser Reh an Anmut, Liebreiz und Eleganz übertreffen könnte. Nur seine Stimme, wenn es schreckt, d. h. seinen Unmut über eine Störung äußert, paßt nicht o richtig zu dieser bezau­ bernden Kreatur, es hört sich nämlich fast so an wie das Bellen eines Hundes. Das sog. Fiepen, ein Lock- und Angstruf je nach Ton­ lage oder Lautstärke, entspricht schon eher den Lautäußerungen, die wir Menschen diesem Tier zuordnen würden. Die Länge eines ausgewachsenen Rehes beträgt 110 bis 130 cm, die Höhe 70 bis 75 cm, das Gewicht schwankt sehr stark nach Geschlecht, Ernährung, Konstitution usw. zwischen 14 und 22 kg in unseren Breiten. Das Höchstalter wurde bei Rehen in Gefan­ genschaft mit 18 Jahren festgestellt, in Frei­ heit dürften 12 bis 15 Jahre die Grenze sein. Die Färbung des Haarkleides ist im Winter graubraun, im Sommer rostrot mit verschie­ denen Variationen, was dem Tier einen recht guten Sichtschutz vor seinen Feinden gewährt. Die Zeichnung der Kitze (Bambis), mit den bekannten weißen Punktereihen, die sich zum Ende des Sommers wieder ver­ lieren, ist eine hervorragende Tarnung, wenn sie sich in der Wiese niederdrücken. Das Reh gehört zur Gattung der Wieder-

käuer und ist im Sommer ein sehr wähle­ rischer Nahrungskonsument. Im Winter, wenn der Tisch naturbedingt nicht so reich­ haltig gedeckt ist, muß der Jäger durch Zu­ füttern einspringen. Dies auch, um die Ver­ bißschäden an den Kulturpflanzen in Gren­ zen zu halten. Im Frühjahr, gegen Ende März, beginnt der erwachsene Rehbock sein neu gewachse­ nes Gehörn (Geweih) zu fegen, d. h. er be­ freit es durch Scheuern an Sträuchern und Büschen von der sog. Basthaut, unter der es sich bis dahin geschützt entwickeln konnte. Das alte Gehörn wurde im Oktober/Novem­ ber des vergangenen Jahres abgeworfen. Je nach Art des Gehörns ist dies dann in der Sprache der Jäger ein Spießer, Gabler oder Sechserbock. Allerdings kommen bei den Rehgehörnen immer wieder Abweichungen, Abnormitäten und Regelwidrigkeiten vor. Es würde den Rahmen dieses Berichts spren­ gen, im einzelnen darauf einzugehen. Neh­ men wir an, unser Bock ist ein starker oder guter Sechserbock, so versucht dieser nach dem „Fegen“ sein Territorium von allen schwächeren Böcken durch deren Vertrei­ ben zu befreien, um nach Möglichkeit keine Mitkonkurrenten zu haben, wenn es im Juli/ August in der Brunftzeit um die Gunst der Rehdamen geht. Ist diese Zeit gekommen, geht es sehr lebhaft in den Rehrevieren zu. Die sonst meistens am frühen Morgen und späten Abend zu beobachtenden Rehe sind nun den ganzen Tag aktiv und auf den Läu­ fen. Der Bock treibt, d. h. er verfolgt die Reh­ geiß in der Art, daß der Uneingeweihte, der dies zufällig beobachtet, annehmen könnte, der armen „Schönen“ würde Gewalt ange­ tan. Dem ist jedoch nicht so, es gehört ein­ fach zum Ritual der Rehbrunft, wie z.B. das Balzverhalten mancher Vogelarten. Treffen während der Brunftzeit zwei eben­ bürtige Rivalen (Böcke) aufeinander, so kann es zum Kampf kommen. Zeuge eines sol­ chen Brunftkampfes wurde ich vor etlichen Jahren in einem hiesigen Revier, in dem ich die Genehmigung des Jagdpächters hatte, mit der Telekamera zu „Waidwerken“. Dieser Bock hat im Juni den Haarwechsel hinter sich, er hat„ve,färbt‘; wie der Jäger sagt. Es ist der Sieger des Brunfikampfes, der im Bericht beschrie­ ben wird. An einem herrlichen Sommermorgen Anfang August saß ich mit Kamera und Fernglas bewaffnet auf einem Hochsitz im besagten Revier. Kaum eine halbe Stunde saß ich an, als aus der gegenüberliegenden Dickung ein von Statur starker Rehbock aus­ trat. Er zog direkt unter der Hochsitzleiter vorbei und ich konnte feststellen, daß sein Gehörn keine Enden (Verzweigungen) hatte, nur kräftige, gebogene Spieße, die verhältnis­ mäßig hoch über die Lauscher (Ohren) rag­ ten. Der Bock zog hinter meinem Ansitz in den Hochwald ein; dabei fiel mir auf, daß er in einem ganz eigenartigen Gang schritt – vergleichbar etwa dem Stechschritt beim Militär -und dabei seine Lauscher ganz zurückgelegt hatte. Fast gleichzeitig sah ich im Hochwald einen zweiten Bock auftau­ chen. Durch das Fernglas erkannte ich einen Sechserbock, von dem ich ca. 6 Wochen zuvor einige gute Fotos machen konnte. Die beiden Böcke gingen in dem erwähnten Stechschritt aufeinander zu, es sah wirklich komisch aus, ich mußte mir das Lachen ver­ kneifen, um sie nicht zu vergrämen (ver­ scheuchen). Sie hatten sich inzwischen erreicht und gingen nun nebeneinander her mit hocher­ hobenen Häuptern und beide in diesem eigenartigen Gang. Doch plötzlich fielen sie mit ihren Gehörnen übereinander her und es 307

Schlqfendes „ Schmalreh“ (weibl. J ährlingsreh) im ,,Bett“ (Lager). Rehgeiß mit Kitz im letzten Drittel des Monats Juni. Das Kitz mit den typischen weißen Punkte­ reihen ist hier ca. 2 bis 3 Wochen alt. entbrannte ein Kampf, wie ich es zwischen zwei Rehböcken bis zu diesem Zeitpunkt nicht für möglich gehalten hätte. Das Geschehen war ca. 30 m von mir entfernt, so konnte ich mit dem Fernglas alle Einzelhei­ ten verfolgen. Weithin im morgenstillen Wald war das Zusammenkrachen der Ge­ hörne zu hören. Der Kampf ging weiter, immer nach dem gleichen Ritual. Zusam­ menstoßen der Gehörne, sofortiges Lösen, wieder Stechschritt nebeneinander und erneutes blitzschnelles Zustoßen. Wie lange dies so weiterging, kann ich heute nicht mehr mit Sicherheit sagen, ich schätze es waren ca. 10 bis 15 Minuten. Der Bock mit dem Spießergehörn, den ich zuerst gesehen hatte, drehte plötzlich ab und flüch- tete, von seinem Gegner noch ca. 40 bis 50 m verfolgt, an meinem Ansitz vorbei und ver­ schwand mit heraushängendem Lecker (Zunge) in der Dickung, aus der er zuvor aus­ getreten war. Erst jetzt wurde mir bewußt, daß ich die ganze Zeit des Kampfes nicht daran gedacht hatte, mit der Telekamera einige Bilder zu schießen, so hatte mich die­ ses Schauspiel in Bann gehalten. In erster Linie geht es bei diesen Brunft­ kämpfen um die Vertreibung des Gegners, doch es kommen dabei auch ernsthafte Ver­ letzungen, in seltenen Fällen mit Todesfolge, vor. Es wird berichtet, daß schon verendete Rehböcke gefunden wurden, die sich mit ihren Gehörnen beim Kampf so ineinander verfangen hatten, daß sie sich nicht mehr Rehkitz ca. 2,5 Monate alt. Die Punktereihen haben sich fast verloren. Dasselbe Kitz wie im vorherigen Bild, hier zu­ sammen mit seiner Mutter. 308

lösen konnten. Der Tod solcher verkämpfter Böcke tritt dann entweder durch Genick­ bruch oder durch Entkräftung ein. Nachdem der Bock die Rehgeiß beschla­ gen (befruchtet) hat, beträgt deren Gesamt­ tragzeit ca. 9,5 Monate. Diese doch relativ lange Tragzeit für ein Tier dieser Größen­ ordnung ist bedingt durch eine Keimruhe, die bis Mitte Dezember dauert. Dadurch fallt die Brunft sowie die Setzzeit (Gebärzeit) in eine für die Arterhaltung günstige Jahres­ zeit. Das Kitz, es kommen genau so oft Zwil­ linge, seltener Drillinge vor, wird dann Ende Mai/ AnfangJuni in einem stillen Winkel des Waldes gesetzt (geboren). Die Säugezeit erstreckt sich bis in den November/Dezem­ ber, allerdings kann man beobachten, daß die jungen Rehkinder bereits nach 2/3 Wochen zum ersten Mal an grünen Blättchen knab­ bern. Auffallend ist, daß die Rehmutter sich nie bei ihrem Kitz niedertut (niederläßt) und daß, wenn sie mehrere Kitze führt (hat), diese stets an getrennten Plätzen ablegt. Auch hier sehen wir, daß dieses Verhalten der Arterhal­ tung dient. Falls z.B. der Fuchs ein Kitz fin­ det und reißt (tötet), so überlebt zumindest das Geschwister. Diese Verhaltensweise führt jedoch auch dazu, daß immer wieder anscheinend verlassene Kitze von Men­ schen aufgefunden werden. Wer ein abgeleg­ tes Kitz sieht, sollte die Finger davon lassen, die Mutter ist bestimmt in der Nähe! Sie verteidigt ihre Nachkommenschaft gegen Feinde recht erfolgreich, obwohl sie nicht über die Waffen des Vaters (Gehörn) verfügt. So konnte ich einmal beobachten, wie eine Rehgeiß mit den Vorderläufen einen Fuchs bearbeitete, der ihrem Kitz zu nahe gekommen war, so daß ihm der Appetit aufRehfleisch verging und er sein Heil in der Flucht suchte. Diese Aufnahme von einer Geiß mit Kitz ent­ stand im Monat Oktober. Die Zeichnung beim Kitz (im Vordergrund) ist verschwunden, der Haarwechsel zum Winter hat begonnen. Trotzdem fallt so manches Rehkind Meister Reinecke zum Opfer, wie dies Kno­ chenfunde an Fuchsbauten beweisen. Gegen Hunde, und hier besonders die größeren, haben auch erwachsene Rehe in der Regel kaum eine Chance, da der het­ zende Hund eine viel größere Ausdauer besitzt als diese. Es ist schon so oft gesagt worden, liebe Tierfreunde: Hunde gehören draußen im Wald an die Leine! Das Kitz verbleibt bei der Mutter bis ca. Mitte Mai des nächsten Jahres, dann wird es abgeschlagen, d. h. es wird, mehr oder min­ der heftig, aus ihrer Nähe vertrieben. Das erscheint uns Menschen recht brutal und entspricht nicht unbedingt dem, was wir unter Mutterliebe verstehen. Doch in der Natur bestimmen andere Gesetze das Han­ deln der Kreatur. Der Nachwuchs, welcher in ihrer Gebärmutter heranreift, wird in den nächsten Tagen sein Recht auf neues Leben fordern. Dann ist für das letztjährig Gebo­ rene kein Platz mehr bei ihr. Der Kreis Erwin Kienzler schließt sich. 309

An der Wasserscheide Gutach und Elz Der abflußlose „Blindensee“ bei Schonach Das Blindensee-Thema, eine Besonderheit in unserem Landkreis beschäftigt immer 1oieder die Fantasie unserer Heimatfreunde. In den nachfol­ genden Ausführungen setzt unser Heimatjahr­ buch die Betrachtung über den Blindensee, die wir bereits im Almanach 1980, S. 195-197, begon­ nen haben, fort. flußlose Blindensee oberhalb der Vorderen Vogte. Inmitten ausgedehnter Moore und ihrer Stille und Einsamkeit läßt er einen klei­ nen Vergleich zur Sibirischen Tundra im K.leinstforrnat zu. Entsprechend ist auch die dort vorhan­ dene Pflanzenwelt. Markant für die Land­ schaft ist vor allem die Spirke, eine Föhren­ art, die nur in Hochmooren zu finden ist. Ebenso auffallend ist die Legföhre oder Lat­ sche. Ihre düster-dunkle Farbe erinnert an die Pinie des Südens, die ja ebenfalls eine Kiefernart darstellt; nur wird die Pinie hoch­ stämmiger und sucht wie unsere gewöhn­ liche Kiefer trockenen Boden aus. Die im Blindenseegebiet noch vor Jahren anzutref­ fenden Moorpflanzen waren: Bitterklee, Fie­ berklee, Riedgras, Sumpfblutauge, Sumpf­ herzblatt – auch Stundenblume genannt, Torfmoos, Fettkraut und Sonnentau. In diesem geschilderten Moor- und Sumpfge­ biet gab es für die Beerensucher, zumindest vor Jahren noch die im Volksmund betitelte „Schnotzbeere“. Da Beerengeflecht war höher gewachsen als die Heidelbeeren und die Beeren unterschieden sich durch Größe, Farbe und Geschmack. Zum Verzehr waren sie nicht bestimmt. Gesammelt wurden die etwas größeren graublauen Beeren zur Her­ stellung von Heidelbeerwein, dem Hausge­ tränk der Tagelöhner und Fabrikarbeiter auf den Höfen. Den Blindensee erreicht man von Schon­ ach aus von der Vorderen Vogte über einen Holzsteg übers Moos und Kusselwerk. Plötz­ lich steht man vordem Ge uchten und somit vor dem See, der einem trüben Auge inmit­ ten des Hochtorfmoores gleicht. Unheim­ lich gurgelt es unter den Füßen, denn das Ufer ist unterspült und droht die Besucher in die Tiefe zu ziehen. Keine lichtfrohen Blu­ men, Seerosen oder Seegras bieten sich dort oben an. Dagegen sorgen faulendes Wurzel­ werk, Gestrüpp und Unterholz für die Brau- Auf der breiten, hochflächenartigen Was­ serscheide zwischen der Gutach und dem oberen Elzursprung, oberhalb der Höfe Fel­ dern und Vorderen Vogte, begegnet man aus­ gedehnten Moor- und Torfbildungen. Was hat derartige Erscheinungen auf solchen Höhen ermöglicht? Sonstige Wasserscheiden sind meist schmal und gratähnlich, so daß die Q!iell­ und Regenwasser unmittelbar abgezogen werden. In der genannten Hochfläche ver­ sickert zwar das Wasser ebenso rasch im ver­ witterten Granit, nicht aber in deren ver­ schiedenen Einsenkungen oder Mulden, in denen sich feine, wahrscheinlich rotliegen­ de Tone ansammelten und Versickerungen unmöglich machten, die Regenwasser also stauten. Stehendes Wasser aber versauert und vermoort sehr bald. Die im Moor sich bildende Pflanzenwelt kann infolge der hohen Gebirgslage und ihrer niedrigen Jahrestemperatur nicht verwesen. Es häu­ fen sich die abgestorbenen Pflanzen Jahr für Jahr aufeinander, bilden also chichten, die nach und nach durch Druck von oben ver­ torfen. Die größten Moor- und Torfbecken auf dieser Höhe liegen zwischen dem Wolfbau­ ernhof, im Zinken Feldern und am „Blinden­ see“. Im zuerst genannten Landschaftsstück werden Torfschichten von 6 Metern, am Blindensee sogar bis 10 Meter gemessen. Die übrigen, immer weniger werdenden Torf­ becken erreichen immerhin noch die 3-Meter­ Marke. Die eindrucksvollste Erscheinung auf der Höhe der Wasserscheide ist der ab- 310

en um die Wasserfläche, die einem Auge gleicht. Der Wanderer und Naturfreund findet ein Stück Natur vor, echt und rein erhalten, wie sie der Schöpfer hingelegt und ausgebrei­ tet hat. Ungeschminkt von ungeschickten Menschenhänden ist dort ein Stück Natur pur anzutreffen. Nur wenn eine blaugrüne Libelle über das dunkle Gewässer schießt oder eine Wildente aufscheucht, scheint es, als ob auch Gottes Odem diese Wildnis be­ rührt hätte. Geschichten und Sagen Die Namensgeschichte des Blindensees ist nicht wie zunächst vermutet, auf das blinde Gewässer ausgerichtet. In unmittelba­ rer Nähe, und zwar auf der Schönwälder Seite, stand einst der Blindenhof und war im Besitz des Blindenhofbauern. Der Blinden­ hof kam oder soll zu seinem Namen gekom­ men sein durch einen Fluch des Besitzers. Als er noch keinen Hoferben hatte, nur Mäd­ chen, beschwor er Gott und den Teufel, ihm einen Buben zu schenken, selbst wenn er mit 311

Blindheit geschlagen zur Welt käme. Sein Wunsch erfüllte sich, und auf dem Hof wurde ein blinder Knabe, der den Hof zu übernehmen hatte, geboren. Der Bauer soll gesagt haben: ,,Du hast so viel Hab und Gut, daß du genügend Knechte und Mägde auf den Hof nehmen kannst: regieren kann auch ein Blinder.“ Daß dem nicht so ist, zeigte sich, denn Grund und Boden gingen verlo­ ren durch Spekulationen und frevelhafte Machenschaften der Sehenden. Vom Blin­ denhof ist nicht mehr viel zu sehen. Auch nicht vom Blindenhüsli, Taglöhnerhaus in unmittelbarer Nähe und niedergebrannt im letzten Krieg. Eine Sage berichtet, daß der fehlende Ablauf nur ein engmaschiges Spinnennetz verhinderte. Die Zeit werde aber kommen, wo dieses Netzgebilde reißt und das nahe Amtsstädtchen Triberg überschwemmen wird. Am ehesten zu glauben ist noch die Geschichte von der Kuh, die dem Vogte­ bauern weglief und als Seekuh unauffindbar vom Blindensee verschlungen wurde. Recht lustig hebt sich dagegen die schau­ rige Ballade von der Sagenwelt ab über die­ sen Fall der versunkenen Kuh. Die Ballade endet nämlich mit der Feststellung, daß die Kuh quicklebendig nach einer Irrfahrt unter dem Erdboden in Köln am Rhein, in unmit­ telbarer Nähe des Doms zu Kölle ans Land geschwemmt wurde. Bekannt zumindest unter den Schulkin­ dern von Schonach und Schönwald war der Spruch über den Blindensee, der lautete: ,,Mißt Du mich, dann friß ich Dich … “ Bruno Bender Fossiliensammeln im Schwarzwald-Baar-Kreis Im Schwarzwald-Baar-Kreis treten nur in einem Teil des Kreises interessante fossilfüh­ rende Schichten zu Tage, und zwar östlich einer Linie von Weigheim im Nordosten über Aasen nach Döggingen im Südwesten. Es handelt sich um die bis zu 600 m mäch­ tigen Ablagerungen des J urameeres aus dem Erdmittelalter. Zum Erdmittelalter zählen die Schichten der Trias (Buntsandstein, Muschelkalk, Keuper), der Jura (schwarzer, brauner, weißer Jura) und die Kreide (Unter­ und Oberkreide). Es umfaßt den Zeitraum von 225 Mill.Jahren (Buntsandstein) bis 65 Mill. Jahren (Oberkreide). Ablagerungen der Kreidezeit sind im Süd­ westdeutschen Raum nicht vorhanden. Die Schichten der Trias sollen hier nicht bespro­ chen werden, obwohl sie in einem großen Teil des Kreisgebietes auftreten, sie sind jedoch über weite Strecken fossilleer bis fossilarm. Nur wenige Abschnitte liefern einigermaßen brauchbares meist jedoch schlecht erhaltenes Material. Wenden wir uns dem Jura der Schwäbi­ schen Alb zu mit der Fortsetzung al Fran- 312 kenalb im Nordosten und dem Schweizer Jura im Südwesten, berühmt für seine Fossi­ lien, Betätigungsfeld nicht nur einheimi­ scher Sammler. Die Schichten werden (nach Friedrich August �enstedt, Prof. der Geo­ logie in T übingen von 1837 bis 1889) nach der überwiegenden Farbe der Ablagerungen in drei Komplexe mit je sechs Abteilungen gegliedert: 1. Der Schwarze Jura (Lias, ca. 190-170 Mill. Jahre) Er bildet das Albvorland und die Hoch­ ebene der Baar von Weigheim, Hoch­ emmingen im Nordosten über Aasen, . Pfohren bis Mundelfingen, Döggingen im Südwesten. Er ist berühmt für seine bis wagenrad-großen Ammoniten im unte­ ren, sowie Wirbeltieren, Fischen und See­ lilien im oberen Teil der Schichten. In früheren Zeiten hatte beinahe jedes Dorf seinen eigenen, kleinen Steinbruch in den unteren Schichten des Schwarzen Jura. Entsprechend gut waren auch die Fundmöglichkeiten. Heute gibt es in die­ sen Schichten kaum noch brauchbare

Ortenaukreis Landkreis Rollwe1l .Autobahn Bundnslraß• Landesstrane 5735 Die gerasterte gelbe Fl:ichc stellt dJs Gcb1e1 des Jura 1m Schwartwald·Ba,u·Km.s dJr. Landkreis Landkreis Konstanz SCHWEIZ Aufschlüsse. Der Sammler ist weitgehend auf kurzzeitige Möglichkeiten beim Stra­ ßenbau oder Erschließungsarbeiten in Neubaugebieten angewiesen. 2. Der Braune Jura (Dogger, ca. 170-150 Mill. Jahre) Von ihm werden die Hänge des Albauf­ stiegs und der vorgelagerten Berge der 313

Baar und Wutach aufgebaut. Z.B. der Aufstieg nach Öfingen, das Dorf selbst und auch das Plateau mit dem Feriendorf liegen voll tändig im Bereich des Braunen Jura. Riedböhringen mit den Hängen von Eichberg und Stoberg sowie ganz Zoll­ haus-Blumberg mit Ausnahme des ober­ sten Teils von Eich-, Sto- und Buchbergs liegen ebenfalls im Braunen Jura. Bei den Sammlern sehr beliebt wegen einer schö­ nen, artenreichen, in manchen Schichten auch sehr individuenreichen Fauna. Beim Bau der Sauschwänzle-Bahn gab es im Be­ reich Epfenhofen sehr gute Aufschlü se mit vielen wohlerhaltenen Fos ilien wie SCHALCH in der Beschreibung zur geologischen Karte von 1908 berichtet. Bekannt für gute Fundmöglichkeiten waren in früherer Zeit auch die Abraum­ halden des Erzbergbaus am Sto-und Eich­ berg. 1987 ergab sich ein großartiger Aufschluß in Zollhaus auf dem Gelände der Firma TRW-Thompson bei Ausschachtungsar­ beiten zum Neubau einer Halle. Das staatliche Museum für Naturkunde Stutt­ gart war mit mehreren Mitarbeitern vor Ort und selbst Prof. Calomon, Spezialist für den „Braunen Jura“, kam extra aus London angereist, um noch offene Fragen zu klären. Ein gutes Dutzend Sammler war mehrere Wochen damit beschäftigt, den außer­ halb des Werksgeländes aufgeschütteten Aushub nach Fossilien zu durchsuchen, um möglichst viel vor der Planierraupe zu retten. Auch in neuester Zeit gab es wieder ergie­ bige Aufi chlüsse beim Bau der Umge­ hungsstraße Epfenhofen. Mitarbeiter des Museums für Naturkunde in Stuttgart waren auch hier wieder zusammen mit engagierten Sammlern des Vereins für Mineralogie und Paläontologie chwarz­ wald-Baar-Kreis e. V. aktiv. Ehrensache, daß wi senschafi:lich interessante, von Samm­ lern gefundene Stücke dem Museum überlassen wurden. 314 3. Der Weiße Jura (Malm, 150-135 Mill. Jahre) Die mächtigste Abteilung des Jura, bis zu 400 m stark, teilweise schroff vom Sockel des braunen Jura empor teigend. Der Himmel- und Osterberg bei Öfingen, die Länge bei Neudingen, Eichberg, Buchberg, Stoberg bei Zollhaus-Blum­ berg werden im oberen Teil vom weißen Jura aufgebaut. Dieser mächtige Schich­ tenstoß, bei uns an vielen Stellen gut auf­ geschlossen, ist leider über weite Teile fos­ silarm bis fossilleer, liefert aber in meist eng begrenzten Bänken stellenweise auch eine interessante und reichhaltige Fauna. Schon immer haben Fossilien die Phanta- sie der Menschen beflügelt, wie Funde aus Steinzeitgräbern belegen. Bei den alten Grie­ chen deutete schon HERODOT (510-425 v. Chr.) die Fossilien richtig als Reste von Meerestieren. In späterer Zeit kam auch LEONARDO DA VINCI (1452-1519) zu dieser Erkenntnis. Diese Aussagen wurden dann wieder vergessen oder verworfen. Bis ins 18.Jahrhundert hinein war man größten­ teils der Ansicht, Reste der bei der Sintflut umgekommenen Lebewe en vor sich zu ha­ ben. Erst im 19.Jahrhundert begann die wis­ senschartliche Arbeit auf der richtigen Basis. Jagen und sammeln, der Urtrieb, heute eigentlich überflüssig! Bei näherer Betrach­ tung können wir jedoch leicht feststellen, daß sich das Sammeln von Fossilien recht positiv auf Körper und Geist auswirkt. Viel Bewegung in der Natur als Ausgleich zur Tätigkeit an Schreibtisch oder Fließband. Tätigkeiten für die der Mensch von der Natur nicht geschaffen wurde. Der engagierte Sammler möchte natür­ lich z. B. auch wissen, wie alt die Funde sind, wie die Tiere gelebt und sich fortgepflanzt haben, warum und wann sie ausgestorben sind usw. Fragen, die eine intensive Ausein­ andersetzung mit dem Thema fordern. Zur oft mühseligen Bergung und Präpara­ tion der Fossilien kommen die Schwierigkei­ ten beim richtigen Bestimmen der Fund­ tücke, bei mehreren hundert Arten allein

Fossilien aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis Ammonit: Vermiceras spiratissimum Schwarzer Jura alpha, Weigheim 315

Ammonit: Homöoplanulites sp. Brauner Jura epsilon, Zollhaus-Blumberg Schnecke: Pleurotomaria sp. Weißer Jura alpha, Epfenhofen 316

von Jura-Ammoniten auch für erfahrene Sammler keine leichte Aufgabe. Dazu kom­ men noch viele Arten von Schnecken, Muscheln, Brachiopoden und Seeigeln. Freude und Erfolgserlebnisse beim Su­ chen oder nach Abschluß einer besonders gutgelungenen Präparation sowie eine schöne und wertvolle Sammlung sind der verdiente Lohn. V iele Generationen von Sammlern durf­ ten mit dazu beitragen, wertvolle Stücke zu bergen und bei Bedarf den Museen zur Ver­ fügung zu stellen. Schon Friedrich August Qienstedt, der die grundlegenden, noch heute gültigen Werke über den Schwäbischen Jura schuf, schätzte „seine Sammler“. In seinem Werk: ,,Der Jura“, erschienen 1857, schrieb er: „Dem Gelehrten ist es da bequem gemacht, er daif nur hingehen, die Sammlung durchmustern, um in wenigen Stunden eine Belehrung davon zu tra­ gen, die er ohne diese Hi!fe durch Monate lange Mühe sich selbst kaum hätte an Ort und Stelle erwerben können. “ Auch heute ergibt sich manchmal die Gelegenheit, der Wissenschaft und den Museen wertvolle Dienste zu leisten. Z.B. 1991, Erstfund eines seltenen Sauriers mit enormem wissenschaftlichen Wert im „Schwarzen Jura“ bei Balingen-Engstlatt durch einen Sammler und dem Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart zur Ver­ fügung gestellt. Ebenfalls 1991, im Januar bei Minus 17 °C, wurde beim vierspurigen Aus­ bau der B 27 im Raum Balingen, von zwei Sammlern des Vereins für Mineralogie und Paläontologie Schwarzwald-Baar-Kreis eine Kolonie von Seelilien, ca. 25 m2, aufgewach­ sen auf einem mehrere Meter langen Stamm Treibholz vor der Baggerschaufel gerettet. Nicht jedem Sammler dürfte es vergönnt sein, auch nur einmal im Leben einen so großartigen Fund zu machen. Auch diese Rarität wurde selbstverständlich von den Findern gemeldet und befindet sich jetzt im Museum am Löwentor in Stuttgart. Bernd Frohs Naturdenkmäler im Schwarzwald-Baar-Kreis Die Serie „Naturdenkmäler“ wirbt um das Interesse für Bäume älteren Jahrgangs, die dem Naturschutzgesetz unterstellt und im Naturdenkmalbuch des Landratsamtes Schwarzwald-Baar-Kreis festgeschrieben sind. Teils versteckt in der Natur und nicht immer leicht aufzufinden, teils unmittelbar am Wegesrand oder direkt neben einer stark befahrenen Straße und dennoch unbeach­ tet: So läßt sich eine große Zahl der annä­ hernd 100 Naturdenkmäler im Kreisgebiet klassifizieren. Ausgangspunkt einer kleinen Fahrt zu Bäumen, die seit dem Jahr 1941 als Natur­ denkmäler ausgewiesen sind, kann St. Geor­ gen im Schwarzwald sein. Von hier führt die Landesstraße 175 zur etwa 4 km entfernten „Hiesemicheleshöhe“ (900 m über NN), wo ihr die von der Gemarkung Buchenberg kommende Kreisstraße 5724 begegnet. Nach wenigen Metern talwärts in Richtung Lan­ genschiltach und Tennenbronn erreicht man eine 30 Meter große Fichte. Nur wenige Schritte trennen diese Fichte von der stark befahrenen Landesstraße 175. Fälschlicher­ weise wird diese im Jahr 1810 angepflanzte Fichte auch „Große Tanne“ bezeichnet. Besonders auffallend erscheint die Fichte wegen ihres dichten Nadelkleides und ihres Stammes (3,70 m Umfang), der sich in 8 Metern Höhe gabelt. Diese Fichte hat es nicht leicht, muß sie doch tagaus tagein die Abgase einer Vielzahl von „Heiligsblechle“ ertragen. Ein hölzernes Schild an diesem Baumstamm weist auf das Naturdenkmal hin, in dessen Nähe eine Hochspannungs­ leitung über Wiesen und durch Wälder verläuft. Alter, Umwelt- und Witterungs­ einflüsse haben diese alte Fichte, die auch weiterhin den Emmissionen des vorbeizie- 317

steigt an zum „Obergropperhof“. An einer Weggabelung dieses auch mit einer land­ schaftstypischen Kapelle bereicherten land­ wirtschaftlichen Anwesens haben die beiden „Hofwächter“, wie diese Birken wegen ihrer Nähe zum Obergropperhof bezeichnet wer­ den, ihren Stammplatz. Noch vor einigen Jahren gehörte zu diesem Birken-Duo auf Gemarkung Oberkirnach eine 170 Jahre alte, 27 Meter hohe Fichte. Ein Blitzschlag brachte sie zu Fall. Übrig blieb ein Baum­ stumpf. Und die Birken? Sie hielten bisher den Belastungen durch die Witterung stand. An ihren filigranähnlichen Verästelungen wachsen zartgrüne Blätter heran; sie über­ decken das idyllische Plätzchen, an dem auch ein hölzernes Kreuz aus dem vorigen Jahrhundert steht. Es fällt nicht schwer, hier oben auf der hölzernen Bank im Schatten des Daches aus Birkenblättern innezuhalten, zu sinnieren und dem fröhlichen, harmoni­ schen Gezwitscher der Vögel, dem Klopfen des Spechtes im angrenzenden Wald zu lau­ schen und dabei die Aussicht in das reizende Große Fichte bei St. Georgen im Schwarzwald Birkengruppe beim Obergropperhof henden starken Straßenverkehrs ausgesetzt sein wird, gezeichnet. Diese Fichte auf Gemarkung Langenschiltach, deren untere Äste den Erdboden fast berühren, befindet sich in guter Gesellschaft von 3 Birken, die vor allem im Spätjahr farbliche Schönheit ausstrahlen. Apropos Birken. Schon wandern die Gedanken von diesem reizenden Land­ schaftsteil der Gemarkung Langenschiltach ab ins Groppertal zu zwei naturgeschützten Birken; die einzigen Birken, die im Natur­ denkmalbuch des Landratsamtes Schwarz­ wald-Baar-Kreis eingetragen sind. Von St. Georgen im Schwarzwald über die Bun­ desstraße 33 kommend ist bei der Straßen­ kreuzung in der Nähe des Bahngebäudes Peterzell (Straße nach links führt nach Königsfeld im Schwarzwald) nach rechts auf die Kreisstraße 5715 einzubiegen. Nach etwa 4 km zweigt ein Sträßchen in Richtung Süd­ westen ab, kreuzt Bahnlinie und Brigach und 318

Nähe vom Gelände des „Vereins für Deut­ sche Schäferhunde OG Villingen“ eine im Jahr 1725 angepflanzte Eiche, ,,die Laible­ weg-Eiche“. Sie zieht durch ihre Größe von 17 Metern und ihre formschöne vollgrüne Baumkrone mit einem Durchmesser von 10 Metern die Aufmerksamkeit der Spaziergän­ ger auf sich. Man kann dieses astreiche Naturdenkmal mit einem Stammumfang von 3 Metern nicht übersehen. Die Laible­ weg-Eiche ähnelt der etwa 500 Meter süd­ westlich entfernten, ebenfalls im Jahr 1725 angepflanzten und im Almanach 1984 (Seite 205 ff) vorgestellten „Magdalenen­ berg-Eiche“. Unter den 10 naturgeschützten und im Naturdenkmalbuch aufgenomme­ nen Eichen im Schwarzwald-Baar-Kreis sind die Laibleweg-Eiche und die Magdalenen­ berg-Eiche die zweitältesten hinter der ,,Eicheseniorin“ auf Gemarkung Tannheim, die schon im Jahre 1150 angepflanzt wurde und im Almanach 1981 (Seiten 188 ff.) beschrieben ist. Auch wenn an der Laible­ weg-Eiche das amtliche dreieckige Natur­ denkmalschild fehlt, verdient dieser Baum auch weiterhin den gesetzlich garantierten Naturschutz an einer Stelle, von wo aus der Blick frei ist auf das angrenzende Gelände, das, wenn der Winter mit Schnee nicht geizt, den rodelnden Kindern dient. Von hier aus erfaßt das Panorama auch den Aussichts­ turm und den „Rundling“ im östlichen Randgebiet des Stadtbezirks Villingen. Werner Heidinger Laibleweg-Eiche Groppertal zu genießen. Da stören auch nicht die durch das Groppertal rollenden Räder der Schwarzwaldbahn. Die letzte Station auf dieser kleinen Fahrt durch einen Teil des Kreisgebietes befindet sich in der Großen Kreisstadt Villingen­ Schwenningen, genauer gesagt an der süd­ westlichen Peripherie des Stadtbezirks Vil­ lingen. Am Weg, der zu dem südlicher gele­ genen „Laiblewald“ führt, steht in nächster Alte Obstsorten in Brigachtal wiederentdeckt Dieser Beitrag wurde durch den Autor für die Internetrecherche nicht freigegeben. 319

Alte Obstsorten in Brigachtal wiederentdeckt Dieser Beitrag wurde durch den Autor für die Internetrecherche nicht freigegeben. 320

Alte Obstsorten in Brigachtal wiederentdeckt Dieser Beitrag wurde durch den Autor für die Internetrecherche nicht freigegeben. Vorfrühling Zaghaft leise zirpt die Meise Auf rauhreifbehangnem Baum. Halbverhalten hallt die Weise In noch winterlichem Raum: Sehnsuchtstraum! Warten! – Eine Woche später Schmilzt der Schnee im Sonnenschein: Lenz! – Vom blauen Himmel späht er, Weckt die ersten Blümelein, Läutet Ostern ein. Vöglein kann nicht länger schweigen, Seine Seel‘ wird sangesfroh; Jauchzend klingt von allen Zweigen Meisenschlag als Jubilo: ,,D‘ Ziit ischt do!“*) *) Die Zeit ist da. Josef Albickert Vorherbst Das erste frühverwelkte Blatt Sinkt seufzend mir zu Füßen. Der Sommer ist des Lebens satt; Der Herbst fangt an zu grüßen. Es raunt im Rohr, es rauscht im Wald Rührseliges Geflüster. Des Nebelriesen Ungestalt Umkrallt die Sonne düster. Ein Schwermutschauer weht mich an … Die Vögel ziehn in Scharen. Ihr Liederreichtum ist vertan. Lebt wohl, ihr Lerchen, Staren! … Josef Albicker t 321

Mi Bitt‘ a dech Wenn du am Roa e Bliemli siehscht, e rars, no freudi und gucks aa, doch laß es schtau und duer ihm ninnt und bis dem Striießli guet doch gsinnt, — au andri wend e Freud dra haa. Wa häscht devu, wenn’s breche duerscht, en Stolz, daß du en Sammler bischt? Hä gang, des woascht doch du ganz guet, daß ’s Bliemli düerr word uf dim Huet und so en Stolz — e Dummheit ischt. Wenn du im Wald e Pjlänzli siehscht, e nätts, no freu di und gucks aa. Gell, looscht des Pflänzli aber schtau, es hätt i dier jo au ninnt lau; siehscht, ängschtli zittret Blättli draa. Wa häscht devu, wenn’s du riischt uus, es Freid, daß du en Schänder bischt? Hä nei, du witt dech mache bloß bi diine Litt dehoam weng groß und woascht, daß d‘ Freid nitt echt doch [ischt. Wenn du allbott e Tierli siehscht, e zarts, no freudi und gucks aa. Gell, looscht des Gschöpfli aber gau, es will sech doch nitt schtriechle lau. ’s hätt Angscht ums Lebe, merkscht ’s ihm aa? Wa häscht devu, wenn’s du druckscht doot, e Luscht, daß du vill schtercher bischt? Hä nei, du bischt doch nitt so schleacht, und woascht, di Doa des ischt nitt reacht, daß so e Luscht z’verwerfit ischt. Du woascht doch guet, daß Wald und Feld vum Herrgott sind fer alli bschtellt. Worum duerscht du denn frevle nu, rießscht ’s Pflänzli uus und werfschst devu? Koa Tierli bringt me uff de Muet und kunnt zu dir, monschts no so guet. Verscheichts ischt ’s Reh, verjagt de Has, ’s Eidechsli wuslet fort im Gras. E Vögili, wo Hunger hät, verschrocke fliiegts uffs Fenschterbrett. Guck, wie es ängschtli ’s Gsäm ufpickt und scho ischts weg, ’s hät dech verblickt. Wa kriecht und fliegt, wa rennt und schwimmt, vergeltschtret vor dir d’Flocht gschnell nimmt. Au d’Bliemli hond vor dir koa Rueh, wie zittret nu de Fraueschueh. Und ’s Ägethli verschliift is Moos, verdattret schächts drus usi blooß. De Silberdistel ischt verschlupft, er woaßt, we gearn mer ihn doch rupft. Es liitet d‘ Oschterglocke nitt, uusgriße häts seil Meidli hitt, – – Es schtoht im Wald und blüeit am Roa, ’s fliegt uf und ab, ’s huckt uf me Stoa, e Gschöpfli klei, e wundernätts, de Herrgott dipflig zoachnet hätts. Gell, laß es gau, ’s paßt nitt is Huus, – ’s ischt gschützt–sunscht dät es schtärbe uus. Gottfried Schafbuch t, Hüfingen, 1946 322

Tourismus Das Radwegegrundnetz Baden-Württemberg im Schwarzwald-Baar-Kreis – jetzt auch gut beschildert – Ein Baustein für den sanften Tourismus – Wer offenen Auges im Schwarzwald-Baar­ Kreis unterwegs ist, wird sicher die neuen Wegweisungsschilder mit dem grünen Fahr­ radsymbol und dem roten Punkt im Vorder­ rad bemerkt haben, die dem Radfahrer „sei­ nen“ Weg unabhängig vom Autoverkehr an­ zeigen sollen. Es handelt sich um Fernwege, die vorrangig dem Radwandern dienen, die teilweise aber auch der Alltagsradler nutzen kann. Kreis und Gemeinden folgten mit die­ ser Beschilderung einem Beschluß des Kreis­ tags, der sich für ein Konzept zur Stärkung des Radverkehrs ausgesprochen hatte. Um­ welt- und verkehrspolitische Gründe spiel­ ten dabei eine wichtige Rolle. Doch es galt auch, dem im vergangenen Jahrzehnt plötz­ lich wiedererwachten Drang der Menschen Rechnung zu tragen, Natur und Landschaft ohne Streß und Stau mit dem Fahrrad zu erleben. Hatte doch zuvor das Auto das Fahrrad aus dem Verkehrsgeschehen fast völ­ lig verdrängt. Auf vielen Straßen war Radfah­ ren lebensgefährlich geworden. Inzwischen waren aber zugleich zahlrei­ che schöne Wege abseits der Straßen in Feld und Wald, außerdem straßenbegleitende Wege neu entstanden. Sie mußten in Zu­ sammenhang gebracht und zu einem eige­ nen Wegesystem für den Radler vernetzt werden. Dieser Gedanke veranlaßte mich Ende der achtziger Jahre, zum Abschluß meiner Dienstzeit beim Stuttgarter Innenmi­ nisterium, ein landesweites Konzept für ein Radwegegrundnetz in Baden-Württemberg zu entwickeln. Warum sollte es nicht mög­ lich sein, auf diese Weise dem Radler jenen Erlebnisfreiraum und jenes Sicherheitsge­ fühl neu zu verschaffen, die er besaß, bevor das Auto die Straßen in Besitz nahm? Wie anders sah es doch damals aus! In gro­ ßer Zahl waren Radler auf den Straßen unter­ wegs, um Land und Leute kennenzulernen; viele gingen in größeren Gruppen auf Fahrt. Noch bis weit in die fünfziger Jahre hinein herrschte in der hiesigen attraktiven Land­ schaft selbst auf den Bundesstraßen ein reger Fahrrad-Tourismus; nur selten tauchte ein Auto auf. Wenn man anderen begegnete, rief man sich den Radlergruß, ein fröhliches ,,Servus“, zu. Schnell waren Kontakte herge­ stellt. Auch ich erwarb mir auf solchen Tou­ ren eine reichhaltige Landeskenntnis, die mir bei der Erarbeitung des Radwegegrund­ netzes sehr genützt hat. Im Landesmaßstab mußte das Netz rela­ tiv grobmaschig konzipiert werden; es bedarf Brigachtälweg tR) Donaueschingen Furtwangen St. Georgen Schwenningen • • II „II 323

auf der Kreisebene der Ergänzung durch feinmaschige Netze. Knotenpunkte im Grundnetz sind im wesentlichen die Städte als Aufkommensschwerpunkte des Radver­ kehrs. Von ihnen führen Wege sternförmig hinaus in die freie Landschaft auf andere benachbarte Städte zu. Kreise und Gemein­ den haben an der Konzeption aktiv mitge­ wirkt. Darüber hinaus haben zahlreiche orts­ kundige Radler durch Abfahren problemati­ scher Strecken die Befahrbarkeit des Netzes getestet und die am besten geeignete Weg­ führung erkundet. Straßen wurden nur bei schwachem Verkehrsaufkommen hilfsweise in das Netz einbezogen. Auf Netzlücken und Schwachstellen wurde in einer Informationsschrift hingewie­ sen, die allen berührten Verwaltungen, Ver­ bänden und sonstigen Organisationen mit der Aufforderung zugegangen ist, entspre­ chende Maßnahmen zu ergreifen. Da nur relativ wenige und meist kurze Abschnitte des Netzes betroffen sind, entsteht nur bescheidener Aufwand. Vorerst mußten sol­ che Streckenabschnitte teilweise umgangen werden, um dem Radler schon heute ein durchgängig befahrbares Netz anbieten zu können. Inzwischen hat das Landesvermessungs­ amt dieses Netz zusammen mit ergänzenden Radwegen in neun Kartenblättern des Maß­ stabs 1:100 000 dargestellt. Der Schwarzwald­ Baar-Kreis, der auf dem Blatt Schwarzwald Süd enthalten ist, bietet auf den Strecken des Grundnetzes besonders günstige Vorausset­ zungen zum Radwandern. Dazu trägt nicht nur die Schönheit der hochgelegenen Erho­ lungslandschaft mit ihren Kulturschätzen und Traditionen in Städten und Dörfern bei, sondern auch der meist fahrradfreundliche Verlauf der Wege sowohl in dem flachen, muldenartigen Gelände der Baar als auch in den meist nur mäßig ansteigenden langge­ streckten Schwarzwaldtälern. Bequem er­ reicht man nach Überqueren der Wasser­ scheide auch den Ursprung des Neckars bei Schwenningen. Von dort aus wurde im Früh­ jahr 1992 auf eine Initiative der Stadt Villin- gen-Schwenningen das erste Teilstück eines Neckartal-Radwegs kreisüberschreitend nach Rottweil eingeweiht. Nur an wenigen Stellen ist das Netz – ins­ besondere wegen Schäden an der Wegober­ fläche – verbesserungsbedürftig. Eine Rad­ fahrverbindung fehlt bisher im Tal der Gutach zwischen Triberg und Hausach. Je­ doch führt „ersatzweise“ eine landschaftlich reizvolle Verbindung von St. Georgen fast höhengleich über den Schwarzwaldkamm ins Kinzigtal bei Hausach. In umgekehrter Richtung kann der beschwerliche Schwarz­ waldaufstieg mit der Bahn auf der tunnel­ reichsten Strecke Deutschlands zurückgelegt werden. Ähnlich läßt sich aus dem Tal des Hochrheins zwischen Waldshut und Schaff­ hausen der Steilanstieg auf den Randen bequem mit dem Dampfzug der Blumberger Museumsbahn an deren Fahrtagen überwin­ den. Oberhaupt kann mit der Kombination Fahrrad/Bahn der Tourenradius beträchtlich 325

schaffenheit der Wege und die Beschilde­ rung überwacht. Es verbleibt noch die Auf­ gabe, das Netz durch weitere geeignete Ver­ bindungen von Ort zu Ort kreisweit zu ver­ dichten. Dr. Gerhard Schäller Schwarzenbachtal/Schönwald Helmut Groß erweitert werden. Auch bieten verschiedene Bahnhöfe Mietfahrräder günstig an. So wichtig die Orientierung nach der Landkarte ist, sie reicht bei dem relativ klei­ nen Maßstab 1:100 000 zu einer sicheren Wegfindung im Gelände nicht aus. Hinzu­ treten muß deshalb die Beschilderung des Netzes. Diese muß so zuverlässig sein, daß der Radler seinen Weg auch ohne ständigen Blick auf die Karte findet. Er soll den Blick frei haben, um sich an der Landschaft zu freuen und aufVerkehrsgefahren zu achten. Mit Irrfahrten und Enttäuschungen aus mangelnder Beschilderung würde dem Rad­ wandern ein schlechter Dienst erwiesen. Daher wurden Kreise und Gemeinden aufge­ fordert, die Beschilderung des Grundnetzes als Teil einer kreisbezogenen allgemeinen Wegweisung zügig durchzuführen. Für den Schwarzwald-Baar-Kreis durfte ich die vorbereitenden Arbeiten überneh­ men. So ergab es sich, daß hier die gesamte Konzeption von ihrem gedanklichen Ur­ sprung bis zur Umsetzung in Karte und Weg­ weisung in einer Hand lag. In einen Beschil­ derungsplan wurden nach eingehender Streckenerkundung die genauen Standorte der Schilder, die anzugebenden Zielorte und Hinweise zur Befestigung der Schilder aufge­ nommen. Die Zielangaben zeigen neben einem Nahziel zugleich die nächste Stadt an; der Radler wird somit in Etappen zu einem fernen Ziel weitergewiesen. Jenseits der Kreisgrenzen haben die Nachbarkreise Tutt­ lingen, Waldshut und der Ortenaukreis das Grundnetz gleichfalls beschildert, so daß Touren zum Oberrhein oder zur Schweizer Grenze möglich sind, auf denen man den Weg kaum noch verfehlen kann. Es ist zu hoffen, daß die Beschilderung des Grundnetzes eine wachsende Zahl von Radlern anlockt, auf Fahrt zu gehen und dabei die Wege zu testen. Hinweise aufMän­ gel, die der Nutzer entdeckt, helfen dem Landratsamt, für einen guten Zustand des Netzes zu sorgen. Darüber hinaus könnten interessierte örtliche Gruppen und Vereine einen Kontrolldienst aufbauen, der die Be- 326

Gastronomie Beliebtes Ausflugsziel im Groppertal Gasthaus „Forelle“ Seit Generationen ist es schon Ausflugs­ ziel von zahlreichen Sommerfrischlern, Na­ turfreunden und Radwanderern: Das urge­ mütliche Gasthaus „Forelle“. Man erreicht die „Forelle“ von Villingen aus Richtung Kurgebiet über die Höhenwege durch den Germanswald oder auf der gutausgebauten, aber verkehrsarmen Landstraße durch das romantische Groppertal. Ungefähr einen halben Kilometer, bevor sich das liebliche Tal in die Richtungen Stockburg und Peter­ zell teilt, kurz vor dem alten Schotterwerk liegt das Gasthaus. Obwohl direkt an der Straße gelegen, wirkt es sehr harmonisch in die Schwarzwaldnatur eingebettet. In der ,,Freiluft-Saison“ ladet zudem die Garten­ wirtschaft zum gastlichen Verweilen ein. Auch für Pensionsgäste stehen einige Zim­ mer für Übernachtungen zur Verfügung. Das Grundstück liegt noch auf der Gemar­ kung Unterkirnach. ,,Die Forelle“ wurde 1906/07 vom Land­ wirt Hartmann Glatz erbaut und bis 1919 von mehreren Inhabern als Gasthaus bewirt­ schaftet. 1919 kauften die Eheleute Heinrich und Wilhelmine Roller das gesamte Anwe­ sen und waren als Wirtsleute in der ganzen Umgebung bekannt und geachtet. Ein besonders beliebter Aufenthaltsort war die ,,Forelle“ auch für die immer durstigen Stein- 327

brucharbeiter vom nahen Schotterwerk, und die Fuhrleute, welche die Produkte der Stein­ brüche aus dem hinteren Groppertal mit Pferdefuhrwerken Richtung Villingen trans­ portierten. Betagte Einwohner von Unterkirnach, Stockwald und Mönchweiler erinnern sich bestimmt noch gerne an die Zeit, wie sie als junge Burschen und Maidle in der „Forelle“ ihre ersten Tanzschritte zu den Klängen eines damals hochmodernen „Orchestrions“ gewagt haben. In den Jahren 1906/07 war die­ ses wichtige Musikgerät vom Villinger Josef Stern gebaut worden und war auch noch den Gästen nach dem Zweiten Weltkrieg wohl­ bekannt. Das „Orchestrion“, heute eine wertvolle Antiquität, hat AJt-Forellenwirtin Erna Feik inzwischen in die Obhut des Vil­ linger Franziskanermuseums gegeben. Nach dem Tode von Wilhelmine Roller ging die „Forelle“ durch Erbfolge auf ihre Nichte Erna Feik geborene Thoma über. Das Ehe­ paar Feik schaffte es, die „Forelle“ in ein gut- 328 bürgerliches Gasthaus zu verwandeln, das sich zunehmender Beliebtheit erfreute. Be­ sonders gerne besucht wurde der gemütliche Treffpunkt von vielen neuen Ferien- und Kurgästen, aber auch von Wintersportlern. Diese ländliche, herzliche Gastlichkeit fand jedoch ein jähes Ende, als Kurt Feik 1980 plötzlich verstarb. Die Witwe, Erna Feik, fand glücklicher­ weise bald würdige Nachfolger: Das Ehepaar Paul und Josefine Müller, das sich schon als Pächter des „Gambrinus“ und der „Ton­ halle“ in Villingen einen ausgezeichneten Ruf als Gastronomen erworben hatte. Nach kurzer Pachtzeit wurde das Ehepaar Müller neuer Eigentümer der „Forelle“. In den fol­ genden Monaten nach dem Kauf wurde das Gasthaus gründlich renoviert und erhielt eine stilvolle rustikale Einrichtung mit fünf­ zig Sitzplätzen. Dazu kommt bei schönem Wetter noch die einladende Gartenwirt­ schaft. Die Palette der schmackhaft zuberei­ teten Speisen reicht vom deftigen Haus-

macher-Vesper bis zum festlichen Menue. Auch die umfangreiche Getränkeauswahl wird den Wünschen der Gäste gerecht. So präsentiert sich die „Forelle“ mit ihrer gut­ bürgerlichen Atmosphäre auch ideal für Familienfeste und Jubiläumsfeiern. Für gutes Gelingen sorgt Chefkoch Paul Müller mit seinem Team. Er, der seinen Beruf „von der Pike auf“ erlernt hat, kümmert sich noch im besonderen um die Belange der Gastrono­ mie. Nachdem er schon etliche Jahre als Stellvertreter fungiert hatte, wurde er 1993 zum Kreisvorsitzenden des Hotel- und Gast­ stättenverbandes, Bezirk Schwarzwald-Saar, gewählt. Nachwuchssorgen braucht sich das Wirts­ Ehepaar Müller auch nicht zu machen: Während der ältere Sohn sich sein gastrono­ misches Rüstzeug in einem renommierten Schwarzwaldhotel holt, lernt der jüngere Bruder bei seinem Vater die Geheimnisse der guten Kochkunst. So ist für eine gute Ent­ wicklung der „Forelle“ vorgesorgt. Ingrid Forster Der Schwenninger Gasthof „Zum Rößle“ Jahrzehnte hindurch kultureller Mittelpunkt von Schwenningen Am 19.Juni 1848 brannten an der Schüt­ zengasse/Ecke Herdgasse zwei aneinander­ gebaute Häuser ab. Das eine, Nr. 123, gehörte dem Sattler Johann Jakob Lauffer, das andere, Nr. 124, dem Feldmesser Erhard Weiler. So „gänzlich zerstört“ wurden die Gebäude, daß laut Angaben der Württem­ bergischen Brandversicherung dem Lauffer nur „weniges Holzwerk“ im Schätzwert von acht Gulden verblieb, dem Weiler ein Rest von 12 Gulden. Beide bauten ihre Häuser im folgenden Jahr wieder auf, aneinandergebaut wie bis­ her, doch mit etwas veränderter Baulinie. Als Weiler am 18. August 1853 an Lungenent­ zündung starb, fiel sein Besitz, da er ohne Leibeserben war, an eine Erbengemeinschaft verschiedener Verwandter. Einige Jahre später gaben die das Haus (vormals Nr. 124, jetzt Nr. 166 „in der Schüt­ zengaße“) zur Versteigerung, wo am 23./26. Januar 1857 der ledige Bäcker Christian Maier, Sohn des Glasers Johannes Maier, für 2500 Gulden den Zuschlag erhielt. Er machte sich selbständig und eröffnete in sei­ nem Haus eine eigene Bäckerei. Die ging auch gleich recht gut, in der Gewerbesteuerrolle für das Jahr 1858 wird sie als „besserer Betrieb“ bezeichnet. Dem Maier genügte das aber offenbar nicht; jedenfalls erwarb er am 12. August 1870 die persönliche Konzession zum Wein-, Bier-, Most- und Branntweinschank. Von nun an betrieb er an der Ecke Schützen- und Herd­ straße hauptberuflich eine Schankwirt­ schaft; das Bäckereigewerbe meldete er im Laufe des Jahres ab. Ob er die Wirtschaft damals gleich „Zum Rößle“ nannte, wissen wir nicht mit Sicher­ heit. Am 4. August 1871 schrieb er an das Königliche Oberamt in Rottweil: Seit ihm vor einem Jahr die Konzession erteilt worden sei, habe sich „die Frequenz meiner Wirth­ schaft in Folge der günstigen Lage meines Hauses in der Weise gesteigert, daß ich schon 2 mal meine Localitäten erweitern lassen mußte“. Täglich komme es vor, daß Fuhrleute von Trossingen, Tuningen, Deißlingen und der Umgegend ihre Pferde bei ihm einstellten und dazu auch noch „ warm zu speisen begehren“. Um den Wünschen seiner Gäste in jeder Beziehung entsprechen zu können, bäte er um die Genehmigung zum Betrieb einer Speisewirtschaft. Der Schwenninger Gemeinderat befür­ wortete Maiers Gesuch, bestätigte, daß des­ sen Haus zum Wirtschaftsbetrieb günstig gelegen sei und bescheinigte dem „Bittstel­ ler“ ein „gutes Prädikat“ sowie ca. 4000 Gul- 329

den Vermögen. Schwenningen hatte damals 4800 Einwohner. Am 26. August 1871 erhielt Christian Maier die gewünschte persönliche Konzes­ sion. Knapp vier Jahre später, am 31. Mai 1875, verkaufte er das „Rößle“ mit amt Scheuer, Stall, Schopf, Garten und Brunnen für zusammen 9500 Gulden an den „Brett­ lenmacher“ Johann Georg Pfisterer, der sich das Geld zu dem Kauf vom Villinger Breit­ müller Wilhelm Rieger geliehen hatte. Das Oberamt sprach dem Pfisterer am 12. Juni 1875 das persönliche Gastwirtschaftsrecht zu. Im Sommer 1882 baute der im 1. Stock des Ökonomieteils seines Hauses einen großen Tanzsaal ein, im Jahr darauf fügte er nach Süden zu eine Kegelbahn an.1887 erweiterte er den Scheuerteil zum Hof hin durch einen Anbau, den er bis zum 1. Stockwerk hoch­ führte, so daß er im Herbst des Jahres den ohnedies schon recht großen Tanzsaal noch­ mals erweitern konnte. Daß er entschieden auf die Tanzbegeiste­ rung der Schwenninger setzte, scheint sich für Pfisterer ausgezahlt zu haben. Denn am 19. Februar 1898 kaufte er seinem Nachbarn Erhard Müller, Bauer, Väles, dessen Haus (vormals Nr. 123, jetzt 167) mit sämtlichem Zubehör um 28.000 Mark ab, ließ es noch im gleichen Jahr abreißen und an seiner Stelle den sogenannten Saalbau errichten, ein für die damaligen Verhältnisse riesiges Gebäude von fast 650 Qiadratmetern Grundfläche. Am 24. Januar 1899 bestätigte ihm das Oberamt, daß sich sein persönliches Gast­ wirtschaftsrecht auch auf den neuen Saalbau erstrecke. Sein Bier bezog Pfisterer damals von der Rottweiler Pfauenbrauerei. Wegen der provisorischen Anbindung des neuen Saalbaus an das alte Wirtschafts­ gebäude hatte Pfisterer jahrelang Ärger mit der Baugenehmigungsbehörde, der Streit zog sich bis 1904 hin. Mitte des Jahres beauf­ tragte Pfisterer den Stuttgarter Architekten Professor Albert Bauder mit der Ausferti­ gung von Plänen für den Umbau des Wirt­ schaftsgebäudes. Am 12.Juli 1904 lieferte Prof. Bauder erste Skizzen, am 1. August bestellte Pfisterer die Ausfertigung der Pläne. Da brach vom 15. auf den 16. August 1904 kurz nach Mitternacht Das Gasthaus „Zum Rößle“ mit Saalbau im Jahre 1903 oder 1904

im Dachstock des Wirtschaftsgebäudes ein Feuer aus. Es „griff riesig schnell um sich und legte den oberen Teil des Gebäudes bald ganz in Asche, während der untere Teil … vom Feuer und Wasser schwer beschädigt wurde und mit abgebrochen werden muß“, so der Zeitungsbericht. Den Betrieb führte Pfisterer im Saalbau, so gut es eben ging, fort „und halte ich mich bei etwaigen Veranstaltungen, Hochzeitsfei­ ern etc. unter Zusicherung gewohnter bester Bedienung höflichst empfohlen“. Vom Samstag, dem 27. August 1904 an, betrieb er seinen Saalbau „in provisorischer Weise als Alltagswirtschaft“ und warb mit offenem Exportbier und Eßlinger Weißbier bei den verschiedenen Gesellschaften, Ke­ gelclubs, Vereinen und der „wehrten Bürger­ schaft“ darum, dem „Rößle“ weiterhin die Treue zu halten. Bei Familienabenden und Hochzeitsfeiern werde er die Galerie als Bier­ und Speiseraum einrichten, ,,bei kühler Wit­ terung ist der Saalbau geheizt.“ Als ). G. Pfisterers Ehefrau Anna Maria geb.Jäckle am 19. März 1905 verstarb, fiel ihr Besitzanteil am „Rößle“ an den Witwer und vier Kinder, nämlich JohannJakob Pfisterer, Verwaltungsaktuar in Trossingen, Johannes Pfisterer, Kaufmann in Schwenningen, Anna Katharina Pfisterer, ledig, und Ernst Pfisterer, Kaufmann und damals gerade Sol­ dat in Mainz. Am 5. Mai 1905 erhielt Pfisterer die Bau­ genehmigung zur Errichtung des neuen Wirt­ schaftsgebäudes. AufVermittlung des dama­ ligen Bürgerausschußobmanns, des Braue­ reibesitzers Christian Braunmüller hin kam er mit der Gemeinde Schwenningen über­ ein, die bisherige Baulinie an der Herdstraße zu ändern und in östliche Richtung zurück­ zuverlegen. Dadurch wurde die gefährlich enge Straßenpassage zwischen dem Gast­ haus „Zum Storchen“ und dem „Rößle“ er­ heblich erweitert und für den Verkehr siche­ rer gemacht. Was da im selben Jahr nach den Plänen des Architekturprofessors Bauder an der Ecke Schützen- und Herdstraße errichtet wurde, stellte alles in Schwenningen bisher dagewesene in den Schatten; es war ein in jeder Hinsicht repräsentativer Hotelbau. Im Untergeschoß befanden sich zwei Kegel­ bahnen, mehrere Bier- und Weinkeller, di­ verse Kühlräume, ein besonderer Küchen­ keller, Waschküche, Wäscheraum und eine große Plättstube; im Erdgeschoß neben einem ca. 80 �adratrneter großen Restaurant plus Büfett noch ein Nebenzimmer, ein großes Speisezimmer, ein Billardzimmer, die große Küche mit Anrichte und ein ovales Vesti­ bule. Im J. und 2. Obergeschoß gab es zwei große Säle, jeder zwei Stockwerke hoch, einer für Hochzeiten (mit Galerie) und einer für Ver­ einsfeiern, dazu im 1. OG ein Vereinszimmer und zehn Zimmer für Gäste, im 2. OG 13 wei­ tere; das Dachgeschoß bot nochmals 13 Zim­ mer und drei Kammern. Wenn wir heute, da das „Rößle“ nicht mehr existiert, den riesigen Bau auf alten Zeichnungen und Photos sehen, macht nicht nur die prächtige Fassade Eindruck, sondern auch der Mut, den Pfisterer auf­ brachte, ein solches Objekt zu realisieren. Am 7. Oktober 1905 nahm er die „vorde­ ren Restaurationslokale“ des Hauses „in all­ gemeinen Betrieb und empfehle ich nebst meinen vorzüglichen Getränken ausgezeich­ nete kalte und warme Speisen in reichhaltig­ ster Auswahl, sowie bessere Mittagstische in und außer Abonnement“. Zwei Tage später erhielt Pfisterer die Konzession zur Bewirt­ schaftung seines erneuerten Hauses. Am 15.November 1905 wurde das „Rößle“ in Anwesenheit von Schultheiß David Würth, der eine „mit Humor durchwürzte Rede“ hielt, wieder feierlich eröffnet. In der Annonce, mit der Pfisterer zum „Eröff­ nungs-Essen“ einlud, schrieb er, dem hohen Anspruch seines Hotel-Restaurants entspre­ chend, das erste der beiden Wörter mit fran­ zösischem Akzent: Hotel. Offenbar hatte sich Pfisterer mit diesem Großprojekt finanziell total übernommen. Am 3.Juli 1907 bereits wurde über sein Ver­ mögen das Konkursverfahren eröffnet. 331

Das 1905 neu erbaute, prächtige Hotel „Rifßle“ auf einem Photo um 1920. Im Vordergrund ein Mercedes Benz jener Zeit Zur Rettung des Unternehmens ward gewissermaßen als Auffanggesellschaft die „Hotel Rifßle GmbH“ gegründet, wichtigster Teilhaber war die Schwenninger Bärenbraue­ rei bzw. die Familie Braunmüller. Am 23.Oktober 1907 kaufte die GmbH den gesamten Hotelkomplex und verpachtete ihn zum 15. April 1908 an den aus Stuttgart gebürtigen Hotelier Heinrich Schumacher, der bisher ein Hotel in Mergentheim betrieben hatte. Am 14. April erhielt Schumacher die Wirtschaftskonzession, am 18. April war Eröffnung. An „Tages-Platten“ hatte Schumacher auf der Speisenkarte stehen: Kalbskopf en tortue für 90 Pfennig, denselben en vinaigrette für 80 Pf, Spargel mit Butter und Schinken für 1,30 Mark, Ochsenzunge mit Bohnen kostete 1 M., dieselbe in Madeira-Sauce mit Nudeln ebenfalls 1 M., Briesle gebacken oder 332 mit Champignons 80 Pf, dasselbe in Weiß­ wein-Sauce 80 Pf., Geröstete Maultaschen mit Salat 95 Pf., Brieslepasteten das Stück 25 Pf., ein halbes Kalbsherz mit Maccaroni 80, Ripple mit Kraut 75 Pf., ,,Ochsenschweif­ ragout“ mit Champignons war für 80 Pf. zu haben, eine halbe Kalbszunge mit Kapern­ sauce für 60, Zwiebelfleisch mit Salat für 75 Pf., ein „Matrosenfilet“ gab’s für 1,20 Mark, Kalbshaxen ebenso, Kalbsbraten in Rahm­ sauce kostete 80 und Leberknödel mit Salat 75 Pfennig. Ob sich Johann Georg Pfisterer seines geschäftlichen Niedergangs wegen in Schwen­ ningen nicht mehr sehen lassen mochte? Jedenfalls verzog er am 31.März 1908 ins Aus­ land, sprich: ins badische Villingen; 1911, kurz vor Weihnachten, kam er dann aber doch wieder nach Schwenningen zurück. Zum 1. April 1909 -Schwenningen hatte

damals knapp 14.000 Einwohner und durfte sich seit zwei Jahren Stadt nennen -verpach­ tete die Rößle GmbH das Hotel an den aus Cannstatt stammenden Wirt Christian Karl Friedrich (,,Fritz“) Vetter und den Weinhänd­ ler Erhard jauch. Am 16. März 1909 erhielten sie die Wirtschaftsgenehmigung. Der im Gastwirtschaftsgewerbe außer­ ordentlich erfahrene Vetter (er war als Ober­ kellner nach Schwenningen gekommen und hatte von 1894 an 15 Jahre lang das Hotel „Zum Bahnhof“ betrieben) mochte nicht auf alle Zeit nur Pächter einer Wirtschaft sein. 1911 hatte er das Geld zusammen, um sich ein eigenes Hotel zu bauen: das „Hotel Vetter“, später „Central-Hotel“, heute „Hotel Royal“ in der August-Reitz-Straße 27. Die Hotel Rößle GmbH entschloß sich, vom 1.Juli 1911 an ihr Hotel auf eigene Rech­ nung durch ihren Geschäftsführer, den Kaufmann Richard Braunmüller, und in des­ sen Stellvertretung durch den aus Reichels­ heim im Odenwald gebürtigen Oberkellner Richard Trautmann zu betreiben; am 13.Juni 1911 erhielt sie dazu auch die oberamtliche Genehmigung. 1912 veranlaßte der Schwenninger Ge­ meinderat, daß sämtliche Gebäude neu numeriert wurden; Schützenstr. 2-4 lautete jetzt die Adresse des „Rößle“ (vordem Nr. 166) mitsamt Saalbau (bislang Nr. 167). Am 19.Mai 1921 bestellte die Rößle GmbH einen neuen Geschäftsführer: Emil Stoff, Landwirt in Erzingen bei Waldshut; schon am 29. No­ vember wurde er von dem aus Trasadingen/ Schweiz gebürtigen Deutsch-Amerikaner Otto Stoff abgelöst. Der bat per Schreiben vom 22. August 1922 das Oberamt um die Genehmigung, selbst das „Rößle“ als Wirt umtreiben zu dürfen. Als die Behörde zögerte, ihm die Konzession zu erteilen, nahm er kurzerhand ohne Genehmigung den Betrieb auf, wobei sein Bruder, der Konditor Rudolf Stoll, als sein Stellvertreter fungierte. Mitte Juni 1923 wurde ihm seitens des Oberamts bedeutet, daß sein Gesuch aus bestimmten Gründen wenig Aussicht auf Erfolg haben werde; da verpachtete Otto Stoll das „Rößle“ im Namen der GmbH an seinen Bruder Rudolf, der nun seinerseits um die Wirtschaftserlaubnis einkam. Am 5.Sep­ tember 1923 entsprach das Oberamt dem Ersuchen. Es war Inflationszeit, und Rudo!f Stoff hatte über 20 Millionen Mark an Kon­ zessionsgebühren zu zahlen. Am 13. Oktober 1923 kaufte die Stadt Schwenningen das Hotel mitsamt dem Saal­ bau für 126.000 Goldmark. Die Existenz der Rößle GmbH hatte sich damit erübrigt, und entsprechend auch die Rolle Otto Stolls als deren Geschäftsführer, er wolle – so die Stadt in einem Schreiben ans Oberamt – in den nächsten Tagen nach Amerika abreisen. Unter mehreren Hotelfachleuten, die sich der Stadt als Pächter anboten, wählte sie den aus Freudenstadt stammenden Wirt Gustav Müller, zuletzt Betreiber des Restaurants „Concordia“ in Cannstatt; am 1. November 1923 übernahm er den Betrieb (vorläufige Konzession vom 5.11.1923, endgültige vom 2. 4.1924). Die Stadt machte verschiedene, vergeb­ liche Anläufe, das „Rößle“ wieder zu verkau­ fen. Als mögliche Käufer traten unter ande­ ren auf: der aus Unterschlauersbach bei Fürth stammende Privatier Christoph Dür­ schinger und der aus Kassel gebürtige Alfred Gümpel, Hotelier in Eisenach/Thüringen. Am 24. April 1925 gründeten Dürschinger und die aus Colmar im Elsaß stammende Karoline Gümpel geb. Hauser, Ehefrau des Alfred Gümpel, zum Zwecke der Über­ nahme des Hotels die Firma „Hotel Rößle in Schwenningen a. N. GmbH“ mit den beiden Genannten als Geschäftsführer (Eintrag ins Handelsregister am 25.Juni 1925). Zum Verkauf kam es aber nicht. Doch erhielt die neue Rößle GmbH für ihre Geschäftsführer Christoph Dürschinger und Karoline Gümpel am 30. Juni 1925 die vor­ läufige und am 19. August die endgültige Erlaubnis zum Betrieb des Hotels. Ihnen folgten in der gleichen Funktion mit Konzession vom 13. und 23. April 1927 der aus Oberjettingen im Oberamt Herren- 333

berg gebürtige bisherige Gastwirt des „Fel­ sen“ in Villingen, Matthäus Wörner, und des­ sen Schwager, der vom Kniebis stammende Landwirt und Holzhändler Wilhelm Rothfefs. Wörner und Rothfuß luden auf den 2.Mai 1927 zu einem „Eröffnungs-Essen mit Konzert“ ein und behaupteten selbstsicher, „daß wir das Hotel Rößle käuflich erworben und am 1. April ds.Js. bezogen haben“. Das stimmte insoweit, als sie mit der Stadt am 7. März 1927 einen entsprechenden Kaufver­ trag (Kaufsumme: 235.000 Goldmark) abge­ schlossen hatten. Die Auflassung wurde je­ doch nie vollzogen, weil Wörner und Roth­ fuß außer einer Anzahlung von 45.000 Gold­ mark keine weiteren finanziellen Mittel auf­ bringen konnten. Der „Rößle“-Saalbau war der mit Abstand bedeutendste kulturelle Ort in Schwennin­ gen. Bei enger Bestuhlung faßte da Parkett 820, die Galerie 300, der ganze Saal also bei ,,Theaterbesetzung“ zusammen 1120 Perso­ nen, dazu noch etwa 80 Stehplätze. Unzäh­ lige Vereins- und Jahrgangsfeiern, öffentli­ che Veranstaltungen, Jubiläen, Schulfeiern, Konzerte und Theateraufführungen haben hier stattgefunden. Es gab im „Rößle“ auch ein großes Kino, außerdem genügend Stal­ lungen und Remisen für Kutschen, hernach Garagen für Autos. Selbstverständlich war das „Rößle“ auch für die Geschäftsreisenden ein Begriff. 1931 erstreckte sich die Bewirtschaftung des Hotels mit Saal bau auf vier Wirtschaftszim­ mer und den Saal, zwei Kegelbahnen und vierzig Fremdenzimmer in drei Stockwerken mit Fremdenbeherbergung und Ausschank von Getränken aller Art. Am 20. Oktober 1934 verkaufte die Stadt das „Rößle“ an die hiesige Bärenbrauerei AG. Zuvor wurde am 12. und mit Wirkung vom 31. Oktober 1934 der seinerzeit mit Wörner und Rothfuß geschlossene Vertrag aufgeho­ ben. Ein Versuch der Ehefrau Wörners, die Stadt zur Zahlung einer „Abfindung“ von 20.000 Mark an jede der beiden Familien Wörner und Rothfuß zu bewegen, schlug fehl, obwohl sie, um ihre Forderungen zu 334 verstärken, eigens einen Brief an „unsern Führer Reichskanzler Adolf Hitler“ auf den Obersalzberg (bei Berchtesgaden) geschickt hatte mit der Bitte, zu helfen, ,,daß wir zu unserm Recht kommen“. Die Stadt konnte leicht nachweisen, daß ihr bedeutend größe­ rer Schaden durch „Weniger-Erlös“ und Ver­ zicht auf Zins- und Steuerrückstände ent­ standen war. Die Bärenbrauerei, vertreten durch den Vorstand Erwin Braunmüller, erhielt am 30. Oktober 1934 die Erlaubnis zum Betrieb des Hotels. Als Wirt fungierte im Auftrag und für Rechnung der Brauerei fortan der Koch und vormalige Eigentümer des „Hotel Vetter“ (heute Hotel „Royal“, August-Reitz­ Str. 27), Arthur Vetter, der nach der 1932 erfolgten Versteigerung des einst von seinem Vater Fritz erbauten Hotels zunächst in der Herdstraße 17 über dem „Cafe Schlenker“ eine „Pension Vetter“ betrieben und dann auch der Turngemeinde Schwenningen beim Wirtschaftsbetrieb ihres Turnerheims ,,Waldeck“ geholfen hatte. Wegen zahlreicher Ein- und Umbauten wurde das „Rößle“ samt Saalbau nur für bestimmte Veranstaltungen wie Theaterauf­ führungen, Konzerte, Vereinsfeiern usw. geöffnet, während der eigentliche Hotel­ betrieb mit Fremdenbeherbergung usw. ruhte und nur der Restaurationsbetrieb im großen Saal des Hotels bei Veranstaltungen sichergestellt war. Zwei Jahre dauerte der Umbau; dabei wurde das Äußere des Hauptgebäudes an der Ecke Schützen- und Herdstraße vollkom­ men verändert, der Zeitgeist war der ver­ spielt-schönen Fassade abhold und ergötzte sich stattdessen am „Gradlinigen“. Von nun an bot das „Rößle“ nach außen hin außer Größe nichts Besonderes mehr. Es wäre kaum verwunderlich, wenn am Ende auch diese Schmucklosigkeit das ihre zum Unter­ gang des einst prächtigsten Hotelbaus Schwenningens beigetragen hätte. Im Februar 1936 bestellte die Bärenbraue­ rei den aus Mosbach stammenden Küchen­ chef Karl Friedrich Wetzei zum Geschäfts-

.-.,.,._–,,,_….7�—-��:- f .. Das „Rößle“ nach den Umbauten der Jahre 1935 und 1936 führer im „Rößle“. Nachdem das Hotel zu­ nächst am 29. April 1936 noch einmal für einen Tag geöffnet worden war, begann am 25. Mai 1936 um 18 Uhr wieder der Dauer­ betrieb. Am 17. September 1939 war das Hotel „Rößle“ vorerst zum letztenmal geöffnet, die Wehrmacht beschlagnahmte es entspre­ chend dem gültigen Mobilisierungsplan als Reservelazarett (Nr. 96 7 6) und zu Luft­ schutzzwecken, der Wirtschaftsbetrieb mußte eingestellt werden. Am 18. September wurde das gesamte Inventar des Hotels, angefangen vom Garderobenständer der Kegelbahn bis hin zum Matratzenschoner im „Burschen­ zimmer“, der Wehrmacht übergeben. Karl Wetzei war noch bis zum 6. November, dem Tag seiner Einberufung zur Wehrmacht, im Dienst der Bärenbrauerei als „Rößle“­ Geschäftsführer tätig. Die örtliche Zeitung „Neckarquelle“ bedauerte am 21. September 1939, mit dem Dämmerschoppen und dem Kegeln werde es im „Rößle“ jetzt wohl bis auf weiteres vorbei sein. ,,Die schönste Unterkunft werden die Verwundeten … haben. Viele … werden die­ ses beliebte, gemütliche Restaurant vermis­ sen … , aber niemand wird sein, der nicht denen, die für die Zukunft Deutschlands geblutet haben, diese schönen hellen Räume … gönnen würde.“ Zu allem Überfluß wollte nun auch noch die Berliner „Reichsstelle für Getreide, Fut­ termittel und sonstige landwirtschaftliche Erzeugnisse“, den Saal des „Rößle“ für die Lagerung von 300 Tonnen Getreide in Anspruch nehmen. Dagegen konnte sich die Bärenbrauerei aber mit Hinweis auf die Beschlagnahme erfolgreich zur Wehr set­ zen. Am 14. Oktober 1939 ließ das Wehrkreis­ kommando V in Stuttgart wissen, das „Rößle“ werde als Reservelazarett vorerst nicht mehr benötigt und als „Kader-Laza­ rett“ stillgelegt. ,,Es ist deshalb baldmög­ lichst seiner ursprünglichen zivilen Verwen­ dung wieder zuzuführen, jedoch unter dem ausdrücklichen Vorbehalt, daß bei Wieder­ bedarf Wiedereinrichtung in möglichst kur­ zer Zeit erfolgen kann.“ 335

Das war ja eine schöne Bescherung! Als der Chef der Bärenbrauerei, Erwin Braun­ müller, am 20. Oktober 1939 von der Verfü­ gung Kenntnis erhielt, schrieb er dem im Schwenninger Krankenhaus (heute Bürger­ heim, Mauthestr. 11-13) residierenden Laza­ rett-Chefarzt Dr. von Hertlein: ,,Es ist uns … unmöglich, den Betrieb nur so aufzuneh­ men, daß das Haus bei Wiederbedarf als Reserve-Lazarett in möglichst kurzer Zeit geräumt werden kann.“ Bei der Beschlagnahme am 18. September habe das gesamte 22köpfige Personal sofort entlassen werden müssen. ,,Sämtliches loses Inventar (Silber, Porzellan, Gläser u. a. m.) in einem Wert von etwa 50.000 RM wurde sorgfältig in Kisten verpackt und mit vielen anderen Gegenständen in ein leerstehendes Privathaus verbracht.“ Arbeit und Zeitaufwand seien ungeheuer groß gewesen; alle verderblichen Lebensmit­ tel, ,,darunter auch zwei selbst gemästete, lebende Schweine“, habe man abgegeben. „Für die Wiedereröffnung des Hauses fehlte es demnach an der ersten Voraussetzung, nämlich an den Lebensmitteln, die nun weg sind und unter den heutigen Verhältnissen für einen Hotelbetrieb überhaupt nicht beschafft werden können. Das Personal hat sich verlaufen und andere Stellen angenom­ men. Neues Personal .. . zu bekommen, ist rein unmöglich.“ An die Wiederinbetrieb­ nahme des Hotels sei nur zu denken, wenn das Haus vollständig und für immer freigege­ ben werde. Am 25. Oktober 1939 wurde das „Rößle “ durch einen förmlichen Übergabe-Vertrag ,,zur zivilen Verwendung widerruflich freige­ geben“, das sichergestellte Inventar zurück­ gegeben. Der Bärenbrauerei nützte das aber recht wenig. Ihr ging es jetzt schon entschieden um die Frage der Entschädigung für „das einstweilige Zurverfügungstellen der gesam­ ten Räume mit der für ein Lazarett notwendi­ gen Einrichtung, insbesondere der Betten … Alles, was in Jahren mühsam aufgebaut wurde zum guten Ruf des Hauses, ist dahin.“ 336 Als „Vergütung“ gestand das Deutsche Reich (Reichsfiskus Heer) der Bärenbrauerei in einer (von dieser nicht unterzeichneten) Vereinbarung vom 15.Juli 1940 für die Zeit vom Beginn der Beschlagnahme bis zur widerruflichen Freigabe ganze 5939 Reichs­ mark und 29 Pfennige zu. Zwar setzte Braunmüller sich gegen die unbefriedigende Behandlung zur Wehr, es half jedoch nichts; auch das den Eheleuten Wetzei über das ursprüngliche Kündigungs­ datum 31. September hinaus auf „Befürwor­ tung“ der Deutschen Arbeitsfront bis zum 31. Dezember 1939 gezahlte Gehalt wurde der Bärenbrauerei nicht erstattet. Immer­ hin erhielt sie nach Neuberechnung vom 9. März 1942 noch eine Nachzahlung von 503,21 RM. Als am 20. April 1945 mit dem Einmarsch der französischen Truppen in Schwenningen der Krieg zu Ende ging, wurde das „Rößle“ gleich wieder beschlagnahmt, Einheiten des 1. Infanterieregiments, die Stabskompanie und der Musikzug wurden dort unterge­ bracht. Am 25. Februar 1949 schrieb die Bären­ brauerei an das Landratsamt in Rottweil: „Wenn wir könnten, würden wir das Hotel Rößle gerne umtreiben. So aber konnten wir seit 1939 keinen Liter Bier mehr auf dem Hause verkaufen. Und nur des Bierabsatzes wegen haben wir das Haus seiner Zeit über­ nommen.“ Die Brauerei hatte sorgfältig dar­ auf geachtet, daß die Wirtschaftsberechti­ gung für das „Rößle“ immer rechtzeitig ver­ längert wurde. 1951 wurde das Hotel von der Besatzungs­ macht freigegeben; da war es durch die jahre­ lange Belegung so heruntergekommen, daß man um eine umfassende Instandsetzung nicht herumkam. Erst am Samstag, dem 14.März 1953, um 17 Uhr, wurde das „Rößle“ wieder eröffnet. Die Lokalzeitung „Neckarquelle“ schwärm­ te: ,,Durch den vorgenommenen Umbau wurde eine recht moderne, gefällige und teil­ weise sogar recht elegante Wirkung erzielt, obwohl keine überteuerten Materialien Ver-

wendung fanden. Allerdings griffen Archi­ tekt und Handwerker auf Bau- und Werk­ stoffe zurück, die derzeit die neuesten auf dem Markt sind, und … immer setzten die Schwenninger Handwerker ihren Ehrgeiz und ihr Können ein, um diese auffallend gute Geschmackswirkung zu erzielen.“ Der erste Geschäftsführer Franz Schicker zog zum 1. Oktober 1955 schon wieder ab, am gleichen Tag stieg der aus Stuttgart gebür­ tige Hotelier Carl Scheu.feie, bislang Betreiber der Hotel-Gaststätte „Olgahöhle“ in Honau bei Reutlingen, als Pächter im „Rößle“ ein. Per Zeitungsannonce machte er auf den „gro­ ßen Parkplatz direkt beim Hause mit geheiz­ ten Garagen“ aufmerksam und versprach ,,erstklassige Küche bei mäßigen Preisen“. Die Gewerbeerlaubnis (vorl. 3. 11. 1955, endg. 4. 1. 1956) erstreckte sich auf 4 Wirt­ schaftszimmer im Erdgeschoß, 2 Kegelbah­ nen im Untergeschoß und 33 Fremdenzim­ mer, davon 9 im ersten, 12 im zweiten und weitere 12 im dritten Stock. Als nächster Pächter übernahm zum 15. August 1957 der aus Karlingen Kr. For­ bach im Bezirk Saargemünd in Elsaß­ Lothringen stammende Hotelier Gustav Ber­ loger die Leitung des „Rößle“, am 29.August begann er zu wirten (vorl. Erl. 30. 9. 1957, endg. 12. 3. 1958). Auf seiner Speisenkarte fand man unter anderem – wen wundert’s? – ,,Junge Rebhühner Elsässer Art“. Berloger starb am 5. August 1961, und der aus Triberg gebürtige Koch und Gastwirt Willi Ifzrmann, bis dahin Wirt im „Alphotel Malakoff“ in Wiesensteig Kr. Göppingen, wurde mit Vertrag vom 26. September neuer Pächter und Wirt im „Rößle“. Am 16. Okto­ ber 1961 begann er, unterstützt von H. Thiem, zu wirten (vorl. Erl. 2.11.1961, endg. 3.1.1962). Am 26. Februar 1966, einem Samstag, kam in der örtlichen Zeitung „Abschieds­ stimmung“ auf; das Hotel „Rößle“, das als Stätte der Gastlichkeit „im ganzen Lande wohlbekannt“ und mit seinen gediegenen Inneneinrichtungen und dem Saal (,,das höchste der Gefühle“) einst das erste Haus am Platze gewesen sei, solle zu Wochen­ beginn geschlossen werden. Zwar habe sich, hieß es da, die „exponierte Lage“ an der Straßenkreuzung „mit dem Anschwellen des Verkehrs und des damit verbundenen Lärms als wenig günstig“ erwiesen, dennoch: es mache traurig, sich vorzustellen, daß in wenigen Monaten viel­ leicht schon „an seiner Stelle ein … schmuckloserer und nur zweckgebundener Geschäftsbau“ entstehen könnte. ,,Wollen wir hoffen“, so der Kommentator, ,,daß der unvermeidbare Abbruch des Rößle ein Ansporn für unsere Stadtplaner ist, an der Rößle-Kreuzung ein Musterbeispiel fort­ schrittlicher Verkehrsplanung zu exerzie­ ren.“ – Der Wunsch hat sich in den seither vergangenen 25 Jahren nicht erfüllt. Am 28. Februar 1966 wurde der Wirt­ schafi:sbereich eingestellt. Ganz zu Ende war’s mit dem „Rößle“ aber dann doch noch nicht. Der· Essener Kaufhauskonzern If{ar­ stadt AG erwarb am 23. November 1967 das Anwesen, vermietete das Erdgeschoß des Hotels über seine Hanauer Tochterfirma Friedrich Schwab AG Überlandversand bereits am 18. September des Jahres dem aus Mannheim stammenden Elektriker Alfred Karl Heus/er, mit dem Ziel, darin eine „Tanz­ Diskothek“ mit zugehöriger Schankwirt­ schaft einzurichten. Heusler seinerseits gab die Räumlichkei­ ten am 1. Oktober dem aus Königsberg in Ostpreußen gebürtigen bisherigen Wirt im Villinger Tanzcafe „Estrada“, Hans-Jürgen Browarczyck, in Unterpacht. Nachdem ihm amtlicherseits die Gewerbekonzession in Aussicht gestellt worden war, eröffnete Browarczyck am Samstag, dem 21. Oktober 1967, die „Rößle-Tanzdiskothek“ mit täg­ lichem „Beat und Sweet“ und dem „Disc­ jockey“ Claus Hilbert aus München. An den ersten beiden Tagen war der als ,,Waggon-Wheel-Ranch“ ausstaffierte ehe­ malige Speise- und nunmehrige Tanzsaal gerammelt voll, zeitweilig mußte er sogar wegen Überfüllung geschlossen werden. Die Geschäftsleitung legte deshalb noch eins 337

drauf und engagierte zum 1. November den damals „populärsten deutschen Schallplat­ ten-Jockey“ namens Teddy Sonntag, eben­ falls ein Münchner. Vom 27. Oktober 1967 an stand auch das große Bierlokal in der Nordwestecke des Gebäudes wieder zur Ver­ fügung. Am 9. November 1967 erhielt Browarczyck die endgültige Betriebserlaubnis, am 31. März 1968 war sein Wirken bereits wieder beendet. An seine Stelle trat zum 1.April die aus Dres­ den gebürtige Hausfrau Erika Dorothea Hutter geb. Krause. Zwar erhielt sie am 10. April die vorläufige Erlaubnis zum Be­ trieb der Tanz-Diskothek, sie begann auch zu wirten, aber zur Erteilung der endgültigen Wirtschaftskonzession kam es nicht mehr; am 20. Juni 1968 setzte der Hauptpächter Alfred Heusler den Schwenninger Kraftfahr- zeugmechaniker Heinz Mehne als U n terpäch­ ter der Diskothek ein. Dem wurde noch am gleichen Tag die vor­ läufige Gewerbeerlaubnis erteilt, doch schon am 21.Juni verpachtete Heusler die Disko­ thek erneut an Erika Hutter; Mehne zog sei­ nen Erlaubnisantrag am 24.Juni 1968 wohl oder übel wieder zurück. Nach einigem Hin und Her stellte das städtische Ordnungs­ und Gewerbeamt der Erika Hutter am 8. No­ vember 1968 die endgültige Gewerbeerlaub­ rns aus. Ein knappes Jahr später gab es das einst so stattliche „Rößle“ nicht mehr. Drei Wochen brauchte eine Abbruchfirma aus Bischoffin­ gen bei Freiburg im Oktober 1969, um den großen Gebäudekomplex dem Erdboden gleich zu machen. Dr. Manfred Reinartz Baden-württembergische Jugendmeisterschaften in den gastgewerblichen Ausbildungsberufen Landesberufsschule für das Hotel- und Gaststättengewerbe bringt immer wieder Deutsche Meister hervor In der Landesberufsschule für das Hotel­ und Gaststättengewerbe werden alle zwei Jahre die baden-württembergischen Landes­ meisterschaften für die gastgewerblichen Ausbildungsberufe, Koch/Köchin, Hotel­ fachmann/-frau, Restaurantfachmann/-frau, Fachgehilfe/-in, durchgeführt. Träger dieser Veranstaltung sind der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (DeHoGa), der Verband der Köche Deutschlands (VKD) und der Ver­ band der Serviermeister und Restaurant­ und Hotelfachkräfte (VSR). Der Landkreis Schwarzwald-Baar stellt die Schule für die Ausrichtung zur Verfügung. Für Schulorganisation, Lehrer und alle Helfer stellt dies immer wieder eine große Herausforderung dar, diese zweitägige Ver­ anstaltung vorzubereiten und durchzufüh­ ren. Dabei werden jedesmal 40 bis 50 Teil­ nehmer und 20 Jurymitglieder erwartet. Am Freitag reisen die Teilnehmer, die sich bereits in regionalen Meisterschaften qualifi­ ziert haben oder von den Industrie- und Handelskammern sowie den Landesberufs­ schulen als Prüfungsbeste nominiert wur­ den, bis zum Mittag an und beziehen im Internat der Landesberufsschule ihre Zim­ mer. Dort erhalten sie auch Mittag-, Abend­ essen und Frühstück. In den verschiedenen Ausbildungsberufen müssen die unterschied­ lichsten Arbeitsproben absolviert werden. Am Nachmittag beginnt die Meisterschaft mit dem theoretischen Teil. Die Teilnehmer werden schriftlich in der jeweiligen Fach­ kunde und im Fachrechnen geprüft. Am Abend steht eine Materialerkennung quer durch das Hotel- und Gaststättengewerbe – von Fisch über Kräuter bis zu Gläserformen und Kreditkartenbelegen – auf dem Prüf­ plan. Anschließend wird dann noch über das 338

bereits Geleistete und das noch Bevorste­ hende sowohl von den Wettbewerbsteilneh­ mern als auch von denJurymitgliedern dis­ kutiert. Die schriftlichen Arbeiten werden am Abend noch korrigiert. Der zweite Tag, der Samstag, beginnt schon um 6.30 Uhr mit dem Frühstück, um dann den achtstündigen praktischen Prüfungsteil in Angriff zu neh­ men. Die Hotelfachleute, die alle Sparten der Hotel- und Gaststättenbetriebe in der Aus­ bildung durchlaufen, entwerfen ein fünf gän­ giges Menü nach der Jahreszeit mit korre­ spondierenden Getränken, besänftigen in Am 4. 6.1994fanden im„Haus des Bürgers“in Bad Dürrheim zwei internationale Service­ Wettbewerbe statt, bei denen unter 21 Teilneh­ mern aus 12 Ländern der vom Landkreis gestiftete Schwarzwald-Baar- Wanderpokal und der „ Coupe Georges Baptiste“ vergeben wurden. Unsere Bil­ der zeigen – beobachtet von einer kritischen Jury – Teilnehmer am Wettkampf 339

einem Rollenspiel einen reklamierenden Gast, reinigen und versorgen ein Hotelzim­ mer nach einer Gastabreise und müssen sogar einen Knopf an eine Bluse annähen und ein Hemd bügeln, ebenso schreiben sie ein Angebot an einen anfragenden Hotelgast und servieren beim Mittagessen das Fest­ menü. Die Köche erhalten einen Warenkorb, aus dem sie ein Viergangmenü nach eigenen Ideen und Kreativität zubereiten. Dabei wird nicht nur auf Hygiene und Sauberkeit am Arbeitsplatz, sondern auch auf die Material­ auswertung nach Kostengesichtspunkten sowie auf Geschmack und Anrichteweise geachtet. Es ist immer wieder beeindruk­ kend, welch unterschiedliche Kreationen aus den gleichen zur Verfügung stehenden Grundmaterialien hervorgebracht werden. Die Restaurantfachleute decken Tische nach fachlichen Regeln ein, dekorieren diese Tische, tranchieren Fleisch und Fisch, Aam­ bieren Süßspeisen am Tisch des Gastes und stellen Mixgetränke her. Außerdem leiten sie den Service beim Mittagessen. Nach Abschluß des Menüs, das gelade­ nen Gästen im Restaurant der Schule serviert wird, steigt die Spannung immer mehr, jeder möchte wissen, wer wohl in den einzelnen Berufszweigen gewonnen hat. Die Juryvor­ sitzenden nehmen anschließend die Sieger­ ehrung in der Art vor, daß vom Viertplazier­ ten angefangen bis zum Sieger die Spannung immer mehr ansteigt, alle anderen werden auf den fünften Platz eingereiht. Nach Über­ reichen von Urkunden, Fachbüchern, dem Schießen von Pressefotos und zahlreichen Glückwünschen endet dann dje Veranstal­ tung mit der Einladung an die ersten Vier im jeweiligen Beruf, an einer gemeinsamen Stu­ dienfahrt teilzunehmen. Außerdem wird mit den drei Erstplazierten in jedem Beruf über den Termin für das Training zur Teilnahme an der Deutschen Jugendmeisterschaft in den gastgewerblichen Ausbildungsberufen diskutiert. Die ersten Drei haben nämlich auch die Fahrkarte nach Köln zur Deutschen Meisterschaft erreicht. 340 Vor dieser Meisterschaft trifft sich das Team drei Tage lang an einem Wochenende in der Villinger Schule, um sich auf diesen Berufswettkampf vorzubereiten. Dabei über­ nehmen drei Lehrkräfte der Landesberufs­ schule die Aufgabe, die jungen Fachkräfte, die im Teilnahmejahr ihre Gehilfenprüfung ablegen müssen, auf diese Meisterschaft hin zu trainieren. Konzentriert wird die Zeit genutzt, um nochmals das zu üben, was möglicherweise in Köln gefordert wird. Noch wichtiger ist es jedoch, ein Team zu formen, das bei der Deutschen Jugendmei­ sterschaft das Bundesland Baden-Württem­ berg gut vertritt. In den letzten Jahren ist dies immer wieder gelungen. Es wurden Gesamt­ siege als Mannschaft, Einzelsiege in den jeweiligen Berufen sowie hervorragende Pla­ zierungen erreicht, auf die die Teilnehmer, das Hotel- und Gaststättengewerbe in Baden-Württemberg und nicht zuletzt die Villinger Landesberufsschule für das Hotel­ und Gaststättengewerbe stolz sein können. Karl-Josef Wolfert Kriesiäm i de Boor D‘ Kriesibämm schtond hie veronzelt. Seärber sinds und blüeiet spoot. ’s lmmli duet e weng dra neise, bis im Feld si Heärdli schtoht. Giit es endli 1100 mol Kriesi, därfets d’Buebe ugschtrooft neä. … Pferchet i de Schtroßegrabe kleiweng Hiit und Hiife Schteä. Gottfried Schafbuch t Kriesiiim = Kirscbenemte vero11zelt = verei11zelt Seiirber neise Heiirdli 11gscbtrooft = 1111gestraft pfarcbet Hiit Hiifa Scbteii = Ha11fan Kirschensleine = verk1immerte Gestalten = sclmeige, 11ascben = kleiner Kochherd = die Hosen 11111kebren 11sw. =Hiiute

Sport Christof Duffner Olympia-Gold für einen Schönwälder Skispringer Am 16. 12. 1971 wurde Christof Duffner gebo­ ren und wuchs gemein­ sam mit seiner Zwillings­ schwester Martina und seiner jüngeren Schwe­ ster Daniela in Schön­ wald auf Dort besuchte er die Schule und im benachbarten Furtwan­ gen erlernte er den Beruf des Werkzeugmachers. Schon sehr früh zeigte sich seine Begeisterung fürs Skispringen und so begann er nach den ersten kleinen Erfolgen bei Schülerskiwettkämp­ fen bald mit seinen On­ keln aus Bad Griesbach ernsthaft zu trainieren. Die beiden Huber-Brü­ der waren im Schwarz­ wald recht erfolgreiche Springer gewesen – so gut wie sie wollte Chri­ stof damals werden. Bald zeichneten sich die ersten Erfolge un Schülerbereich des Schwarzwalds ab, sie gaben weiteren Ansporn, und nachdem Christof nun auch im Sommer regelmäßig auf Bad Griesbachs Matten- schanzen trauueren konnte, gelang ihm 1985 erstmals der Sprung in den Schülerkader des Skiverbands Schwarz­ wald. Christofs „Schwäche“, er stellte im Flug den rechten Fuß seitlich weg – was ihm bei der damals noch üblichen klassisch-paralle- 341

Als verdiente Ehrung zeichnete ihn der Deutsche Skiverband mit dem „Goldenen Ski“ für den besten Skispringer aus. Die letzte Saison 1993/94 begann für Chri­ stof Duffuer mit Verletzungen, technischen Problemen und einem Sturz. Nachdem die Qialifikation für seine zweite Olympiateil­ nahme (1. Albertville 1992) gesichert war, schien es wieder „bergauf“ zu gehen. Trotzdem eher unerwartet errang „Duffi“ gemeinsam mit Jens Weiß flog, Dieter Thoma und dem Nachbar und Freund aus Schonach HansjörgJäkle in einem spannenden Finale den Olympiasieg in der Mannschaft auf der Großschanze in Lillehammer vor Japan und Österreich. Und Schönwald feierte seinen ersten Olympiasieger!!! ,,Duffi“ nennt man ihn allerorts, mit die­ sem Spitznamen wird er auch überall ange­ feuert, wo deutsche Fans an den Schanzen stehen. Einen eigenen „Duffi-Fan-Club“ hat er sogar, und so sehr er die Reisen in alle Welt und die Atmosphäre der großen sportlichen Ereignisse genießt, so fühlt er sich doch zu Hause bei Familie und Freunden am wohl­ sten. Christof Duffner, ein Ausnahmesportler, lustig, liebenswert und bescheiden, und so feiern die Schönwälder nicht nur seinen Olympiasieg. Er ist auch im Erfolg einer der ihren geblieben. Hans Göppert Jen Skiführung erhebliche Punktabzüge ko­ stete – wurde dem Schönwälder Springer­ talent bald zum Vorteil. In dieser Zeit begann der sogenannte V­ Stil (vom Schweden Jan BokJöv erstmals gesprungen) immer mehr Anhänger zu finden. Und so stellte Christof Duffner im Laufe der Zeit den linken, genau wie den rechten Fuß seitlich aus und gehörte damit schon bald zu den ersten und perfektesten V-Springern in Deutschland. Das war die technische Grundlage für seine Erfolge, nachdem er schon 1988 einen festen Platz im Nationalkader des DSV innehatte, errang Christof 1989 und 1990 souverän die Deutsche Jugendmeisterschaft. Nach Abschluß seiner Lehre zum Werk­ zeugmacher 1991, entfiel die Doppelbelastung Beruf-Hochleistungssport, Christof konnte sich bei der Sportförderkompanie der Bundes­ wehr in Fahl erstmals voll auf das Skispringen und die Saisonvorbereitungen konzentrieren. Und so wurde der Winter 1992/93 das erste ganz große erfolgreiche Jahr. Die Krönung der glänzenden Saison erlebte Duffuer schon im Dezember 1992, als er zum Auftakt der Vierschanzentoumee auf der Schattenbergschanze in Oberstdorf seinen ersten Weltcupsieg heraussprang. Deutscher Vizemeister 1993, Gesamtwelt­ cup Platz 6, 4. Platz beim Skifliegen am Kulm und viele weitere gute Ergebnisse ließen ihn zum erfolgreichsten deutschen Spezialspringer der Saison werden. 342

Schonacher Hansjörg Jäkle: Karriere mit Hindernissen Steiniger Weg zum Olympia-Mannschaftsgold in Lillehammer den Gold im Mannschafts- zusammen spnngen, mit weiteren Schwarzwäldern Chris­ tof Duffuer (Schön­ wald), Dieter Thoma (Hinterzarten) und dem Sachsen Jens Weißflog (Oberwiesenthal) – der Name Schonach war ein­ mal mehr weltweit in aller Munde. Wer weiß, ohne Het­ tichs Medaille in der Kombination 1976 hätte es vielleicht auch das Jäkle-Gold in Norwe­ gen nicht gegeben. An­ ders formuliert, das Sil­ ber von Innsbruck war die Initialzündung für Jäkles Traumkarriere, die allerdings nicht raketen­ artig, eher schleppend und holprig vonstatten ging. sondern Blende zurück ins Jahr1983: Der elfjährige Hansjörg, als Schon­ acher quasi mit Lang­ lauflatten an den Füßen geboren, will auch das Gefühl des Springens einmal genießen und es seinem Vorbild Urban Hettich gleichtun: ein großer Kombinierer möchte er werden, der kleine Knirps. Die ersten „Flugstunden“ auf der kleinen Mat­ tenschanze in Hinterzarten mit Weiten zwi­ schen 15 und 20 Metern gestalten sich verhei­ ßungsvoll, der Anfang ist gemacht. In der Folgezeit erkennt der junge Bursche bald, daß seine Stärken eindeutig im Um- 343 Am 22. Februar 1994 war es wieder da, das Kribbeln, das die Schonacher schon 18 Jahre zuvor befallen hatte, als einer der ihren, damals Urban Hettich in Innsbruck, mit olympischem Edelmetall dekoriert wurde. In Lillehammer hieß der Held Hansjörg Jäkle, auf dessen Wohl angeprostet wurde.

gang mit den breiten Sprungski liegen, daß das Schinden im Langlauf seinem Naturell eher weniger entspricht. Die Wettkämpfe laufen meist stereotyp ab: Im Springen ganz vorne, im Langlauf durchgereicht, Spitzen­ plätze bleiben meist aus – eine für die Moti­ vation keineswegs förderliche Situation. Dennoch beißt sich Jäkle durch. Inzwi­ schen auf das Skiinternat Furtwangen ge­ wechselt, heißt sein Pensum tagsüber Arbeit, abends Training – hartes Brot für einen Jugendlichen, jedoch bitter notwendig, soll der Sprung in die Kombinationsliste – und an den glaubt er nach wie vor – gelingen. Lohn der Bemühungen ist 1990 die Auf­ nahme in den deutschen C-Kader. Die Wiedervereinigung macht dem Schwarzwälder jedoch einen großen Strich durch die Planungen. Angesichts eines plötz­ lichen Überangebotes fällt der Schonacher durch da Sieb und aus dem Kader. Was folgt, sind halbherzige Versuche im Alpen­ cup, bisJäkle endgültig die Nase voll hat und lustlos eine schöpferische Pause einlegt. Hans-Paul Herr aus Schonach, Vater des Springertalents Alexander, darf sich rüh­ men, letztlich entscheidender Steigbügelhal­ ter für Jäkles Karriere bei den Spezialspringern gewesen zu sein. Er nimmt sich des inzwi­ schen 20jährigen an und führt ihn auf den Weg des Leistungssports zurück – und nun ist der junge Mann nicht mehr zu bremsen. Beim Sommerspringen 1992 in Hinterzar­ ten wird er Elfter – im B-Springen wohlge­ merkt. Auch als Nicht-Kadermitglied gelingt die Aufnahme in die Sportfördergruppe Fahl, wenn auch zunächst nur als „normaler“ Soldat mit Trainingsmöglichkeiten. Platz fünf im Europacup 92/93, darunter Platz eins in Oberwiesenthal und die Plätze zwei in Willingen und Sprova (Norwegen) deuten die Möglichkeiten des Schonachers an – und die erkennt man auch im DSV. Plötzlich gehörtJäkle zum Springerteam und genießt, so wie alle anderen außer Jens Weißflog auch, B-Kader-Status. Unter Trainer Wolfgang Steiert (Hinter­ zarten) geht es wieder aufwärts. Der Welt­ cup-Auftakt 93/94 in Planica verläuft durch­ wachsen (17. kleine Schanze/26. große Schan­ ze). Dann kommt die Springertournee, wo es nicht nur um Weiten und Noten, sondern auch um die begehrten Olympiatickets für Lillehammer geht. Oberstdorf bringt gleich einen Rückschlag: Finale verpaßt. In Gar­ mi eh „rodelt“ Jäkle, in Innsbruck verpaßt er gar die Qialifikation, Olympia ist in weite Feme gerückt. Doch Bischofshofen bringt den großen Erfolg. Mit einem sechsten Platz katapultiert sich der Schonacher ins Olym­ piateam. Damit ist der Weg zur Goldmedaille für den Motorradfan jedoch noch keineswegs geebnet. Erst ein mannschaftsinternes Ste­ chen mit dem Oberhofer Gerd Siegmund bringt ihn ins letztendlich siegreiche Team. Das olympische Gold soll für Hansjörg Jäkle nicht alles gewesen sein. ,,Ich muß noch einiges lernen“, weiß der sympathische junge Mann, der weiter an sich arbeiten will. Schließlich gibt es in vier Jahren in Nagano Peter Hettich die nächsten Spiele . . . 344

Schach matt – aber nicht für Bogoljubow In Triberg ist der Schachgroßmeister nicht vergessen Das passiert oft: In der Wallfahrtsstraße in Triberg bleiben Menschen stehen und schauen fasziniert auf den Eingang eines Hauses. Schachfiguren sind dort an den Innenseiten zu sehen und der Schriftzug ,,Haus Bogoljubow“. Und manchmal däm­ mert es einem: ,,Das war doch der Schach­ großmeister.“ Wer das erkennt, spielt Schach und hat gewiß die eine oder andere Partie des nach Triberg im Schwarzwald verschlagenen Russen nachgespielt. Oft klingelt es aber auch an der Haustür und Tamara Bogolju­ bow, die eine Tochter des Schachgroßmei­ sters, öffnet interessierten Besuchern. Sie und ihre Schwester Sonja, sie ist verwitwet, leben im Elternhaus und wahren das Anden- ken des noch 42 Jahre nach seinem Tode be­ rühmten Mannes. „Mein Vater war ein passionierter Schach­ spieler, der sich damit sei­ nen Lebensunterhalt ver­ diente,“ erinnert sich Tamara Bogoljubow. ,,Er war herzlich und gutmü­ tig und betrieb das könig­ liche Spiel mit sportli­ cher Fairneß, ganz an­ ders als es heute üblich ist“, sieht das die Tochter. Es habe damals keine großen Siegesprämien gegeben, dafür aber viel Abwechslung auch für die Familie. Denn wenn Ewfim Dimitriewitsch Bogoljubow zu nationa­ len oder internationalen Turnieren antrat, nahm er die Familie mit. ,,Er war großzügig und opti­ mistisch, eben russisch,“ strahlt Tochter Tamara und ihre Augen leuch­ ten. So kennen ihn nur noch wenige: Schachgroßmeister Ewfim Dimilriewilsch Bogog“ubow aus Triberg. 345

Der russische Schachmeister wurde 1914 in Deutschland vom Krieg überrascht und in Triberg interniert. 1920 heiratete er Frieda Kaltenbach und verließ 1926 endgültig seine Heimat. 1929 erhielt er die deutsche Staats­ angehörigkeit und kam mehr schlecht als recht über die Wirren des Zweiten Weltkrie­ ges – Schach spielend. Denn das war sein Metier. Die Triberger kannten „den Russen“ als einen oft in sich versunkenen Mann, der auch beim Spaziergang über gewisse Schach­ züge nachdachte. Bogoljubow machte die Kurstadt Triberg in der Welt durch seine Leistungen bekannt. In Triberg und der Umgebung wurden wie­ derholt Schachturniere durchgeführt. Am 15. April 1934 zum Beispiel fand in Villingen ein Schaukampf mit lebenden Schachfigu­ ren statt. Und beim Schachkongreß des Süd­ badischen Schachverbandes, der in der Das „Haus Bogog’ubow“ in Triberg zieht immer wieder Neugierige an. in ihm lebte der Schach­ großmeister, heule bewohnen es seine Töchter. Atif unserem Bild: Tamara Bogog’ub01.v. 346 Turnhalle der Realschule Triberg absolviert wurde, gab es noch einmal einen Schau­ kampf mit Menschen als Schachfiguren. Der Triberger russischer Abstammung schrieb ein Stück Weltschachgeschichte. Und: Er sammelte Schachpublikationen. Seine Schach­ literatur, die rund 9500 Einheiten umfaßt, steht jetzt in der bekanntesten Schachbiblio­ thek beim Verleger Lothar Schmidt in Bam­ berg, der selbst passionierter Schachspieler und Sammler ist. ,,Dort sind die Bücher mei­ nes Vaters gut aufgehoben und können auch eingesehen werden.“ Somit djent die Bogol­ jubow-Bibliothek dem, dessen sich der Großmeister gern widmete: dem Schach­ nachwuchs. Auch die Töchter erlernten von ihm das königliche Spiel – ,,doch leider spiele ich heute gar nicht mehr“, bedauert Tamara, die, inzwischen Pensionärin, nach einigen Auslandsjahren wieder in Triberg lebt. Der 1889 geborene Schachgroßmeister starb überraschend am 18.Juni 1952. Die Stadt Triberg würdigte ihn und seine Ver­ dienste um den Schachsport 1967 mit der Einrichtung eines Bogoljubow-Raums im Kurhaus Triberg, in dem eine Bronzebüste, ein Ölporträt, gemalt von seinem Freund J. Beilin, hing und Schachtische standen. Nach dem jüngsten Kurhaus-Umbau gibt es wieder ein ihm gewidmeter Raum mit eini­ gen über die Jahre geretteten Utensilien so­ wie der Bronzebüste, die der Triberger Bild­ hauer Erich Beyer schuf. Für die Familie ist es eine Freude zu sehen, daß der berühmte Vater nicht vergessen ist- im „Haus Bogolju­ bow“ ist er sehr gegenwärtig. Sein Leben: Geboren am 1. April 1889 im Gou­ vernement Kiew. Schon früh spielte er Schach, wurde russischer Schachmeister. Als er 1914 an einem Großturnier in Mannheim teilnahm, wurde er vom Ausbruch des Krieges überrascht und fünf Jahre in Triberg interniert. 1926 emi­ grierte Bogog’ubow aus der Sowjetunion und erhielt 1929 die deutsche Staatsangehörigkeit. Sei­ nen Lebensunterhall bestritt er durch Schachspie­ len. 1920 heiratete er die Tribergerin Frieda Kal­ tenbach, mil der er zwei Töchter halle: Sonja und

Das Grab des Schachgroßmeisters E. Bogolj.ubow und seiner Frau auf dem Friedhof in Triberg. ,,König“ und „Dame“ zeugen von seiner Passion. Tamara. Am 18.}uni 1952 starb Bogolj.ubow überraschend. Er wurde in Triberg beigesetzt. Seine Ehefrau folgte ihm 1978. Seine Siege: 1919 gewann er in Berlin gegen Seles­ niew, Reti und Spielmann, im Stockholmer Tur­ nier gegen Spielmann und Reti. 1922 in Pistyan vor Aljechin und Spielmann, 1923 Erster bis Dritter in Karlsbad mit Aljechin und Maroczy, 1924 siegte er im russischen Turnier in Moskau, 1925 im russischen Turnier in Leningrad, 1925 im Breslauer Turnier, im Weltturnier zu Moskau vor Lasker und Capaplanca, 1926 in Berlin vor Rubinstein, 1928 im Großmeisterturnier in Bad Kissingen, 1933 im Deutschen Meisterturnier in Bad Eyrmont. 1929 und 1934 kämpfte er gegen Dr. Aljechin um die Weltmeisterschaft. 1947 ge­ wann er im Lüneburger Meisterturnier vor Dr. Rödl Heinicke undRellstab, im gleichen}ahr im Kasseler Meisterturnier vor Paul Schmitt, Dr. Trögerund dem Dettschen Meister von 1948, Unzicker. 1949 holte er sich erneut den Titel des Deutschen Meisters vor Dr. Tröger, anschließend siegte er im internationalen Meisterturnier in Oldenburg. Seine Titel: Die Internationale Schachvereini­ gung verlieh Bogoljubow im Jahre 1951 den Titel ,,Internationaler Schachgroßmeister“. Renate Bökenkamp 347

Prosa und Lyrik aus unserer Heimat Als Großmutter noch lebte Auf der alten, leicht vergilbten Fotografie lächelt sie mich an. Zufrieden, anspruchslos und gottesfürchtig ruhen ihre gefalteten Hände, um die der Rosenkranz geschlungen ist, im Schoß. Eine der wenigen Pausen, muß ich denken, die sie sich im Leben gegönnt hat. In meine Betrachtung versunken schweifen die Gedanken zurück in die Zeit meiner Kindheit. Sie war arm an Gütern, aber reich an Güte und Zuwendung, die Großmutter verschwenderisch unter ihre vielen Enkelkinder aufteilte. Großmutter. Man muß wohl der älteren Generation angehören, und vielleicht auch selbst Großmutter sein, um zu begreifen. Ferien kannte diese Großmutter nicht. Sie hat acht Kinder geboren und großgezogen. „Im Wochenbett durfte ich mich jedesmal drei Tage erholen“, sagte sie schlicht, ,,und zu essen hatten alle genug.“ Ihr Lebensumfeld war der Bauernhof, der nach des Großvaters Tod von ihrer ältesten Tochter und deren Mann bewirtschaftet wurde. ,,Schlimm, daß Großvater so früh sterben mußte“, sagte ich einmal zur Groß­ mutter. In ihren Augen stand immer nur Güte, und ihre Ehrlichkeit war geradezu ver­ blüffend. „Gott hab ihn selig, den Großvater“, hatte sie geantwortet, ,,und so hat der liebe Gott sicher auch gewußt, daß acht Kinder neben der vielen Arbeit genug sind … “ Damals habe ich die Großmutter nicht verstanden. Aber heute, wo die Familienpla­ nung nicht mehr wegzudenken ist, wo zwei oder drei Kinder oft eine große Last bedeu­ ten – da wirkt es im Rückblick schon manch­ mal beschämend, zu wissen, was die Frauen jener Generation geleistet und bewegt haben. Irgendwann in der Vorweihnachtszeit kam eines Abends der Herr Kaplan. Groß- 348 mutter stellte die beste Hausmacherwurst und den feinen „Hosenträgerspeck“ auf den Tisch, dazu gab es das feine, selbstgebackene Brot. Wir Enkel saßen artig zwischen den Erwachsenen, manchmal wurden wir in ihre Gespräche miteinbezogen. Ich erinnere mich sehr gut daran, daß ich immer einen roten Kopf bekam, wenn Hochwürden eine Frage an mich stellte. An jenem Abend blieb ich verschont, der Herr Kaplan widmete seine Aufmerksamkeit meinen beiden Vettern, die seine Ministranten waren. Bethlehem, Maria und Josef sowie die hl. Dreikönige standen zeitgemäß auf seinem Programm. ,,Und wer war zuallererst bei der Geburt des Jesuskin­ des“, fragte Hochwürden meinen Vetter Franz. Wie aus der Pistole geschossen kam des­ sen Antwort: ,,Die Hebamme!“ Ich erinnere mich an das peinliche Schweigen, an die stummen Blicke meiner Tanten, mit denen sie zuerst den Bauern, dann die Großmutter bedachten. Erst als der Kaplan lauthals zu lachen anfing, war das Eis gebrochen. ,,Du bist ein ganz gescheiter Bub“, meinte er abschließend. Mit Vergnü­ gen ließ er sich nun ein „Chriesewässerle“ einschenken, trank es in einem Zug leer, und nun war es an uns, zu lachen, denn er hat sich an dem Schnäpsle sogar verschluckt … Gemütlich verliefen die Abende, wenn Strohschuhe gefertigt wurden. Das zuvor gedroschene Stroh war am Morgen mit hei­ ßem Wasser übergossen worden, damit es ,,gschlaacht“ wird, wie Großmutter erklärte. Die Mädchen durften mithelfen, endlos lange Zöpfe zu flechten. Ein Holzmodell diente dazu, den feuchten Strohzopf spira­ lenförmig anzuordnen und mit einer dün­ nen Schnur aufzunähen. Dann wurde eine Sohle aus alten Fahrradschläuchen zurecht

geschnitten und angebracht. Jetzt fehlte nur noch ein weiches Innenfutter, wofür aus­ gediente Pullover oder auch Socken herhal­ ten mußten. Ein farbenfroher „Bollen“ in der Mitte des Strohschuhes vervollständigte schließlich das Kunstwerk. Wenn Großmutter am Sonntagmorgen in die Kirche ging, hatte sie immer ein paar Enkelkinder bei sich. Einmal hatte ich ver­ schlafen, wollte aber trotzdem noch zur Messe gehen, um anschließend noch mit Großmutter zusammenzusein. Der Kaplan schaute mich von der Kanzel herunter ziem­ lich streng an, wohl auch deshalb, weil ich die Kirchentür nicht ganz zugezogen hatte. Am Seiteneingang fand ich noch einen Platz; da sah ich plötzlich den großen Misch­ lingshund durch den Mittelgang auf mich zulaufen, der Wächter auf Großmutters Bau­ ernhof war. Bello hockte sich ganz selbstver­ ständlich an meine Seite und verfolgte das Geschehen in der Kirche. Alle warteten, doch es geschah nichts. Um die Mundwinkel des Kaplans huschte ein Lächeln, als er in sei­ ner Predigt fortfuhr: ,,Es ist mir eine beson­ dere Freude, in einem Ort das Wort Gottes zu verkündigen, wo nicht nur Menschen, sondern auch das Tier ins Gotteshaus kom­ men; ich finde diese Verbundenheit zwi­ schen Mensch und Tier im Glauben wunder­ bar!“ Der Kaplan leitete seine Predigt nun zum hl. Franz von Assisi über, der die Tiere liebte und ihnen predigte. Alles, was der Geistliche droben von der Kanzel sprach, war mit einem Mal von einer gelösten Heiterkeit ge­ prägt, die bei den Gläubigen in der Kirche sichtliche Erleichterung auslöste. Und so durfte Bello dieses eine Mal bleiben, bis der Gottesdienst zu Ende war. ,,Erinnerungen sind das einzige Paradies, aus dem wir Menschen nicht vertrieben wer­ den“, sagt ein wahres Sprichwort. Und so denke ich gerne an die Zeit zurück, als wir in Großmutters Stube um den ovalen, gescheu­ erten Holztisch saßen, strickten, nähten oder Hohlsäume häkelten. Im Herbst war das „Äpfel-Schnitzen“ an der Reihe. Die geschälten Apfelschnitze wurden auf einem großen Blech ausgebreitet und langsam im Ofen getrocknet. Die „dürren Schnitze“ kamen in ein Leinensäckchen; eine der wich­ tigsten Mahlzeiten bestand im Winter aus „Himmel und Erde“. (Eine Lage gekochter Kartoffel, eine Lage gekochter Apfelschnitze abwechselnd schichten und obenauf ge­ kochter Speck oder ein Stück heiße Wurst.) Großmutter behütete ihre Enkelkinder, besonders aber die Mädchen. Sie erzählte die schönsten Geschichten, die sich fast alle wirklich zugetragen haben sollen. Und ihre Finger schnellten in die Höhe, wenn sie uns heranwachsenden „Maidli“ vor den Bur­ schen warnte. ,Jaja, die Liebe“, seufzte sie dann, ,,sie bringt nicht immer nur Glück .. . “ Und dann hörte ich aus dem Mund dieser klugen Frau-meiner Großmutter-erstmals den Satz, der (damals für mich so kurios geklungen hatte, aber) wohl immer aktuell bleiben wird: ,,0 daß sie ewig grünen bliebe, Die schöne Zeit der jungen Liebe!“ Annemarie Armbruster 349

Eines Morgens Der Wandertag – angenehme Unterbre­ chung des Schulalltags und sinnvolle Ein­ richtung in einem. Glückliche Jugend, deren Alltag auf so wohltuende und gesundheits­ fördernde Weise eine Abwechslung erfahrt! Was hätten wir als Gymnasiasten vor Jahr­ zehnten dafür gegeben! Wie ein Geschenk des Himmels empfanden wir schon die Bun­ desjugendspiele, und selbst diese hatten kei­ nen unterrichtsfreien Tag im vollen Sinne des Wortes in sonst lauter Sechstagewochen zur Folge. ,,Und am Sonntag habt ihr ja auch Zeit zum Lernen.“ Doch scheuchen wir die Geister von gestern wieder in ihre Vergan­ genheit zurück! Also, ein Wandertag war angesetzt und verabredet, den Rückweg mit der Eisenbahn zu nehmen, damit der Fußmarsch zu einem ferneren Ziel ausgreifen konnte. Am Bahn­ hof wollten wir diesmal nach unternomme­ ner Tour auseinandergehen. Praktischer­ weise parkte ich mein Auto dort und strebte der Schule, dem Ausgangspunkt unserer Wanderung, zu. Es war justament die Stunde, da besonders viele ehemalige Schü­ ler an ihre Lehrstellen, Arbeitsstätten oder zu weiterführenden Schulen eilten. Die Begegnung mit jedem einzelnen wurde zu einem bewegenden Erlebnis. Der erste, ein Radfahrer, fuhr, als wir uns zwei­ felsfrei erkannt hatten, linksabbiegend in einem eleganten Bogen auf das Werksge­ lände einer Fabrik und ward nicht mehr gese­ hen. Die nächste, eine Schülerin zu Fuß, hatte ihre Zeit offensichtlich knapp beme sen. Ein kurzes „Morgen“ ohne Mienenspiel – und vorüber war sie. Eine andere grüßte zer­ streut, ein Liebespärchen, auf einer Mauer schmusend, wünschte so früh durch nichts und niemanden an die Schulzeit erinnert zu werden. Ein Mopedfahrer blickte, als er mei­ ner ansichtig wurde, in ungewisse Femen und nahm meinen Gruß.nicht wahr. Da regten sich Fragen, eine nach der ande­ ren: ,,Warst du also so einer? Bist du also so 350 einer?“ begann ich zu sinnieren. ,,Wirken auch unbeabsichtigte Ungerechtigkeiten oder Gemeinheiten – oder was sie dafür hiel­ ten, so lange, so gründlich nach? Oder hatte ich nie zum Ausdruck gebracht, daß man in mitteleuropäischen Breiten Bekannte, alte zumal, grüßt? Versagt die Macht der Worte so bald? Am Ende wurde gar alle Pädagogik als Tyrannisierung empfunden?“ Immer tie­ fer drängten mich die Fragen ins Unglück. ,,War alles umsonst, alles sinnlos gewesen?“ Nicht mehr viel Gutes für diesen Tag er­ wartend, sah ich eine weitere ehemalige Schülerin mit einem sehr südländisch klin­ genden Namen auf der gegenüberliegenden Straßenseite die Stadt herunterkommen. Aus Stock und Hut, Kniebundhose und Wanderschuhen schloß sie, daß eine Klasse ihrer früheren Schule das schöne Wetter für einen Wandertag nutzen wollte und mich mitnahm. Ihr freundliches Wesen hatte sie sich bewahrt, sie lächelte, überquerte, als es gefahrlos möglich war, die Straße, reichte mir die Hand, und das Gespräch war eröff­ net: Wie es mir gehe? Welche Klasse ich die­ ses Jahr hätte? Wohin wir heute wanderten? Ach ja, da seien wir vor drei Jahren auch gewesen, aber die Sonne habe damals nicht so gestrahlt, ihr gefalle es an der jetzigen Schule, sie habe gut Tritt gefaßt, an unserer Schule sei es freilich auch schön gewesen, nur anders als jetzt. Es seien wohl noch alle ihre Lehrer an unserer Schule? Sie werde in den großen Ferien wieder einmal ihre Hei­ mat sehen … Die gefallene Stimmung stand wieder auf­ recht. Die Fragen blieben. Karl Volk

Wilhelm Hausenstein und Triberg Die Erwähnung Tribergs in seinem umfangreichen literarischen W erk Unter den vielen Städteschilderungen aus der Feder von Wilhelm Hausenstein, dem bedeutenden Kunst- und Reiseschriftsteller, dem Essayisten und Diplomaten, dem gro­ ßen Sohn der Nachbarstadt Hornberg, fin­ det sich auch eine knappe Erwähnung Tri­ bergs (in „Badische Reise“, München, 1930, S. 80 ff). Sie dürfte von allen Schilderungen Tribergs die künstlerisch wertvollste sein, die in diesem Jahrhundert erschienen sind. Die hier zunächst wiedergegebenen Ab­ schnitte sind Hausensteins Eindrücke einer Bahnfahrt von Hornberg bis über Som­ merau hinaus durch ein Gebirge, dem er in diesem Text Größe zuerkennt. (Er stieg noch einmal als Gast seiner Vaterstadt Hornberg 1952 im Hotel Waldlust ab, ohne daß dieser Aufenthalt in Triberg einen literarischen Niederschlag gefunden hätte.) Hausenstein verzichtet auf Einzelheiten, schreibt keinen Fremdenführer, es bleibt zum Beispiel keine Zeit für einen Besuch im Rathaus und in der Wallfahrtskirche – wie dankbar wäre die Nachwelt für ein Wort über das damals neu­ geschaffene Werk Karl Josef Fortwänglers und vom besten Barockkenner seiner Zeit über das Juwel „Maria in der Tanne“ -, es bleibt kein Raum für Tribergs Industrie und Geschichte, der Leser erfährt keine Einzel­ heiten über die Logik des Schwarzwaldhau­ ses, und dennoch bleibt es nicht ungenannt; dagegen überläßt er sich seiner Intuition, sei­ nem sensiblen Künstlerblick für die Farben einer grandiosen Natur, man beachte die vielseitigen Schattierungen des Grüns. Er gibt sich auch seiner Melancholie hin, wobei ihm zweifellos die Stimmung eines „halbregne­ rischen“ Tages in dieser waldreichen Gegend zu Hilfe kommt. Dabei bleibt seine Darstel­ lung frei von irgendwelcher Mystifizierung, von obskuren Geistergewalten und undefi­ nierbaren Heimatgeistern, auch von Senti­ mentalität. Wer seine Reiseliteratur kennt, weiß, daß er nie (Ausnahme Hornberg) von Begegnungen mit Menschen berichtet, und dennoch sind sie immer gegenwärtig, sehr gegenwärtig als Gestalter und Vollender der Landschaft und Kultur. Und wie dichterisch sind seine Vergleiche! Nie hat jemand das Rauschen des Wasserfalls mit einem Basso continuo verglichen, die Wälder über Tri­ berg mit dem Trauerrand der Landschaft, die Schindelwände der Häuser mit Rüstungen und die Ziegelflecken auf den bemoosten Strohdächern mit Pflastern über Wunden. Den adäquaten Ausdruck findet wohl erstmalig Robert Gerwigs geniale Linienfüh­ rung mit der Doppelschleife, und den späten Leser kommt ein Hauch von Romantik an, sieht er wieder die Dampflokomotiven auf dieser Strecke, als noch niemand an Diesel oder gar Elektrifizierung dachte. Kein Wort, das nicht gewählt und gewogen wäre. Die Darstellung, in Wahrheit ein Stimmungs- 351

bild, läßt – sehr verhalten – den Abschieds­ schmerz des Heimgekehrten ahnen, der nachwirkte, als er nach Jahrzehnten mit der Mutter der fremdgewordenen Heimat einen Besuch abstattete. Das jahrhundertealte Familienerbe, der „Bären“, ist in fremden Händen. ,,Wir fahren nach Triberg; es wäre bitter, in der fremden Heimat zu schlafen. Der Zug arbeitet sich hinauf, höher, höher, durch Tunnels und Windungen. In seiner Relativität offenbart das Gebirg des Schwarzwalds seine Größe, seine Natur. Die Oberfläche der Fichten, aus lauter Tannen­ spitzen zusammengewirkt zu einer schweren schwarzgrünen Decke, zu einem Teppich mit dem stumpfen, dennoch tiefen Ton eines Gobelins, mit der edlen Mattheit des Pastells, scheint die ganze Welt zu decken und zu kühlen – auch die Schlafenden in den schönen weißen Betten des Schwarz­ waldhotels, auch die weinroten Sammet­ möbel des Jahrzehnts meiner Geburt, auch den Bas o continuo des nahen Wasserfalls; auch ihn dämpft die matte schwarzgrüne Decke, auch ihn die Nacht, welche der Vor­ tod ist.“ Wieder hinaus über Konstanz ,,Triberg liegt fast ohne Talsohle bergan, einen steigenden Einschnitt entlang, an den die Wälder von schon beträchtlicheren Hö­ hen herunterreichen: flaschengrün in der Nähe, bronzegrün weiter droben, zuletzt wieder bläulich bis ins Tintige. Der obere Schwarzwald ist da. Die Bahn bewegt sich in Schlingen; sie schraubt sich hinauf, wie man von Bellinzona auf den Gotthard fährt. Die Aussichten bergab wiederholen sich; nur daß die nämlichen Dinge immer tiefer drun­ ten liegen; die Ansicht höherer Situationen kommt zweimal, dreimal näher, indem sie sich für den auf einem gehobenen Punkt der hochgezogenen Spirale angekommenen Beobachter wiederholt. Hier nun ist kein Zweifel mehr: auch der Schwarzwald ist ein rechtes Gebirge. Das Kurortmäßige zieht sich zurück; das Unmittelbare einer großen 352 Natur malt sich von Minute zu Minute nach­ drücklicher, trotz der schnaufenden, stamp­ fenden Bahn; im Verhältnis zum Zeitalter des komfortablen Autos, ja der hellen und schnellen elektrischen Gebirgsbahnen stellt die Dampfeisenbahn das Reibungslose der Zivilisation ja nur unvollkommen dar; der Zug mit der rußenden Dampflokomotive ist schon beinahe in die Kategorie der natürli­ chen Unbequemlichkeiten entrückt … Auf der Bergseite steht unterm Waldrand Ginster mit gelben Blüten um roten Sand­ stein und um Granit. Es wird kühler und kühler. Es wird schier kalt. Die Häuser halten hier oben ihren Cha­ rakter von selbst; man fühlt, daß dies nicht Häuser sind, die auf das Betreiben der Folk­ loristen geschont werden; hier oben könnten die Häuser gar nicht anders sein, als sie sind; hier ist noch recht ihre Zeit. So sehn sie aus: dunkel, oft tiefbraun, oft schwergrau, manchmal silbergrau und seidig, manchmal samtig und schwarz; nur unten, am Boden, und an den winzigen Kreuzen der Fenster­ chen ist etwas weiß oder grün; die Schindel­ wand sitzt wie ein geschlossenes Visier, wie eine Rüstung; das Moos der trohdächer ist grau und schwarz; die Ziegelflecken, mit denen man nachgebessert hat, sehen aus wie Pflaster über Wunden. Unter dem grauen Licht des halbregneri­ schen Tages wird das bläuliche und schwärz­ liche Grün der Wälder immer schwerer; es macht einen breiten Trauerrand um die Landschaft. Nun sind die letzten der lichtgrünen, mattgrünen Kornfelder verschwunden. Wir sind in einer Höhenzone angekommen, die nichts gedeihen läßt als den Schwarzwald und das Gras. Nichts mehr von silbriggrünem Roggen; nur Weiden zwischen Fichtenstücken blei­ ben übrig, Rinderweiden mit niedrigem Graswuchs – Almen, die sich flach hinauf­ strecken und zuweilen über den Rücken einer Höhe gehn, als ob sie selbst den Fich­ ten nun zu ungemütlich geworden wäre. Mit

einem Male ist der Charakter der Landschaft gleichsam oberbayrisch – nur karger. Die bayrische Almenlandschaft ist heiter und wie ein Überfluß; diese hier im Schwarzwald bettelt mich an wie eine Armut der Natur; sie macht ernst, macht schwermütig.“ Dem Namen unserer Stadt begegnen wir auch im vielleicht schönsten und liebens­ würdigsten Kapitel im „Buch einer Kind­ heit“ (Frankfurt a. M., 1936, S. 77) ,,Brezeln aus Niederwasser“, einer bereits 1926 verfaß­ ten Erzählung, die er später auch in seine Autobiographie einfügte. Diese, die besten Brezeln in Hausensteins Leben, hatte eine alte Bötin am Samstagnachmittag zur Win­ terszeit aus dem Nachbardorf gebracht, bevor die Kinderschar, das Schlittenfahren unterbrechend, sich bei der Großmutter zum sogenannten „Vesperle“ einfand. Ge­ stärkt, noch mit den Brezeln in der Hand, rannten die Kinder um fünf Uhr zur Stand­ uhr mit dem Kapuziner auf den Flur, um ,,das Theater des mechanischen Mönch­ leins, das nach dem Stundenschlag oben überm Zifferblatt heraustritt und sich ver­ neigt . .. “ zu sehen. ,,Und während wir das aberhundertmal erlebte Bild mit einer nie erlöschenden Begierde anstarren, hören wir die anderen Uhren im Hause – die Kuk­ kucksuhr aus Triberg und aus dem höheren Schwarzwald; sie rufen miteinander, durch­ einander in unvergeßlichen Parallelen und Überschneidungen der Töne – gleich lau- fend jetzt, nun eine der anderen voraus – und wieder nachrufend. So ist es gewesen.“ (S. 67) Anzufügen sind noch zwei Stellen aus dem „ Vorbericht“ seines autobiographi­ schen Romans „LUX PERPETUA“ (Mün­ chen 1947, S. 15 und S. 30). Über eineinhalb Jahrzehnte später suchen seine Gedanken Triberg noch einmal aus der Feme. Johann Armbruster und Christian Hercy­ nius, hinter denen sich der Verfasser selbst verbirgt, schauen von einem Hang in Horn­ berg „den Schwarzwald hinauf, gegen Tri­ berg, wo sich das gleichsam auch unter Tage nächtliche Grün mehr und mehr in sich selbst verwob – derart verwob, daß alle Zeichnung im Dunkel des Tones unterging“. In der Person des Christian Hercynius for­ muliert er einen Traum, in dem Triberg mit anderen Städten in mystischer Sphäre er­ scheint: in einer Bohnenlaube in Renchen wollte er sitzen, von der hübschesten, freundlichsten Kellnerin mit einer Ome­ lette, mit Bauernspeck, mit Roggenbrot und Affentaler bedient, und „unverwandt am Westhang des Schwarzwaldes hinauf­ schauen, von außen her“. Er wüßte das Frei­ burger und das Straßburger Münster in sei­ ner Nähe. ,, Vor mir, in den Bergen drinnen, hinter den schwärzlich steigenden Tannen, lägen Hornberg, Wolfach, Triberg wie mit der Anziehungskraft der anderen Welt.“ Karl Volk Die Sage vom „Hölzlekönig“ Die Sage vom „Hölzlekönig‘: einst Deutschlands größter Tanne zwischen Schwenningen und Vil­ lingen, inspirierte die Niedereschacher Autorin, die Geschichte vom „Hölzlekönig“ so zu schrei­ ben, daß Herz und Gemüt der Leserinnen und Leser erreicht werden. Es handelt sich bei den nachfolgenden Auiführungen um einen Auszug aus dem Buch „Morgen-Land‘: mit dem die Autorin auf der Fran!efurter Buchmesse 1992 bundesweit auf grqße Resonanz stiefs. So hört nun die Geschichte vom Hölzle­ könig, der alten, stattlichen Tanne. Hört ihre Lebensgeschichte, hört ihre Klagen! Seit Jahrhunderten stehe ich in einer Landschaft, die man die Baar nennt, am Rande des Schwarzwaldes. Mein Alter beträgt dreihun­ dertneunundneunzig Jahre, und noch sind die Nadeln an meinen mächtig ausladenden Zweigen grün. Aber wie lange noch? Aus dem feuchten Dunkel des Waldbo- 353

dens reckte ich mich an einem Frühlingstag ans Licht der Welt. Als winziges Bäumchen stand ich unter mächtigen Eichen in der Nähe eines kleinen Dorfes namens Swa­ ninga. Ich war noch keinen halben Meter hoch, als dort die Pest zu wüten begann. An die hundert Menschen holte der Tod au den verseuchten Häusern. Eine Eiche um die andere war um mich herum der Axt zum Opfer gefallen. Särge, die damals Toten­ bäume hießen, waren aus ihnen gemacht worden. Wie froh war ich, noch so klein und vor allem keine Eiche zu sein! – An einem glühendheißen Augusttag des­ selben Jahres – es hatte seit Wochen keinen Tropfen geregnet – schlug eine Gruppe Zigeuner ganz in meiner Nähe ihr Lager auf. Am Abend spielten die Männer die Geige, und Frauen und Kinder tanzten im Schein des Lagerfeuers. Gegen Mitternacht kam hef­ tiger Wind aus Süden auf, der bald schon zum brausenden Orkan anschwoll. Ganze Äste riß er von den großen Bäumen herab, Blitze fuhren nieder, und der Himmel wollte vom Krachen des Donners zerspringen. In Swaninga wurde die Sturmglocke geläutet. Es brannte. Dicke Rauchwolken stiegen auf. „Feuerjo! Feuerjo!“ und „Wasser!“ schrien die Leute, und der Ruf pflanzte sich fort von Gasse zu Gasse. Noch bevor die Swaninger eine Löschkette bilden konnten, hatte sich das Feuer mit rasender Schnelligkeit verbrei­ tet. Es leckte mit glühenden Zungen nach den Holzhäusern, die wie Zunder brannten. Dächer stürzten ein und Wände fielen wie Kartenhäuser zusammen. In den Gesichtern der Swaninger stand das blanke Entsetzen, als sie bemerkten, daß das Flammenmeer vie­ len von ihnen den Fluchtweg abgeschnitten hatte. Zu spät war jeder Versuch der Rettung. Mitten hinein in den Ort des unheilvollen Geschehens schrie jemand anklagend: ,,Die Zigeuner waren es! Ein junger Kerl mit rabenschwarzem Haar, der Zigeunerkönig! Und wißt Ihr, wa er in der Hand trug?-Eine Pechfackel !“ Dieser Ausruf brachte den Leuten das erstarrte Blut wieder in Wallung. Er fiel in die 354 erregte Menge wie ein Feuerfunke in ein Pul­ verfaß. ,,Rache den Mördern!“ kreischten die aufgebrachten Swaninger. – Um zwei Uhr morgens zog eine GrupP.e Männer mit Sen­ sen, Dreschflegeln und Axten bewaffnet aus dem rauchenden Dorf hinaus zum mond­ hellen Lager der Zigeuner. Der Lärm hatte die Zigeuner geweckt. Halbangekleidet kamen sie er chrocken aus ihren Karren geklettert. Unruhig wieherten die Pferde und Hunde bellten. Kinder fuhren aus dem chlaf hoch und fingen an zu weinen. ,,Brandstifter! Mörder!“ rasten die Swa­ ninger haßerfüllt. ,,Männer! Nehmt die Fak­ keln! Steckt die Karren in Brand!“ schrie mit wutgellender Stimme ihr Anführer. „Halt! Keinen Schritt weiter!“ donnerte es ihm entgegen. Entschlossen trat Janos, der junge Zigeunerkönig, vor. ,,Keinen Schritt weiter! Ihr stört den Frieden!“ rief Janos. ,,Wer unter uns soll ein Brandstifter sein? Janos und seine Leute legen kein Feuer! Sucht den Schurken in eueren eigenen Rei­ hen! Keiner von uns hat auch nur einen Schritt in euer Dorf getan!“ ,,Lügen! Alles Lügen! Glaubt ihm nicht, dem schwarzäugigen Halunken!“ raste der Swaninger mit Schaum vor dem Mund. „Halt!“ rief der Zigeunerkönig ein zweites Mal und griff nach einer abgebrochenen Wagendeichsel. Da hatte der Swaninger auch schon die Axt nach dem Zigeuner geschleudert. Im selben Augenblick kamen ein paar Männer vom Dorf her gerannt. Von weitem schrien sie: ,,Haltet ein! Wir haben den wahren Brandstifter gefaßt!“ Doch es war zu spät. Die scharfe Axt hatte den jungen Zigeuner mitten in die Brust getroffen. Mit einem Wehlaut sank er ter­ bend zu Boden. Augenblicklich war die to­ bende Horde verstummt. Von stummem Ent­ setzen gepackt, tarrte sie eine ganze Weile auf die grausige Tat. Dann stob sie in wilder Hast auseinander. Noch in der Morgendämmerung beerdig­ ten die Zigeuner ihren toten König. Danach gruben sie mich mit allen Wurzeln aus und pflanzten mich auf sein Grab. Anstelle des

toten Janos sollte ich von nun an ihr König sein. Ich sollte wachsen und über Jahrhun­ derte hinweg stehen bleiben, als lebendiges Symbol für die Ungerechtigkeit, die man Janos angetan hatte. – Im Alter von fünfzig Jahresringen blickte ich stolz herab auf dich­ tes Buschwerk, auf jüngere Tannen, Kiefern, Buchen und kleine Eichen. Herausfordernd stellte ich meine Krone dem Wind entgegen, damit er mir zausend durchs Geäst fuhr. Als neuer König und als Mahnmal für die Gerechtigkeit sollte ich Generationen über­ dauern. Doch bald wird von mir nur noch mein Name in der Sage stehen. Der ganze Wald mit meinen vielen hundertjährigen Baumgeschwistern wird sich für immer ver­ abschieden müssen. Wie Knochengerippe werden unsere verkrebsten Stämme mit ihren dürren Ästen in den Himmel ragen. Auch sie werden als Mahnmal stehen für eure Raubzüge durch die Natur … Doris Schreger-Benz De Herrgottsdag (gekürzt) Im Almanach 1994, Seite 278-283, ist die Fronleichnamsprozession in Hüfingen in Wort und Bild beschrieben worden. Das der Redaktion des Almanach zur Veifügung gestellte Herrgotts tags-Gedicht von Gottfried Schafbuch gibt in Mundart die Stimmung im Ort treffend wieder. 355

Frindli duet de Dag verwache, riibst sech d’Äugli langsam uus, giit e Schmützli siinre Modder, will mit ere glii vors Huus. Schäch i d Körb und guck uffs Streue; bliib nu schtau und laß der Ziit. Gell, die Arbet muescht bewundre und des Gschick vu dene Liit. ,,Luuser, kumm, und laß dech wäsche. s frisch gschterkt Hembli leg der aa, s healblau Schöbli word dech freie mit de nette Knöpfli draa.“ Äschterli und Jakobsbolle treit mer dert us sellem Huus, nimmt dezue no kleiweng Kleeköpf; macht e duftig Kriiz no druus. Wunderfitzig froget s Berschtli: ,,Modder, wa häsch du denn vor? Gohscht im Fäschthäs mit mir freidjg hitt dor’s fiischter Wolkedoar!“ Gasbloame und Löbemiili, Senf und Suugele dabei, giit en Deppech farbeprächtig, monscht, daß der so gwobe sei. ,,Büebli, hei, duer nitt lang frooge, siehscht, dert unne gucket d‘ Liit ob mir vernehm sind und frindli, obs en nette Dag hitt giit. Kelch, Lamm Gottes, Sunn und Sterne, ,Hochgelobt, gebenedeit‘ sehne kascht als Bluemedeppech, kunschtvoll ischt der äni gleit. Dert, vu sellem nette Städtli, wo de Kerchdorm siehscht, de grea, muescht du s Gwilch jetz glii verscheiche, kascht dezue mi Blegi nea.“ Vier Altär schtond au im Städtli, wartet uff en hohe Gascht; sind verborge schier i Meie, s sitzt e Finkli uff me Ascht. ,,Hörscht du d‘ Musik und e Krache“, ,,Modder, sag, wa ischt denn hitt? Diini Auge clont ganz glitze, rennscht, daß ech schier kumm nitt mit.“ D Brünne clont au lu chtig sprudle. D Muettergottes lächlet mild. Uff em Arm s klei Jesuskindli sieht verklärt si Bluemebild. ,,Büebli“, fangt jetz d’Sunn a jugse: ,,putz di Näsli, gimer d‘ Hand. Herrgottsdag clont d’Liit hitt fiire, Herrgottsdag ischt hitt im Land. Guck, we dert vill Liit clont wußle, traget Körb mit Blueme gfillt; stecket Meie no a d Hijser, und e Musik d Dagwach spilt. S goht uff d Strooß mit Kriiz und Fahne, unterm Himmel JESUS CHRIST. Alles singt und klingt und jublet, ihm der Daag jo gwidmet ischt.“ Wenn des Fescht versinkt in Obed, s Städtli ischt voll Weihrauchduft. ,,Gott zur Ehr – fer alle Ziite“ dismet d Sunn zum Obedluft. Gottfried Schafbuch t, Hüfingen, 20. 4.1947 356

Johannes Kaiser Masken 1: maa un frau Dote Danz chumm an mi obe chumm chumm unte aß mer d’bückel biege wie zwe halbmönd gege d’nacht in diine auge füürt’s un d’gsichter schmilze bis in eherne überwiiß du bisch i bi’s Mengg Liide het de DOKTER gheilt, hüt hän s’en pathologisch teilt. D’Frau LEHRERIN het ’s Wüsse gha. Ob’s echt so zuegoht änedra? De Unfall isch abgsperrt, de Laschter de FAHRER verglieiht, aß mer ’s Gsicht [ nümme chennt. [verbrennt, D’Frau BANKDIREKTER liit denebe, het usgwirtschaftet – ’s Geld bliibt lebe. Im Feuilleton chunnt ER endlich z’Gnade, un siini Biecher stöhn im Lade. Masken II: Frau, Maa, Dot Chumm, spil e Stuck vom Lebe mit, wo ’s an de Muure Schatte git. Un jede spilt, was kein verstoht. Di ebemäßig Maskegsicht het vo de gfurchte Ziit kei Bricht. Un d’Obesunne färbt der’s rot. Wer bisch, aß du mi chenne wodsch? Due, Lebe, was du züüge sodsch! Un in de Cheme schlat’s e Noht. Chumm, spil mit gege d’Muuren a, un niemer weiß, was änedra vo dene Muure stoht: Du, Frau, ’s verriißt mer ’s Himi schir. Du, Maa, mach, aß i d’Gschicht nümm [spür, wo scho im Afang ’s End dinn stoht. Am högschte han i glebt mit dir. Si hän SI gfunde mit ‚me Stich un göhn alls wiiter uf de Strich. So hämmer’s doch nit gmeint gha, BURSCH, aß weg’me Späßli ’s Loch ab surrsch! Seil MAIDLI cha sider kei Silbe meh sage, wo d’Fründin uf d’Strooß dätscht isch unter [e Wage. Ihr BIEBLI wird vom Chrampf nümm wach. Si hän jetz amme ghörig Chrach. E HÜÜFLI FLEISCH vom Nabel gschnitte – si schafft scho wider, het nüt glitte. 357

Verschiedenes Personen und Fakten Christa Lörcher rückte auf der Landes­ liste der SPD mit Wirkung vom 3. 9.1993 als Abgeordnete in den Deutschen Bundestag nach. Richard Krieg wurde am 26. 9.1993 bei einer Wahlbeteiligung von 60 0/o mit 98 0/o der gültigen Stimmen im ersten Wahlgang zum neuen Bürgermeister der Stadt Furt­ wangen gewählt. Er hat sein neues Amt am 1.1.1994 angetreten. Der bisherige Amtsinhaber Adolf Herb hat nach Ablauf von zwei Wahlperioden nicht wieder kandidiert. Jürgen Guse wurde am 24. 10. 1993 zum Bürgermeister von Bräunlingen wiederge­ wählt. Neben zwei Mitbewerbern setzte er sich mit 86,9 0/o der Stimmen bei einer Wahl­ beteiligung von 61,3 0/o durch. Die zweite Wahlperiode hat am 1.1. 1994 begonnen. Klaus Martin wurde am 7. 11. 1993 zum Bürgermeister von Triberg wiedergewählt. Neben drei Mitbewerbern setzte er sich mit 74,8 0/o der Stimmen bei einer Wahlbetei­ ligung von 63,10/o durch. Die zweite Wahl­ periode hat am 1. 2.1994 begonnen. Thomas K lüdtke ist am 9. 1. 1994 unter mehreren Mitbewerbern mit 66 0/o der gülti­ gen Stimmen bei einer Wahlbeteiligung von 79 0/o zum neuen Bügermeister von Güten­ bach gewählt worden. Er hat sein Amt am 1. 3. 1994 angetreten. Otto Sieber wurde am 6. 3. 1994 für eine 4. Amtsperiode als Bürgermeister der Ge­ meinde Niedereschach wiedergewählt. Er setzte sich unter drei Kandidaten mit 82,5 0/o der abgegebenen Stimmen durch. Die Wahl­ beteiligung betrug 72 0/o. 358 Priv. Doz. Dr. med. Ruprecht Zwirner, Chefarzt der Chirurgischen Abteilung im Kreiskrankenhaus Donaueschingen, tritt mit Wirkung vom 31.12.1994 in den Ruhestand. Nachfolger wird Priv. Doz. Dr. med. Richard Salm, der zuletzt Oberarzt an der Chirurgischen Universitätsklinik Freiburg war. Ludwig Käppeler wurde mit Wirkung vom 1. 10. 1993 Leiter des Saatbauamtes Donaueschingen, Außenstelle der Landes­ anstalt für Pflanzenbau Forchheim, und trat damit die Nachfolge von Herrn Wolfgang Zenz an (siehe Almanach 1994, Seite 359). Landwirtschaftsdirektor Walter Maier wurde mit Wirkung vom 1. 8.1993 Leiter des Amtes für Landwirtschaft, Landschafts- und Bodenschutz in Donaueschingen und trat damit die Nachfolge von Regierungsland­ wirtschaftsdirektor Otto Maier an (siehe Almanach 1994, Seite 359). Der Leiter des Amtes für Flurneuordnung und Landentwicklung Rottweil, das auch für den Schwarzwald-Baar-Kreis zuständig ist, Ltd. Vermessungsdirektor Joachim Heller, trat mit Ablauf des 31. 8.1994 in den Ruhe­ stand. Nachfolger wurde sein bisheriger Stellvertreter, Vermessungsdirektor Ger­ hard Schindele. Am 24.8.1994 fand ein weiteres Nachbar­ schaftstreffen mit einer kleinen Delegation aus dem Kanton Schaffhausen mit Herrn Regierungsrat Dr. Hans-Peter Lenherr an der Spitze statt. Der Besuch diente der Vertie­ fung der Kenntnisse über den Schwarzwald­ Baar-Kreis, wobei dieses Mal u. a. Bildungs­ fragen im Mittelpunkt standen.

Veränderungen in den Schulleitungen kreiseigener Schulen: – Oberstudiendirektor Erwin Eisenmann wurde mit Beginn des neuen Schuljahres 1993/94 Schulleiter der Albert-Schweit- zer-Schule, Haus- und Landwirtschaftli- ehe Schule, im Stadtbezirk Villingen. Er trat die Nachfolge von Herrn Oberstu- diendirektor Werner Huger an (siehe Almanach 1994, Seite 359). – Oberstudiendirektor Winfried Kapp, Leiter der Richard-Bürk-Schule, Gewerb- liehe Schulen im Stadtbezirk Schwennin- gen, ist mit Wirkung vom 31. 7.1994 in den Ruhestand getreten. Als Nachfolger hat Studiendirektor Helmut Brodbeck die Schule übernommen. Orden, Medaillen Nachstehende Personen aus dem gezeichnet: a) mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland: Schwarzwald-Baar-Kreis wurden seit Juni 1993 aus­ (Abkürz.: BVK I. Kl. = Bundesverdienstkreuz I. Klasse BVK a. B. = Bundesverdienstkreuz am Bande BVM = Bundesverdienstmedaille) Oberbürgermeister Dr. Bernhard Everke 13. 9.1993 BVK a. B. Karl Wiehl 16. 10.1993 BVK a. B. Josef Löffler 18. 1.1994 BVK a. B Donaueschingen Villingen-Schwenningen Stadtbezirk Mühlhausen Triberg-Nußbach b) mit der Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg: Ewald Merkle Josef Weyers 30. 4.1994 28. 6.1994 Villingen-Schwenningen Villingen-Schwenningen c) mit der Zelter-Plakette: Gesangverein Biesingen 16. 4.1994 Bad Dürrheim-Biesingen d) mit der Lebensrettungsmedaille: Ruth und Lothar Hör 26. 4.1994 Hüfingen Arbeitslose in Prozentzahlen Stichtag Schwarzwald-Baar-Kreis Land Bundesgebiet 30. 6.1992 30. 6.1993 30. 6.1994 4,5 0/o 7,6 0/o 8, 7 0/o 4,2 0/o 6, 1 0/o 7,3 0/o West 5,6 0/o 7,0 0/o 8,0 0/o 359

Bevölkerungsentwicklung im Schwarzwald-Baar-Kreis Gemeinden Veränderungen in Zahlen + + 89 64 32 21 + 167 + 231 257 19 + 108 so + 15 + 54 138 13 8 57 + 35 + 56 + 366 64 + 526 in O/o + 0,78 + 0,60 0,55 0,41 + 5,40 + 1,15 2,46 1,26 + 1,56 0,84 + 0,49 + 1,04 0,95 0,47 0,18 0,95 + 1,38 + 1,82 + 0,45 1,47 + 0,25 Bad Dürrheim Blumberg Bräunlingen Brigachtal Dauchingen Donaueschingen Furtwangen Gütenbach Hüfingen Königsfeld Mönchweiler Niedereschach St. Georgen Schönwald Schonach Triberg Tuningen Unterkirnach Villingen-Schwenningen Vöhrenbach Kreisbevölkerung insgesamt Stand der Wohnbevölkerung 31.12.1992 11.446 10.721 5.855 5.061 3.092 20.141 10.429 1.507 6.925 5.986 3.076 5.177 14.572 2.751 4.471 5.995 2.540 3.074 80.949 4.341 208.109 31. 12. 1993 11.535 10.785 5.823 5.040 3.259 20.372 10.172 l .488 7.033 5.936 3.091 5.231 14.434 2.738 4.463 5.938 2.575 3.130 81.315 4.277 208.635 Ausländer in Zahlen Gemeinde Ausländer in gesamt Bad Dürrheim Blumberg Bräunlingen Brigachtal Dauchingen Donaueschingen Furtwangen Gütenbach Hüfingen Königsfeld Mönchweiler Niedereschach St. Georgen Schönwald Schonach Triberg Tuningen Unterkirnach Villingen-Schwenningen Vöhrenbach Gesamt 360 733 1.814 701 234 137 1.989 1.200 64 762 311 304 280 1.849 90 359 643 270 281 12.382 666 25.069 Türken 54 799 420 65 13 411 250 8 316 20 39 81 267 10 55 222 60 66 2.406 235 5.797 davon Jugoslawen Italiener 258 446 59 37 55 435 346 8 110 112 136 72 663 46 144 150 42 51 2.753 214 6.137 93 38 35 35 12 356 289 37 170 17 40 17 589 11 102 80 131 53 2.096 126 4.327 2. 3. 1994 Ausländer· anteil in 0/o ca. 6,3 15,7 12,1 4,7 4,0 9,8 11,8 4,0 10,9 5,3 9,8 5,5 12,8 3,3 8,1 10,7 10,6 9,0 15,3 15,5 12,0 Sonstige 328 531 187 97 57 787 315 11 166 162 89 IJO 330 23 58 191 37 111 5.127 91 8.808

Endgültige Ergebnisse der Europawahl am 12. Juni 1994 im Schwarzwald-Baar-Kreis Wahlbeteiligung Wahlberechtigte darunter mit Wahlschein Wähler davon Briefwähler ungültige Stimmen gültige Stimmen Von den gültigen Stimmen entfielen auf: CDU 45,090/o 39.615 SPD 22.472 25,58 0/o 11,890/o 10.449 GRÜNE 4,42 0/o REP 3.882 5.457 6,21 0/o F.D.P. 970 ÖDP 1,100/o LIGA 0,37 0/o 327 0,340/o 300 CM 0,120/o 108 BP BRB Solidarität 26 0,03 0/o 27 0,030/o BSA 595 0,68 0/o APD 62,80/o 147.989 10.157 92.941 8.591 5.085 87.856 Bund freier Bürger DSU GRAUE Naturgesetz Unregierbare -A.L. NPD FORUM PBC PASS PDS Plattform Europa STATT-Partei 612 95 613 238 98 322 64 505 110 311 30 630 0,700/o 0,110/o 0,700/o 0,270/o 0,110/o 0,370/o 0,070/o 0,570/o 0,130/o 0,350/o 0,030/o 0,720/o Ergebnis der Kreistagswahl vom 12. Juni 1994 Zahl der zu wählenden Kreistagsmitglieder 56 Ausgleichssitze 10 66 Mitglieder des Kreistags insgesamt Wahlberechtigte im Landkreis 147.010 92.769 Wähler Wahlbeteiligung 63,10/o ungültige Stimmzettel 4.401 88.368 gültige Stimmzettel abgegebene gültige Stimmen 957.134 Stimmen insgesamt für: 35,570/o CDU 25,690/o SPD FWV 17,570/o F.D.P. 7,180/o GRÜNE 9,980/o F.U.B.DLVH 1,200/o 2,800/o 340.450 245.917 168.202 68.750 95.555 11.446 26.814 26 Sitze (+ 1) 17 Sitze (+3) lOSitze (+2) 6 Sitze (-1) 6 Sitze (+ 1) O Sitze 1 Sitz (+ 1) 361

Farbaufnahmen und Fotonachweis Die Farbaufnahmen auf der Titel- und Rückseite stammen von German Hasenfratz, Hüfingen. Motiv Titelseite: Landesgartenschau Bad Dürr­ heim 1994 Motiv Rückseite: Dorfidylle Abbildungsnachweis zur Seite 222. Hans-Günther Ziegler, Karl Rudolf Schäfer, Hans Georg Müller-Hanssen – Ein Maler des Vertrauten. Wir danken an dieser Stelle dem Verlag Hermann Kuhn GmbH und Co. KG für die freundliche Abdruckgenehmigung. Wir danken dem Badischen Landesmuseum Karl ruhe für die Genehmigung zum Abdruck der Fotos auf den Seiten 225 bis 230. Fotonachweis: Soweit bei den einzelnen Beiträ­ gen die Bildautoren nicht namentlich hier ange­ führt werden, stammen die Fotos jeweils vom Ver­ fasser des betreffenden Beitrages. Mit Fotos sind ferner im Almanach vertreten (die Zahlen nach der Autorenangabe beziehen sich auf die jeweilige Textseite): Klaus-Peter Friese 5; Gerhard )anke 6 links, 323; Stefan Ummenhofer 6 rechts; privat 7, Sabine Schnerring 8; Hans Kaltenbach 9; Anette Michel 11 oben; Jochen Hahne 11 unten; Kreisarchiv Schwarzwald-Saar 14; Helmut Groß 15, 19, 112, 113, 114, llS, 193, 238, 318, 319; Landesberufs­ schule für das Hotel- und Gaststättengewerbe 27, 28, 29, 30, 339; Realschule Triberg 31, 32; Schwarzwälder Bote 36; Institut für Mikro- und Informationstechnik 43, 44, 45, 46, 48; Ernst Reinhardt GmbH 50, 51; AZ-Armaturen GmbH & Co. KG 52, 53, 54; Sto AG 55, 56, 57; Siedle­ Warmpreßteile 59, 60, 61; E. Wehrle GmbH 63, 64, 65, 66; Stadtarchiv Villingen-Schwenningen 68, 69, 70; Uta Paula Kaltofen-Sommerhuber 71, 72; Eurokorps 83; Georg Goerlipp 124, US, 126; Stadtarchiv Blumberg 135, 136; German Hasen­ fratz 148, 149, 151, 152, 206, 208, 267, 269, 271, 272, 274, 275, 276, 277, 278, 279, 280, 355; Bernhard Prillwitz 154, 155, 156, 157, 158; Manfred Beathalter 159, 160; F. F. Brauerei KG 163, 164;Jean Jerras 167, 168, 169, 170, 171, 172, 173; Ulrich Schnitzer 194, 196, 197, 198, 199, 202 unten, 204; Wolfgang Brotz 211, 212, 213; Christiana Steger 220; Renate Schey 240; Katharinenhöhe 241, 242, 243; Foto-Krieg 245,247; Foto Maier GmbH 249; Michael Witfer 252, 253, 254; Kreiskrankenhaus Donaueschingen 255; Nachsorge-Klinik Hohen­ stein 260, 263; tuttgarter Luftbild Elsäßer GmbH 266; RalfRoth 285; Hansjörg Hall 287 oben links; Erwin K.ienzler 311; Erwin Eberwein 315, 316; Rupprecht Lucke 320; Paul Müller 327, 328; Heimatmuseum Villingen-Schwenningen 330, 332, 335. 362 Repro-Service Kötz, Villingen-Schwenningen.

Die Autoren unserer Beiträge AJbicker,Josef, 78183 Hüfingen-Hausen vor Wald (verst.) Armbruster, Annemarie, Prälat-Fries-Straße 11, 78098 Triberg Barthillat, lsolde, Obertal 29, 78120 Furtwangen-Rohrbach Barthillat, Jacques, Obertal 29, 78120 Furtwangen-Rohrbach Sender, Bruno, Friedenstraße 18, 78136 Schonach Benzing, Karl, Rottweiler Straße 84, 78056 Villingen-Schwenningen Billing, Horst, Direktor des Arbeitsamtes Villingen-Schwenningen, Lantwattenstraße 2, 78050 Villin­ gen-Schwenningen Blessing, Gerhard, Floriweg 6, 78052 Villingen-Schwenningen, Stadtbezirk Herzogenweiler Bökenkamp, Renate, Redakteurin, Schwarzwaldstraße 4, 78112 St. Georgen Braun, Bruno, Tannheimer Straße 24, 78166 Donaueschingen-Wolterdingen Bühl, Hartmut, Oberst i. G., 36, Rue du General Offenstein, F-67100 Strasbourg Sülle, Wolfgang, Hindenburgstraße 16, 79183 Waldkirch Conradt, Uwe, Friedrichstraße 36, 78073 Bad Dürrheim Dieterle, Jörg, Landesgartenschau GmbH, Luisenstraße 4, 78073 Bad Dürrheim Dold, Wilfried, Waldstraße 13, 78147 Vöhrenbach Fischer, Annemarie, Schuraer Straße 2, 78056 Villingen-Schwenningen, Stadtbezirk Weigheim Forster, Ingrid, Schleicherstraße 4, 78050 Villingen-Schwenningen Fritschi, Käthe, Karl-Bromberger-Straße 5, 78183 Hüfingen Frohs, Bernd, Teckstraße 5, 78056 Villingen-Schwenningen Göppert, Hans, Robert-Gerwig-Straße 22, 78141 Schönwald Goerlipp, Georg, Hindenburgring 10, 78166 Donaueschingen Gojowczyk, Rainer, Hegistraße 19, 78166 Donaueschingen-Aasen Groß, Helmut, Am Schwalbenhaag 1, 78048 Villingen-Schwenningen Gülke, Dr. Christian, Zentrale Anästhesie-Abteilung, Kliniken der Stadt Villingen-Schwenningen Günzler, Dr. Rainer, Wilhelm-Schickard-Straße 10, 78052 Villingen-Schwenningen Gutknecht, Dr. Rainer, Landrat, Am Hoptbühl 2, 78048 Villingen-Schwenningen Haas, Berthold, Architekt Dipl.-Ing., Gewerbehallestraße 10, 78112 St. Georgen Häfele, Dr. Hansjörg, Staatssekretär a. D., Bauschengasse 17, 78073 Bad Dürrheim Hagmann, Gerhard, Bürgermeister, Luisenstraße 4, 78073 Bad Dürrheim Haller, Johann, Buchenberger Straße 30, 78126 Königsfeld Heidinger, Werner, Oberregierungsrat, Geschwister-Scholl-Straße 22a, 78166 Donaueschingen Henckell, Jürgen, Schriftsteller und Grafiker, Buchbergstraße 3, 78176 Blumberg Henker, Lars, Lantwattenstraße 2, 78050 Villingen-Schwenningen Hermanns, Martin, Oberer Sonnenbühl 23, 78052 Villingen-Schwenningen, Stadtbezirk Pfaffenweiler Herr, Horst, Realschulrektor, lgnatz-Schöller-Straße 1, 78098 Triberg Hettich, Peter, Lindenstraße 11, 78050 Villingen-Schwenningen Hohloch, Werner, Geschwister-Scholl-Straße 29, 78166 Donaueschingen Huber-Wintermantel, Susanne, M. A., Bräunlinger Straße 6, 78183 Hüfingen Huger, Werner, Oberstudiendirektor i. R., Färberstraße 1, 78050 Villingen-Schwenningen Hupfer, Hermann, Architekt Dipl.-Ing., Lohrstraße 7, 78052 Villingen- chwenningen, Stadtbezirk Rietheim Jacobs, Dr. Friedrich, Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, Sternwaldstraße 14, 79102 Triberg Jäckle, Alexander, Bergstraße 10, 78098 Triberg Kalb, Roland, Albstraße 7, 78083 Dauchingen Kaiser, Johannes, Weiberstraße 13, 78050 Villingen-Schwenningen Keintzel, Gusta, Im Tuppens 8, 26632 Ihlow-Westerende Kienzler, Erwin, Grubweg 15, 78136 Schonach Klepper, Dieter, AJbbLickweg 1, 78112 St. Georgen Kropfreiter, Engelbert, Tuttinestraße 12, 78199 Bräunlingen Kubach, Dr. Rudolf, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer, Romäusring 4, 78050 Villingen-Schwenningen Lamka, Arthur, Reuterstraße 155, 51465 Bergisch Gladbach Lauterwasser, Erwin, Forstpräsident, Forstdirektion Freiburg, Bertoldstraße 43, 79098 Freiburg Leibold, Wilfried, Tuninger Straße 3, 78056 Villingen-Schwenningen, Stadtbezirk Mühlhausen Letule, Hans, Dipl-.Ing., Rathausstraße 14, 78086 Brigachtal Maier, Stephan, Katharinenhöhe, Oberkatzensteig II, 78141 Schönwald 363

Maiwald, Klaus, Bahnhofstraße 85/1, 71282 Hemmingen Mengesdorf, Gerhard, Ginsterweg 78, 78112 St. Georgen Mink, Dieter, Fichtenstraße 4, 78078 Niedereschach Müller, Hans, Martin-Reinemann-Straße 3, 78176 Blumberg Murr, Eugen, Angerweg 5, 78166 Donaueschingen Neugart, Elisabeth, Langstraße 4, 78050 Villingen-Schwenningen Opp, Margot, Weierweg 10, 79lll Freiburg Petereit, Thomas, Champagnolestraße 37, 78244 Gottmadingen Prillwitz, Bernhard, Schwimmbadstraße l, 78176 Blumberg Reichmann, Antonia, Kunsthistorikerin M. A., Auf der Staig 42, 78166 Donaueschingen Reimer, Dietrich, Kiefernweg 34, 78176 Blumberg Reinartz, Dr. Manfred, Beroldingerstraße 27, 78078 Niedereschach Renn, Wendelin, tädt. Galerie, Friedrich-Ebert-Straße 35, 78054 Villingen-Schwenningen Rimmele, Emil, Bürgermeister i. R., Ludwig-Uhland-Straße 8, 78141 Schönwald Schade, Konrad, Redakteur, Schillerstraße 10, 78048 Villingen-Schwenningen Schäller, Dr. Gerhard, Sindelfinger Straße 49, 72070 Tübingen Schafbuch, Gottfried, Hüfingen (verst.) Schnibbe, Prof. Klaus, Ilbenstraße 50, 78120 Furtwangen Schreger-Benz, Doris, Föhrenweg 7, 78078 Niedereschach Schultheiß, Jochen, Blauenweg 25, 78112 St. Georgen Schwab, Klaus, Zemberweg 26, 78052 Villingen-Schwenningen, Stadtbezirk Marbach Siebold, Rudolf, Kirchweg 10, 78073 Bad Dürrheim Siegert, Wolfgang, Ludwigstraße 1, 78098 Triberg Steger, Christiana, Birkenweg 8, 78176 Blumberg Starz, Klaus, Güterbahnhofstraße 1, 78048 Villingen-Schwenningen Stromheck, Rosemarie, Freifrau von, Sandsteinweg 33, 78078 Niedereschach Sturm, Dr.Joachim, Baarstraße 12, 78166 Donaue chingen-Pfohren Vogt, Alfred, Bürgermeister i. R., Bergstraße 20, 78098 Triberg Vogt, Josef, Hauptstraße 17, 78086 Brigachtal Volk, Karl, Untertal 19, 78098 Triberg-Gremmelsbach Wagner, Lothar, Im Tal 17, 78JJ2 St. Georgen-Langenschiltach Wolfert, Karl-Josef, Langes Gewann 15, 78052 Villingen-Schwenningen, Stadtbezirk Pfaffenweiler 364

Inhaltsverzeichnis Impressum Ehrenliste der Freunde und Förderer Heimat und die Menschen / Landrat Dr. Rainer Gutknecht Aus dem Kreisgeschehen Kreispolitik 1994 / Landrat Dr. Rainer Gutknecht Polizei mit Kreiswappen Altlandrat Dr. Robert Lienhart wurde 85 Jahre alt Keine Standortsuche mehr für eine Sondermülldeponie in Tuningen/Talheim Frühling / Gedicht von Margot Opp Unsere Städte und Gemeinden, Wappen Rietheim / Dr. Joachim Sturm Es Laibli / Gedicht von Elisabeth Neugart Das Wappen von Rietheim / Prof. Klaus Schnibbe Langenschiltach / Dr.Joachim Sturm Das Wappen von Langenschiltach / Prof. Klaus Schnibbe Schlechte Troscht / Gedicht von Gottfried Schafbuch Hondingen / Hans Müller Das Wappen von Hondingen / Prof. Klaus Schnibbe Das Wappen der Stadt Vöhrenbach / Prof. Klaus Schnibbe Schulen und Bildun_gseinrichtungen 30 Jahre Landesberufsschule für das Hotel- und Gaststättengewerbe in Villingen / Josef Vogt 25 Jahre Realschule Triberg / Horst Herr Wirtschaft und Gewerbe Wirtschaftsfaktor Tourismus/ Dr. Rudolf Kubach „Eine Region in Not“ – der Arbeitsmarkt im Schwarzwald-Baar-Kreis I Horst Billing und Lars Henker Institut für Mikro- und Informationstechnik in Villingen-Schwenningen – Ernst Reinhardt GmbH – Ein Villinger Maschinenbauunternehmen mit Neue Technologien für die Region?/ Dr. Rainer Günzler weltweiten Verbindungen / Klaus Storz Firma AZ-Armaturen GmbH & Co. KG in Mönchweiler – Hersteller von Sonderarmaturen / Emil Rimmele Sto AG – Das Stühlinger Unternehmen investierte 30 Millionen in sein neues Werk in Donaueschingen / Thomas Petereit Siedle-Warmpreßteile, Vöhrenbach/ Wilfried Dold E. Wehrle GmbH, Präzisionstechnik, Furtwangen – ein erfolgreiches Unternehmen seit mehr als 150 Jahren / Isolde BarthiUat Vor 50 Jahren – Erinnerungen an den Luftkrieg Bombenangriffe auf Schwenningen / Karl Benzing Luftkrieg und Bomberabstürze in Obereschach und Niedereschach / Werner Huger Persönlichkeiten der Heimat Der Finanzwissenschaftler Prof. Dr. Heinz Haller 80 Jahre alt – Ein bedeutender Sohn Schwenningens / Staatssekretär a. 0. Dr. Hansjörg Häfele Der Kirchturm / Gedicht von Margot Opp Generalleutnant Helmut Willmann – Noch heute mit Bräunlingen verbunden / Oberst i. G. Hartmut Bühl Dr. med. Peter Graf zu Dohna – Der langjährige Chefarzt der Medizinischen Klinik Schwenningen ist in den Ruhestand getreten / Dr. Christian Gülke Martin Wentz – Vielseitig aktiv als Land- und Forstwirt sowie Kommunalpolitiker/ Gerhard Mengesdorf 1 2 3 4 6 7 11 12 13 15 17 18 21 21 22 24 25 27 31 34 35 43 49 52 55 59 63 68 74 80 81 82 84 87 365

Martha Held -Schwester aus Leidenschaft / Annemarie Fischer Pia Brenner -Ein Leben im Dienst für den Nächsten / Gusta Keintzel Der Blumenstrauß / Gedicht von Christiana Steger Otto Maier -Ein sachkundiger und unermüdlicher Anwalt der Landwirtschaft/ Klaus Schwab Das Gras / Gedicht von Magrot Opp Emil Schafbuch -Er hat sich mit seinen Fähigkeiten in das Gemeindeleben eingebracht/ Käthe Fritschi Karl Wiehl -Im Dorf verwurzelt -dem Umland verbunden/ Wilfried Leibold In memoriam -Mohrenwirt Albert Weisser -Er gestaltete das Gemeindeleben über vier Jahrzehnte mit/ Dieter Mink Oskar Steiger -Seine Liebe gilt der Mu ik und Mathematik/ Christiana Steger Erwin Mayer -ein Schulmann mit Idealismus / Käthe Fritschi Erinnerungen an Fritz Schultheiß / Jochen Schultheiß Die Geschwister Barth aus Riedöschingen oder: Die Kompromißbach-Musikanten / Jürgen Henckell Horst Klink -Ein Feuerwehrmann mit Geschichtsinteres e / Renate Bökenkamp Heiteres aus dem Klosterleben St. Ursula Frau M. Lidwina Wang, 1901-1988 / Helmut Groß Katzenfete auf dem Klosterdach / Gedicht von Helmut Groß Lyrik von Christiana Steger Kirchen Geliebt und unvergessen -Klemens Maria Hofbauer -Der große Heilige wirkte in Triberg / Alexander Jäckle P.Florin (Alfons) Volk/ Karl Volk Die Fürstliche Gruftkirche von Theodor Dibold in Neudingen / Antonia Reichmann M. A. Wie Langenschiltach zu seiner Kirche kam / Lothar Wagner Die St. Konradskirche von Rietheim wurde erweitert und renoviert/ Hermann Hupfer Vor 25 Jahren gestorben: Augustin Kardinal Bea Die Feierlichkeiten aus Anlaß des 25. Todestages von Augu tin Kardinal Bea in Riedböhringen I Käthe Fritschi Das Kardinal-Bea-Museum in Riedböhringen / Käthe Fritschi Museen Fürstlich-Fürstenbergische Sammlungen in Donaueschingen -Maria Verkündigung – Annuntiatio, Luk. l, 26-38 / Martin Hermann Das Hüfinger Stadtmuseum für Kunst und Ge chichte / Käthe Fritschi Das Blumberger Eisenbahnmuseum / Dietrich Reimer In Donaueschingen: Max-Rieple-Archiv -Leben und Werk des bekannten Schriftstellers werden wachgehalten / Ar.�hur Lamka Das Brauerei-Museum der FURSTENBERG-Brauerei / Werner Hohloch Baudenkmäler, Ortssanierung Die Grusen-Villa in Schwenningen -Der Bau dokumentiert wirtschaftliche Prosperität / Dr. Friedrich Jacobs Die Villa Dolly in Donaueschingen / Georg Goerlipp Die „Alte Färbe“ in Furtwangen wurde saniert / Jacques Barthillat Altes Haus mit neuem Sinn -Das „Werk-und Veremshaus“ in Klengen, Gemeinde Brigachtal / Bruno Braun Ein Kleinod in der Baar: ,,’s groß Hus“ in Biesingen -Der Altvogtshof stammt aus dem Jahre 1738 / Rudolf Siebold Jahreszeiten / Gedicht von Christiana Steger Die Schloßmühle im Glasbachtal / Johann Haller 366 89 91 92 93 94 95 97 98 101 103 105 106 108 111 114 115 116 121 123 127 130 134 137 144 147 153 158 162 166 174 178 181 185 186 187

Kreuze im Schwarzwald-Baar-Kreis Das Bärenkreuz zwischen Hubertshofen und Bubenbach / Engelbert Kropfreiter Das Gickelekreuz von Fützen / Bernhard Prillwitz Erinnerungen an den Bregtäler / Gedicht von Eugen Murr Probleme / Gedicht von Christiana Steger Der Schwarzwald-Baar-Kreis in Farben (Einlage) De Bärneder (= Barometer) / Gedicht von Gottfried Schafbuch Alte Schwarzwaldhöfe Der Obere Gschwendhof in Gütenbach / Berthold Haas Kunst und Kultur Albert Hien – Der Künstler der beiden Kunstwerke am Landratsamt: ,,Kuckucksuhr“ und „Baar-Teller“ / Uwe Conradt Zeitgenössische Kunst in der Fabrik – Vom „Gesicht“ der Schwenninger Firma Carl Hornung (1876-1969) – Maler und Bräunlinger Ehrenbürger I Benzing Zeit und Daten / Wendelin Renn Susanne Huber-Wintermantel M. A. Kind und Kunst / Jürgen Henckell Brauchtum Hermann Schlenker – Ein weltläufiger Schwenninger vermittelt als Filmproduzent den Zugang zu fremden Kulturen und einheimischem Brauchtum / Rosemarie Freifrau von Strombeck der Tracht im 19. Jahrhundert / Susanne Huber-Wintermantel M. A. Die Trachtendarstellungen Lucian Reichs – Zugleich ein Beitrag zur Dokumentation Göttebriefe – Geschrieben und gemalt für das Leben und das Leben danach / Dieter Klepper bundeni hoor / Gedicht von Johannes Kaiser Der Herbst / Gedicht von Margot Opp Sagen der Heimat Burg Zindelstein / Gerhard Blessing Der Mord auf dem Längeschloß I Bernhard Prillwitz Gesundheit, Soziales Die Katharinenhöhe – Eine Modelleinrichtung der Arbeiterwohlfahrt, Bezirksverband Baden e. V., entwickelt ein wegweisendes Konzept im Gesundheitswesen / Stephan Maier Parkinson-Pilotprojekt Königsfeld / Wolfgang Bülle Ein kleines Krankenhaus mit einem großen Namen – Seit 23 Jahren besteht das Krankenhaus Furtwangen / Konrad Schade Luftrettung im Schwarzwald-Baar-Kreis hat sich bewährt / Rainer Gojowczyk Neuer Computertomo�raph für das Kreiskrankenhaus Donaueschingen Das Don-Bosco-Heim m Furtwangen – Mehr als nur ein Jugendwohnheim / Isolde Barthillat Vom Kaufmanns-Erholungsheim Badener Hof zur Nachsorge-Klinik Hohenstein Triberg/ Alfred Vogt und Wolfgang Siegert Landesgartenschau 1994 in Bad Dürrheim Stadt Bad Dürrheim – Landesgartenschau 1994 – ein großartiges Erlebnis / Landesgartenschau 1994 in Bad Dürrheim vom 29. April bis 9. Oktober/ Jörg Dieterle Herbscht / Gedicht von Johannes Kaiser Gerhard Hagmann Landschaft, Heimische Tierwelt Einklang zwischen Naturschutz, Erholung und Wintersport am Rohrhardsberg – ein Modellprojekt / Forstpräsident Erwin Lauterwasser 1 89 190 192 192 193 194 205 210 215 218 221 225 232 236 236 237 239 241 245 248 252 255 257 260 266 268 281 282 367

Die Wutach / Roland Kalb Der Wildpflanzenpark Unterkirnach – ein ökologisches Parkkonzept/ Klaus Maiwald Wetter / Christiana Steger Betrachtungen und Beobachtungen über das Rehwild / Erwin Kienzler An der Wasserscheide Gutach und Elz – Der abflußlose „Blindensee“ bei Schonach / Bruno Bender Fossiliensammeln im Schwarzwald-Baar-Kreis / Bernd Frohs Naturdenkmäler im Schwarzwald-Baar-Kreis / Werner Heidinger Alte Obstsorten in Brigachtal wiederentdeckt/ Hans Letule Vorfrühling – Vorherbst / Gedichte von Josef Albicker Mi Bitt‘ a dech / Gedicht von Gottfried Schafbuch Tourismus Das Radwegegrundnetz Baden-Württemberg im Schwarzwald-Baar-Kreis – jetzt auch gut beschildert – Ein Baustein für den sanften Tourismus / Dr. Gerhard Schäller Gastronomie Beliebtes Ausflugsziel im Groppertal – Gasthaus .Forelle“ / Ingrid Forster Der Schwenninger Gasthof .Zum Rößle“ -Jahrzehnte hindurch kultureller Mittelpunkt von Schwenningen / Dr. Manfred Reinartz Baden-württembergische Jugendmeisterschaften in den gastgewerblichen Ausbildungsberufen – Landesberufsschule für das Hotel- und Gaststättengewerbe bringt immer wieder Deutsche Meister hervor/ Karl-Josef Wolfert Zwei internationale Service-Wettbewerbe in Bad Dürrheim Kriesiärn i de Boor / Gedicht von Gottfried Schafbuch Sport Christof Duffner – Olympia-Gold für einen Schönwälder Skispringer/ Hans Göppert Schonacher HansjörgJäkle: Karriere mit Hindernissen – Steiniger Weg zum Olympia- Mannschaftsgold in Lillehammer / Peter Hettich Schach matt – aber nicht für Bogoljubow – In Triberg ist der Schachgroßmeister nicht vergessen / Renate Bökenkamp Prosa und Lyrik aus unserer Heimat Als Großmutter noch lebte / Annemarie Armbruster Eines Morgens / Karl Volk Wilhelm Hausenstein und Triberg – Die Erwähnung Tribergs in seinem umfangreichen literarischen Werk/ Karl Volk Die Sage vom „Hölzlekönig“ / Doris Schreger-Benz De Herrgottsdag / Gedicht von Gottfried Schafbuch Gedichtseite / Johannes Kaiser Verschiedenes Personen und Fakten Orden, Medaillen Arbeitslose in Prozentzahlen Bevölkerungsentwicklung im Schwarzwald-Baar-Kreis Ausländer in Zahlen Endgültige Ergebnisse der Europawahl am 12.Juni 1994 im Schwarzwald-Baar-Kreis Ergebnis der Kreistagswahl vom 12. Juni 1994 Farbaufnahmen und Fotonachweis Die Autoren unserer Beiträge Inhaltsverzeichnis 368 290 298 305 306 310 312 317 319 321 322 323 327 329 338 339 340 341 343 345 348 350 351 353 355 357 358 359 359 360 360 361 361 362 363 365

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Almanach 1994 https://almanach-sbk.de/almanach-1994/ Fri, 20 Dec 2019 12:03:55 +0000 https://almanach-sbk.de/almanach-1994/

Almanach 94 Schwarzwald-Baar-Kreis Heimatjahrbuch des Schwarzwald-Baar-Kreises 18. Folge Herausgeber: Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis Redaktion: Dr. Rainer Gutknecht, Landrat Dr. Joachim Sturm, Kreisarchivar Karl Volk, Realschuloberlehrer Für den Inhalt der Beiträge sind die jeweiligen Autoren verantwortlich. Nachdrucke sind nur mit Einwilligung der Redaktion und unter Angabe der Fundstelle gestattet. Verlag, Druck und Gestaltung: Todt-Druck GmbH, Villingen-Schwenningen

Ehrenliste der Freunde und Förderer des Almanach 1994 ANUBA-Beschläge X. Heine & Sohn GmbH, Donaueschinger Straße 2-6, Vöhrenbach Vermessungsbüro Dipl.-Ing. Viktor Mandolla, Villingen-Schwenningen Auer + Weber, Freie Architekten Dipl.-Ing. BDA, Königsträßle 2, Stuttgart-Degerloch Dr. Hanno Augstein, Hüfingen Bad Dürrheimer Mineralbrunnen GmbH + Co. Heilbrunnen, Bad Dürrheim Baden-Württembergische Bank AG, Filiale Villingen-Schwenningen MEKU Metallverarbeitungs-GmbH, Dauchingen Leopold Messmer, Dipl.-Ing. FH, Freier Architekt, Bühlhofstraße 8, Furtwangen MODUS Gesellschaft f. berufliche Bildung GmbH, Vöhrenbach Dr. med. Paul Obergfell, Villingen-Schwenningen Alfred Bausch, Rosen-Apotheke, Blumberg Dr. Peter Pfaff, Villingen-Schwenningen Barbara und Albert Buchholz, Albany, N.Y., USA Guido Rebholz, Architekt, Zehntstraße !, Bad Dürrheim lng.-Büro für Haustechnik Budde & Oberle, Ostbahnhofstraße, Villingen-Schwenningen Burger Industriewerk GmbH & Co. KG, Schonach EGT Elektrotechnik GmbH, Steinkreuzweg 6/1, Villingen-Schwenningen Claus Eller, Zahnarzt, Neue Heimatstraße 2, Vöhrenbach Helmut W. Falk, Wirtschafts- und Unterneh­ mensberater, Fürstenfeldbruck Emil Frei GmbH & Co., Lackfabrik, Bräunlingen-Döggingen Lars Frykman, Zahnarzt, Vor Weiden 25, Blumberg S. D. Joachim Fürst zu Fürstenberg, Donaueschingen Walter Glatz, Blumberg Dipl.-Ing. Theo Greiner, Bodelschwinghstr. 22, Donaueschingen Dr. med. Egon Hochmann, Triberg Hock GmbH, Schönwald-Triberg Institut Dr. Jäger, Friedrichstraße 9, Villingen-Schwenningen Kraftwerk Laufenburg, Laufenburg Kundo-SystemTechnik, St. Georgen ERNST REINER GmbH & Co. KG, Furtwangen RICOSTA GmbH & Co. Schuhfabriken, Dürrheimer Straße 43, Donaueschingen Dipl.-Ing. Eckart Rothweiler, Freier Architekt, Donaueschingen SCHMIDT Feintechnik GmbH, St. Georgen S. Siedle & Söhne Telefon- und Telegrafenwerke Stiftung & Co., Bregstraße !, Furtwangen Sparkasse Donaueschingen Sparkasse Villingen-Schwenningen mit Hauptanstalt in Villingen, Zweiganstalten in Schwenningen, St. Georgen und Triberg, Haupt­ zweigstellen in Bad Dürrheim, Königsfeld, Schonach und Vöhrenbach und weiteren 48 Geschäftsstellen Günther Stegmann, Donaueschingen STRAUB-Verpackungen GmbH, Bräunlingen TRW Motorkomponenten GmbH & Co. KG, Präzision im Motor, Blumberg Buchhandlung F. K. WIEBELT, Bickenstraße 6-8, Villingen-Schwenningen Dr. med. Fritz Wilke, Villingen-Schwenningen Johann Wintermantel Verw. GmbH & Co. KG, Kies- und Betonwerke, Donaueschingen Gertrud Zeitler, Königsfeld Liapor-Werk, Tuningen Udo Zier GmbH, Verpackungen, Furtwangen MAICO Elektroapparate-Fabrik GmbH, Steinbeisstraße 20, Villingen-Schwenningen 9 weitere Freunde und Förderer des Almanach wünschen nicht namentlich genannt zu werden. 2

Heimat und Europa Dem Heimatjahrbuch des Schwarzwald-Baar-Kreises 1994 zum Geleit Mit dem am 1.Januar 1993 in Kraft getretenen Europäischen Binnenmarkt, der für 340 Millionen Europäer die zwischen den Ländern der Europäischen Gemeinschaft noch bestandenen Zollschranken aufhob, sind wir der Schaffung eines geeinten Europas wieder einen Schritt näher gekommen. Weitere Ziele sind die Wirtschafts- und Währungsunion und schließlich die Politische Union. Auch bei uns in Deutschland gibt es Diskussionen, die Unbehagen über das Tempo der europäischen Einigungsbemühungen zum Ausdruck bringen. Was soll aus Europa werden? Ein Bundesstaat oder ein loserer Staatenbund? Wird die künftige europäische Währung stabil sein? Eine weitere Befürchtung ist, daß ein zentralistisches Europa entsteht, das in großen anonymen Organisationen alles bis in die kleinsten Einzelheiten regeln will und der Bezug zu den Besonderheiten der einzelnen Länder verloren geht. Die Angst, im Blick auf Europa heimatlos zu werden, ist nicht nur auf einige wenige beschränkt. Wir wünschen, daß die europäische Einigung gelingt. Das wiedervereinigte Deutschland ist in dieses Ziel fest eingebunden. Aufgrund seiner geographischen Lage befindet sich Deutschland in einer Art Brückenfunktion zu den Ländern des europäischen Ostens. Die europäische Einigung erschöpft sich nicht nur in gemeinsamer Wirtschaftspolitik, sondern ist vor allem auch in der gemeinsamen europäischen Kultur begründet. Nur wer fest in seiner Heimat verwurzelt ist, kann auch für Europa aufgeschlossen sein. Heimat ist zunächst der engere Lebensraum, aber auch das Vaterland. Es ist kein Wider­ spruch, Deutscher und gleichzeitig ein überzeugter Europäer zu sein. In dieser Zeit kommen viele Menschen aus anderen Kulturkreisen zu uns, die in unserem Land und somit auch in Europa Heimat und Geborgenheit suchen. Damit sind nicht selten schwierige rechtliche und persönliche Probleme verbunden. Totz der schlimmen Ereignjsse, die uns bedrücken, sollen unsere ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger wissen, daß der weitaus größte Teil unserer Bevölkerung bestrebt ist, ihnen mit Mitmenschlichkeit zu begegnen. Das Heimatjahrbuch möchte durch seine Beiträge die Verbindung zum Schwarzwald­ Baar-Kreis wecken und befestigen, aber auch den Blick über unsere engeren Grenzen hinaus weiten. Das Leben im Schwarzwald-Baar-Kreis spielt sich nicht auf einer „Insel der Seligen“ ab, sondern ist in das Geschehen europa- und weltweit eingebunden. Ich rufe alle Mitbürgerinnen und Mitbürger auf, den europäischen Gedanken zu pflegen und besonders unsere Jugend für ein friedliches Miteinander in Europa zu begeistern! Ich danke auch in diesemJahr unseren Freunden und Förderern, die erneut die Herausgabe eines preiswerten Bandes ermöglicht haben. Möge auch die neue 18. Folge die Einwohner des Landkreises und viele Freunde in Europa und aller Welt erfreuen! Dr. Rainer Gutknecht Landrat 3

Aus dem Kreisgeschehen 20 Jahre Schwarzwald-Baar-Kreis Aus Anlaß des I0ahrigen Bestehens des Schwarzwald-Baar-Kreises wurde im Almanach 1982, Seilen 4 – 6, eine Zwischenbilanz gezogen. Der nachfolgende Beitrag gibt aus Anlaß des 20;ahrigen Jubiläums des Schwarzwald-Baar­ Kreises einen Rück- und Ausblick. Der am 1.1.1973 durch die kommunale Gebietsreform errichtete Schwarzwald-Baar­ Kreis hat sich in den letzten 20 Jahren zu einem stattlichen „Jüngling“ entwickelt. Die zurückliegenden Aufbaujahre waren zwar nicht immer einfach, wurden aber alles in allem gut genutzt. In die nüchterne Verwal­ tungssprache übertragen heißt dies, daß der Schwarzwald-Saar-Kreis seinen Aufgaben nachgekommen ist. Rückblick Tm Vordergrund unserer Bemühungen im Investitionsbereich standen viele Jahre die Bauvorhaben im Schulbereich. Diese Auf­ gabe beschäftigt uns bis zum heutigen Tage. Die Beruflichen Schulen in der Träger­ schaft des Landkreises wurden an den Stand­ orten Villingen-Schwenningen und Donau­ eschingen ausgebaut. Im Bau befinden sich die Beruflichen Schulen in Furtwangen, die zusammen mit dem Land Baden-Württem­ berg neu errichtet werden. Unsere Bemühungen galten auch dem Ausbau des Sonderschulwesens. Die Son­ derschule für Geistigbehinderte im Stadtbe­ zirk Villingen (Carl-Orff-Schule) war die erste Schule, die der neue Landkreis gebaut und vollendet hat. Ein besonderes Anliegen war uns der Bau der Schule für Körperbehin­ derte. Der provisorische Anfang war in einer kreiseigenen Schule in den 70er Jahren in St. Georgen, der Neubau wurde im Jahre 1985 im Stadtbezirk Villingen erstellt. Die 4 jetzt in der Trägerschaft der drei Landkreise Rottweil, Schwarzwald-Saar und Tuttlingen stehende Schule wurde um den Therapiebe­ reich (Turnhalle und Therapiebecken) erwei­ tert. Voraussichtlich in der zweiten Jahres­ hälfte 1993 wird mit der Sanierung des Mis­ sionskonviktes in Donaueschingen begon­ nen, in das die in Donaueschingen beste­ hende Schule für Geistigbehinderte (Karl­ Wacker-Schule) untergebracht werden soll. Wenn die genannten Schulbauprojekte abgeschlossen sein werden, wird der Land­ kreis den Betrag von 128 Mio. DM (brutto), nach Abzug der Landeszuschüsse 81 Mio. DM (netto), in den Schulbau investiert haben. Neu kam auf den Landkreis die Abfallbe­ seitigung zu. Wenn ich gefragt werde, wel­ che Aufgabe uns in den zurückliegenden 20 Jahren am meisten beschäftigte, dann ist die Antwort eindeutig: Es war der Abfall! Schon Anfang der 70er Jahre war es nicht ein­ fach, ein Deponiegelände zu finden. Auch in Tuningen gab es Widerstand. Zum Glück haben wir in Tuningen (später in Talheim) und in Hüfingen bis ins nächste Jahrtausend noch Deponiegelände. Trotz Vermeidung und Wiederverwertung von Müll wird ein Restmüllaufkommen übrig bleiben, das thermisch behandelt werden muß (Müll­ verbrennung oder auf der Grundlage des Thermo-Select-Verfahrens). Mit den Nach­ barkreisen Rottweil und Tuttlingen wollen wir dieses Problem gemeinsam angehen und hoffentlich auch lösen. Ein weiterer Schwerpunkt im Investiti­ onsbereich war der Kreisstraßenbau. Er ist Rechts: Impressionen in Batik: Blick vom neuen Kreishaus auf den Stadtbezirk Villingen Helga Rudo!fAstfäller

die einzig flächendeckende Baumaßnahme im Landkreis. In den Jahren von 1973 bis 1993 haben wir hierfür 110 Mio. DM (brutto) und 55 Mio. DM (netto) ausgegeben. Mehr und mehr traten hierbei ökologische Ge­ sichtspunkte in den Vordergrund. Die größte Einzelinvestition in der Grö­ ßenordnung von 46 Mio. DM ist das neue Landratsamt auf dem Hoptbühlgelände im Stadtbezirk Villingen. Das Kreishaus ist der bauliche Mittelpunkt des Landkreises und eine städtebauliche Bereicherung von Villin­ gen-Schwenningen. Der Bau selbst ist in sei­ ner Konstruktion von Glas und Holz sowie in seiner Durchsichtigkeit unverwechselbar. Das Gebäude hat sich in der relativ kurzen Zeit seiner Benutzung in jeder Weise be­ währt. Der Landkreis bemühte sich in den ver­ gangenen 20 Jahren, auch seinen laufenden Verpflichtungen nachzukommen: Erwäh­ nen möchte ich im klassischen Aufgaben­ bereich des Landratsamts als Untere Ver­ waltungsbehörde das Straßenverkehrsamt sowie das Bauamt. Weniger bekannt in der Öffentlichkeit sind die Aufgaben des Landkreises als örtlicher Träger der Sozial­ und Jugendhilfe. Im Jahre 1993 geben wir für die soziale Sicherung 50 0/o des Verwal­ tungshaushaltes aus – und dies mit steigen­ der Tendenz! Dazu kamen neue Aufgaben: Hier ist nochmals das Thema Abfall zu nen­ nen, das uns außer in bezug auf die Beseiti­ gung auch unter dem Gesichtspunkt der Abfallwirtschaft mehr und mehr beschäf­ tigt. Neue Aufgaben sind ferner die Ver­ besserung des Öffentlichen Personen­ nahverkehrs (ÖPNV) und die Schüler­ beförderung. Ein weiterer Schwerpunkt war und ist die Förderung des Kreises im sozialen Bereich: In der offenen Altenhilfe unterstützen wir seit Jahren die Sozialstatio­ nen und in der stationären Altenhilfe kon­ zentrieren sich unsere Bemühungen auf die finanzielle Mithilfe zum Bau von Alten­ pflegeheimen und neuerdings auch auf die Bereitstellung von Kurzzeit- und Tages­ pflegeplätzen. 6 Am Beispiel der Sozialpolitik läßt sich der Übergang zum freiwilligen Tätigkeitsbe­ reich des Landkreises darstellen. Im Hin­ blick auf die demographische Entwicklung unserer Bewölkerung, d. h. die zunehmend höhere Lebenserwartung, muß der ambu­ lante Hilfebereich weiter ausgebaut werden, um den älteren Menschen möglichst lange den Aufenthalt in den eigenen vier Wänden zu ermöglichen. Zum sog. Freiwilligkeitsbe­ reich gehört auch die Tätigkeit des Landkrei­ ses im kulturellen Bereich. Unsere Kreis­ ergänzungsbücherei, die wir zusammen mit der Stadtbibliothek im Stadtbezirk Schwen­ ningen betreiben, erfordert Jahr für Jahr nicht unbeträchtliche Zuschüsse. Vor zwei Jahren wurde das Kreisarchiv errichtet. Zu­ schüsse gibt der Landkreis ferner zur Förde­ rung der Denkmalpflege, der Volkshoch­ schulen sowie der Musikschulen. Die Lei­ stungen des Landkreises auf diesem Gebiet mußten sich in verhältnismäßig engen Gren­ zen bewegen, da die beschränkten finanziel­ len Mittel mehr nicht zuließen. Aus dem eben dargestellten Aufgabenbe­ reich des Landkreises folgt, daß der Land­ kreis als Verwaltungsebene heute nicht mehr wegzudenken ist, ja, er wird immer wichtiger, vor allem im kreiskommunalen Bereich. Das neueste Beispiel aus unserem Landkreis ist die Rückdelegation des Einsammelns von Müll von den Gemeiden auf den Landkreis. Die Einsicht setzt sich immer mehr durch, daß eine einheitliche Durchführung beim Landkreis die bessere Lösung ist. Der Landkreis als kommunale Gebiets­ körperschaft ist heute gleichberechtigter Partner innerhalb der kommunalen Familie. Dies war nicht immer so. Lange Zeit kannte man den Landkreis vor allem als staatliche Verwaltungsebene, neben der der kommu­ nale Aspekt in den Hintergrund trat. Die letzten 20 Jahre haben auch bei uns eine Ver­ änderung zugunsten der kommunalen Auf­ gaben gebracht. Der Landkreis wird sein Bemühen fortsetzen, mit seinen Gemeinden zu emer fairen Aufgabenabgrenzung zu kommen.

Die Jubiläumsbetrachtung hat auch den Stand der Kreisintegration miteinzubezie­ hen. Die Ausgangslage hat zweierlei zu berück­ sichtigen: Der Schwarzwald-Baar-Kreis ist wie die anderen Landkreise ein künstliches Gebilde, d. h. mangels gewachsener Gren­ zen ist es oft schwierig, die Politik auf ein­ heitliche, kreisbezogene Ziele auszu­ richten. Im Schwarzwald-Baar-Kreis wurden im wesentlichen zwei früher selbständige Landkreise, nämlich Villingen und Donaueschingen, zusammengefügt. Erinnern wir uns an die Anfange vor 20 Jahren: Villingen-Schwenningen als auszubauen­ des Oberzentrum mußte in den Landkreis integriert werden. Gelegentliche Span­ nungen zwischen Stadt und Land mußten und müssen ausgehalten werden. Donaueschingen trauerte dem verlore­ nen Kreissitz nach. Das Nord-Süd-Gefalle, von dem man gelegentlich sprach, war im Grunde ein Problem des Zusammenwachsens der ehemaligen Kreise Villingen und Donaueschingen. Aus Anlaß des 85. Geburtstages von Herrn Altlandral Dr.Josef Astfäller gab Landrat Dr. Rainer Gutknecht am 2. Oktober 1992 im Landratsamt einen Empfang. Links im Bild der Jubilar. 7

Wie sieht es heute aus? Der Prozeß des Zusammenwachsens ist sicher nicht been­ det, aber man darf sicher auch feststellen, daß wir eine gute Wegstrecke zu diesem Ziel zurückgelegt haben. Gefragt ist auch hier Bescheidenheit: Die Integration des Land­ kreises wird immer loser sein, als die der Gemeinden, zu denen der Bürger immer ein engeres Verhältnis haben wird. Konkret auf unseren Landkreis bezogen kann man nach 20 Jahren feststellen: Villingen-Schwenningen ist der unbe­ strittene Mittelpunkt des Landkreises. Die ehemaligen Landkreise Villingen und Donaueschingen sind heute eine kommu­ nalpolitische Einheit im neuen Kreisge­ bilde. Der Zentralitätsverlust von Donaueschin­ gen ist mehr als ausgeglichen. Ab 1. 7. 93 ist Donaueschingen Große Kreisstadt und der bisherige Bürgermeister führt den Titel „Oberbürgermeister“. Es gibt auch ungelöste Aufgaben, die wir in die kommenden Jahre hinübernehmen. So bedaure ich die weithin zu beobachtende Unkenntnis über den Landkreis und seine Aufgaben, obwohl jahrelange Bemühungen mit entsprechender Öffentlichkeitsarbeit diesem Mangel abhelfen sollten. Unter dem Gesichtspunkt der Kreisinte­ gration sehe ich auch die Herausgabe von Kreisliteratur: Die Monographie über den Schwarzwald-Baar-Kreis, den Bildband (inzwischen in der 3. Auflage erschienen), den Kunstführer sowie das seit dem Jahre 1977 jährlich herausgegebene Heimatjahr­ buch (Almanach). Politische Unterschiede in den Auffassun­ gen über bestimmte kreispolitische Fragen wird es immer geben. Ja, ein Gremium wie der Kreistag lebt von der politischen Ausein­ andersetzung. Insgesamt gesehen geht es jedoch moderat zu. Das Bemühen um Sach­ lichkeit auf allen Seiten ist sicher eines der Kennzeichen unseres Kreistages. 8 Ausblick Wie geht es weiter? Ich bin sicher kein Prophet, aber soviel läßt sich sagen, daß in finanzieller Hinsicht einige schwierige Jahre auf uns zukommen werden. Im Investitionsbereich muß die laufende Bauinvestition für die Beruflichen Schulen in Furtwangen zu Ende geführt werden. Fer­ ner müssen wir die Sanierung der Sonder­ schule für Geistigbehinderte in Donau­ eschingen durchführen. Der Straßenbau wird sicher in den nächsten Jahren auf Spar­ flamme zurückgeführt werden müssen. Als Auswirkung der wirtschaftlichen Rezession werden die Ausgaben der Sozial­ hilfe einschließlich der Jugendhilfe weiter ansteigen. Auf der anderen Seite werden die Einnahmen geringer und zusammen mit den höheren Ausgaben zu einer kritischen Haushaltslage beitragen. Sparen ist angesagt! Und dies sicher in allen Bereichen. Ich habe jedoch die Zuversicht, daß bei gutem Willen und allseitigem Verständnis die kritischen kommenden Jahre bewältigt werden kön­ nen. Zum Ausblick gehören auch die Auswir­ kungen der landesweit geführten Diskussion um die Stärkung der Kreisebene. In die Land­ ratsämter sollen die Gesundheitsämter, die Veterinärämter sowie die Ämter für Wasser­ wirtschaft und Bodenschutz eingegliedert werden. Besonders um letzteres ist eine hef­ tige Diskussion entbrannt. Die Eingliede­ rung wäre – bei Aufrechterhaltung der For­ derung nach Kostenausgleich – m. E. die bessere Lösung, da die fachtechnische Prü­ fung und die Verwaltungsentscheidung in einer Behörde gebündelt würden, was letzt­ lich auch für den Bürger im Interesse der Beschleunigung des Verfahrens von Vorteil ist. Die Stellung der Landkreise wird auch von der Diskussion über den „Umlandver­ band Region Stuttgart“ berührt. Die Berei­ che Siedlungsentwicklung, Abfall, ÖPNV sowie weitere regionale Aufgaben, wie das Messewesen, sollen künftig vom Umland­ verband der Region Stuttgart wahrgenom-

men werden. Wenn auch für Stuttgart ein „Maßanzug“ geschneidert wird, wird dieses Modell auf die anderen Regionen m. E. Aus­ wirkungen haben. Ich bin zuversichtlich, daß, gleichgültig wie die Diskussion weitergeht, auf die Ver­ waltungsebene Landkreis nicht verzichtet Kreispolitik 1993 Der kreispolitische Rückblick auf das Jahr 1993 ist gekennzeichnet durch eine drama­ tisch zu bezeichnende Verschlechterung unserer finanziellen Lage. Die „goldenen Jahre“, wenn sie überhaupt da waren, sind zunächst einmal vorüber. Die finanziellen Schwierigkeiten sind nicht „hausgemacht“, sondern das Spiegelbild der sogenannten großen Politik. Auf der Ausgabenseite drük­ ken uns die im Vergleich zu 1992 um 20 0/o gewachsenen Kosten der Sozial- und Jugend­ hilfe, die der Landkreis aufzubringen hat. Die wirtschaftliche Rezession schlägt auf den Kreishaushalt insofern voll durch, als die arbeitslos gewordenen Mitbürgerinnen und Mitbürger – mit 8,2 0/o Arbeitslose (Stand: Juli 1993) haben wir nach dem Arbeitsamts­ bezirk Mannheim die zweithöchste Arbeits­ losenquote im Lande Baden-Württemberg­ nach Beendigung der finanziellen U nterstüt­ zung durch die Arbeitsverwaltung Anspruch auf Sozialhilfe haben. Bemerkenswert ist, daß auch die Ausgaben der Jugendhilfe zu den erheblichen Kostenüberschreitungen beitragen. Auf der anderen Seite bleiben die Einnah­ men weit hinter den zwangsläufigen Ausga­ ben zurück. Die Kosten der Deutschen Ein­ heit mindern auch die Einnahmen der kom­ munalen Haushalte. Dies und die rückläufi­ gen Steuereinnahmen machen auch unse­ rem Kreishaushalt zu schaffen. Sparen ist angesagt! Finanzielle Eingriffe, die weh tun, werden sich nicht vermeiden lassen. Auf diesem Hintergrund müssen wir finanziell kürzer treten. Die erste Auswir- werden kann. Sie hat sich in den vergange­ nen 20 Jahren bewährt. Bleibt zu wünschen, daß der Schwarz­ wald-Baar-Kreis eine weitere gute Ent­ wicklung nehmen möge! Landrat Dr. Rainer Gutknecht kung betraf den Beginn der Umbauarbeiten des Missionskonvikts in Donaueschingen, in das die Schule für Geistigbehinderte untergebracht werden soll. Anstatt im zeiti­ gen Frühjahr soll mit den Arbeiten erst in der zweiten Hälfte des Jahres 1993 begonnen werden. Die Kosten für den Umbau betragen voraussichtlich 5,98 Mio. DM. Die Bauarbeiten für die Beruflichen Schulen in Furtwangen, die in der Träger­ schaft des Landes Baden-Württemberg und des Schwarzwald-Baar-Kreises stehen, gehen planmäßig weiter. Das Richtfest konnte am 1. Juli 1993 begangen werden. Der Neubau wird voraussichtlich im Jahre 1994 in Betrieb genommen werden können. Erfreulich zu berichten ist, daß der Er­ weiterungsbau der Schule für Körperbe­ hinderte in Villingen-Schwenningen am 4. März 1993 eingeweiht werden konnte. In einem eigenen Beitrag dieser Ausgabe (vgl. Seiten 50-52) wird darüber berichtet. Als weitere Schwerpunkte der Kreispolitik 1993 soll die Fortentwicklung der Abfallwirt­ schaft, der Sozialpolitik und des Öffentli­ chen Personennahverkehrs (ÖPNV) fest­ gehalten werden: Abfallwirtschaft Die Entwicklung der Abfallwirtschaft hat 1993 erheblichen Schwung bekommen. Damit geht ein Rückgang des Auffüllvo­ lumens in 1993 um über 20 0/o gegenüber den Vorjahren einher. Ein weiterer deut­ licher Mengenrückgang ist absehbar. Die Verwertung von Bauschutt konnte in Zusammenarbeit mit der heimischen 9

Bauwirtschaft begonnen werden. Auf 3 Plätzen in Pfohren, Klengen und im Groppertal werden Bauabbruchmateria­ lien wieder aufbereitet und der neuerli­ chen bautechnischen Verwendung zuge­ führt. Auch gemischte Abfalle von Baustellen können inzwischen in einer Baumüllsor­ tieranlage soweit sortiert werden, daß nur unverwertbare Teilmengen auf den Depo­ nien abgelagert werden müssen. Nach vollständiger Umsetzung dieses Konzeptes können weitere 30 0/o des Abfallaufkommens von den Mülldepo­ nien des Kreises in Verwertungsbahnen umgeleitet werden. Auch die Einführung des Dualen Systems hat zu wesentlichen Fortschritten geführt. In jeder Kreisgemeinde steht inzwischen für rund 500 Einwohner ein Container­ standort zur Verfügung. Dazu hat jeder Haushalt die Möglichkeit, seine Verpak­ kungsabfalle durch Nutzung des „Gelben Sackes“ der Verwertung zuzuführen. Das Engagement der Bürger ist so groß, daß die erwarteten Sammelmengen um rund 40 0/o übertroffen werden. Diese aus­ geprägte Bereitschaft zur Mitarbeit beim Recycling ist bundesweit zu beobachten. Eine Folge davon ist, daß es zu erhebli­ chen Engpässen bei der eigentlichen Ver­ wertung der Kunststoffe kommt. Das Land hat die Aufgabe, die ordnungsge­ mäße Verwertung zu überwachen. Der Kreis überwacht ständig die Deponien, um sicherzustellen, daß dort keine Sam­ melware abgelagert wird. Neue bundesgesetzliche Regelungen grei­ fen tief in das abfallwirtschafi:liche Ge­ schehen in unserem Kreis ein. So wurde am 1. 6. 1993 die Technische Anleitung Siedlungsabfall in Kraft gesetzt. In ihr Neubau der Beruflichen Schulen in Furtwangen 10

Richtfest der neuen Beruflichen Schulen in Furtwangen am 1. 7 1993 werden umwelttechnische Regelungen für den Deponiebetrieb festgeschrieben, die zwangsläufig zu einer weiteren deutli­ chen Verteuerung des Deponiebetriebes führen werden. Der Kreis muß als verant­ wortlicher Betreiber der Deponien in Hüfingen und Tuningen die Auflagen umsetzen und hat nur geringe Möglich­ keiten, die daraus resultierenden Gebüh­ renerhöhungen abzuwenden. In der Technischen Anleitung Siedlungs­ abfall wird weiter geregelt, daß zukünftig nur noch Rohstoffe deponiert werden dürfen, die nicht mehr chemisch oder bio­ logisch reagieren. Damit ist der Weg für die thermische Behandlung des Restmülls vorgezeichnet. Welches Verfahren hierzu in unserer Region angewendet wird – ob Müllverbrennung oder Thermoselect -, muß der Kreistag 1994 entscheiden. Es ist beabsichtigt, zur Kostendämpfung eine Regionalanlage gemeinsam mit den Nachbarkreisen Rottweil und Tuttlingen einzurichten. Um die Restmüllmenge, die dann ther­ misch zu behandeln ist, weiter zu reduzie­ ren, müssen noch etliche Verwertungs­ möglichkeiten aufgebaut werden. Stich­ worte hierzu sind die Grüngut- und Bio­ müllkompostierung, die kreisweite Ein­ richtung von Wertstoffhöfen oder das Recycling von Elektrogeräten. Schließ­ lich müssen auch noch Regelungen zur Entsorgung der kommunalen Klär­ schlämme getroffen werden. Um alle Recyclingwege zentral organisie­ ren zu können, übernimmt der Kreis ab 1994 die Müllabfuhr, die seither durch die Städte und Gemeinden organisiert wurde. Lediglich Villingen-Schwenningen betreibt vorerst mit eigenem Fuhrpark die Abfuhr selbst weiter. Dabei orientiert sich die Stadt an den organisatorischen Vorgaben des Landkreises. 11

Sozialpolitik Einen hohen Stellenwert in der Kreispoli­ tik besitzt seit langem die Alten- und Behindertenhilfe. Neben dem Ausbau und der Qualifizierung der ambulanten Hilfen in den Sozialstationen, Nachbar­ schaftshilfen und mobilen sozialen Hilfs­ diensten bedarf es auch unter Berücksich­ tigung des Grundsatzes „ambulante Hilfe vor stationärer Hilfe“ nach wie vor eines bedarfsgerechten Angebots an Heimplät­ zen für unsere älteren Mitbürger. Mit För­ dermitteln des Kreises über 1,3 Mio. DM sowie der Gemeinden und des Landes konnten die ambulanten Dienste in den 9 Sozialstationen im Landkreis ihren Per­ sonalbestand seit 1990 um mehr als 25 O/o auf jetzt 122 Stellen erweitern. Dies kommt unmittelbar den hilfebedürftigen Menschen im Kreis zugute. Probleme gibt es derzeit allerdings noch mit dem Auf­ bau der geplanten Informations-, Anlauf­ und Vermittlungsstelle als ergänzenden Service für ratsuchende pflegebedürftige Bürger und ihre Angehörigen. Bei den möglichen Trägern gibt es Vorbehalte hin­ sichtlich der Finanzierung, aber auch hin­ sichtlich der Notwendigkeit eines solchen umfassenden Beratungs- und Vermitt­ lungsangebots. Eine Ende 1992 durchgeführte Fortschrei­ bung des Kreisaltenplans ergab aufgrund neuester statistischer Daten zur Pflegebe­ dürftigkeit der älteren Bevölkerung ein weiteres Fehl über rund 500 Pflegeheim­ plätze im Kreis. Dabei sind jedoch bereits 115 Plätze beim F. F. Landesheim in Hüfingen und dem Heim St. Lioba im Stadtbezirk Villingen im Bau. Für weitere 240 Pflegeplätze bestehen Planungen vor­ handener Träger. Seit 1988 ist es mit Zuschüssen des Landkreises mit über 2,5 Mio. DM gelungen, das Angebot an Pflegeplätzen im Kreis um 45 0/o auf jetzt 875 Plätze zu erweitern. Als dritte Säule neben ambulanten und stationären Hilfen setzt der Kreis auf vermehrte Angebote im teilstationären 12 Bereich, d. h. in der Kurzzeit- und Tages­ pflege. Während sich die Kurzzeitpflege mit ihrem dezentralen Angebot von 14 über das Kreisgebiet verteilten Plätzen seit 1989 mit erheblicher Förderung des Land­ kreises fest etabliert hat und gut angenom­ men wird, gilt es, in der Tagespflege Neu­ land zu beschreiten. Trotz eines nicht ge­ glückten Versuchs in Donaueschingen ist der Kreis weiter bemüht, gemeinsam mit den Sozialstationen und Heimen auf der Grundlage seines Förderprogrammes auch dieses Angebot im Schwarzwald­ Baar-Kreis zu einem Regelangebot für die älteren Menschen und ihre pflegenden Angehörigen zu machen. Erfreuliches gibt es über die für die Reali­ sierung aller Angebote in der offenen und stationären Altenhilfe notwendige Perso­ nalausstattung zu berichten. Laut einer Umfrage des Landratsamtes im Dezem­ ber 1992 sind in den ambulanten Dien­ sten 98,5 0/o und in den Heimen 97,3 0/o aller Planstellen auch tatsächlich besetzt. Zusammen mit der guten Belegung der Altenpflegeschulen bedeutet dies, daß im Kreis keinesfalls von einem „Pflegenot­ stand“ gesprochen werden kann. In der Hilfe für psychisch Kranke und seelisch Behinderte ist die 1992 eröffnete Werkstätte im Stadtbezirk Schwenningen gut angenommen worden. Mittlerweile sind dort ca. 20 Personen beschäftigt. Die ebenfalls 1992 in Betrieb genommene betreute Wohngemeinschaft in Donau­ eschingen mit 5 Plätzen ist voll belegt. Weitere 8 Plätze sollen im Stadtbezirk Schwenningen eingerichtet werden. Der Bau des vorgesehenen therapeutischen Wohnheims für psychisch Kranke und seelisch Behinderte im Stadtbezirk Villin­ gen konnte wegen baurechtlicher Pro­ bleme und Widerstände der Nachbar­ schaft {noch) nicht in Angriff genommen werden. Nach mehreren Anläufen ist es nun gelungen, im April 1993 das Angebot der Telefonseelsorge im Schwarzwald-Baar-

Kreis zu realisieren. Alle Kreiseinwohner haben nunmehr die Möglichkeit und die Gewißheit, zum Ortstarif und rund-um­ die-Uhr einen Ansprechpartner für per­ sönliche Probleme und in Krisensituatio­ nen zu finden. Für die neuen Aufgaben nach dem Betreuungsgesetz (früher Vormundschaf­ ten und Pflegschaften) konnte im Be­ richtsjahr ein vom Sozialdienst katholi­ scher Männer getragener Betreuungs­ verein für den Schwarzwald-Baar-Kreis gegründet werden. Diesem Verein, der ganz erheblich vom Landkreis finanziell unterstützt wird, ist es gelungen, in nur kurzer Zeit eine Anzahl ehrenamtlich arbeitender Bürger zu finden, die die vom Vormundschaftsgericht angeordnete Be­ treuungen für hilfebedürftige Menschen im Kreis übernehmen. Neuland betritt der Kreis derzeit im Bereich der Jugendhilfe. Mitte des Jahres 1992 wurde im Landratsamt eine Jugend­ hilfefachkraft eingestellt, deren Aufga­ benfeld die Jugendhilfeplanung sowie die jugendpflegerische Arbeit auf Kreisebene umfaßt. Als erstes soll in Zusammenarbeit mit einem Planungsbeirat, in dem Vertre­ ter der freien Träger der Jugendhilfe sowie der Kreistagsfraktionen vertreten sind, eine Jugendhilfeplanung für das Städte­ dreieck Donaueschingen, Hüfingen und Bräunlingen erarbeitet und dabei neue Konzepte im Hinblick auf ein präventives Jugendhilfeangebot umgesetzt werden. Große Sorgen bereitet derzeit die Ent­ wicklung der Sozial- und Jugendhilfe­ kosten im Kreisetat. In nur 5 Jahren stieg der vom Kreis allein zu finanzierende Aufwand von rund 50 Mio. DM um 50 0/o auf nunmehr 75 Mio. DM. Damit wird mehr als jede zweite Mark im gesamten Verwaltungshaushalt des Landkreises für soziale Zwecke ausgegeben. Unter dem Eindruck dieser Entwick­ lung und der Tatsache vorhandener ergän­ zender Angebote des Bundes und des Landes hat der Kreistag im Dezember 1992 den Ausstieg aus dem 1986 einge­ führten Programm „Mutter und Kind“ beschlossen. Ab 1993 erfolgen keine Neu­ aufnahmen mehr. Auslaufen wird das Programm Ende 1996. Der Kreis erhofft sich insoweit ab 1996 Einsparungen über rund 600 000 DM jährlich. 1995/ Anfang Öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV) Die Citybahn-Studie, Hoffnung der Region für eine zeitgerechte Verbindung zwischen den beiden Oberzentren Freiburg und Villingen-Schwenningen, wurde im Berichtszeitraum fortentwik­ kelt. Die Regiokarte Freiburg, die als Pilot­ projekt vom Land Baden-Württemberg finanziell erheblich unterstützt wird, hat zu einer erhöhten Nachfrage auf der unte­ ren Höllentalstrecke geführt. Folge ist, daß der Einsatz der geplanten Stadtbahn­ wagen dieser Nachfrage nicht mehr gerecht wird. Die Interessengemeinschaft Citybahn hat deshalb zusammen mit der Deutschen Bundesbahn eine Alternative entwickelt, bei der elektrische Wendezüge zum Einsatz kommen, die regelmäßig entsprechend dem Fahrgastaufkommen in Titisee gestärkt bzw. geschwächt wer­ den. Der aus dem Bereich Villingen­ Schwenningen verkehrende Zug wird in Titisee mit dem in der Gegenrichtung fah­ renden Wagenmaterial vestärkt, so daß im Bereich Villingen-Schwenningen-Titisee der Wendezug mit einer geringeren Kapa­ zität verkehrt. Die Planungen zur City-Bahn werden zunehmend durch die Überlegungen des Landes im Rahmen des „Integralen Takt­ fahrplanes Südwestraum“ beeinflußt. Diese Konzeption sieht ebenfalls Ände­ rungen auf der Strecke Villingen-Schwen­ ningen-Freiburg vor. Abzuwarten ist, ob diese Vorschläge eine gleichwertige Alter­ native zu den Wünschen der Region im Hinblick auf die Überlegungen der „City­ bahn-Studie“ darstellen. 13

Fortschritte konnte bei unseren Bemü­ hungen, den Hintervillinger Raum neu zu organisieren, erreicht werden. Die Unternehmer konnten in Gesprächen und Verhandlungen davon überzeugt werden, daß die angestrebten Verbesse­ rungen auch in ihrem Interesse sind. Die Verwaltung geht davon aus, daß die Kon­ zeption zum Fahrplanwechsel umgesetzt werden kann. Mittelfristiges Ziel im Landkreis muß es sein, die Haustarife der verschiedenen Unternehmer in ein kreiseinheitliches Tarifgefüge (Flächenzonentarif) einzu­ binden, damit dem Benutzer attraktive und transparente Tarife angeboten wer­ den können. Zu diesem Zweck soll das Kreisgebiet in verschiedene Tarifzonen eingeteilt werden. Je nach Zonenauswahl des Bürgers kann dieser mit einem Fahrschein das gesamte ÖPNV-Angebot benutzen, ohne daß es entscheidend ist, welcher Busunternehmer die individuell ausgewählte Linie bedient. Voraussetzung zur Einführung dieses Zonentarifes ist es, daß die Einnahmen der jeweiligen unter­ nehmerischen Leistung zugeordnet wer­ den können, welches durch den Einsatz von elektronischen Fahrscheindruk­ kern sichergestellt werden soll. Unter erheblichem Einsatz von Landes- und Kreismitteln sollen die notwendigen Busse im Kreisgebiet mit dieser Technik ausgestattet werden, damit die Grundlage für die Einführung eines einheitlichen Kreistarifes geschaffen werden kann. Dr. Rainer Gutknecht, Landrat Blick zum Feldberg Zeichnung: Helga Rudo!fAsifäller – ,- 14

Unsere Städte und Gemeinden, Wappen Donaueschingen wurde Große Kreisstadt Am 15. 2. 1993 hat der Ministerrat des Landes Baden-Württemberg die Stadt Do­ naueschingen mit Wirkung vom 1. 7. 1993 zur Großen Kreisstadt erklärt. An der Spitze der Stadt steht künftig ein Oberbürgermei­ ster. Die Rechtsaufsicht wird nicht mehr vom Landratsamt des Schwarzwald-Baar­ Kreises, sondern vom Regierungspräsidium Freiburg ausgeübt. Voraussetzung zur Erhebung der Stadt Donaueschingen zur Großen Kreisstadt war, daß am maßgeblichen Stichtag, das war der 30. 6.1992, mehr als 20 000 Einwohner nach­ gewiesen werden konnten. Mit der Verleihung des Prädikats „Große Kreisstadt“ an die Stadt Donaueschingen wurden ihr nicht nur Rechte, sondern auch neue Pflichten übertragen. Als Große Kreisstadt hat Donaueschingen künftig – mit einigen Ausnahmen – in ihrem Wir­ kungsbereich die bisher dem Landratsamt übertragenen Aufgaben der Unteren Verwal­ tungsbehörde wahrzunehmen: Der Stadt Donaueschingen sind als Un­ tere Baurechtsbehörde weitere Kompeten­ zen im Bereich der Landesbauordnung, des Denkmalschutzes aber auch im Gaststätten­ recht und nach dem Wohnungsbaugesetz erwachsen. Selbstverantwortliche Entschei­ dungen nach dem Waffengesetz, dem Sprengstoffgesetz, dem Versammlungsge­ setz u. a. haben den Aufgabenkatalog als Kreispolizeibehörde spürbar erweitert. Im Gewerberecht sind ebenso neue Zuständig­ keiten zu verzeichnen wie im Gesundheits­ wesen, im Veterinärwesen, im Namensände- Ministerpräsident Erwin Teufel (rechts) übergab am 2. 71993 Oberbürgermeister Dr. Bernhard Everke (links) die Urkunde zur Erhebung von Donaueschingen zur Großen Kreisstadt 0()11� 15

rungsgesetz, im Jugendschutzgesetz und im Wehrpflichtgesetz. Als Untere Verkehrsbe­ hörde kann die Stadt Verkehrszeichen selbst anordnen, Straßen sperren und Umleitun­ gen einrichten. Für die Verfolgung und Ahn­ dung von Ordnungswidrigkeiten ist sie als Bußgeldbehörde ebenso selbst zuständig wie für Maßnahmen als Ausländerbehörde und Wohngeldstelle. Die Stadt Donaueschingen verbleibt je­ doch nach wie vor im Schwarzwald-Baar­ Kreis und nimmt dieselbe Stellung wie die anderen 19 kreisangehörigen Gemeinden ein. Die dem Landkreis als Selbstverwal­ tungskörperschaft zukommenden Aufgaben und Ausgleichsfunktionen werden durch die Erhebung zur Großen Kreisstadt nicht berührt. Der Landkreis hat zum Beispiel als örtlicher Träger nach wie vor auch für den Bereich der Stadt Donaueschingen die Kosten für die Hilfe nach dem Bundes­ sozialhilfegesetz (BSHG) und dem Kinder­ und Jugendhilfegesetz (KJHG) zu tragen. Zum Ausgleich dieser und anderer Leistun­ gen des Landkreises ist Donaueschingen wie bisher zur Zahlung der Kreisumlage ver­ pflichtet. Die junge „Große Kreisstadt Donau­ eschingen“ begleiten alle guten Wünsche. Heinz Heckmann 1994: Ein Jahr der Ortsfeste und Jubiläen Urkundliche Erstnennungen sind nicht nur Quellen der Geschichte, sondern auch Grundlagen für Feste ganz besonderer Art. Dauchingen, Erdmannsweiler, Fischbach, Neuhausen, Rietheim, Unterkirnach und Vöhrenbach sind es, die aufgrund solcher schriftlichen Zeugnisse 1994 ein Jahr hin­ durch ihrer Freude Ausdruck geben, daß ihr Gemeinwesen seit fast tausend Jahren Bestand hat. Ersterwähnungen stehen oft im Zusam­ menhang mit größeren geschichtlichen Ereignissen. Wen wundert es daher, wenn die überlieferten frühesten Zeugnisse der genannten Orte gleichzeitig wichtige Hin­ weise zur Geschichte des Klosters Sankt Georgen und der Vorgeschichte des Hauses Fürstenberg darstellen? Diese beiden Terri­ torialmächte waren zur fraglichen Zeit die bedeutendsten Herren auf dem Gebiet des heutigen Landkreises. Den größten Anteil an den diesjährigen Festen hat ohne Zweifel das einst mächtige Benediktinerkloster Sankt Georgen. In dem uns in einer Abschrift aus dem 17.Jahrhun­ dert überlieferten Gründungsbericht, betref­ fend die Jahre ab 1084, der in Latein abgefaß­ ten „Notitia fundationis“, sind zahlreiche Ortsschenkungen aus unserem Raum ge- 16 nannt. Zehn Jahre nach der Niederlassung auf dem Schwarzwald, im Jahre 1094, erhielt das Kloster unter anderem zur Ausstattung Grundbesitz in und bei Dauchingen, Erdmannsweiler, Fischbach, Neuhausen und Rietheim. Deshalb können sich die genannten Orte in diesem Jahr einer neun­ hundert Jahre währenden ununterbroche­ nen Existenz erinnern. Die Stadt Vöhrenbach hinwiederum darf sich 1994 ihrer 750 Jahre zuvor erfolgten „Grundsteinlegung“ erfreuen. Am 28.Januar 1244 nämlich beschlossen die Grafen Kon­ rad, Heinrich, Gebhard und Gottfried zu Freiburg auf ihrem Gut zu Vöhrenbach eine Stadt zu erbauen. Günstig im oberen Bregtal gelegen, hat sie trotz der Konkurrenz des nahen und damals zum Kloster Sankt Georgen gehörenden Furtwangen bis heute ihren Stadtstatus und ihr Eigenleben bewah­ ren können. Die in der gleichen Urkunde genannte Leibeigene „Adelheidim de Kvrna“ ist übrigens auch Anlaß für das Unterkirnacher Ortsjubiläum zur Namens­ nennung der Gemeinde. Auf eine Besonderheit bleibt allerdings hinzuweisen. Die Erwähnungen, auf die sich die Festlichkeiten beziehen, betreffen nur bei wenigen Orten die Erstnennung als voll-

ausgebildete Gemeinwesen. So spricht der Gründungsbericht Sankt Georgens von „vil­ lam Tuchingen“ (1094 Jan 22) also vom ,,Dorf“ Dauchingen, von der „villa“ Neuhau­ sen wie in der Stadtgründungsurkunde von 1244 von einer „civitas“ Vöhrenbach, also einer Stadt. Erdmannsweiler, Fischbach, Rietheim und Unterkirnach erscheinen nicht mit die­ sem Status, sondern im Zusammenhang mit der Lokalisierung von ritterlichem Grund­ besitz, der Herkunft von Ministerialen oder Leibeigenen. So schenken die (Edel-)Freien Manegold und sein Bruder Gotescalh Sankt Georgen ein Prädium (ein herrschaftliches Stück Land außerhalb der Dorfmark) nahe „loco qui dicitur Ortinswilere“, also nahe einem Erdmannsweiler genannten Platz (1094 Apr 2). Fischbach wird in einer ähnlichen Weise genannt. Unter vielen Zeugen, die am 23. April 1094 eine größere Anzahl von Güterschenkungen nördlich Villingens be­ kräftigen, findet sich auch ein „Alker de Fispach“. Rietheim steht ebenfalls nur in der Ver­ bindung mit den Namen „Cozpret [und] Waltere de Rietheim“ (1094 Apr 23) in einer Urkunde geschrieben, also als Herkunftsort zweier Dienstmannen, wahrscheinlich des alamannischen Grafen Manegold. Unter­ kirnach zuletzt erscheint als Herkunftsort einer Abhängigen der Grafen von Freiburg (1244 Jan 28). Was bedeutet dieser Unterschied zwi­ schen der Bezeichnung „villa“ (Dorf) wie für Dauchingen oder dem Hinweis „loco“ (Ort) bei Erdmannsweiler? Vermutlich be­ saß der letztgenannte Ort zum Zeitpunkt dieser Nennung noch keinen so hohen Organisationsgrad, daß der Urkunden­ schreiber sie als vollentwickeltes Dorf mit einer Dorfgenossenschaft bezeichnen wollte oder konnte. Erdmannsweiler stand in diesem Moment vielleicht erst am Beginn einer Entwicklung zur inneren Autonomie, wie wir sie von den Dörfern des Mittelalters her kennen? Siegel des Konvents von St. Georgen 1325, in dessen Gründungsbericht die erwähnten Orte genannt werden (Bad. GLA Karlsruhe 121453) Fischbach und Rietheim sind selbst hier nicht einzuordnen. Sie sind wirklich nur namentliche Kenntlichmachung zweier Ministerialen in einer langen Zeugenreihe und stehen nicht wie die vorhergehenden in einem Zusammenhang mit der Lokalisie­ rung eines Grundstückes. Und trotzdem sind es am Ende Ortsbezeichnungen. Die genannten Ministerialen haben ja auf keinen Fall alleine gelebt, sondern besaßen von ihnen abhängige Personen, die ihnen dien­ ten oder ihr Land bebauten. Damit bestand auch eine kleine Ansiedlung, und sei es auch nur ein größeres Gut mit darum gruppierten Gebäuden. Wären diese Plätze damit jünger als die schon damals als Dörfer erscheinenden Dau­ chingen und Neuhausen? Dies ist nicht der Fall. Einzel/Streufunde der Merowingerzeit (Dauchingen) oder gar Reihengräberfried­ höfe bei Neuhausen (im abgegangenen Ebenhausen als Vorgängersiedlung) oder das vermutlich spätmerowingerzeitliche Riet­ heim sind Hinweise auf eine ununterbro­ chene Besiedlung seit dem 7. /8.Jahrhun­ dert. Aufgrund der mangelnden Zeugnisse (Funde/Urkunden) wird sich aber wohl nie 17

klären lassen, welcher Ort denn nun der ältere ist. Vöhrenbach muß in dieser Betrachtung ausgeklammert werden, da es einen Sonder­ fall darstellt. Hier ist vor der Stadtgründung unzweifelhaft schon etwas Land bebaut wor­ den und hat es einige Hofstellen in der Nähe gegeben. Eine weiterentwickelte Siedlung bestand nach heutiger Kenntnis nicht. Vöh­ renbach ist somit eine wirkliche Neugrün­ dung. So haben am Ende alle genannten Orte ein gutes Recht, mit Stolz auf ihr langes Bestehen zu blicken. Und wenn sie dabei das Jahr 1994 als ihr Festjahr gewählt haben, so im Bewußtsein, daß das gefeierte Jahr der Erstnennung nicht das ihrer Geburt, son­ dern das ihres Nachweises als funktionieren­ des mittelalterlichen Gemeinwesens ist. Und noch drei weitere Gemeinden dürfen mitfeiern, wenngleich auch nur ein weniger rundes Jubiläum: Weilersbach, Almends­ hofen und Nußbach, da ihr Namen erstmals 764, 1224 und 1284 zu Pergament gebracht wurde. Welches Datum jedoch immer auch gefei­ ert werden mag: es führt ein gerader Weg zum heutigen, lebendigen und demokrati­ schen Gemeinwesen, das die Hürde der Zei­ Dr.Joachim Sturm ten genommen hat. 900 Jahre Schabenhausen Eine kleine Gemeinde mit bewegter Vergangenheit Die ehemals selbständigen Gemeinden Schabenhausen, Fischbach und Kappel bil­ den seit der Gemeinde- und Kreisreform zusammen mit Niedereschach die Gesamt­ gemeinde Niedereschach. Die Teilortsgemeinden Schabenhausen und Fischbach können im Jahre 1994 auf die 900jährige Wiederkehr ihrer ersten urkund­ lichen Erwähnung zurückblicken. Das be­ deutende Jubiläum soll im Rahmen einer entsprechenden Veranstaltungsreihe würdig begangen werden. Um der Nachwelt einen Beitrag zur Geschichte von Schabenhausen zu leisten, wurde in mühevoller jahrelanger Arbeit von einer kleinen Arbeitsgemeinschaft eine Orts­ chronik erstellt. Die Chronik wird aus Anlaß des Jubiläums vorgestellt werden können. Hier einige interessante Beiträge zur Geschichte: Die Buntsandstein-Muschelkalk-Grenze, seit Jahrtausenden konstante Siedlungsbar­ riere zwischen Schwarzwald und Baar, durchzieht den Schwarzwald-Saar-Kreis in nord-südlicher Richtung. Der Os.ten des Landkreises, die Baar, war schon in der Jung­ steinzeit besiedelt, die Besiedlung des west- 18 liehen Kreisgebiets, des Schwarzwaldes, fand erst im Verlaufe des Hochmittelalters statt. Schabenhausen liegt auf der Grenze zwi­ schen Schwarzwald und Baar, die geologi­ sche Grenze zwischen Buntsandstein und Muschelkalk verläuft quer durch die Gemar­ kung. Besiedlungsgeschichtlich ist Schaben­ hausen als frühmittelalterlicher Ausbauort einzuordnen, d. h. lange vor der ersten urkundlichen Erwähnung war das Tal ent­ lang des Schlierbachs besiedelt. Schaben­ hausen wurde erstmals im Jahre 1095 urkundlich erwähnt: Am 10. Januar 1095 übergibt „Udalricus de Husen et privignus eius Burchardus“ (Ulrich von Hausen und sein Stiefsohn Burchard) Gott und dem heiligen Georg (Kloster St. Georgen) den ganzen Besitz, den besagter Burchard von Erbrechts wegen bei dem Dorf „Scheiben­ hausen“ besessen hat. Allerdings stoßen wir bereits im Jahre 1086 auf den besagten „Udalricus de Husen“. In der „Notitiae fundationis et traditionum monasterii Sancti Georgii in Nigra Silva“, den Aufzeichnungen über die Gründung des Klosters St. Georgen auf dem Schwarzwald,

wird u. a. davon berichtet, daß am 13. Januar 1086 die feierliche Verkündigung der Schen­ kungen zur Klostergründung in St. Georgen stattgefunden habe. Zeuge dieser feierlichen Handlung war u. a. auch der vorgenannte ,,Udalricus de Husen“ (Ulrich von Hausen). Eine örtliche Adelsfamilie hat in Scha­ benhausen bereits zu diesem Zeitpunkt exi­ stiert, jedenfalls war sie bis zum Jahre 1344 im Besitz der Ortsherrschaft. 1139 hat das Kloster St. Georgen Besitzun­ gen in Schabenhausen. 1319 sind Johann und Heinrich von Scha­ benhausen als Vögte und Lehens­ nehmer bekannt. Der Rottweiler Bürger Ambrosius Herr­ mann kauft den „Zwickenhof“ (Oberen Hof) am 22. 4. 1482 sowie den „Mäßlinhof“, den späteren sogenannten „Unteren Hof“, am 9. 8. 1482. Am 8. Juli 1483 verkauft die Gemeinde Niedereschach ganz Schabenhausen an Ambrosius Herrmann, Bürger zu Rottweil. Am 16. Januar 1494 verkauft Ambrosius Herrmann fast ganz Schabenhausen an Heinrich von Buwstetten von Hor­ gen, dazu das Bad und den Badbrun­ nen. Am 9.Juni 1502 verkauft Heinrich von Buw­ stetten das DorfSchabenhausen an das Kloster St. Georgen. 1528 Das Kloster St. Georgen verleiht von nun an seine Besitztümer in Schaben­ hausen als Lehen an sogenannte Lehensbauern. Das Lehen besteht aus zwei Höfen mit insgesamt etwa 1100 Morgen. Nach Einführung der Reformation durch Württemberg in St. Georgen (1555) lassen sich Abt und Konvent in Villingen nieder und gründen dort das Benediktinerkloster St. Georg. In St. Georgen werden lutherische Äbte eingesetzt. Das Klosteramt verwaltet nun die Klosterbesitzungen bis zur Säkulari­ sierung im Jahre 1810. Das württembergische Herrscherhaus führt die Oberaufsicht über die Klosterbesitzungen. 19

Mondnacht über der Villinger Altstadt Am 13. 10. 1633 wird das Kloster in St. Georgen durch kriegerische Handlungen zerstört. Während des „30jährigen Krieges“ (1618-1648) hatten die Schabenhausener besonders zu leiden: Sie hatten dem lutherischen Abt Severus Bersinus zu St. Georgen gehuldigt. Durch Vermittlung von Abt Georg Michael Gais­ ser II vom Benediktinerkloster St. Georg in Villingen übernahm Österreich den Schutz der Schabenhauser. Dieser Zwiespalt brachte den Schabenhausern aber mehr Ungelegen­ heiten als Schutz. Die Schabenhauser waren Feinde der Württemberger, weil sie sich nach Villingen zum katholischen Kloster St. Ge­ org, besonders zu Abt Georg M. Gaisser II orientierten, sie waren jedoch auch Feinde der Villinger, weil sie Württemberger waren. Die Folge waren Überfälle der Württem­ berger, der Villinger, der Rottweiler, der Franzosen, der Kroaten, der Schweden und der Bayern. Am Ende des „30jährigen Krie­ ges“ war das Dorfgroßteils vernichtet. Am 4. 9.1663 wird Schabenhausen in zwei Lebenshöfe geteilt (Oberer Hof/ Unterer Hof). Im Verlaufe der nächsten zwei Jahr- 20 hunderte wechseln die Lehensbauern immer häufiger. Die Höfe werden durch Verkauf von Grundstücken -die Lehensbauern wa­ ren stark verschuldet -immer kleiner. Am 18.6. 1800 erhalten die Lehensbauern durch eine „Herzogliche Spezial-Resolution“ die Erlaubnis, ihre Lehensgüter zu verkaufen. Seit 1771 war dies durch Dekret des württem­ bergischen Herrscherhauses nur bedingt möglich gewesen und wenn, dann nur zum Verkauf an lutherische Interessenten. Auf diese Weise nahm der katholische Bevölke­ rungsanteil ständig ab, der evangelische Be­ völkerungsanteil langsam zu. 1790 waren bereits 20 Hofbesitzer, die zu­ sammen mit 7 Lebensbauern die Ge­ markung bewirtschafteten. 1791 erhält Schabenhausen eine eigene Ge­ richtsbarkeit, seither waren Jahr-und Ruggericht gemeinsam mit Kappel in Kappel abgehalten worden. 1806 schließt da Benediktinerkloster St. Ge­ org zu Villingen seine Pforten. Der letzte evangelische Abt zu St. Georgen verwaltet das Klostergut von Alpirs­ bach aus. Der klösterliche Besitz wird verweltlicht.

1810 Das Klosteramt St. Georgen wird auf­ gelöst, der letzte katholische Abt stirbt in Villingen. Schabenhausen wird nach 244jähriger Zugehörigkeit zu Würt­ temberg badisch. 1822 bzw. 1838 werden die Zinsen und Zehnten abgelöst. Die Ablösesummen werden vom badischen Staat verein­ nahmt. Im 18. und 19. Jahrhundert führten die Fol­ gen kriegerischer Ereignisse, Mißern­ ten und Hungerjahre zu weit verbreite­ tem Elend, auch in unserer Gemeinde. Um der Not zu entgehen und um sich in der Fremde eine neue Existenz auf­ bauen zu können, wanderten 60 Scha­ benhauser Einwohner um die Mitte des 19. Jh. nach Amerika aus. Seit 1810 gehört Schabenhausen zum Landkreis Villingen, seit 1973 zum Schwarzwald-Baar-Kreis. Eine Kirche wird bereits 1275 in den Ur­ kunden benannt. Sie lag beim damaligen Ortszentrum „Auf den Höfen“. Dort ist von einem „Plebanus (Leutepriester) in Schai­ benhausen in decanatu Kurnbach“ die Rede. Zwischen 1360 und 1370 gehören Pfarrei und Kirche zu Schabenhausen zum Dekanat Oberndorf. 1411 brannte die Kirche ab. 1498 gehört die Kirche zu Rottweil und erst 1502 werden alle Rechte an das Kloster St. Georgen verkauft, nachdem das Kloster den Flecken Schabenhausen und die beiden Höfe gekauft hatte. In der Reformation hört die Pfarrei Schabenhausen auf zu bestehen. Im 30jährigen Krieg werden Dorf und Kirche vollständig zerstört. Anscheinend wurde die Kirche wieder aufgebaut, denn nach der Aktenlage wurde die Kirche um 1750 aufge­ geben. Ein Klösterle bzw. eine Klause in der Nähe der Kirche wurde bereits vor dem 30jährigen Krieg aufgegeben. Um die Kirche lag der alte Friedhof, der damals aufgegeben wurde. 1866 beschloß die Gemeinde die Anlage eines neuen Friedhofs. In der Zwischenzeit waren die evangelischen Verstorbenen auf dem Friedhof in Weiler, die katholischen Verstorbenen auf dem Friedhof in Kappel beerdigt worden. Die Neuanlage des Fried­ hofs sah Bestattungen für Angehörige aller Konfessionen vor. Im Jahre 1980/81 wurde der Friedhof erweitert und im Jahre 1991 durch eine neue 21

architektonisch sehr schöne Einsegnungs­ halle komplettiert. Nach Einführung der Reformation in Württemberg wurde Schabenhausen zur evangelischen Pfarrei Weiler eingemeindet, seit 1979 zur neuen evangelischen Jakobus­ gemeinde in Niedereschach. Die katholi­ schen Bürger wurden früher durch die Pfarrei Weilersbach bzw. Kappel versorgt, heute gehören sie zu der Pfarrei St. Mauritius nach Niedereschach. Am 8. April 1779 beantragen Schaben­ hauser Bürger beim Herzog Karl von Würt­ temberg die Einrichtung einer eigenen Schule. Die katholischen Schüler waren seit­ her in Kappel unterrichtet worden, die evan­ gelischen Schüler während des Winters pri­ vat in Schabenhausen. Am 22. Dezember 1779 wurde die Genehmigung erteilt. Da die räumlichen Bedürfnisse dies erforderten, kaufte die Gemeinde am 16. April 1840 ein ehemaliges Wohnhaus „Auf den Höfen“ und baute dies zum Schul- und Rathaus um. Mit der Zeit wurde ein Neubau erfor­ derlich, der an der Straßenkreuzung in der heutigen Ortsmitte 1907 /08 zur Ausführung kam. Ab 1. Dezember 1966 wurden die Haupt­ schüler im Rahmen der Schulreform der Grund- und Hauptschule Niedereschach zugeordnet, ab 1. August 1972 folgten die Grundschüler. Das damalige Schul- und Rathaus dient heute, nach entsprechendem Umbau, als Kindergarten. Die Gemarkungsfläche von rund 340 ha wurde von alters her land- und forstwirt­ schafi:lich genutzt, heute sind ca. 260 ha der Gemarkungsfläche landwirtschaftliche Nutz­ fläche, ca. 72 ha sind Wald. Die durchschnittliche Niederschlags­ menge liegt bei rund 750 mm/Jahr, die mitt­ lere Jahrestemperatur bei + 5,8 °C. Der höchste Punkt der Gemarkung liegt mit 723,4 m ü. M. im Gewann „Bühl“, der tiefste Punkt mit 641 m ü. M. an der Stelle, wo der Schlierbach die Gemarkungsgrenze in Rich­ tung Niedereschach überquert. 22 Bedingt durch seine geschichtliche Ent­ wicklung war die Einzelhoflage bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs die hier ver­ breitete Siedlungsform. Ein eigentlicher Ortskern, um das damalige Schulhaus gele­ gen, entstand erst durch die Erschließung des Neubaugebiets „Billingeräcker I“ (1962), weitere Neubaugebiete im Gewann „Billin­ geräcker II“, ,,Badäcker“ und „Schlierbach­ weg“ folgten. Ein Neubaugebiet „Lohäcker“ wurde zur Bebauung freigegeben, die Erschließungsarbeiten sind im Gange. Die Einwohnerzahlen von Schabenhau­ sen hatten sich zwischen 1852 und 1955 kaum verändert (durchschnittlich 320 Ein­ wohner). Ein starker Anstieg war mit Beginn der Bautätigkeit zu verzeichnen. Heute (1993) hat Schabenhausen 530 Einwohner. Im Rahmen des Strukturwandels in der Landwirtschaft und Forstwirtschaft nahm die Zahl der Betriebe in den vergangenen Jahren rapide ab. 1987 /88 waren immerhin noch 23 Betriebe, die im Haupt- oder Ne­ benerwerb Landwirtschaft betrieben, regi­ striert. Heute wird die landwirtschaftliche Nutzfläche von 4 hauptberuflichen und 7 nebenberuflichen Landwirten bewirtschaf­ tet. Diese Arbeit zu bewältigen, wird durch die starke Mechanisierung der Betriebe ermöglicht. Die zahlreichen nebenberufli­ chen Landwirte und Nichtlandwirte fanden im Dorf oder außerhalb Arbeit und Brot. Mehrere Jahrhunderte lang boten die bedeutenden Sandsteinbrüche auf dem Nordufer des Schlierbachs Verdienstmög­ lichkeiten. Zeitweilig arbeiteten dort nach Aussage der Gemeindeprotokolle bis zu 40 Arbeiter in den Steinbrüchen (1875). Der letzte Betrieb wurde in den 20er Jahren auf­ gegeben. Das Industriezeitalter war auch an Scha­ benhausen nicht spurlos vorübergegangen. Außer handwerklichen Betrieben hatten sich Zulieferer zur Uhrenindustrie in Scha­ benhausen seßhaft gemacht. In vielen Häu­ sern wurden bis in unsere neuere Zeit hinein Uhrenteile gefertigt, die dann nach St. Geor­ gen, Königsfeld, Niedereschach, Villingen

oder Schwenningen geliefert wurden. Die für die Uhrenindustrie Beschäftigten waren als sogenannte Triebdreher tätig. Einige Uhr­ macher im landläufigen Sinne und Uhren­ händler brachten ihre Fertigfabrikate bis nach Amerika. Heimarbeiter waren bis in die Mitte der 60er Jahre unseres Jahrhunderts in der industriellen Fertigung tätig. Für das leibliche Wohl sorgen von alters her in Schabenhausen die Gaststätten: Das Gasthaus „Hirsch“ (früher auch „Bad­ wirtshaus“ genannt) wird bereits 1765 urkundlich erwähnt. Davor muß eine Gast­ stätte bereits bestanden haben, die bis 1750 betrieben wurde. Das Gasthaus zum ,,Hirsch“ bestand bis 1957. Eine Bier- und Branntweinwirtschaft ohne Schildgerechtigkeit wird 1794 erstmals urkundlich benannt. Die Wirtschaft bestand bis 1863. Das „Gasthaus zur Krone“ wurde Anfang 1860 erbaut und hatte mehrere Besitzer. Heute befindet sich im Gasthaus der „Krone­ treff‘. Das Gasthaus und Cafe „Sonneck“, erbaut Anfang der 60er Jahre unseres Jahrhunderts, Eröffnung am 14. 9. 1962, entspricht allen Anforderungen, die der heutige Gast an einen solchen Betrieb stellt. Im Zuge der Gemeindereform schloß sich die vorher selbständige Gemeinde Schaben­ hausen dem größeren Niedereschach an. Eine Bürgeranhörung vom 14. 11. 1971 erbrachte eine Mehrheit für den Zusam­ menschluß. Der freiwillige Zusammen­ schluß mit Niedereschach erfolgte mit Wir­ kung vom 1. 12. 1971. Nach einer gewissen Umstellungsphase hatten sich die Bürger an den Zusammen­ schluß mit Niedereschach gewöhnt. Einen besonders schmerzlichen Einschnitt für das dörfliche Leben und damit der Wegfall wich­ tiger Kommunikationspunkte bedeutete die Auflösung der Poststelle (Ende 1972) und die Aufgabe des einzigen Dorfladens (Herbst 1989). Besondere Bauvorhaben und wirtschaft­ bche Unternehmen der Gemeinde: 1919 beginnt man mit dem Bau der Strom­ versorgung. 1920 wird das Stromnetz offi­ ziell in Betrieb genommen. Da sich anfangs der 70er Jahre das Stromnetz in einem über­ holungsbedürftigen Zustand befand, die Gemeinde jedoch die Kosten für eine Erneuerung nicht aufbringen konnte, wurde das Ortsnetz an das Kraftwerk Laufenburg verkauft. Jahrelange Bemühungen seit 1928 bezüglich des Baus einer zentralen Ortswasserversor­ gung konnten aus finanziellen Gründen erst zwischen 1961 und 1964 verwirklicht werden. Mitte der 60erJahre wurde das Neubaugebiet ,,Billingeräcker I“ erschlossen und bebaut. 1965/66 erfolgte eine Teilkanalisation in die­ sem Baugebiet. Die Gemeinde baute (1964-1972) mehrere Kilometer Feldwege aus und verbesserte die Dorfstraßen (Gehwege/Straßenbeleuchtung). Nach der Eingemeindung nach Nieder­ eschach (1971) wurde die „Schlierbachhalle“ (1973-1975) erbaut. Damit hatte Schaben­ hausen eine Festhalle, die auch als Probelo­ kal für die Vereine dient. Im Rahmen der Baumaßnahmen wurde ein Feuerwehrhaus mit der Festhalle verbunden. 1973 wurde nach Umbau des ehemaligen Schul- und Rathauses ein Dorfkindergarten errichtet. 1974 baute die Gemeinde einen Bolzplatz für die fußballbegeisterte Dorfjugend. 1980/81 Erweiterung des Friedhofs. Erschließung weiterer Baugebiete, z.B. ,,Bil­ lingeräcker II“, ,,Badäcker“, ,,Schlierbach­ weg“, in den letzten 20 Jahren. Mit der Übergabe des Klärwerks Horgen des ,,Zweckverbandes Abwasserreinigung“ am 7. Mai 1993 hat eine aufwendige (45,2 Mill. DM), doch notwendige Maßnahme ihren Abschluß gefunden. In der Anlage Horgen werden die Abwässer von 22 Verbandsge­ meinden geklärt. Schabenhausen schloß in den Jahren 1976 bis 1979 an den Verbandskanal an. Um eine gleichmäßige Versorgung mit gutem Trinkwasser zu gewährleisten, wurden die Ortswasserversorgungen aller Gemeinde- 23

teile zu einer Ringwasserversorgung zusam­ mengeschlossen. Schabenhausen ist seit 1980 mit der Ringwasserversorgung verbun­ den. Bau einer Einsegnungshalle auf dem erweiterten Friedhofsgelände im Jahre 1991. Für das gesellschaftliche und kulturelle Leben von großer Bedeutung in der Gemein­ de sind die örtlichen Vereine. Folgende aktive Vereine üben ihre Tätig­ keit derzeit erfolgreich aus: Der Gesangverein „Liederkranz“ e. V. (gegr. 1920). Die Freiwillige Feuerwehr (gegr. 1940), Vor­ läufer war eine örtliche Löschmannschaft seit 1866. Musikverein und Trachtenkapelle e. V. (gegr. 1950). Der Kindergartenverein e. V. (gegr. 1972) als Träger des Kindergartens. Finanziert wird der Verein durch Personalkostenzuschüsse des Landes, durch Zuschüsse der Gemeinde, durch die Elternbeiträge, durch die Beiträge der Mitglieder, durch Spenden und Erlöse bei jährlichen Veranstaltungen des Vereins. Die „Schlierbach narren “ e. V. (gegr. 1975). Die „Forschungs- und Arbeitsgemeinschaft für historischen Bergbau Niedere chach e. V.“ (gegr.1991). Durch die Arbeit der „FAG Bergbau“ konnten in den Jahren 1989 bis 1992 zwei ehemalige alte Bergwerksstollen auf der Gemarkung Schabenhausen wieder­ entdeckt, wissenschaftlich untersucht und gesichert werden (vgl. Almanach 1993, S. 143 ff.). Der Gemeinschaftsgeist der Vereine untereinander und im Dorf, der sich gerade im erfolgreichen Wirken der Vereine zeigt, bildete in der Vergangenheit bis heute die Basis für gemein ame Bemühungen zum Wohle der Gemeinde und ihrer Bewohner. Dies kommt immer wieder bei größeren Ver­ anstaltungen im Dorf zum Ausdruck, wo jeder jedem hilft. In gemeinsamer Arbeit erstellten die Vereine mit Unterstützung der Gemeinde ein Vereinsheim in der Fischba­ cher Straße sowie einen Grill- und Spiel­ platz, der Kindergartenverein einen Spiel­ platz beim Kindergarten in der Dorfmitte. In diesem vorbildlichen Gemeinschafts­ geiste werden die Vereine, unterstützt durch die Dorfbewohner und die politische Ge­ meinde, auch das Dorfjubiläum im Jahre 1994 durch ihre Beiträge organisieren und gestalten. Bruno Weber Das Wappen von Schabenhausen Wappen: In Silber auf ach! (2:3:2:1) grünen Hügeln je ein silbernes Haus mil rolem Dach. Schabenhausen kam erst 1810 von Würt­ temberg zum neugebildeten Großherzog­ tum Baden. Im ersten bekannten Siegel der VOGTEI SCHABENHAUSEN stand 1811 das damalige Wappen des Großherzogtums. Nach 1830 kam dann ein Siegel in Gebrauch mit einem Haus, umgeben von Palm- oder Lorbeerzweigen. Das Wappen mit den für den Gemeinde­ namen „redenden“ Häuschen geht zurück auf einen Vorschlag des großherzoglich badischen Generallandesarchivs Karlsruhe von 1902. Da der Gemeinderat zu timmte, 24 wurde es seit 1903 geführt. Die Farbe des Schildgrundes war zunächst blau. Erst 1960, anläßlich der Vorbereitung für das Wappen­ buch de (ehern.) Landkreises Villingen, wurde von Dr. Zier vorgeschlagen, das un­ heraldische Zusammentreffen von Blau und Grün dadurch zu beheben, daß die

Neukirch Vom Uhrmacherdorf zum Luftkurort Schildfarbe in Silber geändert wird. Damit war die Gemeinde einverstanden, und das Innenministerium Baden-Württemberg be­ stätigte diese Farbänderung mit Datum vom 23. März 1961. Die Acht-Zahl der Häuschen dürfte etwas willkürlich gewählt sein; nach Krieger be­ stand die Gemeinde um 1900 aus sieben Wei­ lern und etlichen Zinken, Einzelgehöften und Häusern. Am 1. Dezember 1971 wurde Schabenhau­ sen in die Gemeinde Niedereschach einge­ meindet, damit ist das Wappen für den amt­ lichen Gebrauch erloschen. Prof. Klaus Schnibbe Trotz seines Namens und seines übeiwie­ gend aus Neubauten bestehenden Ortskerns ist Neukirch viele Jahrhunderte alt. Um das Jahr 1200 ist sein Gebiet im „Rotulus San­ petrinus“ als unter der Herrschaft des Klosters St. Peter stehend eiwähnt. Von dort aus wur­ de es auch besiedelt und in 19 Hofbereiche aufgeteilt mit der Hofstelle an günstigem Platz mitten in dem geschlossenen Lehens­ gut. So war Neukirch von Anfang an mit Ausnahme des späteren Pfariwidums reines Bauernland und es herrschte über das ganze Gebiet verteilt die Streusiedlung vor. Noch bis zur letzten Jahrhundertwende bestand der Ortskern aus kaum einem Dutzend Häu­ ser, die sich lose um die Pfarrkirche gruppier­ ten. In Höhenlagen von 660 Metern bei Dreistegen mit seiner bekannten „Hexen­ lochmühle“ (vgl. Almanach 90, Seite 65 ff.) bis zum auf 1100 Metern gelegenen Fernhof am Fuße des 1142 Meter hohen Steinbergs wohnten die Neukircher verstreut in ihren „Löchern und Döbeln“ und nur wenige Höfe besaßen ebene Felder, viele aber meist schwer zu bewirtschaftende Steilhalden. Der Ortskern des „kleinen echten Schwarz­ walddorfes“, wie es um 1900 der Heimat- Quellen und Literatur: Generallandesarchiv Karlsruhe, Gemeindshu/digungen, Amtsbez. Villingen. – GLA Wappenakten, Amtsbez. u. Landkr. Villingen. – GLA Wappenkarlei Schwarzwa/d-Baar-Kreis. – GLA Siegel­ kartei Schwarzwald-Baar-Kreis. – A. Krie­ ger, Topographisches Wörterbuch des Großher­ zogtums Baden, 2. Band, 2. Aufl., Heidelberg 1905 (Reprint 1972). – H. G. Zier, Wappen­ buch des Landkreises Villingen, Stuttgart 1965. schriftsteller Heinrich Hansjakob in seiner Reisebeschreibung „Sonnige Tage“ charakte­ risiert, liegt in 956 Metern Höhe in einer fla­ chen Mulde. Wenn man von einem um 1160 in einer Urkunde eiwähnten „Liutold von Nuchilse“ absieht, ist die früheste sichere Ortsbezeichnung im Jahre 1356 „daz meyer­ tumb z der Newenkilchen“. Über „Neu­ külch“ (1377) ist der Ort erstmals im Jahre 1486 in der heutigen Schreibweise eiwähnt, in den seit etwa 1612 erhaltenen Personen­ standsbüchern der Pfarrei gelegentlich auch lateinisch als „Neo Templo in Silva Nigra“. Von Anfang an hatte Neukirch zwei Her­ ren, als Grund-und Pfandherrn das Kloster St. Peter und als Schirmherrn und damit weltliche Obrigkeit die Herrschaft Triberg und deren Rechtsnachfolger. Diese Herr­ schaften wechselten, aber immer blieb Neu­ kirch ein Grenzort. Einst südlichste Tribergi­ sche Vogtei und zugleich äußerstes Sankt­ Petrisches Lehensgut, liegt Neukirch bis heute an der jeweiligen Kreisgrenze, jetzt zu Breisgau-Hochschwarzwald und Emmen­ dingen. Auch heute noch prägt die Streusiedlung das Landschaftsbild, wenn auch der Orts-25

In eineßache Geländemulde eingebettet ist der Ortskern von Neukirch kern seit Kriegsende kräftig gewachsen ist. Immerhin sind von den ursprünglich 19 Hö­ fen noch 16 erhalten. Die drei andern sind im Wagnerstal und Wolfloch verschwunden und heute Staatswald, den es erst seit etwa hundert Jahren in Neukirch gibt. Vorher gab es nur Bauernland und auch die Gemeinde erwarb erst vor etwa 80 Jahren ihren ersten Waldbesitz. Vier kleinere Höfe sind im Laufe der Jahre durch Neuaufteilung dazu gekom­ men, meist als Zuerwerbsbetriebe. Heute noch haben sieben Höfe ihre eigene Jagd, sind also über 75 Hektar groß, der Unterheu­ bachhof als größter sogar über 100 Hektar. Einige Bauerngeschlechter sitzen seit 500 Jahren auf ihren Höfen, seit über 400 Jahren die Kirner auf dem Kirnerhof und fast eben­ so lang die Seng auf dem Sengenhof. Seit­ dem der Wald immer weniger Ertrag abwirft, ist die Milchwirtschaft Existenzgrundlage der Höhenlandwirte geworden und die Vor­ zugsmilch der Breisgau-Milchzentrale, de- ren höchste Güteklasse, kommt auch aus Neukircher Bauernhöfen. Einen herausragenden Platz nimmt Neu­ kirch in der Geschichte der Schwarzwälder Uhrmacherei ein. Immerhin kommt der er­ ste sichere Hinweis – neben allerhand sagen­ haften Erzählungen – von dem Neukircher Pfarrer Franz Steyrer in seinem 1796 erschie­ nenen Buch „Geschichte der Schwarzwälder Uhrmacherkunst“. Zur Pfarrei Neukirch ge­ hörte damals auch Waldau mit dem dortigen Glashof, seit 1426 nachweisbar, wo die ersten Holzuhren gefertigt wurden, deren eine schon um 1667 ein Pater Kalteisen, Kapitular von St. Peter und Pfarrverweser in Neukirch, besaß. Auf den oft sehr kinderreichen Höfen konnte nach dem schon damals geltenden Erbrecht nur der jüngste Sohn, der „Lebsit­ zer“, auf eine gesicherte Existenz als Hof­ nachfolger vertrauen. Die übrigen Söhne wurden bestenfalls mit einem Stück Land abgespeist und mußten anderweitig ihren 26

Lebensunterhalt erarbeiten. Da auch auf den Höfen selbst im Winter die Uhrmacherei als Zuerwerb betrieben wurde, lag es für sie na­ he, in der Leibgedingswohnung, sofern sie frei war, oder in einem zum Hof gehörenden Nebenhaus Uhren oder Bestandteile zu ferti­ gen. Hatten sie ein eigenes Stück Land erhal­ ten, so konnten sie darauf an günstiger Stelle ein Haus erbauen, wobei Sonneneinstrah­ lung und das Vorhandensein einer Brunnen­ quelle ausschlaggebend waren. Bis vor weni­ gen Jahrzehnten waren die Uhrmacherhäu­ ser noch an den langen Fensterbändern, meist über eine Hausecke reichend, zu erkennen, die das nötige Licht an die Werkbänke bringen mußten. Diese Bautätigkeit erstreckte sich über das ganze Gemeindegebiet von 1804 Hektar mit Ausnahme des Ortskerns, denn dort gab es kaum Brunnenquellen. Neukir­ cher Uhrmacher und Uhrenhändler gingen in die ganze Welt hinaus. Lang ist die Liste derer, die oft in jungen Jahren in der Fremde starben, aber auch derer, die in England, Schottland oder Amerika eine neue Existenz aufbauten und deren Nachkommen heute nach ihren Schwarzwälder Vorfahren for­ schen. Noch im vorigen Jahrhundert waren außer den wenigen Bauern und Taglöhnern die meisten Neukircher Uhrmacher, Gestell­ macher, Glockengießer, Zeiger- oder Ton­ federmacher. Doch mit dem Aufkommen der Uhrenfabriken verloren viele Familien, sofern sie nicht eine kleine Landwirtschaft hatten, die ihnen das Lebensnotwendigste sicherte, ihre Existenzgrundlage, zogen in die Städte oder wanderten ganz aus. Ihre Häuser wurden vom Staat aufgekauft. Durch Brand zerstörte Häuser wurden nicht mehr erstellt, andere abgerissen und das Gelände aufgeforstet. So entstand der mehrere hun­ dert Hektar große Staatswald. Einst dicht bevölkerte Ortsteile wurden fast menschen- Höhenlandwirtschafl aufllOO Metern am Fuße des 1142 Meter hohen Steinbergs: Der Fernhof, einer der 19 Höfe, die das Landschaflsbild prägen und für dessen O.ffenhaltung sorgen 27

leer und die Einwohnerzahl sank von über 1100 in der Blütezeit der Uhrmacherei bis auf 670 vor dem Zweiten Weltkrieg und reicht jetzt wieder an die Tausendergrenze heran. Die Aufwärtsentwicklung begann um 1950 mit dem Bau der ersten Wasserversor­ gung und der damit ermöglichten Bautätig­ keit im Ortskern unter Bürgermeister Albert Fehrenbach, der von 1920 bis 1967 mit kurzer Unterbrechung nach dem Krieg die Ge­ schicke Neukirchs leitete. Ein Feuerwehr­ gerätehaus und dann zehn Siedlerstellen mit 20 Wohnungen machten den Anfang. Wei­ teres Baugelände wurde erworben und er­ schlossen, die Wasserversorgung erweitert. 1964 kam ein neues Schulhaus mit Gym­ nastiksaal hinzu, das alte wurde an eine Uhrenfabrik verkauft, die Arbeitsplätze im Ort schuf. Eine mechanisch-biologische Kläranlage und die Ortskanalisation im Trennsystem wurde 1965 in Betrieb genom­ men. Bürgermeister Fehrenbach begann noch mit dem Bau eines Rathauses mit drei Lehrerwohnungen, mußte aber 1967 aus Altergsründen zurücktreten, so daß sein Nachfolger Alfred Dilger den Bau vollenden und 1968 beziehen konnte. Er setzte die Ent­ wicklung der Gemeinde zielstrebig fort. So wurde eine neue ergiebige Quelle erschlos­ sen und eine Pumpstation erstellt. Auch der Fremdenverkehr wurde von ihm weiter auf­ gebaut. Die Gemeindereform brachte auch für Neukirch das Ende seiner Selbständigkeit und am 1.Juli 1971 wurde die Gemeinde nach langen Verhandlungen und Abstimmungen ein Stadtteil von Furtwangen. Bürgermeister Alfred Dilger wurde Ortsvorsteher. Schon im darauffolgenden Jahr verstarb er, wenige Monate nach seinem Vorgänger Albert Fehrenbach. Seitdem lenkt Ortsvorsteher Florian Rombach die Geschicke seines Hei­ matdorfes, soweit ihm das die gesamtstädti­ schen Interessen ermöglichen. Die im Ein­ gliederungsvertrag versprochene Turnhalle wurde als Mehrzweckhalle erstellt und ist oft der repräsentative Schauplatz auch überört­ licher Veranstaltungen. 28 Auch als Stadtteil von Furtwangen wird die Entwicklung des Ortes zielstrebig weiter betrieben. Die Entwicklung des Fremden­ verkehrs steht hierbei mit im Vordergrund. Im Jahre 1978 wurde Neukirch anerkannter Luftkurort. Da der Drang von den Außen­ bezirken zum Ortskern nicht abreißt, wur­ den immer neue Baugebiete erschlossen und bebaut. Auch einstige Feriengäste ließen sich auf Dauer hier nieder. Als die Schulreform nach und nach das neue Schulhaus entleerte, wurde das Gebäude an eine Ingenieurfirma vermietet. Praktisch im letzten Moment vor dem Verkauf schwenkte die Schulpolitik von der Zentralisierungssucht um und ließ wie­ der Dorfschulen zu. Sofort ergriffen Ortsvor­ steher und Ortschaftsrat den winkenden Strohhalm und setzten alle Hebel in Bewe­ gung, auch Neukirch wieder zu seiner Grundschule zu verhelfen, verbunden mit der Möglichkeit, im Hause auch einen Kin­ dergarten einzurichten und so das Herum­ transportieren schon der Dreijährigen zu vermeiden. Während die Einrichtung eines Kindergartens allgemein unbestritten war, gab es für die Wiedereinrichtung einer Grundschule erst nach langen Bemühungen eine hauchdünne Mehrheit. Zum Schuljah­ resbeginn 1990/91, dreizehn Jahre nach der Schließung, konnte die Grundschule zu­ nächst mit zwei Klassen wieder ihren Betrieb aufnehmen und im Erdgeschoß des Hauses öffnete der Kindergarten „St. Andreas“ mit zwei Gruppen seine Pforten. Seit Herbst 1992 ist die Grundschule mit vier Klassen voll ausgebaut und Schulleiterin Gabriele Sutter wurde die erste Neukircher Rektorin. Inzwischen sind Grundschule und Kinder­ garten aus dem dörflichen Leben nicht mehr wegzudenken und arbeiten kooperativ ver­ trauensvoll zusammen. Zweites Standbein des Dorflebens sind die örtlichen Vereine, besonders auf sport­ lichem Gebiet sind sie sehr aktiv: die „Ski­ zunft“, die schon Olympiateilnehmer und Deutsche Meister stellte und die internatio­ nalen Langläufe „Rund um Neukirch“ aus­ richtet, die „Sportfreunde“, inzwischen in

Das „Zimberhäusle“ im romantischen Hexenloch, ein letztes Zeugnis der einstigen Uhrmacherhäuser die Landesliga aufgestiegen. Der Geselligkeit dient der „Narrenclub“ und dem Naturschutz und der Wanderbewegung der Schwarzwald­ verein. Auf kulturellem Gebiet hat sich die ,,Sängerrunde“ seit über 70 Jahren erhalten, während der Musikverein dem Zweiten Weltkrieg und der Kirchenchor der Schul­ reform zum Opfer fiel, die ihm den Chor­ leiter nahm. Blasmusikbegeisterte Neukir­ cher haben jedoch in der Trachtenkapelle Glashütte eine musikalische Heimat gefun­ den, die auch an kirchlichen Festen die Rolle einer örtlichen Musikkapelle übernimmt. Die „neue Kirche“, die dem Ort von An­ fang an ihren Namen gab, war und blieb bis heute Wahrzeichen und Mittelpunkt des Ortes. Um das Jahr 1430 wurde ein Neubau erstellt, wofür es sogar beim Konzil von Basel 1435 einen Ablaß gab. Bis etwa 1500 kam zum Gottesdienst an Sonn- und Feiertagen ein Mönch aus St. Peter angeritten, dann nahm ein Pater seinen ständigen Wohnsitz in Neukirch. Für seinen Unterhalt sorgten die Erträgnisse seines Widums mit Feld und Wald sowie festgelegte Abgaben. Seit 1809 hat Neukirch Weltgeistliche als Seelsorger, manche nur kurze Zeit, einzelne aber auch über Jahrzehnte, so den jetzigen Ortspfarrer Josef Nock, inzwischen über 80 Jahre alt, der seit vier Jahrzehnten die Neukircher seelsor­ gerlich betreut und mit ihnen sein Goldenes Priesterjubiläum feiern konnte. Die Pfarrkirche wurde im Jahre 1910 erwei­ tert, fiel aber am 20. April 1945 einem Flieger­ angriff zum Opfer. Gerettet werden konnten nur die wertvollen Figuren des Neukircher Barockbildhauers Matthias Faller (vgl. Alma­ nach 80, Seite 128 ff.). Schon vor der Wäh­ rungsreform begann unter Pfarrer Leonhard Schmid der Wiederaufbau und 1946 konnte Richtfest gefeiert werden. Pfarrer Nock konnte 1952 wieder vier Glocken weihen und 1956 erklang auch wieder eine neue Orgel. Eine Heizung, in 960 Metern Höhe sicher 29

kein Luxus, wurde installiert und nach dem Konzil der Altarraum neu gestaltet, wobei die geretteten Faller-Figuren wieder Haupt­ altar und Nebenaltäre schmücken. Eine Gedenktafel an der Kirche erinnert, zum 200. Todestag angebracht, an den Schöpfer dieser Figuren. Neukirch, einziger Furtwanger Stadtteil im Einzugsgebiet des Rheines, hat auch nach Verlust seiner Selbständigkeit sein Eigen- leben weitestmöglich bewahrt und als Schwerpunkt des Fremdenverkehrs seinen Platz in der Gesamtstadt gefunden. Ein reges Vereinsleben fördert den Zusammenhalt unter Einheimischen und Neubürgern. Aus­ druck dieses Zusammenhalts ist der jährliche Dorfhock, ein Familienfest aller derzeitigen und früheren Neukircher. Wilhelm Dotter Das Wappen von N eukirch Wappen: In Blau, auf grünem Boden (Schildfuß) stehend eine silberne Kirche mit roten Dächern und schwarzen Öffnungen, Turm (heraldisch) rechts. Als die Vogtei (= Gemeinde) Neukirch nach dem Übergang an das neue Großher­ zogtum Baden 1806 erstmals ein eigenes Siegel führen durfte, beschaffte sie zu­ nächst ein schlichtes Petschaft, das im Hochoval unter einer Blumengirlande die sechszeilige Inschrift aufwies: VOGTEI / NEUKJRCH /HERRSCHAFT/TRIBERG/ IM SCHWARZ / WALD. In den Dreißiger­ jahren des vorigen Jahrhunderts wurde dann ein kleines, fast rundes Siegel eingeführt, das über einer Rankenverzierung und der Inschrift NEUKJRCH eine gemauerte Kirche zeigte, neben deren Turm vorn noch ein schlanker Baum aufwuchs -wohl zur Raumfullung. Die­ ses schön gravierte Siegel benutzte die Gemeinde bis 1895. – Damals regte das groß­ herzoglich badische Generallandesarchiv in Karlsruhe an, ein Wappen mit Kirche, also ein Um die Farben dieses Wappens wurde vor „redendes“ Wappen anzunehmen. Dem mitgeschickten Entwurf stimmte der Ge­ meinderat zu, und so bekamen die Neu­ kircher zu Anfang des folgenden Jahres ein Siegel und einen Farbdruckstempel mit dem Wappen geliefert. etwa 30 Jahren eine heftige Diskussion geführt. Dem Wappenentwurf von 1895 war keine Wappenbeschreibung mitgegeben 30 worden. Die Wappenzeichnung war zwar farbig angelegt – jedoch unheraldisch mit hellblauem Grund, hellgrünem Boden, die Kirche mit hellroten Mauern und roten Dächern. – In den tempeln war durch heraldische Schraffur ein blauer Grund und ein grüner Boden angedeutet – die Kirche blieb jedoch ohne Farbangabe. Als 1961 die Bezirkssparkasse in ihrem Neubau in Furtwangen die Wappen aller beteiligten Gemeinden anbringen wollte, forderte der Neukircher Bürgermeister Albert Fehrenbach in Karlsruhe eine farbige Vorlage an und schickte noch eine Zeich­ nung der Neukircher Pfarrkirche mit. – Er bekam eine heraldisch einwandfreie Wap­ pendarstellung, deren Farben sich aus der alten Zeichnung herleiteten: In Silber auf grünem Boden eine rote Kirche. Eine gelungene Lösung, die man noch auf der schönen Keramikplatte im Treppenhaus der Bezirkssparkasse Furtwangen sehen kann. – Doch fiel nach einiger Zeit jemand der Unterschied zur „blauen“ Schraffur des

Quellen und Literatur: Generallandesarchiv Karlsruhe, Gemeindshuldigungen Amtsbez. Triberg. – GLA Wappenakten Amtsbez. Triberg u. Lkr. Donaueschingen. – GLA Wappenkartei Schwarzwald-Baar-Kreis. – GLA Siegelkartei Schwarzwald-Baar-Kreis. – Gern. Amtsbl. Baden-Württ. 13 (1965) S. 360. – K. Schnibbe, Gemeindewappen im ehern. Landkreis Donaueschingen, in: Schrif ten d. Vereins/ Gesch. u. Naturgesch. d. Baar in Donaueschingen, Bd. 33 (1980). – K. Schnibbe, (Das Wappen von) Neukirch, in: VHS „Oberes Bregtal“ e. V Furtwangen, Tri­ mesterplan 111983. Stempelwappens auf, und e1mge Bürger monierten sogar, ihre Dorfkirche sei „nie­ mals rot gewesen“. – In der Heraldik ist jedoch die Farbe völlig unabhängig von natürlichen Vorbildern – es gibt z.B. blaue Löwen oder rote Adler. Und auch ihre Form erscheint auf ein Symbol abgekürzt; in unse­ rem Fall also einfach „Kirche“ und nicht „die Pfarrkirche von Neukirch“! – Gegen diese Grundsätze wird leider immer wieder versto­ ßen, was dann meist zu unzulänglichen Ergebnissen führt. – Die rote Kirche könnte hier beispielsweise auch als Symbol für ,,neue Kirche“ (also den Ortsnamen) stehen! Der Gemeinderat beschloß einen for­ malen Wappenänderungsantrag und am 23. April 1965 verlieh das Innenministerium Baden-Württemberg das eingangs beschrie­ bene Wappen. Es ist mit der Eingemeindung Neukirchs in die Stadt Furtwangen am 1.Juli 1971 für den amtlichen Gebrauch erloschen. Prof. Klaus Schnibbe Hammereisenbach-Bregenbach Ein liebenswerter Ort im oberen Bregtal Hammereisenbach-Bregenbach ist mit 643 Einwohnern der größte Ortsteil der Stadt Vöhrenbach. Der Ort liegt an der engsten Stelle des sich dann wieder auswei­ tenden oberen Bregtales. Seine Gemarkungs­ fläche beträgt 1511 ha. Die Hammereisen­ bach-Bregenbach umgebenden Berge und Höhen erreichen 1012 m. Bis 1896 waren Hammereisenbach und Bregenbach zwei selbständige Gemeinden. Durch ein Gesetz vom 7. Mai 1896 wurde der Ort Bregenbach aufgelöst und mit Hammereisenbach zu einer Gemeinde verbunden. Seit dieser Zeit führt die Gemeinde den Namen Hammer­ eisenbach-Bregenbach. Am l.Juli 1971 wurde Hammereisenbach-Bregenbach als Stadtteil nach Vöhrenbach eingemeindet. Der Ortsname Hammereisenbach wird abgeleitet vom Eisenbach, einem Gewässer, an dem der Ort liegt. Das Wort Hammer kam hinzu, weil hier eines der ältesten Ham­ merwerke im südlichen Schwarzwald stand. Dieses Eisenwerk wurde 1523 zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Die Entstehung des Eisenwerks lag aber schon in früherer Zeit, da bei der urkundlichen Erwähnung die Bergbauanlagen schon vorhanden waren. Im Jahr 1867 wurde das Werk wegen Unwirt­ schaftlichkeit stillgelegt. Heute sind von die­ sem ehemaligen Werk, das am Zusammen­ fluß der Urach und des Eisenbaches stand, kaum noch Spuren zu erkennen. Bregenbach bekam seinen Namen wahr­ scheinlich von den „Höfen links der Breg“. Erwähnt wurde es schon im 13. Jahrhundert als „Pregin“, 1366 dann als „Brägen“, 1487 als „Bregen“ und 1505 als „Pregen“. Die Gemeinde Bregenbach war im Besitz der 31

Hammereisenbach um 1991 Zähringer und kam, nach deren Aussterben im Jahre 1218, als Erbe zum Haus Fürsten­ berg. Der Ort be tand damals aus einigen Höfen, darunter der Krumpenhof, der Fischerhof, der Forpenhof, der Weiß­ kopfenhof, der Winterhof und der Bernreu­ tehof, welcher seit 1523 im Besitz der Familie Heini ist. Auf einem Felssporn über der Zusammen­ mündung des Breg-Tales und des Eisenbach­ Tales, also ganz in der Nähe dieser Höfe, stand die Burg „Neufürstenberg“. Sie wurde 1381 zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Sie soll ursprünglich „Bregburg“ geheißen haben, weil ihr damals das gesamte Bregtal unterstand. Ihre Entstehungszeit dürfte jedoch schon das beginnende 13. Jahrhun­ dert gewesen sein. Darauf lassen die bau­ handwerklichen und festungstechnischen Merkmale schließen. Dies sind insbe ondere die charakteristi chen Bossenquader an den Ecken der heute noch sichtbaren Schild­ mauer. Die Schildmauer ist noch nahezu in 32 voller Höhe erhalten. Sie ist etwa 22 m lang, hat eine Stärke von 4,50 m und eine Höhe von bis zu 15 m. Die Steinkonsolen dicht unter der Mauerkrone auf der Außenseite zeigen, daß lediglich der Wehrgang abgängig ist. Daran schließen die chwächeren und niedrigeren Mauern der Wohngebäude an. Auf der Hangseite, zum Eisenbach hin, ver­ läuft die noch etwa 3 m hohe Zwingermauer. Die Burg wurde hauptsächlich au dem Granit­ material der Umgebung, meist aus Flußge­ röllen errichtet. Nur die Gebäudedecken und Gliederungselemente bestanden aus groß­ formatigen �adern. Eine Schildmauerburg von solchen Ausmaßen war im südlichen Schwarzwald einzigartig. Große Bedeutung kam ihr hinsichtlich der Verkehrswege zu. Sie diente als Sperrfestung an den beiden Flußläufen, die die Talwege über den Schwarzwald ins Rheintal kontrollierte. Wei­ tere Bedeutung erhielt sie im 14. Jahrhundert als Schutzwehr für die im Eisenbachtal im Aufbau befindlichen fürstenbergischen

Eisenwerke. Im Bauernkrieg, am 8. Mai 1525, wurde die Burg Neufürstenberg zerstört. Die Ruine Neufürstenberg wurde 1953 als Kul­ turdenkmal von besonderer Bedeutung in das Denkmalbuch eingetragen. In den sieb­ ziger Jahren ging sie aus dem Eigentum des Hauses Fürstenberg in Landesbesitz über. Die erste Kirche in Bregenbach wurde schon 1446 unter dem Namen „Unser Frauen Capell gen Bregen unter der Newen Fürstenberg“ erwähnt. Damals ließ Graf Egon zu Fürstenberg eine Glocke aus dem durch die Pest ausgestorbenen Ort Waldhau­ sen nach Bregenbach bringen. Im Jahr 1466 wurde eine Kapelle in Bregenbach urkund­ lich erwähnt und 1488 wird von der Kapelle zu „Unser Frowen zu Bregen“ berichtet. Die Seelsorge übernahmen schon vor 1500 die Pauliner aus Tannheim. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts war für die Bregenbacher Höfe und den größer gewordenen Ort Hammer­ eisenbach die Pfarrei Urach zuständig, doch die Pauliner besorgten weiterhin die Seel- Hammereisenbach um 1900 sorge. Im Jahr 1724 wurde an der Hammer­ eisenbacher Landstraße in Bregenbach eine neue Kapelle gebaut. Sie hatte, wie auch die heutige Kirche,Johannis Baptista als Patron. Auch hier versahen die Pauliner weiterhin die Seelsorge, bis Hammereisenbach im Jahr 1785 eine selbständige Kaplanei erhielt.1887 wurde Hammereisenbach dann selbständige Pfarrei. Im Jahr 1901 wurde mit dem Bau einer neuen Pfarrkirche begonnen, die dann 1912 feierlich eingeweiht wurde. In den Jah­ ren 1966 bis 1975 erfolgte eine gründliche Außen- und Innenrenovation der Kirche. Bis 1966 war Hammereisenbach-Bregenbach eine selbständige Pfarrei. Dann wurde sie von den Pfarreien Eisenbach und Vöhren­ bach aus betreut. Seit 1974 wird die Pfarrei – wie einst – von der Pfarrei Urach aus mitbe­ treut. Ein eigener Friedhof wurde für die Gemeinden Hammereisenbach und Bre­ genbach im Jahr 1834 angelegt. 1906 er­ folgte der Bau der Friedhofskapelle, die vor einigen Jahren mit viel Eigeninitiative der 33

Erste Dampflokomotive der Bregtalbahn vor dem Bahnhof Hammereisenbach im Jahre 1892 Hammereisenbacher Bevölkerung renoviert wurde. Das erste Schulhaus wurde von den bei­ den Gemeinden in den Jahren 1823/24 nahe der Ortsmitte gebaut. Durch den Anstieg der Schülerzahlen war 1910 der Bau eines neuen Schulhauses nötig. Als auch dieses Gebäude nicht mehr den Anforderungen entsprach, wurde 1962 mit dem Bau eines größeren Schulhauses am Sommerberg begonnen. Das ehemalige Schulgebäude wurde danach Sitz der Gemeindeverwaltung und der Post. Durch die Schulreform wurde die Schule nach und nach geschlossen. Die Jahrgangs­ stufen 8 und 9 besuchen seit 1967 die Nach­ barschaftsschule in Vöhrenbach. Die rest­ lichen Hauptschulklassen folgten im Jahr 1971. Die Grundschule Hammereisenbach bestand noch bis zum Jahr 1974. Das nun leerstehende Gebäude wurde zur Festhalle umgestaltet. 1976 wurde dann der Kindergarten im ehemaligen Schulgebäude eröffnet. Im letztenJahr wurde ein Anbau als zweiter Gruppenraum für den Kindergarten fertiggestellt. Nach langen Verhandlungen erfolgte 1892 der Bau der Eisenbahnlinie von Donau­ eschingen nach Furtwangen. Im September des gleichen Jahres traf der erste Zug der Bregtalbahn in Hammereisenbach ein. Damit war der Ort an das Eisenbahnnetz angeschlossen, was für die Holz- und Forst­ wirtschaft – einzige Arbeitgeber außer der Landwirtschaft im Ort – das Transportpro­ blem verringerte. Im Jahr 1972 wurde die Bregtalbahnlinie schon wieder stillgelegt. Lange Zeit hatte jedes Haus in Hammer­ eisenbach und Bregenbach seine eigene Brunnenstube mit einer Quelleitung. So sah sich die Gemeinde erst im Jahre 1961 genö­ tigt, eine gemeindeeigene Wasserleitung zu bauen. Dazu wurde im Bereich Fahlenbach (Gemeinde Urach) einige Quellen gefaßt, die eine ausreichende Wassermenge liefern. 34

Als der Abwasserzweckverband Eisen­ bach-Vöhrenbach im Bereich des Fischer­ hofes eine Kläranlage baute, wurde auch Hammereisenbach angeschlossen. Die HAUS AM BERG GmbH aus Bad Urach erwarb 1965 ein Gebäude des Fischer­ hofes – das heutige Haus Weiherberg – und baute es zu einem Heim für Behinderte um. Ein Jahr später wurde landwirtschaftliches Gelände vom Land zugepachtet und das Anwesen bis 1973 als landwirtschaftlicher Betrieb weitergeführt. Zwischenzeitlich wurde ein weiteres Gebäude – das Haus Forbental – als Wohnheim für seelisch behinderte Männer errichtet. Nach Über­ gabe des Gebäudes vom Fischerbeckenhof durch Herrn Direktor Stäbler an die HAUS AM BERG GmbH entstanden in diesem Haus – dem Haus Haselnußhalde – Werk­ stätten und Räume für eine Wohngruppe. 1988 erfolgte der Bau eines Mitarbeiterwohn­ hauses für den Heimleiter. 1990 begann die Planung für ein neues Werkstattgebäude, das noch in diesem Jahr fertiggestellt werden wird. Heute läuft die Planung für ein Ge­ bäude in Hammereisenbach, in dem Wohn­ gruppen eingerichtet werden sollen. Im Heim Fischerhof stehen zur Zeit 84 Heim­ plätze zur Verfügung. Das Heim ist ein Bau­ stein in der gemeindenahen Versorgung und will mit seinen Angeboten einen beschüt­ zenden Lebensraum für geistig behinderte und psychisch kranke Menschen zur Verfü­ gung stellen, die ihre sozialen Bindungen, aus welchen Gründen auch immer, verloren haben. Die Zielsetzung des Heimes ist es, den Menschen dabei zu helfen, mit ihrer Krankheit oder Behinderung selbständiger und eigenverantwortlicher umzugehen. Die neue Werkstatt und die geplanten Wohnun­ gen sollen der Auflockerung der Wohn- und Arbeitsverhältnisse im Heim Fischerhof dienen. Innerhalb des Schwarzwald-Baar­ Kreises hilft die HAUS AM BERG GmbH mit dem Heim Fischerhof mit, die psychia­ trische Versorgung zu verwirklichen. Es soll mit anderen Trägern der psychosozialen Versorgung im Kreis darauf hingewirkt Ruine Neufürstenberg um 1900 werden, daß ambulante Dienste und Ein­ richtungen bedarfsgerecht zur Verfügung stehen. Während früher die Land- und Forstwirt­ schaft sowie einige holzverarbeitende Betrie­ be Arbeitsplätze in ausreichender Anzahl zur Verfügung stellten, so ist heute die große Mehrzahl der Erwerbstätigen gezwungen, ihren Lebensunterhalt in den Städten und Gemeinden der Umgebung zu verdienen. In Hammereisenbach bieten nur noch die Forstwirtschaft, einige Handwerksbetriebe und das Heim Fischerhof Arbeitsplätze für die einheimische Bevölkerung. In der Hammereisenbacher Dorfgemein­ schaft haben die Vereine einen hohen Stel­ lenwert. Die Feuerwehr, der Musikverein, der Sportverein, die Burgzunft, der Angel­ sportverein und der Sportkegelclub entfal­ ten vielfältige Aktivitäten und vertreten selbstbewußt ihren Heimatort. Karl Elsäßer 35

Das Wappen von Hammereisenbach-Bregenbach hätte auch – gehalten in den fürstenbergi­ schen Farben – zu einem Wappen getaugt (etwa folgendermaßen: In Blau ein silbernes Hammereisen). Die frühere Gemeinde B r e­ g e n b a c h dage­ gen führte im 19. Jahrhundert im Siegel ein gekrön­ tes (!) Wappen, das man folgen­ be­ dermaßen schreiben kann: In Gold rote Schrägleiste, unten begleite/ von einer aujgerichte­ len roten Rechthand. Vermutlich ist hier das seit 1830 gültige badische Wappen gemeint­ unter Zusatz der Hand als Ortszeichen (?). Die Bedeutung der Hand (Schwurhand) ist heute nicht mehr auszumachen. Sie kam auch in anderen Gemeindesiegeln der Um­ gebung vor (z.B. Eisenbach, Friedenweiler, Schollach, Schwärzenbach und Kappel bei Lenzkirch). – Hier bleibt noch etwas zu erforschen! eine Nach dem Zusammenschluß wünschte der Gemeinderat der neuen Gemeinde H a m m e r e i s e n b a c h -B r e g e n b a c h ein Wappen, ,,womöglich unter Beibehaltung des Zeichens der bisherigen Gemeinde Hammereisenbach.“ Vom Generallandes­ archiv Karslruhe wurde jedoch vorgeschla­ gen, da der Hammer in der bisherigen Form „nur schwer kenntlich“ sei, ihn mit einem Stiel zu versehen. Der Gemeinderat wählte darauf aus den vorgelegten Ent­ würfen das zu Anfang wiedergegebene Wappen aus. Und so wurde es von 1897 bis 1971 geführt. So richtig populär ist dieses Wappen jedoch nie geworden. – War schon die perspektivische Darstellung unheral­ disch, so entartete die Zeichnung in den Gemeindestempeln mit der Zeit zu einer Art ,,Steinbeil“. Wappen: In Blau ein aujgerichle/er silberner Hammer mit goldenem Stiel. Am 1. Januar 1896 wurde die Gemeinde Hammereisenbach mit der kleinen Bregtal­ gemeinde Bregenbach zur neuen Gemeinde Hammereisenbach-Bregenbach vereinigt. Die alte Gemeinde H a m m e r e i s e n ­ b a c h , benannt nach dem schon 1523 genannten fürstenbergischen „Hammer am Eisenbach“, besaß kein Wappen. Sie führte jedoch im 19. Jahr­ hundert ein iegel mit der Umschrift GEMEINDE HAM­ EISEN­ MER BACH, das, von Lor­ beerzweigen umge­ ben, ein Hammer­ eisen zeigt. So kann man es auch heute noch am bald 400 Jahre alten Wirtshaus „zum Hammer“ sehen. – Es handelt sich bei diesem einprägsamen Zei­ chen um die Darstellung des Eisens eines sog. Schwanz­ hammers, das an langem „Baum“ in S c h w a r z w ä l d er Hammerwerken im Einsatz war, und wie man einen noch heute z. B. im Sensen­ museum Achern erleben kann. Es 36

Immer wieder regte sich in der Gemeinde der Wunsch, das alte Zeichen des Hammer­ eisens wieder ins Wappen zu nehmen. Auf einen Vorstoß des Bürgermeisteramts 1966 schlug das Generallandesarchiv schließlich vor, das Wappen wie folgt zu gestalten: In Blau ein goldenes Hammereisen. – Da eine ent­ sprechende Rückäußerung des Gemeinde­ rats indessen ausblieb, kam eine Verleihung dieses Wappens nicht zustande. Durch die Eingemeindung in die Stadt Vöhrenbach zum 1.Juni 1971 ist das zu Anfang dargestellte Wappen erledigt. Prof. Klaus Schnibbe Q.yellen und Literatur: Generallandesarchiv Karlsruhe, Wappenakten, Amtsbez. Neustadt und Landkr. Donaueschingen. – GLA Wappenkarte1; Schwarzwald-Baar-Kreis. – GLA Siegelkartei, Schwarzwald-Baar-Kreis. – K. Schnibbe, Gemeindewappen im ehern. Landkreis Donaueschingen, in: Schrifi.en des Vereins/ Geschichte u. Naturgesch. d. Baar in Donaueschingen, Band 33 (1980). – K. Schnibbe, Wappen Hammereisenbach-Bre­ genbach, in: Volkshochschule „ Oberes Bregtal“ e. V, Furtwangen, Trimesterplan 1/1982. – G. Goerlipp, Der Bergbau im Tal des Eisen­ bachs, in: Almanach Schwarzwald-Baar­ Kreis, 11. Folge (1987), wg. Wirtshausschild ,,zum Hammer“. Baar bei Neudingen German Hasenfratz • � �- . .. � ��,-·,..;‘. �- ,· # : … 1! • ··��· ….. 37

Behörden und Organisationen 40 Jahre ÖTV-Kreisverwaltung Villingen-Schwenningen 40 Jahre ÖTV – ein sehr langer Weg, ein mühsam erkämpfter Erfolg im gesellschafts­ politischen Bereich unserer Stadt, den damaligen Kreisen Rottweil, Tuttlingen, Donaueschingen und Villingen bis hin zum (als Gewerkschaftsgrenze vereint und damit lange vorher vorweggenommenen) Schwarz­ wald-Baar-Heuberg-Bezirk. 40 Jahre ÖTV kann man aber auch so sehen: Es war die Wiedergeburt einer freien Gewerkschaftsbewegung nach Verbot und Zerschlagung 1933 mit der anschließend befohlenen „Gleichschaltung“. In dieser von Not, Hunger und Elend geprägten Nach­ kriegszeit waren es zwei Männer, die eine 38 vormals so starke Schwenninger Gewerk­ schaft wieder zu neuem Leben erweckten: Adelbert Wiser und Eugen Müller (zum letz­ teren vgl. auch Almanach 94, Seite 150). Wer also könnte die Chronologie der Ereignisse besser und überzeugender darstel­ len als eben dieser Eugen Müller, der erste ÖTV- Kreis-Geschäftsführer? Hören wir ihm also zu, denn sein weit gespannter Ge­ schichtsbogen ist Vergangenheit und Zu­ kunft, Erinnerung und Lehre zugleich: Der Glaube an die gl’Werkschaftliche Tradition ging aus 12jähriger Unterdrückung und Ve,fol­ gung letztlich gestärkt hervor durch Männer wie Steigerwald, Kaiser, Arnold, Böckler, Tarnow und Wisse/. Sie waren die „ Geburtshe!fer“ der Einheitsgewerkschaft in Deutschland. Für den i.iffentlichen und priva­ ten Dienstleistungsbe­ reich wurde die Gewerk­ schaft ÖTV gegründet, mit den Verwaltungs­ stellen Ravensburg und Reutlingen in Südwürt­ temberg. Der Zustrom zur neuen ÖTV im heuti­ gen Bereich der Region S chwarzwald-B aar­ Heuberg war das Si­ gna/für den Schwennin­ ger ÖTV-Vorsitzenden Adelbert Wiser, beim Hauptvorstand Kum­ mernuss mit Nachdruck für die Schaffung einer Verwalt1mgsstelle!Kreis­ verwaltung einzutreten.

Schon im Frühjahr 1952 trug Wiser’s Idee Früchte- der Hauptvorstand beschloß eine Kreis­ verwaltung mit Silz in Rollweil einzurichten. Stellenausschreibung, Bewerbung und die ent­ scheidende Delegierten-Konferenz in der Rottwei­ l.er Bahnhefsgasts/älle (!), 7 Bewerber, geheime Wahl und die meisten Stimmen kürten den ,,Eugen „zum ersten ÖTV-Kreis-Geschäftiführer. Mit Büro im Nebenzimmer der Rollweiler Gast­ stätte „zur Torstube“! Soweit Eu gen Müller über die ersten Stun­ den – samt Geburtshilfe – bis zu seinem Arbeitsantritt am 1. Oktober 1952. Der ohnehin nicht leichte Beginn seiner Arbeit wurde natürlich durch die Nach­ kriegsumstände noch erschwert. Heute undenkbar, damals selbstverständlich war das Reisen mit der Bahn, dem Postbus und – oft und viel mit dem Fahrrad. Zunächst galt es, Ortsvorstände, Betriebs- und Personalver­ tretungen, die zur neuen Kreisverwaltung gehörten, kennenzulernen, Referate und Vorträge zu halten. Eine Sisyphus-Arbeit, mit heutigen Verhältnissen nicht nachvoll­ ziehbar. Und auch nur verständlich, wenn der Beruf zur Berufung wird … Zwei positive „Umstände“ halfen Eugen Müller endlich, seine sich immer mehr häu­ fenden Funktionen und Pflichten in über­ schaubare und damit effektivere Bahnen zu leiten: Zum einen bekam er einen ausgemu­ sterten Ford Taunus zur Verfügung gestellt und zum zweiten beschloß 1954 eine Dele­ gierten-Konferenz die Verlegung der Kreisge­ schäftsstelle von Rottweil nach Schwenningen. In diesem Zusammenhang ist es interes­ sant sich zu erinnern, daß die heutige ÖTV­ Kreisverwaltung Villingen-Schwenningen als erste Institution im Südweststaat mit ihrem Organisationsgebiet -die Kreise Rott­ weil, Tuttlingen, Donaueschingen und Vil­ lingen umfassend – die alten Grenzen zwi­ schen Baden und Württemberg überwand! Doch damit wurde aber auch die Tarifgestal­ tung schwieriger, denn Südbaden und Südwürttemberg-Hohenzollern blieben im kommunalen Bereich bis in die 60er Jahre unterschiedliche Tarifgebiete. Stolzes Fazit: Die Gewerkschaft ÖTV war durch die Gestaltung des Tarifrechts ein wirt­ schaftlich, gesellschaftlich und sozialer Ord­ nungsfaktor ersten Ranges geworden. Und ein verlässlicher Partner dazu! Natürlich waren auch Voraussetzungen erkämpft worden, die über Jahre das gewerkschaftliche Fundament stetig und anhaltend verstärkten: der bun­ desweite ÖTV-Streik 1974 mit dem unter dem ÖTV-Vorsitzenden Heinz Kluncker eine zweistellige Lohn- und Gehaltserhö­ hung gelang und, daß die Tarifgestaltung für die Arbeiter und Angestellten im öffentli­ chen Dienst Grundlage für die Entwicklung des Beamten- und Besoldungsrechts des Bundes und der Länder wurde. Sicherlich würde es den Rahmen dieses Abrisses sprengen, wollte man akribisch Auf­ stieg und Erfolge der Gewerkschaft ÖTV, die sich Jahr für Jahr im ganzen Bundesgebiet einstellten, auflisten. Hören wir deshalb nocheinmal unserem ,,ewig jungen“ Eugen Müller zu: Meine Bemühungen, zusammen mit den Mit­ arbeiterinnen auf dem Büro und den viel.en ehren­ amtlichen Kolleginnen und Kollegen dra1efsen „vor Ort“für unsere ÖTV eine Vertrauensbasis zu schaffen, waren letztlich der eigentliche Garant für den guten Ruf unserer Verwaltungsstelle und – die nahezu vie,fache Steigerung der Mitglieder­ zahl. Dabei ha!f mir immer eine ganz einfache Lebens- und Arbeits-Philosophie aus einem Semi­ nar des Heidelberger OB Prof Weber: ,,Sorgt dafür, daß Gerechtigkeit Recht und Recht Gerech­ tigkeit wird“! Eine emotionale und rationale Ver­ pflichtung gleichermaßen fiir all meine Aktivitä­ ten in der Gewerkschaftsarbeit wie fiir die ehren­ amtlichen Afaben in den Selbstverwaltungs­ organen der Ortskrankenkassen und Arbeits­ ämter sowie als Mitglied des Gemeinderats und Kreistages Rouweil und danach auch im Schwarzwald-Baar-Kreis. Als Schwerkriegsbeschädigter und Gewerk­ schaftler zugleich halte ich es für meine lflicht, tag­ täglich für Frieden, Freiheit und soziale Gerechtig­ keit, heule und noch mehr für morgen einzutreten. Warum, so frage ich, ist die Menschheit nicht bereit, zur Lösung der sozialen Probleme in 1mse- 39

rer Weil die finanziellen Mille/ aufzubringen, wie dies für kriegerische Auseinandersetzungen der Fall ist!! Darf ich hierzu Peter Ustinov zitieren: Noch niemals hat mich aief der Straße jemand aufgefordert, für Kernwaffen Geld zu spenden. Offenbar deshalb, weil die Regierungen für Wef­ Jen stets genug Geld zur Verfügung haben. So bleibt mein Wunsch: eine Weil, ein Land, wo alles auf das Maß des Menschen zurück­ geführt wird. Eduard Krohn Neue Rettungs- und Feuerwehrleitstelle des Schwarzwald-Baar-Kreises Die neue Rettungs-und Feuerwehrleit­ stelle des Schwarzwald-Baar-Kreises wurde am 13. November 1992 in den Räumen des DRK-Kreisverbandes Villingen-Schwennin­ gen in Betrieb genommen. Seit diesem Zeit­ punkt werden sämtliche Feuerwehreinsätze über die EDV eingegeben. Der Computer erstellt nach einem Alarmstichwort den Ein­ satzvorschlag und über einen Tastendruck wird die entsprechende Feuerwehr über Funk alarmiert. Rettungsleitstelle Im Rettungsdienstgesetz vom 10. 6. 1975 regelte der Landtag von Baden-Württemberg die Aufgaben der Rettungsleitstelle. Vor die­ sem Zeitpunkt hatten die einzelnen Ret­ tungswachen die Hilfeersuchen selbst ent­ gegengenommen. Hierfür mußten sie rund um die Uhr einen Telefondienst unterhal­ ten. Seit November 1975 wurde für den Ret­ tungsdienstbereich Schwarzwald-Baar-Kreis die Rettungsleitstelle in Villingen eingerich­ tet und durch den DRK-Kreisverband Villingen-Schwenningen betrieben. Nach und nach wurden alle Rettungswachen aus dem ehemaligen Landkreis Villingen fern­ meldetechnisch zur Rettungsleitstelle auf­ geschaltet. Mit der Stationierung des Rettungshub­ schraubers Christoph 11 im Jahre 1978 (beim Krankenhaus Schwenningen) übernahm die Rettungsleitstelle auch die Alarmierung des Hubschraubers für den gesamten Einsatz­ bereich des Hubschraubers (Radius 50 km). 40 Gesonderte Standleitungen zwischen der Rettungsleitstelle und der Hubschrauber­ wache wurden eingerichtet. Ab Februar 1988 erfolgten die Aufschaltungen der Rettungs­ wachen aus dem ehemaligen Landkreis Donaueschingen. Seit dem 16. 1. 1989 sind die Rettungsdienste des Deutschen Roten Kreuzes im Schwarzwald-Baar-Kreis nur noch über die bundeseinheitliche Rufnum­ mer 19222 erreichbar. Die Aufgaben der Rettungsleitstelle sind im wesentlichen die Annahme von Notru­ fen und Meldungen sowie die Lenkung und Koordinierung der Einsätze des Rettungs­ dienstes. Folgende Aufgaben sind besonders zu erwähnen: Annahme von Hilfeersuchen und Alar­ mierung der Rettungsmittel Lenkung der Rettungsdiensteinsätze Alarmierung weiterer Organisationen wie Malteser Hilfsdienst, DRLG und Berg­ wacht Zusammenarbeit mit Kliniken, Ärzten und Zahnärzten. Feuerwehrleitstelle Mit einer Änderung des Feuerwehrgeset­ zes Baden-Württemberg 1978 erhielten die Landkreise als Pflichtaufgabe zugewiesen, eine ständig besetzte Einrichtung zur An­ nahme von Meldungen (Notrufe) und zur Alarmierung der Feuerwehren (Leitstelle für die Feuerwehren) zu schaffen und zu betrei­ ben.1979/1980 wurde die Feuerwehrleitstelle

für den Schwarzwald-Baar-Kreis in den Räu­ men der Rettungsleitstelle aufgebaut und am 3.11. 1980 in Betrieb genommen. Mit dem DRK-Kreisverband Villingen-Schwen­ ningen wurde eine Vereinbarung geschlos­ sen, wonach der DRK-Kreisverband als Betreiber der Rettungsleitstelle auch die Feu­ erwehrleitstelle betreibt. Für diese Entschei­ dung (eine integrierte Leitstelle zu betreiben) waren zunächst wirtschaftliche Überlegun­ gen maßgebend, aus heutiger Sicht sprechen auch zahlreiche einsatztaktische Gründe für eine integrierte Leitstelle. Mit der Inbetriebnahme im November 1980 wurde lediglich für die Ortsnetze Villin­ gen und Schwenningen der direkte Notruf 112 eingeführt. Für sämtliche andere Orts­ netze im Schwarzwald-Baar-Kreis wurde der 41

möglich, zudem sollte in das Abfrage- und Alarmierungssystem die elektronische Da­ tenverarbeitung Einzug halten. Parallel zu dieser Entscheidung hat auch der Vorstand des DRK-Kreisverbandes Villingen-Schwenningen die Erneuerung seiner Rettungsleitstelle ins Auge gefaßt, nachdem diese veraltet und störanfällig war sowie die Lieferung von Ersatzteilen zuneh­ mend Schwierigkeiten bereitete. Zum Zeitpunkt des Beschlusses des Umwelt- und Technischen Ausschusses lag bereits ein Konzept zur technischen Lösung einer gemeinsamen Rettungs- und Feuer­ wehrleitstelle vor. Grundlage für dieses Kon­ zept waren technische Vorgaben des Innen­ ministeriums und des Sozialministeriums Baden-Württemberg zur Ausstattung von Rettungs- und Feuerwehrleitstellen. Die Erfahrungen anläßlich der Hoch­ wasserkatastrophe im Februar 1990 führten nochmals zu einem Überdenken der techni­ schen Ausstattung und so entstand die Ein­ richtung eines dritten Arbeitsplatzes für Großeinsätze. Weitere Überlegungen, die Einsatzabwicklung und Einsatzunterstüt­ zung mit Hilfe der EDV zu unterstützen, wurden konkretisiert. Dasselbe gilt für die Informationsverarbeitung von Betrieben und Anlagen mit gefährlichen Stoffen und Gütern. Hier sollte insbesondere eine Ver­ knüpfung des Alarmsystems mit vorhande­ nen Sonder- und Feuerwehreinsatzplänen geschaffen werden. Die von der Behörde zur Verfügung gestellten betriebsbezogenen Daten zu Ge­ fahrgutstoffen ergeben eine umfangreiche Gefahrgutdatei und der Disponent der Ret­ tungs- und Feuerwehrleitstelle kann den Ein­ satzleiter und den Notarzt umfassend bera­ ten. Nach der Ausschreibung im Januar 1991 beschlossen der Umwelt- und Technischer Ausschuß und der Vorstand des DRK-Kreis­ verbandes Villingen-Schwenningen im Sep­ tember 1991 die Auftragsvergabe für die Rettungs- und Feuerwehrleitstelle an einen Generalunternehmer. Die Unterbringung sogenannte unechte Notruf geschaltet, dies bedeutete, daß zunächst der Anruf eines Hil­ fesuchenden beim jeweiligen Polizeirevier ankam und das Gespräch über eine Standlei­ tung zur Feuerwehrleitstelle weitergeschaltet wurde. Aufgaben der Feuerwehrleitstelle: Annahme von Hilfeersuchen und Alar­ mierung der zuständigen Feuerwehr Unterstützung des Einsatzleiters Unterrichtung von Behörden (z.B. Amt für Wasserwirtschaft und Bodenschutz) Überörtliche Hilfe der Feuerwehr anfor­ dern Nachrichtensammelstelle phenfall Alarmierung von Einheiten des Katastro­ phenschutzes. im Katastro­ Neukonzeption der Rettungs- und Feuerwehrleitstelle Am 15.1. 1990 hat der Umwelt- und Tech­ nischer Ausschuß des Kreistages beschlos­ sen, die technische Einrichtung der Feuer­ wehrleitstelle zu erneuern und den direkten Notruf ll2 im gesamten Landkreis einzufüh­ ren. Eine Erneuerung der technischen Ein­ richtung war altersbedingt notwendig, der Ausbau des Feuerwehrnotrufes 112 als direk­ ter Notruffür den gesamten Landkrei konn­ te mit der vorhandenen Technik nicht rea­ lisiert werden. Der Ausbau der Fernsprech­ und Nebenstellenanlage war ebenfalls nicht 42

Das neue Saatbauamt stellt sich vor der neuen Leitstelle erfolgte im ehemaligen Ausbildungsraum des DRK-Ortsvereins Villingen. Nach entsprechenden Umbauar­ beiten wurden der technische Aufbau der Leitstelle im April 1992 durchgeführt. Die Notrufleitungen wurden auf die neue Ret­ tungs-und Feuerwehrleitstelle am 4. 8. 1992 umgeschaltet und die vollständige Inbetrieb­ nahme, verbunden mit einer offiziellen Ein­ weihung, war im November 1992. Das Land Baden-Württemberg hat die gesamte technische Erneuerung der Ret­ tungs-und Feuerwehrleitstelle maßgebend gefördert, so daß für die Notrufabfrage ·Feuerwehr heute 16 Notrufleitungen 112 aus 14 Ortsnetzen -4 Standleitungen zu den Polizeirevieren Eine Sonderbehörde, die im ganzen Lande Baden-Württemberg einmalig ist, hat seit nahezu 50 Jahren ihren Sitz in Donau­ eschingen: das Saatbauamt. Als staatliche landwirtschaftliche Untersuchungsanstalt – Teil der Landesanstalt für Pflanzenbau in Forchheim bei Karlsruhe -hat dieses Amt im Bewußtsein der städtischen Bevölkerung sicherlich keinen so hohen Bekanntheits­ grad wie etwa das Rathaus, das Gesundheits­ amt oder gar das Finanzamt. Dennoch erfüllt es sehr wichtige Funktionen. Sein Arbeitsge­ biet liegt nämlich weniger im direkten Umfeld Donaueschingens, sondern weit darüber hinaus im ganzen Lande. Im Jahre 1946 gegründet und ursprünglich für den ehemaligen Landesteil Südbaden zentral in Donaueschingen stationiert, wurde mit der Bildung des Südweststaates 1952 die Zustän­ digkeit auf ganz Baden-Württemberg ausge­ dehnt. So ist das Saatbauamt wohl auch die einzige Behörde im Schwarzwald-Baar­ Kreis, deren spezielles Tätigkeitsfeld vom Bodensee bis nach Tauberbischofsheim und von Karlsruhe bis nach Ulm reicht. In den alten Bundesländern gibt es nur zwei weitere -1 Standleitung zum Kreisbrandmeister vorhanden sind. Der Rettungsdienst verfügt über 14 Not­ rufleitungen 19222, eine Leitung zu den Notrufsäulen, zwei Leitungen für die Ärzte­ vermittlung und eine Leitung für das Gehör­ losentelefon. Die Arbeit der Disponenten der Leitstelle werden mit 2 PC-Arbeitsplät­ zen unterstützt, ein Microfiche-Gerät steht zur graphischen Darstellung zur Verfügung und ein PC wird für die Fahrzeugzustands­ anzeige sämtlicher Einsatzfahrzeuge vorge­ halten. Diese neue Einrichtung und neue Struk­ tur hat sich bereits an konkreten Notstands­ lagen bewährt. Manfred Pfeffinger solcher Untersuchungsanstalten, nämlich in Hannover und in Freising-Weihenstephan. In den Nachkriegsjahren bestand eine vordringliche Aufgabe darin, die Ernährung unserer Bevölkerung sichern zu helfen. Dies war durch große Kartoffel-Erntemengen am ehesten möglich. Deshalb stand die Verbes­ serung der Produktionstechnik in den land­ wirtschaftlichen Betrieben – speziell im Speisekartoffelanbau -im Mittelpunkt aller Bemühungen. Gleichzeitig galt es, eine lei­ stungsfahige Pflanzkartoffelerzeugung in den Höhengebieten des Schwarzwaldes, der Baar, im Linzgau und im Schwäbischen Oberland aufzubauen, da die traditionellen Liefergebiete in Ostdeutschland verlorenge­ gangen waren. Bis in die zweite Hälfte der Fünfzigerjahre war deshalb die Produktion von Nahrungsmitteln oberstes Gebot. Seit­ her haben sich die Verhältnisse stark gewan­ delt und damit auch die Aufgaben der Dienststelle. Als einer Außenstelle der Lan­ desanstalt für Pflanzenbau Forchheim, wo sämtliche pflanzen baulichen Aktivitäten im Lande zusammenlaufen, werden in Donau­ eschingen Saatgutprüfungen durchgeführt 43

Die Versuche mit dem Anbau von Heil- und Gewürzpflanzenfinden großes Interesse Fachkundige Begutachtung von Kartoffelpflanzen im Gewächshaus: Amtsleiter Zenz, Staatssekretär Reddemann, Finanzamtchef Müller (von rechts) 44

Ka1offelsorfen Die derzeit empfohlenen Qualitäts-Speisekartoffelsorten Im Vordergrund das moderne Labor- und Lagergebäude, dem sich die Gewächshäuser zum Verwal­ tungsgebäude hin anschliißen 45

sowie alle Fragen des Kartoffelbaues landes­ weit und ein Großteil der Anbauversuche mit Heil- und Gewürzpflanzen insbesondere für die Höhengebiete bearbeitet. Es handelt sich dabei um sehr spezielle Aufgaben, wie z. B. ein sehr umfangreiches pflanzen bauliches Versuchswesen mit jährlich zwischen 2500 und 3000 Einzelparzellen auf meh­ reren eigenen Versuchsfeldern und in Praxisversuchen die laufende Überprüfung neu zugelasse­ ner oder bereits eingetragener Kartoffel­ sorten. Allein im Bundesgebiet gibt es heute 165 und im jetzt vollzogenen Gemeinsamen EG-Markt 550 verschie­ dene Kartoffel orten, die dem Verbrau­ cher und dem Erzeuger die Qual der Wahl erschweren die Durchführung von Virusuntersu­ chungen für Pflanzkartoffeln im Rahmen der amtlichen Saatenanerkennung mittels Augenstecklingsprüfung und ELISA-Test. In diesem Bereich werden jährlich rund 185.000 Einzeluntersuchungen durchge­ führt die Untersuchung von ca. 4000 Boden­ proben im Jahr auf Kartoffelnematoden die Ausführungn von nahezu 700 Koch­ und Geschmacksprüfungen mit Kartof­ feln und etwa 200 Sortenechtheitsbestim­ mungen im Jahr eine große Zahl von amtlichen Zulas­ sungsprüfungen im Bereich der Pflanzen­ schutzmittel landesweite wöchentliche Kontrolle der virusübertra­ genden Blattlauspopulation während der Vegetationszeit und schließlich die Auswertung von unvorstellbar vielen Zahlen und Daten für die Beratung der einschlägigen land­ wirtschaftlichen Betriebe in Baden-Würt­ temberg mit einer Kartoffelanbaufläche von derzeit ca. 16.000 Hektar. In den genannten Untersuchungen wer­ den viele Tausende von Kleinproben geprüft. Dies setzt eine sehr spezielle Maschinen- und Gebäudeausstattung vor- sowie die 46 aus. Da das Amt bis zur Mitte der Sechziger­ jahre in zwei weit auseinanderliegenden Gebäuden untergebracht war und auch danach mit vielen baulichen Provisorien leben mußte, wurde im Zentralitätserhal­ tungsprogramm der Landesregierung bereits 1971 festgelegt, da Saatbauamt Donau­ eschingen durch entsprechende Baumaß­ nahmen in die Lage zu versetzen, seine besonderen Aufgaben zu erfüllen. Seit dieser Grundsatzentscheidung sind viele Jahre ver­ gangen. Endlich 1989 konnte in einem ersten Bauabschnitt eine Maschinenhalle und ein Laborgebäude mit Lagerraum und Kühllager erstellt und schließlich 1992 im zweiten Bau­ abschnitt eine moderne Gewächshausanlage geschaffen sowie die Bausanierung des beste­ henden Dienstgebäudes durchgeführt wer­ den. Am 19. März 1993 fand die endgültige Übergabe der neuen bzw. renovierten Gebäude durch das Staatliche Hochbauamt Rottweil im Rahmen einer kleinen Feier­ stunde statt. Aus Richtung Grüningen kommend bie­ tet sich dem Betrachter nun am Ortseingang Donaueschingen ein ansprechender Bau­ komplex dar. Der Verbindung zur heimi­ schen Land- und Forstwirtschaft entspre­ chend, wurden die verwendeten Baumateria­ lien im wesentlichen aufHolz und Kalksand­ stein beschränkt. Die Form der Baukörper mit Flachdächern sind nach dem Kopfbau der Anlage, dem Dienstgebäude aus dem Jahre 1960, ausgerichtet. Dabei konnte die Planung genau auf die Funktion der Dienst­ stelle abgestimmt werden, beginnend mit der Probenannahme, dem Lagerraum mit Kühlraum, 2 Vorkeimräumen, 4 Test- und Laborräumen und einer Gewächshausfläche von 400 m2, so daß die Arbeitsräume „maß­ geschneidert“ auf die dienstlichen Erforder­ nisse zugeschnitten sind. Modeme Büro­ räume in Verbindung mit hellen Innenhöfen schaffen eine von Natur und Licht durchflu­ tete freundliche Atmosphäre. Die Gewächs­ häuser mit modernster technischer Einrich­ tung entsprechen insbesondere auch ener­ giewirtschaftlich den hohen Ansprüchen

Viele Tausende von Einzelproben müssen getrennt e,faßt, gelagert, geprüft und beurteilt werden unserer Zeit. Und als ökologisch interessan­ tes, wichtiges Detail wurde die Bewässe­ rungsanlage der Gewächshäuser nach dem Ebbe-Flut-Prinzip in der Weise gestaltet, daß in einem Erdtank mit 8000 Liter Fassungs­ vermögen das Regenwasser der Gewächs­ hausdächer gesammelt, in einem bestimm­ ten Zeittakt auf den Gewächshaustischen geflutet und danach wieder in den Erdtank zurückgeleitet wird. Dies spart nicht nur Geld, sondern kostbares Wasser. Das Saatbauamt Donaueschingen verfügt somit nach langen Jahren der Vorbereitung und mehreren Jahren Bauausführung über moderne, ansprechend gestaltete, funktio­ nell ausgereifte Dienst- und Arbeitsräume für seine vielfaltigen Aufgaben im Dienste der Landwirtschaft und der Verbraucher. Eindrucksvoll konnte dies einer breiten Öffentlichkeit mit einem „Tag der offenen Tür“ am 21. März 1993 bei außerordentlich großem Besucherinteresse vorgestellt wer­ den. Beinahe 50 Jahre seit Gründung der Dienststelle sind ins Land gegangen, ehe die baulichen Voraussetzungen zur Durchfüh­ rung der speziellen pAanzenbaulichen Untersuchungsverfahren optimal geschaf­ fen werden konnten. Die Zeit der Proviso­ rien ist nun vorbei; das Saatbauamt ist für die zukünftigen Aufgaben bestens gerüstet. Wolfgang Zenz 47

Schulen und Bildungseinrichtungen 125 Jahre Gewerbliche Schulen in Donaueschingen G. Besenfelder, in seinem Grußwort zum Schuljubiläum u. a.: „Die Lebenswirklichkeit verlangt von einem mündigen Mitarbeiter mehr als nur Kenntnisse und Fertigkeiten. Neben den fachlichen, spielen allgemeine übergreifende Qualifikationen eine zunehmende Rolle und ersetzen diese tendenziell. Es muß die Fähigkeit zum Problemlösen in einer sich dynamisch verändernden Arbeitswelt sowie die soziale Befähigung in vielfältigen Gruppen­ strukturen gelehrt werden. Mehr als jeder andere schulische Bildungs­ bereich sind die beruflichen Schulen einem stän­ digen Anpassungsprozefs an den Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft unterworfen. Die Beschäjiigten in Industrie und Handwerk müssen sich ebenfidls auf neue veränderte Gegebenheiten Am 14. und 15. Mai 1993 feierten die Gewerblichen Schulen Donaueschingen, die in der Trägerschaft des Schwarzwald­ Baar-Kreises stehen, ihr 125jähriges Beste­ hen. Mit einem gelungenen Festakt und einem „Tag der offenen Tür“ präsentierten sich alle Berufsfelder, die an dieser Schule unterrichtet werden, von ihrer besten Seite. In sechs wichtigen Berufsfeldern erhalten knapp 1300 Lehrlinge aus dem Schwarzwald­ Baar-Kreis, aber auch aus den benachbarten Landkreisen Rottweil und Tuttlingen, ein hervorragendes Rüstzeug für ihre berufliche Zukunft. Diese berufliche Zukunft zu er­ halten und zu sichern, ist eine der Aufgaben der beruflichen Schulen. So schreibt auch der Leiter der Schule, Oberstudiendirektor Festakt am 14. Mai 1993 48

einstellen. Hier ist das Berufsbildungssystem neu gefördert. Es muß jedem Auszubildenden die Chance eröffnen, sich auf dem Arbeitsmarkt qua­ lifizieren zu können.“ In diesem Sinne wird an den Gewerb­ lichen Schulen Donaueschingen hervor­ ragende Bildungs- und Erziehungsarbeit geleistet und diese wird auch den zukünf­ tigen Anforderungen in unserer schnell­ lebigen Zeit standhalten. Ein Blick in unsere Schulgeschichte Maßgebend für die Gründung der Ge­ werblichen Schulen Donaueschingen war eine Verordnung des Großherzogs Leopold von Baden von 1834 über die Errichtung von Gewerbeschulen. So bestimmte „Leopold von Gottes Gnaden“, daß ab sofort in allen gewerbereichen Städten des Großherzog­ tums Gewerbeschulen eingerichtet werden sollten. Das war auch gleichzeitig der Start­ schuß für die vielgerühmten badischen Gewerbeschulen. Am 18. Mai 1868 wurde also der Unter­ richt an der neugegründeten städtischen Gewerbeschule im Knabenschulhaus in der Karlstraße aufgenommen. Ein eigens von Walldürn nach Donaueschingen versetzter Gewerbelehrer Haug begann seinen Unter­ richt mit einer Schülerzahl von 23 ! Heinrich Ganter, Bürgermeister von Donaueschin­ gen, wurde zum Gewerbeschul-Vorstand ernannt. Er bot vor allem arbeitslosen jugendlichen im Winter Kurse in Zeichnen und Modellieren an, um sie auf eine even­ tuelle Berufstätigkeit vorzubereiten. Erst 1872 wurde der Gewerbeschulbesuch für die Lehrlinge Pflicht und die Lehrherren aufgefordert, den Schulbesuch zu ermög­ lichen. Einige Jahre später wurden amtliche Prüfungen für die Lehrlinge eingeführt, dadurch verbesserte sich der Ausbildungs­ stand erheblich. 1892 erhöhte sich die Schülerzahl auf 60. Deswegen erhielt die Schule ein neues Gebäude an der Max-Egon-Straße (heutige 49

Arbeitsamt-Außenstelle). Nach dem 1. Welt­ krieg stieg die Zahl der Lehrlinge sprunghaft an, so daß die Schule wieder umziehen mußte, jetzt in die Wöhrdenstraße 10. Hier wird der Unterricht in Fachabteilungen abgehalten: (192 Schüler in den Abteilungen Metall, Bau, Holz, Ausstattungs-und Kunst­ gewerbe, Nahrungsmittel; darunter befan­ den sich 16 Mädchen!). Das Dritte Reich erschütterte auch die Gewerblichen Schulen in Donaueschingen. Begründet durch die NS-Ideologie tauchten neue U nterrichtsfacher auf oder wurden umbenannt und mit „neuem Gedankengut“ versehen. Der Schulleiter war gleichzeitig Propagandabeauftragter für seine Schule und war für staatskonforme Meldungen an die Presse verantwortlich. 1935 wurde die Schule in eine Bezirks­ gewerbeschule umgewandelt und ging in die Trägerschaft des Kreises über. Nach dem 2. Weltkrieg konnte der Unter­ richt nur unter schwierigsten Umständen wieder aufgenommen werden. Kaum Lehr­ kräfte, kein geeignetes Lehrmaterial und explodierende Schülerzahlen (1947: 300 Schüler, 1952: 540 Schüler). 1955 durfte der damalige Schulleiter Ernst Rosenstiel mit seiner Schule in die Schulstraße 11 (heutiges Haus des Handwerks) umziehen. Nachdem Es war ein langer Weg von den Anfängen der Schule für Körperbehinderte in St. Geor­ gen und der Inbetriebnahme des Therapie­ bades und der Turnhalle in der Schule für Körperbehinderte auf dem Hoptbühl im Stadtbezirk Villingen. Die Vollendung des 2. Bauabschnittes fand im Rahmen einer kleinen Feierstunde am 4. 3.1993 statt, an der die Schulträger, das Oberschulamt, die Eltern und Kinder sowie die Lehrkräfte teil­ genommen haben. in Die Schule für Körperbehinderte Villingen-Schwenningen wurde in den Jah- 50 durch den Schulentwicklungsplan II, der eine Neugestaltung und Konzentrierung der beruflichen Bildung vorsah, neue Abteilun­ gen eingerichtet (Holz und Farbe) und andere Abteilungen aufgestockt wurden (z.B. Nahrung), platzte die Schule schon wieder aus allen Nähten. So zog die Schule unter Leitung des damaligen Direktors Josef Grieninger in die neue Gewerbeschule an der Eichendorffstraße um.1982 konnte dann der Nachfolger von Direktor Grieninger, Ober­ studiendirektor Hermann Barth, den Erwei­ terungsbau der Schule einweihen. Seither stehen nun genügend Unterrichtsräume und Einrichtungen für den Unterricht in den Berufsfeldern Metalltechnik, Kfz-Technik, Elektrotechnik, Holztechnik, Bautechnik, Farbtechnik und Ernährung und Hauswirt­ schaft zur Verfügung. Verschiedene neue Bildungsgänge, z.B. Berufskolleg zur Erlangung der Fachhoch­ schulreife, Bautechnikerschule, Berufsfach­ schulen in verschiedenen Berufsfeldern, run­ den das vielfältige Bildungsangebot der Ge­ werblichen Schulen Donaueschingen ab. Schülerzahlen im Jubiläumsschuljahr 1992/93: Vollzeitschüler: 147 Teilzeitschüler: 1123. Volker Müller ren 1984/85 erbaut. Der Schulbetrieb wurde mit Beginn des Schuljahres 1985/86 auf­ genommen (vgl. Almanach 1988, Seiten 42-45). Der Bau des Sport-und Therapie­ bereichs wurde damals aus Kostengründen zurückgestellt. Aufgeschoben war nicht aufgehoben! Ende der 80er Jahre begannen die Bemühun­ gen, die Absicht zum Bau der Turnhalle und des Therapiebeckens in die Tat umzusetzen. Außer dem Bau des Therapiebades und der Turnhalle wurde die Schule um vier neue Unterrichtsräume und zwei Gruppenräume Schule für Körperbehinderte in Villingen-Schwenningen nunmehr komplett

erweitert. Dies war notwendig, weil inzwi­ schen auch der Kreis Tuttlingen seine Bereit­ schaft erklärt hat, sich der öffentlich-rechtli­ chen Vereinbarung der Landkreise Schwarz­ wald-Baar und Rottweil anzuschließen und sich an den Baukosten anteilig zu beteiligen. Mit dem Bau von Turnhalle, Therapiebad und Schulräumen wurde im Spätsommer 1991 begonnen. Die Schulräume konnten zum Schuljahresbeginn 1992/93 bezogen werden, im Januar 1993 wurden Turnhalle und Therapiebad übergeben. Die Kosten des 2. Bauabschnittes belau­ fen sich auf 8,3 Mio. DM. Zusammen mit den Kosten für den 1. Bauabschnitt in Höhe von 10,1 Mio. DM wurden 18,4 Mio. verbaut. Bei der Einweihung des 2. Bauabschnittes bezeichnete Landrat Dr. Gutknecht die Schule für Körperbehinderte als „die schön­ ste Schule im Landkreis“. Sie ist ein architek­ tonisches Meisterstück der FAI (Freier Archi­ tekten und Ingenieure) Baisch und Frank aus Stuttgart und hat die besondere Note des 1. Bauabschnittes, nämlich Transparenz und Wärme zu vermitteln, in gelungener Weise aufgenommen und fortgeführt. Mit der Vollendung des Gesamtprojekts ist eine optimale Bildungs- und Schulungs- arbeit möglich. Derzeit finden in einer behindertengerecht ausgestatteten Lernum­ gebung 96 Schüler Raum für die vielfaltigen Aktivitäten, die das Schulleben im Rahmen einer Ganztagesschule kennzeichnet. Von den 96 Schülern kommen 62 aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis, 21 aus dem Landkreis Rottweil, 12 aus dem Landkreis Tuttlingen, 1 aus dem Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald und 1 aus dem Landkreis Waldshut. Die Schule für Körperbehinderte verei­ nigt unter ihrem Dach folgende Bildungs­ gänge: – Grund- und Hauptschule, – Förderschule und – Schule für Geistigbehinderte. Die Schule bietet außerdem therapeu­ tische Dienste an, die in vielen Fällen eine Teilnahme am täglichen Unterricht erst möglich machen. Kinder, Eltern und Mitarbeiter sind froh und dankbar, daß die Schule nun komplett ist. Möge ihr eine gute Zukunft beschieden sein! Robert Faller 15 Jahre Rudolf-Steiner-Schule Villingen-Schwenningen Mit der Einweihung der Turnhalle sind die Baumaßnahmen vorläufig abgeschlossen Die Freie Waldo,fschule wurde unter Teilaspekten im Almanach 1987, Seiten 30-32, und Alma­ nach 1991, Seiten 54-56, vorgestellt. Der nachfol­ gende Beitrag schließt den derzeitigen A usbauzu­ stand ab. Die Rudolf-Steiner-Schule – Freie Wal­ dorfschule – konnte im Jahre 1993 zusam­ men mit der festlichen Einweihung der Turn- und Festhalle auch das 15jährigeJubi­ läum der Schule feiern. In langer Aufbauarbeit ist eine Schulland­ schaft mit verschiedenen Gebäuden, mit Wegen und Plätzen, GrünAächen und Baumgruppen, Sportanlagen und Spielek­ ken entstanden. Einige Jahre lang diente das Haus Schön­ blick in der Frühlingshalde als anfanglicher Standort Sehr chnell wurde aber deutlich, daß ein eigenes Schulgelände gefunden werden mußte, auf dem sich die Schule, ihren eige­ nen waldorf-spezifischen Bedürfnissen ent­ sprechend, entwickeln könnte. Dankenswerterweise stellte die Stadt Vil­ lingen-Schwenningen dem Schulverein ein 52

schön am Waldrand gelegenes Grundstück im Westen Schwenningens in Erbpacht zur Verfügung. Kein am ersten Spatenstich Beteiligter hätte im Novemberl983 ahnen können, daß aus dem wildverwachsenen Stück Land (größtenteils aufgefüllte ehemalige Lehm­ grube) innerhalb von 10 Jahren ein so vielfäl­ tig gestaltetes Schulgelände entstehen würde. Zwei Bauabschnitte des Schulhauses, der nahegelegene Kindergarten und nun der langgestreckte Bau der Turnhalle, prägen die entstandene Schullandschaft. Neben dieser großen äußeren Aufbau­ leistung wuchs die Schule aus kleinen Anfangen (im August 1978 waren es 77 Schü­ ler/innen in drei Klassen – wobei die 3. Klasse eine kombinierte 3. und 4. Klasse war – und sieben Lehrer/innen)Jahr für Jahr um eine Klasse. 1987 war sie mit der ersten 13. Klasse vollständig ausgebaut. Das erste Abitur wurde 1988 erfolgreich bestanden. Seit einigen Jahren hat die Schule ihre angestrebte Größe erreicht (Stand Mai 1993: 429 Schüler/innen in 13 Klassen, 40 Kinder im Kindergarten). Das jetzt entstandene Sporthallenge­ bäude gliedert sich in einen Eingangs- und Umkleidebereich mit direkter Verbindung zum Sportplatz sowie den Sport- bzw. Mehr­ zweckbereich mit anschließenden Geräte­ räumen. Der Sportbereich besteht aus einer 15 x 27 m große Sporthalle und einer 15 x 11 m großen Gymnastikhalle, welche um 95 cm höher liegt und durch eine verschließbare Öffnung mit der Sporthalle verbunden ist. Dadurch wurde eine Nutzung der Halle als Festsaal mit einer Bühne erreicht. Unter der Bühne ist Platz für die Hallenbestuhlung vorhanden. Der Umkleidebereich liegt direkt neben dem Sportplatz. Die Umkleide-, Wasch-und Geräteräume stehen sowohl der Halle als auch dem Sportplatz zur Verfügung. 53

Bei Veranstaltungen können in diesen Räu­ men die Besucher-und Bühnengarderoben untergebracht werden. Trotz der Möglichkeit der zusätzlichen Nutzung als Festsaal wurde die Halle, als Sporthalle gebaut, sparsam und schlicht gestaltet. Die gewünschte Bühneneinrichtung ist planerisch berücksichtigt, kann aber erst spä­ ter und überwiegend in Eigenarbeit verwirk­ licht werden. Der Sportplatz wird durch eine Weit­ sprung-und Kugelstoßanlage erweitert. Die Gestaltung der Sporthalle wurde dem Stil der Schule angepaßt. Durch die Einbin­ dung der Gebäudeteile in das Hanggelände konnte das äußere Bauvolumen kompakt gestaltet und harmonisch mit der Umge­ bung verbunden werden. Der Bau der Sporthalle war nur mit enor­ men finanziellen Anstrengungen realisier­ bar. Eine große Unterstützung war dabei die Elternarbeit am Bau. Seit über zehn Mona- 54 ten haben viele Eltern ihre Freizeit an Wochenenden dafür eingesetzt und mit ihrem großen Engagement spürbare Einspa­ rungen erreicht. Unzählige Sträucher und Bäume wurden von Eltern und Freunden der Schule geschenkt und an Wochenenden einge­ pflanzt. Die neue Turn-und Festhalle eröffnet der Schulgemeinde viele neue Möglich­ keiten: Die neuen ersten Klassen können nun in der eigenen Halle empfangen und aufge­ nommen werden. Die Monatsfeiern, Klassenspiele und die anderen großen kulturellen Veranstaltun­ gen der Schule werden in ihr stattfinden. Der Sportunterricht hat sein eigenes Ge­ bäude erhalten. Burkhard Hirsch/ Leonid Prokopowitsch

Wirtschaft und Gewerbe Konsequentes Kostenmanagement und Innovation erforderlich Schwarzwald-Baar-Heuberg, Die Wirtschaft in der Bundesrepublik Deutschland befindet sich, erstmals auch stärker in Baden-Württemberg und in der Region in schwierigem Fahrwasser. Nach der Früh­ jahrsprognose der sechs führenden Wirt­ schaftsforschungsinstitute wird das Brut­ toinlandsprodukt (die Summe der im Inland erzeugten Güter und Dienstleistungen) im Jahr 1993 um 1,5 % sinken. Nach zehn Jahren guter Konjunktur, noch verstärkt durch den Sondereinfluß im Zuge der Wiedervereini­ gung, haben vor allem die Industrieunter­ nehmen mit harter internationaler Konkur­ renz zu kämpfen. Die Region Schwarzwald-Baar-Heuberg steht mit ihrer hohen industie- und export­ orientierten Struktur inmitten dieses Ver­ drängungswettbewerbs. Betroffen von dieser Entwicklung sind vornehmlich die Zweige Maschinenbau, Elektrotechnik sowie der Zulieferbereich – allesamt Herzstücke der hiesigen Wirtschaftsstruktur. Wie sieht es nun in diesem Wirtschafts­ raum aus? Betrachtet man die Umsatzent­ wicklung im Verarbeitenden Gewerbe (Be­ triebe mit 20 und mehr Beschäftigten), so erkennt man, daß die Erlöse in der Region erstmals seit 1982 wieder rückläufig sind. Im Vergleich zu 1991 haben die Unternehmen 0,2 % verloren. Gesunken ist im Verarbeiten­ den Gewerbe auch die Zahl der Beschäftig­ ten. In 1992 betrug der Anteil 85.407. Dies sind 3086 Beschäftigte bzw. 3,5 % weniger als ein Jahr zuvor. Was den Betrieben zu schaffen macht, ist bei diesen nach wie vor arbeitsintensiven Produktionsformen das Mißverhältnis von Erlösen zu Kosten. War die letzte Wirtschaftskrise in diesem Raum, vor allem technologisch durch den Wandel von der Mechanik zur Elektronik bedingt, so Prof Dr. Dr. Michael Ungethüm, neuer /HK-Präsident befinden wir uns dieses Mal vor allem in einer „Kostenkrise“, d. h. wir sind gegenüber den Hauptwettbewerbern, insbesondere aus Fernost, zu teuer. Dieser Kostendruck erzwingt daher auch in Zukunft Anpassungen auf dem industriel­ len Sektor. Deshalb ist es wichtig, daß sich der Dienstleistungsbereich in der Region weiter entwickelt. Er war in den letzten Jah­ ren der Bereich mit den größten Arbeitskräf­ tezuwächsen, vor allem in den wirtschaftsna­ hen und unternehmensspezifischen Berei­ chen, wie z.B. Rechts-, Steuer- und Wirt­ schaftsberater, Softwarebüros und Werbe­ agenturen. Ein nicht unerheblicher Teil die- 55

ses Wachstums ist unmittelbar durch den Bedarf der Industrie ausgelöst. Auch zukünf­ tig muß das hauptsächliche Augenmerk auf dem industriellen Sektor liegen, denn auf dieser Grundlage kann sich der Dienstlei­ stungsbereich verstärkt entwickeln. Wie kann die Wirtschaft den aktuellen Herausforderungen begegnen? Hier ist nach unserem marktwirtschaftlichen System vor allem der Unternehmer selbst gefordert: „Kostenmanagement“ und die Umsetzung all dessen, was man unter ,,lean“ versteht, ist vorrangig notwendig. Die Unternehmen müssen in ihren Stukturen schlanker und produktiver werden. Dazu gehört auch eine gewandelte Einstellung zum Produktions­ faktor Arbeit. Die Flexibilisierung der Ar­ beitszeit erhält eine neue Dimension. Zudem müssen weitere Anstrengungen unternom­ men werden, um das Entwickeln und Ferti­ gen technologisch anspruchsvoller Produkte zu garantieren. Denn gerade auch in diesem Bereich hat die hiesige Wirtschaft mit harter Konkurrenz zu kämpfen. Alle diese Bemühungen können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß der den Unternehmen verbliebene Spielraum eng ist. Denn die Standortnachteile der Bundes­ republik sind gravierend: extrem hohe Arbeitskosten, zu kurze Arbeitszeiten mit einer vergleichsweise nachhinkenden Pro­ duktivität, eine drückende Steuer-und Abga­ benlast für die Betriebe sowie hohe Umwelt­ aufwendungen, zuviel staatliche Regulie­ rung und zuwenig Flexiblilität. Zur Lösung diese Problematik sind die politisch Verant­ wortlichen gefordert. Verwirrende Auseinan­ dersetzungen über die Wirtschafts- und Finanzpolitik und fehlendes Vertrauen in die Handlungsfähigkeit der Politik führen zu Konjunkturpessimismus und allgemeiner Verdrossenheit. Die Politik muß wieder mehr Orientierung bieten durch eine über­ zeugende und marktwirtschaftlich ausge­ richtete Strategie. Auch in der Region müssen alle Kräfte gebündelt werden. Einrichtungen wie die Berufsakademie, die Fachhochschule und 56 das Institut für Mikro-und Informations­ technik können verstärkt Impulse geben. Die Nutzung der hier vorgehaltenen For­ schungskapazitäten hilft der heimischen Industrie, ihre technische Spitzenstellung zu behaupten und den durch den technischen Wandel und die Globalisierung der Märkte hervorgerufenen Strukturwandel erfolgreich zu bestehen. Sie muß diese Möglichkeiten aber auch nutzen. Die !HK hält sich zugute, an der Schaf­ fung dieser Einrichtungen wesentlich mitge­ wirkt zu haben und sie hat durch ihr eigenes, breites Bildungsangebot sowie durch die Technische Akademie für Weiterbildung (TAW) und die Technologieberatung zusätz­ liche Akzente gesetzt. Die Kammer ist sich bewußt, daß weitere Anstrengungen zur strukturellen Entwick­ lung der Wirtschaft in der Region notwendig sind. Erste Gespräche mit den Spitzen von Kommunen und Landkreisen zur Verbesse­ rung der regionalen Standortfaktoren haben bereits stattgefunden. Nur durch gemein­ same Anstrengungen aller Verantwortlichen wird dieser Wi1tschaftsraum langfristig er­ folgreich sein können. Prof. Dr. Dr. Michael Ungethüm !HK-Präsident Vor der Ernte Hochsommerzeit! Mein Acker trägt sein Königskleid. Das Ährenmeer wogt leis und lind Und wird liebkost vom lauen Wind. Ich schreite durch die Sommerstille, Derweil im Korne geigt die Grille. Es rauscht und reift, Wie weit mein Auge schwelgend schweift; Denn Sonnengold und Ährengold Verschmelzen sich so wonnehold, Als flössen wie in Liebesflammen Der Himmel und mein Feld zusammen. Josef Albicker t

Ein Jahrzehnt St. Georgener Technologiezentrum (1983-1993) heute ,,Neue Technolo­ gien, Innovation und Transfer – vor allem diese drei Begriffe spie­ len für unsere Wirt­ schaft und zukünftig eine aus­ schlaggebende Rolle. Und dies gilt insbeson­ dere für die mittelstän­ dische Industrie, da sie die größten Probleme beim notwendigen Strukturwandel bewäl­ tigen muß.“ – So vor 10 Jahren Professor Dr. Johann Löhn, der Regierungsbeauftragte für Technologietransfer des Landes, in seinem Beitrag zum Almanach 1984, Seite 41-44. IBM und Daimler­ Benz – dies sind zwei Namen, die für tech­ nologischen Fortschritt stehen und das Bundes­ land Baden-Württem­ berg weltweit als Zen­ trum für High-Tech aus­ weisen. Allerdings fin­ det High-Tech nicht nur bei IBM und Daim- ler-Benz und nicht nur im Großraum Stutt­ gart statt, wo von der Landesregierung seit einem Jahrzehnt Impulse ausgehen, die auf Erfindergeist und Zukunftsdenken setzen. Impulse sind Anstöße, die von den Men­ schen im Land in Taten umgesetzt werden müssen. In der Bergstadt St. Georgen im Schwarzwald ist dergleichen geschehen und geschieht täglich weiter. Das Technologie­ zentrum St. Georgen wurde nicht nur aus einer beispielhaft geprägten privaten Initia- tive heraus gegründet, es hat sich seither auch ständig so weiterentwickelt unter Bei­ behaltung des Elans und der Begeisterung der ersten Stunde. Ende 1983 begann hier Professor Dr. Wolf-Dieter Goedecke von der Techni­ schen Universität Aachen mit zwei Mitarbei­ tern in einem 25 Q!iadratmeter kleinen Raum. Heute finden seine Roboter und Pro­ dukte der Fertigungsautomation internatio­ nal Beachtung. 57

Im gleichen Tempo ist auch das Technolo­ giezentrum St. Georgen gewachsen. Mitte 1993 beleben rund 185 überwiegend hoch­ qualifizierte Mitarbeiter mit einem großen Anteil an Wissenschaftlern, Ingenieuren, Technikern und Kaufleuten in 22 Firmen das Zentrum. Weitere 5 hier gegründete Firmen nahmen zwischenzeitig Standortverände­ rungen vor. Die Denkfabrik, wie das Zentrum von Bürgern auch respektvoll genannt wird, hat sich zu einem Schwerpunkt für die Entwick­ lung neuer Technologien gemausert. Ein kurzer Blick auf die Firmenschilder am Ein­ gang des „TZ“ verrät, was in der Leopold­ straße geschieht. Es beginnt bei Software­ Design, geht weiter mit Robotik, setzt sich fort über Meßtechnik, Elektronik, Umwelt­ technik, Geographische Informationssy­ steme, Bio-Pharmazie hin bis zur Symbol­ mathematik. Nur teilweise lassen die Fir­ mennamen erkennen, daß sich dahinter auch H igh-Tech-Entwicklungsabteilungen potenter Unternehmen verbergen. Einer der Väter der St. Georgener Innova­ tionsschmiede ist Hans Ringwald. Der Stutt­ garter Rechtsanwalt übernahm 1982 die Kon­ kursverwaltung über das Vermögen der Firma Dual Gebrüder Steidinger GmbH & Co., einem Unternehmen, das es mit seinen Plattenspielern und HiFi-Geräten zur Welt­ geltung gebracht hatte. Ringwalds weitblik­ kenden Vorgaben und seiner Beharrlichkeit ist es zu verdanken, wenn die schon früher abgetrennte Besitzge ellschaft der Dual­ Gruppe, die Firma Perpetuum-Ebner KG, kurz PE genannt, außerhalb der Strudel des Dual-Konkurses gehalten werden konnte. Die Aussonderung dieser Vermögensmasse, in die alle Grundstücke und Gebäude der Gruppe einbezogen incl, ermöglichte in Abstimmung mit der Landesregierung deren Überleitung in eine Gesellschaft mit Stif­ tungscharakter und der klaren Aufgabenstel­ lung: ,,Arbeitsplätze erhalten und neue schaffen. “ Dieses Ziel verfolgte und verfolgt die Gesellschaft beharrlich. Unter Einsatz ihres 58 Vermögens schuf sie in 60 Firmen über 1.000 neue Arbeitsplätze. Und-zurück zum Tech­ nologiezentrum -mit ihrem Vermögen und dem ehemaligen Dual-Verwaltungsgebäude stellte sie als Trägergesellschaft auch die Vor­ aussetzungen für die St. Georgener Denk­ fabrik. Der Anstoß kam vom Land Baden-Würt­ temberg und nicht zuletzt von Professor Dr. Löhn. Die Initiatoren hatten erkannt, daß es jungen technologieorientierten Un­ ternehmensgründungen zunehmend Pro­ bleme bereitete, den Anschluß an den rasen­ den technologischen Fortschritt zu halten und die schwierige Startphase durchzuste­ hen. Technologiezentren sind ein Weg, diese Probleme zu mindern und Abstürze tun­ lichst zu vermeiden. Sie stellen den Grün­ dern nicht nur kostengünstige Räume und ihre gesamte Infrastruktur zur Nutzung zur Verfügung. Mindestens gleiche Wichtigkeit kommt der begleitenden Vermittlung von Beratungen, Informationen und praktischer Serviceleistungen auf voller Bedarfsbreite zu. Erst die Bündelung aller dieser Starthil­ fen bewirkt gleich einer schützenden Glas­ �.locke eine nachhaltige Verbesserung der Uberlebens- und Erfolgschancen der über­ durchschnittlich risikoreichen Unterneh­ mensgründungen. Die St. Georgener handelten damals schnell und gründeten 1984 die Betreiber­ gesellschaft ihres Technologiezentrums, an der sich die Stadt St. Georgen, PE, die In­ dustriegemeinschaft St. Georgen und zwei heimische Geldinstitute beteiligten. Neben Karlsruhe gilt St. Georgen heute als das am besten funktionierende Technolo­ giezentrum im Land Baden-Württemberg. Das Zentrum wäre nichts ohne den Opti­ mismus der Menschen, die in ihm ihre Ideen in Produkte oder Dienstleistungen umset­ zen. Was löst die Faszination aus, die jeden in ihren Bann zieht, der Einblick in das so pul ierende Leben im Zentrum gewinnt? – Es ist vor allem der Beitrag der dem Fort­ schritt verschriebenen nachwachsenden jungen Generation, die ihren Aktivitäten

Konstruktionsbüro den ihr eigenen Stempel aufdrückt. In stets drängender Aufbruchstimmung kann sie sich hier bei leidenschaftlichem Engage­ ment und nimmermüdem Pioniergeist selbst voll verwirklichen. Dabei entwickelt sie eine enorme Dynamik, die konventionelle Bar­ rieren überspringen läßt und völlig neue Wege angeht. Nicht wenige der Ingenieure und Informatiker, die vor einigen Jahren ihr Berufsleben nach Absolvierung einer Fach­ hochschule bei einer Firma im Zentrum begannen, stehen heute dort selbst in der Geschäftsführungsverantwortung und neh­ men inzwischen teilweise Inhaberpositio­ nen em. Manchmal bedarf es nur eines zufälligen Anstoßes und des Zusammenspiels unortho­ dox handelnder Partner, um erneut eine Gründerfirma aus der Taufe zu heben. Eines Tages sah sich der Geschäftsführer des „TZ“ mit Altkontaminationen im Erdreich seines Zentrumsgeländes konfrontiert. Sein nun intensives Befassen mit dieser Materie weckte in ihm die Erkenntnis, daß in Umweltschadensfallen von einem zuneh­ menden Bedürfnis der Öffentlichkeit auf professionelle Beratung und Bearbeitung auszugehen war. Marktanalysen bestätigen dies. Darauf aufbauend fiel 1986 der Ent­ schluß, eine „Umwelttechnik GmbH“ zu gründen mit der Zielsetzung, mit einem interdisziplinären Team von Geologen, Biologen, Chemikern, Verfahrens- und Umwelttechnikern Dienstleistungspakete zur Lösung von Umweltproblemen auf 59

großer Breite anzubieten. Also einen Full­ service, der in diesem Umfange am Markt bislang noch fehlte. Die Gründung gelang durch das Zusam­ menwirken einiger, dem gleichen Ziele Ver­ schriebener. o übernahm PE, die Trägerge­ sellschaft des Zentrums, allein die Aufbrin­ gung des Startkapitals. Über Existenzgrün­ derdarlehen konnten die erforderlichen Anfangsinvestitionen finanziert werden. Da für die Firmenleitung kein gleichzeitig tech­ nologisch und kaufmännisch versierter Geschäftsftihrer zur Verfügung stand, sprang der TZ-Geschäftsführer mit ein und über­ nahm in den Startjahren die kommerzielle Verantwortung. Der Start fiel in eine günstige Epoche. Die Einbindung in Landesprogramme zur Erkundung von Altdeponien sowie der Labor wachsende Bedarf der Industrie festigten rasch die Existenzgrundlagen der neuen Aktivität. Heute sieht sich das im Aufbau zusam­ mengeschweißte Team von 10 jungen Mitar­ beitern in der Region als gefragter Fachpart­ ner von Kommunen, Behörden, Unterneh­ men, Immobiliengesellschaften, Architek­ ten und Privaten. Gefragt wegen seiner kom­ petenten Dienstleistungen Beratung, Pro­ bennahme, Analytik, Bewertung, Begutach­ tung und Sanierung in den Schadensberei­ chen Boden-und Grundwasser, Abbruch und Umbau, Abfall, Abwasser und Abluft. Auch die innovative Weiterentwicklung und Erprobung von Entsorgungsanlagen und -komponenten kommt dabei nicht zu kurz. Der Juniorgeschäftsführer der ersten Stunde leitet die Firma inzwischen selbständig. 60

Auditorium Über eine ihm ermöglichte Kapitalbeteili­ gung ist sie nunmehr auch „sein Unter­ nehmen“ geworden. Wer etwas Besonderes aufzuweisen hat, was andere erst noch anstreben, sieht sich schnell in die Rolle des gefragten Ratgebers gedrängt. So erging es auch dem TZ und der Firma PE nach der Wiedervereinigung bei­ der deutscher Staaten. Galt es doch, dort in aller Eile den Zusammenbruch des maroden ostdeutschen Wirtschaftsgefüges abzufan­ gen und mit zeitgemäßen marktwirtschafi:li­ chen Strukturen neues Leben zu erwecken. Manchem im Osten schien da der St. Geor­ gener PE-Industriepark mit eingebettetem Technologiezentrum ein nachahmenswertes Beispiel. Die Stationen der Vermittlung St. Georgener Know-hows und der persön- liehen Engagements konzentrierten sich schließlich auf eine Forschungs-GmbH in Freiberg/Sachsen, eine Strukturförderungs­ gesellschaft in der Lutherstadt Wittenberg und auf die nach baden-württembergischem Vorbild neu errichtete Berufsakademie in Bautzen. Neben der erforderlichen Engels­ geduld, den steten Wechsel von „Stop and Go“ mit langen Rotphasen durchzustehen, mußte sich die St. Georgener Beratung auf ganz anders geartete Rahmenbedingungen einstellen und darauf aufbauen. Entstanden die Zentren im Westen innerhalb einer aus­ gebauten und eingespielten Infrastruktur, z.B. von Zulieferanten, Beratungs-, Finan­ zierungs- oder Fördereinrichtungen, ist ein solches Umfeld im Deutschen Osten noch kaum bzw. nicht vorhanden. Deshalb müs- 61

nologiezentrums überzeugend von selbst. Auch die von Professor Dr. Löhn geforderte Folgekomponente, Transfer des kumulierten technologischen Wissens in die umliegende Region und darüber hinaus, fließt in stetiger Breite und bewirkt bei den Empfängern viel­ fältige Nutzeffekte. Die Personalentwicklung des Zentrums zeigt gleichfalls auf, welche positiven Wir­ kungen gebündelte innovative Kräfte zu bewirken vermögen. Rundherum retardiert gegenwärtig die Wirtschaft wegen schlechter konjunktureller Bedingungen und mangeln­ der Wettbewerbsfähigkeit. Personalabbau ist an der Tagesordnung. Ganz im Gegensatz dazu das Zentrum. Hier geht es stetig weiter aufwärts. Wohl auch deshalb, weil sich in ihm schon seit Jahren ein Zukunftsdenken breitmachte, das sich voll mit dem Leitmotiv der Hannover Messe 1993 deckt: ,,Besser heute neue Technologien aufgreifen, als morgen Däumchen drehen“. Die 7.000 m2 der Denkfabrik sind inzwi­ schen ausgebucht. Ist damit die gestellte Auf­ gabe erfüllt oder werden nun ergänzend noch andere in die Zukunft gerichtete Akti­ vitäten angegangen? Die Synergieeffekte, die sich allein durch informelle Kontakte der lnnovatoren im Zentrum einstellen, wirken sich nicht nur für diese selbst animierend und wachstums­ fördernd aus. Sie bilden auch eine wesent­ liche Grundlage dafür, das Zentrum in die Richtung einer regionalen Informations­ und Kontaktdrehscheibe in Fragen neuer Technologien hinzulenken. So will es sich zukünftig auch als anspruchsvoller „Tech­ nologieknoten“ präsentieren, der über das Technologiezentrum hinaus technologie­ orientierte Unternehmen unterstützt und Impulse für deren Förderung vermittelt. Der Start in diese Zukunftsvision hat im Juni 1993 mit den „St. Georgener Mikrotechnik­ tagen“ begonnen, einer Gemeinschaftsver­ anstaltung des Institutes für Mikro- und Informationstechnik der Hahn-Schickard­ Gesellschaft e. V. in Villingen-Schwennin­ gen mit dem St. Georgen er Technologiezen- Bodenuntersuchung durch ,, Umwe/1/echnik GmbH“ sen dort sogenannte Technologiezentren auch Aufgaben im Bereich der Wirtschafts­ förderung, des Technologietransfers sowie der Aus-und Weiterbildung mitüberneh­ men. Inzwischen greifen die ersten empfoh­ lenen Maßnahmen, die auf die dortigen Möglichkeiten zugestutzt sind. Die Partner blicken wieder vertrauensvoller in die Zukunft. Beglückendstes und brückeschla­ gendes Erlebnis, als nach einem mehrwö­ chentlichen Praxisaufenthalt von 5 Studen­ ten der Bautzener Berufsakademie bei St. Georgener Firmen alle gastgebenden Unternehmer einhellig bekundeten: ,,Die hätten wir sofort auch genommen, die dür­ fen wiederkommen“. Ein Jahrzehnt St. GeorgenerTechnologie­ zentrum -Anlaß genug, eine Zwischenbi­ lanz zu ziehen, Soll und Haben zu verglei­ chen: Alle Erwartungen wurden weit über­ troffen. Vergessen sind heute die von den Initiatoren des Zentrums eingegangenen Risiken. Der in den Gründerfirmen auf den Feldern „Neue Technologien und Innova­ tion“ freischöpfende Erfindergeist hat nach­ haltige und weithin anerkannte Erfolge aus­ gelöst. Damit beantwortet sich die ursprüng­ liche Frage nach der Berechtigung des Tech- 62

trum unter Förderung durch die PE-Stiftung. Ziel ist es, in der Region ansässige mittelstän­ dische Industrieunternehmen an die Zu­ kunftstechnologie „Mikrotechnik“ heranzu­ führen, ihnen in einer Folge von Schulungs­ veranstaltungen das informationstechnische Grundwissen zu vermitteln und sie schließ­ lich zu einer Realisierung neuer Produkte und deren Markteinführung anzuregen und zu befähigen. Technologieförderung auf verbreiteter Basis bei gleichbleibender Intensität – mit dieser Leitlinie geht das St. GeorgenerTech­ nologiezentrum in sein zweites Jahrzehnt. Dr. Walter Karrer Identa Die Schwenninger Firma liefert weltweit Sicherheitsausweise Davor, eine Fußballweltmeisterschaft zu organisieren, hatte DFB-Chef Hermann Neuberger keine Angst. Dennoch plagte ihn vor der WM 1974 im eigenen Land ein Alptraum: daß sich ein Attentat wie zwei Jahre zuvor bei der Münchner Olympiade wiederholen könnte. Der Auftrag – und die Verantwortung -, alle unerwünschten Be­ sucher fernzuhalten, gingen an eine Firma, die erst seit fünf Jahren existierte: die Identa aus der Schwenninger Karlstraße. Deren Chef glaubte an einen Scherz, als ihn 1972 jemand im Namen des DFB anrief und von der Sicherung der bevorstehenden WM sprach. Da aus Schwenningen keine Antwort kam, reiste der Sicherheitsbeauf­ tragte einfach an den Neckar, um persönlich vorzusprechen. Als die Identa am 6. Oktober 1967 von der Familie Haller gegründet wurde, handelte es sich eher um eine Geburt aus der Not heraus. Ihre „Mutter“, die Friedrich Ernst Benzing GmbH (heute Benzing Zeit + Daten), machte zwar immer bessere Geschäfte mit rechnenden Zeitkontrollgeräten – und hatte doch große Mühe, einen Hersteller für die dazugehörigen maschinenlesbaren Aus­ weise zu finden. Von Max Haller zehn Jahre zuvor entwickelt, wurde dieser Ausweis aus Plastik gebohrt und ausgestanzt und bei Ben­ zing produziert. Der eine Sohn, Max Ernst, hatte die Idee einer Extra-Firma, die speziell Ausweise her­ stellen und vermarkten sollte. Der andere Frühe Werbeanzeige für Produkt „Avant‘: erste Hä!fte Siebzigerjahre Sohn, Peter, packte mit drei Mitarbeitern die Aufgabe als Geschäftsführer an. Das Kind erhielt den Namen „Identa“ – abgeleitet von seinem Daseinszweck, der „Identifikation“. In jenen frühen Jahren dachte noch keiner an ausgeklügelte elektronische Systeme. 63

Selbst Großkunden wie Siemens, Krupp oder Klöckner-Humbold-Deutz waren zufrieden, wenn ihre Mitarbeiter an der Pforte einen einfachen Betriebsausweis zück­ ten. 1970 begegnete Max Ernst Haller auf einer Japan-Reise die Zukunft: er entdeckte eines der ersten Zugangskontrollsysteme; ein deutscher Begriff für „access control“ exi­ stierte noch gar nicht. Haller sicherte sich die deutsche Vertretung einer US-Firma namens Rusco, deren Ausweise auf ferromagneti­ scher Basis funktionierten. Die Identa hatte ihr ganz spezielles Feld gefunden. In den frühen Siebzigern entstanden die ersten Verkaufsbüros, baute man Vertretun­ gen auf und konzentrierte sich darauf, Aus­ weise in Dienstleistung herzustellen und die US-Systeme zu vermarkten. 1974 war nicht nur das Jahr der Fußball­ WM. Damals gelang auch die erste rich­ tungsweisende Eigenentwicklung der jungen Firma: der Induktiv-Ausweis, heute Stan­ dard in der Branche. Neu daran war, daß erstmals die Codierung unsichtbar war und trotzdem von allen Seiten gelesen werden konnte. Anfang der Achtzigerjahre wagte die Firma den entscheidenden Schritt, um völlig auf eigenen Beinen zu stehen. Benzing hatte für Siemens ein eigenes, kleines Zugangskon­ trollsystem entwickelt, weil Rusco wenig Bereitschaft zeigte, auf spezielle europäische Kundenwünsche einzugehen. Nun kündigte die Identa den Vertriebsvertrag mit Rusco und bot ihren Kunden eigene Systeme an. Entwickelt wurden sie aus Komponenten der Benzing-M utter. Das begann mit einem kleinen System, ausgelegt fürlOOO Mitarbeiter und 4 Leseran­ schlüsse. Heute reicht die Palette bis zu 200 angeschlossenen Lesegeräten und einer Spei­ cherkapazität von rund 20.000 Personen. Seit 1986 sind auch Systeme im Programm, die Zugangskontrolle mit Zeiterfassung – der Spezialität von Benzing – kombinieren. Die Betriebsausweise – mit Firmenlogo, Name und aufgeklebtem Paßbild -, mit 64 denen sich Unternehmen vor 20 Jahren zufriedengaben, taugen heute eher fürs Museum. In den Neunzigern kann der sicherheitsbewußte Kunde zwischen vielen Techniken wählen: Induktiv-, Magnetstrei­ fen-, Barcode- und Infrarotausweise oder eine Mischung aus mehreren dieser Techni­ ken. Seit einigen Jahren werden Ausweise und modernste Videotechnik gekoppelt. Um einen Ausweis herzustellen, wird die Person zunächst mit einer Videokamera aufgenom­ men und das Bild – Paßformat – auf dem Bildschirm wiedergegeben. Dann wird es digitalisiert und wandert in den Speicher. Gleiches geschieht mit der Unterschrift und dem Layout des Ausweises, der individuell nach den W ünschen des Kunden gestaltet werden kann. Darauf wird alles aus dem Speicher aufge­ rufen – Layout, Firmenlogo, Name, Unter­ schrift, Konterfei – und auf dem Schirm kombiniert. Per Tastendruck belichtet der Drucker eine Polyesterfolie mit dem Ent­ wurf; die Folie wird anschließend noch auf eine millimeterdünne Plastikkarte aufge­ schweißt – fertig ist der Ausweis. Ganze 80 Sekunden dauert die Prozedur. Der US-Filmriese Kodak kam als erster damit auf den Markt. Auf einer Messe in Amerika entdeckte Haller ein ähnliches System von einem kleineren Hersteller – und gab den Gedanken an einen Vertrieb gleich wieder auf, als es in der Praxis nicht funktionierte. Kurz darauf meldete sich ein anderer Riese bei ihm: die deutsche Agfa, die zwar das „Secucard“-System entwickelt hatte, aber nicht recht wußte, wie sie es vermarkten sollte. Haller nahm das Angebot, im deutschsprachigen Raum für den Vertrieb zu sorgen, an: ,,Eine Eigenentwicklung auf die­ sem hochspezialisierten Gebiet kam für die ldenta nicht in Frage, da damit Investitionen in mehrfacher Millionenhöhe verbunden sind. Außerdem ist es für den Kunden von entscheidender Bedeutung, das Know-how einer Weltfirma gesichert zu wissen.“

Alter Sichtausweis für Fa. Trinkaus, ca. /970, zeigt ,Jugendbildnis“ von Max Ernst Haller .,. “ C.G.Trinkaus 4473 Alter Sich/ausweis, ca. 1970, ,Jugendbildnis“ Peter Haller ,ant 65

Als erster Secucard-Kunde erwies sich kein geringerer als der Bonner Bundestag. Zunächst wurde der Polizeisicherungsdienst damit ausgerüstet, danach die Bundespresse­ stelle und schließlich erhielten auch die 650 Abgeordneten ihr Kärtchen mit Konterfei. Die Anforderungen der Kunden an Fäl­ schungssicherheit grenzen allmählich an die Anstrengungen der Bundesdruckerei für Personalausweise und Banknoten; da kam es der ldenta nur gelegen, daß das Bundeskri­ minalamt nach eingehender Prüfung ihr das Prädikat ,,für einen Sichtausweis praktisch falschungssicher“ verlieh. Wegen des digitalen Druckverfahrens kann die Karte kaum fotografisch nach­ geahmt werden. Das Laminat läßt sich nicht entfernen, ohne die Karte zu beschädigen. Der Sicherheitsaufdruck auf dem Papier, der Magnetcode sowie ein Streifencode schüt­ zen weiter gegen Mißbrauch. Auch die Daten sind geschützt. Sie sind auf einer auswechselbaren Festplatte gespei­ chert, die z.B. im Panzerschrank deponiert werden kann. Durch Vergabe von Paßwör- tern erhalten nur Befugte Zugriff; wird das System eine gewisse Zeit nicht benutzt, schaltet es automatisch auf „Sicherung“, und das Paßwort muß erneut eingegeben werden. Für die KSZE-Außenministertreffen in Berlin, Kiew und Moskau setzte Identa noch eine Sicherheitsstufe drauf: Erst 24 Stunden vor Beginn der Politikerkonferenzen wurde das genaue Aussehen der Ausweise festge­ legt, um Fälschern weniger Zeit für ihr Hand­ werk zu lassen. Gefahr drohte in Moskau allerdings eher von dem Anti-Gorbatschow­ Putsch; der Identa-Mann wurde in seinem Hotel von Leibwächtern abgeschirmt und per gepanzerter Limousine zum Arbeitsplatz chauffiert. Mehr als 4000 Sicherheitsausweise muß­ ten beim Münchner Weltwirtschaftsgipfel für die Delegationen, Techniker, Übersetzer, Fahrer, Kellner und Anwohner hergestellt werden. Über eine Woche lang war ein Team aus sechs Personen fast rund um die Uhr damit beschäftigt. Zu den „Extras“ gehörten eingedruckte Flaggen je nach Nationalität Bildschirm/Terminals, Produkte der Firma ldenta 1993 66

Aufnahmen für Secucard-System und nach Befugnis blau, gelb oder rot abge­ stufte Ausweise. Ausgerechnet die höchst­ rangigen Diplomaten erhielten die rote Karte . .. Doch selbst bei den großen Politikerauf­ trieben hat die Identa noch nicht den aller­ letzten Stand der Sicherheitstechnik gezeigt. Die nächste Generation von Ausweisen funktioniert berührungslos, d. h., muß nicht mehr in Schlitze gesteckt werden. Von der Benzing Zeit+ Daten (und deren Schweizer Eignerin Kaba Bauer) entwickelt, müssen die Legic-Karten nur in bestimmtem Abstand am Lesegerät vorbeigeführt werden; zwischen Gerät und Karte baut sich ein Hochfrequenzfeld auf, das die notwendigen Informationen austauscht, um dem Karten­ inhaber Zugang zu gewähren – oder auch nicht. Mit drei Mitarbeitern hat die Identa vor einem Vierteljahrhundert angefangen. Heute peilt sie mit 42 Leuten die Zehn-Mil­ lionen-Umsatzgrenze an. Zu den Kunden gehören BMW, die Bremer Vulkan-Werft, das Kernforschungszentrum Jülich und das KKW Würgassen, das Versandhaus Quelle, die Flughäfen von Nürnberg und Dresden sowie das Amadeus-Rechenzentrum in München. Auch beim Compaq-Grand-Prix, dem höchstdotierten Tennisturnier der Welt, haben Identa-Ausweise Stich, Edberg, Lend! & Co. schon ungebetene Besucher vom Hals gehalten. Ansonsten läßt Peter Haller aber die Finger von Sportveranstaltungen: ,,Viele eiwarten, daß man einen Sponsor mitbringt, oder selbst als Sponsor auftritt und alles umsonst macht.“ Wer’s sicher haben möchte, muß auch dafür zahlen: Systeme kosten zwischen 5000 und 100.000 Mark. Hanns-Georg Rodek 67

Straub-Verpackungen, Bräunlingen Gerüstet für’s Jahr 2000 Im Almanach 1980 Seile 52-54, wurde zum ersten Mal über die Firma Slraub berichlet. Die Erweiterung des Firmengebäudes in Bräunlingen ist Anlaß, den Bericht auf den neuesten Stand zu bringen. Im Juni 1992 konnte die Firma STRAUB die offizielle Übergabe einer neuen Produk­ tionshalle feiern. Ein Familienunternehmen mit langer Tradition in Bräunlingen konnte mit dieser großen Investition (25 Mio. DM) den Weg ins nächste Jahrtausend ebnen. Es begann vor 170 Jahren mit dem Kauf der Stadtmühle durch Franz Anton STRAUB, dem sich ein langer Weg von der Schlüsselübergabe durch A rchilekt E. Schafbuch (Mille) und die Geschäflifiihrer Wo!fram Wiirth (links) und Friedrich Wiirth (rechts). 68 ehemaligen Mühle bis zum heutigen Indu­ striebetrieb mit 340 Beschäftigten anschloß. Einige markante Meilensteine über die Entwicklung von STRAUB: Der Mühlenbetrieb mit Mehlhandel wird bis 1911 aufrecht erhalten. Das Bindeglied von der Mühle zu den heutigen Wellpappen-und Würipor-Ver­ packungen stellt die 1905 aufgenommene Holzwolle-Produktion dar. Sie wird 1950 eingestellt. Bereits 1925 erfolgt die Aufstellung der 1. Wellpappen-Maschine noch im 4. Stock des Wohnhauses der Familie STRAUB. 1936: Bau des 1. großen Fabrikgebäudes neben der alten Mühle. 1952 wird eine neue Produktionsstätte erstellt und die neue Wellpappen­ maschine mit über 100 m Länge -im Wolksmund „di lang Maschii“ genannt – wird in Betrieb genommen. In diese Zeit fallt die Beteiligung an der Papierfabrik Vreden mit Ausbau. Ursprünglich wurde dort aus Weizen-/Roggenstroh Papier für die Welle hergestellt. Heute ist dort der alleinige Rohstoff „Altpapier“. 1960-68: Bau des neuen Werkes in Blum­ berg in drei großen Abschnitten. 1967: STRAUB schafft sich ein 2. Stand­ bein. Aufnahme der Produktion von Würipor-, Schaumstoffverpackungen. 1969: Einzug in das neue Verwaltungsge­ bäude. 1985: Kauf der Firma Efkadruck in Tros­ smgen. Die beengten räumlichen Gegebenheiten zwischen der Bahnlinie, dem Gewerbekanal, der Breg und Landstraße ließen auf Dauer keine rationelle Fertigung und Produktions­ ablauf mehr zu. Die Wettbewerbsfähigkeit war dadurch stark in Mitleidenschaft gezo­ gen und für die Zukunft gefahrdet. Als bereits konkrete Aussiedlungsüberlegungen

angestellt wurden, ergab sich 1989 die Mög­ lichkeit, das Graf’sche Anwesen käuflich zu erwerben. Jetzt bestand endlich die Chance, den Material- und Fertigungsprozeß dem heute geforderten industriellen Niveau anzupassen. Die Geschäftsleitung hat ohne zu zögern das Gelände erworben. Aufgrund recht stürmischer wirtschaftli­ cher Entwicklungen und veränderten Markt­ verhältnissen ergab sich der Zwang zu kurz­ fristigen Entscheidungen und Baumaßnah­ men. Für die Planung, Bauantrag und Bau­ beginn verblieben nur kurze Zeiträume. In einer Bauzeit von rund 2 Jahren ent­ stand eine Erweiterung der bisherigen Nutz­ fläche von 6500 qm auf insgesamt 20.500 qm. Die Planung, Durchführung und Überwa­ chung der Baumaßnahme wurde dem Archi­ tekturbüro Emil Schafbuch in Hüfingen übertragen. Hierbei mußten vor allem fol­ gende vorgegebenen Grundsätze verarbeitet werden. An einem natur- und städtebauli­ chen markanten Standort mußte eine in sich profilierte Glasarchitektur mit rhythmisch gestalteten Baukörpermassen erstellt wer­ den. Diese transparente Außenarchitektur sichert freundlich helle Arbeitsräume mit wertvollem Sichtkontakt zur Natur und ist zugleich im Verbund mit der verwendeten hochwärmedämmenden Isolierverglasung und des solaren Energiegewinnes heizwär­ meverbrauchssenkend. Die zusätzlich har­ monisch ansprechende Gestaltung mit den Farben Verkehrspurpur, Türkisblau mit Gelb und Goldgelb charakterisiert in prägnanter Form die verschiedenartige Nutzung der ein­ zelnen Baukörper und ist im Außen- und Innenbereich speziell auf die eingesetzten Hauptbaustoffe Holz, Stahl und Beton abge­ stimmt. Unseres Erachtens entstand dabei durch kreative Inspirationen, entgegen der üblichen Monotonie von Industieanlagen, ein äußerst ansprechender und gelungener Baukomplex. Besonders erwähnenswert ist, daß die Betonmengen von 8200 cbm vorwiegend 71

wegen der hohen maschinellen Gewichtsbe­ lastungen für Decken und Boden verwendet wurden. Ebenfalls wurden die Erfahrungen aus dem Hochwasser des Jahres 1990 berück­ sichtigt. Für die Dachkonstruktion wurde einheimisches Holz für die großdimensio­ nierten Holzleimbinder verwendet; der anfallende Erdaushub wurde überwiegend im eigenen Gelände wieder verwendet. Für Personenschutzmaßnahmen entstanden große Aufwendungen, u. a. für den Bau eines Fluchttunnels. Bei der Durchführung haben alle Baufirmen hochqualifizierte und termingenaue Leistungen erbracht und das gesamte Projekt unfallfrei und einsatzfreudig gemeistert. Ein vorrangiger Gedanke bei der gesam­ ten Bau-, Modernisierungs-und Investiti­ onsmaßnahme war die Humanisierung der Arbeit durch Wegfall schwerer körperlicher Belastungen. So mußten beispielsweise frü­ her täglich rund 100.000 kg Wellpappe an der Wellpappenanlage von Hand abgenommen, 72 bewegt und auf Paletten umgesetzt werden. Letztere mußten anschließend manuell mit Handhubwagen zu und von den einzelnen Verarbeitungsmaschinen transportiert wer­ den. Diese körperlich schwere Arbeit wurde durch eine vollautomatische Ablage und durch ein fast vollautomatisches Rollbahn­ transportsystem abgelöst. Die Firma STRAUB-VERPACKUNGEN produziert in der Gesamtheit (Werk Bräun­ lingen und Blumberg) arbeitstäglich aus 190.000 kg Papier rund 330.000 qm Well­ pappe in -je nach Anforderung-ein-, zwei­ und dreiwelligen Qualitäten und verarbeitet diese Mengen zu Verpackungen. Dabei han­ delt es sich um ein Produkt, welches zu 90 0/o aus recycelten Rohstoffen besteht und selbst zu 100 0/o wieder verwertet werden kann. Damit kommt die besondere Umwelt­ freundlichkeit der Wellpapp-Verpackungen zum Ausdruck. Der Transport zu den Kun­ den erfolgt überwiegend durch den eigenen Fuhrpark mit 22 Lastzügen. Eckart Eckert

Firma goetz HOLZBAU, Bad Dürrheim Mit diesem Namen verbinden sich an­ derthalb Jahrhunderte Tradition und eine Firmengeschichte mit historischen Gegen­ sätzen, wie diese noch heute unseren Land­ kreis charakterisieren. Die Gründung des Unternehmens er­ folgte 1845. In jenem Jahr erhielt der aus dem württembergisch-protestantischen Oberbai­ dingen stammende Zimmermann Mathias Götz (1808-1881) im nahen badisch-katho­ lischen Villingen seinen Meisterbrief. Die Kenntnisse und Fertigkeiten, welche er sich bis dahin bereits erworben hatte, sind be­ achtlich. Als Geselle bei der Großherzog­ lich-Badischen Salinenverwaltung sowie als Zimmererpolier und Metalldreher bei der Maschinenfabrik Sylvester Heine war er mit frühen industriellen Fertigungsmethoden in Berührung gekommen. Angesichts der Mög­ lichkeit, bei zahlreichen Bauvorhaben der Soleförderung ein gutes Auskommen zu fin­ den, entschloß er sich, seinen Zimmerplatz an der Josefstraße in Bad Dürrheim zu errich­ ten. Erst 1912, im Zuge anstehender Erweite­ rungen, verlegte man den inzwischen größer gewordenen Betrieb an den heutigen Platz an der Riedstraße 7. Von Anbeginn an tat sich die Firma auf jenen Gebieten hervor, die bis heute ihre Spezialität geblieben sind: der Kirchenbau und die öffentlichen Gebäude, insbesondere die Kuranlagen Bad Dürrheims. Auch hier war es Gründer Mathias Götz – erst 1930 wurde der Name in Goetz abgeändert -, der als erster protestantischer Bürger Dürrheims (sein Bild hängt im Haus der Begegnung neben der ev. Johanniskirche in Bad Dürr­ heim) Hand mitanlegte beim Bau der katho­ lischen Kirche Sankt Johann 1857. 1909 half man bei der Errichtung der ersten evangelischen Kirche. 1935 erstellte das Unternehmen das Turmgerüst der Pfarr­ kirche, 1953/54 übernahm man die Zim­ merarbeiten bei dem evangelischen Pfarr­ und Gemeindehaus in der Ludwigstraße, Gründer Mathias Götz 1808-1881 1960-61 beim Bau der Johanniskirche und dem Gemeindezentrum „Haus der Begeg­ nung“ mit Pfarrer- und Hausmeisterwoh­ nung im Johanniterweg und 1969-70 die Holzarbeiten bei der Kirche in Marbach. Im öffentlichen Bauwesen begann es mit der Herstellung der ersten Dürrheimer Turn­ geräte und der Deichelwasserleitung 1845/ 46. Es folgten die zahlreichen Bauten und Umbauten für die Saline (Salinenwirtshaus und Solbad 1867). Salinen umbau/ Abbruch des ersten Siedhauses 1931-33 und den Kur­ bereich (Umbau Parkhotel Kreuz, Erho­ lungsheim der Eisenbahnerkrankenkasse, Kurgarten-Cafe, Strand-Cafe, Strandbad, alle 1926-27. Kurhausbau 1936, Erweiterung Landessolbad 1953/54 bis hin zum Bau des Kurmittelhauses und der Wandelhalle 1957 / 58). Damit hat die Firma goetz HOLZBAU 73

Bau der Kirche in Marbach 1969-70 74

den Kurort Bad Dürrheim im wahrsten Sinne des Wortes „mitgezimmert“. Jahrzehntelang von Vater zu Sohn und in der Familie weitergegebene Kenntnisse, ver­ bunden mit der Offenheit für neue Techno­ logien im Holzbau, haben dem Unterneh­ men jene solide Grundlage gegeben, mit der es auch schwierige Zeiten meistern konnte. Durch die Bildung von Arbeitsgemeinschaf­ ten mit anderen Zimmerbetrieben überstand man in gegenseitiger Hilfe und trotz finan­ zieller Verluste Krieg und InAation. Der Kasernenbau nach 1933 unterstützte die Er­ holungsphase nach der Wirtschaftskrise. Neuen Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg verschaffte der Bau von Flücht­ lingswohnungen 1948 im Auftrag der Neuen Heimat, der Erzdiözese Freiburg und der Städtischen Wohnungsbaugesellschaft. So kräftig war die Auftragslage, daß die Werk- statt vergrößert und zahlreiche Lehrlinge ausgebildet werden konnten. Und war es nicht ein Zeichen des Auf­ bruchs in die moderne Zeit der Medien und ihrer neuen Spezialbauten, daß man das Sen­ dergebäude des Südwestfunks Baden-Baden miterrichten durfte? Seit 1986 wird der Betrieb von dem Ehe­ paar Gustav und Sonja Goetz geführt, nach­ dem der im gleichen Jahr mit dem „Golde­ nen Meisterbrief“ ausgezeichnete Vater Karl sich nach über fünfzigjähriger Tätigkeit aus dem Betrieb zurückgezogen hat. Bis heute ist die Firma goetz HOLZBAU ein Unter­ nehmen geblieben, dessen handwerkliche Qualität am Ort und auf der Baar geschätzt wird (neuestes Projekt: Narrenschopferwei­ terung). Dies verspricht weitere 150 Jahre gute Zimmererarbeit. Dr. Joachim Sturm Die Firma Förderer Söhne GmbH Neue Produktionsräume im Gewerbegebiet von Niedereschach Die Firma Förderer Söhne GmbH, Nieder­ eschach, wurde aus Anlaß des IOOjährigen}ubi­ läums im Jahre 1986 im Almanach 1989, Seite 54-57, vorgestellt. Inzwischen hat die Firma neue Produktionsräume im neuen Gewerbegebiet in Niedereschach bezogen. Dieser Einschnill in der Entwicklung der Firma rechifertigt es, das Thema erneu/ aufzugreifen. Die Gründung der Firma Förderer er­ folgte im Jahr 1886 durch den Nieder­ eschacher Uhrmacher Johannes Förderer. Als Zulieferer für die Uhrenindustrie wurden Metallteile gefertigt. Die Firma entwickelte sich so gut, daß bereits um die Jahrhundert­ wende eine neue Betriebsstätte errichtet wurde. 1909 erfolgte mit dem Neubau des bis zur Aussiedlung im März 1992 benutzten Fir­ mengebäudes in der Niedereschacher Orts­ mitte eine erste wesentliche Erweiterung. 1919 trat Max Aschenbrenner als Schwieger­ sohn in die Geschäftsleitung ein. Sein ausge­ prägtes Fortschrittstreben führte die in der Zwischenzeit gegründete Firma Johs. Förde­ rer Söhne in neue Bereiche. War zunächst nur die Uhrenindustrie Hauptabnehmer, so waren es in den späteren Jahren Branchen wie der Radio- und Elektro­ sektor, die Automobilindustrie und der Maschinenbau. Die Patente von Max Aschenbrenner prägten das Fertigungspro­ gramm: Stecker, Kupplungen, Schalter, Pro­ dukte zur Steuerungs- und Regelungstechnik. In dieser Zeit expandierte die Firma sehr stark. 1935 wurde in Deißlingen ein Zweigbe­ trieb eröffnet. Nach Ende des Zweiten Welt­ krieges wurde die Entwicklung des Unterneh­ mens gestoppt. Die von der französischen Mili­ tärregierung verfügte Demontage (80 0/o der Anlagen wurden abgebaut) erschwerte den Wiederaufbau der Firma. 75

Erst zu Beginn der SOer Jahre, verbunden mit der neuen Antennenproduktion, erholte sich das traditionsreiche Unternehmen. Nach Radio- und Fernsehantennen wurden ab 1960 vorwiegend Teleskopantennen pro­ duziert. Eine weitere Produktionsgruppe, Magnet­ spulen, wurde von 1976 an aufgebaut. Daß diese Entscheidung der Unternehmenslei­ tung richtig war, zeigt sich heute, wo die Firma hauptsächlich als Zulieferer von Spu­ len für den Automobilbereich tätig ist. Mit rund 90 Beschäftigten ist die Firma einer der größten Arbeitgeber in der Gesamtgemeinde. Um die verschiedenen Produktionsab­ läufe zu verbessern, nutzte die Firmenlei­ tung die sich bietende Chance, im Nieder­ eschacher Gewerbegebiet im Jahre 1992 eine neue Produktionsstätte mit Bürotrakt zu erstellen. Ein Bauwerk, das rundherum gelungen ist und von der Gruppe 70, freie Architekten BOA – VS-Schwenningen, geplant wurde. Die Firma ist im Jahre 1992 in die neu errichteten Produktionsräume im Gewerbe­ gebiet eingezogen. Dort ist mit einem um­ fangreichen, modernen Maschinenpark eine noch wirtschaftlichere Produktion möglich. Qualität wird groß geschrieben! Insofern blicken die beiden ge chäftsfüh­ renden Gesellschafter, Helmut Aschenbren­ ner und Thomas Grüninger, optimistisch in die Zukunft, wenngleich sich am Wirt­ schaftshimmel des Landes dunkle Wolken abzeichnen, und die Jahre 1993/94 sicher schwere Jahre für alle Industriebetriebe wer­ den. Als kompetenter Partner, der stets garan­ tiert, daß die Wünsche der Kunden reibungs­ lo umgesetzt werden, und der im Bereich der Spulen auch komplette Bausätze fertigt, genießt die Firma bei den vielen Kunden, darunter Großkonzerne und Großfirmen, einen hervorragenden Ruf und großes Ver­ trauen. Auch individuelle Kundenwünsche werden, falls möglich, erfüllt. 76

Das Leistungsangebot umfaßt die Lösung konstruktiver Probleme sowie die Umset­ zung in den verschiedenen Fertigungsabtei­ lungen: Werkzeug- und Vorrichtungsbau, Stanzerei, Galvanik, thermoplastischer Spritzguß, Wickelei und den Einsatz speziel­ ler Montagetechniken, wie zum Beispiel löten, crimpen, schweißen, bandagieren und bedrucken. Die FirmaJohs. Förderer Söhne, die 1986 auflOOjährige erfolgreiche Firmengeschichte zurückblicken konnte, betrachtet die Inve­ stition im Gewerbegebiet auch als Verpflich- tung und Ansporn für die Zukunft zu noch aufgeschlossenerer Bereitschaft für indivi­ duellen Service und zu noch höherer Lei­ stung im Dienst am Kunden. Das Streben nach Fortschritt und die Eröffnung neuer Märkte, seit Generationen das Ziel des Betriebes, wird auch in den neuen Räumen ein Garant für �alität und Erfolg bleiben. Die Firma Johs. Förderer Söhne GmbH & Co. KG wird auch künftig zu den besten Adressen gehören, wenn es um Spulen und Qualitätsarbeit geht. Albert Bande Design als Firmenphilosophie Europäischer Design-Preis 1992 für S. Siedle & Söhne, Furtwangen Siedle, das ist ein Name, der heute weit über Deutschlands Grenzen hinaus für Design steht. Daß Siedle in Deutschland mit weitem Abstand der Marktführer für Gebäu­ dekommunikation ist und inzwischen auch in einigen europäischen Ländern die füh­ rende Rolle spielt, das wissen nur die wenig­ sten Verbraucher und auch nicht alle Fach­ leute. Die Siedle-Produkte sieht man an und in Millionen Häusern, und was sich einprägt, ist die vollendete Form. Wo immer Siedle auftritt, ob auf Messen, in Ausstellungen oder Anzeigen, stets präsentiert sich das Unternehmen im einheitlichen Erschei­ nungsbild. Das Design ist zur Identität des Unternehmens geworden, und Siedle und sein Designer Eberhard Meurer haben für diese Leistung seit Jahren immer wieder höchste Auszeichnungen erhalten. Design als Strategie für den Markt der Zukunft Wer je die Gelegenheit hatte, hinter die Kulissen der Entwicklung von Design-Pro­ dukten und Unternehmens-Erscheinungs­ bildern – in der Marketingsprache Corporate Mit der Entwicklung und dem Ausbau des Vario-Systems gewann Design zunehmende Bedeutung. Die Langlebigkeit des Systems ver­ langte eine zeitlose Gestaltung die Q}talität aus­ strahlt. 77

Identity genannt und mit CI abgekürzt – zu schauen, der hat sicher eines erfahren: Design in hoher Qualität kostet Geld, viel Geld sogar. Nur aus Verliebtheit in die schöne Form wird kein ordentlicher Kauf­ mann diese Investition dulden. Warum also investiert Siedle seit Jahren so konsequent in das Design, wo doch parallel dazu auch große Summen in eigene technische Ent­ wicklungen und Patente fließen? Um diese Frage zu beantworten, muß man sich den Markt der Gebäudekommuni­ kation etwas genauer anschauen. Als Horst Siedle 1970 die alleinige Führung des Unter­ nehmens antrat, beschäftigte Siedle rund 135 Mitarbeiter, die vorwiegend Klingelanlagen, elektrische Türöffner und Türsprechanlagen produzierten. Die Architekten und die Bau­ herren hatten gleichermaßen wenig Interesse an diesem Teilbereich des Hausbaus. Der Elektriker, zuständig für die Installation, legte zwar Wert auf zuverlässige Qualität, um sich späteren Ärger zu ersparen, war aber auch nicht unbedingt auf Siedle angewiesen. Höchste Design-Auszeichungen erhielt das Tele­ fan-System 611, das erstmals 1991 vorgestellt wurde. Das Bild zeigt das Telefonsystem T 6JJ-/O, das Tür-, Haus- und Amtstelefonie in einem Gerät integriert, in Verbindung mit dem Video­ monitor. 78 Ganz neu ist das Komforttelefon T 611-0, das sowohl als Amtstelefon am eirifachen Hauptan­ schluß wie auch in Verbindung mit einer kleinen Zentrale als Kleinst-TK-Anlage mit oder ohne Tiirkommunikation genutzt werden kann. Wo die Auswahl groß ist, beginnt jedoch der Preiskampf, und das hat Horst Siedle früh­ zeitig erkannt. Sein Ziel war es deshalb, ein unverwechselbares Produkt zu schaffen, eine Marke, die dem Verbraucher bekannt ist und die er verlangt. Heute ist diese Zielsetzung aktueller denn je, denn der Elektrogroß­ handel, traditioneller Vertriebspartner von Siedle, erlebt eine Konzentration, die die Einkaufsentscheidungen und damit die Marktmacht in immer weniger Hände legt. Dieser Prozeß geht weiter und tritt jetzt in europäische Dimensionen ein. Gesichts­ losen Produkten, die beliebig austauschbar sind, droht damit ein existenzgefährdender Preisverfall. Mit exquisiter Technik allein ist dieser Gefahr nicht zu begegnen. Und des­ halb steht Horst Siedle persönlich hinter der Entscheidung, dem Unternehmen und seinen Produkten durch das Design einen Markencharakter zu geben, der die Nach­ frage ebenso langfristig sichert wie aus­ kömmliche Preise. Ein langer Weg solider Entwicklung Design wird allerdings nicht durch einen Federstrich zum tragenden Element der Unternehmensphilosophie. Denn wenn die schöne Form hohl bleibt, verwässert sie ent-

Dieser konsequente Systemansatz stellte seine eigenen Forderungen an die Produkt­ gestaltung. So unterstützt das Design den hohen �alitätsan pruch in Funktion und Produktion. Es macht die volle Anwen­ dungsbreite sichtbar und berücksichtigt die Handhabung und Bedienbarkeit. Innovative Vorteile werden durch das Design erlebbar und neue Technologien führen zu neuen Formen. Bei all dem muß das Design frei sein von allzu modischen Gestaltungstrends, denn System-Produkte sind langlebige Pro­ dukte von einigem materiellen Wert. Mit der Entwicklung der Produkte und der Erfahrung im Markt wuchs auch die Bedeutung des Designs für das Unterneh­ men. So war es schließlich ein logischer Schritt, das Produkt-Design auch im Gra­ phik-Design und in der Architektur fortzu­ setzen. Heute sind deshalb bei Siedle die Bereiche visuelle Kommunikation, Produkt­ design, Firmenarchitektur und Graphik­ design in einer Abteilung zusammengefaßt und direkt der Geschäftsführung unterstellt. Diese Abteilung arbeitet mit Design-Kon­ stanten auf allen Gebieten. Drucksachen, Messestände, Fahrzeuge, Architektur, In­ nenarchitektur, Arbeitsplätze, audiovisuelle Medien, Verpackung, Anzeigen, Schriftver­ kehr und Formulare tragen immer die glei­ che Handschrift. Produkt-Design und Un­ ternehmens-Design ergänzen und verstär­ ken sich so gegenseitig zum Siedle-Erfolg. Möglich war dieser Erfolg nur, weil Horst Siedle persönlich hinter dem hohen An­ spruch steht, was national und international immer wieder hohe Anerkennung fand. So konnte Horst Siedle 1992 auf der Weltaus­ stellung in Sevilla den Europäischen Design­ Preis entgegennehmen, der alle zwei Jahre nach nationalen Ausscheidungen an jeweils nur drei Unternehmen aus der gesamten EG verliehen wird. Ausgezeichnet wurde mit diesem angesehenen Preis die gelungene Unternehmenspolitik, die Design zum un­ trennbaren Bestandteil des Namens Siedle werden ließ. Eberhard Meurer 79 ! .- 1 • 1 • – � � – –= – – – – -· ‚“·{�� Ebenfalls neu im Siedle-Telefonsystem ist das schnurlose Telefon SCT 611-0. Es kann am ein­ fachen Hauptanschluß angesteckt werden oder wahlweise mit der kleinen Zentrale oder dem Tele­ fonsystem T 611-10 verbunden werden. sprechend schnell. Bei Siedle hat sich das Gewicht des Designs langsam und logisch entwickelt. Begründet wurde dieser Weg Ende der siebziger Jahre mit der Entschei­ dung, nicht mehr einzelne Produkte herzu­ stellen, sondern offene Systeme, die nach dem Baukastenprinzip funktionieren. Zu­ einander passende Module erlauben dem Bauherren die Zusammenstellung der Tech­ nik nach seinen Wünschen.1981 wurde nach diesem Prinzip das Vario-System für die Kommunikation am Hauseingang erstmals vorgestellt. In einem einheitlichen Rahmen wurden waagrecht oder senkrecht quadrati­ sche Module installiert, wie z.B. Klingelta­ ste, beleuchtete Hausnummer und Lautspre­ cher. Mit dem Fortschritt der Technik kamen immer mehr Bausteine hinzu. Heute sind es insgesamt 26, bis hin zur Videokamera und zum elektronischen Schließsystem Easikey. Ergänzt wird das Vario-System durch Brief­ kästen und durch Informations-Module. Im Haus bietet Siedle ein ausgefeiltes Telefon­ system, vom Tür- und Haustelefon über das Komforttelefon und das schnurlose Telefon – beide für den einfachen Hauptanschluß – bis zum integrierten Tür-, Haus- und Amts­ telefon mit bis zu 2 Amtsleitungen und 10 Nebenstellen.

Eine mittelalterliche Wüstung im Aitrachtal Archäologie Aitlingen Die mittelalterliche Besiedlung der Baar bietet dem Betrachter ein äußerst differen­ ziertes Bild. Meist stehen die zentralen Orte von Adel und Bürgertum, die Burgen und Städte, im Blickpunkt. Darüber übersieht man leicht, daß wir über die ländlichen Sied­ lungen dieser Zeit, obwohl sie viel zahlrei­ cher sind, weit weniger wis en. Dörfer, Wei­ ler und Einzelhöfe waren im Mittelalter wesentlich dichter über die Kulturlandschaft verteilt als heute. [hre Spuren finden sich nicht nur im Bereich der heutigen Dorf­ kerne, verschiedenartige Indizien weisen auf verlassene Siedlungen, sogenannte Wüstun­ gen, in Waldgebieten und Ackerland hin. Im Rahmen der Listenerfassung der Kultur­ denkmale der Archäologie des Mittelalters im Schwarzwald-Baar-Kreis erfolgt die Erfas­ sung und Lokalisierung dieser Siedlungs­ wüstungen. Von den zahlreichen abgegange­ nen Orten der Baar, die die Grundlage der mittelalterlichen Feudalwirtschaft bildeten, soll ein besonders bemerkenswertes Bei piel vorgestellt werden. Der Ort Aitlingen lag auf der Gemarkung Riedöschingens im Aitrachtal, er gehört zu den am besten durch Urkunden zu erschlie­ ßenden Wüstungen der Baar. Der auf ,,-ingen“ endende Ortsname läßt eine Grün­ dung in alamannischer Zeit vermuten und Luftbild der Molle Unler Ried 80

Die mittelalterliche Wüstung Aitlingen bei Riedöschingen, Stadt Blumberg. 1 Ortsburg, 2 Aitlingen, 3 Stellen beim längehaus, 4 Unter Stellen ist wohl mit dem Flußnamen der Aitrach ver­ bunden. Die erste urkundliche Nennung erfolgte erst im Jahr 1409. Indirekt ist der Ort seit 1297 durch den nach ihm benannten Ortsadel, den Herren von Aitlingen, bezeugt. Die fürsten bergische Dienstmannenfamilie begegnet uns in dich­ ter urkundlicher Überlieferung bis 1494. Trotz der zahlreichen Urkunden bleibt der Ursprung des Ortes unklar, doch ist sein Ende umso besser beleuchtet. Der offenbar blühende Ort begann seit dem frühen 15. Jh. zu schrumpfen. Ursache hierfür war, neben allgemeinem wirtschaftlichen Niedergang, Kriegs- und Seuchengefahr im Spätmittel­ alter, der Sog der um 1390 neu angelegten Stadt Blumberg. Bereits 1414 wird eine „Wüsthub“, ein verlassener Bauernhof, in Aitlingen genannt. In der zweiten Hälfte des 15.Jh. ist mehrfach Gütererwerb durch Bauern 81

aus Riedöschingen belegt, was den Abzug der früheren Besitzer vermuten läßt. Nach der Zerstörung Aitlingens 1499 im Schweizer Krieg siedelten die Bewohner in das 1,5 km entfernte Riedöschingen über. Sie brachten neben ihrer Habe auch den Kir­ chenschatz und die „Aitlinger Madonna“, die um 1430 entstand, mit. Die Felder und die früheren Siedlungsareale wurden nun von den neuen Heimstätten au bewirtschaf­ tet. Im Jahr 1511 empfing Hans von Landau Aitlingen „mit Gerichten, Zwingen und Bän­ nen, Fischenzen und aller Zubehör“. Noch nach 1529 galt Aitlingen als eigenständige Gemarkung, erst um 1552 ist der Aitlinger Bann für 12 Gulden an Riedöschingen gefal­ len. Neben den Urkunden geben ferner die Flurnamen und Parzellenstrukturen im Bereich der ehemaligen Siedlung beredtes Zeugnis von dem Ort. Im Gewann „Aitlin­ gen“ zeichnet sich der ehemalige Siedlungs­ kern ab, die mutmaßlichen Siedlungsareale ,,Stetten beim Längehaus“ und „Unter Stet­ ten“, das zum Teil auf der Gemarkung Leip­ ferdingens liegt, scheinen sich darauf zu beziehen. Der Flurname „Untere Furtwiese“ im Verlauf der heutigen Straße deutet auf einen alten Aitrachübergang an dieser Stelle hin, der Name „Schleife“ belegt eine von Wasserkraft betriebene Schleifmühle. Ge­ wannamen wie „Aitlinger Feld“, ,,Aitlinger Hau“, ,,Allmend“ und „Herrenwiese“ weisen auf die ehemalige wirtschaftliche Nutzung einzelner Areale hin. Auf den Anhöhen bei­ derseits der Aitrach zeigen die Flurnamen „Kohltal“ und „Kohlgärten“ ein intensiv betriebenes Köhlergewerbe an. Diese archivalischen Belege waren der Ausgangspunkt für eine weitere Beschäfti­ gung mit der Siedlung Aitlingen. Durch Feldbegehungen und Luftbilduntersuchun­ gen sollte die Ausdehnung und soweit er­ schließbar die Struktur des Ortes Aitlingen geklärt werden. Aus dem Bereich „Aitlingen“, einem sanft nach Süden ansteigenden Hang östlich des Kauten Täle, ist schon seit längerem ein 82 Münzfund des 13.Jahrhunderts bekannt. Bei den jüngsten Begehungen fanden sich neben Ziegeln, glasierten Fliesen und spätmittel­ alterlicher Geschirrkeramik auch Konzentra­ tionen von Eisenschlacke. Ein klareres Bild ergab sich im Gewann „Stetten“ um die Gaststätte Längehaus an der Abzweigung der Ortszufahrt Ried­ öschingen von der Landstraße 185. Nördlich der Aitrach fanden sich hier am Ausgang des Wassertales mehrere Anhäufungen von zum Teil ortsfremden Bruchsteinen und Ziegeln, die ehemalige Hausstellen markieren. Eine zumindest teilweise aufwendige Ausstattung der Wohngebäude belegen die Funde von Fenstergla und Ofenkacheln des 15. Jh. aus diesen Bereichen. Keramikfunde weisen auf eine Besiedlung im hohen und späten Mit­ telalter hin. Ähnliche Beobachtungen waren im Be­ reich „Unter Stetten“ möglich. Auch hier waren im Wiesengelände in den Hang ein­ gearbeitete Wohnpodien mit Bruchstein­ konzentrationen zu beobachten. Im Gewann „Unter Ried“ ist durch Luft­ bilder eine Niederungsburg sicher zu lokali­ sieren. Die Anlage, eine sogenannte Motte, ist rund, der Durchmesser des äußeren, etwa 4 m breiten Grabens beträgt etwa 100 m. Im Zentrum erhob sich ursprünglich der mit Erde aufgeschüttete Turmhügel mit einem Durchmesser von 30 m. Er war möglicher­ weise von einem weiteren Graben umgeben. Südwestlich ist eine kleine Vorburg ange­ schlossen. Die Burg liegt in der Talaue zwischen Aitrach und dem Homberggraben, einem vermutlich als Gewerbekanal genutztem Zufluß. Die benachbarten Gewanne „Hof­ graben“ und „Herrenwiese“ deuten auf die herrschaftliche Verfügungsgewalt über die­ sen Bereich der Siedlung. Das Areal ist heute Wiesengelände, der Turmhügel ist durch die landwirtschaftliche Nutzung verflacht. Die Motte war vermutlich Sitz der Herren von Aitlingen, die seit 1297 urkundlich faß­ bar sind. Der „burgstall zu Aitlingen“ wird 1473 urkundlich erwähnt. Das Alter der

Anlage reicht jedoch weiter zurück, als Schriftquellen zu erkennen geben. Mit dem Bau von Burgen vom Typ Motte ist in unse­ rem Raum um 1100 zu rechnen. Die Bewohner Riedöschingens haben die Legende von einem Schloß bewahrt, das wohl mit unserer Befestigungsanlage gleich­ gesetzt werden darf: Der Graf dieser Burg sei in eine Fehde verwickelt gewesen und gefan­ gen fortgeführt worden. Bei der Martinskir­ che von Riedöschingen angekommen, habe er den Hut abgenommen und in ihn sein Testament hineingeschrieben: ,,Dir Marti­ nus schenk ich meinen Hut, samt all mein Geld und Gut.“ Dann habe er ihn über die Mauer geworfen und so das Gotteshaus zum Erbe seiner Güter gemacht. Die Sage greift offensichtlich bildhaft die historischen Begebenheiten der Ortsverlage­ rung nach 1499 auf. Fassen wir die Ergebnisse zusammen, zeichnet sich die topographische Situation des Ortes Aitlingen klarer ab als bei den mei­ sten anderen uns bekannten Wüstungen. In verkehrsgünstiger Lage an einer Furt er­ streckte sich die Siedlung über eine Länge von etwa 2,5 km im Aitrachtal. Die locker gestreuten Gebäude verteilten sich in drei Bereichen um die zentrale Ortsburg. Zwi­ schen den überschwemmungsfreien Wohn­ arealen lagen vor allem in der Niederung Wiesengelände und Felder. Die Lage und das Patrozinium der überlieferten Kirche kann nicht bestimmt werden. Die Ursprünge der Siedlung sind im Früh­ mittelalter zu vermuten. Die Motte bestand sicherlich seit dem 11. Jahrhundert. Im hohen Mittelalter erlebte das Dorf nach der Fundverbreitung zu urteilen seine größte Ausbreitung. Ein Niedergang und Bevölke­ rungsschwund ist aufgrund der Urkunden seit der Mitte des 15. Jahrhunderts zu erschließen. Das Ende der Besiedlung kam im Jahr 1499 mit der Zerstörung im Schwei­ zerkrieg. Die Restbevölkerung siedelte nach Riedöschingen über, die früheren Siedlungs­ areale wurden seither von dort wirtschaftlich genutzt. Bertram Jenisch M. A. L i t e r a t u r h i n w e i s e : K. S. Bader: Burg, Dorf, Stadt und Herr­ schaft Blumberg (1950), 22. ders.: Das mittelalterliche Dorf als Frie­ dens- und Rechtsbereich, Weimar 1950, 22. F. L. Baumann: Abgegangene und umbe­ nannte Orte der badischen Baar und der Herrschaft Hewen. Schriften des Vereins f. Gesch. u. Naturgesch. der Baar III, 1880, 51. A. Krieger: Topographisches Wörterbuch des Großherzogtums Baden!; Heidelberg 1903, Sp. 28, 29. A. Schey: Die abgegangene Siedlung Ait­ lingen, in: Die Heimat. Bll. für Baar u. Schwarzwald, 1932, 67 f. ). C. Tesdorpf: Die Wüstungen im Hegau und ihre Bedeutung für die Siedlungsfor­ schung. Hegau 26, 1969, 79-82. Die Mutter Erde Die Mutter Erde, die braunen Krumen, ewiges Werden, immerwährendes Suchen. Alles birgt sie in ihrem Schoß. Es wächst und gedeiht, alles Kleine wird groß. Alles bricht auf, um zu keimen, zu treiben, zu blühen, zu duften, im Wind sich zu neigen, Samen zu bilden, um ewig zu leben, um immer wieder aus der Scholle zu brechen und Früchte zu schenken köstlich und fein. Oh, Mutter Erde – auch ich bin dein. Margot Opp 83

Geschichte Historische Spuren des Klosters St. Peter im Gebiet des Schwarzwald-Baar-Kreises Von freien Bauern und gelehrten Äbten In unserer jubiläumsgesättigten Festkul­ tur gerade des letzten Jahrzehnts war und ist es schwer, auch nur einigermaßen den Über­ blick zu wahren. Wer nicht professionell mit der organisatorischen Vorbereitung und Gestaltung solcher Kalenderereignisse be­ traut ist bzw. als Historiker dazu beiträgt, Institutionen oder Gebietskörperschaften markante Daten „ihrer“ Geschichte in Erin­ nerung zu rufen, hat zumeist auch wenig Anlaß, darüber ins Grübeln zu kommen. Es sei denn, er ist gerade als Bürger eines Jubi­ läumsortes, Politiker oder, bei· Firmenfesten, als Betriebsangehöriger davon unmittelbar betroffen. Ansonsten hält man allenfalls nach gewissen Highlights des Veranstal­ tungskalenders Ausschau, die mitunter über ein ganzes Jahr hinweg die örtliche Szene beleben und längst auf alle nur denkbaren Publikumsinteressen zugeschnitten sind. Freilich setzt die Misere der öffentlichen Haushalte wie auch die schlechte Konjunk­ turlage mit ihrer merklich dämpfenden Wir­ kung auf die Ausgabenbereitschaft der Unternehmen solchen Anstrengungen mitt­ lerweile engere Grenzen – von wenigen renommeeträchtigen Großprojekten einmal abgesehen. In beeindruckender Weise dürfte sich davon abheben, was sich die kleine Schwarz­ waldgemeinde St. Peter 1993 zu ihrer 900- Jahr-Feier geleistet und womit sie zweifellos auch ihren Bekanntheitsgrad über die Gren­ zen der Region hinaus gesteigert hat. Alleine die herrliche Lage auf einer Hochfläche süd­ lich des Kandels und die barocke Pracht der alles überragenden Kirchen-und (ehemali­ gen) Klosteranlage ziehen seit jeher Ferien­ gäste, Tagestouristen und Wanderer an.1993 84 wartete man aber, neben dem üblichen Ensemble von Jubiläumsfeierlichkeiten, mit einer Reihe von hochwertigen Kulturveran­ staltungen auf, die zahlreiche Besucher nicht nur aus dem verwöhnten Freiburg und den Anrainergebieten des Schwarzwaldes an­ lockten. Dazu gehörten eine vielbeachtete wissenschaftliche Vortragsreihe, die zum Teil gänzlich neue Aspekte der Geschichte und Kunstgeschichte des Klosters erschloß, ebenso wie die glänzenden Orgelkonzerte international geschätzter Interpreten oder die -in diesem Rahmen fast schon sensatio­ nell zu nennende -Ausstellung „Das Ver­ mächtnis der Abtei“, der es gelang, für ein­ einhalb Monate (17. 7. – 29. 8.1993) die herrlichen Schätze der 1806 aufgelösten Benediktinerabtei St. Peter wieder an ihrem einstigen Aufbewahrungsort und in ihrem ursprünglichen Wirkungszusammenhang zu präsentieren. Damit ist schon die bestimmende Größe genannt, an der sich zum einen die 900-Jahr­ Feier ausrichtete, in deren Glanz sich zum andern noch heute die kleine Gemeinde son­ nen kann: das Kloster des hl. Petrus, dessen erste Kirche am 1. August 1093 geweiht wor­ den war. Die Klostergeschichte wiederum strahlt nicht nur auf eine Anzahl von Schwarzwaldorten ab, die einst der Grund­ herrschaft des Klosters unterlagen. Diese erstreckte sich auch auf Güter und Rechte im Breisgau, auf der Baar, im Neckargau (im Raum um Weilheim a. d. T.) und in der heu­ tigen Westschweiz. Zugekommen war diese Besitzmasse dem Kloster durch die Familie seiner Gründer, der Herzöge von Zäh ringen, durch deren Verwandte und Vasallen. Ja, die Existenz des Klosters war in dessen früher

Phase auf das Engste mit dem Schicksal der Herzöge von Zähringen verknüpft, eines der mächtigsten Fürstengeschlechter des Rei­ ches, dessen letzter männlicher Angehöriger der Hauptlinie, Berthold V., 1198 sogar die Königskrone angetragen bekam. Doch schon zwanzig Jahre später wurde mit Berthold V. Tod das mächtige Herzogsge­ schlecht zu Grabe getragen. Erst seit dem 18.Jahrhundert begannen sich die Markgra­ fen und späteren Großherzöge von Baden auf jene Vorfahren zu besinnen und sich selbst von den Zähringem abzuleiten. Von dieser Zähringertradition hoffte auch noch einmal St. Peter als zähringisches Haus­ kloster zu profitieren – vergeblich. Im Jahre 1806 erfolgte die Aufhebung des Klosters. Allerdings dient es nun immerhin schon wieder anderthalb Jahrhunderte geistlichen Zwecken, ist doch in den einstigen Kloster­ gebäuden seit 1842 das Priesterseminar der Erzdiözese Freiburg etabliert. Die Bindungen des Klosters St. Peter auch in den Raum des Ostschwarzwaldes und der Baar, also zum Gebiet des heutigen Schwarz­ wald-Baar-Kreises, sind selbst geschichtskun­ digen Einheimischen kaum geläufig, gleich­ wohl sehr beziehungsreich. Das betrifft ein­ mal die Klosterüberlieferung als zentralen Quellenbestand für die mittelalterliche Lan­ desgeschichte des Schwarzwaldes und der westlich wie östlich anstoßenden Regionen. Als Kern dieser Überlieferung ist der soge­ nannte „Rotulus Sanpetrinus“ anzuspre­ chen, eine aus 16 aneinandergenähten Perga­ mentblättem bestehende, gerollte Hand­ schrift. Die Texte wurden von Mönchen des Schwarzwaldklosters etwa von der Mitte des 12. bis ins frühe 13.Jahrhundert verfaßt. Sie halten in abschriftlicher Form bzw. in Aus­ zügen die Liegenschaften und Rechte fest, die dem Kloster seit seiner Gründung ge­ schenkt oder von ihm – im Tauschwege – erworben worden waren. Diese Aufzeich­ nungen verfolgten also eigentlich den Zweck, die klösterlichen Einkünfte und Ansprüche zu dokumentieren. Ihren großen Wert für die Geschichtsforschung erhalten 85

sie dadurch, daß sie eine Vielzahl von Orts­ und besonders Personennamen überliefern, die der hochmittelalterlichen Geschichte unseres Raumes kräftigere Konturen verlei­ hen, vor allem im Hinblick auf das Herr­ schaftsgefüge der Herzöge von Zähringen. In dieses einzuordnen ist die Vielzahl von Schenkern und Zeugen, die uns der „Rotu­ lus“ nennt, unter ihnen eben auch eine ganze Reihe von Personen, die zu den am frühesten bezeugten unseres Kreisgebietes zählen. Das gilt vor allem für die heutige Kreisstadt, näherhin: für die zähringische Stadtgrün­ dung Villingen. Zwar tritt uns das alemanni­ sche Dorf rechts der Brigach in der schrift­ lichen Überlieferung schon für das Jahr 817 in einer Urkunde des Klosters St. Gallen ent­ gegen, und von herausragender Bedeutung für die Geschichte des Ortes ist natürlich die Verleihung des Marktrechtsprivilegs durch Kaiser Otto III. an den Grafen Berthold, in dem wir einen Zähringervorfahren sehen dürfen. Die erste größere Gruppe namentlich be­ kannter Villinger, aber auch von Einwoh­ nern der näheren Umgebung tritt indes erst im „Rotulus Sanpetrinus“ zutage. Aus der Zeit des Zähringerherzogs Berthold III. (1111-1122) etwa haben wir Kenntnis von einem „freien Mann“ (/iber homo) namens Eberhard von Villingen, der dem Petrus­ kloster einen Hof samt Haus und „was auch immer er zu Suntheim besaß“ schenkte; Suntheim war ein im späteren Mittelalter abgegangener Ort auf der Gemarkung des heutigen Donaueschinger Stadtteiles Aufen. Gleichfalls Besitz in Suntheim hatten Herolt und seine Gattin Ocila inne, den sie zusam­ men mit ihrem Villinger Besitz „dem heili­ gen Petrus“ vermachten. Auch hören wir von einem Villinger, der – zwischen 1122 und 1152 – im Breisgau begütert war: Werner von Villingen schenkte damals „für sein Seelen­ heil“, wie ausdrücklich gesagt wird, ein Stück Land in Gundelfingen (nördlich von Frei­ burg) an St. Peter. Er ist möglicherweise iden­ tisch mit einem für 1111/1122 belegten Wer­ ner von Villingen, der über erhebliche Mittel 86 verfügt haben muß, hatte er doch dem Schwarzwaldkloster aus seinem eigenen Ver­ mögen eine Marienkapelle stiften können, die er nachträglich gemeinsam mit seiner Ehefrau weiter ausstattete.Jeden falls gehörte dieser Werner wie auch die vorgenannten und andere hier nicht einzeln aufzuzählende Personen aus Aasen, Bräunlingen, Grünigen, Klengen, Marbach, Neudingen, Pfohren oder Rietheim zu jener ansehnlichen Zahl von freien Bauern auf der Baar, die uns noch für das 12.Jahrhundert durch den „Rotulus“, aber auch durch die Traditionsnotizen des Klosters St. Georgen bekannt sind. Mit gutem Grund hat man ihr Vorhandensein mit dem Gerichtsort Aasen, einem Graf­ schaftssitz, in Verbindung gebracht. Dem kleinen Ort, 1972 nach Donaueschingen ein­ gemeindet, kam in der bewegten Epoche des Investiturstreites als regionales Zentrum der Zähringerherrschaft eine wichtige Rolle zu. Diese Rolle wird in einem neuen Buch zur Ortsgeschichte näher beleuchtet, das im Zusammenwirken von Fachleuten und enga­ gierten Einheimischen um Ortsvorsteher Otto Maus entstand und dessen Erscheinen zu Weihnachten 1993 geplant ist. Nicht nur materiell haben Menschen aus unserem Kreisgebiet einst zum Wohlerge­ hen des Klosters St. Peter beigetragen. Schon unter den Mönchen des 12. Jahrhunderts fin­ det sich mit Sicherheit ein Baaremer, der sich entschloß, hinter den Klostermauern ein gottgefälliges, dienstbares Leben zu führen: Bicco von Allmendshofen, der mit seinem Klostereintritt zugleich sein Gut am Hoch­ first einbrachte. Er war der Erste einer ganzen Reihe von Konventualen aus der Gegend zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb, die den Personenbestand des Klosters in seiner über siebenhundertjährigen Geschichte sichern halfen. Aus diesen ragen gleich meh­ rere gebürtige Villinger heraus, die es zum höchsten Klosteramt brachten. Sie verdie­ nen in diesem Zusammenhang eine Würdi­ gung, handelt es sich doch durchgängig um Persönlichkeiten, mit denen sich wichtige Vorgänge im Kloster verbinden.

Werner von Villingen stattet zusammen mit seiner Gemahlin die von ihm errichtete Marienkapelle des Klosters St. Peter aus (llJI/Il22). Außer der Stiftung des Werner (verzeichnet zu Beginn der unteren Seitenhälfte in leicht verblaßter Schrift) hälL diese Seite aus dem „Rotulus Sanpetrinus“ eine Reihe weiterer Schenkungen von Leuten aus Villingen und Umgebung an das Schwarzwaldkloster fest. Drei Zeilen über der Werner-Notiz wird auch ein Gut des Klosters zu Schwenningen eniJähnt (Bad. GLA Karlsruhe 14/lb). 87

Daß wir über die Frühphase St. Peters überhaupt in einigen Grundzügen Bescheid wissen, verdanken wir, neben den erwähnten Notizen des „Rotulus“, den Aufzeichnun­ gen des aus Villingen stammenden Abtes Petrus (111.) Gremmelspach, der 1496 zu die­ ser Würde erwählt wurde. Unter seiner Ägide schloß man auch den Wiederaufbau der über ein halbes Jahrhundert zuvor niederge­ brannten Klosterkirche ab. Seinem Kloster sicherte er in Freiburg ein Grundstück, auf dem man später den klostereigenen Wirt­ schaftshof in der vorderösterreichischen Hauptstadt errichtete, den sogenannten „Peterhof“. Dessen barockes Hauptgebäude ist heute in die Universität integriert. Für das religiöse Volksbrauchtum des mittleren Schwarzwaldes setzte Gremmelspachs Ab­ batiat einen bedeutsamen Akzent: Auf seine Veranlassung hielten seit 1509 Benediktiner­ mönche von St. Peter in der Muttergottes­ kapelle auf dem Lindenberg an Marienfesten den Gottesdienst ab, womit die bis heute anhaltende Wallfahrt auf den Höhenzug südlich von St. Peter anheben konnte. Mit einem im äußersten Westen des heutigen Schwarzwald-Baar-Kreises gelegenen Ort, der noch zur Herrschaft des Klosters St. Peter zählte, verknüpft sich eine besondere Erinnerung an Abt Gremmelspach. Die Gemeinde Neukirch, ein Stadtteil von Furt­ wangen, hatte den Abt gebeten, ihr zur Gewährleistung einer dauerhaften und regel­ mäßigen Seelsorge einen Geistlichen zu schicken. 1502 entsprach Gremmelspach dieser Bitte und entsandte einen Mönch von St. Peter, der sich in Neukirch niederließ und in seinen Pfarraufgaben auch das nahe Wal­ dau mitversah. Bei dieser Gelegenheit wurde festge tellt, daß „die kürch zu Newkilch alß ein filial und dochter der pfarr zue St. Petern sambt der ca pell zu Waldaw dem alles mitel in handen und verwaltnuß stehet Petters abbten und seines convents deß gottshauß St. Peters“. Hier in Neukirch sollte übrigen im 18. Jahrhundert durch die Förderung des Klosters St. Peter die Herstellung hölzerner Uhren in Blüte stehen. 88 Johannes (IX.) Held stieg 1612 zur Abts­ würde in St. Peter auf und hat sich hier als Reorganisator der klösterlichen Disziplin einen Namen gemacht. Doch fiel in die Amtszeit des gebürtigen Villingers auch ein düsteres Ereignis, das den Schwarzwaldbau­ ern der Umgebung jahrhundertelang im Gedächtnis haften blieb – und wohl auch haften sollte. Denn 1613 wurde unter der Regierung des Abtes Held der Neukircher Bauernknecht Martin Heitzmann, der als ,,Wagensteiger Bauernleutnant“ eine Ver­ schwörung gegen die Herrschaft angezettelt hatte, enthauptet. In jenem Jahr, in dem der Bauernführer Heitzmann unter dem Henkersbeil starb, wurde zu Bräunlingen Placidus Rösch gebo­ ren, der 1659 das Amt des Abtes von St. Peter übernahm. Aus der Regierungszeit des Abtes Rös h, der sich als kirchlicher Schriftsteller ebenso rege betätigte wie als „Manager“ der Klosterökonomie, sticht ein Ereignis heraus, das dem Stiftergedenken im Kloster maßgeb­ liche neue Impul e verliehen haben dürfte: 1659 ließ Rösch die Zähringergräber in der Klosterkirche öffnen und untersuchen. Röschs Nachfolger als Abt des Petrus­ klosters wurde 1670 der gerade erst 29 Jahre alte Villinger Paulus Pastor, der über die mei­ ste Zeit seines bis 1699 währenden Abbatia­ tes hinweg das Kloster durch harte Kriegszei­ ten und Katastrophen zu steuern hatte. Zer­ störungen durch marodierende französische Soldaten, ein Großbrand der Klosterge­ bäude und wiederholte Evakuierungen des Konvents waren zu bewältigen. Es grenzt an ein Wunder, daß der leidgeplagte Abt ausge­ rechnet in jenen Jahren noch die Energie zu weitreichenden wirtschaftlichen Unterneh­ mungen zugunsten seines Klosters fand. Allerdings kam es damals auch zu heftigen KonAikten mit klösterlichen Untertanen, die ohnehin unter erdrückenden Kriegs­ lasten zu leiden hatten. 1694 strengten die Gemeinden Rohr, Oberibental und Esch­ bach sogar bei der vorderösterreichischen Regierung einen Prozeß gegen die klöster­ liche Herrschaft an. Auch von dieser Seite

her mag man ermessen, was es hieß, wenn man Abt Pastor, der sich auch nicht scheute, klösterliche Lehensvögte abzusetzen, ein ,,unerschrockenes Gemüt“ nachsagte. Die Reihe der „Baaremer“ Äbte des Klo­ sters St. Peter beschloß überaus wirkungsvoll der Villinger Ulrich Bürgi (1719-1739). Seine zwanzigjährige Regierungszeit erscheint vor allem durch bedeutende Bauvorhaben ge­ prägt. An erster Stelle ist hier natürlich auf den Neubau der Klosterkirche zu verweisen, deren imposante Silhouette noch heute das weithin sichtbare Wahrzeichen des Dorfes bildet. Mit der Ausführung des Baus betraute Abt Bürgi den berühmten Vorarlberger Barockbaumeister Peter Thumb. 1727 konnte die neue Kirche geweiht werden und wurde in den folgenden Jahrzehnten mit zum Teil prunkvollen, andererseits aber auch volks­ tümlichen Kunstwerken ausgestattet. Von besonderem Interesse sind die sich auf die Klostergründer, also die Zähringer, bezie­ henden Bildwerke, Plastiken und Monu­ mente. Von der Hand Joseph Anton Feucht­ mayers stammen die unter Abt Bürgi in Auf­ trag gegebenen Stifterbildnisse (1728-31) an den Wandpfeilern des Kirchenlanghauses – also an jener Stelle, wo sich in anderen Kirchen (wie z.B. auch im Freiburger Mün­ ster) üblicherweise die Apostelbilder befin­ den! Grundlegend neugestaltet wurde unter Abt Bürgi auch die Dorfanlage, in der sich bereits das heutige Ortsbild im Kernbereich spiegelt. In diesen Maßnahmen, aber auch in seinen Repräsentations- und Hofhaltungs­ gewohnheiten gibt sich Abt Bürgi als selbst­ bewußter barocker Kirchenfürst zu erken­ nen. Das stand seinem geistlichen Auftrag durchaus nicht im Wege. Und auch als Geschichtsschreiber seiner Abtei hat sich Ulrich Bürgi hervorgetan. Zu nennen ist hier sein schon 1718 noch unter Abt Höß fertigge­ stelltes „Rete documentorum“, eine histori­ sche Quellensammlung, die uns in zwei handschriftlichen Fassungen vorliegt. Sogar gedruckt wurde das angeblich auch von ihm konzipierte Werk „Festum Cathedrae S. Pe- tri“ (Rottweil 1731), dessen Hauptteil sich besonders der Weihe der neuen Kloster­ kirche im Jahre 1727 annimmt. Dieses Fest hatte immerhin volle acht Tage gedauert! Kurzum: Überblicken wir diese viel­ schichtigen, oft eher untergündigen Bezie­ hungen des Schwarzwaldklosters St. Peter zu unserem Raum, so erweisen sie sich bei näherem Zusehen als recht eindrucksvoll. Sie unterstreichen ein weiteres Mal, welch‘ bedeutsames Ferment die geistlichen Zen­ tren gerade im regional so stark zersplitterten deutschen Südwesten in kultur-, aber auch wirtschaftsgeschichtlicher Hinsicht darstell- ten. Dr. Volkhard Huth Nichts geht ganz verloren Bannkreis aus verbrannter Träume Asche um das letzte Gartenland gezogen – Doch es kümmert Wind des Aschenstaubes Botschaft nicht, die in den Augen brennt. Er pflückt die Samen aus dem Kreis für morgen übermorgen neue Aschen. Eingekreist von der verbrannten Träume Asche, wird dir Trost: Nur das, was dich entflammte, kann verbrennen. Selbst als Asche geht nichts ganz verloren. Sieh, wie schön die Brennesseln und Disteln blühen – Jürgen Henckell 89

Das Notgeld im Gebiet des heutigen Schwarzwald-Baar-Kreises in den Jahren 1922 und 1923 Schon bald nach dem Notgeldverbot, das die bunten Kleingeld cheine beseitigte, mußte der Staat den Druck von Notgeldaus­ gaben zu 100, 250, 500 und 1000 Mark zulas­ sen, die bis zum Ende des Jahres 1922 wieder durch Drucke der Reichsbank ersetzt und eingezogen wurden. Nur die Stadt Furtwangen gab als einzige Stadt im Landkreis am 12. Oktober 1922 drei Nominale über 100, 250 und 500 Mark her- Im Almanach 1993, Seite 169 wurde angekündigt, daß das Notgeld-Thema wegen des umfangreichen Materials in zwei Beiträgen dargestellt wird. Im dies;rihrigen Almanach folgt der zweite Abschnill. aus. Der Schein von 100 Mark ist ein relativ einfacher Druck mit leerer Rückseite. Die Rückseite des 250 Mark Scheines zeigt eine Schwarzwaldlandschaft mit Uhrenträger und Strohflechterin. Die Uhr am oberen Rand der Umrandung zeigt 10 vor zwölf. Möglicherweise eine Interpretation des Künstlers! Der Schein über 500 Mark prä­ sentiert wieder den oft vorkommenden Uhrenverkäufer. i– e11,rit••• •••, –i § � ‚ ‚ • • • • • • • … … • • • .. • • • • • • • • a & !– e11,r1i,111 lb11 –J! 90

Schon im Frühjahr 1923 reichten die Noten der Reichsdruckerei und der von ihr beauf­ tragten 133 Vertragsdruckereien nicht mehr aus, um den Geldbedarf zu decken. Zu den hohen Werten der staatlichen Ausgaben trat erneut Notgeld, zunächst beginnend mit 5000 und 1m 10.000 Mark, sich Laufe des Jahres der galoppierenden Infla­ tion immer höher steigernd von Hundert­ tausenden über Millionen, Milliarden bis zu den Billionen. Der Verfall und damit die Entwertung der Deutschen Reichsmark kam mit Riesen­ schritten. Januar Januar Januar Januar Januar Juli September Oktober November 1919 1920 1921 1922 1923 1923 1923 1923 1923 1 Dollar 1 Dollar 1 Dollar 1 Dollar 1 Dollar 1 Dollar 1 Dollar 1 Dollar 1 Dollar 9,- Mark 65,- Mark 77,- Mark 192,- Mark 17.800,- Mark 350.000,- Mark 100.000.000,- Mark (100 Millionen) 25.000.000.000,- Mark (25 Milliarden) 4.200.000.000.000,- Mark Auf dem Höhepunkt der Inflation mußte man für einen einzigen amerikanischen Dollar die astrono­ mische Summe von 4 Billionen und 200 Milliarden Mark bezahlen. (1 Dollar reichte aus, um einen 4wöchigen Urlaub an einem bayerischen See zu finanzieren!!) Neben den schon eiwähnten Städten gaben nun auch noch die Städte Hüfingen und Vöhrenbach Inflationsgeld aus. Auch Firmen und Unternehmungen erhielten gegen Sicherheit ihres Geschäftsvermögens die Erlaubnis, privates Inflationsgeld auszu­ geben. Von nachstehenden Firmen bzw. Unter­ nehmungen ist die Ausgabe von Notgeld bekannt und liegen auch Exemplare vor. Obwohl die Ausgabe von Notgeld jeweils in der örtlichen Presse bekannt gegeben wurde, sind nicht von allen Ankündigungen Ausga­ ben bekannt. Oftmals wurden die Scheine auch nicht gedruckt wie angekündigt oder auch nicht mehr ausgegeben. Bräunlingen Kreditkasse G. m. u. H. Donaueschingen Fürstlich Fürstenbergische Kammer Bad. Landwirtschaftsbank, Filiale Donaueschingen Furtwangen Bad. Uhrenfabrik A. G. B. Ketterer Söhne S. Siedle u. Söhne, Telegrafenwerke Uhrenfabrik vorm. L. Furtwängler Söhne A. G. Hüfingen Fa. Boswau und Knauer A. G. Villingen Industrie- und Handelskammer (gemeinsam mit Freiburg, Konstanz, Lahr, Schopfheim) Kienzle Uhrenfabriken AG, Werk Villingen Messingwerke Schwarzwald A. G. Gebr. Oberle, Backofenfabrik Schwarzwälder-Apparate-Bau-Anstalt, August Sehwehr Söhne Elektrizitäts- und Gaswerk Villingen 91

Gemeinsam mit den Ausgaben von 1922 haben die Ausgaben der Hochinflation 1923 das große Format. Die hohen Inflationszah­ len ließen unbewußt bei jedem das Gefühl entstehen, es handle sich um einen hohen Betrag, und so gaben die Stadtverwaltungen ihren Scheinen überwiegend ein großes For­ mat, obwohl die Scheine, in Goldmark umgerechnet, be tenfalls nur ein paar Mark wert waren. In der drucktechnischen Ausführung steht die Gruppe 1923 hinter den anderen Gruppen zurück. Der Druck mußte schnell geschehen, oft von einem Tag zum anderen, ja über Nacht. Man begnügte sich oft mit einfachem Buchdruck ohne Unterdrucke. Schöne künstlerische Bilder finden wir wenig. Auch primitive Scheine, die mit der Schreibmaschine geschrieben und dann hektographiert wurden, sind darunter. Ver­ fallene Scheine von 1918, die noch in den Verwaltungen lagerten, wurden neu datiert und mit neuen Werten überdruckt wieder ausgegeben. Die Tabelle auf Seite 92 gibt eine recht genaue Übersicht über die Preisbewegung der wichtigsten Lebensmittel und Bedarfs­ artikel. Auch eine typische Gehaltsentwick­ lung ist von großem Interesse. Der größte bei uns im Kreis herausgege­ bene Schein ist das Nominal 1 Billion der Stadt Vöhrenbach. Noch am 10. Novem­ ber, 10 Tage vor dem Ende der Inflation, wurde dieser Schein ausgegeben. Die Rück­ seite des Scheins zeigt ein Foto des Vöhren­ bacher Rathauses und ist außerdem mit zwei Hebelversen verziert. Nach dem 20. Novem­ ber konnte das Notgeld gegen die neue Ren­ tenmark umgetauscht werden. Für eine Bil­ lion (1.000.000.000.000,-) bekam man eine einzige Rentenmark. Nur das Einwechseln hoher Werte lohnte sich. So ist es verständ­ lich, daß diese sehr selten sind, während arm­ selige Millionenscheine noch in Mengen zu finden sind. Kurz vor der Stabilisierung der Währung erfolgte eine neue Ausgabe von Geld, dem sog. wertbeständigen Notgeld. Man wollte 93

damit dem Mißtrauen der Bevölkerung ge­ genüber dem Papiergeld begegnen. Der überwiegende Teil dieses Notgelde lautet auf Goldmark oder Dollar, oder aber auch auf beides. Die Fürstlich Fürstenbergische Kammer gab am 1923 17. November Gehaltsgutscheine über 4,20 M Gold = 1 Dollar aus. Es ist dies das einzig bisher bekannte wertbeständige Notgeld unseres Kreise . Aus der Zeit der Hochinflation sollen wenigstens einige Scheine abgebildet wer­ den. Die gesamten 23er Scheine würden den Rahmen des Almanachs sprengen. So hat beispielsweise die Stadt Donaueschingen 14 Au gaben und Furtwangen 18 Ausgaben. 50 Milliardenschein der Stadt Donaueschingen. Auf der Rückseite ist das Rathaus abgebi/del. 1 Million, Firmengeld der Fa. Siedle, A. G. Die Rückseite ist unbedrucla. Dieser Gu tsch ein über 1000000 � wird bis zum 29. August 1923 bei der Rheinischen Creditbank, Niederlassung Furt,mr.gt’n oder bei der städt. Sparkasse Furt- wangen zur Gutschrift angenommen. S.Siedfe&..Söhne l’urtwaogen, 14. August 1923. Telcfon·u.Tefeorn�cn.we·’· Po A‘..““:1-G�: i• IJ;]’i 94 �����

0431 lw1ei,11u1d rt 11W rd 1 1 zahlt die Stadtkasse Hüfl(lgen, die ‚vol�sbank der B“aar In Hüfingen und die Bezirkssparkasse Donau�sdhingen dem EinH1 e�er dieses Notgeldscheines. Der Zeitpunkt der ÜrJ8ültig�eI d,es�el�e.n wird in de beiden Donau­ eschlnger Tage�zeitungen öffe11tlich bekannt _gegeben. HOflngen, den 31. O�tober 19?3. 200 Milliardenschein der Stadt Hüfingen. Die Rückseite ziert ein bekannter Stich aus dem Jahre 1682. In Hüfingen hatte man trotz allem noch Humor, wie die letzte Zeile beweist: Daß Gott erbarm man nennt mich Geld, Wie steht doch aef dem Kopf die Welt. 95

50 Milliardenschein der Stadt Furtwangen. Die Rückseite isl unbedruckl. GUTSCHEIN Ober Filnlhunderf· fau.endlllark GUU, far dm Gcldttrkcbr innerhalb der $tedt st. Gco,am ba. lO. Oldober HW. blt ,u welchem T„ der Qutact,do bd der Stedtbl,e ,ur Elndehun1 und ElnlO.un, YOnu.letm tat. – Nach dem JO. Oktober tm wtrd Zehlun1 nicht mehr tddltel. Der GemelnderaJ: 500.000 Mark Notgeld der Stadt St. Georgen. Die Rückseite ist unbedruckl. 96

S>rfp1.ln,-.,S>rfrein. � utWrrf 3Jl!Hlliar�:en � lI!lark fdrnlilrl ilir .SldhJrmrinil, l!rrihrr9 il�m ,Jn�al,zr ilirfro .Sdzutarrtz,inra. ll!rr ,Jlrilpunkl ilrr �,i1n1a�lu“!J miril ülfmllidz J,,�annl gra,� mrrilm. «!“rih.rrg, �rn 15. @klnhrr J9l!!. �tT Eii•t..tini’lrral: ,J. :B. – 100 Milliarden Mark Schuldschein der Stadt Triberg. Die Rückseite ist unbedruckt. 500.000 Mark Gutschein der Stadt Villingen, dem man es sehr deutlich ansieht, wie schnell die Ausgabe von Geld nötig war. Er wurde von Hand geschrieben, hektographiert und von dem damaligen Bürger­ meister Lehmann und dem Rechnungsamtsleiter }eggi unterschrieben. 9lr. 1. Stadtgem12i.nde Ui.Uingen/. §utschei.rv .f �.500000. ;-f.fu!fhun&rtlausena-�r über g‘ [ A.u,.,qe,n, �a-nhuv/e.f� ,p�u.v �a.-t � ..vnv � � !lf�J!wnv??U/� vo-n/,,ifet,. ��e,� �_.._, ‚4-evt-��· t?’�ji“4’V,,,la,d �- �.,U,U,�UJ““���,WV��eA-V Nn4.W’V., �:4-t./�7, � �!IM. ����· -‚—–�-!a.1-$� 97

!Uus Stal»t unl) ßanb. :,ur madentwertung. �nflllge ber d)ronifd), igemoribenen Wlarf „(tntmertung önbert fid) ber m3ert ber �aren, am 6tanbe i)er �a.pier= mart gered)net, uon l:ag 3u Xiag. i)ie ‚folg,etllbe fur3e %a“ helle ·�Jibt ein d)arafteriftif(fJes �m:i uon bem ungcl)euren [ntmertungspro3ef3, �en :bie Wlarf innerf)atb 3el)n �af)ren burdJgemad}t ,IJat. ID1.an erlJi·eH in 1)e,utf d)fonb fü r je 1 000 IDla r f nm 10. �u[i 1923: 1 2fn�gstnopf 1 ‚.Dut}enb 6d)�IJnäge1 1 mierteUiter m?Hcb 5 @rn.mm mofif)a.ar 1 miertemter 6dymad)bi�t 1 rr. molle fdJlccf}ten ff,aben 4 billige .8,igarctten. am 10. �ufi 1923: 1 ‚billiges �inbcrf piel3.0ug 1 Ueine .f)ol3fif t� 1 �odJföM�l 1 �ogen �actpapier % �funb ·Stirfd;:en. 2fus bMn 9leidy.;banfbireftorium am 10. �u[i 1913: 10 2fn3üg.e nacfJ ID1af3 100 �aar 6d;tu�e 2 StfrlJe 1 ffiennpferb 10 .f)ettoHter �i?in 8 mäqmaf dJ,inen 400 .f)avanna=Sigarren am 10. �uli 1913: 1 211,;usautomnbW 1 2uiusvilla 1J elegante �rei3immer= 2f usf tathmig 1 ·Jroaen $erf ertewfrfJ 1 groaen Dbf tgarten (·) lliClingen, 26. �un. ffür eine gleid) grof3e 6umme er�iert man Was man für diesen hohen Wert bekam, verdeutlicht die Gegenüberstellung aus dem ,,Villinger Volksblatt“ vom 26.Juli 1923. Kurze Zeit später war der Schein vom 27.Juli schon wieder Makulatur, und der 98 Druck der Notenpresse mit noch höheren Werten ging weiter. Von Hand gefertigte Bürodrucke konnten nicht schnell genug beschafft werden in der benötigten Menge und so mußte wieder der Buchdruck her.

‚.Durd) mefentltd)e (fr�öl)ung be!! �r3eugerpreifes unb burcf;J bte g(eld;,3elttge Steigerung ber Untoften foftet 1 i!lter lJoUmUdJ tn ber Seit oom 6. bfe elnfd}l. 12. 2luguft (721 • • 18 000 m. im i!aben abge’1olt am t;u’1�werk beaogen 18 400 m. ‚1lild)3entrale �ißingen. 11 Millionen! 3immers �agle idJ für ble �ef orgung eines möblierten ln beff erem j}11uf e. an bas „!ß. !ß.“ er�ten. �n·Jebote unt.er �r.1207 Dieser 500 Milliardenschein war das letzte von der Stadtverwaltung herausgege­ bene Notgeld vor dem Ende der Inflation. Sehr aufschlußreich war die vorste­ hende Anzeige vom Samstag, den 4. August 1923. Der Milchpreis konnte nur für eine Woche festgesetzt werden. Auch die Wohnungsnot war groß. Schon damals gab es Prämien für die Vermittlung von Wohnraum. Alles schon mal dagewe­ sen! 99

Was man für Brot und Mehl am 22. September 1923 in Villin­ gen berappen mußte, ist aus die­ ser Anzeige aus dem Villinger Volksblatt ersichtlich. Manch ein Bürger tat gut daran, beim Groß­ einkauf das Geld in der „Chaise“ mitzunehmen. Das Elektrizitäts- und Gaswerk Villingen sorgte sich außeror­ dentlich um seine Abnehmer, wie man aus der Anzeige vom 22. 9.1923 ersehen kann. Der wohl eindrucksvollste Schein von der Optik her ist der farbenprächtige Schein der Fa. Gebr. Oberle, Backofenfabrik, Villingen. Aus einem Firmenbriefbogen machte man in der Eile Notgeld und bat im Villinger Volksblatt vom 10. Oktober 1923 die Ge- schäftswelt, davon Kenntnis zu nehmen. Alte Villinger wissen sicherlich noch, daß die Firma beim heutigen Kanonengäßle ihren Sitz hatte. Die heutige Fa. Winkler – ein Schwiegersohn Oberles war der Gründer – hat ihren Sitz im Stadtbezirk Villingen. Pläne und flnrkt’ltung ganz.er Oäc.kef’elen. �(/� tJa/,01″“1Utud/, J’uma ·z//. / 1/(1 yul,. ,&uln1r �,., 10 •. QJrtoborJll’23. PfOBlHCIM iiQO 60t.D/f,fl)A1Uf.. GuUlcheln Uber 2 Mlllla.rden Mark (zwei Hllllarden Mark) Dieser Gutschein wird dem Besitzer Jederzeit, spätestens jedoch bis 20. Oktober dieses Jahres bei der IQdffutacllle11 Dlacollto-Clea•Nacllaft, A.·G., Vlllbl„11 oder bei der VIIH,…, .. 111&, G. m. t>., H., VIHl1t„ft in •arg••• elngelöst. 101

Wie bereits eiwähnt, beteiligte sich auch die Villinger Bank, Vorgängerin der heutigen Volksbank, an der Geldherstellung. Fünf ver- schiedene We’rte wurden ausgegeben, von denen der Millionenschein schnell mit dem Wert Milliarde rot überdruckt wurde. roooooomooooooo100ÖÖÖOÖÖOÖOOMO;;koooooooooooeoooooog i t 0000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000, oOO EINE !1/LLION !1ARf zahlen wir, die Reithsbank11ebenstelle Villingen. Rheüzisthe Creditbank, Filiale Triberg, Rheinisthe Creditbank, Niederlassung Villingen, Sflddeulsdte Disko11to-Oesellsd1aft A.-0 .• Filiale Villingen, Badisthe Lm1dwirtsd1aftsba11!, e. 0. m. b. H., Filiale Villingen, Villinger Bank e. 0. m. b. H.. Villi11ge11 und die Sparkasse der Stadt Villingen, dem Einlieferer dieses Villingen, den 14. August 1923 Gutscheins im Verredmungswege. Outsdiein Nr. Sch. wälder Apparate-Bau-Anstalt ugus��dt�er Söhne VJ(��� I 102

Auch bei der Fa. SABA und den Messing­ werken Schwarzwald wurden mehrere No­ minale ausgegeben. Die alphabetisch Letzte im Bund der Städte und Gemeinden, die 1923 Notgeld ausgab, war die Stadt Vöhrenbach, die nicht weniger als neun verschiedene Scheine zwi­ schen dem 14. August und dem 10. Novem- ber ausgab. Alle Scheine waren sehr sorgfäl­ tig von der uns schon bekannten Furtwanger Druckerei Andreas Uttenweiler hergestellt. Nur bei einem Nominal hatte man es eilig. Es fehlte zwischen den Werten 1, 10 und 50 Milliarden ein Schein zu 20 Milliarden, der dann mit der Schreibmaschine geschrieben und hektographiert wurde. 103

Die meisten Scheine wurden von Bürger­ meister Kraut und teilweise überdies noch vom „Rathschreiber“ Faller gültig unter­ schrieben. Alle Großgeldscheine zierte auf der Rück­ seite mit Stolz die Linachtalsperre „Erste deutsche aufgelöste Eisenbetonsperre“. Diese Betrachtung über Geld und Not, unter besonderer Beachtung des Notgeldes der Städte, Gemeinden und Firmen unseres engeren Heimatgebietes, weckt sicherlich bei vielen älteren Mitbürgern schreckliche Erinnerungen. Bei vielen anderen kann mög­ licherweise auch ein Nachdenken erfolgen. Der abgebildete Milliardenschein von Vöhrenbach ist mit allegorischen Darstel­ lungen in Medaillons verziert. Mit den auf­ gedruckten Goetheworten soll dieser Beitrag enden. Feiger Gedanken Bängliches Schwanken Weibisches Zagen Ängstliches Klagen Wendet Kein Elend Macht Dich Nicht Frei Allen Gewalten Zum Trutz Sich Erhalten Nimmer Sich Beugen, Kraftvoll Sich Zeigen Rufet Die Arme Der Götter Herbei. Hermann Binder Zeitung in Villingen: 1848-1933 Sie fehlt einem am Sonntag, man ärgert sich, wenn sie morgens mal später kommt, und es gibt nichts Alteres, als wenn sie von gestern ist: die Tageszeitung. In Villingen begann das Zeitungswesen zeitgleich mit der Revolution von 1848. Buchdrucker Ferdinand Förderer wurde zum ersten Verleger in der Zähringerstadt, worauf er 11 Jahre warten mußte, nachdem laut Ministerialbeschluß vom 25. August 1837 das Unternehmen einer Zeitung „an einem Orte wie Villingen in keiner Rücksicht not­ wendig und rätlich erscheint“. Auf die ersten Versammlungen der revo­ lutionären Bewegung in Süddeutschland Ende Februar 1848 in Mannheim blieb es im Amtsbezirk Villingen die Tage darauf noch ruhig, doch schon am Sonntag, dem 5. März, schwappte von Konstanz und Engen die demokratische Idee nach Villingen. Der praktische Arzt Karl Hoffmann, 34 Jahre alt und seit 1839 in Villingen tätig, wurde zum Nestor des politischen Treibens. Seit 1843 war er im kleinen Ausschuß der Stadt und agierte seitdem „politisch“. Wie in Mann­ heim, wo das Volk seine Forderungen in Petitionen formulierte, stand auch auf Rang zwei der Villinger Ansprüche die „unbe- dingte Pressefreiheit“, und davor noch die Forderung nach Volksbewaffnung. Zu einem ersten Erfolg kam es, als die badische Regierung die Pressefreiheit gemäß Gesetz von 1831 wieder in Kraft setzte. Das war auch ein Signal für Villingen – die Stadt erhielt ihre Druckerei, in der auch die erste Villinger Zeitung des Ferdinand Förderer gedruckt wurde. Die Eröffnung von Verlag und Druckerei-Werkstatt feierte man mit einem Erinnerungsblatt als erste Ausgabe der Zeitung: ,,Der Schwarzwälder“ vom 28. März 1848. Auf eine zweite Villinger Volksversamm­ lung vom 14. März folgte schließlich auch die Wahl für einen örtlichen Volksausschuß. Ihm gehörte auch Ferdinand Förderer an, der sich in jenen Tagen noch als Buchhändler bezeichnete; er hatte nämlich über eine Druckerei in Rottweil noch vor seinem Wir­ ken in Villingen zahlreiche Broschüren zu Tagesfragen herausgebracht, so auch „Des Badischen Volkes materielle Bedürfnisse und Wünsche“. Beruf beharrlich versagt! Wie schwer diese „neue Pressefreiheit“ errungen war, kann man den Worten ent- 105

1 :. t … �:·· �. �·· �I …. nehmen, die Förderer in den Tagen darauf in sein Blatt setzen ließ: ,,Es ist traurig, aber nur zu wahr, daß es im dritten Dezenium des 19. Jahrhunderts im Großherzogtum Baden eine Regierung gegeben (hat), die einem unbescholtenen Mann beharrlich die Exi­ stenz versagte und denselben durch elfJahre an der Ausübung seines erlernten Berufes hinderte.“ Ferdinand Förderer war der 1814 geborene Sohn des Villinger Bürgers und Katen­ knechts Mathias Förderer; er gründete 1876 die Villinger Altertümersammlung, schrieb umfangreiche Aufzeichnungen und ver­ wahrte in verdienstvoller Weise Alt-Villinger Traditionsgut (Paul Revellio, 1964). Villin­ gen hatte eine allererste Druckerei in seinen Mauern, die um 1596 einem Egidius Reitter zugeordnet wird; ein kleines Brevier von Digasser „Ein geistliches Zeughaus“ ent­ stammt seiner Presse, die im damaligen ,,Freudestädtle“, der heutigen Turmgasse, gestanden haben soll. Doch erst mit Ferdi- 106 nand Förderer kam es zu gedruckten Nach­ richten für Villingen, deren Bürger zuvor allenfalls auswärtige Exemplare mit der Post­ kutsche herbeigebracht bekamen, auch wenn diese dann schon Tage und Wochen alt gewesen sein dürften … Von 1837 an versuchte Förderer immer wieder, eine Konzession für eine Buchdruck­ Offizin in Villingen zu bekommen, was ihm jedoch in der Zeit des niedergehenden Abso­ lutismus‘ und des aufkeimenden Liberalis­ mus‘ abschlägig beschieden wurde. Förderer blieb beharrlich, schrieb Eingaben und machte Gesuche, und bezog schließlich „mit größten Opfern an Zeit, Geld und Miseren aller Art“ den fertig gedruckten „Schwarzwäl­ der“ von der Druckerei Uhl & Co in Rott­ weil: Ausgabe vom 25. Oktober 1839 -erste Nummer. Die amtlichen Stellen, vielleicht auch zermürbt von den dauernden Petitio­ nen dieses Ferdinand Förderer, erteilten ihm dann 1847 doch eine Genehmigung mit allen Vorbehalten und KJauseln für Villingen.

Deutscher Hoffnungstag Obwohl die Villinger den „Republika­ nern“ nicht Tür und Tor öffneten, war der „Schwarzwälder“ des Verlegers Förderer den Behörden zu liberal. Wohl auch deshalb, weil Artikel aus den Konstanzer „Seeblät­ tern“ abgedruckt wurden und weil Förderers Blatt immer wieder auch zum „Kampfblatt“ politischer Agitation wurde. Sein Redakteur ,EBLR‘ machte dies zum Jahreswechsel 1848/49 in einem herausfordernden Gedicht deutlich. Da hieß es u. a.: „In eine sternlos wüste Winternacht ward deutscher Freiheit Hoffnungstag verwandelt, dem Heiland gleich ward sie verhöhnt, verlacht, gegeiselt und gekreuzigt und verhandelt.“ Als schließlich auch noch Karl Hoff­ mann, der Arzt, als Beteiligter im folgenden Aprilaufstand angeklagt wurde und Förderer zwei Extrablätter für Hoffmanns Rechtferti­ gung drud.1:e, war das Ende des „Schwarz­ wälder“ abzusehen. Förderers Zeitung wurde die Ausgabe vom 14.Juli 1849 zum Verhäng­ nis, in der er wohl auch zum Widerstand ge­ gen die preußischen Truppen Stellung be­ zog, die gegen Baden und die Revolutionäre marschierten, was der Stadt Villingen für mehrere Wochen auch die Besetzung mit den Soldaten des Frankfurter Linien-Batail­ lons brachte … So hatte der badische Freiheitskampf ein tragisches Ende gefunden und dem „Schwarzwälder“ des Ferdinand Förderer ein Verbot beschert, das bis 1856 dauern sollte. Zuchthaus für Revolutionäre Mit bedrohlicher Artillerie preußischer Truppen auf dem Bickeberg hatte man den Widerstand der „Pöbelherrschaft“ im zwei­ ten Jahr der badischen Revolution auch in Villingen gebrochen. Dies setzte auch dem Villinger Buchhändler Ferdinand Förderer ein erstes Ende für dessen Zeitung „Der Schwarzwälder“, für deren Erscheinen er über ein Jahrzehnt gekämpft hatte. Das „Villinger Wochenblatt“ sollte ab Juli 1849 Ersatz bieten – Redaktion und Zensur standen unter Verantwortung des Gemein­ derates und des wieder eingesetzten Bürger­ meisters Stern. Es folgten zahlreiche Verhaf­ tungen und Prozesse gegen die Revolutio­ näre, zu denen man auch Ferdinand För­ derer und den „Revolutionsbürgermeister“ Johann Schleicher zählte, der sich dem Urteil von drei Jahren Zuchthaus durch seine Flucht über die Schweiz nach Amerika entzog … Im Verlauf der Jahre bis 1856 las man in Villingen dann schließlich die neusten Nachrichten aus Stadt und Land in einem sogenannten „Landboten“, der von Kon­ stanz aus verbreitet wurde. Förderers „Schwarzwälder“ konnte im Februar 1856 wieder erscheinen – die Ver­ hältnisse in Baden hatten sich wieder stabili­ siert und Förderer kam aus Furtwangen zurück, ,,wo er sich bei Verwandten hinter dem Ofen versteckt“ haben soll (Albert Fischer). Als das Villinger Blatt gar zum „amtlichen Verkündigungsblatt“ erklärt wurde (16. 11. 1858), war dies sogar Anlaß für eine kleine Feier im Gasthaus „Zum Schwert“ (im Volks­ mund „de Sebel“), in dessen Räumen auch der Gewerbeverein mit seinen 240 Mitglie­ dern sein Lokal hatte. Im dortigen Lesezimmer lagen nicht nur 25 Zeitschriften parat – sowohl unterhalten­ den und politischen Inhalts -, es war wohl auch die größte Bibliothek in der Stadt ver­ fügbar: 1000 Bände waren dem Verein eigen. Politisch auffälliges Blatt Konkurrenz sollte wohl das Zeitungsge­ schäft auch in Villingen beleben, und so gründeten die „Ultra-Montanen“ den „An­ zeiger für den Schwarzwald und Baar“. Die Leitung lag in den Händen eines Domänen­ rates und die Druckerei gehörte einem Litho­ graphen mit Namen Eisele. Auffällig poli­ tisch wurde das Blatt durch einen Artikel über ein schwebendes Untersuchungsver­ fahren gegen den Bistumsverweser Kübel – 107

stützung angesehener Bürger der Stadt grün­ det er eine zweite Zeitung für Villingen: das „Villinger Volksblatt“ soll Abonnenten und Leser bringen … Als 1893 in der Gerberstraße die alte Schaffnei und das Armenhaus abbrennen, zieht Frick in den Neubau ein. Es war die Zeit ,,des alle Volksschichten aufwühlenden Kul­ turkampfes“ (H. A. Neugart). Als Organ der ,,Zentrumspartei“ war das neue Blatt von An­ fang an Gegenstück zum supra-nationallibe­ ralen „Schwarzwälder“. Der versäumte nicht, mit schneidigen Attacken gegen die neue Konkurrenz loszu­ ziehen – in der Schärfe waren zu Wahlzeiten Hieb und Gegenhieb aus den Redaktionen kaum noch zu steigern. Mit drei Ausgaben pro Woche entwik­ kelte sich das „Villinger Volksblatt“ überra­ schend gut, was auch der Zentrumspartei eine größere Gefolgschaft brachte. Nicht Verlagsort des „ Villinger Volksbfalles“ in der Gerberstraße die Beschlagnahme folgte. Acht Tage später war die Untersuchung eingestellt. Kurze Zeit darauf war auch der Verlag des „Anzeiger“ wirtschaftlich am Ende. Neue Impulse setzte 1872 Förderers Schriftsetzer Adolf Brettschneider. Er grün­ dete einen Konsumverein und übernahm zwei Jahre später die Druckerei des Lithogra­ phen Eisele. Hierauf reagierte auch Ferdinand Förde­ rer – er übergibt am 1. Oktober 1874 den Verlag des Schwarzwälder“ an den Buch­ druckfachmann Linsemann, einen gebürti­ gen Rottweiler. Dieser verlegt den Druckerei­ standort von der Färber- in die Gerberstraße und dort in das Haus des Bildhauers Um­ menhofer, der auch als langjähriger Felsen­ wirt bekannt ist. Linsemann investiert in die Anschaffung eines „einpferdigen Gas­ motors“ und eine Johannesberger Schnell­ presse. Doch Linsemann stirbt mit 37 bereits drei Jahre später, worauf ein Hauptlehrer namens Otto Bertsche aus Rietheim sich in diesem Metier versucht. Er kommt jedoch nicht zurecht, auch nicht der Redakteur Josef Herbst. Drei Monate später verkauft Bertsche an den Buchbinder und Schreibwa­ renhändler Carl Görlacher, der für die Re­ daktion den Hauptlehrer a. D. Gerbis enga­ giert. Görlacher hatte seine Buchbinderei zu­ nächst am Marktplatz, wo sich später die Metzgerei Heinemann und in den SOer Jah­ ren die Eisdiele von Mario Zampolli um die Kundschaft bemühte. Von seinem zweiten Standort im Erdgeschoß der „Blume-Post“ verlegte er das Geschäft schließlich vor das Bickentor, der späteren Klischee-Anstalt von Meyle und Müller. Aufwühlender Kulturkampf Obwohl Brettschneider sich mit Kompa­ gnon Binder einläßt, geht das Geschäft ein und wird von Buchdrucker Otto Frick über­ nommen. Vom Hinterhaus des Anwesens Rote-Bäcker (später Korbwarengeschäft Bauer in der Rietstraße) verlegt Frick die Druckerei in die Färberstraße. Mit Unter- 108

zuletzt deshalb gewann man auch im Gemeinderat alsbald die Mehrheit. Für die Nachfolge des Landtagsabgeord­ neten Carl Otto unterlag die Partei zwar mit dem Kandidaten Benjamin Grüninger noch dem amtierenden Bürgermeister Heinrich Osiander, doch schon drei Jahre später (1887) hatte man mit dem Villinger Glocken­ gießer den ersten Abgeordneten im Badi­ schen Landtag. Intellektueller Widerstand Verleger Otto Frick in der Gerberstraße konnte zwar bis 1902 seine Zeitung ständig ausbauen, doch wegen gesundheitlicher Schwäche verkaufte er 1902 sein Unterneh­ men an Hermann Müller aus Pfullendorf. Dieser hatte bereits verlegerische Erfahrung bei der Zentrums-Partei der „Furtwanger Nachrichten“ gesammelt, die als Gazette von ihm gegründet worden war. Müller stellte vom Handsatz auf Maschi­ nensatz um und war damit in der Lage, das Blatt für Villingen und Umgebung täglich erscheinen zu lassen – das erste Journal die­ ser Art im gesamten Amtsbezirk. Es folgte eine Ausgabe für Triberg, mit der man die Anfange des von Frick gegründeten „Triber­ ger Bote“ fortsetzte. Hermann Müller starb im Jahre 1919, wonach sich seine Witwe der Aufgabe stellte, das „Villinger Volksblatt“ weiterzuführen. Über ihre Redaktion versuchte sie zwar noch einige Zeit den intellektuellen Widerstand gegen die „Gleichschaltung der nationalso­ zialistischen Presse“, doch gab man schließ­ lich auf. Auch der zu Anfang des Jahrhunderts gegründete Verlag von Spannagel & Todt – mit Sitz in der Rietstraße (später Autohaus Mauch, heute Markthalle) und später in der vorderen Waldstraße – konnte sich nach 1903 mit dem „Generalanzeiger“ nur kurz behaupten. Die unternehmerischen Interes­ sen am eigenen Zeitungsverlag wurden wenige Jahre später aufgegeben. Anstelle aller bisherigen Lokalblätter hatte das „Schwarzwälder Tagblatt“ die par- Hennann und Anna Müller bei der Hochzeit teibestimmte Information und Propaganda im Sinne der NSdAP übernommen … Wolfgang Bräun (nach Lorenz Honold, Paul Revellio, Her­ mann Alexander Neugart, Albert Fischer) Abendfeier 0, es wird so stumm und still In des Hauses Hallen. Spürst du, wie es nachten will? Aveglocken schallen. Komm, wir beten, liebes Kind – Goldne Sterne grüßen – Bis die Liebesträume lind Unsre Augen schließen! Josef AJbickert 109

,,Deutsch denken, deutsch schreiben“ Das „Donaueschinger Tagblatt“ auf dem Weg in den nationalzozialistischen Staat. „Wir leben in einer turbulenten Zeit. Das merkt so langsam auch die Schlafmütze im finstersten Winkel des Schwarzwaldes, die noch glaubt, ohne Zeitung und ihre eingehende Lektüre auch des politischen und wirtschaftlichen Teils auskommen zu können. Wer es nicht liest, hört es von anderen, die von den Zeitereignissen irgendwie in Mitleidenschaft gezogen werden. Und wer verspürte die politisch­ wirtschaftlichen Überraschungen der Zeit nicht an sich selber?“ Diese Zeilen schrieb vor über 60 Jahren, am 11. Juli 1931, der Redakteur Anton E. Rehse im Donaueschinger Tagblatt. Da Ende der Weimarer Republik am Vorabend des nationalsozialistischen Staates war geprägt von der autoritären Machtausübung der Staatsorgane und einer schweren Wirt­ schaftskrise. Wahlkämpfe und Volksent­ scheide waren von Gewalt auf der Straße begleitet. Den Umbruch der Verhältnisse und den aggressiven Stil in der publizisti­ schen und ideologischen Auseinanderset­ zung spürte auch der Redakteur des Donau­ eschinger Tagblattes. In den Monaten und Jahren vor der nationalsozialistischen Machtübernahme nahm er den Meinungs­ kampf mit der NSDAP und der NS-Presse in der Baar auf. Das DonaueschingerTagblatt befand sich seit 1921 im Besitz der Druck- und Verlags­ gesellschaft Donaueschingen. Die Inflation hatte den Vorbesitzer Willibald gezwungen, das traditionsreiche Blatt aufzugeben. Donaueschinger Bürger und andere Freunde des Blattes gründeten aber eine Gesellschaft, die das Blatt weiterführte. Anton E. Rehse schreibt 1929 in der Jubiläumsausgabe zum 150jährigen Bestehen des Donaueschinger Tagblattes: „Heute erscheint das Blatt mit Ausnahme montags sechsseitig, an Samstagen acht- 110 Anton Rehse. Zeichnung von Maler Karl Merz, 1930 bis zwölfseitig. Es bedient sich heute des modernsten Nachrichtenmittels, des Radios, und hat durch Aufnahme eines Bilderdienstes seinen Inhalt auch nach dieser Seite bereichert und modernisiert.“ „Toni“ Rehse, wie ihn seine Freunde nannten, hatte im Jahre 1921 die Schriftlei­ tung des Donaueschinger Tagblattes über­ nommen. Der ehemalige Offizier und Kadettenerzieher zeichnete als alleiniger Redakteur verantwortlich für den Inhalt des Blattes. ,,Ein-Mann-Redaktionen“ wie diese waren in der Weimarer Presselandschaft noch häufig anzutreffen. Das DonaueschingerTagblatt stand in der Weimarer Republik auf Seite der Liberalen und Demokraten. Mit dem Übergang der national-liberalen Partei in Baden zur Deutsch-Demokratischen Partei hatte sich

die Zeitung die Grundsätze dieser neuen Par­ tei zu eigen gemacht. Zu den Gesellschaf­ tern, die sich an der Zeitung finanziell betei­ ligten, zählte auch Reichsfinanzminister und DDP-Abgeordneter Hermann Dietrich (zu letzterem vgl. Almanach 91, Seite 111 ff.). Das Donaueschinger Tagblatt galt seither als Sprachrohr des Reichsministers und wurde angeblich sogar im Reichstag gelesen. Hermann Dietrich hatte seinen Heimat­ wahlkreis in Baden, und häufig machte er sich von Berlin aus auf die Reise nach Karls­ ruhe oder nach seinem im Schwarzwald gele­ genen Pachtgut Wildgutach. Das Donau­ eschinger Tagblatt orientierte sich offen an der politischen Gesinnung des Parteiführers und folgte ihm auch beim Übergang zur Deutschen Staatspartei. Die Gründung der Deutschen Staatspartei kommentierte Toni Rehse am 30.Juli 1930 mit der Überschrift ,,Wir machen mit!“. ,,Demokratische“ Politiker oder Redak­ teure der Weimarer Republik waren nicht weniger „national“ eingestellt als andere Zeitgenossen. Wenn es darum ging, die Interessen des Vaterlandes zu wahren, dann hieß auch für den „Demokraten“ Toni Rehse das oberste Gebot, ,,deutsch denken und schreiben“. Nichts kann den Redakteur des Donau­ eschinger Tagblattes daher mehr beleidigen, als wenn ihm der politische Gegner die „nationale Gesinnung“ und als ehemaligen Offizier gar den „heldenmütigen“ Einsatz an der Front abspricht. Am 23.Juli 1932 setzt er sich in einem Nachtrag zum Lokal­ teil vehement gegen Angriffe auf seine Person zur Wehr: „Wir weisen es daher mit Entrüstung zurück, unsere nationale Gesinnung in Zweifel zu ziehen, wie es das Schwarzwäl­ der Tagblatt zu tun beliebt. … Sollten dem Schriftleiter des Schwarzwälder Tag­ blattes unsere schriftlichen Argumente über unsere nationale Einstellung nicht genügen, so steht es ihm frei, jederzeit auf unserer Redaktion mündlich vorzuspre­ chen. Daß wir dem Herrn dann die 112 gebührende Antwort und die Beweisfüh­ rung für unsere Teilnahme am Weltkrieg und für unsere nationale Gesinnung nicht schuldig bleiben werden, darauf kann er Gift nehmen.“ Der Schriftleiter des Schwarzwälder Tag­ blattes wird dieser zweifelhaften Einladung vermutlich eher nicht gefolgt sein. dem Zwischen bürgerlich-liberalen DonaueschingerTagblatt und dem Schwarz­ wälder Tagblatt aus Furtwangen mußte es unweigerlich zu einem Konflikt kommen, als die Nationalsozialisten begannen, das nationale Motiv für ihre „Bewegung“ in Anspruch zu nehmen. Das Schwarzwälder Tagblatt in Furtwan­ gen gehörte zu jenen ehemals bürgerlichen Zeitungen, die zum Nationalsozialismus hinüberwechselten und sich auch ausdrück­ lich dazu bekannten. Toni Rehse ist dieser Gesinnungswandel, der sich bereits 1931 abzuzeichnen begann, nicht entgangen. Der Redakteur des Donaueschinger Tagblattes ließ sich leichtfertig auf einen Stellvertreter­ Konflikt mit dem nationalsozialistischen Reichstagsabgeordneten E.Jenke über des­ sen sozialdemokratische Vergangenheit ein. Das Schwarzwälder Tagblatt greift diese Aus­ einandersetzung auf. Toni Rehse sieht sich jedenfalls am 2. September 1932 genötigt, gerichtliche Schritte gegen den verantwortli­ chen Schriftleiter Hermann Leitz anzukün­ digen. Bereits drei Tage später veröffentlicht das Donaueschinger Tagblatt Auszüge einer einstweiligen Verfügung des Amtsgerichts Donaueschingen: ,,Das Schwarzwälder Tagblatt in Furtwan­ gen hat in seiner Ausgabe Nr. 188 einen Artikel veröffentlicht mit der Überschrift ,Die rote Fahne von Donaueschingen‘ und in Fortsetzung dieses Artikels einen Brief des Reichstagsabgeordneten und Oberpostsekretärs E. Jenke aufgenom­ men, der schwere Beleidigungen des nachgenannten Klägers, Schriftleiters Rehse, Donaueschingen, enthält.“ Eine Durchsuchung des Druckereibetrie­ bes ergibt, daß der Schriftleiter des Schwarz-

Anton E. Rehse mit Frau Maria, Mai 1980 wälder Tagblattes 4000 Exemplare einer ,,Schmähschrift“ gegen Toni Rehse „zur Ver­ teilung hatte herstellen lassen“. Das Amtsge­ richt Donaueschingen ordnet die Beschlag­ nahme der Flugblätter durch den Gerichts­ vollzieher an. Im Februar/März 1932 reicht Toni Rehse erneut eine Beleidigungsklage gegen den Schriftleiter des Schwarzwälder Tagblattes ein. Offenbar war für ihn der Punkt erreicht, an dem er keine Möglichkeit mehr sah, sich mit journalistischen Mitteln gegen die natio­ nalsozialistischen Angriffe zu wehren, was er seiner Leserschaft am 29. Februar 1932 mit­ teilt: „Das Schwarzwälder Tagblatt scheint begriffen zu haben, daß die Langmut des Donaueschinger Tagblattes über die Arro­ ganz und die Tonart des nationalsozia­ listischen Schwarzwälder Tagblatts zu Ende ist. Der Artikel ist ein Beweis dafür, daß unsere Hiebe saßen und die schwa- chen Stellen der Politik und Methoden des nationalsozialistischen Blattes getrof­ fen haben. Da aber das Schwarzwälder Tagblatt sachlich und überzeugend nichts dagegen vorbringen kann, so wird es wie schon so oft persönlich belei­ digend.“ Wenige Tage vor den Reichstagswahlen macht das Donaueschinger Tagblatt am 27.Juli 1932 den Wortlaut einer einstweili­ gen Verfügung des Amtsgerichts Donau­ eschingen bekannt. Darin wird der Buch­ druckerei Wilhelm Kirchberg in Furtwangen und ihrem verantwortlichen Redakteur Hermann Leitz untersagt, die folgenden Behauptungen zu verbreiten: „Das Donaueschinger Tagblatt bekenne sich zu der roten Front des Mördergesin­ dels und Untermenschentums. Deshalb könne und dürfe kein deutsches, christli­ ches Haus im Schwarzwald und Baar ein derartiges Blatt mehr unterstützen.“ 113

Ohne erkennbaren Grund bricht die öffentliche Auseinandersetzung der beiden Blätter nach den Reichstagswahlen vom 31.Juli 1932 plötzlich ab. Spätestens nach der Reichstagswahl am 5. März 1933, die den Titel einer „freien“ Wahl ohnehin nicht mehr verdient, gibt das Blatt seine äußerst ablehnende Haltung gegenüber den Natio­ nalsozialisten endgültig auf. Toni Rehse berichtet am 8. Mai 1933 über einen „Presseempfang bei Ministerpräsident Köhler“, der offensichtlich der Dienstbar­ machung der bürgerlichen Presse in Baden für das „Werk“ der nationalsozialistischen Regierung diente. Im Leitartikel vom 13. Mai wird die Anpassung an die neuen Machtver­ hältnisse deutlich. Bewußt oder unbewußt spricht Toni Rehse hier von der „Presse im nationalen Staat“ als einer „gleichgeschalte­ ten“ Presse. Die Redaktion des Donau­ eschinger Tagblatts erklärt am 24.Juni 1933 der erstaunten Leserschaft: „Der selbstverständlichen Pflicht, sich hinter die neue Regierung zu stellen, am deutschen Wiederaufbau mitzuhelfen Eine geschichtliche Betrachtung Will man, dem Trend der Zeit folgend, das Alter des Dorfes ausloten, dann endet die geschichtliche Tiefe bei den Herzögen von Zähringen, die auch an der Wiege der Stadt Villingen Pate standen. Sie sollen hier ein Schloß besessen haben, in dem Berthold II., gestorben 1111, ,,eine sehr zahlreiche Ver­ sammlung der schwäbischen Edlen hielt“. Mit seiner Benennung taucht der Ort ur­ kundlich erstmals 1269 auf, und zwar in einer Siegellegende „obr.ezza“. Der Name „Esch­ ach“, die Schreibweise wechselt in den Ur­ kunden des Mittelalters immer wieder, bezeichnet ganz allgemein die Lage einer Siedlung im Bereich eines fließenden Was­ sers (,,ach“). ,.Esch“ leitet sich von dem mit- 114 Obereschach – Ein Dorf im Wandel und alles zu tun, was der neuen Regierung ihre Arbeit fördern und die Vertrauens­ basis vertiefen hilft, ist das Donaueschin­ ger Tagblatt voll und ganz gerecht gewor­ den.“ Anfang Oktober 1933 ist die redaktionelle ,,Gleichschaltung“ des Donaueschinger Tag­ blattes vollzogen. Zu diesem Zeitpunkt ver­ läßtToni Rehse das Blatt. Der Verlag und die neue Redaktion stellen sich am 30. Septem­ ber in einer Mitteilung „voll und ganz“ hin­ ter die nationalsozialistische Regierung. Oliver Kopitzke Für ihre .freundliche Hi!fe möchte ich an dieser Stelle danken: Familie Sallle,� Freiburg/Donau­ eschingen, Edith Wo!ff, Archivar Georg Goerlipp vom FF Archiv und Bibliothekarin Gisela Holz­ hüter von der FF Hofbibliothek, beide Donau­ eschingen, Herrn Archivar Schlomski vom Stadt­ archiv Donaueschingen, Kreisarchivar Dr.Joa­ chim Sturm vom Kreisarchiv Schwarzwald­ Baar sowie Prof. Dr. Hans Bohrmann vom Institut für Zeitungsforschung, Dortmund. tel hochdeutschen Wort „Asche“, ,,Äsche“ ab und meint einen Flußfisch. Dorf und Kirche belegt eine Urkunde von 1275 (ecclesia Ober­ aschach). Die heutige Dorfkirche wurde 1821 fertiggestellt, nachdem die alte Kirche, die an derselben Stelle gestanden sei wie die heu­ tige, kurz zuvor wegen Baufalligkeit abgeris­ sen worden war. Das oben erwähnte „Schloß“ ist mit ,,Burg“ zu übersetzen. Sie lag „bi der kil­ chen“, anscheinend unmittelbar westlich davon. Bei der vor Jahren erfolgten Verbrei­ terung der unterhalb südlich vorbeiführen­ den Straße seien Mauerteile zum Vorschein gekommen. Die begründet zu vermutende Stelle ist heute noch eine Wiese, bestanden

mit einzelnen Obstbäumen (1). Vor 177 Jah­ ren ist die Rede davon, daß als Spuren noch tiefe kellerartige Gewölbe vorhanden seien, die „bisher noch nicht genau untersucht worden sind“. Über einen frühen Burgherrn ist nichts zu erfahren. Wahrscheinlich hat es ihn als Vertreter des Grund- bzw. Dorfherrn einmal gegeben, vielleicht als zähringischen Dienstmann. Als 1386 die Burg erstmals urkundlich erwähnt wird, ist das Bewußtsein an einen sehr frühen Besitzer bereits soweit abhanden gekommen, daß sein Name nicht auftaucht. Damals wird sie bereits als Burg­ stall (burgstal), d. h. Burgstelle, bezeichnet. Darunter ist zu verstehen, daß eine ehema­ lige Burg entweder nur noch als Ruine oder überhaupt nicht mehr vorhanden ist. In der Urkunde geht es nur mehr um den reinen Grundbesitz, um eine Liegenschaft mit ihrem Zubehör wie Wiesen, Wald, Felder, Rechte u. a. Zwei ritterliche Brüder aus dem Württembergischen und vier Bürgerliche aus Villingen, Hüfingen und Wolfach ver­ kaufen als Erbengemeinschaft diesen Besitz am 1. Mai 1386 an die Johanniter-Kom­ mende zu Villingen, vertreten durch deren Komtur Graf „Friderichen von Zolr“. Graf Heinrich zu Fürstenberg hatte 1257 noch in der Eigenschaft als de-facto-Stadt­ herr von Villingen die dem Ritterstand ange­ hörigen Mitglieder dieses halb weltlichen, halb religiösen Ordens in die Stadt gerufen, wo sie eine Kommende errichteten. Diese Johanniter, sie heißen heute Malteser, wur­ den im Dorf Obereschach schon 1315 in einer Urkunde genannt, in der ein Grund­ stückstausch vereinbart wird. Am 25. Februar 1354 verkaufen die Ge­ brüder Seng, Villinger Bürger, dem Johanni­ ter-Orden in Villingen zwei Höfe „mit allen rehten und nutzen, mit dem kilchensatz der kilchen ze Oberäscha, mit widmen, mit gro­ ßem zehenden und mit deinen, mit aker mit wisen mit holtz mit veld … „. Diese Rechts- 115

bündelung aus der Urkunde verrät die Son­ derstellung dieses Besitzes gegenüber der Dorfgemeinde oder dem Dorf als rechtli­ chem Gebilde. Der „kilchensatz“ (Kirchen­ satz) bedeutet das Patronat über die Kirche, d. h. die Mitsprache bei der kirchlichen Stel­ lenbesetzung (Präsentationsrecht), aber auch das Eigentum des Patronatsherren an der Kirche, deren Vermögen und den daraus fal­ lenden Nutzungen und Lasten, zu denen inhaltlich das sogenannte Widum gehört. Dieses wird räumlich faßbar im Widum-Hof als einem landwirtschaftlichen Anwesen zur Versorgung des Pfarrers, der damit gleich­ zeitig eine wichtige Aufgabe in der Sozial­ fürsorge des Mittelalters und der Neuzeit für Arme, Kranke, Alte, Bettler, Landstrei­ cher, fahrendes Volk und Rechtlose über­ nimmt. Dieses Widum-Gut läßt sich noch identifizieren. Es ist als späteres johanni­ tisches Lehen der heutige Jockebuer-Hof oberhalb des Hanges zur Eschach südöst­ lich der Kirche mit Blick auf die Dorf­ mitte (2). Das Dorf als siedlungsgeschichtliche Ein­ heit ist im Mittelalter, bis hinein ins 19.Jahr­ hundert, nicht mit der Gebietskörperschaft heutiger kommunaler Selbstverwaltungen zu verwechseln. Zwar gibt es die Gemeinde mit einer eigenen Rechtssphäre, die sich nachgeordnet aber mehr auf genossenschaft­ liche Anliegen, Nachbarrecht, gewisse Zu­ ständigkeit bei internen Streitigkeiten u. a. beschränkt. Den sogenannten Zwing und Bann, das sind die Befehls- und Strafgewalt, Gebot und Verbot sowie die Niedergerichts­ barkeit und damit die Dorfherrschaft, übt allerdings der Dorfherr (Adel, Kloster, Kir­ che oder Stadtbürger) aus. Die Bewohner des Dorfes sind seine Untertanen. Dorfherr in Obereschach ist im 14. Jahrhundert zunächst der Landgraf von Fürstenberg. Dieser hatte dann das Dorf Walther dem Lächler von Villingen zu Lehen gegeben. Als dieser 1390 in den Johanniter- Orden zu Villingen ein­ tritt, schenkt er mit Zustimmung des Lehens­ herren, GrafHeinrich von Fürstenberg, dem Ordenshaus „sein“ Dorf als Lehen. Drei 116 Wochen später, am 20. Mai 1390, gibt der Fürstenberger auf Wunsch seines Oheims, Graf „Frydrich von Zollre“, des Komturs der Villinger Kommende, dem Orden das Dorf „zu eigen“, d. h., er schenkte es ihm. Seit 1390 sind damit die Johanniter die Dorfherren und bleiben es für mindestens 413 Jahre. Dorfherr heißt nicht auch alleiniger Grundherr, der Eigentümer einer oder meh­ rerer Hofstätten mit Zubehör ist. Das Land wird von einem Grundherren regelmäßig als Lehen ausgegeben. Sehr oft sind es Personen, die leiblich und dinglich abhängig sind. Freie Bauern sind die Minderheit. Grundher­ ren in Obereschach waren z.B. die Klöster St. Georgen, St. Blasien, Berau bei Walds­ hut, Bürger aus Rottweil und Villingen, das Münster zu Villingen u. a. Die reich begüter­ ten Johanniter sind zwar die Dorfherren und besitzen auch die meisten ausgegebenen Lehen, aber dennoch ist der Grundherr mit dem größten Besitz das Kloster St. Georgen, von dessen vier Lehen sich die repräsentable Hofstatt des sogenannten Harzer-Hofs in­ mitten des Dorfes als Schmuckstück erhal­ ten hat (3). Das seit wenigen Jahren umgebaute Haus besitzt als Kern einen Vorgängerbau, der nach 1633 erbaut worden sein mußte. Am 24. April 1633, also während des 30jährigen Krieges, berichtet nämlich der Benediktiner­ abt Georg II. Michael zu Villingen in seinem Tagebuch, württembergische Reiter aus Rottweil hätten an diesem Morgen 14 Häuser im Dorf angezündet, darunter auch den Hof seines Klosters. 1803, mit Beginn der Gebietsveränderun­ gen und Überführung von Kirchengut in die weltliche Hand, läuft die Dorfherrschaft der Johanniter aus. Als Ausfluß der Rheinbund­ akte kam Obereschach, wie die Stadt Villin­ gen, 1806 an das von Napoleons Gnaden geschaffene Großherzogtum Baden. Zehn Jahre später, 1816, nennt eine Statistik 81 Häuser und 498 Seelen. Rund 30 Jahre später, 1847, werden 573 katholische Ein­ wohner in 90 Familien aufgeführt. Die Zahl der Häuser beträgt diesmal 85.

1971 wurde mit Wirkung zum 1. 12. mit der Stadt Villingen im Rahmen der Gemein­ dereform ein Eingliederungsvertrag ge­ schlossen. Vier Wochen später, am 1.1. 1972, kam durch die Fusion mit Schwenningen die neue Stadt Villingen-Schwenningen zustan­ de, in der Obereschach Ortsteil ist. 1971 zählte der Ort 1044 Einwohner, davon sind aufgrund der Bevölkerungsverschiebung nach dem Zweiten Weltkrieg noch rund 980 katholisch, die Zahl der Häuser betrug 206. Der allgemeine Strukturwandel des Dorfes beschert dem Ort im Jahre 1992 1650 Einwohner. Die Zahl der Häuser beträgt nach der intensiven Bautätigkeit der letzten 20 Jahre heute 366. Noch bis zum Zweiten Weltkrieg sind bis auf eine evangelische Familie alle anderen katholisch. Im Jahre 1993 gibt es in der Gemeinde 1100 katholische, rd. 450 evan­ gelische und 100 nicht näher bestimmte Personen. Werner Huger Qu e l l e n: Historisch-statistisch-topographisches Lex.icon von dem Großherzogtum Baden, herausgegeben von ). B. Kolb, 3. Band, S. 4 und 5, Karlsruhe 1816: Obereschach. Werner Huger, Obereschach – einst ein Dorf der Johanniter-Kommende zu Vil­ lingen, Jahresheft VIII 1983/84 des Ge­ schichts- und Heimatvereins Villingen, S. 30 ff. Topographisches Wörterbuch des Groß­ herzogtums Baden, Herausgeber: Badi­ sche Historische Kommission, bearbeitet von Albert Krieger, 1. Band, Heidelberg 1905, Spalte 534, ferner Georg Tumbült, Die Eigenkirchen der ehemaligen Fürstenbergischen Landgraf­ schaft Baar, Donaueschingen, 1941, S. 2 f. Universal-Lexikon vom Großherzogthum Baden, 2. Ausgabe, Karlsruhe 1847. Die Angaben ab 1971 stammen aus münd­ licher Auskunft der Ortsverwaltung Ober­ eschach, Herr Ratschreiber Schütz. „Die Eschach von Graneckh biß an Horgemer Bruckhenn“ Anmerkungen zu einem überflüssigen Streit um den Verlauf von Eschach und Fischbach Von Zeit zu Zeit wiederholt sich an ver­ schiedenen Orten unseres Landes das Ge­ plänkel um die „wahre“ �eile eines Flusses oder die „wahre“ Benennung eines Flußver­ laufs. Ein ganz unnötiger Zwist, der nur dadurch zustande kommt, daß Geographen (Hydrographen, Geologen) in ihrem Bedürf­ nis nach methodisch konsequenter Klassifi­ kation den uralten, historisch gewachsenen Bezeichnungen zu Leibe rücken, um sie der eigenen Fachsystematik einzupassen. Es wäre besser, sie ließen davon ab. Denn mögen sie auch noch hundertmal nachwei­ sen können, daß nach den im Fachbereich Geographie (Geologie etc.) gültigen Defini­ tionen eine Sache so und so zu benennen sei: sie können den Beweis nur systemimma­ nent, d. h. innerhalb des Definitionssystems ihrer eigenen Fachdisziplin führen; die in jahrhundertealten Urkunden nachweisbaren anderslautenden Aussagen und Benennun­ gen schaffen sie dadurch nicht aus der Welt. Nicht nur der historischen Donauquelle im Schloßpark zu Donaueschingen werden da gelegentlich die alten Rechte streitig gemacht, auch der sogenannten badischen Eschach will man zuweilen am Zeug flicken, indem man behauptet, sie münde bei der ehemaligen Niedereschacher Mühle in den Fischbach (so z.B. Martin Schmidt: Erläute­ rungen zu geolog. Spezialkarte von Würt­ temberg, Blatt Rottweil, 2. Aufl. 1930, S. 6; 117

ebenso Topograph. Atlas des Großherzog­ tums Baden 1:25.000, Karlsruhe 1875-1886, Blatt 102). Das Gegenteil ist richtig. Folgende Ur­ kundenauszüge mögen es belegen: Am 21. November 1560 schlichten die Schweizerische Eidgenossenschaft und Her­ zog Christoph von Württemberg als Schiedsrichter einen Streit zwischen der Stadt Rottweil und den Gebrüdern Anton und Hans Jakob Ifflinger von Granegg um die Fischrechte in den Flüssen Eschach, Fischbach und Schlierbach. Dort wird unter anderem bestimmt, ,,daß der bach, die Teuff genandt [heute: Teufenbach], biß in die Eschach hinfür wie bisher .. . ein frey wasser . .. bleiben soll“ (Original im Stadtarchiv Rottweil, 2. Archiv, 1. Abt., Lade 40, Fasz. 3, Nr. 3). Der Teufenbach mündet also in die Eschach und nicht in den Fischbach. Am 7. September 1598 verkauft der Frei­ herr Hans Jörg Ifflinger von und zu Granegg seinen Adelssitz Granegg/Friedegg samt dem Dorf Niedereschach an die Reichsstadt Rottweil, darunter auch „das Vischwasser genant die Vischbach von Graneckh hinauff geen Vischbach dem Dorff … , Item (= ebenso) die Eschach von Graneckh biß an Die „badische Eschach“ (1) vereinigt sich mit der „ wiirllembergischen“ Eschach (2) vor der Horgener Brücke (3) zur Eschach (4). Der Fischbach (5) mündet bei der ehemaligen Niedereschacher Mühle (6) nahe der ehemaligen Burg Granegg (7) in die „badische“ Eschach, weiter abwärts auch der Tetefimbach (8).,, Von Graneckh biß an Horgemer Bmckhenn “ßief?t den historischen Qpellen zufolge nicht, wie hier im Topographischen Atlas des Großherzog/ums Baden 1875-1886 auf Blall 102 angegeben, der Fisch­ bach, sondern die „badische“ Eschach. 118

Horgemer Bruckhenn“ (Original im Haupt­ staatsarchiv Stuttgart, B 203, Urk.1301). Zwi­ schen der ehemaligen Burg Granegg und Horgen fließt also die Eschach und nicht der Fischbach. In dem am 6. April 1756 aufgestellten Ver­ mögensinventar des verstorbenen Freiherrn Marquard Joseph von Beroldingen, Herrn von Granegg/Friedegg und Niedereschach, ist unter den Fischwassern wiederum „die Eschach von Graneck biß unter die horge­ mer Bruck“ genannt (Original im Haupt­ staatsarchiv Stuttgart, B 580, Bü 114). Die hier immer wieder genannte, 1281 erstmals nachweisbare Burg Granegg lag am nördlichen Ortsausgang des Dorfes Nieder­ eschach beim Zusammenfluß von Eschach und Fischbach; Reste sind heute noch zu erkennen, das Haus Fischbacher Straße 12 steht teilweise auf der dem Fischbach zuge­ wandten Burgmauer. Mag es auch aus geographischer oder geo­ logischer Sicht vertretbar sein, zu meinen, das Eschach-Stück zwischen der Nieder­ eschacher Mühle und der Horgener Brücke sei dem Fischbach zuzurechnen: in histori­ schen Texten findet das, so will mir scheinen, keine Bestätigung. In Horgen vereinigen sich die „badische“ und die „württembergische“ Eschach zu einem Fluß, dessen Oberläufe sie sind und den man von da an (Ironie der Geschichte!) mit einem Schmunzeln gut und gerne „baden-württembergisch“ nennen kann, ja mehr noch: ,,uraltbadenwürttembergisch“. Über die beiden Oberläufe der Eschach gibt es durchaus einiges zu spekulieren. Die Tatsache, daß den Ifflinger-Gebrüdern 1560 die Fischrechte in beiden Eschachen, einer­ seits bis Dunningen und andererseits bis Kappel, zustehen, ruft unwillkürlich die Zeit des 11. und beginnenden 12. Jahrhunderts in Erinnerung, wo in den bekannten Urkunden noch nicht von „Niedereschach“, sondern stets nur von den Herren von „Eschach“ die Rede ist. Könnte das besagen, daß ihre Herr­ schaft einmal beide Eschachtäler umfaßte? Dr. Manfred Reinartz Verleugnetes Menetekel Am Abend täuschten Wolkenmassive über den Höhen des Schwarzwalds geographisch versetzt als Himalaja oder Anden ohne Geschmeide des Firns, bis an die Grate wie von allen Göttern verlassen blauschwarz erstarrt – Selten erschien die dritte Welt so nah für einen Gedankensprung in das fremde Betroffensein. Mehr oder weniger, eher mehr weniger als eine halbe Stunde die Beklemmung des Unüberwindbaren zwischen Gewissen und Not mit verleugneten Pässen vor dem Widerschein keines zinnoberroten Weltunterganges, sondern der Sonne auf ihrem Fackellauf in das Entgegengesetzte – Reines Phantasma auch das von Windspielen aus Wolkenverstecken vertriebene indische Rind oder andische Guanako – Wahrscheinlicher aber ein bald gestaltloser Pegasus auf der Flucht in die vierte vergessene Welt – Bei fallender Dämmerung schrumpften die Kumuli ohne verschwommene Schmerzgrenzen bis ins nahe Vertraute. Die Nacht vergaß den woanders beginnenden Tag. Jürgen Henckell 119

De Südweststaat Uns heutigen Lesern, die wir uns nach der Errich­ tung des gemeinsamen Marktes zum J.}anuar /993 um die Einheit Europas und die Überwin­ dung der Grenzen bemühen, erscheint das mit scha,:fer Feder zu Papier gebrachte Gedicht wie das Echo einer fernen Zeit, die ihre badische Eigenart in einem größeren staatlichen Rahmen bedroht sah. Der Mundartdichter Gotifried Schafbuch aus Hüfingen schrieb diese Zeilen am 22. Oktober 1949 unter dem Eindruck der politi­ schen Auseinandersetzung um die Bildung des neuen Südweststaates. Im Jahre 1992 wurde das vierzigjährige Jubiläum des Landes Baden- In der Rückschau Würllemberg begangen. hat sich das neue Bundesland durchaus bewährt. Der 1. Bundespräsident, Prof. Dr. Theodor Heuss (ein Schwabe!), hat es sogar als „Modell deutscher Möglichkeiten“ genannt. Man da,f annehmen, daß der heimische Dichter später anders über den Inhalt seines Gedichtes gedacht hat, und lebte er noch, würde er vermutlich ein mildes, nach­ sichtiges Lächeln iiber seine damaligen Gedanken nicht unterdrücken. Als Dokument der Zeitge­ schichte ist „De Südweststaat“ auch heute noch lesenswert. Und vor allem: es da,f geschmunzelt werden! S‘ rumoret zmol landuff, landab. Min Nochber debret bsässe: ,Jetzt, guck emol des Gschmier do aa, d’Badenser sottets fresse. Nitt lang wurs gau, no dätet hie im Rothuus Schwobe sitze und i de Schuel e Schwäbli dät zmol iisri Kinder fitze. Südweschtschtaat schtoht do krottebroat, Potzhageldunderwätter, sott ech am End en Schwob no geä? ho seil, seil wär no nätter. Glaub nu, iis ginges dräckig gnueg, mier dierftet ninnt me sage. Vum Muschterländli wäret d’Liit … halt blos s’fifft Rad am Wage. Wertschaftlech dei’s iis besser gau, Minischter kennt mer spare. Und ‚badisch Ländle sei fer sech en ganz verfahrne Karre! Wer des nit merkt, kennt d’Schwobe nitt, die ,Hoiligsblechliberger.‘ Ech glaub, wer nit fer Bade schtimmt, der goschet noch her erger. Wie dear Borscht frech ischt mit sim Gschmuus! Dem will ech d’Moaning sage. Am liebschte dät jo schüttle ech des Schwäbli fescht am Krage. Worum wend d’Schwobe iis denn ha, clont alli Schiech probiere? Merkscht nit, sie wend e riiechi Bruut gi Schtugart inni fiehre. Sie wend de Rhii und d’Häfe haa, de Wald und iisri Räbe. die hoaße Qielle boazets au, de Dubak no denäbe. 120 Wenn Wertteberg iis sacket ii, clont d’Kind i spätre Ziite im Kerchhof vu de Hoamettreu uff iisri Grabschtea diite. Guet Nacht, schloof gsund, und moarn nitt z’frieh. Dues hinter d’Ohre schriibe: Wear nill im Hern vernagle! ischt, will oafach BADISCH bliibe!“ Gottfried Schafbuch t

Persönlichkeiten der Heimat Zwölf Jahre Kammerpräsident Alfred Liebetrau Als „Architekt einer wirtschaftlich-techni­ schen Infrastruktur, hart in der Sache und verbindlich in seiner Art mit einer fast greif­ baren Seriosität“, so würdigte ihn eine der regionalen Tageszeitungen, als Alfred Liebe­ trau sein Amt als Präsident der Industrie- und Handelskammer Schwarzwald-Baar-Heu­ berg Anfang Mai 1993 abgab. Eine interes­ sante Betrachtung, und in der Tat, Liebe- trau dürfte wohl wie kaum einer seiner Vorgänger die Geschicke der Kammerarbeit und das Wirtschaftsleben in der Region geprägt haben. Und so engagiert, wie er die Kammeraufgaben angepackt hat, so umsichtig war er ge­ meinsam mit den Kammer­ gremien um seine Nachfolge bemüht, die Prof. Dr. Dr. Mi­ chael Ungethüm Vorstands­ vorsitzender der AESCULAP AG in Tuttlingen, nach seiner Wahl durch die Vollver­ sammlung Anfang Mai 1993 angetreten hat. In dieser Sit­ zung ernannte dieses höchste Kammergremium Alfred Lie­ betrau in Würdigung seiner großen Verdienste um die IHK zum Ehrenpräsidenten. Als Alfred Liebetrau das Präsidentenamt übernahm, schlingerte die Wirtschaft der Region in schwerem Fahrwas­ ser. Die technologische Krise hatte vor allem die Uhren­ industrie und die Unterhal­ tungselektronik erfaßt. Der wirtschaftliche Einbruch brachte massiven Stellenabbau mit sich. Der Kammerpräsident, der prägende Erfahrun­ gen an der Spitze dieser Branchen gemacht hatte, gab den Unternehmen in dieser schwierigen Zeit durch seine kompetente und zupackende Art Hoffnung und Perspek­ tive für die Zukunft. Konsequent förderte Liebetrau den Aufbau einer High-Tech­ orientierten Industriestruktur, die mittel- 121

ständisch ausgerichtet, der Region langfristig eine gesunde wirtschaftliche Zukunft geben sollte. So legte er hohen Wert auf ein vielsei­ tiges und qualifiziertes Weiterbildungsange­ bot durch die Kammer. Wohl sein größter Erfolg als THK- Präsident war die Errichtung des Instituts für Mikro- und Informations­ technik in Villingen-Schwenningen, für das er sich in unvergleichlicher Weise eingesetzt hat. Er war stets darauf bedacht, anstehende Probleme zu lösen und redete nicht an den Tatsachen vorbei; diese Haltung war typisch für den 1922 in Thüringen geborenen Unter­ nehmer. Im mitteldeutschen Uhrenzentrum Ruhla begann er seinen Berufsweg als Indu­ striekaufmann. Nach Arbeits- und Militär­ dienst mit anschließender Kriegsgefangen­ schaft kam er Ende 1952 in die heutige Dop­ pelstadt Villingen- Schwenningen. Hier war er bei bedeutenden Unternehmen der Uhrenindustrie und der Unterhaltungselek­ tronik tätig, zunächst in der Betriebswirt­ schaft und Organisation, später als Marke­ ting- und Vertriebsdirektor. Während dieser Zeit absolvierte er ein ergänzendes Studium an der Verwaltungs- und Wirtschaftsakade­ mie, Freiburg. Bei der Firma SABA in Villingen wurde er 1966 Generalbevollmächtigter und 1969 allei nvertretu ngsberech tigter Geschäftsfüh­ rer. Nach dem Ubergang der SABA-Werke in den Besitz des amerikanischen GT&E-Kon­ zerns folgte er 1971 einem Ruf von Max Grundig. Während des kurzen „Intermez­ zos“ in Nürnberg lernte er Karl Diehl kennen, der ihn Anfang 1972 an die Spitze der Diehl-Tochtergesellschaft Jung­ hans, Schramberg, stellte. Seit dieser Zeit wirkte Alfred Liebetrau als Vorsitzender der Junghans-Geschäftsfüh­ rung und als verantwortlicher Leiter des gesamten Unternehmensbereichs „Uhren“ der Diehl-Gruppe, zu dem auch Firmen im Ausland gehören.1978 wurde er Mitglied der Diehl-Konzernleitung. Aus dieser Verant­ wortung schied Liebetrau dann Ende 1982 aus. Seit diesem Zeitpunkt ist er Gesellschaf- 122 ter-Geschäftsführer der Unternehmer-Part­ ner GmbH in Königsfeld. 1976 wurde Alfred Liebetrau Mitglied der Vollversammlung der Industrie- und Handelskammer Schwarzwald-Saar-Heu­ berg, von 1978 an war er deren Vizepräsident, seit Anfang 1981 bis 1993 Präsident der !HK. Als Ehrenpräsident der Kammer wird Alfred Liebetrau der Wirtschaft und den Menschen in diesem Raum weiterhin ver­ bunden bleiben, nämlich als jemand, der sich um die wirtschaftliche Entwicklung sorgt in dem Wissen, daß sie die Grundlage für die Handlungsmöglichkeiten des Ge­ meinwesens sind. Denn gerade die jetzige Krise, so mahnte Liebetrau immer wieder, war in gewissem Maße vorauszusehen und auch die Vorsorge für schlechte Tage ließ zu wünschen übrig. Immer wieder warnte er – vor allem in den vermeintlich guten Zeiten nach der Wiedervereinigung – die Tarifpar­ teien vor überzogenem Anspruchsdenken und mahnte ein auf die Zukunft ausgerichte­ tes wirtschaftliches Miteinander an. Dabei hat Liebetrau erkannt, daß die Bedingungen für eine menschenwürdige, leistungsfahige und sozial kreative Gesellschaft weit über das Materielle hinausreichen, wie es Prof. Dr. Friedemann Maurer bei seiner Verabschie­ dung formulierte. Dieser Maxime sei er treu geblieben: gerade Alfred Liebetrau repräsen­ tiere die „auf Leistungswillen, Disziplin und Selbstverleugnung aufbauende strenge Ver­ standeskultur mit einem ausgeprägten Talent für das Musisch-Künstlerische und das Eintreten für sozialen Umgang und Geselligkeit“. Von den Grundzügen seines Charakters, Klarheit, Freundlichkeit und der seltenen Tugend eines ausgewogenen, ehren­ haften und selbstlosen öffentlichen Dienstes (Prof. Dr. Maurer), haben schließlich auch die Mitarbeiter der Industrie- und Handels­ kammer profitiert, die den Umgang mit ihm gesucht und sein geradliniges Wesen schät­ zen gelernt haben. Alfred Liebetrau ist ein Mann, der stets das Besondere erstrebt hat. Dr. Rudolf Kubach !HK-Hauptgeschäftsführer

Aus dem aufgefundenen Nachlaß von Stadtpfarrer Dr. Heinrich Feurstein Zeugnisse einer christlichen Persönlichkeit, die dem Nationalsozialismus widerstand Am 2. August 1992 jährte sich zum 50. Mal der Todestag von Monsignore Dr. Heinrich Feurstein. Die Kath. Pfarrgemeinde St. Johann in Donaueschingen gedachte aus diesem Anlaß ihres langjährigen Seelsor­ gers (1906-1941) in einer Gedenkfeier. Die Redaktion des A lma­ nach bat den Redner dieser Veranstaltung, Herrn Ri­ chard Zahlten, um einen Beitrag, der die Veröffentli­ chungen über Dr. Heinrich Feurstein im Almanach 1978, S. 68-70, und Al­ manach 1980, S. 138-140, ergänzt. Der Autor zeichnet anhand des persönlichen Nachlasses das Bild einer von ihrem Glauben über­ zeugten und mutigen Persön­ lichkeit. Fernab von allen Staats- und Stadtarchi­ ven, verpackt in einen Reisekoffer, wird der handschriftliche Nachlaß von Stadtpfarrer Dr. Heinrich Feurstein aufbewahrt. Die Schriften haben einen abenteuerlichen Weg hinter sich. Zunächst entkamen sie der Gestapo. Die Beamten forschten hartnäckig aber vergeblich nach dem Text der Neujahrs­ predigt 1942, um derentwillen der Prediger verhaftet werden sollte, denn Dr. Feurstein hatte ihn längst an das Erzbischöfliche Ordi­ nariat in Freiburg geschickt. An den anderen schriftlichen Unterlagen hatte die Gestapo kein Interesse, weil sie keine Beweise für einen ordentlichen Prozeß vor einem Gericht zu sichern brauchte, denn sie griff ohne Urteil zu und beschränkte das Verfahren auf eine Meldung an die Gestapozentrale in Ber­ lin. Fräulein Antonia Kreuzer, Dr. Feursteins Nichte, barg die persönliche Nachlassen­ schaft und brachte sie vorsichtshalber im Simonswäldertal bei einem Bauern in Sicherheit. So blieben die Unterlagen erhal­ ten, obwohl am 27. November 1942 eine Luftmine das Kreuzersche Haus in Freiburg vollends zerstörte und Antonia, ihren Bru­ der Josef und seine Familie tötete. Professor Dr. Karl Feurstein, Heinrichs Bruder, fiel das Kreuzersche Erbe zu. Er ver­ öffentlichte – sehr zum Mißvergnügen von Professor Dr. Karl S. Bader, dem die Arbeit aus wichtigem Grund vom Verfasser anver· 123

traut worden war-aus dem Nachlaß die hin­ terlassene Schrift Dr. Heinrich Feursteins ,,Zur ältesten Missions-und Patroziniums­ kunde im alemannischen Raum.“ Die Entzifferung der handschriftlichen Unterlagen machte aber offensichtlich gro­ ße Mühe, und die harten Anstrengungen in der Nachkriegszeit forderten die ganze Ar­ beitskraft, so daß die Schriften in einen Koffer zusammengepackt wurden. Die Verdrän­ gung der nationalsozialistischen Zeit aus dem öffentlichen Bewußtsein bestimmte auch das Schicksal des Koffers. Er blieb ver­ schlossen und wanderte mit seinem jeweili­ gen Eigentümer von Ort zu Ort. Der wert­ volle Schatz der handgeschriebenen Unter­ lagen des Wissenschaftlers und Predigers geriet in Vergessenheit, bis es vor wenigen Wochen gelang, ihn aufzufinden. Ein Blick in den „Koffer mit den Papie­ ren“ offenbart Überraschendes: Urkunden, Studienbücher, Predigten, vor allem aber Notizbücher, Exerzitienmitschriften und hunderte von beschriebenen Zetteln, auf denen Dr. Feurstein Gedanken, Beobach­ tungen, Einfalle notierte. Es wird viel Zeit und Mühe kosten, bis alles aus der Sütterlin­ schrift und persönlichen Kürzeln in Maschi­ nenschrift übertragen ist. Was wir an neuen Erkenntnissen dann erwarten dürfen, zeigt die Auswertung der ersten Unterlagen. Bekannt ist die nationalsozialistische Pro­ pagandaparole: ,,Ein Volk, ein Reich, ein Führer“. Dokumentieren sollte diese Einheit die Hakenkreuzfahne. Weg mit den früheren Fahnen, die nationale Symbole waren; sie wurden verboten: ,,Reichs- und National­ flagge ist die Hakenkreuzfahne“ (Flaggen­ gesetz vom 15. September 1935). Wer private Fahnen hißte, sollte auch die Hakenkreuz­ fahne setzen, zuoberst. In Donaueschingen begann der Streit um die „Fahnenhoheit“ schon 1933, weil Stadtpfarrer Dr. Heinrich Feurstein die Hakenkreuzfahne nicht zum Kirchturm heraushängen wollte. Der Donaueschinger Flaggenstreit 1933 124 Zum Eklat kam es anläßlich des 70. Ge­ burtstages Seiner Durchlaucht des Fürsten Max Egon zu Fürstenberg. Die Stadtverwal­ tung hatte dem Herrn Stadtpfarrer kostenlos eine Hakenkreuzfahne überlassen und gefor­ dert, die Parteifahne an Kirchturm und Pfarr­ haus anzubringen, da sie als Symbol des neuen Staates längst die Fahne aller Deut­ schen geworden sei. Aber Dr. Feurstein wollte seine Pfarrkin­ der vor der moralischen Verführungskunst der flatternden Fahnen des Nationalsozialis­ mus bewahren. ,,Die Fahne flattert uns vor­ an. In die Zukunft zieh’n wir Mann für Mann.“ So sangen die braunen Formationen auf den Straßen der Stadt. Das Führungszei­ chen des Nationalsozialismus wollte Dr. Feurstein nich aufziehen. Seine Kirchtürme sollten Gottes Türme bleiben und nur Zei­ chen tragen, die auf Gott und seine Kirche hinwiesen. Deshalb antwortete er der ihn bedrängen­ den Stadtverwaltung: ,,Wir bemerken erge­ benst, daß formalrechtlich die Art der Be­ flaggung kircheneigener Gebäude Sache der Kirche ist.“ Es wogte am Festtag des Fürsten ein Flag­ genmeer: ,,In der Stadt spielen die Sonnen­ strahlen mit den Fahnen und Flaggen. Fast kein Haus ist ohne Schmuck, Reichsfarben, Landesfarben und die Flaggen des Fürstlich Fürstenbergischen Hauses wechseln mit den Fahnen des neuen Deutschland. Ein herrlich schönes Bild, das einem das Herz schlagen läßt vor Freude … “ (Donaueschinger Tag­ blatt vom 16. Oktober 1933). Auf dem „Wahrzeichen der Baar“, der Stadtkirche St. Johann, wehte keine Haken­ kreuzfahne. Dort flatterte über allen anderen Fahnen die gelb-weiße päpstliche Fahne. Die Partei war über Dr. Feurstein verärgert und berichtete über sein Verhalten an die zuständigen Dienstellen in Karlsruhe. Dr. Feurstein blieb bei seiner Entschei­ dung bei der so wichtigen Reichstagswahl vom 12. November 1933. Der Stadtverwal­ tung wurde sogar zugetragen, daß der Herr Stadtpfarrer bei seinen Vereinsvorträgen vor

einer selbstverständlichen Zustimmung zur vorgelegten Einheitsliste warnte und for­ derte, daß der Einzelne sein Gewissen ent­ schieden prüfe, bevor er sein Kreuzchen auf den Stimmzettel mache. Den Zorn der Partei schrieb Bürgermei­ ster Fischer nieder: ,,Der Wunsch der Regie­ rung, daß am 12. November, einem großen, geschichtlich denkwürdigen Tag der deut­ schen Nation auch mit den Symbolen des neuen Reiches beflaggt wird, war allgemein bekannt. Durch die dortige Nichtbeachtung dieses Wunsches müssen wir unterstellen, daß Sie auch heute noch ablehnend der Regierung gegenüberstehen. Mit Rücksicht hierauf und auch auf ihr merkwürdiges Ver­ halten bei der Wahl sieht sich der Gemeinde­ rat veranlaßt, Sie nach Sachlage zu den Sit­ zungen der städtischen Kommissionen nicht mehr einzuladen. Ebenso verzichtet der Gemeinderat nunmehr auf die Entsendung eines Vertreters in den Vorstand des Kinder­ solbades Teresianum.“ (Schreiben vom 16. Oktober 1933). Ihre kostenlos überlassene Fahne forderte die Stadtveiwaltung zurück. Wieder gehen die Meldungen nach Karls­ ruhe. Ein guter Freund aus dem Ministerium des Kultus, des Unterrichts und der Justiz, Kultusreferent Eitelhans Grüninger, infor­ mierte Dr. Feurstein über seine gefährliche Situation anhand der Aktenlage und schloß sein Schreiben: ,,Es empfiehlt sich, daß Geistliche gerade heutzutage, wo die Geistli­ chen mit Argwohn von vielen beobachtet werden, alles unterlassen, was als offene oder versteckte Feindseligkeit gegen den Staat aus­ gelegt werden kann.“ In Donaueschingen waren Ende 1933 die Fronten klar. Stadtpfarrer Dr. Feurstein war nicht bereit, sich dem immer offenbarer wer­ denden totalitären Anspruch der NSDAP zu beugen, wenn es ihn auch sehr schmerzen mußte, daß man ihn nach jahrzehntelanger, segensreicher Tätigkeit aus dem öffentlichen Leben der Stadt ausschloß. Die „politischen Predigten“ an Sylvester 1933 und 1938 Sylvesterpredigten sind traditionell Jah­ resrückblick und Vorschau auf die kom­ mende Zeit. Dr. Feurstein bereitete sie wegen ihrer grundlegenden Bedeutung über lange Wochen vor, notierte immer wieder neue Gedanken, formulierte den Text bis ins Wort genau und bezog auch priesterliche Mitbrüder in die Überlegungen ein. Sylvester 1933 Dr. Feurstein eröffnete seine Predigt mit einer schweren Anklage: ,,Die Kämpfer gegen Liberalismus und Linksradikalismus werden als Staatsfeinde gebrandmarkt und ihre Person und ihre Familien das Opfer schwerer Übergriffe und Rechtsbrüche. Ich spreche all den mannhaften Katholiken unserer Gemeinde, die dem unbefugten Druck nicht gewichen sind und sich zu ihrer katholischen Vergangenheit bekannt haben, meine Anerkennung und den Dank der gan­ zen Pfarrgemeinde aus.“ Dr. Feurstein trat ein für die Verfolgten des Jahres 1933: Die Parteimitglieder von Zentrum und SPD, deren politische Heimat mit der Auflösung der Parteien zerstört wurde und die recht- und schutzlos den Übergriffen von Partei- und Staatsorganen ausgeliefert waren, sogar ins Konzentrations­ lager eingesperrt und zu „Staatsfeinden“ erklärt wurden. Den „mannhaften Katholi­ ken“ stellte sich Dr. Feurstein stärkend zur Seite und rief den politischen Machthabern unmißverständlich zu: ,,Es gibt Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen.“ Dabei ging es dem Prediger in dieser Anklage weni­ ger um religiöse oder kirchliche Rechte als vielmehr um die Bewahrung menschlicher Grundrechte. Den Kern der Predigt bildeten die Ausfüh­ rungen zur politischen Neugestaltung Deutschlands im Jahre 1933: ,,Die Bewegung ist groß – ich sage es noch einmal – und wir Katholiken können nicht nur, sondern müs­ sen eine positive Einstellung zur neuen Volksgemeinschaft gewinnen, und zwar des- 125

halb, weil wir auf weite Strecken uns mit den vorgetragenen Reformgedanken berühren, weil es vielfach altes, echt deutsches und christliches Gedankengut ist, das aus jahr­ hundertelanger Verschüttung heraufgeholt oder doch wieder zur Geltung gebracht wor­ den ist.“ Was war für Dr. Feurstein „altes, echt deutsches und christliches Gedankengut“? Nach dem Predigttext lassen sich die Gedan­ ken so zusammenfassen: 1. Wir leben in einer aus Blut und Boden erwachsenen Volksgemeinschaft, der Industrie und Wirtschaft, Technik, Wissenschaft und Kunst zu dienen haben. 2. Der Einzelne soll seinen Beruf nicht als Mittel zu persönlicher Bereiche­ rung, sondern als Dienst an der Reli­ gion, am Volksganzen auffassen. 3. Die Familie ist die Keimzelle der Volksgemeinschaft. Es ist zu hoffen, daß die Zerfallserscheinungen der Familie (Kameradschaftsehe, Zeitehe) bald der Vergangenheit angehören und einer naturgemäßen und christlichen Auffassung der Ehe Platz machen. 4. Das Konkordat vom 20. Juli 1933 ist ein weltgeschichtlicher Akt von größ­ ter Bedeutung und trägt wesentlich zur Harmonie von Staat und Kirche bei, weil es das Staatskirchentum verwirft und eine klare Scheidung beider Ge­ walten vorsieht. Für Dr. Feurstein knüpften die Propagan­ daredner der Partei an Vorstellungen und Träume aus mittelalterlicher Zeit an. Es fiel ihm schwer, da er voll großer Hoffnung für die Zukunft von Kirche und Staat nach den Jahren der Erniedrigung und wirtschaftlicher Not war, den diabolischen Charakter des Nationalsozialismus zu durchschauen. Nur wenige hellsichtige Geister konnten sich schon 1933 vorstellen, daß der Nationalso­ zialismus in seinem Rassenwahn die Heilig­ keit des Lebens völlig mißachten und auch die elementarsten Rechtsgrundsätze aufhe­ ben würde. Dompropst Lichtenberg (Berlin) 126 z.B. fiel auf die Täuschungsmanöver nicht herein und äußerte sich sarkastisch über den Führungsanspruch der Partei: ,,Es macht dem Deutschen nicht viel Ehre, daß anfüh­ ren soviel wie betrügen heißt.“ Viele andere dachten wie Staatssekretär von Bülow (Aus­ wärtiges Amt), der auf eine Anfrage des deut­ schen Botschafters in Moskau antwortete: ,,Die Nazis nach der Machtübernahme wer­ den andere sein als zur Kampfzeit.“ Nach außen mag das für eine Zeit so gewesen sein. Aber im Denken blieben sie dieselben, und Hitler hat getäuscht und getäuscht. Dr. Feurstein erwartete 1933 eine Reform von Staat und Kirche, die erwachsen sollte aus der Wiederbelebung „echt deutschen und christlichen Gedankengutes“ durch ge­ deihliche, gleichberechtigte Zusammenarbeit von Staat und Kirche. Sylvester 1938 Bei den großen offiziellen Kundgebun­ gen der Partei in den Jahren 1937/1938 rede­ ten Gauleiter Wagner und andere politische Führer vor Tausenden von Zuhörern von den Pfarrern als „Lumpen, Pfaffengesindel“ und in den Schulungslagern der Partei wurde immer wieder auseinandergesetzt, daß der Nationalsozialismus drei Feinde habe, die er vernichten müsse: ,,Das Judentum, das Frei­ maurertum und das Christentum“. Auch die Pfarrer im kleinen Landkapitel Donaueschingen bekamen den Haß der ört­ lichen Parteivertreter zu spüren. ,,Der Pfaff muß raus!“ brüllte die Menge vor dem Bräunlinger Pfarrhaus, weil Dekan Meister den „deutschen Gruß“ verweigerte und sich kritisch zum neuen Regime äußerte. Sein Vikar Martin Walter „störte“ die Jugendarbeit der HJ. Die Gestapo drangsa­ lierte ihn mit Verhören, bis ihn Erzbischof Dr. Gröber versetzte. Vikar Reichgauer, ein anderer „Störer der HJ“, wurde schon 1934 in Schutzhaft genommen. Dr. Feurstein selber wurde, sehr zu seinem Leidwesen und gegen seinen Willen, aus dem Amt des Standort­ pfarrers entfernt. In der Großdeutschen Wehrmacht, die sich militärisch, politisch

und psychologisch auf die Eroberung des Lebensraumes im Osten vorbereitete, war kein Platz mehr für einen Geistlichen, der Gott als den höchsten Herrn der Geschichte predigte, vor dem aller Gehorsam – auch gegenüber dem Führer – verantwortet wer­ den muß. ,,Wir werden den Machthabern von heute Gehorsam leisten bis zur Grenze des sittlich Zulässigen“. Vor diesem zeitgeschichtlichen Hinter­ grund wird die Klage in der Sylvesterpredigt 1938 verständlich: ,,Als Christen und Katho­ liken spüren wir die Spannung zu den Trä­ gern der Macht von heute . . . Es ist wahr, daß wir eine Christenverfolgung erleben, wie sie in der Geschichte vielleicht einzig dasteht. Man muß in die Tage eines Julian des Abtrünnigen zurückgehen, um ähnliche Methoden der Unterdrückung zu finden . . . “ Julian der Abtrünnige, römischer Kaiser von 361 bis 363 n. Chr., ließ die Christen aus den höheren Verwaltungsstellen entfernen und hob die kirchlichen und klerikalen Rechte auf. Auch der Nationalsozialismus verdrängte die christlichen Kirchen aus der Öffentlichkeit und sah schon ihre Tätigkeit in Jugenderziehung und Sozialarbeit als Übergriff in staatliche Bereiche an, der ge­ ahndet werden mußte. Die besondere Härte der Anklage aber lag in der Wahl Julian des Abtrünnigen als des angesprochenen Verfol­ gungskaisers, weil dieser zunächst das christ­ liche Glaubensbekenntnis annahm und spä­ ter von dem beschworenen Glauben abfiel: Julian Apostata -Julian der Abtrünnige. Für die Hoheitsträger der Partei war die Anspie­ lung auf Adolf Hitler unüberhörbar, diesen katholisch getauften Mann, der zum Endziel seiner Kirchenpolitik die Vernichtung der Kirche und zum Nahziel die Ausschaltung der Geistlichen in den Orten porklamiert hatte. Was sollte die Kirche in dieser Zeit der Verfolgung tun? Welchen Weg wies der Pre­ diger an St. Johann für das Jahr 1939? „Wir müssen als Christen, und das ist unsere Aufgabe für das neue Jahr, das Wagnis der großen Liebe aufbringen, die zu den letz- ten Möglichkeiten durchstößt. Wir müssen das Ideal der Christusnachfolge anstreben und eine verzehrende, opferbereite Liebe zu allen Volksgenossen und zu allen, die Men­ schenantlitz tragen.“ Welch großartige christliche Strategie in Verfolgungszeiten: Die Genügsamkeit eines mittelmäßigen Christenlebens verlassen und das „Wagnis der großen Liebe“ aufbrin­ gen! Und Dr. Feurstein wagte sogleich ein Wort der Wahrheit! Die Reichsprogrom­ nacht lag nur wenige Wochen zurück, und die Juden waren seit dem Nürnberger Partei­ tag 1935 keine Volksgenossen mehr, nur noch Staatsangehörige mit minderen Rech­ ten. Wen meinte Dr. Feurstein, wenn er „eine verzehrende, opferbereite Liebe zu allen Volksgenossen und zu allen, die Men­ schenantlitz tragen“ forderte? Hob er nicht die nationalsozialistische Einteilung der Menschen in höhere und niedere Rassen, in Feinde und Deutsche auf und bekräftigte die uralte christliche Lehre, daß wir alle Men­ schen lieben müssen, daß alle Menschen Kinder Gottes sind? Wahrhaft gefährliche Worte! Dr. Feur­ stein war sich dessen bewußt und fügte an dieser Stelle seiner Predigt ein: ,,Wenn je ein Entschluß von mir verlangt wird, so erkläre ich wie die Märtyrer zu allen Zeiten: Chri­ stianus sum – ich bin ein Christ“. Am Ende der Predigt ruft Dr. Feurstein zur Wachsamkeit auf: ,,Kommende Ereig­ nisse lassen sich schwer überschauen. Es gibt Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen. Darüber zu wachen ist die Sache des Primas der Kirche in Rom und der Bischöfe. Und wir werden als charakterstarke Katholi­ ken uns an ihre Entscheidung halten“. Dr. Feurstein weist jeden nationalsoziali­ stischen Absolutheitsanspruch ab. Man muß sich wundern, daß er nicht sofort nach der Predigt verhaftet wurde, wenn man bedenkt, daß sein Freund Profes­ sor Dr. Krebs mit Schutzhaft bedroht wurde, weil er zu sagen wagte: ,,Wir dürfen unsere Feinde bekämpfen, aber nicht hassen.“ 127

Stadtpfarrer Dr. Heinrich Feurstein ist eine Persönlichkeit der Zeitgeschichte. Er gehörte zu den Priestern der vorkonziliaren Zeit, in der die katholische Kirche noch eine geschlossene Gesellschaft war, die sich kon­ sequent von anderen Konfessionen abschot­ tete und autoritär die Gläubigen in ihrem moralischen Leben und in ihrem religiösen Denken leitete. Eine uns fremd gewordene kirchliche Welt, die wir in ihrem Verhalten gegenüber dem Nationalsozialismus nur schwer verstehen können. Vielleicht wissen wir Heutigen auch zu wenig von der Hatz, die NSDAP, SA und HJ auf die widerspenstigen „Pfaffen“ veranstal­ teten. Es ist an der Zeit, daß wir alle noch vor­ handenen Zeugnisse des Widerstands gegen die Willkürherrschaft des Nationalsozialis­ mus im sozialen Umfeld unserer Städte und Dörfer retten, bevor sie im Schweigen der Geschichte versinken. Zum Verständnis des Lebens von Stadt­ pfarrer Dr. Heinrich Feurstein enthüllt Dokument um Dokument die bitterharte Wirklichkeit seines Widerstandes gegen die verbrecherische Herrschaft des Nationalso­ zialismus. Ich bin sehr dankbar, daß ich Einsicht in den noch vorhandenen persönlichen Nach­ laß Stadtpfarrer Dr. Heinrich Feursteins nehmen durfte. Richard Zahlten L i t e r a t u r „Dr. Heinrich Feurstein“ von Richard Zahlten. Das 1992 erschienene Buch ist zu beziehen bei allen Buchhandlungen in Donaueschingen und beim Kath. Pfarr­ amt St. Johann, Donaueschingen. Polizeidirektor Helmut Kahler Der langjährige Leiter der Polizeidirektion Villingen-Schwenningen ist in den Ruhestand getreten „Herr Präsident, ich melde mich ab in den Ruhestand“, so verabschiedete sich in einer Feierstunde in der freundlichen Atmosphäre des Landratsamtes Villingen-Schwenningen der langjährige Leiter der Polizeidirektion Villingen-Schwenningen am 27. August 1992 von Polizeipräsident Fröhlich. 17 Jahre lang hatte Kohler die Geschicke der Polizeidirektion Villingen-Schwennin­ gen geleitet, hatte polizeiliche Ziele formu­ liert, Einsätze geleitet, Beschwerden beschie­ den, Beamte befördert und vieles mehr, bis er in den verdienten Ruhestand entlassen wurde. Der Zuständigkeitsbereich, den Polizeidi­ rektor Kohler geleitet hatte, ist identisch mit den Grenzen des Schwarzwald-Saar-Kreises. Knapp 208 000 Einwohner werden hier auf 1025 km2 von zur Zeit 345 Beamten der Schutz- und Kriminalpolizei geschützt. 128 Vier Polizeireviere, sieben Polizeiposten, Kriminalpolizei, Verkehrsdienst und Wirt­ schaftskontrolldienst waren neben einer Ver­ waltungsabteilung und wichtigen Stabsfunk­ tionen dem pensionierten Polizeidirektor nachgeordnet. Der 1932 in Oettingen/Kreis Konstanz geborene Helmut Kohler trat 1951 in Bad Dürrheim in die Bereitschaftspolizei des Landes ein. Nachdem er in verschiedenen Polizeidienststellen praktische Erfahrungen gesammelt und die erforderlichen Lehr­ gänge hinter sich gebracht hatte, wurde er 1966 zum Polizeikommissar, 1967 zum Poli­ zeioberkommissar und 1970 zum Polizei­ hauptkommissar befördert. Im mittleren und gehobenen Dienst be­ tätigte sich Kohler u. a. sechseinhalb Jahre als Ausbilder und Fachlehrer bei der Bereit­ schaftspolizei und bei der Landespolizei-

Verabschiedung von Polizeidirektor Kohler (links) am 28. August 1992 durch Ministerialdirektor Dr. Klotz im Landratsamt. Im Hintergrund der Nachfolger im Amt, Polizeidirektor Robert Wölker mit Ehefrau. schule. Drei Jahre führte er das Polizeirevier in Villingen. Überdurchschnittliche Leistungen waren es schließlich, die ihm die Laufbahn des höheren Dienstes bei der Polizei eröffneten. Nach einem Studium von 1969 bis 1971, unter anderem beim damaligen Polizeiinsti­ tut Hiltrup, fungierte Kahler als Stellvertre­ ter des Leiters der IV. Bereitschaftspolizei­ abteilung in Lahr. Nach einer Verwendung als Stellvertreter des Leiters der Abteilung I – Schutzpolizei – bei der Landespolizeidirektion Freiburg ab 1972 wurde Kahler am 1. 3. 1975 als Nach­ folger von Otto Stärk zum Leiter der Polizei­ direktion Villingen-Schwenningen bestellt. In seiner Dienstzeit mußten von der Poli­ zeidirektion Villingen-Schwenningen neben regelmäßigen Polizeieinsätzen eine Reihe schwieriger Einsatzlagen und -fälle bewältigt werden. Als 1980 der bayerische Ministerprä- sident Franz-Josef Strauß und 1983 Bundes­ kanzler Kohl auf dem Villinger Münster­ platz Wahlkundgebungen abhielten, trug Polizeidirektor Kahler die Verantwortung. Ähnlich verhielt es sich, als er 1980 anläß­ lich eines NPD-Parteitages in Tuttlingen den Polizeieinsatz zu leiten hatte. 1975 und 1990 waren schwere Hochwas­ serkatastrophen zu bewältigen und 1987 ereignete sich in Schonachbach ein katastro­ phenähnlicher Unfall mit einem Tanklast­ zug, der viele Parallelen zu dem schweren Tanklastzug-Unglück in Herborn aufwies, der sich in der gleichen Woche ereignet hatte. Überdies waren mehrere Hausbeset­ zungen zu bewältigen. Die Einsatzbeispiele ließen sich beliebig fortführen. Ebenso interessant dürfte ein Blick auf die ausgeprägte Persönlichkeit des Polizeidirek­ tors a. D. Helmut Kahler sein. 129

Als selbstbewußter Polizeiführer erwar­ tete er stets gründliche und professionelle Arbeit. Er überblickte und kontrollierte die Arbeitsergebnisse seiner Mitarbeiter, aber auch die der vorgesetzten Dienststellen in wichtigen Details, wie man dies den Vertre­ tern des Sternzeichens „Löwe“ nachzusagen pAegt. Sein Führungsverhalten war kooperativ, klar, zukunftsweisend und zielgerichtet, wobei er seine Entscheidungen gegenüber vorgesetzten Stellen ebenso nachhaltig zu vertreten wußte wie gegenüber seinen eige­ nen Mitarbeitern. Besondere Schwerpunkte setzte er für eine umfassende vertrauensbildende Öffent­ lichkeitsarbeit, für die vorbeugende Ver­ brechensbekämpfung sowie für die Verbes­ serung der Verkehrssicherheit durch konzep­ tionelle Bekämpfung der Hauptunfallursa­ chen Alkohol und Geschwindigkeit sowie für den Schutz der schwachen Verkehrsteil­ nehmer. Als Beispiel sei die 1991 erfolgreich durchgeführte Aktion „Kampf dem Fußgän­ gerunfall“ genannt. Die Verbesserung des Sicherheitsgefühls der Bevölkerung lag Kahler sehr am Herzen. Im Innenverhältnis waren ihm die Fort­ bildung der Mitarbeiter, deren Motivation und die Verwirklichung des Leistungsprin­ zips wichtige Aufgaben. Sehr intensiv widmete sich Kahler dem Sport in der Polizei. Als aktiver Sportler wirkte er an vielen Faustballturnieren mit. Vom Tennisspiel, Skilauf und Windsurfing fühlte er sich besonders angezogen. Die Liebe zum Sport zeigte sich in der langjährigen Vereinsarbeit im Polizeisport­ verein Villingen-Schwenningen. Seit 1976 ist er Vorsitzender des Polizeisportvereins. Trotz großer Schwierigkeiten konnten vor allem dank seines Durchsetzungsvermögens in der Zeit zwi chen 1988 und 1990 vier Ten­ nisplätze und ein repräsentatives Vereins­ heim erbaut werden. Er wurde unter ande­ rem hierfür 1993 mit der goldenen Vereins­ nadel des Polizeisportvereins Villingen­ Schwenningen ausgezeichnet. 130 Kennt man die Persönlichkeit Helmut Kohlers näher, so ist es nur konsequent, wenn er aufgrund seiner positiven Einstellung zum Sport eine ausgeprägte Affinität zur gesun­ den Lebensweise entfaltete, die sich biswei­ len in direkter offener Kritik gegen Raucher, insbesondere in Zusammenhang mit dem Sport, zeigen konnte. Sein besonderes Au­ genmerk galt hierbei dem Schutz der Nicht­ raucher. Er war hierbei in seinen Intensionen dem späteren gesetzlichen Nichtraucher­ schutz weit voraus. Nicht nur als Verbindungsstellenleiter der !PA, einer internationalen Vereinigung von Polizeibeamten, knüpfte Helmut Kahler freundschaftliche Bande zu vielen ausländi­ schen Polizeikollegen. Auch zu den zahl­ reichen der Polizeidirektion Villingen­ Schwenningen benachbarten, auch auslän­ dischen Behörden, verbanden ihn stets gute Beziehungen. Unter anderem wirkte er im Verleihungsausschuß des Südkuriers „Kava­ lier der Straße“ mit. Wesentliche Verbesserungen konnte Kahler auch im Bereich der räumlichen Unterbringung der Dienststellen im Direk­ tionsbereich Villingen-Schwenningen errei­ chen. Dank seiner Initiative verfügt die Poli­ zeidirektion Villingen-Schwenningen über einen landeseigenen Bauplatz zur Errich­ tung einer neuen Polizeidirektion. Als Erfolg verzeichnet er die Unterbringung von Krimi­ nalpolizei und Verkehrsdienst im „See­ mann-Haus“ und den Ausbau der Polizeire­ viere Villingen und Schwenningen. Neue Räume erhielten die Polizeiposten Königsfeld, Furtwangen, Blumberg und Bad Dürrheim. Als neue Posten kamen Brigach­ tal und Niedereschach hinzu. Neu erbaut wurde das Polizeirevier St. Georgen. Ein wichtiges Ziel konnte der bisherige Leiter der Polizeidirektion nicht verwirk­ lichen: Den Neubau einer Polizeidirektion, in dem alle Abteilungen und Fachdienste owie das Polizeirevier Villingen vereint unterge­ Robert Wölker bracht werden.

Dr. Max und Dr. Martha Frommer Das Ehepaar zeichnete sich durch vielseitige Aktivitäten besonders im Bildungsbereich aus Es sucht seinesgleichen, was ein „pädago­ gisches Gespann“ in den letzten 25 Jahren der selbständigen Stadt Schwenningen und danach in Villingen-Schwenningen für die Erwachsenenbildung getan hat: Die Rede ist von Dr. Max und Dr. Martha Frommer, ohne deren unermüdliche Arbeit der Aufbau der Volkshochschule Schwenningen nicht möglich gewesen wäre. Da mögen zu Beginn einige „Zufälligkei­ ten und Zwangsläufigkeiten“ (Dr. Martha Frommer im Mai 1979 anläßlich der Verlei­ hung der Verdienstmedaille des Landes) eine Rolle gespielt haben. So erinnert sich Dr. Max Frommer in seinem Rückblick von 1987 auf „40 Jahre Volkshochschule“ noch recht gut daran, daß sein erster Kurs an der noch jungen Schwenninger Bildungseinrichtung quasi „auf höheren Befehl“ zustandekam: „Ich wurde am 8. September 1947 an die Oberschule Schwenningen versetzt. Als ich, noch ohne Wohnung und damit auch ohne Familie, meinen Dienst antrat, forderte mich der Schulleiter Alfons Riegel sofort auf, in der Volkshochschule mitzuarbeiten.“ Sie war am 8. Februar des gleichen Jahres offi­ ziell eröffnet worden. Der Mathematiker und Physiker, damals 43 Jahre alt, dachte an seinen Lehrauftrag, an die Übersiedlung seiner Familie und zwei­ felte, ob er es schaffen würde, auch noch nebenbei eine Vortragsreihe über die Kos­ mogonie (Entstehung der Welt), worüber er viele Jahre Material gesammelt hatte, zusam­ menzustellen. Doch man beschied ihm, daß „eine Reihe akademischer Vorlesungen für Leute, die sowieso schon gescheit sind oder sich dafür halten“, nicht erwünscht war. 131

Angebracht sei ein Algebrakurs für bildungs­ geschädigte Schüler. Frommer erkannte, daß ,,diese Volkshochschule die Weitergabe uni­ versitären Wissens an Interessenten aller Stände nicht als Hauptziel ihrer Bemühun­ gen ansah“. Ausgangspunkt der Überlegungen, eine Institution der Erwachsenenbildung in Schwenningen zu begründen, war die Nach­ kriegssituation gewesen: ,,Die zivile Bevölke­ rung, so Dr. Max Frommer in seinen Erinne­ rungen, ,,fühlte sich durch die langjährige Kriegswirtschaft am Ende ihrer physischen und psychischen Kräfte und sah der Zukunft ziemlich hoffnungslos entgegen.“ So ent­ stand ein soziales Klima, das gekennzeichnet wurde als „Kampf aller gegen alle“ oder durch die Redensart „Jeder ist sich selbst der Nächste“. Trotzdem bemühte sich ein von Oberbür­ germeister Dr. Gönnenwein einberufener Kulturausschuß seit 1945, kulturelle Aktivi­ täten zu finden. Aus ihm heraus bekam Her­ bert Holtzhauer den Auftrag, die von ihm schon länger geplante Volkshochschule zu gründen. Er nannte als Ziele „die Behebung der Informationslücken auf allen Gebieten von Wissenschaft, Kunst und Wirtschaft und die Überwindung des Mißtrauens unter den Menschen“.1949 wurde der Volkshoch­ schule die Kulturgemeinde beigesellt, in deren Ausschuß Dr. Max Frommer bis 1961, in der Volkshochschule bis 1969, wirkte. Stets an seiner Seite Ehefrau Dr. Martha Frommer, denn nur wenige Monate nach dem ersten Algebrakurs ihres Mannes stieg auch sie, die Germanistik, Religion und Eng­ lisch studiert hatte, als Dozentin ein. Schon bald gehörten beide Pädagogen für Jahr­ zehnte zum engen Mitarbeiterstamm der VHS. Am 6. Dezember 1949 wurde der gebür­ tige Isinger Dr. Max Frommer Stellvertreter von Herbert Holtzhauer, dem VHS-Leiter. „Es blieb mir nichts anderes übrig, als mich mutig in die begonnene Arbeit hineinzu­ knien“, blickte er später zurück. Soviel zu den zitierten Zufälligkeiten und Zwangsläu- 132 figkeiten in der Arbeit des Ehepaars From­ mer. Was dann folgte, gehört in die Kategorie „unermüdliches Pflichtbewußtsein“, das dem Ehepaar später immer wieder beschei­ nigt werden sollte. Denn einmal dabei, hielt die Erwachsenenbildung sie fest, deren Ziel­ vorstellungen „in den sittlichen Werten der freiheitlich-demokratischen Ordnung des bundesdeutschen Grundgesetzes“ gesehen wurden. Ein besonderes Anliegen war Dr. Max Frommer die Satzung des lnstituts, ein „voll­ kommen demokratisches Statut“, das die Planung der Arbeit und die Kontrolle über ihre Durchführung in die Verantwortung auch von Hörern und Dozenten legte. Mit diesem Angebot der eigenen Einflußnahme auf die VHS-Arbeit jedoch zeigten sich die Hörer alsbald überfordert, sie waren ledig­ lich an ihren eigenen Kursen interessiert. Die Satzung blieb trotzdem bis zur Bildung der doppelstädtischen Volkshochschule als vor­ bildlich bestehen. Seit 1951 Leiter des Schwenninger Gym­ nasiums, sah sich Dr. Max Frommer, der inzwischen auch die VHS-Leitung übernom­ men hatte, aus ge undheitlichen Gründen nicht in der Lage, nach 1955 weiterhin die ehrenamtliche Führung zu übernehmen. Dr. Werner Seufert, danach Felix Schlenker, übernahmen das Amt, bevor 1960 Dr. Mar­ tha Frommer sich bereit erklärte, an die Spitze zu treten. Die Versammlung bestand seinerzeit darauf, daß Dr. Max Frommer im Gremium blieb, obwohl er selbst ausschei­ den wollte, um ein Übergewicht des Ehepaa­ res zu verhindern. So blieb der Pädagoge bis 1969, dem Jahr seiner Pensionierung, Dozen­ tenvertreter unter Leitung seiner Ehefrau. Danach war es freilich Zeit, eine haupt­ amtliche Leitung einzusetzen, waren den Volkshochschulen durch staatliche Richtli­ nien in der Zwischenzeit doch viele zusätz­ liche Aufgaben zugedacht worden, die eine ehrenamtliche Führung unmöglich mach­ ten. Christei Pache wurde als neue Leiterin eingesetzt.

Neben der Volkshochschule Schwennin­ gen waren die Frommers maßgeblich an der Gründung des Volkshochschulheims in lnzigkofen (1947/48) beteiligt und nahmen an wissenschaftlichen Untersuchungen zur Erwachsenenbildung innerhalb der „Päd­ agogischen Arbeitsstelle Inzigkofen (PAE)“ teil, dessen Vorsitzender Dr. Max Frommer als einer der wenigen Nicht-Professoren von 1967 bis 1970 war. Seine Mitarbeit fand anläßlich seines 70. Geburtstags ihre Würdi­ gung: ,,Sein pädagogisches Denken und Handeln ist durch das Bestreben gekenn­ zeichnet, den Menschen zu helfen, die Welt, in der er lebt, besser zu durchschauen. Eine humane Pädagogik also, die geleiten, fördern und anregen, aber nicht bevormunden will.“ Auch dem südwürttembergischen Ver­ band für Erwachsenenbildung, 1951 ins Leben gerufen, gehörten Dr. Max und Dr. Martha Frommer während der ganzen Zeit des Bestehens (bis 1968) an. Dr. Martha Frommer war lange Zeit Vorstandsmitglied. So kann diese Zeit nach dem Krieg in Schwenningen mit Recht als „Ära Frommer“ bezeichnet werden. Im Hauptberuf waren beide Pädagogen, doch Dr. Martha From­ mer konnte ihren Beruf nur wenige Jahre aus­ üben. Max Frommer aber prägte, nachdem er 1951 die Leitung des Gymnasiums Schwen­ ningen übernommen hatte, dieses Haus, den Neubau am Deutenberg und die jungen Menschen, die dort aus-und eingingen. 2000 Gymnasiasten, darunter 800 Abiturienten, bekamen unter seiner Leitung ihre Ausbil­ dung, 130 Referendare wurden ausgebildet. Anläßlich seiner Verabschiedung im Jahre 1969 rühmte Studiendirektor Otto Benzing die „Schlagfertigkeit“ und den Gerechtigkeitssinn des Pädagogen. Die Schüler hätten immer einen Fürsprecher gehabt. Auch wenn er mal „grob wie ein Bauer von der Alb“ geworden sei, seien sich alle Kollegen einig gewesen: ,,Einen besseren Direktor finden wir nicht.“ Ausgeprägtes Pflichtbewußtsein wurde Max Frommer bescheinigt und sein „allzeit reges Interesse für kommunale Angelegenheiten“ gerühmt. Dieses Interesse bewies auch Ehefrau Dr. Martha Frommer, indem sie drei Jahre lang dem Gemeinderat der Stadt Schwen­ ningen (Dezember 1959 bis Dezember 1962) angehörte. Sie hatte sich einer ganz winzigen Partei, der Freien Sozialen Union plus Freie Bürger angeschlossen. Kirchliche Belange unterstützte Martha Frommer als Synodale der evangelischen Landeskirche, ihr Mann war von Ende der fünfziger Jahre bis zur ersten Hälfte der sech­ ziger Jahre Mitglied des evangelischen Kir­ chengemeinderates und engagierte sich stark für den Neubau der Johanneskirche. Ge­ meinsam übernahmen sie ehrenamtlich füh­ rende Aufgaben in der Kulturgemeinde Schwenningen, Dr. Martha Frommer war darüber hinaus Geschworene beim Landge­ richt. Und nach dem Ausscheiden aus der Programmverantwortung der Volkshoch­ schule setzten beide gemeinsam ihre Kräfte für die seit nunmehr 15 Jahren beste­ hende Senioren-Volkshochschule Villingen­ Schwenningen ein. Was waren das nun für Menschen, die aus fünf Söhnen Akademiker werden ließen, und die neben beruflichen und Erziehungs­ aufgaben ihre verfügbare Zeit und Kraft in den Dienst der Mitmenschen stellten? Beide wurden 1904 geboren, Max From­ mer in !singen auf der Schwäbischen Alb, als zwölftes Kind einer Bauernfamilie. Martha Frommer kam als Pfarrerstochter in Mün­ chen zur Welt, von wo aus ihre Familie als­ bald nach Frankfurt übersiedelte. Mit 17 Jah­ ren hatte Max Frommer sein Abitur, mit 21 legte er sein Doktor-und sein Staatsexamen ab. In Frankfurt lernte sich das spätere Paar kennen. Beide wollten Lehrer werden, ihre Studienzeit fiel in die Anfange der Weimarer Republik, und ihre Eheschließung in die Zeit der Weltwirtschaftskrise, der Arbeitslosigkeit und dem Heraufziehen nationalsozialisti­ schen Unheils. Gemeinsam verbrachten die beiden Lehrer eine Zeit in Budapest als Gast­ lehrer und heirateten 1931, nachdem Martha Frommer ein Jahr in den Vereinigten Staaten verbracht hatte. 133

Ehrungen und Auszeichnungen gab es zuhauf für die beiden, und das zu Recht: Für die ausgezeichnete Arbeit, die sie geleistet haben, sprechen die nie angetastete Konti­ nuität, die Qualität und die Breite des ange­ botenen Programms der Volkshochschule. Das Ehepaar Frommer ersparte in den vielen Jahren seines Wirkens der Stadt Schwennin­ gen durch sein persönliches Engagement die Einstellung eines hauptamtlichen Leiters in einer Zeit, wie sie bei Einrichtungen ver­ gleichbarer Städte schon eine Selbstver­ ständlichkeit war. Dr. Max Frommer bekam von der Stadt Schwenningen anläßlich seiner Zurruheset­ zung im Jahr 1969 die Bürgermedaille in Gold, 1983 das Bundesverdienstkreuz am Bande. Für sein Buch: ,,Isingen – Kultur­ kunde einer klein bäuerlichen schwäbischen Gemeinde“ bekam der Autor den Landes­ preis für Heimatforschung des Württember­ gischen Genossenschaftsverbandes. Die gesamte Erwachsenenbildung der Stadt, so urteilte im Mai 1979 Herbert Holtz­ hauer, wurde mit der Verleihung der Ver­ dienstmedaille des Landes an Dr. Martha Frommer geehrt. Die so Ausgezeichnete bekannte sich zwar an jenem Tag zu ihrer Freude über die Ehrung, die damals 75jäh­ rige stellte solcherlei Würdigung gleichzeitig aber auch in Frage, in dem sie den Philo­ sophen Kant zitierte, der einen hohen Anspruch an den Idealismus stellt. Viele andere im lande hätten gleiches getan, meinte die Medaillenträgerin. ie frage sich, ob es denn einer öffentlichen Auszeichnung wert sei, wenn man beim Engagement in einer Sache zwar ohne Eigennutz, aber den­ noch mit beständiger Freude und Selbst­ erfüllung tätig gewesen sei. Im Oktober 1991 konnte das Ehepaar Frommer das seltene Fest der diamantenen Hochzeit feiern. Im März 1993 verstarb Dr. Max Frommer im Alter von 88 Jahren. Angelika Mey Ein bewußter Schwenninger: Oberstudiendirektor i. R. Dr. Rolf Mehne Schulleiter in einer schwierigen Zeit In Schwenningen 1930 geboren, in Schwenningen bis zum Abitur zur Schule gegangen, nach dem Studium der Fächer Deutsch, Englisch und Französisch in Frei­ burg und Tübingen, nach der Promotion 1954, dem Staatsexamen im Jahr darauf und nach der anschließenden Referendarzeit in Nagold, Reutlingen und Ravensburg 1957 nach Schwenningen als Lehrer am Gymna­ sium zurückgekehrt, mit diesem acht Jahre später an den Deutenberg umgezogen, 1969 zum Schulleiter bestellt, 1992 in den Ruhe­ stand verabschiedet: so knapp und als gar nicht außergewöhnlich würde Dr. Rolf Mehne, wenn es nach ihm ginge, seinen Lebenslauf skizzieren. So knapp war dieser nun freilich nicht, er hatte schon seine Facetten – und ein paar außergewöhnliche dazu. Eine der ersten war wohl die, daß dieser Dr. Rolf Mehne 1957 ohne eigenen Antrag ans Gymnasium seiner Geburts- und Heimatstadt versetzt wurde. Zuvor hatte er lediglich den Wunsch geäu­ ßert, an einem verkehrsgünstiger gelegenen Ort als Ravensburg unterrichten zu können, weil die wöchentliche Heimreise mit der Eisenbahn aus dem Ober chwäbischen an den Neckarursprung für den damals Jungver­ heirateten wohl doch zu umständlich und vor allem zu zeitaufwendig war. Diese Rückkehr nach Schwenningen ist dem Lehrer – Fächer Deutsch und Englisch – und der Schule gut bekommen, so gut jedenfalls, daß es bei der Übernahme der Schulleitung im Sommer 1969 keinerlei Pro­ bleme mit den Kollegen gab und sich der 134

sehr kritischen Abiturientenrede die Schul­ abschlußfeier herkömmlicher Art für immer gestrichen wurde. Die 80er Jahre meinten es besser mit Schule und Schulleiter: eine Vorschriftenbe­ reinigung gab der Schule wieder mehr päd­ agogischen Spielraum, die Neugestaltung der gymnasialen Oberstufe neue Impulse, das Verhältnis zwischen Schülern und Leh­ rern verbesserte sich zunehmend und damit auch das Schulklima, es gab wieder Abibälle in der Schule, Chor und Orchester wurden wiedergegründet, eine Arbeitsgemeinschaft Schultheater eingerichtet. Diese Entkramp­ fung offenbarte sich auch bei der offiziellen Verabschiedung Dr. Rolf Mehnes, der die ,,stehenden Ovationen“ der Schüler durch­ aus erfreut aufnahm. 1969 Schulleiter als Nachfolger von Dr. Max Frommer, 1971 auch Leiter des Abendgymnasiums, 1974 geschäftsführen­ der Schulleiter der allgemeinbildenden Gymnasien in Villingen-Schwenningen und damit zuständig für alle Angelegenheiten, die einer gemeinsamen Regelung mit dem Schulträger bedürfen, im Auftrag des Kultus­ ministeriums Seminarleiter bei der Ausbil­ dung künftiger Oberstudiendirektoren, Lehrbeauftragter mit dem Thema Schul­ recht am Seminar für Schulpädagogik (Gym­ nasien) in Rottweil, Prüfungsvorsitzender bei der zweiten Dienstprüfung für das Lehr­ amt an höheren Schulen: blieb bei soviel Engagement für Beruf und Schule noch Zeit und noch Lust für ehrenamtliche Tätigkeit? Sie blieb. Vom Dezember 1965 bis Dezem­ ber 1971 saß Dr. Rolf Mehne im evangeli­ schen Kirchengemeinderat, der damals u. a. über den Bau des Paulusgemeindehauses, des Frühlingshalde-Kindergartens, des Rine­ len-Gemeindezentrums und des zweiten Pfarrhauses der Johannesgemeinde zu befin­ den hatte, der aber auch eine seit Jahren vor­ bereitete Ortssatzung und die Neueinteilung der Pfarrbezirke auf den Weg brachte, sich im Vorfeld der Städtefusion mit den Kir­ chengemeinderäten aus Villingen an einen Tisch setzte und zudem einen ungewöhn- 135 Oberstudiendirektor Dr. Rolf Mehne ganz den Anforderungen der ausgehenden 60er und der beginnenden 70er Jahre zuwenden konnte, und die waren keineswegs klein und oft grundsätzlicher Art. Der Diskussion über eine grundlegende Änderung des gymnasia­ len Schulwesens in den 60er Jahren folgte wenig später die über die Einrichtung einer Gesamtschule in Schwenningen und die dar­ aus herrührende bauliche Entwicklung eines Schulzentrums auf zu beengtem Raum sowie die sogenannte „Verrechtlichung der Schule“ durch behördlich vorgegebene Nor­ mierung und Reglementierung. Die „Explo­ sion“ der Schülerzahlen mit der Folge, daß Ende der 70er Jahre in dem für 24 Klassen ausgelegten neuen Schulgebäude doppelt so viele untergebracht werden sollten, ging ein­ her mit den Nachwirkungen der Studenten­ unruhen von 1968, die zu erheblich verän­ derten Wertvorstellungen bei Schülern und auch bei jungen, noch unerfahrenen Lehrern geführt und gelegentlich Disziplinarpro­ bleme aufgeworfen hatten. ,,Eine sehr schwierige Zeit“ nennt Dr. RolfMehne jene Jahre, zu denen auch gehörte, daß nach einer

liehen, freilich heiß umstrittenen und nur ein einziges Mal vollzogenen Beschluß faßte, Kirchenaustritte namentlich im Got­ tesdienst bekanntzugeben. Nach wie vor wirkt Dr. Rolf Mehne im Museums-und Archivbeirat der tadt Villin­ gen-Schwenningen mit. Er nennt dies nahe­ liegend, denn seine Neigung gehört der Mundart und der Heimatgeschichte, wovon auch die vierjährige Amtszeit als Vorsitzen­ der des Schwenninger Heimatvereins zeugt. So gerne er Lehrer und Schulleiter war, so bewußt i t er Schwenninger, der daraus frei­ lich keine Ansprüche ableitet. Die oft zitier­ ten Spannungen zwischen Villingen und Schwenningen hat er in seinem beruflichen Umfeld nie gespürt, die landsmannschaftli­ chen Unterschiede schlagen sich für ihn ohnedies eher im Bereich des gegenseitigen Neckens nieder. Dazu steuert er eine Anek­ dote bei. In Progymnasien und Realschule St. Ursula um ein Grußwort gebeten, nannte er es bemerkenswert, als evangelischer Schwenninger in einem katholischen Klo­ ster in Villingen zu stehen, was einen der Gäste zu dem Kommentar veranlaßte: Evan­ gelisch ginge ja. Allenthalben Heiterkeit. Eine letzte Facette im Leben des Dr. Rolf Mehne: Sein Dissertationsthema „Die RolfKrülle Eine vielseitig talentierte Persönlichkeit An meine erste Begegnung mit Rolf Krülle erinnere ich mich gut: Sie geschah im sogenannten „Beppelesstall“ in Schwennin­ gen im Herbst 1969. Schwenningen war damals noch nicht mit Villingen verheiratet, stand also noch vor der großen Wende des Jahres 1972. Im Ortskern, in der Muslen, sah man letzte alte Bauernhäuser neben dem altehrwürdigen Pfarrhaus, Industriebaracken aus der Kriegszeit neben großen Fabrikge­ bäuden; dazwischen floß das Rinnsal des alten Muslenbache ; neben knorrigen Obst- 136 Mundart in Schwenningen am Neckar“ ent­ sprang sozusagen einem Zufall. In einem Seminar beim Tübinger Professor Hugo Moser hatte er ein Referat über die „Uhrma­ chersprache in Schwenningen“ übernom­ men und danach den professoralen Hinweis erhalten, daß nach Karl Haag, dem Schwen­ ninger Mundartforscher des vergangenen Jahrhunderts, noch ein gehöriger Rest an Mundartforschung aufzuarbeiten sei, was Grundlage für eine Dissertation geben könne. Daraus wurde dann die Doktorarbeit, der wir u. a. eine Untersuchung über die soziologische Schichtung der Sprache ver­ danken. Seither hat sich Dr. Rolf Mehne über die alemannische Dialektologie auf dem laufenden gehalten, sich mit Mundart­ forschung und -literatur befaßt und hin und wieder, freilich nur auf Anforderung, den einen oder anderen Beitrag geschrieben. Möglich -er schließt es jedenfalls nicht aus -, daß seine Interessen jetzt in weiteren Arbeiten ihren Niederschlag finden werden. Dr. Rolf Mehne wird gewiß auch Schwen­ ningerisch reden, denn dessen ist er sich sicher: ,,Mundart im Normalalltag ist selbst­ verständlich“. Karl Rudolf Schäfer bäumen entdeckte man Gärten und Garten­ zäune, aber auch Brachland und wildwach­ sende Brennesseln. Inmitten dieser Idylle lag der „Beppelesstall“, da evang. Gemeinde­ haus, eine umgebaute ehemalige Pfarr­ scheune, in der am 4. November 1969 der evang. Kirchengemeinderat tagte, um über die Nachfolge von Pfarrer Lörcher zu bera­ ten. Auf dem Prüfstand als Bewerber um die vakante Pfarrstelle stand ich. Die Zusam­ mensetzung des Gremiums war mir völlig unbekannt, und so versuchte ich im Laufe

des Gesprächs die verschiedenen Ratsmit­ glieder einzuordnen. Bei den meisten Damen und Herren war das nicht allzu schwer, denn Pfarrer lassen sich ohnehin schnell identifizieren, und die übrigen Rats­ damen und Ratsherren – angefangen bei den Hausfrauen bis hin zum Oberstudiendirek­ tor – gaben sich rasch zu erkennen. Doch wer war wohl dieser Mensch mit dem kanti­ gen Profil eines Bauunternehmers?, mit der sprachlichen Eloquenz fast eines Rhetori­ kers?, mit der durchdringenden Stimme eines Kapitäns?, mit der Sachkenntnis eines Bilanzbuchhalters?, mit dem nicht zu ver­ bergenden auch theologischen Wissen?, mit der Sicherheit eines in Entscheidungen geübten Managers? Erst nach der Sitzung konnte ich diese Frage durch Einblick in die Mitgliederliste des Kirchengemeinderats klä­ ren; aber da hatte mich RolfKrülle schon das Fürchten gelehrt, und ich war gewarnt. Als dann die Entscheidung für mich positiv aus­ gefallen war, wappnete ich mich für eine anspruchsvolle Zusammenarbeit mit dem Gremium im allgemeinen und mit Rolf Krülle im besonderen. – Rückblickend muß ich heute freilich sagen: Die Zusammenar­ beit mit Rolf Krülle über viele Jahre hinweg in verschiedenen kirchlichen Gremien, aber auch in der Schule und bei vielen anderen Gelegenheiten ist zwar anspruchsvoll geblie­ ben, aber sie wurde von Jahr zu Jahr herzli­ cher und wuchs in jene Atmosphäre hinein, in der Freundschaft lebt und fruchtbar wird. Doch verstehen kann ich auf Grund meiner ersten Begegnung durchaus, daß RolfKrülle auch gefürchtet war. Aber ist das nicht häufig bei Menschen der Fall, die bereit und auch fähig sind, in der Öffentlichkeit Verantwor­ tung zu übernehmen? Kurz nach meinem Dienstantritt in Schwenningen bekam ich die Autorität des Rektors RolfKrülle noch einmal zu spüren: Man hatte mir zwei Wochenstunden Religi­ onsunterricht in der Realschule zugeteilt, und ich machte mich zu meiner ersten Stunde pünktlich um 7.15 Uhr auf den Weg. Aber als ich das Pfarrhaus verlassen wollte, war- für mich als Unterländer ungewohnt­ über Nacht frischer Schnee gefallen. So genügte ich zuerst einmal meiner Bürger­ pflicht, Schnee zu räumen und stand erst um 7.40 Uhr vor der – zu meinem Erstaunen – verschlossenen Haustüre der Realschule. Die Realschule war seit 1966 übergangsweise im alten Backsteinschulhaus gegenüber der Post in der Friedrich-Ebert-Straße unterge­ bracht. Nach mehrmaligem erfolglosem Druck auf die Türklinke drängte sich mir der für Schüler wie Lehrer gleicherweise ver­ führerische, doch meist törichte Gedanke auf: ,,Hurra, heute fällt die Schule aus!“ Hätte auch nur ein lärmender Ton aus dem Gebäude mein Ohr erreicht, dann hätte ich meinen Irrtum sofort erkannt, so aber begab ich mich frohgemut wieder auf den Heim­ weg, und nur ein ganz leises Mißtrauen ver­ anlaßte mich, doch noch einmal telefonisch beim Schulsekretariat nachzufragen. Am Apparat war nicht die Sekretärin, sondern der Chef persönlich. Er erklärte mir in äußerst distanzierter Freundlichkeit, gepaart mit einer sachlichen Kühle, die mir die Hitze 137

in den Kopf jagte, daß in der Realschule aus Gründen der Verkehrssicherheit (man trat von der Haustüre direkt auf die damals noch stark befahrene Jakob-Kienzle- und Fried­ rich-Ebert-Straße) der Haupteingang vom Hausmeister pünktlich um 7.35 Uhr abge­ schlossen werde, wobei Zuspätkommende den Hintereingang benützen könnten. ,,Im übrigen aber“ -so der Rektor – ,,sind wir in der Realschule gewöhnt, auf die Minute pünktlich mit der Arbeit zu beginnen.“ Die Lektion schlug bei mir ein und an; sie hat mir nicht geschadet, und sie hat das schnell wachsende Vertrauensverhältnis zwischen Rolf Krülle und mir nicht im geringsten gestört. In der Folgezeit bestätigte sich mein Ein­ druck von der Vielseitigkeit Rolf Krülles je länger, je mehr, und im Laufe der Jahre erkannte ich auch, daß diese Vielseitigkeit Tiefgang und Substanz hat. Rolf Krülle ist ein Schulmann im besten Sinne dieses Wortes. Darüber wurde 1991 bei seiner Verabschiedung in den Ruhestand viel gesagt und viel geschrieben. Ich beschränke mich auf Weniges: Am !.Januar 1955 kam Rolf Krülle, ,,abgeordnet“ vom Oberschul­ amt, als Lehrer an die Mittelschule in Schwenningen. Er kam aus der Schweiz, wo er als Leiter einer Heimschule im Kanton Schaffhausen tätig gewesen war. In der Schweiz hatte RolfKrülle mit Hilfe eines Sti­ pendiums bald nach dem Krieg studiert und dabei nicht nur „Schwyzerdütsch“ gelernt, sondern auch das Lehrerpatent erworben. Sein Geburtsort liegt freilich nicht im Ale­ mannischen, sondern in Eilenburg zwischen Leipzig und der Lutherstadt W ittenberg. Der Krieg hatte den damals Achtzehnjährigen in englische Gefangenschaft geführt, nach deren Ende eine Rückkehr in die nachträg­ lich von den Russen besetzte Zone nicht besonders ratsam erschien, so daß, wer immer eine Möglichkeit fand, einen Aufent­ halt im Westen vorzog. RolfKrülle hatte Ver­ wandte in Oberndorf (Neckar), die ihn auf­ nahmen; von dort aus machte er 1946 das Abitur am Gymnasium in Rottweil. Die 138 Tätigkeit als „Schulhelfer“ und dem Stu­ dium in Zürich folgten vier Jahre unständi­ ger Schuldienst in Südwürttemberg-Hohen­ zollern bis zur zweiten Dienstprüfung und die anschließende Beurlaubung für einen Auslandsaufenthalt, denn die Schweizer wollten ihn in einer Zeit des Lehrermangels zurückhaben. – Sollte nun die 1955 in Schwenningen angetretene Mittelschulleh­ rerstelle die Lebensaufgabe von Rolf Krülle werden? Sie wäre es beinahe nicht geworden, denn 1964 bemühte er sich um eine weitere Au landsaufgabe, nämlich um eine Stelle an der Deutschen Schule in Stockholm. Aber die Berufung zum Rektor der Mittelschule in Schwenningen am 1. Mai 1964 veranlaßte ihn, seine Bewerbung zurückzuziehen, und so wurde und blieb Schwenningen sein Schicksal bis zum Ruhestand, bis heute. Die Mädchenmittelschule in Schwennin­ gen hat seit ihren ersten Anfangen vor etwas mehr als 100 Jahren große Bedeutung für unsere Stadt. Diese Bedeutung ist in der Nachkriegszeit noch gewachsen, aber zugleich mit diesem Wachstum mußte die Schule-wie könnte es auch anders sein -ihr Gesicht immer wieder verändern, um sich den Forderungen und Gegebenheiten anzu­ passen. So wurde aus der Mädchenmittel­ schule zunächst eine Mittelschule für beide Geschlechter und dann eine Realschule. Das Gebäude in der Metzgergasse war schon in den Fünfzigerjahren zu klein geworden, die Mittelschule bekam zusätzlich das alte Gym­ nasium in der Friedrich-Ebert-Straße, bis sie schließlich 1973 mit 830 Schülern in ihren Neubau am Deutenberg zog, um dort ihren Platz zwischen Hauptschule und Gymna­ sium auch äußerlich einzunehmen. Diese ständigen Veränderungen, zu denen ein geradezu explosionsartiges Wachstum der Schülerzahlen gehörte, brachten manche Belastung, wobei die Mitarbeit der Lehrer­ schaft und nicht zuletzt des Rektors unerläß­ lich war. Rolf Krülle hat diese Aufgabe gese­ hen und angenommen. Er wollte mitgestal­ ten und nicht nur mitschwimmen. In der Schweiz hatte er sich mit Pestalozzi ausein-

andergesetzt, in Schwenningen versuchte er, einiges von dieser Pädagogik zu verwirkli­ chen: Die gleichgewichtige Bildung von , ,Kopf, Herz und Hand“ war seine Absicht. Seine speziellen Fächer, in denen er auch selbst unterrichtete, waren Deutsch, Geschichte und evangelische Theologie. Profunde Fachkenntnisse, verbunden mit einer guten Gabe, sich mitzuteilen und prä­ gnant zu formulieren, sind die Pfunde, mit denen RolfKrülle zu wuchern versteht. Von ihnen profitierten – nicht nur die Real­ schule, sondern auch die Wirtschaftsschule, die Gewerbliche Berufsschule, wo er im Nebenamt zeitweise unterrichtete, und das Staatliche Seminar für Hauswirtschaft, Handarbeit und Turnen in Rottweil. Auch in der Volkshochschule wurde er gebraucht; und die Gründung der Abendrealschule (1966) als neuer Zweig der Erwachsenenbil­ dung ist ebenfalls auf seine Initiative zurück­ zuführen. Nach dem Tod von Rektor Gro­ schwitz übernahm RolfKrülle 1982 das Amt des geschäftsführenden Rektors in Villingen­ Schwenningen und hatte in dieser Funktion alle 25 Grund-, Haupt-, Real- und Sonder­ schulen der Stadt öffentlich zu vertreten. Wahrlich ein gerüttelt Maß an Schularbeit. Wenn ein Lehrer Deutsch, Geschichte, Gemeinschaftskunde und Religion unter­ richtet und darüberhinaus noch Rektor ist, dann steht die Beschäftigung mit der Politik auf dem Stundenplan. Eine eigene enga­ gierte politische Betätigung ergibt sich dar­ aus zwar nicht zwingend, legt sich aber nahe. RolfKrülle hat das Naheliegende getan und ist Kommunalpolitiker geworden. Sein offi­ zieller Eintritt in die Stadtpolitik von Villin­ gen-Schwenningen erfolgte 1972 mit der Wahl in den ersten Stadtrat unserer Doppel­ stadt. Diesem Gremium gehört er kontinu­ ierlich bis heute an. Die CDU-Fraktion hat in ihm einen kundigen, aber keinesfalls blin­ den Gefolgsmann, der sein kritisches Augen­ merk besonders der Jugendarbeit und Schul­ politik zuwendet, dabei aber auch die Gesamtentwicklung der Stadt nicht aus dem Blick verliert. Wenn heute der evang. Kir- chengemeinderat nicht mehr in jener alters­ schwachen „Beppelesstallidylle“ tagen muß, sondern ein einladendes Muslenzentrum zur Verfügung hat, so ist dies der großzügi­ gen Innenstadtsanierung zu verdanken, die vom Kommunalpolitiker Krülle mitbe­ stimmt und -begleitet worden ist. Das Ver­ trauen, das seiner politischen Arbeit durch die Bevölkerung entgegengebracht wird, zei­ gen die Wahlergebnisse in 5 Wahlen; sein Platz im Gemeinderat war nie in Gefahr. Daß ein Kommunalpolitiker nicht nur im engen Kirchturm- oder Rathaushorizont denken darf, vesteht sich, und gelegentlich beflügelt diese Selbstverständlichkeit auch die Reiselust der Gemeinderäte. Rolf Krülle hat seine ihm wohl angeborene Reiselust nie verleugnet, aber er hat sie im Gemeinderat nicht über Gebühr ausgelebt, sondern in den Dienst der Volkshochschule und damit der Gemeinschaft gestellt. Er ist bis heute ein bekannter und gefragter Reiseleiter. Wenn er früher für diesen „Beruf“ nur die Schul­ ferien benützen konnte, so hat er jetzt im Ruhestand andere Möglichkeiten. Von Finn­ land bis Portugal, von Flandern bis Ungarn, von Polen bis Spanien gingen die Reiserou­ ten per Bus, per Bahn oder auch mit dem Flugzeug. Wer einmal mit Rolf Krülle auf großer Fahrt gewesen ist, weiß alle jene Tugenden zu schätzen, die seine Autorität mitbedingen: Pünktlichkeit, Verhandlungs­ geschick, Sachkenntnis, gründlichste Vorbe­ reitung, Überblick, Führungsqualität, Wirt­ schaftsdenken, dazu die Fähigkeit, spannend und inhaltsreich über geschichtliche und kulturelle Zusammenhänge zu plaudern. Eine Krüllereise ist ein Bildungserlebnis. Daß Rolf Krülle neuerdings auch den kirchlichen Reisehunger mit einer Fahrt im Herbst 1993 nach Zürich und Genf zu den Stätten der Reformation befriedigt, hängt nicht nur damit zusammen, daß er dafür jetzt Zeit hat, sondern entspricht auch einer Lebensgrundeinstellung, die in seiner Arbeit auf verschiedenste Weise immer wieder zum Ausdruck kommt: Rolf Krülle ist evangeli­ scher Christ. In jungen Jahren hat er Men- 139

sehen kennengelernt, die ihn mit ihrem Glauben beeindruckt haben. Das war in der Zeit des Dritten Reiches und unmittelbar danach. Er erkannte, daß Gottes Wort eine tragende und kritische Kraft ist. Die Beschäf­ tigung mit Theologie im Studium war des­ halb kein Zufall, sondern entsprang der Frage nach dem Grund des Lebens und dem Verlangen, die Welt von daher zu begreifen. In diesem Zusammenhang ist auch die aktive Mitarbeit in der Kirchengemeinde zu verste­ hen. Als Mitarbeiter des CVJM gestaltete er Jugendgottesdienste mit, als Lehrer bereitete er in Zusammenarbeit mit der Evang. Akade­ mie und mit Theologen die traditionellen Reichenau-Tagungen vor, und als Gemein­ deglied stellte er sich als Bewerber für den Kirchengemeinderat zur Wahl. Von 1966 bis 1984 bekleidete er dieses Amt und war in die­ ser Zeit 12 Jahre lang einer der beiden Vorsit­ zenden des Gremiums. Im Blick auf diese Erfahrung einer engsten persönlichen Zusammenarbeit kann ich als der andere ehemalige Vorsitzende des Kirchengemein­ derats nur sagen: Es war ein Vergnügen, und es war konstruktiv für die Gemeinde. Nicht weil man mit RolfKrülle stets gleicher Mei­ nung sein kann oder sein muß, sondern weil man sich mit ihm auseinandersetzen kann. Kultur, besonders christliche Kultur, darf nicht dort aufhören, wo Meinungen, ja Überzeugungen, gegeneinanderstehen, son­ dern sie hat sich gerade dort zu bewähren, anders gibt es weder einen fruchtbaren Welt­ noch Kirchenfrieden. Rolf Krülle teht als Christ in der liberalen Tradition der Theolo­ gie. Sie befahigt ihn, offen zu sein für viele Anfragen, die heute an die Kirche herange­ tragen werden, und sie befahigt ihn auch, Verantwortung zu tragen, sowohl in der Institution Kirche, als auch weit über deren institutionellen Bereich hinaus. So verstan­ den war das Ausscheiden Rolf Krülles aus dem Kirchengemeinderat 1984 keine Absage an den kirchlichen Dienst, denn die Verbin­ dung zurlnstitution ist nie abgerissen. So hat sich Rolf Krülle 1991 entschlossen, das ihm angetragene Amt eine Lektors zu überneh- 140 men. In diesem Ehrenamt hat er die Auf­ gabe, Gottesdienste in Vertretung von Pfar­ rern zu leiten und nach Bedarf hin und her im Kirchenbezirk Tuttlingen zu predigen. Am 6.Januar 1993 hatte ich zum ersten Mal Gelegenheit, bei Rolf Krülle unter der Kanzel zu sitzen. Der Gottesdienst war in R.ietheim bei Tuttlingen. Am frühen Morgen hatte es auf eiskalten Untergrund geregnet, und die Straße war spiegelglatt. Wird er bei extremer winterlicher Wetterlage diesmal selbst auch pünktlich sein? fragte ich mich auf der Fahrt zum Einsatzort, und dachte dabei an 1969! Er war pünktlich, denn dafür hatte seine Frau Sorge getragen, die auf gefahrlicher Strecke am Steuer seines Wagens saß. Und damit wären wir mit dem Vielberufenen bei jenem Beruf angelangt, ohne den die Fahrt seines Lebens, minde­ stens seit 1962, wohl ganz anders verlaufen wäre: Rolf Krülle ist gestandener Ehemann und Familienvater. Seine Frau Waltraud geb. Luz ist eine waschechte Schwenninge­ rin. War das vielleicht der Grund dafür, daß der Wander- und Reiselustige sich ent­ schloß, nicht nach Schweden zu gehen, son­ dern die Seßhaftigkeit zwischen Schwarz­ wald und Baar anzunehmen? Ich weiß es nicht, aber ich behaupte: Waltraud Krülle, die ihren Mann nie angebunden, aber stets gestärkt und seine vielseitige Arbeit mitgetra­ gen hat, ist für ihn lebenswichtig geworden; zu diesem Leben gehören auch zwei Söhne und eine Tochter, die aus dem Ehepaar eine Schwenninger Familie werden ließen. Im Jahre 1991 beging die Realschule Schwenningen das Jubiläum ihres hundert­ jährigen Bestehens. Dieses Ereignis wurde festlich eine Woche lang gefeiert; zu den Höhepunkten gehörte auch ein Gottesdienst in der Stadtkirche. Die Verabschiedung des Rektors, der kraft Gesetzes mit 65 Jahren in den Ruhestand gehen mußte, geschah im Schatten – oder soll man sagen: in der Sonne? – dieses großen Festes. Dem Schei­ denden wurde von den Rektoren der Stadt Villingen-Schwenningen eine Ruhebank überreicht, damit er auf ihr künftig beschau-

lieh im Garten sitzen und von vergangenen Arbeitszeiten träumen kann. Der Sommer, der dem unruhigen Abschieds-und Festjahr 1991 folgte, war überraschend schön, und möglicherweise hat RolfKrülle je und dann die Gelegenheit genützt, sich auszuruhen. Daß er sich allerdings sehr oft von der Sonne braten ließ, wage ich zu bezweifeln. Der rüstige Pensionär ist nicht zu bedau­ ern, und er bedauert sich selbst wohl auch nicht, wenn er immer noch viele Termine hat: Gemeinderatssitzungen, Gottesdienste, Reiseleitungen und -auch diese Möglich­ keit eröffnet sich im dritten Lebensabschnitt -Weiterbildung, sei’s zu Hause, sei’s bei­ spielsweise in Israel, wohin der rüstige Pen­ sionär zuletzt über Ostern 1993 gejettet ist. ,,Uns ist gegeben, auf keiner Stätte zu ruh’n“, sagt Hölderlin. Bei RolfKrülle stimmt’s. Martin Günzler Bernhard Dury Kommunalpolitiker und Gastwirt „Ohne die tatkräftige Mithilfe meiner Familie wäre das alles nicht möglich gewe­ sen“, sagt Bernhard Dury, der am 7.1. 1928 in Bräunlingen geboren wurde, und sich nun langsam aus seinen vielen ehrenamtlichen Tätigkeiten zurückzieht. Unter den zahlrei­ chen Auszeichnungen, die dem Kommunal­ politiker und Vereinsvorsitzenden für sein vielseitiges Engagement in den vergangenen Jahren zuteil wurden, bildete das 1987 ver- liehene Bundesverdienstkreuz den Höhe­ punkt. Landrat Dr. Rainer Gutknecht bezeichnete Dury bei der von ihm vorge­ nommenen Ehrung als „bescheidenen Mann der Praxis, als redlich denkenden und gerechten Bürger“, der der Jugend das Bei­ spiel gebe, ,,daß man mit diesen Eigenschaf­ ten auch heute Erfolg haben kann“. Der Land-und Gastwirt-Sohn hatte sich von Jugend an im Vereins-und Gemeinde­ leben engagiert. So war er bei der Neugrün­ dung des Sportvereins unmittelbar nach dem Krieg ebenso beteiligt -seine ersten Kickschuhe erwarb der damals 18jährige im Tausch gegen eine Geiß, wie er sich schmun­ zelnd erinnert-, wie an der Fonnierung einer aktiven Landjugend, bei der er von 1954 bis 1958 als Vorsitzender fungierte. Gründungs­ mitglied war Dury auch bei dem nach dem Krieg wieder ins Leben gerufenen Heimat­ und Trachtenbund Bräunlingen. Ebenfalls in den 50er Jahren war er Gründungsmitglied und Kassierer des Fremdenverkehrsvereins Bräunlingen. 1955 heiratete Bernhard Dury die Bräunlinger Bürgerstochter Friedhilde Müller, übernahm das elterliche Anwesen und trat als selbständiger Land-und Gastwirt in die Fußstapfen seines Vaters. Dessen Landgasthof wuchs in den Händen des Soh­ nes und seiner Familie zum heutigen Hotel ,,Lindenhof“, das bereits im Almanach vor-141

gestellt wurde Oahrgang 1980, Seite 212 ff.). 1959 wurde Bernhard Dury in den Auf­ sichtsrat der Raiffeisengenossenschaft ge­ wählt, 1962 zum Vorsitzenden ernannt; 1989 für 30jährige Vorstandsarbeit geehrt und er­ neut im Amt bestätigt. Beim Badischen Viehversicherungsverband gehört Dury seit Jahren dem Verbandsausschuß in Karl ruhe an. Kommunalpolitisch ist der Vater von fünf erwachsenen Kindern seit dem 4. November 1962 tätig, als er erstmals in den Bräunlinger Gemeinderat gewählt wurde. 1987 ehrte ihn Bürgermeister Jürgen Guse als zweiten Mit­ bürger mit dem Wappenteller der Stadt Bräunlingen für 25jährige Gemeinderats­ tätigkeit. Bereits 1984 konnte ihn der dama­ lige Bürgermeister Karl Schneider mit der Ehrenmedaille des Gemeindetages Baden­ Württemberg für mehr als 20jährige Mit­ arbeit im Gemeinderat auszeichnen. 1989 verzichtete Dury auf eine erneute Kandi­ datur als Stadtrat, wo er zuletzt als dienstälte­ stes Mitglied und stimmen tärkstes Ratsmit­ glied der CDU mitgearbeitet hatte. Von 1969 bis 1989 führte Bernhard Dury die CDU­ Gemeinderatsfraktion, war Respizient für das Städtische Krankenhaus, gehörte dem Bau- und Fremdenverkehrsausschuß an und wirkte als Bräunlinger Mitglied im Gemein­ deverwaltungsverband. Seit Jahren ist er auch Vorsitzender des Gutachterausschu – ses, der für die Ermittlung von Grundstücks­ werten zuständig ist. Mit dem Verzicht auf die Gemeinderatskandidatur endete auch das Amt des stellvertretenden Bürgermei- sters, das Dury seit dem 11. 11. 1971 innehatte, und in dem er immer wieder bestätigt wor­ den war. Von 1964 bis 1970 war Dury Vorsit­ zender des CDU-Stadtverbandes. Eine wei­ tere ehrenvolle Aufgabe führt der Bräunlin­ ger bereits seit 20 Jahren aus: in den Auf­ sichtsrat der Volksbank der Baar wurde er am 20. 6. 1972 erstmals gewählt. Nicht zu verges­ sen ist seine 25jährige aktive Mitgliedschaft in der Freiwilligen Feuerwehr. Seit 1965 ist Dury Mitglied der Kreistage, zuerst im ehe­ maligen Landkreis Donaueschingen, dann im Schwarzwald-Baar-Kreis. Dort ist er im Finanz- und Wirtschaftsausschuß, im Kul­ tur-, Sozial- sowie Krankenhausausschuß tätig. Für seine 24jährige Tätigkeit als K.ran­ kenhaus-Respizient wurde er 1989 geehrt, als er sich aus diesem Amt verabschiedete. Nachdem sich Herr Dury aus vielen kommu­ nalpolitischen Ämtern zurückgezogen hat, engagiert er sich dennoch weiterhin in seiner Gemeinde: 1990 wurde er erstmals zum Vor­ sitzenden des von ihm 1981 mitbegründeten Kulturfördervereins gewählt. Zuvor war er als Beirat aktiv. Auf seine Initiative wurden die Glocken der St.-Remigiu -Kirche saniert (vgl. Almanach 1992, Seite 178/179). Kom­ munalpolitik im Sinne de Bürgers zu machen und mitgestalten an der Gemeinde für die Bürger, das waren und sind die Ziele dieses Mannes, der seltenes Engagement bewiesen hat: Bernhard Dury, dessen Ein­ satz zurecht vielfach gewürdigt wurde, und der seinen Mitmenschen hoffentlich noch lange mit Rat und Tat zur Seite stehen wird. Barbara Rimmele Als Autor unvergeßlich: Hermann Alexander N eugart ,,langsam nur und bedächtig ist der Früh­ ling auf den Schwarzwald gekommen, als hätte er sieh seinen Einzug auf den Bergen als ein letztes ergötzliches Schauspiel aufbe­ wahrt“. Mit seinem Heimatroman „Das Rat­ zennest“1 l machte Hermann Alexander 142 Neugart (1893 bis 1974) eine „Zeit schwerster Heimsuchungen für die Stadt Villingen“ unvergeßlich. Und wer das Mittelalter in der Zähringerstadt noch legendärer will, erfaßt in einer Zeit des Rittertums, fehde- und raub­ lu tig als eine Periode der Landsknechte, der

Emma zwar als Wirtin des „Kleinen Stor­ chen“ (,,Rebstock“) in Villingen für den Unterhalt sorgen, doch Hermann Alexander soll in der Familie der ältesten Schwester und bei einem gestrengen Schwager aufwachsen. Doch der kleine Hermann Alexander ist unruhig, nimmt seinen ganzen Mut zusam­ men und mar chiert nach Villingen zur Mut­ ter, noch bevor er Schulerbue wurde. Von der Gerberstraße aus geht er zur Volksschule, und die Mutter sichert die Exi­ stenz als Wirtin: ,,Ällerhand für die damalig Ziet“, wie die Enkelin Elisabeth heute fest­ stellt. Es war wohl die örtliche Nähe zum Verlag und zur Buchdruckerei Müller, daß Her­ mann Alexander die „schwarze Kunst“ des Madonnen waren in den 20er Jahren das Ergeb­ nis der künstlerischen Arbeit von H. A. Neugart. Doch auch für den häuslichen Bereich bewies er sein Können mit Band-Schnitzereien an Schreib­ tisch und Bücher-Vitrine. 143 Sündenangst und der existenziellen Nöte, dem kann auch „Der unsterbliche Rebell“ gefallen.Jene eigenartige Geschichte des Vil­ linger Riesen Romeius (t 1513), der selbst bis heute alle bedeutenden Männer einer bewegten Stadtgeschichte zu überragen scheint … Ein Gespräch mit Neugarts Tochter Elisa­ beth, geboren 1921, macht dem neugierigen Fragesteller möglich, den Lebensweg eines Vaters zu skizzieren, der seine geschichtli­ chen Kentnisse nicht der „Alma mater“, son­ der einer populär-wissenschaftlichen Gründ­ lichkeit in Archiven verdankt, die zwei Romane, unzählige Zeitungsberichte und eine Broschüre hervorbrachte (Villinger Ori­ ginale). Ein strenger Schwager Hermann Alexander Neugart wird als elf­ tes und letztes Kind seiner Familie in Pfaffen­ weiler geboren; zu einer Zeit, da seine älteste Schwester schon verheiratet ist und dort die Wirtschaft zur „Post“ führt. Als Neugart wenig später Halbwaise wird, kann Mutter

Buchdruckens erlernte. Später, als Kriegs­ heimkehrer, hatte er an diesem Beruf Zwei­ fel. Lehrer wäre er gern geworden. Doch ein aufbauender Bildungsgang wurde ihm ver­ wehrt. Eine Kriegsverletzung an der linken Hand, die ihm die Fingerstellung ver­ krampfte, galt als zu deutlicher körperlicher Mangel, was sich Schulkinder als „Spott“ hätten erwählen können … Neugart heiratet wenig später die Villinge­ rin Hedwig Schober und wird heimisch. Als Buchdrucker-Geselle führten ihn nämlich seine Wanderjahre „auf der Walz“ bis nach Italien. Während Neugart mit dem Rucksack und meist zu Fuß unterwegs war, Mitfahr­ Gelegenheiten waren selten, pendelte ein Koffer postalisch hin und her: mal gefüllt mit frischer Wäsche und haltbaren Lebens­ mitteln von Villingen aus nach einer von Hermann per Brief mitgeteilten Stadt, mal retour mit ausgebrauchten Klamotten und Reiseandenken. Neugart kam in jenen Jahren auch nach Berlin, wo er wohl mit Journalisten zusam- Die Kunstform der Fayence beherrschte H. A. N. während seiner Zeit in der Keramischen Anstalt von H11ber-Röthe. Als Modelleur fertigte er hei­ lere Szenen, z11 denm rlllch die 7 Schwaben Lud­ wig Thomas „Frühlingsreigen“, das Rokoko­ Mädchen und der Geiger zählen 144 mentraf und an deren Arbeitsergebnis Gefal­ len fand. Wie sich Tochter Elisabeth erin­ nert, avancierte ihr Vater irgendwann zum ,,Hilfsreporter“ für das Villinger Volksblatt, das vom Verlag seines Arbeitgebers Müller in der Gerberstraße herausgebracht wurde. Kurze Liebschaft zur Muse Kam der freie Journalist Neugart von einem ereignisreichen Zeitungstermin zu­ rück, setzte er sich immer gleich an die be­ richtende Arbeit, oder er legte sich nach den jeweiligen Abendveranstaltungen ins Bett und schrieb auf einem kleinen Pult die Texte von Hand -Manuskripte eben. Nach wenigen Ehejahren war die Leiden­ schaft zum Verlagswesen nicht mehr sonder­ lich ausgeprägt. Neugart entdeckte gestalteri­ sches Talent in der figurativen Kunst. Er ver­ diente sein Arbeitseinkommen in der Werk­ statt des Holzbildhauers Keck in Villingen und schuf heitere, lebensfrohe Motive als Modelleur in der Keramischen Anstalt von Huber-Röthe, die in Villingens Wehrstraße in den 20er Jahren als Betrieb firmierte. Aus beiden Epochen sind Unikate ver­ blieben, die den Künstler Neugart beweisen: zwei Madonnen, Vasen, Fayencen mit Deckel, geziert durch pi.ippchengroße Figuren aus der Welt des Rokoko und der Musik … Doch die erwerbswirtschaftliche Seite einer Arbeit mit der Kunst schien der Ehe­ frau Hedwig zu unsicher. Neugart wechselte wieder in seinen erlernten Beruf und setzte die alltägliche Leistung als Buchdrucker fort; wieder beim Verlag Müller. Und so entstand wohl auch die endgültige Passion für die heimatbezogene Schriftstelle­ rei. Neugart, der immer viel für die Lokalaus­ gaben der Villinger Zeitungen verfaßt hatte, konnte sich „drinni steigere“ in die Lektüre lokalhi torischer Werke. Hauptsache, es ging um die Geschichte Villingens, die den 62jährigen Rentner brennend interessierte. Der Amateur-Historiker Neugart war wegen einer schweren Lungenkrankheit früh in den Ruhestand gezwungen worden. For/se/z1111g Seite 146

Bickenbriicke 1992 Wenn ich vu iisre Biggebruck alsmol so nab i d‘ Brigach guck, no freui mi ab iiserm Bach: Er lauft so ruhig, macht kon Krach. Er schuuset nit, wies andri dond, wo über Stock und Stei numm mond. Er loot sich Ziit und isch ko Gschoß, kunnt oenewäeg na, woner moß. Vum Hirzwald kunnt er, mit de Breg bringt er die stolzi Donau zwäg und mündet oni Wiederkehr im Süde zletscht is Schwarze Meer. Doch isch er au ko Gschoß, kon Schuuser, so ischer doch en Duklimuuser! Im Früehjohr, wenn ko Eis meh druckt, no word die Brigach zmols verruckt und isch wie imme böse Troom en gruusig kalte, breite Strom. Guet Nacht im Brigedal Ihr Buure, Ihr kinnet om alsmol grad duure! Doch wär iis d‘ Brigach niemols foel, si isch vu Villinge en Doel. Frühr, um iis vor em Feind z‘ bewahre, hit Hoemet vu de Enteschare, wo do im Winter zämmerucke, uf Fueter hoffe vu de Brugge. De Herrgott hät i siire Macht fer d‘ Schwenninger de Necker gmacht. Der lauft gottlob -mol grad, mol krumm, ge Oste zu de Schwobe numm, duet mit em Rhein sich zletscht verbinde, mit dem vereint i d‘ Nordsee münde. So hond mir älli iisern Bach und krieget wege dem kon Krach. Elisabeth Neugart 145

siege! von 1530 setzte sich der Autor Neugart ein weiteres Ziel: die Zeit des Romeius (um 1500) vom „Flugsand der Sage und Fabuli­ stik“ zu befreien und wieder ursprünglicher zu machen. So entstand „Der unsterbliche Rebell“, 1970, illustriert durch eine Bilder­ folge des Richard Ackermann (1892-1968). Maximilian l. kam als Herrscher jener Zeit um 1500 in vorderösterreichischen Landen „glih noch em Herrgott“ – wenigstens für H.A.N. Tochter Elisabeth begleitete den Vater einst nach Innsbruck, wo Hermann Alexan­ der alle Möglichkeiten der Informationen über den kaiserlichen Herrn ausschöpfte … Fasnet im „Ott“ Seine starke Beziehung zu Villingen läßt vermuten, daß H. A. N. auch der Villinger Fasnet sehr verbunden war. Doch dies stimmt nur zum Teil, denn ins Häs ging er In Miniatur schnitzte Manfred Merz d’Sahfi­ Scheme von Hermann Afexrmder Neugarl nach, um dem Schöpfer einen nachhaltigen Beweis auch mit dem Surhebef als Begleiter zu sichern. BI. 14 · Job 008 · Almanach ’94 Energisch, bisweilen streng, diszipliniert und häuslich, jovial bei offenem Humor- so kannte man den später als Heimatdichter benannten Neugart, wenn er Besorgungen für den Haushalt und die Küche auf dem Wochenmarkt erledigte und er dabei „ko G’schwätz“ ausließ: „Bisch wieder vu om Arm in andere kait … ?“, war an solchen Tagen die konstatie­ rende Frage von Ehefrau Hedwig. Neugart war sich schließlich sicher, daß er seine Leidenschaft für Villingen mit anderen teilen könnte: ,,Werner en Roman macht, fresset d’Liet au des Historische.“ Unterstützt wurde Neugart durch die per­ sönlichen Beziehungen zu Professor Paul Revellio, dem Gymnasiallehrer und neben­ beruflichen Hüter der Altertümersammlung, und zum Verleger Hermann Müller sen. H. A. N., so zeichnete Neugart später all seine Zeitungsartikel, hat viele Textseiten sei­ nes Romanes nachts geschrieben, im Bett lie­ gend, weil ihm dies die Atmung erleichterte, bis das Manuskript für „Das Ratzennest “ schließlich gesetzt werden konnte. Damals war den französischen Besatzern im einstigen Baden ein Roman über den 30jährigen Krieg jedoch „verdächtig“: eine Kopie mußte an die Haupt-Kommandantur der Standortstreitkräfte geschickt werden … retour kam die Freigabe und ein zerfledder­ tes Päckchen mit den Textseiten, das ein Bahnbediensteter irgendwo in Bahnhofs­ nähe gefunden (!) hatte. Einen „Kratte!“ als Autor hatte er nie, stolz jedoch war er. Auch auf die Stadt, die mit einer Subskription von mehreren hundert Exemplaren den Druck möglich machte. Irgendwann wurde H. A. N. auch Sippen­ ältester im Kreise all der Namens-Vettern, die sich jährlich und regelmäßig um Villin­ gen herum zum Sippentag trafen. Er erle­ digte den Schriftverkehr und übernahm die obligate Begrüßung von Vettern und Basen. Glih noch em Herrgott Vielleicht auch beflügelt von der städti­ schen Auszeichnung mit dem großen Stadt- 146

nicht. Was ihm aber auch Anerkennung für die „fünfte Jahreszeit“ brachte, waren zwei Schemen, die an Neugarts Werkbank ent­ standen waren. Beim Bäcker Haas in der Färberstraße gehörte auch „d’Sahli“ zur Kundschaft. Eine Weibsperson, die dem Bäckermeister wegen ihrer Physiognomie wert erschien, daß man danach eine Morbili-Scheme schnitze. Und der Hermann Alexander schaffte auch dies zur Perfektion. Ein Surhebel machte das Pär­ chen perfekt, und „d’Sahli“ mußte a de neggschde Fasnet feschtstelle: ,,Des bin jo ich!“ Ein wenig närrsch soll sie daraufhin schon gewesen sein … Doch H. A. N. nahm’s gelassen. Denn auch auf seine Artikel in der Zeitung – der erste einer ganzen Serie datiert vom Samstag, den 22. Oktober 1949: Villingen, die älteste Stadt Badens – konnte er immer wieder erfahren: ,,D’Liet schwätzet wieder!“ Eine Feststellung, die er von den Stammtisch­ sitzungen im „Ott“ nach Hause mitbrachte, wo vor allem an den „Hohen Tagen“ dem Neugart kräftig gestrählt wurde. Wolfgang Bräun Anmerkung: II Der Roman „Das Ratzennest“ wird von der Buch­ handlung „Hügle“, VS-Villingen, neu aufgelegt und ist voraussichtlich ab Oktober1993 auf dem Markt er­ hältlich. Helga Eilts praktiziert als Ortsvorsteherin Bürgernähe Baden-Württembergs einzige Ortsvorste­ herin residiert in der 1200-Seelen-Gemeinde Tannheim, einem Stadtbezirk des Oberzen­ trums Villingen-Schwenningen. Residieren ist schon fast zu hoch gegriffen, denn die Befugnisse und die Entscheidungsfreiheiten einer ehrenamtlichen Ortsvorsteherin wie Helga Eilts es ist, sind beschränkt. Auch wenn die Kompetenzen beschnitten sind, Helga Eilts setzt sich mit allen ihr zur Verfü­ gung stehenden Mitteln für die Bürger und ihre Ortschaft ein. Etwas Kämpferisches, gepaart mit unbän­ digem Einsatzwillen, etwas für ihre Bürger und die Gemeinde erreichen zu wollen, muß der Rathauschefin, in der man beim Ge­ spräch eher eine ratgebende Freundin ver­ mutet, wohl schon in die Wiege gelegt wor­ den sein. Gerne erinnert sich Helga Eilts an das Jahr 1969, als sie mit ihrer Familie ihren Geburts­ ort St. Georgen verließ, um sich in Tann­ heim anzusiedeln. ,,Die Bürger haben uns freundlich aufgenommen. Das Hineinwach­ sen in die Dorfgemeinschaft wurde uns leicht gemacht“, meinte sie. Zum ersten Engagement für ihre neue Heimatgemeinde kam es im Januar 1980, als der Fortbestand der örtlichen Hauptschule gefährdet war. ,,Als damalige Elternbeirats­ vorsitzende habe ich gelernt, was es heißt, zu kämpfen“, erinnert sich Helga Eilts. Wie der Kampf mit dem Kultusministerium um die Existenz der Tannheimer Hauptschule aus- 147

ging, ist hinreichend bekannt. Helga Eilts schaffte es, daß sich sogar der damalige Mini­ sterpräsident Lothar Späth dafür einsetzte, daß die Tannheimer Kinder weiterhin ihre Schule besuchen durften. Bestärkt mit dem Gedanken, daß man bei genügend Stehvermögen auch etwas für das Gemeindewohl erreichen kann, ließ sich Helga Eilts 1980 erstmalig auf die Kandida­ tenliste zur Wahl der Ortschaftsrates setzen und wurde auch prompt gewählt. Wie sehr die Bevölkerung das Wirken von Helga Eilts im Ortschaftsrat honorierte, wurde beim Wahlgang im Jahre 1989 deut­ lich. Von 652 Bürgern, die zur Wahl gingen, erhielt sie 937 Stimmen (durch Kumulieren). Ein Ergebnis, das bisher noch nie ein Ort­ schaftsrat bei einer Kommunalwahl in Tann­ heim erreicht hatte. Helga Eilts hatte damit auch den größten Vertrauensbonus in der Bürgerschaft, um das Amt des Ortsvorstehers als Nachfolgerin von Johann Werne anzutreten. Am Niko­ laustag, den 6. Dezember 1989 war es soweit: Nach eindeutigem Wahlausgang verkündete die frischgebackene Ortsvorsteherin, daß für sie der oberste Grundsatz gelte, die Ver­ waltung so bürgernah wie nur möglich zu gestalten. Daß sie ihr Versprechen von der praktizie­ renden Bürgernähe gehalten hat, kann man Helga Eilts heute nur bestätigen. In Tann­ heim wird sie als Ortsvorsteherin mit Herz bezeichnet, weil sie auch Ansprechpartner außerhalb der offiziellen Öffnungszeiten im Rathaus ist. Zu den Wesensmerkmalen meines Freun­ des Alexander Graf, dem weit über Bad Dürr­ heim hinaus bekannten Innenarchitekten, gehört es zweifellos, daß er nie etwas aufge­ geben hat und daß er nie aufgibt. Wenn er sich auch im vergangenen Dezember sozusa- 148 Alexander Graf Ein weit über Bad Dürrheim hinaus bekannter Architekt Helga Eilts sieht darin keinen Nachteil, wenn sie manchmal auf dieses oder jenes Problem außerhalb ihrer Dienstzeit ange­ sprochen wird. Sie vertritt die Meinung, daß man für die Anliegen der Bürger immer ein offenes Ohr haben sollte. Offen bekennt die Ortsvorsteherin, daß es nicht immer einfach ist, alles in Einklang zu bringen. In einem Ort von der Größe Tannheims ist vieles noch persönlicher, als in der Stadt. Man kennt sich eben. Der Bür­ ger erwartet von der Ortsvorsteherin oftmals mehr, als diese an Kompetenzen verfügt. „Der Rahmen der Kompetenzen läßt mir manchmal nur den Status einer Verhand­ lungsperson zukommen“, meint die Orts­ vorsteherin. ,,Dennoch ist es ein gutes Gefühl, dem ratsuchenden Bürger Möglich­ keiten aufzuzeigen, die ihm weiterhelfen.“ Zurückblickend meinte Helga Eilts, daß sie zu Beginn ihrer Tätigkeit eine intensive Lernphase absolviert hat, um sich in den gro­ ßen Verwaltungsapparat einzuarbeiten. ,,Für mich“, so Helga Eilts, ,,war die Anlaufzeit hart, da ich keinen Beruf auf dem kommuna­ len Verwaltungsbereich erlernt habe.“ Recht früh machte Helga Eilts klar, daß sie bei ihren Anliegen für den Ort Tannheim als Ortsvorsteherin bei den städtischen Be­ hörden nicht nur höflich behandelt und anerkannt sein möchte. Sie will ernst genom­ men werden. ,,Meinen Mantel kann ich mir alleine anziehen“, meinte die Liebhaberin russischer Musik. Georg Stefan Kaletta gen zur Ruhe setzte, indem er nach seinem 70. Geburtstag sein Architekturbüro an sei­ nen Sohn Andreas übergab, so heißt dies noch lange nicht, daß er Bürgern, Freunden und Studenten nicht noch weiter mit Rat und Tat zur Seite steht.

noch den Meisterbrief im Schreinerhand­ werk hinzu. Bevor er sich 1957 selbständig machte und schließlich in Bad Dürrheim seßhaft wurde, schaute sich der spätere Innenarchitekt noch in manchem Büro um. Bereits 1957 wurde er Mitglied der Architek­ tenkammer und wenig später schloß er sich auch dem neugegründeten Bund Deutscher Innenarchitekten (BDIA) im Lande Baden­ Württemberg an. Der in Kempten im Allgäu geborene Alexander Graf darf sich übrigens als einer von wenigen mit drei Berufsbezeichnungen schmücken: Er ist freier Architekt, freier Innenarchitekt und Schreinermeister. Schon sein Vater war angesehener Bankdirektor, Kommerzienrat und Leiter einer von ihm gegründeten gemeinnützigen Wohnungs­ baugesellschaft. Schon bald nach seinem Eintritt in die Kammer wuchs sein Interesse für die Berufs­ politik.1960 stellte er sich erstmals zur Wahl und wurde Mitglied der Landesvertreterver­ sammlung. Für die Fachrichtung der Innen­ architekten ging er in den folgenden Jahren immer wieder erfolgreich ins Rennen. Der freie Innenarchitekt Graf ließ sich im Jahre 1964 auch in der Fachrichtung Hoch­ bau eintragen und engagierte sich mit Bil­ dung der Bundesarchitektenkammer (BAK), deren Gründungsmitglied er war, im Jahre 1969 sofort auch aufBundesebene für seinen Berufsstand. So war es schließlich nur folge­ richtig, daß Graf nicht nur Mitglied des Landesvorstands der Architektenkammer Baden-Württemberg, sondern auch als In­ nenarchitekt für seine Fachrichtung Mit­ glied des Bundesvorstands der BAK wurde. Beide Ämter hat er über Jahrzehnte hinaus zielgerichtet und erfolgreich wahrgenom­ men. Für seinen unermüdlichen Einsatz schul­ det ihm außer seinen Freunden im Landes­ und Bundesvorstand die gesamte Architek­ tenschaft des Landes und Bundes Dank und Anerkennung. Nicht nur der Umgang mit­ einander wäre freundlicher und kollegialer, wenn es mehr Menschen vom Schlage Alex- 149 1939 gelang es Alexander Graf, kurz bevor er zum Militär eingezogen wurde, noch in München sein Abitur am alten Realgymna­ sium zu machen. Bis 1943 war er im Range eines Leutnants als Flugzeugführer über Eng­ land und Rußland eingesetzt. Bei einem Flugeinsatz über Rußland wurde er 1943 abgeschossen und geriet mit schwersten Ver­ letzungen in russische Kriegsgefangenschaft. Nach 5jähriger Kriegsgefangenschaft begann er 1948 nach seiner Rückkehr in einer be­ kannten Schreinerei in Konstanz eine Lehre, die er 1950 mit der Gesellenprüfung abschlie­ ßen konnte. Anschließend vervollkomm­ nete er seine handwerklichen und auch sprachlichen Kenntnisse bei einer Innenaus­ baufirma in der Nähe von Lausanne am Gen­ fer See. Doch strebte er nach Höherem: Er besuchte 3 Jahre lang die staatliche Kunst­ handwerkschule in Bonndorf und erreichte dort im Fach Innenarchitektur einen sehr guten Diplomabschluß. Dem fügte er 1954

ander Grafs gäbe, auf deren Zuverlässigkeit, Kollegialität und Bereitschaft auch schwie­ rige Aufgaben zu übernehmen, man bauen kann. An dieser Stelle soll nicht verschwiegen werden, daß Alexander Graf neben diesen Eigenschaften über eine spezielle zeichneri­ sche Begabung verfügt, die ihn in Sitzungen Begebenheiten und Gedanken schnell erfas­ sen und mit Ironie und Witz zeichnerisch umsetzen ließ. Während andere sich die Köpfe heiß redeten, dachte er mit, etzte sich für seine Fachrichtung stets ein, skizzierte aber auch gleichzeitig, sehr zur Freude der Runde, die schon gespannt auf da zeichne­ risch festgehaltene Ergebnis nach Abschluß des ent prechenden Tagesordnungspunktes wartete. Alexander Graf ging nicht nur in der Berufspolitik auf. Zu seinem Werk als Archi­ tekt und Innenarchitekt gehören über 200 Hotels, Gaststätten, Cafes, die nach seinen Plänen zum Teil neugebaut, renoviert oder umgebaut wurden. Sein letztes große Werk in Bad Dürrheim war der Umbau der alten „Siedepfanne“ zum „Haus des Bürgers“, in dem ihm Landrat Dr. Gutknecht im Juni 1992 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse überreichte. Schon 1981 hatte er vom damaligen Bür­ germeister und Kurdirektor Otto Weissen­ berger im Namen des Bundespräsidenten für seine zahlreichen Engagements in der Öffentlichkeit und im Berufsstand das Bun­ desverdienstkreuz am Bande erhalten. Neben diesem beachtlichen Einsatz übte Alexander Graf bis vor kurzem weitere ehrenamtliche Tätigkeiten bei verschiede­ nen Vereinen und Verbänden aus. Dazu zäh­ len sicherlich seine jahrelange Vorstand­ schaft beim Turnerbund und seine Tätigkeit als Vorsitzender der VDK. Darüber hinaus war Alexander Graf, der sich politisch zur CDU hingezogen fühlt, für diese Partei auf kommunalpolitischem Gebiet als Vertreter im Bauausschuß und als Vertreter seiner Fraktion im Stadtentwicklungsausschuß tätig. Es bleibt zu hoffen, daß Alexander Graf, der mit einer Malerin verheiratet ist, nun wieder mehr Zeit für seine Hobbys, dem Reisen und der Fotografie, findet. Prof. Peter Schenk Präsident der Architektenkammer Baden-Württemberg Eugen Müller Vorbildlich in seinem sozialen Wirken Eugen Müller, ein Mensch wie Du und ich. Fast. Denn Eugen Müller ist weit mehr eine Institution. Und das weit über die Schwenninger Grenzen hinaus. In einem Leben voller Engagement – selbstlos, jeder­ zeit hilfsbereit und stets ansprechbar für die sozial Schwächsten einer auf reinen Materia­ lismus ausgerichteten Gesellschaft. Wer kennt ihn nicht, den „Eugen“ – aber, wer kennt diesen Mann wirklich? Ein Mensch, dem ein von Herzen kommendes ,,Danke schön“ eines Ratsuchenden tau­ sendmal mehr bedeutet, als jedes öffentliche Lob. Sein oft genug bis an die physischen Grenzen gehender Einsatz „Hoffnung zu 150 wecken, um damit neue Lebensfreude zu schenken“ ist als sein Lebenswerk auch nur so zu verstehen. Eine Lebensphilosophie, aus einer intakten familiären Kraft geschöpft und mit der ihm eigenen Energie uneigen­ nützig weitergegeben. Wenn Oberbürgermeister Dr. Gebauer in seiner Laudatio bei der Überreichung des Bundesverdienstkreuzes im Mai 1989 an Eugen Müller immer wieder betonte: ,,Sie haben diese Auszeichnung mehr als ver­ dient“, so war dies sicherlich keine der übli­ chen Verleihungs-Floskeln. Eben, weil er sich, aus dem Krieg schwerverwundet heim­ gekehrt, sofort mit innerer Kraft und persön-

licher Ausstrahlung in einem Maße enga­ gierte, die, aus heutiger Sicht, einfach unglaublich erscheint. Wenn wir mit einem Blick in sein Leben diese, seine Aufgaben zu verstehen versu­ chen, so können es nur „Stationen“ – groß­ zügig skizziert – werden. Stationen eines erfüllten Lebens, das heute, in seinem Un-Ruhestand, noch genau so aufregend und turbulent ist wie eh und je! Eugen Müller war eines von sieben Kindern eines Dorfschmieds in Horgen. Schon als Kind mußte er in der elterlichen Landwirtschaft mitarbeiten. In die Nieder­ eschacher Zeit (1933-38) fallt die Arbeit als Gangmacher bei Jerger-Uhren. Von 1939 bis 1941 radelte (!) er zur Ausbildung als Uhr­ macher in die Schwenninger Feintechnik­ Schule. Seine lakonische Feststellung: ,,Es war halt wenig Geld da.“ Nach dem unheilvollen Krieg mit all seinen unrühmlichen Nebenerscheinungen fand Müller, schwerkriegsversehrt, Arbeit als Verwaltungsangestellter bei der Stadt Schwenningen. Mit seinem engagierten Ein­ treten beim städtischen Personalrat stellte er – sich unbewußt – die Weichen für seine späteren Tätigkeiten. Zum einen war es die ÖTV, der er vor 40 Jahren beitrat und zum anderen der Verband der Kriegs- und Wehrdienstopfer, Behinder­ ten und Rentner Deutschlands (VdK), zu dessen Gründungsmitgliedern er 1948 m Schwenningen gehörte. Nach 4 Jahren ÖTV-Vorsitzender m Schwenningen kam mit der Wahl als erster hauptamtlicher Geschäftsführer der ÖTV­ Kreisverwaltung -1952 – für die Landkreise Donaueschingen, Rottweil, Villingen und Tuttlingen auch die Bürde ungezählter Ehrenämter. So zum Beispiel: Schöffe beim Landgericht Konstanz, Sozialrichter am Sozialgericht Reutlingen, SPD-Mitglied im Gemeinderat Schwenningen, dann in der Doppelstadt, im Kreistag des Landkreises Rotteil, danach im Schwarzwald-Baar-Kreis. Sein Engagement in der Gewerkschaft ÖTV verlangte Einsätze bis zur Landesebene. Auf den gleichen Ebenen bewegte sich seine poli­ tische Tätigkeit in der SPD. Volkshoch­ schule, Städtischer Seniorenrat, Sportver­ eine – Betätigungsfelder, die weit über das übliche Maß des nur „Dabeiseins“ hinaus­ gingen. Das ist die e i n e Seite der „Müller­ Medaille“. Das zweite Standbein seines selbstlosen Wirkens für all jene, die oft genug auf dem Abstellgleis des deutschen Wirt­ schaftswunders standen, ist die uneinge­ schränkte Mitarbeit im VdK. Dieser Verband der Kriegs- und Wehrdienstopfer, Behinder­ ten und Sozialrentner Deutschlands hatte in Müller schon 1948 ein aktives Gründungs­ mitglied der Ortsgruppe Schwenningen und des VdK-Kreises Rottweil. Rein optisch besagen 37 Jahre Ortsverbandsvorsitzender und über 20 Jahre zweiter Kreisvorsitzender eigentlich wenig. Aber, was an Leistung, tat­ kräftiger Hilfe und geopferte Freizeit für die Sache der Armen und Ärmsten unserer Gesellschaft dahintersteht, schlicht unvorstellbar. ist Ein bleibendes Denkmal setzte sich Mül­ ler selbst: in Zusammenarbeit mit der GSW Sigmaringen, Bauträgerunternehmen des VdK-Landesverbandes Baden-Württemberg, 151

Ingrid Hasenfratz Bäuerin aus Berufung wurde auf die engagierte Initiative Müllers der Bau von Wohnungen für Schwerbeschä­ digte und Hinterbliebene in Schwenningen zügig fortgeführt. Bis heute sind es im Bereich unserer Stadt 540 Mietwohnungen, die im Augenblick in großem Stil und finan­ ziellem Aufwand erneuert werden! Natürlich schätzen seine unzähligen Freunde sein kompetentes Wissen, sein Frau Ingrid Hasenfratz aus Unterbaldin­ gen steht nicht nur als Bezirksvorsitzende den Landfrauen des ehemaligen Donau­ eschinger Kreises mit 35 Vereinen und 2300 Mitgliedern vor, sondern sie ist noch mit weiteren Ehrenämtern betraut: Beisitzerin im geschäftsführenden Vorstand des Land­ frauenverbandes Südbaden, Freiburg, und Vertretung des Verbandes im Strukturaus­ schuß des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverbandes, Mitglied des Agraraus­ schusses im Deutschen Landfrauenverband. Frau Hasenfratz entstammt einem land­ wirtschaftlichen Betrieb aus Unadingen und ist somit von klein auf der Landwirtschaft verbunden. Sie absolvierte die klassische Ausbildung in der ländlichen Hauswirt­ schaft, erhielt nach einer dreijährigen Ausbil­ dungszeit den Gehilfenbrief und legte J 970 die Meisterinnenprüfung ab. In der Familie leben drei Generationen zusammen. Von den drei Töchtern stehen mittlerweile zwei auf eigenen Beinen. Heute führt sie zusam­ men mit ihrem Mann Erich Hasenfratz einen 40 ha großen Betrieb im Zuerwerb und erlebt hautnah die Probleme und Ver­ änderungen in der Landwirtschaft. Aus diesen Erfahrungen heraus kann sie in der Öffentlichkeitsarbeit die Belange der Bäue­ rinnen und der bäuerlichen Familien über­ zeugend vertreten. Die seit 1949 im Kreisgebiet bestehen­ den und rührigen Ortsvereine ließen Frau 152 glaubhaftes Engagement, seine unerschüt­ terliche Hilfsbereitschaft und sein konse­ quentes Handeln. Die Kraft seiner Ausstrah­ lung läßt so jede Begegnung mit ihm zu einem echten Gewinn werden -ob Freund oder „nur“ Ratsuchender. Und so wurde und ist „Eugen“ eine Institution. Eduard Krohn Hasenfratz den hohen Stellenwert einer organisierten Landfrauenarbeit erkennen, und so regte sie 1971 die Gründung eines Landfrauenvereins in ihrer Heimatgemeinde Unterbaldingen an. Bei der Gründungsver­ sammlung wurde sie zur Vorsitzenden ge­ wählt und hatte dieses Amt bis 1989 -6 Wahl­ perioden lang -inne. Zusammen mit einer aktiven Vorstandschaft entfaltete sich ein reges Vereinsleben mit Vorträgen und Lehr­ gängen über fachliche, berufskundliche, agrar-und gesellschaftspolitische, medizini­ sche Themen, besinnlichen Feiern, Lehr­ fahrten und nicht zu vergessen, mit der

Gestaltung der berühmten Unterbaldinger Frauenfasnet, ein Geheimtip für den Um­ kreis. Nach 18 Jahren übergab Frau Hasen­ fratz einen wohlbestellten Verein ihrer Nachfolgerin, Frau Brigitte Merz, der von 15 Gründungsmitgliedern auf die stattliche Zahl von 66 Frauen angewachsen ist. Dieser Aufwärtstrend ist auch dadurch bedingt, daß die Landfrauenvereine für alle Frauen in den Gemeinden offen sind. Neben dem Ortsvorsitz war Frau Hasen­ fratz ab 1980 Beisitzerin im Bezirksvorstand und ab 1985 Stellvertreterin der damals am­ tierenden Vorsitzenden, Frau Cäcilie Dury. 1988 übernahm sie den Vorsitz. In dieser Eigenschaft obliegen ihr und dem 10 Perso­ nen umfassenden Gremium die Verbands­ arbeit auf Bezirksebene. Es gilt, Fortbil­ dungsmaßnahmen für Landfrauen wie Rhe­ torik-und Presseseminare, mehrtägige Lehr­ fahrten für die Vorstandsfrauen der Ortsver­ eine, die alljährliche große Bezirksversamm­ lung, die Besprechung der Winterarbeit auf Ortsebene, die Beteiligung der Landfrauen bei der Südwestmesse und noch vieles andere mehr zu organisieren und zu leiten. Zwölf hauswirtschaftliche Familienbe­ treuerinnen wurden in einem 150 Stunden umfassenden Lehrgang ausgebildet, um sich für Pflege-und Betreuungsaufgaben in der eigenen Familie vorzubereiten, um qualifi­ zierte Nachbarschaftshilfe leisten oder einer eventuellen außerhäuslichen Tätigkeit nach­ gehen zu können. Die Landesgartenschau 1994 in Bad Dürr­ heim erfordert neue Aktivitäten durch Gestaltung und Anlage eines bäuerlichen Hausgartens. Der Landfrauengarten wird die ganze Ausstellungszeit von den verschiede­ nen Ortsvereinen aus dem ganzen Kreisge­ biet betreut. Was im heimischen Garten wächst, muß auch verwertet werden, und dabei hilft das Kochbuch „Wir essen uns durch’s Gartenjahr“ mit bodenständigen Gerichten, das speziell für die Gartenschau zusammengestellt wird. Ein großes Anliegen von Frau Hasenfratz ist die ständige Weiterbildung der Bäuerin- nen. Es reicht heute für eine Landfrau nicht mehr aus, fachlich versiert die Arbeit in Haus, Stall und Außenbereich zu verrichten. Um verantwortlich mitentscheiden zu kön­ nen, braucht sie Einblicke in die Agrarpoli­ tik, Wissen um die Zukunftschancen der landwirtschaftlichen Betriebe, mögliche Betriebsentwicklungen, soziale Absicherung der bäuerlichen Familie. All dies vermittelte das von ihr ausge­ schriebene 7 Abende umfassende Seminar „Management für Bäuerinnen“. Es wird mit neuen Themen über Buchführung, Daten­ verarbeitung, Lebensmittelqualität und Gen­ technik weitergeführt. Es soll auch bei den Teilnehmerinnen das Selbstvertrauen in die eigenen Kräfte stärken und die Bedeutung des bäuerlichen Berufsstandes für die Ge­ samtbevölkerung bewußt machen. Eine Fülle guter Ideen wollen nicht nur gefunden, sondern auch tatkräftig umgesetzt werden. Dafür ist ein großer Einsatz an Zeit, Kraft und Ausdauer erforderlich. In Frau Hasen­ fratz wurde diese engagierte Vertreterin mit dem Sinn für das Mögliche und Machbare gefunden und mit dem Herzen auf dem rechten Fleck. Gertrud Lindig Sprich nie ein böses Wort, Du könntest es bereuen, Denn viele, da und dort, Wie würden sie sich freuen. Sag‘ nur ein gutes Wort, Das alle mag beglücken, Ganz gleich, an welchem Ort, Voll Liebe und Entzücken. Doch nur das große Wort Sprach Gott, der Herr der Erde, Es dauert immerfort Das erste Wort, es werde. Johannes Hawnert 153 Das Wort

Professor Dr. phil. Gert Böhme ,,Ich freue mich, ihm (Ger/ Böhme), dem Hoch­ begabten, Fleißigen, Pflichtbewußten und Gebil­ deten bestätigen zu können, daß er seinen Lehr­ auftrag vorbildlich ausgeführt und bei seinen Kol­ legen wie bei seinen Studierenden Ansehen genos­ sen hat.“ Ein vorbildlicher Hochschullehrer mit außergewöhnlichen sozialen und gemeinnützigen Verdiensten Am 14. Dezember 1992 erhielt Professor i.R. Dr. Gert Böhme, Furtwangen, aus der Hand des taatssekretärs im Ministerium für Wissenschaft und Forschung des Landes Baden-Württemberg, Josef Dreier, das Ver­ dienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Damit wurde eine jahrzehntelange besonders erfolgreiche Tätigkeit als Hochschullehrer, aber auch die außergewöhnlichen Ver­ dienste von Gert Böhme auf sozialen und gemeinnützigen Gebieten, geehrt. Gert Böhme wurde am 15. 7.1930 als Sohn des Apothekers Herbert Böhme und seiner Ehefrau Margarita, geb. Albrecht, in Dres­ den geboren und daselbst evangelisch getauft. Nach Volksschule und Gymnasium legte er im Sommer 1949 die Reifeprüfung mit dem Ergebnis „sehr gut“ ab. Es schlossen sich an Studium der Mathematik, Physik, Philosophie (Staatsexamen, FU Berlin 1958), Psychologie, Medienpädagogik, Kognitions­ wissenschaft (Dr. phil. Univ. Klagenfurt 1987). 1958 erfolgte die Eheschließung mit Gerlinde von Wichtingen. Von 1958 bis 1959 war Gert Böhme hauptamtlicher Dozent an der Staatlichen Ingenieurschule Eßlingen. Der damalige Direktor Prof. Dipl.-Ing. Meer­ warth schrieb in sein Dienstzeugnis: Von 1959 bis 1960 arbeitete Gert Böhme in der Abteilung Flugmechanik der Firma Bölkow-Entwicklungen in Ottobrunn bei München auf dem Gebiet der Grundlagen­ forschung zur Bahnkinematik gelenkter Flugkörper. Am 1. 4. 1960 wurde er als Dozent an der Staatlichen Ingenieurschule Furtwangen 154 angestellt. Es folgten die Ernennung zum Oberbaurat unter Berufung in das Beamten­ verhältnis auf Probe zum !. 2. 1962, die Ver­ beamtung auf Lebenszeit 1965, die Ernen­ nung zum Professor 1969 und zum Professor als Abteilungsleiter 1971. 1978 erhielt Gert Böhme das Amt eines Professors Besol­ dungsgruppe C3. Zehn Jahre lang hat Gert Böhme zunächst als Dozent im Fachbereich Feinwerktechnik der Staatlichen Ingenieurschule Furtwangen die „Mathematik für Ingenieure“ in der Lehre vertreten und mit „Schaltalgebra“ sowie „Programmieren“ mit verschiedenen Programmiersprachen vor den meisten anderen Ausbildungsstätten die elektroni­ sche Datenverarbeitung als Bestandteil des Ingenieur-Studiums verankert. Nach der Überleitung der Ingenieur­ schule in die Fachhochschule Furtwangen

kamen zu den Lehrveranstaltungen auf ver­ schiedenen Gebieten der Mathematik neue Betätigungsfelder von Gert Böhme in For­ schung und Lehre hinzu, u. a. Informations­ und Codierungstheorie/Formale Sprachen, Präsentationstechnik/Logik und Algorith­ mentheorie, Künstliche Intelligenz, Fuzzy­ logik. Besonders hervorzuheben sind seine fur die Studienkommission für Hochschul­ didaktik durchgeführten Einführungssemi­ nare für neuberufene Professor(inn)en mit den Schwerpunkten Lehrverhaltens-Trai­ ning, Motivations- und Medientechnik sowie seine Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der Kognitionspsychologie. Gert Böhme hat über seine dienstliche Pflichterfüllung als engagierter Hochschul­ lehrer für die Fachgebiete Mathematik und Informatik hinaus außergewöhnliche Ver­ dienste auf vielen sozialen und gemeinnützi­ gen Gebieten für das allgemeine Wohl erworben. Zu erwähnen sind insbesondere Gründung der Studienkommission für Hochschuldidaktik an den Fachhoch­ schulen Baden-Württembergs 1970. Wahl zum Vorsitzenden des Lenkungsaus­ schusses (bis 1982), Mitglied des Lenkungsausschusses bis 8/92. Konzeption und Leitung der hochschul­ didaktischen Einführungskurse für neu berufene Professoren (seit 1981) sowie Betreuung von über hundert hochschul­ didaktischen Forschungsprojekten (seit 1971). für Hochschuldidaktik – Aufbau und Leitung des ersten hoch­ schuleigenen Rechenzentrums mit der IBM 1620 und Einführung von „Program­ mieren“ als obligatorisches Lehrfach in der Feinwerktechnik bereits 1963/64. Entwicklung objektivierter Unterrichts­ einheiten, erste Versuche zu einem com­ puterunterstützten Unterricht 1965/66. 1967 Berufung in den Arbeitskreis „Fern­ studien und programmierter Unterricht“ durch den Kultusminister von Baden­ Württemberg; Mitwirkung am staatlichen Forschungs- und Aktionsprogramm. Berufung in den ad-hoc Ausschuß „Aus­ bildung von DY-Fachkräften“ 1970 des Bundesministeriums für Forschung und Technologie als Vertreter der Ingenieur-/ Fachhochschulen Baden-Württemberg, Mitwirkung am 2. DY-Programm der Bundesregierung. 1971 Gründung des Fachbereichs „Allge­ meine Informatik“ als erster Studiengang dieser Art in der Bundesrepublik; Wahl zu dessen Fachbereichsleiter. 1971 Mitglied des Fachausschusses „Aus­ bildung“ der Gesellschaft für Informatik (GI) als Vertreter der Fachhochschulen (bis 1982); 1973 Wahl zum Vorsitzenden (Sprecher) des Unterausschusses „Fach­ hochschulen“ der GI; Verabschiedung der für die Bundesrepublik ersten „Emp­ fehlungen für ein Informatikstudium an Fachhochschulen“ (1978). Mitbegründer des Studienschwerpunktes ,,Künstliche Intelligenz“ und Mitinitiie­ rung des Studiengangs „Medieninforma­ tik“ an der FH Furtwangen seit 1987. – Veranstaltung vieler Fortbildungslehr­ gänge fur IHK, VDI, Deutsche Bundes­ post, innerbetriebliche Fortbildung bei Firmen u. a. insbesondere auf dem Gebiet EDV, Programmiersprachen, Informa­ tionstheorie, Statistik und Operations Research sowie zahlreiche Vorträge auf diesen Gebieten. – Vorstandsmitglied des Berufsverbandes der Dozenten der baden-württembergi­ schen Ingenieurschulen 1961 und 1962. Zahlreiche Publikationen: Über 50 Ver­ öffentlichungen zur Ingenieur- und In­ formatikausbildung, Datenverarbeitung, Medien- und Fachdidaktik; 10 Lehrbü­ cher (davon 8 bei Springer) zu Mathema­ tischer Logik, Informatik, Analysis, Alge­ bra, Fuzzy-Logik. Mitherausgeber von REPORT (Beiträge zur Hochschuldidak­ tik der Fachhochschulausbildung). Berufung zum Lektor der Evangelischen Landeskirche Baden im Kirchenbezirk Villingen 1980; Verlängerung der Beru­ fung durch den Landesbischof der Evan- 155

Die Konzeption und Realisierung der hochschuldidaktischen Fortbildung (Se­ minare, Projekte etc.) für Professor(inn)en hat überregional zur Verbesserung der Lehre im Hochschulbereich und zur Begrenzung der Studiendauer und der Studienabbrecherquote an Fachhoch­ schulen insbesondere in Baden-Württem­ berg beigetragen. Die FH Furtwangen hat zum Ende des Sommer-Semesters 1992 Gert Böhme in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet. Seine weitere Tätigkeit als Lehrbeauftragter an der Hochschule sowie als Leiter hoch­ schuldidaktischer Fortbildungsseminare auch in den Ländern außerhalb Baden-Württem­ berg zeigen, daß Gert Böhme sich auch im „Ruhestand“ weiterhin für das allgemeine Wohl einsetzt. Prof. Dr. Walter Zahradnik Willi Vollmer gelischen Landeskirche in Baden, Prof. Dr. Klaus Engelhardt, 1986 und 1993 für jeweils weitere sechs Jahre. Prof. Dr. Gert Böhme hat auf mehreren Gebieten hervorragende Leistungen für das allgemeine Wohl erbracht. Gemeinsinn, Sachkenntnis, Tatkraft und Tragweite für das allgemeine Wohl wurden hierbei in beson­ ders hohem Maß bewiesen. Insbesondere sind hierbei zu erwähnen: Mit der Einführung der Datenverarbei­ tung in die Ausbildung von Ingenieuren und der Gründung des ersten selbständi­ gen, zum Diplom-Informatiker (Dipl.­ Inf. Informatik-Stu­ [FH]) führenden diengangs an Fachhochschulen kann Gert Böhme als der „Vater der Informatik“ zumindest an den Fachhochschulen in der Bundesrepublik bezeichnet werden. Ein hochverdienter und beliebter Mitbürger Mit der Aushändigung des Bundesver­ dienstkreuzes am Bande an den Pfohrener Bürger Willi Vollmer am 21. September 1992 im Donaueschinger Rathaus durch Landrat Dr. Gutknecht fand ein im öffentlichen Leben hochverdienter und beliebter Mann Anerkennung und Würdigung. Es ist nicht allein die Summe der aufaddierten ehren­ amtlichen Tätigkeiten, welche eine derartige, vom Bundespräsidenten verliehene hohe Auszeichnung rechtfertigen. Diese Aus­ zeichnung beinhaltet vielmehr eine heraus­ ragende Leistung und Haltung bei persön­ lich tragischem Hintergrund. Ausschlag­ gebend hierfür war wohl sein ungewöhn­ liches Engagement im Bezirksvorstand der Kehlkopflosen. E war der Bundesverbandspräsident des Verbands der Kehlkopflosen, Artur Meh­ ring, der Willi Vollmer für diese Ehrung vor­ schlug. Vom Schicksal selbst betroffen, mußte sich Willi Vollmer vor über acht Jah­ ren der operativen Entfernung des Kehlkop- 156

fes unterziehen, nachdem er an Krebs er­ krankt war. Aufgrund seiner positiven Ein­ stellung zum Leben stellte sich der Vater von sechs Kindern, ehemaliger Frontsoldat und langjähriger Zunftmeister von Pfohren und Vorstandsmitglied der Schwarzwälder Nar­ renvereinigung, den Problemen der völlig veränderten Situation. Er erkannte die Not­ wendigkeit des Zusammenschlusses aller Leidensgenossen, um dadurch eine wirk­ same Vertretung der Interessen gegenüber dem Staat und der Gesellschaft zu erlangen. Im Oktober 1986 wurde er zum Vorsitzen­ den des Bezirksvereins der Kehlkopflosen in Südbaden berufen, der etwa 160 Kehlkopf­ lose, die an den HNO Freiburg und Lahr operiert wurden, betreut. Infolge des großen Einzugsbereichs ist er gezwungen, zur Betreuung seiner ihm anvertrauten Mitglie­ der weite Strecken zurückzulegen. Sein Wir­ ken vollzog sich in aller Stille und nur wenige wußten von seinem schweren Amt. Viele seiner Schicksalsgenossen leiden angesichts ihres Handicaps, ohne Kehlkopf sich sprachlich mitzuteilen. Für Willi Voll­ mer, der diese Hemmschwelle mit großer Energie und angeborener Lebensbejahung zu überwinden versuchte, war diese Proble­ matik nur anfangs ein Hinderungsgrund für sein öffentliches Engagement. Sicherlich war ihm, der am 23. Mai 1925 als Sohn des Bahnbeamten Raimund Vollmer und dessen Frau Amalie geborene Harter in Halbmeil (Gemeinde Kinzigtal) das Licht der Welt erblickte, die reiche Erfahrung aus verschie­ denen exponierten Ämtern eine gute Grund­ lage. Als er1947 infolge der dienstlichen Ver­ setzung seines Vaters als Bahnhofsvorstand nach Pfohren kam, wo er sich mit Agathe Schöndienst vermählte, hatte er bereits seit 1943 eine Lehre als Werkzeugmacher in den Industriewerken in Hornberg absolviert. Anschließend wurde der knapp 18jährige zum damaligen Reichsarbeitsdienst und Ende desselben Jahres zum Wehrdienst ein­ berufen. Bei seinem Einsatz an der Inva­ sionsfront in der Normandie geriet der junge Soldat am 1. August 1944 bei St. Lo in ameri- Dort begann sein eigentliches Berufsle­ ben, nachdem er schon im Monat März als Werkzeugmacher im Traktorenwerk Kramer in Gutmadingen die Arbeit aufnahm. Nach Tätigkeiten in der Reparaturabteilung, im Versuchswesen und im Außendienst wurde der tüchtige Fachmann 1956 mit der Leitung des Ersatzteillagers und der Kundendienst­ abteilung betraut. Es oblag ihm die Verant­ wortung für die Bereitstellung von Ersatztei­ len von über 100.000 verkauften Schleppern und damit verbunden der überregionale Ein­ satz der Kundendienstmonteure in Deutsch­ land und im westlichen Europa. 1978 erwei­ terte sich sein Aufgabenbereich zusätzlich um die Leitung des Zentralla�ers für Bau­ maschinen und Schlepper in Uberlingen. Auf dem Höhepunkt seines Schaffens ereilte ihn das Schicksal einer Tumorerkran­ kung am Kehlkopf. Nach 39 Dienstjahren sah er sich gezwungen, Anfang 1986 aus sei­ nem Arbeitsverhältnis bei der Firma Kramer auszuscheiden. kanische Gefangenschaft, aus der er am 17.Januar 1947 in seine noch neue Heimat Pfohren zurückkehrte. Bei seinem berufsbedingten reichhaltigen Pflichtenbereich fand Willi Vollmer noch Zeit und die Kraft, sich stark im örtlichen Vereinsleben zu engagieren, so 1949 als Mitbegründer des Fußballvereins, dessen Schriftführer er acht und 1. Vorsitzender vier­ zehn Jahre war. 1976 ernannte man Willi Vollmer, der u. a. Inhaber der Landesehren­ nadel des Landes Baden-Württemberg ist und heute noch als Pressewart fungiert, zum Ehrenvorsitzenden. Als 1953 der Pfohrener Narrenverein – die „Schnuferzunft“ – ins Leben gerufen wurde, war Willi Vollmer mit von der Partie, als Narrenvater und Kassierer und zuletzt als Zunftmeister von 1971 bis 1976. Seit 1972 stellte er außerdem seine jour­ nalistischen Fähigkeiten als Chronist und Mitglied des Präsidiums der Schwarzwälder Narrenvereinigung, die ihn bei seiner Verab­ schiedung 1990 zum Erznarr ernannte, in den Dienst heimatlicher Brauchtumspflege. Franz Gottwalt 157

Julius Naegele Ein Mann, der aus der jüngeren Baugeschichte seiner Heimatstadt nicht wegzudenken ist musterten mich aufmerksam und voller Interesse, und ich hatte sofort den Eindruck, daß man sich auf den Mann verlassen könne. Der Ein­ druck hat nicht getrogen. Zuverlässigkeit, Standfe­ stigkeit und Loyalität gehö­ ren zu den herausragenden Eigenschaften von Julius Naegele. Einer übernomme­ nen Aufgabe hat er sich stets mit ganzer Kraft verschrie­ ben. Seine Persönlichkeit ruht auf fest ausgeprägten Anschauungen, die er sich durch nichts erschüttern läßt. In seiner Heimatstadt ist er fest verwurzelt. Ihr mit Hin­ gabe und in Treue zu dienen war für ihn Erfüllung in einem langen Berufsleben. In das solchermaßen von Bodenständigkeit solider geprägte Persönlichkeit bild vonJulius Naegele paßt seine Herkunft aus einer alten Vil­ linger Handwerkerfamilie. Vor 82 Jahren ist er im elterli­ chen I laus am Klosterring zur Welt gekommen. Dort betrieb sein Vater eine Schlosserei, die der Bruder später über­ nommen hat, und die erste Villinger Fahr­ radhandlung. Dort wuchs er im Angesicht der Stadtmauer und des Oberen Tores auf. Abitur und Studienwahl fielen in die wirt­ schaftlich schwere Zeit Ende der zwanziger Jahre.Julius Naegele wählte das Studium der Architektur und zusätzlich die Ausbildung für das Höhere Lehramt an Gewerbeschulen. Angesichts des wachsenden Heeres arbeits­ loser Akademiker schien diese Kombination dem technisch begabten jungen Mann eine Chance für eine spätere Beschäftigung zu Es gibt Persönlichkeiten, die sich einem selbst dann einprägen, wenn man ihnen nur ein einziges Mal begegnet i t.Julius Naegele gehört zu ihnen. Deshalb ist es kein Wunder, daß ich mich noch nach mehr als 30 Jahren an unser erstes Zusammentreffen, an Zeit, Ort und Anlaß erinnere, als wenn es erst wenige Tage zurückläge. Wir sahen uns im Villinger Rathaus vor einer Ausschußsitzung zum Nachtragshaushaltsplan 1962, zu der ich, als Bürgermeister schon gewählt, aber noch nicht im Amt, eingeladen worden war. Julius Naegele begrüßte mich mit festem Händedruck. Zwei freundliche Augen 158

bieten. An der Technischen Hochschule Karlsruhe hat er fleißig studiert, sich aber auch immer wieder mit seiner Heimatstadt beschäftigt. Eine seiner Studienarbeiten betraf das Niedere Tor und die städtebau­ liche Lücke, die dort vor eineinhalb Jahrhun­ derten geschlagen worden war. Das Problem harrt bekanntlich noch heute der Lösung. Die Erwartungen, die Julius Naegele bei seiner Studienwahl gehegt hatte, erwiesen sich als trügerisch. Nach Ablegung der Diplomprüfung und der Prüfung für das Lehramt gab es für den Schuldienst eine mehrjährige Warteliste. In seiner Heimat­ stadt aber bot sich ihm kurzfristig die Gele­ genheit zu einer zunächst aushilfsweisen Beschäftigung beim Stadtbauamt. Er ergriff sie und trat im Sommer 1934 ein, und in den Jahren der langsamen wirtschaftlichen Erho­ lung bis zum Kriegsausbruch 1939 wurden ihm bald wichtige und interessante Aufga­ ben übertragen. Villingen wollte Kneipp­ Kurstadt werden, und der Bau des Kurgar­ tens, des Kneipp-Schwimmbades und der Um- und Ausbau des früheren Waldhotels zu einem Kursanatorium (heute Kur- und Freizeitheim Tannenhöhe) gehörten zu sei­ nen Aufgaben ebenso wie der Umbau der von der Stadt erworbenen VillaJunghans im Warenbachtal zum Kinderkrankenhaus und der Bau der Johanna-Schwer-Kindertages­ stätte. Jäh wurde die Arbeit durch die Einberu­ fung des Achtundzwanzigjährigen zum Wehrdienst im August 1939 abgebrochen. Er machte den Frankreich-Feldzug mit und wurde im September 1942 zum Einsatz als Bauleiter beim Chemiekonzern IG Farben (heutige Nachfolgefirmen BASF, Bayer und Hoechst) abkommandiert. Er kam im Hydrierwerk Heydebreck in Oberschlesien, einem Schlüsselbetrieb für die Herstellung von synthetischem Benzin, und zuletzt in einem Werk bei Nordhausen im Harz zum Einsatz. Dort erlebte er das Kriegsende, und von dort machte er sich mit seiner späteren Frau Alice, die mit dem letzten Zug Berlin verlassen hatte, zu Fuß auf den Weg in die Heimat. Die lange Wanderung und die Umstände, unter denen er schließlich im Juli 1945 Villingen erreichte, ohne von den auf alle jüngeren Männer zwecks Abtransport in die Kriegsgefangenschaft Jagd machenden Franzosen erwischt worden zu sein, waren abenteuerlich, aber es ist kennzeichnend für Julius Naegele, daß er trotz allem sein Ziel mit Umsicht und Beharrlichkeit verfolgte und erreichte. Schon Mitte Juli 1945 tat Julius Naegele wieder Dienst beim Stadtbauamt, zuerst als angestellter Diplom-Ingenieur, dann ab Dezember 1953 als Stadtbaurat und Amts­ leiter. Diese 3 Jahrzehnte beruflicher Tätig­ keit prägten ihn, und er prägte das Gesicht der Stadt direkt und indirekt entscheidend mit. Waren es zunächst nur Arbeiten für die französische Besatzungsmacht in den Kaser­ nen und den requirierten Gebäuden, kam nach der Gründung der Bundesrepublik im Jahre 1949 ein bis dahin nie gekannter Bau­ boom auf die Stadt zu. Bis in den Anfang der siebziger Jahre hinein wurden in Villingen jährlich 400 bis 500 Wohnungen gebaut, denn die Wohnungsnot war groß, der Bedarf der aufstrebenden Industrie an Fachkräften enorm und der Zustrom von Vertriebenen und Flüchtlingen, die nach Arbeit, Brot und einem Dach über dem Kopf suchten, für heutige Verhältnisse unvorstellbar. Villingen wuchs Jahr für Jahr um rund 1000 Einwoh­ ner, bis es schließlich seine Einwohnerzahl von 17.000 bei Kriegsende auf rund 38.000 im Jahre 1972 mehr als verdoppelt hatte. Auf eine solche Entwicklung war die Stadt in keiner Weise vorbereitet. Es galt, im Eiltempo Bebauungspläne aufzustellen, Bau­ gebiete zu erschließen und einen gewaltigen Nachholbedarf und Neubedarf an öffent­ licher Infrastruktur aller Art zu befriedigen. Auch als Bauherr im sozialen Wohnungsbau engagierte sich die Stadt in großem Umfang, und das alles war mit einer nur langsam wachsenden Mitarbeiterzahl zu bewältigen. Erst 1967 wurden die Bauamtsabteilungen Tiefbau sowie Sport- und Grünanlagen aus seiner Verantwortung entlassen, und schließ- 159

lieh folgte 1973 nach der Städtefusion auch die Stadtplanung in die Selbständigkeit des besonderen Amtes. Vier Jahre lang leiteteJulius Naegele dann als Oberbaudirektor das Ho hbauamt der gemeinsamen Stadt, bis er 1976 in den Ruhestand trat. Eine große Zahl von Neu-, Um- und Ausbauten aller Größenordnungen sind in Villingen unter seiner Leitung geplant und gebaut worden, darunter das Krankenhaus und das Kinderkrankenhaus, beides zum Zeitpunkt ihrer Errichtung beispielhafte Bauten. Sie tragen zu einem erheblichen Teil seine persönliche Handschrift. Hinzu kom­ men zahlreiche nach der Städtefusion errich­ tete Bauten in Schwenningen und in den ein­ gemeindeten Ortschaften, deren er sich mit gleicher Energie annahm. Dabei war Spar­ samkeit, die manch einer heut als Zwang empfindet, für ihn stets eine Tugend. Groß ist auch die Zahl von Bauwerken, die in seiner Ägide von freien Architekten nach Wettbewerbsentscheidungen errichtet wurden. Ihr Gelingen hing wesentlich von Aufgabenformulierung und -programmie­ rung ab, dieJ ulius Naegele aus seiner reichen Erfahrung heraus souverän erledigte, und ihre Detailplanung und Realisierung hat er, stets auf das Wohl der Stadt bedacht, mit Umsicht und großem persönlichen Einsatz begleitet. Dazu zählen u. a. das Villinger Hallenbad, Umbau und Erweiterung des Theaters am Ring, das neue Heilig-Geist­ Spital und mehr als ein Dutzend Schulen, Kindergärten, Turn- und Sporthallen. Zuletzt hat er noch die ersten planerischen Grundüberlegungen zur Sanierung und zum Ausbau des alten Franziskanerklosters zum Konzerthaus und Museum zu Papier ge­ bracht. Schließlich hat Julius Naegele 35 Jahre lang als Vorstandsmitglied der Baugenos en­ schaft Villingen gewirkt und Wesentliches zu deren reger Aktivität im Gemeinnützigen Wohnungsbau beigetragen. Julius Naegele war aber nicht nur 3 Jahr­ zehnte lang ein „Macher“. Er war -wie 160 könnte es aus seiner inneren Einstellung und Heimatverbundenheit heraus anders sein – auch ein Bewahrer. Seit 1949 war er in Villin­ gen Denkmalpfleger, und wenn in den stür­ mischen Jahren des Aufbaues und der Expansion mit noch weithin geringer Sensi­ bilität für Anliegen des Denkmalschutzes und noch recht bescheidenem rechtlichem Instrumentarium zu seiner Durchsetzung weite Teile der Villinger Innenstadt in ihren stadtbildprägenden Zügen erhalten werden konnten, so ist das zu einem guten Teil seinem engagierten und standhaften Eintre­ ten gegenüber manchem betont funktional und kostenorientiert denkenden Bauherren und Architekten der damaligen Zeit zu ver­ danken. Selten hat ihm das Beifall eingetra­ gen. Gekümmert hat es ihn wenig. Mittlerweile hat Julius Naegele die Acht­ zig überschritten. Der wackere Streiter und gelegentliche Polterer ist er geblieben. Kürz­ lich hat er mir verraten, er habe sich vorge­ nommen, jeden Tag eine Stunde Holz zu hacken (wie der abgedankte Kaiser Wilhelm in seinem holländischen Exil), und er reist immer noch gern, wenngleich nie im Flug­ zeug (dagegen hat er eine Aversion, seit er in Oberschlesien, als beobachtender Bauleiter über dem riesigen Werksgelände in einem Fesselballon sitzend, hilflos einen Jagd­ bomberangriff erlebt hat). Es seien ihm noch viele gehackte Ster Holz und viele chöne Reisen vergönnt! Max Müller Schau mich nicht an! Ich bin ein Stolperstein auf deinem Weg, ein Kiesel, der Regenfeuchte glänzen macht, Katzengold, das in der Sonne flirrt – unbequem und nutzlos in deinem geordneten Leben. Schau mich ni ht an! Christiana Steger Ordnung

Helmut Müller Die Feuerwehr war sein Leben Nach längerer mit großer Geduld ertra­ gener Krankheit hat Helmut Müller am 28. Mai 1990 im Alter von 63 Jahren die Augen für immer geschlossen. Damit verlor die Feuerwehr Blumberg ihren Stadtbrand­ meister und die Feuerwehren des Schwarz­ wald-Baar-Kreises ihren langjährigen stell­ vertretenden Kreisbrandmeister, aber dar­ über hinaus einen überall beliebten und hochgeschätzten Feuerwehrkameraden. Am 28. August 1927 in Blumberg gebo­ ren, wurde er nach der schulischen Ausbil­ dung 1944 noch Soldat, kam 1945 in Ge­ fangenschaft, kehrte aber im gleichen Jahr in die Heimat zurück. 1946 begann er eine Verwaltungslehre bei der AOK Donau­ eschingen und wurde anschließend in das Angestellten- und später in das Beamtenver­ hältnis übernommen. Zu seiner größten Aufgabe zählte in seiner beruflichen Lauf­ bahn der Aufbau der AOK-Geschäftsstelle in Blumberg, welcher er auch bis zu seiner vor­ zeitigen Pensionierung im September 1989 als Leiter vorstand. Der zweite Beruf von Helmut Müller war zweifellos der Dienst in der Freiwilligen Feuerwehr, der er schon als Schüler in den ersten Kriegsjahren angehörte. Auch nach dem Kriege zählte er zu der kleinen Truppe, welche von den Besatzungsmächten geneh­ migt wurde, um die Feuerwehr Blumberg wieder aufzubauen. Er wurde bald Gruppen­ führer und besuchte in der Folgezeit eine Vielzahl von Lehrgängen in allen Bereichen der Feuerwehr. Bereits im Jahre 1961 über­ nahm er das Kommando der Freiwilligen Feuerwehr Blumberg und des Löschzuges Randen. Es war stets sein Bestreben, die Einsatz­ bereitschaft der Wehr von Jahr zu Jahr aus­ zubauen. Dies geschah durch intensive Aus­ bildung, aber auch durch die Anschaffung und Bereitstellung der erforderlichen Fahr­ zeuge und Geräte. Ein von Müller langgehegter Wunsch ging mit dem Bau des Feuerwehrgerätehau­ ses in den Jahren 1970/71 in Erfüllung. Neuen Formen stellte sich Helmut Müller im Zuge der Gemeindereform. Er wurde 1974 Kommandant der Gesamtwehr Blumberg mit neun Feuerwehrabteilungen und einer Gesamtstärke von rund 400 Feuerwehran­ gehörigen. Seine Führungsqualitäten und Fachkenntnisse wurden von den Abteilungs­ wehren stets anerkannt und respektiert. Er setzte sich für deren Selbständigkeit und eine bessere Ausbildung und Ausrüstung ein. Ihm waren die Sorgen und Nöte seiner Feuerwehrabteilungen bekannt, und er ver­ suchte immer ein gerechter Kommandant für alle Abteilungen zu sein. Seine Anliegen fanden auch stets bei Bürgermeister und Gemeinderat ein offenes Ohr. Aber auch der Nachwuchs lag ihm am Herzen, und so konnte auf seine Initiative hin 1983 in Blumberg eine Jugendfeuerwehr gegründet werden, nachdem im Stadtteil Fützen schon seit einigen Jahren eine Jugendfeuerwehr bestand. 161

Nach der Gründung des neuen Land­ kreises Schwarzwald-Baar im Jahre 1973 wurde Helmut Müller zum stellvertretenden Kreisbrandmeister bestellt. Von 1973 bis zu seinem Tode im Jahre 1990, also 17 Jahre lang, nahm Helmut Müller auch diese Auf­ gabe wahr. Als stellvertretender Vorsitzender des Kreisfeuerwehrverbandes half er maßgeblich mit, daß die beiden ehemaligen Kreisver­ bände Donaue chingen und Villingen gut zusammengewachsen sind. Auch bei den Jugendfeuerwehren des Landkreises war er sehr beliebt. [ mmer setzte er sich für die Belange der Jugendfeuerweh­ ren ein, und es gab selten eine Veranstaltung der Jugend, an welcher l lelmut Müller nicht teilnahm und so seine Verbundenheit zum Nachwuchs der Feuerwehr zeigte. Für den Landkreis war Helmut Müller im Bereich des Katastrophenschutzes ein un­ entbehrlicher Sachkenner. Als Fachberater oder Einsatzleiter verfügte er auch auf die­ sem Gebiet über ein großes Fachwissen und er war immer bereit, hier mitzuarbeiten. Weit über die engeren Grenzen hinaus war Helmut Müller als versierter Schieds­ richter für die Leistungswettbewerbe der Feuerwehren bekannt. Zahlreiche Ehrungen des Landes- aber auch des Deutschen Feuer­ wehrverbandes wurden ihm zuteil. Doch Helmut Müller war nicht nur in der Feuerwehr aktiv. So war er über 40 Jahre im Männergesangverein und im Kirchenchor als aktiver Sänger tätig. Auch bei den Feuer­ wehren erinnert man sich heute noch gerne, wenn Kamerad Müller in froher Runde seine schöne Stimme erklingen ließ. Weiter war er über 25 Jahre aktives Mitglied der Narrenge- ellschaft und 10 Jahre Vorsitzender des Elternbeirates. Trotz all seiner vielfältigen Aufgaben für die Gemeinschaft und Allgemeinheit galt seine ganze Sorge und Liebe seiner Familie. Helmut Müller war ein Mann mit gesun­ der Urteilskraft und großer Geradlinigkeit. Er besaß ein hohes Maß an Verantwortungs­ bewußtsein und Pflichtgefühl für die Allge­ meinheit. Mit seinem fundierten Fachwis­ sen, seiner Kameradschaft und seiner mensch­ lichen Herzlichkeit war er bei seiner Feuer­ wehr und den Feuerwehren des Schwarz­ wald-Baar-Kreises nicht nur eine Führungs­ persönlichkeit, sondern ein wahrer Freund und Ratgeber, ein hochgeschätzter Feuer­ Manfred Bau wehrkamerad. Hubert Fleig Ortsvorsteher mit Fortune Über das Glück in der Weltgeschichte ist schon geschrieben worden, ob auch über das Glück eines Dorfes? Zu dem vielen, was dazu beitragen kann und was man heute günstige politische und wirtschaftliche Rahmenbedin­ gungen zu nennen pflegt, gehört gewiß auch, daß die Geschicke eines Gemeinwesens, auch eines kleinen, je und je vom rechten Menschen gelenkt werden, einem Bürger­ meister oder seit der Gemeindereform einem Ortsvorsteher, der sein Amt aus Berufung ausfüllt. Gremmelsbach darf sich mit Hubert Fleig dieses Glücks rühmen. Unbestritten vereinigt er in seinem Wesen alle geistigen 162 und charakterlichen Eigenschaften, um die Gemeindeverwaltung zu leiten, die Entwick­ lung seines Heimatdorfes voranzubringen und ihm zukunftsweisende Orientierung zu geben. Ihm war immer die nötige Energie eigen, die Interessen seiner Gemeinde ver­ antwortungsvoll zu vertreten, der Bürger- inn, in hohem Grade ein fachmännisches Wissen, die Gabe, sich auf neue Situationen einzustellen, Chancen beherzt zu ergreifen, das Talent, in der Unterhaltung, in Diskus­ sionen, in Sitzungen am Ratstisch und in Ansprachen aus dem Stegreif das rechte Wort zur rechten Zeit, das gescheite, liebens-

werte, humorvolle, verbindliche Wort zu fin­ den, den guten Rat für jedermann, gegeben war ihm auch die Freude am Schaffen und eine Vitalität, die ihm bis ins siebte Jahrzehnt erhalten blieb und – wir wünschen es ihm – darüber hinaus erhalten bleiben möge, und endlich die Erfahrung, die ihn befähigte, seiner Gemeinde so lange an erster Stelle zu dienen. Nichts enttäuscht ihn so wie die Ohne­ mich-Haltung. Sein Verständnis von Demo­ kratie ist nicht das des gleichgültigen oder kritischen Beobachters, der bestenfalls noch sein Wahlrecht in Anspruch nimmt, Demo­ kratie ist für ihn ein hohes Gut, das vom Mit­ tun ihrer Bürger lebt, dringend der urteils­ fähigen, zur Verantwortung bereiten Bürger bedarf. Er ließ sich von der Politik in die Pflicht nehmen, wohlwissend, daß die Welt nur von denen bewegt wird, die mehr tun, als sie tun müssen. Bis ins Innerste hat Hubert Fleig die gemeinschaftsstiftende Macht der Kirche verstanden. Die Teilnahme am kirchlichen Leben, an den Flurprozessionen, ist für ihn eine Selbstverständlichkeit. Er ist schon in jungen Jahren Mitglied des katholischen Kir­ chenchores in der Tenorstimme geworden und geblieben. Er ist – auch dies über viele Jahre hinweg – sein Kassenführer. Als es noch eine Chance gab, einen eigenen Orts­ geistlichen zu bekommen, setzte er sich dafür ein – mit Erfolg. Er steht auf festem christlichem Fundament. Hubert Fleig wurde es nicht an der Wiege gesungen, daß er einen großen Teil seines Lebens an so prominenter Stelle stehen würde. Im oberen Leutschenbach war er zu Hause, in einem Hof, der über Generationen hinweg zwei Familien Heimat bot, bis er ein Raub der Flammen wurde. Bäuerlichen Wurzeln ist er entsprossen, bäuerlicher Tra­ dition, er war Hütebub auf dem kleinen elter­ lichen Hof und sammelte, wie es damals üblich war, im Sommer in den Wäldern Heidelbeeren, und der Landwirtschaft ist er bis zum heutigen Tag mit Leib und Seele verbunden. Während des Dritten Reichs und auch noch danach verfügten andere über sein Leben. Nachdem er in der „Steinbissäge“ den Beruf des Sägewerkers erlernt hatte, wurde er im Februar 1941 zum Arbeitsdienst eingezogen. In Heilfingen bei Herrenberg wurde ein Flugplatz angelegt, wofür die Drai­ nage einzubauen war, harte Arbeit, zu der auch noch das Exerzieren kam. Im Herbst des gleichen Jahres wurde Hubert Fleig Rekrut bei der Wehrmacht, es war haupt­ sächlich Waffenausbildung. Innerhalb des Reichsgebietes waren dann Städte, Flug­ plätze, Wasserstraßen und Schleusen zu schützen. Er sollte das Grauen und die Erschöpfung des Krieges noch kennenler­ nen. Nach der Invasion mußte er die West­ front verteidigen helfen, doch es war ein ein­ ziger Rückzug bis zur Gefangennahme in Chieming am Chiemsee durch französische Truppen. Eine Woche saßen die Gefange­ nen, jeder Witterung ausgesetzt, völlig durchnäßt, im Freien auf ihren Habseligkei­ ten, bis sie mit Großtransportern nach Frankreich verbracht wurden. Das Essen im 163

Lager war schlecht. Erst auf dem Bauernhof der Familie Coulon in Laigne en Belin im Departement Sarte ging es Hubert Fleig bes­ ser. Sehr schnell erkannte man dort seinen Fleiß und seine Re htschaffenheit und lud ihn an den eigenen Tisch. Freundschaft ent­ stand, sie wuchs und gedieh zwischen den Familien, jetzt schon in der zweiten Genera­ tion, und zu allen festlichen Anlässen besucht man sich gegenseitig – ist ein beglückenderes Beispiel für Völkerfreund­ schaft denkbar? 1948 kehrte er in die Heimat zurück. 1951 heiratete er Anneliese Fleig auf dem Hinte­ ren Steinbishof. 1958 wurde er in Gremmel – bach Ratschreiber, dafür absolvierte er mit Erfolg einen Verwaltungslehrgang von einem Vierteljahr Dauer zur Ratschreiber­ dienstprüfung, 8 Jahre später wählten ihn die Bürgerinnen und Bürger Gremmelsbachs mit großer Mehrheit zum Bürgermeister, obwohl er sich nicht offiziell um das Amt bewarb. Es ist unmöglich, all die vielen kleinen und großen Dinge, die im Leben einer Gemeinde anstehen und zur Verwirklichung drängen, aufzuzählen. Doch die bedeutend­ sten sollen genannt werden, denn sie können zeigen, wie sich in seinen Jahrzehnten ein Schwarzwalddorf zu seinem Vorteil verän­ dern und mit der allgemeinen Entwicklung Schritt halten konnte. Schon als Ratschrei­ ber hatte er am Neubau des Schulhauses maßgebenden Anteil (1966), ein lange Zeit hindurch aktuelles Thema war der Bau der Gemeindeverbindungsstraßen (21 km) und der Bau der Hofanschlüsse (ca. 6 km). Auf seinen Vorschlag hin wurden – ein Beispiel für zweckmäßiges Arbeiten – bei der Elektri­ fizierung die alten Schottersteine als Bauma­ terial für die staubfreien Straßen verwendet. Die Müllabfuhr wurde 1968 in Gang gebracht, das Neubaugebiet „Sommerberg“ wurde 1972 eingerichtet, im gleichen Jahr erhielt das Ortszentrum eine Straßenbe­ leuchtung, die eingebrochene Rößlebrücke mußte durch eine neue ersetzt werden. Die Aussegnungshalle wurde vor der Eingemein- 164 dung gebaut, e111e große organisatorische Leistung, da zur Kostendeckung zwei gemeindeeigene Häuser verkauft werden mußten, gleichzeitig wurde der Friedhof ein stückweit saniert. Schon bald nach der Ein­ gemeindung wurde die Abwasserkanalisa­ tion im Trennsystem gebaut. Auf Vor chlag der Kommission „Unser Dorf soll schöner werden“ wurde der Dorfbrunnen mit gutem Seelenwaldwasser inmitten einer Pflanzung aufgestellt, ein wahres Schmuckstück, seit 1990 ziert ein weiterer Brunnen die Mitte des Friedhofs, und im glei hen Jahr wurde auch über den Kreisbach �ellwasser vom Hei­ densteingebiet nach Gremmelsbach geleitet. Eines seiner letzten Unternehmungen in sei­ ner Amtszeit war die Sanierung des unteren Friedhofsfeldes. Der Verschönerung der Hei­ mat galt sein besonderes Augenmerk. Bei alledem legte Hubert Fleig immer Wert dar­ auf, daß alles unbürokratisch und in friedli­ chem Einvernehmen mit der Bürgerschaft, dem Gemeinderat, Stadtrat, Ortschaftsrat und den örtlichen Vereinen abgewickelt wurde. Und wie könnte man es versäumen, die vielen Einzelgesprä he im Ratszimmer zu erwähnen, wo er in konkreten Fragen Hilfe leisten konnte? Ohne eigentlich Ren­ tenberater zu sein, wußte er die Bürger doch fachmännisch in ihren Rentenangelegenhei­ ten zu beraten und komplizierte Antragsfor­ mulare auszufüllen. Seine Jahre, in denen er für seine Mitbürger arbeitete, waren Jahre des sichtbaren, kontinuierlichen Aufschwungs. Schwer wurde ihm sein Amt nur einmal, als nach dem Willen von Landesregierung und -gesetzgeber die Eingemeindung Grem­ melsbachs zur Stadt Triberg vollzogen wer­ den mußte. Doch auch danach verweigerte er sich nicht und vertrat die Interessen Grem­ melsbachs und der gemeinsamen Stadt im Gemeinderat Triberg (auf der Seite der FB/FW-Fraktion), und er war kein „Hinter­ bänkler“. Die Stadt ehrte ihn für sein lang­ jähriges Wirken mit der Bürgermedaille in Gold. In diesen Jahrzehnten litt Familie und Landwirtschaft auf dem Hinteren Steinbis-

hof keine Vernachlässigung, Schritt um Schritt wurde der Hof erneuert, Familie Fleig gehörte zu den ersten, die „Ferien auf dem BauernhoP‘ anboten. Sie baute sich ein hüb­ sches Leibgedinghaus im Schwarzwaldstil, das auch Gästen eine angenehme Bleibe bie­ tet. Um der Wassernot ein Ende zu setzen, ließ Hubert Fleig am Hang über dem Haus 1972 zwei Quellen fassen, 1992 eine weitere unter dem Haus. Bei aller Anstrengung auf dem Hof, wo, wie man früher sagte, ,,nur die Tischplatte eben ist“: die Arbeit in Feld und Stall, im Wald und auf der W iese war für ihn ein Jungbrunnen. Gepflegt ist das ganze Hof- areal, dank seiner und seiner Ehefrau unab­ lässigen Mühewaltung. Dem Leben auf dem Hof will er sich nun wieder ganz widmen. 1993 schien ihm der Zeitpunkt erreicht, kom­ munal politische Entscheidungen in jüngere Hände zu legen und den Feierabend begin­ nen zu lassen. Wenn er sich nun auf seinen Ruhesitz begibt und auf sein erfülltes Leben blickt, darf er sich zufrieden zurücklehnen und fühlen, was jeder Gremmelsbacher denkt: Hubert Fleig hat sich um Gremmels­ bach – und darüber hinaus – verdient gemacht. Karl Volk Karl Dilger Handwerker und engagierter Bürger Die Landschaft prägt ihre Menschen und formt sie. Mit dem Einschlag eines Schwarz­ wälder Tüftlers, schaffig, geradlinig, tradi­ tionsbewußt nach der Art der Baaremer Bauern, so ist Karl Dilger, Handwerker und engagierter Bürger. Als Sohn des Mechanikermeisters Wil­ helm Dilger und dessen Ehefrau Sophie geborene Rothweiler, Tochter eines alten Donaueschinger Bauerngeschlechts, erblickte er am 25. Februar 1926 das Licht der Welt. Aufgewachsen in einer Familie mit einer Schwester und zwei Brüdern, besuchte der heranwachsende älteste Sohn Karl die Volks­ schule, doch schon im letzten Schuljahr setzte die Zeit ihre Zeichen, der 2. Weltkrieg war ausgebrochen. Durch den Krieg bedingt, begann er eine Mechanikerlehre im väterlichen Betrieb, die im Februar 1943 mit der Gesellenprüfung endete. Schon im August 1943 wurde der junge Mechaniker zum Reichsarbeitsdienst nach Ettenheim bei Lahr einberufen. Nach 3monatiger Arbeitsdienstzeit im November 1943 kam er zur Luftwaffe und wurde der Flugabwehr zugeteilt. Das Kriegsgeschehen führte den jungen Soldaten Karl Dilger in die Tschechoslowa- kei, nach Holland und Rußland, zuletzt auch nach Frankreich. 1945 kam er in französische Gefangen­ schaft und war bis zu seiner Entlassung 1948 in einem Gefangenenlager in Nordfrank­ reich, wo er bei einer Genieeinheit als Mechaniker arbeiten mußte. 165

Nach der glücklichen Heimkehr fand er wieder Arbeit und Brot im Handwerksbe­ trieb seines Vaters. Als recht chaffener Handwerker legte er am 12. April 1951 die Meisterprüfung als Mechaniker vor der Handwerkskammer in Konstanz ab. Als gestandener Handwerksmeister schloß er 1953 seine Ehe mit der gebürtigen Donaueschingerin Meta Schreiber. Aus die­ ser Ehe gingen zwei Töchter hervor, die heute ebenfalls verheiratet sind. Mit 38 Jahren übernahm Karl Dilger 1964 den väterlichen Betrieb. Sein Großvater Karl Dilger, gebürtig au Oberbränd, gründete 1898 in Donaueschin­ gen eine Mechanische Werkstätte, die sich im Laufe der Jahrzehnte zum Handwerkli­ chen Maschinenbau entwickelte. Großvater und Vater Wilhelm Dilger, ein ebenfalls hochgeachteter Handwerksmei­ ster, arbeiteten an der Entwicklung von Holzbearbeitungsmaschinen. Sohn Karl befaßte sich nach der Betriebs­ übernahme mit Bürsten-Holzbearbeitungs­ maschinen mit erfolgreichem Export nach Südamerika. Für die heimische Industrie lie­ ferte die Firma Dilger Vorrichtungen und Formen. Ab 1964 befaßte sich die Firma mit Holz­ aufbereitungsmaschinen, zuerst stationär dann auch fahrbar, welche im heimischen Bereich zum Einsatz kamen. Im übrigen stand der Betrieb auch weiter­ hin dem Handwerk und der mittleren Indu­ strie für mechanische Arbeiten zur Verfü­ gung. Nicht nur der eigene Betrieb, sondern auch der Berufsstand lag Karl Dilger am Her­ zen. Über 30 Jahre war er in der Innung als Beisitzer für die Gesellen-und Meisterprü­ fung tätig, war jahrelang Prüfungsvorsitzen­ der, stellvertretender Obermeister und 3 Jahre lang Obermeister der Mechaniker und Schmiede-Innung des ehemaligen Landkrei­ ses Donaueschingen. Nach der Kreisreform wurde die Donau­ eschinger Innung der Metall-Innung des 166 Brauchtum. neuen Landkreises Schwarzwald-Baar ange­ gliedert, und Karl Dilger hatte weiter 4 Jahre die Stelle als stellvertretender Obermeister inne. Über viele Jahre hinweg war er auch im Vorstand der Kreishandwerkerschaft. Sein größtes Anliegen war immer die hand­ werkliche Berufsausbildung. Mit Überzeu­ gungskraft trat er f’ür den Bau des Bildungs­ und Technologie-Zentrums in Donau­ eschingen ein. Für seinen persönlichen Einsatz wurde er von Kreishandwerkerschaft und I landwerks­ kammer mit hohen Ehrungen bedacht. 1991 erhielt Karl Dilger den Goldenen Meisterbrief. Neben den beruflichen Interessen galt sein Wirken auch dem heimatlichen Von seinen Vorfahren in die Wiege gelegt, war es die Fasnacht, die ihn beschäftigte. Nach der Gefangensch.1ft wurde er 1948 Mit­ glied der Narrenzunft Frohsinn 1853 Donau­ eschingen, wo er sich gleich aktiv am fas­ nachtlichen Geschehen beteiligte. 1950 wurde er in den Großen Rat berufen, wo er jahrelang bis 1968 für den Zunftball und den großen Umzug am Fasnachtsonn­ tag verantwortlich zeichnete. 1963 kam er in den Narrenrat und war von 1969-1972 2. Zunftmeister. In die Fußstapfen seines verstorbenen Vaters als Narrenvater trat er 1972. Dieses Amt versah er bis 1991 und ist heute Ehrennarrenvater der Narrenzunft. Wesentlichen Anteil hatte Karl Dilger durch seine Initiative am Erhalt des Donau­ eschinger Kinderfestes, den „Gregorie“. Ohne sein Zutun wäre damals 1964 das Fest ein für allemal verloren gegangen. Nicht nur auf einheimischem Boden, sondern im ganzen schwäbisch-alemanni­ schen Raum hat er sich einen Namen ge­ macht. 1977 wurde Karl Dilger in Tettnang zum Präsidenten der Vereinigung schwäbisch­ alemannischer Narrenzünfte gewählt. Als er sich 1989 nicht wieder zur Wahl stellte, hatte er seine Aufgabe reichlich

erfüllt. Unter seiner Initiative kam der „Nar­ renbote“, die Fachzeitschrift der Vereini­ gung, heraus, wurde der „Verein Narren­ schopf“ gegründet und der zweite Narren­ schopf in Bad Dürrheim errichtet, welcher heute mit neuer Erweiterung das größte Mas­ kenmuseum Deutschlands geworden ist. Maßgeblich war er auch am Zusam­ menschluß der Süddeutschen Narrenver­ bände beteiligt. Hohe Auszeichnungen von Narrenzünf­ ten und Verbänden wurden ihm zuteil. Der Dank der Vereinigung war der Titel des Ehrenpräsidenten. Auch der Staat sah in Karl Dilger nicht nur ein Mann des Volkes, sondern auch den engagierten Bürger. Seine Verdienste wurden durch dje Landesehrennadel 1983 und nicht zuletzt durch die Verleihung des Bundesver­ dienstkreuzes am Bande im Jahre 1992 gewürdigt. Bei der Verleihung zitierte Staats­ sekretär Gundolf Fleischer: ,,Er, Karl Dilger, habe mit seinen Leistun­ gen ein Stück Heimat bewahrt.“ Er hat sich in den verdienten Ruhestand zurückgezogen und geht nun seinem neuen Hobby, dem Holzschnitzen, nach. Rudolf Schlatter Elmar Schnetzler Er wird vielen Aufgaben gerecht seine Selbständigkeit aufgeben mußte und Bräunlingen angeschlossen wurde, mit der Person des Elmar Schnetzler verbunden. Er übernahm nach dem Tode seines Schwieger­ vaters, August Willmann, der über vier Jahr­ zehnte die Geschicke des Ortes Waldhausen lenkte, nahtlos seine Amtsgeschäfte. Als sein Nachfolger wurde er zunächst in erster Wahl für acht und anschließend dann für weitere zwölfJahre gewählt. Daß er damals mit 96,8 Prozent aller abgegebenen gültigen Stimmen im Jahre 1970 gewählt wurde, spricht für den Menschen Schnetzler. Nur allzu gut ist auch verständlich, daß er blutenden Herzens der Aufgabe der Selbständigkeit der Gemeinde zuzustimmen hatte. Das bedeutete, daß ein gutes Verhältnis zum Kernort Bräunlingen aufgebaut werden mußte. Daß es sich so positiv entwickelte – die Zusammenarbeit mit der Stadt Bräunlingen ist eine der best­ funktionierenden aller Teilorte – kann man der Sachlichkeit des dann amtierenden Orts­ vorstehers Schnetzler zuschreiben, der in maßvoller Verhaltenheit seiner Wünsche nie zu weit gegangen war und zu keiner Zeit überzogene Forderungen ,,Die Gemeinde wird bestens bedient“, merkt Schnetzler zu diesem T hema an. Sie erhielt stellte. 167 Einen besonderen Liebreiz strahlt die 200-Seelengemeinde Waldhausen – westlich von der Kernstadt Bräunlingen gelegen – aus. Auf besonders vielfältige und intensive Weise ist der kleine Teilort, der im Jahre 1972

hilfreiche Unterstützung von Bräunlingen in allen Dingen, derer sie bedurfte“. Der heute 62jährige und damals als Orts­ vorsitzender aktive CDU-Mann Schnetzler hatte keine Scheu vor Übernahme von Ämtern, derer es vielzählige gab und die ihm dabei halfen, Dinge verstehen zu können, die andere bewegten, vor allem aber die Bür­ ger seines Ortes. So zählten dazu das Amt des Vorsitzenden des Badischen Landwirt­ schaftlichen Hauptverbandes (Ortsverband Waldhausen), das des Fleischabnahmever­ eins und der Gefriergemeinschaft. Hinzu kam die Tätigkeit als Stiftungsrat von 1962 bis zur Aufhebung des eigenen Kirchen­ fonds in der Zeit zweier erfolgter Renovie­ rungen des kleinen Ortskirchleins St. Blasius in den Jahren 1967 und 1976. Ab 1973 über­ nahm Schnetzler den Vorsitz im Pfarrge­ meinderat Bräunlingen. Hier begleitete er mit großem Einsatz die umfassende Renova­ tion der Stadtkirche in den Jahren 1973/74. Die Liste seiner Einsätze vervollständigt sich mit seiner Präsenz in der Kirchensteuerver­ tretung der Erzdiözese Freiburg. Und apro­ pos Steuer: Man könnte fast annehmen, Elmar Schnetzler habe alle diese genannten Aufgaben hauptamtlich ausgefüllt. Er aber hatte ja noch seinen Beruf1 In Freiburg am 31. August 1931 zur Welt gekommen und in Donaueschingen aufge­ wachsen, trat er beruflich in die Fußstapfen seines Vaters, der Vorsteher des Finanzamtes Achern war. Die Mittlere Reife und die höhere Handelsschule gaben ihm erstes Rüstzeug zur Ausbildung zunächst als Kauf­ mann und der dann folgenden als Finanzbe­ amter in Villingen und Donaueschingen. Eine Reihe von beruflichen Stationen folg­ ten nach der lnspektorenprüfung: Tiengen am Hochrhein, Überlingen, Freiburg und die als Finanzkassenleiter in Donaueschingen. Der letzte Einsatzort als stellvertretender Vorsitzender und Sachgebietsleiter für den zum Oberamtsrat beförderten Elmar Schnetz­ ler war das Finanzamt Titisee-Neustadt. Gesundheitliche Gründe zwangen ihn am 30. September 1991 zur Aufgabe seines Berufs. 168 Geheiratet hat Elmar Schnetzler seine heutige Frau Lioba geborene Willmann – eine echte „Waldhuusemerin“ -im Jahre 1956. Das Ehepaar übernahm bis zum Tod des damaligen Bürgermeisters und Vaters der Ehefrau die Landwirtschaft. Das war 1962. Das dann verkaufte 150 Jahre alte Anwesen wurde 1986 durch einen Blitzschlag vernich­ tet. Im Jahre 1974 wurde ein gemütliches Eigenheim bezogen, in dem die „Pensio­ näre“, die nie wirklich welche wurden, auch heute noch wohnen. Drei Kinder wurden ihnen geboren, allesamt Töchter, von denen eine den Sprung über den Teich bis nach Mexiko, verheiratet mit einem Niederlän­ der, wagte. Ein nebenher geführter „Tante-Emma­ Laden“ in Waldhausen wurde erst im Jahre 1974 aufgegeben. Geblieben aber war noch lange Zeit die Verwaltung der in Waldhausen errichteten Ferienhäuser, die Ehefrau Lioba bis 1988 übernommen hatte und diese Arbeit gern machte, wie sie heute zurückblickend anmerkt. In seiner Bürgermeister-Zeit lag dem rüh­ rigen Elmar Schnetzler besonders die Infra­ struktur des kleinen damals nur rund 100 Einwohner zählenden Orts am Herzen. In den Jahren 1963/64 erhielt der Ort eine zentrale Wasserversorgung, die Startschuß wurde zum dann angekurbelten Baupro­ gramm. Im Zuge der Eingemeindung mußte Waldhausen seine Schule und die Poststelle aufgeben. Der heutige Martinshof bot ab 1987 eine zweite gastliche Stätte zur bereits bestehenden. Die damals rein bäuerliche Struktur wandelte sich mit der Zeit, und Waldhausen ist heute auch Wohngemeinde mit Auspendlern nach Bräunlingen. ,,Den Leuten zu helfen und ihnen entgegenzu­ kommen, faßte ich als meine Aufgabe auf“, merkt der noch sehr fit wirkende Pensionär an. Weiter fügt er hinzu, daß die Stellung der Kernstadt Bräunlingen zu den Vereinen von Waldhausen als äußerst positiv zu beurteilen ist. Ortsfeuerwehr und Narrenverein „Siebe Hiisli Liit“ -nach einer Historie gegründet nach einem Pest-Ausbruch im Mittelalter,

der den Ort ausödete und ihn für lange Zeit unbesiedelt ließ -, besteht noch die „Sing­ gemeinschaft Waldhausen“. Chorleiterin hier ist Schnetzlers Ehefrau Lioba, während er selbst den Vorsitz übernahm. Der Chor hat 20 aktive Mitglieder und tritt bei Hoch­ zeiten im Ort, kirchlichen Festen und beson­ ders beim St. Blasius-Kirchenfest am 3. Fe­ bruar in der namensgleichen Kapelle von Waldhausen auf. Diesem Fest geht ein Pfarr­ Familienfest am Vorabend voraus. Schnetz­ ler gründete auch eine Frauen-Gymnastik­ Gruppe. Geübt wird im Gemeinschaftshaus. Als Vorsitzender des MGV-Liederkranz Bräunlingen von 1973 bis 1989 machte sich der mit der Landes-Ehrennadel Baden­ Württemberg 1989 ausgezeichnete Wahl­ Waldhausener verdient. Der Verein zeich­ nete ihn dafür im Jahre 1989 mit seiner höchsten Ehrung in Gold aus und ernannte ihn 1991 zum Ehrenvorsitzenden. Schließ­ lich schaffte Schnetzler es beim Bräunlinger Verein, den reinen Männerchor durch Stim­ men von Frauen zum gemischten Chor zu verstärken. Man kann sich kaum vorstellen, daß der „Pensionär“ Schnetzler noch zu wesentlich vielen Hobbies kommt: Großer Garten, Wandern und die Beschäftigung mit den Enkeln aus Neustadt zu Zeiten ihrer Besu­ che, das sind Programmpunkte, die sein heute aktuelles Programm schmieden. Licht­ blicke und Ablenkung sind Treffen mit ehe­ maligen Bürgermeister-Kollegen und einmal monatlich ein solches mit Mitarbeitern des Finanzamts von Donaueschingen. Isolde Weidenbach Franz Gilli Hochgeschätzter Anwalt für den bäuerlichen Berufsstand Ein Mann von beachtlicher äußerer Sta­ tur, in einem Männerkreis keinesfalls zu übersehen, von vornherein Solidität und Vertrauen ausstrahlend, jederzeit souverän, nie viele Worte machend, bekannt als kennt­ nisreicher und erfahrener Helfer und Weg­ weiser vieler Bauernfamilien im Verlaufe von fast drei Bauerngenerationen, hochgeschätzt als Förderer des ländlichen Raumes weit über den bäuerlich-landwirtschaftlichen Bereich hinaus: Das ist Franz Gilli aus Aasen, Stadt­ teil von Donaueschingen inmitten der Baar. Anfang März 1993 war er 70 Jahre alt gewor­ den. In seinem Heimatdorf verbringt er als langjähriger Leiter der Bezirksgeschäftsstelle Donaueschingen des Badischen landwirt­ schaftlichen Hauptverbandes (BLHV), zu­ ständig für die berufsständisch-agrarpoliti­ sche Interessensvertretung der Kreisbauern­ verbände Donaueschingen und Villingen, und gleichzeitig als Verantwortlicher für die Tätigkeit der landwirtschaftlichen Sozialver­ sicherungsträger Badens im Gebiet zwischen 169

dem Brenden und dem Randen, der Kalten Herberge und dem Wittho, seinen Lebens­ abend. Franz Gilli, aus einem alten Baaremer Bauerngeschlecht stammend, war schwer versehrt, ohne Hände, aus dem Zweiten Weltkrieg heimgekommen. Der Weg in den bäuerlichen Beruf, den er sehr gerne einge­ schlagen hätte, war ihm also verbaut. Somit wollte er-auf einen guten Rat hin -sich der bäuerlichen Welt auf andere Weise nützlich machen und gleichzeitig auch in ihr hei­ misch bleiben. So arbeitete er sich mit äußer­ ster Zielstrebigkeit und unter Zuhilfenahme von außergewöhnlich bescheidenen Mitteln in etwas ein, für das es 1948 zwar eine unge­ fähre Vorstellung von den zu bewältigenden Aufgaben gab, nicht jedoch Sachgebiets­ oder Stellenbeschreibungen: Nämlich in die Arbeit des erst zwei Jahre alten BLHV, des la ndwi rtschaftl ichen [ n teressensverba ndes auf der Basis freiwilliger Mitgliedschaft im badischen Land. Franz Gilli warb, zunächst mit Mofa und Traktor und schließlich mit einem Motorrad und dann einem Auto, von Gemeinde zu Gemeinde ziehend, Mitglieder und betreute sie. Er kniete sich, mit anfangs äußerst beschränkten Hilfemöglichkeiten, in die in einer Riesenfülle auftretenden Schwierigkei­ ten auf außergewöhnlich verschieden struk­ turierten Bauernhöfen mit ihren Bauernfa­ milien. Er sah sich konfrontiert mit familiä­ ren, sozialen, steuerlichen und rechtlichen Angelegenheiten. Dazu galt es, für seine Klientel den vernünftigen Umgang mit den Behörden zu pflegen. Jedes Gesetz, das auf „seine“ Bauernfamilien zukam, brachte im allgemeinen für’s große Ganze wohl Verbes­ serungen mit sich, im Detail jedoch oftmals ungewöhnliche Probleme. Eine Arbeit mußte da in einem Maße geleistet werden, die heutzutage nicht mehr für möglich gehalten werden kann, spricht man davon. Was diese an Mut, Kraft, Geduld, Beharrlich­ keit, Stehvermögen, Fingerspitzen kostete, das wissen nur er, seine Familie und seine Kameraden, die in ähnlichen „Weinbergen 170 schufteten und Kellern kelterten“. Franz Gilli hat so maßgeblich mitgeholfen, die Maßstäbe für ein hochqualifiziertes, weit­ gehend selbständiges Arbeiten im regiona­ len Bereich eines Verbandes zu setzen, der sich der umfassenden Vertretung der wirt­ schafts-, agrar-, sozial- und umweltpoliti­ schen Interessen der Landwirtschaft und deren Betreuung und Beratung hauptsäch­ lich in sozialen, rechtlichen und steuerli­ chen Fragen verschrieben hatte. Er war maß­ geblich daran beteiligt, daß diese Tätigkeit hohe Anerkennung seitens der praktischen und der wissenschaftlichen Agrar-und So­ zialpolitik weit über die Grenzen des BLHV­ Bereiches gefunden hat. Mit seiner Sach­ kunde, seiner Hilfsbereitschaft und seiner Korrektheit erwarb Franz Gilli großes Ver­ trauen. Seine kriegsbedingte schwere Behin­ derung hinderte ihn nicht, ,,immer voll da zu sein“, mochte sie ihn noch so sehr belasten. Zu keiner Zeit wollte er jemand sein, ,1Uf den man deswegen besondere Rücksicht nahm. Dafür geehrt zu werden, lehnte Franz Gilli „bis zum geht nicht mehr“ ab, weil er das, was er zu leisten vermochte, als bare Pflichterfül­ lung und Selbstverständlichkeit gewertet wissen wollte. Für ihn war es das Höchste gewesen, sagte er einmal, zu seinem Abschied aus den Diensten des BLI IV von seinem Präsidenten „bestätigt zu erhalten, daß er mit seiner Arbeit zufrieden ist“. Das .1ber half wenig. So ist er mehr als tausend­ fach mit Recht 1980 zum Träger der Ver­ dienstmedaille in Silber des Landes Baden­ Württemberg geworden. Drei Jahre später ehrte ihn der BLHV mit der Verleihung des ,,Grünen Bandes in Gold“. Franz Gilli ver­ steht es, seinen „Ruhestand“ in seiner Hei­ mat wohl auszufüllen und zu bestellen. Dazu gehört es, bewegt am Schicksal des ländlichen Raumes und der Bauernfamilien am Ostrand des Schwarzwaldes und auf der Baar teilzunehmen. Dazu gehört auch, so es sein Herrgott will, auch weiterhin bei den Seniorentreffen und manchen Veranstaltun­ gen des BLHV nicht zu fehlen. Dr. Clemens Seiterich

U schi Elsässer Zum Helfen immer bereit ,,Selbstverständlich! Wird erledigt! Kom­ me vorbei! … “ kurz und spontan ist die Antwort am Telefon. Diese Worte kennt jeder, der sich je mit einer Bitte oder einem Hilferuf an Frau Uschi Elsässer, die ehrenamtliche, tempera­ mentvolle Helferin des Roten Kreuzes der Kurstadt Bad Dürrheim, gerichtet hat. Ihr Name steht für Einsatzbereitschaft, Hilfsbereitschaft und Engagement für den Nächsten. Aus der Schwarzwaldgemeinde Schonach stammend, heiratete sie 1960 Erhard Elsäs­ ser, einen echten Bad Dürrheimer Bürger. 1965, zwischenzeitlich Mutter von zwei Buben und zwei Mädchen, nimmt Uschi Elsässer an einem Erste-Hilfe-Kurs unter Leitung von Bereitschaftsarzt Dr. Georg Huber und Bereitschaftsführer Josef Rauh teil. Die junge Frau ist von der Idee, ,,anderen zu helfen“, so begeistert, daß sie sofort dem Roten Kreuz als aktives Mitglied beitritt. Dieser Schritt ist für ihren weiteren Lebensweg bestimmend. Trotz großer Fürsorge für ihre vier kleinen Kinder, ihren Mann und die in der Familie lebenden Großeltern, absolviert sie den sie­ benmonatigen Sanitäterlehrgang, der zum Einsatz im Krankentransport und Rettungs­ dienst befähigt. Mit Begeisterung beteiligt sie sich am Auf­ bau und der Erweiterung des Aufgabenbe­ reichs des Deutschen Roten Kreuzes Bad Dürrheims. So wirkt sie aktiv mit beim 1. Bad Dürrheimer Blutspendetermin im August 1966. In den Folgejahren und bis heute ist sie leitend in der Organisation und Durchfüh­ rung der Blutspendeaktionen tätig. Ihre Aktivität richtet sich auch auf die Absolvierung zahlreicher Fortbildungs­ kurse. Im Jahre 1973 wird ihre Ausbildung zum Gruppenführer abgeschlossen. Nie vergißt jedoch diese lebensbejahende Frau, sich um ihre Großfamilie zu kümmern. Nachdem Uschi Elsässer 1975 den Unter­ führerlehrgang abgelegt hat, wird sie 1976 zur Bereitschaftsführerin des DRK Ortsvereines Bad Dürrheim gewählt. Hier ist nun der Aktionsbogen für die tat­ kräftige, einsatzfreudige Frau weitgespannt. Zu dieser Zeit wird ihr Name in Bad Dürr­ heim zum Begriff. Von der Bürde der ständigen Einsatzbe­ reitschaft für den Krankentransport zum Teil entlastet – 1978 werden zwei hauptamtliche Sanitäter eingesetzt -, wendet sich Uschi Elsässer neuen Aufgaben zu. Sie absolviert die Ausbildung in „Krankenpflege in der Familie“ und führt seit dieser Zeit für die Bevölkerung im gesamten Kreisgebiet mit viel Hingabe diese Fortbildungskurse durch. Das Wissen auf dem Gebiet der häusli­ chen Pflege und der Altenbetreuung schöpft sie aus den Erfahrungen in ihrer eigenen Familie. Danach gefragt, erzählt sie dem schmunzelden Zuhörer: ,,War sonntags die gesamte Familie bei Sport und Spiel, fuhr ich mit dem Opa die Autobahn rauf und wieder runter, weil es ihm halt so gut gefiel.“ Wird sie um eine gute Tat oder Gefällig­ keit gebeten, kann sie auch heute niemals 171

nein sagen. Darin sieht aber Uschi Elsässer einen großen Teil der Erfüllung ihres Leben . 1984 tritt der DRK-Kreisverband Villin­ gen-Schwenningen mit der Bitte an Uschi Elsässer heran, die Nachfolge von Kreisbe­ reitschaftsführerin Rosa Bächle anzutreten. Sie übernimmt dieses Amt, um sich mit der ihr eigenen Unermüdlichkeit für die Belange der II Ortsvereine einzusetzen. Die zahlreichen ehrenamtlichen Ver­ pflichtungen sind für Uschi Elsässer eine Selbstverständlichkeit. Besonders aber liegt es ihr am Herzen, mitmenschliche Fragen und Probleme in den einzelnen Bereitschaf­ ten zu lösen. Die Kameradschaftlichkeit und ihre unerschöpfliche Hilfsbereitschaft hel­ fen in diesem schwierigen Amt viele Brücken zu bauen. Nach sechs Jahren intensivster Rotkreuz­ arbeit als Kreisbereitschaftsführerin widmet sie sich wieder dem ihrem Wesen Nächst­ liegenden: der häuslichen Krankenbetreu­ ung, Nachbarschaftshilfe und Altenpflege. Besonders geliebt wird sie von ihren Schützlingen, den behinderten Kindern, die von ihr täglich mit dem Kleinbus zur Schule und nachmittags wieder wohlbehalten zu den Eltern gefahren werden. In dieser Auf­ gabe zeigt sich ihr großes Talent, andere Ein erfolgreicher heimischer Bauunternehmer In Stein und Beton hat der Bauunterneh­ mer Otto Günter die Geschichte seines Unternehmens geschrieben. Die Zeilen die­ ser Chronik, die in der ganzen Region und darüber hinaus von dem Erfolg dieses Man­ nes vom Bau und seiner Mitarbeiter künden, sind sowohl das Eigenheim und die Wohn­ anlage, aber auch große Industriebauten und imposante Verwaltungsgebäude. Das Wach­ sen dieser Firma in Unterkirnach, die heute das größte Bauunternehmen im Schwarz­ wald-Baar-K.reis ist, vollzog sich in aller Stille und ohne spektakuläre Sprünge. Diese ziel- 172 Otto Günter Menschen zu motivieren. Ein treuer Kreis von Helferinnen und Helfern unterstützt diese verantwortungsvolle Arbeit. So findet sie stets Verbündete, die bei den weitgefacherten Hilfeleistungen zur Seite stehen. Die Freude, mit der sie an gestellte Aufgaben herangeht, keiner schwierigen Situation ausweicht, und die Begeisterung, mit der sie in den Kursen ihr umfangreiches Wissen über Krankenpflege weitergibt, faszi­ niert und motiviert andere, Gleiches zu tun und ihr nachzueifern. Mit der großen Einsatzbereitschaft für ihre Mitmenschen ist sie dennoch die Seele ihrer Familie. Mit viel Liebe und Geduld widmet ie sich ihren sieben Enkeln. Sie ist der Mittelpunkt der Großfamilie, und nichts stimmt sie glücklicher als ein Stelldichein sämtlicher Familienmitglieder: ,,Mittagessen für 18 Personen? Kein Problem; dies chaffen wir spielend.“ So erlebt man Uschi Elsässer. Die Aufgaben und die Problemstellungen im Roten Kreuz und die soziale Hilfelei­ stung sind für sie die stille Motivation. Sie will kein Aufhebens um ihre Person. Sie ist deshalb ein Vorbild für viele „Rotkreuzler“ und auch Bürger ihrer Gemeinde. Brigitte Hutzenlaub gerichtete Stetigkeit ist eine der Eigenschaf­ ten, die auch den Mann an der Spitze aus­ zeichnet. So wie Otto Günter als Maurer in seiner Jugend gelernt hat, Stein auf Stein zu fügen, so baute er auch sein Unternehmen auf. Noch andere Dinge hat Otto Günter in seiner Lehrzeit erkannt, nämlich, daß ein Stein alleine nichts ist und nur die Vielzahl der Ziegel, nach Maß und Winkelhandwerk­ lich gesetzt, den Bau auf solidem Fundament emporwachsen läßt. Dieses dauerhafte Fundament des Unter­ nehmens grub vor über achtzig Jahren

war Frieden im Lande, da wurde bei der Firma Günter wieder kräftig zugepackt. Otto Günter begann seine Lehre und die Brüder Fridolin und Alfons, der Kaufmann, standen dem Vater zur Seite, bis dieser 1953 starb. Der gerade 21 Jahre alte Maurergeselle Otto Günter mußte von einem Tag auf den anderen die Leitung der Firma übernehmen, die damals schon rund ein Dutzend Mitar­ beiter zählte. Im gleichen Jahr legte Otto Günter die Meisterprüfung ab und drei Jahre später wurde aus dem Unternehmen die ,,Gebrüder Günter GmbH“. Damals, so erin­ nert sich Otto Günter heute, das war für ihn die schönste Zeit. Als Polier arbeitete er auf der Baustelle mit und konnte tagsüber mit­ ansehen, wie das, was er oft bis in die Nacht hinein geplant und berechnet hatte, empor­ wuchs und Gestalt annahm. Diese Zeit der Jugend hat den Unternehmer Otto Günter, der im Jahr 1991 60 Jahre alt wurde und damals seinem Sohn Andreas die Geschäfts­ führung übertrug, für sein ganzes Leben geprägt. So wie auf dem Bau jeder für den anderen einsteht, so blieb dies auch für den Firmen­ chef selbstverständlicher Brauch. In den vier Jahrzehnten, in denen er das Unternehmen führte, wurde, so Otto Günter fast in einem Nebensatz als sei dies selbstverständlich, nie ein Mitarbeiter entlassen. Seine Leute, das sind rund dreihundert Beschäftigte, von denen über vierzig in der Firma gelernt haben, sind der ganze Stolz dieses Mannes. Für ihn ist in dem BegriffFamilienunterneh­ men nicht nur die eigene Familie gemeint, sondern die Gemeinschaft, die alle Mitarbei­ ter einschließt. Seine Leute, so weiß er, sind immer da, wenn es gilt, Termine einzuhalten und das, was der Chef versprochen hat, wahrzumachen. Auch in dem Unternehmen bei Chemnitz mit rund der Hälfte der Ge­ samtbelegschaft, das 1991 erworben wurde, gilt diese im besten Sinne patriarchalische Philosophie. Um den Leitspruch „Treue gegen Treue“ zu halten, war Otto Günter bereit, in den Zeiten der Rezession am Bau ganz beachtliche finanzielle Risiken einzu- 173 Johann Georg Günter, der Vater des heuti­ gen Unternehmers, in den felsigen Grund des Schwarzwalddorfes Unterkirnach. Der Anfang war schwer, und doch gelang es, aus kleinsten Anfangen heraus mit schwerer kör­ perlicher Arbeit den Handwerksbetrieb auf­ zubauen. Pickel und Schaufel, Schubkarren und Tragebütte waren die Werkzeuge und Geräte damals, als Maurermeister Johann Georg Günter im Kirnachtal und dessen Nachbarschaft von Langenbach bis Tennen­ bronn Schwarzwaldhöfe baute. In dem Haus an der Hauptstraße in Unterkirnach, das sich Johann Georg Günter gebaut hatte, wuchsen damals zwölfKinder auf und die harte Arbeit des Vaters, sein zäher Fleiß und wohl auch seine strenge Sparsamkeit waren für sie die Pfeiler des schützenden Daches, unter dem sich jedes auf seine Weise entfalten konnte. Gleich vier Söhnen war der Vater Vorbild genug, um in seine beruflichen Fußstapfen zu treten. Einer von ihnen, der Josef, legte schon im Jahre 1938 die Meisterprüfung ab, kam jedoch dann aus dem Krieg nicht mehr heim. Dieser Krieg unterbrach auch die Ent­ wicklung des Unternehmens, doch kaum

gehen, um seiner Belegschaft ein Chef zu sein, der sein Wort hält. Doch das kameradschaftliche Verhältni zwischen Unternehmer und Belegschaft ist nur eine, die wohl menschliche Seite de Erfolge . Die andere, das ist das Bestreben, besser zu sein al die Konkurrenz, ja viel­ leicht sogar besser, als man selbst es gestern noch war. Hier war das Unternehmen Gün­ ter beispielhaft, denn das gemeinsame Anlie­ gen war die Firma. Otto Günter wußte, wovon seine Leute sprachen, wenn sie Vor­ schläge machten und Verbesserungen aus­ klügelten. So wurden bereits Anfang der neunziger Jahre in der Firma Fertigteile für den Bau gegossen. Daraus entstand eine eigene Abteilung, die heute noch besteht. Der Winterbau wurde in keiner Firma so konsequent angewendet wie hier. Im Jahre 1964 gründete das Unternehmen zusammen mit einer Firma aus Hausach ein eigenes Transportbetonwerk in St. Georgen. Der Umsatz, das ind dreißig Millionen Mark im Jahr, und im Kampf um die Aufträge tritt das Unternehmen aus Unterkirnach heute gegen die Großen der Branche an. Daß der „David“ oft schneller und besser ist als die „Goliaths“, zeigt die Referenzliste des Unternehmens, in der eine schlüsselfertige Wohnanlage in Trossingen mit 145 Wohnungen, das Land- In memoriam: Sein Denken und Handeln galt stets Peterzell Am 25. September 1992 nahm eine große Trauergemeinde auf dem Peterzeller Fried­ hof Abschied von Altbürgermeister und Ehrenbürger Mathias Lauble. Mit ihm wurde ein Mann zu Grabe getragen, dessen beispielhaftes Wirken schon vor mehr als 25 Jahren durch die Verleihung der Ehrenbür­ gerwürde seine verdiente Anerkennung fand. Noch mehr als ein Vierteljahrhundert blieb ihm dana h vergönnt, den wohlver­ dienten Ruhestand in und mit seiner 174 Altbürgermeister und Ehrenbürger Mathias Lauble ratsamt in Tuttlingen, große Aufträge der Post in Rottweil und Triberg und der Bau des Arbeitsamtes in Villingen nur eine Handvoll Beispiele sind. Allein 300 Wohnungen baute die Firma Gebrüder Günter für die Bauge­ nossenschaft „Familienheim“ im Schwarz­ wald-Baar-Kreis. Doch Otto Günter ist nicht nur Unter­ nehmer. Er sieht sich auch seinen Mitbür­ gern gegenüber in der Pflicht. So gehört er eit 1969 zum Gemeinderat in Unterkirnach und war zehn Jahre Stellvertreter de Bürger­ meisters. Seit zwei Jahrzehnten ist Otto Günter Vorsitzender des Gesellenprüfungs­ ausschusses der heimischen Baugewerksin­ nung, in deren Vorstand er seil dreißig Jah­ ren sitzt. Otto Günter ist in seinem Heimat­ dorf bekannt als Freund und Förderer der Vereine, auch solcher, in denen er gar nicht Mitglied ist. Es drängt sich die Frage auf, wie dies alles zu schaffen ist. Für Otto Günter ist sein Unternehmen zugleich Lebensinhalt. Urlaub, das gab es selten, per önlichen Luxus kennt dieser Mann nicht, und wenn er schon einmal einen Ausflug macht im chwarzwald, dann endet diese Tour fast immer an einer Baustelle der Konkurrenz, um nachzuschauen, ob man dort nicht noch etwas lernen könnte. Klaus-Peter Friese Gemeinde als hoch geschätzte Persönlich­ keit zu verbringen. Bis Mitte des Jahres 1992 konnte man ihm noch fast täglich bei seinen Spaziergängen begegnen. Wenngleich die Wegstrecken des damals fast 93jährigen Alt­ bürgermeisters altershalber auch kürzer wurden, so war es bis zuletzt neben seiner körperlichen Verfassung insbesondere auch seine geistige Frische, die einem Bewun­ derung abverlangte. Von 1946 bis 1967 dauerte seine Amtszeit.

Was diese Zeitspanne alles in sich barg, läßt sich nur ermessen, wenn man Laubles Wir­ ken während dieser 20 Jahre in groben Zügen Revue passieren läßt. Als Mathias Lauble mitten in den Wirren der Nachkriegszeit das Amt des Bürgermei­ sters übernahm, tat er das ganz sicher nicht mit dem Gedanken dieses Amt 20 Jahre aus­ zuüben. Schier unlösbare Probleme kenn­ zeichneten die ersten Dienstjahre, denn die Kriegs- und Nachkriegszeit hatte die menschliche Gemeinschaft in den Grund­ festen erschüttert. Viel Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen waren erforder­ lich, um bei der Einwohnerschaft wieder ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, das weit­ gehend die vorhandenen politischen Gegen­ sätze, zum Teil auch Haßgefühle, in geord­ nete Bahnen zu lenken vermochte. Verbitte­ rung bei der Einwohnerschaft über Maßnah­ men der Besatzungstruppen tat ein Übriges, um das Gemeindeleben negativ zu belasten. Prellbock war aber in jedem Fall der Bür­ germeister, denn er allein war verantwortlich für die Durchführung von angeordneten Zwangsmaßnahmen. Persönlich haftete er für Vieles, was oft gegen seinen eigenen Wil­ len durchgeführt werden mußte. Diesen Herausforderungen stellte sich Mathias Lauble in einer Art und Weise, die als beispielhaft bezeichnet werden konnte. Gerechtigkeit für alle, ohne Rücksicht auf ihre politische Einstellung oder Vergangen­ heit, war stets sein oberster Grundsatz. Mit dieser lobenswerten Eigenschaft gelang es ihm, allmählich wieder ein Vertrauensver­ hältnis in unserem Ort zu schaffen und das Gemeindeleben in geordnete Bahnen zu len­ ken. kleine Landwirtschaft verhalf ihm zur Auf­ besserung seiner bescheidenen Einkünfte. Während der ersten drei Jahre seiner Amts­ zeit arbeitete er auch noch halbtags weiter an seinem vorherigen Arbeitsplatz bei der Firma J. G. Weisser-Söhne in St. Georgen. Ablenkung von seinen Dienstgeschäften fand Mathias Lauble neben einem intakten Familienleben hauptsächlich als Imker. Hatte er wirklich einmal etwas freie Zeit, dann konnte man ihn sicher in seinem schmucken Bienenhaus antreffen. Bald wuchsen die Aufgaben immer mehr, denn durch die Erschließung von Bauge­ lände setzte eine rege Bautätigkeit ein. Damit vergrößerte sich auch schnell die Einwoh­ nerzahl. Dies wiederum führte zu der Not­ wendigkeit, im Jahre 1963 ein neues Schul­ haus zu bauen. Stets war es Bürgermeister Lauble, der alle anstehenden Maßnahmen gut vorbereitet und durchdacht dem Ge­ meinderat vorlegte. Im persönlichen Ge- 175 Für eine Minimalbezahlung leistete Mathias Lauble wahre Pionierarbeit. Er war so erfüllt von seiner Aufgabe, daß er oft bis spät nach Mitternacht im Rathaus arbeitete. Um finanziell einigermaßen bestehen zu können, übte er anfänglich auch noch das Amt des Ratschreibers aus. Wie in Orten etwa gleicher Größe war er auch gleichzeitig Grundbuch- und Standesbeamter. Eine

spräch betonte der Altbürgermeister aber immer wieder, daß seine Tätigkeit auch de halb so erfolgreich war, weil der damalige Gemeinderat immer gut und überlegt mit­ arbeitete. Dank des relativ hohen Steueraufkom­ mens zweier gut fundierter Industriebetriebe hatte Lauble die Möglichkeit weitblickender Planung und diese Möglichkeit verstand er stets fur die Gemeinde zu nutzen. Einige wesentliche Maßnahmen während seiner Amtszeit waren: Wald-und Grundstücks­ käufe, Umgemarkungsvertrag mit der Stadt St. Georgen und damit verbunden die Ver­ besserung der örtlichen Wasserversorgung, Erweiterung und Verbesserung der Strom­ versorgung, Bau landwirtschaftlicher Wirt­ schaftswege, Erschließung von Baugelände, Rathausumbau und Schulhausneubau. Sehr am Herzen lagen Bürgermeister Lauble auch die örtlichen Vereine und die Freiwillige Feuerwehr. Er erkannte klar, daß aus diesen Zusammenschlüssen von Ideali­ sten befruchtende Elemente für das gesamte Gemeindeleben ausgingen, weshalb er auch stets ein großzügiger Förderer für sie war. Dies alles und noch einiges mehr hat schließlich dazu geführt, daß der Gemeinde­ rat am 8. November 1966 einstimmig beschloß, Mathias Lauble anläßlich seines Ausscheidens das Ehrenbürgerrecht zu ver­ leihen. Hermann Seifermann Auf dem Friedhof schritt ich leise An den Gräberreihen hin, Dachte an der Toten Ruhe, Dachte, wie ich friedlos bin. Müde saß ich zwischen Gräbern Und versank in Träumerei’n, Dachte: diese ew’ge Ruhe Muß doch sanft und selig sein! 176 Josef Albicker t Allerseelen Der Schwarzwald-Baar­ Kreis in Farben 1.Drachenflieger, Fürstenberg (German Hasenfratz, Hüfingen) 2.Wetterleuchten auf der Höhe bei Behla (German Hasenfratz, Hüfingen) 3.,,Prisenhäusle“, Ortsteil Prisen/Schönwald (Erwin Kienzler, Schonach) 4.Alpenblick vom Fürstenberg (German Hasenfratz, Hüfingen) 5.Gasthaus „Schwedenschanze“, Schonach/Rohrhardsberg (Erwin K.ienzler, Schonach) 6.Prozession an „Christi Himmelfahrt“ in Schonach (Erwin Kienzler, Schonach) 7.Hof bei Schönwald (German Hasenfratz, 1–1 ü11ngen) 8.Vöhrenbach mit Neubaugebiet „Hagenreute“ im Hintergrund (Hans Kaltenbach, Vöhrenbach)

Karl Zimmermann Ein Leben für den Schutz der Natur Karl Zimmermann ist gebürtiger Blum­ berger und seine Liebe zur Natur mit dem dazugehörigen Engagement ist ihm viel­ leicht schon in die Wiege gelegt worden. Urgroßvater und Großvater waren Waldhü­ ter aufBlumberger Gemarkungen und vieles an heimischer Flora und Fauna dürfte schon dem Kind und Jugendlichen vertraut gewe­ sen sein. Der nachdrücklichste Anstoß zur stetigen Auseinandersetzung mit der Natur kam im Zweiten Weltkrieg. ,,Zu Fuß durch Lapp­ land, in den Sümpfen der Finnmarken und der so anderen Tundralandschaft wurde ich mir der unterschiedlichen Tier- und Pflan­ zenwelt bewußt, und das da geweckte Inter­ esse hat mich nicht mehr losgelassen“, sagt Karl Zimmermann. Nach Kriegsende und Rückkehr nach Blumberg fand Karl Zimmermann im Or­ chideenfreund Dr. Erwin Sumser aus Hü­ fingen, Prof. Günther Reichelt aus Donau- eschingen und dem Blumberger Apotheker Alfred Bausch fachkundige und interessierte Gesprächspartner, die dem Autodidakten Zimmermann mit Rat und Information zur Seite standen. Mehr Sachinformation kam dann noch über den Vöhrenbacher Geolo­ gie-Professor Willi Paul dazu, der Wissen und Kenntnisse weitergab. Sehr bald kam zur intellektuellen Ausein­ andersetzung mit der Vielfältigkeit der Natur und ihren Gegebenheiten die fotografische Dokumentation. Erst waren es Dia-Serien, dann, mit fortschreitender Technik, Film­ arbeit. So sind es mittlerweile dreizehn Filme unter dem Thema „Mit der Kamera auf der Pirsch“, die Karl Zimmermann in stunden­ langer Arbeit zusammengestellt hat und mit denen er ein ständig wachsendes Publikum für die Belange des Naturschutzes sensibili­ siert. So zeigt er seine Filme im regelmäßigen Angebot der Volkshochschulen, und immer wieder fragen interessierte Gruppen und/ oder Vereine bei ihm um Vorträge an, wie zum Beispiel die „Orchideen-Gesellschaft“. Allein 36 verschiedene Arten von Orchideen sind hier heimisch und stehen unter streng­ stem Naturschutz. Karl Zimmermann kennt die Standorte genau und auch Blütenzahlen und neue Pflanzen, aber auch jede ausgegra­ bene Pflanze registriert er, ebenso Insekten und Schmetterlinge, die immer weniger häu­ fig sind, sowie jeden Brutvogel, der hier äußerst selten seinen angestammten Stand­ ort verläßt. Seit mehr als zwanzigJahren ist Karl Zim­ mermann Naturschutzwart vom Kreis, und so fällt der gesamte Bereich der Vogelkunde, vom Beobachten über Schützen bis hin zur Horstpflege in seinen Aufgabenbereich. Hinzu kommt die Katalogisierung der Vogel­ arten, die nur sporadisch hier zu sehen sind. Als Vogelraststätte hat sich das Blumberger Ried als sehr wichtig und nützlich erwiesen. 177

Seidenreiher und Kormoran, Wiedehopf und Kranich kommen auf der Durchreise zu Besuch, und unlängst beehrten sogar drei Fischadler, die so sei tenen „Könige der Luft“, die WasserAächen im Zollhausried. Der wohl seltenste, geAügelte Gast der letzten Jahre, so Zimmermann, war ein Pirol, der sich just seinen eigenen Garten als Rast­ platz ausgesucht hatte. Die Noch-Existenz seltenster Insekten hier im Umfeld zu beweisen, ist Karl Zim­ mermann gelungen. So hat er die Zebra­ spinne (Argiope) am Südhang des Buchber­ ges dokumentiert. Das tropisch bis subtro­ pisch orientierte Insekt ist erst in den letzten zwanzig Jahren in Europa nachgewiesen. Eine stille und zurückhaltende Arbeit ist e , die Karl Zimmermann seit Jahrzehnten leistet, doch innerhalb des gestiegenen Na­ turschutzbewußtseins der Bevölkerung sind Erfolge zu verzeichnen. So ist die Unter­ schutzstellung der WutachAühe und gleich­ bedeutend damit die Erklärung des Blum­ berger Rieds zum Naturschutzgebiet als ein ganz wesentlicher chritt in eine richtige Richtung zu werten. Unterstützt von seiner Frau zeichnet Karl Zimmermann über endlose Filmmeter auf, was heute noch bewundernswert und, schon dezimiert durch Fortschritt und Technik, an seltener Fauna und Flora in unmittelbar hei­ mischem Kreis anzutreffen ist, und, so Zim­ mermann, ,,wenn die Menschheit so weiter macht wie bisher, bald nicht mehr zu finden ist“. Christiana Steger Hans Göppert Ein erfolgreicher Handwerksmeister und ein engagierter Bürger der Gemeinde Schönwald mit einem Leben für den Skisport Die Familie Göppert i t seit 4 Generatio­ nen in Schönwald ansässig. Der Urgroßvater von Hans Göppert kam mit seinen drei Söh­ nen von Schweighausen nach Schönwald, um die Zimmererarbeiten an der Kirche, die von 1862 bis 1864 erbaut wurde, auszuftih­ ren. Josef Göppert und seine drei Söhne ver­ blieben nach dem Neubau der Kirche in Schönwald. Sein Enkel Hermann übernahm 1919 den Betrieb und baute ihn aus. Hermann Göp­ pert war verheiratet mit Frau Maria geb. Tüll­ mann. Aus dieser Ehe ging der jetzige Betriebsinhaber! Jans Göppert hervor. Hans Göppert, am 24. Juli 1928 in Schönwald geboren, wuch im Elternhaus auf. Von 1935 bis 1942 besuchte er in Schönwald die Volks­ schule. Danach ging er beim Vater in die Zimmerlehre. In Triberg und Villingen be­ suchte er die Gewerbeschule. Die berufliche Ausbildung wurde im Februar 1945 durch die Einberufung zum Kriegseinsatz unter- brochen. Er kam in amerikanische Gefan­ genschaft und wurde im Juli 1945 entlassen. 1946 legte Hans Göppert vor der Zimmerer­ Innung Villingen die Gesellenprüfung mit Erfolg ab. Danach arbeitete er im väterlichen Betrieb weiter. Zwischendurch erweiterte er seine beruAichen Kenntnisse durch den Besuch der Fachschule in Tübingen. Nach dem Besuch der Meisterschule in Freiburg legte er am 20. Februar 1954 die Meisterprü­ fung mit Erfolg ab. Seit 3. Mai 1960 ist Hans Göppert mit Frau Ursula, geborene Kupisch, verheiratet. Aus der Ehe gingen 3 Kinder hervor: K.nut, Johannes und Dorothea. Zum !.Januar 1965 übernahm Han Göp­ pert den elterlichen Betrieb, den er durch die Krankheit seines Vaters schon seit 1954 führte. Mit zähem Fleiß und einem gesun­ den Optimismus ging Hans Göppert zu Werke. Mit großem persönlichen Einsatz gelang es ihm und seiner Frau, den von sei- 178

nem Vater übernommenen Handwerksbe­ trieb kontinuierlich auszubauen. Die alte Zimmererwerkstätte wurde zu klein und so baute er 1975/76 eine neue Werkstätte mit Abbundhalle und allen nötigen Sozial- und Büroräumen. Früh erkannte Hans Göppert, daß zur Auslastung seines Betriebes es günstig wäre, eine Schreinerei anzugliedern. Dies ermög­ lichte ihm nicht nur Zimmererarbeiten, sondern auch den ganzen Innenausbau aus­ zuführen. Viele Neubauten, aber auch Um­ und Erweiterungsbauten, sind Zeugnis von hohem handwerklichen Können der Fa. Göppert. Seit 1978 ist die Fa. Göppert auch in der Denkmalpflege tätig, vor allen Dingen bei der Althofsanierung. Bei diesen Arbeiten gilt es zwei Ziele gleichzeitig zu erreichen: Die historische Bausubstanz muß mit viel Können und Liebe zum Detail erhalten, bzw. erneuert werden. Zum an­ deren muß aber auch das Gebot der Wirt­ schaftlichkeit beachtet werden, denn die Höfe sollen ja wieder der landwirtschaft­ lichen Nutzung und nicht nur als Museen dienen. Ein ausgezeichnetes Beispiel für diesen Bereich ist der 1619 erbaute Reinertonishof in Schönwald. Für den Reinertonishof wur­ de 1982 eine besondere ausführliche Bau­ maßnahme durchgeführt (vgl. Almanach 82, S.132 ff. und Almanach 88, S. 221 ff.). Der Hof hat den Charakter des typischen Schwarzwälder Heidenhofes. Die besonde­ ren Nutzungsanforderungen boten die Vor­ aussetzung dafür, daß am Reinertonishof nur Restaurierung und Sanierungsarbeiten durchgeführt wurden. Dadurch wurde das Gebäude herkömmlich erneuert und somit ein historisches Denkmal erhalten. Die Fa. Göppert hat noch viele andere denkmalge­ schützte Althofsanierungen durchgeführt. Erwähnt sei hier der Obere Gschwendhof (vgl. Almanach 85, S. 245 ff.) und Bühlhof in Gütenbach sowie das Jagdschloß Entenburg in Pfohren (vgl. Almanach 80, S. 113 ff, Almanach 89, S.109 ff. und Almanach 91, S. 193 ff). Zum 1.Januar 1992 gründete Hans Göp­ pert eine GmbH und nahm seinen Sohn Johannes Göppert als Zimmermeister und Geschäftsführer in die Firma auf. Die Firma Holzbau GmbH Göppert beschäftigt zur Zeit (Stand Ende 1992) 3 Zimmermeister, 1 Schreinermeister, 12 Zimmergesellen, 2 Hel­ fer und 2 Auszubildende im Zimmerer­ handwerk. Seit 1954 hat Hans Göppert22 Lehr­ lingen im Zimmererhandwerk die Liebe zum BaustoffHolz und zum Zimmererhandwerk vermittelt. Für das Büro mit seinen vielfältigen Arbei­ ten ist Frau Ursula Göppert zuständig. Die Firma Holzbau Göppert GmbH Schönwald ist ein Inbegriff von hervorragen­ der handwerklicher Arbeit und stellt für die Gemeinde Schönwald ein nicht unerheb­ licher mittelständischer Wirtschaftsbetrieb dar. Bei seinen Berufskollegen ist Hans Göp­ pert sehr geschätzt, sie wählten ihn zum stell­ vertretenden Innungsobermeister der Zim­ mererinnung des Schwarzwald-Baar-Kreises. Hans Göppert ist aber nicht nur Unter­ nehmer. Er engagiert sich in der Gemeinde- 179

politik. Er ist seit 1965 im Gemeinderat und vertritt die Interessen aller Bürger von Schönwald. Auch das Amt des stellvertreten­ den Bürgermeisters begleitete er über viele Jahre. Schon als Schüler war er aktives Mitglied des Skiclubs Schönwald. Von 1946 bis 1958 nahm er an vielen Wettkämpfen in der Nor­ dischen Kombination sowie am Spezial­ springen teil. Bei fünf Deutschen Meister­ schaften war er als Aktiver dabei. 1952 konn­ te er im Spezialspringen einen hervorragen­ den achten Platz belegen. Von 1957 bis 1984 begleitete er das Amt des 1. Vor itzenden. In diese Zeit fiel der Bau der „Adler-Sprung­ schanze“. Hier hat sich Hans Göppert in un­ eigennütziger Weise eingesetzt und wesent­ lich dazu beigetragen, daß diese großzügig angelegte Sportanlage nebst Nebenanlagen erfolgreich abgeschlossen werden konnte. Im Jahre 1970 hatte der Deutsche Skiver­ band dem Skiclub Schönwald die Aufgabe übertragen, die Nordi chen Deutschen Ski­ meisterschaften auszurichten. Hans Göp­ pert zeichnete hier als verantwortlicher Organisationschef. Dieses einmalige Skifest in Schönwald war nur deshalb so erfolgreich, weil Gemeindeverwaltung, Skiclub, an der Spitze Organisationschef Hans Göppert, einvernehmlich zusammenarbeiteten. Die Von einem Rietvogel, der ausflog Es gibt Menschen, die wurden in eine fal­ sche Zeit hineingeboren. Bernhard Moser gehört dazu. Eigentlich hätte er vor ein paar hundert Jahren geboren werden müssen – dann wäre er mit Sicherheit ein berühmter Hofnarr beim Fürstlich Fürstenbergischen Hof in Donaueschingen geworden. „75Jahre-und kein bißchen weise“ -war in der Lokalpres e zu lesen, als er 1992 sein Jubelfest feiern konnte. Wer ihn kennt, wird mir rechtgeben, daß das Wort „weise“ eher durch „leise“ ersetzt werden müßte. Auch 180 Bernhard Moser seit 1968 mit dem Skiclub Neustadt jährlich durchgeführten Internationalen Schwarz­ wälder Springertourneen kamen ebenfalls auf Initiative von Hans Göppert zustande. Auch diese Großveranstaltungen zeichnet er als verantwortlicher Organisationschef. Seit 1986 ist er im Skiverband Schwarz­ wald Vorsitzender des Ältestenrates. Aufgrund all seiner ehrenamtlichen Tätig­ keiten im Skiclub Schönwald wurde er in der Jahreshauptversammlung 1984 zum Ehren­ vorstand ernannt. Vom Skiverband Schwarz­ wald wurde er wegen seiner großen Ver­ dienste um den Skisport mit dem Ehrenbrief ausgezeichnet. Trotz seiner beruflichen Bela­ stungen ist Hans Göppert seit 1944 bis heute Mitglied der Freiw. Feuerwehr. Seit 1976 ist er im Aufsichtsrat der Volksbank Triberg tätig. Wenn man Hans Göppert auf seine vielen ehrenamtlichen Tätigkeiten anspricht, sagt er in seiner be cheidenen Art, daß neben sei­ nem Beruf die Liebe zu seiner Heimat und der Skisport für ihn immer ein Ansporn zu seinem Tun gewesen wäre. Weiter sagt Hans Göppert, daß seiner Frau und den I(jndern ein großer Dank gebührt, denn sie hätten all sein Handeln unterstützt und mitgetragen. Emil Rimmele heute noch hat der Jubilar jederzeit einen Rotten Spruch auf der Lippe und wenn irgend jemand wirklichen Mutterwitz besitzt, so ist er es. In seiner Blütezeit als Conferencier wurde erzählt, daß er so viel reden kann, daß seine Zuhörer davon heiser werden. Mosers „Lebenswerk“ -wenn man es denn so nennen will -wurde 1987 mit der Verdienstmedaille des Landes Baden-Würt­ temberg geehrt. Nicht herausragende politi­ sche oder berufliche Leistungen wurden ihm

der Schule bei einem Schuhmacher in der Brunnenstraße in die Lehre. Dies schien jedoch nicht sein Traumberuf zu werden, denn zwei Tage nach Lehrabschluß meldet er sich 1935 freiwillig zum Infanterieregi­ ment 75 in Donaueschingen. Nach zwei Jahren wechselt er zur Deutschen Reichs­ bahn, wo er als Heizer auf einer Dampflok arbeitet. 1938 entwickelt sich sein neuer Berufswunsch: Er will Polizist werden. Dies erfüllt sich dann auch auf der Polizeischule in Heidenheim. Den Zweiten Weltkrieg erlebt er in ganz Europa: Vom Polizei-Gebirgsjäger-Regi­ ment 18 in Garmisch-Partenkirchen ging es in die Tschechoslowakei, nach Polen, Jugo­ slawien, Finnland, Griechenland bis nach Rußland auf die Krim. Nach Kriegsende arbeitet er als Angestellter beim Städtischen Vermessungsamt Villingen, bis zur Pensio­ nierung 1977. 1952 flog der „Rietvogel“ aus seinem geliebten Villingen aus. Er heiratete „in Bad Scheme mit Mosers Antlitz 181 damit bescheinigt, sondern das menschliche Wirken, über fünfzigJahre den Mitbürgern g-_ute Laune, Lachen, Humor und somit das Uberwinden der täglichen Sorgen und Nöte nahegebracht zu haben. Wenn Humor wirk­ lich die „beste Medizin“ ist, so hat sich Bernhard Moser einen Doktor-Titel ver­ dient. In Bad Dürrheim gehört er mittlerweile zum festen Inventar der Stadt. Doch mit dem Wasser der Stillen Muse! wurde er nicht getauft, was man auch heute noch merkt, wenn er seine unzähligen Anekdoten aus dem alten Villingen zum besten gibt. Im Herzen ist er ein „Rietvogel“ geblieben. Riet­ vogel darf sich nicht jeder nennen – das bleibt nur den im Villinger Riet-Viertel gebo­ renen und aufgewachsenen Ureinwohnern vorbehalten. Bernhard Moser gehört dazu, seit er im Herbst 1917 als drittes von sieben Kindern im Riet das Licht der Welt erblickte. Auf Wunsch des Vaters, der Werkmeister bei der Backofenfabrik Oberle war, sollte der Bub „etwas Anständiges“ lernen. So ging er nach

geeigneten Raum für die probenintensive Vereinsarbeit zu bekommen. Als Moser 1977 in Pension ging, wurde er als Führer und Kassierer im Dürrheimer Narrenschopf wiederum in die Position gestellt, die seinem Naturell entspricht. Heute ist er dort nicht mehr wegzudenken, denn seine markige, witzige und fachliche Präsentation der verschiedenen Fasnachtsfi­ guren begeistert die Besucher immer wieder. Hier ist er in seinem Element und vermittelt treffiich den Geist der alemannischen Fasnet an alle Gäste. Da er als Rentner nunmehr viel Zeit hatte und sein Ruf als Conferencier über die Kreis­ grenzen hinausdrang, konnte man ihn auf unzähligen Musikfesten vom Bodensee bis Stuttgart hören. Auch für die Kur- und Bäder GmbH wurde er eingespannt und warb auf diversen Touristikmessen für seine „zweite Heimat“. Seit drei Jahren wirkt er auch bei der Gästebegrüßung mit, indem er den Neu­ angekommenen das „Alemannische Sprach­ abitur“ abnimmt, um so den Gästen den Dialekt unserer Gegend humorvoll näherzu­ bringen. Kurz, überall wo etwas los ist, darf „d’Moser“ nicht fehlen. So auch in den Dürrheimer Partnerstädten in Frankreich und Ungarn, wo er schon etliche Freund­ schaften geschlossen hat. Als Stimmungskanone hat er also sein Pulver noch lange nicht verschossen und es bleibt zu wünschen übrig, daß Bernhard Moser noch lange Jahre als „Original Villin­ ger Oürrheimer“ die Kraft und die Gesund­ heit erhalten bleibt, um sein Wirken in der Gemeinschaft fortzusetzen. Jürgen Kauth Dürrheim ein“, wo er in Lisa Reich eine Lebensgefährtin gefunden hatte, die genug Geduld aufbrachte, um ihm, den es im Leben immer wieder mit unbändiger Kraft vor sein Publikum gedrängt hat, einen ruhenden Pol zu bieten. In Villingen kannte ihn zu der Zeit bereits jedes Kind, denn er war schon vor 1939 und dann wieder nach dem Krieg aktives Mit­ glied im Katzenmusik-Verein, dem er heute noch als Ehrenmitglied eng verbunden ist. Die Fasnet war und ist seine große Passion. Jahrzehntelang betätigte er sich als Schau­ spieler und Ansager bei den Katzenmusik­ Umzügen. Im gesetzten Alter fährt er heute noch manchmal im Galawagen der Narro­ zunft mit. Diese Begeisterung für die Fasnet wurde durch seinen Umzug nach Bad Dürrheim nicht gedämpft. Im Gegenteil – 1952 war er bei der wiedergegründeten Narrenzunft sofort dabei. Solch ein Mann, mit einer „großen Gosch“‚ und schauspielerischem Talent konnte man natürlich gut gebrau­ chen. Bis 1956 hatte er hier als Zweiter Zunftmeister im Vorstand mitzureden. 1954 trat er dem Trachtenverein bei, dem er heute noch als Ehrenmitglied aktiv angehört. In jener Zeit kam die Idee auf, den Trach­ tenverein stärker in den Kurbetrieb der auf­ strebenden Kurstadt einzubeziehen. Bis dato beschränkte man sich aufTanzvorfüh­ rungen bei Festen, nun wollte der Verein auch Heimatabende für die Kurgäste veran­ stalten. Hierbei war Bernhard Moser wie­ derum als wortgewandter Ansager und Unterhalter der Schlüssel zum Erfolg und der rechte Mann am richtigen Ort. Diesen „Job“ erledigt er heute im vierzigsten Jahr und die Freude an dieser Aufgabe ist ihm nur getrübt durch den Umstand, daß dem Verein die dringend nötige Unterstützung bei der Beschaffung neuer Proben-Räumlichkeiten versagt wird. Als Dank für die jahrzehntelange Arbeit des Vereins bei der Unterhaltung der Kur­ gäste und Bewahrung heimatlicher Tradi­ tion hätte es dieser wohl verdient, einen 182

U h r en im Lan d k r eis – gestern u n d h eute 150 Ja h r e D e u t sc h e U h r e n in d u st r ie V o m U h r e n g e w e r b e z u r U h r e n i n d u st r i e Die gewerbliche Entwicklung der Uhr­ macherei im Schwarzwald begann um 1715, nachdem die Uhrmacherei andernorts schon fortgeschritten war. Wahrscheinlich kam sie in erster Linie durch Zufalle in den Schwarzwald. Die Voraussetzungen für die Schwarzwälder Holzuhrmacherei waren offenbar so günstig, daß sich – nach zaghaf­ ten Anfangen vielleicht schon ein halbes Jahrhundert zuvor- in zwei Jahrzehnten ein blühendes Uhrengewerbe entwickelte. Es war im wesentlichen auf den Höhen des Schwarzwaldes über 800 Meter im Gebiet der Klosterherrschaft St. Peter und der welt­ lichen Herrschaft Triberg angesiedelt. Wahr­ scheinlich haben Gewerbeförderungsmaß­ nahmen der vorderösterreichischen Regie­ rung zum Anstoß der Entwicklung und zum Erfolg mitbeigetragen, wenngleich diese Maßnahmen weniger materiell als ideell ein­ zustufen sein dürften. Erst nachdem man seit geraumer Zeit nach direkten Beweisen für diese These sucht, wird man größere Klar­ heit in die Frühzeit bringen können. Werkstat/ eines Flötenuhrmachers in Neusladt um 1825 183

mach er zur Ergänzung ihrer handwerklichen Uhrenherstellung durch industrielle Arbeits­ weisen. Zuerst wurden Radsätze und Zusatz­ teile der Uhren fabrikmäßig hergestellt. Die früher zwar arbeit teilig, aber im wesentli­ chen handwerklich orientierten Uhrmacher bauten nur noch fertige Teile zu Uhren zusammen, so daß die schon erhebliche Pro­ duktionsmenge der Schwarzwälder Uhren von 1800 verdoppelt bis verdreifacht wurde. Wir sind damit etwa in der Zeit um 1850, als insbesondere in Lenzkirch neben Zulie­ ferbetrieben erste Uhrenfabriken gegründet wurden. Zu nennen ist die Aktiengesell­ schaft für Uhrenfabrikation in Lenzkirch (AGUL), wo man die fabrikmäßige Produk­ tion von Uhrwerken ganz au Metall auf­ nahm. Das Anfangskapital stammte teil­ weise aus der Schweiz. Gehäuse wurden in der ersten Zeit vielfach aus Paris bezogen. Die anfänglichen Produktionszahlen waren eher bescheiden. Im badischen Schwarz­ wald, wo die Uhrmacherei fast 150 Jahre vor­ her begonnen hatte, kamen so mehrere Uhrenfabriken in Gang. Sie beschäftigten vorher selbständige Uhrmacher und expor­ tierten über ihre Vertriebsorganisationen die Uhren in alle Welt. Aufbau einer Uhrenindustrie nach amerikanischem Muster In die Vereinigten Staaten von Amerika waren in den 100 Jahren zuvor Schwarzwäl­ der Uhrmacher ausgewandert und hatten ihre Produktionsmethoden mitgenommen. Im Gegensatz zum Schwarzwald erfolgte in der Neuen Welt jedoch eine schnellere Indu­ strialisierung, die den Aufbau einer Uhren­ industrie nach neueren Methoden beinhal­ tete. Zuerst wurden Holzuhren in den USA fabrikmäßig gefertigt, seit der Mitte des Jahr­ hunderts auch Metallwerke in einer speziel­ len Art, die man bei uns als Amerikaner­ uhren bezeichnet. Man stanzte die Platinen aus Blech, ebenso Räder und weitere Teile, so daß eine billige Massenproduktion möglich wurde. Die amerikanischen Uhren über­ schwemmten den Weltmarkt und nahmen Holzuhrwerk mit Spinde!hemmung. Friihe haus­ gewerbliche Fertigung. Sclnoarzwa!d, um 1830. Das Uhrengewerbe bot seit dem 18.Jahr­ hundert einer wachsenden Zahl von Menschen Verdienstmöglichkeiten. Die Schwarzwälder Bevölkerung, die zuvor zah­ lenmäßig über Jahrhunderte stabil war, wuchs rasch. In den unwirtlichen Schwarz­ wald zog sogar ein gewisser Wohlstand ein, besonders im Vergleich zum landwirtschaft­ lich viel besser situierten Rheintal. Zur gleichen Zeit spielten im England des 18.Jahrhunderts bereits Dampfii1aschinen und frühe Industrieentwicklungen -Kohle, Stahl, Textil-eine Rolle. Derverkehrsmäßig abseits gelegene Schwarzwald war dagegen rein handwerklich-gewerblich orientiert. Einer Industrialisierung standen Verkehr – hindernisse und die vorherrschende Streu­ siedlung entgegen. Zunehmende Rationalisierung, Preis­ druck, Konkurrenz -insbesondere aus dem französischen Grenzgebiet der Franche Comte -zwangen die Schwarzwälder Uhr- 184

den Schwarzwäldern teilweise ihren Absatz, da sie die Preise der handwerklich hergestell­ ten Uhren weit unterbieten konnten. Qiali­ tät und Art unterschieden sich zwar von den bekannten Schwarzwälder Uhren, doch erlaubte die maschinelle Fabrikation sehr niedrige Preise bei brauchbarer Funktions­ sicherheit. Findige Schwarzwälder Unter­ nehmer, unter ihnen ist besonders Erhard Junghans zu nennen, studierten in Amerika die Fertigungsmethoden und brachten sie mitsamt den Maschinen um 1870 in den Schwarzwald. Zwar ließe sich manches über Anfangs­ schwierigkeiten berichten, auch über nicht so günstige Preise, wie man sie eigentlich erhofft hatte. Doch erlaubte der Erfolg der neuen Produktionsmethoden nach einigen Jahren die Verdrängung der amerikanischen Uhren von vielen Märkten. So entstand nach dem Muster von Junghans in Schram­ berg die württembergische Uhrenindustrie in und um Schwenningen, die, anders als die traditionellere badische Konkurrenz, weni­ ger konservative Uhrwerke und Muster her­ vorbrachte. Insbesondere Wecker wurden in großen Stückzahlen und zu sinkenden Prei­ sen hergestellt. Bald konnte sich der Arbeiter einen Wecker für einen Tageslohn kaufen. Jetzt war die Uhr als Gebrauchsartikel aller­ dings auch notwendig geworden, da Pünkt­ lichkeit in Fabriken, Schulen sowie im öffentlichen Leben einschließlich Verkehr eine immer größere Bedeutung gewonnen hatte. In den Jahren nach 1871 fand in ganz Mitteleuropa ein industrieller Aufschwung statt. Er wurde durch die Rezessionsphase Mitte der 70er Jahre für kurze Zeit unter­ brochen, setzte sich dann jedoch mit ge­ ringen Einschränkungen sogar über den Ersten Weltkrieg hinaus bis fast zu den 30er Jahren fort, eine lange Periode beständiger Produktionszunahme. Automatisierte Uhrenfertigung Im 20.Jahrhundert begann im Schwarz­ wald auch die industrielle Automatisierung. Werk einer Wanduhr nach amerikanischem Muster. Durchbrochene, gestanzte Messingplati­ nen, Eingriff des Blechankers von der unteren Werkseite. junghans, nach 1870. Die Uhrenbestandteile wurden nicht nur maschinell hergestellt, auch die Drehbänke, Stanzwerkzeuge und weitere Maschinen wurden immer mehr in teilautomatisierte Fertigungsgänge einbezogen, und die auto­ matisch gefertigten Teile wurden am Fließ­ band zusammengebaut. Dadurch wurde eine wesentliche Rationalisierung der Ferti­ gung erreicht, die Produktion konnte gestei­ gert werden, die Preise sanken, und ein wach­ sender Markt konnte erschlossen werden. Die Produktionsmenge der inzwischen etwa 30.000 Menschen beschäftigenden Uhren­ fabriken war auf 10 Millionen schon im Jahre 1910 angewachsen. Marktbeherrschend waren wenige große Firmen mit mehr als tau­ send Beschäftigten. Dazu kamen etwa 200 mittlere und kleinere Betriebe, die ihre Pro­ dukte teilautomatisiert herstellten. Die Firmen bauten eigene Absatzorgani­ sationen auf, die weltweit erfolgreich waren. 185

Automatensaal der Firma}unghans, Schramberg, 11111 1890. Die Beschäftigtenzahl mußte stark verringert werden. Verständlicherweise waren zuerst die Firmen betroffen, die am wenigsten fort­ schrittlich produzierten, so die inzwischen alt gewordenen Uhrenfabriken des badi­ schen Raums: Lenzkirch, Furtwängler und die Badische Uhrenfabrik in Furtwangen. Ein Grund lag auch in der Fertigungsstruktur und den Produktlinien dieser Firmen, die nach alter Tradition auf besondere Stabilität und hohen Aufwand der Werke-und Gehäu­ sefertigung ausgerichtet waren. Dagegen arbeiteten Betriebe nach amerikanischem Vorbild auf einfache Ma enware und preis­ günstigste Fertigung bei leichtester Ausfüh­ rung hin. Die Aufwärtsentwicklung vieler Firmen hatte mithin zwei bis drei Generationen gedauert und wurde durch die erste nachhal­ tige Rezession (1929) gebremst. Doch der so schmerzhaft zurückgeworfene Uhrenmarkt erhielt bald neue Impulse durch den Ver­ braucherbedarf. Nach den Wanduhren der Auch Zweigbetriebe im Ausland wurden gegründet und hatten eine bedeutende Ver­ größerung des Marktes zur Folge. Der Erste Weltkrieg von 1914 bis 1918 unterbrach die Aufwärtsentwicklung dieser Industrie kaum, wenngleich die Uhrenfabriken vielfach auf Kriegsproduktion umstellen mußten und ihre eigentlichen Erzeugnisse, die Uhren, für einige Jahre aus den Augen verloren. Trotz­ dem gab es nach Ende des Weltkrieges kaum eine Unterbrechung der Konjunktur, viel­ mehr blieb die Wirtschaft bis über die Mitte der zwanziger Jahre im Aufwärtstrend, wäh­ rend die Produktionsmethoden weiter ver­ feinert wurden. Die Weltwirtschaftskrise Ende der 20er Jahre unterbrach die bis dahin kontinuier­ lich aufwärts gerichtete Entwicklung nach­ haltig. Die ersten Fabriken, etwa 80 Jahre zuvor gegründet, gingen in Konkurs oder wurden von anderen Firmen übernommen. 186 Erste Krisenperioden, Zusammenbrüche

Fließband für Weckerfertigung um 1950. Fa. }unghans, Schramberg. Zeit bis 1850, den Weckern der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts und den Regula­ teuren des beginnenden 20.Jahrhunderts bevorzugten sie neue Uhrensorten: Küchen­ uhren, Schmuckwecker, Stiluhren, Schreib­ tischuhren und Zeitmesser für Spezial­ zwecke. Mit elektrischen Uhren wurde nicht mehr nur experimentiert. Fortschrittliche Firmen bauten elektrische Uhren, die gegen­ über den mechanisch betriebenen ein höhe­ res Maß an Bequemlichkeit boten und sowohl ganggenau wie zuverlässig waren. Veränderte Technologie Die 30er Jahre bescherten eine langsame, doch beständige Steigerung der Produktion, die durch den 2. Weltkrieg 1939 -1945 wohl in der Produktentwicklung, nicht dagegen in der Menge unterbrochen wurde. Vielmehr war der Ausstoß der Fabriken in dieser Zeit besonders groß, Organisation und Zusam­ menarbeit innerhalb der Uhrenindustrie funktionierten unter Zwang besser denn je zuvor. Dabei wurden schon neue Technolo­ gien und Fertigungsabläufe eingeführt, die sich später in der Nachkriegsproduktion bewährten. Wenngleich nach Kriegsende schmerzliche Werksdemontagen erfolgten, so blieb doch die Produktion in Gang, der Fortschritt ging auf jeden Fall weiter, allein infolge des Ersatzes der demontierten Anla­ gen durch neuere und modernere. Kunststoffe, zuerst argwöhnisch als Ersatzstoffe minderer Qualität betrachtet, führten in Wirklichkeit zu besserer Material­ nutzung und setzten sich immer weiter durch. Anfang der 60er Jahre hatte die deut­ sche Uhrenindustrie eine Produktion von etwa 50 Millionen Uhren im Jahr erreicht, die Beschäftigtenzahl näherte sich mit fast 40.000 Beschähigten ihrem Höchststand. Neue Entwicklungen wurden in den Labors betrieben, insbesondere elektrische und elektronische Uhren begannen ihren Sieges­ lauf, während die Fertigung durch Kunst­ stoffverwendung immer rentabler wurde. 187

etwas früher wirksam, so daß Deutschland und die Schweiz mit zeitlichem Abstand betroffen waren. Die Produktion der deut­ schen Uhrenindustrie bewegte sich 1970 um etwa 50 Millionen Uhren, die Beschäftigten­ zahl war infolge von Rationalisierungserfol­ gen leicht gesunken. Der Markt wurde zusätzlich durch Fernostimporte mit Uhren über ättigt, so daß verschiedene Firmen auf­ geben mußten. Natürlich traf es die am schlechtesten mit Kapital ausgestatteten und kaum vorbereiteten Firmen am stärksten, verschiedene Fabriken mit einer großen Tra­ dition gingen in Konkurs. Eine Konsolidierung auf niedrigerem Niveau der Beschäftigtenzahl bei gleichblei­ benden oder gar steigenden Produktions­ mengen und mit leistungsfähigeren Produk­ ten als zuvor folgte dieser Einbruchsperiode (1980). Im Ergebnis war die Bedeutung der Uhrenbranche jedoch deutlich geschwächt und ihre Stellung auf dem Weltmarkt ver­ schlechtert. Wendepunkt der Industrieentwicklung Über die ganze Zeit der 200jährigen Schwarzwälder Uhrenindustrie können wir an Hand der Firmenentwicklungen Hoch­ und Tiefpunkte verfolgen. Daraus können wir versuchen, Gesetzmäßigkeiten oder wie­ derkehrende Prinzipien abzuleiten. Dabei zeigt sich ein beständiges Auf und Ab der Konjunktur, wie es nach der einfachen Betrachtung aus der Erfahrung fast selbstver­ ständlich ist. Sodann möchte man den perio­ dischen Schwankungen einer zeitabhängi­ gen Konjunkturkurve eine Periodizität unterlegen, die jedoch durch die äußeren Umstände gestört wird, vor allem durch die Kriege in Europa. Krisenperioden wieder­ holen sich offensichtlich im Zeitraum von 30 bis 60 Jahren. Daraus allein ist jedoch keine Gesetzmäßigkeit abzuleiten, wie die eingetragenen Jahreszahlen besonderer Ereignisse zeigen. Eine „Planmäßigkeit“ wage ich jedoch in die Hauptperioden der Gründung von Indu­ striebetrieben und in die Krisenperioden mit Weckerwerk }unghans 231. Gebaut etwa 1920 bis 1975. Damit ging weitere Automation einher, so daß die Uhiwerke immer billiger hergestellt werden konnten. Neue Fabriken wurden gebaut und beste­ hende vergrößert, der Markt wuchs mit dem Bedarf sowohl in Deutschland wie weltweit, die Periode des Wiederaufbaus schien in eine ungebrochene Wachstumsepoche zu mün­ den. Der allmählich voraussehbare Struktur­ wandel, bedingt durch den Technologiewan­ del von der Mechanik zur Elektronik, kün­ digte sich in den 60er Jahren bereits an. Der Siege zug der mechanischen Uhr näherte sich infolge lohnintensiver Fertigung bei ständig steigenden Lohnkosten dem Ende zu. Beinahe unvorbereitet, ausgelöst durch eine zusätzliche Konjunkturschwäche, brach Mitte der 70er Jahre eine massive Krise aus. Im wesentlichen war sie durch den Struktuiwandel von mechanischer zu elek­ tronischer Fertigung bestimmt. Auf dem Großuhrensektor war dieser Um chwung 188

gehäuften Firmenzusammenbrüchen zu legen. 1850 begann nach sicher nicht ver­ nachlässigbaren Vorläufen die erste Grün­ dungsphase von Uhrenfabriken, speziell im badischen Raum, dem Anfangsgebiet der Uhrmacherei. Sie ist aus der dort schon lange dauernden Tradition der Uhrmacherei ver­ ständlich. Ferner waren arbeitsteilige Ferti­ gungen in kleineren Betrieben üblich, und auch eine Eigenkapitalbildung wird vorher stattgefunden haben. Warum die Industriali- sierung hier und überhaupt in Deutschland erst später als etwa in England begann, soll nicht diskutiert werden. Eine ganze Reihe bekannter Firmen etablierte sich im Gebiet von Lenzkirch, Neustadt, Furtwangen, Vil­ lingen, einige davon wurden zu Großbetrie­ ben der Uhrmacherei. Die zweite Gründungsperiode war die Etablierung der Schramberger und Schwen­ ninger Uhrenfabriken nach amerikanischem Konzept. Hier waren die günstigere Ver- Vollautomatische Montagestraße für Schrillmotoren von Quarzwerken. Fa. junghans, 1986. 189

kehrslage einschließlich Eisenbahnbau, der zunehmende Bedarf an Uhren und die bald sehr preisgünstige Produktion von Arnerika­ neruhren maßgeblich. Zusätzlich wirkte sich die „Gründerzeit“ nach eiern deutsch-franzö­ sischen Krieg 1870/71 aus. Trotz einer zwi­ schenzeitlichen Konjunkturabschwächung Mitte der 70er Jahre dauerte diese Periode viele Jahrzehnte. Die Uhrenindustrie hatte sogar eine fast beständige Aufwärtsentwick­ lung bis nach dem Ende des Ersten Weltkrie­ ges. Eine dritte Periode von Firmengründun­ gen kann man den Jahren von 1930 bis 1950 zuordnen, die trotz des 2. Weltkrieges eine Zeit von Betriebserweiterungen, Erneuerun­ gen und Neugründungen war. Ursachen waren nicht nur konjunktureller Natur, son­ dern lagen auch schon zu einem Teil in den erst später voll wirksamen Technologieände­ rungen. Nach 1950 gab es wohl weitere indu­ strielle Fortschritte, aber eine neue Grün­ dungsphase blieb aus. Die ersten Zusammenbrüche von Firmen der Uhrenindustrie kamen mit der Welt­ wirtschaftskrise in der Zeit nach 1929. Die ältesten Firmen kamen aufgrund unzeitge­ mäßer Strukturen in erhebliche Schwierig­ keiten und mußten mehrheitlich schließen. Ungenügende Automatisierung und Ratio­ nalisierung waren die wesentlichen Ursa­ chen. Die zweite Krisenperiode Mitte der 70er Jahre traf auch relativ moderne Betrie­ be. Aufgrund des zu spät erkannten Struktur­ wandels -Kunststoff und Elektronik lösten die mechanischen Fertigungsstrukturen ab­ schrurnpften Firmen-und Beschäftigtenzah­ len, obwohl die Produktionsmenge der Uhrenindustrie kaum abnahm. In die Zukunft können wir nur bedingt sehen. Do h ist aus dem augenblicklichen Trend abzusehen daß bei stärkerer Automa­ tisierung und höheren Lohnkosten weitere Konzentrationen der Fertigung erfolgen müssen. Zudem wird das frühere Präzisions­ gerät Uhr -trotz hoher Anforderungen an Genauigkeit, Zuverlässigkeit, Lebensdauer – immer einfacher zu produzieren sein. Die Herstellung erstreckt sich auf immer weitere 190 Zusammenfassung, Folgerungen Produktionsstätten in aller Welt. Auch die Zunahme immer wichtigerer zeitgesteuerter Prozesse erfordert keine mechanischen Uh­ ren sondern „elektronische Geräte“, deren Herstellung nicht in klassischen Uhrenfabri­ ken, sondern in Elektronikfirmen erfolgt. Die drei Gründungsperioden folgen im zeitlichen Abstand von etwa 30 Jahren auf­ einander, wobei die besonderen äußeren Einflüsse sicher eine Verzerrung ins Bild bringen. Die erste Periode kennzeichnet den Übergang vorn Hausgewerbe mit Einschluß arbeitsteiliger Fertigungen zur klassischen Uhrenindustrie kapitalintensiver Ausrich­ tung. Die Fabrikgründung war im buchstäb­ lichen Sinn wesentlich eine Kapitalfrage. Die zweite Periode war mit bedeutend ein­ schneidenderen Umwälzungen verbunden und brachte sowohl wesentliche Produktivi­ tätssteigerungen wie Produktveränderungen mit sich. Hier verlagerte sich der Schwer­ punkt der Industrie vom badischen in den württembergischen Raum, und die wichtig­ sten Produktionsstandorte wuchsen zu grö­ ßeren Städten heran. Automatisierung be­ gann eine immer größere Rolle zu spielen. Die dritte Periode war fast ganz durch Automatisierung, Technologiewandel und neue Produkte bestimmt, wenn diese Ein­ flüsse auch nicht so deutlich registriert wur­ den. Der ganze Zeitraum war eine Periode technischen und sozialen Fortschritts, der Produktionszunahme dank neuer Märkte und einer gewissen Vorherrschaft Europas in der Welt. Auch die Produktqualität konnte gesteigert werden, mindestens wurde sie voll beherrschbar. Offenbar eindeutiger als den Aufbau kann man die Krisenzeiten unserer Betrach­ tung erklären und bis zu einem gewissen Grad systematisieren. Die Firmenzusam­ menbrüche in der Weltwirtschaftskrise be­ trafen nach einer Aufbauzeit von etwa drei Generationen sowohl die Unternehmer wie die Beschäftigten alteingesessener Betriebe mit bestem Ruf und bester Produktqualität.

f.., L““I°‘ U �—�·11�i�'“ .. P.a,oor .�- Integrierte Schaltung.für eine Weltzeituhr mit Zeitanzeiger einzelner Zonenzeiten auf Abruf Fachhoch­ schule Furtwangen, Prof. K. Schmidt, 1991. Die nach bewährter Art in hoher �alität und Stabilität, aber nicht mehr modernster Technik gefertigten Uhren waren einfach zu teuer geworden und fanden keinen Absatz. Die Umstellung auf eine moderne Fertigung erwies sich jedoch als so schwierig, daß sie von einem neu gegründeten Betrieb leichter geschafft wurde. Und nach Schließung der alten Fabriken entstanden bald neue Be­ triebe mit allerdings veränderter Produktion. Das wiederholte sich viel schwerwiegen­ der in den 1970erJahren, als sich die Struktur nicht nur der Fertigung, sondern des Produk­ tes Uhr und damit der ganzen Uhrenbranche wandelte. Wiederum waren am stärksten die Betriebe mit einem Alter von etwa drei Gene­ rationen betroffen. Dort, wo zuerst Schwie­ rigkeiten auftraten, lagen sie auch in Zufällig­ keiten der Firmenstruktur. Eigenkapital und Reserven, Besonderheit der Produkte und vor allem die Qualität des Managements waren bestimmend. Diese Argumente gelten auch weiterhin. Für die augenblickliche Situation der Uhrenindustrie kann man folgern, daß bei weiterer Fertigungskonzentration und trotz Zunahme der produzierten Uhren (über 700 Millionen weltweit im Jahr) weitere Firmen ungünstige Aussichten haben. Diversifika­ tion, die einem Betrieb mit funktionierender Absatzorganisation bei rechtzeitiger Vor­ sorge Zukunftschancen bietet, hat nicht immer Erfolg gehabt. Sicher ist es auch ein Zeichen unserer Realität, daß gewachsene Strukturen in der Regel nur begrenzte Lebensdauer haben. Mindestens können wir das beständig verfolgen. Das Industriemuseum – Folgerichtiger Abschluß der Industrieentwicklung Der Fortschritt unserer industriellen Ent­ wicklung ist nach heutigem Ermessen nicht 191

2000 1975 (1950) 1930 (1914) Krise -,.+ 2. Krise – – 1-> 1. Krise 3. Gründerphase 1880 ____ , ___ ……, 2. Gründerphase (1870) 1850 ___ .., 1. Gründerphase 1800 Ein Besuch im „neuen“ Deutschen Uhrenmuseum in Furtwangen und darauf aufbauenden Systemen noch ein weites Feld zu erforschen und zu bearbeiten. Nach der elektronischen Uhr mit Zusatz­ funktionen, dem Zeitcomputer, werden Funkuhren mit weltweiter Steuerung, Zeit­ steuergeräte, Navigationsgeräte, Kommuni­ kationssysteme wie auch medizintechnische Geräte, etwa Herzschrittmacher, an Bedeu­ tung gewinnen. Alte Strukturen verschwinden und wer­ den Teil der Kulturgeschichte, mit der sich die moderne Gesellschaft zunehmend aus­ einandersetzt. Daher ist es an der Zeit, veral­ tete und nicht mehr intakte Strukturen mit­ samt ihrem Gerätepark auch als Denkmäler zu erhalten und zu pflegen. Das trifft in unse­ rem Bereich auf die Notwendigkeit der Er­ haltung einer mechanischen Uhrenfertigung in einem [ndustriemuseum zu, das nicht nur tote Maschinen beherbergt, sondern auch die Funktion einer solchen Anlage für die Nachwelt sichtbar macht. Solche Arbeit muß zeitgemäße Museumspolitik rechtzei­ tig leisten, ehe alles Überkommene dieser Art zerstört ist. Prof. Dr. Richard Mühe plante Baumaßnahme 1988 begonnen wer­ den. Während der gesamten Bauzeit blieb das Museum geöffnet, um die teilweise von weither anreisenden Besucher nicht vor ver­ schlossener Tür stehen zu lassen. Auch der kontinuierliche Führungsbetrieb, eine Be­ sonderheit des Deutschen Uhrenmuseums, wurde in vollem Umfang aufrechterhalten. Wenn der Besucher heute das Museum betritt, steht er in einem großzügigen Foyer und hat Einblick in verschiedene Bereiche des Gebäudes. Über der Kasse findet er in neuem Glanz die große Majolikauhr, die die ehemalige Außenwand des Museums schmückt und zu einem Wahrzeichen des Raum und Gestaltung Zeitlicher Konjunkturverlauf aufzuhalten, auch nicht unter Berücksichti­ gung aller neuen Gesichtspunkte der Um­ weltpolitik und Ressourcenschonung. In der Uhrentechnik ist mit der Fortentwicklung von der mechanischen Fertigung von Räder­ uhren zu elektroni chen Zeitmeßgeräten Im September 1992 eröffnete der Baden­ Württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel den Erweiterungsbau des Deutschen Uhrenmuseums in Furtwangen. Die feierli­ che Eröffnung war die Krönung jahrzehnte­ langer Fortschritte des Museums. Sie sind durch stetig steigende Besucherzahlen -im Jahr 1992 kamen 135.000 Gäste -und konti­ nuierliche Erweiterung der Sammlung auf 5000 Objekte gekennzeichnet. In der ge­ drängten Ausstellung konnten die Objekte in ihrer Eigenwertigkeit und in den Sachzusam­ menhängen nicht mehr adäquat präsentiert werden. So entging den Besuchern zwangs­ läufig vieles an interessanten Informationen. Infolge der Unterstützung durch das Land Baden-Württemberg konnte die lange ge- 192

so daß die Objektpräsentation der Bedeu- tung der Sammlung entspricht. Innenansicht mit dem Bereich Astronomie und Zeitmessung Museums wurde. Durch die strengen Furt- wanger Winter und aufgrund ihrer exponier- Da eine Spezialsammlung technischer ten Lage war sie dringend restaurierungsbe- dürftig. Den Altbauteil und den neuen Objekte für den Besucher nur schwer zu Bereich trennt eine Lichtfuge, durch die erfassen ist, bietet das Deutsche Uhren- Tageslicht auch in die tiefer gelegenen museum Führungen durch die Sammlung Gebäudeteile gelangt. Über Treppen und an, die die Besucher gern annehmen. Dabei werden Aspekte der Uhrentechnik und der einen gläsernen Fahrstuhl werden die Aus- stellungsebenen erschlossen. äußeren Gestalt der Uhren ebenso erläutert, Mit dem Um- und Erweiterungsbau wie die historischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen der Herstel- mußte auch die Uhrenausstellung neu gestaltet werden. Man nutzte die Gelegen- ler und Benutzer der Uhren. Ein besonderer Schwerpunkt liegt naturgemäß bei den heit, einzelnen Objekten mehr Raum zuzu- Schwarzwalduhren, da die Entwicklung der ordnen und stellte Stücke aus, die bisher aus Platzgründen nicht zu sehen waren. Parade- Schwarzwälder Uhrmacherei ein äußerst objekte wie die astronomischen Uhren aus interessantes und einzigartiges Kapitel frü- St. Peter und von Thaddäus Rinderle, die her Industriegeschichte ist. Natürlich wird astronomischen Maschinen von Philipp der Besucher auch mit der Kuckucksuhr und ihrer mythischen Entstehungsgeschichte be- Matthäus Hahn oder die große Kunstuhr kannt gemacht; denn für viele ist die Kuk- von August Noll erhielten herausragende kucksuhr immer noch die Schwarzwalduhr. Plätze. Dort sind sie Blickfange für die Besu- eher. Die einzelnen Abteilungen kommen Neben der Präsentation der Objekte ist im im neuen Museum deutlicher zur Geltung, Deutschen Uhrenmuseum mit dem Umbau 193

Man beginnt im Heute, da jeder Museums­ besucher damit vertraut ist: Pünktlichkeit, Termine, Arbeitszeit und Freizeit sind Erfah­ rungen aus dem 19.Jahrhundert, die ständig verfeinert wurden. Daß dies nicht immer jedem selbstverständlich war, zeigt die Kirchturmuhr. Sie steht für das mittelalterli­ che Zeitverständnis in Klöstern und Städten. Dort „entdeckte“ man die mechanische Uhr als Zeitgeber für eine kleine Bevölkerungs­ gruppe, die schon begann, mit Terminen zu leben, während der größere Teil der Bevölke­ rung nach natürlichen Rhythmen lebte. Noch weiter zurück gehen Systeme, mit deren Hilfe von Spezialisten bestimmte Zeit­ punkte ermittelt werden konnten, die oft auch kultischen Zwecken dienten. Das Modell von Stonehenge in Südengland ist dafür das Beispiel. Nach der Einführung in das Thema „Zeit“ kann sich der Besucher mit den Objekten zur Zeitmessung, den Uhren, auseinanderset­ zen. Die Elementaruhren waren als Wasser- Renaissance-Türmchenuhr mit Eisenwerk. Ver­ goldetes Messinggehäuse. Straßburg, 1573. Eiserne Wanduhr von Erhard Liechti. Winter­ thur, 1584. auch eine neue Beschriftung der einzelnen Abteilungen erfolgt. Jede Abteilung erhielt einen Text, der sich mit den speziellen Gege­ benheiten des jeweiligen Gebietes befaßt, sowie auf Details der Technik von Uhrwer­ ken und Gehäusen eingeht. Er beschreibt die Umstände, unter denen die Uhren entstan­ den sind und nicht zuletzt soll der Text in englisch und französisch auch auslän­ dischen Besuchern einen informativen Zugang zu den Uhren bieten. Die Museumsbereiche Der Rundgang durch das Museum be­ ginnt mit einer Einführung in das T hema „Zeit“. Dieser Bereich ist neu und befaßt sich mit dem, was die eigentlichen Museumsge­ genstände, die Uhren, messen: die Zeit. Hier wird das unterschiedliche Zeitempfinden heute und in der Vergangenheit thematisiert und die Entwicklung zu unserem Zeitver­ ständnis in drei Abschnitten charakterisiert. 194

oder Sonnenuhren schon in frühen Hoch­ kulturen gebräuchlich. Öl- oder Feueruhren sowie Sanduhren wurden fur die Messung kürzerer Zeitabschnitte, etwa bei Kanzelre­ den oder vor Gericht verwendet. Alle diese Uhren funktionierten jedoch nicht automa­ tisch oder kontinuierlich. Das änderte sich um 1300, als die mechanischen Räderuhren auftraten. Mit diesen neuen automatischen Systemen war man vom Wetter und von der Zuverlässigkeit eines Uhrenwächters unab­ hängig. Objekte aus der Anfangszeit sind nur in Bildern überliefert. In der Ausstellung findet man eiserne Wanduhren, die von Schmieden oder Schlossern für eine kleine Schicht städtischer oder kirchlicher Persön­ lichkeiten hergestellt wurden. Die Räder­ werke wurden von Gewichten angetrieben und eine Spindelhemmung mit Waag regelte den kontinuierlichen Ablauf des Werkes, der gemessen und angezeigt wurde. Mit der Antriebsfeder und einem neuen Hemmungssystem – Unruhe mit Spiral­ feder – konnten Uhren ortsunabhängig ver­ wendet werden. Sie waren nicht mehr an einen Platz gebunden, sondern standen frei im Raum, von allen Seiten ansehbar. Mit ihren reichen Gehäusen sind die Renais­ sanceuhren des 16. und 17. Jahrhunderts besondere Schmuckstücke der Ausstellung. Ihre Käufer erfreuten sich an der feinen Silber- und Goldschmiedearbeit und den verschiedenen, auch astronomischen Anzei­ gen. Für den Gebildeten galten diese Uhren als symbolisches Abbild einer wohlgeord­ neten Welt. Neben der Verbreitung als Gebrauchs­ und Schmuckobjekt besonders im städti­ schen Bereich des 18.Jahrhunderts, dienten Uhren auch als Meßinstrumente für wissen­ schaftlichen Gebrauch. Mit ihrer Hilfe ent­ deckte man neue Sterne und konnte die Himmelskörper und ihre Bewegungen dar­ stellen. Daß dies nicht nur mit Uhren aus den städtischen Zentren gelang, sondern auch mit Schwarzwälder Uhrentechnik möglich war, zeigt die Uhr von Thaddäus Rinderle (1787). Etwa zur gleichen Zeit Renaissance-Uhr 111i1 Bergkristallgehäuse, das von einer Darsle!!ung des Herkules getragen wird. Im Sockel ist ein K!appal!ar tmlergebracht. Hannss Chrislojf Kreizer, Augsburg, um 1630. machte sich ein pietistischer Pfarrer, Philipp Matthäus Hahn, Gedanken um die Darstel­ lung des Himmels und baute sein Planeta­ num. Die Entwicklung des Uhrenbaus im euro­ päischen Bereich kann der Besucher des Deutschen Uhrenmuseums anhand der nach Ländern aufgegliederten Ausstellung verfolgen. In den Ländern zeigen sich jeweils eigene Entwicklungen der Gehäuseformen und der Werkgestaltung. Mit der Verbrei­ tung des Pendels und einer hinreichenden Genauigkeit der Werke konzentrierten sich die Uhrenhersteller immer stärker auf die dekorativen Aspekte der Gehäuse, die beson­ ders in Frankreich als Bestandteile ganzer Wanddekorationen hergestellt wurden. Neben diesen aufwendigen Gestaltungen gab es aber auch schon preiswertere Uhren für die bürgerlichen Bevölkerungsschichten. Aus England und Frankreich gelangten 195

Innenansicht im Bereich Schwarzwälder Lackschilduhren Innenansicht des Bereiches Wiener und süddeutsche Uhren mit Blick auf den Bereich Kuckucksuhren im Pavillon. 196

Rahmenuhr mit Ölmalerei auf Blechschild: Uhr­ macherwerkstatt. Furtwangen, 1860. 1 i i l I Kuckucksuhr in Bahnhäusleform mit reicher Schnitzerei. Schwarzwald, um 1880. Gehäuseformen nach Süddeutschland und in den südosteuropäischen Raum, dessen wichtigstes Zentrum Wien war. Sein Einfluß ist nicht zuletzt auch im Schwarzwald fest­ stellbar. Doch auch nach Übersee, nach Japan und China, wurden Uhren exportiert und an die dortigen Gegebenheiten ange­ paßt. Nach diesem Überblick über die europä­ ische Entwicklung gelangt der Besucher auf seinem Rundgang in die wohl bedeutendste Abteilung der Schwarzwalduhren. Hier beginnt die Ausstellung mit einer Schwarz­ wälder Uhrmacherwerkstatt, die in Her­ stellungsmethoden und Materialien der Schwarzwälder Uhrmacherei einführt. Holz­ uhren bau nach dem Vorbild eiserner Wer­ ke, Entwicklung spezieller Werkzeuge, Auf­ bau eines weltweiten Vertriebssystems mit Orientierung an unterschiedliche Marktge­ gebenheiten sowie langsame, aber stetige Verbesserung der Fertigung kennzeichnen die frühe Entwicklung im 18. Jahrhundert. Sie wird an zahlreichen Beispielen im Museum belegt. Auch die Darstellung der Lackschilduhr, der typischen Schwarzwald­ uhr, nimmt breiten Raum ein. Die beson­ deren Entwicklungen wie astronomische Uhren, Musikuhren, besonders kleine Sorg­ uhren, Automatenuhren und Uhren mit auf­ wendigen Barockschildern lernt der Besu­ cher kennen, bevor er mit der Kuckucksuhr konfrontiert wird. Dort wird ihm nicht nur die vertraute Bahnhäusleform aus der Mitte des 19.Jahrhunderts gezeigt, sondern auch sehr frühe Exemplare seit etwa 1760. Während man noch die Vielfalt der Kuk­ kucksuhr bewundert, fallt der Blick auf die kapriziösesten Objekte der Uhrmacher­ kunst: die Taschenuhren. An der großen Kunstuhr von August Noll vorbei gelangt der Besucher in ein Kabinett, das den klei­ nen, tragbaren Uhren gewidmet ist. Von der frühen Halsuhr, die offen am Band getragen 197

Friihe Taschenuhr mit Spindelhemmung, Kelle und Schnecke. Helme, London, 11111 1760. Taschen11hr mil Emailmalerei. Schweiz, um 1810. wurde, über die fein gemalten Emailuhren des 18. Jahrhunderts zu den präzisen Ta- chenuhren des 19. Jahrhunderts geht die Entwicklung der Kleinuhr. Zahlreiche tech­ nische Finessen und Innovationen, viele aus­ gefallene Dekorationen kennzeichnen die­ sen Bereich, den sich der interessierte Besu­ cher konzentriert ansehen kann. Und mit dem Übergang zur Armbanduhr gelangt man in einen Bereich, der in kaum einem Museum so umfangreich wie in Furtwangen behandelt ist. Mit der Darstellung der industriellen Uhrenfertigung im Schwarzwald kommt der Besucher in die Modeme. Hier wurden schon im 19.Jahrhundert neue Zeit- und Fertigungsstandards gesetzt. Die Produktion nach amerikanischem Vorbild mit Halb­ automaten ermöglichte die Belieferung eines immer größer werdenden Konsumenten­ kreises, der über sehr unterschiedliche Geld­ mittel verfügte. Der Entwicklung der Furt- 198 wanger Industrie ist an dieser Stelle breiter Raum gewidmet. Zum einen geht es um die Industriefertigung an diesem zentral gelege­ nen Ort der Uhrmacherei, zum anderen geht es um die Bedeutung der Uhrmacherschule für die Fortentwicklung Furtwangens im 19.Jahrhundert. Von der Ebene der Industrieproduktion geht der Besucher in den unteren Bereich zur Dokumentation der elektrischen und elek­ tronischen Uhr sowie der Entwicklung der Musikuhren und -automaten. Dabei kommt er an der Darstellung von Uhrmacherwerk­ zeugen und Arbeitsplätzen vorbei und sieht eine Fertigungsmaschine, deren Funktion auch vorgeführt wird. Die Au stellung zur elektrischen Uhr ist in selte­ ner Breite angelegt. Zu Beginn macht sich der Betrachter mit grundlegenden Prinzi­ pien von Elektrizität und Elektromagnetis­ mus in Versuchen vertraut. Dann erhält er einen Einblick in das Thema Zeitverteilung. automatische

Werk eines Armbandchronographen. Konstruktion der 1970er Jahre. Val-joux, Schweiz, 1985. Bei der Synchronisation verschiedener Uhren in einem Gebäude oder sogar einem Gebiet wurde die Elektrizität zuerst erfolg­ reich angewandt. Die Entwicklung der elek­ trischen Zimmeruhr erfolgte unter zahlrei­ chen technischen Schwierigkeiten, die im Lauf der Zeit behoben werden konnten: Bat­ terien und Kontakte wurden verbessert, spe­ zielle elektronische Bauteile eingeführt. Mit der funkgesteuerten Armbanduhr aktueller Produktion reicht die Ausstellung bis heute. Im letzten Raum wird die Entwicklung der Musikautomaten aus den Schwarzwälder Musikuhren anhand verschiedenster Expo­ nate aufgezeigt. Von den frühen Glasglok­ kenspielen und den erfolgreichen Flöten­ uhren aus dem Schwarzwald bis zu elektro- pneumatisch gesteuerten Klavieren reicht die Ausstellung. Die verschiedenen Steuer­ und Programmiertechniken, von der Stiften­ walze und der Metallplatte zur Papierrolle, sind Teil der Entwicklung. Ein ausführlicher Rundgang durch das „neue“ Deutsche Uhrenmuseum erfordert Zeit und der Umfang des Gebotenen erfor­ dert mehrfachen Besuch, wenn man sich allen Teilen der Ausstellung ausführlicher widmen möchte. Die Vielseitigkeit der Uhren, ihre technischen und dekorativen Raffinessen, wird den unterschiedlichen Interessen der Besucher gerecht. Beatrice Techen, M. A. 199

Die astronomischen Geräte Philipp Matthäus Hahns im Deutschen Uhrenmuseum, Furtwangen Die Veranschaulichung des Weltbildes und seine Darstellung mit den Mitteln der Feinmechanik sind zwei gegensätzliche Aspekte bei der Konstruktion astronomi­ scher Geräte. Die Vorstellung von der Beschaffenheit des Himmels und die prakti­ sche Umsetzung in einem Instrument sind Eckpfeiler bei der Herstellung von Planeta­ rien und Globenuhren. Sie dienten Wis en­ schaftlern zur Veranschaulichung der Him­ melsmodelle: des älteren geozentrischen mit der Erde im Mittelpunkt und des modernen heliozentrischen, mit der Sonne im Zentrum des Himmels. Mit der Aufklärung im 18. Jahrhundert setzte sich das heliozentrische Weltbild allgemein durch. Wissenschaftler hatten durch ihre Beobachtungen und For­ schungen dieses Himmelsmodell untermau­ ert, und im Gefolge des zunehmenden Inter­ esses an den Naturwissenschaften wurde es immer breiteren Bevölkerungsschichten bekannt. Das Planetarium von Philipp Matthäus Hahn (1739-1790) im Deutschen Uhrenmu- Abb. 1: Planetarium mit der Darstellung der „alten Planeten‘: die zur Entstehungszeit bekannt waren. Ph. M. Hahn, Kornwestheim, 1774. Durchmesser 140 cm, Höhe 67,5 cm. Deutsches Uhrenmuseum, Furtwangen. 200

Abb. 2: Globenuhr im Biedermeiergehäuse. Himmelsglobus links, Erdglobus rechtsßankieren kompli­ ziertes Uhrwerk mit Stundenanzeige. Kalendarische Angaben auf Zifferblättern unter den Globen. Ph. M. Hahn, Korme;estheim/Echterdingen 1770/83. Höhe 220 cm. Heimatmuseum Schwenningen. seum vertritt das heliozentrische Weltbild, das Nicolaus Copemicus eingeführt hatte. Im Unterschied zu seinen Vorgängern und Zeitgenossen im Planetariumsbau war Hahn vor allem Pfarrer und setzte sich intensiv mit pietistischen Glaubensinhalten auseinander. Daneben interessierte er sich für astronomi­ sche Phänomene und unterhielt in seinen Pfarrstellen Werkstätten, in denen seine Konstruktionen umgesetzt wurden. Das Pla­ netarium als Anschauungsmodell für den Aufbau des Planetensystems wurde um 1774 fertig und zeigt auf einer Marmorplatte die damals bekannten Planeten Merkur, Venus, Erde und Mond, Mars, Jupiter mit 4 Mon- für die den und Saturn mit 5 Monden, die in natürli­ cher Geschwindigkeit um die Sonne kreisen. Die Übertragung der Bewegungen geschieht mit kompakten Getrieben an langen Stahl­ trägern, die entsprechenden Abstände der Planeten untereinander sor­ gen. Angesichts der Größe der wirklichen Planeten und des Durchmessers ihrer Umlaufbahnen mußte Hahn bei seinem Modell zu verschiedenen Abbildungsmaß­ stäben für die Abmessungen der Planeten und ihrer Bahnen greifen. Der Antrieb erfolgt über ein Uhrwerk mit Pendelsteue­ rung und Federantrieb. Dies ist insofern erstaunlich, als die unregelmäßige Kraftab- 201

gabe einer Feder die Uhrwerke noch im 18. Jahrhundert ungenauer laufen läßt als ein Gewichtsantrieb. Denn bei einem so kom­ plexen astronomischen Getriebe würde man größtmögliche Genauigkeit erwarten. Doch kam es Hahn weniger auf den exakten Lauf als auf die Darstellung eines Weltbildes an, das er mit seinem Glauben in Übereinstim­ mung zu bringen trachtete und das nicht mehr die Erde und den Menschen als Mittel­ punkt allen Geschehens darstellte. Auf dem Zifferblatt ist eine 2 x 12 Stun­ deneinteilung für Tag und Nacht sowie das Datum angegeben. Heute präsentiert sich das Planetarium auf einem massiven Tisch mit geschnitzten Doppelfüßen und einer Glasabdeckung, die Getriebe wirkungsvoll Abb. 3: Globenuhr mit großem Zifferblat111nd 9 kleinen Hi!fszifferblällem. Flankiert von Erdglo­ bus rechts, Himmelsglobus links. Ph. M. Hahn, wohl Echterdingen, um 1785. Höhe 286 cm. Deutsches Uhrenmuseum, Furtwangen. / . _ _.i_ .III 202 _i__ –=–] III Abb. Ja: Himmelsglobus der Globenuhr zur Geltung bringend. Auf der Abdeck­ scheibe kann die Bewegung der Planeten auch innerhalb des Tierkreises verfolgt wer­ den. Dieses Planetarium ist unter den Wer­ ken Philipp Matthäus Hahns einzigartig und zeichnet sich durch seine gediegene hand­ werkliche Verarbeitung aus (Abb. !). Das zweite monumentale Objekt von Philipp Matthäus Hahn im Deutschen Uhrenmuseum ist die Globenuhr, die Mark­ graf Karl Friedrich von Baden 1788 erwarb. Sie wurde wahrscheinlich 1785 fertiggestellt und stand in Stuttgart zum Verkauf. Der ursprünglich rot-braune Holzkasten mit wenigen vergoldeten Verzierungen besteht aus einem hohen Sockel, auf dem sich ein prismatischer Aufsatz mit dem Uhrwerk erhebt, von zwei Globen Aankiert; rechts einem Erdglobus, links einem Himmelsglo­ bus. Das Zifferblatt in der Mitte weist 10 Zei­ ger und 7 Hilfszifferblätter auf, die Zeit und

Datum angeben: alle Anzeigen von der Sekunde bis zum Jahr sind auf diesem einen Zifferblatt konzentriert. Dabei hat der Stun­ denzeiger zwei Funktionen: er zeigt die Stunde an, und man kann mit ihm die Stel­ lung der Globen variieren. Der Erdglobus links dreht sich in einem Jahr um seine lotrechte Achse. Während der Tagesdrehung ist er um 23,5° gegen das Lot geneigt, so daß man die Lichtverteilung auf der Erde und die Zeit für jeden Tag ablesen kann. Der Sternen­ globus rechts soll den scheinbaren Lauf von Sonne und Mond und die Mondphasen anzeigen. Dazu muß sich der Betrachter ins Zentrum des Globus versetzt denken, um die Bewegungen nachvollziehen zu können. Die Globen stammen von Puschner, einem Kupferstecher in Nürnberg, der sie nach Arbeiten von Doppelmeier (1671-1750) anfertigte. Das sämtliche Bewegungen steu­ ernde Uhrwerk ist aus Messing und Eisen und schlägt die Viertelstunden auf zwei Glocken an. Für die Gangregelung verwen­ dete Hahn zur Steigerung der Genauigkeit eine freie Hemmung (Abb. 3). Philipp Matthäus Hahn erstellte mehrere Globenuhren vor allem für fürstliche Auf­ traggeber. Eine zwischen 1770 und 1780/83 geschaffene Globenuhr ist Bestandteil der Hellmut-Kienzle-Sammlung und wird heute im Heimatmuseum in Schwenningen ausge­ stellt (Abb. 2). Auch bei dieser Uhr befindet sich das Werk zwischen einem Himmels­ und einem Erdglobus. Das vergoldete Uhr­ werksgehäuse mit der Stunden- und Minu­ tenanzeige weist ein zweites Zifferblatt mit einer 24-Stundenzählung für die Tag- und Nachtstunden auf. Der Datumskreis mit den Wochentagen und deren Symbolen, den Tagesregenten, befindet sich am Sockel unter dem Himmelsglobus. Er weist auf die Sternzeit und den Wandel von Sonne und Mond. Die Anzeige der Monate mit der Anzahl der Tage, den Tierkreiszeichen und den 7 Planetennamen befindet sich auf dem Zifferblatt unter dem Erdglobus. Er zeigt wieder die Verteilung des Lichtes auf der Erde und den Sonnenstand an. Diese Globenuhr wird von einem großen komplizierten Uhrwerk mit Ankergang Abb. 4: Cylindertaschenuhr mit großer Unruhe, Jeindekorierte Unruhabdeckung, Kalender­ anzeige. Signiert: Hahn in Stuttgart. Durch­ messer 5, 7 cm. Deutsches Uhrenmuseum, Furt­ wangen. Abb. 5: Taschenuhr mit Cylinderhemmung in einer Werkauiführung, die das Wirken Ph. M. Hahns erkennen läßt. Signiert: Hahn Hofmecha­ nicus in Stuttgart. Um 1810. Durchmesser 5,5 cm. Deutsches Uhrenmuseum, Furtwangen. 203

chen seiner unermüdlichen Auseinanderset­ zung mit der Vorstellung vom Lauf der Welt und den planmäßigen Funktionen mechani­ scher Geräte, wenn auch die �alität sicher nicht immer mit dem Aufwand an Konstruk­ tionsleistung bei den astronomischen Ge­ trieben und Uhren zu vergleichen ist. Neben komplizierten astronomischen Geräten wurden in den Werkstätten Philipp Matthäus Hahns Taschenuhren mit Kalen­ deranzeigen gebaut. Seine Söhne und Mitar­ beiter führten die Tradition des Taschen­ und Tischuhrenbaus weiter, und von ihren Werken zeigt das Deutsche Uhrenmuseum seinen Besuchern Beispiele. So eine Uhr, die wohl von Christoph Matthäus Hahn in Stuttgart um 1790 stammt. Sie zeichnet sich durch den großen, filigranen und fein gra­ vierten Unruhkloben aus, der die Rückpla­ tine komplett abdeckt und die große Unruhe schützt. Die Sekunde wird auf dem großen Zifferblatt angezeigt. Für Minuten und Stun­ den gibt es ebenso wie für den Kalender kleine Hilfszifferblätter (Abb. 4). Eine andere Taschenuhr, signiert „Hahn Hofme­ chanicus in Stuttgart“, weist ein einfaches aber doch bemerkenswertes und Hahn­ typisches Werk mit Zylinderhemmung im Silbergehäuse auf (Abb. 5). Von Philipp Matthäus Schaudt, dem Patensohn Philipp Matthäus Hahns, existiert eine Tischuhr, die ebenfalls über Datums­ anzeigen verfügt (Abb. 6). Ein Holzgehäuse verbirgt das Metallwerk, das mit einem bemalten Blechschild verblendet ist. Dort finden sich Rosengebinde auf grauem Grund, die das Zifferblatt einrahmen. Im oberen Bogen sind die Mondphasen abzulesen. So wurde die Tradition des Uhrenbaus, von Hahn begründet, auch in seiner unmit­ telbaren Umgebung weiterverfolgt, und seine Schüler ließen sich an verschiedenen Fürstenhöfen nieder. Einen wesentlichen Ausschnitt aus diesem Kreis von Werken kann der Besucher im Deutschen Uhrenmu­ seum sehen. Prof. Dr. Richard Mühe/ Beatrice Techen, M.A. Abb. 6: Tischuhr mit Anzeigen von Zeil, Datum, Mondphasen und Mondalter. Metall­ werk mit Halbstundenschlag auf Glocke im Holz­ gehäuse. Bemaltes Blechschild mit Rosenranken auf grauem Grund. Signiert: P. M. Schaudt a Onstmellingen. Um 1800. Höhe 61 cm. Deutsches Uhrenmuseum, Furtwangen. gesteuert. Das Holzgehäuse der Uhr ent­ stand wahrscheinlich später, es ist ein Bieder­ meierschreibsekretär aus Kirschbaumholz, dessen Aufsatz die Globenuhr krönt. Die Bilder und Modelle des Weltlaufes, die Hahn konstruierte, können als Zeichen der Auseinandersetzung eines im pietisti­ schen Glauben ringenden Pfarrers verstan­ den werden; als ein Versuch, den eigenen Glauben auf das kopernikanische Weltbild abzustimmen und dabei die Ordnung des Himmels mit ihren Abläufen in einem göttli­ chen Plan mit Hilfe der Mechanik zu veran­ schaulichen. Daneben wurden in seinen Werkstätten immer auch einfachere Uhren und Geräte hergestellt. Auch sie sind Zei- 204

D ie a st r o n o m isc h e U h r au s d e m K lo st e r St . P e t er u n d d ie b e r ü h m t e R in d e r le – U h r V o n d e m F u r t w a n g e r W i l fr i e d D o r e r in m e i st e r l i c h e r W e ise n a c h g e b a u t „Unter den zahlreichen Schwarzwälder Uhren der Furtwanger Sammlung befindet sich ein wegen seines eigenartigen Baues besonders beachtenswertes Glanzstück: ersonnen und verfertigt von einem Mönch in St. Peter, P. Thaddäus Rinderle, dem eif­ rigsten Förderer der älteren Schwarzwälder Uhrmacherei.“ So beginnt der Karlsruher Professor Adolf Kistner seinen Aufsatz über „Thaddäus Rin­ derle, ein Förderer der Schwarzwälder Uhr- macherei“, abgedruckt im ersten Führer durch „Die Historische Uhrensammlung Furtwangen“ aus dem Jahre 1925. An anderer Stelle heißt es dann: ,,Mit seiner astronomi­ schen Uhr von 1787 verfolgte Rinderle zwei Zwecke: sie sollte es ihm ermöglichen, die lernbegierigen Uhrmacher mit den wich­ tigsten astronomischen Erscheinungen be­ kannt zu machen, dann aber auch zur Nach­ ahmung seines Werkes oder Herstellung ähnlicher Zeitmesser anzuregen.“ Und abschließend bemerkte Adolf Kistner: ,,Eine in allen Stük­ ken getreue Nachbildung hat die Uhr von Rinderle anschei­ nend nicht gefunden, wohl aber eine im astronomischen Teil nahezu übereinstim­ mende und zwar durch Johann Friedrich Mayer. Die­ ser aus Hornberg stammende Büchsenmacher, der in Furt­ wangen die 1849 gegründete, aber kurzlebige Gewehrfabrik (Schulstraße 7) geleitet hatte, schuf im Jahre 1858, in dem er wieder nach Hornberg zog, unter Verwendung des Origi­ nals und der von L. Bob gewonnenen Zahlen usw. eine Nachbildung des Rin­ derle’schen Kunstwerkes.“ Heute, über zweihundert Jahre nachdem Rinderle sein mechanisches Wunderwerk vollendet hatte (1787) und weit über hundert Jahre nach Astronomische Uhr aus dem Kloster St. Peter, Nachbau Wi!fried Dorer, Furtwangen 205

dem einzigen Versuch, die Rinderleuhr nachzubauen, hat der Furtwanger Wilfried Dorer nicht nur eine vollkommene Nachbil­ dung geschaffen, sondern auch ein Stück, das das berühmte Vorbild insofern sogar noch übertrifft, als es, anders als das Origi­ nal, voll funktionstüchtig ist. Fast vier Jahre hat Wilfried Dorer an der Uhr gearbeitet. 1984 stellte er sie erstmals öffentlich vor. Seither nimmt sie in seinem Haus einen besonderen Platz ein, flankiert von der ebenso eindrucksvoll nachgebauten Kalenderuhr aus dem Kloster St. Peter, deren Urheberschaft, sie wird ebenfalls Thaddäus Rinderle zugeschrieben, heute aber ange­ zweifelt wird. Wilfried Dorer ist eigentlich kein Uhrmacher. Er übt als Meister im Ver­ zahnungswesen, heute Leiter der Abteilung Q!.ialitätssicherung der Firma Koepfer, aber einen Beruf aus, der als der Uhrmacherei ver­ wandt bezeichnet werden darf. Trotzdem gab es, vom astronomisch-astrologisch-geo­ graphischen Verständnis und Wissen einmal ganz abgesehen, auch für ihn als Verzah­ nungsspezialisten genug Hindernisse zu überwinden. Dazu Wilfried Dorer in seiner Abhandlung „Schwarzwalduhren mit astro­ nomisch-astrologischen Indikationen – Stu­ dien und Nachbauten“, erschienen in der Zeitschrift „Alte und moderne Zeitmessung“ im Jahre 1987: „Ein Zerlegen der Uhr (es handelt sich hier zunächst um die hölzerne astronomische Uhr aus dem Jahre 1750) war nicht erwünscht. Für das Erstellen der Bauunterlagen wurde deshalb das Original von allen Seiten fotografiert. Dazu wurde das Uhrenschild vom Werk abgenommen. Dad11rch w11rde das Zählen der Zahnzahlen erleichtert. Auch wurden die 211gänglich geworde­ nen Bauteile gemessen und in einer Handskizze festgehalten. Mit diesen Unterlagen konnten dann noch alle fehlenden Werte ausgerechnet und die Teile der Uhr maßstäblich atifgezeichnet werden. Über die Zähnezahl wurden alle Übersetzungen der 48 Zahnräder nachgerechnet und mit den astrologischen Umlaufbahnen verglichen. Dazu war die Beschäftigung mit Fachbüchern unum­ gänglich. Anhand der aufgezeichneten Achs- 206 abstände konnten jetzt die übrigen Daten für die Zahnräder berechne/ 11nd die Verzahnungswerk­ zeuge angefertigt werden. Das Gestell der Uhr besteht am Kirschbaumholz, für die Räder, Triebe und Wellen wurde Apfel­ baumholz und.für das Schild Buchenholz verwen­ det. Die Beschaffung der Werkstojfefitr den Nach­ bau mit seinen 320 Einzelteilen war die nächste Aufgabe. Ihr folgte die abwechslungsreiche A nfer­ tigung aller Bauteile in meiner Heimwerlslatl. Dabei nahm die Herstellung etlicher Sonderwerk­ zeuge und Hi!fsmillel einen großen Teil der aufge­ wendeten Zeit in Ampruch. Bei diesem Nachbau wurde mir bew1efst, wievielfimdiertes Wissen der Erbauer im 18.Jahrhunderl haben mußte, 11111 sein Werk überhaupt herstellen z11 können. Da der Glockenstuhl am Original bei der Instandsetzung nach /945 erneuert worden war, habe ich an der Nachbildung die Lagerung der Glockenhämmer und den Glockenstuhl etwas vollendeter gestaltet. Die Nachbildung benötigte etwa 400 Stunden. Dabei war die Anfertigung der beiden Schlag­ werke mit den Auslösehebeln und Kurven schwie­ riger als die anderen Bauteile. Die volle Einsicht in die Funktion der Schlagwerke machte wieder­ holt Studien am Original im Museum notwendig.“ Das Zifferblatt dieser Uhr zeigt folgendes an: Stunden und halbe Stunden, Viertel­ stunden und Fünf-Minuten-Abschnitte, den Stundenregenten (Planetenstunden und Tagesregent), Mondstand im Tierkreiszei­ chen, Mondalter und Mondphasen, Lichtge­ stalt des Mondes. Zur Ganggenauigkeit dieser fast ganz in Holz gearbeiteten Uhr merkt Wilfried Dorer an, daß diese bei konstanten Verhältnissen über Tage hinweg erstaunlich groß sei. Nur geringe Abweichungen seien dabei zu regi­ strieren. Ein Wetterumschlag könne aber eine Gangungenauigkeit bis zu 30 Minuten in 24 Stunden bewirken. ,,Alles in allem erfreut mich der tägliche Gang der Uhr immer wieder aufs neue, da ich in meiner Wohnung die Funktion einer alten Schwarz­ wälder Kunstuhr ständig miterlebe. In einem Museum ist das leider nicht möglich, da dort die meisten Objekte hinter Glas aufbewahrt werden und zum Teil nicht in Funktion sind.“

Hat diese hölzerne Dielenuhr noch sechs astrologische Indikationen aufzuweisen, so können aus der astrologisch-geographischen Pendeluhr Rinderles gar 44 Erkenntnisse gewonnen werden, wie sie, nachstehend auf­ geführt, von Rinderles Zeitgenossen und Mitbruder, Franz Steyrer, im Jahre 1796 beschrieben worden sind: J. Zeiget der Schild, oder das Zifferblatt auf einer Scheibe von 8 Zolle im Durchmesser die ganze Welt, als Europa, Asia, Afrika und Amerika. Die vornehmsten Orte sind aus den neuesten Beobachtungen, jedes nach seiner eigenthümlichen Länge und Breite sorgfältig aufgetragen. 2. Diese Scheibe drehet sich in 23 Stunden 56 Minuten und 4 Sekunden um ihren Mittel­ punkt, wie sich die Erde um ihre Achse von Occident gegen Orient in eben dieser Zeit wendt, und zeiget dadurch den Sternetag und die Sternestunden. 3. Der Mond beweget sich nach der nämlichen Richtung, wie die Erde in 27 Tagen 7 Stun­ den 43 Minuten 5 Sekunden um dieselbe, und vollendet damit seinen periodischen Monath. 4. Es zeiget sich während seines Umlaefes in seinen gewöhnlichen Gestalten. 5. Die Sonne, welche sich samt dem Stunden­ ringe in 364 Tagen 5 Stunden 54 Minuten 54 Sekunden, wie der Mond um die Erde beweget, zeiget die Monate und Tage der selben, wie auch die Feste der Heiligen. 6. Man kann auch sehen, in welchem Zeichen der Ekliptik, und in welchem Grade des selben sich sowohl die Sonne als der Mond täglich befinden. 7. Die Mondsknotten machen ihre rückgängi­ gen Bewegungen in der Ekliptik, und kom­ men in 6797 Tagen 23 Stunden einmal herum. Sie weisen jederzeit ihren Ort, den sie an dem Himmel haben. 8. Durch die Bewegung der Sonne und des Mondes geben sich die Neu- und Vollmonde. 9. Wie auch die Orte der Ekliptik, wo sich diese Neu- und Vollmonde ereignen. 10. Der synodische Monat, und dessen Unter­ schied von dem Periodischen. Astronomische Uhr aus dem Kloster St. Peter, seitlicher Einblick auf Gehwerk und Stunden­ schlagwerk. Nachbau Wi!fried Dorer, Furtwangen 11. Die Sonnenfinsternisse. 12. Die Mondfinsternisse. 13. jener Ort der Welt, wo diese Sonn- und Mondfinsternisse sichtbar, und wo sie un­ sichtbar sind. 14. Der Drachenmonat. 15. Die Sonnezeit, und der Unterschied zwischen dieser und der Sternezeit. 16. Die wahre und mittlere Zeit. 17. Der Unterschied der Mittagskreise für jede Orte der Welt im M aaße der Zeit sowohl als der Bögen des Aquators. 18. Zeiget diese Uhr nicht nur an dem Orte, wo sie steht, sondern in den vornehmsten Städten der Welt die gehörigen Stunden. 19. Ist atefeinen Blick zu sehen, an welchen Orten der Welt die Sonne zugleich aief oder unter­ geht. 207

20. Und eben daher wie lange der Tag und die Nacht an eben diesen Orten des Jahres sei. 21. Die Orte, welche Mittag haben, und 22. Die Orte, über welche die Sonne und der Mond an jedem Tage des Jahres senkrecht stehen. 23. Die mittägige Höhe der Sonne und des Mon­ des für alle Orte der Welt, auf alle Tage des Jahres. 24. Die Abwechslung der Jahrszeiten an allen Orten der Welt. 25. Die Nro. 1 gedachte Erdscheibe wird durch eine andere von Glase,gleicher Größe bedeckt, auf welcher die Sterne nach der Lage, welche sie am Himmel gegen die Erde haben, einge­ schliffen sind. Sie stellet das Firmament sehr natürlich vor. 26. Unter diesen Sternen machet die Sonne ihren jährlichen Weg, wie sie ihn wirklich an dem Himmel zu machen pflegt. 27. Auch der Mond geht in seinem monatlichen Lauf neben eben den Sternen so vorbei, wie es seine natürliche Laufbahn an dem Himmel .fordert, daher 28. Sieht man der Sterne Conjunction und Oppo­ sition mit der Sonne und mit dem Monde. 29. Der Sterne Auf und Untergang. 30. Die Zeit ihrer Cubnination, und ihre millä­ gige Höhe. 31. Die Zeit, seit wann sie schon auf oder unter­ gegangen sind, oder wie lange es noch dauere bis sie auf oder untergehen werden. 32. Die Orte der Welt, wo jeder Stern kulminirt, oder am Millag steht, wie auch, wo er senk­ recht steht. 33. Die Tag und Nachtbögen der Sterne. 34. Ihre gerade Aufsteigung, und Abweichung von dem Aquator. 35. Ihre Amplitudo ortiva und occidua. 36. Der Sonne und des Mondes Auf und Unter­ 37. Die Zeit, wie lange sich der Mond und die Sonne über oder unter dem Horizonte befin­ den, seit wann beide schon auf oder unter- gang. Links: Frontansicht der Rinderte-Uhr mit Zif­ firnring, Erdscheibe, Sternhimmel, Erdschatten, Sonne, Mond und Heiligenring. Kalenderwerk und Schlagwerk, das Minuten­ werk von der Schlagwerkseite her gesehen. gegangen sind, oder wie lange es anstehe, bis sie auf oder untergehen werden. 38. Der Sonne und des Mondes gerade Aufstei­ gung und Abweichung von Aequator. Ihre Tag und Nachtbögen. Ihre Amplitudo ortiva und occidua, die Zeit ihrer Culmination. 39. Der aufgehende, der culminirende, und unter­ gehende Punkt der Ekliptik. 40. Die Zeit, welche den Schatten des Mondes auf der Sonnenuhre zeigt, und die übereinstim­ mende Sonnenzeit. 41. Die Eigenschaften des Himmels und der Erde sub sphaera recta. 42. Andere Eigenschaften des Himmels und der Erde sub sphaera parallela. 43. Diese Maschine läßt sich gar leicht auf ver­ flossene, wie auch auf künftige Jahre, und Jahrhunderte stellen, und zeiget in beiden Fäl­ len die damahlige Beschaffenheit und Lage des gestirnten Himmels. 209

„Meinem verständlichen Wunsch, die Uhr im Museum zu zerlegen und zu vermessen, k(lm die Museumsleitung leider nicht nach. ie erlaubte mir immerhin Studien an der Uhr im zusammengebauten Zustand. In der Be­ schreibung von Rinderte, welche die Funktion der einzelnen Indikationen der Uhr und deren Z11s(lm111enhang mit den Bewegungen im Welt­ all erklärt, finden sich keinerlei Angaben und Werte der Zahnradiiberselzungen. So war ich en, alle nußbaren Maße des Uhren­ gezwung gestells, der Räder und Hebel von außen abzu­ nehmen. Weitere fehlende Maße wurden 111il einer Serie von Fotos von der gesamten Uhr ermittelt. Auch die wenigen auffindbaren älteren Bilder waren nützlich, zumal am Original einige wesentliche Teile nicht mehr vorhanden sind. Nach dieser Vorarbeit konnten die Zeichnungen für das Gestell der Uhr und ihrer Getriebe angefertigt wer­ habe ich aber an der neuen Uhr wieder aus Holz angefertigt, wie es ursprünglich üblich war.“ den.“ So begann Wilfried Dorer auch dieses Wunderwerk aus Buchenholz (Gestell) und Messing Teil für Teil nachzubauen und zusammenzusetzen. Dabei versuchte er, ,,seine“ Uhr so weit wie möglich dem Erstzu­ stand der Uhr anzugleichen, Ursprüngliches wieder herzustellen, Fehlendes originalge­ treu zu ersetzen. So mußte erz. B. feststellen, daß der Sperrhebel (Falle) am Schlagwerk wahrscheinlich von Meister Lorenz Bob in Messing nachgebildet worden war. ,,Die Falle Das Kalenderwerk kann zur Einstellung und zum Sichtbarmachen von künftigen und vergangenen Zeitperioden vom Uhr­ werk abgekoppelt werden. Die am Original fehlenden Teile für diese Kupplung wurden für die neue Uhr angefertigt. Ein besonders heikles Problem war die Verzahnung. Die Zahl der Zähne konnte längst nicht an allen Rädern von außen abge­ zählt oder anhand der zur Verfügung stehen­ den Bilder ermittelt werden. So mußte Wil­ fried Dorer eigene Berechnungen anstellen und sich auch mit Astronomie beschäftigen, um die Maße für Zahnräder, Spindeln und Rinderte-Uhr, Gehwerk mit Kalenderwerk, ganz links Kurve für Erdschallen. 44. Sie läßt sich auch von Hand /reiben, daß f man nicht nötig /J(l/, lange au die Erschei­ nungen rm dem Himmel zu W(lr/en.“ Das Interesse an der Uhr R.inderles und der Wunsch, sie nachzubauen, wuchsen schon, während sich Wilfried Dorer noch mit der St-Peter-Uhr befaßte. Dabei war er immer wieder auf den Namen R.inderle gestoßen und zur Erkenntnis gelangt, daß das Wissen über dessen Werk offensichtlich noch recht lückenhaft war. Nach einigen Verhandlungen mit der Leitung des Deut­ schen Uhrenmuseums Furtwangen überließ man ihm eine Fotokopie von R.inderles origi­ naler Beschreibung seiner Uhr. Mit Hilfe eines Schriftexperten entzifferte er das Dokument, mußte aber feststellen, daß es keine umfassende Beschreibung der Uhr ver­ mittelte. Wilfried Dorer erzählt dazu: 210

Achsen ermitteln zu können. Oft konnten auftauchende Probleme nur durch Studien „vor Ort“ gelöst werden. Dabei leistete ihm eine Lichtsonde mit Suchspiegel gute Dienste. ,,Die Studien am Original wurden am Ende dadurch erschwert, daß die Uhr im Museum zu diesem Zeitpunkt verglast wurde. Die wichtigsten Daten und Kenntnisse waren aber erarbeitet, und die Anfertigung der Einzel­ teile konnte in meiner Heimwerkstatt beginnen. – Im Verlaef des Fortschritts aller Arbeiten konnte ich immer wieder feststellen, daß Rinderte in genialer Weise Probleme auf die einfachste Art zu lösen wußte. “ Die Defekte am Original zwangen auch Wilfried Dorer, so manches Problem, das erst bei Fortschreiten der Arbeit auftauchte, zu lösen. So hatte Rinderle für den Gehwerkaufzug den endlosen Schnuraufzug von Christian Huygens gewählt. Dafür benötigte er aber eine Spezialschnur, die nicht mehr auf dem Markt ist. So blieb ihm nichts anderes übrig, als einen Seiler ausfin­ dig zu machen, der eine sol­ che Schnur, die sich nach dem Zusammenflechten nicht mehr verwinden darf, konnte. Diese herstellen Schnur wurde schließlich von einem Seiler angefertigt und vor Einbringen in der Uhr lange Zeit mit Gewichten „gestreckt“. Das Resultat war Tabelle in der Rinderle-Uhr: Epochen fiir die mittlere Bewe­ gung der Sonne, des Mondes und seiner Knoten, einstellbar bis 5000 Jahre vor und 6000 Jahre nach Chr. Das Kalenderwerk kann zu die­ sem Zweck vom Gehwerk abge­ koppelt und von Hand bewegt werden. verblüffend. Um die (nachgebaute) Uhr in Gang zu halten, war, verglichen mit dem Original, sowohl am Geh- als auch am Schlagwerk nur das halbe Zuggewicht nötig. Zur Lösung anderer Probleme soll Wilfried Dorer aber nochmals selber zu Wort kom­ men: „ Viel Zeitaufwand erforderte auch das Erstellen der 365 Tagesheiligen. Am Original sind vie!fach nur noch einzelne Buchstaben oder Konturen der Namen zu erkennen. An Hand von alten Kalen­ dern und Büchern aus der Zeit um 1780, die mir zur Ve,fügunggestelltwurden, und mit Hi!fe mei­ ner Fotos von dem Original konnten alle Namen ermiuelt werden. Die Glasscheibe mit der Darstellung des Stern­ himmels fehlt am Original. Nur die vier Halte- 211

bügel sind noch vorhanden. An der Form der Bügel ist zu erkennen, daß die Glasscheibe eben und nicht bombiert war (bombieren= Wölben des Glases im Ofen). Ergänzend ist in den Schriften von Rinderle und Steyrer die Glasscheibe beschrie­ ben: Die Sterne von der ersten bis zur vierten Größe sind eingeschliffen, die Ekliptik und Kolu­ ren sind mit Farbe aufgetragen. Nach dem Vor­ bild einer zur Einteilung der Erdscheibe passenden Sternkarte wurde die Glasscheibe mit den Stern­ bildern angefertigt. Sie ist damit nach über 130 Jahren wiedererstanden.“ Wilfried Dorer war, um sein Werk zu Ende zu bringen, auch auf die Mithilfe von Fachleuten angewiesen. Hatte das Schild der Originaluhr der berühmte Matthias Faller aus Neukirch geschnitzt, so fand er in Willi Trenkle, Furtwangen, den Mann, der ihm eine meisterliche Nachbildung anfertigte. Kunsthandwerklich betätigten sich auch der Furtwanger Konrad Hummel in der graphi­ schen Ausarbeitung der Tabellen, der Erdscheibe und des Heiligenringes und der Furtwanger Gerold Dilger im Stechen der Mondbeschriftung und der Ziffern. Die Blattvergoldung des Uhrenschildes nahm Willi Fritz in Freiburg vor. Wilfried Dorer ist aber auch den letzten Geheimnissen dieser Uhr nachgegangen, den Aussagen der beiden Tabellen, die in den seitlichen Türen angebracht sind. Dazu wörtlich: ,,Die in den Tabellen atifgezeichneten Daten betreffen die Sichtbarkeit der Sonne, des Mondes und der Sterne, dazu die Mondphasen, Mond- und Sonnenfinsternisse, und dies für die Zeiträume von 5000 Jahren vor und 6000 Jah­ ren nach unserer Zeitrechnung. Die Tabellen sind nach dem julianischen Kalender ausgelegt. Die Abweichungen zum heute verwendeten gregoria­ nischen Kalender, der die Schaltjahre anders regelt, sind beim Gebrauch der Tafeln zu beachten. Sie eifordern im Gegensatz zu den leicht abzule­ senden Indikationen am Zifferbla/1 astronomi­ sche Vorkenntnisse. Die Erklärungen zu den ein­ zelnen Erscheinungen an der Uhr, dies vollends unter Zuhilfenahme der Tafeln in den seitlichen Türen, sind in der Schrift von Rinderle nicht hin­ reichend beschrieben. “ 212 Wi!fried Dorer mit seiner Rinderle-Uhr Die einmalige, schöne und interessante Schwarzwälder Kalenderuhr mit dem genial einfachen Kalenderwerk von Thaddäus Rin­ derle, mit dem reich geschnitzten und ver­ goldeten Barockschild von Matthias Faller und der meisterhaft gestochenen Erdscheibe hat nach nunmehr über zweihundert Jahren durch den Furtwanger Industriemeister Wil­ fried Dorer eine ebenso meisterhafte, in allen Funktionen getreue und ausführlich gedeu­ tete Nachbildung bekommen. Wi!fried Dorer wurde 1938 in Furtwangen geboren. Er trägt einen alten, bekannten und im Schwarzwälder Uhrmacherwesen auch berühmten Namen. Sieben solcher Namens­ träger weist Gerd Bender in seinem zweibän­ digen „Die Uhrmacher des hohen Schwarz­ waldes und ihre Werke“ nach, Namen, die in der alten Schwarzwälder Uhrmacherei an

In der Heimwerk.statt mit zerlegter Rinderle-Uhr (Nachbau) exponierter Stelle stehen: Johann Dorer, der Gießhannesle, führte, aus Schönwald kom­ mend, die erste Glockengießerei in Furtwan­ gen ein und war auch sonst ein genialer ,,Tüftler“. Blasius Dorer, der „Gießbläsi“, befaßte sich ebenfalls mit dem Glockenguß. Caspar Dorer vom Rainerhof in Schönwald soll als erster Schwarzwälder den Lauf der Himmelsgestirne auf die Schwarzwälder Uhr gebracht haben. Michael Dorer, der „Häns­ lismichele“, stellte Figurenuhren her; sein Sohn gleichen Namens wurde Taschen­ uhrenmacher. Weibeit Dorer in Vöhren­ bach gehörte zur Vöhrenbacher Garde der Musikwerkhersteller und Markus Dorer aus Schönwald handelte mit Uhren. Sein Ur­ enkel Jean (Dorrer) betreibt das gleiche Handwerk heute noch in Luneville, Frank­ reich (Bender). Im Stammbaum der Dorer ist Wilfried Dorer in der A-Linie nachgewiesen, hat in zurückverfolgbarer Zeit also keine direkte Verbindung zu oben genannten Uhrma­ chern; das Suchen und Tüfteln scheint aber allen Dorern im Blut zu liegen. Vater Otto Dorer war Allround-Mechaniker und als „Säger-Dorer“ (Schönenbach) bekannt. Die weiteren Vorfahren waren Schreiner und Lehrer in Schönenbach und Bauern auf dem Dorerhof in Rohrbach und auf dem Wol­ fertsgrundhof in Gütenbach. Wilfried Dorer trat in die Fußstapfen des Vaters und wurde auch Mechaniker. Im Maschinenbau der Firma Koepfer fand er eine Ausbildungs- und Arbeitsstelle. Nach­ dem er nach Art der alten Schwarzwälder Uhrmacher auch die Fremde kennengelernt hatte – Hamburg, Wuppertal, Schweiz, drei 213

Jahre Rio de Janeiro – was ihm, nach eige­ nem Bekunden, beruflich wie menschlich Gewinn brachte, besuchte er 1964 die Indu­ striemeisterschule in Tettnang und kehrte 1965 wieder zu Koepfer ins Verzahnungs­ meßwesen zurück. Heute ist er Leiter der Qualitätssicherung. Thaddäus Rinderte, der berühmte Mecha­ niker und Mathematiker des Klosters St. Pe­ ter, wurde 1748 in Staufen i. Br. geboren und trat 1766 in das Benediktinerkloster St. Peter ein, nachdem er dort schon das Klostergym­ nasium besucht hatte.1767 legte er Profeß ab und empfing 1772 die Priesterweihe. Zuvor hatte er sich neben seiner philosophischen und theologischen Ausbildung in St. Peter auf Wunsch des Abtes einem zusätzlichen Studium der Mathematik an der Universität Salzburg gewidmet. Später war er als Dozent in St. Peter und anderen Klöstern tätig und befaßte sich als überaus geschickter Mecha­ niker vor allem mit der Uhrmacherei. Zahl­ reiche Erfindungen und Verbesserungen auf diesem Gebiet werden ihm zugeschrieben. Seine astronomisch-geographische Pendel­ uhr im Deutschen Uhrenmuseum in Furt­ wangen gibt Zeugnis von seinem hervorra­ genden Können. Seit 1787 war er provisori­ scher Lehrer, seit 1788 ordentlicher Professor der angewandten Mathematik an der Uni- Faszination Sonnenuhr Meine erste Erfahrung mit der Zeitmes­ sung durch die Sonne hatte ich bald nach dem 2. Weltkrieg, als wir im Schichtunter­ richt in einer Gaststätte zu gebildeten Men­ schen erzogen werden sollten; mir fiel der frühe Nachmittagsunterricht an heißen Sommertagen besonders schwer, und ich merkte mir eine freudenbringende Stelle des Schattens, den ein Fenstergriff am Ende der ersten Nachmittagsstunde warf: ich sah das Ende der Stunde herannahen! In einer späteren Runde des Nachmittags­ unterrichtes richtete sich mein Augenmerk 214 versität Freiburg, blieb jedoch Mönch von St. Peter. ,,In Freiburg hatte er häufig mit Arbeitsüberlastung und kärglichen Bezügen zu kämpfen, hinzu kamen gesundheitliche Beschwerden. Die erzwungene Auflösung des Klosters St. Peter im Jahre 1806 hatte Rin­ derle um seine Altersversorgung gebracht, und der neue badische Staat verhielt sich kleinlich, um nicht zu sagen schofel, wenn der alternde Professor um Hilfe bat.“ (Hel­ mut Kahlert über den „Ingenieur im Mönchsgewand“ aus „Lahrer hinkender Bote“ 1992). Seit 1819 lebte Rinderle in Freiburg im Ruhestand. In Freiburg ist er 1824 auch gestorben. Sein Grabmal auf dem Alten Friedhof trägt die bemerkenswerte Inschrift: „Vieles hat er bestimmt mathematisch mit Ziffer und Buchstab‘, aber die Stunde des Tods bleibt unbekannter als X“. Beim Besuch des Herzogs Karl Eugen von Würt­ temberg mit seiner Gemahlin am 18. Dezem­ ber 1789 in der Universität Freiburg durfte Rinderle seine a tronomisch-geographische Pendeluhr vorweisen, welche im natürlich­ sten Zusammenhang mehr als 100 der wich­ tigsten, teils astronomischen teils geogra­ phischen Aufgaben auflöst. Robert Scherer schnell wieder auf die geliebte Stelle meines Wirtshaustisches, die das Ende der Unter­ richtsstunde ankündigte: aber – die Zeitan­ gabe stimmte nicht mehr. Ich war sehr ent­ täuscht. Astronomische Voraussetzungen Erst viel später lernte ich meine damalige Verbitterung über die „unzuverlässige“ Zeit­ angabe der Sonne verstehen: der wahre Son­ nentag – d. h. vom höchsten Stand der Sonne im örtlichen Meridian bis zum näch­ sten Sonnenhöchststand – ist unterschied-

lieh lang, weil sich die Erde in einer ellip­ tischen Bahn mit unterschiedlicher Ge­ schwindigkeit (wegen der Sonnenanziehung beim größeren Abstand langsamer, beim kleineren Abstand schneller) um die Sonne dreht und weil die Sonnenstrahlen wegen der Neigung der Erdachse mit unterschied­ lichem Winkel auf die Erde auftreffen. Im Unterschied zu dieser Wahren Orts­ zeit (WOZ) erstrebte der Mensch ein unver­ änderbares, festes tägliches Zeitmaß: 1810 führte man in Deutschland die Mittlere Ortszeit (MOZ) ein, wobei man sich eine Sonne denkt, die sich mit stets gleicher Geschwindigkeit nur um den Äquator fort­ bewegt. Am 16. April, 15.Juni, 1. September und 25. Dezember sind WOZ und MOZ iden­ tisch; Mitte Februar und Mitte November dagegen liegen die beiden Ortszeiten weit auseinander: die Sonnenuhr geht Mitte Februar 15 Minuten „nach“ und im Novem­ ber 16 Minuten „vor“. Diese Differenz zwi­ schen WOZ und MOZ nennen wir Zeitglei­ chung, die auf manchen Sonnenuhren durch eine Achterschleife (siehe Abb. S. 215) gekennzeichnet ist. Die MOZ hat aber nun den Nachteil, daß dieselbe Zeit nur auf demselben Meridian herrscht. Diese künstlich geschaffene Zeit tritt nacheinander, von Osten nach Westen wandernd, jeweils im Meridiandurchgang auf: somit hat z.B. St. Georgen, das 8° 20’0″ östlich vom 0-Meridian durch die alte Stern­ warte von Greenwich/London liegt, etwa 26 Minuten später 12 Uhr mittags als Görlitz in Schlesien, das genau auf dem 15. Längen­ grad liegt. Dieses Problem war nur zu lösen, indem man ein größeres Gebiet unter dieselbe Mitt­ lere Ortszeit stellte: 1883 einigte man sich international, daß die Normalzeiteinteilung vom 0-Meridian ausgeht, und die Sonnen­ durchgänge je 15 Längengrade 1 Stunde spä­ ter in westlicher Richtung nacheinander stattfinden. In Deutschland bestimmte ein Reichs­ gesetz, daß vom 1. April 1893 an sämtliche 216 Bräunlingen, Milfe/gasse 9 Uhren nach der MOZ des 15. Längengrades östlich von Greenwich zu richten seien: die ,,Görlitzer Zeit“; somit war die Mitteleuro­ päische Zonenzeit (MEZ) geschaffen. ln St. Georgen schlagen die Uhren also fast eine halbe Stunde früher 12 Uhr mittags, als die Sonne nach der MOZ ihren Höchst­ stand über unserem Meridian erreicht hat. Der Betrachter einer Sonnenuhr muß also die Zeitgleichung und die Differenz vom 15. zum 8. Längengrad beachten, wenn die Son­ nenuhr nicht schon auf den 15. Längengrad eingerichtet ist (also MEZ zeigt). Der Schat­ tenwerfer (Zeiger, Gnomon) muß nach der geographischen Breite des Aufstellungsortes (St. Georgen 48° 7’34“) gerichtet sein; über einem horizontalen Zifferblatt steht er im Winkel rp der geographischen Breite nach Norden, über dem vertikalen Südzifferblatt im Winkel 90 – rp. Käufliche Uhren müssen also justierbar sein!

.& Bad Dürrheim-Öfingen, Evang. Kirche St. Georgen, Schönblickstraße 16 T 217

Königsfeld, Apotheke, Friedrichstraße 8 Geschichte der Sonnenuhren Der geniale Erfinder der Sonnenuhren ist nicht bekannt, und wir müssen auch davon ausgehen, daß aufmerksamen Beoba htern und Forschern ganz verschiedener Kultur­ kreise unabhängig voneinander die unter­ schiedliche Größe des eigenen Schattens und damit die Möglichkeit zur Zeitmessung auffiel. (In einer griechischen Komödie nennt die Hausfrau ihrem Mann die Zeit, wann er zum Essen zu kommen habe: ,,wenn dein Schatten 10 Fuß mißt“! 1) Bei dem römischen Baumeister Vitruv wird überliefert, daß der Erfinder der Son­ nenuhr der Chaldäer Berosus, ein um 600 v. Chr. lebender babylonischer Priester, gewesen sei; auch ein griechischer Historiker schreibt die Erfindung des Schattenstabes den Babyloniern zu. Wir wissen aber von einer früheren Existenz von Sonnenuhren bei den Chinesen, auch in Indien und Mit­ telamerika. 218 Königsfeld, Kirchensaal, Zinzendo,fplatz Die astronomischen Kenntnisse der ger­ manischen Völker können aus dem Stein­ säulenring von Stonehenge in England (um 1600 v. Chr.) und an den Externsteinen im Sauerland erkannt werden. Zwischen Schwarzwald, Jura und Vogesen geht der „Belchismus“ um: genau am kalendari chen Frühjahrs- und Herbstbeginn (21. März und 23. September) geht, vom Elsäßer Belchen (Ballon d’Alsace) au gesehen, die Sonne über dem Schwarzwald-Belchen, am Winter­ anfang (22. Dezember) über dem Jura-Bel­ chen und am Sommerbeginn (21.Juni) über dem Kleinen Belchen (Petit Ballon) auf; über dem Grand Ballon geht die Sonne genau am 1. Mai, einem keltischen Feiertag, auf. Diese Beziehung der fünf Belchenberge im Drei­ eckland kann kein Zufall sein, meinen die Entdecker des Belchensystems Walter Eichin und Andreas Bohnert. Die Menschen heute benötigen solche Konstrukte nicht mehr; wir lassen un von

,, Donaueschingen-Aasen, Kloster Villingen, Commerzbank unserer Quartzuhr oder gar von unseren Funkuhren, gesteuert von Caesium-Atom­ uhren – 1 Sekunde Abweichung in 100 Jah­ ren! – beherrschen. ,,Die Zeit ist von größter Bedeutung für unser Leben“, so sagt schon Augustinus, ,,ohne daß wir wissen können, was Zeit ist.“ Ich meine, der Schattenstab einer Sonnenuhr lehrt uns wie ein erhobe­ ner Zeigefinger der Natur den Ablauf des Tages und der Jahreszeiten, die Vergäng­ lichkeit, aber auch das Bleibende im Wan­ del. Wie kann „Zeit“ treffender dargestellt werden? Gerade heute bei den hohen Anforderun­ gen unseres Berufsalltages benötigen wir Pausen, auch Pausen zum Betrachten, zum Staunen, zum Denken. Und dies bieten uns Sonnenuhren; sie mahnen laut, aber lautlos; sie mahnen eindringlich, aber unaufdring­ lich; ja, sie „sprechen göttliches Recht“, wenn wir den Begriff „faszinieren“ ins Deut­ sche übertragen wollen. Interessantes von 3 Sonnenuhren im Schwarzwald-Baar-Kreis Faszinieren ließen sich einige Bürger des Schwarzwald-Baar-Kreises, die an ihrem Haus oder in ihrem Garten eine Sonnenuhr anbrachten: bei einer Umfrage habe ich mit dankenswerter Unterstützung der Bürger­ meister und Ortsvorsteher Sonnenuhren bei 25 Privatleuten und an acht öffentlichen Gebäuden mitgeteilt bekommen. Von dreien möchte ich Zusätzliches berichten: Die Sonnenuhr am Villinger Rathaus (Münsterplatz), die – nach Süden gerichtet­ doch an seltener Stelle angebracht wurde, entsprang wohl einer Idee des Jahres 1928, als man nämlich das ehemalige Pfarrhaus mit dem bisherigen Rathaus zum neuen Villin­ ger Rathaus verband und somit geistliche und weltliche Macht vereinte. In den Diskussionen um die Art des Umbaus beschloß der „Gemischte Aus­ schuß“ am 16. August 1927, den Giebel gegen 219

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l�11111 ORI.VI 11 1111111 �1101’·11 mt1u 111111 · IQ ,, • Villingen, johanna-Schwer-Kinderheim Villingen, Münster T 221

das alte Pfarrhaus sichtbar zu lassen und ihn mit einem ziegelfarbenen Anstrich zu verse­ hen, vermutlich um diese gewisse bauliche Disharmonie nicht zu sehr ins Auge fallen zu lassen: die Idee, den sichtbaren Giebel durch eine Sonnenuhr zu einem reizvollen Blick­ fang zu gestalten, war also noch nicht gebo­ ren. Doch im August 1928, wenige Monate vor der feierlichen Einweihung des neuen Rat­ hauses am 2.Januar 1929, holte man ein Angebot der Villinger „Werkstätte für Modeme Dekorationsmalerei Paul Kronen­ berg“ (Gerberstraße 47) ein, die „das Auf­ zeichnen, Malen und Vergolden“ der Son­ nenuhr für 120 Mark ohne Gerüstbau anbot; sicherlich führte diese Firma auch die Arbeit aus. 1978 restaurierte Manfred Warmuth aus Tuttlingen die Sonnenuhr, zur Freude jedes aufmerksamen Münsterplatzbesuchers. Am Südturm des Villinger Münsters fand zu Beginn der siebziger Jahre der frü­ here Stadtarchivar Dr. Fuchs im Zusammen­ hang mit der bevorstehenden Renovation einen 3-4 cm langen Rest-Schattenstab und Farbreste einer Sonnenuhr, die ganz sicher aus dem Mittelalter stammt. 1979 berechnete Prof. Dr. Matthias Schramm, Universität Tübingen, die Uhr neu; allerdings mußte sie als geduldiger und stiller Mahner der Ver­ gänglichkeit durch die gewichtigen Ausein­ andersetzungen um die Außen- und lnnen­ renovation des Münsters drei Jahre warten, bis ein Mitarbeiter der Firma Lorch aus Sig­ maringen sie im heutigen Glanz erstrahlen lassen konnte. Schließlich werfen wir noch einen Blick nach Aasen auf die spätgotische Gebäude­ gruppe, die „das Kloster“ heißt, aber wohl als Verwaltungsgebäude im klösterlichen Besitz war: an der Südfront dieser Staffelgiebelhäu­ ser wurde 1971 bei Renovierungsarbeiten unter dem dunkleren Putz eine hellere Putz­ schicht mit Farbresten einer Sonnenuhr entdeckt. Der Aasener Gymnasiallehrer Dr. Ernst Fehrle informierte die Kreisstelle für Denkmalpflege und den Hüfinger 222 Restaurator Klaus Sigwart, der dann den oberen Putz sorgfältig abhob und die Uhr in Farbgebung und Gestaltung festhalten konnte. Nach der Renovierung brachte Mei­ ster Klaus Sigwart die Sonnenuhr auf dem neuen Putz wieder an, ,,wie dieselbe früher einmal war“ – so der Wortlaut auf der Rech­ nung. Zusammenstellung der Sonnenuhren im Schwarzwald-Baar-Kreis Bad Dürrheim: Karlstr. 10; Schabelweg 13; Am Salinensee l; Kapfstr. 15; Von-Althaus-Weg 3; Breslauer Str. 26; Grünallee 6; Öfingen: Evang. Kirche; Sunthausen: Waldhausstr. 7; Ober­ baldingen: Öfinger Str. 6· Hochemmingen: Sommerhalde 52 Bräunlingen: Mittelgasse 9 Dauchingen: Goethestr. 3 Donaueschingen: Aasen: Klosterstr. 21; Wolterdingen: Grund­ schule Hüfingen: Lindenstr. 26; Gallusweg 8; Behla: Römer­ str. 5 Königsfeld: Kirchensaal; Apotheke Friedrichstr. 8 Niedereschach: Schabenhausen: Billinger Str. 7 St. Georgen: Abt-Theoger-Str. 25; Schönblickstr. 16; Blauenweg 5 Schönwald: Beethovenstr. 9 Schonach: Albrecht-Dürer-Str. 22 Tuningen: Gartenstr. 6 Stadtbezirk Villingen: Weiherstr. 116; Commerzbank; Johanna­ Schwer-Kinderheim; Südflügel Realschule; Rathaus; Münster. Reinher Gassert I Am1ophanes. Weibervolksversammlung (EkklesiJ,usen) 660 f.

Neu: Die Deutsche Uhrenstraße Unsere Landschaft ist seit Jahrhunderten durch die Uhrenherstellung geprägt. Was lag also näher, als eine touristische Straße zu den gegenwärtigen und historischen „Uhren­ Highlights“ zu führen. Die Idee entstand 1988. Eröffnet wurde die „Deutsche Uhren­ straße“ am 15. April 1992 in Villingen­ Schwennigen durch Regierungspräsident Dr. Conrad Schröder, nachdem die braunen Straßenschilder mit der althergebrachten Schilderuhr als Markenzeichen entlang der 320 Kilometer langen Route angebracht waren. Der Ausgangspunkt der Deutschen Uhrenstraße beginnt am Sitz des Verbandes der Deutschen Uhrenindustrie in Villingen­ Schwenningen. Egal ob der Gast mit dem Zug, Bus, Pkw oder Fahrrad anreisen möchte, die Geschäfts­ stelle der Arbeitsgemeinschaft „Deutsche Uhrenstraße“ im Bahnhof Schwenningen/ Neckar ist bequem zu erreichen und ist montags bis freitags von 9.00 bis 18.00 Uhr und samstags von 9.00 bis 13.00 Uhr geöff­ net. Allein im Stadtbezirk Schwenningen produzieren noch heute fast 50 Uhrenfabri­ ken und Zulieferbetriebe. Unter dem Dach der DUFA (Deutsche Uhrenfabriken) wirken Weltfirmen wie Kienzle1>, Schmid-Schlenker >, Bürk, Peter, Patz und Haller zusammen. Die moderne Fabrik mit Hochregallager befindet sich an der Bahnlinie von Villingen­ Schwenningen nach Rottweil beim renom­ mierten Eissportzentrum. Zu empfehlen ist der Besuch des Uhren­ museums am Muslenplatz in einem Fach­ werkbau von 1697. Hier öffnet sich die fes­ selnde Welt der Zeitmessung mit den Ele­ mentaruhren, wie Sonnen-, Sand-, Wasser-, Feuer- oder Öluhren. Frühe Räderuhren, Prunkuhren der Renaissance, tragbare Uhren des 16.-18. Jahrhunderts bis zur in­ dustriell gefertigten Präzisionsuhr sind hier vertreten. Eine vollständig eingerichtete Uhrenwerkstatt zeigt das alte Handwerk. Ein Bummel über den Mauthepark3> führt vorbei am Vogtshaus von 1791, das von 1901 an rund siebzigJahre Wohnhaus der Familie des Uhrenfabrikanten Mauthe war, zum Uhrenindustriemuseum4′. Dieses wird der­ zeit im Gebäude der „Württembergischen Uhrenfabrik“, die 1855 von Johannes Bürk gegründet wurde, eingerichtet. Die Muse­ umseröffnung erfolgt voraussichtlich im Jahr 1994. In diesem „lebendigen“ Museum werden die alten Maschinen und Werkzeuge erhalten und eine typische Weckerproduk­ tion aus den 20er Jahren wieder aufgebaut und in Betrieb gestellt. Ständige Wechselaus­ stellungen sollen Aktualität schaffen. Lohnend ist der Besuch beim alten „Mau­ theaner“ Werner Pfänder. In seiner Woh­ nung in der Neckarstraße 3 hat er nach der Liquidierung der weltbekannten Firma Mauthe eine Sammlung von Tischuhren, Standuhren, Küchenuhren, Wecker und Armbanduhren sowie Dokumenten und Urkunden zusammengetragen und chrono­ logisch geordnet. Nach Vereinbarung kann man diese einmalige Sammlung besichtigen. 223

Wir folgen den brau­ nen Schildern „Deut­ sche Uhrenstraße“ in den Stadtbezirk Villin­ gen. Hier empfiehlt sich der Besuch der Schwarz­ waldsammlung des Lenz­ kircher Fabrikanten Spiegelhalder im Franzi­ skanermuseum. Älteste Schwarzwälder Holzuh­ ren, die Originalwerk­ stätten eines heimischen Uhrmachers oder Schil­ 18. und dermalers de 19.Jahrhunderts lassen die vergangene Arbeits­ welt wieder aufleben. Aber auch heute noch wird bei der Firma in Schmeckenbecher Villingen’l von Lack­ schilderuhren und Kuk­ kucksuhren bis hin zu den funkgesteuerten Tischuhren oder zu den wertvollen Regulatoren eine breite Palette von Uhren angeboten. Einige moderne Zeit­ messer sind in den Vitri­ nen des Verkehrsamtes in der Fußgängerzone im Stadtbezirk Villingen ausgestellt. Vorbei an Unterkirn­ ach über die Friedrichs­ höhe, wo sich der Blick auf die „Burgunderuhr“ im dortigen Hotel lohnt, führt die Straße nach Vöhrenbach. Das ,,Uhrmacherhäusle“•i, 1725 erbaut vom Uhr­ macher Elias Dold, und viele Musik’Werke, die in Vöhrenbach durch die Weltfirmen des Orche- 226

strionbaus wie Weite, Imhof und Muckle oder Franz Xaver Heine gebaut wurden, zeu­ gen noch heute von dem Können der Vorfah­ ren7l. Ludwig Acker in der Hans-Jakob-Straße restauriert und konstruiert auch neue Uhren. Wer seine fast zweihundert, oft sehr originel­ len Uhren besichtigen will, sollte am besten vorher anrufen. Durch das schmale Eisenbachtal windet sich die Uhrenstraße zum ehemaligen Berg­ bau- und Uhrendorf Eisenbach. Schon Ende des 17. Jahrhunderts begann Simon Dilger im Ortsteil Schollach mit dem Bau einer mechanischen Uhr. Bald gab es hier 31 selbständige Uhrmacher im Hausgewerbe. Hinzu kamen Uhrengestellmacher, Uhren­ kettenhersteller, Schildermacher, Figuren­ schnitzer, Schildermaler, Uhrenhändler und Uhrenträger. 1838 erfand Felix Faller aus Oberbränd eine Maschine, auf der man automatisch Band- und Haftketten für Uhren herstellen konnte. Johann Baptist Beha und Johann Morat bauten große Uhrenindustriefirmen auf. Zu besichtigen sind die Uhren in der „Wolfwinkelhalle“ und die berühmte Weltzeituhr im Hotel „Bad“ in Eisenbach, die 1865 von der Firma Beha gebaut wurde. Die Deutsche Uhrenstraße führt nun direkt in die Innenstadt von Neustadt, wo eine erlesene Sammlung historischer Schwarzwalduhren in den Heimatstuben präsentiert wird. Künstlerische Uhrenschil­ der der Neustädter Maler Carl und Heinrich Heine fesseln den Besucher. Auch ein Besuch im Musterzimmer der Firma Hönes mit ihren schönen Kuckucksuhren lohnt sich. Lenzkirch, der nächste Ort an der Uhren­ straße, kannte schon 1680 Handwerker auf den Höfen und in den Gewerbehüsli, die Uhrenbestandteile herstellten. Die 1851 gegründete Aktiengesellschaft für Uhrenfa­ brikation Lenzkirch gab 600 Menschen Arbeit und Brot. In der Heimatstube im Lenzkircher Kurhaus erinnern Exponate an die große Zeit der Lenzkircher Uhren. Vorbei am Titisee führt unser Weg hinauf nach Waldau, der einstigen Vogtei des Klosters St. Peter. Hier im Glashof sollen die Brüder Kreuz um 1640 die erste hölzerne Waaguhr im Schwarzwald gebaut haben. Über den Thurner mit weitem Blick zum Feldberg, zum Kandel und über das Rheintal zu den Vogesen erreichen wir St. Märgen, wo die barocken Türme des Klosters der Augustinerchorherren uns den Weg zum Uhrenmuseum am Rathausplatz weisen. Es empfiehlt sich eine telefonische Anmeldung bei der Kurverwaltung. Hier im ehemaligen Kloster sind recht ausgefallene Exemplare Schwarzwälder Uhren aus der Sammlung Wehrle ausge­ stellt. Im 18.Jahrhundert war St. Märgen bekannt für Hinterglasmalerei und die künstlerische Gestaltung von Uhrenschil­ dern. Weithin sichtbar sind die barocken Türme der Klosterkirche von St. Peter. Die Benediktinerabtei wurde 1093 von dem Zäh­ ringerherzog Berthold II. von Weilheim unter Teck hierher verlegt. Der Vorarlberger Baumeister Peter Thumb schuf im 18.Jahrhundert den licht­ durchfluteten Kirchenraum. Im Treppen­ haus des Ostflügels beeidruckt noch heute eine von Blasius Reichenbach gefertigte Uhr mit goldenen Ziffern in einem Rokokostuck­ rahmen von Georg Gig!. Dem Skulpteur und Schnitzer Matthias Faller8l gelang eine groß­ artige Fassung der barocken Großuhr, die im Westflügel des Klosters hängt. Astronomische Uhren, Meisterstücke der Uhrmacherkunst, wurden von den Patres in St. Peter geschaffen und sind heute im Deut­ schen Uhrenmuseum in Furtwangen zu sehen. Der Mathematiker Thaddäus Rin­ derle als „Uhrenpater“ erwähnt, hatte sein Wissen in geeigneter Form auch an die wiß­ begierigen Wälderbauern weitergegeben und damit wesentlich zum Aufschwung der Schwarzwälder Uhrenindustrie beigetragen. Hinab führt die Uhrenstraße ins Glotter­ tal, das mit seinen Rebhängen an den Weiß- 227

herbst, Ruländer oder Gewürztraminer erin­ nert. Um 1175 begann hier Georg Gfell, von Haus aus Faßmaler, die Uhrenflachschilder zu lackieren. Einige Glottertäler machten sich al Uhrenhändler einen Namen und brachten aus St. Petersburg oder vom Schwarzen Meer viele Erfahrungen mit. Die daraus erwachsene weltoffene Art der Menschen im Uhrenland Schwarzwald macht ich auch hier positiv bemerkbar. Gäste sind immer herzlich willkommen. Dies gilt auch in Waldkirch im Elztal, wo sich, ausgehend von der Flötenuhr und der Kuckucksuhr, der Orgel- und Orchestrion­ bau entwickelt hat. Im Elztalmuseum, der ehemaligen Propstei des Klosters St. Marga­ rethen, sind wohlklingendeJahrmarktorgeln der Orgelfabriken lgnaz Bruder, der 1834 mit dem Orgelbau in Waldkirch begann, von Ruth und Sohn, Cavioli, Limonaire Freres und Carl Frei ausgestellt. Letzterer arbeitet 228 noch neben zwei jungen Orgelbaumeistern in seiner Werkstatt in Waldkirch. Im Simonswäldertal produzieren die Fir­ men Haller, die Jahresuhren herstellt, und Uhren-Trenkle, deren Ausstellungsraum mit den Kuckucks- und Schilderuhren man besuchen kann, Uhren für den europäischen Markt und darüber hinaus. Bei Brauchtums­ abenden tritt hier regelmäßig Albrecht Seng mit der Uhrenkrätze auf und erzählt von sei­ nen Vorfahren, den Lebensbedingungen und Verkaufsstrategien der Uhrenhändler. Bevor man Gütenbach erreicht, lohnt sich ein Abstecher zur Hexenlochmühle9>, wo Karl Friedrich Trenkle in der dritten Generation Uhrengehäuse herstellt. Gütenbach besitzt mit dem Dorfmuseum im Alten Schulhaus einen Hort für die erste Acht-Tage-Uhr, dem „Surrer“, die Kirch­ turmuhr von Philipp Furtwängler und eine Vielzahl reizvoller Objekte, die Museums­ leiter Oswald Scherzinger gut präsentiert.

Besuchen sollte man die Kuckucksuhren­ fabrik Manfred Späth. Ein Film informiert über die einzelnen Schritte beim Bau einer Kuckucksuhr. Die Firma AdolfHanhart10> stellt heute in höchster Präzision Wecker, Stoppuhren und elektronische Uhren her. Über Serpentinen führt die Uhrenstraße hinab in die höchstgelegene Stadt Baden­ Württembergs, nach Furtwangen. In einem modernen, 1991 wesentlich erweiterten Bau, angegliedert an die Fachhochschule, ist das Deutsche Uhrenmuseum untergebracht11>. Die Anfange des Museums reichen 140 Jahre zurück, als hier die Lehrmittel- und Modell­ sammlung der Großherzoglich-Badischen Uhrmacherschule Furtwangen eingerichtet wurde12>. Besonders auffallend sind die astronomi­ sche Weltzeituhr von Pater Thaddäus Rin­ derle13>, die erste Schwarzwälder Spieluhr, die Johann Wehrle aus Neukirch 1770 konstru­ ierte, und die Kuckucks- und Schilderuhren. Die Geschichte der Uhren in Europa ist mit wertvollen Exponaten aus vielen Stilepo­ chen dokumentiert. Orchestrions, verschie­ dene Werkstätten, zahlreiche Werkzeuge und prunkvolle Taschenuhren der Hellmut­ Kienzle- Sammlung zeigen, wie vielseitig das Museum ist. Hinzu kommen wechselnde Sonderausstellungen. Die AMS-Uhren des Familienbetriebes Mayer in Schönenbach werden heute genauso hergestellt wie die Uhrenschilder, die Alois Straub in der vierten Generation – nur mehr als Hobby- mit herrlichen Rosen­ motiven bemalt14>. In Schönwald hatte der „Häusler“ Franz Ketterer, der 1730 die erste hölzerne Kuk­ kucksuhr bastelte, bald Nachfolger: Krispin Grieshaber baute schon 1770 Taschenuhren aus Holz, Josef Dold war „ Sackuhrmacher“ auf dem Bühl, und die erste Großuhrenfa­ brik der Welt, die Uhrenfabrik Wehrle, die 1991 nach St. Georgen umzog, nahm 1815 die Produktion aufl 5>. Das Uhrenkabinett der Firma Wehrle, Hauptstr. 7, kann an Werktagen besucht wer- den. Auch der Besuch beim Restaurator und Uhrensammler Roman Helfen lohnt sich. Die bekannte Wintersportgemeinde Schonach lebt vom Tourismus, aber auch von der Uhrenindustrie und ihren Zuliefer­ betrieben. So werden heute noch in vier Betrieben Kuckucksuhren mit und ohne Musikwerken, Jockele-Uhren, Schilderuh­ ren und Standuhren gefertigt. Zwei Dutzend Fabriken liefern Teile wie Uhrenkasten, Uhr­ werke, Pfeifen, Tonfedern, Gewichte und Zifferblätter. Bei der Firma Hubert Gasehe werden Wachteluhren und Kuckucksuhren mit Musik und Vogelstimmen als Einzelstücke gefertigt. Der Ausstellungsraum ist montags bis samstags geöffnet. Nach Voranmeldung ist auch der Fami­ lienbetrieb Rombach-Haas zu besichtigen. Dort werden neben Kuckucksuhren vor allem auch kunstvoll bemalte Schilderuhren hergestellt. Neben der Heimatstube, die unter ande­ rem Arbeiten aus der ältesten Strohwaren­ fabrik Deutschlands zeigt, sollte man auf jeden Fall die größte Kuckucksuhr der Welt von Uhrmacher Josef Dold ansehen16>. Das 7 qm große Gehäuse ist täglich geöffnet und zeigt neben einem Riesenkuckuck, das große Uhrenrad mit 1,85 m Durchmesser und einen Blasebalg, der wie die ganze Uhr auf das Fünfzigfache vergrößert wurde. Im Triberger Schwarzwaldmuseum11> fin­ det man die älteste Holzuhr von 1651, eine der ältesten Kuckucksuhren von 1782 und andere reizvolle Uhren, wie eine barocke Flötenuhr, eine Knödeluhr oder diverse Musikuhren, bis hin zu Orchestrions. Heute stellt als einzige Fabrik Deutsch­ lands die Firma Hubert Herr die gesamte Kuckucksuhr vom Rohling bis zur Schnitze­ rei, vom Uhrwerk bis zum Gehäuse selbst her. Gerne kann man bei der Herstellung der Uhren zusehen. Eine Vielzahl von Uhren­ händlern, Holzbildhauern und Holzschnit­ zern hat sich auf der Strecke nach Hornberg angesiedelt. 229

Die Freilichtspiele um das „Hornberger Schießen“ passen zur Burgruine „Alt-Horn­ berg“ und zu der Landschaft, aus der ja auch die berühmte Bollenhuttracht kommt; näm­ lich genau aus dem protestantischen Rei­ chenbachtal, das wie das Gutach-und das Kirnbachtal al Heimat des Bollenhuts bekannt ist. In Lauterbach sollte man sich die Galerie des Schwarzwaldmalers „Wilhelm Kim­ mich“ im Alten Rathaus mit einer schönen Standuhr aus Frankreich ansehen. Die Möbel-und Gehäusefabrik Viktor Neffbaut besonders edle Standuhren mit kunstvoll gestalteten Gehäusen. Der Ausstellungs­ raum ist montags bis samstags geöffnet. Besonders empfehlenswert ist der Besuch im Stadtmuseum Schloß der Fünftälerstadt Schramberg. Über 5000 Großuhrwerke und Großuh­ ren, insbesondere aus den Schramberger Uhrenfabriken Junghans und Hamburg­ Amerikanische Uhrenfabrik sind hier zu sehen. 1967 machte die erste Quarzuhr von Junghans Furore. Heute sind es die Solar­ und Funkarmbanduhren. Diese stellen sich mit Hilfe eines Miniaturempfängers in Sekundenschnelle auf die richtige Zeit ein. Gesteuert wird die Funkuhr von der genaue­ sten Uhr der Welt, der Cäsium-Zeitbasis in Braunschweig. Die Deutsche Uhrenstraße führt durch das kinderfreundliche UrlaubsdorfTennen­ bronn. An den Brauchtumsabenden zwischen Trachtenmädchen und hervorragenden Blasmusikern erzählt hier ein Uhrenträger vom Leben im Schwarzwald. Ausgedehnte Wälder umgeben den son­ nigen Luftkurort, dessen Terrassenfreibad die Gäste anzieht. Danach erreicht man St. Georgen, das 1084 von Benediktinermönchen gegründet wurde. Der Mühlenweber Johann Georg Weißer führte um 1750 im St. Georgener Schießhaus eine Uhrenwerkstatt. Der Ort zählte Mitte des 18.Jahrhunderts zu einem der bedeutendsten Uhrenherstel- 230 lungs-und Versandorte des Schwarzwaldes. Heute gehören High-Tech-Betriebe wie Stai­ ger, wo der erste Quarz-Wecker entwickelt wurde, und KUNDO, wo Funk-Tischuhren hergestellt werden, zum Wirtschaftsleben der Stadt18l. Über die Uhrengeschichte und die der Phonoindustrie, die eng mit der weltbekann­ ten Firma Dual’9l verknüpft ist, gibt es detail­ lierte Informationen und Ausstellungsob­ jekte im Heimat-und Phonomuseum im Rathaus. Die nächste Etappe stellt der 1807 von der „Herrnhuter Brüdergemeine“2″l gegründete Ort Königsfeld dar. Seit einigen Jahren pflegt Peter Auber die traditionelle Herstel­ lung der Schwarzwälder Schilderuhr und zeigt eine Sammlung von bemalten Uhren­ schildern der Zeit von 1750 bis 1880 aus Holz und Porzellan. Heute entwirft hier der Uhrenschildermaler Robert Sayer her­ kömmliche Uhrenschilder mit Rosendekor, aber auch neue Motive zum Beispiel für Hochzeitsuhren. Die Firma Auber stellt hauptsächlich Ansteck-und Armbanduhren mit elektronischem Pendeluhrenantrieb her. Schon um 1750 verdienten sich Uhrma­ cher oder Uhrenhändler ihren Unterhalt in den Dörfern im Raum Königsfeld. Uhren­ gestelle, Uhrenschilder und Rohlinge wur­ den hergestellt. Im Dorfmuseum Buchen­ berg findet man unersetzliche Zeugnisse der Alltagswelt der Uhrmacher, der Weber, der Glasmacher und natürlich der Bauern. Ein hervorragendes Objekt kirchlicher Kunst im Dorfmuseum ist das „Buchenberger Herr­ göttle“, ein Kruzifix von 1160 aus der romani­ schen St.-Nikolaus-Kirche211. Mönchweiler, der Erholungsort an der Deutschen Uhrenstraße, wurde 1258 erstmals als „Munechwiler“ erwähnt und geht vermutlich auf eine Gründung des Klosters St. Georgen zurück. Weiter geht’s nach Niedereschach, wo im Ortsteil Fischbach in der Heimatstube eine komplette Uhrensammlung der einsti­ gen heimischen Firmen Jerger und Peter demnächst ausgestellt werden soll.

Die Firma ACR produziert noch heute Wecker-, Schiffs- und Schachuhren in Nie­ dereschach. Horgen ist ein Ortsteil von Zimmern ob Rottweil. Die 1869-1872 erbaute neugoti­ sche St.-Martins-Kirche steht auf dem weit­ hin sichtbaren Platz der 1490 erwähnten „Burg zu Horgen“. In Zimmern fertigen einige kleinere Betriebe Uhren und Uhren­ zubehör. Aus der ältesten Stadt Baden-Württem­ bergs, Rottweil, dem Area Flaviae der Römer, ist ein Fragment eines Steckkalen­ ders mit Monats- und Tageinteilung erhal­ ten. Am Turm des Heilig-Kreuz-Münsters befindet sich eine Sonnenuhr, die schon um 1230 den Bürgern die Zeit anzeigte. Sehens­ wert auch die gläserne Sonnenuhr von 1555 im Ratssaal. Miniatur-Platzuhren, wie z. B. die New Yorker „Broadway Clock“ von 1879, die be­ kannte Hannoveraner „Kröpcke-Uhr“ oder die Dortmunder „Schlanke Mathilde“ sind im Ausstellungsraum der Firma KB-Uhren zu bewundern. Der Betrieb der Familie Graf zeigt auch Kabinettuhren mit vier Weltuhrenzifferblättern, Kuhschwanzpen­ deluhren, Musik-Spieluhren und moderne Party-Uhren. Neckaraufwärts geht es nun auf der Deut­ schen Uhrenstraße in das DorfDeißlingen. Ein bedeutender archäologischer Fund war das Grab eines Alemannenhäuptlings aus der Zeit um 630 n. Ch., auf dessen Brust ein Goldblattkreuz lag. 802 wird der Ort erstmals erwähnt. Neben der romanischen Aubertkirche stand hier im 14.Jahrhundert ein kleines Franziskanerinnenkloster. Kirche 231

und Klosteranlage sind heute nicht mehr erhalten. Jedoch gibt es nun in Deißlingen unter anderem vier Zulieferbetriebe für die Uhrenindustrie, die vor allem massive Uhrengehäuse aus Holz herstellen. Nächste Station an der Uhrenstraße ist die Musikstadt Trossingen, heute bekannt durch die Hochschule für Musik und durch die Bundesakademie für musikalische Jugendbildung. Angefangen hatte die Entwicklung zur Musikstadt Mitte des 18.Jahrhunderts, als der Zeugmacher (Weber) Christian Messner von einem Uhrenhändler eine „Wiener Mundharfe“ bekam. Er war der Gründer der ersten „Mundharmonikafabrik“ in Trossin­ gen. Der gelernte Uhrmacher Matthias Hoh­ ner widmete sich ab 1857 dem „Bläsles­ machen“. Im Harmonikamuseum ist u. a. die Hohner-Sammlung der größten Harmo­ nikafabrik der Welt untergebracht. 23.000 verschiedene Mundharmonikas aus aller Welt sowie Akkordeons und Handharmoni­ kas sind hier zu sehen. Aber auch Technik und Aufbau der Instrumente, die Sozialge­ schichte der Arbeiter und Angestellten sind zu erleben. Musik aus der Juke-Box und ein Spiel- und Dokumentarfilm rund um die Harmonika Ja sen die Zeit wie im Flug verge­ hen. Besuchen sollte man das Heimatmuseum „Auberlehaus“ mit dem Riesenskelett eines Dinosauriers, dem 200 Millionen Jahre alten Plateosaurus trossingensis aus der erdge­ schichtlichen Zeit des Trias. Im Auberlehaus hängen im Uhrenstüble Trossinger Schilderuhren aus dem 19.Jahr­ hundert, Rahmenuhren und alte Stech­ uhren. Uhrenfreunde finden in Trossingen Euro­ pas größten Spezialisten für die Reparatur und den Selbstbau von Uhren, die Firma Selva-Technik. Tausende von Einzelteilen für alte und neue Uhren sind hier zu erwer- Öl: Unterer Gschwendhof Klaus Burk 232

Weltzeit-Uhr Furtwangen ben. Anleitungen werden in Buchform oder direkt vom fachkundigen Uhrmacher gege­ ben. Von der Mini-Schottenuhr bis zur Schwarzwälder Waaguhr kann man die Uhren selbst basteln. In Trossingen sollte man auf jeden Fall eine Fahrt mit der ältesten betriebsbereiten elektrischen Museumsbahn zwischen dem Stadtbahnhof und dem Staatsbahnhof an der Strecke Villingen-Schwenningen – Rott­ weil unternehmen. Auf der Uhrenstraße erreicht man wieder den Schwarzwald-Baar-Kreis. Der östlichste Stadtbezirk Villingen-Schwenningens, Weig­ heim, liegt in 735 m Höhe auf dem Schwarz­ J ura-Gestein, dem Lias. Hier haben sich Anfang des 20.Jahrhunderts sechs Uhren­ fabriken etabliert, von denen fünf noch exi­ stieren. So fertigt die Firma Anton Schrenk Stand­ uhrengehäuse, die Firma Eduard Hauser Küchenuhren, Standuhren und· Kinder- 233

ührle. Schilderuhren stellt die Firma Hauser Uhren her und die Firma Orka macht Baro­ meter und Uhren. Im benachbarten Ort Mühlhausen hat sich ein Freilichtmuseum etabliert, das eine Ölmühle mit Mühlenmuseum, Holzofen­ backhaus Schmiede, Göpel haus etc. zeigt221• In der Heimatstube im Rathaus sind auch schöne Wanduhren als Teil der Einrichtung zu sehen. Dicht daneben liegt das Bauernmuseum Mühlhausen13l, das die Lebenswelt der Bau­ ern von der Knechtstube und der Sattelkam­ mer bis zum Brautwagen zeigt. Tuningen, das schmucke Dorf an der Deut­ schen Uhrenstraße mit seinem gut sanierten Ortskern lädt zum Verweilen ein. Sehenswert ist die 1728 erbaute evangelische Kirche mit dem massiven Treppengiebelturm. Tuningen wurde 797 erstmals als „Daininga“ als St. Galle­ ner Besitz erwähnt. 1444 wurde es württember­ gisch. Heute weist der Ort unter anderem zwei Zulieferbetriebe fur die Uhrenindustrie auf. Das höchstgelegene Solebad Europas, Bad Dürrheim, ist der letzte Etappenort auf der Uhrenstraße. In Bad Dürrheim lohnt der Besuch des großen Fastnachtsmuseums Narrenschopf241 oder ein Bummel durch den Luisengarten, der 1994 zur Landesgartenschauz“ einge­ weiht wird. Gesundheitsbewußten ist ein Besuch im Solemar zu empfehlen, dem wun­ derschönen Bade- und Gesundheitszentrum mit der großen Schwarzwaldsaunal••>. Die Uhrenproduktion in Bad Dürrheim wurde 1990 in den modernen Fabrikations­ hallen der DUFA/Kienzle Uhrenfabrik in Villingen-Schwenningen unweit des Eis­ sportzentrums konzentriert. Die Rundreise auf der Uhrenstraße endet nach 320 Kilometern wieder am Ausgangs­ punkt, dem Bahnhof Schwenningen/Neckar. In der Geschäftsstelle der Arbeitsgemeinschaft kann ein Pauschalangebot „4 Tage auf der Uhrenstraße“ gebucht werden. Darin enthal­ ten sind vier Übernachtungen, Eintritte in Museen, ein maßgeschneidertes Info-Paket und ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte. 234 Für die Entdecker der Uhrenstraße gilt mehr denn je der Satz: ,,Nehmen Sie sich ruhig Zeit auf der Deutschen Uhrenstraße!“ Ulrich Schlichthaerle L i t e r a t u r 11 Almanach 1987, Seiten 48-52, zur Finna Kienzle­ Uhren, Stadtbezirk Schwenningen 2) Almanach 1987, Seiten 52-55, zur Firm., Schmid­ Schlenker, Stadtbezirk Schwenningen, (früher Bad Dürrheim) .11 Almanach 1981, Seiten 176-183, zum Mauthepark, 4l Almanach 1993, Seiten 290-293, zum Uhrenindustrie­ Stadtbezirk Schwenningen museum, Stadtbezirk Schwenningen II Almanach 1988, Seiten 52-56, zur Firma Emil Schmek­ kenbecher, tadtbezirk Villingen 0) Almanach 1988, Seiten 216-220, zum Uhrmacher­ häusle, Vöhrenbach 71 Almanach 1982, Seiten 119-122, zum Orchestrion bau, Vöhrenbach 81 Almanach 1980, Seiten 128-133, zum Bildschnitzer 91 Almanach 1990, Seiten 65-67, zur Hexenlochmühle, Matthias Faller, Furtwangen-Neukirch Furtwangen-Neukirch 10) Almanach 1983, Seiten �9-51, zur Firma Adolf Han­ h,1rt, Gütenbach 11) Almanach diese Au;gabe, Seiten 192-199, zum Deut­ chen Uhrenmuseum Furrwangen 121 Almanach 1991, Seiten 83-88, zur Uhnnacherschule, Furtwangen ll) Almanach diese Ausgabe,Seiten 205-214, zur Rinderle­ Uhr im Deutschen Uhrenmuseum Fumvangen 141 Almanach 1988, Seiten 180-182, zum Uhrenschild­ maler Alois Straub, Furtw,mgen- Linach 15) Almanach 1982, Seiten 61-63, zur Fim1a Wehrle, St. Georgen (früher Schönwald) 161 Almanach 1988, Seiten 195-197, zur größten Kuckucks­ uhr der Welt, Schon.ich 171 Almanach 1980, Seiten 150-153, zum Heim,llmuseum, Triberg 181 Alm.mach 1985, Seiten 67-70, und Almanach 1990, Seiten 55-57, zur Finna Kundo, St. Georgen 1’1 Almanach 1979, Seiten 53-55, und Alman,1cl1 1983, Seiten 48-49, zur Firm., Dual, St. Georgen lOI Alm.mach 1980, Seiten 42-45, zur Herrnhuter Brüder­ gemeine, Königsfeld ll) Alm.mach 1988, Seiten 183-186, zur St. Nikolaus-Kir­ che, Königsfeld-Buchenberg ll) Almanach 1984, Seiten 202-204, zum Göpel und Göpelhaus, Mühlhausen lll Almanach 1980, Seiten 146-150, zum Bauernmuseum, Mühlhausen Dürrheim Dürrheim. 24) Almanach 1985, Seiten 165-170, Narrenschopf, Bad 25) Almanach in dieser Ausg,tbe, Seiten 324-326, zur Lan­ desgartenschau 1994, B,1d Dürrheim lb) Almanach 1989, Seiten 226-232, zum Solemar, Bad

Glocken Das Hüfinger Stadtgeläute Die früheste urkundliche Erwähnung der Pfarrei Hüfingen entstammt der Feder des Konstanzer Bischofs Hermann II (1183- 1189). Zu dieser Zeit war Hüfingen im Besitz des Klosters St. Märgen. Ob die Kirchenge­ meinde damals bereits eine Glocke besaß, ist heute nicht mehr nachvollziehbar. Aber nur 100 Jahre nach dieser ersten Erwähnung der Pfarrgemeinde Hüfingen wurde die noch heute erhaltene älteste Glocke gegossen. Sie dürfte bereits den Frieden zwischen König Albrecht von Habsburg und dem Hause Für­ stenberg, bei dem auch „her conrat von Höfingen ain ritter“ eine Rolle spielt, einge­ läutet haben. Die Glocke trägt um die Schul­ ter eine der ältesten Glockeninschriften, die von der Sehnsucht der Men­ schen nach Frieden Zeugnis ablegt: 0 REX GLORIE CRISTE VENI CVM PACE L VX (Lukas) MARCS (Mar­ kus) IOHANES Qohannes) MADEVS (Matthäus). Die · Inschrift der vier Evangelisten verweist auf die Bedeutung der Glocke, die sie bereits im 3. und 4. Jahrhundert von den Apologeten, den ersten christlichen Schriftstellern, erhalten hatte. Die Glocke sollte Symbol der Verkündi­ gung des Evangeliums durch die Evangelisten und Apostel sein. Die Glocke entstammt einem der bedeutendsten Glockengießzentren des aus­ gehenden 13. Jh., der Rei­ chenau. Ihre Übereinstim­ mung in Form, Schrift und Klang mit der größten Glocke von St. Georg in Oberzell ist unüberseh- und unüberhör­ bar. Älteste Glocke des Hiifinger Ffarrkirchenge/iiutes, um 1300 gegossen, sie ist ein Werk der Reichenauer Schule (Glocke 5). 235

lieh die Tonfolge gis‘ – h‘ – cis“ – fis“ hatte, waren die Hüfinger offensichtlich sehr lange Zeit zufrieden. Jedenfalls sind in Archiven keine weiteren Glocken erwähnt. Allerdings finden wir zu allen Zeiten Hinweise auf das Läuten der Glocken. o auch am Schicksals­ tag der Stadt Hüfingen am 15. Oktober des Jahres 1632, als die Soldaten des Herzogs von Württemberg „von gotlosen Ketzern Wür­ tenbergern“ viele Hüfinger Bürger ermorde­ ten und die tadt in Brand setzten. In der Geschichte von Hüfingen lesen wir hierzu bei August Vetter: ,,Als die Mordbrenner am Na hmittag des 15. Oktober Hüfingen ver­ ließen, um Mord, Brand und Plünderung auch in die West-Baar zu bringen, läutete man im Städtchen mit allen Glocken. Seit­ her erinnert das tägliche Zweiuhrläuten an das Blutbad von Hüfingen vom 15. Oktober (auch 1632, bis das Zweiuhrglöckchen Glocl?C 4 wurde im 14.)ahrhundert in Schaffhau­ sen vermutlich von den Gebrüdern Ullrich und Hug gegossen. Detailaufnahme von Glocke 5. Zwischen zwei unregelmäßigen Kordelstegen ist in Majuskeln die Friedensinschrift z11 lesen: 0 REX GLORIE CRJSTE VENJ CVM PACE. Anfang bis Mitte des 14.Jh. wurden ver­ mutlich von den Brüdern Ullrich und Hug aus Schaffhausen drei Glocken für die Pfarr­ kirche in Hüfingen gegossen. Die größte der drei Glocken, die Wetterglocke, trägt als Schulterinschrift, ähnlich wie die älteste Glocke, die Friedensinschrift mit der Ergän­ zung, daß sie auch bei jedweder Gefahr läu­ ten solle. 0 ,,. REX“ GLORIE,,. XP E ,: – VENI ,,. CV PACE,:- HOC,: – CONTRA,,. SIGNVM ,,. NVLL VM ,,. STET ,,. PERICVL VM ,:- Die zweitgrößte Glocke aus diesem Guß, im Volksmund das Schwedenglöckchen genannt, wurde ein Opfer des Zweiten Welt­ kriegs. Sie war wie ihre große Schwester an der Glockenschulter mit einem Arkadenfries geziert. Ob sie auf dem Glockenfriedhof in Hamburg zerstört oder Opfer des blühenden Schwarzhandels nach dem Krieg wurde, wird wohl ihr Geheimnis bleiben. Die dritte Glocke aus diesem Guß gleicht in der Form der Buchstaben der größeren Glocke, bleibt aber ohne die umlaufenden Arkaden an der Glockenschulter. Auf die Kreuzigungs­ gruppe wollte man aber auch bei ihr nicht verzichten und goß sie unterhalb des lnschriftenanfang in die GlockenAanke ein. Die Friedensins hrift gleicht der ihrer gro­ ßen Schwester, allerdings ohne den Zusatz, daß sie auch bei Gefahr läuten solle. Mit die­ sem sehr schönen Vierergeläute, das vermut- 236

Detailaefnahme von Glocke 4. Ganz typisch für die Scha.flhausener Giefsschu/e die .friesenartig auf gereihten hohen Arkaden mit kleeblatiförmigem Schluß über den Kapitellen. In einer der Arkaden befin­ det sich die Kreuzigungsgruppe. Schwedenglöckchen genannt) im Zweiten Weltkrieg beschlagnahmt wurde. Wie wir wissen, kam es aus dem Krieg nicht zurück.“ Ein weiteres Mal ist vom Glockenläuten in einem Bericht vom 28. 10. 1663 zu lesen. Dem damaligen Pfarrer Gerwig wurde darin vorgehalten, daß er eigenmächtig die Tür­ kenglocke läute. Dieses Türkenläuten ging auf Papst Calixtus III zurück, der das mittäg­ liche Gebetsläuten im Jahre 1455 mit der Aufforderung an die Gläubigen zum Gebet aller Christen gegen die drohende Türkenge­ fahr verband. Wie im Archiv von Hüfingen nachzulesen, hat sich dieser Läutebrauch recht lange erhalten, der das mittägliche Gebetsläuten aber nur ergänzen, nicht aber ersetzen sollte. Über einen Glockenguß lesen wir erst wie­ der im Jahre 1789. In diesem Jahr wurde die früher größte Glocke in der Glockengießerei von Benjamin und Meinrad Grieninger in Villingen umgegossen. In den Hüfinger Archiven ist hierzu zu lesen, daß diese Glocke seit Jahr und Tag gesprungen sei und neu gegossen werden müsse. Angebote für den Neuguß waren von der Glockengießerei Schalch in Schaffhausen und Grieninger in Villingen eingeholt worden. Der Preisunter­ schied zwischen beiden Angeboten sei nicht groß, wurde festgestellt, aber in Villingen könne das Umgießen überwacht und die Glocke auch gleich geweiht werden. Als Schulterinschrift zwischen zwei Stegen lesen wir: BENJAMIN VND MEINRAD GRIE­ NINGER HABEN MICH GEGOSSEN IN VILLINGEN 1789 / S: GALLE ET S: VERENA 0: P: N: Die Inschrift ist von zwei Salbeiblättern eingerahmt. Salbeiblätter goß man vor allem in der Barockzeit gerne auf Glocken auf. Sie waren als immergrüne Pflanzen Symbol ewigen Lebens, sie waren in der damaligen Zeit aus keinem Blumen-237

Aus der Hand des gleichen Meisters wie Glocke 4 entstamm/ Glocke 7. Eine veränderte Glocken­ gestaltung, unter Verwendung gleicher Buch­ staben. Detail von Glocke 7. Die Kreuzigungsgruppe wurde im Gegensatz zu Glocke 4 auf die Glocken­ ßrmke gegossen. strauß in der Kirche wegzudenken. Ihr auf­ weckender Duft sollte Kirchenbesucher bei den oft recht langen Predigten vor dem Ein­ schlafen bewahren. Auf Glocken gegossen, waren sie Symbol gegen den Kirchenschlaf, lesen wir bei einem bedeutenden Glocken­ gießer der Barockzeit, dem vom Kaiserstuhl stammenden Franz Anton Grieshaber. Die Flanke dieser Glocke trägt noch einen klei­ nen Kruzifixus über zwei schräg gestellten Salbeiblättern. Im Ersten Weltkrieg wurden die Hüfinger Glocken wegen ihrer besonderen histori­ schen Bedeutung von der Ablieferung freige­ stellt und so hingen bis ins Jahr 1942 im Hüfinger Kirchturm fünf Glocken, die P von Benjamin und Meinrad Grieninger 1789 gegossen, gis‘, cis“, fis“ von den Gebrüdern Ullrich und Hug Anfang bis Mitte 14.Jh. in Schaffhausen gegossen, und die älteste um 1300 gegossene Glocke mit dem Ton h‘. Von der Ablieferung der Glocken für den Zweiten Weltkrieg war auch die Pfarrgemeinde Hüfingen betroffen. Trotz ihrer historischen Bedeutung mußten die Grüningerglocke und die beiden kleineren Glocken aus der Schaffhauser Gießerhütte nach Hamburg ins Glockenlager abgeliefert werden. Zwei Glocken kamen im November 1948 bzw. am 17. 8.1949 vom „Glockenfriedhof“ aus Ham­ burg wieder zurück, das Schwedenglöckchen blieb verschollen. 1954 wurde der Wunsch nach Ergänzung des Geläutes endlich erfüllt. Bei Friedrich Wilhelm Schilling in Heidel­ berg wurde die Marienglocke mit dem Ton des‘ und die Jakobusglocke mit dem Ton es‘ 238

Die Totenglocke von Benjamin und Meinrad Grieninger, 1789 in Villingen gegossen. Der Or­ namenifries aus Tuchgirlandenbögen mit Frucht­ biinde!n ist typisch fiir das Haus Griininger im auslaufenden 18.}ahrhundert. Die größte Glocke des Geläutes, die Marienglocke, 1954 in der Glockengiefserei Friedrich Wilhelm Schilling in Heidelberg gegossen. DIL·),,kubwgluckc ist die zweitgrößte Glocke des Geläutes. Sie kommt eberifalls aus der Glockengie­ ßerei Friedrich Wilhelm Schilling in Heidelberg, einem der bedeutendsten Glockengiefser Europas nach dem Zweiten Weltkrieg. gegossen. Die älteste Glocke stimmte man von h‘ nach b‘ tiefer, um so das Salve-Regina­ Motiv erklingen zu lassen. Der Wunsch von Gottfried Schafbuch, in „Mi Boor“ S. 64 nachzulesen, mußte bis 1992 unerfüllt bleiben. Er schreibt: ,,Möge doch ein neues ,Zweiuhrglöckchen‘ in absehbarer Zeit wieder die Erinnerung an das Hüfinger Blutbad vom 15. Oktober 1632 wachrufen und wachhalten.“ 1991 war es dann soweit. Die Karlsruher Glocken- und Kunstgießerei erhielt den Auftrag für ein neues Zweiuhr­ glöckchen, der Bildhauer Meyer den Auftrag für die Glockenzier, Pater Dr. Albert Schmidt vom Kloster Beuron entwarf die beiden Chronogramme, deren große latei- 239

Detailaufnahme der neuen Schwedenglocke, Vor­ derseite Läute, so laut du kannst, in Erinnerung an das Hiifinger Blutbad im (Dreißigjährigen) Krieg. Rufe den Goll des Friedens tm, daß er allen Streit von den Bürgern vertreibe. nische Buchstaben zusammengezählt das Gußjahr der Glocke 1992 ergeben: lNVOCA DEVM PACIS VT IPSE LITES VNI­ VERSAS A CIV!BVS l’ELLAT (= 1992) RECOR DARE PRO VlRlBVS CAE Dls AC NECis HVFINGENSIS EXACTAE IN BELLo (= 1992) Die Bildzier auf der Rückseite der Glocke zeigt den Tod, der mit seiner Sense weitaus­ schwingend reiche Ernte einfahrt. Die Schauseite zeigt die Silhouette der Stadt Hüfingen. Über die Stadt hinweg fliegt eine Taube, einen Friedenszweig im Schnabel haltend. Das Geläute der Hüfinger Pfarrkir­ che umfaßt nun sieben Glocken, eine Zahl, die in Vorschriften von Karl dem Großen und bei Karl Boromäus für bedeutende 240 Detailaufnahme der neuen Schwedenglocke, Rückseite Stadtkirchen vorgesehen war. Ihre Melodie folgt den Tönen: des‘ +5, es‘ +5, P +4, as‘ +5, b‘ +4, des“ +6, ges“ +7. Herausragende Ereignisse der Geschichte lassen sich an vielen Orten mit den Glocken­ schicksalen beschreiben. So auch in Hüfin­ gen. So wird auch Reinhold Schneiders ein­ dringlicher Satz verständlich: ,,Verlieren die Türme ihre Herrschaft über die Dächer, die Glocken ihre Gewalt über den Lärm, so ist keine Hoffnung und kein Leben mehr.“ Die Hüfinger Glocken haben diese Zeilen Rein­ hold Schneiders auf ihre Weise interpretiert, täglich beim Läuten, aber noch mehr in ihrem Schweigen. Die Hüfinger Glocken erzählen aber auch mehr als andere in ihrer Inschrift, wo die Hoffnungen und die Sehn­ süchte der Menschen liegen: Im Frieden. Die drei ältesten Glocken bezeugen dies mit ihrer Inschrift O REX GLORIE CRISTE VENI CVM PACE! Kurt Kramer

Heiteres aus dem Klosterleben St. Ursula in Villingen M. Hieronyma Riegger 1901-1990 Die Chronik berichtet, daß sie im April 1924 ins Kloster St. Ursula eingetreten ist und daselbst zweieinhalb Jahre später ihre Profeß gefeiert hat. Somit stellte sie ihr weite­ res Leben in den Dienst des Konvents und daher nicht zuletzt auch in dessen Bildungs­ und Erziehungsauftrag, resultierend aus dem von den Ursulinen betreuten Lehrinstitut. Frau Hieronyma, mit weltlichem Namen Eisa Riegger, stammte aus der Aubenmühle in Obereschach – und weil das heimische An­ wesen unweit des Gewanns „Elsenau“, einem kleinen Wallfahrtsort unserer Region, liegt, ließen ihre Eltern sie als jüngstes von sieben Kindern auf den Namen „Eisa“ taufen. Nach dem Besuch der Volksschule in Obereschach und Villingen machte sie eine Lehre als Damenschneiderin in „St. Agnes“ und im „Marienhaus“ in Freiburg. Die Mei­ sterprüfung in diesem Handwerk legte sie am 10. 2. 1926 vor der Handwerkskammer Kon­ stanz ab. Danach war für sie der Weg frei, sich als qualifizierte Meisterin in der „Frau­ enarbeitsschule“ des Klosters zu betätigen, wo weibliche Jugendliche und Frauen aus Villingen und Umgebung das „Kleidernä­ hen“ erlernten. Von 1927 bis 1937 übte Sr. Hieronyma auch das Amt der Sakristanin im Kloster aus. Im Jahre 1952 wurde sie der damaligen Internatsleiterin Frau Bonifatia als „pädago­ gische Exekutive“ zugeteilt, um den jungen Elevinnen Pünktlichkeit und Ordnung bei­ zubringen. Hieronyma erfüllte ihre neue Aufgabe pflichtbewußt und in „mütterlicher Strenge“. Die Heimschülerinnen zollten ihr, wenn’s auch manchmal schwerfiel, ,,heiligen Respekt“. Von 1966 an versah sie bis zu ihrem Lebensende den Pförtnerdienst des Klosters. Die Besucher erlebten sie dabei als freundli­ che und umsichtige – aber, wenn es nötig war, auch als resolute Person; denn nicht immer war der Umgang leicht mit den Stadt­ streichern, die ein leckeres Klostersüpplein heischten. Dennoch hatte sie für diese stets ein gütiges Herz und eine offene Hand. Mit wachem Geist verfolgte Frau Hiero­ nyma sowohl die hohe Politik als auch das kommunale Geschehen. Sie war eine eifrige Radiohörerin und Zeitungsleserin. Mit Vor­ liebe befaßte sie sich auch mit der Stadt- und Klostergeschichte – und nebenbei auch mit Pfarrer Kneipps Wasser- und Naturheilme­ thode. Vielen Kranken konnte sie wertvolle Tips geben. Als ihre Sehkraft nachließ, und sie des­ halb nicht mehr in der Lage war, Bücher und 241

Schriften zu studieren und die Tageszeitung zu lesen, betete sie um so mehr. Besonders schätzte sie in vielen Anliegen das Rosen­ kranzgebet. Am 27. 4.1990 rief der HERR sie zu sich in die Ewigkeit. Weil nun in St. Ursulas Gefilden nach wie vor das Prinzip gilt: ,,Semper hilaris et sere­ nu „, d. h. ,,immer heiter und aufgeräumt“, sei im folgenden die wahre lustige Begeben­ heit mit „Hieronyma“ – besonders auch als „Leckerbissen-Lektüre“ für die ehemaligen Internatsschülerinnen – zum besten gege­ ben: Das Auge des Gesetzes und der Bienenhonig Frau Hieronyma, die Gute, bekannt als Aeiß’ge, resolute Klosterfrau mit Konsequenz, zuständig auch mit Kompetenz für Ordnung, Tugend, Pünktlichkeit, im Internat zur Nachkriegszeit. In jenen noch recht armen Tagen hat folgende sich zugetragen: Im Flur zum Schlafsaal reges Treiben bei des Internates Maiden! – Umschwärmt von einer großen Schar das Bräunlinger „Mariele“ war. In seinen Händen hält es fest, was gedacht fürs Wiegenfest, ein Glas, gefüllt mit Honig, süßem, der nebst besonders lieben Grüßen per Post von Mutter zugeschickt; die jungen Damen sind entzückt, denn jede darf just einmal tauchen den bloßen Finger dazu brauchen, in das Glas der Köstlichkeit. Wie schwelgen sie in Seligkeit! – Und schlotzen, lecken, schleck, schleck, schleck. – Da, plötzlich, trifft sie jäh der Schreck. Im Sauseschritt, Aug , ein , zwei, drei, eilt Hieronyma herbei, Frau Bonifatias Korporal, verantwortlich für Zucht, Moral. ’s „Mariele“ ist perplex und baff seine Arme werden schlaff. Der Honigtopf zerschellt am Boden, – was jetzt passiert, ist nicht gelogen: Die Honigmasse Aießt dahin, die Mädchen auf die Zimmer Aieh’n. 242

Hieronyma kann nicht mehr bremsen, gerät in schlimme Turbulenzen; sie gleitet auf dem Honig aus – und stürzt und schlittert – welch ein Graus! Bei ihrem Tempo unvermeidlich, klebt sie jetzt flach, trotz obrigkeitlich, am Nektar, den die Immen sammeln. Sie kann gerad‘ noch „Hilfe“ stammeln, ,,liebe ,Maidle‘, kommt herbei, beendet mir die Q!.iälerei!“ — Und mit Hau-ruck, vereinter Kraft, man Unmögliches gemeinsam schafft. Hieronyma steht wieder da, alles brüllt: ,,Halleluja!“ – Zwar ziehen tausend Honigfäden von Schleier, Rock, ja selbst aus Nähten, hinab zum Boden – ach, wie peinlich; doch schließlich ist sie wieder reinlich. – Nach stundenlangen „Badefreuden“ sieht man sie wieder unter Leuten! — Helmut Groß Breg-Promenade Bräunlingen 243

Baudenkmäler Die Sägemühle in Gütenbach In Gütenbach im Hintertal, am Eingang zum Hübschental, liegt die Mühle des Bühl­ hofs, im Volksmund nur Sägemühle ge­ nannt. Dieser für eine Mahlmühle etwas irre­ führende Name ist von einer sicher schon 1680 an dieser Stelle erbauten Klopfsäge abgeleitet. Der die Mühle umgebende Wald, genannt „Sägewald“ und das benachbarte Wohnhaus, das „Säge-Hisle“, belegen diese Annahme. Im Feuerversicherungsbuch von 1855 wird die Sägemühle erstmals urkund­ lich erwähnt. Mit dem Verkauf des Bühlhofs am 12. 1. 1889 an die Großherzogliche Do­ mäne wurde auch die zum Hof gehörende Säge- und Mahlmühle verkauft. Dies ist der erste urkundliche Hinweis auf die Mahl­ mühle. Wahrscheinlich wurde diese Säge- und Mahlmühle bald nach dem Verkauf abgerissen. Laut Feuerversicherungsbuch von 1901 war sie nicht mehr vorhanden. Um 1920 bekam der Bühlhof einen neuen Pächter namens Martin Riesle. Für diesen Mann war eine eigene Mühle offensichtlich eine Notwendigkeit. Sie gab ihm ein Gefühl der Unabhängigkeit. Er konnte sein eigenes Korn mahlen, vom Mehl das tägliche Brot backen und die als Abfallprodukt anfallende Kleie als Viehfutter verwenden. So kaufte er 1927 die Mühle des Pfeiffenhansenhofes aus dem Vorderen Schützenbach in Furtwan­ gen. Die Mühle wurde abgetragen und an ihrem jetzigen Standort wieder erstellt. Einer Inschrift auf einem Balken des Mühlenbietes war zu entnehmen, daß diese Mühle um Restaurierte Sägemühle Gütenbach / Hintertal 244

1780 erbaut wurde. Im Gegensatz zum Hof blieb die Mühle im Privatbesitz. 1939 übernahm Martin Riesles Schwieger­ sohn Wilhelm Wehrle den Hof samt Mühle. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg war die Mühle noch in Betrieb, dann standen die Räder still. Die Zeit hinterließ an dem Gebäude ihre unübersehbaren Spuren. 1965/66 trug sich die Ortsgruppe Gütenbach des Schwarz­ waldvereins mit dem Gedanken, die Mühle wieder in Gang zu setzen. Dieses Vorhaben wurde aber nicht in die Tat umgesetzt. Der Akkordeonspielring nutzte dann die Mühle als Bar bei seinem Waldfest. So mancher Besucher dieser Feste wird sich an die fröhli­ chen und feuchten Stunden in der Mühlen­ bar erinnern. Dem Akkordeonspielring ist es zu verdanken, daß das Gebäude nicht weiter dem Zerfall preisgegeben war. Der Verein deckte das Dach neu ein und sicherte das Gebäude so gut es eben ging. Mit dem Amtsantritt von Bürgermeister Richard Krieg im Jahre 1984 wurde das Thema Restaurierung der mittlerweile einzi­ gen Mühle in Gütenbach wieder aufgegrif­ fen. Ein Jahr später wurde die Mühle als erhaltenswertes Kulturdenkmal eingestuft. Ein Lokaltermin mit dem Architekten Theo Gremmelsbacher aus Hinterzarten, einem Spezialisten in Sachen Mühlenrestaurie­ rung, brachte im März 1989 den Stein end­ gültig ins Rollen; besser gesagt „Wasser auf die Mühle.“ Der Heimat- und Geschichts­ verein Gütenbach und die Ortsgruppe des Schwarzwaldvereins hatten sich zu einer Ar­ beitsgemeinschaft zusammengeschlossen. Bei einer Projektsumme von 118 000 DM eine notwendige und wie sich später heraus­ stellte auch fruchtbare Entscheidung. Nach­ dem die Nachkommen des Wilhelm Wehrle die Mühle an die beiden Vereine veräußert hatten, galt es das Projekt zu finanzieren. Das Jahr 1990 stand im Zeichen der Mittelbe- 245

schaffung. Das Landesdenkmalamt, die Denkmalstiftung Baden-Württemberg, die Gemeinde Gütenbach, der Schwarzwald­ Baar-Kreis und der Schwarzwaldverein in Freiburg gewährten Zuschüsse, eine Spen­ denaktion und Veranstaltungen erbrachten weitere Gelder. Die Finanzierung war so zu 80 Prozent gesichert. Das noch fehlende Geld sollte durch die Eigenleistung erbracht werden. Am 15. Juni 1991 begannen die Arbeiten an der Mühle mit der Wiederherstellung des Mühlengrabens. Bereits zwei Wochen später war der über zweihundert Meter lange Gra­ ben wieder hergestellt. Nach über vierzig Jahren wurde wieder Wasser in den Graben geleitet. Nun wurde die Mühle zum zweiten Mal in ihrer über zweihundertjährigen Ge­ schichte abgebaut. Alles Wiederverwend­ bare wurde gekennzeichnet und sorgfaltig zwischengelagert. Letztlich wurden die als Trockenmauer ausgebildeten Fundamente abgetragen. Es blieb kein Stein mehr auf dem anderen. Bis Ende August waren dann die Fundamente wieder aufgebaut und die Zim­ merleute konnten mit dem Wiederaufbau des Gebäudes beginnen. Vom Wetter begün­ stigt konnte am 13. September 1991, genau drei Monate nach dem ersten Spatenstich, Richtfest gefeiert werden. Ende November wurde die letzte Holzschindel aufs Dach genagelt, der Bau war nun winterfest. Am 3. Februar 1992 nahm der Mühlen­ bauer Albert Schwär aus Breitnau seine Arbeit auf. Die Zimmerleute hatten bereits das Biet wieder aufgebaut und das Kammrad eingesetzt. Der Mühlenbauer überholte das Triebwerk der Mühle und ergänzte das Mahl­ und Sichtwerk. Im Juli 1992 war seine Arbeit beendet, die Mühle war wieder funktionsfä­ hig. Rund 1200 Arbeitsstunden mußten von den ehrenamtlichen Helfern geleistet wer­ den, bis am 1. August 1992 die Mühle unter großer Anteilnahme aus der Bevölkerung durch Gütenbachs Bürgermeister Richard Krieg wieder in Betrieb genommen wurde. Er zog mittels einer Stange den vorderen, beweglichen Teil der Wasserrinne, den 246 Schußkähner über das Wasserrad, leitete so das Wasser über das eiserne Wasserrad und setzte es in Bewegung. Oberschlächtig nennt man die Form des Wasserrades. Die krei­ sende Bewegung des Wasserrades wird auf den eisernen Wellbaum übertragen, an des­ sen anderem Ende das Kammrad sitzt. Die 66 Kammen des Kammrades, vergleichbar mit den Zähnen eines Zahnrades, treiben das Stockrad (auch Kumpf genannt) an, das sechs Runde Spindeln hat. Die langsame, vertikal gerichtete Drehung von Wasserrad und Kammrad wird in die schnellere, hori­ zontale Drehung des Läufersteines (oberer, drehbarer Mühlstein) umgesetzt. Die Ver­ bindung zwischen Stockrad und Läuferstein bildet das Langeisen (Mühleisen). Der Läu­ ferstein soll sich mit 120-130 Umdrehungen pro Minute drehen. Das Mahlwerk wird vom Biet, einem Gestell aus Fichtenbalken mit vier Eichesäu­ len, getragen. Das Mahlwerk besteht aus den beiden Mühlsteinen (Bodenstein und Läu­ fer), dem Tremel (Trichter), Rütteltrog, Tre­ melstuhl, einer Rüttelmechanik, dem Zargen und dem Mehlrohr. Der viereckige trichter­ förmige Tremel wird mit Getreide befüllt. Das Mahlgut rutscht in den Rütteltrog, der beweglich unterhalb des Tremels aufgehängt ist, und wird durch die Rüttelmechanik (einem Schlagstock angetrieben durch einen eisernen Dreischlag im Auge des Läuferstei­ nes) dosiert zwischen die Mühlsteine geschüttet. Tremel und Rütteltrog sind ab­ nehmbar auf dem Tremelstuhl aufgesetzt. Dieser sitzt wiederum auf hölzernen Gehäu­ sen des Läufersteines, dem Zargen. Durch die Fliehkraft wird das Mehl (Schrot) an die Zargenwand geschoben und fällt dann durch das Mehlrohr in den Mehlkasten. Dort wird durch den Bitte! (Beutelsichter), der rhyth­ misch geschüttelt wird, Mehl und Kleie getrennt. Das Mehl fallt nach unten in den Mehlkasten, die Kleie rieselt durch das weit geöffnete Maul des Kleienkotzers an der Stirnseite des Mehlkastens in den Kleietrog. Der „Kleikotzer“ ist eine geschnitzte Holzmaske. Die Fratze sollte verhindern,

daß das „Böse“ in den Mehlkasten eindrang und das Mehl verdarb. Glaube und Aber­ glaube lagen eben früher eng beieinander. Um Brotmehl zu erhalten, genügte ein Mahlgang nicht. Bis zu sieben Mal mußte das Mahlgut aufgeschüttelt werden. Das erste Mal war der Abstand der Mühlsteine noch groß, das Korn und die Steine wurden gereinigt. Das erste, dunkle Mehl wurde an das Vieh verfüttert. Es folgten dann mehrere Mahlgänge, bei denen der Abstand zwischen den beiden Mühlsteinen immer mehr ver­ kleinert wurde. Ein Zentner Korn ergab so etwa 75 Pfund Mehl. Die Sägemühle in Gütenbach ist ein gelungenes Beispiel für die Mühlenrestaurie­ rung im Schwarzwald. Maßgeblich an der Erhaltung dieses Kulturgutes haben die Bür­ ger der Gemeinde Gütenbach durch Spen­ den und tatkräftige Hilfe mitgewirkt. Initiiert und geleitet wurde diese Bürgeraktion von dem Vorsitzenden des Heimat- und Ge­ schichtsvereins, Oswald Scherzinger, und dem Vorsitzenden der Ortsgruppe Güten­ bach des Schwarzwaldvereins, Lorenz Wiehl. Die Mühle ist der Öffentlichkeit zugänglich. Besichtigungen können über Fremdenverkehrsamt Gütenbach das (0 77 23 / 93 0611) oder den Mühlenwart Lorenz Wiehl (0 77 23 / 40 84) vereinbart werden. Lorenz Wiehl Wider besseres Wissen immer, wenn ich denke eine Beziehung einordnen zu können, erreicht mich irgend etwas, wie unverhoffter Vogellaut im tiefsten Frost – und mein Lächeln paßt in keine Karte Christiana Steger 247

Der Stöcklewaldturm Wandert man auf dem Mittelweg von Furtwangen nach St. Georgen, so kommt man über den Stöcklewaldkapf. Dort, auf der Gemarkung Rohrbach/Furtwangen, steht der Stöcklewaldturm in 1067 Metern Höhe. Er ist im Besitz des Schwarzwaldvereines, Sektion Triberg, von der er 1894 erbaut wurde, nachdem die Unzulänglichkeit des im Vorjahr am Kesselberg errichteten 16 m hohen hölzernen Aussichtsgerüsts erkannt wurde. Als durch Spenden der Stadt Triberg, des Bank- und Gewerbevereins, des Kurko­ mitees und verschiedener Privatpersonen 4000 Mark bereitgestellt worden waren, schrieb Sektionsvorsitzender Oberförster Korn die Nachbarsektionen um Unterstüt­ zung an. Die Baugenehmigung für den 25 Meter hohen Turm wurde am 21. Mai 1894 durch das Bezirksamt Triberg erteilt. Am 25. Mai wurde mit den Grabarbeiten begon- 248

nen. Die Maurerarbeiten wurden durch Maurermeister Heinrich Siebert vom 5. Juni bis Ende September ausgeführt. Die Einwei­ hungsfeier kam jedoch erst im Frühjahr des Jahres 1895, unter Mitwirkung der Stadtmu­ sik, zustande, da dies im Vorjahr nach der Fertigstellung durch frühes Einsetzen des Winters nicht mehr möglich war. Bis dahin hatte der für die damaligen Verhältnisse äußerst rasch ausgeführte Bau, unter Bauauf­ sicht von Albert Rieser, 8117,65 Mark ge­ kostet. Nachdem im Dritten Reich die Tätigkeit der freien Vereine stark eingeschränkt und zur Zeit des 2. Weltkrieges fast völlig zum Erliegen kam, mußte der Stöcklewaldturm 1952, nach Wiederaufnahme der Vereinstä­ tigkeit, instandgesetzt werden. Ende des Jah­ res wurde der Bau einer Turmhütte erwogen, um der zunehmenden Verschmutzung und Zerstörung zu begegnen. Ein Baufond wurde geschaffen. Als 1955 4200 DM bereitstan­ den, wurde auf der Hauptversammlung des Schwarzwaldvereines am 15.Januar der Bau eines Rasthauses beschlossen. Unter der Leitung von Franz Göttler wurde 1956 mit dem Erdaushub begonnen, der 750 Stunden Arbeit in Anspruch nahm. In 580 Stunden Arbeit wurden die Maurer­ arbeiten fertiggestellt, so daß der Bau bis Jahresende notdürftig unter Dach gebracht war. In den folgenden Jahren schritt der Aus­ bau zügig voran, wobei ein großer Teil in Eigenarbeit geleistet wurde und der freiwil­ lige Arbeitseinsatz Firmenangehöriger Franz Göttlers einen großen Anteil daran hatte. Turmbesteigungsgebühren halfen dabei, den Bau zu finanzieren. 1958 wurde der In­ nenausbau des Erdgeschosses beendet. In den weiteren Jahren wurde zur Versorgung des Rasthauses mit Wasser eine �eile gefaßt, für einen späteren Stromanschluß ein Erd­ kabel verlegt. Am 31. August 1962 wurde das Rasthaus feierlich eingeweiht. Zu diesem Anlaß kamen Geistliche beider Konfessio­ nen, der Bürgermeister und Angehörige der Nachbarortsgruppen. Nachdem RudolfGreth � � Rasthaus und Wanderheim � Stöcklewaldturm 1069 m ü M am Mittelweg Pforzheim-Waldshut Schwarzwaldverein Ortsgruppe Triberg t.’l gegr. 1883 Turm erbaut 1894 Höhe 25m 127 Stufen bis zur Plattform 16 Betten Übernachtungsgelegenheit Rasthaus u. Wanderheim erbaul 1956 1962 . . eine Ansprache gehalten hatte, bekam der damalige Vorsitzende der Ortsgruppe Tri­ berg, Fritz Wenk, den Schlüssel zum Gast­ haus überreicht. Die Feier, die bei gutem Wetter stattfand, wurde von Volkstänzen und Gesang der Jugendgruppen umrahmt. Bis dahin hatte die Ortsgruppe Triberg ca. 70 000 DM für den Hausbau aufgebracht. Etwa neunmal sowie! wie für den Turmbau verwendet wurde. Ein beachtlicher Unter­ schied. Der Turm erfreut sich heute, dank hervor­ ragender Aussicht -bei gutem Wetter sieht man bis zu den Alpen -und günstiger Lage, großer Beliebtheit. Nachdem man die 109 Stufen zur Granitplattform bestiegen hat, weisen dem Besucher bronzene Tafeln die nähere und weitere Umgebung aus. Der Turm wird noch von Katastrophenschutz, DRK und Feuerwehr mitbenutzt, da er sich funktechnisch an sehr geeigneter Stelle be­ findet. So bleibt zu hoffen, daß dieses schöne Bauwerk, das im Jahre 1994 sein 100.Jubi­ läum feiert, noch viele Menschen erfreut und so lange steht, wie der Wind durch die waldige Umgebung des Stöcklewalds weht. Jens Heid 249

Kunst und Künstler Die Lovis-Presse Eine Schwenninger Pioniertat des Kunstbetriebs der Nachkriegszeit Mit dem Nationalsozialismus waren auch zwölfJahre geistiger Absperrung, kulturpoli­ tischer Gängelung und ideologischer Dienst­ barmachung der Kün te vorbei. Wenn die Besetzung Deut chlands von vielen auch angstvoll erlebt wurde- Kultur wurde für die Deutschen schnell zum Inbegriff der Rück­ kehr zu einer zivilen und gesitteten Existenz, ja zum Träger eines neuen Lebensgefühls. Man war noch einmal davongekommen, und trotz der großen Not der Nachkriegs­ jahre verkörperte die Kultur die Hoffnungen des Neuanfangs am deutlichsten. Nicht zu­ letzt im Zusammenhang mit dieser Auf­ bruchstimmung ist rückblickend von einer Zeit der „schönen Not“ gesprochen worden. Allenthalben und vielfach konnte man sich der neuen Freiheit bewußt werden: Verlage schossen wie Pilze aus dem Boden, Zeit­ schriften machten bewußt, daß Ausland auch mehr bedeuten konnte als noch nicht erobertes Gebiet, und Ausstellungen ließen die Entwicklung der Künste in aller Welt nacherleben, vor der die Nazis zwölf Jahre lang abgeschirmt hatten. In Schwenningen war es die Lovis-Presse, die mit die farbigsten und bemerkenswertesten kulturellen Ak­ zente setzte. Der Mann, von dem die Lovis-Presse ihren Namen erhielt, ist Dr. Lovis Gremliza, Dr. Lovis Gremliza Die Lovis-Presse ….. 250

noch Zeit, abends ihre Erlebnisse und Gedanken literarisch zu formen. In der Schule war „Bildhaftes Gestalten“ für Gremliza von besonderer Anziehungs­ kraft, und der Lehrer, ein ehemaliger Hölzel­ Schüler, verstand es, ihm die Welt der Kunst nahezubringen. Neben ihr waren französi­ sche Kunst und Kultur das zweite große Erleb­ nis in Gremlizas Leben, denen zunächst der lSjährige Austauschschüler begegnete. In Frankreich suchte Gremliza aber auch wäh­ rend des „Dritten Reichs“ den Reglementie­ rungen der Nazis zu entgehen, indem er sein 1932 in Würzburg begonnenes Medizinstu­ dium in Nancy fortsetzte. Doch die Devisen­ sperre, die bald darauf in Kraft trat, ließ die Lothringer Zeit zur kurzen Episode werden. In Deutschland aber führte die Wiederauf­ nahme des Studiums nur über die Absolvie­ rung eines „freiwilligen Arbeitsdienstes“. Wenn Gremliza trotz der damit verbunde­ nen Erniedrigungen und Schikanen die Zeit bis zum Zweiten Weltkrieg als die schönste seines Lebens bezeichnet hat, so deshalb, weil er damals jung verheiratet gewesen ist und mit seiner Frau Maria zusammen Ein­ gang in die anregungsreiche Würzburger Künstlerkolonie „Die Neue Welt“ gefunden hatte, der unter anderen Otto Modersohn und Erich und Siddi Hecke! ebenso verbun­ den waren wie Willi Geiger und Anton Kerschbaumer. Für Gremliza jedoch wurde vor allem Gertraud Rostosky, ehemals Geliebte Max Dauthendeys, wichtig, die hier eine Maischule führte. Das Kriegsende erlebte Gremliza in Schwenningen, wo er eine verwaiste Arztpraxis übernahm, nach­ dem er 1944 als schwerkrank aus dem Wehr­ dienst entlassen worden war. Die französische Besatzungspolitik ist innerhalb der Westzonen oft als die härteste beschrieben worden. Unter den Westalliier­ ten war Frankreich freilich auch das einzige Land gewesen, das von den Deutschen okku­ piert gewesen war, so daß die französische Besatzungspolitik als eine „postwendende Antwort“ der Franzosen zu verstehen war, die nach Möglichkeit die Schäden und Ein- Walter Herzger der 1912 im Stuttgarter Stadtviertel Prag zur Welt kam. In seinen atmosphärisch dichten ,,Erinnerungen“, die ein bißchen an Schlich­ ters Calwer Frühzeit denken lassen, begeg­ net der Leser einer erregenden Mischung so­ zialer Realitäten: Güllefuhrwerke erinnern an eine ländliche Rest-Welt; Bürgerspital, Armenhaus mit Wanderarbeitsstätte und Volksküche für die Armen, alles dicht beiein­ ander, werfen Schlaglichter auf die soziale Problematik in einem „minderen“ Stadtvier­ tel, das auch die Latrineninspektion beher­ bergt. Und dann die Faszination der Gäu­ bahn, die sich mit dem Gedächtnis an die Tochter des Bahnwärters verbindet, die alles liebte, was gefährlich und verboten war. Sol­ che Abenteuer wurden ergänzt durch Anre­ gungen aus der Familie: der Großvater, ge­ lernter Schriftsetzer und Sozialdemokrat der ersten Generation, konnte von seiner Walz nach Paris als dem Erlebnis seines Lebens erzählen; der Vater betrieb eine Buchbinde­ rei, der ein Schreibwaren- und Buchhandel angeschlossen waren; und die Mutter fand neben l(jndern, Haushalt und Geschäft 252

bußen im eigenen Land auszugleichen hatte. Als positives Gegen-, ja Vorzeigestück der französischen Besatzung aber galt die Kul­ turpolitik. Als Fenster zur Welt, vor allem aber zum westlichen Nachbarn, wurden sog. „Centres d’Information“ eingerichtet. Die Schwenninger Dependance war in einem ehemaligen Friseurladen untergebracht und – so erinnert sich Dr. Gremliza – ,,von Tübingen aus bestens versorgt mit hervorra­ gendem Material an Büchern, Zeitschriften, Tageszeitungen, Kunstzeitschriften, Kunst­ literatur, klassischer und moderner franzö­ sischer Literatur“. Diese Stelle zu überneh­ men wurde Gremliza noch im Jahre 1945 von französischen Kulturoffizieren aufgefordert. Der francophile Lovis Gremliza erfüllte sich damit nicht nur einen persönlichen Wunsch, sondern erkannte die Chance die­ ses Unternehmens, legte den Schwerpunkt seiner Vermittlungspolitik auf die Bildende Kunst (,,weil man hier ohne Kenntnise der Marie mit Mädchen (und Großmutter) vor der Haustür. Pastell: Werner Gothein 253

französischen Sprache die Bevölkerung ansprechen konnte“) und verstand es, die vorhandenen Reserven gegen das Centre abzubauen -dies zumal, nachdem es im Jahre 1948 gelungen war, die Einrichtung in kommunale Zuständigkeit zu übernehmen und ihr als „Städtische Ausstellung Schwen­ ningen am Neckar“ mehr und mehr eigenes Profil zu geben. Nun suchte Lovis Gremliza, der noch vor Kriegsende zwei Nummern einer graphisch gestalteten Flugblatt-Zeit­ schrift mit dem Titel „Der Samowar“ heraus­ gegeben hatte, Kontakte mit Künstlerfreun­ den wiederherzustellen, und nach den ersten Plakaten und Katalogen traute er sich 1947 auch an die Herausgabe eines bibliophilen Buches von Gertraud Rostosk7 (,,Schöpferi­ sche Geister“). Durch den Erfolg dieses Buches ermutigt, gewann Gremliza den erfahrenen Steindrucker Alois Himmels­ bach -in einer Zeit größter Beschaffungs­ probleme aller benötigten Materialien! -für die Herstellung von Litho-Mappen, deren Reihe wiederum durch Gertraud Rostosky und eine Folge von 10 Blättern mit Schwen­ ninger Motiven-,,Auf der Handpresse abge­ zogen im Juni 1947″ -eröffnet wurde. Sieht man einmal von den beiden ,,Schwarzwäldern“ Wilhelm Schnarrenber­ ger und Erich Kuhn ab -von denen der eine die Zeit des „Dritten Reiches“ dank einem Pensionsbetrieb in Lenzkirch überstanden hatte und der andere 1943 in Hinterzarten gelandet war -wiesen alle übrigen Künstler­ kontakte Gremlizas nach dem Bodensee. Dort hatte sich -teils als innerem Exil, teils aus Gründen der Kriegseinwirkungen -viele Künstler niedergelassen, deren Kunst in den zurückliegenden Jahren vielfach als entartet diffamiert worden war oder doch wenigstens in keinem Falle den geforderten künstleri­ schen Richtlinien der Nazis entsprochen hatte. Zu ihnen gehörten Otto Dix und Erich Heckei, Curth Georg Becker, Werner Gothein und Walter Herzger. Entscheidend für das Zustandekommen der Lovis-Presse waren dabei die freund­ schaftlichen Beziehungen zu Erich und 254 Siddi Hecke!, die mit einer schriftlichen Anfrage Gremlizas im November 1945 ihren Anfang nahmen. Die Serie von neun Einzel­ lithos und ein Holzschnitt, die alle 1948 und Anfang 1949 herauskamen -darunter so schöne Blätter wie „Mann mit Basken­ mütze“ (Selbstbildnis) oder der Mehrfarben­ druck „Birnen“ -, waren die ersten graphi­ schen Auflagendrucke Heckeis nach 1945. Gestalt nahmen sie während vieler gegensei­ tiger Besuche, vor allem in Heckeis Haus in Hemmenhofen, an -Gremliza hat diese Treffen, aber auch die Persönlichkeit Hek­ kels und seine Situation am Bodensee in sei­ nen lesenswerten „Erinnerungen“ als ein Dokument der frühen Nachkriegszeit festge­ halten. Als besonderes Problem erwies sich bei Heckei, daß man ihn allenthalben mit seinen expressionistischen Anfangen in Ver­ bindung brachte und seine seitherige Ent­ wicklung zu ignorieren drohte. Der Kontakt zum berühmtesten Künstler der Lovis-Presse, zu Otto Dix, ergab sich durch Vermittlung Erich Heckeis. Unter dem Datum des 24. 6.1948 erhielt Gremliza eine schwere Papprolle, und in dem beilie­ genden Brief hieß es: ,,Auf Empfehlung von Herrn Heckei übersende ich Ihnen hier vier Lithographien … Ich bitte Sie höflichst, die Blätter von Ihrem Drucker bald auf Stein abziehen zu lassen und mir die ersten Drucke zuzusenden. Nur müßte sich der Drucker mit der Bezahlung der Rechnung für die Auflage -ich denke an 30 Stück pro Blatt -noch etwas gedulden. Ich hoffe, daß ich Ihnen nicht zu viel Mühe mit der Sache mache. Der Drucker erhält selbstverständ­ lich ein handsigniertes Exemplar pro Blatt. Mit besten Grüßen Ihr ergebener Otto Dix.“ Trotz aller Bedenken und Schwierigkeiten gelang der Probedruck so gut, daß Dix statt des erwarteten Urteils gleich wieder eine dicke Rolle mit Umdrucklithos schickte, und im Begleitschreiben stand diesmal: „Bitte erschrecken Sie nicht … aber wenn ich am Schweißtuch bin, bin ich dies ein hal­ bes Jahr mit Fanatismus und dann 10 Jahre überhaupt nicht mehr … „. Schweißtuch der

Zirkus am Untersee. Ölkreide: Werner Gothein Veronika“ war eines dieser Blätter betitelt – doch der Begriff war wohl eher im übertrage­ nen Sinn zu verstehen, denn Gremliza schrieb in seinen „Erinnerungen“ über die Zusammenarbeit mit dem Künstler: ,,Un­ glaublich, was Otto Dix in dieser kurzen Zeit schuf. Es gab kaum Fehldrucke, und jedes Blatt erwies sich als gleich stark und tech­ nisch von Mal zu Mal interessanter. Alles in Otto Dix Aufgestaute kam jetzt, angeregt durch die Druck-Möglichkeit zum Durch­ bruch mit ‚Fanatismus‘. Unsere weitere 255

Zusammenarbeit gestaltete sich immer pro­ duktiver.Jetzt lagen Auflagen da, was für Dix nach all den Jahren der Verfolgung eine Art Befreiung war, nicht zuletzt Ansporn für wei­ tere Grafiken“. In der Tat belegt auch der Katalog der Lovis-Presse diese Besessenheit Dix‘, weist er doch trotz der kurzen Spanne der Zusammenarbeit für keinen Künstler mehr Nummern auf als für ihn -27 insge­ samt, darunter oft abgedruckte Selbstpor­ träts, das „Mädchen mit Sonnenblume“ oder den „Dackel des Künstlers“. Zu den eigenartigsten Künstlerpersön­ lichkeiten der damaligen Zeit gehörte Wer­ ner Gothein aus Unteruhldingen, ehemals Meisterschüler E. L. Kirchners und „gewief­ ter Holzschneider“ (Gremliza}, der die aus­ gefeiltesten Techniken souverän in den Dienst der beabsichtigten Ausdruckswerte zu stellen verstand. Wie schon Dix, war auch Gothein von Heckei auf die Lovis-Presse auf­ merksam gemacht worden, und zu den ersten verwirklichten Projekten gehörte das unverkäuflich gebliebene Holzschnittbuch „Die 12 Tierkreiszeichen“ (1948). Mehr Erfolg hatten Gotheins Mappen „Die Seil­ tänzerin und ihr Clown. Eine Erzählung in Holzschnitten“ und „Der See“, letztere mit fast malerischen Druckeffekten und beide 1949 entstanden, im Urteil Gremlizas jeweils ,,Höhepunkte der Lovis-Presse.“ Zu den wenigen „einheimischen“ Künst­ lern am Bodensee gehörte der 1904 in Singen geborene Curth Georg Becker, der bis zu sei­ ner Ausbombung 1943 im Rheinland und in Berlin gelebt und gearbeitet hatte. Seine impulsive und stets offene Persönlichkeit kannte kaum technische Probleme. Von sei­ ner ersten Nachkriegsausstellung im Kon­ stanzer Wessenberghaus beeindruckt, be­ mühten sich Lovis und Maria Gremliza um eine Becker-Mappe und luden ihn nach Schwenningen zum Schneiden ein. ,,Er kam unverzüglich“, erinnert sich Gremliza. „Bestens gelaunt gingen wir anderntags an 1111 Mädchen mit Sonnenblume. Pastell.· Ollo Dix die Arbeit in der Druckerei. Bis auf das Titel­ blatt war die Mappe gedruckt. Der Titel mußte gelingen! Wir entschlossen uns, Bek­ ker ‚einzuheizen‘. In unserem Wartezim­ mer! Bullig warm, gemütlich eingerichtet, französische Getränke als Stimulanzien bereitgestellt -alten Cognac liebte Becker sehr, Rotwein mehr zum Hinunterspülen – ging er in Klausur, wohl oder übel. Es dauerte nicht lange und die Titelschrift saß im Holz­ stock … „. Ende 1948 erschien sein Mappen­ werk mit zehn Originalholzschnitten. ,,Eidechse“, ,,Ochsenkopf“, ,,Kunstreite­ rin“, ,,Vogel im Holunder“, ,,Liegende“ und „Schlittschuhläufer“ – dies die Titel der meist nur in drei bis fünf Exemplaren gedruckten Schnitte Walter Herzgers, dessen armselige Behausung in Hemmenhofen Beckers Atelier eng benachbart war, ohne daß sich die beiden persönlich viel zu sagen hatten. Gremliza erlebte den Dresdner mit einem Faible für Italienisches als den intel­ lektuellsten aller Höri-Künstler, vor dessen Urteil kaum etwas Bestand hatte. Der letzte in der Reihe der Lovis-Pressen-Künstler war Erich Kuhn, der aus Berlin stammte und zum Schwarzwald eine bis in den Ersten Weltkrieg zurückreichende Beziehung hatte. Von ihm gibt es neben dem Katalog zu seiner Ausstellung im Sommer 1949 nur das vom Stein gedruckte Plakat zu diesem Anlaß. Zu­ gleich war dies eine der letzten Unterneh­ mungen der „Städtischen Ausstellung Schwenningen am Neckar“ unter der Ägide Gremlizas: Ende 1949 gaben Lovis und Maria Gremliza „die Lovis-Presse und vieles andere Liebenswerte auf“ und verließen Schwenningen. ,,Die etablierten Strukturen des Kunstbetriebs“, schreibt Lovis Gremliza zur Begründung dieses Schrittes, ,,traten wie­ der hervor. Ihnen fühlte ich mich so wenig zugehörig“, daß sich der Arzt, alten Neigun­ gen folgend, im Orient einer langjährigen sozialmedizinischen und epidemie-präven­ tiven Tätigkeit verschrieb. Der Zeitpunkt dieser Neuorientierung indes war kaum zufällig-fiel die persönliche Entscheidung Gremlizas doch mit einer 257

wichtigen Zäsur mit weitreichenden Folgen für den gesamten Kulturbereich zusammen. 1949 war die eigentliche Besatzungszeit vor­ bei, das kurze, aber heftige Strohfeuer einer bemerkenswerten Kulturkonjunktur abge­ brannt, die Kultureuphorie in sich zusam­ mengesunken. Vorbei war es nun mit den ausverkauften Theater-und Konzertvorstel­ lungen und den vergriffenen Auflagen; das durch die allgemeine Warenknappheit ge­ schützte Kulturklima, das in den zurücklie­ genden Jahren eine untypische Nachfrage begünstigt hatte, änderte sich schlagartig mit dem Tage der Währungsreform. Die Kultur sah sich einer Demontage-Situation gegen­ über -das kulturelle Nachkriegsintermezzo war zu Ende, auch im Bereich der Kunst kam es zur Restaurierung der überkommenen Strukturen. Lovis Gremliza aber hatte sich bewußt als Außenseiter verstanden, der sein persönliches Kunstbedürfnis für eine kurze, aber wichtige Episode mit dem Bedürfnis nach einem Beitrag zum Aufbau eines neuen und demokratischen Kultuiwesens verbun- den hatte. Daß Lovis Gremliza inzwischen zu den Pionieren des Kunstbetriebs nach 1945 zählt -, daß die Lovis-Presse, zusam­ men mit der Stuttgarter Eidos-Presse die erste deutsche Handpresse nach 1945, heute bereits Geschichte ist -: beides bewies die Ausstellung „Die Lovis-Presse – Schwen­ ninger Drucke von 1947 bis 1949″, die 1988 im ehemaligen Kienzle-Uhrenmuseum Schwenningen zu sehen war und anschlie­ ßend auch nach Schwäbisch-Gmünd, Göp­ pingen und Heidenheim ging. Manfred Bosch Literatur: „Die Lovis-Presse. Schwenninger Drucke 1947-1949″ ist ein Band betitelt, der neben Originalgraphiken und Zeichnun­ gen der genannten Künstler auch die „Erinnerungen“ von Dr. Lovis Gremliza umfaßt und beim Verlag der Neuen Münchner Galerie Dr. Hiepe & Co, München, zu beziehen ist. Dokumente einer verwehenden Welt Hans Georg Müller-Hanssen 85 Jahre alt Zeichner, Maler, Grafiker Redaktion Anlaß, das im Almanach 1984, Seite 159-164, erschienene Künstlerporlriil zu vervollstiindigen. Sein 85. Geburtstag am 5. 5. 1993 ist für die Im Villinger Landratsamt trägt ein Sit­ zungszimmer seinen Namen, und im Flur reihen sich Bilder von ihm: Hans Georg Müller-Hanssen ist nicht nur in seiner Geburtsstadt Schwenningen bekannt, seine Arbeiten hängen im Schwarzwald-Baar­ Kreis in vielen Stuben und Sälen, in Amts­ zimmern und Praxen, auch in Gastwirtschaf­ ten, ein Zeichen dafür, daß die Auswahl sei­ ner Motive, die Art seiner Darstellung in weiten Kreisen geschätzt werden. ,,Ein Maler des Vertrauten“ nennt ihn der Titel eines 1990 erschienenen großformatigen Bild- 258 bands. Und genau das trifft auch zu, denn seine Schau der Dinge, vornehmlich im Schwarzwald und auf der Baar und beson­ ders im bäuerlichen Umfeld verhaftet, ist nir­ gendwo fremd, trifft immer auf das Einver­ ständnis mit seinem Publikum. Hans Georg Müller-Hanssen, der am 5.Mai 1993 sein 85. Lebensjahr vollendet hat, wuch in Schwenningen am Neckar auf und erlernte -wie sich das in jener Zeit und in einer nach dem frühen Tod des Vaters im Ersten Weltkrieg gewiß nicht mit Reichtü­ mern gesegneten Familie gehörte -einen sicheren Beruf, er wurde Mechaniker. Aber schon früh zeigten sich bei ihm und zweien seiner drei Brüder künstlerische Neigungen, die zunächst durch den Zeichenunterricht in

der Schule, dann durch Studien bei dem Schwenninger Kunstmaler Paul Götze und schließlich durch das Kopieren altdeutscher Meister in den Fürstlich Fürstenbergischen Sammlungen in Donaueschingen gefördert wurden. Skizzenbücher, Wandbilder und etliche Ölbilder sind beredte Zeugnisse aus jenen frühen Jahren. Ein glücklicher Zufall in einer sonst wenig glücklichen Zeit brachte einen Umschwung. Der Mechaniker wurde 1939, kurz vor Kriegsbeginn, für eine Bremer Werft dienst­ verpflichtet und wählte dort die Arbeit in der Nachtschicht, um tagsüber in der Nordi­ schen Kunsthochschule Bremen seine Fer­ tigkeiten im Zeichnen und in den graphi­ schen Fächern zu vervollkommnen. fn jeder freien Minute war er mit seinem Zeichen­ block unterwegs, um das allmählich im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs zerfal­ lende Bremen im Bilde festzuhalten. Eine Abkommandierung nach Danzig im letzten Kriegswinter nutzte er, diese stolze Stadt noch vor ihrer Zerstörung zu porträtieren. fn englischer Gefangenschaft – er war in den letzten Kriegstagen zum Volkssturm einge­ zogen worden – zeichnete er weiter: seine Mitgefangenen und die Situation im Lager, Offiziere der Siegermacht und immer wieder auch Kathedralen in England. Dieser Antrieb zur künstlerischen Aus­ sage sollte bestimmend bleiben für das Le­ ben des Hans Georg Müller nach der Entlas­ sung aus der Kriegsgefangenschaft. Er kehrte nicht mehr in seinen alten Beruf und an die Drehbank zurück, er begann einen neuen und bisweilen auch beschwerlichen Weg als Zeichner, Maler und Grafiker. Hätte ihm da nicht ein Mäzen, der Schwenninger Fabri­ kant Christian Maier, immer wieder mal unter die Arme gegriffen, Aufträge erteilt und Bilder angekauft, es wäre in den An­ fangsjahren wohl noch schwieriger gewesen. Aber auch ein Mäzen wußte nicht ganz genau, mit welchen Problemen sich ein noch unbekannter Künstler herumzuschlagen hatte. Darüber gibt es eine Anekdote. Chri­ stian Maier bestellte anläßlich der Konfirma- 260 tion seiner Tochter eine Zeichnung der Ein­ segnungskirche, die auch alle Mitkonfirman­ den erhalten sollten. Er bekam sie rechtzeitig geliefert, eine so schön wie die andere, und er lobte deshalb den Druck. Erst da erfuhr er, daß der Künstler mangels einer Drucker­ presse alle Zeichnungen vom Original ko­ piert hatte. Wenige Tage später ließ der Mäzen seinem Schützling eine Radierpresse in die Stube stellen, es war für den die erste und sicherlich auch wichtigste. 1949 siedelte Hans Georg Müller endgül­ tig nach Bremerhaven über, wo er nach der

Heirat mit einer Studienkollegin aus der Bre­ mer Hochschulzeit seinen Namen zu einem Doppelnamen machte, blieb aber mit seiner alten Heimat eng verbunden. „Bremerhaven ist das Vorzimmer von Schwenningen; hier bin ich in Klausur, wenn ich für dort arbeite“, sagte er. Etliche Sommer verbrachte er auf Einladung seines Mäzens in dessen Villinger Villa, zeichnete und aquarellierte Motive in Villingen, Schwenningen und Rottweil, die zu stattli­ chen Sammlungen heranwuchsen und sich heute weitgehend in städtischem Besitz befinden. Mäzen Christian Maier hat der Stadt Schwenningen am Neckar einen Teil geschenkt, die Stadt Villingen-Schwennin­ gen hat später andere Teile erworben. Aus allen Bildern – auch aus seinen viel zu wenigen Porträts und Stilleben und den großen Ölbildern – spricht Hans Georg Müller-Hanssens Gabe, ein Motiv ganz in sich aufzunehmen und in eine eigenwillige, trotz aller Schlichtheit kraftvolle und warme Bildsprache umsetzen zu können. Die abso­ lute Genauigkeit, die Zügelung der Phantasie bestimmen diese Bilder, Visionen haben bei 261

ihm keinen Raum. So ist sein Blick auch eher zurück- als vorausgewandt, und damit ent­ stehen Kunstwerke, die zugleich Doku­ mente einer schon verwehenden Welt sind. Hans Georg Müller-Hanssen steht auch als Fünfundachtzigjähriger viel in seinem Atelier, das im Untergeschoß seines Wohn­ hauses am geschäftigen Elbinger Platz in Bre­ merhaven eingerichtet ist und das kaum jemand betreten darf. Denn da ist er eigen, das geniale Stilleben hinter der Ateliertür ist Stimulans für ihn, braucht keine Betrachter. Und sehen soll im Grunde genommen auch niemand die Freude darüber, daß ihm im Alter – freilich erst da – manche Auszeich- nungen und Ehrungen, eine Reihe von Aus­ stellungen, manche Veröffentlichungen und auch ein umfangreicher Bildband gewidmet wurden und daß im Jahr seines 85. Geburts­ tags sogar ein Film entstanden ist, der seine Arbeit, sein Umfeld und ihn selbst festhält. Die angeborene und gelebte Bescheidenheit in vielen Dingen des persönlichen Daseins hat ihm von jeher Zurückhaltung in der Öffentlichkeit auferlegt, und diese Einstel­ lung wird auch deutlich, wenn er sich als „zufriedenen und glücklichen Menschen ob all dem, was ohne Verdienst und Würdigkeit auf mich zugekommen ist,“ bezeichnet. Karl Rudolf Schäfer Willi Dorn: Bildwerke, Holzdrucke Eisenfächerwerk, 1/63, 44 x 84 x 86 262

Eisendraht, 2166, 170x80x 70 263

,,Farbige Holzdrucke an den hohen, hel­ len Wänden, plastische Bildwerke rundum auf Tischen, Regalen und Podesten im Ate­ lier: Geschweißtes aus Metall und Draht, ge­ lötete Raumgebilde in Form von Kugeln und Scheiben aus Stäben und Blechen. Dann wie­ der Bildwerke, die an Gondeln erinnern, in Bronze, Holz oder modernen Kunststoffen wie Polyesterharz. Dies die Eindrücke des Besuchers, der an einem Augustnachmittag Anno 1977 im Hause 17, nahe dem neuen Schulzentrum von St. Georgen, zu Gast ist.“ So hatten wir in der 1. Almanachausgabe des Schwarzwald-Baar-Kreises (Almanach 77, Seite 28-30) das Heim von Willi Dorn vorgestellt. Ein Bildhauer, von 1946 bis 1954 als freischaffender Künstler in Villingen wir­ kend und danach in St. Georgen bis heute beheimatet. Volle 15 Jahre sind vergangen, seit wir uns mit Willi Dorn in seinem Heim in St. Geor­ gen über sein Werk und seine Herkunft un­ terhielten. Im Jahr seines fünfundsiebzigsten Geburtstages zog er Rechenschaft über sein Schaffen als Bildhauer, Architekturgestalter und Graphiker. Sie ist niedergelegt in einer kleinen Monographie, die der Künstler unter dem Titel „Bildwerke und Holzdrucke“ her­ ausbrachte. Anlaß genug für die Almanach­ redaktion, auf die zwei letzten Jahrzehnte in einer Art Postskriptum im Heimatjahrbuch 1994 noch einmal kurz einzugehen. Der Künstler selbst stellte für die neue Veröffent­ lichung aus seinem reichhaltigen und unter­ schiedlichen Bildmaterial insgesamt drei­ zehn Originalarbeiten zum Abdruck zur Verfügung. Damit wird das Bildmaterial, das im Almanach 1977 etwas zu kurz gekommen war, aus heutiger Sicht ergänzt. Mit den genannten Abbildungen, die sich vor allem auf die in den Siebziger- und Achtziger­ jahren geschaffenen Bildwerke und Holz­ drucke beziehen, wird dem einfachen Kunst­ freund ein Anschauungsmaterial an die Hand gegeben, mit dem er sich ein eigenes Bild über den Künstler machen kann. Die insgesamt dreizehn genannten Abbil­ dungen teilen sich auf in vier Farbdrucke 264 Gestaltungsskizze, 1/60 Eisendraht, 2164, 120x 120x 85

Skizze Messingdraht, 3/57, 10×38 Schauendes, 4/60, 35 x 31, Kupfer 265

Pyramiden auf Wanderschaft, 8181, 40 x 43 und neun Plastiken. Die Farbdrucke haben folgende Titel: 1) Elias 16. 3. 78; 2) Harfe 24. 3. 75; 3) Oben und Unten 7. 7. 81; 4) Py­ ramiden auf Wanderschaft 22. 8. 81. Die ge- nannten Arbeiten fallen mithin in die Jahre 1975 bis 1981, in denen der Bildhauer vorwie­ gend als graphischer oder auch farbiger Gestalter tätig war. ,,Im Drucken mit farbig 266

Elias, 3178, 43 x 41 präparierten Holzplatten eröffnete sich mir ein reiches Spektrum neuer Möglichkeiten, die über ein Jahrzehnt hinaus mein Schaffen erweitert und bereichert haben“, so Willi Dorn über die Bedeutung und den besonde­ ren Charakter der Farbdrucke im Rahmen seines Gesamtschaffens. Erst in den Achtzigerjahren ist der Künst-267

Oben und Unten, 7/81, 40×40,5 ler dann wieder zu seinem eigentlichen Arbeitsgebiet als Bildhauer zurückgekehrt. So entstanden nun wieder Skulpturen, in Bronze gegossen, ein Zyklus von Formen, 268 jede für sich selbständig, jedoch untereinan­ der korrespondierend. Ab chließend noch einmal ein Hinweis auf die bereits genannte Monographie vom

Haife, 3175, 40,5 x 40,5 Jahre 1991. Sie bringt kurze Angaben des Künstlers über seine Ausstellungen aus dem Zeitraum 1954 bis 1977, über Aufträge im kirchlichen und öffentlichen Raum aus den Jahren 1951 bis 1984, ferner knappe biogra­ phische Daten sowie kurze Texte (bzw. Bild­ unterschriften) zu dem veröffentlichten Bildmaterial. ,,Im Rückblick auf die Vergan- 269

Dynamisches Pulsieren, 2/87, Bronze, 34 x 23 x 19 Bronze, Tor, 5187, 24x20xl9 270

Pyramiden auf Wanderschaft, 2179, Bronze, 25 x 52 x 52 genheit, das vielfältige Leben, auf die Anfange meines bildnerischen Arbeitens und das Kennenlernen der Weiten und Tie­ fen der Erfahrungs- und Gestaltungswelt: Nicht das Bestehende, das immer sich Erneuernde, sich Wandelnde ist die Regel. Der Kreis schreibt sich fort in spiralen Bewe­ gungen und endlosen Raumlineaturen. Bei allem hingebungsvollen Gestalten ist die Arbeit vom inspirativen Erkennen getragen. Eine erweiterte Erlebniswelt tut sich auf. Es ist eine transformierte Bilderwelt, die im schöpferischen Denken neue Gestalt an­ Dr. Lorenz Honold nimmt.“ Qu e l l e n u n d L i t e r a t u r: Willi Dorn: Bildwerke, Holzdrucke; 1991 erschienen zum 75. Geburtstag des Her­ ausgebers. Lorenz Honold: Vom Allgäu in den Schwarzwald/ Bei dem Bildhauer Willi Dorn in St. Georgen zu Gast. Almanach 77, Heimatjahrbuch des Schwarzwald­ Baar-Kreises, Seite 28 bis 30. 271

— Werner Klein Der Meister des prägnanten Strichs und der hintergründigen Symbolik An schönen Sommertagen kann man ihn oft draußen in der freien Natur auf einem lederbespannten Dreifußhocker nach Art der Jäger sitzen sehen, den Malkasten mit den fein säuberlich nach Farbtönen geordne­ ten und gespitzten Buntstiften vor sich auf dem Aquarelliertisch ausgebreitet, den breit­ krempigen Strohhut tief ins Gesicht gezo­ gen, in der linken Hand den Skizzenblock haltend, während die rechte mit markigen Bewegungen über das Papier zuckt und sich � Schritt für Schritt an das bereits als fertiges Ganzes vor dem geistigen Auge stehende Bild !: Obere Leimgrube bei Furtwangen Bild herantastet, das sich zwar noch immer als Naturmotiv vor dem unbefangenen Auge des Betrachters darbietet, das aber schon Naturnicht mehr ist, sondern bereits auf selt­ same Art durch die Kunst verwandelt scheint. Werner Klein, von Beruflngenieur, seiner Berufung nach doch wohl eher Künstler: wer ist er? Ein Freizeitmaler, ein Amateur, wie viele andere in seinen Mußestunden damit beschäftigt, durch Kunst sein Dasein zu überhöhen und ein Gegengewicht gegen die nüchterne Welt der Technik und die „Banali­ tät des Lebens“ zu schaffen? Andererseits Realist genug, um durch die Ausübung eines technischen Berufs der Sorge enthoben zu sein, ,,nach Brot gehen“ zu müssen? Suchen wir zunächst eine Antwort in der Biographie: 1926 in Furtwangen geboren, Ausbildung in den verschiedensten Zeichen­ und Maitechniken bei dem an der ehemali­ gen Schnitzereischule tätigen Fachlehrer J. Rommel, 1949 dann Aufnahme in die zeich­ nerische Meisterklasse Prof. Hubbuchs an der Karlsruher Kunstakademie, 1952 Inge­ nieurstudium, danach in der Industrie in ver­ schiedenen Funktionen tätig; seit 1963 auf einem runden Dutzend regionaler Ausstel­ lungen vertreten, darunter 1987 und 1988 im Musee Bartholdi in Colmar; 1988 und 1989 Bild 3: Säge im Wildgutachta/ .. _ – “::f;- Bild 2: Leibgedinghäuschen im Katzemteig bei Furtwangen 272

Schwerpunkt liegt wohl zur Zeit eindeutig auf dem zeichnerischen Werk. Immer wie­ derkehrende Motive sind Landschaften, Architektur, Städte- und Dorfansichten, aber auch gelegentlich Porträts. Geschätztes Gesamtreuvre ca. 800 Blätter, von denen eine ganze Reihe in privater Hand sind. Ein besonderer Förderer seiner künstlerischen Arbeiten und echter Mäzen war z. B. der früh verstorbene Industrielle Dieter Gräßlin in St. Georgen. Als prägend erwies sich auch die Freundschaft mit den Malerkollegen Wil­ helm Kimmich (gest. 1987 in Fohrenbühl/ Lauterbach) und Ernst Ganter (gest. anfangs 1991), Furtwangen, mit denen W. Klein in jüngeren Jahren oft gemeinsame Maistreif­ züge durch die Lande unternahm und die vor allem das zeichnerische Talent des Inge­ nieurs schätzten. In der Tat lassen Motiverfassung, Bildaus­ schnitt und Bildkomposition nicht nur den klar ordnenden Blick des Meisters für das Wesentliche erkennen, sondern verraten ebenso einen ausgeprägten Sinn für Eben- Bild 5: Martinskapelle bei Furtwangen Bild 4: Elzquelle am Rohrhardsberg bei Schonach auch in verschiedenen Pariser Galerien und in Norddeutschland (Iserlohn, Unna) ausge­ stellt, lebt seit vielen Jahren in Neustadt/ Schwarzwald, malt gegenständlich, bevor­ zugte Techniken: Aquarellieren, Farbstift­ skizzen, aber auch Ölbilder, ferner: Feder­ und Bleistiftzeichnungen und nicht zuletzt Radierungen, welche er auch selbst druckt. 273

können, wenn sie vom Bildkontext zwin­ gend gefordert werden. Man mag die konventionelle Technik der Darstellung, den gegenständlichen Realis­ mus im Ansatz als verfehlt, als überholt emp- Bifd 7: Rathausgasse in Villingen Bild 6: Blindensee maß, Harmonie. Werner Kleins Bilder ver­ stören nicht, sie sind keine Innenansichten eines chaotischen Ichs, keine exaltierten See­ lenlandschaften eines Exzentrikers, sondern real gesehene, im schöpferisch prägnanten Augenblick erfaßte und durch das Medium einer in 40 Jahren ausgereiften Technik wie­ dergegebene Wirklichkeitsausschnitte. Dabei ist Werner Kleins Verhältnis zum gesehenen Detail alles andere als naiv: er kopiert nicht, sondern „komponiert“, d. h. er ordnet die Einzelelemente einer Landschaft so, daß sie zum Träger einer Stimmung, einer seelischen Schwingung werden, er stellt sie unter das Gesetz einer künstlerischen Aus­ sage und unterwirft sie einem ästhetischen Formzwang. Was dagegen nicht in das fertige Bildkon­ zept, in den geistigen Entwurf hineinpaßt, wird ebenso unerbittlich weggelassen, ,,aus­ gespart“, wie auch umgekehrt real nicht vor­ handene Motivelemente neu hinzutreten 274

finden – platt wirkt er nirgends oder gar ver­ niedlichend, verharmlosend; auch nicht etwa idealisierend, oder gar idyllisierend und damit unwahr. Werner Klein seinerseits ficht der wohl oft gegen ihn vorgebrachte Vor­ wurf, seine Kunst wurzele im 19.Jahrhundert oder womöglich gar früher, und sei deshalb epigonal, kaum an. In einer Zeit des Stilplu­ ralismus, in der es oft gar nicht mehr auf solide handwerkliche Technik, aufs Können ankomme, sondern in der mehr der kalku­ lierte Effekt, das originelle Strickmuster, der schrille Ausdruck, die modische Attitüde Hochkonjunktur hätten, setzt er, anachroni­ stisch genug, um gegen den Strom zu schwimmen, und mit echt Schwarzwälder Eigensinn auf die Werte der Tradition, auf reelles Handwerk, auf Durchsichtigkeit in der Wahl seiner künstlerischen Mittel und damit auf Nachvollziehbarkeit von seiten des Betrachters. Kunst ist für ihn ein kom­ munikativer Akt, eine Art stillschweigendes Einvernehmen zwischen Künstler und Be­ trachter. Betrachten wir einige seiner Federzeich­ nungen von heimischen Motiven Bild Nr. l: „Obere Leimgrube bei Furtwangen“. Mit sparsamen, aber prägnant gesetzten Bildge­ sten wird hier eine typische Schwarzwälder Winterlandschaft „inszeniert“: zeichenhaft erscheint zuerst rechts im Vordergrund ein von kahlem Buschwerk umstandener Wei­ her, ein mit Pfählen markierter Feldweg führt das Auge des Betrachters in eleganten Schlei­ fen zu dem wie entrückt in der Weite des Hochplateaus stehenden Bauernhof mit dem charakteristischen, wie ein Schutzschild heruntergezogenen Dach, dahinter stößt ein halb unter Schnee begrabenes dunkles Wald­ dreieck bis in die rechte Bildhälfte vor, und über das Ganze spannt sich ein tiefhängen­ der bleierner Wolkenhimmel, der den Ein­ druck von winterlicher Trostlosigkeit und Verlassenheit noch verstärkt. Das zweite Bild zeigt in klassischer Kom­ position ein uraltes Bauernhaus in seiner stolzen Erhabenheit inmitten einer wohlge­ ordneten, vom Menschen domestizierten Bild 8: Hoftorbogen Altstadt Villingen Natur, selbst die sich über den Höhenrücken hinziehenden Tannen stehen wie dienbare Geister im Halbrund; Bild Nr. 3, das reich gegliederte Innere eines Sägewerks in Wild­ gutach darstellend, könnte als Buchillustra­ tion dienen, während die wie von weit her aus einer Waldlichtung hervortretende und sich als munteres Bächlein durch freies Wie­ sengelände dahinschlängelnde junge Elz (Abb. 4) ganz zum lyrischen Stimmungsträ­ ger eines durch und durch romantischen Naturgefühls geworden scheint. Säkulari­ siertes Naturgefühl auch auf Abb. 5: die Mar­ tinskapelle inmitten der schönsten Waldan­ dacht, talwärts umstanden von den in ehr­ fürchtiger Anbetung zurückweichenden Tannen, gegen den Höhenzug und die Wet­ terseite dagegen eng abgeschirmt wie zum Schutz gegen die entfesselten Naturdämo­ nen. Ganz in der Tradition der romanti­ schen, symbolhaft verdichteten Naturdar­ stellung steht Abb. 6: die fast ins Mythische 275

spektivischen Tiefenwirkung handelt (Abb. 7) oder um den überraschenden Blick durch einen Torbogen hindurch auf einen Erker mit seinen dunklen, geheimnisvollen But­ zenscheiben (Abb. 8), ob ein Stück Altstadt im Wirrwarr der architektonischen Linien alter Hinterhoffassaden wiederersteht (Abb. 9) oder das von Alterspatina gezeichnete obere Stadttor mit den rechts und links fort­ laufenden Häuserfronten von der Geschlos­ senheit der mittelalterlichen Stadt kündet (Abb. 10) – immer geht es Werner Klein um die plastische Herausarbeitung des „genius loci“, um atmosphärische Verdichtung eines Augenblicks, was ihm vielleicht am überzeu­ gendsten gelungen ist in der wie flüchtig hin­ geworfenen Skizze eines „lauschigen Eck­ chens“ an der von einem Torbogen durch­ brochenen und von hohen, schlanken Park­ bäumen überragten Stadtmauer (Abb. 11), aus der uns die abgelebte Trauer von Jahr­ hunderten entgegenweht. Werner Klein aber auf diese wenigen Bei­ spiele seiner darstellerischen Kunst festlegen Bild 9: Häusergruppe in der Altstadt von Villi11ge11 gesteigerte Darstellung des Blindensees als eines magischen Naturauges, dem der Nim­ bus des sagenumwobenen verwunschenen Ortes anhaftet. Daneben treten gleichzeitig die Stadtan­ sichten von Villingen, die ebenso einen aus­ geprägten Sinn fürs charakteristische Detail offenbaren. Ob es sich dabei um die Ansicht der Rathausgasse mit ihrer raffinierten per- Bild 10: Oberes Stadllor in Villingcn 276

Ein anderer Winter Nachts hatte Schnee alle Grenzen und vertrauten Zeichen gelöscht – Ein Morgen ohne Spuren: Gäbe es sie, dann liefen sie im Kreis um eine rote Mitte – Zwittermorgen, Niemandserde und -himmel in ur-oder endzeitlicher Kälte: Science-fiction der umgekehrten Perspektive: Aus entrückter Ikone sucht ein Blick den Fluchtpunkt Herz — In schon verbrannter Zeitung war zu lesen, daß seit fünfzig Jahren -eher länger – niemand mehr hinzugelernt hat. Ich kroch zurück, kroch in den Iglu der Jugend, wo sich Kinder im Eisblumengarten an der Zukunft wärmten: Suchzeit für neue Metaphern des Verborgenen. Nach dem Föhn zeichnete Licht die Rückkehr des Anschaulichen: Wiederholungen feuchtschwarzen Abraums über keimenden Fragen – Wochenlang blieb ein Schneerest am Waldsaum und für immer in meinem Haar. Jürgen Henckell 277 Bild 11: An der Stadtmauer in Villingen zu wollen, hieße, ihn als heimischen Genre­ maler -der er freilich auch ist -zu verken­ nen. Heimatliebe, Heimatverbundenheit sind nur eine Facette seines künstlerischen Schaffens. Werner Klein zieht es ebenso sehr in die „weite Welt“ hinaus: die Dolomiten hat er beispielsweise skizzierend durchwan­ dert, den Tessin malerisch „erschlossen“, Reisen unternommen nach Dänemark, Eng­ land, Schottland, Österreich bis in die Wachau -und immer wieder nach Frank­ reich. Hier ist es insbesondere der Süden, die Provence -wie könnte es für einen Maler denn anders sein! -, die es ihm „angetan“ hat. Dreimal hat er in dem Mittelmeerstädt­ chen Frejus (verschwistert mit Triberg) an den „Cimaises ouvertes“ (eine Art Maiwett­ bewerb mit lokalen Themen) teilgenommen und jedesmal auf Anhieb einen Ehrenpreis gewonnen. Die Reise als große Metapher für sein Leben, was bedeutet sie anderes als jedesmal „Aufbruch“, ,,auf der ,,Unrast“, Suche sein“, ,,sich bemühen um ein Ziel“. Und Dämme bauen gegen die unerträgliche Flüchtigkeit des Seins -durch die Kunst! JosefMeiert

Brauchtum, Volkskunde 150 Jahre Hüfinger Fronleichnams-Blumenteppiche Die weit bekannte Fronleiclmamsprozession in Hiifingen wurde im Almanach 1981, Seite 20-22, erstmals vorgestellt. Das runde Jubiläum nimmt die Redaktion gerne zum Anlaß, das Thema wieder aufzugreifen und den nachhaltigen Eindruck vor allem auch in Bildern festzuhalten. Ein Jubiläum ganz besonderer Art feierte die Baarstadt Hüfingen mit ihrem Fronleich­ namsfest am 18. Juni 1992. Vor 150 Jahren hatte ein Sohn der Stadt -der Bildhauer FranzXaver Reich-1842 vor seinem Haus in Hüfingen einen kunstvollen Teppich aus Blüten gelegt. Die Idee hierzu hatte er von einer Italienreise mitgebracht. Wohl kaum hatte er sich damals träumen lassen, daß er für sein Tun nicht nur seine Mitbürger damals begeistern würde, sondern diese Kreativität zum „Herrgottstag“, wie der Fronleichnamstag durch die Hüfinger be­ zeichnet wird, zur Tradition werden wird, die 150 Jahre unvermindert nicht nur weiterge­ führt, sondern zu einer fast künstlerischen Tätigkeit entwickelt wurde. Zwischen Landesheim-Tor im Süden und der Stadtkirche St. Verena im Norden erstreckt sich beidseitig ein 1,80 m breiter Teppich aus Blüten in durchgehend 700 Meter Länge, der seitlich eingefaßt ist von hellgrünem Farn. Schon lange vordem Fron­ leichnamstag schwärmen die chulklassen aus in die Fluren in und um die Stadt, um die Millionen hierzu notwendigen Wiesenblu­ men zu sammeln. Unzählige Bürger, jung und alt, ebenso Gruppen, die sich aus zahl­ reichen Vereinen der Stadt bilden, sammeln viele Hunderte Körbe Blüten von Margeri­ ten, Lupinen, Ackersenf, Butterbollen, Bluts­ tröpfchen, Teufelskrallen, Knöterich, Ska­ biosen, Wiesensalbei, Ginster, Klee und andere, die mit ihrer Farbenvielfalt eine wun­ dersame Harmonie bilden, wenn sie mit Ein­ fühlsamkeit aneinandergereiht werden zu Ornamenten und Bildern. Hierbei würden die intensiven Farben von Gartenblumen störend wirken. Das Sammelgut wird in küh­ len Kellern von Bürgern gelagert bis zum Morgen des Feiertags, wenn sich erste Tag­ helle zagha� ankündigt. Nur jene, die diese ungewöhnliche Atmosphäre schon erlebten, wenn auf der Strecke vor den Häusern der Hauptstraße, die sonst vom brausenden Ver­ kehr geprägt wird, die Menschen kniend auf dem Asphalt und den Pflastersteinen in Gemeinsamkeit das einmalige Bild zur Ehre 278

Gottes schaffen, kennt die Ergriffenheit, von der alle erfaßt werden. Sobald Helle anbricht, stellen sich erste Besucher ein. Die Schablonen werden für ein Jahr fortgeräumt, die Maien an den Häusern festgezurrt und die Behälter, die nun leer sind, verstaut. Fast andächtig stehen die, die eben noch werkel­ ten, vor ihrem Ergebnis und bestaunen das des Nachbarn und der andern, die gleichfalls ihr Werk vollbrachten. Nur dem Priester mit dem Allerheiligsten ist es vorbehalten, in der 280 Prozession über den Blütenteppich zu schreiten. An vier stets an gleicher Stelle errichteten Altären ist Haltestation und wird der Segen erteilt. Die Stadt ist Anziehungs­ punkt vieler Fremder, die staunen und bewundern. Die Kirche hat deshalb die Pro­ zession früher anberaumt, damit nicht allzu viel Umtrieb die Andacht stört und ein gemeinsames Gebet möglich ist. Längst vor­ her haben die Fotografen die Gunst der Mor­ genstunde genutzt, um die Blütenpracht auf

ihren Film zu bannen. Mittlerweile bewegt sich der Prozessionszug auf seinem Rückweg zur Stadtkirche, angeführt von den Musi­ kern der Stadtmusik, die ebenfalls eine lange Tradition und Geschichte ihr eigen nennen darf. Kommunionkinder in festlicher Klei­ dung, Ministranten, die Mannen der Bürger­ wehr und viele Trachtenträger geben ein buntes Bild in einem langen Zug voller Andacht, den Worten des Sprechers Rudolf Stern aus dem Lautsprecher lauschend. Feierliches Geläut empfangt die Prozessions­ teilnehmer bei Ankunft am Gotteshaus. Jubelnder Orgelklang stimmt ein zum feier­ lichen Hochamt, in deren Mittelpunkt die Mozart’sche Krönungsmesse aufgeführt wird. Der Blütenteppich gehört nun den tau­ senden von Besuchern, deren Strom bis zum späten Nachmittag nicht abreißen wird. Die einheimischen Bürger müssen erklären, wie besonders schöne Bilddarstellungen vor einigen Bürgerhäusern entstanden sind. Zu 281

manchen von ihnen müssen die Blumen­ sucher oftmals weite Wege bis in den Süd­ schwarzwald unternehmen. Besonders kon­ turenreiche Darstellungen und Heiligenge- 282 sichter werden auf Papier entworfen und ein­ zelne Blüten aufgeklebt. Vor ihnen sammeln sich dann große Menschentrauben, und das Volkskunstwerk wird oftmals gründlich

untersucht. Und wenn in der Vergangenheit der Jahre die Frage aufgetreten war, ob diese Darstellung des speziellen Hüfinger Kir­ chentages noch zeitgemäß ist, so waren es doch immer stets die Bürger selbst, die in die Bresche sprangen, wenn ein Haus nicht genügend Helfer hatte, um für seinen erwar­ teten Teppich die vielen Blüten zu sammeln. So sind es inzwischen einige der Teilstücke, die deswegen in die Patenschaft von Verei­ nen übergegangen sind, um mit dem Brauch- turn, das jetzt seit 150 Jahren besteht, nicht ein Ende machen zu müssen. Das sind sie ihrem Gemeinschaftsgeist schuldig und dem Mann, der diesen Brauch von seiner Stu­ dienfahrt nach Portici bei Neapel durch das Stipendium des Fürstenhauses an den da­ mals 26jährigen auf die rauhe Baar brachte in seine Heimatstadt, wo die Farben der Wie­ sen- und Feldblumen ihre ganz eigenen Reize entfalten. Isolde Weidenbach 283

Das Sinkinger Backhaus Ein alter Brauch wird wieder lebendig Zu einer Attraktion ganz besonderer Art hat sich das auf Initiative von Bürgermeister Otto Sieber 1983/84 renovierte und am 11. April 1984 offiziell eröffnete Sinkinger Back­ haus entwickelt. Dort können die Besucher miterleben, wie zu Großmutters und Ur­ großmutters Zeiten mit großer körperlicher Anstrengung und mit einfachsten Mitteln herrlich mundendes Brot gebacken wurde. Möglich ist dies jedoch nur, weil sich Fisch­ bacher Bürger für dieses Backhaus und damit für das Gemeinwohl engagiert haben. Namentlich muß man hier die Ehepaare Walter und Eisa Müller und Konrad und Hedwig Dorfmeister erwähnen. Walter Mül­ ler, der Eigentümer des Backhauses, hat sich bereit erklärt, das historische, 300 Jahre alte Häuschen zur Verfügung zu stellen und hat das idyllisch gelegene Gebäude für 15 Jahre Das Sinkinger Backhaus, 1664 erbaut, von außen unentgeltlich an die Gemeinde Nieder­ eschach verpachtet. Im Gegenzug hierzu hat die Gemeinde die anfallenden Renovie­ rungskosten in Höhe von 20 400 Mark über­ nommen, wobei aus dem Dorfentwicklungs­ programm Fördermittel in Höhe von rund 6 000 Mark zur Verfügung standen. Daß die Umbau- und Renovierungsko­ sten so gering gehalten werden konnten, war das Verdienst von Konrad Dorfmeister. Der handwerklich begabte Fischbacher Bürger hat unzählige, ehrenamtliche Arbeitsstun­ den geleistet. Er machte die Natursteinmau­ ern wieder sichtbar, baute den Backofen um, mauerte ihn neu aus, legte einen Naturstein­ boden an, versah den Backofenteil mit origi­ nalgetreuen Biberschwanzziegeln, und noch heute ist er stets zur Stelle, wenn es gilt, etwas am Back11aus zu reparieren oder, wie einmal 284

Eisa Müller (rechts) und Hedwig Doifmeister (links) beim Kneten der riesigen Teigmasse jährlich notwendig, den Kamin „auszustrei­ chen“. Mit Leben erfüllt wird das Backhaus aber durch Hedwig Dorfmeister und Eisa Müller. Sie sorgen dafür, daß der Backhausbetrieb reibungslos funktioniert, betreuen die vielen Besucher, backen an den monatlichen Back­ terminen die Brote oder fertigen zu Demon­ strationzwecken nach historischen Rezepten den Teig. Ursprünglich war das Sinkinger Backhaus als Dienstleistungsangebot für Einheimische und als Fremdenverkehrsattraktion mit nostalgischem Charakter geplant. Zwischen­ zeitlich hat sich das Backhaus aber zu einem stark frequentierten Anziehungspunkt für eine Vielzahl von Interessenten entwickelt. Ganze Gruppen mieten das Backhaus, um es sich einmal bei Most und frischem Brot gemütlich zu machen und zünftig zu vespern, wobei diese Aktivitäten keinesfalls als Konkurrenz zur Gastronomie angesehen werden können, sondern als attraktives Fremdenverkehrsangebot eingestuft werden müssen. Gleiches gilt für die herrlichen Brote, wel­ che bei den monatlichen Backtagen den Ofen verlassen. Nur wer den Teig selbst fer­ tigt und backofengerecht anliefert, kann in den Genuß eines echten Bauernbrotes kom­ men, denn, um den Bäckereien keine Kon­ kurrenz zu machen, wird kein Brot aus Eigenproduktion verkauft. Interessant ist das Backhaus vor allen Dingen auch für Schulklassen. Aus allen Teilen des Schwarzwald-Baar-Kreises kom­ men Schulklassen und lassen sich unter Anleitung von Hedwig Dorfmeister und Eisa Müller zeigen, wie man früher Brot gebacken hat. Klar, daß die Schüler und 285

pause, wenn sie glatt von der Hand geht und Blasen wirft. Mit 24 grob gespaltenen Holzscheiten wird nebenbei noch der riesige Backofen vorgewärmt und vor dem „Einschießen“ der zuvor von der Teigmulde in die Körbchen abgefüllten Teigballen gereinigt. 240 Grad heiß ist der Ofen, wenn die Brote hineinge­ schoben werden. Das reicht aus, um dafür zu sorgen, daß nach rund einer Stunde Backzeit herrlich duftende Bauernbrote zum Vor­ schein kommen. Nicht nur für die Schüler und Lehrer ist dies stets ein Erlebnis ganz besonderer Art. Auch Hedwig Dorfmeister und Eisa Müller freuen sich immer wieder, wenn die vorzüglich mundenden und duf­ tenden Brote an die staunenden Kinder ver­ teilt werden können. Für sie ist die Betreuung des Sinkinger Backhauses längst zum Hobby und Stek- „Einschiefsen“ bedeutet der Vorgang, wenn die Teigmassen von den Teigkörbchen in den vorge­ wärmten Ofen portionsgerecht hineingeschoben werden In zahlreichen Backkörbchen wird der Teig zum „Einschiefsen“ bereitgestellt Lehrer dabei selbst kräftig mitarbeiten müs­ sen, ehe man den Lohn in Form von herrlich duftenden Broten aus dem Backofen ziehen kann. Daß die Schulen für diesen prakti­ schen Unterricht einen Unkostenbeitrag erbringen müssen, versteht sich von selbst, denn, um den Backhausbetrieb sicherzustel­ len, sind allerhand Arbeitsstunden bereits im Vorfeld zu leisten. So gilt es, das Holz zum Heizen des Backofens bereitzustellen, Reiswellen müssen vorhanden sein, und bevor der Teig kräftig geknetet werden kann, muß er sich als „Vorteig“ während einer notwendigen nächtlichen „Aufpluste­ rungsphase“ noch mächtig ausdehnen. Zu zweit kneten Eisa Müller und Hedwig Dorf­ meister dabei eine Stunde lang die Teig­ ballen, die mit 50 Pfund Mehl, 625 Gramm Salz, 12 Hefewürfcln und 15 Liter Wasser versehen sind. Die schwere Teigmasse ist erst reif für die weitere zweistündige Ruhe- 286

kenpferd geworden. Mit Leib und Seele sind sie bei der Sache, wobei beide froh sind, daß sich die Backtermine nur auf die einheimi­ sche Bevölkerung aus der Gesamtgemeinde beschränken. Die Nachfrage ist zwischen­ zeitlich so groß, daß sie die Arbeit gar nicht mehr bewältigen könnten, wenn auch Aus- . wärtige im gleichen Umfang wie Einheimi­ sche und Fremdenverkehrsgäste das Back­ haus nutzen könnten. Bei den Schulklassen macht man da natürlich gerne eine Aus­ nahme, obwohl gerade diese Arbeit, immer­ hin dauert es fünf Stunden vom Teigen bis zur Fertigstellung der Brote, recht anstren­ gend ist. Doch die lernbegierigen Schülerin­ nen und Schüler wissen es den beiden Frauen stets zu danken, wie mehrere „Dan­ kesurkunden“ deutlich beweisen. Auch der Fremdenverkehrsverein weiß längst um die Anziehungskraft des Backhauses und führt einmal im Jahr ein zünftiges Backhausfest in Fischbach-Sinkingen durch. Dies ist ein schönes Beispiel, wie ein alter Brauch wieder lebendig werden kann. Albert Bantle Knusprig kommen die fertigen, duftenden Brote nach der Backzeit ans Tageslicht Die neue Mühle in Mühlhausen Ein Beispiel für Brauchtumspflege Wann Mühlhausen genau gegründet wurde, ist unbekannt. Der Schluß, daß die günstige Lage an einem Wasserlauf für die Namensgebung ausschlaggebend und die Voraussetzung war, um eine Mühle zu betreiben, ist sicherlich nicht falsch. Der letzte Müller von Mühlhausen, Karl Klin­ gele, gab 1972 seinen Betrieb auf. Ausschlag­ gebend dafür war einerseits die Umstruktu­ rierung der Landwirtschaft, andererseits aber auch der Anreiz des Staates, bei Stillegung von kleinen Mühlen eine Prämie zu erhal­ ten. Bald nach der Stillegung wurde das Was­ serrecht abgetreten und der vorhandene Mühleweiher, der bisher von einem Neben­ kanal des Mühlbachs gespeist wurde, zuge­ schüttet. Jahrhundertealte Traditionen fan­ den damit ein Ende. Nun wuchsen seit Anfang der 70er Jahre, zeitgleich mit der Eingemeindung nach Schwenningen, auch erste Ansätze, um die Entfremdung und Verstädterung des damals noch intakten Dorfes zu verhindern. Es gelang einer Bürgerinitiative, die zum Abbruch bestimmte „Zehntscheuer“ zu erhalten. Auch das „Alte Pfarrhaus“ fand so seinen „Retter“. Durch den Erfolg der 800,:Jahrfeier im Jahr 1979 beflügelt, gelang es schließlich, funktionstragende Gebäude, die im Dorf am Mühlbach schon länger abgegangen waren, wieder zu errichten. So entstand 1980 das Backhaus und in den folgenden Jahren die Schmiede, das Göpelhaus – es dient heute als örtliche Festhalle – und die Moste, in der die Sparkasse Villingen-Schwenningen die 287

kleinste gewerbliche Zweigstelle Deutsch­ lands unterhält (vgl. Almanach 80, S. 146 ff und Almanach 84, S. 202 ff.). 1982 ging aus der bis dahin losen Bürger­ initiative der eingetragene Verein „Freundes­ kreis Dorf Mühlhausen“ hervor. Seit 1986 beschäftigte sich dieser Verein intensiv mit dem Ziel, eine funktionsfähige Mühle zu errichten. Im Mai 1989 fanden schließli h erste Gespräche mit Vertretern des Landwirt­ schaftsministeriums, des Regierungspräsi­ diums und der Stadt Villingen-Schwennin­ gen über die Errichtung einer Mühle statt. Dabei wurde ein Zuschuß aus dem Dorfent­ wicklungsprogramm für Gebäude und Außenanlagen in Höhe von 250 000,-DM festgeschrieben. Freundeskreis-Architekt Helfried lrslinger, der bereits die anderen Gebäude geplant hatte, erhielt danach den Auftrag von der Stadt, eine genaue Planung des Gebäudes mit Kostenermittlung zu erstellen. 288 Das Städtische Tiefbauamt erstellte die Pläne für den zu bauenden Mühleweiher und besorgte mit Unterstützung von Freun­ deskreismitgliedern die wasserrechtliche Ge­ nehmigung. Nach Hochrechnung der Gesamtkosten von Mühle und Außenanlagen ergab sich die Summe von annähernd einer Million Mark -ohne Innenausbau. In Anbetracht der bisher erbrachten Lei­ stungen des Freundeskreises zeigte die Stadt Villingen-Schwenningen Bereitschaft, die Bauherrschaft zu übernehmen. Im Haus­ haltsplan 1991 und 1992 wurden insgesamt 450 000 DM für das Projekt Mühle bereitge­ stellt. Der Freundeskreis selbst stellte rund 200 000 DM an Barmitteln und seine Eigen­ leistung in Aussicht. Im Frühjahr 1991 konnten die Rohbau­ arbeiten beginnen. Schon in den großen Ferien im selben Jahr führten Mitglieder des Freundeskrei es die Dachdeckerarbeiten

aus. Vetwendet wurden dabei alte „Biber­ schwanzziegel“, die bei Hausumdeckungen oder Abbrüchen besorgt und aufLager gelegt wurden. Bis zum April 1992 waren Sanitär- und Fliesenarbeiten ausgeführt. Auch die Elek­ troanlagen waren installiert, soweit sie zur Vergabe gekommen waren. Einen Teil dieser Arbeiten hatte ein Mitglied des Freundes­ kreises kostenlos durchgeführt. Auch die Gipserarbeiten im Innern des Gebäudes fan­ den bis dahin ihren Abschluß. Die Treppen im Wohnbereich waren mit den Zimmer­ arbeiten vergeben. Schließlich wurden im Frühjahr 1992 die Fenster eingesetzt. Noch vor den Arbeiterferien war der Außenputz aufgetragen und die Freundeskreismitglieder konnten daran gehen, die restlichen Maler­ arbeiten auszuführen. Inzwischen hatte ein einziger Maurer – als Freund des Mühlenprojekts – die große Natursteinmauer im Mühlegraben aus Gra­ nitsteinen kostenlos hochgezogen. Ab April 1992 wurden die Außenanlagen gerichtet. Bereits im August konnte der Weiher – mit Folie und Lehm wasserdicht gemacht – geflutet werden. Mühlentech­ nisch hatte sich der Freundeskreis vorge­ nommen, sowohl das Mahlen von Getreide als auch das Pressen von Öl in der Mühlhau­ ser Mühle wieder zu ermöglichen. Um 1879 berichtet nämlich die Oberamtsbeschrei­ bung Tuttlingen zum Gewerbe in Mühlhau­ sen: ,, … eine Mühle mit zwei Mahlgängen und einem Gerbgang, eine Gipsmühle mit Oelgang … “ Die Einrichtung für das Getreidemahlen konnte der Freundeskreis aus der seit Ende der SOer Jahre stillgelegten „Unteren Mühle“ aus Wellendingen im Landkreis Rottweil besorgen. Die Bergung der gewichtigen Teile und der Transport von Wellendingen nach Mühlhausen gestaltete sich zu einem schwie­ rigen Unterfangen. Mit Unterstützung der Schwenninger Feuetwehrabteilung konnte es jedoch bravourös gemeistert werden. Alte Türe Ein- oder zweiteilige Haustüre 289

Wasserrad Blick auf Mahlgang 290 Innenaufnahme Treppe mit Empore und 2 Fen­ stern Mühlradachse samt Nabe für das Wasserrad stammten aus der Mühle in Burgberg, die erst in den letzten Jahren ihr Wasserrad gegen eine Turbine ausgetauscht hat. Um alle diese Teile wieder betriebsfähig herzu­ richten, wäre normalerweise ein ausgebilde­ ter Mühlenbauer vonnöten gewesen. Glück­ licherweise hat der Freundeskreis Dorf Mühlhausen mit Richard Pross aber einen Spezialisten, der nicht nur theoretisch durchblickt, er beherrscht auch die prakti­ sche Anwendung. Ihm ist es zu verdanken, daß sich das Mühlrad im Leerlauf auch dann noch dreht, wenn nur wenige Wassergerinne zufließen. Die Einrichtung für die Ölmühle stammt aus einer Traditions-Ölmühle in Rottweil­ Altstadt. Der letzte Besitzer hat sie mehreren Museen angeboten, ohne daß sich jemand dafür interessiert hätte. Die Spezialisten des Freundeskreises bargen auch diese tonnen­ schwere Einrichtung -es handelt sich um

Gestell Ölpresse Stube Küche 291

eine hydraulische Presse -unter widrigsten Umständen. Inzwischen sind Vorwärmofen und das Gestell der Presse im Mühlhauser Mühlengebäude zu besichtigen. Diese technischen Einrichtungen sollen künftig hauptsächlich Schülern zur An­ schauung und praktischem Tun dienen. Aus diesem Grunde erhielt der Mühlenraum eine Zuschauerempore, von der aus gefahrloses Einsichtnehmen möglich sein wird. Deshalb wurde auch eine Mühlenstube mit circa 20 Sitzplätzen eingerichtet. Dane­ ben befindet sich eine Küche mit teilweise historischem [nventar. Der gemauerte Küchenherd stammt aus einem Bauernhaus in Hochemmingen, das anfangs der 80er Jahre abgebrochen wurde. Dazu paßt auch der Terrazzo-Spülstein. In dieser Küche fin­ den gelegentlich auch Töpferkurse für klei­ nere Gruppen statt. Das Obergeschoß der Mühle ist derzeit noch nicht ausgebaut. Wohl aber steht dort schon ein Webstuhl, der die künftige Nut- In der Messe am Gründonnerstagabend verstummen auch in der Vöhrenbacher St. M;irtinskirche nach dem „Gloria“ die Glocken. Sie „fliegen nach Rom“ und wer­ den bis zum „Gloria“ der Osternachtsfeier durch Rätschen ersetzt, die in manchen Gemeinden auch als „Karfreitagsklappern“ bekannt sind. Mit diesem Glockenersatz und dem Ruf: ,Jetz isch es Zit in d’Mette“ ziehen nunmehr zwölf Rätschenbuben durch die Stadt und fordern die Gläubigen zum Kirch­ gang auf. Mit dem Ruf: ,,Jetz isch es Zwölfi“, wird über die glockenlosen Tage der Karwo­ che hinweg auch die Mittagszeit verkündet. Das Rätschen gilt als ältester Brauch im Jahreslauf einer Stadt, die 1994 ihre 750-Jahr­ Feier begehen kann, die 1244 gegründet wurde. Doch finden sich in Vöhrenbach nur wenige �eilen, die über die Entwicklung 292 Ein Brauch mit mittelalterlichen Wurzeln Das Vöhrenbacher Rätschen zung als Freizeitangebot für die Dorfbewoh­ ner verrät. Alle Einrichtungen im Innern des Gebäu­ des hat der Freundeskreis Dorf Mühlhausen aus eigener Kraft gebaut und finanziert. Hierzu trug eine Spendenaktion von Mit­ gliedern, Wirtschaft und Banken wesentlich bei. Insgesamt kamen so ca. SO 000 DM zusammen. Nach Fertigstellung und End­ abrechnung mußte die Stadt Villingen­ Schwenningen wegen Kostensteigerungen nochmals ihren Zuschuß erhöhen, so daß die Ausgaben der Stadt auf eine halbe Mil­ lion stiegen. Allerdings ist zu berücksichti­ gen, daß der Stadt bisher keine Folgekosten entstanden sind, da der Verein für Instand­ haltungen und Betreuung selbst sorgt. Je mehr diese musealen Freizeiteinrichtungen von der Dorfbevölkerung und auswärtigen Gästen benützt werden, desto mehr haben sich die Investitionen gelohnt. Wilfried Leibold einer Tradition Aufschluß geben, die im katholischen Raum vielerorts verbreitet war. Daß über den früheren Ablauf des Vöhren­ bacher Rätschens kaum etwas bekannt ist, mag am Brauch selbst liegen. So war es noch bis in die 70er Jahre hinein üblich, daß die ,,Oberen“ des Vorjahres den neuen Rät­ schern mündlich mitteilten, auf was man zu achten habe: Daß nur rätschen dürfe, wer in Vöhrenbach geboren und katholisch sei und wer zu den zwölf Ältesten jenes Jahrganges gehöre, der in diesem Jahr aus der Schule ent­ lassen werde. Erzählt wurde, welche der bei­ den Gruppen welchen Weg zu gehen habe, wo es die Rätschen gibt, und daß man die Sprüchle können müsse, die in Versform abgefaßt als Schriftstück übergeben werden: Den Oberst, den Wohlgespruch, Beutel und Gizzi, Korb und Danker. Letztere allerdings

Rätsche mit erneuerter Rückwand, die zu Beginn des Jahrhunderts bei einem Brand in der Sakristei der Vöhrenbacher Kirche beschädigt wurde, aber noch heute Verwendungfindet. werden erst an den Osterfeiertagen selbst benötigt. Heute bemüht sich die Heimat­ gilde „Frohsinn“ darum, daß beim Rätschen die alten Traditionen fortgeführt werden, so weit dies noch möglich ist. Denn: In Vöh­ renbach Geborene gibt es nach der Aufgabe der Geburtshilfe am örtlichen Krankenhaus schon lange nicht mehr. Obwohl es an schriftlichen �eilen fehlt, ist das Vöhrenbacher Rätschen nach Auffas­ sung des Historikers Prof. Dr. Karl S. Bader eindeutig mittelalterlichen Ursprungs. Es wird sogar vermutet, daß der heute von Jugendlichen ausgeübte Brauch früher eine Sache der Eiwachsenen war, belegen läßt sich diese These jedoch nicht. Wer zu den Rätschenbuben gehört, was schon immer als eine besondere Ehre empfunden wurde, muß sich zunächst einmal sein Instrument besorgen, die Rätsche, die oft aus Familien­ besitz stammt. Die mutmaßlich älteste, die noch vorhanden ist, trägt auf ihrer Vorder­ seite ein wenig Zierrat: Dort ist ein kleines Kreuz aufgemalt, darüber die Jahreszahl „1810″ oder „1813″ zu lesen, die letzte Ziffer läßt sich nur noch erraten, und darunter befinden sich die Initialen „SBH“; vermut­ lich ein Hinweis auf den Erbauer oder den ersten Besitzer. Die neuzeitlichen Nachfolger, von denen die ältesten auf das erste Jahrzehnt dieses Jahrhunderts zurückgehen, unterscheiden sich von dieser Rätsche nur unwesentlich. Die Technik des Rätschenbaues scheint seit jeher die gleiche geblieben: In einem mit Fichtenbrettern gezimmerten Kasten, der nach oben hin weiter wird, befinden sich Holzhämmer, die an federnden Stilen be- 293

festigt sind. Über eine Kurbel wird nun eine Nockenwelle in Bewegung versetzt, auf der Zapfen sitzen, die die Holzhämmer anheben und zurückfedern lassen. Dabei knallen sie laut trommelnd gegen die Kastenwand; auf diese Weise wird ein monotones und lautes Klappern erzeugt, eine sich ständig wieder­ holende Melodie, das Rätschen. Heutzutage, wo nahezu ein jeder die Zeit am Arm spazierenträgt, mag einem der Gedanke fremd erscheinen, daß im mittel­ alterlichen Vöhrenbach und in den Jahrhun­ derten danach, derlei Holzklappern benötigt wurden, um die Gläubigen auf den Beginn der Gottesdienste aufmerksam zu machen. Doch war in früherer Zeit längst nicht über­ all eine Uhr zu finden. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zogen die Zeit­ messer in nahezu alle Haushalte ein. Somit Die wohl älteste Rätsche, die über­ dauern konnte, wurde im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts hergestellt und atef ihrer Vorderseite mit Zierrat versehen. 294 besaß das Rätschen in früherer Zeit eine große Bedeutung. Zumal die Rätschenbu­ ben im kleinen Vöhrenbach mit ihrem Klap­ pern und dem Ruf „Jetz isch es Zitt in d’Mette“ jeden Einwohner so rechtzeitig erreichen konnten, daß ein pünktlicher Kirchgang möglich war. Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß die Rätscher nach der Messe am Grün­ donnerstagabend von Vöhrenbach aus nach Langenbach, Angelsbach und Schwanen­ bach ziehen. Zwar gehören Langenbach und Schwanenbach seit jeher zur Kirchenge­ meinde Vöhrenbach, doch waren die Gläu­ bigen dort auf diese Weise kaum so früh­ zeitig zu erreichen, als daß ihnen ein pünkt­ licher Kirchgang möglich gewesen wäre. Schließlich dauert es je nach Wetterlage allein in der Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag etliche Stunden, bis die Rätscher auf ihrem nächtlichen Fußmarsch jeden der dort stehenden Bauernhöfe erreicht haben. Am Ziel angekommen, wird lautstark gerätscht, bis die Bewohner zu erkennen geben, daß sie das Eintreffen der Rätschen­ buben bemerkt haben. Die Erklärung hierfür ist wohl, daß das Rätschen auch die Aufgabe hatte, den Beginn der glockenlosen Zeit selbst zu verkünden und die Gläubigen zur Einhaltung der früher strengen Fastenvor­ schriften anzuhalten. Das Rätschen läßt viele Fragen offen. Auch die, inwieweit die gegenwärtig be­ kannte Form noch an die Ursprünge des Brauches heranreicht. Unterhält man sich mit alten Vöhrenbachern, sind sich alle darin einig, daß ein weiterer Bestandteil die­ ses Osterbrauches, die bereits eingangs genannten Sprüche, jüngeren Datums seien. Die Rätscher beenden am Ostersamstag­ abend ihre Tätigkeit und dürfen nun am Ostersonntag und -montag von Haus zu Haus ziehen und um Gaben bitten. Diese Gaben erbitten die Rätscher in Versform, mit Sprüchen, die wie der „Gießerkarle“ und der frühere Bürgermeister Ketterer einst erzähl­ ten, vom sogenannten „Amtshusseppele“, von Josephine Hebting, stammen sollen.

Die Rätschenbuben des Jahrgangs 1933 halfen auch das sogenannte „Nudelbrett“ (zweite Rätsche von rechts) dabei, das damals als die lauteste und älteste Rätsche galt und heute verschollen ist. Das „Nudel­ brett“ besaß sieben freiliegende Holzhämmer und einen flachen, doppelten Resonanzboden. Der Handel zwischen Rätschebuben und Vöhrenbachern an der Haustür ist eine „ern­ ste Angelegenheit“: Hat der Gruppenälteste, der „Oberst“, seinen Gruß gesprochen, an die heilige Osterzeit und die Pflichten von Vater und Mutter erinnert, schlägt der „Beu­ tel“ neue Töne an. Er spricht: ,,Und hoffent­ lich werdet Ihr heute auch wissen, daß reich­ lich Gaben uns Rätschern zufließen.“ Der „Wohlgespruch“ pflichtet daraufhin seinem Kumpan bei und ergänzt: ,,Es ist uns gleich ob Eier, Speck oder Geld, was Euch beliebt und uns gefallt“, und weist den Hausherren darauf hin, daß der Korb „noch ganz unten voll sei . . . “ Schließlich droht der „Gizi“, der Rätscher, der einen Pelzmuff mit sich führt: „Gizi heißt das grausame Tier, das ich am Ranzen trage. Es ist so klug und voller List, daß es den Leuten Gänse und Hühner frißt. Gebt ihr uns nicht gleich Eier, Geld oder Speck, so trag ich das Tier nicht von diesem Hause weg“. Am Schluß sprechen der Korb und der Danker. Der Korb meint: ,,Wir machen Lärm durch alle Gassen, daß man kein Wort verstehen kann. Mag auch die Harmonie noch fehlen, so verraten doch uns als Künstler wir“. Und der Danker schließt: „Das Kind soll Dank den Eltern zollen, dem Lehrer für Müh und Straf nicht grollen. Drum will ich Dank anwenden für diese Kin­ derschar und wünsche Euch für diese Sen­ dung des Heilands Segen immerdar.“ Gerade die Worte des „Dankers“ verdeut­ lichen, daß sich auch ein Bezug zwischen dem Rätschen und dem Schulabschluß, dem Gang ins Leben, herstellen läßt. Mag sein, daß dieser Brauch im Verlauf des 19. Jahr­ hunderts überformt wurde, weil sein eigent­ licher Sinn immer mehr verlorenging. So wäre zu erklären, weshalb die Sprüche von 295

Josephine Hebting (1820-1901) stammen sollen, das Rätschen selbst aber zweifelsfrei wesentlich älter ist und seit langem jeweils von den Schulabgängern ausgeübt wird. Egon Lehmann, der im Namen der Heimat­ gilde in den vergangenen Jahren den jeweili­ gen Rätschenbuben die erforderliche Hilfe­ leistung bei der Ausübung des Brauches gab, erzählt dazu, er habe 1941 von seinem Vater anläßlich der Schulentlassung seinen letzten Anzug erhalten und es sei ihm klar gewesen, daß er künftig selbst für seinen Unterhalt zu sorgen habe. Daß die Einnahmen aus dem Rätschen eine Starthilfe fürs Leben sind, wird auch am Spruch des „Beutels“ deutlich. Die letzten Zeilen lauten: ,,Oder wollt ihr uns lieber mit klingender Münze beehren, so wird sich unser Jubel doppelt vermehren. Und was wir als Silber in den Beutel bekom­ men, das wird einst mit in die Fremde genommen.“ Das Rätschen ist jedenfalls, gleich welcher Jahrgang, für alle Vöhrenbacher, die daran mitwirken durften, stets ein großes Erlebnis gewesen und nur ein einziges Mal ausgefal­ len, im Kriegsjahr 1917 nämlich. 1933 wurde über das Vöhrenbacher Rätschen sogar eine Radioreportage ausgestrahlt, die als Schall­ platten-Mitschnitt erhalten blieb. Oskar Feiß, damals einer der sechs Jungen, die rät­ schen durften, kann sich gut erinnern, wie der Auftritt der Rätschenbuben in Szene gesetzt wurde. Derweil die Radiosendung beim Hörer den Eindruck entstehen läßt, man sitze am Ostersonntag beim Hermes­ bauern in der guten Stube und warte auf die Ankunft der Rätschenbuben, wurde dieser Auftritt in Wirklichkeit im Flur des Vöhren­ bacher Rathauses mitgeschnitten. Daß es zu dieser Reportage kam, war dem Ratschreiber Franz Jehle zu verdanken, der neben dem Hermesbauern und seiner Frau auch selbst zu Wort kommt und die Legende vom „Lan­ denberger, dem Ritter ohne Kopf“ zum besten gibt. Jehle erzählt, dieser lehre den Rätschenbuben in der Nacht zum Karfreitag das Fürchten, wenn sie sich auf ihrem Weg zu den abgelegenen Bauernhöfen in Langen- 296 bach und Schwanenbach befanden. Zumal, wenn in der Dunkelheit Geräusche auszu­ machen sind … , die von Vöhrenbachern stammen, die sich einen Spaß mit den Rät­ schenbuben machen. Manch einer hat an den Hängen in Langenbach seine Rätsche auch als Schlitten gebraucht oder wurde um zwei Uhr in der Nacht auf einem Bauernhof mit einem Speckvesper überrascht. Und kaum ein Rätscher vergißt, wie er die letzten Stunden der Nacht zum Karfreitag verbracht hat. In einem Schopf im soge­ nannten „Zigeunerländle“, im Heu liegend und frierend. Auch das ist Tradition. Die Rät­ schenbuben werden die Einwohner der bald 750 Jahre alten Stadt Vöhrenbach auch zukünftig an den drei Haupttagen der Kar­ woche daran erinnern, daß die glockenlose Zeit begonnen hat. Wilfried Dold Frühlingsahnen Der Wald, noch gestern stumm und weiß, Heut fangt er an zu lüstern. Die Tannen tauen, tropfen leis Und harzen, duften, flüstern. Goldhähnchen piepst. Das Eichhorn kämmt Die Haare flugs, die roten – Huscht bodenwärts; es sucht und klemmt Tannzapfen zwischen Pfoten. Die Wildsau suhlt im Unterholz, Rauft Kressen aus der Quelle. Ein Rehbock reckt sich stark und stolz Und äugt nach Halm und Helle. Am Bachrand schmolz der Schnee schon weg. Dort dampft der Boden heute. Das erste Kätzchen knospet keck Am Zweig der Silberweide. Josef Albicker t

Der Maulwurf – nur in der Literatur? Die Ehre, ein bekanntes Fabelwesen wie die Stadt- und die Feldmaus zu werden, wurde dem Maulwurf, in Süddeutschland auch kurz „Scher“ genannt, nicht zuteil, da beißt keine Maus einen Faden ab, es muß mit seiner finsteren Lebensführung zu tun haben, er ist auch biologisch nicht mit ihnen verwandt, in der Wissenschaft heißt erTalpa, Mäuse entstammen entweder der Familie der Muridae oder Cricetidae. Untergründige menschliche Machenschaften gelten als „Maulwurfsarbeit“, was der rechtschaffene Wühler nicht verdient hätte. In der hohen Politik ist der „Maulwurf“ deshalb nicht beliebt, im alltäglichen Leben auch nicht. Da hat er einen negativen Touch. Den Fami­ lien „Scherer“ und „Muser“ lieh ihr Urahn seinen Berufsnamen für alle Zeiten. ,,Mit den Maulwürfen tanzen“: davor fürchten sich alle, obwohl sie jetzt noch darüber lachen. Aber das Fernsehen und die Literatur vom Roman bis zum Kinderbuch kommen den­ noch nicht ohne ihn aus. Wilhelm Busch war er ein Gedicht wert, Franz Kafka fiel eine Geschichte von einem Maulwurf ein, einem Riesenmaulwurf sogar, Ricarda Huch ließ Christoph Bernkule Schermäuser oder Maulwurfsfanger sein, ,,welches Amt ihm ein nettes Einkommen verschaffte“, hinter der Vermehrung dieser Tiere wollte die damalige Justiz „verbotene Zauberei“ vermuten – so konnte man das Verhexen auch nennen. Und Franz Erath schildert in seinem Roman mit dem biblisch-feierlichen Titel „Größer als das Menschen Herz“ (Schlag nach bei Johannes!), wie durch die richtige Technik in kürzester Zeit mit dem Fangen von Maul­ würfen das Geld für einen Atlas zusammen­ zubringen war. Und damit sind wir beim Thema, angeregt durch die „oral history“ eines alten Bauern, der in frühen Knabenjah­ ren das Geschäft des Schermäusers betrieb (aber bei weitem nicht als einziger, es war vielmehr bei Schülern eine Art Volkssport), und bis heute bewahrt er die lebhaftesten Erinnerungen daran. Gab es bis dahin eine Tradition, so dürften er und seine Altersge­ nossen die letzten gewesen sein, die sie noch hochhielten. Und so ist für das unendliche Kaleidoskop der Volkskunde wieder ein Splitter gerettet. Matthias Klausmann, ehemals Josen­ bauer in Tennenbronn, geboren auf dem ,,Hof“ in Gremmelsbach, ist der Gewährs­ mann dafür, wie Schuljungen nach dem Ersten Weltkrieg durch das Schermäuse­ fangen ein paar Pfennige in ihre Sparbüchse brachten. Für ein Fellehen eines Maulwurfs zahlte das Pelzgeschäft Thumm in Hornberg 12 Pfennig, wenn das Tier im Herbst gefan­ gen wurde, ein Winterfellehen galt 22 bis 24 Pfennig – ein idyllischer Preis, aber die Masse mußte es machen, und in Päckchen zu je 40 oder 50 Stück gesammelt, kamen alle Jahre 250 bis 300 zusammen, denn Not machte auch damals erfinderisch. Freilich gab es während des Ersten Weltkrieges und in den Jahren danach wenig dafür zu kaufen. Ein Taschenmesser, ein paar Mausefallen, ein Peitschenriemen vom Schuhmacher oder Sattler, aber schon nicht mehr ein Peit­ schenstiel, den holte man sich selber aus dem Wald, und „Zwick“, eine besonders gewickelte, bindfadenähnliche Schnur für das Ende des Peitschenriemens, damit man wie ein Fuhrmann knallen konnte, all dies gehörte dazu, und als die Zeiten besser wur­ den, ein- oder zweimal in der Woche ein Milchweck, ,,Spitzwecken“ genannt. Der jungenhaften Räuberromantik wie den Interessen der Erwachsenen, der Gesell­ schaft, gerade ihren oberen Schichten, kam das „Mausen“ in gleicher Weise entgegen. Aus den Fellehen wurden Mäntel hergestellt, die freilich „schandmäßig teuer“ waren, sich also als Statussymbol eigneten. Anders gesagt: Bauernbuben leisteten einen Beitrag zur Kleiderkultur. Auf den Höfen war man im allgemeinen froh, wenn jemand die Maulwürfe fing. Ihre 297

Hügel waren lästig, sie mußten jedes Früh­ jahr verrecht, herausgeschobene Steine mußten aus den Wiesen getragen werden; fuhr nämlich die Sense in einen solchen Erdhaufen, war die Schneide stumpf, im schlimmsten Fall konnte auch ein Stück von der Schärfe herausgebrochen sein. Matthias und seine Brüder -Anton und Bernhard -ließen sich die Möglichkeit nicht entgehen und brachten also jährlich einige hundert Maulwürfe zur Strecke. An den Artenschutz dachte damals noch niemand, und der Bestand der Tiere war ja auch nach­ weislich nicht gefährdet. Das Fanggebiet war zunächst die eigene Hoffläche, dann der Schulweg. Für den geübten Blick waren die unterirdischen Gänge quer zur Wegrichtung unübersehbar. Da waren sie leicht zu fangen. Zu den Beob­ achtungen der Buben gehörte, daß die Maul­ würfe in der Nähe des „Riflitz“ vom Seelen­ wald herunter ihre Röhren durch eine Wiese oberhalb eines Mahlweihers schoben, auf ihre Art nicht anders als das Rehwild, immer die gleiche Strecke benutzend. Unter den Weg legten die Buben ihre Fallen, immer zwei in entgegengesetzter Richtung, weil sie nicht wissen konnten, aus welcher der Maul­ wurf gerade kam. Ihre Fangtechnik war so erfolgreich, daß sie oft einen „Scher“ gefan­ gen hatten, wenn sie zur Schule gingen, und schon wieder einen, manchmal auch zwei, wenn sie auf dem Heimwegwaren.Ja, es kam vor, daß ein dritter Scher, der den Weg dann verstopft fand, sich an den Fallen vorbei einen neuen Gang gegraben hatte. Merkwür­ dig war, daß die bergaufwandernden Tiere zuerst seltener wurden und vom Tal her bald keine mehr in die Falle gingen. Selbst auf der großen Hoffläche nahm ihre Zahl ab, die Jagdgründe mußten jenseits der eigenen Grenzen auf den „Riflitz“ und den „Hinter Ofen“ ausgedehnt werden, wobei sie von diesen Nachbarn gern unterstützt wurden. Da das Mäusefangen wie das Pilzesuchen als generell erlaubt galt, gingen sie auch in der weiteren Umgebung auf Fang, bis sie zu ihrer Verwunderung ihre ausgelegten Fallen ver- geblich suchten. Sie nahmen sich den Mut nachzufragen, ob ihre Arbeit nicht gern gelit­ ten sei. Nein, das war sie nicht. Keine weitere Begründung. So ließen sie es hier sein. Die Welt war noch groß genug. Zu Hause wurde das Fellehen bis zur Nasenspitze abgezogen und zum Trocknen mit Nägeln auf ein Brett gespannt. Einen auf dem Schulweg gefangenen Scher nahmen die Buben natürlich in der Hosen-oder Jackentasche in den Unterricht mit, eine her­ vorragende Möglichkeit, Unsinn zu treiben und die Mädchen zu erschrecken. Aufmerksamen Naturbeobachtern, wie es Bauern sind, fiel auf, daß sich in besonders heißen, trockenen Sommern auf den Wiesen „Hungerringe“ zeigen, grüne Streifen auf sonst rotgebranntem Rasen, nicht gerade kreisrunde, nicht wie mit dem Zirkel gezo­ gene, eher mit zittriger Hand gezeichneten Ellipsen ähnliche Gebilde. Man denkt an Angsttriebe aus sterbenden Tannen, an ein Aufbäumen der Natur. Matthias grub einem solchen Ring nach, und sieh an: Ein Maul­ wurf hatte seinen Gang darunter gegraben. Die Luft in der Höhlung begünstigt wohl das Wachstum. Das Geschäft des Schermäusers war auch später noch unentbehrlich: Wiesen mußten maschinell gemäht werden können, im Heu durften sich keine Steine befinden. Ein Spezialist grub mit einem kleinen Spaten, seinem einzigen Werkzeug außer den Fallen, den Gang irgendwo zwischen Maulwurfs­ haufen an. Er „sah“ ihn, wo ihn ein Unge­ übter nicht einmal vermutete. Karl Volk 299

Gesundheit Die ESPAN-Klinik in Bad Dürrheim Fachklinik für Erkrankungen der Atmungsorgane Der Dienstag jeder Woche ist stets ein besonderer Tag. Man spürt es in der weit­ läufigen Halle. Da werden Koffer aus dem Haus getragen, ein Lkw bringt eine neue Kofferladung. Das Gepäck verschwindet dank guter dienstbarer Geister in den Patien­ tenzimmern. Willkommen und Abschied gebieten über diesen Tag. Jahraus, jahrein ist es dasselbe. In der ESPAN-K.linik in der Gartenstraße verab­ schieden sich morgens die Patienten, die ein vier- oder sechswöchiges Heilverfahren ab­ solviert haben. Man sieht fröhliche und zufriedene Gesichter. Die Heilmaßnahme hat sichtlich etwas bewirkt. Im Lauf des Tages stellen sich die „Neuen“ ein. Manche sehen etwas blaß aus, vielleicht von soeben überstandener Krankheit oder auch von der Reise. Freundliche, praktisch eingerichtete Einzelzimmer mit Blick ins Grüne erwarten sie. Man sieht, der Kurpark ist nah, es locken Wiesen und Wald und vor allem gute Luft. Hier kann man sich zu Hause fühlen. Abends werden die Neuankömmlinge von der Geschättsleitung willkommen geheißen. Am Nachmittag des folgenden Tages ist es der Chefarzt, der aus medizinischer Sicht erläutert, worauf es bei der stationären Heil­ maßnahme ankommt. Sie erfahren alles über die lautlose Mecha­ nik des Kurbetriebs. Das Haus mit seinen Anwendungsbereichen wie Bäderabteilung, lnhalationsräumen und Gymnastikraum wird ihnen rasch vertraut. Ihre anfängliche Befangenheit schwindet zusehends. Man knüpft erste Kontakte. Im Speisesaal hat man rasch seinen vorbestimmten Platz gefunden und damit auch seine Nachbarn für die nächsten Wochen. Schon nach wenigen Tagen – erste Untersuchungen durch den 300 Stationsarzt und die üblichen Labortests sind durchgeführt, der Rhythmus für die ver­ schriebenen medizinischen Anwendungen inklusive Schwimmen im hauseigenen Sole­ bewegungsbad und Gesundheitsvorträge hat sich eingespielt- fühlt man sich heimisch in diesem Kreis. Die Atmosphäre wird als wohltuend emp­ funden. Das Wohlbehagen wächst noch mit den täglichen Mahlzeiten. Die Küche hat einen sehr guten Ruf. Man sieht es an den zahlreichen Urkunden an der Wand des Speisesaals. Mit einer Vielzahl von Diätkost­ formen wird auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Patienten eingegangen. Wanderungen in der schönen waldrei­ chen Natur im Auf und Ab der Jahreszeiten – Bad Dürrheim hat zu allen Zeiten seine Reize – viele Ausflugsmöglichkeiten sowie ein abwechslungsreiches Kultur- und Unter­ haltungsprogramm lassen die Tage dahin­ eilen. Und dann ist jener Dienstag gekom­ men, an dem man Abschied zu nehmen hat. Man tut es in der Gewißheit, daß man seiner Gesundheit einen guten Dienst erweisen konnte. Irgendwann, wünscht man sich, möchte man wiederkommen. Viele, die in der ESPAN-Klinik weilten, sind schon mehr­ fach Patient und Gast gewesen. Eine Tat­ sache, die für das wohldurchdachte Konzept des Hauses spricht. In den 17 Jahren seit der Eröffnung am 8.Juli 1976 bis zum 31. Dezember 1992 sind über 30.000 Patienten Gäste des Hauses gewesen. Die Zahl der Übernachtungen hat inzwischen über eine Million erreicht. Das ist nicht verwunderlich. Verwaltungsleiter Theo Weiss kann stolz darauf verweisen, daß die ESPAN-K.linik in Bad Dürrheim die ein­ zige anerkannte Fachklinik für die Behand-

Park-Klinik Benner mit neu erbautem Solebewegungsbad lung von Erkrankungen der Atmungsorgane, also zum Beispiel Asthma bronchiale und Bronchitis und der damit verbundenen Herz- und Kreislaufstörungen ist und daß sie seit 1980 zu einer der 10 Spezialkliniken für Anschlußheilbehandlungen in der Bundes­ republik gehört. Von Anfang an wurde medi­ zinisch und technisch ein entsprechendes Konzept verfolgt. Dem damaligen Chefarzt Dr. med. Georgi Kolarov, Facharzt für Lun­ gen- und Bronchialheilkunde und seinem Oberarzt Dr. Rainer Lingnau, wurde in der ESPAN-Klinik eine hochmodern eingerich­ tete diagnostische Abteilung zur Verfügung gestellt. Sie verfügt über computergesteuer­ ten Lungenfunktionsmeßplatz, über Ruhe-, Belastungs- und Langzeit-EKG, Phonokar­ diogramm, Röntgenanlage, großes klinisch­ chemisches Labor mit modernsten Meßplät­ zen und Untersuchungsverfahren bis zur Allergietestung samt Provokationstests. Es war von Anfang an eine Selbstverständlich- keit, daß in der ESPAN-Klinik auch die Bal­ neologie und somit die ortsgebundenen Kurmittel Sole und Bad Dürrheimer Mine­ ralquellen zum Einsatz kamen. Eine direkte Leitung verbindet die Solequelle mit der Klinik. Das setzt erhebliche Investitionen voraus. Denn alle Anlagen einschließlich Schwimmbad mußten solebeständig sein. „Im Zusammenklang mit der Sole und dem Mineralwasser steht als ganz wesentlicher Gesichtspunkt das Bad Dürrheimer Heil­ klima im Vordergrund, das seine kräftigende und heilende Hilfe bei der Patientenbehand­ lung sehr positiv zum Ausdruck bringt.“ Auf dieser Basis entwickelten die Medizi­ ner das Haus in der Folgezeit zu einer aner­ kannten Fachklinik, wie sie den Belegungs­ trägern wie der BfA vorschwebte. Nach einem weiteren medizinischen Aus­ bau 1980 verfügt die Klinik nun auch über eine Überwachungsstation mit 4 Pflegebet­ ten. 301

Seit 1989 führt Chefarzt Dr. Rainer Neu­ haus, Facharzt für Lungen- und Bronchial­ heilkunde, zusammen mit den Oberärzten Dr. Lingnau und Dr. Kupke und weiteren fünf Stationsärzten diese erfolgreiche Ent­ wicklung weiter. Seit langem schon werden auch Heilmaßnahmen über alle Kranken­ kassen und Sozialversicherungsträger abge­ wickelt. In seinen „Gedanken und Erinnerungen – Löwe der Baar“ (1991) hat der frühere Bür­ germeister von Bad Dürrheim, Senator Otto Weissenberger, die für Bad Dürrheim als Kurort für Ganzjahreskuren entscheidende Initiative gewürdigt, die von der Familie Benner in bezug auf ihre Kliniken und Dependancen ausgegangen war. Weissen­ berger schreibt: ,,Die klinifizierte Kur und der Kurklinikbau begannen. Schrittmacher war hier ohne Zweifel die Familie Benner. Mutter und die Töchter Anneliese und Annelore Benner haben in Verbindung mit der BfA die gezielte und medizinisch unter­ mauerte Asthma- und Kreislaufkur initiiert. Das Unternehmen Benner begann auch sehr früh mit Anschlußheilverfahren. Das alles war eine kurörtliche Vorleistung, die der effi­ zienten Kur zum Durchbruch verhalf.“ Frau Anna Benner hatte dazu den Grund­ stein gelegt. Das war schon vor über 60 Jah­ ren. Sie gründete, wie in den Annalen der Kliniken Benner (ESPAN-Klinik, Park-Kli­ nik Benner) verzeichnet ist, 1932 eine Frem­ denpension im Haus der heutigenJohannis­ Apotheke. Es wurden dort auch Solebäder abgegeben. ,,So gesehen hat Frau Benner 1932 die Quelle entdeckt und das Wasser dar­ aus zum Sprudeln gebracht“, rühmte sie Theo Weiss in einer Laudatio aus Anlaß der Wiedereröffnung der erweiterten Park-Kli­ nik 1992. Bad Dürrheimer Sole hatte sich in Heilverfahren schon seit Jahrzehnten be­ währt. Die erfolgreiche Entwicklung des ersten „Benner“-Hauses wurde jedoch durch die Kriegs- und Nachkriegszeit gebremst. Erst nach der Währungsreform konnte ins­ besondere durch Kontakte zu einem Berli­ ner Reisebüro, das Gäste nach Bad Dürrheim 302 schickte, der Weg zu dauerhaftem Erfolg ein­ geschlagen werden, der von Anna Benner weitsichtig geplant wurde. Wegen des zuneh­ menden Straßenverkehrs an der alten B 27, die durch den Kurort verlief, mietete Anna Benner Räume für ihren Betrieb in der Wald­ straße an. 1956 baute sie in dieser ruhigen Straße ein eigenes Haus mit 18 Betten: das Haus am Hang. In Verhandlungen mit der BfA Berlin gewann sie für sich und den auf­ strebenden Kurort Bad Dürrheim einen äußerst wichtigen Belegungsträger. Seit 37 Jahren schickt die BfA ihre Mitglieder in die heutigen „Kliniken Benner“. 1964 erwarb Anna Benner ein weiteres Haus in der Wald­ straße (,,Villa Anneliese“) und gestaltete es zu einer Fremdenpension um. Der große Durchbruch aber war im Zu­ sammenhang mit der geforderten klinifizier­ ten Kur schon 1962 erzielt worden mit der Errichtung des Parksanatoriums Benner in der Gartenstraße. Es war mit allem nur er­ denklichen Komfort ausgestattet und ver­ fügte nun auch über die medizinischen Vor­ aussetzungen mit Badearzt und eigenem Sanatoriumsarzt, mit Labor, Röntgenanlage, Kurmittelabteilung und geschultem medizi­ nischen Personal. Das war weitblickend kon­ zipiert von Anna Benner und ihren Töch­ tern Anneliese und Annelore, die ihre Mut­ ter im kaufmännischen sowie medizinisch­ krankengymnastischen Bereich nach Kräf­ ten unterstützten. Der Zuspruch seitens der Patienten war aufgrund der erzielten Heil­ erfolge und familiären Atmosphäre des Hau­ ses derart groß, daß vor allem im Zuge der von Belegungsträgern gestellten Forderun­ gen nach einer klinifizierten Ku r eine weitere Expansion ins Auge gefaßt werden konnte. Es wurden jetzt Voraussetzungen wie an ein modernes Krankenhaus gestellt, mit Sta­ tionen, Ärzten, Schwestern, mit eigenem Solebewegung bad sowie Einzelzimmer mit Naßzelle und WC. Das wurde die Stunde der ESPAN-Klinik. Ihr Name leitet sich ab von dem Flur­ namen. Er bezeichnet Gemeindeland, das zur Viehweide dient (Heimatbuch des Heil-

bades, Karlsruhe, 1969). Nach entsprechen­ der Planung durch ein im Klinikbau erfahre­ nes Architekturbüro wurde die ESPAN-Kli­ nik nach nur 13monatiger Bauzeit eröffnet. Sie wurde ein Musterbeispiel modernen Kli­ nikbaus und ein Anziehungspunkt für Bad Dürrheim, wie die Belegungszahlen in der stolzen Bilanz des engagierten Verwaltungs­ leiters Theo Weiss dokumentieren. Die Initiatorin dieser Entwicklung, Anna Benner, hatte ihr Lebenswerk damit abge­ schlossen. Sie starb wenige Monate nach der Inbetriebnahme der Klinik. Ihre Töchter Anneliese und Annelore führen ihr Werk tat­ kräftig fort (inzwischen ist die dritte Genera­ tion in die Geschäftsleitung eingetreten). Sie setzten selbst Marksteine in der neuesten Entwicklung ihres Unternehmens mit dem Ausbau der ESPAN-Klinik (1989), der Neu­ gestaltung des Hauses ,,Villa Anneliese“ in der Waldstraße, mit dem Ankauf der in der Gartenstraße benachbarten Pension Moser- Laenen (,,Haus Anna“), und schließlich mit dem Umbau und der Erweiterung der Park­ Klinik Benner (1992). Die Klinik für Erkran­ kungen der Atemwege und für die Behand­ lung von Rheuma und orthopädischen Krankheiten nimmt eine führende Position ein. Neue Therapieräume wurden geschaf­ fen, 14 Patienten-Doppelzimmer, auch rollstuhl­ gerecht für Behinderte, und ein großes, ein­ ladendes Solebewegungsbad. großzügige Aufenthaltsräume, Nach Erfüllung dieses Bauprogramms können die Benner-Kliniken in Bad Dürr­ heim insgesamt 252 Betten in ihren Kliniken und Dependancen anbieten. Mit 100 Ar­ beitsplätzen und Beschäftigten sind sie der größte Fremdenverkehrsbetrieb und, ganz­ jährig belegt, nachweislich der bedeutendste Aktivposten in der Gästestatistik der Kur­ stadt. Arthur Lamka Gutes Herz Am Flußufer Vieles tun und auch ertragen Mußt du, gutes, treues Herz, Für den Kreislauf pumpen, schlagen, Für die Freude und den Schmerz. Da bin ich oft gesessen, Hier hab‘ ich oft geruht, Verloren und vergessen – Am Rand der blauen Flut. Alles hast du auszuhalten Bis zum letzten Atemzug, Einer läßt dich schalten, walten, Bis es ist, o Herr, genug. Die Wellen wogten leise. Die Abendglocke schwieg. Und Nachtigallenweise Zum Sternenhimmel stieg … Und du findest dann die Ruhe, Die du sicher oft begehrt; Weiß ich jetzt auch, was ich tue, Wenn mein armes Herz sich wehrt. Vorüber sind die Träume, Die Herbstzeitlosen blühn. Ja, zittert nur, ihr Bäume – Der Sommer ist dahin! Johannes Hawnert Josef Albickert 303

Tröstlich Heiteres für unsere kranken Almanachleser Bi t du mal krank, so recht k.o., gar deines Lebens nicht mehr froh, so denk‘, daß dies nicht ewig ist, du andrerseit „unsterblich“ bist. – Und Übelkeit und Schädelbrummen, Nasenbluten, Ohrensummen, Depression und Mattigkeit, Schnupfen, Husten, Heiserkeit, Masern, Mumps und Hexenschuß, schlechte Laune und Verdruß, Angina, Fußpilz, Flimmerherz, Gallenkolik, Liebesschmerz, Zahnweh, Rheuma, Gliederreißen – und wie all die Leiden heißen – Verstopfung, Durchfall, Magendrücken, Beschwerden im Leib und mal im Rücken – vorübergeh’nde �alen sind, die verfliegen o� geschwind; – und zudem helfen hier am Ort Doktoren gern und auch sofort. – Verzweifle nicht und denk daran: ,,Unsterblich“ bist‘, nach Gottes Plan! – Helmut Groß 304

Sagen der Heimat Auch in dieser Ausgabe des Almanach wird die Reihe der Sagen der Heimat mit einem Text, entnom­ men aus dem Buch „Die ve1gessene Rose‘: 2. Auflage 1961,fortgesetzt. Die Redaktion dankt an dieser Stelle dem Verlag Stähle & Friedel Stuttgart, für die freundliche Abdruckgenehmigung. Der Sarg im Straßengraben Der letzte Sproß der Baldinger Herren war ein Graf von Orth, ein böser Leuteschinder, der seine Untergebenen bis aufs Blut pei­ nigte. Auch sein Geiz und seine Habgier waren weithin bekannt. So trieb er einen schwunghaften Handel mit dem damals noch sehr kostbaren Salz, das er jedoch nicht an alle abgab, sondern nur an Reiche, die in der Lage waren, die geforderten Wucher­ preise zu bezahlen. Endlich mußte auch der Graf, nachdem er genug geschachert hatte, jenen letzten Gang antreten, auf dem man von allem Erworbenen nichts mitnimmt als das Totenhemd. Aber so leicht sollte dem Geizhals das Sterben nicht werden. Tagelang wälzte er sich auf seinem Lager, und die Räume des Schlosses hallten wider von sei­ nen Schmerzensrufen. Sein Wehklagen drang sogar durch die dicken Burgmauern auf die Dorfgasse hinaus, so daß die Bauern angstvoll einen Bogen um das Schloß mach­ ten. Und manch einer schlug heimlich das Kreuz und sagte: ,,Helf uns Gott, der All­ mächtige!“ Andere meinten gar: ,,Jetzt hat der Teufel endlich den Geizhals am Kragen.“ Und wahrlich, nachdem der Höllenfürst sein Opfer lange genug geschüttelt und ihm zu­ letzt den Hals so eng zugeschnürt hatte, daß man das Röcheln im ganzen Dorf hörte, machte er ihm endlich den Garaus. Da lag nun der gefürchtete Graf mit so entstelltem Gesicht, daß die Bauern, die den Totenbaum brachten (wie man hierzulande heute noch den Sarg nennt), sich entsetzten. Endlich hatten sie den Leichnam in den Totenbaum gebettet und wollten ihn zum Friedhof tra­ gen. Da aber hatte sich droben über dem Himmelberg bei Öfingen ein furchtbares Wetter zusammengezogen, und als die Män­ ner mit ihrer Last beinahe beim Friedhof angelangt waren, fuhr ein Sturm daher, riß ihnen den Sarg aus den Händen und schleu­ derte ihn in den Straßengraben. Von Entset­ zen gepackt, als sei der Teufel selber hinter ihnen her, rannten die Männer auf und davon und getrauten sich nicht einmal mehr, nach dem Sarge umzuschauen. – Der Winter kam und legte sein Leichentuch über das Land und auch über den Totenbaum am Straßenrand. Als die ersten Schlüsselblumen aus dem braunen Gras hervorschauten und ein Vogel im blühenden Schlehdornhang zu singen begann, erinnerte man sich wieder des Sarges. Doch als ihn ein paar beherzte Männer forttragen wollten, war er leer. Der Graf aber, der zur Strafe für seine Untaten keine Ruhe fand, mußte seit jener Zeit als Geist im Orte umgehen. So will ihn ein Baldinger Bauer noch vor einem Menschenalter gesehen haben, als er spät abends im Schein seiner Laterne seine Braut von der Spinnstube abholte. Damals trugen die Mädchen noch die eigenartige Tracht der evangelischen Ostbaar: das eng anliegende Häubchen mit den langen, über den Rücken fallenden Seidenbändern, das Samtmieder und den reich gefältelten schwarzen Rock, unter dem die roten Strümpfe hervorblitzten. Vom flackernden Herdfeuer angestrahlt, saß man oft bis spät in die Nacht beisammen und erzählte sich Gespenstergeschichten. Dabei wurde auch getrunken und gegessen. Da es aber auf der rauhen Ostbaar damals fast kein Obst und 305

damit auch keinen Most gab, setzte man statt rotbackiger Äpfel einfach Gelbrüben vor, die gar nicht so schlecht gemundet haben sollen. – In jener Zeit also geschah es, daß das besagte Paar auf dem Heimweg in der Nähe des Schlosses plötzlich den Geist des bösen Grafen auftauchen sah. Riesengroß stand sein Schatten an einer Scheunenwand und drohte mit seinen Armen, die wie Wind­ mühlenflügel auf und ab schwangen, her­ über. Aber nicht genug damit: Auf einmal kletterte das Gespenst vor den zu Tode Erschrockenen am Giebel des Schlosses empor und setzte sich, während es sein Haupt unter dem Arm hielt, auf die oberste Zinne. Seit dieser Zeit mieden die Bauern des Nachts die Gegend um das Schloß, das auf der Gemarkung Föhrle gelegen war und des­ sen Küche erst 1912 durch Blitzschlag ein­ geäschert worden sein soll. Max Rieplet Theino-Legende Als vor vielen hundert Jahren die Römer noch im Lande waren, abgekämpft, degeneriert, auch durch Heimweh stark frustriert, da stürmten Alemannenhorden herab, hierher vom hohen Norden, jagten fort die Römerbande – Besitz zu nehmen von dem Lande. Der Theino war’s mit seiner Schar, kam vorbei hier in der Baar, vermutete am Köthenbache den Rest von einer Römerwache; denn aus einem alten Haus ein kranker Römer schaut heraus. Der bat um Gnade für sein Leben und möchte dafür etwas geben: Zeigen, wie man Häuser baut, seßhaft wird und heimvertraut. Der Theino nahm den Handel an, in seine Dienste trat der Mann. Als Theino nun das Haus besah, rief er den Seinen zu: ,,Hurra! Zum Teufel die Nomadenregel, wir siedeln an mit Kind und Kegel!“ Und sie begannen auf der Stelle zu bauen Häuser, Scheunen, Ställe. Mit Eifer nun und voller Kraft wird eine Heimat jetzt geschafft, neun Höfe werden aufgebaut und dem Theino anvertraut. Zu schützen sie vor Feind, Dämonen des Römers „Gladius“ sollt‘ sich lohnen, für Theino wurde mit Bedacht d’raus ein Germanenschwert gemacht. – Das kleine Dörflein so entstand, ,,Theiningas“ war’s zunächst genannt. Um alemannischer zu klingen, wurd‘ später daraus „Tainingen“, und wiedrum nach geraumer Zeit hieß „Tenningen“ die Örtlichkeit. Nach der Behörden letztem Schliff wird „Tuningen“ der Ortsbegriff. Doch für das Fußvolk immerfort bleib „Doaninga“ das rechte Wort. Das Dorf hat lang schon existiert bevor es schriftlich aufgeführt. Und Theino – das ist sonnenklar ,,Urtuningens“ Begründer war. – Ernst Braunschweiger 307

Verkehrswesen Der Busunfall Der folgenschwerste Unfall im Bereich der Auto­ bahnpolizei Freiburg ereignete sich am Sonntag, den 6. 9. 1992. Ein Omnibus war auf der A 864 in Richtung Donaueschingen unterwegs. Am Autobahnende kam er nach rechts atef den Seiten­ streifen. Beim Gegenlenken geriet das Fahrzeug ins Schleudern, kollidierte zunächst mit einem ent­ gegenkommenden Pkw, bevor er schliefslich seitlich auf eine Leitplanke kipple. Die Folgen: 20 Tote, davon 16 Frauen und vier Männer im Alter zwischen 47 und 83 Jahren, 17 Schwer- und 19 Leichtverletzle, unter denen später ein weiteres Todesopfer zu beklagen ist. Materiel­ ler Schaden insgesamt 240.000 Mark. Es war ein schöner sonniger Sonntag, die­ ser 6. 9. 1992. Ein richtiger Altweibersom­ mertag. Familienausflugswetter, zu Fuß, mit dem Fahrrad, mit dem Auto. Flugtag auf dem Flugplatz in Schwenningen. Schaulustige aus dem gesamten Schwarzwald-Baar-Kreis verfolgten die Kapriolen der Kunstflieger. Feststimmung in Bad Dürrheim. Die frei­ willige Feuerwehr feierte ein Jubiläum an die­ sem schönen Sonntag. Nicht weit davon ent­ fernt schwitzten Rettungssanitäter in einem Prüfungskurs über ihren Aufgaben. Eine Streife der Autobahnpolizei meldete dem Wachhabenden in Zimmern o. R. regen Ausflugsverkehr, aber keinerlei Probleme. Wie üblich, waren auch viele Reisebusse unterwegs. Darunter auch ein Bus mit einer Reise­ gruppe des Fichtelgebirgsvereins aus Hof im Frankenland. Viele von ihnen waren zum ersten Mal im Schwarzwald. Sie wollten das Wochenende im Wiesental mit Wandern verbringen. Auch sie genossen den herrli­ chen Spätsommertag. Nichts schien diese Idylle zu stören. Kurz vor 12.00 Uhr schrillte beim Wachhabenden der Autobahnpolizei in Zimmern plötzlich 310 das Telefon. ,,Bei Bad Dürrheim ist ein Bus umgestürzt. Es gibt vermutlich Tote und viele Verletzte.“ Unmittelbar nach der Abfahrt von der Autobahn Stuttgart – Singen zwischen Bad Dürrheim und Donaueschingen bot sich den Helfern ein Bild des Grauens. Wie die Spurensuche der Polizei und der Sachver­ ständigen später ergab, hatte sich der Unglücksbus mit seinen Reifen auf der rech­ ten Fahrbahnseite in die feuchte Grasnarbe gefressen. Ganze 100 Meter lang war er ent­ lang der Böschung gefahren, bevor der Fah­ rer reagierte. Mit katastrophalen Folgen. Die Spuren führten auf die Gegenfahr­ bahn, der Bus rammte einen entgegenkom­ menden Pkw. Schließlich kippte das schwere Fahrzeug auf die Seite. Langsam, ganz lang­ sam. Auf die scharfe Leitplanke der Brücke, die über die B 27 führt. Endstation einer Todesfahrt. Gleich einem Rasiermesser trennte die Leitplanke den umkippenden Bus genau in Höhe der Sitzreihen auf. Wer auf dieser Seite saß, hatte keine Chance. Innerhalb kürzester Zeit verbreitete sich die Schreckensnachricht bei den Rettungs­ diensten. Die Feuerwehr in Bad Dürrheim brach ihr Jubiläumsfest ab. Für die Rettungs­ sanitäter wurde aus grauer Theorie blutiger Ernst. Von einem optimalen Einsatz wird man später sprechen. 76 Polizeibeamte, 90 Feuer­ wehrleute, 25 Ärzte bemühten sich, die Opfer dieser größten Buskatastrophe in Deutschland seit 1959 zu versorgen, sich um die Unfallaufnahme zu kümmern. Sechs Rettungshubschrauber starteten und lande­ ten pausenlos, um die Schwerstverletzten in die umliegenden Krankenhäuser zu trans­ portieren. Dazwischen immer wieder die

schwarzen Wagen. Ein ums andere Mal mußten sie fahren, um ihrer traurigen Pflicht nachzukommen. 20 schwarze Planen ent­ lang des Brückengeländers ließen ahnen, welche grausigen Folgen dieser Unfall hatte. Allen Helfern war das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Verbissen, teilweise wie in Trance, verrichteten sie ihre Arbeit, kon­ zentrierten sich auf ihre Aufgabe, verdräng­ ten so die schrecklichen Eindrücke für den Moment. Keiner jedoch wird jemals dieses schreckliche Szenario vergessen können. Auch die Überlebenden stehen unter Schock. Sie gehen apathisch um den Bus herum, können nicht begreifen, was passiert ist. Ein makabres Phänomen, das immer wie­ der festzuhalten ist, wenn es kracht oder Blut fließt, sind die Gaffer. Das Schlagwort vom Katastrophen-Tourismus taucht auf. Bewaffnet mit Ferngläsern, Fotoappara­ ten und Videokameras versuchten die Schaulustigen, jedes blutige Detail zu erfas­ sen. Kinder wurden hochgehoben, um auch ihnen einen Blick auf das Geschehen zu gön­ nen. Zunächst waren es die Ortskundigen, die auf einem Hügel in der Nähe der Unfall­ stelle die Plätze in der ersten Reihe besetzten. Später, als die Meldung über das Autora­ dio kam, trafen sie aus ganz Süddeutschland ein. Nahezu tausend Schaulustige drängten sich hinter der Absperrung der Polizei. Gie­ rig starrten sie auf das entsetzliche Treiben, konnten offenbar von dem grauenhaften Anblick nicht genug bekommen. Im März 1993 wurde der Unglücksfahrer vom Landgericht Konstanz zu drei Jahren Gefängnis verurteilt … Helmut Kaiser 311

Einbruch im Sommerautunnel Eine frohe Gesellschaft hatte sich am Abend des 30. Dezember 1869 im Gasthaus ,,Rößle“ auf der Sommerau zu einem Fest­ essen eingefunden, um einen Teilerfolg ihrer schwierigen Arbeit im Sommerautunnel, jetzt schon den zweiten, zu feiern. 70 Mann, Arbeiter wie Unternehmer, letztere damals „Accordanten“ genannt, zählte man; selbst Inspektor Grabendörfer, der Leiter der „Groß­ herzoglichen Eisenbahnbau-Inspektion“, hatte für Stunden sein Büro im „Löwen“ in Triberg mit der Gaststube auf der Sommerau vertauscht, auch „Sectionsingenieur“ Gok­ kel und Geometer Amann, vom anonymen Verfasser eines Artikels in der Zeitung „Der Schwarzwälder“ (15.Januar 1870) ,,Berggei­ ster“ genannt, nahmen daran teil. Während draußen grimmige Kälte herrschte, ließ man es sich drinnen gutgehen. Grund zur Freude und sich wohlzufühlen hatte man genug. Die zweite Teilstrecke bis Schacht Eins von Nußbach her (unter der oberen Steinhalde) war geschafft, ein Hindernis „zur Hälfte“ überwunden: das Quellwasser, nicht der harte Stein, – der „scheint den kräftigen Armen der Italiener ein Spaß zu sein“ – bereitete die größten Schwierigkeiten. Selbst die Dampfpumpen waren mit seiner Beseiti­ gung fast überfordert. Aber da war sich der Verfasser sicher, ,,in längstens einem Jahr wird der ganze Tunnel durchbrochen und die Hälfte davon ausgewölbt sein.“ Das Was­ ser wird dann dem Rhein zu abfließen. Der (superkluge) Ungar in Wien werde sich erneut wundern, wenn die Donau dann kein Wasser mehr führt, meinte er witzeln zu müssen. Die feiernde Schar konnte nicht wissen, welche Gefahren im Berg noch auf sie lauer­ ten. Die Arbeiten stießen, wie es bei einem Unternehmen dieser Art nicht anders zu erwarten war, auf Hindernisse, jedoch auf keine größeren als in den übrigen Tunnels auch. Für unüberwindliche Schwierigkeiten im längsten Tunnel der Schwarzwaldbahn 312 (1698 m) haben die Akten, die nur sehr bruchstückhaft und leider auch fast ohne Skjzzen erhalten sind, kein Beispiel. Starker Schneefall machte im Februar 1870 vor dem Tunnel die Arbeit unmöglich, im November sammelte sich das Regenwa ser in Schacht III, so daß alles Pumpen nichts mehr half, ,,bedeutender Wasserzudrang“ im Bergin­ nern erforderte eine Akkorderhöhung um 5 Gulden pro lfd. Fuß. Wegen schlechter Wit­ terung und mangels Maschinen mußte Akkordant Meyer am 21. Februar von seinem Vertrag, den oberen Voreinschnitt zu vollen­ den, zurücktreten. Robert Gerwig persönlich inspizierte die Ausbruchstelle des Akkordan­ ten Ricono (von der Nußbacher Seite her). Er war weder mit derOrdnung noch mit dem Baufortschritt zufrieden. 50 Fuß in einem Monat müsse der Unternehmer schon erzie­ len. Die Ermahnungen, die vereinbarten Ter­ mine einzuhalten, gehörten zum täglichen Brot für Inspektor Grabendörfer und seine „Sectionsingenieure“. Als er wegen vier gleichzeitigen Aufbrüchen (Schächten) im Tunnel auf die schwierige Situation hinge­ wiesen wurde, beruhigte er, Mitte Januar 1871 werde man in der Mitte des Tunnels eine Ausweichstelle haben. Die Unterbrechung der Arbeiten durch den Deutsch-Französi­ schen Krieg fließt nicht ausdrücklich in die Akten ein. Da geschah völlig unerwartet an einer Stelle, die tags darauf vollständig eingewölbt werden sollte, am 16.Juni 1871 ein schwerer Einbruch in diesem Tunnel: ,,Gestern Nacht 3/4 9 Uhr erhielten wir (die Großherzogliche Eisenbahnbau-Inspektion Triberg) die An­ zeige des Ingenieurs Gebhard, daß Abends 7 Uhr, das in Auswölbung begriffene Tun­ nelstück Signal 2770 + 160 – 2772 + 170 sowie die ganze solid eingebaute Tunnel­ strecke von Signal 2770 + 140 – 2170 + 70 plötzlich eingestürzt sei, ohne daß jedoch Jemand verunglückte.“ So beginnt der Bericht Inspektor Grabendörfers an die

Oberdirektion des Wasser- und Straßen­ Baues in Karlsruhe. Er eilte unverzüglich an die Unglücksstelle, um folgendes festzustel­ len: Tote und Schwerverletzte hatte es nicht gegeben, dagegen einige leichtere Qiet­ schungen. Die sofortige Zählung ergab: kei­ ner fehlte. Das war ein Glück! Einzige Ursa­ che dafür war, ,,daß sich 7 Uhr in der genann­ ten Gewölbzone sowie in der eingebauten Strecke ein momentanes Krachen hörbar machte, so daß die Arbeiter aufmerksam wurden und noch Zeit genug hatten sich zu entfernen.“ Das Paradoxe der Situation war dies, daß an anderen Stellen der Berg mehr drückte, auch größerer „Wasserzudrang“ herrschte, aber nichts Derartiges geschehen war, hingegen hier, trotz der gleichen Abstüt­ zungen wie dort „trockener durchaus zer­ klüfteter Gneis mit viel Gerölle“ auf eine Länge von etwa 100 – 130 Fuß und 40 Fuß Breite herunterbrach. Eine Schuld treffe nie­ mand, betonte Grabendörfer und beeilte sich hinzuzufügen, daß „die über den Tun­ nel wegziehende Landstraße … auf fertigem Gewölbe“ liege und ebensowenig gefährdet sei wie der Bauernhof, obwohl sich „auf der Erdoberfläche … gestern Nacht immer noch Bewegungen und Risse“ zeigten. (Der Abstand zwischen Tunnelscheitel und Erd­ oberfläche betrug 20 m). Das schwere Konvolut im Generallandes­ archiv in Karlsruhe über den Eisenbahnbau von Hornberg nach St. Georgen enthält dazu ein handschriftliches Schreiben von Baudirektor Robert Gerwig – und dies ist von gedrängter Kürze. Er empfahl Graben­ dörfer am 28. Juni 1871, ,,für die stark drük­ kenden Tunnelparthien also namentlich für die obere Sommeraustrecke … die Lehrge­ räte etwas zu verstärken“, und bat um eine Pause des bisherigen Systems und um einen Entwurf für die nötige Verstärkung. Graben­ dörfer verfaßte umgehend ein Schreiben an Gerwig. Diesem war Längs- und Qierschnitt des bisherigen jedem Druck standhaltenden Lehrgerüsts beigefügt. Man hatte begonnen, den Schutt aufzuräumen, war aber noch nicht so weit vorgedrungen, die Einbruch- stelle und damit den Grund für den Ein­ bruch exakt erkennen zu können. Bis jetzt konnte man nur sagen: die Auflager waren noch gut. Die ersten Gewölbschichten wa­ ren etwas verschoben. ,,Bei D angekommen wird sich erst zeigen, ob nicht die vermutete Schichtung bis S die Ursache des Einsturzes war, die möglicherweise abgerutscht ist, und den Einbau umgeworfen hat.“ Für die Ein­ wölbung der Strecke AE sind 20 Zoll hohe Steine vorgesehen, diese sind, um jede Ver­ zögerung zu vermeiden, bereits bestellt. ,,In der Einbruchstelle DCE scheinen noch ein­ zelne Ständer zu stehen, die umgeworfenen haben die Richtung FG“. Die herausge­ schafften Bogenstücke seien übrigens nicht zusammengedrückt, trotzdem wird man sie durch ganze Hölzer ersetzen und zusätzlich abstützen. Grabendörfer hegte nicht den geringsten Zweifel, daß der Einbau der neuen Wölbung „noch eine gefährliche Arbeit geben wird.“ Dem bisherigen Akkor­ danten August Thomas wollte Grabendörfer die Arbeit des weiteren Ausbruchs zwischen Schacht III, der wieder in Betrieb gesetzt wurde, und Schacht IV überlassen, er kenne das Gestein, ein anderer müßte sich erst neu damit vertraut machen. Im unteren Teil des Tunnels wurde die Wölbung von Schacht I bis zur Mündung fortgesetzt, von Schacht II aus wurde der Ausbruch in beiden Richtun­ gen begonnen. Die Oberdirektion für Wasser- und Stra­ ßenbau Karlsruhe mahnte am 18. August 1871 einen ausführlichen Bericht von der Eisenbahnbauinspektion in Triberg an. Gra­ bendörfer mußte noch um vier Wochen Geduld bitten, ,,da wir noch nicht an die Einbruchstelle resp. eingebaute Strecke vor­ gedrungen sind, nur wenig Arbeiter der Vor­ sicht halber beschäftigt werden können“, Anordnungen des Großherzog!. Respizien­ ten abgewartet werden müssen, die Ausräu­ mung von oben geschehen und die begon­ nene Gewölbzone hergestellt werden muß. Er kam der Aufforderung gewiß nach, doch war dieses Schreiben ebensowenig zu finden wie eine Skizze zu den obigen Angaben. 313

Die Ausräumungsarbeiten waren kompli­ ziert und zogen sich, verglichen mit dem sonstigen Tempo des Vorgehens, lange hin. AkkordantJakob Ulmer war um seinen Auf­ trag wahrlich nicht zu beneiden. Die Dring­ lichkeit des Baufortschritts duldete keinen Aufschub, doch konnte man über die Kosten lange keine Einigung mit ihm erzie­ len. Grabendörfer mußte von der Möglich­ keit Gebrauch machen, ,,unter der Hand“ einen vorläufigen Vertrag abzuschließen. So liefen Arbeiten und Verhandlungen parallel. Erst am 11. November 1871 bescheinigte Ulmer den Empfang eines Vertragsexem­ plars über das „Ausräumen des Einbruchs“, der Vertrag war erst am 28. September abge­ schlossen worden. Und schon sechs Tage nach Empfang legte Ulmer am 16. Novem­ ber 1871 die Endabrechnung über seinen Auftrag vor, ,,soweit solche zu Tage mög- lieh.“ 616 112 Tagschichten haben er u. a. für Erd- und Sprengarbeiten, für das Schmieren der Wagen, den Transport des Geschirres zur Schmiede aufwenden müssen, für die Arbei­ ten des Wagners und des Schmieds rechnete er noch einmal 891/4 Tage, so kam er auf 7053/4 Tage. Ingenieur Gebhard berechnete am 15. Dezember 1871 für das „Ausräumen des Tunnels nebst Unterfangen der Lehrbo­ gen am Gewölbstück, Verstärkung des Ein­ baues und Abfuhr des Schuttes an die Seiten­ ablagerung bei Profil 25-27 für Aufsicht, Mineur, Schutter, Schmied und Wagner 437112 Tage, wobei die persönliche Leistung Ulmers, Kohle, Stahl, Eisen, Wagenholz und Stifte unberücksichtigt blieben. Aus dem Tunnel waren 292 Schichtwagen und 22 Wagen mit abgängigem Holz gebracht wor­ den. (33 Wagen faßten eine Kubikrute = 27 Kubikmeter). Die Länge der eingebrochenen „Das Kamin“ vor dem Hinterchristsbauernhof auf der Sommerau. Es wurde während des Zweiten Weltkrieges bewacht. Wachsoldat ist Flaschner Mayer aus St. Georgen. Im Hintergrund ein Schild­ häuschen. Aufnahme aus dem Jahr 1939. 314

Gewölbezone betrug 30,4 Fuß. In Gulden gerechnet kam Ulmer auf 1850, die Behörde nur 1693,57. Die Differenz ergab sich daraus, daß die Arbeit „viel schwieriger wurde, als angesehen werden konnte“ und zu sehr mit Arbeitern übersetzt werden mußte, so daß nicht mit Vortheil gearbeitet werden konn­ te.“ Ganz abgesehen vom unverhältnismä­ ßig hohen Taglohn und den hohen Akkor­ den hatte er auch das Zu- und Abfahren des Geschirres und der Rollbahn nicht auf­ geführt, auch nicht die zwei Gulden, die er dem Führer der (Dampf-)Maschine täglich bezahlen mußte, obwohl diese längere Zeit stillstand. Sein größter Nachteil, der nicht in Zahlen auszudrücken war: Er mußte die Arbeit im unteren Einschnitt liegenlassen, die im September fertig geworden wäre, jetzt aber, am 5. November 1871, wird ihn mög­ licherweise der Winter daran hindern. Gefährliche Situationen ergaben sich noch mehrfach. Am 5. Dezember 1871 mel­ dete Sektionsingenieur Gebhard der Inspek­ tion in Triberg, ,,daß heute Vormittag bei Ausräumung des Einbruchs vom oberen Portal aus sich eine größere Masse Schutt in den Tunnel drängte und hierbei die Bogen .. . in der Mitte etwas eindrückte“. Schon am 8. Dezember hatte er zu berichten, ,,daß heute früh 7 Uhr sich am Einbruch eine bedeutende Senkung des Materials zeigte, welche den Schacht mit hinabzog . . . Hier­ bei legte sich eine senkrechte Felswand, wel­ che ebenfalls nachzubrechen droht.“ Und am 17. April 1872 „zwischen 12 und 1 Uhr“ gab es „in der hinteren Ecke links … (vom oberen Portal abwärts gehend genommen) eine Bewegung, welche in dem 4. und 5. Kranz von oben gerechnet einige Zangen zersprengt und den Sperriegel stark einge­ drückt hat.“ Von der Schwere der „Katastro­ phe“ am 16. Juni 1871 waren sie alle nicht. Akkordant Ulmer hatte noch mindestens das ganze erste Halbjahr 1872 mit Ausräu­ mungsarbeiten zu tun. Dem aufmerksamen Beobachter der Landschaft fallen auch heute noch Verände­ rungen über der Strecke dieses längsten Tun- nels auf. Um an der Einbruchstelle den Druck vom Tunnel zu nehmen, schlug man neben dem „Gästehaus Lauble“ eine tiefe Kerbe in die Landschaft und ebnete mit dem Aushub eine Senke auf der anderen Seite der Bundesstraße ein. Im Haus selbst sind die durchfahrenden Züge leise zu hören; ist die Erde gefroren, ist sogar ein leichtes Schüttern zu spüren. Zur Beschleunigung der Bauar­ beiten wurde die Tunnelröhre nicht nur von den beiden Portalen aus vorangetrieben, sondern auch von mehreren Schächten aus. Zwei dieser Schächte lagen schon vor dem oberen Portal und gingen in der Bahnlinie auf. Die Tiefe der übrigen Schächte von Nußbach her betrugen 78, 62 und 34 m (Angaben von Wilhelm Epting, St. Geor­ gen). Eine der deutlichsten Spuren hinter­ ließ auf dem Gewann des Hinterchristsbau­ ernhofes Schacht II, bis heute „Kamin“ genannt, der, solange die Schwarzwaldbahn mit Dampf fuhr, als Rauchabzugsschacht diente, danach verschlossen wurde und als niedriger Stumpf weiterlebt (s. Foto). Karl Volk Vorstehender Beitrag ist das Ergebnis eines Projekts, das der Ve,fasser mit der Klasse 8a der Realschule St. Georgen im Schuljahr 1992/93 durchführte. Für freundliche Auskünfte sagt er mit der Kume Einwohnern St. Georgens, der Sommerau und der Steinhalde in Nußbach auf richtigen Dank. Qu e l l e n: GLA Karlsruhe 421/385-387 ,,Der Schwarzwälder“ Kreisblatt Villin­ gen zugleich Amtliches Verkündigungs­ Blatt für die Großh. Amts- und Amts­ gerichtsbezirke Triberg u. Villingen 1870 315

Landschaft, Umwelt Geheimnisvolle Ursprünge? Gedanken zu drei bekannten Begriffen im Landkreis: Donau, Neckar, Baar Wo gibt es das in Deutschland sonst: daß in einem einzigen Landkrei glei h zwei Flüsse ihren Anfang nehmen, die in so hohem Maße die Phantasie vieler Menschen beschäftigt haben und Anlaß zu zahlreichen Volksliedern, Gedichten, Sagen und Ge­ schichten sowie zu vielen Werken der bil­ denden Kunst waren. Darin werden Donau und Neckar wohl nicht einmal vom Rhein übertroffen; von Weser, Elbe, Mo el, Lahn und Saale ganz zu schweigen. Doch nicht davon soll die Rede ein, ob­ wohl man sehr wohl fragen könnte, was denn römische Kaiser dazu trieb, in aufwendigen und nicht ungefährlichen Expeditionen die Quellen der Donau zu suchen; und warum reisten die württembergischen Herzöge und Könige mehrfach eigens ins Dorf Schwen­ ningen, um einen Schluck aus der angeb­ lichen �eile des Neckars zu nehmen und wenigstens einen Gedenkstein zu setzen? Quellen und Ursprünge haben von jeher und bis in unsere Träume hinein einen hohen symbolischen Wert. Darum darf es uns eigentlich auch nicht wundern, wenn sich um die Ursprünge dieser Gewässer Legenden und Wunschgedanken spinnen, die im Gewande der ganz gewissen Wahrheit daher kommen. Aber, was ist schon „Wahr­ heit“: gibt es nicht moderne Philosophen, Abb. l: Q}telle bei der Marti11skapelle im September 1989 316

die diesen Begriff überhaupt ablehnen? Und wer unterscheidet schon genau Wahrheit und Wirklichkeit? Jedenfalls ist Wahrheit nicht immer so einfach wie ihre Eiferer gern vorgeben. So verhält sich das denn auch mit den Ursprüngen von Donau und Neckar. Nehmen wir zum Beispiel den Neckar: Die Schwenninger haben zwar mindestens zwei erklärte Neckarquellen auf ihrer Gemar­ kung; aber die Eschachquelle entspringt 14 km weiter von der Neckarmündung entfernt als die Schwenninger Quellen und obwohl die Eschach noch dazu mehr Wasser als der Neckar oberhalb des Zusammenflusses führt, hat sie bisher noch niemand als den „eigentlichen“ oder „wirklichen“ Neckar in Anspruch genommen. Rechts: Abb. 2: Brigachquelle unter dem Hirz­ bauernhof, gleicher Aufnahmetag wie Abb.] Unten: Abb. 3: Auifluß des Donaubaches aus der Schloßquelle in Donaueschingen, gleicher A1ifnahmetag wie Abb. 1 und 2 317

Überhaupt handelten die Schwenninger ziemlich pragmatisch. Als die früher von Herzog Eberhard Ludwig und von König Wilhelm I. beehrte gut württembergische Q!ielle wegen der Salinenbohrungen 1825 ausblieb, wurde der Gedenkstein entfernt und die nahe Rietenquelle kurzerhand zur Neckarquelle erklärt. Als diese beim Eisen­ bahnbau 1868 versiegte, entschloß man sich, den Neckarursprung ins Schwenninger Moos zu verlegen. Um das recht eindrucks­ voll zu gestalten, hoben die Schwenninger 1934 sogar einen „neuen Moosweiher“ aus. Inzwischen steht aber wieder die Nachbil­ dung des Gedenksteins von 1733 an der Stelle der früheren Neckarquelle. Seitdem gibt es also mindestens zwei Neckarquellen allein in Schwenningen, ganz abgesehen vom Kugelmoosbach, der Muslen und dem Brühlgraben. Abgesehen auch, wie gesagt, von der viel längeren Eschach. Bei der Donau ist die Sachlage etwas kom­ plizierter. Da gibt es eine Quelle neben dem Donaueschinger Schloß, die seit mindestens 1292 als Ursprung des Donaubaches archiva­ lisch bezeugt ist; aber der floß nach anfangs parallelem Lauf schließlich in die größere Brigach, kurz bevor die sich mit der Breg ver­ einigte. Brigach und Breg indessen entsprin­ gen einige Zehnerkilometer weiter oberhalb im Schwarzwald. Nun darf man durchaus darüber spekulieren, ab wo denn nun genau der Name „Donau“ gültig ist und ob tatsäch­ lich der viel kleinere Donaubach den beiden größeren Flüssen Brigach und Breg seinen Namen aufgezwungen hat. Das ist übrigens bei vielen Flüssen der Fall und eine bloße Frage der historischen Namengebung, nicht aber wissenschaftlicher Klassifizierung. Man denke nur an das Paar Rhein/ Aare oder Elbe/ Moldau. Unbeeindruckt davon, ob denn nun der Name Donau ab dem Einfluß des (seit 1820 verdolten) Donaubaches in die Brigach berechtigt ist oder nicht: Aus durch­ aus praktischen Gründen setzen heute die amtlichen Stellen den Kilometer „Null“ der Abb. 4: Blick über die Riedbaar vom Wartenberg aus mit den Mäandern der Donau 318

Abb. 5: Quellhach bei Aufen Donau exakt am Zusammenfluß der Brigach und der Breg, folgen also dem Beispiel der Weser beim Zusammenfluß von Werra und Fulda. Anders als beim Neckar schwelt allerdings ein zuweilen heftig entflammender Streit zwischen manchen Furtwangern und Do­ naueschingern darüber, welche von beiden Städten denn nun im Besitz der „wahren“ Donauquelle sei. Nein, ich widerstehe der Versuchung, weitere „Beweise“ für die eine oder andere These zu liefern. Und ich finde den Urteilsspruch des „hohen und grobgün­ stigen“ Stockacher Narrengerichts von 1984 ausgesprochen weise: ,,Der Streit um die Donauquelle ist zu schön, als daß er durch ein närrisches Urteil für alle Zeiten beendet werden dürfte“. Einen weiteren Streit könnte entfachen, wer behauptet, die sogenannte Quelle der Breg sei mindestens so zweifelhaft wie die Donauquelle. Und das läßt sich begründen. Spätestens seit es nämlich Landkarten gibt, wird der Name Breg für jenen Bach veiwen­ det, welcher aus Süden kommt, vom Haus­ ebenehof her aus „Hinterbreg“, aus Mäders­ tal und Schnabelstal sich speist und aufFurt­ wangen zufließt. Das entspricht auch den ursprünglichen Gewannamen. Folglich flie­ ßen die von Norden her von Neuweg, Kat­ zensteig und aus den Schützenbachtälern kommenden Bäche zwar in die Breg, führen vielleicht sogar mehr Wasser, aber keinesfalls ihren Namen. Nun kann man freilich die historische Namengebung beiseite schieben und nach der „wahren“ Quelle fragen. Damit wird dann meist der Anspruch verbunden, „wissenschaftlich“ vorzugehen. Allerdings ist es fast beliebig, ob man dann die höchst­ gelegene oder die am weitesten von der Mündung entfernte oder die wasserreichste Quelle als die „wahre“ oder „eigentliche“ an­ nimmt. Bestenfalls handelt es sich dabei um Konvention, die aber dadurch nicht unbe­ dingt an Wahrheit gewinnt oder als unum­ stößliche „Wissenschaft“ zu bezeichnen wäre. 319

Abb. 6: Tiefer Qj1ellweiher in der Riedbaar bei Donaueschingen Wer trotzdem da Spiel spielen möchte, ,,wissenschaftlich“ vorzugehen, sollte sich a) genaue Karten besorgen, b) nachmessen, c) selbst nachschauen, ob die Karten auch stim­ men. Und da ist denn die „wahre“ Bregquelle für manche Überraschung gut. Entscheidet man sich nämlich für das Kriterium „am wei­ testen entfernt“, so darf man die Bregquelle entweder im Oberen Katzensteig am Brigle­ rain oder im „Neuweg“ nahe der Martinska­ pelle suchen. Wer sich an die Meßtischblät­ ter hält, wird bald mit Überraschung fest tei­ len, daß zwar vom Briglerain ein geschlosse­ ner Wasserlauf der Breg zufließt, nicht aber von der Martinskapelle her. Und wer sich die Mühe macht, den Befund nachzuprüfen, wird bald finden: die Karte stimmt. Die Was­ sermenge der kleinen �eilen unter der Mar­ tinskapelle reicht gar nicht, um außerhalb der Schneeschmelze einen zusammenhän­ genden Bach zwischen Kolmenhof und Jonasenhof zu bilden. Die in Stein gefaßte �eile versiegt im Spätsommer sogar oft 320 ganz. Erst unterhalb des Jonasenhofs kann wirklich von einem Bach gesprochen wer­ den. So gesehen wäre also die �eile am Briglerain am weitesten von der Donau­ mündung entfernt. Wer freilich ganz spitz­ findig ist, kann noch oberhalb der mit zwei textreichen Bronzetafeln geschmückten und vor rund 30 Jahren gefaßten Quelle unter der Martinskapelle noch weitere Sickerquellen entdecken. Geologen sprechen von „Naß­ gallen“, welche bestenfalls „Seitenbäche“ oder „Hungerbäche“ speisen. Aber ist es denn wirklich „wissenschaftlich“, das nun gleich „Breg“ oder gar „Donau“ zu nennen? Und sind denn historische Namen weniger ,,wissenschaftlich“? Szenenwechsel: gehen wir hinüber zur Brigachquelle unter dem Hirzbauernhof. Fast unverändert schüttet ie jahrein, jahraus eine zwar bescheidene aber zuverlä sige Wassermenge in den Teich, der dann ganz ohne Zweifel die Brigach entläßt. Keine Tafel, keine Behauptung, obwohl auch sie

einmal als „eigentliche“ Donauquelle in Anspruch genommen wurde. Da steht nur schlicht eingemeißelt: ,,Brigachquelle“. Dar­ unter ist die Kopie des „Dreigöttersteins“ eingefügt, der heute unangefochten als Zei­ chen keltisch-römischer �ellenverehrung gedeutet wird und im vorigen Jahrhundert im Mauergewölbe des Hirzbauernhofs ge­ funden wurde. Nein, ich hole jetzt nicht zum großen Lob der Donauquelle neben dem Donaueschin­ ger Schloß aus; auch wenn sie ständig zwi­ schen 15 und 80 1/s Wasser liefert, eine Größenordnung mehr als die Quellen von Brigach und Breg; auch wenn sie schon von Sebastian MÜNSTER 1538 vermessen, als „Fons Danubii“ bezeichnet wurde und ihr Bach seit 1292 in Übereinstimmung mit den ältesten Urbaren als Donau oder „Thonaw“ benannt wurde. Ich will auch nicht die anti­ ken Schriftsteller bemühen, welche die Quelle oder die �eilen (,,Fontes“) der Donau such­ ten, fanden oder jedenfalls davon berichte- ten, handele es sich nun um Herodot, Stra­ bon, Plinius oder Ausonius. Mir geht es um etwas anderes, was über dem närrischen Streit um „die“ �eile gern übersehen wird, aber mindestens so aufregend ist. Da ist einmal der Name „Baar“. Zweifellos ein weit in die Vorgeschichte zurückreichen­ der Name, weit älter als das Germanisch/ Ala­ mannische; ich folge einer gründlichen Arbeit von H. BANSE (1984), wenn ich annehme, der Name sei sogar älter als die kel­ tischen Namen „Neckar“, ,,Donau“, ,,Brige“ und „Brege“. Linguistische Vergleiche und geographische „Realproben“ sprechen da­ für, daß sich in „Baar“ ein indogermanisches Wort (,,bher“) verbirgt, das „aufwallen“ be­ deutete und sich bei Kelten und Illyrern zu „bara“ mit der speziellen Bezeichnung von Sumpf- und �ellenland wandelte; in dieser Bedeutung blieb es bis heute unter anderem im südslawischen Wortschatz erhalten. Tatsächlich ist die weite Riedbaar zwi­ schen Schwenningen, Hüfingen und dem Abb. 7: Wallende Nebel über der Donau in der Riedbaar 321

Abb. 8: Breg beim Tierstein!Zindelstein Wartenberg – so zeigen die vegetationsge­ schichtlichen Untersuchungen – ein wirkli­ ches Sumpf- und Quellenland gewesen. Das muß angesichts der trockeneren, großen­ teils verkarsteten Hänge und Hochflächen ringsum zu Zeiten der Landnahme ein ein­ drückliches Erlebnis gewesen sein. Treffen wir doch noch heute zwischen Allmends­ hofen und Donaueschingen auf einem Qua­ drat von 2 x 2 km runde 25 Quellen an, die insgesamt – je nach Wetterlage – zwischen 500 1/s und über 1000 1/s Wasser spenden. Von ihnen ist die Schloßquelle nicht einmal die stärkste. Nach dem eingehenden Stu­ dium alter Karten und Aufzeichnungen ver­ anschlage ich die ursprüngliche Zahl dieser Quellen und Lachen im Bereich der Ried­ baar auf über 100. Erst die systematische Trockenlegung dieser Landschaft seit dem späten 18. Jh. und besonders in den letzten Jahrzehnten reduzierte diese Quellen mit zunehmender Geschwindigkeit auf inzwi­ schen weniger als die Hälfte. Natürlich ist zu fragen, wie es zu dieser unvergleichlichen Häufung von Quellen in der Riedbaar kommt, weil diese Landschaft selbst eigentlich im ausgesprochenen Nie­ derschlagsschatten des Schwarzwaldes liegt. Falls man das genau wissen will, ist die Ant­ wort gar nicht so einfach. Zwar sind Versin­ kungsstellen der Breg unterhalb von Wolter­ dingen und bei Hüfingen bekannt und an­ dere der Brigach wurden vermutet. Man weiß auch, daß die Wässer im verkarsteten Oberen Muschelkalk versitzen und daß die Quellen der Riedbaar artesisch gespannt als soge­ nannte „Waller“ das dünne Dach des dar­ überliegenden Keupers in domartigen Quell­ kuppeln durchbrechen, vermutlich an Stellen früherer Dolineneinbrüche, die heute frei­ lich unter 10-15 m mächtigen eiszeitlichen Kiesen und Sanden verschüttet sind. Aber die bekannten Versinkungsmengen sind viel geringer als die Quellschüttungen und frü­ here Salzungsversuche lieferten keine Hin­ weise auf tatsächliche Zusammenhänge zwi- 322

Abb. 9: Donau bei Neudingen sehen den Versinkungsstellen und den Q!iel­ len. Erst 1971 konnte H. HÖTZL durch Fär­ beversuche mit Uranin bei allerdings hoher Wasserführung nachweisen, daß sich Breg­ wasser in 15 von 22 Q!iellen im Donau­ eschinger Raum nach 41-65 Stunden wie­ derfindet. Für den Hauptdurchgang errech­ nete sich bei der Gutterquelle eine Ge­ schwindigkeit von rund 70 m/h. Ein späterer Versuch bei niedrigerem Karstwasserspiegel blieb hingegen, wie schon frühere, ergebnis­ los. Der Forscher versuchte das mit einer möglichen Verschiebung der Abflußrich­ tung bei unterschiedlicher Wasserführung zu erklären. Wie dem auch sei und einerlei wieviel des im Donaueschinger Ried aufstoßenden Wassers denn nun Fremdlingswasser ist: Q!iellen bleiben eben Quellen. Deren Faszi­ nation kann man sich freilich nur schwer entziehen. Und wenn sie derart dicht und reichlich sprudeln wie bei Donaueschingen, wird wohl leicht verstehbar, warum die Erstbesiedler vor vielleicht 4000-5000 Jah­ ren dieser überraschend weiten, noch dazu moordurchsetzten Q!iellenlandschaft den Namen „Baar“ gegeben haben. Hier in der Riedbaar bekommt die Donau auch ihr eige­ nes unverwechselbares Gesicht. Da ist es vielleicht noch von historischem Interesse, welche der zahlreichen Q!iellen denn nun ,,wirklich“ Taufpatin der Donau gewesen ist. Aber selbst Zahlenfanatiker können nicht übersehen, daß die Breg zwar durchschnitt­ lich 5 m3/s und die Brigach 3 m3/s vor Do­ naueschingen zur Donau beitragen, daß ihr aber immerhin 4 m3/s zwischen Donau­ eschingen und Geisingen aus bekannten und unbekannten Q!iellen zufließen. Prof. Dr. Günther Reichelt Literatur im Almanach zur Donau: Almanach 1985, Seiten 170-181, und Almanach 1989, Seiten 237-242, zum Neckar: Almanach 1984, Seiten 215-221, zur Baar: Almanach 1985, Seiten 103-113. 323

Voraus ging ein Auftrag der Stadt an das Leonberger Landschaftsarchitektenbüro Eppinger & Schmid, ein Vorkonzept auszu­ arbeiten. Der Gemeinderat der Stadt und der Aufsichtsrat der Kur- und Bäder GmbH haben im März 1990 beschlossen, daß sich Bad Dürrheim bei der Landesregierung um die Ausrichtung der Landesgartenschau 1994 bewerben soll. Für die Bewerbung um die Landesgarten­ schau 1994 waren folgende Gründe maß­ gebend: Chance der Sanierung und Erweiterung des Kurparks und damit Verbesserung der Wettbewerbssituation hinsichtlich der Realisierung des freien EG-Binnen­ marktes ab 1993 auch für Kurorte, – Aufwertung der Grünbeziehungen vom Kurpark in die Innenstadt, städtebauliche Ordnung des südlichen Stadtbereichs und Schaffung einer neuen Ost-West-Wegeverbindung vom Kapf­ wald über den Kurpark zum Sportge­ lände, Unterstützung der Biotopvernetzung im stadtnahen Bereich. Gemeinderat und Aufsichtsrat der Kur­ und Bäder GmbH haben für die Finanzie­ rung der Daueranlagen, die zur Landesgar­ tenschau gebaut werden und auch danach den Einwohnern und Gästen zur Verfügung stehen, eine Kostenobergrenze von 12,4 Mio. DM gesetzt. Der Durchführungshaushalt, der sämtliche Ausgaben und Einnahmen der über fünfmonatigen Veranstaltung beinhal­ tet, soll kostendeckend gestaltet werden. Die Landesregierung gab der Bewerbung von Bad Dürrheim im April 1990 statt. Die Auslobung des bei jeder Landesgartenschau üblichen Ideen- und Realisierungswettbe­ werbs konnte begonnen werden. Im Juni 1990 waren die Wettbewerbsunterlagen zu­ sammengestellt und bei der Sitzung des Preisgerichts im Oktober 1990 wurden 18 Ar­ beiten bewertet. Der 1. Preis wurde an die Landschaftsar­ chitekten Krupp & Losert, Denzlingen, der 2. Preis an die AG Freiraum, Dittus und Part- ner, Freiburg, vergeben. Das Preisgericht empfahl der Stadt, den weiteren Planungs­ auftrag an beide Büros zu vergeben. Ent­ sprechend dieser Empfehlung wurde das Büro Krupp & Losert mit der Bearbeitung des eigentlichen Kurparkbereiches und des Ausstellungskonzeptes und die AG Frei­ raum, Dittus und Partner, mit der Bearbei­ tung des Kurhausvorbereiches, des Salinen­ parks und der Ost-West-Wegeverbindung beauftragt. Das Jahr 1990 fand seinen Abschluß mit der Gründung der Landesgartenschau Bad Dürrheim 1994 GmbH durch die Stadt Bad Dürrheim, die Kur- und Bäder GmbH Bad Dürrheim und die Förderungsgesellschaft für die Baden-Württembergischen Landes­ gartenschauen mbH, in der die gärtneri­ schen Fachverbände organisiert sind. 1991 wurde aus den Wettbewerbsplänen der beiden ersten Preisträger der Entwurfs­ plan für die Daueranlagen entwickelt. Dabei wurde ständig das Ziel im Auge behalten, die vom Gemeinderat gesetzte Kostenobergren­ ze nicht zu überschreiten. Parallel zur Pla­ nung der Landesgartenschau wurden von der Stadt die Hochwasserschutzmaßnah­ men mit der teilweisen Offenlegung der Stil­ len Muse! im Kurpark und der Neuverdo­ lung im Vorbereich des Kurhauses vorange­ trieben. Nach intensiver Planung und Koor­ dination konnte der Gemeinderat im Mai 1992 schließlich den Auftrag für diese Hoch­ wasserschutzmaßnahmen vergeben. Mit der symbolischen Pflanzung des er­ sten Baumes durch Staatssekretär Ludger Reddemann und Bürgermeister Gerhard Hagmann begannen schließlich am 27. Mai 1992 die Bauarbeiten zur Landesgarten­ schau. Da wegen der Offenlegung der Stillen Muse! im historischen Kurparkteil die Lan­ desgartenschau mit ihren Maßnahmen nicht beginnen konnte, wurden im Kurparkerwei­ terungsgebiet die neue Spielanlage, ein Natursee und ein Naturgarten angelegt. Dann wurde der östliche Teil des Kurparks hergestellt und dort die erste Kaiserlinden­ Allee gepflanzt. 325

und Hajduszoboszlo (Ungarn). Im Kurpark­ erweiterungsgebiet wird der „Salzpfeiler“ weithin sichtbar den Abschluß des Kurparks in südlicher Richtung markieren. 1992 wurde der Entwurfsplan für das Aus­ stellungskonzept erarbeitet. Die wesentli­ chen Ausstellungsinhalte werden im südli­ chen und östlichen Kurparkerweiterungsge­ biet zusammen mit dem als Daueranlage konzipierten neuen Rundweg und dem künftig den Vereinen zur Verfügung stehen­ den Festplatz gebaut. Interessante Beiträge werden auch die gärtnerischen Berufsverbände und sonstige bei Landesgartenschauen stets aktive Ver­ bände und Vereinigungen beisteuern. So werden der Verband Garten-, Landschafts­ und Sportplatzbau, die Baumschuler und Staudengärtner erstmals gemeinsam eine Fläche von 2500 qm gestalten, die Gemüse­ gärtner, Imker, der Landesverband Obstbau, Garten und Landschaft, der Landesverband der Kleingartenfreunde und die Landfrauen werden jeweils eigene Gärten bauen und betreuen. Auch die Landwirtschaftsverwal­ tung und die Forstverwaltung werden sich besonders engagieren. Schließlich wird auch der BUND den von den Mitgliedern des Ortsverbandes teilweise mitgebauten Natur­ garten und den selbst gepflanzten Weiden­ lehrpfad betreuen. Ergänzt wird das gärtnerische Angebot während der Landesgartenschau, die vom 29. April bis 9. Oktober 1994 stattfindet, durch eine gute gastronomische Versorgung mit einem reichhaltigen Angebot an Voll­ wertkost und eine Vielzahl kultureller Ver­ anstaltungen. In einem Glashaus werden im 14tägigen Wechsel besondere Blumen­ schauen gezeigt. Unter dem Motto „Komm ! Mach mit!“ und „Zu Gast bei den Schätzen der Natur“ lädt Bad Dürrheim zu dem in der Region einmaligen Ereignis ein. Jörg Dieterle Skulptur „Salzquell“ Aufgrund der günstigen Witterung war es möglich, im Januar 1993 die Aufschüttung des Fontänebeckens im Herzen des Kurparks vorzunehmen und die dort befindliche �eile neu zu fassen. Der neue Rosengarten südlich des Kurhauses nahm im März bereits konkrete Formen an und inmitten dieser attraktiven Anlage konnte das Kunstwerk „Salzquell“ aufgestellt werden. Die beiden weiteren Kunstwerke des jungen Freiburger Künstlers Jürgen Grieger „Salztor“ und „Salzpfeiler“, die die Bedeutung des Salzes für Bad Dürrheim und seine Entwicklung künstlerisch bewußt und sichtbar machen sollen, werden im Sommer 1993 aufgestellt. Der Standort des „Salztores“ befindet sich in der Mitte der Ost-West-Querspange, die den südlichen Abschluß des historischen Kur­ parks bildet. Entlang dieses Weges werden 6 Themengärten gebaut, u. a. ein Garten der Sinne und jeweils ein Garten der Part­ nerstädte Enghien !es Bains (Frankreich) 326

Landwirtschaft Bäuerliche Landwirtschaft auch künftig im Schwarzwald-Baar-Kreis unverzichtbar Auswirkungen der EG-Agrarreform und GATT-Beschlüsse müssen verkraftet werden Die Sorge um die Zukunft der Landwirt­ schaft und des ländlichen Raumes beschäf­ tigt unsere Bauern im Schwarzwald-Baar­ Kreis sehr. Die Besorgnisse beruhen vor allem auf der jüngst beschlossenen Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik in der EG. Sie ist die stärkste Kurskorrektur in der euro­ päischen Agrarpolitik seit deren Bestehen. EG-Agrarreform Die Landwirtschaft der Europäischen Ge­ meinschaft produziert seit Jahren mehr Nah­ rungsmittel, als sie zu angemessenen Preisen in der EG absetzen kann. Die Überschüsse drücken auf die Erzeugerpreise und verursa­ chen erhebliche Einkommensprobleme. Die Reformbeschlüsse sehen bei Getreide eine schrittweise Senkung der Stützpreise bis 1996 um rund 30 0/o vor. Bei Getreide, aber auch bei Ölsaaten und Hülsenfrüchten, liegt künftig das Schwergewicht nicht mehr auf der Preisstützung, sondern auf direkten Hil­ fen in Form von Hektarprämien. Um in deren Genuß zu kommen, sind die Land­ wirte, soweit es sich nicht um Kleinerzeuger handelt, verpflichtet, 15 0/o ihrer Ackerfläche stillzulegen. Bei Milch wird die bisherige Garantie­ mengenregelung bis zum Jahre 2000 verlän­ gert. Bei Rindfleisch wird der staatliche Ankauf von Rindern zu garantierten Preisen schritt­ weise zurückgeführt. Als Ausgleich für die Stützpreissenkung wird die Sonderprämie angehoben. Mit der Senkung der Getreide­ und Fleischpreise ist die EG auch den Forde­ rungen der USA ein großes Stück entgegen­ gekommen. Auswirkungen der EG-Agrarreform Insbesondere spezialisierte Ackerbau- bzw. Rindermastbetriebe können Einkommens­ einbußen erfahren. Beide Betriebstypen sind zwar im Schwarzwald-Baar-Kreis anzutref­ fen, doch ist ihr prozentualer Anteil relativ genng. Die Landwirte werden sicherlich die Her­ ausforderungen meistern und bemüht sein, sich durch Senkung der Produktionskosten an die neuen Bedingungen anzupassen. GAT T-Vereinbarungen Zusätzliche Einkommensverluste werden durch die im Dezember 1992 zwischen der EG und den USA getroffenen GATT-Verein­ barung befürchtet, die die EG-Nahrungs­ mittelexporte einschränkt sowie die Im­ porte (auch von Futtermitteln) erhöht und letztlich zu Produktionsbeschränkungen führt. Dies soll mit mehreren sich ergänzenden Strategien erreicht werden: 1. Mindestmarktzugang Die Europäer müssen einen zollbegün­ stigten Mindestzugang zum EG-Markt von 5 0/o des Nettoverbrauches der Gemeinschaft gewähren. Das bedeutet eine zusätzliche jährliche Einfuhr von 80.000 t Rindfleisch, 3-4 Millionen t Getreide, 180.000 t Milch­ produkten sowie 208.000 t Eiern. 2. Verringerung der EG-Exporte Die GATT-Partner verlangen bei den Agrarexporten der EG bis 1999 eine Gesamt­ verringerung von 21 0/o (bezogen auf die Basisperiode 1986-90), gegenüber 1991 327

bedeutet dies sogar eine Senkung der Export­ mengen um 31 %. Eine besondere Regelung hat man bei Ölsaaten gefunden. Ab 1994 kann die EG nach dem jetzigen Kompromiß höchstens 4,36 Millionen t Raps und Sonnenblumen anbauen, d. h. 1,2 Millionen ha weniger als 1992. 3. Verminderung der Exportförderung 11m 36 Prozent Diese Exportforderung soll jetzt abgebaut werden, u. zw. in der EG um 36 Prozent. Die­ ses Geld wurde dazu veiwendet, die zum EG­ Interventionspreis Gährlich festgesetzt; Ziel: Sicherung eines Mindesterlöses) aufgekauf­ ten Agrarerzeugnisse zu verbilligen, um auf dem Weltmarkt einen Käufer zu finden. Der heutige Weltmarktpreis ist jedoch haupt­ sächlich durch die ständige Exportsubven­ tionen von Überschüssen entstanden. 4. Abbau der EG-Preisstiitzung um 20 Prozent Die GATT-Partner fordern von der Gemeinschaft zusätzlich einen Abbau der internen Preisstützung. Dies kann entweder durch eine Senkung der Interventionspreise oder durch Einschränkung der Produktion (Q!loten, Flächenstillegung) erfolgen. 5. Anderung des variablen Außenschutzes in Festzölle Bisher wird der EG-Agrarmarkt durch variable Einfuhrzölle geschützt, die die Kommission je nach Weltmarktsituation festsetzt. Mit diesen Zöllen wird die Diffe­ renz zwischen dem Weltmarkt- und dem EG-Preis abgeschöpft, so daß bestimmte Weltmarktpreise das Binnenmarktpreisge­ föge nicht zerstören können. Diese variablen Zölle sollen ab 1994 in Festzölle umgewan­ delt und dann anschließend um 36 0/o gesenkt werden. GATT-Folgen für die heimische Landwirt­ schaft Der vorliegende GATT-Kompromiß wird vor allem Auswirkungen för die viehhalten­ den Betriebe bringen. Zusätzliche Ausfuhrbegrenzungen für die Milchprodukte können weitere Quotenkür­ zungen erforderlich machen, die über die in der EG-Agrarreform beschlossenen hinaus­ gehen. Die vorgesehene 40 0/oige Exportreduzie­ rung der EG bei Vieh und Fleisch und die gleichzeitig 5 0/oige Importöffnung können zu einem Preisdruck im Veredlungssektor führen. Betroffen sind vor allem die Rindvieh­ Futterbau- und Schweineerzeugerbetriebe, deren Anteil im Schwarzwald-Baar-Kreis über 96 Prozent ausmacht. Die Rindviehbe­ triebe (Anteil ca. 90 %) erzielen auf der Baar 48 Prozent, im Schwarzwald sogar 72 Pro­ zent ihrer Verkaufserlöse aus der Milch, während jeweils 24 Prozent aus der Rind­ Aeischerzeugung stammen. Auf dem so heftig umstrittenen Getreide­ markt kann davon ausgegangen werden, daß die EG ohnehin ihre Produktion einschrän­ ken muß, wenn der Getreidemarkt ein­ schließlich der Flächenprämien noch bezahlbar bleiben soll. Wenig erfreulich ist Umfang der Tierhaltung im Schwarzwald-Haar-Kreis: davon Milchkühe davon Zuchtsauen Rinder Schweine Pferde Schafe Legehennen 328 1991 46.157 18.595 28.721 2.909 1.180 3.457 52.629 1986 49.164 20.407 32.826 3.385 1.047 3.224 53.802 1974 47.243 19.353 40.452 3.864 760 3.329 128.826

Bodennutzung im Schwarzwald-Baar-Kreis: landwirtschaftliche Nutzfläche insgesamt davon Dauergrünland Ackerland Nutzung des Ackerlandes Getreide Ackerfutterpflanzen Silomais Kartoffeln Raps Hülsenfrüchte Grassamen Futterrüben Sonstiges (Öllein, Phazelia, Körnersenf u. a.) 1991 41.175 25.454 15.626 10.426 1.125 668 304 2.140 362 208 80 311 1974 45.400 28.341 16.322 10.867 2.651 89 1.471 51 553 190 347 103 hierbei, daß es bei der Einfuhr von Getreide­ substituten in die EG keine Begrenzungen gibt. Deshalb ist es völlig offen, ob und in welchem Umfang die Einfuhr von Substitu­ ten künftig zusätzlich Getreide aus den Fut­ tertrögen in der Gemeinschaft verdrängen wird. Im Landkreis Schwarzwald-Baar wer­ den 70 Prozent des erzeugten Getreides im eigenen Betrieb verwertet. Die Ölsaatregelung begrenzt die Rapsan­ baufläche zusätzlich zur 15 0/oigen Stille­ gungsverpflichtung. Wie der europäische Agrarmarkt auf die Auswirkungen des GATT-Kompromisses tat­ sächlich reagiert, ist zur Zeit exakt nicht zu kalkulieren. Zu befürchten sind jedoch zusätzliche Erlöseinbußen und Produkti­ onsbegrenzungen. Schwarzwaldhof mit den regiona!typischen Vorderwälderkühen auf der Weide. 329

Agrarstruktur des Schwarzwald-Baar-Kreises: Betriebsgrößenklasse 0,5 – 5 ha 5 – 10 ha 10 – 20 ha 20 – 30 ha über 30 ha 1991 Zahl der Betriebe / ha LN 1.998 3.552 6.765 7.572 21.288 41.175 954 490 470 307 444 2.665 1970 Zahl der Betriebe / ha LN 1.890 1.105 1.133 5.943 1.114 12.876 182 16.885 138 9.405 4.457 46.214 Bäuerliche Landwirtschaft im Schwarzwald-Baar-Kreis unverzichtbar Die bewährten Prinzipien bäuerlichen Wirtschaftens mit der Bindung an den Boden, der nachhaltigen Wirtschaftsweise, einem breitgestreuten Eigentum an Grund und Boden sowie dem verantwortungsvol­ len Umgang mit den anvertrauten Tieren und Naturgütern sind auch in Zukunft die Grundpfeiler der landwirtschaftlichen Er­ zeugung im Schwarzwald und auf der Baar. Die bewährte gesunde Partnerschaft von Haupt- und Nebenerwerbsbetrieben (Anteil z. Z. 68 O/o) wird das Zukunftsbild unserer Landwirtschaft auch weiterhin stärker prä­ gen als in weiten Teilen der übrigen EG. Ein Netz von bäuerlichen Haupt- und Nebener­ werbsbetrieben wird im Schwarzwald-Baar­ Kreis auf ökonomischer Grundlage den Prin­ zipien einer umweltgerechten Pflanzen- und Tierproduktion gerecht werden. Die heimi­ sche Landwirtschaft hat sich allerdings dem internationalen Wettbewerb zu stellen, be­ darf dabei jedoch ausreichender agrarspezi­ fischer Rahmenbedingungen, d. h. einen Ausgleich für die schwierigen natürlichen Standortbedingungen, um ihre Existenz zu sichern. Die bäuerliche Landwirtschaft unseres Landkreises wird auch künftig entscheidend dazu beitragen, daß die Pflege und Erhaltung der traditionel­ len Kulturlandschaft sowie eine flächen­ deckende Landbewirtschaftung gewähr­ leistet wird; 330 die natürlichen Lebensgrundlagen ge­ schützt und erhalten werden; der Standortfaktor Umweltqualität gesi­ chert wird; den Verbraucherwünschen entsprechen­ de, qualitativ hochwertige Nahrungsmit­ tel angeboten werden; ein wichtiger Beitrag zur Sicherung der Funktionsfahigkeit des ländlichen Rau­ mes erbracht wird. Diese Aufgaben können jedoch ohne die Bäuerinnen nicht bewältigt werden. In unse­ ren bäuerlichen Familienbetrieben sind die Frauen unersetzbar. 11-12 Stunden täglich, dies haben Untersuchungen ergeben, arbei­ ten sie je zur Hälfte im Haushalt sowie im landwirtschaftlichen Betrieb. Die Land­ frauen leisten einen wesentlichen Beitrag zum Erfolg eines landwirtschaftlichen Unternehmens. In den meisten Fällen stellt ihre Arbeit eine echte Mitunternehmerei­ genschaft dar und verdient daher hohe Wert­ schätzung durch die Gesellschaft. In die weitere Zukunft schauend besteht die berechtigte Sorge, ob angesichts der so schwierig gewordenen Verhältnisse in der Landwirtschaft noch genügend Bäuerinnen und Bauern bereit sein werden, in unserem Landkreis Äcker zu bestellen, Grünland zu bewirtschaften und Tiere zu pflegen. Denn über alle Gegensätze hinweg besteht die weitverbreitete Überzeugung, daß ein hoch­ industrialisiertes Land auch im Höhengebiet eine Landwirtschaft braucht. Otto Maier

Es ist seit Jahren guter Brauch der Landjugend, jeweils am Erntedankfest dem Landrat eine Ernte­ krone zu überreichen. Seit dem Einzug ins neue Kreishaus im September 1991 haben wir die Mög­ lichkeit, die Erntekrone besonders augenfällig unseren Besucherinnen und Be uchern darzubie­ ten: Wenn man durch den Haupteingang ins Kreishaus eintritt, sieht man rechts oben die Erntekrone. Sie ist ein Symbol dafür, daß der Schwa rzwa ld-Baar-Kreis ein ländlich strukturierter Landkreis ist, und wir allen Grund haben, die schwierige Entwicklung unserer Landwirtschaft mit Anteilnahme zu be­ gleiten. Auch wenn die Sorgen und Nöte unse­ rer Landwirte nicht auf Kreisebene zu lösen sind, gibt der Landkreis für die Landwirtschaft jedes Jahr einen nicht unbeträchtli- chen Betrag aus, um sein Interesse am Wohl und Wehe unserer Land­ wirte zu bekunden. Ein besonders schönes Exemplar ist die im Herbst 1992 von der Landjugendgruppe Donaueschingen-Pfohren geschaffene Ern­ tekrone. Der Zeichner des Almanach (H. Groß) hat auf Bitten der Redaktion die ver­ schiedenen Getreidearten dargestellt. Besonders unsere Jugend möge die diesen Beitrag schmückende Zeichnung studieren. Darf man heute noch davon ausgehen, daß 332 unsere KinderundJugendlichen ohne Mühe die Getreidearten bestimmen können? Aber auch für die älteren Mitbürgerinnen und Mitbürger ist die Zeichnung eine hoffentlich gerne benutzte Gelegenheit, die früher er­ worbenen Kenntnisse aufzufrischen. Beim Betrachten der Bilder möge uns be­ wußt werden, daß das tägliche Brot, das wir im ÜberAuß haben, für viele Menschen auf dieser Welt rar ist. Dr. Rainer Gutknecht, Landrat

Gastronomie Hotel – Gasthof „Falken“ in Schönwald Mitten im Ortskern von Schönwald gele­ gen, gehört der „Falken“ zu den traditionsrei­ chen und renommierten Gasthäusern der Raumschaft. Erbauer des Hauses war Franz Ketterer. Dieser ist auch als Erbauer der ersten Kuk­ kucksuhr bekannt geworden (vgl. Almanach 1988, Seite 195 ff.). Beim großen Dorfbrand vom 30. September auf 1. Oktober 1890 wurde das Haus ein Raub der Flammen. Der Dorfbrand zerstörte den alten Dorfkern und damit auch das alte Dorfbild. Beim Wiederaufbau des jetzigen Hotels und Gasthofes „Falken“ blieb man dem Schwarzwaldstil treu. Der nachfolgende Besitzer war Emanuel Kuner vom Blindenhof. Sein Sohn, Her­ mann, der Großvater des jetzigen Inhabers, eröffnete im Jahre 1896 die Gastwirtschaft zum „Falken“. Im Jahre 1924 übergab er das gesamte Anwesen seinem Sohn Franz Josef. Am 30. April 1927 verheiratete er sich mit Hed­ wig, geb. Winterhalter, aus Schollach. Aus dieser Ehe gingen zwei Kinder hervor, der heutige Besitzer Herbert Kuner und seine Schwester Melitta. FranzJosefKuner war ein dynamischer, strebsamer Mann. Neben sei­ ner Gaststätte und seiner 14 ha großen Land­ und Forstwirtschaft gründete er ein Taxiun­ ternehmen sowie einen Speditionsbetrieb. In den zwanziger Jahren wurde dieses Unter­ nehmen mit Pferden durchgeführt. Trans­ portiert wurden insbesondere Fracht- und Stückgut für die Schönwälder Uhrenfabri­ ken zum Bahnhof Triberg und zurück. Außerdem wurde Rundholz aus den Schön­ walder Waldungen zu den umliegenden Säg­ werken und das Schnittholz zu den Hand­ werksbetrieben und Abnehmern gefahren. Mit seinen Pferdegespannen versorgte Franz — JosefKuner bei den Häuslebauern noch den sogenannten Ackergang. Ackergang bedeu­ tete, daß den Kleinbauern ohne Gespann der Ackerboden bewirtschaftet wurde. Franz JosefKuner erkannte rechtzeitig die Bedeutung der Motorisierung. Anfang der dreißiger Jahre kaufte er sich einen Lastkraft­ wagen. Wochentags wurde Fracht- und Stückgut gefahren. An den Wochenenden wurde der Lastkraftwagen zur Personenbe­ förderung – sogenannter Höhenwagen – umgebaut und Ausflugsfahrten durchge­ führt. Mitten in der Aufbauphase des vielver­ sprechenden Personenwagen- und Spediti­ onsbetriebes verstarb am 3. August 1936 der junge, strebsame Unternehmer. Er hinter­ ließ eine junge Frau mit zwei minderjährigen Kindern. Für die junge Wirtin war es keine leichte Aufgabe, die Gaststätte mit der Land- und Forstwirtschaft weiterzubewirtschaften und den Personenwagen- und Speditionsbetrieb 333

weiterzuführen. Ihr ganzes Streben und Mühen galt nur einem Ziel, den gesamten Betrieb im Geiste ihres verstorbenen Man­ nes fortzuführen, um ihn später dem männ­ lichen Nachkommen Herbert übergeben zu können. Nach dem Tode ihres Mannes kam noch erschwerend hinzu, daß drei Jahre spä­ ter der Zweite Weltkrieg ausbrach. Der gesamte Fuhr- und Fahrzeugpark wurde beschlagnahmt. Die Fuhrleute und Kraftfah­ rer wurden zum Militärdienst eingezogen. Das Schicksal schlug bei Familie Kuner erneut zu. Am l. März 1947 verstarb Hedwig Kuner. Die minderjährigen Kinder Herbert und Melitta waren nun allein. Das gesamte Anwesen wurde unter der Obhut eines Vor­ mundes eine Erbengemeinschaft unter den Geschwistern Herbert und Melitta. Im Jahre 1949 wurde die Erbengemeinschaft aufgelöst und das gesamte Anwesen ging in den alleini­ gen Besitz von Herbert Kuner über. Herbert Kuner besuchte in Schönwald die Volksschule und wechselte dann auf das Gymnasium Triberg, welches er mit dem Einjährigen abschloß. Für den jungen Nach- folger galt es nun in der Gastwirtschaft, ins­ besondere in der Küche, mitzuarbeiten. Zu dieser Zeit war der gute Geist des Hauses Tante Hilde, eine Schwester der verstorbe­ nen Wirtin. Von ihr erhielt Herbert Kuner das notwendige Rüstzeug im Kochen. Herbert Kuner verheiratete sich am 6.Juni 1958. Aus dieser Ehe ging ein Sohn hervor. Herbert Kuner erkannte, daß aufgrund des zunehmenden Fremdenverkehrs und Tourismus‘ sein Betrieb erweitert werden mußte, denn sein Haus hatte nur sieben Fremdenbetten und 40 Sitzplätze in der Gaststube. Kuner stand auch vor der schwe­ ren Entscheidung, die Landwirtschaft aufzu­ geben, da sie keine Rendite mehr erbrachte. Die Grundstücke verpachtete er an benach­ barte Landwirte. Im Jahre 1954 erweiterte Kuner die Küche und die Toiletten wurden ausgebaut. Später, in den Jahren 1962 und 1969, wurden weitere Um- und Ausbauten durchgeführt. Das Gebäude wurde um ein Stockwerk erweitert, die Bettenzahl auf 30 erhöht und das 334

Restaurant auf 150 Sitzplätze aufgestockt. Im Erdgeschoß entstand eine Weinstube für 80 Personen. Im Jahre 1974 ehelichte Herbert Kuner in zweiter Ehe Ute, geb. Eisenhut. Mit ihr kam eine Fachkraft in das Haus. Frau Ute ist gelernte Wirtschaftsleiterin. Sie gab dem Haus ihre besondere Note. Will man lukullisch speisen, wird nicht ohne Grund in Schönwald der Gasthof „Fal­ ken“ empfohlen. Die äußere Atmosphäre ist wie geschaf­ fen, die gebotenen Gaumenfreuden stets zu einem kulinarischen Erlebnis werden zu las­ sen. 1982 wurden neue Kühl- und Lagerräume geschaffen. Die Küche wurde nochmals erweitert und nach wirtschaftlichen Ge­ sichtspunkten modernisiert. Alle Zimmer haben Dusche und WC und sind mit Tele­ fon und Fernseher ausgestattet. Herbert und Ute Kuner verfügen über ein eingespieltes Team. Er meint, wir arbeiten „einfach prima“ zusammen und freut sich über das gute Betriebsklima innerhalb der Mitarbeiter. Vier Köche arbeiten bei ihm. Die hervorragende Küche ist weithin bekannt. Zu seinen Leckerbissen gehören Wild- und Fischspezialitäten sowie Pilzge­ richte, je nach Jahreszeit, aus den heimi- sehen Wäldern. Herbert Kuner und seine Mitarbeiter gehen auch auf Sonderwünsche der Gäste ein, wie z.B. Schonkost. Auch kann man im „Falken“ einen hervorragen­ den Suppen- und Gemüseeintopf essen. Die verschiedenen Gäste kehren immer wieder gerne in das Haus zurück. Dies ist der beste Beweis, daß das Umfeld im „Falken“ stimmt. Nach Beendigung der äußerlichen Bau­ maßnahmen ließ Herbert Kuner ein kunst­ voll geschmiedetes Wirtshausschild mit ver­ goldetem Falken anbringen, das sowohl ein herausragender Blickfang für das Haus und eine Bereicherung für das Ortsbild darstellt. Dieser einmalige Zierrat ist für die Gäste und Passanten, insbesondere für die Amerikaner, ein beliebtes Fotoobjekt (vgl. Almanach 1982, ,,Bilder der Heimat“). So wurde aus einem einfachen Dorfgast­ hof innerhalb einer Generation ein Speise­ lokal mit Hotelbetrieb und Räume für viele Gelegenheiten geschaffen. Der „Falken“ ist als renommiertes Haus weit über die Grenzen Schönwalds hinaus bekannt und für den heilklimatischen Kur­ ort ein nicht zu unterschätzender Fremden­ verkehrsbetrieb. Emil Rimmele 335

Landhaus Wagner in Bad Dürrheim Kultivierte Tafelfreuden bei Kerzenlicht Ein stilvolles, herrschaftliches Gebäude im Baustil der Jahrhundertwende. Gepfleg­ tes Ambiente, Kerzenlicht, dezente Musik. Das ist die Atmosphäre, in der das Landhaus Wagner Gaumengenüsse zelebriert. Das direkt neben dem Bad Dürrheimer Kurpark gele­ gene Hotel-Restaurant gilt mittlerweile weit über die Region hinaus als erste Adresse. Auch in den wichtigen Gourmetführern (,,Guide Michelin“, ,,Schlemmeratlas“) wird e lobend hervorgehoben. Das Landhaus Wagner in der Luisen­ straße 18 befindet sich in Familienbesitz. Vor 30 Jahren als Pension von den Schwestern Maria Wagner und Anna 1-Iug gegründet, erfuhr es von der zweiten Generation eine neue Akzentuierung. Anna Hugs Tochter Brigitte, eine promovierte Ärztin, gestaltete zusammen mit ihrem Mann, Küchenmeister Edwin Schöllhorn, das Landhaus Wagner zu einem „Schlemmertempel“ um. Bewußt hielt die Familie Schöllhorn­ Hug-Wagner mit 48 Plätzen das Restaurant überschaubar. ,,Klein, aber fein“, lautet die Devise des 1989 eröffneten Gastronomiebe­ reichs. ,,Der Gast steht im Mittelpunkt und soll sich wohlfühlen“, Edwin Schöllhorn setzt auf Individualität. Der gebürtige Allgäuer Gahrgang 1952) versteht sein Fach. Sofort nach der Schule machte er sein Hobby, das Kochen, zum Beruf. 13 Jahre lang sammelte Küchenmei­ ster Schöllhorn Erfahrung in First-Class­ Häusern der Schweiz, Deutschlands, an 336

der Cöte d‘ Azur, in Griechenland und in Holland. Auch prominente Gaumen goutierten seine Speisen: In Davos bekochte Edwin Schöllhorn den damaligen baden-württem­ bergischen Ministerpräsidenten Lothar Späth, in St. Moritz ließ sich der ehemalige Schah mit Gattin Farah Dibah ein exquisites Menü munden. Was die Kochkunst angeht, schwört der Küchenchef auf sein Spezialrezept. Edwin Schöllhorn verrät die Küchenphilosophie des Landhauses Wagner: ,,Marktfrische Pro­ dukte, schmackhafte Zubereitung, phanta­ sievolle Kreation, optisch ansprechende Prä­ sentation und Offenheit für neue Trends und Gästewünsche.“ Das Ergebnis überzeugt: feinste nationale und internationale Gerichte. Dabei kom­ men bei Meister Schöllhorn alte Rezepte zu neuen Ehren. Im Landhaus Wagner versteht man die Kunst, die gehobene bürgerliche Küche neu zu interpretieren. Da darf es durchaus einmal eine Rinder­ roulade oder ein gefüllter Ochsenschwanz sein, zubereitet a la Landhaus Wagner, abge­ schmeckt mit einem leichten Sößle und komponiert mit raffinierten Beilagen. Weiter stehen alleine neun verschiedene Sorten Frisch-Fisch, Wild aus heimischer Jagd sowie Menü-Vorschläge der Saison auf der Karte. Als Dessert können sich die Gäste solche Köstlichkeiten wie Flan Caramel, Rosenblatt-Halbgefrorenes oder einen haus­ geeisten Christstollen mit Glühweinpunsch auf der Zunge zergehen lassen. Harmonisch abgestimmte edle Weine runden die Gourmetfreuden ab. Ruhig und idyllisch mitten in Bad Dürr­ heims Kurgebiet gelegen, bietet das Land­ haus Wagner neben dem Restaurant sieben Zimmer (alle mit Dusche und WC). Mit Frühstücksbuffet und Halbpension umsorgt der Familienbetrieb seine Gäste. Auf Wunsch geht der diätetisch geschulte Küchenmeister Schöllhorn auch auf beson­ dere Diätanliegen gerne ein. Dagmar Schneider-Damm, M. A. Der Verband der Serviermeister und Restaurantfachkräfte, Sektion Schwarzwald-Baar, aktiv 1979 wurde in Frankfurt der deutsche Ver­ band der Serviermeister und Restaurantfach­ kräfte e. V. (VSR) gegründet. Inzwischen ge­ hören diesem Verband ca. 1500 Mitglieder an. In Deutschland gibt es ca. 30 Sektionen des VSR. Eine der rührigsten Sektionen des VSR ist die Sektion Schwarzwald-Baar, die 1985 von Hans Ulrich Lochar, Fachlehrer an der Landesberufsschule für das Hotel- und Gast- stättengewerbe in Villingen-Schwenningen, Stadtbezirk Villingen, gegründet wurde. Die Sektion Schwarzwald-Baar führt monatlich eine Fachveranstaltung durch, die der Fort­ bildung dient. So wurde im Frühjahr 1992 ein europäischer Juniorenwettbewerb um den Schwarzwald-Baar-Bodensee-Pokal durch­ geführt, der seinesgleichen in Europa sucht. Seit Jahren wirkt die Sektion VSR Schwarzwald-Baar bei hochkarätigen Veran- 337

Zwei Könner des VSR: Remo Obino vom Parkhotel Wehrle in Triberg und Gaetano Modugno vom Seehotel Siber in Konstanz demonstrieren ihr Können bei einem VSR-Abend. bermedaillen zurück. In der Landesberufs­ schule für das Hotel-und Gaststättenge­ werbe wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sowie die beiden Betreuer im Rahmen einer sehr schönen Veranstaltung auch von Landrat Dr. Rainer Gutknecht gebührend geehrt. Ein Mitglied des VSR Schwarzwald-Baar, Volker Wutzmann aus dem Stadtbezirk Schwenningen, wurde baden-württember­ gischer Meister bei den jungen Restaurant­ fachleuten und danach deutscher Vizemei­ ster. Gelernt hat Volker Wutzmann im Kur­ hotel Waldeck-Schrenk in Bad Dürrheim. Im VSR sind nicht nur Fachlehrer der Landesberufsschule für das Hotel-und Gast­ stättengewerbe tätig, sondern diese werden unterstützt von Wirtinnen, Wirten und Ser­ vicemitarbeitern aus der ganzen Region. Der große Enthusiasmus, ja die Leiden­ schaft, mit der Hans Ulrich Lochar die Sektion führt, trägt viel zum Erfolg dieser Sektion bei. Seine Verbindungen reichen inzwischen europaweit. Hier wird von allen ehrenamtlich zum Nutzen der Jugend im Hotel-und Gaststättengewerbe gearbeitet. Verband der Serviermeister und Restaurantfachkräfte e.V., Sektion Schwarzwald-Baar staltungen in ganz Deutschland mit, so z.B. bei internationalen Tennisturnieren, bei Golfturnieren und der Höhepunkt im Jahre 1992 war die Teilnahme einer Servicemann­ schaft am Damenessen des Weltwirtschafts­ gipfels in München, auf Schloß Hohen­ schwangau. Ob Hannelore Kohl, Barbara Bush oder Norma Major, alle Damen, die an diesem Essen teilgenommen haben, waren von der Herzlichkeit und dem fachlichen Können der Mannschaft aus dem Schwarz­ wald-Baar-Kreis beeindruckt. Übrigens wur­ den alle Speisen im sogenannten russischen Service serviert. Bei dieser Serviermethode werden die Speisen den Gästen am Tisch von links angeboten, die Gäste können sich dann selbst aussuchen, was sie möchten. Der VSR Schwarzwald-Baar ist auch in der Jugendarbeit sehr aktiv. So nahmen die­ ses Jahr zwei Jugendmannschaften unter der Führung von Jugendwart Karl Windhaber und seinem Stellvertreter Volker Heimes, beides Fachlehrer an der Landesberufsschule für das Hotel-und Gaststättengewerbe im Stadtbezirk Villingen, an einem großen Wettbewerb auf der Messe Menü und Logis in Frankfurt teil. Von sechs möglichen Me­ daillen, die zu erringen waren, kamen die Schwarzwälder mit vier Gold-und zwei Sil- 338

Sport, Tanz Internationale Deutsche Meisterschaften im Rasenkraftsport in St. Georgen am 15. 8.1992 Hochkarätige Athleten am Start Ein großes Ereignis erlebte am 15. 8.1992 die Bergstadt, insbesondere der Kraftsport­ verein 1898 e. V., der die Internationalen Deutschen Meisterschaften ausrichtete. Mehr als hundert „starke“ Männer und Frauen aus 30 Vereinen der gesamten Bun­ desrepublik waren bei den Deutschen Mei­ sterschaften im Rasenkraftsport in St. Geor­ gen zu Gast. An den Start ging alles, was Rang und Namen hat. Was versteht man unter Rasenkraftsport? Diese Sportart besteht aus den drei Diszipli­ nen Hammerwu,f, Gewicftwuif und Stein­ stoßen. Der Ursprung des Hammerwe,fens liegt in Schottland. Er zählt zu den schwierigsten technischen Disziplinen, da eine perfekte Technik nötig ist. Der Werfer muß bei höch­ ster Konzentration auf engstem Raum dre­ hend den Abwurf so wählen, daß die größt­ mögliche Weite erzielt wird. Das Gewicftwe,fen ist zwar nicht so bekannt wie das Hammerwerfen, aber genau so interessant. Der Wurf erfolgt wie beim Hammerwerfen aus einem Kreis von 2,135 m Durchmesser. Beim Steinstoßen hat der „Stein“ die Form eines Quaders und wird aus dem Anlauf her- Hammerwe,fen 339

aus gestoßen. Hierbei muß der Stein jedoch einarmig getragen und vor einem am Boden befestigten Balken abgestoßen werden. Pro Disziplin hat der/die Sportler/in vier Versu­ che, wobei der beste sowohl für den Drei­ kampf als auch für die Einzelmeisterschaft gewertet wird. Zurück zu der Veranstaltung in St. Geor­ gen. Die Tagesrekordpunktzahl bei den Män­ nern erzielte Alexander Sporrer, SC Preußen Erlangen, mit 2893 Punkten. Von den Sport­ lern aus der hiesigen Region trumpfte derTri­ berger Raimund Dold auf, der den Titel in der Klasse bis 65 kg erfolgreich verteidigte. Lokalmatador Bernd Schwarz konnte in die­ ser Klasse im Dreikampf den dritten Platz erkämpfen. Sein Vereinskamerad Matthias Stockburger erreichte im Steinstoßen mit 8,88 Meter den vierten Platz. Ihren Aufwärtstrend in dieser Randsport­ art unterstrichen vor allem auch die Frauen, die drei neue deutsche Rekorde aufstellten. In besonders hervorragender Form präsen­ tierte sich dabei Diana Held, TG Lichtenfels, im Dreikampf bis 65 kg mit der neuen deut­ schen Rekordpunktzahl von 2718 Punkten. Dies bestätigt, daß der Rasenkraftsport auch bei den Frauen immer mehr im Kommen ist. Jeweils vier Frauen aus vier unterschied­ lichen Gewichtsklassen bilden eine Mann­ schaft. Den deutschen Mannschafts-Mei­ stertitel sicherten sich die Damen des TV Heppenheim mit insgesamt 8876 Punkten. Bei den Männern kämpften sieben Teams um den Titel. Hier bilden jeweils sechs Sportler aus sechs Gewichtsklassen eine Mannschaft. Mit einem Vorsprung von 122 Punkten siegte der TV Langen brand aus Süd­ baden mit 13 735 Punkten vor Leichlingen aus Nordrhein-Westfalen. Auf dem vierten Platz landete der SV Triberg. Doch nicht nur die sportlichen Leistun­ gen waren mehr als zufriedenstellend, auch organisatorisch lief alles bestens über die Gewichtwe,fen 340

Bühne. Rund 45 Helfer und Helferinnen waren im Einsatz und stellten den reibungs­ losen Ablauf der Meisterschaften sicher. Wettkampfleiter, Protokollführer und viele freiwillige mit anderen Funktionen, die vom KSV St. Georgen und vom Verband gestellt wurden, bildeten das organisatorische Um­ feld. Im Wettkampfbüro wurde eine moderne Computeranlage mit den aktuellsten Ergeb­ nissen „gefüttert“, die Daten umgerechnet und ausgedruckt, so daß die Beteiligten immer auf dem neuesten Stand waren. Der Rasenkraftsport hat in St. Georgen Tradition. Zahlreiche Sportler des Kraft­ sportvereins St. Georgen waren und sind noch heute auf nationaler Ebene erfolgreich. Oft schon übernahm der Kraftsportverein die Ausrichtung eines überregionalen Wett­ kampfes, so bereits auch die Deutschen Mei­ sterschaften 1941 und 1970, und leistete damit einen bemerkenswerten Beitrag für diese Sportart. Steinstoßen Christina Gronmaier Mit Pfeil und Bogen zur Deutschen Meisterschaft Willi Heldt Die 30jährige Villingerin Christina Gron­ maier schätzt an ihrem Sport Unabhängig­ keit, Bewegung an der frischen Luft und das Bewußtsein, allein verantwortlich fürs Gelingen zu sein. Das Ziel fest ins Auge fassen. Für Chri­ stina Gronmaier regelmäßige, selbstver­ ständliche Übung, wenn sie mit Pfeil und Bogen den weit entfernten Ring in der Mitte der Scheibe anvisiert. Das Ziel fest ins Auge fassen heißt für sie aber auch: die Verteidi­ gung ihres Titels als Deutsche Meisterin im Bogenschießen. Erst im Herbst 1992 hatte sie sich in München diesen Titel erkämpft, als Krönung ihrer zwölfjährigen Laufbahn als Bogenschützin. Doch nicht nur hartes Training und Wett­ kampferprobung gehören zu ihrer Vorberei- tung auf die Meisterschaft: Jagd- und Feld­ schießen erweitern das Programm. ,,Das Schießen im Wald hat zwar nur wenig Trai­ ningseffekt, aber es macht viel Spaß.“ Sie schätzt die Abwechslung, beim Jagdschie­ ßen muß die Entfernung zur Scheibe geschätzt werden, das gemeinsame Abgehen des Parcours in der Gruppe und vor allem den mehrstündigen Aufenthalt in der Natur. Wie Tina Gronmaier zum Bogenschießen kam? Ihr Freund, heute ihr persönlicher und gleichzeitig Bundestrainer, hat geschossen. Sie sei dahinter gehockt und habe zugese­ hen, bis ihr das schließlich zu langweilig wurde. ,,Das probiere ich auch mal“, sagte sich Tina. Eigentlich sei sie viel besser als er, gab der Freund bald zu – jetzt steht er hinten dran, und sie schießt. Viel Training sei nötig 341

in diesem Sport; Geduld, Ausdauer und Konzentration stehen an erster Stelle. Die Kraft käme dann meist von allein, meint die Bankkauffrau. Sie selbst betreibt allerdings zusätzlich ein �pezielles Krafttraining, schon um eine Uberlastung der Sehnen und Bänder zu ver­ meiden. Ausgleichsgymnastik und mentales Training gehören zum Programm. Was für Tina Gronmaier das Besondere an ihrem Sport ist? Das Draußensein in der Natur, die Bewegung an der frischen Luft; das Bewußtsein, mit sich allein zu sein. Ganz allein verantwortlich zu sein, ob der Pfeil exakt im Ziel ankommt oder nicht. Außer­ dem schätze sie die Unabhängigkeit: ,,Ich brauche nur Pfeil und Bogen, keine Halle, keinen Partner, bin auch nicht an bestimmte Zeiten gebunden.“ Auch das Alter spiele keine Rolle. Die 30jährige ist überzeugt davon, daß sie auch mit 60 noch auf dem Platz steht. Ob Bogenschießen – als Angriff mit einer Waffe – nicht ein ungewöhnlicher Sport für eine Frau sei? Aber nein, zeigt sie sich über­ rascht: ,,Der Bogen ist doch keine Waffe, sondern ein Sportgerät!“ Für sie bedeute Bogenschießen Ausgleich zu Beruf und All­ tag. Sich aufs Schießen konzentrieren, beru­ higt und macht die Gedanken frei. Auswir- Jochen Heckmann Tänzer, Choreograph und Lehrer Sein Leben ist Bewegung: Jochen Heck­ mann. Der junge Bad Dürrheimer Qahrgang 1968) ist auf dem besten Weg, eine Karriere als Tänzer und Choreograph zu machen. Im wahrsten Sinn des Wortes: Schritt für Schritt zum Erfolg. Jochen Heckmann stammt aus einer Spartierfamilie. Vater Heinz Heckmann, im Hauptberuf im Landratsamt in Villingen­ Schwenningen tätig, genießt als Kunstturn­ trainer einen Ruf in der ganzen Region. Mit drei Jahren in der Purzelbaumgruppe, dann 342 kungen des Sports auf ihr Privatleben stellt sie ebenfalls fest. Was sie tue, tue sie heute wesentlich bewußter und konzentrierter als früher, im Beruf wie zu Hause. Carmen Schreiber bei den aktiven Turnern und schließlich bei den Kunstturnern – so fangt alles an. Das Thema Tanz entdeckt Jochen Heck­ mann mit 16 Jahren in der Tanzschule. Dann geht es Schlag auf Schlag: Absolvierung aller Tanzkurse bis zum Gold-Star-Abzei­ chen, Besuch von Jazztanzgruppen und Work­ shops in Jazz, Modem Dance und Step, dane­ ben Leitung einer Kinder:Jazztanzgruppe beim Tumerbund Bad Dürrheim. Mit der Bad Dürrheimerin Elvira Moser­ Karrer tritt Jochen Heckmann 1987 als Duo

„Das Paar“ erstmals ins Rampenlicht und das gleich richtig. Die Auftritte beim Deutschen Turnfest in Berlin und bei der Weltgymna­ strada in Dänemark stoßen auf große Reso­ nanz. Im selben Jahr initiiert und leitet Heck­ mann die „Bewegungswerkstatt“ mit 80 Teil­ nehmern. Der Wochenend-Workshop, der seitdem regelmäßig in Bad Dürrheim auf dem Programm steht, mündet in die Grün­ dung des Tanztheaters „Backstage“. Nach dem Abitur 1987 am Hoptbühl­ Gymnasium in Villingen wagt der Amateur­ tänzer, bestärkt von seinen Eltern, den Sprung ins Profilager und absolviert eine Ausbildung an einer Ballettfachschule in Erlangen als Tänzer und Tanzpädagoge mit den Fächern Klassisches Ballett, Modem Dance, Jazz, Step und Pädagogik. Schon während der „Lehre“ ist Jochen Heckmann von Kopf bis Fuß aufTanz einge­ stellt. Beleg dafür sind zwei eigene, abendfül­ lende Produktionen. Das moderne Märchen „Die Träume des Herrn W.“ erlebt im März ’88 in Öfingen seine Premiere. Im Mai ’89 sehen 800 Zuschauer in Bad Dürrheim Heckmanns Bewegungstheater „Backstage“ mit der Eigenproduktion „Wie wir alle; im Alltag nichts Neues“. Die Tatsache, daß der junge Baaremer kei­ nesfalls Tanz von der Stange, sondern feinste Qialität zu bieten hat, beschert ihm 1989 ein Stipendium in Paris an der renommierten „Academie de Danse Classique“ bei Solange Golovina. Die Mitarbeit an kleineren Pro­ duktionen und Tätigkeiten als Choreograph bereichern die Zeit in Paris, das traditionell als Mekka des Tanzes gilt. Mit Tänzern aus Paris und von „Back­ stage“ bringt Heckmann im September 1990 seine Choreographie „Die Suche nach dem verlorenen Ich“ im Bad Dürrheimer Haus des Bürgers auf die Bühne. Dann beginnt der Abschnitt, den das Tanztalent selbst als „die professionelle Zeit“ bezeichnet. Zwischen den Zeiten 343

mit beiden Beinen im Leben steht. ,,Ich möchte bis ins hohe Alter in meinem Beruf arbeiten. Aber nicht aus Be essenheit, son­ dern weil es Spaß macht.“ Der verantwor­ tungsbewußte Umgang mit dem Körper, das Hören auf die innere Stimme sind Jochen Heckmann Verpflichtung. Den bislang größten Erfolg seiner Lauf­ bahn verbuchte Heckmann im Mai 1992 beim sechsten Internationalen Choreogra­ phenwettbewerb in Hannover. Unter 50 Teilnehmern, darunter Choreographen gro­ ßer Staatsopern und Städtischer Bühnen, trug Heckmann mit seinem Pas de Deux ,,Zwischen den Zeiten“ den Sieg davon. Jochen Heckmann, mit 24 Jahren damals jüngster Teilnehmer in Hannover, hatte nicht nur die Choreographie zur Musik von Keith Jarrett erarbeitet, sondern tanzte selbst auch den männlichen Part. Einstimmig lobte die Jury die professionelle Gesamtkon­ zeption: ,,Idee, Aufbau, Umsetzung, Musik, tänzerische Darstellung stellen eine Harmo­ nie dar.“ Für Heckmann war es nicht nur Lohn für „beinharte“ Arbeit, sondern auch Bestätigung, auf dem richtigen Weg zu sein. Dripping Stones Dripping Stones Eigentlich wollte sich Heckmann – paral­ lel zu Studien in New York – an der staat­ lichen Schweizer Ballettberufsschule in Zürich den letzten Schliff erarbeiten. Gleich am ersten Tag geschieht es. Paula Lansley, die Direktorin der bekannten Tanzkompanie ,,Contemporary Dance Zürich“ und Dozen­ tin für Modem Dance, entdeckt Heckmann. Sie bietet ihm, dem Schüler, spontan eine Mitarbeit als Tänzer und Choreograph in ihrem Ensemble an. Und in der Züricher Ballettschule „Arena 225″ ist er bald selbst ein gefragter Lehrer für Jazz und Modem. Tänzer, Choreograph und Lehrer. Das sind die drei Schienen, die Jochem Heck­ mann von Anfang an parallel geführt hat. Ebenso wie er immer gleichzeitig Lernender und Lehrender war. Für ihn, der den legen­ dären Tänzer Waclaw Nijinskij (1890-1950) als ein Vorbild hat, zählen nicht Druck und Hochleistung: ,,Tanz muß von innen kommen. Tanz ist ganz einfach Freude. Tanz ist Lebensphilosophie. Tanz ist meine Art, mich als Mensch auszudrücken und anderen etwas zu geben.“ Der gebürtige Bad Dürrheimer ist ein Tänzer mit Bodenkontakt. Ein Realist, der 344

„Zwischen den Zeiten“ handelt, ebenso wie Heckmanns andere Stücke, von zutiefst menschlichen und existentiellen Themen. In den getanzten Geschichten geht es um Menschen am Scheideweg, um Abschied und Neuanfang, Lebensstationen eines Indi­ viduums, Momentaufnahmen einer Bezie­ hung, die Suche nach Harmonie und auch um den Mut, neue Wege einzuschlagen. Und immer sind Jochen Heckmanns Cho­ reographien mit der besonderen (Fuß-)Note autobiographisch. Der Künstler schätzt auch die Arbeit als Tänzer: ,,Tanz ist Ausdruck der Seele und damit viel näher und direkter als Sprache.“ Als Choreograph nutzt Heckmann die Chance, Kreativität zu entfalten, frei zu sein: „Aber manchmal weiß man gar nicht wohin mit der Freiheit. Dann muß ich mir selbst Grenzen setzen.“ Sein größtes Ziel: ,,Den Zuschauer inner­ lich anrühren, bewegen, das ganze Spektrum an Gefühlen entfesseln.“ Das größte Kom­ pliment ist, wenn ein gestandenes Manns­ bild am Ende der Vorführung mit den Trä­ nen kämpfend sagt: ,,Das war Leben auf den Punkt gebracht.“ Als Lehrer liebt Jochen Heckmann die Weitergabe des Verinnerlichten, das Teilen seiner Tanz(er-)kenntnisse. Nach einer Dozententätigkeit an der Schweizerischen Ballettberufsschule in der Klasse für Modem Dance und Choreographie von Juni ’92 bis August ’93 folgte mit dem zweijährigen Engagement als Solist des Tanzensembles des Stadttheaters Hagen (Künstlerischer Lei­ ter ist der britische Choreograph Richard Wherlook) eine weitere wichtige Station. Neben den täglich bis zu acht Stunden Tanztraining findet Jochen Heckmann noch Zeit für Tanzprojekte (zum Beispiel „Artno­ corp“ mit der Liechtensteinerin Jacqueline Beck), Workshops sowie für seine Hobbys Lesen, Musik, Essengehen und für seinen Hund. Der heimliche Traum des Jochen Heck­ mann? ,,Ballettdirektor in einem großen Opernhaus im deutschsprachigen Raum werden und mit einer guten Kompanie eigene Choreographien erarbeiten und auch auf Tournee gehen. Vielleicht irgendwann eine eigene Tanzschule aufbauen und weiter­ hin als Dozent an Akademien und in Work­ shops wirken.“ Dagmar Schneider-Damm, M. A. In memoriam Oskar Grießhaber Eine Turnlegende Als am 14. Februar 1992 eine große Trauer­ gemeinde die sterbliche Hülle des allseits geschätzten Mitbürgers Oskar Grießhaber zu Grabe trug, galt es nicht nur Abschied zu nehmen von dem hochverdienten Ehren­ oberturnwart und Wegbereiter des Turner­ bundes, sondern auch von einer weit über die Stadtgrenzen von Bad Dürrheim hinaus bekannten Sportpersönlichkeit. Oskar Grießhaber, am 2. Januar 1907 ge­ boren, stammt aus einem alteingesessenen Dürrheimer Geschlecht. Als gelernter Uhr­ machermeister und Absolvent der Staat­ lichen Feintechnikschule war er Abteilungs- leiter bei den KIENZLE-Uhrenfabriken in Schwenningen. Seit frühester Kindheit dem Turnen mit Leib und Seele verschrieben, wurde ihm die turnerische Idee zum Lebensinhalt. Bereits mit 12Jahren stand er in den Reihen der Akti­ ven des TB Bad Dürrheim.1924 übernahm er das Amt des Turnwarts, von 1948 bis 1974 war er Oberturnwart und seither Ehrenoberturn­ wart und allseits gefragter Nestor des Vereins. In den Jahren nach dem Krieg war er der Hauptinitiator des turnerischen Wiederauf­ baus in Bad Dürrheim. Ihm ist es zu verdan­ ken, daß das Turnen in seiner Heimatstadt 345

1956 brachte er immer wieder neue Ideen ein, und beeinflußte so maßgeblich den Aufbau des Geräteturnens im Schwarzwald. Darüber hinaus verstärkte er während 10 Jahren das Team der Kinderturnwarte im TV Sunthau­ sen, um auch dort seine vielfältigen Erfah­ rungen weiterzugeben. In seinem turnerischen Lebensweg waren die großen Turnfeste und ganz besonders die Deutschen Turnfeste stets entscheidende Stationen. Sie bewirkten eine immer engere Bindung an seine ideale. Besonders beein­ druckt war er von der aktiven Teilnahme an den Deutschen Turnfesten 1938 in Breslau, aber auch 1953 in Hamburg, von denen er noch an seinem 85. Geburtstag, wenige Wochen vor seinem Tod, schwärmte. Für seinen Idealismus und seine außerge­ wöhnlichen Verdienste um die Turnbewe­ gung wurden ihm viele Ehrungen zuteil. Mit allen Auszeichnungen des heimischen Ver­ eins und des Turngaues bedacht, ehrten ihn auch der Badische und der Deutsche Turner­ Bund mit der Goldenen Verdienstplakette und dem DTB-Ehrenbrief. Für seine vorbild­ liche Jugendarbeit verlieh ihm der damalige Bürgermeister Otto Weissenberger 1977 die silberne Ehrenplakette der Stadt Bad Dürr­ heim, und als Krönung erhielt er 1981 als erster Bürger den neu ge chaffenen Sportler­ ehrenbrief. Aber auch das Land Baden­ Württemberg würdigte seine langjährige ehrenamtliche Tätigkeit mit der Verleihung der Ehrennadel. Während seiner mehr als 40jährigen Tätigkeit sind viele Bad Dürrheimer Bürge­ rinnen und Bürger als Kinder in seine „Turn­ schule“ gegangen. Er war für sie alle ein Vor­ bild, der es verstand, jene Zeichen zu setzen, die einen geordneten Lebensweg besser und leichter finden ließen. Seine Bescheidenheit trotz aller Erfolge und Leistungen, seine Bemühungen um mitmenschliche Kontakte und seine großen Fachkenntnis e auf allen Gebieten des Turnens haben ihn zur Sym­ bolfigur für Turnen werden lassen. Das Bild von Oskar Grießhaber wäre jedoch unvoll­ ständig, würde man nicht auch seine Familie, trotz aller schwierigen und widrigen Trai­ ningsbedingungen in den 50er Jahren erhal­ ten blieb. Für ihn war es nichts Ungewöhnli­ ches, selbst im Winter in ungeheizten Scheu­ nen mit Jugendlichen zu turnen, und sie so für eine sinnvolle Freizeitgestaltung zu begeistern. Dafür opferte er bis zu 20 Stun­ den in der Woche. Sein Leitspruch als Turn­ wart war stets „Vormachen bringt mehr als viele Worte“. Und damit hat er es in einer ihn auszeichnenden Art und Weise verstanden, junge Menschen für das Turnen und den Sport zu gewinnen, ohne sich ihnen aufzu­ drängen. Seine freundschaftliche, vertrau­ enswürdige und allen neuen Ideen aufge­ schlossene Art hat ihn zu einem Idol der Turnjugend werden lassen. Bis zuletzt vertrat er die Ansicht, man muß mit der Jugend leben, um im Alter jung bleiben zu können. Die Begeisterung für die turnerische Lei­ besübung sowie seine Erfolge als Turnwart­ seine Jugendmannschaft wurde 1952 südba­ discher Meister – veranlaßten ihn auch zur Mitarbeit im Badischen Schwarzwald-Turn­ gau. Als Gaujugendturnwart von 1952 bis 346

seine christliche Einstellung und seine Hei­ matliebe zu Bad Dürrheim eiwähnen, die ihm die Kraft gaben, seine ehrenamtlichen Aufgaben zu bewältigen, die für ihn Erfül­ lung waren. Oskar Grießhaber hat wahrlich Sportge­ schichte nicht nur in seiner Heimatstadt Bad Dürrheim, sondern auch über deren Gren- zen hinaus gemacht. Zur Erinnerung an diese große Sportpersönlichkeit trägt die Turnhalle der Grund- und Hauptschule, in der er über 20 Jahre gewirkt hat, seit dem 25. Mai 1992 offiziell den Namen „Oskar­ Grießhaber-T urnhalle“. Heinz Heckmann Die Freizeit für den Rasenkraftsport Hermann Lichtenberg zum Gedächtnis sich mit Maria geb. Meier, die ihm eine Tochter schenkte. Diese Zeit im Reichs­ arbeitsdienst, in der er als Sportleiter einge­ setzt wurde, kam seinem Bestreben zur eige­ nen sportlichen Leistungssteigerung ent­ gegen. Beim Vorübergehen an Übungs- und Trai­ ningsplätzen in Furtwangen in den 50er bis in die 70erJahre hinein konnte man oft eine kleine Schar von Sportlern bemerken, die nach jeder Wurf- oder Stoßübung vom älte­ sten Teilnehmer eingehendst und tempera­ mentvoll Rat- und Vorschläge erhielten, die dieser zusätzlich gestikulierend verdeutlicht hat. Bei den ausgeführten Übungen handelte es sich um den etwas im Schatten anderer Sportarten stehenden Rasenkraftsport und beim Trainer, in der kräftig wirkenden Statur, um den allseits geschätzten Athleten Her­ mann Lichtenberg. 1909 in Baden-Baden geboren, wuchs Lichtenberg in Furtwangen auf, erlernte den Feinmechaniker-Beruf und trat, bei steigen­ der Begeisterung für den Leistungssport, schon 1919 dem hiesigen „Kraftsport-Klub 1906 e. V. (KSK)“ bei. Bereits 1929 wartete er mit guten Leistun­ gen auf, warf den Speer 58,90 Meter weit, schleuderte den Schleuderball über 60 Meter und erreichte 1935 für die damalige Zeit her­ vorragende 4.000 Punkte im Zehnkampf. Als junger Mensch bekam auch Hermann Lichtenberg die damals um sich greifende Wirtschafts- und die zwangsläufig auftre­ tende Beschäftigungskrise zu spüren. Dies dürfte auch der Grund für den Beitritt 1933 zum Reichsarbeitsdienst, zuerst nach Do­ naueschingen, dann nach Achern gewesen sein. Er gründete eine Familie, verheiratete 347

Nach dem Krieg und der Gefangenschaft kehrte Hermann Lichtenberg 1945 mit Fami­ lie nach Furtwangen zurück, baute sich mit enormer Eigenarbeit ein Eigenheim und widmete sich in seiner Freizeit mit großer Ausdauer dem Rasenkraftsport, den er in seiner Heimatstadt und Umgebung popu­ lär machen sollte. Hierfür bedurfte es neben einer soliden Lebenshaltung nicht zuletzt vieler harter Trainingsstunden, um bei Meisterschaften im Dreikampf in den kraftfordernden Übungen: Hammerwerfen, Gewichtwerfen und Steinstoßen, und in den Einzeldisziplinen: Hammerwerfen und Steinstoßen, die sich selbstgestellten Ziele zu erreichen. Im Laufe der Jahre summierten sich die Teilnahmen Lichtenbergs an Wettkämpfen und die dabei erreichten guten Plazierungen ließen aufhorchen. So war er jahrelang Stadt­ und Bezirksmeister, errang 16 Südbadische und 14 Gesamtbadische Meistertitel. Höhe­ punkte waren in seiner Laufbahn 1967 in Hannover der Deutsche Meistertitel im Dreikampf und 1969 und 1971 jeweils der 3. Platz im Steinstoßen ebenfalls bei Deut­ schen Meisterschaften. Weiterhin erreichte er in internationalen Wettkämpfen hervorra­ gende Plazierungen, so bei den Senioren­ Weltspielen 1979 in Hannover einen 3. Platz und damit die bronzene Medaille, 1984 in Brighton (England) den 4. Platz und 1985 bei den Veteranen-Weltmeisterschaften in Rom mit 76 Jahren wieder einen 3. Platz Ueweils im Hammerwerfen). Nach all diesen respektablen Erfolgen, konnte es nicht ausbleiben, daß Hermann Lichtenberg 1969 die von der Stadt Furtwan­ gen 1965 gestiftete Sportlerplakette „für her­ vorragende sportliche Leistungen“ als erster in „Gold“ verliehen erhielt, die er noch zwei­ mal nach den erwähnten internationalen Starts in Brighton und Rom entgegenneh­ men konnte. Seinem Verein, dem KSK, blieb er traditionsverbunden treu, als es 1969 zum Übertritt der Rasenkraftsportler in einen neugegründeten eigenen Sportverein ge­ kommen ist. 348 Nach einem von viel Idealismus gepräg­ tem Leben verstarb 1990 Hermann Lichten­ berg 8ljährig und wurde, unter großer Anteil­ nahme, in seiner Heimatstadt beerdigt. Und ihm, dem „alten Haudegen zu Ehren“, wie es die Klub-Vorstandschaft begründete, soll in einem kameradschaftlichen Volkssport­ Pokalwettkampf (Kugelstoßen, 100-m-Lauf, Weitsprung und Baumstammwerfen) all­ jährlich das „Hermann-Lichtenberg-Ge­ dächtnisfest“ stattfinden. Ludwig Baumann Die Bücher Bücher sind Freunde. Gefüllt mit Worten schenken sie Freude an allen Orten. In Büchern zu blättern, in Schriften zu lesen, was sie von gestern, von heute erzählen. Viel steht geschrieben, was vor tausend Jahren, die Menschen getrieben, die auf Erden waren. Auch die Welt von heute, die Dichter beschreiben, und was wird ihr Leute, einst von uns bleiben. Bücher sind Schätze, sind Freunde auf Zeit, sind Kameraden, sind Werke bis in die Ewigkeit. Margot Opp

Prosa und Lyrik aus unserer Heimat Der Kaiser, der Schultheiß und sein wackeres Töchterlein Ein Baaremer Märchen Vom burggekrönten Gipfel des Fürsten­ bergs herab sprengt auf prächtigem Rappen kühn über Stock und Stein ein stattlicher Ritter in die weite Landschaft der Baar, froh­ gestimmt wie ringsum die Welt im Glanz der strahlend aufgehenden Sonne. Es ist – man höre! – Maximilian, der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Spitzbübisch schmunzelt er, es ist ihm nämlich gelungen, heimlich in aller Frühe aus der Burg seines gräflichen Gastgebers zu schleichen, hinaus in die Freiheit, wenig­ stens für ein paar Stunden.Ja, in die Freiheit! Das will etwas heißen; denn ein hoher Herr ist stets von allerlei Leuten umgeben und bedrängt, von aufdringlichen Diensteifrigen und von Schmeichlern. Es fordert viel Schlauheit, List, gute Worte und vor allem Gulden, um sich ihnen zu entziehen. – Die Gulden steckte diesmal der Stallmeister für seinen Beistand ein … Schon galoppiert der Kaiser durch den märchenhaft schönen Berchenwald, über die schäumende Breg und hält vor dem Süd­ tor der mauerumgürteten Stadt Hüfingen, dem ehemaligen römischen Siedlungsmit­ telpunkt Brigobanne. Der Torwächter erkennt ihn nicht, aber einem so vornehmen Ritter öffnet sich das sonst so streng behütete Stadttor wie von selbst. Natürlich spielen dabei schöne, runde Gulden eine nicht geringe Rolle. Vor dem Rathaus steigt der Kaiser ab. Der Nachtwächter, der sich gerade nach nächt­ lichem Dienst auf dem Heimweg befindet, erkennt ihn, kriegt einen heillosen Schreck, macht in seiner Aufregung einen lächerlich ungeschickten Kratzfuß, bietet ihm allerun­ tertänigst seine Dienste an, will zum Mesner eilen und ihn auffordern, zur Begrüßung Seiner Majestät Sturm zu läuten. Aber der Kaiser winkt lachend ab und bittet ihn bloß, sich liebevoll um den Rappen zu kümmern. „Nichts lieber als das ,Majestät!“‚ jubelt der Nachtwächter glückselig. Mit gemächlichen Schritten, entspannt wie noch nie, beginnt nun der Kaiser seinen Rundgang durch das noch verschlafen anmutende Städtchen. Aber noch ehe er in die Salzgasse einbiegt, ist es, vom Nacht­ wächter aufgerüttelt, aus seinem Schlummer jäh erwacht. Und aus allen Gassen strömt jung und alt, um dem Kaiser, von dessen Güte, Mildtätigkeit, Großmut und Tapfer­ keit man sich wahre Wunder erzählt, einmal zu huldigen. Bald bildet sich in respektvol­ lem Abstand ein Spalier. Und durch die Rei­ hen geht ein Murren, weil der Schultheiß so saumselig ist und so lange auf sich warten läßt. Endlich stürzt er herbei mit hochrotem Gesicht, in schrecklicher Verlegenheit und Verwirrung; denn es bleibt ihm ja nichts anderes übrig, als eine Begrüßungsansprache aus dem Stegreif zu halten, und ihm glücken doch selbst Reden nicht, auf die er sich mit Hilfe seiner Frau tagelang hat vorbereiten können. Doch sein Sekretarius, ein großer Meister freier Rede, muß ihm meist alle Pflichten dieser Art abnehmen. Ist es daher ein Wunder, daß unser geplagter Schultheiß schon nach tiefer, allzu lang währender Ver­ beugung und kläglich hingestotterter An­ rede ,,Allerhöchste Majestät“ jämmerlich stecken bleibt? Der erlauchte Herr lächelt nachsichtig und wohl auch ein wenig belustigt. Die Rats­ herren ringsum, selbst keine flotten Redner, lassen ihr Oberhaupt zappeln. Und der Sekretarius denkt rachsüchtig: ich könnte 349

ihm ja aus der Patsche heraushelfen, aber ich werde mich hüten, hat er mich doch gestern vor allen Leuten ungerecht angeschnauzt. Und die Menge weidet sich kichernd an dem immer wieder ansetzenden, abgehackten Gestammel und der schauerlichen Leere und Öde der Pausen. Fast hilflos steht der sonst so tüchtige Schultheiß, der in seiner schmucken Amts­ stube so selbstbewußt herrscht, vor dem Kai­ ser- und niemand weiß, wie das weitergehen und enden soll. Da – springt plötzlich behend wie ein Eichkätzchen ein hübsches junges Mädchen herzu, Lisa, des Schultheißen Töchterlein, küßt den Kaiser ohne Umstände und Schüchternheit auf den Mund, bricht dem Überraschten schier die Rippen im Sturm, lacht lustig über sich selbst und ersetzt die verpatzte Rede: ,,Mächtiger, weiser, hoher Herr und Kaiser, ich bin nicht spröde; nehmt diesen Kuß ohne Verdruß als Inhalt und Schluß der Schultheißenrede!“ Der Schmatz hat dem Kaiser herrlich gemundet; denn er war kräftig, gar nicht zag- Brief an Robert Gerwig haft und mehr als bloß ein diplomatischer Schmatz; er kam aus holderen Bereichen als nur aus kalter Berechnung. In dem zierlichen Geschöpfchen war ein Ahnen erwacht, wel­ che Reize und Macht, welch sieghaften Schatz ein junges Weib in sich birgt, und es hat sich nicht geirrt: ritterlich zieht der Kai­ ser seinen kostbarsten Ring vom Finger und reicht ihn huldvoll der schalkhaft knixen­ den, anmutigen, wackeren Nothelferin. Und dem etwas verschämt abseitsstehen­ den Schultheißen reicht er herzlich ermun­ ternd die Hand – und somit ist alles wieder im Lot. Die Menge jubelt und läßt nicht nur den Kaiser und Lisa hochleben, sondern auch – nach kurzem Zögern – ihren Schult­ heißen. Vom Kirchturm herab kommt ein mächti­ ger Schwall feierlicher Töne: das Festgeläut sämtlicher Glocken. Sogar das schrille Mor­ genglöcklein der Loretto-Kapelle darf mit­ schwingen und -klingen. Auch des Kaisers Rößlein, das am plätschernden Stadtbrun­ nen eifrig schlürft und seinen Durst stillt, spürt auf seine Art des Augenblicks Feierlich­ keit und wiehert mutwillig über alle Köpfe hinweg in den sonnenflimmernden Hoch­ sommertag. Rolf Steiner Hochverehrter Herr Baudirektor Gerwig, von mir, einem Nachgeborenen, werden Sie zuletzt einen Brief erwarten, dazu noch in einer Zeit, da Sie weder einen „runden“ Geburtstag feiern noch ein Jubiläum an­ steht. Doch braucht Ihr großes Werk, die Schwarzwaldbahn, dafür beides nicht, kei­ nen Anlaß, keine Rechtfertigung, denn es lebt auch nach über hundert Jahren nie­ mand, der diese Gebirgsbahn nicht bewun­ dert, und niemand ist, trotz fortgeschrittener Technik je auf die Idee gekommen, Ihre Streckenführung verbessern zu wollen. Wohl haben viele sie zum Vorbild genom­ men. Darin liegt ja das Geniale, es ist auch das Kennzeichen des Klassischen, des Vollende­ ten, daß ein Werk gar nicht mehr anders gedacht werden kann, es ganz selbstverständ­ lich so hatte geschaffen werden müssen, wie es vor uns steht. Absurd der Gedanke, etwa die Golden-Gate-Brücke oder das Empire­ State-Building weiterentwickeln zu wollen. Nun hat auch diese Ihre Bahn ihre eigene Geschichte; das Vorhaben der Großherzog­ lich Badischen Regierung und seine Ver­ wirklichung durch Sie zeitigten Folgen, die 350

damals auch der Weitestblickende und Scharfsinnigste nicht voraussehen konnte. Prophezeihungen dieser Art sind unmög­ lich. Auch dies gehört zum zutiefst Mensch­ lichen, daß die Konsequenzen von Gedan­ ken und Taten ihren Urhebern entgleiten. Vieles geschieht im Sinne des Erfinders, vieles nicht. In Gemeinden, die die Bahn berührte, war das Bewußtsein der Menschen verändert, sie fühlten sich nicht mehr als Hinterwäldler. Das Tor zur weiten Welt war aufgestoßen. Dörfern, Städtchen ohne, oder ohne leicht erreichbaren Bahnhoffehlte nach ihrer Mei­ nung etwas Entscheidendes, und der Wett­ lauf um den Anschluß an die Bahnlinie hat für die Nachwelt etwas geradezu Spaßiges. Das tägliche Leben, die Existenz vieler, wurde durch einen neuen und sehr zuverläs­ sigen Arbeitgeber recht handfest und positiv beeinflußt, mochten auch die Zeiten sonst böse sein. Die Bahnhöfe waren rund um die Uhr besetzt, die Dienstzeiten für heutige Verhältnisse endlos lang, die gesamte Strecke mußte täglich abgeschritten und die Schie­ nen auf mögliche Brüche hin überprüft wer­ den. Unter die Schwellen der sich absenken­ den Gleise mußten von der „Rotte“ mit der Spitzhacke die Schottersteine geschlagen werden; ,,Steine verstecken“ nannten sie das in verharmlosender Redeweise, denn es war eine harte Arbeit, besonders im Sommer, wenn sie in einem heißen Dobel oder auf freier, schattenloser Strecke geleistet werden mußte. Verantwortungsvoll war jede Tätigkeit an der Bahn immer. Genauigkeit, Wachheit, Pünktlichkeit erforderte sie jeden Augen­ blick. Niemand wußte so genau wie die Bahnbeamten: ,,Wo der Name steht, steht der Kopf“. Das prägte die Menschen. Akku­ rat war ihr Wesen, ihr Leben meist auch außerhalb der Dienstzeit wie nach dem Fahr­ plan ausgerichtet, exakt ihre Aussagen, wie sie sie von ihrer Umgebung, eigentlich von der ganzen Welt, auch erwarteten, und nichts konnte den Großvater mehr in Rage versetzen als vage, halbrichtige Angaben, von Schlamperei und Oberflächlichkeit ganz zu schweigen. Am liebsten hätte er – und nicht nur er allein – die Weltgeschichte mit der Präzision des Eisenbahnsystems ablaufen sehen. Hier wurden (und dies bis heute) Tugenden ver­ wirklicht, denen der Bahnbetrieb sein ord­ nungsgemäßes Funktionieren, Menschen die Freude am Reisen, letztlich ihre körperli­ che Unversehrtheit, verdanken. Der Arbeitgeber besorgte seinen Bedien­ steten auch die Wohnung, für heutige Ver­ hältnisse zwar an unmöglichen Stellen, wo sie eben für ein personalintensives Unter­ nehmen zweckmäßig war, oft in der tiefsten Waldeinsamkeit, und dennoch: Wieviel bescheidenes, glückliches Leben, vernünfti­ ges Haushalten vorausgesetzt, wurde in den vielen kleinen, idyllischen, nach ähnlichem Schema der Strecke entlang gebauten Bahn­ wärterhäuschen gelebt! Familienglück, Kin­ derglück mitten im Wald. Welch angenehm­ aufregendes Erlebnis, in der Wohnstube der Großeltern zu lauschen: kommt das Rau­ schen von den Bäumen, oder ist es der Zug von weitem? Eine kleine, genaugenommen nur in mei­ ner Familie bekanntgebliebene Anekdote wird Ihnen auch heute noch ein Lächeln ent­ locken. Zwar hatten Sie, Herr Gerwig, keine Kinder, doch setze ich einmal Ihr Verständ­ nis für Bubenstreiche voraus. Vor vielen Jah­ ren füllte einmal ein Junge einen Fahrrad­ schlauch, der ein Loch hatte, mit Wasser. Den wrang er so aus, daß er eine hübsche Fontäne erzeugen konnte, die er auf die ahnungslos aus dem Fenster schauenden Fahrgäste eines D-Zuges richtete – und dies vom Dienstgebäude aus, während sein Vater (Weichenwärter) gerade nicht im Dienst war. Das ging einer Dame entschieden zu weit, mit Spaß hatte das nichts mehr zu tun, und sie beschwerte sich umgehend bei der Bahn­ aufsicht. Dem Vater half nach der Einver­ nahme seines Sohnes nichts als das Geständ­ nis: ,,Es war so.“ Abschließendes Schreiben von oben: Auf weitere Maßnahmen ver- 351

zichte man, er werde den Sohn wohl dafür bestraft haben. Gerade das war nicht erfolgt, geschah auch nie, so daß der Geschichte eigentlich die Pointe fehlte. Reichtum war hier unbekannt, aber auch die schiere Armut, denn die Gehälter waren bescheiden, doch kam das Wenige mit der Regelmäßigkeit des Neumondes. Obwohl es ein Widerspruch zu sein scheint, es mochte mit dem sicheren Ein­ kommen zusammenhängen, daß die Eisen­ bahner vor Jahrzehnten als ein recht fröhli­ ches Völkchen galten, das an freien Tagen oder nach Dienstschluß auch einmal einem deftigen Trunk zusprach, hatten sich nur die Rechten zusammengefunden. Auch waghal­ sige Wetten wurden abgeschlossen, die vor dem Pendel der Standuhr (,,Hinüber und herüber“ – eine Stunde lang) ist nur die bekannteste. Doch vom Schönsten, dem Zauber der Strecke, habe ich noch gar nicht geredet. Er ist anders geworden und doch geblieben. Am faszinierendsten ist er da, wo die Arbeit am mühevollsten war: zwischen dem geseg­ neten Kinzigtal und der reichen Baar: zwi­ schen Homberg und St. Georgen. Zu Ihren Lebzeiten hatten sich die Wäl­ der in größere Höhen hinaufgezogen, die Hänge waren freier, die echten Schwarzwald­ höfe mit Stroh- und Schindeldächern und ihren sonnenverbrannten Brettern der Tal­ seite zu und den kleinen Schiebfensterchen waren noch zahlreicher. Vielschichtige Entwicklungen in Technik, Politik und moderner Lebensauffassung führten den Wandel herbei. Doch wäre der Gedanke an einen Stillstand (einen erzwun­ genen oder die Flucht in die Geschichts­ losigkeit) beängstigend. Ich bin sicher, nur wenige Reisende schaffen es, diesen romantischen Teil der Schwarzwaldbahn ohne Gemütsbewegung zu befahren, es sei denn, Sorgen bedrücken sie, oder die Müdigkeit übermannt sie. Wer hätte nicht zu seiner eigenen Überraschung am Steilhang im Seelenwald oder am Forel­ lenberg unwillkürlich gebetet: ,,Lieber Gott, laß wengistens jetzt den Zug nicht entgleisen und den Hang nicht absacken!“ Aber die Ausblicke entschädigen über­ reich für die Angst und den Mehraufwand an Zeit auf den beiden Schleifen; diese Schluch­ ten, diese Wälder, diese Dabei, diese Fels­ halden, diese Waldwege, diese Kapellen! Und Äste von Bäumen und Hecken reichen so nahe an den Zug heran, daß man meint, sie berühren zu können. In Homberg er­ innert, ein wenig höher als der Bahnhof stehend, der gewaltige Q!.iader der Burgruine an eine noch tiefere geschichtliche Dimen­ sion der Landschaft, als es die ältesten Höfe vermöchten. Um ein pathetisches Wort abzuwandeln: Die Jahrhunderte schauen auf uns herab. Und wer denkt schon daran, wer weiß es schon? Dem Geschlecht derer von Hornberg entstammte der einzige Minnesänger aus dem Schwarzwald. Doch wie es nicht anders sein durfte: Seine Liebe konnte ihre Erfül­ lung nicht finden. Aussichtslos war sein Bemühen. Seinen Schmerz hat er uns in vier Liedern kundgetan. Die Höfe lassen mich nicht los, sie mit ihrer schwerblütigen Seele, ihrem dunklen Ursprung, dem Glauben, den Bräuchen – Inbegriff von Heimat sind sie so sehr, daß man gemeint hat, die Menschen der Städte müßten sie entbehren – ihrer Festigkeit zum Trotz mit einer individuellen Geschichte beschenkt und belastet – welcher Ge­ schichte! Und auch dies wird Geschichte, daß der Überfluß paradoxerweise die grundständi­ schen Menschen heute um ihre Existenz bangen läßt, die einmal so sicher schien, wie man meinte, das Kaiserreich selbst sei es. Noch k ann niemand das Ende dieses Prozes­ ses absehen. Unvorstellbar noch vor einem Jahrhun­ dert der Widersinn, dessen Zeugen wir sind. Je „originalgetreuer“ ein Schwarzwaldhaus geblieben ist, mag es in einem auch noch so lieblichen, sonnigen, schattigen, einsamen, versteckten, verträumten Winkel oder wo auch immer stehen, mag auf seinen Wiesen 353

und Feldern schwer oder leicht zu arbeiten sein, mag viel oder wenig Wald dazugehören – muß ich es sagen? – es ist für einen Reichen aus Gottweißwoher attraktiver, um sich die Füße darauf zu vertreten, als für den auf die­ ser Scholle Herangewachsenen, sein Erbe anzutreten. Gegen diese Art von Verdrossen­ heit einerseits und Erwerbsfreude anderer­ seits scheint im ganzen Schwarzwald kein Kraut gewachsen zu sein. Aber auch wieder Erfreuliches. Die Seele des Tales, die Gutach, jahrzehntelang nur rostbraunes, totes Wasser führend, ist wieder gesund, im Wasser herrscht wieder Leben, ein Beispiel sinnvollen Planens und Wirkens des homo faber, auch dies. Lassen Sie mich nun noch einmal auf die Geschichte Ihrer Bahn zurückkommen. Sie sahen sie nur ein­ gleisig, es ist längst ein zweites Gleis dazuge­ kommen. Die Voraussetzungen dafür hatten Sie ja geschaffen. Seit der Elektrifizierung sind Dampf und Diesellokomotiven ver­ schwunden (mit den Dampflokomotiven auch ein Stück Schwerstarbeit für den Hei­ zer, Verrußung der Bäume, Waldbrände und Umweltzerstörung), die Anbindung unserer Schwarzwaldbahn an das europäische Strek­ kennetz ist vollzogen. Insofern ist Ihr Werk erst in unseren Tagen zur Vollendung ge­ langt. Die Bedenken, denen Sie nur Ihre Hoff­ nung entgegensetzen konnten, in schneerei­ chen Wintern werde der Bahnbetrieb zum Erliegen kommen, haben sich als unbegrün­ det erwiesen. Die Sorge, heute lacht man dar­ über, die Reisenden könnten den unvermit­ telten Wechsel von Sonnenschein und Fin­ sternis in den Tunnels – und das fast vierzig­ mal kurz hintereinander – nicht ohne ge­ sundheitliche Schäden überstehen, hatten schon vor 1870 zerstreut werden können. Unfalle ereigneten sich, doch keine Katastro­ phen dergestalt, daß Hunderte ihr Leben ver­ loren hätten. Am Ende des Zweiten Weltkrieges ver­ steckte sich eine der Nazigrößen mit ihrem Anhang bei Luftangriffen in einem Tunnel, der prompt (inoffiziell, versteht sich) die 354 Bezeichnung „Heldentunnel“ erhielt. Auf welchen Aberwitz Menschen verfallen kön­ nen – die Glasträgerbrücke zerstörten sie noch in den letzten Kriegstagen, als ob das Verhängnis so abzuwenden gewesen wäre. Und auch daran sei erinnert: Kein Bahn­ hof, auf dem nicht während beider Welt­ kriege von Eltern, Geschwistern, Ehefrauen, Kindern heiße Tränen geweint wurden. Und das Winken blieb die letzte gemeinsame Erinnerung. Doch bitter soll mein Brief nicht enden. Wer hätte für eine solch titanische und zugleich wohltätige Leistung wie die Ihrige nicht ein Denkmal verdient? Triberg hat es Ihnen in Dankbarkeit und Verehrung aus mächtigen Felsblöcken, dem Urbild des Ewi­ gen, gesetzt (vgl. Almanach 1980, Seiten 161 ff.). Die scharfgeschnittenen Züge Ihres Gesichts, sie spiegeln Ihren durchdringen­ den Geist wider. Der Künstler hat den ad­ äquaten Ausdruck auf dem Medaillon gefun­ den, besser als diese Worte es sagen können. In tiefer Bewunderung für Sie und Ihr Werk Ihr Karl Volk Wunder Natur Oh Mensch bedenke allezeit, daß die Natur Dir nur gegeben um sie zu schonen, sei bereit, denn ohne sie kannst Du nicht leben. Ja sie beschenkt mit ihrer Pracht wohl unser ganzes Dasein hier, mit Sonne, Regen, Tag und Nacht, mit Pflanzen, Wasser, Wald und Tier. Uns anvertraut ist alles nur, aber niemals unser eigen, drum sollen wir uns der Natur und ihren Wundern dankbar zeigen. Ein jeder soll, wie er’s vermag, dem Schöpfer dafür Ehrfurcht zollen, verleih‘ uns Kraft an jedem Tag für unser Tun und unser Wollen. Hermann Seifermann

Wenn die Gremmelsbacher hinaus – oder in die weite Welt gingen und zurückkehrten Eine dialektkundliche Miniatur Wie war das doch früher, noch vor der Nivellierung der Sprache, als die Einwohner eines jeden Dorfes an den Nuancen ihrer Aussprache und ihres Wortschatzes zu erkennen waren? Wie drückte man sich zum Beispiel in Gremmelsbach aus, wenn man aus dem Haus trat, die Familie in der Nach­ barschaft besuchte, innerhalb der Gemeinde von einem Zinken in den anderen ging, in einem Nachbarort etwas zu erledigen hatte oder eine Reise in weite Feme unternahm und wieder nach Hause zurückkehrte? Reich waren die Menschen in ihren Mitteilungs­ möglichkeiten, ohne sich dessen bewußt zu sein. Die Sprache schenkte sich ihnen in ver­ schwenderischer Weise. Unbekannt war das Lokaladverb „nach“. Kein Gremmelsbacher ging „nach“ Triberg, stattdessen ufTriberg ni oder ins Städtli ni oder – später – vornehmer in d‘ Stadt. Landwirte mußten manchmal uf Santirge nuf(St. Geor­ gen), um eine neue Sägis (Sense) zu kaufen. Eine Wanderung konnte man ins Niede,was­ ser nab machen oder uf Niederwasser. Wer gut zu Fuß war, ging auch uf Hornberg nab, ei­ serne Wanderer kamen bis uf Guedach (Gut­ ach) nab. War man im „Prächt“ (Prechtal), ging man auch noch uf Elzach nus. In Orte etwa auf gleicher Höhe in der Umgebung ging man „nom „: in d‘ Schilde (Langenschil­ tach) nom, in Riechebe (Reichenbach) nom. In de Nußbe (Nußbach) stieg man über den Berg nom. In Schewald (Schönwald) oder in d‘ Schone (Schonach) heirateten junge Leute. Im Schewald und in de Schone lebten sie dann ihr Leben lang. Von de Schone war es dann nicht mehr allzu weit an (de) Rohrhardsberg hinderi. Heiratete ein Brautpaar von auswärts nach Gremmelsbach, so zog es ri, oder von usse rz� es war dann „hinne“. Stammte es vom „Dal“ (Gutach- oder Kinzigtal), kam es von unde ruf Obwohl es geographisch tiefer als Grem­ melsbach liegt, fuhr man mit dem Zug uf Konstanz nuf Zum Hamstern fuhr man eben­ falls mit dem Zug in Schwowe (Schwaben) nus und meinte damit merkwürdigerweise die Baar, denn aus der Schulzeit wußte man noch, daß im „Schwowe usse“ die „Kornkam­ mer Badens“ liegt. Machte einer eine Reise über den Ozean, so kam er bis uf Amerika nom und wieder rom (herüber) oder bis uf Australien und wieder heim; bis uf de Mond nuf und wieder rab(herun­ ter) hat es bisher noch kein Gremmelsbacher geschafft. Karl Volk 355 Zum „Luftschnappen“ ging man vors Hus nus, hinders Hus nus, obs Hus nuf oder unders Hus nab. I sott (sollte) no ins Doif nuf oder ins Doif nab Ge nach Ausgangspunkt)./ gang emol ins loch nab (ins Untertal), ins Da! nuf (ins Obertal), uf de Hof (zum Hofbauern), aber zom Krizbur (Kreuzbauer) nom, oder zom Gewardebur (Gebhardenbauer) nus, wenn man einen höhergelegenen Ausgangspunkt hatte, hindern Oft (ins Gewann „Hinter­ ofen“), in leidschebe (in den Leutschenbach), in de Schdeibis (Steinbis) hinderi oder vom Rappenfelsen aus in de Schdeibis (Steinbis)firi (vor). Vom Unterrötenbach ging man ins Doif nom (hinüber). 1 gang an Riflitz nom, auch wenn der Weg zuerst bergab und wieder bergauf führte. Befand sich vom eigenen Wohnhaus aus gesehen ein anderes etwas abgelegen, so hieß es: J laufemol zum Babischt hinderi, in Gummambs hinderi; kehrte man zurück, meldete man sich wieder: 1 komm vom Babischt, von de Gummambs hindefiri. 1 muefs no in di „alt Hormet“ (nach Altharn­ berg), i komm scho von de „alde Hormet“, i bin scho in de „alde Hormet“ gsi. Von de Stude (Höhengasthaus Staude) ging es fast überall­ hin nur rabzues.

Manfred Bosch – Widmungsgedichte Auf einen Zahn Kaum noch hältst Du stand dem prüfenden Druck der Zunge legst Dich schon zur Seite müde des anstrengenden Geschäfts schwankender Reiter auf dem roten Damm einmal wirst Du absteigen beim nächsten Zubeißen wird es um Dich geschehen sein Aber noch schone ich Dich zögere den fälligen Abschied hinaus ein kleiner Tod komm und zeig ein letztes Mal Deine Zähne Was hast Du nicht alles zerteilt bevor Du selber angenagt vom Zahn der Zeit Deinen Dienst quittierst und ich dastehn werde mit einer Lücke unübersehbar Auf eine Fliege Die extravagante Fliege eines Snobs brachte die Abendgesellschaft zum Verstummen So viele Klappen mit einer Fliege! 356 Auf meinen Papierkorb Die vielen Worte entschuldigt ihr vielen Worte! Es lag nicht an euch Es sind die Sätze Auf meine Bücherregale Die Wahrheit in den Büchern Die Wahrheit in all den Büchern schon biegen sich die Bretter Auf einen Repetenten Man hat ihm den Lernprozeß gemacht Auf einen Politiker Der Politiker lehnte aus Gewissensgründen ab Der Politiker lehnte aus gewissen Gründen ab Aber die seien jetzt nicht mehr gegeben Im Grunde war er schon immer dafür

Jürgen Henckell Lexika EIN LEXIKON – als Geistestrank – steht fast in jedem Bücherschrank, denn um ein Wissen zu enthüllen, gilt es noch manches Loch zu füllen. Man sucht das Leben der Spartaner, die letzte Schlacht der Indianer, sucht Psychotechnik, Proselyten, die Mikrotome, Lymphe, Skythen, Kometen, Geysir, Anilin, Anthropophagen, Zölestin, Konkubinat, Gnathostomaten, und zusätzlich verzwickte Daten – Auch wenn man das nur, was man sucht, fürs Kreuzworträtselwissen bucht. Doch manches Wort, das hängenblieb, gebraucht man, denn man hat es lieb, weil’s fremd ist und belesen klingt. Wer schätzt, was man zu Hause singt? Es ist nicht immer zum Entzücken, wenn Leute sich mit Fremdem schmücken. Als Fremdwort stehn vielleicht auch sie mal in der Enzyklopädie. Nußknacker EIN NUSSKNACKER knackt jede Nuß, was er, weil es sein Zweck ist, muß. Wie aber müssen wir uns placken, die Lebensnüsse aufzuknacken, die uns – durch höhere Gewalten – oft noch die Kerne vorenthalten! Ein Trick EIN ZAHN – er tat vor Zeiten weh – liegt jetzt in meinem Portemonnaie. Und das hat nur den einen Grund: Entsteht im Säckel Bargeldschwund und ist der letzte Heller fort, dann sehe ich den Zahn noch dort, als sollte es ermunternd heißen: Es gilt sich immer durchzubeißen! In manchem schweren Augenblick hilft dieser kleine Lebenstrick! Verwohnte Idylle Drei zu fünf Meter verkleinerte Landschaft im Zimmer mit einem verstaubenden Himmel – Zu oft schon gegangene Wege durch den an die Mauer gelogenen Wald im Dubleeherbst in schuppiger Haut. Beim anderen Wohnposter stimmt nur der Süden für Trips in die längst vom Schirokko gesandstrahlte Sonne Palermos – Das fallt aus dem goldenen Schnitt der Erinnerung in das Gewohnte. Auch Blumen und Blütenflor gehen Tapeten nicht ungestraft auf den Leim – Schon seilen die Spinnen sich ab von den Nektarlügen vertrockneter Fliegen – Die räumlich verdrängte Enge der Wände kehrt durch das vom Alltag verschlissene Abbild zurück. Der Ausweg in originale Idylle enttäuscht mit erreichter Entsprechung. Doch jedes gehütete Negativ schiebt sie auf Zeit vor sich her. 357

Rosemarie Renner Der alte Friedhof von Schwenningen Der alte Friedhof in unserer Stadt ist für mich wie ein Kalenderblatt in seiner altehrwürdigen Tradition, erinnert er an manch vergangene Generation. Die alten Gräber unserer Ahnen Mich stets zum Denken und Danken ermahnen. Doch er erinnert nicht nur an Schmerz und Leid er bringt mir fast täglich ein bißchen Freud‘ geh‘ ich in dem herrlichen Park spazieren so komm ich dabei in’s Philosophieren – ich seh‘ ihn im Laufe der Jahreszeit dabei bin ich immer zu denken bereit, daß Frühling, Sommer, Herbst und Winter sind unseres Gottes liebste Kinder! Wenn im Frühling die ersten Knospen spnngen und in den Bäumen die Vöglein singen wenn sich zeigt das erste Grün und darauf die Gänseblümchen blüh’n manch frisches Sträußlein auf altem Grabe steht und der Frühlingswind leis darüber weht da wächst in jedem zarten Triebe die Hoffnung, der Glaube und die Liebe. – Festhalten möchtest du das Kalenderblatt flug’s sind die Bäume grün und satt jetzt zieht der Sommer schon in’s Land du möchtest ihn genießen mit Verstand – kaum hast du Fuß gefaßt und Tritt stehst du voll in der Lebensmitt‘ trägst Früchte, es wächst eine neue Generation dabei naht der Herbst fast unbemerkt schon. – Die Kinder, die Ernte sind rotbackig und frisch hast du vergessen zu beten am Tisch? 358 Jetzt fallen die Blätter, kahl wird der Baum war das dein Leben – war’s nur ein Traum? Die Zeit eilet vorbei, viel zu geschwind du denkst, auch ich bin nur ein Blättlein im Wind. Nun kommt der Winter, es friert Stein und Bein du wirst alt und steif und hast gar viel Pein, sind verhangen die Bäume im Nebel, oh Graus, das Jahr geht zu Ende, doch es ist noch nicht aus Schnee deckt nun die Gräber, die Bäume mit weißer Pracht ein Stern leuchtet hell – Hoffnung – es ist Weihnacht Silvester naht, dann fallt auch das letzte Kalenderblatt mich tröstet der alte Friedhof dieser Stadt! De Almanach S’Johr isch rom, es isch so wit de Almanach konnt rus ihr Lit, en bunte Schdruß isch es us iserm Kreis zemmeg’schdellt mit Mieh‘ und Fleiß. In Wort un Bild siehsch es ganz klar de sehe Schwarzwald un die lieblich Baar. Lehrsch kenne au d’Persenlichkeite die im Kreis ebbis bedeite! Von fließige Lit duet mer dich in Kenntnis setze kansch wie de Schnawel g’wahse isch au schwätze – ich frei‘ me äll Johr uf des Buech un find‘ es isch en schene Bruch d’Vergangeheit un d’Gegewart gen Hand in Hand drom find ich’s äwell indressand! Nadierlich isch es koan Roman doch zeigt’s is menschlich ganz human in Bilder, Fotos un Berichte von mir un dir, än Hüfe G’schichte – Brauchtum, Gegewart, Vergangeheit der Kreis draiht sich in Ewigkeit de Almanach als Dokument us isere Zit mir hoffe, daß er is erhalte blibt!

Verschiedenes Personen und Fakten Dr. Bernhard Everke fuhrt ab 1. 7. 1993 aufgrund der Erhebung von Donaueschin­ gen zur Großen Kreisstadt den Titel Ober­ bürgermeister. Anton Bruder wurde am 25.10. 1992 im zweiten Wahlgang unter fünf Bewerbern zum neuen Bürgermeister von Dauchingen gewählt. Er erzielte 47,5 0/o der Stimmen. Die Wahlbeteiligung betrug 73,6 0/o. Der neue Bürgermeister hat sein Amt am 1.1.1993 angetreten. Der langjährige Bürgermeister Elmar Österreicher hat sich nach drei Wahlperio­ den nicht wieder zur Wahl gestellt und ist in den Ruhestand getreten. Alfred Liebetrau, seit 1981 Präsident der Industrie- und Handelskammer Schwarz­ wald-Baar-Heuberg, ist in den Ruhestand getreten. Als sein Nachfolger wurde am 4. 5.1993 Prof. Dr. Dr. Michael Ungethüm, der Vor­ sitzende des Vorstandes der AE SCULAP AG, Tuttlingen, gewählt. Dr.-Ing. Lothar Lohmiller, Leiter des Staatlichen Vermessungsamtes Villingen­ Schwenningen, ist mit Wirkung vom 1. 4. 1993 zum Leiter des Staatlichen Vermes­ sungsamtes Offenburg bestellt worden. Sein Nachfolger wurde mit Wirkung vom 1. 7.1993 Christian Markwirth, der bisher beim Staatlichen Vermessungsamt Balingen tätig war. Otto Maier, Leiter des Amtes fur Land­ wirtschaft, Landschafts-und Bodenschutz in Donaueschingen, ist am 31. 7. 1993 in den Ruhestand getreten. Sein Nachfolger stand bei Redaktionsschluß noch nicht fest. Walter Kubas erkämpfte sich bei den Internationalen Deutschen Meisterschaften der Behinderten, die vom 16. bis 18. 7.1993 in Wunstorf bei Hannover stattfanden, den Deutschen Meistertitel über 1500 m und den Vizemeistertitel über 10.000 m. Walter Kubas ist Mitarbeiter des Landrats­ amtes Schwarzwald-Baar-Kreis. Seine sport­ lichen Leistungen wurden bereits im Alma­ nach 1992, S. 322-323, gewürdigt. Wolfgang Zenz ist als Leiter des Saatbau­ amtes Donaueschingen, Außenstelle der Landesanstalt fur Pflanzenbau Forchheim, am 30. 9. 1993 in den Ruhestand getreten. Sein Nachfolger stand bei Redaktionsschluß noch nicht fest. Zum Schuljahresende 1992/93 sind fol­ gende Schulleiter kreiseigener Schulen in den Ruhestand getreten: – von den Kaufmännischen Schulen (David-Würth-Schule), Stadtbezirk Schwen­ ningen, Alfons Grimm. Als Nachfolger hat Ekkehard Achterberg die Schule übernom­ men; – von der Schule für Geistigbehinderte (Carl-Orff-Schule), Stadtbezirk Villingen, Adalbert Pfingstler. Sein Nachfolger wurde mit Beginn des neuen Schuljahres Reinhold Krämer; – von den Haus- und landwirtschaft­ lichen Stadtbezirk Villingen, Werner Huger. Sein Nachfolger stand bei Redaktionsschluß noch nicht fest. Schulen, Am 26. 8.1993 fand ein weiteres Nachbar­ schaftstreffen mit dem Kanton Schaffhau­ sen zwischen Herrn Regierungsrat Dr. Hans­ Peter Lenherr und Mitarbeitern des Erzie­ hungs-und Militärdepartements sowie einer kleinen Delegation des Kreistages mit Land­ rat Dr. Gutknecht statt. Der Besuch gab Gelegenheit, gemeinsam berührende Fragen zu besprechen sowie den gegenseitigen Kon­ takt zu vertiefen. 359

Orden, Medaillen Nachstehende Personen aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis wurden seit Juni 1992 aus­ gezeichnet: a) mit dem Verdienstorden (Abkürz.: BVK I. Kl. = Bundesverdienstkreuz I. Klasse BVK a. B. = Bundesverdienstkreuz am Bande BVM 11. 9.1992 14. 10.1992 30. 11.1992 15. 1. 1993 6. 2. 1993 = Bundesverdienstmedaille) BVK !. Kl. BVK a.B. BVK a.B BVKa.B BVKa.B St. Georgen Furtwangen Vöhrenbach Donaueschingen Villingen-Schwenningen Stadtbezirk Rietheim Villingen-Schwenningen Triberg-Nußbach Villingen-Schwenningen Dauchingen Königsfeld Hüfingen der Bundesrepublik Deutschland: Bürgermeister i. R. Günter Lauffer Prof. Dr. Gert Böhme Manfred Hornstein Lisa Scheuble Horst Marenghi Josef Hilsenbeck Alfons Hilser Herbert Leipold Bürgermeister i. R. Elmar Österreicher Erika Meyer Emil Schafbuch !. 3.1993 1. 3.1993 3. 3.1993 25. 3.1993 15. 4.1993 12. 5.1993 BVK a. B. BVM BVK a.B. BVK a. B. BVKa.B. BVKa. B. b) mit der Zelter-Plakette: Kirchenchor St. Cäcilia Chorgemeinschaft Nußbach Kath. Kirchenchor St. Sebastian 21. 3.1993 21. 3.1993 21. 3.1993 Bräunlingen Triberg-Nußbach Donaueschingen­ Hubertshofen c) mit der Pro-Musica-Plakette: M usikverein-T rachtenka pelle Nußbach e.V. 21. 3.1993 Triberg-Nußbach d) mit der Lebensrettungsmedaille: Lothar Roschitzki 1. 9. 1992 Hüfingen Arbeitslose in Prozentzahlen Stichtag Schwarzwald-Baar-Kreis Land Bundesgebiet 30. 6.1991 30. 6.1992 30. 6.1993 360 3,50/o 4,50/o 7,60/o 3,40/o 4,20/o 6,10/o West 9,50/o 5,60/o 7,00/o

Bevölkerungsentwicklung Stand der Wohnbevölkerung 31.12.1992 31.12.1991 11.446 11.170 10.721 10.504 5.855 5.752 5.061 5.038 3.092 2.989 20.141 19.805 10.429 10.623 1.507 1.532 6.925 6.834 5.986 6.084 3.076 3.072 5.177 5.023 14.572 14.515 2.751 2.766 4.471 4.530 5.995 6.042 2.540 2.463 2.986 3.074 80.949 80.121 4.341 4.327 208.109 206.176 Bad Dürrheim Blumberg Bräunlingen Brigachtal Dauchingen Donaueschingen Furtwangen Gütenbach Hüfingen Königsfeld Mönchweiler N iedereschach St. Georgen Schönwald Schonach Triberg Tuningen Unterkirnach Villingen-Schwenningen Vöhrenbach Kreisbevölkerung insgesamt Ausländer in Zahlen Gemeinde Bad Dürrheim Blumberg Bräunlingen Brigachtal Dauchingen Donaueschingen Furtwangen Gütenbach Hüfingen Königsfeld Mönchweiler Niedereschach St. Georgen Schönwald Schonach Triberg Tuningen Unterkirnach Villingen-Schwenningen Vöhrenbach Gesamt Ausländer insgesamt 694 1.721 692 383 128 1.941 1.182 77 757 322 285 280 1.963 82 315 612 296 286 11.908 684 24.608 Türken 44 797 411 65 10 415 258 2 309 22 34 34 278 8 39 201 57 74 2.354 242 5.654 davon Jugoslawen 233 460 47 42 46 434 347 13 132 89 127 72 664 31 141 140 55 47 3.153 220 6.493 Italiener 100 40 40 36 15 370 280 54 174 16 41 17 643 11 97 85 111 64 2.089 134 4.417 + Veränderungen in Zahlen + 276 + 217 + 103 23 + + 103 + 336 194 25 91 98 + 4 + 154 + 57 15 59 47 + 77 + 88 + 828 + 14 + 1.933 in 0/o + 2,47 + 2,07 + 1,79 + 0,46 + 3,45 + 1,70 1,38 1,63 + 1,33 1,61 + 0,13 + 3,07 + 0,39 0,54 1,30 0,78 + 3,13 + 2,95 + 1,03 + 0,32 + 0,94 Sonstige 317 424 194 240 57 722 297 8 142 195 83 157 378 32 38 186 73 101 4.312 88 8.044 30. 3. 1993 Ausländer- anteil in % ca. 6,2 15,9 11,8 7,6 3,9 9,6 11,2 5,9 11,0 5,4 5,6 5,5 13,8 3,0 7,0 10,1 11,8 9,4 14,7 15,5 11,8 361

Farbaufnahmen und Fotonachweis Die Farbaufnahme auf der Titelseite stammt von German Hasenfratz, Hüfingen. Motiv: Fronleichnamsprozession in Hüfingen aus früheren Jahren, ca. 1982. Zum Farbbild auf der Rückseite: Kalenderuhr mit hölzernem Geh- und Schlagwerk, Metallanker und -ankerrad. Bild der Taufe Christi vor einer Ideallandschaft mit Architekturprospekt im Vor­ dergrund. Schwarzwald, um 1775. Deutsches Uhrenmuseum Furtwangen. Abbildungsnachweis zur Seite 183: Ingeborg Krummer-Schroth, Alte Handwerks­ kunst und Gewerbe im Schwarzwald, S. 120. Wir danken an dieser Stelle dem Schillinger Verlag GmbH, Freiburg i. Br., für die freundliche Abdruckgenehmigung. Die Zeichnung auf den Seiten 224/225 wurde von Herrn Wienhart Prigge, Villingen-Schwenningen, angefertigt. Wir danken der Städtischen Galerie, Villingen­ Schwenningen, für die kostenlose Genehmigung zum Abdruck der Fotos auf den Seiten 253 und 255. Abbildungsnachweis zu den Seiten 259 und 261: Hans-Günther Ziegler, Karl Rudolf Schäfer, Hans Georg Müller-Hanssen, Ein Maler des Vertrauten, S. 140 u. S. 90. Wir danken an dieser Stelle dem Verlag Hermann Kuhn GmbH & Co. KG für die freundliche Abdruckgenehmigung. 362 Fotonachweis: Soweit bei den einzelnen Beiträ­ gen die Bildautoren nicht namentlich hier ange­ führt werden, stammen die Fotos jeweils vom Ver­ fasser des betreffenden Beitrages. Mit Fotos sind ferner im Almanach vertreten (die Zahlen nach der Autorenangabe beziehen sich auf die jeweilige Textseite): Klaus Peter Friese 7; Hans Kaltenbach 10; Thomas Frank II; Roland Sigwart 15; Bad. Generallandes­ archiv Karlsruhe 17, 87; Helmut Groß 20/21, 145, 241, 242, 243, 298, 304, 306, 308/30�, 331, 332, 352; Hartmut Ketterer 32, 33, 34, 35; OTV-Kreis­ verwaltung Villingen-Schwenningen 38; Ralf Ganter 41, 42; Johannes Fischer 44, 45 oben, 68; Saatbauamt Donaueschingen 45 unten, 47; Gewerbliche Schulen Donaueschingen 48, 49; Dieter Mauch 51; Detlef von Brie! 53, 54; St. Ge­ orgener Technologiezentrum GmbH 57, 59, 60, 61, 62; Identa Ausweissysteme GmbH 63, 65, 66, 67; German Hasenfratz 69, 70, 71, 72, 231, 233, 278, 279, 280, 281, 282, 283, 301; goetz Holzbau 73; Bruno Krupp 74; Günther Brommer 76; S. Siedle & Söhne 77, 78, 79; Landesdenkmalamt Baden-Württemberg 80, 81; Revellio 85; Archiv Sattler 110, 113; Sammlung Hönle 115; Heimatmu­ seum Villingen-Schwenningen ll8; Bernward Damm 129; Herbert Gravenstein 131; Deutsches Uhrenmuseum 184, 185, 188, 191, 193, 194, 195, 196, 19� 198, 199,200,202,203,204,233;Stad� museum Schramberg 186, 187, 189; Reinhard Rose 201; Wilfried Dorer 205, 207; Foto-Maier 208, 209, 210, 211, 212, 213; Gerhard Janke 223; Städt. Verkehrsamt Villingen-Schwenningen 226, 228; Glockeninspektion Erzbistum Freiburg 235, 236, 237, 238, 239, 240; Privatarchiv Dr. Gremliza 250, 251, 252; Städt. Galerie Villingen-Schwenningen 253, 255; Willi Dorn 262, 263, 264, 265, 266, 267, 268, 269, 270, 271; Werner Klein 272, 273, 274, 275, 276, 277; Karl-Hermann Stötzel 293, 294, 295; Autobahnpolizeidirektion Freiburg 311; Foto-Carle 314; Landesgartenschau GmbH 324, 326; Siegfried Jäckle 329; Gfw 336, 337; Verband der Serviermeister und Restaurantfachkräfte e. V. 338; Dieter Reinhart 339, 340, 341;Jochen Heck­ mann 343, 344. Reproservice Rolf Kötz, Villingen-Schwennin­ gen.

Die Autoren unserer Beiträge Albicker, Josef, 78183 Hüfingen-Hausen vor Wald (verst.) Bande, Albert, Sinkinger Straße 40 a, 78078 Niedereschach Bau, Manfred, Hauptstraße 9, 78136 Schonach i. Schw. Baumann, Ludwig, Dichendorffstraße 17, 78120 Furtwangen i. Schw. Binder, Hermann, Fichtenstraße 25, 78086 Brigachtal Bosch, Manfred, Lenbachstraße 30, 79618 Rheinfelden Braunschweiger, Ernst, Am Kreuzpark 1, 78073 Bad Dürrheim Bräun, Wolfgang, Dipl.-Volkswirt, Auf der Wanne 55, 78048 Villingen-Schwenningen Dieterle, Jörg, Landesgartenschau GmbH, Luisenstraße 4, 78073 Bad Dürrheim Dold, Wilfried, Redakteur, Waldstraße 13, 78147 Vöhrenbach Dotter, Wilhelm, Siedlungsstraße 8, 78120 Furtwangen-Neukirch Eckert, Eckart, Lessingstraße 13, 78166 Donaueschingen Elsäßer, Karl, Hauptstraße 13/2, 78147 Vöhrenbach Faller, Robert, Sonderschulrektor der Schule für Körperbehinderte, Güterbahnhofstraße 17, 78048 Villingen-Schwenningen Friese, Klaus-Peter, Pforzheimer Straße 25, 78048 Villingen-Schwenningen Gassert, Reinher, Oberstudiendirektor, Schubertweg 2, 78112 St. Georgen i. Schw. Gottwalt, Franz, Dipl.-Ing., Hermann-Fischer-Allee 28, 78166 Donaueschingen Groß, Helmut, Am Schwalbenhaag 1, 78048 Villingen-Schwenningen Gutknecht, Dr. Rainer, Landrat, Am Hoptbühl 2, 78048 Villingen-Schwenningen Günzler, Martin, Pfarrer i. R., Malteserring 56, 78056 Villingen-Schwenningen Hawner, Johannes, Bad Dürrheim (verst.) Heckmann, Heinz, Friedrichstraße 35 a, 78073 Bad Dürrheim Heid, Jens, Haldenweg 17, 78112 St. Georgen i. Schw. Heldt, Willi, Johann-Sebastian-Bach-Straße 25, 78112 St. Georgen i. Schw. Henckell, Jürgen, Schriftsteller und Grafiker, Buchbergstraße 3, 78176 Blumberg Hirsch, Burkhard, Rhönweg 57, 78056 Villingen-Schwenningen Honold, Dr. Lorenz, Talstraße 41, 78166 Donaueschingen Huger, Werner, Oberstudiendirektor i. R., Färberstraße 1, 78050 Villingen-Schwenningen Huth, Dr. Volkhard, Runzstraße 25, 79102 Freiburg i. Br. Hutzenlaub, Brigitte, Friedrichstraße 7 a, 78073 Bad Dürrheim Jenisch, Bertram, M. A., Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, Kirchzartener Straße 25, 79117 Freiburg i. Br. Kaiser, Helmut, Autobahnpolizeidirektion Freiburg, Im Brunnenfeld 15, 79224 Umkirch Kaletta, Georg Stefan, St.-Blasius-Straße 16, 78086 Brigachtal Karrer, Dr. Walter, Leopoldstraße 1, 78112 St. Georgen i. Schw. Kauth, Jürgen, Typograph, Bitzstraße 9 a, 780n Bad Dürrheim Kopitzke, Oliver, Nußdorfer Straße 31, 88662 Uberlingen Kramer, Kurt, Glockeninspektion Erzbistum Freiburg, Ständehausstraße 4, 76133 Karlsruhe Krohn, Eduard, Austraße 72, 78056 Villingen-Schwenningen Kubach, Dr. Rudolf, !HK-Hauptgeschäftsführer, Romäusring 4, 78050 Villingen-Schwenningen Lamka, Arthur, Reuterstraße 155, 51456 Bergisch Gladbach Leibold, Wilfried, Tuninger Straße 3, 78056 Villingen-Schwenningen Lindig, Gertrud, Eichendorffstraße 43, 78166 Donaueschingen Maier, Otto, Landwirtschaftsdirektor i. R., 78166 Donaueschingen Meier, Josef, Waldkirch (verst.) Meurer, Eberhard, Am Strassberg 26, 78120 Furtwangen i. Schw. Mühe, Prof. Dr. Richard, Ilbenstraße 54, 78120 Furtwangen i. Schw. Müller, Max, Bürgermeister i. R., Vogelbeerweg 15, 78048 Villingen-Schwenningen Müller, Volker, Haydnstraße 38, 78166 Donaueschingen Neugart, Elisabeth, Langstraße 4, 78050 Villingen-Schwenningen Opp, Margot, Weierweg 10, 78111 Freiburg i. Br. Pfeffinger, Manfred, Gartenstraße 14, 78126 Königsfeld i. Schw. 363

Prokopowitsch, Leonid, Kienmoosstraße 3, 78112 St. Georgen-Peterzell Reichelt, Prof. Dr. Günther, Uhlandstraße 35, 78166 Donaueschingen Reinartz, Dr. Manfred, Museumsleiter, Beroldingerstraße 27, 78078 Niedereschach Renner, Rosemarie, Weilersbacher Straße 55, 78056 Villingen-Schwenningen Rieple, Max, Hüfingen (verst.) Rimmele, Barbara, Dipl.-Journalistin, Ebermannstraße 26, 78199 Bräunlingen Rimmele, Emil, Bürgermeister i. R., Ludwig-Uhland-Straße 8, 78141 Schönwald i. Schw. Rodek, Hanns-Georg, Im Holderbusch 5, 78056 Villingen-Schwenningen Schäfer, Karl Rudolf, Eckener Straße 8, 78056 Villingen-Schwenningen Schafbuch, Gottfried, Hüfingen (verst.) Schenk, Prof. Peter, Präsident der Architektenkammer Baden-Württemberg, Danneckerstraße 52, 78182 Stuttgart Scherer, Robert, Am Bodenwald 24, 78120 Furtwangen i. Schw. Schlatter, Rudolf, Friedrich-Ebert-Straße 47, 78166 Donaueschingen Schlichthaerle, Ulrich, Leiter des Städt. Verkehrsamts, 78048 Villingen-Schwenningen Schneider-Damm, Dagmar, M. A., Bühlweg 3, 78078 Niedereschach Schnibbe, Prof. Klaus, Ilbenstraße 50, 78120 Furtwangen i. Schw. Schreiber, Carmen, Pforzheimer Straße 8, 78048 Villingen-Schwenningen Seifermann, Hermann, Sommerbergstraße 15, 78112 St. Georgen-Peterzell Seiterich, Dr. Clemens, Hansjakobstraße 5, 79199 Kirchzarten Steger, Christiana, Birkenweg 8, 78176 Blumberg Steiner, Rolf, Alemannenstraße 20, 78048 Villingen-Schwenningen Sturm, Dr. Joachim, Baarstraße 12, 78166 Donaueschingen-Pfohren Techen, Beatrice, M. A., Carl-Diehm-Straße 23, 78120 Furtwangen i. Schw. Ungethüm, Prof. Dr. Dr. Michael, !HK-Präsident, _Romäusring �. 78050 Villingen-Schwenningen Verband der Serv1erme1ster und Restaurantfachkrafte e. V., Sektton Schwarzwald-Baar, Kalkofenstraße 37, 78050 Villingen-Schwenningen Volk, Karl, Untertal 19, 78098 Triberg i. Schw. Weber, Bruno, Oberstudiendirektor a. D., Billingerstraße 2, 78078 Niedereschach Weidenbach, lsolde, Lindenstraße 26 B, 78183 Hüfingen Wiehl, Lorenz, Schulstraße 27, 78148 Gütenbach i. Schw. Wölker, Robert, Polizeidirektor, In den Ziegelwiesen 2 a, 78048 Villingen-Schwenningen Zahlten, Richard, Schloßsäge 4, 79853 Lenzkirch-Kappel Zahradnik, Prof. Dr. Walter, Fachhochschule Furtwangen, Gerwigstraße 11, 78120 Furtwangen i. Schw. Zenz, Wolfgang, Landwirtschaftsdirektor i. R., Schubertstraße 11, 78166 Donaueschingen 364

Inhaltsverzeichnis Impressum Ehrenliste der Freunde und Förderer Heimat und Europa / Landrat Dr. Rainer Gutknecht Aus dem Kreisgeschehen 20 Jahre Schwarzwald-Baar-Kreis / Landrat Dr. Rainer Gutknecht Kreispolitik 1993 / Landrat Dr. Rainer Gutknecht Unsere Städte und Gemeinden, Wappen Donaueschingen wurde Große Kreisstadt/ Heinz Heckmann 1994: Ein Jahr der Ortsfeste und Jubiläen/ Dr. Joachim Sturm 900 Jahre Schabenhausen – Eine kleine Gemeinde mit bewegter Vergangenheit/ Bruno Weber Das Wappen von Schabenhausen / Prof. Klaus Schnibbe Neukirch – Vom Uhrmacherdorf zum Luftkurort/ Wilhelm Dotter Das Wappen von Neukirch / Prof. Klaus Schnibbe Hammereisenbach-Bregenbach – Ein liebenswerter Ort im oberen Bregtal / Karl Elsäßer Das Wappen von Hammereisenbach-Bregenbach / Prof. Klaus Schnibbe Behördei:i. und Organisationen 40 Jahre OTV-Kreisverwaltung Villingen-Schwenningen / Eduard Krohn Neue Rettungs- und Feuerwehrleitstelle des Schwarzwald-Baar-Kreises I Manfred Pfeffinger Das neue Saatbauamt stellt sich vor / Wolfgang Zenz Schulen und Bildungseinrichtungen 125 Jahre Gewerbliche Schulen in Donaueschingen / Volker Müller Schule für Körperbehinderte in Villingen-Schwenningen nunmehr komplett / Robert Faller 15 Jahre Rudolf-Steiner-Schule Villingen-Schwenningen – Mit der Einweihung der Turnhalle sind die Baumaßnahmen vorläufig abgeschlossen / Burkhard Hirsch und Leonid Prokropowitsch Wirtschaft und Gewerbe Konsequentes Kostenmanagement und Innovation erforderlich / Prof. Dr. Dr. Michael Ungethüm Vor der Ernte / Gedicht von Josef Albicker Ein Jahrzehnt St. Geor�ener Technologiezentrum (1983-1993) / Dr. Walter Karrer Identa – Die Schwennmger Firma liefert weltweit Sicherheitsausweise/ Hans-Georg Rodek Straub-Verpackungen, Bräunlingen – Gerüstet für’s Jahr 2000 / Eckart Eckert Firma goetz HOLZBAU Bad Dürrheim/ Dr. Joachim Sturm Die Firma Förderer Söhne GmbH – Neue Produktionsräume im Gewerbegebiet von Design als Firmenphilosophie – Europäischer Design-Preis 1992 für S. Siedle & Söhne, Niedereschach / Albert Bantle Furtwangen / Eberhard Meurer Archäologie Aitlingen – Eine mittelalterliche Wüstung im Aitrachtal / Bertram Jenisch M. A. Die Mutter Erde/ Gedicht von Margot Opp Geschichte Von freien Bauern und gelehrten Äbten – Historische Spuren des Klosters St. Peter im Gebiet des Schwarzwald-Baar-Kreises / Dr. Volkhard Huth Nichts geht ganz verloren/ Gedicht von Jürgen Henckell Das Notgeld im Gebiet des heutigen Schwarzwald-Baar-Kreises in den Jahren 1922 und 1923 / Hermann Binder 1 2 3 4 9 15 16 18 24 25 30 31 36 38 40 43 48 so 52 55 56 57 63 68 73 75 77 80 83 84 89 90 365

nationalsozialistischen Staat I Oliver Kopitzke überflüssigen Streit um den Verlauf von Eschach und Fischbach I Dr. Manfred Reinartz einer christlichen Persönlichkeit, die dem Nationalsozialismus widerstand I Richard Zahlten Helmut Kohler – ist in den Ruhestand getreten I Robert Wölker Aktivitäten besonders im Bildungsbereich aus I Angelika Mey in einer schwierigen Zeit I Karl Rudolf Schäfer Zeitung in Villingen: 1848-1933 I Wolfgang Bräun Abendfeier I Gedicht von Josef Albicker „Deutsch denken, deutsch schreiben“ – Das „Donaueschinger Tagblatt“ auf dem Weg in den Obereschach – Ein Dorf im Wandel – Eine geschichtliche Betrachtung I Werner Huger „Die Eschach von Graneckh biß an Horgemer Bruckhenn“ – Anmerkungen zu einem Verleugnetes Menetekel I Gedicht von Jürgen Henckell De Südweststaat I Gedicht von Gottfried Schafbuch Persönlichkeiten der Heimat Zwölf Jahre Kammerpräsident – Alfred Liebetrau I Dr. Rudolf Kubach Aus dem aufgefundenen Nachlaß von Stadtpfarrer Dr. Heinrich Feurstein – Zeugnisse Der langjährige Leiter der Polizeidirektion Villingen-Schwenningen – Polizeidirektor Dr. Max und Dr. Martha Frommer – Das Ehepaar zeichnete sich durch vielseitige Ein bewußter Schwenninger: Oberstudiendirektor i. R. Dr. Rolf Mehne – Schulleiter RolfKrülle – Eine vielseitig talentierte Persönlichkeit I Martin Günzler Bernhard Dury -Kommunalpolitiker und Gastwirt I Barbara Rimmele Als Autor unvergeßlich: Hermann Alexander Neugart I Wolfgang Bräun D‘ Brigach I Gedicht von Elisabeth Neugart Helga Eilts – praktiziert als Ortsvorsteherin Bürgernähe I Georg Stefan Kaletta Alexander Graf – Ein weit über Bad Dürrheim hinaus bekannter Architekt I Prof. Peter Schenk Eugen Müller – Vorbildlich in seinem sozialen Wirken I Eduard Krohn Ingrid Hasenfratz – Bäuerin aus Berufung I Gertrud Lindig Das Wort I Gedicht von Johannes Hawner Professor Dr. phil. Gert Böhme – Ein vorbildlicher Hochschullehrer mit außergewöhnlichen Willi Vollmer – Ein hochverdienter und beliebter Mitbürger I Franz Gottwalt Julius Naegele – Ein Mann, der aus der jüngeren Baugeschichte seiner Heimatstadt Ordnung I Gedicht von Christiana Steger Helmut Müller – Die Feuerwehr war sein Leben I Manfred Bau Hubert Fleig – Ortsvorsteher mit Fortune I Karl Volk Karl Dilger – Handwerker und engagierter Bürger I Rudolf Schlatter Elmar Schnetzler – Er wird vielen Aufgaben gerecht I Isolde Weidenbach Franz Gilli – Hochgeschätzter Anwalt für den bäuerlichen Berufsstand I Dr. Clemens Seiterich Uschi Elsässer – Zum Helfen immer bereit I Brigitte Hutzenlaub Otto Günter – Ein erfolgreicher heimischer Bauunternehmer I Klaus-Peter Friese In memoriam: Altbürgermeister und Ehrenbürger Mathias Lauble – Sein Denken und Allerseelen I Gedicht von Josef Albicker Der Schwarzwald-Baar-Kreis in Farben (Einlage) (in Fortsetzung des Kapitels „Persönlichkeiten der Heimat“) Karl Zimmermann – Ein Leben für den Schutz der Natur I Christiana Steger Hans Göppert – Ein erfolgreicher Handwerksmeister und ein engagierter Bürger der Gemeinde Schönwald mit einem Leben für den Skisport I Emil Rimmele Bernhard Moser – Von einem Rietvogel der ausflog I Jürgen Kauth 366 sozialen und gemeinnützigen Verdiensten I Prof. Dr. Walter Zahradnik nicht wegzudenken ist I Max Müller Handeln galt stets Peterzell / Hermann Seifermann 105 109 110 114 117 119 120 121 123 128 131 134 136 141 142 145 147 148 150 152 153 154 156 158 160 161 162 165 167 169 171 172 174 176 177 178 180

Prof. Dr. Richard Mühe Uhren im Landkreis – gestern und heute 150 Jahre Deutsche Uhrenindustrie – Vom Uhrengewerbe zur Uhrenindustrie/ Ein Besuch im „neuen“ Deutschen Uhrenmuseum in Furtwangen / Beatrice Techen M. A. Die astronomischen Geräte Philipp Matthäus Hahns im Deutschen Uhrenmuseum, Die astronomische Uhr aus dem Kloster St. Peter und die berühmte Rinderle-Uhr – Von dem Faszination Sonnenuhr/ Reinher Gassert Neu: Die Deutsche Uhrenstraße/ Ulrich Schlichthaerle Furtwangen / Prof. Dr. Richard Mühe und Beatrice Techen M. A. Furtwanger Wilfried Dorer in meisterlicher Weise nachgebaut / Robert Scherer Glocken Das Hüfinger Stadtgeläute / Kurt Kramer Heiteres aus dem Klosterleben St. Ursula in Villingen M. Hieronyma Riegger 1901-1990 / Helmut Groß Das Auge des Gesetzes und der Bienenhonig/ Gedicht von Helmut Groß Baudenkmäler Die Sägemühle in Gütenbach / Lorenz Wiehl Wider besseres Wissen / Gedicht von Christiana Steger Der Stöcklewaldturm / Jens Heid Manfred Bosch Zeichner, Maler, Grafiker/ Karl Rudolf Schäfer Kunst und Künstler Die Lovis-Presse – Eine Schwenninger Pioniertat des Kunstbetriebs der Nachkriegszeit / Dokumente einer verwehenden Welt – Hans Georg Müller-Hanssen 85 Jahre alt – Willi Dorn: Bildwerke, Holzdrucke/ Dr. Lorenz Honold Werner Klein – Der Meister des prägnanten Strichs und der hintergründigen Symbolik/ Ein anderer Winter / Gedicht von Jürgen Henckell Josef Meier Brauchtum 150 Jahre Hüfinger Fronleichnams-Blumenteppiche/ Isolde Weidenbach Das Sinkinger Backhaus – Ein alter Brauch wird wieder lebendig/ Albert Bantle Die neue Mühle in Mühlhausen – Ein Beispiel für Brauchtumspflege / Wilfried Leibold Das Vöhrenbacher Rätschen – Ein Brauch mit mittelalterlichen Wurzeln / Wilfried Dold Frühlingsahnen / Gedicht von Josef Albicker Der Maulwurf – nur in der Literatur? / Karl Volk Arthur Lamka Gesundheit Die ESPAN-Klinik in Bad Dürrheim – Fachklinik für Erkrankungen der Atmungsorgane/ Gutes Herz / Gedicht von Johannes Hawner Am Flußufer/ Gedicht von Josef Albicker Tröstlich Heiteres für unsere kranken Almanachleser / Gedicht von Helmut Groß Sagen der Heimat Der Sarg im Straßengraben / Max Rieple Theine-Legende / Ernst Braunschweiger 183 192 200 205 214 223 235 241 242 244 247 248 250 258 262 272 277 278 284 287 292 296 297 300 303 303 304 305 307 367

Verkehrswesen Der Busunfall / Helmut Kaiser Einbruch im Sommerautunnel / Karl Volk Landschaft, Umwelt Geheimnisvolle Ursprünge? -Gedanken zu drei bekannten Begriffen im Landkreis: Donau, Neckar, Baar / Prof. Dr. Günther Reichelt Die Landesgartenschau 1994 findet in Bad Dürrheim statt -Die Jahre davor/ Jörg Dieterle Landwirtschaft Bäuerliche Landwirtschaft auch künftig im Schwarzwald-Baar-Kreis unverzichtbar – Auswirkungen der EG-Agrarreform und GATT-Beschlüsse müssen verkraftet werden/ Otto Maier Erntekrone im Kreishaus/ Landrat Dr. Rainer Gutknecht Gastronomie Hotel -Gasthof „Falken“ in Schönwald / Emil Rimmele Landhaus Wagner in Bad Dürrheim: Kultivierte Tafelfreuden bei Kerzenlicht/ Dagmar Schneider-Damm, M. A. Der Verband der Serviermeister und Restaurantfachkräfte, Sektion Schwarzwald-Baar, aktiv / Verband der Seviermeister und Restaurantfachkräfte e. V., Sektion Schwarzwald-Baar Sport, Tanz Internationale Deutsche Meisterschaften im Rasenkraftsport in St. Georgen am 15. 8. 1992 – Hochkarätige Athleten am Start/ Willi Heldt Christina Gronmaier -mit Pfeil und Bogen zur Deutschen Meisterschaft/ Carmen Schreiber Jochen Heckmann -Tänzer, Choreograph und Lehrer/ Dagmar Schneider-Damm, M. A. In memoriam -Oskar Grießhaber -Eine Turnlegende / Heinz Heckmann Die Freizeit für den Rasenkraftsport -Hermann Lichtenberg zum Gedächtnis / Ludwig Baumann Die Bücher / Gedicht von Margot Opp Prosa und Lyrik aus unserer Heimat Der Kaiser, der Schultheiß und sein wackeres Töchterlein -Ein Baaremer Märchen / Rolf Steiner Brief an Robert Gerwig / Karl Volk Wunder Natur/ Gedicht von Hermann Seifermann Wenn die Gremmelsbacher hinaus -oder in die weite Welt gingen und zurückkehrten – Eine dialektkundliche Miniatur/ Karl Volk Manfred Bosch -Widmungsgedichte Gedichte von Jürgen Henckell Gedichte von Rosemarie Renner Verschiedenes Personen und Fakten Orden, Medaillen Arbeitslose in Prozentzahlen Bevölkerungsentwicklung Ausländer in Zahlen Farbaufnahmen und Fotonachweis Die Autoren unserer Beiträge Inhaltsverzeichnis 368 310 312 316 324 327 331 333 336 337 339 341 342 345 347 348 349 350 354 355 356 357 358 359 360 360 361 361 362 363 365

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Almanach 1993 https://almanach-sbk.de/almanach-1993/ Fri, 20 Dec 2019 12:01:31 +0000 https://almanach-sbk.de/almanach-1993/

Almanach 93 Schwarzwald-Baar-Kreis Heimatjahrbuch des Schwarzwald-Baar-Kreises 17. Folge Herausgeber: Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis Redaktion: Dr. Rainer Gutknecht, Landrat Dr. Joachim Sturm, Kreisarchivar Karl Volk, Realschuloberlehrer Für den Inhalt der Beiträge sind die jeweiligen Autoren verantwortlich. Nachdrucke sind nur mit Einwilligung der Redaktion und unter Angabe der Fundstelle gestattet. Verlag, Druck und Gestaltung: Todt-Druck GmbH, Villingen-Schwenningen

Ehrenliste der Freunde und Förderer des Almanach 1993 ANUBA-Beschläge X. Heine & Sohn GmbH, Donaueschinger Straße 2–6, Vöhrenbach Auer + Weber, Freie Architekten Dipl.-Ing. BDA, Königsträßle 2, Stuttgart-Degerloch Dr. Hanno Augstein, Hüfingen Bad Dürrhe.imer Mineralbrunnen GmbH + Co. Heilbrunnen, Bad Dürrheim Baden-Württembergische Bank AG, Filiale Villingen-Schwenningen Alfred Bausch, Rosen-Apotheke, Espenstraße 3, Blumberg Bezirkssparkasse Donaueschingen Binder Magnete GmbH, Villingen-Schwenningen Barbara und Albert Buchholz, Flushing, L.I.N.Y., USA Ingenieurbüro Horst Budde, Pestalozzistraße 65, Villingen-Schwenningen Burger Industriewerk GmbH & Co. KG, Schonach EGT Elektrotechnik GmbH, Steinkreuzweg 6/1, Villingen-Schwenningen Claus Eller, Zahnarzt, Neue Heimatstraße 2, Vöhrenbach Helmut W. Falk, Wirtschafts- und Unterneh­ mensberater, Fürstenfeldbruck Emil Frei GmbH & Co., Lackfabrik, Bräunlingen-Döggingen Lars Frykmann, Zahnarzt, Vor Weiden 25, Blumberg S. D. Joachim Fürst zu Fürstenberg, Donaueschingen Walter Glatz, Blumberg Dipl.-Ing. Theo Greiner, Kolpingstraße 12, Donaueschingen Dr. med. Egon Hochmann, Triberg Hock GmbH, Schönwald-Triberg IEF Werner GmbH, Wendelhofstraße 6, Furtwangen Institut Dr. Jäger, Friedrichstraße 9, Villingen-Schwenningen Kraftwerk Laufenburg, Laufenburg Kunde-Systemtechnik, St. Georgen Lauffenmühle GmbH, Waldshut-Tiengen Liapor-Werk, Tuningen MAICO Elektroapparate-Fabrik GmbH, Steinbeisstraße 20, Villingen-Schwenningen 2 Vermessungsbüro Dipl.-Ing. Viktor Mandolla, Villingen-Schwenningen MEKU Metallverarbeitungs-GmbH, Dauchingen Leopold Messmer, Dipl.-Ing. FH, Freier Architekt, Bühlhofstraße 8, Furtwangen MODUS Gesellschaft f. berufliche Bildung GmbH, Vöhrenbach Dr. med. Paul Obergfell, Villingen-Schwenningen Dr. Peter Pfaff, Frauenarzt, Villingen-Schwenningen Prof. Dr. Pross, Villingen Guido Rebholz, Architekt, Zehntstraße 1, Bad Dürrheim RICOSTA GmbH & Co. Schuhfabriken, Dürrheimer Straße 43, Donaueschingen Anne Rieple-Offensperger, Friedrichstraße 1, Bad Dürrheim Dipl.-Ing. Eckart Rothweiler, Freier Architekt, Karlstraße 63, Donaueschingen Dr. med. P. Samimi, Chefarzt der Chir. Abt. des Städt. Krankenhauses Furtwangen SCHMIDT Feintechnik GmbH, St. Georgen S. Siedle & Söhne Telefon- und Telegrafenwerke, Stiftung & Co., Bregstraße 1, Furtwangen Sparkasse Villingen-Schwenningen mit Hauptanstalt in Villingen, Zweiganstalten in Schwenningen, St. Georgen und Triberg, Haupt­ zweigstellen in Bad Dürrheim, Königsfeld, Schonach und Vöhrenbach und weiteren 41 Geschäftsstellen Günther Stegmann, Donaueschingen STRAUB-Verpackungen GmbH, Bräunlingen TRW Thompson GmbH & Co. KG, Präzisions­ ventile für die Motoren- und Automobilindustrie, Werk Blumberg F. K. Wiebelt – Buchhandlung, Bickenstraße 6–8, Villingen-Schwenningen Dr. med. Fritz Wilke, Obere Waldstraße 12, Villingen-Schwenningen Johann Wintermantel Verw. GmbH & Co. KG, Kies- und Betonwerke, Pfohrener Straße 52, Donaueschingen Ursula Wollersen, Birkenweg 8, Triberg 10 weitere Freunde und Förderer des Almanach wünschen nicht namentlich genannt zu werden.

Heimat und Friede Dem Heimatjahrbuch des Schwarzwald-Baar-Kreises 1993 zum Geleit Heimat und Friede: ist es nicht eine Illusion? Statt Friede herrscht in der Welt mehr Unfriede, ja Krieg-und dies zwischen Men­ schen, die sich nahestehen, bzw. nahestehen sollten. Erinnert sei an den blutigen Bür­ gerkrieg im ehemaligen Jugoslawien, der schlimme Ausmaße angenommen hat. Und wie sieht es in unserer allernächsten Umgebung aus? Wie oft gibt es Zwietracht und Streit in der eigenen Familie und am Arbeitsplatz! In uns selber haben wir oft alles andere als ein ausgeglichenes und friedvolles Herz. Auf der anderen Seite steht die Erfahrung, daß aus der Verbundenheit zur Heimat besondere Kräfte erwachsen können. Fern der Heimat erleidet man oft Heimweh und Sehnsucht nach der „heilen Welt“, die man in der Jugend glaubte erlebt zu haben. Manche Ereignisse in der Jugend erscheinen später sicher in einem verklärten Licht, wahr ist aber auch, daß bei vielen von uns Erinnerungen an die Heimat Gebor­ genheit, Ruhe und Friede bedeuten. Die Geschichte lehrt: der Mensch ist in seinem Wesen nicht friedfertig. An dieser Tatsache kommen wir auch nicht durch heimatliche Gefühle vorbei. Was bleibt, ist, daß sich jeder einzelne von uns im Zusammenleben um Mitmenschlichkeit und Har­ monie bemüht. Diese Wertvorstellung muß von frühester Jugend an in die Herzen der Menschen hineingelegt und bewußt durch Vorbildverhalten gepflegt werden. Der Wille, mit dem anderen trotz aller Unzulänglichkeiten auszukommen, ist die wichtigste Aufgabe der Erziehung zum Frieden. Wenn man den hier geäußerten Gedanken folgt, vermittelt Heimat nicht unbe­ dingt Frieden. Aber: wo Friede, da Heimat! Unser Heimatjahrbuch kann auch unter dieser Zielvorstellung gesehen werden. Die jährlichen Berichte geben Zeugnis vom Leben und Wirken der Menschen in unserer Heimat, was war und was ist. Kampf und Friede liegen auch hier oft nahe bei­ einander. Mein Dank gilt auch in diesem Jahr unseren Freunden und Förderern. Ihre finan· zielle Unterstützung hat wiederum ein preisgünstiges Jahrbuch ermöglicht. Ich wünsche, daß auch der Almanach 1993 eine gern gelesene Lektüre wird und viele Freunde inner- und außerhalb des Schwarzwald-Baar-Kreises findet. Dr. Rainer Gutknecht Landrat 3

Aus dem Kreisgeschehen Kreispolitik 1992 Das wichtigste kreispolitische Ergebnis Betrieb genommen werden. Der neu im Berichtszeitraum war die feierliche Ein­ erbaute Therapiebereich (Turnhalle und weihung des Landratsamtes am 8.11.1991. In Therapieschwimmbecken) wird bald Anwesenheit zahlreicher Gäste wurde die danach in Benutzung genommen werden Vollendung des Bauwerkes gewürdigt. Das können. neue Gebäude bewährt sich im praktischen Nach langer Diskussion konnte der Neu­ Verwaltungsablaufund findet auch in seiner bau der in der Trägerschaft des Landes Architektur breite Zustimmung. In einem Baden-Württemberg und des Schwarz­ eigenen Kapitel dieser Ausgabe (vgl. Seite 11 wald-Baar-Kreises stehenden Beruflichen ff) wird das Kreishaus unter den verschiede­ Schulen in Furtwangen begonnen wer­ den. Der Spatenstich fand am 26. 3. 1992 nen Gesichtspunkten vorgestellt. Drei weitere Investitionsmaßnahmen statt. Die Bauarbeiten werden voraus­ sichtlich drei Jahre dauern. Von den vor­ haben uns im Berichtsjahr beschäftigt: -Die Erweiterung der Schule für Körper­ aussichtlichen Kosten in Höhe von behinderte verläuft planmäßig. Mit 23,05 Mio. DM wird der Landkreis ent­ sprechend seinem Anteil rund 40 0/o = Schuljahresbeginn 1992/93 konnten die 9,08 Mio. DM zu tragen haben. zusätzlich errichteten Fachräume in Dr. Gutknecht, Staatssekretär Fleischer, S. D. Fürst zu Fürstenberg, Staatssekretär a. D. Dr. Häftle, Feierliche Eröffnung des neuen Landratsamtes am 8. November 1991. In der ersten Reihe von links nach rechts: Dekan Müller, Dekan Treiber, Oberbürgenneister Dr. Gebauer, MdL Redling (verdeckt), MdL Ströbele, Regi.erungspräsident Dr. Schroeder, Landrat Architekt Prof Auer. Bild rechts: Heimatzunft Hüfingen beim „Tag der oifenen Tür“. 4

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– Neu in die Diskussion gekommen ist die Verlagerung der Schule für Geistigbe­ hinderte in Donaueschingen. Eine Sanie­ rung und Erweiterung am bisherigen Standort in der Augustastraße hat sich als nicht zweckmäßig ergeben. Die schu­ lische Verwendung des bisherigen Mis­ sionskonviktes der Missionsgesellschaft vom Heiligen Geist – Spiritaner – am Stadtausgang von Donaueschingen in der Nähe des F.F. Parks bringt für alle Beteilig­ ten eine gute Lösung. Der Landkreis ent­ schloß sich, das Gebäude zu erwerben und darin die Schule für Geistigbehin­ derte unterzubringen. Eine Zusammenlegung mit dem Sonder­ schulkindergarten in Aufen wurde aus Raumgründen nicht weiter verfolgt. Be­ vor der Unterricht im neuen Gebäude auf­ genommen werden kann, sind umfang­ reiche Umbauarbeiten erforderlich. Die Kosten der Umbaumaßnahme und die finanzielle Belastung des Landkreises ste­ hen bei Redaktionsschluß noch nicht fest. Zwei Vorhaben, die seit Jahren diskutiert wurden, konnten im Berichtsjahr 1992 unter Beteiligung des Landkreises vorangebracht werden: Die Errichtung eines Fernstudienzen­ trums der Universität Hagen und eines Industriemuseums, jeweils in Villingen­ Schwenningen. Über beide Projekte wird in besonderen Beiträgen in dieser Ausgabe berichtet (Seite 75 ff. bzw. Seite 290 ff.). Ein besonderer Schwerpunkt der Kreis­ politik 1992 bildet die Sozialpolitik: Alten- und Sozialhilfe Entsprechend den Vorgaben des Alten­ plans und dem Grundsatz „offene Hilfe vor stationärer Hilfe“ wurde das Hilfesystem für die älteren und pflegebedürftigen Mitbürger weiter entwickelt. In vier Versorgungsberei­ chen wurden Arbeitsgemeinschaften aller Hilfeanbieter und der Kommunen gegrün­ det. Hier wird gemeinsam auf eine bedarfs­ gerechte und wirtschaftliche Versorgung in den Gemeinden des Kreises hingewirkt. 6 Neben dem weiteren Ausbau der Sozial­ stationen und Hilfsdienste soll künftig den ratsuchenden Bürgern durch sogenannte Informations-, Anlauf- und Vermittlungs­ stellen ein weiteres Serviceangebot zur Ver­ fügung stehen. Der Landkreis unterstützt diese Bemühungen im Ausbau ambulanter Hilfen durch die Gewährung von Zuschüs­ sen. 1992 stehen allein hierfür mehr als DM 500.000 zur Verfügung. Als notwendiges Zwischenglied zu einer stationären Hilfe im Heim fördert der Kreis seit Mitte des Jahres 1991 auch die Einrich­ tung und den Betrieb von Tagespflegeplät­ zen. Hier werden pflegebedürftige Mitbür­ ger tagsüber betreut, am Abend und am Wochenende leben sie in ihrer gewohnten häuslichen Umgebung. Zusammen mit der seit einigen Jahren eingeführten Kurzzeit­ pflege soll mit diesen Maßnahmen eine Ent­ lastung der pflegenden Angehörigen erreicht werden. Letztendlich kommt dies der Auf­ rechterhaltung der Pflegebereitschaft durch die Familie zugute. Im stationären Bereich wird aufgrund der sich rapide verändernden demographischen Entwicklung hin zu mehr älteren Mitbür­ gern schon im Jahre 1992 eine weitere Fort­ schreibung der Bedarfszahlen für Heim­ plätze im Kreis notwendig werden. Wenn auch im Schwarzwald-Baar-Kreis – zumin­ dest derzeit – nicht von einem Pflegenot­ stand gesprochen werden kann, so unter­ nimmt der Kreis doch zusammen mit den freien Trägern und den Schulen Anstrengun­ gen, neue Pflegekräfte zu gewinnen und die vorhandenen im Beruf zu halten. Eine Arbeitsgruppe „Werbung für Pflegeberufe“ und „Fortbildung für Pflegeberufe“ wurde hierfür eigens ins Leben gerufen. Unabhängig von der Setzung neuer Schwerpunkte erfüllt der Landkreis auch weiterhin seine Verpflichtungen im Rahmen der Sozialhilfe. Der für das Jahr 1992 errech­ nete Aufwand für die soziale Sicherung beträgt ca. 78 Mio. DM, das sind 14 0/o mehr als im Jahre 1991. Dazu kommen noch die Ausgaben für die Bürgerkriegsflüchtlinge aus

Kroatien und Bosnien-Herzegowina, die bei Verwandten und Bekannten Aufnahme fan­ den. Allein für ca. 450 Flüchtlinge (einschl. Stadt Villingen-Schwenningen) mußte der Landkreis im Berichtsjahr ca. 400.000 DM an Sozialhilfe aufbringen. Behindertenhilfe Auf der Grundlage des 1991 verabschiede­ ten „Psychiatriekonzeptes“ des Kreises wurde zu Beginn des Jahres 1992 vom Cari­ tasverband eine Wohngemeinschaft für psy­ chisch Kranke in Donaueschingen einge­ richtet. Die vorgesehene Werkstatt für psy­ chisch Behinderte wird ebenfalls noch 1992 ihren Betrieb im Stadtbezirk Schwenningen aufnehmen. Für das therapeutische Wohn­ heim liegen bereits die Planungen des Cari­ tasverbandes vor. Neu auf den Landkreis sind zum 1. 1. 1992 die umfangreichen Aufgaben der Betreu­ ungsbehörde zugekommen. Mit dem Insti­ tut der Betreuung werden die bislang bekannten Amtsvormundschaften und Amtspflegschaften für Volljährige abgelöst. Nicht mehr die Verwaltung eines Falles, meist nur im Hinblick auf das vorhandene Vermögen, steht im Vordergrund, sondern das persönliche Gespräch und die Rücksicht­ nahme auf die Wünsche des einzelnen. Ent­ sprechend des Grundsatzes der Subsidiarität sollen diese Aufgaben unter finanzieller För­ derung des Landkreises durch Mitarbeiter (hauptamtliche und vor allem ehrenamtli­ che) eines von den freien Wohlfahrtspflege noch zu gründenden Betreuungsvereins für den Schwarzwald-Baar-Kreis wahrgenom­ men werden. Empfang des Künstlers Hans-Georg Müller­ Hanssen, im Bild links, am 16. Juni 1992 im Landratsamt Betreuungsangebote Mit erheblicher Unterstützung des Land­ kreises wird im Jahre 1992/93 der Anschluß des Kreisgebietes an das Angebot der Tele­ fonseelsorge erfolgen können. Damit ist „rund um die Uhr“ und auch außerhalb der Dienststunden der schon vorhandenen Beratungsstellen die Erreichbarkeit einer Ansprechstelle für persönliche Krisen- und Problemsituationen gewährleistet. Dieser Dienst stellt einen weiteren wichtigen Bau­ stein des Beratungsangebots im Landkreis dar. Schwerpunkte unserer Arbeit waren auch im Jahre 1992 die Aufgabenbereiche der Abfallbeseitigung und des ÖPNV (Öffent­ licher Personennahverkehr): Abfallbeseitigung Unsere Bemühungen richten sich vor allem darauf, unsere Deponiefläche auf den Deponien Hüfingen und Tuningen zu scho­ nen, das heißt, möglichst viel Müll zu ver­ meiden bzw. wiederzuverwerten. Von den Müllmengen her gesehen müssen vor allem Bauschutt und Gewerbemüll verringert wer­ den. Beide Bereiche sind Gegenstand unse­ rer besonderen Bemühungen. 7

In Erinnerung an den Besuch von Herrn Regierungspräsident Dr. Conrad Schroeder am 26. 2. 1992 im Landratsamt Regierungspräsident Dr. Conrad Schroeder stattete dem Schwarzwald­ Baar-Kreis seinen Antrittsbesuch ab. Am Vormittag sprachen die Herren Bürgermeister über ihre Anliegen; am Nachmittag wurden in Anwesenheit der Fraktionsvertreter des Kreistages aktuelle Fragen der Kreispolitik erörtert. Der Besuch gab Herrn Regierungspräsident Dr. Conrad Schroeder Gelegenheit, die Besonderheiten des Schwarzwald-Baar­ Kreises näher kennenzulernen. 8

Was den Bauschutt angeht, läuft das Plan­ feststellungsverfahren für die Bauschuttre­ cyclinganlage in Brigachtal-Klengen. Ein besonderes Problem stellt die Zufahrt zu die­ ser Anlage dar. Die vom Umwelt- und Tech­ nischen Ausschuß des Kreistages beschlos­ sene Trasse ist nicht unumstritten. Das Verfahren zur Planfeststellung der Zufahrtsstraße wurde vom Verfahren zur Planfeststellung einer Bauschuttrestdeponie und -recyclinganlage getrennt. Der Land­ kreis hat der Gemeinde Brigachtal jedoch vertraglich zugesichert, daß die Anlage erst in Betrieb genommen wird, wenn auch über die Zufahrtsstraße im Planfeststellungsver­ fahren entschieden ist. Wie die anderen Landkreise mußten auch wir unsere Haltung zu der Einführung des Dualen Systems festlegen. Gemäß der Ver­ packungsverordnung müssen Verkaufsver­ packungen ab dem 1. 1. 1993 außerhalb der öffentlichen Abfallentsorgung der stoffli­ chen Wiederverwertung zugeführt werden. Der Verordnungsgesetzgeber verspricht sich davon, auf eine höhere Erfassungsquote der Abfallstoffe zu kommen. Hierzu nimmt er die Hersteller und Vertreiber von Verpak­ kungen in die Pflicht, in eigener Verantwor­ tung für die Verwertung der Verpackungen zu sorgen. Dazu wird ein zweites Sammelsy­ stem, also ein duales System, außerhalb der öffentlichen Müllabfuhr, aufgebaut. Für den Bürger bringt die Einführung des Dualen Systems eine Verbesserung der an­ gebotenen Verwertungsmöglichkeiten. So wird zukünftig Altglas kreisweit in Contai­ nern gesammelt. Für jeweils 500 Einwohner wird ein Containerstandplatz eingerichtet. Papier und Pappe werden in manchen Gemeinden in Containern, in anderen Kom­ munen in Papiertonnen, direkt am Haushalt, erfaßt. Und schließlich wird der „Gelbe Sack“ eingesetzt. Hierin werden alle Kunst­ stoffe, Verbundverpackungen und Weiß­ blechdosen gesammelt. Jeder Haushalt erhält in ausreichender Anzahl Gelbe Säcke, die nach Befüllung alle vier Wochen gesam­ melt werden. Es ist ein Kernpunkt der Verpackungsver­ ordnung, daß alle Verpackungen stofflich verwertet werden müssen. Dies ist auch für Papier und Pappe, Glas und Dosen sicherge­ stellt. Für die Kunststoffe und Verbundver­ packungen stehen jedoch im Bundesgebiet noch nicht ausreichende Verwertungskapa­ zitäten zur Verfügung. Das Umweltministe­ rium ist deshalb gefordert, den Verbleib der gesammelten Kunststoffe strengstens zu überprüfen und gegenüber der Duale System Deutschland GmbH auf die Einhaltung der stofflichen Verwertung zu bestehen. Der Landkreis wird für eine ausreichende Information der Bürger zur Nutzung des Dualen Systems sorgen. Dabei wird die Bera­ tung zur Abfallvermeidung im Vordergrund stehen. Denn nur die nicht vermeidbaren Verpackungen sollen über das Duale System verwertet werden. Stets nach der Devise, der beste Müll ist der Müll, der nicht entstanden ist. Der Kreistag hat in seiner Sitzung am 22. 6. 1992 zwar die erforderliche Abstim­ mungserklärung erteilt, hat jedoch gleichzei­ tig eine Reihe von Auflagen formuliert, die bei der Einführung des Dualen Systems berücksichtigt werden sollen. Öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV) Im Berichtszeitraum haben wir weiter an der Verbesserung des ÖPNV gearbeitet. Im Vordergrund standen die Bemühungen, das sogenannte Hinterland von Villingen­ Schwenningen besser mit dem Oberzen­ trum zu verbinden. Vorangekommen sind wir mit dem soge­ nannten Ostbaarkonzept, d. h. mit der Anbindung von Bad Dürrheim und Tunin­ gen an Villingen-Schwenningen. Verstärkt haben wir unsere Bemühungen, den Verkehr auf der Schiene zu verbessen: Das City-Bahn-Konzept soll zwischen Freiburg-Donaueschingen -Villingen um­ steige&ei und im Ein-Stunden-Takt die Benut­ zung der Bahn wieder attraktiv machen. In einer weiteren Stufe soll die Strecke im Westen bis Breisach und im Osten bis Rott- 9

weil erweitert werden. Die vom Regional­ verband Schwarzwald-Baar-Heuberg plane­ risch entwickelte Hauptstrecke zwischen Freiburg und Donaueschingen soll nunmehr daraufhin überprüft werden, ob sie finanzier­ bar ist. Wie hoch sind die Kosten für die Investitionen? Welche Zuschüsse sind vom Land zu erwarten und was bleibt für die Kommunen, die an der Strecke liegen, noch zu finanzieren übrig? Diesen Fragen wird sich die im März 1992 gegründete Interessen­ gemeinschaft City-Bahn zuwenden und unter Berücksichtigung der sog. Regionali­ sierung der Bahn zu klären versuchen (vgl. auch Beitrag in dieser Ausgabe Seite 320 ff.). Nachdem die Deutsche Bundesbahn den Nahverkehr in der Fläche nicht mehr zufrie­ denstellend bedient und sich ausschließlich auf den Fernverkehr konzentriert, wurden Überlegungen angestellt, wie den Bürgern Das Stadtbahn-Konzept, vom Nahver­ kehrsberater des Landratsamtes, Ulrich Grosse, entwickelt, ist ein Beitrag zur Verbes­ serung des ÖPNV auf der Strecke Bräunlin­ gen, Hüfingen, Donaueschingen nach Vil­ lingen-Schwenningen. des Schwarzwald-Baar-Kreises ein attraktives schienen bezogenes Konzept angeboten wer­ den kann. Mit der Reaktivierung der für den Personenverkehr derzeit stillgelegten Bahn­ trasse von Bräunlingen nach Hüfingen und deren Verlängerung in Richtung Stadtmitte Bräunlingen könnten Nahverkehrszüge von Bräunlingen nach Villingen-Schwenningen eingerichtet werden, deren Fahrzeiten sich ausschließlich an den Belangen der Kreis­ bevölkerung orientieren. Mit zusätzlichen Halten und dem Einsatz moderner Stadt­ bahnwagen, die bereits in anderen Kreisen mit Erfolg eingesetzt werden, könnte der Schienenpersonennahverkehr wieder belebt werden, und ein auf die Fahrzeiten der Stadt­ bahn abgestimmtes Buskonzept würde die Voraussetzung dafür schaffen, daß auch Orte, die von der Stadtbahn weiter entfernt liegen, benutzerfreundlich angebunden wer­ den könnten. Bevor das Stadtbahnkonzept in die Wirk­ lichkeit umgesetzt werden kann, muß noch an einer Reihe von Fragen weitergearbeitet werden. Dr. Rainer Gutknecht, Landrat Alt-Villingen mit seinen Tünnen und Toren Aquarell: Rudo!f Heck 10

Das Kreishaus auf dem Hoptbühl in Villingen-Schwenningen … aus der Sicht des Planers Eine offene Gebäudekonstruktion trägt zur Bürgernähe der Verwaltung bei Das Landratsamt des Schwarzwald-Baar­ Kreises als Ort der Verwaltung, politischer Willensbildung und heimischer Kultur und Tradition ist für den ganzen Landkreis ein sehr bedeutsames Zentrum. Aus dieser Sicht und Verantwortung wurde schon im Jahre 1981 der Standort für den Bau eines neuen Amtes ausgewählt und durch den Landkreis erworben. Die leicht erhöhte Lage des Grundstücks am Rande der schönen Altstadt Villingens zeigt die Verbundenheit des Amtes zur histo­ rischen Stadt, zugleich aber auch die Offen­ heit der Beziehungen in die umgebende Landschaft. Der ausgedehnte Bauplatz stellte sich nahezu unberührt dar und weitgehend frei von städtebaulichen Vorgaben, ein seltener und glücklicher Umstand für die freie Ent­ wicklung neuer Ausdrucksformen einer akti­ ven, zukunftsorientierten Verwaltung. Im Bewußtsein der Bedeutung und Größe dieser von Grund auf neuen Bauaufgabe beschloß der Kreistag im Jahre 1987, einen für das Land Baden-Württemberg offenen Bauwettbewerb auszuschreiben. Die Ausschreibung beinhaltete jedoch nicht nur den Flächenbedarf des Amtes, die interne Funktionsanforderungen und den erwünschten Kostenrahmen. Der größte Wert wurde auf ein planerisches Konzept gelegt, welches der Idee von Bürgernähe der Verwaltung, von Offenheit und innenräum­ licher Atmosphäre nahekommt. Bei der Programmgestaltung stand dem Bauherrn klar vor Augen, daß eine offene Gebäudekonzeption entscheidend dazu bei- tragen würde, durch räumliche Transparenz, freundlich gestaltete Räume, Durchlichtung und angenehme Farben den guten Geist der Verwaltung positiv zu beeinflussen. Nicht nur Besucher, auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Hauses sollten sich dort wohlfühlen. Im Ablauf zweier Stufen wurde im Jahre 1988 der 1. Preisträger im Büro Auer und Weber, Stuttgart-München, ermittelt. Das Grundrißbild des Wettbewerbsentwurfs, sein gegliederter Organisationsaufbau sowie die schöne räumliche Abfolge zeigten bemerkenswert gute Ansätze für die Weiter­ bearbeitung im Sinne der oben beschriebe­ nen Anforderungen. Die äußere Gestalt der Gebäudekompo­ sition und ihre differenzierte Gliederung in Verbindung mit einer dem Gelände und dem Klima angepaßten Landschaftsgestal­ tung überzeugten nicht nur das Preisgericht und den Bauherrn, sondern in erster Linie auch die Vertreter der Stadt. Mit diesem Ent­ wurf war auf einfache und natürliche Weise ein städtebauliche Lösung erzielt. Dieser Eindruck wurde verstärkt durch ein sichtba­ res Holztragwerk sowie durch klare, groß­ flächige Dachformen, die die Tradition der großen alten Schwarzwaldhöfe aufnehmen. Auch die Durchführung der Baumaß­ nahme erfüllte alle Erwartungen. Die gründ­ liche und höchst qualifizierte Durch-und Detailbearbeitung durch die Architekten, die in engster Abstimmung mit dem Bau­ herrn Landkreis erarbeitet wurde, bewies ein­ deutig die Ideenkraft und Tragfähigkeit des Wettbewerbsentwurfs. 11

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Landkreis und Landrat trugen im Bereich ihrer kulturellen Verantwortlichkeit durch ergänzende künstlerische Ausstattung des Hauses und seiner Umgebung bei. Regional beheimatete Künstler sowie anerkannte Künstler aus dem Bundesgebiet befaßten sich im Rahmen eines Wettbe­ werbs mit der umfassend gestellten Aufgabe. Das Ergebnis ist eine harmonische Syn­ these von Landschaft und Gebäude, Kunst und Raum. Zur Freude des Landkreises und aller Mitarbeiter des Amtes ist ein Gebäude mit wohltuend menschlicher Atmosphäre und Offenheit entstanden, wobei die Funk­ tionstüchtigkeit des Hauses gewährleistet ist. Auch die veranschlagten Baukosten wurden eingehalten. Das Landratsamt als dienendes Glied innerhalb der großen Verwaltungsstruktur des Landes hat durch den Neubau einen modellhaften Ausdruck gefunden. Über die Verwaltungsaufgaben hinaus vermag der Bau des Landratsamtes auch kulturelle Impulse zu vermitteln. Der Bau ist ein Beweis dafür, daß Administration im Geiste unserer Zeit sich bürgemah und offen darzu­ stellen vermag und zugleich durch seine architektonische Gestalt und �alität bei­ spielhaft wirkt. Als eigenständiger Verwaltungskörper besitzt das neue Landratsamt des Schwarz­ wald-Baar-Kreises Kraft und Sammlung für bisherige und neue Aufgabenfelder. Prof. Dr. h. c. Horst Linde 14

… aus der Sicht der Architekten Das Bauwerk ist ein Spiegelbild der Eigenart des Landkreises Das neue Landratsamt des Schwarzwald­ Baar-Kreises setzt architektonisch in mehrfa­ cher Hinsicht ein Zeichen für das Selbstver­ ständnis des Landkreises. Auf der Anhöhe des Hoptbühls gelegen, erweist die Anlage der historischen Altstadt Villingens Referenz, indem sie den kreuzför­ migen Grundriß der Zähringerstadt aufgreift und der Ost-West-Achse, über die Barriere der Bahn hinweg, neue Bedeutung gibt als Leitlinie für die Wegeverbindungen von und zur Innenstadt und die weitere bauliche Ent­ wicklung dieses Gebiets. Das vormals freie Wiesengelände erhält mit dem „Kreishaus“ eine eigene Prägnanz als Ort zwischen Kern-Stadt und offener Landschaft. Die Beidseitigkeit der Eingangssituatio­ nen nimmt, entsprechend deren geografi­ schen Lage, die Kreisteile Schwarzwald und Baar künstlerisch durch Albert Hien in alle­ gorischen Objekten interpretiert, im westli­ chen Bereich in der Wasserrad-Kuckucksuhr und im östlichen mit der Getreide-Suppen­ schüssel auf. Die stadtgeschichtlich bedeutsame und denkmalgeschützte Fabrikantenvilla der Glockengießerei Grüninger (vgl. in dieser Almanach-Ausgabe, S. 286 ff.) – zwei ihrer Glocken sind Teil der in der Eingangshalle aufgestellten Turmuhr-wird als „Eckpfeiler“ in den stadtzugewandten Vorplatz einbezogen. Sie wurde in privater Initiative restauriert. Die Gestaltung des Neubaus entwickelte sich in der Auseinandersetzung mit der regionalen Baukultur: ein alle Bauteile übergreifendes Dach bie­ tet Schutz vor dem strengen, hiesigen Klima und will sinnbildhaft stehen für eine gesellschaftlich vereinbarte Ordnung – die Verwendung vertrauter Materialien, wie Holz für die Tragkonstruktion und Schindeln als Bedachungshaut erleichtert einen auch „emotionalen“ Zugang zu einer kommunalen Verwaltung, die durch Bürgernähe sich auszeichnen will. Das neue Amt ist gebautes Gleichnis eines aktiven Körpers: Für Kopf steht der den westlichen und öst­ lichen Eingangsbereich markierende Saal, der sich über eine Funktion als Sitzungssaal des Kreistags zu einem Ort vielfältiger Veran­ staltungen entwickelt hat und so den Neu­ bau noch stärker im öffentlichen Leben ver­ ankert. Für Herz steht die im Dach verglaste Ein­ gangshalle als lichter, einladender Kommu­ nikations- und Orientierungsort, für Glieder die verschiedene Arbeitsbereiche der Verwal­ tung. Die architektonische Gestalt und Aus­ strahlung dieses gebauten Organismus ist offen, unverschlüsselt, geradlinig und klar, der materielle Aufwand auf das konzeptio­ nell Notwendige reduziert. Hinter der Dominanz des Daches und der hellasierten Holzkonstruktion tritt in der äußeren Erscheinung die in Schattentönen gehaltene Metallfassade zurück und gibt der Gebäudestruktur Tiefe. Auch im Inneren bleibt das konstruktive Gefüge sichtbar und weitgehend losgelöst vom raum bildenden Ausbau, so bei der frei­ stehenden, die Flurtiefe gliedernde Holz­ konstruktion oder dem eigenständig konzi­ pierten Stahltragwerk des Sitzungssaals. Hin­ ter dieser Disziplin des Zeigens und Sicht­ barmachens steht die Vermutung, daß wir nur das verstehen, was wir auch sehen und daß in vielen Fällen Zusammenhänge nicht ohne Grund unserem Blick entzogen werden wollen. Die Dimensionierung des zum Teil drei­ geschoßigen Holztragwerks, – eine Heraus- 15

Der Sitzungssaal forderung an die Statikplanung -folgt im einzelnen dem gegebenen Kräfteverlauf. Durch die Trennung der inneren, die Geschoßebenen tragenden, von der die Dachlasten aufnehmenden außenliegenden Konstruktion konnte eine filigrane und wirt­ schaftliche Bauweise realisiert werden. Das Bauwerk empfangt Besucher und Pas­ santen mit „offenen Armen“, die transpa­ rente Außenhaut offenbart dessen Inneres; die Arbeit dort geschieht nicht in abge­ schlossenen Zellen, sondern aufEbenen, die untereinander und mit der Umgebung in Beziehung stehen. In der gemeinsamen Zielvorstellung einer „kommunikativen Transparenz“ wurde mit dem Bauherrn durch im Detail wesentliche Entscheidungen eine einladende, freundli­ che Atmosphäre geschaffen, die ein vieler­ orts anzutreffendes „Behördenmilieu“ nicht 17

Die Wappen der Städte und Gemeinden des Landkreises vor dem Sitzungssaal angeordnet nach ihrer geographischen Lage. Das Werk wurde von der Franz Mayer’schen Hofkunstanstalt, München, geschaffen. aufkommen läßt. Diese Einzelentscheidun­ gen betrafen z. B. die Höhe der die Flure begrenzenden Büroschrankwände, die seit­ lich der Bürotüren angeordneten Licht­ schlitze, welche eine „Ahnung“ der inneren Vorgänge vermitteln und dem dort Eintre­ tenden die „Hemmschwelle“ nehmen hel­ fen, die großzügige Verglasung der Bespre­ chungs- und Sitzungsräume, oder die auto­ matisch betriebene, gläserne Hauptein­ gangstüre. In der Sprache der Architektur ausge­ drückt will sich hier eine öffentliche Verwal­ tung nicht reprä-, sondern präsentieren. Die räumlichen Mittel und Materialien sind ursprünglich und unverbrämt – nicht „Gestaltung“ als formaler Vorwand, sondern Gestalt, die sich aus der intensiven Auseinan­ dersetzung mit dem Wesen der Aufgabe und der sinnvollen „Dienstlichkeit“ der einzel­ nen Entscheidungen allmählich erst entfal­ tet. Hierzu gehört das Verwerfen alles Über­ flüssigen, Floskelhaften, was den Blick auf die konkrete Lösung verstellt, ohne auf das kreative Spiel der „Erfindung“, auf das Erfor­ schen des noch nicht Dagewesenen zu ver­ zichten. Bevorzugt werden Materialien in ihren puren Naturfarben eingesetzt, was ihren Charakter unverfälscht zum Ausdruck bringt und eine farbliche Interpretation zugleich erübrigt: gewachsenes Holz stets 18

,,natur“ oder in die Verwitterung vorwegneh­ menden Tönen silbergrau lasiert, zement­ graue Dachschindeln mit dem Blau des Himmels changierend. Sichtbar belassener Beton präzise verarbeitet, mit hell-warmer Färbung, wirkt erstaunlich frisch, verzinkter Stahl behält mit einem stumpfen, rauhen Oxidationston seine herbe Kraft. Zu den Naturtönen des „Rohbaus“ treten die des Ausbaus und der Möbilierung: Buchefumierte Holzoberflächen der Wände und Möbel, im Flurbereich zugun­ sten einer Kontrastwirkung zu den Holzstüt­ zen farblich „ verfremdet“, Eichenparkett und Natursteinbelag aus geschliffenem Andeer Gneis, in einem kühl-grünen Ton, Baumwollstoffe der Vorhänge, gebleicht mit dunklen Einwebungen, Fliesen im ockrigen Materialton, Edelstahl und Aluminium, die von sich aus silbern sind, für die eigens ent­ worfenen Theken und Ausstattungsgegen­ stände. . Die Skala wird ergänzt durch das silbrige Grün der konzentriert eingesetzten Innenbe­ pflanzung. Sind die „Naturfarben“ -wie beim „schwar­ zen“ Stahl – nicht beständig, will die ver­ wendete Farbgebung die Materialeigen­ schaften hervorkehren: Stahl zum Beispiel wird metallisch, technisch wirken, wenn in Eisenglimmerfarbtönen oder glänzend Ral „eisengrau“ gestrichen, Gips in Weißtönen kalkig … Im Gesamteindruck wird ein Stimmungs­ bild angestrebt, das sich mit sachlich-frisch, differenziert, leise in der Balance von war­ men und kühlen Tönen beschreiben läßt. Dieser bildet einen zurückhaltend-selbstver­ ständlichen Rahmen, der der individuellen ,,Farbzugabe“ Spielraum beläßt. Innerhalb des architektonischen Gesamt­ konzepts werden die ökologischen Aspekte des Bauens gleichrangig mit den funktiona­ len, technischen, sozialen und wirtschaftli­ chen gesehen. Die vergleichsweise kompakte Bauweise, deren Außenabwicklung durch die erforderliche natürliche Belichtung der ist, Arbeits- und Flurzonen begründet ermöglicht bei gut gedämmten Hüllflächen einen günstigen Gesamtenergieverbrauch. Hierzu tragen ebenso eine sensibel gesteu­ erte, fortschrittliche Heizungsanlage wie pas­ siver Solarenergiegewinn über große Vergla­ sungsflächen bei. Die Auswahl und Oberflä­ chenbehandlung der Baustoffe erfolgte mit Blick auf ihre Regenerierbarkeit, Umweltver­ träglichkeit, ihrem Herstellungsenergieauf­ wand und ihrer bauphysikalischen Eignung. So ist das Bauwerk des neuen Landratsam­ tes im besten Sinne ein Spiegel für die Beson­ derheit und Eigenart dieses Landkreises zwi­ schen Schwarzwald und Baar, die herbe Schönheit seiner Landschaft, die Bodenstän­ digkeit und Erfindungskraft seiner Bürger. Götz Guggenberger Architekten Auer +Weber+ Partner 19

Architektur und Natur bilden eine sinnvolle Symbiose Eine der besonderen Architektur und ört­ lichen Lage entsprechende Gestaltung der Außenanlagen war von Anfang an ein Anlie­ gen der für den Bau Verantwortlichen. Der Garten- und Landschaftsarchitekt Jörg Heiner Stötzer aus Sindelfingen erhielt den Auftrag für diese nicht alltägliche Aufgabe, die er in überzeugender und ansprechender Form löste. Der Garten- und Landschaftsarchitekt sah seine Aufgabe darin, das Gebäude und den es umgebenden Naturraum als Einheit zu ent­ wickeln bzw. zwischen den Bedingungen des Ortes und den Ansprüchen der Natur eine sinnvolle Symbiose herzustellen. Dies wurde durch folgende gestalterische Maßnahmen des Außenraumes erreicht: – Verwendung von einheitlichem Naturstein­ material aus Schwarzwälder Granit für die Belagflächen, Treppen und Kanten. – Die Höhenunterschiede werden von Granit­ steinkanten gebrochen, die wie Felsstein­ kanten aus dem Gelände wachsen: Im Gelände treten zwischen Westen und Nordosten Höhenunterschiede bis zu fünf Meter auf. Die Höhe zwischen der Fußgängerbrücke, die über das nahe Bahngelände führt, und dem Hauptein­ gang wird durch eine dreiteilige Stufen­ anlage überwunden. Gleichzeitig führt eine Rampe den Besucher an den Treppen vorbei zum Gebäude. Die Höhensprünge sind am Gebäude mit handwerklich bear­ beiteten Natursteinkanten abgefangen, die jeweils einen Treppenlauf überbrücken. Die Geländemodellierung im südlichen Bereich wurde ausschließlich mit Erde ge­ macht. Lediglich am Gebäude treten ein- 20 zeine Natursteinblöcke hervor, die natür­ liche Kanten bilden. Die Dachwässerwerden in offenen Rinnen abgeführt und in Geländemulden gesam­ melt bzw. dem natürlichen Kreislauf zu­ geführt. Am tiefsten Punkt des Geländes entstand eine Senke für das Regenwasser des Gebäudes. Die potentielle Vegetation stellt sich auf solchen Standorten von selbst ein und bringt dem Beschauer eine interessante Fauna und Flora. Die Raumbildung mit gezielter Erdmodel­ lierung und punktueller Gruppierung der Gehölzpjlanzungprägen den Freiraum und verzahnen das Gebäude mit der Umge­ bung. Im Bereich des Haupteingangs sind teilweise immergrüne, dunkle Pflanzen angebracht, die eine Verdichtung wieder­ geben. Sie stehen als Gegensatz zu den frischgrünen Laubholzgruppen entlang der alten Schwenninger Straße und beto­ nen somit zusätzlich den Eingangsbe­ reich. Nach Südwesten hin stehen frei malerische Laubholzgruppen mit Land­ schaftsparkcharakter. Der kleinstrauch­ artige Charakter entwickelt sich punktuell entlang des Gebäudes an den Felskanten. Garten- und Landschaftsarchitekt Jörg Heiner Stötzer erzielte mit diesen Vorgaben für die gestalterische Entwicklung des Außenraumes Natürlichkeit vor Künstlich­ keit sowie Einfachheit und Prägnanz. Nach seiner Auffassung wird eine zurückhaltende Pflege der gesamten Anlage den Natürlich­ keitsgrad verstärken und damit der Außen­ anlage eine besondere Prägnanz verleihen. Redaktioneller Beitrag

… aus der Sicht der Kunst am und im Bau Albert Hien Anmerkungen zur „Kuckucksuhr“ aufgreift. Aufgeschichtet aus schweren Qua­ derblöcken ist der Platz für den Vogel ebenso markiert wie das Rund des Zifferblattes. In die kreisrunde Öffnung ist ein quergestelltes „Mühlenrad“ aus Edelstahl eingelassen, das von einem im Zickzackkurs geführten Was­ serlauf angetrieben wird. Neben dem mäan­ drierenden Verlauf der Wasserrinne liegen „Zahnräder“ unterschiedlicher Größe aus Buntsandstein bzw. Edelstahl, die mal abge­ stuft, mal im Boden versinkend oder schein­ bar aus dem Boden herauswachsend die Wasserführung flankieren. Am Ende der Achse, an erhabener Stelle, steht ein Kreis­ segment, dessen Gestalt wiederum an Zahn- Öffentliche Bauwerke haben in allen Zei­ ten neben ihrer funktionalen Bedeutung auch die Aufgabe der Repräsentation: Macht und Herrschaft spiegeln sich in architektoni­ scher Gestaltung. Das neue Gebäude des Landratsamtes im Schwarzwald-Baar-Kreis ist Spiegelbild einer öffentlichen Verwaltung im ausgehenden 20. Jahrhundert, deren Ziel es ist, für die Bürgerinnen und Bürger eben diese Verwaltung transparent und damit kontrollierbar zu machen. Eine gläserne Außenhaut gibt den ungehinderten Blick ins Innere frei, läßt den behördlichen Verwal­ tungsablauf, vordergründig, nachvollziehbar erscheinen. In der Gliede­ rung des Gebäudes haben die Stuttgarter Architekten Auer +Weber den kreuzförmi­ gen Grundriß der alten Zähringerstadt Vil­ lingen aufgegriffen und erweisen in der Ver­ längerung der Ost-West-Achse der histori­ schen Altstadt Referenz. zumindest Dem Baukörper ist eine mehrteilige Skulptur des 1956 in München geborenen Künstlers Albert Hien zugeordnet, die mit einer Ausdehnung von 50 m Länge und einer lichten Höhe von 5,50 m den westlichen, ter­ rassenartigen Eingangsbereich dominiert. Aus Buntsandstein, Edelstahl und dem Grundelement Wasser hat Albert Hien eine „Landschaftsskulptur“ geschaffen, die sich mit einem Produkt, das unverwechselbar das Bild der Region mitgeprägt hat, auseinander­ setzt: der Kuckucksuhr. In der Verlängerung der alten Stadtgrün­ dungsachse von Villingen erhebt sich zur linken ein tannenzapfenförmiger Mono­ lith, dessen Pendant zur rechten zerborsten und zugleich zu gewaltigen Zahnradformen mutiert daliegt. Der Blick öffnet sich auf ein großes, ruinöses, steinernes Tor, das formal die Gestalt des Gehäuses der Kuckucksuhr 22

• Albert Hien. Ohne Titel. Gestaltung westliche Treppenanlage Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis, Blick von Osten (oben} und Blick von Westen (unten}, Stadtbezirk Villingen, Buntsandstein, Edelstahl Wasser, Länge 50m, Höhe 5,50m, 1989-1991. ‚-‚“, 6 , �“?:·;“.:t . . J:-… .,,, .. 23

radformen erinnert. Es birgt ein bewegliches, vogelähnliches Gebilde, dessen Bauch sich unentwegt mit Wasser füllt und im regelmä­ ßigen Rhythmus in einer Vorwärtsbewegung das Wasser aus sich ergießt. Den weichen, lichtabsorbierenden Bunt­ sandstein kombiniert Albert Hien mit dem harten, glänzenden Edelstahl. Die roh behauenen Blöcke des Tores korrespondie­ ren mit der Gestaltung der Wasserrinne, deren Arbeitsspuren im Steinschnitt natür­ lich belassen sind. Den mechanischen For­ men aus Edelstahl sind exakt geschnittene Formen aus Stein gegenübergestellt, wobei diese zum Teil Spuren einer „Abnutzung“ zeigen. Die Wasserführung überbrückt vier Niveausprünge des Platzes und setzt der rela- Albert Hien. Ohne Titel. Gestaltung westliche Treppenanlage Landratsamt Schwarzwald­ Baar-Kreis, Detail, Blick von Osten, Stadtbezirk Villingen, Buntsandstein, Edelstahl Wasser, Länge 50m, Höhe 5,50m, 1989-1991. 24 tiv starren Ordnung der Skulptur durch das Fließen wie durch die Lichtreflektion ein Bewegungselement gegenüber. Für den Schwarzwald ist die am Beginn des Industriezeitalters entwickelte Kuk­ kucksuhr heute zu einem Werbeträger erster Ordnung geworden. Diese Uhr, die ehemals vielen Bastlern und Tüftlern in Heimarbeit eine karge Existenz sicherte, trat ihren Sieges­ zug durch in- und ausländische Wohnzim­ mer nicht zuletzt deshalb an, weil in ihr Bereiche von Natur und Technik mittelbar ineinandergreifen. Die heute auch in Plastik gegossenen Gehäuse, die von Schnitzma­ schinen seriell gefertigten Dekors wie knor­ rige Tannenzapfen, Hirsche, Edelweiß und anderes mehr, vermitteln für Touristen in aller Welt ein (wenn auch falsches) Bild einer Naturlandschaft, die es so nie gab und nie geben wird. Die auf der Schauseite der Uhr fast immer mit landschaftlichen Motiven gestalteten Zifferblätter bilden Veduten, deren Idylle zu einem Faszinosum für Mas­ sen werden konnte. Albert Hien gibt in seiner Skulptur kein Abbild des technischen Gegenstandes „Kuk­ kucksuhr“ wieder. Er dekonstruiert dieses technische Gebilde und transformiert es in ein skulpturales und landschaftliches En­ semble. ,,Auf dem Wege dorthin aber verla­ gern sich die Wertigkeiten. Das Element der Technik tritt zurück, während das skulptu­ rale und landschaftliche den Ordnungszu­ sammenhang neu erstellt“. Die an mechani­ sche Teile erinnernden plastischen Formen verselbständigen sich, und in der Phantasie des Betrachters kann im Zusammenhang des Ganzen die „Kuckucksuhr“ assoziiert wer­ den. Doch läßt Albert Hiens Kuckucksuhr den Betrachter nicht mehr verklärt eine heile Welt in der Vergangenheit finden, verweigert sich jeder nostalgischen Erinnerung. Viel­ mehr diskutiert er Bereiche von Natur und Technik, ,,die wir ansonsten so säuberlich zu trennen gewohnt sind; kommentiert bissig unsere ökonomisch-funktionalistische Ideo­ logie und den bürokratischen Kreislauf“. Wendelin Renn

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Das Klang-Tryptichon im Foyer Es handelt sich um ein Wandrelief in drei Teilen, bestehend aus elektronischen Bautei­ len, Lautsprechern, Draht und Plexiglas. Schon rein äußerlich, durch die starke Beto­ nung der Lautsprecher, ist zu erkennen, daß dieses Objekt etwas mit Klang zu tun hat. Um Klänge zu erzeugen, muß der Betrachter näher treten, sein Schatten muß auf eine der 8 Photozellen fallen, dann erklingt ein ein­ zelner Ton oder Tonfolgen, je nachdem, an welcher Stelle des Klang-Tryptichons er sich gerade befindet. Als erstes wird der Betrachter feststellen, daß nur dann Veränderungen im Klangbild auftreten, wenn er sich bewegt. Auffallen wird ihm auch, daß jeder der drei Teile einen bestimmten Tonhöhenbereich umfaßt: eine tiefe, eine mittlere und eine hohe Tonlage. Wenn man sich dann länger mit einem Teil befaßt, erkennt man, auf welche Weise man Variationen erzeugen kann. So löst man z.B. an der rechten Photozelle des Tiefton-Teils zunächst einen tiefen Ton aus, dem dann 5 weitere Töne folgen und deren Höhe und rhythmische Struktur von der Art der Abschattung abhängt. Durch Abschatten der linken Photozelle entsteht eine sich wie­ derholende einfache Tonfolge, die sich aber sofort verändert, wenn die rechte Photozelle beeinflußt wird; beide Klangreaktionen sind also voneinander abhängig. In ähnlicher Weise sind die Reaktionen der Photozellen des Mittel- und Hochton­ Teils miteinander verknüpft, dabei hat jede Photozelle ihre eigene typische Reaktions­ weise: z.B. ergibt ein kurzer Schatten bei einer Zelle einen Einzelton, bei einer ande­ ren eine ganze Tonfolge. Wieder andere müssen längere Zeit abgeschattet werden, damit ein Ton langsam anschwillt oder nach 26

einer Weile ein zusätzlicher Klang erzeugt wird. Die Bewegungsstrukturen des Betrachters finden ihre Wiederspiegelung in den Reak­ tionen des Objekts, dabei spielt es eine große Rolle, ob er sich schnell oder langsam, rhyth­ misch oder arhythmisch bewegt, ruhig oder nervös, geduldig oder ungeduldig sich ver­ hält. Immer wird die Klangreaktion in einem bestimmten Bezug zum Verhalten des Betrachters stehen. Aus den. vergangenen Ausführungen läßt sich erkennen, daß der Betrachter, um etwas zu erfahren, Eigenaktivität entwickeln muß. Es genügt nicht, wenn er betrachtend unbe­ weglich vor dem Objekt steht. Nur durch Interaktion ist der ästhetische Inhalt des Klang-Tryptichons erfahrbar; nur durch aktive Bewegungen entstehen Klangreaktio­ nen, die ihrerseits den Betrachter zu weiteren Aktionen veranlassen können. Es ist wie ein Spiel: Hin und her, Frage und Antwort, Geben und Nehmen, Aktion und Reaktion. Dieses spielerische Erfassen von Zeit­ strukturen vermittelt dem Betrachter eine ganz andere Art von Kunstrezeption als er bisher gewohnt war: weder hört er sich ein Musikstück an, noch betrachtet er ein Bild; auch spielt er kein Instrument, denn selbst­ erdachte Melodien, wie auf einem Klavier, kann er nicht spielen. Im Einlassen auf die vorgegebenen Klangstrukturen und beim Versuch diese zu verändern, wird er selbst schöpferisch und fängt an zu komponieren. Er bringt sich selbst ein in einen ästhetischen Prozeß, sein Verhalten wird Teil des Kunst­ werks. Sofern man bei der Kunstrezeption von Sensibilisierung sprechen will, so verfeinern z.B. Malerei und Musik die Sinne für die visuelle und auditive Wahrnehmung. Inter­ aktive Kunstwerke jedoch schärfen die Sinne für die Wahrnehmung von Verhaltens- und Zeitstrukturen, also für dynamische Pro­ zesse, in die man selbst involviert ist. Das klingt abstrakt, das Erkennen von Verhaltens-Strukturen ist aber, wie Sehen und Hören, ein wichtiger Teil unsererOrien- tierung in der Welt. Verhaltens-Vorgänge und Zeitstrukturen sind das Gerüst für unsere Auseinandersetzung mit Geist und Materie, mit den Menschen und den Din­ gen, die uns umgeben und die sich dauernd verändern. Die Menschen unter sich und die sie umgebenden Dinge stehen in einer per­ manenten dynamischen Wechselbezie­ hung: jede Handlung hat Reaktionen zur Folge, die zugleich auch von den Zuständen der interagierenden Systeme abhängen und damit nicht immer vorhersehbar sein kön­ nen. In diesem Netzwerk von Verbindungen und Verstrickungen bewegen wir uns und verändern damit die Welt. Peter Vogel Ein weiteres Kunstwerk, das die Baar darstellen wird, ist bei Redaktionsschltef? noch in Arbeit. Es wird im Almanach 94 uorgestellt werden. ‚� ,, 27

… aus der Sicht des Bauherrn Ideale Einheit zwischen Architektur des Gebäudes und dem Erscheinungsbild des Landratsamtes als Dienstleistungsbehörde Die Einweihung des neuen Landratsam­ tes am 8. November 1991 bildete den Abschluß eines langen, mitunter beschwerli­ chen Weges. Die Anfänge der Diskussion über einen Neubau reichen bis in die frühen siebziger Jahre zurück: Die kommunale Neugliederung, am l.Januar 1973 in Kraft getreten, schuf einen neuen und größeren Landkreis. Im Laufe der Jahre wurden dem Landkreis immer weitere Aufgaben übertra­ gen, die mit dem vorhandenen Personalbe­ stand nicht mehr zu bewältigen waren. Das alte Landratsamtsgebäude in der Kreisstadt Villingen-Schwenningen wurde den neuen Anforderungen nicht mehr gerecht: die Mit- arbeiterinnen und Mitarbeiter, dazu die Besucher, litten je länger desto mehr unter den unzumutbaren Raumverhältnissen. Der Neubau eines Landratsamtes stand in den ersten Jahren seit Bestehen des Schwarz­ wald-Baar-Kreises nicht an 1. Stelle. Andere notwendige Bauvorhaben mußten verwirk­ licht werden. Mit hohem finanziellen Ein­ satz wurden die Beruflichen Schulen durch Neu- und Erweiterungsbauten auf einen modernen Stand gebracht. Unsere geistig­ und körperbehinderten Schülerinnen und Schüler erhielten je ein neues, den heutigen Anforderungen entsprechendes Schulhaus. Wichtig war auch der Bau von zwei Abfall de- 28

ponien und schließlich verlangte auch der Kreisstraßenbau sein Recht. Nach weitgehender Erledigung dieser Aufgaben war die finanzielle Lage des Krei­ ses sehr angespannt. Eine Erholungspause war deshalb notwendig, d. h. der Schulden­ stand mußte verringert werden, was uns in einem unerwartet günstigen Umfang gelang. Es dauerte bis zum Jahr 1986, bis das Bau­ vorhaben für das neue Landratsamt in ein entscheidendes Stadium trat. Im Herbst 1986 wurde die Auslobung des Architektenwett­ bewerbs beschlossen, an dem sich rund 80 Architekten beteiligten. Am 12. Oktober 1987 vergab der Kreistag den Planungsauf­ trag an das Architektenbüro Auer & Weber in Stuttgart. Der Bau wurde im April 1989 begonnen. Nach einer Bauzeit von zweiein­ halb Jahren, dies ist sicher die denkbar kürze­ ste Zeitspanne, sind wir im Herbst 1991 in das neue Gebäude umgezogen. Ein „glücklicher Stern“ begleitete unser Bauvorhaben: -Schon die Auswahl des Grundstückes, das die Stadt Villingen-Schwenningen uns im Jahre 1981 auf dem Hoptbühlgelände zur Verfügung stellte, war eine Glückssache. Der Standort ist optimal: Stadtnah zum Stadtbe­ zirk Villingen ist es sehr gut vom ganzen Kreis aus, sei es mit Pkw, mit Eisenbahn oder Bus, zu erreichen. -Als glücklich zu bezeichnen ist auch die Entscheidung des Kreistages für den Entwurf der Architekten Auer & Weber in Stuttgart. Sie haben sich zusammen mit ihren Mitar­ beiterinnen und Mitarbeitern als Meister ihres Fachs erwiesen. -Glücklich können wir auch darüber sein, daß mit Blick auf die inzwischen einge­ tretenen nicht unerheblichen Kostensteige­ rungen der Bau gerade noch rechtzeitig durchgeführt und vollendet worden ist. Bei einem späteren Baubeginn und bei einer weniger zügigen Durchführung wäre der für den Neubau errechnete Kostenrahmen von 46 Mio. DM nicht mehr möglich gewesen. 29

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Das neue Landratsamt ist architektonisch sehr gelungen und ist ein zeitgemäßer Aus­ druck für die Vorstellungen der Bürgerinnen und Bürger von einer modernen Verwaltung. Die Architektur des Gebäudes und das Erscheinungsbild des Landratsamtes als Dienstleistungsbehörde bilden eine Sym­ biose, eine ideale Einheit. Hervorstechende Merkmale dieses Ge­ bäudes sind Offenheit und Durchsichtig­ keit. Holz und Glas wurden geschickt zur Erzeugung dieser Wirkung eingesetzt. Ist es nicht auch ein Markenzeichen einer guten Verwaltung, wenn man von ihr sagt, alles, was sie tut und entscheidet, ist offen, klar und durchsichtig? In der nüchternen Verwal­ tungssprache heißt dies: Bindung der Ver­ waltung an das Gesetz, vor dem alle gleich sind. Sie muß gerecht und unparteiisch sein. Das neue Haus lädt ein. Es strahlt einen Hauch von Heiterkeit aus. Wir wollen freundlich und zuvorkommend miteinan­ der umgehen. Dazu gehört ein heiteres Gemüt. Auch in einer Amtsstube darf gelacht werden! Der Bau ist nicht aufdringlich, er wirkt schlicht und fügt sich gut in die Stadtsilhou­ ette ein. Er ist bei aller Zurückhaltung modern gediegen. Dies wünsche ich mir auch von unserer Verwaltung. Wir wollen bescheiden bleiben und nicht angeben! Alle Vergleiche zwischen der Architektur des neuen Hauses und der Verwaltung lassen sich auf einen Hauptnenner zurückführen: die das Haus durchdringende Offenheit – helles Licht durchflutet die Räume -wird Vertrauen zueinander fördern. Dies ist das Beste, was Architektur im öffentlichen Bereich bewirken kann. Mit einem Bau wie diesem bekunden wir das Selbstverständnis der Demokratie: in Architektur ausge­ drückte Freiheit! Nichts besseres könnte man auch über eine Verwaltung sagen, als das, daß sie Offenheit und Vertrauen zeigt und weitergibt. Das neue Landratsamtsgebäude ist ein 31

sichtbarer Ausdruck, daß der Landkreis als Verwaltungsebene auch bei uns den ihm zukommenden Rang einnimmt. Auf der Kreisebene treffen sich kommunale und staatliche Verwaltung. Beide Aufgabenge­ biete zusammen machen die Besonderheit des Landkreises baden-württembergischer Prägung aus. Als kommunale Gebietskörper­ schaft ist er gleichwertiger Partner innerhalb der kommunalen Familie. Der Neubau ist nicht nur auf die Funktion als Verwaltungsbau beschränkt. Für die Stadt Villingen-Schwenningen, in der der Land­ kreis seinen Sitz hat, ist er eine bemerkens­ werte städtebauliche Bereicherung. Die Anordnung der alten Stadt Villingen wird mit ihrem Zähringerkreuz jetzt jenseits der Bahnlinie auf dem Hoptbühlgelände in einem zeitgemäßen, modernen Bau fortge­ setzt: Seine Längsachse entspricht der Nie­ deren und Oberen Straße und die Riet- und Bickenstraße verlängern sich in dem Fußweg über die Eisenbahnbrücke in zwei Richtun­ gen: Steppach und Altstadtsteig/Kopsbühl. 32 Die früheren Trampelpfade nach der Fuß­ gängerbrücke sind jetzt ausgebaute Wege durch das Landratsamtsgelände geworden. Man kann es auch so verstehen: das Land­ ratsamt will sich dem Bürger öffnen und will dazu wahrgenommen werden! Öffentliche Bauten wie Rathäuser und Landratsämter dürfen, ja sollen in die Augen fallen, damit sich die Einwohner in ihnen „wiedererkennen“ können. Der Neubau beflügelt die Phantasie der Betrachter. Man­ che wollen wegen der Dachgestaltung Anklänge an einen fernöstlichen Tempel erkennen. Oder hat etwa die römische Muse die Architekten geküßt, weil ähnliche Dach­ formen schon bei den Römern gebaut wur­ den? Sicher ist eines: Die Architekten haben ein Glanzlicht bezüglich der Architektur eines Verwaltungsgebäudes gesetzt! Das neue Haus ist kein Prunkbau, auch kein Denkmal für den Landrat, sondern die neue, angemessene Mitte unseres Landkrei­ ses. Am liebsten würde ich weniger vom Landratsamt, als vom „Kreishaus“ sprechen.

Dieser Ausdruck wird bei uns leider noch mit einem milden, nachsichtigen Lächeln abge­ tan. Zu unrecht, wie ich meine. So wie der Bürger davon spricht, daß er aufs Rathaus gehe – und nicht aufs Bürgermeisteramt -, um damit die vertraute emotionale Bindung an die Gemeinde auszudrücken, wäre dies doch auch in Bezug auf den Landkreis nicht abwegig; denn qualitativ machen beide das gleiche. Es liegt nun vor allem an uns, die wir in dieser schönen Umgebung arbeiten dürfen, daß wir sie mit einem guten Geist erfüllen und unseren Besuchern all das vermitteln, was das Haus im Äußeren und Inneren ver­ spricht. Ich bitte um Verständnis, wenn uns nicht immer alles so gelingt, wie wir es uns wünschen. Wie alles menschliche Tun ist auch unsere Arbeit mit Fehlern und Unvoll­ kommenheiten behaftet. Die Bürgerinnen und Bürger sollen aber wissen, daß wir den festen Willen haben, es recht zu machen. Dr. Rainer Gutknecht, Landrat … aus der Sicht des Historikers Wo einst die Kanonen donnerten und Köpfe rollten Der geschichtliche Standort des neuen Landratsamtes Der Standort des neuen Landratsamtes in Villingen-Schwenningen liegt auf der frühe­ ren Villinger Gemarkung und trägt die Gewannbezeichnung Hoptbühl. Es handelt sich um einen zungenartig nach Süden aus­ laufenden flachen Geländerücken von etwa 500 m Länge und rund 300 m mittlere Breite. Seine Meereshöhe liegt zwischen weniger als 720 m am höchsten Punkt im Norden und, abfallend weniger als 710 m im Süden. Im Westen gleitet das Gelände zur flachen ehe­ maligen Flußaue der Brigach, einem der zwei Quellflüsse der Donau, auf rund 704 m hinunter. Dieser Flachbereich wird heute in seiner nord-südlichen Ausdehnung von den Geleiseanlagen der Schwarzwaldbahn durchzogen, und hier liegt auch der Bahnhof Villingen. Im Osten markiert, bei rund 707 m Höhe, im Tal die Grenze der Steppach, ein Rinnsal. Mit der in die Land­ ratsamtsanlage einbezogenen oberen Be­ grenzung der mittelalterlichen Wegtrasse nach Schwenningen, liegt das 1991 einge­ weihte Amt im nord-westlichen Teil des Hoptbühls. Das Gelände gehört geologisch zum Unteren Muschelkalk (Mu3), einem kalkrei­ chen Mergelgestein mit aufliegenden ver­ streuten Geschieben. 1) Es war bis in unsere Tage unbebaut und wegen seiner Fruchtbarkeit als Ackerland ausgewiesen. Agrargeschichtlich gehört es spätestens seit der Landnahme durch die Alemannen zur Feldflur. Lange haben die Schwestern von St. Ursula das Gelände als Gemüsegarten mit gutem Erfolg genutzt. Südöstlich erstreckte sich im Frühen Mit­ telalter das abgegangene Dorf Villingen, in einer königlichen Urkunde 817 erstmals erwähnt. Ein Graf Bertold als Dorfherr erhielt vom Kaiser wegen seines erfolgrei­ chen Heerdienstes im Jahr 999 für den ihm gehörenden Ort das personale Recht, einen öffentlichen Markt zu gründen, Münzen zu prägen, Zoll zu erheben sowie die Bannge­ walt auszuüben. Als sich etwa um die Wende vom 11. zum 12.Jahrhundert der Marktort aus dem Bereich des Dorfes, dessen Kirch­ turm noch steht, ins Gemeinland ausglie­ derte, entstand eine neue, sich allmählich 35

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verselbständigende Siedlung, die spätere mittelalterliche Stadt Villingen. Sie liegt mit ihrem Mittelpunkt, das sind die sich kreu­ zenden zwei Straßenachsen, kaum 400 m westlich des neuen Landratsamtes, jenseits der Bahngeleise und der Brigach, am Fuße der Ostabdachung des Schwarzwaldes. Heute genießt man vom neuen Kreisge­ bäude aus den Blick auf die nahe Silhouette der mittelalterlichen Türme und Tore. Die sanfte Anhöhe wurde zur hochwas­ sersicheren Landbrücke zwischen dem alten Dorf mit der Pfarrkirche und dem Friedhof sowie der Stadt. Jahrhundertelang führte der Weg von der Stadt hinaus in östlicher Rich­ tung durch das Bickentor, und die die Brigach überspannende steinerne Bicken­ brücke. Gleich danach, vor der im 2. Welt­ krieg zerstörten Bickenkapelle vom Weg nach Schwenningen abbiegend, ging es nach rechts und jenseits der Flußaue auf dem leicht erhöhten Saumweg, unterhalb des jet­ zigen Landratsamtes, zurück zur Ursiedlung, auf deren Boden man bis heute die Toten bestattet. Der Friede fruchtbarer Ackerflur wurde jäh unterbrochen, wenn kriegerische Zeiten die Feinde vor die Stadt führten. Vor allem während des Dreißigjährigen Krieges wurde der Hoptbühl zum Aufmarschgebiet. Pio­ niere wurden aktiv und hinter Schanzkör­ ben feuerten Kanonen ihre Mehrpfünder­ Kugeln in die Stadt. Das heutige Landratsamt hätte damals im Schußfeld gelegen. Gegenangriffe bewaffne­ ter Stadtleute, zusammen mit ihrer Reiterei, versuchten im Vorfeld den Feind zu vertrei­ ben, und von den Mauem und Türmen der Stadtfestung wurde mit Feuerwaffen zurück­ geschossen. Während dessen bot das von der Stadt aus nicht einsehbare östliche Tal des Steppachs dem gegnerischen Lager mit sei­ nen Zeiten zumindest Schutz vor direktem Artilleriefeuer durch die Belagerten. Bis heute blieb es ein Geheimnis, weshalb diese Anhöhe „Hoptbühl“ heißt. 37

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Das einzige Flurnamenbuch der Stadt Vil­ lingen von Hans Maier, 1962,2> bemerkt lapi­ dar, der Name sei unklarer Herkunft. Maier verweist auf „hoptbuchel“ (1506), ,,hauptbü­ hel“ (1573) und „höptbihel“ (1633). „Hopt“ ist ein mittelalterliches Wort für ,,Haupt“, was unter anderem durch die obi­ gen Benennungen bestätigt wird. Schon im mittelhochdeutschen Sprachgebrauch bezeichnet „houbet, houbt, houpt“ den Kopf, das Haupt an Menschen und Tieren; ,,bi dem houpt“ meint „bei Strafe des Ent­ hauptens“. Das mittelhochdeutsche „bühel“ ist das Wort für Hügel oder Erhöhung (das Wort kommt noch heute allgemein in Gewannamen vor, z.B. ,,Goldener Bühl“, „Guggenbühl“). Eine Parallelbezeichnung ergänzt den „Hauptbühl“ durch „Haupt­ statt“.3) Die „houptstat“ ist für die mittel­ hochdeutsche Sprache die Stätte, wo der Kopf abgeschlagen wird.4> Die Gewannbezeichnung „Hoptbühl“ ist also nichts anderes als ein historischer Beleg, eine Urkunde, für den Richtplatz der alten Stadt. Zwischen der Stadt und der alten Dorf­ siedlung, verbunden durch den Weg, lag irgendwo auf dem ansteigenden Gelände jener makabre Ort, wo den Delinquenten in verschiedenen Strafsachen der „ehrenhafte“ Tod durch den Scharfrichter beschieden war. In rund zwei Kilometer Entfernung, im Westen der Stadt, stand dagegen auf der Höhe der Galgen, wo, als unehrenhafte Strafe, ausschließlich die Diebe gehängt wur­ den, um anschließend vom Henker an Ort und Stelle in ungeweihter Erde verscharrt zu werden. Nachdem man während der Zeit der Hexenverfolgung den beschuldigten Frauen und Männern im allgemeinen vor dem Ver­ brennen als Gnadenerweis das Beichtge­ ständnis ermöglichte und damit den Bußfer­ tigen die Sündenvergebung gewährleistete, lautete dann das wohlwollende Urteil des weltlich-städtischen Gerichts auf Abschla­ gen des Hauptes und anschließendes Ver­ brennen zu Asche. In Villingen besorgte das der Scharmeister mit seinen Gehilfen, wie man den Scharfrichter oder Henker nannte. Die vermeintliche Hexe erlitt so einen „ehrli­ chen“ Tod, was ihrer Asche den Vorzug ver­ schaffte, zumindest in geweihter Erde bestat­ tet werden zu können. Da der Ort der Doppel-Hinrichtung – Kopf abschlagen und verbrennen -räumlich eine Einheit war, ist der Hoptbühl auch der Ort gewesen, wo in dunkler Zeit den neugie­ rigen Gaffern die Scheiterhaufen leuchteten. Werner Huger Qu e l l e n u n d Lit e r a t u r l) S CHALCH, F. (1899): Erläuterungen zu Blatt Villingen. – Geol. Spec.-Kt. Groß­ herzogtum Baden: S. 36 ff., nebst geologi­ scher Karte; Heidelberg. -(Unveränderter Nachdruck als Geol. Kt. 1:25.000 Baden-Württ., BI. 7916 Villin­ gen-Schwenningen-West, Stuttgart, 1984.) 2> Hans Maier, Die Flurnamen der Stadt Vil­ lingen, Ring Verlag, Villingen, 1962, S. 69, Nr. 197 sowie Abbildung Kartenaus­ schnitt aus dem Anhang „Karte Nr. 3″. 3> Dr. M. R. Buck, Oberdeutsches Flurna­ menbuch, Verlag Seligsbergs, Bayreuth, 1931, 2. Auflage, S. 103. 4> Matthias Lexers Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch, S. Hirzel Verlag, Stuttgart, 36. Auflage, 1981, Stichwort: houptstat. Manfred Hammes, Hexenwahn und Hexenprozesse, Fischer Verlag, Frankfurt, 1977, S. 245, Holzschnitt. Lit e r a t u r : Werner Huger, Die Gründungsidee der Stadt Villingen, Geschichts- und Heimat­ verein Villingen, Jahresheft XI, 1986/87, s. 6 ff. ders., von Hexen, Zauberern und dem Prozeß zu Villingen, dto. Heft V, 1980, s. 14 ff. B. Emil König, Hexenprozesse, Verlag Freistühler, Schwerte, o. Jahreszahl, S. 108 ( sowie Abbildung S. 245. 39

Unsere Städte und Gemeinden, Wappen 100 Jahre Stadt St Georgen Am 17. Dezember 1891 wurde St. Georgen zur Stadt erhoben. Die Erinnerung an die lOOjährige Stadterhebung wurde im Septem­ ber 1991 mit einem umfangreichen Pro­ gramm gefeiert. Im Jahre 1984 wurde der 900jährigen Gründung St. Georgens gedacht. Diese geht auf die Gründung des Benediktinerklosters St. Georgen zurück, die am 22. April 1084 erfolgte (vgl. Almanach 1986, Seite 95 -99). Mit der Klostergründung zählt die Gemeinde zu den älteren des Landkreises. Als Stadt gehört St. Georgen neben Furtwan­ gen (1873) und Schwenningen (1907) zu den jüngeren kommunalen Gebilden des Land­ kreises. Wahrscheinlich war es die Zerstörung des berühmten Klosters während des Dreißig­ jährigen Krieges 1633 durch Villingen, wel­ che die Entwicklung zu einer Stadt begün­ stigte. 1659 wurden nämlich die nicht mehr not­ wendigen Maierhöfe des Klosters an die Gemeinde verkauft. Dadurch wurde Bau­ land für die weitere Entwicklung der Gemeinde frei. Aber auch andere Faktoren, wie die Auflösung der Leibeigenschaft und der Verkauf der herrschaftlichen Güter, die verkehrsmäßige Erschließung der Gemeinde mit dem Bau der Kunststraße Kehl-Schaff­ hausen 1839 und der Schwarzwaldbahn 1873, trug dazu bei, daß die bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts einset­ zende Industrialisierung der Gemeinde eine Entwicklung erreichte, welche als der wich­ tigste Teil der Begründung des Antrags auf Stadterhebung genannt wurde. Es war nun folgerichtig, daß die N. Schwarzwälder-Gau­ Gewerbe-Ausstellung 1884 in St. Georgen stattfand. Auch die kurze Rezession der Industrie in St. Georgen, festgehalten in einem Bericht der Ortsbereisung 1891, hin­ derte die Antragsteller nicht, St. Georgen als ,,zur Zeit einer der am glücklichsten gedei­ henden badischen Schwarzwaldes, welcher bei rastlosen Vor- Industrieorte des 40

Blick von der Kreisgrenze bei Weilersbach auf die Schwäbische Alb und Dauchingen wärtsstreben in den letzten Jahren einen der­ artigen Aufschwung genommen hat, daß er füglich anderen kleineren Städten an dje Seite gestellt werden kann“ zu präsentieren. Der Beschluß des Bürgerausschußes vom 25.Juni 1891 über den Antrag wurde rucht überzeugend vertreten. Dafür stimmten 21, dagegen immerhin 13 Mitglieder, weil sie mit der Stadterhebung höhere Ausgaben für die Schaffung einer besseren Infrastruktur der Gemeinde befürchteten. Die Feier aus dem Anlaß der Stadterhe­ bung erfolgte am 27.Januar 1892, wie damals üblich „am Geburtstage seiner Mayestät des Kaisers“. Zunächst nahm ilie neue Stadt den Aus­ bau der Gemeinde-Infrastruktur in Angriff. Bereits 1891 wurde die katholische Kirche eingeweiht, 1892 erbaute die Gemeinde ein Krankenhaus. Es wurde zweckentfremdet und bis zur Errichtung einer neuen selbstän­ digen Schule 1903/5 als Schulhaus genutzt. Nachdem die Verlegung der Wasserleitung 1894 beendet wurde, verlor die Brunnen­ Wasserversorgung an Bedeutung. 1895 wurde die Spar- und Waisenkasse gegründet und das Telefon eingeführt. In den Betrieben ersetzten die Dampfma­ schinen die bis daher genutzte menschliche Kraft. 1896 wurden zuerst in der Maschinen­ fabrik]. G. Weisser durch ein Gleichstrom­ Dynamo der Fabrikhof und die Werkstätten beleuchtet. 1898 schloß der Gemeinderat einen Vertrag mit dem Elektrizitätswerk Tri­ berg ab und bereits 1899 erhellte die öffentli­ che elektrische Beleuchtung St. Georgen. Bei der Einweihung des Werkes wurden viele Ansprachen gehalten. Auch Stadtpfarrer Mayer ergriff das Wort, um die Textworte „Es werde Licht“ zu behandeln. In der Zeit bis zum I. Weltkrieg fanden in St. Georgen bedeutende Änderungen im kommunalpoli­ tischen und städtebaulichen Bereich statt. Die konservative national-liberale Land­ schaft wurde durch die Gründung des Orts­ vereins der SPD 1893 und des Bürgervereins 41

St. Georgen 1928 1901, der sich „das Zusammengehen und Wirken aller St. Georgener Gemeinde- und Staatsbürger“ bei der Wahrnehmung ihrer Interessen zum Ziel setzte, pluralisiert. Im Jahre 1900 zählte St. Georgen 3.520 Einwoh­ ner. Für die Aufgaben der wachsenden Stadt reichte die bisherige „freiberufliche“ Verwal­ tung nicht mehr aus. Deshalb wurde 1903 der erste berufsmäßige Bürgermeister der Stadt gewählt und 1905 das Rathaus den Erforder­ nissen entsprechend erneuert. Durch Anle­ gung neuer Straßen wurde die Stadtmitte nach Süden (Gerwig-, Friedrich-und Kloster­ bergstraße) und nach Westen erweitert. Im Osten entstand 1911 eine neue Siedlung (Wiesenstraße). Zu den bereits bestehenden Fabriken M. Bäuerle, T. Baeuerle, Ph. Haas & Söhne, Gebr. Heinemann, ]. G. Weisser, Gebr. Schultheiß u. a. kamen neue Betriebe hinzu. 1899 wurd die Fa. Gebr. Staiger und 1900 die spätere Fa. Kundo gegründet. Vor dem 1. Weltkrieg wurden in St. Geor- gen zwei später bedeutende Betriebe der Unterhaltungsindustrie gegründet: 1907 die Fabrik für Feinmechanik der Gebr. Steidin­ ger (Dual) und 1911 entstand die Fa. Perpe­ tuum (PE). Die Unzufriedenheit mit der Versorgung nach dem 1. Weltkrieg schlug sich auch in St. Georgen in Unruhen nieder. Mit einer Solidaritätsaktion der Industrie und der Belegschaft wurde danach versucht, die Not der bedürftigen Bevölkerung zu lindern. Um den Mangel an Kleingeld nach dem Krieg zu beheben und während der Inflation 1923 wurde von der Stadt eigenes Geld in Umlauf gebracht (vgl. Almanach 93 Seite 169-182). Im Jahre 1929 wurde die Ferngaslei­ tung St. Georgen -Triberg und das dazuge­ hörige Gasversorgungsnetz gebaut. Der Turnverein erbaute 1931 eine eigene Turn­ halle, welche auch für verschiedene Veran­ staltungen benutzt wurde. Die Weltwirtschaftskrise 1929 kündigte 42

sich in St. Georgen etwas früher an. Bereits 1928 meldete die älteste und größte Uhrenfa­ brik Ph. Haas & Söhne Konkurs an. An die 1000 Arbeitslose soll es dann im Jahre 1932 in St. Georgen gegeben haben bei einer Ein­ wohnerzahl von etwas über 5000, und die NSDAP erreichte Wahlergebnisse um die 50 0/o. 1933 wurde der ehemalige Bürgermei­ ster des Amtes enthoben und die National­ sozialisten übernahmen die Amtsgeschäfte der Stadt. Ihre Prinzipien bestimmten den Alltag in St. Georgen. Einige politisch An­ dersdenkende wurden verhaftet und in die KZs gebracht. Die „Heimatbezogenheit“ der NSDAP kam in der Errichtung des Heimatmuseums 1935 zum Ausdruck. Von 1935 bis 1939 bestand ein SS-Lager in St. Georgen. Die Industriebetriebe wurden auf Kriegsproduk­ tion umgestellt. Der Mangel an Arbeitskräften wurde durch Zwangsarbeiter reduziert. Trotz der Vollbeschäftigung meldete 1940 die Emailfa­ brik Gebr. Schultheiß Konkurs an, während zwei neue Betriebe entstanden sind: 1938 die Fa. Schmidt Feintechnik und 1942 die Fa. Papst Motoren. 1934 und 1937 kam es zur Grenzverlegung der Gemarkung mit den Gemeinden Brigach (Tausch) und Peterzell (Kauf). Dadurch wurde Bauland erworben, welches erst nach dem Krieg für den Bau des Krankenhauses und des Stadtteils Rupertsberg genutzt wurde. Am 22. April 1945 wurde St. Georgen durch französische Einheiten besetzt. Die Industrie überstand den Krieg ohne größere Zerstörungen. Dennoch wurde die Umstel­ lung auf die Friedensproduktion erschwert. Die Versorgung mit Energie und Material wurde knapp, die Demontage der Maschi­ nenparks brachte viele Betriebe fast zum Stillstand. Die Unsicherheit auf dem Finanz­ markt wurde durch die Währungsreform 1948 behoben, was zu einem langsamen aber 43

stetigen Wachstum beitrug. Das Steuerein­ kommen der Stadt reichte zunächst nur zur Unterhaltung, aber nicht zur Schaffung der notwendigen Infrastruktur der Gemeinde. Durch Solidaritätsleistungen seitens der Industrie und der Bevölkerung wurden die Schwierigkeiten überwunden. Aufgrund die­ ser Leistungen wurden 1949 Häuserund 1954 ein modernes Krankenhaus gebaut. Auch der Bau des Altenheimes 1970 wurde durch Spenden unterstützt. Die Bevölkerung nahm, auch durch Zuzug der Flüchtlinge, stetig zu.1950 hatte St. Georgen 6912 Einwohner, 1960 bereits 10810. Nach der Gemeindereform 1972-1974, als die Gemeinden Brigach, Langenschiltach, Peter­ zell, Oberkimach und Stockburg der Stadt eingeliedertwurden, zählte St. Georgen über 15000 Einwohner. Für diese Bevölkerung mußten neue Bau­ gebiete erschloßen werden. Es entstanden neue Wohngebiete auf der Halde, im Bei­ fang, im Vogelloch, am Winterberg als auch in den Gemeinden Brigach, Langenschiltach und Peterzell. Der ganze Rupertsberg samt der Seebauernhöhe und Galetsch wurde bebaut. Neue Schulen und Kindergärten entstanden, eine Kläranlage wurde in Betrieb genommen. Das größte Bauvorhaben der Stadt war der Bau des Bildungszentrums mit Gymnasium, Real-und Musikschule, des Hallenbades und der Stadthalle 1975/77 auf dem Roßberg. In der Stadtmitte wurde 1971 ein neues Rathaus mit Museum und Bibliothek gebaut. Durch die 1975 eingeleitete Stadt­ kernsanierung wurde das Geschäftszentrum der Stadt neu gebildet. St. Georgen 1990 während des Stadtfestes. Sanierte Stadtmitte und Bildungszentrum. 44

Die Entwicklung der Stadt wurde u. a. auch durch Wachstum der Produktion ermöglicht. Nahezu alle Betriebe errichteten neue Produktionsanlagen. Manche von ihnen gründeten Zweigbetriebe im In- und Ausland. Um der Industrie eine Erweiterung in St. Georgen zu ermöglichen, wurden neue Industriegebiete erschlossen und frühere erweitert. Die traditionelle Produktion in St. Georgen – Uhrenherstellung, Maschi­ nenbau und Feinmechanik – wurde um die Sparte Kunststoffverarbeitung bereichert. Manche Produkte wurden als Weltneuheiten in den Betrieben entwickelt und produziert. Die Krise der 80er Jahre erreichte auch St. Georgen. Der Konkurs des Plattenspieler­ herstellers, Fa. Dual, im Jahre 1981, bis dahin größter Arbeitgeber, traf St. Georgen am schwersten. Nur wenige Arbeitsplätze konn- ten erhalten bleiben. Neue Firmen siedelten sich in den Räumlichkeiten der Fabrikanla­ gen an, neue Arbeitsplätze wurden geschaf­ fen. Im Dual-Gebäude gründeten 1984 die Industrie, die Banken, die PE-Besitzgesell­ schaft und die Stadt ein Technologiezen­ trum. Im Bereich der technischen Innova­ tion und der Software entstanden dort 18 Unternehmen. Neben der umweltverträglichen Industrie ist St. Georgen, durch seine Lage bedingt und mit Freizeitanlagen ausgestattet, als ganzjähriger Erholungsort bekannt. Das rege kulturelle Leben wird durch mehr als 80 Ver­ eine, Volkshochschule, Bibliothek und die Stadt in Bereichen Musik, Gesang, Theater, Volkstheater, Literatur und Kunstausstel­ lung getragen. Dr. Carl Heinz Ciz Das Wappen der Stadt St. Georgen im Schwarzwald Wappen: In Rot auf linkshin springendem, gol­ den gezäumtem silbernem Roß der golden gerü­ stete heilige Georg, dem auf dem Rücken liegenden grünen Drachen seine silberne Lanze in den Hals stoßend. Der Name der Stadt geht zurück auf das im Jahre 1084 als Cella gegründete und 1086 zur Abbatia erhobene Benediktinerkloster, bei dem sich eine kleine Ansiedlung bildete. Ab Mitte des 15. Jahrhunderts bauten die württembergischen Herzöge ihre Vogtei über das Kloster immer weiter aus. Nach der Säkularisierung 1535 durch den württember­ gischen Herzog Ulrich zogen die Mönche mit ihrem Abt am 6. Januar 1536 in den Schutz der vorderösterreichischen Stadt Villingen. -Ab der 2. Hälfte des 16. Jahrhun­ derts gab es dann ein württembergisches Klosteramt St. Georgen und evangelische Äbte. In den unruhigen Zeiten, besonders im 30jährigen Krieg (1618-1648), wechselten Herrschaft und Glauben noch mehrfach. – Am 13. Oktober 1633 wurden Kloster und Dorf durch die Villinger und kaiserliche Truppen zerstört. Mit dem Westfälischen Frieden geriet St. Georgen endgültig in würt­ tembergischen Besitz, bis dann 1810 die ganze Gegend von Napoleon dem neuge­ schaffenen Großherzogtum Baden zuge­ schlagen wird. Das Kloster hatte als Wappen stets das dem Heiligen zugeschriebene Wappen ge­ führt: In Silber ein rotes Balkenkreuz. – Im Mittelalter konnte man sich nicht vorstellen, daß der heilige Georg, ein Ritter, kein Wap­ pen gehabt haben könnte. 45

Der kleine Klosterort hatte kein eigenes Siegel. Wichtige Schriftstücke wurden vom sog. ,,Kerngericht“ des Klosteramts gesiegelt. Das W a p p e n des Klosteramts war eben­ falls das Kreuzwappen, doch lag schräg hin­ ter dem Kreuz ein goldener Abtsstab (,,Krummstab“), und im Schildfuß war noch ein kleiner grüner Dreiberg eingefügt. -Das S i e g e l des Kerngerichts (die beste Abbil­ dung bringt Zier) zeigt s t e h e n d den Heili­ gen im Harnisch ohne Helm aber mit Nim­ bus (Heiligenschein), die Linke auf den Kreuzschild gestützt, auf dem Brustpanzer ebenfalls ein Kreuz, am Gürtel sein Schwert hängend und in der Rechten ein senkrecht nach unten gerichteter Spieß, der den Rachen eines kleinen Drachens durchbohrt, welcher sich am Boden hinter den Stiefeln des heiligen Ritters ringelt. Die Umschrift ist in zwei Zeilen rund um dieses Bild verteilt: S · IVDICVM MON ESTERI · S · GEORG· HERCYN SILVA. (Die zweite Zeile in wesentlich kleinerer Schrift.) Ausgeschrieben heißt das: Sigillum iudicum monasterii Sancti Georgii in Hercy­ nia silva, oder auf deutsch: Siegel der Richter des Klosters des Heiligen Georg im Herzyni­ schen Wald. -Hercynia Silva ist der keltisch­ römische Name für den Schwarzwald, wie er bei der Erkundung der Donauquellen durch den römischen Kaiser Tiberius und seinen Sohn Drusus genannt wird. – Dieses Siegel erscheint schon in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Erst in badischer Zeit beginnt eine eigene Siegelführung der noch kleinen Gemeinde. – Das erste Siegel ist abgedrückt auf der Huldi­ gungsliste der Einwohner vom 18. August 1811 für Großherzog Karl von Baden. Es ist oval, neben dem gekrönten Schild mit dem damaligen Staatswappen des neuen Groß­ herzogtums (schräglinks geteilt von Purpur und Rot, oben ein goldener Schrägbalken, unten ein linksgewandter goldener Löwe) steht der Heilige mit Kreuzschild und Hellebarde; als Inschrift stehen oben nur die Buch­ staben ST.G. – Ab 1830 werden neue Sie- 46 gel und Farbdruckstempel verwendet mit der Umschrift GEMEINDE S A N C T G E O R G E N . Sie zeigen alle den heiligen Georg mit Kreuzschild und Spieß auf dem Drachen s t e h e n d . Nachdem St. Georgen, vor allem in der zweiten Jahrhunderthälfte, stark gewachsen war – die Einwohnerzahl betrug nun rund 2600 – erfolgte am 17. Dezember 1891 die Stadterhebung. Hierzu wurde ein neues Sie­ gel beschafft mit der Umschrift S T A D T ­ G E M EIND E ::-ST. G E O R G E N :t-, das nun einen rechtshin r e i t e n d e n Ritter zeigt (mit Helm aber o h n e S c h i l d ! ), der über den Drachen dahinsprengt. 1903 kommt ein größerer Stempel in Gebrauch, der nach dem Entwurf des Zeich­ ners im Großherzoglich badischen General­ landesarchiv Fritz Held einen prächtigen Drachentöter vorstellt, erstmals I i n k s h i n ­ reitend, auf dem Helm ein üppiger Feder­ busch, doch wieder o h n e den Kreuzschild! – Umschrift: STADTGEMEINDE ST. GEORGEN i/Schw. (Amtlich wurde der Namenszusatz „im Schwarzwald“ erst durch die Genehmigung des Innenministeriums Baden-Württemberg vom 22. Oktober 1962.) Doch nun erscheint e r s t m a l s , von Held nach seinem Siegel gezeichnet, e i n W a p ­ p e n der Stadt -jedoch ohne nähere Festle­ gung von Farben(!). Die Blasonierung (heral­ dische Wappenbeschreibung) lautete ein­ fach: In silbernem Felde St. Georg in n atür­ l ich e n Farb e n. Das ist heraldisch völlig unmöglich! 1911 schuf der Kunstgewerbelehrer Emil Bäuerle eine grafisch herausragende S i e g e 1- zeichnung mit der Inschrift STADT ST. GEORGEN SCHWARZWALD, die auch heute noch ansprechend und modern wirkt und bis in unsere Zeit vorzugsweise -anstelle eines Wappens – verwendet wurde. – Der eigentliche Grund lag in dem zu komplizier­ ten Wappenbild, das vor allem in der Klein­ darstellung in Dienstsiegeln und -stempeln rasch undeutlich wurde. (Ein gutes Wappen muß plakativ gestaltet sein, um in allen Grö-

ßen und Verkleinerungen zu wirken.) Auch störte von Anfang an die ungeklärte Farbgebung des Wappens; immer wiedergab es Vorstöße zu einer Neufassung und farbi­ ger Gestaltung. -Indessen kam erst 1957, durch eine Neuzeichnung des Ratschreibers Theo Arnold, ein Stadtwappen mit Fa r­ b e n zustande. Er übernahm von Bäuerles Siegelbild das sich hochaufbäumende Roß, stilisierte aber St. Georg als „germanischen Krieger“ (siehe die Abbildung am Anfang). – Seine Farbgebung (grüner Drache auf rotem Grund) fand zunächst nicht den Beifall des GLA (Dr. Georg Zier), doch wurde schließ­ lich am 6. November 1957 Einvernehmen erzielt, und seither ist die Arnold’sche Fas­ sung das gültige Wappen der Stadt. Wovon dann unterm Datum vom 15. August 1958 das Innenministerium Baden-Württemberg „Kenntnis nimmt“. -Aber bis heute ist dieses Wappen nicht so populär geworden wie die Bäuerle’sche (farblose) Siegelzeich­ nung. Seit den späten 70er Jahren setzt die Stadt St. Georgen überall dort, wo man andernorts ein Wappen verwenden würde, eine aus­ drucksvolle Vignette ein, die den Drachen­ töter in großartiger Haltung zeigt, in flächig­ plakativem Stil ins Rund komponiert -im Gegensatz zu Bäuerles Zeichnung jedoch ohne Umschrift. -Geschaffen wurde diese prägnante „Marke“ bereits anfangs der 50er Jahre von der jungen Grafikerin Herrat Leiber. Abschließend bleibt festzustellen, daß die Stadt zwar ein Wappen besitzt, es aber so gut wie nicht verwendet. Das kommt letztlich daher, daß man vor 100 Jahren versäumte – anstatt das Siegelbild zu „heraldisieren“ – ein richtiges, einprägsames Wappen zu ent­ wickeln. -Das hätte man, z.B. auf der Grundlage des Georgskreuzes, leicht schaf­ fen können … Prof. Klaus Schnibbe Quellen und Literatur: Generallandesarchiv Karlsruhe, Gemeindshuldigungen, Amtsbe­ zirk Villingen. – GLA Wappenakten, Amts­ bez. u. Landkr. Villingen u. Stadt St. Geor­ gen. – GLA Wappenkartei, Schwarzwald­ Baar-Kreis. – GLA Siegelkartei, Schwarz­ wald-Baar-Kreis. – E. C. Martini, Geschichte des Klosters und der Pfarrei St. Georgen auf dem Schwarzwald, Villingen 1859 (Nachdr. St. Georgen 1979). – F. Frankhauser u. A. Krieger, Siegel der badischen Städte, hrsgg. v. d. Bad. Hist. Commission, 3. Heft, Heidel­ berg 1909. – 0. Hupp, Deutsche Ortswappen, hrsgg. v. d. Kaffee-HAG, Bremen o.j. {um 1927), Freistaat Baden. – E. Keyser, Badi­ sches Städtebuch, Stuttgart 1959 (= Deutsches Städtebuch, Bd. IV, 2, Teilband Baden). – H. G. Zier, Wappenbuch des Landkreises Vil­ lingen, hrsgg. v. Landkr. Villingen, Stuttgart 1965. – K. Stad/er, Deutsche Wappen, Bun­ desrepublik Deutschland, Band 8, Die Gemeindewappen des Bundeslandes Baden­ Württ., Bremen 1971. – E. Stockburger, St. Georgen, Chronik des Klosters und der Stadt, St. Georgen 1972. – H.-M. Müller, Vom Krummstab zum St. -Georgs-Wappen, in: 900 Jahre Stadt St. Georgen im Schwarzwald, Festschrift, hrsgg. Stadt St. Georgen 1984. – H. John u. M. Heine, Kreis- u. Gemeinde­ wappen in Baden-Württemberg, Bd. 3, Die Kreis- u. Gemeindewappen im Reg.-Bez. Frei­ burg, Stuttgart 1989. -K. Schnibbe, Die Wap­ pen des Schwarzwald-Baar-Kreises, seiner Städte und Gemeinden, Faltblatt, hrsgg. v. Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis, Villingen-Schwenningen 1991. 47

Tannheim Siedlungsgeschichte, Gegenwart und Ausblicke in die Zukunft ,,Tannheim liegt an der alten Römer­ straße, die, von Rottweil über Villingen nach Schaffhausen führend, noch später benutzt und im 14. Jahrhundert ausgebaut worden ist. Da für eine Siedlung Wasser sehr wichtig war, kann man vielleicht annehmen, daß die ersten BewohnerTannheims an dieser Straße und in der Nähe des Wolfsbachs, vielleicht unterhalb der Galluskapelle (= Friedhofs­ kapelle), gesiedelt haben.“ So beginnt der Chronist seinen Beitrag über „Tannheim -Geschichte von Dorf und Kloster am Osthang des Schwarzwaldes“, 1971, Herausgeber Herbert Berner. Die Rö­ merstraße spielt heute keine Rolle mehr; statt dieser dient dem modernen Verkehr die vor sechs Jahren eröffnete Umgehung Villin­ gen-West-Wolterdingen. Tannheim am Osthang des Schwarzwal­ des in zentraler Lage zwischen dem Städte­ dreieck Donaueschingen-Hüfingen-Bräun­ lingen einerseits und der Doppelstadt Villin­ gen-Schwenningen andererseits gelegen, nahm an der Verkehrs- und damit Wirt­ schaftsentwicklung des letzten Jahrhunderts kaum teil. Die Schwarzwaldbahn wie der legendäre „Bregtäler“ ließen Tannheim „links“ bzw. ,,rechts liegen“. Das hatte bis in unsere Zeit hinein seine negativen Auswir­ kungen: Die Landwirtschaft bot der wach­ senden einheimischen Bevölkerung bald nicht mehr ausreichend Arbeit und Brot; dem Handwerk und Gewerbe machte die Fabrikfertigung schwer zu schaffen. Wirt­ schaftskrisen und Kriege taten ein Übriges, so daß viele Erwerbstätige nach auswärts, wenn nicht gar ins europäische und über­ seeische Ausland getrieben wurden. Die allgemeine Mobilität -auch in Tann­ heim kommt inzwischen statistisch auf zwei Bewohner ein Pkw – verdeckt diesen Miß­ stand. Doch in Zeiten knapperer Rohstoffe, teurerer Energie und ständig steigender 48 Umweltbelastung, die das Autofahren ein­ schränken, muß die Anbindung Tannheims an die umliegenden Städte entscheidend ver­ bessert werden. ,,Heim im Tann“ ist die häufigste Erklä­ rung für unseren Ortsnamen. Die -heim­ Orte gehören zur zweiten alemannischen Siedlungsgeneration. Die erste Besiedlung erfolgte ab 260 n. Ch. in den auf -ingen endenden Orten unserer Gegend – Villin­ gen, Choeinga = Klengen, (Donau-)Eschin­ gen, Wolterdingen, u. a. Tannheim wird in einer Schenkungsurkunde an das Kloster St. Gallen zum ersten Mal 817 erwähnt; erste Siedlungsstellen gab es vermutlich schon nach 500. Warum Tannheim „später dran“ war, er­ klären die geologischen Merkmale der Ge­ markung: ,,Noch zum Schwarzwald gehören die Gemarkungsteile westlich des Wolfs­ bachs und die flache Höhe des Stankert nördlich des Ortes. Hier stehen wir auf Bunt­ sandstein, den vor mehr als 200 Millionen Jahren große, von Westen herkommende Flüße abgelagert haben (knapp 40 Meter mächtig). Das kristalline Grundgebirge des Schwarzwaldes (Gneise bzw. überwiegend Granite) findet sich auf der Gemarkung Tannheim nur im Schmelzdobel und im obersten Schwarzbubendobel; wenig weiter südlich bildet es die Steilhänge des Bregtales. Völlig anderes Gestein beherrscht den Anteil der Gemarkung an der Baar. Es ist der Muschelkalk, der zeitlich nach dem Bunt­ sandstein abgelagert wurde, und zwar in einem Flachmeer“ (so in der Chronik von Herbert Berner). Der typische, schon Kelten und Römer abschreckende Schwarzwald endet also auf unserer Gemarkung. Auch die Alemannen ließen es bei dieser Grenze über viele Jahr­ hunderte. Erst ab dem 11. Jahrhundert dran­ gen deren Nachfahren in der Phase des sog.

2. Landesausbaus in den tieferen Schwarz­ wald ein – z. B. nach Pfaffenweiler, Herzo­ genweiler, Linach, Urach, Schollach, … Brachten die Ackerflächen östlich des Wolfsbachs, auf Muschelkald-Untergrund, relativ guten Ertrag, so gaben hingegen die Buntsandsteinflächen im Westen, wenn sie schon gerodet waren, kaum mehr her als Weideland, das die Ortsgemeinschaft bis in die Neuzeit hinein den Bürgern als All­ mende, also gemeinsam nutzbares Land, zur Verfügung stellte. Sieht man von einer noch klimatologisch zu bestätigenden Warmphase im Hochmit­ telalter ab, so herrschte in unserer Gegend durchgängig kontinentales Klima vor: lange, schneereiche Winter, kurzes Frühjahr, kur­ zer, oft verregneter Sommer, milder Herbst. Vegetationshemmend wirkten sich oft Bodenfröste bis in den Juni hinein aus, ebenso erste Fröste Ende August. Bedingun­ gen also, unter denen die Bewirtschaftung von Äckern und Feldern sehr erschwert wurde. Die seit dem 16. Jahrhundert ständig steigende Anzahl an Einwohnern – von 1584 ca. 150 Einwohner auf 1850 ca. 750 Einwohner – konnte allein in und von der Landwirtschaft nicht leben. Um in Tannheim trotzdem „daheim“ bleiben zu können, mußten viele Menschen ins Handwerk und Gewerbe ausweichen. Sowohl im Dorf selbst als auch in benach­ barten Orten bot es ein leidliches Auskom­ men. Neben zahlreich vertretenen Berufen wie Webern, Wagnern, Schreinern, Müllern und Sattlern waren auch Seifensieder, Schin­ delmacher, Hafner, Schildmaler und Bild­ schnitzer anzutreffen. Selbst das Gewinnen von Kienöl, das Torfstechen und Strohflech­ ten wurden betrieben. Zeugen dafür finden sich allerdings nur spärlich: in entsprechen­ den Gewann-Namen, in einzelnen Häusern oder Hausbezeichnungen, in Anekdoten, die von älteren Einwohnern überliefert wer­ den. Denn der wirtschaftliche Wandel hin zur industriellen Massenfertigung und die 49

Ablösung alter Techniken und überholter Materialien brachten die Mehrzahl dieser Handwerksberufe zum Verschwinden. Die im Aufbau befindliche Heimatstube im alten Kindergarten soll eines Tages auch Zeugnisse dieser vergangenen Zeiten beher­ bergen, um überliefernswertes Altes nicht ganz dem Vergessen preiszugeben. Was der Landwirtschaft zum Nachteil, ist dem Erholungssuchenden oder Rekonvales­ zenten, dem Wanderer oder Urlauber gerade recht. Denn anders als in Rheinebene oder am Bodensee bestechen Frühling und Herbst mit guter Luft und einmaliger Fern­ sicht bi zu den Alpen. Knapp 800 Meter über dem Meeresspiegel muß man sich zwar meist warm anziehen, doch dafür entschädi­ gen Reizklima und Umgebung Tannheims. Gut gebaute Wege in Wald und Flur erschlie­ ßen Ochsenberg, Plattenmoos und Wolter­ dinger Weiher ebenso wie die Burgruine Zin­ delstein als Nahziele und bieten dem Gast lohnende Anlaufstellen mit zum Teil einma­ liger Flora und Fauna. Nutzen werden dies im verstärkten Maße in naher Zukunft Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene aus der ganzen Bundesre­ publik. Im Westteil der Gemarkung, an der Waldgrenze, wird eine bundesweit einmalige Modellklinik errichtet, in der diese Patienten zusammen mit ihren Familien für vier Wochen zur Nachsorge weilen. Die Arbeits­ gemeinschaft Kinderkrebsnachsorge sowie die Klaus-Jürgen-Wussow-Stiftung wollen diese Nachsorgeeinrichtung für krebs-, herz­ und mukoviszidosekranke Kinder errichten und betreiben. Die Hoffnung ist sicher nicht unbegründet, daß die Fertigstellung des Pro­ jekts etliche Einwohner Tannheims eine neue Arbeitsstätte finden werden. 480 von ca. 900 volljährigen Tannheimem pendeln Tag für Tag in die nächstgelegenen Städte, davon über 90 0/o nach Villingen­ Schwenningen. Noch fünfVollerwerbsland­ wirte bleiben übrig, neben 25 Berufskollegen im Nebenerwerb, die ihren Grund und wei­ teres Pachtland, insgesamt 551 ha, umtrei­ ben. Mehr als zwanzig Frauen aus der Ort- so schaft fanden Arbeit bei der Firma Moser (Unterkirnach); in deren vor einigen Jahren erweiterten Zweigwerk fertigen sie kleinere elektrische Geräte. Zwei „Tante-Emma­ Läden“ halten für ihre Kundschaft ein gro­ ßes Sortiment an Nahrungsmitteln und Din­ gen des täglichen Bedarfs parat. Drei Gastro­ nomiebetriebe bieten dem Einkehrenden Speis und Trank. Der Handwerksbereich konzentriert sich vor allem im holzverarbei­ tenden Gewerbe; rund 45 Personen finden dort Beschäftigung. Eine Metzgerei, eine Weinhandlung, eine Hühnerfarm, ein Tief­ bauunternehmer, zwei Bankzweigstellen, zwei Fahrunternehmen und eine Außen­ stelle der Post/ Telekom vervollständigen die dörfliche Wirtschaftsstruktur. Die Kirche ist im Dorf-die Schule bleibt im Dorf1 Die 1907 eingeweihte, im neugoti­ schen Stil erbaute Pfarrkirche St. Gallus mit­ ten im Ortszentrum ist der markanteste und überragende Punkt Tannheims. Sie wurde aus den Überresten des 1803 aufgelösten und ab 1898 abgebrochenen Pauliner-Klosters für die damals stolze Summe von 120.000 Mark erstellt. Damit erhielt die katolische Pfarrge­ meinde endlich ein Zuhause. Neben dem damals ebenfalls errichteten Pfarrhaus wur­ den im Jahr 1992 die Dekanats-Verrech­ nungsstelle sowie ein Gemeindesaal bezo­ gen. Doch seit drei Jahren muß St. Gallus ohne eigenen Geistlichen auskommen. Nur viel ehrenamtliches Engagement-für alle sei die rührige Pfarrgemeinderatsvorsitzende Lore Zimmermann genannt-läßt das kirch­ liche Leben weiter gedeihen. Alleine von St. Fidelis/Villingen aus, wohin unsere Pfarrei neuerdings „gehört“, wäre dies nicht machbar. Kultusministerielle Auflösungstendenzen machten auch der Grund- und Hauptschule vor nicht allzu langer Zeit zu schaffen. Sollte doch der Gebäudekomplex Schule und Leh­ rerwohnhaus (4 Wohnungen) knapp zwan­ zig Jahre nach Erstbezug wieder verwaisen! Unermüdlicher Einsatz aller Beteiligten konnte ein Umdenken in Stuttgart erzwin­ gen. Darüber sind nicht nur die Schulkinder,

die bis zur 6. Klasse an ihrem Wohnort unter­ richtet werden können, froh, sondern wie die jüngste Entwicklung – Wiedereröffnung sogenannter Zwergschulen im ländlichen Raum – belegt, wohl auch die Verantwortli­ chen im Ministerium. Die Ortsmitte vervollständigt das Rat­ haus, früher der politische Mittelpunkt des Dorfes. Doch auch hier hinterließ der Zug der Zeit, genannt Verwaltungsreform, blei­ bende und für Tannheim auch unvorteil­ hafte Einschnitte. Nachweislich seit 1833 mit einer eigenen, funktionierenden Gemeinde­ verwaltung versehen, hielt sich Tannheim insgesamt gut über Wasser. Vor allem der Waldreichtum ermöglichte der Gemeinde eine gesunde finanzielle Grundlage. Neben 442 ha fürstlichem und 3 ha Privat-Wald gehörten 502 ha Gemeindewald der Dorfge­ meinde. Dieser „Schatz“ ermöglichte manch außerordentliche Baumaßnahme und lie­ ferte gutes Trinkwasser. Nun bescherte uns die damalige Große Koalition in Stuttgart die Eingemeindung nach Villingen-Schwenningen. Man folgte – wie Pendler – dem Drang nach Größerem. Doch einiges wurde und ist auch heute noch zu groß und damit unüberschaubar. Zumin­ dest der Gemeinderat der Doppelstadt teilte diese Meinung; er beschloß im Jahre 1992, sich von 65 auf 40 Mitglieder zu verkleinern. Tannheim aber wird dann höchstwahr­ scheinlich nicht mehr vertreten sein, weil der Gemeinderat die unechte Teilortswahl und damit den garantierten Sitz im Gremium für die kleinen Stadtbezirke aufhob. Doch Orts­ vorsteherin Helga Eilts, die einzige Frau im Kreisgebiet in dieser Funktion, läßt die Bür­ gerinnen und Bürger Tannheims und die städtischen Dienststellen spüren, daß sie mit vollem Einsatz Tannheims Belange wahr­ nimmt. Sie hat sich nach nunmehr gut drei Jahren Amtszeit zum unersetzbaren An­ sprechpartner für die Stadt gemacht, dem gebührend Gehör geschenkt wird. Zusam­ men mit einem kooperativen Ortschaftsrat repräsentiert sie eine weiterhin intakte Orts­ verwaltung, die den täglichen großen und kleinen Anliegen der Bürgerinnen und Bür­ ger Rechnung tragen können. Auch diesbe­ züglich gilt: Heim im Tann, nicht leblose Stadtrandsiedlung oder Schlafgemeinde. Überquellendes Leben vernimmt der Besucher schon von weitem, nähert er sich dem Kindergarten. Insgesamt 68 Kinder, davon 13 aus Herzogenweiler, fühlen sich im modern und dank Stadt und einiger Eltern­ initiativen optimal ausgestatteten Kindergar­ ten bei insgesamt sechs Betreuerinnen bestens aufgehoben. Seit 1922 besteht diese Einrichtung, früher Kinderschule benannt. Ursprünglich von drei Ordensschwestern aus Bühl betrieben, die im selben Gebäude wohnten, wandelte sich das Gesicht dieser Einrichtung sehr stark. Heim und Heimat assoziieren dem Le­ ser Zusammengehörigkeit, Geborgenheit, Menschlichkeit, Miteinander, Verantwor­ tung, Spiele und Feste. Nicht weniger als sechzehn Vereine bereichern das Gemeinde­ leben. Die Schwerpunkte liegen im sport­ lichen – Fußball, Tennis, Tischtennis, Kegeln, Sportschützen -, im kulturellen – Musikverein, Männergesangverein, Kir­ chenchor, Akkordeonverein – und im so­ zialen Bereich – Feuerwehr, Rotes Kreuz, Jugendrotkreuz, VdK, Senioren- und Frau­ engemeinschaft, Landfrauenverein. Nicht zu vergessen sind zwei Motorradclubs sowie die Osemalizunft. Sportstätten sind in reichlichem Umfang vorhanden: Ein Fußballplatz mit Vereins­ heim, ein Tennisplatz mit drei Spielfeldern und einem Vereinsheim, das beheizte Frei­ bad, neuerdings mit Solarheizung, sowie dahinter die Schießanlage und das Schüt­ zenhaus. Was die Lebensqualität in Tannheim an­ belangt, haben wir es mit einem guten Umfeld zu tun. Neubaugebiet und Modell­ klinik verlangen ihren Tribut in Form von Landschaftsverbrauch. Die Einsicht aller und verantwortliches Verhalten der jetzigen und der nachfolgenden Generationen kön­ nen das Heim im Tann erhalten. Klaus Limberger 51

Das Wappen von Tannheim Wappen: In Silber eine schwarz-bewurzelte grüne Tanne mit vier schwarzen Zapfen. Schon auf der Gemeindshuldigung der Tannheimer Einwohner von 1811 für den neu an die Regierung gekommenen badischen Großherzog Karl ist ein kleines, hochovales Oblatensiegel angebracht, das in einem Wappenschild eine auf einem Boden stehende Tanne, unten beseitet von zwei kleinen Tännchen und oben von zwei Sternen, zeigt. Die Umschrift besteht nur aus den drei Buchstaben V D A, die wohl ,,Vogtey Danna“ bedeuten mögen. -Später­ hin wurden nur noch reine Schriftsiegel ver­ wendet. Als sich die Gemeinde 1896 um ein Wap­ pen bemühte, schlug das Großherzoglich Badische Generallandesarchiv Karlsruhe für Thannheim, wie es damals geschrieben wurde, das oben abgebildete Wappen vor. – Dabei griff man auf das Wappen der längst ausgestorbenen Ritter von Tannheim zu­ rück, wie es auf Siegelabdrücken bereits aus dem 14. Jahrhundert überliefert ist. Der Gemeinderat war sofort damit einverstan­ den. – Erst mit der Eingemeindung in die neugebildete Doppelstadt Villingen- Schwenningen zum 1. April 1972 ist dieses eindrucksvolle Wappen als amtliches Zei­ chen erloschen. Prof. Klaus Schnibbe Quellen und Literatur: Generallandesarchiv Karlsruhe, Wappenakten, Amtsbezirk und Landkreis Donaueschingen. – GLA Wappen­ kartei, Schwarzwald-Baar-Kreis. – GLA Siegelkartei, Schwarzwald-Baar-Kreis. – Für­ stenbergisches Urkundenbuch, hrsgg. v. Fürst!. Fürstenbergischen Hauptarchiv Donaueschin­ gen, Band 6, betr. v. Tannheim. – K. Schnibbe, Gemeindewappen im ehem. Land­ kreis Donaueschingen, in: Schriften des Ver­ eins f Geschichte u. Naturgesch. d. Baar in Donaueschingen, Band 33 (1980). Epfenhofen Markantes Wahrzeichen: Eisenbahnviadukt der strategischen Bahn Epfenhofen, eingebettet im Kommen­ bachtal und umgeben von Wiesen und Wäl­ der, erinnert jeden Besucher an ein ganz mar­ kantes Wahrzeichen, den Eisenbahnviadukt der strategischen Bahn, die 1890 ihren Betrieb aufgenommen hat. Aus wirtschaft­ lichen Gründen hat die Bundesbahn 1955 die vorübergehende Betriebsstillegung ver­ fügt und schließlich die dauernde Einstel­ lung mit Wirkung vom 1. Januar 1976 ange­ ordnet. Der Stadt Blumberg ist es nach intensiven Verhandlungen mit der Bundesbahn und den zuständigen Ministerien gelungen am 21. Mai 1977 den Museumsbahnbetrieb auf­ zunehmen, der bisher mit großem Erfolg durchgeführt wird. Der Talübergang hat eine Länge von 264 Meter und eine Höhe von 34 Meter und ist zugleich das größte Brücken­ bauwerk der Museumsbahn. Aber auch der Biesenbachviadukt auf Epfenhofener Ge­ markung mit 252,5 Meter Länge und 24 52

Meter Höhe, der zweitgrößte der Strecke, findet die Bewunderung der Bähnlefahrer. Die erste urkundliche Erwähnung des Ortes reicht in das Jahr 1145. Berichtet wird vom Grundbesitz des Klosters St. Gallen und der späteren Zugehörigkeit zur Kom­ mende Mainau. Das Immunitätsgebiet des Klosters Allerheiligen ging 1451 an die Stadt Schaffhausen und erstreckte sich nicht nur über den Randen, sondern auch auf das vor­ gelagerte Gebiet bis zur Wutach und auf die Höhe des Buchbergs zwischen Pützen und Blumberg. Schaffhausen nahm zugleich auch die hohe Gerichtsbarkeit für sich in Anspruch, während sich die fürstenbergi­ sche Landgrafschaft Baar als hierfür zustän­ dig erklärte. 1722 verkaufte Schaffhausen seine hohen Gerichte mit Blut-, Forst-und Wildbann über Pützen und Grimmelshofen an das Kloster St. Blasien, behielt aber die Jurisdiktion weiterhin über Epfenhofen. Es kam sogar zu Zwischenfällen bei der jagdli­ chen Ausübung durch Schaffhausener Jäger auf dem Epfenhofener Bann. Erst im Staats­ vertrag zwischen der Schweiz und Baden vom 1. März 1839 über die Regulierung der Schaffhausener Grenze wurde Epfenhofen im Zuge eines Gebietsaustausches badisch {vgl. Almanach 1990, Seite 152-156). Durch die Gemeindereform erfolgte mit Wirkung vom 1. Januar 1971 die Eingliederung Epfen­ hofens in die Stadt Blumberg. Die Gemarkungsfläche von Epfenhofen beträgt 456 Hektar, darunter 161 Hektar Wald. Nahezu konstant geblieben ist die Einwohnerzahl in den vergangenen 20 Jah­ ren, sie liegt bei 350. Ein Teil der Wünsche konnten in den letzten Jahren berücksichtigt werden, einige größere „Brocken“ warten noch auf Erledigung. In erster Linie ist hier die Verkehrsberuhigung zu nennen. Für die Anlieger an der Ortsdurchfahrt (Bundes-53

straße 314) ist die Situation unerträglich geworden. Schon Ende der 70er Jahre wurde nach vernünftigen Lösungen gesucht. Eine geplante Trassenführung am kleinen Buch­ berghang, sicherlich die einfachste und bil­ ligste Lösung, scheiterte am Widerstand der Natur- und Landschaftsschützer. Gemeinde­ rat und Ortschaftsrat haben sich seither mit einer ganzen Anzahl von Entwürfen be­ schäftigt, wobei vor allem auch die Ein­ wände der Landwirtschaft berücksichtigt werden sollten. Seit einigen Jahren ist die Trassenführung für die Ortsumgehung aus­ gestanden. Verschiedene Vorkehrungen, auch für den Randenaufstieg, sind getroffen. Fachleute rechnen allerdings erst mit einer Fertigstellung im Jahre 1994. Ein weiterer Wunsch der Bevölkerung, insbesondere der Vereine, ist die Erweite­ rung und der Ausbau des Gemeinschaftshau­ ses. Zur Befriedigung der Bedürfnisse auf dem kulturellen und vereinsbedingten Sek­ tor hat die Stadt Blumberg unmittelbar nach der Eingemeindung im Jahre 1972 von der Oberfinanzdirektion die ehemalige Zoll­ hundeschule erworben und notwendige Reparaturen durchgeführt. Um allerdings den Forderungen und Wünschen des Ort­ schaftsrates und der Vereine Rechnung zu tragen, müßten nach einem Kostenvoran­ schlag aus dem Jahre 1989 nochmals rund 750 000 Mark investiert werden. Bei der der­ zeitigen Finanzlage der Stadt kann kaum mit einer schnellen Verwirklichung gerechnet werden. Sehr aufwendig war die Errichtung eines Sportplatzes oberhalb des Gemeinschafts­ hauses mit 60prozentiger Beteiligung der Stadt. Ein ungelöstes Problem ist die Abwasser­ beseitigung. Diese Maßnahme kann erst in Angriff genommen werden, wenn in Fützen Hotel „Löwen� im Hintergrund St.-Gallus-Kirche 54

die Kläranlage fertiggestellt ist. Der Spaten­ stich war im Dezember 1991. Damit unmit­ telbar zusammen hängt die längst fällige Ausweisung eines Bebauungsgebietes. Das in den 60er Jahren neuerstellte Schul­ haus hatte nach Verwirklichung des Schul­ entwicklungsplanes ausgedient. Die Grund­ schüler wurden dem benachbarten Fützen zugeteilt. Im leerstehenden Schulgebäude konnte der städtische Kindergarten für Epfenhofen und Fützen untergebracht wer­ den. Erhebliche strukturelle Veränderungen sind im landwirtschaftlichen Bereich einge­ treten. Selbst von den drei Aussiedlerhöfen wird nur noch der Klausenhof als Voller­ werbsbetrieb bewirtschaftet. Nebenerwerbs­ landwirte spielen kaum noch eine Rolle. Die meisten landwirtschaftlichen Flächen sind verpachtet, ein Großteil davon an Schweizer Landwirte. Am Ort befinden sich ein Hotel und zwei Gaststätten. Durch die im Bau befindliche Ortsumgehung dürfte der Fremdenverkehr gewinnen, zumindest ist der Ausbau mög­ lich. Ein vorhandenes Lebensmittelgeschäft deckt die Bedürfnisse der Grundversorgung. Die mehr und mehr in den letzten Jahren dahinsiechende Poststelle wurde Ende 1991 aufgehoben. Eine Besonderheit im Stadtteil ist sicher­ lich die Freiwillige Feuerwehr. Sie verfügt auch über eine Damengruppe, die erste Hilfe leisten kann, wenn sich eine Notwendigkeit ergibt. In über 2000 Arbeitsstunden haben die Floriansjünger 1986 eine Unterkunft für das neue Einsatzfahrzeug geschaffen. Ein le­ bendiges Vereinsleben fördert das gute Mit­ einander der Dorfgemeinschaft. Der Musik­ verein („Kommentaler Musikanten“) ist durch seine volkstümliche Musik weit über die engeren Grenzen hinaus bestens bekannt. Das 70jährigeJubiläum des Vereins im Jahre 1990 war eine eindrucksvolle Demonstration der Blasmusik. Ein Jahr spä­ ter konnte auch der Sportverein den 30.Geburtstag feiern. Daneben sind es der Narrenverein und die Landfrauen, die viele Aktivitäten entfalten. Die Vereine haben im Jahre 1981 auf dem Bohlbuck eine Block­ hütte errichtet, die allgemein angenommen wird. Im Jahre 1845 wurde Epfenhofen eine eigene Pfarrei. Die heutige St.-Gallus-Kirche stammt aus dem Jahre 1863. Die Betreuung der Pfarrei erfolgte allerdings bis zum heuti­ gen Tage von Geistlichen der Nachbarschaft, seit Jahren vom Fützener Pfarrer. 1981/82 wurde die neogotische, neoromanische Aus­ malung und Dekoration, die Ausstattung der Altäre, Kanzel und Chorgestühl gründlich renoviert mit einem Kostenaufwand von rund 275 000 Mark. Ein neuer Altar konnte 1991 beschafft und eingeweiht werden. Die Orgel bedarf einer gründlichen Überholung. Noch keine Entscheidung ist über die baufäl­ lige Pfarrscheuer getroffen worden. Epfenhofen wurde auch bekannt durch seinen Heimatsohn Pater Josef Merk. Er wurde 1962 zum Priester geweiht, war Missio­ nar aus Leib und Seele und wirkte zuletzt segensreich auf einer Missionsstation in Tan­ sania. Von einem schweren Autounfall am 26.Februar 1990 konnte er sich nicht mehr erholen. Ein Gedenkstein auf dem heimi­ schen Friedhof erinnert an sein Wirken. Hans Müller Baarwanderung Haare verweht vom stürmischen Wind Ohren voll Krähengelächter Bussardruf begrenzt den Horizont Rascheln von vorjährigem Laub unter den Füßen am Wegrand Frühlingsblüher in deinem Windschatten geht es sich gut Christiana Steger 55

Das Wappen von Epfenhofen Wappen: In Silber ein schwarzes Talzenkreuz, belegt mit rotem Herzschild, darin ein sechs­ speichiges goldenes Rad. Im 19. Jahrhundert führte die Gemeinde ein Siegel, das innerhalb der Umschrift GEMEIND EPFENHOFEN in einem von Laubzweigen umgebenen und mit einem Kränzlein bedeckten Ovalschild eine „Kli­ stierspritze“ zei.gt, die auch ein Opferdinger Siegel zierte. Uber deren Bedeutung war schon um die Jahrhundertwende nichts mehr bekannt. So schlug schließlich im Jahre 1903 das Großherzoglich Badische Generallandesarchiv das obige Wappen vor. Epfenhofen wurde im Jahre 1488 von den Herren von Klingenberg an die Deutsch­ ordenskommende Mainau verkauft. In deren Besitz blieb unser Ort bis 1806, als er von Napoleon an das neugeschaffene Groß­ herzogtum Baden gegeben wurde. – Der Wappenvorschlag, den der Gemeinderat noch im Sommer 1903 annahm, enthält das Deutschordenskreuz und zur Differenzie­ rung im roten Herzschild das goldene Rad, das die Klingenberger auf einem roten Kis­ sen als Heimzier zu ihrem schwarz-silber geteilten Wappenschild führten . – In den Dienstsiegeln der Gemeinde wurde aller- dings das Ordenskreuz meist als sog. Krük­ kenkreuz wiedergegeben, was immer wieder zu Beanstandungen führte. Mit der Eingemeindung in die Stadt Blumberg zum 1. Januar 1971 ist das schöne Wappen für den amtlichen Gebrauch er­ loschen. Prof. Klaus Schnibbe f2Jtellen und lileralur: Generallandesarchiv Karlsruhe, Wappenakten Bez. Bonndorf u. landkr. Donaueschingen. – GLA Wappen­ kartei, Schwarzwald-Baar-Kreis. – GLA Siege/karte,� Schwarzwald-Baar-Kreis. W Merz u. F. Hegi, Die Wappenrolle von Zürich, Ziin’ch-leipzig 1930, betr. v. Klin­ genberg. – K. Schnibbe, Gemeindewappen im ehem. Landkreis Donaueschingen, in: Schrif len des Vereins/ Geschichte u. Naturgesch. d. Baar in Donaueschingen, Band 33 (1980). Lina eh Ein kleiner Ort im Schwarzwald mit einem regen Gemeinschaftsleben Wenn wir durch das Bregtal kommen, so biegt zwischen Hammereisenbach und Vöh­ renbach eine schmale Landstraße in westli­ cher Richtung in das Linachtal. Die Enge des Tales, der Wald beidseitig bis zur Straße rei­ chend, läßt nicht vermuten, daß schon etwa nach 2 km das Tal sich weitet. Doch vorher begegnen wir noch der Linach-Talsperre, ein interessantes Bauwerk, das 1921-24 zur Stromversorgung der Stadt Vöhrenbach im 56 Linachtal gebaut wurde. Der Stausee liegt auf der Gemarkung Vöhrenbach, und wir müs­ sen noch etwa 1 km talaufwärts, um die Gemarkungsfläche von Linach zu erreichen. Hier ist nun mit 870 m ü. M. der tiefste Punkt der Gemarkung. Dieses Tal, das nun vor uns liegt und parallel zum Urachtal einerseits und Schönenbachertal andererseits nach Westen verläuft, ist typisch für den nach Osten verhältnismäßig sanft abfallenden

Linachtal von Gemarkungsgrenze zu Vöhrenbach Mitteltal: Weiserhof und Altes Schulhaus 57

Schwarzwald zur Baar hin, während der Schwarzwald nach Westen hin ja steil und zerklüftet zur Rheinebene abfällt. Wer nun glaubt, bald einen Ortskern von Linach zu finden, täuscht sich, denn diese Talgemeinde besteht nur aus Einzelgehöften und den im Laufe der Jahrhunderte dazugebauten Häu­ sern. Eine für den Hochschwarzwald typi­ sche Häuserlandschaft bzw. Streusiedlung. Im Untertal, das wir von dieser Richtung her zunächst erreichen, steht die in den letz­ ten Jahren neu hergerichtete St.-Wendelins­ kapelle. Daneben wurde 1974 aufgrund des Eingemeindungsvertrages ein Gemeinde­ haus erstellt. Hier sollte der gesellschaftliche Mittelpunkt von Linach entstehen, denn unmittelbar daneben stand das Gasthaus „Adler“, der Wirtsho[ Dieser stattliche Besitz wurde 1978 an einen Auswärtigen ver­ kauft. Das Haus stand leer und ist 1984 einem Großbrand zum Opfer gefallen. Gaststätte und Hof wurden nicht mehr aufgebaut und sind damit wohl endgültig eingegangen. Glücklicherweise wurde der Michelhof im Obertal in eine Gaststätte umgebaut und 1979 eröffnet. Ein Schmuckstück dieses Gasthofes ist die Kassettendecke in der Gast­ stube, die vom berühmten Uhrenschildma­ ler Karl Straub aus Linach bemalt wurde. Vom Michelhof aus noch einen guten Kilo­ meter zur Lettwies und Leimoos erreichen wir die westliche althistorische Grenze zu Furtwangen bei 1027 m ü. M. Doch der höchste Punkt dieser 893 ha großen Gemar­ kung liegt auf dem Höhenrücken zu Urach beim Kohlwasen mit l.lll,5 m. Die erste Erwähnung von Linach ist eine Urkunde vom 9.12.1299. Hier wurde ein Rechtsstreit zwischen Graf Gebhard von Fürstenberg und dem Kloster Salem wegen der Abgaben (Zehnten) beendet. Doch es ist sicher, daß die ersten Ansiedler schon wesentlich früher ins Tal kamen. Die Ro­ dung und Besiedlung war zu diesem Zeit­ punkt wohl abgeschlossen. Einer überliefer­ ten Sage nach, die von Bürgermeister Straub 1921 niedergeschrieben wurde, sei die erste Ansiedlung eine Köhlerhütte bei einem Lin- 58 denbaum gewesen. Der erste Aussiedler soll „Lindenbua“ geheißen haben. Der Abt von St. Georgen habe befohlen, daß nicht zusammengeläutet werden darf, bevor der Lindenbua und der „Sime aus dem schönen Wald“ (Simonswald?) da seien. Die ersten Namen von Linacher Hofbesit­ zern tauchen um 1370 auf. Es sind die Namen Conrat, Kussen, Cunrat, Vielkint, Claus Lullin, Bennis Ritterz und Hans Most. Die frühesten Linacher Bewohner gehörten wie auch die Vöhrenbacher zum Kirchspiel Herzogenweiler. Erst im Jahre 1480 wurde Vöhrenbach eigene Pfarrei und Linach wurde nun daraufhin mit Schönenbach, das schon längst eine Kirche hatte, dieser Pfarrei zugeteilt. Im Jahre 1608 wurde in Linach eine eigene Kapelle gebaut und dem St. Wendel in geweiht. Als Schönenbach eigene Pfarrei wur­ de, kam Linach dazu, und dies gilt bis heute. Die weltliche Herrschaft hatten über viele Jahrhunderte die einzelnen Linien der Für­ stenberger. Linach lag an der Staatsgrenze, denn Furtwangen gehörte zum Breisgau. Es gab keine Verbindung durch das Mederstal nach Furtwangen. Wer nach Furtwangen mußte, ging den Kirchweg nach Schönen­ bach und dann nach Furtwangen. Erst im Jahre 1858 wurde anläßlich einer Ortsberei­ sung der Ausbau des Weges durch das Mederstal angeregt und bald auch durchge­ führt. Diese Entscheidung war für die viel spätere Entwicklung von Linach von beson­ derer Bedeutung. Im Jahre 1878 wurde die Linacher Ortsstraße in den Besitz des Kreis­ verbandes Villingen übernommen. Diese Straße wird gegenwärtig vom Schwarzwald­ Baar-Kreis von der Lettwies bis zum »Alten Schulhaus“ verbreitert und sehr landschafts­ schonend ausgebaut, nachdem der Ausbau durch das Mederstal schon in den 70er Jah­ ren erfolgte. Politisch brachte das Jahr 1806 eine große Änderung. Der letzte regierende Fürst Karl Egon mußte seinen Zivilbesitz, wie auch die Herrschaft an den Großherzog Karl Fried­ rich von Baden abtreten. Seit dieser Zeit gehört Linach zum Land Baden.

Obertal: Altvo h ,r ,gts DJ, Lettwies, Leimoos Michelhof im Linachtal 59

Als sich später größere Industriebetriebe in Furtwangen, aber auch in Vöhrenbach entwickelten, wählten die Linacher meist die kürzere Wegstrecke durch das Mederstal nach Furtwangen. Auf diese Weise entstand eine neue wirtschaftliche, aber auch gesell­ schaftliche Verbindung zu Furtwangen. Als nun im Jahre 1970 die Baden-Würt­ tembergische Landesregierung die Gemein­ dereform durchführte, mit dem Ziel, klei­ nere Gemeinden zusammenzuschließen oder in größere Städte einzugemeinden, um größere (und „bürgernähere“!) Verwaltungs­ zentren zu haben, war auch für Linach die Selbständigkeit vorbei. Zwar haben sich die Bürger bei einer Wahl im Herbst 1971 für die weitere Selbständigkeit ausgesprochen, aber ein „Wink von oben“ ließ Bürgermeister und Gemeinderäte erkennen, daß die Selbstän­ digkeit nicht mehr lange zu halten sei. Man entschloß sich mit knapper Mehrheit, auf­ grund der vielen Verbindungen, sich nach Furtwangen und nicht nach Vöhrenbach einzugemeinden. Linach ist nun seit dem 1.10.1972 der kleinste Stadtteil von Furtwan­ gen. Bereits schon drei Jahre vor der Einge­ meindung wurde die Linacher Schule aufge­ löst. Die Kinder gingen zunächst noch nach Vöhrenbach und wurden dann ab 1978, nachdem die Kreisstraße durch das Meders­ tal ausgebaut war, schrittweise den Schulen der Kernstadt zugeführt. Etwa 200 Jahre vor­ her fand die von Kaiserin Maria Theresia ein­ geführte Normalschule auch auf dem Für­ stenberger Gebiet, und damit auch in Linach, Eingang. Vorher wurden die Kinder vom Messmer oder später vom Pfarrer nach dem Sonntagsgottesdienst unterrichtet (Sonn­ tagsschule). Interessant ist sicher auch noch die Ent­ wicklung der Bevölkerungszahl. Im Jahre 1715 lebten in Linach 101 Menschen. 1832 hatte Linach mit 323 Bewohnern die wohl höchste Einwohnerzahl. Eine Aufzeichnung aus dem Jahre 1838 sagt uns, daß in Linach 160 Kinder leben. Dann sank die Einwohner­ zahl ständig, 1864 waren es noch 289, im 60 Jahre 1927 noch 171 und jetzt sind es gar nur noch 137 Einwohner. Durch ein reges Vereinsleben ist in Linach ein Stück Eigenständigkeit erhalten geblie­ ben. Der älteste heute noch existierende Ver­ ein ist der Männergesangverein Liederkranz, der 1909 gegründet wurde. Eine Laienspiel­ gruppe spielt seit 1911 bis heute ein Theater­ stück immer am Sonntag vor Weihnachten, das danach auch noch an anderen Orten aufgeführt wird. Dazu gibt es seit über 30 Jah­ ren den Harmonikaverein „Wälderbuebe“. Wenn man bedenkt, daß der Männergesang­ verein 27 aktive Sänger und der Harmonika­ verein im Stammorchester, der Jugend­ gruppe und den Zöglingen insgesamt 53 (!) aktive Musikanten hat, kann man ermessen, welch kulturelle Eigenständigkeit in Linach vorhanden ist und sich auch auf die nähere Umgebung auswirkt. Erfreulich und wohl einmalig ist, daß sich fast die gesamte Jugend von Linach musikalisch betätigt. Neben der Freiwilligen Feuerwehr, die vor zwei Jahren ihr 50jähriges Jubiläum feiern konnte, gibt es noch den Furtgau-Club, der als Fahrgemein­ schaft zu den Festen der Umgebung von unseren Jugendlichen gegründet wurde, und mittlerweile eigene Veranstaltungen wie Ski­ rennen, Tanzveranstaltungen usw. organi­ siert und damit auf diese Art ihren Beitrag zum gesellschaftlichen Leben in dieser klei­ nen Talgemeinschaft leistet. Während man in früheren Jahrhunderten in Linach ausschließlich von der Landwirt­ schaft und dem dazugehörenden Handwerk lebte, verdienen heute die meisten Familien ihr Einkommen in den modernen und wett­ bewerbsfähigen Industriebetrieben von Furtwangen. Fünf landwirtschaftliche Voll­ erwerbsbetriebe verkaufen heute in der Hauptsache Milch, Fleisch und vor allen Dingen Holz. Sie sorgen mit ihrer Landbe­ wirtschaftung dafür, daß der landschaftliche Reiz dieses Tales, die offenen Matten und Bergwiesen, aber auch die gepflegten Wäl­ der, die sich auf den Höhenrücken nach Schönenbach wie auch nach Urach entlang­ ziehen, erhalten bleiben. Bernhard Dorer

Das Wappen von Linach Wappen: In Silber auf grünem Boden rechts eine rote Köhlerhütte, links ein grüner Baum, das ganze überdeckt von einem schwarzgekleideten Mann mit roter Weste und schwarzem Hut, die Linke erhoben. Anfang der Zwanzigerjahre des vorigen Jahrhunderts wird von der Talgemeinde erstmals ein eigenes Siegel verwendet; erster bekannter Abdruck von 1823. (Die Ge­ meindshuldigung vom 18. August 1811 für Großherzog Karl von Baden hatte noch der Vogt Nikolaus Wehrle mit seinem Privatsie­ gel versehen; die Huldigung von 1819 für Großherzog Ludwig 1. ist nicht besiegelt.) Das Siegel mit der Inschrift VOGTEY LINACH zeigt zwi­ schen einer bienen­ korbartigen „Hütte“ und einem Baum, hinter dem sich noch ein Gebüsch ausbrei­ tet, einen kleinen Mann mit Hut, der – wohl abgewandt stehend-auf das über allem schwebende „Auge Gottes“ hinweist. (Hier nur ein platter Farbabdruck, der lediglich Umrisse erkennen läßt und nicht das Relief der Gravur, das nur bei einem Wachs- oder Lackabdruck herauskommt.) – Auch noch ein runder Farbdruckstempel vom letzten Viertel des 19. Jahrhunderts enthält diese Gebilde, doch ist die „Hütte“ nur noch ein undeutliches Häuflein, und der Mann scheint auf einen auffliegenden Adler(?) zu zeigen. Als im Zuge der Siegelbereinigung das Großherzoglich Badische Generallandesar­ chiv Karlsruhe den Gemeinden anbot kostenlos Wappenentwürfe zu fertigen, war Linach unter den ersten, die davon Gebrauch machten. Doch lehnte der Gemeinderat dann den Entwurf „Ahorn­ baum über Wasser“ ab (von „lin“ = althoch­ deutsch für Ahorn und „ach“ = Wasser, Bach). – K.leiserhansenbauer Felix Straub, damals Bürgermeister von Linach, schrieb, daß das „uralte“ Siegel auf einer Sage beruhe und unbedingt ins Wappen übernommen werden müsse. Die Sage knüpfe sich an ein Lindengebüsch bei seinem Hof; dort soll der ,,Lindenbue“, ein Köhler, als ältester Ansied­ ler im Tal seine Köhlerhütte gehabt haben. Auch soll Linach von der Linde, der einzigen im ganzen Tal, seinen Namen herleiten. Ein weiterer Wappenentwurf mit einer Linde wurde ebenfalls zurückgewiesen, der Bürgermeister beharrte auf seinem Wunsch. – Nun ist ein Siegelbild k e i n W a p p e n! Aber das GLA gab schließlich entnervt nach und lieferte Anfang 1896 eine aquarellierte Zeichnung mit dem Siegelbild im Wappen­ schild, die vom Gemeinderat sofort ange­ nommen wurde. – Eine heraldische Tingie­ rung war dafür nicht festgelegt, was bei dem unheraldischen Bildchen auch schwierig gewesen wäre. Da aber lediglich ein Farb­ druckstempel danach angefertigt wurde, fiel das nicht weiter auf. Erst 1959 beanstandete das GLA die „Häu­ fung der Symbole“ und schlug eine Vereinfa­ chung des „Wappens“ vor. Nach längerem Hin und Her war die Gemeinde bereit, auf das Auge Gottes zu verzichten, doch sollten Köhlerhütte, Mann und Baum erhalten blei­ ben. – Das neue „Wappen“ wurde am 6. April 1960 vom Gemeinderat angenommen und am 28. Februar 1961 vom Innenministe­ rium Baden-Württemberg verliehen. Hier zeigt sich wieder einmal, daß die Ableitung eines Wappens aus einem Siegelbild meist zu einer unbefriedigenden Lösung führt. Hinzu 61

kommt in diesem Fall noch die unheraldi­ sche Überschneidung der Figuren. (Aber: Ein klares Symbol, wie z.B. das Hammer­ eisen im Siegel von Hammereisenbach [siehe dort!) hätte sehr wohl zu einem guten Wappen getaugt.) -Durch die Eingemein­ dung Linachs in die Stadt Furtwangen am 1. Oktober 1972 hat auch dieses Wappen seine amtliche Eigenschaft verloren. Prof. Klaus Schnibbe Quellen und Literatur: Generallandesarchiv Karlsruhe, Gemeindshuldigu.ngen, Amtsbez. Neustadt. – GLA Wappenakten, Amtsbez. Villingen u. Landkr. Donaueschingen. GLA Wappenkartei, Schwarzwald-Baar­ Kreis. – GLA Siegelkartei, Schwarzwald­ Baar-Kreis. – F. Straub, Geschichtliches aus Linach, o. 0. 1921 (Nachdruck: Furtwangen 1973). – K. Schnibbe, Gemeindewappen im ehem. Landkreis Donaueschingen, in: Schrif ten d. Vereins/ Geschichte u. Naturgesch. der Baar in Donaueschingen, Band 33 (1980). – K. Schnibbe, Linachs Wappen, in: Volkshoch­ schule „ Oberes Bregtal“ e. V, Furtwangen, Trimesterplan 3/1983. Öfingen Das sonnige Dorf der Baar Als Öfingen am 1. September 1971 nach Bad Dürrheim eingemeindet wurde, konnte der Ort bereits auf eine fast lOOOjährige Geschichte zurückblicken. Im Jahr 973 über­ trug der Alemannenherzog Berchtold seine Rechte an dem Dorf am Himmelberg dem Kloster Reichenau. Erste urkundliche Er­ wähnungen findet der Ort freilich erst im 14.Jahrhundert. So besagt eine Eintragung in einem Reichenauer Kopialbuch -das ist eine Sammlung von Urkundenabschriften, die u. a. Auskunft über die Besitztümer gab-aus dem Jahr 1363: ,,Die Dörfer ze Evingen (Öfingen) und ze (Ober-)Baldingen sind Oßwalds von Wartenberg Lehen von dem Gotteshaus der Reichenau.“ Im Laufe der Zeit wechselte das Dorf des öfteren den Besitzer. Nach den Grafen von Sulz, die im Jahr 1732 Öfingen von Oßwald erwarben, geriet das Dorf vor 13 77 in den Besitz der Herrschaft Tuttlingen und fiel damit an Württemberg. Das Land Baden gelangte im Jahr 1810 in den Besitz des ehe­ mals Tuttlingischen Oberamtsortes und zwar aufgrund eines Staatsvertrags zwischen dem Königreich Württemberg und dem Großherzogtum Baden. Archäologische Funde auf der Gemar­ kung weisen indes auf frühere Zeiten der 62 Besiedlung zurück. Im Gewann „Auf der Mauer“ stieß man imJahr 1845 auf römische Ziegelreste, aus denen sich eine rund 18 Meter lange Mauer rekonstruieren ließ. Kup­ fermünzen mit den Portraits der Kaiser Clau­ dius (41 bis 54 nach Christus) und Antoninus Pius (138 bis 161 nach Christus) sind Zeichen für den römischen Einfluß in diesem Gebiet. Der heutige Ort ist ursprünglich aus meh­ reren kleineren Siedlungen zusammenge­ wachsen, die aber schon in der frühen Neu­ zeit „abgingen“, das heißt als Gemeinwesen aus vielfältigen Gründen (Seuchen, Kriegs­ einwirkungen etc.) verschwanden und nur noch aus Urkunden rekonstruierbar sind. Vom Weiler Flacht finden sich noch die mei­ sten Überreste. Im Jahr 1664 wird zum letz­ ten Mal eine Kapelle erwähnt, die an einer Weggabelung am heutigen Roßwettenweg stand. Geptenhausen wird 1730 zum letzten Mal erwähnt, den Weiler Beckenhofen fin­ det man ab 1530 nicht mehr. Ötishofen ver­ schwand 1583 aus den Zinsbüchern, und wann Stetten abging, ist nicht bekannt. Von kriegerischen Auseinandersetzungen blieb auch das Dorf Öfingen nicht ver­ schont. Bereits im Jahr 1519 überfielen die Rottweiler den Ort und rückten erst zweiein­ halb Jahre später wieder ab. Der Dreißigjäh-

rige Krieg mit seinen schrecklichen Auswir­ kungen auf Land und Menschen dezimierte durch Einquartierungen, durchziehende Truppen, Brände, Plünderungen und Seu­ chen die Öfinger Bevölkerung um 37 Pro­ zent. Als im März 1634 die Villinger den Ort heimsuchten, der schon 1555 protestantisch geworden war, bot das Dorf ein Bild des Jammers und der Verwüstung: sie brannten fast alle Häuser nieder und preßten die weni­ gen Einwohner, die von ihrer Flucht aus den Wäldern zurückkehrten, in ihre Dienste. Zum letzten Mal traf die Kriegsfurie die Öfinger 1945, damals wurden neun Häuser völlig zerstört. Auffälligstes Wahrzeichen des auf 810 Metern Meereshöhe liegenden Ortes ist die evangelische Pfarrkirche, die exemplarisch für mittelalterliche Wehrkirchen steht. Un­ verkennbar gotische Architektur, wie sie etwa an Fenstern und dem Treppengiebel zum Ausdruck kommt, deuten auf Ur­ �prünge im späten Mittelalter hin. Bei ihrem Uberfall legten die Villinger auch das Gottes- haus in Schutt und Asche, das im Jahr 1661 wieder aufgebaut wurde. Die heutige Er­ scheinungsform datiert aus dem Jahre 1839. Der erste Pfarrer im urkundlich belegten Jahr1275 war Burkhard von Hewen, der auch für die umliegenden Dörfer Ippingen, Ober­ und Unterbaldingen zuständig war. Gegen die Reformation entfaltete der katholische Pfarrer Hans Schmid (1524 bis 1558 in Öfin­ gen nachweisbar) einen erbitterten Kampf. In den schaltete sich 1535 sogar das Oberamt Tuttlingen ein, als es den Geistlichen zum Übertritt zu dem neuen Glauben bewegen wollte. Württemberg und die Fürsten zu Für­ stenberg tauschten schließlich Heiden­ hofen, das gerne katholisch bleiben wollte, und Öfingen miteinander aus. Von 1558 bis 1561 amtierte als erster evangelischer Pfarrer Peter Braun. Ippingen und Unterbaldingen wurden abgetrennt, Öfingen wurde Mutter­ kirche für Oberbaldingen, Sunthausen und Biesingen. Trotz der Glaubenstrennung mußten die Ippinger und die Unterbaldinger ihre Toten 63

Handwerksbetriebe sind es 7 an der Zahl mit zusammen 19 Arbeitskräften. Unsere vier Gaststätten beschäftigen 9 Personen. Vorhanden ist außerdem ein Lebensmittelgeschäft und eine Metzgerei. Ca. 210 Berufstätige sind in den umliegen­ den Städten und Gemeinden beschäftigt. Das Feriendorf(vgl. Almanach 1987, Seite 153 f.), zweifellos der stärkste Wirtschaftsfak­ tor, hat derzeit 4-5 ständige und 35 nicht ständig Beschäftigte. Die Entwicklung seit der Eingemeindung war ausgerichtet auf den Fremdenverkehr. Daher waren sehr hohe Investitionen erfor­ derlich, wie z. B. im Straßen-und Kanalbau, Erweiterung der Wasserversorgung, Bau der Osterberghalle und anderes mehr. Insgesamt wurden ca. 10 Millionen DM investiert. Die Verträge mit dem Bauträger des Feriendorfes waren so abgefaßt, daß die Investitionen im Feriendorf nicht von der Stadt, sondern vom Bauträger selbst getragen wurden. Die Übernachtungszahlen im Feriendorf anfangs noch in Öfingen beerdigen, bis schließlich 1564 der württembergische Keller zu Tuttlingen anregte, man solle „wegen der in Unterbaldingen herrschenden Erbsucht der Pestilenz“ und wegen der Gefahr, daß diese „auch in Öfingen einreißen möchte“, die Leichen von ihren eigenen Seelsorgern beisetzen. Öfingen ließ der Gemeinde Ippin­ gen ausrichten: ,,Wenn ihr lebendig nicht mehr zu uns kommt, wollen wir euch tot auch nicht mehr haben.“ Öfingen hat derzeit (1992) 741 Einwoh­ ner. Die Gemarkungsfläche beträgt rund 1100 ha und reicht von einer Höhenlage von 720 bis 941 m. ü .M. Die Nutzfläche beträgt 800 ha, die Waldfläche, vorwiegend Ge­ meindewald, ist 300 ha groß. Die Struktur hat sich in den letzten Jahren deutlich ge­ wandelt. Hatten wir noch Ende der 50er Jahre ca. 150 landwirtschaftliche Betriebe, so sind es heute noch 25, davon 3 Vollerwerbs­ betriebe. Am Ort sind zwei Industriebetriebe, die ca. 30 Arbeitsplätze besetzt haben. 64

stiegen von Anfang an stetig an und erreich­ ten im Jahre 1991 die Zahl von 108.000. Die Klimaanalyse sagt aus, daß Öfingen die in den Begriffsbestimmungen für Kur­ und Erholungsorte festgelegten Grenzwert­ bedingungen für einen Luftkurort erfüllt. Es überwiegen die Schon- und Reizfaktoren, während belastende Faktoren nur in gerin­ gem Ausmaße auftreten. Die Sonnenschein­ dauer beträgt im Mittelwert 1691 Stunden im Jahr. Öfingen hat es nicht bereut, diesen Weg Das Wappen von Öfingen Wappen: Unter goldenem Schildhaupt, worin eine liegende,fünfendige schwarze Hirschstange, in Silber ein roter Löwe. Unter dem württemberger Schildhaupt das Wappen der Herren von Wartenberg, da Öfingen ursprünglich den Wartenbergern und seit 1377 zu Württemberg gehörte, bis es durch den Pariser Vertrag von 1810 an Baden abgetreten wurde. -Aus dem 19.Jahrhundert ist außer einem kleinen Schriftsiegel nur ein hochovaler Farbstempel bekannt, der in einem von Zweigen umkränzten Schild die Buchstaben Ö F zeigt. Da Buchstabenwappen unheraldisch sind, schlug das Generallandesarchiv im Jahre 1897 das oben angegebene Wappen vor, das dann seit 1898 Dienstsiegel und -stempel zierte. – Erst durch die Eingemein­ dung nach Bad Dürrheim am 1. September 1971 ist das Wappen erloschen. Prof. Klaus Schnibbe in Richtung Fremdenverkehr eingeschlagen zu haben. Es reiht sich heute ein in den Kreis der schönsten Dörfer des Landes Baden­ Württemberg. Durch die erfolgreiche Teil­ nahme am Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ auf Kreis- und Landes­ ebene hat es dies unter Beweis gestellt. Der Höhepunkt dieser Bemühungen war jedoch die Verleihung des Prädikates „Staat­ lich anerkannter Erholungsort“ im Mai 1991. Lydia Warrle Konrad Hengstler Quellen und Literatur: Generallandesarchiv Karlsruhe, Wappenakten Bezirk und Land­ kreis Donaueschingen. – GLA Wappenkartez� Schwarzwald-Baar-Kreis. – GLA Siegel­ kartei, Schwarzwald-Baar-Kreis. – 0. v. Alberti, Württembergisches Adels- und Wap­ penbuch, Stuttgart 1889.ff. (Nachdruck Neu­ stadt a. d. Aisch 1975) betr. v. Wartenberg, v. Württemberg. – W Merz u. F. Hegi, Die Wappenrolle von Zürich, Zürich-Leipzig 1930, betr. v. Wartenberg, v. Württemberg. – K. Schnibbe, Gemeindewappen im ehem. Landkreis Donaueschingen, in: Schriften des Vereins f Geschichte u. Naturgesch. d. Baar in Donaueschingen, Band 33 (1980). 65

Organisationen 125 Jahre Industrie- und Handelskammer Schwarzwald-Baar-Heuberg Wie es sich für ein echtes Kind des Süd­ weststaates Baden-Württemberg gehört, hat die Industrie- und Handelskammer Schwarz­ wald-Baar-Heuberg mit Sitz in Villingen­ Schwenningen ein württembergisches und ein badisches Element. Das württembergi­ sche ist das ältere und war, seit der Jahrhun­ dertwende, auch das kraftvollere. Die „Han­ dels- und Gewerbekammer Rottweil“ wurde am 6. Februar 1867 für die Oberamtsbezirke Oberndorf, Rottweil, Spaichingen, Sulz und Tuttlingen ins Leben gerufen. In Baden erfolgte die Gründung der „Schwarzwälder Handelskammer“ in Villingen für die Amts­ bezirke Donaueschingen, Triberg, Villingen und Neustadt 1896, also erst 19 Jahre später. Beide Kammern und ihre Bezirke haben bis 1973 eine wechselhafte Geschichte erlebt, die immer eng verknüpft war mit der Ent­ wicklung der Wirtschaft der jeweiligen Gegend. Entscheidend für die Industrialisie­ rung ab Mitte des letzten Jahrhunderts waren die Einführung der Gewerbefreiheit und damit verknüpft die Aufhebung der Zünfte (im Königreich Württemberg 1862). Dazu kam der Aufbau einer vernünftigen Infra­ struktur, damals gleichbedeutend mit dem Bau der badischen Schwarzwaldbahn und der württembergischen Neckarbahn. Damit waren auch die weit entfernten Absatzgebiete für die Produkte aus dem Schwarzwald, dem oberen Neckar-Donau­ Raum und der Gegend des Heuberges schnell erreichbar. Dies war lebensnotwen­ dig, denn der Export hat von Anfang an eine bedeutende Rolle gespielt. Das charakteri­ stische Produkt der Industriealisierung im Schwarzwald war die Uhr, und dies sowohl 1m Badischen als auch im Württembergi- 66 Industrialisierungsgrad sehen. Im Bezirk der Villinger Kammer hatte sich zu Anfang der Industrialisierung eine Monostruktur – ausgerichtet auf die Uhr – herausgebildet. Die Haupstandorte waren damals Villingen, St. Georgen, Triberg und Furtwangen mit der dort 1850 gegründeten Uhrmacherschule. Bemerkenswert war, daß der in Baden zunächst offenbar höher war als in Württem­ berg. So wurden in den badischen Amtsbe­ zirken immerhin 12.300 Beschäftigte in gewerblichen Betrieben gezählt, in den würrtembergischen Ober­ ämtern jedoch erst 10.400. 25 Jahre später allerdings zählte man im württembergischen Bereich fast 38.000 Beschäftigte in gewerbli­ chen Betrieben, und damit mehr als doppelt so viel wie im badischen Teil. im Jahr 1882 Verantwortlich für diese Entwicklung waren Einzelbetriebe und Branchen, die zum Teil auch heute noch einen großen Namen haben. In Schwenningen waren das die Uhrenfabriken Bürk, Haller und Maute, in Schramberg die Uhrenfabriken Junghans sowie die Zugfedernfabrik H. Kern. In Tutt­ lingen entstand als Keimzelle der Chirurgie­ Instrumenten-Branche die FirmaJetter (Vor­ gängerin der heutigen Aesculap AG) sowie die Schuhindustrie als damals stärkste Branche der Stadt. In Trossingen wurden Mundharmonikas und Akkordeons (be­ kanntester Hersteller Hohner AG) produ­ ziert, in Oberndorf wurden Gewehre gebaut (ab 1878 unter der Regie der Brüder Mauser) und in Rottweil schließlich begann Max von Duttenhofer ein Pulver-Imperium auf­ zubauen, er hatte das erste rauchlose Ge­ wehrpulver erfunden. Dem energischen Voranstürrnen der

württembergischen Unternehmer konnten die Badener zunächst nicht folgen. Ihre große Stunde schlug erst wieder in den Jah­ ren zwischen den Weltkriegen mit dem Auf­ kommen der Elektro-Industrie, für das Namen wie Saba, Kienzle und Binder in Villingen, Dual und noch später Papst in St. Georgen stehen. Die enge Verzahnung von Wirtschaft und Kammer wird bis heute nirgends so deutlich wie in der Zusammensetzung der Vollver­ sammlung, des Präsidiums und der Wahl des Präsidenten. So war in Rottweil der vorhin erwähnte Pulverfabrikant, der geheimen Kommerzienrat Max von Duttenhofer, von 1876 bis 1902 Präsident. Er war maßgeblich daran beteiligt, daß sich die Kammern in Württemberg zu den eigentlichen Selbstver­ waltungsorganen der Wirtschaft entwickel­ ten. 1874 wurden nämlich das Wahlrecht und die Beitragspflicht der handelsgericht­ lich eingetragenen Unternehmen dekretiert, 1899 schied das Handwerk aus der Betreuung durch die Handels-und Gewerbekammern aus, die seither Gewerbekammern hießen. Wichtige Aufgaben kamen zu den bisheri-67

gen (statistisches Material sammeln, über die Wirtschaft berichten, die staatlichen Behör­ den beraten) hinzu: das Initiativ- und Anhö­ rungsrecht, die Befugnis, Anlagen und Ein­ richtungen zur Förderung von Handel und Gewerbe zu schaffen, Sachverständige zu bestellen, dem Handelsverkehr dienende Bescheinigungen auszustellen und auch Teile der Berufsausbildung zu übernehmen. Die gewonnene Befungnisfülle verloren die Kammern unter dem nationalsozialisti­ schen Regime, sie wurden zu Vollzugsorga­ nen der Regierung degradiert. Nach dem zweiten Weltkrieg erhielt die Kammer in Rottweil, bis 1945 eine Nebenstelle der Gau­ wirtschaftskammer Württemberg-Hohen­ zollern in Stuttgart, in der nun französisch besetzten Zone ihre frühere Stellung zurück. Der Bezirk umfaßt die Kreise Calw, Freuden­ stadt, Horb, Rottweil und Tuttlingen. Nicht unähnlich verlief die Geschichte der Kam­ mer in Villingen. Sie konnte auf der sehr kla­ ren Rechtsgrundlage, das Badische Handels­ kammergesetz von 1878, aufbauen. Die Vil­ linger Kammer war eine der ersten, die sich intensiv um die Berufsausbildung geküm­ mert hat und 1928 bereits eine Kaufrnanns­ Gehilfen-Prüfung durchführte. Die Kammer wurde 1933 aufgelöst und in die Bezirksstelle Freiburg der in Karlsruhe residierenden badischen Gauwirtschaftskammer eingeglie­ dert. Ihre Selbständigkeit erlangte sie nach dem Zweiten Weltkrieg trotz großer Bemü­ hungen der Industriellen und Kaufleute nicht mehr. Ihr Bezirk (ohne Neustadt) wurde der IHK Konstanz zugeschlagen, als deren Nebenstelle (allerdings mit weitrei­ chender Autonomie und finanzieller Eigen­ ständigkeit) sie fungierte. In den SOer Jahren verzeichnete man im Schwarzwald, auf der Baar und am Heuberg erstmals wieder Vollbeschäftigung – nach langen entbehrungsreichenJahren. Gestützt auf eine liberale Grundüberzeugung kam die Wirtschaft dank des Fleißes der Bevölkerung und dem Einsatz der Unternehmerschaft wieder auf die Beine. Wieder sorgten erfin­ dungsreiche Unternehmer durch Sparsam- 68 keit und Durchsetzungsvermögen für wirt­ schaftliche Prosperität, und bauten einen breiten Besatz kleinerer und mittlerer Betriebe auf, die sich auf die heutigen Indu­ striestandorte in der Region verteilen. Dabei wurde die wirtschaftliche Verflechtung des badischen und württembergischen Teils der Region enger und enger. So war es nicht überraschend, als die Landesregierung 1970 den Kammern ihre Vorstellungen über die Neugliederung der Kammerbezirke zur Kenntnis brachte. Ihr Vorschlag: Vereini­ gung des südlichen Teils des Kammerbezirks Rottweil mit dem Bezirk der Kammer Villin­ gen – der Bezirk deckt sich mit der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg. Die Verordnung über die „Neuordnung der Bezirke der Industrie- und Handels­ kammern in Baden-Württemberg“ trat zum 1. Januar 1973 in Kraft. Die Präsidien und die Geschäftsführungen der beiden beteiligten Kammern hatten schon zu Beginn des Jahres 1972 miteinander Kontakt aufgenommen und im Laufe des Jahres die Satzung,‘ die Finanzierung, die Geschäftsordnung, die Organisation der beiden Geschäftsstellen und den zukünftigen Sitz der Kammer bera­ ten. Dieser war zunächst für drei Jahre in Rottweil und wurde dann nach Villingen­ Schwenningen verlegt. Die beiden Präsiden­ ten, Dr. Karl Michaeli aus Rottweil und Eugen Schrade aus Villingen wurden Ehren­ präsidenten und machten einem neuen Prä­ sidenten, Dr. Rüdiger Stursberg aus Tuttlin­ gen, Platz. Für eine Übergangszeit waren zwei Hauptgeschäftsführer tätig, bis der Rottweiler Kollege in den Ruhestand trat. Industrie- 1992 schließlich ist das Jahr, in dem diese Neuorganisation nach wechselvoller Ge­ schichte Gelegenheit zum Rückblick gibt. und Handelskammer Die Schwarzwald-Baar-Heuberg in Villingen­ Schwenningen mit rund 18.000 kammerzu­ gehörigen Unternehmen feiert als Rechts­ nachfolgerin der beiden „Ursprungskam­ mern“ ihr 125jähriges Bestehen. Alfred Liebetrau, Präsident der IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg

Bildungseinrichtungen Die Fachhochschule Furtwangen an den beiden Standorten Furtwangen und Villingen-Schwenningen Der Aufbau der Fachhochschule Furtwangen hat nicht zuletzt durch die tatkräftige Förderung des Ehrensenators Ministerpräsident Erwin Teu­ fel einen Höhepunkt erreicht. Daher bietet es sich an, den Stand der gesamten Fachhochschule Furt­ wangen darzustellen. Schon in früheren Ausga­ ben des Almanach (Ausgabe 1988, S. 39 .ff und Ausgabe 1989, S. 34.ff) wurde über die Entwick­ lung der Fachhochschule Furtwangen berichtet. Seit 1987 besitzt die Fachhochschule Furt­ wangen zwei Standorte. Zum Heimatort Furtwangen mit jetzt acht Fachbereichen kam die Abteilung Villingen-Schwenningen mit drei Fachbereichen hinzu. Damit ist die FH Furtwangen die Hochschule der Region geworden und hat eine Größe erreicht, die europäischen Ansprüchen an eine Hoch­ schule gerecht wird. Wie der Wissenschaftsrat festgestellt hat, sind die Hochschulen ein besonders wichti­ ger Bestandteil der öffentlich geförderten Infrastruktur. Durch sie werden die wirt­ schaftliche aber auch die soziale und die kul­ turelle Entwicklung der Industriegesellschaft nachhaltig gefördert. In den letzten Jahren haben sich gerade die Fachhochschulen immer mehr zu regionalen wissenschaftli­ chen Dienstleistungszentren entwickelt. Außer ihrer Hauptaufgabe, nämlich – der Ausbildung junger Männer und Frauen zu hochqualifizierten Ingenieuren und Informatikern widmet sich die FH Furtwangen – der anwendungsbezogenen Forschung, – dem Technologie- und Wissenstransfer in die Wirtschaft der Region, – der Weiterbildung sowie dem Aufbau eines Netzes internationaler Beziehungen. Ausbildung Die FH Furtwangen nimmt etwa 780 Stu­ dienanfänger pro Jahr in den elf Studien­ gängen Feinwerktechnik, Elektronik, Tech­ nische Informatik, Allgemeine Informatik, Product-Engineering, Wirtschaftsinforma­ tik, Medieninformatik, Mikrosystemtechnik und – in Villingen-Schwenningen – Werk­ stoff- und Oberflächentechnik, Verfahrens­ technik mit den beiden Studienschwerpunk­ ten Bioverfahrenstechnik und chemische Verfahrenstechnik, Maschinenbau/ Auto­ matisierungstechnik auf. An den zwei Stand­ orten Furtwangen und Villingen-Schwen­ ningen stehen insgesamt etwa 2800 Studien­ plätze zur Verfügung. Die Attraktivität des Studiums an der Fachhochschule wird begründet durch die klare Strukturierung des Studiums, eine praxisorientierte wissenschaftliche Lehre und die besondere didaktisch-methodische Konzeption. Sie gewährleistet die Möglich­ keit, den Studienabschluß innerhalb der Regelstudienzeit von vier Jahren zu errei­ chen und damit etwa zwei Jahre früher in das Berufsleben eintreten zu können als der Absolvent einer Universität. Schließlich sind auch die Einstellungs- und Aufstiegs­ chancen sowie die Verdienstmöglichkeiten der Diplom-Ingenieure und Diplom-Infor­ matiker der Fachhochschule in der Wirt­ schaft sehr gut. Das Studium an der Fachhochschule zeichnet sich durch eine enge Verbindung von theoretischem Studium, praktischen Übungen an der Hochschule sowie die Er­ arbeitung von praktischen Erfahrungen der Studieninhalte in den Betrieben, während der praktischen Studiensemester, aus. So­ wohl die Spitzenverbände der deutschen 69

Blick auf die FH Furtwangen. Im Hintergrund: Studentenwohnheime „Großhausberg“ A1if1enansicht der Abteilung Villingen-Schwenningen 70

Studentisches Arbeiten im Fachbereich Feinwerktechnik Wirtschaft wie auch der Wissenschaftsrat sind sich darin einig, daß bei einem künfti­ gen Hochschulausbau der Schwerpunkt auf praxisorientierte Studiengänge an Fach­ hochschulen gelegt werden muß. An der FH Furtwangen wird das vorhan­ dene Fächerspektrum weiter ergänzt, z.B. durch die Einrichtung eines Studienschwer­ punktes „Künstliche Intelligenz“ in der Informatik sowie -im Hinblick auf die Öff­ nung des europäischen Marktes -das An­ gebot einer Zusatzqualifizierung in einer ,,Fachspezifischen Fremdsprachenausbil­ dung“ zusätzlich zum Fachstudium. Ein Mangel aller technisch orientierten Hoch­ schulen ist jedoch die offenbar zu geringe Attraktivität der Studiengänge für Frauen. Zwar konnte an der FH Furtwangen der Anteil der Studentinnen auf etwas über 10 O/o der Studierenden gesteigert werden, wäh­ rend dieser Anteil früher unter 8 0/o lag. Bei der Einrichtung weiterer Studiengänge müssen daher insbesondere Fachgebiete er­ schlossen werden, die noch mehr als bisher auch für junge Frauen attraktiv genug sind. Anwendungsbezogene Forschung Der Bildungsauftrag der Fachhochschule umfaßt neben der wissenschaftlichen Lehre auch die anwendungsbezogene Forschung. Sie soll den Technologietransfer in die Wirt­ schaft vorbereiten und gleichzeitig durch die Rückkoppelung eine permanente Aktua­ lisierung der Lehre an der Hochschule sichern. Die Einrichtung des Instituts für Innovation und Transfer (IIT) der FH Furt­ wangen im Jahre 1987 ermöglicht den Profes­ soren die Durchführung von Forschungs­ projekten als Dienstaufgabe im Hauptamt. Die dabei eingeworbenen Mittel für Personal und Investitionen verbessern auch die Aus­ bildungssituation an der Hochschule, da im 71

Rahmen dieser Forschungsvorhaben Pro­ jektstudien, Diplom- und sogar Dissertati­ ons-Arbeiten auf den neuesten technologi­ schen Feldern durchgefuhrt werden können. In der Vergangenheit hat sich häufig ge­ zeigt, daß zwar Ergebnisse der Grundlagen­ forschung vorlagen, diese aber nicht inge­ nieurmäßig aufbereitet wurden und damit ihre wirtschaftliche Nutzung unterblieb. Durch ihren Praxisbezug und die vielfältigen Praxiskontakte sind die Fachhochschulen für die Übernahme derartiger anwendungs­ bezogener Forschungsarbeiten besonders geeignet. Zur Zeit werden im IIT der FH Furtwan­ gen mehrere Forschungsprojekte aus dem Gebiet der Systemtechnik bearbeitet, z.B. Mikrostrukturtechnik, intelligente Senso­ ren, Implementierung von Algorithmen (Entwicklung eines Spezial-Mikroprozes­ sors) für intelligente Sensoren, CAD von Hochfrequenz- und Mikrowellenschaltun­ gen, sprecherunabhängige Spracherken­ nung. Weitere Forschungsbereiche werden auf den Gebieten Verschleißschutz durch PVD-Oberflächenbeschichtung von Werk­ stoffen sowie chemischer und physikalischer Analyseverfahren aufgebaut. In.frarot-Aufnahme eines Nordatlantik-Orkantiefs am 31. 10. 1991. Empeftang vom Wettersatelliten METEOSAT 4 im Labor eftür Hoch.frequenztechnik der FH Furtwangen (Leiter: Prof. Christian Dirks). 72

Industrie. Durch den Aufbau neuer Stu­ diengänge und die Einrichtung neuer Arbeitsgebiete wird diese Kooperation der Hochschule insbesondere mit der mittel­ ständischen Industrie laufend weiter ausge­ baut. Weiterbildung Die Zahl der Erstausgebildeten kann den steigenden Bedarf an hochqualifizierten Mitarbeitern in den Betrieben wegen des immer schnelleren technologischen Wan­ dels nicht decken. Investitionen der Unter- f’ET-Chlp Al-Senke H-Si-Membr&ne Drain Projekt aus dem Bereich des Instituts für Innova­ tion und Transfer (117) der FH Furtwangen (Projektleiter Prof. Dr. A. Stoffel) Entwicklung eines miniturisierten Silizium­ Mikrophons mit integriertem Feldeffekt-Transi­ stor (Diplomarbeit Eckhard Graf WS 1991/92}: Silizium-Chip Oben: Aufriß des PET-Mikrophons aus der räumlichen Perspektive. Dargestellt ist der Schall­ sensor aus zwei Silizium-Chips als PSFET mit einer H-Membran als Gate. Unten: Ansicht des fertigen Chips. 73 Mit Solarzellen betriebener intelligenter Sensor (Funkmeßstation). Projekt aus dem !IT der FH Furtwangen Technologietransfer Der Bedarf insbesondere der kleinen und mittleren Unternehmen an Forschungs-und Entwicklungsbeiträgen aus der Hochschule ist größer als die FH Furtwangen aus Kapazi­ tätsgründen leisten kann. Daher wurden von Professoren der FH Furtwangen mit Unter­ stützung durch die Steinbeis-Stiftung für Wirtschaftsförderung Technologie-Transfer­ zentren gegründet, welche sich zum Ziel ge­ setzt haben, durch raschen Know-How­ Transfer aus den Hochschulen die wirt­ schaftliche Existenz und Ertragskraft, vor­ nehmlich der mittelständischen Unterneh­ men in Baden-Württemberg zu sichern und auszubauen. Mit insgesamt 11 Transferzen­ tren in fünf Städten des Landes ist die FH Furtwangen eine der aktivsten Hochschulen auf dem Gebiet der Zusammenarbeit mit der

nehmen in moderne Technologien müssen von einer entsprechenden Qualifikation der Mitarbeiter begleitet werden, um keine Res­ sourcen zu vergeuden. Mitarbeitern aus den Betrieben müssen daher Möglichkeiten der Weiterbildung insbesondere in den neuen Technologien geboten werden. Das Angebot der Technischen Akademie für Weiterbildung (TA W) der IHK Schwarz­ wald-Baar-Heuberg und der FH Furtwangen richtet sich an Führungskräfte und Speziali­ sten aus der Wirtschaft, insbesondere Inge­ nieure, Techniker und Technische Kauf­ leute. Die TAW vermittelt durch praxisorien­ tierte Schulungskonzepte Wissen über neue­ ste technologische und wirtschaftliche Ent­ wicklungen. Weitere Seminarangebote zur Weiterbil­ dung in technischen und wirtschaftlichen Spezialgebieten werden von Professoren der FHF über die Steinbeis-Stiftung für Wirt­ schaftsförderung angeboten. Desweiteren ist Interessenten aus der Industrie -bei entspre­ chender Vorbildung -die Möglichkeit gege­ ben, als Gasthörer an ausgewählten regulä­ ren Vorlesungen der FHF teilzunehmen. Schließlich kann im „Vertiefungsstudium Umweltschutz“ auch im Rahmen der Wei­ terbildung an der FHF die amtliche Zusatz­ qualifikation eines „Immissionschutzbeauf­ tragten“, ,,Abfallbeauftragten“ und „Abwas­ serbeauftragten“ erworben werden. Internationale Zusammenarbeit Durch ihre Regionalität sind die Fach­ hochschulen auch besonders dafür prädesti­ niert, ein Netz von internationalen Bezie­ hungen zu knüpfen. Bereits jetzt haben Stu­ dierende der FH Furtwangen viele Möglich­ keiten, durch Absolvierung eines von der Hochschule vermittelten Stuidenabschnit­ tes im Ausland ihre Kenntnisse vielfältig zu ergänzen. Die dabei gewonnen Erfahrungen tragen neben einer Persönlichkeitsbildung insbesondere dazu bei, in ihren späteren Betrieben Exportchancen zu verbessern. Die fortschreitende europäische Integra­ tion führt dazu, unseren Studierenden in 74 Kooperation mit ausländischen Hochschu­ len Studiengänge anzubieten, die mit der Verleihung des deutschen und eines entspre­ chenden ausländischen Diploms eine Dop­ pelqualifikation erreichen lassen. Zusammenfassung Durch ihre Regionalität haben die Fach­ hochschulen besondere Vorteile bei der Orientierung an Problemen und Anforde­ rungen der beruflichen Praxis. Künftig wer­ den Ausbildungs-, Forschungs-, Entwick­ lungs- und Technologietransfer-Aufgaben sowie Aktivitäten der Weiterbildung und der internationalen Zusammenarbeit in dem ,,Regionalen wissenschaftlichen Dienstlei­ stungszentrum“ der „Hochschule der Industriegesellschaft“ wie diese Hochschulart genannt wurde, sicher­ lich einen noch bedeutsameren Stützpunkt besitzen. Fachhochschule, Prof. Dr. Walter Zahradnik Rektor der Fachhochschule Furtwangen Abend an der Breg Da bin ich oft gesessen, Hab‘ manchmal hier geruht, Verloren und vergessen Am Ranft der blauen Flut. Die Wellen wogten leise. Die Abendglocke schwieg. Noch Nachtigallenweise Zum Sternenhimmel stieg … Vorüber sind die Träume, Der Himmel am Verglühn. Ja, zittert nur, ihr Bäume – Der Sommer ist dahin! Josef Albicker

Fernstudienzentrum Villingen-Schwenningen Universität vor der Haustür Seit Sommer 1992 gibt es im Gebäude der Berufsakademie im Stadtbezirk Schwennin­ gen eine neue Bildungseinrichtung, das ,,Fernstudienzentrum Villingen-Schwennin­ gen“. Hat Villingen-Schwenningen nun eine eigene Hochschule? Steht diese Studienein­ richtung gar in Konkurrenz zu den benach­ barten Universitäten wie Freiburg oder Tübingen? Was bedeutet der BegriffFernstu­ dienzentrum? Wer studiert dort? Welche Studienmöglichkeiten werden geboten und in welcher Form? All diese Fragen weisen schon auf die vielgestaltige Aufgabenstel­ lung des Studienzentrums und die Beson­ derheit dieser neuen Einrichtung hin. Vor der Antwort soll jedoch ein kurzer Blick auf die Vorgeschichte stehen. Bereits Mitte der 70er Jahre ließ die Lan­ desregierung mögliche Standorte für eine künftige Fern-Universität ermitteln. Auch Villingen-Schwenningen wurde damals ein­ bezogen. Vom Regionalverband wurde sogar die Gründung eines „Regionalen Hochschul­ verbandes Schwarzwald-Baar-Heuberg“ ange­ regt. 1979 schon sollten die Hochschulhoff­ nungen wieder begraben werden, da das Land zunächst nur einen Standort ausbauen wollte.1988 wurde, als erstes in Baden-Würt­ temberg, das Studienzentrum Karlsruhe aus der Taufe gehoben. Ausgewählt worden war dieser Standort wegen der Nähe zu einer Universität. Die Stadt Villingen-Schwennin­ gen ließ jedoch nicht locker, gerade hier, fern von den großen Universitäten, bestand ja weiter Bedarf nach dieser Einrichtung. Gleichzeitig setzte sich auch der Landkreis nachdrücklich für den Ausbau des regiona­ len Bildungsangebots ein. Für kurze Zeit Unterzeichnung der Kooperationsvereinbarung am 10. März 1992 im Beethovenhaus in Schwennin­ gen, (von links nach rechts) Landrat Dr. Rainer Gutknecht, Prof Dr. Klaus Anderseck von der Fem­ Universität Hagen, Oberbürgermeister Dr. Gerhard Gebauer, von der Industrie- und Handelskammer Präsident A!fred Liebetrau und Hauptgeschäftsführer Dr. Rudo!f Kubach 75

Fern-Universität Hagen plante man sogar, in Villingen-Schwennin­ gen eine Außenstelle des Studienzentrums Karlsruhe einzurichten, doch auch diese Lösung scheiterte. 1983, auf erneute Initia­ tive des Landkreises hin, teilte das Wissen­ schaftsministerium mit, der Landtag sehe sich wegen der schlechten Haushaltssitua­ tion nicht in der Lage in absehbarer Zeit wei­ tere Fernstudienzentren zu eröffnen. Hieran hat sich bis heute nichts geändert. Dennoch: Ohne die Unterstützung des Landes kam es im Frühjahr 1990 zur Eröffnung des 2. baden-württembergischen Studienzen­ trums, diesmal in Schwäbisch Gmünd. Es wurde als Gemeinschaftsprojekt von Kom­ munen und Betrieben ins Leben gerufen. Dies war der Anstoß zu erneuter Initiative: Sie brachte all diejenigen, die heute auch an dieser Einrichtung beteiligt sind, an einen Tisch; Stadt Villingen-Schwenningen, Schwarzwald-Baar-Kreis und Industrie-und Handelskammer Schwarzwald-Baar-Heu­ berg. Nachdem sich die Überzeugung durch­ gesetzt hatte, daß ein Studienzentrum not­ falls ohne Landeshilfe eingerichtet und in 76 eigener Regie getragen werden müsse, ging alles recht schnell: Finanzierungspläne wur­ den ausgearbeitet, Verträge ausgehandelt, Gespräche mit der Fern-Universität Hagen geführt, Räume gesucht und andere Studien­ zentren besichtigt. Am 11. Februar 1992 unterzeichneten die gesetzlichen Vertreter der am Studienzentrum Beteiligten einen Gesellschaftervertrag. Das Fernstudienzen­ trum Villingen-Schwenningen existiert nun in Form einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts. Kurz darauf, am 10. März 1992, wurde mit der Fern-Universität Hagen die Kooperationsvereinbarung als Grundlage des akademischen Betriebs geschlossen. Am 12.Mai 1992 wurde das Fernstudienzentrum feierlich eröffnet. Der reguläre Lehrbetrieb wurde im Herbst 1992 aufgenommen. Das hiesige Fernstudienzentrum arbeitet in engem Kontakt mü der Fern-Universität Hagen. Die nordrhein-westfälische Hoch­ schule wurde 1974 mit dem Ziel gegründet, eine Lücke im Bildungssektor zu schließen. Wissenschaftliche Erstausbildung und Wei­ terbildung sollten für Abiturienten und

Studentische Arbeitsgruppe Postversand der Studienbriefe 77 Berufstätige gleichermaßen angeboten wer­ den. Die Gesamthochschule Fern-Universi­ tät Hagen als größte und wohl renommierte­ ste Fernstudieneinrichtung der gesamten Bundesrepublik ist eine wissenschaftliche Hochschule. Ihre Aufgaben sind – wie bei Präsenzhochschulen – Lehre und For­ schung. Gekennzeichnet ist sie jedoch durch das ihr eigene System der Wissensvermitt­ lung, der „Lehre per Post“, also dem Fernstu­ dium. Studentinnen und Studenten bearbei­ ten Studienbriefe, auch die Lernkontrolle läuft wieder auf dem Postweg ab. Genau diese „Fernübertragung“ von Studieninhal­ ten eröffnet vielen Studierwilligen Chancen, die ihnen durch das herkömmliche System der Präsenzhochschule versperrt sind. Weit­ gehend unabhängig von deren zeitlichen und räumlichen Bedingungen können Bil­ dungsabschlüsse nachgeholt, nicht erfüllte Bildungswünsche verwirklicht, von Berufs­ tätigen auch Zusatzqualifikationen erwor­ ben oder ganz einfach Kenntnisse aufge­ frischt werden. Nicht zuletzt können Abitu­ rienten, die nicht direkt nach dem Schulab­ schluß einen Studienplatz bekommen

haben, ohne Zeitverlust ein Vollzeitstudium aufnehmen und nach Ablauf der Wartezeit ins Präsenzstudium der Wunschhochschule wechseln. Auch für Industriebetriebe ist das Angebot des Studienzentrums von Interesse, verbessert es doch nachhaltig Möglichkeiten und Chancen ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf qualifizierte Weiterbildung. Das Spektrum des Studienangebots ist breit gefächert, von Wirtschaftswissenschaf­ ten über Elektrotechnik bis zu Geisteswis­ senschaften können Diplom- und Magister­ studiengänge belegt werden, auch Promo­ tion ist möglich. Bis zum Abschluß eines Studiums vergeht – gerade beim Fernsru­ dium – viel Zeit. Darin gerade liegt oft die besondere Schwierigkeit für die Studieren­ den: Über einen sehr langen Zeitraum hin­ weg erarbeiten sie sich ihr Fachgebiet isoliert von Dozenten und Mitstudierenden am hei­ mischen Schreibtisch. Ohne Austausch­ möglichkeit mit anderen, ohne persönliche Hilfestellung des Dozenten, ohne direktes Beratungsangebot ein ganzes Studium zu durchlaufen, ist ungleich viel schwieriger als ein Präsenzstudium mit all seinen Semina­ ren, Arbeitsgruppen und Studententreffs. Genau hier setzt die Idee des Fernstudien­ zentrums an, hier bietet das Studienzentrum Rat, Hilfe, Informationen. Hier liegen Stu- dienmaterialien auf, hier können studenti­ sche Arbeitsgruppen zusammenkommen. Im Studienzentrum werden mentorengelei­ tete Abend- oder auch Wochenendveranstal­ tungen angeboten, die dem Austausch und auch der Vermittlung neuer Kenntnisse die­ nen. Doch nicht nur für die, die schon mit­ ten im Studium stehen, ist das Studienzen­ trum Hilfe und Treffpunkt. Umfangreiche persönliche Beratung wird dort großge­ schrieben. Qualifizierte Betreuung ist ge­ währleistet durch die wissenschaftliche Lei­ tung des Zentrums, die nicht nur ein offenes Ohr für alle Fragen hat, sondern auch einen ,,heißen Draht“ zur Fern-Universität Hagen. Das Fernstudienzentrum bereichert nicht nur die regionale Bildungslandschaft in ihrer schon traditionellen Vielfalt, es vervollstän­ digt das Bildungsangebot um den Zweig der akademischen Aus- und Weiterbildung und trägt durch seine zukunftsweisende Konzep­ tion zur Abrundung des Bildungsbereichs bei. Nicht zuletzt am Bildungssektor werden die Leistungen von Kommunen gemessen. Mit dem Fernstudienzentrum Villingen­ Schwenningen als der „Hoch chule vor der Haustüre“ sind wir einen wichtigen Schritt vorangekommen. Julia Weiss Wanderburschen – eine alte Idee und ein neues Modell in der beruflichen Ausbildung Der Volksmund weiß es schon lange: „Mit dem isch’s nit wiit her“ sagt man, wenn man die fachliche und persönliche �alifi­ kation des Betroffenen eher gering ein­ schätzt. Und auch das Wort „Erfahrung“ hat etwas damit zu tun: Erst wenn wir Orte, an denen es etwas zu lernen gibt, er-fahren, haben wir auch die Chance, etwas dazu zu lernen, neues zu erfahren. Und so war es nicht verwunderlich, daß sich die fahrenden Gesellen in ihren Wan- 78 derjahren auf den Weg machten, um bei die­ sem Meister dies und bei einem anderen Meister eben das zu lernen, worin seine je­ weilige Stärke lag und was andere ihm nicht beibringen konnten. Berufliche Ausbildung ist heute – mit gutem Grund-reglementiert, und die jewei­ ligen Ausbildungsverordnungen und Berufs­ bilder (man denke nur an die viel diskutierte Neuordnung der Elektro- und Metallberufe) legen fest, was ein Lehrling in seinen 3-4

Lehrjahren im Betrieb und in der Gewerbli­ chen Schule zu lernen hat. Von freien Vagan­ tenjahren ist da keine Rede mehr – diese waren ja auch früher eher den Gesellen vor­ behalten. Im Herbst 1981 begann bundesweit die Zahl derer, die eine Lehrstelle antraten, die Zahl derer die zu einem Hochschulstudium zugelassen wurden, zu unterschreiten und die gewerbliche Wirtschaft macht sich – nicht erst seit heute -Sorgen um einen quali­ fizierten Nachwuchs. Anders ausgedrückt: Nicht die Lehrstellen, die Lehrlinge werden knapp. Hinzu kommen die Entwicklungen unse­ rer Bevölkerungszahlen, ihre Altersvertei­ lung und der entsprechenden Konsequen­ zen auf dem Arbeitsmarkt: für die Betriebe wird die Rekrutierung von Auszubildenen wie von qualifizierten Mitarbeitern immer schwieriger. Gerade in einem Raum wie dem Schwarz­ wald-Baar-Kreis, dessen wirtschaftliches Rückgrat die kleinen und mittleren Betriebe sind und dessen gewerbliche Umorientie­ rung nach dem weitgehenden Zusammen­ bruch der Uhrenindustrie in etwa abge­ schlossen ist, sind Erwerb und Erhalt von Qualifikation schon von Beginn der Ausbil­ dung an lebensnotwendig. Die Haupt­ schwierigkeit, gerade auch außerhalb des eigentlichen Stadtgebietes, Lehrlinge zu bekommen und sie nach dem Abschluß auch zu halten, ist deshalb zu einem Thema geworden, das fast jede Firma in unserem Kreis berührt. Hinzu kommt, daß durch eine notge­ drungene Spezialisierung gerade der kleinen Betriebe, für die Technologien, bei denen eine Marktchance gesehen wird, nicht alle Betriebe ihre Lehrlinge in der Breite ausbil­ den können, wie dies über die Forderungen Die Teilnehmer bei der Präsentation: (von rechts) Prof. Dr. Klaus Kornwachs, Siegfried Reith, Dr. Peter Dehnbostel Ministerialrat Werner Feuerlein 79

der Berufsausbildungsverordnungen hinaus von der betrieblichen Praxis her wünschens­ wert wäre. Deshalb war es naheliegend, das Angebot der Ausbildung verschiedener Betriebe zu koppeln und in einem Verbund Ausbil­ dungsgänge anzubieten, die nicht nur den Verordnungen der Berufe entsprechen, son­ dern – darüber hinaus – die einzelnen Stär­ ken und Spezialitäten der beteiligten Firmen in den Ausbildungsplan mit hinein zu neh­ men. Mit dieser Grundidee machten der Verein zur Förderung der beruflichen Bildung im Schwarzwald-Baar-Kreis e.V: (Vorsitzender: Landrat Dr. Gutknecht), das Bildungszen­ trum Turmgasse der Firma Winkl er im Stadt­ bezirk Villingen und die Firmen Aluminium Gießerei, Stadtbezirk Villingen, Güntert (Präzisionstechnik), Stadtbezirk Villingen, Gutmann (Arbeitsplätze für Schule und Betrieb), Unterkirnach, WiHa (Schraub­ werkzeuge), Schonach, Hock (Stanzwerk­ zeuge), Schönwald, Koepfer (Maschinen­ fabrik), Furtwangen, Metallwerke Schwarz­ wald, Stadtbezirk Villingen und Winkler (Backmaschinen), Stadtbezirk Villingen, im Herbst 1990 ernst. Sie beschlossen, einen Modellversuch zur Förderung zu beantra­ gen, wie man einen Ausbildungsgang für Lehrlinge im zweiten und gegebenenfalls dritten Lehrjahr organisieren könnte, um bei einer „Wanderschaft“ durch die teilnehmen­ den Betriebe den Lehrlingen Einsichten und Erfahrungen zu vermitteln, die sie in ihrem ,,eigenen“ Betrieb so nicht machen würden. Um Mißverständnisse zu vermeiden: Natürlich sind die genannten Firmen mit Belegschaftsgrößen von 900 bis 94 Mitarbei­ ter in der Lage, in den ca.15 vertretenen Aus­ bildungsberufen zur Zeit insgesamt 13 7 Lehrlinge so auszubilden, daß sie für Prü­ fung und Berufsleben gewappnet sein wer­ den. Dennoch haben sich im Zeichen der rechnerintegrierten Fertigung und der Auto­ matisierung viele Arbeitsinhalte, Formen der Arbeitsorganisation und selbst die Struktur der betrieblichen Organisation verändert 80 und werden sich auch weiter ändern. Dazu kommt, daß vorhandene Q!.ialifikationen oder solche, die noch auf dem „Lehrplan“ stehen, teilweise nicht mehr benötigt werden und viele neue Anforderungen auch von den Ausbildern (seien es hauptamtliche in den größeren Betrieben oder „neben“amtliche wie überwiegend in den kleinen Betrieben) erst noch selbst verarbeitet und für die Aus­ bildung umgesetzt werden müssen. Deshalb werden neben der Vermittlung der notwendigen Fachkenntnisse und Fertig­ keiten (Fachkompetenz) auch zunehmend methodisches Wissen und ein Verstehen des gesamten Produktionsprozesses (Methoden­ kompetenz) wichtig, um auf die zukünftige Rolle eines kompetenten Mitarbeiters vorzu­ bereiten. Dazu gehört auch die Hinführung zu einem sicherheits- und qualitätsgerechten Verhalten und Arbeiten. Daß zunehmend auch das, was in der Bildungsdebatte „Sozial­ kompetenz“ genannt wird, bereits in der beruflichen Erstausbildung vermittelt wer­ den muß, war schon immer ein Grundsatz, nach dem das Bildungszentrum Turmgasse (BZT) gehandelt hat: Wir brauchen teamfä­ hige Mitarbeiter, die kooperativ sind, die sagen können, was sie meinen und die eigen­ verantwortlich handeln können. Der beantragte Modellversuch „Dezen­ trales Lernen“ wird mittlerweile vom Bun­ desministerium für Bildung und Wissen­ schaft und dem Ministerium für Wirtschaft, Mittelstand und Technologie unseres Lan­ des Baden- Württemberg gefördert. Das Bun­ desinstitut für berufliche Bildung in Berlin (BIBB) hat die fachliche Aufsicht über dieses Projekt, das Fraunhofer-Institut für Arbeits­ wirtschaft und Organisation in Stuttgart hat die wissenschaftliche Begleitung übernom­ men. Neben den schon genannten Firmen sind die Gewerblichen Schulen in Donau­ eschingen, die IHK Schwarzwald-Baar-Heu­ berg, das Arbeitsamt Villingen-Schwennin­ gen als Institutionen und eine Reihe von berufspädagogischen Fachleuten aus der Region als Berater bei diesem Vorhaben ein­ gebunden.

Nach einer gründlichen Analyse der Mög­ lichkeiten, welche der beteiligten Firmen für welchen Ausbildungsberuf in welchem fach­ lichen Thema einen „Lernort“ anbieten kann, wird ein Plan erstellt, welcher Lehrling wann bei welcher Firma wie lange was lernen kann. Damit dieses Puzzle sinnvoll wird, bereiten unsere Wissenschaftler vom Fraun­ hofer-Institut in enger Kooperation mit den Ausbildern die erforderlichen und darüber hinaus angebotenen Lerninhalte in Form von Lernaufgaben auf Damit entstand ein Lehr„gang“ im wahrsten Sinn des Wortes: Unsere Lehrlinge werden zu Wanderbur­ schen, zumindest für die Zeit des ersten Pilotlehrgangs, der ab Mitte 1993 durchge­ führt werden soll. Auch die Projektdurchführenden lernen aus Erfahrung. Denn die mit diesem Pilot­ lehrgang gemachten Erfahrungen sollen wei­ ter vermittelt werden -nicht nur an die interessierte Fachöffentlichkeit, sondern vor allem auch an die Ausbilder sowohl der beteiligten Firmen wie auch, später, derjeni­ gen aus der Region. Denn die Grundidee ist ja, es nicht nur beim Modellversuch zu belas­ sen, sondern aus dem Projekt eine übertrag­ bare Vorgehensweise zu entwickeln, wie sich Firmen zu einem Lernartverbund zusam­ menschließen können und wie sie ihre Aus­ bildungsgänge dezentral und durch „Wan­ derschaft“ gestalten und organisieren kön­ nen. Der Modellversuch, wenngleich erst am Anfang, hat in der Fachwelt jetzt schon eine große Resonanz gefunden. Abgesehen davon, daß das Modell der Lernfabrik am Bildungszentrum Turmgasse in Form eines erfolgreichen Transfers in Pulsnitz in Sach­ sen gerade aufgebaut wird und abgesehen davon, daß das überbetriebliche Lernange­ bot dieses Bildungszentrum zu einer europa­ weit sehr beachteten Einrichtung gemacht hat, erhoffen sich die Initiatoren des Modell­ vesuchs „Dezentrales Lernen“, daß diese Erfahrungen den Firmen in der Region hel­ fen, ihre Rekrutierungsprobleme zu lösen, indem ein solcher Ausbildungsverband min- destens ebenso wenn nicht attraktiver ist als das Lernangebot, das (nur?) ein großes Unternehmen anbietet. Aber nicht nur das. Wer herum kommt, macht Erfahrungen. Wir alle an diesem Projekt glauben, daß es sich bei den Lehrlingen eines Tages herum­ spricht und die Firmen beim Einstellungs­ gespräch mit einem „Aha“ reagieren, wenn man sagt: Der oder die hat eine Lehre mit Wanderschaft gemacht -und das schon ist ein Grund, den oder die sich doch einmal näher anzusehen. Dies wäre dann auch ein Beitrag dazu, eines der Markenzeichen die­ ser Region zu bewahren und auszubauen: Kompetente, hochqualifizierte Mitarbeiter, die zu leben und zu arbeiten verstehen. Prof. Dr. Klaus Kornwachs Herbstlied Milde rieselt Sonnenschein Auf den halbentlaubten Hain Wie der letzten Hoffnung Licht Auf des Sterbenden Gesicht. Lebensmüde rauscht er schon Vöglein flattern stumm davon; Leisgebornes Abschiedsleid Schleicht heran: Vergänglichkeit! – Zitternd hält sich im Geäst Noch des Sommers karger Rest. Und im ärmlichsten Gewand Blümlein stehn am Waldesrand. Da! Ein Stöhnen lang und schwer! Kalter Sturmwind braust daher; Und des Sommers letzten Traum Küßt der Tod am Waldessaum! … Josef Albicker 81

Wirtschaft und Gewerbe Der Europäische Binnenmarkt Auswirkungen auf die Industrie im Schwarzwald-Baar-Kreis Ziel des Europäischen Binnenmarktes, der am 1.1.1993 in Kraft tritt, ist die Verwirk· lichung der sog. vier Grundfreiheiten. Ob gewollt oder ungewollt, gesteuert oder nicht gesteuert – die Realisierung des freien Waren·, Dienstleistungs·, Personen· und Kapitalverkehrs hat Auswirkungen auf die gesamte deutsche Wirtschaft, insbesondere auch auf die Unternehmen im Schwarzwald­ Baar-Kreis, die seit jeher stark exportabhän· gig sind. Je nach Branche, Größe, Struktur und Marktposition sind die Auswirkungen unterschiedlich. Generell aber gilt: Der Wettbewerb nimmt zu, und das Binnen· marktprogramm, das eine Deregulierung auf breiter Front beinhaltet, geht mit Impulsen für Produktion und Beschäftigung einher. Die Produktionskosten werden durch den Abbau administrativer Kosten und die Ver· ringerung der bisher durch die unterschiedli­ chen Normen in den einzelnen Ländern bedingten zusätzlichen Entwicklungskosten sinken. Gleichzeitig wird mit dem zunehmenden Wettbewerb der Rationalsierungsdruck wegen der hohen Lohnkosten steigen. Die Kostensituation im Hochlohnland Bundes· republik führt dazu, daß heute nur noch hochwertige Produkte und anspruchsvolle Zulieferungen der hiesigen Unternehmen international konkurrenzfähig sind. Insgesamt werden die Firmen vom Bin· nenmarkt besonders profitieren, die ohne· hin bereits europa· oder weltweit orientiert sind – also vor allem Großunternehmen. Gute Chancen im großen Markt werden jedoch auch die heimischen mittelständi· sehen Betriebe haben, die sich rechtzeitig unternehmenspolitisch und strategisch auf 82 die veränderten Rahmenbedingungen einge· stellt haben. Dies gilt insbesondere für die hier dominierenden Branchen Elektrotech· nik, Feinmechanik sowie Maschinenbau, die allein gut die Hälfte der hiesigen Industrie· beschäftigten ausmachen und die wert· schöpfungsstarke Produkte mit hohem Technologiegehalt herstellen. Ein beachtlicher Teil der hiesigen Indu­ strie gehört zur Zulieferindustrie, die nicht nur in das Bundesgebiet liefert, sondern europa· und weltweit neben der Automobil­ branche das gesamte Spektrum der Industrie abdeckt. Nach Vollendung des EG-Binnen· marktes wird die europaweite Beschaffung sicher zunehmen, doch nicht nur bei den Kunden deutscher Zulieferer, sondern auch in anderen Mitgliedsstaaten, so daß sich für die hiesigen Zulieferer auch neue Märkte öffnen. Der Abbau der Grenzen und damit ver· bunden auch geringere Transportkosten, z.B. durch den Wegfall der Wartezeiten, wird aber nicht zwangsläufig oder gar vorran· gig zu einer Verlagerung der Nachfrage auf Zulieferer im europäischen Raum führen. Vielmehr werden Faktoren wie Fühlungsvor· teile aus der räumlichen Nähe zu den Zulie­ ferern, ihre Zuverlässigkeit und Liefertreue, langjährige gute Zusammenarbeit sowie der hohe Q!ialitätsstandard ihrer Produkte wei· terhin von entscheidender Bedeutung sein. Allerdings müssen vor allem kleinere Zulie­ ferer der Reduktion der Fertigungstiefe bei ihren Kunden mit geeigneten Anpassungs· strategien begegnen. Erfolg werden sie hier vor allem mit der Umstellung auf technische komplexere Produkte in geeigneten Markt· nischen haben.

Charakteristisch für die Wirtschaft im Schwarzwald-Baar-Kreis ist weiterhin die Drehteileindustrie, die Großuhrenindustrie, der Ventilatoren- und Lüfterbau sowie die Herstellung von Zählern und Zeiterfassungs­ geräten. Die Produkte dieser Unternehmen haben auf dem Weltmarkt – und besonders auf den Märkten in den EG-Ländern – bereits eine sehr gute Position. Dies ist auch ein Ausdruck der starken Exportorientierung der heimischen Industrie. Deutlich über ein Viertel ihres Umsatzes erzielte die Investitionsgüterindustrie 1991 im Export. Hauptausfuhrländer sind nach wie vor neben den EG-Staaten mit Frank­ reich an der Spitze die EFTA-Länder Schweiz und Österreich sowie die USA. Hier zeigt sich die schon bisher insbesondere in Europa hohe Wettbewerbsfähigkeit der hei- mischen Unternehmen im Außenhandel. Sie ist ein wichtiger Trumpf im EG-weiten „Spiel“ um Marktanteile und Ansehen. Die weitgehend mittelständische Struktur der hiesigen Industrie ist Chance und Risiko zugleich. Dank ihrer hohen Anpassungsfä­ higkeit, ihrer Kreativität und Flexibilität, spielt die mittelständische Wirtschaft eine wichtige Rolle bei der Entwicklung neuer Produkte und Produktionsverfahren. Die Bewältigung der schweren wirtschaftlichen Einbrüche in diesem Raum anfangs der 80er Jahre gibt berechtigten Anlaß zur Hoffnung, daß auch die europäische Herausforderung erfolgreich angenommen wird. Gerade klei­ nere und mittlere Unternehmen werden aus dem Fortfall der Grenzbarrieren, deren Überwindung für sie bislang schwieriger war als für Großunternehmen, besonderen Nut- Klaus Burk · Landschaft hinter Villingen 83

zenten vermehrt befassen, während clie hie­ sige Produktion sich immer mehr auf hoch­ wertige Güter konzentrieren muß. Damit ist der Zwang zu ständiger Innovation und zu steigender Flexibilität verbunden. Sektoral betrachtet wird die Investitions­ güterindustrie zu den überdurchschnittlich gewinnenden Wirtschaftsbereichen gehö­ ren. Je kräftiger die Wachstumsimpulse in der EG ausfallen, um so mehr wird investiert. Bei der großen Bedeutung der Investitions­ güterbranche im Schwarzwald-Baar-Kreis wird damit auch die hiesige Wirtschaft profi­ tieren -allerdings in einem harten weltwei­ ten Wettbewerb. Sie kann mit der gebotenen Zuversicht vorwärts blicken. Dr. Rudolf Kubach Hauptgeschäftsführer der Industrie-und Handelskammer Schwarzwald-Baar-Heuberg zen ziehen können. Außerdem sind kleine und mittlere Unternehmen auf Markt­ nischen spezialisiert, deren Zahl mit der Größe des Marktes aufgrund regional und kultureU bedingter Verbraucherpräferenzen ebenfalls steigen wird. Angesichts dessen gilt es vorrangig das Marketing zu verstärken. Bei der mittelständischen Wirtschaft wird die Anpassung der Produktpalette mehr in Richtung Differenzierung laufen, während sich für die größeren Unternehmen eher die Standardisierung anbietet. Großes,Gewicht kommt künftig den Änderungen in der Pro­ duktionsstrategie zu, wobei Rationalisie­ rungsmaßnahmen zur Kostensenkung ganz vorne rangieren. Auch clie mittelständischen Unternehmen müssen sich bei Standardpro­ dukten mit der Frage der Produktionsverla­ gerung ins Ausland bzw. der Kooperation mit einem billigeren ausländischen Produ- Werksverlagerung ins Industriegebiet Ost abgeschlossen Ein neues Kapitel Firmengeschichte wird Mit moderner Technik in neuem geschrieben Ambiente 1988 wurde Steine] von dem österreichi­ Einer der bedeutendsten Schritte in der schen Konzern Voest Alpine AG als selb­ über 65jährigen Firmengeschichte des tradi­ ständige Tochter übernommen. Zielsetzung tionsreichen Schwenninger Werkzeugma­ war unter anderem, mittelfristig sämtliche schinenherstellers Steine! ist die komplette Aktivitäten im Industriegebiet Ost zu kon­ Werksverlagerung aus der Innenstadt ins zentrieren, um die überhöhten Produktions­ Industriegebiet Ost. Der bereits seit den sieb­ kosten in den Griff zu bekommen, welche ziger Jahren bestehende Plan fand Ende 1991 durch angemietete Räume, Produktion in mit der Fertigstellung und Inbetriebnahme zwei Werken mit ständigem Pendelverkehr, des letzten Bauabschnittes seinen Abschluß. verschiedenen Lagerorten und Warenein­ Bereits 1978 bis 1982 entstand in drei Bau­ gängen zustande gekommen waren. So abschnitten der erste Gebäudekomplex mit wurde 1989 vom Aufsichtsrat der Voest rund 9200 qm Montage-und Fertigungsflä­ Alpine Maschinen-und Anlagebau-Holding che (vgl. Almanach 1983, Seite 57 /58). AG eine erneute Werkserweiterung geneh­ Wegen der nachfolgenden wirtschaftlichen migt. Der 1. Spatenstich hierzu wurde im Au­ Rezession, von der auch Steine! hart getrof­ fen wurde, mußten weitere bauliche Maß­ gust 1990 vom Vorsitzenden der Geschäfts- nahmen zurückgestellt werden. Steinei Werkzeugmaschinen Villingen-Schwenningen 84

Steine! Neu- und Erweiterungsbau im Industriegebiet Ost führung, Herrn Dipl.-Ing. Willi Schütz, vor­ genommen. Während der ersten Baustufe wurde für 15 Millionen DM eine weitere Montagehalle mit Wasch- und Lackierbe­ reich, Wareneingang und Warenausgang errichtet sowie ein halbautomatisches Hoch­ regallager mit 60 m Länge, 19 m Breite und 12 m Höhe, in welchem der gesamte Materi­ albereich, Klein- sowie Großteile, gelagert und verwaltet wird. Hinzu kam ein Bürotrakt für Geschäftsführung und Vertrieb mit Kon­ ferenzräumen und attraktiver Empfangs­ halle. Obwohl die endgültige Umsiedlung erst für 1994 vorgesehen war, wurde Ende Juni 1991 vom Aufsichtsrat die Genehmigung zu einem vorgezogenen 2. Bauabschnitt, einem Verwaltungs- und Bürobereich, erteilt. Wegen den Betriebsferien konnte jedoch erst Anfang August mit den Bauarbeiten begon­ nen werden. Da aus Kosten- und Vertrags- gründen die in der Stadtmitte angemieteten Räume bis zum Jahresende frei sein mußten, durfte die Bauphase nur 88 Tage betragen. Anhand einer minuziösen Terminplanung zwischen Steine!, dem Architekten, Herrn Dipl.-Ing. Gerhard Lauffer und den beteilig­ ten Baufirmen konnte die extrem kurze Bau­ zeit für 2 x 1200 qm (= 2400 qm) Bürofläche eingehalten werden. Anfang 1992 befanden sich insgesamt 460 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der neuen Werkzeugmaschinenfabrik im Indu­ striegebiet Ost. Auf insgesamt 20 000 qm Fläche werden heute modernste Werkzeug­ maschinen entwickelt und hergestellt. Aus­ gereifte Material- und Datenflußtechnik sorgt für höchste Produktivität. Eine neue Organisationsstruktur ist optimal auf die neue Umgebung abgestimmt. Mit dem ferti­ gen Neubau, der sich harmonisch in die bestehende Architektur ins Industriegebiet 85

Montagehallefür Großmaschinen Ost einfügt, sieht sich Steine! für die Zukunft gut gerüstet. Technologisch im internationalen Wettbewerb mit an der Spitze Bearbeitungszentren, Flexible Fertigungs­ zellen und -systeme bilden heute die Haupt­ Produktlinie im Hause Steinei. Die Bedeutung der NC-Technik wurde bei Steine! frühzeitig erkannt. Die erste NC-Maschine, eine Bohr- und Fräsma­ schine, wurde bereits 1964 auf der Hannover Messe vorgestellt. 1970 entstand das erste Steine! CNC-Bearbeitungszentrum mit Werkzeugmagazin, automatischer Werk­ zeugwechsel- und Palettenwechseleinrich­ tungen für die Bearbeitung von kubischen Werkstücken. Als innovatives Unternehmen hat Steine! in der Folge immer wieder durch richtungs­ weisende Konzepte auf sich aufmerksam 86 gemacht. Völlig neue Maßstäbe setzte Stei­ ne! im Jahre 1977 mit der Vorstellung des Horizontal-Bearbeitungszentrums BZ 20. Mit dem BZ 20 wurde als Weltneuheit eine völlig neue Maschinenkonzeption realisiert. Diese besteht aus der horizontalen Anord­ nung von Rundtischachse und Arbeitsspin­ del. Durch dieses Konstruktionsprinzip kön­ nen auch große Spänemengen ungehindert abfließen. Diese neue Generation von Bearbeitungs­ zentren wird aus einem Modularbaukasten aufgebaut und umfaßt mehrere Baugrößen. Heute werden Steine! Bearbeitungszentren mit einem Werkstückspeicher mit 4, 6, 9 oder 15 Paletten ausgerüstet. Damit entsteht eine Flexible Fertigungszelle nach Maß. Bei Programmlaufzeiten von nur 30 Minuten decken die Palettenspeicher mit 9 bzw. 15 Speicherplätzen den Arbeitsvorrat einer kompletten Schicht.

1 1 ‚ • Bearbeitungszentrum mit Palettenwechsel-Einrichtung Mit der Entwicklung und Herstellung von Flexiblen Fertigungssystemen ist Steine! seit 1983 erfolgreich. Es handelt sich dabei um mehrere sich ergänzender/ersetzender Bear­ beitungszentren, die durch ein Materialfluß­ system verkettet sind und durch einen Rech­ ner gesteuert werden. Inzwischen hat Steine! eine Reihe intelligenter Fertigungssysteme an bedeutende Firmen im In- und Ausland geliefert. Erneut Maßstäbe setzte Steine! 1986 mit der Einführung des CNC-Fräszentrums BFZ 5 mit Doppel-Schwenktisch. Durch diesen Schwenktisch ergeben sich System­ Vorteile wie freier Spänefall, Be- und Ent­ laden während der Hauptzeit. 1989 wurde Steine!, wie schon erwähnt, vom Voest Alpine Konzern (heute Voest­ Alpine Steine! Ges.m.b.H. mit Firmensitz in Linz) als selbständig operierende Firmenein­ heit übernommen. Grundsatzüberlegungen dabei waren die Forcierung der Maschinen­ bauaktivitäten. Die Bedarfsentwicklung auf diesem Gebiet verlangt in zunehmendem Maße nach kompletten, systemübergreifen­ den Problemlösungen. Durch den Erwerb von Steine! kann in Zukunft der gesamte Zerspanungsbereich durch Drehmaschinen von Voest-Alpine Steine! und Bearbeitungs­ zentren von Steine! mit hoher Kompetenz abgedeckt werden. Gleichzeitig wurden damit auch Zeichen gesetzt für die Inter­ nationalisierung der Geschäftstätigkeit mit Blickrichtung auf den zukünftigen einheit­ lichen europäischen Wirtschaftsraum. Jüngste Steinei-Neuentwicklung, die Markteinführung begann 1990, sind das Genauigkeitszentrum BZ 630 sowie das BZ 630-3, ein dreispindliges Bearbeitungszen­ trum für flexible Fertigung mit 3fach Palet­ tenwechsel oder 18fach Palettenspeicher. Heinrich Duffuer 87

Die ismet-W erke Eine elektrotechnische Fabrik in Villingen-Schwenningen Die ismet-Werke, ein mittelständisches Unternehmen der Elektroindustrie, sind aus der 1902 von Johann Schlenker in Villingen gegründeten Feinmechaniker-Werkstatt her­ vorgegangen. Das vom Schwiegersohn Karl Maier ausgebaute Unternehmen liegt noch heute in Familienhand. Geschäftsführer ist derzeit Ingenieur Hans Maier. Die in der Europäischen Gemeinschaft · einen bedeutenden Rang einnehmende Firma produziert in 2 Werken Transformato­ ren und Elektro-Haushaltsgeräte. Alle Gerä­ te unterliegen strengen Q!ialitätsvorschrif­ ten und werden in der schon sprichwört­ lichen „Schwarzwälder Q!ialität“ gefertigt. Das angesprochene Transformatoren­ Programm umfaßt die Fertigung von Trok- kentransformatoren von 0,5 VA Stromver­ sorgung für gedruckte Schaltungen bis 3,150 MVA für industrielle Zweig- und Produk­ tionsanlagen. Außer in der Industrie werden die Transformatoren in Krankenhäusern, Einkaufszentren, Flughäfen, Werften und Untergrundbahnen verwendet. Neben der Serienfertigung erfolgen auch Einzelferti­ gungen bis hin zu Transformatoren mit spe­ zieller Isolierung für den Einsatz in Wüsten­ gebieten oder den Tropen. Mit der schnellen Verbreitung von Com­ putern im gewerblichen wie im Haushalts­ und Hobbybereich stiegen die Anforderun­ gen an die Versorgungsspannungen be­ trächtlich. Gebraucht wurden Gleichspan­ nungsnetzgeräte mit präziser Ausgangsspan- Im Vordergrund das Transformatorenwerk, im Hintergrund das Verwaltungsgebäude mit angeschlosse­ ner Elektro-Haushaltsgeräte-Fertigung 88

nung. Zu diesem Zeitpunkt konnte ismet aufgrund seiner langen Erfahrung Transfor­ matoren mit nachgeschalteter Analogtech­ nik zur Spannungsversorgung anbieten. Die sprunghafte Weiterentwicklung der Computertechnik erhöhte erneut die Anfor­ derungen an die Netzgeräte. Die Antwort darauf war der Einstieg in den Markt der voll­ elektronisch getakteten Netzgeräte und die Errichtung einer eigenen Produktionslinie. Die Erweiterung der Fertigungskapazität durch einen Fabrikationsbau 1989 erlaubt heute die Befriedigung der unterschiedlich­ sten Kundenwünsche, da die getakteten Netzgeräte nicht nur als Serienprodukte, sondern auch als Spezialanfertigungen ange­ boten werden können. Neueste Entwicklun­ gen sind derzeit ein Einphasen-Transforma­ tor für Niedervolt-Halogen-Lampen und ein für den Europäischen Markt konzipierter Mehrspannungs-Transformator der Steuer-, Trenn- und Sicherheitstransformator zu­ gleich ist. Was das zweite Standbein der Firma, die Elektro-Haushaltsgeräte anlangt, fertigt ismet in 10 Produktionsgruppen rund 50 Haushaltsgeräte. Dazu zählen Heizlüfter, Schnellheizer, Elektro-Allesschneider, Eier­ kocher, Waffel-Automaten, Folien-Schweiß- Kaffee- und Wa.ffelautomat, Eierkocher, Toast­ automat mit Brötchenaufsatz Schnellheizer geräte, Toaster, Eismaschinen, Blitz-Wasser­ kocher, Q!iarzstrahler, Frostwächter, Luft­ sprudelbäder und Kaffee-Automaten. Neue­ stes Produkt bei letzteren sind zwei Kom­ pakt-Kaffee-Automaten mit Glaskrug- oder Thermokannen und einer 1000-Watt-Hei­ zung für schnelle Kaffeezubereitung von bis zu 2 x 10 Tassen gleichzeitig. Wichtigste Messe für ismet ist die nur vier Tage dauernde Domotechnica in Köln, wo die Geräte -nicht wenige tragen das Gütesie­ gel der Stiftung Warentest – einem großen in- und ausländischen Fachpublikum ange­ boten werden. Viele der elektrischen Haushaltsgeräte, die nicht nur technisch auf dem neuesten Stand sind, sondern sich auch durch funktio­ nale Ästhetik auf psychologischer Grund­ lage auszeichnen, sind auch dem Konsu­ menten wohl bekannt. Man findet sie in vie­ len Katalogen deutscher Versandhäuser, nur tragen sie hier ein eigenes Firmenlogo. Der Vertrieb all dieser Produkte erfolgt über 14 Vertretungen mit Auslieferungsla­ gern innerhalb der Bundesrepublik und weit­ . weit über 16 ausländischen Agenturen. Dr. Joachim Sturm 89

Stahlbau Münch GmbH in Brigachtal-Kirchdorf 1991 konnte die Firma Stahlbau Münch GmbH ihr 2Sjähriges Betriebsjubiläum fei­ ern. Man kann sich noch gut an den Neube­ ginn im Jahre 1966 erinnern, wo in Klengen in der Gartenstraße in einer Garage die ersten kleineren Schlosserarbeiten gefertigt wurden und nebenher der Neubau der Werkstatt erstellt wurde. Damals war die Zeit, als immer mehr Q!ia­ drat- und Rechteckrohre in der Möbelindu­ strie Verwendung fanden; in diesen Markt stieg die damals junge Firma Münch ein. Speziell wurden Fernsehtische, für neu auf den Markt gekommene wesentlich schwerere Farbfernseher, in größerer Stück­ zahl gefertigt. Weitere hinzugenommene Zulieferarbei­ ten auf diesem Sektor erforderten zusätz­ liche maschinelle Einrichtungen und auch wesentlich mehr Produktionsfläche. Aus die­ ser Entwicklung ergab sich die Notwendig- keit, nach Möglichkeiten Ausschau zu hal­ ten, den Betrieb zu verlagern. Dabei nutzte man die Gunst der Stunde, das Angebot der damalig noch selbständigen Nachbargemeinde Kirchdorf auf verkehrs­ günstig gelegenen, neu ausgewiesenen Gewerbegebiet den Betrieb anzusiedeln. Somit wurde man zwangsläufig zum Pio­ nier des neuen Gewerbegebiets in Kirchdorf, denn nachdem der Anfang gemacht war, reihte sich Betrieb an Betrieb, bis der letzte Platz verkauft war. In den neuen großen Räumen mit 800 m2 Produktionsfläche und dem entsprechenden Hebegerät war nun auch die Möglichkeit gegeben, Arbeiten größeren Umfangs durch­ zuführen und so ließ es nicht lange auf sich warten, bis die ersten Stahlkonstruktionen darin gefertigt wurden, was dann zu einer stürmischen Entwicklung führte. Mit Stolz kann man zwischenzeitlich auf eine ganze Reihe erfolgreich abgeschlosse- 90

ner Objekte in der näheren und weiteren Umgebung, selbst auch im Ausland, zurück­ schauen. Der Bedarf der vielfach geforderten Nebengewerke im modernen Industriebau hat dazu geführt, daß im Jahre 1982 eine Metallbaufirma übernommen wurde, die heutige Metallbau Münch GmbH, in der Alufenster und -türen, Schaufenster, Glas­ pyramiden sowie Wintergärten und vieles andere mehr gefertigt werden. Als in unmittelbarer Nachbarschaft 1983 ein Betrieb seine Existenz aufgab, erwarb man dessen Gebäude und hatte damit die notwendige Produktionsfläche für den Metallbau. Seit dem Jahre 1985 fertigt eine Abteilung Sportgeräte für den Fitneßbereich, die im In­ und Ausland guten Absatz finden. Immer darauf bedacht, so rationell wie nur möglich fertigen zu können, war Veran­ lassung im Jahre ’89, die Produktionsfläche nochmals zu erhöhen aufinsgesamt 3000 m2 sowie eine auf das modernste eingerichtete Säge-Bohranlage zu kaufen, ,,das Herzstück des heutigen Stahlbaubetriebes“, wie es der Firmenchef Josef Münch immer wieder bezeichnet. Auch personell mußten manche Klippen überwunden werden, bis man ein in allen Fachrichtungen mit neuesten Technologien vertrautes Team hatte. Zielstrebiges Engagement, Termintreue, Fleiß und Freude an beruflichen Herausfor­ derungen haben sich vom Firmenchef auf seine beiden Söhne, die mittlerweile auch ihre Führungspositionen eingenommen haben, und auf die ganze Belegschaft über­ tragen. In Verbindung mit einem gut geschulten, leistungswilligen Personal, modernen Ein­ richtung und Technologie wird auf Jahre hinaus die Existenz dieses Betriebes ge­ sichert bleiben. JosefMünch Stahlkonstruktion, ein „Produkt“ der Finna Münch GmbH 91

Ein bedeutendes mittelständisches Unternehmen Die Firma Reiner, Furtwangen Marktführer in der Herstellung von Stempel-, Numerier- und Codiergeräten Es ist der Uhrmacherei, besser der Uhren­ industrie und der mit ihr verbundenen Arbeitsteilung zu verdanken, daß im Furt­ wangen der Jahrhundertwende eine Vielzahl von kleinen Zulieferbetrieben und mittel­ ständischen Unternehmen aufblühte, die die Stadt rasch zu einem führenden Indu­ strieort der Region machten. Und wenn heutzutage, im Zeitalter der Elektronik, das viel zitierte Silicon Valley im amerikani­ schen Bundesstaat Kalifornien als Sinnbild für modernes Unternehmertum herangezo­ gen wird, dann hätte zur Zeit der Uhrmache­ rei und dem damit einhergehenden Entste­ hen einer feinmechanischen mittelständi­ schen Industrie im Schwarzwald immer wie­ der der Name Furtwangen fallen müssen. Auch im Hinblick auf die heutige Ernst Reiner GmbH & CO. KG, dem Marktführer bei der Fertigung von Metallstempeln und elektrischen Tischstempelgeräten, elektroni­ scher Codiergeräte und Präzisionsdrehtei­ len. Denn was Firmengründer Ernst Reiner (1890-1972) in den Jahren 1913 bis 1919 im Keller des elterlichen Hauses in der Unterall­ mend 11 ersann, nämlich die Entwicklung und Fertigung eines mechanischen Nume­ rierapparates, hat die Elektronik bis zum heutigen Tage nicht einzuholen vermocht. Die Idee Ernst Reiners, -basierend auf einer von ihm erfundenen, neuartigen mechani­ schen Räderschaltung -höchst zuverlässige und vielfältig einsetzbare Stempelgeräte zu fertigen, brachte ein mittelständisches Un­ ternehmen hervor, das im Jahr 1992 zu den größten Arbeitgebern der Raumschaft Furt­ wangen zählt. Mit Geschäftsführer Andreas Reiner an der Spitze, beschäftigt der Fami­ lienbetrieb in dritter Generation mehr als 500 Mitarbeiter, darunter44 Auszubildende, und wird ein Jahresumsatz von 77 Millionen Mark erwirtschaftet. 92 Wer sich um 1900 in Furtwangen für die Mechanik begeisterte, der wandte sich meist der Uhrmacherei zu, dem wurden die Grundlagen seiner Ausbildung in der Groß­ herzoglichen Uhrmacherschule vermittelt. So auch im Fall von Ernst Reiner. Der dama­ lige Direktor der Uhrmacherschule, Prof. Baumann, entdeckte schon bald die außer­ gewöhnlichen Fähigkeiten dieses Schülers und ließ ihm seine besondere Protektion zuteil werden. Nach der Ausbildung in Furt­ wangen öffneten sich Ernst Reiner vielfältige Möglichkeiten, in den Zentren der Präzi­ sionsuhrmacherei tätig zu werden. Von der Firma Riffler in Nesselwang/Allgäu, einem bekannten Hersteller von Normaluhren, wechselte Ernst Reiner zu einem Seechrono­ meter-Hersteller in Glashütte/Sachsen, wo er die Meisterprüfung als Großuhrenmacher ablegte. Während des Aufenthaltes in Glas­ hütte lernte er im übrigen auch seinen späte­ ren Kompagnon Johann Wehrle aus Eisen­ bach kennen. Zurück aus Glashütte, machte sich Ernst Reiner im heimischen Furtwangen im Keller des Elternhauses mit einer Dreherei für Feindrehteile selbständig, wie aus der Fir­ men-Chronik hervorgeht, die Sohn Kurt Reiner im Jahre 1988 anläßlich des 75jähri­ gen Bestehens des Unternehmens „Reiner GmbH & CO. KG“ auflegte. Zum Ende des Ersten Weltkrieges hin, bot sich Ernst Reiner und Johann Wehrle die Gelegenheit, das leerstehende Gebäude der Firma Krüger zu erwerben, das sich auf dem heutigen Areal der Fachhochschule Furtwangen befand. In diese Zeit fällt auch der eigentliche Beginn der Stempelproduktion im großen Stil, sprich die Entwicklung eines eigenen Nume­ rierapparates. Mit der Reiner-Räderschal­ tung wich das junge Unternehmen von dem bislang am meisten gebräuchlichen Prinzip,

der sogenannten „Deutschen Schaltung“, ab. Daß Ernst Reiner damit eine zukunfts­ weisende Stempelkonstruktion ersonnen hatte, zeigte sich schon bald nach deren Ein­ führung am Markt, denn die Firma PRINTA­ TOR in Berlin übernahm die Reiner-Räder­ schaltung gleichfalls. Und: Die 1919 zur Pro­ duktionsreife gebrachte Erfindung ist in ihren Grundzügen noch heute das Herz­ stück der mechanischen Reiner-Stempel, wie sie einem beispielsweise im „Modell B6″ begegnen. Daß Handstempel, wie sie von Reiner gefertigt werden, ein höchst kompliziertes Innenleben aufweisen, das in seiner Korn- plexität durchaus mit dem Räderwerk einer Uhr vergleichbar ist, verdeutlicht deren täg­ liche Anwendung. Obwohl die Bürotechnik der 1990er Jahre ohne Elektronik nicht mehr vorstellbar ist und auch bei einer Reiner­ Elektrostempelfertigung seit vielen Jahren elektronische Bauteile zum Einsatz kom­ men, hat sich in der Sparte der Handstempel die Mechanik bis heute unangefochten am Markt behauptet. Denn gerade dort, wo ein handlicher Stempel parat sein muß, der zuverlässig Materialien jeder Dicke und Art mit einer Registriernummer oder anderen Angaben versehen kann, vermag die Elektro­ nik mit der Mechanik noch immer nicht zu 93

Paginierer Mod. B2 Paginierer Mod. B6 konkurrieren, zumal Reiner ständig daran arbeitet, das technische Innenleben weiter zu verfeinern. Der Handstempel ermöglicht es, kostengünstig und in Sekundenschnelle eingehende Briefe, Dokumente, amtlichen Schriftverkehr und anderes mit dem aktuel­ len Datum und/oder einer fortlaufenden Eingangsnummer sowie der Uhrzeit zu ver­ sehen. Reiner-Geräte, vor allem die elektro­ nisch gesteuerten Stempel- und Codierge­ räte, kommen tagtäglich nicht nur in der all­ gemeinen Industrie, sondern auch bei der Deutschen Bundespost, bei Banken, dem Zoll, Speditionen oder etwa im Autoverleih zum Einsatz. Zurück zu den Gründerjahren: Die Reiner­ Räderschaltung bewährte sich nicht nur bei der Stempel-Herstellung. Damals wurden auch Grammophonlaufwerke produziert und selbst ein Fahrraddynamo samt Leuch­ te. Für letzteren warb das Unternehmen mit dem Slogen: ,,Unterm mächtigen Himmels­ dom fährst Du sicher nur mit Gnom“. Außerdem fertigte man Relais-Teile für die Firma BBC in Großauheim. Eine besondere Aufgabe stellte sich dem jungen Unterneh­ men mit der Entwicklung eines Chiffrier­ gerätes für das Reichsaußenministerium in Berlin. An dieser Entwicklung waren neben 94 Ernst Reiner auch Heinrich Baumann, der Sohn des Direktors der Großherzoglichen Uhrmacherschule, Alfred Fehrenbach sowie Gustav Zähringer beteiligt. Da die Finanz­ decke für eine Produktentwicklung mit die­ sen technischen Ansprüchen zu dünn war, entschlossen sich die Inhaber, einem neu gebildeten Schwarzwälder Industriekonzern beizutreten. Zwischenzeitlich hatte sich auch der Name der Firma geändert, er lautete nun auf ,,AGFA“, auf „Aktiengesellschaft für Fein­ mechanik und Apparatebau“. Für Verkauf und Verwaltung war Direktor Johann Wehrle, der Kompagnon, zuständig, derweil Firmengründer Ernst Reiner nach wie vor die technischen Akzente setzte und damit die Weichen für den Erfolg der Gründerjahre stellte. Doch der Anschluß an den Schwarz­ wälder Industriekonzern stand für das junge Unternehmen unter keinem glücklichen Stern. Schon bald geriet der Firmenzusam­ menschluß in den Strudel der Inflation und erstes Opfer dieser Schwierigkeiten war die „AGFA-AG“, die sich über Nacht auch ihres ,,Know hows“ beraubt sah. Im guten Glau­ ben an einen gerechten Ausgang bei der nun folgenden Firmenliquidierung, stimmte Ernst Reiner diesem Schritt unter der Maß-

gabe zu, daß ihm die auf seinen Entwicldun­ gen fußende Stempelabteilung zugespro­ chen werde. Doch dazu kam es nicht: Nach der Liquidierung wurde die Stempelferti­ gung dem Furtwanger Unternehmen „Furt­ wängler & Söhne“ angegliedert, das gleich­ falls zum „Schwarzwälder Industriekonzern“ gehörte. So kam es dazu, daß sich vom Jahre 1925 an, und somit quasi über Nacht, in dem Industrieort Furtwangen gleich drei Firmen mit· der Herstellung von Numerier- und Stempelapparaten befaßten. Neben Reiner nun auch das spätere Unternehmen „Horray & Ritter“, das aus der Leo Furtwängler­ Uhrenfabrik hervorging, und die Firma DAT, die im übrigen erst kürzlich, im Dezember des Jahres 1991, Konkurs anmel­ den mußte. DAT- Gründer Emil Furtwängler war vor Eintritt in seine Selbständigkeit Mei­ ster bei der „AGFA“ von Ernst Reiner gewe­ sen. Der Zusammenbruch der „AGFA“ bedeu­ tete für Ernst Reiner, über Nacht vor dem Nichts zu stehen. Daß er in dieser Situation nicht resignierte, sondern sein Unterneh­ men neu aufbaute, obwohl die Randbedin­ gungen denkbar schlecht waren, unter­ streicht die außerordentlichen unternehme­ rischen Fähigkeiten des Firmengründers. Zusammen mit treuen Mitarbeitern wie Alfred Fehrenbach, Otto Dold, Gustav Kir­ ner, Josef Winlder und Edwina Heizmann, begann er im Nebenhaus des „Ochsen­ schlossers“ erneut mit der Numerierappara­ tefertigung. Das hierfür dringend benötigte Startkapital wurde dem Unternehmer von den örtlichen Banken verweigert, aber ein langjähriger Mitarbeiter setzte mehr Ver­ trauen in die unternehmerischen Fähigkei­ ten Ernst Reiners: er bot ihm seine gesamten Ersparnisse an. In dieser schweren Aufbau­ phase mußten gelegentlich sogar die Sparbü­ cher der Kinder als Deckung für die zunächst schwer finanzierbaren Löhne herhalten. Eine wesentliche Verbesserung des Geschäftsganges brachte schließlich ein Auf­ trag der Firma BBC in Großauheim. Und einen „Ruck“ in der Aufwärtsentwicldung bescherte die Erweiterung des Stempelappa­ rateprogrammes, insbesondere der neue Stempel „B2″. Ernst Reiner produzierte die­ sen Stempel mit neu eingeführten Ferti­ gungsmethoden: erstmals wurden die Numerierapparate mit Druckgußrädern und Blechteilen für das Gestell angeboten, die hauptsächlich im Ausland Absatz fanden. Da die räumlichen Verhältnisse beim „Och­ senschlosser“ zu eng wurden, erwarb Ernst Reimer im gleichen Zeitraum das Fabrikge­ bäude der ehemaligen „Wolmuth GmbH“ in der Baumannstraße, wo sich noch heute der Sitz des Unternehmens befindet. Diese Aus­ weitung machten insbesondere der Export von Numerierapparaten und das Zulieferge­ schäft mit der Firma BBC möglich. Die Jahre 1925 bis 1945 wurden durch eine ganze Reihe bahnbrechender Entwicldun­ gen gekennzeichnet. So auch durch einen Uhrzeit-Handstempel als Selbstfärber, der selbst noch in den 50er Jahren in der Illu­ strierten „Stern“ als herausragendes Patent Erwähnung fand, als diese über das deutsche Patentamt berichtete. Ein Foto zeigte den Posteingang im Patentamt, der mit einem Reiner-Uhrzeitstempel bearbeitet wurde. Etwa 1938 wurde zudem im Auftrag der BBC die Fertigung eines neuen Triebwerkes für ein sekundäres Relais aufgenommen. In der Firmenchronik vermerkt der Sohn des Gründers, Kurt Reiner, dazu: ,,Dieses Trieb­ werk war ursprünglich in der Schweiz ent­ wickelt und gefertigt worden. Wegen der bekannten besonderen Verhältnisse legte man bei BBC jedoch Wert auf eine parallele Fertigung in Deutschland. Eine Herausfor­ derung dabei war, daß für das neue Triebwerk jeweils vier Miniaturkugellager mit einem Außendurchmesser von 2,5 mm benötigt wurden. Mit Energie und Zähigkeit wurde auch dieses Problem gelöst. Das war dann nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges der Anlaß dafür, daß Reiner vom Reichsluft­ fahrtministerium mit der Fertigung von Miniaturkugellagern aller möglichen Aus­ führungen beauftragt wurde. Da für diese Art der Fertigung im Deutschen Reich keinerlei 95

neu belebt werden und trotz der fast vollstän­ digen Demontage der Produktionsstätten durch die französische Besatzungsmacht lief die Produktion weiter. Vorausschauend war zudem, daß, obwohl nur ein primitiver Maschinenpark zur Verfügung stand, bei der Fertigung von der ersten Stunde an nicht ausschließlich auf Q!iantität, sondern hauptsächlich auf Qualität Wert gelegt wurde. Da die früheren Hersteller der Bran­ che in Ostdeutschland die Stempelfertigung nicht mehr aufnahmen und die REINER­ Stempel sich durch Präzision und Langlebig­ keit auszeichneten, gelang es dem Furtwan­ ger Unternehmen in der Folgezeit zum Marktführer zu avancieren. 1948 folgte die Umwandlung der Einzel­ firma in eine Kommanditgesellschaft. Kom­ plementär wurde Ernst Reiner, Kommandi­ tisten die noch in Kriegsgefangenschaft befindlichen Söhne Kurt und Ernst-August Reiner sowie Tochter Margarete Reiner. Die Aufwärtsentwicklung des Unternehmens dokumentiert in der Folgezeit das Entstehen eines Büro- und Fabrikationsgebäudes. Nachdem Gustav Zähringer 1953 ausge­ schieden war, oblag die technische Leitung nun ausschließlich dem Firmengründer Ernst Reiner, während der Verkauf Sohn Kurt Reiner übertragen wurde und der zweite Sohn, Ernst A. Reiner, für den Einkauf ver­ antwortlich zeichnete. 1958 folgten in der Baumannstraße weitere bauliche Aktivitäten und Kurt Reiner war zusätzlich Komplemen­ tär geworden. Die Fertigungsleitung lag seit 1957 in den Händen von Heinz Jung und 1966 folgte ein weiterer Neubau. Als Stern­ stunde in der Entwicklung des Hauses Reiner sieht das Unternehmen den frühen Einstieg in die Herstellung von Preisauszeichnungs­ druckwerken sowie die Entwicklung und Herstellung von Codiergeräten für das Bank­ gewerbe. Damit einher ging eine laufende Erw.eiterung des Numerier-Apparate-Pro­ grammes, insbesondere durch elektro- . mechanische Stempelgeräte. Den Aufstieg der Firma zu einem bedeu­ tenden mittelständischen Unternehmen Elektrostempel Maschinen aufzutreiben waren, wurde die maschinelle Einrichtung mit allen notwen­ digen Vorrichtungen im Hause Reiner voll­ ständig selbst gebaut. Maßgebend beteiligt waren neben Ernst Reiner und Gustav Zäh­ ringer vor allem Ernst Dotter, Otto Dold, Florian Müller und Otto Scherzinger. Immerhin erreichte man auf diesem Weg einen monatlichen Ausstoß von 300 000 Kugellagern, die in der Hauptsache für künstliche Horizonte und Kreisel benötigt wurden, die beim Flugzeugbau zum Einsatz kamen. Mitten im Zweiten Weltkrieg mußte deshalb auch das Fabrikgebäude in der Baumannstraße um ein Stockwerk erweitert werden.“ Das Ende des Zweiten Weltkrieges stellte die Furtwanger Firma vor neue Schwierigkei­ ten, doch wurden diese gemeistert, auch Dank der Erfahrungen, die während des Ersten Weltkrieges gemacht worden waren. Entgegen den behördlichen Anordnungen hatte man bei Reiner die Fertigung von Numerierapparaten auch zu Kriegszeiten nie eingestellt und die Kunden im In- und Aus­ land weiter beliefert. Eine vorausschauende Unternehmenspolitik, wie sich nun in den Jahren des Wiederaufbaues zeigte. Denn die alten Geschäftsbeziehungen konnten rasch 96

Konstantendrucker verdeutlichen auch die Mitarbeiterzahlen. Aus kleinen Anfängen heraus, war die Beleg­ schaft bereits im Dritten Reich auf weit über 100 Mitarbeiter gewachsen, überstieg in den 60er Jahren die 200-Grenze, 1970 beschäf­ tigte man bei Reiner bereits 300 Personen und heute sind es mehr als 500 Firmenange­ hörige. Mit dem Anstieg der Mitarbeiterzah­ len gingen Umsatzzuwächse und ständige Erweiterungsbauten einher, so daß 1970 eine Reorganisation in der Führung der Firma erforderlich wurde. Kurt Reiner übernahm die Geschäftsführung, Artur Blessing die Finanzen, Dr. Günter Bickel den Verkauf, Ernst A. Reiner den Einkauf, Heinz Jung die Fertigung und Josef Ganter die Entwicklung. Damit nahm die sukzessive Übergabe der Geschäftsleitung an die zweite Familienge­ neration ihren Abschluß. Sie erfolgte zwei Jahre vor dem Tode des Firmengründers, der 1972 im Alter von 82 Jahren verstarb. Nur fünfJahre später standen die Zeichen erneut auf Expansion: Es erfolgte der bislang größte Neubau zur Unterbringung der mo­ dernen Druck- und Spritzgießerei sowie einer neu konzipierten Teilefertigung inklusive Stempelgerätemontage. Die Vorplanung oblag Dipl.-Wirtschafts-Ingenieur Andreas Reiner, mit dessen Rückkehr aus den Ver­ einigten Staaten im Jahr 1981 die dritte Gene- ration in die Führungsspitze eintrat und der heute die Geschäftsführung in Händen hält. Nach langwierigen Verhandlungen konnte die Firma 1978 endlich den größten Teil des mittlerweile stillgelegten Bahnhofsgeländes einschließlich des Bahnhofsgebäudes erwer­ ben, was die Grundlage für die genannte Erweiterung darstellte. In diesen Zeitraum fällt zugleich der Aufbau eines neuen, direk­ ten Vertriebsweges für Codiergeräte und die Organisation eines eigenen, heute 60köpfi­ gen Kundendienstes. Außerdem war das Unternehmen 1980 von einer KG in eine GmbH & CO. KG umgewandelt worden. Der Raumbedarf war auch in der Folgezeit enorm. Reiner erwarb 1982 das Fabrikge­ bäude Horray und 1983 ein angrenzendes Firmengebäude in der Baumannstraße, das Stempelgeschäft „boomte“, so daß Kurt Rei­ ner in seiner Firmen-Chronik vermerken konnte: ,,Im Bereich der Herstellung aller Handstempel und elektro-mechanischen Stempel- und Numeriergeräten sind wir nach eigener Einschätzung Marktführer in Europa. Was die Codiergeräte anbelangt, trifft dieses auf Deutschland zu.“ Sohn Andreas Reiner, der heutige Geschäftsfüh­ rer, nennt gleich mehrere Gründe, die ent­ scheidend dazu beitrugen, daß Reiner die Position des Marktführers erreichen konnte. 97

Es sei stets die Politik der Firma gewesen, in neue Technologien zu investieren, auch unter Mithilfe der Fachhochschule Furtwan­ gen, deren „Know how“ den Einstieg in die Elektronik erleichterte. Die ersten Elektro­ Stempel waren bei Reimer bereits am Anfang der 60er Jahre produziert worden, verstärkt hat sich rueser Trend am Ende der 70er Jahre. Es machte sich eine allgemeine Unsicherheit breit, ob die mehr und mehr aufkommende Elektronik die herkömmlichen Stempel­ Geräte vom Markt verdrängen würde, was sich jedoch nicht bewahrheitete. Zumal sich die Reiner GmbH & CO. KG dort wo es ihr sinnvoll erschien, rasch die Möglichkeiten der Elektronik erschloß, um ihre Produkte intelligenter und damit breiter einsetzbar zu machen. Ergebnis dieser Bemühungen waren von 1969 an die ersten Coruermaschi­ nen für das Bankgewerbe, eine gelungene Symbiose zwischen Mechanik und Elektro­ nik. Die Reiner-Codiergeräte arbeiten leiser als reine EDV-Drucker und ermöglichen rasch und kostengünstig sowohl die Beschriftung großer Belegmengen, als auch die Erstellung und Bearbeitung individueller Vordrucke, etwa das Versehen von Euro­ schecks mit Namen und persönlicher Kon­ tonummer des Kunden. Elektrostempel zum Druck von Nummer, Datum, Uhrzeit und Text kommen als Spezialanfertigungen auch bei der Deutschen Bundespost oder beim Zoll zum Einsatz. Gerade der Zoll verlangt nach besonderen Spezifikationen, rue Rei­ ner erfüllen konnte, hier nutzte man eine Marktnische, zumal im Zusammenhang mit der Einführung der neuen Euroformulare. So benötigt der Stempel eine Durchschlags­ kraft für 8 Formulare und kommt unter ande­ rem an großen Zoll-Übergangspunkten zum Einsatz. Etwa im englischen Dover, wo stünd­ lich Schiffe voller Lkws eintreffen, deren Ladung mit Elektrostempeln verzollt wird. Daß das Furtwanger Unternehmen Rei­ ner auch an der Wende zu einem neuen Jahr­ tausend überaus optimistisch in die Zukunft sieht, hat letztlich, neben der ständig voran­ getriebenen Verbesserung am Markt einge­ führter Stempel- und Codiergeräte und der Entwicklung neuer Produkte, noch immer mit der Räderschaltung der Gründerjahre zu tun. Die geniale Konstruktion verschafft dem Unternehmen noch heute bei der Mechanik-Fertigung und seinem Mechanik­ Wissen einen Vorsprung. Zumal man bei Reiner auf hochmoderne Fertigungsverfah­ ren und eine leistungsfähige Entwicklungs­ abteilung zurückgreifen kann, die über modernste CAD-Anlagen für Mechanik und Elektronik verfügt. So ist Andreas Reiner sicher: ,,Solange Papier weiterbesteht, haben auch Stempel, wie sie tagtäglich in hohen Stückzahlen unsere Fertigung verlassen, um letztlich in die gesamte Welt exportiert zu werden, ihre weitere Daseinsberechtigung.“ Wilfried Dold Positionieren – Steuern – Löten – Dosieren IEF Werner GmbH, Furtwangen Einer der dynamischsten Märkte der hochindustrialisierten Länder ist heute der­ jenige für elektronische oder elektronikun­ terstützte Produkte. Aus diesem Grunde erwies sich die am 1. 4. 1980 als Ingenieur­ büro ins Leben gerufene IEF Werner GmbH denn auch im nachhinein nicht als April­ scherz. Im Gegenteil, wie das heute über zwölfjährige Bestehen beweist, geschah die Gründung zur rechten (Markt-)Zeit und auf goldenem Boden. Hinter dem mit drei Mitarbeitern begon­ nenen Dienstleistungsbetrieb stand zu­ nächst die Idee, im Auftrage anderer Firmen Entwicklungsaufgaben als Ingenieurbüro (I) für Elektronik (E) und Feinmechanik (F) 98

Firmengebäude, Bezug 1989 zu übernehmen. Neben der Konzipierung neuer Produkte war es zuletzt auch der Auf­ bau einer Vertriebsorganisation für Produkte renommierter Firmen der Elektronikgeräte­ branche, welche der IEF Werner GmbH ein bis heute ungebrochenes Wachstum be­ scherten. Als wichtigste Säule erwies sich dabei die 1983 übernommene Produktvertre­ tung der Firma ERO-Führungen GmbH. Nach einer Konsolidierungsphase, bei der Herr Manfred Bär 1984 als Mitgesellschafter und Prokurist in die Firma aufgenommen wurde, begann die Firma 1985 und 1986 den Bereich Automatisierung und Rationalisie­ rung neben der reinen Positioniertechnik verstärkt mit zugeschnittenen Produkten der Produktfelder „Automatisieren von manuel­ len Lötstellen“ und „Dosiertechnik“ zu bear­ beiten. In diesen Zeitraum fiel auch der Ent­ schluß, eigene Steuerungen nicht nur zu ent­ wickeln, sondern auch selbst zu bauen, was den raschen Aufbau einer weiteren Abtei­ lung zur Folge hatte. Die so immer breiter werdende Produktpalette wandelte aller­ dings auch das Auftreten der IEF am Markt entscheidend. Aus dem Sondermaschinen­ bauer der Anfangszeit wurde ein gefragter Anbieter für Systemkomponenten und -lösungen, dessen Firmenmotto von nun an ,,Intelligente Produkte für die Automatisie­ rung“ hieß. Hauptumsatzträger ist daher heute die Produktlinie „Module und dazuge­ hörige Steuerungen“, die zahlreiche Anwen­ dungen aus dem Bereich der Robotik abzu­ decken in der Lage ist. Was die Erzeugnisse anlangt, so begann alles mit der Entwicklung von Rasierappara­ ten, Punktmassagegeräten und automati­ schen Papiereinzügen für Drucker (Papier­ feeder) wie weiteren Produktentwicklungen vorwiegend für die Firmen AMP und BDT, mit denen dauerhafte, die IEF Werner GmbH stützende Geschäftsbeziehungen aufgebaut werden konnten. Einen großen Erfolg hatte der 1981 ent­ wickelte Koordinatentisch mit freiprogram­ mierbarer Steuerung. Dieser wurde im Jahr darauf zusammen mit freiprogrammierba­ ren Teach-In-Steuerugen auf den Markt gebracht, die einfache Handhabung gewähr­ leisten sollten. Das Programm der Koordinatentische wurde 1983 und 1984 um weitere Bauarten ergänzt, so daß für die verschiedensten Anwendungen ein passender „Tisch“ zur Verfügung stand. Auf dieser Linie lag denn 99

Lötanlage TL 442 PA-Steuerungsfamilie Dosiersystem IEF 1200 100

auch die Weiterentwicklung der Geräte unter dem Aspekt der Erweiterung und Ver­ größerung der V�rfahrgeschwindigkeit und Verfahrwege. Neben der Einführung der ersten Lineartische mit Zahnriemenantrieb in Kundenmaschinen waren es zuletzt ein 1987 auf der Motek in Sindelfingen präsen­ tiertes Linearmodul mit einer Verfahrge­ schwindigkeit von über 1 m/sec. und einer Verfahrbreite von 3 m, welches Aufsehen erregte. Bis heute richtet die Firma ihr Augenmerk auf die optimale Ausnutzung des (dreidimensionalen) Produktionsraumes mittels Kombination der Achsen, Module und Optimierung bzw. Neukonstruktion der Steuerungen und stellt dies durch die Vor­ stellung immer neuer Varianten und Verbes­ serungen auf einschlägigen Industriemessen im In- und Ausland unter Beweis. Den Koordinatentischen zur Seite stand ab 1984/85 die Automatisierung von manuellen Lötstellen, wobei der damals geschaffene SODAMAT nach Ausweitung der Entwicklungskapazitäten 1987 um eine Laserlötanlage und 1989 um einen Lötkopf (KL 2000) ergänzt wurde, der eine Vielzahl zusätzlicher Funktionen bei gleichzeitig kompakter Bauform und gefälligem Design bot. Markante Entwicklungen der letzten Jahre wie ein Hochleistungsdosiersystem für die Großserienproduktion und ein freipro­ grammierbares Kurzhubmodul für den Bereich der Kleinteilemontage zeigen, daß bei IEF Werner GmbH die Zeit nicht stehen­ bleibt und ständig nach neuen, verbesserten Lösungen und Produkten geforscht wird. Wer nach den firmengeschichtlich inter­ essanten „Bonbons“ sucht, stößt vor allem auf zwei Fertigungen im Bereich des Auto­ mobilbaues. Einer der größten Erfolge der Anfangsjahre war die Entwicklung 1983/84 von drei umfangreichen Stempeleinrichtun­ gen in die Fertigungsstraßen des neuen VW-Golf. Ihnen folgten kaum vier Jahre spä­ ter die technisch interessante und sehr auf­ wendige Entwicklung mehrerer PKW-Räder­ meßmaschinen zur Qpalitätssicherung. Die mit 15 CNC-gesteuerten Achsen und 38 Meßwertaufnahmen ausgerüsteten Maschi­ nen konnten bei einem Autorad in einer Aufspannung 54 Kenngrößen statisch und dynamisch ermitteln. Damit waren umfang­ reiche Messungen bei deutlich geringerem Zeitaufwand gegenüber vorherigen Verfah­ ren möglich geworden. Die IEF Werner hat seit Anbeginn an erkannt, daß Fertigungssysteme nicht nur durch ausgereiftes technisches Konzept und angemessenes Preis/Leistungsverhältnis überzeugen müssen. Unter dem Aspekt der Arbeitsplatzgestaltung funktionelle Technik auch mit modernem und anspre­ chendem Design in Einklang stehen. Die Anstrengungen haben sich auch in dieser Richtung gelohnt: in den letzten drei Jahren erhielt die Firma je einen Design-Preis für ,,Gute Industrieform“. soll Optimales Arbeiten kann nur in einer räumlich befriedigenden Umgebung statt- Hochdynamisches Handhabungssystem ,,Syncro“ 101

finden. Wie ein roter Faden zieht sich daher auch die Suche nach neuen Büro- und Fabri­ kationsflächen durch die Geschichte der IEF Werner GmbH. Schon vier Jahre nach der Gründung des Unternehmens waren die in Furtwangen bezogenen Räume zu klein geworden. Da aber zunächst kein geeignetes Industriege­ lände für einen Neubau in Furtwangen zur Verfügung stand, wurde mit Hilfe der Stadt im Herbst 1984 erst einmal das alte Schul­ haus in Neukirch bezogen. Als der Wunsch nach Erwerb des Schulgebäudes am Ent­ schluß des Kultusministeriums zur Wieder­ belebung der Dorfschulen scheiterte und die stürmische Entwicklung weiteren Raum dringend erforderlich machte, erhielt ein Fir­ menneubau oberste Priorität. Die Suche nach einem geeigneten Industriegelände in Furtwangen und Umgebung wie die Über­ windung planerischer und bürokratischer Hürden sollte dann allerdings noch einige Jahre in Anspruch nehmen. Erst im August 1989 konnte das drei Millionen DM teure Firmengebäude (einschl. Grundstück) bezo­ gen werden, dessen Architektur Harmonie und Atmosphäre ausstrahlt. Es nahm auch die mit zwei Millionen DM nahezu gleich­ teure Einrichtung mit Maschinen und elek­ tronischer Datenverarbeitung auf. Damit war die Möglichkeit geschaffen, neue Her­ ausforderungen anzunehmen, branchenspe- . zifische Lösungen zu entwickeln und mehr­ gleisig zu fertigen. Die eingeplanten Raumreserven im Perso­ nalbereich erwiesen sich bald als zu optimi­ stisch eingeschätzt. Ende 1991 mußte daher bereits ein Erweiterungsbau in Angriff genommen werden, der für 1992 weitere 2000 m2 Bürofläche zur Verfügung stellen wird. Wer dem großen Erfolg der IEF Werner GmbH nachspürt, entdeckt schnell die Gründe. Es ist dabei nicht nur die spezifische Produktpalette, welche die richtigen Markt­ segmente trifft, wie die durchschnittlich kaum vierjährige Präsenz einzelner Produkte auf dem Markt beweist. Es sind vor allem 102 auch qualifizierte Mitarbeiter, die sich trotz aller Innovation und Entwicklung konse­ quent dem Gebot der Kompatibilität und Kontinuität, also der Produktpflege im Sinne von Einpassung in einen bestehenden Maschinenpark und Unterhaltung mit Wei­ terentwicklung verschrieben haben. Deren Einsatz und die Bereitschaft, stets zuzuhö­ ren und gemeinsam nach Lösungen zu suchen, hat das Unternehmen zu einem kompetenten Ansprechpartner werden las­ sen. In diese eindeutige und bedingungslose Kundenorientierung ist eine aktive kunden­ nahe Vertriebsarbeit eingebettet. Die zahlrei­ chen Messen, auf denen sich das Unterneh­ men präsentiert, bringen stets Kontakt mit vielen Neuinteressenten. Sie sind aber auch der Moment, in denen mit alten Kunden Fachgespräche geführt und die mensch­ lichen Beziehungen vertieft werden. Wie eng die Verbundenheit der IEF Werner GmbH mit ihren Kunden ist, hat schließlich die Feier zum zehnjährigen Jubiläum im April 1990 gezeigt, zu der zahlreiche Vertre­ ter der mit der IEF Werner GmbH verbunde­ nen Unternehmen erschienen. Dr. Joachim Sturm Kaffeehaus-Gedanken du sprachst davon daß alles positiv Bewegte eingetragen wird ich fragte mich ob die Aufzeichnungen auch enthalten wie sehr du mich verändert hast Christiana Steger

Firma Kammerer Triberg Gewindetechnik GmbH Franz Kammerer war der Seniorchef der Firma Kammerer. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Anna hatte er das Unternehmen im Jahre 1938 gegründet. Widrigen Umständen und oft harten Entbehrungen zum Trotz baute er seinen Betrieb auf. Sein Geschick und sein Einfallsreichtum haben wesentlich mit dazu beigetragen, daß die Kammerer­ Gewindetechnik heute zu einem der größten und angesehensten Spezialunternehmen für die Herstellung von Gewindespindeln in der Bundesrepublik Deutschland geworden ist. Franz Kammerer wurde 1967 mitten aus seiner Arbeit gerissen. Er war nicht nur Ge­ schäftsmann und Techniker. Er war auch ein rührender Vater seiner 6 Kinder. Für die Mitarbeiter des Betriebes war er der fürsorg­ liche Chef. In Dankbarkeit erinnern sie sich noch seiner. Es gibt geborene und gestandene Unter- 103

nehmer. Franz und Anna Kammerer kann man wohl nicht zu den geborenen, eher zu den gestandenen und noch besser zu den ,,durchgestandenen“ Unternehmern zählen. Vermutlich hätten sie den Schritt in die Selb­ ständigkeit nicht gewagt, wenn sie geahnt hätten, was auf sie zukommen sollte. Der Start war eine Notlösung, kein ehrgeiziges Unterfangen. Als Ehepaar mit zwei kleinen Frau Anna Kammerer Klaus Kammerer 104 Wolfgang Kammerer

Kindern teilen sie 1938 das Schicksal mit Mil­ lionen Arbeitslosen. Was sie aus der Sozial­ kasse der Reichsregierung erhalten, reicht bei weitem nicht für den Lebensunterhalt. Nach einer klärenden Auskunft der Industrie- und Handelskammer Freiburg reicht Frau Anna Kammerer am 22. Februar 1938 die Anmel­ dung eines Fabrikationsbetriebes unter der Bezeichnung „Fr. A. Kammerer, Metallwa­ ren -Massenartikel“ ein. Im Hause Schwen­ distraße 18 beginnt man in bescheidenen Räumlichkeiten mit der Herstellung diverser Teile für die Triberger Uhren- und Feinwerk­ technik. Der ausgebildete Uhrmacher Franz Kammerer weiß, was die Uhrenhersteller im Umkreis benötigen. Es gelingt nach und nach, einige Aufträge zu erhalten. Die Bezahlung war jedoch schlecht. Für die bis 1940 auf vier Kinder angewachsene Familie bleibt kaum das Nötigste. Extreme Belastungen kommen auf Frau Kammerer in den folgenden Kriegs- und Nachkriegsjahren zu. Franz Kammerer wird zum Militärdienst eingezogen und geriet anschließend in Kriegsgefangenschaft. 1944 ist Frau Kammerer Mutter von inzwischen sechs Kindern. Haus- und Geschäftsfrau in einer Person. Nach Kriegsende geht auch bei Kamme­ rer lange Zeit geschäftlich nichts mehr. Frau Kammerer näht Tag und Nacht für die Besat­ zungsmacht, um ihre Kinder am Leben zu erhalten. Franz Kammerer kehrt zwar schon 1946 aus der Kriegsgefangenschaft zurück, aber die Wiederaufnahme einer geregelten Produktion war nicht möglich.194 7 konstru­ ierte er ein Uhrwerk mit Schlagwerk, das – einmal aufgezogen -14 Tage lang läuft. Die­ ses Uhrwerk erweist sich als so gut, daß es Eingang in die Produktion sogenannter Buf­ fet-Uhren findet, wie sie schon vor dem Krieg beliebt und verbreitet waren. Mit die­ sem Uhrwerk gelingt erstmals nach dem Kriege wieder eine bescheidene Serienpro­ duktion. Ein Jahr später, gleich nach der Wäh­ rungsreform, konstruiert Franz Kammerer das kleinste bis dahin bekannte Kuckucks- uhrwerk. Es mißt nur 60 x 65 mm und konnte ebenfalls in Serie hergestellt werden. Dank des tatkräftigen Einsatzes von Frau Kammerer reichte es gerade, um die Familie mit den immer größer werdenden Kindern über Wasser zu halten. Die für ein gesundes Unternehmen erfor­ derlichen Gewinne wollen sich jedoch nicht einstellen. Im Gegenteil, neue Absatz- und Beschäftigungssorgen bereiten schon nach wenigen Jahren dem Ehepaar schlaflose Nächte. Das Geschäft mit Uhrwerken geht trotz größter Bemühungen immer mehr zurück. Ende 1953 hört das Geschäft mit Werken für Kuckucksuhren auf. Man sieht sich gezwungen, nach neuen Produktionsmög­ lichkeiten Ausschau zu halten. Das Ehepaar Kammerer erkennt in der Fertigung von Drehteilen die Chance zu mehr Unabhängigkeit und Flexibilität. Die Abnehmerkreise sind breiter gestreut und setzen sich aus sehr unterschiedlichen Indu­ striezweigen zusammen. Damit ist zugleich das unternehmerische Risiko auf eine besser abgesicherte Basis gestellt. Obwohl Mittel für größere Investitionen nicht vorhanden sind, erweist sich der Ent­ schluß zu dem nunmehr dritten Neuanfang seit Existenzgründung schon bald als Schritt in die richtige Richtung. Aus bescheidenen Anfängen entwickelt sich das Drehteile­ Geschäft allmählich zu einer akzeptablen Erwerbsquelle. Die Jahre des Wirtschafts­ wunders machen sich auch bei Kammerer durch steigende Umsätze bemerkbar. Erst­ mals können dringend notwendige Gewinne erwirtschaftet werden. 1952 kann das Nach­ bargebäude der ehemaligen Uhrenfabrik JosefFaller in der Schwendistraße erworben werden. Mit diesem Kauf ist es möglich, neue Produktionsflächen zu schaffen, denn im Stammhaus ist man schon längst an den Kapazitätsgrenzen angelangt. Außerdem wurde im gleichen Jahr auf der vergrößerten Produktionsfläche die Drehteile-Fertigung erweitert durch die Herstellung von Ge­ windeteilen. Ohne es vorauszuschauen, er- 105

folgt mit dieser Maßnahme eine wichtige Weichenstellung für die spätere Entwicklung des Unternehmens. Nach dem Tod von Franz Kammerer füh­ ren die Söhne Klaus und Wolfgang zusam­ men mit der Mutter das Unternehmen fort. Klaus hatte die Uhrmacherschule in Furt­ wangen besucht und nach einigen Gesellen­ jahren die Meisterprüfung im Feinmechani­ kerberuf abgelegt. Sein 7 Jahre jüngerer Bru­ der Wolfgang absolvierte eine Lehre als Schnitt-und Stanzenbauer und machte spä­ ter die Prüfung als Drehermeister. Nach einer Zeit der Stagnation und Umorientie­ rung geht es langsam wieder bergauf. Ein Teil der Belegschaft konnte 1970 in zusätzlich angemietete Räume auf dem Areal des Hotel Martin umziehen. Im gleichen Jahr kann auch die erste größere Investition getätigt werden -die Anschaffung einer WaJdrich-Gewindeschäl­ maschine. Diese Maschine bringt enorme Vorteile. Die Präzision der Gewindespindeln kann erheblich gesteigert werden. War bis- 106 lang nur die Einhaltung der Toleranzen von +/-0,1 mm auf einer Länge von 300 mm möglich, so verbesserte sich dieser Wert auf +l-0,02 mm auflOOO mm Länge. Außerdem konnten bislang nur Gewindespindeln von 10 mm bis 80 mm Durchmesser und in einer Länge bis zu 5 m gefertigt werden. Auf der neuen Maschine sind jedoch Durchmesser bis zu 130 mm möglich und Längen bis zu 15 m.Hinzu kommen wesentliche Zeiteinspa­ rungen. Die Einrichtungszeit an der Maschine verkürzt sich auf ein Drittel und die Bearbeitungszeit auf zwei Drittel des ursprünglichen Aufwands. Das Unterneh­ men Kammerer entwickelt sich zu einem Spezialbetrieb für die Fabrikation von Gewindespindeln. Im Jahre 1971 zeigt sich die Firma Kamme­ rer erstmals auf der Europäischen Werkzeug­ maschinen-Messe „EMO“ in Hannover und ist seither regelmäßiger Aussteller auf dieser Spezialschau. Der hohe Leistungsstand der Gewinde­ spezialisten Kammerer spricht sich in den

folgenden Jahren in den verschiedensten industriellen Abnehmerkreisen herum. Die Umsatzkurve steigt aufgrund zunehmender Aufträge und entsprechender Auslastung kräftig an, und so blieb es nicht aus, daß man erneut an neue Kapazitätsgrenzen stößt. In den bisherigen Räumlichkeiten ist eine wei­ tere Ausdehnung nicht mehr möglich. Die ungünstige topographische Lage Tribergs gestaltet die Suche nach einem neuen Stand­ ort als äußerst schwierig. Die geeignete Lösung findet sich, als das ehemalige Triber­ ger Amtsgericht zum Kauf angeboten wird. Das an der Ecke Nußbacher-/Bahnhofstraße gelegene Objekt wird erworben. Auf dem dazugehörenden Gelände entsteht bald dar­ auf eine Produktionshalle, die auch größeren Anforderungen auf absehbare Zeit gerecht werden soll. Inzwischen hat das Unternehmen tech­ nologisch und personell einen Stand erreicht, der es gestattet, auch als Ausbil­ dungsbetrieb hervorzutreten. Nachdem die vom Gesetzgeber und die von der Industrie­ und Handelskammer bzw. Handwerkskam­ mer gestellten Anforderungen erfüllt sind, werden 1979 die ersten Auszubildenden in den Betrieb aufgenommen. Seither zählt die Firma Kammerer zu den Industrieunter­ regelmäßig ausbildenden nehmen. Sie leistet damit einen für die Nach­ wuchsgeneration wichtigen beschäftigungs­ politischen Beitrag im hiesigen Einzugsge­ biet. Für Praktikanten besteht ebenfalls die Möglichkeit, erste Erfahrungen der techni­ schen Fertigung im Haus zu sammeln. Schon 1985 ist der Betrieb wieder zu klein geworden. An die bisherige Halle muß eine zusätzliche angebaut werden. Auf einer Fer­ tigungsfläche von nunmehr 1500 m2 wird gleichzeitig der Maschinenpark auf modern­ ste elektronisch gesteuerte (CNC-)Technik umgestellt. In einem Teil der neuen Halle entsteht ein steuerbares Hochregallager. 1986 wird aus der Kommanditgesellschaft eine GmbH. Die bisher schon als Miteigen­ tümer eingetragenen Brüder Klaus und Wolfgang werden offiziell zu Geschäftsfüh­ rern bestellt. Frau Anna Kammerer beginnt sich all­ mählich aus dem Geschäftsbetrieb in den längst verdienten Ruhestand zurückzuzie­ hen. Aufgrund ihrer vielfältigen Aktivitäten blieb die Anerkennung nicht versagt. Am 26. Januar 1988 wurde Frau Kammerer mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande des Ver­ dienstordens der Bundesrepublik Deutsch­ land ausgezeichnet. Das von den Geschäftsführern Klaus und Wolfgang Kammerer geführte Unterneh­ men zählt mit seinen rund 120 Mitarbeitern heute zu den gefragtesten Spezialherstellern für Trapezgewindespindeln, Schnecken und Schneckenwellen, Kugelgewindetrieben im In- und Ausland. Die außerordentlich posi­ tive Entwicklung in den letzten Jahren erfor­ dert schon wieder neu räumliche Dimensio­ nen. Die einstigen Betriebsstätten in der Schwendistraße wurden deshalb reaktiviert. 107

Heute befindet sich dort die komplette Ferti­ gung von Kleinkugelgewindetrieben. Kammerer hat in den letzten Jahren erhebliche Investitionen getätigt, um mit modernsten, weit in die Zukunft weisenden Fertigungsprozessen die qualitative Spitze dessen anbieten zu können, was technolo­ gisch zur Zeit möglich ist. Das Unternehmen hat es sich zur Aufgabe gemacht, diesen tech­ nologischen Vorsprung noch weiter auszu­ bauen, so wurden neue Maßstäbe bei der Fer­ tigung von Kugelgewindetriebe entwickelt. Für die Rückführung der Kugeln in einem Kugelgewindetrieb wurde eine wichtige Wei- terentwicklung betrieben. Für dieses System wurden der Triberger Firma die Patentrechte erteilt. Den Herausforderungen der auf sie zukommenden Jahrtausendwende wird sich die Firma Kammerer Gewindetechnik nicht nur im technischen Bereich, sondern auch im personellen mutig entgegenstellen, da die Söhne Achim, Betriebswirt, und Wolfgang, Ing. für Maschinenbau, als spätere Nachfol­ ger der jetzigen Geschäftsführer in dem Betrieb integriert wurden. Emil Rimmele Hans-Georg Müller-Hanssen · Heuernte auf der Baar 108

Wirtschaftsgeschichte Gebrüder Schultheiß: St. Georgener Pioniere der Emailtechnik Als in der ersten Hälfte des 19.Jahrhun­ derts die Industrialisierung Deutschlands an hierfür geeigneten Standorten ihren Anfang nahm – so gab es in Baden bereits 1829 immerhin 161 kleinere Fabriken und Manu­ fakturen -, bahnte sich auch im Schwarz­ wald mit der Gründung einzelner industriel­ ler Betriebe ein allmählicher Wandel in der Wirtschaftsstruktur an. Die nachnapoleoni­ schen Friedenszeiten, aber auch die Beteili­ gung Badens am deutschen Zollverein anno 1836, der die Aufhebung der Binnenzölle im Deutschen Bund brachte, förderten diese Entwicklung ganz wesentlich. Überdies for- eierte das seinerzeitige Großherzogtum den Bau von Hauptlandstraßen und legte unter anderem die heutige Bundesstraße 33 über Triberg und St. Georgen an. Mit ihrer Fertig­ stellung im Jahr 1839 hatte dieser Bereich des heutigen Schwarzwald-Baar-Kreises den Anschluß an den überregionalen Verkehr und somit gute Voraussetzungen für das Ent­ stehen heimischer Gewerbebetriebe erhal­ ten. Als eine der ältesten St. Georgener Indu­ striefirmen etablierte sich hier 1841 das Emaillierwerk der Gebrüder Schultheiß. Doch zunächst zurück zum Jahr 1814, als Johannes Schultheiß, der spätere Gründer Das Stammhaus des Emaillierwerks Schultheiß, erstellt 1836, stand an der Ecke Bahnhof/Gewerbe­ hallestraße (heute Parkplatz) 109

der gleichnamigen „Emaillierfabrik“, ein Sohn des Schreiners und Klosterwald­ knechts Christian Schultheiß, hier geboren wurde. In St. Georgen, zu jener Zeit ein klei­ ner Marktflecken mit rund 900 Einwohnern, stand die Uhren herstellende Hausindustrie damals in hoher Blüte. Und so erlernte Johannes schon vor dem väterlichen Schreinerhandwerk während seiner Schul­ zeit die Uhren-Holzschildmalerei. Nach sei­ ner Wanderschaft Anfang der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts, die ihn als Schrei­ ner nach München, in die Schweiz und das Elsaß führte, kehrte er 1836 wieder nach St. Georgen zurück und baute das kurz zuvor abgebrannte elterliche Haus in massiver Steinbauweise wieder auf. Es stand auf dem Parkplatz beim heutigen Postamt und wurde 1982 im Zuge der Neugestaltung des Stadt­ kerns abgebrochen. Nach erfolgtem Wiederaufbau blieb Johannes Schultheiß in St. Georgen. Aller­ dings wollte er das erlernte Schreinerhand­ werk nicht länger ausüben. Leider ging je­ doch seinerzeit auch der Absatz für bemalte Holzschilder, welche bis dahin die Schwarz­ wälder Uhren zierten, zurück; denn sie wur­ den mittlerweile vorzugsweise durch email­ lierte Zifferblätter ersetzt. Sie bezog man zu teuren Preisen aus der Schweiz. Wohl mit auf Anregung seines Bruders Johann Georg-der in der Bergstadt bis heute wegen seiner gro­ ßen Verdienste um die Allgemeinheit unver­ gessene „ewige Student“ -nahm sich Johan­ nes Schultheiß vor, diese Emailzifferblätter selbst herzustellen. Er absolvierte 1841 bei einem Freiburger Glaskünstler namens Franz einen sechwöchigen Kurs und eignete sich dort die Grundkenntnisse für das Email­ lieren von Kupferblech an. Als Kursgebühr hatte er hierfür zehn Louisdor (nach heuti­ gem Geldwert knapp 1500 Mark) zu entrich­ ten. Nun galt es, sich in der neu erlernten Fer­ tigkeit weiterzubilden -ganz ohne techni­ sche Unterstützung von außen ein müh­ sames Unterfangen! So gestalteten sich nach Gründung des eigenen Betriebes anno 1841 die Anfangs- 110 jahre bis 1849 recht schwierig, dies auch noch aus anderen Gründen: Die damalige Teue­ rung und Revolution setzten den vorherge­ gangenen wirtschaftlich günstigen Zeiten ein abruptes Ende. Außerdem ließ die Qualität des bezogenen Kupferblechs und Emails sehr zu wünschen übrig, so daß es zunächst reichlich Ausschuß gab. Doch bei einem Preis von 30 Kreuzer (heute etwa sieben Mark) pro Zifferblatt lohnte sich das Email­ lieren trotzdem. Als es schließlich gelang, ab 1849 besseres Email und gutes Kupferblech zu bekommen, nahm der Betrieb einen ordentlichen Aufschwung, der die erste Werksvergrößerung erlaubte. Gerade wenn ein Unternehmen gut läuft, gilt es, sich rechtzeitig Gedanken über die Absicherung des Erreichten und die künftige Entwicklung zu machen. Das tat man seiner­ zeit auch bei Schultheiß. Im Hinblick hier­ aufbemühte sich der „ewige Student“ bei sei­ nem mehrjährigen Aufenthalt in Paris um Abschriften von einschlägigen französi­ schen Patenten. 1856 in seine Schwarzwald­ heimat zurückgekehrt, begann er zusammen mit seinem Bruder Johannes, Eisenblech (anstelle des bisherigen, wesentlich teureren Kupferblechs) zu emaillieren. Mit diesen zwar mühsamen und langwierigen, aber schließlich doch erfolgreichen Versuchen leistete das Emaillierwerk der Gebrüder Schultheiß wertvolle Pionierarbeit, die nicht nur in entscheidendem Maße der eigenen Fabrik, sondern der ganzen regionalen Uhrenindustrie zugute kommen sollte: In St Georgen hergestellte Straßenschilder und Hausnummern aus emailliertem Eisenblech gingen nun in großen Mengen in viele Städte Deutschlands und Europas, ja sogar später nach Südamerika, wohin einmal allein 250.000 Hausnummernschilder für Buenos Aires geliefert wurden. Die Abwicklung des Großauftrags nahm über ein halbes Jahr in Anspruch. Damit die Konkurrenz die Kun­ denadresse nicht zu Gesicht bekam, fertigte man die Sendungen anfänglich über Triberg ab. Und als Sohn Jakob 1861 nach einjähriger Zusatzausbildung in der französischen

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Die Firma Schultheiß, 1899 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, baute 1901 auf der gegenüberliegen­ den Seite des alten ein ganz neues Werk auf (heute A. Maier Präzision GmbH) Das alte Werk der Gebrüder Schultheiß -jetzt steht dort das neue Postamt-, aufgenommen nach dem Brand der Schriftenmalerei und Druckerei am 6. März 1901 112

Schweiz -in Neuchatei erlernte er die Fabri­ kation von Taschenuhrzifferblättern -nach Hause zurückkehrte, nahm die Firma auch jene sowie emaillierte Zifferblätter für soge­ nannte Regulateure und Pendulen in ihr Fer­ tigungsprogramm auf. Somit erübrigten sich für die Schwarzwälder Uhrenindustrie die bisher notwendigen diesbezüglichen recht teuren Importe aus Österreich und Frank­ reich. Erweitert eine Firma Programm und Kapazität, so ist es für sie besonders wichtig, auf dem Markt präsent zu sein und neue Kontakte zu knüpfen. Daher beschicken die Unternehmen seit eh und je Messen und Ausstellungen. Gerade für Schultheiß, schon damals relativ stark exportorientiert, war dies unerläßlich, und so zeigte das frü­ here St. Georgener Emaillierwerk sogar auf der 1889 in Paris stattfindenden Weltausstel­ lung Flagge. Dort machte man mit einem extra hierfür angefertigten, über drei Meter hohen Emaille-Mosaikbild, den Reichsadler darstellend, auf die Firma und ihre Produkte au&nerksam (vgl. S.111).Jene Bildplatten ent­ deckte Ludwig Schultheiß, Nachkomme eines der damaligen Geschäftsinhaber, vor nicht allzulanger Zeit auf seinem Speicher und stellte sie der Stadt St. Georgen als wert­ volles Ausstellungsobjekt zur Verfügung. Nun kann das imposante Meisterstück als über 100 Jahre altes Zeugnis heimischer Emaillierkunst im Rathaus bewundert wer­ den. Schon ein paar Jahre vor der erwähnten Weltausstellung etablierte sich in St. Geor­ gen eine zweite Emailfabrik, was durch den einsetzenden Konkurrenzkampf ein Nach­ geben der Preise und damit schrumpfende Erträge zur Folge hatte. Außerdem zehrten Brandschäden und laufende Investitionen in die betriebliche Erweiterung die Eigenmittel des Unternehmens immer mehr auf. Dies machte 1899 die Umwandlung des seinerzeit etwa 80 Beschäftigte zählenden Emaillier­ werks Schultheiß in eine Aktiengesellschaft erforderlich. Sie veräußerte später das gesamte Firmenareal mit allen Liegenschaf- ten -heute steht dort das Postamt -und baute 1901 auf der gegenüberliegenden Seite ein ganz neues Werk. Als man hierfür im Jahr darauf einen Direktor suchte, meldeten sich für diese begehrte Stelle annähernd 100 Bewerber. Werfen wir zum Schluß noch einen Blick auf das Schultheiß’sche Fertigungspro­ grammm der zwanziger Jahre. Der alteinge­ sessene Betrieb, der über eine eigene Email­ schmelze verfügte, stellte damals mit 65 Mit­ arbeitern neben den bislang üblichen Ziffer­ blättern, Hausnummern, Straßen-und son­ stigen Schildern für jeden Bedarf auch Ska­ len für Waagen und Meßgeräte, dazu Lam­ penreflektoren, ja sogar die seinerzeit so beliebten und heute in Sammlerkreisen sehr begehrten Email-Reklameschilder in künst­ lerischer Ausführung her. Aber im Lauf der Zeit verdrängten preisgünstigere Materia­ lien, oft im Verband mit neuen Fertigungs­ techniken, die soliden Emailwaren mehr und mehr vom Markt: einer der Haupt­ gründe, weshalb die Emaillierwerke Schult­ heiß 1940 ihre Produktion einstellen muß­ ten. In ihren Mauern setzt nun die Firma A.Maier St. Georgens alte Industrietradition erfolgreich fort. Hans-Martin Müller Erkenntnis wie kann ich leben ohne so zu lieben wie kann ich lieben ohne so zu leben – Stimme den Stummen Lied den Sprachlosen Töne den Tauben Farben den Blinden und Tanz all denen die gebunden sind Christiana Steger 113

100 Jahre Schwarzwälder Metallwarenfabrik in Triberg Fortschritt mit Tradition Aus Anlaß des IOOjährigen Jubiläums wird die Entwicklung der Schwarzwälder Metallwaren­ fabrik dargestellt. In einer späteren Ausgabe des Almanach soll auf den Neubau, die neuen Maschinen und die gegenwärtige Produktpalette eingegangen werden. Einer der traditionsreichsten Industrie­ betriebe des Schwarzwald-Baar-Kreises, die Schwarzwälder Metallwarenfabrik in Tri­ berg, kann ihr 100.Jubiläum begehen. Allein schon dies ist ein großer Erfolg, denn viele Betriebe unserer Heimat sind während dieser Zeit den Kriegen, Inflationen und Rezessio­ nen zum Opfer gefallen, konnten sich durch vielerlei Ursachen nicht am Markt behaup­ ten oder sind aus anderen Gründen ver­ schwunden. Die Schwarzwälder Metallwa­ renfabrik konnte alle Schwierigkeiten der Vergangenheit erfolgreich meistern, was allein schon für sich ein Zeichen für die Güte der Firma ist. Alle, die hierzu beigetragen haben, dürfen mit Recht darauf stolz sein. Natürlich ist dies auch ein Grund zurückzu­ blicken und sich zu erinnern. In einer bewegten Zeit mit einer wechsel­ vollen Geschichte konnte die Schwarzwäl­ der Metallwarenfabrik sich als gesundes, mit­ telständisches Unternehmen in allen Phasen erfolgreich behaupten. Blicken wir also zurück auf die ungewöhn­ liche, einhundertjährige Erfolgsgeschichte dieses Betriebes. Nachdem bereits im August 1891 ein Vor­ vertrag unterzeichnet worden war, schlossen die Brüder Leopold und Sigmund Schwer, Bernhard Geng, Paul Cretschmer, Robert Meisterhans, Martin Reißer und Georg Westermayer, alle aus Triberg, am 20. Okto­ ber 1891 den Gesellschaftsvertrag zur Grün­ dung der Schwarzwälder Metallwarenfabrik. Bis auf den Schreiner und Kaufmann Georg Westermayer waren alle Gründer Metall- 114 handwerker; die Brüder Schwer waren beide Uhrmacher, Bernhard Geng Vergolder, Paul Cretschmer Feingießer, Robert Meisterhans Ziseleur und Martin Reißer Metalldrücker. Leopold Schwer und Georg Westermayer waren Geschäftsführer. Nach § 1 des Vertra­ ges war der Zweck der Gesellschaft „Metall­ waren, Uhrenbestandteile und Gußartikel aller Art herzustellen und in den Handel zu bringen“. Der große Anspruch, Metallwaren und Gußartikel aller Art herzustellen, ver­ langte vielseitige Fähigkeiten, wofür durch die Verschiedenartigkeit der Berufe der Gründungsväter ausgezeichnete Vorausset­ zungen geschaffen worden waren. Die Maschinen und Einrichtungen der vorherigen Firma der Gebrüder Schwer wur­ den übernommen. Das Werksgelände war bereits das heutige. Es war zunächst vom Schmied Benjamin Weisser gepachtet, der die Gutachbrücke, noch heute die Zufahrt zum Gelände, errich­ ten ließ. Noch vor dem ersten Weltkrieg konnte es gekauft werden. Bereits zu dieser Zeit wuchs die Firma stark, hatte bald rund 80 Beschäftigte und noch vor dem ersten Weltkrieg über 150. Eine große Dampfmaschine wurde ange­ schafft. Neben zahlreichen Neubauten soll besonders das 1912 gebaute Maschinenhaus und der 30 m hohe Kamin, der lange Zeit das Wahrzeichen der Firma war, erwähnt wer­ den. Zur Produktion der Firma in der Frühzeit zitieren wir aus der zum 50. Firmenjubiläum 1941 gehaltenen Rede: ,,Die Fabrikation befaßte sich bei Gründung und in den fol­ genden Jahren ausschließlich nur mit Uhrengehäusen, in der Hauptsache ganz groß mit ]ocker-Gehäusen. Nachdem im Laufe der Jahre die Uhrenfabriken zur Selbst­ fabrikation der Gehäuse übergegangen sind, mußte nach weiteren Artikeln Umschau

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gehalten werden. Es wurden Beziehungen mit der Beleuchtungsfirma Bohnert, Frank­ furt, angeknüpft und die Fabrikation von Beleuchtungskörpern aufgenommen. Diese Fabrikation entwickelte sich im Laufe der Jahre zum Hauptbestandteil unserer Erzeug­ nisse. Kurz vor dem 1. Weltkrieg bemühte man sich um die Verbindung mit der Firma Benzwerke, Gaggenau, – heute Daimler Benz A.G. -und nahm die teilweise Umstel­ lung der Fabrikation auf Autokühler vor. Durch den 1. Weltkrieg mußte unsere Küh­ lerabteilung dann nach kurzem Bestehen sofort auf Hochtouren eingestellt werden. Die Lampenfabrikation lag während des 1. Weltkrieges ganz still, dafür wurden in Tag­ und Nachtschichten Zünderscheiben für Granaten fabriziert.“ Nicht nur die Produktion war ständigen Änderungen und Erweiterungen unterwor­ fen. Auch die Gesellschafts- und Eigentums­ verhältnisse änderten sich mehrmals. Die meisten der Teilhaber schieden noch vor dem 1. Weltkrieg wieder aus der Firma aus. Schon 1893 starb Paul Cretschmer, zwischen 1905 und 1913 verließen Georg Westermayer, Bernhard Geng und Martin Reißer die Gesellschaft und 1916 trat Sigmund Schwer aus ihr aus. So waren von sieben Gründern nach dem 1. Weltkrieg nur noch zwei an der Firma beteiligt: Robert Meisterhans und Leopold Schwer. Beide waren in Triberg und darüberhinaus geachtete Unternehmerper­ sönlichkeiten; Leopold Schwer wurde Vor­ stand des Triberger Verbandes der Uhrenin­ dustrie und spielte im Gewerbeverein eine wichtige Rolle. Ihre Söhne Robert Meister­ hans jr. und Leo Schwer traten 1919 gemein­ sam in die Firma ein, Robert Meisterhans jr. starb jedoch bereits 1927 und Leopold Schwer 1929. Nach dem Austritt von Robert Meisterhans sen. wurde die Firma 1931 schließlich von Leo Schwer als Einzelfirma weitergeführt. 1936 erhielt Herr Gustav Hoch Prokura, Handlungsbevollmächtigte waren Herr Adolf Maier und Herr Josef Schmied. Kurz vor der SO-Jahr-Feier verstarb 1941 116 Herr Leo Schwer. Seine Witwe, Frau Char­ lotte Schwer geb. Weinei, führte das Unter­ nehmen weiter. Die ständig sich wandelnden Marktver­ hältnisse erforderten fortlaufende Anpas­ sungen, besonders während der unruhigen 20er Jahre. Zitieren wir nochmals kurz aus der Rede zur SO-Jahr-Feier: ,,Nach Beendi­ gung des 1. Weltkrieges wurde die Lampen­ fabrikation wieder aufgenommen und die Kühlerfabrikation noch erweitert. Die Bezie­ hungen zu weiteren Autofabriken wurden aufgenommen „. Eines der berühmtesten Produkte der Schwarzwälder Metallwaren­ fabrik dieser Zeit dürfte der weltberühmte Mercedes-Stern sein, der über Jahrzehnte hier gefertigt wurde. Die Situation für die badische Wirtschaft insgesamt war jedoch nach dem 1. Weltkrieg schwierig, denn weil Elsaß-Lothringen wie­ der französisch geworden war, stagnierten die Wirtschaftsbeziehungen zu diesem vor­ mals wichtigen Gebiet und im Deutschen Reich befand Baden sich jetzt in einer ungünstigen Randlage. Die Schwarzwälder Metallwarenfabrik traf dies sehr direkt, da die Beziehungen zu den dortigen Kunden für Lampen und Beleuchtungskörper sehr erschwert waren. Neue Absatzmärkte konnten jedoch erschlossen werden. Lampen und Beleuch­ tungskörper wurden nach Frankreich, Däne­ mark, den Niederlanden und der Schweiz exportiert. In Zusammenarbeit mit der Firma Carl Zeiss in Jena wurden die berühmten Automobilscheinwerfer entwickelt und deren Metallteile hier gefertigt. Die Krise der Schwarzwälder Uhrenindu­ strie, die mit der internationalen Konkur­ renz nicht mehr mithalten konnte, erschwerte die Lage der Firma zusätzlich. Sie gipfelte in dem großen Arbeitskampf vom Januar 1926. Innerhalb weniger Tage wurden zahlreiche Betriebe bestreikt, auch die Schwarzwälder Metallwarenfabrik. Beendet wurde dieser Kampf am 27.1.1926 durch den Reichsarbeitsminister, der den Schieds­ spruch der freiwilligen Schlichtungsstelle

Donaueschingen vom 23.12.1925 für ver­ bindlich erklärte. Der Tariflohn für einen gelernten Arbeiter über 25 Jahre betrug damals 64 ,5 Pfennig pro Stunde. Während viele Betriebe der Gegend von dieser Krise schwer erschüttert wurden, konnte die Schwarzwälder Metallwarenfa­ brik durch ihre vorausschauende Unterneh­ mensführung und ihr mittlerweile vielseiti­ ges Produktionsprogramm diese relativ unbeschadet überstehen. Im Januar 1928 hatte die Firma 242 Beschäftigte und war damit der zweitgrößte Arbeitgeber in Tri­ berg. Wesentlich kritischer waren die Auswir­ kungen des großen Börsenkrachs in New York am25.10.1929 . Innerhalb weniger Tage brach der gesamte Kapitalmarkt zusammen. Das Auslandskapital, insbesondere das US-amerikanische, wurde aus Deutschland abgezogen und es stürzte in die schwerste Wirtschaftskrise seiner Geschichte. Am 13 . 7. 1931 kommt es zum großen Bankkrach und 1932 übersteigt die Arbeitslosenziffer im Lampe aus den 50er Jahren Stehlampen aus dem Firmenkatalog von 1956 Leselampen Ständerlampen 1 lp. E 21 Nr. 124/SS A. 3SO mm H. 1600 mm Oberf’lllic:he ML·pol1ttl Nr, 143/57/1 1 lp. E ’11 H. 1500 Mm Sdl. 0, SSO mm A. @ mm M1-poli1tt, Knopf 1ch-rr, FvO bionl! td!won Nr. 1 ta/55/3 3 lp. E 21 H. 1350 mm Oberfll!ldle M1,pol1erl mit bieg101Mm Metofüchlouch 2S cm L.Sngo 117

nicht mehr bestehenden Jahresuhrenfabrik Schatz immer noch der zweitgrößte Arbeit­ geber in Triberg und gut gerüstet für die 1949 gegründete Bundesrepublik. Wiederaufbau, soziale Marktwirtschaft und der gemeinsame Wille aller Beteiligten ließen die Firma nach dem 2. Weltkrieg rasch wieder wachsen. Neben Metallwaren, Lampen und Auto­ kühlern wurde 1950 mit der Herstellung von Feinblechteilen, zunächst für die Büroma­ schinenindustrie, begonnen. Dieser neue Fabrikationszweig entwickelte sich rasch und ist heute der wichtiste der Firma. Sowohl kunstvolle, handwerklich hochstehende Produkte als auch Klein- oder Mittelserien und Massenprodukte wurden hergestellt. Herr Haugg wurde in Luxemburg gebo­ ren, seine Familie wie die seiner Frau stam­ men aber aus Augsburg. 1972 wurde die Schwarzwälder Metallwa­ Inhaber Albert jetzigen renfabrik vom Haugg übernommen. Deutschen Reich die 6-Millionen-Grenze. Hieran konnte auch die weitsichtigste Unter­ nehmensführung nichts ändern. Nun gab es Produktionseinbrüche bei sämtlichen Berei­ chen der Firma, Kurzarbeit und Entlassun­ gen waren unvermeidbar, etwa im Januar 1931 von 30 Beschäftigten. Ein Tiefpunkt der Krise war erreicht, als die Firma mit nur 64 Arbeitnehmern in das Jahr 1933 eintrat, die niedrigste Zahl seit dem Ende des 1. Weltkrieges, doch schon Ende 1933 waren wieder 79 und 1934 91 Personen beschäftigt. Gerade das verhältnismäßig glimpfliche Überstehen dieser schwersten Wirtschaftskrise der deutschen Geschichte zeigt nachhaltig, wie gesund und leistungsfä­ hig das Unternehmen war. Im Zuge der wirtschaftlichen Wiederbele­ bung der 30er Jahre florierten auch die Geschäfte der Schwarzwälder Metallwaren­ fabrik wieder besser. Die Beschäftigtenzah­ len stiegen weiter. 1937 hatte die Firma 160 Beschäftigte, darunter 11 Frauen. Es wurden Metallwaren, Beleuchtungskörper (Lampen) und Autokühler produziert. Auch in dieser Zeit gab es etliche Baumaß­ nahmen. Bezüglich der Krafterzeugung war der Betrieb weitgehend unabhängig. Neben einer Wasserturbine zur Stromerzeugung gab es die große, vor dem 1. Weltkrieg ange­ schaffte Dampfmaschine, die über Transmis­ sionsriemen viele Maschinen antrieb. Aufgrund seiner Kühlerproduktion war die Firma auch im 2. Weltkrieg als kriegs­ wichtiger Betrieb eingestuft. Die Produktion konnte fortgesetzt werden, wenn auch viele Mitarbeiter eingezogen wurden. Unter schweren Bedingungen mußte damals Höchstproduktion geleistet werden. Nach dem Kriege erlaubte die französi­ sche Verwaltung einen raschen Wiederbe­ ginn und es wurden in der unmittelbaren Nachkriegszeit viele französische Kühler repariert. Bereits im Mai 1948, also einen Monat vor Einführung der D-Mark, hatte die Firma wieder 110 Beschäftigte, darunter 70 im Bereich Autokühler und 40 im Metallbe­ reich. Sie war damit nach der mittlerweile 118

Herr Haugg hat als erfolgreicher Unter­ nehmer zusammen mit seiner Frau aus klei­ nen Anfängen eine heute bedeutende und sich über zahlreiche Länder erstreckende Fir­ mengruppe aufgebaut. 1958 wagte er als junger Kaufmann den Schritt in die Selbständigkeit, indem er eine Kühlerfabrik mit Schweißwerk in Aachen übernahm, die heutige Westdeutsche Küh­ lerfabrik. Diese Firma, das Stammwerk der mittlerweile umfangreichen Haugg-Gruppe, hatte damals nur wenige Mitarbeiter. Der Erwerb der Schwarzwälder Metallwarenfa­ brik war die erste große Erweiterung der Fir­ mengruppe. 1979 wurde die Metallwaren­ fabrik Teckemeyer in Marienheide bei Gum­ mersbach übernommen und 1986 die Küh­ lerproduktion der Steeb-Werke in Sulz am Neckar. German Hasenfratz · Am Mühlenbach, Hüfingen Auslandsniederlassungen gibt es in Bel­ gien, den Niederlanden und der Schweiz, Beteiligungen in Tunesien und Vertretungen rund um die Welt. Zusammen mit einer erfolgreichen Geschäftsführung war die Verbindung von ausgezeichnetem handwerklichem Können der Mitarbeiter mit modernsten Maschinen eine maßgebliche Voraussetzung für den Erfolg der Firma. Die Schwarzwälder Metall­ warenfabrik wurde berühmt für ihre Schwarzwälder Q!ialitätsarbeit, ja sie leistete und leistet ihrerseits einen nicht unerhebli­ chen Beitrag zur Entstehung und Wahrung dieses Q!ialitätsbegriffes. Die Mitarbeiter und die Geschäftsführung sind sich der Ver­ antwortung bewußt, die sie durch die große Tradition und den Namen der Firma haben. Albert Haugg 119

Archäologie Ausgrabungen im alamannischen Reihengräberfeld von Schwenningen, ,,Auf der Lehr“, unter besonderer Berücksichtigung der Grabungskampagne 1989-1991 geführt hat, dienten u. a. diesem Ziel. Die Erforschung der Alamannen ist besonders wichtig, führt doch von ihnen eine direkte Linie zur heutigen Bevölkerung. Aus diesem Grunde ist es keine Überraschung, daß viele alamannische Fundplätze in unmittelbarer Nähe moderner Ortschaften liegen. Daher sind sie landesweit durch Baumaßnahmen ganz akut bedroht. Nur allzuoft stehen die Archäologen im Wettlauf mit dem Bagger. Diese Situation ist für die Denkmalspflege eine existentielle Herausforderung. Mit den Alamannen beginnt die (nachrömische) Geschichte Baden-Württembergs, aber für ihre Erforschung verbleibt nicht mehr viel Zeit. Mit Blick auf den historischen Zusam- Abb. 1 Schwenningen. Grab 200, silbervergoldete S-Fibel mit fünf roten Edelsteineinlagen. Länge 4,5 cm. Der nachfolgende Beitrag steht mit den Aus­ führungen von Oberkonservator Dr. Gerhard Finger/in im Almanach 1987, Seite 82-104.ff., in engem Zusammenhang und hält als neuen Aspekt die Ausgrabungen in den Jahren 1989- 199Jfest. Einführung In die Regierungszeit des römischen Kai­ sers M. Aurelius Antoninus (211-217 n. Chr.), besser bekannt unter dem Beinamen Cara­ calla, fällt die erste schriftliche Erwähnung der Alamannen. Im Jahre 213 n. Chr. hatten sie die römischen Grenzbefestigungen (den Limes) überwunden und verheerten den von den Römern „agri decumates“ (Dekumaten­ land) genannten Landstrich zwischen dem Oberlauf der Donau und dem Rhein. Dieser Angriff konnte nochmals abgewehrt werden, aber der für seine Sicherheit lange berühmte römische Friede – die Pax Romana – hatte sich als brüchig erwiesen. Welche Menschen verbargen sich hinter dem Namen dieses ger­ manischen Stammes, der die Römer bis zum Untergang ihres Reiches noch einige Male unangenehm beschäftigen sollte? Diese und viele andere Fragen wurden von den antiken bzw. frühmittelalterlichen Geschichtschrei­ bern nicht beantwortet. So bleibt nur die Möglichkeit, Kult-, Siedlungs- und Grabstät­ ten der Alamannen zu suchen und ihre Befunde und Funde mit archäologischen Methoden auszuwerten. Die Ausgrabungen, die das Landesdenk­ malamt Baden-Württemberg, Abteilung Ar­ chaeologische Denkmalpflege Freiburg, 1984/85, und in den Sommermonaten der Jahre 1989 bis 1991 in Schwenningen durch- 120

Abb. 2 Schwenningen. A/.amannisches Gräbe,feld „Auf der Lehr“ von Süd-Osten. Im Vordergrund Straßenkreuzung „Auf der Lehr/Dauchinger Str.“ mit der Grabungsfläche von 1984/85. Im Hinter­ grund Abhang, Anhöhe und Gartenbereich mit den Grabungsflächen 1989-1991. menhang und mit Bezug auf frühere Schwenninger Ausgrabungen wird dieser Beitrag erste Ergebnisse der vorerst letzten Grabungskampagne (1989 bis 1991) erläu­ tern. Er kann und soll keine umfassende Dar­ stellung der Alamannen sein, denn dies würde den vorgegebenen Rahmen nur allzu­ leicht sprengen. Römer -Alamannen -Franken Zu Beginn des 3. Jahrhunderts n. Chr. waren Bayern, Südwestdeutschland und das Rheinland Teile des römischen Weltreiches. Nördlich davon siedelten die Germanen. Die Grenze wurde von den Römern durch den Limes militärisch überwacht. Er bestand teils aus einem Erdwall mit Holzpalisaden und Gräben, teils aus einer Steinmauer. Dieses Sperrsystem wurde in regelmäßigen Abständen durch Türme und Kastelle (be­ festigte Garnisonen) verstärkt. Seine Auf­ gabe bestand nicht in der frontalen Abwehr eines germanischen Angriffs, sondern in der Überwachung des grenzüberschreitenden Verkehrs und in der Verzögerung eines feindlichen Einfalles, bis weitere Truppen aus dem Hinterland herangeführt werden konnten. So ist denn auch der Limes ein „überwachtes Annäherungshindernis“ (D. Baatz) genannt worden. Seine Erbauungszeit erstreckt sich über das 1., 2. und 3. Jahrhun­ dert n. Chr. Er verlief rechtsrheinisch von Rheinbrohl (bei Neuwied) über Taunus bzw. Wetterau bis zum Main und von Miltenberg fast schnurgerade über 80 km bis Lorch. Ab dort wandte er sich nach Nordosten und erreichte oberhalb von Kehlheim die Donau. Die Gesamtlänge betrug ca. 548 km. Besonders im Bereich der Donau wurde die Grenzbefestigung laufend verstärkt. Die massive Präsenz römischer Truppen scheint auch auf germanischer Seite zu einer Polari­ sierung geführt zu haben, die in der Bildung größerer sozialer Organisationsformen mün­ dete. Dazu paßt, daß die Bezeichnung „Ala­ mannen“ von „alle Mannen“ hergeleitet wer­ den kann. Dieser Name bezeichnet also einen lockeren Verband, der wohl Stämme 121

verschiedener Herkunft zusammenfaßte (vgl. hierzu auch den Beitrag von Dr. Volk­ hard Huth im Almanach 91, Seite 101-104). Dahinter mag die Einsicht gestanden haben, daß nur eine größere Gemeinschaft den Römern, mit Aussicht auf Erfolg, entgegen­ treten kann.Jedenfalls unternahmen die Ala­ mannen zwischen 233 und 235 n. Chr. Ein­ fälle mit solcher Intensität, daß erstmals das gesamte römische Hinterland zwischen Inn und Mosel massiv betroffen war. Die nächste Katastrophe ereilte die Römer in den Jahren 259 bis 261 n. Chr., denn bei diesem Angriff überrannten die Alamannen nicht nur den Limes und das Hinterland, sondern erreich­ ten sogar Italien, wo sie erst 261 besiegt wer­ den konnten. Trotz dieses Abwehrerfolges wurde der Limes nicht wieder besetzt, son- Abb. 3 Schwenningen. Grabungsbefund des modern gestörten Grabes 141. Drahtohrringe aus Bronze oberhalb der Schultern, Bronzearmreif am linken Handgelenk. 122 dem die militärische Sicherung der Grenzen auf Rhein, Donau und Iller zurückgenom­ men, die leichter zu verteidigen waren. An Stelle der Römer besiedelten nun Ala­ mannen Südwestdeutschland. Damit verlo­ ren die Römer ein überaus wichtiges Gebiet, lag es doch in unmittelbarer Nähe der Alpen­ pässe und des italischen Mutterlandes. Darü­ ber hinaus blockierten nun die Alamannen die wichtige Direktverbindung zwischen dem römisch besetzten Balkan, Bayern und dem Rheinland. Auch wenn das römische Reich erst im 5. Jahrhundert unter dem Ansturm seiner zahlreichen Gegner zusam­ menbrach, so siedelten damit doch zum ersten Mal Germanen auf römischem Boden! Leider sind erst wenige Hinweise auf Herkunft, Zusammensetzung und Sied­ lungswesen der frühen Alamannen bekannt geworden. Nach Beurteilung bestimmter Gebrauchsgegenstände, die sie im späten 3. Jahrhundert in ihre neue Heimat mit­ brachten, scheint die Saale-Region und die untere Elbe ihr Herkunftsgebiet gewesen zu sein. Auch wenn wir über die Anfänge der alamannischen Besiedlung erst wenig wis­ sen, so lassen sich doch wenigstens ab dem späten 4. Jahrhundert genauere Aussagen über die Neusiedler machen. Durch erneute Auseinandersetzungen mit den Römern gerieten die Alamannen wieder in den Blick antiker Autoren. In diesem Zusammenhang ist besonders der Offizier und Historiker Ammianus Marcellinus (“ 332, t 400) von großer Bedeutung. Er begleitete den römi­ schen Oberbefehlshaber und späteren Kaiser Julian Apostata (* 331, t 363) auf einem Feld­ zug gegen die Alamannen und berichtete z.B., daß sie von Reges, Reguli und Opitma­ tes (Königen, Kleinkönigen, Adeligen) ange­ führt wurden und in Teilstämme unterglie­ dert waren. Umfangreiche Ausgrabungen auf dem Runden Berg bei Urach und dem Zähringer Burgberg bei Freiburg/Brsg. konn­ ten belegen, daß alamannische Anführer mit ihren Familien, Kriegern und spezialisierten Handwerkern zeitweilig hohe Berge besie-

leiten. Darüber hinaus wurden z.B. im Breisgau Gräber dieser Zeit gefunden. Schließlich gibt es auch Hinweise auf ala­ mannische Ansiedlungen im Bereich verlas­ sener römischer Höfe und Ortschaften. Noch deutlicher wird das Bild gegen Ende des 5. Jahrhunderts, weil die Alamannen dazu übergingen, ihren Totenkult zu ändern. In der Nähe ihrer Siedlungen begannen sie große Reihengräberfelder anzulegen. Dieser Friedhosftyp läßt sich u. a. dadurch charakte­ risieren, daß seine Körpergräber in Reihen und in Ost-West-Richtung, also mit Blick zur aufgehenden Sonne angeordnet sind. Dar­ über hinaus ist für unsere Gegend die Aus­ wahl von Hängen für die Anlage dieser Fried­ höfe besonders typisch. In schachtartigen Gruben wurden die Toten meist in Bretter-, Baumsarg oder nur mit einem Totenbrett bestattet. Manchmal finden sich auch Särge in kleinen Holzkammern, und ab dem 7. Jahrhundert wurden auch sargähnliche Grä­ ber aus Trockenmauerwerk oder Steinplat­ ten (Steinkisten) angelegt. Die Alamannen glaubten an ein Weiterleben nach dem Tode. Daher wurde ihnen in der Regel Beigaben mitgegeben, auf die sie rechtlichen An­ spruch hatten und die zu ihrem persönli­ chen Besitz gehörten. Von ganz bestimmten Ausnahmen abgesehen, demonstrierten Größe, Tiefe und Inhalt des Grabes die soziale Stellung und den materiellen Reich­ tum eines Toten. Im Verlauf des 5., 6. und 7. Jahrhunderts erfuhr die Ausstattung der Toten verschie­ dene Veränderungen z.B. auf Grund der christlichen Mission, die die Beigabensitte ablehnte. An dieser Stelle kann keine umfas­ sende Darstellung der Trachtgeschichte gegeben werden. Trotzdem soll wenigstens charakteristisches Inventar genannt werden. So wurde den Männern in der Regel ein kur­ zes Hiebschwert (Sax), ein metallbeschlage­ ner Waffengürtel aus Leder, Speer und Pfeile mitgegeben. Bei reicheren Personen findet sich oft noch zusätzlich ein zweischneidiges Langschwert (Spatha), ein oder mehrere Gefäße, manchmal auch ein Schild und eine Axt. Die Grundausstattung adliger Anführer unterschied sich davon nicht. Allerdings war sie erheblich besser verarbeitet und z.B. die Griffe ihrer Schwerter bzw. Schwertscheiden mit Edelmetallen verziert. Vielmehr drückt sich die soziale Position dieser Männer in weiteren Beigaben aus, die sich ihre Unter­ gebenen aus rechtlichen oder wirtschaftli­ chen Gründen gar nicht leisten konnten. Dazu gehörten bei Hochadeligen z.B. Helm und Panzer, Goldfingerringe, Pferdegeschirr, Gürtel und Beschläge aus Edelmetall, wert­ volle Gefäße, sonderangefertigte Gebrauchs­ bzw. Schmuckgegenstände und schließlich noch fremdländische Produkte, die nur durch Kriegszüge oder als Geschenke in die Abb. 4 Schwenningen. Grab 178, Übersichts­ photo. An der rechten Körperseite liegt ein Lang­ schwert, an der linken Hüfte ein kurzes Hieb­ schwert. Im Vordergrund abgewinkelter rechter Unterschenkel und großes Gefäß. 123

Hände eines alamannischen Großen gelan­ gen konnten. Die Beigabensitte hat auch dafür gesorgt, daß wir ab der Zeit um 500 n. Chr. über die Trachtbestandteile der Frauenkleidung bes­ ser informiert sind. An Hals und der rechten Schulter sowie im Bereich der Hüften ver­ schlossen vier Fibeln, d. h. Gewandschließen in Form von Spangen, die Frauenkleidung. Zu dieser Vier-Fibel-Tracht gehörte auch noch eine Gürtelschnalle sowie Beschläge bzw. kleine Schnallen für Strümpfe und Schuhe. An die Hüftfibeln wurde gerne noch ein Lederriemen gehängt, der zur Befe­ stigung von diversen Amuletten, Schmuck­ perlen und Gegenständen des täglichen Bedarfs wie z.B. Messern oder Kämmen diente. Haarnadeln, Hals-, Arm- und Finger­ ringe konnten dieses Trachtensemble ver­ vollständigen. Diese auffällige und materialaufwendige Tracht wurde im Verlauf des 6. Jahrhunderts erheblich reduziert. So wurde z. B. die Zahl der Fibeln auf ein oder zwei Exemplare beschränkt, die jetzt Vogel-, Scheiben- oder S-Form annehmen (Abb. J). Diese markante Entwicklung setzte sich zu Beginn des 7. Jahrhunderts fort. Während manche Tracht­ bestandteile verschwanden, kamen neue Ele­ mente hinzu. So wurden jetzt z.B. Ohrringe und Halsketten aus Glas und Bernsteinper­ len üblich. Auch wenn hier eine gewisse Standardausstattung vorgestellt worden ist, darf nicht verschwiegen werden, daß nur sel­ ten eine Frau alle diese Trachtbestandteile gleichzeitig besaß. Darin machten nur die Frauen adliger Familien eine Ausnahme, deren Ausstattung meist auch noch durch die Verarbeitung von Edelmetallen und anderer wertvoller Materialien ihre beson­ dere soziale Stellung hervorhob. Die Veränderung der Tracht im 6. und 7. Jahrhundert läßt sich u. a. auch durch fremde Einflüsse erklären, womit das Ver­ hältnis der Alamannen zu ihren Nachbarn angesprochen ist. Nach dem Rückzug der Römer aus Südwestdeutschland besiedelten die Alamannen einen Raum, dessen Gren- 124 zen sich grob an Rhein, Main, Donau und Iller festlegen lassen. In den folgenden Jahr­ zehnten war das Verhältnis zu den Römern keineswegs immer durch Krieg bestimmt. So wie spätrömische Historiker von Alamannen in hohen Rängen der römischen Armee be­ richten, läßt sich in den Formen oder derri Dekor der alamannischen Trachtenbestand­ teile römischer Einfluß feststellen. Mit dem Untergang des weströmischen Reiches im 5. Jahrhundert bestand die Möglichkeit der freien räumlichen Expansion nach Westen, Süden und Osten. Im Westen wurden die Alamannen automatisch Rivalen des ehe­ mals in Nordwestdeutschland beheimateten Stammes der Franken. Ihnen war es 459 n. Chr. gelungen, die damals noch römische Stadt Köln, das Rheinland und einige Jahr­ zehnte später auch Nordfrankreich endgül­ tig zu erobern. Der Interessenkonflikt wurde 496 durch die Schlacht bei Zülpich entschie­ den, wobei die Alamannen unterlagen. In der Folgezeit verloren sie zwar ihre nord­ württembergischen Siedlungsgebiete, konn­ ten aber dafür das Elsaß, die Nordschweiz und den Landstrich zwischen Iller und Lech in Besitz nehmen. Gleichzeitig wurden die Alamannen Nachbarn der germanischen Völker der Ostgoten und später der Lango­ barden, die im 6.Jahrhundert (zeitweise) Ita­ lien beherrschten. Die Alamannen suchten besonders den Kontakt zu den mächtigen Ostgoten, um sich gegen die Franken zu behaupten. Dies gelang bis 536 n. Chr. An­ schließend mußten sie sich aber der Macht der Franken beugen. Daran konnten auch gelegentliche Aufstände nichts mehr ändern. Erste Ausgrabungen: 1938 und 1984/85 Schwenningen wurde erstmals im Jahre 817 in einem Diplom Kaiser Ludwigs des Frommen als „Swaningas“ urkundlich er­ wähnt. Allerdings wurden 1938 vier Gräber aus dem frühen Mittelalter geborgen. Damit mußte die Möglichkeit in Betracht gezogen werden, daß Schwenningen auf eine alaman­ nische Gründung zurückgeht. Da für diese Zeit, wie auch für die folgenden Jahrhun-

derte, keine historischen �eilen über Schwenningen umfassend berichten, bieten nur archäologische Ausgrabungen die Mög­ lichkeit, die damaligen Verhältnisse zu re­ konstruieren. Ein Friedhof, der vollständig ausgegraben werden kann, ergibt für diese Arbeit hervor­ ragende Ansatzpunkte. Zuerst lassen sich die grundsätzlichen demographischen Werte, wie z.B. zahlenmäßige Größe einer Bevölke­ rung, durchschnittliche Lebenserwartung, Zahlenverhältnis zwischen Frauen – Män­ nern – Kindern etc. mit einiger Genauigkeit bestimmen. Das eigentliche Grab erlaubt Rückschlüsse auf den Totenkult und auf die Jenseitsvorstellungen. Die Beigaben können auf der einen Seite wichtige Informationen zur sozialen Gliederung der Bevölkerung lie­ fern, auf der anderen Seite erlauben ihre Machart Hinweise auf technische Fähigkei­ ten und Handelsbeziehungen. Schließlich können spezialisierte Mediziner auch noch nach vielen Jahrhunderten typische Krank­ heiten, Verletzungen, Ernährungsgewohn­ heiten und in manchen Fällen ja sogar die Todesursache feststellen. Die bereits erfaßten Teile des Gräberfel­ des liegen ca. 400 m nördlich des histori­ schen Ortskernes und der evangelischen Gemeindekirche, am Ostabfall einer weitflä­ chigen Anhöhe mit Gewannbezeichnung „Auf der Lehr“ (Abb. 2). Der Untergrund der Fundstelle wird aus dem Bunten Mergel des Lettenkeupers gebildet, der mit kompaktem mittel- bis gelbbraunem Lehm überlagert ist. Diese Bodenverhältnisse erschwerten die Ausgrabungsarbeiten ganz erheblich, und die Kalkarmut des Bunten Mergels ist für den schlechten Erhaltungszustand der Skelette und der organischen Grabbeigaben verant­ wortlich, die in diesen Schichten gelegen haben. Dies ergab eine erste chemische Grobanalyse des Bodens vor Ort. Wie schon Oberkonservator Dr. Fingerlin im Almanach 1987, 82-104, ausführlich dar­ gestellt hat, begann die archäologische Erfor­ schung im Juni 1938, als bei Erweiterungsar­ beiten im Hof der Firma W. Maier / Dau- chinger Str. 9, vier Gräber entdeckt wurden. Es ist dem Fachschullehrer 1. R. Rupp zu ver­ danken, der in der damaligen Zeit ein ehren­ amtlicher Mitarbeiter der Denkmalpflege war, daß wenigstens ein Frauengrab einiger­ maßen fachmännisch gehoben wurde. Dies war ein außergewöhnlicher Glücksfall, erbrachte doch dieses Grab einige der schön­ sten und wertvollsten Funde, die wir von den Alamannen kennen! Darüber hinaus wird es zu den wichtigsten Gräbern der Völkerwan­ derungszeit gezählt! Die kostbare Schmuck­ ausstattung umfaßte u. a. vier Fibeln, die aus massivem Gold, Silber und roten Edelstei­ nen gefertigt worden waren, sechs kleine gol­ dene Anhänger, silberne Schnallen und Beschläge, ein silberbeschlagenes Band mit Amulett und eine Gürtelschnalle. Wie oben dargelegt, entspricht dies der typischen Tracht des frühen 6.Jahrhunderts. Der Mate­ rialwert und die Verarbeitungsqualität sind aber so einmalig, daß die Tote ohne Zweifel zu den führenden hochadeligen Familien des Landes gehört hat. Im weiteren Verlauf behielten 1. R. Rupp, die Direktoren des Heimatmuseums (Dr. Ströbel, Dr. Reinartz) und das Landesdenk­ malamt diese wichtige Fundstelle im Auge, so daß dort im Zusammenhang mit einem Straßenbauprojekt 1984/85 eine großflä­ chige Grabung durchgeführt werden konnte. Die Funde von 1938 hatten gezeigt, daß auf Schwenninger Boden im 6. Jahrhundert eine Hochadelige gewohnt hatte. Bei den Ausgrabungen 1984/85 ging es weniger um die Bergung weiterer wertvoller Funde, als um die Frage, ob neben der Adeligen und ihrem Gesinde noch weitere Alamannen hier gesie­ delt hatten. Diese Fragestellung mag akade­ misch klingen, ist aber in Wirklichkeit für Schwenningen von erheblicher Bedeutung. Es geht dabei um nichts weniger als um den genauen Zeitpunkt der Gründung des Ortes Schwenningen. Am Ende dieser Grabungs­ kampagne waren Teile eines alamannischen Reihengräberfeldes mit über 100 Gräbern aufgedeckt. Da ein so großer Friedhof eine dazugehörige Siedlung voraussetzt, kann als 125

gesichert gelten, daß Schwenningen nicht erst um 817, sondern schon zu Beginn des frühen Mittelalters von Alamannen gegrün­ det worden ist! Die Keimzelle des Ortes wird der Wirt­ schaftshof einer hochadeligen Familie gewe­ sen sein, denn das 1938 gefundene Adelsgrab gehört immer noch zu den ältesten Bestat­ tungen des ganzen Friedhofs. An den Grä­ bern ließ sich auch die Entwicklung der Sied­ lung und teilweise ihre soziale und rechtliche Gliederung verfolgen. Vieles spricht dafür, daß die Bevölkerung im Verlauf des 6. und 7. Jahrhunderts langsam wuchs. Die aufgefun­ denen Beigaben vermittelten einen guten Eindruck von der Arbeit der Schmiede, Töp­ fer und Kammhersteller. Schmuckstücke, eine Münze, Trinkgefäße und andere impor­ tierte Gebrauchsgegenstände beiegten schon im Verlauf dieser Ausgrabung, daß auch die frühe Schwenninger Bevölkerung von der Ent­ wicklung der politischen Beziehungen zwi­ schen Alamannen und germanischen Rei­ chen in Italien nicht unberührt geblieben ist. Die Grabungskampagne 1989-1991 Nachdem ein Reihengräberfeld festge­ stellt worden war, mußten auch die Nach­ bargrundstücke in weitere Überlegungen einbezogen werden, da diese Friedhöfe erfahrungsgemäß größere Flächen bedek­ ken. Dabei ist es besonders wichtig, mög­ lichst den gesamten Friedhof archäologisch zu erfassen, denn je vollständiger ein Gräber­ feld ausgegraben werden kann, um so fun­ diertere Aussagen lassen sich dazu machen. Als 1989 in diesem Bereich Bauarbeiten zur Diskussion standen, wurde in den Som­ mermonaten der Jahre 1989 bis 1991 das Grundstück Mutzenbühlstr. 2-4 und Teile der Grundstücke Dauchinger Str. 13 bzw. Dauchinger Str. 11 ausgegraben. Diese Flä­ chen schließen direkt an die Grabung von 1984/85 an. Ziel dieser Kampagne war es, eine unkontrollierte Zerstörung zu verhin­ dern und weitere Informationen über Aus­ dehnung und Belegungsdauer des Friedho­ fes zu gewinnen. 126 Mit einer Ausnahme waren alle Gräber in Reihen angeordnet und Ost-West orientiert. Die Mehrzahl der Toten (38) waren in einfa­ chen Erdgräbern bestattet worden, aber auch Brettersärge, Steinkistengräber, ein Baum­ sarg und eine kleine Holzkammer mit Sarg konnten festgestellt werden. Anhand der Beigaben, teilweise auch an geschlechtsspe­ zifischen Merkmalen des Skelettes, konnten 12 als Frauen, 10 als Männer und 16 als Kinder identifiziert werden. Die restlichen Gräber waren ohne Beigaben oder so umfassend gestört, daß ohne weitere Untersuchungen keine Zuordnung möglich ist. Obwohl es unter schwerer Strafe stand, sind in antiker Zeit sechs Gräber so gezielt beraubt worden, daß sie entweder oberirdisch noch erkenn­ bar waren oder ihre Lage noch bekannt gewe­ sen sein muß. Nachfolgend sollen Teilaspekte von drei Gräbern etwas näher vorgestellt werden, die auf Grund ihrer Befunde oder Funde typisch für die letzte Grabungskampagne sind. Neben den schwierigen Bodenverhältnis­ sen stellte die neuzeitliche Bebauung des Areals ein weiteres Problem dar. Insgesamt waren ca. 50 0/o des Geländes überbaut und die Voraussetzungen für interessante Ergeb­ nisse schienen bei dieser Ausgangslage stark eingeschränkt zu sein. Trotzdem konnten noch 62 Gräber (davon ein Doppelgrab) geborgen werden, die wenigstens teilweise aussagefähige Funde und Befunde geliefert haben. Wie schon angedeutet, waren moderne Störungen ein Dauerproblem dieser Kampa­ gne. Dies muß aber keineswegs bedeuten, daß ein Grab für die wissenschaftliche Aus­ wertung vollständig verloren ist. Grab 141 lag auf dem Grundstück Mutzenbühlstr. im Bereich einer betonierten Rampe, die vor­ sichtig entfernt werden mußte. Kopf- und Oberschenkelbereich waren zwar erheblich gestört, aber zwei guterhaltene Bronzedraht­ ohrringe sowie ein Bronzearmreif mit einem Rautenmuster als Verzierung lagen noch in unveränderter Position (Abb. 3). Diese Bei­ gaben sind typisch für die Frauentracht des

späten 7. Jahrhunderts. Sie sind nicht nur bedeutsam für die Rekonstruktion der dama­ ligen Schwenninger Tracht, sondern auf Grund ihrer leichten zeitlichen Einordnung auch ein wichtiger Hinweis auf die Dauer der Belegung in diesem Bereich des Friedhofes. So hat sich die Mühe bei der Entfernung der Betonrampe in jeder Hinsicht gelohnt. Eine ganz andere Fundsituation ergab sich bei der Ausgrabung von Grab 178. Es war zwar gänzlich ungestört, mußte aber aus einer Tiefe von fast zwei Metern geborgen werden. Die Ausstatttung des Toten umfaßte mit Spatha, Sax, Messer, einem Feuerstein sowie einem reich verzierten Knickwandtopf typische Männerbeigaben (Abb. 4). In ver­ schiedener Zusammensetzung und Form finden sie sich häufig in Schwenninger Män­ nergräbern, wobei festzuhalten ist, daß zwei Schwerter eher die Ausnahme sind und als ein Indiz für eine etwas hervorgehobenere soziale Stellung gelten können. In der Regel war den Männern nur ein Hiebschwert, eine metallbeschlagene Gürtelgarnitur und noch ein Messer und ein Feuerstein mitgegeben worden. Auch eine Axt, ein Kamm, eine Gürteltasche und Gefäße wurden aus ver­ schiedenen Männergräbern geborgen. Auf Grund des großen Erddruckes und der aggressiven Bodenverhältnisse waren Teile des Oberkörpers verlagert und das gesamte Skelett bzw. die Beigaben aus Grab 178 in einem schlechten Erhaltungszustand. Trotzdem läßt sich eine Besonderheit sofort erkennen, die es verdient, hier kurz vorge­ stellt zu werden. In alamannischen Gräbern steht, so wollte es anscheinend der Toten­ kult, ein Gefäß fast immer bei den Füßen des Verstorbenen. Hier hatte man ganz offen­ sichtlich Platzprobleme und so griff man zu einer einfachen, wenn auch drastischen Lösung: der rechte Unterschenkel wurde um mehr als 90° abgewinkelt und auf das linke Knie gelegt. So erhielt man gerade genug Platz für das Gefäß. Diese Handlung mag belegen, wie wichtig diese Beigabe für die Jenseitsvorstellungen war. Darüber hinaus ist auch die reiche Verzierung des Gefäßes ausgesprochen ungewöhnlich. Drei hori­ zontal umlaufende Zonen wurden mit einge­ stempelten Mustern sorgfältig gefüllt. Nach der Bergung wurden auf der Höhe des Bauch­ umbruches noch hervorgehobene vertikale Rippen und abgrenzende Rillen festgestellt. Allerdings war der Gegensatz zwischen her­ vorragender Gestaltung und sehr schlechter Verarbeitung (Magerung und Brand) eine unerwartete Überraschung. So wirft die Ent­ deckung dieses seltenen Gefäßes neue Fra­ gen auf. An vergleichbaren Fundstücken wird zu prüfen sein, ob die schlechte Verar­ beitung nicht damit zu erklären ist, daß der­ artige Gefäße gar nicht für den täglichen Ge­ brauch, sondern speziell als Grabbeigaben produziert worden sind. Diese Einschrän­ kung ändert aber nichts an der Tatsache, daß Größe und außergewöhnlich reiches Dekor das Gefäß aus der Masse der alamannischen Keramik herausheben und es schon zu Leb­ zeiten seines Besitzers zu einem besonderen Wertgegenstand machten. Das Fundstück gehört zu den interessantesten alamanni­ schen Keramikarbeiten, die bisher in Süd­ westdeutschland gefunden worden sind (Abb. 5). Bereits bei der Besprechung von Grab 141 ist die Frauentracht kurz dargestellt worden, wobei die Mode aus der Endphase der Belegung des Friedhofes und die schwie­ rigen Bergungsbedingungen im Vorder­ grund standen. Als Gegenbeispiel sollen hier noch einige Aspekte des Grabes 200 ange­ führt werden, da es in einem ganz anderen historischen, sozialen und trachtgeschichtli­ chen Zusammenhang steht. Wie Grab 178 mußte es aus einer größeren Tiefe geborgen werden, was interessante Funde und Befun­ de erwarten ließ. Diese Hoffnung wurde voll und ganz erfüllt. Das Grab beinhaltete die sterblichen Überreste einer Frau, die um Mitte des 6.Jahrhunderts mit ihrer komplet­ ten Tracht und reichen Beigaben bestattet worden war. Bevor wir einen näheren Blick auf einen Teil dieser Ausstattung werfen, sei nochmals daran erinnert, daß seit 536/537 die politische Bindung der Alamannen an · die fränkische Oberhoheit feststand. Schon 127

Abb. 5 Schwenningen. Grab 178, Detailzeichnung des Gefäßes nach der Bergung. Es lag direkt am linken Unterschenkel,· deutlich sind drei stempelverzierte Zonen zu erkennen. aus diesem Grund sind fränkische Elemente in alamannischen Gräberfeldern möglich, so wie sich bereits in Schwenningen die alamannischen Kontakte nach Italien haben nachweisen lassen. Ein typisches Pro­ dukt des fränkisches Rheinlandes ist nun ein 14 cm hoher, hellgrüner kunstvoll ge­ drehter (tordierter) Glasbecher, der zusam- 128 men mit einer sehr gut erhaltenen Ton­ flasche zu Füßen der Toten lag (Abb. 6). An der rechten Schulter wurde eine silbervergol­ dete S-Fibel (Gewandschließe) mit fünf roten Edelsteineinlagen gefunden (Abb. 1). Von einer Halskette stammen drei kleine runde Goldblechanhänger (Abb. 7), zu der u. a. auch drei sorgfältig geschliffene Ame-

Abb. 6 Schwenningen. Grab 200, kunstvoll gedrehter (tordierter) Glasbecher während der Restaurierung im Landesdenkmalamt Freiburg. Höhe: 14 cm. Abb. 7 Schwenningen. Grab 200, runde Gold­ blechanhänger von einer Halskette. thystperlen gehörten. Weitere Bestandteile des Trachtensembles waren ein Gürtel­ gehänge mit diversen Anhängern, einem Messer und einem Kamm sowie Schnallen und Riemenzungen vom Schuhwerk. Die Ausstattung läßt Wohlstand und Ge­ schmack erkennen. Sicherlich wird man die Frau zur örtlich führenden Schicht zählen dürfen. Die Inventare der hier vorgestellten Frau­ engräber stehen für die Anfangs- bzw. End­ phase des Friedhofes. Gleichzeitig sind sie Beispiele für soziale Unterschiede und Ver­ änderungen in der Mode. Die Gräber 141 und 200 wurden ausgewählt, weil ihre Beiga­ ben deutliche Unterschiede erkennen lassen. Die übliche Frauenausstattung umfaßte aber nur eine Halskette aus Glasperlen, eine Gür­ telschnalle und ein Messer. Allerdings konn­ ten auch einige hervorragend erhaltene Bernsteinkolliers geborgen werden. Neben erwachsenen Frauen und Män­ nern sind auch Kinder auf dem Schwennin­ ger Friedhof beerdigt worden. Auffallig ist ihre große Zahl (16) und ihre Lage im Gräber­ feld. Zwei von ihnen lagen als Nachbestat- tungen in einem Männergrab, fünf andere Gräber fanden sich in einem sehr eng begrenzten Bereich. In der Regel waren sie ohne Beigaben oder nur mit einem kleinen Messer begraben worden. Eine Ausnahme machen zwei Bestattungen, deren Inventar je einen Kamm, einen Knickwandtopf, eine sehr qualitätsvolle Perlenkette bzw. eine Gürteltasche umfaßte. Grab 168: Ein wichtiger medizinhistorischer Fund Schon bei der Ausgrabung von 1984 konnte an einem Skelett ein interessanter medizinischer Befund und dessen Folgen für den Totenkult beobachtet werden. Im Jahre 1990 konnte ein weiterer Fund gemacht wer­ den, der unser noch sehr begrenztes Wissen über die medizinische Versorgung des frü­ hen Mittelalters erheblich erweitert. Grab 168 befand sich nur wenige Zentime­ ter unter dem Betonboden einer Garage. Wahrscheinlich war es schon in antiker Zeit beraubt worden. Auf jeden Fall wurde es nach 1875 durch die Anlage einer Grube gestört, wie das Prägedatum eines Pfennigs 129

aus dieser Störung belegt. Zwischen den wenigen noch vorhandenen Skelettresten, die sich im kompakten hellbraunen Lehm gut erhalten haben, fand sich ein größeres Metallfragment, das nach seiner Restaurie­ rung im Landesdenkmalamt als Teil eines Bruchbandes indentifiziert werden konnte (Abb. 8). Bruchbänder sind medizinisch-orthopä­ dische Hilfsmittel. Brüche und Bruchbänder waren auch im antiken Ägypten, Griechen­ land und Rom bekannt. Aus frühmittelalter­ lichen Fundkomplexen sind bisher 15 Bruch­ bänder aus Frankreich, Italien, Spanien und der Schweiz bekannt geworden. Die besondere Bedeutung des Schwen­ ninger Fundes liegt in der Tatsache, daß damit erstmals in Deutschland die medizini­ sche Diagnose eines Bruches und die Ver­ wendung eines Bruchbandes zu dessen The­ rapie nachgewiesen werden konnte. Weder in Baden-Württemberg, noch in anderen Teilen Deutschlands ist bisher ein vergleich­ bares Fundstück ausgegraben worden. Brüche, in der medizinischen Terminolo­ gie Hernien genannt, sind Auswölbungen der Eingeweide durch die vordere oder rück­ wärtige Bauchdecke. Sie treten an Stellen verminderter Festigkeit der Bauchdecke auf und können angeboren sein oder durch Erkrankungen und Reflexe z.B. Husten, die den Druck in der Bauchhöhle verstärken, ausgelöst werden. Meist sind Männer von Hernien betroffen. Modeme Untersuchun­ gen konnten belegen, daß schwere körperli­ che Arbeit Brüche nicht verursachen, aber deren Entstehung fördert. In der Regel treten sie im Bereich der Oberschenkel, des Hoden­ sackes, der Leiste, des Nabels und innerhalb ehemaliger Narben auf. In die Ausstülpung (Bruchsack) können Organe oder Organteile, z.B. Dick- oder Dünndarm, verlagert sein. Solange ein Bruch nicht zu einer lebens­ bedrohlichen Situation wie z.B. einem Darmverschluß führt, ist ein chirurgischer Eingriff nicht nötig. Ein Bruchband, das den Bruchsack zurückhält und fixiert, reicht völ- 130 lig aus, um weiterhin ein relativ normales Leben zu führen. Allerdings darf sich der Patient nicht mehr schwerer körperlicher Belastung aussetzen. Das Schwenninger Bruchbandfragment besteht aus einem halbrunden 24 cm langen eisernen Ring, das in einer rechtwinklig nach unten abgeknickten Druckplatte (Pelotte) von 5 cm Länge endet. Ring und Pelotte waren im Originalzustand wahrscheinlich länger bzw. größer und sicherlich gepolstert, um das Tragen zu erleichtern. Das Bruch­ band wurde dem Patienten wahrscheinlich wie ein Gürtel und in der Art angepaßt, daß die Druckplatte auf dem Bruchsack zu liegen kam und ihn so fixierte. Dr. K. W. Alt vom Institut für Humange­ netik und Anthropologie/Universität Frei­ burg, der das Bruchband untersuchte, konnte feststellen, daß es für eine Leistenher­ nie der linken Körperseite hergestellt worden ist. Nach seinen Ergebnissen stammen die Skelettreste auch mit Sicherheit von einem Erwachsenen, wobei es sich wahrscheinlich um einen Mann gehandelt hat. Schwierigkei­ ten ergaben sich bei der exakten Datierung des Grabes, da es stark gestört war und sich keine weiteren Beigaben gefunden haben. Allerdings fand es sich sehr flach unter der Oberfläche, was bisher ein Indiz für Gräber der jüngeren Belegungsphase gewesen ist. Dies und seine Lage im Gräberfeld sprechen dafür, daß es in die zweite Hälfte des 7.Jahr­ hunderts zu datieren ist. Das Schwenninger Fundstück ist für die deutsche medizinhistorische Forschung von sehr großem Interesse. Gleichzeitig ist das Bruchbandfragment ein schönes Beispiel dafür, daß einem unscheinbarem Stück Metall ein erheblich höherer wissenschaftli­ cher Wert zukommen kann, als so manchem wertvollen Schmuckstück. Ergebnisse und Ausblick Kurz nach Abschluß der Grabung und noch lange vor Beendigung der Restaurie­ rungsarbeiten können noch keine endgülti­ gen Aussagen zur Kultur-, Wirtschafts- und

Abb. 8 Schwenningen. Grab 168, halbrundes eisernes Bruchban4fragment mit Druckplatte (Pelotte). Gesamtlänge: 29 cm. Siedlungsgeschichte gemacht werden. Zer­ drückte Gefäße müssen z.B. zuerst ihre alte Form wiedererlangen, Metall muß von sei­ nem Rost befreit werden, damit das alte Dekor wieder sichtbar wird, bevor eine exakte Beurteilung erfolgen kann. Daneben ist eine genaue Auswertung des Gräberfeld­ planes unabdingbar. Für die Untersuchung der sterblichen Überreste konnte mit Dr. habil. K. W. Alt ein sehr erfahrener Bearbei­ ter gewonnen werden. Die archäologische Auswertung wird im Rahmen einer Doktor­ arbeit durchgeführt. Nach dem momentanen Bearbeitungs­ und Restaurierungsstand deuten sich vier Zeitebenen der Belegung des Friedhofes an. Eine ältere Ebene mit Gräbern aus dem 6. Jahrhundert und der Zeit um 600 sowie eine jüngere Ebene mit Bestattungen aus der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts bzw. der Zeit um 700. Diese Datierung wird sich im Verlauf der Auswertung sicherlich noch wei­ ter verbessern lassen. Schon während der Ausgrabung zeichneten sich in diesem Bereich des Friedhofes Grabgruppen ab. Dies könnte ein Indiz dafür sein, daß an die­ sen Stellen einzelne Familien oder Hofge­ meinschaften regelmäßig ihre Toten bestat­ tet haben. Auch wurde schon deutlich, daß zwischen Grabtiefe und Grabalter ein Zusammenhang besteht. Die Toten des 6. Jahrhunderts sind in der Regel tiefer beerdigt worden als die Toten aus der jüngeren Zeit­ ebene. Für eine aussagefähige Bewertung müssen aber auch die Ausgrabungen von 1938, 1984/85 und diverse Zufallsfunde berücksichtigt werden. In diesem Zusam­ menhang sollte auch überprüft werden, ob nicht durch die natürliche Erosion des Han­ ges, antike Beraubung und moderne Störun­ gen die jüngeren Gräber zu Gunsten der älte­ ren Gräber unterrepräsentiert sind und so möglicherweise ein verzerrtes Bild entsteht. Ausgehend von Einzelfunden und allge­ meinen Beobachtungen läßt sich immerhin schon sagen, daß Schwenningen auf eine ala­ mannische Siedlung zurückgeht. Wie schon Dr. Fingerlin im Almanach 87, Seite 104, aus­ führlich dargestellt hat, steht am Beginn der Ortsgeschichte die Ansiedlung eines Adels­ hofes. Nach Aussage des 1938 geborgenen Adelsgrabes kann man davon ausgehen, daß die Anfange der Siedlung auf die Initiative einer hochadeligen Familie zurückgeht, die zu den führenden Familien der Alamannen gehört hat. Durch das ganze 6. und 7. Jahrhundert läßt sich ein stetiges Wachstum der Bevölke- 131

rung verfolgen. Im Inventar der Gräber erkennt man eine wohlhabende bäuerliche Bevölkerung, in der es aber durchaus soziale Unterschiede gegeben hat. Importfunde aus Norditalien und dem fränki chen Rheinland belegen, daß die politischen und wirtschaft­ lichen Beziehungen der Alamannen zu Ost­ goten, Langobarden und Franken auch bei der damaligen Schwenninger Bevölkerung ihre Spuren hinterlassen hat. Neufunde wie z. B. die Bernsteinketten ergänzen das Bild und erlauben eine genauere Rekonstruktion der damaligen Mode. Durch die nun vergrö­ ßerte Zahl von Funden und Befunden steht die Basis für die zukünftige Auswertung auf einer besseren Grundlage. Um 700 bricht dann die Belegung des Friedhofes ab. Da man diese Phänomen auch auf anderen alamannischen Friedhöfen beobachten kann und die weitere Entwick­ lung dort besser verfolgt werden konnte, darf damit gerechnet werden, daß auch in Schwenningen zu dieser Zeit der Friedhof zu einer Kirche verlegt worden ist. Die nahege­ legene evangelische Gemeindekirche käme dafür in Frage. Für die Beurteilung der Frühgeschichte Schwenningens steht bisher nur das Gräber­ feld zur Verfügung. Aus diesem Grund ist es für die Ortsgeschichte eine �eile ersten Ranges! Darüber hinaus hat es schon jetzt durch wichtige Importfunde und völlig sin­ guläre Einzelfunde einen wichtigen Platz in der Forschung eingenommen! Mit Sicherheit wird das Reihengräberfeld als einzige alamannische Fundstelle auf der Gemarkung Schwenningens und als einer der wenigen frühen mittelalterlichen Fund­ plätze der Baar, der einigermaßen vollstän­ dig erforscht worden ist, auch in Zukunft für die BodendenkmalpAege von großer Bedeu­ tung sein, denn die Grenzen dieses Fried­ hofes sind noch nicht erreicht. Das Engagement Schwenninger Bürger hat zur Sicherung der ersten Funde geführt. Das Landesdenkmalamt hat die Lokalisie­ rung, Bergung, Restaurierung und wissen­ schaftliche Auswertung des Gräberfeldes 132 durchgeführt bzw. übernommen. Die Stadt Villingen-Schwenningen wird eines Tages sicherlich einen Rahmen für die Präsenta­ tion der zahlreichen Neufunde finden. An dieser Stelle sei der Stadt (Herrn Bür­ germeister Kühn; Herrn Dr. Reinartz, Hei­ matmuseum – Stadtchronik; Herrn May, Baurechtsamt) sowie Herrn Landrat Dr. Gut­ knecht und Herrn Stadtwerksdirektor Dr. Schlenker für ihre organisatorische Hilfe sehr herzlich gedankt. Besonderer Dank gebührt auch den Herren Waitzenegger und Wehrle/Tiefbau- bzw. Liegenschaftsamt, Frau Stübler/Garten- und Friedhofsamt, Herrn UngerNermessungsamt, dem Polizei­ revier Schwenningen und den Mitarbeitern der Bäderverwaltung, des städtischen Bau­ hofes und des Forstamtes, ohne deren prak­ tische Hilfe dieses Projekt nicht möglich gewesen wäre. Dies gilt auch in spezieller Weise für die sehr kooperative Haltung der Grundstücks­ eigentümer und der Bauträger. Es ist daher eine angenehme Pflicht, Frau M. Schael, der Firma Eggert-Gött-Immobilien und der Volksbank Schwenningen (Herrn Direktor Arnold) für die Unterstützung und Förde­ rung unserer Arbeit besonders zu danken. Gaetano Oehmichen L i t e r a t u r h i n w e i s e: W. Veeck, Ein alamannisches Frauengrab aus Schwenningen a. N. Germania 23, 1939, 40. R. Christlein, Die Alamannen. Archäolo­ gie eines lebendigen Volkes (1978), 100. 165 Taf 48. G. Fingerlin, Ein Reihengräberfeld der Merowingerzeit aus Schwenningen, Stadt Villingen-Schwenningen, Schwarzwald­ Baar-Kreis. Archäologische Ausgrabun­ gen in Baden-Württemberg 1984, 177. Ders., Zum Abschluß der Grabung im frühmittelalterlichen Reihengräberfeld von Schwenningen, Stadt Villingen­ Schwenningen, Schwarzwald-Baar-Kreis. Archäol. Ausgrabungen in Baden-Würt­ temberg 1985, 182. G. Oehmichen, Zur Wiederaufnahme der

Ausgrabung im frührruttelalterlichen Rei­ hengräberfeld von Schwenningen, Stadt Villingen-Schwenningen, Schwarzwald­ Baar-Kreis. Archäol. Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1990, 190. K. W. Alt, G. Oehmichen, Ein merowin­ gerzeitliches Bruchband aus Schwennin­ gen, Stadt Villingen-Schwenningen, Schwarzwald-Baar-Kreis. Archäologische Nachrichten aus Baden 3/4, 1992 (im Druck). K. W. Alt, G. Oehmichen, Einfrühmittel­ alterliches Bruchband aus dem alamanni­ schen Reihengräberfeld von Schwennin­ gen, Stadt Villingen-Schwenningen, Schwarzwald-Baar-Kreis. Fundberichte aus Baden-Württemberg 17, 1992 (im Druck). Der Römische Gutshof von Fischbach Ein Resümee zu den bisherigen Ergebnissen aus den jüngsten archäologischen Untersuchungen Der im Almanach 91 (Seite 95-100) ver­ i.iffentlichte Bericht über den römischen Gutshof von Fischbach auf dem Gewann „Bubenholz“ stand ganz im Zeichen des seit 1990 restaurierten Badegebäudes. Seit diesem Jahr nun sind die Untersuchungen des römischen Anwesen zu einem vorläufigen Abschluß gebracht worden, so daß nun ein Fazit gezogen werden kann, in dem neben dem historischen Stellenwert für Fisch­ bach auch die Grabungsergebnisse vorzustellen sind. Schon seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts sind Reste einer römischen Siedlungsstelle etwa 3 km südöstlich von Fischbach bekannt. Der Fundplatz erstreckt sich über einen die nähere Umgebung nach drei Seiten beherrschenden Höhenrücken. In einer schon zur damaligen Zeit intensiv bewirtschafteten Ackerfläche fanden sich Streufunde von Steinen -zumeist bearbeitet -und zahlreiche Fragmente von Leistenzie­ gel. Durch Pflugarbeiten wurden u. a. 1883 weitere bearbeitete Steinfragmente gefun­ den. Die auffälligsten waren ein aus rotem Sandstein zubehauener Quader mit einem an einem Schmetterling erinnernden Dekor, ein Gesimsstück aus weißem Sandstein mit vegetabilem Schmuck sowie zuletzt ein Frag­ ment eines Säulenschaftes mit Schuppen­ muster, der vermutliche Rest einer Jupiter­ säule. Über deren Verbleib haben wir heute keine Hinweise mehr. Im Gegensatz hierzu konnten zwei weitere wichtige Funde gemacht werden, die sich heute in den städti­ schen Sammlungen von Villingen befinden. Es handelt sich einmal um eine Bronze­ münze mit dem Porträt des Kaisers Galba (68/69 n. Chr.) und zum anderen um ein römisches Ziegelfragment mit dem Stempel der 11. Claudischen Legion. Beeinflußt nicht nur allein durch diesen Ziegelfund, sondern auch durch die ex­ ponierte Topographie des Fundplatzes, ent­ stand im Vorfeld der systematischen Unter­ suchungen der Eindruck, hier die Reste einer militärisch genutzten Anlage der Römer erkennen zu können, ein Eindruck, der sich aber bei den folgenden Untersuchungen zunächst nicht bestätigen sollte. Vielmehr konzentrierten sich in der Folge die entscheidenden archäologischen Aktivi­ täten auf die systematische Freilegung des am südwestlichen Hang, nicht unweit einer Q!ielle gelegenen Bades. Dieses Gebäude, etwas mehr als200 m von dem Scheitelpunkt des Höhenrückens entfernt, lag auf einer ehemals wohl landwirtschaftlich genutzten, terrassenartigen Fläche, die sich heute nur noch bedingt infolge von Erosionen in dem inzwischen bewaldeten Gelände abzeichnet. Die erste planmäßige Grabung in diesem Areal wurde von dem Oberförster Roth aus 133

Abb. 1: Fischbach, Römischer Gutshof. Blick in das Tepidarium des Badegebäudes während der Grabungen 1897 mit dem Obe,:forster Roth. Villingen 1897 durchgeführt (Abb. 1). Dank seiner Aufzeichnungen erhalten wir heute gewisse Aufschlüsse, in welchem noch her­ vorragenden Zustand sich das Badegebäude befand. Neben den unterschiedlichsten Zie­ gelfunden, Resten von farbigen Wandver­ putz mit vegetabilem Dekor und zahlrei­ chen Kleinfunden zählt der heute in dem Fischbacher Heimatmuseum ausgestellte Weihestein für die Göttin Fortuna (DE(ae) FO/RTUN/AE L · M[a]R(ius) Vl(cto]R … ) zu den wichtigsten Objekten, die während den gesamten Grabungskampagnen gebor­ gen werden konnten (Abb. 2). Nach der Freilegung des Badegebäudes versäumte man es, entsprechende Siche­ rungsmaßnahmen zum Erhalt des Denkma­ les zu ergreifen. Statt dessen war der archäo­ logische Befund mit der Zeit durch den 134 raschen Baumbewuchs, widrigen Witte­ rungseinflüssen, aber auch in jüngster Zeit vermehrt auftretenden Raubgrabungen zunehmend dem Verfall ausgesetzt gewesen. Dagegen war das Interesse innerhalb der archäologischen Forschung für dieses Gebäude sehr groß. Spätestens ab den 70er Jahren wurde dieser Fundplatz für die Denk­ malpflege wichtig, da nun besonders auf dem Hochplateau die Fundamente der Gebäude durch das ständige tiefere Pflügen bedroht wurden. Über die verschiedenen folgenden Maßnahmen seit 1985 wurde ent­ sprechend in kleineren Abhandlungen schon in den Almanachs 87, Seite 105-108, und 89, Seite 111-116, berichtet. Gerade unter dem Aspekt des öffentlichen Interesses an dem Kulturdenkmal „Römervilla Fisch­ bach“ wurde dann im Frühjahr 1988 mit der

erneuten Freilegung des römischen Badege­ bäudes begonnen (Abb. 3). Durch seine Nähe zu dem antiken Rott­ weil steht das römische Anwesen von Fisch­ bach in einem sehr engen historischen Bezug zu der ehemaligen wichtigen Stadt. Bekannt ist, daß ca. 50 n. Chr. zur Zeit des Kaisers Claudius die römischen Truppen erneut die Donau erreicht hatten. Zahlreiche längs des Flusses angelegte Kastelle -das westlichste in Hüfingen – dienten zur Sicherung der vor­ läufigen Grenze zwischen dem römischen Reich und den nördlich lebenden germani­ schen Völkern, bevor sich die endgültige · Grenze, der sog. Limes, nach Norden ver­ schoben hatte. Im Zusammenhang mit der Eroberung Südwestdeutschlands entstanden auch Sied- Abb. 2: Umzeichen des Weihesteinsfür die Göttin Fortuna. Vorlage aus: E. Wagner, Fundstätten und Funde … !, 1908, 107 Abb. 70a. „‚ @ , ___ … Abb. 3: Fischbach, Römischer Gutshof im „Bubenholz“. Schematischer Übersichtsplan. Stand 1992. Jungen, die sich schon ab dem ausgehenden 1.Jh., aber hauptsächlich im 2.Jh. n. Ch. zu florierenden Orten entwickelten. Zu einem der wichtigsten Städte in unserer Region zählte das antike Rottweil, welches sich aus sechs, in einem geringen Zeitabstand von­ einander entstandenen Kastelle gründete. Aufgrund der sehr günstigen Lage, am Ver­ kehrsknotenpunkt zweier wichtiger Verbin­ dungsstraßen, wurde Rottweil schon bald ein wirtschaftlich aufblühender Umschlag­ platz mit einer eigenen Verwaltung. Bereits in der flavischen Zeit (70-98 n. Chr.) erhielt sie den Titel „municipium“ mit dem Namen „arae flaviae“ (die flavischen Altäre), ein Namen, der uns auf der römischen Welt-und Straßenkarte, der sog. Tabula Peutingeriana, als „aris flavis“ überliefert ist. Sowohl die Munizipalrechte -Rottweil ist bis heute der einzig bekannte Ort für die römische Pro- 135

Abb. 4: Fischbach, Römischer Gutshof Rekonstruktionsvorschlagfiir Gebäude 3 (Wirtschaftshof). .. vinz Germania superior – als auch die gün­ stige Verkehrslage bestärken nachhaltig den histori eh hohen Stellenwert des antiken Rottweil (Abb. 8). Eng mit den Geschicken der Stadt ver­ bunden war natürlich auch der römische Gutshof. Er war einer von zahlreichen ländli­ chen Anwesen, die unmittelbar zu diesem Einzugsbereich gehörten. Überwiegend han­ delte es sich um einfache Güter, weniger um aufwendige Landsitze, wie im Stil der zur jüngsten Zeit untersuchten Prachtvilla von Heitersheim im Markgräflerland. Aufgrund der heute vorliegenden archäologischen Befunde können wir für unsere Region eine große Siedlungsdichte erwarten. Eine jewei­ lige genaue Bestimmung der ver chiedenen Siedlungsformen lassen sich nur dort ent­ sprechend definieren, wo u. a. großflächige Grabungen in jüngster Vergangenheit mög­ lich waren. Besonders erleichtert wird die archäologi- 136 sehe Arbeit durch den Einsatz von Luftbil­ dern, die ohne größeren Grabungsaufwand den Fundplatz in seiner Struktur und in sei­ nen Ausmaßen erkenntlich machen. Eine genaue Klassifizierung hingegen gibt nur die Untersuchung vor Ort. Neben den Kastellen, den dorfahnlichen Siedlungsplätzen (vici) und den Straßensta­ tionen (mansiones) zählen die Gutshöfe (vil­ lae rustica) zu den wichtigsten Siedlungs­ strukturen innerhalb der römischen Provin­ zen. Hierbei handelte es sich um ländliche Betriebe, die meistens mit einer Mauer oder mit Palisaden umschlossen waren, je nach der individuellen oder lokalen Beschaffen­ heit des Geländes. Die römischen Gutshöfe in der römischen Provinz Germania superior waren vorrangig landwirtschaftliche Be­ triebe mit Ackerbau und Viehzucht. Entsprechend den allgemeinen Vorga­ ben, wie ein römischer Gutshof aufgebaut war, können wir für die Anlage in Fischbach

von ähnlichen Voraussetzungen ausgehen, soweit es aus dem bisherigen archäologi­ schen Befund ersichtlich ist. Zum Grundty­ pus einer „villa rustica“ zählt das Hauptge­ bäude, das Herrenhaus [4], das meist einem Standardgrundriß folgt. Der häufigste Bau­ typ besteht aus einem rechteckigen Kernbau, in dem die Wohn- und Schlaftrakte indivi­ duell angeordnet sind. Neben solchen gibt es auch aufwendigere Varianten, wie das Schema einer Portikusvilla mit Eckrisaliten. Ihre Hauptcharakterista sind mehr oder weniger vorspringende, turmartige Eckbau­ ten, die durch eine Säulenhalle, dem Porti­ kus, miteinander verbunden sind und somit die repräsentative Schauseite der Villa nach­ drücklich betonen. Aufgrund der bisher vor­ liegenden Befunde, resultierend aus einigen Sondagen, möchte man das angesprochene Schema für das Fischbacher Herrenhaus vor­ erst übernehmen (Abb. 3). Weiterhin zählen zu den römischen Landgütern Stallungen, Scheunen und Wagenremisen, die zumeist direkt an die Hofmauer anliegen bzw. angebaut sind. Eher freistehend waren die Wohntrakte oder Unterkünfte für das Gesinde. Ihre Grund­ risse folgen nicht unbedingt einem einheitli­ chen Standard, sondern sie richten sich nach den jeweiligen Anforderungen, die sie zu erfüllen haben. In unserem Fall stellt sich eine sicherlich von anderen römischen Guts­ höfen abweichende Konstellation dar. Eine zu erwartende Ummauerung für die Hofanlage ist nicht nachweisbar, wobei durch die besondere topographische Gege­ benheit eine Einzäunung nicht unbedingt zwingend vorauszusetzen ist. Schätzungs­ weise dürfte die Gesamtausdehnung des Anwesens mit dem Herrenhaus ca. 4 ha betragen haben. Bemerkenswert ist aber die Tatsache, daß uns trotz des sicherlich bescheidenen archäologischen Befundes eine interessante Situation erhalten ist, in der scheinbar die Gebäude [1] bis [3] (Abb. 3) eine symmetrische Einheit bilden, die sicher­ lich in ihrer endgültigen Gesamtheit einen repräsentativen Eindruck hinterlassen haben wird. Vermittelt wird dies ausschließlich bei der Betrachtung der Grundrisse aus der jün­ geren Bauperiode. Davon ausgehend meh­ rere Bauphasen für die einzelnen Gebäude bestimmen zu können, müssen wir letztlich festhalten, daß die älteren Bauten in ihrem Aussehen nicht identisch waren, wie es durch den jüngeren Grundriß den Anschein hat. Somit relativiert sich die symmetrische Komposition. Denn der sog. Endzustand entspringt nicht einer einheitlichen bauli­ chen Konzeption, sondern sie ergab sich durch die verschiedenen Bauperioden zu dem jetzt vorliegenden Aussehen. In Anbe­ tracht dessen, daß jedem Gebäude eine bestimmte Funktion zugeteilt worden ist, unterscheiden sie sich vor allem im Aufge­ henden. Bei den Grabungen von 1985 konnten drei Gebäude in unterschiedlichem Erhal­ tungszustand teilweise freigelegt werden. Bei dem westlichen Gebäude [3] können wir auf­ grund seiner baulichen Struktur, der Anrei­ hung einzelner, wohl nicht mehr detailliert bestimmbarer Funktionsräume an der Ost­ und Südseite von einem Wirtschaftshof sprechen. Die Räume öffnen sich zu einem Innenhof, der im Norden und im Westen durch eine Hofmauer eingefaßt war, denen pfostengestützte Pultdächer an der Innen­ seite angesetzt waren (Abb. 4). Für das mittlere und größte Gebäude [2] innerhalb der Dreierkonstellation stellt sich der archäologische Erhaltungszustand zwar günstiger dar, wobei die funktionellen Berei­ che ebenso wage zu bestimmen sind. Dieser zunächst als Hauptgebäude angesprochene Trakt weist drei unterschiedliche Bauphasen auf. Um einen älteren Kernbau folgen in zwei weiteren Perioden An- bzw. Zubauten. Hinsichtlich seiner ursprünglichen Nutzung fehlen die Anhaltspunkte. Es überwiegen aber solche Ergebnisse, aus denen klar wird, daß es sich hierbei nicht um die eigentliche Landvilla handeln kann. Allein schon durch die Tatsache, daß der Fundplatz seit langem landwirtschaftlich genutzt wird, spricht für eine geringe Steinschuttlage. Wollte man 137

Abb. 5: Fischbach, Römischer Gutshof. Rekonstruktionsvorschlagfür Gebäude 2 (tt. a. Gesindehaus ?). einen Steinbau rekonstruieren, setzte dies natürlich eine größere Versturzlage voraus, die bei der Größe des Gebäudes eine land­ wirtschaftliche Nutzung jenes Areals zumin­ dest erschwert hätte, auch dann, wenn das Steinmaterial teilweise für Bauten in näch­ ster Umgebung Wiederverwendung gefun­ den hätte. Dann darf auch nicht unerwähnt bleiben, daß für Villen dieser Art die typi­ sche Bodenheizung vollkommen fehlte. Der exponierte Platz des Gebäudes auf dem Scheitel der Anhöhe des Gewanns „Buben­ holz“ spricht gegen eine geschützte Wohn­ lage, die jeder römischen Landvilla in der Regel eigen war. Die weniger sorgfältigen baulichen Ausführungen der Erweiterungen verstärken zu dem eine gewisse Skepsis, ge­ genüber der Vermutung, hier einen „reprä­ sentativen Wohnbau“ annehmen zu kön­ nen. Bei Betrachtung des Geländes mag möglicherweise die Theorie vertreten wer­ den, hier als ältesten Bau einen militärischen Posten anzunehmen, der spätestens mit der Konsolidierung der nördlichen Grenzen seine Aufgabe verloren hatte. Die schon vor­ handene Bausubstanz wurde somit für das Gebäude (2] weiter genutzt (Abb. 5). Am schlechtesten hat sich das östliche Gebäude (1] erhalten. Die jüngsten Untersu­ chungen ergaben nur wenige Aufschlüsse, aus denen eine gesicherte Rekonstruktion abzuleiten wäre. Das wenige, welches sich erhalten hat, läßt vermuten, in diesem Bau­ trakt eine Scheune, einen Getreidespeicher 138 zu sehen, der im westlichen Teil eine pfo­ stengestützte Überdachung vorgelagert war. Auch hier begrenzte eine Mauer den offe­ nen, schmalen Innenhof analog zu dem westlichen Wirtschaftsgebäude (Abb. 6). Zusammenfassend können wir anhand der vorgeschlagenen Rekonstruktion fest­ stellen, daß uns trotz eines spärlichen archäologischen Befundes eine interessante Konzeption erhalten ist, in der scheinbar drei Gebäude eine symmetrische Einheit bil­ den, die beurteilt nach ihren Grundrissen einen repräsentativen Eindruck hinterlassen. Dieses Bild wird dann etwas reduziert, lassen wir die Rekonstruktionsvorschläge gelten (Abb. 4-6). So wird jedes einzelne Gebäude aufgrund seiner Funktion ein anderes Ausse­ hen erhalten. Der symmetrische Charakter geht dabei aber weitgehend verloren. Faßt man das gewonnene Fundmaterial aus den verschiedenen Grabungskampagnen seit 1897 zusammen, so ist bei aller Unter­ schiedlichkeit das qualitativen Fundspek­ trums festzustellen, daß nicht nur die Anlage in mehreren Perioden zu dem jetzt vorlie­ genden Bild zusammengewachsen ist, son­ dern daß spätestens zum beginnenden 2.Jh. n. Chr. der römische Gutshof entstan­ den sein wird. Sicherlich in kurzen zeitlichen Abständen werden die fünf bis heute bekannten Gebäudeeinheiten entstanden sein. Im Laufe jenes Jahrhunderts werden auch die baulichen Veränderungen erfolgt sein. Verglichen mit den Fundplätzen von

Rottweil haben sich für den Fischbacher Gutshof nur ein bescheidene Anzahl an Kleinfunden erhalten, die in ihrer Bestim­ mung weitgehend mit der aus Rottweil ver­ gleichbar ist. Sie vermittelt zudem in ihrer Gesamtheit ein zeitliches Spektrum, aus dem sich die Nutzungsdauer unseres Guts­ hofes ablesen läßt. Das Fundmaterial reicht vom letzten Viertel des 1. bis zum ersten Viertel des 3.Jahrhunderts. Diese vor allem der Terra sigillata-Ware zu verdankenden Datierung darf aber nicht darüber hinweg­ täuschen, daß die ältesten dort gefundenen Fragmente nicht identisch mit der Entste­ hung der Anlage sein müssen. Vielmehr gelangen diese Kleinfunde, welche vor­ nehmlich in Südgallien hergestellt worden sind, auch zu einem späteren Zeitpunkt erst auf den Fischbacher Gutshof. Das bedeutet, daß das Datum der ältesten Terra sigillata nicht mit der Entstehung der Anlage über­ einstimmen muß. Aufgrund solcher Über- legungen empfiehlt es sich für unsere Anlage eine Entstehung in das beginnende 2.Jahr­ hundert vorzuschlagen. Ganz anders hingegen verhält es sich mit der Datierung der jüngeren Keramik in Ver­ bindung mit unserem Baubefund. Auffal­ lend ist hierbei der Umstand, daß der für das frühe 3.Jahrhundert zu datierende Keramik­ bestand in seiner Q!iantität vergleichsweise rapide abnimmt. Dies belegt aber, daß späte­ stens um die Mitte des 3.Jahrhunderts die Gutshofanlage verlassen war. Sicherlich stand dies im engen Zusammenhang mit den um 233 einsetzenden Alamanneneinfällen in Bereich des antiken Rottweil. Eine durch Brand verursachte Zerstörung war nicht fest­ zustellen. Vielmehr spricht der archäologi­ sche Befund von einer allmählichen Auf­ gabe des ländlichen Anwesens. Wahrschein­ lich werden die Bewohner sich auf das geschützte linksrheinische Gebiet zurückge­ zogen haben. Abb. 6: Fischbach, Römischer Gutshof Rekonstruktionsvorschlag.fti.r Gebäude 1 (Getreidespeicher). 139

XI -C -P-F (Legio XI Claudia Pia Fidelis) (Abb. 7 a). Diese Legion war in den Jahren zwischen 70 und 101 n. Chr. in Vindonissa, dem heutigen Windisch (CH), stationiert gewesen. Eine Abordnung davon lag viel­ leicht in Rottweil, zumindest zählte dieser Standort zu deren Kommandobereich. Der zweite Stempel benennt die 1. Biturigerko­ horte: COH – I – BITUR (Cohors I Bitur­ gium), die vor 122 n. Chr. ebenfalls ihren Standort in Rottweil hatte (Abb. 7 c). Mit dem dritten Ziegelstempel wird für Fischbach die 1. Flavische Kohorte Domiti­ ana: COH- I-F-P-F-D (Cohors IFlavia Pia Fidelis Domitianae) genannt, die in die­ ser Leseart nach den bisher vorliegenden Kenntnissen eine für Rottweil nicht erwähn­ te Truppeneinheit vorstellt. T rillt die Bestim­ mung zu, dann haben wir eine weitere militä­ rische Einheit, die voraussichtlich zur Regie­ rungszeit des Kaisers Domitian (81-96 n. Chr.) in der Umgebung von Rottweil oder sogar in Rottweil selbst ihr Quartier hatte (Abb. 7 b). In Erinnerung zu dem Interpretationsvor­ schlag bei den ersten Entdeckungen unserer Anlage auf dem „Bubenholz“ vor mehr als hundert Jahren, wirft dieser besondere Zie­ gelfund erneut Fragen auf Waren vor dem Bestehen des römischen Gutshofes von Fischbach schon Bauten vorhanden gewe­ sen, die mit den zuletzt genannten Ziegel­ stempel in Verbindungen gebracht werden können? Auch wenn die Leistenziegel mit jenem Stempel im Caldarium des Villenba­ des in situ gefunden wurden, so incl sie doch erst in Zweitverwendung an diesen Fundort gelangt. Zwangsläufig stellt sich dann die Frage, ob die Ziegel ehemals zu einem Bau in direkter Umgebung von Rottweil gehörten, bevor sie dann als wertvolles Baumaterial in Zweitverwendung für das Fischbacher Vil­ lenbad benutzt wurden .. Alternativ hierzu besteht aber auch die Möglichkeit, daß die Ziegel direkt in Fischbach für einen heute nicht mehr bekannten Bau hergestellt wor­ den sind, und zwar durch die 1. Flavische Kohorte, die zum ausgehenden 1.Jahrhun- b Abb. 7: Fischbach, Römischer Gutshof Umzeich­ mmgen der in Fischbach gefundenen Ziegel­ stempel. Aus der Vielzahl der gestempelten Lei­ stenziegeln, von denen der größte Teil wäh­ rend der Grabung in der römischen Badean­ lage gefunden worden sind, ließ sich die Frage ableiten, gab es vor der Ent tehung des Gutshofes schon einige Bauten, die mit die­ sen Ziegelstempel in Zusammenhang gebracht werden können. Für Fischbach ken­ nen wir Ziegelstempel von drei verschiede­ nen Truppeneinheiten. Wir müssen vorerst davon ausgehen, daß alle Ziegel in Rottweil oder in näch ter Umgebung gestempelt wor­ den sind (Abb. 7). Tatsächlich nennen zwei der Fischbacher Stempel in ihrer eigenen gekürzten Form Truppenkontingente, die aus dem antiken Rottweil bekannt sind. Bei der ersten handelt es sich um die 11. Claudi­ scbe Legion, die treue und ergebene: LEG – 140

. •• • • •’Miltenberg ., •woUdUrn • . LOPOOUNUM •‘ Lodenburg 1 He, ……. , ….. � �) _l 1 Neckorburken� 1 1 1 •Psterburken . � Legionsloger • Auxiliorloger • Siedlung (CIVITATES-VICI) Römische Strossen Provinz Grenzen LIMES Obergermanischer� Roetischer LIMES _,/‘ .. . -­ ,….—–­ …….. /9 RAETIA „·“ 1 j / / / Basel Abb. 8: Römische Kastelle und Siedlungen in Südwestdeutschland im 1. und 2.Jahrhundert n. Chr. mit den wichtigsten Straßenverbindungen. 141

dert möglicherweise einen von vielen militä­ rischen Vorposten besetzten. Eventuell war der auffällige Mittelteil unseres Gebäudes [2] auf der Anhöhe des „Bubenholz“ in seinem Ursprung Teil einer militärischen Kleinan­ lage. Damit würde dann die schon zum Ende des letzten Jahrhunderts aufkommende Theorie, hier von einer militärischen Anlage zu sprechen, erneut eine Diskussion über den Stellenwert des Fundplatzes Fischbach entfachen. Abgesehen von der sehr hypothetischen Konstellation können wir für diesen strate­ gisch günstig gelegenen Komplex, über des­ sen Ausdehnung jegliche Hinweise fehlen, festhalten, daß spätestens zur Wende vom 1. zum 2.Jahrhundert, vor allem dann bei der nördlichsten Grenzsicherung durch den sog. obergermanischen raetischen Limes (Abb. 8), in dem gesicherten Hinterland, dem Dekumatland, militärische Anlage, der Art, wie wir sie dann für Fischbach vermuten, ohne sinnvolle Bedeutung gewesen wären. Und was läge dann nicht näher, als die schon vorhandene Bausubstanz in die zum begin­ nenden 2.Jahrhundert entstehende Guts­ hofanlage zu integrieren. Anhand der nun in Kürze vorgestellten Ergebnisse können wir für Fischbach einen größeren Gutshof erwarten, der letztendlich in seinen Dimensionen weit über das hinaus­ geht, was bis heute archäologisch bekannt ist. Mit Sicherheit handelt es sich um eine landwirtschaftliche Domäne, die, wie viele ihrer Art, nur im direkten Einzugsbereich des antiken Rottweil gesehen werden kann. Doch in einem Punkte scheint sich unsere Anlage von den übrigen bekannten Gutshö­ fen durch seine symmetrisch zueinander angeordneten Gebäudegruppe [1] bis [3] vordergründig zu unterscheiden, die in so einer Zusammensetzung vorerst als Unikat innerhalb unserer Region betrachtet werden muß. Zu bedenken ist wohl, daß bei dem Bad und den Gebäuden [l] bis [3] mehrere Perioden festgestellt worden sind. So kön­ nen wir eigentlich ausschließen, daß die Gebäude des römischen Gutshofes primär 142 nicht das Aussehen hatten, wie sich heute durch die Grundrisse der Eindruck vorder­ gründig darstellt (Abb. 3). Sicherlich haben wir mit dem römischen Gutshof von Fischbach ein nicht zu unter­ schätzendes Kulturdenkmal zwischen Vil­ lingen und Rottweil, das einem interessier­ ten Publikum wohl nicht vorenthalten wer­ den sollte. Um so vordringlicher wurde es, eine Konzeption zu entwerfen, wie man am besten den Besucher gezielt an das Objekt heranführen kann. Nachdem nun die Bade­ anlage durch Mithilfe des Staatlichen Hoch­ bauamtes, Rottweil, restauriert und mit einem Schutzdach versehen heute dem Publjkum zugänglich gemacht worden ist, lag es sowohl im Interesse der Gemeinde Niedereschach als auch der Archäologischen Denkmalpflege des Landes Baden-Württem­ berg, eine langfristige Präsentation des archäologischen Kulturdenkmales zu för­ dern, in welches dann auch das noch auszu­ grabende Herrenhaus mit den anderen römi­ schen Gebäuden auf dem „Bubenholz“ inte­ griert werden kann. Bisher besteht aus denk­ malpflegerischer Sicht keine unbedingte Notwendigkeit das vermeintliche Herren­ haus [4] freizulegen. Denn bis jetzt befindet sich der Fundplatz in einem von äußeren Störungen geschütztem Areal. Des weiteren muß aber auch berücksichtigt werden, daß der römische Gutshof von Fischbach einer von vielen Anlagen dieser Art in unserem Bereich ist, so daß auch aus wissenschafi:li­ chen Aspekten eine voreilig durchgeführte Grabung in nächster Zeit nicht zwingend ist. langfristig hingegen erhalten wir durch wei­ tere archäologische Untersuchungen wich­ tige aufschlußreiche Ergebrusse über die ländliche Siedlungsstruktur in römischer Zeit für den näheren Umkreis von Rottweil. Hierfür wird ein solch wertvolles archäologi­ sches Reservat, wie der Gutshof von Fisch­ bach, sicherlich einiges in der Zukunft bei­ tragen können. Dr. Peter Jakobs

Historischer Bergbau auf Gemarkung Niedereschach … . . . aus der Sicht des Geologen Durch die seit Anfang 1989 statifindenden Aktivitäten der Forschungs- und Arbeitsgemeinschaft für historischen Bergbau e. V. Niedereschach (kurz: FAG Bergbau) wurde das Interesse der Öffentlichkeit auf ein Stück Schwarzwälder Bergbaugeschichte gelenkt, das fast völlig in Vergessenheit geraten war. Der FA G Bergbau ist es gelungen, die Lage zweier alter Bergwerksstollen im Gelände genau zu lokalisie­ ren und deren Zugänge – bergmännisch Stollenmundlöcher genannt – mit Hi!fe eines Baggers freizule­ gen. Über die seitdem durchgeführten Untersuchungsarbeiten soll hier berichtet werden. Niedereschach mit den Ortsteilen Fisch­ bach, Kappel und Schabenhausen liegt am Ostrand des Mittleren Schwarzwalds und am Nordrand der Baar. Aus dieser Lage resul­ tiert, daß der Untergrund des gesamten Gemarkungsgebietes nahezu ausschließlich aus zwei verschiedenen Gesteinsarten aufge­ baut ist: 1. aus dem überwiegend rötlich-vio­ lett gefärbten Buntsandstein und 2. aus dem darüber lagernden gelblichen Muschelkalk. Die beiden, bereits geöffneten Stollen sind in verschiedenen Gesteinsarten ange- legt, oder wie der Bergmann sagt, aufgefah­ ren worden. Hierdurch lassen sich die Unter­ schiede der in den Stollen angetroffenen Mineralisationen erklären. Der Stollen am Kohlerberg am nordöstlichen Ortsrand von Schabenhausen ist unmittelbar an der Grenze zwischen Buntsandstein und Muschelkalk angelegt, in Gesteinen, deren Bildung in die Zeit vor 215 Millionen Jahren fällt. Das Interesse der früheren Bergleute war auf die hier auftretenden Kupfermine­ rale gerichtet. Primäre Erze sind vor allem Malachitkugeln (6Qfach vergrößert) 143

MalachiL auf AzuriL (JOQfach vergrößert) Fahlerz und Kupferglanz, die in Form fein­ ster Einsprenglinge in grünlichem, dolomiti­ schem Gestein auftreten. Durch Verwitte­ rungsprozesse haben sich hieraus in der Folge grüner Malachit und blauer Azurit gebildet, deren leuchtende Farben vermut­ lich die nach Bodenschätzen Ausschau hal­ tenden ehemaligen Bergleute anlockten. Daß der Abbau wohl kaum jemals gelohnt haben dürfte, ergibt sich allein daraus, daß die am stärksten vererzte Schicht nur knapp 40 cm dick ist und dort einen Kupfergehalt von ungefähr 0,2 0/o aufweist; das bedeutet, daß aus einer Tonne Gestein maximal 2 Kilo Kupfer hätten gewonnen werden können. Ganz andere Verhältnisse wurden in dem zweiten Stollen angetroffen, der im Gewann Mailänder zwischen Schabenhausen und Kappel geöffnet wurde. Hier ist der Stollen in der sogenannten Bleiglanzbank aufgefah­ ren. Bei der Bleiglanzbank handelt es sich um eine meist 20-30 cm dicke, dolomitische Schicht, in der Bleiglanz (PbS) in deutlicher Menge als kleine Körnchen auftritt. Die Blei­ glanzbank liegt geologisch-stratigraphisch 144 gesehen etwa 15 m höher als die am Kohler­ berg angetroffene Kupferschicht. Der mit bloßem Auge an den silbrig glänzenden Spaltflächen deutlich erkennbare Bleiglanz aus der Bleiglanzbank und der noch etwas höher gelegenen Spiriferinabank hat ver­ mutlich dem Gewann Silberhalde nördlich von Kappel seinen Namen gegeben. Gegen­ stand des früheren Bergbauinteresses war neben dem Blei der natürliche Silbergehalt des Bleiglanzes. Dieser war jedoch so gering, daß aus einer Tonne reinen Bleiglanzes, die man aus einer sehr großen Menge Gestein erst anreichern mußte, noch nicht einmal ein halbes Kilogramm Silber gewonnen wer­ den konnte. Wann im Schabenhauser Revier zum ersten Mal nach Erz geschürft wurde, wissen wir heute nicht genau. Denkbar ist, daß bereits die Römer während ihrer Anwe­ senheit in dieser Gegend solche ersten Berg­ bauversuche unternommen haben. Die in den Stollen sichtbaren Arbeitsspuren, die von der Arbeit mit Schlägel und Eisen her­ rühren, könnten auch aus römerzeitlichem Bergbau stammen.

Die ersten schriftlichen Hinweise auf den Bergbau bei Schabenhausen reichen bis zum 2. Oktober 1511 zurück, als Kaiser Maximi­ lian einer nach Osttirol gereisten Abord­ nung Rottweiler Bürger die Hälfte der Steuer aus dem Bergwerk, die dem Kaiser zustand, erließ. Aus dieser Urkunde geht auch hervor, daß die Rottweiler schon, wie es dort heißt ,,eine Zeit lang mit ihren merklichen Kosten“ abgebaut hatten. Weitere Nachrichten über den Bergbau im Raum Niedereschach-Scha­ benhausen-Kappel stammen aus dem Jahr 1520. Etwas reger scheint der Betrieb von 1602 bis 1608 gewesen zu sein, wie aus den Unterlagen des Hauptstaatsarchives Stutt­ gart hervorgeht. Es läßt sich jedoch nicht immer mit Sicherheit entscheiden, auf wel­ chen Gemeindeteil von Niedereschach sich die Berichte im einzelnen beziehen. Sehr wahrscheinlich auf die Abbaue zwischen Kappel und Schabenhausen bezieht sich der Bericht des Rottweiler Stadtarchivars Wil­ fried Hecht (vgl. Almanach 83, Seite 115-120), daß 1652 ein gewisser Michael Pal­ landt und zwei Helfer nach Verhandlungen, während denen immerhin 11 Maß Wein getrunken worden waren, von der Stadt Rott- weil als Experten für die Gruben verpflichtet wurden. Dort heißt es auch weiter, daß wie­ derholt Bier nach Niedereschach geschickt wurde, um die Bergbauspezialisten bei guter Stimmung zu erhalten. Trotz dieser intensiven Bemühungen hat man in den Gruben keine nennenswerten Erfolge erzielen können. In einem damali­ gen Gutachten heißt es, daß „der Unkosten höher als der ertragende Nutzen kommen möchte“. Die letzten Nachrichten aus dem Revier, die gegenwärtig bekannt sind, bezie­ hen sich auf die Verhältnisse bei Schaben­ hausen. Dort heißt es, daß 1780 und 1781 noch einmal einige Arbeiten unternommen wurden, die jedoch leider nur die zu Anfang dieses Artikels erwähnte und geologisch bedingte Unbauwürdigkeit der Gruben bestätigten. Dr. Manfred Martin Li t e r a t u r: Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Bü.-A58aB- 142 Hecht, W. (1974): Ein Rottweiler Sil­ berbergbauversuch am Nordrand der Baar. – Sehr. Ver. Gesch. u. Naturgesch. Baar, 30, S. 154-163; Donaueschingen. … aus der Sicht des Projektleiters Intensive Forschungen ergaben, daß zwi­ schen Kappel und Schabenhausen ein relativ großes Bergbaurevier bestand. Namen wie die Silberhalde in Kappel oder das Knappen­ loch mit seinem Haldenweg in Schabenhau­ sen lassen die Grenzen des Reviers erkennen. Einige Hinweise von älteren Mitbürgern, hauptsächlich aus Schabenhausen, führten in relativ kurzer Zeit zu dem Versuch, einen alten Stollen aufzuwältigen. Der Leiter des Staatlichen Forstamtes in Villingen-Schwen­ ningen, Herr Oberforstrat Hockenjos, gab seine Zustimmung, mit den Arbeiten im Knappenloch, Gewann Mailänder in Scha­ benhausen, am 3. 2. 1989 zu beginnen. Inner­ halb von nur knapp 4 Stunden war der Stol- len offen. Die Baggerarbeiten wurden kostenlos von der Firma Arnold Müller, Fischbach, durchgeführt. Die ersten Befahrungen ergaben erstaun­ liche Tatsachen. In dem Stollen befindet sich eine Brunnenstube, die äußerst sorgfältig mit Buntsandsteinen kanalartig eingebaut wurde und das auf die gesamte befahrbare Stollen­ länge von 112 m. Eine weitere Besonderheit bot die Abdek­ kung der Brunnenstube mit Buntsandstein­ platten. Sehr schnell stellte sich heraus, daß es sich um die erste befahrbare (begehbare) Brunnenstube handelte, die im süddeut­ schen Raum gefunden wurde. Die Sensation war perfekt. Weitere Nachforschungen erga- 145

Bergbaupinge vor der Aufwältigung des Stollens „Karl im Mailänder“ ben, daß mit dieser Brunnenstube schon vor der Jahrhundertwende die ersten Häuser ,,Auf den Höfen“ in Schabenhausen mit flie­ ßend Wasser versorgt wurden. Auch sonst hatte der Stollen einiges zu bieten. Sehr deutlich waren die Spuren zu erkennen, die durch den Vortrieb mit Schlä­ gel und Eisen entstanden sind. Damit ergab sich der Beweis, daß die früheren Knappen weder mit Schießpulver noch mit Hilfe des Feuersetzens gearbeitet haben. Holzschie­ nen oder Reste davon wurden nicht gefun­ den. Das bedeutet, daß der Transport des abgebauten Materials vermutlich nicht mit sogenannten Hunten (Grubenloren) von­ statten ging, sondern -wie im Mittelalter oft­ mals üblich -mit Ledersäcken, geflochtenen Körben und Holzeimern. Für das Geleucht haben die Knappen in die linke Stollenwand Nischen im Abstand von jeweils ca. 30 m geschlagen. Das Geleucht bestand auf jeden Fall aus Kienspä- 146 nen und evtl. aus dem sogenannten Gruben­ frosch, einer Öllampe, die früher mit Rüböl betrieben wurde. Die Gesamtlänge des Stollens konnte bis­ her noch nicht festgestellt werden, da sich nach ca. 110 m ein Versturz befindet. Nach heutigen Erkenntnissen handelt es sich dabei um einen eingestürzten Wetter­ schacht. Das Wetter in 80 -90 m Stollentiefe ist nicht besonders gut, d. h. bei einer Arbeitsschicht von ca. 8 Stunden reichte der Sauerstoff für die Knappen nicht aus, wes­ halb solche Wetterschächte schon in den ältesten Bergbauanlagen üblich waren. Um ein unbefugtes Eindringen in den Stollen zu verhindern, wurde eine ver­ schließbare Tür im Mundlochbereich einge­ baut, um Unfälle, in erster Linie von Kin­ dern, zu vermeiden. Der Projektleiter dieser bisherigen Aktivi­ täten war mit diesem ersten Erfolg allerdings noch nicht zufrieden. Hatte er doch, nach

einem Hinweis von dem inzwischen verstor­ benen Andreas Haller aus Schabenhausen, bereits in den siebziger Jahren durch Gra­ bungen im alten Hafuer’schen Steinbruch am Kohlerberg in Schabenhausen nach dem berüchtigten Stollen gesucht, der angeblich bis zum Klosterhof zwischen Schabenhau­ sen und Fischbach verlaufen sollte. Durch Wintereinbruch und anschließender schwe­ rer Erkrankung mußte er seinerzeit die Gra­ bungen wieder einstellen. Die neue Chance vor Augen, wurde in Absprache mit Herrn Bürgermeister Sieber bereits am 18. 2. 1989 der Versuch gestartet, diesen Stollen ebenfalls aufzuwältigen. Die größte Schwierigkeit bestand nun darin, den Punkt zu finden, wo der Bagger­ löffel angesetzt werden sollte; schließlich hatte sich die Umgebung in den Jahren nach Profil mit eingearbeiteter Brunnenstube in der Sohle des Stollens »Karl im Mailänder“ dem ersten Versuch ziemlich verändert. Mit etwas Skepsis und doch auch mit Hoffnung wurde die Stelle festgelegt, wo der Baggerfah­ rer anzusetzen hatte. Bagger samt Fahrer wurden diesmal von der Firma Götz & Meyer, Villingen-Schwenningen, kostenlos zur Verfügung gestellt. Nach 2 Stunden hatte sich der Bagger tief ins Erdreich gearbeitet und der Baggerfahrer wollte aufgeben. Eine kurze Untersuchung ergab, daß immer noch kein anstehendes Gestein vorhanden war, sondern es sich immer noch um Erdaushub von der Hanganböschung handelte. Ein ske­ lettierter Tierschädel, der unmöglich von alleine in diesen tiefen Grabungsbereich gekommen sein konnte, gab schließlich den Ausschlag, die Arbeit fortzusetzen. Bereits wenige Minuten später war der Stollenfirst freigelegt. Innerhalb einer weiteren Stunde war das gesamte Stollenmundloch so weit aufgewältigt, um die ersten Befahrungen durchführen zu können, wobei sofort festge­ stellt wurde, daß auch dieser Stollen mit Schlägel und Eisen, also in reiner Handar­ beit, vorgetrieben wurde. Diese ersten Befahrungen waren jedoch nicht ganz einfach. Fast der gesamte Stollen war mit Geröll, Schlamm und Wasser ange­ füllt, im Bereich der Ortsbrust (Stollenende mit anstehendem Gestein) ca. 1 m hoch. Auch der Querschlag, angelegt im Halbkreis zum Hauptstollen, war einschließlich Senk­ schacht bis zu einem halben Meter hoch mit Schlamm und Geröll verfüllt. Daß der Stol­ len nicht bis zum Klosterhof verläuft, konnte bereits bei djesen ersten Befahrungen festgestellt werden. Nur durch den Senk­ schacht mit einem zweiten tieferliegenden Stollen wäre dies noch möglich gewesen. Eine genaue Prüfung war zu diesem Zeit­ punkt natürlich noch nicht möglich, da die Teufe des Schachtes nicht bekannt war. Diese Teufe hätte für einen 2. Stollen minde­ stens im 20-m-Bereich liegen müssen. Solche langwierigen Untersuchungen konnten vorerst nicht durchgeführt werden. Vorrangig war zuerst die Hangabsicherung unterhalb der Straße im Mundlochbereich. 147

Während der Aufwältigu.ng des Kohlerbergstollens Blick in die Stoffenfirste Bereits nach wenigen Wochen war das Ban­ kett der Straße in die Tiefe gestürzt. Mittels Plastikfolien konnte ein weiteres Abbrechen der Straße durch Witterungseinflüsse ver­ hindert werden. Um die bevorstehenden Arbeiten bewälti­ gen zu können, bildete sich eine Förder­ gruppe „Historische Bergwerke Schaben­ hausen-Kappel“. Mitte April 1989 war die Planung und die Materialbeschaffung so weit abgeschlossen, daß mit den Arbeiten begonnen werden konnte. Für diese Absi­ cherungsmaßnahmen wurden 18 Eisen­ bahnschienen a 3 m, 12 Doppel-T-Träger NP 140 a 1,50 m und 40 Straßenleitplanken a 4,30 m verarbeitet. Es handelte sich hierbei um gebrauchtes Material. Hinzu kamen 4 m3 Stahlbeton, Baustahlmatten, 2 t Beton für Sockelfundamente und 50 t Bruchsteine (für eine Trockenmauer vor dem Türstock). Des weiteren wurden für die Abdeckung 15 t Mineralbeton und für den Weg zum Stollen 15 t Schotter verarbeitet. Die Erdbewegun­ gen lagen bei ca. 200 m3. Zur Rekultivierung des Hanges wurden zum Abschluß 30 Lkw­ Ladungen mit 450 t Erdaushub benötigt. Der gesamte Materialbedarf lag bei 535 t. Die 18 ehrenamtlichen Helfer der Förder­ gruppe haben in 42 Arbeitseinsätzen über 700 Stunden gearbeitet. Davon entfielen auf die der Freiwilligen Feuerwehr Schabenhau­ sen angehörenden Helfer 285 Stunden, auf die übrigen freiwilligen Helfer 439 Stunden. Nur 80 Arbeitsstunden wurden von einer Firma in Rechnung gestellt. Verschiedene Firmen waren mit knapp 70 kostenlosen Arbeitsstunden beteiligt. Die gesamte Arbeitszeit lag bei über 800 Stunden. Der Abschluß des ersten Bauabschnittes wurde am 7. Oktober 1989 in einem Festakt Links: Blick von oben in die geöffeete Brunnenstube des Stollens „Karl im Mailänder“ 149

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gewürdigt. Sämtliche Helfer erhielten zum Dank von Bürgermeister Otto Sieber ein Prä­ sent in Form von Schlägel und Eisen, dem Emblem der Bergleute, bzw. einer Bergbau­ Medaille, die extra für diesen Anlaß geprägt wurde. Die Widmung der beiden Stollen erfolgte ebenfalls am 7. Oktober 1989 und zwar: „Karl im Mailänder“ nach Karl Schneider aus Schabenhausen für seine wertvollen Hinweise, und ,,Otto am Kohlerberg“ nach Bürgermei­ ster Otto Sieber aus Niedereschach für sei­ nen unbürokratischen Einsatz. In den Jahren 1990 und 1991 wurden beide Stollen von ca. 30 Wissenschaftlern zum Teil mehrmals befahren und untersucht und am 17. 12. 1990 gern. § 2 Denkmalschutzgesetz als Kulturdenkmal ausgewiesen. Beide Stol­ len wurden durch Fachleute kostenlos ver­ messen. Allein im „Karl im Mailänder“ wur­ den 8 verschiedene Stollenprofile festge­ stellt. Der Kohlerbergstollen ergab eine Gesamtlänge von 42 m und 3 verschiedene Stollenprofile. Die Sümpfung des Stollens „Otto am Kohlerberg“ konnte in diesem Zeitraum ebenfalls abgeschlossen werden; die Sümpfung des Schachtes ergab eine Teufe von 2 m. Ein tiefer liegender zweiter Stollen wurde nicht gefunden. Damit stand endgültig fest, daß dieser Stollen nicht bis zum Klosterhof verläuft. Durch mehrfache Versuche konnte der Nachweis erbracht werden, daß der Senk­ schacht zur Wasserentsorgung innerhalb des Stollens diente. Die Sümpfung des Stollens „Otto am Kohlerberg“ mit Querschlag und Senk­ schacht war mit großen Schwierigkeiten ver­ bunden wegen der Enge und der geringen Höhe. Kleinste Werkzeuge, wie Maurerkel­ len, Geo-Hamrner, Pickel und Schaufel mit abgesägten Stielen und Eimer waren vonnö- Blick in den Stollen „Otto am Kohlerberg“ ten. Das größte Hilfsmittel bestand in einem extra umgebauten 3-rädrigen Schubkarren. Gearbeitet wurde oft in gebückter Haltung, vor allem in dem nur 90 cm hohen Quer­ schlag. Mittels Eimer und Kette wurde der Schlamm aus dem Schacht gefördert. Man konnte deshalb auch nachempfinden, unter welchen widrigen Umständen unsere Vor­ fahren arbeiten mußten. Bereits während der Sümpfung konnte man einwandfrei feststel­ len, daß dieser Stollen im Raubbau betrieben wurde, da das Gefälle der Sohle sich in Rich­ tung Ortsbrust erstreckt und nicht wie gewöhnlich umgekehrt. Auch die Kupfer­ vererzung liegt im untersten Sohlenbereich mit Gefälle ins Innere. Links: Blick auf den halbgeöjfneten Stollen“ Otto am Kohlerberg“ im Buntsandstein und den aufgela­ gerten Muschelkalk 151

Querschlag mit Werk­ zeugen zum Sümpfen im Stollen „Otto am Kohlerberg“ Bergbau Niedereschach, kurz FAG Bergbau ge­ nannt, gegründet und bereits am 21. 3.1991 ins Vereinsregister eingetra­ gen. Die freiwilligen Hel­ fer der Fördergruppe bzw. der heutigen FAG Bergbau Niederesch­ ach e.V. haben bis zum 31. Dezember 1991 insgesamt 1.624 Stun­ den ehrenamtlich gear­ beitet. Für das Jahr 1992 ist die erneute Aufwälti­ gung des Stollens „Karl im Mailänder“ geplant, da dieser inzwischen im Mundlochbereich durch Witterungsein­ flüsse wieder verstürzt ist. Die wichtigste Auf­ gabe besteht darin, auch diesen Stollen so schnell wie möglich abzusichern, um die historisch äußerst wert- volle Brunnenstube für die Zukunft zu erhalten. Man darf gespannt sein, welche Überra­ schungen in dem historischen Bergbaurevier Schabenhausen-Kappel in der Zukunft noch zutage gefördert werden, vor allem, ob das in alten Schriften erwähnte „Herzog-Carl-Kup­ ferschieferwerk“ bei Kappel mit einer Länge von 38 Lachtern und einem Schacht von 11112 Lachtern jemals gefunden wird. Rolf Roschlaub Zwischenzeitlich wurde auch nachgewiesen, daß der Stollen „Karl im Mailänder“ auf sil­ berhaltigen Bleiglanz gebaut wurde, der Stol­ len „Otto am Kohlerberg“ hingegen, wie oben bereits erwähnt, aufKupfer. Die Unter­ suchungen werden noch fortgesetzt. Zur weiteren Erforschung des Bergbau­ Reviers und zur Betreuung der beiden Stol­ len wurde am 8. Februar 1991 die Forschungs­ und Arbeitsgemeinschaft für historischen 154

Projektleiter Ro!f Roschlaub (li.) mit zwei Mitarbeitern Rückseite Vorderseite Bergbaumedaille zur En“nnerung an die Aufioältigung der beiden Stollen in Schabenhausen – Kappel 155

Geschichte ,,Vor uns liegt ein glücklich Hoffen … “ Aspekte der Revolution von 1848/49 in unserem Kreisgebiet Das im Almanach 92 (Seiten 83-90) begonnene „Revolutions-Essay“wird in einem zweiten Teilfart­ gesetzt und gleichzeitig abgeschlossen. Noch heute veiwahrt die Stadt Hüfingen eine eigentümliche alte Fahne, die weniger durch das Stadtwappen als vielmehr durch ihre rote Färbung die Neugier des Betrach­ ters wecken mag. Diese merkwürdige Fahne weist zurück in die stürmisch bewegten Jahre 1848/49, in denen ganz Deutschland und besonders nachhaltig dessen südwestliches Grenzland Baden von der Revolution, dem Widerstand gegen die überkommenen poli­ tisch-sozialen Strukturen erfaßt wurde. Die­ ser Widerstand, als dessen reifste Frucht die am 18. Mai 1848 in der Frankfurter Paulskir­ che zusammengetretene Deutsche National­ versammlung bezeichnet werden darf, gip­ felte in Baden im Mai 1949 sogar in einem republikanischen Aufstand, der zunächst eine provisorische Revolutionsregierung unter Lorenz Brentano {1813-1891) an die Stelle des geflohenen Großherzogs Leopold {1790-1852, auf dem Thron seit 1830) setzte. 1. Die Volksvereine Der Aufstand, dem ähnliche Erhebungen in der Pfalz und in Sachsen vorausgegangen waren, ist als Ausdruck der Entschlossenheit zu werten, mit der eine breite Strömung innerhalb der Bevölkerung – nicht nur Badens -die Annahme der in Frankfurt erar­ beiteten Reichsverfassung auch in ihrem Lande durchsetzen wollte. Bei der Organisa­ tion des Volksaufstandes vom Mai 1849 spielten die sogenannten „Volksvereine“ eine zentrale Rolle, die sich unter dem Schutze der von der Frankfurter National­ versammlung am 27. Dezember 1848 (als besonderes Gesetz) beschlossenen „Grund- 156 rechte des deutschen Volkes“ gebildet hat­ ten. Diese Grundrechte, wie sie bald darauf Eingang in das Frankfurter Verfassungswerk fanden (zum ersten Male in der deutschen Verfassungsgeschichte!), garantierten unter anderem auch die Versammlungsfreiheit, die im vormärzlichen Deutschland, nicht zuletzt aber auch wieder nach der ersten republikanischen Erhebung in Baden im Frühjahr 1848 nicht gewährleistet war. Das nutzte die revolutionäre Bewegung in Baden, die aus den gescheiterten dilettanti­ schen Putschversuchen Heckers und Struves im Vorjahr gelernt hatte, um sich für ihre Anliegen einen festen systematischen Rück­ halt in der Bevölkerung zu schaffen. So ent­ standen im Winter 1848/49 in ganz Baden mehr als 400 solcher Volksvereine. Daß uns gerade die Fahne des Hüfinger Volksvereins erhalten geblieben ist, darf einen gewissen Symbolwert beanspruchen: war Hüfingen doch der Ort auf der Baar, der mit der Gründung eines Volksvereins weit voranging. Schon im Augsut 1848, also noch unter dem Eindruck des Niedeiwerfens der ersten republikanischen Erhebung, d. h. noch in einer Zeit der politischen Verfol­ gung und Einschüchterung, wirkten hier über 100 Mitglieder in einem Volksverein zusammen, der in den folgenden Monaten durch Aufrufe und Sammlungen für ver­ folgte „Demokraten“ von sich reden machte. In den beiden anderen Amtsstädten auf der Baar, in Donaueschingen und Villingen, zog man erst im Februar bzw. März 1849 mit der Gründung von Volksvereinen nach, also zu einem Zeitpunkt, zu dem man längst

durch die Frankfurter Ereignisse zumindest in Baden Rückenwind verspüren durfte. Insofern erscheint es folgerichtig, daß man im offenbar traditionell demokratisch gesinnten Hüfingen den Kreisvorsitz der Volksvereinsbewegung installierte. Von hier aus wurde enge Verbindung gehalten zur Volksvereinszentrale in Mannheim. Im Unterschied zum eher homogen-revo­ lutionären Hüfingen müssen in Donau­ eschingen und Villingen allerdings tiefe Grä­ ben durch die Bevölkerung gegangen sein. Dies lag keineswegs in erster Linie an dem noch immer geschlossenen Block des für­ stenbergischen Hofbeamtentums in Donau­ eschingen. Vielmehr spiegelten sich in dieser Zerrissenheit der politisch aktiven Kräfte in den Baar-Städten jener Zeit zwei Hauptrich­ tungen innerhalb der Fraktionen der Frank­ furter Nationalversammlung, die man -mit gebotener Vorsicht – als „Demokratische Linke“ und als »Liberale Mitte“ bezeichnen könnte, wobei sich gerade bei uns unter die Liberalen viele Konservative gemischt haben dürften. Die sich als „gemäßigt“ verstehen­ den Kräfte gaben sich, in Anlehnung an die Hauptströmung des Frankfurter National­ parlaments, mit der konstitutionellen Mon­ archie zufrieden, während die „Linke“ die Republik anstrebte. In Donaueschingen vertrat die Interessen der konstitutionellen und konservativen Bestrebungen der „Vaterländische Verein“, dessen Vorsitz der Hofapotheker Ludwig Kirsner führte. Ihm stand scharf gegenüber der aus dem bürgerlichen Leseverein erwach­ sene „Volksverein zur Entstehung der unver­ kümmerten und vollständigen Einführung der Volksrechte, zur Wahrung und Sicher­ heit der Volkserrungenschaften auf gesetzli­ che Wege“. Ähnlich verhielt es sich in Villin­ gen, wo der dortige vaterländische Verein, dessen erster Aufruf auch die Unterschrift des Bürgermeisters Stern trug, zu Anfang gerade einmal die Hälfte der Stärke des Volksvereins erreichte, welcher, beflügelt von den Vorgängen auf nationaler Ebene, schon innerhalb des ersten Monats seine Mitgliederzahl auf bald insgesamt 450 mehr als verdoppeln konnte (6. April 1849). Grob gesprochen wußte der vaterländische Verein der Gemäßigten jedoch das wohlhabende Besitzbürgertum hinter sich, ihre Opponen­ ten auf republikanischer Seite scharten sich dagegen vor allem um den praktischen Arzt Hoffmann, den Drucker Förderer, die Gebrüder Rasina und den Anwalt Fuchs. Deren Namen sollten im Verlauf der revolu­ tionären Ereignisse immer wieder auftau­ chen, so wie in Donaueschingen auf Seiten der Republikaner der des Bürgermeisters Raus, des radikalen Landvermessers Au aus Allmendshofen oder des Dreigestirns Josef Lahief, Sebastian Stadelmann und Karl Maier, die einen am 15. Mai 1849 ins ,,Donaueschinger Wochenblatt“ eingerück­ ten Aufruf zur Volksbewaffnung unterzeich­ net hatten. II. Die militärische Erhebung (,,Maiaufstand“) Zu diesem Zeitpunkt war der republikani­ sche Aufstand in Baden bereits in vollem Gange. Er gewann hier seine besondere Sprengkraft dadurch, daß sich ihm ganze Truppenteile des regulären badischen Hee­ res anschlossen. Nach der Besatzung der Bundesfestung Rastatt meuterte auch die Karlsruher Garnison, woraufhin der Groß­ herzog in der Nacht vom 13. auf den 14. Mai die Flucht ergriff. Nach der Ablehnung der Kaiserkrone durch den preußischen König waren die konstitutionellen und konservati­ ven Politiker ins Hintertreffen geraten, die Republik schien zum Greifen nahe. Unter dem Eindruck der Erhebungen in Sachsen und der Rheinpfalz zur Durchset­ zung der Reichsverfassung handelten die republikanischen Kräfte in Baden rasch und effektiv, wobei die Einberufung einer Lan­ des-Volksversammlung am 12./13. Mai den Ausschlag gegeben hatte. Keine zwei Tage später war mithin nicht nur der regierende Monarch geflohen, sondern auch die gesamte Staatsgewalt und der Beamtenappa­ rat an die Republikaner gefallen. Diese 157

besetzten alle Ämter – also auch die auf der Baar – mit neuen „Zivilkommissären“, die quasidiktatorische Machtbefugnisse besa­ ßen. Ihnen wurde seitens der Beamtenschaft kaum Widerstand entgegengesetzt. Die Volksvereine machten zum Schutze der gerade entstehenden Republik überall mobil; in den Amtsbezirken wurden Batail­ lone aufgestellt, die jeweils ca. 600 Mann stark sein sollten. In Donaueschingen und Hüfingen umfaßten sie jeweils vier Kompa­ gnien, die im einzelnen von der Amtsstadt selbst sowie drei umliegenden Ortschaften gebildet wurden (zu Donaueschingen zu­ sätzlich Aasen, Geisingen und Wolterdin­ gen, zu Hüfingen noch von Bräunlingen, Mundelfingen und Sumpfohren). Die Aus­ bildung und Bewaffnung besorgten jeweils Linientruppen, wozu zwei Kompagnien des 2. badischen Infanterieregiments nach Vil­ lingen bzw. Donaueschingen abgeordnet 158 wurden, die Waffen erhielt man größtenteils aus der Schweiz. Unterdessen wurden Wahlen zu einer „Konstituierenden Landesversammlung“ in Karlsruhe angesetzt-unter Abschaffung der alten Landesverfassung von 1848 (und damit des Zweikammersystems) und Einsetzung eines neuen, freien, allgemeinen und glei­ chen Wahlrechts. Gemessen an der Stim­ mung im Lande lag es auf der Hand, daß allenthalben die Linke den Sieg davontrug, die Gemäßigten zurückstecken mußten. III.Das Ende Die Zeit der begeisterten revolutionären Aufmärsche, Feste und Verbrüderungen, wie sie zum Beispiel Ende Mai und AnfangJuni 1849 in Hüfingen und Villingen noch den Mobilmachungs- und Exerzieralltag auflok­ kerten, sollte indes schnell vorbei sein. Nachdem schon Ende Mai die Frankfurter

Nationalversammlung mit der Abberufung der österreichischen und preußischen Abge­ ordneten einen entscheidenden Aderlaß erfahren hatte, wurde das verbleibende, aus rund 100 Abgeordneten jetzt vorwiegend der Linken bestehende „Rumpfparlament“ nach Stuttgart verlegt, dort aber schon knapp zwei Wochen später von der württembergischen Regierung gewaltsam aufgelöst. Allenthalben bröckelte nun die revolutio­ näre Front, die Aufständischen in der Pfalz und in Baden sahen sich auf sich selbst ver­ wiesen. Ihnen standen jetzt nach Mann­ schaftsstärke und Bewaffnung weit überle­ gene Truppen aus Preußen und anderen Staaten des Deutschen Bundes gegenüber, die der badische Großherzog um Hilfe geru­ fen hatte. Deren Oberbefehl führte Prinz Wilhelm von Preußen, der spätere Kaiser Wilhelm 1. Trotz heftigsten, verzweifelten Widerstandes der Revolutionäre in Baden sollte der „Kartätschenprinz“ auch hier als­ bald sein Ziel erreichen, die Wiederherstel­ lung der alten Ordnung. Als am 30. Mai 1849, dem letzten Sit­ zungstag des Frankfurter Nationalparla­ ments, der Vormarsch revolutionärer badi­ scher Truppen bei Heppenheim an der Bergstraße vom Feuer hessischer Regierungs­ soldaten gestoppt wurde, hatte sich das Los der Revolutionstruppen auf Dauer schon entschieden. Von nun an verausgabten sie sich, ein bunter Haufen von Freiwilligen, ehemaligen Liniensoldaten, Turnern und Arbeitern sowie Freischärlern aus verschie­ densten deutschen und europäischen Staa­ ten, in einem tapferen, aber letzthin vergebli­ chen Abwehrkampf. Schließlich brachen alle militärischen Fronten, so daß die ver­ sprengten Reste der Revolutionsarmee, die erfolglos für die Errichtung eines freien Volksstaates im deutschen Südwesten ge­ kämpft hatte, vor den siegreichen Bundes­ truppen die Flucht in die Schweiz ergriffen. In diesen letzten Tagen der Revolution wurde die Baar noch einmal zum Haupt­ schauplatz der Ereignisse, als die kärglichen Reste von General Sigels Revolutionsarmee Anfang Juli 1849 nach und nach in Donau­ eschingen eintrafen und hier im fürstlichen Schloß ihr letztes Hauptquartier aufschlu­ gen. Noch einmal wurden die Bürgerwehren der Umgebung, die sich auf die Nachricht von einem großherzoglichen Amnestieerlaß zum Teil schon aufgelöst hatten, von den Bürgermeistern zusammengerufen. In Anbe­ tracht der auch hier längst gut bekannten militärischen Großwetterlage kamen diese Wehrmänner ihrer neuerlichen Mobilma­ chung vielfach nur unter Androhung von Zwangsmaßnahmen nach. Die wild-verwegenen, in den abenteuer­ lichsten Aufmachungen steckenden Revolu­ tionäre überzogen in der Nacht vorn 5. auf den 6. Juli 1849 die eher verschlafene -ver­ waiste – Fürstenresidenz noch einmal mit einem trink- und sangesfrohen Kehraus der Rebellion an unzähligen Lagerfeuern. Am nächsten Morgen marschierten sie dann sofort ins Schweizer Exil weiter, wo die Frei­ heitshelden zumeist begeistert empfangen wurden. Noch am gleichen Tage besetzten 5000 Mann des Bundesheeres, allesamt aus Preußen, Mecklenburg, Hessen und Nassau stammend, das von wehenden weißen Fah­ nen strotzende Donaueschingen, das sie zum Teil erst nach Jahren wieder verließen. Hier war es zum Glück nicht zum Kampfe gekommen wie um die eingeschlossene Festung Rastatt, in der die letzten 5600 Auf­ ständischen erst am 23. Juli 1849 kapitulier­ ten. Der Hüfinger Künstler Lucian Reich hat uns eine flüchtige Zeichnung hinterlassen, die noch heute einen lebhaften Eindruck von der Verfassung der in Rastatt gefangenen Aufständischen vermittelt – ein ähnliches, freilich nicht ganz so klägliches Bild hatten sich die Donaueschinger am Morgen des 6.Juli 1849 von den abziehenden ermatteten Freischärlern machen können. Doch waren es nicht nur Soldaten der Revolutionsarmee, die ins Exil gingen, son­ dern -vielfach unfreiwillig -auch die Mit­ glieder der Baaremer Bürgerwehren, schließ­ lich die meisten Vertreter der politischen Linken, die nach der Niederschlagung der 159

Revolte mit harten Strafen zu rechnen hat­ ten. Insgesamt verlor Baden damals 80 000 Bewohner, d. h. 5 Prozent seiner Bevölke­ rung, die das Exil einem Leben in Unfreiheit vorzogen. Zu ihnen gehörte beispielsweise auch der Donaueschinger Bürgermeister Raus, der allerdings acht Jahre später wieder in seine Heimat zurückkehrte und Ludwig Kirsner im Amt ersetzte, welcher später als Karlsruher Landtagspräsident und Reichs­ tagsabgeordneter in Berlin den Höhepunkt seiner politischen Karriere erklimmen sollte. Wer von den „Demokraten“ nicht floh, wurde verhaftet; noch jahrelang beherrsch­ ten politische Strafprozesse die Szene. Die Familien der Verhafteten oder Emigrierten stürzten oft in schlimme Not, die allgemei­ nen wirtschaftlichen und sozialen Verhält­ nisse verschlechterten sich weiterhin. Auf diesen Gebieten trat erst in den 1850erJahren allmählich eine Besserung ein, während die politische Bevormundung mit dem Sieg der Reaktion vorerst erneuten Einzug hielt. Die Fernwirkungen der revolutionären Bestre­ bungen von 1848/49 können jedoch im Hin­ blick auf unser heutiges Staatsverständnis und manche längst für selbstverständlich erachtete Prinzipien unseres gesellschaft­ lichen Zusammenlebens kaum überschätzt werden. Dr. Volkhard Huth Litera tu rhin weise: Eine ausführliche, jedoch unkritische Darstellung des Ereignisverlaufs vom Frühjahr 1848 bis in die nachrevo­ lutionäre Besatzungszeit bietet Paul REVELLIO, Die Revolution der Jahre 1848 und 1849 vornehmlich in den Amts­ städtchen Villingen, Donaueschingen und Hüfingen, wieder in: DERS., Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen, Villin­ gen 1964, S. 368–436; vgl. ferner Volkhard HUTH, Donaueschingen -Stadt am Ursprung der Donau, Sigmaringen 1989, S.142 ff. sowie ebd. S. 272 ( den Quellen­ und Literaturüberblick. 160 Der Schwarzwald-Baar­ Kreis in Farben 1.Bräunlingen bei Nacht (German Hasenfratz, Hüfingen) 2.Villinger Wueschte (German Hasen&atz, Hüfingen) 3.Feederlehaus Donaueschingen (Franz Krick!, Donaueschingen) 4.Tuningen, neues Heimatmuseum (Raimund Fleischer, Villingen-Schwenningen) 5.Schwarzwälder Bäuerin mit Enkelkind, St. Georgen (German Hasenfratz, Hüfingen) 6.Winter im Bregtal bei Hammereisenbach (German Hasenfratz, Hüfingen) 7.Blick in die Wutachschlucht Oörg Michaelis, Blumberg)

Dr. Karl Theodor Huber – unvergessener Obervogt in Triberg Ein großer Wohltäter des Volkes -Er brachte die Strohflechterei in den Schwarzwald In der Stadt Triberg ist und bleibt ein Name unvergessen: Dr. Karl Theodor Huber, Obervogt in Triberg. Einundzwanzig Jahre dauerte seine Amtszeit in Triberg, von 1795 bis 1816. Begraben wurde der Obervogt, der für den gesamten mittleren Schwarzwald Bedeutung erlangte, auf dem Ehrenfriedhof des Bergfriedhofes in Triberg. Wer war Karl Theodor Huber? Er wurde im Jahre 1758 (zwei Jahre nach Ausbruch des Siebenjährigen Krieges) in Nendingen an der Donau (bei Tuttlingen) geboren. Am 16.März 1816 starb er im Alter von nur 58 Jahren in Triberg. Sein vielfältiges, über­ aus segensreiches Wirken jedoch ist bis auf den heutigen Tag unvergessen geblieben. Was er für Triberg und seine Bürger tat, sei hier in Erinnerung gerufen. Er war beileibe kein bequemer Zeitge­ nosse. Bei der Regierung in Freiburg war Obervogt Huber wegen seines fortschrittli­ chen Denkens und selbständigen Handelns, vor allem aber wegen seiner begreiflichen Abneigung gegen Amtsschimmel und Büro­ kratismus, als eigenwilliger Beamter nicht besonders gut angeschrieben. Trotz Vorwür­ fen und mehrerer amtlicher Ermahnungen ging er seine eigenen Wege unbeirrt weiter, wenn es dem Wohl seiner Bürger diente. An einem Augusttag im Jahre 1902 Hier sei zunächst an einen sonnigen Tag im August des Jahres 1902 erinnert. An jenem Tage fand in dem DorfOberprechtal im oberen Elztal ein großes Fest statt. An dem hochaufstrebenden Felsen, der die Spitze eines der Gemarkung zugehörigen Berges bildet und von dem aus man eine weite Fernsicht auf die Schwarzwaldberge einerseits und durch das liebliche Elztal andererseits weit hinaus bis in die Rhein­ ebene und bis hinüber zu den Vogesen hat (gemeint ist der Huber-Felsen, d. Verf.), wur­ den zwei Gedenktafeln angebracht. Die eine trägt die Inschrift: ,,Obervogt Huber, gebo­ ren in Nendingen an der Donau 1758; gestor­ ben in Triberg am 16. März 1816″. Die andere Tafel enthält die Worte: ,,Dem unvergleich­ lichen Obervogt Karl Theodor Huber, dem großen Wohltäter des Volkes, dem Erbauer der ersten Straße von Triberg nach Haslach, dem bahnbrechenden Förderer der Stroh­ flechterei errichtete im Jahre 1902 mit Hilfe vieler Schwarzwaldfreunde aus allen Theilen des Badnerlandes dieses Denkmal: Der Ver­ schönerungsverein Prechtal“. Wie fast allen Menschen, die mit offenem Blick weiter sehen als ihre kurzsichtige Umgebung (Worte des Chronisten von damals), waren auch Obervogt Huber Ver­ kennungen und darum manche Widerwär­ tigkeiten nicht erspart geblieben. Selbst unmittelbar nach seinem Tod ist er nicht gewürdigt worden. So konnte es geschehen, daß in den folgenden Jahren sein Andenken fast in Vergessenheit geriet. Ausgerechnet der heimatliche Volksschriftsteller, der weit-161

Huber-Felsen hin unvergessene Pfarrer Dr. Heinrich Hans­ jakob (er liegt unmittelbar an einer Waldka­ pelle in Hofstetten bei Haslach begraben, noch heute eine vielbesuchte Stätte) war es, der die Ehrenpflicht des Volkes nachholte und das Gedächtnis an Karl Theodor Huber wieder aufleben ließ. Pfarrer Heinrich Hans­ jakob nannte ihn „einen Beamten von Got­ tes Gnaden“ und hat ihm in einem seiner vielen Bücher ein unvergängliches Denkmal gesetzt. Karl Theodor Huber wurde als Sohn armer Bauersleute in Nendingen (bei Tutt­ lingen) an der Donau geboren. Wo er später seine Anfangsstudien machte, ist nirgends erwähnt. Aber zwanzig Jahre später begeg­ nen wir ihm in Freiburg im Breisgau, das damals, wie der ganze Breisgau und andere Herrschaften des heutigen Baden-Württem­ bergs zu Österreich gehörte. Karl Theodor Huber studierte drei Jahre lang Theologie. Er blieb dieser Wissenschaft aber nicht zuge- 162 tan. 1781 trat er in die damals sogenannte Normalschule ein. Er wollte Lehrer werden. Noch im gleichen Jahr 1781 erhielt er das Patent als Privatlehrer. Aber auch hierin fand er keine Befriedigung, denn schon im folgen­ den Jahr 1782 studierte er in Freiburg die Rechtswissenschaft. Seine akademische Aus­ bildung schloß er mit der Erlangung des Doktorgrades beider Rechte ab. Das war 1788. Danach arbeitete er mehrere Jahre lang als Praktikant beim Freiburger Magistratsgericht. Gleich zu Beginn seiner Tätigkeit beim Magistratsgericht scheint Karl Theodor Huber über das Maß seiner Verpflichtungen hinausgetreten zu sein. Er war überall zu fin­ den, wo es ihm zu helfen nötig schien. In jener Zeit, da durch die Franzosen Krieg und Elend über den Rhein herübergetragen wur­ den, wurde in Freiburg ein Landsturm zur Abwehr der feindlichen Einfälle gebildet. Huber war Kommandant jenes Bataillons,

Am Huber-Felsen ist eine Gedenktafel an den Obervogt Huber angebracht welches vom Dorf Merdingen bei Freiburg gestellt worden war. Seine eigentliche segensreiche Tätigkeit hat Karl Theodor Huber jedoch im Bezirk Triberg entwickelt, dem er im Jahre 1795 zunächst als Regierungsadvokat und ab 1797 als „Obervogt“ vorgesetzt wurde. Und dies waren die Ränge, die er während seiner Tri­ berger Amtsjahre bekleidete: 1795 bis 1797 als Regierungsadvokat und Obervogt der Kaiserlich-königlichen Majestät; 1797 bis 1803 als Obervogt des Herkules von Modena; 1803 bis 1805 als Obervogt des Erzherzogs Ferdinand von Österreich, im Jahre 1806 als Obervogt des ersten Königs von Württemberg und von 1806 bis zu sei­ nem Tode im Jahre 1816 als erster badischer Obervogt bzw. Oberamtmann. Im Jahre 1810 leitete er noch als Grenzkomrnissarius die Übergabeverhandlungen zwischen Würt­ temberg und Baden; er starb verbittert am 16. März 1816. Die Ehrungen, die ihm zu Lebzei­ ten versagt geblieben sind, wurden später von der Stadt Triberg auch durch die Benen­ nung eines Straßenzuges mit seinem Namen nachgeholt; die „Obervogt-Huber-Straße“ liegt im Westteil der Stadt, ausgehend vom Feuerwehrgerätehaus bis zum Hotel Schwarz­ wald-Residenz. Huber spürte die Herausforderung: Helfen Er selbst und seine „edle Frau“, eine gebo­ rene Freiin zu Gleichenstein und Tochter des damaligen Obervogtes von Staufen, empfanden es als Aufforderung und Heraus­ forderung, in Triberg tätig einzugreifen. Huber fand traurige Verhältnisse am Beginn seiner Amtszeit in Triberg vor. Mit außer­ gewöhnlicher Tatkraft versuchte Obervogt Huber, durch neue Erwerbsmöglichkeiten die Lebensbedingungen der Schwarzwälder 163

in seinem Amtsbereich zu verbessern. Um dieses Ziel zu erreichen, hat er weder Mühe noch persönliche Opfer an Zeit und Geld gescheut, obwohl er mit den Schwarzwälder Eigenbrötlern manchen harten Strauß aus­ fechten mußte. Vor den Kriegszeiten hatte in Triberg, Furtwangen und Schönwald die Uhrenindu­ strie geblüht. Nunmehr machte der fort­ schreitende Niedergang des Uhrengewerbes dem Obervogt erhebliche Sorgen. Er suchte nach Auswegen und anderen Erwerbsquellen. Die Strohflechterei wird heimisch Er fand sie in der Strohflechterei. Auf eigene Kosten üeß er aus der Toskana (Flo­ renz) in Italien, wo damals die Kunst des Strohflechtens besonders in Blüte stand, einen Lehrmeister (Flechtmeister) nach Tri­ berg kommen. Huber erkannte darin eine günstige Gelegenheit, neue Arbeitsmöglich­ keiten zu schaffen. Diesen Flechtmeister sah man oft bei den Bauern, um diese zu beleh­ ren, wie das Stroh zu behandeln sei, damit es sich zum Flechten eigne. Um die gleiche Zeit versammelte seine Frau im Amtshaus (unmittelbar bei der St.-Clemens-Stadtpfarrkirche gelegen, den Stadtbrand von 1826 überdauernd und heute unter Denkmalschutz, d. Verf.) in Triberg Frauen und Kinder um sich, um sie ebenfalls in diese Kunst einzuführen. Der Versuch gelang -nicht ohne Schwierigkeiten -und bald verbreitete sich diese Industrie auch in anderen Orten -in Schönwald, Furtwangen, Gütenbach – seiner und auch anderer Vogteien. Die Strohflechterei wurde ein Erwerbszweig über viele Jahre, die vielen Tausenden ein Überleben sicherte und den Menschen ein erträgliches Einkommen sicherte. Das war um die Zeit der Jahrhun­ dertwende zu Beginn des 19. Jahrhunderts (vgl. Almanach 1990, Seite 76/77). Auch Wiesen-und Feldbau waren im Argen Die Strohflechterei war aber nur ein Zweig der helfenden Arbeit des Obervogtes Huber. 164 Er erkannte auch die Notlage, in der Wiesen­ und Feldbau sich befanden und er erkannte auch deren Ursachen: unvorteilhafte Art der Bewirtschaftung, wie es die Bauern eben ,,von altersher“ gewohnt waren. Wissend, daß Beispiele mehr wirken als viele Beleh­ rungen, ließ Huber -wieder auf eigene Kosten -an staatlichen Wiesen und Feldern die beabsichtigten Verbesserungen vorneh­ men und der sich bald zeigende, höhere Ertrag bewog die zweifelnden Bauern bald zur allgemeinen Nachahmung. Eine weitere ergiebige Erwerbsquelle eröffnete Obervogt Huber den Bauern sei­ nes Bezirkes durch die Verbesserung und die Vermehrung des Obstanbaues. Er scheute sich nicht, auf Bäume zu klettern, selbst die Veredelung vorzunehmen und die ihn umstehenden Bauern so in die Kunst des Veredelns einzuführen. Karl Theodor Huber baute Straßen Allerdings sah Huber sofort ein, daß alle diese Verbesserungen nur dann vollkommen nutzbar gemacht werden konnten, wenn die Möglichkeiten bestanden, die Erzeugnisse der heimischen Gefilde auch an den Mann zu bringen. Er legte also allenthalben Wege und Straßen an. Karl Theodor war es, der die ersten Verbindungswege und Straßen erstellte; er baute die erste Straße von Triberg nach Haslach und dann die Straße zwischen Triberg und Villingen. Es war die erste Straße in Richtung der heutigen Schwarzwaldbahn. Und damit diese Straßen billig hergestellt werden konnte, ordnete er an, daß -meist waren es junge Männer -jene, die sich auf irgendeine Weise eine Strafe zugezogen hat­ ten, diese in Triberg verbüßten und sie statt einer Geld-oder Freiheitsstrafe eine Zeitlang Frondienste leisten mußten. Dieser Karl Theodor Huber hat aber auch in zahlreichen Fällen bewiesen, daß er ein tiefes Gefühl für die Schönheiten der Natur und für die Leiden und Schmerzen der ihm anvertrauten Bevölkerung hatte. Eine der sehenswertesten Naturschönheiten des Schwarzwaldes sind die Triberger Wasser-

fälle. Obervogt Huber war es, der sie deshalb zugänglich machte, obgleich damals (um 1800-1810) noch kaum ein Fremdenbesuch von auswärts in das verträumte Triberg kam. Landsturmbataillons, eilte mit diesem sei­ nem bedrängten Triberger Bezirk zu Hilfe und folgte den abziehenden Franzosen bis tief nach Bayern hinein. Er hatte ein Herz auch für die Rekruten In jener Zeit der Unruhen (zu Ende des 18. Jahrhunderts) und des Krieges wurde das „Aushebungsgeschäft“ mit wenig Rücksicht betrieben und als einst in Villingen „die gezogenen Rekruten“ den Befehl bekamen, unverzüglich nach Rastatt einzurücken, ohne erst noch einmal nach Hause zurück­ zukehren, da war es der Obervogt Huber, der den Rekruten auf eigene Verantwortung erlaubte, zu Hause noch Abschied zu neh­ men. Sie haben sich alle hernach noch recht­ zeitig und vollzählig in Rastatt eingefunden, um ihrem geliebten Obervogt keine Unan­ nehmlichkeiten zu bereiten. Zum Ende des 18. Jahrhunderts (napoleo­ nische Zeit) kamen die Franzosen wiederholt über den Rhein und „fielen in Süddeutsch­ land verheerend ein“, wie ein zeitgenössi­ scher Chronist schreibt. Auf jede Weise ver­ suchte Vogt Huber bei diesen Gelegenheiten seinem Bezirk „wie dem weiteren Vater­ lande“ nützlich zu sein. Bei Einquartierun­ gen nahm er jeweils freiwillig Offiziere zu sich selbst ins Quartier, um desto besser zugunsten seiner Bezirksbewohner auf sie einwirken zu können. Als aber im Jahre 1800 Moreau mit seinen Scharen brennend und raubend ins Land einfiel, riefHuber zur Ver­ teidigung auf Er eilte nach Merdingen (bei Freiburg), stellte sich an die Spitze seines Prozesse gab es kaum bei ihm Als wieder ruhigere Zeiten eingetreten waren, nahm Obervogt Karl Theodor Huber die gewohnte Arbeit in seinem Triberger Bezirk wieder auf. überall wirkte er verbes­ sernd, bei Streitigkeiten versöhnend, so daß Prozesse in seinem Amtsbereich geradezu zu den Seltenheiten gehörten. Einundzwanzig Jahre lang war Dr. Karl Theodor Huber Vogt und Obervogt in Tri­ berg. Schön war für ihn, daß er kurz vor sei­ nem Tode noch die Befreiung Deutschlands von der Fremdherrschaft erleben konnte. Am 16. März 1816 starb er, nachdem ihm noch vergönnt gewesen war, zur Sieges- und Friedensfeier die Triberger Wallfahrtskano­ nen krachen zu lassen. Karl Theodor Huber ist nur achtundfünfzig Jahre alt geworden. Hatte er zu seinen Lebzeiten viele Widrig­ keiten zu bestehen, so sicherten die nachfol­ genden Generationen ihm doch mit Ehr­ erbietigkeit und Respekt ein bleibendes Denkmal. Der Chronist von einst schrieb bei der Einweihungsfeier auf dem „Huber-Fel­ sen“ die denkwürdigen Worte: ,,Möge dieses Gedächtnis an Karl Theodor Huber solange dauern wie dieser mächtige Huber-Felsen, dem diese Gedenksteine eingefügt sind. Er hat es um sein Volk – sei es auch im beschränkten Kreise – in Wahrheit ver­ dient“. Alexander Jäckle Entdeckt: Der Publizist Kurt Tucholsky weilte 1919 im Schwarzwald „Nußbach bei Triberg (Baden), Haus Fritsch, 19. 8. 1919, Nr. 11 – Liebstes Mätz­ chen, … am 16. fuhr ich aus Berlin ab … Am nächsten Abend kamen wir hier an. Das Haus, das sich der verstorbene Vater meines Hamburger Freundes – er war ein großer Frauenarzt -hier gebaut hat, ist eine hübsch eingerichtete Villa mit ungefähr 20 Zimmern und einem kleinen Nebengebäude -in dem wohnen wir … “ Dies schrieb vor 72 Jahren 165

ben. Am 21. August 1933 ließ sich Kurt Tucholsky von der Frau, die er immer liebte, scheiden. Denn die politische Entwicklung in Deutschland bedeutete an der Seite eines Halbjuden für Mary Gefahr für Leib und Leben. Tucho -wie er noch heute von seinen Anhängern genannt wird – hatte als in Deutschland verbotener Schriftsteller – seine Bücher wurden als „entartete Kunst“ wie die vieler seiner Zeitgenossen in Berlin verbrannt – längst das Land verlassen und wohnte in Schweden. Am 31. Dezember 1935 nahm sich K. T. das Leben. in Hindäs 1919, als Tucholsky Nußbach besuchte und in das Haus seines Freundes Hans Fritsch kam (der als ,Jakopp“ Eingang in seine Erzählungen fand), stand er im Mittel­ punkt seines Schaffens. In Berlin geboren, zeitweilig in Stettin aufgewachsen, macht der junge Tucholsky mit 17 Jahren seine ersten journalistischen Schritte. 1907 veröf­ fentlicht er im „Ulk“, einer Berliner satiri­ schen Zeitschrift, ein „Märchen“. Kurz kari­ kiert er darin die Haltung des Kaisers zur Kultur ,, … er pfiff drauf‘. Schon damals beobachtete er mit kritischer Distanz seine Umwelt und die politische Entwicklung. 1909 begann er nach der Reifeprüfung ein Jurastudium, studierte auch ein Semester an der Universität Genf. 1915 promovierte Kurt Tucholsky. Dann mußte auch er in den Krieg ziehen. Da war er aber schon ein bekannter Schriftsteller. Sein Buch „Rheinsberg – ein Bilderbuch für Verliebte“ wurde zum Lese­ buch vieler Liebespärchen. Tucholsky wurde auf Betreiben seines Freundes, des Juristen Dr. Danehl aus Han­ nover nach Rumänien versetzt. Dr. Danehl wird von „Karlchen“ genannt, Tucholsky selbst ist „Fritzchen“. In Rumä­ nien begegnete er Hans Fritsch, zu dem er – nach dem Krieg mit Dr. Danehl nach Nuß­ bach reiste. ihm Hans Fritsch war der Sohn des Obermedi­ zinalrates Professor Dr. Heinrich Fritsch aus Hamburg. Er war später Geschäftsführer des Hamburger Gaswerkes. Professor Fritsch der Journalist und Schriftsteller Kurt Tucholsky seiner späteren Ehefrau Mary Gerold. Daß dieser später so berühmte Mann in „Nußbach bei Triberg (Baden)“ weilte, interessiert inzwischen nicht nur die 1989 gegründete Tucholsky-Gesellschaft, sondern auch das Literaturarchiv in Mar­ bach (Neckar) als Nachlaßverwalter des Publizisten. Es interessiert aber auch zahlrei­ che Tucholsky-Anhänger, die das Haus ein­ mal sehen wollen, in dem es laut Tucholsky damals sehr turbulent zuging, was er nicht so schätzte: ,,Aber man kommt nicht zu sich selbst dabei -und auf die Dauer mag ich das nicht“, schrieb er an Mary Gerold. Diese sehr persönlichen Briefe an Mary, die Aufschluß auch über den Menschen Tucholsky gaben, sind in dem Buch „Unser ungelebtes Leben“, das Fritz). Raddatz 1983 herausgab, zu lesen. Hier findet sich Tucholskys Spur im Schwarzwald. Der damals 29jährige Tucholsky hatte Mary Gerold schon 1916 als Soldat in Kurland ken­ nengelernt, sie aber erst-nach einer geschei­ terten Ehe mit der Ärztin Else Weill – 1924 geheiratet. Mary Gerold sollte zeit seines Lebens seine Hauptansprechpartnerin blei- 166

hatte 1902 das in Nußbach über der jetzigen Bundesstraße 33 gelegene Haus erworben und zur „Sommerfrische“ für die Familie umbauen lassen. ,,Haus Fritsch“ steht heute noch am Giebel des Fachwerkhauses, das inzwischen mehrere Um- und Anbauten erfahren, den Besitzer mehrmals gewechselt hat und zu den ältesten noch erhaltenen Häusern Nußbachs gehört. ,,Villa Fritsch“ wird das Haus auch im Volksmund genannt. Und alte Nußbacher erinnern sich, daß es dort oben – es ist eine Bergvilla mit eigener Q:telle – oft turbulent zuging, wenn die „Herrschaften“ über die warme Jahreszeit anreisten. In den „Römischen Kaiser“ sei man gegangen. Viele Gäste habe das Haus gesehen. Kein Wunder, denn die Familie Fritsch war nicht gerade klein: Hans Fritsch hatte noch drei Schwestern, wovon zwei ebenfalls mit Mediziner (Dr. Brauer und Dr. Stöcke!) verheiratet waren. (Diese beiden Männer waren mit Professor Sauerbruch in Berlin bekannt.) Sie alle kamen mit ihren Familien, luden Freunde und Kollegen ein. Hans Fritsch starb 1931, die Familien Dr. Brauer und Dr. Stöcke! traten das Erbe des Hauses an und nutzten es bis 1943 als Som­ merfrische. An Hans Fritsch können sich einige ältere Nußbacher noch gut erinnern. Er sei ein geselliger Mensch gewesen, der frohe Feste und die Jagd liebte. Sehr oft war damals der Musikverein Nußbach in der Villa zu Gast. In der Chronik des Vereines ist das festgehal­ ten. Als Fritsch starb, waren die Mitglieder des Musikvereins bestürzt über den so plötz­ lichen Tod ihres „lieben Freundes und Stif­ ters Hans Fritsch“. Aber auch später war der Verein Gast in der Villa. Die Chronik ver­ zeichnet auch die Schenkung eines Musik­ instrumentes durch Hans Fritsch. An den Besuch von Kurt Tucholsky im Das Haus Fritsch in Nußbach 167

August 1919, er war etwa 14 Tage dort, kann sich in Nußbach niemand erinnern. Der scharfzüngige Satiriker, der zum Zeitpunkt seines Besuchs in Nußbach Chefredakteur des „Ulk“ war, liebte bei allem Spaß an den schönen Dingen des Lebens doch die schöp­ ferische Stille, in der er zum Beispiel unter den Pseudonymen „Ignaz Wrobel“, ,,Peter Panter“ und „Kaspar Hauser“ Artikel für c:lie in Berlin erscheinende „Schaubühne“, spä­ ter „Weltbühne“ verfaßte. Am 22. 8. 1919 schrieb K. T. an Mary Gerold aus Nußbach: ,, … Hierorts ist es noch alles so: ein bißchen viel Rummel -und ich werde froh sein, wenn ich erst wohlbehalten und schweigsam an der See sitze; ich muß einmal ganz in die Stille …. Wir sind hier ganz unter uns – Frauen gar nicht, was bewirkt, daß wir nach­ mittags alle Mann hoch nackt unter der Brause einhertanzen … “ -Im damals beschaulichen Dorf Nußbach fielen die Sommergäste der „Villa Fritsch“ schon auf. .. Für die Tucholsky-Anhänger, die Tu­ cholsky-Gesellschaft und auch das Literatur­ archiv in Marbach ist mit der Entdeckung des noch bestehenden Hauses in Nußbach eine weitere kleine Lücke im Wissen über das Leben des großen Mannes geschlossen, der gegen menschliche Dummheit anschrieb und doch so wenig bewirkte. Ob Tucholsky außer seinen Briefen noch etwas anderes während seines Aufenthaltes in Nußbach schrieb, kann noch nicht gesagt werden. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands finden sich jetzt auch die Tucholsky-Anhän­ ger und tragen das von ihnen jeweils Erforschte zusammen. Und sie setzen sich – nun gemeinsam -mit dem Werk Kurt Tucholskys auseinander, definieren es neu. Die ehemalige DDR-Regierung hatte bekanntlich Texte ausgewählt, die den Schrifi:stellerund Publizisten als „Antifaschi­ sten“ und „Antimilitaristen“ darstellten. Im Westen war sein Gesamtwerk erschienen, seine lyrischen Texte ebenso wie seine distanzierten Betrachtungen Deutschlands aus der Feme. Der Mann, der Frankreich 168 liebte, mochte in den letzten Jahren seines Lebens Deutschland immer weniger. Und heute sind Tucholskys Auseinandersetzun­ gen mit den Deutschen, dem Deutschsein aktueller denn je … Ein bißchen was bleibt von der Auseinan­ dersetzung mit und um Kurt Tucholsky auch an Nußbach hängen: das steigende Interesse an dem Schwarzwaldort, der einst Bahn­ station war und seit 1973 ein Ortsteil von Tri­ berg ist, und an der „ Villa Fritsch“. Was schrieb K. T. damals an Mary? ,,Die Land­ schaft ist schön. Es ist so ungefähr wie im ,Kalten Herz‘ von Hauff -aber nicht ganz so ernst und schwer. Es liegt 600 Meter über dem Meeresspiegel, bewaldete Höhen, da­ zwischen in den Tälern, kleine gedrängte Dörfchen und Städtchen. Es sieht hübsch aus.“ -Wenn das keine Werbung ist. Renate Bökenkamp Qu e 11 e n: Kurt Tucholsky „Unser unge­ lebtes Leben“, Briefe an Mary, herausge­ geben von Fritz ). Raddatz, Rowohlt; Rowohlts Monographien, herausgegeben von Kurt Kusenbaerg, ,,Kurt Tucholsky“ von Klaus-Peter Schulz; Gerhard Zwerenz „Kurt Tucholsky, Biographie eines guten Deutschen“, Goldmann Verlag; Bryan P. Greenville „Kurt Tucholsky“, Autorenbü­ cher, Verlag C. H. Beck. Traum gefrorene Flammen brennender Schnee gangbarer Regenbogen bewohntes Paradies ich träume und weil ich Unmögliches träume träume ich daß du mich liebst Christiana Steger

Das Notgeld im Gebiet des heutigen Schwarzwald-Baar-Kreises in der Zeit von 1918 bis 1922 Wegen der Fülle des Materials kann das Notgeld-Thema nicht in einem Beitrag dargestellt werden. Im diesjährigen Almanach wird die Zeit von 1918 bis 1922 behandelt. Die Redaktion ist der Auffassung, daß das umfangreiche Material des Verfassers möglichst ungekürzt dargestellt werden sollte. Vor allem die optische Wiedergabe der Notgeldscheine ist von historischem Interesse. Da das Jahr 1922 einen gewis­ sen Einschnitt darstellt, wird sich der zweite Beitrag hauptsächlich mit der Zeit nach 1922 befassen. Notgeld – dieses Wort erweckt bei vielen Menschen meist beklemmende Assoziatio­ nen: Krieg, Notzeiten, Geldmangel, Infla­ tion, Mengen von wertlosem Geld und kein ausreichendes Warenangebot. Die meisten Vorstellungen vom Begriff Notgeld sind durch Erinnerungen oder Erzählungen geprägt, die auf die Epoche des Ersten Welt­ krieges und seine Folgezeit zurückgehen. Diese schlimme historische Periode hat den Notgeld-und Inflationsschock ausgelöst und ein tiefes Mißtrauen, ja eine Angst vor möglichen Wiederholungen in weiten Bevölkerungskreisen eingeimpft. Dabei herrscht große Unkenntnis über das Entste­ hen und die Umstände, die die Kettenreak­ tion dieser Notgeldepoche in Gang setzten. Im Laufe der Geschichte gab es viele schreckliche Kriege in aller Welt, die wirt­ schaftliche Nöte verursachten und allge­ meine Geldverschlechterung zur Folge hat­ ten, aber nur in verhältnismäßig wenigen Fällen kam es zur Ausgabe von Notgeld. Die Notgeldepoche, die mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges eingeleitet wurde, war ohne Vorbild und vollzog sich bis zur Stabi­ lisierung der Währungsverhältnisse Ende 1923 in einem fast zwangshaften, aus unserer Sicht kaum begreiflichen und unlogischen Prozeß. Das Deutsche Reich war, 1914 scheinbar wirtschaftlich gut fundiert, die stärkste Wirt­ schaftsmacht auf dem europäischen Fest­ land. Das Umsatzvolumen aller Zahlungs­ mittel belief sich auf ca. 6 Milliarden Mark. Das Papiergeld war zu einem Drittel durch Gold gedeckt, und die Reichsbank war ver- pflichtet, ihre Noten jederzeit gegen Gold umzuwechseln. Mit dem Kriegsausbruch wurde eine Anzahl von Gesetzen in Kraft gesetzt, die die Geldverhältnisse während des Krieges regeln sollten. Die Konvertierbarkeit der Reichs­ banknoten in Goldmünzen wurde aufgeho­ ben und der Geldumlauf durch die Ausgabe von Darlehenskassenscheinen vergrößert. Alle öffentlichen Kassen waren verpflichtet, die umlaufenden Goldmünzen dem Staat zur Verfügung zu stellen, was 1914 einen Rückfluß von fast einer Milliarde Goldmark erbrachte. Auch das übrige Hartgeld wurde, teils zu Kriegszwecken eingezogen, teils spe­ kulativ gehortet, knapp. Dies führte u. a. auch dazu, daß bereits 1916 von der Regierung die Aufforderung erging, alles im Privatbesitz befindliche Gold dem „Vaterlande“ zu opfern und an die Bür­ germeisterämter abzugeben. Der Dank des Vaterlandes: eine schwarze eiserne Medaille mit der Aufschrift: GOLD GAB ICH ZUR WEHR EISEN NAHM ICH ZUR EHR (Rückseite) IN EISERNER ZEIT (Vorderseite) 169

Sicherlich ist auch in unserem Landkreis in mancher Schublade diese Medaille noch zu finden, und meist kennt der Besitzer den Sinn und die Hintergründe dieser patrioti­ schen Tat seiner Vorfahren nicht. Da die Preise immer mehr stiegen und der Bedarf an Kursgeld stetig zunahm, wurde in der Reichsdruckerei in Berlin in 3 Schichten Geld gedruckt. Es gelang trotzdem nicht, den steigenden Bedarf auszugleichen. Die immer größer werdende Verknap­ pung des Kleingeldes veranlaßte Städte und Gemeinden, auch in unserem Heimatgebiet, eigenes Kleingeld in Form von Notgeld­ scheinen im Nominalwert zwischen 50 Pfen­ nig und 20 Mark herauszugeben. So gab die Stadt Donaueschingen im Oktober 1918 der Uhland’schen Buchdruk­ kerei in Stuttgart den Auftrag zum Druck von Kriegsgeld zum Nominal von 10 und 20 Mark, das allerdings nur bis zum 1. Februar 1919 als Zahlungsmittel gültig war. Auf beiden künstlerisch sehr gut gestalte- ten Scheinen ist auf der Vorderseite das Rat­ haus mit dem Stadtwappen abgebildet, die Unterschrift vom Bürgermeister gibt dem Schein die Gültigkeit als Zahlungsmittel. Auf der Rückseite ist die Stadtpfarrkirche St.Johann, ein Baaremer Trachtenpaar und die an der Donauquelle im Schloßhof ste­ hende allegorische Skulptur der Mutter Donau zu sehen, die der jungen Donau den Weg ins Schwarze Meer weist. Die Stadt Furtwangen gab am 30. Okto­ ber 1918 Gutscheine über 10 Mark aus, die ebenso wie die am 6. November 1918 heraus­ gegebenen Werte über 5 Mark auf der Vor­ derseite sehr einfach gestaltet waren. Beide Rückseiten ließ man unbedruckt. Man hatte es eilig, schnell zu Kleingeld zu kommen. Bereits am 1. Dezember 1918 mußten wei­ tere Nominale gedruckt werden, um dem Kleingeldmangel abzuhelfen. Während auf den beiden ersten Scheinen vom Oktober und November noch eine Einlösungsfrist aufgedruckt war, verzichtete man bei diesen llr. 15291 170 ltAcl)c,l)mun9 •• ‚Orrfllfd)une … ,rb J•..J’•&d)t(id) 1> .. fotet

Scheinen aus gutem Grund auf eine schon vorbestimmte Einlösungsfrist. Alle Scheine hatten eine gleiche sehr dekorative Vorder­ seite, mit Tannenzweigen, Tannenzapfen, Silberdisteln und Beerentrauben der Eber­ esche geschmückt. Auch fehlte nicht das Stadtwappen und die Unterschriften von Bür­ germeister Herth und Ratsschreiber Mairan. 171

O}lllttg nur bis 1. !Jelruor 1919. !Biltgmnrifla. � �3 !Rac{i�numgtn fltafhr. ����JB���������� Der Leiter der Außenstelle Furtwangen der Gewerbehalle Karlsruhe, Architekt und Stu­ dienrat K. Lederle war der Künstler, der alle diese künstlerisch sehr ansprechenden Scheine der Stadtgemeinde Furtwangen schuf 172

– – -· – � • t – — � • – – -� – Schwarzwälder Uhrenträger vor dem heute nicht mehr bestehenden „Zähringer­ hüsle“ in Schollach Furtwanger Trachtenmädchen beim Strohflechten }Jer .3rit1110tlit mit btm bte Cßüfügk.tit :nlXtq�na.. . · abutuft, wiril öJrtntltrf] bfflltttnt gtgtbrn. Jtrllfl’= 173

Der gegenüber dem Bahnhof Triberg liegende Hohnenhof mit der schwarzwald-typischen Hofkapelle Die Stadt Furtwangen vom Sommerberg aus gesehen 174

Skiläufer auf dem Brend beim Raben 175

Alle Scheine Furtwangens wurden von der heimischen Fa. Wilhelm Kirchberg, heute K. Leitz, und von der nicht mehr bestehenden Fa. Andreas Uttenweiler hergestellt. Auch die Stadt St. Georgen konnte sich der Notwendigkeit des Druckens von Geld­ ersatz nicht entziehen. Am 15. Oktober 1918 wurde ein einfacher, einseitiger Schein über 5 Mark herausgegeben, der nur bis zum 20.November „giltig“ war. – – – – – – — – – –=-=-=–= — Beide Scheine, reich verziert mit Orna­ menten und den in Blindprägung ange­ brachten Wappen der Stadt St. Georgen, wurden von der Doe­ ring’schen Kunst­ druckerei Karlsruhe hergestellt 176

Ähnlich wie in Furtwangen mußte man sehr schnell mehr Kleingeldscheine herstellen. Man beauftragte keinen Geringeren als den Karlsruher Künstler, Professor Karl Kusche, der bereits für die „Haupt- und Residenz­ stadt Karlsruhe“ einen Schein entworfen hatte, mit Entwürfen für 5- und 10-Mark­ Scheine, die am 1.11.1918 als „Kriegsgeld“ ausgegeben wurden. Das Deutsche Kultur­ museum Leipzig bescheinigte seinerzeit, daß die Scheine „in solch künstlerischer Weise“ hergestellt wurden, daß man sie in der „aus­ führlichen Broschüre“ ausdrücklich erwäh­ nen wolle. Außerdem erkundigte man sich nach dem Künstler, denn Kusche hatte auf seine Urheberschaft nur mit „A. K“ hinge- wiesen. Auch für die badischen Städte Wein­ heim, Gaggenau, Gernsbach und Forbach entwarf Kusche Geldscheine. In Triberg ließ Bürgermeister de Pelle­ grini schon am 25.Juli 1918 bei der Universi­ tätsdruckerei Poppen und Ortmann in Frei­ burg zwei Scheine zum Nennwert von 50 Pfennig herstellen. Diese netten kleinen, far­ bigen Scheine zeigen auf der Vorderseite wie üblich den notwendigen Text, das Ausgabe­ datum, die Gültigkeitsdauer, das Stadtwap­ pen und die Unterschrift des Bürgermeisters. Die Rückseite ist entweder mit einer Schwarzwälderin mit Triberger Tracht oder dem Uhrenhändler verziert. Eine Serie Scheine wurde auf Wasserzeichenpapier gedruckt. 177

Knapp 3 Monate nach Herausgabe dieses Kriegsgeldes wurde eine weitere Serie Kriegs­ geld bei Poppen und Ortmann in den Wer­ ten 5 Mark und 10 Mark hergestellt. Diesen beiden weniger liebevoll gestalteten Schei­ nen, die nur im Einfarbdruck gemacht wur- den, sieht man die Notwendigkeit der Beschaffung von Ersatzzahlmitteln direkt an. Die Vorder- und Rückseiten beider Scheine sind gleich, kein Bild ziert mehr den Kriegsgeldschein. 178

Wie sehr sich die allgemeine Situation verschlechterte, kann man deutlich an den beiden am 15. Oktober 1918 herausgegebe­ nen Nominalen von 5 und 10 Mark erken­ nen. Die einheimische Firma L. Schönen- berger bekam den Druckauftrag für die nur einseitig und auch einfarbig bedruckten Nominale. Es war nun kein Kriegsgeld mehr, sondern ein Gutschein, der nur einen Monat „giltig“ war. 179

Die erste Stadt im Kreisgebiet, die eigenes Geld druckte, war Villingen. Der niedliche kleine Schein wurde Kriegsgeld genannt. Er erblickte sinnigerweise am 1. April 1918 das Licht der Welt. Das reich verzierte Villinger Wappen ist, außer der wohl Steine darstellen­ den Randverzierung, der einzige Schmuck der Vorderseite. Die Rückseite wird vom alten Rathaus und umgebenden Ornamenten geschmückt. Erstaunlich ist die lange Gültig- Beide Scheine sind mit der Faksimile-V n­ terschrift des Bürgermeisters versehen. Der Rechnungsamtsleiter Flößer war sicherlich viele Stunden beschäftigt, um daneben handschriftlich sein Signet anzubringen. Selbstverständlich waren alle Scheine auch mit einer fortlaufenden Nummer paginiert worden, und außerdem wurde noch das Stadtsiegel gestempelt. Kein kleiner Auf­ wand für diese kurzlebigen Scheine. 180

keitsdauer dieses Scheins bis zum 1. April 1920. Über 130.000 dieser Scheine wurden in der Uhland’schen Buchdruckerei, Stuttgart, hergestellt. Mit zu den schönsten Notgeldscheinen unseres Kreises gehören die nun Kriegsnot­ geld genannten Nominalen von 5 Mark und 20 Mark, die ab 15. November 1918 bis 1. Februar 1919 Gültigkeit hatten. Die graphi­ sche Kunstanstalt Pfaff in Lahr schuf diese Scheine, die auf den Vorderseiten das Villin- ger Wappen mit viel Ornamentik zeigen. Die Unterschrift vom damaligen Bürgermeister Lehmann ist aufgedruckt, und jeder Schein wurde von Hand mit einem Paginierstempel bedruckt. Sehr eindrucksvoll ist die Rück­ seite der Scheine. Stolz steht am linken Rand der Villinger Lokalheld Romeius mit dem erbeuteten Rottweiler Stadttor vor der rechts daneben befindlichen Stadtsilhouette nach dem bekannten Kupferstich von Merian um ca. 1640. 181

Insgesamt sieben Städte und drei Geld­ institute unseres Kreisgebietes gaben Not­ geld aus. Auch eine ganze Reihe Firmen waren gezwungen, durch Druck eigenen Gel­ des der Geldnot abzuhelfen. Jedoch nur die bisher aufgeführten Städte gaben Kriegsnot­ geld aus. Die einstmals so strenge Währungs­ politik im Kaiserreich kam immer mehr ins Wanken. Am 11.11.1918 wurde der von den Alliierten geforderte Waffenstillstand durch die parlamentarische Reichsregierung unter Max Prinz von Baden abgeschlossen. Mit dem Kriegsende begann nun für uns eine wirtschaftliche Not, die schrecklich werden sollte. Die Reparationskosten stiegen ins Uferlose, und die Inflation nahm ihren Fort­ gang. Viele Städte und Gemeinden im Reichsgebiet gaben wieder von 1920 an eige­ nes Geld aus. Von den Städten und Gemein­ den unseres Landkreises beteiligte sich nie­ mand an dieser Aktion, die schlußendlich nur noch Sammler befriedigte, aber auch Geld in die geschröpften Kassen der Kom­ munen brachte. Die Regierung machte die­ sem unkontrollierten Notgeldzauber am 17.Juli 1922 ein plötzliches Ende. Hermann Binder 182 Die blaue Blume Es blüht eine blaue Blume Wohl zwischen rotem Mohn, Die sah schon meine Muhme, Mein Junge ahnt sie schon. Sie wächst nur in der Stille Und liebt die Einsamkeit; Es schweigen Wunsch und Wille, Wo ihre Pracht erfreut. Und wenn mir beim Unkrautjäten Das Blut aus den Fingern quoll, Der Wehmut Gefühle verwehten Bei ihr ganz wundervoll … Und habe ich einstens hienieden Den letzten Seufzer getan, So lockt den himmlischen Frieden Die blaue Blume heran! Josef Albicker

Das „Naturwuider“ des Kirchhofes zu Bucheiberg Über ein merkwürdiges „Naturwunder“ des Kirchhofes zu Buchenberg berichtet M. Friedrich Wilhelm Breuninger, Nürtin­ gen (Württemberg), ,,der Zeit eines defignir­ ten Pralaten des Closters St. Georgen auf dem Schwarztzwald“, im Jahre 1719 in dem von ihm herausgegebenen Werk „Die Ur-�elle des weltberühmten Donau­ Stroms“. Mit vielen Einzelheiten und allen ihm zur Verfügung stehenden Quellen, angefangen von den Aufzeichnungen der Römer, hat sich der Autor des Buches mit dem Thema befaßt. Mit dem Donau-Altertum, den gro­ ßen und kleinen Einflüssen, der Länge, Nutzbarkeit, Schädlich- und Gefährlichkeit, den anliegenden Orten und anderen merk­ würdigen Dingen. So erwähnt er neben Peterzell und Mar­ tinsweiler mit der Burg Waldau, ,,drei Brun­ nen“, die so nahe beisammen sind, daß man mit einer Flinten von einem zum anderen schießen kann. Sie teilen sich, daß der Meer­ Brunnen in die Donau, der Kalten-Brunnen in den Rhein und der Glas-Brunnen in den Neckar fließt. Gemeint ist die große europäi­ sche Wasserscheide auf dem Brogen in Buchenberg (vgl. Almanach 1987, S. 234- 237). Er weist darauf hin, daß der Blitz bei Gewitter hier mehr als an anderen Orten ein­ schlägt und die Erde zu starken Bewegungen und Erschütterungen geneigt ist. Anno 1671 den 7. Februar, am 12. und 14. November 1692, nachts 11. Februar 1715 und morgens am 9. August 1718 waren diese starken Erd­ beben zu spüren. Einige wenige Grabsteine des alten Friedhofes um die St.-Niko/aus-Kirche in Buchenberg sind an der Süd- und Westseite des Gotteshauses aufgestellt 183

Etwas Besonderes treffe man in dem Kirchhof in Buchenberg an. Er liege am Bergabhang, und seine Erde sei von solcher Beschaffenheit, daß eingesenkte Körper mit Haut, Fleisch und Bein innerhalb von bis vier Wochen gänzlich verzehret seien, der Sarg aber verschlossen und unversehrt blei­ bet. Wenn er geöffnet wird, sei nicht mehr das geringste von einiger Materie anzutref­ fen. Unterhalb dem Kirchlein solle nach weni­ gen Tagen weder Sarg noch Leichnam mehr zu finden sein, sich nur noch Wasser zeigen. Er habe sich allzeit die Frage gestellt, ob diese Geschichte wahr sei. Im Jahre 1717 sei der Hauptmann und Amtmann zu St. Georgen, der Amtsverweser und Stadtschreiber zu Hornberg Ernst Treutwein, der Pfarrer der Filiale von Buchenberg Johann Daniel Chiesson von Tennenbronn, wie auch der Landesrenovator Johann Adam Jung der Sache nachgegangen. Sie haben zwei Gräber öffnen lassen und die Angaben bestätigt bekommen. In dem Sarg eines Kindes, das man öffnen ließ, und vor vier Wochen beer­ digt wurde, fand man nur noch ein klein wenig von der Hirnschale. In dem versehrt und geschlossenen Sarg eines Mannes, stellte man nur noch ein geringes Stücklein fest, in das der Leichnam eingewickelt gewesen war. Soweit Fr. Wilhelm Breuninger in seinem Buch. Pfarrer Johann Georg Hermann zu Ten­ nenbronn schreibt am 27. Februar 1812 in einem Bericht, den er an das Dekanat Horn­ berg über die alte St-Nikolaus-Kirche und den um die Kirche liegenden Friedhof zu erstatten hatte, unter anderem: Die Kirche, ungefähr von der Größe und Beschaffenheit wie die in Tennenbronn, ist ein wahres Pest­ loch; denn sie steht unten an dem Abhang eines Berges, und von ihr aufwärts bis auf die Ebene liegt der Gottesacker. Dieser ist voller Brunnenquellen, von welches das Wasser von Grab zu Grab sich herab, bis in den zwei Schuh tief in der Erde liegenden Boden der Kirche setzt. Ehemals wadete man oft im Wasser bis in die Stühle, dann zog man end­ lich über diese gräuliche Sentina einen höl­ zernen Boden, daß man jetzt diesen Unrath nicht gleich merkt. Im Sommer entsteht daraus ein unleidli­ cher Gestank, daß wenn man auch noch Nachmittagsgottesdienst hält, den jungen Leuten oft weh wird. Auf dem Dach des Schiffes ist ein Türmchen angebracht, in wel­ chem sich zwei Glocken sind. Orgel ist keine in der Kirche. Das ganze Gebäude ist, die Glocken ausgenommen, des Abbruchs nicht wert. Der Gottesacker liegt, wie oben gemel­ det wurde, bei der Kirche am Abhang des Berges, der noch ziemlich steil ist. Er ist mit einer Mauer umgeben, die ebenso wie die Kirche, mit Schindeln gedeckt und ziemlich schadhaft ist. Im Jahre 1836 wurde durch Ableitung der Brunnenquellen der Friedhof trocken gelegt. Damit wurde auch der beklagten Feuchtig­ keit der Kirche einigermaßen abgeholfen. 1867 erwarb man östlich am Wald Land für einen neuen Friedhof, der ab 1868 belegt wurde. Johann Haller ,,Wenn ich komm vor meine Herren … “ Zwei Protestlieder des armen Taglöhners Jakob Palmtag aus Schwenningen Im späten 18.Jahrhundert kam es in Schwenningen, aber auch sonst in der gan­ zen Gegend hier, zu heftigen Auseinander­ setzungen zwischen Taglöhnern und Bauern wegen der ungerechten Allmendverteilung. Die Not der armen Taglöhner erreichte ein unerträgliches Ausmaß, so daß sie sich zusammentaten, um durch Einzelbriefe oder gemeinsame Eingaben an die Regie­ rung und an den württembergischen Herzog 184

selbst auf ihre erbärmliche Lage aufmerksam zu machen und für mehr steuerliche Gerech­ tigkeit zu streiten. Kennzeichnend für die Stimmung unter den Taglöhnern jener Zeit ist der Brief, den der Schwenninger Weber und Taglöhner Jakob Palmtag am 25.Januar1782 an Herzog Carl Eugen schrieb (Der Text wurde hier, soweit es zum besseren Verständnis nützlich erschien, dem heutigen Sprachgebrauch angepaßt): »Durchlauchtigster Herzog, Gnädigster Herzog und Herr! Eurer Herzoglichen Durchlaucht er­ kühne ich mich zu Gnädigsten Füßen zu fal­ len und um Gnade und Erbarmung kniefal­ ligst zu bitten. Ich hatte das Unglück, daß mir als einem armen Mann von dem Vieh der reichen Bauern die einzigen 2 Viertel Wiesen, die ich besitze, was das Öhmdgras betrifft, abgefressen worden sind. Ich bat den Unteramtmann Schuler dahier, mir ein anderes Stückchen Wiese zum Öhmden anzuweisen; allein, so wie der Amtmann immer auf den Untergang der Armen bedacht ist, so erging es mir auch bei dieser Gelegenheit, und mir wurde mein Gesuch gänzlich abgeschlagen und ich dabei, wie der Amtmann bei jeglicher Gele­ genheit den Armen begegnet, mit (pardon!) ,Schelm‘ und ,Spitzbube‘ belegt. Ich ging hierauf hin und mähte ein Stück­ chen Gemeindewiese, der Amtmann aber ließ mir das Öhmd gleich wieder abnehmen. Ich ersuchte einen Bauern, mir, weil mir eine Wiese abgefressen worden war, zu erlau­ ben, ein Stückchen von seinen Wiesen abmähen zu dürfen, welches er mir auch erlaubte. Weil ich aber statt eines Drittels hiervon die Hälfte abmähte, wurden mir 3 Gulden 15 Kreuzer Strafe angesetzt, und obwohl ich in der äußersten Armut stehe, wurde ich mit fünftägiger Exekution [= Strafvollzug] belegt. Die Bedrückung sämtlicher Taglöhner und armen Bürger dahier ist so groß, daß der größte Teil derselben beinahe darunter ersticken muß, denn der Amtmann gibt sei- ten einem Armen einen anderen Bescheid als unter Ausstoßung der empfindlichsten Schmähworte, und dies veranlaßte mich, die untertänigst angeschlossenen 2 Lieder (weil kein Bürger, außer den Reichen, seine Not vorstellen darf) zu komponieren und zu sin­ gen, worauf ich 8 mal24 Stunden bei Wasser [= eingekerkert] und Brot wurde. inkarzeriert Euere Herzogliche Durchlaucht erkühne ich mich daher in tiefster Untertänigkeit zu bitten, Höchst Erleuchtet Dieselben möch­ ten mir die angesetzten 3 Gulden 15 Kreuzer Strafe gnädigst erlassen und dieserhalb den gnädigsten Befehl an seine Behörde ergehen lassen. Einer gnädigsten Willfahr getröste ich mich in Untertänigkeit und ersterbe in tiefster Unterwerfung als Euer Herzoglichen Durchlaucht untertänigst gehorsamster Jakob Palmtag.“ Nun folgen die beiden Lieder „Wenn ich komm‘ vor meine Herren … “ und „In Schwenningen der arme Mann … „, die Palmtag in verschiedenen Wirtschaften in Schwenningen und Deißlingen vorgetragen hat (auch sie in heutiger Schreibweise): Wenn ich komm‘ vor meine Herren, sprechen sie: ,,Tu dich wegscheren! “ 0 weh! Wenn ich will nutzen mein eigen Gut, so sprechen sie: »Es ist nicht gut.“ 0 weh! Die Spittelgaß ist den Leuten wohlbekannt. Man ist mir nachgesprungen, es ist eine Schand‘. 0 weh! Da hab‘ ich gemäht mit heißen Tränen und hab‘ geglaubt, es könnt‘ nicht fehlen, Oweh! daß ich bekomm‘ Futter für meine Küh‘ ins Haus. Da springen 3 Männer daher, es ist ein Graus. 0 weh! Da hab‘ ich gemeint, sie wollen mich fressen. Sie haben das Schnaufen schier vergessen. Oweh! Sie haben’s getan dem Reichen zu Ehr, und bleibt ihnen doch der Beutel so leer. Oweh! Wenn ein Armer red’t nur ein Wort, 185

Hag ou, hag au, du Birnenkern, du machst den Bauern die Stierlein nicht gern, die Armen zu betrüben. Ei Schwenningen! das liegt im Morast, das macht nur Brücken von Apfelsaft, darüber man sich muß betrüben. Wie wenig den Taglöhnem ihr Aufbegeh­ ren damals genützt hat, läßt sich in Otto Benzings 1985 erschienenem Geschichts­ buch „Schwenningen am Neckar … “ nach­ lesen (S. 271 ff.). Daß es allerdings auf lange Sicht tatsächlich gar nichts genutzt haben sollte, mag man nun auch wieder nicht glau­ ben. Ob sich wohl eine Sozialgesetzgebung, wie wir sie heute in unserem Land haben, hätte entwickeln können, wenn es nicht den mutigen – oder verzweifelten – Widerstand der Benachteiligten gegeben hätte? Das Thema ,,Allmendstreit zwischen Taglöhnern und Bauern im späten 18. und frühen 19.Jahrhundert“ wäre wohl wert, ein­ mal intensiv bearbeitet zu werden, wenig­ stens soweit es Villingen-Schwenningen und Umgebung betrifft. Textmaterial dazu ist in den Stadt- und Landesarchiven reichlich vorhanden. Besonders erfreulich wäre es, wenn sich jemand fände, der die beiden Lieder des Jakob Palmtag, deren Melodien ja nicht überliefert sind, in ihrer Originalfassung neu vertonte. Dr. Manfred Reinartz Anm.: Observanz = Brauch, Herkommen, Gewohnheitsrecht; manutenieren = bewahren, erhalten, handhaben; Origi.nale der zitierten Texte im Hauptstaatsarchiv Stuttgart unter Signatur A 213, Büschel 2926, Nr. 17. so heißt es gleich: „Pack dich! Nur fort!“ O weh! Mein‘ Armut hab‘ ich nicht zur Schand‘, ich muß mich nähren mit meiner Hand, O weh! daß ich bekomm‘ mein Stücklein Brot, daß ich es hab‘ zu großer Not. 0 weh! Der Reiche denkt in seinem Herzen, er könnte wohl mit den Armen scherzen. O weh! Aber, o du Reicher mit deinem Gut, schau nur, wie’s in der Hölle tut! 0 weh! Der reich‘ Mann ist gestorben, ist in der Höll‘, daß seine Seel‘ muß bleiben ewig in der Höll‘. Muß auch ewig brennen und braten wegen seiner großen Missetaten. 0 weh! Er wollt‘ abkühlen seine Zunge in der Höll‘, aber die verfluchte Seel‘, es ist gefehlt! 0 weh! Der Arme aber starb mit frischem Mut und hat es in dem Himmel gut. Ist gut! Der Arme ist gekommen in Abrahams Schoß und ist worden von Sünden los. Ist gut! Wenn ich aber denk an meine große Armut, so ist’s nur besser als dem Reichen mit seinem Gut. Ist gut! In Schwenningen der arme Mann leid’t große Not und Untergang, leid’t große Not und Schrecken. Vor ungefähr 15 Jahren her der arme Mann so gar ist beschwert mit Schweiß ward er beladen. Meine Herrn haben dem abgewischt, sie haben die Tränen ans Rathaus g’flickt, darannen tun sie hangen. Warum daß ich kein Kühlein mehr hab? Meine Herren bringen mich an’n Bettelstab, dies‘ warten sie mit Verlangen. Meine Herrn die machen so ein Recht, sie teilen den Morgen auf 3 Pflugrecht, das Recht zu manutenieren. Eine alte Observanz das ist es nicht, es ist nur meiner Herrn ihr Gedicht, das Unrecht z‘ mantunieren. 186

Persönlichkeiten der Heimat Der „Löwe der Baar“ – Ein Mann in seiner Zeit Otto Weissenberger – Bürgermeister und Kurdirektor i. R., Ehrenbürger der Stadt Bad Dürrheim von Bad Dürrheim konnte mangels Zeit und Gelegen­ heit nicht seine Idee verwirkli­ chen, nach Wehrübungen bei der Bundeswehr Major oder gar Oberst der Reserve zu wer­ den. schon Denn Offizier war Otto Weissenberger im Krieg bei der Luftwaffe. Doch der Wunsch seines Vaters, des Zollbeamten im badischen Laufenburg und späteren Vorstandes des Zollamtes Neuhaus auf dem Hohen Randen, in dessen altem Truppenteil, beim Infanterie­ Regiment 114, die Offiziers­ laufbahn in der Reichswehr einzuschlagen, war nicht in Erfüllung gegangen. Aber – wie er selbst in seinen zum 80. Geburtstag des „Löwen der Baar“ erschienenen „Gedan- ken und Erinnerungen von und über Otto Weissenber­ ger“ schreibt -, damals trösteten ihn Groß­ mutter und Mutter mit den schlichten und deshalb so herzlichen Worten: ,,Offizier hin oder her, Du bleibst unser Bub.“ Mit den Qualitäten eines guten Offiziers – menschliches Vorbild, straffe Führung, fachliche Tüchtigkeit, Mut und Gerechtig­ keit gegenüber jedermann – hat sich der spä­ tere „Schultes“ Respekt und Anerkennung verschafft, und zwar in der Ministerialbüro­ kratie wie in den Kommunalverwaltungen, in Verbänden und vor allem in allen Bevöl­ kerungskreisen. Der aus Krieg und Gefan- 187 Aus Anlaß s�ines 70. Geburtstages imJahre1981 wurde das erfolgreiche Wirken von Otto Weissen­ berger im Almanach 1982, S. 230/231, gewür­ digt. Nach dem Eintritt ins 9 . Lebensjahrzehnt im Jahre 1991 hat auf Bitten der Redaktion der Herausgeber des im Jahre 1991 erschienenen Buches über den „Löwen der Baar“ einen weite­ ren Beitrag zur Verfügung gestellt. Wenn er etwas bereut nach all den mit Erfolgen erfüllten Jahren als Kommunalpoli­ tiker, Bäder- und Kurort-Verbandspräsident und nicht zuletzt noch als Hochschullehrer: Der frühere Bürgermeister und Kurdirektor

genschaft heimgekehrte Stadtbaumeister von St. Georgen gehört zu jener „betrogenen Generation“, die wertvolle Jahre ihres per­ sönlichen und beruflichen Lebensaufbaus verloren hat. Aber Otto Weissenberger hat nicht nur das Glück des Tüchtigen gefunden. Treu an seiner Seite steht ihm seit 1935 als verständ­ nisvolle und geduldige Weggefährtin durch helle und dunkle Zeitläufe seine Jugendliebe Hedwig Franziska, die Tochter des Radolf­ zeller Verlags- und Druckereibesitzers, Red­ akteur der „Bodensee-Zeitung“, Ferdinand Schmitz, einer der einflußreichsten Zen­ trumspolitiker im südlichen Baden nach dem Ersten Weltkrieg. Dessen politische Grundhaltung und sensibler Weitblick haben den Oberleutnant Weissenberger im Stab der 3. Nachtjagd-Division vielleicht auch vor einer falschen Entscheidung bewahrt, die ein junges Leben verändert, ja wahrscheinlich beendet hätte. Richtig entschieden haben bestimmt die Bürger von Bad Dürrheim am 17. Oktober 1954. Unter sage und schreibe 52 Kandidaten für das Amt des Bürgermeisters wählten sie bei hoher Beteiligung mit absoluter Mehr­ heit, mit rund 60 Prozent aller abgegebenen Stimmen, den Stadtbaumeister von St. Georgen zu ihrem neuen Bürgermeister. Otto Weissenberger war gewarnt worden vor den Problemen und Aufgaben in einem ,,Dorf mit der Vorsilbe Bad“. Am Wahl­ abend gratulierte ihm ein erfahrener Kom­ munalpolitiker und Unternehmer mit dem Ausspruch des Feldhauptmanns Georg von Frundsberg: ,,Mönchlein, Mönchlein, du gehst einen schweren Gang.“ Das bekam der junge Bürgermeister recht schnell zu spüren. Denn das ureigene Leben der Gemeinde und die kommunalen Aufga­ ben, ob bei der Wasser- und Stromversor­ gung, im Bäderwesen wie in der Grund­ stückspolitik, lagen völlig in der Hand der staatlichen Saline. Originalton Weissenber­ ger (in seinem oben genannten Buch): ,,Hier bleibe ich nicht. Das Rathaus ist nichts ande­ res als eine Postabfertigungsstelle. Die Kur- 188 verwaltung ist ein Mitläufer der Staatssaline. Sie kostet Geld-und bringt nichts ein.“ Und dem Villinger CDU-Landtagsabgeordneten Karl Brachat erklärt er unverblümt: ,,Bad Dürrheim ist keine selbständige Gemeinde. Das ist nicht mehr als ein Vasall der staatli­ chen Saline, das heißt des Landes.“ Jetzt war „Feuer unterm Dach“. Die Bad Dürrheimer „Palastrevolution“ fand gehöri­ ges Echo in der Presse. Und die Saline, das großherzoglich-badische Erbstück, gab nach harten Verhandlungen mit dem Salinen­ Aufsichtsrat und damaligen Ministerialdi­ rektor im Stuttgarter Finanzministerium, Staatsrat Paul Vowinkel, die Wasser- und Stromversorgung sowie das Bäderwesen an die Gemeinde ab. Nach diesem kommunal­ politischen Durchbruch überkommener und überalterter Verwaltungsstrukturen konnte die grundsätzliche Neuplanung für ein neues Kurmittelhaus und die Neuorgani­ sation des zukünftigen Kurbetriebs begin­ nen. Die Voraussetzungen für das Wachsen und Werden Bad Dürrheims waren geschaf­ fen. Freilich – und der heutige Ehrenbürger Otto Weissenberger weist ausdrücklich dar­ auf hin: ,,Die großherzogliche, später badi­ sche und würrtembergische Saline selbst ist die Basis zur Entwicklung der Kur- und Bäderstadt von heute. Ohne Saline, ohne Sole, ohne Frühinvestitionen des Großher­ zogtums Baden, des Landes Baden und des späteren Landes Baden-Württemberg wäre Bad Dürrheim Dorf geblieben. Es gilt, dies bis weit in künftige Generationen festzuhal­ ten.“ Mit den Pfunden wuchern – nach dieser alten Regel aktivierte Otto Weissenberger nach seiner glänzenden Wiederwahl im Jahr 1962 in gestärkter Bürgermeister- und Kurdi­ rektor-Position die Kommunalpolitik. Für die CDU kandidierte er 1965 im Kreistag des damaligen Landkreises Villingen mit dem Wahlslogan: ,,Wählt Otto Weissenberger – Hinter der Ofenbank ist nichts zu erben!“ – und erhielt die meisten Stimmen. Fraktions­ vorsitz im Kreisrat und Kreistag, dessen Erster Landrats-Stellvertreter, in den glei-

eben Funktionen auch im neuen Kreistag des Schwarzwald-Baar-Kreises, und später der Vorsitz im Regionalverband Schwarz­ wald-Baar-Heuberg waren folgerichtig und eigentlich selbstverständlich. Kluges Ver­ handeln und diplomatisches Geschick, mutiges Kämpfen mit dem Willen zur Ent­ scheidung und dazu eine rhetorische Bega­ bung – das sind die markanten Eigenschaf­ ten, die einem Mann weit über sein Tätig­ keitsfeld hinaus Achtung, ja Bewunderung und Wertschätzung gebracht haben. Daß „eine Stadt auch Staat machen muß“ -diese Auffassung des früheren Ministerprä­ sidenten und späteren Bundeskanzlers Kurt Georg Kiesinger wurde in Bad Dürrheim wohl verstanden und zeit- wie ortsgerecht praktiziert. Da konnte es eben passieren, daß der Bürgermeister und Kurdirektor bei der Landesvertretung Baden-Württembergs in Bonn mit „Exzellenz“ angesprochen wurde, weil ein höherer Beamter ein Diplomaten­ Ehepaar „in Schale“ zu begrüßen glaubte. Otto Weissenberger reagierte darauf ganz trocken: ,,Ich bin keine Exzellenz, ich bin der Schultes von Bad Dürrheim.“ Den richtigen und zutreffenden „Mar­ kennamen“ hat er sich dann beim „Jahrhun­ dert-Vorhaben“ der Verwaltungsreform in Baden-Württemberg erworben. Otto Weis­ senberger kämpfte dabei wie ein Löwe um seine Jungen, um die Selbständigkeit Bad Dürrheims, das nach den ersten Plänen des Innenministeriums zum „Oberzentrum Vil­ lingen- Schwenningen“ kommen sollte. Das durfte und konnte nicht wahr werden! Bad Dürrheim mußte aus selbstverständlichen, weil kommunal- und kurortpolitischen Gründen auch selbständig bleiben. Diese Forderung verfolgt der Bürgermeister und Kurdirektor auch als inzwischen gewählter Präsident des Heilbäderverbandes Baden­ Württemberg und des Wirtschaftsverbandes aller deutschen Heilbäder und Kurorte im Deutschen Bäderverband. Und so wurde Bad Dürrheim auch „kein Potsdam für das Oberzentrum Villingen-Schwenningen“. Man müsse einen „vernünftigen Weg für die Heil- bäder und Kurorte finden“, meinte der damalige SPD-Innenminister Walter Krause bei einem Besuch im Hause Weissenberger. Mit diesem Votum warb Otto Weissen­ berger auch als Kreistagsmitglied in den Nachbargemeinden für ein starkes „Mittel­ zentrum“. Seine Aktivitäten brachten natür­ lich politischen „Knatsch“. Vom Klengener Bürgermeister stammt der Ausspruch: ,,Der Löwe grast im Kreis.“ Seither hat der Bad Dürrheimer Schultes seinen Namen: Löwe der Baar. Ihn respektierten auch politische Gegner und die vielen persönlichen Freunde in allen Bereichen des öffentlichen Lebens, wenn auch die „Löwen-Natur“ zwangsläufig Anstoß erregen mußte. So rief ihn nach einer Probeabstimmung im Brigachtal zugunsten Bad Dürrheims der damalige Innenminister Karl Schieß an: ,,Des goht so ‚it wie Du monscht. Du dätsch am liebschte des ganze Ländle kassiere!“ Nun, es ging dann doch. Weil gute Argumente, für jeden Bürger, nicht nur für den politischen „Profi“ ver­ ständlich gemacht, das Bewußtsein der Men­ schen verändern können. Und diese Kunst beherrschte Otto Weissenberger meister­ haft. Auf der Baar sind für die deutschen Heil­ bäder und Kurorte neue Impulse geweckt worden. Bad Dürrheim hat Beispiele für eine zeitgerechte Bäderpolitik geliefert. Bäderar­ chitektur, Verzahnung der Kommunal- mit der Kurortpolitik, Bäderwirtschaft und neue Wege der Therapie haben in Wissenschaft und Forschung nationale und internationale Aufmerksamkeit gefunden. Otto Weissen­ berger war zu Vorträgen und Beratungen in fast alle Länder Europas eingeladen. Als ihn in der Schweiz ein Reporter fragte: ,,Herr Prä­ sident, können Sie mir sagen, was ist eigent­ lich ein Kurdirektor?“, ärgerte er sich nicht lange über so eine Frage, er konterte auf ale­ mannische Art: ,,Ein Kurdirektor ist ein Kur­ hauseck, an dem sich reiben Sau und Böck.“ Und dann gibt es so treffende Aussprüche, wie sie der frühere Wirtschaftsminister Mar­ tin Herzog bei der Verabschiedung des ,,Otto Bäderpräsidenten formuliert hat: 189

Weissenberger ist ein Architekt des deut­ schen Bäderwesens. Er ist eine gelungene Kreuzung zwischen einem klugen, weitsich­ tigen baden-württembergischen Bürgermei­ ster und einem englischen Lord.“ Diesem Mann mit Weitblick über den eigenen Tellerrand hinaus war längst klar, daß die Zeit der Amateure und Anlernlinge vorbei war, also das „Selbstgestrickte“ aus den Rathäusern den Anforderungen einer modernen Kur- und Fremdenverkehrspoli­ tik nicht mehr genügte. Seine Bemühungen um eine gute Nachwuchs-Ausbildung führ­ ten zur Einrichtung des Studienfachs Touri­ stik-Betriebswirtschaft an der Fachhoch­ schule Heilbronn. Die Gastvorlesungen machten nicht nur dem Dozenten Weissen­ berger, sondern wohl noch mehr seinen Stu­ denten bei aller ernsten Arbeit auch viel Freude. Die akademische Ehrung mit dem Titel Senator honoris causa war sicherlich eine Krönung seines Lebenswerks. Nun beobachtet er- zwar im Ruhestand, aber immer hellwach am Puls der Zeit-, was seine Nachfolger aus seinem Erbe machen. Auf seinen Rat können die Jungen nicht ver- zichten, weder in der Gemeinde noch im Kreis oder im Land. Die Baar darf stolz sein auf einen Vollblutpolitiker, der die „Boden­ haftung“ nie verloren hat, auch wenn er bei im Kreistag am 27. seiner „Abmeldung“ November 1989 seinen Kollegen die alte Flie­ gerregel zurief: ,,Bei Bodennebel durchstar­ ten! Uber den Wolken scheint die Sonne! – Adieu, machen Sie’s gut!“ Otto Weissenberger hat sich für die res publica, für Gemeinde, Land und Staat in die Pflicht genommen, geformt von den Grund­ elementen einer Erziehung im katholischen Elternhaus: Ordnung, Disziplin, Gerechtig­ keit und Wahrheit, Kirche und Glauben. Das sind die Wurzeln seiner Kraft, die dem „Grenzbub“ den Mut zum Marsch durch die Institutionen unserer Gesellschaft gegeben hat. Ob dabei ein Mann Richtiges und Gro­ ßes geleistet hat, liegt nicht einfach nur darin, daß einer mehr getan hat, als er tun mußte. Leistung und Verdienst haben weit mehr da ihren Ort, wo der Mann seine Zeit findet – und die Zeit ihren Mann. Johannes Mohn Hans Frank Bürgermeister aus Berufung Hans Frank hat Bürgermeister werden müssen. Das, so kann man es in der von ihm 1978 verfaßten, 220 Seiten starken Schlußbi­ lanz zum 7305tägigen Wirken in Furtwan­ gen nachlesen, ist Berufung gewesen. Im Wohnzimmer seines Hauses am Kussenhof sitzend, unterstreicht der 73jährige Altbür­ germeister und Ehrenbürger der Stadt Furt­ wangen die damals gebrauchten Worte. Und auch, was in seiner Rückschau auf eine 20jäh­ rige Amtszeit als persönliches Erfolgsrezept niedergeschrieben steht: Ein Bürgermeister kann dann ein guter Bürgermeister sein, wenn sich zu profunden Verwaltungskennt­ nissen die Erfahrungen aus kommunalpoli­ tischer Praxis hinzugesellen. Bei Hans Frank waren diese Grundlagen in hervorragender Weise gegeben: In der Nachkriegszeit führte ihn sein beruflicher Werdegang zum Landratsamt Mannheim. 1955 legte er dort mit Erfolg die Prüfung für den gehobenen Verwaltungsdienst ab und 1956 und 1957 war er als Regierungsinspektor in der Revisionsabteilung dieser Behörde tätig; in engem Zusammenwirken mit Land­ rat Valentin Gaa, dem Finanzexperten der CDU-Landtagsfraktion und väterlichen Freund Franks, der ihm das notwendige Rüstzeug für den Einstieg in das Furtwanger Bürgermeisteramt vermittelte. Seine kommunalpolitische Praxis hat sich Hans Frank über zehn Jahre hinweg als Mit- 190

unter der politischen Willkür im Nazi­ Deutschland. Der SPD war der Vater nach dem Ersten Weltkrieg beigetreten, um sich in ihr für die Belange der Arbeiter zu engagie­ ren. Der politischen Überzeugung wegen wurde Johann Frank nach 1933 vorüberge­ hend in Schutzhaft genommen und unter Polizeiaufsicht gestellt. Die Angst vor dem Zugriff der National­ sozialisten war für die Familie Frank ein stän­ diger Begleiter. Das Verteilen illegaler Flug­ blätter, politische Zusammenkünfte bei Freunden, vor allem eine zufällige Begeben­ heit prägen nachhaltig die Erinnerungen an die Jugend: Hans Frank fegt vor dem Wohn­ haus der Eltern die Straße, als sich ein Rad­ fahrer nähert, bei dem der Vater ein Stück Seife erwirbt. Wenig später findet Frank auf dem Gehsteig ein ungewöhnliches Stück Papier. Der Vater erschrickt, nimmt das Papier an sich und ißt es umgehend auf: Der Radfahrer war ein SPD-Kurier, der nachrich­ ten der Exil-SPD aus der Tschechoslowakei überbrachte, die in die Verpackung der Sei­ fenstücke eingewickelt wurden. Hans Frank in seinen Erinnerungen: ,,Aus diesen Eindrücken und dem Erlebnis des Krieges wollte ich mithelfen, die Nachkriegs­ probleme zu lösen. Ich war überzeugt, daß keine politische Gruppe imstande sein würde, den idealen Staat zu bauen. Keine würde mehr als Annäherungen an das Gute und Rechte zu leisten vermögen. Doch mir schien, daß die Partei mit der Tradition der SPD am ehesten die Gewähr dafür bot, einige meiner Vorstellungen von dem, was die Stunde uns abforderte, zu verwirklichen. Am 1. Januar 1946 trat ich in die SPD ein.“ In Schwetzingen, dem Ort seines kommu­ nal politischen Wirkens in jungen Jahren, sammelte Hans Frank 1954 auch die ersten Erfahrungen als Bürgermeisterkandidat, um 1957 in St. Georgen ein weiteres Mal seine leidenschaftliche Begeisterung für dieses Amt in einen Wahlkampf einzubringen. Nur sechs Wochen später stand Hans Frank am Rednerpult in der mit 750 Bürgern gefüllten Furtwanger Festhalle! Das war im Oktober 191 Am Rednerpult bei der Verabschiedung aus dem Bürgermeisteramt im Jahr 1977 glied der Schwetzinger SPD-Fraktion ange­ eignet. Mit 27 Jahren war er der jüngste Kom­ munalpolitiker der Stadt und wurde auf Anhieb mit der höchsten Stimmenzahl in den 24köpfigen Gemeinderat gewählt. Damit honorierte die Schwetzinger Bevölke­ rung Franks sozialen Einsatz im Nachkriegs­ deutschland: Hans Frank war in den Jahren des Wiederaufbaus eine vielgefragte Anlauf­ stelle für Flüchtlinge, die keinem Menschen in Not die dringend benötigte Hilfe versagte. Notzeiten hatte Frank selbst lange genug bestehen müssen. Am 7. Oktober 1919 in Offenburg gebo­ ren, wurde die Jugend von der wirtschaft­ lichen Krise der 30er Jahre und den Verhält­ nissen im Dritten Reich überschattet. Der Vater, wie der Großvater aktives Mitglied der SPD, litt als selbständiger Zimmermeister unter der allgemeinen wirtschaftlichen Lage und aufgrund seines Parteibuches zudem

Letzte Gemeinderatssitzung unter Regie von Hans Frank, im Dezember 1977 Wiederwahl zum Furtwanger Bürgermeister im Oktober 1965 192 Empfang von Staatssekretär Erwin Teufel Januar 1974

1957 und bereits im November des selben Jahres hatte sich die Lebensaufgabe gefun­ den: Mit 58,2 Prozent der Stimmen wurde der Schwetzinger im zweiten Wahlgang zum Furtwanger Bürgermeister gewählt. Ein Ergebnis, das in der CDU-Hochburg Furt­ wangen ein mittleres Erdbeben auslöste, wie sich Frank erinnert. Eindrücke aus dieser Anfangszeit in Furt­ wangen schilderte CDU-Stadtrat und Bür­ germeister-Stellvertreter Udo Zier im Jahr 1977 bei der Verabschiedung von Hans Frank aus dem Amt des Bürgermeisters: „Am 9.Dezember 1957 trat der neue Bürgermei­ ster Hans Frank, der erste SPD-Bürgermei­ ster des alten Kreises Donaueschingen, im CDU orientierten Furtwangen seinen Dienst an. Dieser Beginn wurde begleitet von Freude und Begeisterung auf der einen Seite, jedoch mit genau soviel Skepsis auf der ande­ ren Seite, insbesondere aus dem Kreise der heimischen Wirtschaft und der CDU mit ihren Freunden. Der neue Rote war ja eine völlig unbekannte Persönlichkeit. Die große Frage war, wie geht es weiter, was passiert, was ändert sich? Ein ruhiges besonnenes Schwarzwaldstädtchen mit 5000 Einwoh­ nern, einem Haushalt von 1,8 Millionen Mark sowie einer gesunden, vorsichtig auf­ strebenden Wirtschaft nahm Bürgermeister Frank auf. Ein neuer Motor begann seine Kraft zu entfalten.“ Was folgte, ist das bedeutendste Stück Furtwanger Kommunalgeschichte der Nach­ kriegszeit. Das Bild der Stadt und deren Infrastruktur änderten sich nachhaltig, was eindrucksvoll die Haushaltszahlen wider­ spiegeln. Als Hans Frank das Bürgermeister­ amt seinem Nachfolger übergab, umfaßte der städtische Haushalt nicht mehr 1,8 Mil­ lionen, sondern ein Volumen von nahezu 50 Millionen Mark, in den Jahren 1968 bis 1972 waren es sogar 80 Millionen Mark, und die Einwohnerzahl Furtwangens hatte sich mehr als verdoppelt. Eine der vordringlichsten Aufgaben der Ära Frank war bei Amtsantritt im Jahre 1957 die generelle Verbesserung der Infrastruktur der Stadt, und damit einher ging die Beseiti­ gung der akuten Wohnungsnot. Bereits in den ersten Tagen der Furtwanger Amtszeit lernte Frank in den Bürgermeister-Sprech­ stunden die Ausmaße dieser Not kennen, als 10, 20 und noch mehr Wohnungssuchende bei ihm vorstellig wurden. Insgesamt 295 wohnungssuchende Familien gab es im Jahr 1958, so daß die sofortige Erschließung neuer Wohnbaugebiete am Ilben und im Bühldobel begonnen wurde, was dank einer weitsichtigen Bodenpolitik in kurzen Zeit­ räumen möglich war. Der Stadt gelang es, ganze Baugebiete in die Hand zu bekom­ men, nicht nur am Ilben, sondern auch am Kussenhof oder im Mäderstal, wo eine Land­ siedlung entstand. Hinzu kamen etliche Mehrfamilien-Haus-Projekte in Zusammen­ arbeit mit gemeinnützigen Wohnbaugesell­ schaften, darunter die Neue Heimat. Furtwangen nahm dank dieser engagiert vorangetriebenen kommunalen Wohnbau­ politik eine rasche Aufwärtsentwicklung. Da die Flächen in Tallage längst nicht mehr aus­ reichten, um die Bedürfnisse der ständig stei­ genden Zahl an Einwohnern befriedigen zu können, begann die Stadt verstärkt die Berg­ hänge hinaufzuwachsen, was wiederum stets neue Anforderungen an die Infrastruktur stellte. So waren der Bau von Straßen, wohn­ ortnahen Schulen und Kindergärten sowie eine Vielzahl weiterer öffentlicher Einrich­ tungen die notwendigen Folgen dieser Ent­ wicklung. In den ersten fünf Jahren der Amtszeit Franks investierte die Kommune insgesamt 6,5 Millionen Mark in die Erschließung von Baugelände, in den Stra­ ßenbau und in die Kanalisation. In dieser Summe enthalten sind weiter ein Freibadbau und der Krankenhausumbau. Der zweite Fünf-Jahres-Plan sah dann folgerichtig den Schulhausbau im Ilbental (Anne-Frank-Schule, Progymnasium sprich heutige Hauptschule) und die Kläranlage vor, was Ausgaben in Höhe von zehn Millio­ nen Mark allein für diese beiden Bereiche erforderte. Damit stieg die Furtwanger Schuldenlast gewaltig an, doch gelang es 193

Bürgermeister Frank, öffentliche Zuschüsse bewilligt zu bekommen, die zu damaliger Zeit ihresgleichen suchten, so daß die Finan­ zierbarkeit gewährleistet war. Der dritte Fünf-Jahres-Abschnitt be­ scherte Furtwangen ein neues Krankenhaus: Für9,8 Millionen Mark wurde ein modernes 120-Betten-Haus errichtet und in unmittel­ barer Nachbarschaft für zwei Millionen Mark ein Personalwohnheim. Allerdings war dieser Neubau ursprünglich nicht geplant, sondern lediglich ein Anbau an das aJte, aus dem Jahre 1927 stammende Krankenhaus vorgesehen. Dieser allerdings, das zeigte sich beim Einstieg in die Detailplanungen, hätte die vorhandenen akuten Mängel und zahl­ reichen Provisorien nicht beseitigen können. So erfolgte am 16. September 1968 der erste Spatenstich für einen Neubau und bereits Mitte Januar 1971 nahm das neue Kranken­ haus seinen Betrieb auf. Zwar ging mit diesem Neubau eine wei­ tere Verschuldung einher, anderseits aber überstand das Furtwanger Krankenhaus durch diesen Schritt, maßgeblicher Motor war Hans Frank, unbeschadet die Folgen der Krankenhausbedarfsplanung des Jahres 1974, in deren Verlauf das Furtwanger Haus als Krankenhaus der Grundversorgung ein­ gestuft wurde. Zahlreiche andere Kranken­ häuser der Furtwanger Größenordnung fie­ len dieser Bedarfsplanung zum Opfer. Das Krankenhaus Furtwangen indes blieb erhal­ ten, denn wer schließt ein 10-Millionen­ Haus kurz nach seiner Eröffnung? Das letzte Viertel der 20jährigen Amtszeit von Hans Frank schließlich kann mit „Sport, Soziales und Schulen“ überschrieben wer­ den. Für Sportanlagen wurden insgesamt zehn Millionen Mark aufgewendet, neben dem Sporthallenbau nahm Frank vor allem das Sportzentrum Breg in Angriff, das 1976 fertiggestellt war. Von großer Bedeutung für das Furtwanger Gemeinwesen war zudem der 1,5-Millionen-Mark-Zuschuß für den Bau des Altenheims in Regie des Caritas­ Altenheimvereins, der der Stadt eine landes­ weit vorbildliche Einrichtung bescherte. Für 194 3,6 Millionen Mark bekamen die Furtwanger Hilfsorganisationen Feuerwehr, Bergwacht, Rotes Kreuz, DLRG und Polizei eine Hei­ mat, es entstand das Rettungszentrum. Nach vielfältigen Geburtswehen, vor allem die Standortfrage war heiß diskutiert, setzte das Otto-Hahn-Gymnasium mit Sporthalle auf dem Oberen Bühl den 16-Millionen-Schluß­ punkt. Mit dem Einzug in diese Schule, der im Rahmen eines Schulversuches eine Real­ schule angegliedert wurde, endete die Furt­ wanger Schulraumnot. In der Amtszeit Franks wurden insgesamt 20 Millionen Mark in neue Schulen inve­ stiert. Das Resümee Hans Franks zu diesem Aufgabenbereich: ,,Ich wollte keinen Flek­ kenteppich der Kurzsichtigkeiten, sondern ein Bildungsangebot in unserer Stadt, das sich in all seinen Stufen als Einheit begreift und das auf das Ziel ausgerichtet war, aufbau­ end auf mittel- und langfristigen Prognosen und Planungen in Furtwangen ein modernes und umfassendes Bildungssystem entstehen zu lassen.“ Von Bedeutung ist in diesem Zusammenhang besonders die 1965 erfolg­ te Anerkennung des damaligen Progymna­ siums als naturwissenschaftliches Gymna­ sium. Damit hatte zugleich die tägliche und zeitraubende Fahrt der Furtwanger Gymna­ siasten mit dem „Bregtäler“ nach Donau­ eschingen ihr Ende und war das schulische Bildungsangebot in Furtwangen komplet­ tiert. Der im Jahre 1965 mit 78,8 Prozent der Stimmen wiedergewählte Bürgermeister erwarb sich im Verlauf seiner zweiten Amts­ zeit zudem vielfältige Verdienste um die Fachhochschule und das Deutsche Uhren­ museum. Udo Zier bei der Verabschiedung Franks aus dem Bürgermeisteramt zu diesem Themenkomplex: ,,Ganz im Verborgenen haben Sie diese Fäden gesponnen und in der Hand gehalten. Ob diese Einrichtungen ohne Ihren Einsatz und ohne Ihre Interven­ tionen heute noch Bestandteil unserer Stadt wären, muß doch mit sehr großen Fragezei­ chen versehen werden.“ Die Stationen dieser Entwicklung: Am 27. April 1963 wurde die

Uhrmacherschule aus der Ingenieurschule herausgelöst und der Ausbildungsbereich der Ingenieurschule um die zukunftswei­ sende Elektronik erweitert. Der staatlichen Ingenieurschule brachte dann die Verkündi­ gung des Fachhochschulgesetzes im Okto­ ber 1971 den Status „Fachhochschule Furt­ wangen“ ein. Hans Frank erinnert sich: ,,Unsere Fach­ hochschule prägt mitentscheidend den Sta­ tus der Stadt, der kleinsten Hochschulstadt Baden-Württembergs. Man hat gesagt, die Fachhochschule sei von der Stadt Furtwan­ gen ertrotzt worden. Richtig ist sicher, daß sie im Kampf mit anderen Überlegungen im Land Gestalt gewann und daß in jahrelangen Bemühungen der Boden für sie bereitet wer­ den mußte. Es sei betont, es war nicht unüberlegter Ehrgeiz, sondern das Wissen, daß Furtwangens wirtschaftliche Entfaltung Grenzen hat und eine Fachhochschule sich als Ergänzung zur heimischen Industrie anbietet. Die Stadt hat es sich dabei nicht leicht gemacht. Sie weiß nüchtern darum, daß die Fachhochschule nicht nur eine Zier ist, sondern Gewichte hat, die getragen wer­ den müssen.“ Soweit Hans Frank. Welch große Bedeu­ tung die Institution Fachhochschule für die weitere Entwicklung Furtwangens hatte, dokumentiert die Gegenwart. Das Know­ how der Hochschule trägt wesentlich dazu bei, daß die mittelständische Industrie der ehemaligen Uhrenstadt einen ständigen Aufschwung nimmt, der sich in einem Spit­ zenaufkommen bei der Gewerbesteuer nie­ derschlägt: Es pendelt heute zwischen 12 und 15 Millionen Mark jährlich. Daß die Furtwanger Finanzkrise von 1983 nach bereits wenigen Jahren der Konsolidierung als bewältigt erscheint, ist hauptsächlich die­ ser enormen Steuerkraft zu verdanken. In die Amtszeit Hans Franks fiel in den 70er Jahren auch die Gemeindereform: Furt­ wangen gliederten sich die ehemals selbstän­ digen Gemeinden Schönenbach, Neukirch, Rohrbach und Linach an. Zu den heutigen Ortsteilen bestanden bereits zuvor enge Kontakte. Hans Frank hatte 1967 die „Bregtä­ ler Gespräche“ eingeführt und bot in diesem Rahmen den kleinen Umlandgemeinden sachkompetente Hilfeleistungen bei der Bewältigung ihrer kommunalen Aufgaben an. Dieses Vorgehen war Bestandteil einer ,,zielstrebigen Außenpolitik“, die unerläßli­ che Grundlage für das Gedeihen einer Stadt sei, wie Hans Frank betont. Zu diesem „Furt­ wanger Rezept“ gehörte auch der ständige Kontakt und Gedankenaustausch mit hoch­ gestellten Landes- und Bundespolitikern. So besuchten auf Einladung Franks die baden­ württembergischen Ministerpräsidenten Kiesinger und Filbinger die Hochschulstadt, kamen Bundesarbeitsminister Blank und Bundesfinanzminister Dr. Alex Möller nach Furtwangen, um sich vor Ort über die kom­ munalen Probleme zu informieren. Hervor­ ragende Kontakte pflegte der Bürgermeister auch zu den Landkreisen, zunächst zum alten Kreis Donaueschingen mit Landrat Dr. Robert Lienhardt an der Spitze und dann zum neugebildeten Schwarzwald-Baar-Kreis mit seinen Repräsentanten Dr.Josef Astfall er und Landrat Dr. Rainer Gutknecht. Hans Frank: ,,Gerade die Informationsbesuche von Dr. Gutknecht waren dank seiner Auf­ geschlossenheit und Entscheidungsbereit­ schaft immer erfolgreich. Wir registrierten das au&nerksam und dankbar.“ Damit allerdings ist längst nicht alles auf­ gezeigt, was Hans Frank auf kommunaler Ebene während seiner 20jährigen Amtszeit in die Wege leitete. Es ist schlichtweg nicht möglich, mehr als ein Stenogramm dessen wiederzugeben, was sich -in Zahlen ausge­ drückt -insgesamt auf ein Bau- und Verwal­ tungsvolumen von 300 Millionen Mark zusammenaddieren läßt! Kommunale Projekte, Haushaltszahlen, Aufschwung bei der Einwohnerzahl, die Sicherung des Status „Unterzentrum“, Gründung einer Jugendmusikschule, Hoch­ schulstadt, Industriestadt, das ist die eine Seite der Ära Franks. Sie dokumentiert die Tatkraft und den kommunalpolitischen Weitblick des Bürgermeisters Hans Frank. 195

Die andere Seite jedoch ist der Mensch Hans Frank, der es genoß, als Bürgermeister zugleich ein Teil der Bürgerschaft zu sein und in einem überschaubaren Bereich die Dinge, wo immer möglich, selbst in die Hand zu nehmen. Und bei aller Tüchtigkeit und Arbeitswut ist Hans Frank kein ungesel­ liger Mensch: Er pflegte die Nachsitzungen am Stammtisch, stand dort gerne als einer der letzten auf und neben dem Gesprächs­ stoff ging ihm dabei auch ein zweites nicht aus: Seine Zigarre, das Wahrzeichen seiner Gesundheit. Frank: ,,Wenn ich nicht rauch, bin ich krank, das wissen die Leute“. Ein Wegbegleiter Franks, auch nach der Zurruhesetzung, ist Stadtpfarrer Josef Beha von der katholischen Kirchengemeinde, der sich 1977 bei der Verabschiedung aus dem Amt einmal mehr glänzend disponiert zeigte und den Menschen Hans Frank in den Blick­ punkt seiner Laudatio rückte‘. In der Erkenntnis, daß ein Abschied keine Beerdi­ gung sei, durchbrach er die Würde der Feier­ stunde mit einer glanzvollen Rede (Badische Zeitung). JosefBeha erinnerte an die Beerdi­ gung des Furtwanger Ehrenbürgers und Stadtpfarrers Stephan Blattmann im Jahre 1963, die im Kreis der Geistlichen noch immer rühmende Erwähnung finde. So lange, von 9 bis 14 Uhr, sei noch nicht einmal ein Erzbischof beerdigt worden. Offene Bewunderung zeigte Stadtpfarrer Beha auch für die Begabung des Stadtober­ hauptes als Prediger. Neidlos bekannte Beha, daß Hans Frank beim Neujahrsempfang der Stadt schon bessere Predigten gelungen seien, als er sie in der Kirche gehalten habe. Die Ära Hans Frank schloß im Jahr 1977 mit einem Dank der Bürger, wie er bislang nur wenig anderen Furtwangern zuteil wurde: Hans Frank wurde aufgrund seiner vielfälti­ gen Verdienste für die Nachkriegsentwick­ lung der heutigen Hochschulstadt Furt­ wangen zum Ehrenbürger ernannt. Ehrende Worte zum Schluß der Amtszeit übermittelten in Telegrammen auch der spätere Minister­ präsident von Baden-Württemberg, Lothar Späth, und Erhard Eppler namens der SPD. 196 Doch damit ist die Schlußzeile längst nicht geschrieben. Hans Frank, der gegen­ über der Stuttgarter Zeitung einmal festhielt, daß Arbeit doch keine Plage sei, fand in sei­ nem 12-Stunden-Tag zudem Raum für lan­ despolitisches Engagement. Frank, der schon früh Kontakte zu dem sozialdemokra­ tischen Politiker und späteren Bundesmini­ ster Alex Möller knüpfen konnte und sich in jungen Jahren von ihm politisch fuhren ließ, vor allem als Jungsozialist in den Reihen der Mannheimer SPD, war in der Landespolitik an vorderer Stelle tätig. Er gehörte dem Landtag zwei Legislaturperioden an (1964 bis 1972) und schied auf eigenen Wunsch aus, obwohl sich ihm eine glanzvolle landespoli­ tische Karriere eröffnete. Denn in den zwei­ ten vier Jahren seiner Tätigkeit als MdL hatte Hans Frank das wichtige Amt des Vorsitzen­ den im Finanzausschuß inne, eine Schlüssel­ position innerhalb der Landesregierung, die auch Furtwangen bei der Realisierung kom­ munaler Projekte mehrfach zugute kam. Wie sehr Hans Frank auf dem landespoli­ tischen Parkett geschätzt wurde, dokumen­ tieren die Tage nach Bekanntwerden seiner Rücktrittsabsichten aus gesundheitlichen Gründen. Selbst der damalige CDU.Mini­ sterpräsident Filbinger wollte den SPD-Poli­ tiker Frank nochmals umstimmen, als dieser wegen Überlastung für eine dritte Kandida­ tur nicht mehr zur Verfügung stand. Frank war zu einem der profiliertesten Politiker in den Reihen der SPD-Landtagsfraktion avan­ ciert und aufgrund seiner außergewöhnli­ chen finanzpolitischen Fähigkeiten auch auf der rechten Seite des Hauses hoch geachtet. Mit Vergnügen erinnert sich Hans Frank diesbezüglich an die Zusammenarbeit mit CDU-Finanzminister Gleichauf, die sich trotz der unterschiedlichen Parteizugehörig­ keit an Sachfragen orientiert habe. Hans Frank: ,,Ich bin kein Freund andauernder Konfrontationen bis ins Persönliche hinein. Man muß auch dem Gegner unterstellen, daß er das Richtige will. Allerdings gebe ich gerne zu, daß ich hartnäckig bin, zumal dann, wenn ich glaube, etwas als notwendig

D-ie Stllclt fitrtwCltf}e11 -ver(e1ht- lurc(i e11 Lst1111 mi9en J3esJ;h tfs, c des ([iemeindemtes HERR HANS FR,cNK ßHt9Cl’ntctstcr-VOH 1 q 57 -1 L, 7 7 U1.W1t1tl.tiibLCJ St‘..l1tern1�ßcr�cw6h1tlu:f1nL l'(.l’l’nL;te i{Hl c{,c Stadt fifrtwtt�fM DAS EH�NBUE �E�RECHT Fwtwett�m CWt 7DezeltlbCY 1977 111 u;,, /rtf.‘, ..’�i“ �� ;;;,-,,.- ,.–�- lk. /k,,,( t:.J.-‚-7 t,1-.; ):%.,., � k…..,� J:.,.i;�.4- 4,.,/P_,,,,y �92.t � ;}.�/.– J.,…i /1/,,“,/0 [!..�,,� .:n-:t ,1’a,,,IJ.� (.t..?I,… fl-.,..h. P … c,,.·vt,.�- DER.. yEMEINDER.t,T: �� c�- F 1 ‚i.i-:•� Q.. l./ vff.,., P-tu � � In Würdigung der außergewöhnlichen Verdienste wurde Hans Frank 1977 das Furtwanger Ehren­ bürgerrecht verliehen und richtig zu erkennen. Dann lasse ich mich von diesem Tun nicht abbringen, auch nicht durch Kritik, auch nicht durch Angriffe.“ Eine weitere große landespolitische Auf­ gabe bewältigte Hans Frank an der Spitze der Städtegruppe C im Städtetag des Landes, der sämtliche Städte bis zu 20.000 Einwohnern angehörten. Frank übte sechs Jahre lang das Amt des Vorsitzenden aus und war zugleich zwei Jahre lang stellvertretender Vorsitzen­ der des Städtetages Baden-Württemberg und im deutschen Städtetag Mitglied des Finanz­ ausschusses. Bürgermeister, SPD-Landtagsabgeordne­ ter und Kreisrat; ein weiteres politisches Amt, das Frank 24 Jahre lang ausübte (1959 bis 1983). Und gleichfalls mit Tatkraft und großem Durchsetzungsvermögen, wie ihm Landrat Dr. Gutknecht bescheinigt. Zu die- sem Amt gesellten sich weitere hinzu, wie Vorstandsmitglied des Badischen Wald­ besitzerverbandes, stellvertretender Vor­ sitzender des Bodenverbandes Mittlerer Schwarzwald, Aufsichtsratsvorsitzender der Neuen Heimat, Verwaltungsratsvorsitzen­ der der Bezirkssparkasse Furtwangen, Grün­ dungsvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Schwarzwälder Skimarathon, stellvertreten­ der Vorsitzender des Badischen Schwarz­ wald-Turngaues sowie des Roten Kreuzes und andere. Läßt man im Gespräch mit Hans Frank dieses ungewöhnlich vielfältige politische und gesellschaftliche Wirken Revue passie­ ren, wird offenkundig, daß das gewaltige Arbeitspensum des heutigen Alt-Bürgermei­ sters nicht allein mit „Arbeitswut“ charakte­ risiert werden kann. Hans Frank schöpfte seine Schaffenskraft aus seiner sozialdemo- 197

kratischen Grundhaltung, war mit Freude beim Tagwerk. Stets aufs Neue gaben ihm die sichtbaren Erfolge seiner Politik weiteren Antrieb, was auch in seiner persönlichen Rückschau zum Ausdruck kommt, indem er auf die Frage, was besonders beeindruckend gewesen sei, antwortet, es sei das sichtbare Wachstum der Lebensqualität in Furtwan­ gen, das steigende Image der Stadt gewesen. Da verwundert es nicht, daß der bereits mit 58 Jahren angetretene Ruhestand lange Zeit gleichfalls mit Arbeit ausgefüllt war: Hans Frank gründete zusammen mit Martha Belstler die Sozialstation Oberes Bregtal. Früh erkannten Belstler und Frank, daß die Zeichen der Zeit eine ambulante Alten- und Krankenpflege erfordern. Dieses beispiel­ hafte soziale Engagement, Frank war 12 Jahre lang ehrenamtlich Geschäftsführer der neuen Einrichtung, würdigte Weihbischof Dr. Karl Gnädinger im April 1989, als er Hans Frank das silberne Caritas-Ehrenzei­ chen verlieh. Über zehn Jahre hinweg sicherte die Arbeit von Hans Frank die orga­ nisatorischen Grundlagen für die medizini­ sche Versorgung alter und kranker Men­ schen in den eigenen vier Wänden, konnte sich so ein sozialer Hilfsdienst der Caritas etablieren, der heute nicht mehr wegzuden­ ken wäre. Die hohe Ehrung der Caritas steht im Lebenswerk Hans Franks nicht für sich allein. Die vielfältigen Verdienste um die All­ gemeinheit kommen auch in einer großen Zahl weiterer, hoher Auszeichnungen zum Ausdruck. 1972 erhielt er das Bundesver­ dienstkreuz 1. Klasse, 1977 die Deutsche Feuerwehrmedaille in Gold, 1977 die Ehren- Ursula Bartilla Das Leben hat sie nicht verwöhnt Ursula Bartilla, geb. Hoffmann, die heute in ihrem Haus am Falkenweg in Donau­ eschingen wohnt und schon über den Zeit­ raum einer Generation in Donaueschingen lebt, kann im Sommer 198 (1958-1992) plakette der Universität Karlsruhe, 1978 ernannte ihn die Fachhochschule Furtwan­ gen zu ihrem Ehrensenator und 1978 kam die Verdienstmedaille des Landes Baden-Würt­ temberg hinzu. Nun, im wirklichen Ruhestand, ist der Lebensabend damit ausgefüllt, Fachbücher zu lesen, in Agenten-Thrillern zu schmök­ kern und im privaten Arbeitszimmer Erinne­ rungen aus einem markanten Politiker­ Leben festzuhalten. Darunter fällt auch die Nacharbeitung der Furtwanger Finanz­ schwäche von 1983, die bei mehr Sachkom­ petenz hätte vermieden werden können, wie Hans Frank urteilt. In einem Lebensab­ schnitt, in dem erstmals auch Zeit für das ein­ zige wirkliche Hobby bleibt, das Briefmar­ kensammeln, hat selbst der Notizblock aus­ gedient, der das gesamte Arbeitsleben lang sogar im Schlafzimmer stets in greifbarer Nähe lag. Hans Frank hat, um die Worte von Bür­ germeister-Stellvertreter Udo Zier zu wäh­ len, dem Stamm Furtwangen zwanzig mar­ kante Jahresringe hinzugefügt, die für einen Aufschwung stehen, wie ihn die Stadt in kei­ nem vergleichbaren Zeitabschnitt zuvor erreichte. Hans Frank war (und ist) eine Bür­ germeisterpersönlichkeit, die mit politi­ schem Weitblick die Weichen für eine Stadt­ entwicklung stellte, wie sie heute nicht mehr nachhol bar wäre. Hans Frank, dem eine lan­ despolitische Karriere offenstand und der dennoch dem Bürgermeisteramt den Vorzug gab, war in der Tat Bürgermeister aus Beru­ fung. Wilfried Dold 1992 ihren 80. Geburtstag feiern. Vielen Donaueschingem sowie Freunden aus Kreis und Region ist die eher stille Frau, doch manchmal auch sehr umtriebige und enga­ gierte Mitbürgerin, gut bekannt. Vor allem,

Stadtsparkasse in die von Arnim’sche Gene­ ralverwaltung nahegelegt. 1940 heiratete Ursula Hoffmann den selb­ ständigen Malermeister Josef Bartilla. Ein Jahr später starb die erstgeborene Tochter Monika bei der Geburt. Bereits 1942 fiel Josef Bartilla in den Kämpfen in Rußland, ohne den zum Jahresende 1942 geborenen Sohn Michael Josef gesehen zu haben. Anfang 1945 mußte Ursula Bartilla mit dem gerade zweijährigen Sohn Michael Josef auf die ·Flucht, nachdem die Russen über die Neiße ins alte Reichsgebiet eingedrungen waren. Erst nach Monaten konnten die Flücht­ linge dann wieder in das halbzerschossene Elternhaus zurückkehren.Jetz galt es wieder aufzubauen. In der Kreissparkasse und einem weiteren heimischen Betrieb fand Ursula Bartilla Arbeit. Aber die roten Funk­ tionäre hatten nun das Sagen. Der Konflikt zwischen Freiheit und totalitärer Macht ent­ brannte erneut. Jedenfalls waren die guten Noten und der Bildungswille des Sohnes Michael Josef so stark, das Ursula Bartilla es vorzog, mit dem Heranwachsenden in den Westen zu ziehen und in Donaueschingen eine neue Heimat aufzubauen. Die tüchtige und arbeitsame Frau fand auf der Baar genü­ gend Arbeit und der wißbegierige Sohn konnte in Freiburg Abitur, Studium und Pro­ motion abschließen. Im kirchlichen Bereich konnte sich die musisch begabte Frau -sie ist ausgebildete Chorleiterin und Organistin – voll entfalten. Im Cäcilienverein und kirch­ lichen Dienst war Ursula Bartilla als Pfarr­ und Caritashelferin sowie als Sängerin, Chorleiterin und Organistin ehrenamtlich tätig.Die schlechten Erfahrungen mit der NS-Diktatur und vor allem mit dem Sozialis­ mus animierten Ursula Bartilla, sich poli­ tisch voll einzusetzen. Seit fast 47 Jahren arbeitet sie nun aktiv in der CDU. Vielfach bekleidete sie Vorstandsämter auf Orts-, Kreis- und Bezirksebene. In der Sozial-, Kommunal-und Bildungspolitik arbeitete sie in vielen Gremien aktiv mit. Vor allem in der Frauen-Union ist Ursula Bartilla nun seit199 wenn es funkelt und blitzt hinter ihren Bril­ lengläsern hat sie sicher wieder ein besonders wichtiges Anliegen, das sie lösen möchte, im Sinn. Ursula Bartilla ist immer sehr enga­ giert, wenn Menschen sie um Rat fragen und sie helfen möchte. Vor allem im kirchlichen Raum singt sie gerne -eigentlich schon seit ihrem zwölften Lebensjahr -im Chor. Öfters spielt die gelernte Organistin auch die Orgel oder Klavier bei den Senioren. Bei der CDU gilt sie als „Frau der ersten Stunde“, da sie bereits 1945, dem Grün­ dungsjahr der UNION, in die CDU der sowjetischen Besatzungszone eintrat und aktiv mitarbeitete. In dem kleinen ostdeutschen Fürst-Pück­ ler-Städtchen, Bad Muskau, etwa aufhalbem Weg zwischen Cottbus und Görlitz, an der heutigen Neißegrenze zu Polen, wurde Ursula Hoffmann als jüngstes von 5 Kindern 1912 in einem christlichen Elternhaus gebo­ ren. In frühester Kindheit erlebte sie die Zäsur des Ersten Weltkrieges. Sonst verlief Kindheit, Jugend, Schule und Ausbildung fast normal, wenn nicht der aufkeimende Nationalsozialismus der jungen Frau die Grenzen zwischen Freiheit und Diktatur dra­ stisch aufgezeigt hätte. Da der Vater als akti­ ver Zentrumsmann bekannt war, wurde der jungen Bankfrau ein Berufswechsel von der

über 30 Jahren auf Kreis- und Bezirksebene in Vorstandsämtern und im Rechnungswe­ sen tätig. Viele Anerkennungen und Ehrungen hat die unermüdlich, ehrenamtlich Tätige für ihre Mitarbeit erfahren. So erhielt sie Diplome für 40- und SOjährige Mitarbeit im Cäcilienverein und bei der Frauengemein­ schaft. Die CDU verlieh ihr die silberne und die goldene Adenauer-Medaille und den Titel einer Ehrenvorsitzenden der Frauen­ Union. Als jüngste Ehrung erhielt Ursula Bartilla (auf dem Bild rechts) von der Sozial­ ministerin Barbara Schäfer und der Frauen­ Unionsvorsitzenden, Ortrun Schätzle, MdB, die goldene Staufer-Medaille für jahrzehnte­ lange Mitarbeit. Ursula Bartilla arbeitete vor allem ehren­ amtlich, um der Menschen willen, ihnen zu helfen, ihrer Möglichkeit. Ehrungen und Anerkennungen nimmt sie gelassen zur Kenntnis. Aber eine – vom im Rahmen Elternhaus übernommene -tiefverwurzelte, bodenständige, christliche Einstellung, tiefe Gläubigkeit und fast grenzenloses Gottver­ trauen gaben ihr Kraft, sich trotz bitterer menschlicher Erfahrungen und Tiefschläge, durch den frühen Tod ihres Mannes, die Flucht und den plötzlichen Tod ihres einzi­ gen Sohnes, Dr. Michael Josef Bartilla, sich immer wieder in den Dienst am Nächsten einzubringen. Heute ist Ursula Bartilla immer noch gerne gefragt, als Organistin in der Kirche oder im Altenheim St. Michael. Daneben singt, liest und spielt sie gerne in ihrem eige­ nen schönen Heim oder bei Freunden. Wenn Haus- oder Gartenarbeit es zulassen, widmet sie sich auch der aktiven Gesund­ heitsvorsorge in einer Gymnastikgruppe. Jedenfalls ist sie rundum gesellig und macht gerne Besuche oder freut sich auch, wenn alte Freunde bei ihr anklopfen. Herbert Beistier In memoriam Werner Gerber Ein Kommunalpolitiker aus Berufung „Ich bin Bürgermeister mit Leib und Seele“. Das war die selbstbewußte und glaub­ hafte Maxime des Blumberger Bürgermei­ sters und Ehrenbürgers Werner Gerber, der nach 26 voll ausgefüllten Dienstjahren und zwei Tage nach seinem 64. Geburtstag am 17. November 1991 im gesundheitlich vorzeitig bedingten Ruhestand starb. Ein gutes Vier­ teljahrhundert wesentlicher Entwicklung der Eichbergstadt in allen Bereichen ist untrenn­ bar mit dem Namen dieses Trägers des Bun­ desverdienstkreuzes, der goldenen Ehren­ medaille des Gemeindetages Baden-Würt­ temberg und der Verdienstmedaille des Deutschen Städtetages verbunden. Dieser Bürgermeister brachte als Verwaltungsfach­ mann, der „von der Pike auf‘ seine Erfahrun­ gen sammelte, die Schwergewichte einer logischen Entwicklung in die Waagschale 200 kommunalpolitischer Abwägungen em. Überzeugter Sozialdemokrat, der er war, genoß er dennoch in der gesamten Partei­ landschaft hohes Ansehen und eine aus dankbarer Anerkennung resultierende Wert­ schätzung. Ohne nach rechts oder links zu blicken, richtete Werner Gerber sein Augen­ merk auf das Geradeaus, wenn es um das in schwierigen Zeiten praktisch einzig Mach­ bare im Interesse von Stadt und Bürgern ging. Das mochte zuweilen als zu stark ausge­ prägtes Selbstbewußtsein ausgelegt werden, doch es war ein positives Zusammenwirken von analytischem Geist, Sachverstand und kritischem Weitblick. Am 15. November 1927 in Kehl am Rhein geboren, nahm Werner Gerber schon früh die Kraft der deutschen Selbstbehauptung im Verein mit europäischer Strömung in

nach Bad Peterstal verlagert worden war. Dort lernte Wer­ ner Gerber die seit früher Jugend in Kehl lebende Pfäl­ zerin Friedel Brunner ken­ nen, die er ein Jahr danach heiratete. Der spätere Stadtas­ sistent, der mit Frau Friede] und Tochter Brigitte seit 1950 wieder in Kehl wohnte – Tochter Gerlinde vergrößerte 1951 und Sohn Bernd 1953 die Familie-, kam 1957 über das Amt des Bauverwaltungslei­ ters als Stadtinspektor in den gehobenen Dienst und war bis 1961 in Personalunion für die Stadtwerke und das Perso­ nalamt von Kehl verantwort­ lich. Bei der Stellenausschrei­ bung für die Leitung des Per­ sonalamtes Villingen fiel bei 79 Bewerbern die Wahl auf den jungen Inspektor Werner Gerber, der schon im Herbst 1962 zum Stadtamtmann avancierte. Die mögliche Wahl zum Amtsverweser des nicht mehr ins Rathaus zurückkehrenden Bürgermei­ sters von St. Georgen lehnte er ab. Dafür wurde Werner Gerber nach dem frühen Tod seines Vorgängers Karl Wilhelm Schmidt im Mai 1963 schon im ersten Wahlgang zum Bürgermeister der Stadt Blumberg gewählt. Seine nach dem Amtsantritt am 16. Septem­ ber 1963 erste Amtshandlung war die Einwei­ hung des Gemeinschaftshauses Randen. Seit 1965 war Werner Gerber Mitglied des Kreis­ tages, seit Bestehen des Regionalverbandes auch Mitglied der Regionalversammlung. 1971 wurde er ohne Gegenkandidaten für zwölf Jahre wiedergewählt. 1971/72 sorgte er im Rahmen der Gemeindereform für die frei­ willige Eingemeindung von sieben Stadttei­ len, denen 1975 der durch Gesetz eingeglie­ derte achte folgte. 201 ufernaher Gemeinsamkeit mit klarem Blick in sich auf Volksschule, Handelsschule, die Lehre im Kehler Rathaus, Verwaltungs-und Wirtschaftsakademie sowie die Verwaltungs­ arbeit im Rathaus waren die ersten Ausbil­ dungs-und Berufsstationen. 1944 noch zum ,,Reichsarbeitsdienst“ und im Herbst dessel­ ben Jahres zum Infanterie-Fronteinsatz bei Berlin eingezogen, geriet Werner Gerber bei Celle in Gefangenschaft und kam bis Sep­ tember 1945 ins berüchtigte „Munsterlager“. Das waren die bedrückenden Zeitstationen eines jungen Mannes, der schon vier Wochen nach seiner Heimkehr als Angestell­ ter wieder in der Hauptverwaltung und Ende 1945 in der Kehler Krankenhausverwaltung arbeitete, die infolge schwerer Kriegsschäden

Es würde einen ganzen Katalog füllen, wollte ich alle Verdienste des dynamischen, zielstrebigen und uneigennützigen Bürger­ meisters Werner Gerber aufzählen, eben all€ Entwürfe und Entscheidungen, die im Gemeinderat von seiner wesentlichen Hand­ schrift mit geprägt wurden. Marksteine eines 26jährigen Weges im Dienste der Stadt Blumberg waren, um aus der Fülle einige zu nennen: Ausbau der gesamten Kreisstraßen sowie der Stadteinfahrt; Kauf der kreiseige­ nen Weiherdammschule und Bau der Ratio­ Blöcke mit 96 Wohnungen. Wie alle ehema­ ligen Bürgermeister auch im Aufsichtsrat der Siedlungsgesellschaft, leitete er den Verkauf der Siedlungshäuser zur Eigentumsbildung ein und wurde voll unterstützt initiativ bei den Fertigstellungen gemeinnütziger Bauten in den neuen Stadtteilen, bei notwendigen Kanalisationen, Umbau und Ausbau des Rathauses sowie des Stadtbau- und Standes­ amtes. Seine Ära markierten der Aitrach­ Wasserverband, der die langfristige Wasser­ versorgung der Gesamtstadt sicherstellte, und das 30-Millionen-Projekt der Abwasser­ beseitigung durch das Klärwerk Achdorf. Auf Werner Gerbers kommunalem Haben­ konto erscheinen die weithin gerühmten Freibadanlagen, das große Sportzentrum, der Bau von Realschule, Eichbergschule und moderner Sporthalle sowie die Verbesserun­ gen im gesamten Schulwesen. Dazu sozialer Miet- und Altenwohnungsbau wie auch der umfassende Aufbau der „Energieversorgung Südbaar“. Die Sicherung der Arbeitsplätze war sein besonderes Anliegen. Nicht verges­ sen werden darf der Aufbau der werbewirk­ sam dampfenden „Museumsbahn Wutach­ tal“, deren Bahnhof und Jahrhundertstrecke in den Besitz der Stadt Blumberg übergin­ gen. Mit beispielhaftem Engagement küm­ merte sich dieser funktionierende „Entwick­ lungsmotor“ um eine optimale Betreuung des Nachwuchses in den Kindergärten und der betagten Bürger, förderte die Hilfsorgani­ sationen wie Freiwillige Feuerwehr, örtliches Rotes Kreuz und DLRG und hatte stets ein offenes Ohr für die ihm als wichtig erachte- 202 ten Belange der zahlreichen Vereine. Im kul­ turellen Sektor sorgte er für die großzügige Einrichtung der Stadtbibliothek und die Unterstützung der überregionalen Kunst­ ausstellungen in der dank Bürgerinitiative neugestalteten Stadthalle. Von seinen zahl­ reichen Ehrenämtern sollen hier die Mitar­ beit im Verwaltungsrat der Bezirkssparkasse, im Aufsichtsrat der Landesentwicklungsge­ sellschaft und der Vorsitz im Ortsverein des Deutschen Roten Kreuzes genannt werden. Hohe Anerkennung fand Werner Gerber als Mitglied des Kreistages, dem er als überzeug­ ter Sozialdemokrat von 1965 bis 1989, zeit­ weise auch als Fraktionssprecher, angehörte. Im Kreisparlament wie in vielen anderen Gremien hatte sein Wort Gewicht, das besonders dem von ihm geleiteten Gemein­ derat zugute kam. Auch dem kirchlichen Gemeindeleben stand er ebenso aufge­ schlossen gegenüber, wie religiösen Minder­ heiten. Ein so umfassendes Engagement mit praktiziertem Durchhalte- und Durchset­ zungsvermögen vermochte auch zeitweili­ gen Angriffen mit Erfahrungsgelassenheit zu begegnen. Wertvolle Rückenstärkung gab ihm seine Frau Friede!, die sich mitarbeitend im sozialen Bereich vorbildlich engagierte. 1989 aus gesundheitlichen Gründen vorzei­ tig in den Ruhestand gezwungen, verlieh die Stadt Blumberg Werner Gerber bei der feier­ lichen Verabschiedung die selten vergebene Ehrenbürgerschaft. Diese gebührte rechtens einem Kommunalpolitiker, der sich so prä­ gend wie Werner Gerber um Blumberg ver­ dient gemacht hatte. Am 17. November 1991 erlag der Alt-Bürgermeister und Ehrenbür­ ger, gerade 64 Jahre alt geworden, seiner schweren Krankheit. Eine große, auch über­ regionale Anteilnahme an diesem zu frühen Tod bewies die allgemeine Wertschätzung, die dieser bürgermeisterliche Verwaltungs­ experte als in allen Bereichen mitsorgender Mensch genoß. Seinem Wahlspruch „Bür­ germeister mit Leib und Seele“ stets getreu, diente Werner Gerber dem ihm über 25 Jahre anvertrauten Gemeinwesen bis zuletzt so,

Max Ernst Haller wie es seinen Vorstellungen eines tatkräfti­ gen Dienens entsprach. Das sicherte ihm eine unverwischbare Erinnerung. Denn vie­ len Stadt-und Kreisbürgern war er ein guter Wegbegleiter. ,,Das, was uns Werner Gerber Eine Unternehmerpersönlichkeit mit Visionen Max Ernst Haller ist weit über den Stadtbezirk Schwen­ ningen hinaus bekannt. Die einen kennen ihn als langjäh­ rigen Geschäftsführer der Firma Benzing (vgl. Alma­ nach 91, Seite 66-69), andere verbinden seinen Namen mit der Kunsteisbahn und dem Curlingsport, mit Kunstaus­ stellungen oder mit dem Uhrenindustriemuseum. Es ist kein Zufall, daß gerade er sich für die Verwirk­ lichung eines Uhrenmuse­ ums in Schwenningen, der Wiege der industriellen Uhren­ fertigung, einsetzt, ist er doch selbst durch seine Familien­ geschichte mit der Uhrma­ cherei vorbelastet. Sein Groß­ vater väterlicherseits hatte im vergangenen Jahrhundert zu­ sammen mit drei Brüdern eine der ersten großen Taschenuh­ renfabriken in Schwenningen gegründet, die 1903 jedoch an Junghanns überging. Von mütterlicher Seite bestand die Beteiligung an der Firma Friedrich Ernst Benzing KG, dem Onkel der Mutter. Am 5. Juli 1930 in Schwenningen gebo­ ren, absolvierte Max Ernst Haller zunächst von 1947 bis 1950 die Staatliche Fachschule für Feinwerktechnik in seiner Heimatstadt, in seiner langen Amtszeit gegeben hat“, wür­ digte Bürgermeister Clemens Stahl als sein Nachfolger umfassend,,, wird nachwirken als Aufforderung, es ihm gleichzutun.“ Jürgen Henckell da sein Vater Max Robert Haller der Ansicht war, daß ein späterer Chef unbedingt eine handwerkliche Ausbildung braucht. Nach­ dem er erste praktische Erfahrungen im 203

väterlichen Betrieb gesammelt hatte, be­ suchte er die Ecole Superieure de Commerce in Neuchatei/Schweiz und 1952 ging er zu Mecanorma in Paris. Erste berufliche Statio­ nen führten ihn 1953/54 nach Madrid und von 1955 bis 1957 nach Mexiko-City. Die Auslandslehrjahre haben ihn stark geprägt und ihn mit dem Ziel zurückkehren lassen, aus Benzing später eine weltweit exportie­ rende Firma zu machen. Mitte 1957 wurde Max Ernst Haller zunächst Assistent der Geschäftsleitung der Friedrich Ernst Benzing KG, 1966 dann Gesellschafter und stellvertretender Ge­ schäftsführer. Nach dem Tode seines Vaters übernahm er zusammen mit seinem Bruder Peter die Geschäftsleitung des Unterneh­ mens.1967 hatte er bereits die Identa GmbH als Dienstleistungsfirma zur Herstellung von Datenausweisen gegründet. Benzing hatte damals 289 Mitarbeiter, machte ca. 7 Mio. Mark Umsatz und war bekannt als Stempeluhrenhersteller. Mit viel Elan ging Max Ernst Haller an die Aufgabe, aus einem traditionsreichen Betrieb ein modernes, expandierendes Unternehmen zu machen. Die damals sehr gute Konjunktur gab den Anstoß für die Entscheidung, ein neues Fabrikgebäude im Industriegebiet Ost zu bauen und die Fertigung dorthin auszu­ lagern. 1972 konnte die Fertigungshalle be­ zogen werden. Zu dieser Zeit machte sich bereits die Strukturkrise der 70er Jahre bemerkbar, in deren Folge viele alteingesessene Uhrenher­ steller aufgeben mußten. Auch bei Benzing begann der Kampf ums Überleben. Max Ernst Haller und sein Bruder waren über­ zeugt, daß nur riesige Investitionen in die neue Datentechnik Benzing retten konnte. Deshalb wurde soviel in die Elektronik­ entwicklung gesteckt, wie bei keinem der alten Uhrenhersteller im Raum Villingen­ Schwenningen. In dieser schwierigen Zeit hatte Max Ernst Haller echte Unternehmer­ persönlichkeit bewiesen, indem er das unter­ nehmerische Risiko auf sich nahm und durch Standfestigkeit und persönliche 204 Bürgschaften (zusammen mit Peter Haller) das Weiterbestehen des Unternehmens sicherte. Obwohl Benzing schon 1975 das erste Terminal auf Mikroprozessorbasis auf den Markt brachte, wurde ein früher Erfolg verhindert, weil die Softwarehersteller damals nicht gleich nachzogen. Erst als der Markt in den achtziger Jahren reif war, konnte Benzing seinen Umsatz in vier Jah­ ren verdoppeln (1984: ca.19 Mio. DM, 1988: ca. 40 Mio. DM) und stieg zum Marktführer im Bereich Zeiterfassung auf. Trotz dieser Erfolge hatte Max Ernst Haller die Realität nicht aus den Augen ver­ loren und dafür gesorgt, daß mit der Mehr­ heitsbeteiligung an die Schweizer Bauer­ Kaba-Gruppe eine gute Nachfolgeregelung gefunden wurde, die dem Unternehmen Benzing die weitere Expansion ermöglicht. Durch tragische Beispiele in der Schwarzwäl­ der Industrie gewarnt, hat er sein Lebenswerk rechtzeitig in sichere Hände gegeben. Seit dem Ausscheiden bei der Benzing Zeit + Daten GmbH im Juli 1991 ist Max Ernst Haller als Geschäftsführer der Benzing Technische Uhren GmbH tätig. Diese pro­ duziert Brieftaubenuhren, eine Spezialität, die die frühere „Mutter“ Friedrich Ernst Benzing schon seit ca. 1895 herstellt. Doch auch hier wurde der gelernte Feinwerktech­ niker von der Elektronik eingeholt, denn in den Uhren schlägt inzwischen auch ein Computerherz. Über seine beruflichen Tätigkeiten hinaus ist Max Ernst Haller aufgrund seines Engage­ ments im öffentlichen Leben der Stadt Schwenningen vielen bekannt. So hat er 1965 zusammen mit Manfred Link einen Förderverein zum Bau einer Kunsteisbahn gegründet. Nicht zuletzt seiner Initiative ist es zu verdanken, daß die Kunsteisbahn Wirklichkeit wurde und 1968 der 1. Bauab­ schnitt eingeweiht werden konnte. Selbst dem Eissport verbunden, wurde Max Ernst Haller zum ersten Geschäftsführer der Kunst­ eisbahn GmbH ernannt. Er war es auch, der über seine Frau, eine gebürtige Schweizerin, den Curlingsport nach Schwenningen brachte,

indem er den ersten Schwenninger Curling­ Club, den CCS e. V., gründete. Diesem Ver­ ein, der große sportliche Erfolge errang, stand er lange Jahre als Präsident vor. In den Reihen des CCS waren viele Spieler der Nationalmannschaften, und Schwenninger Teams erreichten eine Silber- und eine Bron­ zemedaille bei den Weltmeisterschaften. In letzter Zeit fällt sein Name im Zusam­ menhang mit dem Förderkreis „Uhrenindu­ striemuseum“, dessen Vorstandsvorsitz er 1990 übernahm. Er gründete diesen Förder­ kreis mit einer Gruppe aktiver Idealisten, die schon lange alte Maschinen und Werkzeuge zusammentragen. Ihr Ziel ist es, an histori­ schem Platz, in der alten Bürkfabrik, ein lebendiges Uhrenmuseum einzurichten, in dem an alten Maschinen Wecker hergestellt werden. So dürfte auch in Zukunft noch eini­ ges von Max Ernst Haller zu hören sein. Petra Eisenbeis-Trinkle Langjähriger Geschäftsführer der Mannesmann Kienzle GmbH Herbert Kleiser Garant des Fortschritts und der Weiterentwicklung Ingenieur Herbert Kleiser, langjähriger Geschäftsfuhrer der Mannesmann Kienzle GmbH fur den Bereich Fertigung, trat im Juni 1991 in den Ruhestand. Wie fast kein anderer prägte der langjährige Kienzle­ Manager das Villinger Unternehmen. Her­ bert Kleiser gestaltete maßgeblich den Wan­ del des ehemaligen Familienbetriebs zum internationalen Technologieunternehmen. Ganz zurück zieht sich Herbert Kleiser, der über 40 Jahre in verantwortungsvollen Posi­ tionen des Unternehmens tätig war, nicht; er ist Mannesmann Kienzle weiterhin in bera­ tender Funktion eng verbunden. Am 23. Februar 1928 in Herzogenweiler geboren, bestimmten die letzten Kriegsjahre Herbert Kleisers Jugend. Die Jahre 1945- 1948 verbrachte er in französischer Kriegsge­ fangenschaft. Während dieser Zeit war er unter anderem in der Landwirtschaft tätig, entscheidend jedoch prägte ihn seine Tätig­ keit im Werkzeugbau eines Zulieferbetriebs des französischen Autoherstellers Peugeot. Hier entstand der erste Kontakt Kleisers mit der Automobilindustrie. Nachdem Kleiser aus der französischen Gefangenschaft ge­ flüchtet und über eine Zwischenstation in der Schweiz wieder in den Schwarzwald­ Baar-Kreis zurückgekehrt war, bewarb er sich schließlich bei verschiedenen Villinger Unternehmen, unter anderem bei Kienzle. Und schon damals, so erinnert sich der Manager heute, galt es als Auszeichnung bei Kienzle arbeiten zu können. Herbert Kleisers Start bei der damaligen Kienzle Apparate GmbH erfolgte im Jahre 1949, nachdem er seine Ausbildung an der Staatlichen Fachschule fur Feinmechanik und Elektrotechnik in Villingen absolviert hatte. Nach vier Jahren legte er eine Berufs­ pause ein, um seine Ausbildung abzurun­ den. Als Entwicklungsingenieur kehrte er zu Kienzle Apparate zurück, wo er zunächst als Konstrukteur in der Fahrtschreiber-Entwick­ lung eingesetzt wurde. Für den Tachogra­ phen, der von Villingen aus in der ganzen Welt verbreitet wurde, erteilte man ihm wichtige Patente. Später baute er den Techni­ schen Kundendienst auf und schuf damit ein wichtiges Element fur die weltweite Bedeu­ tung der Kienzle-Geräte. Die wissenschaft­ liche Auswertung der Fahrtschreiber-Dia­ gramme wurde von Herbert Kleiser entschei­ dend beeinflußt und auf ein Niveau gebracht, das heute noch international bei­ spielgebend ist. Ende der 50er Jahre übernahm er neben seinen vielfältigen Aufgaben auch zwei Jahre 205

Mannesmann, wurde Herbert Kleiser zum Geschäftsführer bestellt. Die spätere Reali­ sierung eines großzügigen Erweiterungsbaus im Jahre 1989 war der-zumindest vorläufige -Abschluß der Gesamtplanung von 1970/ 71. Alle auch in diesem Zusammenhang getroffenen Maßnahmen zeugten von unter­ nehmerischem Weitblick. Modernste Tech­ nologien werden hier angewendet, wie z.B. die Oberflächenbestückung elektronischer Leiterplatten oder die automatische Teilefer­ tigung. Auch für den Aufbau der hochmo­ dernen Druckgußbearbeitung war Herbert Kleiser verantwortlich. Und schon damals verstand er es, wesentliche Aspekte des Umweltschutzes in seine Planungen mitein­ zubeziehen, so daß Kienzle auf diesem Gebiet stets über neueste Verfahren und Techniken verfügte, noch ehe sie gesetzlich vorgeschrieben waren und damit stets Vor­ bild in der Region war und ist. Auch die klare Materialflußstruktur in der Kienzle-Produk­ tion ist ein wesentlicher Verdienst von Her­ bert Kleiser. Sein unternehmerischer Geist trug stets Sorge dafür, daß Kienzle über die vielen Jahre seit der Gründung des Unter­ nehmens auf den einzelnen Fachgebieten wie Fahrtschreiber und Taxameter stets Marktführer blieb. Im Vordergrund seiner Bemühungen stand immer ganz besonders der sichere Fortbestand des Unternehmens, die Sicher­ heit der Arbeitsplätze und das Schicksal der Menschen in diesem Unternehmen. Sowohl in den Chefetagen wie bei den Mitarbeitern aller Fertigungsstufen wird das Ausscheiden von Geschäftsführer Herbert Kleiser bedau­ ert. Aber alle wissen, daß er es nach so vielen Jahren angespannter Höchstleistungen ver­ dient hat, ,,einen Gang zurückzuschalten“ und seinen Hobbies verstärkt nachzugehen: Herbert Kleiser ist begeisterter Skifahrer (Lang-und Abfahrtslauf} und tanzt gerne. Seine besondere Liebe gilt aber vor allem auch dem Segeln auf dem Bodensee sowie dem Wandern. Die Kienzleaner hoffen, daß sein Ratschlag dem Unternehmen noch lange erhalten bleibt. Barbara Kögler die Betriebsleitung der Firma Haller, mit der Kienzle zu jener Zeit eng zusammenarbei­ tete, da der damalige Besitzer schwer er­ krankt war. Auch hier schätzte man sein Engagement und seinen Ratschlag sehr. Das umfassende Wissen und die Manage­ mentfähigkeiten von Herbert Kleiser veran­ laßten schließlich die damalige Unterneh­ mensleitung, ihn in die Geschäftsführung zu übernehmen und mit der Verantwortung für die Gesamtproduktion zu betrauen. In dieser Funktion vollbrachte er eine Leistung, die in der Geschichte des Kienzle-Apparate-Werks einmalig dasteht. Herbert Kleiser leitete die Planung und Koordination, die zum Bau des hochmodernen Werks ,,A“ auf der Som­ mertshauser Halde führte. Hohe Kompe­ tenz, überragendes fachliches Wissen und unermüdlicher Einsatz führten zum optima­ len Ergebnis: Noch heute, 20 Jahre nach der Fertigstellung des ersten Bauabschnitts, gilt das Kienzle Werk „A“ als Vorbild fertigungs­ technischer Modernität und Zweckmäßig­ keit. Die organisatorische Gliederung dieser Produktionsanlagen wird von Experten als beispielhaft angesehen. 1983, zwei Jahre nach der Beteiligung von 206

Dr. Klaus Sommer Der langjährige Amtsarzt im Ruhestand Die tägliche Rufbereitschaft ist Dr. Klaus Sommer schon länger los, und daran kann er sich gewöhnen. Denn schließlich hat er über 20 Jahre lang „von Amts wegen“ für mögli­ che Notfälle im öffentlichen Interesse bereit sein sollen, und das war auch oft genug der Fall. Jetzt, im Status eines Ruhestandsbeam­ ten, läßt sich auch über all die Jahre plau­ dern, während denen Dr. Sommer von 1971 an als Amtsarzt und Dienststellenleiter des Staatlichen Gesundheitsamtes gewirkt hat. Unbestritten hat es Klaus Sommer als Mediziner zu einer Popularität gebracht, die deutlich im Zusammenhang mit all den Auf­ gaben steht, für die er sich in seinen Dienst­ jahren seit 1963 in Villingen für die Volksge­ sundheit eingesetzt hat. Der 1926 in Breslau geborene Klaus Som­ mer legte seine Reifeprüfung 1946 am Gym­ nasium Neumarkt in der Oberpfalz ab. Ein Ereignis, das erst nach Wehrdienst und Kriegsgefangenschaft stattfinden konnte. Um so zügiger absolvierte er sein medizini­ sches Studium an den Hochschulen Mün­ chen und Erlangen mit Staatsexamen und Promotion. Berufspraktische Erfahrung sammelte er sowohl in der Chirurgie, in der Gynäkologie, in der „Inneren“, in der Psychiatrischen und in der Kinderklinik – jeweils in Bad Cann­ statt, in Ludwigsburg, in Biberach, in Stutt­ gart und schließlich in Baden-Baden. Zum Facharzt seiner Wunsch-Disziplin, der Kinderheilkunde (Pädiatrie), avancierte Klaus Sommer in der Städtischen Kinderkli­ nik Stuttgart, wo er für zwei Jahre das Reha­ zentrum für polio-gelähmte und spastisch gelähmte Kinder als Oberarzt leitete. Gerne hätte Klaus Sommer als Kinderarzt frei praktiziert, doch die damals noch gültige Niederlassungsbeschränkung für Ärzte war zunächst nur für ältere Mediziner durchläs­ sig, die aus der Kriegsgefangenschaft heim­ kehrten. So setzte Dr. Sommer seine ärztliche Laufbahn fort, indem er sich dem öffentli­ chen Gesundheitsdienst widmete -eine Auf­ gabe, die 1960 beim Städtischen Gesund­ heitsamt in Stuttgart begann. Da sich damals die Leistungen großer Gesundheitsämter für Schul- und Schüler­ untersuchungen beschränkten, erhoffte sich Dr. Sommer einen erweiterten Arbeitskreis an einem kleinstädtischen Gesundheitsamt. Auf eine Stellenausschreibung für Villingen gehörte er fortan zum Ärzte-Team unter der Leitung von Dr. Harnisch, und als Kollegin stand Lungenärztin Wilms an zweiter Stelle. Während in den SOer Jahren noch 800 Fälle an Kinderlähmung im deutschen Süd­ westen zu verzeichnen waren – die eiserne Lunge war für viele Kinder therapeutische Endstation – gehörten zahlreiche Krank­ heitsfälle mit Lungen-Tbc oder Pocken zu den epidemischen Risiken. Somit waren auch Massen-Impfaktionen von bis zu 2.500 Impfwilligen keine Besonderheit … Auch Typhus und Salmonellenerkran­ kungen oder bakterielle Verunreinigungen des Trinkwassers schufen in den 60erJahren Alarmzustände, wie es bei den Pocken bis 207

1968 der Fall war. Prävention war deshalb angesagt, und so wurden bis Mitte der 60er Jahre Impfaktionen durchgeführt, wofür sich zum Termin lange Schlangen vor der Villinger Tonhalle bildeten, weil auch die Räumlichkeiten im „Alten Kaufuaus“ nicht ausgereicht hatten. Für zehn Jahre wurde Dr. Sommer dann bis Ende 1991 Amtsarzt und Dienststellenlei­ ter des Staatlichen Gesundheitsamtes Villin­ gen mit dem Titel eines leitenden Regie­ rungs-Medizinal-Direktors. Ehrenamtliche Funktionen kamen hinzu: Mitarbeit im Ortsverein des Deutschen Roten Kreuzes unter dem damaligen Vorsit­ zenden und Bürgermeister Villingens Max Müller und dem Kreisvorsitzenden Dr. Hu­ ber aus Bad Dürrheim; Ausbildungs- und Bereitschaftsarzt für das DRK ab 1984, und auch als Beirat bei der Aktion Lebenshilfe des Dr. Borchers war Sommers Rat willkom­ men. Wiederkehrende Übungen aller Einsatz­ kräfte forderten in den folgenden Jahren nicht nur Zeit, sondern auch Courage. Mußte sich der „Amts-Doktor“ doch einmal von der Feuerwehr zu einem Unfallort nach Übungsannahme abseilen lassen … Und auch im „Normalfall“ war der Dienst des Amtsarztes gelegentlich äußerst span­ nend. Infektion aus Ghana? Im Laufe vieler Jahre war dem Doktor Sommer kaum ein Krankheitsbild fremd. Klar, daß man ihn auch an jenem Ostersonn­ tag rief, als in Stuttgart ein Flugzeug aus Ghana landete, in dem Ghanaer an einer unspezifischen Infektion litten und man unter den Fluggästen auch einen aus dem Raum Villingen vermutete. Doch der Alarm war unbegründet! Aller­ dings nicht in jenen Fällen, bei denen fehl­ orientierte Patienten aufgegriffen wurden, meist nachts, die wegen Senilität, Drogen­ konsum oder Alkoholsucht nicht zu identifi­ zieren waren. Wer dieser Gründe wegen vor­ übergehend in eine Psychiatrische Landes- 208 anstalt eingewiesen wurde, konnte sich spä­ ter – bei vollem Bewußtsein – schon mal mittels Telefon-Belästigung rächen: Tags oder auch nachts!?! Auch den Privatmann gibt es Drei Töchter sind der familiäre Stolz von Klaus Sommer und Ehefrau Eleonore. Und auch wenn der Vater viel „aushäusig“ zu tun hatte, blieb immer genügend Zeit für den Urlaub in den Bergen oder auf dem eigenen Segel-Boot am Bodensee, wofür Klaus Som­ mer die Segel-Lizenz auch in Küstengewäs­ sern der offenen See hat. Stark bleibt allemal natürlich auch die Erinnerung des Pensionärs Sommer an die hohe Verantwortung bei der Seuchen­ Bekämpfung oder die Problemanalyse vor Ort, wenn langer Briefwechsel hinderlich gewesen wäre. Davon profitierte einmal auch die Villin­ ger Guggemusik, als 1973 jegliche Sommer­ feste untersagt wurden, weil Salmonellen­ Gefahr drohte. Doch Einzel-Befreiungen nach individueller Untersuchung ließen den Start des Osianderplatzfestes zugunsten Behinderter zu. Sommer, der sich selbst als geduldig, gefühlvoll und sachlich charakterisiert, nahm immer die Diagnose von Patienten (und Sachverhalten) wichtig. Mit dem Wis­ sen aus vielen Berufsjahren war es ihm auch möglich, Dozent an der Krankenpflege­ schule zu werden und im Prüfungsausschuß als Vorsitzender für das Regierungspräsi­ dium Berufsreife zu attestieren. Radtouren und ein gelegentliches Tennis­ spiel schafften Ausgleich zum Beruf Dr. Klaus Sommer kokettiert nicht mit Titel und Ehrenzeichen -ein einziges ist das Treue-Verdienst-Kreuz des DRK. Viel zu tun! Abschließend stellt Klaus Sommer zur Gesundheitspolitik im speziellen fest, daß die Aufklärung zur AIDS-Problematik seit zwei Jahren zumindest in Deutschland ver­ nachlässigt würde. Die Schweiz und Öster-

reich seien da vorbildlicher. Ob allerdings die permanent auftretende sexuelle Heraus­ forderung durch Film und Video bei Jugend­ lichen gebremst werden könne, muß fraglich bleiben. Was die Beziehung von Amtsärzten zu den Praktikern angeht, wünscht Sommer allen das Prinzip vieler persönlicher Kon­ takte, denn nur die lassen individuelle Ansprache zu. Wolfgang Bräun Ernst Strom Seine Persönlichkeit und die Landschaft der Baar bilden eine Einheit Man sagt, daß Landschaften Menschen prägen und bei Ernst Strom, dem Müller von der Baar, trifft dies zu. Wer den rührigen Bie­ singer kennt und Gelegenheit hat, ihn zu beobachten, der wird feststellen, daß in Ernst Strom vieles verkörpert ist, was als Besonderheit auch in den sanften Hügeln, in den Feldern und Fluren wiederkehrt. Da ist die Strenge des Klimas, zugleich aber auch die Großzügigkeit des fruchtbaren Bodens. Da steht der Geschlossenheit der Dörfer, die den Fremden nicht überschwenglich begrüßt, die Weite und Offenheit dieser Landschaft gegenüber, die oft mit einer Schüssel verglichen wird. Die umgrenzen­ den Höhen halten den Blick und lassen ihn sich nicht verlieren, so als wollten sie Gedan­ ken und Menschen ein Maß setzen. Doch hier soll nicht von der Landschaft, sondern von Ernst Strom die Rede sein. Beide sind untrennbar miteinander verbun­ den und wer den Menscherrverstehen und in seinem Gesicht lesen will, der muß zuvor die Landschaft begriffen haben. Nur so kann er erkennen, warum Ernst Strom nur hier sein Leben auf seine Art gestalten konnte. Erinne­ rung, Gegenwart und Erwartung, das alles bekommt für ihn seinen Sinn aus dem, was er ohne Scheu Heimat nennt. Schon sein Elternhaus, in das Ernst Strom im Jahre 1917 hineingeboren wurde, war eine Mühle. Sie stand etwas außerhalb des Dorfes Biesingen an der Kötach und neben der Was­ serkraft war es der Vater, der das Räderwerk in Gang hielt. Der Junge wuchs heran, wie man eben damals auf dem Lande heran­ wuchs. Da waren die Schule, die Kameraden und die Mühle. Eine kleine Welt, die Ernst Strom nie wirklich verlassen hat, und die für ihn Verpflichtungen und Aufgaben bereit hielt, die sein Leben ausfüllten. Damit begann es recht früh, denn Landwirtschaft und Mühlenbetrieb forderten den jungen Burschen. Der Schule folgte die Lehre im elterlichen Betrieb. Aber nicht der Vater, sondern ein Meister bildete ihn aus. Die Gesellenprüfung im Jahre 1936 war für Ernst Strom der erste Erfolg und zugleich das plötzliche Ende der Jugendzeit. 209

Der Krieg griff ohne zu fragen zu und nahm Ernst Strom acht Jahre seines Lebens. Er floh aus Kriegsgefangenschaft und es gab fur ihn nur ein Ziel, sein Heimatdorf. Doch die Schrecken dieser Zeit erwarteten ihn dort bereits. Zwei Brüder waren gefallen und die Mühle am Bach gab es nicht mehr. Noch in den letzten Kriegstagen war sie in Brand geschossen worden. Ernst Strom wäre kein Baaremer gewesen, wenn er nicht, ohne zu zögern, neu angefangen hätte. Es gab noch die Nachbarn und Freunde und es gab das Korn auf den Feldern. Heim­ gekehrt war der Müller und so mußte es auch wieder eine Mühle geben. Ernst Strom heira­ tete 194 7 und im Anwesen seiner Frau Hilde­ gard drehte sich schon bald wieder der erste Mühlstein. Ernst Strom hatte damals Wech­ sel unterschrieben, um gebrauchte Maschi­ nen kaufen zu können. Doch mit dem Korn der Baar, das durch den Trichter der Mühle rann, kam auch Geld ins Haus. Die Mühle wurde modernisiert und mehrfach erweitert. Heute erinnert an dem Gebäude am Orts­ rand nichts mehr daran, daß dies einst ein Bauernhof war. Die Mühle der Familie Strom, seit ein paar Jahren hat der Sohn als Müllermeister den Betrieb übernommen, hat einen guten Namen in der Baar. Ernst Strom ist nicht nur Müller, sondern auch Getreidehändler und sein Unternehmen heißt deshalb Handels­ mühle. Er kauft fast alles Getreide in der Nachbarschaft, vom Weizen und Hafer bis hin zu Braugerste und Raps. Einen Teil holen sich die Bauern als Mehl für ihr selbstgebak­ kenes Brot zurück, ein Teil wird an Bäcke­ reien in der Umgebung verkauft und, was übrig bleibt, wandert zu anderen meist grö­ ßeren Mühlen. Die Landwirte schätzen den Müller und seine Mühle, denn sie haben Ver­ trauen zu einem, der mit ihnen aufwuchs und der ein Sohn der Baar ist. Wer in Biesin­ gen sein Korn verkauft, hat kurze Wege und erzielt einen reellen Preis. Von den vielen Mühlen, die es früher in dieser Gegend gab, ist auf der Baar nur die Handelsmühle Strom übrig geblieben. 210 Für Ernst Strom, diesen nachdenklichen Mann, der seine Worte stets mit Bedacht wählt, gab es neben seiner Mühle noch die Dorfgemeinschaft, die ihn ebenfalls in die Pflicht nahm. Schon gleich nach seiner Rückkehr aus Kriegsgefangenschaft wurde ihm das Amt des Gemeinderates übertragen. Mehrfach wurde er wiedergewählt und im Jahre 1955 stellvertretender Bürgermeister. Als im Jahre 1968 das Amt des Bürgermei­ sters neu zu besetzen war, erhielt Ernst Strom erneut das Vertrauen seiner Mitbürger. Vor ihm lag eine große Aufgabe. Die Gemeinde­ reform veränderte 1971 die kommunalpoliti­ sche Landschaft und auch Biesingen war davon betroffen. Die Integration in die Stadt Bad Dürrheim vollzog sich unter seiner Füh­ rung reibungslos. Ernst Strom blieb als Orts­ vorsteher im Rathaus. Auch in der größeren Gemeinschaft verstand es der zielstrebige Müllermeister in seiner ruhigen Art, die Ent­ wicklung seines Dorfes voran zu treiben. Die Ortsumgehung wurde gebaut, das Unterdorf saniert und mit Augenmaß Industrie ange­ siedelt. Das Baugebiet „Hinter den Häusern“ wurde erschlossen, so daß die nächste Gene­ ration das eigene Heim im Dorf bauen konnte. Immer waren es die Menschen in der Baar, denen sich Ernst Strom auf besondere Weise verbunden fühlte und so war er als Bürgermeister und Ortsvorsteher nicht nur auf dem Rathaus zu sprechen, sondern immer, wenn sein Rat gefragt war und wenn er helfen konnte. Die Verdienste von Ernst Strom um das Gemeinwohl wurden durch die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes gewürdigt und der „Goldene Meisterbrief“ war die Anerkennung, mit der das Handwerk Geradlinigkeit und Fleiß des Handwerkers Strom auszeichnete. Für Ernst Strom gilt der Wortlaut der Ver­ leihungsurkunde des Bundesverdienstkreu­ zes Wort für Wort, wenn auch mit der klei­ nen Abwandlung „Ernst Strom hat sich um die Baar verdient gemacht“. Klaus Peter Friese

Ema Hirt Stets bereit, immer dabei Als ich 1954 zum Bürgermeister und Kur­ direktor von Dürrheim gewählt war, suchte ich im alten früheren Rathaus eine Frau für mein Vorzimmer. Sie mußte Steno können, flexibel im Geist und in der Auffassung, lie­ benswürdig und kontaktfreudig sein. Intelli­ genz und Arbeitsfreude waren Vorausset­ zung. Ich suchte, prüfte und fand die Ur-Dürr­ heimerin Ema Hirt. Sie war schon lange im Rathaus, aber nach dem Krieg wie viele ihrer und meiner Generation auf dem Abstellgleis gelandet. Auf alle Fälle -und das erwies sich sehr schnell – hatte ich eine gute Wahl getroffen. Frau Ema Hirt, „das Hirtle“, wie ich sie zum Diktat rief, war eine Frau, eine Mitarbei­ terin an vorderer Front, auf die Verlaß war, die über wichtige Schriftsätze und Vorent­ scheidungen schweigen konnte, eine Chef­ sekretärin, die Spaß an der Arbeit hatte. Das »stets bereit“, das »immer dabei“ hatte mehr Wert als eine Sammlung von Diplomen. Frau Hirt war der gute Ansprechpartner, aber auch der gute Geist für Bürger und Gäste. Liebenswürdigkeit, Hilfsbereitschaft, Kontaktfreudigkeit und stete Einsatzbereit­ schaft zeichneten sie aus. Die Arbeitszeit richtete sich damals weder nach der Stechuhr noch nach einer 35-Stun­ den-Woche und trotzdem kamen damals die Damen zum Friseur und zu ihren Kurzein­ käufen. Die Arbeit, die Arbeitszeit, der Einsatz war allein geprägt – vom Willen, daß Bad Dürrheim wieder Anschluß an die Bäder und Kurorte des Bundes findet, – vom „Vorwärts Bad Dürrheim“ und durch den Weg vom Dorf zur Kur- und Bäderstadt. Ohne Zweifel verdient Frau Hirt für ihre Leistung in der Bad Dürrheimer Pionierzeit Dank und Lob. Es war im übrigen eine Zeit großer und zukunftsträchtiger Umwälzun­ gen in der kommunalen und kurpolitischen Infra- und Subrastruktur. Es war schlechthin die Zeit • des Aufbaues einer Leistungsverwaltung ohne entsprechende Dotation • der Forderung, die staatl. Saline muß ster­ ben, damit die Gemeinde leben kann • des Baues der Umgehungsstraßen und des agrarpolitischen Strukturwandels (Flurbe­ reinigung und Aussiedlungen) • der Gründung der Kur- und Bäder GmbH • der Verwaltungsreform und der freiwilli­ gen Eingliederung der 6 Osthaar-Gemein­ den • der Stadterhebung. Nicht zu vergessen die vielen gesell­ schafts- und verbandspolitischen Ereignisse und Verpflichtungen mit Gästen aus Politik und Wirtschaft, ebenso Frau Hirts spätere Mitwirkung nach ihrer Pension im Rahmen der kurörtlichen Aufgaben unserer Kur- und Bäder GmbH. Kein Zweifel, ihre Fachkompetenz und ihr Persönlichkeitswert reiften und machten sie zu einer wertvollen Wegbegleiterin. 211

Zu ihrem persönlichen „stets bereit und immer dabei“ gehört ein Dank an ihren Mann, ihren Sohn Edgar, der als Dipl. Betriebswirt bei der Kurdirektion in Baden­ Baden das große, internationale Kongreß­ zentrum auf die Beine stellt und der mit einer reizenden und repräsentativen Holländerin verheiratet ist. Dank auch an ihre Tochter Florina, die zur Zeit als Rechtsassessorin tätig ist. Dieser Toleranz, auch der 1974 verstorbe­ nen Mutter, verdankt ohne Zweifel Frau Hirt zu einem großen Teil das „stets bereit und immer dabei“. Zum Schluß zwei liebenswerte und nette Erinnerungen: Es war mittags wie so oft mal wieder spät. Ich fuhr deshalb Frau Hirt rasch heim, um diese Zeit gut zu machen. Vor der Haustür stand bereits Frau Grießhaber, ihre Mutter. Ich drehte die Scheibe meines Wagens her­ unter und rief ihr zu: ,,Hasch ‚was guts kocht“? Ihre Antwort: ,,Alles isch längst ver­ bruzelt. Wenn nur Sie, Herr Burgermosch­ ter, mit samt dem Rothus den Bach nab gin­ get“! Ende der Vorstellung. Ein weiteres Ereignis: Frau Hirt bekam im Jahre 1975 die Bun­ desverdienstmedaille. Der anschließende Schriftwechsel zwischen dem Ordensaus­ händiger, Landrat Dr. Rainer Gutknecht, und dem damaligen Regierungspräsidenten in Freiburg, Dr. Hermann Person, zeigt trotz der angestrebten Gleichberechtigung der Frau, daß es mindestens theoretisch immer noch Unterschiede gibt. Die Pappn.tz, die ein jeder kennt, war eine Frau mit viel Talent; sie schrieb es vor, sich zu benehmen, und mancher müßte sich was schämen, wenn er nicht wäre auf der Hut, zu tun, was nach der Pappritz gut. Gilt’s einen Orden zu verleihen, Frau Pappritz kann es nicht verzeihen, wer einer Dame ungehemmt den Orden an den Busen klemmt. 212 Der Herr Regierungspräsident, den hierzulande jeder kennt, hat ihre Lehren übernommen. War kürzlich nach Bad Dürrheim kommen und sah, wie der Landrat ungeniert den Busen einer Dame ziert mit einem nadeligen Orden, ich gl.aub‘, ihm ist ganz heiß geworden. Sah er doch schon mit großem Schrecken die Nadel tief im Fleische stecken. Er kennt ja seinen Landrat gut, daß dieser nJh stürmisch tut. Mit Sturm und Drang, als Junggeselle, war er in diesem Falle zur Stelle. Er weist mich aef die Pappritz hin, daß dies nicht sei nach ihrem Sinn. Den Orden, der die Dame schmückt, wird in die Hand ihr sanft gedrückt. Ich Landrat grüble vor mich hin, und manches geht mir durch den Sinn: Des ka ich jetzt doch nit verstau, daß ich soll gau, stau, bliebe lau. Was ich bis jetzt mit Freid han g’macht, gar neamed hät do driber g’lacht. Dozue denk‘ ich: Ich mach‘ e Wett, die Praue hont e Freid dra g’hett. Vor nicht allzu langer Zeit da hatt‘ ich die Gelegenheit in Bonn den Bundespräsident‘), den ebenfalls ein jeder kennt, in dieser Sache zu befragen. Und heut‘ noch höre ich ihn sagen: ,,Die Pappritz ist doch nicht mehr ,in‘. Wenn ich am Ordengeben bin, dann stecke ich mit Herzenslust den Orden immer an die Brust, ob Mann, ob Frau, das ist egal ’ne Freude ist es allemal. “ Und nun, verehrter Präsident, bin ich mit meinem Brief am End. Ich werde weiter – ohne Schmusen – den Orden heften an den Busen. Was der Bundespräsident gern tut, *) Bundespräsident war im Jahre 1978 Walter Scheel

dazu hat auch ein Landrat Mut. Ich kann nur hoffen, ich hab‘ Glück und es geschieht kein Mißgeschick. Bin wieder meines Herzens.froh, verbleibe mit Narri-Narro in guter Freundschaft wahr und echt Landrat und junggesell‘ Gutknecht. Dieser Brief ist ein köstlicher Schluß mei­ ner Skizzierung über 25 Jahre „stets bereit, Ernst Rothweiler Ein Leben für die Gemeinschaft Am 7. Februar 1931 in Donaueschingen geboren, gehört Ernst Rothweiler zu den markantesten und profiliertesten Bürgern seiner Heimatstadt. Sein Geburtshaus war das aus der väterli­ chen Linie seiner Vorfahren stammende Gasthaus Hirschen. Allein schon daraus ist erkennbar, daß es sich bei den Rothweilers um ein altes Donaueschinger Geschlecht handelt. Schon als Kind halfErnst Rothwei­ ler im landwirtschaftlichen Betrieb seiner Eltern und übernahm ihn nach seiner beruf­ lichen Ausbildung 1957 von seinen Eltern. Seit jeher gehört Ernst Rothweiler zu den Bewohnern der badischen Baar, die das Wesen in und um die Stadt Donaueschingen sowie ihre Sitten und Bräuche wesentlich mitgeprägt haben. Ernst Rothweiler hat sich neben seiner Familie und seinem Beruf und Betrieb fest in den Dienst der Allgemeinheit gestellt. Was wäre ein Leben ohne die Gewiß­ heit, daß man etwas für den Nächsten und die Gemeinschaft tut! Menschen, die nur für sich selbst da sind, sind ausgesprochen ein­ sam und werden bestenfalls von den weni­ gen bemerkt, die den Egoismus dieser Men­ schen zu spüren bekommen. Anders jene, die den Sinn des Lebens in der Gemeinsam­ keit, in dem Miteinander und auch in der Hilfe und Unterstützung für andere nicht nur sehen, sondern auch leben. immer dabei“. Er zeigt aber auch die Chance einer Frau, in einem Management ausge­ prägte Leistungen zu bringen. Es bleibt die Erinnerung an das „Vorwärts Bad Dürr­ heim“, an das „stets bereit, immer dabei“, es bleibt aber auch der Wille der Erna Hirt, immer noch da und dort etwas für ihre Hei­ mat Bad Dürrheim zu tun. Otto Weissenberger Bürgermeister und Kurdirektor i. R. Sein Gemeinschaftssinn ist Ernst Roth­ weiler in die Wiege gelegt worden und hat sowohl seinen privaten als auch geschäftli­ chen, beruflichen und ehrenamtlichen Wer­ degang bis heute begleitet. Seine Vielseitig­ keit in einem nicht kleinen Spektrum ehren­ amtlichen Engagements bestätigt das bisher angeführte. So war er 40 Jahre lang Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr und erhielt dafür die goldene Auszeichnung. Es mag daran lie­ gen, daß er aufgrund seines Berufes 15 Jahre als Vorstand der örtlichen Milchgenossen­ schaft tätig war und darüber hinaus viele Jahre als Mitglied im Verwaltungsrat die Richtlinien dieser Genossenschaft mitbe­ stimmte. Auch sportlich betätigte sich Ernst Roth­ weiler als aktiver Turner im Turnverein Donaueschingen von 1943 bis 1959 und wurde dafür mit der goldenen Ehrennadel ausgezeichnet. Uber diese Tätigkeiten hinaus haben der Name und der Mensch Ernst Rothweiler aber ganz besonders in der Kommunalpoli­ tik sowie in der Brauchtumsgesellschaft einen ausgesprochen guten Klang. Im Jahre 1969 wurde er als stellvertreten­ des Mitglied in den Verwaltungsrat des größ­ ten Kreditinstituts von Donaueschingen, der Bezirkssparkasse, gewählt, seit 1980 ist er ordentliches Verwaltungsratsmitglied. 213

der Scheuer des landwirtschaftlichen Anwe­ sens der Familie Rothweiler die ersten Fast­ nachtswagen für den großen Umzug gebaut. Die große Zeit des Ersten Zunftmeisters Ernst Rothweiler begann 1969. Diese ehren­ volle und arbeitsreiche Tätigkeit zum Wohle der Narrenzunft und zur Pflege der Fast­ nacht übte Ernst Rothweiler über 22 Jahre aus, womit er der dienstälteste Erste Zunft­ meister der Narrenzunft Frohsinn 1853 Donaueschingen seit deren Bestehen war. Ernst Rothweiler war in dieser relativ langen Zeit ein ausgezeichneter Steuermann des Frohsinn-Narrenschiffes. Er hat dieses Schiff auch bei hohen Seegängen hervorragend gesteuert. Man denke hier unter anderem an die anfänglich nicht einfache Zusammen­ arbeit mit den Vereinen der Stadtteile nach der Gebietsreform, an oft sehr schwierige Finanzsituationen, an das Große Narrentref­ fen der Vereinigung schwäbisch-alemanni­ scher Narrenzünfte 1976, an die Jubiläums­ veranstaltungen 1978 anläßlich des 125jähri­ gen Bestehens der Zunft, an das große Weiß­ narrentreffen der Landschaft Baar innerhalb der Vereinigung schwäbisch-alemannischer Narrenzünfte 1989 im Rahmen der Jubi­ läumsveranstaltungen aus Anlaß des llOOjährigen Bestehens der Stadt Donau­ eschingen und schließlich zur Beendigung seiner Tätigkeit als Erster Zunftmeister die Fertigstellung der Zunftkammer im ehema­ lig fürstlich fürstenbergischen Eishaus. Im Rahmen eines Persönlichkeitsbildes alles das vorzustellen, was Ernst Rothweiler geleistet hat, ist schier unmöglich. Die weni­ gen Daten, die hier aufgezeigt sind, belegen aber, mit wieviel Engagement Ernst Roth­ weiler die ihm übertragenen Tätigkeiten aus­ geübt und mit wieviel Leben er die verschie­ denen Bereiche in seiner Heimatstadt erfüllt hat. Für seine umfassenden Verdienste um das Gemeinwohl wurde Ernst Rothweiler mit der goldenen Ehrennadel der Vereinigung schwäbisch-alemannischer Narrenzünfte, mit der Ehrennadel des Landes Baden-Würt­ temberg und am 22. November 1991 im Auf- Seine langjährige Tätigkeit im Kommu­ nalparlament der Stadt Donaueschingen begann Ernst Rothweiler im Jahre 1975 als Stadtrat für die Christlich-Demokratische Union. Sicherlich waren nicht nur die höch­ sten Stimmenzahlen für diese Partei, die Ernst Rothweiler bei den Kommunalwahlen auf sich vereinen konnte, Ausschlag dafür, daß er seit 1980 Erster Bürgermeisterstellver­ treter in Donaueschingen ist. Seine Mitar­ beit in verschiedenen Ausschüssen des Kom­ munalparlamentes ist sowohl bei seinen politischen Freunden als auch bei seinen politischen Kontrahenten beliebt und aner­ kannt. Mag sein, daß die ihm eigene Art der Umsetzung von Gewußtem, von Wissen und von dem Fürsichbehalten oder Weiter­ geben an andere, vor allem an die, die ihm geholfen und ihn unterstützt haben, manch­ mal etwas schwer verständlich war; der Sache kam sie aber zugute. Lange Jahre übte er das Amt des Ersten Zunftmeisters der Narrenzunft Frohsinn 1853, Donaueschingen, aus; in die Zunft trat Ernst Rothweiler 194 9 ein. Im gleichen Jahr­ es war übrigens das Jahr der Gründung der Bundesrepublik Deutschland – wurden in 214

trage des Bundespräsidenten durch den Landrat des Landkreises Schwarzwald-Baar, Herrn Dr. Rainer Gutknecht, mit dem Ver­ dienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausge­ zeichnet. Der Bürgermeister der Stadt Donau­ eschingen, Dr. Bernhard Everke, überreichte Ernst Rothweiler für seine kommunalpoliti­ sche Arbeit nicht nur den kleinen und den großen Wappenteller der Stadt Donau­ eschingen, sondern er traf zu Recht die Fest­ stellung: »Die Welt lebt von den Menschen, die mehr tun als ihre Pflicht.“ Werner Riegel Helmut Pietsch Pädagoge aus Überzeugung Nur wenige Blumberger, echte und rein­ geschmeckte, dürfte es geben, die den lang­ jährigen Rektor der Blumberger Realschule Helmut Pietsch nicht kennen. Sei es vom Sehen im Ort, vom Schulbesuch und dort erfolgtem Unterricht oder von Kursen in der Volkshochschule Baar, Außenstelle Blum­ berg. In den letzten Jahren seines aktiven Schuldienstes unterrichtete Helmut Pietsch schon Kinder seiner ehemaligen Schüler. 1923 in Oppenau geboren, kam Helmut Pietsch 1945 aus Krieg und Kriegsgefangen­ schaft zurück. In diese Turbulenzen wurde er 1940 direkt nach dem Abitur verwickelt, und nach 1945 stellte sich für den jungen Mann die Frage, wie es denn nun weiter gehen sollte. In diesen ersten Nachkriegsjahren wurden dringend im Land überall Lehrer gebraucht und Helmut Pietsch nahm das Kursangebot für ein verkürztes Studium an. Begleitet von autodidaktischen Studien legte er in der Pädagogischen Akademie in Lörr­ ach 1949 und 1950 die Prüfungen ab, unter­ richtete aber schon 1949 in der Volksschule in Unterbaldingen. 72 Schüler forderten damals von dem jungen Pädagogen vollen Einsatz. Nicht viel anders sah es in der Schule in Vöhrenbach aus, wo Helmut Pietsch geistig und organisatorisch voll gefordert war. 1952 erfolgte seine Versetzung an die Victor-von-Scheffel-Schule in Blumberg. Französisch wurde dem Pädagogen als Unterrichtsfach angeboten und dann die Übernahme einer Sprachklasse. „Mich hat die Sprache immer interessiert und aus die­ sen Anfängen entwickelte sich 1955 der Mit­ telschulzug und danach 1960 der Realschul­ zweig,“ erinnert sich Helmut Pietsch. Die Realschullehrerprüfung hatte er schon 1957 in Freiburg abgelegt und 1968 übernahm er die Leitung der neuerbauten Realschule als Rektor. Dreimal sechs Jahre lang war Helmut Pietsch durchgehend Klassenlehrer, was ihm die Möglichkeit ununterbrochener Entwick­ lungsbeobachtung gab, eine Aufgabe, die für jeden Pädagogen ungemein reizvoll und spannend ist. Bis 1970 war Helmut Pietsch zusätzlich zu seinem Schuldienst in der Aus- 215

bildung junger Lehrer als Fachberater für Geschichte tätig, und 1970 bis 1974 vertrat er als Personalratsvorsitzender des Schulkreises Villingen-Schwenningen die Interessen von über 1500 Lehrern. 1974 wurde er dann geschäftsführender Schulleiter in Blumberg und koordinierte all die Aufgaben, die über diejenigen der einzelnen Schulen hinaus gehen. In der Lehrerausbildung war er zudem bis 1980 Kursleiter für Schulrecht. Alle diese vielfältigen Verpflichtungen wurden von Helmut Pietsch zusätzlich zum Unterricht in Deutsch und Geschichte, wie dem Neigungsfach Französisch bewältigt. Neben dem notwendigen Einsatz für Schüler war dem überzeugten und engagier­ ten Pädagogen die Arbeit mit Erwachsenen wichtig und so übernahm er 1958 die Leitung des schon seit 1954 bestehenden Volksbil­ dungswerkes in Blumberg. Nach der Um­ strukturierung 1975 blieb er dem neube­ nannten »Kind“ Volkshochschule Baar als umsichtiger und erfahrener Außenstellenlei­ ter erhalten. Esprit, pädagogische Methodik und ein feines Gespür für den Menschen prägten Helmut Pietsch ein Leben lang. So kann er nicht nur auf eine Vielzahl von erfolgreichen Kursen und Fachvorträgen zurückblicken, sondern auch auf die intensive Begegnung mit Menschen, Kursbesuchern und Referen­ ten unterschiedlichster Couleur. Ein Lichtbildervortrag des Hüfinger Arz­ tes Dr. Sumser war 1954 das erste Angebot des Volksbildungswerkes unter der Leitung von Helmut Pietsch. ,,Im Blumenparadies der Baar“ war sicher für viele Besucher hoch­ interessant, war das Fernsehen in diesen Jah­ ren noch eine Rarität. Über lange Jahre hin­ weg verstand es Helmut Pietsch das Vortrags­ angebot interessant und abwechslungsreich zu gestalten. Reiseberichte und Gesell­ schaftsfragen, Fachvorträge zu bestimmten Themen, Politisches und Künstlerisches wechselten mit medizinischen Referaten und Beiträgen zum mathematisch, naturwis­ senschaftlichen Bereich ab. Immer war auch die rasant fortschreitende Technologie ein 216 fester Bestandteil im Themenangebot der von Helmut Pietsch geführten VHS-Außen­ stelle. Zum festen Standardangebot an Kur­ sen im sprachlichen oder auch kreativen Bereich kamen spezielle Langzeitreihen, hochinteressant besonders für Blumberger Bürger die Reihe: ,,Öffentliche Einrichtun­ gen und Aufgaben im Blickpunkt.“ Ebenso interessant und sehr gefragt sind die von ihm begonnenen Reihen „Technik im Wandel“ und „Altes Handwerk“. Fest integriert in die Erwachsenenarbeit der VHS unter der Lei­ tung von Helmut Pietsch waren die jähr­ lichen, sachverständigen Führungen durch die Blumberger Kunstausstellung und die darin eingebundene Autorenlesung. Im Mai 1991 gab Helmut Pietsch die Lei­ tung der VHS-Außenstelle ab und, bezeich­ nend für den Naturfreund, endete er seine Arbeit mit einem Naturbeitrag. „Das Monta­ fon“, ein Vortrag von Lothar Buck, schloß die erfolgreiche Arbeit in der Leitung der Außenstelle Blumberg der Volkshochschule Baar für Helmut Pietsch ab. 1991 erhielt Helmut Pietsch für sein lang­ jähriges und vielseitiges Engagement für den Menschen die „Ehrenurkunde des Landes­ verbandes der Volkshochschulen in Baden­ Württemberg“ und beim Neujahrsempfang der Stadt Blumberg die neugeschaffene ,,Ehrenurkunde“ der Stadt. Christiana Steger AugenBlicke sonniger Huflattich in vorjährigem Grün unwirkliche Nuancen im grautonigen Wald filigranes Schattenspiel in letzten Schneeresten Träume von rosenduftenden Farben Vorfrühling Christiana Steger

In memoriam Wilhelm Haug Ein Leben für die Mitmenschen Am 21. 1. 1992 wurde Wilhelm Haug auf dem Triberger Bergfriedhof zur letzten Ruhe gebettet. Siebenundsiebzig Jahre alt ist er geworden. Wer war Wilhelm Haug? Er wurde am 14. 3.1914 in Triberg geboren und wuchs mit fünf Geschwistern auf, mit drei Brüdern und zwei Schwestern. Der Vater Wilhelm Haugs war ein armer Fuhrmann; die sechs Kinder mußten schon früh für ihren Lebensunterhalt arbeiten. Ab Ostern 1920 besuchte Wilhelm Haug in Triberg die damals so benannte Volks­ schule. Er drückte aber auch -sommers über – die Schulbank in Schonach und Grem­ melsbach. Er verdiente sich als Schüler sein Essen, wie es für seinesgleichen damals im Schwarzwald üblich war: er war Hütejunge bei Bauern. Nach der Volksschule kamen drei Jahre Gewerbeschule in Triberg. Zu dieser Zeit erlernte Wilhelm Haug in der Jahresuhren­ fabrik Triberg den Beruf eines Mechanikers für Stanzen- und Maschinenbau. Um einer drohenden Arbeitslosigkeit zu entgehen, schulte Wilhelm Haug auf den Feinmechanikerberuf um und produzierte in der Uhrmacherei der ,Juba“ Tischuhren. Von April bis September 1935 diente er freiwillig im Arbeitsdienst, danach bis Sep­ tember 1937 bei der Wehrmacht, bei der Nachrichtentruppe in Bad Cannstatt. Nach seiner Entlassung ging Wilhelm Haug am 3. Oktober 1937 als Mechaniker zur Firma Anton Tränkle KG in Triberg. Noch während seiner Lehrzeit kommt Wilhelm Haug mit Gewerkschaftsfunktio­ nären des Metallarbeiterverbandes zusam­ men. Kaum hat er die Lehrjahre hinter sich, schließt er sich als Siebzehnjähriger der Gewerkschaft an. Er ist Zeit seines Lebens ein überzeugter Gewerkschafter geblieben, da- bei stets das Wohl seiner Mitmenschen im Auge behaltend. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges kam Wilhelm Haug über Bad Waldsee nach Polen und von dort nach Trier; der Frank­ reichfeldzug hatte begonnen. Dort erreichte ihn die UK-Entscheidung; er war der einzige Lehrenbauer in der Firma Tränkle KG. Er kehrte in seine Firma zurück. Sein Arbeitsge­ biet war künftig die Fertigung. Später wech­ selte er in den umfangreichen Bereich Arbeitsvorbereitung. Er beendete seinen beruflichen Lebensweg als technischer Angestellter im Jahre 1977 im Alter von 64 Jahren. Die Firma Tränkle ehrte ihn für vier­ zigjährige Betriebstreue. Am 25. 7. 1941 heiratete Wilhelm Haug Else Weber von Triberg. Der Ehe entspros­ sen ein Sohn und eine Tochter. Im Sommer 1991 konnten Haugs ihre Goldene Hochzeit feiern. In Wilhelm Haug steckte schon sehr früh der Wunsch, sich auf kommunaler Ebene für seine Mitmenschen einzusetzen. Die mei­ sten Feierabende waren mit Kommunalpoli­ tik, Gewerkschaftsarbeit und Vereinstätigkei­ ten ausgefüllt. Von 1948 bis 1979 gehörte er während einunddreißig Jahren ununterbro­ chen dem Triberger Stadtrat an. Nach fünf- 217

undzwanzigJ ahren ehrenamtlicher Tätigkeit im Stadtrat erhielt Wilhelm Haug aus der Hand des damaligen Bürgermeisters Alfred Vogt den Goldenen Ehrenring der Stadt Tri­ berg. Die SPD-Rathausfraktion hat ihn bereits 1953 zu ihrem Fraktionsvorsitzenden bestellt. 1958 war Wilhelm Haug außerdem zum Bürgermeisterstellvertreter gewählt worden; er ist es einundzwanzig Jahre lang geblieben. Die erste Bürgermedaille in Gold Im Herbst 1979 zog sich Wilhelm Haug nach über dreißig Jahren ununterbrochener Tätigkeit im Gemeindeparlament aus dem Gremium zurück. In einer Sondersitzung des Gemeinderates zeichnete Bürgermeister Alfred Vogt den verdienten Stadtrat mit der Triberger Bürgermedaille in Gold aus. Er wurde damit der erste Träger ilieser seltenen Auszeichnung. Von 1957 bis 1973, mithin sechzehn Jahre, war Wilhelm Haug Vorsitzender des Orts­ vereins der SPD in Triberg und war während fünf Jahren gleichzeitig stellvertretender Kreisvorsitzender. Er war lange Jahre in der Arbeiterwohl­ fahrt tätig, bekleidete in der Ortsgruppe Tri­ berg -seit 1950 -verschiedene Ämter in der Vorstandschaft, war während dreiunddrei­ ßig langen Jahren ihr Vorsitzender. Mehr noch: Von 1973 bis 1982 war er außerdem Kreisvorsitzender der Arbeiterwohlfahrt im Verband Schwarzwald-Baar und Mitglied des Bezirksausschusses Südbaden der AWO. Wilhelm Haug hat sich unermüdlich für die sozial schwächeren Bürgerinnen und Bürger eingesetzt. Er hat Erholungsaufenthalte für Kinder und erholungsbedürftige Mütter sowie für alte Menschen vermittelt. Im Herbst 1982 gab er aus gesundheitlichen Gründen den Vorsitz beim Triberger A WO­ Verein ab und wurde dabei zum Ehrenvorsit­ zenden des Ortsvereins Triberg ernannt. Zahlreiche Ehrenämter Wilhelm Haug bekleidete zahlreiche Ehrenämter. Er war Arbeitnehmervertreter 218 bei der AOK Triberg, Mitglied des Kreistages des ehemaligen Landkreises Villingen, Vor­ sitzender der AOK Villingen (heute Schwarzwald-Baar-Kreis), Betriebsratsvorsit­ zender bei der Firma Tränkle KG in Triberg, Mitglied des Verwaltungsrates der Sparkasse Triberg, Mitglied des Beirates der Bezirks­ sparkasse Villingen, Beisitzer im Vorstand des MGV „Sängerlust“, Triberg, von 1969 bis 1974 Gründer und Vorstandsmitglied des Kreisjugend-Sportrings. Er war jahrelang ehrenamtlicher Richter beim Verwaltungs­ gericht Freiburg und Mitglied des Gutachter­ ausschusses des Landkreises Schwarzwald­ Baar. Lange Jahre war Wilhelm Haug aktiver Spieler beim Fußballclub Triberg, dabei von 1957 bis 1973, mithin sechzehn Jahre, dessen Vorsitzender. Er besitzt die Goldene Ehren­ nadel des Südbadischen Fußballverbandes, war von 1966 bis 1972 dessen stellvertreten­ der Vorsitzender. Am 23. 9. 1977 häniligte Landrat Dr. Rai­ ner Gutknecht Wilhelm Haug das Bundes­ verdienstkreuz am Bande aus, das ihm Bun­ despräsident Walter Scheel seiner besonde­ ren Verdienste wegen verliehen hatte. Wilhelm Haug war ein stiller, überzeugter protestantischer Christ. Die unübersehbare Trauergemeinde hörte aus dem Munde von Pfarrer Theodor Berggötz jenes Wort, das Wilhelm Haug vor vierundsechzigJahren als Konfirmationsspruch mit auf den Weg in sein Leben gegeben wurde: ,,Alle, die gottes­ fürchtig leben wollen in Christus Jesus, müs­ sen Verfolgung leiden. Du aber bleibe in dem, was Du gelernt hast.“ Dies sei ein Auf­ ruf zu lebenslanger Treue zu Christus gewe­ sen. Pfarrer Theodor Berggötz: ,,Wilhelm Haug ist diesem Aufruf nie untreu gewor­ den.“ Privatmann ist Wilhelm Haug auch in sei­ nem Ruhestand nicht geworden, er blieb im öffentlichen Bereich tätig: ,,Wenigstens noch zwei, wenigstens noch ein einziges Jährchen für uns allein“ seufzte seine getreue Gattin Else. Es blieb ein unerfüllter Wunsch – und manchesmal schmerzte es. So blieb

für ihn auch kaum Zeit für Hobbys. Die ihm allseits entgegengebrachte Hochachtung und Wertschätzung, die besonders seiner untadeligen Persönlichkeit galt, wurden an seiner letzten Ruhestätte deutlich, als der Solotrompeter das Lied „vom guten Kamera­ den“ intonierte, die Häupter sich entblößten und die Trauergemeinde Wilhelm Haug ein letztes Valet bekundete. Alexander Jäckle Claus Blum Ein bekannter Hotelier und Gastronom mit einer guten Nase für Chancen Müßiggang? – nein, den kennt er nicht. Wer Claus Blum einmal gemütlich im Sessel sitzend erlebt, darf nicht dem Trugschluß verfallen, hier einen entspannten, dem Ich zugekehrten Menschen zu erleben. Der Wahl-Triberger ist gerade dann, wenn er äußerlich zur Ruhe kommt, am aufmerksam­ sten. Und das nicht nur zum eigenen Wohle. Ihm liegt viel mehr am Herzen als das private und berufliche Umfeld. Der Hotelier -ihm gehört und er betreibt das weit über die Gren­ zen des Schwarzwaldes hinaus bekannte Parkhotel „Wehrle“ -ist im ganzen ein um­ triebiger Mann. Mittelgroß, eher asketischen Wuchses ist er; in bescheidener Zurückhal­ tung sehen die hellwachen Augen vieles -die Stadt Triberg, ihr Fremdenverkehr und der des Schwarzwald-Baar-Kreises profitieren davon. Er kann sich auch rühmen -was er nicht tut -an der Annäherung der Nachbar­ länder Frankreich und Deutschland nach dem Krieg aktiv mitgearbeitet zu haben. Claus Blum feierte im Januar 1992 seinen 65. Geburtstag – Grund für viele, ihm ihre Aufwartung zu machen. Und wenn er an die­ sem Tage nicht „plötzlich“ verschwunden wäre, hätte es noch viel mehr Ehrenbezei­ gungen gegeben. Aber das ist nicht die Sache von Claus Blum. Der persönliche Einsatz weit über den eigenen persönlichen Nutzen hinaus, wenn er dann am Ende auch Erfolg verspricht, das gehört zu Claus Blum, ist Teil seiner selbst und von keiner Altersgrenze abhängig. Das bringt ihm Begeisterung, aber auch Ablehnung, Anerkennung, aber auch Miß- verständnisse, denn leicht ist es nicht, Claus Blum einzuschätzen. Dabei kennt er die Menschen, kennt die Stärken und Schwä­ chen; ,,es menschelt“ sagt er, wenn wieder mal eine Situation aus den Fugen gerät. Ent­ sprechend nuanciert ist sein Verhalten, aber nie von der professionellen Freundlichkeit durchsetzt, die gern langjährigen Gastrono­ men so eigen ist. Claus Blurn wurde 1927 im Rheinland geboren. In seinen Kinder- und Jugend­ jahren lernte er Frankreich kennen und lie­ ben. Diese Liebe prägte sein Leben.1943 ver­ schlug es ihn in den Schwarzwald nach Tri­ berg. Landwirtschaft hat er gelernt, gibt er – nicht ohne Stolz – zu, Autodidakt war er, 219

mußte er auch wohl sein in den Kriegswirren. Wo hatte da ein junger Mann schon eine Chance? Die große Chance bekam Blum zu Ostern 1949. Das Parkhotel „Wehrle“, schon vor dem Krieg ein bekanntes Haus am Marktplatz in Triberg (Hemingway soll in den zwanziger Jahren auf seinem Europa­ Trip dort gewohnt haben), wurde von der damaligen französischen Militärregierung für den Fremdenverkehr wieder freigegeben. Und Claus Blum war mit von der Partie, stieg ins Hotelfach ein, lernte von der Pike auf – und heiratete dann die Tochter Wehrle. Inzwischen hat sich privat einiges für ihn verändert. Er hat vier Kinder, ist zum zweiten Mal verheiratet – aber das ist nun wirklich sein Privatleben, das abzuschirmen er auch immer gewillt ist. Ohnehin gibt es den „pri­ vaten“ Claus Blum kaum. In den fünfziger Jahren lud er sich neben der Fortführung des Hotels und der Steigerung des guten Rufs durch Service und Küche einiges auf. Er engagierte sich kommunalpolitisch, und er gehörte zu den ersten Mitgliedern des in Tri­ berg gegründeten Kurausschusses. Den Freien Wählern gehört heute noch seine Sympathie. Für sie ging er in den Gemeinde­ rat, dem er 1956 bis 1957 und von 1965 bis 1971 angehörte. Mehrere Bürgermeister erlebte er. Und die Geschichte des Kurhau­ ses Triberg, eine schier unrühmliche, denn das Haus belastete in seiner architektoni­ schen Verbautheit den Triberger Haushalt derart, daß nur ein Abriß oder eine grund­ legende Sanierung (wie sie vor zwei Jahren geschah) helfen konnte. Claus Blum über­ nahm zeitweilig das damals noch vorhan­ dene Kurhaus-Restaurant, das kein Pächter gewinnbringend bewirtschaften konnte. Schwankende Frequentierung, schwan­ kende Umsatzzahlen und zuviel Personal führten zu häufigem Pächterwechsel. Im Hotel- und Gaststättenverband in Tri­ berg ist Claus Blum seit Bestehen des Orts­ verbandes dabei. Von 1966 bis 1989 war er dessen Vorsitzender, heute ist er Ehrenvor­ sitzender. Er nahm sein Amt ernst, wies die Berufskollegen auf Möglichkeiten zur Ver- 220 besserung des Fremdenverkehrs am Ort und somit auch der eigenen Verdienstmöglich­ keiten hin. Blum, der auch heute seine Nase immer wieder in alle Richtungen hält, Trends sieht und Chancen wittert, riet zu investieren. Die neue Kurgast-Generation sollte durch mehr Komfort an den tradi­ tionsreichen Kurort Triberg gebunden wer­ den. Etagentoiletten und -bad schaffte Blum frühzeitig ab, baute in seinem Haus Naßzel­ len ein, baute an, um, erweiterte und inve­ stierte in schallschluckendes Fensterglas. Sta­ bile Preispolitik im eigenen Haus – und die Zusammenarbeit mit der Kurverwaltung, das waren und sind ihm heute noch Anliegen. Doch Blum stieß oft auf Skepsis; daß Häuser später schlossen, war ihm keine Genug­ tuung. Daß er für sein Haus attraktive Angebote suchte und auch heute noch findet – von einem Arbeitgeber mit 68 Angestellten erwartet man das.,, Wandern ohne Gepäck“, das Angebot beruht auf einer Idee von ihm, entwickelte sich zum Renner. Auf einer wunderschönen Wanderroute durch den Schwarzwald können Wanderer unbe­ schwert ihr Tagespensum absolvieren, abends in gepflegter Atmosphäre speisen und wohnen. Für die beteiligten Schwarz­ waldorte ist das nicht nur eine zusätzliche Einnahme-, sondern auch Werbequelle, was Kurverwaltungen dankbar vermerken. Kein Wunder also, daß sich Politiker jed­ weder Couleur bei Claus Blum einfinden, wenn es um Fremdenverkehr und neue Kon­ zepte geht. Claus Blum ist Vorsitzender des Fremdenverkehrsausschusses Schwarzwald­ Baar-Heuberg. Er denkt darüber nach, wie man den Fremdenverkehr aus seiner Schwer­ fälligkeit lösen und ihm einen unternehmeri­ schen Touch verpassen könnte -und findet darin Mitstreiter. Denn längst ist der Frem­ denverkehr nicht eine Angelegenheit einiger Hoteliers und gut betuchter Urlaubsreisen­ der, sondern ein eigener Betriebszweig geworden. Denn – so erkennt nicht nur Blum – immer mehr Freizeit will sinnvoll verbracht werden. Kurverwaltungen zu pri-

vatisieren, das kann sich der Triberger Hote­ lier durchaus vorstellen. Traurig ist BI um dar­ über, daß seine Ideen oft daran scheitern, daß sich Hoteliers und Gastronomen mehr Konkurrenten sind als gemeinsame Streiter für eine Verbesserung der Situation. Kennt man den privaten Claus Blum schon kaum, so kennt man aber seine Pas­ sion: seine Liebe zu Frankreich. Sie schlägt sich natürlich auch in seinem Hause nieder: nach Frankreich fährt er mit seinem Chef­ koch einkaufen, aus Frankreich holt er sich Anregungen für neue Rezepte, anderen Ser­ vice. Die Lebensart der Nachbarn, deren „Savoir vivre“, wird auch in Deutschland geschätzt. In Triberg spürt man immer wie­ der etwas davon. So ist es also nicht verwunderlich, daß Claus Blum auch einer der Aktiven war, wel­ che vor nahezu dreißig Jahren eine Städte­ Partnerschaft Tribergs mit einer französi­ schen Stadt unterstützten. Schneefall hatte Ende der fünfziger Jahre den Vater des heuti­ gen Bürgermeisters von Frejus, Gerard Leo­ tard, in Triberg am Weiterreisen durch den Schwarzwald gehindert. Leotard gefiel es in Triberg so sehr, daß er Jahre später seinen Sohn Franc;ois zum Deutsch-Lernen in die Kurstadt schickte. Als Konrad Adenauer die Versöhnung der beiden Völker empfahl, da wuchsen durch diese persönlichen Verbin­ dungen die Stadt an der Cöte d’Azur und die Stadt im Schwarzwald zusammen. Claus Blum wurde Vorsitzender des Partner­ schaftskomitees. Er unterstützt auch heute noch (als „Briefkasten-Onkel“ bezeichnet er sich) die Partnerschaft mit allerlei Vermitt­ lungen und Ratschlägen. Unzählige Triber­ ger Schüler waren in Frejus, französische in Triberg, Berufspraktika hier wie da sind an der Tagesordnung. Und wenn es an der fran­ zösischen Sprache hapert oder aus Frank­ reich einfach keine Nachricht kommt: Claus Blum und sein Fernschreiber helfen. Als diese Partnerschaft 25 Jahre alt wurde, feierte Triberg mit seinen Partnern drei Tage lang im Schwarzwald. Daß dazu auch der damalige Ministerpräsident Baden-Würt­ tembergs, Lothar Späth, anreiste, verwun­ derte viele. Hatte da wieder Claus Blum, der schon viele bekannte Persönlichkeiten beherbergte, seine Hand im Spiel? Auf sol­ che Fragen schmunzelt der agile Mittsechzi­ ger nur. Diskretion ist ihm oberstes Gebot. Er will kein Aufhebens seine Person und seine Aktionen betreffend. ,,Die Hauptsache ist doch das Ergebnis, nicht wahr?“ Renate Bökenkamp Georg Jourdan Dem Gemeinwohl verpflichtet Georg Jourdan ist eine bekannte Persön­ lichkeit in seiner Heimatstadt Triberg und weit darüber hinaus. Unermüdlich enga­ giert, sowohl im kommunalen, als auch sozialen, kulturellen und gesellschaftlichen Bereich, vielfach geehrt und ausgezeichnet, ist er auch heute noch sehr aktiv, stets hilfs­ bereit und geduldig beim Zuhören. Sein Rat ist von vielen -weil überlegt und besonnen – auch heute gefragt. Georg Jourdan ist am 5. Januar 1928 in Darmstadt geboren worden. Zusammen mit einer Schwester und zwei Brüdern ist er auf­ gewachsen. Sein Vater war ein gelernter Bauer, die Eltern bewirtschafteten einen landwirtschaftlichen Betrieb und einen Mol­ kereibetrieb. GeorgJourdan besuchte die Grundschule in Darmstadt-Wixhausen und war dann anschließend von 1938 bis 1942 auf einer Internatsschule. Nach Hause zurückgekehrt, absolvierte er eine zweijährige, verkürzte Lehrzeit zum Industriekaufmann, besuchte die Handelsschule, legte nach zwei Jahren 221

Lehrzeit die Gehilfenprüfung ab. ,,Verkürzte Lehrzeit“ deshalb, ,,weil ich immer die besten Zeugnisse hatte“. In dem Unternehmen, in dem er lernte, wurde er bereits mit sechzehn Jahren selbst Ausbilder fur andere Lehrlinge. Georg Jourdan meldete sich 1944 kriegs­ freiwillig und wurde am 16. März 1944 einge­ zogen. Am 25. März 1945 ist er in amerikani­ sche Kriegsgefangenschaft geraten – für einen Tag; danach floh er. Er kam bis nach Hause. Seine Mutter versteckte ihren Sohn im elterlichen Haus bis Mitte Mai 1945. Sein älterer Bruder war gefallen, sein Vater war in Jugoslawien am 21. April 1945 in Gefangen­ schaft geraten und ist dort verstorben. In dieser tristen Nachkriegssituation mußte GeorgJourdan die heimatliche Land­ wirtschaft übernehmen, er wurde „der Mann des Hauses“. Er hat mit Pferden gepflügt, geeggt und gesät, mußte mit Ochsenfuhr­ werken umgehen und lernte melken. Diese Tätigkeiten beschäftigten GeorgJourdan bis zum Ende des Jahres 1946. Er wollte nicht Bauer werden, das sei nicht sein Ziel gewesen. Die Mutter zeigte Ver­ ständnis. GeorgJourdan ging auf die Suche und fand eine Tätigkeit in der Verwaltung der DEMAG (Deutsche Maschinen AG) in Darmstadt. Die Aufgabe befriedigte ihn nicht. GeorgJourdan brauchte (Originalton Jourdan) mehr „Bewegung, Leben, Aktion“. Es zeigte sich, daß die DEMAG im aufkom­ menden Exportgeschäft findige und fähige Köpfe suchte. GeorgJourdan war ein solcher Kopf. Schnell erkannte er die vielfältige Pro­ blematik dieses Unternehmensbereiches und nach wenigen Monaten war er zum Stellvertreter des Exportchefs avanciert; er leitete selbständig die umfangreiche Ver­ sandabteilung. Bald darauf kamen -in Perso­ nalunion -die Unternehmensbereiche Auf­ tragsbuchhaltung und Auftragsabwicklung hinzu. Daneben konnte GeorgJourdan wäh­ rend seiner Arbeitszeit Vorlesungen und betriebswirtschaftliche Seminare besuchen und studierte drei Semester Betriebswirt­ schaft. 222 Dennoch: Die Tätigkeiten schienen ihm mit der Zeit „schematisch“ zu werden. Zeit­ weise war Georg Jourdan bei SIEMENS in Erlangen – dort war er als Koordinator im Bereich Export zwischen DEMAG und SIE­ MENS tätig. Doch dann wechselte die Szene: Große Zeitungen warben um kompetente Fachkräfte -und GeorgJourdan griff zu. Am 1. Oktober 1952 begann er seine Tätigkeit bei der Firma Gebr. Bühler, Nachfolger, Furt­ wängler KG in Triberg. Es wurde seine beruf­ liche Lebensstellung, neununddreißigJahre lang. Schwerpunkt seiner beruflichen Arbeit war wiederum der Versand. Gleichzeitig wid­ mete sich Georg Jourdan erfolgreich Ratio­ nalisierungsbemühungen und der Verbesse­ rung der Organisation. ,,Dies ist mir gelun­ gen, den Betriebsfluß zu verbessern“, stellt er heute zufrieden fest. 1991 ist er in den „ver­ dienten Ruhestand“ eingetreten. Viele Ämter und Würden Auf vielen Ebenen wurde Georg J ourdan ehrenamtlich tätig. So war er von 1968 bis 1989, einundzwanzig Jahre lang, Stadtrat in Triberg, von 1976 bis 1984 Fraktionsvorsit-

zender seiner SPD-Fraktion, von 1979 bis 1989 Bürgermeister-Stellvertreter. Er war von 1972 bis 1989 Mitglied des Gemeindeverwal­ tungsverbandes Raumschaft Triberg und des Abwasserverbandes Raumschaft Triberg und von 1976 bis 1982 erster Vorsitzender des SPD-Ortsvereins. Die Arbeiterwohlfahrt Triberg sieht Georg Jourdan seit 1974 als Vorstandsmit­ glied des Ortsvereins. Er ist seit 1965 Verwal­ tungsratsmitglied der Kurklinik für krebser­ krankte Kinder bei der „Katharinenhöhe Schönwald“. Seit 1975 ist er erster Vorsitzender der Stadt- und Kurkapelle Triberg, Gründer der großen Weihnachtskonzerte und der Raum­ schaftskonzerte Tri berg-Schonach-Schön­ wald-N u ßbach-Gremmelsbach. Der vielbeschäftigte Georg) ourdan ist seit 25 Jahren Mitglied des Arbeitskreises Ver­ kehr bei der Industrie- und Handelskammer des Schwarzwald-Baar-Kreises. Von 1970 bis 1982 war er Schöffe beim Amtsgericht Villin­ gen und beim Landgericht Konstanz. Und von 1969 bis 1974 war er Vorsitzender des Elternbeirates am Schwarzwald-Gymnasium in Triberg. Georg Jourdan – mit der Geschichte ver­ woben GeorgJourdan freut sich, daß es natürlich auch „persönliche Ereignisse“ in seinem Leben gibt: Er hat am 3. August 1953 seine Frau Anita, geb. Ott, geheiratet. Der Ehe ent­ sprossen drei Kinder; zwei Töchter, ein Sohn. Hat er Hobbys? ,,Hobby heißt für mich Arbeit“, lächelt Georg Jourdan. Er liebt Geschichte, Weltgeschichte, deutsche und vor allem französische Geschichte, ,,das ist mein Steckenpferd“. Er deutet auf eine imponierende Bücherwand: ,,Deswegen habe ich darüber auch eine ganze Menge Literatur“. Er schaut dabei natürlich auch auf seine Abstammung; da stand die französische Geschichte Pate. Sein Name -Jourdan (spr.: ,,Schurdan“) – klingt und ist französisch. Sein Ur-ur-ur-Großvater, damals ansässig im savoyardischen Gebiet (dem Valdenserge­ biet, traditionell protestantischen Bekennt­ nisses), ist von dort geflohen aus Glaubens­ treue. Er wurde nach Rorschach verschlagen. Georg Jourdans Vorfahren stammen aus Savoyen (Chambery bis Aosta-Tal), dort sind seine Wurzeln. Von der Geschichte zur Gegenwart: Georg Jourdan legt betonten Wert darauf, seine vieljährige ehrenamtliche Tätigkeit bei der Arbeiterwohlfahrt festzuhalten, ,,weil es mit ein Schwerpunkt meiner ehrenamtli­ chen Tätigkeiten über die Jahre hinaus gewe­ sen ist“. In dieser Aufgabe – hauptsächlich bei der „Katharinenhöhe“ – sieht er (auch heute) eine Möglichkeit, anderen Menschen in besonderem Maße zu helfen. Bei der ,,Katharinenhöhe“ sind es die krebserkrank­ ten Kinder, die ihm besonders am Herzen liegen. Georg Jourdan ist außerdem Vorsit­ zender beim „Erholungswerk Zell am Har­ mersbach“; federführend ist die Arbeiter­ wohlfahrt. Dort werden Erholungsmaßnah­ men sowohl für Deutsche als auch für Men­ schen aus dem einstigen Oberschlesien durchgeführt. Viele Ehrungen wurden Georg Jourdan zuteil „Für Verdienste um Bürger und die Stadt Triberg vom Gemeindetag Baden-Württem­ berg“ wurde Georg Jourdan ausgezeichnet. Er besitzt das schwere, vergoldete Stadt-Sie­ gel von 1501 der Stadt Triberg im Schwarz­ wald, ihm verliehen „für besondere Ver­ dienste im kommunalen Bereich“. 1989 wurde ihm diese hohe Auszeichnung bei sei­ nem Ausscheiden nach einundzwanzig Jah­ ren aus dem Stadtparlament zuteil. Für seine besonders harmonische Unterstützung der partnerschaftlichen Beziehungen während zwanzig Jahren mit der Patenstadt Frejus an der Cote d’Azur wurde GeorgJourdan vom dortigen Partnerschaftskomitee mit der ver­ goldeten Medaille mit stilisierter Galeere 223

und fliegenden Möwen (eine besondere Ehrung) ausgezeichnet, was ihn mit beson­ derer Befriedigung erfüllt. Im Herbst 1991 hat Bundespräsident Richard von Weizsäcker den hochverdienten GeorgJourdan mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausge­ zeichnet. Landrat Dr. Rainer Gutknecht überreichte ihm die hohe Auszeichnung im Rahmen einer Sondersitzung des Gemeinde­ rates. Alexander Jäckle Manfred Hornstein Große Verdienste um das Gemeinwohl „Sie hinterlassen eine große Lücke in unserer Stadt!“ Selten waren sich die Spre­ cher der im Vöhrenbacher Gemeinderat ver­ tretenen Fraktionen derart einig wie bei der Verabschiedung des langjährigen Vöh­ renbacher Bürgermeister-Stellvertreters und CDU-Fraktionschefs Manfred Hornstein. Über zwanzig Jahre lang gehörte der 52jäh­ rige Forstoberamtsrat dem Gemeinderat der Stadt Vöhrenbach an. Über zwanzig Jahre lang hatte er sich intensiv, mit Leidenschaft und Sachkompetenz, für die Belange seiner Heimat�tadt engagiert und deren Entwick­ lung entscheidend mitbestimmt. Die Vöh­ renbacher Bürgerinnen und Bürger dankten dem CDU-Politiker sein großes kommunal­ politisches Engagement bei den Kommunal­ wahlen: Hornstein fungierte hierbei nicht nur als Spitzenkandidat seiner Partei, son­ dern auch als deren fleißigster Stimmen­ sammler. Ende März 1991 verließ Manfred Hornstein mit seiner Familie Vöhrenbach, um in Heiligenberg am Bodensee eine Revierleiterstelle im dortigen Fürstlich Für­ stenbergischen Forstrevier zu übernehmen. Leicht ist Manfred Hornstein sein Ab­ schied aus der kleinen Schwarzwaldstadt nicht gefallen. Schließlich war er auf vielfäl­ tige Weise mit dem Geschehen in Vöhren­ bach und seinem Ortsteil Hammereisen­ bach verwachsen.1966 war der damals 26jäh­ rige Hornstein nach Hammereisenbach gekommen, um eine Stelle beim Fürstlich Fürstenbergischen Forstrevier anzutreten. Schnell fand der frischgebackene Diplom­ Forstwirt (FH) Kontakt, schon bald wirkte er aktiv im Vereinsleben seiner neuen Heimat- 224 gemeinde mit. Bereits am 1. Januar 1969 wurde er in den Hammereisenbacher Pfarr­ gemeinderat gewählt, dessen Vorsitz er bis 1990 innehaben sollte. Unter seiner Regie wurden viele wichtige Errungenschaften rea­ lisiert: die Kirchenrenovierung, die Instand­ setzung der Friedhofskapelle, die Einrich­ tung und der Erweiterungsbau des Kinder­ gartens sowie die Begegnungsnachmittage für die Bewohner des Heims „Fischerhof‘. 1971 kandidierte Hornstein, der mittler­ weile der CDU beigetreten war, erstmals für den Vöhrenbacher Gemeinderat und gleich auf Anhieb gelang ihm mit einem beachtli­ chen Wahlergebnis der Sprung in dieses Gre­ mium. Der CDU-Gemeinderatsfraktion war das politische Talent ihres „Newcomers“ nicht entgangen: Sie ernannte Hornstein

zu ihrem stellvertretenden Vorsitzenden. Schon bald machte er sich als umsichtiger und verantwortungsvoller Kommunalpoliti­ ker, der nicht nur in Haushaltsangelegenhei­ ten große Sachkompetenz an den Tag legte, einen guten Namen. So verwundert es nicht, daß ihn die CDU-Fraktion 1980 zu ihrem Fraktionsvorsitzenden wählte. Auch über die Fraktionsgrenzen hinweg erwarb sich Hornstein Respekt und Anerkennung für seine kommunal politische Arbeit und so war es nur folgerichtig, daß er 1984 erstmals mit einem guten Stimmergebnis zum ersten Bür­ germeister-Stellvertreter gewählt wurde. In dieser Funktion war Manfred Hornstein eine wichtige Stütze für Vöhrenbachs Bürgermei­ ster Karl-Heinz Schneider. War dieser ver­ hindert, wußte er seine Amtsgeschäfte stets in guten Händen. Selbst Haushaltsberatun­ gen, die in einer finanz-und strukturschwa­ chen Stadt wie Vöhrenbach naturgemäß zu den kniffligsten Dingen des kommunalpoli­ tischen Tagesgeschäftes gehören, verstand Hornstein kompetent und umsichtig zu lei­ ten. In seiner mehr als zwei Jahrzehnte langen Stadtrattätigkeit hat Manfred Hornstein zahlreiche kommunalpolitische Entschei­ dungen mit auf den Weg gebracht, die das Gesicht Vöhrenbachs nicht nur nachhaltig veränderten, sondern der kleinen Stadt im Oberen Bregtal auch beachtliche Entwick­ lungsperspektiven eröffneten. Mit großem Nachdruck und Beharrlichkeit hat sich Man­ fred Hornstein beispielsweise für die Erschließung der Baugebiete „Burg“ und ,,Hagenreute“, den Bau attraktiver Sportstät­ ten in Vöhrenbach und Hammereisenbach, die Errichtung der Verbandskläranlage, die Stadtkernsanierung, die Verbesserung der Trinkwasserversorgung und die Sanierung von Altern Schulhaus und des Rathauses ein­ gesetzt. Viel lag ihm auch an der Pflege der Städte­ partnerschaft mit dem französischen Mor­ teau, die er mitbegründet hatte. Seinen gro­ ßen kommunalpolitischen Sachverstand brachte Manfred Hornstein auch im Finanz- und Personalausschuß des Gemeinderates und im Abwasserzweckverband Eisenbach­ Vöhrenbach ein. Beiden Gremien gehörte er viele Jahre lang an. Außerdem war Manfred Hornstein 15 Jahre lang im Hammereisenba­ cher Ortschaftsrat aktiv. Für kurze Zeit nahm er hier auch das Amt eines kommissarischen Ortsvorstehers wahr. Und zu guter Letzt war der agile Kommunalpolitiker von 1976 bis 1984 auch ehrenamtlicher Beisitzer der Prü­ fungskammer für Kriegsdienstverweigerer im Wehrbereich V Karlsruhe. Natürlich engagierte sich Manfred Horn­ stein auch auf vielfältige Weise im Vereinsle­ ben Vöhrenbachs und Hammereisenbachs. Zwei Jahrzehnte lang war er Mitglied des Elferrates der Heimatgilde „Frohsinn“ Vöh­ renbach, er sang im Hammereisenbacher Männerchor und war schließlich auch lei­ denschaftlicher Fußballspieler. Beim Ham­ mereisenbacher Fußballclub wirkte er auf dem -seinem vorwärtsdrängendem Naturell allerdings entgegenstehenden -Vorstopper­ posten. Manfred Hornsteins große Verdienste um das Gemeinwohl wurden bei seiner Ver­ abschiedung von den Vertretern des gesell­ schaftlichen, politischen und wirtschaftli­ chen Lebens Vöhrenbachs gewürdigt. In Heiligenberg erwartete Manfred Hornstein, den Fürst Joachim zu Fürstenberg aus Anlaß seines Dienststellenwechsels und in Aner­ kennung seines bisherigen Wirkens zum Forstoberamtsrat befördert hatte, eine ebenso anspruchsvolle-wie reizvolle Auf­ gabe. Als Revierleiter in Heiligenberg ist er nicht nur für die gesamte Forst-und Jagdver­ waltung zuständig, sondern er spielt auch als eine Art Botschafter des Hauses Fürstenberg eine herausragende gesellschaftliche Rolle in der 1800-Seelen-Gemeinde. Karlheinz Schiede! 225

Gerlinde Hoffärber Ein Leben für die Mitmenschen in Ein Jahr fehlt der Blumberger CDU­ Stadträtin Gerlinde Hoffärber noch an rund 30 Dienstjahren im Deutschen Roten Kreuz, dessen Kreisbereitschaftsführerin sie jetzt seit zehn Jahren ist. Diese Führungsposition bedeutet eine intensive Betreuung von 300 Rot-Kreuz-Schwesternhelferinnen 14 Ortsvereinen. Da muß für die beruflich in der Schweiz arbeitende und dazu kommu­ nalpolitisch im Blumberger Gemeinderat tätige Fünfzigerin die Freizeit zwangsläufig klein geschrieben werden. Die von geübter Kameradschaftlichkeit getragene Nächsten­ liebe dieser allseits geschätzten Helferin muß in der Familie liegen, denn ihre ältere Schwester Hedwig Stegk (vergl. Almanach 92, Seite 149/150) steht seit 43 Jahren in vor­ bildlicher Einsatzbereitschaft bei derselben Hilfsorganisation und ist seit langem Bereit­ schaftsführerin des Blumberger DRK-Orts­ vereins. Auch ihre in den USA verheiratete Schwester Wilma war vorher im Roten Kreuz tätig. So darf das Geburtshaus in Blumbergs Bergmannstraße zutreffend als ,,Dreimäderlhaus der Nächstenliebe“ apo­ strophiert werden. „Ohne Kameradschaft und Verständnis für alle in Not geratenen Nächsten geht es nicht“, meinte die in schwierigsten Situatio­ nen menschlich wie fachlich erprobte Ger­ linde Hoffärber bei einem Gespräch. Die ihr schon eingefleischte Kameradschaft hat nichts mit einer zweifelhaften Kameraderie zu tun, sondern wird von ihr als Mit- und Füreinander verstanden, als helfendes und damit entscheidend stärkendes Eintreten für den Mitmenschen in einer Zeit, die viele Hilfeleistungen immer mehr als zweckdien­ lich propagiertes und daher berechnendes Politikum sieht und einsetzt. Für Gerlinde Hoffärber, die sich auch in Katastrophenfäl­ len und in der praktizierten „Rumänien­ Hilfe“ dank Einsätzen „vor Ort“ auskennt, 226 beginnt die kameradschaftliche Hilfelei­ stung an der Basis, um von dort aus -verant­ wortungsbewußt und entsprechend geschult – in die Selbstverständlichkeit hineinzu­ wachsen. Deshalb übernahm sie bald nach ihrem 1964er Eintritt in den Ortsverein des DRK und dort gefestigten Kenntnissen in der geforderten Nächstenhilfe die verantwor­ tungsvollen Pflichten einer Ausbilderin und für zehn Jahre die Leitung der Jugend des DRK-Ortsvereins. Zehn Jahre fuhr sie als Begleiterin im Krankenwagen mit. Absol­ vierte Kurse und Aufgabenbereiche füllen einen ganzen Katalog. Wie unter anderem „Methodik und Didaktik“, ,,Ausbilder der Unterführerausbildung“, für „Führungs­ kräfte“ oder im „Betreuungsdienst“ die aus­ bildende soziale Betreuung im Katastro­ phenfall. Hier kommt es auf die umfassen­ den Kenntnisse in Sachen „Belegungspläne und Evakuierungs-Organisationen“ an. Der Aufgabenkatalog einer Kreisbereitschafts­ führung beinhaltet zur Zeit 27 Aufgabenbe­ reiche. Diese folgen kontinuierlich erweiter­ ten, modernsten Erkenntnissen und sind auch die Schwerpunkte in Gerlinde Hoffar-

bers Arbeit als Kreisbereitschaftsführerin. Sie schließen Kurse der „Sofortmaßnahmen am Unfallort“ für Anwärter des Führer­ scheins ebenso ein wie die umfassenden Ein­ weisungen in die „Erste Hilfe“. Hier leistete und leistet Gerlinde Hoffärber jene wichtige Basisarbeit, die in die solidarische Sicht für das Allgemeinwohl führt. Letzteres beinhal­ tet die Anteilnahme an jedem einzelnen Wohlergehen. Das bedeutet für sie auch überzeugte und überzeugende Zuwendung in den Bereichen der Kinder-, Jugend- und Altenhilfe. Hier kann sie als Mitglied des Gemeinderates mit ihrer eingebrachten Stimme initiativ wer­ den. Bei aller Anerkennung der von Kirchen und Arbeiterwohlfahrt geleisteten Altenar­ beit möchte sie diese mittels eines stadtei­ genen Alten- und Pflegeheimes weiter ver­ stärkt sehen. ,,Alle Bürger, die in Blumberg alt wurden und werden, sollten ihren Lebensabend auch hier verbringen dürfen.“ So ist sie, die im eigenen Lebensbereich mit der als selbstverständlich aufgefaßten Pflege ihrer betagten Mutter beispielhaft voran­ geht, gegen jede „Abschiebung“ in auswär­ tige Heime und eine damit verbundene, schmerzliche Entwurzelung. ,,Wo die Pflege im womöglich zu engen Haushalt nicht gewährleistet ist, sollten bei einem örtlichen Heim die wichtigen familiären Kontakte gewahrt bleiben.“ Gerlinde Hoffärber denkt dabei nicht an sich, obwohl auch sie allein ist, denn ihre verheiratete Tochter wohnt in Stuttgart. ,,Das alles hätte ich ohne die Unterstützung seitens meiner Mutter nicht leisten und durchstehen können.“ Hier klingt Dankbarkeit für eine grundsätzliche Erziehung zur Mitmenschlichkeit an. Seltene Erholungen vom umfassenden Dienst findet sie in ihren Hobbys. Wenn es ihre ausgefüllte Zeit erlaubt, dann fährt sie mit dem Wohnwagen an den Bodensee zu ihrem Standort Überlingen. Oft sind Toch­ ter und Enkel dabei. Sie wandert gern, und wenn sie außer der Fachliteratur einmal ein Buch zur Hand nimmt, dann bevorzugt sie Remarque oder Saint-Exupery. Doch vor­ rangig lebt sie „auf dem Sprung“, denn jedes Läuten des Telefons könnte sie zur Dienst­ ausübung rufen. Dann ist nur noch die Kon­ zentration auf den dringenden Einsatz gefragt. Sozusagen „rund um die Uhr“. Wie gut, daß es heutzutage noch solche Einsatz­ bereitschaft gibt. Jürgen Henckell Karl Bäurer Ein Baaremer Bauer von echtem Schrot und Korn 25 Jahre bekleidete er das Ehrenamt des Vorsitzenden des Kreisverbandes Donau­ eschingen des Badischen Landwirtschaft­ lichen Hauptverbandes (BLHV). Sechs Mal hatte ihn die Kreisversammlung der Ortsver­ einsvorsitzenden einstimmig dazu berufen. Als es auf seinen 70. Geburtstag zuging, nahm er Abschied aus dieser Berufung und zog sich -wie dies zuvor in seinem Betrieb auch schon geschehen ist – aufs Altenteil der bäuerlich-berufsständischen Verbands­ arbeit, der Interessenvertretung von rund 2000 Verbandsmitgliedern und ihren Fami­ lien zurück: Landwirtschaftsmeister Karl Bäurer aus Donaueschingen-Aasen, nun vom Präsidenten des BLHV, Wendelin Ruf, zum Ehrenvorsitzenden „seines“ Kreisver­ bandes ernannt. Mit dem Ausscheiden aus der berufsstän­ disch-agrarpolitischen Aktivitas sagte Karl Bäurer auch Valet seiner ebenfalls 25 Jahre währenden Tätigkeit in Führungsgremien der Landwirtschaftlichen Sozialversiche­ rung Badens, dem Vorstand beim Milchwerk Radolfzell, dem er 15 Jahre lang angehörte, und im Verwaltungsrat der badisch-württem­ bergischen Tierseuchenkasse. 19 Jahre hatte er sein Mandat als Vorsitzender der Teilneh- 227

vermag. Sich einmal mit großem Fleiß sach­ kundig gemacht, stritt er für ihre Belange, wo und wann immer dies notwendjg war, mit beachtlichem Durchsetzungsvermögen, ja mit Härte, aber doch auch flexibel und immer fair gegenüber seinen Kontrahenten. Dabei verstand es der freisinnige, fort­ schrittlich-konservativ eingestellte und christlich-katholisch geprägte Bauersmann, der sich keiner pohtischen Partei angeschlos­ sen hat, sachnotwendige Verbindungen zu Verhandlungs- und Gesprächspartner aus vielen Verwaltungen und politischen Ent­ scheidungsgremien zu knüpfen und zu festi­ gen. Immer getragen von einer intakten Familie kreisten die wesenthchsten Fragen, um die es ihm dabei ging, um die Zukunft der Land- und Forstwirtschaft in den von Natur aus benachteiligten Gebieten, -in „seinem“ Verbandsbereich um die Existenz der bäuer­ lichen Familienbetriebe im Ostschwarz­ wald, auf der Baar und Teilen des Randen, der Alb und des Heuberg im Blick auf die EG und ihre Agrarpolitik. Nicht wenjger nach­ haltig verwandte er sich für die Schaffung der gesetzlichen Regelung der Krankenversiche­ rung für die Landwirte, für die verbessernde Fortschreibung der Altershilfe und der land­ wirtschaftlichen Unfallversicherung sowie für eine gesetzliche Regelung einer sozialen Besserstellung der Bäuerin im Familien- und Berufsleben. In seinem Engagement in dje­ sen „Sachen“ ließ er sich von kaum jemand übertreffen. Angesichts der Tatsache, daß die Land­ wirtschaft in unserem gesellschaftljchen und staatlichen Gefüge im Verlaufe der Jahre in eine „Diaspora“-Situation geraten ist, war ihm klar, daß die Agrarpolitik, eingeschlos­ sen die Umweltschutz-und dje Sozialpolitik, zwar eine ganz besondere „Kunst des Mögli­ chen“ geworden ist, mehr eigenthch aber doch ein unvergleichEch mühsames Geschäft. Dies gar, nachdem diese Landwirt­ schaft in den letzten Jahren durch die Aus­ wirkungen eines übertriebenen Umwelt­ schutz- und Öko-Denkens in eine breite und tiefe Verunsicherung hineingeraten ist. Sein früheren mergemeinschaft des Flurbereinjgungsver­ fahrens selbstänrugen Gemeinde Aasen ausgeübt. Auch in diesen Aufgabenbereichen hatte ihn ein großes und breites Vertrauen begleitet und getragen, rue hohe Leistungsbereitschaft, Selbstlosigkeit und Gewissenhafugkeit verlangten. Er hat dieses Vertrauen nie enttäuscht. seiner Karl Bäurer, von dem seine Berufskolle­ gen wußten, daß er seinen Hof meisterlich und mjt großer Passion führte, war weit über seinen speziellen beruflichen Bereich hjnaus hochgeschätzt als ein exzellenter landwirt­ schaftlicher Fachmann. Seine besonderen Begabungen und Interessen lagen auf dem weiten Feld der Veredlungswirtschaft, näher­ hin auf der Rinderhaltung, der Milchwirt­ schaft und der Schweinemast. Als fachhch sehr versiert galt er auch in allen Fragen des Getreidebaus und der Grünlandwirtschaft und auch des Hackfruchtbaus. Aber man wußte auch, daß er dazuhin noch mehr „auf der Pfanne“ hatte, daß er sich leidenschaft­ lich sowohl für das Wohl des ländlichen Raumes und seiner Kommunen als auch für seine Berufskollegen und ihre FamiEen auf allen Gebieten der beruflichen, agrar- und sozialpolitischen Förderung einzusetzen 228

hoher Sachverstand und seine reiche Erfah­ rung und seine Zähigkeit ermöglichten es ihm jedoch, bei Mißerfolgen die Flinte nicht ins Korn zu werfen und bei Erfolgen nicht übermütig zu werden, sondern in beiden Situationen weiter „hart am Mann“ zu blei­ ben, gerade Wege zu gehen, seiner Überzeu­ gung folgend, mal bewahrend, abwehrend, vorwärts drängend, immer jedoch sach- und zeitgerecht orientierend. Karl Bäurer, aus einem alten Bauernge­ schlecht stammend, ist ein ausgesprochenes alemannisch-baaremer Gewächs. Dem sehr aufgeweckten Bauernbub war an der Wiege nicht gesungen, daß er einmal ein Bauer wer­ den wird. Aber er wurde es, er liebte diesen Beruf, und liebt ihn noch auf dem Altenteil. Ja, er würde ihn wieder ergreifen, EG-Agrar­ politik hin oder GATI (Internationales Zoll­ und Handelsabkommen) her. Nur dies eine sollte es seiner Ansicht nach nie und nimmer geben: Ein weiteres Absinken der bäuerli­ chen Einkommen, ein Stillstand in der land­ wirtschaftlichen Sozialpolitik und eine �ei- tere Verunsicherung dieses seines Berufs­ standes. Der sollte in der Lage sein und blei­ ben, zur Sicherung der Ernährung der Bevöl­ kerung mit hochqualifizierten und preiswür­ digen Produkten beizutragen, ein wesentli­ cher Faktor der Landeskultur und der Land­ schaftspflege zu sein und obendrein ein beachtliches, stabilisierendes Element der gesellschaftlichen und staatlichen Ordnung. Was macht nun der Altenteiler Karl Bäu­ rer jetzt in seinem Ruhestand? Nun, er kann sich daheim in seiner Familie sehr wohlfüh­ len, was ihm sehr wichtig erscheint. Der immer noch schaffige und tierliebende Bau­ ersmann hilft im Betrieb seines Sohnes mit und zeigt sich besorgt um das Wohlergehen des Tierbestandes. Er liest leidenschaftlich gerne und zeigt sich brennend interessiert an den großen und kleinen Geschehnissen der Politik. Im übrigen bringen es seine fünf Enkel allemal fertig, daß er Brille und Buch weglegt und sich mit den Fragen auseinan­ dersetzt, die diese beschäftigen. Dr. Clemens Seiterich In memoriam: Dr. med.Joachim Jancke Königsfeld war der Ort seines segensreichen Wirkens Er war mehr als ein ausgezeichneter Medi­ ziner. Er war Arzt aus Berufung, Landarzt aus Leidenschaft. 14 Jahre war ich gerade alt, als ich ihn ken­ nenlernte. Nicht wissend, welche Rolle er in meinem weiteren Leben noch spielen sollte, imponierte er mir durch sein fröhliches Wesen, seine oft unkonventionelle Art im Umgang mit seinen jugendlichen Patienten, die er, ebenso wie mich, im Internat behan­ delte. Und er lag meist richtig mit seiner Mei­ nung und seinem Tun, man merkte, daß er einem nicht nur als Arzt, sondern auch als väterlicher Freund gegenübertrat. Doktor Jancke war im Ort ein Begriff, ja, eine Institution. Er gehörte mit seinem VW-Cabriolet ganz einfach zum Ortsbild. Und wenn auf der Straße ein Unfall pas­ sierte, rief man ganz selbstverständlich den ,,Unfallarzt“, der zu jeder Tages- und Nacht­ zeit zur Stelle war. In seiner Praxis in der Königsfelder Wald­ straße saß er mir mit übereinandergeschlage­ nen Beinen gegenüber, hielt das markante, von einem unübersehbaren Schmiß gekenn­ zeichnete Gesicht halb schräg und hörte sei­ nen kleinen Patienten zu. Ja, Zuhören war auch eine seiner Tugenden. Wenn ich „bera­ ten“ war, konnte ich von dannen gehn mit dem Gefühl, ernst genommen worden zu sein. Später haben wir oft darüber gespro­ chen, welche Wirkung ein Arzt auf seine 229

spielsweise zusammen mit dem unvergesse­ nen Guido Pfrunder aufbaute. Dazu gehör­ ten auch die Organisation von Kohlespen­ den für Bedürftige und später der Aufbau einer Sanitätsbereitschaft in den sechziger Jahren. Die Jugend lag ihm stets am Herzen. Viele Jahre betreute er neben seiner Landarztpra­ xis Jugendliche in einem Heim in Buchen­ berg. Und für die Jugend in der örtlichen Rotkreuzbereitschaft war er Motor, väter­ licher Ratgeber und aktiver Mitstreiter in einem. So blieb es nicht aus, daß er sich Jahr­ zehnte als Bereitschaftsarzt fordern ließ und maßgeblich am Aufbau des Königsfelder Roten Kreuzes mitgearbeitet hat. Dabei stan­ den nicht Satzungen, Vorschriften und Ord­ nungen im Vordergrund, sondern vielmehr der gesunde Menschenverstand und das Wissen um das Notwendige und Machbare. Manche Entscheidung war unkonventionell und deshalb auch richtungsweisend für die Menschen, denen geholfen werden mußte. Daß das Rote Kreuz keinem Selbstzweck dient, bewiesJoachimJancke 1967, als er im Vorstand des DRK-Ortsvereins den Kauf eines eigenen Krankenwagens anregte und durchsetzte. Dies war für den kleinen, finanzschwachen Ortsverein durchaus ein Wagnis, das er durch persönliches Engage­ ment minimierte. Der Auf- und Ausbau einer eigenen Rettungsstation für den klei­ nen Kurort Königsfeld erschien damals man­ chem als unnötig und überzogen, die Zukunft aber gab seiner Überzeugung in wei­ tem Umfang recht. Die DRK-Rettungswa­ che in Königsfeld ist zu einem festen Bestandteil der öffentlichen Gesundheits­ versorgung geworden, die es heute sicher nicht gäbe, wenn er nicht so hartnäckig das Ziel mitverfolgt hätte. Seine Art im Umgang mit den meist jun­ gen Rotkreuzlern, seine Fachkenntnis und sein Engagement hat sich auch über die Grenzen des Ortsvereins Königsfeld hinaus herumgesprochen. Kein Wunder also, daß er zum Kreisbereitschaftsarzt gewählt wurde, ein verantwortungsvolles Amt, das er 32 Patienten haben muß. Und ich merkte, daß seine Ausstrahlung etwas Besonderes war. Sein Humor, seine Güte, sein Wissen und seine Zuverlässigkeit habe ich in den vielen gemeinsamen Jahren immer wieder bestätigt bekommen. Dr.Joachim Jancke kam während des Krieges ins Königsfelder Lazarett und über­ nahm die chirurgische Abteilung. In der Fol­ gezeit war er bis 1953 bei dem Landarzt Dr. med. August Heisler in der Praxis und in der „Kinderweide“ tätig. Danach hat er sich in seiner eigenen Praxis ungezählten Patien­ ten gewidmet, bis sein Tod seinem segensrei­ chen Wirken ein Ende setzte. Neben seiner ärztlichen Tätigkeit galt sein Denken und Tun aber auch in besonderem Maße der politischen Gemeinde und einem Verein, dem er sehr verbunden war: Das Deutsche Rote Kreuz. Als nach dem Krieg das Badische Hilfs­ werk im Roten Kreuz wiedergegründet wurde, war Joachim Jancke Gründungsmit­ glied. Zwei Anliegen für das Rote Kreuz in der damaligen schweren Zeit waren die Volksküche und Schulspeisung, die er bei- 230

Jahre ausfüllte. Hier galt es in erster Linie, die Ausbildung der freiwilligen Helferinnen und Helfer zu verbessern und im Katastrophen­ schutz mitzuwirken sowie den DRK-Kreis­ verband Villingen aus ärztlicher Sicht zu beraten. Unterstützung fand Joachim Jancke in seiner Arbeit als Rotkreuzarzt vor allem bei seiner Ehefrau Dr. med. Irmgard Jancke. Später führte sein Sohn Ernst-Artur, nun selbst Landarzt in Königsfeld, die Arbeit bis zum heutigen Tage weiter. Als kleines Zeichen des Dankes wurde Dr.Joachim Jancke zum Ehrenmitglied des DRK-Ortsvereins Königsfeld ernannt. Und damit reihte sich diese Ehrung ein in eine Reihe von Auszeichnungen und Ehrungen, die ihm auch für sein unermüdliches ehren­ amtliches Wirken außerhalb des Roten Kreuzes zuteil wurden. Für viele aktive Rotkreuzler war und ist Dr. Joachim Jancke ein Vorbild. Für die Rot­ kreuzarbeit in Königsfeld war er ein Glücks­ fall. Er starb am 23.Juni 1988, einen Tag nach seinem 71. Geburtstag. Nicht nur für das Rote Kreuz bleibt er unvergessen. Hans Rohrbach Erich Rissler Verdienste um Vöhrenbach Mit allgemein großem Bedauern, den­ noch mit Verständnis und Respekt vor der Entscheidung, nahmen die Bürgerinnen und Bürger Vöhrenbachs die Niederlegung des Gemeinderatsmandates von Erich Riss­ ler zur Kenntnis. Aus gesundheitlichen Gründen war es dem allseits beliebten Kommunalpolitiker nach 27jähriger Tätig­ keit im Gemeinderat nicht mehr länger möglich, dieses Amt als Mitglied der Frak­ tion der Bürger- und Wählervereinigung (kurz: BWV) zu bekleiden. Anläßlich der Verabschiedung von Erich Rissler aus dem Vöhrenbacher Gemeinderat am 9. Dezem­ ber 1991 drückte BWV-Fraktionssprecher Klaus Fürderer aus, was mancher so deutlich nicht eingestehen würde: ,,Der Sachverstand Erich Risslers in kommunalen Angelegen­ heiten wird der Fraktion und dem Gemein­ derat fehlen.“ Erich Rissler ist in seiner Heimatstadt schon von jeher kein Unbekannter. Nach dem Besuch der Grund- und Hauptschule (1932-1940) wechselte er zur Pflichthandels­ schule (heute Wirtschaftsschule) in Furtwan­ gen, woran sich eine dreijährige kaufmänni­ sche Lehre als Buchhalter bei der Firma Möbel Hohbach in Vöhrenbach anschloß. Dort fand er nach Krieg und französischer Gefangenschaft auch wieder Arbeit. Von 19 SO an wirkte er bei der Firma Amann, ebeh­ falls ein Vöhrenbacher Möbelhaus. Kommunalpolitisch aktiv war der gebür­ tige Vöhrenbacher (geb. 1928) schon lange vor seiner Zeit im Gemeinderat, die am 27. April 1964 begann.1956 trat er in die Freie Wählervereinigung (FWV) ein, in der er beratendes Mitglied der Kommission Stra­ ßen, Wege, Plätze wurde. 1962 kandidierte er erstmals für den Gemeinderat, wobei er auf Anhieb das zweitbeste Stimmenergebnis auf 231

der FWV-Liste für sich verbuchen konnte. Aufgrund dieses Resultates, das das schon damals recht hohe Ansehen R.isslers unter­ malt, rückte er 1964 für den erkrankten Ger­ hard Boenig in den Gemeinderat nach. Neben seiner Funktion als Referent der Bau­ kommission war er im Ausschuß Kirche, Schule und Sport. Bereits 1965 nahm er die Aufgaben des stellvertretenden Bürgermeisters wahr: zunächst als zweiter Stellvertreter und schon drei Jahre später als erster. Fast 20 Jahre lang vertrat er die Stadtoberhäupter, die da hie­ ßen: Friedrich Neininger, Heinrich Wolf und Karl-Heinz Schneider. In dieser Funk­ tion hatte er beim Bürgermeisterwechsel 1973 sogar mehrere Monate lang die Amtsge­ schäfte des Bürgermeisters wahrzunehmen. Ebenfalls ab 1965 war er bis zu deren Zusammenschluß mit der Bürgervereini­ gung zur Bürger- und Wählervereinigung (BWV) Fraktionssprecher der Freien Wäh­ lervereinigung (FWV). Die zwei parteilosen Fraktionen des Gemeinderates hatten seiner­ zeit den Zusammenschluß gesucht, um an Stärke zu gewinnen und sich nicht auch noch gegenseitig zu „bekriegen“. An dieser Fusion war Erich R.issler maßgeblich betei­ ligt. Von 1975 bis 1984 war er schließlich auch Fraktionssprecher der BWV. „Mein Ziel war immer die kooperative Zusammenarbeit mit dem gesamten Gemeinderat, dabei die Beendigung der Streitereien innerhalb des Gremiums herbei­ zuführen und den politischen Gegner als Mitarbeiter zu achten.“ So sieht Erich Rissler auch heute noch sein einstiges kommunal­ politisches Wirken. In den Anfangszeiten, so erinnert sich R.issler, hatten ihn die harten Fronten zwi­ schen den einzelnen Fraktionen am meisten beschäftigt. Hier wollte er Abhilfe schaffen und den landläufigen Ruf Vöhrenbachs beseitigen, der nach den Worten Risslers lau­ tete: ,,D’Vöhrenbacher kenne Feschtle fiere un Fasnet mache und sunsch stritte si s’ganz J ohr.“ Die Realisierung seiner Ziele, für mehr ,,Frieden“, Toleranz und gegenseitige Ach- 232 tung zu sorgen, wurde durch die Wahl zum Bürgermeisterstellvertreter ein erhebliches Stück vorangebracht. Besonders am Herzen liegt Erich Rissler die Erhaltung des Vöhrenbacher „Kranken­ hauses“ in Form einer vollständigen Umwand­ lung in ein Alten- und Altenpflegeheim, die Instandsetzung der Linachtalsperre und das Gewerbegebiet „Auf der Werthe“ unter Mit­ einbeziehung von Bauhof und Feuerwehr­ gerätehaus. In all den Jahren als Stadtrat blieb Erich Rissler so manche Enttäuschung nicht er­ spart. Die schon immer angespannte finan­ zielle Lage Vöhrenbachs erweise sich als ständige Belastung für eine fortschrittliche kommunale Arbeit. Stets habe es selbst für das Notwendigste am Geld gefehlt. Und den­ noch: Es wurde im Laufe der 27 Jahre Gemeinderatszeit einiges geleistet, wovon Erich Rissler nicht zu Unrecht mit Stolz berichtet. Stolz deshalb, weil sein Beitrag und sein Einsatz in die Entwicklung der Stadt im positiven Sinne rniteingeflossen sind. So beispielsweise bei der Ortskanalisa­ tion, bei der Ortsdurchfahrt, bei der Erschließung der Baugebiete Hagenreute, Burg und Ochsenberg, sowie bei der Stadt­ kernsanierung. Sein Engagement brachte er auch beim Schulhausbau und der Sanierung der Grundschule, beim Bau der Freizeitan­ lage beim Schwimmbad und der Sportplatz­ anlage ein. Förderlich war sein Wirken auch bei den Eingemeindungsverträgen mit Ham­ mereisenbach, Langenbach und Urach. Die Städtepartnerschaft mit dem französischen Morteau stand stets hoch bei ihm im Kurs. Das Engagement R.isslers für die Belange der Vöhrenbacher Bevölkerung war mit sei­ nem Wirken im Gemeinderat noch lange nicht erschöpft. Schließlich hatte ihn einst sein reges Vereinsleben zur Kommunalpoli­ tik hingeführt, um insbesondere für die ört­ lichen Vereine etwas zu bewegen. Der Lauf der Dinge brachte es mit sich, daß er Mit­ glied vieler Vöhrenbacher Vereine, ja sogar teilweise deren „Geburtshelfer“ wurde. So war er 1948 wesentlich an der Umwandlung

der vor dem Zweiten Weltkrieg existierenden Karnevalsgesellschaft in die heute die Vöh­ renbacher Fasnacht organisierende und prä­ gende Heimatgilde Frohsinn beteiligt. Obwohl noch blutjung, war er einer der Gründungsmitglieder und war somit als Elferrat in den ersten Stunden der Heimat­ gilde dabei. 1954 übernahm er das Amt des Elferratspräsidenten von seinem Vater und garantierte sodann für die Fortführung der traditionellen Fasnacht – und das 22 Jahre lang. 1971 fungierte er zudem als Prinz. Aus einer alteingesessenen Fasnachtsfamilie stammend kamen Erich Rissler in seiner Amtsausübung im Rahmen der Heimatgilde wie auch in all seinen anderen Ämter und Funktionen rhetorischen Künste zugute. Seit 1990 ist er Ehrenmitglied der Heimatgilde. seine Doch damit nicht genug: seit 1951 ist er Mitglied des Fußballclubs (damals noch Spielervereinigung), wobei er auch hier von 1958 bis 1969 den Vorsitz inne hatte (Abtei­ lung Fußball).1966 erhielt er für sein Wirken die Ehrennadel des Südbadischen Fußball- Hans-Georg Müller-Hanssen · In Hochemmingen bundes, 1977 wurde er Ehrenmitglied. Seit 1954 ist er außerdem Mitglied der Stadtkapelle, für die er sich als passiver Beisit­ zer 32 Jahre lang einsetzte. Mit ein paar Unterbrechungen war er zudem aktives Mit­ glied im Gesangverein „Concordia“, dessen Ehrenmitgliedschaft er 1989 übertragen bekam. Des weiteren ist sein Name in den Mitgliedskarteien folgender Vereinigungen zu finden: Kegelclub „Adieu Huet“ (Ehren­ mitglied), DRK-Ortsverein (bis 1990 einige Jahre Mitglied im Verwaltungsrat), Harmo­ nikaverein, Ski-Club, Kraftsportverein und Tischtennisclub. Selbst im Ortsteil Urach ist er zwei Vereinen beigetreten: dem Musikver­ ein und dem dortigen Ski-Club. Hervorzuheben ist sein jüngster Wir­ kungskreis im „Förderverein Vöhrenbacher Alten-und Altenpflegeheim“, dessen Vorsitz er seit der Gründung im März 1992 inne hat. Ziel des Fördervereins ist es, die dringend notwendige Sanierung und Renovierung der kürzlich in „Luisenhaus“ umbenannten Einrichtung ideell und materiell zu unter­ Isolde Grieshaber stützen. 233

Kirchen, Glocken Die Evangelische Kirche in Triberg – eine Baugeschichte Die in den Jahren 1983 bis 1985 gründlich sanierte und renovierte evangelische Kirche in Triberg wurde 1897 /98 erbaut. Fast auf den Tag genau 19 Jahre nach ihrer Gründung im Jahre 1879 konnte die junge evangelische Gemeinde die neue Kirche einweihen. Der Kirchenbau und seine Vorgeschichte Bereits 1887 wurde die Absicht, in naher Zukunft eine Kirche zu bauen, an den Evan­ gelischen Oberkirchenrat in Karlsruhe her­ angetragen. Die Antwort war bei allem Ver­ ständnis und trotz der erkannten Notwen­ digkeit ablehnend, weil so gut wie keine Finanzierungsmittel vorhanden waren. Der Oberkirchenrat empfiehlt in seinem Schrei­ ben vom 25.10.1887 weiter: ,, … dafür aber mit allem Eifer auf die Vermehrung des noch sehr geringen Kirchenfonds hinzuwirken und so die Mittel zur Erbauung eines eige­ nen Gotteshauses nach und nach zu sam­ meln.“ Erst 1890 wurde der Kirchenvorstand wie­ der aktiv mit der Bitte an den Gemeinderat der Stadt Triberg um geschenkweise Überlas­ sung eines geeigneten Bauplatzes. Am 13.12.1890 antwortete der Gemeinderat ablehnend: ,,Im neuanzulegenden Stadt­ theile im Prisenthal hat die Gemeinde kein Eigenthum, sondern kauft nur, was sie zur Straßenanlage nöthig hat. In der Nähe des Wasserfalls darf nicht gebaut werden und wir sind deshalb kaum in der Lage, einen Platz abzutreten.“ Jetzt machte sich die evangeli­ sche Gemeinde selbst auf die Suche nach einem geeigneten Gelände. 1892 konnte sie von Stadtbaumeister Eisele einen Platz von 28 mal 18 m im Prisental Getzt Schulstraße) für 2000 Mark erwerben. Eine erneute Bitte um Bauzuschüsse an den Oberkirchenrat bleibt ohne Erfolg. 234 1894 bot die Stadt der evangelischen Gemeinde den alten Friedhof (heute Platz der Realschule) kostenlos als Bauplatz an. Der evangelische Kirchenvorstand vermu­ tete 3 Gründe für den Sinneswandel der poli­ tischen Gemeinde: 1. Der geplante Neubau einer Turnhalle war nur unter Miteinbeziehung des Kirchen­ bauplatzes möglich. 2. Die Kosten für die Wiederherstellung des ziemlich verwahrlosten alten Friedhofs und der Kapelle konnten so eingespart werden. 3. Die politische Gemeinde war moralisch verpflichtet, für einen Kirchenbau eine namhafte Summe beizusteuern, nach­ dem sie der nur im Sommer aktiven engli­ schen Hochkirche im Hofwald einen Bauplatz kostenlos überlassen hatte. Zum Erwerb kam es nicht, obwohl die Evangelische Kirchenbau-Inspektion den alten Friedhof für einen besseren Bauplatz hielt als das im Prisental erworbene Grund­ stück. 1895 schenkte Albert Rotzinger, der Besit­ zer des Hotels „Bellevue “ (inzwischen abge­ brochenes Krankenhaus), der evangelischen Gemeinde ein Grundstück an der Geut­ schenstraße Getziger Standort der Kirche). Die Vorplanungen liefen an. Am 22. 5.1896 gab der Oberkirchenrat trotz Bedenken end­ lich grünes Licht für den Kirchenbau. ,, … wollen wir dem Vorhaben nicht weiter entge­ gen treten und ermächtigen den Kirchenvor­ stand, auf Grund der Planskizzen nunmehr die endgültigen Pläne und eine eingehende Kostenberechnung von der Ev. Kirchenbau­ inspektion dafür fertigen zu lassen.“ Der Anfang war geschafft. Bereits am 11.11.1896 lieferte die Kirchenbauinspektion die Pläne nebst detailliertem Kostenvoranschlag. Die Berechnungen beliefen sich auf insgesamt

Evangelische Kirche 1985, neuer Dachaufbau 40.000 Mark, wovon 20.000 Mark bar vor­ handen waren, während jeweils 10.000 Mark bei Banken und Privaten aufgenommen wer­ den sollten. Im Januar 1897 erteilte der Ober­ kirchenrat die endgültige Bauerlaubnis für eine kreuzförmige Kirche in neugotischem Stil nach den Plänen von Kirchenbauinspek­ tor Burkhardt. Zur selben Zeit spendeten die StadtTriberglOOO Mark und die Witwe Kern aus Oberprechtal 2000 Mark für den Bau. Zuvor schon konnte der 1892 erworbene Bauplatz im Prisental für 3500 Mark an die Stadt verkauft werden. Nachdem der Archi­ tekt Ammann zum örtlichen Bauleiter bestellt worden war, konnten am 10. 2.1897 die Arbeiten an die Wenigstbietenden verge­ ben werden. Die bezirksamtliche Baugeneh­ migung war mit nur zwei baupolizeilichen Auflagen verbunden: Die Bauflucht muß mit der Straßenflucht parallel liegen und die Türen müssen nach außen aufgehen. Im Rahmen einer schlichten Feier wurden am 20. 6.1897 außer der Urkunde mit der bis­ herigen Entwicklung der evangelischen 235

Mittelschiff mit Empore und Orgel, sichtbarer Dachstuhl mit Vierung Gemeinde und der Vorgeschichte des begon­ nenen Kirchenbaus auch eine biblische Geschichte, ein Gesangbuch, ein Katechis­ mus, ein Leitfaden der Kirchengeschichte und ein Führer durch Triberg und Umge­ bung in den Grundstein eingelegt. Bereits im September 1897 konnte das Richtfest gefeiert werden und bis zum Wintereinbruch waren der Rohbau fertig gedeckt und der Turm bis zur Gesimshöhe ausgeführt. Die folgenden Bau- und Ausbauarbeiten kamen so gut voran, daß für Oktober 1898 mit der Fertig­ stellung der Kirche gerechnet wurde. Es war eine Kirche in zeitgemäßem Stil 236

entstanden, deren Äußeres sich mit Aus­ nahme des Daches bis heute nicht verändert hat; auch das Innere ist im wesentlichen gleich geblieben. Insbesondere die erwäh­ nenswerte, wahrscheinlich einmalige Gestal­ tung des größtenteils sichtbaren Dachstuhls wurde nicht verändert: Das Gebälk vermit­ telt dem Betrachter den Eindruck, den die Spitzbogengewölbe eines klassisch goti­ schen Bauwerks hinterlassen; ebenso die bleiverglasten Spitzbogenfenster mit gemal­ ten Bordüren und Bogenschlüssen (Roset­ ten). Drei gemalte Fenster – gestiftet von Friedrich Schön, München – wurden mit eindrucksvollen Darstellungen versehen: Das mittlere Chorfenster zeigt den auf­ erstandenen Christus und die beiden gemal­ ten Fenster in den Seitenschiffen stellen die Väter der beiden reformatorischen Kirchen, aus denen 1821 die Badische Landeskirche entstanden war, Martin Luther und Ulrich Zwingli, dar. Die drei Glocken mit der Ton- Altarraum der evangelischen Kirche 1985 folge As -C -Es wurden bei der Glockengie­ ßerei Chr. Bachert, Dallau, gegossen und konnten zur Einweihung läuten. Ihre Finan­ zierung erfolgte überwiegend aus Spenden der Großherzoglichen Familie und der evan­ gelischen Kirchengemeinde Hornberg als ehemaliger Muttergemeinde. Auch die von der Firma H. Voit und Söhne in Durlach gebaute Orgel mit röhrenpneumatischer Traktur, zwei Manualen und einem Pedal konnte die Einweihungsfeier am 13.11.1898 mitgestalten. In der Triberger Zeitung „Echo vom Wald“ vom 14.11.1898 lesen wir über die Einweihungsfeier: ,,Begünstigt von schönster Witterung fand gestern die feier­ liche Einweihung der neuerbauten evangeli­ schen Kirche hier statt. Um 12 Uhr kündeten Böllerschüsse die Feier an; fast alle Häuser waren beflaggt. Aus der näheren und weite­ ren Umgebung trafen überaus zahlreiche Teilnehmer hier ein.“ Nach einer Zusammenstellung der Evan- 237

Ev. Kirche, Triberg Choifenster: Christus gelischen Kirchenbau-Inspektion vorn 23. 5.1899 beliefen sich die Baukosten, ohne Glocken, Uhr und Orgel, auf insgesamt 37.220,06 Mark. Spätere Veränderungen Elektrische Beleuchtung gab es in der Kir­ che zunächst nicht. Doch nur eineinhalb Monate nach der Einweihung wurde am Sil­ vestertag 1898 die neue Kirche erstmals von elektrischem Licht erleuchtet. Dagegen wurde die vorgesehene Uhr am Turm nie gebaut. Die Kirchenheizung bestand aus zwei Koks-Öfen, deren Funktion sich von jeher als ungenügend erwies und nie den Erwar­ tungen entsprach. Sie wurden in den fünfzi­ ger Jahren durch eine leistungsfähigere elek­ trische Heizung ersetzt, die wiederum im Rahmen der Generalsanierung 1983-1985 einer modernen Elektro-Warmluft-Kom­ paktstationsheizung weichen mußte. 238 Ev. Kirche, Triberg Luther-Fenster im rechten Seitenschiff Die Fenster konnten bis heute erhalten werden. Frau Mina Wehrle vom Parkhotel Wehrle stiftete 1951 zwei weitere gemalte Fenster, die in die Fensterzeile unter der Empore eingebaut wurden und die Grab­ legung und Geiselung Christi darstellen. Alle gemalten Fenster erhielten bei der Gene­ ralsanierung eine äußere Schutzverglasung. Die beiden kleineren Glocken des ursprünglichen Geläutes mußten 1917 für Kriegszwecke abgegeben werden. Die beiden fehlenden Glocken wurden 1922 ersetzt. 1934 konnte eine elektrische Läutemaschine angeschafft werden. Als 1942 die beiden für Rüstungszwecke beschlagnahmten größeren Glocken bei Eis und Schnee vom Turm geholt wurden, verunglückte Zimmermei­ ster August Kienzler tödlich. Das 1955 ange­ schaffte neue Geläute von nunmehr 4 Glok­ ken wurde auf die D-Glocke des Krieger­ ehrenmals abgestimmt. Die vier Glocken, von denen die Stadt Triberg die kleinste

Glocke stiftete, wurden bei Bachert in Karls­ ruhe gegossen. Die Orgel versah ihren Dienst bis 1940. In diesem Jahr wurde sie von der Firma Walk­ ker, Steinsfurt, umgebaut. 1929 hatte sie ein elektrisches Gebläse erhalten. Bereits 1953 mußte sie von der Firma E. Kemper & Sohn in Lübeck total umgebaut werden, so daß ein gänzlich neues Instrument entstand. Nach der Generalsanierung in den achtziger Jah­ ren wurde festgestellt, daß die Orgel erhebli­ chen Schaden erlitten hatte. Man entschied sich für ein neues Instrument, weil die Repa­ raturkosten unverhältnismäßig hoch veran­ schlagt worden waren. Die von Orgelbau­ meister Peter Vier aus Friesenheim-Ober­ weier gebaute neue Orgel wurde am Pfingst­ sonntag 1991 festlich eingeweiht. Die Witterungsverhältnisse und Baumän­ gel hatten im Laufe der Jahre – besonders während des Zweiten Weltkrieges und in der Nachkriegszeit, wo notwendige Reparaturen wenn überhaupt nur notdürftig ausgeführt werden konnten – der Kirche erheblich zu­ gesetzt. In den Jahren 1950/51 konnte das Gebäude von Grund auf instandgesetzt wer­ den. Die Dachkonstruktion wurde verein­ facht: Das Kirchen- und das Turmdach wur­ den tiefer heruntergezogen und erhielten Dachüberstände; das Treppentürmchen und beide Kamine wurden abgetragen. Damit konnten weniger verwinkelte Dachflächen erreicht werden, die den schwarzwälder Kli­ maverhältnissen besser gerecht wurden. Nach der Trockenlegung des Mauerwerks konnte der Innenputz erneuert werden. Dank großzügiger Spenden von privater und öffentlicher Seite sowie der Unterstützung der Evangelischen Landeskirche konnten die Arbeiten nach den Plänen von Dipl.-Ing. Berthold Haas, St. Georgen, zügig durchge­ führt werden. Am 28.10.1951 wurde die Kir­ che wieder ihrer Bestimmung übergeben. Etwa 30 Jahre später war erneut eine Ge­ neralsanierung des Kirchengebäudes fällig, nachdem Steine vom Sims des Kirchturms heruntergefallen waren. Bei statischen Untersuchungen mußte man dann feststel- ausgewaschene len, daß die Standfestigkeit des Kirchturms stark gefährdet war: Als Ursache wurden erheblich Fundamente ermittelt. Aber auch das Kirchengebäude bedurfte einer gründlichen Außen- und Innenrenovierung. Nach Genehmigung durch den Evangelischen Ober-Kirchenrat wurde Architekt Reiber, Triberg, in Abstim­ mung mit dem Kirchenbauamt in Karlsruhe mit der Planung und Leitung der Renovie­ rungsarbeiten betraut. Die Außeninstandset­ zung umfaßte die Sanierung der Funda­ mente, des Dachstuhls, des Dachs, des Glok­ kenstuhls und des Verblendmauerwerks. Im Rahmen der Innenrenovierung wurde der schadhafte Fußboden durch einen Steinplat­ tenbelag ersetzt. Altar, Kanzel, Türen und Bänke wurden restauriert, neue Beleuch­ tungskörper letztendlich erhielten der Chorbogen, die Gewölberip­ pen im Chor die Balkenauflagen für die sichtbare Dachkonstruktion eine vom Lan­ desdenkmalamt vorgeschlagene ornamen­ tale Bemalung. Für das rundum gelungene Werk waren rund DM 850.000,- erforder­ lich. Dieser Betrag wurde durch Eigenmittel, Spenden, Darlehen, Zuschüsse der Landes­ kirche und des Landesdenkmalamts aufge­ bracht. Das instandgesetzte Gotteshaus, das trotz aller Umbaumaßnahmen im wesentli­ chen seinen ursprünglichen Charakter behalten hat, wurde am 17. 3.1985 mit einem Festgottesdienst eingeweiht. installiert und Wolfgang Müller Literaturverzeichnis 1. Archiv der evangelischen Kirchenge­ meinde Triberg. 2. Wilhelm Maier/Karl Lienhard: Ge­ schichte der Stadt Triberg im Schwarz­ wald, Freiburg 1964. 3. Bernd Steinseifer: Evangelische Kirchen­ gemeinde Triberg im Schwarzwald, Chro­ nik anläßlich des lOOjährigen Bestehens der Gemeinde am 16. November1979, Tri­ berg 1979. 4. Archiv des Verfassers. 239

Die St. Hubertuskapelle (alte Gutenkapelle) in Schönwald Nach der Restaurierung _,)(..- — / , / / ,.J / / Wer durch das land­ schaftlich reizvolle Gebiet von Furtwangen -Fürsatz – Tiefenbach kommend in Richtung Geutsche -Tri­ berg oder in umgekehrter Richtung wandert, begegnet auf halbem Weg einem schmucken Kleinod, der heutigen St. Hubertuskapel­ le. Der untere Gutenhof stand mit einer Mühle und Kapelle im Talgrund. Der Hof brannte 1876 mit Mühle bis auf die Grund­ mauern nieder. Die Hofka­ pelle blieb durch den Brand verschont. Der Hof wurde nach dem Brandunglück nicht wieder aufgebaut. Die stehengebliebene Hofkapelle überdauerte fast 80 Jahre, bis sie, dem Verfall nahe, durch den passionier­ ten Jäger und verstorbenen Ehrenbürger Alfred Dold und seinen Jagdfreunden erstmals renoviert wurde. Mangels finanzieller Mittel konnte eine grundlegende Restaurierung nicht durch­ geführt werden, so daß die Kapelle immer mehr zu zer- Keine Grundsteinurkunde gibt Auskunft über den Tag und das Jahr, in dem die alte Gutenkapelle – heute St. Hubertuskapelle – erbaut wurde. Mit Sicherheit und aufgrund der Aufzeichnungen im Heimatbuch von Richard Dorer ist anzunehmen, daß das kleine Kirchlein die Hofkapelle zum unteren Gutenhof war und in den Jahren der Hofer­ stellung 1480 erbaut worden sein dürfte. fallen drohte. Als im September 1988 der Vorsitzende des Heimatvereines, Steinmetzmeister Alois Kaiser, dem Gemeinderat den Vorschlag unterbreitete, die St. Hubertuskapelle von Grund auf zu restaurieren, war der Gemein­ derat sich seiner Verantwortung voll bewußt, dieses für die Gemeinde geschichtlich so wichtige Kulturgut zu erhalten. Gemeinde- 240

rat und Heimatverein waren sich darüber einig, daß die St. Hubertuskapelle in ihrer Eigenart erhalten bleiben muß. Zimmermei­ ster Hans Göppert wurde beauftragt, für die Restaurierung Kostenvoranschläge und Pläne zu erarbeiten und die Bauleitung zu übernehmen. Die Mitglieder des Heimatvereines und andere freiwillige Helfer gingen mit Eifer an die Arbeit. Die fremden und neuzeitlichen Baustoffe, die man in den fünfziger Jahren bei den Reparaturarbeiten verwendet hatte, wurden entfernt. Das starke Findlingsmauer­ werk der Außenwände wurden trocken gelegt und der innere Sockelverputz aus Zement abgeschlagen. Innen wurden die Wände mit Kalkrestaurationsputz, der das Mauerwerk atmen läßt, versehen. Ein neuer Fußboden aus gesägten Sandsteinplatten wurde auf Sand verlegt. Der Dachstuhl mußte stabilisiert und restauriert werden. Auf das alte Schindeldach wurde ein neues Schindeldach gezogen. Der Dachreiter mußte ebenfalls erneuert werden. Das alte Blechkreuz wurde durch ein handgeschmie­ detes vergoldetes Kreuz ersetzt. Die neue Holzdecke aus breiten von handgehobelte Brettern, mit einer kleinen Zierleiste verse­ hen, könnte fast aus der damaligen Zeit stam­ men. Der kleine Vorbau, aus Wetterschutz­ gründen wohl nach dem Brand des Hofes angebracht, mußte vollständig erneuert wer- den. Kapelleneingangstüre und Bänke wur­ den in gediegener handwerklicher Arbeit gefertigt. Der Altar erhielt eine Holzabdeckplatte. Der Gekreuzigte wurde durch Zufall wieder gefunden, nachdem er zuvor entwendet wor­ den war. Das Kreuz wurde restauriert und lädt zum Gebet und zur Meditation ein. Die beiden gemalten Bilder stammen vom ein­ heimischen Holzbildhauer Robert Dold und stilisieren die Frömmigkeit der Jäger und Hirten. Die Glocke und das Läutewerk wurden überholt und tragen die Inschrift: ,,Gutenka­ pelle -St. Hubertus 1956 -.“ Am 4. November 1990 konnten der Orts­ geistliche, Pfarrer Karl Hansmann, und der zu dieser Zeit aus Südafrika hier weilende Bürgersohn Pater Weimann die instandge­ setzte Kapelle weihen. Dem Heimatverein Schönwald, an der Spitze Alois Kaiser, und seinen vielen Hel­ fern und Gönnern sowie Bauleiter Zimmer­ meister Hans Göppert sei gedankt für ihre uneigennützige Leistung. Dank gilt Herrn Bürgermeister Schmidt und seinem Gemeinderat für die finanzielle Unterstützung. Besonderer Dank gilt dem Landkreis und dem Landesdenkmalamt für die finanzielle Hilfe. Dadurch war es mög­ lich, in unserer Gemeinde ein weiteres wert­ volles Kultur- und Denkmalgut zu erhalten. Emil Rimmele Die Glockenlandschaft der Baar Die Glockengießerdynastie der Grüninger Die Gießerfamilien Reble und Grüninger prägten über einen Zeitraum von mehr als 350 Jahren den Glockenguß im Südwesten von Deutschland. In der Glockenlandschaft der Baar suchen wir heute vergeblich – wenige Ausnahmen werden später beschrie­ ben – nach herausragenden Glocken und Geläuten. In der Heimat der Grüningers, in der Zähringerstadt Villingen, ist heute keine einzige Glocke dieser bedeutenden Gießer­ familie mehr zu hören. Das einzige Exem­ plar auf dem Turm des Ursulinenklosters stammt von den Vorgängern der Grüninger Glockendynastie, der Familie Reble. Die Geschichte des Propheten, der in seiner Hei­ mat nichts gilt und dessen Glanz nur aus der 241

Glocke von Hans Raeblin gemeinsam mit Martin Stehe/in, 1590. Die Abbildung zeigt ein Kruzifixus über dem Wappen von Österreich und dem Stadt­ wappen Riedlingen Feme auf die Heimatstadt strahlt, erhält im Falle Grüninger eine eindrucksvolle Bestäti­ gung. Um heute bedeutende Glocken dieser erfolgreichen Glockengießerfamilie zu hö­ ren, müssen wir in die Feme schweifen. Davon später mehr. Die Anfänge der Glockengießerei Grü­ ninger in Villingen geht auf das Jahr 1580 zurück. In diesem Jahr begründete der 1552 in Villingen geborene Hans Raeblin (Reble) eine Glockengießerdynastie, die erst Mitte unseres Jahrhunderts enden sollte. Diese Gießerei soll in der Nähe der Käferburg an der westlichen Stadtmauer gelegen haben. Die früheste aus dieser Gießerei erhaltene Glocke aus dem Jahre 1590 mit einem für diese Zeit beachtlichen Durchmesser von 129 cm läutet bis zum heutigen Tage in der katholischen Stadtpfarrkirche St. Georg in Riedlingen nahe der Stadt Saulgau. 1601 goß Raeblin für das Villinger Münster eine heute nicht mehr erhaltene Glocke, die an Größe und Gewicht die Riedlinger weit übertroffen haben muß. Ihre ganze Inschrift wiederzuge­ ben, würde an dieser Stelle zu weit führen. Ein Auszug daraus sei dennoch zitiert: – «gott zvo lob vnd seiner werden mvetter rvm avch gantzem himmlischen here genvgen zv rvm vnd ehr ainem wolweisen rath dvrch stevr vnd hilf gantzer bvrgerschaft bin ich gegossen vnnd gemacht zv villingen in der beriemten statt als man zalt sechzehenhvn­ dert ain iar den xxii monats novembris fv (=ü) war darvmb geb gott allen denen die an 242

Christoph Reble, Villingen, kath. Pfarrkirche St. Nikolaus, Schluchsee, 1614 Ursulagwcke der Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt in Hinterzarten mich gestevrt das wahre leben deren aller namen geschriben sinnd in aim neven bvoch.» Der 1591 geborene Sohn von Hans Reble, Christof, hat offensichtlich schon in jungen Jahren in der Gießerei des Vaters gearbeitet. Im Alter von 23 Jahren goß er 1614 für den Abt von St. Blasien eine Glocke für die kath. Pfarrkirche St. Nikolaus in Schluchsee. Im Todesjahr seines Vaters schuf er ein kleines Glöckchen für das Bickenkloster in Villin­ gen, heute Ursulinenkloster, mit der Inschrift «AVE MARIA GRATIA PLENA DOMINUS TECUM M CD A V C P». Auf der Flanke der Glocke sind ein Kruzifixus, zwei Heiligenfiguren und ein Marienrelief eingegossen. in Hohenzollern sind je eine Glocke von ihm erhalten: in der St. Pelagiuskirche in Rott­ weil-Altstadt und in der St. Annakirche in Jungnau, in Baden eine Glocke in der Pfarr­ kirche St. Laurentius in Wolfach und in St. Nikolaus zu Achdorf. In Württemberg und Im Übergabejahr seiner Gießerei an sei­ nen Schwiegersohn Joachim Grieninger goß er für die kath. Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt in Hinterzarten die Ursulaglocke mit einer für Reble sehr typi­ schen dezenten Glockengestaltung mit besonders flachem Relief. Johann Joachim Grieninger, 1624 als Sohn des Hammerschmieds Veit Grieninger geboren, heiratete die verwitwete Tochter seines Meisters Christof Reble. Obwohl die Übergabe der Gießhütte bereits 1645 statt­ fand, tauchen die ersten Glocken von Joa­ chim Grieninger erst etwa 10 Jahre später auf. Ein besonders schönes Exemplar goß er für die katholische Pfarrkirche St. Johannes Bap­ tista in Moosheim bei Saulgau im Jahre 1657, auf der die Passion Christi in außergewöhn­ lich schönen kleinen Reliefs dargestellt ist. Die gleiche Darstellung finden wir auf einer Glocke aus dem Jahre 1664 in der katholi­ schen Pfarrkirche St. Katharina in Güten- 243

Johann Joachim Grieninger, 1657. Passionsglocke in der kath. Pfarrkirche St.Johannes Baptista in Moosheim bach. Nur fehlen dort zu den Reliefs die ver­ bindenden Schmuckornamente. Zuvor hatte er im Jahre 1660 für das Münster Unse­ rer Lieben Frau in Villingen eine kleine Glocke gegossen, die heute im Franziskaner­ museum in Villingen steht. Die Reliefs all dieser Glocken sind so vorzüglich gearbeitet, daß sie auf Stichvorlagen oder – was wahr­ scheinlicher ist – auf Vorlagen von Bild­ schnitzern zurückzuführen sind. Nach dem Tode von Joachim Grieninger im Jahre 16 7 6 übernahm sein Sohn Matthäus die Gießerei in Villingen. Bei ihm bestätigen sich wie schon bei seinem Vater die engen Beziehungen zur Lindauer Gießhütte, wo sie vermutlich als Gesellen gearbeitet haben. Beleg hierfür ist vor allem eine Glocke für St. Martin in Gengenbach, im Jahre 1689 kurz nach dem Stadtbrand gegossen, und das Martinus-Glöckchen, heute in den Fürsten­ bergischen Sammlungen in Donaueschin- 244 gen. Indes erreichte Matthäus Grieninger nicht die Bedeutung seiner Vorgänger. Von seinen Söhnen Jakob Pelagius und Meinrad Anton sind weder innerhalb noch außerhalb von Baden bedeutende Geläute oder Glok­ ken erhalten. Eine Ausnahme bildet die 1726 für die ehemalige Zisterzienser-Klosterkir­ che in Friedenweiler gegossene Glocke mit dem Wappen der Äbtissin Guglin von Rot­ tenburg. Eine Blütezeit erlebte die Villinger Gieße­ rei im späten Barock. Franz Joseph Grünin­ ger (1735-1795) goß einige herausragende Glocken, vor allem in Baden. Hier auch nur die wichtigsten aufzuzählen, würde den Rah­ men einer solchen Betrachtung sprengen. Deshalb seien zwei Glocken und Geläute stellvertretend genannt. Im Jahre 1767 goß er für das ehemalige Reichsstift St. Georg in Villingen ein Geläute, vom dem vier Glok­ ken nach Aufhebung des Stiftes im Jahre

J:farrkirche St. Katharina, Gütenbach,Jochem Grieninger, 1664. Vereinfachte Zier der Moosheimer Glocke 1806 auf großherzoglichen Befehl in die evangelische Stadtkirche nach Karlsruhe kamen. Eine Glocke davon wurde vermut­ lich bereits Opfer des Ersten Weltkriegs, zwei Glocken fielen der Zerstörung von Karlsruhe im Zweiten Weltkrieg zum Opfer. Eine Glocke dieses Geläutes blieb uns erhalten und hängt heute in Karlsruhe in der Kleinen Kirche beim Marktplatz. Die mit außerge­ wöhnlich schönen Reliefs gestaltete Glocke läßt ahnen, welch wunderbares Geläute der Stadt Villingen durch die Säkularisation und durch die Kriege verlorenging. Ein zweites Geläute goß er für die Klosterkirche in Schuttem im Ortenaukreis. Eine Glocke aus diesem Geläute blieb uns bis heute in der katholischen Pfarrkirche St. Maria in Phi­ lippsburg erhalten. Die künstlerisch heraus­ ragende Gestaltung dieser Glocken läßt auf die Mitwirkung renommierter Bildhauer schließen. Die teils als Chronogramm ver- faßten Inschriften nennen einige geistliche und weltliche Fürsten dieser Zeit. In der Baa­ remer Glockenlandschaft läutet von Franz Josef Benjamin Grieninger nur noch eine einzige kleine, sehr reich geschmückte Glocke in der evangelischen Friedenskirche zu Hüfingen. Sie ist geschmückt mit einem Kruzifix und dem Wappen von J osefFürst zu Fürstenberg. Sie ist im Jahre 1787 gegossen. Bei der Belagerung der Stadt Villingen durch die Schweden wurde die außerhalb der Stadtmauer in der Nähe der Käferburg gelegene Gießerwerkstatt völlig zerstört. Spä­ ter lesen wir dann vom Umzug der Glocken­ gießerfamilie ins Glockenhüsle, einem halb­ runden Bau an der Stadtmauer in der Nähe des Romäusgymnasiums. Seit dem Jahre 1783 und bis zum Tode sei­ nes Vaters Franz Josef Benjamin Grieninger half sein Sohn Nicolaus Meinrad beim Guß von großen Glocken mit. Seit 1772 gehörten 245

Johann Joachim Grieninger, 1660. Glocke für das Villinger Münster, heute im Franziskaner-Museum Giefshütte Grieninger, 1704, Fürstenbergische Sammlungen, Donaueschingen die Äbte von St. Blasien zu den Kunden von Franz Josef Benjamin Grieninger. Er profi­ tierte davon, daß die Waldshuter Gießhütte nach lSOjähriger Tradition ihre Arbeit einge­ stellt hatte. Aus der gemeinsamen Schaffens­ periode mit seinem Sohn Nicolaus Meinrad überlebten nur die ebenfalls vom Abt von St. Blasien bestellte Glocke, für die Pfarrkir­ che in Schluchsee 1787 gegossen, und eine Glocke aus der Pfarrkirche St. Verena und Gallus in Hüfingen aus dem Jahre 1789 sowie einige Glocken im Württembergischen. Nikolaus Meinrad Grieninger übernahm nach dem Tod seines Vaters im Jahre 1795 die Gießerei. Im Laufe seiner Schaffensperiode änderte er seinen Namen von Grieninger in Grueninger um. Eine von ihm allein gegos­ sene Glocke im Schwarzwald-Baar-Kreis läu­ tet in der katholischen St. Stephanskapelle in Beckhofen im Brigachtal. Die Glocke ist im 246 Jahre 1802 gegossen, ihre Zier noch ganz in der Tradition des Vaters Franz Josef Benja­ min. In diesen Jahren verlor die Gießerei Grüninger sicher auch infolge der Säkulari­ sierung an Bedeutung. Von den gemeinsa­ men Arbeiten von Nicolaus Meinrad und seinem Sohn Severin Benjamin Grüninger ist nur noch eine einzige Glocke aus dem Jahre 1799 auf der Friedhofskirche von St. Blasien erhalten. Nach dem Tod des Vaters übernahm Severin Benjamin Grünin­ ger im Jahre 1818 im Alter von 36 Jahren die Villinger Glockengießerei, in der in dieser Zeit fast ausschließlich kleine Kapellenglok­ ken in Auftrag gegeben wurden. Die einzige von ihm erhalten gebliebene Glocke läutet in der katholischen Filialkirche St. Bartholo­ mäus in Münchingen bei Wutach. Beim Guß einiger nicht mehr erhaltener Glocken half ihm sein ältester Sohn Lukas Meinrad.

Matthäus Grieninger, 1726. G!.ocke in der ehern. Zisterzienserklosterkirche in Friedenweiler. Das Bild zeigt das Wappen der A’btissin Maria Ursula Guglin von Rottenburg, Äbtissin in Friedenweiler von 1723 bis 1736 Seine Nachfolge aber trat der jüngere Sohn Benedikt Benjamin Grüninger (1821-1879) an, von dem nur noch wenige Kapellenglocken erhalten sind. Ein sehr schönes Exemplar aus dem Jahre 1850 läutet in der Kapelle des Käppelehofes in Tennen­ bronn, ‚eines in der kath. Pfarrkirche zu Hon­ dingen, ein weiteres Glöckchen steht im Franziskaner-Museum in Villingen. Es kam aus der Schleifenkapelle ins dortige Museum. Als Benedikt Benjamin Grüninger seit 1872 gemeinsam mit seinen beiden Söhnen Josef Benjamin (1844-1912) und Georg Adelbert {1852-1918) die Glockengießerei betrieb, Franzjosef Griininger, 1767. Einzige erhaltene Glocke aus dem ehern. Reichsstift St. Georg in Villingen, heute in der evang. Kleinen Kirche in Karlsruhe 247

Benedikt Benjamin Grüninger, 1850. Das Bild zeigt die Glocke der Kapelle des Käppelehefes in Tennenbronn auf dem Glockenfriedhof in Ham­ burg, wo sie die Kriegsjahre überstand 248 Pfarrkirche Hondingen, Benedikt Benjamin Grüninger, 1865 führte er die Firmenbezeichnung Grüninger und Söhne ein. Nach dem Tod ihres Vaters im Jahre 1879 führten die beiden Söhne die Firma unter den verschiedensten Bezeich­ nungen weiter, bis im Jahre 1897 Josef Benja­ min Grüninger (1873-1927), Sohn des gleich­ namigen Vaters mit diesem gemeinsam die Gießerei übernahm. Aus dieser Zeit ist uns ein kleines Glöckchen aus der Pfarrkirche in Tannheim aus dem Jahre 1899 erhalten, ein Glöckchen in der Pfarrkirche Dauchen aus dem Jahre 1905, das 1908 gegossene Franzis­ kusglöckchen in Unterkirnach und das wohl bedeutendste Geläute, das je aus dem Hause Grüninger kam, das achtstimrnige Geläute für die kath. Stadtkirche St. Bernhard in Benedikt Benjamin Grüninger, Glocke aus der Schleifenkapelle, heute im Franziskaner-Museum in Villingen

den beiden Weltkriegen blieben in der Baare­ mer Glockenlandschaft nur ein Glöckchen in Hubertshofen und in der Pfarrkirche Hochemrningen, beide aus dem Jahre 1922, und eine Glocke in der Pfarrkirche St. Martin in Hondingen aus dem Jahre 1923 erhalten. Das bedeutendste Geläute goß Benjamin Grüninger nach dem Zweiten Weltkrieg für die kath. Stadtkirche Mariä Geburt in Gengenbach. Für die Glockenlandschaft der Baar goß er 1950 für die Pfarrkirche in Tannheim drei Glocken in Ergänzung der zuvor erwähnten Glocke aus dem Jahre 1899. Das Geläute der kath. Stadtkirche St.Johan­ nes in Donaueschingen ergänzte er 1950 mit zwei Glocken. Villingen-Rietheim erhielt im Jahre 1952 ein recht ansprechendes Dreiergeläute. Das schönste Geläute im Schwarzwald-Baar-Kreis aus dem Hause Grüninger läutet in der kath. Pfarrkirche Franziskusglöckchen aus Unterkimach von Josef Benjamin Grüninger 1908 gegossen. 249 Josef Benjamin Grüninger, 1899. Glocke für die kath. Pfarrkirche St. Gallus in Tannheim Karlsruhe, gegossen im Jahre 1902, mit einem Gesamtgewicht von ca. 11.500 kg. Mit diesem Geläut meldet sich das Haus Grünin­ ger, nachdem jahrzehntelang nur unbedeu­ tendere Glocken gegossen wurden, ein­ drucksvoll in der Spitze der deutschen und europäischen Glockengießerelite zurück. Die vier Jahre später gegossenen Glocken für das Münster zu Villingen wurden Opfer des Krieges. Bis zum Ersten Weltkrieg wurden in der neu erbauten Glockengießerei in Villin­ gen über 2000 Glocken gegossen, von denen nur wenige die gnadenlose Auslese der bei­ den Weltkriege überdauert haben. Eine Blüte erlebte die Gießerei nochmals unter dem Sohn von Josef Benjamin, Franz Josef Benjamin Grüninger (1901-1963), der der Gießerei in Villingen zu einem zuvor nur in der Barockzeit und unter seinem Vater gekannten Höhenflug und zu überregiona­ ler Bedeutung verhalf. Aus der Zeit zwischen

Kath. Pfarrkirche St. Bernhard in Karlsruhe. Detail auf der Bernhardusgl.ocke, 1902 gegossen St. Martin in Brigachtal-Kirchdorf. Das fünfstimmige Geläute aus dem Jahre 1950 kommt in Ausdruckskraft und Klangfülle nahe an die Glanzleistung von Gengenbach heran. Den Untergang der Glockendynastie der Grüninger läutete ausgerechnet seine Hei­ matstadt Villingen ein. Als Ersatz für die im Krieg zerstörte Gießerei suchte Benjamin Grüninger sofort nach dem Zweiten Welt­ krieg ein Ersatzgelände. Vergeblich, wie wir heute wissen. Unter größten finanziellen Schwierigkeiten war er gezwungen, seine Gießerei 1948 nach Neu-Ulm zu verlegen, wo er bereits Mitte der Fünfzigerjahre den finanziellen und wirtschaftlichen Zusam­ menbruch erlebte.Und hier schließt sich der Kreis der Geschichte des Propheten, der bekanntlich im eigenen Land, in der eigenen Stadt nur wenig gilt. Benjamin Grüninger widerfuhr aber auch außerhalb seiner Hei­ matstadt, vor allem in Baden in den Sechzi­ gerjahren, lange Zeit Unrecht. Verständli­ cher Ärger über seinen wirtschaftlichen Ruin und den damit verbundenen betrügerischen Bankrott, der den Kirchengemeinden in Baden Verluste in Millionenhöhe bescherte, führte dazu, daß viele Glocken als musika- 250

lisch minderwertig eingestuft und vielerorts auch umgegossen wurden. Abgesehen von wenigen Weißbronze-Geläuten, die in Metall und Klang minderwertig waren, bestand dieser schlechte Ruf des Hauses Grüninger zu unrecht, wie sich Laien und Fachwelt heute einig sind. Die Geläute von Gengenbach und Brigachtal sind hierfür nicht die einzigen eindrucksvollen und klangreichen Beweise. Eine Glockengießertradition von 375 Jah­ ren wie die des Hauses Grüninger ist im süd­ deutschen Raum einmalig, in Deutschland und Europa gibt es nur wenig vergleichbare Traditionen. Die Glocken aus dem Hause Grüninger waren von den Anfängen an mit wunderbarem bildhauerischem Dekor geziert. Klangliche Höchstleistungen wur­ den vor allem um die Jahrhundertwende und nach dem Zweiten Weltkrieg erzielt. Die bildhauerische Qualität der Grüninger­ Glocken ist sehr hoch anzusiedeln. Deshalb verdiente es weiterer Nachforschungen, um die Bildhauer kennenzulernen, die fur das Haus Grüninger diese hervorragenden Arbeiten in Wachs geschnitten und geformt haben. Musikalisch und bildhauerisch ver­ mochten vor allem drei Gießer sich aus dem guten Gesamtbild des Hauses Grüninger hervorzuheben: Franz Josef Benjamin Grie­ ninger (1735-1795) mit den Geläuten fur das Kloster St. Georg in Villingen und fur das Kloster Schuttern sowie fur die ehemalige Abteikirche in St. Blasien. Josef Benjamin Grüninger mit dem Geläute für Karlsruhe St. Bernhard und dem nicht mehr erhalte­ nen Geläute des Münsters in Villingen. Den reichsten Glockennachlaß verdanken wir Josef Benjamin Grüninger mit Sohn Franz Josef Benjamin, 1922, Ifarrkirche Hochemmingen St. Ga/Zus in Tannheim, 1950, Darstellung der Dreifaltigkeit 251

St. Gallus m Tannheim, 1950, Kreuzigungs- gruppe St. Gallus in Tannheim, 1950, Christi Geburt Glockenkrone von Benjamin Grüninger, an vie­ len Glocken verwendet Glockenkrone von Benjamin Grüninger, an vie­ len Glocken verwendet Franz Josef Grüninger (1901-1963), dem letz­ ten Glockengießer dieser Dynastie, dem die Anerkennung seines großen Werkes zu sei­ nen Lebzeiten versagt blieb, der aber heute in Fachkreisen weit über Süddeutschland hinaus in einem Atemzug mit den bedeu­ tendsten Glockengießern des 20. Jahrhun­ derts genannt wird. Auf einer 1932 für das Mesnerhäusle in Triberg gegossenen Glocke ließ Grüninger als Inschrift die zeitlose Bot­ schaft für seine Glocken eingießen: «NEU GEBOREN MÖCHT‘ ICH LÄUTEN NEUEN MENSCHEN BESSREN ZEI- Kurt Kramer TEN». Altjahresabend Nacht des Wissens um alle nicht gehaltenen guten Vorsätze – Nacht neuer Besserungsideen wiederum nicht haltbar – Nacht in der roter Wein Kälte überdeckt und Gelächter mit Feuerwerk Disharmonien singt – Nacht leiser Gespräche die Zärtlichkeit nennt und Weiterleben möglich macht Neujahrsnacht Christiana Steger 252

Heiteres aus dem Klosterleben St. Ursula in Villingen Das nicht erreichte Tagesziel •·. I – ··· -�·- r:� 0 0 – �- �‘!:III,,,: IJl‘.A. , • •(,, .;:. Als Dank für ihr eifriges Wirken im Dienste der Kirche gewährt die Superiorin Eva-Maria von St. Ursula ihren Kloster­ frauen – wenn auch nicht alljährlich, so doch mit Sicherheit jedes zweite Jahr in der Woche nach dem hl. Pfingstfest – einen „verlängerten Betriebsausflug“. Ist es doch so, daß selbst frommen Gottesdienerinnen ein Tapetenwechsel wohl bekommt, zumal auch ihnen danach die Arbeit wieder leichter von der Hand geht. Das geographische Ziel dieses Unterneh­ mens ist zwar stets dasselbe, nämlich das herrliche Südtirol; seine Programminhalte jedoch sind wegen der dort anzutreffenden unerschöpflichen Möglichkeiten jedesmal andere. Für die Auswahl der „Kostbarkeiten“ dieses blühenden Landes sorgen der zustän­ dige Reiseleiter und auch eine geistliche Assi­ stenz, welche vorwiegend die seelsorgerische Betreuung innehat. Ein kurzes Wort noch zum gleichbleiben­ den Ausflugsziel: Ohne Ausnahme sind sämtliche Teilnehmerinnen mit diesem ein­ verstanden. Wen wundert’s? Hat doch die Leiterin von St. Ursula während ihres akti­ ven Schuldienstes das Kleinod Südtirol bei zahlreichen Schullandheim-Aufenthalten mit ihren Schülern kennen und lieben gelernt. Sie hat es ihren Klosterfrauen weiter­ empfohlen, und seit deren ersten Aufenthalt in dieser herrlichen Bergwelt sind alle begei­ stert von dem schönen „Garten Gottes“. Sie teilen die Aussage der Südtiroler Schriftstel­ lerin Annelies Mittermayr, die in einem ihrer reizvollen Werke verrät, daß es dem Herrgott nach der Vertreibung von Adam und Eva doch „ein bisse!“ leid getan hätte, als er die beiden von oben so in ihrem Kummer und ihrer Not gesehen habe. Er ließ sich deshalb schnell seinen Schöpfermantel bringen und streute da und dort „Schönheit“ auf ein paar „Erdenfleckerln“, und dazu gehörte auch das Land Südtirol. Wörtlich führt die Autorin fort: „Und wer’s erleb’n darf, der woaß in sein Leb’n konn’s nix Schönres, Beglückenderes mehr geb’n als dies blühende Land mit die Burgen und Schlösser, die alten Häuser, den Wein in de Fässer. Herrgott, i dank Dir über die Maßen für das Glück, daß’d uns doch noch a Stück von Deim Paradies hast lassen.“ Ja – und zu diesem „Stück!“ Paradies ge­ hört noch etwas, das der Villinger „Kloster­ flor“ daselbst am 16. Mai 1989 entdeckt hat. 253

Es handelt sich hierbei um eine wahre ,,Fundgrube“, die eine solch magische Wir­ kung besitzt, daß sie selbst fromme und sonst recht standhafte Ursulinen regelrecht zu verwirren und sie sogar von den gesteck­ ten Tageszielen abzubringen vermag. Was aber ist das nur? Es ist die „Tessitura Artistica FRANZ“, eine Leinen-Kunstweberei in der ,,Via M. Pacher“ im altehrwürdigen Städt­ chen Bruneck. Hören Sie, lieber Leser, wie es in dieser Sache weitergeht: 254 Der Leinendeckchenkauf in Südtirol Im Pustertal zu Bruneck schön, ist dies‘ Spektakulum gescheh’n: Kaum hat der Bus da angehalten, die Klosterfrauen gleich entfalten typisch feminine Züge und werden dabei gar nicht müde.­ Die Reiseleitung bleibt allein, derweil die Nonnen kaufen ein bei „FRANZ“, dem „Webetuch-Artist“, der Spezialist für Deckehen ist. Gleich gibt’s ein Hin und auch ein Her ein Deckehen weg, ein andres her eines mit Fransen, ein’s mit Rand ein’s für den Tisch, ein’s für die Wand, das eine kurz, das andre schmal, fürs Mobiliar im großen Saal; ein’s als Präsent für Kaplan Meier und als Ersatz ein’s für den Schleier, eines oval, das andre rund, ein’s als Serviette für den Mund, solche für Bänke, Blumenvasen und weitere für Tanten, Basen; dreißig Meter lang, das längste, und Meister FRANZ bekommt schon Angste. Ein Deckehen weg, ein andres her, rfrr „Klosterflor“ braucht immer mehr.­ Su geht das über fast sechs Stunden; die Reiseleiter drehen Runden zwölfmal schon um die Stadt herum, da wird es denen doch zu dumm; mit Riesenschritten geht’s zum Bus, ärgerlich und voll Verdruß. Dort demonstrieren sie „Sit-in“, ergeben sich dem Schicksal hin und lassen ihre Häupter hängen, ausgeliefert solchen Zwängen. – Die Damen, jedoch hochentzückt, kommen langsam angerückt, beladen schwer mit „Webeschätzen“, man hört sie schnattern und laut schwätzen, vergessen sind die Reiseziele, dafür hat man Deckehen viele! – Und die Moral von der Geschicht‘: Ein Ziel ist festgelegt recht leicht, doch oftmals wird es nie erreicht!- .. Helmut Groß

Monsignore Adalbert Simon – Ein frommer und humorvoller Priester mit einem Herz für die Kinder der Straße Adalbert Simon war gebürtiger Villinger­ und darauf war er zeitlebens stolz. Geboren wurde er am 31.Juli 1910 als jüngster Sohn des Stellwerkmeisters Josef Simon und dessen Frau Marianna, geb. Efinger, aus Marbach. Kaum fünfjährig, starb seine Mutter, und der Vater heiratete drei Jahre später die Aasener Bürgerstochter Berta Röttler. Sie war den vier aus erster Ehe stammenden Kindern eine vorbildliche und liebevolle Mutter. Beson­ ders den Jüngsten, den kleinen Adalbert, hatte sie in ihr Herz geschlossen. Aufgewachsen ist der „Adel“ -so nannten ihn seine Spielgefährten – in der Villinger Güterbahnhofstraße, dem sogenannten „Frei­ amt“. Die Verhältnisse waren bescheiden, aber dennoch erlebten die Kinder eine frohe und glückliche Zeit, an die sich der Monsi­ gnore stets gerne erinnerte. Er war ein echter Villinger Schlingel, und war wieder einmal ein Streich gespielt, so hieß es im Elternhaus: „ Wer war dabei? -Klar, de Karle, de Erich, de Olli -auch de Bocherle, ’s Anneli und selbst­ verständli de Adel!“ Nach dem Besuch der Volksschule begann Adalbert eine Schreinerlehre bei der Villinger Firma Jordan. Als zünftiger Geselle begab er sich -das war damals Ehrensache – auf die Walze und landete schließlich bei einer angesehenen Tischlerei in Grafenhau­ sen. Dort setzte eine schwere Krankheit sei­ nem beruflichen Werdegang ein jähes Ende. Die Krankenhausärzte zweifelten an seinem Durchkommen und hatten ihn schon aufge­ geben. Aber entgegen aller Befürchtungen wurde der „Adel“ wieder gesund. Der Gene­ sene stellte jetzt die Weichen für die Zukunft auf ein anderes Gleis und beschloß, sich von nun an in den Dienst Gottes zu stellen und Priester zu werden. Als Spätberufener begann der Neunzehn­ jährige seine theologischen Studien zu- nächst auf Schloß Hersberg am Bodensee und setzte diese dann in der Diözese Leitme­ ritz (Tschechoslowakei) fort. Zwei weitere Studienjahre folgten bei den Benediktinern in Saö Bento, Brasilien, wohin er durch einen niederländischen Pater gekommen war. Die Schiffsreise von Antwerpen. nach Rio de Janeiro dauerte auf dem belgischen Ozeandampfer „Prinzessin Astrid“ 21 volle Tage, vom 30. 4. bis 20. 5. 1938. Am 21. Dezember 1941 wurde Adalbert Simon dann in „Barra do Pirai“ zusammen mit einem Schweizer und zwei weiteren Deutschen zum Priester geweiht. Zunächst fand der Neupriester ein seelsorgerisches Betätigungsfeld auf einer dem Festland vor­ gelagerten Atlantikinsel. Seine erste Amts­ handlung als Vikar war dort die Bestattung einer 114 Jahre alten Schwarzafrikanerin. Beim Trauergottesdienst nahmen auch noch zwei hochbetagte Töchter der Verstorbenen teil, die eine zählte 91, die andere 89 Jahre. 255

Wenige Monate später wurde ihm dann auf dem Kontinent die Pfarrei „Sacra Familia do Tingua“ zugewiesen, rund 100 km südlich von Rio de Janeiro. Neben der Seelsorge erwartete hier den jungen Priester eine Menge Arbeit: Die Renovierung der Kirche, den Bau eines großen Gemeindesaals und die Leitung einer „Ackerbauschule“, einem Internat für heimatlose und schwererzieh­ bare Kinder. Die acht- bis sechzehnjährigen „Waisen“ wurden als „Straßenkinder“ in der Hauptstadt Rio aufgegriffen, in Auffanglager gebracht und in diese Schule eingewiesen. Bis zum Jahre 1991, dem Jahr seiner Pensio­ nierung, stand Adalbert Simon dieser Pfarr­ gemeinde vor und trug die schwere Verant­ wortung für die Internatsschützlinge. Für seine hohen Verdienste wurde er am 30. 9. 1984 vom Heiligen Stuhl zum Monsignore ernannt. Während des Zweiten Weltkriegs und auch noch in der Nachkriegszeit gab es für den Geistlichen keinerlei Verbindung zu sei­ ner Heimat. Erst 1946 erhielt der Vater des Priesters in Villingen über den damaligen Berliner Kardinal Preising ein erstes Lebens­ zeichen von seinem Sohn aus Brasilien. Am 22. Mai 1949 konnte dann Adalbert Simon anläßlich seines ersten Besuchs in Deutsch­ land seine Heimatprimiz in St. Fidelis zu Vil­ lingen feiern. Mit ihm war auch Heinrich Heizmann, ein gebürtiger Wolfacher, ge­ kommen, der sein Nachbarpriester von ,,Sacra Familia“ war. Leider verunglückte die­ ser nach der Rückkehr bei der Ausübung sei­ ner Missionstätigkeit tödlich mit dem Motorrad, das ihm seine Heimatgemeinde geschenkt hatte – für Adalbert Simon ein schwerer Schlag. Im letzten Jahrzehnt besuchte der Monsi­ gnore fast alljährlich seine Villinger Heimat­ stadt. Während der Aufenthalte wohnte er im Kloster St. Ursula. Hier konnte er sich erholen, die tägliche Morgenmesse lesen, und wenn es die Zeit zuließ, auch in der Pfarrfiliale Rietheim sowie den Pfarreien Pfaffenweiler und Tannheim aushelfen. Auch hatte er Gelegenheit, seine Freunde 256 und Schulkameraden im „Städtle“ zu treffen und mit ihnen bei einem guten „Viertele“ über seine Erlebnisse in fernen Ländern zu plaudern. Woran der geistliche Herr aber besonderen Gefallen fand? Reisen mit unse­ ren modernen Zügen, dem „Interregio“, dem „Intercity“ und beim letzten Besuch sogar mit dem Star der Deutschen Bundesbahn, dem superschnellen „ICE“. Wenn er aber einmal so richtig genießen wollte, zog er sich ins klösterliche Domizil zurück und „studierte“ den neuesten Alma­ nach, und wie freute er sich herzlich, als er sich selbst in der „92er Ausgabe“ in einer Bildgeschichte verewigt fand. Um sieben Ecken herum ließ er den Texter und Zeich­ ner wissen, er wolle doch noch einmal in einer solch illustrierten Bildfolge, die sich wirklich zugetragen hat, im Heimatjahrbuch des Schwarzwald-Baar-Kreises erscheinen. Er beabsichtigte, dieses dann den Angehöri­ gen seiner vor einigen Jahren gestorbenen Haushälterin „Pasqualina“ und seinem Fah­ rer ,Jose“, beide Schwarzafrikaner, mitzu­ bringen. Wir wollen dem Monsignore diesen Wunsch gerne erfüllen. Leider kann er das Präsent selber nicht mehr überreichen. Adal­ bert Simon, der sein Leben hauptsächlich in den Dienst der „Straßenkinder“ von Rio stellte, ist am 22. März 1992 gestorben und auf dem Friedhof „Nossa Senhora da Con­ ceicäo“ seiner brasilianischen Pfarrei bestat­ tet. Am 21. Dezember 1992 hätte er sein Gol­ denes Priesterjubiläum in der Klosterkirche St. Ursula zu Villingen feiern können. Helmut Groß Eine „Heilige“ aus Villingen oder Das Teepüppchenpräsent Siehe nachfolgende Bildgeschichte

Ada/hel“f-1 Herr Monsig,.noPe, mad)r i-n BRAS/l/A.. „Mordsf_urore; eiri TeeP.üp�f!.en von „M1we ScJ;mi�t bringt tin Jo’ffert:J;en ef‘ mit-! – Er sl-ellt es biibs,c!) zured;tqemafl;l„ ln Y,’l(t’nger ,, Altjungfer,t“tf!atl;f “ auf .seinen TtschJ an lem er ifj,f. ])of’f fot’lan iSuppcj;ens Pläüd)en, ist • 257

NacJ; orei Sturioen u’tt- zutiücH. .Adathe.rt – tt‘ .scJ;welg_f ittt Gtüclf. – vom ti�bet un’i> vom ‚.Sft.,1,,bier.e,,:i, mö1:9t er Jetzt .seinen .Jee Pf’Obie,f,en, ! 258

�uf derSchwel/e macht er halt, f!A’blidfd burch oef‘ :Tüfte Spalt ,, Pasqu al ina „; .sie lfnie’f da , .schlägt ‚i)as Kreuz – halle!uja. t Um) sie sp_ricl;t: ,,.Jon Monsigwre I oo gew-uftl‘ , iler� P-rofessore, baf> fern giJJt/s in Almania $b()O /Jetta Santa Femina !! “ – 259

Kreuze im Schwarzwald-Haar-Kreis Die Wegkreuze im Schnabelstal Wenn man die Stadt Furtwangen nach Westen Richtung Freiburg verläßt und dann links in die Straße nach Linach einbiegt, kommt man zunächst am Bregstadion und an der Landessiedlung vorbei, die auf der rechten Seite der Straße liegt. Etwa 300 m nach der Landessiedlung zweigt links eine schmale Teerstraße ab, die ins Schnabelstal führt. In diesem Tal befanden sich einst 3 der 54 Furtwanger Lebenshöfe: Am Eingang zum Tal der Sägenhof, der der 10. Hof in der Breg war; etwas weiter tal­ aufwärts der mittlere Schnabelshof, der 11. Hof in der Breg, und am Ende des Tals, dort wo der Weg steiler ansteigt, liegt der Schnabelshof, der 12. Hof in der Breg. Der mittlere Schnabelshof wurde schon 1300 als „Schnabels Gut“ bezeichnet, später als „das halbe Gut im Schnabelstal“, wäh­ rend der 12. Hof in der Breg, der Schnabels­ hof, das andere halbe Gut im Schnabelstal war. E. Nied meint, daß der Name der Höfe vom Namen des Besitzers herkommt und legt Schnabel als „Schnabler, Schwätzer“ aus. Demzufolge würde also der Hofname, der auch dem Tal den Namen gab, auf einen Übernamen eines Hofbesitzers zurückge­ hen. Der Name könnte aber auch von der Form des Tales herrühren. Das Schnabelstal liegt auf der Gemarkung von Furtwangen. So ist es bereits auf der Karte „Die Vogtei Furtwangen“ vom 28. März 1783 verzeichnet. Biegt man nun von der Straße nach Linach nach der Landessiedlung links ins Schnabelstal ab, so steht auf der linken Seite ein gut erhaltenes, wohl vor nicht allzu lan­ ger Zeit renoviertes Kreuz. Ursprünglich stand das Kreuz etwas vom heutigen Platz entfernt, aber als die Straße nach Linach aus- 260 gebaut wurde, mußte das Kreuz den Bau­ maßnahmen weichen und wurde am heuti­ gen Standort neu errichtet. Das Holzkreuz ist mit einem nach oben spitz zulaufenden Dach versehen. Auch links und rechts vom Längsbalken ist das Kreuz durch Holzwände vor Verwitterung geschützt. Diese Holzwände weisen Verzie­ rungen auf, die auf eine liebevolle Gestal­ tung des Kreuzes hindeuten. Der wuchtige Korpus ist ocker gefärbt und um seine Hüften ist ein Lendentuch geschlungen, das rechts verknotet ist. Die Figur des Gekreuzigten trägt braun gefärbte Haare mit einer Dornenkrone; auch der Bart hat eine braune Färbung. Über dem Korpus auf dem Längsbalken unter dem Spitzdach ist wie bei vielen Feld­ kreuzen die Kreuzesinschrift I N R I ange­ bracht. Das Wegkreuz ist ein markanter, weithin sichtbarer Punkt bei der Gabelung zwischen dem Mäderstal und dem Schnabelstal und grüßt jeden, der vorüberkommt, schon von weitem. Da das Kreuz in der Nähe des Sägehofes steht, ist anzunehmen, daß dieses Kreuz, wie viele Feldkreuze, zum Schutz für Haus, Hof und die gesamte Flur errichtet wurde. Mit diesem Ausdruck des Glaubens wollte man den Segen Gottes erflehen. Ein besonderer Anlaß für die Errichtung des Kreuzes ist nicht bekannt. Wenn man nun in das Schnabelstal ein­ biegt, gelangt man nach etwa 300 m an den Sägehof, der links von der Straße steht. Nach weiteren 200 m erblickt man ebenfalls links von der Straße ein schlichtes Holzkreuz. Das graue Holzkreuz trägt einen Korpus aus Holz, der weiß gestrichen ist. Im Unter­ schied zu vielen anderen Wegkreuzen ist der

J Das Kreuz am Eingang zum Schnabelstal geschnitzte Lendenschurz des Gekreuzigten vorne verknotet. Auch hier ist am Stammende über dem Gekreuzigten die Kreuzesinschrift IN R I auf einer Holztafel angebracht. Obwohl das Kreuz nicht sehr auffällig ist, kann man es doch schon von weitem erken­ nen. Es steht am Rande einer Wiese ganz frei. Gegenüber dem Kreuz befindet sich im Schatten eines mächtigen Baumes eine Ruhebank, die den Vorübergehenden zur Betrachtung des Leidens Christi einlädt. Geht man auf der Straße weiter, kommt man nach ca. weiteren 200 m zum Anwesen Kuner, Schnabelstal, Haus Nr. 2. Zu diesem Anwesen gehört auch dieses Kreuz. Folgt man der Straße, an dem Anwesen Kuner vorbei, so erblickt man beim Haus Nr. 3, Ganter Frieda, ein weiteres Holzkreuz. Es steht ebenfalls links neben der Straße an einem ziemlich steilen Hang, so daß man, Kreuz beim Anwesen Kuner, Schnabelstal Haus Nr.2 um das Kreuz zu sehen, den Blick nach oben richten muß. Der Längsbalken des Kreuzes ist unten mit zwei Pfählen gestützt, die dem Kreuz mehr Halt geben sollen. Längs-und Q!ierbalken des Kreuzes sind spitz auslau­ fend. Über dem Korpus des Gekreuzigten, der in schlichter Bauernkunst gestaltet ist, hängt am Längsbalken wieder die Kreuzesinschrift IN RI. Der Korpus selbst ist weiß bemalt auf einem Holzgrund. Auffällig ist bei diesem Kreuz, daß der Gekreuzigte keine Dornen­ krone trägt. Auffallend ist ferner auch das Lendentuch, das golden bemalt ist und mit einem Strick zusammengehalten wird. Am Gekreuzigten ist deutlich sichtbar die Seitenwunde, die rechts gemalt ist und an der rote Blutstropfen zu sehen sind. Dies soll an den TodJesu erinnern, als aus seiner Seiten­ wunde Blut und Wasser floß. Im Zusammenhang mit dem Tod Jesu 261

Geht man weiter talaufwärts bis die Teer­ straße zu Ende ist, dann kommt auf der rech­ ten Seite der Schnabelshof. Bei diesem Hof führt links ein Feldweg ziemlich steil zu einer Anhöhe hinauf, die man Schnabelseck nennt. Unter diesem Namen ist diese Anhöhe, die 1018 m ü. M. liegt, auch in den Wanderkarten eingetragen; denn hier führen am Waldrand mehrere Wanderwege vorbei, so der Höhenzugangs­ weg, auf dem man von Furtwangen aus sowohl nach Vöhrenbach wie auch nach Urach gelangen kann. Dort, wo der Weg vom Schnabelstal her­ auf auf diese Anhöhe gelangt und wo sich dann die beiden Wanderwege, der nach Vöh­ renbach und der nach Urach, gabeln, steht das Schnabelskreuz. Von dieser Stelle aus hat man einen schönen Blick auf das Schna­ belstal und den Schnabelshof. Das schlichte Kreuz, das hier errichtet ist, grüßt weithin ins Tal. Bei der Betrachtung des Kreuzes fällt nichts Außergewöhnliches auf: das Kreuz endet oben bei den Q!ierbalken spitz zulau­ fend. Auch der Korpus, der aus Metall ist, ist schlicht gestaltet. Er trägt einen Lenden­ schurz, der rechts verknotet ist. Auch hier befindet sich über dem Korpus am Längsbal­ ken die Kreuzesinschrift IN R I auf einer höl­ zernen Tafel. Da das Kreuz an einer exponierten Lage errichtet ist, ist es Wind und Wetter ausge­ setzt. Diese Tatsache führte dazu, daß sich das Kreuz allmählich in einem schlechten Zustand befand. Auch war es aufgrund der Wegführung schwierig, mit einem Lang­ holzfuhrwerk ins Tal herab zu gelangen, ohne daß man am Kreuz streifte. Auch dadurch ist das Kreuz schon beschädigt wor­ den. Auf Initiative von Prof. Dr. Aßbeck von der Fachhochschule Furtwangen und unter Zustimmung des Schnabelshofbauern Klaus Kuß entschloß man sich schließlich, das Kreuz zu restaurieren. Durch die Zusammenarbeit verschiede­ ner Furtwanger Bürger entstand so ein voll- Kreuz im Schnabelstal bei Haus Nr. 3 wird oft auch an seine Mutter Maria gedacht, die bei seinem Kreuz stand. Dies wird bei Wegkreuzen oft dadurch zum Ausdruck gebracht, daß am Kreuzesstamm unterhalb des Gekreuzigten in einer Nische eine Marienfigur aufgestellt ist. So ist auch hier im mittleren Teil des Stammes eine Nische mit einer Marienfigur zu sehen, die zu einem Gruß an die Gottesmutter einlädt. Leider ist die Farbe am Korpus bereits stark abgeblättert, so daß das Kreuz renovie­ rungsbedürftig ist. Denn es sollte durchaus darauf geachtet werden, daß solche Denk­ mäler der Volkskunst und Volksfrömmig­ keit, die unsere Vorfahren aus ihrem Glau­ ben heraus errichtet haben, nicht verfallen und dann verschwinden. Auch dieses Kreuz ist wie alle Kreuze im Schnabelstal Ausdruck des Glaubens an den Gekreuzigten, verbunden mit der Bitte um Segen und Schutz für Flur, Mensch und Vieh. 262

Das Schnabelskreuz vor der Renovierung 1991. Blick zum Schnabelbauernhof und ins Schna­ belstal kommen neues Schnabelskreuz: Herbert Bliestle hat das Holz für das Kreuz besorgt und das Kreuz geschaffen. Den Korpus restaurierte Jürgen Wentworth, der auch die Fundamente anfertigte. Die Erdarbeiten und die Einbetonierung des Kreuzes führte Gün­ ter Maier durch. In der Gestaltung des Kreuzesstammes wurden gegenüber dem alten Kreuz kleine Änderungen angebracht: Die Befestigung im Boden ist durch zwei Eisenträger, an denen der Kreuzesstamm festgeschraubt ist, sehr massiv; auch die Kan­ ten des Kreuzes sind durch das Anbringen kleiner Rillen etwas abgeflacht. Der Standort wurde so gewählt, daß das Kreuz durch ein Langholzfuhrwerk nicht mehr beschädigt werden kann. Am 25. 9.1991 konnte schließlich das neu Das renovierte Schnabelskreuz errichtete Kreuz wieder geweiht werden. Die Weihe, an der die Schnalbelshofbäuerin Frau Kuß und ihre Tochter sowie eine kleine Gemeinde und auch die Arbeiter teilnah­ men, nahm Pater Link vom Don-Bosco­ Heim Furtwangen vor. In einer schlichten, aber sehr würdigen Feier wurde dabei an die Bedeutung des Kreuzes für unser Leben erin­ nert. Man kann sagen, daß durch dieses Ge­ meinschaftswerk mehrerer Bürger dieses Wegkreuz vor dem Verfall gerettet wurde. Es grüßt so wieder den Wanderer aus nah und fern. Hans Hieb) 263

Denkmalpflege, Ortssanierung Das Hüfinger Rathaus Ein gelungenes Werk Am 22.123. 2.1992 wurde das neuerbaute Hüfinger Rathaus in einer Feierstunde offi­ ziell seiner Bestimmung übergeben. Ein Bauwerk, das nach über 3jähriger Bauzeit fer­ tiggestellt wurde und einschließlich Einrich­ tung, Inventar und Kunst am Bau rund 8,5 Mio. DM kostete. Durch eine modellhafte Altstadtsanie­ rung, initiiert von Altbürgermeister Gilly, wurden in der inzwischen 6800 Einwohner zählenden Bregstadt Hüfingen die Voraus­ setzungen für höhere städtebauliche An­ sprüche geschaffen. Die bauliche Substanz und das Raumprogramm des alten Rathau­ ses waren nicht mehr zeitgemäß. Deshalb ließ sich der Gemeinderat 1986 davon über­ zeugen, daß neu gebaut und ein öffentlicher Wettbewerb für das Rathaus ausgeschrieben werden müsse. 42 Arbeiten wurden von verschiede.nen Architekten abgegeben. Aus dem Wettbe­ werb ging das Architekturbüro Harter & Kanzler aus Haslach im Kinzigtal als Sieger hervor. Im Juli 1987 .erteilte das .Landratsamt des Schwarzwald-Baar-Kreises die Baugenehmi­ gung. Mit Fertigstellung des Rohbaus im Spätsommer 1988 konnte das Richtfest gefei­ ert werden. Den Richtspruch sprach Lukas Riedlinger, ein weit über die Stadt hinaus angesehener Kommunalpolitiker und selb­ ständiger Zimmermann (vgl. Almanach 1991, Seite 132 f). Nun galt es, dem Bau eine „Seele“ zu 264

geben. Zwischenzeitlich war Bürgermeister­ wahl. Auf dem Chefsessel im Rathaus hatte nun Bürgermeister Anton Knapp die Verant­ wortung für Innenausbau und Gestaltung übernommen. Der Rathausneubau paßt sich nahtlos in die alte Umgebung ein. Trotz seiner neuen, modernen Elemente wirkt er vertraut. Das liegt daran, daß im Neubau Strukturen des früheren Rathauses aufgegriffen wurden. Innen jedoch ist das Verwaltungsgebäude gekennzeichnet durch Transparenz, Klarheit und praktische Eleganz. Das Gebäude präsentiert sich in hellen Farben, in einer zeitlosen Architektur. Es wurde viel Glas verwendet. An der vorderen und rückwärtigen Front des Gebäudes ebenso, wie zwischen den einzelnen Büros, deren Trennwände im oberen Teil aus Glas­ flächen bestehen und dadurch viel Licht in die Räume bringen. Das Treppenhaus ist offen aus Stahlträgern und hellem Holz, es gestattet genügend „Durchblicke“, z.B. zum Hüfinger „Baptistle“, auf dem Platz hinter dem Rathaus, aber auch nach vorne zur 265

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Hauptstraße hin, zum achteckigen, restau­ rierten Stadtbrunnen. Auch der Aufzug ist mit Glas verkleidet. Der Benutzer erlebt somit das Gebäude. Im Dachgeschoß konnte das gesamte alte Gebälk des Dachstuhls erhalten werden. Es ist sichtbar und gibt dem darunterliegenden Saal eine besondere Note und Atmosphäre. In diesem Saal fand auch die offizielle Ein­ weihungsfeier statt. Auf einer Gesamtfläche von 2436 Q!ia­ dratmetern, von denen 630 auf das alte, sanierte Rathaus, 1565 auf das neue Rathaus und 240 auf die im Erdgeschoß unterge­ brachten Dienst- und Schalterräume der Post entfallen, sind die Räume der Hüfinger Verwaltung untergebracht. In über 25 Büro­ räumen findet sich nun genügend Platz. Der durchgehende Stil, die konsequente Bauphilosophie und Materialstruktur sind zusammen mit den Architekten ein Ver­ dienst des Bürgermeisters und seines Ge­ meinderates. Beim immer sehr ausführlich diskutierten Planungsfortgang konnte sich 268 jedoch trotz unterschiedlicher Geschmacks­ richtungen letzten Endes immer die einheit­ liche architektonische Linie durchsetzen. Änderungen, die das Gesamtbild gestört hät­ ten, konnten so vermieden werden. Im Sitzungssaal, in einigen Büros und an den Wänden der Gänge schmücken Bilder des in Fürstenberg lebenden bekannten Kunstmalers Emil Kiess das Rathaus. Der Gemeinderat beschloß diese zu erwerben, da die Gemälde sich hervorragend in das Gesamtbild integrieren und nicht mehr weg­ zudenken sind. Es scheint, sie seien allein für das Rathaus geschaffen worden. Viel Lob gab es bei der offiziellen Rat­ hauseinweihung auch von den zahlreich erschienenen Ehrengästen. Bürgermeister Knapp würdigte das Hüfinger Rathaus als ein gutes Beispiel moderner, auf alten Werten aufbauender Architektur. Es setzte einen unübersehbaren, positiven, städtebaulichen Akzent. Im Inneren überwiege nüchterne und sachliche Zweckmäßigkeit, in seiner erlebbaren Atmosphäre, die ohne ü herzogen

zu sein, auch dem Anspruch eines repräsen­ tativen Gebäudes gerecht würde. Das neue Hüfinger Rathaus sei, so der Hausherr, sicherlich auch ein Aushängeschild, auf das die Stadt Hüfingen und ihre Bürger stolz sein dürfen. Die Richtigkeit dieser Worte bestätigte sich schon bald. Der Rathausneubau der Stadt Hüfingen erhielt Ende des Jahres 1991 von der Architektenkammer Baden-Würt­ temberg eine viel beachtete Auszeichnung. Wilhelm Butschle Zur Restaurierung der Kirchdorfer Martinskirche Nach dreizehnjährigen Restaurierungsar- führt hat. Sie wurden ergänzt von den Beob- achtungen der Restauratoren Ernst Lorch und Rüdiger Rotermund sowie den vielen archivalischen Hinweisen, die Friedrich Itta aus Kirchdorf aus den Pfarrbüchern beisteu- erte. Diese Kenntnisse bestimmen das heu- tige Bild der Martinskirche und begründen ihren Wert als wichtiges alamannisches beiten wurde die Kirchdorfer Martinskirche am 15. September 1991 wieder eingeweiht (Abb. 1/2). In unserer kurzlebigen Zeit ist dies eine lange Zeit, in der rund 2000 Jahre alten Geschichte dieses Platzes und seiner Kirche aber nur ein Augenblick. Auch fällt es uns schwer, einen solchen Zeitraum zu über- schauen. Das Alte ist uns fremd geworden Geschichtszeugnis (Abb. 3). und muß in seiner Eigenart aufs neue erkannt werden. Diesem Zweck dienten die Untersuchungen, die der Verfasser als Bau- forscher in den Jahren 1978-1982 durchge- Wie vielen Kirchen in Süddeutschland geht auch der Martinskirche ein Siedlungs- platz der Römer voraus. Dies ist durch Zie- gel, Mörtelreste und eine Münze des Kaisers Abb. 1: Kirchdorf, St. Martin vor der Restaurierung 1984 270

Abb. 2: Kirchdorf, St. Martin nach der Restaurierung 1991 Nerva (96/98 n. Chr.) belegt. Die Fund­ stücke gehören wahrscheinlich zu einem Gutshof oder einer Straßenstation im Umfeld der Kirche. Heute können sie zusammen mit weiteren Funden aus der Kir­ che im Heimatmuseum Überauchen besich­ tigt werden. Der römischen· Ansiedlung folgt ein Begräbnisplatz der Alamannen. In einem zentralen Grab finden sich zahlreiche Beiga­ ben, Lanze, Schildbuckel, Spatha (Lang­ schwert) und Sax (Dolch), die den Toten als einen alamannischen Adeligen ausweisen. Aus weiteren umliegenden Erdgräbern kom­ men eine bronzene Schmuckscheibe, ein sil­ berner Beschlag mit Tierornament und meh­ rere Bruchstücke von Knochenkämmen, die alle dem 6./7.Jahrhundert zuzurechnen sind. Wahrscheinlich handelt es sich um die Gräber einer Familie aus dem alamanni­ schen Ortsadel, die bei der Landnahme den alten, römischen Siedlungsplatz übernom­ men hat. Nach einigen Generationen nimmt sie den christlichen Glauben an, wie aus dem aufgefundenen Bruchstück eines Silberkreu­ zes hervorgeht, und errichtet in der Nordost­ ecke des heutigen Kirchenschiffs eine kleine Grabkapelle, die dem 8.Jahrhundert zuzu­ ordnen ist (Periode I). Die kleine Grabkapelle wird schon bald durch eine große Saalkirche mit Vorhalle ersetzt und ist nach Bautyp und Mauertech­ nik dem 8./9.Jahrhundert zuzuschreiben (Periode II). Diese größere Kirche . hängt wohl mit dem Vordringen der Franken und der von ihnen geförderten Volksmission zusammen, die Versammlungsräume benö­ tigt. Auf diesen Zusammenhang verweisen insbesondere das Patrozinium des St. Mar­ tin, des fränkischen Hausheiligen, und meh­ rere zeitgleiche Stiftungsurkunden an das Kloster St. Gallen, einem damaligen Zen­ trum der iro-schottischen Mission, dem Kirchdorf über Jahrhunderte verbunden bleibt. In einer Ausbauphase, wahrschein­ lich um 1000, wird an das Kirchenschiff 271

, ‚ ‚ ‚ ‚ / ,.,. V. r. ll. lll. / ( ‚ ‚ ‚ ‚ ‚ / ‚/ IV. Abb. 3: Bauphasen der Martinskirche: I (8. Jh.); II (8.-9. jh.); III (um 1000); IV (um 1200); V (17.jh.); VI (um 1715); VII (1819) 272

gegen Osten em Rechteckchor angebaut (Periode III). Mit einem Neubau über den Fundamen­ ten der fränkischen Gemeindekirche und dem ursprünglich freistehenden Turm schafft St. Gallen um 1200 das bis heute bestehende kirchliche Wahrzeichen des Brigachtales (Periode IV). Einen Eindruck von der damaligen Pracht dieses Bauwerks vermittelt die durch die Renovierung freige­ legte Vorhalle. Großformatige und sorgfältig bearbeitete Kalksteinquader für Wände, Türen und Treppe prägen den Raum. An der Nordwand hat sich die ursprünglich die Innenwände bedeckende Malerei in einer geschlossenen Fläche erhalten. In den bei­ den Figuren sieht die Freiburger Kunsthisto­ rikerin Dagmar Zimdars eine Opferszene Abb. 4: Vorhalle der hochromanischen Martinskirche (um 1200): 1 Reste der Westwand; 2 Nordwand mit Wandmalerei; 3 Deckenabschluß mit Mäanderfries; 4 ursprünglich effener Nordeingang; 5 Zwi­ schenwand Vorhalle/Kirchenschiff mit Treppenanlage und Türschwelle; 6 jüngere Wandmalerei (1616/17); 7 jüngeres Rundbogenfenster (18.]h.). 273

Abb. 5: Freigelegte romanische Vorhalle nach der Restaurierung 1991 (Kain und Abel?). Diese ursprüngliche Raumfassung wird im weiteren Verlauf des Mittelalters durch große Spitzbogenfenster und neue Farbfassungen den gotischen Formvorstellungen angepaßt (Abb. 4/5). Die neuzeitlichen Veränderungen begin­ nen in der Martinsk.irche mit dem Umbau des Innenraumes im 17.Jahrhundert (Peri­ ode V). Die tieferliegende Vorhalle wird auf­ gefüllt und nach Abbruch der Zwischen­ wand mit dem Kirchenschiff zu einer großen Halle vereinigt. Dazu gehören eine neue dreizonige Ausmalung, unter der Decke ein Totentanz-Zyklus, zwischen den Fenstern Apostel, denen Sätze des Credo zugeordnet sind, und darunter mehrere Bildtafeln mit Szenen aus der Heilsgeschichte. Laut Inschrift sind sie 1616/17 entstanden und erst jetzt, nach Jahrhunderten durch die Restau­ rierung wieder sichtbar gemacht worden (Abb. 6). 274 Mit dem Neubau von Chor und Sakristei, anstelle des alten romanischen Rechteck­ chors, und dem Einbruch neuer großer Rundbogenfenster erhält der Baukörper nach 1700 sein heutiges Erscheinungsbild (Periode VI). Im Innenraum wird die Wand­ malerei von 1616/17 mit einer weißen Kalk­ schlämme überstrichen. In dem nüchternen Raum setzt die teilweise bis heute erhaltene Ausstattung mit Empore, Beichtstühlen und Kanzel sowie den Altären und Skulpturen neue Schwerpunkte. Abb. 6 (rechts): Nördliche Innenwand der Mar­ tinskirche vor der Restaurierung 1984: 1 Rest des romanischen Fenstergewände (um 1200); 2 Go­ tisches Spitzbogenfenster; 3 Renaissance-Rund­ fenster (1616/17); Wandmalerei von 1616/17: 4 Bildfeld mit Sündenfall; 5 Aposteljudas Thad­ däus mit Keule und Matthias mit Beil; 6 Toten­ tanzsune mit Tod und Wucherer.

Mit einer Verlängerung des Kirchen­ schiffs nach Westen wird die Martinskirche 1819 der wachsenden Gemeinde angepaßt (Periode VII). Die Entwicklung des Baukör­ pers ist damit abgeschlossen und die kom­ menden Generationen beschränken sich auf Renovierungen im jeweiligen Zeit­ geschmack. Gleichzeitig erhält der Innen­ raum eine neue, zurückhaltendere farbliche Raumfassung in gelblichem Ton, wie sie den damaligen klassizistischen Vorstellungen entspricht. Eine umfassende Renovierung der Grün­ derzeit wird 1906 abgeschlossen. In ihr lebt das Mittelalter wieder auf. Am Baukörper werden „Eckquadersteine“ in Putz nachge­ bildet. Und der Turm erhält neue Fensterfas­ sungen und Staffelzinnen in mittelalterli­ cher Form aus auffälligem roten Sandstein. Ebenfalls nach mittelalterlichem Vorbild werden die Wände und die Decke farben- prächtig gefaßt. Die Motive aber kommen nicht mehr aus der Heilsgeschichte, sondern zeigen mit aufgemalten Steinquadern und Blumengirlanden Elemente der Natur. Die heute noch bestehenden bunten Glasfenster werden eingebaut und mit den barocken Seitenaltären sowie dem neuen Hauptaltar von 1906 in ein Farbkonzept eingebunden (Abb. 7). Die nächste Renovierung, um 1938 durch­ geführt, macht die „Farbenpracht“ der Jahr­ hundertwende wieder rückgängig. In Anleh­ nung an die Raumfassung von 1819 werden die Innenwände erneut in einem neutralen graubeigen Ton gestrichen, der die bunten Glasfenster und Altäre dämpft. Im Chor wird in einem Deckenbild der Patron der Kir­ che zeittypisch, in kraftstrotzender Manier dargestellt. Außerdem hält ein bisher nie dagewesener Komfort seinen Einzug in die Kirche, eine Heizung (Abb. 8). Abb. 7: Innenraum von St. Martin nach Abschluß der langjährigen Renovierungsarbeiten 1906 276

Abb. 8: Innenraum von St. Martin nach der Renovierung von 1938 Ein weiterer Umbau kommt dann wieder in den 70er Jahren ins Gespräch. Chorhaus und Turm sollen als Wahrzeichen der alten Kirche erhalten bleiben. In einem zeitgemä­ ßen Kontrast dazu ist, anstelle des alten Kir­ chenschiffs, ein größerer Gemeinderaum in einer modernen zeltartigen Form geplant. Erst die mit den Baumaßnahmen verbunde­ nen Voruntersuchungen machen dann das hohe Alter des Kirchenschiffs bewußt und führen schließlich zu einem Umdenken. Die Martinskirche wird in ihrer Gesamtheit als ein erhaltungswürdiges Geschichtszeugnis anerkannt. Für die heutigen Bedürfnisse der Pfarrei aber wird mit dem Neubau der Kirche Allerheiligen ein modernes Gemeindezen­ trum errichtet. Solche tiefen baugeschichtlichen Er­ kenntnisse sind nicht mehr nur durch die genaue Beobachtung möglich, sie erfordern auch zerstörende Eingriffe, wie das Aufbre­ chen von Boden- und Putzflächen. Sie sind in diesem Umfang nur bei einem vom Abbruch bedrohten Baudenkmal gerechtfer­ tigt. Auch sind sie nur vertretbar, wenn alle Beobachtungen schriftlich und zeichnerisch 277

festgehalten und die Funde sichergestellt werden. Eine solche Dokumentation macht die Geschichte der alten Martinskirche in ihren vielfältigen Phasen wieder gegenwärtig und fördert das Verständnis für ihren Erhalt. Die Restaurierung von St. Martin erfolgt in den Jahren 1984-1991 in enger Zusammen­ arbeit des Verfassers als Konservator mit dem Architekten Hermann Hupfer aus Villingen, dem Restaurator Ernst Lorch aus Sigmarin­ gen und dem aus dem Schwarzwald stam- menden Drechsler Johannes Rieber, der in Lommedalen/Norwegen die neue Treppe und die Balustraden gefertigt hat. Das denk­ malpflegerische Konzept versucht in beson­ derem Maße den geschichtlichen Werde­ gang des Bauwerks, wie er sieh aus den Unter­ suchungen ergibt, aufzugreifen und aufzu­ zeigen (Abb. 9/10). Ein Pflegen und Konservieren der jüng­ sten Phase von 1938 scheidet danach aus. Dies ist begründet durch die Tatsache des Abb. 9: Innenraum von St. Martin nach Abschluß der Bauuntersuchung 1982 278

Abb. 10: Innenraum der Martinskirche nach Abschluß der Restaurierung 1991 Abbruchantrags und der nachfolgenden Bauuntersuchung, die einem solchen Kon­ zept sowohl die geistige als auch die mate­ rielle Grundlage entzogen hat. Auch die Rekonstruktion eines älteren Zustandes, zum Beispiel des 12.Jahrhun­ derts, würde weitere wertvolle jüngere Schichten, wie die Malerei von 1616/17, aus­ löschen. Außerdem machte sie die Kirche zu einem zwar historischen, aber weitgehend hypothetischen Anschauungsmodell, das den Lauf der Geschichte leugnet und wenig mit dem Leben der heutigen Gemeinde zu tun hätte. Nur eine Renovierung, die die Martinskir­ che kritisch fortschreibt, nimmt die histori­ sche Kontinuität ernst. Sie fügt den vorhan­ denen historischen Schichten eine weitere moderne Schicht zu, die aber in den vorher­ gehenden Phasen wurzelt und so den histo­ rischen Prozeß fortsetzt. Altes aus verschie­ denen Epochen wird deshalb in seinem Bestand nach Möglichkeit nur gepflegt und in seinem gealterten Zustand sichtbar erhal­ ten. Auch Schadhaftes wird anerkannt und mit heutigen Mitteln nur ausgebessert, ohne den alten Bestand zu gefährden. Das Feh­ lende aber wird mit neuen Elementen 279

280

ergänzt, die Vorhandenes aufgreifen und fortschreiben. Daraus ergeben sich vielfäl­ tige Überlagerungen von Alt und Neu, die in Funktion und Form, in Material und Bau­ technik die alte Martinskirche neu aufleben lassen. In ihrer Funktion dient St. Martin weiter­ hin als Gotteshaus, aber in Art und Maß wird diese Nutzung dem alten Gebäude ange­ paßt. So führt der Weg von der kleinen ala­ mannischen Grablege über die große fränki­ sche Gemeindekirche zur heutigen räumlich unterteilten Kirche für werktägliche Gottes­ dienste und religiöse Feiern zu den indivi­ duellen Lebensabschitten wie Taufe, Hoch­ zeit und Tod. Ihre neue Funktion als Geschichtszeugnis aber, die der Kirche durch die Bauuntersuchung zugewachsen ist, tritt dahinter zurück. Die freigelegten historischen Schichten machen sie nicht zum Museum. Sie verdeutlichen nur die weit zurückliegenden sakralen Wurzeln dieses Gotteshauses. Auch in ihrer Form werden die alten Schichten der Martinskirche aufgegriffen, selbst wenn sie nur noch in Bruchstücken auf uns gekommen sind. So bietet der Baukörper aus der Feme das seit 1819 bestehende geschlossene Bild. Doch in der Nähe zeich­ nen sich die Spuren seiner Geschichte in den verschiedenen Fensterausbrüchen der Nord­ seite und am Südportal ab (Abb.11/12). Auch im Innern bleibt der in Jahrhunderten gewachsene langgestreckte Kirchenraum erfaßbar, zeigt aber auch in den freigelegten Raumabschnitten seine geschichtliche Ent­ wicklung. Die wiedergeöffnete romanische Vorhalle vermittelt in ihren Mauer- und Malereiresten etwas von der Pracht und Sorgfalt des 12.Jahrhunderts. Im Kirchen- Abb. 11 (links): Nordfassade mit ursprünglichen Öffnungen: 1 Romanisches Rundbogenfenster um 1200; 2 Gotisches Spitzbogenfenster; 3 Renais­ sance-Rundfenster von 1616/17; 4 Kanzelauf gang vor 1680; 5 Baracke Rundbogenfenster um 1715. schiff wird die romanische Malerei über­ deckt von den Resten der farbenfrohen Renaissance-Malerei. Sie selbst wird überla­ gert von den Fenstern und der Ausstattung des 18. und 19.Jahrhunderts. Nur der Chor zeigt noch die jüngste Raumfassung von 1938. Diese Reste vergangener Zeiten werden nicht zu einem Gesamtkunstwerk verein­ heitlicht, sondern als Fragmente anerkannt und an den Nahtstellen zusammengebun­ den. So verdeutlichen die leichten Balustra­ den und die Treppe die Raumabschnitte, ohne den gewachsenen Gesamtraum zu unterbrechen. In den neuen durchlaufenden Plattenboden aus Marbacher Oolith ist die freigelegte romanische Vorhalle eingeschnit­ ten und der „barocke“ Sandsteinboden der Altarzone eingehängt. Mit dem modernen Kalkglättputz der Wände sind die Reste der Wandmalerei des 12. und 17.Jahrhunderts facettenartig verwoben. Und die barocke Kassettendecke überspannt in ihrer neuen graugrünen Fassung, die sich an einem Befund von 1819 orientiert, die verschiede­ nen Raumabschnitte. Die neuen Elemente, die Treppe, die Türen, Balustraden und Stühle ordnen sich den Bruchstücken aus vergangenen Zeiten unter und weisen den­ noch eigenständige Formen unserer Zeit auf (Abb.13). Selbst das Material, aus dem das Gebäude besteht, bezeugt in seinen Eigenschaften, seinem Verfall und seinen Schäden eine geschichtliche Entwicklung, mit der es zu leben gilt. An den alten Mauern, Wandmale­ reien und Ausstattungsstücken bleiben des­ halb die Spuren und Wunden einer früheren Nutzung und deren Eingriffe sichtbar und werden -soweit möglich-gepflegt. Nur ver­ fallene Teile werden durch neues Material ergänzt, das aber in seinen Werkstoffeigen­ schaften und seinem Alterungsverhalten, weniger in seiner Oberfläche, dem alten glei­ chen muß. So werden in die alte Vorhallen­ wand aus Marbach er Oolith neue Steine der­ selben Lage aus dem Klengener Steinbruch eingefügt, obwohl sich diese von den alten durchgeglühten Q!iadern in Struktur und 281

Abb. 13: Freigelegte romanische Vorhalle mit moderner Emporentreppe und Balustraden; Trep­ penpodest aus Marbacher Oolith, Treppenaufbau aus schichtverleimten und gewachsten Eichenholz Farbe unterscheiden. Auch moderne Bau­ stoffe werden eingesetzt. Sie müssen aber altern können und sich pflegen lassen, so daß sie sich in den baugeschichtlichen Pro­ zeß einfügen. Das wird an den Fassaden mit dem Außenputz in Kalle und den verzinkten Eisenteilen erreicht. Sie patinieren leicht und lassen sich durch Anstriche erhalten. Auch die Einbauten aus Eiche und Buche haben gewachste Oberflächen, die durch Pflege angenehm altem (Abb.14/15). Abb. 12 {links}: Romanisches Südportal nach der Freilegung mit ergänzten Steinquadern und modernem Türeinbau von 1991; darüber ver­ mauertes Portal des 17.Jahrhunderts Abb. 14: Emporentreppe mit Austritt auf die Empore und Rückblick in die Vorhalle 283

Abb.15: Freigelegter Treppenaufgang in den Kirchenraum; Romanische Türschwelle mit eingearbeiteten Türangeln und modernen Steinergänzungen Ebenso gilt es die Bautechnik des alten Bauwerks mit ihren Eigenarten und ihren handwerklichen Bearbeitungsspuren zu be­ wahren. Dies bedeutet, sich mit ihrer gegebe­ nen und eventuell reduzierten Leistungsfä­ higkeit abzufinden. Neue Anforderungen werden durch zusätzliche moderne Bauglie- Abb.16: Südwand auf der Empore nach der Frei­ legung 1984 der, möglichst ohne Eingriffe in das Alte, gelöst. So fehlt im alten Mauerwerk eine Sperrschicht gegen aufsteigende Feuchtig­ keit, die wird jetzt ohne Eingriffe in die Mau­ ersubstanz allein durch eine Drainage, eine geeignete Bepflanzung des Mauerfußes und den neuen Kalkputz abgeführt. Auch die überhängende Nordwand, die durch zu schnelles Aufmauern im 12.Jahrhundert bedingt ist, kann nach einer kurzfristigen Sicherung während der Bauzeit erhalten wer­ den. Und im Dachstuhl genügt es, die geschädigten Holzteile durch zusätzliche Teile zimmermannsmäßig zu verstärken. Ebenso bleiben in der Vorhalle am romani­ schen Mauerwerk die Bearbeitungsspuren mit dem Steinbeil weiterhin sichtbar. Die ergänzenden neuen Quader aber setzen sich bewußt davon ab und sind, wie heute üb­ lich, gesägt und sandgestrahlt. Konsequent besteht auch der neue Steinboden aus 284

Kirchengemeinde wider. Dazu gehören die Kanzel und Seitenaltäre des 18.Jahrhunderts und der Hochaltar von 1906, aber auch die Statue des St. Martin aus dem 16.Jahrhun­ dert auf dem linken Seitenaltar sowie die zahlreichen Skulpturen der nachfolgenden Jahrhunderte. Diese Ausstattung hat der Restaurator dokumentiert und wie die Wandmalerei in ihrem „Ist-Zustand“ restau­ riert. Ihre Aufstellung folgt alten Photogra­ phien und steigert sich dem angestrebten Ordnungskonzept folgend vom Westein­ gang zum Chor mit seiner Altargruppe. Dort wird dann auch der neue Zelebrationsaltar mit Ambo seinen Platz finden (Abb.16/17). Die Bauausführung dieses vielschichtigen und denkmalverträglichen Konzeptes ist mehreren günstigen Umständen zu verdan­ ken. Das Restaurierungskonzept wird von einer genauen Kenntnis des Gebäudes getra­ gen, die sich aus der baugeschichtlichen Analyse ergibt. Der langsame Baufortschritt ermöglicht es, die Detailfragen und ihre Lösungen am Bauwerk selbst, Schritt für Schritt, zu erarbeiten. Die Voraussetzung dafür schafft der gleichzeitige Bau der neuen Pfarrkirche. Dadurch erst wird die Gemeinde in die Lage versetzt, für diese langwierige Arbeit Verständnis aufzubringen. Dazu kommt eine jahrelange vertrauensvolle Zusammenarbeit von Kirchengemeinde, Erzbischöflichem Ordinariat, Landesdenk­ malamt, Architekturbüro und Restaurator mit den vielen einheimischen Handwerkern, die alle mit Begeisterung daran mitgewirkt haben. Hannes Eckert Quelle: Hannes Eckert / Friedrich Itta / Rüdiger Rotermund / Dagmar Zimdars, Zur Bau­ und Kunstgeschichte von St. Martin, in: Pfarrgemeinde Brigachtal (Hg.), Fest­ schrift zur Wiedereröffnung der Kirche St. Martin, Villingen 1991, S.1–67. 285 Abb. 17: Südwand auf der Empore nach der Restaurierung des freigelegten Rundfansters und der Wandmalerei von 1616117: Totentanzszene mit Krüppel; Kopf des Apostels Philippus mit Credo-Artikel „(von) dann(en) er kommen wirdt Zu Rich(ten) ( die) Lebendig(e)n und die todten „; Rundfanster mit Rankenfassung; Jüngere Raum­ fassungvor 1700: Rundfanster mit Fruchtgehänge und Putto unter der Decke; Fenstervermauerung im 18.jahrhundert; Hacklöcher aus dem 19. Jahrhundert mit moderner Kalkmörte!füllung; Moderner Wandüberzug in Kalkglätte. genormten und modern bearbeiteten Plat­ ten, die aber zu einem lebendigen Teppich zusammengesetzt sind. Und in der neuen Treppe, den Balustraden und Stühlen ver­ bindet sich die Tradition der Schwarzwälder Drechselkunst mit dem modernen Verfah­ ren der Schichtverleimung. Unter der Ausstattung finden sich eben­ falls Altäre und Skulpturen aus den verschie­ densten Stilepochen und spiegeln sehr anschaulich das wechselnde Leben der

Die Villa Grüninger im Stadtbezirk Villingen Die Jugendstilvilla erstrahlt in neuem Glanz Die Villa Grüninger in der Güterbahnhofstraße 3 im Stadtbezirk Villingen ist.für die Villinger ein bekanntes Haus. Mit der Glockengiefserdynastie der Grüninger ist es aufs engste verbunden. Der Glok­ kensachverständige des Erzbistums Freiburg, Kurt Kramer, hat in dieser Ausgabe des Almanach, Seite 241 ff., die Entwicklung der Glockengiefserei Grüninger nachgezeichnet. In den nachfolgenden Ausfüh­ rungen soll die Renovierung des Gebäudes, das unter Denkmalschutz steht,festgehalten werden. Die Villa Grüninger wurde im Jahre 1989 von den Eheleuten Horst und Edeltraud Scherzinger erworben. Eigentümer war damals der Schwarzwald-Baar-Kreis. ,,Ein Glück, daß wir die Villa nicht abreißen lie­ ßen“ erklärt gelegentlich der Landrat, wenn das Gespräch auf die Villa Grüninger kommt. Horst Scherzinger, der sich in Lahr zum Restaurator im Malerhandwerk ausbilden ließ, kam mehr durch Zufall an die Villa. Bei einem Spaziergang wurden er und seine Frau auf das Haus aufmerksam und fingen Feuer. „Hier stellte sich uns eine lohnende und anspruchsvolle Aufgabe“, erinnern sich die neuen Besitzer. Im Herbst 1989 wurde mit der Sanierung begonnen. Rund um das Gebäude mußte das Haus bis unter die Fundamente ausgegra­ ben werden. Weil die Mauern sehr naß waren, mußte eine Drainage gelegt werden. Die Arbeit an dem Gebäude erwies sich als sehr schwierig: – Der Hauseingang wurde unter Verwen­ dung der alten Maße entfernt und neu gesetzt. – Sämtliche alte Leitungen (Gas, Wasser, Strom) mußten entfernt und neu gelegt werden. – Das Haus mußte dreimal umgerüstet wer­ den. Einmal für die Natur- und Sandstein­ arbeiten. Die Natur- und Sandsteine wurden am ganzen Haus gereinigt, mit Kieselsäureester in mehreren Arbeitsgän­ gen gefestigt und mit Natursteinersatz ergänzt. – Ein anderes Mal wurde das Gerüst für die Reparatur des Naturschieferdaches und 286 Hauswappen die neuen Ablaufrohre umgesetzt. Das Naturschieferdach ist noch das Original aus dem Jahre 1899. Es wurde vorläufig nur ausgebessert, steht aber in einigen Jah­ ren zu einer Restauration an. Die heutigen Umwelteinflüsse verursachen immer schnellere und größere Schäden. Ein Naturschieferdach mit den verspielten Türmchen ist nicht ganz einfach zu dek­ ken, weil es nur noch wenige Dachdecker gibt, die diese diffizile Arbeit beherr­ schen. Die Kuppeln für die Türmchen

A Ostseite nach der Scheinarchitekturmalerei Südseite nach der Restauration l‘ 287

Hinweis auf den Erbauer Benjamin Crüninger haben zum Teil gefehlt oder waren undicht. Sie wurden in Handarbeit wie­ derhergestellt und mit 24 Karat Gold­ auflage versehen. Viele Holzteile an den Wehrtürmchen mußten nachgeschnitzt werden, weil sie durch die Umweltein­ flüsse abgefault waren. – Viel Aufwand verursachte auch die Re­ konstruktion und Restauration der ur­ sprünglichen Fassadenmalereien an der Süd- und Nordseite. Die Ostseite als frü­ here Rückseite des Hauses war nicht zu sehen; das Haus war deshalb nur verputzt und gestrichen worden. Wenn man heute vom Sitzungssaal des Landratsamtes auf die Ostseite der Villa Grüninger blickt, merkt man an der Außenfassade keine großen Unterschiede mehr. Es wurde vom Eigentümer eine Scheinarchitektur­ malerei ausgeführt, die sich gut an die drei anderen Seiten des Hauses anpaßt. Nicht nur außen, auch innen erwartete den Restaurator eine Menge Arbeit. Der Stuck an den Decken war in jedem Zim­ mer abgebrochen und oft überhaupt nicht mehr vorhanden. Wie ein Stukka­ teur‘ wurde nachgeformt, restauriert und ergänzt. Eine unvorstellbare Arbeit, wenn man weiß, wie schwer Stucknaturgips an Decken ist. – Auf jedem der drei Stockwerke wurde eine Etagenheizung eingebaut. Die Löcher, die für die Leitungen hineingeschlagen werden mußten, wurden wieder zugegipst. 288

Jugendstilornament an der Südseite nach der Restaurierung – Auch die Terrazzoböden wurden mit erheblichem Aufwand von einem Terraz­ zomeister aus Rottenburg abgeschliffen. Parkettböden mußten ganz herausge­ nommen werden, weil der Boden schief war und an der Süd- und Westseite stark aufgefüllt werden mußte. Die Panelen wurden einzeln herausgenommen, gesäu­ bert und für die Neuverlegung numeriert. Einige Wochen Arbeit für den Schreiner! – Alle alten Türen wurden gerichtet und restauriert. Weil das Haus früher von Tip­ pelbrüdern und Einbrechern, auch von Jugendlichen aus der Umgebung oft heimgesucht wurde, entstand an den Türen großer Schaden. Die Türen waren aufgebrochen und oft durch Feuer ver- sengt oder verkohlt und die Türschlösser waren herausgerissen. Nun erstrahlt alles Holz grau seidenmatt gestrichen, schöner vielleicht als früher. Im Treppenhaus wurden die alten Eichen­ tritte abgeschliffen, gerichtet und gelackt. Seine Wände wurden nach alten Vorlagen zum Teil mit Bordüren schabloniert und in Wickeltechnik wiederhergestellt. Insgesamt wurden in Eigenarbeit ca. 9 .500 bis 10.000 Stunden aufgebracht. Sie haben sich gelohnt! Das Haus ist so geworden, wie wir es haben wollten. Ohne Idealismus hät­ ten wir uns dieser zeitraubenden und auf­ wendigen Arbeit nicht annehmen können. Horst und Edeltraud Scherzinger 289

Museen Ein neues Museum im Schwarzwald-Baar-Kreis Das Uhren-Industriemuseum in Schwenningen An historischem Ort – in der ältesten Uhrenfabrik Württembergs -wird ein neues Museum entstehen, das sich im Reigen der Uhrenmuseen des Schwarzwaldes einer jün­ geren Epoche und vor allem ganz anderen Museumsgegenständen widmen wird: den Maschinen und Werkzeugen aus der indu­ striellen Uhrenproduktion vorwiegend des frühen 20. Jahrhunderts. Die Uhrenindustrie hat die Geschichte, das Leben und damit das Stadtbild Schwen­ ningens wie auch vieler anderer Orte der mittleren Schwarzwaldregion stark beein­ flußt. Schon in der Hauptphase der sog. ‚Uhrenkrise‘ in den 70er Jahren, als immer mehr Fabriken mechanischer Uhren die Pforten schlossen, hat es deshalb erste Initia­ tiven zur Einrichtung eines Museums oder wenigstens einer Museumsabteilung zu die­ sem Industriezweig gegeben. Doch erst jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem ‚alles‘ zusammenpaßt: Die Räumlichkeiten sind vorhanden, Museumsgegenstände sind ge­ sammelt, Geld für eine Museumseinrich­ tung ist in Aussicht gestellt und es haben sich eine ganze Reihe von Leuten und Institutio­ nen bereit- und zusammengefunden dieses Projekt tatkräftig umzusetzen. Am 30. Januar 1992 war die Gründungsversammlung des Trägervereines „Uhrenindustriemuseum Vil­ lingen-Schwenningen“. Oberbürgermeister Dr. Gebauer repräsentierte die Stadt, die das Projekt zu einem guten Teil finanziert, und wurde zum ersten Vorstand des Vereines gewählt. Landrat Dr. Gutknecht sichert durch seine Vorstandsmitgliedschaft im Ver­ ein die Unterstützung des Projektes von sei­ ten des Schwarzwald-Baar-Kreises. Schon mehrere Jahre war und ist der „Förderkreis lebendiges Uhren-Industriemuseum e. V.“ 290 Die „ Württembergische“ im fahr 1968 aktiv, dessen erklärtes Ziel die Einrichtung eines solchen Museums ist und durch dessen Sammlungs- und Rettungsaktionen der Grundstock der Museumssammlung bislang aufgebaut wurde. Aus eigener Finanzkraft dieses über 100 Mitglieder zählenden Ver­ eines kann allerdings ein solches Projekt nicht bewältigt werden. Deshalb mußten vom Förderkreis zunächst die ‚Stadt‘ und der ‚Landkreis‘ aber auch zahlreiche Sponsoren aus der ‚freien Wirtschaft‘ -wie z.B. der Ver­ band der Uhrenindustrie und die IHK – gewonnen werden. Zuschüsse vom Land Baden-Württemberg für ein solches Unter-

nehmen können ebenfalls erwartet werden. Ein spezielles, dem langsamen Entstehungs­ prozeß des Museums angepaßtes Kultur­ sponsoringkonzept wurde dabei von der fin­ digen Vorstandschaft des Förderkreises ent­ wickelt, dieses bindet die Geldgeber aus der Industrie durch Patronatschaftsverträge über mehrere Jahre an das Projekt an. Mit jähr­ lichen Einzelbeträgen können sie so das Pro­ jekt auf die sinnvollste Weise fördern. Eine wissenschaftlich fundierte Rahmen­ konzeption, in der die thematisch-museale Umsetzung der Museumsideen in die Muse­ umsräume vorgedacht war, lag ebenfalls schon zum Zeitpunkt der Vereinsgründung vor. Die Kultur- und Museumswissenschaft­ ler der Dusslinger Forschungsgruppe Kul­ turgeschichte und Sachgut (Fokus) hatten bereits im Auftrag und in Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung Villingen-Schwen- ningen, den ehrenamtlichen Förderkreismit­ gliedern und dem Leiter des Schwenninger Archivs und Heimatmuseums, Dr. Reinartz, eine erste Kostenschätzung des Projektes wie auch die räumliche Umsetzung der inhaltli­ chen Ideen formuliert. Sie sollen auch wei­ terhin die Realisierung planen und betreuen. Auf über 500 Quadratmetern Ausstel­ lungsfläche wird das Hauptthema, die indu­ strielle Fertigung von Uhren, vorgestellt wer­ den. Die künftigen Besucherinnen und Besucher des Museums sollen bei einem Gang durch das Museum einen Einblick erhalten, wie im ‚Zeitalter der mechanischen Uhr‘ eine Uhrenfabrik funktionierte, wie die Arbeitsplätze damals dort aussahen. Ja, an verschiedenen im Museum aufgebauten historischen Fabrikarbeitsplätzen soll rich­ tiggehend ein mechanischer Wecker – in einer sehr kleinen Stückzahl allerdings -pro- Blick in die Fertigung (Metallverarbeitung) der Württembergischen Uhrenfabrik um 1900 291

duziert werden. Einige Arbeitsschritte dieses Herstellungsablaufes, der in einer Uhrenfa­ brik in über hundert Einzelprozesse aufge­ teilt war, werden im Museum mit Hilfe der ehrenamtlichen Kräfte des Förderkreises und einem hauptamtlichen Museumstech­ niker dem Publikum richtiggehend vorge­ führt werden, so daß sozusagen ein hautna­ her Eindruck von der Arbeit unserer Vorvä­ ter und -mütter in solchen Produktionsräu­ men entstehen kann. Ganz auf dem Niveau der heutigen Museumspräsentation sollen neben den personalen Vorführungen, die professionell museumspädagogisch betreut werden, auch erläuternde Bilder und Texte die technikgeschichtliche und die sozialge­ schichtliche Dimension der vorgestellten Objekte und Maschinen aufscheinen lassen. Zusammen mit diesen werkenden Ma­ schinen und Menschen wird noch eine wei­ tere Sehenswürdigkeit zu finden sein: Es gibt eine Serie von über 20 Stereofotografien, die in dreidimensionaler Illusion die reale Situa­ tion in der Schwenninger Urgos-Fabrik in den 20er Jahren dieses Jahrhunderts doku­ mentieren. Die Stereofotografie selbst ist ja schon eine technikgeschichtliche Rarität. Um diese wertvollen Bilder nun, ohne ihnen Schaden zuzufügen, vielen Besuchern vor­ führen zu können, muß eigens noch ein spe­ zielles Vorführgerät entwickelt werden. Unglaublich breit ist die Palette der Pro­ dukte aus der Uhrenindustrie. Laien staunen zunächst, wenn sie ein erstes Mal mit dieser Vielfalt, die auch ‚technische Uhren‘ um­ faßt, konfrontiert werden. Die Sammlung des Uhrenindustriemuseums ist jedoch in diesem Bereich noch nicht so weit ausge­ baut, daß die Gesamtheit aus eigenen Beständen bestritten werden kann. Hier wer­ den die städtischen Museen Villingen­ Schwenningens mit Leihgaben einspringen. Die Idee ist, in einem Raum einen -auch historischen -Qierschnitt der Produktviel­ falt dieser Branche zu bieten: von der Nacht­ wächterkontrolluhr des ersten Uhrenfabri­ kanten Bürk über die Parkuhr mit Strafzettel zum ‚Kiss-kiss-Wecker‘. 292 Doch soll nicht nur gestaunt werden in diesem Museum. Ein Erlebnisraum in Form eines riesenhaft vergrößerten Weckerwerks, das die Besucher durchschreiten können, ist vorgesehen, wie auch verschiedenste Appa­ raturen und Gerätschaften, die ’sinnreich‘ die Funktionsweise einer Uhr und ihrer ein­ zelnen Elemente ‚begreifen‘ helfen. Dort darf und soll dann durchaus auch mal etwas angefaßt werden, denn die stabilen ‚Lehrmit­ tel‘ sollen dazu dienen, daß durch die sinn­ liche Erfahrung auch technische Laien den ‚Durchblick‘ in der Uhrentechnik erringen. Fabriken wurden nicht nur von den Fabrikherrn betrieben und auch nicht nur von der Arbeiterinnen und Arbeitern, bei­ den Gruppen aber soll im Museum ein Ehrenplatz eingeräumt werden. In zeitlich wechselnder Abfolge sollen Gegenstände und biografische Zeugnisse jeweils einzelner Uhrenarbeiter oder Fabrikanten ausgestellt werden. Interessante Biografien und lebens­ geschichtliche Zeugnisse stehen in Aussicht. Welche Abteilungen eine solche Fabrik insgesamt besaß, was noch an Verwaltungs­ und Distributionsbereichen dazugehörte und wie diese miteinander in Verbindung standen, woher überhaupt die Kraft, die Energie zum Betrieb eines solchen Kom­ plexes kam, das wird direkt am Fuße des gro­ ßen Schornsteins im Kesselhaus der Fabrik vorgestellt werden können. Das Fabrikgebäude der „Württembergi­ schen Uhrenfabrik“, das in seinen ersten Bauabschnitten schon in den 1860er Jahren von Johannes Bürk, dem bedeutendsten Schwenninger Uhrenfabrikanten, erbaut worden war, ist natürlich ein idealer Ort zur Ausstellung der Industriegeschichte der Region. Zugleich wird durch das Museums­ projekt auch der Erhalt eines der letzten Fabrikschornsteine Schwenningens und des Kesselhauses dieser Anlage ermöglicht, Gebäudeteile, die schwer einer anderen Nutzung zugeführt werden könnten. Durch einige Um-und Anbauten werden diese frei­ stehenden Museumsbereiche an das Fabrik­ gebäude angebunden. Die Baumaßnahmen

werden noch von der jetzigen Besitzerin, einer städtischen Wohnbaugesellschaft, durchgeführt und sollen dem Publikum einen museumsgerechten Rundgang ermög­ lichen. Allen Beteiligten des Projektes ist klar, daß nur eine kontinuierliche Weiterarbeit auch nach der Eröffnung eine solche Einrichtung auf Dauer attraktiv hält. Dies und die selbst­ kritische Erkenntnis, daß ein solches Museum immer nur Ausschnitte und Ein­ blicke in die historische Wirklichkeit zeigen kann, mündete darin, daß von Anbeginn an ein Wechselausstellungsraum eingerichtet werden wird, dessen Größe und Ausstattung auch später, wenn die Museumsprofis nicht mehr finanziert werden, noch häufig Wech­ selausstellungen zu den verschiedensten Themen um die Uhrenindustrie der Region ermöglicht. Im Verein selbst sind einige her­ ausragende Industriegeschichtsforscherin­ nen und -forscher aus der Region aktiv und das Museum kann ein Forum werden, wo die neuesten historischen Erkenntnisse ausge­ tauscht und auch einer breiten Bevölke­ rungsschicht vorgestellt werden können. Eine ganze Reihe an Ideen für Wechselaus­ stellungen wurde schon formuliert, sie reicht von der Darstellung der Fabrikarchitektur auf den Firmenbriefköpfen bis hin zur Vor­ stellung der Restaurierungsmethoden der Spezialisten aus dem Museumsförderkreis. Angestrebt wird eine Eröffnung noch im Jahr 1993. Die Fördervereinsmitglieder, die Mitarbeiter der städtischen Museen und die beauftragte Forschungsgruppe Kulturge­ schichte und Sachgut sollen zusammen die­ ses Projekt in den Räumlichkeiten der älte­ sten Uhrenfabrik Württembergs in Schwen­ ningen realisieren. Jederzeit willkommen sind dem Projekt immer noch weitere Spen­ der und Sponsoren, denn ehrgeizige Projekte sind teuer, aber man kann damit auch -und man kann dort wirkungsvoll – repräsentie- ren. Frank Lang M.A. Bartholomäus Zeitblom in den Fürstlich Fürstenbergischen Sammlungen in Donaueschingen Das Bild von Mariä Heimsuchung (Die Visitatio) Luk 1, 39.45 Wer die Kunstsammlungen der fürst­ lichen Familie der Fürstenberger in Donau­ eschingen besucht, der kann das erleben, was man eine Begegnung nennt. Hunderte von Bildern in großen Sälen und langen Gängen begrüßen den Besucher ohne Worte, doch mit stillem Leuchten. Und irgend eines der vielen Bilder, die der Gast betrachtet hat, wird ihm sicher für lange Zeit im Gedächtnis bleiben; ist es so, so hat er eine echte Begegnung erlebt, und er wird vielleicht danach trachten, diese Begegnung nach kurzer Zeit wieder von neuem zu erle­ ben. Heute wollen wir uns einem Bild zuwen­ den, das selbst eine Begegnung zum Inhalt hat. Nachdem wir den strahlenden Farb- glanz des Meisters von Meßkirch hinter uns gelassen haben, empfängt uns ein kleines Kabinett mit den Bildern von Bartholo­ mäus Zeitblom. Eines davon gehört zu den großen Kostbarkeiten der Sammlungen, es ist die Darstellung des Besuches von Maria bei ihrer Base Elisabeth, im religiösen Sprachgebrauch „Mariä Heimsuchung“ genannt. Kein dramatisches Bild spricht zu uns, sondern ein Bild, erfüllt von beredter Stille und doch voller prophetischer Kraft. · Zwei Mütter begegnen sich, die ihre im voraus angekündigten Söhne erwarten: Jesus und Johannes der Täufer, den Vorläufer J esu. Von hier erklären sich alle Sinnzusammen­ hänge des Bildes. In diesem Bild mischen 293

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sich Theologie, Heilsgeschichte, Mensch­ lichkeit und im Hintergrund auch höchste religiöse Dichtung zu einer unzertrennli­ chen Einheit zusammen. Viele solcher Heimsuchungsbilder kennt die Kunstgeschichte, und von allen hebt sich das Donaueschinger Bild ab. Zwei Frauen begegnen sich und legen in unendlicher Zartheit ihre Hände zum Gruß ineinander. Keine stürmische Umarmung wird gezeigt, sondern nur der Händedruck der beiden Frauen. Die höchste Konzentra­ tion des Bildes auf das Wesentliche gelingt Zeitblom ohne Pathos. Er verzichtet auf jeg­ liches perspektivisches Beiwerk, das er auf einem Bild des gleichen Motivs im Ulmer Museum einbaut. Der Hintergrund besteht nur aus zwei Farben, in der Mitte Gold, in der Höhe Dunkelblau. Davor stehen die zwei Personen. Das ist der ganze „Aufwand“. Damit zeigt sich sofort das darstellerische Interesse Zeitbloms: nämlich die Darstel­ lung von Personen. Auf unserem Bild arbeitet er mit seinem ureigensten Können: „Ausgezeichnete Cha­ rakterköpfe hat Zeitblom geformt“, sagt Alfred Stange. Außer von den Händen lebt unser Bild von den beiden Gesichtern. Zuge­ wandt sind sich die beiden Frauen, doch sie schauen sich nicht gegenseitig ins Gesicht. Ihr Blick geht in weite Femen. Ihr Gesichts­ ausdruck ist ernst und der von Elisabeth fast schwermütig. Viele Zeitblomsche Figuren zeigen diese Schwermut. Im Antlitz der hl. Elisabeth blicken uns in ihrem tiefen Ernst die Züge einer gereiften Frau an. Ein solch kraftvoller Ausdruck der dargestellten Per­ son in ihrer ureigensten Individualität findet sich sonst kaum noch in den Bildern der Fürstenbergischen Sammlungen aus dieser Epoche. Weil das Bild für den Betrachter falsch herum hängt, kommt das Gesicht der Maria erst zur Geltung, wenn der Besucher ganz dicht vor dem Bild steht. Er entdeckt dann ein wunderbar klares, ernstes Mädchenge­ sicht, von dem ein feiner Liebreiz ausgeht. Der Ernst der Gesichter der beiden Frauen symbolisiert die Bedeutung dieser Begeg­ nung. Ließe sich nicht mit Stefan Zweig von einer „Sternstunde der Menschheit“ spre­ chen? Für den religiösen Menschen besteht hier kein Zweifel, und er fühlt sich bestätigt durch den Text des „Magnificats“, das Lukas Maria in diesem Augenblick in den Mund legt. Für den historisch denkenden Men­ schen ist dieser Moment, in dem sich zwei kommende Führergestalten der Menschheit auf besondere Weise begegnen, der Beginn einer Epoche, deren Nachhall nun schon fast zweitausend Jahre anhält. Die Größe und Feierlichkeit des Augen­ blicks weiß Zeitblom auch durch andere malerische Mittel sichtbar zu machen. Maria ist in ein dunkles Blau gekleidet, in das so häufige „Marienblau“, das sie mit dem Himmelsblau in Verbindung bringt und sie als Himmelskönigin kennzeichnet. Elisabeth trägt ein weißes Kopftuch und ein Gewand von einer ungewöhnlichen fast rostbraunen Farbe, die dem ganzen Bild Kraft und Wärme verleiht. Besonders großartig ist auf diesem Bild die Faltenführung der Gewänder. Mit der Logik von Kristallen verlaufen die Linien der reichen Gewänder. Schon das Kopftuch der Elisabeth zeigt, wie ein Lehrbeispiel, alle Eigenarten der spätgotischen Faltenführung und -knickung. Besondere Aufmerksamkeit erweckt die Gewandfalte unter dem linken Arm der Elisabeth. Der Mantel ist unter den Arm gezogen. Die entstehende Falte be­ kommt eine Plastizität und Tiefenwirkung, die ganz außerordentlich ist und ein ein­ drucksvolles Beispiel spätgotischer Linien­ führung darstellt. Die malerische Genialität und Größe die­ ses Bildes macht es zu einem besonderen Schatz der Fürstlich Fürstenbergischen Gemäldesammlung in Donaueschingen. Bartholomäus Zeitblom war, wie man­ cher andere deutsche Künstler des späten Mittelalters, vollkommen vergessen, bis ihn der schwäbische Dichter Justinus Kerner 1816 wieder entdeckte. Zeitblom wurde zwi­ schen 1455 und 1460 in Nördlingen geboren. 295

1482 wurde er Bürger der Stadt Ulm. Dort unterhielt er eine große Werkstatt. Zahlrei­ che Altäre von seiner Hand sind noch erhal­ ten. Die Tafeln in den Donaueschinger Sammlungen werden zu seinen Frühwerken gezählt. Zeitblom starb um 1520 oder -22. Ich wünsche meinen Lesern eine beglük­ kende Begegnung mit seinem Bild. Martin Hermanns Hildegard Mutschlers Puppenmuseum in Gütenbach Ein Besuch in Hildegard Mutschlers Pup­ penmuseum in Gütenbach gehört nicht zu den alltäglichen Museumsgängen. Schon der Anblick des Museumsgebäudes ist unge­ wohnt: Anstatt in einem architektonisch ausgefeilten Kunstbau ist die Sammlung in einem Haus untergebracht, das sich nicht im geringsten von den üblichen Eigenheimen unterscheidet. Selbst das Kassenhäuschen fehlt. Stattdessen befindet sich zur rechten Seite des Eingangs eine Bäckerei, mit der Hil­ degard Mutschler und ihr Mann ihren Lebensunterhalt verdienen. Doch wer glaubt, daß sich hinter dieser eher unscheinbaren Fassade nichts Sehens­ wertes verbirgt, irrt sich. Das Puppenmu­ seum auf dem Dachboden ist zwar keine Sammlung, die in sterilen Glaskästen unter­ gebracht ist. Wer das erwartet, sollte sich den Weg nach Gütenbach sparen. Dafür bietet der Dachboden im Hause der Mutschlers den Anblick einer großen Zahl von geschmackvoll aneinandergereihten Puppen mit fein gearbeiteten Kleidern. Einige der Zelluloid-, Keramik- oder Blechexemplare hat Hildegard Mutschler zu kleinen Szenen zusammengestellt. So zum Beispiel zwei Teepflückerinnen, die ihrer Arbeit nachge­ hen. Auch eine Mädchen-Puppe, die gerade ihr Glück am Rechenschieber versucht, gehört zur Sammlung. Und in einem der Puppenhäuser sitzen mehrere „Damen“ gemeinsam am Kaffeetisch. In den Kostümen spiegelt sich der „Zeit­ geist“ der jeweiligen Epoche und der Herstel­ lungsländer wider. Hildegard Mutschler kann leicht die französischen Puppen von 296 ihren deutschen Pendants unterscheiden. Die „belle epoque“ feiert fröhliche Wieder­ auferstehung, wenn man die nach den Ent­ würfen unserer Nachbarn produzierten Pup­ pen genauer in Augenschein nimmt. In ihren langen Röcken und mit den großen Hüten wirken sie wie kleine Damen, die gerade die Blüte ihres Lebens genießen. Ganz im Gegensatz dazu die deutsche Puppe: Sie steht aufrecht und stramm und scheint in ihrem Matrosenanzug ganz den Geist des wilhelminischen Zeitalters zu verkörpern.

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Neben dem „Zeitgeist“ kann der Besucher auch dje technische Entwicklung im Spiel­ zeugbereich während der vergangenen hun­ dert Jahre an den Puppen nachvollziehen. Vor dem Ersten Weltkrieg nutzten die Pup­ penhersteller bei der Produktion vor allem Blech. Es hatte den Nachteil, gegen Rost anfällig zu sein, was die Hersteller dazu veranlaßte, fortan den Kunststoff Zelluloid zu verwenden. Das leicht brennbare Ma­ terial mußte schließlich weniger gefährli­ chen Kunststoffen weichen, die heute das Bild bei der Puppenproduktion prägen. Bei Reproduktionen alter Puppen finden auch noch Keramikmaterialien Verwendung. Solche Kopien alter Originale können im Gütenbacher Puppenmuseum ebenfalls be­ wundert werden. Sie hat Hildegard Mutsch­ ler in Eigenarbeit angefertigt. Allerdings stel­ len sie nur einen kleinen Teil der Mutschler­ Sammlung dar, zu deren Schmuckstücke Produkte solch renommierter Firmen wie „Schildkröt“ und „Storch“ zählen. Mit dem Puppenmuseum hat sich Hildegard Mutsch­ ler das erfüllt, was ihr in ihrer Kjndheit wäh­ rend der entbehrungsreichenJahre des Krie­ ges verwehrt blieb, nämlich die Puppen zu besitzen, die sie sich wünschte. Die Sammelleidenschaft beschränkt sich allerdings nicht auf dje kleinen menschli­ chen Ebenbilder, vielmehr liegt der heimat­ verbundenen Frau alles „Alte“ am Herzen. Unter den Begriff „Altes“ fallen bei der Gütenbacherin sämtjjche Gegenstände, mit denen unsere Vorfahren im Alltag umgegan­ gen sind. Und so kann der Interessierte auf Mutschlers Dachboden alte Küchen­ schränke, Blechdosen, Spirituskocher, Gips­ osterhasen und sogar einen Nachttopf ent­ decken. Einen ganzen Schrank füllt das Spielzeug, das die Antiquitätenliebhaberin zusammen­ getragen hat. Zu den Exponaten zählen neben einer gut erhaltenen Dampfmaschjne eine große Zahl von alten „Steiff-Tieren“ auch eine ganze Reihe von Kjnderbüchern, die vor dem Zweiten Weltkrieg gedruckt wur­ den und heute in Neuauflagen erscheinen. 298

Besonders stolz ist die Museumsbesitzerin auf eine „Puppenschule“ aus der Zeit vor 1914. Sie enthält Schulhefte für die verschie­ denen Fächer und einen kleinen Atlas mit den Ländergrenzen der damaligen Zeit. Eine besondere Rarität ist ein kleines Käst­ chen mit homöopathischen Pillen aus dem Jahre 1890. Sie wurden von einem Heilkun­ digen, den bevorzugt arme Leute bei Krank­ heiten in Anspruch nahmen, verabreicht, ehe dieser Berufsstand gänzlich von der Bild­ fläche verschwand und die Homöopathie von der herkömmlichen Schulmedizin in den Hintergrund gedrängt wurde. Inzwi­ schen stößt die Homöopathie als Heilver­ fahren bekanntlich wieder auf verstärkten Zuspruch und ebenso die Präparate. Die neuen homöopathischen Medikamente be­ stehen aus den Ingredienzen, die auch Grundlage der Pillen in ihrem Kästchen sind, wie Hildegard Mutschler von einem Muse­ umsbesucher erfahren hat. Gestoßen ist Hildegard Mutschler auf ihre Exponate bei Trödlermärkten, mittels Tausch oder über Beziehungen. Nicht zu vergessen die „goldene Fundgrube“ des Sperrmülls, bei dem die Bäckersfrau so man­ ches gute Stück vor dem Weg in die Entsor­ gung retten konnte. Mittlerweile wird es allerdings immer schwieriger, Gegenstände „mit Altertums­ wert“ zu erhalten. Die Trödlermärkte sind abgegrast und die Speicher der alten Häuser werden zunehmend leerer. Was die Preise für echten Trödel aber wohl noch mehr in die Höhe treibt als die bereits erwähnten Dinge, ist der Bewußtseinswandel bei der Bevölke­ rung. Das, was einst als unnütz und altmo­ disch verschrien war, gilt heute als schick. Von dieser Entwicklung kann Hildegard Mutschler ein Lied singen. Vor 25 Jahren, als sie anfing zu sammeln, lachten die Leute die Museumsbesitzerin noch aus, als sie auf den Speichern nach Gegenständen suchte, die nun ihr Museum zieren. Heute würde es dagegen manch einer bereuen, daß er die Hinterlassenschaft seiner Vorfahren auf den Müll geworfen habe. Die neue Lust am Alten kommt nicht von ungefähr. In einer von den Begriffen Effi­ zienz und Rationalität dominierten Welt drängt es den Menschen der modernen Industriegesellschaft wohl immer mehr zu denjenigen Dingen, die nicht von den sich gleichenden Linien der Massenproduktion gekennzeichnet sind, sondern vom Finger­ spitzengefühl und den persönlichen Präfe­ renzen des Herstellers zeugen. Genau diese Gegenstände kann der Besucher in Hilde­ gard Mutschlers Puppenmuseum in Güten­ bach entdecken. Bernd Kramer Heimatlied Ich würde barfuß laufen und würde niemals müd. Könnt ich mir so erkaufen, der Heimat trautes Lied. Ich würd‘ auf Händen gehen durch dick und dünn. Könnt ich die Heimat sehen, wo ich geboren bin. Ich würde alles geben, mein Hab und Gut. Könnt ich dort wieder leben, wo meine Mutter ruht. Ich möcht‘ begraben sein, wenn mich der Tod ereilt, am Hang, am Wiesenrain, wo ich vor langer Zeit, gesungen und gespielt als kleines Kind. Das traute Heimatlied, verweht im Wind. Margot Opp 299

Kunst und Künstler Jürgen Palmtag Bilder gegen die Eindimensiooalität des Sehens Die Frage nach der „Natur“, nach „Natur­ formen“ in den Bildern des Jürgen Palmtag ist fast unvermeidlich. Auch alte Freunde aus Schwenningen, wo er 1951 geboren wurde, die ihn doch eigentlich besser kennen müß­ ten, stellen die Frage immer wieder. Meistens handelt es sich dabei nicht einmal mehr um eine Frage, eine Feststellung ist das. Sand und Staub, aus Steinbrüchen gesammelt, als Beimischung zur Farbe, die Verwendung von Harzen und Teer, die erdigen Töne der frühen Bilder, wie geologische Schichtungen sah das aus. Ganz zwangsläufig stellte sich beim Betrachter die Assoziation von gefalte­ ten Gebirgszügen, von Steinbrüchen ein. Und es waren Landschaften, aber Landschaf­ ten im Umbruch: ,,Suche nach einer ehema­ ligen Erzgrube“, ,,Lehmgrubenpanorama“ – Landschaften, die durch geologische Pro­ zesse oder menschliche Eingriffe ihren Cha­ rakter verändert hatten. Nicht um Kritik ging es dabei, um Lamentieren über einen Ver­ lust, Palmtag war Dokumentarist, der diese Veränderungen beobachtete. Im Prinzip hat sich daran nichts geändert. Die langen, strei­ fenförmigen Bilder heute an der Wand -ver­ wunderlich ist es nicht, daß dabei zuerst an Panoramablicke gedacht wird. Ein Künstler, der abseits, fast zurückgezogen von den Metropolen lebt, Hüfingen, Sölden oder 300

heute Schörzingen, mitten in der „Land­ schaft“ also, der muß in den Augen anderer ein „Landschaftsmaler“ sein, seien die For­ men, die er verwendet, auch noch so abstra­ hiert. Schließlich leben wir nicht mehr im 19. Jahrhundert. Die Fotografie hat die ursprüngliche Aufgabe dieser Künstler über­ nommen. Aufgabe heute ist nicht mehr das augentäuscherische Abbild, sondern das Auffinden von Strukturen, das Rekonstruie­ ren der Wandlungen des Lichts. Kaum zu sagen, wie oft sich Jürgen Palm­ tag schon gegen diese Einschätzung zur Wehr gesetzt hat. Natürlich sei „Natur“ für ihn wichtig, auf langen Spaziergängen notiere er Eindrücke, aber nicht mit dem Fotoapparat, auch Skizzen entstehen bei die­ sen Spaziergängen nicht. Natur wird regi­ striert einzig und allein mit dem „visuellen Gedächtnis“. „Im Grunde genommen hat das überhaupt nichts mit Landschaft zu tun.“ Meditativ werden Eindrücke gesam­ melt, aber das gilt schließlich für jeden gei­ stig arbeitenden Menschen, das muß kein Maler sein. „Mit Landschaft haben meine Bilder immer weniger zu tun“, wird Jürgen Palmtag nicht müde zu beteuern. Vielleicht liegt das Mißverständnis ganz einfach daran, daß der Betrachter nach schnellen, schlüssi­ gen Erklärungen sucht. Sich zufrieden gibt, wenn er eine scheinbar logische Erklärung gefunden hat. „Mit Architektur hat das schon eher zu tun. Gebautes im Bild. Ich wollte ja von der illusionistischen Malerei, die ich früher so getrieben hab‘, zu einer flächenhaften Dar­ stellung kommen und trotzdem Raum dar­ stellen.“ Braunrote Töne als vorherrschende Farbe. Kubistische Formstrukturen, die die Bildfläche immer weiter aufsplittem. Ein Steinbruch oder ein Stück Architektur? „Da habe ich wirklich etwas gebaut. Und zwar hab‘ ich aus Milchtüten, die auf dem Tisch standen, hab‘ ich ein Foto gemacht. Mittels Foto und Fotokopierer hab‘ ich das dann so lange verfremdet, bis ein anderes Motiv dar­ aus wurde. Alles Halbliter- und Liter-Milch­ Tüten.“ Nichts ist von den Milchtüten mehr zu sehen. ,,Ich habe lange gebraucht, um die 301

fotografische Brille hinter mir zu lassen. Man muß sich wirklich davon lösen können, daß man nämlich die Bilder wirklich selber macht, aus Zeichnungen und Konstruktio­ nen, dann wird’s spannend. So lange man noch sehr stark am Foto klebt, wird man von dem Medium überwältigt und kriegt nix Ori­ ginäres raus“. Jürgen Palmtag analysiert nicht, er gestaltet. Und man hüte sich bei den Arbeiten vor eindeutigen Zuweisungen, vor eindimensionalem Sehen. Eigentlich ist es schon falsch, zu wissen, daß es sich einmal um Milchtüten gehandelt hat, denn dieses Wissen kann den Blick verstellen für das, was jetzt Bildinhalt ist. Auf einem anderen Bild ein farbiger Untergrund, der die Pinselstriche sichtbar werden läßt. Die Vorstellung von Räumlich­ keit stellt sich ein, von Weite und Tiefe, ohne daß das Auge diesen Raum präzise erfasse!! könnte, ein Raum, der in ständiger Bewe­ gung zu sein scheint. Davor liegt das Motiv, eingezeichnete Bildelemente, Schattenrisse fast. Manchmal hat man das Gefühl, der Bildgrund liege still und das Motiv sei in Bewegung, manchmal scheint es gerade umgekehrt zu sein. Ein langgestrecktes Format, Motive, die sich schier unendlich in der Breite verlän­ gern ließen. Steht der Betrachter direkt vor dem horizontalen Bild, füllt es den gesamten Blickwinkel aus. Wenn man sich auf das Zentrum konzentriert, dann läuft die Bewe­ gung in Richtung der Ränder aus. Die senk­ rechte Anordnung dagegen zwingt das Auge, auf-oder abwärts zu wandern, selbst die Bewegung des Bildes nachzuvollziehen. ,,Es gibt schon ein paar Wand-oder Decken­ friese, die kann man sich beliebig verlängert vorstellen.“ Jürgen Palmtag ist gerade dabei, Druck­ walzen zu entwickeln, die bestimmte Figu­ ren schier endlos auf ein Blatt Papier übertra­ gen. Spannend wird die Grenzziehung: Wann wird eine solche Reihe zum bloß dekorativen Ornament, das er natürlich nicht will. Nicht Monotonie von Ornamen­ ten ist das Ziel, sondern Spannungen, Höhe­ punkte in der Wiederholung. ,,Und das zu machen, ist unheimlich schwierig.“ Auch wenn die „Bildbänder“ nur kurz sind, möchte er den Eindruck erwecken, daß es weitergehe. ,,Auch wenn an bestimmten Stellen eine Schwergewichtigkeit der Kom­ position zweifellos drin ist.“ „Spielzeug-Objekte“ sind in der letzten Zeit entstanden. Wahrscheinlich auch des­ wegen, um sich selbst über die angestrebte Problematik klar zu werden: Schaukelpferd­ artige kleine, schwarze Guckkästen, in die vorne ein negativer „Scherenschnitt“ als Öff­ nung dient, eine Art Emblem, bei der ein 302

Betrachter sofort figürliche Assoziationen anstellt. Aus einem Schriftbild ist diese Form heraus entwickelt worden. In Schaukelbewe­ gung gesetzt, überschneiden sich ausge­ schnittene Figur und Hintergrund immer wieder neu. Blickwinkel verschieben sich, Ansichten, Eindrücke werden ständig neu erfahrbar. ,, Was läßt dieser Hintergrund je nach Neigung zu, wie weit spielen andere Formen im Hintergrund mit in die Betrach­ tungsweise hinein? Ich wollte eine Art Lese­ pultsituation, eine Art aufgeschlagenes Buch.“ Ein Buch, in dem man blättern kann, die Instabilität des Objektes, das Durch­ scheinen des Lichtes und seiner Veränderun­ gen – all das gehört zusammen, dient dazu, Eindeutigkeit zu vermeiden. Die Gefahr, daß ein Betrachter nur noch das „Spielzeug“ sieht, daß er in der Mehr- und Vieldeutigkeit Beliebigkeit vermutet, ist groß. Dabei liegt Jürgen Palmtag nichts so weit entfernt wie Beliebigkeit. „Ich leg‘ wichtige Kompositionspunkte fest, die mir aber zulassen, ein Doppel zu fer­ tigen, wo ich eine weitere Variationsmög­ lichkeit habe, die nicht ganz gleich aussieht, so daß ich das in ganz geringem Maß ändern kann – damit spiele ich dann.“ Ein spielerischer Ausgangspunkt ist das auf alle Fälle. ,,Spiel“ ist ein Wort, das bei Jür­ gen Palmtag immer wieder vorkommt. „Spiel“ mit Formen und Farben, das immer weiter fortgesetzt werden kann. Die Skizzenbücher scheinen gar nicht dazu zu passen. Zeichnungen in Schulheften, von beiden Seiten gleichzeitig und in stetem Wechsel mit Zeichnungen und Bildern rand­ voll. Das erinnert an Schule und Disziplin und ist wohl auch ein Zeichen dafür. Ist ein Heft voll, werden die Seiten aus dem Heft herausgetrennt. Was einmal fest gebunden war, wird jetzt zur losen Folge von Blättern. Was einmal chronologische Ordnung hatte, kann jetzt neu zusammengesetzt werden. Nichts scheint ihn mehr zu stören, als et- 303

was Fertiges, Abgeschlossenes, Eindeutiges. Es gibt viele, die eine „Nachlässigkeit“ der Arbeiten Jürgen Palmtags beklagen. Ohne Rahmen sind viele Blätter einfach an der Wand befestigt. Die Farbe wandelt sich im Lauf der Zeit. Vor hochwertigem Papier hat er geradezu eine Abneigung. ,,Für mich hat alles Skizzencharakter“, betont er. Weil es keine endgültigen Lösungen für ihn gibt, gibt es nur das ständige Experimentieren, die ständige Weiterarbeit. In dem Augenblick, wo Jürgen Palmtag glaubt, sich mit einer Arbeit einem Ziel zu nähern, sich festzule­ gen, bricht er diese Arbeit ab. Weit entfernt ist das von der Kopflastig­ keit des Sehens unserer Zeit. Wenn dieser Begriff nicht so belastet wäre, könnte man die Arbeitsweise Jürgen Palmtags fast als na­ iven Umgang mit den Formen, Farben, Materialien und Bewegungen bezeichnen. Neugier ist ein dazugehörender Charakter­ zug, Sinnlichkeit, die Bereitschaft, sich vor­ urteilsfrei auf ungewohnte Erfahrungen ein­ zulassen. 304 „Ich arbeite ja so zwischen Abstraktion und Realität. Es sind immer wieder Anhalts­ punkte für Leute drin, die jetzt interpretati­ onssuchend unterwegs sind, die nach ver­ trauten Formen und Inhalten suchen. Ich will dem entgegenarbeiten. Ich möchte eigentlich den völlig unbelasteten Blick, daß jemand die Sache anguckt als die, die sie ist, nicht mit vorgefaßtem Blick auf der Suche nach etwas, woran er sich festklammern kann. Ich selber betrachte Bilder niemals nach Erklärung suchend. Das ist für mich eine wichtige Sehweise, daß man so etwas noch kann.“ Ein Sehen und Malen gegen die alther­ gebrachte Betrachtungsweise. Besonders schwierig ist das, wenn sich Jürgen Palmtag dabei auf Figuren einläßt, die eigentlich ver­ traut sind. Signets, die sich auf Kartons für Sprengstoff befinden, Zeichen für Explo­ sion, daran arbeitet er gerade. Das bekannte Motiv wird in einer ganzen Serie vom Aus­ druck her verändert, daß man zwar sofort den Ursprung erkennt, die Bedeutung aber

so vielfältig wird, daß das Motiv nicht mehr ohne weiteres zuordenbar ist. „Vom Bildlichen male ich erst einmal Strukturen hinein, die nie drin waren, dann ist die Bedeutung nicht mehr festgelegt.“ Um eine Bildreihe geht es dabei nicht, nicht um eine Veränderung des Motivs, wobei der Ausgangspunkt immer erhalten bliebe oder nachvollziehbar sein würde. Das „Explosi­ onszeichen“ jetzt steht allein, ist in sich viel­ deutig. Es könnte für „Sonne“ stehen, ,,nicht nur für Gewalt oder Kraftfreisetzung, son­ dern zum Beispiel auch für etwas Schönes“. Wie kann man ein Motiv „umbiegen“, ohne es von der Form her zu verändern, einfach nur dadurch, daß es in einen anderen Kon­ text gestellt wird, das ist die gestellte Auf­ gabe. Dabei wird deutlich, daß es Jürgen Palmtag nicht auf das Motiv ankommt, auch nicht auf den veränderten Kontext, sondern auf das Verunsichern des Betrachters. Verun­ sicherung aber ist die Voraussetzung dafür, ein Motiv neu und anders zu sehen. Einfach­ ste Art dieser Verfremdung wäre die Umset­ zung von Schwarz-Weiß in Farbe und umge­ kehrt. Die Farben haben einmal Signalcha­ rakter gehabt, und dieser Charakter muß jetzt neu definiert werden. Oder die Verän­ derung des Formats: der horizontale Verlauf der Bildzeichen wird vertikal umgesetzt. Die einfache Umsetzung der Zeichen in ein Landschaftsrelief muß revidiert werden. „Es hat mal einer geschrieben, ich würde in meinen Bildern die Umwelt verschleiern, das hat mir als Tenor nicht gefallen; ich will nicht unsere Realität verschleiern. Ich möchte vielleicht eher die Gegenstände, das was uns umgibt, und das geht ja bis ins gesprochene Wort hinein, in seiner Vieldeu­ tigkeit aufdecken.“ Sensibler soll der Betrachter wieder werden, offener. Das „Du sollst Dir kein Bildnis machen“ wird zurück­ geführt auf seine eigentliche Bedeutung. Das heißt nicht Verzicht aufBilder, sondern Ver­ zicht auf Vor-Bilder, auf Vor-Urteile. „Meine Arbeitssituation hat für mich im Moment etwas Provisorisches, eine Situa­ tion oder ein Zustand, in dem ich mich ganz wohl fühle“, hat Jürgen Palmtag in einem In­ terview 1985 gesagt. Das erinnert an den Schweizer Schriftsteller Robert WaJser, den Jürgen Palmtag vor einiger Zeit für sich ent­ deckte. Auch er „ein Spaziergänger an den Peripherien“, ein Beobachter, der alles quasi im Vorbeigehen in sich aufsaugt und gestal­ tet. ,,Ich lese zur Zeit mit großer Begeisterung den Robert Walser und entdecke unglaub­ lich viel Gemeinsamkeit. So, wie er schreibt, das ist eigentlich meine Vorstellung vom Malen, daß in die Kunst Leben ‚rein muß.“ Kein zielgerichteter Spaziergänger auf der Suche nach Bekanntem. Fragmentarisch und sprunghaft ist sein Blick, immer offen für das Neue, das sich Wandelnde, das Nicht-Eindeutige. Und das findet sich nicht nur in der Landschaft, das findet sich überall. Uwe Conradt 305

Manfred Merz Bildhauer und Schemenschnitzer Leidenschaft entwickelt der Alemanne – je nach Landstrich und Wohnort – bei der Kehrwoche, im Beruf des Handwerkers, im Verein und an der Fasnet. Läßt man jedoch die zumeist schwäbisch übertriebene Diszi­ plin der belanglosen Arbeit mit „Kehrwisch un Schufel“ rund um’s Haus außer Acht und kümmert sich um Ordnung am Arbeitsplatz, um allerfeinste Ergebnisse im Beruf des Bild­ hauers, läßt dabei individuelle Entwicklun­ gen zu, die trotz allem Volksgut und Brauch­ tum sichern, schnitzt „Schemen“, daß diese eine einzigartige Handschrift markieren, dann kommt man dem Verständnis des Manfred Merz ganz nahe.] enem gebürtigen Villinger, von dem schon 1950 (!) ein Kunst­ gelehrter schreibt: ,, … und es ist ein Genuß, ihm zuzusehen, wie er ohne Modell die sub­ tilsten Nuancen herausholt … “ Für die Fasnet und ihre lokale Geschichte in der Zähringerstadt ist derzeit wohl keiner kundiger als der heute 64jährige Manfred Merz, der an „Geist und Ideen viel für die Fasnet geopfert hat“ (Merz über Merz). Seine Lehre als Holzbildhauer begann der 14jährige in der Villinger Warenburgstraße bei Karl Keck, wo er sein zeichnerisches Talent aus Schülerzeiten ins Plastische umsetzen konnte. Aus reiner Freude an der bildhaften Darstellung malte der Merze­ Manne Portraits auf dem Zeichenblock, ent­ warf später Studien, für die ihm Vater Eugen die Wirkung von Schattierungen erklärte und ihm Onkel Karl, der Baarmaler, ein wichtiges Vorbild war. Manfred Merz ist der zweite Sohn einer Familie, deren Großvater in Unterbaldingen Zimmermeister war. Vater Eugen kam schon 306

Morbili und Surhebel von Manfred Merz während seiner Lehre nach Villingen, wo ihm später die Söhne in der Schnitzerwerk­ statt wertvolle Unterstützung waren: freie Gestaltung in profaner und sakraler Kunst, Kruzifixe, Madonnen, Heiligenfiguren und Holz-Grabmale bestimmten den berufli­ chen Alltag, das Künstlerherz und den Erwerb. Die starke Beziehung zur Villinger Fasnet und ihren Masken, den Schemen, baute sich fur Manfred Merz auf, als er erstmals nach dem Krieg 1947 wieder ins Häs schlüpfte und in ihm der Wunsch stark wurde, sich seine eigenen Scheme zu schnitzen. Der „Ölmüller“ hatte ihn fasziniert, klas­ sisches Vorbild aus der Hand des Bildhauers Dominikus Ackermann (1779-1835), das dieser als glatte, heitere Narro-Maske geschaffen hatte und deren Nachbildung 150 Jahre später dem barocken Stil entsprechen sollte. Sein „Erstling“ empfing wohl den ganzen ,,mystischen Zauber“ einer bis dahin tradi- tionsgebundenen Maskenkunst, die der junge Manfred Merz als junger Narro mit seiner Begabung ausdrückte, was ihm sofort die Anerkennung bei damals ältesten und besten Kennern der Villinger Fasnet ein­ brachte. Und so entstand schon ein Jahr spä­ ter sein erster Surhebel, im Sinne der Por­ trait-Scheme, fur die in den Jahrzehnten zuvor Schemenschnitzer Robert Neukum eigenwillig und streng, fast dämonisch, sei­ nen Surhebel-Masken erschreckendes Äuße­ res ins Antlitz gegeben hatte. Manfred Merz schuf jedoch aus der Intui­ tion über die erlebte Wirkung von Neukum­ Schemen beim „Strählen“, dem ironisch­ gespotteten Aufsagen der unrühmlichen Eigenarten von Zeitgenossen, eine neue Generation von Surhebel. ,,Nicht bärbeißige Grimassen“ sind die „Sauertöpfe“ des Man­ fred Merz, sondern solche mit eigentlich zwei Gesichtern: eines offen, spottlüstern, ironisch zur Schau getragen, das andere ver­ ständnisvoll-versöhnlich, mit dem Augen- 307

zwinkern eines Gegenübers, das um die menschlichen Schwächen weiß … Manfred Merz bedauert nicht, ein Leben nur“ in Villingen ansässig gewesen zu lang “ sein, ist doch seine Heimatstadt eine solche zum Wohlfühlen mit jeder Menge Erinne­ rungen an frühere Zustände. Unterstützung bei allen Zweifeln und Eindrücken zu sakralen Arbeiten oder denen zur Fasnet fand Manfred Merz nach 1956, als er Ursula Thoma heiratete. Er, der 1948 Mit­ glied der Historischen Narrozunft Villingen wurde und 1954 bereits als Ratsherr wirkte, hat in Ehefrau Ursula auch „die Ratsfrau“ gefunden, die den Sinn und das Gefühl für die Fasnet „verdoppelte“. Heute ist Manfred Merz Ehrenratsherr, nicht zuletzt für seine Initiative des Mäsch­ gerle-Obeds -seit 1950 mit jährlicher Wie­ derholung. Und so hat in den vergangenen 40 Jahren auch das „Morbili“ eine Entwicklung erfah- ren, die das weibliche Pendant zum Surhebel nach Merz’scher Auffassung „weniger lät­ schig“ machte – jedoch weiterhin „kowäs und allefänzig“. Und so weiß Manne Merz, daß der Blick in den Spiegel jedem einzelnen selbst beweist, welchen Eindruck er mit sei­ ner Mimik auf die Person des Gegenüber macht. Mit Leidenschaft, Herzblut und großer Liebe arbeitet Manfred Merz seit Jahren für die Belange der Fasnet, ohne die figürlichen Arbeiten seiner Kunst zu vernachlässigen. Auch in Zukunft wird er seine eigene Mei­ nung zu verschiedenen Dingen der Fasnet behalten, die er in einigem auch revidiert hat. Und während er seine Dokumentatio­ nen über „die Fasnet im Spiegel der Kunst und des Handwerks“ sehr ernst nimmt-die Alben sind akribisch gefüllt -nimmt er aus der zeitlichen Distanz vieles auch weniger ernst. Wolfgang Bräun German Hasenfratz ·Junge Donau 308

Brauchtum Vom Ritterpatron zum Bauernjörg Der Georgitag im Schwarzwald-Baar-Kreis „Ein Übergang vom Winter zum Sommer fehlt fast ganz. Rasch tritt der Sommer in seine Rechte, wenn der Winter oft bis in den Mai herein Hausrecht behalten hat.“ So Her­ mann Sernatinger, der unvergessene Trach­ tenpfarrer, 1922 über die Jahreszeiten in der Baar. Und nichts bis heute hat sich daran geändert. Der Frühling wird diesem Hoch­ land vorenthalten. Erst um Georgi (23. April) ist der Sieg des Sommers über den Winter endgültig. Von diesem Tag an durften -oder mußten – die Kinder auf der Baar und im Schwarzwald barfuß laufen. Nach Georgi geht man nicht mehr ungestraft über die Wiesen und den fremden Acker. Am Georgitag – so erinnert sich der aus Aasen stammende Volkskundler Eugen Fehrle -fangen viele der alten Maisitten an, bei denen es immer um den Sieg des Som­ mers über den Winter geht. Bereits in einem Bauernkalender des 16. Jahrhunderts heißt es: ,,Sant Jörg, der edel Ritter schon, Der bringet uns den maien, Daß die frawen und die man Gen mit einander raien“ (= tanzen). Mit Donaueschingen ist der volkstümli­ che Heilige durch den Georgimarkt verbun­ den. Jahreszeitlich gesehen, ist es der erste der vier Jahrmärkte, die sich bis heute erhal­ ten haben. Nur in der Zeit des Spanischen Erbfolgekriegs (1701-1714), als jeweils im Frühsommer die verbündeten französischen und bayrischen Truppen rund um den Sehel­ lenberg ihr mehrtägiges Standquartier hat­ ten, gab es eine Unterbrechung. Doch 1775 führten die Donaueschinger den Georgi­ markt, der „noch bei Mannsgedenken“ -laut einer Fürstenbergischen Urkunde -abgehal­ ten worden war, wieder ein. Das Oberamt in Hüfingen hatte von der Genehmigung abge- Der hl. Georg, von einem oberschwäbischen Mei­ ster um 1520. Einst im Besitz des Klosters St. Georgen/Schwarzwald; heute: Staatliche Kunst­ halle Karlsruhe. 309

raten. Fürst Joseph Wenzel, reformfreudig und auf die Mehrung der Steuern für seine notleidenden Kassen bedacht, gab den Donaueschingern, unbekümmert um die Frühjahrsmärkte in Hüfingen und Bräunlin­ gen, das Placet. Fromme Darstellungen von dem kecken Reitersmann, der den Kampf mit dem Dra­ chen bestand, finden sich in zahlreichen Kir­ chen und Kapellen auf der Baar. In Unadin­ gen ist er Patron, und auch in Mundelfingen verdrängte er den altehrwürdigen Titelheili­ gen St. Gallus. Das war 1439. Keine Frage, daß die Ritter von Grünburg, die auf der Veste an der Gauchach saßen, ihre Hand mit im Spiele hatten. Eine St.-Georgs-Kaplanei erhielt die Stadt Hüfingen 1383. Gestiftet hat sie Burkard von Blumberg, der letzte Stadt­ herr seines Geschlechts, als ihn der Tod ereilte. Kaiser Heinrich II, der Heilige, bereitete dem Offizier im römischen Heer, der in Kleinasien um 303 den Martertod erlitt, den Weg ins Abendland. Im Jahr 1005 schenkte der fromme Regent dem Kloster in Stein am Rhein bedeutenden Grundbesitz. Noch im selben Jahrhundert schlug die Sternstunde für den nachmaligen Marktflecken St. Geor­ gen im Schwarzwald. Auf dem „Scheitel Ale­ manniens“, wie der Raum um Brigachquelle, Sommerau und St. Georgen im Mittelalter genannt wird, beginnen im April 1084 Mön­ che aus Hirsau mit dem Bau einer Kapelle und Unterkünften für die „Cella St. Geor­ gius in nigra silva.“ 14 Monate später wird das Kloster durch Bischof Gebhard von Kon­ stanz geweiht. Über das Kloster St. Georgen kam der Drachentöter als Patron nach Mühlhau en bei Schwenningen und in die Fürstenbergi­ schen Frauenklöster Amtenhausen (1107) und Friedenweiler (1123) sowie in das St. Georgener Priorat in Rippoldsau im oberen Kinzigtal. Unweit davon steht auf dem Roß­ berg, der Fürstlich Fürstenbergischer Besitz ist, die altehrwürdige St.-Georgs-Kapelle – frommes Wahrzeichen aus dem Jahrhundert der Reformation, als unter dem Grafen Wil- 310 St. Georg in Form einer phantasievollen S-Initi­ ale in einer Handschrift um 1230 aus der Kloster­ Ma/schule im Bistum Hildesheim; einst im Besitz der F.F. Hofbibliothek Donaueschingen. heim von Fürstenberg das Gebiet im oberen Kinzigtal evangelisch geworden war. An älteren Patrozinien in unserer Heimat fehlt es nicht. Eines der frühesten haben wir in der St-Georgs-Kirche in Oberzell auf der Reichenau, deren Krypta mit den Reliquien des Heiligen in die Zeit um 890 angesetzt wird. War St. Georg im hohen Mittelalter Patron der Ritter, so avancierte er im späten Mittelalter unter die „14 Nothelfer.“ Und als Bauernjörg tritt er im 16. Jahrhundert den Siegeszug auch in die ländlichen Gemein­ den und bäuerlichen Hofkapellen im Schwarzwald an. Er gilt als ein Freund der Handwerker und der Bauern. Sein Name ist griechischen Ursprungs und bedeutet: Land­ mann. Literarische Parallelen aus der Ritterdich­ tung und aus germanischen Sagen haben die Legende von St. Georgs Kampf mit dem Dra-

chen beeinflußt. Sie berichtet von einem gif­ tigen Untier, das in einer Felsenkluft haust, dem Lämmer und später auch Kinder geop­ fert werden. Als das Los -so die Legende – auf des Königs Töchterlein fällt, springt Georg herbei und tötet den Lindwurm. Vom Drachen zur Schlange, dem Sinnbild des Teufels, war es nun nur noch ein Schritt. Vor allem in der Zeit des Barocks wurde Georg zum irdischen Mitstreiter des Erzengels Michael. Noch vor dem Jahr 1000 gibt es Darstel­ lungen von dem furchtlosen Drachentöter. Sie zeigen einen bartlosen Jüngling mit aske­ tischen Zügen. Um 1100 rückt im Abendland der Kampf mit dem Drachen in den Vorder­ grund. Wir sehen einen jugendlichen Hel­ den, vielfach zu Pferde, bisweilen auf einem Schimmel, mit Schild und Schwert, gele­ gentlich mit Fahne und rotem Kreuz – oft aber auch zu Fuß, wie er standhaft und unverzagt das Untier angeht. So die Darstellung in Form einer S-lnitiale in einem Prachtbrevier aus der Zeit um 1230. Die kunstvoll gestaltete Handschrift zählte zu den Kostbarkeiten der Hofbibliothek in Donaueschingen. Fast unscheinbar im Ver­ gleich zu dem riesigen Ungeheuer erscheint der, einem jungen Mönch ähnliche Streiter, der mit gebuckeltem Schild sich gegen die Fänge des Untiers schützt, während die Rechte das kurze blanke Schwert in die Weichteile des geflügelten Drachen stößt. Viele der alten Georgitagsbräuche gehö­ ren inzwischen der Vergangenheit an. Nur da oder dort pflegt man noch die Umritte. So vor allem in ausgesprochen ländlichen Gegenden, in denen der Bauernjörg als Pfer­ depatron verehrt wird. ,,St. Georg, der Schirmherr der Berittenen, schafft Sicher­ heit in allen Stürmen“ liest man als Spruch auf alten windzerzausten St.-Georgs-Fah- nen. Dr. Lorenz Honold Die Baaremer Tracht lebensvoll ins Bild gebannt Ölgemälde des Schwarzwaldmalers Curt Liebich im Schwenninger Bären ,,Die Schwenninger sind mir nicht fremd. . .. In der Knabenzeit habe ich schon Gele­ genheit gehabt, die schöne Tracht der Schwenningerinnen mit den roten Strümp­ fen, dem kurzen Rock“ -der werktags getra­ gene reichte kaum über die Knie, was man­ cher Maid männliche Bewunderung eintrug – ,,und dem kleinen bändergeschmückten Käppchen an den Markttagen in Hasle zu bewundern.“ Dem die Hippen so gefielen, ist kein geringerer als Heinrich Hansjakob, der für den württembergischen Marktflecken in seinen „Sonnigen Tagen“ nur gute Worte findet. Fremd blieben sie auch einem begab­ ten Künstler nicht, der die Stuttgarter Aus­ gabe dieses Werkes aus dem Jahr 1906 illu­ strierte: Professor Curt Liebich hielt die be­ staunte Hippentracht-die Röcke des Sonn­ tagshabits waren „von züchtiger Länge“ und reichten bis zu den Knöcheln herab – im Bilde fest. Geboren 1868 in Wesel, wuchs der nach­ mals berühmte Künstler im elsässischen Col­ mar auf, wo er mit Albert Schweitzer die Schulbank drückte. Beide Männer gingen ihren Weg. Beiden wurde er nicht leichtge­ macht. So prophezeite der Kunsterzieher dem verkannten Talent: ,,Liebich, du wirst das Zeichnen nie erlernen“ -und untermau­ erte seine Überzeugung mit einer Fünf im Zeugnis. Die Geschichte ist voll der Irrtü­ mer, die Schulmeister begehen; glücklich zu preisen, wer die Kraft hat, mit Fehlurteilen zu leben – und sich über sie hinwegzusetzen. Liebich hatte sie. Der „schlechte Zeichner“ studierte die Bildenden Künste gründlich in Berlin und Weimar, machte dort von sich reden, kam schließlich, mit einer Empfeh- 311

Jung des Großherzogs von Sachsen-Weimar an den Gutacher Kunstprofessor Wilhelm Hasemann, in den Schwarzwald. Gutach sollte ihm zur wahren Heimat werden; wie nur wenige hat er das Volksleben seiner Zeit eingefangen und der Nachwelt erhalten: ein Verdienst, das ihn in die Nähe Hansjakobs rückt. Was dieser mit der Feder festhielt, erzählte jener mit Pinsel und Stift: Curt Liebich wurde zu einem der berühmte­ sten Schwarzwaldmaler, der sich auch als Buchillustrator von Werken Johann Peter Hebels, Victor von Scheffels und Heinrich Hansjakobs einen Namen machte. Mit letz­ terem verband ihn der gemeinsame Kampf um die Erhaltung der heimischen Trachten. An ebendiesen hatte auch die zahlungs­ kräftige Schwenninger Brauerfamilie Braun­ müller ihre Freude. Liebich, der als Werbe­ graphiker manchen Auftrag aus Schwennin­ gen erhielt, aber auch manches Kunstwerk von bleibendem Wert für die erste Neckar­ stadt schuf, wurde -nicht zuletzt infolge der gemeinsamen Vorlieben – bald zum geschworenen Freund des Hauses. Von der fruchtbaren Verbindung, die Kunst und 312 Kapital eingingen, zeugen heute noch acht Ölgemälde Liebichs in der schmucken Gast­ stube des Brauereiausschankes „Zum Bären“. Der im Auftrag des erfolgreichen Unternehmers gefertigte Bilderzyklus zeigt Trachten der engeren und weiteren Heimat in ihrer vergangen-unvergänglichen Herr­ lichkeit. Trachtenträger aus Schwenningen, Söhnstetten, Betzingen und aus dem Amt Rottweil, aus Lehengericht, Schappach, Gutach und Donaueschingen sind zu sehen, Württemberger und Badener, Protestanten und Katholiken im Grenzort auf der Baar friedlich vereint -im Bilde zumindest. Farben lieben die Donaueschingerin­ nen, die anmutig die weite Hochfläche der Baar vor dem Fürstenberg durchwandeln. Ihr Festtagsgewand aus der Mitte des 19.Jahr­ hunderts verrät es zur Genüge: die samtene silberfadenbestickte „Brust“ mit ihren Blu­ men- und Rankenmotiven, der reich bestickte „Vorstecker“, das Goller mit Steh­ krägchen und roten Bändern, das seidene verschiedenfarbige Fürtuch über dem schwarzen Rock, dessen Saum rote Längs­ streifen zieren; dazu die erhöhende Backen-

haube, die nicht allein ihrer Stickereien wegen Respekt abnötigt. Größere Strenge, wenn nicht düsteren Ernst verraten die Schwenninger Hippen, denen der eng gefältelte, geriefelte Rock den Namen gab. Doch sollte die dunkle Grund­ stimmung, die gewiß etwas vom evangeli­ schen Geist verrät, nicht darüber hinwegtäu­ schen, daß auch Prächtigeres und Farbenfro­ heres an Neckars Qiell seine Freunde hatte: Die Mieder waren nicht in jedem Falle aus schwarzem Samt gefertigt, sondern auch hellblaues oder grünes Tuch mit scharlachro­ ter Einfassung fand Verwendung, gelegent­ lich buntgemusterter Samt nicht minder; über Jahrzehnte hinweg schmückte ein hoher Strohzylinder die stattlichen Frauen, die zum Kirchgang hinwieder meist stark mit Pelz verbrämte Mützen trugen -während die schwarzen Häubchen aus breiten Seiden­ bändern den Mädchen vorbehalten blieben; die Vermöglicheren ließen ihren (Besitz-) Stand nur allzu gerne am breiten Silbergürtel erkennen, der sich um die Hüften schmiegt. Und die leuchtend roten Strümpfe gefielen Heinrich Hansjakob nicht nur; die benach­ barten Villinger verloren nicht selten Herz und Verstand ob solcher Augenweide; selbst manch Schwenninger Bürger, gleich ob Handwerker oder Bauersmann (wie ihn das Bild an seiner Tracht zu erkennen gibt), mag, von solchem Reize angelockt, freudig seine Schritte von der Alb der Heimat zu beschleu­ nigt haben -der schönen Mädchen wegen. Die sind immer noch zu finden. Nur die Tracht ging mit der Zeit: Heimatvereine, Trachtengruppen und manchenorts (vor allem in den katholischen Baargemeinden, gut einhundert Jahre lang aber auch im pro­ testantischen Ursprungsort des schönsten Schwabenflusses) die Fasnet(sbräuche) hal­ ten sie (oft mühsam genug) am Leben -nicht immer ohne modische Zugeständnisse an die Modeme. Die acht Ölgemälde Curt Lie­ bichs im Sitzungssaal des Schwenninger „Bären“ aber zeigen die „Volkstrachten“ lebenserfüllt in ihrer Zeit; in ihrer Pracht und Herrlichkeit: wenig beachtete Kleinode; Zeugnisse einer vergangenen Zeit, Zeugnisse auch seines Könnens. Der Schwarzwaldma­ ler hatte sein Handwerk gelernt; der Zeichen­ lehrer sich geirrt. Michael Zimmermann ,,._ ,, Frühling Draußen wehen linde Lüfte, Frühling wird’s bald wieder sein. Erstes Veilchen, zarte Düfte, läuten diesen Frühling ein. Zauberhaft die grünen Triebe, die dem Leben neu geweiht. Aus dem Boden, aus der Tiefe grünes Blätterwerk erscheint. Bald werden die Blumen blühen, bunt wird leuchten Farbenpracht. Frühlingslüfte werden ziehen durch den Tag und durch die Nacht. Alles wird ganz neu erwachen. nach des Winters Schnee und Eis, werden froh die Blüten lachen und es kommt die schönste Zeit. Neues Leben will sich regen, will erwachen und wie schön ist dies neue frohe Streben, ist die Wiesen grünen sehn. Auch nach Trauer, auch nach Tränen fängt ein neues Leben an. Neu erwacht das alte Sehnen, neu erwacht der Liebeswahn. Alles endet und beginnet, das ist unsrer Erde Lauf. Das ist gehn, das ist gewinnen, was geschieht, hält keiner auf. Nehmen wir den Sinn des Lebens, als gegeben, als bekannt. Keines Tages Sinn vergeben ist in unsrem ganzem Land. Margot Opp 313

Sagen der Heimat Der Bruggener Haldengeist Die Verijffentlichung von Sagen der Heimat wird in dieser Ausgabe des Almanach mit einem Beitrag fortgesetzt, der aus der Feder unseres bekannten Heimatschriftstellers Max Rieple stammt. Der Text wurde dem Buch „Die vergessene Rose‘; 2. Auflage 1961, entnommen. Die Redaktion dankt an dieser Stelle dem Verlag Stähle & Friedel Stuttgart,für die.freundliche Abdruckgenehmigung. Der Bruggener Haldengeist war ein Wald­ kobold. Am Sehellenberg über Donau­ eschingen hausend, neckte er die Geizigen, schreckte die Faulen und versteckte sich in allerlei Gestalt. Er tat aber auch gern Gutes, wo Not war. Da soll einmal ein armes Bäuer­ lein noch spät in der Nacht nach Bruggen hinunter gemußt haben. Ein tüchtig Päck­ chen Sorge trug es auf dem Rücken. Das drückte schwerer, als wenn der schlaffe Ruck­ sack voll von Eiern gewesen wäre. Das Bäuer­ lein seufzte ein paarmal gehörig, denn es dachte an den kranken Bub daheim und an das Unglück im Stall. Da trat auf einmal der Haldengeist hinter einem Baum hervor, ver­ stellte den Weg und sagte: ,,Schau, dort drü­ ben den Haufen Laub mußt du in deinen Rucksack tun!“ Der Bauer tat’s halb aus Angst, halb aus Neugier. Tapfer schritt er aus, aber der Ruck­ sack wurde schwerer und schwerer. Zu Haus angekommen, stülpte er den Sack um, und heraus rollten lauter funkelnde Goldstücke. Da hatte die Not ein End‘, und noch heut sollen die Enkel des Bauern den stattlichsten Hof zu Bruggen haben. Die Geschichte vom armen Bäuerlein, dem der Geist geholfen hatte, war auch einem alten reichen Geizhals zu Ohren gekommen. Der Neid hatte ihn so lange gezwickt und gezwackt, bis er schließlich eines Abends selber an die Halde ging, um dem Geist zu begegnen. Dort keuchte und jammerte er, daß es zum Erbarmen war und Hasen und Vögel auf und davon gingen. Doch der Haldengeist wußte, wo Barte! den Most holt. Schon stand er neben dem Geiz- 314 hals und zeigte ihm tief im Walde versteckt einen Haufen morsches Holz, der zu leuch­ ten begann wie lauteres Gold. Gierig raffte der Mann zusammen, was er auflesen konnte. Ein tüchtiges Bündel schleppte er heim, und ein paarmal war er nahe daran, unter der Last zusammenzubrechen, denn zu allem hin hatte der Geist ihn auch im Dik­ kicht umhergeschickt, das ihm tüchtig den Bart raufte und die Haut zerkratzte. Halb tot kam er im Frühlicht heim. Doch als er den Sack umstülpte, da fiel lauter morsches Holz heraus, das dem Geizhals noch eine gehörige Tracht Prügel von seinem Weib eingetragen haben soll. Ebenso schlimm erging es einst einer gei­ zigen Bäuerin, die, beladen mit einem Korb voller Eier, über den Sehellenberg zum Donaueschinger Markt wollte. Ein schwüler Tag war’s, und die dicke Frau mußte ein paar­ mal haltmachen und verschnaufen. Schon ging der Weg bergab, als sie ein letztes Mal auf einem alten Baumstumpf, der einladend am Wegrande stand, ausruhen wollte. Aber, o Schreck, kaum hatte sie sich stöhnend und seufzend niedergelassen, machte der ver­ meintliche Baumstumpf, der kein anderer als der Bruggener Haldengeist selber war, einen Satz, und sie purzelte mitsamt den Eiern kopfüber ins Gras. Als sie sich endlich mühsam erhob und schimpfend sich den Dotter der zerbroche­ nen Eier von Kleidern und Händen wischte, sah sie den Bruggener Haldengeist im Gebüsch verschwinden. Und lange noch klang sein schadenfrohes Kichern durch den Tann. Max Rieple t

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Die Sage von der Laubwaldkapelle Völlig abseits, im Wald versteckt, steht auf Schonacher Gemarkung zwischen den bei­ den Gewannen „Im Holz“ und „Sägloch“ eine kleine Kapelle. Sie wird als „Holzkäp­ pele“ oder „Laubwaldkapelle“ bezeichnet. Unmittelbar neben dem kleinen Gotteshaus entspringt eine Quelle, deren Wasser als wundertätig angesehen wurde. So war das Kirchlein besonders im 18.Jh. Ziel vieler Wallfahrer, sehr zum Mißfallen der zustän­ digen Stellen, die den „abergläubischen Kult“ schließlich verboten. Trotzdem erlosch die Wallfahrt nie ganz. Die jetzige Kapelle wurde 1870 erbaut. Noch heute ist sie Ziel vieler Wanderer und auch Gläubiger, wie zahlreiche Votivgaben im Innenraum beweisen. Vor einigen Jahren hat man das Kirchlein wieder hergerichtet und dabei auch den Brunnen mit Kreuz und mehr­ strahligen Wasserspendern in die Arbeiten mit einbezogen. Interessant ist auch der Volksglaube, der sich um die stille Kapelle spinnt: Dort, wo heute die Laubwaldkapelle steht, stand frü­ her einmal ein stattliches Schloß. Lange Jahre waren die Inhaber ihren Untertanen gute und treusorgende Herren gewesen. Mit der Zeit wurde der Wohlstand jedoch immer größer. Die Herren verloren ihre edle Gesin­ nung und lebten in Saus und Braus. Beson­ ders die letzte dort ansässige Generation kannte nur noch das Vergnügen. Die Unter­ tanen mußten hohe Abgaben bezahlen, um den Lebenswandel ihrer Herren zu bezahlen. Des öfteren fanden wüste Gelage statt und selbst die christlichen Feste waren ihnen nicht mehr heilig. Einst in einer Christnacht trieben sie es besonders toll. Mit ausgehöhlten Wecken an den Füßen, die als Tanzschuhe dienten, führten sie unbekleidet Tänze auf. Gejohle und wildes Geschrei hallte in die Winter­ nacht hinaus. Nur eine fromme Dienstmagd beteiligte sich als einzige nicht an dem 316 Wegweiser zur Laubwaldkapelle (Schonache-r Gemarkung) wüsten Treiben. Wiederholt hatte sie die anderen vor dem Strafgericht des Himmels gewarnt, war jedoch nur ausgelacht und ver­ höhnt worden. Immer toller wurde das Trei­ ben und immer greller zuckten die Blitze eines aufziehenden Gewitters. Da bekam es die Dienstmagd aJJmählich mit der Angst zu tun und flüchtete in die Winternacht hinaus. Kaum hatte sie die Schloßtüre hinter sich zugemacht, fuhr ein Blitz in das alte Gemäuer, das bald in hellen Flammen stand. Von seinen Bewohnern konnte sich nie-

Laubwaldkapelle, Schonach

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mand mehr retten. Die Überreste des Schlos­ ses versanken mitsamt der Schloßkapelle bald in Grund und Boden. Ihre Glocken will man aber auch später noch in der Christnacht läuten gehört haben. Die Sage berichtet, daß sobald ein Hahn auf dem benachbarten Jungbauernhof das Alter von 7 Jahren erreiche, dieser die Spitze des Kirchleins aus dem Boden schar­ ren werde. Wiederholt wurde jedoch behauptet, daß noch kein Hahn auf besag­ tem Bauernhof volle 7 Jahre alt geworden sei. Auch wird berichtet, daß einmal ein Tier dieses Alter annähernd erreicht habe. Dieses habe darauf hin von sich aus an der Stelle zu scharren angefangen, sei dann jedoch plötz­ lich verendet. Darauf hätten einige Männer versucht, am gleichen Platz weiterzugraben. Dabei hätte sich aber einer schwer verletzt. Dies wurde als Fingerzeig des Himmels ange­ sehen und die Männer ließen sofort von ihrem Tun ab. Die fromme Schloßmagd, die dem Brand entkommen war, will man noch häufig mit einem Schlüsselbund im Gürtel zur Adventszeit und an Vorabenden zu Marien­ festen am Bach im Sägloch gesehen haben. Dort soll sie ihre Haare gekämmt und sich zur bevorstehenden Feier gerüstet haben. Sie soll überaus schön und anziehend ausgese­ hen haben und habe herrlich singen können. Wer sie aber nach ihrem Namen und dem Grund ihres Aufenthalts fragte, dem ver­ schwand sie unter Wehklagen aus den Blik­ ken. Ein Hirtenmädchen vom Holzbauer soll sie hin und wieder angetroffen haben. Oft kam es dann zu spät nach Hause. Als Grund wurde dann das schöne Fräulein mit ihrem wunderbaren Gesang genannt. Oft brannte auch abends noch Licht in der Laubwaldkapelle, wenn die Türe längst verschlossen war. Engelsharmonien drangen aus dem Marienheiligtum, aber wer neugie­ rig die Türe öffnete, dem wehte aus dem · dunklen Gemäuer nur ein kalter Luftzug ent­ gegen. Zum Schluß sei noch die Geschichte erwähnt, die sich um ein Kapellenfenster rankt. Auf einem solchen soll nämlich eine Zeitlang aus unerfindlichen Gründen ein Kreuz zu sehen gewesen sein. Daraufhin ließ man das Fenster ausbauen und durch ein neues ersetzen, doch das Kreuz war auch auf der neuen Scheibe deutlich zu erkennen. Der kleinen friedlichen Kapelle freilich sieht man von den abenteuerlichen Ge­ schichten, die sich um sie ranken, nichts an. Der Mensch unserer Zeit hat ihre ruhige Lage schätzen gelernt. Jochen Schultheiß Lang ist‘ s her Am frühen, hellen Tag, wenn die Vögel singen, erwachet Wald und Hag. Ist das ein Klingen. Ist das die Melodie, das Lied des Glücks? Es tönt, als hätt‘ ich nie verlor’n dies Lied. Ich träume still und leis, von alten Tagen, von Wind und Sonnenschein und stell‘ mir Fragen. Wo es mir gut gefällt, warum ich Abschied nahm? Wo nirgends auf der Welt, es schöner je sein kann. Ich kehrte gern zurück nochmals ins Elternhaus, suchte nach Kinderglück und nach dem Wiesenstrauß, den mir der Liebste gab. Lang, lang ist’s her. Er ruht im kühlen Grab, er lebt nicht mehr. Margot Opp 319

Verkehrswesen ,, City-Bahn Freiburg-Donaueschingen-Villingen­ Schwenningen Wunschtraum oder realistische Möglichkeit?“ Über die Höllentalbahn wurde aus Anlaß des 100ahrigen Jubiläums im Almanach 1988, Seite 233 ff., berichtet. Unsere Bemühungen um eine bessere Verbindung zwischen den Oberzentren Freiburg und Vil­ lingen-Schwenningen konzentrieren sich auf das Ciry-Bahn-Konzept: umsteigefrei im Einstundentakt sollen die Fahrgäste zwischen den beiden Städten fahren können.Als Bestandteil des Ciry-Bahn-Projekts sehen wir auch die Strecke von Villingen nach Rottweil. Wo Licht ist, ist auch Schatten. Daß dies in besonderem Maße auf die Bundesbahn zutrifft, die mittlerweile verstärkt für Inter­ regio-, Intercity- und ihre neuen Hochge­ schwindigkeitszüge wirbt, mußten in den vergangenen Jahren die Gemeinden entlang der oberen Höllentalbahn zwischen Neu­ stadt, Donaueschingen und Villingen­ Schwenningen erleben. Denn den attrakti­ ven Städteverbindungen zwischen den gro­ ßen Ballungsgebieten stehen fortgesetzte Rationalisierungen und ein auf breiter Ebene vonstatten gehender Rückzug aus den ländli­ chen Gebieten gegenüber. City-Bahn In zähen Verhandlungen und unter finan­ zieller Beteiligung der Landkreise und Kom­ munen gilt es nun, die Nachteile wieder wett­ zumachen. In Villingen-Schwenningen wurde am 11. März eine Interessengemein­ schaft gegründet, die sich die Einrichtung einer Freiburg-Villingen­ Schwenningen zum Ziel gesetzt hat: eine schnelle, umsteigefreie Verbindung zwi­ schen den beiden Oberzentren im Einstun­ dentakt. Wo derzeit noch alle zwei Stunden ein Dieseltriebwagen nach Neustadt fahrt, um dort seine Fahrgäste auf die elektrifizierte Höllentalstrecke umsteigen zu las en, soll alsbald eine durchgehende Oberleitung stär­ keren Loks freie Fahrt gewähren und die Rei­ sezeit, die momentan zwischen den beiden Oberzentren bei rund 110 Minuten liegt, auf maximal 90 Minuten verkürzen. 320 Allein mit der Regionalschnellbahn (RSB), die im Mai 1988 ihren Betrieb auf­ nahm, wollen die Bewohner der Baar nicht so recht warm werden. Einerseits war der im Laufe der vergangenen hundert Jahre immer wieder stiefmütterlich behandelte Abschnitt vor nunmehr vier Jahren im Zweistunden­ rhythmus „vertaktet“ und mit bequemeren Dieseltriebwagen der Reihe VT 628, jeweils 2,5 Millionen Mark teuren, 45 Meter langen und 520 PS starken Zugeinheiten ausgestat­ tet worden. Der Reisende konnte sich fortan in wesentlich bequemeren Sitzen räkeln, die fast schon an den Komfort eines Intercity herankamen. Außerdem konnte der Fahr­ gast nun damit rechnen, in den Knoten­ punkten Ulm, Offenburg oder Freiburg pro­ blemlos Anschluß an die IC- und Interregio­ Züge zu bekommen. Andererseits aber wurden gerade zugun­ sten dieser Verbesserungen andere Haltestel­ len schlichtweg gestrichen. Damit, daß unrentable Strecken wie die 1976 stillgelegte Trasse zwischen Kappel-Gutachbrücke und Bonndorf wieder in Betrieb genommen wür­ den, hatte natürlich niemand ernstlich gerechnet. Aber daß nun weitere Halte­ punkte wegfielen, wurde vielen erst so richtig bewußt, als die schmucken neuen Triebwa­ gen vor ihren erstaunten Augen tatsächlich vorbeirauschten, ohne ihre Fahrt zu unter­ brechen. Bachheim, Unadingen, Hausen vor Wald und Hüfingen mußten dran glau-

Zielpunkt Freiburg. Wer von Donaueschingen oder Villingen-Schwenningen aus die City-Bahn benutzt, kann im Rheintal mit kurzen Wartezeiten in den JC oder ICE Hamburg-Basel-Zürich umsteigen. Noch allerdings befindet sich der Einstundentakt zwischen den Oberzentren in der Planungs­ phase. ben. In Hausen vor Wald organisierten die Eltern mehrerer Dutzend Schulkinder, die nun auf einen völlig überfüllten Schulbus umsteigen sollten, sogar eine Demonstra­ tion. Die fand zwar in den Medien ein leb­ haftes Echo. Das war’s dann aber auch schon. Hatte die Bundesbahn zwischen Neu­ stadt und Donaueschingen ohnehin nur noch um die 1300 Fahrgäste gezählt, so san­ ken die Zahlen jetzt auf die magische Tausen­ der-Grenze zu, bei der die Bahn Strecken stillzulegen pflegt. Sollte die Gewerkschaft der Eisenbahner Recht behalten, die ange­ sichts der Streichung von Neudingen, Grü­ ningen und Gutrnadingen die auf die Baar verlängerte Höllentalbahn bereits 1982 auf der „Abschußliste“ sah? Schließlich konnte man die Triebwagen ja auch einfach irgendwo anders einsetzen. Tatsache blieb auch, daß Bahnreisende, die bis dahin tagsüber in einigen Zügen, ohne umzusteigen bis in die Breisgaumetro­ pole hatten durchfahren können, nun in Neustadt auf den auf der anderen Seite des Bahnsteigs einfahrenden Anschlußzug war­ ten mußten. Die umständliche Art der Bahnreise von der Baar in die Breisgaumetropole ist natür­ lich keine Erfindung der „Neuzeit“, sondern untrennbar mit der Entstehungsgeschichte des Schienenverkehrs in diesem Teil des Hochschwarzwalds verknüpft. Die Pioniere der Eisenbahngeschichte im August 1845 Freiburg an die „Badische Hauptbahn“ an. Dann jedoch bekam im damaligen Großherzogtum Baden die Schwarzwaldüberquerung via Offenburg über Villingen und Donaueschingen nach Konstanz den Vorzug. Wer Richtung Schaff­ hausen wollte, der nahm ohnehin den Weg über Basel und Waldshut, und so konnte schlossen 321

jede weitere Strecke zwischen diesen beiden Linien nur noch untergeordnete Bedeutung haben. Trotzdem begann sich bereits in die­ sen frühen Jahren eine Initiative zu formie­ ren, die man auch als eine Art „historischen Vorläufer“ der heutigen Interessengemein­ schaft zur Einrichtung der City-Bahn Frei­ burg-Villingen-Schwenningen bezeichnen könnte. Zunächst waren es die Gemeinden der Amtsbezirke Bonndorf und Stühlingen, und nur wenig später, ebenfalls noch im Jahr 1845, auch die Gemeinden des Bezirks Neu­ stadt, die beim „Großherzoglichen Staatsmi­ nisterium“ wegen einer Bahnlinie durch das Höllental vorstellig wurden. Die „Großher­ zogliche Oberdirektion des Wasser- und Straßenbaues“ prüfte die Angelegenheit, und legte 1846 ein Gutachten vor, das sehr ungünstig ausfiel. 1863 war man schon wei­ ter, und die Zahl der interessierten Gemein- den auf 50, im Jahr 1869 schon auf 150 ange­ wachsen. Mit der Erfindung der Zahnrad­ bahn durch den Schweizer Riggenbach eröffneten sich neue Möglichkeiten einer kostensparenden Trassierung -denn gespart werden mußte: die Schwarzwaldbahn zwi­ schen Offenburg und Konstanz verschlang den für damalige Verhältnisse bereits unge­ heuren Betrag von 60 Millionen Mark. Unter den Folgen dieses schon mehr als ein­ hundert Jahre zurückliegenden Sparzwangs leidet die Höllentalbahn noch heute. Am 23. Mai 1887 wurde die Höllental­ strecke in Betrieb genommen, am 10. August 1891 mit dem Gleisbau zwischen Neustadt und Donaueschingen begonnen. 23 Bahn­ wärterhäuschen gehörten zum Inventar, gußeiserne und gemauerte Brücken, wie man sie sonst nur noch auf originalgetreuen Modellbahnanlagen oder im Bilderbuch fin­ det. Am 20. August 1901 wurde die 37,04 Die eingleisige Strecke – hier zwischen Neustadt und Rötenbach auf der Kappel-Gutachbriicke- wartet mit landschaftlichen Reizen auf. Die Baumeister der Jahrhundertwende paßten sich bezüglich der ver­ wendeten Materialien an die Umgebung an. 322

Bahnübergang Allmendshofen – zweimal am Tag rauscht hier bislang auch noch der diese/bespannte E-Zug von Freiburg nach München durch. Kilometer lange Strecke Neustadt und Hüfingen eingeweiht, die 2,84 Kilometer lange Strecke von Hüfingen nach Donau­ eschingen in den Staatsbetrieb übernom­ men. Ganz im Gegensatz zu den Anstrengun­ gen, die heute unternommen werden müs­ sen, um die derzeitige Benachteiligung die­ ses später erstellten Streckenabschnittes wie­ der auszugleichen, hatte die Eisenbahn zwi­ schen Neustadt und Donaueschingen eine wesentlich günstigere, weil bei weitem nicht so steile Trassierung bekommen. Möglich wurde dies durch zahlreiche Kunstbauten und die Bögen über Bachheim und Hausen vor Wald. Allein vier Tunnels durchziehen auf 6, 7 5 Kilometern Länge den verwitterten Granit zwischen Kappel­ Gutachbrücke und Rötenbach. Der 535 Meter lange Dögginger Tunnel zwischen Unadingen und dem heutigen Stadtteil Bräunlingens durchquert bekanntlich die europäische Hauptwasserscheide zwischen Rhein und Donau, und somit zwischen Nordsee und Schwarzem Meer. Doch der ursprüngliche Vorteil verkehrte sich ins Gegenteil, als in den dreißiger Jahren die Höllentalstrecke für eine versuchsweise Elektrifizierung mit einem heute bei Ober­ leitungen gar nicht mehr gebräuchlichen System auf SO-Hertz-Basis auserkoren wur­ de. Wegen der für dieses Experiment nur begrenzt zur Verfügung stehenden Kapazitä­ ten konnte nur ein Teil der Gesamtstrecke, nämlich der von Freiburg nach Neustadt und Seebrugg elektrifiziert werden. Erst 1960 wurde die Strecke auf die allgemein übliche 16-Zwei-Drittel-Hertz Hochspannung um­ gestellt. 1977 wurde die Schwarzwaldbahn von Offenburg nach Konstanz elektrifiziert. Übrig blieb der zwischen beiden Trassen lie­ gende, rund 40 Kilometer lange Abschnitt zwischen Neustadt und Donaueschingen. Eine „Diesel-Insel“, wie sie die Bahner fortan 323

Kreuzungspunkt Hüfingen: auf der eingleisigen Strecke könnten die Züge der City-Bahn hier im Ein­ stundentakt im Begegnungsverkehr aneinander vorbeifahren. zu stehen: auf einhundert Millionen Mark kam die Bahn mit ihren Berechnungen. Die Preissteigerungen der vergangenen Jahre miteingerechnet, käme man heute sogar auf rund zweihundert Millionen Mark Bauko­ sten. Damit mochte man sich beim Pla­ nungsverband Schwarzwald-Baar-Heuberg nicht zufriedengeben. Der gordische Kno­ ten jedoch schien erst durchschlagen, als sich die Erkenntnis durchsetzte, daß es nicht darum ging, die City-Bahn so schnell wie möglich zwischen den beiden Oberzentren Villingen-Schwenningen und Freiburg ver­ kehren zu lassen, sondern nach dem von den Schweizern vorexercierten Fahrplanprinzip nur „so rasch wie nötig“, um die besten Anschlüsse an den jeweiligen Endpunkten der Fahrtstrecke zu erreichen. Schlagartig reduzierten sich die Kosten, als die in Auf­ trag gegebene Studie sich an der neuen Vor­ gabe orientierte. Nahverkehrsexperte Ulrich Grosse, der sich mit den Fahrplänen befaßte, nannten, denn aufgrund des auf dieser Länge fehlenden Fahrdrahtes mußten jetzt ständig die Lokomotiven gewechselt werden. Von Freiburg fuhren und fahren auch heute noch die kräftigen E-Loks nach Neustadt, und dort wird dann die schwächere Diesellok vorge­ spannt, um bis nach Donaueschingen und zur wieder elektrifizierten Trasse der Schwarzwaldbahn zu kommen. So rasch wie nötig Dabei ist schon vor elfJahren erstmals die Hoffnung aufgekommen, daß die eingleisige Strecke auf absehbare Zeit mit einer Oberlei­ tung ausgestattet werden könnte: In Zusam­ menhang mit den Bemühungen zum Aus­ bau der B 31 ließ die Bundesbahndirektion in einer Studie die Elektrifizierung und eine Begradigung im Abschnitt zwischen Kappel­ Gutachbrücke und Döggingen mit drei Tun­ nels prüfen. Allein, der finanzielle Aufwand schien in keinem Verhältnis zur Zielsetzung 324

und das Tuttlinger Ingenieurbüro Breinlin­ ger (Bautechnik) leisteten gute Arbeit. Die Tuttlinger hatten einige Jahre zuvor schon einmal ihre „Visitenkarte“ abgegeben. Als die Bahn die Strecke Villingen-Schwen­ ningen-Rottweil stillegen wollte, weil ihr zwei Millionen Mark für eine neue Brücke bei Deißlingen zu viel waren, kam der Pla­ nungsverband mit einem Gegengutachten der Ingenieure, die eine einwandfreie Sanierung vorschlugen, auf nur 116.000 Mark. Die Stille­ gung war somit vom Tisch. Wie würde es dies­ mal aussehen, wenn es um die City-Bahn ging? Im Herbst 1990 war die 50.000 Mark teure Untersuchung fertig. Das Geld dafür erwies sich tatsächlich als gut angelegt, denn auch hier wurde es billiger. Favorisiert wurden nun die Einrichtung des bislang fehlenden Fahrdrahtes und der Bau einer Doppelspur­ insel zwischen Neustadt und Kappel­ Gutachbrücke. Ganze 22 Millionen Mark blieben von den vormals einhundert Millio- nen noch übrig. Lediglich bei einer Optimie­ rung der Reisezeit durch einen Tunnel zwi­ schen Kappel-Gutachbrücke und Röten­ bach kämen weitere 50 Millionen hinzu. Der allerdings ist für ein Funktionieren des Kon­ zeptes nicht unbedingt erforderlich. Interessengemeinschaft gegründet Trotzdem sollten nochmals anderthalb Jahre anstrengender Verhandlungen mit der Bundesbahn, dem Land Baden-Württem­ berg und den zu beteiligenden Kommunen vergehen, bis zumindest über die Grund­ sätze des neuen Verkehrskonzeptes Einver­ nehmen erzielt werden konnte. Am 11. März 1992 konnte man sich endlich an die Grün­ dung der Interessengemeinschaft City-Bahn wagen. Landrat Dr. Rainer Gutknecht wurde an diesem denkwürdigen Tag zum Vorsitzen­ den gewählt, Rainer Kaufmann vom Re­ gionalverband Schwarzwald-Baar-Heuberg zum Geschäftsführer bestellt. Bahnhof Kappel-Gutachbrücke: nach den Vorstellungen des Regionalverbandes wäre hier eine zweite Ausweichstrecke möglich. 325

Bald wieder mit Wendezügen, Oberleitung und E-Loks? Die Strecke Freiburg-Villingen-Schwenningen ist bislang lediglich zwischen Freiburg und Neustadt elektrifiziert. Der Abschnitt Neustadt-Donau­ eschingen soll folgen. Nun galt es die nächsten Hürden zu neh­ men: wer zahlt in einer Zeit, in der die öffent­ liche Hand zunehmend um die Deckung ihres Finanzbedarfes und die Bewältigung der dringendsten Aufgaben besorgt sein muß? Die Betreiber des City-Bahn-Projektes hatten mit weiteren Schritten nicht zuletzt auf die Neufassung des Gemeindeverkehrs­ finanzierungsgesetzes (GVFG) warten müs­ sen. Das sah nach der im Bundesrat verhan­ delten Umverteilung der Steuergelder jetzt auch die intensive Förderung_ des Öffentli­ chen Personennahverkehrs (OPNV) außer­ halb von Verdichtungsräumen vor. Wer die seit den siebziger Jahren Zug um Zug ausgebauten $-Bahnsysteme großer Bal­ lungsräume wie Stuttgart, München oder Hamburg vor Augen hatte, der hatte sich angesichts der -zig Millionen, die dort flos­ sen, über die stiefmütterliche Behandlung 326 der ländlichen Gebiete ohnehin nur wun­ dern können. Widersprach der hier angetre­ tene Rückzug doch im Grunde einer Struk­ turpolitik, die zum Ziel haben mußte, in wei­ ten Teilen des Landes annähernd gleiche Lebensbedingungen herzustellen. Jetzt, nach der Neufassung des GVFG, kämpft die Bahn zwar immer noch ums Überleben. Aber Zweckverbände, denen schon seit längerem angeboten wurde, doch Wagenmaterial und Strecken einfach von der Bahn zu mieten, haben jetzt die Mög­ lichkeit, sich an den Investitionen zu beteili­ gen. Trumpf der City-Bahn: übernimmt das Land die Kosten für die Elektrifizierung, wie auch auf dem Abschnitt Singen-Schaffhau­ sen, ist der Löwenanteil bereits abgedeckt. Dafür spricht die Aufnahme des Projektes in den Bundesverkehrswegeplan und in das Schienenkonzept des Landes Baden-Würt­ temberg. Selbst wenn die Investitionen für

die günstigste Variante der City-Bahn, wie von der Bundesbahn immer wieder behaup­ tet, von 22 auf 32 Millionen steigen, hätten die Gebietskörperschaften und Gemeinden immer noch eine reelle Chance, das Projekt zu verwirklichen. Kosten-Nutzen-Analyse Nicht zuletzt nämlich haben sich die Gut­ achter der City-Bahn-Studie die Mühe einer aufwendigen Kosten-Nutzen-Analyse ge­ macht. Die im Vergleich zum Dieseltriebwa­ gen höheren Betriebskosten einer E-Lok mit Wendezugeinheit samt Personalkosten wur­ den hochgerechnet, 350.000 Mark für den behindertengerechten Umbau eines Wag­ gons samt Mini-Kiosk, und sogar die Kosten für die tägliche Wagenreinigung und -kon­ trolle miteinbezogen. Die Volkszählung von 1987, bei dei unter anderem auch ermittelt wurde, wer an wel­ chem Ort arbeitet und welches Verkehrsmit- tel für die Anfahrt nutzt, wurde konsequent ausgewertet, um zu erfahren, wieviele Men­ schen die City-Bahn nutzen könnten, wenn sie nur attraktiv und schnell genug wäre. Rein statistisch gesehen kamen die Nahver­ kehrsexperten auf einen potentiellen Kun­ denkreis von 3587 zusätzlichen Interessen­ ten. Weil sich bei einer besseren Bedienung der Strecke weitere Fahrgäste aus dem Raum Konstanz-Singen das Umsteigen auf die Schiene überlegen könnten, würde es even­ tuell schon genügen, wenn nur 180 Pendler ihren eigenen fahrbaren Untersatz gegen den freundlichen Zug der Bahn eintauschen. Kommt hinzu, daß das City-Bahn-Projekt um die Strecke von Villingen-Schwenningen nach Rottweil verlängert werden soll, der Einzugsbereich sich also nochmals vergrö­ ßert. Klaus Koch Der Text wurde unter freundlicher Mitwirkung von Rainer Kaufmann, Geschäftsführer der Interessengemeinschaft City-Bahn, erstellt. Blick von der Eisenbahnbrücke in Donaueschingen Richtung Osten: hier mündet die obere Höllental­ bahn von Neustadt kommend in die Schwarzwaldbahntrasse Offenburg- Konstanz (links). 327

Heimische Tierwelt, Umwelt Das Damwild Seine Entwicklung Unter all den bei uns vorkommenden Wildarten hat das Damwild in der Baar eine hohe Bedeutung und eine weit zurückrei­ chende Geschichte. Durch fossile Geweih­ funde wird nachgewiesen, daß das Damwild in den letzten beiden Zwischeneiszeiten in Mitteleuropa gelebt hat und mit der letzten Eiszeit zurückgedrängt wurde nach Klein­ asien. Somit war diese Wildart aus Europa verschwunden. Doch die Wiedereinbürge­ rung des Damwildes begann schon in früh­ geschichtlicher Zeit im Mittelmeerraum. Später brachten es die Römer nach Mittel­ europa und die Kreuzritter, hauptsächlich wegen dem Geschmack des guten Wildprets, nach England, wo heute noch das größte Damwildvorkommen zu finden ist. Vom Mittelalter ab wurde das Damwild in zunehmendem Maße in herrschaftlichen Wildparks gehalten. Über die Gehegehal­ tung, für die sich diese Wildart besser als jedes andere Schalenwild eignet, kam auch die Einbürgerung in die freie Wildbahn, so daß wir heute lokale Damwildvorkommen in vielen Landesteilen Deutschlands und in fast allen europäischen Ländern vorfinden. In der Bundesrepublik hat das Damwild vor allem in den letzten 20 Jahren sprunghaft zugenommen. Das meiste Damwild findet man in Schleswig/Holstein und Niedersach­ sen. Das bedeutendste Damwildrevier in Europa ist Gyulay in Ungarn. Die zunehmend geförderte Verbreitung dieser Wildart ist in erster Linie darin begründet, daß es weniger Schaden anrichtet an Forstkulturpflanzen wie z.B. das Rotwild. Schälschäden wurden bisher nur bei über­ höhter Wilddichte festgestellt. Der Lebens­ raum des Damwildes ist nicht an große geschlossene Waldungen gebunden, er ent­ spricht etwa dem des Rehwildes. 328 Weißes Damwild wird verhältnismäßig sehr sel­ ten geboren. Wenn, wird es im Jugendalter erlegt, um den Bestand in den Wildfarben zu erhalten. Schwarzes Damwild wirkt in der freien Wild­ bahn nicht störend und wird,je nach Güte und Gesundheitszustand, gehegt.

Damwild im Unterhölzer Wald Die Jagd auf Damwild wird oft von den Jägern unterschätzt, da viele Jäger diese Wildart nur als Gatterwild kennen. In freier Wildbahn weiß das Damwild seine scharfen Sinne zu gebrauchen und macht es dem Jäger schwer, auf das richtige Stück zu jagen. Wie erwähnt, so geht auch das Damwild­ vorkommen an der oberen Donau auf ein Gatter zurück. 1781 wurde im Unterhölzer Wald ein etwa 320 ha großes Gatter angelegt, der sog. kleine Tiergarten. Der ausgesetzte Bestand wuchs schnell an und zählte 1810 bereits 150 Stück. 1812 wurde das Unterhöl­ zer Gatter auf 500 ha erweitert. Diese Gestalt und Größe ist im wesentlichen bis 1918 erhal­ ten geblieben.1902 wurden 200 Damhirsche und 310 Kahlwild (weibliche) gezählt. Im Dezember 1918 durften zurückziehende Truppen, die sich in den umliegenden Dör­ fern einquartiert hatten, für ihre Versorgung einige Stücke Damwild erlegen. Dieses Ent­ gegenkommen wurde aber in einem Maß ausgenützt, daß nur wenige Stücke übrigblie­ ben. Diese konnten durch den beschädigten Zaun fliehen und sich in den umliegenden Wäldern heimisch machen. 1935 entstand auf dem Wartenberg erneut ein kleines Gat­ ter, in das man 10 Stück Damwild, darunter Wildfarbener Damwildspießer, einjährig, mit sehr guter Veranlagung. Im Mai zeigt diese Altersgruppe bereits sein vo[lständiges, aber noch nicht vom Bast befreites Ersllingsgeweih. Ein außerordentlicher Damschaujler, erlegt in der Baar. Die Jagd ist Auslese und Grundlage für die Erhaltung des Damwildes in der Region. Sie dient dem Wild, der Land- und Forstwirtschaft. Im Juni werden, meist an ruhigen Plätzen in Alt­ hölzern mit angrenzenden Wiesen, die Kälber gesetzt. 329

Dort kam es mit dem Rest des früheren Bestandes zusammen und war hauptsäch­ lich im Gebiet des Unterhölzer Waldes zu beobachten. Damit begann die Neuge­ schichte des freilebenden Damwildes in unserer Region. Mit zunehmender Siedlungsdichte drängte das Damwild ab Mitte der fünfziger Jahre im zeitigen Frühjahr in die Reviere auf den Baldinger und Geisinger Bergen, dem Amtenhausener Berg und in die Reviere lmmendingen-lppingen sowie Öfingen. Im Herbst kehrt der größte Teil auf die Brunft­ plätze und die Wintereinstände im Unter­ hölzer Wald zurück. Auf Grund seiner bewährten Vorzüge war man bemüht, die­ sem Wild eine Daseinsberechtigung in den Wildbahnen zu schaffen und es maßvoll zu hegen. Diese Bemühungen kamen zunächst darin zum Ausdruck, daß das ehemalige Kreisjagdamt Donaueschingen alljährlich eine besondere Abschußplan-Besprechung für diese Wildart durchführte, zu der alle Reviere, sei es auch nur mit gelegentlichem Damwildvorkommen, eingeladen waren. Das Hegeziel ist, gesundes und starkes Wild für die Wildbahn zu erhalten. einen schwarzen Schaufler, einsetzte. Dieses Gatter wurde 1945, auf Grund der Erfahrung aus dem 1. Weltkrieg, vor dem Zusammen­ bruch aufgelöst und das Damwild in die freie Wildbahn entlassen. Rufend hält der Platzhirsch das Brunftmdel zusammen. 330 1973 folgte die Gründung einer einheitli­ chen Hegegemeinschaft für das gesamte Damwildverbreitungsgebiet im oberen Donautal. Die jährlichen Zusammenkünfte dienten dem Austausch von Erfahrungen, Beobachtungen und der Erweiterung des Wissens um das Damwild. Angestrebt wird durch die Bejagung ein Geschlechterverhält­ nis von 1:1, eine Altersgliederung, die nach­ haltig einen genügenden Anteil erfahrener Muttertiere und reifer Hirsche gewährleistet. Der gute Schaufler sollte mindestens 8 -10 Jahre alt werden. Betrachtet man die verhält­ nismäßig kleine Damwildpopulation im Unterhölzer Wald, so werden die qualitati­ ven Möglichkeiten dieser Wildart mit eini­ gen erlegten Weltspitzenhirschen dokumen­ tiert. Abgesehen von dieser Trophäenbewer­ tung, die für einen gesunden Zustand des Wildes spricht, bringt das Damwild mit jedem Stück eine erfreuliche und wohl ver­ tretbare Bereicherung unserer Wildbahnen.

Hirschrudel im Sommer mit Bastgeweih. Zur Brunftzeit im Oktober trennen sich für die Zeit der Brunft die Kälber von den Alttieren. Hirschrudel im Frühsommer mit Bastgeweih. 1975 steht über der weiteren Entwicklung dieser Wildart ein großes Fragezeichen mit der im Dezember in Betrieb genommenen, entlang des Unterhölzer Waldes verlaufen­ den Autobahn. Diese durchschneidet die in die Frühjahrs-und Sommereinstände und die zurückführenden Wechsel des Damwil­ des. Das Autobahnamt wurde durch alle Alttiere mit ihren Kälbern. möglichen Instanzen darauf aufmerksam gemacht. Nach langen Bemühungen wur­ den auf Grund einer bundesweiten Regelung Wildschutzzäune zwischen Unterbaldingen und Geisingen aufgestellt. Der Wilddurch­ lass an der Kötach ist nicht wildgerecht und wurde nicht angenommen. So entsteht eine neue Grundlage für das Damwild im Unter-331

hölzer Wald. Dem Damwild wurden die Wechsel zu den großen Waldungen der Gei­ singer Berge genommen. Da e im Sommer höher gelegene Landschaft bevorzugt, weicht es jetzt auf den Wartenberg aus, wo es erheblichen Schaden an den landwirtschaft­ lichen Nutzpflanzen bringt. Wildschutz­ maßnahmen und ein der Revierfläche ange­ paßter Wildbestand hat dem Damwild seine Existenz gesichert. Der derzeitige Frühjahrs­ bestand wird auf ca. 100 bis 120 Stück geschätzt. Verhalten des Damwildes Waldungen mit angrenzenden Feldern und Wiesen ist der Lebensraum dieser Wild­ art. Damwild lebt gerne gesellig, meist sind Hirsch- und Kahlwildrudel getrennt. Es ist ein sehr tagaktives Wild. Der Gesicht sinn übertrifft alle bei uns vorkommenden Wildarten. Besonders die Alttiere, die sich für das Rudel verantwort­ lich fühlen, sichern sehr oft beim Äsen. Leittier ist immer ein Kalb führendes Alt­ tier. Verliert es ihr Kalb, tritt das nächste füh­ rende Tier als Leittier an dessen Stelle. Markant beim Damwild ist der sich immer in Bewegung befindende schwarze Wedel. Die Körperlänge eines Hirsche beträgt ca. 1,40 m, seine Schulterhöhe ca. 1,20 m. Beim Damwild sind die Farbvarianten schwarz-weiß und wildfarben zu erwähnen. Weißes Damwild ist in der freien Wildbahn nicht erwünscht. Die Brunftzeit des Damwildes fällt in die letzten Tage des Oktobers bis Mitte Novem­ ber. Vor der Brunft trennen sich nach dem Verfegen des Bastgeweihes die Hirsche aus dem Sommerrudel, um sich in der Feistzeit im September für die Brunft zu stärken. Die Schaufler werden zu Rivalen und kämpfen untereinander, um Platzhirsch auf den Brunftplätzen zu werden, wo Alt- und Schmaltiere sich einfinden. In unserer dichtbesiedelten Landschaft findet die Brunft hauptsächlich in den frü­ hen Morgen- und späten Abendstunden statt. Der Brunftbetrieb beim Damwild ist sehr lebhaft. Rufend, mit immer wippendem Haupt, versucht der Platzhirsch das Kahl­ wildrudel zusammen zu halten. Durch wie­ derholtes Eindringen der Beihirsche in das Rudel, kommen auch diese manchmal schwächeren Hirsche zum Beschlag der Tiere. Nach der Brunft bilden sich wieder Hirsch-und Kahlwildrudel über den Winter. Im April beginnt die Abwurfzeit der Geweihe. Die alten Hirsche werfen ihre Geweihe zuerst ab, die jüngeren folgen. Bis Mitte Mai beginnen die Hirsche mit dem Neuaufbau ihres Schaufelgeweihes, das bis zum August wieder vom Bast, der den Auf­ bau gewährleistet, befreit ist. Im Juni werden die Kälber geboren. Zu dieser Zeit trennen sich die Alttiere, um nur für ihren Nachwuchs zu sorgen. Erich Marek Der Bienenlehrstand in der Retsche in Triberg Der Platz hätte nicht besser gewählt wer­ den können, er liegt in unmittelbarer Nähe der Stadt Triberg, im Naherholungsbereich und doch in herrlicher Abgeschiedenheit, eine Oase der Ruhe ist man versucht zu sagen. Ein Glücksfall, daß der „Linden­ grund“ als städtisches Gebiet zur Verfügung gestellt werden konnte. Doch ist freier Flug in einsame Gefilde nicht die einzige Bedin­ gung für das Wohlbefinden der Bienen und ihr Gedeihen. Eine reiche, überreiche Flora der Wiesen in der Umgebung erwartet sie. Wo wäre auch eine Stelle zu finden, wo Hasel, Weide, Ahorn, Eiche, Birke, Ulme, Zitterpappel, Fichte, Tanne, Kiefer und Dou­ glasie auf engem Raum beieinanderstehen 332

und als Bienenweide genutzt werden kön­ nen. Für weitere „Bienenpflanzen“ haben die Imker um den Lehrbienenstand herum gesorgt. Beste Grundlage dafür stellt -weni­ gen nur bekannt – die besondere Triberger Geologie dar, verursacht durch die Kessel­ bergverwerfung, einen Nährboden für die vielfältige Botanik. Immer noch nicht genug. Auch die Bienen brauchen Wasser und selbst daran hat die Natur gedacht. So war zu erwarten, daß die Bienenvölker, die 1986 dort probeweise aufgestellt wurden, ihre „Heimat“ annehmen würden. Das Ergebnis des dreijährigen Experiments ließ den Gedanken Wirklichkeit werden, in der Retsche den Imkern die Möglichkeit der Zusammenkunft zu bieten, eine gemein­ same Betriebsweise zu finden und das Leben der Bienen zu demonstrieren. Bei der Wahl des Platzes erhielt der Bezirksimkerverein 1864 e. V. Triberg maßgebliche Unterstüt­ zung durch Revierförster Forstamtmann Berthold King und dem Naturschutzbeauf­ tragten Oberforstdirektor Ludwig Heneka vom Staatlichen Forstamt Triberg. Die Idee stammte von Franz Nock, dem „Steinfranz“, dem Vorstand des Imkervereins Triberg. Der langjährige, erfahrene Imker wollte zeigen, daß die Biene keine „Horroreinrichtung der Natur“, wie er selbst formulierte, ist, sondern ein höchst menschenfreundliches Wesen. Sie bringt den Honig, erzeugt das Wachs, verklebt die Ritzen mit Propolis (das neuer­ dings zu Heilzwecken verwendet wird) und übernimmt vor allem die Bestäubung der Pflanzen. Die Idee eines Vereinsstandes, einmal in der Welt und von allen Vereinsmitgliedern getragen, wurde in die Tat umgesetzt. Das Bauwerk mußte wie ein Wohnhaus alle Sta­ dien von der Planung bis zur Genehmigung durchlaufen. Den Plan fertigte nach den Vor­ gaben von Franz Nock Zimmermeister Her­ mann Schwer. Der Bauantrag wurde vom Gemeinderat Triberg gutgeheißen, der Plan erfuhr durch Bezirksbaumeister und Land­ schaftsbeauftragten seine Genehmigung, freilich verfügten sie eine landschaftsge- 333

1965 die „Malerklause“ stand. Das Gebäude war aufgegeben und auf Veranlassung der Stadtverwaltung abgebrochen, das Gelände eingeebnet worden, aber irgendwo mußte noch der alte granitene Brunnentrog tief im Erdreich verborgen sein. Man suchte, suchte mit dem Bagger (Friedolin Müller stellte ihn kostenlos zur Verfügung) und entdeckte ihn in zwei Meter Tiefe an der Kellerwand des damaligen Gebäudes. Das Heben des Trogs mußte mit besonderer Sorgfalt geschehen. Es gelang ohne Beschädigung unter der sach­ kundigen Führung von Alfred Hug. Jetzt ruht er auf einer stabilen Betongrundlage. Damit ist er seinem ursprünglichen Zweck wieder zugeführt – zur Freude eines jeden Besuchers. Den hölzernen Brunnenstock stiftete Paul Schwer. Die Quelle ist von üppi­ ger Ergiebigkeit und versiegt auch in trocke­ nen Sommern nicht. Von der Leitung aus wird auch eine Bienentränke unterhalten. Große Anstrengung kostete die Wasserfüh­ rung, die O!iellfassung, das Ausgraben mit dem Bagger, die Restaurierung des Haupt­ reservoirs, in dem das Backsteingewölbe ein­ gebrochen war, zusätzlich waren zur Sicher­ heit zwei Ringe aufzubringen. Das Graben für die Wasserrohre mußte zu einem Viertel der Strecke bis zum Brunnenstein von Hand erfolgen -Paul Schwer und Peter Reuter leg­ ten sich ins Zeug – die alte Leitung wurde stillgelegt. Die biologische und chemische Wasseruntersuchung erbrachte ein einwand­ freies Ergebnis. Um das Gelände wieder ein­ zuebnen und mit Humus (70-80 Kubikme­ ter) abzudecken, stellte Alfred Hug seinen Traktor zur Verfügung, nachdem sich her­ ausgestellt hatte, daß die Arbeit mit dem Schubkarren zu langsam vor sich ging und zu mühsam war. Für den Garten hatte er einen Wagen voll Stallmist aus Gremmels­ bach angefahren. All dies bedeutete für den „harten Kern“ von Nocks Mitarbeitern (Paul Schwer, Alfred Hug, Peter Reuter, Josef Schwarz, Josef Kuner, Ewald Paul, Robert Pretzer, Konrad Brucker, Stefan Hug) Schwerstarbeit am „Feierabend“ und am Samstag, die bis an den Rand der Erschöp- rechte Bauweise, das hohe Satteldach als Hausform – eine teurere Lösung, als sie der Verein vorgesehen hatte. Bauen oder nicht bauen, das war jetzt die Frage. Im Vertrauet‘ auf die Mitarbeit aller, auch auf Geld- und Materialspenden, nahm der Verein die große finanzielle Belastung, Vorstand Nock die Verantwortung auf sich. Ohne Idealismus und Begeisterung für ein hohes Ziel wäre das Werk in der Planung steckengeblieben. 4000 freiwillige Arbeitsstunden leisteten Mitglie­ der und Freunde des Vereins von der Aus­ schachtung bis zur Einweihung. Da wurde gesägt, genagelt, betoniert, gemauert unter der Leitung von Maurerpolier i. R. Erwin Salinger. Der Holzaufbau lag in der Regie von Zimmermeister Schwer, beim Abbinden und Aufstellen wurden 15 Mann gebraucht. Dabei kamen dem Verein Holzspenden der Mitglieder von insgesamt 22 fm zugute. Noch erinnerte man sich daran, daß exakt an der Baustelle in früheren Jahrzehnten ein­ mal das Gasthaus „Lindengrund“, später bis 334

fung ging. JosefKuner schnitt für die Innen­ räume die Platten zu und verlegte sie. Das Tüpfelchen auf dem i ist aber ein Steingarten vor der Flugwand des Bienenhauses und ein Blumengarten um das Haus -die Arbeit von Frau Tilly Nock und Frau Rosa Hug. Und bei jeglicher Arbeit waren Franz Nock und sein Stellvertreter Paul Schwer anwesend, jeder­ zeit tatkräftig zupackend. So ist ein Werk geschaffen worden mit dem Gemeinsinn und der Mühe vieler, ein Werk, das nun Früchte trägt. Wem es nicht möglich war selbst Hand anzulegen, der machte eine Geld- oder Holzspende. Einge­ richtet ist der Bienenstand für 16 Bienenvöl­ ker (Wirtschaftsvölker} und 20 Jungvölker (Ableger, Schwärme). Bereits 18 Bienen­ stöcke sind aufgestellt, und das erste Ertrags­ jahr brachte schon eine gute Honigernte. Eingeführt ist die „Carnica“-Biene, eine Züchtung, die vom sprichwörtlichen Bie­ nenfleiß geprägt ist und sich durch Sanft­ mut, also verminderte Stechlust auszeich­ net, aber gerade deswegen gegen Krankhei­ ten nicht in erwünschtem Maß resistent ist. Die Bienen wohnen nicht nur in herkömmli­ chen Bauten, sondern auch in denkbar fort­ schrittlichen Wohnungen. Das ist kein Witz! Franz Nock hat in siebenjähriger Experi­ mentierarbeit ein Magazin entwickelt, das bahnbrechend sein dürfte. Bis zu fünf Zar­ gen werden übereinandergestellt und stabil miteinander verbunden, so daß der Imker auch mit ihnen „wandern“ und der Sturm ihnen nichts anhaben kann. Besonders zweckmäßig hat Nock den „Futtergang“ im Innern des Stockes ausgetüftelt und dabei die Wärme im Bienenvolk berücksichtigt, ohne die es Schaden nehmen müßte. Die Futterschale faßt 81. Für die Größe des Wabenrähmchens wählte Nock das alte Freudensteinmaß, ver­ hältnismäßig kleine Waben, da diese in kür­ zerer Zeit gefüllt sind, der Honig schneller reift und geschleudert werden kann. Das Allerpraktischste aber dürfte das Flug­ schild in seiner Dreiecksform sein. Die je ver­ schiedene, sehr helle Farbe erleichtert den Bienen die Orientierung vor dem Stand. Je nach Drehung der Platte sind neben dem totalen Verschluß vier Größen der Flugöff­ nung einschließlich Winterstellung (Mäuse­ sicherung} möglich. Seine Neuentwicklung hat er als Patent und Gebrauchsmuster ange­ meldet. Vorstand Nock sieht für die Bienenzucht in der Raumschaft Triberg eine vielverspre­ chende Zukunft voraus. Nicht nur, daß junge, aktive Mitglieder zum Verein gesto­ ßen sind, er ist sicher, daß unabhängig von der wirtschaftlichen Konjunktur der gute Schwarzwaldhonig immer seine Liebhaber und Käufer finden wird. Die Sensibilität für die Erhaltung der Natur ist in der Gesell­ schaft geweckt, so auch das Interesse an der heimischen Fauna und Flora. Nock sieht im „Lindengrund“ einen „Wallfahrtsort für Naturbeobachter“ (er ist selbst einer der auf­ merksamsten) voraus, denn mit zunehmen­ dem Hecken- und Staudenbestand wird man in Ruhe aus der Nähe die Welt der Insekten 335

betrachten können. Schon jetzt wird ein ver­ mehrtes Hummel- und Schmetterlingsauf­ kommen um das Bienenhaus festgestellt, die reiche Bienenweide deckt auch ihren Tisch. Bestärkt wird Nock in seinem Optimismus noch durch Imkerfeste im „Lindengrund“, die in der Einwohnerschaft freundlichen Zuspruch fanden. Organisiert wurden sie von Vereinsmitglied Ludwig Herr. Da jetzt die Zufahrt immer instandgehalten wird, wird sie auch von Radfahrern benützt, Rent­ ner machen ihren Spaziergang zum „Lin­ dengrund“, Hundehalter führen ihre Lieb- linge aus, junge Mütter kommen mit Klein­ kindern, auch Kurgäste haben diese Zufahrt als Wanderweg entdeckt. So kann man ohne Übertreibung von einem weiteren gern ange­ nommenen Naherholungsgebiet für Triberg sprechen. Nock rechnet auch mit dem Besuch von auswärtigen Imkervereinen, von Schulklassen aller Schularten im Bienen­ haus, selbst von Kindern im Kindergarten­ alter. Wer auch immer sich aus Interesse ein­ findet, er ist willkommen. Karl Volk Die Energie kommt von der Sonne Energiesparen ist zum Motto der 90er Jahre geworden. Ständig werden in Zeitun­ gen und im Fernsehen Tips gegeben, wie jeder einzelne im Haushalt und beim Auto­ fahren Energie einsparen kann. Auch Politi­ ker appellieren immer wieder, mit der wert­ vollen Energie aus Rohstoffen sparsam umzugehen. Trotzdem ist der Energiever­ brauch in der Bundesrepublik in den letzten Jahren ständig gestiegen, ist der C02-Aus­ stoß vergrößert worden und das Ozonloch demzufolge bedrohlich gewachsen. Ernstgemacht mit dem Energiesparen hat dagegen das St. Georgener Lehrerehepaar Hacker mit seinen zwei Kindern, das es nicht nur bei kleinen Versuchen belassen, sondern möglichst in der Praxis alle Tips ausprobie­ ren wollte. So wurde mit privaten Geldmit­ teln und fast nur in Eigenleistung das ältere Wohnhaus mit verschiedenen Anlagen zu einem „Halbenergiehaus“ umgebaut, das heißt, die Familie Hacker will mit ihren Anlagen versuchen, den Energiehaushalt zu halbieren, ohne auf den gewohnten Komfort zu verzichten. Nach drei Jahren der Planung, vieler Tests und auch Mißerfolgen ist es ihnen fast gelungen, dabei werden jährlich einige Tonnen an Abgasen eingespart. Nach der Heizungsmodernisierung fiel dem Hausherrn auf, daß der Kessel im Som- 336 mer immer wieder ansprang, wenn nur wenige Liter Warmwasser erzeugt werden mußten, also auch der neue Kessel im Som­ mer wenig umweltfreundlich arbeitete. Auf Messen, in Fachzeitschriften und im TÜV­ Test informierte sich das Ehepaar nun über Warmwasser-Solaranlagen, die von den jeweiligen Herstellern zum Teil übertrieben gepriesen wurden. Nach einem Reinfall mit einem preiswerten Messemodell entschied man sich dann für eine Flachkollektor­ Anlage, die im TÜV-Test mit einem besten Preis-Leistungsverhältnis ausgezeichnet wor­ den war. Durch Selbstmontage konnte der Anlagenpreis mit Speicher bei 10.000 DM gehalten werden, was eine baldige Amortisa­ tion ermöglicht. Diese Warmwasser-Solaran­ lage übernimmt im Sommer die Aufwär­ mung des Brauchwassers zu 90 %, selbst im Winter unterstützt sie an Sonnentagen die Heizanlage. Dabei werden pro Jahr 1,5 Ton­ nen Abgase weniger abgegeben, was der Schwarzwaldluft zugute kommt. Nach den guten Erfahrungen in den ersten beiden Jahren mit der Sonnenenergie beschlossen Hackers, nun auch einen Teil ihres Stroms von der Sonne erzeugen zu las­ sen. Eine Batterieanlage schied aus Umwelt­ gründen aus, daher mußte die Photovoltaik­ anlage ans öffentliche Netz angeschlossen

vielen wasserspeichemden Pflanzen bewach­ sen ist. Regenwasser wird so der Kanalisation vor­ enthalten und an Trockentagen wieder in die Natur zurückgegeben; außerdem wirken die im Frühjahr üppig blühenden Pflanzen für viele Insekten wie ein Biotop. Im Gewächshaus, das mit der Abwärme aus dem Heizungskeller beheizt wird, wächst schon im Februar der Salat, die Fassade des Hauses wird von Efeu und echtem Wein geschützt, der sogar im Herbst den Kindern Trauben beschert. Künstliche Schwalbenne­ ster und andere Nisthöhlen helfen den Vögeln, die den Garten von Insekten freihal­ ten sollen. Im Gartenteich pausieren im Frühjahr Kröten auf der Durchreise, im Schnellkornposter reift aus Abfall die Erde für die Blumen heran. All dies wollte die Familie Hacker nicht allein für sich behalten, deshalb öffnete sie Haus und Garten immer wieder an Wochen­ enden für Besucher, die sogar von weither kamen, um sich beraten zu lassen. So sind mittlerweile durch die Aktivitäten des Ehe­ paares im Schwarzwald-Baar-Kreis über 50 Solaranlagen eingebaut worden; mit Freun­ den mußte ein „Solarteam“ gegründet wer­ den, um allen Anfragen nach Beratung nach­ kommen zu können. Belohnt wurde dieser Umwelteinsatz des Teams mit einem Preis beim Umweltwett­ bewerb des Kreises 1990. Wer sich für die beschriebenen Anlagen interessiert, kann sich zwecks eines Besuchs mit Familie Hacker unter der Telefonnum­ mer O 77 24/73 77 in Verbindung setzen. Günther Hacker 337 werden. Mit der EGT (Triberg) wurde ein Vertrag gemacht, und seither fließt der von den 10 Solarmodulen auf dem Dach und den 10, die im Garten der Sonne nachgeführt werden, erzeugte Strom ins öffentliche Netz, wenn er nicht selbst von der vierköpfigen Familie verbraucht wird. Nun werden bei Hackers möglichst bei Sonnenschein die großen Stromverbraucher wie Waschma­ schine und Spülmaschine (die übrigens auch mit warmem Solarwasser versorgt werden) eingeschaltet, um viel vom recht teuer selbst erzeugten Strom zu verbrauchen. Aber auch bei Regen freut sich die Familie Hacker, weil dann im Keller die Regenwas­ sertanks vollaufen, die die Toilette über ein Pumpsystem mit Wasser versorgen. Das spart kostbares Trinkwasser ein und entlastet beim Regenguß die Kläranlage, weil die Was­ sertanks wie kleine Regenrückhaltebecken wirken. Den gleichen Effekt hat das mit Lavagestein bedeckte Garagendach, das mit

Gastronomie Gastronomie-Nachwuchs in Bad Dürrheim im Wettbewerb: Von der feinen Art des Bedienens Gewinner sind nicht immer sympathisch, wer’s jedoch im Gastronomie beruf zum Sie­ gertypen bringen will, der muß schon Kön­ nen, Wissen, Charme, Motivation und Erfahrung einsetzen, um gar im Wettbewerb mit Gleichgesinnten den Pokal zu gewinnen. Eben grad so wie Rene Emmenegger aus Kreuzlingen, der den l. Junioren-Wettbe­ werb 1992 für den Nachwuchs in der Gastro­ nomie gewann, den der Verband der Servier­ meister und Restaurantfachkräfte (VSR) Sek­ tion Schwarzwald zu Beginn des Jahres zu einem außergewöhnlichen Ereignis werden ließ. Eine solche Veranstaltung läßt man sich nicht mehr nehmen – darüber waren sich Organisatoren, Veranstalter und Jurymit­ glieder nach zwei Tagen einig, und deshalb soJI auch 1993 die Wiederholung stattfinden. Und weil auch das Team um Hans-Ulrich Lochar, Karl-JosefWolfert, Karl Windhaber und Klaus Hofmann während mehrerer Monate alles daran gesetzt hat, Bedingungen und Voraussetzungen für einen Wettbewerb zu schaffen, bei dem nicht nur Leistung son­ dern auch Ablauf und Ausstattung große Bedeutung haben, wird wohl das Bad Dürr­ heimer Haus des Bürgers künftig jährlich Hummer im Wettbewerb: bei den 1. Internationalen Nachwuchs-Meisterschaften für den Serviceberef gehörte das Servieren und Anrichten eines Hummers zur sch1oierigen Pflichtaufgabe. 338

Winter im Schwarzwal.d: noch vor den lukullischen Genüssen kann das Augegenieflen, wenn im Wett­ bewerb um den Schwarzwald-Bodensee-Pokal beim Wettbewerb des Service-Nachwuchses die Tische ‚verzaubert‘ werden. einmal Treffpunkt für den internationalen Gastro-Nachwuchs sein. Damit wird auch der Schwarzwald­ Bodensee-Pokal, gestiftet von Landrat Dr. Rainer Gutknecht, zu einem attraktiven Symbol für die allerbesten Nachwuchskräfte aus Hotels und Restaurants in Frankreich, Belgien, Österreich, der Schweiz und der Bundesrepublik. Bei 20 Teilnehmern wäre dann die Zahl erreicht, die eine starke Jury als ‚Kapazität‘ leisten kann. Denn nicht nur Wettbewerber sind einzuladen, sondern auch Fachleute aus der Gastro-Szene, denen das Flair des „Haut­ gout“ anhaftet-feine Umgangsformen und Tischmanieren selbstredend inbegriffen … ! Da ist dann GrafErwein Matuschka Greif­ fenclau, Präsident der Charta Weingüter im Rheingau, genauso willkommen wie Agnese Broggini aus dem Tessin, die als eine der besten Köchinnen der Schweiz gilt. Aus der ‚Schicki-Micki-Szene‘ wird sich sicher auch wieder DetlefPrzybla aus Essen sehen lassen, der mit Stars und Sternchen auf ‚Du-und­ Du‘ ist, und aus Paris steht Henry Schimpf als Juror zur Verfügung, der beruflich die Fördergemeinschaft für französische Agrar­ produkte vertritt. Doch auch aus Baden sind Gastronomen vertreten, wenn der VSR-Sek­ tions-Chef Lochar um die Standesvertreter bittet, die sich der Jugendarbeit verpflichten: Berthold Siber vom „Seehotel“ in Konstanz oder auch Bärbel Martin vom „Ochsen“ in Schönwald, die 1988 bei den Weltmeister­ schaften der Restaurantfachleute Vizemei­ sterin wurde (vgl. Almanach 1989, Seite 262). Wettbewerb vor Publikum Am Prüfungstag heißt es dann: fünf Durchgänge in sechs Disziplinen, denn die erste wurde schon am Vorabend erledigt: das Eindecken eines Tisches für sechs Personen, 339

Strahlender Sieger: Rene Emmenegger aus dem nahen Kreuzlingen war der erste Sieger beim Nach­ wuchswettbl!’werb des VSR,für den der Landrat den Wanderpokal stiftete. für dessen Ausstattung der Prüfling selb t das „Reisebesteck“ und die Tischwäsche mit­ bringen muß … Bis zu drei Stunden kann dauern, was dem Gast allerfeinste Stimmung vermittelt – auch wenn er selbst die Regeln fürs Tischdek­ ken nicht parat hat. Da sind dem Gast und eben auch dem Juror begleitende Dinge ver­ trauter. In den Kategorien ‚Hummer‘, ‚Des­ sert‘, Dialog mit Gästen und Weinservice, Zigarren-Service und schließlich dem Tropi­ cal-Mixgetränk wird nämlich gewertet. Beim ‚Hummer‘ werden Arbeitsweise und Anrichteweise, die Wirtschaftlichkeit und das Mise en place bewertet, beim ‚Dessert‘ geht es um Sauberkeit, Präsentation und Kreativität, um Warenkenntnis und Geschmack, und wer auch selbst nicht raucht, muß bei der ‚Zigarre‘ deren Tabak, Provenienz und Produktbezeichnung ken­ nen. Gerät das „Anzündeln“ nach allerfein­ ster Manier, geschieht dies in der Hand des Servier-Fachmannes und der -Fachfrau mit Zündhölzern aus Zedernholz. 340 Wer vor Publikum nicht aus der Ruhe kommt und beim Getränke-Mix die erwarte­ ten Füllmengen im Glas serviert, hat dann die Arbeitsproben hinter sich und die Geduldsprobe vor sich. Spannung kommt schließlich auf, wenn die Juroren ‚Kür und Pflicht‘ in Punkten addieren: Preise für Mühen, Fleiß und zwei­ felsfreies Können sind dann wohl auch in den kommenden Jahren attraktive Reisen für die Erstplazierten an die Standorte für die Herstellung hochwertiger Genußgüter: Cog­ nac, Champagne, Bordeaux … Bleibt für die Tagesgäste bei der erstklassi­ gen Veranstaltung, sich auch künftig von Profis der Kochkunst verwöhnen zu lassen. Denn VSR und Verein der Köche Schwarz­ wald liegen im Verständnis um den Berufs­ stand ganz dicht beieinander und die Bri­ gade von Dieter Girg paßt ganz gut zu den Besten im Service! Wolfgang Bräun

Ein Michelin-Stern und Altendorf-Kulturpreis für den „Engel“ in Vöhrenbach Der „Engel“ in Vöhrenbach hat Tradition. Seit acht Generationen befindet sich das Haus in den Händen derselben Familie und seit jeher wird die exzellente Küche weit über die Grenzen Vöhrenbachs hinaus gelobt (vgl. Almanach 1984, Seite 228 ff.). Bis vor wenigen Jahren noch als „Geheimadresse“ in Gourmetkreisen gehandelt, hat die zeitge­ mäße, leichte Küche von Ursula und Rein­ hold Ketterer, basierend auf dem, was die Landschaft Baden einem Koch bietet, nun einen Bekanntheitsgrad und Standard erreicht, der Auszeichnungen der wichtig­ sten Fachzeitschriften und Restaurantführer nach sich zog. Eine über 13jährige Arbeit fand mit der Verleihung eines Michelin­ Sterns, der Aufnahme in die publizistische Förderung der Altendorf-Kulturstiftung Freudenstadt und einer „VIF-Eule“ die ver­ diente Würdigung. „Für einen Koch ist das das höchste, was er bekommen kann“, kommentiert Reinhold Ketterer seinen Michelin-Stern, der den „Engel“ schmückt, weil Ketterer zusammen mit seiner Frau Ursula gelang, was in Deutschland und darüber hinaus selten anzutreffen ist: Eine hohe �alität in Küche und Service und das konstant über Jahre hin­ weg. Seit zehn Jahren nämlich hat der Michelin über seine Kartenauszeichnungen die Arbeit der beiden Gastronomen gewür­ digt und ihr nun mit dem ersten Stern wei­ tere Motivation verschafft. Nun gehört der „Engel“ zum Kreis der gerade 200 Häuser in ganz Deutschland, die in die Michelin­ Spitzenklasse aufsteigen konnten. Ursula und Reinhold Ketterer mit Personal aus Service und Küche 341

Beide, Ursula und Rein hold Ketterer, sind darüber hinaus Ausbilder von Format. Wer ihre Schule durchläuft, das hat sich mittler­ weile herumgesprochen, gewinnt neben soli­ dem Fachwissen jenes ,Know-how‘, das für eine gastronomische Laufbahn unerläßlich i t. Der ,Engel‘ ist kein Luxusrestaurant. Er blieb und bleibt auch in der Stadt Vöhren­ bach integriert. Das hindert die Ketterers und ihre Mitarbeiter nicht daran, dem Gast hochgepflegte Gastronomie zu bieten. Die Region um Vöhrenbach weiß das zu schät­ zen. Der Feinschmecker ebenfalls.“ Soweit die Altendorf-Kulturstiftung in ihrer Würdigung. Mit 16 von 20 möglichen Gesamtpunkten schneidet der „Engel“ je­ doch auch im Te t der gastronomischen Zeitschrift „Vif Gourmet-Journal“ hervorra­ gend ab. Diese außerordentliche Einstufung sichern dem „Engel“ und Vöhrenbach inter­ nationales Renommee, denn der VIF­ Restaurantführer er cheint in einer Auflage von 50 000 Exemplaren in ganz Europa. Neben der herausragenden Küche Rein­ hold Ketterers, entdeckten auch die Vif­ Tester die �alitäten der Vinologin Ursula Ketterer und loben die Weinkarte, die 180 Gewächse aus deutschen, französischen, ita­ lienischen, spani chen und österreichischen Anbaugebieten enthält. Der „Engel“ macht international von sich reden und die Land chaft Schwarzwald-Baar freut sich mit Ursula und Reinhold Ketterer. Wilfried Dold Derweil die Michelin-Tester die Küche genießen und schweigen, denn mehr als die Verleihung des Sterns, an sich ja auch Aus­ zeichnung genug, ist von dem bekanntesten Restaurant-Führer in Europa zur Küche der getesteten Restaurant nicht zu vernehmen, würdigt hingegen die Altendorf-Kulturstif­ tung die Kochkunst der Ketterers in einer ausführlichen Laudatio. Irmeli und Wolf­ gang Altendorf schreiben: ,,Die heutige Jugendstilfassade wurde von den Ketterers liebevoll herausgeholt. Die 9. Generation ist vorhanden, selten wird ein gastronomisches Unternehmen auf diese Kette von Genera­ tionen zurückblicken können. Auch von daher sind sich Ursula w1d Reinhold Kette­ rer ihrer kulturellen Verantwortung bewußt. Von der jüngsten Geschichte verlautet, daß der ,Engel‘ stet eine gute Adresse war. Speise und Trank rangierten im Vergleich zur kulinarisch ohnehin bedeutenden Region weit oben. Alte Speisekarten zeugen davon. Heute zählt das Gasthaus auch für den verwöhnten Gourmet; man hat es ,endlich‘ entdeckt. Reinhold Ketterers unbeirrte Richtung von der �alität hin zur eigenen, erkennbaren Handschrift hat sich gelohnt. Die Auszeich­ nungen der wichtigsten Fachzeitschriften und Restaurantführer blieben nicht aus. Wer die kulinarischen Besonderheiten einer Region, ins Hochfeine stilisiert, studieren möchte, findet hier die herausragende Mög­ lichkeit. Das internationale Niveau zeigt sich in der Intelligenz der Menus und in ihren geschickt aufeinander abgestimmten De­ tails. Das lockt auch ausländische Gäste au dem nahen Elsaß. Ketterer vertraut im wesentlichen auf seine Intuition. Wer die ganze Palette seines Könnens ausloten will, sollte ihm freie Hand lassen. Zum reizvollen Ambiente kommt der Service von Ursula Ketterer. Sie ist eine ,Vinologin‘ von Rang. Ihre Weinkenner­ schaft verblüfft nicht weniger als ihre Wein­ behandlung. Das alles erfüllt die Vorausset­ zung für ein gastronomisches Erlebnis, wie e sich der Kenner wünscht. 342

Sport und Wettkämpfe In Donaueschingen vom 27. September bis 6. Oktober 1991 Weltmeisterschaften im Gewichtheben 54 Nationen beim Weltkongress – 49 Nationen dann an der Hantel, so sah es aus bei den 64. Weltmeisterschaften der Männer und der 5. Weltmeisterschaft der Frauen. Donaueschingen rief und alle kamen. Die Donauhalle war Schauplatz eines Sport­ ereignisses, wo nicht weniger als 22 Weltre­ korde purzelten. Dabei war das „schwache Geschlecht“ gleich 19mal erfolgreich. Zehn Tage, vom 27. September bis 6. Oktober 1991, wurde erbittert um jedes Kilo gekämpft und gleich vorweg: ein Superpublikum half mit unvergleichlicher Atmosphäre man­ chem Athleten zu neuer Bestleistung. Ging es bei den ganz leichten Klassen noch verhältnismäßig ruhig zu, so traute wohl mancher brave deutsche Zuschauer sei­ nen Augen und Ohren kaum, als in der Klasse bis 60 kg der türkische Olympiasieger von Seoul an die Hantel ging. Naim Suley­ manoglu, mit 24 Jahren hat er bereits 13 Goldmedaillen als Senior und 2 als Ju­ nior bei Weltmeisterschaften eingeheimst, brachte die Halle zum Kochen. Die türki­ schen Fans, zum Teil aus Deutschland, aber auch viele aus der Türkei angereist, explo­ dierten nach jedem guten Versuch ihres Idols förmlich. Was wäre wohl passiert, wenn er nicht gewonnen hätte? Mit dem Gewicht der Athleten stieg auch das Interesse der Zuschauer. Ab der Klasse bis 82,5 kg war volles Haus angesagt. Schon Tage bevor die „Dicken“ an die Hantel gin­ gen, war diese Veranstaltung ausverkauft. Bombenstimmung herrschte im Saal, als es um die Krone im Superschwer ging. Insge­ heim hoffte man ja immer noch auf Gold für Manfred Nerlinger, der zusammen mit Mar­ tin Zawieja die deutschen Farben vertrat. Dreimal Silber und einmal Bronze waren trotz der kleinen Entäuschungen um das ver­ lorene Gold ein sehr gutes Resultat. Sieger in der Königsklasse wurde einmal mehr der Olympiasieger von Seoul Alexander Kurlo­ vich. Der am 27.Juli 1961 in Grodno in Weißrußland geborene Modellathlet, er brachte 130,6 kg auf die Waage, erreichte mit 455 kg im Zweikampf ein Spitzenresultat. Schon im Reißen hatte er mit seinen gültigen 205 kg einen deutlichen Vorsprung vor der Konkurrenz. 250 kg im Stoßen blieben von den anderen Athleten unangetastet. Zur Ehrenrettung von Manfred Nerlinger sei gesagt, daß er bereits beim Warmmachen sich eine schmerzhafte Verletzung am Arm zuzog, die in jeder Disziplin nur noch Sicherheitsversuche zuließen. Kurlovich ist zu noch höheren Leistungen fähig. Martin Zawieja brachte die Volksseele zum Kochen. Beim Reißen war er mit 180 kg stolzer Dritter. Sein Anhang aus dem Ruhr­ gebiet feierte diesen Erfolg mit allerlei Instru­ menten: Fahnen, Trommeln und Trompe­ ten begleiteten jeden Versuch. Doch dann schien die Halle unter einem Pfeifkonzert der Fans zu bersten. Nach einem guten ersten Versuch mit 220 kg im Stoßen stei­ gerte Martin auf 227,5. Er konnte das Gewicht auch Stoßen, doch die Kampfrich­ ter gaben ungültig. Minutenlang konnte man das eigene Wort nicht mehr verstehen. Der dritte Versuch mit der gleichen Last war dann zu schwer. So gingen mit einer zweifelhaften Wer­ tung der Kampfrichter gleich zwei Medaillen verloren. Im Zweikampf mußte er den Koreaner Kirn Tae-Hyun mit gleicher Lei­ stung von 400 kg auf Grund des leichteren Körpergewichtes an sich vorbeilassen und mit dem vierten Platz vorliebnehmen. Im 343

Stoßen, wo ebenfalls Bronze schon sicher schien, reichte es gar nur zum sechsten Platz. Die Deutsche Mannschaft machte insge­ samt eine gute Figur. Mit dem vierten Platz in der Nationenwertung hinter der UdSSR, China und Bulgarien, wurde ein hervorra­ gendes Ergebnis erzielt. Insgesamt wurden neun Medaillen erkämpft und der Optimismus hat sich auch in Barcelona gerechtfertigt. Die deutschen Frauen konnten in der Nationenwertung den zehnten Platz ergat­ tern, was vorher bestimmt keiner erwartet hatte. Zu einer Einzelmedaille reichte es allerdings noch nicht. Hier stellen die Asia­ ten, vor allem die Chinesinnen, die in neun Gewichtsklassen 23 Gold und vier Silberme­ daillen mit nach Hause nahmen, für die näch­ sten Jahre eine unüberwindliche Hürde dar. 344

schatten lchthfeben eschi119 n Noch einmal zu den Leistungen der Deut­ schen Männer. Insgesamt holte man sich sechs Silbermedaillen und drei Mal Bronze. In der Klasse bis 110 kg stand ein Deutscher an der Hantel, dem man vor einem Jahr nie­ mals zutraute, überhaupt noch eine Hantel vom Boden zu bekommen. Ronny Weller, mehrfacher Juniorenweltrneister, verun­ glückte mit seinem Auto an Weihnachten 89. Seine Freundin war sofort tot und Weller lag Wochen im Koma. Erst Ende 90 war er wieder soweit, ganz leicht trainieren zu kön­ nen. Und in Donaueschingen holte er sich dreimal Silber! Ein Sieg über sein Schicksal. In der gleichen Klasse ein Medaillengewin­ ner aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis. Zwar lebte er schon einige Zeit in St. Ilgen, doch geboren, aufgewachsen und seine ersten 345

Die Macher der WM von links: H.j. Biihler, Bürgermeister Dr. Everke, Präsident des OK Kurt Weg­ mann, Präsident des BVDG Dr. Manfred Poigne und H. P. Probst, Leiter des Verkehrsamtes Erfolge im Gewichtheben hat er in Furtwan­ gen gemacht: Frank Seipelt holte sich im Sto­ ßen mit 215 kg die Bronzemedaille. Um ein Sportereignis von diesem Stellen­ wert einigermaßen reibungslos zu inszenie­ ren, bedarf es vieler Hände. Über 200 ehren­ amtliche Helfer standen während der gesam­ ten Zeit zur Verfügung. Über 90 0/o rekrutier­ ten sich direkt aus Donaueschingen und den StadtteiJen, der Rest aus der näheren Umge­ bung. Nur ganze acht Spezialisten mußten von auswärts geholt werden. Sie waren als Sprecher sowie als Versuchsermittler einge­ setzt. Alles andere war „made in Donau­ eschingen“. Drei Jahre der Vorbereitung waren not­ wendig, um den hohen Ansprüchen gerecht zu werden. Am Pfingstsamstag 1988 fiel die Entscheidung über den Austragungsort beim Treffen der IWF-Funktionäre in Athen. Gleich drei Bewerber gab es und Mailand 346 sowie Barcelona gaben im Vorfeld schon manche Party, um Stimmen zu gewinnen. Donaueschingen schlug die beiden Groß­ städte und den Ausschlag gab wohl die Juniorenweltmeisterschaft 1986, die man am Donauquell durchgeführt hatte. Daß die Seniorenweltmeisterschaft ein ganz anderes Kaliber war, merkten die Ver­ antwortlichen sehr bald. Als dann auch noch die Frauenweltmeisterschaft nach Donau­ eschingen vergeben wurde, war der Spaß zu Ende. Jetzt galt es erstmal, eine solide Finanzie­ rung mit Bund, Land und der Stadt aufzu­ stellen. Alle zogen mit und als man dann noch ein gutes Unternehmen für die Ver­ marktung der Fernsehrechte und der Wer­ bung binden konnte, ging es richtig los. Daß die ganze Sache einen runden Abschluß fand, ist in hohem Maße der Stadt Donaueschingen zu verdanken. Bürgermei-

Willi Daume, links, Gotifried Schödl We/Jpräsident in Donaueschingen ster Dr. Everke, der auch als Veranstaltungs­ präsident fungierte, stellte alle Einrichtun­ gen der Stadt zur Verfügung. Ohne die groß­ zügige Unterstützung in finanzieller und organisatorischer Hinsicht wäre die WM nicht möglich gewesen. Auch der Kreis half im Rahmen der Mög­ lichkeiten zum Gelingen. Die Bühnengestal­ tung, in enger Zusammenarbeit mit dem ZDF gestaltet und von den Medien beson­ ders gelobt, konnte nur durch die Hilfe des Schwarzwald-Baar-Kreises realisiert werden. Die gesellschaftlichen Höhepunkte wa­ ren einmal mehr durch das Haus Fürsten­ berg geprägt. Seine Durchlaucht, Joachim Fürst zu Fürstenberg zusammen mit seiner charmanten Gattin, verstand es ausgezeich­ net, der internationalen Gewichtheberfami­ lie hervorragende und großzügige Gastgeber zu sem. Donaueschingen rief-und die intematio- nale Sportwelt kam! Über 200 Journalisten berichteten in die ganze Welt, sie hatten sich ihren großen Boss mitgebracht. Frank Taylor aus Kanada, Präsident des internationalen Sportjournalistenverbandes, war genauso anwesend wie sein Stellvertreter Togay Bay­ atli aus der Türkei. Dr. Bach, Olympiasieger im Fechten, Pal Schmitt ebenfalls Olympiasieger und IOC Member kam aus Ungarn, der legendäre Judoweltmeister Anton Gesink aus den Nie­ derlanden waren „Gäste“, aber auch der Sekretär des IOC Mister Felli aus Luzern gab sich die Ehre. Willi Daume hielt eine Rede zum einhundertjährigen Jubiläum der Gewichtheber. Hans Hansen, Präsident des DSB, vertrat sein Haus persönlich, genau wie Walther Träger, Generalsekretär des Natio­ nalen Olympischen Komitees von Deutsch­ land. Am Ende stand von allen Seiten viel Lob 347

Frank Seipelt, links, Ronny Weller, rechts,freuen sich über ihre Medaillen. Ronny Weller hat bei den O{ympischen Spielen 1992 in Barcelona in seiner Disziplin die Goldmedaille gewonnen. Gewichtheberverbandes stand als Über­ schrift über dem WM-Bericht: Sth Womens and 64th Mens World Championships -Small town hosts colossal event. Kurt Wegmann für die ausgezeichnete Organisation. Das Organisationskleeblatt, angeführt von Kurt Wegmann, ein in vielen Gewichtheber­ schlachten ergrauter OK-Chef, Hans Jürgen Bühler, sein Stellvertreter und SVD Präsi­ dent, sowie Hans Peter Probst, der auch für die Organisation der alljährlichen Reittur­ niere in Donaueschingen verantwortlich zeichnet, wurden mit viel Lob überschüttet. Nach all der enormen Arbeit und den zehn schönen Wettkampftagen mit den vie­ len Rekorden und Bestleistungen blieb am Ende doch etwas Wehmut bei den Verant­ wortlichen. Jeder wußte, als die vielen Freunde in ihre Heimatländer zurückfuhren, daß man so ein Heberfest in Donaueschin­ gen in der nahen Zukunft nicht wiederholen kann. Bleibt den Organisatoren und Helfern der Stolz, etwas außergewöhnliches geleistet zu haben. Im Magazin des Internationalen 348

CHI Donaueschingen 1991 mit der Europameisterschaft im Dressurreiten Nach Berichten über das Donaueschinger Reitturnier in den Almanachs 1979 (S.114.ff) und 1990 (S. 281.ff) wird das Thema im Hinblick auf die Europameisterschaft im Dressurreiten im Jahre 1991 wieder aufgenommen. Seit vielen Jahren nimmt das Donau­ eschinger Reitturnier einen festen Platz im Terminkalender des internationalen Reit­ sports ein. Ursprünglich als ländliches Turnier zur Erinnerung an den im Alter von 24 Jahren tödlich verunglückten Prinzen Kari zu Für­ stenberg entstanden, entwickelte sich das Donaueschinger Turnier inzwischen zum zweitgrößten Freilandturnier in Deutsch­ land. Seit 1965 als CHI (Concours Hippique International) ausgeschrieben, besagt dies, daß in Donaueschingen in den Sparten Springen, Dressur und Viererzugfahren in den höchsten internationalen Prüfungen gewertet wird. Darüber hinaus wurden im Laufe der inzwischen 35jährigen Turnierge­ schichte von Zeit zu Zeit Deutsche Meister­ schaften, Europameisterschaften und Offi­ zielle Internationale Championate, so z.B. das Offizielle Internationale Dressur-, Spring- und Fahrturnier der Bundesrepublik Deutschland (CHIO) im Jahre 1986, ausge­ tragen. Sah es im Jahre 1991 zunächst so aus, als würde das Donaueschinger Turnier vom 12. bis 15. September als internationales Turnier mit den zusätzlichen Europameisterschaften der Jungen Reiter stattfinden, so änderte sich 349

S. D. Fürst zu Fürstenberg (Mitte links) in Begleitung von Prinzessin Anne (Mitte rechts) dies am 2. Juli schlagartig. Aufgrund der poli­ tischen Lage in Jugoslawien wurden die für Lipica zum gleichen Zeitpunkt geplanten Europameisterschaften der Dressurreiter durch Beschluß der Internationalen Reiter­ lichen Vereinigung nach Donaueschingen vergeben. Vorausgegangen waren vier Wochen zähes Ringen und Verhandeln um mögliche Finanzierung, technische Durch­ führung und Fernsehübertragungen. So standen dem Veranstalter, nämlich der Fürstenberg Reit-und Fahrturniere GmbH mit den Gesellschaftern Fürstenhaus, Stadt Donaueschingen und dem Reit-und Fahr­ verein Schwenningen, gerade noch 9 Wochen Vorbereitungszeit zur Verfügung. In dieser Zeit galt es, zusätzlich zum eigent­ lichen Reitturnier ein komplett neues Dres­ surturnier von Grund auf zu organisieren. Dazu zählten insbesondere, eine neue inter­ nationale Ausschreibung zu erstellen, eine 350 gezielte Werbung für den Dressurteil zu in­ szenieren, ein eigenes Dressurstadion mit e;nem Fassungsvermögen von 5000 Besu­ chern zu erstellen, Einrichtungen für Presse, Teilnehmer, Offizielle und VIPs zu schaffen und einen Stallbereich mit hohen Sicher­ heitsauflagen für die wertvollen Pferde auf­ zubauen. Dies alles geschah innerhalb kürzester Zeit dank der Mithilfe aller verant­ wortlichen Stellen und eines großen Kreises ehrenamtlicher Helfer, wobei hier insbeson­ dere die deutschen und französischen Solda­ ten der in Donaueschingen stationierten Brigade große Dienste leisteten. Zusätzliche Aufgaben im Sicherheitsbe­ reich entstanden den Veranstaltern, als bekannt wurde, daß Ihre Königliche Hoheit, Prinzessin Anne, in ihrer Eigenschaft als Prä­ sidentin der Internationalen Reiterlichen Vereinigung das Turnier besuchen wird. Als die Verlegung der Europameister-

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schaft bekannt wurde, standen die Telefone im Städtischen Verkehrsamt nicht mehr still. Karten- und Qiartierwünsche aus ganz Europa gingen täglich ein, und es kostete erhebliche Anstrengungen, allen Wünschen gerecht zu werden. Günstig wirkte sich dabei der hohe Qualitätsstandard des Betten­ angebotes im Schwarzwald-Baar-Kreis aus, aber auch die Kooperationsbereitschaft der Hoteliers. Von Vorteil war aber auch das rei­ bungslose Zusammenspiel aller mitwirken­ den Behörden, Hilfsorganisationen und Handwerksbetriebe bei der Vorbereitung und Durchführung der Veranstaltung. Hervorragend schließlich war auch das Meldeergebnis der Dressurreiter und -reiterinnen aus 12 europäischen Nationen, an der Spitze das komplette deutsche Dres­ surteam mit lsabell Werth, Nicole Uphoff, Klaus Balkenhol und Sven Rothenberger. Dabei waren Mannschafts- und Einzeltitel sowohl in der klassischen Tour als auch erstmals in der Kür zu vergeben. Bei schönem Wetter und vor einer herrlichen Zuschauerkulisse vor dem Schloß kam es zu spannenden und teilweise überraschenden Ergebnissen. Gewann erwartungsgemäß das deutsche Team den Mannschaftswettbe­ werb, so siegte bei den Einzelmeisterschaf­ ten in der klassischen Tour „Grand Prix Spe­ cial“ überraschend Isabell Werth auf Gigolo vor Nicole Uphoff mit ihrem sensiblen Rembrandt. In der erstmals ausgetragenen Kür siegte Sven Rothenberger auf Andiamo vor Klaus Balkenhol auf Goldstern, was aller­ dings ein Großteil der Zuschauer gerade umgekehrt gesehen haben wollte. Großartige Stimmung herrschte auch an allen Turniertagen im Reiterstadion bei den Springreitern und Viererzugfahrern, die eine Steigerung zum Abschluß am Sonntagnach­ mittag erhielt, als in der Pause des großen Preises sich die frischgebackenen Europa­ meister und Ihre Königliche Hoheit, Prinzessin Anne, dem dortigen Publikum zeigten. Insgesamt sahen rund 40 000 Besucher an vier Turniertagen herrlichen Pferdesport in 352 der für Donaueschingen bekannten familiä­ ren Atmosphäre, zu der auch das Fürsten­ haus durch glanzvolle Empfänge beitrug. Die Stadt Donaueschingen hat mit die­ sem hochrangigen Pferdesportereignis ihren Ruf als sportfreudige Stadt wieder einmal deutlich unterstrichen. So wurde vier Stunden live im Fernsehen von diesem Ereignis berichtet, und die Sportpresse zeichnete im nachhinein die Europameisterschaft der Dressur als best­ organisierte Meisterschaft des Jahres 1991 aus. So wird das Jahr 1991 mit seinen sport­ lichen Höhepunkten in die Geschichte der Stadt Donaueschingen eingehen, zumal wenige Wochen nach dem Reitturnier auch noch die Weltmeisterschaften im Gewicht­ heben stattfanden, und auch dort war die internationale Presse des Lobes über Donau­ eschingen als Austragungsort voll. Hans-Peter Probst Guet troffe Früeh am Marge kunnt de Välli ussem Bäre wacklig uus, nimmt si Krucke und de Karre, lortschet gmüetli noo doruus. Uff de Bruck, do schtoht sin Moaschter, korzet glii de Välli a. Seit ihm Lump, versoffne Kerli, ninnt kinn mer mit ihm halt ha. … ,,Miini Rüschli clont versorre, wo ech ha vu Ziit zu Ziit. Doch du bischt en Siech en dumme. Stroßemoaschter … und seil bliibt!“ Gottfried Schafbuch

Prosa aus unserer Heimat Großmutters Feinschmeckerti.ck Wie jedes Abenteuer, so ist auch das Abenteuer der Kochkunst mit Risiken behaf­ tet, denn gekocht wird immer nur mit beschränkter Haftung. So gab es im Leben der jungen Ursula schon manche „Koch­ Pannen“, die ihre Großmutter nun zu behe­ ben versucht. ,,Dreißig Jahre stand ich im Feinschmek­ kerlokal ,Zur Alten Post‘ am Herd, mein Kind; nun willst Du heiraten, Dein Oli braucht eine Frau – er braucht aber auch eine gute Köchin.“ „Du sagst es, Großmutter.“ ,,Von Deiner Mutter hast Du einige Grundkenntnisse gelernt, doch die Kunst des feinen Kochens fehlt noch.“ ,,So ist es, Großmutter.“ ,,Vier­ undzwanzig bist Du, habe ich recht“ – ,,Du hast recht, Großmutter.“ ,,In Deinem Alter war ich schon zweifache Mutter, aber in der heutigen Zeit . .. “ ,,Großmutter“, fällt ihr Ursula ins Wort, ,,komm bitte zur Sache.“ ,,Ich bin dabei, mein Kind. Mein Anton, Gott hab ihn selig, sagte immer . . . “ ,,Ich weiß, was er sagte“, Ursula sieht mürrisch auf ihre Armbanduhr, ist ärgerlich, daß die Omi immer so weit ausholt, bevor sie ihre Fein­ schmeckertips preisgibt. ,,Ich habe heute abend noch Yoga.“ Großmutter kneift die Augen zusammen, denkt angestrengt nach. ,,Du meinst dieses neumodische Dingsda …!‘ Ursula lacht. ,,Dieses neumodische Dingsda tut mir ungemein gut, Großmütterlein, und außerdem macht es Spaß.“ ,,Woran merkst Du, daß es Dir Spaß macht?“ ,,Großmutter! Es tut eben gut, deshalb macht es auch Spaß.“ „Hinterher . . . ?“ fragt sie die Enkelin zögernd. Es ist zum Verrücktwerden, denkt Ursula, weiß aber auch, daß es zeitlich schon kaum mehr reichen wird, am Yoga-Abend teilzunehmen. ,,Ich habe vorher, nebenher- und hinterher Spaß“, entgegnet Ursula unge­ halten. ,,Och -“ haucht die Großmutter gekränkt, „wenn es wenigstens wegen dem Oli gewesen wäre, daß Du gehen willst, das hätte ich ja noch verstanden; aber so . . . “ Ursula bläst die Luft zwischen den Zäh­ nen hervor, lehnt sich im Stuhl zurück und zischt: ,,Ich bleibe – Du hast gesiegt.“ ,,Ach Du, mein Liebes.“ Jetzt versagt der Groß­ mutter fast die Stimme. Flink zieht sie sich eine Schürze über, wird geschäftig, hantiert im Kühlschrank, läuft zum Herd, stellt eine Flasche Wein auf den Tisch. ,,Du“, verkün­ det sie mit glänzenden Augen, ,,wir könnten Kalbsvögerl auf Blattspinat, oder auch Kar­ toffelknödel mit Hirschsahne-Ragout zube­ reiten; was magst Du lieber, Schätzch … “ ,,Ich weiß, daß Du es gut meinst“, unter­ bricht Ursula den Redeschwall der Groß­ mutter, ,,aber das ist doch alles zu viel für den Abend.“ ,,Dann machen wir eben nur Käse­ spätzle mit Salat und hinterher . .. “ ,,Keine Käsespätzle und auch nichts hin­ terher“, fällt Ursula der Großmutter ins Wort, ,,ich muß schließlich auf meine Figur achten.“ Die alte Dame pflanzt sich vor ihrer Enkelin auf, stemmt die Hände in die Hüf­ ten. ,,Sag nur, daß Du abnehmen willst! An Dir ist sowieso nichts dran; wo kann sich denn ein Mannsbild festhalten, wenn die Frauen vorne genauso glatt sind wie hinten?“ Die Großmutter ist richtig in Fahrt gekommen, und eigentlich gefällt sie Ursula in dieser Pose ganz gut. ,,Der Oli hat sich noch nie beschwert“, kichert sie boshaft. Die Großmutter denkt kurz nach, dann sagt sie mit einer Stimme, die keine Widerrede dul­ det: ,,Gut. Machen wir eine schöne Eier­ pfanne mit Pfifferlingen, essen nur Holz­ ofenbrot dazu. Das ist Dir doch recht, mein 353

Kind, ja?“ Diesen hoffnungsvollen Blick der Großmutter darf Ursula nicht enttäuschen. Sie schlägt die Eier in die Schüssel, fügt Salz und Pfeffer bei, schaut zu, wie Omi Butter in die Pfanne gibt-,,Darf die Butter braun wer­ den“, fragt Ursula. ,,Hellbraun. Und jetzt hole die geschliffenen Gläser aus dem Schrank, wenn ich Besuch habe, mein Kind, dann geht’s immer ganz korrekt zu.“ Ursula stöhnt: ,,Wie leicht habe ich mir den Haus­ halt immer vorgestellt; aber was so alles drum und dran hängt . .. , also ich glaube fast, daß ich mit dem Oli ins Abo gehen muß.“ „Du wirst dich beherrschen können!“ Die Großmutter seufzt. Sie setzt sich ihrer Enke­ lin gegenüber, füllt die Teller, prostet Ursula zu. Im selben Augenblick läutet das Telefon. ,,Ist das der Oli“, fragt die Großmutter. „Sicher nicht. Mein Schatz hat keine Ahnung, daß ich bei Dir bin“. Die alte Dame nimmt den Hörer ab und Ursula denkt: Sie platzt noch aus allen Näh­ ten, wenn sie nicht endlich ihren Fein­ schmeckertick bremst -,,Ach, Herr Rudolf“, hört Ursula die Großmutter flöten, ,,das ist aber nett, daß Sie anrufen. Stellen Sie sich vor, meine Enkelin ist zu Besuch bei mir -es ist wie Weihnachten für mich . .. Sie denken noch an mein Essen? Ach, was Sie nicht sagen, hat es Ihnen so gut geschmeckt? Wun­ derbar. Wenn Sie wiederkommen, richte ich den marinierten Hasenrücken -oder kennen Sie meine ,Hammelkeule Bäckerinnenart‘ schon? Ich verspreche Ihnen auch einen herrlichen Nachtisch, Apfelküchle mit Kirschwasser beträufelt . . . “ ,,Großmutter!“ „Lieber Herr Rudolf, meine Enkelin hat jetzt Vorrang. Entschuldigen Sie bitte“. ,,Du bist ja eine ganz schlimme Oldtimer­ Dame“, gurrt Ursula, ,,bekochst fremde Her­ ren, verwöhnst sie, was soll ich nur denken?“ ,,Herr Rudolf ist ein ganz lieber Mensch“, entgegnet die Großmutter mit glänzenden Augen, ,,er ist dreiundachtzig – zwei Jahre älter als ich – und lebt im Altenheim. Ich beobachte ihn schon eine ganze Weile, lade ihn manchmal zum Essen ein.“ 354 ,,Du hast ja Zeit“, sagt die Enkelin sarka­ stisch. ,,Das sage ich mir auch. Weißt Du, es ist schön, wenn man verehrt . . . , ich meine, wenn man immer noch gebraucht wird.“ ,,Du denkst doch nicht etwa ans heiraten, Großmutter?“ „Ursula! Ich gebe doch Antons Rente nicht auf.“ Ursula schüttelt den Kopf. Sie ist eine alte Frau, denkt sie; wenn ihr auch nie­ mand ihre einundachtzig Jahre ansieht, so schätzt man sie immerhin auf anfangs sieb­ zig. ,,Da fällt mir ein“, ruft die Großmutter plötzlich, ,,daß ich noch Schwarzwälder Kirschtorte habe. Du mußt sie unbedingt probieren, anschließend verrate ich dir das Rezept.“ ,,Du willst mich wohl mästen“, sagt Ursula finster. ,,Meinst Du, daß ich genau so auseinander gehen will wie .. . “ „ Wie ich, wolltest Du sagen.“ Ihre Stimme ist gütig und warm. ,,Aber ich fühle mich wohl, und das ist doch die Hauptsache, oder?“ ,,Ach, Omilein, der Kuchen schmeckt wirklich vorzüglich; Du bist die beste Köchin der Welt.“ Ursula greift zu, freut sich, weil sich die Großmutter freut. Doch dann entdeckt sie den Kirschfleck auf ihrer neuen weißen Bluse und wird stinksauer. ,,Das habe ich nun von der ganzen Fresserei“, schimpft sie. Die Großmutter übergeht Ursulas Ärger, findet ihn grundlos. Sie ißt mit Hingabe, trinkt ihr Weinehen, ist zufrieden mit sich und der Welt. ,,Ein schönes Essen, auch wenn es einen Fleck zurückläßt, ist eine Gabe Gottes. Bejahe Speise und Trank, dann bejahst du dich selbst.“ Ursula ist wütend. „Ich bejahe mich auch so“, brüllt sie, ,,ohne diese lukullische Fresserei, die Dich so faszi­ niert!“ Ursula springt auf, hat die Nase gestrichen voll. Dieser Feinschmeckertick der Groß­ mutter, das blöde Geschwätz über Gaumen­ freuden, der Fleck auf ihrer neuen Bluse, jetzt wird’s ihr zuviel. Sie wirft die Tür hinter sich zu, rennt die Treppe hinunter, immer zwei Stufen auf einmal nehmend. Die Treppe ist lang und eigentlich viel zu steil für eine Frau von achtzig Jahren. Den Oli brauche ich

wohl nicht mehr zu besuchen, denkt sie, die Bluse, von der ich ihm vorgeschwärmt habe, ist ohnehin im Eimer. Plötzlich stockt ihr Schritt. Ursula ist sauer auf die Großmutter, aber auch über sich selbst. Angelehnt am Treppengeländer, beginnt sie zu überlegen, was mit ihr los ist. In ihr tobt ein Streit, ein jäher Wandel vollzieht sich. Ganz langsam, Stufe um Stufe, beginnt sie wieder aufwärts zu steigen. Jetzt denkt sie ernsthaft darüber nach, wie es wohl sein wird, wenn sie selbst 40, 50 oder gar 60 Jahre älter ist, wenn sie das Alter von Großmutter erreichte. O mein Gott, denkt sie, wie wird das sein, wenn ich nicht mehr die Treppe hinauf- und hinunterflitzen kann, wenn ich atemholend stehen bleiben muß, an Hüftgelenkschwund leide oder Arthrose in den Knien habe … Die Gedanken sind frei, und sie sind nicht immer schön. Ursula hat plötzlich Angst, daß ihr später, wenn sie alt ist, keiner mehr zuhört, weil keiner mehr für sie da ist. Sie fürchtet sich davor, alleine essen zu müssen, alleine schlafen zu gehen. Eine echte Sorge kriecht in ihr hoch, als sie daran denkt, daß sie eines Tages vielleicht nicht mehr geliebt wird … Ursula ist, in ihre Gedanken versun­ ken, wieder umgekehrt, steht nun wieder auf der untersten Treppenstufe. So ist das Leben, denkt sie, es geht rauf und runter. Aber es hat Gerechtigkeit fürs N egerle kein Geländer, das Leben; man kann sich nir­ gends festhalten. Einer plötzlichen Einge­ bung folgend steigt sie die Treppe ebenso rasch wieder hinauf, wie sie hinunter geeilt ist -als sie vor Großmutter die Flucht ergrif­ fen hatte. Sie läuft wie eine Furie, hinter der etliche Teufelchen her sind, die ihre flat­ ternde Seele stehlen wollen. ,,Großmutter!“ ruft sie und drückt anhaltend auf den Klin­ gelknopf, ,,mach auf, ich muß Dir etwas Wichtiges sagen!“ Ungläubig steht die Groß­ mutter im Türrahmen, füllt ihn fast aus. ,,Du kommst zurück, Ursula?“ Die Enkelin fällt der alten Dame um den Hals, küßt sie mit einer fast vergessenen Zärtlichkeit, streicht behutsam eine schneeweiße Haarsträhne aus ihrem Gesicht, drückt ihren Kopf an den börtchenverzierten Stehkragen, der den wel­ ken Hals so majestätisch abschirmt, wischt sich die Tränen aus den Augen und sagt schlicht: ,,Ich habe Dich sehr, sehr lieb.“ Die Großmutter strahlt über das ganze Gesicht. ,,Bist Du zurückgekommen, mir das zu sagen?“ ,,Nur deshalb „, entgegnet Ursula mit gesenktem Blick. Ergriffen schaut die Großmutter der Enkelin nach, wie diese nun, eher bedächtig, die vielen steilen Stufen der Treppe hinunter steigt. Einander gut sein, denkt sie, darauf kommt es an. Annemarie Armbruster Nenne man dies naiv, nenne man es nostalgisch, ich habe Schlimmeres überlebt. Als eine Kuriosität wird heute vielfach emp­ funden und entsprechend behandelt, was einmal einem guten Zweck dienen sollte. Wie zynisch und gnadenlos verfährt man heutzutage mit dem Negerle, jenem kaum 20 cm großen Figürchen in der äußersten Ecke der Weihnachtskrippe in der Kirche über dem Sammelkästchen, in dessen Schlitz wir vor Gottweißwievieljahren geschenktbe­ kommene, ersparte, und wenn der Verlierer nicht ermittelt werden konnte, auch gefun­ dene Münzen warfen. Und die Allerklein- sten glaubten genau zu wissen, ihr Scherflein dem Christkind persönlich gebracht zu haben, wenn an seiner Stelle der kleine Neger, der übrigens in vorbildlicher, andäch­ tiger Haltung betete, nicht bettelte, mit sei­ nem schwarzen Köpfchen nickte, für eine Mark heftiger als für einen Pfennig, für jede, auch die kleinste Gabe nickte, und da wir ihn gern nicken sahen, sorgten wir für möglichst viele, möglichst kleine Münzen, überzeugt, daß viel Weniges auch ein Viel ergibt. Der Schwarze paßte zum König aus dem Moh­ renland, er war vor dem Dreikönigstag da und kündigte ihn sozusagen an. Was wir sonst 355

schwarzen, braunen und gelben Brüderlein und Schwesterlein unseres kleinen Helden gemäß dem einfachen Lehrsatz im Katechis­ mus: ,,Dein Nächster ist jeder Mensch.“ So wurde im fernsehlosen Zeitalter der Blick global geweitet, eine andere Möglichkeit gab es auf dem Lande damals kaum, eine kindge­ mäßere schon gar nicht. Einern Kind Mas­ senelend zu erklären, das versuche man ein­ mal. Das Mitleid läßt sich durch Zahlen nicht verstärken, es ist angesichts von tau­ send Leidenden nicht zehnmal stärker bewegt als von hundert, mit einem einzelnen weinen, das kann auch ein Kind. Und selbst wenn es nur der „innige, herzgeborene Irr­ tum“ (Werner Bergengruen) des Kindes gewesen wäre, das mit dem Löffel das tiefe Meer in ein Grübchen am Strand erschöpfen wollte – eine Begegnung, die dem großen Augustinus zu einer wesentlichen Erkennt­ nis verholfen haben soll, wenn ein Kind gemeint haben sollte, es könne mit einem Groschen alle Not der Welt in Wohlstand verwandeln, so könnte dies nur ein unedler Geist verwerfen. Mindestens eine Ahnung von Verantwortung für die Welt wurde in das junge Herz gesenkt, die sich dort verfestigen und entwickeln konnte und den Charakter des Menschen bilden half. Ich bin mir beinahe sicher, daß neben dem sozialen noch ein zweiter, pädagogi­ scher Gedanke beim Opfer fürs Negerle Pate stand: ,,Sag, Vergelt’s Gott, wenn du etwas kriegst!“ Mit seinem Nicken sagt dir ja auch dieser Arme seinen Dank. Nur kann’s der nicht anders. ,,Vergelt’s Gott“ wurden wir zu sagen gelehrt, was ja auch ein guter Wunsch war, dem Geber solle in reichem Maße ver­ golten werden – in dieser und sogar in der andern Welt. Jedenfalls sollte der Schen­ kende noch großherziger, als er selbst es war, belohnt werden. Das profane „Dankscheen“ war in unserem Verständnis für eine Gabe in jedem Betracht zu wenig. Für den Weiterden­ kenden entwertete es sogar das Geschenk, ja es entzog dem Spender den göttlichen Segen und ließ ihn mit der Frage allein: War es am Ende eines rechten Dankes nicht wert? noch dachten, was uns zu Hause dazu gesagt wurde? (Daß es nämlich im Religionsunter­ richt Gegenstand irgendwelcher Betrachtun­ gen gewesen wäre, vermag ich mich nicht mehr zu erinnern.) Die Belehrungen von Mutter und Großmutter waren frei von jeder historischen Kenntnis und aller Wissen­ schaft, ganz zu schweigen davon, daß sie mit einer Ideologie belastet gewesen wären. Laß allen Hintersinn fahren, nicht immer ist eine scheinbar gescheite Lösung die rieb tige ! Was wußten Menschen früher schon vom Unrecht, das Deutsche, Europäer, den Bewohnern ferner Kontinente vom Beginn der Neuzeit bis zum Ende des Kolonialismus angetan hatten? Es bedeutete ja schon etwas, daß man wußte, es leben auf der weiten Welt Menschen, die ohne Hilfe in ihrer Not ver­ zweifeln müßten. Und ihnen galt an Tagen besonderen Glücks und überirdischer Freude das Gedenken. Auch Kinder sollten sich solidarisch fühlen mit den vielen 356

Deshalb brauchte es schon viel Phantasie, in diesem Figürchen ein Spielzeug wie jedes andere zu sehen, mit dem man umgehen könne wie mit einem Pferdchen aus der Spielzeugkiste. Dagegen sprach schon der Ort, an dem es stand. Und noch weniger kam jemand auf die Idee, der Neger sei ein „Nig­ ger“, mit dem man umspringen dürfe wie die Konquistadoren Cortez und Pizarro mit den Indianern. Der Exot gehörte zur Krippe, also zu uns. Wir liebten ihn. Was will man mehr? Kein Gedanke an Demütigung oder Verhöh­ nung! So wäre unser Negerle gewissermaßen im Bereich der Folklore anzusiedeln gewe­ sen, an der auch schon die Kleinsten nicht nur zuschauen, sondern aktiv teilnehmen konnten. (Wo war übrigens die Empörung, als wir „Negerküsse“ ganz selbstverständlich „Mohrenköpfe“ nannten und sie ebenso selbstverständlich-gedankenlos-genüßlich verspeisten? Auch verwies es uns niemand, als wir in hungrigen Jahren eine Schokola­ densoße, die die Schulspeisung ausgab – ein . wahrer Luxus -, respektlos „Negerschweiß“ nannten.) Und die Verwendung der Spenden? Eines der vielen Beispiele für die Ironie der Ge­ schichte! Es ging ja gar nicht anders, als daß der Missionar sie projektgebunden einsetzte – exakt die Methode, die heute staatliche Entwicklungshilfe nach diversen Umwegen als die wirkungsvollste erkannt hat und prak­ tiziert. Die grenzenlose Not wurde damit natürlich nicht behoben, aber ein Hemd oder eine Hose konnte für einen Bedürftigen wohl besorgt werden, eine Hütte für einen Obdachlosen konnte wohl gebaut werden. Also mehr als nichts. Heutzutage ist dieses schwarze Figürchen größtenteils verschwunden, mit ihm ein Stückchen Folklore wie der Nikolaus aus den Familien oder sonst mancher alte Brauch, und es ist anzunehmen, daß diese einstige Bereicherung im jungen Leben in 50 Jahren das Gedächtnis der Menschen verlassen haben wird. Nachdem das Negerle wegkriti­ siert worden war, trat ein Miniglobus an seine Stelle, der sich drehte, fiel ein Gro- sehen in den Schlitz vor ihm. Seine Symbo­ lik, wie man mir sagte: ,,Mit deiner Spende bewegst du die Welt.“ Spotten kann man über alles: ,,Mit einem Groschen willst du die Welt bewegen? Gott erhalte dir deinen Kin­ derglauben!“ Wie man’s macht, ist’s falsch. Also alles sein lassen? Punkt. Aus. Amen. Wie ich dies weglege, um es später noch einmal zu überlesen, höre ich, das Negerle sei gar nicht überall auf dem Gerümpel gelandet, das Figürchen werde vielmehr nach wie vor hergestellt und behaupte seinen Platz. Wenn das wahr ist, wird es ein wenig mehr Gerechtigkeit erwarten dürfen, wenn’s möglich ist, sogar Liebe. Karl Volk Kleines Lied von der Veränderung Ich singe dir mein schönstes Lied und geb den Sommer hin und mich dazu du merkst es nicht Ich weine einen Tränensee verkaufe den Mond und mich dazu du merkst es nicht Ich setze das Haus in Brand Garten und Wald und mich dazu du merkst es nicht Ich spucke in den Wind und pfeif auf dich gehöre nur mir selbst jetzt liebst du mich Christiana Steger 357

Verschiedenes Personen und Fakten Erwin Teufel ist am 11. 6.1992 wieder zum Ministerpräsidenten des Landes Baden­ Württemberg gewählt worden. Der Abge­ ordnete des Wahlkreises Villingen-Schwen­ ningen steht nunmehr einer großen Koali­ tion von CDU und SPD vor. Dr. Klaus Sommer, Leiter des Staatli­ in Villingen­ chen Gesundheitsamtes Schwenningen, ist mit Wirkung vom 30.12.1991 in den Ruhestand getreten. Seine Nachfolgerin, Frau Dr. Karin Flick, hat ihren Dienst am 1.1.1992 aufgenommen. Wolfgang Scherge! wurde am 10. 5.1992 zum Bürgermeister der Stadt St. Georgen im Schwarzwald gewählt. Er setzte sich mit 53,42 0/o im ersten Wahlgang gegen mehrere Mitbewerber durch. Der bisherige Amtsinhaber, Günter Lauffer, hat sich nach 24jähriger Tätigkeit als Rathauschef nicht wieder zur Wahl ge­ stellt. Der neue Bürgermeister hat am 1. 8. 1992 sein Amt angetreten. Thomas Möll ist der Leiter des neuen Staatlichen Gewerbeaufsichtsamtes (Amt für Arbeits- und Immissionsschutz), das am 9. 6.1992 eingeweiht wurde. Das Amt ist in unmittelbarer Nachbarschaft zum Landrats­ amt des Schwarzwald-Baar-Kreises auf dem Hoptbühlgelände im Stadtbezirk Villingen gelegen und ist zuständig für die Kreise Kon­ stanz, Rottweil, Schwarzwald-Baar und T utt­ lingen. Walter Klumpp wurde am 24. 5.1992 zum Bürgermeister von Tuningen wieder­ gewählt. Unter den drei Bewerbern setzte er sich mit 930/o bei einer Wahlbeteiligung von 680/o durch. Die zweite Wahlperiode hat am 15. 8.1992 begonnen. Oberstudiendirektor Gerhard Walther, seit 1. 8. 1973 Leiter der Kaufmännischen Schulen I im Stadtbezirk Villingen, ist mit Wirkung vom 1. 8. 1992 in den Ruhestand getreten. Nachfolger wurde der langjährige Stellvertreter Hans:Jürgen Haußler. Heinz Krug, seit 1. 2.1982 Verwaltungs­ leiter im Kreiskrankenhaus Donaueschin­ gen, ist mit Wirkung vom 30. 4.1992 in den Ruhestand getreten. Nachfolger wurde Günter Walter, der bisher stellvertretender Verwaltungsleiter gewesen ist. Er hat sein neues Amt am 1. 5.1992 angetreten. Peter Neher, Leiter des Straßenbauamtes Donaueschingen, ist mit Wirkung vom 1.10.1991 zum Abteilungsleiter beim Regie­ rungspräsidium Freiburg ernannt worden. Sein Nachfolger, Baudirektor Joachim Laute, der bisher schon als stellvertretender Amtsleiter im Straßenbauamt tätig war, hat die Amtsleitung mit Wirkung vom 27.1.1992 übernommen. 358 Polizeidirektor Helmut Kohler, Leiter der Polizeidirektion Villingen-Schwennin­ gen, ist mit Wirkung vom 31. 8. 1992 in den Ruhestand getreten. Nachfolger wurde Poli­ zeidirektor Robert Wölker, der zuletzt in Hiltrup/Westfalen eine Lehrtätigkeit aus­ geübt hat, in den Jahren von 1979 bis 1989 an der Polizeifachhochschule in Villingen­ Schwenningen unterrichtete und von 1989 bis 1990 Leiter der Schutzpolizei bei der Poli­ zeidirektion Villingen-Schwenningen war. Regierung direktor Horst Berdolt, seit 1. 6. 1988 Leiter des Kreiswehrersatzamtes Donaueschingen, ist mit Wirkung vom 1. 7. 1992 zum Leiter des Kreiswehrersatzamtes Offenburg ernannt worden.

Orden, Medaillen Nachstehende Personen aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis wurden seit Juni 1991 aus­ gezeichnet: a) mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland: (Abkürz.: BVK 1. Kl. = Bundesverdienstkreuz 1. Klasse BVK a. B. = Bundesverdienstkreuz am Bande) Georg] ourdan Ernst Rothweiler ] osef Zieglwalner Alexander Graf Karl Dilger Willi Vollmer 15. 7.1991 27. 8.1991 10. 9.1991 14. 2.1992 28. 2.1992 27. 3.1992 BVKa. B. BVKa. B. BVKa. B. BVKI. Kl. BVKa. B. BVKa. B. Triberg Donaueschingen Villingen-Schwenningen Bad Dürrheim Donaueschingen Donaueschingen b) mit der Zelter-Plakette: Männergesangverein Sunthausen c) mit der Wirtschaftsmedaille: 23. 5. 1992 (Aushändigung) Herbert Waldmann 27.3.1992 Villingen-Schwenningen Bevölkerungsentwicklung Stand der Wohnbevölkerung 31.12. 1990 31. 12.1991 7737 Bad Dürrheim 7712 Blumberg 7715 Bräunlingen 7734 Brigachtal 7735 Dauchingen 7710 Donaueschingen 7743 Furtwangen i. Schw. 7741 Gütenbach 7713 Hüfingen 7744 Königsfeld i. Schw. 7733 Mönchweiler 7732 Niedereschach 7742 St. Georgen i. Schw. 7741 Schönwald i. Schw. 7745 Schonach i. Schw. 7740 Triberg i. Schw. 7201 Tuningen 7731 U nterkirnach 7730 Villingen-Schwenningen 7741 Vöhrenbach 11.129 10.295 5.653 4.952 2.951 19.341 10.314 1.531 6.643 5.966 2.994 4.936 14.250 2.822 4.584 6.130 2.400 2.768 78.218 4.148 11.170 10.504 5.752 5.038 2.989 19.805 10.623 1.532 6.834 6.084 3.072 5.023 14.515 2.766 4.530 6.042 2.463 2.986 80.121 4.327 Kreisbevölkerung insgesamt 202.025 206.176 Veränderungen in Zahlen 1 78 87 41 99 86 38 + + 209 + + + + 464 + 309 + + 191 + 118 + + + 265 + + 218 + 1.903 + 179 + 4.151 56 54 88 63 in 0/o + 0,37 + 2,03 + 1,75 + 1,74 + 1,29 + 2,40 + 3,00 + 0,07 + 2,88 + 1,98 + 2,61 + 1,76 + 1,86 + 2,63 + 7,88 + 2,43 + 4,32 + 2,05 1,98 1,18 1,44 359

Ausländer in Zahlen Gemeinde Ausländer davon insgesamt Türken Jugo- slawen Italiener Sonstige Jahr: 1991/92 Ausländer- anteil in 0/o Bad Dürrheim 596 Blumberg 1.388 Bräunlingen 642 Brigachtal 364 124 Dauchingen Donaueschingen 1.789 1.081 Furtwangen 85 Gütenbach 718 Hüfingen 315 Königsfeld 267 Mönchweiler Niedereschach 286 1.927 St. Georgen 61 Schönwald 312 Schonach 570 Triberg 262 Tuningen 247 Unterkirnach Villingen- Schwenningen 12.221 616 Vöhrenbach 24 479 397 60 10 395 249 3 311 20 26 70 274 10 48 185 51 76 2.269 232 Gesamt 23.871 5.189 186 343 25 36 36 315 290 16 109 72 129 46 658 17 134 108 23 30 97 26 40 44 15 383 276 59 153 19 44 17 639 7 76 93 107 59 289 540 180 224 63 696 266 7 145 204 68 153 356 27 54 184 81 82 4.558 166 7.297 2.058 134 4.346 3.336 84 7.039 5,3 13,3 11,2 7,2 4,2 9,1 10,2 5,6 10,6 5,2 8,7 5,8 13,3 2,2 6,9 9,2 10,7 8,3 15,5 14,3 11,7 Arbeitslose in Prozentzahlen Stichtag Schwarzwald-Baar-Kreis Land Bundesgebiet 3,70/o 3,50/o 4,50/o 3,90/o 3,40/o 4,20/o West 6,90/o 9,5 0/o 5,6 0/o 30. 6.1990 30. 6.1991 30. 6.1992 360

Ergebnisse der Wahl zum Landtag von Baden-Württemberg am 5. 4.1992 Wahlvorschläge: Wahlkreis 54 Wahlkreis 55 Villingen-Schwenningen Tuttlingen-Donaueschingen Wahlberechtigte 118.632 116.998 Wähler insgesamt 83.326 70,200/o 68,40 0/o 80.016 818 ungültige Stimmen 1.180 1,00 0/o 1,40 0/o gültige Stimmen 79.198 82.146 98,60 0/o 99,00 0/o 38.248 CDU 48,30 0/o 38.466 46,800/o 19.727 24,000/o 20.972 SPD GRÜNE 26,50 O/o 5.638 7,10 0/o 5.231 6,40 0/o FDP/DVP 4.274 5,40 0/o 6.219 7,60 O/o Deutsche Liga 3.752 3,00 0/o 2.369 4,60 0/o GRAUE 723 0,90 O/o REP NPD ÖPD 4.605 5,80 O/o 5.119 6,20 0/o 781 1.011 1,00 0/o 1,20 O/o 1.396 1,80 0/o 1,60 0/o 1.332 PBC Gewählt wurden: 915 1,20 0/o 566 0,70 0/o im Wahlkreis 54 im Wahlkreis 55 Villingen-Schwenningen Tuttlingen-Donaueschingen Erwin Teufel (CDU) Dreifaltigkeitsbergstr. 44, 7205 Spaichingen Roland Ströbele (CDU) Am Täle 4, 7203 Fridingen Julius Redling (SPD) Ernst Pfister (FDP/DVP) Hansjakobweg 7, 7733 Mönchweiler Achauer Straße 20, 7218 Trossingen Bewertungsergebnisse Mit „sehr gut“ (alphabetische Reihenfolge) Gremmelsbach 800,-800,-800,-800,-800,- Geldpreis Grüningen DM Kappel Mönchweiler Mit ,,Auszeichnung“ für den Kreissieger Mühlhausen Niedereschach 800,-800,- Fischbach 1.000,- Schabenhausen Mit Auszeichnung für den 2. Platz 7.500,-361 900,- Buchenberg Kreiswettbewerb 1992 „Unser Dorf soll schöner werden“

Farbaufnahmen und Fotonachweis Die Farbaufnahmen der Titel- und Rück­ seite stammen von German Hasenfratz, Hüfingen. Motiv Titelseite: Neubau Landratsamt. Motiv Rückseite: Turmuhr im Foyer des Landratsamtes. Abbildungsnachweis zur Seite 36: Manfred Reinartz, ,,Villingen-Schwenningen und Umgebung in alten Karten und Plänen“, Band 1, 1987 (1. Auflage), Seite 39. Fotonachweis: Soweit bei den einzelnen Beiträgen die Bildautoren nicht namentlich hier angeführt werden, stammen die Fotos jeweils vom Verfasser des betreffenden Bei­ trages. Mit Fotos sind ferner im Almanach vertreten (die Zahlen nach der Autorenan­ gabe beziehen sich auf die jeweilige Text­ seite): Jochen Hahne 4; Archiv Landratsamt 7; Ger­ man Hasenfratz 5, 12/13, 14, 16, 17, 18, 22, 25, 28, 29, 30, 31, 34, 246 links, 249 unten, 264, 265, 266, 267, 268, 269; Valentin Wormbs 19, 27, 33; Archiv Stötzer und Partner 21; Foto Schönborn 23, 24; Gerhard )anke 26, 248 unten; Otto Kritzer 32; Helmut Groß 40/41,240,253,254,257,258,259,315,316, 317, 318; Haus der Geschichte Stuttgart, Sammlung Metz 42; Stadtarchiv St. Geor­ gen, Sammlung Cekade 43; Stadtarchiv St. Georgen, Schwabenbild 44; Rainer Rosen­ crantz 49; Burckhard Cramer 63; Dieter Ehnes 64; Archiv IHK Schwarzwald-Baar­ Heuberg 67; Archiv Fachhochschule Furt­ wangen 70, 71, 72, 73; Ingo Bullermann 75; Pressestelle der Fernuniversität Hagen 76, 77; Ausbildungszentrum „Turmgasse“ 79; Archiv Steine! 85, 86, 87; Archiv ismet­ Werke 88, 89; Archiv Stahlbau Münch GmbH 90, 91; Archiv Ernst Reiner GmbH & Co. KG 93, 94, 96, 97; Archiv IEF Werner GmbH 99, 100, 101; Archiv Kammerer 362 Gewindetechnik GmbH 103, 104, 106, 107; Foto Schultheiß 111; Archiv Schwarzwälder Metallwarenfabrik 115, 117, 118; Archiv LDA Baden-Württemberg 120, 121, 122, 123, 128, 129, 131, 134, 135, 136, 138, 139, 140, 141, 271, 272, 273, 275, 278, 280, 282, 284 unten; Archiv Rolf Roschlaub 143, 144; Susanne Huber-Wintermantel 158; Foto-Maier 191, 192, 197; Roland Sigwart 199; Foto Carle 237, 238; Germanisches Nationalmuseum Nürn­ berg 242, 244; Archiv Glockeninspektion Erzbistum Freiburg 243, 245, 247, 248 oben, 249 oben, 250, 251, 252; Georg Goerlipp 246 rechts, 310; Archiv Universität Karlsruhe 270; Iris Geiger 274, 279,283, 284 oben, 285; Gesellschaft für Altertums- und Brauch­ tumspflege Brigachtal 276; Friedrich Itta 277; Archiv Städt. Heimatmuseum Villin­ gen-Schwenningen 290, 291; Jürgen Wis­ ckow 306; Manfred Merz 307; Foto-Studio Grill 344/345, 346, 347, 348, 349, 350, 351. Reproservice Rolf Kötz, VS-Schwenningen

Die Autoren unserer Beiträge Albicker, Josef, 7713 Hüfingen-Hausen vor Wald (verst.) Armbruster, Annemarie, Prälat-Fries-Straße 11, 7740 Triberg i. Schw. Beistier, Herbert, Römerstraße 18, 7480 Sigmaringen-Laiz Binder, Hermann, Fichtenstraße 25, 7734 Brigachtal Bökenkamp, Renate, Redakteurin, Schwarzwaldstraße 4, 7742 St. Georgen i. Schw. Bräun, Wolfgang, Dipl. rer. pol., Auf der Wanne 55, 7730 Villingen-Schwenningen Butschle, Wilhelm, Rathaus, 7713 Hüfingen Ciz, Dr. Carl Heinz, Stadtarchiv, 7742 St. Georgen i. Schw. Conradt, Uwe, Friedrichstraße 36, 7737 Bad Dürrheim Dold, Wilfried, Waldstraße 13, 7741 Vöhrenbach Dorer, Bernhard, Bernhardenhof, 7743 Furtwangen i. Schw. Duffner, Heinrich, Werkzeugmaschinenfabrik Bernhard Steine! GmbH & Co., Albertistraße 16, 7730 Villingen-S chwenningen Eckert, Hannes, Universität Karlsruhe, Sonderforschungsbereich 315, Parkstraße 17, 7500 Karlsruhe Eisenbeis-Trinkle, Petra, Torfstraße 1, 7250 Leonberg Friese, Klaus-Peter, Pforzheimer Straße 25, 7730 Vill ingen-Schwenningen Grieshaber, lsolde, Weiberstraße 11, 7743 Furtwangen i. Schw. Groß, Helmut, Am Schwalbenhaag 1, 7730 Villinge n-Schwenningen Guggenberger, Götz, Dipl.-Ing., Architekten Auer +Weber+ Partner, Königsträßle 2, 7000 Stuttgart 70 Gutknecht, Dr. Rainer, Landrat, Am Hoptbühl 2, 7730 Vi llingen-Schwenningen Hacker, Günther, Kühlbrunnenweg 17, 7742 St. Georgen i. Schw. Haller, Johann, Buchenberger Straße 30, 7744 Königsfeld i. Schw. Haugg, Albert, Schwarzwälder Metallwarenfabrik, Hauptstraße 24 a, 7740 Triberg i. Schw. Henckell, Jürgen, Schriftsteller und Grafiker, Buchbergstraße 3, 7712 Blum!J.erg Hengstler, Konrad, Ortsvorsteher, Unterdorfstraße 7, 7737 Bad Dürrheim-Ofingen Hermanns, Martin, Oberer Sonnenbühl 23, 7730 Villingen-Schwenningen, Stadtbezirk Pfaffenweiler Hieb!, Hans, Weiherstraße 40, 7743 Furtwangen i. Schw. Honold, Dr. Lorenz, Talstraße 41, 7710 Donaueschingen Huger, Werner, Oberstudiendirektor, Färberstraße 1, 7730 Villingen-Schwenningen Huth, Dr. Volkhard, Erbprinzenstraße 20, 7800 Freiburg i. Br. Jäckle, Alexander, Bergstraße 10, 7740 Triberg i. Schw. Jakobs, Dr. Peter, Donaueschinger Straße 9, 7820 Titisee-Neustadt Kaufmann, Rainer, Geschäftsführer der Interessengemeinschaft City-Bahn, beim Regionalverband Schwarzwald-Baar-Heuberg, 7730 Villingen-Schwenningen Koch, Klaus, Journalist, Danziger Straße 12 a, 7710 Donaueschingen Kögler, Barbara, Pressereferentin der Firma Mannesmann Kienzle GmbH, Heinrich-Hertz.Straße, 7730 Villingen-Schwenningen Kornwachs, Prof. Dr. Klaus, Fraunhofer-Institut IAO, Nobelstraße 12, 7000 Stuttgart 80 (Vaihingen) Kramer, Bernd, Am Heumarkt 3, 6900 Heidelberg Kramer, Kurt, Glockeninspektion Erzbistum Freiburg, Ständehausstraße 4, 7500 Karlsruhe 1 Kubach, Dr. Rudolf, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Schwarzwald-Baar-Heu­ berg, Romäusring 4, 7730 Villinge n-Schwenningen Lang, Frank, M. A. Forschungsgruppe Kulturgeschichte und Sachgut, Alte Schulstraße 30, 7143 Vaihingen/Enz Liebetrau, Alfred, Präsident der Industrie- und Handelskammer Schwarzwald-Baar-Heuberg, Romäus­ ring 4, 7730 Villinge n-Schwenningen Limberger, Klaus, Stankertstraße 37, 7730 Villingen-Schwenningen, Stadtbezirk Tannheim Linde, Horst, Prof. Dr. h. c., Schlierbergstraße 33, 7800 Freiburg i. Br. Marek, Erich, Tierfotograf, Hans-Sachs-Straße 12, 7730 Villingen-S chwenningen Martin, Dr. Manfred, Mitarbeiter des Geologischen Landesamtes Freiburg, Hochstraße 29, 7710 Donaueschingen Mohn, Johannes, Dohlenweg 9 a, 5000 Köln 50 Müller, Hans, Reinemannstraße 3, 7712 Blumberg 363

Müller, Hans-Martin, Hermann-Köhl-Weg 2, 7560 Gaggenau Müller, Wolfgang, Dipl.-Volkswirt, Ringmauerweg 15, 7740 Triberg i. Schw. Münch, Josef, Arenbergstraße 3, 7734 Brigachtal Oehmichen, Gaetano, Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Kiel, Johanna-Mestorf-Straße 2�. 2300 Kiel Opp, Margot, Weierweg 10, 7800 Freiburg i. Br. Probst, Hans-Peter, Hindenburgstraße 22, 7710 Donaueschingen Reinart.z, Dr. Manfred, Museumsleiter, Beroldingerstraße 27, 7732 Niedereschach Renn, Wendelin, Städtische Galerie, Kaiserring 2, 7730 V i 11 in ge n-Schwenningen Riegel, Werner, Suntheimstraße 22, 7710 Donaueschingen-Aufen Rieple, Max, Donaueschingen (verst.) Rimmele, Emil, Bürgermeister i. R., Ludwig-Uhland-Straße 8, 7741 Schönwald Rohrbach, Hans, Wölblinstraße 58, 7850 Lörrach Roschlaub, Rolf, Am Kohlwald 1, 7732 Niedereschach-Schabenhausen Schafbuch, Gottfried, Hüfingen (verst.) Scherzinger, Horst und Edeltraud, Wolfstiegweg 5, 7730 Villingen-Schwenningen Schiede!, Karlheinz, Rohrbacher Straße 2, 7743 Furtwan�en-Schönenbach Schnibbe, Prof. Klaus, Ilbenstraße 50, 7743 Furtwangen 1. Schw. Schultheiß, Jochen, Blauenweg 25, 7742 St. Georgen i. Schw. Seiterich, Dr. Clemens, Hansjakobstraße 5, 7815 Kirchzarten Steger, Christiana, Birkenweg 8, 7712 Blumberg Sturm, Dr. Joachim, Baarstraße 12, 7710 Donaueschingen-Pfohren Vogel, Peter, Birkenweg 2, 7800 Freiburg i. Br. Volk, Karl, Realschuloberlehrer, Untertal 19, 7740 Triberg-Gremmelsbach Warrle, Lydia, Wöschhalde 15, 7730 Villingen-Schwenningen We�mann, Kurt, Fuchsweg 34, 7710 Donaueschingen We1ss, Julia, Villinger Straße 15, 7737 Bad Dürrheim-Unterbaldingen Weissenberger, Otto, Bürgermeister i. R., Bahnhofstraße 4 c, 7737 Bad Dürrheim Zahradnik, Prof. Dr. Walter, Fachhochschule Furtwangen, Gerwigstraße 11, 7743 Furtwangen i. Schw. Zimmermann, Michael, Karlstraße 119, 7730 Villingen-Schwenningen 364

Inhaltsverzeichnis Impressum Ehrenliste der Freunde und Förderer Heimat und Friede/Landrat Dr. Rainer Gutknecht Aus dem Kreisgeschehen Kreispolitik 1992/Landrat Dr. Rainer Gutknecht Das Kreishaus auf dem Hoptbühl in Villingen-Schwenningen … . . . aus der Sicht des Planers Eine offene Gebäudekonstruktion trägt zur Bürgernähe der Verwaltung bei/ Prof. Dr. Horst Linde … aus der Sicht des Architekten – Das Bauwerk ist ein Spiegelbild der Eigenart des Landkreises/ Götz Guggenberger, Architekten Auer + Weber + Partner – Architektur und Natur bilden eine sinnvolle Symbiose/Redaktioneller Beitrag … aus der Sicht der Kunst am und im Bau – Albert Hien -Anmerkungen zur „Kuckucksuhr“/Wendelin Renn – Das Klang-Tryptichon im Foyer/Peter Vogel … aus der Sicht des Bauherrn !deale Einheit zwischen der Architektur des Gebäudes und dem Erscheinungsbild des Landratsamtes als Dienstleistungsbehörde/Landrat Dr. Rainer Gutknecht 1 2 3 4 11 15 20 22 26 28 35 … aus der Sicht des Historikers Der geschichtliche Standort des neuen Landratsamtes/Werner Huger Unsere Städte und Gemeinden, Wappen 40 100 Jahre St. Georgen/Dr. Carl Heinz Ciz Das Wappen der Stadt St. Georgen im Schwarzwald/Prof. Klaus Schnibbe 45 Tannheim -Siedlungsgeschichte, Gegenwart und Ausblicke in die Zukunft/Klaus Limberger 48 Das Wappen von Tannheim/Prof. Klaus Schnibbe 52 Epfenhofen -Markantes Wahrzeichen: Eisenbahnviadukt der Strategischen Bahn/Hans Müller 52 55 Baarwanderung/Gedicht von Christiana Steger Das Wappen von Epfenhofen/Prof. Klaus Schnibbe 56 Li nach -Ein kleiner Ort im Schwarzwald mit einem regen Gemeinschaftsleben/Bernhard Dorer 56 61 Qas Wappen von Linach/Prof. Klaus Schnibbe Ofingen -das sonwge Dorf der Baar/Lydia Warrle und Konrad Hengstler 62 Das Wappen von Ofingen/Prof. Klaus Schnibbe 65 Organisationen 125 Jahre Industrie- und Handelskammer Schwarzwald-Baar-Heuberg/ Alfred Liebetrau, !HK-Präsident Bildungseinrichtungen Die Fachhochschule Furtwangen an beiden Standorten Furtwangen und Villingen-Schwenningen/ Prof. Dr. W. Zahradnik Abend an der Breg/Gedicht von Josef Albicker Fernstudienzentrum Villingen-Schwenningen -Universität vor der Haustür/Julia Weiss Wanderburschen -eine alte Idee und ein neues Modell in der beruflichen Ausbildung/ Prof. Dr. Klaus Kornwachs Herbstlied/Gedicht von Josef Albicker Wirtschaft und Gewerbe Der Europäische Binnenmarkt -Auswirkungen auf die Industrie im Schwarzwald-Baar-Kreis/ Dr. Rudolf Kubach Steine! Werkzeugmaschinen Villingen-Schwenningen – 69 74 75 66 78 81 82 365

Werksverlagerung ins Industriegebiet Ost abgeschlossen/Heinrich Duffner 84 Die ismet-Werke -eine elektrotechnische Fabrik in Villingen-Schwenningen/Dr. Joachim Sturm 88 Stahlbau Münch GmbH in Brigachtal-Kirchdorf/Josef Münch 90 Ein bedeutendes mittelständisches Unternehmen: Die Firma Reiner, Furtwangen – Marktführer in der Herstellung von Stempel-, Numerier- und Codiergeräten/Wilfried Dold Positionieren -Steuern -Löten -Dosieren – !EF WERNER GmbH Furtwangen/ Dr. Joachim Sturm Kaffeehaus-Gedanken/Gedicht von Christiana Steger Firma Kammerer Triberg Gewindetechnik GmbH/Emil Rimmele 98 102 103 92 Wirtschaftsgeschichte Gebrüder Schultheiß: St. Georgener Pioniere der Emailtechnik/Hans-Martin Müller Erkenntnis/Gedicht von Christiana Steger 100 Jahre Schwarzwälder Metallwarenfabrik in Triberg, Fortschritt mit Tradition/ Albert Haugg Archäologie Ausgrabungen im alamannischen Reihengräberfeld von Schwenningen, „Auf der Lehr“, unter besonderer Berücksichtigung der Grabungskampagne 1989-1991/Gaetano Oehmichen Der römische Gutshof von Fischbach -ein Resümee zu den bisherigen Ergebnissen aus den jüngsten archäologischen Untersuchungen/Dr. Peter Jakobs Hi torischer Bergbau auf Gemarkung Niedereschach … . . . aus der Sicht des Geologen/Dr. Manfred Martin … aus der Sicht des Projektleiters/Rolf Roschlaub Geschichte „Vor uns liegt ein glücklich Hoffen … “ – Aspekte der Revolution von 1848/49 in unserem Kreisgebiet/Dr. Volkhard Huth Der Schwarzwald-Baar-Kreis in Farben (Einlage) 109 113 114 120 133 143 145 156 160 (in Fortsetzung des Kapitels „Geschichtej Dr. Karl Theodor Huber -unvergessener Obervogt in Triberg/ Alexander Jäckle Entdeckt: der Publizist Kurt Tucholsky weilte 1919 im Schwarzwald/Renate Bökenkamp Traum/Gedicht von Christiana Steger Das Notgeld im Gebiet des heutigen Schwarzwald-Baar-Kreises in der Zeit von 1918 bis 1922/ Hermann Binder Die blaue Blume/Gedicht von Josef Albicker Das „Naturwunder“ des Kirchhofes zu Buchenberg/Johann Haller „Wenn ich komm vor meine Herren … “ – Zwei Protestlieder des armen TaglöhnersJakob Palmtag aus Schwenningen/Dr. Manfred Reinartz 184 161 165 168 169 182 183 Per önlichkeiten der Heimat Der „Löwe der Baar“ -Ein Mann in seiner Zeit – Otto Weissenberger – Bürgermeister und Kurdirektor i. R., Ehrenbürger der Stadt Bad Dürrheim/Johannes Mohn Hans Frank -Bürgermeister aus Berufung/Wilfried Dold Ursula Bartilla -das Leben hat sie nicht verwöhnt/Herbert Beistier In memoriam -Werner Gerber -Ein Kommunalpolitiker aus Berufung/Jürgen Henckell Max Ernst Haller -Eine Unternehmerpersönlichkeit mit Visionen/Petra Eisenbeis-Trinkle Langjähriger Geschäftsführer der Mannesmann Kienzle GmbH -Herbert Kleiser – Garant des Fortschritts und der Weiterentwicklung/Barbara Kögler Dr. Klaus Sommer -der langjährige Amtsarzt im Ruhestand/Wolfgang Bräun Ernst Strom -seine Persönlichkeit und die Landschaft der Baar bilden eine Einheit/ Klaus Peter Friese 366 187 190 198 200 203 205 207 209

Erna Hirt -stets bereit, immer dabei/Otto Weissenberger Ernst Rothweiler -ein Leben für:. die Gemeinschaft/Werner Riegel Helmut Pietsch -Pädagoge aus Uberzeugung/Christiana Steger AugenBlicke/Gedicht von Christiana Steger In memoriam -Wilhelm Haug-Ein Leben für die Mitmenschen/Alexander Jäckle Claus Blum -ein bekannter Hotelier und Gastronom mit einer guten Nase für Chancen/ Renate Bökenkamp Georg Jourdan -dem Gemeinwohl verpflichtet/ Alexander Jäckle Manfred Hornstein – Große Verdienste um das Gemeinwohl/Karlheinz Schiede! Gerlinde Hoffärber -Ein Leben für die Mitmenschen/Jürgen Henckell Karl Bäurer -ein Baaremer von echtem Schrot und Korn/Dr. Clemens Seiterich In memoriam – Dr. med. Joachim Jancke – Königsfeld war der Ort seines segensreichen Wirkens/Hans Rohrbach Erich Rissler – Verdienste um Vöhrenbach/lsolde Grieshaber Kirchen, Glocken Die evangelische Kirche in Triberg -eine Baugeschichte/Wolfgang Müller Die St. Hubertuskapelle (alte Gutenkapelle) in Schönwald nach der Restaurierung/ Emil Rimmele Die Glockenlandschaft der Baar -Die Glockengießerdynastie der Grüninger/Kurt Kramer Altjahresabend/Gedicht von Christiana Steger Heiteres aus dem Klosterleben St. Ursula in Villingen Das nicht erreichte Tagesziel/Helmut Groß Der Leinendeckchenkauf in Südtirol/Gedicht von Helmut Groß Monsignore Adalbert Simon – ein frommer und humorvoller Priester mit einem Herz für die Kinder der Straße/Helmut Groß Eine »Heilige“ aus Villingen oder Das Teepüppchenpräsent/Helmut Groß Kreuze im Schwarzwald-Baar-Kreis Die Wegkreuze im Schnabelstal/Hans Hieb! Denkmalpflege, Ortssanierung Das Hüfinger Rathaus -ein gelungenes Werk/Wilhelm Butschle Zur Restaurierung der Kirchdorfer Martinskirche/Hannes Eckert Die Villa Grüninger im Stadtbezirk Villingen -die Jugendstilvilla erstrahlt in neuem Glanz/ Horst und Edeltraud Scherzinger Museen Ein neues Museum im Schwarzwald-Baar-Kreis – Das Uhren-Industriemuseum in Schwenningen/Frank Lang Bartholomäus Zeitblom in den Fürstlich Fürstenbergischen Sammlun!$en in Donaueschingen – Das Bild von Mariä Heimsuchung-(Die Visitatio) Luk 1, 39.45/Martm Hermanns Hildegard Mutschlers Puppenmuseum in Gütenbach/Bernd Kramer Heimatlied/Gedicht von Margot Opp Kunst und Künstler Jürgen Palmtag -Bilder gegen die Eindimensionalität des Sehens/Uwe Conradt Manfred Merz -Bildhauer und Schemenschnitzer/Wolfgang Bräun Brauchtum Vom Ritterpatron zum Bauernjörg -Der Georgitag im Schwarzwald-Baar-Kreis/ Dr. Lorenz Honold 211 213 215 216 217 219 221 224 226 227 229 231 234 240 241 252 253 254 255 256 260 264 270 286 290 293 296 299 300 306 309 367

Qie Baaremer Tracht lebensvoll ins Bild gebannt – Olgemälde des Schwarzwaldmalers Curt Liebich im Schwenninger Bären/Michael Zimmermann 311 Frühling/Gedicht von Margot Opp 313 Sagen der Heimat Der Bruggener Haldengeist/Max Rieple Die Sage der Laubwaldkapelle/Jochen Schultheiß Lang ist’s her/Gedicht von Margot Opp Verkehrswesen City-Bahn Freiburg-Donaueschingen-Villingen-Schwenningen – Wunschtraum oder realistische Möglichkeit?/Klaus Koch Heimische Tierwelt, Umwelt Das Damwild – seine Entwicklung/Erich Marek Der Bienenlehrstand in der Retsche in Triberg/Karl Volk Die Energie kommt von der Sonne/Günther Hacker Gastronomie Gastronomie-Nachwuchs in Bad Dürrheim im Wettbewerb: Von der feinen Art des Bedienens/ Wolfgang Bräun Ein Michelin-Stern und Altendorf-Kulturpreis für den „Engel“ in Vöhrenbach/Wilfried Dold Sport und Wettkämpfe In Donaueschingen vom 27. September bis 6. Oktober 1991 – Weltmeisterschaften im Gewichtheben/Kurt Wegmann CHI Donaueschingen 1991 mit der Europameisterschaft im Dressurreiten/Hans-Peter Probst Guet troffe/Gedicht von Gottfried Schafbuch Prosa aus unserer Heimat Großmutters Feinschmeckertick/ Annemarie Armbruster Gerechtigkeit fürs Negerle/Karl Volk Kleines Lied von der Veränderung/Gedicht von Christiana Steger Verschiedenes Personen und Fakten Orden, Medaillen Bevölkerungsentwicklung Ausländer in Zahlen Arbeitslose in Prozentzahlen Ergebnisse der Wahl zum Landtag von Baden-Württemberg am 5. 4. 1992 Bewertungsergebnisse des Kreiswettbewerbs 1992 „Unser Dorf soll schöner werden“ Farbaufnahmen und Fotonachweis Die Autoren unserer Beiträge Inhaltsverzeichnis 368 314 316 319 320 328 332 336 338 341 343 349 352 353 355 357 358 359 359 360 360 361 361 362 363 365

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Almanach 1992 https://almanach-sbk.de/almanach-1992/ Fri, 20 Dec 2019 11:59:10 +0000 https://almanach-sbk.de/almanach-1992/

Almanach 92 Schwarzwald-Baar-Kreis Heimatjahrbuch des Schwarzwald-Baar-Kreises 16. Folge Herausgeber: Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis Redaktion: Dr. Rainer Gutknecht, Landrat Dr. Joachim Sturm, Kreisarchivar Karl Volk, Realschuloberlehrer Für den Inhalt der Beiträge sind die jeweiligen Autoren verantwortlich. Nachdrucke sind nur mit Einwilligung der Redaktion und unter Angabe der Fundstelle gestattet. Verlag, Druck und Gestaltung: Todt-Druck GmbH, Villingen-Schwenningen

Ehrenliste der Freunde und Förderer des Almanach 1992 ANUBA-Beschläge X. Heine & Sohn GmbH, Donaueschinger Straße 2-6, Vöhrenbach Auer + Weber, Freie Architekten Dipl.-Ing. BOA, Königsträßle 2, Stuttgart-Degerloch Dr. Hanno Augstein, Hüfingen Bad Dürrheimer Mineralbrunnen GmbH+ Co. Heilbrunnen, Bad Dürrheim Baden-Württembergische Bank AG, Filiale Villingen-Schwenningen Bank für Gemeinwirtschaft AG, Kronenstraße 38, Villingen-Schwenningen Alfred Bausch, Rosen-Apotheke, Espenstraße 3, Blumberg Bezirkssparkasse Donaueschingen Binder Magnete GmbH, Villingen-Schwenningen Barbara und Albert Buchholz, Flushing, L.I.N.Y., USA Ingenieurbüro Horst Budde, Pestalozzistraße 65, Villingen-Schwenningen Burger Industriewerk GmbH & Co. KG, Schonach Eisengießerei Hans Dhonau, Triberg EGT Elektrotechnik GmbH, Steinkreuzweg 6/1, Villingen-Schwenningen Claus Eller, Zahnarzt, Neue Heimatstraße 2, Vöhrenbach Helmut W. Falk, Wirtschafts- und Unterneh­ mensberater, Fürstenfeldbruck Emil Frei GmbH & Co., Lackfabrik, Bräunlingen­ Döggingen S. D. Joachim Fürst zu Fürstenberg, Donaueschingen Walter Glatz, Blumberg Dipl.-Ing. Theo Greiner, Kolpingstraße 12, Donaueschingen Dr. med. Egon Hochmann, Triberg Hock GmbH, Schönwald-Triberg IEF Werner GmbH, Wendelhofstraße 6, Furtwangen Institut Dr. Jäger, Friedrichstraße 9, Villingen-Schwenningen Kraftwerk Laufenburg, Laufenburg Liapor-Werke, Lias Leichtbaustoffe GmbH & Co. KG, Tuningen MAICO Elektroapparate-Fabrik GmbH, Steinbeisstraße 20, Villingen-Schwenningen Vermessungsbüro Dipl.-Ing. Viktor Mandolla, Villingen-Schwenningen Mannesmann Kienzle GmbH, Villingen-Schwenningen 2 MEKU GmbH, Dauchingen Leopold MeSSiner, Dipl.-Ing. FH, Freier Architekt, Bühlhofstraße 8, Furtwangen Herbert Obergfell, St. Georgen Dr. med. Paul Obergfell, Villingen-Schwenningen Dr. Peter Pfaff, Frauenarzt, Villingen-Schwenningen Guido Rebholz, Architekt, Zehntstraße 1, Bad Dürrheim RICOSTA GmbH & Co. Schuhfabriken, Dürrheimer Straße 43, Donaueschingen Anne Rieple-Offensperger, Friedrichstraße 1, Bad Dürrheim Dipl.-Ing. Eckart Rothweiler, Freier Architekt, Karlstraße 63, Donaueschingen Dr. med. P. Samimi, Chefarzt der Chir. Abt. des Städt. Krankenhauses Furtwangen SCHMIDT Feintechnik GmbH, St. Georgen S. Siedle & Söhne Telefon- und Telegrafenwerke Stiftung & Co., Bregstraße 1, Furtwangen Sparkasse Villingen-Schwennini;en mit Hauptanstalt in Villingen, Zweiganstalten in Schwenningen, St. Georgen und Triberg, Haupt­ zweigstellen in Bad Dürrheim, Königsfeld, Schonach und Vöhrenbach und weiteren 41 Geschäftsstellen Spar- und Kreditbank Donaueschingen-ViUingen eG Günther Stegmann, Donaueschingen Josef Stein GmbH, Villingen-Schwenningen Walter Steinbach GmbH & Co. KG, Werkzeug­ und Apparatebau, Dürrheimer Straße 41, Donaueschingen STRAUB-Verpackungen GmbH, Bräunlingen TRW Thompson GmbH & Co. KG, Präzisions­ ventile für die Motoren- und Automobilindustrie, Werk Blumberg Ueberle GmbH & Co. KG, Achsenfabrik, Im Winkel 1, Blumberg Reinhold Wauer, Uhrarmbandfabrik, Alte Randenschule, Blumberg F. K. Wiebelt – Buchhandlung, Bickenstraße 6-8, Villingen-Schwenningen Dr. med. Fritz Wilke, Obere Waldstraße 12, Villingen-Schwenningen Johann Wintermantel Verw. GmbH & Co. KG, Kies- und Transportbetonwerke, Pfohrener Straße 52, Donaueschingen Udo Zier GmbH, Furtwangen 11 weitere Freunde und Förderer des Almanach wünschen nicht namentlich genannt zu werden.

Heimat im vereinten Deutschland Dem Heimatjahrbuch des Schwarzwald-Baar-Kreises 1992 zum Geleit Das im Jahre 1990 vereinte Deutschland ist Anlaß, die Beziehung von Heimat zu unserer neuen staatlichen Einheit herauszustellen. Mancher mag Heimat nur mit unserer engeren Heimat, d. h. mit der Gemeinde, in der er wohnt und arbeitet, und mit dem Heimatkreis in Verbindung bringen. Der Begriff der Heimat ist m. E. jedoch weiter auszudehnen. Befinden wir uns im Aus­ land, möglicherweise weit weg, verstehen wir unter Heimat das Land innerhalb seiner staatlichen Grenzen, aus dem wir herstammen. Seit der Vereinigung Deutschlands ist dies heute das um die fünf neuen Bundesländer vergrößerte Gebiet der Bundesrepu­ blik. Mit zunehmender Dauer wird das neue Vaterland sicher auch innerlich von sei­ nen Bürgerinnen und Bürgern als Heimat angenommen werden. Die Entwicklung des so verstandenen Heimatgefühls bedarf allerdings der Unter­ stützung und des Einsatzes der Menschen hüben wie drüben. Für uns im westlichen Teil gibt es im privaten Bereich viele Möglichkeiten zur Hilfe. Nicht wenige Städte und Gemeinden unseres Landkreises haben sich partnerschaftlich mit Kommunen der früheren DDR verbunden, um ihnen dringend notwendige Unterstützung zukommen zu lassen. Heimat im vereinten Deutschland bedeutet für uns, daß wir unsere Herzen öffnen für die Sorgen und Nöte unserer Landsleute drüben und nicht nur unsere oft kleinen Sorgen in den Mittelpunkt unseres Denkens und Handelns stellen. Es liegt nicht zuletzt an uns, daß wir den mit uns nunmehr vereinten Mitbürgerinnen und Mitbür­ gern das Gefühl der echten, gemeinsamen Heimat vermitteln. Von dieser Betrachtungsweise ist es kein großer Schritt, wenn wir Heimat nicht nur im eigenen Vaterland, sondern auch in den europäischen Ländern sehen, mit denen wir wirtschaftlich und kulturell schon jetzt verbunden sind und künftig diese Bezie­ hungen noch mehr ausbauen wollen. Trotz der Schwierigkeiten, die auf diesem Weg noch zu überwinden sein mögen, wollen wir dieses Ziel fest im Auge behalten. Der Almanach möchte dazu beitragen, daß wir unsere kleine Welt im Schwarz­ wald-Baar-Kreis den in diesem Geleitwort geäußerten Gedanken öffnen und uns zu einer gemeinsamen Heimat in Deutschland und in Europa bekennen. Viele Freunde und Förderer haben auch die diesjährige Ausgabe unseres Heimat­ jahrbuches finanziell unterstützt. Mit meinem besonderen Dank verbinde ich die Hoffnung, daß auch das neue Heimatjahrbuch eine offene Aufnahme im Schwarz­ wald-Baar-Kreis und darüber hinaus finden möge! Dr. Rainer Gutknecht Landrat 3

Aus dem Kreisgeschehen Kreispolitik 1991 Die Schwerpunkte der Kreispolitik im Jahre 1991 sind im großen und ganzen die gleichen wie im Jahre 1990: Investitionen im Schulbereich und in den Neubau des Land­ ratsamtes, Müll und Öffentlicher Personen­ nahverkehr sowie die Altenhilfe aus dem gro­ ßen Bereich der sozialen Aufgaben. Fort­ schritte wurden erzielt, wenngleich die zuletzt genannten Themen unsere dauern­ den Bemühungen beanspruchen. Neubau Landratsamt Nach dem Richtfest am 4. Juli 1990 begann die 2. Hälfte des Bauvorhabens. Die Arbeiten gehen zügig voran, so daß das neue Verwaltungsgebäude planmäßig im Herbst 1991 bezogen werden kann. Die feierliche Eröffnung soll am 8. November 1991 stattfin­ den. Voraussichtlich kann der Bau im Rah­ men der Kosten- und Zeitvorstellungen abgewickelt werden. Erwin Teufel, langjähriger Abgeordneter des Wahlkreises Villingen-Schwenningen, wurde am 22.}anuar 1991 zum Ministerpräsidenten von Baden-Würllemberggewählt. Aufunserem Bild legt er nach seiner Wahl vor Landtagspräsident Erich Schneider den Amtseid ab. 4

RichifesL Neubau LandraLsamL Schulbereich Investitionen im Schulbereich stehen bei den Beruflichen Schulen in Furtwangen und bei der Schule für Körperbehinderle in Villingen­ Schwenningen an. Beim Furtwanger Bauvorhaben wird das Jahr 1991 für die weiteren Planungen benutzt. Mit dem Bau selbst soll 1992 begonnen wer­ den. Das Projekt wird federführend vom Land Baden-Württemberg mit einem Anteil von ca. 60 % durchgeführt. Der Landkreis mit einem restlichen Anteil von ca. 40 % möchte jedoch seine Rechte gewahrt wissen. Eine im Jahre 1991 abgeschlossene Vereinba­ rung zwischen den beiden Bauträgern soll die beiderseitige Rechte und Pflichten festle­ gen. Bei der Schule für Körperbehinderte soll im Sommer 1991 mit dem Erweiterungsbau begonnen werden. Inzwischen hat sich der Landkreis Tuttlingen zur Übernahme der Mitträgerschaft (mit ca. 12 Schülern pro Schuljahr) bereiterklärt, so daß außer dem geplanten Therapiebereich (Turnhalle und Therapieschwimmbecken) auch noch einige weitere Fachräume gebaut werden müssen. Die voraussichtlichen Kosten von nunmehr 8.150.000 DM verteilen sich nach Abzug der zu erwartenden Gesamtzuschüsse von 2.125.000 DM auf die drei Kreise wie folgt: Schwarzwald-Baar-Kreis 3.548.700 DM; Kreis Rottweil 1.488.200 DM; Kreis Tuttlin­ gen 988.100 DM. Aus dem Schulbereich verdienen drei wei­ tere Entscheidungen festgehalten zu wer­ den: Die Hauswirtschaftlichen Schulen in Donau­ eschingen bilden künftig mit den Kaufmänni­ schen Schulen in Donaueschingen einen Schulverbund. Die zurückgehende Schüler­ zahl im Hauswirtschaftlichen Bereich ließ die Selbständigkeit dieser Schule nicht mehr aufrechterhalten. Die andere denkbare Lö­ sung, die Donaueschinger Schulen den 5

Der Landkreis investiert für die Einrich­ tung dieser Fachklasse (Maschinen) insge­ samt rd. 100.000 DM. Müll Die Abfallbeseitigung ist nach wie vor das Thema Nr. l der Kreispolitik. Alle Bemühun­ gen dienen dem Ziel, Abfälle zu vermeiden bzw. wiederzuverwerten. Unsere Deponien in Tuningen und Hüfingen sollen möglichst sparsam verfüllt werden. Die Diskussion um die Frage, ob das Ein­ sammeln und Befördern des Abfalls wie bis­ her bei den Städten und Gemeinden verblei­ ben oder auf den Landkreis zurückübertra­ gen werden soll, ist durch Beschluß des Kreistags vom 6. Mai 1991 zu einem vorläufi­ gen Abschluß gekommen: Der Landkreis erklärt sich bereit, das Einsammeln und Befördern des Abfalls in seine Zuständigkeit zu übernehmen. Die Städte und Gemeinden können diese Aufgabe auch wie bisher selbst durchführen. In diesem Fall sind die erfor­ derlichen Vorgaben bzw. Rahmenrichtli­ nien des Kreises zu beachten. Vor der Entscheidung der Gemeinden müssen diese wissen, welche Aufgaben in der Trägerschaft des Kreises verbleiben und in welcher Weise diese Aufgaben vom Kreis erledigt werden. Es sind dies: Die Einrichtung einer Gewerbemüllsor­ tieranlage; einer Kompostierungsanlage für Grünab­ fälle und vegetabile Abfälle aus Haushal­ tungen; – einer Bauschuttrecyclingsanlage samt Restedeponie; – weitere Intensivierung von Problemstoff­ sammlungen aus Haushaltungen. Die Verwaltung arbeitet an der inhaltli­ chen Ausfüllung und praktischen Erledi­ gung dieses Aufgabenkatalogs, um einmal im Sinne des Abfallwirtschaftskonzepts des Kreises einen Schritt nach vorne zu kommen und zum andern in der Zusammenarbeit mit den Städten und Gemeinden Klarheit über die gegenseitige Aufgabenerfüllung zu schaf­ fen. Öffentlicher Personennahverkehr Die Aufgaben des Öffentlichen Personen­ nahverkehrs (ÖPNV) gewinnen auch bei uns immer mehr an Bedeutung. Alle Welt ist sich einig, daß aus Gründen des Umweltschutzes und der Entlastung des Straßennetzes die Bemühungen um eine Verbesserung des ÖPNV verstärkt werden müssen. Auf der anderen Seite wissen wir aber auch, daß in einem ländlichen Kreis wie im Schwarzwald­ Baar-Kreis der Individualverkehr eine bevor­ zugte Rolle einnehmen wird. Unsere bisherigen Bemühungen lassen sich im Angebotsbereich in der gebotenen Kürze wie folgt beschreiben: Mit der Einfüh­ rung der „Verkehrsgemeinschaft Bregtal“ wurde im Jahre 1982 das obere Bregtal besser an das Oberzentrum angebunden. Zur Zeit laufen Bemühungen, aus finanziellen Grün­ den das Angebot auf eine neue Grundlage zu stellen, wobei an der Verbindung zwischen dem Bregtal und Villingen-Schwenningen festgehalten werden soll. Seit dem Übergang der Zuständigkeit für die Schülerbeförde­ rung vom Land auf den Kreis im Jahre 1983 wurden nach und nach die Schülerbusse wei­ testgehend in die öffentlichen Linienver­ kehre integriert und somit das Fahrtenange­ bot kreisweit an Schultagen erheblich gestei­ gert. In den Jahren 1985/86 erfolgten Ange­ botsverbesserungen im südlichen Kreisge­ biet (Bereich Blumberg -Donaueschingen), wobei die abseits der Hauptlinien liegenden Ortschaften an das öffentliche Verkehrsnetz angeschlossen wurden. Schwerpunktmäßig befassen wir uns seit einiger Zeit mit der Neu­ ordnung des sogenannten „Hintervillinger Raumes“. Die Verhandlungen mit den betroffenen Verkehrsunternehmen dauern noch an. Der Landkreis hat sich schon bisher bereit erklärt, falls notwendig, zusätzliche Fahrten einzurichten und zu finanzieren, um den „Hintervillinger Raum“ besser mit der Stadt Villingen-Schwenningen zu ver­ binden. Darüber hinaus muß geprüft wer­ den, ob auf bestimmten Linien aus dem Umland nach Villingen-Schwenningen innerhalb der gemeinsamen Stadt eine bes- 7

sere Abstimmung erfolgt, um eine lücken­ lose Transportkette aus dem Umland zu bestimmten Hauptzielen der Stadt Villin­ gen-Schwenningen (z. B. Bahnhof, Kranken­ anstalten, Industriegebiete} zu schaffen. Eine solche Abstimmung setzt eine enge Zusammenarbeit zwischen der Stadt und dem Landkreis voraus. Sie könnte beispiel­ haft auf die weitere Entwicklung im Land­ kreis wirken. Die neuesten Verbesserungen im Angebotsbereich betreffen die finanzielle Unterstützung von neuen Busverbindungen aus der Ostbaar über Bad Dürrheim nach Villingen-Schwenningen. Die für den Land­ kreis maßgebende Überörtlichkeit liegt in der unmittelbaren Anbindung der Ostbaar an das Oberzentrum. Im Tarifbereich haben sich die im letzten Bericht (vgl. Almanach 1991, Seite 7) erwähn­ ten Maßnahmen (Einführung des Umwelt­ jahres-Abo sowie der verbilligten Schüler­ monatskarte im Kurzstreckenbereich) be­ währt. Zwischen der Stadt Villingen­ Schwenningen und dem Kreis soll neben der Abstimmung im Angebotsbereich auch die Zu ammenarbeit im tariflichen Bereich (z.B. Möglichkeit des Umstiegs von Regio­ nalverkehr auf den Stadtverkehr mit einem Fahrschein) verbessert werden. Zwischen den Stadtbezirken Villingen und Schwen­ ningen ist auf den parallel bedienten Strek­ ken des Regionalverkehrs und des Stadtver­ kehrs eine gegenseitige Anerkennung der Fahrscheine anzustreben. Derzeit laufen Verhandlungen mit den Unternehmen über die Einführung eines Freizeit-Tickets, das insbesondere für Familien am Wochenende erhebliche Vergünstigungen bringen soll. Der dritte Bereich innerhalb des ÖPNV betrifft die Organisation. Bisher hat sich der Landkreis der vorhandenen Verkehrsunter­ nehmen bedient, um seine Zielvorstellun­ gen in Sachen ÖPNV zu erreichen. Die aktuelle Diskussion bei Redaktionsschluß dieser Ausgabe des Almanach läßt erkennen, daß sich der Bund aus der Fläche immer mehr zurückzieht und die Verkehrspolitik regionalen Verkehrsgesellschaften, was im- 8 mer man darunter verstehen mag, überlassen möchte. Dies würde bedeuten, daß die Land­ kreise in noch viel größerem Umfang als bis­ her in die Verkehrspolitik einbezogen wür­ den: nicht nur als Zuschußgeber, sondern als Betreiber von Linien. Ohne finanzielle Unterstützung durch Dritte (Bund, Land) ist dies sicher nicht zu bewerkstelligen. Auf der anderen Seite sollte man dieser Diskussion auch eine gute Seite abgewinnen: Bahnstrek­ ken, wie zwischen Freiburg und Donau­ eschingen sowie zwischen Villingen und Rottweil könnten in eigener Regie betrieben und hoffentlich in ihrem Bestand gesichert werden. Ähnliches könnte auch bei den vom Bund über die Südbadenbus GmbH (SBG) betriebenen Buslinien gelten. Hier eröffnet sich ein neues Feld der Krei politik, das sicher noch manchen Stoff für Diskussionen liefern wird. Altenhilfe Die letzte Fortschreibung des Altenplanes fand im Oktober 1990 statt. Notwendig ist eine weitere Förderung bedarfsgerechter Pflegeplätze in Heimen (Fehl im Jahre 2000: voraussichtlich 375 Plätze). Ein weiterer Schwerpunkt ist die Stärkung und Bündelung der ambulanten Hilfen in überschaubaren Versorgungsbereichen. Dar­ unter fallen der weitere Ausbau der Sozialsta­ tionen, die Einrichtung von Informations-, Anlauf- und Vermittlungsstellen für hilfebe­ dürftige Bürger und deren Angehörige sowie die Koordination der vorhandenen Dienste. Schließlich ist in diesem Zusammenhang der Aufbau der geriatrischen Rehabilita­ tionsangebote auf der Grundlage des Ge­ sundheitsreformge etzes zu nennen. Zur Unterstützung der häuslichen Pflege und der Pflegebereitschaft der Angehörigen wurde das Programm „Kurzzeitpflegeplätze“ (das ist die vorübergehende Heimaufnahme bei Ausfall oder Urlaub der Pflegeperson) fortgeführt und ausgebaut. Die bisherigen Erfahrungen -das Angebot gibt es seit zwei Jahren -sind positiv. Die Auslastung der 14 über das Kreisgebiet verstreuten Kurzzeit-

pflegeplätze beträgt über 70 0/o. Der Land­ kreis fördert die Maßnahme mit 10.000 DM pro Platz im Jahr. Ein Ziel fur die nächste Zeit ist die Schaf­ fung eines Angebots von Tagespflegeplät­ zen. Behindertenhilfe Zur außerstationären Versorgung psy­ chisch Kranker und seelisch Behinderter im Landkreis wurde eine Konzeption mit fol­ genden Schwerpunkten verabschiedet: Neben der Sicherung der Arbeit des sozi­ alpsychiatrischen Dienstes (Trägerschaft: Caritasverband) ist der Aufbau folgender Platzangebote vorgesehen: ca. 25 Plätze in einer Werkstatt fur psy­ chisch Behinderte (Trägerschaft: Lebens­ hilfe, Ort: Schwenningen) ca. 30 Plätze in einem therapeutischen Wohnheim (Trägerschaft: Caritasver­ band, VS-Villingen) ca. 20 Plätze in betreuten Wohngemein­ schaften, verteilt über das Kreisgebiet (Trägerschaft: Caritasverband) daneben Ausbau der Tagesstätte für psy­ chisch Kranke; Voraussetzung ist jedoch eine finanzielle Mitbeteiligung des Lan­ des und der Krankenkassen – Anschluß des Kreisgebiets an die Telefon­ seelsorge (,,psychologische Erste Hilfe“). Allen Organisationen, die sich diesen Neuer Bildband über den Schwarzwald­ Baar-Kreis Am 10. Oktober 1990 ist im Foyer des Theaters am Ring in Villingen-Schwennin­ gen der neue Bildband über den Schwarz­ wald-Baar-Kreis vorgestellt worden. Herr Hans Schleuning vom Theiss-Verlag, Stutt­ gart, konnte den Verfasser des neu gestalte­ ten Textes, Herrn Dr. Lorenz Honold, Do­ naueschingen, und den Bildfotografen, Herrn German Hasenfratz, Hüfingen, begrüßen. Die beiden vorangegangenen Ausgaben, die im Textteil vom bekannten Heimat­ schriftsteller Max Rieple, Donaueschingen, gestaltet wurden, sind vergriffen und es bot sich an, den Band im Text- und Bildteil neu zu überarbeiten. Es entstand ein gelungenes Werk, das den Schwarzwald-Baar-Kreis in seiner landschaftlichen und kulturellen Viel­ falt beschreibt und Herz und Auge erfreut. Unser Foto zeigt die Vorstellung des Bildbandes (von links nach rechts): Landrat Dr. Rainer Gutknecht, German Hasenfratz, Hans Schleuning, Dr. Lorenz Honold 9

nicht einfachen, aber notwendigen Aufga­ ben annehmen, sei auch an dieser Stelle ein herzliches Wort des Dankes und der Aner­ kennung ausgesprochen. Schuldnerberatung Angesichts ständig zunehmender Ver­ schuldung privater Haushalte und damit oft einhergehender oder drohender Sozialhilfe­ bedürftigkeit ist seit 1. April 1991 eine Schuld­ nerberatungsstelle im Landratsamt einge­ richtet. Die Aufgaben sind: Finanziell-recht­ liche und lebenspraktische Beratung über- schuldeter Bürger und ihrer Familien durch Hilfen zu einer planmäßigen Entschuldung, einer aktiven Lebensplanung und einer künf­ tig sinnvollen Haushaltsführung. Das Ange­ bot ist kostenlos. Die vorstehenden Ausführungen erheben keinen Anspruch aufVollständigkeit. Sie sol­ len wichtige Stationen der Kreispolitik 1991 festhalten und den interessierten Lesern die im Vergleich zur Gemeindepolitik etwas ent­ ferntere Kreispolitik näherbringen. Dr. Rainer Gutknecht, Landrat ,,Unser Dorf soll schöner werden“ Ein Bericht über die Kreiswettbewerbe seit 1974 In zweijährigem Turnus finden seit 1961 Bundes- und Landeswettbewerbe „Unser Dorf soll schöner werden“ statt, denen Bezirksentscheide und, in Jahren mit gerader Zahl, Kreisentscheide vorausgehen. Seit Bestehen des Schwarzwald-Baar-Krei­ ses am 1.1.1973 fand der 1. Kreiswettbewerb im Jahr 1974 statt. Zu den bisher 9 Wett­ bewerben haben sich durchschnittlich 13 Gemeinden oder Gemeindeteile angemel­ det. Eine Fahrt durch das Kreisgebiet vermit­ telt Orts- und Landschaftsbilder, die vielfäl­ tigen Leistungen der Gemeinden und deren Bevölkerung in den vergangenen 19 Jahren erkennen lassen. Ideen, Initiativen, großer Fleiß, kontinuierliche Arbeit, Eigenmittel und Eigenarbeit spiegeln sich in den Ortsbil­ dern wider, die tatsächlich, auch dank zukunftsorientierter Planungen und Dorf­ entwicklungsprogrammen, schöner gewor­ den sind. Ein Wandel hat sich vollzogen. Legte man vor Jahrzehnten noch Wert auf großzügige Ortsdurchfahrten, so ist man heute dabei, verkehrsberuhigte Zonen zu schaffen. Pfla­ stersteine ersetzen an vielen Orten den Makadam. Und auf dem Bausektor? Es ent­ standen Schulgebäude, Festhallen, Freizeit- 10 anlagen, Schwimmbäder, neue Wohn- und Gewerbegebiete. In den Vordergrund rück­ ten immer mehr die Neugestaltung der Orts­ zentren und die Renovierung erhaltenswer­ ter Altgebäude und historischer Gebäude, ebenso Anpflanzungen im Ort und im Außenbereich sowie Rekultivierungsmaß­ nahmen. Vereinzelt wurden verdolte Bach­ läufe wieder freigelegt. Besondere Aufmerk­ samkeit widmeten die Gemeinden auch der Friedhofsgestaltung. Auch die Bevölkerung beteiligte sich auf vielfältige Weise an der Aktion „Unser Dorf soll schöner werden“. Hier nur ein kurzer Auszug aus der langen Liste bürgerschaftli­ cher Aktivitäten: Renovierung alter Privat­ häuser, Einrichtung von Museen, Freilegen von Stollen aus früheren Jahrhunderten, Vereinstätigkeit zugunsten der Allgemein­ heit. Daß in 2 Ortsteilen Eltern zu einem großen Teil Kindergärten finanziell tragen, verdient besondere Erwähnung. In manchen Gemeinden sind private Gemüse- und Zier­ gärten sowie der Blumenschmuck an den Häusern als vorbildlich zu bezeichnen. Und weitere Aktionen: Schaffung und Pflege von Biotopflächen; in einigen Ortsteilen sind in diesem Bereich auch Schüler aktiv. Aus

Fachwerkhaus in Mühlhausen Dunglegen wurden Blumenbeete. In erheb­ lichem Umfang leisteten Einwohner Eigen­ arbeit und setzen Eigenmittel für Maßnah­ men, die der Allgemeinheit zugute kommen, ein. Zur Verschönerung des Schwarzwald­ Baar-Kreises trugen auch die Landwirte durch eine mustergültige Landschaftspflege wesentlich bei. Die Bewertungskommission des Kreises war immer wieder beeindruckt, wie sich Bürgermeister, Gemeinde-und Ort­ schaftsräte, Verwaltungen und Bevölkerung engagiert haben, um erfolgreich aus den Wettbewerben hervorzugehen. Mühlhausen darf hier als ein Beispiel her­ ausgestellt werden. In diesem Ort wirkt seit über 20 Jahren der „Freundeskreis Dorf Mühlhausen“; sein Initiator ist Wilfried Lei­ bold. Diesem Freundeskreis ist es gelungen, durch Eigeninitiativen, Eigenmittel und Eigenarbeit mit Beistand der Stadt Villingen­ Schwenningen maßgebend den Ortskern neu zu gestalten und dennoch den länd­ lichen Charakter dieses Stadtbezirks der Großen Kreisstadt zu erhalten. Es lohnt sich, Mühlhausen zu besuchen und die Er­ gebnisse bürgerschaftlicher Aktivitäten zu besichtigen: Zum Beispiel Bauernmuseum, Schmiede, Backhaus, Mosterei und Göpel­ haus, das für Veranstaltungen genutzt wird. Über den Mühlbach führt eine neue Holz­ brücke. Brunnen zieren den Ortskern und neu angelegte Biotope bereichern die Mühl­ hauser Gemarkung. Bei den Landeswettbe­ werben erreichten Orte, in denen sich die Einwohner besonders aktiv im Sinne der genannten Kriterien eingesetzt haben, hohe Auszeichnungen. Die erste Goldmedaille in der jungen Geschichte des Schwarzwald-Baar-Kreises hat Mühlhausen bei der Teilnahme am Lan­ deswettbewerb 1989 erhalten. Das Landratsamt Schwarzwald-Baar-11

1979 1981 1983 1985 1987 1989 Tuningen Mühlhausen Mühlhausen Tuningen Mühlhausen Buchenberg Tuningen Gremmelsbach Mühlhausen Buchenberg Br Br S und Plakette Br s Br Br Br G Br Werner Heidinger Mosterei in Mühlhausen Kreis honorierte die Leistungen aller Teil­ nehmer an den bisher 9 durchgeführten Kreiswettbewerben mit Urkunden und Geldpreisen von insgesamt 77.000 DM. Die Kreissieger: 1974 Mönchweiler 1976 Tuningen 1978 Überauchen 1980 Tuningen 1982 Mühlhausen 1984 Mühlhausen 1986 Tuningen 1988 Buchenberg 1990 Nußbach Bei den Landeswettbewerben erhielten die Teilnehmer aus dem Schwarzwald-Baar­ Kreis folgende Auszeichnungen: (Br = Bronzemedaille; S = Silbermedaille; G = Goldmedaille) 1975 Unterkirnach 1977 Öfingen S Sonderpreis 12

Neubau Landratsamt Letzte Bilder über den Baufortschritt vor Redaktionsschluß 13

Unsere Städte und Gemeinden, Wappen Mundelfingen Ein liebenswerter Ort in der Landschaft der Baar Mundelfingen ist der größte Teilort der Stadt Hüfingen. Das stattliche Dorf mit sei­ nen etwa 640 Einwohnern grenzt mit seiner Gemarkung im Westen an den Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald, im Süden an den Landkreis Waldshut. Dort, wo Wutach und Gauchach sich vereinen, handelt es sich um eine geologisch hochinteressante Land­ schaft, die während des ganzen Jahres „Stein­ klopfer“ – Hobbygeologen – anlockt und deren Erde immer wieder bemerkenswerte Versteinerungen freigibt. Rathaus Munde!fingen, Vorderansicht. Im Untergeschoß befindet sich die Schule. 14

Rathaus Munde!fingen, Rückansicht. Das stattliche Gebäude mit Glocl«ntürmchen und Uhr sowie einem schönen Treppengiebel gehört zu den bemerl«nswertesten des Ortes. Mit großer Wahrscheinlichkeit handelt es sich bei Mundelfingen um eine alemanni­ sche Siedlung. Der Ortsname geht auf den Gründer der Sippensiedlung – Munolf – zurück und entwickelte sich über Jahrhun­ derte zur heutigen Schreibweise. Erste urkundliche Erwähnung des Ortes datiert im Jahr 802. Damals gehörte das gesamte mitt­ lere Wutachtal zu einem Gebiet, das Graf Thiofried dem Kloster St. Gallen vermachte. So kam es, daß Mundelfingen vor rund 1190 Jahren eine Filiale der Pfarrei „Asolvinga“, dem heutigen Aselfingen war. Vermutlich hat das Kloster St. Gallen den Filialort Mun­ delfingen zur selbständigen Pfarrei erhoben, denn in einem Verzeichnis der St. Gallischen Patronatskirchen ist auch die Kirche von Mundelfingen erwähnt. Die prächtige Barockkirche, dem heiligen Georg geweiht, wurde in den Jahren 1750/51 von den berühmten Baumeister Peter Thumb errichtet. Ihr Turm ist weithin sieht- bar und beherrscht das Ortsbild. Ein weiteres Gotteshaus ist die St-Margareten-Kapelle. Sie ist Eigentum der katholischen Kirchen­ gemeinde und wurde vor wenigen Jahren gründlich renoviert. Den Altkatholiken steht sie für Gottesdienste zur Verfügung. Seit einigen Jahren ist die Pfarrei Mundei­ fingen nicht mehr selbständig, sondern wird von der Hüfinger Pfarrei St. Verena aus mit­ betreut. Bis vor etwa 20 Jahren war Mundelfingen ausschließlich landwirtschaftlich geprägt. Inzwischen wurden aus den meisten Voll­ erwerbsbetrieben Nebenerwerbslandwirt­ schaften. Immerhin wurden 1990 in SO Betrieben noch 1170 Stück Vieh gehalten, davon rund 500 Kühe. Die krasseste Umstrukturierung erfuhr das Dorf zwischen 1980 und 1990, als ein Vollerwerbsbetrieb nach dem andern aufgab. Einige weni­ ge expandierten, doch viele Landwirte schreckte der hohe Investitionsbedarf. 15

Schon in den neunziger Jahren des vori­ gen Jahrhunderts hatte Mundelfingen eine vielbeachtete Zuchtgemeinschaft für Sim­ mentaler Vieh, das später vom Höhenfleck­ vieh abgelöst wurde. Erbwertgeprüfte Bullen waren Garanten für hochwertige Tiere. Im Bereich Hüfingen hat Mundelfingen als letzte Gemeinde noch vier Bullen im Farren­ stall, doch geht auch hier der Trend zur künstlichen Besamung. Die Gesamtfläche der Mundelfinger Gemarkung beträgt 1530 Hektar. 900 Hektar davon sind landwirtschaftlich genutzt. An Waldflächen umfaßt die Gemarkung 438 Hektar Gemeindewald, 73 Hektar Staats­ wald und 70 Hektar Privatwald. Die Staats­ beforstung, vor Jahren eingeführt, hat sich bewährt. Die Viehweide im südlichen Gemar­ kungsbereich ist Landschaftsschutzgebiet und unter entsprechenden Auflagen an hei­ mische Landwirte verpachtet. Rund 200 Arbeitnehmer aus Mundelfin­ gen verdienen ihren Lebensunterhalt in den umliegenden Städten und Gemeinden. Ein metallverarbeitender Betrieb am Ort, so Ortsvorsteher Adolf Baumann, wäre wün­ schenswert. Mehrere holzverarbeitende Betriebe sind in Mundelfingen ansässig. Eine nachhaltige Zäsur in der Geschichte Mundelfingens bedeutete der Verlust der Selbständigkeit. Das Dorf stand vor der Not­ wendigkeit, sich freiwillig einer größeren Gemeinde anzuschließen oder eine zwangs­ weise Eingemeindung im Zuge der Gemein­ dereform hinzunehmen. Für die selbstbe­ wußten Bürger des Ortes war dies kein leich­ ter Entschluß. Donaueschingen, Bräunljn­ gen und Hüfingen warben um Mundelfin­ gen, doch schließlich entschieden sie bei einer Bürgerbefragung so: Einhundert von zweihundertzwanzig abgegebenen Stimmen für Hüfingen, 93 für Bräunlingen und 27 für Donaueschingen. Die Entscheidung war knapp, doch am 4. Mai 1974 wurde der Eingemeindungsver­ trag mit Hüfingen zwischen dem damaligen Bürgermeister Gilly und Hüfingens früheren 16 Bürgermeister Mäder unterzeichnet. Er trat am l.Januar 1975 in Kraft. Hüfingen erhielt damals von der Landesregierung 70.000 Mark. ,,Sterbegeld“ nannten die Mundelfin­ ger rucht ohne Bitterkeit diese Zahlung. Das Geld wurde später für den Anschluß an die Kläranlage verwendet. Das Verhältnis zwischen der Kernstadt und dem Ortsteil Mundelfingen nennt Ortsvorsteher Adolf Baumann „sachlich und korrekt“. Zwar war der Anschluß an Hüfingen gewiß keine „Liebesheirat“, son­ dern eine „Vernunftehe“, doch haben die Verantwortlichen aus der gegebenen Situa­ tion das Beste gemacht. Die Zusammen­ arbeit funktioniere und erweise sich als kon­ struktiv, wie der Ortsvorsteher versichert. Das Standesamt, das dem Stadtteil zunächst noch geblieben war, ging mit Wir­ kung vom 1. 1.1991 verloren. Trauungen wur­ den nunmehr vom Hüfinger Standesbeam­ ten vorgenommen, denn Ortsvorsteher Mäder, bislang ordentlicher Standesbeamter in Mundelfingen, ging inzwischen in den Ruhestand. Nach einem entsprechenden Lehrgang wurde Ortsvorsteher Adolf Bau­ mann stellvertretender Standesbeamter und kann nun im gesamten Stadtgebiet Trauun­ gen vornehmen. Der Verlust der eigenen Schule hatte Mundelfingen besonders schwer getroffen. Jahrelange hartnäckige Bemühungen, ver­ stärkt durch eine Bürgerinitiative, hinter der vor allem Ortsvorsteher Hermann Mäder stand, hatten das Ziel, die Schule wieder in den Ort zu bekommen. 1986 wurden die Bemühungen belohnt: Die drei unteren Klassen dürfen wieder „zu Hause“ die Schule besuchen, und inzwischen unterrichten zwei Lehrkräfte am Ort insgesamt 33 Kinder, wobei die zweite und dritte Klasse kombi­ niert sind. Einen Kindergarten hatte die Gemeinde bereits 1908. 1964 wurde allerdings ein ganz neuer Kindergarten gebaut, der zu 50 Pro­ zent von der Gemeinde und zur anderen Hälfte von der Kirche finanziert wurde. Er befindet sich in kirchlicher Trägerschaft.

vereinigung, Landjugend und Landfrauen, dazu Feuerwehr und Rotes Kreuz. Sie alle entfalten zahlreiche Aktivitäten und vertre­ ten selbstbewußt und stolz ihren Heimatort und damit auch die Stadt Hüfingen. Die Sportvereinigung erstellte 1976 mit Unterstützung der Stadt Hüfingen einen eigenen Fußballplatz, einen Trainingshart­ platz, der auch drei Tennisplätze beinhaltet, sowie ein Clubhaus. Was zunächst bei man­ chen Hüfinger Gemeinderäten auf Skepsis bezüglich der angesetzten Eigenleistung stieß, bewiesen die jungen Mundelfinger Sportler: Es geht gemeinsam vieles, wenn nur der feste Wille dazu vorhanden ist. 1990 wurden drei weitere Tennisplätze, die einen speziellen Belag aufweisen, in Betrieb genommen. Als vor Jahren der einzige „Tante-Emma­ Laden“ des Dorfes vor der Schließung stand, setzte sich auf Drängen von Ortsvorsteher Hermann Mäder Hüfingens Bürgermeister Gilly vehement für den Erhalt dieser Ein­ kaufsmöglichkeit auf dem Dorf ein. Die Stadt subventionierte über einige Jahre hin­ weg den Laden, und heute ist sein Bestand gesichert, obwohl die Subvention inzwi­ schen ausgelaufen ist. Die Mundelfinger Dorfgemeinschaft ist intakt, Gemeinschaftssinn wird großge­ schrieben. Dies zeigte sich eindrucksvoll bei dem geplanten großen Narrentreffen im Januar 1991, das kurzfristig wegen des Golf­ krieges abgesagt werden mußte. Ein Anruf des Ortsvorstehers genügte, und eine große Anzahl von Männern fand sich spontan bereit, das bereits aufgestellte Zelt wieder abzubauen. Der Entschluß, die­ ses lange geplante Ereignis abzusagen, fiel gewiß nicht leicht, doch niemand konnte sich den Argumenten verschließen, die zu jenem Zeitpunkt gegen die Veranstaltung sprachen. Für seine Bewohner ist Mundelfingen der Mittelpunkt ihres Lebensbereiches, liebens­ wert in seiner ländlich erhaltenen Struktur, die ein attraktives Neubaugebiet „Auf Brei­ ten“ -mit einer bezaubernden Fernsicht – harmonisch ergänzt. Käthe Fritschi 17 Mit Recht sind die Munde!finger stolz auf ihre schöne Kirche, ein Werk des berühmten Barock­ baumeisters Peter ‚Thumb. Ihr Turm beherrscht das Dorfbild. Die Festhalle, 1934/35 erbaut, entsprach längst nicht mehr den Anforderungen, als sie 1969 erweitert und saniert wurde. Inzwischen hat sich längst erwiesen, daß sie bei weitem die gestellten Anforderungen nicht mehr erfüllt, und daß eine Erweiterung wegen feh­ lendem Gelände nicht möglich ist. Ebenso fehlen Parkmöglichkeiten. Seit 1987 laufen Bestrebungen, bei den bestehenden Sport­ anlagen eine neue Halle zu bauen, deren Realisierung über Jahre hinaus trotz instän­ diger Bitten des Stadtteiles immer wieder aufgeschoben wurde. Mundelfingen hat nun jedoch eine feste Zusage, daß 1993 mit dem Baubeginn zu rechnen sei. Hohen Stellenwert haben die Mundelfin­ ger Vereine, Musikkapelle, Gesangverein, der Narrenverein „Kehrwieder“, die Sport-

Das Wappen von Mundelfingen Wappen: Von blau-silbernem Wolkenfeh-Schild­ rand umgeben, dreimal geteilt von Schwarz und Gold. Nachdem 1811 noch kein eigenes Siegel vorhanden war, wurden im gesamten 19. Jahrhundert nur Schriftsiegel ohne sonstige Symbole verwendet. – Erst 1903 schlägt das Großherzoglich badische Generallandesar­ chiv Karlsruhe das Schellenberg’sche Wap­ pen vor, umgeben vom Schildrand der Für­ stenberger, die 1616 die Herrschaft der Schel­ lenberger übernahmen. -Die Gemeinde war sofort damit einverstanden und führte dieses schöne Wappen bis zur Eingemeindung in die Stadt Hüfingen am 1. Januar 1975. Klaus Schnibbe Quellen und Literatur: Generallandesarchiv Karlsruhe, Wappenakten Bezirk u. Landkreis Donaueschingen. – GLA Wappenkartei, Schwarzwald-Baar-Kreis. – GLA Siegelkar­ tei� Schwarzwald-Baar-Kreis. – FF. Hefbi­ bliothek Donaueschingen, Donaueschinger Wappenbuch von 1433, betr. v. Fürstenberg, v. Sehellenberg. – W Merz u. F. Hegi, Die Wappenrolle von Zürich (Anf 14. jahrh.), Zürich-Leipzig 1930, betr. v. Fürstenberg, v. Sehellenberg. – K. Schnibbe, Gemeindewap­ pen im ehem. Landkreis Donaueschingen, in: Schriften des Vereins f Geschichte u. Natur­ gesch. d. Baar in Donaueschingen, Band 33 (1980). Waldhausen – eine alte Siedlung am Rande des Schwarzwaldes Im Westen eingerahmt von weiten, hohen Wäldern und im Osten geöffnet zur weiten Baar, so liegt Waldhausen, die alte Siedlung zwischen Schwarzwald und Baar, eine reiz­ volle, liebliche Gemeinde, die auch heute noch weitgehend landwirtschaftlich struktu­ riert ist. Waldhausen wird nach einer Urkunde, die sich im Stiftsarchiv von St. Gallen/ Schweiz befindet, im Jahr 769 erstmals als „Waldhusa“ erwähnt. Es handelt sich also um einen Ort, der weit über 1200 Jahre alt ist. Er war in früheren Jahrhunderten vornehm­ lich von Taglöhnern und abhängigen Land­ wirten in fürstlich fürstenbergischen Dien­ sten besiedelt. Um das Jahr 1444 erlischt Waldhausen vollkommen, die Bewohner fie­ len der Pest zum Opfer, um erst etwa 100 Jahre später wieder besiedelt zu werden. Die Geschichte des Kirchleins von Wald­ hausen ist mit dem Schicksal des Dorfes auf das Engste verbunden. Nachdem das Dörf­ lein im Jahre 1444 – wie oben erwähnt – durch die Pest ausgestorben war, nimmt Egon Graf zu Fürstenberg und Landgraf in der Baar aus der Kirche in „seinem Dorf Waldhausen“ zwei Glocken, da das Dorf an „Lüth und Guet abgangen und ödt worden ist, damit diese Glocken nicht verändert, zer­ brochen oder mißhandelt werden“ und ver­ bringt die eine Glocke auf Schloß Wartem­ berg und die andere Glocke in „unser Frauen Cappel gen Bregen under der neuen Fürsten­ berg“, dem heutigen Hammereisenbach. Im Jahre 1663 muß dann Waldhausen wieder ein neues Kirchlein erhalten haben, denn in einem fürstlichen Amtsbericht aus Hüfingen heißt es, daß die 1446 weggenommenen 18

Kirche St. Blasius, Waldhausen, erbaut 1899 durch Dekan Carl Alois Mez Glocken wieder nach Waldhausen zu brin­ gen seien. Ob dies jedoch geschehen ist, ist nicht nachgewiesen. Dieses im Jahre 1663 wieder errichtete Kirchlein stand unweit des heutigen Waldhauser Hofes, wo bis vor wenigen Jahren ein altes Steinkreuz inmitten eines Obstgartens den Standort markierte, deren Fundamente man heute noch teil­ weise ausmachen kann. Diese Kirche bestand bis zum Jahre 1899, als dann mit Genehmigung der F. F. Standesherrschaft die alte Kirche beim Waldhauser Hof abgetra­ gen und die neue Kirche in der Mitte des Dorfes errichtet wurde. Bei der im Jahre 1969/1970 erfolgten Renovierung des Kirch­ leins wurde der Altar restauriert, eine Holz­ decke eingezogen, ein Kreuzweg angeschafft und eine grundlegende Außensanierung vor­ genommen. Eine tiefgreifendere Verände­ rung und Renovierung erfolgte in den Jahren 1975/1976, wobei der Altar grundsätzlich verändert wurde und nach den Beschlüssen des Konzils ein Voraltar als Zelebrationsaltar eingebaut wurde; der Hochaltar wird nicht mehr als Zelebrationsaltar verwendet. Die hervorragend gelungene Renovierung wurde durch den Restaurator Klaus Sigwart aus Hüfingen und den zwischenzeitlich verstorbe­ nen Künstler Bruno Knittel aus Freiburg durch­ geführt. Der Voraltar wurde aus Bronze mit einer Marmorplatte in Form eines Kelches geschaffen. Das Gestühl des Kirchleins wurde als Mittelblock ausgestaltet, die Empore wurde verändert sowie eine elektrische Fußbodenhei­ zung eingebaut. Die gesamte Kirche wurde ringsum trocken gelegt. Viele Arbeitsstunden leisteten die Bürger Waldhausens und die große Spendenbereitschaft der Gläubigen halfen, um das Kirchlein zu einem herr­ lichen Schmuckstück umzugestalten. Das Patrozinium der Kirche „St. Blasiens“ gibt Hinweise auf Besitzungen des Klosters St. Blasien im Gebiet von Waldhausen. Ob allerdings dieser Einfluß des Klosters St. Bla- 19

Barockaltar St. Blasitts aus dem Jahre 1693, Künstler unbekannt St.-}osefs-Figttr, Künstler u. Alter unbekannt sien ausschlaggebend für das Patrozinium des Kirchleins war, ist nicht erhärtet. Das Dorf hat über viele Jahrhunderte hin­ weg ein ärmliches Dasein gefristet. Es hatte auch nie große Einwohnerzahlen. Das hing damit zusammen, daß hier relativ wenig Wasser als Quellwasser aufzufinden war und die Besitzverhältnisse schlecht waren. Fast die gesamte Flur war fürstliches Eigentum. Erst als das Fürstenhaus die Felder in Pacht gab oder verkaufte, konnten die Bauern selb­ ständig werden, die dann auch die relativ fruchtbare Feldmark intensiv bewirtschafte­ ten. Im Osten sind die Böden kalkhaltig und im Westen gehen sie bereits in Buntsand­ stein über. Dazwischen eingelagert finden sich da und dort Granitfelsen. Auf einem die- 20 ser Granitfelsen steht heute das Kirchlein. In den Jahren 1963/1964 erhielt Waldhau­ sen eine zentrale Wasserversorgung, die �eilen befinden sich im südwestlichen Bezirk der Gemarkung im Tal der Gauchach. Das �ellwasser muß zum Hochbehälter auf dem Bittelbrunn gepumpt werden, um von dort aus die Gebäude des Dorfes zu ver­ sorgen. Nachdem nun die Wassersorge besei­ tigt war, konnte Waldhausen im Jahre 1969/ 1970 ein bescheidenes Neubaugebiet mit 10 Gebäudeeinheiten ausweisen, das Gebiet ist zwischenzeitlich bebaut. Schmerzlich war für Waldhausen die Auf­ lösung der Schule. 1968 wurden die Klassen 5-8 und Ende 1970 die Grundschul-Klassen 1-4 nach Bräunlingen verlegt.

In den Jahren 1971/1972 wurde ein Ferien­ gebiet für Waldhausen konzipiert. Auch die­ ses Gebiet ist weitgehend überbaut. An die Groß-Kläranlage Donaueschingen wurde Waldhausen im Jahre 1972 angeschlossen. Zum 1. 4.1972 verlor Waldhausen seine Selbständigkeit und wurde ein Stadtteil von Bräunlingen. Im Jahre 1976 wurde die Post­ stelle in Waldhausen aufgelöst und im Jahre 1978 wurde ein zweiter Gasthof, der heutige Martinshof, errichtet. liegt in einer gesunden Höhenlage von 700-750 m. Es ist nahezu nebelfrei und ist Ausgangspunkt für schöne Wanderungen in den großflächigen Wäl­ dern, im Gebiet der Gauchach, zum Kirn­ bergsee und über den schluchtartigen „Hagelsboden“ nach Dittishausen an der Waldhausen Gauchach entlang über wunderschöne Wege durch Wiesen und niedrige Wälder. Über den Dellingerweg kann man geruhsam nach Bräunlingen, der alten Zähringerstadt, wan­ dern. Die Siedlungsstruktur Waldhausens als Straßendorf, aufgeteilt in Unter-, Mittel- und Oberdorf, schafft Probleme. Versuche, über Abrundungssatzungen bestimmte Bauab­ sichten zu verwirklichen, haben bisher leider nicht zum Erfolg geführt. Aufgabe der Zukunft muß sein, die Infrastruktur der heute knapp 200 Einwohner zählenden Gemeinde zu stärken, das rege Vereinsleben zu fördern und zu befruchten und die Eigen­ entwicklung der Gemeinde auch im gewerb­ lichen Bereich in ausreichendem Maße zu Elmar Schnetzler unterstützen. Das Wappen von Waldhausen Wappen: Von blauem Wolkensaum umgeben, in Silber eine abgeschlagene schwarze Tanne. Der Wolkensaum deutet den fürstenber­ gischen Wolkenfeh-Schildrand an, während die Tanne für den Namensteil „Wald-“ steht, der auf einem Siegel aus der Mitte des vori­ gen Jahrhunderts noch durch drei größere und zwei kleinere auf einem Boden stehende Tannen dargestellt wurde. Die Umschrift lautete GEMEINDE WALDHAUSEN, ob­ wohl der Ort in badischer Zeit (seit 1806) zusammen mit Mistelbrunn zur Gemeinde Bruggen gehörte. Erst am 1. Januar 1897 wurden Mistel­ brunn und Waldhausen selbständig. Bei die­ ser Gelegenheit schlug das großherzoglich badische Generallandesarchiv Karlsruhe für Waldhausen folgendes Wappen vor: ,,eine Tanne in silbernem Felde mit gleicher Umrah­ mung“ (wie Mistelbrunn). In der Zeichnung war die Tanne „natürlich“ wiedergegeben, dunkelgrün mit braunem Stamm. – Die Gemeinde stimmte zu. Erst 1960 wurde der Tanne die heraldische Farbe Schwarz gegeben. – Mit der Einge- meindung zum 1. April 1972 in die Stadt Bräunlingen ist das schöne Wappen als amt­ liches Zeichen erloschen. Klaus Schnibbe Quellen und Literatur: Generallandesarchiv Karlsruhe, Wappenakten Amtsbez. u. Land­ kreis Donaueschingen. – GLA Wappenkartei, Schwarzwald-Baar-Kreis. – GLA Siegelkar­ tei, Schwarzwald-Baar-Kreis. – K. Schnibbe, Gemeindewappen ehem. Landkreis Donaueschingen, in: Schriften des Vereins f Geschichte u. Naturgesch. d. Baar in Donau­ eschingen, Band 33 (1980). im 21

1200 Jahre Aselfingen im Wutachtal im 1200 Jahre Aselfingen lieblichen Wutachtal, wahrlich ein stolzes Alter. Der Ort wird erstmals im Jahre 791 urkundlich erwähnt. In der Schenkungsurkunde vom 22. Oktober 791 hat GrafBertold mit seiner Mutter Raginsind die gesamte Habe in Asel­ fingen und Mundelfingen dem Gotteshaus St. Gallen geschenkt. Sicherlich war die Gegend schon weit früher besiedelt, denn Funde zum Beispiel auf dem Bürglebuck, Gemarkung Eschach lassen auf Bewohner in der Jungsteinzeit, etwa 3000 Jahre vor Christi, oder Münzen und Mauerreste auf Gemarkung Überachen auf römische Siedlungen vor rund 2000 Jahren schließen. In Aselfingen entstand die Urkirche der Wutachmark. Zu ihr gehörten neben den Talgemeinden Achdorf, Überachen, Eschach, Opferdingen auch Riedböhringen und Mundelfingen. Um das Jahr 1200 wurde Achdorf selbständige Pfarrei. Schon 1275 hatten beide Gemeinden, also Achdorf und Aselfingen, einen gemeinsamen Pfarrer und 1432 kam Aselfingen zur Gesamtpfarrei Ach­ dorf, behielt aber einige Pfarr-Rechte. Vorge­ fundene Mauerfundamente bei Grabarbei­ ten hinter dem alten Schulhaus 1880 lassen Reste eines ehemaligen Gotteshauses ver­ muten. Politisch war Aselfingen ein Bestandteil der Herrschaft Blumegg und kam nach ver­ schiedenen anderen Herrschaftsbereichen 1448 beziehungsweise 1457 wieder an St. Blasien. Die heute noch vorhandene St.-Otmars­ Kirche wurde 1593 im Renaissancestil erbaut und 1595 durch Weihbischof Balthasar III. von Konstanz geweiht. An der südlichen Ase!fingen von Norden her, rechts oben Überachen 22

Außenwand ist das Wappen des Abtes Caspar II. von St. Blasien mit der Jahreszahl 1593 angebracht. Das Türmchen enthält zwei der ältesten Glocken von Baden aus dem 14.Jahrhundert. Der Hochaltar stammt aus dem Exerzitienhaus der Jesuiten zu Ried­ öschingen. Beachtenswert sind die Chorbo­ genfiguren 1680, Votivtafel 1763 und spätgo­ tisches Kreuz um 1560. Eine Innenrenova­ tion der Kirche erfolgte 1990. Auf dem die Kirche umgebenden Friedhof werden seit 1937 auch die Einwohner von Überachen beigesetzt. Nach der Herrschaft von St. Blasien kam Aselfingen an die Fürstenberger bzw. an das Großherzogtum Baden. In der Gemeinderechnung für 1861 ist vermerkt, daß die vormaligen Gemeinden Aselfingen und Überachen im Wege des Gesetzes zu einer Gemeinde vereinigt und der Gemeinderat am 29.Juni 1848 von der Großherzoglichen Seekreisregierung in Kenntnis gesetzt wurde. Nach den der 1858er Rechnung ange­ schlossenen Verhandlungen zwischen den Gemeinderäten beider Orte ist das Gemein­ degebiet in bezug auf das Gemarkungsver­ hältnis als getrennt zu betrachten. Dies betrifft die Anlegung und Unterhaltung der Wege, Brücken, Stege, Dämme, Gehalt der Feldhüter, Kosten für Grenz- und Bannbe­ richtigung sowie Wegweiser, die Lasten des Gemeinde- und Allmendgutes, Gemeinde­ gebäude, Steuern, Äcker, Wiesen und Wal­ dungen. Nach der allgemeinen Volkszählung im Dezember 1861 besaß Aselfingen 128 Seelen (Einwohner), darunter 35 in Gunst der bür­ gerlichen Rechte stehend. Die Ortsentfernungen sind wie folgt ange­ geben: Amtsort Bonndorf 3 Stunden, Kreis­ stadt Konstanz 15 Stunden, Residenzstadt Karlsruhe 43 Stunden. Von den drei Mitgliedern des Gemeinde­ rats mußten zwei von Aselfingen und einer von Überachen gewählt werden. Im Bürger­ ausschuß waren jeweils zwei von jedem Ort vertreten. Bis zur Errichtung der Schule St.-Otmars-Kirche 1848/49 unterrichtete der Lehrer die Schüler in Privathäusern. Das Gasthaus zur Traube wurde in den Jahren 1824/26 errichtet. Der Bauherr geriet in erhebliche, finanzielle Schwierigkeiten. Neuer Besitzer wurde der aus der Mühle Achdorf stammende Michael Bausch (Urgroßvater des heutigen Besitzers Karl Bausch). Der herrliche Kachelofen der Wirtsstube trägt die Jahreszahl 1826. Alte Fremdenbücher verweisen auf einen lebhaf­ ten Verkehr in der Gaststätte. Zu den Gästen zählten vielfach Händler, Geologen und Studenten, letztere sicherlich interessiert an den geologischen Verhältnissen des Wutach­ tales. Aselfingen hatte von jeher immer wieder mit Verwüstungen durch Hochwasser zu kämpfen. Genannt werden vor allem die Jahre 1758, 1778 und 1792. Die schlimmste Katastrophe ereignete sich zweifellos am 16. Mai 1924. Ursache war ein schweres 23

Gewitter, das sich zwischen Aselfingen und Mundelfingen entlud und innerhalb weni­ ger Minuten das sonst so ruhige Aubächle zu einem reißenden Fluß verwandelte. Mitge­ führtes Geröll, Baumstämme und sonstiges Gehölz verursachten kurzfristige Staus. Die Wassermassen rissen mit, was in den Weg kam, darunter Schuppen und Garagen und selbst die Unterkunft der Feuerwehr mit den vorhandenen Geräten. Ein vierjähriges Kind konnte in letzter Minute in der Wohnung gerettet werden. Die Schüler flehten betend um Hilfe im Klassenzimmer. Es vergingen Wochen, bis die Aufräu­ mungsarbeiten beendet waren und der ver­ bleibende Schaden bekannt wurde. Viele Helfer haben Unmenschliches geleistet. Auch die Schäden in der Flur waren durch Hagelschlag ganz enorm. Das Hochwasser am 15. Februar 1990 (vgl. Almanach 91, Seite 11-14), bei dem die Wutachbrücke (Verbindung Aselfingen – Überachen) weggerissen wurde, hat die Asel­ finger von größeren Schäden verschont. Das im Jahre 1907 von der Gemeinde errichtete Schulgebäude nahm nach dem Zusammenschluß der Talgemeinden zur Gesamtgemeinde Achdorf im Jahre 1934 auch die Schüler von Achdorf auf. Der Schulentwicklungsplan setzte der selbstän­ digen Schule Aselfingen ein Ende. Die Grundschüler fahren täglich nach Riedböh­ ringen, Haupt- und Realschüler werden in Blumberg unterrichtet. In der ursprüngl_ich fast ausschließlich landwirtschaftlich orientierten Gemeinde ist ein erheblicher Strukturwandel eingetreten. Aselfingen zählt noch ganze drei Nebener­ werbsbetriebe. Die meisten landwirtschaftli­ chen Flächen sind an Landwirte von Über­ achen und Achdorf verpachtet. Die Einwoh­ nerzahl ist innerhalb der letzten 130 Jahre von 122 auf 78 zurückgegangen. Seit 1. April 1972 ist die Gesamtgemeinde Achdorf und damit auch Aselfingen in die Stadt Blumberg eingegliedert. Nach dem Bau des Hauptsammlers der Gemeinde Ewattingen zum Blumberger Klärwerk in Achdorf wurden auch die Aselfinger Grund­ stücke an die Abwasserbeseitigung ange­ schlossen. Der Ausbau der Kreisstraße wurde dem vermehrten Verkehr im Wutachtal gerecht. Ob und wann der geforderte Geh­ weg zwischen Aselfingen und Achdorf gebaut werden kann, läßt sich noch keines­ wegs beurteilen. Die seit der 30er Jahre betriebene Gemischtwarenhandlung wurde in den 60er Jahren aufgegeben. Auch der 1948 gebaute Farrenstall für die Ortsteile Achdorf, Aselfingen und Überachen mußte nach Abschaffung der Vatertiere aufgrund der festgestellten Rinderseuche vor etwa über 20 Jahren einer anderen Nutzung zuge­ führt werden. Im Erdgeschoß ist die Moste­ rei des Obstbauvereins etabliert. Am 6. Juni 1775 bereiste der 26jährige Johann Wolfgang Goethe das Wutachtal auf seiner Fahrt nach Schaffhausen, und der letzte Postillion blies sein Horn auf der Weg­ strecke am 10. Mai 1913. Hans Müller Das Wappen von Aselfingen Wappen: In Silber auf grünem Schildfuß ein grüner Laubbaum. Die frühere Gemeinde Aselfingen hat eigentlich gar kein Wappen geführt. Aus dem vorigen Jahrhundert stammt ein Farb­ stempel mit der Umschrift BÜRGERMEI­ STERAMT ASELFINGEN, der im inneren Ring einen Laubbaum (wohl eine Linde) auf einem Boden zeigt. Um die Jahrhundert­ wende wird ein ähnlicher Gummistempel verwendet, darin ist der Baum jedoch kugel­ förmig dargestellt. Im Jahre 1903 schlägt das Großherzoglich badische Generallandesarchiv Karlsruhe eine „bessere Darstellung des bisherigen Sie­ gelbildes in Wappenform“ vor: ,,In silbernem 24

fingen eingegliederte Gemeinde Überachen vom GLA im Jahre 1904 für den Dienststem­ pel mit der Umschrift „NEBENORT UEBERACHEN · DER STABHALTER ver­ wendet und so auch geführt. Mit der Eingemeindung von Aselfingen (mit Überachen) am 1. April 1934 nach Ach­ dorf ist der amtliche Gebrauch dieses Wap­ Klaus Schnibbe pens erloschen. Quellen und Literatur: Generallandesarchiv Karlsruhe, Wappenakten Amtsbez. Bonn­ doif. – GLA Wappenkartez� Schwarzwald­ Baar-Kreis. – GLA Siegelkartez� Schwarz­ wald-Baar-Kreis. – K. Schnibbe, Gemeinde­ wappen im ehemaligen Landkreis Donau­ eschingen, in: Schriften des Vereins für Geschichte u. Naturgeschichte der Baar in Donaueschingen, Band 33 (1980). (weißem) Schild auf grünem Boden ein Laub­ baum in natürl. Farbe. “ – Der kugelförmige Baum „in natürlicher Farbe“ ist hellgrün mit hellbraunem Stamm wiedergegeben. -Doch nahm die Gemeinde den Entwurf nicht an. Dagegen wurde dieses Wappen (diesmal mit ganz grünem Baum) für die 1848 nach einer Abstimmung der 10 Bürger nach Ase!- Das Wappen der Stadt Furtwangen im Schwarzwald Wappen: In Silber auf grünem Berg eine rote Burgruine mit Zinnenturm und silbernen Öff­ nungen, begleitet von zwei grünen Tannen. Die Furtwanger Wappengeschichte soll hier kurz zusammengefaßt erzählt werden. Obwohl schon Mitte des 18.Jahrhunderts ein Marktrecht verliehen wurde, ist eine Sie­ gelführung in vorderösterreichischer Zeit nicht nachzuweisen. Erst nach dem Anfall an das Großherzogtum Baden 1806 wird das anders. Das älteste Siegel der VOGTEY FURT­ WANGEN AUF DEM SCHWARTZWALD ist noch ein reines Schriftsiegel, doch 1820 erscheint auf einem schön gestochenen Vog­ teisiegel (= Gemeindesiegel) die Darstellung des „Heidenschlosses“. Zunächst nur als ein­ facher Ruinenturm auf bewaldetem Berg. Der Turm bleibt während des gesamten 19.Jahrhunderts, trotz der Ernennung zum Marktflecken 1823 und der Stadterhebung 1873, ziemlich unverändert. Als im Jahre 1900 die Diskussion um ein Stadtwappen geführt wurde, wünschte die Stadt die Beibehaltung des Ruinenturms. Das Generallandesarchiv in Karlsruhe lie­ ferte mehrere Entwürfe und empfahl, ,,da Furtwangen Stadtgemeinde sei“, statt eines einfachen Halbrundschildes „eine etwas rei­ chere Schildform“. Damit war wohl die Begehrlichkeit geweckt; jedenfalls machte nun die Stadt ihrerseits den Vorschlag, den etwas dürftigen Turm durch eine umfangrei- 25

chere Burgruine zu ersetzen. Die beigelegte Zeichnung wurde dann, bis auf geringfügige Änderungen, zur Vorlage für das Furtwanger Stadtwappen. Doch woher kommt nun dieses „Heiden­ schloß“? -Tatsächlich hat ja in und um Furt­ wangen nie eine Burg gestanden. -Doch gibt es oben bei der Martinskapelle eine Flurbe­ zeichnung Heidenschloß, die sich wohl auf die „Güntherfelsen“ beziehen dürfte. Diese auf der früher unbewaldeten Höhe imposant aufragende Felsgruppe aus der zerfallenen Granitdeckschicht des Schwarzwaldes hat sicher seit alten Zeiten die Volksphantasie beschäftigt und zur Annahme geführt, daß hier früher „Heiden“ gehaust haben mögen. Das seit 1900 geführte Stadtwappen ent­ hält also keine reale Burg, sie ist aber für die Furtwanger ein liebgewordenes Symbol. – Zwar hat das Wappen seitdem einige Verän­ derungen erfahren, es wurde jedoch 1984 vom Gemeinderat wieder im Wesentlichen auf den im Jahr 1900 angenommenen Wap­ peninhalt zurückgeführt. So steht die Burg für Geschichte und Vor­ geschichte, der Berg für die Höhenlage – Furtwangen ist die höchstgelegene Stadt Deutschlands-, die Farben rot-weiß sind die vorderösterreichischen und die Tannen deu­ ten auf den Schwarzwald hin, der seit 1. Oktober1988 auch als Namenzusatz amt­ lich verwendet wird. Klaus Schnibbe Quellen und Literatur: Generallandesarchiv Karlsruhe, Wappenakten Bezirk Triberg. – GLA-Wappenkartei, Schwarzwald-Baar­ Kreis. – GLA-Siegelkarte1� Schwarzwald­ Baar-Kreis. – Stadtarchiv Furtwangen. – F. Frankhauser u. A. Krieger, Siegel der badi­ schen Städte, hrsgg. v. d. Bad. Histor. Com­ mission, 3. Heft, Heidelberg 1909. – 0. Hupp, Deutsche Ortswappen, hrsgg. v. d. Kaffee HAG, Bremen o. ]. (um 1927), Freistaat Baden. – E. Keyser, Badisches Städtebuch, Stuttgart 1959 (=Deutsches Städtebuch, Band IV, 2. Teilband Baden). – K. Stad/er, Deutsche Wappen, Bundesrepublik Deutsch- 26 land, Band 8, Die Gemeindewappen des Bun­ deslandes Baden-Württemberg, Bremen 1971. – K. Schnibbe, Furtwangens Wappen …, Furtwangen 1979. – K. Schnibbe, Gemeinde­ wappen im ehem. Landkreis Donaueschingen, in: Schriften d. Vereins f Geschichte und Naturgesch. d. Baar in Donaueschingen, Band 33 (1980). – K. Schnibbe, Die Wand­ lungen des Furtwanger „Heidenschlosses“ in den Siegeln und Wappen, in: Mitt. d. Geschichts- u. Heimatvereins Furtwangen 7 (1984) Nr. 13. – H.}ohn u. M. Heine, Kreis­ u. Gemeindewappen in Baden-Württemberg, Band 3, Die Kreis- u. Gemeindewappen im Reg.-Bez. Freiburg, Stuttgart 1989. Der lange Weg Ihre Beziehungen zueinander: Ein Nebeneinander und der Weg, den sie wie Bäume in ihre Mitte nahmen – ebenbildlich sich fortsetzend einem Fluchtpunkt entgegen, wo – das hofften sie – alles zusammenliefe: Eine perspektivische Täuschung bis dorthin, wo die Luftschlösser unter der Brache zerfielen. – Ihnen bleibt nur die Wahl zwischen Neubeginn oder dem Sichverlieren, wenn nicht die Umkehr zu den fallenden Blättern ihrer Erinnerungen – und bis in die Wurzeln. Jürgen Henckell

Behörden und Organisationen In Furtwangen zum 30. Mal: Die DGB-Ausstellung „Beruf und Freizeit“ anläßlich des Maifeiertages „Kulturarbeit ist … Teil einer gesellschaft­ lichen Arbeit, die darauf ausgerichtet ist, humane, sozial gerechte und demokratische Lebens- und Arbeitsbedingungen für alle zu schaffen . . . . In diesem Maße, wie die Arbeits- und Produktionsbedingungen … verändert wer­ den … , in dem Maße vergrößert sich die Bereitschaft, … ja das Verlangen der Arbeit­ nehmer nach kultureller Betätigung und Entfaltung.“ So steht es in den aktuellen kulturpoliti­ schen Leitsätzen des Deutschen Gewerk­ schaftsbundes, und der Hauptredner der Jubiläumsveranstaltung im Jahre 1991, der DGB-Landesvorsitzende Siegfried Pomme­ renke, betonte in seiner programmatischen Eröffnungsrede – Ernst Bloch zitierend -, daß Kultur keine Sonntagsangelegenheit sei, sondern eine Gestaltungsaufgabe. Bereits in der Frühzeit der Arbeiterbewe­ gung tauchte der Wunsch bzw. die Forde­ rung nach „Teilhabe“ an Kunst und Kultur auf, doch die beiden Weltkriege und das „Tausendjährige Reich“ ließen lange Zeit keine Entfaltungsmöglichkeiten für Kunst und Kultur zu. Viele Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg schlugen sich auch im Oberen Bregtal die veränderten Produktionsbedingungen nie­ der. Im Jahre 1961 tauchten im Kulturaus­ schuß des DGB-Orskartells Oberes Bregtal Überlegungen auf, in Furtwangen eine ,,Hobby-Ausstellung“ zu veranstalten. „Geistiger Vater“ dieses Gedankens war Egon Ketterer, Ortskartellvorsitzender von 1952 bis 1965. In den Mitgliedern des Kultur­ ausschusses fand er die aktiven und kreativen Von links Karl Wehrle, Ortskartellvorsitzender von 1971 bis 1978, Bürgermeister Hans Frank (Furtwangen), Kurt Weisser(bis 1976 Organisa­ tor der Ausstellung) bei der Ausstellungseröjfnung im fahr 1975 Kollegen, ohne die die beste Idee nicht umzusetzen gewesen wäre. Kurt Weißer war von Anfang an dabei, und sein Tod im Jahre 1976 riß eine schmerz­ liche Lücke in diesen Kreis, dem auch Albert Westphal und Alfred Weißer zeitweilig ange­ hörten. Bis heute dabei sind Franz Glunk, Arnold Kienzler und Karl Wehrle. Einen „glücklichen Gedanken“ nannte es Alfons Diemer in seinem Zeitungsbericht von der ersten Ausstellung im Jahre 1962, anläßlich des Maifeiertages. Die Ausstellung hatte zunächst das Motto „Gestaltete Freizeit“. Weil sich von Anfang an auch Professionelle wie Aribert Hoch und Grete! Stoll beteiligten, ja der Ausstellung zusätzliches „Gewicht“ gaben, vereinten die Organisatoren Professionelle wie Hobby­ künstler unter dem Dach „Beruf und Freizeit“. 27

Ein weiterer roter Faden läßt sich in der Zeitungsberichterstattung dieser dreißig Jahre erkennen: Was eigentlich ist „Kunst“? Man wolle ,,nicht der Staatsgalerie Konkurrenz ma­ chen“, heißt es irgendwo entschuldigend, oder den „Professionellen“, die es ja gelernt haben. So wird der „innere Wert“ der Frei­ zeitkunst beschworen. Aber Professionelle, wie Aribert Hoch und Grete! Stoll, standen von Anfang an in trauter Eintracht neben den vielen Hobby- und Freizeitkünstlern. Die Frage „was ist Kunst“, ist noch immer nicht schlüssig beantwortet worden, zum Glück vielleicht. Nach Stanislaw Jerzy Lee hat „Volks­ kunst“ nur den Nachteil des fehlenden Copyrights. Käthe Kollwitz schreibt: ,,Man mag tausendmal sagen, daß das nicht reine Kunst ist, die einen Zweck in sich schließt. Ich will mit meiner Kunst, solange ich arbei­ ten kann, wirken“. Ist Kunst nicht auf jeden Fall Mitteilung, Kommunikation? Was eigentlich ist an der Furtwanger Aus­ stellung dran, daß sie sich über einen so lan­ gen Zeitraum nicht nur gehalten – Schwan­ kungen durchaus inbegriffen -sondern eher noch gesteigert hat? Die Aussteller kommen ja nicht nur aus der näheren Umgebung! Die Ausstellung hat auch Anziehungskraft bis ins benachbarte Ausland,ja in einem Fall bis nach Australien. Sicher trägt dazu die Absage in jegliche Wett­ bewerberei bei, die unvermeidlich notwen­ dige Kriterien und damit Abgrenzungen und Verletzungen bei manchen Beteiligten nach sich gezogen hätte. Erfahrungsgemäß ist es gerade für Hobbykünstler nicht ganz ein­ fach, die Schwelle „nach draußen“ zu über­ winden, sich der Öffentlichkeit preiszuge­ ben. Es ist eine eigene Stimmung über der Furt­ wanger Ausstellung: Viele Aussteller kennen sich allmählich, man erfreut sich an gelunge­ nen Werken, trifft alte Bekannte, auch unter den Organisatoren. Die Aussteller gehören ,,zum Volk“ und kriegen auch ohne die De­ finition übers Geld Anerkennung zu spüren, Von links Kurt Weisser, Hedwig Mermann, SPD-MdB aus Tuttlingen, und Erich Markstah­ /er, bis 1972 DGB-Kreisvorsitzender, bei er Eröffnung 1967 So ist es bis heute geblieben. Die Ausstellung – tatkräftig unterstützt auch von der Stadt und früher von dem ehe­ maligen Bürgermeister Hans Frank – war zunächst in wechselnden Räumen unterge­ bracht (auf die Friedrichschule folgte die Festhalle und das Progymnasium). Seit 1972 hat sie nicht nur ihren „zeitlichen Ort“, den Tag der Arbeit, sondern auch ihren „räum­ lichen Ort“ gefunden – die Aula der Fach­ hochschule. Schon anläßlich der ersten Ausstellung im Jahre 1962 klang der Grundakkord dieser Veranstaltung an, der sich durch fast alle Eröffnungsreden zieht: Der entfremdete, d. h. der ausgerichtete Mensch des Industriezeitalters und seine Lebensverhältnisse. Der Mensch – so Bür­ germeister Herb in seiner Eröffnungsrede – der angeblich nichts anderes im Kopf habe als die „vier F’s, nämlich Fernsehen, Filzpantof­ feln, Flaschenbier und Faulenzen“ und der Mensch, der dieses Geschwätz Lügen straft. Brigitte Erler, die im Jahre 1976 die Aus­ stellung eröffnete, wies darauf hin, daß es eine unmittelbare Beziehung gibt zwischen eintöniger und stumpfsinniger (Erwerbs) -Arbeit und eintönig und isoliert verbrachter Freizeit. Doch in den Jahren der Rezession tauchte auch die Mahnung auf, wie glücklich der Mensch sei, der Arbeit habe. 28

wobei sicherlich das eine oder andere Stück in den vielen Jahren auch mal seinen Besitzer gewechselt hat. Der Kreis schließt sich: Die vielen Aus­ steller, die ihr Hobby meist im stillen Käm­ merlein pflegten, trafen auf einen DGB­ Kulturausschuß, der seinerseits Kreativität, Organisationstalent und eine Unmenge Frei­ zeit einsetzte, um das Werk jedes Jahr von neuem gelingen zu lassen. Selbstverständlich gehören in diesen Kreis auch die kleinen und großen Künstler der Jugendmusikschule. Anläßlich der 25. Ausstellung „Beruf und Freizeit“ nannte Matthias Manz vom DGB­ Landesbezirksvorstand die Ober-Bregtäler Ausstellung einen „Impuls für die gewerk- Maria Chmiel aus Wolterdingen demonstriert Goldstickerei bei der Ausstellung ’91 schaftliche Kulturarbeit in der ganzen Bun­ desrepublik“. Esther Strube Frühling Ölbild: Klaus Burk 29

Schulen und Bildungseinrichtungen Zum lSOjährigen Bestehen der Höheren Schule Schwenningen: Schuljubiläum des Gymnasiums am Deutenberg 1990 Welche Entwicklung die 1840 errichtete einklassige „Realschule“ im Laufe von ein­ einhalb Jahrhunderten quantitativ und qua­ litativ nehmen würde, hätten sich damals wohl weder Kirchenkonvent noch Gemein­ derat träumen lassen: ein vollausgebautes Allgemeinbildendes Gymnasium mit einem mathematisch-naturwissenschaftlichen und einem neusprachlichen Zug II, an dem 1990 69 Lehrkräfte 735 Schüler und Schülerinnen unterrichten und fast einhundert Abiturien­ ten entlassen wurden, steht heute da. Schwenningen im Mittelalter 30 Zur Zeit der Gründung verstand man unter „Realschule“ nicht dasselbe wie heute. Eine „Realschule“ im heutigen Wortsinn wurde erst 50 Jahre später als „Mittelschule“ in Schwenningen eingerichtet. Hinter der Gründung der alten württembergischen Realschule stand der Gedanke, dem „gewerblichen Bürgertum“ und seinem „wachsenden Kulturstande“ die Möglichkeit einer entsprechenden allgemeinen Bildung als „Grundlage aller höheren Berufsarten“ anzubieten (0. Benzing, S. 42). In Konkur­ renz zu den herkömmlichen „Lateinschu­ len“, von denen es im Dorf Schwenningen keine gab, sollten in diesen Realschulen ,,Professionisten“, beispielsweise für Inge­ nieurwesen und technische Wissenschaften, herangebildet werden. Zögernd nur wurden die ersten Schulen dieser Art 1783 in Ehingen und auch Nürtingen angenommen, dann aber ganz entschieden von den Landständen Württembergs 1835/36 gefordert und geför­ dert, ja es wurden sogar bisherige Lehranstal­ ten für alte Sprachen in solche für neue Spra­ chen und „Realien“ umgewandelt. Schwenningens wirtschaftliche Bedeu­ tung wuchs dank dem Uhrmachergewerbe damals zusehends; als Ortschaft ragte es mit seinen 3 800 Einwohnern schon über den Durchschnitt der württembergischen Land­ gemeinden hinaus. Folgerichtig griff der Kir­ chenkonvent des Dorfes, der zu jener Zeit für das Schulwesen der Gemeinde zuständig war, eine Anregung des Oberamtes Tuttlin­ gen auf, als der Pfarrer zusammen mit dem Schultheiß und einigen Gemeinderäten am 25. März 1839 eine Eingabe an die Regierung vornahm, in der um Errichtung einer Real­ schule nachgesucht wurde.

Nach langwierigen Verhandlungen mit der Landesregierung erklärte sich diese in der Entschließung vom 22. April 1840 bereit, der Gemeinde einen jährlichen widerruflichen Staatsbeitrag von 350 Gulden und eine Pau­ schalvergütung von 250 Gulden für Lehrmit­ tel zu bewilligen. Die Gemeinde mußte sich zur Übernahme des weiteren erforderlichen Aufwands bereit erklären. Hier ging es ein­ mal um die Anstellung und Besoldung eines Lehrers: sie wurde mit 600 Gulden neben freier Wohnung angesetzt. Zum anderen brauchte die Schule Räumlichkeiten. Dazu lesen wir im Gemeinderatsprotokoll vom 13. Mai 1840: ,,Von dem Gemeinderath und Bürgeraus­ schuß. Durch die Errichtung einer Real­ schule ist die Gemeinde in dem Fall, ein schönes, helles Lehrerzimmer anzuschaffen und dieses findet sich in der Wohnung des Knabenschulmeisters Beckh.“ (bei 0. Ben­ zing, S. 43) Das Datum dieses Protokolls wurde als eigentlicher Zeitpunkt für die Gründung der Schule aufgegriffen. Im März 1841 wurde mit dem Lehramts­ kandidaten Carl Weiß der erste Reallehrer verpflichtet, am 26. April desselben Jahres mit vermutlich sechzehn Schülern der Unterricht im alten Schulhaus, in dem auch die Volksschule untergebracht war, aufge­ nommen. Zwar wurden damals jährlich vier bis sechs neue Realschulen im Lande eröff­ net, unter den Dörfern war Schwenningen aber nach Ehingen und Schramberg erst die dritte Gemeinde mit einer solchen Anstalt. Von 1841 bis 1883 stand nun die Real­ schule als einklassige Anstalt für Jungen zwi­ schen 10 und 14 Jahren zur Verfügung. Nach vier Klassen Volksschule war der Übertritt möglich, der in weiteren vier Jahren eine ele­ mentare wissenschaftliche Ausbildung er­ möglichen sollte. Damit schlossen die Real­ schüler gleichzeitig mit den Volksschülern ihre Schulzeit ab, traten aber in das geho­ bene Berufsleben oder in die Oberklasse einer weiterführenden Realanstalt der weite­ ren Umgebung ein. Neben grundlegenden Fächern wie Deutsch, Religion, Geschichte und Erdkunde, Schönschreiben, Singen und Turnen, erlernten sie die französische Spra­ che und hatten ihre Schwerpunktfächer Geometrie, Naturkunde, Geometrisches Zeichnen, Freihandzeichnen sowie Rech­ nen. Die Schülerzahl bewegte sich in dem genannten Zeitraum zwischen den erwähn­ ten sechzehn und etwas über dreißig Schülern. Mädchen kamen erst nach der Jahrhundertwende auf diese Schule. Den Berichten nach war das erste Mädchen die Tochter des damaligen Pfarrers, die im Jahre 1905 mit Sondergenehmigung aufgenom­ men wurde. Ab 1883 konnte eine zweite Klasse, eine Kollaboraturklasse, eröffnet werden, und das Eintrittsalter wurde auf das 8. Lebensjahr gesenkt. Dem raschen Wachstum der Ortschaft im Gefolge der aufblühenden, zunehmend industriell betriebenen Uhrenfabriken ent­ sprach der schwunghafte Anstieg der Schü­ lerzahlen. Als 1893 über 80 Schüler angemel­ det waren, wurde eine 3. Klasse eröffnet; eine 4. Klasse schloß sich 1897 beim Stand von 116 Schülern an; schon zwei Jahre später machten 155 Zöglinge eine 5. Klasse nötig, und genau im Jahre 1900 wurde die Schule mit der Errichtung einer 6. Klasse, der „Ober­ klasse“, eine „Anstalt“ nach § 90, 2 C der Wehrordnung, an der das „Einjährige“ abge­ legt werden konnte. Verschiedenfarbige Schülermützen wiesen auf die Klassenstufen hin. Mit dem „Einjährigen“ ist gemeint, daß die Anstalt das Recht auf Ausstellung von Zeugnissen über die wissenschaftliche Befä­ higung für den einjährigen freiwilligen Mili­ tärdienst erhielt: „Wer die Prüfung bestand, hatte davon bedeutende Vorteile. Seine Militärdienstzeit verkürzte sich auf ein Jahr, er konnte sich Waffengattung und Standort selbst auswäh­ len und hatte im Heer schnellere Aufstiegs­ möglichkeiten. Er konnte in die landwirt­ schaftliche Hochschule in Hohenheim ein­ treten oder in die Baugewerbeschule in Stutt- 31

Realschule Schwenningen (Vorläuferin des heutigen Gymnasiums) bei der Einweihung 1902 (genutzt als Gymnasiumsgebäude bis 1965) gart, als außerordentlicher Schüler sogar in die Technische Hochschule. Er bekam Zugang zum niederen Justiz-, Verwaltungs­ und Finanzdienst. Überdies galt das Zeugnis als Empfehlung zum Eintritt in gewisse gesellschaftliche Schichten.“ (0. Benzing, S. 59 f.) Ein Problem stellte die ganze Zeit über die Unterbringung der wachsenden Schüler­ schar dar. 1873 siedelte sie vom alten Schul­ haus ins Knabenschulhaus nördlich der Stadtkirche über, war 1896 im Karlsschulge­ bäude und zwischenzeitlich auch teilweise in der Mauthe-Schreinerei einquartiert. 1902 allerdings erhielt die Anstalt ihr eigenes, für die damaligen Verhältnisse großzügig ange­ legtes Gebäude am Postplatz (heutige Janusz-Korczak-Schule), das bis 1965 im Dienste dieser Schulart stand, auch wenn sich ihre Bezeichnung (1928: Oberreal­ schule, 1937: Oberschule für Jungen, 1954: Gymnasium Schwenningen) mehrmals änderte. Das heutige Hauptgebäude des Gymnasiums konnte als Neubau 1965 bezo­ gen werden und erhielt 1972 den Namen ,,Gymnasium am Deutenberg“. Als Schwenningen 1907 zur Stadt erhoben wurde, hatte es bereits weit über 10.000 Ein­ wohner. Der Antrag, die Schule zu einer neunklassigen Vollanstalt auszubauen, wurde zwar schon 1919 gestellt, seine Ver­ wirklichung verzögerte sich – nicht zuletzt durch die Inflation – bis 1925, als ein Dut­ zend Schüler die weiterführenden drei Klas- 32

sen durchlief und 1928 als erste Abiturien­ tenklasse Schwenningens verabschiedet wurde. Mußten diese ersten Abiturienten noch ihre Prüfungen in Rottweil ablegen, konnte die darauffolgende Abiturienten­ klasse 1929 zu diesem Zweck im eigenen Gebäude bleiben. Natürlich erforderte die Ausdehnung und Differenzierung des Schulbetriebs, daß wei­ tere Lehrer eingestellt wurden. Neben einem „Kollaborator“ (hilfsweise angestellte Lehr­ kraft, oft in der Ausbildung) ab 1883, wurden ab 1895 zusätzliche Reallehrer eingestellt, die vor allem Bereiche wie Zeichnen, Sport, Musik abdeckten. Damit erhielt die Schule auch ihren ersten Rektor: der bis dahin allein tätige Reallehrer Johannes Heinz wurde mit diesem Amt betraut. In den zwanziger und dreißiger Jahren umfaßte das Lehrerkolle­ gium ungefähr ein Dutzend Lehrkräfte, überschritt in den fünfziger Jahren deutlich die Zahl zwanzig, verdoppelte sich bis zum Ende der sechziger Jahre und erreichte Mitte der siebziger Jahre den Höchststand mit über 70 Lehrkräften. Erst während des Zweiten Weltkriegs wurde die erste weibliche Lehr­ kraft eingestellt, heute stellen die Frauen ca. ein Viertel des Kollegiums. Die Weltwirtschaftskrise ließ zu Anfang der dreißiger Jahre die Schülerzahl deutlich zurückgehen; viele Eltern konnten das Schulgeld nicht mehr aufbringen. Die Ober­ stufe und damit die Möglichkeit, in Schwen­ ningen das Abitur zu machen, war gefährdet. Tatsächlich wurde die Oberrealschule zeit­ weise zur Realanstalt zurückgestuft. 1936 und 1937 gab es keine Abiturklassen, ab 1938 waren sie -nun schon nach 12 Schuljahren – wieder vorhanden. Der Zweite Weltkrieg riß große Lücken in die Zahl der Schulabgänger, und auch einige Lehrer verloren ihr Leben. Ein geordnetes Schulleben wurde zuneh­ mend undurchführbar. Ende April besetzten französische Truppen die Stadt. Nachdem das Schulgebäude anfangs als französische Kaserne diente, konnte der Schulbetrieb erst im Herbst 1946 wieder im alten Gebäude mühsam und unter vielen Einschränkungen aufgenommen werden. Säuberungen und Vorschriften der Besat­ zungsmacht, Flüchtlinge, materielle Not, Heizungs- und Lichtprobleme, die Entnazi­ fizierung und die geistige Umorientierung der Schüler warfen viele Probleme auf; die Schulakten waren von den Franzosen ver­ brannt worden. Ungefähr zur Zeit des Amts­ beginns von Oberstudiendirektor Dr. Max Frommer als Schulleiter im Jahre 1951 began­ nen die Verhältnisse sich in geordneten Bah­ nen zu bewegen. Zunehmend wurde der reguläre Unterricht von einem aktiven Schulleben begleitet. Eine regelmäßig er­ scheinende Schülerzeitung (,,Der Gefährte“) wurde begründet, die „Schülermitverwal­ tung“ und die Mitwirkung der Eltern fanden ihren organisatorischen Platz, Musik-, Thea­ ter- und Sportveranstaltungen, Schülerbälle und Studienfahrten sorgten für Engagement und Horizonterweiterung über die Stoffver­ mittlung hinaus. 1959 ist das Naturwissenschaftliche Gym­ nasium Schwenningen durch den neu­ sprachlichen Zweig II, der Latein ab Klasse 7 (heutige Zählung) als zusätzliche Fremdspra­ che anbietet, zur Doppelanstalt geworden. Anfang der sechziger Jahre verfügte es zudem einige Jahre lang über einen Aufbau­ zug, der auf das Studium an einer Pädagogi­ schen Hochschule vorbereitete. Seit 1964 wird die Schule in Zusammenarbeit mit dem Seminar für Schulpädagogik in Rottweil zur Ausbildung von Referendaren als Lehramts­ kandidaten herangezogen. Der Umzug in das neue Schulgebäude am Deutenberg 1965 leitete eine neue Ära ein, die mit dem Namen des Nachfolgers von Dr. Frommer im Amt des Schulleiters, Oberstudiendirektor Dr. Rolf Mehne, verbunden ist. Sein Amtsantritt 1969 fiel in die Zeit gro­ ßen inneren Umbruchs im gesellschaftli­ chen, also auch schulischen Leben. Die Stu­ dentenunruhen („APO-Bewegung“) stellten vieles im bisherigen pädagogischen Selbst­ verständnis in Frage. Ein großer Teil außer­ unterrichtlicher Veranstaltungen wurde nun von Schülern abgelehnt oder kam mangels 33

Unterstützung zum Erliegen. Einer Veiwis­ senschaftlichung des Unterrichts wurde das Wort geredet. Aufgrund der damals allent­ halben um sich greifenden Bildungskampa­ gnen nahm der Ansturm auf das Gymna­ sium drastisch zu, wobei diese Schulform selbst wieder kritisiert wurde: Gesamtschu­ len wurden stattdessen gefordert. Die Bewältigung der Raumnot durch Nebengebäude, der Ausbau der Sportanla­ gen, die Integration vieler neu an die Schule gekommener Junglehrer, der geduldige und bestimmte Umgang mit den Schülern brach­ ten eine allgemeine Beruhigung mit sich. Eine neue Identifizierung mit der eigenen Schule läßt sich an den -vor allem in den achtziger Jahren -wieder stark anlaufenden Schulaktivitäten ablesen. Weitgehend auch auf Initiativen von Schülern zurückgehend seien hier Abiturfeiern und Abi-Zeitungen, Schülerzeitungen, Schuldiscos, Kleinkunst­ abende und Aktionswochen (Friedenswo­ che, Umweltwoche) genannt. Fast schon Schulhof Gymnasium am Deutenberg 1990 ihre eigene Tradition haben in diesem Zeit­ raum Veranstaltungen entwickelt, wie das jährliche Schulfest in Verbindung mit dem Aufbringen von Geldern für Patenschaften in der Dritten Welt, das Weihnachts- und Sommerkonzert, die Aufführungen der Theater-AGs, Ausstellungen und Aktionen des Faches Kunst, die Projektwochen, der ,,Treffpunkt Gymnasium“, das „Montagsse­ minar“, die Austauschprogramme mit Ren­ nes (früher mit Saintes) in Frankreich und Derby in England sowie das Hallensportfest. Überblickt man die Fülle von Veranstal­ tungen und Aktivitäten, die in den letzten Jahrzehnten angeregt, angenommen und immer wieder neu gewünscht wurden, so darf man ein neues Interesse aller am Schul­ leben Beteiligten an „ihrer“ Schule vermu­ ten. (Sicherlich entspricht diese Entwicklung auch dem Trend der Zeit und ist nicht allein eine Errungenschaft des Gymnasiums am Deutenberg.) Verbindet man damit die Tat­ sache, daß die Klassen kleiner geworden, die 34

Die Landesberufsschule für das Hotel- und Gaststättengewerbe, Stadtbezirk Villingen Gesamt-Schülerzahl auf ein handliches Maß geschrumpft ist und ein Anfang gemacht wurde, der grauen Betonschule ein farben­ frohes Aussehen zu geben, so besteht wohl Grund genug, das 150jährige Schuljubiläum zum Anlaß für Freude, Dankbarkeit und auch ein klein wenig Stolz zu nehmen. Die Festwoche vom 7. bis 16. Juli 1990 fand jedenfalls vorwiegend Anklang und regen Zuspruch und zeugte vom harmonischen Miteinander von Schülern, Lehrern, Schul­ leitung, Eltern, Vertretern der Stadt und den Schulbehörden. Daß über die Schulzeit hinaus eine enge Verbundenheit vieler ehe­ maliger Schüler zu ihrer alten Lehranstalt vorhanden ist, kann man aus deren leb­ haften Anteilnahme, vielen Besuchen und der Mitarbeit an der umfangreichen Fest­ schrift schließen. -Werden und Wachsen einer berufsbegleitenden Schule – Die Einrichtung der Landesberufsschule geht auf das Jahr 193 7 zurück. Bis zu diesem Zeitpunkt gingen die Lehrlinge des Hotel­ und Gaststättengewerbes in die örtlichen Gewerbeschulen und hatten den gleichen Lehrstoff wie die Handwerksberufe. Eine gezielte berufliche Bildung war auf diese Weise nicht möglich. Die Verantwortlichen des Hotel- und Gaststättenverbandes sowie die Industrie­ und Handelskammer machten sich deshalb Gedanken, wie man diesem Notstand abhel­ fen kann. Die Lösung war der Blockunter­ richt für alle Lehrlinge im Gaststättenge­ werbe. An der Höheren Handelsschule in Baden-Baden wurde ein Schulzug geschaf­ fen. Im Herbst 1937 wurde eine Anzahl Lehr­ linge dorthin einberufen. Acht Wochen dau­ erte der Kurs. Die Unterkunft war in der Jugendherberge, die Mahlzeiten wurden im Gasthaus „Grüner Baum“ in Baden-Oos ein- So bleibt zu hoffen, daß die günstige Ent­ wicklung, die das Gymnasium nach dem Krieg und besonders im letzten Jahrzehnt genommen hat, anhalten wird und beim nächsten Jubiläum eine ähnlich positive Rückschau ermöglicht. Raimund Fleischer Benutzte Literatur: Otto Benzing: 400 Jahre Schulwesen in Schwenningen a.N., Festschrift 1965. Fritz Rupp: Von der Realklasse zur Oberschule, in: „Schwenninger Heimatblätter“, Oktober 1952.Gymnasium am Deutenberg, Einhun­ dertfünfzig Jahre Höhere Schule in Schwenningen, 1990. genommen. Leiter der Schule war Oberstu­ diendirektor Kräßig. Nur Jungen besuchten diese Schule, weibliche Lehrlinge waren zu jener Zeit selten. Ein großes Pensum an Lehr­ stoff war zu bewältigen, morgens und nach­ mittags wurde unterrichtet. Um 22 Uhr wurde das Licht vom Herbergsvater ge­ löscht. Absolute Nachtruhe, Ausgang gab es nicht in dieser Zeit, wer sich nicht an die Ordnung hielt, wurde von der Schule verwie­ sen. Der Unterricht war rein fachlich bezo­ gen, englisch und französisch waren Pflicht­ fremdsprachen. Einmal in der Woche fand Turnunterricht statt. Servierkunde erteilte Direktor Günthör vom Hotel Zähringer Hof, Küchenunterricht ein Herr Müller von der gleichnamigen Pension. Beide Herren waren versierte Fachleute, die es verstanden, ihr reiches Wissen den Schülern zu übermit­ teln. Die Gastronomen von Baden-Baden nahmen sich in besonderer Weise den Schü-35

lern an. Direktor Schöllerer vom Kurhaus sei hier besonders erwähnt. Durch die lnitiative dieser Herren fanden Ausflüge an markante Punkte der Landesgastronomie und Braue­ reien statt, ebenso wurden Führungen durch Baden-Baden, eine Besichtigung der Spiel­ bank und der römischen Badruinen durch­ geführt. Spaziergänge in die nähere und wei­ tere Umgebung dienten ebenfalls der Frei­ zeitgestaltung.Baden-Baden war für die mei­ sten Teilnehmer ein besonderes Erlebnis. Die luxuriösen Hotels und die schönen Anlagen waren sehr beeindruckend. Im folgenden Jahr 1938 wurde der Block­ unterricht in gleicher Weise wieder in Baden­ Baden durchgeführt. Unter den Teilnehmern war eine gute kol­ legiale Atmosphäre, manche Freundschaft hielt noch Jahre. Ab 1939 fanden die Kurse an der Hotel­ fachschule in der Mönchhofstrasse in Heidel­ berg statt. Unterkunft und Verpflegung erhielten die Schüler im Gasthaus zum ,,Schwarzen Bock“ in der großen Mantelgasse. 36 Der Schwarze Bock war eine urige Studen­ tengaststätte. In den Tischen waren viele Namen und manches Zitat eingeritzt. Der Vorsitzende der Fachgruppe Hotels, Hote­ lier Fritz Gabler, hat es sich nicht nehmen lassen, sich persönlich um das Wohl der Schüler zu kümmern. Die Fachschule in der Mönchhofstraße fiel während des 2. Weltkrieges den Bomben zum Opfer. Damit war auch der Blockunter­ richt für die Lehrlinge im Gaststättenge­ werbe zu Ende. 1948 waren es wiederum beherzte Männer aus Wirtschaft und Ver­ band, die eine Schule für Blockunterricht ins Leben riefen. Aufgrund der früheren Erfahrung war man sich einig, daß der Unterricht an den Gewerbeschulen nicht ausreicht, den Lehr­ lingen des Gewerbes das richtige Fachwissen zu übermitteln. Sechs Wochen sollten die Schüler rein fachlich orientierten Unterricht erhalten und internatsmäßig untergebracht werden. Dies bedeutet, daß die Lehrlinge für diese Zeit aus den Betrieben herausgenom-

men würden, um am Blockunterricht teilzu­ nehmen. Die Frage stellte sich, wo kann man Schule und Internat unterbringen. Angebo­ ten hat sich zu der Zeit das Strand-Hotel auf der Mettnau. Es war Aufgabe des Stadtbau­ amtes Radolfzell, das Haus wieder herzu­ richten. Die erste Einberufung erfolgte, und der Unterricht lief unter Studienrat Herbert Klotz (früher Baden-Baden) und Fachlehrer Rudolf Kristeck hervorragend. Die Landesberufsschule wurde Pflicht­ schule für alle gastgewerblichen, männli­ chen Lehrlingen aus dem Regierungsbezirk Südbaden. Dadurch ging die Schülerzahl sprunghaft in die Höhe. Man war wieder gezwungen, nach größeren Räumen Aus­ schau zu halten. Das Strand-Hotel Löchnerhaus unter Paul Leisner bot sich für den Winterbetrieb an. Hierzu kam noch das Hotel Mohren der Familie Frommherz-Kunkel und das Wald­ hotel Jakob der Familie Sigel. Auch auf der Reichenau war die Schule den Handelslehr­ anstalten in Konstanz mit Oberstudiendi­ rektor Fridolin Müller angegliedert. Schullei­ ter war Studiendirektor Kamm, mit von der Partie Studienrat Güdemann. Beide haben ein Fachbuch geschrieben, das in Schüler­ kreisen großen Anklang fand. An Hans Rümmele, legendärer Küchenfachlehrer, sei besonders gedacht. Im Strand-Hotel Löchnerhaus wurden Gehilfenprüfungen für die Kammerbezirke Konstanz und Villingen durchgeführt. Die Abschlußessen waren für die geladenen Gäste stets ein kullinarisches Erlebnis. Die Gründung eines Schulvereins wurde notwendig, da die Verwaltung und Organi’sa­ tion der Schule immer größere Ausnahme annahm. Finanzielle Zuschüsse vom Staat waren dringend notwendig, um die Bewälti­ gung der Aufgaben zu meistern. Der Ver­ band als bisheriger Schulträger war alleine nicht mehr in der Lage, die finanziellen Bela­ stungen zu tragen. Erster Vorsitzender des Schulvereins für das Hotel- und Gaststätten- 38 gewerbe wurde 1955 AdolfBrütsch, damali­ ger Vorsitzender des Gaststättenverbandes Südbaden. Er hat sich um den Aufbau der Landesberufsschule besonders verdient ge­ macht. Auch auf der Reichenau wurde der Platz zu eng, es wurde wieder nach einer neuen Unterkunft gesucht. Die Hotels standen nur für den Schulbetrieb in den Wintermonaten zur Verfügung. So suchte man eine Möglich­ keit, wo ein Ganzjahresschulbetrieb abgehal­ ten werden konnte. Einen Neubau auf der Reichenau faßte man ins Auge. Da in Villin­ g_en das alte Krankenhaus leer stand, war die Überlegung nahe, die Schule samt Internat dort unterzubringen. Der damalige Kreisvorsitzende Erwin Kai­ ser vom Hotel „Blume-Post“ in Villingen hat sich sehr stark für diesen Vorschlag einge­ setzt, ebenso Kollege Adolf Ketterer, Hotel Ketterer in Villingen, Vorsitzender der Prü­ fungskommission, sowie Hans Diegner, Schwarzwaldhotel in Königsfeld, und Stu­ diendirektor Schill. Landrat Dr. Josef Ast­ fäller, Hauptgeschäftsführer Dr. Reinhold Dietl von der Industrie- und Handelskam­ mer sowie Oberbürgermeister Severin Kern ist es mit zu verdanken, daß die Schule nach Villingen kam. Nachdem das Oberschulamt in Freiburg seine Zustimmung gegeben hatte, wurde mit dem Schulbeginn am 15. 9.1963 begonnen. Schulleiter war Stu­ diendirektor Schwenzel. Bald mußte man feststellen, daß Schule und Internat wieder zu klein waren. Der Landkreis entschloß sich deshalb, ein Schulgebäude und ein Mäd­ chen-Internat zu errichten. Der Unterricht konnte am 15. 4.1971 aufgenommen werden. Schulleiter war inzwischen Oberstudiendi­ rektor Franz Et püler. Am 11. 4.1972 war das Mädcheninternat bezugsfertig. Die Lehrlingszahlen gingen ab 1974 sprunghaft in die Höhe. Wieder mußte man an eine Erweiterung denken. Da die Unter­ rich tsdauer verlängert wurde, war die Kapazi­ tät der Schule zu klein geworden. Der Kreis­ tag beschloß, Klassenzimmer, Servierräume,

Lehrküchen, Übungskontor, Konferenzzim­ mer, Labor und eine Turnhalle zu schaffen. Beschlossen wurde ebenfalls, das Internat auf 600 Betten zu erweitern und eine Anzahl Freizeit- und Nebenräume zu errichten. Dadurch war eine Verbesserung des fachli­ chen Unterrichts gewährleistet. Für diese großzügige Leistung sei dem Schwarzwald­ Baar-Kreis besonders gedankt. Erwin Kaiser, Schatzmeister des Schulver­ eins, hat sich beim Ausbau der Schule sehr verdient gemacht. Als erfahrener Hotelier war es ihm möglich, wertvolle Vorschläge einzubringen. Nachdem die Verwaltung von Schule und Internat immer größere Ausmaße annah­ men, beschloß der Schulverein, die Träger­ schaft an den Landkreis abzugeben. Am 1. 1. 1972 übernahm der Landkreis die ge­ samte Verwaltung der Landesberufsschule. Neben dem üblichen Unterricht wurden auch Fachlehrgänge abgehalten zur Vorbe­ reitung von Meisterprüfungen. Die Gehil­ fenprüfungen fanden ebenfalls seit 1963 an der Landesberufsschule statt, seit geraumer Zeit auch Meisterprüfungen. Die Schülerzahl stieg in all den Jahren auf fast 3.000 an, wobei die weiblichen Teilneh­ mer inzwischen überwiegen. Durch die stets steigende Schülerzahl war man vor Jahren gezwungen, die Grundstufe, d. h. den ersten Kurs, an örtliche Berufsschulen zu verlegen. Inzwischen hat es sich erwiesen, daß es bes­ ser wäre, die Grundstufe wieder an die Lan­ desberufsschule zurückzuführen, da der Unterricht ist. Deshalb drängt der Landesverband des Hotel- und Gaststättengewerbes auf baldmöglichste Rückführung aller gastgewerblichen Ausbil­ dungsberufe. In einem ersten Schritt wurden im September 1990 bereits die Fachgehilfin­ nen zurückgeführt. fachbezogener Damit wäre die Chancengleichheit für alle Schüler geschaffen. Seit 3. 9.1990 be­ steht eine Fachschule für den Hausdamen­ bereich. 1993 werden es dreißig Jahre, daß die Schule in ViUingen besteht. Ein Grund, all denen zu danken und zu gedenken, die mit­ geholfen haben, die Schule aufzubauen und zu gestalten. Seit 1977 ist Peter Rengel Leiter des Inter­ nats. Ein Glücksfall für Schüler und Schule! Seine außerordentlichen pädagogischen Fähigkeiten machen es ihm leichter, die manchmal schwierigen Probleme zu lösen. Die Schule ist inzwischen ein Aushänge­ schild der Gastronomie des Landkreises und der gesamten Region geworden. Bei man­ chen Festlichkeiten konnten Fachlehrer und Schüler ihre Leistung unter Beweis stellen. Mögen in Zukunft Schulleiter und Lehr­ kräfte alles daran setzen, die Schule auf dem jetzigen, allseits anerkannten, guten Niveau zu halten, so daß deren Schüler draußen in der Welt als Botschafter deutscher Gastlich­ keit angesehen werden. Eduard Nobs Jugendzeit Wie gerne denk‘ ich noch zurück An meine Jugendzeit, War sie des Lebens schönstes Stück Liegt sie zurück, so weit. War auch nicht alles unbeschwert Auf dieser heiklen Welt, Doch Gutes war mir oft beschert, Wohl alles recht bestellt. Ich lebte in den Tag hinein Und spürte kaum das Glück, Nun aber bin ich so allein Und sehne mich zurück. Nur mein Bitten ist vergebens, Das alles ist vorbei, Doch die letzten Tage meines Lebens Mein Herr, mir gnädig sei. Johannes Hawner 39

Wirtschaft und Gewerbe Aufschwung Ost Betrachtungen zur Lösung der Wirtschaftsprobleme in den neuen Bundesländern aus der Sicht unserer heimischen Wirtschaft Im Jahre 1990 hat die im Schwarzwald­ Baar-Kreis ansässige Industrie ein Umsatzvo­ lumen iQ Höhe von 6,9 Milliarden DM reali­ siert. Damit wurde in den Jahren 1988 bis 1990 in ununterbrochener Folge ein jährli­ cher Umsatzzuwachs von mehr als 500 Mil­ lionen DM erzielt, während in den drei Jah­ ren zuvor dieser Zuwachs bei weniger als 100 Millionen DM jährlich lag. Das bedeutet, daß die heimische Industrie die Dynamik im Land Baden-Württemberg und in der Bun­ desrepublik weit übertroffen hat. Dabei wurde diese günstige Entwicklung schwergewichtig nicht etwa in Großbetrie­ ben herbeigeführt, sondern von den rund 300 mittelständischen Industrie-Unterneh­ men, die den Wirtschaftsraum Schwarzwald­ Baar prägen, mit ihren rund 40.000 Mit­ arbeitern. Ich stelle diese Tatsachen bewußt an den Anfang meiner Betrachtungen, weil sie in beispielgebender Weise den Weg zur Lösung der wirtschaftlichen und der daraus resultie­ renden menschlichen Probleme in den neuen Bundesländern weisen. Es ist erfreulich, daß in Ostdeutschland im vergangenen Jahr 1990 bereits etwa 300.000 neue Unternehmen gegründet wor­ den sind und dadurch mindestens 1 Million neue Arbeitsplätze geschaffen werden konn­ ten. Bei einer durchschnittlichen Beschäfti­ gungszahl von etwas mehr als 3 dürfte es sich überwiegend um neue Handwerks- und Dienstleistungs-Betriebe handeln. Die Masse der heute offen und – unter „Kurzarbeit Null“ – verdeckt geführten Arbeitslosen war jedoch in der Industrie tätig. Da es die einstmals dominierenden 40 Großbetriebe nicht mehr oder nur noch mit einem stark reduzierten Belegschaftsstand geben wird, kann hier eine neue Beschäfti­ gung kaum gefunden werden. Mittelständische Industrie-Unternehmen, vergleichbar mit den Unternehmen im Schwarzwald-Baar-Kreis, gab es in der frühe­ ren DDR nicht, und deshalb gibt es sie auch heute noch nicht in nennenswerter Zahl. Um in den neuen Ländern möglichst gleiche Verhältnisse wie bei uns zu schaffen, müssen mittelständische lndustrie-U nter­ nehmen in großer Zahl erst noch gegründet und sodann erfolgreich entwickelt werden. Der Bedarf an mittelständischen Indu­ strie-Unternehmen in den neuen Ländern läßt sich -ausgehend vom erreichten Niveau im Schwarzwald-Baar-Kreis – rein arithme­ tisch wie folgt quantifizieren: – Im Schwarzwald-Baar-Kreis mit einer Wohnbevölkerung von rund 200.000 Menschen produzieren 300 mit­ telständische Incl ustrie-U n ternehmen mit 40.000 Mitarbeitern. Daraus errechnet sich eine durchschnittliche Beschäftigten­ zahl von 133 pro Unternehmen. In den neuen Bundesländern mit einer Wohnbevölkerung von rund 16 Millionen Menschen müßten, um mit dem Schwarzwald-Baar-Kreis gleichzuzie­ hen, 24.000 mittelständische Industrie­ Unternehmen -bei 133 Beschäftigten pro Unternehmen -mit insgesamt 3,2 Millio­ nen Mitarbeitern produzieren. Dieser von der Realität im Schwarzwald­ Baar-Kreis abgeleitete Bedarf an mittelstän­ dischen Industrie-Unternehmen verdeut­ licht eindrucksvoll die Dimension der Pro-

blematik im industriellen Bereich der neuen Länder. Mehr als 20.000 mittelständische Indu­ strie-Unternehmen mit jeweils mehr als 100 Beschäftigten lassen sich unter marktwirt­ schaftlichen Bedingungen nicht aus dem Boden stampfen; schon deshalb nicht, weil jedes Unternehmen mindestens e i n e n Unternehmer braucht. Aber ihn, den mittel­ ständischen Unternehmer, hat es in-der frü­ heren DDR nicht gegeben, und deshalb ist er auch heute nicht verfügbar. Er wird auch kurzfristig nicht, und schon gar nicht in der benötigten Anzahl von mehr als 20.000, zur Verfügung stehen. Die Anforderungen, die heute unter den harten Bedingungen des internationalen Wettbewerbs an einen er­ folgreich wirkenden Industrie-Unternehmer gestellt werden, sind zu hoch, als daß diese Ansprüche nach nur kurzer Praxis, auch bei noch so großer Leistungsbereitschaft, erfüll­ bar sind. Nicht geringer sind die Anforderungen an erfolgversprechende Produkt-Ideen, die zu Beginn jeder unternehmerischen Betätigung in der Industrie vorhanden sein müssen – Industrie-Umsatz 1982-1989 im Vergleich 165 ·—�–�–�——�–�–�–�——‚, 160 —-t c: 150 145 1 155 J 140 .g l c: ‚- 135 130 125 120 115 110 105 100 ,! — —-1– -�—-� ———-+- —- —–+——+—· —-·-!·—-+—-+- –,- – – —- – 1983 1982 1984 –1—–1—–+—-+— — -f3,,a BW �BRD ·— – – – – – – – – – – -·1:: :.= :-: 1990 1987 1989 1985 1988 —-· —-1-+- SBK 1986 Jahre Industrie-Umsatz“· im Schwarzwald-Baar-Kreis Indexzahlen auf Basis 1982 Vergleich: Schwarzwald-Baar-Kreis Baden-Württemberg Bundesrepublik 1982 1983 1984 1985 1986 1987 1988 1989 1990 100 100 100 103 102 102 110 108 109 115 118 117 119 123 115 120 124 115 132 129 122 145 139 134 162 151 144 ,:- Umsatzvolumen, erfaßt in Betrieben des verarbeitenden Gewerbes mit mehr als 20 Beschäftigten 41

Produkt-Ideen, die sich nicht nur produk­ tionsseitig verwirklichen lassen, sondern die nach ihrer Umsetzung in Produkte sich als absatzfähig erweisen und positive betriebs­ wirtschaftliche Ergebnisse einspielen. Aufgrund der Ausgangslage, in die der ,,real existierende Sozialismus“ geführt hat, und im Hinblick auf die erst noch zu erfül­ lenden Voraussetzungen für einen durch­ greifenden Wandel kann sich in den neuen Ländern ein mittelständischer Industriebe­ reich, in dem Millionen Menschen neue Arbeitsplätze finden, nur nach und nach ent­ wickeln. Es wäre ein großartiger Erfolg, wenn dies im Verlaufe eines Jahrzehnts geschehen würde. Daraus folgt, daß die größten Chancen für neue Arbeitsplätze vorerst nicht im Bereich der Industrie, sondern in den -beim Aufbau neuer Betriebe -weniger problema­ tischen Bereichen des Handwerks und des Dienstleistungssektors, Handel und Frem­ denverkehrsgewerbe eingeschlossen, zu se­ hen sind. Darüber hinaus werden neue Arbeits­ plätze in all den Fällen entstehen, in denen westdeutsche und ausländische Unterneh- mer sich industriell in den neuen Ländern engagieren. Die Appelle, in Ostdeutschland zu investieren, haben deshalb schon ihren Sinn. Nur darf man nicht übersehen: West­ deutsche Industrie-Unternehmen können – den ökonomischen Gesetzen folgend – in den neuen Ländern nur dann Produktions­ stätten errichten, wenn die vorhandenen Kapazitäten am westdeutschen Standort, mittel- und langfristig betrachtet, nicht aus­ reichen. Nach meinem Kenntnisstand ist diese Situation als Voraussetzung für Investi­ tionen in ostdeutsche Produktionsstätten gegenwärtig bei den Industrie-Unternehmen unseres Wirtschaftsraumes durchweg nicht gegeben. Ich bin sicher: Den so sehr wünschens­ werten „Aufschwung Ost“ wird es auch in der Industrie geben; er kann sich aber dort in der ganzen Breite nur in dem Maße vollzie­ hen, wie der anspruchsvolle Aufbau lei­ stungsfähiger mittelständischer Industrie­ Unternehmen in den neuen Ländern tat­ sächlich vorankommt. Alfred Liebetrau !HK-Präsident Tradition und Innovation: Mannesmann Kienzle und Digital-Kienzle Computersysteme Im Almanach 1981, Seite 31-34, wurde die Firma Mannesmann Kienzle GmbH in Villingen­ Schwenningen zum ersten Mal vorgestellt. Der nachfolgende Beitrag unterrichtet über die neueste Entwicklung. Seit Anfang 1991 gibt es zwei verschiedene Kienzle-Unternehmen im Stadtbezirk Vil­ lingen: Digital-Kienzle Computersysteme mit Sitz in der Villinger Waldstraße und Mannesmann Kienzle, deren Stammsitz nach wie vor das Werk A in der Heinrich­ Hertz-Straße, Stadtbezirk Villingen, ist. Das Stammwerk der Mannesmann Kienzle GmbH beschäftigt nach der Aus­ gliederung des Geschäftsbereichs Compu- 42 tersysteme rund 3000 Mitarbeiter und ist somit weiterhin ein bedeutender Arbeit­ geber im Landkreis. Hochqualifizierte Teams entwickeln, fertigen und vertreiben modernste Technologien rund um das Auto­ mobil. Eine über 60jährige Tradition und innovatives Know-how bürgen seit Genera­ tionen für höchste Qialität, die Maßstäbe setzt. Rund 40 000 Fahrtschreiber werden allein monatlich im Villinger Werk gefertigt

und in die ganze Welt verschickt. Die Kienzle-Produktpalette in und um das Kfz hat sich ständig erweitert -von den vielfach bewährten Fahrtschreibern über Bordrech­ ner für Lkw, die alle fahrzeugtechnischen Daten speichern und somit umfassende Informationen für eine kostensenkende Fahrweise liefern, bis hin zu elektronischen Dieselverbrauchsmeßsystemen, elektroni­ schen Fahrpreisanzeigen sowie Mikrocom­ puter zur Fahrpreisabrechnung im Taxi. Weitere Produkte gehören zur Infrastruktur des Kfz, wie zum Beispiel Tankdatensysteme für öffentliche und Betriebstankstellen, elek­ tronische Preisrechner sowie Stations-Mana­ gement-Systeme, die den Tankstellenbetrei­ bern die Möglichkeit eines modernen, EDV­ gestützten Tankstellenmanagements bieten. Kienzle-Parkuhren und -Parkscheinautoma­ ten, die wohl fast jeder kennt, tragen wesent­ lich zur effektiven Parkraumbewirtschaftung bei. Unter dem Motto „Automobiltechnik mit Rechnerintelligenz“ leistet die Mannes­ mann Kienzle GmbH mit diesen vielfältigen Produkten einen wesentlichen Beitrag zur Sicherheit, Wirtschaftlichkeit und Umwelt­ verträglichkeit im Straßenverkehr. Hierbei setzt das traditionsreiche Unternehmen auf Neuentwicklungen bei der Unfalldatenerfas­ sung und -analyse sowie im Bereich Kfz­ Sensorik. Auch das neueste Kienzle-Produkt, der Unfalldatenspeicher, der die Länge eines Kugelschreibers oder die Größe einer Rasier­ box hat, steht unter diesem Motto. Die viel­ beachtete Neuheit ist ein objektiver und unbestechlicher Zeuge für jeden Autofahrer: Kommt es zu einem Crash, erfaßt der Unfall­ datenspeicher �er- und Längsbeschleuni­ gungen sowie die Rotation eines Fahrzeugs. Ebenso werden alle wichtigen Betätigungs­ merkmale wie Blinker, Bremsen, Zündung und Licht gespeichert. Das „Einfrieren“ von Meßdaten erfolgt nur dann, wenn tatsäch­ lich ein Crash stattgefunden hat. Solange kein Unfall (Aufprall) von dem Gerät erkannt wird, werden die Fahrzeugdaten nach jeweils einer Minute wieder gelöscht. Sachverständige werten die gespeicherten Daten des freiwillig installierten Geräts über Personalcomputer aus, wobei auf dem Bild­ schirm eindeutig interpretierbare Gesche­ hensabläufe nachvollzogen werden können. Der Unfalldatenspeicher ist ein weiteres intelligentes Produkt aus dem Hause Kienzle, das bei der Unfallrekonstruktion wegweisend sein wird. Mit einem der dichtesten Vertriebs- und Service-Netze für gewerblich genutzte Fahr­ zeuge in Europa (über 5000 Stellen) und als einer der führenden Zulieferer der Automo­ bilindustrie setzt die Mannesmann Kienzle GmbH verstärkt auf Wachstum; die einzel­ nen Geschäftsfelder werden in den nächsten Jahren systematisch weiter ausgebaut. Digital-Kienzle Computersysteme Mit wirtschaftlicher Wirkung zum 1. Ja­ nuar 1991 waren die Digital Equipment Cor­ poration, Maynard, MA, USA, und die Mannesmann AG, Düsseldorf, übereinge­ kommen, das Computergeschäft künftig gemeinsam zu betreiben. Der Bereich Datensysteme von Kienzle, die Kienzle­ Tochtergesellschaften PCS Computersyste­ me, PROCAD GmbH und Kienzle Miete GmbH, das B.I.T.-Schulungszentrum in Donaueschingen sowie die in- und auslän­ dischen Vertriebs- und Servicegesellschaften für Datensysteme gingen in die neue Gesell­ schaft „Digital-Kienzle Computersysteme“ ein. Am Stammkapital dieser Gesellschaft ist die Digital Equipment Corporation mit 65 % und Mannesmann Kienzle mit 35 0/o beteiligt. Digital-Kienzle bleibt eine rechtlich selb­ ständige Firma und operiert als eigenstän­ dige Unternehmenseinheit neben den euro­ päischen Landesgesellschaften der Digital Equipment Corporation. Die Produktange­ bote des weltweit führenden Herstellers von Netzwerken und modernsten Produkttech­ nologien, Digital Equipment, und der neuen Digital-Kienzle ergänzen einander, so daß bedeutende Synergieeffekte erwartet wer­ den. In der mittelständischen Wirtschaft 43

Computer von Digital-Kienzle Neuer elektronischer Unfalldatenspeicher 44

wurden in den Marktsegmenten Fahrzeug­ industrie, Handel/Dienstleistung, Finan­ zenNersicherungen, Öffentliche Verwal­ tung Gesamtlösungen der Informations­ technik dargeboten. Hier verfügt Digital­ Kienzle über hohe Fachkompetenz, ausge­ prägtes Beratungs-Know-how und einen um­ fangreichen Kundenstamm. Auf der Grund­ lage der erfolgreichen Produktfamilie 9000, von der über 25 000 Systeme installiert sind, entwickelt sich eine rasch anwachsende Nachfrage für die UNIX-Systemfamilie 2000. Die Anwendungsarchitektur X.OMEGA gewährleistet den fließenden Übergang von herstellerspezifischen Betriebssystemen zu Standardbetriebssystemen. Damit setzt Digital-Kienzle Software-Maßstäbe für die Aufgabengebiete moderner Unternehmen. Die technikerprobte Kompetenz und die weltweite Operationsbasis von Digital Equipment passen genau zu dem, was Digi­ tal-Kienzle braucht. Der Zusammenschluß stellt deshalb die optimale Ergänzung der jeweiligen Konzepte dar. Barbara Kögler MAICO VENTILATOREN, Villingen-Schwenningen Eine Fabrik, gebaut für die Zukunft Ende 1988 ist die Firma MAICO inner­ halb von Schwenningen aus der Burgstraße 65 in ein neues Werk mit modernsten Ein­ richtungen für Produktion, Lagerung und Verwaltung in die Steinbeisstraße 20 im Industriegebiet Ost umgezogen. MAICO ist ein typisches Familienunter­ nehmen und die Firmengeschichte reicht weit hinter die Zeit des heutigen Standortes. Begonnen hatte alles im Jahr 1924, als der Schwenninger Christian Maier anfing, in der Uhlandstraße Spulen für Elektromotoren zu fertigen. Im Jahr 1928, das eigentlich auch als Gründungsjahr der Firma gilt, kaufte Chri­ stian Maier die Restbestände von Ventilato­ ren der damals in Konkurs gegangenen Firma ISARIA in Schwenningen auf. Für den Verkauf dieser Ventilatoren benannte er eine Firma mit dem Namen „Maier & Co.“. In dem kleinen Betriebsgebäude in der Uhlandstraße wurde 1929 die Eigenproduk­ tion von Ventilatoren aufgenommen. Nach weiteren 5 Jahren war das Gebäude in der Uhlandstraße zu klein geworden. Die Maier & Co. übernahm 1934 das Betriebsge­ lände mit einigen Fabrikationsgebäuden der Firma Stahlbau Haller in der Burgstraße 65 in Schwenningen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Betriebseinrichtung durch die französische Besatzungsmacht demontiert. Verbunden mit harter Arbeit war dieser Rückschlag bald überwunden und in den folgenden Jahren gelang es, das Ansehen der Firma, die im Jahre 1949 in MAICO Elektroapparate­ Fabrik GmbH umbenannt wurde, im In-und Ausland zu festigen. Der Grundstein dieser Erfolge waren -und sind-Produkte, die sich durch ihre hohe Qualität auszeichnen. Die Folge dieser Entwicklung war, daß immer wieder Erweiterungen und Modernisierun­ gen der Produktions- und Verwaltungsge­ bäude notwendig wurden. Nach dem Tode des Firmengründers im Dezember 1969 übernahmen seine Schwie­ gersöhne, Dipl.-Ing. Otto Müller und Ger­ hard Warnke, die Geschäftsführung. Das 50jährige Jubiläum des Unterneh­ mens wurde im November 1978 im Rahmen einer Festveranstaltung im Schwenninger Beethovenhaus gefeiert. Bereits Ende der 70er Jahre begann die Planung für eine Verlagerung des Betriebes. Aufgrund der baulichen Gegebenheiten waren am bisherigen Standort nochmalige Erweiterungen nicht mehr möglich. Der erste Baubschnitt, das vollautomatische Hochregallager mit Packerei und Versand, wurde 1979 auf dem neuen Gelände in der Steinbeisstraße in Betrieb genommen. Im 45

Das alte MA/CO-Werk in der Burgstraße 65 Das neue MA/CO-Werk im Schwenninger Industriegebiet Ost 46

gleichen Jahr wurden die Auftragsbearbei- tung und die Buchhaltung auf elektronische Arbeitsplatz für die Ventilator-Endmontage Datenverarbeitung umgestellt. Materialbereitstellungfür die automatische Förderstrecke Die Planung des zweiten Bauabschnitts begann 1986. Baubeginn war im Juni 1987 und bereits im Oktober 1988 konnte das neue Bürogebäude bezogen werden. Nur zwei Monate später fand der Umzug in die neuen Fertigungshallen und Lager statt. Seit Januar 1989 läuft der Betrieb vollständig im neuen Werk. Natürlich gab es einige Anlauf­ schwierigkeiten, die aber angesichts der immensen Belastung, die eine solche Verla­ gerung der Betriebsstätte mit sich bringt, kaum zu vermeiden waren. Heute jedoch funktioniert alles reibungslos. Alle Unter­ nehmensteile sind nach neuesten Erkennt­ nissen miteinander verknüpft. Die Produk­ tion wird durch ein Produktions-Planungs­ und Steuerungssystem (PPS) effizient gesteu­ ert. Der Betrieb kann zweifelsohne als „Fabrik der Zukunft“ bezeichnet werden. Geplant, gebaut und in Betrieb genom­ men wurde das Objekt von dem zu dieser 47

Die automatische Montageanlage für Kleinraumventilatoren Zeit alleinigen Geschäftsführer Otto Müller, der es dann voll funktionsfähig zum 1. Mai 1990 an seine Nachfolger übergeben hat. Die Enkel des Firmengründers, Dipl.­ Wirtschaftsingenieur (FH) Hans Müller und Dipl.-Volkswirt Gerhard C. C. Warnke, füh­ ren heute die Geschäfte. Somit wird MAI CO nun in der dritten Generation als Familien­ betrieb geführt. Heute stehen im neuen Werk rund 27.000 m2 industrieller Nutzfläche zur Verfügung. Im Vordergund stand bei der Einrichtung und Ausstattung des gesamten Objektes ein­ deutig die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Bereitstellung von Arbeitsmitteln, die einen optimalen Arbeitsablauf ermöglichen. Die Hochregallager mit über 6.500 Palet­ tenplätzen für Fertigwaren und Produktions­ teile stellen in Verbindung mit automati­ schen Förderstrecken die Materialbereitstel­ lung an den Kommissionierplätzen sicher. So wird der reibungslose Transport der Teile oder Baugruppen an die eigene Produktion 48 ebenso sichergestellt, wie die termingerechte Auslieferung der Fertiggeräte an die Kund­ schaft. Ein fahrerloses Transportsystem – kurz FTS genannt – schafft alle für die Bearbei­ tung eines Fertigungsauftrages nötigen Teile zu den Montageplätzen. Die Endmontage eines Ventilators, beginnend mit dem Zu­ sammenfügen der Einzelteile, bis hin zur Einzelverpackung, erfolgt jeweils durch eine Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter. Moti­ vation, Sorgfalt und Verantwortungsbe­ wußtsein werden dadurch gefördert und die selbstgesteckten hohen Q!ialitätsziele er­ reicht. Außerdem kommen hochwertige Meß­ und Prüfeinrichtungen zum Einsatz. Auch CNC- und SMD-Technik setzt MAICO bei zahlreichen Herstellungsprozessen mit Er­ folg ein. Für den Zusammenbau von Klein­ raumventilatoren wurde eine mit Robotern bestückte automatische Montageanlage angeschafft.

Bei all diesen technischen Neuerungen sind jedoch interessante und abwechslungs­ reiche Arbeitsinhalte oberstes Gebot. Dazu gehört auch die ergonomische Gestaltung der Arbeitsplätze und deren Ausstattung mit modernen Maschinen und Vorrichtungen. Jedoch nicht nur Fertigung und Konstruk­ tion sind wichtige Elemente bei der Herstel­ lung von Ventilatoren; die Produkte müssen auch geprüft und getestet werden. Hierfür ist ein enormer technischer und finanzieller Aufwand erforderlich. Im eigenen Labor wird die Richtigkeit der technischen Daten der Ventilatoren ermittelt und überprüft. Neben vielen anderen Meßeinrichtungen kommen dabei täglich Luftleistungsprüf­ stände, ein Schallmeßraum und Klima­ schränke zum Einsatz. Darüber hinaus gibt es ein zertifiziertes und regelmäßig überwachtes Qpalitätssiche­ rungssystem, mit dem der gesamte Durch­ laufprozeß von der Materialbeschaffung bis zum Versand der fertigen MAICO-Produkte geregelt wird. Auch in den freundlich und hell gestalte­ ten Büros wird modernste Technik einge­ setzt. In den meisten Räumen haben EDV­ Bildschirme ihren Einzug gehalten -ein Merkmal, daß MAICO mit der Zeit geht. Kleinraumventilator MAICO-CABINET Typ ECA 11-1 CAD-und PC-Arbeitsplätze in Technik und Verwaltung stehen den Mitarbeitern als Hilfsmittel zur Lösung der vielfältigen Auf­ gaben zur Verfügung. Zu den Voraussetzun­ gen für eine optimale Verknüpfung aller Unternehmensbereiche gehört nicht nur ein schneller und termingerechter Materialfluß, sondern auch eine noch schnellere Informa­ tionsweitergabe und -verarbeitung. Dieser Anforderung wird mit einer leistungsfähigen EDV-Anlage Rechnung getragen. Zur Zeit sind bei MAICO ca. 250 Mitar­ beiter beschäftigt. Eine gute Mischung von jungen dynamischen und langjährigen erfahrenen Mitarbeitern sorgt für ein gutes Betriebsklima. Bester Beweis dafür sind die vielen Arbeitsjubiläen, die schon gefeiert wurden. Engagierten jungen Menschen wird bei MAI CO die Möglichkeit geboten, sich wäh­ rend einer intensiven Lehrzeit zu qualifizier­ ten Fachkräften ausbilden zu lassen. Ein mit moderner Präsentationstechnik ausgestatteter Schulungsraum wurde ge­ schaffen, um Mitarbeitern, Vertretern und Kunden aus Großhandel und Handwerk spezielle Schulung und Weiterbildung zu er­ möglichen. 350.000 Ventilatoren produziert und ver­ kauft MAICO jährlich. Und die Chancen sind gut, daß sich diese Zahl in den kommen­ den Jahren erhöhen wird. Überall auf der Welt kommen MAICO-Ventilatoren zum Einsatz, und die Öffnung der Grenzen im Osten Europas sowie der bevorstehende europäische Binnenmarkt erschließen neue Möglichkeiten. Modernisierung und Erweiterung sind die sichtbaren Zeichen für den Erfolg des Unter­ nehmens. Nach wie vor aber bleibt die von MAICO gewohnte Zuverlässigkeit, Sicher­ heit und hohe Qpalität wichtigste Zielset­ zung auch in Zukunft. Hans Müller 49

Die Turmuhrenfabrik Gebrüder Schneider in Schonach Nähert man sich, von Triberg her, durchs Untertal kommend, dem „Skidorf“ Schon­ ach, so fällt am Ortsrand, links der Triberger Straße, ein größeres Gebäude mit altertüm­ lichem Uhrentürmchen besonders wohl­ tuend ins Auge. Trotz neu verputzter Fassade sind Stil und Art einer Schwarzwälder Uhrenfabrik des ausgehenden 19. Jahrhunderts hier unver­ kennbar erhalten geblieben. Im Gegensatz zu den modernen Fabrik­ anlagen der Uhren- und feinmechanischen Industrie von Schonach, fühlt man sich bei diesem Anblick in die Jahre der Gründerzeit zurückversetzt. Ein zweites Gebäude jüngerere Bauart wird erst beim Betreten des geräumigen Vor­ hofes voll sichtbar. Ein dort angebrachtes, schlichtes Firmenschild gibt uns die Aus­ kunft, daß sich hier die Turmuhrenfabrik Gebrüder Schneider befindet. Unter den zahlreichen, in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts im Schwarzwald ge­ gründeten Uhrenfabriken, ist die Firma Schneider in Schonach als einzige aufT urm­ uhren spezialisiert. Der Turmuhrenfabrikant Benedikt Schneider (1828-1892) Benedikt Schneider erblickte am 21. März 1828 in Triberg das Licht der Welt. Er erlernte den Beruf des Uhrmachers, der seinen technischen Fähigkeiten voll ent­ sprach, und dem er sich auch mit ganzem Herzen widmete. Durch den Besuch der Gewerbeschule, der damals nur wenigen Lehrlingen und Gesellen vorbehalten war, wurde sein natürliches Talent geformt und gefördert. Der Uhrmacher Benedikt Schneider war dafür bekannt, daß er sein Handwerk nicht nur am Schraubstock glänzend beherrschte, sondern daß er die Probleme des Uhren­ baues auch rechnerisch und konstruktiv am Zeichenbrett zu lösen verstand. so Die peinliche Genauigkeit und Exaktheit, mit der er seine Arbeiten erledigte, muß ebenfalls Verwunderung hervorgerufen ha­ ben, was in einem Nachruf auf den 1892 ver­ storbenen Turmuhrenfabrikanten deutlich zum Ausdruck kommt. Die Zeitgenossen Schneiders würden ihn mit der knappen, aber doch recht vielsagen­ den Redewendung der Schwarzwälder: ,,Es isch halt en Exakte“, treffend charakterisiert haben. Im Jahre 1862 eröffnete Benedikt Schnei­ der in Schonach ein eigenes Geschäft und fertigte neben den damals üblichen Schwarz­ wälder Uhrensorten hauptsächlich Werk­ zeuge und kleine Maschinen für die sog. Hausgewerbler an. In seinem ihm eigenen Bestreben nach Verbesserung und Schaffung von Neuem kam er auf die Herstellung von verbesserten Turmuhren. Schon sehr früh sah er darin eine Möglichkeit, für den Schwarzwald eine neue Erwerbsquelle zu schaffen. Ein derartiges Werk muß Schneider schon in den fünfziger Jahren, also schon vor der Geschäftsgründung nach Triberg gelie­ fert haben. Der damaligen Großherzoglichen Regie­ rung blieben die hervorragenden Eigen­ schaften und Leistungen Schneiders nicht verborgen, so daß sie Schneider veranlaßte, eine Werkstätte speziell für Großuhren zu gründen. Benedikt Schneider, immer bedacht, die Funktionen der Turmuhren zu verbessern und damit betriebssicherer zu gestalten, ver­ zeichnete, auch hinsichtlich der eingehen­ den Bestellungen, bald die besten Erfolge. Seine Erzeugnisse waren nicht nur im Inlande sehr gefragt, sondern auch das Aus­ land stellte Schneider die glänzendsten Zeugnisse aus. Dafür sprechen die Auszeich­ nungen, die der kleine Gewerbebetrieb auf verschiedenen Gewerbeausstellungen errin­ gen konnte. Im Jahre 1887 lieferte Schneider

Gegründet 1162 II II “ ‚–‚ für Kircnen, Bahnhöfe, Fabriken, Kasernen, 5pitäier, 5cnulen und Rathäuser. Turmuhren bester Konstruktion Sohneider�Öl>n Shonah FABRIKATION YON THURM-ÜHREN fUR AU( ZWECKE. .��������������-‚-‚-���� Telegr·AdreM,e fer;s,r.:;:/;c�I�» LangJihr-ige Gar•n1,e Turmuhren mit gewöhnlichem Handaufzug Aufzug mittels Elektromotor. Turmuhren mit elektrischem automatischem Reparaturen von alten Uhren werden billigst übernommen, ebenso das Anbringen der Hammerwerke auf neue Glocken. A.usführflche Kataloge mll Abblfdungeon. Preisen und Zeugnissen werden auf Verfangen gratis und franko zugesandt. 51

Der Turmuhrenfabrikant Benedikt Schneider mit seinen Söhnen. Von links nach rechts: Benedikt,josef, Benedikt Schneider, Geselle, Valentin. Um 1880. eine komplette Turmuhranlage nach Argen­ tinien für die Stadt Parana. Diese Turm­ hauptuhr steuerte 120 Nebenuhren in der ganzen Stadt auf elektrischem Wege. Eine wahrhaft glänzende Pionierleistung des ein­ fachen Schwarzwälders, wenn man bedenkt, daß im Jahre 1887 das Einschalten einer Glühlampe noch nicht zu den alltäglichen Gewohnheiten zählte. Auf Grund seiner Verdienste erhielt Be­ nedikt Schneider im Jahre 1886 von S. K. H. dem Großherzog den Titel „Großherzog­ licher Hoflieferant“ verliehen. Seine drei Söhne Josef, Benedikt und Valentin, die in ihrem Vater selbst den besten Lehrmeister fanden, waren auch bald seine geschicktesten und erfahrensten Mit­ arbeiter. Die Firma nannte sich dann „Bene­ dikt Schneider Söhne“. Zum Fabrikationsprogramm der Firma Schneider Söhne gehörten lange Zeit auch sogenannte „Perronuhren“, die im Bahnbe- trieb Verwendung fanden (perron, frz. = Bahnsteig). Benedikt Schneider befaßte sich eben­ falls, wahrscheinlich durch die Fabrikation dieser Uhren dazu angeregt, mit Stellwerk­ problemen und erfand auch auf diesem Gebiet beachtliche Neuerungen, die für die Sicherheit im Bahnbetrieb zukunftsweisend waren. Auf seine Verriegelungs-und Kontrollein­ richtung für die zentrale Weichen- und Signalstellung wurden ihm verschiedene In­ und Auslandspatente erteilt. Leider fehlten ihm die notwendigen Geld­ mittel und vermutlich ein ehrlicher Patent­ anwalt, um seine Konstruktionspläne zu realisieren und den Patentschutz aufrecht er­ halten zu können. Seine Ideen wurden später von anderen verwirklicht, so daß der zurückhaltende und allzu fleißige Wälder den Kürzeren zog. Nur ein von seiner Hand sorgfältig aus- 52

geführtes Holzmodell sowie eme Anzahl Konstruktionszeichnungen und Patent­ schriften blieben den Nachfahren als Zeug­ nis seiner schöpferischen Tätigkeit erhalten. Benedikt Schneider schloß am 18.Januar 1892 seine Augen für immer, und damit wurde auch seine Heimat um ein „Wälder­ genie“ ärmer. Die ursprünglichen Fabrikationsräume des Turmuhrenfabrikanten Benedikt Schnei­ der befanden sich in einem Gebäude, ober­ halb der Hauptdurchfahrtsstraße am Hang, in der Nähe des Hotels Rebstock. Seine Vorderfront ist noch heute mit dem Großherzoglich Badischen Wappen geschmückt und daher von der Straße aus deutlich erkennbar. Um die Wasserkraft des sog. Mühlenweiher nützen zu können, ver­ legte Benedikt Schneider im Jahre 1890 seine Werkstätte an den Mühlenbach und somit an den jetzigen Standort. Nach dem Tod von Benedikt Schneider übernahmen seine Söhne das Unternehmen und führten es unter dem Namen „Benedikt Schneider Söhne“ im Sinne ihres Vaters wei­ ter. Josef Schneider schied durch Tod schon sehr früh aus der Firma aus. Benedikt Schnei­ der jun. verstarb 1922 und Valentin Schnei­ der 1927. Durch die Söhne der beiden Inhaberfamilien Benedikt und Valentin Schneider war jedoch das Weiterbestehen der Firma in Familienbesitz gewährleistet. Mit dem Ausscheiden von Otto Schnei­ der, einem Sohn des Valentin Schneider, im Jahre 1950, übernahmen die Enkel des Benedikt Schneider jun. Bruno und Willi Schneider das Familienunternehmen, das ab diesem Zeitpunkt den Namen „Gebrüder Schneider Turmuhrenfabrik“ führt. Die Firma Gebrüder Schneider Die heutigen Inhaber der Firma Gebrüder Schneider, Willi Schneider und sein Sohn Thomas Schneider, verkörpern die 4. und 5. Generation des Familienunternehmens. Alte Tradition und modernste Technik werden hier, nach den strengen Forderungen des Denkmalschutzes, sinnvoll aufeinander abgestimmt. In der Belegschaft von 20 Mit­ arbeitern sind nahezu alle Berufe des Maschinenbaus, denn mit diesem ist ja der Turmuhrenbau nahe verwandt, vertreten. Die Firma Schneider verfügt über ca.1000 qm Produktionsfläche, die auf die beiden, bereits erwähnten Gebäude verteilt ist. Obwohl eine moderne Turmuhr der heu­ tigen Generation, entsprechend ihrer Größe, in einem Handköfferchen Platz finden könnte, sind für die Antriebselemente der Zeiger- und Schlagwerke immer noch schwere und solide Stahlkonstruktionen erforderlich, die den enormen Belastungen durch Wind und Wetter sicher standhalten. Das Fabrikationsprogramm umfaßt: – Turmuhrenanlagen in modernster Tech­ nik mit durch Funk ferngesteuerter Q!iarzuhr und elektronisch gesteuerter Regelanlage für Zeiger- und Schlagwerk der Uhr, elektrische Läutemaschinen mit elektro­ nischer Programmsteuerung für Kirchen­ geläute und Glockenspiele, – Glockenstühle in Stahl- und Holzkon­ struktion, – Armaturen und Klöppel für Glocken sowie Zifferblätter und Zeiger in moder­ ner Form, aber auch in oft geforderter stil­ gerechter Ausführung, spezielle und individuelle Sonderanferti­ gungen von repräsentativen Großuhren und Glockenspielen verlassen ebenfalls die Schonacher Werkstätten am Mühlen­ bach. Als Beispiele seien hier nur die ,,Kugeluhr“ im Progymnasium St. Geor­ gen/Schw. und das große Glockenspiel für eine Basilika in Guadalupe/Mexiko im Jahre 1931 genannt. Im eigentlichen Sinne ist jeder Auftrag für die Firma eine individuelle Neukonzeption, die konstruktiv den verschieden gearteten Verhältnissen und Erfordernissen angepaßt werden muß, obwohl serienmäßig herge­ stellte Bauelemente wie Antriebsmotoren, Seilzüge, Umlenkgetriebe etc. dabei Verwen­ dung finden. 53

Eine besondere Herausforderung an das Geschick und Können der Schwarzwälder Turmuhrenbauer bedeutet die Restaurierung und die Modernisierung alter, historischer und unter Denkmalschutz stehender Turm­ uhrenwerke. Hierbei müssen die modernen Aufzugs­ und Steuermechanismen für das Geh-und Schlagwerk so kunstfertig angebracht wer­ den, daß das oft sehr alte und daher sehr wertvolle handgeschmiedete Werk nicht durch diese Veränderungen beschädigt wird. Jeder unabänderliche Eingriff in den Urzustand würde den historischen Wert einer solchen Uhr beträchtlich mindern. Der ebenfalls sehr umfangreiche Dienst­ leistungssektor der Firma Schneider umfaßt Instandsetzung und Wartung eigener Fir­ menprodukte; aber auch T urmuhrenanlagen und Läutewerke anderer Produzenten wer­ den durch das Schonacher Unternehmen betreut. 25 Jahre Blähtonproduktion im Haldenwald Eigentlich hat alles schon etwas früher angefangen, nämlich 1965, mit dem Baube­ ginn für ein Blähtonwerk unter der Firmie­ rung „Süddeutsche Blähtonwerke“ am heuti­ gen Standort. Gleichzeitig wurde auch in Schömberg bei Balingen ein Werk errichtet, allerdings mit anderen Gesellschaftern. Dort wählte man als Firmennamen die Bezeich­ nung der geologischen Formation des Lias, aus der ein Teil des verwendeten Tones stammte. Folgerichtig wurde das zu erwar­ tende Produkt „Liapor“ genannt, eine Ver­ bindung der Worte Lias und Poren, was sich auf die Struktur im Inneren der Liapor-Per­ len bezieht. 1967 war es soweit: Beide Anlagen produ­ zierten, zuerst Schömberg und später im Jahr auch Tuningen. Die Ziele waren gleich: Man wollte einen Leichtzuschlag für die Herstel- 54 Liapor-Werk in Tuningen Obwohl die Firma Gebrüder Schneider in Baden dominierend vertreten ist, findet man ihre Erzeugnisse über das ganze Bundes­ gebiet verstreut. Der Export beschränkt sich hauptsächlich auf spezielle Sonderanferti­ gungen. Unter den zahlreichen Uhrenfabriken, die unseren Schwarzwald seit über 300 Jah­ ren weltbekannt gemacht haben, blieb die Turmuhrenfabrik in Schonach einziger Her­ steller dieser Großuhrenart im Schwarzwald. Im Jahre 1992 kann die Firma Gebrüder Schneider auf eine 130jährige Tradition im Turrnuhrenbau zurückblicken und gleich­ zeitig des 100. Todestages ihres Gründers Benedikt Schneider m dankbarer Erinne­ rung gedenken. Gerd Bender Quelle: Die Uhrenmacher des hohen Schwarz­ waldes und ihre Werke, von Gerd Bender, herausgegeben vom Verlag Müller, Villin­ gen, erschienen 1975. Jung hochwertiger Baustoffe produzieren, als Ersatz für Kies und Bims. Die Verfahren hingegen waren unterschiedlich: in Tunin­ gen wurde mit Rostvorwärmer, Blähofen und Sehachtkühler produziert, während man sich in Schömberg auf ein 3stufiges Rohrofensystem, ebenfalls mit Vorwärmer, Brennofen und Kühler entschieden hatte. Dieses System sollte sich in der Folge auch als das wirtschaftlichere erweisen. Nachdem sich beide Firmen 1969 zusammengeschlos­ sen hatten, wurde deshalb ab 1973 auch Tuningen nach längerer Betriebsruhe auf das Liapor-Verfahren umgebaut. 1974 dann pro­ duzierten beide Werke Liapor, bis 1975 Schömberg stillgelegt wurde. Für diesen schwerwiegenden Entschluß war der Markt verantwortlich: Die Baunachfrage hatte deutlich nachgelassen, und da Tuningen den

Ton auf eigenem Gelände in unmittelbarer Werksnähe abbauen konnte, fiel die Ent­ scheidung für diesen Standort. Apropos Standort. Umstritten war der schon zu Beginn der 60er Jahre, als die ersten Verhandlungen geführt wurden. Ein Bläh­ ton-Werk mitten im Wald, mit immensem Flächenbedarf? Und die Gegner schienen im Nachhinein sogar Recht zu bekommen, als sich 1981 herausstellte, daß einige Bäume in unmittelbarer Nähe der Ofenanlage braun gefärbte Nadeln aufwiesen. Das Thema Waldsterben bewegte damals in Deutsch­ land eine breite Öffentlichkeit und so war diese in der Folgezeit schnell alarmiert. Die Medien, sogar Funk und Fernsehen, berich­ teten ausführlich. Ihren Höhepunkt fand die ganze Angelegenheit in der Feststellung des Wirtschaftskontrolldienstes, daß für die Anlage in Tuningen nach dem eingangs erwähnten Umbau keine neue Betriebs­ genehmigung erteilt worden sei. Man habe sich wohl versehentlich lediglich auf eine Baugenehmigung beschränkt. Diese enthielt zwar alle damals rechtlich zwingenden Um­ weltschutz-Auflagen, genügte aber formal­ juristisch nicht! Nun, wenngleich au.eh die Ursache für die Schädigung einzelner Bäume bis heute nicht abschließend geklärt werden konnte, Behör­ den und Unternehmen meisterten auch diese Hürde: Dem Liapor-Werk wurde auf Antrag eine neue Genehmigung erteilt, mit strengen Auflagen, die alle erfüllt und auch eingehalten werden. Das betreffende Grund­ stück wurde käuflich erworben, mit der Maß­ gabe, hier einen Erdwall zu errichten und diesen entsprechend zu bepflanzen. Es war die Offenheit des Unternehmens im Um­ gang mit Medien, Behörden und den weni­ gen wirklich interessierten Bürgern, die schnell zu einer Entkrampfung der Situation beigetragen hat. Der zur Einweihung der Rauchgasreinigungsanlage 1989 durchge- 55

Glühende Liapor-Perle Liapor – Gebrannter Ton in Kugelform führte Tag der offenen Tür, mit fast 3.000 Besuchern ein voller Erfolg, hat dann auch einer breiten Bevölkerungsschicht gezeigt, daß im Haldenwald in Tuningen alles mit rechten Dingen zugeht. Aber was geht denn da nun wirklich vor? Nachfolgend soll näher auf den Produk­ tionsprozeß und das Produkt eingegangen werdei:i. Liapor ist, das haben wir schon gesagt, die Markenbezeichnung für einen Blähton aus reinem Ton. Zur Herstellung dieses Produk­ tes eignen sich nur Tone mit hohem Anteil organischer Bestandteile, also zum Beispiel Algenresten. Das Material im Haldenwald entstammt der Schicht Dogger-Alfa des Braunjura und ist ca.180 Mio. Jahre alt, wäh­ rend der Zusatzton aus dem Richtung Mühl- Wandbaustoffe aus Liapor – hochwärmedämmend und wohngesund 56

hausen gelegenen Hölzlebruch dem Lias­ Beta zugeordnet wird und ca. 200 Mio.Jahre zählt. Entstanden sind beide Tone aus Abla­ gerungen der Jurameere. Das weitgehend felsige Material wird im Tagebau gewonnen und in einer Mahltrock­ nungsanlage auf Mehlfeinheit zerkleinert. Unter Zugabe von Wasser erfolgt dann in sogenannten Granuliertellern durch Rota­ tion die Kugelbildung, und schließlich gelangen die Granalien in das Ofensystem. Hier werden sie im Vorwärmer getrocknet und im Blähofen bei ca. 1.200 °C gebrannt. Dabei schmilzt die Oberfläche der Granalie, die organischen Bestandteile im Ton ver­ brennen und die Kugel bläht auf. Im Kühler sintert die geschmolzene Oberfläche zu einer relativ harten Schale und die Liapor­ Perle mit poriger, luftdurchsetzter Innen­ struktur ist produziert. Täglich, die Anlage läuft rund um die Uhr, werden etwa 1.200 m3 dieses Naturproduktes hergestellt, und das Besondere am Liaporprozeß ist, daß sowohl Korngröße als auch Gewicht der Kugeln und damit ihre Festigkeit, gezielt produziert wer­ den können. Diese Flexibilität erlaubt dem Produkt eine Vielzahl von Anwendungsmöglichkei­ ten. Mit Liapor, als Zuschlagsstoff im Leicht­ beton, wurden Bauwerke errichtet, wie z.B. das BMW-Hochhaus in München, die Flug­ schanze in Oberstdorf oder die Fußgänger­ brücke am Bahnhof in Villingen. In hoch­ wärmedämmendem und wohngesundem Mauerwerk, heute dem Hauptanwendungs­ bereich, finden wir Liapor ebenso wie in Pflanztrögen der Hydrokultur und als Sub­ strat für Dachbegrünungen. Liapor dient als Schüttrnaterial zur Sanie­ rung von Altbauten, wie zur Errichtung von Neubauten mit besonderen Anforderungen in Richtung ökologisches Bauen. Und damit wären wir beim Thema Um­ weltschutz und seinem hohen Stellenwert für die heutige Firmenpolitik. Mit Installa­ tion der Rauchgasreinigungsanlage wurden Grünes Dach mit Liapor 57

von Forchheim in Oberfranken produziert. Es ist in vielen Ländern Europas, insbeson­ dere bei unseren Nachbarn, dank des hohen �alitätsstandards unter Fachleuten bestens eingeführt. Das Hauptabsatzgebiet des Wer­ kes in Tuningen, in dem rund 60 Personen beschäftigt sind, umfaßt den südwestdeut­ schen Markt von Oberstdorf über Ulm bis nach Trier. In geringem Umfang wird Liapor aus Tuningen auch exportiert und zwar haupt­ sächlich nach Österreich, Frankreich und in die Schweiz. Seit Eintragung der jetzigen Firmierung ins Handelsregister und der erstmaligen Pro­ duktion 1967 sind 25 Jahre vergangen. Gewiß noch keine lange Zeit für das Bestehen einer Firma. Doch die in der Vergangenheit bewäl­ tigten Probleme und die gefundenen Lösun­ gen schwieriger Aufgaben sind Anlaß für optimistische Zukunftsperspektiven. Auch für ein Werk, das sich aufgrund seines Pro­ duktionsprozesses immer im Spannungsfeld zwischen Ökologie und Ökonomie bewegen wird. die von den Vorschriften der TA-Luft gefor­ derten Werte noch deutlich unterschritten. Die Tatsache, daß aus 1 m3 Rohton ca. 6 m3 Liapor produziert werden, zeigt, wie ressour­ censchonend man mit dem benötigten Roh­ stoff umgeht, wenngleich Eingriffe in die Landschaft nicht völlig vermieden werden können. Allerdings sind diese Eingriffe nur vorübergehender Art, denn strenge Auflagen zur Rekultivierung der abgebauten Flächen sorgen dafür, daß die Natur ihre Leihgabe wieder zurückerhält, nicht selten artenrei­ cher und wertvoller als vorher. Ein weiteres Beispiel sinnvoll praktizier­ ten Umweltschutzes bietet die Tatsache, daß im Liapor-Werk auch das Gas der nahegele­ genen Kreismülldeponie verbrannt wird, was ein Ende der wirtschaftlich unsinnigen, aber notwendigen Abfackelung auf dem Depo­ niegelände bedeutet. Auch wenn dieses Gas neben Heizöl und Kohle als dritte Energie­ komponente derzeit nur ca. 20 0/o des Gesamtenergiebedarfes des Werkes deckt, werden doch herkömmliche Energiequellen geschont und die Umwelt entlastet. Liapor wird noch von einem zweiten, rechtlich selbständigen Werk in der Nähe Joachim Gramsch Firma WIHA in Schonach und Mönchweiler Hersteller für Schraubwerkzeuge Wenn man vom Oberprechtal kommend über die Wilhelmshöhe nach Schonach fährt, liegt gleich am Ortseingang auf rechter Seite die Firma Wiha, Willi Hahn GmbH & Co. KG. Der gewachsene Betrieb fügt sich gut in die Landschaft ein und läßt, von außen betrachtet, kaum die innere Größe vermuten. Die Firma Wiha ist Spezialist für Schraub­ werkzeuge. Von ihr geht, als eines von ca. 1650 Produkten, der klassische „Schrauben­ zieher“ in alle Herren Länder. Die Geschichte der Firma liest sich wie ein Roman. Zu turbulent sind die Jahre nach der Gründung 1939 in Wuppertal. 58 Hätte der Gründer, Willi Hahn, das Unternehmen ins Leben gerufen, wenn er die totale Zerstörung geahnt hätte? 1943 wird die junge Schrauben-und Mutternfabrik völ­ lig ausgebombt. Improvisation und Flexibili­ tät sind gefordert. Man verlegt den Betrieb nach Schonach. 1947 wird mit der Produktion von Schraubwerkzeugen begonnen. Ein �ali­ tätsprodukt entsteht, das heute fast jeder Profi in seiner Werkzeugkiste hat. Erst in den frühen 50er Jahren entsteht der Neubau in der Obertalstraße in Schonach. An diesem Standort wird der Betrieb ständig erweitert und ist inzwischen fest im Dorfbild

Betrieb in Schonach / Betrieb in Mönchweiler

verwurzelt. Erweiterungsbauten finden 1970, 1974, 1979, 1985 und 1989 statt. 1965 wird in Mönchweiler ein Zweigbe­ trieb erworben. Bald wird dieser zu eng. Des­ halb kauft man 1989 im Industriegebiet Mönchweiler, Waldstraße, ein Grundstück von ca.13.000 qm. Ein Jahr später präsentiert sich Wiha der Öffentlichkeit mit einem neuen Gebäude. Der futuristisch anmutende Betriebsbau hat 2300 qm Nutzungsfläche. Alle Abteilungen sind großzügig und stilvoll gestaltet. Hier läßt sich’s gut arbeiten. Platz für weiteres Wachstum ist vorhanden. Die Werke in Obersasbach und Wupper­ tal (Form-und Gewindeteile) sind rechtlich und produktrnäßig getrennt von Wiha Scho­ n ach und haben nur einen Teil ihrer Geschichte gemeinsam. Die Schraubendreher-Produktion selbst hat eine lange Tradition. Ihre Wiege liegt in Schmalkalden, einem kleinen Ort am Süd­ hang des Thüringer Waldes. Schon im frü­ hen 16.Jahrhundert gab es hier eine Werk­ zeugproduktion. Fast parallel dazu entwickelte sich im Ber­ gischen Raum (Remscheid und Wuppertal) ein ähnliches Zentrum für Werkzeuge. Viele Betriebe, die heute ihren Sitz in Remscheid oder Wuppertal haben, wissen um ihre Wurzeln in Schmalkalden. Die Achse Schmalkalden/Thüringen, Wuppertal/Nordrhein-Westfalen und Scho­ nach/Schwarzwald erhält durch die politi­ sche Veränderung neue Aktualität. Bestimmte Personen sind von einer bewegten Geschichte nie wegzudenken. Sie sind doch die treibenden Kräfte, die das Rad der Entwicklung in Bewegung halten. Bei Wiha sind es neben dem Gründer und lang­ jährigen geistigen Beistand der Firma -der heute 82jährige Willi Hahn -Ernst Sehmie­ der und Wilfried Hahn. Ernst Sehmieder lenkte über 43 Jahre lang wie ein sicherer Steuermann die Firma durch einige Konjunkturgewitter. Unter seiner Federführung gedieh die Firma von einem anfänglichen Handwerksbetrieb zu einem kerngesunden, mittelstänclischen Unterneh- 60 men. Herr Sehmieder ging am 30. 6. 90 in den Ruhestand -mit einem Urlaubsgutha­ ben von ca.160 Wochen. Eine Ära mit einem Geschäftsführer der „alten Schule“ geht zu Ende. Seit 1977 ist Wilfried Hahn im Schon­ acher Werk. Als gelernter Wirtschaftsinge­ nieur und mehrsprachig kümmerte er sich wesentlich um die Einführung neuer Tech­ nologien und den Ausbau des Exportge­ schäfts. Seit dem Weggang des Herrn Sehmieder ist er alleiniger Geschäftsführer. Zu nennen sind weiterhin die vielen Fach­ arbeiter, Angestellten und Hilfskräfte, die der Firma treu gedient haben und auch heute ein wesentlicher Eckpfeiler für die ausge­ zeichnete �alität der Wiha-Produkte und damit den guten Ruf der Firma sind. Die Produkte der Firma Wiha sind im wesentlichen Schraubwerkzeuge und rück­ schlagfreie Schonhämmer. Daneben gibt es noch einige Auto-Spezialwerkzeuge und Werkzeuge nach Anfrage. (Bild) Unter Schraubwerkzeuge versteht der Volksmund den normalen Schraubenzieher. Das ist auch richtig. Im Fachjargon heißt es aber -Schraubendreher -Steckschlüssel -Bits für hand-und maschinenbetriebene Werkzeuge -Stiftschlüssel -Magazinschraubendreher. Die Schraubendreher selbst unterschei­ den sich in ihrer Spitze; und diese ist abhän­ gig von der Anwendung, d. h. der Schraube, die man damit drehen will. Da gibt es Schlitz-Schrauben, Kreuzschlitz-, Pozidriv-, 6kant-, TORX-Schrauben und vieles mehr. Wiha versteht sich als Spezialist für Schraub­ werkzeuge, d. h. für alle Schrauben hat Wiha den entsprechenden Dreher. Daß in solch einem Schraubendreher viel Technologie enthalten ist, merkt man erst so richtig, wenn man durch die Produktion geht. Da fallen einem gleich die modernen Automaten und CNC-gesteuerten Maschi­ nen auf.

Auf jeden Fall sind zu nennen die unter­ nehmerische Weitsicht in der Auswahl der Produkte, die richtigen Investitionen und das Geschick und der Fleiß aller Mitarbeiter. Wiha bildet aus in den Bereichen Indu­ striekaufmann, Werkzeugmechaniker und Kunststofformgeber und setzt so auf eigenen qualifizierten Nachwuchs. Eine weitere wichtige Säule im Erfolgs­ konzept ist der Vertrieb. Wiha-Werkzeuge sind gedacht für den professionellen Endverbraucher in der Indu­ strie und dem Handwerk. Über Eisenwaren­ und Werkzeughandel als qualifiziertem Fachhandel gelangen die Wiha-Werkzeuge zu diesem Endverbraucher. Wiha ist in der BRD im Fachhandel füh­ rend. Neben der Qualität der Produkte und dem breiten Sortiment schätzt der Händler besonders den exzellenten Lieferservice von Wiha. Darin ist Wiha auch alleinstehend. Ein Lieferservice von 99 OJo ist keine bloße Floskel, sondern „Evangelium“ bei Wiha. Im Auslandsgeschäft wurden die letzten Jahre starke Akzente gesetzt. So steigerte man den Exportanteil in den letzten Jahren von 10 auf heute 30 %. Die wichtigsten Länder sind Italien, Spa­ nien, Holland – generell gesagt – Westeu­ ropa. Niederlassungen bestehen in den USA, Spanien, England und Frankreich. Insge­ samt exportiert Wiha in 22 Länder. Ziel ist, einer der größten Hersteller von Schraubwerkzeugen in Europa zu werden. Die Zukunftsaussichten bei Wiha schei­ nen gut. Mit den Investitionen der letzten Jahre, dem Neubau in Mönchweiler und der Leistungsbereitschaft der Mitarbeiter, sind die Weichen gestellt. Die europäische und deutsche Vereini­ gung wird ihren Teil zum konjunkturellen Wachstum beitragen. Beides berechtigt zur Hoffnung auf eine gute Geschäftsentwicklung in der nahen Zukunft. Engelbert Walz 61 Produktpalette Investitionen in Maschinen und Anlagen werden bei Wiha groß geschrieben. Ein Kon­ zept, das die Firma wettbewerbsfähig hält. Im Werk Schonach sind untergebracht Das Schonacher Werk beschäftigt 195 Mitarbeiter, das Werk Mönchweiler 35. Die Tendenz ist steigend. Was hat diesen Betrieb bisher so erfolg­ reich gemacht? Wieso finden immer mehr Menschen bei Wiha ihren Arbeitsplatz? die Abteilungen: Fräserei Spritzerei/Druckerei Montage Lager Versand Technik/Werkzeugbau Verwaltung. Schleiferei Presserei Labor Härterei und eine kleine Verwaltung. Im Werk Mönchweiler befinden sich die

Emil Tritschler – ein Uhrmacher aus der guten alten Zeit Ein unscheinbares Haus im Schonacher Untertal, das nach außen hin nichts verrät von seinen verborgenen Schätzen. Ein älte­ rer Mann, 73 Jahre, öffnet nach dem Läuten die Tür und lädt zum Eintreten ein. Und da bleibt man zum ersten Mal mit Erstaunen stehen! Kaum eine Wandfläche, an der nicht eine Standuhr steht, nicht ein kleines freies Fleckchen, an dem nicht eine Uhr hängt; Bil­ qer vom Herstellungsort der ersten Schwarz­ walduhr, Uhrenteile, Schnitzereien und vie­ les andere mehr. Und hat man dann die steile Treppe zum ersten Stockwerk erklommen, an den Wänden auch des Treppenhauses Uhren und nochmals Uhren, so betritt man eine kleine Werkstatt, angefüllt mit Maschi­ nen, Handwerkszeug, Geräten, Ersatzteilen, Uhrwerken und wiederum Uhren; daneben Einzelteile, die gerade zu einer Waagbalken­ uhr zusammengebaut werden. 62 Wir befinden uns im Haus des Schon­ acher Uhrrnacherrnei ters Emil Tritschler, einem Handwerker aus echtem Schrot und Korn. Fast möchte es einem vorkommen, als sei er einer Legende entsprungen inmitten seiner mit Gerätschaften überfüllten Werk­ statt, in der wohl kaum ein altes Handwerks­ zeug fehlt, und in der fast kein Platz ist für sei­ nen Hocker an der Werkbank. Aus seinen Augen leuchtet Stolz auf sein Können, auf die Arbeit, die er verrichtet, ein Handwerker in unserer Zeit, aber dennoch schon fast ein Stück Vergangenheit. Lassen wir uns von ihm erzählen aus seinem Leben, aus seiner Jugend, dann kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus über das, was sich hinter diesem einfachen und anspruchslosen Mann verbirgt, der ein Könner in seinem handwerklichen Beruf ist, und der doch so gar nichts aus sich macht.

Wie zur damaligen Zeit üblich, besuchte er 8 Jahre die Volksschule in seinem Heimat­ ort Schonach. Seine &eie Zeit verbrachte er bei seinem Vater in der Hinterstube des elter­ lichen Hauses, einem Uhrmacher, der seinen Beruf wiederum von seinem Vater erlernt und übernommen hatte. Der Junge schaute ihm interessiert bei der Herstellung der Uhr­ werke zu und ging ihm auch dann und wann zur Hand; weniger aus Arbeitslust als aus Neugier. Die gefertigten Uhrwerke wurden einmal in der Woche in einer „Gräze“, einem Tragegestell auf dem Rücken, zum Bahnhof in Triberg gebracht und von der Mutter bei der Firma Mauthe in Schwenningen ver­ kauft. Diese Firma zahlte bar, und dies war in der damaligen Zeit außerordentlich wichtig. Durch den dauernden Umgang des Buben mit der Herstellung der Uhrwerke und deren Verkauf als Existenzgrundlage der Familie, wurde in ihm unbewußt das Interesse geweckt. Und so begann er nach dem Schul­ abschluß eine Lehre als Feinmechaniker bei der Firma Oskar Fleig in Triberg, wo zu dieser Zeit ebenfalls Uhrwerke hergestellt wurden. Der Beruf des Uhrmachers und der des Fein­ mechanikers waren damals von der Ausbil­ dung her kaum voneinander zu unterschei­ den. Fragt man Emil Tritschler, warum er gerade diesen Beruf erlernt hat, so erhält man zur Antwort: ,,Ich bin in diesem ,Gruschd‘ (altes Gerümpel) groß geworden und meine Eltern haben damit ihr Geld verdient!“ Unter der Woche lief in diesem feinmecha­ nischen Betrieb die normale Produktion der Uhrwerke, aber am Samstagnachmittag, wenn im Betrieb Ruhe eingekehrt war, wur­ den von seinem Meister und ihm für einen zusätzlichen Lohn von 5 Mark spezielle Muster für Uhrwerke angefertigt, und dabei, so berichtet Emil Tritschler, habe er mehr und auch das Besondere seines Handwerkes gelernt, was ihm später zugute kommen sollte. Dies war die Zeit, in welcher die Herstel­ lung der Uhrwerke, bedingt durch die immer größer werdende Nachfrage, mehr und mehr auf Massenproduktion umgestellt wurde. Die Anfertigung neuer und spezieller Muster war demzufolge für den Bestand und die Weiterentwicklung eines Betriebes von aus­ schlaggebender Bedeutung. Und dabei war Emil Tritschler in seinem Element! Der Krieg unterbrach seine berufliche Tätigkeit. Nach der Rückkehr aus der Gefan­ genschaft 1945 trat er wieder in den Betrieb des Oskar Fleig ein. Doch schon bald stellte sich die Frage, was nun eigentlich produziert werden sollte, da Uhrwerke derzeit nicht gefragt waren. Emil Tritschler war um eine Idee nicht verlegen: ,, Wir machen etwas, was die Bauern brauchen!“ Und dies waren Maulwurfsfallen. Nicht alle wurden auf dem heimischen Markt verkauft, so manche wurde gegen Butter eingetauscht. Als der Markt damit gesättigt war, wurden aus vor­ handenem Material Feuerzeuge hergestellt. Es folgte, und dazu waren zum ersten Mal nach dem Krieg wieder Aufträge eingegan­ gen, die Produktion von Schaltzylindern für die Post. In dieser Zeit übernahm Tritschler mehr und mehr die technische Leitung des Betrie­ bes, bis er zum Geschäftsführer avancierte mit 6 -8 Mitarbeitern und einigen Heimar­ beitern. Zunehmend aber stellte er fest, daß die Produktionsmethode dieses Betriebes not­ wendigerweise auch in die Massenproduk­ tion führte, und er spürte, daß das, was er jetzt tat, nicht mehr mit seinem handwerkli­ chen Können, mit seinem erlernten Beruf in Einklang zu bringen war. Und so begann er, sich mit dem Gedanken zu tragen, seine Anstellung als Geschäftsführer aufzugeben und in die Werkstatt seines Vaters zurückzu­ kehren, Uhrmacher zu werden und einen eigenen Betrieb zu gründen. Seine Frau, auf die er ganz besonders stolz ist und von der er immer wieder sagt, daß sie der eigentliche Initiator dieses Unterfangens gewesen sei, unterstützte ihn in diesem Vorhaben und begann selbst, als Mädchen für alles mitzu­ arbeiten, besonders was die Büroarbeiten betraf. Aus seinem Erzählen hört man heraus, daß er zwar ein wenig Angst hatte, die Werk- 63

statt seines Vaters als seinen eigenen Betrieb weiterzuführen, aber es lief doch besser, als er dachte, zumal er von den Burger-Fabriken in Schonach, wo man ihn als Könner auf sei­ nem Gebiet schätzte, den Auftrag zur Her­ stellung von Mustern bekam, wie er dies an den Samstagnachmittagen in seinem Lehr­ betrieb bereits getan hatte. Und damit war er wieder in seinem Element, sein handwerk­ liches Können unter Beweis zu stellen, zu basteln und zu tüfteln, lange gehegte Pläne und Ideen in die Tat umzusetzen. Vieles hatte er bisher bereits gearbeitet, aber seine jetzige Tätigkeit betrachtete er unter dem Gesichtspunkt, seine besonderen Fähigkei­ ten zu verwirklichen, nicht nur das zu zäh­ len, was unter dem Strich herauskommt, sondern die größte Befriedigung darin zu fin­ den, gute Arbeit zur Zufriedenheit seiner Kunden zu leisten. Die Anfertigung der Muster brachte ihm so viel ein, daß er, wieder auflnitiative seiner Frau, von ca. 1950 an begann, selbst Uhr­ werke herzustellen, um damit zu einer gesi­ cherten Selbständigkeit zu gelangen. Er ver­ suchte sogar, kleinere Exportaufträge anzu­ nehmen, aber seine Firma war eben doch zu klein, um voll in das Exportgeschäft einzu­ steigen. Es gab dafür aber noch einen ande­ ren Grund, der oben bereits angeklungen war: einen Betrieb der üblichen Art wollte er nicht, er wollte Bastler, T üftler bleiben und sich nicht einengen lassen durch eine maschinell ablaufende Produktion. Und, es darf vorweggenommen werden, er hat dies bis zum heutigen Tag durchgehalten und verwirklicht. Alles, was er anfing, alles, was er in die Tat umsetzte, geschah aus Interesse am Werkstück, aus Liebhaberei. Er blieb in sei­ nem Betrieb ohne Mitarbeiter, beschäftigte nur wenige Heimarbeiter, denn ein Tüftler, wie er es ausdrückte, verwirklicht seine Ideen viel lieber allein! Zu diesem Betrieb, den er trotz seines hohen Alters immer noch, wenn auch in beschränktem Maße, weiterführt – den Gedanken an ein Rentnerdasein weist er noch von sich – sagt er voller Stolz: „Tritschler macht gute Uhren, schöne 64 Waagbalkenuhr Uhren, aber man bekommt nie, was man bestellt – immer zu wenig!“ Was aber sind das für Uhren, die er her­ stellt? Es ist die Waagbalkenuhr, nach Tritschler eine der echtesten Uhren, in sämt­ lichen Teilen, auch die Räder, original in Handarbeit und fast vollständig aus Holz gefertigt, allerdings nur in kleinen Stückzah­ len. Der Name der Uhr rührt von der „Waag“ her, dem Gangregler, ein in waagrechter Ebene schwingender Holzbalken, der an sei­ nen Enden Einkerbungen trägt, damit die 2 Gewichte zur Regulierung der Schwingun-

gen verschiebbar eingehängt werden kön­ nen. Steine, ca. 1200 -1300 g schwer, in den Flüssen gesucht, auf Form sortiert und mit eingebohrtem Haken als Aufhänger – übri­ gens einem Echtheitsmerkmal – finden als Gewichte Verwendung. Damit erfolgt der Antrieb der Uhr, da die Gewichte, an einer Schnur hängend, über die Schnurnuß als Triebkraft auf das Walzenrad wirken. Die ganze Uhr ist dem Original so vorbildgetreu nachgearbeitet, daß Original und Nachbil­ dung nur schwer zu unterscheiden sind. Es war von Anfang an T ritschlers Wunsch, eine Uhr in all ihren Teilen selbst herzustel­ len, was ihm mit der Waagbalkenuhr gelun­ gen war. Diese Uhr wurde ein Marktschlager! Als die Nachfrage immer größer wurde, es war die Zeit des Export-Booms, bot man ihm an, die Produktion dieser Waagbalkenuhr in Holz einzustellen, um den Weg frei zu machen für einen Nachbau in Plastik. Dies wurde gegen seinen Willen auch ausgeführt, und ihm blieb nichts anderes übrig, als seine Produktion auf Schilderuhren umzustellen. Das war für ihn die schwerste Zeit seines Lebens! Aber das Pendel schlug bald wieder zurück! Der Erfolg der Plastikuhr als Ver­ kaufsschlager blieb aus, und bald kamen die Kunden wieder zu ihm, um die echte, hand­ gefertigte Holz-Waagbalkenuhr zu erstehen. Blicken wir uns nun in seiner Werkstatt um! War man schon beim Anblick nur des Raumes in Erstaunen geraten, dann jetzt noch viel mehr, wenn man die Einrichtung bewußt im Detail betrachtet. Da stehen die alten Maschinen, dort ist das alte Hand­ werkszeug und -gerät aufgehängt oder unter­ gebracht, mit dem Emil Tritschler heute noch arbeitet. Wenn Besucher diese Werk­ statt betreten, hört man sie erstaunt ausru­ fen: ,Ja, gibt es denn noch so etwas, das ist wie in einem Museum!“ Und so ist es tatsäch­ lich, ohne Übertreibung. Zum einen hat er die alten Maschinen und Werkzeuge von sei­ nen Vorfahren übernommen, zum anderen, und das sagt er so: ,, … bin ich ein Sammler meines Berufes, voller Leidenschaft, ohne Kompromisse. Ich habe fast alles lasterhaft zusammengekauft, ich war der Sammler von allem, was andere verachtet haben, beson­ ders in den Jahren der Hochkonjunktur!“ Immer, wenn in der Zeitung von einer aufzu­ lösenden oder zu verkaufenden Uhrmacher­ werkstatt zu lesen war, war er einer der ersten, der kam, um Maschinen und Geräte auf­ zukaufen. Das waren Räderfräsmaschinen, Abrundmaschinen, Rolldrückbänke und anderes mehr. So kam Stück für Stück zusammen, ein Liebhaber wie er konnte nicht mitansehen, wie alte Maschinen und Werkzeuge verkommen. Und mit ihnen übt Emil Tritschler noch immer seinen Beruf aus, tagaus, tagein stellt er seine echten, kleinen handgefertigten Werke in Form der Waagbalkenuhr her. Er ist stolz auf seine meisterliche Arbeit, und er darf es auch sein; er geht gewissenhaft und ehrlich, trotz seines hohen Alters, seinem Beruf nach, er tut seine sich selbst auferlegte Pflicht, ohne darüber hinausreichenden Ehr­ geiz. Er tut dies aber auch, um die alten Ideale eines in den 30er Jahren erlernten Handwerks hochzuhalten. Werner Hamm So begann – mancher Tag begann mit einem Ziel, das die Ungeduld aus den Augen verlor – Erst in der Nacht war es für drei oder vier gezählte Pulsschläge unerreichbar nah. Jürgen Henckell 65

Im Steinbruch der Firma Riegger in Klengen Großbagger mit Ladeschaufel Die Sicherung und Bereitstellung von preisgünstigen Rohstoffen ist eine Aufgabe, die sich vordringlich für die heimische Bau­ wirtschaft stellt. Schon vor über 60 Jahren war es dem Bad Dürrheimer Unternehmer Karl Riegger, einem Sohn des Lindenwirts in Marbach, ein Anliegen, Kies und Schotter­ materialien zu gewinnen und aufzubereiten. So wurde bereits in den 30er Jahren im Steinbruch an der B 33 zwischen Marbach und Bad Dürrheim Muschelkalk-Gestein abgebaut. Pferdefuhrwerke brachten anfangs das aufbereitete Material, Schotter, Splitt und Sand, zu den Baustellen der näheren Umgebung. In der frühen Nachkriegszeit konnte süd­ lich von Villingen, in der Nähe des Um­ spannwerkes Laufenburg, ein Kieswerk eröff­ net werden, das den Bedarf an Betonkies und Sand abdeckte. Über lange Jahre wurde der 66 Kiesbedarf für den Raum Villingen und Umgebung aus dieser Grube gewonnen. Der mit Weitblick agierende Unterneh­ mer Riegger heimste sich sehr bald den Spitz­ namen „Sand-Karle“ ein und war in Stadt und Land wohlbekannt. Ein weiterer Abschnitt dieses Unterneh­ mens war die Wiederinbetriebnahme des Steinbruches an der B 33. In einem dem Fort­ schritt angepaßten Werk und unter Einsatz von Bagger und Lkws wurde die Gewinnung des Schottermaterials fortgesetzt. Die Bahn­ linie Villingen – Schwenningen stellte eine Abbaugrenze dar, was auch in späteren Jah­ ren zur Stillegung dieses Betriebes führte. Rechtzeitig war der Steinbruch des ehe­ maligen Kalkwerkes der Firma Stottmeister in Klengen aufgekauft worden, so daß nach der Erstellung eines leistungsfähigen Werkes die Produktion in verstärktem Umfange

erfolgen konnte. Der Abbau des Felsgesteins wurde durch Großbohrloch-Sprengungen vorgenommen. Das Material wird mit Bag­ ger geladen und mit Muldenkipper zum Werk gefahren. In das Lieferprogramm wurde die Herstellung von Mineralbeton aufgenommen. Dies ist ein Sand-, Splitt-und Schottergemisch, das Verwendung im quali­ fizierten Straßenbau findet. In der Zwischen­ zeit waren die Entscheidungen dem Sohn des Unternehmers und Nachfolger Helmut Riegger übertragen. Das Liefergebiet konnte auf den Bereich des heutigen Schwarzwald­ Baar-Kreises ausgedehnt werden. Die Anlage selbst, samt Maschinen und Geräte wurden immer wieder neuen Aufbe­ reitungstechniken angepaßt. Einen Höhe- punkt erreichte man mit der Anschaffung des ersten in Deutschland ausgelieferten Großbaggers mit Ladeschaufel vom Typ „Liebherr 994″. Dieses Gerät wurde im Juni 1990 unter Anwesenheit vieler Gäste, anläß­ lich eines Tages der offenen Tür, feierlich an den Firmenchef Helmut Riegger übergeben. Der 220 Tonnen schwere Koloß erhielt den Namen „Gigant“. Mit einer Reißkraft von 90 Tonnen und einem Löffelinhalt von 8,8 Kubikmeter ist er allen Anforderungen gewachsen. Der Bagger wird von einem 1000 PS starken Diesel-Motor angetrieben. Der anstehende Fels wird seither ohne Sprengarbeiten gelöst. Dies stellt einen Bei­ trag zu einer die Umwelt schonenden Abbauart dar. Max Hirt Riettor Villingen Aquarell: Rudolf Heck 67

Wirtschaftsgeschichte Von der Saline zum Kurort Wie es zur Entdeckung der Salzlager kam Ein Beispiel dafür, wie das Auffinden eines seltenen Bodenschatzes die Struktur einer Gemeinde nachhaltig und in die weite Zukunft hinein völlig verändern kann, ist das zu Anfang des 19. Jahrhunderts kleine Bau­ erndorfDürrheim. Salz war im Großherzog­ tum Baden in jener Zeit ein teures, weil selte­ nes Gut; es mußte eingeführt werden. Die erste Vermutung, daß man in Dürr­ heims Tiefen auf Salz stoßen würde, äußerte Konrad Heby gegenüber dem Amtmann der Johanniterkommende Villingen, Joseph Willmann. Heby kam 1780 als Sohn des Vil­ linger Küfers Silvester Heby und seiner Ehe­ frau Magdalena geb. Schleicher zur Welt. Er erlernte das Schreinerhandwerk, war begabt für verschiedenste Handfertigkeiten wie Metall gießen und gravieren. So wurde ihm 1810 die Fertigung der Siegel für das Groß­ herzogliche Bezirksamt und die Orte des ganzen Amtsbezirks übertragen. Seine Pas­ sion galt aber der Geognosie (Geologie) und Mineralogie. In der Bibliothek des Benedik­ tinerklosters Villingen durfte der junge Heby einschlägige Literatur studieren und konnte dadurch viel Wissenswertes für seine Nei­ gungen erfahren. Gleich in den Anfangsjah­ ren des 19. Jahrhunderts regte Heby die Aus­ beutung eines Gipsbruches an, dessen Gelände vor dem Kapfwald bis in die dreißi­ ger Jahre allgemein zugänglich war. Am 18. April 1806 erhielt Heby einen Schürfbrief und schloß zum Zweck des Betriebs einer Gips-und Mahl-(Mehl)Mühle am 30. April 1806 mit dem Johanniteramtmann Will­ mann und den Villinger Bürgern Karl Magnon und Joseph Neugart einen Gesell­ schaftsvertrag ab. Heby äußerte schon zuvor bei seinen Gesprächen mit Willmann: ,,Der 68 Joseph Wil/mann, Amtmann der johanniter­ Kommende Villingen (Ölgemälde in den Städt. Museen Villingen) Gipsbruch ist nicht die Hauptsache. Unter ihm liegt ein Schatz von unberechenbarem Werte verborgen. Hier glaube ich Salz zu finden.“ Im Juni 1806 erhielten die Gesellschafter zur Erleichterung der Baukosten für die Mühle das Tafern Recht (Taverne, Wirts­ haus). Als Willmann im September gleichen Jahres von Heby und Neugart 3000 Gulden an Baukosten erbat, erklärten beide, daß es ihnen nicht möglich sei, die Mittel aufzu­ bringen und verzichteten auf ihren Anteil

Gesamte Salinenanlage, Stand 1929, neuer Kurpark rechts oben am Fruchtmühlwerk und am Gebäude. Die Verpflichtung für das Gipsmühlwerk blieb jedoch bestehen. Zur damaligen Zeit brach­ ten die Bauern gemahlene Gipssteine als Dünger auf ihre Felder. Willmann führte den Mühlenbau mit Wirtshaus zu Ende. Dem Wirtshaus gab er den Namen „Zum Goldenen Löwen“. Die politischen Geschehnisse, die Napo­ leon in Europa auslöste, waren recht ungün­ stig, um die Vermutung des Konrad Heby auf Salzvorkommen weiter zu verfolgen. Im Zuge der Neuorganisation der badischen Verwaltung wurde Dürrheim mit Erlaß vom 5.Mai 1807 dem Bezirksamt Villingen zuge­ wiesen; Villingen selbst wurde zum Sitz des Donaukreis-Direktoriums erhoben. Dieser Behörde gab Willmann im Jahre 1810 einen Bericht und begründete darin die Vermu­ tung, daß in Dürrheims Boden Salz zu fin­ den sei. Er bat, die Großherzogliche Regie­ rung davon in Kenntnis zu setzen. Im glei- chen Jahr schickte die Regierung den für Bergwerk-und Salinengeschäfte zuständigen Referenten nach Dürrheim, um Untersu­ chungen anzustellen. Geheimer Referendar Volz, dem dieser Auftrag zuteil wurde, kam dem Ziel, ein Salzvorkommen zu entdecken, nicht näher. Es war Willmann, der in den Jahren 1811 bis 1822 dieses Ziel weiter verfolgte und sich durch die wenig aussichtsreichen Resultate von Volz nicht entmutigen ließ. Am 17. April 1818 schrieb Willmann an den Entdecker der württembergischen Salzlager, Professor Karl Christian von Langsdorf. Er beschrieb aus­ führlich den ausgedehnten Gipssteinflöz unter Dürrheim, verwies auf die salzhaltigen Gipssteine, die im Lande Württemberg zur Aufspürung der Salzlager geführt hatten und beendete den Brief mit folgenden Worten: „Wären wir so glücklich, für unser ohnehin salzarmes Land ein Salzwerk zu ergründen!“ Diesesmal hatte Willmann die entschei-69

dende Verbindung hergestellt. Nach drei Wochen antwortete von Langsdorf. Er schrieb ihm, daß Volz den „etwa anzustel­ lenden Versuchen auf Sole nicht günstig“ war und er schon seit sieben Jahren auf„eine beinahe zudringliche Weise“ solche Versu­ che empfohlen habe. Von Langsdorf kannte Dürrheim und hatte den Schwarzwald schon früher bereist; er gab dem Finanzministe­ rium von Willmanns Brief Mitteilung. Im Jahre 1920 gab der Fürstlich Fürsten­ bergische Bergrat Selb einen Bericht über seine Reise im oberen Schwarzwald heraus, worin er Dürrheim als einen Salz oder Sole versprechenden Ort bezeichnete. Diese Ver­ mutung war eine Rose, die er im Garten des Herrn Willmann gepflückt hatte, wie Steiger in seiner 1910 erschienenen Schrift „Dürr­ heim und seine Saline“ feststellte. Langsdorf verweist auf die von Selb erst nach wirklicher Erbohrung des Steinsalzes angegebenen geo­ gnostischen Bestimmungsgründe und dar­ auf, daß man fündig geworden wäre, wenn man „ohne weiteres sogleich Herrn Will­ manns Rat befolgt hätte“. Als Mitglied deutscher und ausländischer wissenschaftlicher Gesellschaften genoß Professor Karl Christian von Langsdorf internationales Ansehen. Mit seinem fünf­ teiligen Werk „Vollständige Anleitung zur Salzwerkskunde“ und zahlreichen Veröf­ fentlichungen zu mathematischen und phy­ sikalischen Problemen schuf er Grundlegen­ des für die Wissenschaft. So war es nahe­ liegend, daß die Großherzogliche Regierung im Frühjahr 1920 ihn beauftragte, das badi­ sche Oberland zur Auffindung von Sole zu bereisen. Der 63jährige von Langsdorf wollte zur Bereisung einen weiteren Fachmann mit­ nehmen, was zunächst schwierig verlief. Nachdem er im Herbst 1920 einige Bemer­ kungen zum Bericht des Bergrat Selb veröf­ fentlicht hatte, erhielt er von der Regierung den Auftrag, mit Selb die Bereisung vorzu­ nehmen. Mit Brief vom 30. März 1821 drängte Will­ mann erneut Langsdorf in Dürrheim nach Salzvorkommen zu suchen. Bereits am 4. 70 April antwortete Langsdorf und verwies auf die geplanten Bohrversuche am Kocher bei Heilbronn; erst danach im Folgejahr könne aus zeitlichen und personellen Gründen die Reihe an das Oberland kommen und fügte zweifelnd an, ob zuerst in Dürrheim sei frag­ lich. Langsdorf hielt den Bereich um Nieder­ eschach für geeigneter. Dem beharrlichen Streben Willmanns gab er jedoch eine Chance, als er in seinem Brief weiter aus­ führte: ,,Doch könnten Sie vielleicht dazu beitragen, daß auch ich zuerst auf Dürrheim anträge; wenn Sie uns nämlich gegen eine Vergütung von 80-100-120 fl (Florin=Gul­ den) ein Gebäude … anweisen könnten, das zur Anlage der Bohrmaschine und einer Schmiede Raum genug darböthe.“ Will­ mann konnte diese Voraussetzungen rasch erfüllen. Er hatte zu dieser Zeit die Scheuer eines Dürrheimer Bauern unter Verwaltung. Jetzt folgten die Ereignisse sehr schnell. Schon am 9. April erschienen Bergrat Selb und Gustav v. Langsdorf, ein Sohn des bekannten Salinisten, bei Willmann und eröffneten ihm, daß auf allerhöchsten Befehl sofort Bohrversuche angestellt werden müs­ sen. Für Willmann eine befreiend glückliche Stunde. Von Langsdorf eilte nach Dürrheim, ließ seinen besten Bohrarbeiter dorthin kommen und traf alle Vorbereitungen für den Bohrbe­ ginn. Am 21.Juni 1821 konnte mit dem ersten Bohrversuch begonnen werden. Die Stelle befindet sich in der sogenannten Sonnen­ anlage, neben dem früheren Gasthaus „Zur Sonne“, jetzt Standort der Kurklinik „Irma“. Seit 1929 liegt an dieser Stelle ein Gedenk­ stein. Die ersten Suchbohrung dauerte acht Monate, bis man endlich am 22. Februar 1822 auf die erste, aber erfolgversprechende Spur eines Salzlagers stieß. Wenige Tage dar­ auf schrieb Willrnann an v. Langsdorf: „Glück auf! Vom 25. auf den 26. Februar wurde in der Tiefe von 375 Fuß (ca. 116 Meter) auf ein ziemlich starkes Salzlager gebohrt, welches nach sogleich angestellter (Siede-)Probe ein vorzügliches Kochsalz

Gewölbekeller für die Ifannenheizung mit ursprünglich Holz und Torf, später mit Steinkohle Auszug von Salz aus der Pfanne und trocknen und lagern auf dem Ifannenmantel 71

resultierte, und erstattete unter Beilegung eines Salzmusters Bericht an das Großher­ zogliche Ministerium des Innern vom 28. Februar.“ Für das Großherzogtum war ein großer Schatz gefunden. Für Willmann, der sich für die Bohrungen am eifrigsten eingesetzt hatte, war die Uhr abgelaufen; er wurde ange­ feindet und verleumdet. Zwar bezeugte ihm v. Langsdorf in einer schriftlichen Darstel­ lung vom 7. März 1822, daß er als erster die Suche in Dürrheim nach Salzquellen emp­ fohlen habe, doch es half nichts. Selb nahm das Verdienst für sich in Anspruch und wurde mit dem Zähringer Löwenorden dekoriert. Willmann wurde sogar am 16. April 1822 jede Einmischung in das Bohr­ und Salinengeschäft untersagt; die Großher­ zogliche Verwaltung versetzte ihren Gefäll­ verwalter nach St. Blasien, wo er am 5. Dezember 1825 verstarb. Konrad Heby, des­ sen Spürsinn schon 15 Jahre vor Bohrbeginn in Dürrheims T iefen Salz vermutete, erlebte den Beweis der Richtigkeit nicht mehr; sein Leben endete 1816 tragisch in Villingen. Der Aufbau einer großflächigen Salinen­ anlage ging mit erstaunlichem Fortschritt vonstatten. Professor von Langsdorf entwarf im Auftrag von Großherzog Ludwig ein Gesamtkonzept und legte einen Kostenvor­ anschlag mit 226 000 f1 vor. Die Planung enthielt fünf Siedehäuser samt 10 Siede­ pfannen, fünf Salzmagazine, drei Solebehäl­ ter, fünf Bohrlöcher mit Einrichtung, ein großes Haus mit Windmühle, eine Schmie­ de, die Soleleitung, zwei Verwaltungsge­ bäude, Wohnhäuser für Beschäftigte und kleinere Baulichkeiten. Das Siedehaus I war schon elf Monate nach Auffindung des Salz­ lagers fertiggestellt; mit einer kleinen Feier wurde am 16. Januar 1823 der Betrieb eröff­ net. Architekt der Salinenanlage war der Militärbaudirektor Karl Friedrich Arnold. Er baute im Stil seines Onkels und Lehrers, des Großherzoglichen Baudirektors Friedrich Weinbrenner. Zurecht spricht man bei der Saline vom „Weinbrennerstil“. Zu Ehren Arnolds wurde der kleine Saal im neuen 72 Haus des Bürgers, früher Siedhaus III, nach ihm benannt. August Heinrich Freiherr von Althaus wurde 1823 mit 32Jahren zum Vorstand der neugegründeten Saline ernannt. Als junger Offizier hatte er an Napoleons Feldzug gegen Rußland teilgenommen; auf dem dra­ matischen Rückzug mußten 1812 badische Truppen den Brückenkopf über die Beresina für den Rest des rückflutenden Heeres frei­ kämpfen, dabei stand Althaus entscheidend im Brennpunkt. Von Napoleon erhielt er das Kreuz der Ehrenlegion und den Titel „Capi­ tain“ verliehen. Für den Aufbau der Saline hat Althaus tat­ kräftig gewirkt. Er war ein Glück für die junge Saline. Zur langfristigen Sicherung der Salz­ produktion wurden in seiner Amtszeit die zusätzlichen Bohrungen III, N, V und VI niedergebracht; die bereits begonnene Boh­ rung II wurde zu Ende geführt. Sein Eifer, seine Entschlossenheit und seine Mensch­ lichkeit ließen sein Andenken bei Mitarbei­ tern und Einwohnern viele Jahrzehnte lebendig bleiben. 1843 ging Althaus nach Freiburg. Die philosophische Fakultät der Universität Freiburg verlieh ihm später den Doktorgrad „honoris causa“. In den ersten Jahren des Salinebetriebes und in den folgenden Jahrzehnten stieg die Einwohnerzahl spürbar an. Zählte der Ort anfänglich 560 Einwohner, so waren es 1834 schon 645 zuzüglich 207 Bewohner im Sali­ nenbereich. Die Veränderungen brachten dem damaligen Vogt Josef Grießhaber (ein direkter Vorfahre von Fritz Grießhaber) allerhand Probleme. Der Salinenbetrieb gab aber auch manchem Arbeit und Brot, zumindest aber einen Zuverdienst zur Land­ wirtschaft. Eine Tabelle aus dem Jahre 1856 nennt die Zahl der ständigen Mitarbeiter der Saline mit 83 und beziffert die Zahl deren Familienmitglieder mit 281. Die Lohnverhältnisse der damaligen Sali­ nearbeiter waren nicht ehr günstig. Die Sie­ der im Siedhaus I (ehemals längs der Bahn­ hofstraße und 1933 abgebrochen) erhielten für 100 Zentner feinkörniges Kochsalz den

Betrag von 5 Gulden. Im Siedhaus II (seit 1977 Haus des Gastes) konnten die Sieder nur von einer Seite ausziehen; sie erhielten wegen dieser Erschwernis 18 Kreuzer mehr. Der Lohn im Siedhaus III (seit 1990 Eröff­ nung als Haus des Bürgers) betrug für die Sie­ der 5 Gulden und 6 Kreuzer. In dem Sied­ haus, in welchem am meisten Salz erzeugt und am wenigsten Holz verbraucht wurde, zahlte die Saline eine monatliche Prämie von 11 Gulden. Das war ein wirksamer Ansporn für die damalige Zahl von 33 Siedern. Das genannte Entgelt kam zum Jahreslohn von 250 Gulden. Die jährliche Besoldung des Salinevor­ standes belief sich aufl600 Gulden, der Kas­ sier erhielt 1200 Gulden, der Werkmeister 550 Gulden, ein Schicht-und Holzschreiber 350 Gulden, ein Wagenschreiber 350 Gul­ den, ein Schmied erster Klasse 400 Gulden, ein Schmied zweiter Klasse 360 Gulden, vier Obersieder je 300 Gulden mit freier Woh­ nung und Garten. Als im Jahre 1898 das ver­ größerte Handmagazin fertiggestellt war, Glätten von Vieh- und Gewerbesalz. im Siedhaus erhielt jeder Mann fünf Glas Bier für 50 Pfen­ nig, zwei Würste mit Kartoffelsalat für 40 Pfennig, zwei Zigarren für 10 Pfennig, macht zusammen 1 Mark. Analysiert wurde die Sole des Bohr­ loches I in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts von Geheimrat Professor Dr. Bunsen. Er ermittelte einen Chlor­ natriumgehalt von 25,5 Prozent. Die Saline führte weitere Bohrungen durch, zuerst im Geländebereich zwischen Gasthof „Blume“ und dem Salinensee nahe der Friedrichstraße. Diese Bohrungen VII und VIII brachten viele Wassereinbrüche mit der Folge, daß die Dorfbrunnen versieg­ ten. Eine üble Einbuße für Einwohner und Tierhalter. Beschwerden der Gemeinde bei der Saline folgten; die empörten Bürger schlugen an den Baulichkeiten die Scheiben ein. Schließlich wurden die Bohrungen ein­ gestellt und neue Bohrhäuser, gleichfalls mit der Numerierung VII und VIII beim Holz­ lagerplatz der Saline, jetzt Sportzentrum, errichtet und die Bohrungen bis zur Tiefe 73

von 175 Meter im Jahr 1896 vorgenommen. Bereits im Jahr 1895 bohrte man an der Lui­ senstraße die Nr. IX und 1897 die Nr. X; die letztgenannte Bohrung ist mit 209,3 Meter die bisher tiefste. Vereinzelt wurden schon 1830 Solbäder genommen, ab 1834 durfte Sole auf ärztliche Anordnung an Mitarbeiter der Saline unent­ geltlich abgegeben werden. Zuvor wurde Sole durch Sieden ausschließlich zu Salz ver­ arbeitet. Erst im Jahr 1851 eröffnete die Saline im Bohrhaus IV mit drei Badezellen den all­ gemeinen Badebetrieb; die Zahl der Zellen wurde im Jahr darauf um 4 vermehrt. Die Zahl der abgegebenen Bäder stieg so schnell an, daß das Badehaus II im römischen Stil errichtet und 1862 der Öffentlichkeit überge­ ben werden konnte. Auch die Einrichtung eines Dampfbades und eines lnhalationska­ binetts im Siedhaus II fällt in jene Zeit. Im Jahre 1883 wurde auflnitiative von Großher­ zogin Luise das Kindersolbad als Heilstätte für Kinder errichtet. Der allgemeine Kur­ betrieb kam langsam in Schwung. Erst Ende des 19. Jahrhunderts entstanden die Grund­ lagen zum Aufbau eines großen modernen Bades. Das Ort bild veränderte sich vorteil­ haft durch die mit großem Geldeinsatz vor­ genommene Korrektur der „Stillen Muse!“. Es folgten die Einrichtung einer öffentlichen Wasserversorgung und eines Elektrizitäts­ werkes. Die Badeanstalten wurden den neue­ sten Bedürfnissen angepaßt. Alle diese lnfrastrukturmaßnahmen führte die Saline durch. Außerdem wurden die Grün- und Parkanlagen verbessert und erweitert und mit bequemen Promenadewegen durchzo­ gen; die schönen Aussichtspunkte mit Schutzhütten und Pavillons gekrönt. Für die Unterhaltung der Kurgäste sorgte der Kur­ verein durch Anstellung einer guten Kapelle und Veranstaltungen verschiedenster Art. Großes Lob ist dem Kurverein und dessen Gründer, Medizinalrat Johann Georg Huber, zu spenden, der in richtiger Erkennt­ nis der Zukunft des Solbades vielfältige Ini­ tiativen einbrachte und alle Mittel zur Hebung des Fremdenverkehrs aufwandte. 74 Viele neue Einrichtungen wurden geschaf­ fen. Im Bereich des heutigen Kurhauses ent­ standen zwei Tennisplätze, Boote wurden auf dem Salinenweiher ausgesetzt und eine Reihe neuer Spazierwege angelegt. In den Jahren 1900 bis 1901 wurde an das Salinewirtshaus (früher „Goldener Löwen“) das prächtige Kurhaus, das heutige Kurheim und Sanatorium, angebaut; damals in bau­ licher und badtechnischer Hinsicht als „Musteranstalt“ bezeichnet. Die jetzt noch vorhandenen Baulichkeiten bieten manche Kostbarkeit aus der Jugendstilzeit. Gleich­ falls um die Jahrhundertwende eröffnete das Hotel „Kreuz“. Hübsche kleine Hotels, Vil­ len, Pensionen und Privatunterkünfte folg­ ten in beachtlicher Zahl, die neben der vor­ handenen Gastronomie am Kurbetrieb ihren Anteil hatten. Dazu gehören das Gast­ haus „Zur Sonne“, ,,Hotel Viktoria“; Gast­ hof „Zum Rößle“, Gasthof „Zur Krone“, Gasthof „Zur Hirschhalde“, die Gastwirt­ schaften „Zum Adler“, ,,Zum Schwert“, ,,Zum Engel“, ,,Zur Traube“, ,,Limberger“ und „Meßmer“, ferner die Pensionen „Bäu­ erle“, ,,Heinemann“, ,,Rheiner“. Nach der offiziellen Statistik des Kurvereins stellte Dürrheim im Jahre 1909 insgesamt 641 Zim­ mer mit 877 Betten dem Kurbetrieb zur Ver­ fügung. So ist neben privater Initiative vor allem durch die Saline aus dem bäuerlichen Dürrheim in wenigen Jahrzehnten ein wirk­ liches BAD DÜRRHEIM geworden. Die Saline beging ihr lOOjähriges Betriebs­ jubiläum 1923 mit einem großen Fest, das mit einem Heimattag und Trachtenfest viele Gäste nach Bad Dürrheim brachte. Der far­ benprächtige Festumzug erfreute Einwoh­ ner und Gäste. In den Abendstunden bot der Gesellenverein im früheren Gipsbruch, wo zur Zeit Hebys und Willmanns Gips abge­ baut wurde, das Theaterstück „Wallensteins Lager“. Als Statisten kamen von der Reichs­ wehr aus den Kasernen in Donaueschingen 25 Mann nach Dürrheim; für die Darstellung des Lagerlebens erhielten sie ein Faß Bier. In der Zeit von 1919 bis 1951 leitete Bergrat Fritz Kirchenbauer die Saline. Er traf einen

Siedehaus veralteten Betrieb an und suchte nach Kräf­ ten das Unternehmen wieder voranzubrin­ gen. Kirchenbauer ließ in den Jahren 1930- 31 ein großes neues Siedhaus mit einem 80 Meter hohen Schornstein errichten. Die alten Siedhäuser wurden danach entbehr­ lich. Siedhaus I ist 1933 abgebrochen wor­ den, Siedhaus II bekam eine neue Verwen­ dung als Salzmagazin, Siedhaus III gab den sogenannten Handwerkerbau mit Schlosse­ rei, Schmiede, Malerei, Elektrowerkstätte u.a.m. Kriegsgefangene Franzosen und Russen ersetzten während des Zweiten Weltkrieges die zur Wehrmacht eingezogenen Arbeiter. Es ist wohl den vielen Lazaretten zu verdan­ ken, daß die Salinenanlagen vor Zerstörung verschont blieben. Nach dem Krieg ver­ langte die französische Besatzungsmacht von der Saline Salzlieferungen; um Salz zu sieden, wurde aber dringend Steinkohle benötigt, die es in Deutschland zu dieser Zeit fast nicht gab. Die Franzosen organisierten das benötigte Heizmaterial. Da es auch an Arbeitskräften fehlte, holten die Franzosen deutsche Kriegsgefangene zur Arbeit aus dem Lager Tuttlingen. Salinendirektor Re- gierungsoberbaurat Fritz Kirchenbauer trat 1951 in den Ruhestand. Auf ihn folgte Diplom-Ingenieur Otto Gern bis 1966. Nach Verhandlungen mit dem Land durch die Gemeinde wurde im Frühjahr 1958 zur Kommunalisierung des Kurbetriebes die Kur- und Bäder GmbH gegründet. Bürger­ meister und Kurdirektor Weissenberger wurde Geschäftsführer der Gesellschaft. Die Gemeinde übernahm den gesamten Bade­ und Kurmittelbetrieb von der Saline und am 19. Juli gleichen Jahres das vom Land Baden-Württemberg erbaute Kurmittelhaus. Damit war eine neue Epoche in der Entwick­ lung des Heilbades angebrochen. Der Betrieb der öffentlichen Wasserver­ sorgung ging 1963 von der Saline auf die Gemeinde über. In den Jahren 1903–04 hatte die Saline eine mustergültige Hochdruck­ wasserversorgung erbaut. Hauptlieferant des Wassers war die Entenfangquelle des Fürst­ lich Fürstenbergischen Hauses, die 1970 von der Gemeinde käuflich erworben werden konnte. In den Jahren 1905–06 ließ die Saline ein Elektrizitätswerk errichten. Seine Kapazität reichte aus, um bis 1926 die Saline und den 75

Ort Dürrheim mit Strom zu versorgen. Zur Stromerzeugung wurde eine kohlebeheizte Kolbendampfmaschine verwendet. Der zu­ nehmende Strombedarf gab Anlaß zu zu­ sätzlichem und später sogar überwiegendem Strombezug vom Kraftwerk Laufenburg. Die elektrotechnischen Bedürfnisse erforderten 1956 die Umstellung des Gleichstrom-Orts­ netzes auf Wechselstrom. Eine Notwendig­ keit zur Förderung von Gewerbe und Indu­ strie. Die Saline veräußerte das Ortsnetz 1972 an das Kraftwerk Laufenburg, das Gebäude wurde 1978 abgebrochen. Die Gewinnung von Salz in Siedepfannen war im Vergleich zum Vakuumverfahren nicht mehr rentabel. So wurde am 31. März 1972 die Saline Dürrheim, wie auch die in Rappenau, stillgelegt. Nach 150 Jahren war das Ende des für Dürrheim bedeutenden Betriebes gekommen. Die Gemeinde erwarb den Kern der vorhandenen Salinenanlagen. In den Verwaltungsgebäuden befindet sich heute die Stadtverwaltung; Siedhaus II wurde 1976-77 zum Haus des Gastes, Sied- haus III von 1988-90 zum Haus des Bürgers umgebaut. Die Kur-und Bäder GmbH über­ nahm ab 1. Mai 1972 die Soleförderung mit Bohrhaus IX und X und den Solebehälter in der Luisenstraße. Das 1931 erbaute große Siedhaus wurde 1974 abgebrochen und gab Raum für einen Parkplatz. Als letztes fiel der nach einem Blitzschlag auf 74 Meter gekürzte Salineschornstein durch Spren­ gung; einst Wahrzeichen für das Solbad. Im Zeichen besorgten Umweltschutzes ist man in Bad Dürrheim jetzt froh, die Feuerungs­ stätte der Saline wegzuhaben. Der therapeutischen Nutzen der kristall­ klaren Sole blieb ungeschmälert erhalten. Bereits vor 140 Jahren machte der Fürstlich Fürstenbergische Hofrat Dr. Rehmann in einem Arztvortrag auf die vortreffliche Dürr­ heimer Sole aufmerksam und ermahnte sei­ ne Kollegen, den Patienten die Heilkraft der Sole zukommen zu lassen. Seither haben Generationen von Badeärzten segensreich Fritz Grießhaber gewirkt. AdolfBury Solereservoire !, heutiger Standort von Cafe Räder, 1823 erbaut, 1977 abgebrochen 76

Archäologie Eine Turmhügelburg in St. Georgen-Langenschiltach Durch die Luftbildarchäologie des Lan­ desdenkmalamtes Baden-Württemberg wurde in St. Georgen-Langenschiltach in den Ge­ wannen „Dobelacker“ und „Hinter dem Haus“ eine Turmhügelburg entdeckt. Der etwa 3 Meter hohe Burghügel besitzt eine runde Grundfläche mit ungefähr 55 Meter Durchmesser mit „ohrenartigen“ Aus­ buchtungen im Westen und Osten. Der Hügel wird umschlossen von einem heute trockenen Graben. Die Anlage liegt an einem von Westen nach Osten abfallenden Hang unterhalb des Schwarzwaldkammes in einer Höhe von 900 m. das Areal als Viehweide genutzt, wodurch die Anlage nicht gefährdet war. Im Frühjahr 1989 wurde jedoch ein Teilbereich der Burg wieder unter den Pflug genommen, was die Außenstelle Freiburg des Landesdenkmal­ amtes veranlaßt hat, die Eintragung des Burgareales in das Denkmalbuch in die Wege zu leiten. Durch das Anpflügen des Randbereiches des Burghügels kam eine große Zahl von Keramikfragmenten an die Oberfläche. Es konnten bislang über400 Keramikfrag­ mente von privaten Forschem r:w. Neuß, K. Volk) und dem Landesdenkmalamt erfaßt werden. In den vergangenen Jahrzehnten wurde St. Gwrgtn-Langrnscbiltacb. Ansicbt der Turmhiige!burg von Osten. 77

Es handelt sich fast ausschließlich um Gefäßkeramik, um Scherben von Töpfen und Schüsseln. Da bis in jüngste Zeit bäuerliche Mistle­ gen allgemein als Abfallhaufen dienten, wurde in allen Zeiten zusammen mit dem Mist auch sonstiger Abfall auf den Feldern verteilt. Demnach sind Keramikfunde auf Äckern nicht im engeren Sinne als Sied­ lungsindikatoren in den betreffenden Berei­ chen anzusehen, vielmehr als Zeugnisse dafür, daß der jeweilige Acker in einer 78 Darstellung einer Turmhügelburg auf dem Teppich von Bayeux aus dem 11.jahrhundert. bestimmten Zeit gedüngt, d. h. bebaut wor­ den ist. Während ein Fragment mit horizontal ausgezogenem Rand wohl in das 11./12.Jahr­ hundert zu datieren ist, reicht das Gros des Materials nicht über das 14.Jahrhundert zurück. Demnach scheint die Bebauung des Ackers im Bereich der Burg erst im 14. Jahr­ hundert eingesetzt zu haben. Ob die wenigen vor diese Zeit zu datieren­ den Keramikfragmente als Reste der Burg oder als Relikte des frühen Ackerbaues zu

interpretieren sind, kann bislang nicht sicher entschieden werden. Mag der Typus der Burg die Anlage möglicherweise bereits in das frühe Mittelalter datieren, so sprechen sied­ lungshistorische Gründe eher für eine Datie­ rung um oder nach der Jahrtausendwende. In dieser Zeit vollzog sich im Hochschwarz­ wald zusammen mit der politischen Erfas­ sung die Aufsiedlung und der Beginn der wirtschaftlichen Nutzung. In diesem Zusam­ menhang muß die Turmhügelburg wenig unterhalb des Schwarzwaldkammes am wet- tergeschützten Osthang als ein Verwaltungs­ sitz von neu angelegten landwirtschaftlichen Besitzungen gesehen werden. Ohne daß dies vorerst sicher bewiesen werden kann, besteht die Vermutung, daß es sich hier um das bislang noch nicht überzeu­ gend lokalisierte sogenannte Huphenhaus handelt, das dem 1086 gegründeten Benedik­ tinerkloster St. Georgen mit der Gründungs­ ausstattung übergeben worden war. Für den Fall, daß diese Vermutung richtig ist, kann angenommen werden, daß das Kloster die 79

Das älteste Bauerndorf in der Baar Burg für die Verwaltung der diese umgeben­ den Ländereien bald nicht mehr benötigte, daß es nur knapp 4 Kilometer Luftlinie hier­ von entfernt lag und man die Burg offen ließ, so daß sie in den Schriftquellen keinen weite­ ren Niederschlag fand. Im Gewann „Dickenhart“, südöstlich von Schwenningen, nördlich des „Mooses“, liegt ein flacher, von Lößlehm bedeckter Höhen­ rücken, der der Ziegelei zur Tongewinnung diente. Werkzeuge aus Stein: ,,Schuhl.eistenkeile“ und Feuersteinklingen, gefunden in den Abfallgruben der Siedlung im „Dickenhart“. Die Burganlage stellt als archäologische Geschichtsquelle ein äußerst wichtiges Zeug­ nis für die Besiedlungsgeschichte des Hoch­ schwarzwaldes und möglicherweise auch für die Geschichte des Klosters St. Georgen dar. Dr. Michael Schmaedecke Als im Mai 1966 die Abbaukante der Zie­ gelei einen von H. Rupp 1912 ausgegrabenen, hallstattzeitlichen (,,frühkeltischen“) Grab­ hügel erreichte, nahm R. Ströbel, damals Lei­ ter des Schwenninger Heimatmuseums, dort sicherheitshalber eine Nachuntersuchung vor. Völlig überraschend konnte er unter dem Grabhügel zwei Pfostengruben -also Reste eines Holzgebäudes -und eine Lehment­ nahmegrube beobachten, die sich tief­ schwarz gegen den gelben Lößlehm abho­ ben. Diese Siedlungsreste mußten älter sein als der Grabhügel und konnten mit der hall­ stattzeitlichen Bestattung des 7. Jahrhun­ derts v. Chr. nichts zu tun haben. Das Fund­ material bestätigte diese Vermutung: R. Strö­ bel fand neben Silices (Feuersteingeräten) und anderem ortsfremdem Gestein Ton­ scherben der linearbandkeramischen Kultur (ca. 4400-3800 v. Chr.). Deshalb beobachtete er, unterstützt von einigen Freunden und dem Bund Deutscher Pfadfinder, die Baggerarbeiten jahrelang wei­ ter. Eine systematische archäologische Aus­ grabung war nicht möglich, alle Beobach­ tungen konnten nur notdürftig mit Planskiz­ zen dokumentiert werden. Vieles dürfte so unbemerkt dem Bagger zum Opfer gefallen sein, und weder die genaue Lage noch die Ausdehnung der Siedlung ist bekannt. Jedenfalls wurden von 1966 bis 1972 auf einer Fläche von ca.150 m Ost-West-und maximal 60 m Nord-Süd-Ausdehnung 16-20 Gruben und 7-10 Pfostengruben skizziert. Nach dem Tode RudolfStröbels im Som­ mer 1972 wurde die Abbaukante der Ziegelei weiter nach Westen vorgeschoben, die Fund- 1 _(JQ_o_ .. _ -o-n-� _ .. _ 1 -;-Q-J— 1 -@-iJ– 1 mcm 1 rr-n-r, 0 5 80

stelle jedoch nicht mehr systematisch beobach­ tet und keine Funde geborgen. Die Ergeb­ nisse der Fundstellenbeobachtung wurden nur in einer populärwissenschaftlichen „Miniatur“ in 0. Benzings „Geschichten vom Neckarursprung“ (1977) veröffentlicht. So wissen wir über die älteste bäuerliche Siedlung in der Baar leider nur wenig. Aller­ dings ist die linearbandkeramische Kultur relativ gut erforscht, so daß wir unsere Wis­ sensfragmente mit Erkenntnissen von ande­ ren Fundstellen ergänzen können. Schon die Lage der Siedlung ist typisch: sonnige, windgeschützte Hänge in der Nähe von Wasser und auf oder nahe bei fruchtba­ ren, leichten Lößböden wurden bevorzugt. Die Häuser waren häufig etwa 8 auf30 m groß, boten also einer Großfamilie samt Haustieren Obdach. Ihre drei Pfostenreihen, die die Dachkonstruktion trugen, blieben als Bodenverfärbungen erhalten. Die Wände bestanden aus dünnen, nicht tragenden Pfo­ sten, die mit Flechtwerk ausgefüllt und mit Lehm verputzt waren. Auch in Schwennin­ gen fand man Reste solcher im Feuer ange­ ziegelten Lehmbrocken mit Rutenabdrücken. Der Lehm für den Wandverputz wurde an Ort und Stelle abgebaut, die so entstandenen Lehmentnahmegruben benutzte man dann als Abfallgruben, deshalb liefern sie reichlich Fundmaterial. Die Häuser eines linearbandkeramischen Dorfes wurden planmäßig angelegt, in Schwenningen waren sie wohl einheitlich Ost-West ausgerichtet – der Hangneigung folgend und mit der Schmalseite zur Haupt­ windrichtung. Wie groß die Siedlung im „Dickenhart“ war und wie lange sie existierte, ist nicht mehr zu klären. Bedauerlicherweise ist außerdem ein Teil des Fundmaterials, das der Jahre 1966 und 1967, verschollen. Doch das verbliebene Fundmaterial ist immer noch sehr aussagefähig. Namengebend für die linearbandkerami­ sche Kultur ist ihre charakteristische Kera­ mik: kugelige Töpfe mit eingeritzten Spira- Jen und Wellenbändern, Mäandern und Winkelbändern, ergänzt durch Einstiche, gibt es in erstaunlicher Ähnlichkeit von Westungarn bis Holland. Man kann aber trotzdem zeitlich bedingte Unterschiede und Lokalgruppen mit speziellen Eigenhei­ ten erkennen. So weist die Keramik aus Schwenningen Einflüsse aus dem Mittleren Neckarraum und dem Oberrheingebiet auf und ist der Jüngeren Linearbandkeramik zuzurechnen. Sie ist von sehr guter Machart, dünnwandig, grau bis graubraun, in den Ver­ tiefungen der Verzierungen sitzen noch gele­ gentlich weiße Farbreste. Daneben gibt es gröbere, unverzierte Gefäße mit Schnur­ ösen, die wohl als Vorratsgefäße an dicken Schnüren aufgehängt wurden. Ebenfalls typisch sind die sogenannten ,,Schuhleistenkeile“, asymmetrisch gearbei­ tete Steinbeile, die wahrscheinlich zur Holz­ bearbeitung benötigt wurden. In Schwen­ ningen wurden nur zwei sehr kleine Exem­ plare gefunden, dafür zahlreiche Schleifplat­ ten aus Sandstein, Hämatit zur Gewinnung roter Farbe und Bruchstücke von Mahlstei­ nen zur Getreideverarbeitung. Das Inventar an Feuersteingeräten ist – verglichen mit dem der Mittelsteinzeit – gering: neben Abfallprodukten wie Abschlä­ gen und Kernsteinen findet man vorwiegend einfache Klingen, z. T. mit sogenannter ,,Lackpatina“. Diese entsteht beim Schnei­ den von siliciumhaltigen Getreidehalmen, Gräsern oder Schilf; es ist anzunehmen, daß die Klingen als „Zähne“ in Sicheln aus Holz oder Knochen eingesetzt waren. Damit erhalten wir ein weiteres Indiz für den Getreideanbau; Viehhaltung ist in Ana­ logie zu anderen Fundorten zwar zu vermu­ ten, konnte aber nicht nachgewiesen werden. Dafür gibt es für die Schwenninger Sied­ lung einen seltenen, direkten und deshalb um so gewichtigeren Beleg für die Tätigkeit dieser ersten Bauern: Bei einer Pollenprobe aus dem Schwenninger „Moos“ waren Getreidepollen und Pollen kulturbegleiten­ der Unkräuter festgestellt worden, die zu­ nächst Verwunderung auslösten, weil damals 81

I .. , . …. · •:: (@,, ) Scherben von Tongefäßen aus Schwenningen weisen die typischen Ritz- und Einstichverzierungen der linearbandkeramischen Kultur auf Günstigere klimatische Bedingungen – vor allem ohne die heute gefürchteten, wohl durch radikale Abholzung begünstigten Spätfröste -ermöglichten den Anbau der damals noch empfindlicheren Getreidear­ ten. Fruchtbarer Boden, die Nähe offener Wasserflächen im heutigen „Moos“ und die geschützte, siedlungsgünstige Hanglage machten den „Dickenhart“ offenbar zu einem akzeptablen Lebensraum für die Angehörigen der ersten bäuerlichen Kultur in Mitteleuropa. Dr. Beate Schmid in der Nähe keine Siedlung aus dem 4. vor­ christlichen Jahrtausend bekannt war. Das Auffinden der Siedlung im „Dickenhart“ brachte des Rätsels Lösung! Gleichzeitig kann mit Hilfe dieser Pollen­ analyse nicht nur die bäuerliche Tätigkeit bewiesen, sondern auch die damalige Um­ welt rekonstruiert werden. Aus den Pollen­ diagrammen kann der Bewuchs erschlossen werden, dieser läßt Rückschlüsse auf das Klima zu und spiegelt die vom Menschen verursachten oder auch „natürlichen“ Um­ weltveränderungen wider. 82

Geschichte, Siedlungsgeschichte „Vor uns liegt ein glücklich Hoffen Aspekte der Revolution von 1848/49 in unserem Kreisgebiet “ Bei der Revolution von 1848149 wurde das Gebiet des heutigen Landkreises wiederholt zu einem Brenn­ punkt der Geschehnisse im damaligen Großherzogtum Baden. Die Vie!falt und Komplexität des Revo­ lutionsthemas rechtfertigen es, den gesamten Beitrag in zwei in sich geschlossene Abhandlungen aufzu­ teilen. Während der erste Teil zu 1848 in dieser Ausgabe veröffentlicht wird, sollen die Auswirkungen der mili­ tärischen Revolution in Baden von 1849 in einer späteren Ausgabe zum Schwerpunktthema gemacht werden. Die Diskussionen im Frühjahr 1991 um die zukünftige Hauptstadt der Bundesrepu­ blik Deutschland werfen ein Schlaglicht auf die politische Lage der Nation. Sie zwingen den Volkvertretern deutliche – und daher vielleicht auch ungeliebte-Bekenntnisse ab, worin sie denn die vordringlichen nationa­ len Aufgaben sähen. Während derlei Stel­ lungnahmen vor dem Herbst 1989 nur selten zu hören und dann meistens auch nur retho­ rischer Natur waren, gilt es jetzt, p o 1 i t i s c h auf Probleme zu reagieren, die allgemein als drängend empfunden werden. Auch wenn die drückende ökonomische Krise in den neuen Bundesländern seit Monaten das poli­ tische Handeln bestimmt, wird doch nie­ mand ernsthaft bestreiten wollen, daß die Integration der ehemaligen DDR in einen neuen, weil dadurch erweiterten Staatsver­ band einen Anspruch an die Nation stellt, der weit über die Lösung wirtschaftlicher Strukturprobleme hinausweist. Das trifft sowohl für die internen Befindlichkeiten der Deutschen in Staat und Gesellschaft als auch für ihr Gewicht in der internationalen Politik zu. Daß in traditionell meinungsbildenden Kreisen vielfach der „Ideenmangel“ beklagt wird, unter dem sich die jüngste deutsche Vereinigung vollzogen haben soll, und man in diesem Zusammenhang einen neuen Mythos der „verpaßten Chance“ zu kultivie­ ren beginnt, hat durchaus Entsprechungen in der deutschen Geschichte dieses Jahrhun­ derts. Erinnert sei hier daran nur mit einem Hinweis aufZäsuren etwa der Jahre 1918 und 1945. Diese Zäsuren, aber auch die bismarck­ sche Schöpfung des kleindeutschen Reiches von 1870/71 ranken unter nationalen Gesichtspunkten in einem Ideengeflecht, das maßgebliche Kräfte aus dem Nährboden der Jahre 1848/49 zieht, d. h. aus der Revolu­ tion – und ihrem Scheitern. Ja, es läßt sich sagen und zeigen, daß diese Unterschiede a l l e auf ihre Weise zu den Ereignissen und Absichten von 1848/49 Stellung beziehen, gleichsam als eines archimedischen Punktes spezifisch deutscher Geschichte der letzten knapp anderthalb Jahrhunderte. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein, sondern von einigen Spuren, die die Revolu­ tion von 1848/49 unmittelbar in unserem Landkreis zog. 1. Das vorrevolutionäre »Klima“ Die revolutionären Umwälzungen von 1848 erfaßten gerade im Kerngebiet des heutigen Schwarzwald-Baar-Kreises eine Be­ völkerung, in deren Großteil sich bereits seit Jahren heftiger Unmut über die bestehenden Verhältnisse angestaut hatte. Keineswegs ge- 83

schah es nämlich unverwandt oder überra­ schend, daß sich „unser sonst so bedächtiges und schwer zu bewegendes alemannisches Volk“ in „tobenden Volksversammlungen“ drängte, wie noch ein Jahrhundert nach den Ereignissen der hochverdiente Villinger Geschichtsforscher Paul Revellio in diesem Punkt recht naiv feststellte. Da hatten schon Zeitgenossen wie die liberalen Politiker Karl von Rotteck, Carl Theodor Welcker oder Ludwig Häusser tiefer geblickt, wenn sie lange vor dem Ausbruch der Märzrevolution von 1848 in Baden das Fortbestehen der Feu­ dalrechte in den Standesherrschaften oder auch die Praxis der Zehntablösung anpran­ gerten, die viele kleine Grundbesitzer der Verschuldung aussetzte und damit der Ver­ elendung preisgab. Am heftigsten hatte sich der Widerstand gegen die Privilegien der „Standesherren“ ge­ regt, der einstigen fürstlichen oder gräflichen Landesherren, deren Staatsgebilde zwar im Zuge der Mediatisierung (,,Mittelbarma­ chung“, d. h. Verlust der eigenstaatlichen Souveränität) 1803-1806 aufgelöst worden waren, die sich aber unter dem Schutze des mächtigen österreichischen Staatskanzlers Metternich und des Deutschen Bundes erhebliche Standesvorrechte wußten garan­ tieren zu lassen. In Baden nahm ihre Interes­ sen die Erste Badische Kammer (in Karls­ ruhe) war, das quasi parlamentarische Gegen­ stück zur Zweiten Kammer, der eigentlichen Volksvertretung. Ihr herausragender Kopf und der wohl bedeutendste Standesherr Badens war Fürst Karl Egon II. zu Fürsten­ berg, dessen Besitzschwerpunkt eben gerade in unserem Raum lag, also auf der Baar und im östlichen Schwarzwald. In diesem rück­ ständigen, fast ausschließlich agrarischen Gebiet der einstigen Landgrafschaft Baar sahen sich die ehemaligen fürsten bergischen Untertanen nach wie vor in Abhängigkeit vom fürstenbergischen Grundherrn, den der badische Staat zudem mit Gerichts- und Polizeigewalt ausgestattet hatte. Dies bedeu­ tete etwa für einen Donaueschinger oder Hüfinger, daß er gegenüber einem Villinger 84 zusätzliche Steuern zu leisten hatte, eben die meisten der alten Feudalabgaben. Doch war es nicht nur diese materielle Zusatzbela­ stung, die den Baaremer oder Schwarzwälder Bauern erboste. In einer Zeit, die zumal in Baden vom erstarkenden politischen Libera­ lismus ideell geprägt wurde, mußte sich fast die gesamte Einwohnerschaft im standes­ herrlichen Gebiet als Bürger zweiter Klasse innerhalb des Großherzogtums Baden emp­ finden. Die gleichen Verhältnisse herrschten etwa auch in den standesherrschaftlichen-leinin­ gischen Gebieten des badischen Odenwal­ des, wo es unter dem starken Druck der Wirt­ schafts- und Versorgungskrise seit 1845 gärte; nicht zufällig brachen hier im Frühjahr 1848 unter der veränderten politischen Gesamtsi­ tuation sogleich schwere Agrarunruhen aus. Vorläufer hatte es in der Baar indes schon früher gegeben, als sich die Bauern in Aufen und Pfohren gegen den fürstenbergischen „Unterlandesherrn“ erhoben. Stein des Anstoßes war das fürstliche Jagdprivileg, das es den Bauern verbot, selbst das Wild zu erle­ gen, das sich über ihre Felder hermachte. In den schlimmen Hungerjahren 1845-47 griff diese Einschränkung ernstlich die Lebens­ grundlagen der Bauern an. Parallel zur Unruhe in der Landbevölke­ rung breitete sich allgemein in den Städten, auch denen des badischen Oberlandes, eine politische Proteststimmung aus. Zwar gab es in Baden, das keine Großstädte und kaum Industrie oder Handel größeren Zuschnitts aufwies, keine „große Bourgeoisie“ (Fried­ rich Engels), die sich zum einflußreichen Wortführer der maßgeblichen liberalen Ideen dieser Zeit hätte erheben können. Doch regte sich bis in die kleinen Landstädte liberal-fortschrittlicher Sinn, artikulierten sich bisweilen sogar als „radikaldemokra­ tisch“ empfundene Meinungen. Wortführer der kleineren, republikanisch gesinnten Opposition war im ganzen badischen See­ kreis die Zeitung „Seeblätter“, redigiert von dem als politischen Redner populären Joseph Fickler, einem Bruder des Donau-

Friedrich Hecker, Woriführer der radikalen Demokraten in Baden 1848, in romantischer Freischärler­ Tracht. Dieser Typus bestimmte das Bild vom Volkshelden Hecker, der noch lange nach dem Scheitern seines Putschversuches und der Flucht ins Ausland die Gemüter bewegte. eschinger Gymnasialprofessors Carl Borro­ mäus August Fideler (der ein politisch ganz anderes Temperament besaß). Daß es auch in Donaueschingen bereits über ein halbesJahrvor Ausbruch der März­ revolution 1848 radikale Kräfte gab, muß die späteren Revolutionäre Friedrich Hecker und Gustav von Struve ermutigt haben, hier für den 26. September 1847 eine Versamm- Jung im „Hirschen“ anzusetzen; der „Hir­ schen“ (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen heutigen Gasthaus in Donau­ eschingen) sollte 1848/49 zum revolutionä­ ren „Stammlokal“ in der Amtsstadt werden. Ein noch hitzigeres politisches Klima allerdings dürfte 1847 in Hüfingen ge­ herrscht haben, wo nach den Erinnerungen eines Zeitzeugen, des Kommerzienrates Karl 85

Eckhard, »in den Abendgesellschaften … bereits Worte gesprochen [wurden), die ich im Museum zu Donaueschingen nicht hätte wiederholen mögen“. In der damals dritten Amtsstadt auf der Baar, in Villingen, der einzigen Gemeinde des heutigen Landkreises, die gewachsene städtische Strukturen kannte, hielt sich das Kleinbürgertum politisch offenbar zunächst noch stärker zurück. Während es sich in Donaueschingen das „Wochenblatt“ leisten konnte, sogar für die Versammlung am 26. September 1847 mit Hecker und Struve im »Hirschen“ zu werben, erhielt Villingen erst im Zuge der Märzereignisse von 1848 eine Druckerei und damit auch eine am Ort her­ gestellte Zeitung, den „Schwarzwälder“. Gedruckt wurde das Blatt von Ferdinand Förderer, einem geborenen Villinger, der wegen administrativer Behinderungen in sei­ ner Heimatstadt seinem Gewerbe bis dahin im württembergischen Rottweil hatte nach­ gehen müssen. Seit dem 28. März 1848 konnte sich der wagemutige Drucker und Buchhändler in seiner Geburtsstadt dem Kampf für die republikanische Sache wid­ men. Alsbald erschienen in seiner Druckerei zahlreiche Broschüren und Flugschriften, die zu den politischen Forderungen der Stunde Stellung nahmen. Nach der Nieder­ schlagung der Revolution mußte Förderer dies mit einem neuerlichen Druckereiverbot bis 1856 büßen. Zwanzig Jahre später übri­ gens regte der Stadtrat Förderer die Grün­ dung einer Altertümersammlung Villingens an (1876). Der Funke, der die allgemeine politische Erregung in Deutschland, ganz besonders aber in Südwestdeutschland zu einem Flä­ chenbrand auflodern ließ, kam aus Frank­ reich. Dort war es im Februar zu einem Auf­ stand radikaler Republikaner in Paris, zu Demonstrationen und Erschießungen von Demonstranten gekommen. König Louis Philippe dankte ab, eine rasch eingesetzte provisorische Linksregierung führte die 86 II. Die Märzrevolution 1848 Republik ein. Rasch eskalierte auch in Baden, dem südlichsten Grenzland des Deutschen Bundes zu Frankreich, die politi­ sche Lage. Die Initialzündung ging hier von einer Volksversammlung in Mannheim am 27. Februar 1848 unter der Leitung des ent­ schlossenen Republikaners Struve aus. Die hier erhobenen Hauptforderungen galten der Pressefreiheit, einem deutschen Natio­ nalparlament, der Einsetzung von Schwur­ gerichten und der Volksbewaffnung. Diese Veranstaltung gab das Muster für eine Kette weiterer Volksversammlungen ab, deren erste in unserem heutigen Kreisgebiet am Sonntag, den 5. März 1848, in Villingen abgehalten wurde. Man verfaßte eine an die Mannheimer Forderungen angelehnte Peti­ tion, die, von 500 Bürgern unterzeichnet, in die Landeshauptstadt Karlsruhe abgeschickt wurde. Allerdings blieb diese Versammlung ausschließlich auf Villinger Bürger be­ schränkt. Demgegenüber lud man in Donau­ eschingen für den 8. März zu einer allgemei­ nen Volksversammlung, zu der sich Teilneh­ mer aus allen Gemeinden der Baar einfinden sollten. Tatsächlich strömten Tausende in der kleinen Amtsstadt zusammen, jedenfalls weit mehr Menschen, als der Ort damals an Einwohnern zählte. Da es für eine solche gewaltige Menschenmenge weit und breit nirgendwo ein hinreichend großes Ver­ sammlungsgebäude gab, mußte man sich unter freiem Himmel treffen: auf den „Rübäcker“ genannten Feldern, auf denen sich heute das Donaueschinger Bahnhofsge­ lände erstreckt. Die Kundgebungsteilnehmer zogen im schwarz-rot-goldenen Fahnenschmuck und unter Hochrufen (,,Es lebe die Freiheit“) auf das Gelände, wo eine Rednertribüne aufge­ stellt worden war. Auch hier machten sich die Redner die Mannheimer Forderungen zu eigen. Trotz einiger exaltierter Redner-Auf­ tritte dominierten aber die gemäßigten Stim­ men. So blieben die Ausschreitungen aus, die man seitens der fürstenbergischen Ver­ waltung befürchtet hatte. Gleichwohl zog der Fürst zu Fürstenberg die Konsequenzen

aus seinem Autoritätsverlust und verließ seine Residenz zwei Tage später, in die er erst 1853 eher widerwillig zurückkehrte. In seiner Hofbeamtenschaft stritten zwei Parteien darüber, ob man der aufgebrachten Bürgerschaft kompromißbereit oder aber gewaltsam gegenübertreten sollte. Zu diesem Zeitpunkt wie noch mehrfach im weiteren Verlauf der Revolutionsereignisse setzte sich jedoch die gemäßigte Gruppe um den fürst­ lichen Hofrat Sulger durch. Der Donaueschinger Gemeinderat hinge­ gen riß jetzt das Gesetz des Handelns an sich, indem er schon am Tage nach der Abreise des Fürsten alle Einwohner auf dem Markt­ platz vor dem Rathaus zusammenkommen ließ, um eine Volkswehr zu bilden. Sie umfaßte alle tauglichen Männer von 18 bis 55 Jahren; ihre bald darauf gewählten Offi­ ziere hatten sich allesamt als Vertreter der politischen „Linken“, d. h. als entschiedene Republikaner profiliert. Daß man in Donau­ eschingen soweit ging, sogleich auch die Volksbewaffnung durchzuführen (zwei Bür­ ger waren eigens zur Waffenbeschaffung nach Karlsruhe gereist), griff sogar einem Beschluß der Offenburger Versammlung vom 19. März 1848 vor. Auf ihr wurde die allgemeine Einführung der „Volksvereine“ zur Sicherstellung der Volksbewaffnung beschlossen. Mit dem Netz der Volksvereine wurde allmählich das ganze Großherzogtum Baden überspannt; geführt werden sollte sie von einem Zentralkomitee unter der Leitung von Friedrich Hecker. Weitere Volksversammlungen, politische Reden, Umzüge und Kundgebungen hatten in der Zwischenzeit auch in kleineren Gemeinden den Boden der Revolution bereitet. Am 14. März fand in Villingen eine zweite große Volksversammlung statt, dieses Mal für den gesamten Amtsbezirk. Nach der Berichterstattung des „Schwarzwälder“ sol­ len es um die 4000 Teilnehmer gewesen sein; ganz Villingen war demnach ein Farbenmeer in Schwarz-Rot-Gold. Die Besucher, die zum Teil auch aus nahegelegenen württem­ bergischen Gemeinden kamen, wurden namens des Volksausschusses von dem Arzt Karl Hoffmann empfangen, wie Buchdruk­ ker Förderer ein herausragender Verfechter der freiheitlichen Forderungen in Villingen. Die Versammlung, auf der sich mehrere (gemäßigte) Redner, darunter auch Geistli- .A�tt,J,•�Jf· 4�flp,.; �,41–:–���� 4i�tL-?ll.P“‚1h�� f 87

ehe, abwechselten, sollte noch Nachwehen bekommen, als nämlich nach offiziellem Verhandlungsende bekannt wurde, zwei Abgeordnete aus Karlsruhe beabsichtigten, zum Volk zu sprechen. Einer von ihnen war Karl Mathy, Führungskraft der konstitutio­ nellen Liberalen in Baden, der „Gemäßig­ ten“ also, die an Verfassung und Monarchie prinzipiell festhalten wollten und auf Refor­ men setzten. Dieser Mehrheitsgruppierung im Karlsruher „Ständehaus“ standen die „Demokraten“ um Hecker und Struve scharf gegenüber. Mathy hatte sich im Parlament gegen die radikalen Republikaner, aber auch gegen einen von diesen inszenierten Volks­ auflauf am 29. Februar in Karlsruhe behaup­ ten können; am 19. März verhinderte er in Offenburg die Ausrufung der Republik. Als Mann der Reform war er eben fünf Tage zuvor in Villingen für eine Verständigung mit dem Landesherrn und seiner Regierung, wichtige Konzessionen seien in Karlsruhe schon zugesagt worden. Mathys Verheißungen müssen die eher betulichen Villinger, die wohl in ihrer über­ wiegenden Mehrheit eine gewaltsame Durchsetzung ihrer politischen Wünsche zunächst noch ablehnten, nur allzugerne geglaubt haben. Im „Schwarzwälder“ schlug sich der Eindruck der Versammlung in begei­ sterten Versen nieder, die Geschmack und Erwartungen der meisten Leser über den Tag hinaus getroffen haben dürften: ,, Vor uns liegt ein glücklich Hoffen, liegt der Jugend goldene Zeit, steht ein ganzer Himmel offen, blüht der Freiheit Seligkeit“. Immerhin wies die Petition „die endliche Erfüllung der gerechten Forderung des Vol­ kes betr.“ dieses Mal über 1700 Unterschrif­ ten auf. Man hatte nicht nur in Freiheits­ seligkeit geschwelgt, sondern offensichtlich auch einige -vorsichtige -Entschlossenheit erkennen lassen. Auch in der fürstenbergischen Standes­ herrschaft gab es Anlaß zu „glücklich Hof­ fen“, wenn auch in bescheidenerem, dafür aber greifbarem Maße: Am 29. März verzieh- 88 tete Fürst Karl Egon II. von Fürstenberg ent­ schädigungslos auf alle Feudalrechte. Frei­ lich bedeutete dieser Schritt letztlich kaum mehr als eine ehrenvolle Geste, war doch schon Wochen zuvor durch die Regierung in Karlsruhe ein Gesetzentwurf zur Abschaf­ fung der Feudalrechte angekündigt worden; zwei Wochen nach dem fürstenbergischen Verzicht konnte dazu ein allgemeines Gesetz verkündet werden. Gleichwohl trug jener Schritt des Fürsten erst einmal zu einer Beruhigung der Ver­ hältnisse im Gebiet der fürstenbergischen Standesherrschaft bei. Auch die politische Großwetterlage schien sich aufzuhellen. Denn am Tage des offiziellen fürstenbergischen Verzichtserlas­ ses, dem 31. März, trat in Frankfurt am Main mit Zustimmung des Bundestages ein „Vor­ parlament“ zusammen, dessen 574 Mitglie­ der aus den einzelnen Landtagen entsandt worden waren. Dieses Vorparlament setzte einen „Fünfzigerausschuß“ ein, der die Wahl zu einer deutschen Nationalversammlung nach allgemeinem und gleichem Wahlrecht im ganzen Bundesgebiet beschloß. Daß unsere Gegend dennoch vom Auf­ ruhr erfaßt wurde, hatte zwei andere Gründe. Zum einen hatte schon am 24./25. März der sogenannte „Blinde Franzosenlärm“ für helle Aufregung gesorgt. Auf das Gerücht einer französischen Invasion in die Ortenau hin, die alsbald auch das Gebiet des mittle­ ren Ostschwarzwaldes bedrohen werde, geriet die hiesige Bevölkerung in Panik. Während man sich in Villingen mit Muni­ tion versah und im übrigen einen Kund­ schafter aussandte, wurden anderen Orts – so in Donaueschingen, Hüfingen und Bräunlingen -schon mobil gemacht. Das Gerücht, dessen Ursache bis heute nie restlos geklärt worden ist, scheint sich eigenartiger Weise zuerst von den östlich an die badi­ schen Kerngebiete unseres heutigen Land­ kreises angrenzenden württembergischen Bezirken Rottweil, Schramberg und Tuttlin- III. Der Heckerputsch

gen aus verbreitet zu haben, was den Ver­ dacht einer gezielten Provokation nahelegt. Wollte man etwa von Württemberg aus die politische Erregung in Baden durch einmar­ schierende Bundestruppen im Keim erstik­ ken lassen? In diese Richtung weist ein Vor­ gang, der schon zehn Tage nach Abebben des Gerüchts in Donaueschingen schon wie­ der für böses Blut sorgte. Hier traf am 5. April ein württembergischer Offizier ein, um die Q!iartiermöglichkeiten für Bundestruppen zu klären. Sofort rüstete sich die Bürgerwehr am Ort mit einem „Generalmarsch“. Erneut wurde zu einer Volksversammlung auf den »Rübäckern“ aufgefordert, zu der auch meh­ rere tausend Menschen erschienen, unter ihnen 475 bewaffnete Villinger. Dieses Mal wurden aber schärfere, ultimative Beschlüsse gefaßt als rund einen Monat zuvor an glei­ cher Stelle: Markgraf Wilhelm sollte als Kommandeur des badischen Militärs inner­ halb von drei Tagen entlassen werden, die Regierung auf die Heranziehung auswärti­ gen Militärs verzichten und überdies die (liberalen) Minister Bekk (er stammte übri­ gens aus Triberg) und Dusch umgehend zu entlassen. Eine Deputation ging sogleich nach Karlsruhe ab, um dort die Forderungen vorzutragen. Unterdessen gelang es dem Donaueschin­ ger Bürgermeister Johann Raus und dem Prinzen Emil zu Fürstenberg in Rottweil, die württembergischen Truppen von einem Eingreifen auf benachbartem badischen Ge­ biet abzuhalten, Prinz Emils Bruder Max erreichte dasselbe in Saulgau gegenüber den bayerischen Truppen des General Baligand. Dennoch betrachtete man hernach die bei­ den in Donaueschingen verbliebenen Für­ stensöhne als Gefangene des örtlichen Volksvereins. Einer weiteren Konfliktver­ schärfung schien dagegen vorzubeugen, daß am 10. April die politisch gemäßigteren Kräfte in Donaueschingen um die Anwälte Grüninger und Weite sich auf einer Gemein­ deversammlung von den radikalen „Rüb­ äcker“-Beschlüssen distanzierten. In dieser ohnehin heiklen Situation brach der „Burgfrieden“ mit dem Putsch Friedrich Heckers, der nach dem Scheitern seiner per­ sönlichen parlamentarischen Ambitionen in Frankfurt nun von Konstanz aus den offe­ nen Aufstand versuchte. Am 12. April pro­ klamierten er und Struve die Republik und riefen die Bevölkerung des badischen See­ kreises zum Kampf für diese deutsche Repu­ blik auf – zu einer Zeit, als sich ohnedies über die angesetzten Wahlen zur deutschen verfassungsgebenden Nationalversamm­ lung gewaltlose Veränderungen abzeichne­ ten. So wandte sich auch der „Fünfzigeraus­ schuß“ in Frankfurt gegen den Hecker­ putsch. Zwei Bevollmächtigte des Ausschus­ ses riefen die Bevölkerung und Umgebung über das „Wochenblatt“ auf, sich nicht dem Putsch anzuschließen. Hecker, der am Morgen des 13. April von Konstanz aus mit einem Häuflein von gerade 53 Getreuen aufgebrochen war, hatte nämlich für den 14. April die Bewohner der Ämter Donaueschingen, Engen, Blumen­ feld, Villingen, Bonndorf, Neustadt und Hüfingen aufgefordert, sich um die Mittags­ stunde bewaffnet und verproviantiert in Donaueschingen einzufinden. Sein enger Mitstreiter Struve agitierte hier schon vor dem Eintreffen des Hecker-Zuges gegen die Regierung und besonders gegen die fürstenbergische Beamtenschaft vor Ort. Mit knapper Not konnte durch Dazwischen­ kunft des Bürgermeisters Raus der offene Bürgerkrieg zwischen den Revolutionären und Hitzköpfen aus Kreisen der fürstenber­ gischen Verwaltung verhindert werden. Breiteren Rückhalt aber vermochten sich weder Struve noch Hecker unter der Baare­ mer Bevölkerung zu sichern. Statt der „gehofften Tausenden“ sammelte Hecker nur zwischen 200 und 300 Mann in Donau­ eschingen, das für ihn nach eigenem Bekenntnis hohen strategischen Wert für das weitere Vorgehen im Kinzigtal, Höllental, an Oberrhein und Bodensee besaß. Doch blie­ ben ihm nur Wut und Enttäuschung über das armselige „Philistertum“ dieser Gegend, als er mit seinen Republikanern unverrichte- 89

ter Dinge vor herannahendem württember­ gischen Militär aus Donaueschingen wei­ chen mußte. Nur dem von Struve ausgehan­ delten freien Abzug war es wohl zu verdan­ ken, daß Heckers kleine Schar nicht schon jetzt völlig aufgerieben wurde. Durch Pfoh­ ren, Sumpfohren und Riedböhringen zog Hecker über Stühlingen in den Südschwarz­ wald, wo er und seine Männer gegen die Truppen des Generals von Gagern (der dabei zu Tode kam) die entscheidende militärische Niederlage erlitten. Hecker flüchtete ins Ausland, blieb aber als romantischer Volks­ und Freiheitsheld im Bewußtsein breiter Bevölkerungskreise. Bewundernde Lieder und verklärende Bilder überwogen noch länger die auch bald aufkommenden Spott­ gesänge auf den Operettenrevoluzzer (s. Abb. auf Seite 85). Donaueschingen wurde am 15. April 1848 von württembergischen Truppen besetzt. Mehrere Bürger, unter ihnen auch der eher besonnene Bürgermeister Raus, wurden – gegen heftigen Protest aus der Bevölkerung­ in Haft genommen, die meisten von ihnen aber bald wieder gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt. Als man am 27. April 1848 die Wahl der Wahlmänner zur deutschen Natio­ nalversammlung abhielt, standen aber jetzt in Donaueschingen (wie etwa auch in Villin­ gen) keine Männer der republikanischen Linken mehr zur Wahl: sie waren alle entwe­ der geflüchtet, inhaftiert oder schlichtweg politisch kaltgestellt. Trotzdem erklärten sich die gewählten Wahlmänner im Wahlbe­ zirk Donaueschingen/ Aufen mit ihnen soli­ darisch insofern, als sie die Niederschlagung aller politischen Prozesse forderten. In Donaueschingen wurden sieben, in Villin­ gen acht Wahlmänner (allesamt Gemäßigte) bestimmt, die Wahl eines Abgeordneten für die deutsche Nationalversammlung vorzu­ nehmen. Am 18. Mai 1848 wurde das Deut­ sche Nationalparlament in der Frankfurter Paulskirche feierlich eröffnet. Dr. Volkhard Huth Die Entwicklung der Ämter und der kommunalen Selbstverwaltung im Gebiet des heutigen Schwarzwald-Baar-Kreises Kommunale Selbstverwaltung und Land­ kreisorganisation, wie wir sie heute kennen, sind das Ergebnis einer fast zweihundertjäh­ rigen Entwicklung. Wenn die ideellen Ansätze zur Neugestaltung in die Jahre des Absolutismus und Frühliberalismus vor 1800 reichen, so ist die Zeit der praktischen Umsetzung das erste Jahrzehnt des 19.Jahr­ hunderts. Nach dem Beispiel der französi­ schen Zentralverwaltung versuchten die Rheinbundstaaten Baden und Württemberg in ihren nach 1803 um zahlreiche Territorien vergrößerten Länder wirksame Verwaltungs­ strukturen zu schaffen. Es galt dabei, die unterschiedlichsten Gebiete unter einer ein­ heitlichen Verwaltung zusammenzufassen, ohne mit althergebrachten Traditionen und Strukturen ganz zu brechen. Im jungen Kurfürstentum Baden war es der Geheime Rat Friedrich Brauer, welcher die Grundlagen einer aus den Kernlanden herrührenden, absolutistischen und patriar­ chalischen Verwaltung auf das gesamte Land zu übertragen suchte. Unter drei großen Provinzen wurden, wo immer möglich, kleine, auf die Leistungsfähigkeit eines einzelnen Beamten abgestellte Ämter für 6000 – 8000 Einwohner errichtet. Die im Vergleich zu Württemberg noch vorsichtige Reorganisation gestaltete sich nach dem Anfall weiterer Territorien 1806 und der Erhebung Badens zum Großherzog­ tum stärker zentralistisch. Unter Aufhebung der meisten Landstände wie des vorderöster­ reichischen Vogteiamtes Triberg, des Johan­ niter-Besitzes Dürrheim und nach Anfall 90

von ehemals unabhängigen, habsburgischen oder vorübergehend württembergischen Städten wie Bräunlingen und Villingen wur­ den das Gebiet des heutigen Landkreises ämtermäßig neu gestaltet und unter die Pro­ vinz des Oberrheinkreises (Freiburg) gestellt. Insgesamt umfaßten die jetzt bestehenden drei großen Provinzialregierungen 65 landes­ herrliche Ämter und über 40 patrimoniale Ämter der Mediatisierten, die ab 1807 den benachbarten landesherrlichen Ämtern nachgeordnet wurden. Der tiefere Eingriff in das standesherrliche Ämterwesen geschah erst mit der Aufhebung der Patrimonialge­ richtsbarkeit 1813. Die Errichtung des Deut­ schen Bundes und das damit einhergehende Wiedererstarken der Standesherren beließ die Ämter der Mediatisierten oder errichtete sie teilweise neu. Erst in den Revolutionsjah­ ren 1848/49 wurden sie endgültig aufgeho­ ben. Die Ämtergründung und -einteilung unseres Gebietes, vor allem im ehemaligen Fürstentum Fürstenberg, spiegelt diese Ent­ wicklung getreu wider. Erst 1849 wurde das fürstenbergische Patrimonialamt Hüfingen endgültig in ein Bezirksamt mit Sitz in Donaueschingen umgewandelt, nachdem es erstmalig 1807-1810 Donaueschingen unter­ stellt, 1813 wiederum aufgehoben und 1818/19 erneut eingerichtet worden war. Das 1807 errichtete fürstenbergische Amt (Ober­ vogteiamt) Blumberg hingegen hielt sich bis 1824, dann wurde es nach Hüfingen einge­ gliedert. Das gleichfalls standesherrliche Amt Neustadt mußte 1813 -gewissermaßen als geographische Schmälerung seines Patri­ monialstatus – Linach, Schönenbach und Langenbach an Triberg abgeben, erhielt die Orte jedoch 1824 zurück. Erst 1850 kamen diese zusammen mit Vöhrenbach an das Bezirksamt Villingen. Daneben bestanden in teilweise wech­ selnder Form die landesherrlichen Ämter Villingen, Triberg und, mit Unterbrechun­ gen bis 1844, das Amt Donaueschingen. Zu erwähnen, weil für die Konstituierung des heutigen Kreisgebietes von Bedeutung, sind auch das 1824 geschaffene standesherrli­ che Amt Möhringen, das bei Auflösung 1844 mit seinem Westteil an das Amt Hüfingen fiel, sowie die für das nördliche Kreisgebiet bis 1972/73 bedeutenden württembergi­ schen Ämter (Oberämter/Landkreise) Rott­ weil und Tuttlingen. Ansätze kommunaler Selbstverwaltung bzw. Elemente landschaft­ licher Mitregierung überdauerten vor 1810 in den Stadtverwaltungen ehemals privilegier­ ter Städte und den württembergischen Ober­ ämtern. In den übrigen Gebieten waren die Ämter bis auf weiteres die unterste Stufe einer rein staatlichen Verwaltung. Die Verwaltungsreform des Barons von Reitzenstein 1809 ging in ihrer Konsequenz noch weiter als diejenige Brauers. Nach dem Vorbild der französischen Präfekturen schuf Reitzenstein zehn, meist nach Flüssen benannte „Kreise“ als Mittelinstanzen, denen die Ämter unterstellt wurden. Im Unterschied zu den württembergi­ schen Kreisen 1806/17 besaßen die personell besser ausgestatteten Kreisdirektorien grö­ ßere Befugnisse und einen kompetenten Referentenstab. Die weiterhin nur mit einem Beamten besetzten Ämter befaßten sich in reduzierter Zuständigkeit mit der Zivilge­ Instanz, einer stark richtsbarkeit erster beschränkten und einem Teil der freiwilligen Gerichtsbarkeit. Das Schwergewicht der Verwaltung und Poli­ zei verblieb beim Kreisdirektorium. Strafgerichtsbarkeit Die Reform Reitzensteins, die noch stär­ ker als die vorangegangene dem Rationalis­ mus, der Zentralität und der einheitlichen Verwaltung verpflichtet war, hatte für die weitere Entwicklung grundlegende Bedeu­ tung, da sie tendenziell auf eine Ausweitung der Befugnisse des Bezirksamtes zielte. So wurde das sich auch personell ausweitende Bezirksamt nach und nach zum eigentlichen Träger der staatlichen Verwaltung, das den sich wandelnden Gegebenheiten schnell angepaßt werden konnte. Hier lagen seine Stärken wie seine Schwächen. Während das württembergische Oberamt durch seine Dauerhaftigkeit ähnlich dem Staatsgefühl 91

Bezirksamt Villingen (in der linken Bildhä!fte) nach 1900. ein emotional getragenes „Kreisgefühl“ schuf, das dem sozialen und wirtschaftlichen Zusammenhalt auf Kreisebene Vorrang ver­ schaffte, wurde das badische Bezirksamt mehr zum wirtschafts- und staatspolitischen Instrument. In seinen vielfachen Gebietsän­ derungen reagierte es flexibel auf die wirt­ schaftlichen und sozialen Veränderungen in einem sich dynamisch entwickelnden Groß­ herzogtum. Im Gebiet des heutigen Land­ kreises läßt sich dies an der mehrfachen Neu­ zuweisung zur Mittelinstanz belegen. Die seit 1809/10 dem Donaukreis (Villingen) unterstellten Ämter der Region gingen nach dessen Auflösung 1818/19 zum Seekreis (Konstanz) mit Ausnahme der Bezirksämter Triberg und Hornberg, die zum Kinzigkreis (Rastatt), ab 1832 zum Oberrheinkreis (Frei­ burg) geschlagen wurden. Die Verabschiedung der Verfassung von 1818 und die Tätigkeit einer mit starken Per­ sönlichkeiten liberaler Prägung besetzten Volkskammer waren der eigentliche Aus­ gangspunkt für den Wunsch nach (staats)­ bürgerlicher Mitbestimmung im engeren Lebenskreis. Bereits 1822 forderte der links- 92 liberale Abgeordnete Adam v. Itzstein, in den mittelinstanzlichen „Kreisen“ Landräte nach Pfälzer Vorbild einzuführen. Diese soll­ ten ein dem französischen Generalrat nach­ gebildetes Beratungsgremium von Ehrenbe­ amten sein. Der Antrag auf einen solchen Beraterkreis, der sich sowohl vom Kommu­ nalverband württembergischer Art als auch von der korporativen Selbstverwaltung älte­ ren Zuschnitts (Landstände) unterschied, wurde nach der Julirevolution 1831 von dem Freiburger Professor Karl Welcker erneut vorgetragen. Seine Forderung nach Volksab­ geordneten mit zeitweiligem Zusammentritt blieb ebenfalls unerfüllt. Doch gelang es der liberalen Kammer zumindest in der im glei­ chen Jahr verab chiedeten Gemeindeord­ nung Selbstverwaltungseinrichtungen zu etablieren. Damit war der Funke geschlagen, der in den folgenden Jahrzehnten auf die Ämterebene einer durch und durch bürokra­ tischen und zentralistischen Verwaltung überschlagen sollte. Wiederum war es Welcker, der 1842 eine umfassende Staatsreform im Sinne des Libe­ ralismus forderte, indem er auf das württem-

bergische Beispiel der Oberamtsversamm­ lungen und das der bayerischen Landräte als Mitwirkungsorgane auf Provinzebene ver­ wies. Er beantragte vom Volke gewählte Gre­ mien, die auf der Ebene der Provinzialregie­ rungen (Kreise) als Brücke zwischen Gemeinde und Ständeversammlung jene Beratungs-, Kontroll- und Bewilligungs­ funktionen wahrnehmen sollten, die wir heute auf allen Ebenen der Gemeinde-und Staatsverwaltung als selbstverständlich er­ kennen. Doch verschwand der Antrag in den Aus­ schüssen und erst das Revolutionsjahr 1848 sah die Verabschiedung eines neuen, weit in die Zukunft blickenden Gesetzes über Ein­ richtung und Geschäftskreis der Verwal­ tungsbehörden. Das Gesetz vom 10. 4.1849 beinhaltete die Aufhebung der Mittel-und Unterinstanz, d. h. der vier Kreise und neun­ undsiebzig Bezirksämter, die durch zwölf Großkreise mit etwa einhunderttausend Einwohnern ersetzt werden sollten. Alle Gemeinden eines Kreises bildeten den Kreis­ verband. Ihr Vertretungsorgan war die aus geheimen Wahlen hervorgehende Kreisver­ sammlung, die jährlich einmal zusammen­ treten sollte, um über Angelegenheiten des Kreisverbandes zu beschließen. Der aus der Versammlung durch Wahl bestimmte Kreis­ ausschuß unter Vorsitz eines von der Regie­ rung ernannten staatlichen Kreishauptman­ nes war das Vollzugsorgan der Kreisver­ sammlung. Infolge des Scheiterns der Revo­ lution kam das Gesetz jedoch nicht mehr zur Ausführung. Doch auch die Restauration lei­ stete ihren Beitrag zur Modernisierung der Amtsverwaltung, indem sie 1857 -vierzig Jahre nach Württemberg -Justiz und Ver­ waltung auf der untersten Stufe trennte. Die größte Reform nach den Jahren der Konstitutions-Edikte vor 1810 jedoch war das nach der Restauration von Innenminister August Lamey initiierte Gesetz über die Organisation der Inneren Verwaltung vom 5. Oktober 1863. Es hob die vier Kreisregie­ rungen als Mittelinstanz auf und ließ die Bezirksämter fortan von vier Landeskom­ missären überwachen, die im Grunde nichts anderes als besonders bevollmächtigte Mini­ ster mit kleinen Büros in Freiburg, Karlsruhe, Konstanz und Mannheim waren. Das Bezirksamt blieb auch weiterhin eine staatliche Institution. Weder bildeten die kreisangehörigen Gemeinden einen Bezirks­ verband noch sah das Gesetz eine körper­ schaftliche Selbstverwaltung wie im benach­ barten Württemberg vor. An die Forderung ltzsteins von 1822 anknüpfend gab man dem Bezirksamt jedoch nun einen „Bezirksrat“ (sechs bis fünfzehn ehrenamtliche Mitglie­ der) bei, der unter dem Präsidium des Bezirksamtmannes an gewissen staatlichen Aufgaben teilnahm. Auch der Schwarzwald und die Baar waren in dieser Zeit von der Neuorganisation betroffen. Schon 1850 hatte das Bezirksamt Neustadt Linach, Schönenbach, Langen­ bach und Vöhrenbach an das Bezirksamt Villingen abgetreten. Das Amt Blumenfeld (Nordhalden) wurde 1857 mit Engen, Tri­ bergmit Hornbergvereinigt.1864 mußte Tri­ berg schließlich auch Brigach, Buchenberg, Peterzell und St. Georgen an Villingen abge­ ben. Mit Ausnahme des Bezirksamtes Neu­ stadt, das dem Landeskommissär in Freiburg unterstand, kamen alle Ämter unter das Lan­ deskommissariat Konstanz. Das eigentlich „Revolutionäre“ am Gesetz Lameys 1863 war hingegen die Eta­ blierung einer korporativen Selbstverwal­ tung neben und über den Bezirksämtern, unabhängig von der staatlichen Verwaltung. Hauptorgan der elf neugeschaffenen ,,Kreise“ als körperschaftliche Verbände – Villingen umfaßte alle Bezirksamtsbezirke mit Ausnahme Neustadts, das zum Kreis Freiburg kam -war die Kreisversammlung, deren Mitglieder zum Teil aus geheimen und indirekten Wahlen hervorgingen, zum Teil Abgeordnete der Gemeinden oder begüterte Grundbesitzer waren. Vollzogen wurden die Beschlüsse der jährlich mindestens einmal tagenden Kreisversammlung durch den per­ manent arbeitenden Kreisausschuß. Tätig-93

keitsfelder dieser Kreisverbände -und hier zeigen sich große Gemeinsamkeiten mit den heutigen Landkreisen -war die Einrichtung gemeinnütziger Anstalten (Krankenhäuser, Sparkassen), hinzu kamen das Straßenwesen (1868 und 1884), das Landarmenwesen (1872) oder die Förderung der Landwirtschaft. Die Einführung einer von Bezirksamt und Landeskommissariat völlig geschiede­ nen Selbstverwaltungskörperschaft, die durch demokratischen Charakter, bezirks­ übergreifenden Wirkungskreis und ihre rela­ tive Finanzkraft bestach, war einmalig für das Deutsche Reich. In der Verwaltungsreform von 1863 (Einführung 1864) entstand damit jene Zweigleisigkeit von staatlicher Verwal­ tung und kommunaler Selbstverwaltung, die bis heute die baden-württembergische Kreis­ verwaltung kennzeichnet. Die vom Selbstverwaltungsgedanken des englischen Liberalismus beeinflußte Reform von 1863, die nur bedingt die Vorschläge der badischen Kammer vor 1849 verwirklichte, erwies sich bei der immer stärker werdenden Zusammenbindung der Einzelstaaten im Reich und den kriegsbedingten Militär-und Sozialaufgaben als unzulänglich. Vor allem die nicht räumliche Deckung von großen Kreisen und kleineren Amtbezirken ließ Überlegungen entstehen, wonach die elf Kreisbezirke auf vier, mit den Landeskom­ missariatsbezirken übereinstimmende Orga­ nisationen zurückgeführt werden sollten. Die praktische Umsetzung kam erst 1920. Vom Gedanken geleitet, nach dem Vorbild anderer Länder Staats-und Selbstverwaltung unter einem Dach zusammenzufassen, beantragte der badische Landtag den Ausbau · onaueschingen. Uez1rks ml 94

des Amtsbezirks zum Selbstverwaltungsbe­ zirk. Die Vorlage scheiterte nicht zuletzt angesichts einer immer schwieriger werden­ den Finanzlage, die tiefgreifende, d. h. auch kostspielige, Reformen verhinderte. Die Kreisordnung von 1923 bestätigte daher das Bestehen der elf Selbstverwaltungskreise, übertrug ihnen jedoch weitere, bisher von den Kommunen wahrgenommene Aufga­ ben. Die Wahlmodi der durch den größeren Zuständigkeitsbereich mit mehr politischem Gewicht versehenen Kreise waren wie in den Ämtern bereits im Zuge der Revolution 1919 revidiert worden. Wie fur die Kreisversamm­ lung hatte man auch fur den Bezirksrat jetzt die unmittelbare, gleiche und geheime Ver­ hältniswahl eingeführt. Ein nächster Schritt erfolgte 1924. Wäh­ rend die württembergische Regierung an einer Verminderung der Amtsbezirke schei­ terte, konnte Baden die Zahl der Bezirksäm­ ter von dreiundfünfzig auf vierzig reduzie­ ren. Für das Bezirksamt Triberg bedeutete dies die Aufhebung: es wurde zwischen Donaueschingen (Furtwangen, Gütenbach, Neukirch, Rohrbach), Villingen und Wolf­ ach (Hornberg) geteilt. Den Vorschlägen der Sparkommission der badischen Regierung 1931, die Kreis­ selbstverwaltungskörperschaften aufzuhe­ ben und in den noch einmal von vierzig auf siebenundzwanzig verminderten Am tsbezir­ ken deckungsgleich einzugliedern, war zunächst kein Erfolg mehr beschieden. Die nationalsozialistische Diktatur und die von ihr erzwungene Gleichschaltung ver­ änderten Wesen und Funktion der Selbstver­ waltungskörperschaften. Wenn das Verwal­ tungsgesetz von 1936 dann doch die Zahl der Kreise auf 27 verringerte, so geschah dies unter dem veränderten politischen Vorzei­ chen einer Straffung der Verwaltung. Es war die Vorstufe gewißermaßen zu jenem seit langem geforderten Zusammenschluß unter einem Dach der Selbstverwaltungskreise und der staatlichen Verwaltungsbezirke, wie sie die Landkreisordnung vom 24. 6.1939 schließlich vollzog. Auch das Gebiet des heutigen Landkreises blieb von dieser Neuordnung nicht unbe­ rührt. Grüningen wurde von Villingen an Donaueschingen überstellt, letzteres gab Fützen von 1936 bis 1939 an den Kreis Walds­ hut. Die Aufhebung des Amtes Engen brachte Donaueschingen einen größeren Gebietszuwachs im Osten, darunter Kom­ mingen. Nordhalden hingegen kam an den Landkreis Konstanz. Der Zusammenbruch 1945 und die Beset­ zung der badischen und württembergischen Landesteile durch Franzosen und Amerika­ ner wurde fur die Landkreise zur großen Her­ ausforderung. Der Untergang der Länder machte sie zu den eigentlichen Trägernstaat­ licher Autorität und Verwaltung. Wie es die Erinnerungen des Verwaltungsdirektors Karl Lienert des ehemaligen Landkreises Donau­ eschingen anschaulich schildern, entwik­ kelte sich die Landkreisverwaltung unter der Oberaufsicht eines alliierten Kommandan­ ten fast zu einem kleinen „Staat“, der sich um alle Belange der Bevölkerung zu sorgen hatte. Der Landrat übernahm neben seinen bisherigen Aufgaben die Aufsicht und Füh­ rung sämtlicher, in seinem Bezirk gelegener Staatsverwaltungen. Dann kam der Neubeginn. Während die in der amerikanischen Zone 1946 erlassene Kreisordnung sowohl den Verbandscharak­ ter der alten württembergischen Kreise als auch die unmittelbare Wahl nach Vorbild der badischen Selbstverwaltungskreise über­ nahm, beließ die Verordnung Nr. 60 des Oberkommandierenden der französischen Streitkräfte in Deutschland den badischen Landkreis als eine rein staatliche Verwaltung nach Vorbild der französischen Präfektur. Erst die Angleichung 1953 der unter­ schiedlichen Kreisordnungen nach Bildung des Südweststaates unter dem großen Rah­ men des Art. 28 des Grundgesetzes forderte eine Volksvertretung in Kreisangelegenheiten. Unterstrichen wurde diese noch einmal durch die Artikel 69 sowie 71-76 der Landesverfas­ sung, die das Prinzip einer überragend star­ ken Selbstverwaltung besonders hervorhob. 95

Für Art und Wesen der Selbstverwaltung brachte die erneuerte Landkreisordnung vom 10. Oktober 1955 eine Klärung im Sinne einer Scheidung von althergebrachten und bürgerlich-liberalen Selbstverwaltungsorga­ nen. Der aus allgemeinen Volkswahlen her­ vorgehende Kreistag ersetzte die traditionel­ len württembergischen Amtsversammlun­ gen wie die den durch Gemeinderäte gewähl­ ten Kreistag nach badischem Herkommen. Wenn auch in der Praxis Strukturen des ver­ gangenen Jahrhunderts durch die häufige Wahl von Bürgermeistern in den Kreistag bis heute fortdauern, so hat die Kreisordnung von 1955 diese theoretisch doch beseitigt. Die seit den 1960er Jahren begonnenen Überlegungen zur Kreisreform haben die in der Landkreisordnung von 1955 niedergeleg­ ten Prinzipien nicht angetastet, sondern wei­ ter ausgebaut. Im Kreisreformgesetz vom 26.Juli 1971, der letzten großen Neugestaltung der Land­ kreise, gingen Gebiets- und Verfassungsre­ form Hand in Hand. Am !.Januar 1973 ent­ stand der heutige Landkreis Schwarzwald­ Baar. Durch Zusammenschluß der Land­ kreise Donaueschingen und Villingen mit verschiedenen Gebietsbereinigungen an deren Rändern entstand ein vom Gesetz intendierter Großkreis, der die geistige Tradi­ tion der großen Selbstverwaltungskreise Badens von 1863 fortführt bzw. wiederauf­ nimmt. Mit Ausnahme von Tennenbronn, das an den Landkreis Rottweil kam, erhielt der neue Landkreis vom Landkreis Rottweil die Gemeinden Deißlingen (nur bis 1974) und Weigheim, vom Landkreis Tuttlingen die Gemeinde Tuningen und vom bisheri­ gen Landkreis Hochschwarzwald die Gemeinde Urach. Nach Abschluß der am 1.1.1975 in Kraft getretenen Gemeindege­ bietsreform umfaßt der Landkreis Schwarz­ wald-Baar heute 20 selbständige Gemeinden mit insgesamt 65 Ortsteilen. In diesen neuen Kreisen wurde der Kreisrat als drittes Organ neben Landrat und Kreistag nun abge­ schafft. An seine Stelle traten beschließende Ausschüsse. Die Neufassung vom 22. 12. 1975 gar erhob die Kreisordnung zum Voll­ gesetz. Noch einmal wurden im Sinne stärke­ rer Demokratisierung die Beteiligung der Einwohner und die Rechte des Kreistages ausgebaut, dessen Mitglieder von nun an „Kreisräte“ hießen. Dr.Joachim Sturm Gremmelsbacher wanderten nach Ungarn aus Die Entscheidung einiger Gremmelsba­ cher Untertanen um das Jahr 1760, nach Ungarn auszuwandern, ist in weltgeschicht­ lichen Zusammenhängen 1 l zu sehen und nur von ihnen her zu verstehen. Die damali­ gen Weltmächte suchten ihr Binnenland wie ihre Kolonien mit einer tüchtigen Bevölke­ rung zu besiedeln, wobei ihre Herkunft von untergeordneter Bedeutung war. Je dichter die Besiedlung, desto kraftvoller die Wirt­ schaft, desto höher die Steuern, desto schlag­ kräftiger das Heer und damit das Ansehen des Staates. Der Geist Colberts, der Merkan­ tilismus, bemächtigte sich ganz Europas. Was lag für Kaiser Karl VI. und Kaiserin Maria Theresia näher, als ihre in Ungarn und Rumänien während der Besetzung durch die Türken menschenleer gewordenen Gebiete durch Einwanderer aus den übervölkerten Teilen im Westen und Südwesten des Rei­ ches zu neuer Blüte zu führen? Freilich mußten, um Menschen für ein solches, ihre Existenz in jeder Hinsicht erschütterndes Unternehmen zu gewinnen, ,,Verheißungen“ gemacht und „Conditio­ nes“2l (=Vorteile, Privilegien) gewährt wer­ den, die es lohnend erscheinen lassen muß­ ten, die Enge der Schwarzwaldtäler und die familiären Bindungen, um nur diese zu nen­ nen, nach langer, gefahrvoller Reise mit einer ungewissen Zukunft in der Weite der Pußta zu vertauschen. Was die kaiserliche 96

Regierung durch Werber versprechen konnte, geht aus einem „ Werbepatent“ aus dem Jahr 1736 hervor. Der Kaiser wollte die Kosten für die Fahrt (nicht für die Verpfle­ gung) von Marxheim, drei Stunden unter­ halb von Donauwörth, bis Temesvar, der Hauptstadt des Banats, tragen. Zugesichert wurde weiter, ,,diese Leut an lauter solche Gegenden abzusetzen, wo es ihnen weder an frischem Wasser, noch an Fruchtbarkeit der Erden, im mündesten ermangeln soll“.3l Die Regierung in Wien konnte großzügig sein. Sie bot an, was jeder an Äckern, Wiesen, Weideland, Wald und Weingärten anzu­ bauen sich zutraute, sollte er bekommen. Doch wie auf freiem Feld mit der Landwirt­ schaft beginnen? Ein Startkapital von 200 Gulden wurde zur Verfügung gestellt: 47 Gulden für die Nahrung bis zur ersten Ernte sowie Kleinig­ keiten, für ein Haus 30, für Wagen, Pflug und Egge 14, für vier große Ochsen 44, für zwei Pferde 22, für vier Kühe und vier Kälber 40, für zwei Zuchtschweine 3 Gulden, alles in allem 200 Gulden. Es schien, als hätte auf diese Weise ein Leibeigener oder ein Hinter­ sasse leicht Großgrundbesitzer werden kön­ nen. Garantiert war die Steuerfreiheit für die ersten fünf Jahre. Die Siedler waren vom ,,Zehend und allen Beschwerden vollkom­ mentlich befreyet.“ Danach war neben dem gewöhnlichen Zehnten von den Feldfrüch­ ten, Wein, Bienen, ,,Lamblen“ (Lämmern) nicht mehr als 6 Gulden zu bezahlen. Ein Pferd, ein Ochse und eine „Kuhe“ war mit je 17 Kreuzern, ein Schaf mit 7 und ein Bienen­ stock mit 6 Kreuzern, ein großes Schwein mit 6, ein kleines mit 3 Kreuzern zu versteu­ ern. Auch für die Organisation der Reise war alles getan. Die Ausreisewilligen sollten sich beim kaiserlichen Kommissar Joseph Antoni Yogi in „Donau=Eschingen“ melden, so­ dann sich mit den „Kayserlichen Bannati­ schen Burgeren Heinrich Schwartz, Schult­ heissen von Uypetsch, oder Valentin Späth von Neu=Arrath“ besprechen, damit „die Flötz oder Schiffe auch zeitlich bestellt, und allforderliche Dispositionen vorgekehrt wer­ den möchten.“ Mitte März 1737, am 15.Juni und am 15. September werde von Marxheim ein Transport abgehen, zwei Tage zuvor soll­ ten sich die Auswanderer dort einfinden, sonst müßten sie sich bis zum nächsten Ter­ min gedulden. Der Erfolg dieses „ Werbepa­ tents“ war nicht so durchschlagend, daß das Land mit einem gewaltigen, einmaligen Menschenstrom hätte bevölkert werden können. Allein die Beschwernisse der Reise über­ schritten für viele die Grenze ihrer physi­ schen Belastbarkeit. Außer den Strapazen des weiten Weges hatten die Auswanderer, die ihre Habseligkeiten an Kleidung, Nah­ rung und Haushaltsgeräten auf das Notwen­ digste4l beschränken mußten, mit vielerlei Gefahren zu rechnen, mit der Ungunst des Wetters, mit ansteckenden Krankheiten, Sumpffieber und Pest, mit dem Räuberun­ wesen, mit Verschleppungen5l , sogar mit erneuten Türkeneinfällen. Für die von den Siedlern zu beziehenden Gebiete lagen zunächst nicht einmal detaillierte Pläne für die Anlage von Straßen und Dörfern vor. Diese Unsicherheit mag auch ein Grund dafür gewesen sein, daß sie unterwegs von privaten Grundherren abgeworben wur­ den.6l Die Gremmelsbacher Auswanderer schlos­ sen sich dem von Kaiserin Maria Theresia initiierten Unternehmen an, das, 1754 mit dem Ziel begonnen, Kameralorte in der Batschka zu besiedeln und den übervölker­ ten Breisgau zu entlasten, sich bis 1773 hin­ zog.7 l Die Werber (wir kennen die Namen Anton Akly, Anton Nuiberger (1755), Johann Bifahrth, Adrian Schmiezer und (1759/61)81 wirkten Jakob Straidmoder erfolgreich. 1748-1762 wurden etwa 1 000 deutsche Familien in der Batschka heimisch. Was in die Auswandererakten nicht ein­ floß und mit ihren Briefen, die in die Archive keinen Eingang fanden, unterging, sind die persönlichen Uberlegungen und die viel­ leicht übertriebenen Hoffnungen, der Abschiedsschmerz, die aus dem gegenseiti- 97

Hausgerätschaften, die von den Einwanderern aus ihrer Heimat mitgebracht und von späteren Genera­ tionen als Familienerbstücke in Ehren gehalten wurden. 98

gen Aufeinanderangewiesensein hervorge­ gangenen Freundschaften der Mitglieder einer Reisegruppe, die Erlebnisse auf der Reise, das Gefühl, mit dem sie die neue Hei­ mat begrüßten, das Heimweh, mit einem Wort: das Menschliche. Vielmehr vermer­ ken die Akten Dinge nüchterner, geschäfts­ mäßiger Art, die deshalb keineswegs für die Nachwelt uninteressant sind. Die Auswan­ derer hatten vor ihrem Wegzug ihre Schul­ den zu begleichen, ihre Fahrnisse zu veräu­ ßern, eventuelle Erbansprüche wahrzuneh­ men, Leibeigene mußten um ihre Manumis­ sion nachsuchen. Nicht eigentlich als Auswanderer -im Sinne eines Siedlers -istThomas Kienz­ I e r9> anzusehen. Bereits vor der Aktion Kai­ ser Karls VI. verließ er Gremmelsbach, um im kaiserlichen Heer gegen die Türken zu kämpfen. Sein Schicksal bleibt im ungewis­ sen. 1740 war er „bey 7 Jahr“ abwesend, und ist „Bey lezten Türken Krieg dem vernem­ men nach“ verstorben, einem Krieg (1737- 1739), in dem weite von Prinz Eugen eroberte Gebiete wieder an die Türken verlorengin­ gen, das Heer des Kaisers durch Krankheiten geschwächt war. Im Heer des großen Feld­ herrn konnte er nicht mehr gedient haben. Kienzlers Hinterlassenschaft betrug 96 Gul­ den, 13 Kreuzer und 3 Batzen, die unter seine vier Erben Katharina, Anna, Magdalena und Johann (Kienzler) zu verteilen waren. Nach Abzug der Schreibgebühren und des Leib­ falls verblieb eine Summe von 88 Gulden 6 Kreuzern, die Joseph Feyertag auszahlte. Sollte aber Thomas Kienzler „annoch bey Leben seyn und über kurz oder lang“ sein Vermögen in Besitz nehmen wollen, so sind „benamste Erben“ verpflichtet, es ihm zur Verfügung zu stellen. Hans Jörg Weinagger hatte das Recht (das „ Winkelrecht“), auf dem Hof des Joseph Grieshaber unterhalten zu werden, er „quittierte“ es, d. h. er nahm es nicht in Anspruch und entlastete so diesen Hof vom Leibgeding. Dafür bekam er 60 Gulden. Ver­ einbart wurde aber, daß, falls einer der bei­ den Ehegatten binnen Jahresfrist zurückkeh- ren sollte, die 60 Gulden zurückbezahlt wer­ den müßten. Bei späterer Rückkehr bestand kein Anspruch mehr darauf. 52 Gulden stan­ den ihm noch für seinen verkauften Hof gut. 40 Gulden „Erbschuld“ wurden ihm von Blasi Kienzler ausbezahlt. Alles geschah am 10.April 1760. Er wurde in Kolluth angesie­ delt.Ebenfalls am 10. April 1760 nahmen die beiden Schwestern Katharina und Ro­ sina Kienzler, die Ehefrauen von Joseph Rombach und Johann Rei­ ner, das Erbe ihrer verstorbenen Mutter Magdalena Clausmännin in Empfang. Diese war die Tochter des Andreas Clausmann. Mit ihm hatten sie sich bereits jetzt „wegen weither entfernung“ nach Ungarn, wo sie sich „haushäblich“ niederlassen wollten, auf je 15 Gulden geeinigt, weil die Abwicklung der Erbschaft „bey erfolgendem Absterben unseres lieben Großvatters“ schwierig gewor­ den wäre. Damit hatten sie ihn „feüerlichst“ von allen weiteren Verpflichtungen, für den Fall, daß das Erbe größer ausfallen sollte, befreit. Auch sie fanden in Kolluth eine neue Heimat. Einen Akt der Großzügigkeit können wir im Falle des Auswandererehepaars Hans Jörg Kienzler und Magdalena Hetti­ c hin feststellen. Magdalenas Brüder Philipp und Joseph und ihr Schwager Franz Förenba­ cher in Schönwald hätten, wenn Magdalena ohne Kinder sterben sollte, einen „Rückfall“ von 100 Gulden von ihr zu beanspruchen gehabt. Darauf verzichteten sie „wohlbe­ dächtlich und aus freyem willen vollkom­ men.“ So festgehalten in Triberg am 10. April 1760. Genauen Aufschluß über den Besitzstand des Hans Georg Pfaff geben die Eintra­ gungen ins Gerichtsbuch. ,,Pfaff will mit Weib und (einem) Kind in Hungern ziehen und verkauft dem Gabriel Clausmann für seinen Sohn Andreas sein Hab und Gut.“ Dieses bestand aus einem „Häußlein“ in Gremmelsbach, einer Hofstatt, einem Gärt­ lein, einem Stück Mattenfeld in Althorn­ berg, einem „Berg“ auf dem Lehenhof des 99

Hans Georg Haas, verbunden mit dem Recht, für die Entrichtung von 6 Batzen dort zwei Ziegen grasen zu lassen; alles, was er besessen und genutzt hatte, verkaufte er mit allen Rechten und Gerechtigkeiten für 395 Gulden, dazu kam das Inventar: die beiden Ziegen und alles Heu, Stroh, Öhmd, acht Bienenstöcke, ein Bauchkessel, ein eiserner Hafen, eine Sehrotaxt, ein Brandhaken, eine Hacke, eine Baumsäge, ein Mörsel, ein gro­ ßer Fruchtkasten, eine Arch (ein Schrank), ein Trog, ein Backzuber, alles hölzerne und irdene Geschirr, ein Weißkasten, alle Früchte, ein Ziehwagen, ein eisernes Schäu­ felein, vier Klafter Brennholz, 2112 Schragen Schindeln, Dielen und Tafeln, so daß Gabriel Clausmann der Kauf auf450 Gulden kam. Der Rechtsakt geschah im Beisein des Vogts Hans Faller am 3. Oktober 1761 und wurde am gleichen Tag von Andreas Claus­ mann beglichen. Der Grund für] o h a n n K i e n z l e r , nach Ungarn auszuwandern, war vermutlich räumliche Enge. 1749 hatte er ein „halbes �···················· … 100

Häußlein“ auf des Michel Schochen Lehens­ hof gekauft und seither genutzt. Hofstatt und Garten gehörten dazu. Ohne eine Ent­ schädigung zu bezahlen, durfte er eine Geiß »laufen“ lassen. Dies alles verkaufte er jetzt an Jacob Fehrenbach und dessen Tochter Maria für 237 Gulden. Er übergab außerdem zwei Ziegen, alles Hausgerät, Heu, Stroh, zwei Stückchen Reutfeld, die Erdäpfel, eine Hacke, eine Gabel, einen Herdkessel, alles irdene und sonstige „Kuchelgeschirr“, außer zwei Pfannen, alles Wagengeschirr, die Fel­ gen (Räder), alle Zuber und Kübel, eine ,,Arch“, einen Trog und den Deichelbohrer. Die Familie erhielt die Befreiung aus der Leibeigenschaft und einen Paß. Nach Abzug einer Nachsteuer von 29 Gulden, 2 Batzen und 4 Pfennig verblieben ihm 207 Gulden, 12 Batzen und 6 Pfennig. Gerichtlich wurde der Vorgang am 3. Oktober1761 abgewickelt. Wenig Sicheres vermitteln uns die �ei­ len über J o s e p h F e i s . Es ist nicht einmal sicher, ob er in Gremmelsbach oder Nuß­ bach geboren ist. Er erbat sich von Pfarrer Michael Duffner in Nußbach einen Tauf­ schein, den ihm dieser ohne amtliche Erlaubnis ausstellte. Dies meldete das Ober­ vogteiamt an die Vorderösterreichische Regierung. W. Hacker (S. 195/871) muß im ungewissen lassen, ob die Auswanderung überhaupt nach Ungarn erfolgte. Als Datum für die Ausstellung des Taufscheins gibt er den Juni 1769 an. Die Vorderösterreichische Regierung gab Anweisung, daß kein Pfarrer mehr „ohne Vorweisung eines Emigrations­ oder Heuratsconsenses“ einen Taufschein ·aushändigte. Dürftig sind auch die Angaben über den ledigen Gerbergesellen Ch r i s t i a n F a 11 e r . Die Kirchenbücher von Nußbach und Neu­ Arad halten fest, daß er am 17. Mai 1780 in Temesvar im Alter von 44 Jahren verstorben ist. Das Jahr der Auswanderung wird nicht genannt. Die Frage, ob Nachkommen dieser Aus­ wanderer feststellbar sind, ist noch nicht zu beantworten. Die Bindungen zur alten Hei­ mat, wenn sie denn erstrebt worden sind, wären für eine nationale Minderheit über zwei Jahrhunderte hinweg schwer aufrecht­ zuerhalten gewesen. Die Ahnenforschung würde aber heute nicht in jedem Falle erfolg­ los bleiben. Eine gute Voraussetzung dafür könnte das „Ungarndeutsche Museum“ in Backnang bieten. Erstaunlich ist trotz aller für die in Ungarn fremdstämmige Bevölke­ rung ungünstigen Entwicklungen, daß Über­ reste, die auf die deutsche Herkunft hinwei­ sen, bis heute erhalten und gepflegt worden sind, nicht nur die deutsche Sprache; Touri­ sten fanden noch eine Kuckucksuhr, ein Gemälde mit einer Schwarzwaldlandschaft und einer Mühle, Gräber mit deutschen Namen und eine „Tryberger Straße“ in Pilis­ vörösvar (westlich von Budapest), Trachten mit Mustern, die der Gutachter Tracht ähneln, auch Tanzelemente, die in Schwarz­ wälder Tänzen vorkommen.10, Anmerkungen: 1 l Vgl. Karl Franz Waldner, Perjanosch, Homburg, 1977, S.52 21 Vgl. Johannes Künzig, Saderlach, Karlsruhe 1937, S.26 3l Ebda, auch die folgenden Angaben •1 Ebda, S. 33 Sl Vgl. Franz Wilhelm, Josef Kallbrunner, Quellen zur in Südosteuropa, deutschen Siedlungsgeschichte München 1936, Vorwort S. III 01 Ebda 11 Werner Hacker, Auswanderungen aus dem südöstli­ chen Schwarzwald zwischen Hochrhein, Baar und Kinzig insbesondere nach Südosteuropa im 17. und 18. Jahrhundert München 1975, S. 28 ei Ebda, S. 28 91 Alle Auswanderer bei Werner Hacker, mit Ausnahme von Joseph Feis sind in den Akten des Generallan­ desarchivs in Karlsruhe, die jeweilige Standortnum­ mer ist bei W. Hacker genannt. Joseph Feis: Haupt· staatsarchiv Stuttgart (B 17/107:3 937) 10l0iese Angaben verdanke ich Herrn Günter Hacker, St. Georgen Karl Volk 101

Die Untere oder Haller-Mühle zu Burgberg Die älteste Mühle des Königsfelder Orts­ teils Burgberg ist die Untere Mühle am Glas­ bach. Im Volksmund heißt sie die „Haller­ Mühle“ nach der Müller-Familie Haller, die dieses Mühlengut seit dem Jahre 1835 besitzt. Sein einst so großer Grundbesitz beträgt heute nur noch zirka 11 Hektar Land. Auch wird seit 1972 kein Mehl mehr gemah­ len. Aber man kann heute noch zwei uralte Mühlräder im Mühlengebäude betrachten, die einstmals vom Wasser des Glasbachs angetrieben worden sind. In den Lagerbüchern des ehemaligen württembergischen Oberamts Hornberg, zu dem Burgberg bis 1810 gehörte, wird die Untere Mühle als „Mahlmühle unterm Schloß Burgberg“ bezeichnet. Sie tritt erstmals urkundlich in einer Verkaufsur­ kunde vom Jahre 1429 auf. Erhard von Fal­ kenstein, der hier als Verkäufer fast der gesamten Herrschaft Burgberg auftritt, hatte auch dieses Mühlengut in Besitz. Er hatte die Grundherrschaft 1425 von Hans von Burg­ berg, dem späteren Schultheißen in Villin­ gen, erworben. Es ist sehr unwahrscheinlich, daß die Mühle unter Erhard von Falkenstein erbaut worden ist. Vermutlich hatte sie schon lange vorher unter den Herren von Burgberg Dienst getan. Das Mühlengut ist demnach mindestens 500 oder 600 Jahre alt. Das heutige Mühlengebäude soll etwa 250 Jahre stehen. Andernseits wissen wir auch, daß die Mühle 1634 abgebrannt und bald danach wieder aufgebaut worden ist. Die Herrschaft Burgberg kam 1472 an die Grafschaft Württemberg. Nach dem Verkauf durch den Falkensteiner war sie zunächst im Besitz von Villinger Bürgern gewesen, danach Eigentum der Freiherren von Geroldseck. Bei den Verkäufen wird die Mühle immer mit erwähnt. Unter Württembergs Herrschaft waren das Mühlen- und Schloßgut anfangs zwei getrennte Erblehen. 1491 war nach dem Burgberg mit Talburg(Wasserschloß), Untere Mühle und Schloßhof zu Zeiten von Balthasar Götz um 1530 102

Die Untere Mühle zu Burgberg, 1986 Hornberger Lagerbuch Simon Algewer In­ haber der Mühle, während das Schloßgut Erblehen des Meiers Zenlin gewesen ist. Simon Algewer mußte sich 1494 wegen eines Totschlags verantworten. Schon kurze Zeit danach war er erneut in eine Streitsache ver­ wickelt, so daß er in Haft des »iuncker Han­ sen von Nuwneck obervogt am Schwartz­ wald“ in Homberg kam, woraus er 1498 gegen Bedingung wieder freigelassen wurde. Nach ihm, im Jahre 1517, besaß Martin Wörnle die Burgberger Mühle. Auf dem Höhepunkt des Bauernkrieges finden wir Balthasar Götz auf dem Mühlen­ gut. Er war der erste Götz in Burgberg. Über seine Herkunft wissen wir soviel wie nichts. Im Hornberger Musterrodel von 1517 erscheint ein Hans Götz von Guttach, der mit einer Hellebarde zu erscheinen hatte. Ob er der Vater des Balthasar gewesen ist, läßt sich nicht nachweisen. Jedenfalls kom­ men vor 1517 im Hornberger Oberamt auch keine weiteren Nennungen des Namens Götz vor. Balthasar Götz zinste nach dem Hornber­ ger Herdstättenverzeichnis von 1525 bereits von der Mühle, wie auch vom Burgberger Schloßgut, das noch 1523 dem „alten Meier“ Christian Wöhrle gehörte. Es ist sehr wahr­ scheinlich, daß Götz entweder in die Mühle oder in das Schloßgut eingeheiratet hat. Bal­ thasar Götz hatte 2 Söhne, Asimus und Mel­ chior, sowie eine Tochter, deren Vornamen wir nicht kennen. 1542 verkaufte Balthasar 103

Motiv Burgberg Götz den zur Mühle gehörenden „Hörnle­ Brühl“ nach Erdmannsweiler mit der Bedin­ gung, daß jeder Inhaber der Mahlmühle das Vorkaufsrecht habe. Der Besitzer des Hörnle-Brühls mußte jährlich einen Zins von 2 Schilling Heller Villinger Währung an die Mahlmühle abfuhren. Noch zu Lebzei­ ten von Balthasar Götz wurden das Mühlen­ und das Schloßgut rechtlich zu einem einzi­ gen Erblehen zusammengeführt. Sein Sohn Melchior, als Besitzer des vereinigten Erble­ hens, betrieb ab 1557 die Mühle. Nach ihm war Caspar Götz, der als erster die Berufsbezeich­ nung Müller auf der Unteren Mühle führte, 1586 bis 1603 Lehensträger. Er war der Enkel des Balthasar und der Sohn des Melchior. Zur Zeit der Hornberger Lagerbuch­ Erneuerung 1591 hatte die Mühle drei Was­ serräder, außerdem gehörte eine Sägmühle zum Gut. Daraus zinste der Inhaber jährlich 7 Schilling Heller Villinger Währung an die Herrschaft Württemberg sowie an Abgaben 3 Sommerhühner und 100 Eier. Auf der Mühlstätte stand ein großes neues Haus mit Viehställen und oberhalb der Mühle noch ein kleines Haus mit einer Scheune. 104 Über den Winter durfte der Inhaber 10 Rinder halten. Auch ein „Schwein(e)atzstall“ war vorhanden. Schon 1600 war das Schloß­ gut innerhalb der Familie Götz in Unterle­ hen aufgeteilt. Im Jahre 1603 kaufte nun der Müller und Lehensträger Caspar Götz das Schloßgut um 2366 Gulden von Herzog Friedrich von Württemberg, um es anschlie­ ßend in 5 Teile aufzuteilen und 4 davon an Familienmitglieder weiterzuverkaufen. 1607 kommt er zum letzten Mal urkundlich vor mit einem Vermögen von 3210 Gulden, zu­ gleich bewohnte er die Untere Mühle. Er war der zweitreichste Mann im Stab Weiler! Isaak, Sohn des Caspar Götz, übernahm nach 1607 das Mühlengut von seinem Vater, vermutlich gerade zur Zeit seiner Verheira­ tung um 1612 mit Anna Mayer (1588-1654), die aus Langenschiltach stammte, wo ihr Vater Endris Mayer (gest.1629) Vogt gewesen ist. Isaak starb schon in ganz jungen Jahren, wohl kurz nach der Geburt seiner Tochter Eva 1614, seinem einzigen Kind. Da keine weiteren Nachkommen vorhanden waren, wurde Eva, die Enkelin des Schloßkäufers von 1603, zur Alleinerbin!

Ihre Mutter heiratete um 1615 in 2. Ehe den Müller Matthias Grettler, der den Müh­ lenbetrieb weiterführte. 1632 erscheint der Müller Grettler auch in der einzigen aus die­ ser Zeit erhaltenen Liste der Burgberger Schloßgutteilhaber. Unter den 5 Schloßgut­ teilhabern gab es in der Mitte des 30jährigen Krieges nur noch 2 Götz. Am 17. August 1634 kehrten die Villinger Reiter unverrichteter Dinge von einem Raubzug nach Waldmössingen zurück und verbrannten auf dem Rückweg zuerst das Dorf Weiler und dann Burgberg. Nur ein Taglöhnerhäuslein in Burgberg wurde vom Feuer verschont. Auch die Untere Mühle wurde ein Raub der Flammen. Es ist sehr wahrscheinlich, daß der Müller Grettler bei dem Überfall der Villinger getötet worden ist. Urkundlich ist er zwar 1634 noch bezeugt, dann aber nicht mehr. 1638 ist Anna Mayer mit Theis Vetter verehelicht. Sie starb am 6.12.1654 in Burgberg. Ihre Tochter Eva Götz heiratete zwischen 1633 und 1636 den Müller Jacob Stortz (1609 -1697). Somit kam die Müller-Familie Stortz durch Einhei­ rat auf die Untere Mühle! Eines der Mühlräder von der Unteren Mühle zu Burgberg im Jahre 1986 105

Der Burgberger Müller Jacob Stortz ist der Ahnherr der meisten Tuttlinger Stor(t)z und der Storzen von Neuhausen ob Eck. Ein Urenkel begründete einen katholischen Storz-Zweig in Rottweil. Etwa 55 Nachkom­ men von diesem Burgberger Müller waren von Beruf Müller, so in Tuttlingen, Rosen­ feld, Rietheim, Dußlingen, Nagold, Scha­ benhausen, Trichtingen, Remmingsheim und natürlich in Burgberg selbst. 1642 kaufte Jacob Stortz zu seinem Schloßgutanteil der Mühle noch einen zwei­ ten, der dem ver torbenen Hans Jäcklin gehört hatte. Wenige Wochen vor dem Kauf wurde das Burgberger Schloßgut erneut, diesmal von der Blumberger Besatzung, aus­ geraubt. Auch nachdem der Westfälische Frieden 1648 verkündet worden war, dauerte es noch längere Zeit, bis die Franzosen und Schweden abgezogen waren. Im März 1649 verbreitete die Grausamkeit der Franzosen erneut Furcht und Schrecken unter der Schwarzwälder Landbevölkerung. An den Pässen errichteten die Bauern Sper­ ren mit gefällten Bäumen und viele flüchte­ ten wieder in die Wälder. Der Fähnrich des Regiments Fleckenstein rückte mit einem Schwadron Reiter nach St. Georgen aus, um von den Bauern 100 Taler zu erpressen. Anschließend ritt man nach Burgberg, wo man den Müller Jacob Stortz übel behandelte und drei Schweine seiner Zucht wegnahm und schlachtete. Jacob Stortz stand in hohem Ansehen. Er war 1677-1684 Burgberger Beivogt im Horn­ bergischen Stab Weiler, sowie 1686 Vertreter aller Gemeinden im Stabe. 1686 verkaufte er mit seinen Söhnen und Schwiegersöhnen das Mühlengut um 1400 Gulden an den jüngsten Sohn Georg (1654-1734), der später auch Beivogt von Burgberg wurde. Es war Georg auch erlaubt, in Burgberg das Back­ handwerk auszuüben. Auch hatte er das Recht, bei Wassermangel für die Mühlräder die Wasserfänge oder Wuhren der Bauern, die zur Bewässerung ihrer Wiesen dienten, aufzureißen. Der Weiher um das alte Schloß gehörte ihm und dem Beivogt Caspar Götz, 106 einem Nachfahren des Schloßgutkäufers von 1603. Maria Storz, die Enkelin des Müllers Georg Stortz, kam 1751 in den Besitz der Unteren Mühle. Ein Jahr später heiratete sie Hans Staiger, Sohn des Stabsvogts Matthias Staiger von Weiler. Maria, die letzte Storzin auf der Unteren Mühle, starb 71jährig als Witwe am 15. 2. 1807 um 19 Uhr. Das Kir­ chenbuch vermerkt dazu: ,,Um halb 5 Uhr vermißte man sie, und fand sie erst um 7 Uhr in der Wasserstube (der Mühle), wo das Was­ ser auf sie herunterschoß.“ Ihre Schwester Salome, die ihr wenige Tage zuvor im Tode vorangegangen war, ist mit dem Schloßhof­ bauern Johannes Götz verehelicht gewesen, dessen Sohn Jacob zwischen 1802 und 1805 die heutige Burgberger Getreidemühle Götz erbaut hatte. Die Enkelin der letzten Storzin, Maria Staiger, war wiederum die letzte Inhaberin der Unteren Mühle aus ihrer Familie. Sie hei­ ratete 1835 den angehenden Müller Andreas Haller aus Schabenhausen, dessen Haller­ Vorfahren auch einmal auf dem Königsfel­ der Hömlishof gesessen sind. Über einem kleinen Eingang in die Mühle ist noch heute in Holzbalken eingeritzt „Andreas Haller­ Maria Staiger“ zu lesen. Die Müller aus der Familie Haller betrie­ ben die Untere Mühle mehrere Generation hindurch bis ins Jahr 1972. Dieter Storz Fremder alles trennt – Raum – Geschichte Sprache – Religion Gesellschaft wie einfach Zuneigung einen Namen zu geben und zu leben jetzt Christiana Steger

Laubenhausen eine ehemalige Keltensiedlung? von 900 Metern. In entgegengesetzter Rich­ tung gruppiert sich im Norden von Hubertshofen um das Reichenbächle ein etwa siebzehn Hektar umfassender Waldteil mit der Bezeichnung „Bad Mühle“. Mit die­ sen Namen und Begriffen wäre hiermit das gesamte Gebiet, um das es sich bei der Behandlung des Themas „Laubenhausen“ handelt, umrissen. In den großen zusammenhängenden Waldgebieten des Donaueschinger „Ober­ holzes“ liegt ein Distriktteil mit der Bezeich­ nung „Laubenhausen“. Er erstreckt sich etwa drei Kilometer nordwestlich von Huberts­ hofen und rund zwei Kilometer in nördli­ cher Richtung von Mistelbrunn entfernt, im Dreieck Hochmark, Weißer Stein und Rim­ sen, in unmittelbarer Nähe der Fesenmeyer­ Hütte im Hubertshofer-Wald. Nach der Forstkarte umfaßt das besagte Gebiet, in dem auch der bekannte „Laubenhäuser Brunnen“ (893 m ü. d. M.) liegt, eine Waldfläche von 40 Hektar Größe. In der Nordwestecke die­ ses Raumes erhebt sich im Geländewinkel zwischen Bregtal und Krumpendobel das Was hat es mit den Mauerresten und den sogenannte „Krumpenschloß“, auch als „Alt zum Teil deutlich erkennbaren Grabenzü­ gen auf sich? Sind es Reste einer wirklichen Fürstenberg“ bezeichnet, auf einer Anhöhe Steinfelder, unter denen Keltengräber vermutet werden. Fundort Nähe Laubenhauser Brunnen, der mit einem ungewöhnlichen Grenzstein markiert ist. Er trägt die Aufschrift: 1589 TONES! ,,Laubenhausen“ ist keineswegs eine Ent­ deckung oder Erfindung unserer Tage. Zu keiner Zeit verstummten Erzählungen und Vermutungen um dieses Phänomen, beson­ ders bei den Bewohnern von Hubertshofen und Mistelbrunn. 107

Stadt, die weit vor Villingen bestanden hat, oder sind es Trümmer einer kleinen unbe­ deutenden Siedlung von Menschen, die weit vor uns gelebt haben? In Aufzeichnungen, die bereits einhundert Jahre alt sind, ist zu lesen, daß sich „wohl alte Leute erinnern“, wie vor Zeiten die Donaueschinger im Som­ mer ihr Vieh in diesen Gemeindewald trie­ ben. Alte Unterlagen im Fürstlichen Archiv berichten von einer Schutzfunktion von Laubenhausen, wo das Vieh vor den einrük­ kenden Franzosen während der Kriegsjahre am Ende des vorigen Jahrhunderts geborgen worden sei. ZuB: Aus Gründen eines besseren Überblicks ist der Komplex Laubenhausen in drei Einheiten, A – B – C, eingeteilt und nach dieser Buchstabenord­ nung beschrieben. ZuA: Umfang der äußeren Umgrenzung 2370 m = 35 ha Fläche CD = Stein Nr. 35 ® = Stein Nr. 32, Laubenhäuser Brunnen Umfang der ätef?eren Umgrenzung 3350 m = 55 ha Fläche Im Süden doppelter Wallverlauf aef einer Strecke von 1100 m, bis „Meßmer-Tanne“ ZuC: CD = Reihengräber: 7 im Norden 3 im Süden ® = Ehem. ThermaUJuelle in einer Tiefe von ca. 350 m, 27 °C Flußrichtung Ost-West Grabenbreite 3 m Grabentiefe 7 m (sollbis etwaJJOOn. Chr. überirdisch ausge­ treten sein) ® = Angenommenes Warmwasserbecken (Bad) © = Ehem. Badmühle (1684-1930) @ = Ehem. Beimühle @ = Ehem. Standort von „ Walters Hüsli“ (Z) = Der „Sandbrunnen“ mit Sandsteinen aus­ gemauert (floß noch zum Zeitpunkt der Aufnahme im Sommer 1990} Doch wie will man sich Steinmauern und Erdwälle in der Funktion der Umzäunung einer Viehweide in der Praxis vorstellen? Dieser Zweck hätte mit weitaus einfacheren Mitteln erreicht werden können. Beeindruk­ kender ist jedoch die Annahme, daß es sich bei Laubenhausen um eine Art von Höhen­ oder Fliehburg gehandelt haben könnte. Zunächst die bisher bekanntgewordenen Vorstellungen: Der in Hüfingen geborene Heimatschriftsteller Lucian Reich d. ]. (1817-1900) schreibt in seinem, von ihm ver­ faßten »Hieronymus“ von einem abgegange­ nen „Laubenhauser-Hof“, von Sitten und Gebräuchen der benachbarten Umgebung und von den Ereignissen um die Napoleoni­ schen Kriege. Einen Laubenhauser-Hof hat es jedoch nie gegeben, jedenfalls läßt er sich urkundlich in jenem Raum nicht nachwei­ sen. Auch Viktor von Scheffel, der in den Jahren 1857 bis 1859 als Archivar in Donau­ eschingen wirkte, schreibt über seinen Besuch an diesem Ort. Er nennt ihn „Lau­ benhausen-Olim“ und bringt ihn mit Mistel­ brunn, wo im vergangenen Jahrhundert in einem Acker ein „keltisches Kriegsbeil“ gefunden wurde, in engen Zusammenhang. Die beiden FF-Archivare Riezler und Baumann berichten in einer Schrift des „Ver­ eins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar“ im Jahre 1880 über die heute noch sichtbaren Funde. Ein Auszug aus dem Wortlaut: ,, Wir fanden im Nadelhochwald einen Steinwall aus regellos ohne Bindemittel übereinandergehäufien, unbehauenen Sandstei­ nen, wie sie auf der Höhe über dem Bregtal bre­ chen, teilweise mit einer mehr oder minder hohen Humusschicht bedeckt, teilweise bloßliegend. Die kenntlichen Reste ziehen sich anfangs in ziemlich gerader Linie, hie und da mit Vorsprüngen, von Südost nach Nordwest und gehen in der Gegend des Laubenhauser Brunnens in eine nach ein­ wärts gekrümmte Richtung über. Das Ganze ist etwa 1200 Meter weit zu verfolgen … “ Die damaligen Forschungsergebnisse gin­ gen von der Annahme aus, daß es sich bei den ausgedehnten Anlagen um Befestigun­ gen gehandelt haben muß, die älter als zwei- 109

Einzelne Findlinge fallen durch ungewöhnliche Ausformungen auf Vermutlich waren sie von Menschenhand zu bestimmter Zweckdienlichkeit zugerichtet. Fundort Nähe Wilddobel-Hütte . ,. ..,.. Erich Fesenmeyer bei seiner Wünschelrutenar­ beit über den Keltengräbem im Distrikt „Bad Mühle“ bei Hubertsho.fen hundert Jahre sein müßten. Die beiden Forscher setzten sich auch mit der Frage nach Form und Funktion dieser Befesti­ gungsanlage auseinander und machten sich Gedanken über die offenen Lücken im Ver­ lauf des Mauerwerks und den Verbleib der Steine. Greifen wir gar über zweihundert Jahre zurück, so finden wir einen Bericht des damaligen FF-Archivars Döpfer aus dem Jahre 1782. Döpfer fand eigenartigerweise auf dem damals wie heute dichtbewaldeten Höhenzug keine Spur von Mauern, „hinge­ gen in einem zirke!formigen Bezirk von 700 bis 800 Schritten ein Bollwerk, das aus einer unge­ heuren Menge aufeinandergetürmter Steine besteht. „Er vermutete, daß dieses Bollwerk in »Kriegsunruhen von Bewohnern des Schwarz­ waldes aus den Ruinen des Schlosses Alifürsten­ berg, teils zur Sicherheit ihrer Habe, teils zur Abwehr des Feindes aufgeführt ward. „Mit ,,Alt­ fürstenberg“ war wohl das Krumpenschloß gemeint. Vermutlich aber war dieses Krum­ penschloß Bestandteil der Gesamtanlage von Laubenhausen und diente als Sitz des Herrn über diese Siedlung und als Zufluchts­ ort in Zeiten der Gefahr für Leib und Leben der Bewohner. 110

Ergebnis der neueren Forschung Bereits vor elfJahren, am 25. August 1979, veröffentlichte SÜDKURIER-Mitarbeiter Franz Gottwalt aus Donaueschingen einen Zeitungsaufsatz über den Stand der damali­ gen Kenntnisse über Laubenhausen. Ange­ regt durch Erzählungen und Hinweise des ehemaligen Revierleiters Erich Fesenmeyer aus Hubertshofen über dieses Phänomen, befaßte sich Gottwalt intensiver mit diesem Thema, recherchierte nach den o. a. Schrif­ ten und verfaßte darüber einen ersten Auf­ satz im SÜDKURIER. Nach gründlicher Wertung aller Vorgänge und vermögens eigener Überlegungen ver­ mutete der Autor dort eine Keltensiedlung, die er zeitlich in die Epoche der Spät-La-Tene einordnete. Er wagte zusätzlich, mit einer Lageskizze die räumliche Ausdehnung dar­ zustellen, die jedoch nach dem heutigen Kenntnisstand als überholt gelten muß. Vor drei Jahren griff der Geschichtsverein auflnitiative des Vorsitzenden der naturwis­ senschaftlichen Abteilung, FF-Oberforstdi­ rektor Dr. Karl Kwasnitschka, dieses Thema aufgrund des Zeitungsaufsatzes auf Um den im Boden verborgenen Spuren der vermute­ ten vorzeitlichen Siedlung auf den Grund gehen zu können, bediente man sich der Wünschelrute. Es bildeten sich Konturen von Flächen heraus, die als Umrisse des ver­ muteten Siedlungsraums angenommen wer­ den können. Dabei wurde die Erfahrung gemacht, daß die Wünschelrute im Abstand von knapp fünf Metern jeweils ein zweites Mal ausschlug, woraus die Vermutung abge­ leitet wird, daß die Umfassungslinie doppelt verläuft. Man untersuchte auch „verdächtige“ Hügel und Erhebungen inner-und außer­ halb der äußeren Grenze mit der Wünschel­ rute, wobei in einem Fall eine interessante Entdeckung gemacht wurde. In einer als Grab angenommenen und von Steinen umstellten Erhöhung fand man einen rund­ lichen Stein in Form einer kleinen Bettfla­ sche. Bei diesem Stein handelte es sich um einen stark eisenhaltigen Quarzit maritimer Herkunft. Es ist daher anzunehmen, daß die Kelten ihren Toten einen metallhaltigen Stein als Grabgabe beigelegt haben. Dieser Stein, auf den die Wünschelrute anschlägt, sollte vermutlich der Nachwelt dazu dienen, den Bestattungsort der Vorfahren zu kenn­ zeichnen. Metall war wohl auch die eigentli­ che wirtschaftliche Grundlage zur Bildung und Prosperität dieser Vorzeitsiedlung. Was hätte wohl die Landwirtschaft auf dem Bunt­ sandsteinplateau in einer Meereshöhe von 900 bis 1000 Metern erbringen können, viel­ leicht abgesehen von den Erträgen durch Haltung von Schafen und Ziegen? Es liegt die Vermutung nahe, daß es das Eisenerz war, das die Kelten im nahen Eisenbach zu Tage förderten und in Laubenhausen schmolzen, verarbeiteten und Handel damit betrieben. Der „Krumpenweg“, eine uralte Nord-Süd-Verbindung, führte durch Lau­ benhausen und verband diese Art „Industrie­ stadt“ mit der damals bekannten Welt. Die­ ses „Krumpenschloß“, über dem Bregtal gelegen, gehörte, was mit ziemlicher Sicher­ heit anzunehmen ist, zur gesamten Anlage, die sich „Laubenhausen“ nennt. Sie war wohl Herrensitz und Zufluchtsburg zu­ gleich. Entgegengesetzt liegt am Ostrand Laubenhausens eine ehemalige Thermal­ quelle. Die Stelle ist heute noch bekannt. Man spricht von der „Bad Mühle“, die 1684 von einer Familie Knöpfle erbaut und ca. 1930 baufällig abgerissen wurde. Die Steine der Grundmauern sollen, nach Wissen von Fesenmeyer, zu Wegbauten verwendet wor­ den sein. In der Nähe stand auch eine Bei­ mühle und „S’Walters Häusle“. Die Stellen sind in der Karte festgehalten, ebenso die Plätze, wo sich die einstige Thermalquelle und das Bad befanden. In unmittelbarer Nähe davon konzentrieren sich zahlreiche Reihengräber, bei denen im Abstand von je 2,80 Metern die Rute auf eine angenom­ mene Grabstätte hinweist. So spricht durch die neuesten Untersu­ chungen vieles dafür, daß sich in Lauben­ hausen in frühester Zeit die Kelten angesie­ delt haben. Franz Gottwalt 111

Fischbachs erster Uhrmacher war der Sinkinger Kreuzwirt Am 18. März 1785 wurde der in Kon­ stanz gebürtige Franz Xaver Wagner Pfarrer in Fischbach und Sinkingen. Wenige Tage erst war er im Amt, da legte er ein sogenann­ tes „Seelenregister“ an. Darin notierte er fortan sorgfältig Jahr um Jahr, welche Fami­ lien in Fischbach, in Sinkingen und auf dem Pfaffenberg wohnten, nannte die Namen aller Familienangehörigen und ihr Alter, dazu Knechte, Mägde und sonstige Hausbe­ wohner, schließlich – wie es sich für ihn gehörte -die genaue Zahl derer, die regelmä­ ßig zur Kommunion gingen. Das „Seelenregister“ und zahlreiche andere Archivalien, die sich im Fischbacher Pfarrarchiv befinden, habe ich im Blick auf die für 1994 anstehende 900-Jahr-Feier Fisch­ bachs durchgeblättert und dabei manch Interessantes herausgefunden. Da wären z.B. die Familiennamen zu nennen. Pfarrer Wagner verzeichnet für das Jahr 1785 in Fischbach: Belser, Biswurm, Bodmer, Eitler, Emminger, Engeser, Heck­ ler, Holtzer, Hummel, Kammerer, Keller, Langenbacher, Linck, Ludwig, Mayer, Ohn­ macht, Pfister, Rist, Schaaf, Schueler, Stortz, Strasser, Weißer; in Sinkingen: Aigeldinger, Bantle, Baumann, Belser, Biswurm, Hall, Jörger, Krafft, Mayer, Ohnmacht, Riedlin­ ger, Rist, Siber, Staiger, Sulger, Weißer; auf dem Pfaffenberg: Flaig, Mayer, Schaaf. Manche der Namen von damals gibt es heute dort nicht mehr, andere, die heute ganz vertraut sind, kannte man zu jener Zeit noch nicht. Einer der bemerkenswertesten Figuren damals in Fischbach war Mathäus Hummel. Als seinen Herkunftsort nennen die Kir­ chenbücher „Waldum im Schwarzwald“, geboren wurde er allerdings wohl in Peterzell am 4. Mai 1749 als Sohn des Uhrenmachers Mathäus Hummel und seiner Ehefrau Aga­ the geb. Schwerer.1772, wie es scheint, heira­ tete er die ein Jahr jüngere Johanna Ganther (geb. am 3.Januar 1750). 112 Irgendwann zwischen 1773 und 1778 wird er nach Fischbach gekommen sein, denn seine beiden ältesten Töchter Ursula und Maria sind noch nicht in Fischbach geboren, wohl aber seine dritte Tochter Carolina: am 27. Oktober 1778 wird sie hier getauft. Über seinen Beruf sind zunächst keine Angaben zu finden, allerdings darf man ver­ muten, daß er von seinem Vater das Uhr­ macherhandwerk erlernt hat. Bis 1786 wohnt Mathäus Hummel in Fischbach, dann zieht er nach Sinkingen um. Als Pfarrer Wagner an Ostern 1787 die Hummel-Familie ins „Seelenregister“ ein­ trägt, fügt er bei Mathäus Hummel auch des­ sen Beruf hinzu: Uhrenmacher und Wirt. Und nicht nur das: Hummel beschäftigt jetzt auch einen „Lehrling der Uhrmacher­ kunst“ (tiro artis horologicae), nämlich den Fischbacher Anton Weißer, geboren 1767 als Sohn des Taglöhners Jakob Weißer. Drei Jahre lang geht Anton Weißer bei Hummel in die Lehre, dann verzieht er an einen unbe­ kannten Ort. Vielleicht heiratete er nach aus­ wärts und machte sich selbständig, möglich auch, daß er sich für’s Militär anwerben ließ und in irgendeinem Kriegsgeschehen jener Zeit ums Leben kam. Mathäus Hummel hat von 1790 an keinen Lehrling mehr; er konzentriert sich, so will es scheinen, seitdem hauptsächlich auf den Betrieb seiner Wirtschaft, obwohl er sogar 1824 noch einmal als „Uhrenmacher“ bezeichnet wird. Die Wirtschaft, von der hier die Rede ist, war damals und ist heute noch die einzige in Sinkingen: das Gasthaus ,,zum Kreuz“. Nach sechs Töchtern wird ihm am 25. Oktober 1791 sein erster Sohn geboren: Mathäus. Als dieser sich 1816 mit der Dun­ ninger Bauerntochter Luitgard Wrenz ver­ heiratet, wird er im Ehebuch als „Wirt“ ein­ getragen, was vermuten läßt, daß sein inzwi­ schen 67jähriger Vater ihm die Wirtschaft ,,zum Kreuz“ als Heiratsgut übergeben hat.

Beim Eintrag der Geburt seines dritten Kin­ des Andreas (geb. am 26. November 1819) wird Mathäus Hummel junior denn auch eindeutig „Kreuzwirt“ genannt. Von Uhren­ macherei ist bei ihm keine Rede mehr. Am 23. Februar 1846 heiratet Andreas Hummel, ,,lediger Bürger und Kreuzwirt“, die Bauerntochter Maria Bühl von Villin­ gendorf. Das haben seine Großeltern, der alte Uhrmacher und Wirt Mathäus Hummel und seine Frau Johanna, freilich nicht mehr erlebt. „Altkreuzwirt“ Mathäus Hummel starb am 8.Juli 1831 mittags um halb elf im Alter von 82 Jahren und wurde auf dem Gottes­ acker in Fischbach beerdigt. Seine Frau war ihm bereits 1824 74jährig im Tod voraus­ gegangen. ,,Sie hat“, schrieb Pfarrer Franz Joseph Fischer anerkennend ins Sterberegi­ ster, ,,etwa zu 50 Jahren mit ihrem Mann in friedlicher Ehe gelebet“. Dem Fischbacher Ortsarchiv ist ergän­ zend zu entnehmen, daß Andreas Hummel 1852 -nachträglich -die erforderliche Kon­ zession zum Betrieb der Realwirtschaft „zum Kreuz“ erhielt. Ihm folgten 1883 Wilhelm Frick, 1890 Friedrich Hahn, 1892 Johann Müller und 1929 dessen Sohn Benjamin Müller. Die weitere Geschichte des Gast­ hofes dürfte im Ort bekannt sein. Dr. Manfred Reinartz Steg bei Wolterdingen über die Breg 113

Persönlichkeiten der Heimat Dr. Hansjörg Häfele Er vertrat über 25 Jahre unseren Heimatwahlkreis im Deutschen Bundestag in Bonn Abgeordneten, die am läng­ sten dem Deutschen Bundes­ tag angehört haben – nur zwei sind im neugewählten Bundestag, die schon vor 1965 dabei waren -und in die­ sem Parlament alle bisherigen Bundeskanzler erlebten; auch noch Dr. Konrad Adenauer nach seinem Rücktritt als Bundeskanzler im Jahre 1963 als Mitglied des Deutschen Bundestages bis zu seinem Tod im Jahre 1967. Bei der ersten Wahl am 19. September1965 im Wahlkreis Donaueschingen/Stockach/ Villingen erreichte er 56,2 0/o der Erststimmen und die CDU 55,4 0/o der Zweitstim­ men. 1972 kam noch die bisherige Stadt Schwennin­ gen zum Wahlkreis hinzu, und ab dem Jahre 1980 deckte sich der Wahlkreis von Dr. Häfele mit dem Gebiet des Schwarzwald-Baar-Krei­ ses. Im Jahre 1975 verlegte er seinen Wohnsitz von Lud­ wigshafen am Bodensee nach Bad Dürrheim. Als der langjährige Bundestagsabgeord­ nete und Staatssekretär a. D. Dr. Hansjörg Häfele mit Ende der letzten Wahlperiode am 20. Dezember 1990 aus dem Deutschen Bun­ destag ausschied, waren es über 25 Jahre, in denen er ununterbrochen seinen Heimat­ wahlkreis als Abgeordneter im Deutschen Bundestag in Bonn vertrat. Bei der letzten Bundestagswahl am 2. Dezember 1990 trat er nicht mehr an. Er gehörte damit zu den Insgesamt wurde Dr. Häfele sieben Mal in den Deutschen Bundestag gewählt: 1965, 1969, 1972, 1976, 1980, 1983 und 1987. Wie schon bei der ersten Wahl gaben ihm die Wähler jeweils mehr Erststimmen als Zweit­ stimmen für die Partei der CDU. 1987 waren es 56,2 0/o bzw. 48,7 0/o, ein Unterschied von 8.373 Stimmen. Dr. Häfele erzielte stets eines der bundesweit besten persönlichen Ergebnisse eines CDU-Abgeordneten. 114

Darauf war er zurecht stolz, weil dadurch die Beliebtheit des langjährigen Abgeordne­ ten in der Bevölkerung und das große Ver­ trauen, das er sich in den Jahren seiner Abge­ ordnetentätigkeit erworben hat, überzeu­ gend zum Ausdruck kamen. Dr. Häfele plädierte immer dafür, daß ein Abgeordneter einen festen beruflichen Grund unter den Füßen haben müsse und nicht allein von der Politik abhängig sein dürfe. Seine berufliche Ausbildung war solide angelegt: 1932 in Uttenweiler, Kreis Biberach, als Sohn eines Lehrers geboren, ist er in Wangen im Allgäu aufgewachsen, wo er 1952 am Humanistischen Gymnasium sein Abitur ablegte. Es folgte 1952 bis 1956 ein Studium von acht Semestern der Rechtswissenschaft und Volkswirtschaft an der Universität Tübin­ gen. Nach Ablegung der 1. juristischen Staats­ prüfung 1956 war er bis 1960 Gerichtsreferen­ dar. In dieser Zeit absolvierte er ein Studium an der Hochschule für Verwaltungswissen­ schaften in Speyer und war auch Assistent an der Universität Tübingen. Es folgten 1959 die Promotion zum Dr. jur. und 1961 die 2. juristische Staatsprüfung. Von 1961 bis 1965 war er Regierungsassessor und Regie­ rungsrat in der Innenverwaltung von Baden­ Württemberg. Dabei lernte er auch seine spä­ tere Frau Ingeborg beim Landratsamt Emmendingen kennen. Im Jahre 1978, also noch als Oppositions­ Abgeordneter, hat er die Zulassung als Rechtsanwalt erworben. Er wollte sich bewußt ein zweites Bein besorgen, um per­ sönlich unabhängig zu sein. Die Jahre im Deutschen Bundestag waren für Dr. Hansjörg Häfele sehr erfolgreich. Früh wandte er sich den Fragen der Finanz­ politik zu. Von 1972 bis 1976 war er Obmann der CDU/CSU im Finanzausschuß, danach Vorsitzender des wichtigen Arbeitskreises Haushalt, Steuern, Geld und Kredit der Frak­ tion. Als sich Franz-Josef Strauß 1978 als Ministerpräsident von Bayern nach Mün­ chen zurückzog, wurde Dr. Hansjörg Häfele sein Nachfolger als finanzpolitischer Spre­ cher der Fraktion. Den Höhepunkt seiner politischen Lauf­ bahn erlebte er als Parlamentarischer Staats­ sekretär bei Bundesfinanzminister Dr. Ger­ hard Stoltenberg in den Jahren 1982 bis 1989. Als Dr. Gerhard Stoltenberg vom Finanzres­ sort in das Verteidigungsressort wechselte, schied Dr. Häfele am 21. April 1989 auf eige­ nen Wunsch als Parlamentarischer Staats­ sekretär aus. Die aufgezeigten äußeren Stationen im politischen Leben von Dr. Hansjörg Häfele kamen nicht von ungefähr. Seine große Sachkenntnis, sein politisches und rhetori­ sches Geschick und seine Verbundenheit zu den Menschen prädestinierten ihn für höhere Aufgaben. Bei Versammlungen war er in seinem Element. Er beherrschte die Kunst der freien Rede und verstand es, aktuelle politische Entwicklungen in an­ schaulicher und verständlicher Sprache in einen größeren gesamtpolitischen Zusam­ menhang zu stellen. Nicht umsonst zählte Dr. Häfele zu den besten Rednern des Deutschen Bundestags, wie der Rheinische Merkur/Christ und Welt 1982 berichtete. Dr. Häfele wurde im Laufe der Jahre zu einem Volksvertreter im besten Sinne des Wortes, der dem Volk „aufs Maul schaute“, und wußte, wie es dachte. Dies gab ihm bei seiner politischen Tätigkeit großen Rückhalt. Die Kenntnis der Volksmeinung und seine innere, unabhängige Einstellung machten ihn zu einem Politiker von Format, der über die Parteigrenzen hinaus hohes Ansehen und großes Vertrauen genoß. In der eigenen Partei war er nie ein ,Ja-Sager“, son­ dern vertrat mit Vehemenz eine eigenstän­ dige Meinung. Auch politisch Andersdenkende haben ihm zu verstehen gegeben, daß man ihm vertraue, auf sein Wort baue und spüre, daß er bei seinem Einsatz stets das Wohl des ganzen Volkes im Auge hatte. Bei all seinem Tun war Dr. Häfele fest in der christlichen Wertordnung verankert. Dieses Funda­ ment gab ihm auch die Freiheit, andere Mei- 115

Finanzminister Dr. Gerhard Stoltenberg (l.i.) und sein Parlamentarischer Staatssekretär Dr. Hansjörg Häfele {re.) nungen zu respektieren und sich mit ihnen im positiven Sinne auseinanderzusetzen. Ein Mann seines Zuschnitts hob sich im politischen Alltag weit vom Durchschnitt ab. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb im Jahre 1985: ,,Häfele ist nicht nur ein ausgezeichneter Fachmann der Finanz­ politik, sondern zugleich ein Ordnungspoli­ tiker ersten Ranges. Leute seines Wuchses sind leider zunehmend Mangelware in Bonn. Sie gehören daher auf die Regierungsbank.“ Besonders stolz ist Dr. Häfele darauf, daß er als Parlamentarischer Staatssekretär die dreistufige Steuerreform 1986, 1988 und 1989 an entscheidender Stelle mitgestalten und mit beeinflussen konnte. Heute noch spre­ chen Experten in Bonn von dem 1990 einge­ führten „Häfele-Tarif“, der gleichmäßig und sanfter ansteigenden Progressionskurve. Solide Finanzen waren stets das Hauptanlie­ gen des Experten Dr. Häfele. Seine Devise lautete klar und unmißverständlich: ,,Stoppt den Ausgaben- und Steuerstaat“. Sein Ziel war weniger Staat und ein sparsamer Staat. Auf dieser Linie liegt auch die Äußerung von Prof. Dr. Ludwig Erhard, dem langjährigen und erfolgreichen Wirtschaftsminister und späteren Bundeskanzler: ,,Ein Mann (ge­ meint ist Dr. Häfele), der in den gleichen Kategorien denkt wie ich“. „Man muß die Leute mögen, dann mögen sie einen auch“, konnte man oft von ihm hören, und dies nicht nur in Wahlkämpfen. Dr. Häfele setzte in seine Mitmenschen Ver­ trauen, hielt viel vom „mündigen Bürger“ und hatte es gerne, wenn man Selbstverant- 116

wortung und Leistungsbereitschaft zeigte. Er handelte nach der Devise vonJohnF. Ken­ nedy, der einmal den Satz geprägt hat: ,,Frage nicht, was Dein Land für Dich tun kann, son­ dern frage, was Du für Dein Land tun kannst“. Häfele war immer der Auffassung, daß es der mündige Bürger hoch schätzt, wenn ihm Politiker auch unangenehme Wahrheiten sagen. Er litt gelegentlich darun­ ter, wenn Politiker ihr Handeln nur am kurz­ fristigen wahltaktischen Erfolg ausrichteten. Bei der feierlichen Verabschiedung von Dr. Hansjörg Häfele am 12.Januar 1991 im Bad Dürrheimer „Haus des Bürgers“ waren über 800 Vertreter aus allen Volksschichten gekommen. Auch sein langjähriger Bundes­ minister, Dr. Gerhard Stoltenberg, ließ es sich nicht nehmen, seinem ehemaligen Staatssekretär Worte des Dankes und der Anerkennung auszusprechen. Dr. Stolten­ berg nannte Dr. Häfele einen Freund, der an einer Reihe sehr bedeutender Gesetzesvor­ haben mitgewirkt habe. Vom ersten Tag der engen Zusammenarbeit an habe es ein sehr gutes, von gemeinsamer Überzeugung bestimmtes, menschlich vertrauensvolles Zusammenwirken gegeben. Der CDU-Kreisvorsitzende Klaus Pan­ ther bezeichnete Dr. Hansjörg Häfele als eine verläßliche Persönlichkeit, der es nicht liegt, ,,auf allen Hochzeiten zu tanzen“. Klare Zielvorstellungen, Überzeugungskraft und ein ausgeglichenes Temperament zeich­ neten ihn aus. Allen falle es schwer, ihm Lebewohl von der Politik zuzurufen. Der Kreisverband ernannte ihn zum Ehren-Vor­ standsmitglied. In seiner ihm stets eigenen prägnanten Art dankte Hansjörg Häfele für die warmherzi­ gen und ehrenden Worte. Die Konsolidie­ rung der Finanzen und die Steuerreform seien der wichtigste Beitrag des Staates für das Gedeihen der Wirtschaft und die Schaf­ fung von Arbeitsplätzen im letzten Jahr­ zehnt gewesen. Er habe jetzt in der Politik aufgehört, wie er dies schon seit 5 Jahren sei­ ner Frau versprochen habe. Nun wolle man sich, beide gemeinsam, an ein normaleres, freieres Leben gewöhnen. Der Dank an seine Frau lnge, die ihn bei vielen Anlässen, seien es Parteiveranstaltungen, Feiern, Firmenbe­ suche und Jubiläen, begleitet hat, kam von Herzen. ,,Meine Frau ist meine beste Kritike­ rin“, gestand der Abgeordnete gerne ein. Der Rechtsanwalt Dr. Hansjörg Häfele wird sicher bei diesen oder jenen Veranstal­ tungen auch künftig zu sehen sein, nicht als „Offizieller“ – diesen Aufgabenbereich hat jetzt der frühere Bürgermeister der Ge­ meinde Brigachtal, Meinrad Belle, als neuer Bundestagsabgeordneter übernommen -, sondern als Mensch wie „Du und ich“, der sich unbeschwert freuen kann. Seine Leutseligkeit wird ihm auch künftig den Weg zu den Herzen der Menschen öff­ nen, und alle, die ihn kennen, wünschen ihm und seiner Frau weiterhin gute Gesundheit, Schaffenskraft im Beruf und noch viele Jahre im Kreise seiner Mitbürger. Konrad Schade Der Zeitungsverleger Dr. Hans-Günther Ziegler Ein Förderer der heimatkundlichen und heimatgeschichtlichen Forschung Daß Schwenningens politische, wirt­ schaftliche, kulturelle und soziale Ge­ schichte in den letzten drei Jahrzehnten so intensiv wie nie zuvor erforscht und aufge­ schrieben wurde, ist der Neugierde und dem Fleiß einer Handvoll Autoren zuzuordnen. Daß viele ihrer Manuskripte gedruckt und in beachtlichem Maße auch zu Büchern wur­ den, das ist dem ganz persönlichen Interesse eines Mannes zu danken, dem Schwen­ ninger Zeitungsverleger Dr. Hans-Günther Ziegler. Zu einer stattlichen Reihe heimat­ geschichtlicher und heimatkundlicher Lite­ ratur gehören unter anderem nicht nur Otto 117

tungen in Rottweil, Tübingen, Freiburg und Schwenningen, Promotion zum Doktor bei­ der Rechte, 1938 Eintritt ins schwiegerelter­ liche Unternehmen, Verlag und Druckerei Hermann Kuhn, dem die Nationalsoziali­ sten· zwei Jahre zuvor die Verlagsrechte an der Tageszeitung „Die Neckarquelle“ streitig gemacht hatten, von 1941 bis 1945 im Krieg, zuerst in Mittel-und Südrußland, dann in Jugoslawien und Nordgriechenland, zuletzt als Kompanieführer, Wiederaufbau der Druckerei nach der Entlassung im Sommer 1945, 1949 Wiederherausgabe der 1880 gegründeten und sich fast ebensolang im Familienbesitz befindenden Tageszeitung ,,Die Neckarquelle“. Genau in jene Aufbau-und Aufbruchzeit fiel -eher zufällig-das erste Engagement als Buchverleger. Den Anstoß dazu gaben Auf­ träge der von dem Arzt Dr. Lovis Gremliza begründeten Lovis-Presse, die damals eini­ gen während der Nazizeit verfemten Künst­ lern erste Veröffentlichungen ihrer grafi­ schen Arbeiten ermöglichte, für einen einfa­ chen Prospekt und für den Erstdruck eines Holzschnittbandes „Die Seiltänzerin und ihr Clown“ von Originaldruckstöcken des Kirchner-Schülers Werner Gothein, der seit den dreißiger Jahren in Unteruhldingen am Bodensee ansässig war. Die Begegnung zwi­ schen Zeitungsverleger, Kunstfreund und Künstler hatte zur Folge, daß Dr. Hans-Gün­ ther Ziegler ab 1951 die wichtigsten Gothein­ Holzschnittwerke im Verlag Hermann Kuhn oder in seinem eigenen Hans-Günther-Zieg­ ler-Verlag herausbrachte: 1951 die Bildfolge ,,Der See“, 1953 den großformatigen Holz­ schnittband „Hiob“, 1954 den Bild- und Erzählband „Fabeln des Aesop“. 1955 die Zweitauflage von „Die Seiltänzerin und ihr Clown“, 1956 schließlich den großen Holz­ schnittband „Abraham“. Dr. Lovis Grem­ liza, heute in München lebend, erinnert sich: ,,Seit 1948 war des Künstlers Beziehung zu Schwenningen sehr stark von unermüdli­ cher Aktivität geprägt. In dieser Stadt bekam Gothein ,Boden unter die Füße‘, hatte Freunde, eine ihm gewogene Volkshoch- Benzings „Schwenningen am Neckar – Geschichte eines Grenzdorfes auf der Baar“ und seine Geschichten zur Geschichte, Sieg­ fried Heinzmanns „Alte Grenzen und Grenzsteine rings um Schwenningen“ oder der recht aufwendige Band von Manfred Reinartz „ Villingen-Schwenningen und Umgebung in alten Karten und Plänen“, sondern auch eher trockene, weil fachlich orientierte Sammlungen von Urkunden und Besitzverzeichnissen, Materialen zur Sied­ lungsforschung und Rechtsvorschriften aus dem 16.Jahrhundert. Es war keineswegs vorauszusehen, daß die Beschäftigung mit der Geschichte Schwen­ ningens am Neckar für Dr. Hans-Günther Ziegler einmal zu einer verlegerischen Auf­ gabe werden sollte. Sein Lebensweg zumin­ dest ließ das nicht vermuten: 1910 in Hatters­ heim bei Frankfurt geboren, mit 31/4 Jahren nach Schwenningen gekommen, weil der Vater die Leitung der Buchhaltung und spä­ ter der Finanzabteilung der Kienzle Uhren­ fabriken übernahm, nach dem Abitur 1929 Studium der Rechtswissenschaft in Frank­ furt, Freiburg und Tübingen, während der Referendarzeit bei Gerichten und Verwal- 118

schule, vor allem aber einen selbstlosen, interessierten Mäzen, der, bis an die Grenze des finanziell Möglichen, seine späten Holz­ schnittbände druckte und auch verlegte“. Diese „Grenze des finanziell Möglichen“ beendete schließlich die Zusammenarbeit zwischen Werner Gothein und Dr. Hans­ Günther Ziegler, wiewohl dieser nach wie vor von der Schnittechnik des Künstlers und von der technischen Umsetzung der Druck­ vorlage, dem Originalholzschnitt, in das Druckerzeugnis fasziniert war. Aber die Gotheinschen Bücher waren kaum abzuset­ zen, das Interesse an ihnen zwar vorhanden, aber kaum Käufer, obwohl die Bände preis­ wert waren. Die Restbestände – gedruckt wurden durchschnittliche Auflagen von jeweils 500 Exemplaren -schenkte der Verle­ ger dem Künstler schließlich zu dessen eige­ ner Verwertung. Auch der zweite Versuch als Buchverleger nach dem Umsteigen vom Kunst- auf das Jugendbuch überdauerte nur wenige Jahre. Zwar fanden sich gute Autoren und Illustra­ toren, und auch die Titel schienen zugkräf­ tig. Da gab es die mehrbändige Geschichte eines Fußballhelden namens Peng, abenteu­ erliche Schilderungen wie in „Chinesensärge nach Hongkong“ oder den kleinen Roman einer glücklichen Lehrzeit „Renate im Bücherland“. Aber der junge Schwenninger Verlag kam zu spät auf einen mittlerweile recht engen Markt; die alteingesessenen Jugendbuchverlage machten das Rennen bei den Buchhändlern, die Auflagen des Ziegler­ Verlages blieben zu klein, das Finanzrisiko am Ende zu groß. So konzentrierte sich Dr. Hans-Günther Ziegler nunmehr voll auf die Druckerei und die eigene Zeitung, ,,Die Neckarquelle“, die 1949 ganz von vom beginnen mußte. In guter Partnerschaft mit der Redaktion gab er ihr Profil und Gesicht, den an ihr tätigen Journalisten den nötigen Freiraum für eine selbständige und unabhängige Arbeit. Mit Überzeugung trat er für die Freiheit der Presse und der Information ein. Stolz ist Dr. Hans-Günther Ziegler auf sei- nen persönlichen Beitrag, den er für die Unabhängigkeit kleinerer Lokalverlage und für die Zeitungsgruppe SÜDWEST PRESSE insgesamt einbringen konnte: Er gehörte im Jahre 1949 mit anderen südwürttembergi­ schen Altverlegern und mit den Lizenz­ trägern des „Schwäbischen Tagblatts“ in Tübingen zu den Gründern der SÜDWEST PRESSE, einer Gemeinschaft südwestdeut­ scher Zeitungsverleger, deren Entwicklung von ihm über Jahrzehnte hinweg, unter anderem als Vorstandsmitglied und langjäh­ rigem Vorstandsvorsitzenden, mitgeprägt worden ist die SÜDWEST PRESSE, zu der zwanzig Jahre später u. a. auch die Ulm er Zeitungsgruppe stieß, mit 26 Tageszeitungen und einer Gesamtauflage von über 367.000 Exemplaren die größte Gruppe der regionalen Abonnementszeitun­ gen in Baden-Württemberg. ist. Heute Dem geschäftlichen Alltagsgetriebe im Zeitungsverlag hat sich der Achtzigjährige zunehmend entzogen, die Neigung zum Wandern, zu Studienreisen (zuletzt in den mittelasiatischen Sowjetrepubliken Usbeki­ stan und Tadschikistan), zur Pflege eines schönen Gartens (die Liebe dazu rührt wohl von Ferienaufenthalten in der großelterli­ chen Gärtnerei in Frankfurt-Hoechst her), zum Umgang mit Freunden (u. a. im Urschwenninger Kegelclub „Alte Stecher“) und mit ihm nahestehenden Menschen sind neben den Interessen für verlegerische Auf­ gaben geblieben, zu denen die Förderung der heimatkundlichen und heimatgeschichtli­ chen Forschung zählt, nach außen hin sicht­ bar in zahlreichen Beiträgen in der Zeitung und eben auch in den Büchern. Es gibt dabei gelegentlich Berührungspunkte mit seinen frühen Interessen an der Kunst, etwa in dem 1990 entstandenen Bildband über das Werk des aus Schwenningen stammenden Malers, Zeichners und Grafikers Hans Georg Müller­ Hanssen oder mit dem schon einige Jahre früher aufgelegten Band „Uffm Schwennin­ ger Moos“ mit Mundartgedichten von Otto Benzing und Bildern von Siegfried Heinz­ mann. 119

Die Heimatstadt hat Dr. Hans-Günther Ziegler zudem anderes zu danken. Im Ver­ einsleben war er an manchen Stellen aktiv tätig, und „seine Zehner“ wissen sein Engage­ ment als Jahrgangsvorsitzender hoch zu schätzen. Auch dem Ruf zur aktiven Teil­ nahme an der Kommunalpolitik folgte Dr. Ziegler. 1965 zog er in den Gemeinderat der Stadt Schwenningen am Neckar ein, war als Sprecher der Fraktion der Freien Wähler bei der Bildung der gemeinsamen Stadt Vil- lingen-Schwenningen auf einen fairen Inter­ essenausgleich bedacht und gehörte dem Parlament der Doppelstadt zwei weitere Wahlperioden bis 1980 an. In jenem Jahr und anläßlich seines 70. Geburtstages verlieh ihm der Gemeinderat „für hervorragende Verdienste um das Gemeinwohl“ einstim­ mig die Bürgermedaille. Mit dem Bundes­ verdienstkreuz war er schon früher ausge­ zeichnet worden. Karl Rudolf Schäfer Dr. med. Friedrich Bettecken 30 Jahre Chefarzt des Städtischen Kinderkrankenhauses Villingen von 30 Jahren handelt, in dem sich das Gesicht der klinischen Medizin ganz ent­ scheidend gewandelt hat, wobei die Kinder­ heilkunde geradezu exemplarisch für diesen tiefgreifenden Wandel steht. Fastl8Jahre hat der Verfasser dieser Zeilen mit Herrn Dr. Bettecken zusammengearbei­ tet und damit mehr als die Hälfte dieser 30 Dienstjahre miterlebt, mit der Einschrän­ kung allerdings, daß dies, zumindest dem Anschein nach, die einfacheren Berufsjahre für Dr. Bettecken waren, waren doch die äußeren Arbeitsbedingungen endlich geord­ net. Diese Bedingungen mußten aber erst ein­ mal geschaffen werden, denn das, was Dr. Bettecken am 1. 8. 1959 zu seinem Dienstan­ tritt hier vorfand, war schon für die damalige Zeit unzulänglich, aus heutiger Sicht gera­ dezu unbegreiflich. Bis zum Jahre 1939 wur­ den kranke Kinder im alten Städt. Kranken­ haus in der Herdstraße eher nebenher behandelt, insbesondere die Isolierung der ansteckend Erkrankten war kaum möglich, da alle baulichen Voraussetzungen hierfür fehlten. 1939 wurde deshalb durch die Stadt die heute noch sogenannte ,Junghans-Villa“ im Warenbachtal erworben, für 40 bis 50 kleine Patienten hergerichtet und am 11. 4. 1939 in Betrieb genommen. Am 31. 7. 1989 trat Dr. med. Friedrich Bettecken, seit 1959 Chefarzt des Städt. Kinderkrankenhauses Villingen, später Vil­ lingen-Schwenningen, in den Ruhestand. Eine alltägliche Nachricht: Erst derjenige, der Einblick in das Berufsleben des nunmeh­ rigen Ruheständlers hatte, kann erahnen, was für die Person und auch die betroffene Institution hinter diesem „alltäglichen“ Ereignis steckt. Dies gilt insbesondere dann, wenn es sich, wie hier, um einen Zeitraum 120

Im Laufe des Krieges kam noch eine Arbeitsdienstbaracke im Garten des Kinder­ krankenhauses hinzu, zunächst als Infekti­ ons-/Isolierabteilung für Erwachsene ge­ dacht, später dann für Kinder. Dies war im wesentlichen der Zustand, den Dr. Bettecken am 1. 8.1959 hier vorfand und er schreibt selbst: ,,Idylle ja, aber kein Krankenhaus“. Es fehlte an vielem, vor allem aber an Platz, so daß z.B. aus Platzmangel nicht ein einziger Brutkasten aufgestellt werden konnte. Die Frühgeborenen wurden statt dessen in Weidenkörbchen aufgezogen, bis zu 8 Kinder mußten auflO qm Fläche unter­ gebracht werden. Die vorgegebenen 40 bis SO Betten reichten ebenfalls sehr schnell nicht mehr aus, die Überbelegung wurde zum Normalfall, so daß es auch „normal“ wurde, zwei Kinder in ein Bett zu legen oder aber, heute gern erzählte Erinnerung der „Alten“, in Kommodenschubladen. Hinzu kam noch die Entfernung zum eigentlichen Krankenhaus, was zusätzlich erhebliche Erschwernisse und auch Einschränkungen mit sich brachte. Schließlich mangelte es chronisch, also durchgehend an Pflege- und Ärztepersonal, in den 60er Jahren war wiederholt monate­ lang kein weiterer Arzt im Kinderkranken­ haus tätig: Eine schier unvorstellbare Bela­ stung, die Dr. Bettecken nach eigenem Zeug­ nis nur Dank seiner Frau überstehen konnte, die abwechselnd und gleichzeitig als Ehe­ frau, Mutter und Kollegin im Kinderkran­ kenhaus tätig wurde. Neben allem lief der Kampf um den immer dringlicher werdenden Neubau der Klinik, der schließlich 1965 vom Gemeinde­ rat beschlossen wurde (ein bemerkenswerter Entschluß, kamen doch nur 20 0/o der kran­ ken Kinder aus der eigentlichen Stadt, wei­ tere 20 0/o aus dem ehemaligen Kreis Villin­ gen), dann die Planungsphase, auf die Dr. Bettecken – wie könnte es auch anders sein – entscheidenden, bis in kleine Details reichenden Einfluß nahm. Seine Weitsicht auch in diesen Dingen erhellt zum Beispiel daraus, daß er bereits 1967 Mutter- und Kindzimmer konzipierte, also viele Jahre bevor diese Einrichtung geradezu zum Merkmal eines humanen Krankenhaus­ betriebes wurde. Im September 1967 erfolgte der Baube­ ginn, am 14. Mai 1971 konnte das neue Haus seiner Bestimmung übergeben werden. Der Neubau erst machte es möglich, nun­ mehr ungeschmälert an der Entwicklung der Kinderheilkunde teilzuhaben, sei es durch Ausbau un4 Komplettierung längst geübter, sei es durch Übernahme neu entwickelter und in der Praxis bewährter Verfahren von Diagnostik und Therapie. Beispielhaft sei hier die Neu- und Frühgeborenenaufzucht genannt, die aus den erwähnten 8 Weiden­ körbchen auflO qm Fläche heraus nunmehr auf 29 Spezialbetten bzw. Brutkästen auf einer eigens dafür eingerichteten Station herange­ wachsen ist. Ein eigener Abholdienst seit 1976 (im Einzugsgebiet kommen jährlich rd. 5000 Kinder zur Welt) in Krankenwagen oder Hubschrauber mit eigens für diese Zwecke konstruierter Behandlungseinheit (Brutka­ sten/Überwachungsmonitor/Beatmungsge­ rät/motorische Spritzen und lnfusionspum­ pen) holt jährlich knapp 400 gefährdete Neu-/Frühgeborene in die Klinik, deren Erfolgsrate auf diesem speziellen Sektor der Kinderheilkunde im übrigen deutlich gün­ stiger liegt als der Mittelwert für ganz Baden­ Württemberg, das wiederum in der Spitzen­ gruppe der alten Bundesländer liegt. Der „Fluch“ der guten Tat: Schon wieder ist dieser Bereich der Klinik ständig überbe­ legt, schon wieder ist eine Erweiterung (innerhalb des bestehenden Gebäudes) unumgänglich. Diese Daten umreißen eine – auf den Beruf bezogen – außerordentliche Lebens­ leistung, wobei Dr. Bettecken allerdings der Letzte wäre, sich allein das Verdienst daran zuzuschreiben, denn: ,,Kinderheilkunde ist eine große Gemeinschaftsleistung“. Die engstmögliche Zusammenarbeit aller Betei­ ligten (immer und überall gefordert, selten verwirklicht) war ihm unverzichtbare Vor- 121

aussetzung für seine Berufsausübung als Kin­ derarzt, er lebte sie vor. Keine an einen Ande­ ren gestellte Forderung, die er nicht längst an sich selbst gestellt hatte. So hatte er, auch in schwierigsten Zeiten, immer einen festen, dem gemeinsamen Werk verpflichteten Stamm von Mitarbeitern um sich, die Fluk­ tuation besonders des Pflegepersonals als fei­ ner Indikator für das Klima eines Hauses war (und bleibt hoffentlich) besonders niedrig. Dies war auch nicht anders, als Mitte der siebziger Jahre die Ordensschwestern vom heiligen Vincenz von Paul vom Mutterhaus zurückgezogen werden mußten. Für Dr. Bettecken war dies, auch ganz persönlich, ein schwerer Verlust, war doch der im christ­ lichen Glauben wurzelnde Dienst am Näch­ sten eine entscheidende Grundlage des gemeinsamen Tuns. Wir Kollegen der anderen Fachabteilun­ gen suchten und genossen gleichermaßen die Zusammenarbeit wie auch die Auseinan­ dersetzung mit einem außerordentlichen Kliniker, einen ebenso streitbaren -wenn es um „seine“ Kinder ging-wie warmherzigen und geradlinigen Kollegen. Die Gefühle des Kollegiums der Städt. Krankenanstalten Vil­ lingen-Schwenningen beim Ausscheiden des Kollegen Bettecken wurden nicht um- sonst mit den Begriffen Zuneigung, Respekt, Vertrauen beschrieben. Von ihm selbst formuliert lautet sein Ver­ ständnis der Kinderheilkunde: ,Jede Kran­ kenhausaufnahme eines Kindes bedeutet aber nicht nur Zahl, sondern individuelles Schicksal, auch Trauer und Schmerz, Angst und Sorge, im Kinde und seinen Eltern sogar vervielfacht. Sie bedeutet aber auch Mut und Hoffnung auf das Heute und die Zukunft, wiederum verstärkt und vervielfacht im Kinde und seinen Angehörigen. Das Wirken eines Kinderkrankenhauses geht damit weit über das eines Krankenhauses für Erwach­ sene hinaus“. Ein langwährender, aktiver, gemeinsam mit seiner Frau erlebter glücklicher Ruhe­ stand: Man wünscht es ihm in ganz besonde­ rem Maße. Dr. Christian Gülke, seit 1972 Anästhesist an den Städt. Krankenanstalten Villingen-Schwenningen Die Zitate und einige der beschriebenen Details wurden den Broschüren zur Einweihung der neuen Kinderklinik im Friedengrund bzw. zum 50jährigen Bestehen der Städt. Kinderklinik ent­ nommen. Walter und Lotti Späth aktiv in vielen Bereichen Volle Züge schaffen kaum erfreuliche Rei­ selust, wohl aber zufällige Begegnungen. Grad so wie Pfingsten 1942, als auf der Strecke Münster-Köln -Karlsruhe -Pforz­ heim zwei junge Menschen im Abteil saßen, die allenfalls die gleiche Richtung zusam­ menbrachte. -Sie -unterwegs zur Verwandt­ schaft, er-auf dem Weg ins Elternhaus, zum Heimaturlaub von seiner Einheit bei den Heerestruppen. Ungewohnte Spiegel an der Uniform machten Walter Späth auffälliger als andere 122 Soldaten. Ein Fahrgast bot den beiden Ziga­ retten an, die man auf dem Gang rauchte. Fräulein Charlotte fand Gefallen an dem sympathischen jungen Mann, der sich aller­ bestens an eine ihre ersten Fragen erinnert … Heute können Walter und Lotti Späth an ihrem Wohnsitz Villingen auf ein ereignis­ reiches Leben blicken, auf Jahre gemeinsa­ men W irkens in der regionalen und lokalen Politik, auf berufliche Erfolge, aufHarmonie in einer Partnerschaft derselben Gesinnung, auf Gemeinsamkeiten bei der Freude an

UKW-Sendungen und -Empfang ausheckte. Von 1968 leitete der Diplom-Ingenieur schließlich die Patent- und Lizenzabteilung im Hause SABA, und das auch unter den später neuen Inhabern und Eigentümern, nämlich den amerikanischen Bossen von GTE (General Telephon and Electronics). Politische Erfahrungen machte der 1914 geborene Walter Späth schon 1939 und 1944, als er sich wegen auffälliger Verhaltensweisen verschiedenen Verhören auch durch einen Führungs-Offizier stellen mußte. Der CDU trat Späth 1947 in Emmendin­ gen bei, von wo aus er nach seinem berufli­ chen Wechsel nach Villingen schließlich durch den Rektor und späteren Landtagsab­ geordneten Karl Brachat aufgenommen wurde. Wenig später wählte man den sach­ verständigen Villinger Bürger in den techni­ schen Ausschuß des Gemeinderates, für den er ab 1956 für sechs Jahre Mitglied wurde, und 1963 avancierte er zum Ortsvorsitzen­ den der CDU in Villingen. Aus dieser Posi­ tion war das Votum der Partei für Späths Vorsitz im CDU-Kreisverband Formsache. Walter Späth wirkte als Kreisverordneter auch im Finanz- und Verwaltungsausschuß, wo er das Ehrenamt bis 1979 inne hatte. Ob Bezirksausschuß oder Landesaus­ schuß, ob Beisitz im Bundesausschuß für Lastenausgleich, ob Mitglied im Schöffen­ ausschuß oder im Kuratorium für die Abendrealschule Villingen, Walter Späth war stets verfügbar, erreichbar, mit Engage­ ment bei der Sache, was ihm am 16.Juli 1974 mit dem Bundesverdienstkreuz gedankt wurde. Stolz erinnert sich Walter Späth an eine der frühen Bundestagswahlen, als es ihm gelang, erstmals einen Kanzler zu einem Wahlauftritt nach Villingen zu bekommen: Ludwig Ehrhard lockte 16.000 Zuhörer auf den Villinger Münsterplatz. Gleichermaßen zufrieden durfte sich Späth fühlen, als er gemeinsam mit Karl Bra­ chat den Kandidaten für den Bundestags­ wahlkampf, Dr. Hansjörg Häfele, in einer Kampfabstimmung gegen den Kandidaten 123 Kunst und Kultur, am Fußballsport und nicht zuletzt auf die Lust an der Parteiarbeit, für die beide in den Reihen der Christlich Demokratischen Union seit knapp 40 Jahren tätig waren. Walter Späth kam nach dem Studium der Elektrotechnik und Elektro-Akkustik und seinem Wehrdienst als Truppeningenieur, der ihn nach Afrika und an die Ostfront führte, in seine ersten Berufsjahre bei der Klangfilm in Emmendingen, wo er neue Techniken entwickeln sollte. Vom zweiten Arbeitsplatz bei Siemens wurde der gebür­ tige Freiburger mit Abitur in Lörrach schon 1952 von Hans-Jörg Brunner-Schwer zur Vil­ linger SABA abgeworben, um sich im Schwarzwald für die Wiedergabe von Stereo­ Aufnahmen bei Schallplatten und Tonbän­ dern einzusetzen. Ein Sitz im Fachausschuß für HiFi-Nor­ men machte ihn mitverantwortlich für die bindend festgelegten Ansprüche an alle Her­ steller elektro-akkustischer Geräte. Dies brachte Walter Späth schließlich auch in die Kommission, die ein deutsches System für

von Donaueschingen durchbrachte. Und auch Erwin Teufel, Nachfolger des Minister­ präsidenten Lothar Späth seit Anfang 1991, ist durch die CDU-Ortsgruppe Villingen einst als Kandidat für die Landtagswahlen nominiert und gegen den Wolfacher Kandi­ daten durchgebracht worden. Daß fast ganz nebenbei durch Walter Späth und Karl Bra­ chat auch noch die Abendrealschule initiiert und aus der Taufe gehoben wurde, ist nicht vergessen. Für den Sport setzte sich Walter Späth im Fußball ein – der FC 08 Villingen hatte es ihm für viele Jahre angetan. So führte er schließlich im Seniorenalter dessen Ge­ schäftsstelle, was ihm als Ehrenmitglied des Vereins seit 1981 so gut bekam wie dem Ver­ ein selbst. Bis 1983 widmete sich der aktive Ruhe­ ständler Späth immer wieder auch den Fäl­ len um Anerkennung als Kriegsdienstverwei­ gerer, die ihm als Mitglied des Prüfungsaus­ schusses begegneten. Walter Späth war all die Jahre gewohnt, sich immer äußerst präzise zu verständi­ gen, dem Gegenüber Standpunkte klar zu machen, die als Argumente Gewicht hatten. Wegen der aufgeopferten Lebenskraft zum Wohle der Gemeinschaft, wegen seiner Zuverlässigkeit und seiner Toleranz wurde ihm im Auftrag des Bundespräsidenten zum 60. Geburtstag das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen: ausführender und erster Gratulant war Erwin Teufel, damals Staatssekretär im Innenministerium. Lebensfrohes Temperament, soziales Engagement, heiter und gewandt in der Unterhaltung, politisch starkes Interesse: dies sind Kennzeichen und Markenzeichen von Charlotte „Lotti“ Späth, die 1990 ihren 70. Geburtstag feierte. Die sympathische Jubilarin, gebürtig in Münster, lebt schon seit 4 Jahrzehnten in Villingen, wohin sie durch die berufliche Bindung ihres Mannes Walter zum Hause SABA gelangte. Lotti Späth verkörpert seit vielen, vielen Jahren den Typ von Frau und Dame, zu deren Alltag es gehört, nicht nur an Heim und Herd, son- 124 dem auch in der sozialen Gemeinschaft nach dem Rechten zu sehen und sich für sinnvolle, sozialbestimmte Veränderungen einzusetzen. So ist Lotti Späth derzeit nicht nur in ihrer dritten Amtsperiode als Kreisrätin, sie gilt auch als Gründungsmitglied des Kinder­ schutzbundes der Region, des Fördervereins für die Begegnungsstätte „Feldner Mühle“ und nicht zuletzt auch der christlich-demo­ kratischen Frauen-Union, deren Vorsitzende sie für 20 Jahre und bis 1989 war. Ihr sozial- und parteipolitisches Wirken während vieler Jahre würdigte der Bundes­ präsident mit der Verleihung des Bundesver­ dienstkreuzes, das Lotti Späth im Jahre ihres 60. Geburtstages aus der Hand von Regie­ rungspräsident Dr. Norbert Nothhelfer überreicht wurde. In der Lobrede vom Dezember 1980 stand auch, daß von Lotti Späth der Landesfrauenrat mitbegründet wurde, der 1967 /68 auflnitiative des damali­ gen Innenministers Krause zustande kam. Mit beiden Beinen stellte sich Frau Späth ins Leben, als nach dem Abitur familiäre ,,Stimmungen“ sie zu einer Lehre als Bank­ kauffrau veranlaßten. Dabei wäre ihr der Sport und die Naturwissenschaften viel eher gelegen – auch wenn sie heute Sonne und Lektüre einer Bergwanderung vorzieht. Lotti Späth, die gerne strickt, kocht und wenn, dann gern viel Gäste hat, stellt für sich fest, daß sie alles gern tut und wohl deshalb nie erschöpft ist. Dabei arbeitet, leistet und dient sie lieber im Stillen als im Rampen­ licht. Mußte sie dort gelegentlich stehen, dann sind nämlich auch bestimmt die Mikrofone ausgefallen. Auch sind in Ihrer Lebensbetrachtung alltägliche Tiefs nie aus­ geschlossen gewesen. Aus diesem Bewußt­ sein heraus konnte sie auch beim „Sorgente­ lefon“ engagiert im Dienst des sorgenvollen Nächsten stehen. So hat Lotti Späth es eigentlich immer mit der Devise gehalten: Jeder Tag ’ne gute Tat, auch wenn die „nur“ darin bestand, die Fußballer ihres engagier­ ten FC 08-Kämpen Walter zu Regional-Liga­ Zeiten zu Auswärtsspielen zu fahren.

Für die Gemeinschaft engagiert zu sein, habe sie wohl durch erhebliche Belastung erfahren, wobei sie auch durch tatkräftige Eltern und Großeltern zu der Überzeugung kam, daß keiner auf Dauer nur auf Rosen gebettet sei. So genießt Lotti Späth ihre Ansprüche maßvoll und in der Zufrieden­ heit, daß der Mensch in „seiner“ Stadt leben muß, kann und darf. Wenn heute das Seniorenehepaar Lotti und Walter Späth einen aktiven Ruhestand lebt, dann geschieht dies bei vielen gesellschaftli­ chen Begegnungen immer auch mit einer Prise Humor, den „die Lotti“ erst jüngst in zwei Zeilen zu einem Jubiläum „verdichtete“: Der Themen gab es stets nur zwei, das waren Fußball und Partei … ! Wolfgang Bräun Erwin Kaiser zum Gedächtnis Ein Hotelier alter Schule Im idyllischen Schwarzwaldstädtchen Schönau geboren, führte ihn der Weg nach dem Besuch des Realgymnasiums und zwei­ jähriger kaufmännischer Ausbildung nach Amerika, wo Eiwin Kaiser erstmals im Hotel­ gewerbe tätig wurde. Zunächst als Kochvo­ lontär im Hotel Shacrleans, anschließend Lagerist im Hotel Knickerbocker in Chi­ kago. Ebenfalls dort war er im Hotel „Drake“ als Inside-Steward tätig, gleichfalls daran im Athletik-Club. Hier avancierte er zum 1. Assistenten des Hotelrestaurantdirektors. 1939 kehrte Erwin Kaiser aus Amerika zurück, um im Schwarzwald ein Hotel zu erwerben. Leider kam der Kauf nicht zustan­ de, da am Tag der Übergabe der Zweite Welt­ krieg ausbrach und der Verkäufer vom Ange­ bot zurücktrat. Anschließend war er Chef­ stellvertreter beim Schwabenwirt in Berlin. Am 31. 8.1940 vermählte sich Erwin Kai­ ser mit seiner Frau Hilde. Aus dieser Ehe gin­ gen drei Töchter hervor. Als Dienstverpflichteter mußte er im Osten ein größeres Landhotel als Pächter übernehmen. 1943 kam die Einberufung zur Wehrmacht, seine Frau Hilde führte den Betrieb weiter. Nach fünfjähriger Kriegsge­ fangenschaft in Rußland (von 1945 bis 1950) bekam Erwin Kaiser durch Vermittlung des Hoteliers Ihringer vom Hotel Falken in Frei­ burg den Posten eines Geschäftsführers der Staatlichen Hotelbetriebe in Bad Wildun- gen. Da geraume Zeit später das Hotel Deut­ scher Kaiser in Villingen als Pachtobjekt angeboten wurde, entschloß er sich, das Haus von Hotelier Ernst Heyne pachtweise mit seiner Frau Hilde zu übernehmen. Im Jahre 1956 bot sich Erwin Kaiser wie­ derum eine große Chance. Das Hotel Blume Post stand zum Kauf an und am 28. Novem­ ber 1956 eiwarb er es von der Rhein-Main­ Bank. In kurzer Zeit war es ihm und seiner 125

Eine besondere Art der Wertschätzung und Kollegialität durfte er zum Ausscheiden aus dem Betrieb und als Kreisvorsitzender von den Bad Dürrheimer Kollegen erfahren. Mit Pferd und Kutsche fuhr man zur Blume Post, um dem geschätzten Kollegen für seine Verdienste für den Berufsstand zu danken. Bürgermeister und Kurdirektor Otto Weissenberger war mit dabei. In seiner Lau­ datio beim anschließenden Umtrunk hob er die Persönlichkeit von Erwin Kaiser und seine Verdienste um das Ansehen der Gastro­ nomie hervor. Auch Otto Weissenbergerwar immer gerne bei Erwin Kaiser zu Gast und spricht heute noch lobend von dem hohen Niveau der Gastlichkeit in der Blume Post. Durch den Verkauf der Blume Post an eine Handelskette wurde das Haus einem anderen Zwecke zugeführt. Erwin Kaiser erwarb das Gasthaus Falken in der Rietstraße und baute nach Abbruch an diesem Platz ein neues Haus mit Büroräu­ men und Wohnungen. Er selbst wohnte mit seiner Familie als Privatier auch dort. Sicher­ lich ist es ihm schwergefallen, sich von der Blume Post zu trennen.Trotzdem war es eine glückliche Fügung, daß er das Hotel auf diese Weise veräußern konnte, da größere Repara­ turen und Umbauten für den Fortbestand als Hotel notwendig wurden. Erwin Kaiser ist am 21. Juni 1991 gestor­ ben. Ein erfülltes Leben ist zu Ende gegan­ gen. In der Erinnerung vieler Villinger und weit darüber hinaus lebt er fort als eine Persönlichkeit, die viele Jahre die Villinger Gastronomie in hervorragender Weise ver­ treten hat. Eduard Nobs Frau gelungen, das Hotel Blume Post zu einem der ersten Häuser der Region zu gestalten. Nachdem die Tonhalle in Villingen nach gründlicher Renovierung zur Verpachtung anstand, übernahm er dieses Haus zusätz­ lich. Beide Betriebe führte er vorbildlich, bis ihm sein Arzt 1958 aus gesundheitlichen Gründen empfahl, die Tonhalle wieder abzugeben. Das Hotel Blume Post leitete er noch bis 1968. In all den Jahren war die Blume Post das Aushängeschild der Gastronomie in Villin­ gen und Umgebung. Wer von den Gästen erinnert sich nicht gerne an die kullinari­ schen Genüsse in der Poststube. Erwin Kai­ ser hat dem Haus Inhalt und Niveau verlie­ hen. Ein Fachmann alter Schule, wie man ihn heute suchen muß, immer bereit, für das Wohl der Gäste da zu sein. Die Stammtisch­ gäste sind ihm heute noch verbunden. Gerne saß auch Erwin Kaiser nach getaner Arbeit mit am Stammtisch bei einer Zigarre und einem guten badischen Viertele. Die Fastnachtstage waren in der Blume Post Höhepunkte für die Villinger Bürger. In allen Etagen wurde bis in den Morgen gefei­ ert und gestrählt. Erwin Kaiser hatte es ver­ standen, in seinen Räumen echte Villinger Fastnacht zu bieten. An einem dieser hohen Tage war der ehemalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Kurt Georg Kie­ singer, zu Gast in der Blume Post. Nachdem sich Erwin Kaiser in Villingen eingelebt hat, war es für ihn Ehrenpflicht, auch in seiner Berufsorganisation tätig zu sein. Lange Jahre war er Kreisvorsitzender des Hotel-und Gaststättenverbandes, Vorsit­ zender der Prüfungskommission bei der IHK für das Gastgewerbe und Schatzmeister des Schulvereins für die Landesberufsschule. Hierin hat er sich besondere Verdienste erworben, denn ihm war es mit zu verdan­ ken, daß die Landesberufsschule von der Reichenau nach Villingen kam. Durch sein fachliches Können und Organisationstalent hat er wesentlich zum Auf-und Ausbau der Schule beigetragen. 126

Ewald Huth- ein Opfer der nationalsozialistischen Diktatur burg, die er mit der Note „sehr gut“ abschloß. Der l. Weltkrieg begann. Wegen eines Sehfehlers wurde Ewald Huth nicht als Sol­ dat eingezogen. Er meldete sich jedoch frei­ willig als Sanitäter beim Deutschen Roten Kreuz und arbeitete in verschiedenen Laza­ retten. Er erhielt die Rotkreuz-Medaille in Bronze und das österreichische Verdienst­ kreuz. Der 29jährige Ewald Huth wurde 1919 als Musiklehrer am Erziehungsinstitut der Benediktiner im bekannten Kloster Ettal angestellt. Während dieser Tätigkeit bildete er sich mit Fortbildungskursen in Nürnberg und Maria Laach in liturgisch-musikwissen­ schaft:lichen Wochen weiter aus. Ende 1920 bewarb er sich auf die vakante Stelle eines Organisten und Chorleiters am Villinger Münster. Mit Telegramm vom 16. Novem­ ber 1920 wurde ihm vom damaligen Stadt­ pfarrer Wilhelm Kling mitgeteilt, daß er in die engere Wahl gekommen sei. In einem weiteren, noch erhaltenen Telegramm vom 17. Dezember 1920 ist zu lesen: ,,bitte sich sofort vorzustellen -fahrt dritter klasse wird bezahlt – pfarramt villingen“. Bereits zum l. Januar 1921 wurde Ewald Huth als Chor­ direktor und Organist an das Villinger Mün­ ster berufen. Dieses Amt hatte Ewald Huth 23 Jahre bis zu seiner Verhaftung 1944 inne. Er heiratete 1923 Maria Huth, geb. Gromann, aus dem damaligen Musikhaus in der Färberstraße 7. Aus der Ehe gingen 3 Töchter hervor, von denen Antonie mit 4 Jahren an einer perfo­ rierten Blinddarmentzündung starb. Während seiner Tätigkeit am Villinger Münster wurden unter seiner Leitung grö­ ßere Werke aufgeführt: 1926 das Oratorium „Odysseus“ von Max Bruch mit dem Mün­ sterchor und dem Männerchor, 1933 die „Missa laudete Dominum“ von Franz Phi­ lipp, an der Orgel als Gast war Franz Kaller aus Freiburg. Da Huth ein besonderer Ver- 127 Ewald Huth war ein Mann; „der sich der menschenverachtenden Diktatur nicht beu­ gen wollte … , der nicht wie die anderen rea­ gierte, sondern gleichsam das menschliche Gewissen einer Nation verkörperte“; so cha­ rakterisierte ihn der ehemalige Landtagsprä­ sident Camill Wurz 1972 in einem Geleit­ wort zur Broschüre der ehemaligen Musik­ schüler Ewald Huths. Wer war Ewald Huth, der einen Großteil seines Lebens in Villingen verbrachte? Er wurde am 11. Januar 1890 in Hersfeld/ Hessen geboren. Nach der Volksschulzeit kam er an die Lehrerbildungsanstalten in Fritzlar, Fulda und Olpe, um Lehrer zu wer­ den. Kurz vor dem Schlußexamen brach er das Studium ab, um sich dem Musikstu­ dium, speziell der Kirchenmusik, zuzuwen­ den. Nach anfänglich privatem Unterricht besuchte er die St.-Gregorius-Akademie der Benediktiner in Beuron, anschließend 1913/14 die Kirchenmusikschule in Regens-

ehrer von Anton Bruckner war, kam 1936 die „e-Moll-Messe“ zur Aufführung. Bei der Weihe der neuen Orgel in der Benediktiner­ kirche, die nur mit Spendengeldern ange­ schafft werden konnte – früher war in der Kirche nur ein Harmonium -, wurde 1939 das Werk „Sancta Elisabeth“ von Franz Phi­ lipp, in Gegenwart des Komponisten, aufge­ führt. Außer seiner kirchlichen Tätigkeit leitete Huth auch weltliche Chöre: so den Män­ nerchor Villingen mit 120 Sängern, den Werkschor Vereinigte Aluminium Gieße­ reien, den Liederkranz Trossingen, den Männergesangverein Frohsinn e. V. Schram­ berg, den Efka-Werkschor Fritz Kiehn Trossingen, den Männerchor des Arbeiter­ fortbildungsvereins St. Georgen und den Liederkranz St. Georgen. Huth warnt vor dem Nationalsozialismus Schon nach der „Machtergreifung“ er­ kannte Ewald Huth, daß vom Nationalsozia­ lismus große Gefahr ausging. Er versäumte es nicht, vor der Tyrannei, wo immer er konnte, zu warnen. Alle Tatsachen nannte er beim Namen und schwieg nicht. Sein Gerechtig­ keitssinn und sein christlicher Glaube ließen ihn auch nicht um den Preis des Überlebens seinen christlichen Idealen abschwören. Ständig wurde er und seine Familie bespit­ zelt und überwacht. So erfolgte – nach Denunziation von Nachbarn und eines Fah­ nenjunker-Feldwebels – am 19. Januar 1944 die Verhaftung und Einlieferung in das Gefängnis in Villingen. Zum Verhängnis wurde Huth, daß er am 13. September 1943 zur Gendarmerie eingezogen worden war, die der Gerichtsbarkeit der SS unterstand. Er wurde dann nach Stuttgart überführt, wo am 17. März 1944 die Anklageverfügung und der eigentliche Haftbefehl erfolgte. Ewald Huth war jetzt 54 Jahre alt. Das „Feldurteil im Namen des deutschen Volkes“ erging am 26. Mai 1944. Ewald Huth wurde wegen „Zerset­ zung der Wehrkraft“ zum Tode und zum Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf 128 Lebenszeit verurteilt. Mit diesem Wissen mußte Huth noch über fünf Monate leben. In der Begründung des lOseitigen Urteils des SS- und Polizeigerichts XI in Stuttgart, unter Vorsitz des SS-Obersturmbannführers Hoff­ mann und vier weiteren Polizei- bzw. SS-Leuten, als Beisitzer warf man dem An­ geklagten im Todesurteil vor: ,,über Jahre hinweg in der Öffentlichkeit den Willen des deutschen Volkes zur wehrhaften Selbstbehauptung gelähmt und zersetzt zu haben … Der Angeklagte ist in einer gera­ dezu verbrecherischen Weise kirchenhörig“. An anderer Stelle wird er als „schwarze Wühlmaus“ charakterisiert und, ,,daß es sich bei dem Angeklagten um einen ganz gefähr­ lichen Hetzer handelt, der bei jeder Gelegen­ heit sein Gift verspritzt“. Ein Gnadengesuch über den Rechtsan­ walt K. in Stuttgart wurde vom Reichsführer der SS in München abgelehnt, wahrschein­ lich auch als Folge des gescheiterten Atten­ tats auf Hitler am 18.Juli 1944. Nach Bom­ benangriffen auf Stuttgart und der Zerstö­ rung der Haftanstalt erfolgte im August 1944 die Verlegung nach Ludwigsburg und von dort nach Leonberg. W ie ein Vater für die Mithäftlinge Für die Mithäftlinge wurde „Papa Huth“, wie sie ihn nannten, aufgrund seiner religiö­ sen Überzeugung zum Vorbild. Von einem Mitgefangenen liegt ein Brief an die Ehefrau Maria Huth vor, dort steht u. a.: ,,Papa Huth wird mir und allen, die jene schreckliche Zeit überlebt haben, unvergeßlich sein. Wir hat­ ten alle wirklich etwas auf dem Kerbholz, so daß man jedem von uns sagen mußte, irgendwie hast du das verdient. Papa Huth hatte jedoch nichts angestellt, nur seine Mei­ nung gesagt. Als wir ihn beten sahen, da haben wir zuerst spöttisch gelächelt. Mehr und mehr ging uns jedoch auf, daß für ihn Gott wie eine Wirklichkeit war. Uns hat er dabei nie übersehen, hat uns stets Mut gemacht und zugeredet … Das letzte Stück Brot hat er weggegeben, wenn einer von uns

jüngeren Hunger hatte. Er war uns wie eine Sonne in jenen dunklen Tagen. Nie habe ich einen solch überzeugten Christen kennenge­ lernt wie ihn“. Dazu ist zu bemerken, daß Huth stets mit mehreren Häftlingen in einer Zelle war und nur die letzte Nacht vor dem gewaltsamen Tod in einer Einzelzelle zu­ brachte. Sein letzter Brief, den Ewald Huth einen Tag vor seiner Hinrichtung am 30. Oktober 1944 an seine Angehörigen schrieb, ist ein einzigartiges Vermächtnis für seine Familie. Seine letzte Bitte lautet: „Betet für unsere Feinde und tragt nicht Groll im Herzen. Der liebe Gott mag ihnen allen gnädig sein, so wie er mir selbst gnädig sein mag, das ist mein Wunsch und Gebet für sie schon immer gewesen und auch heute im Angesicht des Todes, den sie mir geben.“ Am 1. November1944, demAllerheiligen­ tag, erschossen sie ihn in Stuttgart-Dom­ halde morgens um 7.10 Uhr. Die Grablegung auf dem Hauptfriedhof Stuttgart-Bad Cann­ statt im Steinhaldenfeld geschah sofort nach der Erschießung um 8 Uhr, ohne Geistli­ chen, ohne Kreuz. Die Familie erfuhr erst am 3. November 1944 durch ein Telegramm des Rechtsanwalts von der Vollstreckung des Urteils. sem Sarg lag. Dieser wurde geöffnet, dabei ergaben sich keinerlei Anhaltspunkte, daß die darin liegende Leiche die des Herrn Huth sein konnte. Der Friedhofsinspektor konnte den Sachverhalt aufklären: Im Februar 1944 wurde die Leiche des ebenfalls erschossenen belgischen Barons J. D. , der in Brüssel wohn­ haft war, beigesetzt. Am 22. November 1945 durfte die Familie die Leiche des Barons aus­ graben und in einem neuen Eichen- und Zinksarg nach Brüssel überführen. Dort wurde er in einem Mausoleum bestattet. Infolge eines Irrtums (gleiche Grabnummer 287) war jedoch der Sarg von Ewald Huth gehoben und nach Brüssel überführt wor­ den. Dies geschah, obwohl bei der Exhumie­ rung der Bruder des Barons zugegen war und dieser den Sarg öffnen ließ. Der Verfasser und Herr Fritz Maier muß­ ten demnach im Juli 1946 mit leerem Lei­ chenwagen nach Villingen zurückfahren. Bis zur Auswechslung der beiden Leichen – die Witwe des Barons durfte von dem Irr- Letzter Wunsch im Angesicht des Todes Die Odyssee des toten Ewald Huth Nach dem Ende des Dritten Reiches ver­ suchte die Familie 1945, den Leichnam nach Villingen zu überführen. Dies stieß auf größte Schwierigkeiten. Laut Friedhofsver­ waltung Stuttgart waren Umbettungen we­ gen Mangel an Arbeitskräften und Trans­ portmittel (Benzin) nicht erlaubt. Erst am 17. Juli 1946 fuhr der Verfasser, nach langem Schriftverkehr, mit Fritz Maier von der Firma Bernhard Maier mit einem Leichen­ wagen zur Exhumierung und Überführung nach Stuttgart-Bad Cannstatt. Der aus dem geöffneten Grab gehobene Sarg war mit einem vergilbten Zettel versehen, auf dem sich die Aufschrift befand „Donny Jacques“. Es kamen Zweifel auf, ob Ewald Huth in die- 129

turn nichts erfahren – wurden 64 Schrift­ stücke mit den verschiedensten Stellen in Deutschland und Belgien hin und her ge­ wechselt. Erst am 6. August 1949 wurde durch einen belgischen Militärkonvoi die Leiche Ewald Huths kostenlos nach Villingen über­ führt und vom Verfasser nach Öffnung des Sarges anhand der Beigaben identifiziert. Im kleinsten Familienkreis wurde Ewald Huth am 8. August 1949, mit geistlichem Beistand vom früheren Orgelschüler des Verstorbenen, Pfarrer Karl Münch, beerdigt. 37 Jahre später-im Jahr 1986 -starb seine Ehefrau Maria Huth im Alter von 85 Jahren. Sie wurde bei ihrem Mann beigesetzt. Die Stadt Villingen ehrte das Andenken an Ewald Huth 1972 durch die Umbenen- nung derJahnstraße im Westen der Stadt in Ewald-Huth-Straße. Die Münsterpfarrei nannte zum 40jähri­ gen Todestag den „Kleinen Saal“ im Ge­ meindezentrum – dem Übungssaal des Münsterchores -zum Gedenken an den auf­ rechten Christen in „Ewald-Huth-Saal“ um. Mit Schreiben vom 14. und 30. Januar sowie vom 10. Februar 1947 an die Staats­ anwaltschaft im Landgericht Konstanz wurde Antrag auf Aufhebung des Urteils des SS- und Polizeigerichts XI in Stuttgart ge­ stellt. Durch Beschluß des Landgerichts Kon­ stanz vom 22. 4. 1947 wurde das Urteil auf­ gehoben. Dr. med. August Kroneisen Konrad Merk Ein Mann mit einem großen Herzen Als kurz vor Weihnachten 1990 die Nach­ richt vom Tode Konrad Merks in Bad Dürr­ heim die Runde machte, war wohl jeder­ mann betroffen. Konrad Merk war bekannt, wie wohl nur wenige in unserer Stadt. Seinen Lebensweg zu beschreiben hieße, den Versuch zu machen, die Geschichte Bad Dürrheims der letzten 70 Jahre nachzu­ schreiben. Bad Dürrheim, seiner Vatergemeinde, galt seine ganze Liebe. Für diese seine Liebe tat er buchstäblich alles. Am 5. August 1921 kam Konrad Merk hier zur Welt. Hier besuchte er erstmals die Schule, von hier fuhr er täglich mit der damals noch beste­ henden Dampfeisenbahn nach Villingen, wo er das Schriftsetzer-Handwerk erlernte. Von Bad Dürrheim aus mußte der junge Konrad Merk „zu den Waffen“. Wie sehr hat er seine Heimat vermißt, als er wie so viele andere -selber beinahe noch ein Kind -als Soldat in Afrika und später in Rußland kämpfen mußte. Auch die Zeit seiner Kriegs­ gefangenschaft, aus der er erst 1948 wieder 130 nach Hause kommen durfte, hat er, gesund­ heitlich gezeichnet, nur in der Hoffnung auf ein Wiedersehen mit Bad Dürrheim psy­ chisch unbeschadet überstanden. Oft hatte ich das Vergnügen, Konrad Merk zuhören zu dürfen, wenn er aus dieser Zeit berichtete. Er verstand es glänzend, allem die beste Seite abzugewinnen und die schwerwiegenden, bedrückenden Erlebnisse seiner Jugend im Krieg nicht zu unterdrük­ ken, vergessen konnte er sie wohl nie, aber mit einer geradezu verblüffenden Zuversicht in das Heute und Morgen zu überspielen. Trotzdem, auch wenn er in den heitersten Worten sprach, klang oft unmißverständlich die Anklage gegen die Sinnlosigkeit dieser Zeit und ihrer Ereignisse durch. Ganz anders, wenn er über seine Kindheit in Bad Dürrheim sprach. Für mich als hierher aus einer Großstadt zugezogenen „Neubürger“ war es nicht nur erfreulich und beglückend, mit welcher Selbstverständlichkeit der gereifte Konrad Merk auf mich zukam, es war für mich immer faszinierend, mit wel-

dung seines Betriebes aktiv im Handwerker­ und Gewerbeverein wurde. In den 25 Jahren seiner Tätigkeit als Vorsitzender dieses Ver­ eins hat Konrad Merk sich unendlich viele Verdienste um das Handwerk und natürlich -gewissenhaft wie er war-auch um Handel und Gewerbe in Bad Dürrheim erworben. Als einer der ersten hat er für die Schaffung eines Wochenmarktes gekämpft, die Grün­ dung des Christkindelmarktes von Bad Dürrheim ist mit auf seine Initiative hin erfolgt.Zwei große Gewerbeausstellungen hat Konrad Merk angeregt und verantwortlich durchgeführt. Hierin sah er die Möglichkeit, die Leistungsfähigkeit Bad Dürrheimer Betriebe einer großen Öffentlichkeit vor Augen zu führen. Der Erfolg gab ihm recht. Als einer der ersten erkannte er auch die Gefahren für den Bad Dürrheimer Handel und das Gewerbe, die sich durch die Ansied­ lung großer Filialbetriebe auf der grünen Wiese vor den Toren Bad Dürrheims ab­ zeichneten. Mit großem Eifer führte er in diesem Fall aber einen Kampf gegen Wind­ mühlen. Es hat ihn immer geschmerzt, daß ihm in diesem Fall der Erfolg verwehrt war. Trotzdem resignierte er nicht, er sah dann in den Ereignissen eine Herausforderung und war bestrebt, mit allen Mitteln auch hieraus für sein Bad Dürrheim das Beste zu machen. Als geselliger Mensch, der er in Vollen­ dung war, hat Konrad Merk sich in vielen Vereinen seiner Heimatstadt engagiert. Vier Jahre war er Vorsitzender des Heimkehrer­ verbandes, dessen 30jähriges Jubiläum er organisieren und ausrichten konnte. Sein Herz galt auch seinen ehemaligen Kameraden. Es ist nicht verwunderlich, daß diese Frohnatur Konrad Merk gleich nach dem Ende der Besatzungszeit und dem Wiederer­ leben der alemannischen Fasnet zu den Mit­ begründern der Bad Dürrheimer Narren­ zunft gehörte. Aber auch der Schwimm-und Skiclub ist durch ihn mitbegründet worden. Ein Beweis dafür, daß Konrad Merk sich immer ein gutes Verhältnis zur Jugend bewahren konnte. 131 eher Freude er sich an all die vielen kleinen und großen Begebenheiten seiner Kindheit, an die vielen Menschen dieser Zeit erinnern konnte. Er wußte aber auch wie nur wenige über die Geschichte Bad Dürrheims so genau Bescheid, daß er dem Zugezogenen Lehrmeister sein konnte und dies auch gerne war. Darüber hinaus war Konrad Merk ein sehr zielstrebiger und verantwortungsbewußter Mann. Mit großem Erfolg legte er nach dem Besuch der Meisterschule in Freiburg die Meisterprüfung im Schriftsetzer-Handwerk ab. Schon im Jahre 1958 gründete er dann eine Buchdruckerei in Bad Dürrheim und führte diesen Betrieb mit großem Sachver­ stand und hohem handwerklichen Können zur Anerkennung weit über die Region hin­ aus. Wohl mit Fug und Recht darf behauptet werden, daß Konrad Merk ein Handwerker mit Leib und Seele war. Er sah nicht nur bis zu dem Horizont seiner eigenen Betriebs­ stätte, vielmehr war ihm die Entwicklung des gesamten Handwerks eine Herzensangele­ genheit. Da war es eigentlich nicht verwun­ derlich, daß er schon bald nach der Grün-

Heimatverein. Er war der Vater dieses Ver­ Wenn man mit ihm aber über all „seine“ eins. Mit dessen Gründung erfüllte sich Kon­ Vereine sprach, klang deutlich durch, wel­ rad Merk einen Lebenswunsch. Hierdurch chem davon seine besondere Liebe galt, was konnte er seinem Bad Dürrheim ein Denk­ nicht heißt, daß er nicht jedem Verein mit der gebotenen Aufmerksamkeit und mit mal setzen, an dessen Schaffung er jahrelang gearbeitet hat. Er konnte damit aber auch Pflichtbewußtsein gedient hätte. Die Verlei­ dokumentieren, daß Konrad Merk eben ein hung der Ehrennadel des Landes Baden­ ,,aechter Dieremer“ war. Friedrich Dinger Württemberg ist hierfür Beweis genug. Seine besondere Liebe galt dem Geschichts-und Als Pflegedienstleiterin von Anfang an im Kreiskrankenhaus Donaueschingen dabei Sie habe es verstanden, mit ihrer Autorität die Mitarbeiter zu motivieren, und es sei ihr gelungen, eine wohltuende menschliche Atmosphäre auszustrahlen. Diese anerken­ nenden Worte sprach Landrat Dr. Rainer Gutknecht bei der Verabschiedung der lang­ jährigen Pflegedienstleiterin Annemarie Bühr im Juli 1990. Die gebürtige Donau­ eschingerin ging vorzeitig in den Ruhestand, um sich ganz ihrer kranken Mutter widmen zu können. Annemarie Bühr hatte 1952 in Waldshut ihre Au bildung begonnen und war nach dem Examen bis 1960 als Stationsschwester im dortigen Krankenhaus tätig. Als Aushilfe kam sie dann einige Monate ins Städti­ sche Max-Egon-Krankenhaus nach Donau­ eschingen, bevor sie als Stationsschwester nach Villingen ging. Von 1968 bis 1972 war Annemarie Bühr als Pflegedienstleiterin wie­ derum in Waldshut beschäftigt, ehe sie ihre Aufgabe beim Aufbau des Kreiskrankenhau­ ses in Donaueschingen übernahm. Daß sie beim Neuaufbau von Anfang an dabei sein konnte, das faszinierte die liebevoll Schwe­ ster Annemarie genannte am meisten: ,,Man identifiziert sich dann damit. Es ist meine Lebensaufgabe geworden“, betont sie nach­ drücklich. Schwergefallen ist es der passio­ nierten Krankenschwester vom Patienten wegzumüssen, als sie die Pflegedienstleitung übernahm. Denn von da an war sie ausgela­ stet mit Personalangelegenheiten. Die Auf- gaben der Pfl��edienstleitung, die zusam­ men mit dem Arztlichen-und dem Verwal­ tungsdirektor Mitglied der Krankenhaus­ leitung ist, immerhin fast zwei füllen DIN-A 4-Seiten. Den Mitarbeitern ein menschliches Mi­ lieu zu geben, das sie dementsprechend an die Patienten weitergeben, dies war eines der wichtigsten Anliegen für Schwester Anne­ marie. Sie habe die Belange der Mitarbeiter zu ihren Angelegenheiten gemacht, betont die frischgebackene Ruheständlerin, der vor den kommenden Jahren nicht bange ist, hat sie sich doch auch schon während ihrer intensiven beruflichen Tätigkeit vielen Hob­ bys gewidmet. Annemarie Bühr 132

Für die Einheitlichkeit der Pflegemethode setzte sich die Pflegedienstleiterin ein, die gegen Diskrepanzen zwischen Theorie und Praxis ankämpfte. So erinnerte sich der Ärzt­ liche Direktor, Professor Dr. Dieter Klemm, bei der Verabschiedung der verdienten Schwester, an einen „handfesten Streit“, mit dem seine Bekanntschaft mit Schwester Annemarie begonnen habe. Dies sei im Herbst 1973 bei der ersten Besprechung über organisatorische Probleme im neu zu eröff­ nenden Krankenhaus gewesen. Man habe sich schließlich geeinigt und die nächsten 17 Jahre gut vertragen. So Professor Dr. Klemm, der eine „uneingeschränkte Hochachtung“ für die Verdienste der Scheidenden aus­ drückte. Sie habe eine hervorragende pflege­ rische Mannschaft rekrutiert und geformt und sei „die richtige Frau an der richtigen Stelle gewesen“. Für rund 170 Mitarbeiter war Annemarie Bühr im Kreiskrankenhaus verantwortlich, in den Ambulanzen, in den Operationssä­ len, in der Endoskopie und im Narkose­ Bereich sowie für den Hebammen-Einsatz. Sorgen machten ihr die Personal-Engpässe beim Pflegepersonal. Die früher noch übli- ehe Warteliste ist inzwischen abgebaut und der Stellenmarkt leergefegt. Früher kamen noch 400 Bewerbungen auf 20 Ausbildungs­ plätze, heute werden nicht einmal die Kurse voll, bedauert Annemarie Bühr, die sich darum bemühte, mit einem Wiedereinglie­ derungskurs frühere Krankenschwestern in ihren Beruf zurückzuholen. Mit Erfolg, freut sich Schwester Annemarie, die dadurch elf neue Aushilfen gewinnen konnte. Annemarie Bühr schaut gerne auf ihre Jahre an der Spitze des Pflegedienstes zurück und würde diesen Beruf auch wieder ergrei­ fen. Dennoch freut sie sich jetzt, im Ruhe­ stand zu sein, sich neben ihrer Mutter auch ihren zahlreichen Hobbys widmen zu kön­ nen. Mit ihrer aktiven Mitarbeit bei der Kir­ chengemeinde St. Marien hat sie bereits begonnen, und mit der Kunstgeschichte will sie sich künftig nicht nur theoretisch, son­ dern auch praktisch beschäftigen. Reisen zu den Stätten der Antike und der Romanik ste­ hen auf ihrem Ruhestandsprogramm, zu dem außerdem die klassische Musik und das Basteln sowie zur körperlichen Ertüchtigung das Wandern und Radfahren gehören. Barbara Rimmele Fritz Lienhard Erfolgreich im Beruf und in der Kommunalpolitik Für viele Triberger Bürger ist er schon zu seinen Lebzeiten fast eine Legende. Im priva­ ten Lebensbereich war er ein weitsichtiger und erfolgreicher Geschäftsmann und Unternehmer mit richtungsweisenden Per­ spektiven. Er ist Respektsperson und volks­ nah zugleich. In seiner Gesellschaft gewin­ nen immer Humor und Heiterkeit sowie ver­ sonnene Verschmitztheit die Oberhand. Sein treffender Mutterwitz ist beneidenswert und ansteckend. Er selbst hat wohl viel dazu beigetragen, daß ihm die Bürger Tribergs treffsicher als Ausdruck von Hochachtung, Respekt und aufrichtiger Zuneigung den Ehrennamen „Frilitri“ verliehen. Dies soll heißen: Fritz Lienhard, Triberg. Fritz Lienhard, 1905 in Triberg geboren, besuchte acht Jahre lang dort die Volks­ schule, danach ging er beim Vater in eine Ofensetzerlehre und besuchte drei Jahre lang die Gewerbeschule. 1923 absolvierte er vor der Handwerkskammer Konstanz die Gesellenprüfung, arbeitete danach im väter­ lichen Unternehmen weiter bis 1926. Anschließend besuchte Fritz Lienhard die Fachschule in München und war danach bis 1929 in Duisburg, um dort den Zentralhei­ zungsbau zu erlernen. Die Meisterprüfung legte er vor der Handwerkskammer in Kon­ stanz ab. Zu jener Zeit verstarb Fritz Lien­ hards Vater an den Folgen seines im Welt­ krieg erworbenen Leidens. Am 19.Juli 1937 133

Triberg: Arbogast, Eduard, August, Fritz, Klaus. Von 1929 bis 1954 war Fritz Lienhard akti­ ves Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Tri­ berg, von 1946 bis zu seinem Ausscheiden deren stellvertretender Kommandant. Wäh­ rend des Krieges war er bei Katastrophenein­ sätzen nach Luftangriffen in Freiburg und Hornberg wiederholt an vorderster Stelle im Einsatz. Auch an große Waldbrände – vor allem durch Funkenflug der Lokomotiven im Seelenwaldgebiet – erinnert sich Fritz Lienhard: ,,Damals war immer eine Lok am BahnhofTriberg mit einem Brückenwaggon. Mit dem Löschfahrzeug konnte man auf die­ sen Waggon auffahren, zum Brandherd fah­ ren und das Löschwasser aus der Lokomotive entnehmen.“ Fritz Lienhard war jahrzehntelang ein exzellenter Kommunalpolitiker. Seine aus­ gesprochene Heimatverbundenheit und Liebe zu seiner Heimatstadt Triberg waren ihm dabei wichtige Stützen seiner unermüd­ lichen Einsatzbereitschaft. Von 1948 bis 1957, von 1959 bis 1963 und von 1971 bis zu seinem Ausscheiden im April 1978 war Fritz Lienhard zwanzigJahre Stadt­ rat (CDU), dabei 1956/1957 und seit Novem­ ber 1971 bis zu seinem Ausscheiden als Bür­ germeister-Stellvertreter. Er arbeitete in mehreren Ausschüssen mit. Seine fundier­ ten Kenntnisse und seine streng sachliche Art waren sprichwörtlich. Unvergessen ist ihm Bürgermeister Willi Faster, der mit wis­ sendem Lächeln einmal im Gemeinderat sagte: ,,Wenn der Herr Kollege Lienhard etwas sagt, und es ist wahr, dann kann man es glauben.“ Daran erinnert sich Fritz Lienhard heute noch mit einem verschmitzten Lächeln. Er hat sich mit ganzer Kraft für den Bau des „Alten- und Altenpflegeheimes St. Anto­ nius“ in Triberg eingesetzt und unvergessen sind auch seine vielfältigen Bemühungen um die seit den frühen Siebzigerjahren gehegten Hoffnungen der Gemeinde Nuß­ bach auf die Neugestaltung des Friedhofes in Nußbach. heiratete Fritz Lienhard Eisa Bläsi aus Tri­ berg. Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor: Klaus, Gisela, Christei und Hans-Hubert. Fritz Lienhard führte nach dem Tod des Vaters für seine Mutter Anna, eine geborene Faller und gebürtige Tribergerin, das Unter­ nehmen weiter bis 1944. Dann hat Fritz Lien­ hard in der 4. Generation das elterliche Geschäft als Kachelofen- und Luftheizungs­ bauer-Meister übernommen. Die Kriegs­ jahre sind für ihn sehr schwer gewesen, er hat aber unter anderem auch zuverlässige Gefan­ gene in seinem Unternehmen beschäftigt, ein Franzose, ein Holländer, ein Pole -,,mit denen habe ich nach Kriegsende noch einige Wochen geschafft“ -dann mußte er seinen Weg allein weitergehen. Das Schwergewicht seiner Tätigkeiten bestand in der Folgezeit mehr und mehr im Heizungs- und Kachelofen bau sowie in Plat­ tenarbeiten. Mit der Zeit ging das Geschäft sehr gut und Fritz Lienhard beschäftigte zeit­ weise zwanzig Mitarbeiter in seinem Unter­ nehmen. 1973 legte Fritz Lienhard -nach mehr als fünfzig Berufsjahren – sein Lebenswerk in die Hände seines Sohnes Klaus. Dieser ist heute die fünfte, ununterbrochene Lien­ hard-Generation in der Gartenstraße 9 in 134

Achtzehn Jahre lang bekleidete Fritz Lien­ hard das verantwortungsvolle Amt eines Hauptschöffen beim Landgericht in Kon­ stanz (von 1950 bis 1964 und von 1971 bis 1975). Die Stadt Triberg hat die vielfältigen Ver­ dienste Fritz Lienhards als Kommunalpoliti­ ker sichtbar gewürdigt. Sie verlieh ihm am 2. November 1975 die Bürgermedaille der Stadt Triberg. Am 19. März 1976 verlieh ihm der damalige Bundespräsident Walter Scheel das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse. Bei der Verabschiedung aus dem Gemeindepar­ lament am 6. April 1978 ehrte ihn die Stadt Triberg mit einer Laudatio des damaligen Bürgermeisters Alfred Vogt und mit dem ersten Zinnteller der Stadt Triberg. Fritz Lienhard ist im November 1990 85 Jahre alt geworden; seine regelmäßigen Spaziergänge sind ihm wichtig und Aus­ gleich zugleich. Liebt er auch ein kühles Viertele? Verschmitzt sagt er: ,,Sofern es meine Frau erlaubt – schriewe Sie des dezue.“ Er genießt die Tage seines Alters in geruh­ samer Beschaulichkeit gemeinsam mit seiner Gattin Eisa, die ihren „Frilitri“ wegen seiner vielen Ämter und Verpflichtungen in frühe­ ren Jahren oft entbehren mußte. Fritz Lienhard hatte für seine Mitbürger immer ein offenes Ohr, half gerne bei Schwierigkeiten und war ein verständnisvol­ ler Zuhörer und Ratgeber. Fritz Lienhard ist ein versierter Kenner von alten Bauernhöfen. Seine berufliche Tätigkeit führte ihn oftmals in solche Höfe. Er erinnert sich schmunzelnd an eine Episode, in deren Mittelpunkt er vor vielen Jahren einmal stand. Es ging dabei um die Installierung einer Heizungsanlage in einem Bauernhof der Triberger Raumschaft. Die Bäuerin, robust und von rechter Art, stellte sich Fritz Lienhard in den Weg und ließ sich wie folgt verlauten: »Mir kenne doch nit jedem Hergloffene e Heizung uff unserm Hof ibaue losse.“ – Fritz Lienhard meint lächelnd: eine solch liebevolle Behandlung sei ihm in seinem langen Berufsleben nie sonst widerfahren. Ein besonderer Verdienst Fritz Lienhards liegt darin, daß er der Initiator und Begrün­ der der seit 1936 jährlich in Triberg stattfin­ denden Walter Buccerius-Kurse für das Kachelofen- und Luftheizungsbauernwerk („Ofensetzer-Seminare“) war, eine bedeu­ tende Vortrags- und Fachveranstaltung, die bundesweite Bedeutung hat. Fritz Lienhards Bekanntheitsgrad reicht in diesem berufli­ chen Bereich von Flensburg bis Bad Rei­ chenhall. Alexander Jäckle Hilde Kopp Leiterin des Altenclubs der Villinger Südstadt Es gehört schon einige Selbstwertschät­ zung dazu, um von sich zu behaupten: »Mir sin iberall gern g’sehe!“ Doch da es sich bei dieser Wertung um den Senioren-Club der Villinger Südstadt handelt, der seit über 20 Jahren von der inzwischen 8ljährigen Hilde Kopp geleitet wird, darf dies tatsächlich als zutreffende Selbstauskunft gewertet und gewichtet werden. Wer sich in seiner eigenen Lebenslage derzeit noch dem Mittelalter zurechnet, zwischen 35 und 60 Jahren wird’s wohl recht sein, der hält sich aller Wahr- scheinlichkeit immer noch für relativ jung. Wie aber schafft man es, sich auch darüber hinaus bis ins hohe Alter zumindest von der Lebenseinstellung jung, jugendlich, ver­ gnügt, bisweilen auch ausgelassen zu fühlen? Ganz einfach! Man gründet einen ,,Altenclub“, dessen Ziel es ist, Rentnern, Pensionären, alleinlebenden Seniorinnen und Senioren immer dann einige Stunden der Geselligkeit, der Unterhaltung und des Frohsinns zu bescheren, wenn sich eine Gelegenheit dazu bietet, wenn das Wetter 135

Für die Entwicklung der jungen Familie kam gerade recht, daß in Villingens Südstadt „Siedlungshäusle“ angeboten wurden, von denen die Kopps sich eines finanzierten. Konsequenz wie bei allen Nachbarn in den 30er Jahren: man mußte Klein-Viehhaltung treiben -fünf Geißen, zwei Sauen, so um die 15 Hennen. Drei Kinder wuchsen dort auf, bis die Kriegsjahre wie allzuoft die Familie trennte. Eugen Kopp geriet in Gefangenschaft und kehrte erst 1948 zurück, 71 Pfund schwer. „No han i de Mah erseht mol wieder i d’Heh‘ brocht!“, was ihr mit ihren segens­ reichen Händen auch bestens gelang. Wie schon in vielen Jahren der gegenseitigen Nach barschaftshilfe bei den Siedlern der Vil­ linger Südstadt, war Hilde Kopps Engage­ ment nicht zu bremsen. Sie wirkte für 30 Jahre im Siedlerbund-Vorstand, daneben noch 26Jahreim Vorstand der Arbeiterwohl­ fahrt und leistete sich und der ganzen Fami­ lie „den größten Schlager“: mit 42 Jahren bekam Hilde Kopp noch Zwillinge zu den drei Kindern, von denen das jüngste schon 13 Jahre alt war. So schmunzelt Hilde Kopp bei der Erin­ nerung an Familie, Ereignisse und Besonder­ heiten: Macht mir des onner noch?! Was vielen anderen Zeitgenossen auf ewig fremd bleibt, war für Hilde Kopp Alltag. Immer für andere da zu sein, ohne gleichzei­ tig Hilfe aufzudrängen. Und so stellt sie aus der Sicht des betagten und reifen Menschen fest: Wenn ich meine Aufgabe als Vorsit­ zende bei den Senioren aufgib, bin ich ver­ loren! Doch sie bekam schon früh auch die offi­ zielle Anerkennung durch die Verwaltung, auch wenn ihr Club keine offiziellen Statu­ ten hat, wie das Vereinsrecht dies vorsieht. Seit Jahr und Tag trifft man sich monat­ lich, gratuliert zu Geburtstagen mit Blumen und einer Einladung zu Kaffee und Kuchen, festet und feiert in der Alten-Tagesstätte am Romäusturm, veranstaltet Kaffeefahrten, arrangiert drei bis sechs Mal jährlich ein gemeinsames Essen meist außerhalb der tou- einen Ausflug vorschlägt oder wenn jahres­ zeitlich Besonderheiten anstehen, wie zum Beispiel die Fasnet, die Adventszeit oder eine Fahrt in den Mai. Hilde Kopp wurde 1910 in Klengen/Bri­ gachtal geboren, ging dort ihrer Schulpflicht nach und erfaßte im Kreis von zwei Brüdern und einer Schwester das intakte Familien­ leben bei den Herbergers. Vater Herbergerwar damals im sogenann­ ten Messingwerk Villingens als Heizer tätig und legte als Nebenerwerbslandwirtauch ein späteres Prinzip seiner Tochter Hilde: Schaffe un spare bis hit! Hilde ging nach einer kurzen Zeit der Fabrikarbeit bei Kaiser-Uhren „in Stellung“ bei einer Arzt-Familie in Hockenheim, wo sie auch mit sehr freizügigen „städtischen“ Erziehungsidealen konfrontiert wurde. Nach den Jahren in der Fremde zog es sie jedoch wieder in heimische Gefilde und erneut zu Kaiser-Uhren, wo man sie als Mit­ arbeiterin in guter Erinnerung hatte. Als mit Eugen Kopp dann auch eine Her­ zensangelegenheit in ihr Leben trat, stand einer Hochzeit mit 21 Jahren nichts im Wege. Damit wurde sie auch Schwägerin des in Villingen ansässigen Gärtners Heinrich Kopp. 136

ristischen Hauptsaison irgendwo im Kreisge­ biet, leistet sich einen Osterausflug, einen am Muttertag und das alles finanziert aus Beiträgen der ungebundenen Mitglieder, grad wie deren Geldbeutel dies verträgt oder auch schon regelmäßig zuläßt. Zwischen all dem Schriftverkehr, der unerläßlich ist bei einer Seniorenschar von etwa 50 Personen, führt Hilde Kopp ihren Haushalt, in dem sie auch einen Sohn mitversorgt, widmet sich der Arbeit in ihrem großen Garten, erledigt die Hauswäsche und findet viel Zeit für den Dienst am Nächsten. Hierzu gehört auch die Aufgabe des Kondulierens, wenn der Kreis der Senioren einen seiner Mitglieder verliert -zweiundsechzig Todesfälle seit Hilde Kopp ihrer Gemeinschaft vorsteht. „Wo’s guet isch, gommer iberall nah!“ ist eine der Devisen, nach denen die Senioren handeln. Und wenn auch noch gesungen werden kann bei solchen Anläßen, dann zählt das Ergebnis der Unterhaltung dop­ pelt. Dies wissen auch die Senioren zu schät­ zen, zu denen der „Club“ aus Villingen als Besuch kommt: St. Lioba Altersheim, Hei­ lig-Geist-Spital, Altenheim St. Georgen. Und gesungen wird natürlich liebend gern, auch auf allen Ausflugsfahrten. Der Hit ist dabei das Lied „Du alte Flasche“, dessen Text einem (un-)bekannteren Volkslied auf­ gesetzt wurde und für dessen „Urheber­ Rechte“ man dem Altenclub der Südstadt schon mal hundert Mark geboten hat. Doch Hilde Kopp war standhaft und der Interes­ sent gab den Hunderter für den rührigen Senioren-Club n. e. V. (nicht eingetragener Verein) trotzdem. Musikalisch ließen sich die Senioren um Hilde Kopp viele Jahre von Alfons Merz ver­ wöhnen, jetzt haben der „Kupfer-Schorsch“ und der „Donnemarti Gerhard“ den Takt­ stock übernommen. Zum Alltag für Hilde Kopps Senioren­ arbeit gehören natürlich auch Haus- und Krankenhaus-Besuche, denn wenn Senioren auch geistig recht rüstig sind, ,,gon d’Fiäß nit immer wie mer will!“ Lebenstüchtig, humorig, unterhaltsam, sozial engagiert und ausgestattet mit einer positiven Lebenseinstellung – dermaßen ausgestattet erinnert sich Hilde Kopp an ihre Goldene Hochzeit, die ihr noch vergönnt war, aber auch an Situationen, wenn beim Besuch der beschützenden Werkstätte 140 Tafeln Schokolade nicht reichten und die Fehlmenge spontan beschafft wurde … Läßt sich die anfangs benannte Wertung der Senioren ausweiten: nicht nur sie alle sind bei ihren Zusammenkünften beliebt, auch Hilde Kopp ist beliebt und das gibt die Kraft für weitere Jahre der Seniorenarbeit auch ohne Satzung. Wolfgang Bräun Roswitha Schafbuch Mit ihrer Heimatstadt Hüfingen eng verbunden Als junger Mensch hatte es sich Roswitha Schafbuch wohl nicht träumen lassen, daß sie einmal Leiterin einer Schule sein werde. Nun, sie wurde es im Zuge ihrer beruflichen Laufbahn, und als sie 1985 aus gesundheitli­ chen Gründen vorzeitig in den Ruhestand trat, bedauerten dies nicht nur ihre Kollegin­ nen und Kollegen, sondern auch viele junge Menschen, vornehmlich Mädchen, denen sie nicht nur Wissen und Kenntnisse vermit- telte, sondern die sich auch zu der mütterli­ chen Frau hingezogen fühlten, die für das schwierige Alter ihrer Schülerinnen und die oft damit verbundenen Probleme stets Ver­ ständnis zeigte. Roswitha Schafbuch blickt gern zurück auf ihr berufliches Wirken. Auch der Abstand von Jahren – immerhin hat sie „ihrer“ Schule bereits vor sechs Jahren valet gesagt, ließ ihren beruflichen Alltag in der 137

tenübermittlung. Freude an der Hauswirt­ schaft hatte Roswitha Schafbuch immer schon. Nach verschiedenen Praktika in Küche, Säuglings-und Krankenpflege ent­ schied sie sich nach dem Krieg zum Besuch des Lehrerseminars in St. Ursula in Freiburg mit dem Berufsziel Hauswirtschaftslehrerin. Hier schloß sie 1950 ihre Ausbildung, die auch ein Praktikum beinhaltete, ab und trat im gleichen Jahr ihre erste Stelle als junge Hauswirtschaftslehrerin in Blumberg und Fützen an. Im Sommer fuhr sie mit dem Fahrrad, im Winter mit dem „Postauto“ nach Blumberg. Die schulischen Bedingun­ gen waren zu dieser Zeit, um nicht zu sagen, primitiv und armselig. Oft mußte improvi­ siert werden. Das, was an Zutaten zur Verfü­ gung stand -Milch und Eier mußten die Mädchen von zu Hause mitbringen – mußte so eingesetzt werden, daß möglichst schmackhafte Mahlzeiten daraus entstan­ den, und das erforderte Phantasie und Krea­ tivität. Die Zeiten, wo alles, was Rezepte vor­ schrieben, im Supermarkt nebenan zu haben war, waren noch längst nicht angebrochen. Den Ofen mußten die Schülerinnen selbst heizen, und kein pünktlicher Pausen­ gong unterbrach die Schulstunden. Doch bei den meisten der Mädchen war der Schul­ tag beliebt, brachte er doch eine willkom­ mene Abwechslung vom täglichen Einerlei zu Hause. An jene Zeiten erinnert sich Ros­ witha Schafbuch besonders gern und gerät geradezu ins Schwärmen, wenn sie Gelegen­ heit hat, über die Anfange einer hauswirt­ schaftlichen Unterrichtung auf dem Lande zu sprechen. Zahlreiche Anekdoten weiß sie über jene Zeit zu berichten. 1951 wurde eine entsprechende Stelle vom Landkreis in Donaueschingen ausgeschrie­ ben, die Roswitha Schafbuch dann auch erhielt. Fünf weitere Ortschaften zählten zu ihrem Aufgabenbereich, wo sie die Mädchen zu unterrichten hatte. Oft fand dieser Unter­ richt in einem Probelokal der örtlichen Musikkapelle statt, in Donaueschingen selbst wurde im Kurhaus „Schützen“ unter­ richtet. Roswitha Schafbuch bei einer Lesung aus Werken ihres Vaters Erinnerung kaum verblassen. Sie war wohl Lehrerin aus Passion, die im Kollegium geschätzt und als Vorgesetzte anerkannt war. Als Älteste von fünf Geschwistern wuchs Roswitha Schafbuch als Tochter des Rats­ schreibers und Heimatdichters Gottfried Schafbuch in Hüfingen auf. Die Eltern betrieben neben einem Kohlenhandel auch einen „Kolonialwarenladen“, wo es all jene Dinge des täglichen Bedarfs gab, auf die ein Haushalt auf dem Lande vor rund 50 Jahren nicht verzichten konnte: »Zigori, Häpf, Bindseäli, Muusfalle, Karrisaalb und Bad­ wänneli“, wie es Gottfried Schafbuch in sei­ nen Erinnerungen anschaulich beschrieb. Hier lernte Roswitha Schafbuch schon früh, mit Hand anzulegen. Auch das damals vor­ geschriebene »Pflichtjahr“ absolvierte sie in der eigenen großen Familie. Später besuchte sie die Höhere Handelsschule in Donau­ eschingen. Bislang hatte sie noch kein festumrissenes Berufsbild, doch immerhin folgte nun der Besuch der Frauenfachschule in Freiburg, wobei allerdings der Abschluß ausbleiben mußte: Bomben zerstörten die Schule und setzten damit zunächst allen Überlegungen zur beruflichen Orientierung ein Ende. Der obligate Arbeitsdienst folgte, dann ein soge­ nannter Kriegshilfsdienst in der Nachrich- 138

Ende der sechziger Jahre wurden die klei­ nen Schulen auf den Dörfern im Zuge einer Zentralisierung aufgelöst, und 1967 konnten die Gebäude der neuen Hauswirtschaftli­ chen Schulen in Donaueschingen bezogen werden. Die Schülerinnen mußten nun aus ihren Heimatdörfern, die sich über den ge­ samten Landkreis erstreckten, nach Donau­ eschingen fahren. Hier waren nun optimale Voraussetzungen für einen effektiven Unter­ richt gegeben. An dieser Schule, deren erste Leiterin Margret Arand wurde, war Roswitha Schafbuch eine „Frau der ersten Stunde“. Das schulische Angebot umfaßte einmal die dreijährige Berufsschule, eine ein- und zwei­ jährige Berufsfachschule sowie das Berufs­ kolleg. In die Zeit ihrer Verantwortung für die Lehranstalt, die sie 1977 stellvertretend und 1980 eigenverantwortlich übernahm, fiel auch der Erweiterungsbau im hinteren Schulkomplex. Er war notwendig geworden, weil die Schule praktisch aus allen Nähten platzte und bereits Aufuahmeprüfungen eine gewisse Auslese erforderlich machten. In dieser Zeit, welche als ein Höhepunkt der Hauswirtschaftlichen Schulen in Donau­ eschingen galt, besuchten zwischen 300 bis 400 Schülerinnen die Schule. Im fast ausschließlich männlichen Kreis der Schulleiter des Schwarzwald-Baar-Krei­ ses, die sich regelmäßig zu Konferenzen tra­ ten, habe, so ihr Nachfolger im Amt, Roswi­ tha Schafbuch mit weiblichem Charme stets ausgleichend gewirkt. Einige Jahre in ihrem Leben haben sich Roswitha Schafbuch besonders tief einge­ prägt: Von 1960 bis 1964 hat sie in Portugal gelebt und gearbeitet und zwar als Sekretärin der Gemeinde deutschsprachiger Katholi­ ken in Lissabon. An der dortigen Schule gab sie auch Religionsunterricht. Später leitete und betreute sie ein auf dem Lande gelegenes Haus Schönstattbewegung. Die Umgangssprache des Landes lernte sie in kurzer Zeit, und mit der Bevölkerung baute sie Verbindungen auf, die zum Teil heute noch bestehen. Für diesen Auslandsaufent- der halt hatte sie sich – auch weil damals die Schülerzahlen rückläufig waren – vom Schuldienst auf Zeit beurlauben lassen. Als nach dem Kriege wieder eine kirchli­ che Jugendarbeit möglich wurde, hatte sich für Roswitha Schafbuch ein weiteres Betäti­ gungsfeld aufgetan. Sie wurde Pfarrjugend­ führerin und bekleidete dieses Amt zeitweise auch auf Dekanatsebene. Damals trat sie auch dem Kirchenchor bei, dem sie – mit Unterbrechungen -nun schon seit mehr als 45 Jahren die Treue hält. Die ersten Jahre ihres Ruhestandes waren recht unruhige Jahre. Die alten Eltern waren zu pflegen, und viele Aufgaben, die ihr ein­ fach zuwuchsen, bestimmten ein Gutteil ihres Lebens. Heute ist ihr Alltag ruhiger geworden. „Ich möchte so vieles tun, aber oft fehlt mir einfach die Kraft dazu“, meint sie bedauernd. Doch Roswitha Schafbuch ist ja keineswegs untätig. Bereits seit 20 Jahren begleitet sie die Gottesdienste in der Hüfin­ ger Landesheimkapelle auf dem „Örgeli“, wie sie das schöne Instrument liebevoll nennt, sorgt, wie schon früher ihre Mutter, für prächtigen Blumenschmuck in der Stadt­ kirche und kümmert sich um Einsame, wo Angehörige fehlen. Viel Freude bereitet ihr auch der eigene große Garten, von dem sie hofft, ihn noch recht lange selbst versorgen zu können. Und sie verwaltet den literarischen Nach­ laß ihres Vaters, der sich um die Hüfinger Mundart verdient gemacht und ihr in zahllo­ sen „Gedecht!i und Gschechtli“ ein Denk­ mal gesetzt hat. Die Stadt Hüfingen hat ihn dafür zum Ehrenbürger ernannt. Vieles aus Gottfried Schafbuchs Feder ist noch unver­ öffentlicht, doch hin und wieder läßt die Tochter bei Vorträgen manches lebendig werden, was der heimatverbundene Vater hinterlassen hat. Roswitha Schafbuch ist tief im Religiösen verwurzelt. Natur und Übernatur, Schöpfer und Schöpfung sieht sie in lebendigem Zusammenhang. Und sie ist ein Kind ihrer Heimatstadt Hüfingen, der sie sich, wie ihren Menschen, tief verbunden weiß. 139

Nicht die Vermittlung von Wissen bestimmte das berufliche Leben Roswitha Schafbuchs. Der menschliche Umgang mit­ einander, die Fähigkeit, eigene Bedürfnisse denen anderer unterzuordnen, waren ihr wichtig, und dies versuchte sie auch ihren Schülern zu vermitteln, nicht durch „Ein­ pauken“ sondern durch eigenes Beispiel, durch eine Autorität, die im christlichen Glauben ihre Wurzeln hat. Nie hat sie von ihrer Person ein Aufhe­ bens gemacht, und den Titel „Studiendirek­ torin“ trug sie nicht als Trophäe, sondern eher als unbequemes, verzichtbares Beiwerk. Den Titel hat sie abgelegt und fühlt sich freier. ,,Ich bin nur noch die Roswitha“, sagt sie fröhlich, wenn die Rede darauf kommt. Das „nur“ ist untertrieben. Ihre Geschwister und deren Familien schätzen es sehr, daß Roswitha Schafbuch das Elternhaus am Wagrain in Hüfingen immer für sie offen­ hält. Das gilt in besonderer Weise auch für den Bruder, Pater Gerold, der gern die unauf­ dringliche Fürsorge seiner Schwester ge­ nießt, wenn ihn der Weg in die Heimatstadt führt, wo er meistens seinen Urlaub ver­ bringt. Käthe Fritschi Paula Fuchs Ein Leben für die Gemeinschaft ihrem Wirken im Betriebs- und Aufsichtsrat hatte für Paula Fuchs immer das Wohl­ ergehen aller Mitarbeiter höchste Priorität. Menschliche Wärme, Ehrlichkeit und ihr Sinn für Gerechtigkeit prägten die Arbeit von Paula Fuchs. In Radolfzell am 21. September 1931 gebo­ ren, bestimmten die bald einsetzenden Kriegsjahre entscheidend Paula Fuchs‘ Kind­ heit. Ursprünglich wollte sie einmal Tierärz­ tin oder Musikerin werden, doch die Kriegs­ wirren zwangen sie schon früh selbständig zu sein und auf eigenen Füßen zu stehen. Zunächst arbeitete sie als Näherin bei der Firma Schiesser und später als Spinnerin bei der Firma Rami. Im Jahr 1961 kam sie dann zu Mannesmann Kienzle, der damaligen Kienzle Apparate GmbH, wo sie anfangs als Bohrerin sowie als Einrechnerin für Büroma­ schinen tätig war. ,,Die erste Mitgliedschaft 1965 im Betriebsrat war eher zufällig“, erin­ nert sich Paula Fuchs, ,,obwohl ich zu jenem Zeitpunkt schon einige Jahre Mitglied der IG Metall war“. Da in jenem Jahr Kandidaten zur Aufstellung für die Betriebsratswahlen fehlten, hatte ihr Mann, der auch bei Kienzle arbeitete, sie vorgeschlagen. Überrascht war Paula Fuchs dann schließlich, als sie schon Im Februar 1991 wurde Paula Fuchs das Bundesverdjenstkreuz am Bande überreicht. Damit wurde ihr soziales Engagement gewürdjgt, mit dem sie sich während ihrer 25jährigen Tätigkeit als Betriebsratsmitglied bei der Firma Mannesmann Kienzle stets für das Wohl der Mitarbeiter einsetzte. Bei 140

beim ersten Anlauf prompt mit hoher Stim­ menzahl gewählt wurde, da sie damals als einzige weibliche Kandidatin für den Betriebsrat aufgestellt worden war. Auch in den kommenden Jahren wurde sie während ihres 2Sjährigen Wirkens als Betriebsratsmit­ glied stets mit den höchsten Stimmzahlen immer wieder in ihrem Amt bestätigt. Mit der Expansion des Betriebes und der wachsenden Zahl der Mitarbeiter wuchs die Arbeit des Betriebsrats kontinuierlich und so wurde Paula Fuchs 1970 als erstes weibliches geschäftsführendes Betriebsratsmitglied zu­ nächst halbtags, wenig später ganztags, frei­ gestellt. Es galt, sich umfassend in neue Gesetze einzuarbeiten, wie zum Beispiel in Arbeitsrecht, Sozialrecht und neue Betriebs­ verfassungsgesetze. Doch, so weiß Paula Fuchs aus ihrer langjährigen Erfahrung, Theorie kann die Praxis niemals ersetzen. Die eigene Durchsetzungskraft, Ehrlichkeit und vor allem Glaubwürdigkeit, weiß die verdiente Betriebsrätin, sind für eine erfolg­ reiche und kontinuierliche Arbeit notwen­ dig. Ihr ausgeprägter Gerechtigkeitssinn und der Blick für das Machbare zeichneten die engagierte Tätigkeit von Paula Fuchs im Betriebsrat aus. Die Belegschaft der Mannes­ mann Kienzle GmbH brachte ihr stets größ­ tes Vertrauen und hohen Respekt entgegen. Paula Fuchs zeigte in vielen Situationen außerordentliches Verständnis für die Mitar­ beiter und bewies oft unaufgefordert ihre große Hilfsbereitschaft. Während ihrer lang­ jährigen Tätigkeit bei dem Villinger Indu­ strieunternehmen konnte sie den Wandel des einstigen Familienbetriebs Kienzle Apparate GmbH hin zum größten Techno­ logieunternehmen des Schwarzwald-Baar­ Kreises mitverfolgen. Der Übergang von der Mechanik hin zur Elektronik, die Produk­ tion von Buchungsautomaten sowie später von elektronischen Fakturierautomaten und kompletten EDV-Gesamtlösungen waren nur Teil dieser Entwicklung. Auch die Über­ nahme von Kienzle in den Jahren 1981/82 durch den Düsseldorfer Mannesmann Kon­ zern und die mit dieser Entwicklung einher- gehenden Sanierungsmaßnahmen erlebte Paula Fuchs mit. Während dieser Zeit war ihr soziales Engagement um die Mitarbeiter besonders gefordert. Einer der größten Erfolge des Kienzle-Betriebsrats war 1970 die Einführung der Gleitzeit für gewerbliche Arbeitnehmer und Angestellte, die auch heute noch in der gesamten Region als vor­ bildlich gilt. Auch die erste Arbeitszeitver­ kürzung gestaltete Paula Fuchs gemeinsam mit den anderen Betriebsratsmitgliedern mit. Nicht nur im Betrieb war Paula Fuchs überaus aktiv und erfolgreich. In ihrer Frei­ zeit unterstützte sie ihren Mann bei der Gründung der ersten SPD-Ortsgruppe in Niedereschach, ihrem heutigen Wohnort. Als Ausgleich zu ihrer Arbeit spielte sie viele Jahre lang Minigolf und beteiligte sich an Punktspielen in der Landesliga, an denen sie immer siegreich teilnahm. Darüber hinaus ist Paula Fuchs begeisterte Fußballanhänge­ rin. Bei jedem Spiel in Niedereschach ist sie als Zuschauerin mit von der Partie. Nach einem erfüllten Berufsleben trat Paula Fuchs 1990 in den Ruhestand. Die Ver­ dienste des ehemaligen Betriebsratsmitglieds um die Mitarbeiter der Mannesmann Kienz­ le GmbH sind beispielhaft. Die Betriebsan­ gehörigen verdanken ihr viel und wünschen ihr auch für ihren Ruhestand weiterhin En­ gagement und Vitalität. Barbara Kögler Wahnsinn Wurden Kriege nicht verherrlicht, Als Zeichen großer Tapferkeit Der Geschichte überliefert Für Zeit und alle Ewigkeit. Ach, es war nicht Mut und Stärke, Es war nur Morden überall, Das weiß wohl heute jedermann; Bewahr‘ uns Gott vor neuem Fall. Johannes Hawner 141

Franz Sibold – Ein Leben für das Handwerk Es gibt im Handwerk immer wieder Per­ sönlichkeiten, die neben dem Beruf ihre Zeit, ihre ganze Kraft für andere, für ein gemeinsames Wirken einsetzen. So auch Franz Sibold. In eine kinderreiche Familie am 21. Sep­ tember 1930 hineingeboren, in einer Zeit also, die weder Wohlstand noch Sattheit kannte, in der die Annehmlichkeiten, in denen wir heute leben, minimal – wenn überhaupt vorhanden waren -, war seine Jugend nicht auf Rosen gebettet. Es waren seine Kindheitstage, in denen die Eltern froh waren, die Münder von 7 Kin­ der zu versorgen. Es war die Zeit der großen Arbeitslosigkeit, in der man im damaligen Deutschland 6 Millionen Arbeitslose zählte. Im Alter von 9 Jahren, in dem das Umfeld einen jungen Menschen entscheidend prägt, brach der Zweite Weltkrieg aus. Die Schul­ zeit wurde oft unterbrochen, viele Lehrer wurden eingezogen, eine höhere Bildung war durch die äußeren Umstände nicht gege­ ben. Die unterschiedlichen Beschränkungen der Nachkriegszeit, die mangelhafte Versor­ gung mit Lebensmitteln machten das Leben nicht gerade angenehm. Unter diesen Lebensumständen trat Franz Sibold 1945 als Betriebselektriker in Löffingen in die Lehre ein und hat 1948 mit Erfolg die Gesellenprüfung abgelegt. Das Jahr 1948 war auch das Jahr der Währungsre­ form, der Tag „Null“, an dem die meisten Menschen der damaligen Zeit vor ihren zer­ störten Häusern standen, aber es war auch ein neuer Anfang, ein Beginn einer Aufbau­ phase in einer nicht geahnten Dimension. Es zeigt sich am Lebensweg von Franz Sibold, daß Lebenswille und Energie nicht durch Überfluß und „Dolce Vita“, sondern vielmehr durch den Willen, den kargen Lebenskreis zu durchbrechen, den Blick auf eine bessere, auf eine lebenswertere Zukunft zu richten, von entscheidender Bedeutung sind. 142 Dieser Wille war begleitet von seinem Streben und der inneren Einsicht und Erkenntnis, welche unübersehbare Felder von Wissensgebieten vor ihm lagen und so wurde ihm auch bewußt, wie vieles im Bereich des Wissens er nachzuholen hatte. So brachte ihm das Studium der klassischen Literatur neue Gesichtspunkte und eine Erlebniswelt, die ihn ebenso fesselte, wie die Liebe zur Musik und die Freude am Chorge­ sang. Im Jahre 1958 legte Franz Sibold die Mei­ sterprüfung im Elektroinstallateur-Hand­ werk ab. Er spürte, daß in der Selbständigkeit seine persönliche „Selbstverwirklichung“ liegt. Nach der Übernahme der Elektrofirma Fritz Mark konnte Franz Sibold mit seiner Frau Hanna gemeinsam verwirklichen, was schon lange in ihm schlummerte, den Weg zu einer besseren Lebensqualität, den Weg zum Erfolg. Mit dem Eintritt in die Elektroinnung Donaueschingen beginnt ein neuer Ab-

schnitt, der gerade im Handwerk eine beson­ dere Bedeutung hat. Die Berufsorganisation bietet allen weiterstrebenden jungen Mei­ stem eine große Palette von Möglichkeiten, den Gesichtskreis zu erweitern. Die ideelle Einstellung des Franz Sibold wurde bald sichtbar und so sehen wir ihn als Vorsitzenden des Gesellenprüfungsausschu­ ßes, als stellvertretenden Obermeister der Elektroinnung Donaueschingen, und nach der Kreisreform 1973 als Obermeister der neu gegründeten Elektroinnung Schwarz­ wald-Baar, der er heute noch vorsteht. Und wie dies bei tatkräftigen Menschen der Fall ist, war die Innung nicht die letzte Station seiner außerbetrieblichen Tätigkeit. Bald sehen wir ihn im Meisterprüfungsaus­ schuß der Handwerkskammer Konstanz. Von 1974 bis 1984 und von 1989 bis heute ist Franz Sibold Mitglied der Vollversammlung der Handwerkskammer Konstanz. Im Berufsbildungsausschuß der Kammer wirkt er ebenso für die berufliche Bildung wie im Handwerksrat der Kammer für die gesamt­ handwerklichen Geschehnisse. Der Tätigkeit als ehrenamtlicher Richter war er von 1975 bis 1979 am Amtsgericht Vil­ lingen verpflichtet. Als Vorstand der Innungskrankenkasse Schwarzwald-Baar vertritt er bis heute die Interessen ihrer Mitglieder. Er ist Mitglied des Kuratoriums der Stein­ beis-Stiftung, die unter anderem die Förde­ rung und Entwicklung neuer Techniken und ihrer Anwendung in den Betrieben sich zur Aufgabe gestellt hat. Im Alter von 43 Jahren begegnen wir Franz Sibold als Vorstandsmitglied des Lan­ desinnungsverbandes der elektrotechni­ schen Handwerke Baden-Württemberg und ab 1979 ist er bereits stellvertretender Landes­ innungsmeister des Verbandes. In einer Zeit der sich stets wandelnden technologischen Entwicklung, die sich mehr und mehr beschleunigt, in der Innovationen in immer kürzeren Zeitabschnitten auf den Markt kommen, die neuen Techniken kom­ plizierter werden und den ganzen Mann im selbständigen Betrieb erfordern, ist es gera­ dezu erstaunlich, Männer wie Franz Sibold zu finden, die ihre ganze Zeit den Ehrenäm­ tern widmen und Verantwortung in der Handwerksorganisation übernehmen. Am 7.Juni 1985 wurde Franz Sibold zum Landesinnungsmeister des mit 5 Elektro­ handwerken und 4300 Elektrobetrieben umfassenden Verbandes der elektrotechni­ schen Handwerke Baden-Württemberg gewählt. Diese zusätzliche Aufgabe eines so großen Verbandes können nur Männer mit einer beispielhaften ethischen Grundeinstel­ lung bewältigen. Als Vorsitzender des Landesinnungsver­ bandes wurde Franz Sibold in den Vorstand der Arbeitsgemeinschaft der Fachverbände, in den Baden-Württembergischen Hand­ werkstag und in den Vorstand des Zentralver­ bandes der deutschen Elektrohandwerke gewählt. Hinter allen diesen Tätigkeiten für andere, für die Allgemeinheit verbergen sich Ausdauer, Selbstdisziplin und Verantwor­ tungsbewußtsein. Mit seiner Arbeitsfreude, seiner freundli­ chen Art und seiner Ausgeglichenheit bewäl­ tigt er den großen Arbeitsbereich von Aufga­ ben und die nicht immer leichten Interessen­ gegensätze, die ein Wirtschaftsbereich mit sich bringt. Neben einer Reihe von Aus­ zeichnungen erhielt Franz Sibold für seine selbstlose Arbeit, für die Verdienste um die Berufsorganisation und das Handwerk vom Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker das Verdienstkreuz am Bande des Verdienst­ ordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Herr Staatsekretär Dr. Eberhard Leibing vom Ministerium für Wirtschaft, Mittel­ stand und Technologie Baden-Württemberg übergab Franz Sibold an seinem 60. Geburts­ tag am 21. 9.1990 diese hohe Auszeichnung. Damit wurde ein verdienstvoller Hand­ werksmeister geehrt, der sein Leben der Tra­ dition und dem Fortschritt gleichermaßen widmet. Karl-Friedrich Debold 143

Dr. Theo Wilhelm Ein Arzt aus Berufung Wer hätte mit größerer Berechtigung von sich sagen können, er habe leidenschaftlicher, mit häufigerem und selbstloserem Einsatz seiner letzten Kräfte, ja seines Lebens unter der „unsichtbaren Flagge“ -der Menschlich­ keit – gekämpft als Dr. Theodor Bernard Wilhelm, Arzt in Triberg von 1930 bis 1960. Am 13.Januar 1897 in Frankfurt am Main geboren, besuchte der begabte Junge dort das humanistische Lessing-Gymnasium, dem er seine tiefe Bildung verdankte, meldete sich, ganz Kind seiner Zeit wie alle seine Schulka­ meraden, um „kein Feigling“ zu sein, 1914 freiwillig zum Kriegsdienst und, Pferdelieb­ haber, der er war, wrude er mit 18 Jahren zunächst Meldereiter in Rußland. An der Westfront erlitt er bei Verdun 1916 einen Kopfschuß, verlor sein linkes Gehör und war nach dieser schweren Verwundung nicht mehr frontdiensttauglich. Die Zeit seiner Genesung nutzte er, um Medizin zu studie­ ren und in Trimestern das Physikum zu machen; er war in Lazaretten eingesetzt und wurde als „Feldunterarzt“ aus dem Militär­ dienst entlassen. Trotz Krieg und Verwun­ dung war er mit 24 Jahren Arzt mit Approba­ tion und Promotion, wobei ihm seine rasche Auffassungsgabe und sein phantastisches Gedächtnis zustatten kamen. Er war zunächst Privatassistent in Gießen, arbeitete in der Chirurgie in Duisburg, war Volontärarzt bei Professor Treupel (bekannt durch die von ihm entwickelten schmerzstil­ lenden „Treupel“tabletten), war zwei Jahre in Mainz Assistenzarzt, kam für vier Jahre ans Städtische Krankenhaus in Offenburg, er absolvierte, für diese Aufgabe beurlaubt, in der Klinik „Bergmannsheil“ in Bochum eine Spezialausbildung als Unfallarzt – und vor die Wahl gestellt: Kehl oder Triberg, ent­ schied er sich für das Schwarzwaldstädtchen, wo er mit Ehefrau Elisabeth, seiner treuesten Helferin, im heutigen Hause Neef seine Pra­ xis aufbaute. 144 Eine seiner frühesten Erinnerungen in Tri­ berg betraf einen Telefonanruf aus Grem­ melsbach in der Nacht zum Aschermitt­ woch, ärztliche Hilfe bei einer Entbindung sei dringend erforderlich; er machte sich auf den Weg -ohne genaue Ortskenntnisse und voller Zweifel, ob es sich nicht noch um einen späten Fastnachtsscherz handelte. Wenn das so sein sollte, dem wollte er … Da kam ihm der werdende Vater nächtlicherweil mit einer Laterne entgegen: ,,Sind Sie der Doktor?“ Und der blieb bis zum späten Vor­ mittag. Bald nach der Etablierung der Naziherr­ schaft wurde in Triberg der Vorschlag dis­ kutiert, die Vinzentinerinnen im Kranken­ haus durch „NS-Schwestern“ zu ersetzen. Dr. Wilhelm hielt dagegen: ,,Wenn Sie mir für jede Nonne drei ,freie‘ Schwestern schik­ ken.“ Damit war das Thema vom Tisch. So

war auch die Stelle der ausgebildeten Opera­ tionsschwester Rita (im Lazarett „Löwen National“) bis 1946 gerettet. Der Zweite Weltkrieg brach aus, durch eine Übung 1938 vorbereitet, wurde Dr. Wil­ helm im Oktober 1939 zur 78. Infanterie­ Sturmdivision eingezogen, die 1940 nach Frankreich verlegt wurde, seine Tätigkeit war in Feldlazaretten zu leisten. Ganz anders auf dem Rußlandfeldzug! Er erlebte den historischen Augenblick des deutschen Angriffs auf Rußland am 22.Juni 1941 am Bug mit und blieb in vorderster Reihe, bis der Angriff vor Moskau zum Ste­ hen kam. Als Angehöriger einer „fliegenden Chirurgengruppe“ wurde er da eingesetzt, ,,wo es brannte.“ Nur durch seine Entschlos­ senheit, einmal rechtzeitig seinen Wagen wenden zu lassen, weil er den vorausfahren­ den im Staub verloren hatte, entging er den feindlichen Linien. Er war vom Willen zu helfen besessen, und wie kamen von jetzt an den Verwundeten seine Kenntnisse in der Unfallchirurgie zugute! Im harten Wechsel von 16 Stunden Operation – 8 Stunden Pause gab Dr. Wilhelm das Letzte. Operiert wurde in Zeiten, bei Artilleriebeschuß in Bunkern, auch in verwanzten Häusern; behandelt wurden deutsche wie russische Soldaten, Fleckfieberkranke, Gasbrandver­ letzte. Ein Kriegskamerad erinnerte sich, Stabsarzt Dr. Wilhelm auf einem Kanister sitzend in tiefer Beunruhigung das Risiko für das Leben eines Soldaten bedenken sehen, dessen durchschossenes Bein retten zu kön­ nen oder es abnehmen zu müssen. Er ent­ schied sich gegen die Amputation und ret­ tete Bein und Leben des Soldaten, was ihm dieser später durch einen Besuch bestätigte. Doch der psychischen Belastung hielt seine Gesundheit nicht stand, die lastende Verantwortung für das ununterbrochene Entscheidenmüssen: Amputation eines Annes, eines Beines – ja oder nein, und nie einen Heilungsprozeß beobachten zu dür­ fen, nicht einmal erfahren zu können, ob die Entscheidung die richtige war, das ging über seine Kräfte. Gesundheitlich schwer angeschlagen, erholte er sich in einem Lazarett in Bad Rei­ chenhall und übernahm dann die chirurgi­ sche Abteilung, die im Hotel „Löwen Natio­ nal“ in Triberg untergebracht war. (Die Oberleitung über alle vier Lazarette – Schwarzwaldhotel, Löwen National, Adler, Sonne -hatte Dr. Oskar Wintermantel.) Wie vor dem Krieg versah Dr. Wilhelm zusätzlich seine Praxis, oblag ihm die Behandlung seiner Patienten im Städtischen Krankenhaus, Entbindungen und Hausbe­ suche von Schönwald und Schonach bis Nußbach und Gremmelsbach gehörten dazu. Der Landarzt besaß von Anfang an ein Auto, lange Jahre einen offenen Wagen, denn der gebürtige Frankfurter wollte, so­ weit es ging, die Fahrten durch Feld und Flur zur Entspannung ausnutzen. Sie mußten ihm Ferientouren ersetzen. Der Andrang zu ihm war ungeheuer, eine Blinddarmopera­ tion erledigte er, wie man sich erzählt, zwi­ schen zwei Zigaretten, das Vertrauen der Menschen in die Richtigkeit seiner Diagnose und Therapie blieb immer unerschütterlich. Wie hätte sonst Frau Wilhelm einen Tages­ rekord von 124 Besuchern seiner Sprech­ stunde zählen können? Der selbstbewußte, souveräne, ja robuste Mann, dem die Gabe eines urwüchsigen Humors geschenkt war, liebte Umschweife nicht und ging die Pro­ bleme direkt an, wozu er nicht immer das Hörrohr brauchte. Ein junger Patient klagte über Kopfschmerzen, Herzstechen, Schlaf­ und Appetitlosigkeit. Der Arzt, der dies alles sogleich als Symptome einer bestimmten Krankheit erkannte: ,,Hasch Liebeskum­ mer?“ -,Ja, sie wen sie mir nit gei.“ (Sie wol­ len sie mir nicht geben.) Einen anderen, der mit der Aufzählung seiner Beschwerden vom Kopf bis zum Magen gekommen war, unterbrach er kurz: ,,Aber an den Füßen fehlt dir nichts?“ Menschen, die er mochte, duzte er bald, die andern nicht. Mancher ehemalige Frontsoldat wird noch heute dankbar Dr. Wilhelms geden­ ken, da er ihm zuerst durch seine Behand­ lung das Leben rettete, danach Hitlers 145

unmenschlichen „Führerbefehl“, Verwun­ dete seien nach ihrem Lazarettaufenthalt ohne Heimaturlaub an die Front zurückzu­ schicken, ignorierte. Einer wenigstens kam auf diese Weise auf sein Schiff zu spät, das mit seiner gesamten Mannschaft versenkt wurde. Er veranlaßte 1943 auf der Badinsel die Einrichtung einer Entlausungsanstalt mit Wäscherei durch Bauunternehmer Bern­ hard Kammerer (Nußbach) – Spielarten unorthodoxen Verhaltens eines ganz und gar Unpolitischen, wie sie noch durchführbar waren. Während des Aufenthaltes des „Reichs­ führers SS“ Heinrich Himmler (1944/45) in Triberg machten auch SS-Angehörige einen Besuch im Lazarett, doch ihre Ausdrucks­ weise war so brutal, daß darüber helles Ent­ setzen herrschte. Himmlers Leibarzt, der bei seiner Inspektion die Riesenarbeit Dr. Wil­ helms nicht übersehen konnte, fühlte sich immerhin zu der Frage gedrängt: ,,Machen’s dös alles alloa?“ Für das letzte Kriegsviertel­ jahr wurde ihm daraufhin ein Assistenzarzt zugewiesen. Im Zusammenhang mit dem Einmarsch der französischen Besatzungsmacht bat Frau Elisabeth Wilhelm um eine Richtigstellung: „Als Bürgermeister Keil mit Offizieren zum Rathaus ging, stand vor dem Lazarett ,Löwen‘ dessen Chefarzt Dr. Wilhelm in voller Uniform, sich auf seinen Säbel stüt­ zend, in Erwartung der bereits auf der Haupt­ straße anrückenden Hauptmasse der Spahis (Marokkaner), um die Lazarette zu über­ geben.“ (Hermann Riedel: ,,Ausweglos .. . „! Villingen-Schwenningen, 1974, S. 172.) Weder war Dr. Wilhelm Chefarzt im Laza­ rett „Löwen“ noch besaß er einen Säbel. Die Uniform freilich war obligatorisch. – Fünf Tage vorher hatte er von der Vollmacht Gebrauch gemacht, ambulant zu behan­ delnde Soldaten aus der Wehrmacht zu ent­ lassen. Als später unangemeldet eine französi­ sche Kommission im „Löwen“ erschien, um genesene Verwundete aufzu püren und sie als Gefangene nach Frankreich zu verschlep- 146 pen, und vor dem Eintreffen Dr. Wilhelms im ersten Saal (Frau Wilhelm hatte ihn in aller Eile telefonisch herbeigerufen) schon zwei Unglückliche ausfindig gemacht hatte, was er erst nach ihrem Weggehen erfuhr, da rannte er den Kommissionären nach, hielt sie auf der Straße an, und es gelang ihm mit seinen guten Französisch-Kenntnissen, sie von der Schwere der Verwundungen bei bei­ den zu überzeugen. Vorsorglich hatte er den Soldaten gezeigt, da man mit dieser Kom­ mission rechnen mußte, wie sie „richtig“ am Stock gehen mußten, um sie vor der Gefan­ gennahme zu schützen. Zwar war der Krieg am 8. Mai 1945 zu Ende, die Wunden der Kriegsversehrten waren jedoch noch nicht verheilt, viele noch pflegebedürftig. Das Lazarett im „Löwen“ wurde erst 1946 aufgelöst. Die Anstrengung ohne jedes Maß hatte die Gesundheit des Arztes ein wiederholtes Mal ernsthaft geschädigt. Nachdem der größte Druck von ihm genommen war, erlitt er einen schweren Herzinfarkt. Hinzu kam die Kränkung durch ein drohendes Entnazifizierungsverfahren. Seine Patienten erwiesen ihm ihr Vertrauen und ihre Dankbarkeit dadurch, daß sie, solange er von den Krankenkassen ausge­ schlos en war, für Arztrechnungen und Medikamente selbst aufkamen. Vom Herz­ infarkt erholte er sich so, daß er seine Praxis noch 14 Jahre aufrechterhalten konnte. Sein ärztliches Ethos verließ ihn bis zum Ende nicht. Nur noch langsamen Schrittes konnte er seine Patienten besuchen, oft mußte er ste­ hen bleiben, schaffte er nur noch mit Mühe eine Treppe. Er starb am 21.10.1960, nach­ dem er vier Tage zuvor noch mit letzter Kraft seine Praxis versehen hatte. Es erscheint nahezu ausgeschlossen, daß ein von seinen ärztlichen Aufgaben so in Anspruch genommener Mensch, er war ja auch Bereitschaftsarzt des DRK im Land­ kreis Villingen, die Vielfalt der Welt noch in den Blick zu nehmen vermochte. Ganz im Beruf aufzugehen war nicht Sache dieser dynamischen Persönlichkeit. Schon der Gymna iast leidenschaftlich gern trieb

Sport, er gewann damals eine Schwimm­ medaille, war (wie gesagt) begeisterter Reiter, spielte Hockey, war in Triberg Mitglied des Bobclubs, wirkte 1936 bei der Einweihung des Waldsportbads mit. In vorgerückten Jah­ ren mußte er auf aktive sportliche Betätigung verzichten, sein Interesse galt aber der Welt des Sports insgesamt, und er war jeden Augenblick durch die Zeitung, später durch das Fernsehen über das Sportgeschehen informiert. Im Gasthaus „Geutsche“ war für ihn zur Zeit der Sportberichte ein Stuhl vor dem Fernsehapparat reserviert. Mehr noch. Ihm lag auch Kunst und Kultur am Her- zen. Er war es denn, der mit Frau Mina Wehrle im Hotel „Wehrle“ die „Ochsen­ abende“, Konzerte und Theateraufführun­ gen, ins Leben rief, von Künstlern und Kon­ zertmeistern, vom Bläserquintett des Süd­ westfunks, vom Bach-Ensemble in Heidel­ berg, von Schauspielern des Wallgraben­ theaters in Freiburg gestaltet. Den letzten noch von Dr. Wilhelm organisierten „Och­ senabend“ erlebte er nicht mehr; ihm die letzte Ehre zu erweisen, spielten dieselben Künstler bei seiner Begräbnisfeier in der Aus­ segnungshalle in Triberg. Karl Volk Mönchweilers zweiter Ehrenbürger – Ernst Haas Am 12. Oktober 1920 in Stockburg, dem Mönchweiler Kirchensprengel, geboren, kam Ernst Haas ein Jahr später mit seinen Eltern nach Mönchweiler, wo er nach dem Besuch des Kindergartens und der Volks­ schule den Beruf des Metzgers bei Metzger­ meister Lehmann in Königsfeld erlernte. Später arbeitete er als Geselle in Freiburg. Am 3. 10. 1940 wurde Ernst Haas zur Wehr­ macht eingezogen. Er hatte das große Glück, bereits im Juli 1945 aus der Gefangenschaft in seinen Heimatort entlassen zu werden. Nachdem er im Jahre 1946 die Meisterprü­ fung abgelegt hatte und weiterhin als Metz­ germeister tätig war, übernahm er zusammen mit seiner Frau Bert! im Jahre 1949 das Gast­ haus Ochsen in Mönchweiler. Die daneben liegende Metzgerei eröffnete er nach not­ wendigen Umbaumaßnahmen. Unermüdli­ chem Fleiß des Ehepaares Haas war es zu ver­ danken, daß der Ochsen bald weit über Mönchweilers Grenzen hinaus den Ruf eines ausgezeichneten und trotzdem preis­ werten Speiselokals erreichte. Seinerzeit war der Ochsen das einzige Gasthaus mit einem Nebenraum, der groß genug war, um nahezu alle Vereinsveranstaltungen und Versamm­ lungen stattfinden zu lassen und dement­ sprechend für das Gastwirtspaar Haas oft- mals die Nacht zum Tage wurde, bis auch der letzte Besucher den Heimweg antrat. Im Jahre 1959 stieg Ernst Haas dann mit 39 Jah­ ren in die Gemeindepolitik ein, als er auf einer Wählervereinigungsliste kandidierte und auf Anhieb in den Gemeinderat gewählt wurde. Es zeichnete ihn in all den folgenden Jah­ ren im Gemeinderat aus, daß er zum Vorteil 147

für die ganze Gemeinde das Miteinander mit Rat und Bürgermeister Günter Siek suchte. Von 1959 bis 1989 hat Ernst Haas alle Entscheidungen maßgeblich mitgetragen. Gerne hörte man auf sein Wort, das allein dadurch schwer wog, daß er bei allen Gemeinderatswahlen als Spitzenkandidat der CDU stets die meisten Stimmen auf sich vereinigen konnte. So war es auch nicht ver­ wunderlich, daß er von 1978 an in ununter­ brochener Folge bis zu seinem Ausscheiden im Jahre 1989 erster stellvertretender Bürger­ meister war. Was ihn auszeichnete, war und ist sein Witz, seine Art, gegensätzliche Mei­ nungen überbrücken zu helfen, aber auch seine Standfestigkeit, wenn er von einer Sache überzeugt war. Neuem gegenüber war er immer offen, aber auch kritisch eingestellt. Er ließ sich nie durch „Schnellschüsse“ in die Ecke drängen. Seine Diskussionsbereitschaft und -freude erwarb er sich nicht nur in Gemeinderatssitzungen, sondern mehr noch an den Stammtischen, wo er den Leu­ ten, um mit Martin Luther zu reden, ,,aufs Maul schaute“ und deren Meinungen mit als Entscheidungsfindungen verwertete. Wäh­ rend seines 30jährigen kommunalpoliti­ schen Wirkens wuchs die Bevölkerung von 1800 auf heute knapp 3000 an. Investitionen von rund 30 Millionen Mark begleiteten sei­ nen politischen Weg. Straßen, Aussiedlungs­ und Baugebiete wurden erschlossen, die Hauptschule, die Mehrzweckhalle (Aleman­ nenhalle) wurden erstellt. Wege- und Stra­ ßenbau, Kanalisation, Wasser- und Strom­ versorgung, Friedhofskapelle, Sportplatz, Kindergarten waren Maßnahmen zur Ver­ besserung der Infrastruktur und führten letztendlich zum Prädikat „Staatlich aner­ kannter Erholungsort“. Ernst Haas vertrat zusammen mit Bürgermeister Günter Siek die Gemeinde Mönchweiler in der Verwal­ tungsgemeinschaft Villingen-Schwenningen, nachdem Mönchweiler 1972 gegen eine frei­ willige Eingemeindung in die Kreisstadt mit überwältigender Mehrheit gestimmt hatte. Ernst Haas verhehlte nie, daß er diese Ent­ scheidung·gewollt und mitgetragen hatte. In 148 seine Zeit fiel auch die Besiegelung der Part­ nerschaft mit der südfranzösischen Ge­ meinde Chabeuil im Jahre 1983. Bevor es soweit war, weilte das Ehepaar Haas mehr­ mals in Chabeuil, um zu ammen mit dem Initiator der Partnerschaft, Verwaltungsdi­ rektor i. R. Theodor Arnold und dessen Frau, Land und Leute kennenzulernen und die ersten Freundschaftsbande mit dem damali­ gen Bürgermeister und dessen Mitarbeiter zu knüpfen. Die beiden Musikvereine hatten ebenfalls maßgeblichen Anteil an der heute bestehenden Patenschaft. Am 23. April 1988 fiel es Ernst Haas sehr schwer, den vom Gemeinderat erteilten Auf­ trag der Verabschiedung des langjährigen Bürgermeister Günter Siek in der Aleman­ nenhalle zu übernehmen. In treffenden und herzlicher Wei e hielt er die Laudatio. Nicht schwer fiel ihm die Verleihung der Ehren­ bürgerrechte und die Übergabe der neu geschaffenen Bürgermedaille an seinen lang­ jährigen „Chef“, Herrn Bürgermeister Siek; hatte der Gemeinderat diese Auszeichnun­ gen doch einstimmig beschlossen nach den überragenden Leistungen des Scheidenden während der 30jährigen erfolgreichen Tätig­ keit in Mönchweiler. Trotz Bittens seiner politischen Freunde nahm Ernst Haas keine erneute Kandidatur für die Gemeinderatswahlen 1989 an. Er wollte sich mit fast 70 Jahren ganz seiner Familie widmen, wofür die Mitbürger volles Verständnis entgegenbringen. Am Sonntag, dem 11. November 1990, fast ein Jahr nach seinem Ausscheiden aus der Kommunalpolitik, wurde Ernst Haas in der Alemannenhalle zum zweiten Ehren­ bürger nach Bürgermeister a.D. Günter Siek ernannt und mit dem Bundesverdienst­ kreuz ausgezeichnet. Aus allen Ansprachen jenes Tages ging hervor, welch hohes An­ sehen und große Anerkennung der so Geehrte in seinem Heimatort als Kommu­ nalpolitiker und erfolgreicher Geschäfts­ mann genießt. Dieter-Eberhard Maier

Hedwig Stegk Über 40 Jahre beim Roten Kreuz Mit über 40 Jahren beispielhaften Einsat­ zes in verantwortlicher Position beim Roten Kreuz Blumberg im Rücken, ist dessen Bereitschaftsführerin Hedwig Stegk, zusätz­ lich noch langjährige Vorsitzende des evan: gelischen Pfarrgemeinderates, eine Persön­ lichkeit, die wegen ihrer freiwilligen Hilfsbe­ reitschaft eine besondere Würdigung ver­ dient. Mußestunden gibt es für die jetzt 63jährige auch heute kaum, denn dem umfassend Humanitären voll verpflichtet hat sie das Wort „Muße“ durch das verant­ wortungsbewußte „Muß“ ersetzt. Dieses im besten Sinne eingefleischte Helfenmüssen resultiert aus den Erfahrungen eigener schwerer Jahre, da Hedwig Stegk, die 1956 geheiratet hatte, viele Jahre allein für zwei Töchter und einen Sohn sorgen mußte. So wurden die Kinder schon von klein auf mit den freiwillig übernommenen Dienstaufga­ ben der Mutter in Berührung gebracht und bei wachsendem Verständnis der vorgeleb­ ten Hilfsbereitschaft für den in Not gerate­ nen Nächsten zur frühen Selbständigkeit erzogen. ,,Die Kinder litten nicht unter der Einteilung für helfende Tag-und Nachtbe­ reitschaft mit zusätzlichem Wochenend­ dienst“, meinte sie bei einem Gespräch. ,,Doch sie merkten durch meinen Einsatz all­ mählich, daß die eigenen Probleme den fremden oftmals untergeordnet werden müs­ sen:“ Diese Einstellung scheint die Familie auszuzeichnen, denn Hedwig Stegks jüngste Schwester Gerlinde Hoffärber ist Kreisbe­ reitschaftsführerin beim Deutschen Roten Kreuz. 1928 im luxemburgischen Düdelingen als Hedwig Hoffärber geboren, kam sie im Jahre 1939 nach Blumberg und erlebte bei beende­ ter Schneiderlehre 1945 gerade im Monat, in dem ihre Berufsprüfung vorgesehen war, die französische Besetzung der Eichbergstadt. Elf Jahre arbeitete sie in der Stumpenfabrik „ Villiger Söhne“. Ihren ersten Lehrgang beim damals noch „Badischen Roten Kreuz“ -sie trat dort am 25. Oktober 1949 ein – absolvierte sie im Blumberger Rathaus. „Ich kam als jugendlicher Neuling zu den Gestandenen“, erinnerte sie sich. ,,Unsere Bereitschaftsabende fanden vierzehntägig statt. Der damalige Dienst war selbstver­ ständlich mit der heutigen Organisation noch nicht zu vergleichen, er entwickelte sich umfassender und straffer, als ein Kran­ kenwagen zur Verfügung stand und die Ein­ teilung für Tag-und Nachtbereitschaft sowie für den Dienst am Wochenende festgelegt wurde.“ Da stand nach dem alarmierenden Nachtanruf der Dienstwagen mit laufendem Motor bald vor dem Haus, so daß kaum Zeit blieb, sich den verdienten Schlaf aus den Augen zu reiben und sich bis zum Start rich­ tig anzuziehen. (Was früher, als sie noch kein Telefon besaß, nicht immer möglich war.) So lernten ihre Kinder schon früh den Wert der helfenden Unterstützung kennen und spran­ gen sofort dort ein, wo die Mutter überfor- 149

dert schien. Über 40 Jahre ständige Einsatz­ bereitschaft, welche Fülle von Entschei­ dungsbegegnungen, von ungenannten Lei­ stungen und persönlichen Opfern! Beispiel­ hafte Menschlichkeit in unzähligen Stunden des geforderten Über-den-Dingen-Stehens und dabei doch in unmittelbarer Problem­ nähe geschult reagieren zu müssen, das alles zusammen unterstreicht überzeugend: Wer sich selbst so lange aktiviert, der muß mit einem inneren artesischen Kraftborn geseg­ net sein. Tatsächlich strahlt Hedwig Stegk diese Kraft als positive Lebenseinstellung in nahezu fröhlicher und deshalb ansteckender Selbstsicherheit aus. Das alles braucht sie, um ihre geleistete Hilfe wirksam abzurunden. ,,Vor vielen Jahren“, übte sie auch Kritik, „da ging es mit der freiwilligen Aktivität bergab, und wir machten uns Sorgen, wie es weitergehen sollte. Viele wollten nicht mehr so richtig, es fehlte an Helfernachwuchs. Aber da aktivierte meine Schwester Gerlinde die Jugend, und so ging es wieder aufwärts.“ Das ist nun schon lange her. Aber die Arbeit ist geblieben. Wie zufällig legte Hedwig Stegk bei der informativen Unterhaltung Hermann Mäder Zimmermann und Kommunalpolitiker 25 Jahre stand er an der Spitze von Mun­ delfingen, davon zehn Jahre als Bürgermei­ ster einer selbständigen Gemeinde und 15 Jahre als Ortsvorsteher, nachdem sich Mun­ delfingen im Zuge der Gemeindereform der Stadt Hüfingen angeschlossen hatte. Hier gehörte er auch dem Gemeinderat an. Am 1. Februar 1990 trat Hermann Mäder in den Ruhestand. Ganz leicht mag dem damals 62jährigen vitalen Zimmermeister der Entschluß zum Aufhören nicht gefallen sein, doch reifliche Überlegungen und ein sorgfältiges Abwägen des Für und Wider gaben schließlich den Ausschlag. In einer bewegenden Abschiedsveran tal­ tung am 31.Januar 1990 in der Mundelfinger 150 ihre Hand auf einen Stapel Aktenordner. Das wies auf zusätzliche Beschäftigungen hin: Organisatorisches, lnstruktionsabende, Einsätze bei vielerlei Massenveranstaltun­ gen, Bereitschaftsdienste; täglicher Pflege­ dienst auf Mehrstundenbasis; zweimal im Jahr Hilfsdienst bei der Blutspende-Aktion mit der Betreuung von jeweils rund 250 Per­ sonen und einer organisierten Arbeitseintei­ lung. Die Organisation von Straßen- und Haussammlungen des DRK. Seit einiger Zeit auch die schwierige Betreuung der zugewie­ senen Asylbewerber und anderer. Da hat Hedwig Stegk alle Hände voll zu tun. Selbst ohne ihr Engagement damals im evangelischen Kirchenchor-25 Jahre -und jetzt noch im Pfarrgemeinderat sowie im Frauenkreis, fächert sich ihre Mitarbeit im Humanitären breit genug, so daß sie ihre Hände nicht in den Schoß legen kann. Das scheint ihr auch nicht zu liegen. Die vielfälti­ gen Aufgaben füllen einen ganzen Katalog, und deshalb dankt ihr der so hilfreich betreute Nächste für den unermüdlichen Einsatz. Jürgen Henckell Festhalle, an der zahlreiche Vertreter des öffentlichen Lebens und viele Weggefährten Hermann Mäder teilnahmen, stellte Adolf Baumann, Mäders Nachfolger im Amt, fest, daß man mehr als 200 Jahre zurückgehen müsse, um auf eine solche Persönlichkeit wie die Hermann Mäders zu treffen, der Mun­ delfingens Geschichte so nachhaltig mitbe­ stimmt habe. Bei allen Laudationes für Mäder wurde deutlich, daß dieser sich um seinen Heimat­ ort verdient gemacht und mehr als nur seine Pflicht erfüllt hatte. 1965 war Hermann Mäder mit überwälti­ gender Mehrheit der Mundelfinger Bevölke­ rung zum Bürgermeister der damals noch

die Ausschreibungen selbst getätigt, sondern auch die Bauleitung übernommen, was der Gemeinde erhebliche Kosten ersparte. Als letzte Gemeinde hatte sich Mundei­ fingen im Zuge der Gemeindereform 1975 der Stadt Hüfingen angeschlossen, in der Gewißheit, daß dies die letzte Möglichkeit auffreiwilliger Basis war. Als wohlgeordnetes Gemeinwesen war es für Mundelfingen und seinen Bürgermeister Hermann Mäder gewiß nicht einfach, eine Selbständigkeit aufzugeben, die bislang bestens funktioniert hatte. Rückblickend meinte Mäder bei sei­ nem Abschied, der Zusammenschluß habe seinem Stadtteil kaum Vorteile gebracht, doch wolle er über Hüfingen nicht klagen. Als Gemeinderat hat Hermann Mäder stets das Wohl der Gesamtstadt im Auge behalten. Sein Wort hatte Gewicht, sein Sachverstand war gefragt. Mit Genugtuung hatte Mäder vor einigen Jahren erleben können, daß sein Einsatz für die Wiedereröffnung der Mundelfinger Schule von Erfolg gekrönt war. Seither wer­ den die Jüngsten wieder am Ort unterrichtet. Allerdings blieb der Verlust der Selbständig­ keit Mundelfingens ein bitterer Wermuts­ tropfen in Hermann Mäders kommunalpo­ litischer Karriere, die er mit Hingabe neben seinem Beruf als selbständiger Unternehmer betrieb. Zahlreiche Ehrenämter bekleidet er noch heute. Seit 1980 ist er Sachverständiger für das Zimmererhandwerk, über 20 Jahre lang hatte er im Verwaltungsrat der Bezirksspar­ kasse Sitz und Stimme. Beim Mundelfinger Roten Kreuz war er bis 1990 Vorsitzender und bekleidet seither das Amt des Stellvertre­ ters. Zum Mitglied der Vollversammlung der Handwerkskammer wurde Hermann Mäder ebenfalls berufen. Seitl988 ist er ObermeisterderZimmerer­ innung im Schwarzwald-Baar-K.reis. Seit Bestehen seines Meisterbetriebes hat Mäder rund 20 Lehrlingen das Rüstzeug für den Beruf vermittelt. Seine Frau Irene, mit der er seit 1956 verheiratet ist, steht ihm im kauf­ männischen Bereich zur Seite. Der Sohn 151 selbständigen Gemeinde Mundelfingen gewählt worden, obwohl er gar nicht kandi­ diert hatte. Seine Wiederwahl nach acht Jah­ ren fiel ebenso eindeutig aus. Mäder war nie ein Mann, der viel Aufhebens um seine Per­ son machte, sondern einer, der zupackte, in seinen Entscheidungen Weitsicht und Sach­ verstand bewies und der Impulse setzte. In seine Amtszeit fielen zahlreiche Inve­ stitionen, und mehr als 3,7 Millionen Mark wurden während dieser Zeit verbaut. Die Renovierung des Rathauses fiel darunter, der Bau von Grüne-Plan-Wegen, die Erneuerung der Ortsstraßen, des K.riegerehrenmals, von Friedhofskapelle und -mauer. Die Festhalle erhielt einen Anbau, eine Bühne und sani­ täre Anlagen wurden installiert. Die Flurbe­ reinigung wurde durchgezogen, der Wasser­ und Bodenverband gegründet, dessen Vor­ sitzender Mäder über 20 Jahre lang war. 350 Hektar Fläche wurde drainiert, Baugebiete wurden erschlossen, Sportplatzgelände er­ worben, der Aubach ausgebaut, Waldwege angelegt und drei Brücken über den Aubach gebaut. Das örtliche Wassernetz wurde erneuert sowie die Kanalisation gebaut. Für Baumaßnahmen, die während der Selbstän­ digkeit Mundelfingens in Angriff genom­ men wurden, hat Hermann Mäder nicht nur

Gerold, welcher die Meisterschule für Zim­ merer besucht, soll den Betrieb einmal wei­ terführen. Vorerst jedoch steht Hermann Mäder, der in der Regel zehn Mitarbeiter beschäftigt, noch voll im Beruf, an dem er sehr hängt und dem er sich nun wieder mehr als bisher widmen kann. Nie, so Hermann Mäder, habe er bereut, Zimmermann gewor­ den zu sein. Sein Rückzug vom Amt des Ortsvorste­ hers und aus dem Gemeinderat bedeutet sicher nicht, daß Hermann Mäders Interesse an kommunalpolitischen Fragen erloschen wäre, „dafür war ich zu lange damit befaßt“, meinte er selbst einmal. Aus der Distanz wird er sicher aufmerksam auch weiterhin die Geschicke und die Entwicklung seines Hei­ matdorfes weiterverfolgen, dem er in zwei­ einhalb Jahrzehnten seine ganze Tatkraft gewidmet hatte. Käthe Fritschi Herta Weiling-Schlotterbeck Sie war immer eine Idealistin Im Jahre 1961 kaufte sie den alten Hänsle­ hof in Bad Dürrheim, der dringend einen restaurierungsbereiten Besitzer brauchte. Frau Weiling-Schlotterbeck wollte mit dem Turniersport aufhören und sich mit ihren Pferden aus Stuttgart nach Bad Dürrheim zurückziehen. Der frühere Bürgermeister und Kurdirektor Weissenberger hatte die Verhandlungen geführt und auch seine Hilfe angeboten. Vieles war am Hänslehof zu tun: Das Dach war neu zu decken, das Mauerwerk war verwittert und die Fensterläden mußten erneuert werden. Nach einem halben Jahr, zur ersten Reitjagd, stellte sich das Anwesen im neuen Glanze dar. Die Pferde waren schon von Kindheit an ihre große Liebe gewesen. Den Umgang mit ihnen hatte sie von ihrem Vater geerbt, der kaiserlicher Rittmeister in Potsdam gewesen war. Mit ihm kam sie auf das württembergi­ sche Landgestüt nach Marbach. Der Vater war mit dem dortigen Landstallmeister befreundet. Bei einer Sportreportage, die sie über das Gestüt machte, kam der Gedanke auf, für die dortige Araberzucht, die um die Jahrhundertwende die bedeutendste in Europa war, einen Distanz- und Leistungsritt durchzuführen. Mit dem Gestütsveterinär suchte man vier passende Stuten aus, die Herta zwei Monate täglich trainierte. Sie bevorzugte die Schimmelstute Jasma. 152 Der Ritt nach Rom wurde ein großer Erfolg. Es wurden soviele Araberschimmel bestellt, daß Marbach sie zunächst nicht lie­ fern konnte. Sie bekam eine Ehreneskorte der österreichischen Sicherheitspolizei und ab dem Brennerpaß der italienischen Carabi­ nieri. Im Jahre 1956 hatten sich die europä­ ischen Reiter geweigert, mit ihren wertvollen Pferden zur Olympiade nach Melboume (Australien} zu reisen. Das schwedische

Königshaus erklärte sich daraufhin bereit, die ersten Olympischen Reiterspiele in Stockholm auszutragen. Der hannoversche Zuchtverband fragte bei ihr an, ob sie bereit wäre, einen Ritt nach Stockholm durchzu­ führen. Spontan stimmte sie zu. Sie war ja mit ihren Turnierpferden laufend im Trai­ ning und sattelfest geblieben. Auf der Verde­ ner Auktion ersteigerte der Verband für sie eine Stute. Nach vierwöchigem Training startete sie in Verden durch die Lüneburger Heide bis Travemünde, über die Ostsee nach Dänemark und von Hälsingborg nach Stock­ holm. Sie war täglich zehn Stunden im Sat­ tel. Mit einer Pergamentrolle und einem Sie­ gel der Reiterstadt Verden ritt sie wie ein Kurier durch die Lande, immer mit demsel­ ben Pferd. Rechtzeitig erreichte sie Stock­ holm. Nach der Eröffnung der Spiele über­ reichte sie im Stadion die Grußbotschaft der deutschen Reiter und Pferdezüchter an den Präsidenten Every Brundage. Auch dieser Ritt war ein großer Erfolg, zumal die deut­ schen Reiter siegreich abgeschnitten hatten. Bei beiden Ritten übernahm der deutsche Zuchtverband die Schirmherrschaft. Herta Luise Jung wurde 1925 in Tuttlingen geboren. Ihr Vater ging nach dem Ersten Weltkrieg zu Zeiss nach Jena und machte dort seinen Optikermeister. 1919 heiratete er die Tochter eines Uhrmachermeisters, der ein Geschäft im Zentrum der Stadt hatte, und baute dort ein Optik- und Juwelierge­ schäft auf. Herta Luise machte eine kauf­ männische Lehre und wurde Goldschmie­ din. Nach dem Kriegsabitur meldete sie sich als Bereiterin des Heeres und wurde auf die Heeresreit- und Fahrschule in Aalen einge­ zogen. Dort mußte sie junge Pferde zureiten und für den Kriegseinsatz vorbereiten. Dann kamen die Franzosen und holten Herta Luise zum Bereiten der Pferde in die be­ schlagnahmte Reithalle in Tuttlingen. Durch die groß angelegten Reitturniere in Bad Dürrheim kam sie in die Kurstadt, wo sie schon lange mit den erfolgreichen Turnier­ reitern Lorenz Fehrenbacher und Helmut Riegger befreundet war. 1957 zog sie durch Heirat mit dem Unternehmer Hans Schlot­ terbeck nach Stuttgart. Leider war die Ehe nur von kurzer Dauer; ihr Mann starb an einem Krebsleiden. So suchte sie eine neue Heimat in Bad Dürrheim. Nach dem Aufbau des Hänslehofes mußte sie wegen eines Reit­ unfalls den Stall aufgeben. Nach eigenen Entwürfen entstand das Restaurant Hänsle­ hof, welches an die Familie Ketterer in Neu­ stadt verpachtet wurde. Eine Freundin holte sie nach Kanada, wo sie eineinhalb Jahre als Sportjournalistin für die Reiter-Revue wirkte und als Privatreitleh­ rerin an großen Ställen unterrichtete. Sie führte dort auch das medizinisch-therapeu­ tische Reiten ein, wofür sie sich beim Erfin­ der dieser modernen Therapie ausbilden ließ. 1977 wurde der Hänslehof verkauft, sie behielt den ersten Stock des Gebäudes mit lebenslangem Wohnrecht. Im selben Jahr fand die Hochzeit mit dem Arzt Dr. Weiling im Hänslehof statt. Dann verzog sie mit ihrem Mann nach Bonn. Die Ehe währte nur kurz, auch dieser liebens­ werte Mann starb an Krebs. Sie kehrte in den Hänslehof nach Bad Dürrheim zurück. Dann kam das große Unglück. Im Dezember 1985 brannte der geliebte Hänslehof völlig nieder und mit ihm alle Erinnerungen des vergangenen Lebens. Einen Teil der wertvol­ len alten Möbel hatte sie ein Jahr zuvor in die Heimatstube des Geschichts- und Heimat­ vereins gegeben. Heute ist sie 1. Vorsitzende des Vereins. Sie betreute die historische Ausstellung, die aus Anlaß der 1100-Jahr-Feier von Bad Dürr­ heim im Jahre 1990 ausgerichtet wurde. Eine weitere große Aufgabe steht noch vor ihr: Die aus dem Jahre 1626 stammende Zehnt­ scheuer soll zusammen mit dem Trachten­ verein als Vereinsheim und Museum für die Stadt ausgebaut werden. Frau Herta Weiling-Schlotterbeck ist in all‘ den Jahren bescheiden geblieben, ein disziplinierter Mensch mit der angeborenen Liebe zu Tieren und zu Menschen. Erna Hirt-Grießhaber 153

Herta Herrmann Mutter für mehr als 80 Kinder Eine einfache Frau, die von sich selbst nie ein Aufhebens machte, wurde im Mai 1990 im Ludwigsburger Schloß durch den damali­ gen baden-württembergischen Ministerprä­ sidenten Lothar Späth mit der Landesver­ dienstmedaille ausgezeichnet. Es handelt sich um Herta Herrmann au Donaueschin­ gen, die ihr ganzes Leben in den Dienst von Kindern gestellt hat. Die heute 65jährige hat nicht nur zwölf eigene Kinder großgezogen, sondern im Laufe von gut 20 Jahren an mehr als 70 weiteren Kindern zeitweise Mutter­ stelle vertreten, die sich bei Herta Herrmann wohlfühlten und sich gut entwickelten. Eines der vielen Kinder, die Herta Herr­ manns Fürsorge genossen, war insgesamt 14 Jahre in ihrer Obhut. Die Familie Herrmann war nie auf Rosen gebettet. Der Ehemann, ein Kriegsversehr­ ter, war jahrelang bei der Post tätig. Als die Herrmanns noch zur Miete wohnten, erfuh­ ren sie von seiten der Nachbarschaft aber auch durch viele alteingesessene Donau­ eschinger wegen ihres Kinderreichtums Ablehnung und Unverständnis. Die Stadt hätte sie gern -und der Gedanke läßt Herta Herrmann heute noch zornig werden – in einer Baracke untergebracht, doch dagegen wehrte sich die vielfache Mutter mit aller Kraft. Sie befürchtete, daß ihren Kindern der Stempel „asozial“ aufgedrückt werde und so führte sie einen erbitterten Kampf um einen Bauplatz, den sie mit Hilfe des Regierungs­ präsidiums auch gewann. Mit viel Eigenlei­ stung konnte das Haus in der Schillerstraße schließlich 1966 gebaut werden, ohne jede Hilfe von Behörden oder kirchlichen Ver­ bänden, wie Herta Herrmann sich mit eini­ ger Bitterkeit erinnert. Als sie sich 1969 entschloß, Kinder in Pflege zu nehmen, tat sie dies auf Vermitt­ lung des Jugendamtes, mit dem sie im Laufe vieler Jahre gut zusammenarbeitete. Drei ita­ lienische Kinder kamen zunächst ins Haus, 154 wo es zwar keinen Luxus gab, dafür aber viel menschliche Zuwendung durch eine warm­ herzige Frau mit einem mütterlichen Her­ zen. Noch viele weitere Ausländerkinder, aber auch solche aus Problemfamilien, kamen hinzu. Sie nannten Herta Herrmann liebevoll „Mutti“ -und heute ist sie bereits die„Omi“. Viele der Kinder hatten nie die Fürsorge einer intakten Familie kennengelernt -man­ che Eltern, auch das gab es, kümmerten sich über Jahre nicht um ihre Kinder. In Tagen der Krankheit pflegte die gelernte Krankenschwester „ihre“ Kinder, wie es eine leibliche Mutter nicht aufopfe­ rungsvoller hätte tun können. Um bei den Hausaufgaben helfen zu können, befaßte sie ich in den sechziger Jahren mit der Mengen­ lehre. Belastender als jede persönliche Sorge für die Kinder waren für die Pflegemutter die Probleme mit den leiblichen Eltern der ihr anvertrauten Kinder. Oft wurden sie einfach

abgeholt, ohne daß dabei berücksichtigt worden wäre, daß das betreffende Kind der eigenen Mutter, die nicht selten in proble­ matischem sozialen Umfeld lebte, ableh­ nend gegenüberstand. Oft wurde Herta Herrmann das Herz schwer, wenn sie ein sol­ ches Kind weinend weggehen sah. Wenn es dann zurückkehrte, waren psychische Stö­ rungen nicht selten die Folge, und nur behutsames Trösten konnte die ärgsten seeli­ schen Wunden heilen. Wieviele Vesperbrote sie in all den Jahren gerichtet, wieviel Hosen sie geflickt, wieviel Nasen sie geputzt und wieviel Tränen sie getrocknet hat, darüber hat Herta Herrmann nicht Buch geführt. Ganz ohne Aufhebens und in der Stille hat sie ihre selbstgestellte Aufgabe erfüllt. Sicher, sie bekam Geld dafür, aber davon, und das wußte sie schon vorher, konnte sie nicht reich werden. „Ich mag halt Kinder einfach“, sagt Herta Herrmann. ,,Ich habe nie einen Unterschied gemacht zwischen eigenen und fremden. Alle wurden gleich behandelt, ob in Lob oder Tadel“, und das glaubt man ihr aufs Wort. Zu der umfangreichen Sorge für eigene und fremde Kinder – der Tag begann mor­ gens um fünf Uhr -kam Ende der sechziger Jahre die Pflege ihres Mannes, der nach einem langen Krankenlager1975 starb. Doch damit nicht genug: Einer der Söhne erkrankte an Krebs, und auch ihn pflegte Herta Herrmann bis in seine letzte Stunde, ohne daß den zu betreuenden Kindern etwas abgegangen wäre. Die Erinnerung an jene schweren Wochen und Monate läßt Herta Herrmann immer noch mit den Tränen kämpfen. Wenn die „Pflegemutter aus Passion“ heute zurückblickt, so kann sie mit Genug­ tuung feststellen, daß die meisten ihrer Schutzbefohlenen sich gut entwickelt haben. Mit vielen hat sie noch Kontakt und immer noch steht ihr Haus offen für jene, die ihren Rat suchen. Zu zwölf eigenen Kindern noch die Sorge für 70 weitere zu übernehmen, ist wohl eine einmalige Lebensleistung. Herta Herrmann hat bewiesen, daß solches möglich ist. Sie hat es verstanden, Kindern das Gefühl zu ver­ mitteln, geliebt und angenommen zu sein. Gesundheitliche Gründe zwangen Herta Herrmann dazu, die Pflege von fremden Kindern aufzugeben. Die eigenen sind inzwischen erwachsen, und eine stattliche Enkelschar sorgt immer wieder für Leben im Hause Schillerstraße. Nun muß Herta Herrmann einmal an sich selbst denken. Jetzt, da diese Zeilen geschrieben werden, befindet sie sich in einer Freiburger Klinik, wo eine ernsthafte Erkrankung behandelt wird. All jene, die jemals ihre Liebe und Fürsorge genossen haben, wünschen ihr baldige und vollstän­ dige Genesung. Käthe Fritschi An der ehemaligen Trasse der Bregtalbahn am Ortseingang von Vöhrenbach aus Richtung Hammereisenbach 155

Kirchen, Glocken, Mission, Wallfahrtswesen P. Josef Arnold (1902-1984) Ein Gremmelsbacher Missionar in Kolumbien Leben und Arbeit in der christlichen Mis­ sion kann sehr unterschiedlich sein, je nach­ dem, ob sie in der Primitivkultur einer Süd­ seeinsel, in Chinas alter Hochkultur oder in einem seit seiner Entdeckung und Erobe­ rung mit aller Energie christianisierten Land wie Kolumbien betrieben wird und wie in letzterem auch von den Einwohnern bereit­ willig angenommen wurde. So war die Tätig­ keit von P. Josef Arnold nicht Werbung für die römische Kirche, nicht neue Mitglieder waren ihr zuzuführen, sondern Christen in der Kirche waren zu betreuen -in allen ihren Sorgen – und sie zum religiösen Leben anzuhalten, sowie ihnen, den Ärmsten der Armen, im Sinne des Ordensstifters Don Bosco geistlicher Führer zu sein. P.Josef Arnold wurde am 2. Oktober 1902 in Gremmelsbach geboren. Während seiner Kindheit und frühen Jugendzeit wohnte er im Elternhaus an der Bundesstraße, nahe der Grenze zu Schonachbach. Nach den Vor­ stellungen seines Vaters war das Schneider­ handwerk auf den schwächlichen Jungen „zugeschnitten“ (wie er selbst sagte), aber es fand sich 1917 kein Meister, der ihn hätte in die Lehre nehmen können. Ein Jahr machte er für die Uhrenwerkstätte Eble, danach für die Firma Tränkle Heimarbeit, bis ihn diese als Mechanikerlehrling aufnahm. Als Ge- �– · ·, . ·. . • , ,., . .. t .. …1··‘: 1…-_ … (,, / � Venezuela • Bogo:�····,,, ___ 7 Kolumbien :, .. •..,,.. r··· �‘-… ·‘ ) t ••••• __ i_-.,vi ATLANTIK Aquator Brasilien PAZIFIK SÜDAMERIKA 156

seile ging er ein Jahr lang mit seinem Bruder Adolf, ein zweites mit Bruder Heinrich „auf die Walz“. Sie kamen bis München und Kochei am See. Im „Heiligen Jahr“ 1925 ließ er es sich nicht nehmen, eine Pilgerreise nach Rom zu machen. Die Strecke von Singen bis zum St. Gotthard legte er zu Fuß zurück. Die Generalaudienz bei Papst Pius XI. blieb ihm zeitlebens in Erinnerung. Nach München zurückgekehrt, mußte er wieder einen Arbeitsplatz suchen, Unter- kunft fand er im Haus des Gesellenvereins. Dort wurde jeden Montag ein Vortrag reli­ giösen Inhalts gehalten, und einmal warb der Referent für die Teilnahme an Exerzitien. Der von frommen Eltern erzogene junge Mann fühlte sich angesprochen und nahm an dem dreitägigen Kurs teil. Der Exerzitien­ leiter, ein Spätberufener, begeisterte ihn für den Priesterberuf, so daß der Mechaniker es wagte, mehrere Klöster anzuschreiben. Doch was da an Antworten kam, war alles 157

nicht das Richtige. Da fiel wie durch Zufall sein Blick auf eine Annonce im „Rosen­ hain“, der Zeitschrift der Ordensgemein­ schaft der alesianer Don Boscos, die Spätberufene zum Studium einlud. Der gerade wieder Arbeitslose besorgte sich Bücher für Latein und Mathematik und eig­ nete sich ihren Inhalt bis Mitte August 1926 an. Dann kam er nach Hause, um seinen Eltern die Entscheidung, den Priesterberuf zu ergreifen, mitzuteilen. In ein Missions­ land zu gehen, beabsichtigte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Nach einem Jahr Studium in München und zwei weiteren in Fulpmes in Tirol hörte er einen Vortrag von Missionsbischof Met­ terlet aus dem Elsaß, der für die Mission warb. Wieder ließ sich Josef Arnold begei­ stern und erklärte sich bereit, in einem Mis­ sionsland zu wirken, und als der Salesianer­ orden zur Seligsprechung des Giovanni Bosco am 1. November 1929 in heroischer Weise ein leuchtendes Zeichen setzen wollte und 120 Missionare in die Welt hinaus­ sandte, war auch der Student Josef Arnold darunter. Sein Ziel war Kolumbien, seine erste Station Mosquere, wo er im Noviziat neben theologischen Studien her die Lan­ dessprache (Spani eh) erlernte. Am 31.Januar 1930, dem Don Bosco-Fe t, fand die Einkleidung durch Bischof Comin statt, es folgten weitere Jahre mit Studien und Praktika, bis er am 3. Dezember 1939 in der Kathedrale von Bogota, der Landes­ hauptstadt, die Priesterweihe empfing. Er verwaltete verschiedene Ämter, war Assi­ stent im Salesianerhaus, Ökonom und Vikar an der Wallfahrtskirche vom Kinde Jesu in Bogota. Tugenden, die sich der junge Mecha­ niker angeeignet hatte, Gewissenhaftigkeit, Genauigkeit, kamen jetzt zum Tragen. Für die Pfarrei von 40 000 Menschen standen nur drei Priester ständig zur Verfügung. Um so viele Menschen geistlich besser betreuen zu können, faßte man den Plan, vier Kirchen zu bauen. Zur Ausführung kam nur eine, die Santa-Ines-(Agnes-)Kirche in einem Vorort von Bogota, und sie erbaute P. 158 Die von P. Josef Arnold erbaute Santa-lnes­ Kirche in einem Vorort von Bogota Josef Arnold. In jahrelanger, mühevoller Arbeit, die nur in kleinsten Schritten voran­ kam, entstand sein Lebenswerk. Die Gelder wurden dadurch aufgebracht, daß der „Bau­ herr“ von Haus zu Haus betteln ging, Basare veranstaltet wurden, und al der Chorraum stand, dort Filme gezeigt wurden. Volle zehn Jahre wurde an dieser Kirche gebaut, 1951 war der Rohbau fertig, der Gottesdienst wurde bereits dort gehalten, als erst der Chorraum überdacht war, bei schlechtem Wetter reg­ nete es auf die Gläubigen im Kirchenschiff. Die Glocke mußte ein Pflugschar ersetzen, auf die man mit einem Eisen schlug. Erst am 15. Dezember 1975 konnte der Bischof die Kirche weihen. Doch war die Sorge um den Kirchenbau nur eine. Der Geistliche widmete seine Kraft, manchmal die letzte, dem religiösen Leben der ihm Anvertrauten und ihrer unvorstell­ baren sozialen Not. Früh begann der Tag, sehr früh. Beichtgelegenheit war am Sonntag von 5 bis 8 Uhr. Die Bereit chaft der Kolum­ bianer dazu war in unerhörtem Maße gege­ ben. Sie beichteten in einem Winkel der Kir­ che, in jeder Kirchenbank, im Freien, wo immer sie einen Priester trafen. Ein großer Teil des Sonntagmorgens war bei der Kinder­ freudigkeit dieser Menschen mit Taufen

ausgefüllt. Die von der Volksfrömmigkeit geprägten Formen der Religionsausübung waren die gleichen wie die in der Heimat: Messen, Andachten, Rosenkränze, Prozes­ sionen, Novenen zu Maria Immaculata. Der Jünger Don Boscos gab sich besonders der Marienverehrung hin. Gottesdienste wur­ den auch in Häusern und Hütten abgehal­ ten. Unterstützung fanden die Salesianerpa­ tres durch engagierte Laien: die „Vinzenz­ konferenz“, eine Organisation von Män­ nern, die sich um die Lage der Ärmsten küm­ merten und diesen mit kleinen Geldspenden zu helfen versuchten, und die „Legio Mariae“, Frauen und Mädchen, die Fami­ lienbesuche machten, Brautpaare zur kirch­ lichen Trauung, Eltern zur Taufe ihrer Kin­ der anhielten. Hinzu kam, wie es schon die Ordensregel vorsah, der aufopfernde Dienst P. Arnolds an den Armen und Ärmsten, an deren Vorfahren so schrecklich gesündigt worden ist. Die Menschen der Vorstadt leb­ ten in unsäglicher Armut. Die Eltern sahen sich außerstande, ihre Kinder zu kleiden und zu ernähren. So erschienen diese im Pfarr­ haus, erhielten Frühstück-, Mittag- und Abendessen, wenn es nötig war, auch eine Hose und ein Hemd. In der Familie waren diese Kinder meist nur nachts. Den Priestern gegenüber waren sie anhänglich. Ihr ständi­ ger Gruß: ,,Padre, benedicere me!“ (Pater, segne mich!). P.Josef Arnold nannten sie lie­ bevoll „Pepito“ (kleiner Josef). Gewiß große Überwindung kostete die Betreuung der Aussätzigen, zu denen er, da sie von Gesetzes wegen in schwer zugänglichem Gelände weit außerhalb bewohnter Gebiete untergebracht waren, reiten mußte. Ihnen galt seine beson­ dere Hingabe. Wahrhaftig eine glaubwür­ dige christliche Mission! So hielt der Sohn Gremmelsbachs von 1929 bis 1958 in einem Land maßloser Gegensätze aus, in einer Großstadt mit ihrer Mischbevölkerung in 2600 m Meereshöhe, in tropischem Klima, das keine Jahreszeiten kennt, was ihm am meisten zu schaffen machte, oft mit einer geschwächten Gesund­ heit ringend, aber auch nie ernsthaft erkrankt -und die Heimat nie vergessend. Das Bild der Gremmelsbacher Kirche begleitete ihn immer. Für einen Ferienaufenthalt kehrte er im Sommer 1951 für einige Wochen in die Heimat zurück, feierte festliche Nachprimiz und hielt zur Glockenweihe die Predigt. Dem älter gewordenen Menschen wurde der zweite Abschied nach Amerika bitterer als der erste, aber er nahm ihn wieder auf sich. Gegen Ende seines zweiten Aufenthaltes in Bogota kam es zu einem Zwischenfall. Ein Bräutigam stellte P. Arnold mit einer Mord­ waffe nach, weil er meinte, der Geistliche habe seine Braut davon abgebracht, ihn zu heiraten. Solchermaßen bedroht, wollte er mit der Rückkehr in die Heimat nicht mehr länger zögern. Vor seinen Ordensoberen in Deutschland äußerte er den Wunsch, in einer Gegend, die seiner Heimat ähnlich ist, sein Leben beschließen zu dürfen. Da bot sich das Dominicus-Savio-Haus, das Noviziat der Norddeutschen Salesianerprovinz in Jünke­ rath in der Eifel an. Der aus der Weite der Weltkirche heimgekehrte, alte Missionar ordnete sich nun wieder in eine kleine Haus­ gemeinschaft ein. Aber es hätte nicht seinem Wesen entsprochen, jetzt die Hände in den Schoß zu legen: dafür war er zu tief beunru­ higt von der Profanierung des öffentlichen Lebens und zu sehr bewegt von der Sorge um das Seelenheil seiner Mitmenschen. Er wurde Beichtvater nicht nur für die Novizen im eigenen Haus, sondern auch für viele Gläubige in der Umgebung. Seine „Gute­ Nacht-Ansprachen“ waren von den Mitbrü­ dern hochgeschätzt. Menschen, wo immer sie ihn brauchten, wollte er zur Verfügung stehen. ,,Seine“ Pfarrgemeinde wurde Schönfeld in der Nähe Jünkeraths. Dabei kam ihm außer seiner Menschenfreundlichkeit, die seine Pfarrkin­ der sogleich fühlten, sein feinsinniger, güti­ ger Humor zustatten, der seine Zuhörer nie auf Kosten anderer schmunzeln ließ. Den Beginn einer Predigt formulierte einmal so: Jhr habt schon viele guten Predigten (mei­ nes Vorgängers) gehört, heute hört ihr ein- 159

mal eine schlechte.“ Die Aufmerksamkeit der Gottesdienstbesucher war ihm sicher. Nie, sagen seine Zuhörer heute noch, waren seine Predigten langweilig, immer anschau­ lich und wohlüberlegt. Bei der „stillen“ Seel­ sorge, der Betreuung Schwerkranker und Sterbender, der Tröstung der Hinterbliebe­ nen, war ihm die Gnade des helfenden Wor­ tes geschenkt. Manche Sterbenden verlang­ ten nur nach seinem Beistand. Neben geistlichen hinterließ er auch kon­ krete Spuren: Seine Idee war es, an dem sanft ansteigenden Gelände oberhalb des Ordens­ hauses im Wald auf dem „HerrenkopP‘ die 14 Kreuzwegstationen aufzustellen, einen Weg, den er in Gebet und Betrachtung versunken, selbst sehr oft ging. Er hielt durch briefliche Kontakte Verbindung zu einigen hundert Förderern der Salesianer. Geliebt von seinen Ordensbrüdern, ge­ achtet von allen, die ihn kannten, ein Vor­ bild, o verbrachte P. Josef Arnold seine letz­ ten Jahre. Immer ausschließlicher wurde die Gnade um eine gute Sterbestunde sein Anlie­ gen, die Heilige Schrift und das Brevier seine Beschäftigung und der Rosenkranz sein betrachtendes Gebet. Die Beschwernisse des Alters nahm er gottergeben an und ertrug mit Geduld auch alles Unangenehme der not­ wendigen Pflege. Schließlich kam am Palm­ sonntag, dem 15. April 1984, seine Stunde. Bestattet wurde er neben der 14. Station „sei­ nes“ Kreuzweges am folgenden Gründon­ nerstag, zwei liturgisch herausragenden Tagen des Kirchenjahres, was von seinen Ordensbrüdern als Vorzug empfunden und gedeutet wurde. Karl Volk Das Villinger Benediktinerkloster auf zwei alten Zeichnungen Im Villinger Stadtarchiv (Abt. Karten und Pläne, Sammelmappe ohne Signatur) wer­ den zwei mjt Text versehene Zeichnungen aufbewahrt, die anscheinend noch recht wenig bekannt sind. In derselben Mappe lie­ gen übrigens auch Kopien von Darstellun­ gen der Belagerung Villingens im Januar 1633 und der Niederbrennung Schwennin­ gens im Februar 1633. Auf eine der beiden Zeichnungen hat Paul Revellio in seinem Buch „Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen, 1964″ hin­ gewiesen und dazu bemerkt (S. 177, Anm. 2), es handle sich um „ei11e auf Dekan Athanas Stöhr (1810-1877) zurückgehende Kopie eines alten Bildes“ und zeige den Zustand des Klosters von 1633. Die zweite Zeichnung stammt offensicht­ lich von derselben Hand. Beide Abbildun­ gen mögen für sich selber sprechen, ich gebe hier nur noch die Beschriftungen wieder, die den Zeichnungen beigegeben sind: Die erste lautet: ,,Das Benediktiner Kloster anno 1633. / A. Pfleghof. / B. Capelle, erbaut 1487. / C. Thurm an der Stadtmauer. / D. Stadtmauer.“ Die Zeichnung, die einen späteren Zu­ stand des Klosters zeigt, ist wie folgt erläu­ tert: ,,B. Ringmauer. Hier wurde der nörd­ liche Flügel des Klosters erbaut anno 1662. / A. Pfleghof / C. Kirche ohne Chor und Thurm, eingeweiht 1719. / D. Innere Stadt­ mauer, wo im Jahre 1729 der westliche Flügel des Klosters hingebaut wurde. / E. Chor der Capelle, welcher nach völliger Erbauung des Klosters wieder abgebrochen wurde.“ Wenn nun, wie Revellio meint, die eine Zeichnung (mit dem Zustand von 1633) tat­ sächlich die „Kopie eines alten Bildes“ ist, wie sollte es nicht die andere ebenfalls sein? Und wenn es so wäre: wer könnte jene „alten Bilder“, die vielleicht Zeichnungen waren, angefertigt haben? Vielleicht war eine dieser Vorlagen der 160

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Bauentwurf des Architekten Michael Thumb, den jener anläßlich seines Besuchs bei Abt Georg III. Gaisser in Villingen im Jahr 1687 fertigte und der „zum Leidwesen der For­ schung verschollen“ ist.1 Vielleicht war’s auch eine Zeichnung des Laienbruders Kilian Stauffer, der, wie Revellio dartut, dem berühmten Baumeister zuarbeitete. Da sind noch mehr Fragen als Antworten. Dr. Manfred Reinartz ‚ Regina Willner: .Villingen. Benediktinerkirche“, in Südwest Presse/Die Neckarquelle vom 12. Nov.1988 125 Jahre Lorenzkirche St. Georgen völlig neu gebaut worden. Die Kirche selbst hingegen war im wesentlichen in ihrer mit­ telalterlichen Gestalt erhalten geblieben. Somit wurde beim Brand vom September 1865 einer der letzten Zeugen der klösterli­ chen Zeit zerstört. Schon bald ging man daran, einen Neu­ bau zu planen. Da die alte Kirche ohnehin zu klein geworden war, hatte man schon in den Jahren zuvor des öfteren über einen Neubau nachgedacht. Es existierten sogar fertige Pläne, einen Neubau über den Ruinen der ehemaligen Abteikirche zu errich­ ten. Der Karlsruher Oberbaurat Heinrich Hübsch hatte dazu die Pläne für eine präch­ tige neuromanische Kirche gefertigt. Nach dem Brand entschloß man sich dann aber, aus Kostengründen den Neubau wegen des noch vorhandenen Turmes am Platz der alten Kirche zu errichten. Der evan­ gelische Oberkirchenrat in Karlsruhe beauf­ tragte daraufhin Bauführer Kessler aus Emmendingen, Pläne zu entwerfen. Nach einigen kleinen Änderungen wurden die Pläne schließlich gutgeheißen. Am 20.Juni 1866 war die feierliche Grundsteinlegung. Die Arbeiten gingen zügig voran und bereits am Kirchweihtag des folgenden Jahres, am 27. Oktober 1867, konnte das neue Gottes­ haus eingeweiht werden. Und am 14.11.1867 berichtet Dekan Schmidt dem Evangelischen Oberkirchen­ rat: »Am 27.10.1867 hat sich der gehorsamst Unterzeichnete morgens frühe nach St. Ge- 163 Am 27. Oktober 1867 eingeweiht Als in St. Georgen der Morgen des 19. Sep­ tember 1865 dämmerte, konnte noch nie­ mand ahnen, daß an diesem Tag eine der größten Katastrophen in seiner Geschichte über den Ort hereinbrechen würde. Es war ein Dienstag. Der Tag war für die Jahreszeit ungewöhnlich heiß. Es war gegen halb neun Uhr früh. Die meisten gingen gerade ihrer täglichen Arbeit nach, als plötzlich in dem Gäßchen zwischen dem Haus des Christian Haas und dem der Witwe Rieger ein Haufen Reiswellen in hellen Flammen stand. Durch den Rauch angelockt, eilten gleich mehrere zur Brandstelle. Doch die ersten Löschversu­ che kamen zu spät. In Windeseile hatte das Feuer das Haas’sche Haus erfaßt, das sofort in Flammen stand. Da auch die Nachbarhäu­ ser überwiegend aus Holz gebaut waren, brei­ tete sich der Brand rasch aus. Die Feuerwehr war machtlos. Ein kräftiger Wind trieb das Feuer weiter und bald hatte es den gesamten Ortskern erfaßt. Gegen 10 Uhr stand der rote Hahn auch über der Lorenzkirche. Das Kir­ chengebäude fiel den Flammen zum Opfer, nur der Turm konnte unter größten Anstren­ gungen gerettet werden. Nach dem das Feuer erloschen war, lagen 22 Wohnhäuser und die Kirche in Trümmern. Die Lorenzkirche war ursprünglich wohl noch zur Klosterzeit als Gottesackerkapelle für die Bewohner, die außerhalb der Kloster­ mauern wohnten, gebaut worden. Erst spä­ ter, nach dem Brand der Abteikirche, wurde sie Pfarrkirche. Der Turm war, nachdem er baufällig geworden war, im Jahre 1680 fast

Kirchengemeinderath besorgte, sind ca. 2500 Personen versammelt gewesen … . . . unterdessen begab sich der Dekan mit den Geistlichen und Kirchengemeinderä­ then, welche die hl. Gefäße trugen, an den Altar und nahm den Weiheakt vor. Seiner Ansprache lag Bar. 3, 24 zu Grunde … Die Predigt des Ortsgeistlichen über Ps. 74, 2. Nach Absingen des letzten Verses hielt Pfr. Martini eine Ansprache von der Kanzel. Das Schlußgebet hielt Pfr. Fath am Altare … Die Redner auf der Kanzel sagten aus, daß etwas schwer zu sprechen sei, am Altar ist gut zu sprechen. Ein Mann mit starker Stimme und guter Brust wird allenthalben gut verstanden werden. Stärender Widerhall ist nicht vor­ handen. Die ganze Feier war eine sehr erhe­ bende.“ Doch schon bald bemerkte man, daß beim Kirchenneubau etwas Wesentliches übersehen worden war: Der alte Turm und die neue Kirche standen in keinem guten Größenverhältnis zueinander. Der Turm war im Vergleich zum hohen Kirchen chiff viel zu niedrig und so war auch das Geläute in weiten Teilen des Kirchspiels nicht zu hören. So wurde der Wunsch nach einem hohen, weithin sichtbaren Turm immer lebhafter geäußert. Zu Beginn der 90er Jahre wurde die Frage jedoch immer dringlicher, da die Ober­ geschosse des alten Turms baufällig gewor­ den waren. Nachdem langwierige Verhand­ lungen im Spätherbst 1899 zum Abschluß gebracht worden waren, wurde beschlossen, die baufälligen Stockwerke des alten Turms abzutragen und dann „auf den erwiesener­ maßen bausicheren Stumpf aufzubauen“. Die Pläne zeichnete der Vorstand der evang. Kirchenbauinspektion, RudolfBurkhard aus Karlsruhe. Über den Turmbau heißt es in einer alten Urkunde: Am 28. Mai wurde mit dem Aufschlagen des Gerüstes begonnen; mit den Abbruchs­ arbeiten am 12.Juli; mit dem Aufbau am 3. August. Das Jahr 1900 war ein gesegnetes Jahr, Handel und Gewerbe blühten; Feld­ früchte, Obst und Wein gab es reichlich; orgen begeben, um H. Auftrage zu entspre­ chen. Um 10 Uhr versammelte sich die Gemeinde in dem als Betsaal benützten Saale des Gasthauses zum Bären, wo Gesang, Ansprache des Ortsgeistlichen und Gebet die Feier eröffneten. Den Festzug eröffnete die Schuljugend, welche unterwegs, bis zur Kirche, einen Choral sang, dann folgten der Dekan mit dem Stadtpfarrer Martini von Sulzburg und Pfarrer Fath zur Seite. Die Geistlichen von Tennenbronn, Buchenberg, Mönchweiler, die beiden Oberamtmänner Bader von Villingen und Engelhorn von Tri­ berg schlossen sich an, und dann folgten Kir­ chengemeinderäthe, Männer und Frauen in großer Zahl. An der Thüre überreichte Bau­ führer Kessler dem Dekan den Schlüssel, und dieser übergab ihn dem Ortspfarrer, wel­ cher die Thüre aufschloß, wobei jeder einige passende Worte redete … die große Men­ schenmenge strömte in die große, helle und schöne Kirche. Nach einer Zählung der Bänke und darauf sitzende Personen, die ein 164

selbst auf unserer Höhe trugen die Bäume Äpfel und Birnen in seltener Menge. Trotz allerlei Unruhen und einem häßlichen Krieg draußen in wichtigen Absatzgebieten und obgleich das deutsche Reich sich genötigt sah, eine größere Truppenmasse nach China zu entsenden, war die Lage doch friedlich und hier am Ort fehlte es nie an Arbeitsgele­ genheit und regelmäßigem Verdienst. Unser Bau aber war im allgemeinen von gutem Wetter begünstigt; vor allem war es eine günstige Fügung, daß die Witterung noch im Oktober und November ohne grö­ ßere Unterbrechung zu arbeiten gestattete. Vom 17. bis 20. Oktober richteten die Zim­ merleute die Turmspitze auf; am 1. Novem­ ber wurde das Mauerwerk fertiggestellt; abends wurde das Mauerwerk um 5.30 Uhr durch Versehen des letzten Hausteines (Gie­ belkreuzblume) vollendet. So darf noch vor Ablauf des alten Jahrhunderts die Vollen­ dung des Werkes erhofft werden. Gepriesen sei Gottes Gnade, daß bisher kein Unfall vor­ gekommen ist! Bis zur Oberkante des Kreuzes erreicht der Turm eine Höhe von 57 m und zählt damit zu den höchsten Türmen unserer Hei­ mat. Im Jahre 1914 wurde die Lorenzkirche renoviert und innen ausgemalt. Bereits 1913 hatte der Kirchengemeinderat im Zusam­ menhang mit der bevorstehenden Renova­ tion beschlossen, die Reste des alten Hochal­ tars, die beim Brand gerettet werden konn­ ten, zu verkaufen. Es handelte sich um einen Altarflügel und die fünf fast lebensgroßen Figuren der hl. Laurentius, Georg, Maria, Barbara und Katharina aus dem 16.Jh. All diese Werke kamen in die staatliche Kunst­ halle in Karlsruhe, wo sie sich noch heute befinden. In beiden Weltkriegen verlor die Lorenz­ kirche ihre Geläute. Bereits 1949 konnten vier neue Glocken angeschafft werden; eine von 1921 war noch vorhanden. Zwei der neuen Glocken waren jedoch aus dem Ersatzmaterial Weißbronze hergestellt wor­ den und darum nicht von guter Klangquali- tät. So wurden diese und die altersschwach gewordene Glocke von 1921 bereits 1964 wie­ der vom Turm geholt. Zu den beiden verblie­ benen kamen vier neue, so daß seit der Glok­ kenweihe an Pfingsten 1964 sechs Glocken zu Gebet und Gottesdienst rufen. Im Jahre 1954 wurde die nordöstliche Ecke des Kirchenschiffs durchbrochen, um den Gehweg entlang der Straße hindurch­ führen zu können, 1956 wurde das Gemein­ dehaus erbaut. In den Jahren 1961/62 wurde das Innere gründlich renoviert. Dabei wurde auch die Ausmalung von 1914 entfernt. Auch die alten Chorfenster mußten neuen aus Glasbeton weichen. Im Jahre 1968 erhielt die Lorenzkirche eine neue Orgel mit 46 Registern und über 4700 Pfeifen. Diese zählt zu den größten und klanglich schönsten im weiten Umkreis. Seit einigen Jahren wird das Gotteshaus nun Schritt für Schritt renoviert. Zuerst mußten die Konsolen der Empore durch neue ersetzt werden, ebenso die Sockel der Pfeiler im Kirchenschiff. 1989 wurde dann mit der Außenrenovierung begonnen. Das Dach wurde neu eingedeckt, der teilweise verwitterte Sandstein mußte saniert werden, ebenso sämtliche Fenster. 1990 war dann der Turm von Gerüsten verhüllt. Auch hier stand die Sanierung des Sandsteins an. Außerdem mußten Glockenstuhl und Glok­ kenarmaturen saniert werden. Das Turm­ dach erhielt anstatt der Schindeln eine Kup­ ferhaut. Als man dabei die Weltkugel hoch droben öffnete, kam auch die Urkunde aus dem Jahre 1900 zum Vorschein, die uns Aus­ kunft über dem Turmbau gibt. Der Wunsch, der darin zum Ausdruck gebracht wird, hat auch heuer, im 125jährigen Jubiläumsjahr, noch Gültigkeit: Möge der Turm, wie er weithin sichtbar ist, und der Schall der Glocken, der über Berg und T hal geht, den späteren Geschlechtern zeugen von der Treue und Liebe, mit der ihre Vorfahren, wie zu Kaiser und Reich, so auch zum evangelischen Glauben standen; möge das Werk, das hier vollendet worden ist, alle­ zeit rühmen die Ehre Gottes und die 165

Gemeinde mahnen, daß alle gute Gabe für Leib wie Seele von oben her kommt, vom Vater des Lichts. Das walte Gott. Jochen Schultheiß Q!iellen: 1) Eduard Martini „Geschichte des Klo­ sters und der Pfarrei St. Georgen“, 1859 (Nachdruck 1979). 2) Karl Theodor Kalchschmidt „Ge­ schichte von St. Georgen“ 1895 (Nach­ druck 1988). 3) 100 Jahre Lorenzkirche, Festschrift 1967. 4) Eigene Aufzeichnungen. 5) Urkunde aus der Turmkugel, Repro­ duktion 1990. Zum Heil der Verbrecher und Verdammten Auf dem Schächer bei Fürstenberg steht seit Jahrhunderten eine eigenartige Kapelle Am Fuße des „fürdersten Berges“, des Für­ stenberges, aber noch hoch über der welligen Hochfläche der Baar und dem Jugendlauf der Donau, stehen einige Häuser, die unter dem Namen „Schächer“ bekannt sind. Über seinen Dächern thronte einst die Stamm­ burg der Fürstenberger, die als Grafen von Urach nach Freiburg im Breisgau kamen, um dann nach der Erbteilung auf diesem mar­ kant aufragenden Gipfel Wohnung zu neh­ men und den kommenden Geschlechtern den Namen dieses Berges zu geben. Erst Jahr­ hunderte später zogen die fürstlichen Hohei- ten an den Zusammenfluß von Brigach und Breg und erbauten dort neben der „Donau­ quelle“ ihr Prunkschloß, von dem aus sie ihren großen, weitv.erzweigten Besitz regier­ ten. Nach dem Dreißigjährigen Krieg zerfiel die Stammburg und 1845 wurde die Stadt auf dem Berge, die durch Wälle, Mauern und Tore geschützt war, durch eine Feuersbrunst in kürzester Zeit ein Raub der Flammen. Als eine der kleinsten Städte Deutschlands wurde sie am Fuße des geschichtsträchtigen Berges wieder aufgebaut (vgl. Almanach 90, Seite 21-24). Die Stadt Fürstenberg auf dem ,jürdersten Berg“ nach einer alten Darstellung. Am Fuß des linken Abhangs (Pfeil) der kleine Weiler Schächer 166

Zu ihr gehört aber auch der Schächer, der auf dem Sattel zwischen der Länge und dem Fürstenberge steht. Während die Menschen heute freudig ihre Schritte nach diesem herr­ lichen Aussichts- und Ausflugsziel lenken, so schauten sie früher nur mit Grausen und Angst nach diesem Orte und vennieden es sorgsam, diese Stelle zu betreten. Hier oben wurden einst die vom Landgericht der Baar zum Tode verUiteilten Schwerverbrecher hingerichtet. Nicht ohne Absicht dürfte man diesen gut sichtbaren, aus dem Tal aufragen­ den Platz gewählt haben, um so ein warnen­ des, mahnendes und zugleich abschrecken­ des Zeichen für das Volk um den Oberlauf der Donau zu sein. Doch die Richter konnten ihr Urteil nur für die irdische Welt fällen, im Jenseits wird mit anderen Maßen und nach anderen Gesetzen gerichtet. Deshalb wollte man den Todgeweihten auf der Schwelle zwischen Zeit und Ewigkeit den christlichen Trost und die Versöhnung mit dem Herrgott nicht ver­ sagen. Aus diesem Grunde erbaute man nahe der Richtstätte nach dem Dreißigjährigen Krieg eine Kapelle, die nach einer Seite hin geöffnet war, so daß man von außen her das große Kreuz mit dem Erlöser sehen konnte. Links und rechts von Christus hängen die Kreuze der mit Christus einst hingerichte­ ten Verbrecher. Der Zusammenhang zwi­ schen der Richtstätte und der Schächerka­ pelle ist sehr leicht zu verstehen: Der Todes­ kandidat sollte, bevor sein Lebenslicht durch den Henkersknecht ausgelöscht wurde, nochmals dieses Bild vor Augen haben, um zu erkennen, daß der Weltenrichter selbst dem reuigen Mörder, dem von allen Men­ schen verdammten Schwerverbrecher, Ver­ zeihung gewährt, wenn er nur seine Schuld bereut wie der Schächer zur Rechten des Gekreuzigten. Ihm versprach der sterbende Heiland an jenem ersten Karfreitag auf Gol­ gatha: ,, … noch heute wirst du bei mir im Paradiese sein.“ Eingedenk dieser Verhei­ ßung des sterbenden Heilandes hat später die Kirche den einsichtigen Schächer als St. Dis­ mas in den Heiligenkalender aufgenommen. 168 Aber auch das Bild des verstockten und damit ewig verstoßenen Schächers erblickte der Todeskandidat als Aufforderung zu Umkehr und Reue. Interessant ist nun bei dieser Kreuzigungsgruppe in der Schächer­ kapelle, daß Jesus vollkörperlich dargestellt ist, während die beiden Schächer auf zuge­ sägten Brettern, also fast nur bildhaft an ihren Kreuzen angebracht sind. Auch haben beide die gleiche Blickrichtung, ohne zum ,,Heil der Welt“ aufzuschauen. Auf einer eingelassenen Sandsteinplatte ist zu lesen: ,,Die Schächerkapelle stammt aus der Zeit nach dem 30jährigen Krieg und wurde errichtet zum Troste für die vom Landgericht der Baar Verurteilten, die hier hingerichtet wurden. – Herr gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst. – Luk. 23.42″ Die Kreuzigungsgruppe ist also im 17. Jahrhundert entstanden, die Kapelle selbst soll aber bereits 1585 erstmals urkundlich erwähnt worden ein. Sie gab aber nicht nur der kleinen Häusergruppe ihren Namen, sondern will auch den heutigen Besucher, der der Hast und dem Lärm der lauten, ruhe­ losen Welt entronnen ist, zur stillen Besin­ nung und Einkehr mahnen und einladen, wenn auch die Zeiten, da hier oben das Tor zum Jenseits gewaltsam aufgestoßen wurde, schon längst entschwunden sind. Kurt Klein En guete Fang Des Fischersfranze Bua, er sitzt am Bach un [fischt, En Turischt goht nebenum un frogt: ,,Wa [he eh jez scho verwischt?“ „Wenn i den han, uff den i paß, und no ein [drzua“, Sait dr Klei, ,,derno han i zwi, dno han i [gnua!“ Bertin Nitz

Die St.-Wendelin-Kapelle in Oberkimach In früherer Zeit ein bekannter und gern aufgesuchter Wallfahrtsort Als 1496 die St-Wendel-Kapelle geweiht wurde, handelte es sich nicht um die erste Kapelle an dieser Stelle. Über die Größe und das Aussehen der Vorgängerin wissen wir noch weniger, als von der 1496 eingeweihten Kapelle. Sie wurde wahrscheinlich anfangs des 15. Jahrhunderts von den viehzüchten­ den Bauern des Oberkirnacher Tales und der näheren Umgebung errichtet und wurde keine 100 Jahre alt, bis sie abgerissen und durch eine größere Kapelle ersetzt wurde, deren spärliche Reste sich heute, nach erfolg­ ter Freilegung in den 70er Jahren, dem Besu­ cher präsentieren. Der Abbruch der ersten Kapelle, sie ist nicht etwa abgebrannt oder durch Naturgewalten zerstört worden, kann nur aus Platzgründen, d. h. aus Raumman­ gel, erfolgt sein. Im 15. Jahrhundert kam auch die Vereh­ rung des heiligen Wendelins immer stärker auf und griff rasch um sich. St. Wendelin gilt als alemannisch-fränkischer Volksheiliger. Er wurde weit verbreitet verehrt, im Laufe der Zeit in zunehmendem Maße, dies vor allem im ländlichen Raum. Franken und die alemannischen Lande waren Hauptgebiete dieser Verehrung, dazu gehörte auch das Elsaß. Es ist erstaunlich, daß der Rhein als ungezügelter Strom über Jahrhunderte hinweg keinen trennenden Charakter hatte und daß Glaube, Brauch­ tum, Sprache und Kultur stets, und das bis heute, ihre Brücken schlugen und zur ande­ ren Seite Zugang fanden. St. Wendelin galt und gilt als der Schutz­ heilige des Viehs, der Hirten, der viehzüch­ tenden Bauern. Die Blüte seiner Verehrung wurde im 16. Jahrhundert erreicht, sie dau­ erte bis ins 18. Jahrhundert. Die Existenz dieser ersten kleineren 169

Kapelle muß sich schnell herumgesprochen haben. Man kann annehmen, daß vielleicht eine Viehseuche aktueller Auslöser für die­ sen ersten Kapellenbau war. Und schon in dieser Zeit fanden die ersten Wallfahrten statt, deren Umfang zugenommen haben muß im gleichen Maße, wie die St.-Wende­ lin-Verehrung im allgemeinen zunahm. Und wenn überregional die St.-Wendelin­ Verehrung um 1500 herum erste Höhe­ punkte erreichte, so deckt sich dieses Datum mit dem Zeitpunkt des Kapellenneubaus. Die Weihe erfolgte, wie der 1987 errichtete Gedenkstein verrät, am 4. Oktober 1496, also vor nunmehr beinahe 500 Jahren. Sie wurde von dem Konstanzer Weihbi­ schofDaniel Zehender durchgeführt, der zu dieser Zeit ohnehin für ein paar Tage im St. Georgener Raum weilte. Anlaß für sein Kommen war freilich nicht primär die St.-Wendelin-Kapelle. Denn in St. Georgen waren die wieder erstellte Klosterkirche und die Klostergebäude, die 1480 abgebrannt waren und nach 16jähriger Bauzeit neu erstellt worden waren, zu weihen. Vielleicht, ja es ist anzunehmen, waren der St. George­ ner Abt Georg von Ast und etliche Kloster­ brüder dabei, als die St.-Wendelin-Kapelle geweiht wurde. Der obere Teil des Kirnachta­ les gehörte ja zum Kloster St. Georgen, auch das Gewann St. Wendel. Die Weiheurkunde der St.-Wendelin­ Kapelle befindet sich heute im Stadtarchiv Villingen. Interessant aber ist auch, sich zu vergegen­ wärtigen, daß sich in einer Zeit, als es noch keine Nachrichtenübermittlungstechniken gab, der Ruf dieser St.-Wendelins-Kapelle verbreitete. Die Wallfahrer kamen sogar u. a. aus dem Elsaß. Zu diesen Wallfahrten gehörte auch ein entsprechendes Verkehrs­ system, sprich Wegenetz, dazu. Ein derarti­ ges Netz gab es in der Tat zu jener Zeit schon, sicherlich auch wegen der Bedeutung des St. Georgener Klosters. Nahe St. Wendel kamen politische Gren­ zen zusammen: Vorderösterreich, Fürsten­ berg und das Herzogtum Württemberg, auf 170 dessen Territorium St. Wendel lag. Am Schlempen, in nächster Nähe, war ein Stra­ ßenknotenpunkt samt Zollhaus. So lag St. Wendel in früheren Jahrhunderten nicht so einsam und bedeutungslos wie heute. Diese günstige Verkehrslage kam sicher den Pilgern aus dem Breisgau, dem Elsaß und den Vogesen entgegen. Jedenfalls berichtet Abt Gaißer, der von 1595 bis 1655 lebte, in seinen Tagebüchern, daß viel Volk aus diesen genannten Regionen herbeige­ strömt sein soll, um den Heiligen Wendelin zu verehren. Und man muß auch sehen, daß das einfache Volk schon von einer starken Triebkraft und tiefen Glaubensüberzeugung beseelt gewesen sein muß, wenn es die Beschwerden eines mehrtägigen Unterneh­ mens auf sich nahm. Anreise, Aufenthalt und Rückkehr waren mit Strapazen und Ent­ behrungen verbunden. Und was wir uns heute in wenigen Stunden leisten, war damals mühsam, zeitraubend und langwie­ rig. Und dennoch: Das Volk strömte. Von den Vogesen hierher war es ein Fuß­ marsch von vielleicht 4 Tagen in einfacher Richtung. Fahrzeuge waren unüblich, für Pil­ ger erst recht. Sicherlich ist man in Gruppen gezogen, schon der Sicherheit wegen. Sicher­ lich gab es unterwegs hin und wieder Betreu­ ung am Wege durch Einsiedler. Dennoch: Das Pilgern war ein Abenteuer. Höhepunkte der St.-Wendelin-Vereh­ rung während des Jahresablaufes waren der St.-Wendels-Tag am 21. Oktober und der Sonntag Exaudi, also der 6. Sonntag nach Ostern, und der 5. Juli als weiterer Wende­ linsfeiertag. Der hauptsächliche Wallfahrtstag, an dem sich viel Volk einfand, dürfte jedoch der Sonntag Exaudi gewesen sein, schon von der Jahreszeit her gesehen. Im Sommer nächtigt es sich im Freien leichter. Wie sah nun die St.-Wendelin-Kapelle aus? Ihre rekonstruierte Grundrißforrn auf­ grund der Ausgrabungen nach ziemlich zuverlässigen Erkenntnissen kann man heutzutage ansehen. Die Kapelle ist 11,8 m lang und 6,3 m breit.

Der Chorraum hat die Form eines halbierten Sechseckes, allerdings stimmt die Symmetrie doch nicht ganz. Diese Form des Chorrau­ mes habe ich bei mehreren Wendelin-Kapel­ len, die ich aufgesucht habe, vorgefunden. Die Wände sind etwa 80 cm dick. Nach der einzigen, allerdings nicht unbedingt zuver­ lässigen bildlichen Überlieferung gab es ein Glockentürmchen, welches über dem Chor­ raum angeordnet war, also am östlichen Ende der Kapelle. Die Architektur der Kapelle war, nebst durch das Türmchen, durch die gotischen Maßwerkfenster in den Längsfassaden geprägt. Wir haben bei den Ausgrabungsarbeiten solche Fenstereinfas­ sungen gefunden und sichergestellt. Am westlichen Ende der Kapelle war möglicher­ weise ein Haupteingang, jedenfalls nach der eben erwähnten bildhaften Darstellung, die übrigens aus der St. Georgener Klosterge­ bietskarte stammt, die etwa um 1600 gezeich­ net wurde. Dieser Haupteingang hatte einen Überbau und mag recht einladend und repräsentativ gewirkt haben. Allerdings fan- den wir für diesen Haupteingang bei unseren bisherigen Ausgrabungen keine Anhalts­ punkte. So kommt es, daß wir uns heute mit einem festgestellten Seiten- oder vielleicht doch Haupteingang begnügen müssen. An sich ist das bedauerlich, wir hätten sehr gerne den Westeingang entdeckt, schon wegen der dort angeblich befindlichen beiden Leichen­ steine, von denen Pfarrer Breuninger 1719 in seinem Buch „Über dem Urquell des Do­ nauestromes“ schreibt. Mit diesen Steinen sind auch wiederum Sagen verbunden. Wir wissen, daß die Außenwände nach außen als schlichtes Sandsteinsichtmauer­ werk ausgeführt waren und innen mit einem feinkörnigen, durchgefärbten, gelblichen Putz versehen waren. Wir wissen ferner, in welcher Höhe der Fußboden lag, daß der Chorraum etwa um 10-15 cm erhöht war und wir können auch aus verschiedenen Anhalts­ punkten die Raumhöhe in etwa rekonstruie­ ren. Die jetzige Höhe der Außenwände ist zum großen Teil zurückzuführen auf Aktivitä­ ten des Städtischen Bauhofes im Jahre 1982. 171

nacher Bauern nicht gerade beliebt. Lange noch nach Einführung des Protestantismus in Württemberg wurden in St. Wendel noch Gottesdienste nach katholischem Brauch gehalten. Der St. Georgener Heimatforscher Heinemann berichtet, daß an Exaudi 1564, also drei Jahrzehnte nach Herzog Ullrichs Regierungsantritt, noch eine katholische Wallfahrt stattfand. Aber das Schicksal der Kapelle war nicht aufzuhalten. Der St. Georgener Pfarrer, so wird vermutet, hat sich beim reformierten Landesherrn eine Vollmacht erbeten zur Bekämpfung der katholischen Bräuche. Her­ zog Ullrich reagierte zunächst vorsichtig. Er wolle prüfen lassen, auf wessen Grund und Boden -hier kommt das Problem der Grenz­ nähe zum Ausdruck-die Kapelle stehe und wer die Macht habe, sie abzubrechen. Im Jahre 1569, so wird berichtet, war in der Kapelle immer noch ein Opferstock, in den Besucher Geld einlegten. Sie war für An- Es muß noch ein Wort zur Inneneinrich­ tung gesagt werden: Sie war nicht weniger stattlich als die äußere gotische Erschei­ nungsform, so klein die Kapelle auch war. Nachdem man von dem würdevollen Weiheakt 1496 weiß und von der Tatsache, daß die Prie ter von St. Georgen oft hier Messe gehalten haben, kann man davon aus­ gehen, daß sich hier an dieser Stätte nicht nur Pilgerleben abgespielt, sondern auch eine gewisse Form von Gemeindeleben ent­ wickelt hat. Diese These findet in zwei Punkten ihre Bestätigung: 1. Die Kapelle war sehr reich ausgestattet, wie es bei einem seltener gebrauchtem Raum nie der Fall gewesen wäre. 2. Bei dürftiger Nutzung hätte der Landes­ herr, Herzog Ullrich von Württemberg, sein Sohn Christoph und der junge Her­ zog Friedrich nie mit derartigem Nach­ druck auf die Unterbindung der Nutzung der Kapelle und auf deren Abbruch beste­ hen müssen. In dem Inventarium von 1569 werden genannt: Weihkessel, Opferbecken, Fahnen, Leuch­ ter, Altartafel, Wandelstangen, Meßbuch, Tücher und Decken, Kruzifix, Kelche, Meß­ gewänder u. a. m. Bei der Bedeutung und der allgemeinen Beliebtheit der Kapelle und der Kostbarkeit der Ausstattung wundert es nicht, daß die Oberkirnacher ihre St.-Wendelin-Kapelle lieb hatten und sich nicht von ihr trennen wollten. Wie kam es nun zu ihrer Zerstörung, um das Jahr 1605 herum, wie der Gedenkstein aussagt? Im Jahr 1517 begann die Reformation. Der schon erwähnte Herzog Ullrich, der seit 1534 regierte, führte sie in Württemberg ein. Der beginnende Wandlung prozeß war langwie­ rig und der Weg von Stuttgart bzw. dem Rotenberg (ehemal. Wirtemberg) bei Unter­ türkheim nach Oberkirnach weit. Aber St. Wendel war beim Landesherrn bekannt und auch wegen der Beharrlichkeit der Oberkir- 172

dachtssuchende geöffnet. 1585 war noch­ mals eine große Wallfahrt, wie in fürstenber­ gischen Aufzeichnungen vermerkt ist. Im gleichen Jahr, also 1585, begann dann die Ausplünderung der Kapelle durch Amt­ mann Müller aus St. Georgen. Sein Vorgän­ ger, Amtmann Vollandt, hatte dies bereits versucht, aber er gab sein Vorhaben auf, ohne Gewalt anzuwenden, im Gegensatz zu Amtmann Müller. Graf Heinrich von Für­ stenberg beschwerte sich daraufhin bei Graf Eberhart von Tübingen in der Meinung, die Kapelle stünde in seinem Herrschaftsbe­ reich. Dabei weist Graf Heinrich nochmals auf die Kostbarkeit der Ausstattung hin. Die­ ser Brief ist überliefert; der Einspruch wurde jedoch vom württembergischen Herzog nicht anerkannt. Immerhin hat die territoriale Unklarheit dem Kirchlein zu längerem Leben verholfen. Selbst nach der vollständigen Ausplünde­ rung fanden noch heimlich kleinere Wall­ fahrten statt. Katholische Untertanen aus dem fürstenbergischen und vorderösterrei­ chischen angrenzenden Gebieten pilgerten zur St.-Wendelin-Kapelle. Das muß um die Zeit 1590 herum gewesen sein. Man bedenke: Herzog Ullrich hatte bereits 1536 das Wallfahrten verboten. Breuninger weiß 1719 noch zu berichten, daß, so lange das Kirchlein stand, auch die evangelischen Bauern des Oberkimacher Tales dort immer noch ihren Viehheiligen verehrten und Geldgaben opferten. Es ging eine Weile, bis die Bauern merkten, daß nicht der Heilige Wendelin, sondern die Oberkirnacher Hirtenbuben die Opferga­ ben einzogen. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts befahl dann Herzog Friedrich nachdrücklich den Abbruch der Kapelle. Halbherzig und wider­ willig brachen die zur Zerstörung gezwunge­ nen Oberkirnacher Bauern das Glockentür­ mchen ab und rissen den Dachstuhl ein. Die verschiedenen vom Landesherrn ergange­ nen Abbruchforderungen brachten immer nur Teilerfolge. Der erwähnte Amtmann Müller aus St. Georgen ging daraufhin gewaltsam vor, indem er die Bauern, aber auch Gastarbeiter aus den angrenzenden Gebieten zwang, das Abbruchwerk voranzu­ treiben. Der Gesinnung der Oberkirnacher Bauern entsprach der Abbruch nicht, sie wollten die Kapelle ihres Heiligen geschont und erhalten wissen. Man kann davon ausge­ hen, daß nach den ersten Jahren nach der Jahrhundertwende die Kapelle so weit zer­ stört war, daß sie sich nicht mehr nutzen ließ. Abgesehen von den Abbruchschritten nach 1600 haben wir einen Hinweis aus der Linacher Chronik. Das nahe Linach gehörte zum fürstenbergischen Bereich; dort wurde 1608 eine neue St.-Wendelin-Kapelle gebaut. Der St. Georgener Heimatforscher Heine­ mann meinte, daß in dieser Kapelle der Ersatz für das Oberkirnacher Wallfahrtshei­ ligtum zu sehen sei. Der St. Georgener Abt Gaißer hat 1629 die Ruine besichtigt. Es wird spekuliert, daß er Wiederaufbauabsichten gehabt haben soll. Pfarrer Breuninger beschreibt 1719 die Ruine so, daß die beiden Längsmauern noch ziemlich hoch seien und daß auch der Ein­ gang – welcher? – noch ganz zu sehen sei. Den Rest hat dann der Zahn der Zeit besorgt. Im 18. Jahrhundert ging dann aber auch ganz allgemein die St.-Wendelin-Verehrung zu­ rück und verlor an Bedeutung. Aber in ihrem Kampf um die Erhaltung ihrer Kapelle haben die Oberkirnacher Bau­ ern Standfestigkeit und Heimatverbunden­ heit bewiesen, verbunden mit tiefer Religio­ sität; sie haben ein Stück nunmehr wieder­ entdeckte Heimatgeschichte geschrieben. Im Jahre 1987 hat der St. Georgener „Ver­ ein für Heimatgeschichte“ den oben schon erwähnten Gedenkstein gestiftet und setzen lassen. Er war die Krönung der Initiativen, die in den 70er Jahren unter der Regie des Verfassers in gemeinsamer Arbeit mit Mit­ gliedern des St. Georgener Vereins für Hei­ matgeschichte zu Grabungen und Freilegun­ gen geführt hatten. Georg Rosenfelder 173

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Ein frommer Priester, Joseph Honold, von 1792 bis 1800 Pfarrer der fürstlichen Patronatspfarrei Blumberg, seiner Verpflich­ tung eingedenk, Hüter der göttlichen Ord­ nung zu sein, klagt den Obervogt an, Geneh­ migung zur Sonntagsarbeit gegeben und die Autorität des Pfarrers nicht respektiert zu haben. Man hätte sich ja an ihn wenden müs­ sen. Für dringende Fälle habe er die Voll­ macht zu dispensieren. So schreibt er: ,,Honolds Beschwerde bei der Hochfürst!. Hochpreis!. Regierung und Hochlöbl. Hof, weil das Fürstl. Obervogteiamt Blumberg die Abmessung der Früchte ab dem herrschaftli­ chen Kasten (gemeint ist der herrschaftliche Fruchtkasten im Städtle) an einem Sonntag gestattet hatte. DerJud Kusel hat ein �anturn Frucht ab dem herrschaftlichen Kasten dahier an sich verkauft. Mit Messung dieser Früchte wurde am 9. currentis nemlichen ann. (also am 9.Sept. ds.Js. an einem Samstag) der Anfang gemacht. Mir fiel nichts weniger ein, als daß am Sonntag darauf mit dem Messen fortge­ fahren werden sollte. Dieses geschah aber dennoch gegen all meine Erwartung, zum Ärgernis des Volkes, zur Entheiligung des Sonntags und zu meiner offenbaren Herab­ setzung. Meinem Amt und Pflicht war ich es schuldig, diese knechtliche Arbeit durch den Mesner dem Kastenknecht und den 6 Zehendtröschern, welche die Frucht gemes­ sen, untersagen zu lassen. Der Mesner kam aber mit der Antwort zurück, daß es der Herr Obervogt vor der Abreise nach Donau­ eschingen und Villingen befohlen habe. Und das Messen der Frucht wurde nicht unterbrochen. Nun vermuthete ich bey mir, daß die Sache sehr pressieren mußte und kei­ nen Aufschub leide, somit die Frucht noch am nemlichen Sonntag abgeführt werden sollte, welches aber nicht geschah, folglich …. An der jungen Eschach Ein Pfarrer verklagt den Obervogt noch Zeit genug gewesen wäre, die Früchte am Montag zu messen. Der Sonntag ist also ohne Noth entheiligt worden. Gesetzt aber auch, es hätte wirklich Gefahr auf einem Ver­ zug gehaftet, so wäre es dem Herrn Obervogt obgelegen gewesen, mir als Seelsorger die Notwendigkeit der Sache anzuzeigen. Eine Hochfürst!. Regierung und Hoch­ löbl. Hofkammer erbitte daher unterthänig, dem Herrn Obervogt zur Beobachtung sei­ ner hinkünftigen Schuldigkeit anzuweisen, daß er in dergleichen Fällen mit mir als Orts­ pfarrer communiciren (sich in Verbindung setzen) solle. In tiefstem Respect verharrend Eurer Hochfürst!. Regierung und Hochlöbl. Hofkammer unterthänig gehorsamster Josef Honold, Pfarrer Blomberg, den 12. Sept. 1793″ Die Antwort Es ehrt die F. F. Regierung, was sie in ihrer prompten Antwort vom 14. Sept. 1793, die sicher auch den Pfarrer befriedigt hat, schreibt: ,,Wir können nicht wohl glauben, daß die Abmessung der an den J ud Kusel ver­ kauften Früchte ab dem Herrschaftskasten absichtlich von dem dasigen Amt zur Ent­ heiligung des Sonntags verfügt worden seyn solle, und wir zweifeln nicht, es werde uns ebenfalls einsehen, daß bei gegenwärtigen Kriegszeiten und Anlaß der sich immer häu­ figer in diesen Gegenden aufhaltenden Trup­ pen manches absolute (unbedingt) gesche­ hen muß, welches sonst unterblieben seyn würde, besonders wenn es auf die Verprovi­ antierung derselben ankommt, wo öfters Gefahr auf dem Verzug haftet. Damit aber die göttliche Ordnung soweit möglich beobachtet und die wechselseitigen Verhältnisse (gemeint sind die guten Bezie­ hungen zwischen Regierung und Pfarramt, bzw. Kirche) nicht gestört werden, haben wir das Fürst!. Obervogteiamt angewiesen, in 175

ähnlichen Fällen und wo die Umstände eine Abweichung von der gesetzlichen Ordnung erfordern, mit dem Ortspfarrer übereinkom­ men und, wenn Gefahr auf dem Verzug haf­ tet, eine kurz mündliche Anzeige hiervon bei unserem Amt machen zu lassen.“ Könnten und müßten nicht viele Diffe­ renzen, die es zu jeder Zeit gibt, durch eine solche die Interessen und Rechte beider Par­ teien anerkennende und berücksichtigende offene und sachliche Aussprache sich in Wohlgefallen auflösen lassen? In unserem Fall war keiner Sieger und keiner Unterlege­ ner. Und keiner hat sich etwas vergeben. Josef Spintzik D’Gmondrotswahl ,Jörgli, hitt muescht du gi wähle, gwählt word jetzt de Gmonderot. Wähl mer aber nu on inni, wo au zu iis Berger schtoht!“ ,,Ha z’vill Arbet und bi lappig, ’s letschtmol ghandlet gar nitt gschiit. Wenn ech kinnt on u u ß i wähle, Bebbi, jo, noo niemdi Ziit!“ Gottfried Schafbuch Dopplet gneiit D’Fränz duet gosche und duet deebre, ’s Muul lauft‘ all, wie grad frisch gschmiert. D’Feischter clont sogar no schättre, wenn sie Krach im Huus verfiehrt. Der Schwarzwald-Baar­ Kreis in Farben 1. Das im Frühjahr 1990 reichlich angefal­ lene Sturmholz mußte wegen der Borken­ käfergefahr dauernd bewässert werden. Der Frost verursachte eine seltsame Eis­ landschaft. (German Hasenfratz, Hüfingen) 2. Winter in der Baar (German Hasenfratz, Hüfingen) 3. Regenbogen (Otto Geggus, ,,Engelwirt“, St. Georgen­ Brigach) 4. Kirche von Hondingen (Raimund Fleischer, Schwenningen) 5. Blick vom Brend Richtung Neueck ­ Gütenbach (Erwin Kienzler, Schonach) 6. Im Schwarzenbachtal, Schönwald (Erwin Kienzler, Schonach) Eren Hans hätt jo ninnt z’lachit, hört des Gschroa driißg Johr scho aa. „D’Fränz“, so seit er, ,,hät e Gosche und e Muul no nebetdra!“ 7. Otmarshof (Weissenbach), Schönwald (Monika Eckerle, Schönwald) 8. Schönwälder Trachten Gottfried Schafbuch (Monika Eckerle, Schönwald) 176

Die Glockenlandschaft der Baar Ein geschichtlicher Überblick Beiträge über Glocken sind schon in früheren Ausgaben des Almanach veröffentlicht worden. Mit der nachfolgenden Abhandlung aus der Feder des Glockensachverstän�zien des Erzbistums Freiburg wird das Glockenthema weiter vertieft, zunächst in einem geschichtlichen Uberblick und in späteren Beiträgen zu einzelnen herausragenden Glocken. Wer sich der Mühe unterzieht, die verschiedensten Glockenlandschaften auf­ merksam mit offenem Ohr zu durchwan­ dern, wird sehr schnell charakteristische Klanggebilde entdecken, die von den Tür­ men unserer Kirche herabklingen. So wie unsere Dörfer und Städte einen Großteil ihrer Identität aus der Unverwechselbarkeit ihrer Silhouette, geprägt durch die Türme der Kirchen, Dome und Kathedralen, schöpften und schöpfen, ebenso unverwech­ selbar war und ist das Klangbild, das von die­ sen Türmen über die Dächer flutet, eine unverwechselbare Klangsilhouette. Die Glockenlandschaft der Baar hat in den letzten hundert Jahren herbe Verluste erlitten. Von über 100 historischen Glocken haben gerade noch 53 die gnadenlose Aus­ lese der Kriege überdauert. Bemerkenswert, daß wir bei der Nennung bedeutender Glocken des 13.-16. Jahrhunderts immer wie­ der auf die gleichen Ortsnamen, auf die gleichen Pfarrkirchen stoßen. Aselfingen St. Otmar, Bräunlingen alte Pfarrkirche St. Remigius, Hausen vor Wald St. Peter und Paul, Hüfingen St. Verena und St. Gallus und verschiedene Kirchen in Villingen. Die älteste Glocke der Baar läutet in St. Otmar zu Aselfingen. Sie ist wohl zwischen 1250 und 1300 gegossen worden. Ihr herber, sehr charaktervoller Klang ist typisch für die Übergangsglocken, eine Entwicklungsstufe zwischen der Bienenkorbglocke (10.-12. Jh.) und der gotischen Dreiklangglocke, die etwa ab 1300 gegossen wird. In dieser gotischen Rippe wurde die zweite und gleichzeitig größte Glocke des Aselfinger Turms, die Frie­ densglocke, in der Mitte des 14.Jh. gegossen. Ihre Inschrift weist ihr die Aufgabe zu, vom Frieden zu künden: 0 · REX · GLORIE · CHRISTE · VENI · CVM · PACE. Diese Inschrift lesen wir auf fast allen Glocken des 14. und 15. Jh. auf der Baar; sie ist die älteste auf Glocken eingegossene Inschrift. Diese Glocke ist der Reichenauer Gießschule von Niederzell zuzurechnen. Dort wurde bei neueren Grabungen eine Gießgrube zutage gefördert. Reichenau-Oberzell (Reichenauer Schule) Ende 13. Jhdt. Hiifingen (Reichenauer Schule) um 1300 177

Der ältesten Glocke der Baar den Rang streitig macht die kleine Glocke in der ev. Kirche von Buchenberg/Königsfeld. Sie ist ebenfalls im 13. Jh. gegossen, hing aber ursprünglich in Bretzheim in der Nähe von Bad Kreuznach. Ihr Weg nach Buchenberg ist noch ungeklärt. Eine dritte Glocke des 13. Jh., kurz vor oder um 1300 gegossen, läutet in der kath. Pfarrkirche St. Verena und St. Gallus in Hüfingen. Als einzige dieser drei Glocken des 13. Jh. trägt sie als Inschrift den Friedens­ gruß, ergänzt durch die Namen der vier Evangelisten Lukas, Markus, Johannes und Matthäus. Die Glocke dürfte ebenfalls der Reichenauer Gießschule zuzurechnen sein, ihre Übereinstimmung mit der großen Glocke von Oberzell ist in Form und Klang unverkennbar. Aus dem 14. Jh. sind uns in der Baaremer Glockenlandschaft sechs Glocken erhalten. Fünf rufen von den Kirchtürmen herab bis zum heutigen Tag die Gläubigen zum Gebet, eine steht im Museum. Die Glocke von Asel­ fingen wurde oben bereits genannt. St. Ve­ rena und St. Gallus in Hüfingen beherbergen gleich zwei Glocken dieser Zeit. Vermutlich wurden sie Anfang bis Mitte des 14. Jh. von den Brüdern Ulrich und Hug aus Schaffhau­ sen gegossen. Die größere der beiden Glok­ ken trägt auf der Glockenschulter friesartig aufgereihte hohe Arkaden mit kleeblattför­ migem Abschluß über Kapitellen. In eine der Arkaden ist eine Kreuzigungsgruppe einge­ gossen. Nach dem lateinischen Friedens­ gruß: ,,0 rex gloriae . .. “ ist eine weitere Inschrift eingegossen, die der Glocke eine weitere Aufgabe zuweist, sie solle läuten bei jedweder Gefahr. Die zweite Glocke aus der Gießhütte Schaffhausen trägt ebenfalls die Friedensinschrift, aber ohne Fortführung wie auf der großen Glocke. Auch die Kreuzi­ gungsgruppe ist auf dieser Glocke eingegos­ sen. Die alte Pfarrkirche St. Remigius in Bräun­ lingen, Gottesackerkirche genannt, beher­ bergt ebenfalls eine Glocke der Brüder Ulrich und Hug aus Schaffhausen. Sie ähnelt 178 Pfarrkirche St. Verena und Gallus in Hefi,ngen: Glocke Anf!Mille 14.Jh. aus der Schajfhausener Gießhütte in Inschrift und Zier der kleinsten Glocke von Hüfingen aus dem 14. Jh. Sie ist die kleinste des historischen Dreiergeläutes. Die weiteren Glocken der Bräunlinger Gottes­ ackerkirche sollen hier nur in aller Kürze erwähnt werden. Über sie und die gelungene Sanierung des gesamten Geläutes wird ein eigener Beitrag geschrieben werden. Die größte der Glocken stammt aus der im Mit­ telalter sehr bekannten Gießhütte Klain in Rottweil. Neben der schon oft zitierten Frie­ densinschrift trägt sie die Namen der vier Evangelisten und das Gußdatum 1425 sowie im Anschluß daran den marianischen Gruß Ave Maria. Die mittlere Glocke stammt aus der ersten Hälfte des 15. Jh. und trägt weder Inschrift noch Zier. Am Ende der Karwoche 1991 läuteten die Glocken nach über hundert Jahren des Schweigens erstmals wieder gemeinsam das Osterfest ein.

Die Glocken der Gottesackerkirche St. Remigius in Bräunlingen, der Mutterkirche der Baar, bei der Feier nach der Restaurierung Die Zähringerstadt Villingen kann auf zwei besonders seltene Glockenexemplare verweisen. Auf dem unzugänglichen Dach­ reiter des Südturms hängt die kleine Vesper­ oder Vigil-Glocke, etwa um 1400 von einem unbekannten Meister gegossen. Als Beson­ derheit trägt sie als Schuterinschrift das Alphabet. Viele Forscher haben sich mit die­ ser recht seltsamen Art der Inschrift befaßt. Die plausibelste aller Erklärungen scheint mir, daß mit dem eingegossenen Alphabet alle möglichen und denkbaren Inschriften gemeint gewesen sein könnten. Daß in Vil­ lingen gleich zwei dieser Glocken anzutref­ fen sind, ist eine absolute Einmaligkeit in Deutschland. Ob es Zufall ist, niemand weiß es. Die größere der beiden steht im Museum Altes Rathaus in Villingen und ist nach Art der Glockenform und den Typen des Alpha­ bets dem gleichen Gießer zuzuordnen wie das Vesperglöckchen. Abgesehen von der außergewöhnlichen schmuckbandartig an- gebrachten Inschrift tragen beide keine Zier. Dem Glockenguß in Villingen wird eben­ falls ein eigener Beitrag gewidmet. Die Stadt Villingen kann zusammen mit Konstanz auf die längste Glockengießtradition in Baden verweisen. Im Jahre 1580 begründete Hans Reblin die Glockengießerdynastie der Fami­ lie Grüninger, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg auf allerdings unrühmliche Art enden sollte. Villingen erlangte noch in anderer Hinsicht als Glockenstadt Bedeu­ tung, wenn auch durch schicksalhafte Ereig­ nisse. Von 19 historisch bedeutenden Glok­ ken auf den verschiedenen Kirchen und Kapellen haben gerade fünf die gnadenlose Auslese von Revolutionen und Kriegen überdauert. Nur zwei von ihnen tun bis zum heutigen Tage das, wozu sie eigentlich beru­ fen sind, die Menschen zum Gebet mahnen oder zum Gottesdienst rufen. Drei stehen im Museum. Es wäre sicher der Überlegung wert, die Glocken des Museums so zu prä- 179

Alphabetglocke um 1400, Museum Altes Rathaus Villingen und auf dem Dachreiter des Südturmes des Münsters sentieren, daß nicht nur ihre Form und bild­ hauerische �alität zu sehen, sondern auch ihr ebenso wichtiger Klang zu hören ist. Die Glockengießer aus Schaffhausen hin­ terließen auch noch im 15. Jh. in der Baare­ mer Glockenlandschaft Spuren. So läutet in der kath. Pfarrkirche von Epfenhofen seit dem Anfang oder der Mitte des 15. Jh. das Totenglöckchen aus einer nicht näher bekannten Schaffhausener Gießhütte. Ver­ mutlich waren die Gießer die Vorgänger von Heinrich Hafengießer und Balthasar Kirch­ heim, von denen Glocken z. B. in Hilzingen oder Saig erhalten sind. Die Friedens­ inschrift der Glocke in Epfenhofen gleicht diesen bei fast allen Schrifttypen. Sie dürf­ ten jedoch älteren Datums sein. Dies recht- 180 fertigt die Einordnung dieser Glocke in Anfang bis Mitte 15. Jh. Das Selbstbewußtsein der Glockengießer­ stadt Villingen hatte sicher großen Einfluß darauf, daß wir im gesamten Mittelalter und bis in die Mitte des 19. Jh. in der Baaremer Glockenlandschaft keine Glocke aus der wohl bedeutendsten Glockengießerstadt Konstanz vorfinden. Mit einer einzigen Aus­ nahme. In Hammereisenbach-Bregenbach läutet in der kath. Friedhofskapelle eine Glocke aus Konstanz aus dem Jahre 1537. Die Glocke ist ohne Gießerinschrift. Ihre Zuschreibung zu einem der bedeutendsten Konstanzer Glockengießer, Nicolaus Ober­ acker, er goß einige Glocken für das Konstan­ zer Münster, die bis heute erhalten sind, ist

jedoch aufgrund des Schmuckfrieses zwei­ felsfrei möglich. Der Schmuckfries besteht aus Kleeblattbögen mit Kreuzblumen, die zungenförmig enden. Außer der Jahreszahl 1537 trägt die Glocke keine Inschrift. Im 16. Jh. beginnen verstärkt die aktivitä­ ten der lothringischen Wandergießer in Baden. Auf erste Hinweise stoßen wir bereits Mitte 15. Jh. Alle drei Glocken, über die wir nun zu sprechen haben, wurden im Jahre 1552 von Mitgliedern einer lothringischen Wandergruppe vor Ort geformt und gegos­ sen. Dies war im Mittelalter durchaus nicht außergewöhnlich. Der Gießer brachte ledig­ lich seine reiche Erfahrung, sein handwerk­ liches Können und sein Werkzeug mit. Die zum Formen und Gießen notwendigen Materialien wurden vor Ort zur Verfügung gestellt. Dies hatte mehrere Gründe. Der wichtigste Grund war wohl das Transport­ problem, ein weiterer, daß viele Auftrag­ geber den umherziehenden Glockengießern mit Mißtrauen begegneten. So stammt die Bezeichnung „Silberglöckchen“ nicht nur vom hellen Ton der Glocke, sondern auch vom Irrglauben, daß durch Hinzufügen von Silber in die Bronzelegierung der Ton der Glocke klarer und heller würde. Das für den Guß gespendete Silber floß in den Geldbeu­ tel der Gießer und wohl niemals in die Guß­ masse. Den lothringischen Wandergießern ver­ danken wir musikalisch oft problematische, aber bildhauerisch meist vortrefflich gestal­ tete Glocken. Zwei dieser Glocken hängen in der kath. Pfarrkirche St. Peter und Paul in Hausen vor Wald, die dritte in der kath. Pfarrkirche St. Georg in Mundelfingen. Die größere der beiden Hausener Glocken trägt die Inschrift: MENTEM SANCTEM SPONTANEAM HONOREM DEO ET PATRIE LIBERATIONEM. Die Glocke ist geschmückt mit einer runden Plakette und einer Darstellung von Christus und der Pfarrkirche St. Peter und Paul in Hausen vor Wald: Die beiden Lothringer Glocken aus dem Jahre 1552 im historischen Glockenstuhl und an historischen Holzjochen 181

A Detail der großen Lothringer Glocke zn Hausen vor Wald ..,.. Hausen vor Wald: Glocke von Franz Anton Grieshaber aus dem Jahre 1745. Franz Anton Grieshaberwar Gießer der großen Fridolinsglocke von Bad Säckingen und Vater des gleichnamigen Sohnes, welcher das berühmteste und größte Barockgeläute Europas für das Kloster in Sahn goß. Samariterin am Brunnen, einer Kreuzigungs­ gruppe, dem hl. Sebastian und der hl. Anna Selbtritt. Alle Reliefs stammen von Modeln, die auch für andere Glocken wieder Verwen­ dung fanden. Die zweite der lothringischen Glocken in Hausen erhält mit ihrer Inschrift auch ihren Auftrag. A FVLGVRE ET TEM­ PESTATE LIBERA NOS JESV XPE 1552. Die Mundelfinger Glocke dürfte in ihrer Gestaltung wohl die schönste dieser drei sein. Ihre Inschrift: ihs maria xp s vincit xp s 182

re(g)nat xp s imperat xp s ab o(m)ni malo nos defendat 1552. Die Flanke der Glocke ist geschmückt mit einer Kreuzigungsgruppe, zweimal sich gegenüberstehend der hl. Georg im Kampf mit dem Drachen, dazwischen die thronende Madonna unterhalb der vor­ genannten Kreuzigungsgruppe. Der lothringische Wandergießer Peter Rossier, Levecourt, hatte 1699 für die ev. Kir­ che in Öfingen eine der Überlieferung nach prächtig geschmückte Glocke gegossen, die alle Wirren und Kriege überdauerte, um dann 1952 dem Zeitgeist zum Opfer zu fal­ len. Die Glocke war geschmückt mit dem herzoglich-württembergischen Wappen, dem Wappen von Johannes Casparus Bal­ denhofer, dem Wappen des Heiligenvogts Augustinus Rebstockh und dem Wappen des Georgius Fridricus Beer aus Tuttlingen. Aus dem 16. Jh. läutet noch eine Glocke in der kath. Pfarrkirche St. Martin in Hondin­ gen. Ihre Inschrift zwischen Steg und Fries­ band aus Rankenvoluten lautet: SIT NOMEN DOMINI BENEDICTVM EX HOC NV ANNO DOMINI MDL. Pfarrkirche St. Martin in Hondingen: Grünin­ ger-Glocke aus dem Jahre 1550 Aus der im Mittelalter ebenfalls bedeuten­ den Glockengießerstadt Reutlingen finden wir in der Baaremer Glockenlandschaft ebenfalls nur eine Glocke vor. Die Glocke läutet in der kath. Pfarrkirche St. Urban in Schonach und ist von Jos Eger im Jahre 1501 gegossen. Die lateinische Inschrift gleicht mit einigen Abwandlungen einem Teil der Inschriften der Freiburger Hosanna-Glocke aus dem Jahre 1258: me resonante pia populo memento maria ano xvc ain iar do gos ios ege(r). In der Glockenlandschaft der Baar läuten noch viele geschichtlich hochinteressante, bildhauerisch herausragende Glocken. Viele von ihnen sind geschmückt mit Wappen bedeutender Fürstenhäuser und Städte. Eine andere Gruppe von Glocken sind Kuriositäten aufgrund ihrer Herkunft oder ihrer Entstehungsgeschichte. Diesen Glok­ ken ebenso wie den Geläuten der Gottes­ ackerkirche von Bräunlingen, der Pfarrkirche von Hüfingen, der Wallfahrtskirche von Tri­ berg und den Glocken der Stadt Villingen wird in den nächsten Folgen dieses Heimat­ buches ein eigener Beitrag gewidmet. Glockenkenner werden nun fragen: ,,Und wo bleiben die Glocken der Gießerfarnilie Reble/Grürunger aus Villingen? Die Ge­ schichte einer der bedeutendsten Glocken­ gießergeschlechter Süddeutschlands, das weit über die Glockenlandschaft Badens hin­ aus Bedeutung erlangt hat, muß und wird in einem eigenen Beitrag aufgearbeitet werden. Die Inschrift auf einer nicht mehr vorhande­ nen Glocke, von Grüninger im.Jahre 1853 gegossen, soll am Ende dieses Uberblickes stehen. Sie hing bis zum Ersten Weltkrieg in der evang. Pfarrkirche St. Markus in Villin­ gen: Hallt laut durch Tal und Höhn ihr Glocken­ [klänge wider, denn Gott schaut gnadenreich auf diesen [Bau hernieder. Hallt laut zu seiner Ehr, dringt mächtig [himmelan und preiset fort und fort, was er an uns getan. Kurt Kramer 183

Musik Zum 200. Todestag von Wolfgang Amadeus Mozart aufbewahrten Originalbriefe und -Noten Mozarts und in Verbindung mit der ein­ schlägigen Literatur ist man in der Lage, den Zeitpunkt und die Dauer des Aufenthaltes sowie Details über seine musikalischen Akti­ vitäten am fürstenbergischen Hofe zu rekon­ struieren. Man erhält dadurch nicht nur auf­ schlußreiche Einblicke über das Leben und die Gepflogenheiten in einer kleinen Für­ stenresidenz in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, man erfährt auch kleine und wichtige Ausschnitte aus dem bewegten Leben des bedeutenden Künstlers während seiner Konzertreisen. Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791), sein Taufname war Johannes Chrysostomus Wolfgang Gottlieb, befand sich zusammen mit seinem Vater Leopold Mozart, der Vize­ kapellmeister der erzbi chöflichen Kapelle in Salzburg war, und seiner fünf]ahre älteren Schwester Maria Anna (genannt „Nannerl“) während der Jahre 1763-1766 auf seiner ersten großen Konzertreise. Sie führte durch Bayern, die Rheinprovinzen, die Nieder­ lande, Frankreich, England und die Schweiz. Auf der Rückreise, Ende Oktober 1766, kehrten sie von Winterthur über Schaffhau­ sen kommend, aufEinladung auch am fürst­ lich fürstenbergischen Hofe in Donau­ eschingen an. Regierender Fürst war damals Joseph Wenzel Fürst zu Fürstenberg (1728- 1783), der seit 1748 mit Maria Josepha Erb­ truchsessin in Waldburg, Gräfin zu Fried­ berg-Scheer verheiratet war. Der damalige Kammerdiener der Fürstin, Sebastian Win­ ter, der noch im Jahre 1764 als Diener und Friseur in Diensten der Familie Mozart wäh­ rend ihres Aufenthaltes in Paris stand, war sicherlich der Initiator dieses Besuches. Sebastian Winter wird als gebildeter und Sein Aufenthalt in Donaueschingen Die Ausstellungen und Konzerte, die aus Anlaß des 200. Todestages von Wolfgang Amadeus Mozart im Jahre 1991 in aller Welt gezeigt und gegeben werden, sind ein Grund dafür, den Spuren des „Wunderknaben“ auch in unserem Landkreis nachzugehen. Es ist nachweislich bekannt, daß sich dieser Künstler in einem Ort des Landkreises wäh­ rend einer seiner Konzertreisen aufhielt und musizierte: im fürstlich fürstenbergischen Residenzort Donaueschingen. Aufgrund der in der Fürstlich Fürstenber­ gischen Hofbibliothek in Donaueschingen Wo!fgang Amadeus Mozart (1756-1791) im Knabenalter 184

Das fürstlich fürstenbergische Schloß in Donaueschingen – erbaut ab 1723, umgebaut von 1892 bis 1896 – wie es Wolfgang Amadeus Mozart im fahre 1766 während seines zwölftägigen Besuches bei Hofe erlebt hat. Im Vordergrund ist eine.frühere Fassung der Donauquelle abgebildet. gewandter Mann beschrieben, er führte die musikalische Korrespondenz des Fürsten, welcher selbst als ein vorzüglicher Klavier­ und Violoncellospieler und als eifriger Lieb­ haber der Tonkunst bekannt war. Nach dem Tode seines Vaters, des baufreudigen Fürsten Joseph Wilhelm Ernst (1699-1762), hatte Fürst Joseph Wenzel im April 17 62 die Regie­ rung der reichsfürstlichen Linie des Hauses Fürstenberg übernommen und die Musik­ ausübung gleich auf eine höhere Stufe gestellt. Der Vater hielt sich lediglich eine eigene kleine Kammermusik und gab durch­ reisenden Virtuosen Gelegenheit, ihre Kün­ ste im Festsaal des Schlosses zu zeigen. Durch den Wunsch, auch größere Werke aufführen zu können, erweiterte Fürst Joseph Wenzel die Schar der Musikanten, der Anfang der späteren bekannten fürsten- bergischen Hofkapelle war somit gemacht. An deren Spitze stand als Musikdirektor der fürstenbergische Rat Franz Anton Martelli, der bis zum Jahre 1770 in Donaueschingen wirkte. Nun bot sich im Jahre 1766 durch die bereits genannten Beziehungen die Gelegen­ heit, die Familie Mozart für 12 Tage als Gast bei sich haben zu können. Es wurde ein Besuch, der für das spätere Musikleben am fürstenbergischen Hof und für das seit 1775 vom fürstenbergischen Hofbaumeister Franz Joseph Salzmann (vgl. Almanach 1989, Seite 122-128) in der ehemaligen Win­ terreitbahn konzipierte barocke Hoftheater nachhaltig positive Folgen haben sollte. Über Empfang und Aufenthalt der Mozarts im Schloß in Donaueschingen gibt ein Brief Auskunft, den Leopold Mozart am 185

In der Musikabteilung der Fürstlich Fürstenbergischen Hofbibliothek in Donaueschingen befindet sich das Original dieses Mozart-Autographs. Es handelt sich um den Kanon:,, Gehn wir in den Prater,gehn wir in’d Hetz“ in der Handschrift Mozarts. 10. November1766 von München aus an sei­ nen Freund Leopold Hagenauer in Salzburg schrieb: ,,Sr. Durchlaucht der Fürst empjieng uns ausser­ ordentlich gnädig; wir hatten nicht nöthig uns zu melden. Man erwartete uns schon mit Begierde, herr Meisner ist zeuge davon, und Herr Rath M sie Director Rath Martelli kam gleich uns zu complimentieren, und einzuladen. Kurz, wir waren 12. Täg da. 9. Täg war Music von 5. abends bis 9. Uhr; wir machten allzeit etwas besonders. Wäre die ]ahrszeit nicht so weit vorge­ rücket, so würden wir noch nicht loos gekommen seyn. Der Fürst gab mir 24. Louis d’or, und iedem meiner Kinder einen diamantenen Ring; Die Zächer (Tränen) Jloßen ihm aus den Augen, da wir uns beurlaubten, und kurz, wir weinten alle beym Abschied … “ In Donaueschingen legte der erst zehn­ jährige Wolfgang Amadeus auch einige Pro­ ben als Komponistentalent ab, wie aus einem Pariser Verzeichnis seiner Jugend­ werke hervorgeht. Er selbst berichtet in einem Brief: ,, … verschiedene Solisji’ir die Vio­ line und das Violoncello, in Gegenwart des Für­ sten komponiert.“ Diese Kompositionen, die unter Nr. 33 b in das Köchelverzeichnis, dem 186 vollständigen Verzeichnis aller Mozart­ werke, aufgenommen wurden, gelten heute als verloren. Leider kam es zu keinem weiteren Besuch Mozarts in der fürstenbergischen Residenz in Donaueschingen. Man korrespondierte zwar noch nach 20 Jahren lebhaft miteinan­ der und Mozart bot mehrfach seine „neue­ sten Werke“ an, so auch drei Klavierkonzerte und sechs Sinfonien. Auch Vater Mozart schickte Notenmate­ rial an den Kammerdiener Winter, der den jeweiligen Ankauf für die Hofkapelle mit dem Fürsten besprach. Im Jahre 1784 waren es sechs Klaviersonaten, ,,. . . die nicht be­ kannt, sondern nur für uns geschrieben sind . .. „. Da für das kulturelle Leben am fürsten­ bergischen Hof in Donaueschingen im aus­ gehenden 18. Jahrhundert und für die Ver­ bindungen zu Mozart auch die weiteren vor­ handenen Briefe Mozarts wichtige Einblicke vermitteln, sollen sie auszugsweise im Origi­ nalwortlaut wiedergegeben werden. Qiese Briefe und die ebenfalls noch vorhandenen handschriftlichen Notenwerke Mozarts so­ wie viele gedruckte Partituren sind Bestand­ teil der umfangreichen „Musikabteilung“

Rückseite mit dem Kanon: ,,Ave Maria . . . “ der Fürstlich Fürstenbergischen Hofbiblio­ thek in Donaueschingen. In einem Brief von Wolfgang Amadeus Mozart vom 8. August 1786 an Sebastian Winter, der noch immer für die Anschaffung der Musikalien zuständig war, wird dieser wie folgt angesprochen: ,,Liebster freund! gesellschafter meiner Jugend!“ fW. A. Mozart war sieben Jahre alt, als Sebastian Winter für die Mozarts in Paris tätig war!). Mozart schreibt weiter: „Mit ausnehmenden Vergnügen erhielt ich ihr schreiben, und nur unaufschiebliche geschäfte hin­ derten mich ihnen eher zu antworten. – mir ist sehr lieb daß sie sich an mich selbst gewendet haben, ich hätte längst ihrem Verehrungswürdigen fürsten – welchem ich bitte mich zu füssen zu legen, und in meinem Namen für das mir zugeschickte geschenk gehorsamst zu danken – etwas von meiner gerin­ gen arbeit geschickt, wenn ich gewusst hätte, ob und was mein Vater vielleicht schon dahin geschickt hat. ich setze am Ende deswegen eine liste von meinen Neuestengeburten bry, woraus Seine Durch!.: nur zu wählen belieben möchten, um daß ich Hochdieselben bedienen könne. – ich werde, wenn es S: D: gefällig sryn wird, in zukunft immer mit allen neu veifertigten Stücken aufwarten. überdies unterstehe ich mich S.D: einen kleinen Musikalischen Antrag zu machen, und bitte sie mein freund, denselben ihrem fürsten vorzutra­ gen. – Da S:D: ein Orchester besitzen, so könnten H ochdieselben eigens! nur für ihren Hof allein von mir gesetzte stücke besitzen, welches nach meiner geringen Einsicht sehr angenehm sryn würde. – wenn S:D: mir die gnade anthun wollten, mir eine gewisse Anzahl Sinfonien, Quartetten, Con­ certen auf verschiedene instrumenten oder andere Stücke nach belieben das Jahr hindurch anzu­ schaffen, und eine bestimmte Jährliche Belohnung defür auszusprechen, so würden S:D: geschwin­ der und richtiger bedient werden, und ich, da es eine sichere arbeit wäre, ruhiger arbeiten . . . in Erwartung einer baldigen Antwort und der befehle Ihres schätzbaren fürsten bin ich auf immer Wien den 8ten August 1786 ihr wahrer freund und Diener Wolfgang Amade Mozart. “ Sebastian Winter schrieb darauf die Notiz: „Erhalten den 18. August 1786 und beantwortet mit Übersendung der gewählten Musique Thema den 13. Sept. d.a.“ Mit einem weiteren Brief vom 30. Sep- 187

tember 1786, den W. A. Mozart von Wien aus an Sebastian Winter schickt, sendet er auch ein Angebot von Konzerten, Klavier­ stimmen und Sinfonien. Er vermerkt die Zahl der von ihm beschriebenen Bogen Papier, gibt die einzelnen Preise an und berechnet dabei noch fur „Mauth und Porto drei Gulden“. Dieser Brief lautet: »liebster freund! – morgen gehet mit dem Postwagen die Verlangte Musique von hier ab;- den betrag der Copie wer­ den sie zu ende des briefes finden. – es ist ganz natürlich daß einige Stücke, welche ich ganz geflis­ sentlich in die Welt kommen lasse – und habe zhnen die themata davon nur geschickt, weil es doch möglich wäre, daß sie nicht dahin gelanget wären. Die Stücke aber die ich für mich, oder für einen kleinen zirkel Liebhaber und kenner – mit dem versprechen sie nicht aus händen zu geben – zurückbehalte, können ohnmöglich auswärtig bekannt sryn, weil sie es selbst hier nicht sind; so ist es mit den 3 Concerten so ich die Ehre habe S:D: zu schicken; ich war diesfalls bemussiget über den betrag der copie annoch ein kleines honorarium von 6 Dukaten für Jeder Concert anzusetzen, wobry ich doch noch seine D: sehr bitten mzif?, gedachte Concerte nicht aus handen zu geben. – bry dem Concert ex A sind 2 clarinetti. – sollten sie selbe an ihrem Hofe nicht besitzen, so soll sie ein geschickter Copist in den gehörigen ton übersezen, wodann die erste mit einer Violin, und die zwote mit einer bratsche soll gespiellt werden. – was meinen Antrag, so ich mir diefrryheit genommen ihrem würdigen fürsten zu machen, angelangt, so ist zu erst für mich nöthig zu wissen, was für gat­ tung von komposizion S:D: am besten und am nöthigsten brauchen können und wie viel sie jähr­ lich von jeder gattung von mir zu besitzen verlan­ gen, welches ich genau zu wissen wünschte, um meinen Calcul machen zu können. – ich bitte mich S:D: zu fassen zu legen, und höchstderoselben meinen Wunsch deswegen bekannt zu machen. – und Nun, liebster freund! – gesellschafler meiner Jugend! da ich Natürlicherweise die vielen Jahre durch schon oft in Rickan war, und noch niema­ len das Vergnügen hatte sie aldort anzutreffen, so wäre in der that mein grösster Wunsch daß sie mich in Wien, oder ich sie in Donaueschingen besuchen könnte. – Das letztere, verzeihen sie, wäre mir fast noch lieber!- da ich nebst dem Ver­ gnügen sie zu umarmen, auch die gnade hätte zhrem gnädigsten fürsten meine aufwartung zu machen, und mich noch lebhafter der vielen gna­ den, so ich in meinen jüngeren Jahren an ihrem Hofe genossen, zu erinnern, welche ich in meinem leben nie vergessen werde. – in erwartung einer baldigen antwort, und in der schmeichelhaften Hofnung sie doch vieleicht noch einmal auf dieser Welt zu sehn, bin ich Ewig Wien den JOten sept. 1786 ihr ergebenster freund und Diener Wolfgang Amade Mozart.“ Unterschrift von Wolfgang Amadeus Mozart »· . . ihr ergebenster freund und Diener Wolfgang Amade Mozart‘: aus dem Bestand der Musikabteilung der Fürstlich Fürstenbergischen Hefbibliothek in Donaueschingen 188

Anhang zu diesem Brief Nota Die 3 Concerte, ohne Clavier Stimme 109 bogen. zu 8 Xer (Kreuzer) Die 3 Clavier Stimmen 33 und 1/2 bogen zu 10 xer Gulden Kreuzer 14 32 5 35 honorarium für die 3 Concerte 18 Ducaten. zu 4 fl. (Gulden) 30 X Die Sinfonien 116 und 1/2 bogen zu 8 xer Mauth und Porto 81 15 3 32 Summa: 1 19jl. 39x Obwohl Wolfgang Amadeus Mozart selbst nicht mehr an den Hof der Fürsten zu Fürstenberg nach Donaueschingen kam, so blieb er hier doch stets lebendig. Beim Hof­ theater an der Pfohrener Straße standen neben Werken vieler anderer Komponisten fast in jedem Jahr Opern oder Singspiele von Mozart auf dem Spielplan. ,,Die Entführung aus dem Serail“ wurde achtmal gespielt, ,,Die Zauberflöte“ dreimal, ,,Don Juan“ fünfmal, ,,Cosi fan tutte“ zweimal und „Titus“ einmal. „Die Hochzeit des Figaro“ wurde im Jahre 1785 am fürstenbergischen Hoftheater in deutscher Sprache und auf deutschem Boden uraufgeführt und bis zum Jahre 1842 noch fünfmal in den Spielplan aufgenom­ men. Die vielen vollständigen Partituren, die heute der Musikabteilung der fürstenbergi­ schen Hofbibliothek einverleibt sind (2800 Manuskripte und 3300 Druckwerke), wur­ den zu Ende des 18. Jahrhunderts und im frühen 19. Jahrhundert für das Hoftheater angeschafft. Sie konnten beim Brand am 28. April 1850, der das endgültige Aus für das Hoftheater bedeutete, glücklicherweise gerettet werden. Georg Goerlipp Bregbrücke bei Bruggen-Bräunlingen 189

Heiteres aus dem Klosterleben St. Ursula in Villingen Schwester Lucia Betting 1868-1947 Keine Schule im Land kann trotz bestem und qualifiziertestem Lehrpersonal erfolg­ reich sein, besäße sie nicht eine ganze Schar guter Geister, die diesem zur Seite steht, damit das Werk der Erziehung gelingt und die gesteckten Ziele erreicht werden können. Dies galt und gilt zu allen Zeiten auch für das Lehrinstitut St. Ursula. Es muß also außer den Lehrfrauen – heute zumeist weltliche Lehrerinnen und Lehrer – auch solche dienstbaren Helfer geben, die Hausmeister­ arbeiten verrichten: Schüler sind zu beauf­ sichtigen, Hausaufgabenbetreuung zu lei­ sten -und damals, als das Institut noch Inter­ nat war, mußte für die Zöglinge gekocht, deren Schlafräume gereinigt und vieles mehr getan werden. In der kalten Winterszeit waren Klassenzimmer, Fachräume und Schlafgemächer des Klosters zu heizen – nicht wie heute durch moderne Zentralhei­ zungsanlagen, sondern durch die Feuerung zaWreicher Kachelöfen. Für diese Aufgabe war in St. Ursula jahrelang Sr. Maria Lucia Betting zuständig. Und weil diese Arbeit eine Einzelperson allein nicht geschafft hätte, wurden anno dazumal selbstverständlich die Internatsschülerinnen zum Holztragen ein­ gespannt. Dabei stellte sich heraus, daß Sr. Lucia, obwohl keine Lehrfrau, durchaus pädagogi- 190 sehe Qyalitäten entwickelte und es verstand, die jungen Damen auf besonders amüsante Weise für diese Arbeit zu gewinnen. Davon soll später noch in Reimen die Rede sein. Blättern wir zunächst im Lebenslauf die­ ser guten und tüchtigen Klosterfrau: Sie wurde am 15. November 1868 in Den­ kingen nahe Spaichingen auf der Schwäbi­ schen Alb geboren. In ihrer Jugend hatte sie es nicht leicht, und stete Sorgen waren zu Gast in ihrem Elternhaus. – Schon gleich nach der Schulentlassung mußte sie eine Stelle als Dienstmädchen bei einer Villinger Familie antreten und später in gleicher Eigenschaft eine solche im Kloster St. Ursula. Nach mehreren Jahren fleißigen Schaffens begab sie sich nach Freiburg i. Br. ins Mutterhaus der Vinzentinerinnen; denn es war ihr Herzenswunsch, sich dort zur Krankenschwester ausbilden zu lassen. Ihr Vorhaben ging jedoch nicht in Erfüllung, weil sie gesundheitlich den Anforderungen nicht gewachsen war. Der Herrgott wollte sie halt auf einen anderen Platz gestellt wissen, und so kehrte sie wieder nach Villingen ins Kloster zurück. Hier begann Sr. Lucia 1897 ihre Probezeit als Kandidatin der Ursulinen und legte am 30. Oktober 1900 ihre heiligen Gelübde ab. Danach war sie anfangs in der Küche, auf

dem Feld und überall dort eingesetzt, wo Hilfe nötig war. Später betraute man sie mit der Reinhaltung und Heizung des Pensio­ nats bis zu dessen Aufhebung im Jahre 1940. An dieser Stelle sei die Protokollführung des Klosters vermerkt: ,,Sr. Lucia erfüllt dieses Amt gewissenhaft und zu jedermanns Zufrie­ denheit.“ Jahrelang besorgte sie auch die dem Kloster übertragene Wetterstation und half erfolgreich in der Krankenpflege der dem Kloster anvertrauten Kinder. Bei ihnen war sie besonders beliebt. Nie ruhten ihre fleißigen Hände, viele Worte machte sie nie, obgleich sie eigentlich eine Frohnatur war und mitunter auf recht seltsame und originelle Ideen kam. Eine sol­ che will ich am Ende meines Berichtes zum besten geben. Sr. Lucias Heimgang war so still und geräuschlos wie ihr ganzes Leben. Sie ent­ schlief nach kurzer Krankheit in der Nacht auf den 9. Dezember 1947. ,,Möge sie, die stets Zuverlässige uns lehren, die von Gott geschenkte Zeit zu unserem und aller Men­ schen Wohlergehen zu nutzen.“ So endet die Chronistin ihre Lebensgeschichte. Jetzt aber zu den angekündigten Reimen: Sie handeln davon, wie Sr. Lucia vor über einem halben Jahrhundert mit einem humorvollen Trick die Schülerinnen zum Holztragen für die Feuerung der klösterli­ chen Riesenkachelöfen gewinnen konnte. Alle Pennälerinnen wollten sich diese ein­ malige und sehenswerte Gaudi nicht entge­ hen lassen. Sr. Lucia hatte sich nämlich etwas ganz Besonderes für die übliche und prakti­ sche Arbeitskleidung für Klosterfrauen ein­ fallen lassen. Sie, lieber Leser, dürfen darüber unbekümmert schmunzeln und sollten Sie noch der Melodie von „0 Schwarzwald, o Heimat“ mächtig sein, dürfen Sie jetzt sogar nach Belieben in gewählter Stimmlage und Lautstärke den nun folgenden Text mitsingen. O Schwarzwald, o Heimat, wie bist du so schön, wie locken die Herzen die schwarzdunkeln Höh’n zum fröhlichen Wandern in Hochsommer­ zeit, . .. “ so singen die „Maidli“, ihr höret sie weit im Kloster und draußen in Gottes Natur, „o Schwarzwald, o Heimat, wie schön bist du nur!“ O Schwarzwald, o Heimat, du kannst noch viel mehr, mit köstlichen Wundern hilft Lucia sehr, wenn hochgeschürzt ist bei ihr hinten zu seh’n: „0 Schwarzwald, o Heimat, wie bist du so schön,“ wie schleppen die „Maidli“ flugs Brennholz herbei, Frau Lucias Kissentrick wirkt einwandfrei! – 191

Sr. Lucia war ein Original. Sie hatte alle Morgen in der Schule die Öfen zu heizen.jedes Klassenzimmer besaß damals noch seine eigene „Heizanlage“. Zur Freude der Mädchen hatte sie ihren Unterrock mit einem ausrangierten, bestickten Sofakissen geschmückt – geflickt, gerade dort, wo es gut zu sehen war, wenn sie bei ihrer Arbeit den Rock hoch­ schürzte, wie es damals Sitte war. Ein jedes will schauen den „Schwarzwald“, so schön aufLucias Unterrock aufgenäht seh’n. Im Ofen glüht’s Feuer, die Stube wird warm und Klosterfrau Lucia der Zöglinge Schwarm. – O Schwarzwald, o Heimat, wie bist du doch gut, im Sommer zum Wandern, im Winter als ,,Glut!“ – O Schwarzwald, o Heimat, bleib‘ du uns noch lang, mit Krankheit und Sterben machst du uns so bang. O Lucia, selig -o bitte bei Gott, sei uns’re Patronin in unserer Not für’n Schwarzwald -und sag‘ ihm: ,,Die Bäume sind krank“, erhör‘ unser Flehen -wir sagen Dir Dank! Helmut Groß 192

Sylvester Monsignore Adalberts gestörtes Mittagsschläfchen ’s Johr isch alt und sott uff d‘ Liibding, ’s schnuufet herb und herchlet luut, dreaset d‘ Stege uff und abi. ’s ischt ihm z’eng si wiiti Huut. Vu de Stube goht’s i d‘ Kammer, neane find es hitt si Rueh. ’s beischtet no uff d‘ Biini uffi; liisli macht es d‘ Derre zue. ’s lortschet dert a d‘ Schitti änni, wunderfitzig griift’s i d‘ Doot, ’s will nu gucke, we’s im Huus drinn ’s näschtJohr mit em Fese schtoht. Ho, wa ischt, s’word ihm zmol schwindlig, sterbensmied sinkt’s schnell uff’s Schtrau. ’s gesperrt’s ’s ischt Matthe jetz am letschte, ’s Herz ischt krank, s‘ will nimme gau. ’s schliicht i’s Stübli, sitzt an Ofe, nimmt si Nischter no i d‘ Händ. d‘ Kralle gont dor kalti Finger, langsam, langsam kunnt’s zum End. ’s Wälderührli duet zmol hinke, d‘ Gwecht schtond fast am Bode a. Grad wo ’s Johr will’s Ührli uffzieh fangt es zmol a Zwölfi schlaa. ’s Johr keit um, si Herz ischt broche. Kummer hätt es g’ha und Not … No baar Schnuufer duet es mache. – d‘ Uhr schleet uus … und ’s Johr ischt dot. Gottfried Schafbuch Doof =Fach Fese = Korn (Brotfrucht) Alle Jahre wieder beehrt Monsignore Adalbert Simon, ein gebürtiger Villinger, seine einstige Hei­ matstadt Villingen und das Kloster St. Ursula mit seinem Besuch. Er kommt aus Brasilien, wo er seit über fünfzig fahren als Priester wirkt und verschiedenen Schulen als Leiter vorstand. Zu­ letzt betreute er an seinem brasilianischen Wohn­ sitz Sacra-Familia-Do-Tingue ein Internat für heimatl.ose Kinder. – Wenn der freundliche ältere Herr aus seinem Leben erzählt, versetzt er seine Zuhörer in Spannung und Staunen, und alles ist ganz Ohr. So erging es auch dem Karikaturist, der folgende lustige Begebenheit im Bild festhielt: 193

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Kreuze im Schwarzwald-Baar-Kreis In einem neuen Kapitel sollen in dieser und in den kommenden Ausgaben herausragende Kreuze vor­ gestellt werden. Feld- und Wegekreuze vor allem, aber nicht ausschließlich. Das Kapitel erhält deshalb die allgemeine Bezeichnung: Kreuze im Schwarzwald-Baar-Kreis. Das Tierstein-Kreuz im Bregtal Demjenigen, der durch das Bregtal in Richtung Donaueschingen fährt, dem fällt in einer engen Linkskurve auf der rechten Seite des Bregflusses am unteren Waldrand unwillkürlich ein kleiner Felsvorsprung auf, der von einem Kreuz gekrönt wird. Es ist der sogenannte „Tierstein“ bei der früheren „Fischersäge“ auf der ehemals selbständigen Gemarkung „Bregenbach“ zwischen Ham­ mereisenbach und Zindelstein. Bregenbach wurde Ende des letzten Jahrhunderts nach Hammereisenbach eingemeindet, die ehe­ mals ebenfalls selbständige Gemeinde Zin­ delstein ist im Jahre 1924 zur Gemeinde Wol­ terdingen gekommen. ,,Der Tierstein“ ist ein bekannter und fest­ stehender Begriff, ist vermerkt auf alten und neuen Karten und wird durch sein Kreuz bei der Bevölkerung der Gegend in Verbindung gebracht mit einer historischen Begebenheit, um nicht zu sagen mit einer Sage. Erkundigt man sich bei älteren Bewoh­ nern des Bregtales nach dem Grund und dem Jahr der Errichtung dieses Kreuzes, erhält man die Auskunft, daß hier vor langen Zeiten ein Graf von Fürstenberg auf der Flucht war und, um sich vor seinen Verfol­ gern zu retten, sei er mit seinem Pferd von diesem Felsen ins Tal gesprungen. Es sei ihm dadurch nichts geschehen, er habe sich auch nicht verletzt und aus Dankbarkeit habe seine Mutter hier ein Kreuz errichten lassen. Das sei aber schon vor einigen Jahrhunder­ ten gewesen! Wenn man sich von der Hangseite her über einen schmalen Pfad auf diesen Felsvor­ sprung begibt und zum Fuße des Felsens ins 196 Tal hinunterschaut, so ist man von der beachtlichen Höhe beeindruckt. Man wun­ dert sich, daß hier ein flüchtender Reiter unversehrt ins Tal springen konnte. Es sei hier vermerkt, daß es schon jeweils nur 10-20 Meter rechts oder links des Felsens ganz leicht gewesen wäre, dieses Hindernis zu umgehen und ins Tal zu reiten. Nach einer handgezeichneten Karte des fürstlichen Geometers Bourz von Seethaal vom Jahre 1791, auf welcher die Waldungen von Wolterdingen und Zindelstein mit ihrem Grenzverlauf eingezeichnet sind, gab es einen großen und einen kleinen Tierstein. Auf jener Karte und zu jener Zeit allerdings ,,Thürstein“ geschrieben. Der hier behan­ delte Tierstein, der von der Bregtalstraße gesehen werden kann, ist demnach der kleine, der zweite, der dahinterliegende und von hohen Tannen heute verdeckte, ist der große Tierstein. Er ist auch etwa 3mal so hoch. Beide „Felsen“ sind fast kahl, nicht üppig bewachsen, früher sagte man hierzu „durr“, wie „dürr“, und auf einem „Dürrstein“ wur­ den ältere Bäume wegen Humusmangel dürr, sie standen ab. Ob hier aus „Dürrstein“ im Laufe der Jahrhunderte „ Thürstein“ und daraus „Tierstein“ wurde? Interessant ist, daß unmittelbar neben dem „Kleinen Tierstein“ auf der oben erwähnten Karte von 1791 eine „Wolfsgrube“ eingezeichnet ist. Hierbei handelt es sich um eine künstlich angelegte tiefe Grube, die mit dünnen Stangen und mit Reisig abgedeckt war, so daß man Wölfe oder andere Tiere in die Falle locken konnte. Hing der ursprüng-

Tiersteinkreuz (einige Schritte oberhalb der ehe­ maligen Bregtaltrasse zwischen Kilometer 16 und 17), Blick von der Straße Rechts: Blick von der rückwärtigen Seite liehe Namen doch mit „ Tier“ zusammen? Die Deutung des Namens „ Thierstein“ oder „Thürstein“ läßt viele Möglichkeiten offen und könnte zu fantasiereichen Auslegungen führen. Das heutige metallene Kreuz auf dem kleinen Tierstein hat eine Höhe von etwa 6 Meter, ist rotbraun gestrichen und hatte bis vor wenigen Jahren etwa in Augenhöhe eine gegossene Inschrift- oder Widmungstafel. Diese wurde bedauerlicherweise von Souve­ nirjägem abmontiert und entwendet. Die Löcher zur Befestigung derselben sind noch sichtbar. Versucht man nun aus den Archivalien des Fürstlich Fürstenbergischen Archives in Donaueschingen Näheres über den „Tier­ stein“ oder das „ Tiersteinkreuz“ zu erfahren, ist man überrascht, wie spärlich die Hinweise oder Fakten sind. Aus einem eigens angeleg­ ten Aktenfaszikel „Die Errichtung eines Kreuzes auf dem Tierstein“ erfahrt man, daß das Kreuz aus e’inem 201/z Fuß (6,15 Meter) langen Eichenstamm von Zimmermeister 197

Reproduktion nach einer Fotografie aus der zweiten Hä!fte des letzten Jahrhunderts, welche die heute nicht mehr vorhandene gegossene Tafel zeigt Segi aus Allmendshofen für 32 Gulden und 52 Kreuzer gefertigt wurde. Auf Anordnung des Präsidenten Prestinari von der fürstli­ chen Domänen-Kanzlei mußte die Forstei Unterhölzer den Stamm dem Zimmermann zur Verfügung stellen. Der Maurer Stoffier aus Hammereisenbach erhielt den Auftrag, für das Fundament eine Vertiefung in den Fels zu hauen und einen Fußweg auf den Felsen anzulegen, wofür er 28 Gulden und 45 Kreuzer vergütet bekam. Von Maler Wilhelm Jäckle aus Donau­ eschingen, der die Malerarbeiten übernom­ men hatte, ist noch eine Rechnung vorhan­ den, aus der zu entnehmen ist, daß er das Kreuz, eine Kniebank und eine Sitzbank dreimal geölt und gefirnißt hat und dafür 8 198 Gulden berechnete. Dies alles geschah nach dem 6. September des Jahres 1866! Interessante Aufschlüsse über den Grund der Aufstellung des Kreuzes geben nun die weiteren noch erhaltenen Briefe, denn es wurde mit einem Graveur namens L. Seitz in Augsburg korrespondiert. Dieser erhielt den Auftrag für 52 Gulden eine Inschrifttafel für das Kreuz nach einem vorgegebenen Text zu gießen. Glücklicherweise ist den Akten eine heute noch gut erhaltene Fotografie der gegossenen Tafel aus dem Jahre 1866 beigege­ ben, deren Text nun das ganze Geheimnis preisgibt. Der Text lautet: „Zum ewigen unaussprechlichen Dank gegen unsern allgütigen dreieinigen Gott, Vater Sohn und heiliger Geist,

für die gnädige Erhaltung meines innig geliebten Sohnes. Emil Egon Prinz zu Fürstenberg in schwerer Kriegsgefahr im Sommer 1866. Gewidmet von Amalie verwittwete Fürstin zu Fürstenberg geborene Prinzessin von Baden.“ Es ist demnach genau nachzuweisen, daß das Tiersteinkreuz erst seit dem Jahre 1866 auf dem Tierstein steht und die Stifterin die Fürstin Amalie zu Fürstenberg war. Sie, aus dem großherzoglichen Hause Baden stam­ mend, hatte sich im Jahre 1818 mit Karl Egon II. Fürst zu Fürstenberg vermählt. Der Fürst verstarb im Jahre 1854, die Fürstin 1869. Das Ehepaar hatte 3 Söhne und 4 Töch­ ter. Der älteste Sohn, Karl Egon III. (1820- 1892), wurde nach dem Tode des Vaters Chef der sogenannten schwäbischen Linie des Hauses mit Sitz in Donaueschingen, der zweitälteste Sohn Maximilian Egon I. (1822- 1873), wurde der Inhaber der böhmischen Linie mit Sitz in Lana und Prag. Emil Egon (1825-1899), der jüngste Sohn, der auf der Widmungstafel genannt ist, war der Stifter des Fideikommisses Königshof in Öster­ reich. Beim Versuch etwas über sein Leben, zumindest über seine militärische Laufbahn in Erfahrung zu bringen, findet man fol­ gende Nachrichten: ,, … Im Jahre 1866, als es zum Kriege zwi­ schen Österreich und Preußen kam, ent- schloß sich der Prinz, wieder in die aktive Armee einzutreten. Als Ordonanz-Offizier des General Clam-Gallas machte er die Kämpfe an der Jser bei Podol und den Rück­ zug auf Königgrätz mit. Eine Woche nach dem Abschluß des Prager Friedens trat der Prinz aus dem Heere wieder aus. Am 20. Sep­ tember 1866 verlieh ihm Kaiser Franz Joseph den Majors-Charakter ,ad honores‘. Am 15. Oktober erhielt er vom österreichischen Kriegsministerium ein Schreiben, durch wel­ ches ihm im Namen des Kaisers eine Belobi­ gung für seine verdienstlichen Leistungen im Feldzug gegen Preußen ausgesprochen wurde.“ Von einer Verwundung oder von einem Unglück, die ihm während des Krieges 1866 zugestoßen sein könnten, ist in den Akten nichts zu finden. Das Kreuz auf dem Tier­ stein hat seine Mutter sicherlich aus Dank­ barkeit für eine glückliche Heimkehr ihres geliebten Sohnes aus dem Kriege errichten lassen. So ist der Mär ein Ende und auch hier wie­ derum zu beobachten, daß in der mündli­ chen Überlieferung zwar noch ein wahrer Kern steckt, daß aber der wirkliche Grund der Errichtung nicht mehr geläufig ist und der Zeitpunkt derselben in eine graue Vorzeit verlegt wurde. Den Tierstein gibt es schon lange, das Tiersteinkreuz aber erst seit dem Jahre 1866. Georg Goerlipp Feldkreuz und Soldatengrab Das Nockenkreuz über Nußbach bei Sommerau Verläßt man genau auf der Wasserscheide bei Sommerau die Bundesstraße 33 und wandert oder fährt das schmale Sträßchen in Richtung Süden, auf dem man durch das Tiefenbachtal nach Nußbach kommt, dann begegnet man auf dem höchsten Punkt dem sogenannten Nockenkreuz. ,,Gestiftet von Josef Nock im Jahr 1886″ steht unübersehbar am Sockel des eindrucks- vollen Feldkreuzes aus Stahl und Gußeisen mit vergoldetem Corpus. Ich habe von Her­ mann Nock, einem Urenkel des Stifters ein paar Informationen erhalten über das Kreuz und das Grab davor: Josef Nock (1822-1904) war ein tiefgläubi­ ger Bauer auf dem Obertiefenbacherhof in Nußbach. Es war sein Herzenswunsch, auf eigenem Grund und Boden als Segenszei- 199

chen über der Feldflur ein dauerhaftes Kreuz zu errichten. Mehrmals in seinem Leben ist er in die Schweiz nach Einsiedeln gepilgert und hat wohl dort stets seinen Vorsatz erneu­ ert. Im Jahr 1886 konnte er sich seinen Wunsch erfüllen und das meisterhaft gegos­ sene und mit den Leidenswerkzeugen Chri­ sti geschmückte Kreuz aufstellen. Leider ist im Jahr 1954 der Hof mit allen Bildern und Unterlagen ein Raub der Flam­ men geworden, so daß die Gießerei, aus der das Kreuz stammt sowie die hohen Kosten, die Josef Nock aufbringen mußte, nicht mehr genannt werden können. Es hat sich auch kein Bild des BauemJosefNock erhal­ ten, aber sein Kreuz hält die Erinnerung an ihn wach und bringt manchen Wanderer auf einen guten Gedanken. Seine Nachkommen und die Gemeinde Nußbach halten das Kreuz in Ehren. 1986 hat Karl Nock, ein Enkel des Stifters, das Kreuz renovieren lassen, und 500 Nußba­ cher haben mit einem Gottesdienst und 200

Das Feldkreuz auf dem Öschbergbuck Hornecker aus Kenzingen und Feldwebel einem fröhlichen Fest das lOOjährige Jubi­ Heinz Neidhard aus Lück bei Tannenberg läum des „eisernen Kreuzes“ gefeiert. in Ostpreußen. Kameraden haben am Nach­ Besondere Beachtung verdient auch das mittag die beiden Gefallenen an würdigem schlichte Soldatengrab vor dem Kreuz. Es Platz vor dem Kreuz bestattet. Ein Birken­ bewahrt die Erinnerung an die letzten, leid­ kreuz mit Stahlhelm kennzeichnete die vollen Tage des Zweiten Weltkriegs. Am Freitag, den 20. April 1945, rollten die ersten Grabstätte. Ernst Hornecker wurde später umgebettet französischen Panzer durch die Straßen von auf den Friedhof seiner Heimat Kenzingen. St. Georgen. In den Wäldern um Sommerau Heinz Neidhard durfte oder mußte bleiben, lagen in Unterständen noch viele deutsche Soldaten. In einem Gegenangriff am Sonn­ es gab keine Heimkehr mehr nach Ostpreu­ tag, den 22. April, vertrieben sie die Fran­ ßen. Die Familie Nock hat das Grab gepflegt zosen wieder aus St. Georgen. Der Montag, und nach Jahren auch das Birkenkreuz der 23. April, war ein naßkalter Frühlingstag, erneuert. Mit Zustimmung des Volksbundes vormittags noch mit Schneeregen auf den Bergen. Deutsche Soldaten wärmten sich an der deutschen Kriegsgräberfürsorge wird das Einzelgrab an diesem stillen Ort verbleiben. einem rauchenden Feuer etwa 200 Meter Die Stadt Triberg sorgte für das Steinkreuz, vom Nockenkreuz entfernt. Französische sie übernahm auch für die Zukunft die Grab­ Beobachter müssen die kleine Rauchwolke pflege. bemerkt haben. Sie lenkten von weither Kurt Müller Artilleriefeuer in den Wald. Die Granaten brachten den Tod für Unteroffizier Ernst Gestiftet 1990 als Dank für Hilfe in schwerer Zeit Ein durch viele Generationen im Dorf nach­ Es bringt Unglück, ein Feldkreuz verküm­ mern oder an geweihter Stätte gar für immer weisbares Geschlecht, ursprünglich im Orts­ verschwinden zu lassen. So ein alter Volks­ kern ansässig, bis im Frühsommer 1966 dem angestammten Bauernhof ein Blitzschlag glaube auf der Baar und im angrenzenden ein Ende setzte. Am 20.Juni des genannten Schwarzwald. In der Ostbaar, die an volks­ Jahres, zündete im Verlauf eines schweren tümlichen Feldkreuzen und Bildstöcken Unwetters der Blitz gegen 15.40 Uhr auf der wahrhaft keinen Mangel hat, drohte das Ein­ gehen über kurz oder lang einem alten, ver­ Giebelseite des Anwesens. Die fast voll­ ständig eingefahrenen Heuvorräte standen fallenen Steinkreuz auf der Aasener Gemar­ sofort in Flammen, so daß die Feuerwehren kung, über dessen Herkunft und Geschichte im Dorf niemand mehr genaue Auskunft zu aus Aasen und Heidenhofen nur noch ein geben wußte. Jetzt, seit über einem Jahr, Übergreifen des Feuers auf benachbarte Anwesen verhindern konnten. Der Semm­ erhebt sich an der Stelle des vergammelten ler-Ökonomiebau war vollständig niederge­ Steinkreuzes ein repräsentatives Holzkreuz. brannt und vom Wohnteil standen nur noch Errichtet auf dem Öschbergbuck, zieht es die Außenmauern. weithin die Blicke der Auto-und Radfahrer sowie der Fußgänger, die auf der Straße von Alois Semmler mit seiner Familie befand Donaueschingen in die Ostbaar unterwegs sich auf dem Felde, als der Blitz den Hof sind, auf sich. einäscherte. Nachbarn hatten die Feuerwehr Gestiftet hat das neue Feldkreuz die Fami­ alarmiert und trieben das Vieh des Landwirts lie Alois Semmlervom Aasener Siedlerhof2. aus den Ställen in eine nahe Koppel. Außer 201

10. April im genannten Jahr -so zu lesen in Paul Willimskis „Chronik von Aasen“ – wurde der Aasener Bürger Johannes Bühler außerhalb des Dorfes von einer Horde schwedischer Soldaten grausam zu Tode geschleift. Feier eingefunden. Am dritten Oktobersonntag 1990 fand die Weihe des Semmlerkreuzes auf dem Ösch­ bergbuck statt. An die SO Bürger und Bürge­ rinnen aus Aasen und der Nachbarschaft hatten sich mit der Stifterfamilie zu der schlichten Pfarrer Dr. Otto Scheib von St.Johann in Donau­ eschingen, assistiert von vier Ministranten, vollzog den Weiheakt. Gebet, Gesang und die Ansprache des Geistlichen waren abge­ stimmt auf die Liturgie des Kirchweihsonn­ tags. Der Corpus des neuen Erinnerungs­ mals stammt aus der Werkstatt des Bild­ schnitzers Willmann in Pfaffenweiler. Den Kreuzesstamm mit Q!ierbalken hat der Aasener Schreinermeister Kurt Romer aus Fohrenholz geschaffen. den landwirtschaftlichen Geräten konnten auch Teile des Hausrats noch aus Küche und Wohnung geborgen werden. Somit hielt sich der Schaden, der auf80.000 bis 100.000 DM geschätzt wurde, dank der Nachbarschafts­ hilfe, in Grenzen. Die Aussiedlerfamilie Semmler, die un­ weit des Dorfes einen neuen Hof erstellte, versteht die Stiftung des Feldkreuzes auf dem Öschberg als ein Zeichen des Dankes fur glückliche Fügungen und nachbarschaft:li­ che Hilfe in schwerer Zeit. Der Auftrag für das neue Kreuz -so die Semmlerbäuerin am Tag der Weihe des vier Meter hohen Mahn­ mals -fiel der Familie auf dem Weg über die inzwischen abgeschlossene Flurbereinigung in Aasen zu. Der Zustand des alten Stein­ kreuzes hatte ohnehin eine Renovierung ausgeschlossen. Der Standort des geschichtsträchtigen Flurkreuzes ist gut gewählt. Auf der anderen Seite des Feldweges, nur ein Steinwurf weit entfernt, hat sich ein alter Bildstock mit der Jahreszahl 1634 erhalten. Er erinnert an eine Geschichte aus dem Schwedenkrieg. Am 202

Ein geheimnisvolles Steinkreuz in Flitzen Rundum an schönen Herbsttagen gut zu erkennen die bis auf 1000 Meter ansteigen­ den Randberge der Baar: Eichberg und Buchberg, Fürstenberg, Wartenberg. Fern im Westen begrenzen der Hochfirst und dahin­ ter der Feldberg den Horizont. Dr. Lorenz Honold wollte, ein Steinkreuz gesetzt werden. Damit dieses nicht zu klein ausfiel, wurde die Größe genau festgelegt und in Fuß angegeben. Manchmal mußte der Verurteilte es selbst in die Erde graben, auf den Knieen „zu Kreuze Auch der Naturfreund kommt bei einem Spaziergang auf den Öschbergbuck voll auf seine Kosten. Unten, an den vordersten Hang der J uraschwelle, schmiegt sich Aasen, das „königliche Dorf‘. Westwärts dehnt sich die Hochfläche der Baar. Am Fuße des Sehel­ lenbergs breitet sich Donaueschingen aus. Am Kommenbach in Fützen, unweit der Bundesstraße 314 nach Grimmelshofen, fin­ den wir auf einer Obstwiese ein einfaches, aus heimischem Stein grob gehauenes Kreuz. Im Sommer versinkt es fast im Gras und ist meist nur Ortskundigen bekannt. Die Fützener nennen es „Schwedenkreuz“ und respektieren seinen Standort, ahnend, daß hier wahrscheinlich früher etwas Unheimli­ ches geschah. Keine Urkunde, keine Eintra­ gung im Kirchenbuch verrät uns den Grund seiner Errichtung. Man erzählt sich im Dorf, daß an dieser Stelle im Dreißigjährigen Krieg ein Schwede erschlagen worden sei, aber man weiß es nicht genau. – Das wuchtige Steinkreuz schaut ca. 90 cm hoch aus dem Boden, ist ca. 60 cm breit und 25 cm tief. In seinen Maßen erinnert es uns an die Längenmaße, die im Fürstenbergi­ schen Gebiet früher üblich waren (1 Fuß = 30,375 cm). Das Kreuz ist also 3 Fuß hoch, 2 Fuß breit und ungefähr 1 Fuß tief-eine har­ monische Aufteilung. Aus vielen alten Gerichtsurkunden wissen wir, daß im Falle eines Totschlages das Urteil meist dreischichtig aufgebaut war: 1) Bestra­ fung und Buße des Mörders, 2) Sorge für das Seelenheil des Opfers und 3) Vorsorge, daß nicht weiteres Unrecht geschah. Der Täter hatte zunächst eine genau festgelegte Ent­ schädigung an die Familie des Toten zu zah­ len, war ihr doch der Ernährer genommen. Zudem mußten für sein Seelenheil Kerzen, Messen und Jahrtagsämter gespendet und die Pfarrer dafür entlohnt werden. Damit man sich noch lange an den Getöteten erin­ nerte, mußte dort, wo es dessen Familie Das in Pützen am Kommenbach stehende Stein­ kreuz wird von vielen fälschlicherweise Schweden­ kreuz genannt. Es ist dort mit Sicherheit auch kein schwedischer Soldat begraben. Mit großer Wahr­ scheinlichkeit ist es ein mittelalterliches Sühne­ kreuz, dessen Aefstellung ein Teil der damaligen Rechtsprechung war. 203

kriechen“, dazu eine Lichterprozession spenden und sich so öffentlich demütigen. Um der Rache der Familie des Toten zuvor­ zukommen, wurde er häufig noch auf eine Wallfahrt geschickt, die kostspielig war und manchmal sehr lange dauerte (z.B. bis nach Santiago de Compostela in Spanien). Oft war der Pfarrer dafür verantwortlich, daß die Auflagen des Sühnevertrages erfüllt wurden. Auch in unserer Gegend wurden Sühne­ kreuze erstellt. Dies beweist eine Urkunde im F. F. Archiv II, 345 in Donaueschingen aus dem Jahr 1574: Der Blumberger Forstmeister Yesinger wurde von 2 Männern, vermutlich Wilde­ rern, ermordet. Die Täter wurden ermittelt, es waren Heinrich Kramer aus Münchingen und Christian Heldin aus Opferdingen. Das Landgericht Fürstenberg verkündete folgen­ des Urteil: Innerhalb von 14 Tagen müssen sie vom geistlichen Richter die Absolution empfan­ gen, innerhalb eines Monats in der Kirche nach Anweisung des Priesters Besserung schwören. Die Witwe des Försters muß vor­ her davon benachrichtigt werden. An die- De Pfarrer froget in dr Schuel: ,,Ein Christ, Wer kann mir sagen, was das ist?“ Jez stoht dr kugelrund Xaverli uff: ,,Dös sin zwi Balke une Brett druff!“ Bertin Nitz ’s kunnt a Wetter Sait der Kätter. ’s isch no wit Sait der Vit. ’s wird scho kumma Sait der Dumma. ’s isch scho do Sait d‘ Appolo. 204 sem Tage müssen sie von 4 Priestern Messen und Ämter halten lassen (die sie natürlich bezahlen müssen). Jeder Verurteilte muß dabei eine Kerze von einem Vierling Wachs tragen und 4 andere Männer eine Kerze von 112 Vierling Wachs. Dort wo die Obrigkeit es befiehlt, muß ein Steinkreuz gesetzt werden, 4 Fuß hoch und 3 Fuß breit. Die beiden müs­ sen die Kosten des Landgerichtes zahlen, der Witwe als Entschädigung für ihren verlore­ nen Mann 125 Gulden und die gleiche Summe dem Grafen Heinrich zu Fürsten­ berg für seine Ansprache beim Gerichtster­ min. 4 Bürgen müssen für die Erfüllung des Urteilsspruches sorgen. Wir wissen heute nicht mehr, wo das Yesingerkreuz stand, aber ein weiteres Stein­ kreuz wurde 1975 bei der Straßenerweiterung zwischen Hondingen und Fürstenberg gefunden und vom Mesner Eisele auf den Kirchplatz von Hondingen gebracht. Im Kirchturm wartet es zur Zeit noch auf einen neuen, würdigen Platz. Die Vermutung liegt nahe, daß das Fützener Steinkreuz eine ähn­ liche Geschichte wie das Yesingerkreuz hat. Bernhard Prillwitz Wer die Freiheit für grenzenlos hält, den fesselt sie bald mit der Wahrheit der eigenen Grenzen: Freiheit bedeutet nicht, daß man alles tun kann, was man will – sie will, daß man alles, was man kann, für sie tut. So hält sich die Freiheit immer in Grenzen des gegebenen Bertin Nitz Horizonts. Jürgen Henckell W etterprofeta Was isch e Christ? Grenzen der Freiheit “­‘

Baudenkmäler Eine Fabrik als herausragendes Beispiel der Baukunst Egon Eiermanns Taschentuchweberei in Blumberg Funktionalismus in Reinkultur: was funktioniert, ist auch schön Man kann es sich heute nicht mehr vor­ stellen, welches Aufsehen Anfang der SOer Jahre der Neubau der Taschentuchweberei in Blumberg erregt hat. Auf die jungen Archi­ tekten damals wirkte die Fabrik, die Egon Eiermann hierl949/50 errichtet hat, „wie das Fanal einer neuen kommenden Baukunst“. So jedenfalls hat es Jürgen Joedicke in einem Rückblick formuliert. Eine Fabrik als heraus­ ragendes Beispiel der Baukunst? Aber in der Tat ist dieses betont nüchterne, fast schmuck­ lose Gebäude in die Geschichte der deut­ schen Nachkriegsarchitektur eingegangen. Zu verstehen ist die damalige Begeiste­ rung aus der Situation nach 1945, als Deutschland nicht nur wirtschaftlich poli­ tisch, sondern auch moralisch an einem Nullpunkt angelangt war. Das geistige Leben lag danieder, die besten Köpfe waren in der Emigration, viele, die dageblieben waren, hatten sich unter dem Einfluß der nationali­ stischen Kulturpolitik diskreditiert. Die Ver­ bindungen zum Ausland waren durch Zen­ sur und Überwachung abgebrochen. Am Pomp und Protz der Dritten-Reich-Architek­ tur konnte man nicht weiterarbeiten. 205

Zu den wenigen, die sich ihre schöpferi­ sche Freiheit nicht hatten nehmen lassen, gehörte der junge Eiermann (1904-1970). Er, der in den Zwanziger Jahren den strengen Formenkanon des Neuen Bauens erlernt hat, hatte sich der stilistischen Gleichschaltung dadurch entzogen, daß er sich aufindustrie­ bauten verlegte, bei denen er mit seinem Funktionalismus gewissermaßen ungescho­ ren blieb. So konnte er seine architektoni­ sche Formensprache ohne Bruch fortsetzen. Was er gerade in den ersten Nachkriegsjah­ ren schuf, sollte für die nächsten Jahrzehnte in Deutschland Maßstäbe setzen. Zu seinen ersten großen Aufträgen gehörte dabei die Blumberger Taschentuch­ weberei (neben dem zwischen 1948 und 1952 entstandenen Fabrikations- und Verwal­ tungsgebäude der Ciba AG in Wehr). Daß Eiermann nach Blumberg kam, ist ein Glücksfall gewesen. Er geht auf die Bekannt­ schaft zurück, die Helmut Winkler aus der Industriellenfamilie der Firma Lauffen­ mühle während seiner Studienzeit in Berlin mit Eiermann machte. Aus der Bekannt­ schaft wurde eine dauernde Freundschaft: zusammen brachten sie die neue Fabrik zustande, für die Winkler als Bauherr und Eiermann als Architekt 1969 mit dem Hugo­ Häring-Preis ausgezeichnet wurden. Zwei Punkte mögen zu der vergleichsweise späten öffentlichen Wertschätzung geführt haben: der strenge, technisch bedingte konstruktive Funktionalismus und das seinerzeit erstmals verwirklichte Prinzip der Hallenarchitektur, das sich später nicht nur bei Industriebauten durchgesetzt hat, sondern auch bei der Haus-in Haus-Idee nachwirkte. Das Projekt in Blumberg, für dessen Reali­ sierung in dem damaligen Notstandsgebiet sich Staatspräsident Leo Wohleb persönlich eingesetzt hatte, hieß offiziell „Taschentuch­ weberei und Kesselhaus“. Das Gebäude, das 1963 in einem zweiten Bauabschnitt noch­ mals um 100 Meter erweitert wurde, ist heute noch eine Weberei, in der im Schichtbetrieb rund um die Uhr über 300 Mitarbeiter im Monat 1,8 Millionen Baumwolle-, Viskose- 206 und Leinenstoffe für den internationalen Markt herstellen. Die Fabrikationshalle, vor den Toren Blumbergs gelegen, ist insgesamt ein 200 Meter langes, 52 Meter breites und 11 Meter hohes zweigeschossiges Gebäude mit einem nur vier Grad geneigten Flachdach. Auf den beiden Stirnseiten sind gleichsam als archi­ tektonische Spangen zwei Treppenhäuser als eigene Elemente hervorgehoben; auch sie waren, wie der gesamte Baukörper, mit Eter­ nitwellplatten bedeckt, die durch beschich­ tetes Trapezblech inzwischen ersetzt wur­ den. Der Baukörper insgesamt hat einen nahezu geschlossenen Mantel, der jeden architektonischen „Trick“ unmöglich macht und, wie später bei anderen Projekten Eier­ manns, die Großform betont. Schmale Fen­ sterbänder, die nicht in erster Linie der Belichtung, sondern dem Ausblick der hier arbeitenden Menschen dienen, gliedern die Längsseiten. Dazu kommt, daß das Erdge­ schoß durch schwarze Fließen abgesetzt ist. Eine weitere Gliederung stellen die vorgela­ gerten Stahlstützen dar, in einem Raster von 12,50 Meter. Das wär’s dann schon eigent­ lich. Eine große Fabrikationshalle, die ihre Größe nicht verheimlicht und vertuscht, sondern sie geradezu herausstellt. Eine Halle, die nichts als eine Halle sein will, ein sehr konzentrierter Bau ohne alle Schnörkel, in sich geschlossen, ja abweisend, in keiner Weise nach außen hin auf Kommunikation angelegt. Daneben das ebenfalls rechteckige Kesselhaus mit seinem Schmetterlingsdach als Kontrapunkt gesetzt, das, zur Westseite hin, eine fein strukturierte Glasfassade besitzt und im Gegensatz zum Hauptge­ bäude offen wirkt. 1958/59 kam, ebenfalls von Eiermann entworfen, auf der anderen Seite ein Bürotrakt dazu, ein Bau von beste­ chender Einfachheit, eine der berühmten ,,Kisten“ der Funktionalisten. Eiermann ist in der Tat einer der radikalen Vertreter des Funktionalismus der 50er und 60er Jahre gewesen. Er distanzierte sich vom subjektiv tätigen Baukünstler, von der emo-

tional bestimmte Ästhetik. Die Expressivität von Ronchamps etwa war für ihn nichts wei­ teres als ein verzichtbarer Effekt. Ordnung, Rationalität, Klarheit und Wahrheit waren für ihn die Hauptkriterien. Der Architekt als Techniker im Maschinenzeitalter. Den hohen Stellenwert, den dabei die Fabrik in Blumberg in seinem Werk besitzt, unterstrich Eiermann selbst, als er in einem Aufsatz von 1971 exemplarisch sie noch ein­ mal hervorzog: „Derjenige, der die bauliche Hülle errichtet, soll genauso streng und red­ lich vorgehen, wie der, der die Maschine baut. Aus der gedanklichen Durchdringung und Koordinierung aller Zusammenhänge entsteht die gültige Form im Industriebau. Alles andere ist lediglich Dekoration. Es erscheint mir nicht nötig, daß man die Blum­ berger Weberei schön findet; es würde mich freuen, wenn man sie richtig findet. Denn viel, zu viele Dinge, die zur Form geführt haben, entstammen Überlegungen techni­ scher Art. Aber sicher ist der Versuch, in allen Dingen richtig, das heißt, fotgerichtig zu sein, der Ausgangspunkt einer Ubereinstim- mung, die wir dann und am letzten Ende mit Harmonie als einen Begriff des Schönen bezeichnen.“ Auch für einen modernen Architekten sind diese Äußerungen von besonderer Radi­ kalität: Der Architekt, der sich als Ingenieur versteht, der seine Aufgabe technisch löst und dabei an die Kraft und Schönheit der Technik glaubt. Was funktioniert, ist richtig und damit auch schön. Schön im Sinne einer strengen konstruktiven Ratio. In der Tat muß die Blumberger Fabrik der Lauffenmühle, die sich um die Erhaltung des Objekts verdient gemacht hat, als eine besonders konstruktive Leistung begriffen werden. Sie ist eine Stahlkonstruktion, die bis auf zwei Stützreihen in der Mitte einen riesigen Raum überspannt, also eine Halle schafft, die für eine Weberei notwendig ist. Das Dachgeschoß, in dem alle Versorgungs­ einrichtungen untergebracht sind, ist eine tragende Konstruktion, die auf den vor der Fassade liegenden Stahlstützen ruht: auf eigenen Fundamenten – wegen des Grund­ wassers wurde auf einen Keller verzichtet – 207

tragen sie das ganze Gebäude. Eine weitere Idee Eiermanns war es, in diesen Stützen das Regenwasser des Daches abzuleiten (deshalb ist auch eine Dachrinnenbeheizung nötig). Der heute mit der Bauunterhaltung betreute Ingenieur Karlhans Schweizer ist des Lobes voll über diese Konstruktion. Wegen Produktionsveränderungen mußten 1970/71 die, wie sich zeigte, hauptsächlich aus Bauschutt zusammengesetzten Decken herausgeholt und ersetzt werden. Die Halle bestand damals nur noch als Skelett, in das eine stärkere Konstruktion eingehängt wurde. Das Hallenprinzip hatte sich be­ währt, es erlaubte Einbauten nach der Not­ wendigkeit der neuen Produktion. Die kon­ struktive Funktionalität erwies sich auch noch als variabel: die „alte“ Architektur erfüllte ihre neue technische Aufgabe. Eier- mann, hätte er es noch erlebt, wäre darüber sicher glücklicher gewesen als über jeden Schönheitspreis. Eiermann begriff die Welt technisch ratio­ nal und reagierte darauf mit der Ästhetik des Funktionalismus. Vielleicht wäre es gut, wenn heute der eine oder andere Architekt erneut nach Blumberg pilgern würde: zu einer Besichtigung der Weberei. Er könnte dort die große klare Form erkennen, die uns heute in der zunehmend postmodernen Stil­ losigkeit abhanden gekommen ist. Ist es nicht so, daß uns wieder der Schwulst einzu­ holen droht? Wir sollten uns desto mehr auf die Disziplin, Präzision und Ordnung Eier­ manns besinnen und uns weniger roman­ tisch als vielmehr rational verhalten. Dr. Hans Otto Fehr Das Kapuzinerkloster zu Villingen Denkmalpflege heute Niemand kannte inzwischen das Haus anders als eine gewöhnliche Liegenschaft, die größenmäßig noch nicht einmal den Rahmen der benachbarten Häuser sprengte: ein Wohn- und Geschäftshaus wie viele. Immer wieder umgebaut, mit den üb­ lichen Wohnungsfenstern in der Fassade und den großen Ladenscheiben im Erdge­ schoß, hätte bestenfalls der Giebel zur Straße daran erinnern können, daß es mit diesem Hause einmal eine besondere Bewandtnis gehabt haben mußte. Aber selbst die schein­ bar aus der Zeit der Renaissance des 16. Jahr­ hunderts stammenden Voluten mit ihrem eingerollten Ornament täuschen, sie waren und sind ein Kind der Modeme, kaum 90 Jahre alt. Die Rede ist von dem Haus Niedere Straße 88 in der mittelalterlichen Stadt Villingen. Es ist das steinerne Zeugnis einer ge­ schichtlichen Epoche in Deutschland und Europa. Es ist im 17.Jahrhundert der Ort, wo sich in der Stadt in den Jahren nach der Glau­ bensspaltung die Erneuerung des religiösen Lebens verwirklicht. 1653 erhielten die Kapuziner, neben den Jesuiten der zweite große Orden der Gegenreformation, von ihrem Ordenskapitel die Erlaubnis, sich in Villingen niederzulassen. Dort, wo einst mehrere Hofstätten aneinanderstießen und die Kapelle des Heiligen Wendelins zum Gebet mahnte, zog am 16. August 1654 erstmals eine Prozession an den Ort, der ,,von nun an dem Heiligen Franziskus gewid­ met und die Hofstätte für den Bau eines Kapuzinerklosters bestimmt sei“. Ein höl­ zernes Kreuz wurde als weihendes Zeichen errichtet. Der Abbruch der alten Gebäude begann. Vor ein paar Jahren haben die Archäologen Spuren eines siedlungsgeschichtlichen Zu­ sammenhangs nachgewiesen, der in die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts weist. Anfangs November 1655 zogen die ersten Patres ein. 1664 wurde das Kloster dann 208

geweiht. In jener Zeit, nach dem Dreißig­ jährigen Krieg, war es die Hauptaufgabe dieses Ordens, Missionen abzuhalten sowie in der regelmäßigen Seelsorge und bei den Gottesdiensten auszuhelfen. Von ihrem neuen Domizil aus versorgten die Villinger Patres sogar 30 Dörfer, daneben das Städt­ chen Bräunlingen sowie die Flecken Triberg und Donaueschingen. Dabei betätigten sich die Kapuziner einer­ seits auch als die Gewissensräte der Fürsten- berger in Donaueschingen, andererseits waren die Mitglieder dieser noblen Familie die großzügigen und einflußreichen Förde­ rer des damals so bedeutenden Reformordens. Das architektonische Programm von Kirche und Kloster war vom franziskani­ schen Grundsatz nach äußerster Einfachheit und Schlichtheit bestimmt. Es war „gebaute Armut“. Die von der Armutsforderung abge­ leiteten Bauvorschriften sind heute noch ablesbar. 209

Nach dem einheitlichen Bauplan der Kapuziner­ klöster hat auch die Villinger Anlage so ausgese­ hen: Kirche, als Saalkirche für die Gemeinde, Al­ tarraum und dahinter der „innere Chor“für die betende Klostergemeinschaft. Links von der Kir­ che der dreijlügelige Konventstrakt mit den Zel­ len, der mit zwei Giebelseiten an die Kirche stößt. Heute existiert nur noch das ehemalige Kirchenge­ bäude. Der Kreuzgangbereich wurde modern architektonisch nachempfunden. Von der Niederen Straße betrat man den Kirchenraum, eine bescheidene Saalkirche, kaum 180 qm groß. Hier fand sich die üb­ liche Einteilung in zwei Bankreihen, dem „Männerstühl“ und „Weiberstühl“. Durch den Chorbogen betrat man den kleinen Al­ tarraum, hinter dessen Altarwand sich noch einmal ein ebenso kleiner Raum von rund 45 qm befand, der sogenannte „Innere Chor“, der von der Kirchengemeinde nicht eingesehen werden konnte. Hier versammel- 210 . l • ten sich die Patres und Brüder. Ihr Chorgebet entfaltete sich nicht im festlich liturgischen Zeremoniell, und es wollte auch keine in der Kirche versammelte Gemeinde ansprechen. Diese einzig bei den Kapuzinern anzutref­ fende intime Chorlösung dient dem eremi­ torisch-kontemplativen Charakter der be­ tenden Mönchsgemeinschaft. An der Südseite stieß von außen das drei­ flügelige Klostergebäude mit zwei Giebel­ seiten an die Kirche. Die zweigeschossige

Anlage wurde im 19.Jahrhundert abgerissen und die Fläche teilweise überbaut. Was bis auf heute überkam, ist vor allem das ehema­ lige Kirchengebäude. Das Kloster wurde mit dem Anfall Villin­ gens an das Großherzogtum Baden im Jahre 1806 aufgehoben. 1820 wurden Kirche und Klostergebäude samt dem großen Garten durch den Staat an 6 Villinger Bürger um 2500 Gulden verkauft. In der ehemaligen Kirche wurde eine Bierbrauerei installiert. Eine neue Geschichte des Hauses begann, diesmal als reines Vermögensobjekt. Wech­ selvolle Jahre, bestimmt vom Nutzen und Ertrag, ließen das Haus allmählich verkom­ men. Glücksfall oder Fügung: auf jeden Fall ein wenig vom Herzschlag eines Mannes für seine Villinger Heimatstadt, als Helmut Falk und seine Frau, heute Inhaber einer Unter­ nehmensgruppe in München, das Haus 1986 erwarben. Dazu kam ein Architekt, der als gebürtiger Villinger das Gespür für Maß und Form schon seit der Kindheit mitbekommen hat. Anspruch der Denkmalpflege und die Bereitschaft, der historischen Dimension Inhalt, Form und Farbe zu geben, gingen eine Symbiose ein. Nach 180 Jahren gestaltet sich ein neues Bild: Der Kreuzgang wurde auf der Grundlage der historischen Grundrißaufteilung rekon­ struiert. Die frühere Form des Klostergartens wurde in dem Plattenbelag des jetzigen atri­ umförmigen Hofes übernommen. Kirchen­ halle und Chor erlangten wieder ihre ursprüngliche Form und zwar nach dem Modell „Haus in Haus“. Auch die Kirchen­ fenster wurden entweder in originaler Form herausgearbeitet oder in historischer Manier nachgestaltet. Als barocke Zierde, begleitet von stilecht empfundenen runden Fenster­ chen, sogenannten Ochsenaugen, schmük­ ken sie die Nordwand und die Schauseite des Giebels zur Niederen Straße hin. Gewiß, es ist kein neues Kloster entstan­ den. Auch heute steht die wirtschaftliche Nutzung im Vordergrund. Dennoch, ein Denkmal wurde gepflegt, das heißt, zumin­ dest seiner äußeren Gestalt wurden Würde und Ästhetik zurückgegeben. Auch unsere Zeit ist fähig, aus geschicht­ lichem Bewußtsein kulturelle Verantwor­ tung zu tragen. Werner Huger Qu e l l e : Werner Huger, Die Kapuziner und das Kapuzinerkloster zu Villingen … Jahres­ broschüre des Geschichts- und Heimat­ vereins Villingen, XIII, 1988/89 S. 44 ff. Das sanierte Amtsgerichtsgebäude in Donaueschingen Die Stadt Donaueschingen ist seit ca. 400 Jahren mit der Gerichtsbarkeit verbunden. Schon 1588 tagte in Donaueschingen das gräflich fürstenbergische Hofgericht als Appellationsgericht jährlich einmal in einer mehrtägigen Sitzung. Um 1620 ist urkund­ lich belegt, daß Donaueschingen Landge­ richtsstätte wird und 1629 dort das Landge­ richt der Baar zumindest dreimal jährlich tagte. Die Fürstlich-Fürstenbergische Justiz­ hoheit wurde 1806 beendet. Bis dahin war sie eine Abteilung in der Verwaltung des Für- stenbergischen Hofes, die in der heutigen Hofbibliothek untergebracht war. Von 1806 bis 1857 war die amtsrichterliche Justiz unge­ trennt mit der Verwaltung des Großherzog­ tums Baden verbunden. Durch Gesetz vom 18. 7.1857 wurden in Baden Amtsgerichte eingerichtet. Am 1. 9.1857 tauchte als erster Amtsrichter in Donaueschingen Herr Eugen Wolf mit einem Jahreseinkommen von 800 Gulden auf Das Amtsgericht befand sich im 2. Stock des früheren Rathauses. 211

Grossh. Amtsgericht, Donaueschingen 212

Beim großen Brand in Donaueschingen am 5. 8.1908 wurden auch das Rathaus und sämtliche Akten des Amtsgerichts vernich­ tet. Durch notariellen Kaufvertrag vom 17.10.1908 kaufte derGroßherzogliche Badi­ sche Landesfiskus von Donaueschinger Bür­ gern mit den heute noch bekannten Namen Käfer, Mall, Ilg, Wullich, Hölderle und Grießhaber verschiedene Grundstücke, die zusammengelegt das heutige Grundstück des Amtsgerichts ausmachten. Darauf wurde das jetzige Amtsgerichtsgebäude im neuba­ rocken-wilhelminischen Stil in den Jahren 1908 bis 1909 errichtet. Bis zur Generalinstandsetzung in den Jah­ ren 1976 bis 1983 wurden außer dem Einbau einer Zentralheizung keine nennenswerten Renovierungen durchgeführt. Der Bauantrag zur Sanierung wurde am 4.10.1976 über die Oberfinanzdirektion Freiburg beim Finanzministerium Stuttgart gestellt, der am 23.12.1976 im Einverneh­ men mit dem Justizministerium genehmigt wurde. Noch im Dezember 1976 begann die Sanierung der Registratur. Damals glaubte man noch, mit den Kosten unter 1 Million zu bleiben. Anfang des Jahres 1978 hoffte der Direktor des Amtsgerichts, daß die Renovie­ rung nach jahrelangem Bemühen nunmehr zügig und rasch mit einem Aufwand von 2,3 Millionen durchgeführt werden könnte. Da wurde das ganze Vorhaben mit dem Rotstift des Finanzministers Gleichauf gestrichen. Das Schreiben des Chefs des Amtsgerichts an den Finanzminister persönlich vom 23. 6.1978 und weitere Schritte hatten den Erfolg, daß der Finanzminister mit Schrei­ ben vom 25. 8.1978 mitteilte, nach gründli­ cher Überprüfung sei für die gesamte Instandsetzung des Amtsgerichts Donau­ eschingen ein Einzeltitel in den Entwurf des Staatshaushaltsplanes 1979 eingestellt wor­ den, wonach die Bauarbeiten ab 1979 durch­ geführt werden könnten. Am 4.10.1978 wurde der OFD die Baupla­ nung mit 2,8 Millionen DM zur Prüfung und Genehmigung vorgelegt. Damit sofort mit dem Bauvorhaben begonnen werden konnte, wurde von der OFD die Planung auf 2,45 Millionen DM gekürzt und als soge­ nannter Bagatellfall in den Staatshaushalt etatisiert. Am 18. 7.1979 hat die OFD den geänderten Plan genehmigt. Am 17. 8.1979 erteilte die Stadt Donaueschingen die örtli­ che Baugenehmigung, worauf am 19. 9.1979 der Rote Punkt ausgegeben wurde. Darauf hat man die Dacharbeiten ausgeschrieben und in Angriff genommen. In den Winter­ monaten 1979/80 erfolgten weitere Aus­ schreibungen. Am 20. 2.1980 begannen die Roharbeiten im Kellergeschoß. Im Frühjahr 1980 gab es noch harte Meinungsverschiedenheiten über die Standsicherheit des Gebäudes. Der Chef des Amtsgerichts verlangte den Namen des Mannes, der für die Statik und die Stand­ festigkeit des Amtsgerichts geradestehe. Schließlich gab die OFD grünes Licht für eine Behelfsbaracke, die während der Bauar­ beiten den Amtsgerichtsbetrieb aufnehmen sollte. Am 20. 6. 1980 wurde die Baracke im Garten des Amtsgerichts aufgestellt, mit Strom, Wasser, Heizung und allen sanitären 213

Anlagen versehen und anschließend wurde da der Betrieb des Amtsgerichts und Nota­ riats durchgeführt. Jetzt konnten im Hauptgebäude un­ gestört die Baumaßnahmen fortgesetzt und Stahlträger mit einem Gesamtumfang von SO Tonnen eingezogen werden. Am 12. 4.1983 wurde der 1. Nachtrag der OFD vorgelegt, der am 15. 6.1983 mit 3,95 Millio­ nen DM genehmigt wurde. Am 6.10.1983 konnten Amtsgericht und Notariat in das fertiggestellte Gebäude einziehen. Das Gebäude strahlte in neuem Glanz. Dabei war die Denkmalspflege besonders beachtet und der neu barocke Stil der Wilhel­ minischen Zeit wieder voll zum Ausdruck gekommen. Neue Türen, neue Treppen, neue Bodenbeläge und Installationen und besonders der große Sitzungssaal waren für Publikum und Bedienstete eme Augen­ weide. Am 4.11.1983 wurde das sanierte Ge­ bäude in einem Festakt der Öffentlichkeit vorgestellt. Der als Vertreter des Justizmini­ sters anwesende Staatssekretär Dr. Volz war wie alle erfreut über das gelungene Werk und versprach, daß auch in Zukunft das Fami­ liengericht und die 4 Richterplanstellen beim Amtsgericht Donaueschingen verblei­ ben werden. Der Direktor des Amtsgerichts versi­ cherte, daß in diesen schönen Räumen mit Eifer und mit frohem Herzen dem recht­ suchenden Bürger Hilfe angeboten, Gerech­ tigkeit gegen jedermann geübt und das Recht gewahrt werde. Karl Günther Kaiserhüsli/Oberkirnach (Kesselbergweg) 215

Das „Haus des Bürgers“ in Bad Dürrheim … . . . aus der Sicht des Bürgermeisters und Kurdirektors Anfang der 70er Jahre konnte die Stadt Bad Dürrheim die stillgelegte Ludwigssaline erwerben und damit das bedeutende Indu­ striewerk mit dem für Bad Dürrheim ortsbil­ denden Charakter erhalten. Nach der Ver­ waltungsreform befaßte sich der Gemeinde­ rat und die Verwaltung mit der künftigen Nutzung der ehemaligen Salinengebäude. Mit dem Beschluß, das Kernstück der ehe­ maligen badischen Staatssaline zum Verwal­ tungs- und Stadtzentrum umzugestalten, fand das städtebauliche Konzept mit der Eröffnung des von 1988-1990 umgebauten und wieder instandgesetzten Siedhauses III­ als „Haus des Bürgers“ -am 6. Juni 1990 sei­ nen krönenden Abschluß. Die Saline Bad Dürrheim ist ein bedeu­ tendes Kulturdenkmal der ersten Industria­ lisierung im Regierungsbezirk Freiburg. Barocke Schloßbau-Architektur in Verbin­ dung mit technischen Organisationsvorstel­ lungen läßt sich aus den von dem Weinbren­ ner-Schüler Arnold errichteten Bauwerken erkennen. Diese ist die einzige ihrer Art in Südwestdeutschland, die in ihrer charakteri­ stischen Eigenart heute noch erhalten ist. Die Anlage ist nur mit der berühmten Sali­ nenanlage des Architekten Ledoux in Chaux vergleichbar. An der Erhaltung der Salinen­ anlage bestand aus wissenschaftlichen und heimatgeschichtlichen Gründen ein öffent­ liches Interesse, so daß die Salinenbauten seit 1978 unter Denkmalschutz gestellt sind. Das Siedhaus III ist Bestandteil der zwi­ schen 1823 und 1826 durch den großherzog­ lichen badischen Baumeister Friedrich Arnold (1786-1854) errichteten Salinenan­ lage. Man war sich von Anfang an im klaren, daß der Umbau bzw. die Sanierung nicht bil­ lig werden würde. Vorsichtig geschätzt wur­ den zunächst etwa 4,5 Mio. DM. Die Frage, 216 woher die finanziellen Mittel fließen sollten, gewann daher existenzielle Bedeutung für die Erhaltung und Sanierung dieses für die kulturelle Seite der Stadt so eminent wichti­ gen Gebäudes. Da kam das neu geschaffene Denkmal­ nutzungsprogramm des Landes gerade recht. Mitte der 80er Jahre als Konjunkturhilfe geschaffen, bot sich der Stadt hier die ideale Chance, ihre Probleme bezüglich des Haus des Bürgers zu lösen. Nachdem die Stadtver­ waltung im „Geschwindschritt“ die notwen­ digen Planungsunterlagen fertiggestellt und eingereicht hatte, fand das „Haus des Bür­ gers“ damals als einziges Objekt im Schwarz­ wald-Baar-Kreis sofort Aufnahme in das För­ derprogramm. Einige Zeit später kam Bad Dürrheim auch im Stadtsanierungsprogramm des Lan­ des zum Zuge, und auch hieraus entfielen dann Mittel auf das „Haus des Bürgers“. Nachdem die Finanzierung weitgehend gesichert war, konnte die Stadt an die kon­ krete Umsetzung der Pläne gehen. Alle gesellschaftlichen Gruppen der Stadt – Jugend, Vereine, Senioren usw. – sollten von der neu zu schaffenden Einrichtung pro­ fitieren. Deshalb wurden alle diese Gruppen nach Möglichkeit auch schon im Planungs­ stadium angehört, da man sich von ihren Vorschlägen wertvolle Hinweise für die Gestaltung versprach. Der große Saal im Zentrum des Gebäudes, der „Siedersaal“, stellt jetzt das Kernstück des „Haus des Bürgers“ dar. An seiner Stirnseite wurde ein Raum für eine Altenbegegnungs­ stätte vorgesehen, der auch als Mehrzweck­ raum genutzt werden kann. Er erhielt den Namen „Großherzogin-Luise-Raum“, in Er­ innerung an die großzügige Förderin von Bad Dürrheim um die Jahrhundertwende. Die Jugend erhielt im Zuge der Planungen

ein neues Domizil zugewiesen. Sie fand im Bohrturm VII neben der Narrenzunft eine neue Stätte, die im Jahre 1989 eröffnet wurde. Im Obergeschoß des „Haus des Bürgers“ dient ein schöner großzügiger Raum, der „Friedrich-Arnold-Saal“, benannt nach dem Erbauer des Gebäudes, als Treffpunkt von Vereinen, Ausschüssen sowie für Ausstel­ lungszwecke. Beim Umbau zeigte sich bald, daß die Bausubstanz viel schlechter als angenom­ men war und sehr viel saniert werden mußte. Auch bedingt durch die vorgesehenen viel­ fältigen Nutzungsmöglichkeiten mußte daher „tief in die Tasche“ gegriffen werden. Die gesamte Innen- und Außensanierung der ehemaligen „Siedepfanne“ dürfte sich auf knapp 8 Mio. DM belaufen. Im Juni 1990 war es dann soweit. In einer festlichen Einweihung wurde diese neue Begegnungsstätte von Bürgern und Gästen im Siedersaa1 unter Teilnahme zahlreicher prominenter Ehrengäste, wie Herrn Frak­ tionsvorsitzenden Erwin Teufel, dem heuti­ gen Ministerpräsidenten, Herrn Regierungs- präsidenten Dr. Nothhelfer u. a. eröffnet. Seither gingen viele Veranstaltungen über die Bühne. Von der Operette bis zum Tanz­ sportturnier, von großen Tagungen bis zu Ausstellungen des K.Jeintierzüchtervereins, von großen Vereinsjubiläen bis zur Ausstel­ lung des örtlichen Künstlerkreises fand alles im „Haus des Bürgers“ seinen Platz und konnte ausgezeichnet abgewickelt werden. In akustischer, technischer und organisa­ torischer Hinsicht wird das „Haus des Bür­ gers“ allen Anforderungen gerecht, die heute an eine moderne, qualifizierte Kultur- und Veranstaltungsstätte gestellt werden. Das „Haus des Bürgers“ ist eine große Be­ reicherung für Bad Dürrheim. Das kulturelle Leben der Stadt hat damit einen neuen Schwer­ punkt gefunden, um den sich neue Ideen und Taten nunmehr entwickeln können. Die hohen Zuschüsse des Landes haben sich als außerordentlich positiv erwiesen. Mit diesen Zuschüssen, für die die Stadt sehr dankbar ist, ist eine wertvolle und bleibende Verbesse­ rung der Gesamtstruktur der Stadt Bad Dürr­ heim erreicht worden. Gerhard Hagmann 217

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… aus der Sicht des Planers Jeder, der nach Kriegsende die Entwick­ lung des kleinen Ortes Dürrheim zur heuti­ gen Kurstadt Bad Dürrheim unmittelbar erlebt hat, betrachtet staunend die unge­ wöhnlich dynamische Entfaltung dieses Gemeindewesens in der Region. Das Geheimnis des erfolgreichen Aus­ baues beruht auf einer glücklichen personel­ len Konstellation und dem Fleiß der Bürger dieser Gemeinde. Zu jeder Zeit hatten die Stadtväter ein klares Ziel und ein entspre­ chendes Konzept, durch das sie auch den Rückhalt bei der Landesregierung gewan­ nen. Die Bürgermeister und Kurdirektoren Otto Weissenberger und Gerhard Hagmann verfolgten in steter Abstimmung mit den Stadträten langfristig und zugleich kontinu­ ierlich die Ziele der Kurortpolitik. Und diese war – und ist -, für jedermann erkennbar, erfolgreich. Doch das Rathaus hat nicht nur die Be­ lange des Kurgastes zu berücksichtigen, Wün­ sche und Erwartungen, die der Gast bedingt durch die Zeit seiner Kur, seiner Freizeit und dem Wunsch nach Geselligkeit an den Kur­ ort stellt. Auch der Bürger des Kurortes, der durch seine stete Fürsorge am Gast mithilft, das gute Klima zu gestalten, wünscht seiner­ seits die Erfüllung seiner eigenen geselligen Bedürfnisse. Im Interesse des Ausbaues des Kurortes mußte über lange Jahre hinweg der Schwer­ punkt der Investitionen einer guten Infra­ struktur zugemessen werden. In diesem Sinn entstanden in den frühen fünfziger Jahren das damals richtungswei­ sende Kurmittelhaus und Solebad, der Aus­ bau des Kurhauses mit Kurpark; es folgten später der Neubau des Sportbades sowie der Bau des „Hauses des Gastes“ (vgl. Almanach 70, S. 102 ff.) im Rahmen der historischen Salinengebäude. Der Höhepunkt kurörtlicher Attraktivität gelang der Gemeinde durch das großange- legte Konzept des „Solemar“ (vgl. Almanach 89, S. 226 ff.). Diese Bäderanlage erschließt dem Kurgast weit über die therapeutische Funktion hinaus ein einmalig erfreuliches Badeerlebnis. Nachdem nunmehr die entscheidenden Bausteine zum Ausbau des Kurortes gelegt waren, beschloß der Stadtrat die berechtig­ ten und langgehegten Interessen der Bürger der Stadt zu berücksichtigen. Es wurde der einmütige Beschluß gefaßt, den Ausbau und die Sanierung der historischen Siedepfanne für das „Haus des Bürgers“ in Angriff zu neh­ men. Zur Geschichte dieses unter Denkmal­ schutz stehenden Gebäudes ist zu vermer­ ken, daß das Siedhaus III als Teil der großher­ zoglichen Ludwigssaline im Jahre 1823 nach den Plänen des bekannten Architekten und Baudirektors Arnold, eines Schülers des klas­ sizistischen Baumeisters Friedrich Wein­ brenner aus Karlsruhe, erbaut wurde. Von der ehemaligen Gesamtanlage sind nach Abriß zweier weiterer Siedegebäude, der Bohrtürme und Magazine, nur die bei­ den den zentralen runden Platz flankieren­ den Verwaltungsgebäude, heute Rathaus, und die symmetrisch angeordneten langge­ streckten Siedepfannengebäude erhalten geblieben. Diese historisch wertvolle städte­ bauliche Komposition prägt heute die Mitte des Kurortes Bad Dürrheim. Erst 1928 erfolgte die Instandsetzung der Siedepfanne. Nach dem Bau eines neuen Siedhauses im Jahre 1931 wurde das ausge­ diente alte Gebäude seiner Funktion beraubt. Es wurde als Werkstätte und Lager genutzt, später für begrenzte sportliche und bürgerliche Nutzung verwendet. Im Jahre 1970 konnte die Stadt die stillge­ legte Ludwigssaline erwerben und damit das für Bad Dürrheim so bedeutsame Kultur­ und Baudenkmal auf Dauer bewahren. Angesichts der Bedeutung der Aufgabe beriefen Bürgermeister und Stadtrat eine 221

Baukommission, die alle zu treffenden Maßnahmen beratend begleiten sollte, als Grundlage für die im Gemeinderat zu tref­ fenden Beschlüsse. Erste Untersuchungen an der Bausub­ stanz der Siedepfanne machten deutlich, daß es höchste Zeit war, das im Verfall befindliche Gebäude zu retten: Das Mauer­ werk war durchfeuchtet und viele Gewölbe­ teile nicht mehr tragfähig. Die Erdgeschoß­ decke zeigte unterschiedliche Höhen und das großräumige Gefüge der Holzkonstruk­ tion zeigte sich in vielen Teilen vermorscht und nicht mehr tragfähig. Witterung und Salzreste hatten dem Bauwerk hart zuge­ setzt. Der Ausbau in Verbindung mit einer Grundsanierung waren unumgänglich ge­ worden. Dieser kritische Tatbestand machte eine gründliche Vorbereitung der Baumaßnahme in drei Ebenen erforderlich: – Absicherung von Gebäudeteilen und ingenieurmäßige Erfassung des Istzustan­ des im ganzen und im Detail. – Abstimmung mit dem Denkmalamt mit dem Ziel, die neuen Nutzungsbedürfnisse des Saalbaues mit der historischen Bau­ substanz in Einklang zu bringen. – Untersuchung der Frage, wie sich das zu erhaltende Baugefüge räumlich optimal nutzen ließe, so daß die unterschiedli­ chen Anforderungen der Vereine und der Gemeinde zu erfüllen seien. Die Untersuchungsergebnisse und ihre Folgerungen wurden in zahlreichen Sitzun­ gen der Baukommission ausdiskutiert und die in vielen Varianten erarbeiteten Pla­ nungsgrundlagen überprüft. Das Endergebnis der Beratungen hat ihren Niederschlag in der Fertigstellung des Gebäudes gefunden. Von außen stellt es sich von Grund auf saniert vor. Das Erschei­ nungsbild hat insgesamt eine deutliche Auf­ wertung erhalten, wobei die axial angeordne­ ten Haupteingänge zum Bürgersaal beson­ ders hervorgehoben sind. Im Inneren überrascht die räumliche Dominanz des festlichen Saales durch seine 222 Größe und gute Proportion. Der Rhythmus der historischen Stützenordnung ist über­ nommen, doch die kräftigen Holzstützen wurden zur Verbesserung der Sichtverhält­ nisse offener plaziert. Das aus historischer Zeit übernommene Holzwerk konnte in die neuhinzugefügten Teile sichtbar einbezogen werden. Die den Raum breit umrahmende Empore vermittelt dem Bürgersaal eine eigenständige Kraft. Die volle Breite des Raumes bestimmt die Größe der Bühne. Sie ist vielfältig mit Hilfe des Hubpodiums nutzbar. Der Architekt entwarf einen farbigen Bühnenvorhang, der dem ganzen Saal eine festliche Note verleiht. Zwei kleinere Säle, Küche, Foyer und Nebenräume ergänzen die Nutzungsmög­ lichkeiten in vielfältiger Weise. Im „Haus des Bürgers“ ist eine glückliche Synthese gelungen zwischen dem Bewahren der historischen Bausubstanz als Bild der Geschichte Bad Dürrheims und der Erfül­ lung gesellschaftlicher Bedürfnisse unserer Zeit. Durch die natürliche Verbindung von alt und neu gewinnt der Bürgersaal seine Unverwechselbarkeit und die Eigenart seiner ansprechenden Atmosphäre. Das alte Sali­ nengebäude ist in unser heutiges Leben voll einbezogen und zur Attraktivität der Region geworden. Für Bad Dürrheim bedeutet es einen wichtigen Baustein für die Stärkung des Gemeinsinnes seiner Bürger. Der Kurort steht erneut vor einer großen Herausforderung. Im Jahre 1994 wird sich die Landesgartenschau in Bad Dürrheim präsen­ tieren. Dies ist ein guter Anlaß, die land­ schaftlichen Werte des Kurortes, vor allem im Bereich des Kurparks, weiter auszubauen. Für die Region und den gesamten Land­ kreis bedeutet die Landesgartenschau in Bad Dürrheim und die damit verbundene Ent­ wicklung des Kurortes einen großen Gewinn und eine zusätzliche Attraktivität, die allen Bewohnern des Landkreises zugute kommt. Prof. Dr. Horst Linde

Der Villinger Aussichtsturm Eisernes Wahrzeichen des Stadtbezirks Villingen Ein Turm mit 104 Jahren Die Idee war schon im Jahre 1887 gereift, doch für den Bau eines Aussichtsturmes auf der Wannenhöhe in Villingen war auch die Genehmigung durch den Großherzoglichen Bauinspekteur Mayer von der Inspektion in Donaueschingen maßgebend. Und als der schließlich aus detaillierten Plänen wußte, was die „Turmbau-Genossenschaft“ vor­ hatte, gab dieser die Pläne nicht ohne ironi­ sche Bemerkung zurück: ,, … beehren wir uns … unter Rückgabe der Akten und Pläne ergebenst zu erwidern, daß wir es dem dorti­ gen Ernste überlassen müssen, aufgrund der von Herrn Oberförster Ganter und Herrn Grüninger gemachten Angaben, die Bauge­ nehmigung zum Thurmbau zu ertheilen“ – Donaueschingen, den 7.Juni 1888. So war es also den Beamten der Baubehör­ den nicht ganz wohl, als sie vor 104 Jahren den Bau eines eisernen Aussichtsturmes frei­ geben sollten, obwohl dazu eigens eine Genossenschaft gegründet wurde, über deren Geschäftsanteile man den Turm finan­ zierte, für dessen Besteigung man Eintritts­ geld kassierte, aus deren Summe man dann wieder Dividende zahlte. Schließlich wurde der Turm an die Stadt­ gemeinde Villingen verkauft – zum halben Wert der Baukosten. Heute nun ist der Turm als technisches Baudenkmal eingestuft, er wird von Zeit zu Zeit aus Mitteln des tech­ nischen Dezernats der Stadt Villingen­ Schwenningen gewartet und er ist wohl täg­ lich Ziel von Spaziergängern und Ausflüg­ lern: der 30 Meter hohe Turm auf der Wan­ nenhöhe – eisernes Wahrzeichen des Stadt­ bezirks Villingen. Mit 30 Genossen, die meisten wohl dem vermögenderen Teil der Villinger Bevölke­ rung zuzurechnen, wollte die „Aussichts- Winterstimmung turm-Genossenschaft“ den Bau eines Tur­ mes ermöglichen, der viel dazu beitragen sollte, ,,den landschaftlichen Ruf der Stadt und der Gegend vortheilhaft zu gestalten“. Federführend für die Genossen war die damalige Oberförster Hubert Ganter (1848- 1885). Er unterzeichnete auch den Auftrag an die Glockengießerei der Gebrüder Grü­ ninger, in deren Werkstätten am Bickentor die Teile für den Turm gefertigt wurden. Die Baugenehmigung vom Juni 1888 brachte jedoch auch die Auflage, daß der Turm auf dessen Belastbarkeit geprüft werde, 223

was als technische Aufgabe ein Kontrolleur namens Glöckler vornahm, Oberwerkmei­ ster der F. F. Maschinenfabrik in Immendin­ gen. Und weil die Eröffnung des Turmes bereits im September bevorstand, brachte Glöckler sein Gutachten zunächst mündlich vor: der „lange Lulatsch“, wie der Turm spä­ ter im Volksmund genannt wurde, konnte nach damaliger Auffassung eine Belastung von 29.000 Kilogramm verkraften. Das bedeutete schon für die feierliche Eröffnung, daß gleichzeitig 50 Personen auf drei Platt­ formen die Tragfähigkeit belasten durften. Feurige Grüße zum Himmel Es war ein Volksfest, das nach dem 16. September 1888 auch die Zeitungsbe­ richte bestimmte: ,,Die gestern stattgefun- V I t. t. .% ff C:: 3 ff Lage ulld Klima. Schcnswurd15:ke1t..en im badischen Schwarzwald. !).�»:. • „.;““1,,“‚CfoU), _……._ …. ,��,1.i..,,k 11.-.. JlilOuter ,1,-.., n J,1„1 … „“‚ ,t,• Rath&u.1 lH … _..,, – bf.rQhmlclr AHertQ.mor8aatmhat1f, .. ,.MtionJ…,.““-‚ ,………,. b1utlacbea lkhwanwaldbabn …. Krl!J.qlllll Im Spital…. „“, ,. I .,..,,t .,.,, ,h -.j l·-..k,,-., ,l.t nrtL obeR NecllUhalbahn. J““ 00 Romehuiturm. ,W Al‘-il.&lltkhd11, ,. • .,, 1,.. ln,#0. • l,b,,,, …….. l““. 1,..-t ….. 1 ….. _,,.,.“‚….,.\•-.:• .t, ElHmer Aualchlatum -‚ ,,., \ .,_“‚ ,. f:1• •I , , .. …, Jn ln,:..-h. 8Kb1obl,vü.llma; -‚•‘-,-hhr r,,.,.. .. … 1t,tw.,,.,. .. 1 .. h, …… , .. ••.1,. …. i:.. … \, … , �J ·-� … ,11,…_ …… 1,, ….. 1 .. l …. tl‘-‚·–··� .. ,l, ‚,,.,t.,�-n … 1.._t,.,,.,., 1\, … ,t …. Jn..l wt„ A ,l dto x ….. ., !111 � ._ .,,_, llhw, „‚·““‚ ll,,,, ….. ,.f“l,1 .. t … …._ ……….. 01,1. ‚“• .,,…l,fl·r�. 1, „‚“‚-“ 1,1-l••ft �., • ,cJr,L…. ,.,.,,,._II tH-·1.M I h ‚orzu5:e Rls lufikurorL AusflUllC! L, TM•““• .,h,.,p,.1 … tN““� ….. , ,., ,� ,1,,1 J.rh, … ,1 , .. , ,1, i. :,,,._._,“° M…,,…, ,i.. ,…..111 �+. IL , • I.._ • • 1 .,., 111,. 1″ W. • ,, 1 ““ ,; M,,. 1 .. ��l 1) (,,.14,: s. … l t…fl t-, ….. � ,…!.,, …… ,. ..t. … , ‚“‚“ lt l.,,, , .J J,,, , …… -l „ ‚ • .,. � 1„1,, ……. „‚lhL..,.‘ I‘ � ,.,. � R1:• … �:.rn�1�;:-�;.:�:�.t11���:,J,;n,,· • 1),,1.,,…\.il, hlAU011 KllrD•dl. ,,., ,.._ � …… .i.. Oocb••ld.,. w�·‘-·• , … 1. , .,, ,,.,i.., .. ll l…;lh1″‚•�l•““°1,-.. ,,.1 ••M•‘-rll�lfo ……_\ .i..w1..i.. ,,.,,;,,•w .. :-…,,lt,,,l.t.·,,•,. r,“““-\,. .. „“0- 1 ,.._, .• T,·� …. .,.,.. 1 .. � ..J 1 , �·1·• , .. .u,1,. II·• · 1 \. , 1 ·,t.• .. ,1.� !>-, 1..,11J>..,i.. t· ,l h, t., � .. :.-.::·=“�·’�t,:.:: .. ,� .. 1.“� 1 �·.�·: …. ,;-;::· :�· o;:: : •, „“‚ ._, .. \·““‚ .. �� ……. i, ….. u,11,,..,> ,.,, · „‚l „“‚““· ‚“““““ k,.,,.){j·.· :;…,:._:,:,,,i’f::..�:·:;��‘ :‘.;, � !:!;� , .. -s-.,, ·-… , o…i 111·1 ..,, •• �… 1 �1i,,-,..,,, 11Jw-……J, „,J,..,,Qu „ jkf..f“,f-� ‚“““‚-· ,11�1•““1, � „·� •tn., .. � .. �,..,, Xrelaboupt.ttadt.. VIIUqen, „-‚·• 1.-. �,. • 11 •1t.,. IW ..S….,. -..l, …… ,, …… � U.uppl•ta ·“• lcbwarzwllder Jndulrl• -l.lwuo. o,.t,,.un,…,. t, ._, .. “ -L““‚1 l ,….J.i -•bwtc:ba.luD.pritit.heo. 11qmetunn 1111d doch n&hiltD Aul•11tbalL � -:.��·· � „{„�“‚:�.‘ … :..:.�� ;.,“;.:.··:s:; ��,, !�t.n::•re�;:.��ii:.:.7′.�,· .� :,i……..-,; �· 224

dene Eröffnungsfeier brachte die ganze Stadt in Bewegung und auch von auswärts war eine bedeutende Anzahl von Besuchern einge­ troffen.“ Schon in der Frühe verkündeten Böllerschüße vom wichtigen Ereignis. Hubert Ganter hielt die Festrede, nachdem man mit Vorantritt der Feuerwehr-Musik zum Turm gezogen war. Am Abend wurden feurige Grüße zum Himmel gesandt, der Turm wurde bengalisch illuminiert und ein Brillantfeuerwerk wurde abgebrannt, wie es schon die Plakate verheißen hatten. Das Schauspiel brachte die ganze Stadt auf die Beine – die Besichtigung des Spektakels hatte man sehr bequem -sie konnte von der Stadt aus geschehen. Plakate: noch heute käuflich! Auch nach dem Spektakel am Turm war man in der Bevölkerung stolz auf das eiserne Gebilde auf der Wannenhöhe, für das man als Sehenswürdigkeit die Attraktion noch steigern wollte. Eine Broschüre, frei von jeder reklamehaften Anpreisung, könnte der ganzen Stadt von Vorteil sein. War man doch in jenen Jahren grad dar­ an, den Plan für einen Bahnhof und ein eigenes Amtsgericht zu realisieren. Doch die Stadtkasse blieb für diesen Zweck ver­ schlossen! Statt einer solchen Broschüre wollte man allenfalls in die Reihe der „Europäischen Wandbilder“ finanzieren. Das waren plaka­ tive Darstellungen bestimmter Städte und Regionen, über die auch die Bedeutung Vil­ lingens bekannt gemacht werden sollte. Aus Überschüssen der Spar- und Leihkasse half man, die Aktion zu finanzieren. Die „Artisti­ sche Anstalt Orell, Füssli & Co. Zürich“ hatte nach ihrem Angebot diese Art Plakat schließlich mit 3.000 Exemplaren für 60 Pfennig je Stück „wirkungsvoll, wahrheitsge­ treu und geschmackvoll“ ausgeführt, wie in der Korrespondenz zu lesen war. Selbstverständlich war auch der Turm mit abgebildet, was man den Genossen zunächst als Selbstdarstellung ankreidete. Auf Bahn­ höfen im ganzen Land Baden und darüber Turm zu verkaufen! Der plötzliche Tod Hubert Ganters im Jahre 1895 brachte allerdings den Turmbau­ Genossen zur finanziellen Not auch noch den persönlichen Verlust des ersten Vorsit­ zenden. In späteren Jahren wird gar vermutet und spekuliert, Hubert Ganter könnte wegen seiner unüblich betriebenen Forstwirtschaft und dem Geldbedarf hierfür einem gewaltsa­ men Tod zum Opfer gefallen sein. hinaus sollten die Plakate die Fremden lok­ ken, damit deren Aufenthalt in der Zährin­ gerstadt dem wirtschaftlichen Allgemein­ wohl der Stadt und der Bevölkerung diene. Als der erste Rost dem Turm zu schaffen machte, wird Heinrich Dold, bislang Schrift­ führer der Genossen, deren erster Vorsitzen­ der. Er engagiert sich in seinem Amt, doch Dividende auf die Geschäftsanteile, wie in den Jahren 1888/89 über drei Prozent, gab’s keine mehr. Der Turm hatte nämlich seine erste Attraktivität trotz Plakaten eingebüßt, die Einnahmen aus den Eintrittsgeldern – 20 Pfennig für Erwachsene, 10 Pfennig für Kinder – blieben zu gering. Was lag näher, als den Turm zu verkaufen. Zu Beginn des Jahrhunderts war C. Görla­ cher sen. neuer Vorsitzender geworden. Er machte der Stadt deutlich: Die Mitglieder unserer Gesellschaft sind ältere Herren, die sich altershalber und teilweise geschäftswe­ gen mit der Kontrolle der Geschehnisse zum Turm nicht mehr befassen können. Doch der hauptberufliche Bürgermeister Dr. Brau­ nagel lehnte es ab, daß die Stadt den Turm kaufe. Es sei denn, so versuchte Braunagel zu feilschen, man könne den Turm zum hal­ ben Preis des Genossenschaftsvermögens haben. Die Genossen kamen außerordentlich zusammen und noch vor Ende des Jahres 1910 waren die Würfel gefallen: der Turm kam in’s Eigentum der Stadt zum Kaufpreis von 3.500 Goldmark. Bierbrauer Faller, als möglicher Interessent für Turm und ein Aus­ flugslokal benannt, hatte zuvor noch recht­ zeitig abgelehnt. 225

Dem Schutzmann entwischt! Eine wichtige Person am Turm wurde in den folgenden Jahren Amtsdiener Albert Oberle. Er hatte die Aufgabe übernommen, das Eintrittsgeld am Turm zu kassieren, wofür ihm bei seinem Dienst eine Schutz­ hütte am Fuß des Turmes gebaut wurde. Abzurechnen hatte er mit der Stadtkasse … Weniger zuverlässig als Amtsdiener Oberle waren die damaligen Wirtsleute „zum Hohenzollern“ (heute „Panorama Night-Bar“). Ihnen lag das Wohl der Wirts­ hausgäste näher als die Aufgabe, gleichzeitig auch als Verkaufsstelle für die Eintrittsbil­ lette zu gelten. Nur so war es möglich, daß gar ein Frem­ der am Turm unberechtigt Eintrittsgeld kas­ sierte und sich danach aus dem Staube machte … Unerkannt auch von Schutzmann Dürr­ hammer, dem zwei Buben als Zeugen das Protokoll diktierten. Rund-um-Sicht mit Fernrohr Während der Kriegsjahre 1914/18 sind die Protokolle zum Geschehen am Turm spär- lieh. Nur manchmal wird erwähnt, daß das Gelände am Turm „Tummelplatz der Jugend und Ort für allerlei Unfug“ sei. Im März geht der Auftrag ans Stadtbau­ amt, den Turm zu verschließen und entspre­ chend zu verwahren, wie auch immer man sich eine solche Handlung vorzustellen hat . .. Nachdem man 1921 feststellt, daß der Turm noch immer ausreichend stabil ist, meldet man erneut regen Besuch und fordert gleichzeitig, man möge doch der zunehmen­ den Zerstörung Einhalt gebieten. Ein unbekannter Erwin Pfeiffer will wenig später den Turm von der Stadt mieten, aber bei der Verwaltung kann man darin keinen Sinn erkennen: Abgelehnt! Im Mittelpunkt steht der Turm 1938: 50 Jahre ist er alt geworden. Redakteur „r .r.“ zitiert Ereignisse von 1888 und betont das Werk jener Männer mit Weitblick, die den Turm damals ermöglicht hätten. Der Journa­ list schlägt ein Freudenfeuer vor … ein Jahr später brannte Feuer in ganz Europa, der Zweite Weltkrieg war ausgebrochen. Wolfgang Bräun Loblied Wit d’Hoemet mol vu obe säeh, wie us de Vogelschau, no bruchsch dezue ko Flugzeug näeh, kasch nuf uf d’Wanne gau. Dert guckt is Land ganz uschiniert, trotz Rege, Schnee und Sturm, und word so wenig äschtemiert, de guet, alt Aussichtsturm. Er schtoht so stolz dert ob em Roeh, scho über 100 Johr, bi Dag und Nacht so ganz eloe, jetzt isch es nimmi wohr. Frühr hät mer dert de Schoo&nischt gschmeckt und d’Sutte uf em Feld; zmols hond si Gold im Dreck entdeckt, jetzt stinkt es dert no Geld. 226 De Aussichtsturm, der sait kon Ton, denkt a di guet alt Ziit. Dert hät mern baut als Sensation, wos wiit und broet nit giit. Trotz Vatermörder und Korsasch und eme Iitrittsgeld sind d’Liit dert nuf, hond mit Kurasch en Blick riskiert i d’Welt. Der Blick isch wellwäeg gwaltig gsii vu obe rab ringsrum; de Schwenninger i d’Karte nii, an suure Wase num, Ge Diire und is Brigetal und bis an Kesselberg. Türm, Tor und Hiiser uni Zahl, und älles wie fer Zwerg.

(“ ( -r ·� ——–:::::—– ‚-………_ Sait ’s Wetterloch, ’s dät Rege gäe so pünktlich wie e Uhr, und hät mer gar no d’Alpe gsäeh, no ischs om dur und dur. E Reis i d’Welt mit ihre Pracht hät frühr nit intressiert; en Neckermann, wos migli macht, hät no nit existiert. Hit bringt iis ’s Femsäeh äll mitnand di ganz wiit Welt is Huus; vum Nordpol bis gi Feuerland kennt jedes Kind sich uus. Doch frogsch, wo ’s Sachsewäldli liit, guckt mancher ganz verstört, und daß es e Krummränkli giit, hät er no gamie ghört. So armi Chaibe duuret om, stond do im kurze Hemd, sind i de ganze Welt dehom, bloß i de Hoemet fremd. ’s isch duß nit älles Gold wa glänzt; ’s hät manchs de Brägel gschmeckt und godig, weil es frühr hät gschwänzt, si Hoemet mol entdeckt. Und duets de Wäeg uf d’Wanne näeh, no isch es zmols ganz platt: Wo kamer so i d’Wiiti säeh, wo giits der Blick uf d’Stadt? Wer so lang scho dert obe stoht, oezächt bi Schnee und Sturm, ischs wert, daß mem hoch lebe loot: De Villinger Aussichtsturm! Elisabeth Neugart

Ortssanierung Der Friedhof in Nußbach in neuer Gestalt Die Bestattung der Toten ist aus gesund­ heitlichen Gründen, vor allem aber aus Gründen der Pietät seit unvordenklicher Zeit üblich. Ursprünglich war sie eine kirchliche Angelegenheit. Seit dem letzten Jahrhundert wurde sie zu einer Aufgabe der Gemeinden. Friedhöfe sollen als öffentliche Einrichtun­ gen im Dienste der Allgemeinheit eine geordnete und würdige Bestattung der Toten sowie ihre Ehrung ermöglichen und sichern. In jüngster Zeit war die Ruhe des Fried­ hofes im Stadtteil Nußbach durch umfang­ reiche Bauarbeiten wiederholt stark beein­ trächtigt. Über ein Jahrzehnt bestimmten Bauarbeiten und Baumaschinen das Bild auf dem Friedhof. Dazu kam der Baulärm. Die Sanierung des Friedhofes war haupt­ sächlich notwendig geworden, weil keine 228 Bestattungsmöglichkeiten mehr vorhJnden waren. Ein weiterer Grund waren Mängel hinsichtlich der Verkehrssicherheit. Letzt­ endlich ging es aber auch darum, das Gesamtbild des Friedhofes zu verbessern. Zwischenzeitlich ist die Würde des Friedho­ fes wieder hergestellt; es herrscht wieder Ruhe an diesem Ort, die hoffentlich nie wieder gestört werden muß. Die Bürger aus Nußbach können stolz sein auf den neu gestalteten Friedhof. Am Ortseingang – aus Richtung St. Georgen kommend – gelegen, bietet er heute ein ansprechendes Bild, das jedem Vergleich standhält. Dazu tragen in besonderem Maße auch die gut gepflegten Gräber bei. Blättert man in alten Aufzeichnungen, so ist zu erfahren, daß bis zum Jahre 1857 der

Friedhof – wahrscheinlich über einige Jahr­ hunderte hinweg – in der Mitte des Dorfes bei der Pfarrkirche lag. Ebenso wie heute unterlagen Friedhöfe bereits damals besonderen Anforderungen und Gesetzen. Wen wundert es daher, daß sich schon die Verlegung des Friedhofes an den jetzigen Platz äußerst schwierig gestal­ tete und über viele Jahre hinzog, obwohl die Friedhofsmauer, wie es heißt, in einem ver­ wahrlosten Zustand war und die Kirche und das Bezirksamt Triberg unter Androhung von Zwangsmaßnahmen darauf drängten, daß etwas geschieht. Die Kirche hatte seiner­ zeit, was Friedhöfe betraf, ein entscheiden­ des Wort mitzureden, waren doch Beerdi­ gungen ihr alleiniges Privileg. Die Gemeinde war nun gezwungen zu handeln. Sie tat dies auch und erwarb von „Kaiserwirt“ Augustin Armbruster am 13. Oktober 1856 einen Teil des jetzigen Friedhofgrundstückes (Eintrag im Grund­ buch). Schon im März 1857 erhielt Pfarrver­ weser Lenggenhager die Vollmacht, die „untere Hälfte des daselbst neu errichteten Gottesacker nach Vorschrift des Diözesan­ rituales einzusegnen und künftighin als Begräbnisstätte zu benützen“. Damit hatte der Friedhof Nußbach seinen jetzigen Platz gefunden. Doch bereits 1874 war der Fried­ hof wieder zu klein, die Gemeinde kaufte für die Friedhofserweiterung ein angrenzendes Grundstück dazu. In den Folgejahren beschränkt sich der Inhalt der Friedhofsakten auf allgemeine Dinge, wie z.B. Veränderungen in der Aus­ übung des Totengräberdienstes sowie Rege­ lungen und Anordnungen in bezug auf die Friedhofsunterhaltung bzw. Gräberpflege. 1930-31 wurden dann erstmals größere Renovierungsarbeiten durchgeführt. In die­ sem Zusammenhang erfolgten auch mehrere Umbettungen. Bis Ende der 50er Jahre wurden dann lediglich die notwendigsten Instandsetzun­ gen durchgeführt. Und wieder einmal war es soweit, es waren kaum noch freie Grabstellen vorhanden. Dieses Mal half die Familie Obenauer, die der Gemeinde ein kleines Grundstück zwischen Kapelle und Kreisbach­ straße überließ. Damit war das Platzproblem auf dem Friedhof zunächst wieder gelöst. Doch bereits 1970 machte die Belegung erneut Sorge. Dem Gemeinderat war klar, daß die Beseitigung dieser Schwierigkeiten nur durch einen grundlegenden Umbau erreicht werden kann. Kurzfristig gab es zwar Überle­ gungen, den Standort überhaupt zu verän­ dern. Dieser Gedanke mußte jedoch bald wieder aufgegeben werden -ein anderer orts­ naher Platz gab es und gibt es nicht. Nun galt es darüber nachzudenken, was am bisheri­ gen Standort geschehen kann und vor allem, wie können möglichst viele zusätzliche Grabstellen geschaffen werden. Mehrere Alternativen wurden untersucht. Die Hang­ lage, d. h. die schwierige Topographie und andere Zwänge erschwerten das Vorhaben. Folgender Situation stand man gegenüber: schwer zugängliche Grabstellen (Steilhang)­ uralte baufällige Treppenaufgänge – nur schiefe Ebenen -viele Gräber waren zu klein -Belegung insgesamt ungeordnet und ohne System; alles in allem Zustände, die so nicht mehr tragbar waren. Spötter behaupteten damals: In Nußbach würde man stehend beerdigt.1975 erfolgte dann der erste Bauab­ schnitt im hinteren, oberen Teil. Damit war auch der Anfang gemacht für eine totale Neurenovierung. Bis 1977 war auch der zweite Bauabschnitt fertiggestellt. Eine wei­ tere Stützmauer entstand, und so konnten ober- und unterhalb davon ebene Grabrei­ hen angelegt werden. Der gesamte Bereich unterhalb des Mit­ telweges wurde in einem dritten Bauab­ schnitt saniert. Die Arbeiten dazu begannen 1985. Um das Gesamtbild zu verbessern, wollte man im Friedhof von weiteren Stütz­ mauern absehen. Doch ganz ohne ging es nicht. Entlang der Bundesstraße war eine längere Mauer mit Böschung erforderlich. Durch grünen Bewuchs konnte diese aber anschaulich gestaltet werden. Auch im Inne­ ren des Friedhofes wurden die verschiedenen Terrassen durch Böschungen geschaffen. 229

Diese wurden ebenfalls bepflanzt, und so entstand ein wirkungsvolles Gesamtbild. Die Sanierung und der Umbau des Fried­ hofes forderte von den betroffenen Angehö­ rigen viel Verständnis und Entgegenkom­ men. Nicht immer war es leicht, einer not­ wendigen Grababräumung oder Umbettung zuzustimmen. Doch es war unumgänglich, zumal auch die Belegmöglichkeiten des Friedhofes zu Ende gingen. Diese ist jetzt über Jahrzehnte hinaus gesichert. Insgesamt mußten durch die Bauarbeiten von 1975 bis 1985 17 Doppelgräber und 42 Einzelgräber umgebettet werden. Diese Gräber haben alle einen würdigeren Platz erhalten. Zwischen dem zweiten und dritten Bau­ abschnitt wurde die Aussegnungshalle er­ stellt. Mit dieser Maßnahme ist es gelungen, ein Bauwerk zu schaffen, das sich vorteilhaft in die landschaftliche Umgebu’ng einfügt. Bis dahin mußten die Aussegnungen unter freiem Himmel auf der Straße vor dem Fried­ hof durchgeführt werden. Dieser unwürdige Zustand fand damit auch ein Ende. Nun ist wieder Stille und Frieden auf dem Nußbacher Friedhof eingekehrt. Außer zum Gebet an den stets gepflegten Gräbern lädt die gesamte Anlage zur Betrachtung ein. Priska Dold Die Uracher Eulogiuskapelle in neuem Gewand Wer durch das landschaftlich reizvolle Urachtal von Hammereisenbach zur Kalten Herberge fährt oder von hier talwärts mit dem Auto oder – heute seltener – zu Fuß wandert, begegnet auf Höhe des Willmann­ schen Sägewerks zu Urach einem schmuk­ ken Kleinod, der Eulogius-, oder wie im Volksmund genannt, der Roßkapelle. Dieses kleine, unmittelbar an die Talstraße angren­ zende Schmuckstück, übrigens ein vielbe­ gehrtes Fotomotiv, wäre 1985 im Zuge der Straßenverbreiterung bzw. -verlegung um ein Haar der Spitzhacke zum Opfer gefallen, hätte es da den Uracher Hans-Jörg Willmann nicht gegeben, der bekannt ist für seine Liebe zur Heimat und der ein gutes Auge dafür hat, was unserem Schwarzwald erhalten bleiben muß. Für ihn und einige von seiner Idee begei­ sterte Uracher gab es da kein Zaudern mehr, nach alten Zeichnungen das ziemlich herun­ tergekommene und verfallene Kapellchen von Grund auf zu restaurieren. Und weil sowohl das Denkmalamt als auch der Land­ kreis dieses Vorhaben Willmanns gut hie­ ßen, unterstützten sie dieses mit einem finanziellen Zuschuß. Auskunft über die zeitliche Entstehung der Kapelle gibt die in einem der Straße zuge- 230 wandten Balken eingeschnitzte Jahreszahl 1687, die auch schon vor der Restaurierung vermerkt war. Der eigentliche Anlaß zur Errichtung des über dreihundert Jahre alten Kirchleins soll, wie einige chronikkundige Talbewohner zu berichten wissen, das Pech des einstigen Oswaldbauern gewesen sein, welches dieser damals mit seinen Pferden hatte. Er ließ deshalb die Kapelle bauen und dem heiligen Eulogius weihen, der auch Eli­ gius genannt wird, zu deutsch „der Er­ wählte.“ Dieser 588 im französischen Chatelac geborene Bischof gehörte im Mittelalter zu den beliebtesten und volkstümlichsten Hei­ ligen -auch in unserer Schwarzwaldheimat. Kein Wunder, denn er war nicht nur der Schutzpatron zahlreicher Gewerbetreiben­ der, sondern auch der Bauern, Hufschmiede und Pferdehändler, die sich seines Beistan­ des versicherten. Dabei muß man bedenken, welche bedeutende Rolle damals dem Pferd als praktisch einzigem Zugtier zukam, mit dem die schweren Langholzstämme zu Tale transportiert werden konnten, wo sie entwe­ der zu Bauholz und Brettern in den Säge­ mühlen geschnitten oder mit Floßen in weit entfernte Städte und Länder transportiert wurden.

Am 6. November 1988 konnte Pfarrer Anton Schätzle die fertiggestellte Kapelle fei­ erlich weihen und sie wieder ihrem alten Schutzheiligen anvertrauen. Den Männern aber, die unserer Schwarzwaldheimat das kostbare Schmuckstück erhalten haben, gebührt Anerkennung und Dank. Übrigens: Ein Blick in das schlicht und fromm ausgestaltete Innere des Kirchleins lohnt sich. Sollte die Kapellentür verschlos­ sen sein, so kann der Schlüssel im Haus Nr. 22, ein paar Schritte oberhalb des Kirch­ leins, abgeholt werden. Helmut Groß 231

Jürgen Henckell Vor einem Bild von Machu Picchu (Alte Inka-Festung) Über dem Rio Urubamba webten die Sonnenjungfrauen in den Mantel des Sapa Inka fur die Nacht der Legende das Gleichnis aus dunkler Vicufia-Wolle. Gehäutet hat sich die Schlange des Himmels, die ihr brüchiges Kleid auf dem Stein hinterließ. Die Fremden zählen die Stufen bis zum unverstandenen Heiligtum – und legen die Hand in den Rachen des Jaguars, der die Straße der Könige zahnlos bewacht. Der Berg wölbt die Wolkenbrauen und läßt den Regen erzählen: Jede Legende hat ihren Ursprung im Fleisch. 232 Tunlichst Ich denke, manchmal denke ich: Erst das Denken zwischen Tun und Lassen läßt mich das tun, was ich überzeugt nicht lassen kann. Ohne Fluchtpunkt Der Horizont kommt nicht ins Tal – und Fernsehn hat mit Weitblick nichts gemein. Der Berge Hochmut weist das Umgesetzte in die Schranken ihrer Schattenspiele: Mit der Sonne wandern auch die Grenzen, jedes Zögern vor den Höhenwegen wird von ihnen eingeholt. Die Nacht verspricht mit den von ihr erfundnen Lauten unbegrenzte Weite – Ohne Fluchtpunkt aber wendet die Enttäuschung heimlich sich am Tag erneut den Horoskopen zu. Der Horizont kommt nicht ins Tal – Erst jenseits selten nur benutzter Pässe bietet er den Fluchtpunkt neuer Perspektiven an.

Kunst und Künstler Anselm Kiefer – des Malers Atelier, Photographie, übermalt, Postkarte: Gebrüder König, Breite Straße 93, 5000 Köln 1 233

In Donaueschingen 1945 geboren Anselm Kiefer In der Geschichte spiegelt sich Erinnerung und Aktualität Ein Mann steht im Zentrum eines Schwarz-Weiß-Fotos einer Fotoserie, starr und aufrecht, die Hände in den Taschen sei­ nes langen Mantels vergraben (Abb. 1). Er schaut nach links, scheinbar unberührt von allem, was um ihn herum vorgeht. Im Hin­ tergrund schichtet sich eine Landschaft auf: ein schmaler Streifen Boden, auf dem sich die Figur befindet wie auf einer Plattform, Wasser, eine dichte Baumreihe, leicht ver­ schwommen, auf der gegenüberliegenden Uferseite. Der Kopf des Mannes im Vorder­ grund reicht genau bis zu den Wipfeln der Bäume. Darüber der graue Himmel, und der macht zwei Drittel des Fotos aus. Mit Blei­ stift auf das gelbliche Papier geschrieben, auf dem das Foto klebt: ,,am Rhein“. Der hand­ schriftliche Hinweis erlaubt uns anschei­ nend eine Lokalisierung. Eine Beunruhi­ gung für den Betrachter bleibt. Ein Amateur­ foto, aber zu deutlich wird der Charakter des Inszenierens, des Gestellten hervorgehoben, den ein Amateur eher zu verbergen suchen würde. Die Figur ist erkennbar, aber sie nimmt keinerlei Kontakt auf zum Betrachter des Fotos. Die Haltung scheint leger zu sein und wirkt trotzdem denkmalhaft erstarrt. Die präzise geographische Lokalisierung ,,am Rhein“ erweist sich bei genauerem Hin­ sehen als nur scheinbare Genauigkeit. Bilder und Fotos vom Rhein stellen „Sensationen“ heraus, das Besondere, die Loreley, den Dra- Abb.]: Am Rhein, aus: Heroische Sinnbilder, Privatbesitz Anse/m Kiefer; Katalog Kunsthalle Tübingen 234

chenfelsen, eine Burg … Nichts davon ist hier zu sehen. Eintönig, fast archaisch und unbe­ rührt wirkt diese Gegend. Welche Stelle des Rheins ist hier gemeint, welches Ufer? Was ist überhaupt wichtig auf diesem Bild? Der Mann, weil er im Zentrum steht? Der Fluß, weil in der Beschriftung ausdrücklich darauf verwiesen wird? Der Himmel, weil er den größten Teil des Bildes einnimmt? Gerade die Einfachheit des Fotos provo­ ziert die Fragen. Und diese Einfachheit pro­ voziert auch die Assoziationen des Betrach­ ters, die weit über das Foto hinausgehen. Der Rhein als Grenzfluß, als Schauplatz deut­ scher und französischer Geschichte. Kaum einen Ort gibt es auf der Welt, bei dem sich Geschichte und Mythos so sehr verzahnen. Kaum ein Fluß ist so sehr Sinnbild nationa­ ler und nationalistischer Euphorie geworden zwischen pittoresken Burgen und Kriegs­ schrecken. Der Fluß der Nibelungen, der Märchen und Sagen. Ein Fluß als Denkmal. Der Rhein als Motiv deutscher Volkslieder und weinseliger Schlager. Ein Fluß als Grenze und Verbindung. Dazu kommt der Symbolgehalt des Wassers – Geburt und Tod, Leben und Vergessen, Fruchtbarkeit und Verwüstung. Greifen diese Assoziationen nicht viel zu weit bei so einem kleinen, beliebig anmuten­ den Foto? Die folgenden Fotos in diesem Buchobjekt beweisen, daß die Assoziationen gar nicht weit genug gehen können. Auf die Totale des ersten Fotos folgt die Nahauf­ nahme des zweiten (Abb. 2). Die Kamera aus der Draufsicht und näher an die Figur heran­ gerückt. Der Himmel ist verschwunden. Obere Bildgrenze und Wipfel der Bäume fal­ len jetzt zusammen. Viel stärker wird jetzt der Mann ins Bedeutungszentrum gesetzt, gerade weil der dunkle Körper mit dem hel­ len Wasser kontrastiert. Die linke Hand ist aus der Manteltasche genommen und hängt nun herunter. Der rechte Arm ist ausge- Abb. 2: Am Rhein, aus: Heroische Sinnbilder, Privatbesitz Anselm Kiefer; Katalog Kunsthalle Tübingen 235

streckt, die Handflächen nach unten. Der Kopf gesenkt und fast zwischen den Schul­ tern eingegraben. Obwohl die Figur näherge­ rückt ist, die Aufsicht dem Auge Überlegen­ heit verspricht, tritt zugleich eine Distanzie­ rung ein. Eine Richtung, die gewiesen wird, jetzt deutlich „gegen den Strom“? Ein Zei­ chen von Abwehr? Der gesenkte Kopf spricht dagegen. Dagegen spricht auch die flach ausgestreckte Hand. Eine Haltung von Unterwerfung? Der faschistische Gruß etwa gar? Weil wir diesen Bezug nicht sehen wol­ len, sträuben wir uns dagegen, obwohl sich der Eindruck immer wieder aufdrängt. Immerhin ließ sich der elbe Künstler am Anfang seines künstlerischen Weges auf sei­ nen Reisen durch Frankreich, Italien und der Schweiz vor geschichtsträchtigen Orten in ,,Sieg-Heil-Pose“ fotografieren. Daraus ent­ stand ein Buch: ,,Besetzungen“. Erinnerun­ gen, eigene oder vermittelte, an die Nazis, die quer durch Europa „besetzten“, zerstör- ten, mordeten? Oder „besetzt“ hier jemand selbst Orte in der Nachfolge großdeutscher Weltrnannssucht? Das deutlich heraus­ gestellte Imponiergehabe der Pose, ihre demonstrierte Aggressivität ist natürlich auch Provokation. Aber zugleich wird sie durch die Inszenierung als Unsinn desavou­ iert. Auf der dritten Seite des Buches zwei Fotos: Auf dem oberen ist der Mann in weite Feme gerückt (Abb. 3). Nur noch als kleiner Schattenriß auf einer Anhöhe und aus dem Zentrum gerückt ist er zu sehen. Daß wir ihn überhaupt wiedererkennen, liegt an den Bil­ dern vorher. Der ausgestreckte Arm wieder­ holt sich. Über Hügel und Figur wölbt sich ein schier unendlicher Himmel. Dieses Motiv kennen wir: Caspar David Friedrich, ,,Der Mönch am Meer“. Was fehlt, ist das schmale Wasserband bei Friedrich, aber das hat der Betrachter auf den Fotos zuvor wahrgenommen. Caspar David Fried- Abb. 3: Am Rhein, aus: Heroische Sinnbilder, Privatbesitz Anselm Kiefer; Katalog Kunsthalle Tübingen 236

rich, der romantische Künstler, der „deut­ scheste aller deutschen Künstler“, der nach der Zeitschrift „Die Kunst im Deutschen Reich“ von 1940 „innerste Züge unseres nationalen und volklichen Wesens“ reprä­ sentiere. Kaum ein Künstler, der ideologisch so mißverstanden, für nationale Identität so mißbraucht worden ist. Bei Friedrichs „Mönch am Meer“ stellt sich das Gefühl von Einsamkeit ein, bedingt schon allein formal dadurch, daß diese Figur als einzig vorhan­ dene Senkrechte die Horizontalen durch­ schneidet. Hinzu kommt das Gefühl von Unendlichkeit und Isolierung. Als Selbst­ bildnis hat man Friedrichs Bild verstanden, als Bild des in der Gesellschaft einsamen Künstlers. Diese Motive bei Friedrich klin­ gen auch in den Fotos an. Aber die Pose der Foto-Figur ist viel demonstrativer, gekünstel­ ter. Vermittelt wird eher Heroisches als Ein­ samkeit, auch wenn beides sicher nur schwer voneinander trennbar ist. Die Fotoserie stammt von Anselm Kiefer, sie stammt aus dem Buchobjekt „Heroische Sinnbilder“ von 1969. Die Figur auf dem Foto ist Anselm Kiefer selbst. Die ausführ­ liche Beschreibung eines eher kleinen Wer­ kes am Anfang einer Betrachtung über einen Künstler, den Zeitungen und Zeitschriften als „Ereignis“ feiern? Den bestimmte Publi­ kationen als „Kapitalanlage“ hervorheben, weil seine Objekte die teuersten auf der „Hit­ liste“ zeitgenössischer Kunst sind? Wie wich­ tig ist das Thema? Der „Rhein“ (Abb. 4), 14 Jahre später taucht er in einer Holzschnittfolge wieder auf (Abb. 5), und erneut handelt es sich um ein Buchobjekt. Daß es sich überhaupt um den Rhein handelt, akzeptiert der Betrachter durch den Titel. Auf den Holzschnitten selbst weist kein Detail auf eine geogra­ phisch-lokale Präzisierung. Handelt es sich wirklich um einen Fluß, sogar speziell um den Rhein? Die Frage ist nicht wichtig, denn Abb. 4: Der Rhein, Holzschnitt, Marian Goodman Gallery, New York; Katalog Kunsthalle Tübingen — – –�,.;.. ——;.,- . ,::,:.._ — .,._ – ;_ ·• ·-:—-‚-� ·? -ir „“:“ 237

Abb.5: Der Rhein, Col/.ection Saachi, London, Postkarte Art Unlimited, Amsterdam, Overtoom 31 allein um künstlerische Fiktion handelt es sich hier. Eingefangen werden wie in einer Detailaufnahme. Uferböschungen, Sträu­ cher oder Baumstämme setzen Akzente. Manchmal ist das gegenüberliegende Ufer als schwarzes Band zu sehen. Wie die Mase­ rung des Holzes fließt das Wasser vorbei. Am Anfang der Holzschnittfolge ist eine Fluß­ biegung zu sehen, über der eine riesige Kiefer thront. Anspielung auf den eigenen Namen, sicher, es gibt nichts Zufälliges im Werk eines Anselm Kiefer. Außerdem charakterisiert der Baum die Gegend. Diese Kiefer ist der ein­ zige feste Bezugspunkt auf den Blättern. Ein Kameraauge, das Teile heranzoomt oder in der Totale einen Überblick verschafft. Manchmal kommt das Auge so nahe an den Gegenstand heran, daß es unmöglich wird, in den schwarzen Flecken Gegenständliches zu isolieren. Verwischte Formen, der Ein­ druck eines schnellen Vorbeifahrens ergibt sich, eine Zug- oder Autofahrt entlang des Flusses. Wer auf einer Reise ist und das Band der Landschaft betrachtet, das an ihm vor- 238 überzieht, kommt ins Träumen. Bewußt oder unbewußt stellen sich Assoziationen ein: die Volks- und Kunstmärchen mit ihren Feen und Wassergeistern, die alten Sagen, natürlich wieder glückliche oder leidvolle Geschichte, die ganz private Geschichte sein kann oder die Geschichte der beiden an den Rhein angrenzenden Länder Frankreich und Deutschland. Die Bilder huschen schnell vorbei wie die Gedanken. Reise. Das Licht flirrt auf der Wasseroberfläche; der Kontrast von Schwarz und Weiß, durch den Druck schon vorgegeben, wird zur beherrschenden suggestiven Lichtwirkung. Man könnte die Folge als Serie einzelner Blätter begreifen. Wäre da nicht die Tat­ sache, daß der Druck -außer dem Titelblatt – jeweils zwei Seiten umfaßt, so daß der „Buchknick“ in der Mitte wie eine scharfe Linie zwei Hälfte voneinander trennt und damit den Charakter Buch und Druck her­ ausstellt. Das Klebeband in der Mitte, um die einzelnen Seiten zusammenzuhalten, potenziert diesen Eindruck. Vergessen wird

zu leicht, daß Anselm Kiefer ein Maler ist, vorrangig an malerischen Problemen interes­ siert ist. Die Assoziationen stellen sich in­ haltlich her, aber die Art der künstlerischen Gestaltung scheint bei Anselm Kiefer wichti­ ger zu sein als das „bloß“ Inhaltliche. Für den Betrachter ist es häufig sogar einfacher, sich zuerst mit der „Machart“ zu beschäftigen. Buchdruck ist eine alte Technik, die an die Anfange der Modeme erinnert. Das Buch ist nicht mehr Einzelstück, sondern sucht nach Öffentlichkeit, nach Verbreitung. Die Seiten dieses Buches von Anselm Kiefer sind roh geschnitten, sie sind rauh, das suggeriert nicht nur Alter, sondern auch das handwerk­ lich Gemachte. An manchen Blättern haftet Stroh und Erde. Auf einer Seite ist ein Schuhabdruck zu sehen. Stroh und Erde – Bestandteile der Landschaft, die auf den Bil­ dern „durchfahren“ wird. Der Schuhabdruck als Zeichen für Bewegung, eine Landschaft wird „durchwandert“. Peter Schjeldahl be­ schreibt seinen Eindruck beim Durchblät­ tern des Buches anläßlich seiner Präsenta­ tion in der Kunsthalle Tübingen: ,,Das Ganze erscheint auf eine schlichte, derbe, ländliche Art vertraut -wie gehacktes Holz, Rauch, umgegrabene Erde und ein Hauch von Regen in später Morgenluft. Darin ist die Vertrautheit von harter, aber nicht ange­ strengter Handarbeit. Ich spüre den Künst­ ler, wie er grob in das Holz fahrt, Tinte und Papier in der Nähe, den Künstler, der etwas sehen will.“ Holz, Erde, Stroh -immer wie­ der greift Anselm Kiefer auf diese Materia­ lien zurück, denen der Geruch des Erdhaf­ ten, einer frühen Bewirtschaftung und von Arbeit anhaftet. Und das Wort „Geruch“ ist in diesem Fall nicht einmal falsch gewählt, denn diese Materialien sind zu „riechen“, lange noch, wenn sie das Atelier des Künst­ lers schon längst verlassen haben. Das Mate­ rial, der deutliche Hinweis auf das Gemachte läßt mindestens so viele Assoziationen zu wie „Inhalte“ oder Titel. Diese „Inhalte“ (Uferböschung, Bäume, Licht) sind nichts anderes als das verwendete Material: Erde, Stroh, Druckerfarbe. „Will ich Assoziationen -allgemeine und persönliche Farben und Fragmente der Erin­ nerung -in meine Trance einbringen las­ sen?“ fragt Peter Schjeldahl. ,Ja, das kann ich tun. Wenn ich mir das Singen der ihres Gol­ des beraubten Rheintöchter vorstellen möchte, dann ist das in Ordnung. Oder das Dröhnen der Artillerie bei Düsseldorf im Jahre 1945, warum nicht? Das fast Nachläs­ sige, Werkstattmäßige des Buches ist mehr auf Machen als aufZeigen aus. Das ermutigt mich.“ Das „Machen“ vor dem „Zeigen“ ist vielleicht das wesentliche Charakteristikum im Werk Anselm Kiefers. ,,Wenn sie das sehen, ist das in Ordnung“, sagt Anselm Kie­ fer. Und: ,,Ein Bild oder eine Skulptur kann ja nie eindeutig sein … ich mache ja keine politische Kunst, keine Wahlwerbung.“ Das Publikum, und das künstlerisch inter­ essierte Publikum macht da keine Aus­ nahme, lechzt nach Informationen über den Künstler selbst. Fast scheint es manchmal, als sei die Biographie eines Künstlers, anek­ dotenhaft angereichert, soziologisch und psychologisch seziert, wichtiger als das Werk selbst. Wer an Vincent van Gogh denkt, erin­ nert sich an das abgeschnittene Ohr, an Irrenhaus und Selbstmord. Auf die Ausein­ andersetzung mit den Bildern glaubt derje­ nige verzichten zu können, der von den psy­ chischen Defekten und Skandalen eines Künstlers alles zu wissen glaubt. Der be­ zahlte Preis wird wichtiger als das Werk selbst. Und so ganz unschuldig sind gewisse Künstler an dieser Entwicklung nicht, wenn sie ihr Leben in der Öffentlichkeit zelebrie­ ren, es zum „Erfolg“ wird, wenn der Name in den Klatschspalten der Illustrierten auf­ taucht. Anselm Kiefer hat sich bis heute hin jeder ,,Vermarktung“ seiner Person strikt verwei­ gert. Zu sehr erinnert es ihn an das rein wirt­ schaftliche Funktionieren einer Gesellschaft, der Profit oder ein „Immer-Mehr“ wichtiger geworden ist als Phantasie und kreatives Mit­ einanderleben. Das Wort selbst ist ihm zum Begriff einer sinnentleerten Welt geworden. Das zu akzeptieren, fallt um so schwerer, als 239

der Künstler Anselm Kiefer längst zu einer ,,öffentlichen Institution“ geworden ist. Noch so ein Wort, das er haßt. ,,Anstellen“ muß man sich, will man heute überhaupt ein Objekt von ihm bekommen. Und „anstel­ len“ tun sich viele, Museen und Privatperso­ nen. Diese Verweigerung schließt das Biogra­ phische im besonderen ein. ,,Ich wollte nicht vernascht werden“, betont er. Kein „Appe­ tithappen“ für Journalisten und Publikum wolle er sein. ,,Wie ich aussehe, ist sowieso ganz unwichtig … Als Mensch bin ich doch jeder!“ Der Tübinger Katalog von 1990 über die Ausstellung seiner „Buchobjekte“ verspricht ein Kapitel „Biographie“. Ganze drei Zeilen sind diesem Thema gewidmet: ,,1945 in Donaueschingen geboren. Arbeitet in Buchen, Odenwald.“ Das reicht. Geburtsort und Arbeitsort. Dabei gibt auch Anselm Kiefer offen zu, daß „alles, was mich umgibt, in die Arbeit eingeht“. Aber: ,,Ich geb‘ nicht gern Daten prei .“ 1981 stellte die Royal Academy of Arts in London zum ersten Mal die sogenannte „neue deutsche Malerei“ einer breiteren Öffentlichkeit vor, darunter natürlich Anselm Kiefer. Der Katalog damals infor­ mierte auch über weitere biographische Details: Jura- und Romanistikstudium, Hin­ wendung zur Malerei. Schüler bei Peter Dreher in Freiburg von 1966 bis 68 und in Karlsruhe bei Horst Antes (1969). Reisen durch die Schweiz, durch Frankreich und Italien. Beuys-Schüler von 1970 bis 1972. Später wird er einmal feststellen: ,,Ich bin Beuys-Schüler, wie ich Rilke-Schüler, Rodin­ Schüler oder Dreher-Schüler bin … Bei Beuys habe ich nichts Handwerkliches gelernt, sondern Erkenntnisse, Einstellungen zum Leben, Einstellungen zur Arbeit.“ Anselm Kiefer hätte die Reihe seiner „Lehrer“ fortset­ zen können, eine ganze „Ahnenreihe“ deut­ scher und europäischer Kultur. Auf dem 6,82 mal 3,07 Meter großen Bild mit dem Titel ,,Deutschlands Geisteshelden“ tauchen auf: Hans Thoma, Friedrich ll, Richard Wagner, Arnold Böcklin, Theodor Storm, Nikolaus 240 Lenau, die Mystikerin Mechthild von Mag­ deburg, Richard Dehmel, Josef Weinheber und viele andere. Da der Raum nach vorne zu offen ist, läßt sich die Folge ergänzen. Die Reihe ließe sich auch an Hand anderer Bilder fortsetzen: Klopstock, Kleist, Grabbe, Stefan George, Martin Heidegger … ,,Deutschlands Geisteshelden“ in einem düster geheimnis­ vollen Bretterverschlag mit wuchtigen Stütz­ balken (Abb. 6), viel zu groß scheinbar für die Bretter der Decke, ein Dachboden, mit mystisch rätselhaften Feuern, die in den Fen­ stern brennen. Die Funktion des „Dach­ bodens“ wird wörtlich genommen. Er ist Zufluchtsort und der Speicher für überkom­ menes Erbe. Auf dem Speicher hebt man auf, was gerade nicht gebraucht wird, von dem man sich aber nicht trennen will und nicht trennen kann. Aber auch das ist nur eine „Ahnenreihe“, die so vielfältig und unterschiedlich ist, daß sie kaum zu konkre­ ten Aussagen führen kann; ungeachtet der Tatsache, ob dieser dunkle Verschlag eher Zustimmung oder Ablehnung repräsentie­ ren soll. Und das schmale Zahlengerüst wird den am Biographischen Interessierten wohl kaum „befriedigen“ können. Als ich begann, einen Bericht über Anselm Kiefer zu schreiben, da kamen eine Reihe von Donaueschingern mit dem Ange­ bot, etwas über ihn zu erzählen, über seine Lebensumstände von damals, als er noch ein kleiner Junge war, als der Schüler Anselm Kiefer in Donaueschingen lebte. Ist das wirk­ lich wichtig, oder befriedigen solche „Infor­ mationen“ nicht nur ein voyeuristisches Interesse, das von seiner Arbeit ablenkt? Bio­ graphische Details mögen „Anlässe“ für bestimmte Werke sein, in der Arbeit selbst spielen sie keine Rolle mehr, sind kaum noch wiedererkennbar. Anselm Kiefers Verweige­ rung des Biographischen sollte nicht nur respektiert, sondern als Möglichkeit eines ganz anderen, direkteren Zugangs zu seinem Werk begriffen werden. Etwas müßte man der Biographie trotz­ dem anfügen, auch wenn es ganz offen­ sichtlich erscheint: ,,in Donaueschingen

Abb. 6: Notung, Collection Museum Boymans-van Beuningen, Postkarte Art UnlimitedAmsterdam, a.a. 0. (Deutschland!) geboren“. Anselm Kiefer ver­ leugnet seine Herkunft nicht – ganz im Gegenteil. Ein Blick auf das Werk genügt, die vorherrschenden Themen dieses Künstlers wahrzunehmen: Anspielungen auf deutsche Geschichte und deutsche Gegenwart, auf die Ideologie des deutschen Faschismus, auf Deutschtum und Deutschtümelei, Anspie­ lungen auf deutsche Kultur, auf Bildende Kunst, Literatur, Musik. Und noch etwas anderes verrät diese T hemenliste: Anselm Kiefer fühlt sich als deutscher Künstler, als ein Teil dieser deutschen Geschichte und Kultur, die er nicht müde wird, mit immer neuen Werken zu beschwören. Niemandem kann entgehen, wie intensiv sich Kiefer mit dem „deutschen Wesen“ beschäftigt. Strittig ist nur bei Publikum und Kritik, wie denn die Haltung des Anselm Kiefer zu diesen ach so gern verdrängten Themen aussieht. Gerade ein Künstler, der sich mit der Gegenwart oder der jüngsten Vergangenheit auseinandersetzt, muß sich der Frage nach dem Wie der künstlerischen Vermittlung stellen. Da reicht die Skala der Interpreten von „Belege einer ideologischen Propaganda“ bis zur „ironischen Distanz“. Einfacher wäre es für Betrachter und Kriti­ ker, wenn Anselm Kiefer bestimmte Teile der deutschen Geschichte ganz einfach ignorie­ ren würde. Wenn er zumindest ganz eindeu­ tig die faschistische Vergangenheit verdam­ men würde. Aber so leicht macht es ein Anselm Kiefer seinen Rezipienten nicht. Nur ein Beispiel für dieses Unbehagen: „Kiefer eliminiert die (der deutschen Psyche eigenen) arroganten Strukturen, indem er sie zersetzt, indem er sie gegen sie selbst wendet, so daß ein neuer Anfang gemacht werden kann im Sinne der Erschaffung eines neuen menschlichen Selbst“. Er »ist im klassisch­ psychoanalytischen Sinn dabei, sich durch 241

den Alptraum des Deutschseins , hindurch­ zuarbeiten‘ hin zum Tageslicht des Mensch­ seins“, schreibt noch 1984 David Kuspit. Aber dann fallt er zurück in den Vorwurf des arroganten Nationalismus. ,,Seine Kunst ist eine exhibitionistische Demonstration künstlerischer Macht im Namen allgemeiner Humanität und deutscher Stärke, im Namen einzigartigen Deutschseins.“ Es ist immer noch nicht einfach, sich öffentlich dazu zu bekennen, Deutscher zu sein, ohne zugleich lautstark Abscheu ge­ genüber einem Teil seiner „deutschen Ge­ schichte“ zu bekunden, will man nicht vor­ schnell in die hinterste nationalistische Ecke verdammt werden. Die Beschäftigung mit deutscher Geschichte ist mit Tabus verbun­ den, die nicht nur in Deutschland selbst immer noch virulent sind. Die Auseinander­ setzung um Anselm Kiefers Arbeiten wurde vorwiegend -aber nicht ausschließlich -in Deutschland selbst geführt. Die Royal Aca­ demy in London befand schon 1981 ohne Vorbehalte, daß Titel wie „The Nibelungs‘ Ordeal‘.‘ keineswegs zufällig gewählt seien. ,,In seinem gesamten Werk bis heute hin ver­ bindet Kiefer Symbolisches mit seinem Interesse an rein malerischen Problemen; der wichtigste Aspekt seines Werkes ist sicherlich die Art und Weise, wie er teil­ nimmt an historischen Prozessen und Ereig­ nissen, wie er sich einläßt auf die Geschichte seines Landes.“ Anselm Kiefer ist vor allen Dingen Künst­ ler, Maler. Genau das wird all zu leicht ver­ gessen, wenn Interpreten sich auf die Werke einlassen. Der Prozeß des Maiens selbst, die verwendeten Materialien, das interessiert ihn mindestens so stark wie die gewählten Motive und Bildinhalte. Rauh und schwer­ fällig, manchmal brüchig oder schlammig ist die verwendete Farbe. Gemalte Gegenstände -wieder Farbe! -drücken sich mühsam als grobstrukturierte Materie durch die Oberflä­ che. Oft verwendet er Emulsionen, Shellack, eingeklebte Holzstücke, Erde, in die Farbe eingemischten Sand, damit sie noch körni­ ger, noch brüchiger wird. Es gibt den kon- 242 ventionellen und „akademischen“ Pinsel­ strich, aber der ist eher die Ausnahme, er ist nur eine von vielen Möglichkeiten des Farb­ aufstrichs. Gespachtelt kann die Farbe wer­ den, mit den Händen aufgetragen … Eine materielle Malerei aus Erdigem. Dieser Mal­ weise entspricht das Inhaltliche. Der Betrachter ist frei in seinen Assoziationen, Anselm Kiefer hat das immer wieder betont. Diese Assoziationen schließen Inhaltliches und Formales ein. Die sogenannte Freiheit des Betrachters in seinen Assoziationen, die natürlich in bestimmte Richtungen gelenkt werden, sollen und können dann aber auch nicht zu ideologischen Vorwürfen gegen das Werk werden. Was der Betrachter „frei“ asso­ ziiert, hat zunächst einmal etwas mit ihm selbst zu tun. Die Auseinandersetzung mit dem III. Reich ist zwangsläufig zu einem zentralen inhaltlichen Punkt seiner Arbeit geworden. Natürlich hat er diese Zeit nicht persönlich erlebt. Aber nichts empfindet er „grotesker“ als beschwichtigende Worthülsen, die von der „Gnade der späten Geburt“ sprechen oder von der „Stunde Null“. Es geht nicht darum, daß sich da jemand, der „nicht dabei war“, ,,verantwortlich“ fühlt für das, was „im Namen des deutschen Volkes“ geschehen ist. Aber „ich fühle mich dem, was da passiert ist, zugehörig, weil ich mich dem Volk zugehö­ rig fühle … Ich gehöre dazu … Ich habe mir den Ort ja ausgesucht … Man sucht sich das, glaube ich, aus, wo man hinwill … „. Das mag absurd klingen, aber präziser läßt sich der Sachverhalt kaum fassen. Die heutige Manie, angesichts nationalsozialistischer Verbrechen seine „Betroffenheit“ zu bekun­ den, nach Rechtfertigungen oder gar Ent­ schuldigungen zu suchen, ist nur die Kehr­ seite der Verdrängung. Anselm Kiefer bekennt sich dazu – und das ist wahrlich ungewöhnlich genug, ,,deutsch“ zu sein. Und das schließt selbstverständlich alle Pha­ sen der Geschichte ein. Mit „Nationalismus“ hat das am allerwenigsten zu tun. Die Auseinandersetzung mit der Ge­ schichte ist bei Anselm Kiefer nicht bloße

Abb. 7: Innenraum, Stedelijk Museum Amsterdam Beschreibung, die zu irgendeiner Form distanzierter Rechtfertigung führen kann, indem bestimmte Ereignisse in einen „histo­ rischen Prozeß“ gestellt werden. Sie ist kein Akt der Befreiung, um sich“ von seinen Vätern“ loszusagen. Und niemals hat er durch Formen von Ästhetisierung Ereignisse dieser Geschich­ te relativiert. Ironie, Trivialität – und das ist nicht negativ gemeint – und die Grob­ schlächtigkeit seiner Arbeitsweise und seines Materials verweigern sich aller ästhetischen Distanz. Stattdessen wird Vergangenes aktuali­ siert und damit gebrochen. Gegenwart wird aus der Vergangenheit interpretiert, und die Vergangenheit durch das Wissen von der Gegenwart neu beleuchtet. Geschichte ist kein abgeschlossener Prozeß. Anselm Kiefer geht nie von etwas bereits Vollendetem aus. Gegenwart ist nur Zwischenstation auf dem Weg in eine Zukunft, die ebenfalls von dem bereits Gewesenen bestimmt sein wird. Im Bewußtsein dieser Entwicklung, die auch seine eigene Kunst einschließt, überarbeitet er auch seine eigene Werke. Innenräume tauchen im Werk Anselm Kiefers immer wieder auf, sei es der Dach­ bodenverschlag, sei es die gemauerte und bewußt gestaltete Architektur. Innenräume der Architektur sind immer auch „Innen­ räume“ der Seele. 1981 entsteht „Innenraum“ (Abb. 7), ein Werk, das sich heute im Amsterdamer Stede­ lijk Museum befindet. Ein riesiger Saal, fast völlig symmetrisch, menschenleer und düster. Schwarze, hochrechteckige Felder, „Fenster“, an den Seiten und an der dem Betrachteter gegenüberliegenden Schmal­ seite. Eine harte, kantige Architektur, der etwas Gewaltiges, „Großartiges“, aber auch etwas „Größenwahnsinniges“ anhaftet. Ver­ stärkt wird das durch den ockerfarben­ schwarzen Farbbrei, der verwendet wird, dem etwas „Schlammiges“, „Mörtelhaftes“ anhaftet. In der Saalmitte glimmt ein Feuer wie auf einem Scheiterhaufen, ein Holzstoß, aus dem Flammen schlagen. Das Feuer ist die einzig wahrnehmbare „Handlung“ im Bild, sonst geschieht nichts. Das Feuer erleuchtet 243

diesen Saal nicht, so wenig wie das gewaltige, vergitterte Oberlicht. Ein eigentümlich, un­ heimliches Licht, weil weder das Feuer noch die Helligkeit von draußen im Raum einen Widerhall finden. Die Lichtpartien sind nur heller als ihre Umgebung, mehr nicht. Bei einem solchen Raum drängen sich die Parallelen geradezu auf: Leonardo da Vincis „Letztes Abendmahl“ aus dem Refektorium des Klosters von S. Maria della Grazie in Mailand: Christus und die Apostel in einem Saal von ähnlich bis gleicher Gestalt. Auch hier ein Raum, der symmetrisch in die Bild­ tiefe führt, den Betrachter wie bannend in diese Tiefe hineinsaugt. Die dunklen Flek­ ken links und rechts, bei Leonardo waren es einmal Gobelins an den Wänden, die im Lauf der Geschichte verblaßt und zerstört wurden. Die Rückwand bei Leonardos „Abendmahl“ allerdings, drei Felder wie bei Anselm Kiefer, wird durch drei helle Fenster­ öffnungen betont. Die Kassettendecke bei Leonardo findet ihre Entsprechung in der Vergitterung bei Anselm Kiefer. Aber Leonardos Raum ist nur das „Ge­ häuse“, der äußere Rahmen für das eigent­ lich wichtige Ereignis. Bei Anselm Kiefer gibt es keine Personen und kein Ereignis. Der Raum ist nackt und leer, ist nur Kulisse. Er scheint zu warten auf die Personen, die die­ sem Raum erst seinen Ereignischarakter geben werden. Aber vielleicht haben diese Personen den Raum auch schon verlassen, ist das „Ereignis“ längst erfolgt? Schon einmal hat ein Künstler Leonardos Raum für das Abendmahl von allen Perso­ nen, von aller Handlung befreit. Rund 500 Jahre nach Leonardo malte Ben Willikens sein „Abendmahl“, ein klinisch reiner Raum, ein harmonisches, aber nur noch funktio­ nal bestimmtes, menschenleeres Ambiente unserer Zeit (Abb. 8). Leonardo da Vinci hat einen fiktionalen Raum entworfen, bei Anselm Kiefer ist der Abb. 8: Ben Willikens, Abendmahlraum nach Leonardo da Vinci, Staatsgalerie Stuttgart 244

Raum Realität: der Mosaiksaal von Adolf Hitlers Neuer Reichskanzlei in Berlin, erbaut 1938/39 nach den Plänen von Hitlers Lieb­ lingsarchitekten Albert Speer. Nach der Kapitulation von 1945 wurde die Neue Reichskanzlei dem Erdboden gleichge­ macht. Die Wirkung der Reichskanzlei lag vor allem in der propagandistischen Verwer­ tung der Repräsentationsräume in Zeitschrif­ ten, Fotografien und Filmen. Eine solche Fotografie hat auch Anselrn Kiefer verwen­ det. In diesen Veröffentlichungen wurden die Räume fast immer menschenleer gezeigt -es gibt keinerlei sprachliche oder bildliche Informationen über die Arbeitsbedingungen in diesen Räumen, so daß der Denkmalscha­ rakter dieser Architektur noch einmal gestei­ gert wurde. Die Neue Reichskanzlei, die Befehlszentrale des III. Reiches, war konzi­ piert als Folge von Hallen, die von vomeher- ein einen einschüchternden Eindruck ver­ mitteln sollten: Ein langer „Diplomaten­ gang“ bis hin zum Mosaikraum, dann eine 145 Meter lange Galerie bis zu Hitlers „Emp­ fangsraum“, ein Kuppelraum. „Macht und Größe des Reiches“ sollte der Besucher bei diesem Gang empfinden. Der „Mosaiksaal“ bestand aus Ostmärkischem Marmor und Mosaiken an den Wänden und Saalburger Marmor mit Goldeinlagen am Boden. Den herrisch-frontalen Eindruck der foto­ grafischen Vorlage des Saales hat Anselm Kiefer übernommen. Aber das Gemälde wählt im Gegensatz zur Fotografie ein schmaleres Querformat, das den Tiefensog noch verstärkt. Auf die kleinteiligen Mo­ saiken verzichtet Anselm Kiefer, an ihre Stelle treten dunkle Wandfelder. Dabei han­ delt es sich um eingeklebte schwarze Holz­ schnitte, die auch die Rückwand des Raumes Abb. 9: Dein goldenes Haar Margarethe, Sammlung Sanders, Amsterdam 245

besetzen. Infolgedessen gibt es keine Tür, der Raum endet, hat kein Ziel mehr, ist nicht mehr Durchgangsstation. An der Rückwand hängen fahnenähnliche Gebilde in der schwarzen Farbe der Anarchie oder der SS. Nur gar zu gern vergessene, ver­ drängte Geschichte, die beim zeitgenössi­ schen Betrachter höchstens noch ein Achsel­ zucken hervorruft? Aber das Feuer in der Mitte des Bildes glimmt immer noch! In den frühen achtziger Jahren entstand die Folge der „Margarethe-Sulamit“-Bilder. Diese Bilder behandeln eines der grauen­ vollsten Kapitel der deutschen Geschichte: die Massenvernichtung der Juden in den deutschen Konzentrationslagern. Nach Au­ schwitz könne man keine Gedichte mehr schreiben, hat Theodor W. Adorno festge­ stellt. Vielleicht aber sind Gedichte, Bilder, Kunstobjekte die einzige Möglichkeit, ,,nach Auschwitz“, nach dem Untergang aller Zivi­ lisation und Menschlichkeit, Geschichte, und sei sie auch noch so unmenschlich, das Unfaßbare und Unbegreifliche, was gesche­ hen ist, aufzuarbeiten. Ist etwas unbegreif­ bar, dann fehlen dafür die Begriffe. ,,Bilder“ könnten anschaulich machen, was sich dem intellektuellen Begreifen entzieht. Die Titel von Anselm Kiefers Bildern, die auch als geschriebener Bestandteil des Bildes auftauchen, greifen auf Sprach-Bilder des bekannten Gedichts „Todesfuge“ des deutsch-rumänischen Dichters Paul Celan zurück: ,,Dein goldenes Haar, Margarethe“ (Abb. 9, 10) und „Dein aschenes Haar, Sula­ mit“ (Abb. 11). Paul Celan arbeitet in seiner Fuge mit sprachlichen Bildern, die sich im Spannungsbereich zwischen konkreter Anschauung und abstrakter Verallgemeine­ rung bewegen. Abb.10: Dein goldenes Haar Margarethe, Postkarte Gebrüder König, Köln, a. a. 0. 246

Abb.11: Dein aschenes Haar Sulamit, Sammlung Sanders, Amsterdam (Bild wurde inzwischen über­ arbeitet) 247

„Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts wir trinken und trinken … “ Margarethe steht für die „arische“ (deut­ sche), Sulamit für die jüdische (deutsche) Frau. Den Frauen wird die Farbe ihrer Haare zugeordnet: Goldenes Haar für Margarethe, aschiges Grau für Sulamit. Hinter dieser kon­ kreten Beschreibung steht die abstrakte Ver­ allgemeinerung. Auf der einen Seite steht Macht, Reichtum, Licht, Tag, Jugend, und auf der anderen Seite stehen Ohnmacht, Armut, Dunkelheit, Nacht, Alter. Hinter allen Farben des Gedichts steht das Gegen­ satzpaar Leben, Lebenkönnen und Tod, Ver­ nichtetwerden. Vier Figuren werden erleb­ bar: die Frauen, die die Antithesen national­ sozialistischer Rasse -und damit Vernich­ tungsideologie verkörpern. Gleichzeitig ver­ körpern die Frauen den Schritt vom Alten zum Neuen Testament. Dazu kommt der Tod, der „Meister aus Deutschland“, und der Erzähler selbst. Dieser Erzähler ist beiden Frauen nahe, auch und gerade wenn er den Tod der einen beklagt. Das sprachliche Bild wird bei Anselm Kiefer direkt und unmittelbar umgesetzt. Der Unterschied des Mediums -hier Spra­ che, dort Malerei -führt aber zu entschei­ denden Unterschieden. Im sprachlichen Bild bleibt die Figur jeweils imaginär, exi­ stiert nur in der Vorstellung des Lesers. Paul Celan beschwört die Frauen, Anselm Kiefer ,,zeigt“ sie. ,,Sulamit“ (Abb. 11): der Körper einer sit­ zenden, nackten Frau, dessen Gesicht, Arme und Teile ihres Oberkörpers von einer Fülle herabfallender schwarzgrauer Haare ver­ deckt wird. Wie eine Hülle fallen die Haare über die Frau. Obwohl diese Figur nackt ist, ist kein Anzeichen von Erotik spürbar. Starr, fast erstarrt und aufrecht sitzt die Figur auf einer Art Divan, der aber nur durch aufgetra­ gene, verwischte Farbe erkennbar ist. Etwas schräg versetzt sitzt sie, aber mit leicht auf den Betrachter zugedrehtem Oberkörper, so 248 daß wir dieser Sulamit, wenn die Haare es nicht verhindern würden, ins Gesicht schauen könnten. Die Oberschenkel sind fest verschlossen und nach rechts gedreht, die Füße verschwinden unter der Farbe des Sitzmöbels. Der Farbauftrag ist spröde, fast brüchig und heftig, mit der Verletzlichkeit des nackten Körpers kontrastierend. In dem umgebenden Raum findet sich ein Betrach­ ter nur schwer zurecht. Das beginnt bei der Frage nach dem Sitz der Sulamit, dessen Dimension und Ausdehnung nur durch die Haltung der Nackten erahnbar ist. Zwischen Oberschenkel und Oberkörper öffnet sich ein Raum in stumpfem Winkel, und ohne Distanz zur Figur nehmen wir drei hochauf­ gerichtete Wohnhäuser wahr: dunkle Flä­ chen mit hellen Lichttupfen als Fenster. Die Schriftzeile „Dein aschenes Haar, Sulamit“, zugleich der Titel, befindet sich oberhalb, vielleicht auch hinter der Frau; er paßt sich dem Schwung der herunterfallenden Haare an, ist anfangs parallel zur linken Hochseite des Bildes geschrieben und wölbt sich dann parallel zu den langen Haarsträhnen. Das Gegenstück: ,,Dein goldenes Haar, Margarethe“ (Abb. 9). Keine Figur ist erkenn­ bar. Das gleiche Format, das aber jetzt vom Hoch- ins �erformat gedreht ist. Eine „hochgeklappte“ Landschaft mit einem ,,Fluchtpunkt“ in der oberen linken Ecke, von dem zerfetzte, flüchtig und breit aufge­ tragene Linien in schwarzer, weißer und grauer Farbe wie Ackerfurchen in einer Linienschaar ausgehen. Der Eindruck von „Ackerfurchen“, der aus der Distanz stärker wirkt als aus der Nähe, wird einmal natürlich durch die Annahme einer „Landschaft“ her­ vorgerufen. Auf der anderen Seite ist die Leinwand nicht grundiert. Die aufgetragene Farbe zeigt Risse. Ganz hochgesetzt ist der Horizont, der Betrachter erhebt sich also scheinbar weit über diese Gegend, nur ein ganz schmaler Streifen „Himmel“, schmut­ zig grau-blau, bleibt übrig. Der Horizont wird begrenzt: ein paar Bäume, die Andeu­ tung eines Waldes, in der linken oberen Ecke, ein paar Häuser mit roten Dächern,

vielleicht ein Dorf, gegenüber. Blickfang und im Zentrum: ein dickes Büschel goldgel­ ben Strohs, in das Bild hineingeklebt. Dieses Büschel deutet ein nach unten und nach rechts zu offenes Oval an. Seiner Herkunft nach bezieht sich das Stroh auf den Ackerbo­ den. Mit der groben Materialität der Farbe dieses Bodens bildet es eine Einheit. Wieder eine Schriftzeile, der Titel, das Zitieren des Celan-Gedichts: „Dein goldenes Haar Mar­ garethe“. Aber während sich der Schriftzug beim Sulamit-Bild fast zärtlich um das „aschene Haar“ schmiegt, folgt hier ein Bruch. Der Anfang des Schriftzuges verläuft zunächst in steigender Linie quer zu den „Ackerfurchen“, bricht dann ab, indem er seine Richtung nach unten verändert. Der Name „Margarethe“ scheint sich zunächst der Richtung der Furchen anpassen zu wol­ len, verstärkt dann aber den Trend nach unten und fallt fast abrupt ab. Nur dieser Titel läßt den Betrachter das Stroh auch als „goldenes Haar“ deuten. Ein Gesicht findet sich nicht einmal als Andeutung; das Stroh oder das Haar umschreibt eine Leerform. Kein Kopf, dafür aber eine mit schwarzer Farbe geformte Palette über den Furchen des Bodens. Die Palette als Symbol hat Anselrn Kiefer erstmals 1974 eingeführt, und sie taucht bis heute immer wieder auf. Sie steht für geistige Arbeit, zeigt zugleich die Distanz des Betrachtenden, des Künstlers. In unmit­ telbarer Nachbarschaft des Strohs zündeln zwei kleine rote Flammenpunkte. Das hin­ eingeklebte Stroh erfüllt also mannigfaltige Aufgaben: einmal hat es einen Eigenwert als Material, das im Gegensatz zur aufgetrage­ nen Farbe steht, dann stellt es den Bezug zur Erde her; außerdem wird es durch die Schrift zum Haar. Beide Bilder sind natürlich keine Illustra­ tionen zum Gedicht Celans. Anselm Kiefer ist kein Illustrator. Celans Gedicht bezieht sich auf eine bestimmte historische Situa­ tion. Anselm Kiefers Bilder sind nicht histo­ risch und nicht geographisch fixierbar. Die Bildlichkeit des Gedichts wird an Hand von zwei Zitaten aus dem Gedicht aufgenom- men. Sind diese Zitate bekannt, ist das Gedicht bekannt, dann drängen diese Zitate die Assoziationen des Betrachters in eine bestimmte Richtung. Die Assoziationen sind grundsätzlich frei, aber Malweise, Mate­ rialien, Bildmotive oder Zitate drängen eine bestimmte Richtung dieser Assoziationsket­ ten auf Alle Mittel der Collage und Montage, nicht erst seit der Zeit der Surrealisten genutzt, werden verwendet. Farbe, Schrift­ zug und Stroh -das sind „Materialien“, die eigentlich nicht zusammenpassen. Mensch­ liche Gestalt und Stadt, ohne literarisch­ erzählerischen Bezug miteinander verbun­ den -im traditionellen Sinn bildet das kein Bildganzes. Auge und Gehirn des Betrach­ ters kombinieren die nicht „zusammengehö­ renden Teile“ miteinander. Erst auf diese Weise wird ein Zusammenhang hergestellt. Auf dieser Ebene, in der Zerstörung der sogenannten „Einheit des Bildes“, ist Anselm Kiefer ein Künstler ganz in der Tradi­ tion der Klassischen Modeme des zwanzig­ sten Jahrhunderts. Aber diese Einschätzung reicht nicht aus. Zugleich greift er auf mittel­ alterliche Emblematik zurück-zum Beispiel im Schriftzug. Solche schriftlichen Zusätze finden sich auf alten Tafelbildern. Aber auf diesen Tafelbildern erläuterte der Schriftzug das Geschehen im Bild, kommentierte es. Hier bezieht sich der Text auf etwas, was außerhalb des Bildes liegt, auf die Figur der Margarethe zum Beispiel, oder konfrontiert das Material mit einer neuen Bedeutung: aus dem aufgeklebten Stroh wird das Haar. Anselm Kiefers Bilder leben aus diesen Span­ nungen, die unauflösbar erscheinen. Anselm Kiefer ein Historienmaler -und das bezieht natürlich auch die literarische Historie mit ein? Ulrich Krempel hat den „Fall: Historienmaler Anselm Kiefer“ auf einen einfachen Nenner gebracht: ,,Kiefer verweigert einen traditionellen Schritt des bildenden Künstlers; er stellt nicht das allge­ meine historische Thema in einer besonde­ ren Fassung vor. Er faßt das allgemeine Thema in Bilder, wie sie allgemeiner, 249

bekannter, neutraler und doch urtypischer nicht sein könnten.“ Das ist das genaue Gegenteil von einem „Historienmaler“. Und dann zitiert er Anselm Kiefer selbst: ,,Die ganze Malerei, aber auch die Litera­ tur und alles, was damit zusammenhängt, ist ja immer nur ein Herumgehen um etwas Unsagbares, um ein Schwarzes Loch oder um einen Krater, dessen Zentrum man nicht betreten kann.Und was man an Themen auf­ greift, das hat immer nur den Charakter von Steinchen am Fuße des Kraters – das sind Wegmarken in einem Kreis, der sich hoffent­ lich immer enger um das Zentrum legt … Grundsätzlich gibt es zwei unterschiedliche Methoden: Man kann vom Allgemeinen ins Einzelne gehen, oder man geht vom Einzel­ nen ins Allgemeine, und das tue ich. Meist wähle ich einen ganz banalen, trivialen oder sogar vulgären Ausgangspunkt … Vom Rand des Lochs in die Nähe des Zentrums … Aber ich kann nicht von etwas Vollendetem aus­ gehen. Darum mache ich auch keine Kunst über Kunst, wie das etwa in der postmoder­ nen Architektur geschieht. (Ein schönes Kapitell zu nehmen und irgendwo reinzuset­ zen – das wäre für mich ein tautologischer Vorgang. So etwas mache ich nicht.)“ Deutsche Vergangenheit, deutsche Ge­ schichte, deutsche Mythen als Ausgangs­ punkt für die Arbeit. Und die Gegenwart im Werk Anselm Kiefers? 1989 entstand das Objekt: ,,60 Millionen Erbsen“, eine Ausein­ andersetzung mit dem Thema „Volkszäh­ lung“, einem Thema, das nach Anselm Kiefer vergessen sei und gerade deswegen für ihn interessant werde. Die Medien, die Öffentlichkeit habe das Problem der Volks­ zählung hochgeputscht. Aber so schnell wie es hochgekommen sei, so schnell sei es auch schon wieder aus den Schlagzeilen ver­ schwunden, eine Eigenschaft der Medien, der Politiker, der Bundesbürger. Die „ Volks­ zählung“ als Anlaß. ,,Das war einfach eine L’art pour l’art-Veranstaltung, und da mache ich nicht mit.“ Den Fragebogen damals habe er ausfüllen wollen – so wie andere Bundes­ bürger auch. ,,Als Mensch bin ich doch 250 jeder.“ Aber dann habe er von den Strafen gehört, die „Diskrepanz der scheinbaren Harmlosigkeit der Fragen“ und der „drakoni­ schen Strafen, die bis zur Existenzvernich­ tung gehen“, die habe ihn aufhorchen lassen. „Nach 40 Jahren muß man ja mal wieder wissen, ob die Deutschen gehorchen.“ Die meisten haben gehorcht. ,,Und das finde ich bedenklich.“ Auch wenn die Beantwortung der Fragebögen nur Scheingehorsam gewe­ sen sei, hätten die meisten gelogen oder zumindest ein wenig geschummelt. Eine Eigenschaft der Deutschen: ,,Wir sind nun mal sehr diszipliniert und ordent­ lich.“ Eine Tugend, ganz sicher. Aber genau diese Verbindung von Ordnungssinn und Disziplin habe den deutschen Faschismus ,,so katastrophal“ gemacht. ,,Gehorsamsver­ weigerung“, die müsse man hin und wieder üben. Die Volkszählung wäre eine Möglich­ keit dazu gewesen, aber die Bürger hätten einfach Angst gehabt. Und natürlich fallt einem Anselm Kiefer zur Gehorsamsverwei­ gerung ein Bild, ein mögliches Kunstobjekt ein: Richter, die in einem Wust von Einsprü­ chen und Protesten, in einem Berg von Papier ersticken. ,,Ein schönes Bild.“ Anselm Kiefer hat den Fragebogen zur Volkszählung nicht ausgefüllt, ist gerichtlich belangt wor­ den, hat den Prozeß verloren. Aber bestraft hat man ihn dann doch nicht. Das hat ihn viel mehr gestört als die ganze Prozedur der Befragung. Zuerst das staatliche Imponier­ gehabe, die Drohgebärden, dann der Rück­ zug. Das „Bild“, das der Staat hier von sich selbst vermittelt, dieses Bild entsetzt ihn. Anselm Kiefer stellt zeitgeschichtliche Beziehungen her, die andere nicht sehen oder nicht sehen wollen. Einerseits die Meineide und „Ehrenworte“ eines Minister­ präsidenten in Schleswig-Holstein. ,,Da wur­ den wir massiv belogen.“ Zur gleichen Zeit die Aufforderung von Politikern „Vertraut uns“ anläßlich der Volkszählung. Das eine habe mit dem anderen nichts zu tun? Für Anselm Kiefer gibt es keine Zufälligkeit in der Parallelität der Ereignisse, alles fließt zusammen in einem Bild, konkretisiert in

einem Kunstobjekt. „Mir geht es immer um ein klar herausgearbeitetes Bild“, stellt er fest und meint seine eigene Arbeit. Das Objekt zur Volkzählung: 60 Millio­ nen Erbsen in einem Container aus Blei. „Es sind wirklich 60 Millionen Erbsen drin.“ Erbsen in einem Umfeld, das ihrer natürli­ chen Umgebung alles andere als entspricht. Erbsen gezählt, sortiert, verstaut, gequetscht. Manchmal isoliert, manchmal in Gruppen zusammengepreßt. Ein Gegenbild zu dem, „wie man es sich wünschen würde“. Und das Material Blei ist ja durchaus mehrdeutig. Blei fließt und erstarrt, aus Blei gißt man Figuren in der Hoffnung, etwas über die eigene Zukunft zu erfahren, Blei ist giftig, in den Bleikammern Venedigs schmorte ein Casa­ nova, und Blei stelle zum Beispiel Schutz gegen Strahlungen dar, sagt Anselm Kiefer. Die gezählten und „gewogenen“ Bundes­ bürger als Erbsen. Ein paralleles Bild dazu: Anselm Kiefer in einer Pariser Metro-Station – Rolltreppen, lange Gänge, ein Laufband. Menschen hasten vorwärts, nehmen den anderen nicht wahr, streben Ziele an, die nur sie selbst kennen. ,,Ist alles voller Erbsen hier.“ Aber diese Parallele wäre nur eindi­ mensional. Das Kunstobjekt „60 Millionen Erbsen“ hat sich von seinem Anlaß, der Volkszählung, gelöst. Es geht um mehr als allein um diesen Anlaß. ,,Uber allen Dingen liegt eine Ebene, die es für uns nicht gibt … In allen Dingen liegt ein Zusammenhang verborgen … , man könnte auch sagen, eine andere Schicht, die uns verborgen bleibt.“ Wir geben uns im Alltag mit der bloßen Zahl zufrieden, erliegen ihrer Faszination. Aber in der Zahl 60 Millionen sei nichts enthalten. Niemand könne sich wirklich etwas darunter vorstellen. Aber der Magie der Zahl erliegen nicht nur die Statistiker. 50 Milliarden DM Umsatz gebe es heute allein in der Touris­ mus-Branche. Aber wenn die Bundesbürger verreisen, dann ist die scheinbare Feme so wie das Zuhause. ,,Da gibt’s nur die Zahl!“ So viel habe es gekostet, so lange war ich da … Nicht die Zahl sei wichtig, nicht das bloße Funktionieren; wichtig sei allein, was jeder einzelne für Vorstellungen entwickle, was er daraus mache. Kiefer als grundsätzlicher Gegner einer Volkszählung? ,,Der Staat kommt immer dann, wenn’s zu spät ist … , und das ist zu wenig Staat.“ Fordert hier jemand mehr Staat, mehr Bürokratie gar? Ganz im Gegen­ teil. ,,Ich seh‘ den Staat auch einfach nicht schöpferisch tätig.“ Der Staat und seine Bür­ ger auf den immer wieder gleichen, eingefah­ renen Wegen, ohne Phantasie, letztlich ohne Perspektive. Wer querdenkt, ist höchstens verdächtig, das ,,Auf-Nummer-sicher-Ge­ hen“ wird zur Doktrin für das Verhalten aller. „Die Freiheit wird propagiert, zwischen Opel oder Ford zu wählen … Das ist doch keine Freiheit!“ Das Thema Buch ist für Anselm Kiefer von Anfang an ein Mittel gewesen, um grundlegende Themen, Techniken und Materialien zu erproben. Das Buch ist das entscheidende Medium der Vermittlung von Geschichte und Ideologie, von Mythen und Bewußtseinsprozessen. Der Charakter des Lesens ist zugleich ein „Eingreifen“ in das geschriebene Wort. Mit dem Wissen aus der Gegenwart wird das Geschriebene oder das Illustrierte angeeignet und verarbeitet. Das Lesen ist ein privater Vorgang, der sich eigentlich der Öffentlichkeit entzieht. 1963 erschien ein etwa 150 Seiten dickes geographisch-politisches „Handbuch“ mit dem Titel „Räume und Völker in unserer Zeit“. Ein „Handbuch“ des Kalten Krieges, voller militärstrategischer Überlegungen und Demonstrationen. Anselm Kiefer er­ warb ein Exemplar des Buches in einem Antiquariat, ,,überarbeitete“ und veröffent­ lichte die Bearbeitung. Der Vorgang des „Lesens“, des „Sich-an-Eignens“ durch künstlerisch-kreative Arbeit, wird deutlich. ,,Lesen“ wird zu einem dem Buch über­ gestülpten Kommentar. So gut wie alle Sei­ ten sind mit Schraffuren, Farbstiften, Zeich­ nungen bedeckt. Bei dem Titel „Räume und Völker“, da denke man ja zunächst, ,,da ist alles drin. 251

Räume, Völker, Zeiten. Man merkt dann natürlich ziemlich schnell, daß gar nichts drin ist. Und das dürfte der tiefere Grund sein, weshalb ich es gekauft habe. Denn wo nichts ist, da kann ja noch etwas werden … In einem leeren weißen Buch ist alles enthalten, was soll man da noch machen. Aber diese Nato und der Warschauer Pakt, das ist schon so was Festes, Sperriges, Klotzartiges, da kann man etwas machen, abfeilen, kratzen, in Säure tauchen. Das sind ja so Gebilde, die kann man nur besser machen, wo immer man das Gerät ansetzt.“ Aneignung eines Buches als „Auslö­ schung“? Worte wie „abfeilen“ oder „in Säure tauchen“ weisen darauf hin. Anselm Kiefer hat schon früh seine Abneigung gegen die „Bilderflut“ der Gegenwart deutlich gemacht. Ein „leeres weißes Buch“ als Ziel aller Arbeit? Und trotzdem produziert er selbst immer wieder neue Bilder. Anselm Kiefer geht es nicht um die Ablehnung des Bildlichen, sondern er wendet sich gegen alles Festgefügte, Einbetonierte, scheinbar „Gesicherte“. Auf einem weißen Blatt Papier ist alles enthalten. Jeder Strich, jeder Farb­ fleck engt kreative Phantasie ein. Das Ziel ist nicht das Festgefügte, sondern der ständige Wandel, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einschließt, nicht das Nichts, son­ dern das Alles. ,,Etwas anderes als Verwand­ lung gibt es gar nicht. -Alles, was Sie anse­ hen, verwandeln Sie. Eine ständige Wand­ lung. Dies ist mein Leib, dies ist mein Blut.“ Ein Künstler ist kein „Mahner“ und kein „Prophet“, es ist jemand, der den Prozeß des stetigen Wandels verstanden hat und in sein Werk mit einbezieht. Und insoweit wird er dann doch wieder zum „Propheten“, denn „die Propheten sagen das, was sie gleichzeitig sehen. Also: Über einer blühenden Stadt sehen sie schon das Gras wachsen und die Schakale heulen. Und dieses Bewußtsein der Gleichzeitigkeit macht sie zu Ungleichzeiti­ gen in den Augen der Menschen“. Auf diese Weise eignet sich Anselm Kiefer das Buch an. Kapitelüberschrift „Europa“ in fetten Lettern oben auf der rechten Seite. Ein 252 paar geopolitische Daten lassen sich unter einem Gespinst von schwarzen Graphit­ linien erkennen, Linien, die sich bündeln zu pflanzlichen Teilen, Tannennadeln an dün­ nen Stämmen, vielleicht Ähren, Gräser. Die beiden Buchseiten „wachsen zu“, werden überlagert durch die Natur, die doch wieder künstlerische Zeichen sind. Der Künstler­ Prophet sieht das „Gras wachsen“ über einem Erdteil, der noch in voller industriel­ ler Blüte steht. Dieses Überwuchern mit Pflanzen setzt sich auf den nächsten Seiten fort, hochaufgerichtete Stämme beim Stich­ wort „Asien“, beim Stichwort „Orient“ Was­ ser, ein Segelboot, und im „Uferschilf“ sitzt aufrecht eine nackte Odaliske. ,,Amerika“: natürlich die Umrisse von Hochhäusern, die den oberen Teil der Doppelseite so überzie­ hen, daß ein Vorne und ein Hinten nicht mehr erkennbar ist, aufrecht stehende lange Rechtecke mit schwarzen Flecken als Fen­ ster. Aber vor dieser Skyline wuchern bereits die Pflanzen, nichts ist ewig, auch wenn wir Zeitgenossen es glauben mögen. Anselm Kiefer: ,,Die immer wiederkeh­ rende Formel ,über Euren Städten wird Gras wachsen‘ heißt eigentlich: Das Gras wächst schon. Und die Umkehr heißt: Siehe, wie das Gras schon wächst. Es ist doch schön, jetzt schon die Städte in Staub verfallen zu sehen, worüber dann das Gras zu wachsen beginnt. Die Stadt unter der Staubschicht oder der Grashaut ist doch viel mehr als nur die Stadt ohne ihre Bedeckung durch Gras, dieser ständig wiederkehrende variierte Refrain: ,Über Euren Städten wird Gras wachsen‘ ist also eine Erweiterung, eine vielschichtige Schönheit gegenüber dem Einseitigen im jetzt Vorhandenen.“ Das Übermalen, das Verdecken als Steige­ rung dessen, was darunterliegt. ,,Gras-wach­ sen-lassen über eine Sache“ -das kennen wir als Redensart. Aber unter dem „Gras“ sind weiter Bruchstücke des alten Textes zu lesen. Der künstlerische Prozeß von Übermalung, der psychische Prozeß von Verdrängung geht nie so weit, daß nicht Teile des Alten unter der neuen Oberfläche durchschimmern.

,,Europas Weltlage“ (Abb. 12), der Verfas­ ser von „Räume und Völker“ der Vorlage hat eine Kartenprojektion gewählt, die Europa ins Zentrum rückt, vom roten Rußland und den blaugrauen Vereinigten Staaten umrahmt. Anselm Kiefer betont zusätzlich die zentrale Lage, indem er einen schwarzen Kreis um Europa setzt und die Karte links und rechts durch hektisch-nervöse Linien begrenzt. Über Europa steht das Wort „Vater“, über den USA „Sohn“, dazwischen der Atlantik mit der Kennzeichnung „heili­ ger Geist“. In die schon von der Vorlage her rote UdSSR setzt er das Wort „Satan“. Ein Buch aus der Zeit des Kalten Krieges, und gerade indem dieser ideologische Charakter demonstrativ herausgestellt und noch ein­ mal unterstrichen wird, wird die Groß­ mannssucht ironisiert und überhaupt erst einmal bewußt gemacht. Abb.12: Über Räume und Völker ROPAS WELTLAGE– / Anselm Kiefer: ,,Vater, Sohn, Heiliger Geist, das kommt auch vor in dem Buch. Europa ist der Vater, Amerika der Sohn, und der Atlantik der Heilige Geist, und die So­ wjetunion der Satan. Da denkt man natür­ lich an das ,Reich des Bösen‘ von Ronald Reagan … In einer Zeit, da alles von der Geschwindigkeit und nicht mehr vom Terri­ torium abhängt, ist es fossiles Denken, man könne ein Land mit einem Schutzschild umgeben. Wenn selbst der Wald anfangt zu wandern, kann man mit materiellen Mauern nichts mehr ausrichten.“ In den letzten Jahren dringt der Prozeß des Erinnerns bei Anselm Kiefer in immer tiefere Gründe der Archäologie ein. Seine grundsätzlichen Zweifel an den Erkenntnis­ möglichkeiten heutiger Wissenschaft, an den sogenannten Errungenschaften des Fortschritts, vielleicht auch das Wissen, 253

daß wissenschaftliche Erkenntnisse nicht umschlagen in kreatives, phantasievolles Tun, läßt ihn zurückgehen bis zu den Ursprüngen der Kultur im frühen Ägypten oder ins „Sintflut-Land“ Mesopotamien. Bruchstückhaft erfahrenes Heute korrespon­ diert mit bruchstückhafter Überlieferung. 1989 beendet Anselm Kiefer die Skulptur „Zweistromland“, eine riesige Bibliothek aus Bleibüchern, cirka 200 Bleibücher in einem Eisenregal aus Glas und Kupferdraht. Meso­ potamien, das Land zwischen Euphrat und Tigris, der südliche Teil Babyions, beher­ bergte einst die bedeutendste Bibliothek der Antike. Das ganze Wissen der damaligen Welt war dort auf Tontafeln aufgezeichnet. Mesopotamien gilt als Paradiesgarten und gleichzeitig in den Offenbarungen des Johannes als die dem Untergang geweihte „Mutter der Huren“. Anfang und Ende des Mythos fallen an diesem Ort zusammen. Für Anselm Kiefer: schwere Bleibücher in einem abgestellten Regal, das Material Blei, das die ,,Buchseiten“ wie in einem Prozeß des Vergil­ bens sich aufrollen läßt, gleichzeitig eingegos­ sen, verfestigt wie für ein ewiges Angedenken. Bereits vor 1900 stellte Paul Gauguin die Frage, die er als grundlegend für die moderne Kunst betrachtete: ,,Woher kommen wir, wer sind wir, wohin gehen wir?“ Vielleicht sind diese Fragen, die nicht voneinander zu tren­ nen sind, fast 100 Jahre später und nach den Erfahrungen zweier vernichtender Welt­ kriege, nach dem Grauen von Faschismus und Nationalsozialismus wichtiger als je zuvor. Dabei bleibt für Anselm Kiefer die Beschäftigung mit der Geschichte immer ein subjektiver Vorgang. „Wie es war, wissen wir ja alle nicht, denn es gibt eigentlich keine Geschichtsschrei- The world-Ash, Postkarte, Staatsgalerie Stuttgart 254

bung, nur Verarbeitung von Geschichte. Und dabei geht der Künstler ganz anders vor als etwa ein Wissenschaftler. Ich versuche, auf eine unwissenschaftliche Art in die Nähe des Zentrums zu kommen, von dem die Ereignisse gesteuert werden.“ Geschichte wird auf den Bildern und Objekten Anselm Kiefers nicht erzählt. Geschichte ist Vergangenheit, also unwider­ bringlich verloren. Was Kunst nach Anselm Kiefer aber kann, ist, diese Geschichte wieder zurück ins Bewußtsein rufen. In der Kunst, in ihren Inhalten und ihren Materialien, spiegelt sich dann nicht mehr Geschichte, nicht Erinnerung, sondern Aktualität. Mag ein Anselin Kiefer noch so sehr Themen und Motive aus der Zeit des Faschismus aufgrei­ fen und verarbeiten, der Betrachter wird mit seinem Wissen, seiner eigenen Gegenwart konfrontiert. ,,Wir leben in einem verhält­ nismäßig freien Staat“, sagt er. Aber seine Objekte beweisen, daß unter dieser Ober­ fläche die Geschichte mit allen Tendenzen von Grauen und Zerstörung genau so prä­ sent ist wie die Gegenwart. Wir müssen ler­ nen zu „kommunizieren mit allen mögli­ chen Gedanken, auch mit denen, die schon einmal waren … „. Das ist seine Art, um sich mit der „Umweltverschmutzung“, die für ihn besonders eine „Gedankenverschmut­ zung“ ist, auseinanderzusetzen. Uwe Conradt L i t e r a t u r : Adriani, Götz (Hsg.): Anselm Kiefer Bücher 1969 bis 1990, Katalog Kunsthalle Tübingen / Kunstverein München / Kunsthaus Zürich, o.J. (1990). Brock, Bazon: Ästhetik als Vermittlung. Arbeitsbiographie eines Generalisten, hsg. von Fohrbeck, Karla, Köln 1977. Dokumenta 8, Kassel 1987. Faust, Wolfgang Max / Vries, Gerd de: Hunger nach Bildern. deutsche malerei der Gegenwart, Köln 1982. Hutchinson, John: Kiefers Wette, in: Anselm Kiefer Jason, Ausstellungskatalog Douglas Hyde Gallery, Dublin, 1990. Kiefer, Anselm: Über Räume und Völker (mit Gespräch und Nachwort von Gall­ witz, Klaus), Frankfurt am Main 1990. Krempel, Ulrich: Spurensuche und Ver­ gangenheitsbewältigung. Immendorff, Kitaj, Kiefer, in: Modeme Kunst 2. Das Funkkolleg Kunst zum Verständnis der Gegenwartskunst, hsg. v. Wagner, Moni­ ka, Reinbek 1991. Maur, Karin von / Inboden Gudrun (Bearbeiter): Staatsgalerie Stuttgart. Male­ rei und Plastik des 20. Jahrhunderts, Stutt­ gart 1982. Nowald, Karlheinz: Anselm Kiefer, Innenraum, in: 1000 Meisterwerke aus den großen Museen der Welt, TV-Film, WDR 1989. Osterwold, Tilman: Bilder-Streit, in: Anselm Kiefer, Ausstellungskatalog des Württembergischen Kunstvereins Stutt­ gart, Stuttgart 1980. Royal Academy of Arts London (Hsg.): A new Spirit in Painting, London 1981. Rosenthal, Mark: Anselm Kiefer, Aus­ stellungskatalog für Art Institute of Chi­ cago, Philadelphie Museum of Modem Art, Museum of Contemporary Arts Los Angeles und Museum of Modem Art New York, Chicago and Philadelphia 1987. Spieß, Werner: Gebrochener Zauber. Der Fall Kiefer, ein Maler-Problem und seine zwiespältige Wirkung, in: Frankfurter All­ gemeine Zeitung, 28. Januar 1989. Smerling, Walter (Autor): 60 Millionen Erbsen. Anselm Kiefer und die Volkszäh­ lung, TV-Feature, West 3, 1989. Zeitgeist. Katalog der internationalen Kunstausstellung Berlin 1982. 255

Karl Rieber Bildhauer und Maler „Wenn Du schnitze witt, muesch Du zeichne könne!“ So sagte Karl Rieber zu einem jungen Mann, der Anfang der siebzi­ ger Jahre einen seiner Schnitzkurse besuchte, um etwas über den Umgang mit Schnitz­ eisen und Klüpfel zu lernen. Schnitzen und Zeichnen -Karl Rieber beherrscht beides mit Meisterschaft, obwohl die Wege, die zu dieser Meisterschaft in den beiden Künsten führten, ganz verschieden waren. Die Bildhauerei lernte er von der Pike auf bei seinem Vater. In dieser Kunst durch­ schritt er die Stadien des grundsolid ausgebil­ deten Handwerkers: Lehrling, Geselle, Mei­ ster. Modellieren, Zeichnen, Anatomie und Kunstgeschichte kamen auf der Furtwanger Schnitzerschule zur handwerklichen Ausbil­ dung dazu. Die Entwicklung zum Land­ schaftsmaler und Portraitisten erfolgte aber auf viel verschlungeren Pfaden, in einem über viele Jahre andauernden Prozeß. Als Bub hat sich auch Karl Rieber mit dem Gedanken getragen, dies oder jenes zu wer­ den, dann übten aber doch die duftenden Hölzer und die verschiedenartigen Werk­ zeuge in der Werkstatt seines Vaters Rudolf die entscheidende Wirkung aus und zogen ihn in einen Bann, aus dem er sich nicht mehr befreien konnte. Und wenn dann gar der berühmte JosefFortwängler, der „Schnit­ zersepp“ aus Triberg bei seinem Vater in der Werkstatt plauderte, dann konnte der kleine Karl mit hochroten Ohren zuhören, Zeit und Raum vergessen und wohl auch einmal die Schule schwänzen -wegen „Halsweh“. Obwohl Karl Rieber in der künstlerischen Reife seiner Jahre zu einem persönlichen Stil gefunden hatte, hat ihn die Begegnung mit dem „Schnitzersepp“ und dessen subtiles Verhältnis zum Werkstoff Holz entschei­ dend geprägt. Und so kann man auch heute noch über den Bildhauer Karl Rieber und sein Reifen zur Meisterschaft nichts anderes sagen, als was der Verfasser dieses Beitrages 256 schon 1969, zu Riebers sechzigstem „Geburts­ tag schrieb: ,,Nach der Lehrzeit sah sich Karl Rieber in der Welt um, besuchte Ausstellun­ gen, begegnete anderen Künstlern. Dabei legte er ab, was einengte, weitete seinen Blick. Wie das Holz, das er bearbeitete, in der Zeit seines Wachstums Jahr für Jahr seine Ringe ansetzte, so reifte er künstlerisch heran.“ „Gunst geht vor Kunst“. Für den frei schaffenden Künstler hat dieses Wort zuzei­ ten schon seine Bedeutung. Für Karl Rieber bedeutete es aber nie, daß er seinen Stil nach dem Publikumsgeschmack ausgerichtet hat, wenn auch die Arbeit in seiner Werkstatt oft dem harten Broterwerb diente, dienen mußte. So ist er auch nie ein „Moderner“ gewe­ sen. In seinem plastischen Schaffen lassen

Clown (Tonmodell) Hob.plastik: junges Paar (60 cm) Portrait (Hob., 26 x 40 cm) Das andere Gesicht (Beton, nat. Größe) 257

sich aber deutlich zwei Richtungen unter­ scheiden: Schlichtheit und Abstraktion bei den religiösen Schnitzwerken, romanischer Duktus bei den profanen Plastiken, nämlich als Träger einer Idee zu fungieren, Ausdruck zu sein eines bewegenden inneren Gesche­ hens. Fürs erste stehen vor allem seine zahl­ reichen Krippenfiguren, die Darstellungen der Heiligen Familie, auch Madonnen und andere Plastiken großer Heiliger. Dabei war Karl Rieber das figürliche Schnitzen eigentlich nicht in die Wiege gelegt. Jugend, Lehre und Gesellenjahre fie­ len eigentlich nur in schlechte Zeiten. So ging es in der Werkstatt des Vaters zuallererst darum, das tägliche Brot zu verdienen mit dem Schnitzen von Ornamentik für Möbel und Uhren. Als sich der junge Rieber im zweiten Lehrjahr an einen Korpus heran­ wagte, fand das erst die Begeisterung seines Vaters, als das Ergebnis nach nur zwölfstün­ diger Arbeit vorlag. Als Karl Rieber schließ­ lich im Jahre 1934 überraschend zur Meister­ prüfung zugelassen wird, muß auch das Mei­ sterstück in Tag-und Nachtarbeit rasch ange­ fertigt werden. Mit dem noch beizefeuchten Schnitzwerk und kaum Geld in der Tasche trat er die Reise vor die Handwerkskammer in Konstanz an. Dort hat das Meisterstück – der Schmied am Amboß hat gerade eine Pause eingelegt und teilt sein Vesperbrot mit einem Kind -so großen Gefallen gefunden, daß es vom Präsidenten der Handwerkskam­ mer Konstanz von der Stelle weg aufgekauft wurde. Und der frischgebackene Bildhauer­ meister war für die nächste Zeit finanziell flott … Dieses Meisterstück ist heute noch in Konstanz zu sehen. In den folgenden Jahren und Jahrzehnten – Karl Rieber machte sich Hof in der Baar 258

t Der Bernhardenbauer (Kreide) 1946 als Bildhauer selbständig -sollten noch viele Schnitzwerke aus dem Bildhaueratelier im ehemaligen Braukeller des Gasthauses „Krone“ in die Welt hinausgehen: ein lebensgroßes Kruzifix nach Philippsburg, ein Kriegerdenkmal nach Kappel, eine Schutzmantelmadonna nach Stuttgart, ein St.Josef nach Dorsten, ein heiliger Nepo­ muk nach Brakel, ein Hanselbrunnen nach Wellendingen, Krippenfiguren nach Sunt­ hausen, ins Neustädter Münster, nach Sus­ sex/England -nur um einige wichtige öffent­ liche Aufträge zu nennen. Eine lange Auf­ listung ergäben auch die privaten Aufträge, Brunnenfiguren, Beerenfrau, Tierplastiken, Fuhrmann und immer wieder Kinderdarstel­ lungen, alleine, in Gruppen, in deren Aus­ führung Karl Rieber oft seiner Freude am Skurilen, Hintergründigen, Originellen, Charaktervollen nachgab. Damit sind wir beim Zeichner und Maler Karl Rieber angelangt. Am Anfang stand der unvergessene Lehrer Bareth, der die Bega- Waldarbeiter (Kohle) bung des Jungen erkannte und sie nach Kräf­ ten förderte. Ein Aquarell für die Mutter mit dem großartigen Vorwurf „Mariä Verkündi­ gung“ stand am Ende dieser ersten Bemü­ hungen. Fortan wurde skizziert „was über den Weg lief“. Selbstkritisch genug, suchte Karl Rieber überall Anregungen aufzuneh­ men. Er ließ, über den Gewerbeschulunter­ richt hinaus, die Skizzen und Zeichnungen von Jakob Rommel kritisch beurteilen, vom Direktor der Gewerbeschule, von einem – Zufallsbekanntschaft -Maiprofessoren und als der junge Rieber zum Militärdienst geholt, entwickelte sich auch dies zum Glücksfall, denn er gerät in die „Ulmer Zei­ chenschule“ (1941-1942) und portraitiert „seine ganze Umgebung“. Versuche am großen Ölportrait hat es bereits 1939 (Schwarzwälder Bauer) und 1940 (Am Schraubstock) gegeben. In einer Zusam­ menschau dieser und späterer Portraits (Uhrenträger 1974, Furtwanger Trachten­ mädchen 1951, Bauer 1968, Waldarbeiter 259

1980, Bernhardenbauer 1986) wie man sie gelegentlich auf eine der vielen Ausstellun­ gen hatte (die von 1950 an Karls Riebers Werke zeigen), wird die Wandlung vom Blut­ und Boden-Stil, den Karl Rieber virtuos beherrscht hätte, evident: Die Durchzeich­ nung wird weniger und weniger aufdringlich, die Farbhandhabung virtuoser. Bei den Bau­ ernportraits etwa vermeint man, die Rauheit Deichschlucht (Gütenbach) Uhrenträger (Portrait in Öl) ….. Leo (Port mit) der Lodenstoffe verspüren zu können. Diese Portraits strahlen Bodenständigkeit und see­ lisches Gleichgewicht aus, die Augen wis­ send um die Mühsal des Lebens, aber nicht ohne ein Fünkchen Humor (Uhrenträger). Die Spuren eines harten, aber nicht freudlo­ sen Arbeitsleben hat Karl Rieber auch immer wieder in seinen vortrefflichen Blei­ stift- und Kohlezeichnungen festgehalten, ob dieses Leben nun im Schwarzwald -man 260

hat da die beiden Dorer vor Augen -oder im Tessin (Bauernbildnis) gelebt wurde. Der ganze Rieber – dazu gehören auch seine Landschaftsbilder, subjektiv, aber großartig empfundene Stimmungen. Man muß sie gesehen haben, die Wucht der stür­ zenden Hänge (Deichschlucht), die beäng­ stigende Finsternis des „schwarzen Waldes“, aber auch die Symphonien in Grün oder die in warmen Farben gehaltenen freundlichen Gegenstücke wie „Rankmühle“ (1965), ,,Nonnenbach“ (1960) oder „Obersimons­ wald“. So trifft auf ihn in ganz besonderem Maße der Ausspruch von Ludwig Richter zu: ,,Kunst ist beseelter Widerschein der Natur.“ Neben dem Bildhauer, Maler und Zeich­ ner gilt es aber auch den guten Pädagogen Karl Rieber zu würdigen. Zwar war die Lehr­ tätigkeit an der Staatlichen Schnitzerei­ schule Furtwangen nur von kurzer Dauer (1938), aber zehn Jahre lang leitete er Schnitz- und Zeichenkurse an der Volks­ hochschule Furtwangen (1969-1979). Daraus entwickelte sich schließlich ein Schülerkreis, der über ein Jahrzehnt zu einer verschwore­ nen Gemeinschaft wurde, die sich, immer unter der Anleitung von Karl Rieber, dem Malen und Zeichnen verschrieb und gemeinsame Fahrten an die Stätten großer Kunst unternahmen. Karl Rieber kann heute auf ein reiches Werk blicken, das ihm 1970 die Mitglied­ schaft der „Haute Academie Litteraire et Artistique de France“, 1980 die Mitglied­ schaft der ,,Accademia Italia delle Arti de! Lavoro“ eingetragen und 1983 ihn zum Mit­ glied des „Centro Studi e Ricerche delle Nazioni, Salsomaggiore“ gemacht hat. Und das Werk wächst noch, denn der inzwischen 81jährige scheint noch kein bißchen müde. Miirzmhöfle (Katzrnsteig) 261

Täglich noch verbringt er Stunden vor der Staffelei oder im Atelier. Und so steht Karl Rieber in der Fülle sei­ ner Jahre mit vollen Händen da: Ein um­ fangreiches bildhauerisches und malerisches Werk, fünfKinder, die in seinem Hause groß geworden sind und von denen zwei das Erbe von Großvater und Vater angetreten haben, eine angesehene Position in seiner Vater­ stadt. Denn mit seiner ruhigen, abwägenden Bedachtsamkeit war er im Rat der Stadt so gut wie im Rat der Kirchengemeinde eine respektierte Persönlichkeit. Die Liebe zur sacralen Musik hält ihn seit Jahrzehnten im Kirchenchor, dessen Ehrenvorsitzender er auch ist, fest. Und schließlich gibt es irgendwo auch noch den Schalk in Karl Rieber, der das Brauchtum der heimischen Narrenzunft mit seinen Ideen bereicherte. Robert Scherer Gasthaus „ Warteck ‚: ehemalige Bahnhofsgast­ ställe in Vöhrenbach 262 Alemannischer Aschermittwoch Geschlagen die Konfetti-Schlacht, do liet des Häs vum Wuescht. D’Fasnet isch rum un dir wird klar, daß wieder schaffe muesch. G’sait hät de Narro, wieso er strählt, g’rad dir, un so verruckt. Bisch Glonki oder Stachi gsi, no isch de Krage sehen verdruckt. Im Ohr häsch no des Fasnet-Lied, vum Schunkle, dert im „Ott“. Wer war die Maid, die mich hät druckt? Vergesse isch se – Saperlott! Wenn ich gli wißt, wo’s Auto stoht, no wär mer glih no wohler. Doch wie’s so isch am Dag denoch, de Kopf isch noch ein hohler. Schorle, Bier un Kuttel-Supp‘, min Mage schwätzt, oh Graus! Mir zwei hän g’schafft die drei, vier Tag was rie kunnt, mueß au wieder naus. Z’Nacht um Zwelfe han ich’s no g’het, so e Halstuch, so e blau’s. Doch glih druf na, warsch wie k.o., do zellsch dich selber aus. Ä schene Fasnet sei des gsi, so saget d’Liet des Johr. Doch b’sinnsch dich, no kunnsch selber druff, au älter bisch, au seil isch wohr! Wolfgang Bräun

Brauchtum, Mundart Die Schwarzwaldtrachten im Gebiet um Triberg Die Redaktion des Almanach hat die Trachtenberaterin Frau Ursula Siebler-Ferry gebeten, in Fort­ setzung ihres Beitrages „Baaremer Tracht heute“ (Almanach 90, Seiten 234-239) auch die Schwarz­ waldtrachten unseres Kreisgebiets vorzustellen. Unsere Volkstrachten zeichnen sich in ihrer Erscheinungsweise durch eine ausge­ sprochene Vielfalt aus, die den Laien, der bei Schwarzwälder Trachten nur an den Bollen­ hut denkt, in Staunen versetzen kann. Dabei decken sich die heutigen politi­ schen Grenzen natürlich keinesfalls mit den alten Grenzen der Trachtengebiete, die zum einen bestimmt waren durch die unter- schiedlichen Grundherren, eng damit ver­ bunden durch die Religionszugehörigkeit: Die Untertanen hatten den Glauben ihrer Obrigkeit anzunehmen: ,,Wes Brot ich eß, des Lied ich sing“. Zum anderen aber spielten auch land­ schaftliche Gegebenheiten eine Rolle: In vom Verkehr unberührten Tälern konnten sich Eigenheiten ungestört entwickeln und Vie!fiiltige Trachtenformen aus Furtwangen 263

An ein altes Schwarzwälder Gewerbe erinnert der Uhrenträger aus Furtwangen länger erhalten als auf dem flachen Land. Erst die größere Beweglichkeit durch Stra­ ßen-und Eisenbahnbau brachte Einflüsse aus benachbarten Regionen und teilweise Verwischung der alten Grenzen der Trach­ tengebiete mit sich. So sind die früheren ört­ lichen Eigenheiten bedauerlicherweise zum Teil verloren gegangen. Trotzdem finden wir im Schwarzwald­ Baar-Kreis auch heute noch eine Vielzahl von verschiedenen Trachtenformen. Da ist einmal die Katholische Baar-Tracht, die im Almanach 1990 (Seiten 234-239) aus­ führlich beschrieben wurde. Dann die Evan­ gelische Baar-Tracht in den Gebieten um Schwenningen -Trossingen. Besonders ma­ lerisch die St. Georgener Tracht, getragen auch in den evangelischen Dörfern im Umland, vor allem bekannt durch die besonders gro- 264 Alte Schäppelform aus Furtwangen ßen Schäppel (Schapel) der Mädchen. Nicht zu vergessen die Städtische Tracht der Villin­ ger Bürgerinnen mit der goldenen Radhaube. Die nachfolgenden Ausführungen sollen der Tracht der alten Kameralherrschaft Triberg gewidmet sein, die neben der Stadt Triberg die Vogteien Niederwasser, Grem­ melsbach, Nußbach, Rohrbach, Furtwan­ gen, Neukirch, Gütenbach, Schönwald, Rohrhardsberg und Schonach umfaßte. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts mag man dort mit der Kleidung einen ziemlichen (besser „unziemlichen“) Aufwand getrieben haben. Denn im Jahr 1748 erließ Ober­ vogt von Pflummern eine „Obrigkeitliche Kleiderordnung“, durch die dem zuneh­ menden Luxus Einhalt geboten und Rück­ kehr zur alten Einfachheit empfohlen wer­ den sollte.

Mädchen aus Furtwangen mit neuem Schäppel Haube mit besticktem „Kappenblätz“ aus Schön­ wald Hier einige Auszüge daraus:1) – Die Weiberröcke oder Juppen durften nicht mehr mit Bäuschen unterlegt wer­ den. Alle vorhandenen Bausehröcke mußten abgeändert und die Bäusche dar­ aus entfernt werden. Der Ehrbarkeit wegen mußten die Juppen so lang ge­ macht werden, daß sie die Unterröcke überdeckten oder zum mindesten über die Waden hinabreichten. Bei erwachse­ nen Weibsleuten durfte das Rockende höchstens eine halbe Elle Abstand vom Boden haben. – Wollene Weiberkittel durften nicht mehr aus feinen und teuren Stoffen hergestellt werden, sondern nur noch aus dauerhaf­ tem und gewöhnlichem Wolltuch sein, dessen die Elle 20 bis 25 Groschen kostete. Gänzlich verpönt war das Aus- schmücken der Weiberbrusttücher mit echten oder falschen Borten. Überflüssige Bänder, Spitzen und ähn­ liche Zieraten waren an den Fürtüchern (Schürzen), Strohhüten, Brusttüchern, Halsmäntelchen und dergleichen zu ver­ meiden. Halsmäntelein oder Goller durf­ ten die ehrbare Größe nicht übersteigen und mußten auf den „alten lieblicheren und wohlfeileren Modus“ zurückgeführt werden. Mannsbildern, insbesondere aber den ledigen Söhnen und Knechten war es bei hoher Strafe verboten, sich allzu enge Buxen oder Hosen machen zu lassen, wie man sie etliche Jahre zuvor „ärgerlicher Weis“ eingeführt hatte. Usw usw.! Zum Schluß wurden „alle Vögte und Vorge­ setzte andurch ermahnet, daß sie nach 265

Schönwälder Frauentrachten – nach altem Vorbild neu erstanden obhabenden ihren Pflichten auf gegen­ wärtige Kleiderordnung genau Obacht tragen, hierauf fleißig halten und die Übertreter nicht allein vor sich rufen und ihren Unfug ihnen vorhalten, sondern auch zur weiteren Abstrafung solche der Obrigkeit ohnverweilet anzeigen sollen “ Ohne diese Reglementierungen, die wohl zumindest für geraume Zeit eingehalten wurden, hätten sich die Volkstrachten in diesem Gebiet zweifellos anders entwickelt. Aber heute – nach mehr als 240 Jahren – ist doch festzustellen, daß die Freude an den verschiedenen Schmuckelementen wie Bor­ ten, Seidenbändern, Stickerei sich nicht auf die Dauer unterdrücken ließ. Seit langem totgesagt, sind die Trachten heute noch – oder besser gesagt: wieder – da, sorgfältig nach alten Vorbildern nachgeschneidert. Auf eine Beschreibung der Männertracht möchte ich verzichten; sie unterscheidet sich nicht wesentlich von der in anderen Trachtengebieten. Was bei Frauen- und Mädchentrachten zu allererst ins Auge fällt, sind die typischen Kopfbedeckungen. Hierzu möchte ich Charles Lallemand zitieren, der sie 1860 wie folgt beschreibt: 2l „Der gelbe Hut … , dessen Material zu bestimmen oder zu erraten im ersten Augen­ blick schwierig ist, weil er unter einer dicken, chromhaltigen gelben Farbe verschwindet, ist ein Strohhut. Die Zylinderform ist überall gleich, Abwandlungen finden sich nur an den Krempen, die einmal gerade, ein ander­ mal gewellt sind. Diese Hüte haben die ganz spezielle Eigenschaft, jedem auswärtigen 266

Reisenden . .. einen Schrei der Verblüffung zu entreißen, wenn er sich zum erstenmal einer solchen Bedeckung des Kopfes gegen­ übersieht. Die Haube, die wir nach Triberg benennen, und der man -neben dem gelben Hut – in der gesamten Gegend ansichtig wird, ist eine elegante Kopfbedeckung mit flachem, goldbesticktem Boden und um­ geben von Bändern, die hinter dem Rücken flattern und sich mit Haarflechten mischen.“ Bleibt nachzutragen, daß die Haube ursprünglich die Kopfbedeckung der Ledi­ gen ist, während von den verheirateten Frauen über der Haube der Strohzylinder getragen wird. Nicht erwähnt hat Lallemand den Hochzeitsschäppel, in unterschiedli­ chen Formen aus vielerlei Glitzer- und Per­ lenmaterial kunstvoll angefertigt. Vielfältig ist auch das Material des Mie­ ders: Weit verbreitet war früher der sog. gepreßte Samt in verschiedenen Farben, aber auch Blumenmuster in Gold- und Silber­ stickerei, Brokatteile, Ausschmückung mit Bändern und Borten zieren Mieder, Brust­ latz und Halsmäntele. Mit Seiden- oder Moire-Bändern, die unter den Armen durch­ gelegt werden, wird das Halsmäntele fest­ gehalten. Vom weißen Leinen- oder Halbleinen­ hemd sind nur die großen, unter dem Arm mit weißen Bändern gebundenen Puffärmel zu sehen. Dazu gehört ein weiter, langer Rock (,,Hippe“ genannt, früher Juppe“), teilweise mit andersfarbigem Vorstoß, in viele Fält­ chen gelegt, zuweilen auch plissiert. Der darunter getragene Unterrock war früher aus dickem, rotem Filz (oft waren es auch mehrere übereinander), heute kann auch ein weißer Baumwollstoff verarbeitet werden. Einen großen Teil des Rockes bedeckt die Schürze, meist aus einfarbiger oder changie­ render Seide; ein besonderes Schmuckstück sind mit Perlen oder Goldfaden bestickte Gürtel. An kühlen Tagen wärmt ein kurzes Jäck­ chen ( ,,Schobe“ genannt), aus meist schwar- zem Tuch, manchmal mit farbigem Futter. Schwarze Halbschuhe und weiße Strümp­ fe (heute Strumpfhosen) vervollständigen die festliche Frauen- und Mädchentracht. Dazu paßt eine aus Stroh geflochtene Tasche oder ein Körbchen. Aus dieser Beschreibung mag entnom­ men werden, daß die Tracht weder früher noch heute eine Einheitskleidung war und ist; sie hat vielmehr -in der durch die Über­ lieferung vorgegebenen Form – vielerlei Variationsmöglichkeiten. Sicher gab es frü­ her nicht zwei genau gleiche Trachten. An der mehr oder weniger aufwendigen Aus­ schmückung konnte man den Reichtum der Trägerin ablesen, auch die Länge und Breite der Kappen- und Hutbändel soll darüber Aufschluß gegeben haben. Diese Vielfalt sollte nach Möglichkeit auch bei heute neu angefertigten Trachten im Auge behalten werden. Sicher wird dies erschwert dadurch, daß manche Zutaten von früher nicht mehr zu bekommen sind; bei gründlicher Suche -oft auch in Nachbarlän­ dern – läßt sich aber im allgemeinen doch das Richtige und Geeignete finden. Ein Bei­ spiel: Für die vor kurzem in Schönwald nach einem alten Original angefertigte Frauen­ tracht mußte eine Firma gefunden werden, die den mit einem ganz besonderen Muster versehenen Samt eigens herstellen konnte. Sie wurde gefunden. Ursula Siebler-Ferry A n m e r k u n g e n : 1> Siehe Wilhelm Fladt, die obrigkeitliche Kleiderordnung der Herrschaft Triberg vom 1. April 1748, eine Studie zurTrach­ tengeschichte des Schwarzwalds, in ,,Mein Heimatland“, Heft 11/1935. 2) Charles Lallemand, Les Paysans Badois, Strasbourg 1860; neu herausgegeben, aus dem Französischen übersetzt und kommentiert von Wolfgang Kuhl­ mann, Moritz Schauenburg Verlag, Lahr, 1987. 267

Was heißt hier „närrsch“? Das ist auch eines von jenen Wörtern, die man bald nur noch im Lexikon für Dialekte wird finden können. Dabei müßte, wären die Naturanlagen der Menschen genau nach der Temperamentenlehre verteilt, jeder vierte ein „Närrscher“, ein Choleriker sein, schon äußerlich an der Zornesader auf der Stirn erkennbar. Dies ist wohl eine Übertreibung, denn wie sich das Temperament auswirkt oder sich auswirken darf, das kommt auf die Umstände, die sozialen Verhältnisse, auch auf das Lebensalter an. Dennoch: Großen Seltenheitswert hat er nicht, der junge Mann, der Mann auch noch in mittleren Jahren, selbst der ältere Herr, der „närrsch‘ Kerli“, dem keine Arbeit schnell genug vorankommt, keine Pflanze schnell genug wächst, der mit Stolz auf den Blitz und die Worte „Tempo! Tempo!“ und „DaJli! Dalli!“ in seinem Wappen hinweist, dessen höchste Verpflichtung es ist, die Tradition seines Geschlechtes aufrechtzuerhalten und fortzuführen. Nach seiner Meinung verläuft alles viel zu langsam: das Familienleben, die Produktion im Betrieb, die Politik und erst recht die Weltgeschichte. Er hat etwas von der Art eines Eiferers, eines Zeloten. Er ist der Mann der Rekorde. Wenn er arbeitet, scheint er beweisen zu wollen, daß Rom sehr wohl an einem Tag hätte erbaut werden kön­ nen, hätten sich nur alle so angestellt wie er. Mit ihm zusammenzuarbeiten bringt dich zunächst außer Atem, dann zur Verzweif­ lung; mit ihm zu Tisch zu sitzen, wird nicht zum Genuß, denn „wie man schafft, so ißt man“. Langsamkeit ist ihm ein Greuel, Behaglichkeit ein Fremdwort. Diese „Närr­ schi“, eine Form der Nervosität, ist ein Dauerzustand, sie ist angeboren; wer so ist, kann nichts dafür. Ist er bei jedweder manuellen Beschäfti­ gung immer der flinkste, so nicht minder im Denken und Diskutieren. Seine Meinung hat er sich im Hau ruck-Verfahren vor allen anderen gebildet, sie ist natürlich die richtige 268 und einzig vernünftige, Gegenargumente sind nicht erlaubt, wären auch zwecklos, wagt man sie trotzdem, werden sie hitzig und mit Stimmgewalt, notfalls auch mit Faustschlägen auf den Tisch – sonst mit nichts -widerlegt. Die fixen Ideen, sie sind seine liebsten. Etwas anderes ist das „Närrschwerden“ vom leichten Indigniertsein bis zum Tob­ suchtsanfall. Der Dialekt ist in der Lage, allen Variationen, vom linden Gesäusel bis zum Orkan gerecht zu werden. ,,Halber närrsch“ (will sagen: leicht verstimmt) machte mich doch tatsächlich vor kurzem jemand, der – in gutem Glauben an die Kräfte des Über­ sinnlichen -mich hartnäckig auf die weni­ gen, mir stets widerwärtig erschienenen, meist negativen Charaktereigenschaften der im T ierkreiszeichen des Skorpions Gebore­ nen festlegen wollte, wonach ich gar nicht anders sein könne als gewalttätig, vom Widerspruchsgeist beherrscht, ja hinterhäl­ tig und zur Konzilianz nahezu unfähig. Handfester Zorn, Entrüstung, Empörung, gar eine Wut wird mit „elend närrsch“, ,,mordsnärrsch“, ,,viehmäßig“ oder „saumä­ ßignärrsch“ umschrieben, je nach Hitzegrad. Die beiden früher in ihrer Heimat nicht als anstößig, sondern durch ihre häufige Ver­ wendung nachgerade als salonfähig einge­ stuften Adjektive „viehmäßig“ und „saumä­ ßig“ halfen den Jähzorn, die blinde, besin­ nungslose Wut, zweifelsfrei zu definieren. Für Betrachtungen, wo da noch ein Plätz­ chen für den „heiligen Zorn“ sein könnte, bleibt in solchen Situationen wenig Raum. Hält ein stärkerer Zorn auch noch länger an, Tage, Wochen, so ist der davon· Betrof­ fene „durenärrsch“. Beim Erben zu kurz gekommen zu sein, könnte den Grund dafür abgegeben haben. Vom „närrsche Mache“, wenn Alkohol geflossen ist, braucht hier nicht die Rede zu sein. Das kennt man. Mancher brüstet sich auch gern, wie sehr er närrsch werden könne, eigentlich verrät er

nur, wie wenig er sich in der Gewalt hat: „Herrgott, wur i au do närrsch“, oder „bin i au do närrsch wore“ (weil kein Bier mehr im Keller war). Hinter seinem Rücken heißt es dann: ,,Der hat auch immer ‚e närrschi Macherei.“ Läßt einer seine Wut an völlig Unbeteilig­ ten aus und ist ihm das Rechte nicht mehr recht, so sagte man von ihm: ,,Der ist auf die ganze Welt närrsch.“ Reagiert einer ohne erkennbare Ursache unwirrsch auf die Frage eines anderen, kann dieser nur vermuten: „Der ist, denk i, närrsch uf mich.“ Närrsch machen kann man auch ein Roß, eine Kuh, einen Hund, durch unsachgemäßes Behan­ deln auch Bienen. Dann aber aufgepaßt! „Närrsch dehinderni“ (halber närrsch bis stockhagelnärrsch) kann man sein, wenn irgendeine Entwicklung nicht im gewünsch­ ten Sinne verläuft, etwas anderes als berech­ net das Ergebnis ist, man zum Beispiel den ausgesuchten Bauplatz nicht erhält, die Steuerrückzahlung nach der eigenen subjek­ tiven Meinung viel zu niedrig ausfällt, die Tochter nicht standesgemäß heiratet und so weiter und so fort. Der des Dialekts Mächtige ist in der Lage, sich so auszudrücken, daß Mißverständnisse ausgeschlossen sind. Drollig wird es oben­ drein, wenn sich der Kindermund seiner bedient: ,,Mi großi Schwester het g’meckeret und goschet und närrsch g’macht“ (weil sie abends nicht ausgehen durfte). ,,Närrsch“ hat aber auch die ganz harm­ lose Bedeutung von „sehr“, ,,arg“, ,,übertrie­ ben“, ,,außergewöhnlich“. Ein Berg von 1000 m Höhe ist nicht so „närrsch“ hoch, ein Garten von 50 �adratrnetern Fläche ist nicht so „närrsch“ groß. Gibt es „nicht so närrsch viel“ Obst, so muß man mit dem Most haushalten. War irgendeinmal vor Generationen in der Verwandschaft oder zwischen zwei Nachbarn ernster Streit ent­ standen, so daß das Verhältnis nie mehr ganz unbefangen wurde, so kann man sagen hören: ,,Sie mögen sich heute noch nicht so närrsch.“ Auch im Ausdruck höchster Verwunde­ rung und striktester Ablehnung findet sich dieses Wort. Die Ehefrau zum Gatten, der bei viel zu geringen Ersparnissen ohne Vor­ warnung einen Ferienaufenthalt in der Kari­ bik anordnet: ,,Bisch jo närrsch!“ Eine Belei­ digung ist das nicht, obwohl sie eigentlich sagen wollte: ,,Du bist verrückt!“ Im Sinne von „toll“, ,,ausgelassen“ wird es verwendet, wenn Kinder einmal außer Rand und Band geraten, sich aufführen „wie die Närrschen“, die Irren, die Wahnsinnigen, was am peinlichsten ist, wo man es am wenigsten dulden kann: im Bus, bei Ver­ wandten, an Familienfesten, in der Kirche. Am Ende sind die Erwachsenen närrsch. In manchen Gegenden ist man „fasnet­ närrsch „, erwartet die Fastnacht mit Unge­ duld, nimmt an allen erreichbaren Sitzun­ gen teil, geht auf alle Bälle, kann nicht genug bekommen. Junge Mädchen, die ihre Gedanken in der Hauptsache auf gleichaltrige Burschen rich­ ten, bezeichnet man als „männernärrsch“ oder „mannsnärrsch“; auf Casanovas paßt der Ausdruck „wiebernärrsch“. Nicht genug damit. ,,Närrsch uf ebbis“ sein heißt, einem unwiderstehlichen Verlan­ gen nachgeben, auf etwas versessen sein, auf das Sammeln alter Pistolen, auf die Sport­ schau, aufs Holzhacken, Bergwandern, Jagen, selbst auf Spezialitäten der Küche, etwa gekochte Ripple oder Hühnerfrikassee: also etwas leidenschaftlich besitzen, sehen, unternehmen, erleben oder genießen wol­ len. Erreicht die Bedeutungsweite unseres Wortes noch alles Überspannte, Extrava­ gante in Mode, Musik, Aktionfilmen, Thril­ lern oder was weiß ich, so heißt es auch ganz einfach „unmöglich“, ,,gegen die Tradition“. Erfuhr man, daß ein Mann einem andern einen Liebesbrief schrieb, so hieß der Kurz­ kommentar: ,,Ganz närrsch“. Fertig. Und was ist „die letzt‘ Närrschi“, man­ cherorts auch „die zweite Närrschi“ ge­ nannt? Mehr als der Johannistrieb, nach aller Erfahrung ist sie noch einmal ein Aufbäu­ men von Gemüt und Natur in vorgerücktem Alter, die Beschwörung einer zweiten Ju- 269

gend, ein Verzweiflungsverhalten, ohne daß es als solches empfunden wird, im Gegenteil, in einer Art Torschlußpanik das Leben noch einmal genießen, noch einmal Vergnügun­ gen nachgehen wollen, die viel jüngeren Jahrgänge entsprächen, sich in den Vorder­ grund spielen, ein letztesmal seine Grenzen weiterziehen wollen. Der von der „letzten Närrschi“ Angesteckte arbeitet vorüberge­ hend „wie närrsch“, wie er es einst in jungen Jahren konnte. Man lacht darüber, und der Betroffene, in seiner Absicht durchschaut, lacht mit. Doch ist es nicht nur eine Angele­ genheit von Männern. Daß Menschen – namenlose wie hoch­ berühmte -,,närrsch“, ja „stockhagelnärrsch“ werden konnten und ihre Beherrschung ver­ loren, weiß man aus Literatur und Lied. Mose, mit Respekt gesagt, zertrümmerte, die Gesetzestafeln, wie er das Kalb sah, das statt Jahwes sein Volk aus Ägypten geführt haben sollte. Das erste Wort der gewaltigen Ilias von Homer schlägt den Akkord des Werkes an: den Zorn des Achilleus beim Kampf um Troja. Götz von Berlichingen war ganz gewiß ,,närrsch“, bevor er das Fenster zuschmiß. Nicht viel weniger war es Schneidermeister Böck, als die bösen Buben, der Max und der Moritz, sein Blut mit ihrem „Meck, Meck, Meck“ in Wallung brachten. Dasselbe gilt auch vom bekanntesten aller Fahrgäste auf den „Schwäb’schen Eisenbahnen“, der am Ende seiner Reise dem Kondukteur den Kopf des Ziegenbocks „an Ranze na“ warf Auf schwäbisch: Der ist narred gweä. Kein Geheimnis ist, daß auch Staatsmän­ ner „närrsch“ werden können. Bei der „Kai­ sergeburt“ 1871 hatte Bismarck „mehrmals das dringende Bedürfnis, eine Bombe zu sein und zu platzen, daß der ganze Bau in Trüm­ mer gegangen wäre“ (Otto von Bismarck, DOKUMENTE SEINES LEBENS 1815 bis 1898, Leipzig 1986, S. 265). Das ließ er aber in einem Brief nur seine Frau Johanna wis­ sen. Nina dagegen konnte mit Millionen Zuschauern ihren Nikita im Fernsehen beobachten, als er, närrsch, wie er war, mit seinem Schuh auf dem Tisch im UNO-Sit­ zungssaal herumhämmerte. Sie wird sich ihr Teil gedacht haben. Es ist im Ernst keine Frage: Der Zorn eines Mächtigen kann Menschen im weitem Umkreis Angst und Schrecken einjagen. Sel­ ten aber ist Zorn ein Zeichen von Stärke, noch weniger Hast und Aufgeregtheit. Es muß an der Ohnmacht dessen liegen, der ,,närrsch macht“, sich auch leicht dazu pro­ vozieren läßt, daß sein aufgeregtes Getue meist unwiderstehlich zum Lachen reizt, es den „Närrschen“ -je weniger er Anlaß für seine „närrschi Macherei“ hat-in die Nähe der Witzfigur rücken kann, und da er schon den Hohn hat, nicht auch noch für den Spott zu sorgen braucht. Karl Volk Fasnacht 1991 fand nicht statt Eine kritische Nachbetrachtung In den Wochen der Golfkrise wurde bei uns, je näher die Fasnacht 1991 heranrückte desto lauter, darüber diskutiert, ob sie statt­ finden dürfe. Als am 17. Januar 1991 schließ­ lich ein mehrwöchiger Krieg am Golf aus­ brach, war das Schicksal der Fasnacht besie­ gelt: sie durfte nicht stattfinden. Die Frage muß gestellt werden: Konnten die Verantwortlichen in den Zünften wirk- lieh frei entscheiden oder sind sie Opfer einer Medienkampagne geworden, die sich. bemerkenswerterweise dann ins Gegenteil verkehrte, als auch die letzte Fasnachtsver­ anstaltung abgesagt war? Sie konnten nicht, die „betroffene Öffentlichkeit“ stand dage­ gen. Wir alle, besonders aber wir Narren, müs­ sen darüber nachdenken, wie es dazu kom- 270

Bilder der diesjährigen Fasnacht 271

men konnte, daß ein tiefverwurzelter Brauch Opfer einer Medienkampagne wurde. Wir müssen uns fragen, warum haben wir uns von einigen Meinungsmachern das Heft aus der Hand nehmen lassen? Wie konnte es geschehen, daß wir nicht in der Lage waren, darzustellen, daß Fasnacht ein erhaltenswer­ tes Kulturgut ist, fest eingebunden in den kirchlichen Jahresablauf, wie Weihnachten, Ostern, Pfingsten, ja daß das Wesen der Fasnacht nicht aus einem plumpen Tingel­ tangel, sondern im Ausgleich zu den dunk­ len Seiten des Lebens besteht? Hat die Fas­ nacht nicht auch die Funktion, die Unvoll­ kommenheit des menschlichen und politi­ schen Handelns aufzuzeigen? Hätte nicht gerade die sprichwörtliche Narrenfreiheit als Satire und närrische Kritikmöglichkeit an den herrschenden Zuständen 1991 ihre volle Daseinsberechtigung gehabt? Man wird uns fragen, welche Maßstäbe wir künftig anlegen. Sind Hunderte von Kin­ dern, die täglich in der Dritten Welt verhun­ gern, zu wenig, um die Fasnacht abzusagen? Wo waren wir, als in Korea, Vietnam, im Afganistan- oder im Iranisch-Irakischen Krieg Hunderttausende ihr Leben lassen mußten? Wie konnte es 1991 zu dieser neuen Sensibilität oder besser gesagt zu diesem ,,Betroffenheitskult“ kommen? Als in den Notjahren nach dem 1. Welt­ krieg die badische und württembergische Regierung immer wieder Fasnachtsverbote aussprachen, zogen sie den Volkszorn auf sich und es wurde erkennbar, daß besonders in Notzeiten das Bedürfnis nach Fasnacht besonders groß war. Dies führte 1924 zur Gründung der Vereinigung schwäbisch-ale­ mannischer Narrenzünfte mit dem Ziel, das historisch gewachsene, bodenständige Fas­ nachtsbrauchtum zu pflegen. Viel Mut und Rückgrat bewiesen unsere Großväter und Großmütter, unsere Väter und Mütter, als sie Anfang der 20er Jahre trotz der bedrückenden (kriegsbedingten) Notlage und des bestehenden Verbotes ihre Fasnacht feierten. Mehr noch, die Betroffen­ heit der durch die Notlage gekennzeichne- 272 ten Bevölkerung war eine der wesentlichen Triebfedern für das fasnächtliche Handeln. Daß es auch damals eine öffentliche Diskus­ sion gab, zeigt eine beachtenswerte Veröf­ fentlichung in den Furtwanger Nachrichten, in denen wir am 24. Februar 1922 folgendes lesen: ,, Wenn auch die Faschingslust in dieser schwe­ ren Zeit so manchem ernst veranlagtem Men­ schen begreiflicherweise gegen den Strich geht, so dürfen im Gegensatz hierzu, den zur Lebenslust und Heiterkeit hinneigenden die paar Tage nicht mißgönnt werden. So uraltes Herkommen und so tief im Volk eingewurzelte Gebräuche haben Anspruch darauf,fortgesetzt und auf die Nach­ kommen vererbt zu werden. Damit mögen sich jene alfinden, die über das närrische Treiben den Kopf schütteln. “ In der Fasnacht 1991 hätten wir uns solche erklärenden und ermunternden Darstellun­ gen durch die Presse gewünscht. Doch die bundesdeutsche Presse hatte sich die Narren als Golfskriegs-Büßer ausgesucht. Eine diffe­ renzierte, objektive, vor allem aber tolerante Berichterstattung war kaum mehr möglich. Karnevalisten und Fasnachter sind sich einig, daß die Fasnacht 1991 ein Opfer der Medien wurde. Aus Mainz, das am direkte­ sten mit den Medien verbunden ist, kam am 8. Januar 1991 die Mitteilung, daß im Kriegs­ fall keine Narrenzüge und Festsitzungen stattfinden werden. In den folgenden Tagen und Wochen wurden zunächst die Narren­ vereinigungen, dann die Zünfte und später auch die einzelnen Vereine,ja zum Teil sogar Schule und Kindergärten, so lange bedrängt, bis sie ihrerseits alle Fasnachtsveranstaltun­ gen absagten. In unserem schwäbisch-alemannischen Raum waren 4 Phasen zu beobachten: Der Stimmungsmache durch die Presse bis etwa 20. Januar 1991 folgte eine Phase der lähmen­ den „Betroffenheit“, die Ende des Monats abgelöst wurde von einer mehr kritischen Betrachtung der sogenannten Betroffenheit und die schließlich Anfang Februar 1991 und insbesondere während der Fasnachtstage in eine profasnächtliche Stimmung (wie z.B. in

Furtwangen) umschlug, allerdings nur dort, wo es gelang, die Fasnacht aus der Zone der Angst herauszuholen. Festzuhalten bleibt, daß durch die totale Konzentration der Medien auf das Kriegsge­ schehen am Golf, die Art der Berichterstat­ tung und die Auseinandersetzung „Krieg und Fasnacht“ eine ängstlich-hysterische Stimmung in der Bevölkerung entstanden ist. Diese verstärkte sich mit dem Ausbruch der Golfkrise am 17. Januar 1991, indem Rundfunk und Fernsehen in 24stündigen Sendungen das Geschehen live übertrugen. Die sich immer mehr zu einem „Betrof­ fenheitskult“ verändernde Stimmungslage wurde der eigentlichen Situation kaum mehr gerecht, die „Betroffenheit“ immer diffuser. Dies führte Ende Januar 1991 auch dazu, daß ein differenziertes Nachdenken über die Funktion, das Wesen und den Ursprung der Fasnacht einsetzte. Auch mehrten sich die Stimmen, die fragten, ob wir das Recht haben, den Kindern, Alten und Kranken die Fasnacht zu nehmen? Neben der Brauch­ tumspflege besannen wir uns besonders auf die soziale Dimension der Fasnacht, die nicht nur Heiterkeit und Festivität bedeutet, sondern auch Besuche in Kindergärten, Schulen und Altenheimen. Wenige Tage vor der eigentlichen Fas­ nacht war der Stimmungsumschwung deut­ lich zu spüren. Für viele Narren war es aber offensichtlich zu spät. In Furtwangen planten wir für den ,,Schmutzigen Dunschdig“ einen Friedens­ gottesdienst, einen Besuch im Altenheim und statt des normalen großen Kinderum­ zuges einen Heische-Umzug. Und dann war er endlich da, der „Schmut­ zige Dunschdig 1991″, der nicht sein sollte. Begonnen hat er mit einem besinnlichen Gottesdienst, der uns an Elend und Leid in der Welt und an die Menschen am Golf erinnern sollte. Nicht vergessen sind die Dankbarkeit und die Freude der alten Men­ schen, die uns im Häs im Altenheim begeg­ neten. Interessant war auch unser Besuch in der Grundschule. Wir Narren hatten zum ersten mal seit vielen Jahren wieder das Gefühl, den Kindern und alten Menschen eine echte Freude bereitet zu haben. Bei der Nachmittagsveranstaltung mögen es an die 400 Kinder und Erwachsene gewesen sein, die freudig und fröhlich durch die Straßen zogen und dankbar waren, daß für sie die Fas­ nacht 1991 nicht ganz ausgefallen war. Der für Fasnachtmontag angesetzte Kinderball im katholischen Pfarrzentrum konnte kaum alle Kinder aufnehmen. Zwischenzeitlich war der Bann des Schweigens und Zurückhaltens gebrochen. Immer mehr Veranstaltungen wurden spon­ tan angesetzt und das nicht nur in Furtwan­ gen. Auch in Rottweil, Villingen, Donau­ eschingen, Hüfingen und weiteren Narren­ orten ließ sich die Fasnacht nicht mehr unterdrücken. Wir Fasnachter müssen uns kritisch fra­ gen lassen, warum wir es nicht verstanden haben, ein Brauchtum wie die Fasnacht als ein soziales, sprich gemeinschaftliches Han­ deln darzustellen, das eingebunden in den kirchlichen Jahresablauf wichtige psycho­ hygienische Funktion erfüllt, und daß unser Brauchtum ein lebendiger Spiegel von alten Sitten, Gebräuchen und Traditionen sein muß, und schließlich daß sie ihre Daseins­ berechtigung gerade in schwierigen Zeiten hat. Vielen mag es sicherlich so ergangen sein, wie jenem Narr, der schrieb: ,,Mir fehlt ein Teil des Jahresablaufs und ich fühle mich bestohlen“. Oder wie es Pfarrer Joseph Beha, Furtwan­ gen, in seiner Predigt ausdrückte: ,,Ein ganzes Jahr Fasnacht wäre unerträglich. Ein ganzes fahr ohne Fasnacht ist es aber auch!“ Roland Wehrle 273

Sagen der Heimat Der Almanach möchte aus Anlaß des 90. Geburtstages unseres verstorbenen Heimatschriftstellers Max Rieple (13. 2. 1992} die Erinnerung an ihn durch den Abdruck seiner Beiträge“ Vom Hüfinger Baptistle“ und der „Hölzlekönig“ bei Schwenningen am Neckar, erschienen im Buch „Die vergessene Rose‘: 2. Auflage 1961, wachhalten. Die Redaktion dankt an dieser Stelle dem Verlag Stähle & Friede!, Stuttgart, für die freundliche Abdruckgenehmigung. Vom Hüfinger „Baptistle“ War da einst für das Fürstlich Fürstenber­ gische Herrschaftsgebiet Landestrauer ange­ ordnet und somit auch jedes Fasnettreiben strengstens untersagt worden. Das war für den Baptistle, der zu Hüfingen ein Torstüb­ lein bewohnte, eine bittere Pille, die gar nicht hinunter wollte. Sollte er sich wirklich ein ganzes Jahr vergeblich auf die Fasnet gefreut und sein Narrenhäs aus erbettelten bunten Lappen und Läppchen umsonst zusammen­ geflickt haben? Wenn jedoch das Narrenlau­ fen von Amts wegen verboten war, mußte man sich wohl oder übel fügen. Vielleicht aber konnte es nichts schaden, dem Herrn Amtsrat persönlich eine Aufwartung zu machen und die Bitte vorzutragen, sich wenigstens zu Hause maskieren und so den Kopf zum Fenster hinausstrecken zu dürfen. Obwohl der Herr Amtsrat zuerst ablehnend war, durfte der Baptistle schließlich doch die erbetene Sondergenehmigung, die ja „unbe­ schadet des Ansehens obrigkeitlicher Verfü­ gung“ erteilt werden konnte, mit untertänig­ sten Bücklingen entgegennehmen. Als am nächsten Morgen – es war ,,schmutziger Donnerstag“ -der Herr Amts­ rat, seine Pfeife schmauchend, zum Fenster hinausblickte, wunderte er sich sehr, als da unten auf der Straße sich Kinder zusammen­ rotteten und ein Lärm entstand, der verdäch­ tig nach Fastnachtstreiben klang. Und schon stürzt der Büttel zur Türe herein und berich­ tet atemlos: ,,Der Baptistle erfrecht sich, mit Verlaub zu sagen, narrenzulaufen!“ Erbost läßt der Herr Amtsrat den Verbre- 274 eher vorführen, und siehe da, dieser hat wirk­ lich sein schönstes Narrenhäs angetan und hat sich überdies das ausgehängte Stuben­ fenster al Halskrause über den Kopf gestülpt. „Wer hat ihm das erlaubt?“ herrscht der Amtsrat den Baptistle an. ,,Ihr selber, hoher Herr“, entgegnet der Delinquent, ,,habt mir allergnädigst ja die Erlaubnis gegeben, mich zu maskieren und den Kopf so zum Fenster hinauszustrecken. Hab‘ ich etwas anderes getan, wo ich doch nur zu diesem, meinem eigenen Stubenfenster hinausschaue?“ Vor diesen überzeugenden Argumenten mußte sich selbst der gestrenge Herr Amtsrat geschlagen geben, und warnend meinte er nur: ,,Für diesmal soll er ungestraft davon­ kommen, aber hinfüro lasse er sich nicht mehr so auf der Gasse blicken! Hat er ver­ standen?“ Und der Baptistle hatte nur zu gut verstan­ den. Denn am zweiten Fastnachtstag war er heimlich zum Sehellenberg hinaufgeschli­ chen, hatte auf einer Wiese rasch sein Nar­ rengewand übergestreift und vollführte so vor der begeisterten Jugend seine Narren­ streiche. Was wollte der Herr Amtsrat schon dage­ gen tun? Eine Wiese ist nun eben einmal keine Gasse, und aus einem Narren einen Weisen zu machen, ist selbst der gestreng­ sten Obrigkeit nicht möglich. So ließ man denn schließlich den Baptistle ungestraft gewähren, und auch heute lebt er noch fort in der Hüfinger Fastnacht.

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Der „Hölzlekönig“ bei Schwenningen am Neckar 276

— —···s….,_ — —— 277

Im Walde, der zwischen Villingen und Schwenningen sich hinzieht, steht ein ural­ ter, mächtiger Baumriese, gegen den die anderen hochgewachsenen Bäume wie Zwerge wirken. Es ist Deutschlands höchste Tanne, der 42 Meter hohe „Hölzlekönig“, der unumschränkter Herrscher in seinem Reiche ist. An die 400 Jahre soll der Riese alt sein, und wahrscheinlich stimmt dieses Alter auch, wenn man der Sage glaubt, die folgen­ des zu berichten weiß: Im Jahre 1522 kam der König der Zigeuner mit Frau und Kind und seinem ganzen Stamm durch die Baar gezogen. Als die fah­ renden Leute in die Nähe von Schwennin­ gen kamen, wurde das königliche Elternpaar von einem tückischen Fieber plötzlich hin­ weggerafft. Das kam dem herrschsüchtigen und finsteren Bruder des Zigeunerkönigs gerade recht. Was kümmerte es ihn, daß nach Fug und Recht der Fürstensproß, der weinende Waisenknabe, einmal „König“ werden sollte. Dieser Rang gebührte ihm, dem Bruder des Verstorbenen, wohl eher als einem unmündigen Knaben. So setzte er die­ sen kurzerhand im finstern Tann aus und machte sich selber zum Zigeunerkönig. Das Schicksal aber wollte es, daß das aus­ gesetzte Kind von dem Schwenninger Vogte aufgefunden wurde, der es aufzog, als wäre es sein eigen Fleisch und Blut. Die Jahre vergin­ gen. Als aus dem Zigeunerbüblein, das den Namen Michel erhalten hatte, ein schmuk­ ker junger Mann geworden war, kam der­ selbe Zigeunerstamm, dem der Knabe einst angehört hatte, wieder in die Schwenninger Gegend. Immer noch waltete der unrecht­ mäßige König seines Amtes, und auch die Großmutter des ausgesetzten Kindes lebte noch und genoß bei den Ihren ein großes Ansehen. In der Nähe von Schwenningen lagerten die Zigeuner. Sie hatten ihre Wagen an einem Waldrand abgestellt, die buntbe­ bänderten Pferde abgeschirrt, und während die Frauen auf loderndem Lagerfeuer das Essen zubereiteten, ließen die Männer sich untätig die Sonne auf den Rücken scheinen. Es war ein buntes Bild. Kein Wunder, daß 278

die Schwenninger Mädchen und Burschen, darunter auch Michel, der Zigeunersproß, zum nahen Walde kamen und das fahrende Volk bestaunten. Als schließlich der Mond sein silbernes Horn in die Bäume hing und eine Geige aufschluchzte, hub ein Fest an, bei dem sich die Burschen mit den schlanken Zigeunerinnen eifrig im Tanze drehten. Doch auf einmal, keiner wußte recht wie, war es zu einem Streit gekommen.Und so, als sei plötzlich sein wildes Blut erwacht, schlug Michel einen der Zigeuner zu Boden. Als er deswegen von seinem ergrimmten Pflegeva­ ter, dem Vogte, vom Platz verwiesen wurde, schlich die Altmutter des Stammes dem jun­ gen Manne heimlich nach. Es war, als spüre sie die geheimen Bande des Blutes, und an einem Muttermal erkannte die Großmutter den Enkel wieder. Er müsse sogleich mit­ kommen, meinte sie, denn er allein sei der rechtmäßige König der Zigeuner. Michel willigte ein und kehrte ins „Hölzle“ zurück. Als die Altmutter den jungen Burschen dem Stamme als ihren Enkel vorstellte und for­ derte, daß man den unrechtmäßigen König absetzen und Michel mit der hohen Würde bekleiden solle, jubelten ihm alle zu und hoben ihn auf ihre Schultern. Während des Jubels war der bisherige König geflohen. Grimmig hatte er geschwo­ ren: für die erlittene Schmach solle Michel und der ganze Stamm büßen! Im Schutze der Nacht kam er zu den ersten Häusern von Schwenningen, und bald stand der rote Hahn auf den Schindeldächern. ,,Das haben die Zigeuner getan“, hieß es im Dorf, und einer rief: ,,Kein anderer kann das gewesen sein als der Michel, den wir aufgezogen haben. An seinem Pflegevater wollte er sich rächen. Totgeschlagen gehört solch ein Bur­ sche!“ Mit Sensen und- Dreschflegeln bewaffnet rannte die aufgebrachte Menge hinaus zum „Hölzle“, stürzte sich auf den soeben gekrönten Michel und erschlug ihn. Das Fest war verrauscht, und statt zum Tanze aufzuspielen, weinte nun die Geige um einen Toten. Die Zigeuner begruben ihren jungen König im dichten Tann, und die Großmutter ließ ihrem Enkel auf den Grabhügel ein Tännlein pflanzen. Dieses wuchs und wuchs und überragte alle seine Nachbarn. Die Menschen aber konnten es sich nicht erklären, warum gerade dieser eine Baum so stolz sein Haupt erhob. Sie wußten ja nicht, daß er aus einem Königsgrab seine Kraft sog und so zum „Hölzlekönig“ ward. “­,, Äschemittwoch Grau und näblig schliift de Morge us em Fasnethäs in Dag. lisig ischt’s, e bissig Lüftli pfiifet iber’s Schtudehaag. A de Bämmli clont no pfladdre ganzi Bändel grell Bapiir und en Wearchschnauz samt de Nase geitschet dert, a sell’re Tiir. I de Ohre heerscht all schuusre, Narremarsch und Hanselgschell. Duescht mit Gwalt dech ummidrille; ’s kunnt en Walzer uff de Sehteil. Magscht dech wehre no so selli geget ’s Fasnetgjugs und Gschroa. Bringscht’s nitt loos, du muescht es heere, siehscht dezue no ’s närrisch Doa. Endli duet de Schloof mol kumme. Droome duet es dier reacht glii, daß du uhni Hemd und Hose sei-ischt bi de Fasnet gsii. D’Liit schtond doo, clont uff dech diite; lachet, daß du näckig bischt. ’s giit en Ruck! jetz bischt verwachet, freischt dech, daß ’s verloge ischt. Niini schleet jetz d‘ Uhr im Schtübli, d‘ Fasnet ischt verbei des Johr. … Äsche schtreut mer grad dim Gretli i de Kerch uff’s Gruselhoor. Gottfried Schafbuch 279

Gesundheit, Soziales Über- und Aussiedler in Maria Tann – eine Herausforderung für die Gemeinde Unterkimach Das Areal Maria Tann in Unterkirnach, ehemalige Klosteranlage, nach dem Wegzug der Ordensbrüder für verschiedene schuli­ sche Zwecke mit Internatsbetrieb (Progym­ nasium, Polizeifachschule, übergangsweise Polizeifachhochschule, anschließend als pri­ vate Akademie) genutzt, in landschaftlich idyllischer Lage (vgl. Almanach 86, Seiten 125-130), bot sich geradezu für die Unter­ bringung von Über-und Aussiedlern an. Nachdem das Land den größtenteils unter Denkmalschutz stehenden Gebäude­ komplex mit einer sanierungsbedürftigen Bausubstanz aus Kostengründen nicht über­ nehmen konnte, fand sich schließlich mit Herrn Werner Löbert aus Sindelfingen ein privater Investor mit guten Referenzen und Erfahrungen bei der Aussiedlerunterbrin­ gung. Ende Juni 1989 zogen die ersten Aussied­ ler in Maria Tann ein, heute wohnen dort über 600. Das Areal wurde Zug um Zug umgebaut, ansprechende Appartements mit Küchenzeile zur Selbstversorgung und Dusche/WC wurden eingerichtet. Bereits beim Kauf wurde unkonventionel­ les kommunalpolitisches Handeln gefor­ dert. Um das finanzielle Risiko für den Inve­ stor zu mindern, hat die Gemeinde eine Aus­ fallbürgschaft in Höhe von 600.000 DM übernommen. Bei einer Ausgangslage von ca. 2100 Ein- 280

wohnern löste eine Zahl von 600 Aussied­ lern große Probleme aus. Kurzfristig mußten hohe Investitionen getätigt werden. So wur­ den z.B. für die Schulhauserweiterung 2,8 Millionen, für die Erweiterung der Kläran­ lage 1,7 Millionen und für die Wasserversor­ gung ca. 320.000 DM ausgegeben, eine wei­ tere Million ist für die Kindergartenerweite­ rung vorgesehen. Doch mit der Bereitstellung von Versor­ gungsanlagen, Schulen und Kindergarten ist den in einem fremden Kulturkreis aufge­ wachsenen Menschen, überwiegend Volks­ deutsche aus Rußland, mit schwerem Schicksal hinter sich, viele nach dem Kriege nach Sibirien verschleppt, zu Zwangsarbeit verurteilt und schließlich mit einem Leben im kommunistischen Regime mit wenig Ent- scheidungsfreiheit für den einzelnen, nicht geholfen. Sie wurden in ihrem Herkunfts­ land wegen ihrer deutschen Abstammung als Außenseiter behandelt, sie sollen bei uns keine Fremde bleiben. Formulare ausfüllen, Leistungen beantra­ gen, westliche Freiheit, nach der man sich ein Leben lang sehnte, die aber andererseits von jedem einzelnen selbstverantwortliche Entscheidungen und Eigeninitiative fordert, waren für sie fremd. Die Gemeindeverwal­ tung hat daher in Maria Tann eine Außen­ stelle eingerichtet und speziell für die Aus­ siedlerbetreuung eine zusätzliche Verwal­ tungsfachkraft eingestellt. Bereits bei der Anmeldung werden die Aussiedler auf die zu erledigenden Anträge persönlich im Ge­ spräch und zusätzlich durch Arbeitszettel und auf die Einrichtungen im Dorf hinge­ wiesen. Anfangs wurden auch Sprechstun­ den anderer Behörden und Institute (Umsiedlungs- und Aussiedlungsamt, Ar­ beitsamt, Banken, Fotograf für Paßbilder) organisiert. Die Bediensteten der Gemeinde­ verwaltung sind bei der Ausfüllung von Anträgen und Vordrucken von Behörden behilflich bzw. füllen diese mit den Aussied­ lern aus, geben Hilfestellung, wenn sie das für sie oft schwere Amtsdeutsch nicht verste­ hen und beraten und helfen, so gut es geht, auch bei persönlichen Problemen. Alle Mit­ arbeiter auf dem Rathaus nehmen sich der Aussiedler im besonderen an. Doch die wichtigste kommunalpolitische Aufgabe war es, die Bevölkerung aufzuklären und für diese Aufgabe zu gewinnen. Durch einen Bürgerbrief konnte Bürgermeister Baumann Vorurteile ausräumen. Aufklä­ rungsarbeit leisteten auch der katholische und der evangelische Pfarrer, beispielsweise in der Sonntagspredigt. Schließlich wurde gemeinsam durch die politische Gemeinde und die Kirchengemeinden zum „Bürger­ treff“ in Maria Tann eingeladen, bei dem sodann erste Kontakte zur einheimischen Bevölkerung zustande kamen. Von einer anfänglichen Skepsis hat sich dank dieser Aufklärungsarbeit eine große Hilfs-und Aufnahmebereitschaft im Dorf entwickelt. Neben intensiver Bemühung der Gemeindeverwaltung und der Kirchen en­ gagieren sich nun Vereine und Gruppen, aber auch sehr viele Familien und Einzel­ personen, um die Aussiedler in der neuen Heimat zu integrieren. Der katholische Pfarrer hielt anfangs Frühschoppengespräche mit den Aussied­ lern, an denen der Pfarrgemeinderat und interessierte Bürger teilnahmen, ab. Monat­ lich werden Glaubensgespräche durchge­ führt. Zwei Religionslehrerinnen haben ehrenamtlich sowohl Kinder wie auch Erwachsene im Glauben und zur Erstkomm­ union vorbereitet. Diese Frauen werden seit­ her von den Aussiedlern bei persönlichen Problemen zu Rate gezogen. Von den Einladungen des Frauenkreises, die insbesondere durch persönliche An­ sprache erfolgt, zu den monatlichen Tref­ fen (Basteln, Theaterfahrten, Adventsfeiern u.a.) wird regelmäßig Gebrauch gemacht. Junge Mütter, die wegen Erziehung der eige­ nen Kinder zur Zeit ihren Beruf als ausgebil­ dete Erzieherinnen nicht ausüben, sind nach Maria Tann gegangen und haben mit den Kindern gespielt. Ein in der Gemeinde wohnhafter Studienrat hat sich in den Ferien der Kinder angenommen. Die katholische281

Jugend hat einen „Einladungstreff“, an dem viele jugendliche Aussiedler teilnahmen, veranstaltet. Krankenhausbesuche werden von einheimischen Frauen durchgeführt. Die vom Gemeindehilfeverein, einem gemeinnützigen Verein, dem Caritas-Ver­ band angeschlossen, u. a. mit dem Vereins­ zweck Kranken- und Altenpflege, angestellte diplomierte Krankenschwester betreut auch regelmäßig die pflegebedürftigen Aussiedler. Die politische Gemeinde und die Katho­ lische Pfarrgemeinde teilen sich die Kosten des nicht gedeckten Aufwands. Im gleichen Umfang ist auch die evangeli­ sche Kirchengemeinde tätig. Es wurde eigens ein Vikar für die Jugendarbeit in Maria Tann eingestellt. In der ,Jungschar“ treffen sich regelmäßig wöchentlich einheimische und Aussiedler-Jugendliche. Für die Aussiedler­ Schulkinder wurde eigens eine Hausauf­ gabenbetreuung organisiert. Es bestehen offene Hausbibelkreise. Der evangelische Frauenkreis veranstaltet unter dem Motto „Frauen laden ein“ mit den Aussiedlerfrauen 282 Kaffee-Nachmittage, ältere Frauen machen Geburtstagsbesuche bei den Senioren. Unabhängig von der Konfession haben viele Familien, insbesondere in der Anfangs­ phase, durch den sog. ,,Bürgertreff“ sich angespochen gefühlt, mit Aussiedlern Kon­ takte geknüpft, die teilweise heute noch gepflegt werden, zu sich nach Hause eingela­ den und sind bereit, bei Problemen so gut es geht zu helfen. Auf Vorschlag der Gesamtelternvertre­ tung der Roggenbachschule nehmen Grund­ und Hauptschüler regelmäßig Aussiedler­ kinder mit nach Hause zum gemeinsamen Lernen und Spielen. Viele Freundschaften wurden zwischen einheimischen und Aus­ siedler-Kindern geknüpft. Spielsachen und Kinderkleider wurden gesammelt und bereit­ gestellt. Im Kindergarten werden Bastel­ abende u.ä. durchgeführt, an denen auch die Eltern der Aussiedlerkinder teilnehmen und so mit den Einheimischen ins Gespräch kommen. Auch der Caritasverband hat auf Initia-

tive von Bürgermeister Baumann einen aus­ gebildeten Sozialpädagogen ausschließlich für Maria Tann eingestellt, der schwerpunkt­ mäßig Betreuungsprogramme organisiert. Regelmäßig werden in Zusammenarbeit mit dem Bildungswerk der Erzdiözese Weiterbil­ dungsveranstaltungen, auch für Erwachsene angeboten, die eine große Resonanz finden. Bildungsfreizeiten für Erwachsene und Som­ merfreizeiten für Jugendliche stehen ebenso auf dem Programm wie auch die regelmäßi­ gen wöchentlichen Kindergruppenstunden. Eine weitere ausgebildete Sozialpädagogin von der Sozialstation hat sich der Jugendar­ beit für die 14- bis 17jährigen angenommen. Alle Sporteinrichtungen der Gemeinde stehen auch den Aussiedlern offen. Auch sei­ . ns der Vereine besteht, insbesondere beim te Fußballclub und bei der Damengymnastik, Aufnahmebereitschaft. Die kulturellen Ver­ eine (Musikverein und Harmonikaspielring) laden auch in Maria Tann zu ihren Konzer­ ten ein. Es wurde auch schon für solche Ver­ anstaltungen ein kostenloser Bustransfer ein- gerichtet. Die aktiven Vereinsmitglieder lei­ sten ehrenamtlich musikalische Ausbildung, was auch den Aussiedlern angeboten wird. Unter Mitwirkung des Musikvereins hat die Gemeinde für die Aussiedler eine Weih­ nachtsfeier in der Schloßberghalle durchge­ führt. Beim Areal Maria Tann wird die Ge­ meinde einen Kinderspielplatz anlegen. Die Kosten in Höhe von 30.000 DM teilen sich der Investor, die Sparkasse und die Ge­ meinde. Schließlich ist es der politischen Gemein­ de in Zusammenarbeit mit der Katholischen Kirchengemeinde als Kindergartenträger ( den nicht gedeckten Aufwand teilen sich die politische Gemeinde zu 2/3 und die Katholi­ sche Kirchengemeinde zu 1/3) gelungen, für jedes Aussiedlerkind einen Kindergarten­ platz zur Verfügung zu stellen, was für die Integration besonders wichtig ist, weil dadurch die Kinder beispielsweise die deut­ sche Sprache „spielend“ erlernen können. Von insgesamt 110 Kindergartenkindern sind 283

58 Aussiedler. Die Gruppenzahl wurde von drei auf fünf erhöht, die Gruppenstärke wegen fehlender Sprachkenntnisse aus päd­ agogischen Gründen verkleinert und das Personal verdoppelt. Das Vereinsheim, Übungsraum für die kulturellen Vereine, wurde übergangsweise zum Kindergarten­ gruppenraum umfunktioniert, die Vereine aus den gewohnten Räumlichkeiten aus­ quartiert, Doppelnutzung von Schulräumen für Unterricht und Vereinsübungsstunden wurden eingeführt. Die Kindergartenerwei­ terung ist inzwischen in Angriff genommen. Die Kindergartenkinder werden mit der öffentlichen Linie zum Kindergarten beför­ dert. Die Gemeinde trägt die Beförderungs­ kosten. Aber auch im schulischen Alltag galt es, große Probleme zu lösen. Von den 290 Grund- und Hauptschülern sind 103 Aus­ siedler. Ausgangslage war eine einzügige Grundschule und Klassenstärken zwischen 10 bis 15 Kindern in der ebenfalls einzügigen Hauptschule. Seit der Belegung von Maria Tann mit Aussiedlern ist die Grundschule doppelzügig, die Klassenstärke der Haupt­ schule bewegt sich in der Nähe der Höchst­ zahl. Durch den hohen Anteil der Aussied­ lerkinder, in manchen Klassen mehr als die Hälfte, und die fehlenden deutschen Sprach­ kenntnisse befürchteten die Eltern der ein­ heimischen Kinder, daß der Lehrplan nicht eingehalten werden könne und dadurch ihre Kinder benachteiligt würden. Es bedurfte großer Anstrengungen, auch seitens des Leh­ rerkollegiums, die Eltern aufzuklären und um Verständnis für diese besondere Lage und für die damit zusammenhängenden Unzulänglichkeiten zu bitten. Andererseits hat sich aber auch durch den allgemeinen Rückgang der Schülerzahlen ein positiver Aspekt durch die Belegung von Maria Tann im schulischen Bereich herausgestellt. Es zeigt sich nunmehr, daß durch die Aussied­ lerkinder und in der Hauptschule durch die geringe Kinderzahl Kombinationsklassen vermeiden lassen, so daß die derzeitigen Schulverhältnisse nach Meinung der Päd- 284 agogen sich auch für die einheimischen Kin­ der positiv auswirken. Für die Aussiedlerkin­ der sind drei Förderklassen (zwei für die Grund- und eine für die Hauptschule) einge­ richtet. Sobald es die Deutschkenntnisse zulassen, werden die Kinder in die Regelklas­ sen übernommen. Übergangsweise mußten die Unterrichts­ räume auf vier Gebäude (Roggenbachschule, alte Schule, Pfarrhaus und Maria Tann) ver­ teilt werden, was auch organisatorisch im Schulalltag Probleme mit sich brachte. Inzwischen konnte jedoch die Schulhaus­ erweiterung, vorwiegend ausgelöst durch den großen Aussiedlerzustrom, abgeschlos­ sen werden. Zusammengefaßt: Die Unterbringung von über 600 Aussiedlern im Verhältnis zur Einwohnerzahl von zuvor 2100 stellt eine außergewöhnliche Situation dar. Bürgermei­ ster Baumann ist es gelungen, unter Einbin­ dung aller gesellschaftlichen Gruppen im Dorf nicht nur die damit zusammenhängen­ den Probleme zu lösen, sondern auch die Dorfgemeinschaft zur Aufgeschlossenheit zu gewinnen, um auch die lntegrierung die­ ser Menschen gemeinsam zu lösen. In der Tat wurde eine Herausforderung angenom­ men und beispielhaft bewältigt. Elfriede Dufner Apokalypse hoher Sommer im Herbst Reben und buntes Laub im Winter zur Kirschblütenzeit gefrorene Knospen – Liebe steht am Pranger, Zärtlichkeit ist begraben; Farben des Regenbogens gewechselt Rotverschiebung Jetztzeit Christiana Steger

Feldner Mühle Heimstatt für die Behinderten Behinderte sind ein Teil unserer Gesell­ schaft. Sie sind Aufgabe und Herausforde­ rung, passen damit aber nicht fur jeden in das leistungsorientierte Schema unseres Alltags. Behinderte sind eigene Persönlichkeiten, die zugleich in weit stärkerem Maße als andere aufVerständnis und tätige Hilfe angewiesen sind. Die ihnen beistehen, meist Eltern oder Geschwister, übernehmen stellvertretend fur die Gesellschaft eine Aufgabe, die weder den Feierabend noch den Urlaub kennt. Nur wer selbst betroffen ist, kann sich ein Bild machen von der umfassenden Konsequenz, die sich aus der Betreuung Behinderter ergibt. Gefordert ist dabei der ganze Mensch mit all seinen psychischen und physischen Kräften. Beim Förderverein fur das körperbehin­ derte Kind Villingen-Schwenningen e. V. erkannte man schon Mitte der achtziger Jahre, welch ungeheurer Belastung Behin­ derte wie Betreuer ausgesetzt sind, wenn sie versuchen, den Alltag zu meistern. So ent­ stand der Wunsch, eine Stätte zu schaffen, in der Behinderte fur Stunden wie auch für Tage aufgehoben sind. Für die Behinderten ein Ort, der ihm neue Eindrücke schenkt, für die sie betreuenden Angehörigen soll er die Möglichkeit schenken, zur Ruhe zu kom­ men, zu sich selbst zu finden und neue Kraft zu schöpfen. Dieses Ziel, das sich der Förderverein und sein engagierter Vorsitzender Walfried Bal­ lof stellten, waren so Ferien nicht von, son­ dern in der Behinderung. Die Gelegenheit, diese schöne Idee zu ver­ wirklichen, bot sich mit dem Erwerb der Feldner Mühle, die fast versteckt zwischen 285

Büschen und Bäumen an dem alten Mühle­ kanal in Villingen liegt. Das Gebäude mit dem ganzen Areal wurde fur 1,3 Millionen umgebaut und renoviert. Für den Förderver­ ein war dies eine gewaltige Aufgabe, ebenso wie die Übernahme der Trägerschaft. Nur der drängende Wunsch vieler Angehörigen von Behinderten, in ihr Leben ein Stück Normalität zu bringen und ihnen das Gefuhl der Mitsorge anderer zu geben, ließ die kleine Schar der Hilfswilligen und vor allem des Vorsitzenden Ballof diesen Schritt wagen. Im Mai 1987 war mit der Einweihung des Hauses ein erster großer Schritt auf dem noch langen Weg getan. Glückwünsche und die von vielen Seiten gegebene Zusicherung, den Förderverein für das körperbehinderte Kind e. V. Villingen-Schwenningen bei sei­ nem mutigen Projekt zu unterstützen, mach­ ten Mut, auch wenn die Versprechungen mancher Gäste, unter ihnen Vertreter politi­ scher Gremien, an diesem Tage doch wohl­ feil waren. Es bedurfte für das Projekt Feldner Mühle mehr als nur eine in der Stunde der 286 Feier erwachsene Begeisterung, denn man­ che Welle des Mitgefühls war bald wieder verebbt. Doch bei der Sache blieb der Förderver­ ein, und die Feldner Mühle wurde inzwi­ schen zu einer Heimstatt für die Behinder­ ten, die dort liebevolle Aufnahme finden und ein Haus, das den besonderen Anforde­ rungen auch voll genügt. Die Natur bietet dazu als ihren Beitrag eine Umgebung, die zur Ruhe und Entspannung wie auch zu Spiel und Sport einlädt. Das ruhig fließende Wasser des Mühlekanals, in dem sich die Kronen alter Bäume speigeln, wird gesäumt von dem Grun der Talaue. Ein schmaler Weg verbindet mit der Landesstraße an der gegen­ überliegenden Talseite. Ein plätschernder Brunnen und das Spielgerät auf dem weiten Platz vor dem Haus erinnern daran, daß hier die Zeit nicht stillsteht, sondern nur ein biß­ chen langsamer geht und den Besuchern, Ge unden wie Behinderten, ein entspanntes Durchatmen gönnt. Das langgestreckte zweistöckige Gebäude

mit dem schützenden Ziegeldach hat sein äußeres Bild behalten. Im Innern jedoch wurden zwanzig Plätze für Behinderte und Betreuer geschaffen. Dazu kommen Aufent­ haltsräume, eine geräumige Küche, ein Gymnastikraum sowie Bäder mit aufwendi­ ger Einrichtung, denn die Wohn- und Schlafräume alleine genügen nicht für diese Gäste der Feldner Mühle. Sicherheitsein­ richtungen wurden geschaffen und dazu gehört auch eine Alarmeinrichtung. Sie sind Garant dafür, daß außer den Betreuern eine Vielzahl von professionellen Helfern zur Stelle ist, so ihre Hilfe benötigt wird. Das reicht von der Polizei bis zu den Ärzten in den Städtischen Kliniken. So ist die Feldner Mühle zu dem geworden, was als Idee am Anfang stand, nämlich zu einem Heim für die, die sonst nur wenig mehr als ihr eigenes Zuhause und die nächste Umgebung ken­ nen. Hier geniessen sie all die Abwechslung, die eine neue Umgebung bietet, und dies in einer Atmosphäre der Sicherheit und Gebor­ genheit. Der Förderverein für das körperbehin­ derte Kind hat sich an eine große Aufgabe gewagt, die auch heute noch jeden Tag neu gemeistert werden muß. Bei allem guten Willen und der zielstrebigen Tatkraft von Walfried Ballof wäre dieses kleine Paradies nicht zu verwirklichen gewesen, hätten nicht die öffentliche Hand und hilfswillige Orga­ nisationen das Projekt mitgetragen. Denn der Förderverein hatte nur ein Eigenkapital von 180 000 Mark, als der große Entschluß zum Kauf und dem Umbau des Anwesens gefaßt wurde. Dies war angesichts der veran­ schlagten Kosten von 1,35 Millionen Mark ja nicht viel mehr als der Ausdruck des Willens, den Behinderten ein Feriendomizil zu ver­ schaffen. Das Geld war mühsam, Mark um Mark, zusammengebracht worden. Die wirk­ samste finanzielle Unterstützung kam von der „Aktion Sorgenkind“, die mit der Summe von 600 000 Mark fast die Hälfte der Kosten finanzierte. Diese Mittel waren Aus­ druck der Hilfsbereitschaft vieler Bürger unseres Landes. Beachtliche 370 000 Mark 287

steuerte das Land Baden-Württemberg bei. Die Stadt Villingen-Schwenningen enga­ gierte sich mit einem Zuschuß von 150 000 Mark, die Lebenshilfe mit SO 000 Mark. So konnte der Förderverein denn auch das Wag­ nis des Kaufes und des Umbaues eingehen. In einer Bauzeit von zwei Jahren war das Haus bezugsfertig. Das Angebot an die Behinderten ist viel­ seitig und auf die jeweiligen Bedürfnisse zugeschnitten. Da gibt es das Ferienpro­ gramm, das sich an Behinderte und Eltern zugleich wendet. Wer Urlaub mit seinem behinderten Kind machen will, für den ste­ hen gemütliche Zimmer bereit. Der Tag in der Feldner Mühle kann auf vielfältige Weise verbracht werden. Da ist die Umgebung, die zu Wanderungen und Radtouren einlädt. Die Fahrräder dazu können ausgeliehen wer­ den. Eine Besonderheit sind sicher die lammfrommen Ponys, die bei kleinen Aus­ ritten oder Kutschfahrten sehr schnell zu den Lieblingen der Kinder werden. Es gibt einen kleinen Reitplatz und gleich daneben für die, die sich doch nicht auf den Rücken der kleinen, zutraulichen Pferdchen wagen, ein reich ausgestatteter Spielplatz. Das ganze Jahr über ist das Haus das Ziel auch für Sonderschulen aus ganz Baden­ Württemberg und aus Bayern. Diese Land­ schulaufenthalte verbringen die vertrauten Lehrer und Betreuer mit den Klassen und sorgen für abwechslungsreiche Tage. Dann gibt es das Wochenendprogramm, das Eltern und all denen, die mit einem Behinderten den Alltag erleben, eine Entlastung ver­ schafft. Denn die Kinder werden in der Feld­ ner Mühle rund um die Uhr betreut und von fachkundigem Personal versorgt. Im Rah­ men der offenen Hilfe wird auch eine stun­ denweise Betreuung angeboten, was Eltern eigenen Arztbesuch oder andere wichtige Besorgungen ermöglicht. Kurzfristig kann dies gewünscht werden. Insgesamt arbeiten in der Feldner Mühle fünf fachkundige Mitarbeiter. Der Sozial­ pädagogin Jeanette Eckert und der Eniehe­ rin Ursula Klemmer stehen zwei Zivildienst- 288 leistende zur Seite. Um die Ponys und ums ganze Haus kümmert sich ein weiterer Mit­ arbeiter. Diese Aufwendungen machen im Jahr etwa 300 000 Mark aus, so weiß der Vor­ sitzende des Fördervereins, Walfried Ballof, der die Bücher führt. Die Einnahmen kom­ men in erster Linie durch die Pflegesätze von 70 Mark pro Tag herein, die damit deutlich unter den Sätzen anderer vergleichbarer Ein­ richtungen liegen. Doch damit läßt sich der Betrieb nicht voll finanzieren und so ist der Förderverein als Träger auf die Spenden hilfs­ williger Bürger angewiesen. Dazu kommt als unfreiwilliger Betrag von manchen Verkehrs­ sündern das ihnen auferlegte Bußgeld, das wohl dann auch lieber entrichtet wird, wenn die Gerichtskasse es der Feldner Mühle zukommen läßt. Eine weitere Einnahmequelle des Hauses ist das alljährliche Sommerfest und hinzu kommen ein Weihnachtsbasar und ein klei­ ner Wirtschaftsbetrieb für Wochenendaus­ flügler. Hierbei wechseln sich über die Som­ mermonate die Vereinsmitglieder im The­ kendienst ab. So mühsam die Art der Finanzierung auch sein mag, sie hat auch ihre positive Seite. So macht sie deutlich, daß die Gesell­ schaft sich für die Behinderten mitverant­ wortlich fühlt. Durch eine ehrenamtliche Mithilfe wie durch Spenden wird diese bei­ spielhafte Einrichtung getragen. Den Behin­ derten gibt sie das Gefühl, nicht allein zu ste­ hen und nicht nur auf die nächsten Angehö­ rigen angewiesen zu sein. Das Geld ist sicher nötig, aber fast wichtiger noch sind die Men­ schen, die immer wieder ihre Anteilnahme bezeugen, auch wenn sie nur zu kurzer Rast in der Feldner Mühle haltmachen und sich dabei dem einen oder anderen Kind zuwen­ den oder wenn sie zu den kleinen Festen kommen und mitfeiem. Oft genügt schon ein Lächeln oder ein kleines Gespräch, das dazu verhilft, dem behinderten Kind sein schweres Schicksal leichter zu machen und das ihm das Gefühl gibt, angenommen und aufgenommen zu sein. Klaus Peter Friese

Verkehrswesen Klangvolle Namen bei Triberg: Himmelreich und Zuckerhut Weitere Tunnelbauwerke an der B 33 Im August 1986 begannen an der Bundes­ straße 33 auf der Strecke zwischen Triberg und Hornberg umfangreiche und aufwen­ dige Umbau- und Erweiterungsarbeiten. Die Planungen für diesen bedeutenden Straßen­ umbau reichen bei den zuständigen Behör­ den bis in das Jahr 1960 zurück. Endziel dieser langandauernden Baumaßnahmen ist eine deutliche Verbesserung der Straßen­ verhältnisse in diesem kurvenreichen Ab­ schnitt der wichtigen Bundesstraße und Verkehrsader von Offenburg und dem Rheintal zum Bodensee. Die Bauarbeiten begannen bevorzugt im Beginnender Anschlag des Himmelreichtunnels an seiner Südseite ([riberger Seite) 289

Bereich der Umfahrung Sägewerk Fink­ beiner und bis zur Einmündung in die beste­ hende Bundesstraße 33 oberhalb des Anwe­ sens „Uhren-Weißer“ auf Gemarkung Tri­ berg-Gremmelsbach. Im Almanach 1989 wurden diese Baumaßnahmen unter dem Titel „Der Steinbistunnel“ (Seiten 233-236) ausführlich dargestellt. Im Zuge jener Baumaßnahmen wurde in der Zwischenzeit auch eine Fußgänger­ brücke beim „Uhren-Weißer“ (an der Ab­ zweigung der Straße nach Gremmelsbach) erstellt, ein vorzugsweise aus Holz gefertigtes Brückenbauwerk mit breiten Treppenauf­ gängen, das sich harmonisch – die neue B 33 überspannend -in die Landschaft einfügt. Zwei weitere Tunnelbauten Die Gesamtplanungen sahen zwei weitere Tunnelbauwerke vor; zum einen sollte die viele Jahre lang unfallträchtige, berüchtigte ,,Himmelreichkurve“ in der Nähe der Glas­ trägerbrücke wegfallen. Zum anderen war es dringend geboten, die ebenso gefährliche Durchfahrt durch den Ortsteil Schonach­ bach zu beenden. Das eine Ziel wurde durch den Bau des „Himmelreichtunnels“ erreicht, das andere durch den Bau des „Zuckerhut­ tunnels.“ So entstand der Himmelreichtunnel Die Bauarbeiten für den „Himmelreich­ tunnel“ hatten Mitte Oktober 1988 begon­ nen. Am 7. April 1989, einem Freitag, fand am Südportal (Tunnelausgang Richtung Tri­ berg) die „Anschlagsfeier“ für den Tunnel statt. Unter Anschlagsfeier versteht man den Beginn des bergmännischen Vortriebs in den Berg. Der „Durchschlag“ erfolgte am 24. Juli 1989. Am 15. Februar 1990 war der Tun- Zuckerhuttunnel nach Ausbruch der Kalotte und Strosse 290

nel fertig. Seine Baukosten betrugen 5,1 Mil­ lionen Mark. Die Länge der bergmännischen Vortriebsstrecke betrug 96 Meter, die Länge der fertiggestellten Tunnelröhre 130 Meter (im First gemessen) und die Gesamtlänge beläuft sich heute auf 151,50 Meter. Die Gebirgsüberdeckung beträgt maximal vier­ zig Meter. Die bergmännischen Vortriebsarbeiten, sowohl beim „Himmelreichtunnel“ wie auch beim später erbauten „Zuckerhuttun­ nel“, verliefen technisch nach den Maß­ gaben der Neuen Österreichischen Tunnel­ bauweise (NÖT) mittels Sprengvortrieb mit anschließender Spritzbetonsicherung. Der Ausbruch erfolgte zuerst in der „Kalotte“, danach in der „Strosse“. Die Kalotte ist der obere Teil des zu erstellenden und auszu­ räumenden Gewölbes; die Strosse ist der seit­ liche und untere Teil des Gewölbes. Im Bereich des „Himmelreichtunnels“ trafen die Tunnelbauer auf geklüfteten und gebankten Triberger Granit (gebankt = Schichtgestein). Die Sprengladungen wur­ den nicht „gebündelt“ gezündet, sondern – im Millisekundenbereich – zeitversetzt. Diese Art zu sprengen ermöglichte, den Explosionsdruck „nach innen“ zu richten. Damit wurden auch unnötige Erschütterun­ gen im Fels verhindert. Während der Vor­ triebsarbeiten wurden zudem Konvergenz­ messungen durchgeführt, um festzustellen, ob eventuell eintretende Verformungen – solche kann es von einem bis zwei Millime­ tern geben -abklingen. Parallel zu den Vor­ triebsarbeiten mußten am 14. und 15. Januar 1989 auf der Nordseite des Steilhanges über dem Nordportal des Himmelreichtunnels herausragende Felsformationen, d. h. gefährli­ che Vorsprünge, heruntergesprengt werden. Am Nordportal sind abgestufte Betonsegmente zu erkennen, die im Zuge der Rekultivierung mit Natur­ steinverblendungen versehen und Landschaftsverbunden gemacht werden. 291

liegt Der Aushub der Voreinschnitte Süd und Nord beim „Himmelreichtunnel“ betrug 5500 Kubikmeter, der Ausbruch (Kalotte und Strosse) selbst 8000 Kubikmeter. An Felsankern wurden 3400 lfd. Meter verarbei­ tet, an Spritzbeton 500 Kubikmeter. Der für die Tunnel-Innenschale verwendete Beton­ stahl betrug 170 Tonnen und der aufge­ brachte Beton 2600 Kubikmeter. Der „Him­ melreichtunnel“ (in Fahrtrichtung Hornberg-Triberg) in einer Linkskurve; seine Steigung in Richtung Triberg beträgt sechs Prozent. Er führt zwei Fahrspuren von je vier Metern Breite und beidseits verlau­ fende Notgehwege von jeweils einem Meter Breite. Der Zuckerhuttunnel ist der längste von allen Hatten die Firmen Mattem aus Heiden­ heim a. d. Brenz und die „Fels-und Tunnel­ bau GmbH“ aus Netphen an der Sieg den ,,Steinbis-“ und den „Himmelreichtunnel“ gebaut, so baute die Firma „Thyssen­ Schachtbau GmbH“ aus Mülheim/Ruhr den „Zuckerhuttunnel“ im Bereich der Eisengiesserei Dhonau in Schonachbach. Die Baukosten für diesen Tunnel belau­ fen sich auf 6,3 Millionen Mark, sein Bau­ beginn war Mitte November 1989. Am 29.März 1990 erfolgte der „Anschlag“ am Nordportal (Hornberger Seite) und die Fer­ tigstellung des Tunnels (Verkehrsübergabe) ist für den Herbst 1991 vorgesehen. Die Gebirgsüberdeckung beim „Zucker­ huttunnel“ beträgt maximal siebzig Meter, die Steigung im Tunnel von Nord nach Süd (von Hornberg nach Triberg) beläuft sich auf 5,5 Prozent, seine �erneigung beträgt gleichbleibend fünf Prozent. Auch dieser Tunnel führt zwei Fahrspuren mit je vier Metern Breite und zwei Notgehwege beid­ seits von je einem Meter Breite. Links und rechts des Tunnels verlaufen die Bergwasser­ Drainagen, deren Wasser direkt in die Gut­ ach einfließen. Die bergmännische Vortriebsstrecke-wie in den anderen Tunnels mit Sprengvortrieb 292 und Spritzbeton- und Ankersicherung – beträgt 160 Meter, die Tunnel-Gesamtlänge 195 Meter. Die Gesamthöhe des Tunnels beträgt sieben Meter. Der Aushub und die Sicherung des Voreinschnittes Nord (Horn­ berger Seite) dauerte von Mitte November 1989 bis Ende März 1990. Der Ausbruch und die Sicherung der Kalotte und Strosse da�­ erte von Mitte März 1990 bis Anfang Juli 1990. Die Innenschale einschließlich Ab­ dichtung, Fundament und Entwässerung entstanden zwischen Anfang Juli 1990 und Ende Januar 1991. Die Bauwerkshinterfül­ lung (die Wiederfüllung der Voreinschnitte) und Herstellung der Fahrbahnen erforderte die Zeit von Anfang Februar 1991 bis Ende April 1991. Die Aushubmassen in den Vor­ einschnitten (das ist der Beginn der Tunnel­ röhren) Nord und Süd betrugen 11500 Kubikmeter, der Ausbruch im Tunnel (Kalotte und Strosse) betrug 14 000 Kubik­ meter. Für die Innenschale wurden 2400 Kubikmeter Beton und 160 Tonnen Beton­ stahl verarbeitet. In der Kalotte erfolgte der Durchschlag am Samstag, den 9. Juni 1990, genau um 15 Uhr. ,,Wir sind von zwei Seiten in den Berg eingedrungen und wir haben uns hundertprozentig getroffen“, sagt Dipl.-Ing. Roland Riesle vom Straßenbauamt Donau­ eschingen. ,,Ich mußte die letzte Sprengung vornehmen“; die Baufirma meinte (humo­ rig) dazu, wenn jetzt noch etwas schiefgehe, ,,dann sei der Bauleiter Riesle daran schuld“. Es verlief alles beispielhaft; zuletzt blieben drei Meter übrig, die mit dem letzten Schuß herausgeschossen wurden -eine vermes­ sungsstechnische Glanzleistung. Bei den Tunnelbauarbeiten waren außer deutschen Mineuren auch Österreicher, zwei Sowjet­ mineure, zwei ehemalige DDR-Bürger und Türken beschäftigt, eine Werkmannschaft, die nach den Worten von Dipl.-Ing. Roland Riesle hervorragend harmonierte. Der Durchschlag der Strosse erfolgte im ,,Zuckerhuttunnel“ am Mittwoch, den 11. Juli 1990, und damit war das Gebirge mit 14 000 Kubikmeter weggeräumt. Für die Sprengungen im Tunnel wurden vierzehn

Tonnen Sprengstoff verbraucht; dabei be­ nötigte die Kalotte 11,4 Tonnen Sprengstoff für 76 Sprengungen und die Strosse 2,6 Ton­ nen Sprengstoff für 52 Sprengungen. Es wur­ den überall Sprengpatronen (etwa 30 cm Länge und angemessene Dicke) mit Zünder verwendet. Der Sprengstoff war übrigens ,,Amon gelit zwei“. Von großer Bedeutung: die Bewetterung Von großer Bedeutung beim Bau beider Tunnels war die „Bewetterung“. Solange die Kalotten und Strossen noch nicht „durch­ schlägig“ waren, mußte die Frischluftzufuhr gewährleistet sein. Wird die Kalotte „durch­ schlägig“, entsteht im entstehenden Tunnel ein Luftzug (Schornsteinwirkung). Bei bei­ den Tunnels wurde eine „blasende Bewette­ rung“ angewendet; Frischluft wurde vor Ort geblasen und die verbrauchte Luft dadurch in Richtung Tunnelportal nach außen ge­ drückt. Nach erfolgter Isolierung der Tunnel­ wand mit einer verschweißten Folie wurden die Tunnelfundamente hergestellt. Hernach trat der riesige „Schalwagen“ im Tunnel in Aktion. Er schalte die Tunnelblöcke ab, die danach ausbetoniert wurden. Die Innen­ schale wurde in langen Blöcken aus bewehr­ tem Spezialbeton gefertigt. Die Strecke behält ihren romantischen Reiz Die überaus romantische Strecke – im engen Tal der Gutach verlaufen dann Schwarzwaldbahn, Bundesstraße und Gut­ ach einträchtig nebeneinander – wird von ihrem landschaftlichen Zauber, dem Reiz des engen Gutachtales und der Freude, diese wundervolle Straße auch noch durch drei moderne Tunnels gefahrlos befahren zu können, nichts verloren haben. Im Gegen­ teil: Der Zugewinn ist „Meter für Meter erfahrbar“. Siebzig Millionen Mark wird der Gesamtausbau dieser sechs Kilometer am Ende gekostet haben. Eine sinnvolle Investi­ tion in die Zukunft! Alexander Jäckle Mit der Postkutsche unterwegs im südlichen Kreisgebiet ,,Trara die Post ist da … ,“ dieses nostalgi­ sche Kinderlied erlebte zur 500:Jahrfeier der Post im Jahre 1990 fröhliche Urständ. Etwas Besonders hatte sich die Bundes­ post in ihrem Jubiläumsjahr einfallen lassen, und so ritten die Postreiter auf historischen Strecken und machten an den alten Posthal­ tereien Halt, dazu waren Postkutschen im Einsatz, mit Vierergespann, dem Postillion in schmucker Uniform mit dem Posthorn und Fahrgästen in zeitgenössischer Klei­ dung. Stilecht wurden die Reisenden aus dem mitgeführten Fundus in weite Pelerinen nach alten Schnittmustern gehüllt, um so den sich vielleicht einstellenden Wetter­ unbilden zu trotzen, denn auch auf den Dächern der Kutschen befanden sich Sitz­ plätze, dazu gab es den Zylinder für den 293 Kutscher

Herrn und den blumengeschmückten oder rüschenbesetzten Biedermeierhut für die Dame. Auf dem Kurs der Sternfahrt von Lindau nach Frankfurt durchquerten zwei Postkut­ schen auch den Amtsbereich des Postamtes Villingen-Schwenningen und im August 1990 war es dann soweit, die Postkutschen wurden vor dem Blumberger Postamt erwar­ tet. Bis die von Tengen kommend dort aller­ dings eintrafen, war erst einmal die Weg­ strecke zurückzulegen. In die nostalgischen Kleidungsstücke gehüllt, bemerkten die Fahrgäste gleich zu Beginn der historischen Fahrt die Enge in der Kabine. Mit Schulterschluß und Knie an Knie ließen sie die nächsten Kilometer über sich ergehen, wohl wissend, daß zu Postkut- Historische Kleidung – Pelerine mit „Lebemann­ hl(t“ 294 schenzeiten die Reisekörbe ja auch noch irgendwo deponiert gewesen sein mußten. Gemächlich nahmen die „Vier PS“ den Weg unter die Hufe und während die Fahrgäste im Inneren des Kutschwagens mit der Enge kämpften, waren die auf dem Dach unterge­ brachten Passagiere nicht mit mehr Freiraum gesegnet, dafür aber noch mit Fliegen und Mücken. Geographisch ist die Landschaft inner­ halb des Randengebietes sicherlich nicht einfach, sie mit zwei Vierergespannen, auch bei heutigen guten Straßen, zu bewältigen bedarf großen Könnens. So versuchte der führende Postillion, mit dem Gespann bestens vertraut, aber nicht wegkundig, über die Ortschaft Talheim die Strecke abzukür­ zen. Von der staunenden Bevölkerung, die ein so nostalgisches Fortbewegungsmittel nicht erwartet hatte, mußte er erfahren, daß ein Weiterkommen schwierig sei. Freundlich standen dann allerdings die Dorfbewohner mit Rat und Tat zur Seite und mit kundiger Führung gelangten die beiden Postkutschen zur Randenhöhe hinauf. Um die Pferde zu schonen, mußte die Reisegesellschaft das letzte Stück der Steigung allerdings zu Fuß bewältigen. Das war zu aktiven Postkut­ schenzeiten normal, oftmals mußte auch geschoben werden und nur die „First-class­ Passagiere“ hatten das Privileg sitzenbleiben zu dürfen. Bis auf einige Äste, die darauf aus waren, „Lebemannhüte“ vom Dach der Kutsche festzuhalten, war die Fahrt bis zum Ort Kommingen problemlos und von dort ging es weiter bis hinauf nach Randen. Auf dem alten Randensteig, der ehemaligen Ver­ bindung nach Zollhaus, hatte der mitfah­ rende, unentbehrliche „Conducteur“ etliche Schwierigkeiten, den raschen Wagenlauf bergab zu bremsen und öfter sprang er ab, um die nachfolgende, zweite Kutsche zu war­ nen. Mit Hornsignalen fuhren die Postkut­ schen dann an der alten Poststation in Zollhaus vorbei, um nach Blumberg zu kommen. Weil es bei der Post nun wirklich nicht ,,immer gleich und auf der Stell“ gehen kann,

Kutsche bei Einfahrt in Blumberg warteten die vielen interessierten Zuschauer an der Blumberger Post schon geraume Zeit, bis sie die klaren Töne des Postsignals hören konnten und die Kutschen auf dem Vorplatz ausrollten. Vertreter der Postdirektion und der Stadtverwaltung begrüßten Postillione, Conducteure und mitreisende Gäste und nach dem Tränken der braven Braunen ging nach kurzem Aufenthalt, zum Teil mit neuen Fahrgästen, die Reise weiter bis nach Achdorf. Hilfsfahrzeuge begleiteten die beiden Kutschen den steilen, tückischen Gampen hinunter und mancher Fahrgast mochte wohl schon ein ungutes Gefühl im Magen gehabt haben, angesichts des steilen Abfalles der Strecke. Die Bremsen hielten und die erfahrenen Postillione schafften den schwie­ rigen Streckenabschnitt ohne jeden Zwi­ schenfall. Seit 1905 ist die „Scheffellinde“ in Ach­ dorf Poststation, und Posthalter und Gast­ wirt Gustav Wiggert begrüßte die Reisege­ sellschaft freundlich. Nach gebührender 295

Pausenzeit, die Gespanne brauchten Ruhe zum Erholen, setzten die Postkutschen ihre Fahrt in Richtung Bonndorf fort. Beim Auf­ stieg nach Ewattingen, die Rösser hatten anstrengend zu schaffen, schreckte ein krei­ schendes Geräusch die Reisenden aus ihren Träumen auf. Das Rad einer der Kutschen schleifte und der Schaden wurde vom beglei­ tenden Troß behoben. Früher bedeutete so ein Mißgeschick Aufenthalt und große Schwierigkeiten, mußten doch erst die näch­ ste Poststation, Schmied und Wagner be­ nachrichtigt werden. Ohne weiteren Zwischenfall erreichten die beiden Postkutschen mit ihren vergnüg­ ten Passagieren am späten Nachmittag Bonndorf. Dieses nostalgische Reiseerlebnis vermit­ telte ganz direkt Exclusivität und Anstren­ gung des Wechsels von einem Ort zum ande­ ren, wurde doch zu damaliger Zeit das Reisen nur als dringende Notwendigkeit akzeptiert oder als Privileg genossen. Reisen zu Postkut­ schenzeiten war lang, unbequem und nicht billig, allerdings die einzige Möglichkeit, von hier nach da zu gelangen. Viel längere Zeit als heute üblich brauchten die Ge­ spanne, um die Kilometer zwischen Tengen und Bonndorf zu bewältigen. Dazu war die Fahrt in den kaum gefederten, historischen Postkutschen sehr viel unbequemer als im Auto -aber in der Gelassenheit des Pferde­ schrittes mitsamt der Enge zum Nebensitzer einfach herrlich. Christiana Steger Die muntre Alte … Johrzehnte hen am Bei mir hange. Wo sin dea Jährli all‘ nagange? Mer het viel gschaffet, glehrt un gschuftet, Un d’Jugenzit dea isch verduftet. Jetzt -wo mer’s ruahiger kennt ha, Jetzt fange scho d’Wehwehli a. Mer g’hört au nimmi zu dea Flinke. Gar viele mean scho ganz schö hinke. S’Guat höre -des loaßt au scho no. Au d’Auge -dea wen nimmi so. Un wen mer will weng schneller gau – Jo, dro klopft s’Herz. Gern bliebt mer stau. Mit einem Wort: Mer sieht es i, Lang isch es her, daß zwanz’g bisch gsi. Doch des trifft uns im Herze nit. Wo’s lustig isch – do mach mer mit. Drum wenn mir s’Treffe so gestalte, Daß jedes sait: ,,D i e m u n t r e A l t e!“ Gertrud Mager Erfahrung bevor du wieder eintauchst in Zukunft wirst du den kleinen Tod in meinen Armen sterben mich zurücklassen mit dem Wissen dir schon einmal begegnet zu sein und meinem Erinnern 296 aus „Handschriften“ v. Christiana Steger

Völkerverbindende Donau Die sieben Donauländer Eindrücke einer Radtour von der Quelle bis zum Schwarzen Meer Ermutigt durch mehrere ausgedehnte Radreisen in den vergangenen Jahren, mach­ ten wir, der Verfasser und seine Frau, uns Ende Mai 1990 auf, um die Anrainerländer der Donau von der Q!ielle bis zum Schwar­ zen Meer ebenfalls mit dem Rad zu bereisen. Wir hatten uns vorgenommen, nicht nur die Landschaften entlang der Donau kennenzu­ lernen, sondern auch mit möglichst vielen Menschen – insbesondere in den uns unbe­ kannten Ländern hinter dem früheren ,,Eisernen Vorhang“ -ins Gespräch zu kom­ men. Da wir den Verlauf der Donau von der Q!ielle bis Wien von früheren Reisen her kannten, wählten wir eine neue Route über meist sehr verkehrsarme, dafür aber land­ schaftlich sehr reizvolle Gebiete durch Schwaben, Oberbayern und das lnnviertel. Erst nach einigen Tagen sahen wir die nicht immer „blaue Donau“ im Gebiet der viel besungenen Wachau wieder. Um auch den Großstadtbereich von Wien nicht zu berüh­ ren, wählten wir eine nördliche Umfahrung, die uns durch das uns unbekannte Gebiet des Marchfeldes, der österreichischen Korn­ kammer, führte. Beeindruckend für uns war das Überque­ ren der Donau im Bereich Hainburg mit dem Blick in die dschungelähnlichen Auwäl­ der der weiträumigen Uberschwemmungs­ gebiete mit einer vielfältigen hier im Bereich der Hainburger Pforte noch heimischen Tier- und Pflanzenwelt. Es wäre jammer­ schade, wenn dieses Naturreservat tatsäch­ lich durch das ungarisch-tschechische Stau­ kraftwerk überschwemmt und damit unwie­ derbringlich zerstört würde. Nach der Abwicklung der seinerzeit noch erforderlichen Visaformalitäten waren wir bald in Bratislava, allerdings ohne der Preß­ burg einen Besuch abzustatten. Wir wählten für unsere Tour absichtlich die tschechoslo­ wakische Seite, um auch hier dem großen Verkehrsstrom auszuweichen. Auch wenn uns ein heftiger Wind entgegenblies, so hat­ ten wir doch wie geplant außerordentlich ruhige Straßen entlang des im Bau befindli­ chen Dammes für den erwähnten Stausee. Allerdings sind bereits jetzt Ausblicke in die ausgedehnten Donauaue kaum mehr mög- lich. Bei Komarno zwang uns jedoch die Ver­ kehrsführung endgültig auf die rechte Seite der Donau d. h. nach Ungarn. Wir waren überrascht, wie problemlos die Grenzüber­ schreitung möglich war. An diesem Tag hat­ ten wir allerdings einen ersten totalen Regen­ tag, so daß wir gerne die Gelegenheit wahr­ nahmen, in Esztergom in einem netten Hotel direkt an der Donau unsere Sachen trocknen zu können. Nach ausgiebiger Besichtigung der Stadt und der alles überragenden Kathedrale dran­ gen wir nun in den Bereich des Donauknies vor, um dann das nächste Tagesziel Budapest anzusteuern. Doch unsere ursprüngliche Absicht, einige Tage in der ungarischen Hauptstadt zu bleiben, verwarfen wir sehr schnell, nachdem wir vom Krach, der schlechten Luft und der Suche nach einer Bleibe über Gebühr gestreßt waren. So zogen wir es vor, südlich von Budapest in Rackeve einen Pausentag einzulegen. Die nächsten Tage hatten wir dann die schier unendliche Weite der pannonischen Tiefebene zwischen Donau und Theiß zu überwinden. Abwechslung in die Eintönig­ keit der heute fruchtbaren Ebene mit kilome­ terlangen Korn-, Mais- oder Rapsfeldem 297

Kon Italien Jugoslawien brachten interessante Ortsdurchfahrten mit liebevoll angelegten Gärten, immer noch häufig auftretende Störche sowie gelegentli­ che riesige Gänseseharen, die uns mit ihrem ohrenbetäubenden Geschnatter begrüßten. Ein Vergleich mit der Donaueschinger Stadt­ kirche drängte sich beim Anblick der doppel­ türmigen Kirche von Kalosca auf. In dieser südungarischen Stadt hält ein Paprikamu­ seum die Erinnerung an frühere Anbauwei­ sen des ungarischen Nationalproduktes Paprika aufrecht und verdeutlicht, daß wir im Hauptanbaugebiet der roten Schoten sind. Immer seltener wurden nun westliche Autokennzeichen. Sie bleiben nach Über­ schreiten der jugoslawischen Grenze im Bereich von Sombor schließlich völlig aus. Die Beschriftungen an den amtlichen Gebäuden zeigte uns deutlich, daß wir nun bereits im kyrillischen Schriftbereich, d. h. im serbischen Teil Jugoslawiens waren. Ort- 298 schaften und Städtchen wie Vukovar oder Novo Selo, die in diesen Tagen bei Ausein­ andersetzungen zwischen Serben und Kroa­ ten leider traurige Berühmtheit erlangen soll­ ten, lagen vor einem Jahr völlig verschlafen in der Mittagsonne. Auffallend das Fehlen der mittleren Generation. In Gesprächen klärte sich dieser Umstand sehr schnell auf: Diese hält sich bis auf wenige Wochen im Jahr in einem westlichen Land auf. Bereits die Rentnergeneration lebt, wie man uns bereitwillig zu erklären suchte, von Renten­ zahlungen aus früheren Arbeitsverhältnissen im Westen, wobei es ihnen durch den Kauf­ kraftgewinn bereits mit für unsere Verhält­ nisse geringen Einkommen zu ordentlichem Auskommen reicht. Beim Durchfahren der Wojwodina nörd­ lich von Belgrad sucht man meist vergeblich nach Spuren, die die „Donauschwaben“ hier in der „Batschka“ hinterlassen haben. Nur in alten Atlanten sind noch deutsche Städte-

6SFA UdSSR I Vldln , � ‚ �,. Belogratschlk ‚ 6„ ‚, 1r,,, Walachei Bukare•t • Bulgarien Schwarz•• Meer namen wie Neustift (Novi Sad) oder Maria­ Theresien-Stadt (Subotitza) zu finden. Zu einem unvergeßlichen Erlebnis wurde für uns das Durchfahren des sog. ,,Eisernen Tores“, d. h. des gewaltigen Durchbruchs, der von der Donau beim Aufeinandertreffen von Balkan und Karpaten geschaffen wurde. Auch wenn seit der Inbetriebnahme des 35 m hohen Staukraft- und Schleusenwerkes bei Tumu Severin im Jahre 1972 die Gefähr­ lichkeit für die Schiffahrt genommen wurde, so hat die 150 km lange Felsenlandschaft kaum etwas von der Ursprünglichkeit einge­ büßt. Geradezu begrüßt wird der Durchfah­ rende von den Ruinen der einst mächtigen Türkenfestung bei Golubac. Danach er­ scheint nach fast jeder Straßenbiegung eine andere Landschaftsform: schroffe Kalkfel­ sen, herrliche Aussichten in die noch immer wilden Karpaten, liebliche Abschnitte und Verengungen der Donau auf weniger als 100 m wechseln sich ab. Wir sind erstaunt, zumindest auf der jugoslawischen Seite eine wunderbar ausgebaute Straße vorzufinden und haben das Gefühl, ziemlich allein unter­ wegs zu sem. Mit besonderer Spannung fuhren wir nach runden 14 Fahrtagen auf die bulgari­ sche Grenze zu und waren angetan, wie gast­ freundlich wir dort empfangen wurden. Die­ ser Eindruck sollte sich in den folgenden Tagen und Wochen noch oft bestätigen. In Vidin, der ersten Stadt in dem uns so frem­ den Land, mußten wir uns erst einmal an die Armut und die Rückständigkeit dieses Lan­ des gewöhnen. Da in diesen Tagen das erste freie Parlament gewählt wurde, konnten wir uns gelegentlichen politischen Diskussionen nicht entziehen. Immer wieder wollte man von uns erfahren, wie wir über Bulgarien denken und was wir über ihr Land wissen. Wir waren außerordentlich überrascht, wie schnell und offen unsere Gesprächspartner uns ihre politischen Ansichten anvertrauten. 299

Wir sind guter Dinge beim Start zur Donautour in Donaueschingen Die Ruinen der ehemaligen Türkenfestung Golubac am Eingang zur Djerdap­ Schlucht, dem Beginn des Großen Donaudurchbruches zwischen Karpaten und Balkan Sonnenuntergang bei Lepenski Vir, wo bereits vor rund 20.000]ahren Höhlen­ menschen wohnten und vor etwa 8.000 Jahren eine eigene Kultur der Menschen von Lepenski Vir entstand 300

Die Donau zwischen den Karpaten (links) und den Ausläufern des Balkan Nördlich der rumänischen Stadt Hirsova teilt sich die Donau noch einmal in mehrere Arme auf, um etwa 100 km weiter bei Braila wieder zusammen zu kommen Die Fischer im Donaudelta freuen sich über unseren Besuch 301

Nach einem Abstecher zu den Felsformatio­ nen von Belogratschik fuhren wir auf der bulgarischen Seite weiter donauabwärts. Bedingt durch das geringe Gefälle von weni­ ger als 4 cm pro Kilometer fließt die Donau unendlich träge durch die Walachei; nicht selten kleinere oder größere Inseln bildend. Da die Ausläufer des im Süden liegenden Balkans bis an den Fluß heranreichen, sind ständig mehr oder minder hohe Bergrücken zu überwinden, so daß sich immer wieder faszinierende Aussichten ergeben. Da Hotels in dieser Gegend nur in sehr großen Abständen zu finden sind, müssen sich unsere Tagesleistungen danach richten. Und so konnte es fast nicht ausbleiben, irgendwann einmal ohne Quartier auf der Straße zu stehen. In Orjahovo, einem klei­ nen Städtchen auf drei Terrassen an der Donau gelegen, nahmen wir deshalb gerne die Gastfreundschaft einer bulgarischen Familie an. Das Eiserne Tor ist bekanntlich nicht das letzte Hindernis, das der ganz und gar nicht mehr „blauen Donau“ den direkten Weg zum Schwarzen Meer unmöglich macht. Obwohl nur noch SO km vom Meer entfernt, zwingt der Baragan, ein östlicher Ausläufer des Balkan, die Donau zu einer großen Schleife nach Norden. So verließen auch wir in Silistra das liebgewonnene Bulgarien und setzten die Reise in Rumänien fort. Hitze, Staub, unbeschreibliche Luftemmissionen von an der Donau liegenden Chemiewerken und zumindest teilweise schier unbefahrbare Straßen, verbunden mit anhaltenden Stu­ dentenunruhen im nahe gelegenen Buka­ rest, ließen bei uns Gedanken des Aufgebens aufkommen. Doch mit dem Ziel so nahe vor Augen war der Durchhaltewille schließlich stärker. Stolz und glücklich, es geschafft zu haben, trafen wir nach runden 3000 Fahr­ kilometern, drei Wochen nach dem Start auf der Baar, in Tulcea am Donaudelta ein. Von mehreren in Erwägung gezogenen Rückreisemöglichkeiten entschlossen wir uns zu einer Fortsetzung der Radtour zunächst entlang des Schwarzen Meeres über Constanza nach Varna. Von dort aus steuerten wir die bulgarische Hauptstadt Sofia an, um per Flug Zürich zu erreichen. Ein kalter Regenschauer im Bereich des Für­ stenberg machte deutlich, daß wir wieder auf der rauhen Baar angekommen waren. Helmut Wider Ich stamme aus der Bukowina … dem nördlichsten Teil Rumäniens, der bis 1918 als Kronland zur Donaumonarchie Österreich-Ungarn gehörte. Die Bukowina ist ein sehr schönes und fruchtbares Agrar­ land, dem die Moldau und die bewaldeten Höhenzüge der Karpaten einen besonderen Reiz verleihen. – Seit sechs Jahren wohne ich mit meiner Familie in Villingen, wo wir uns vollkom­ men heimisch fühlen, zumal wir inzwischen die deutsche Staatsangehörigkeit erlangt haben. Natürlich gibt es Stunden des Heim­ wehs, aber das Tröstliche ist dann immer, daß der Schwarzwald große Ähnlichkeit mit der Bukowina hat und daß in der Nachbar­ stadt Donaueschingen die Donau ihren Lauf beginnt und in Rumänien ins Schwarze Meer mündet, also beide Länder, Deutsch­ land und Rumänien, gleichsam verbindet. Aber wenn wir im Donaueschinger Schloß­ park vor der wunderbaren Plastikgruppe „Mutter Baar zeigt ihrer jungen Tochter Donau den weiten Weg nach Osten“ stehen, so beschleicht uns doch ein Gefühl tiefer Ergriffenheit. – Rumänien hat eine erstaunlich reiche und dramatisch bewegte Geschichte. Interessant ist, daß seine Könige aus dem schwäbischen Fürstenhaus Hohenzollern-Sigmaringen stammten. Zusammen mit den Abgeordne­ ten der Kammer bestimmten sie von 1866 bis 1947 die Geschicke Rumäniens. Der letzte 302

König war Michael II. Er wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs unter dem gebieterischen Einfluß der sowjetischen Besatzungsmacht zur Abdankung gezwun­ gen. Was dann folgte, war Diktatur mit wirt­ schaftlichem Niedergang. Michael lebt heute als Geschäftsmann in Genf … Bemerkenswert ist übrigens, daß Königin Elisabeth, die Gemahlin Carols 1., eine geschätzte Dichterin war, die unter dem Pseudonym „Carmen Silva“ tiefempfun­ dene Gedichte und geistvolle Prosa veröf­ fentlichte, ferner daß am Hofe und in den vornehmen Häusern der Bojaren die franzö­ sische Sprache vorherrschte. – Das größte Ereignis der neueren Ge­ schichte Rumäniens aber waren, wie mir meine Mutter vor ihrem Tode mit wehmüti­ gem Rückblick erzählte, die Feierlichkeiten anläßlich der Königskrönung Michaels 1. im Jahre 1936. Es war das letzte vaterländische Fest, an dem das Volk ohne Zwang, aufrich­ tig und freudigen Herzens teilnahm – ein wahres Volksfest. Elena Coca 303

Landschaft, Heimische Tierwelt Mineraliensammeln im Schwarzwald-Baar-Kreis im Kalkgestein in der Hauptsache Calcitkri­ stalle, die sich in Spalten und Hohlräumen gebildet haben, aber auch in den hohlen Kammern von Versteinerungen sind zuwei­ len interessante Mineralien, wie Goethit, Siderit und Pyrit zu finden. Im unteren Muschelkalk kommt es an manchen Stellen zu bankigen Einlagerungen von Bleiglanz, Zinkblende und Kupferglanz. Kupfererze, die der Verwitterung ausgesetzt sind, bilden farblich schöne Kupfercarbonaten, den grü­ nen Malachit und den blauen Azurit. Als nächste Schicht kommt darunter dann der Buntsandstein, welcher durch feinst verteil­ tes Eisen seine braune Farbe bekommt. Er Feldspatkristalle nach dem Karlsbader-Gesetz, verzwi//ingt. J cm, Kirnbergsee Das Sammeln von Mineralien ist in den letzten Jahren zu einer weit verbreiteten Frei­ zeitbeschäftigung geworden, die immer mehr Freunde findet. Dazu trägt zum einen die vermehrte Freizeit wie auch das wach­ sende Interesse an der Natur bei. Der Schwarzwald-Baar-Kreis bietet für den Mineraliensammler einige Fundstellen, wenn auch nicht in dem Maße wie andere weitbekannte Orte im Schwarzwald. Durch den Mangel an verwertbaren Rohstoffen sind die Orte, an denen diese abgebaut wer­ den, im Kreisgebiet gering. Es gibt einige Steinbrüche, die aber mehr oder weniger nur geologisch von Interesse sind. Im Mittelalter wurden im Gebiet um Eisenbach und Ham­ mereisenbach Bergwerke auf Eisen und Manganerze betrieben, welche in Hammer­ eisenbach an Ort und Stelle verhüttet wur­ den. Auch in Vöhrenbach gab es früher Berg­ bau auf Eisenerz. Ebenso wurde auch im Raum Kesselberg bei St. Georgen ein Berg­ bau auf Eisenerz versucht. Bei Gremmels­ bach wurde ein Manganvorkommen in Angriff genommen. Im Gelände sind von der alten Abbautätigkeit nur noch wenige Spuren zu sehen, was das Sammeln in der Hauptsache auf Straßenbaustellen oder Bau­ gruben beschränkt. Dabei sind jedoch immer einmal überraschende Funde mög­ lich, wie es sich beim Bau des Steinbistun­ nels gezeigt hat. Geologisch gesehen kom­ men im Schwarzwald-Baar-Kreis verschie­ dene Gesteinsarten vor, was eine Vielzahl von Mineralienbildungen möglich macht. Ein großer Teil des Kreisgebietes ist von Kalkstein bedeckt. Er reicht von Nieder­ eschach im Norden bis zur Wutachschlucht im Südwesten. Die Kalksteine gehören zu den Sedimentgesteinen (Ablagerungsge­ stein). Als Mineraliensammler findet man 304

Bergkristalle 3 mm, Steinbruch Hirzwald breitet sich von St. Georgen in Richtung Süden aus. Der Buntsandstein gehört ebenfalls in die Gruppe der Sedimente. Für Sammler sind die Buntsandsteine aber unergiebig, die ein­ zigen Ausnahmen sind die an manchen Stel­ len eingelagerten Karneolen, welche ange­ schliffen zu den Halbedelsteinen gezählt werden. Im westlichen Kreisgebiet kommt dann das Grundgebirge zum Vorschein, in wel­ chem die älteren Gesteine aufgeschlossen sind. Zum einen sind da die Gneise, welche zu den Metamorphgesteinen zählen, d. h. es sind wiederaufgeschmolzene Sedimentge­ steine. Sie sind im Raum um Furtwangen ver­ breitet. Im Gneis kommen kaum samm­ lungswürdige Mineralien vor, wenn man ein­ mal von kleinen Pyritkristallen absieht, die hin und wieder anzutreffen sind. Auch wurde von Osam in seinem Werk „Die Mine­ ralien Badens“ von einem Wollastonit-Vor- Apatitkristal/2 mm mit Zinnstein und Glimmer, Steinbistunnel Gremmelsbach kommen im Grundtal bei Furtwangen berichtet. Das andere Grundgebirgsgestein ist der Granit, er gehört zu den Plutomiten. Das sind Schmelzgesteine, die von unten in den Gneiskörper eingedrungen sind. Im Kreisgebiet gibt es zwei verschiedene Granit­ körper; zum einen den Eisenbacher Granit im Raum Vöhrenbach-Hammereisenbach und zum anderen den Triberger Granit. Vom sammlerischen Standpunkt aus gesehen sind die Granite am interessantesten, denn sie bringen eine Vielzahl von verschiedenen Mineralien hervor. Zu den Fundpunkten im Kalkstein gehört die Gegend um Fützen. In den aufge­ schlossenen Gesteinen gibt es Calcitadern, in denen Calcitkristalle von beachtlichen Größen vorkommen. Sie erreichen eine Länge von bis zu 5 cm. Bei Achdorf gibt es ein Vorkommen von Septarien, die ange­ schnitten und poliert sehr schön aussehen. Auch findet man in den Sehrumpfrissen die-305

ser Septarien kleine Calcitkristalle. In dieser Region wurde früher auch Gips abgebaut, der manchmal kristallin als sogenanntes Marienglas angebildet ist. Ein weiterer Fund­ punkt für Calcitkristalle ist der ehemalige Steinbruch bei Niedereschach. Er liegt an der Landstraße von Niedereschach nach Dauchingen. Obwohl der Betrieb eingestellt ist, kann man auch heute noch brauchbare Kristalle finden. Ebenfalls im Bereich Nie­ dereschach-Kappel gibt es im unteren Muschelkalk eingelagert ein Vorkommen von Blei- und Kupfererzen, welche im Neu­ baugebiet von Kappel zutage treten. Beim Ausheben von Baugruben wurden ganze Platten freigelegt, die mit grünem Malachit und blauen Azurit belegt waren. Kupfermi­ neralien werden auch im Raum Villingen gefunden. So schreibt auch wieder Alfred Osan von Cornwallit und Leukrochalhit (Olivenit}, als intensiv grüne Überzüge auf Spaltflächen des mittleren Buntsandsteins in den Steinbrüchen bei der Sommerwirt­ schaft. An der Sommertshauserhalde, im Villinger Ziegelwerk, kommen sporadische Kupfermineralien vor. Es sind hier auch wie­ der Azurit, zum Teil in schönen Kristallen, Malachit und Kupferglanz. Bei Grabarbei­ ten an der Villinger Wöschhalde besteht die Möglichkeit, Bleiglanz und Zinkblende zu finden, mit etwas Glück in Hohlräumen Calcitkristall mit lyrit 5 mm aus dem Schrumpf riß einer Septarien, Wartenberg bei Geisingen lyrolusit pseudomorphos nach Manganit 3 cm, Gremmelsbach 306

auch schön ausgebildete Kristalle. Beim Erkalten des ehemals flüssigen Granit kommt es unter bestimmten Umständen dazu, daß sich in der Schmelze die einzelnen Bestandteile (Feldspat, �arz und Glimmer) als Kristalle ausbilden, die sich dann schwe­ bend in der Schmelze halten. Dies ist in Granitrandsteinen oft schön zu beobachten. Man kann die eingewachsenen Feldspatkristalle sehen, die je nach Lage der Spaltflächen an der Oberfläche glänzende regelmäßige Formen erkennen lassen. An einer kleinen Stelle am Kirnbergsee ist der Granit durch die Verwitterung so morsch, daß sich die einzelnen Feldspatkristalle aus dem Gestein brechen lassen. Beim intensi­ ven Absuchen des Ufers findet man sie auch im Gesteingrus. Die Feldspäte bilden fast ausschließlich Zwillingskristalle nach dem Karlsbader Gesetz, selten sind Einzelkri­ stalle, noch seltener sind Zwillingskristalle nach dem Bavenoergesetz. Auch eingewach­ sene Quarzkristalle lassen sich finden, die beidseitig ausgebildet sind und fast keine Prismenflächen aufweisen. Allerdings sind sie wesentlich kleiner als die Feldspäte. Das Eisen- und Manganerz-Revier von Eisen­ bach und Hammereisenbach liegt ,zwar in der Hauptsache auf dem Gebiet des Kreises Breisgau-Hochschwarzwald, aber auch in den Wäldern von Hammereisenbach, in Richtung Fahlenbach sind noch alte Erzgänge zu erkennen. Dort lassen sich Belegstücke von Eisenerz, in der Hauptsache Hämatit und Manganerz wie Pyrolusit, Psilo­ melan und Braunit finden. Am Ortsausgang von Hammereisenbach in Richtung Eisen­ bach ist ein Steinbruch auf Granit angelegt. Dabei wurde in der Mitte der 70er Jahre eine Kluft angeschossen, in welcher sich, für Schwarzwälder Verhältnisse außergewöhn­ lich, Schörlstufen (gemeiner schwarzer Tur­ malin) bergen ließen. Bergbau aufEisen wurde auch in Vöhren­ bach betrieben, wovon aber heute fast keine Spuren mehr zu erkennen sind. Die einzige Fundmöglichkeit besteht hier beim Aushe­ ben von Baugruben in der Nähe des Friedho- fes, dabei lassen sich Hämatit und Goethit bergen. Eine andere Fundmöglichkeit ergibt sich, wenn Aushubmaterial aus den genann­ ten Gebieten auf der Erdmülldeponie gela­ gert wird. Auf dem Hirzwald bei St. Georgen wurde auf einen verquarzten Tuff ein Stein­ bruch angelegt, dessen hartes Material zum Einschottern von Wegen verwendet wurde. Leider ist der Betrieb eingestellt und der Steinbruch wird mit Erdaushub verfüllt. Zu finden sind durch Eisenspuren gefärbte und gemaserte Steine, die entfernt an Achate erinnern, aber keine sind. In den Hohlräu­ men des Gesteins kommen kleine Bergkri­ stalle sowie Hämatit und Sideritkristalle vor. Außerdem kann man das unscheinbare Mineral Sudoit finden, welches weltweit nur von zwei Fundpunkten bekannt ist, eben am Hirzwald und in der Kamakitamine in Japan. Auch findet man im ganzen Bereich am Kes­ selberg Steine, die Spuren von Eisenerz ent­ halten. Zu den Fundstellen, die unter Samm­ lern über den Schwarzwald hinaus einen guten Ruf haben, gehört das Manganvor­ kommen in Gremmelsbach. Während der Zeit der Glasbläserei im Schwarzwald wurde ein Abbau versucht, um mit dem Mangan die Glasschmelze zu reinigen. Es kommt in der Hauptsache Pyrolusit vor, der zum Teil wunderschöne bis zu 5 cm lange Pseudomor­ phosen nach Manganit bildet. Des weiteren findet man Braunit, welches in kleinen Okta­ ederkristallen (Achtflächner) vorkommt. Im Körper des Triberger Granits gibt es Hohl­ räume, die mit �arz, Feldspat und Schörl ausgekleidet sind. Diese Hohlräume sind über die ganze Raumschaft verteilt, so daß sich genauen Fundortangaben machen lassen. Sie sind in der Regel an Peg­ matitgänge gebunden, kommen aber auch regellos im Gestein vor. Auch hier gilt wie­ der, daß man an Baustellen ein offenes Auge hat. So konnten beim Tunnelbau am Stein­ bis bei Gremmelsbach Mineralien gefunden werden, die sonst selten aufgesc;hlossen sind. Es sind dies Zinnstein (Kassiterit) ein Zinn­ erz, das in sehr schönen, dunkelbraunen, gut ausgebildeten Kristallen vorkommt, sowie keine 307

Apatit ebenfalls in gut ausgebildeten Kristal­ len. Des weiteren ein für diese Paragenesen außergewöhnlichen Fund von Gipskristal­ len. Bei den gefundenen Quarzkristallen handelt es sich teilweise um Rauchquarz, der sich gelegentlich zum Schleifen eignet. Da im Raum Niederwasser – Hornberg (Orte­ nau-Kreis) auch schon Beryllkristalle in die­ sen Paragenese gefunden wurden, wäre es denkbar, daß diese auch im Raum Grem­ melsbach vorkommen. In Nußbach wurde bei Messungen eine radioaktive Anomalie festgestellt, welche zu Probebohrungen führte. Dabei wurden einige Uranmineralien gefunden, die aber sehr klein sind und sich nur auf die Bohrkerne beschränken. Zum Abschluß noch einige Worte zum Sammeln selbst. Beim Sammeln von Mine­ ralien sollte man natürlich beachten, daß die Fundpunkte im Gelände irgendeinen Be­ sitzer haben, und es gebietet schon der Anstand, daß man sich mit dem jeweiligen Besitzer in Verbindung setzt und um Geneh­ migung nachfragt. Leider muß hinzugefügt werden, daß es bei den Mineraliensammlem Der Rotfuchs Der Fuchs ist zwar ein alltägliches Tier, doch es wird nur wenige Menschen geben, die ihn aufgrund seiner überwiegend nächt­ lichen Lebensweise in freier Wildbahn über längere Zeit beobachten konnten. Der Rotfuchs gehört zu der Familie der Hunde. Er erreicht eine Körperlänge von 60 bis 90 cm. Bezieht man seinen Schwanz mit ein, bringt er es auf 95 bis 130 cm. Seine Schulterhöhe beträgt 35 bis 45 cm und sein durchschnittliches Gewicht 7 kg. Doch auch hier gibt es Tiere, die sich nicht an diese Durchschnittswerte halten und wesentlich größer und schwerer sind. Endet der rötliche Schwanz mit seiner schwarzen, grauen oder gelben Schattierung in einer weißen Spitze, ist es von dieser Farbvariante her ein Birkenfuchs. Ist das 308 wie auch in anderen Sparten der Freizeitge­ staltung schwarze Schafe gibt. Durch rück­ sichtslose Ausbeutung von Fundstellen haben sie den Ärger der Eigentümer auf sich gezogen, worunter auch die Allgemeinheit der Sammler zu leiden hat. Deshalb sind nicht mehr alle Stellen zugänglich. Dieser Artikel erhebt natürlich keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit und Vollständigkeit. Er gibt nur eigene Erfahrun­ gen wieder und soll dazu dienen, den Interes­ sierten das Sammeln von Mineralien und das Beobachten der Natur zu erleichtern. Herbert Schuler Q}iellennachweis: Alfred Osam, Die Schweizerbart’sche lung, Stuttgart 1923. Mineralien Badens, Verlagsbuchhand- Werner Oppelt, Die Mineralien der Gegend um Triberg, Der Erzgräber, Heft 2, 1988. Schwanzende schwarz, handelt es sich um einen sogenannten Brandfuchs. Doch bei der Farbgebung schlägt die Natur manch­ mal Kabriolen. Dann erscheint ein Fuchs mit insgesamt schwarzem oder weißem Haarkleid. Seine Lautäußerungen entspre­ chen der jeweiligen Stimmungslage. Der Schmerz- aber auch gleichzeitig der Ranz­ laut ist ein weit hörbares Kreischen. In bedrohlichen Lagen ist es ein lautes Keckern. Mit leisem Winseln, Kläffen oder Knurren verständigen sich Fähe und Junge. Kein Tier spielt neben dem Wolf in Mär­ chen und Fabeln eine größere Rolle als der Fuchs. In seinem gesamten Verbreitungsge­ biet, in Europa, Asien, Nordafrika und Nordamerika nehmen Redewendungen auf Meister Reineke Bezug. Aus der Spätantike

stammen die ca. 300 Asopschen Fabeln, in denen unter anderen schon die List und Schlauheit dieses Tieres eine Rolle spielen. Aufgrund dieser Eigenschaften bekam er im 11.Jahrhundert den Beinamen Reinhart, was „der durch seine Schlauheit Unüberwind­ liche“ bedeutete. Am Ende des 15.Jahrhun­ derts war er der Held in einem niederdeut­ schen Tierepos „Reineke de Vos“, welches Goethe wieder zu seinem Werk „Reineke Fuchs“ inspirierte. Eines unserer Kinderlie­ der beginnt mit „Fuchs du hast die Gans gestohlen.“ Hier, wie so oft bei dem Fuchs, verwischen sich Sage und Wirklichkeit: Die Hauptbeute Meister Reinekes sind Mäuse. Bei dem Fang dieser Nager ist er ein wahrer Meister. Da hat er im Gras ein leises Rascheln gehört, langsam schiebt er sich an diese Stelle heran. Alles an ihm ist gespannte Aufmerk­ samkeit. Mit allen vier Läufen schnellt er plötzlich in die Höhe und schnappt noch im Der Altfuchs verbringt den Tag überwiegend im Schutz einer Dickung. Die Fähe sucht den Bau außerhalb der ]ungen­ aufzucht nur gelegentlich auf. Mit diesem Kurz­ besuch will sie ihren Besitz beanspruchen. Niedergehen nach der Maus. Im Winter ist dieser Fang für den Betrachter viel lustiger. Bei entsprechenden Schneeverhältnissen steckt er mit dem Kopf voran mit einem Großteil seines Körpers in der weißen Pracht, um anschließend mit einer Beute im Fang wieder voll auf der Bildfläche zu erscheinen. Doch nicht nur die kleinen Nager stehen auf seinem Speisezettel, bei denen die Wühl­ mäuse als Beutetiere eine Spitzenstellung einnehmen. So liest er alle Arten von Käfern auf, in entsprechenden Jahren besonders Maikäfer, er fängt Heuschrecken, Schnecken und Eidechsen und gräbt nach Engerlingen. Bei Regenwürmern hat er eine besondere Art der Vorratshaltung entwickelt. Kommen bei entsprechenden Wetterverhältnissen genü­ gend an das Tageslicht, landen einige in sei­ nem Magen, anderen beißt er den Kopf ab und rollt sie zu einer Kugel zusammen, um sie dann in einem Versteck zu deponieren. Dieses Nahrungsspektrum wird von den Menschen noch akzeptiert. Doch weniger erfreut sind sie, wenn er sich ausnahmsweise einmal ein Rebhuhn, ein Karnickel, einen Hasen, ein Auerhuhn, ein Wildschwein­ frischling oder gar ein Rehkitz greift. Wird der Fuchs allerdings bei dem Fang eines Bambis von der Rehgeiß wahrgenommen, dreht sie umgehend den Spieß um und es kommt zu einer wilden Verfolgungsjagd. 309

Vennenschlicht ausgedrückt könnte das heißen: ,,Oh diese Frühjahrsmüdigkeit“. Vorsichtig schiebt sich ein Jungfuchs aus dem Schutz der Röhre und prüfi, ob er sie ohne Gefahr verlassen kann. Dann befindet sich der Jäger in der Rolle des Gejagten. Neben der tierischen Nahrung ver­ achtet er auch Pflanzenkost nicht, wobei ihr Anteil zur Gesamtnahrung 18,3 O/o betragen soll. Das ist Fallobst und viele Arten von Bee­ ren. Dazu zählen im Spätherbst, wenn die Früchte reif sind, unter anderem Äpfel, Pflau­ men und Hagebutten. Auch die Trauben, die ihm angeblich nicht schmecken, weil sie zu hoch hängen, sind für einen richtigen Fuchs meistens doch erreichbar. Nicht alle Vegeta­ bilien werden direkt aufgenommen. Ein Teil ist im Magen gefressener Tiere deponiert. An die in dem Kinderlied besungene Gans traut er sich übrigens in den seltensten Fällen heran und auch ein angriffslustiger Haushahn hat schon manchen Fuchs in die Flucht geschlagen. Aas nimmt ebenfalls einen beachtlichen Teil seines Nahrungs­ �pektrums ein. Doch nicht alle Tiere, deren Uberreste man am Fuchsbau findet, kom­ men auf sein Konto. Oft sind es aufgelesene Kadaver, die er in der Aufzuchtzeit der Jun­ gen hierher transportiert. Die oft gepriesene Schläue Meister Reinekes beruht auf seiner guten Lernfähigkeit. Das von dem Men­ schen nachgeahmte Mäuseln lockt ihn nur einmal heran. Anschließend weiß er genau, wenn die falsche und wann die echte Maus ihr dünnes Pfeifen hören läßt. Im ersteren Fall räumt er in schneller Flucht das Feld. Interessant ist der Mäusefang bei der Auf- 310 zucht der Jungen. Die Nager, die er in dieser Zeit erbeutet, trägt er meistens nicht einzeln zum Bau. Sie werden an einer bestimmten Stelle abgelegt. Am Ende der Jagd nimmt er sie alle in den Fang und trägt sie so seinen Jungen zu. Der Aufenthaltsort des Fuchses am Tag ist ein Waldversteck. Die Baue werden zwar immer wieder aufgesucht, jedoch meistens nur, um Kot- oder Urinmarkierungen vorzu­ nehmen. Schläft er dann wirklich einmal in der unterirdischen Wohnung, soll das wahr­ scheinlich nur seinen Besitzanspruch gegen­ über Artgenossen deutlich machen. Auf­ grund seiner Fellstruktur ist er auf die Höhle als Wetterschutz nicht angewiesen. Er ver­ schläft den Tag zusammengerollt in einer Dickung, ohne sich hier von Regen oder Schnee stören zu lassen. Wo es geeignete Nahrung gibt, ist auch der Fuchs zu Hause. Das kann im Bereich des Wattenmeeres sein oder in den Alpen, wo man noch in 1800 Meter Höhe seine Bauten gefunden hat. Er lebt in waldreichen Gebieten, wobei er gro­ ßen geschlossenen Wäldern nach Möglich­ keit aus dem Weg geht, und in baumlosen Gegenden, wie zum Beispiel auf der Nord­ seeinsel Langeoog. Seinen Bau kann sich der Fuchs selbst gra­ ben. Sein Standort liegt überwiegend im Wald, in tiefgründigen Böden, deren Struk­ tur nicht zu fest sein darf. Doch gibt es auch

Überwiegend frißt der Fuchs zwar Mäuse, doch wenn er es erwischt, zählt auch einmal ein Rehkitz zu seinem Beutespektrum. Röhrensysteme, die im felsigen Gelände angelegt sind. Hier war aber mit Sicherheit Meister Grimbart als Baumeister tätig. Für die Anlage von Höhlen sind Dolinenhänge gern angenommene Grabungsareale, da es hier infolge der Bodenstruktur keine Stau­ nässe gibt. Im hügeligen Gelände befinden sich die Baue zu zwei Drittel in bester sonni­ ger Wohngegend, das heißt, auf der südöst­ lichen, südlichen oder südwestlichen Hang­ seite. Sind es Röhrensysteme, die sich über mehrere Etagen hinziehen, war ebenfalls der Dachs am Werk. Sie sind weitläufig angelegt und haben mehrere Wohnkessel. Hier können Fuchs und Dachs nebenein­ ander leben, wobei sich Meister Reineke mit den Röhren im Randbereich begnügen muß. Doch kann der Fuchs den Dachs auch ver­ treiben, indem er das Gebot der Sauberkeit, auf welches Meister Grimbart besonders ach­ tet, in dem Röhrensystem außer Kraft setzt. Sind die lästigen, artfremden Mitbewohner vertrieben, können in einer solch großen Wohnanlage auch 2 Fähen ihre Jungen groß­ ziehen. Weiter im Wald liegende Baue wer­ den nur angenommen, wenn die in Wald­ randnähe bereits alle besetzt sind. In einem Optimalbiotop des Fuchses können in einem Waldgebiet von 100 Hektar 5 bis 10 Baue ihren Standort haben. Der Aktionsraum eines Fuchses umfaßt je nach Lage 5-12 und 20-50 km2. Ein Territo- . Im Februar, während der Ranzzeit, ist der Fuchs auch tagsüber auf den Läufen. rium wird in der Regel von einem Rüden und mehreren Fähen bewohnt. Das Revier wird durch Duftstoffe markiert, die durch Drüsen an den Branten, an dem After und an der Schwanzwurzel ausgeschieden werden. Harn- und Kotstellen dienen dem gleichen Zweck. Naht die Ranzzeit und streifen fremde Männchen in das von einem Rüden bereits besetzte Revier, werden sie umgehend ver­ jagt. Auch die Weibchen, die in dieser Zeit die zukünftige Kinderstube besetzt haben, dulden keine anderen Fähen in ihrem Ak­ tionsbereich. Schon bevor die Fähe läufig wird, folgt ihr der Rüde, um die nur kurze Zeitspanne ihrer Paarungsbereitschaft nicht zu verpassen. Gesellen sich noch andere Freier zu diesem Paar, folgen sie ihr allesamt. Kommt es unter ihnen wegen der Dame zum Streit, läßt sich vermenschlicht sagen: „Wenn zwei sich streiten ist es Sitte, freut sich meistens schon der Dritte“. Dabei ist es so, daß die Kopulationen in den ersten ein bis zwei Tagen nicht zur Befruchtung füh­ ren. Die Ranzzeit fällt je nach Gegend in die Monate Dezember bis Februar. In diesen Monaten sind die Füchse auch während der Tageszeit auf den Läufen. Geradeaus zieht sich die Fuchsspur im Schnee, er „schnürt“. Dabei setzt er den Tritt des Hinterlaufes in den Tritt des Vorderlaufes. Sind mehrere Rüden hinter einer Fähe her, so tritt jeder in 311

den Trittsiegel des vor ihm laufenden Tieres. In der Schneedecke ist dann auch hin und wieder der Abdruck des Schwanzes als leich­ ter Wischer auszumachen. Hier sagt die Mär, auf seine Schlauheit Bezug nehmend, er wolle mit ihm seine Spur verwischen. Gerade in dieser Zeit sind seine viel begangenen und ausgetretenen Wege, die sogenannten Pässe, unübersehbar. Führt jetzt eine Fuchsfährte auf das Neueis eines zugefrorenen Gewässers oder in ein Moorgebiet, kann ihr der Mensch unbedenklich folgen nach dem Motto: „Wenn es den vorsichtigen Meister Reineke trägt, bricht auch der weit schwerere Zweibei­ ner nicht ein“. Nach einer Tragzeit von 51 bis 53 Tagen bringt die Fähe ihre 4 bis 6 Jungen zur Welt, deren Geburtsgewicht zwischen 80 und 150 g liegt. In den ersten 3 bis 4 Wochen ist Mut­ termilch ihre einzige Nahrung. Im Alter von 12 bis 14 Tagen öffnen sie ihre Augen und nach 8 Wochen ist die Säuglingszeit zu Ende. Die erste Fleischnahrung erhalten sie in der Form von vorverdauten Mäusen, die von der Fähe herausgewürgt werden. An der Nahrungsbeschaffung sind beide Partner beteiligt. Bringt der Rüde Beute, legt er sie in der Nähe des Baues ab, wo sie von der Fähe und später auch von den Jungen aufgenom­ men wird. Haben die Welpen die ersten Wochen überlebt und verlieren sie dann ihre Mutter, kann der Rüde allein die Beutebe­ schaffung übernehmen. Es ist nicht immer ein Fuchs, der die Vaterschaft eines Gehek­ kes für sich beansprucht. Das dokumentiert sich dann in ihrer Verhaltensweise gegen­ über den Jungen, denen sie in solchen Fällen auch Futter zutragen. Dabei hat die Fähe diese Hilfe gar nicht nötig, denn das Futter kann sie ohne weiteres auch allein aufbrin­ gen. An den Röhreneingängen des Baues erscheinen die jungen Füchse im Alter von einem Monat Ende April/Anfang Mai. In dieser Zeit sind sie noch sehr schreckhaft. Schon der Warnruf einer Amsel oder das Rätschen des Eichelhähers veranlaßt sie umgehend zum Rückzug in die schützende 312 Röhre. Schon bald laufen sie den beutebrin­ genden Altfüchsen entgegen. Sie springen an der Fähe hoch und versuchen mit ihr zu spie­ len. Legt sich die Mutter neben den Bau um auszuruhen, klettern sie auf ihr herum, bis sie müde sind. Der Ruheplatz ist dann neben oder auf ihr. Auch untereinander üben sie sich spie­ lend im Anschleichen und Anspringen. Dabei balgen sie sich und schlafen auch ein­ mal neben der Röhre ein. Außerhalb des Baues sind die jungen Füchse zu jeder Zeit anzutreffen, je nach Wetter und Hunger, wobei sie die ersten Sonnenstrahlen genauso genießen wie wir Menschen. Uns gegenüber sind sie nicht besonders scheu, wenn wir uns vorsichtig bewegen. Sie lassen den Beobach­ ter bis auf wenige Meter herankommen, ehe sie in ihrem Bau verschwinden. Sollte bei dieser Gelegenheit ein Altfuchs in der Nähe sein, genügt ein kurzes heiseres Bellen und sie verschwinden fluchtartig in der nächsten Röhre. Das Jagdverhalten müssen die jungen Füchse nicht erlernen, das ist ihnen angebo­ ren. Wenn sie im Herbst das heimatliche Revier verlassen, wandern manche 100 km weit, wobei Flüsse und Straßen kein Hinder­ nis darstellen. Nur große zusammenhän­ gende Waldgebiete werden nach Möglich­ keit gemieden. Im Durchschnitt liegt die neue Heimstatt, die sie erst nach wochenlan­ gem Suchen finden, 30 km vom elterlichen Revier entfernt. Einige kehren jedoch wieder an ihren Geburtsort zurück und wieder andere haben die gewohnte Umgebung erst garnicht verlassen. Drei Sinne sind bei dem Fuchs bestens entwickelt. Sein Geruchs- und Gesichtssinn (Augen) und sein Gehör. Wenn es nicht gerade regnet, wittert er zum Beispiel die menschliche Spur noch nach mehreren Stunden und geht dann sofort auf Distanz. Der Fuchs hat, vor allen Dingen in der Ranz­ zeit, einen scharfen Moschusgeruch an sich, der auch an seinem Wechsel haften bleibt. Der geruchsempfindliche Naturfreund kann solche Duftfahrten ohne weiteres erriechen.

Die Aufgabe des Fuchses im Haushalt der Natur ist die Säuberung des Revieres von krankem und verendetem Wild sowie, mit den anderen Mäusejägern zusammen, die Eindämmung der Mäusepopulation. Das Gleichgewicht in diesem Haushalt ist jedoch oft nicht mehr vorhanden oder zumindest wesentlich gestört. Seine natürlichen Feinde, Wolf und Luchs, sind in Mitteleuropa weit­ gehend ausgerottet. Nur in den Alpen über­ lebte ein erfolgreicher Fuchsjäger: der Stein­ adler. Der in manchen Gegenden wieder auf­ lebende Uhubestand zählt ebenfalls zu den Vögeln, vor denen sich Meister Reineke in Acht nehmen muß. Doch noch immer ist es der Mensch, der die Fuchspopulation in Grenzen hält. Tut er es nicht, wird diese Funktion von Seuchen übernommen. Die Tollwut, die sich in den letzten Jahrzehnten von Osten her ausbreitete, hat das mit aller Deutlichkeit gezeigt. Da der Fuchs sehr große Entfernungen zurücklegt, breitet sich die gefährliche Seuche rasch aus. Ein an Toll­ wut erkranktes Tier verliert in der Regel vor dem Menschen jede Scheu. Darum äußerste Vorsicht vor einem Fuchs, der ein solches abnormes Verhalten zeigt. Dazu noch einige Ratschläge, falls es doch einmal zu einer Begegnung mit einem erkrankten Fuchs kommt: Zuerst versuchen, Distanz zwischen sich und das erkrankte Tier zu bringen, je mehr desto besser. Einen Angriff mit einem Stock oder Prügel abwehren. Bei einem Biß oder sonstiger Berührung sofort einen Arzt aufsuchen. Beobachtungen, die auf ein kran­ kes Tier schließen lassen, umgehend dem Jäger oder der Polizei mitteilen. Doch keine Tollwut und keine noch so strenge Jagdausübung haben es bis heute ver­ mocht, den Fuchsbestand ernsthaft zu gefährden. Immer wieder finden wir seine Losung auf einem Grenzstein, sehen im Schnee seine schnurgerade Fährte oder hören in klaren Winternächten sein heiseres Bellen. Roland Kalb Winter Sommerlied Da sitzt man in der Sonne und träumt so vor sich hin. Genießt den Duft der Rosen, die hier so herrlich blühn. Die Wolkenberge türmen sich weiß in Himmels blau. Die Vogelseharen stürmen hin über Feld und Au. Die Möven schreien kreisend, es rauscht von fern das Meer. Die Blätter wiegen leise, der Wind weht sacht. Ach hört, wie tausendfaches Singen die Luft erbeben macht. Hoch oben Enten schwingen mit ihren Flügeln sacht. Das sind des Sommers Lieder, stets alt und ewig neu. Auch wenn wir alt und müde, dies Lied wird immer sein. Margot Opp Erstarrt im weichen Kleid aus Schneeflocken liegt die Winterwelt verborgen zugedeckt mit glänzendem Weiß und Licht auf dem Wasser darunter Steine schwarz geneigte Äste zum schimmernden Bach hin die dunkleren Stämme der Bäume verzaubert verwunschen seh ich sie vor mir die Schöpfung aus Eis und Schnee tief leuchtend so still als hielt alles den Atem an ich höre es und singe ein Lied des Friedens. Hanna Jäckle 313

Stätten der Gastlichkeit und der Entspannung Erinnerungen an die „Sonne“ in Tannheim Die „Sonne“ in Tannheim war immer ein Kinderparadies. Es gab eine Zeit -Ende der fünfziger bis Mitte der sechziger Jahre, wo wir zumindest jedes Jahr einmal, bei beson­ derem Anlaß auch öfter, dort Aufenthalt machten. Meine Mutter ist eine Schwester der „Sonne“-Wirtin Maria Riegger, wir selbst kamen aus dem nordbadischen Tauberbi­ schofsheim. Bis Tannheim waren es damals mit dem Auto ca. 300 km -es gab nämlich noch keine direkte Autobahnverbindung. Die Entfernung war nach damaligen Maß­ stäben groß genug, um eine solche Reise als eine bedeutende Unternehmung im Jahres­ lauf erscheinen zu lassen. Andererseits war der Schwarzwald, war Tannheim ja ein eher bescheidenes Urlaubs- Gasthaus Sonne mit Brauhaus (1917) ziel. Damals standen Reisen nach Italien oder Spanien bereits hoch im Sehwange, und ich weiß noch heute, wie ich nach Abschluß der Ferien, am ersten Schultag, wenn wir berichten mußten, wo wir den Urlaub verbracht hatten, mitunter verlegen wurde, weil ich auf solche Fragen immer nur sagen konnte, daß wir wieder in Tannheim gewesen seien, was mir beim dritten Mal den Spott der Mitschüler eintrug. Wir verließen diesen gastlichen Ort, der für uns zu einer Art zweiter und schönerer Heimat geworden war, immer nur mit Weh­ mut, ja Traurigkeit im Herzen. Die Ferientage in Tannheim boten dem aufgeschlossenen Sinn eine Welt voller Wunder. Selbst den scheinbar nebensäch- 314

Gasthaus „Zur Goldenen Sonne“ heute lichsten Dingen kam in diesem Kosmos eine eigene Bedeutsamkeit zu. Da gab es den schwarzen, ehrwürdigen Daimler 170 V fur gemächliche Überlandfahrten, es gab einen ausgedienten, ölrußverschmierten „Lanz“­ Bulldog, der wie ein vorweltliches Unge­ heuer in der dämmrigen Remise stand, den mächtigen, grünglasierten Kachelofen in der Bauernstube -er schien wie für die Ewigkeit gemauert, ein Sinnbild Schwarzwälder Ge­ mütlichkeit – den Funkenschwall und das Geprassel in der Ofentür, wenn er von der Küche aus mit Fichtenscheiten beheizt wurde, die man einer alten Holzkiste ent­ nahm, die dampfende Geschäftigkeit in der Küche, das alte, leicht verstimmte Klavier auf der Empore im „Saal“, an das ich mich aus Schüchternheit aber kaum herantraute, und schließlich konnte man sich, wenn es einmal ausnahmsweise tatsächlich langwei­ lig war, immer noch den Bierfilzen einer bekannten Donaueschinger Brauerei be­ schäftigen, die man, wenn man sie zu einer Art Walze zusammengeschichtet hatte, so schön übers Parkett rollen konnte, bis sie sich nach kurzem Lauf plötzlich auffächer­ ten, zerstreuten und in die verschiedensten Richtungen zu liegen kamen. Aus der Geschichte Das Gasthaus „Zur goldenen Sonne“ taucht zum ersten Mal 1791 in den Tannhei­ mer Urkunden auf und ist seit 1873 im Besitz der Familie Riegger. Daß die Wirtschaft Zeit ihres Bestehens immer eine Sonderstellung im Ort einnahm, dafür liefert der zweispra­ chige Portalstein über dem Eingang mit sei­ ner schön geschwungenen Goldschrift zumindest ein deutliches Indiz. Er verleiht der Frontseite des ohnehin stattlichen Vier­ eckbaus mit dem mächtig aufstrebenden Walmdach zudem ein ausgesprochen reprä­ sentatives Gepräge. Die „Sonne“ war nun einmal eine Institution, weit über die Gren­ zen Tannheims hinaus bekannt und beliebt, geschätzt und geachtet. Auf nachdrücklich 315

Wirtshausschild – bestehend aus einer großen Steinplatte mit deutscher und.französischer Aufschrift komische Weise wurde einem diese Sonder­ stellung in den sechziger und auch noch siebziger Jahren ins Bewußtsein gerückt-zu jener Zeit also, als die Gaststätte auf dem Höhepunkt ihrer Anziehungskraft angelangt war und man zu manchen Zeiten sowohl mittags wie abends zu beiden Seiten des still und bescheiden plätschernden Brunnen­ trogs eine ganze Reihe gepflegter Karossen einer bereits erwähnten Stuttgarter Nobel­ marke bewundern konnte. Was nun die auf den Betrachter recht ungewöhnlich und bedeutsam wirkende Inschrift „Auberge au Solei! d’or“ anbelangt, so liegt es nahe, ihre Entstehung jener unru­ higen Zeit Ende des 18., Anfang des 19. Jahr­ hunderts zuzuordnen, als der östliche Schwarzwald mehr als einmal französischen Revolutionstruppen wie auch ihren Gegnern aus dem kaiserlichen Lager als Durchzugsge­ biet diente. Zu den geheimnisvollen Bestim­ mungen der „Sonne“ scheint es zu gehören, daß sie im Lauf ihrer Geschichte mehrfach 316 ungebetenen Gästen von jenseits des Rheins Unterkunft gewähren mußte. Der letzte Fall dieser Art trug sich in der Zeit zwischen Früh­ ling und Herbst 1945 zu, als de Gaulles freie französische Streitkräfte in dieser Gegend ihre Fahne aufpflanzten und sich bei den Tannheimern nicht gerade viel Sympathien erwerben konnten. Tempi passati … Auberge au Soleil d’or ,,Auberge“ heißt auf deutsch Herberge, und mit diesem heimeligen Wort wird man dem Sinn, der tiefen Bestimmung des Gast­ hauses am Rand des Schwarzwaldes gewiß am ehesten gerecht. Seit ich sie kenne, war die „Sonne“ für mich immer wie eine Oase der Wärme und des goldenen Behagens an der Grenze rauher, urwüchsiger und eher unwirtlicher Natur – denn so wurde der Schwarzwald ja von früheren Generationen noch empfunden. Am schönsten deutlich wurde dies naturgemäß während der dunk­ len Jahreszeit. Unvergeßlich bleibt mir, wie

wir einmal nach einer langen und anstren­ genden Fahrt durch Nacht und Nebel von Neustadt herkommend hier eintrafen und sogleich eine dampfende Schüssel Fleisch­ brühe mit Backerbsen auf den Ecktisch gestellt bekamen -welch köstliche Labsal an einem naßkalten Winterabend! Ganz zu schweigen vom herzhaften Wurstsalat, dem Zwiebelrostbraten, den unvergleichlichen geräucherten Bratwürsten mit Kraut – und all dies in stets überreichlich bemessenen Portionen. Was Wunder-in der „Sonne“ leben eben nur gute Menschen, walten freundlich sor­ gende Geister, und dabei hatte jedes seinen angestammten Platz im System: Nehmen wir zunächst das Schwarzwaldkind, die kleine Martina, die vortreffliche Viehpflege­ rin, die – einst völlig unersetzlich in ihrem Bereich – mit wieselflinker Geschäftigkeit den Stall versah und heute ihren wohlver­ dienten Ruhestand genießt. Für die Tiere war sie der gute Dämon, der ihre Bedürfnisse kannte wie niemand sonst und sich mit ihnen so gut wie mit den Menschen unterhielt. Für die Behaglichkeit in der Stube, fur die gefällige Ansprache waren natürlich die drei Riegger-Geschwister zuständig, nicht nur dem Herkommen nach, sondern weil sie ihrem Wesen nach einfach dafür wie geschaf­ fen waren. Hier wird jeder Stammgast zunächst das Bild des „Seniorchefs“ Riegger – fur uns der „Onkel Willi“ – vor Augen haben, wie sich der stämmige, stets heiter­ geruhsame Mann wohlgefällig dem Kreis der Gäste zugesellt, mit seinem blühenden, luft­ geröteten Teint noch im Alter ein Denkmal urwüchsiger Gesundheit, wie er „bime Gläsli Wii“ eine unvergeßliche Atmosphäre zeitlo­ sen, sonnigen Behagens und hausväterlichen Friedens um sich her zu verbreiten weiß, ohne daß er viel dazu sagen braucht. Unterstützt wurde er dabei von seinen Schwestern Emilie und Elis, die sich beide unverdrossen und mit ansteckender Herz­ lichkeit ums Wohl der ihnen Anvertrauten bemühten. Emilie, von würdigem und ge­ setztem Wesen, dabei mit einem trockenen, gelassenen Humor gesegnet und eine begabte Anekdotenerzählerin, spielte dabei mehr die Rolle der Ordnungsmacht, sah überall nach dem Rechten, gab mit freundli­ cher Bestimmtheit ihre Anweisungen und achtete darauf, daß nichts Ungehöriges geschah. Doch wie entspannt und verklärt war dann ihr Lächeln, wenn sich etwa heraus­ stellte, daß ein Bedenken zu eng gefaßt war, ein anfänglich noch vorhandenes Miß­ trauen sich als völlig unbegründet herausge­ stellt hatte. Elis war von Natur aus mehr zur Nach­ sicht geneigt. Aus leichtestem Anlaß sah man milden Sonnenschein über ihre Züge huschen, die durch die Altershülle immer noch das junge Mädchen durchscheinen lie­ ßen. Nach meinem Empfinden war es ihr größtes Bestreben allen, die ihr nahestanden, etwas zuliebe zu tun, sie zu erfreuen oder zu trösten, wenn sie einen Kummer haben. Wer bleibt noch? Natürlich die „Son­ nen“-Mutter, meine Patentante Maria Rieg­ ger, die wir nach Landesbrauch immer nur „die Gotte“ nannten. Im Dunkeln, wie man so sagt, den Blicken der Gäste meist entzo­ gen, tat sie ihre Pflicht und fragte nicht nach Dank und Lohn, der ihr doch in allererster Linie gebührte. Ihr Reich war die Küche, und wer sie einmal selbst dort beobachtet hat, wie sie an einem der nicht seltenen „Großkampf­ tage“, einer Hochzeit etwa, einem Vereins­ fest, bei der hundert und mehr verköstigt sein wollten, bis tief in die Nacht hinein oder gar bis zum frühen Morgen die Schlacht schlug und trotz möglichster Hilfe von außen Aufgaben bewältigte, die eigentlich über die Kraft eines einzelnen gehen, weiß, was ich damit meine. Sie tat dies alles mit guter und gottergebener Miene, die Selbst­ losigkeit war ihre zweite Natur, sie hat eben ein großes und reiches Herz. Ihr Tagwerk -wie auch das der anderen – ist nun getan, eine Epoche zu Ende gegan­ gen. So merkwürdig es klingt: Was aus der „Sonne“ werden wird, steht erst einmal in den Sternen. Möge ihr Feierabend würdig und gesegnet sein! Thomas Hess 317

Sport und Wettkämpfe 25 Jahre Schwarzwald-Pokal in Schonach Schonach und Furtwangen haben sich – vor 25 Jahren vielleicht noch unbewußt – große Verdienste um den internationalen Skisport erworben. Die Nordische Kombi­ nation war einst die Krone des Skisportes, weil sie Lauf und Sprung vereinte, also den totalen Athleten erforderlich machte. Im Zuge der Spezialisierung, die auch vor dem nordischen Skisport nicht haltmachte, ver­ lor sie an Bedeutung. Veranstaltungen, die nur aus der Kombination bestanden, gab es praktisch nicht, die Zahl der Aktiven ging in aller Welt zurück. Auch in Deutschland und im Schwarzwald. Georg Thoma aus Hinter­ zarten beendete 1966 in Oslo mit dem Gewinn des Weltmeistertitels seine große Karriere, die ihm sechs Jahre zuvor in Squaw Valley in USA schon den Olympiasieg gebracht hatte. Er fand zwar in Franz Keller aus Nesselwang 1968 in Grenoble als Olym- 318

Hans-Peter Pohl beim Schwarzwald-Pokal 1991 in Aktion (links unten und rechts oben) piasieger noch einen bundesdeutschen Nachfolger, von da an aber verschob sich die Weltspitze in die damalige DDR. Die Kom­ bination schien in der Bundesrepublik zum Stiefkind des Skisports zu werden. Man muß diese Vorgeschichte kennen, um zu verstehen, warum die Gründung des Schwarzwald-Pokales vor 25 Jahren so große Bedeutung hat. Der Wettbewerb hatte damals noch den bescheidenen Namen „Kombination Schonach-Neukirch“ und basierte auf dem traditionellen Langlauf­ Wettbewerb „Rund um Neukirch“, den die Skizunft Brend in jedem Jahr als ein wahres Langlauf-Volksfest veranstaltete. Da kam die Idee auf, die Veranstaltung um eine Kom­ bination zu erweitern. Da Neukirch über keine Schanze verfügte und die alte Kohl­ hepp-Schanze in Furtwangen internatio­ nalen Ansprüchen damals nicht genügte, Schonach im Langenwald aber einen Sprung­ hügel hatte, kam die Partnerschaft zwischen der Ski-Zunft Brend und dem Ski-Club Schonach zustande. Man redete nicht lange um die Idee herum, sondern verwirk­ lichte sie. 1967 wurde die Kombination Schonach-Neukirch aus der Taufe geho­ ben. Die Partnerschaft der beiden im Schwarzwald bedeutenden Vereine hielt bis 1972. Dann geboten die immer größer wer­ denden organisatorischen Aufgaben für eine solche inzwischen groß gewordene Veranstal­ tung eine Trennung. Sie erfolgte in aller Freundschaft. ,,Schwarzwald-Pokal“ hieß die Veranstal­ tung in Schonach fortan, und sie wurde zur bedeutendsten Kombination der Welt. Es ist leicht nachzuweisen: Außer Olympischen Winterspielen und Weltmeisterschaften weist kein Kombinations-Wettbewerb eine Besetzung wie Schonach auf. Man spricht in der ganzen Skiwelt von Schonach. Daß es dazu kam, hat verschiedene Ursachen. Zuerst muß man da die Männer der ersten 319

Stunde nennen. Einen Otto Pfaff und Eugen Scherer zum Beispiel, die in guter Gesund­ heit das Jubiläum im Januar 1991 mitfeiern konnten, aber auch die leider zu früh verstor­ benen Franz Grieshaber, Arthur Schyle, Adolf Petrino senior und junior oder Paul Feiß. Und natürlich Ernst Sehmieder. Er war zwar jüngstes Mitglied jenes Kreises, der den Grundstein legte, wurde aber das wichtigste. Sein Organisationstalent, seine weitreichen­ den Verbindungen, seine Beharrlichkeit machten ihn zum Kopf der Veranstaltung. Und er bekam in Heidi Spitz eine Mitarbei­ terin, die unentbehrlich wurde. Ohne sie wäre der Schwarzwald-Pokal undenkbar. Aber da war noch eine zweite Kompo­ nente: Die Gemeinde mit Bürgermeister Albert Haas an der Spitze. Der Ski-Club allein hätte es nicht schaffen können, die Veranstaltung zur Weltgeltung zu bringen. Albert Haas schenkte dem Ski-Club seine volle Unterstützung, die bis zur persönli­ chen Mitarbeit im Wettlaufbüro reichte, und er wußte, daß sein Gemeinderat mit großer Mehrheit hinter ihm stand. Das Wort „unlösbar“ gab es in Schonach nie, wenn Probleme im Zusammenhang mit dem Schwarzwald-Pokal auftauchten. Nicht nur Bürgermeister und Gemeinderat sorgten dafür, sondern eigentlich die ganze Bevölke­ rung. Und damit sind wir beim dritten Punkt der Weltgeltung des Schonacher Wettbe­ werbs: Zum Zusammenwirken zwischen Gemeinde und Ski-Club kommt die Schon­ acher Atmosphäre. Die Sportler treffen im ,,Skidorf“ auf Gastfreundschaft und Weltof­ fenheit wie kaum irgendwo in der Welt. Ob in Skandinavien oder Übersee oder in den Alpenländern: Wenn der Name Schonach auftaucht, leuchten die Augen derer auf, die schon dort waren. Das ist, am Rande des Sports, für Schonach die wohl wertvollste Anerkennung. Man läßt glanzvolle Namen des interna­ tionalen Sportgeschehens Revue passieren, wenn man einen Streifzug durch die Ergeb­ nisse der25 Jahre Schwarzwald-Pokal macht. 1967 eröffnete Edi Lengg aus Reit im Winkl 320 den Reigen der Sieger. Nur 24 Starter ver­ zeichnete man damals -nicht einmal die Hälfte der Starterfelder der letzten Jahre. Ihm folgte 1968 Alois Kälin aus Einsiedeln in der Schweiz -einer der großen Rivalen von Georg Thoma, der seine Laufbahn beendet hatte. Ralph Pöhland, der 1968 aus der dama­ ligen DDR geflüchtet war und in Hinterzar­ ten seine neue Heimat fand, war der Sieger 1969, ein Jahr später bestätigte Franz Keller seinen Olympiasieg mit dem Erfolg in Schonach und Neulcirch. Er hätte schaffen können, was in den 25 Jahren niemand gelang: Den Pokal endgültig zu gewinnen. Das Reglement schreibt nämlich vor, daß nur der den großen (und wertvollen) Pokal behalten darf, der ihn dreimal nacheinander oder insgesamt fünf Mal gewinnt. Franz Kel­ ler fehlte 1971 (Hans Rudhart aus Isny im All­ gäu gewann), damit verhalfen ihm die Siege 1972 und 1973 nicht zum ganzen großen Erfolg. Nach ihm war ein Finne dem endgül­ tigen Gewinn nahe: Rauno Miettinen. 1974 und 1975 gewann er, beim dritten Anlauf wurde er von einem gestoppt, der zum erfolgreichsten Kombinierer aller Zeiten wurde. Uli Wehling aus Oberwiesenthal. 1976 und 1977 gewann er-1978 revanchierte sich Rauno Miettinen und verhinderte Weh­ lings dreifachen Sieg. Ein neuer Finne stand 1979 erstmals auf dem Siegerpodest: Jorma Etelaelahti. Er gewann auch 1981. Dazwi­ schen und nach ihm kam Uwe Dotzauer aus der damaligen DDR zu zwei Erfolgen. 1983 mußte der Schwarzwald-Pokal erstmals wegen Schneemangel abgesagt werden. 1984 begann eine neue Serie des Deutschen Ski­ verbandes der Bundesrepublik. Thomas Müller aus Oberstdorf eröffnete sie, Her­ mann Weinbuch setzte sie mit zwei Erfolgen fort, dann war Hubert Schwarz aus Oberau­ dorf an der Reihe. Sie alle wurden Mann­ schafts-Weltmeister bzw. Olympiasieger in der Kombination . . . und jedesmal war Hans-Peter Pohl aus Schonach mit dabei, dem in seinem Heimatort jedoch noch kein Einzelsieg gelingen konnte. Den hat er noch auf seiner Wunschliste stehen!

Klaus Sulzenbacher, der Tiroler aus Kitzbü­ hel und Weltcupsieger 1989/90, Hippolyt Kempf, der Schweizer aus Luzern, Olympia­ sieger 1988, und nach dem Ausfall 1990 Fred Börre Lundberg, der Norweger aus dem hohen Norden, waren die letzten Sieger im Kampf um den Schwarzwald-Pokal -eine stolze Serie von großen Namen fand im Jubi­ läumsjahr ihren vorläufigen Abschluß. Namen, die deutlicher als alle Worte die Bedeutung dieses Wettkampfes im Schwarz­ wald unterstreichen. Ein Leben für den Skisport Ernst Sehmieder Ernst Sehmieder, der Initiator des „SCHWARZWALDPOKAL-Weltcup, Nor­ dische Kombination“ ist im Skidorf Schon­ ach und darüber hinaus im Deutschen Ski­ verband eine bekannte Persönlichkeit. Schon früh hat er sich dem Skisport ver­ schrieben. Mit 10 Jahren ist er dem Skiclub Schonach beigetreten. Seit der Wiedergrün­ dung des Vereins im Jahre 1947 arbeitete er Und vielleicht noch ein Satz, den Her­ mann Weinbuch dem Autoren am Holmen­ kollen in Oslo nach seinem Sieg im „Mekka des Skisports“ sagte: ,,Nach meinem Sieg in Schonach war für mich nur noch Holmen­ kollen von Bedeutung.“ Schonach und Hol­ menkollen in einem Atemzug -für jeden, der die Bedeutung der Skispiele am „Kollen“ (Berg) über Oslo kennt, ist das höchste Aner­ kennung. Damit gestärkt, geht Schonach die zweiten 25 Jahre Schwarzwald-Pokal an. Werner Kirchhofer als Schriftführer und war über 40 Jahre im Vorstand und als Organisator der großen Skiveranstaltungen tätig. Für den Skiclub holte er im Jahre 1981 die Nordische J unioren-Skiweltmeisterschaft nach Schonach. Auch hier zeichnet Ernst Sehmieder sich als der verantwortliche Orga­ nisator aus. Diese einmaligen Winterspiele konnten nur deshalb so erfolgreich sein, weil Gemeindeverwaltung, Skiclub und Ernst Sehmieder -letzterer stellte als damaliger Geschäftsführer der Firma Willi Hahn alle nur erdenklichen Kommunikationsmittel zur Verfügung -gut zusammenarbeiteten. Dies waren die Voraussetzungen für den gro­ ßen Erfolg. Aus Anlaß der Weltmeisterschaf­ ten konnten der Ausbau und die Finanzie­ rung der Langlaufloipen, des Skistadions und insbesondere der Ausbau der heuti­ gen Langenwaldschanze für 2,7 Mill. DM ermöglicht werden. Dies sind Voraussetzun­ gen, um als Weltcuport aktuell zu bleiben. Seit über 20 Jahren ist Ernst Sehmieder Schatzmeister im Skiverband Schwarzwald und bei der FdS (,,Freunde des Skisports“) im Deutschen Skiverband. Durch sein großes Engagement und sein Verhandlungsge­ schick bei den Behörden und Verbänden ist es ihm gelungen, den Skisport in den Win­ tersportorten Schonach, Schönwald, Furt-321

wangen und Neukirch aufzuwerten. Ernst Sehmieder war ein wirksamer Werbeträger nicht nur für den Skisport, sondern auch für die Kurorte unserer Region. Für seine außerordentlichen Verdienste um den Skisport im Skiclub Schonach wurde er 1975 zum Ehrenmitglied ernannt. Die Wiege von Ernst Sehmieder stand in Schonach, wo er 1925 geboren wurde. Hier besuchte er die Volksschule und anschlie­ ßend die Handelsschule. Seine Berufsaus­ bildung erhielt er als kaufmännischer Lehr­ ling bei der Firma Rombach und Haas in Schonach. 1943 zum Arbeits- und Wehr­ dienst eingezogen, war er im Fronteinsatz. Im Westen geriet er in amerikanische Gefan­ genschaft, aus welcher er 1945 entlassen wurde. Ernst Sehmieder trat nach seiner Heim­ kehr als Industriekaufmann bei der Firma Willi Hahn, Schraubwerkzeuge in Schon­ ach, ein. Sein fachliches Wissen war in der Firma gefragt und geschätzt. Der Seniorchef setzte ihn nach wenigen Jahren als Prokurist und später als Geschäftsführer ein. Über 43 Jahre hat Ernst Schmjeder die Geschicke der Firma Willi Hahn als sicherer Steuermann geführt. Der Firma hat er seinen persönli­ chen Stempel aufgedrückt. Am 30.Juni 1990 ist Ernst Sehmieder in den Ruhestand getreten. Sich von dieser Aufgabe zu lösen, ist ihm sicherlich nicht leicht gefallen. Mit Stolz kann er aber auf eine erfolgreiche Tätigkeit zurückb]jcken und so wünscht er sich, daß auch sein Nach­ folger eine glückJjche Hand haben möge zum Wohle der Firma und seiner Mitarbei­ ter. Ernst Sehmieder war auch über viele Jahre als aktiver Turner im Turnverein Schonach tätig. Aufgrund seiner langjährigen aktiven Mitgliedschaft wurde er 1970 zum Ehrenmit­ glied ernannt. Seit 1973 ist Ernst Sehmieder Aufsichtsrat der Volksbank Triberg. Um nach Eintritt in den Ruhestand nicht ganz untätig zu sein, kandidjerte Sehmieder im Jahre 1989 auf der CDU-Liste in den Gemeinderat. Aufgrund seiner großen Wert­ schätzung wählte ihn die Bürgerschaft in das Gremium. Der Gemeinderat bestellte ihn zum Bürgermeisterstellvertreter. Auch hier stellt er seine Sorge um die Mitbürger in den Mittelpunkt seiner politischen Arbeit. Aus persönlichen Gründen ist er am 8. Juli 1991 aus dem Gemeinderat ausgeschieden. Die Person Ernst Sehmieder wäre unvoll­ kommen, wenn seine Familie nicht mitein­ gebunden werden würde. Er ist müJuJje geb. Duffner verheiratet und hat 5 funder. Ernst Sehmieder meint, daß das Leben mit all sei­ nen Unwägbarkeiten und Erfordernissen nur mit einer intakten Familie gemeistert Emil Rjmmele werden kann. Mit eisernem Willen zum Erfolg Behindertensportler Walter Kubas Ein Behindertensportler aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis geht mit eiserner Disziplin seinen Weg. Jede freie Minute steht er in seinen Laufschuhen und dreht unverdrossen seine Runden in den Wäldern rings um seine Heimatgemeinde Körugsfeld­ Burgberg. Zehn, fünfzehn oder zwanzig fulometer – vermischt mit Tempoläufen -, so trainjert er auf seine großen Ziele: Deut­ sche Meisterschaften, Europameisterschaf- ten, bis hin zu den Weltmeisterschaften für Behinderte. Walter Kubas heißt dieser Athlet aus Burgberg. In der Zwischenzeit eine bekannte Größe unter den Läufern und Fachleuten im Lande. Er gehört zu den Contergan-Geschä­ digten und machte nicht nur bei Behinder­ tenwettkämpfen auf sich aufmerksam, als er Zeiten über 1500 m, über 5000 m, 10000 m und auch über 400 m erlief, die zu großen 322

verbuchte er bei den Württembergischen Meisterschaften 1988 mit 4:32:7 Min. Seine bisher größten Erfolge brachte im das Jahr 1990. Wiederum war er bei den Deutschen Meisterschaften erfolgreich und verteidigte seine im Vorjahr errungenen Titel souverän. Er war bestens gerüstet für die Weltmeisterschaften in den Niederlanden. Mit zwei Vizemeistertiteln war Walter Kubas überaus erfolgreich. In den Staffelwettbewer­ ben über 4 x 100 und 4 x 400 Meter errang er mit seinen Kameraden jeweils den zweiten Rang. Auch bei seinen Erfolgen ist Walter Kubas auf der Erde geblieben. Er wollte nie anders sein, er wollte keine Extratouren für sich in Anspruch nehmen. Als jüngstes von neun Kindern der Familie wuchs er auf-eine gera­ dezu ideale Art der Integration. Mit seiner Behinderung hatte er kaum Schwierigkeiten, weder in der Schule, der Ausbildung oder im Sport. Begonnen hat Walter als Fußballer. Probleme hat es da nie gegeben, er hat, genau wie seine Sportkameraden, ausgeteilt und natürlich auch eingesteckt in der Hitze des Gefechts. Nach einer Verletzung verlegte er sich aufs Laufen, und da kam ihm zugute, daß er schon neben dem Fußballtraining seine regelmäßigen Waldläufe absolviert hatte. Wichtig für ihn ist es, daß es Spaß macht. Nach dieser Eigenmotivation trai­ niert er bis zu fünfmal die Woche zwischen 10 und 20 Kilometer. Vor bedeutenden Wett­ kämpfen forciert er die Trainingseinheiten, so daß er in einer Woche auf120 -130 Kilo­ meter kommt. Für ihn gilt heute immer noch der alte Wahlspruch: Ohne Fleiß kein Preis! Sein größter Wunsch, bei der Behinder­ ten-Olympiade 1992 dabei zu sein, ist für Walter Kubas in greifbare Nähe gerückt. Die Voraussetzungen für dieses sportliche Aben­ teuer bringt er auf jeden Fall in vollem Umfange mit. Werner Jörres 323 Hoffnungen Anlaß gaben. Bundesleistungs­ lehrgänge für Behinderte waren der Lohn für seinen enormen Trainingsfleiß. Auf Anhieb schaffte er dort den Sprung in den A-Kader der Nationalmannschaft mit für einen Behinderten fantastischen Zeiten. Fast wäre ihm im Olympiajahr 1988 der Sprung nach Seoul geglückt, doch letztend­ lich waren administrative Gründe ausschlag­ gebend für seine Nichtnominierung. Walter Kubas hat dies mit Fassung ertragen und sich in seiner Einstellung nicht beeinflussen las­ sen. Daß er richtig lag, bewies sein Deutscher Meistertitel über 1.500 Meter 1988. Außer­ dem erlief er sich die Vizemeisterschaft über 5000 und 10000 Meter. Das Jahr 1989 war für Walter Kubas dank seines eisernen Willens mit Erfolg gepfla­ stert. Auch der Deutsche Behindertensport­ verband förderte nun systematisch das außergewöhnliche Lauftalent durch Einla­ dungen zu Bundeslehrgängen. Wer Walter Kubas kennt, weiß, daß er mit allen zur Ver­ fügung stehenden Mitteln seine vorgegebe­ nen Ziele zu realisieren versucht. Seinen ersten Deutschen Rekord über 1500 Metern

Prosa aus unserer Heimat Pfeifendeckel oder Die Bahn beförderte kein Düpplerschanzenpapier Otto von Bismarck fuhr für sein Leben gern mit dem Zug. Der Reichsgründer besaß schon 1871 einen eigenen Salonwagen, den ihm der „Verein der Privatbahnen im Deut­ schen Reiche … zur unumschränkten Be­ nutzung“ und „unter Ausschluß jeder Con­ trole … mit Vergnügen“ zur Verfügung stellte und kostenlos „cursieren“ ließ, selbst wenn nur seine Freunde mit ihm fuhren, sogar wenn er leer war. Sehr zuvorkommend wurden auch die Angehörigen der deutschen Fürstenhäuser auf ihren Bahnfahrten be­ dient. Die Freude am Zugfahren teilten die fürstlichen Herrschaften mit vielen ihrer Zeitgenossen und deren Nachkommen bis heute. Das damals noch neue Spielzeug wollten sie alle haben. Auch in jedes Schwarzwaldtal sollte ein Züglein dampfen. Jedem Tälchen sein Bähnchen! Da nun der Eisenbahn die Zukunft gehörte, sie große Menschenmassen und Güter aller Art zu befördern hatte, die neue Geschwindigkeit auch neue Gefahren mit sich brachte und überhaupt im Interesse eines geregelten Ablaufs eine Menge organi­ satorischer Maßnahmen erforderlich wur­ den, mußte 1872 auch im Großherzogtum Baden eine Reihe gesetzlicher Bestimmun­ gen erlassen werden, von denen viele so lie­ benswürdig zopfig und schrullig biedermei­ erlich anmuten wie die Gestalten Ludwig Richters und Carl Spitzwegs. Schon an die charakterlichen Eigenschaf­ ten eines jeden Bahnwärters wurde ein stren­ ger Maßstab gelegt. Treue, Eifer, Fleiß, Pünktlichkeit waren die Voraussetzungen in seinem Dienst, er mußte „stets nüchtern und sittlich seyn und sich gegen Jeder­ mann höflich betragen. Trunkenheit und Untreue wird unnachsichtlich 324 mit Entlassung bestraft.“ Versah er seinen Dienst nach Vorschrift, so gab es vie­ les zu tun: ,,vor Beginn des Tagdienstes“, den er nur in Uniform antreten durfte, hatte er seine Strecke abzugehen (in der Regel nicht mehr als 500 Ruthen -etwa 1850 m), Beschä­ digungen sofort wieder herzurichten, Wind­ bruch auf den Schienen zu entfernen, auch Graswuchs auf der Krone des Bahndammes, auch Maulwurfshügel. Und er hatte seine Vorgesetzten militärisch zu grüßen. Daß ihm der Gehorsam geboten und die Wider­ rede verboten war, wen wundert das! Selbstverständlich hatte sich das Bahn­ personal bescheiden und höflich, aber auch entschieden dem „Publikum“ gegenüber zu verhalten. Sollte dieses dennoch das Bedürf­ nis empfunden haben, sich über dessen Ver­ halten zu beklagen, so lag in jeder Station ein „Beschwerdebuch“ auf, in das die „genaue Bezeichnung nach dem Namen, der Num­ mer oder einem Uniformmerkmale“ des Bediensteten eingetragen werden sollte, der den Anlaß dazu gegeben hatte. Das Reglement mußte an alles denken: Für die Personenbeförderung galten die aus­ gehängten Fahrpläne, für die Abfahrtszeiten waren „die auf den Bahnhöfen befindlichen Stationsuhren maßgebend.“ Diese mußten ,,nach der mittleren Zeit des Ortes gestellt“ werden. Außerdem waren „Zugführer, Loko­ motivführer, Bahnmeister und Bahnwärter verpflichtet, … iin Dienst beständig eine richtig gehende Uhr bei sich (zu) tragen.“ Fünf Minuten vor der Abfahrt des Zuges mußte mit bereitgehaltenem, abgezähltem Geld das „Fahrbillet“ gelöst sein. ,,Zwei unterschiedliche Schläge auf die Glocke“ forderten zum Einsteigen auf, nach dem Abfahrtszeichen durch die Dampfpfeife der

„Locomotive“ konnte „Niemand mehr zur Mitreise zugelassen werden“ … ,,Verboten und strafbar“ war jeder Versuch, den fahren­ den Zug besteigen zu wollen, auch jede Hilfeleistung dazu, auf die Sitze zu treten, sich an die Türe anzulehnen, erst recht, „sich seitwärts aus dem Wagen (zu) biegen.“ Um jeder denkbaren Gefahr vorzubeugen, war es den Reisenden nicht einmal erlaubt, eigen­ händig die Türen zu öffnen oder zu schlie­ ßen. Dies war allein Sache des Dienstperso­ nals. -Sicherheit über alles! Vom Mitfahren ausgeschlossen waren „trunkene Personen“, sie durften sich auch in Wartesälen nicht aufhalten. Waren sie unbemerkt in den Zug gelangt, wurden sie ehemöglichst ausgewiesen. Dasselbe galt auch für )ästige Personen“. „Rauchercoupes“ gab es (außer in der ,,Ersten Wagenklasse“, wo nur mit der Ein­ willigung aller Anwesenden geraucht werden durfte) in allen Zügen. Allerdings: „Die Tabakspfeifen müssen mit Deckeln versehen sein.“ Platzkarten waren noch unbekannt, dafürwardas Personal verpflichtet, den Fahr­ gästen, wenn sie es wünschten, die Plätze anzuweisen. Besonderen Vorzug genoß das weibliche Geschlecht. „Allein reisenden Damen sollten aufVerlangen möglichst nur mit Damen in ein Coupe zusammengesetzt werden. In jedem Zug muß sich mindestens je ein Damencoupe für die Reisenden der zweiten und dritten Wagenclasse befinden.“ So war es schicklich. Kinder unter 10 Jahren fuhren zu ermäßigten Preisen. Etwaige Zwei­ fel über ihr Alter beseitigte „der Ausspruch des bei der Revision anwesenden obersten Beamten.“ Kleinkinder durften unentgelt­ lich mitgenommen werden. Längere Reisen machen hungrig. Auch daran war gedacht. Bei 300 Bahnhöfen in Baden gab es 44 Bahnhofsrestaurationen (in Pacht), von diesen 37 an Wechselstationen.“ Auch hier sah man auf strenge Trennung von vornehm und gering. Reisende der ersten und zweiten waren von denen der übrigen beiden Klassen räumlich geschieden, wenig­ stens an den frequentierteren Bahnhöfen. Bei einer unterbrochenen Fahrt mußte der Stationsvorsteher das Billet „mit dem Ver­ merk der verlängerten Gültigkeit versehen.“ Die Ordnung stand hoch im Kurs. Hunde, Schoßhunde ausgenommen, und selbst diese nur mit dem Einverständnis der Mitreisenden, hatten in den Abteilen nichts zu suchen. Sie reisten „in abgesonderten Behältnissen . . . gegen Lösen eines Schei­ nes.“ Für die übrigen Tiere standen Viehwa­ gen zur Verfügung, die Begleiter hatten dort ebenfalls ihren Platz. Ausnahmen konnten zugelassen werden. „Zum Transport wilder Thiere ist die Eisenbahn nicht verpflichtet.“ Als Reisegepäck galten Koffer, kleine Kisten und Hutschachteln, für die Reisen­ den der 4. Klasse auch Handwerkszeug, Tor­ nister, Tragelasten in Körben, Säcken, Kie­ pen usw., in keinem Falle gehörten dazu: ,,Bäume, Betten und Bettfedern, unge­ schnürt; Figuren aus Gyps; Hüte von Filz, Seide, Stroh; Thiere ausgestopfte; Wolle in losen Bündeln.“ Ebensowenig ein geladenes Gewehr, wenn schon ein Gewehr mitgenommen wurde, so mußte sein Lauf „nach oben gehal­ ten werden.“ Die Eisenbahn verweigerte auch die Beförderung von „Schießpulver … Schießbaumwolle, Knallsilber, Knallqueck­ silber, Knallgold, Dynamit, Pyropapier (sog. Düpplerschanzenpapier) … “ Karl Volk O!iellen: Reich, Staatsministerium Deutsches Eisenbahnen, Salonwagen des Fürsten Bismarck 1971 GLA 233/11491. Die Salonwagen fürstlicher Personen, deren Taxierung 1861-1863 GLA 233/ 11302. Gesetzes-und Verordnungsblatt für das Großherzogthum Baden, Bekanntma­ chung des Handelsministeriums: das Poli­ zeireglement für die Eisenbahnen Deutschlands betreffend, 1872 GLA 234/ 6866. 325

Verschiedenes Personen und Fakten Meinrad Belle ist bei der ersten gesamt­ deutschen Bundestagswahl am 2.12.1990 als Wahlkreisabgeordneter des Schwarzwald­ Baar-Kreises gewählt worden. Sein Vorgän­ ger, Dr. Hansjörg Häfele, der den Wahlkreis über 25 Jahre in Bonn vertreten hatte, hat nicht mehr kandidiert. HorstZiegler wurde am 3. 2.1991 auf wei­ tere acht Jahre zum Bürgermeister von Königsfeld gewählt. Auf den bisherigen Amtsinhaber, der noch einen Mitbewerber hatte, entfielen 76,10/o der Stimmen bei einer Wahlbeteiligung von 54,6 %. Die neue Amtsperiode hat am 16. 3. 1991 begonnen. Richard Krieg wurde am 23. 9. 1990 als Bürgermeister von Gütenbach für eine wei­ tere Amtsperiode wiedergewählt. Der Amts­ inhaber, der ohne Gegenkandidat antrat, erhielt 98,77 0/o der gültigen Stimmen. Die Wahlbeteiligung betrug 69,97 %. Die neue Wahlperiode hat am 1. 12. 1990 begonnen. Georg Lettner ist am 21. 10. 1990 zum Bürgermeister von Brigachtal gewählt wor­ den. Er setzte sich im 2. Wahlgang unter drei Konkurrenten mit 53,63 0/o der Stimmen durch. Die Wahlbeteiligung betrug 58,9 %. Der neue Bürgermeister hat sein Amt am 3. 1. 1991 angetreten. Der Vorgänger im Amt des Bürgermei­ sters, Meinrad Belle, hat sich um das Amt nicht mehr beworben. Bernhard Kaiser wurde am 11. 12. 1990 vom Gemeinderat der Stadt Donaueschin­ gen als Erster Beigeordneter auf weitere acht Jahre wiedergewählt. 326 Prof. Dr. Walter Zahradnik ist vom erweiterten Senat der Fachhochschule Furt­ wangen auf weitere vier Jahre zum Rektor wiedergewählt worden. Die neue Amtszeit hat mit dem 1. 3. 1991 begonnen. Theo Kühn, seit 1. 5. 1983 1. Bürgermei­ ster der Stadt Villingen-Schwenningen, wurde am 17. 4. 1991 vom Gemeinderat der Stadt Villingen-Schwenningen auf weitere acht Jahre zum 1. Bürgermeister gewählt. Die neue Amtszeit hat am 1. 5. 1991 begonnen. Der langjährige Leiter der Landesberufs­ schule für das Hotel- und Gaststättenge­ werbe im Stadtbezirk Villingen, Oberstu­ diendirektor Franz Etspüler, ist mit Wir­ kung vom 31. 7.1991 in den Ruhestand getre­ ten. Sein Nachfolger ist Herr Regierungs­ schuldirektor Herbert Motz, der bisher im Ministerium für Kultus und Sport, Stuttgart, tätig gewesen ist.

Orden, Medaillen Nachstehende Personen aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis wurden seit Juni 1990 ausgezeichnet: a) mit dem Verdienstorden (Abkürz.: BVK a. B. = Bundesverdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland: = Bundesverdienstmedaille) Villingen-Schwenningen Mönchweiler Niedereschach Donaueschingen Villingen-Schwenningen Villingen-Schwenningen Stadtbezirk Tannheim Donaueschingen Villingen-Schwenningen Königsfeld Schonach Dr. Bettecken, Friedrich Haas, Ernst Fuchs, Paula Sibold, Franz Heitzmann, Robert Werne,Johann Bieger, Roland Müller, Max Gebauer-Trumpf, Ilse Rombach, Franz BVM 21. 08.1990 BVK.a. B. 21. 08. 1990 BVK a. B. 23. 08.1990 BVK a. B. 23. 08. 1990 BVK a. B. 17.01. 1991 BVK a. B. 12. 02.1991 BVK.a. B. 21. 03.1991 21. 03.1991 28. 05.1991 28. 05.1991 BVK.a.B. BVK.a.B. BVM BVK a.B. b) mit der Pro-Musica-Plakette: Musikverein „Harmonie“ e. V. Niedereschach Trachtenkapelle Kappel c) mit der Theodor-Heuss-Medaille: Kessler, Willi 07. 06.1990 10. März 1991 10. März 1991 Donaueschingen Bevölkerungsentwicklung 7737 Bad Dürrheim 7712 Blumberg 7715 Bräunlingen 7734 Brigachtal 7735 Dauchingen 7710 Donaueschingen 7743 Furtwangen i. Schw. 7741 Gütenbach 7713 Hüfingen 7744 Königsfeld i. Schw. 7733 Mönchweiler 7732 Niedereschach 7742 St. Georgen i. Schw. 7741 Schönwald i. Schw. 7745 Schonach i. Schw. 7740 Triberg i. Schw. 7201 Tuningen 7731 Unterkirnach 7730 Villingen-Schwenningen 7741 Vöhrenbach Kreisbevölkerung insgesamt Stand der Wohnbevölkerung 30. 9.1989 30. 9.1990 11.132 10.872 10.300 10.055 5.621 5.504 4.943 4.871 2.958 2.949 19.154 18.384 10.140 9.913 1.537 1.491 6.638 6.540 5.906 5.706 2.983 2.986 4.928 4.761 14.199 14.016 2.791 2.506 4.605 4.534 5.775 6.143 2.3?5 2.332 2.740 2.407 76.943 78.056 4.065 4.139 201.298 196.610 Veränderungen in Zahlen 72 9 46 98 + 260 + 245 + 117 + + + 770 + 227 + + + 200 + 167 + 183 + 285 + + 368 + + 333 + 1.113 + + 4.688 53 74 3 71 in 0/o + 2,39 + 2,44 + 2,13 + 1,48 + 0,31 + 4,19 + 2,29 + 3,09 + 1,50 + 3,51 + 3,51 + 1,31 + 11,37 + 1,57 + 6,37 + 2,27 + 13,83 + 1,45 + 1,82 + 2,38 0,10 327

Ausländer in Zahlen Gemeinde Ausländer davon insge amt Türken Jugo- slawen Italiener Son tige Jahr: 1991 Ausländer- an teil in 0/o Bad Dürrheim 564 1.277 Blumberg 567 Bräunüngen 228 Brigachtal 96 Dauchingen Donaueschingen 1.648 1.018 Furtwangen 65 Gütenbach 667 Hüfingen 255 Königsfeld Mönch weil er 257 Niederescha h 215 1.728 St. Georgen 53 Schönwald 338 Schonach 544 Triberg 232 Tuningen 228 Unterkirnach Vilüngen- Schwenningen 10.749 517 Vöhrenbach Gesamt 21.246 26 652 382 48 10 357 237 2 295 22 26 64 265 10 48 178 52 73 173 320 19 25 17 309 290 8 82 64 109 40 525 17 135 104 14 23 102 28 32 43 15 380 263 47 153 13 44 16 628 8 87 85 112 44 263 277 134 112 54 602 228 8 137 156 78 95 310 18 68 177 54 88 2.179 208 5.134 3.574 145 5.993 2.116 128 4.344 2.880 36 5.775 Arbeitslose in Prozentzahlen Stichtag Schwarzwald-Baar-Kreis Land 4,60/o 3 70/o 3 50/o 4,20/o 3,9 0/o 3,4 0/o 30. 6.1989 30. 6.1990 30. 6.1991 328 5,3 11,8 10 1 4 6 3,1 8,5 9,8 4,3 10,1 4,5 8,6 4,4 12,1 1,9 6,5 8,9 9,8 8,4 13,8 12,6 10,5 Bund 7,4 0/o 6,9 0/o 9,5 0/o

Ergebnisse der Bundestagswahl am 2. Dezember 1990 im Wahlkreis 190 Schwarzwald-Baar Wahlberechtigte Wähler darunter mit Wahlschein davon Briefwähler ungültige Erststimmen gültige Erststimmen davon für Belle, Meinrad CDU Lörcher, Christa SPD FDP GRÜNE Martens, Jürgen Müller, Gerhard REP NPD ÖDP Hauser, Eduard Schützinger, Jürgen Hohn, Harald Grauer, Michael Kennwort: Der Springende Punkt ungültige Zweitstimmen gültige Zweitstimmen davon für CDU SPD FDP/DVP GRÜNE LIGA Christliche Mitte DIE GRAUEN Die Republikaner NPD ÖDP PDS/LINKE LISTE Patrioten Wahlkreisabgeordneter: Meinrad Belle CDU absolut 147.031 109.917 9.733 9.601 1.879 108.038 57.867 28.501 8.372 6.801 2.148 2.873 1.077 399 1.606 108.311 53.905 28.999 13.394 5.197 244 182 1.063 2.175 1.997 926 187 42 in Prozent 74,76 8,85 8,73 1,74 53,56 26,38 7,75 6,30 1,99 2,66 1,00 0,37 1,48 49,77 26,77 12,37 4,80 0,23 0,17 0,98 2,01 1,84 0,85 0,17 0,04 329

Farbaufnahmen und Fotonachweis Die Farbaufnahme auf der Titelseite stammt von German Hasenfratz, Hüfingen. Motiv: Hinterstadt Hüfingen. Zum Farbbild auf der Rückseite: Süddeut­ sche Wanduhr mit Eisenwerk und bemalter Blechfront: Drei Marien unter dem Kreuz. Um 1780. Das Bild wurde uns freundlicherweise vom Deutschen Uhrenmuseum Furtwangen zur Verfügung gestellt. Abbildungsnachweis zur Seite 85: Hans Blum, Die deutsche Revolution 1848- 49. Eine Jubiläumsausgabe für das deutsche Volk, Florenz/Leipzig 1898, S. 225. Die Bilder auf den Seiten 233-254 wurden aus dem Katalog »Anselm Kiefer -der Kata­ log“, Marc Rosenthal organised, Art Institut ofChicago and Philadelphia Museum of Art 1987 entnommen. Die Zeichnungen auf den Seiten 156 und 298/299 wurden von Herrn Wienhart Prigge, Villingen-Schwenningen, angefertigt. Reproservice Rolf Kötz, VS-Schwenningen 330 Fotonachweis: Soweit bei den einzelnen Beiträgen die Bildautoren nicht namentlich hier angeführt werden, stammen die Fotos jeweils vom Verfasser des betreffenden Bei­ trages. Mit Fotos sind ferner im Almanach vertreten (die Zahlen nach der Autoren­ angabe beziehen sich auf die jeweilige Text­ seite): Andreas Weise 4; Daniel Melfi 5; Bemward Damm 6; Klaus-Peter Friese 9; Gerhard )anke 13; DGB-Ortskartell Oberes Bregtal 27, 28, 29; Archiv Gymnasium am Deuten­ berg 30, 32, 34; Sokolowski (Aufn. freigeg. Reg. Präs. Freiburg 38/3379-11) 36; Archiv Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis 37; Archiv Mannesmann Kienzle GmbH 44; Archiv MAICO Ventilatoren 46, 47, 48, 49; Archiv Liapor-Werk 55 (Aufn. freigeg. Reg. Präs. Stuttgart 2/62933 C), 56, 57; Archiv WIHA 59, 61; Erwin Kienzler 62, 64; Archiv Riegger GmbH 66; Archiv Bury 68, 69, 71, 73, 75, 76; Archiv Landesdenkmalamt Baden-Württemberg 77, 78; Hans Georg Müller-Hanssen 87; Archiv R. Adamczyk 92; Sammlung Hönle, Donaueschingen 94; Günther Hacker 98, 100; Helmut Groß 113, 155, 174, 189, 194, 195, 197 rechts, 215, 227, 262, 275, 276, 277, 278; dpa 116; Archiv Heimatmuseum Villingen-Schwenningen 161, 162; Dury 179; Atelier Hugel 180; Otto Kritzer 202; Archiv Lauffenmühle GmbH (Aufn. freigeg. Bez. Reg. Weser-Ems 16/19494-23) 205; Jörg Michaelis 207, 293, 295; Georg Goerlipp 212 oben; Otto Huber 212 unten, 213, 214; German Hasenfratz 217, 218,219,220,263,264,265,266,280,282, 283, 303; Verkehrsamt Villingen-Schwen­ ningen 226; Robert Scherer 256, 257, 258, 259, 260, 261; Foto-Fischer 171 unten; Archiv des Fördervereins für das körperbehinderte Kind e. V. 285, 286, 287; Riegger 314, 315, 316; Archiv Kurverwaltung Schonach 318, 319.

Die Autoren unserer Beiträge Sender, Gerd, Sommerbergstraße 21, 7743 Furtwangen i. Schw. Bräun, Wolfgang, Dipl. rer. pol., Auf der Wanne 55, 7730 Villingen-Schwenningen Bury, Adolf, Unter Lehr 5, 7737 Bad Dürrheim Coca, Elena, Alemannenstraße 21, 7730 Villingen-Schwenningen Conradt, Uwe, Friedrichstraße 36, 7737 Bad Dürrheim Debold, Karl-Friedrich, Richard-Wagner-Straße 60, 7800 Freiburg i. Br. Dinger Friedrich, Viktoriastraße 9, 7737 Bad Dürrheim Dold, Priska, Sommerbergweg 2, 7740 Triberg-Nußbach Dufner, Elfriede, Hauptamtsleiterin, Rathaus, 7731 Unterkimach Fehr, Dr. Hans Otto, Schönbergstraße 16, 7801 Wittnau Fleischer, Raimund, Oberstudiendirektor, Eschachstraße 28, 7730 Villingen-S chwenningen Friese, Klaus-Peter, Pforzheimer Straße 25, 7730 V i II in g e n -Schwenningen Fritschi, Käthe, Karl-Bromberger-Straße 5, 7713 Hüfingen Goerlipp, Georg, Hindenburgstraße 10, 7710 Donaueschingen Gottwalt, Franz, Dipl.-Ing., Hermann-Fischer-Allee 28, 7710 Donaueschingen Grarnsch, Joachim, Schwarzwaldstraße 27, 7214 Zimmern 1 o. R. Grießhaber, Fritz, Willmannstraße 1, 7737 Bad Dürrheim Groß, Helmut, Am Schwalbenhaag 1, 7730 Villingen-Schwenningen Gülke, Dr. Christian, Zentrale Anästhesie-Abteilung, Kliniken der Stadt V i 11 in gen -Schwenningen Günther, Karl, Direktor des Amtsgerichts a. D., Bregstraße 59, 7710 Donaueschingen Gutknecht, Dr. Rainer, Landrat, 7730 Villingen-Schwenningen Hagmann, Gerhard, Bürgermeister, Rathaus, 7737 Bad Dürrheim Hamm, Werner, Albrecht-Dürer-Straße 12, 7745 Schonach Hawner, Johannes, Bad Dürrheim (verst.) Heidinger, Werner, Regierungsrat, Geschwister-Scholl-Straße 2, 7710 Donaueschingen Henckell, Jürgen, Schriftsteller und Grafiker, Buchbergstraße 3, 7712 Blumberg Hess, Thomas, Dietigheimer Weg 1, 6972 Tauberbischofsheim Hirt, Max, Arenbergstraße 32, 7734 Brigachtal Hirt-Grießhaber, Erna, Am Waldrain 6, 7737 Bad Dürrheim Honold, Dr. Lorenz, Talstraße 41, 7710 Donaueschingen Huger, Werner, Oberstudiendirektor, Färberstraße 1, 7730 Vi II in g e n-Schwenningen Huth, Dr. Volkhard, Erbprinzenstraße 20, 7800 Freiburg i. Br. Jäckle, Alexander, Bergstraße 10, 7740 Triberg Jäckle, Hanna, Postillionstraße 19, 7000 Stuttgart-Stammheim Jörres, Werner, Hochstraße 48, 7730 Villingen-Schwenningen Kalb, Roland, Albstraße 7, 7735 Dauchingen Kirchhofer, Werner, Sportjournalist, Zasiusstraße 120, 7800 Freiburg i. Br. Klein, Kurt, Haselwanderstraße 11, 7613 Hausach Kögler, Barbara, PR-Referentin, Mannesmann Kienzle GmbH, Heinrich-Hertz-Straße, 7730 Vi 11 in ge n-Schwenningen Kramer, Kurt, Erzbischöflicher Glockeninspektor, Ständehausstraße 4, 7500 Karlsruhe 1 Kroneisen, Dr. August, Romäusring 6, 7730 V i II i n gen -Schwenningen Liebetrau, Alfred, Präsident der Industrie- und Handelskammer Schwarzwald-Saar-Heuberg, Romäusring 4, 7730 Vi llingen-Schwenningen Linde, Prof. Dr. h. c. Horst, Schlierbergstraße 33, 7800 Freiburg i. Br. Mager, Gertrud, Auf dem Bühl 20, 7743 Furtwangen i. Schw. Maier, Dieter-Eberhard, Schillerstraße 3, 7733 Mönchweiler Müller, Hans, Geschäftsführer, Steinbeisstraße 20, 7730 Villingen-S c h wenn in gen Müller, Hans, Martin-Reinemann-Straße 3, 7712 Blumberg Müller, Kurt, Dekan, Münsterpfarramt, Kanzleigasse 10, 7730 Villingen-Schwenningen Neugart, Elisabeth, Langstraße 4, 7730 Villingen-Schwenningen Nitz, Bertin, Gütenbach (verst.) Nobs, Eduard, Hotelier, Am Salinensee 1, 7737 Bad Dürrheim 331

ÜP.P, Margot, Weiherweg 10, 7800 Freiburg i. Br. Pnllwitz, Bernhard, Schwimmbadstraße 1, 7712 Blumberg Reinartz, Dr. Manfred, Museumsleiter, Beroldinger Straße 2, 7732 Niedereschach Rieple, Max, Donaueschingen (verst.) Rimmele, Barbara, Ebermannstraße 26, 7715 Bräunlingen Rimmele, Emil, Bürgermeister i. R., Ludwig-Uhland-Straße 8, 7741 Schönwald i. Schw. Rosenfelder, Georg, Freier Architekt, Schwarzwaldstraße 7, 7742 St. Georgen i. Schw. Schade, Konrad, Redakteur, Schillerstraße 10, 7730 Vi 11 in ge n-Schwenningen Schäfer, Karl Rudolf, Eckener Straße 8, 7730 Villingen-S c h wenn in gen Schafbuch, Gottfried, Hüfingen (verst.) Scherer, Robert, Am Bodenwald 24, 7743 Furtwangen i. Schw. Schmaedecke, Dr. Michael, Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, Ref. Inventarisation, Sternwaldstraße 14, 7800 Freiburg i. Br. Schmid, Dr. Beate, Alte Poststraße 2, 7730 Villingen-S eh wen ni nge n Schnetzler, Elmar, Ortsvorsteher i. R., Dellingerweg 2, 7715 Bräunlingen-Waldhausen Schnibbe, Prqf. Klaus, Ilbenstraße SO, 7743 Furtwan�en i. Schw. Schuler, Herbert, Rabenstraße 30, 7743 Furtwangen 1. Schw. Schultheiß, Jochen, Blauenweg 25, 7742 St. Georgen i. Schw. Siebler-Ferry, Ursula, Kuckucksbadstraße 3, 7801 Bollschweil Spintzik, Josef, Pfarrer, Geistlicher Rat, Tretenhof-Straße 16, 7633 Seelbach Steger, Christiana, Birkenweg 8, 7712 Blumberg Storz, Dieter, Schlörstraße 11/III, 8000 München 19 Strube, Esther, Am Hofrain 8, 7743 Furtwangen i. Schw. Sturm, Dr. Joachim, Baarstraße 12, 7710 Donaueschingen-Pfohren Volk, Karl, Realschuloberlehrer, Untertal 19, 7740 Triberg-Gremmelsbach Walz, Engelbert, R.-Schumann-Straße 26, 7741 Schönwald i. Schw. Wehrle, Sommerbergstraße 16, 7743 Furtwangen i. Schw. Wider, Helmut, Egerstraße 14, 7730 Villingen-Schwenningen 332

Inhaltsverzeichnis Impressum Ehrenliste der Freunde und Förderer Heimat im vereinten Deutschland/Landrat Dr. Rainer Gutknecht Aus dem Kreisgeschehen Kreispolitik 1991/Landrat Dr. Rainer Gutknecht „Unser Dorf soll schöner werden“ – Ein Bericht über die Kreiswettbewerbe seit 1974/Werner Heidinger Neubau Landratsamt Unsere Städte und Gemeinden, Wappen Mundelfingen -Ein liebenswerter Ort in der Landschaft der Baar/Käthe Fritschi Das Wappen von Mundelfingen/Klaus Schnibbe Waldhausen – eine alte Siedlung am Rande des Schwarzwaldes/Elmar Schnetzler Das Wappen von Waldhausen/Klaus Schnibbe 1200 Jahre Aselfingen im Wutachtal/Hans Müller Das Wappen von Aselfingen/Klaus Schnibbe Das Wappen der Stadt Furtwangen im Schwarzwald/Klaus Schnibbe Der lange Weg/Gedicht von Jürgen Henckell Behörden und Organisationen In Furtwangen zum 30. Mal: Die DGB-Ausstellung „Beruf und Freizeit“ anläßlich des Maifeiertages/Esther Strube Schulen und Bildungseinrichtungen Zum lSOjährigen Bestehen der Höheren Schule Schwenningen – Schuljubiläum des Gymnasiums am Deutenberg 1990/Raimund Fleischer Die Landesberufsschule für Hotel- und Gaststättengewerbe, Stadtbezirk Villingen – Werden und Wachsen einer berufsbegleitenden Schule/Eduard Nobs Jugendzeit/Gedicht von Johannes Hawner 1 2 3 4 10 13 14 18 18 21 22 24 25 26 27 30 35 39 Wirtschaft und Gewerbe Aufschwung Ost -Betrachtungen zur Lösung der Wirtschaftsprobleme in den neuen 40 Bundesländern aus der Sicht unserer heimischen Wirtschaft/Alfred Liebetrau, !HK-Präsident Tradition und Innovation: Mannesmann Kienzle und Digital-Kienzle Computersysteme/ Barbara Kögler 42 MAI CO Ventilatoren, Villingen-Schwenningen -Eine Fabrik, gebaut für die Zukunft/Hans Müller 45 Die Turmuhrenfabrik Gebrüder Schneider in Schonach/Gerd Bender 50 54 Liapor-Werk in Tuningen -25 Jahre Blähtonproduktion im Haldenwald/Joachim Gramsch Firma WIHA in Schonach uncf Mönchweiler -Hersteller für Schraubwerkzeuge/Engelbert Walz 58 Emil Tritschler – ein Uhrmacher aus der guten alten Zeit/Werner Hamm 62 So begann -/Gedicht von Jürgen Henckell 65 66 Im Steinbruch der Firma Riegger in Klengen -Großbagger mit Ladeschaufel/Max Hirt Wirtschaftsgeschichte Von der Saline zum Kurort – Wie es zur Entdeckung der Salzlager kam/ Adolf Bury und Fritz Grießhaber Archäologie Eine Turmhügelburg in St. Georgen-Langenschiltach/Dr. Michael Schrnaedecke Das älteste Bauerndorf in der Baar/Dr. Beate Schmid 68 77 80 333

Geschichte, Siedlungsgeschichte „Vor uns liegt ein glücklich Hoffen … “ – Aspekte der Revolutiq!l von 1848/49 in unserem Kreisgebiet/Dr. Volkhard Huth Die Entwicklung der Amter und der kommunalen Selbstverwaltung im Gebiet des heutigen Schwarzwald-Baar-Kreises/Dr. Joachim Sturm Gremmelsbacher wanderten nach Ungarn aus/Karl Volk Die Untere oder Haller-Mühle zu Burgberg/Dieter Storz Fremder/Gedicht von Christiana Steger Laubenhausen -eine ehemalige Keltensiedlung?/Franz Gottwalt Fischbachs erster Uhrmacher war der Sinkinger Kreuzwirt/Dr. Manfred Reinartz Persönlichkeiten der Heimat Dr. Hansjörg Häfele -Er vertrat über 25 Jahre unseren Heimatwahlkreis im Deutschen Bundestag in Bonn/Konrad Schade Der Zeitungsverleger Dr. Hans-Günther Ziegler – Ein Förderer der heimatkundlichen und heimatgeschichtlichen Forschung/Karl Rudolf Schäfer Dr. med. Friedrich Bettecken – 30 Jahre Chefarzt des Städtischen Kinderkrankenhauses Villingen/Dr. Christian Gülke Walter und Lotti Späth -aktiv in vielen Bereichen/Wolfgang Bräun Erwin Kaiser zum Gedächtnis -Ein Hotelier alter Schule/Eduard Nobs Ewald Huth -ein Opfer der nationalsozialistischen Diktatur/Dr. August Kroneisen Konrad Merk -Ein Mann mit einem großen Herzen/Friedrich Dinger Annemarie Bühr -Als Pflegedienstleiterin von Anfang an im Krankenhaus Donaueschingen dabei/Barbara Rimmele Fritz Lienhard -Erfolgreich im Beruf und in der Kommunalpolitik/ Alexander Jäckle Hilde Kopp – Leiterin des Altenclubs der Villinger Südstadt/Wolfgang Bräun Roswitha Schafbuch -Mit ihrer Heimatstadt Hüfingen eng verbunden/Käthe Fritschi Paula Fuchs -Ein Leben für die Gemeinschaft/Barbara Kögler Wahnsinn/Gedicht von Johannes Hawner Franz Sibold – Ein Leben für das Handwerk/Karl-Friedrich Debold Dr. Theo Wilhelm -Ein Arzt aus Berufung/Karl Volk Mönchweilers z�_eiter Ehrenbürger -Ernst Haas/Dieter-Eberhard Maier Hedwig Stegk -Uber 40 Jahre beim Roten Kreuz/Jüq�en Henckell Hermann Mäder -Zimmern1ann und Kommunalpolttiker/Käthe Fritschi Herta Weiling-Schlotterbeck -Sie war immer eine ldealistin/Erna Hirt-Grießhaber Herta Herrmann -Mutter für mehr als 80 Kinder/Käthe Fritschi Kirchen, Glocken, Mission, Wallfahrtswesen P. Josef Arnold (1902-1984) -Ein Gremmelsbacher Missionar in Kolumbien/Karl Volk Das Villinger Benediktinerkloster auf zwei alten Zeichnungen/Dr. Manfred Reinartz 125 Jahre Lorenzkirche St. Georgen -Am 27. Oktober 1867 eingeweiht/Jochen Schultheiß Zum Heil der Verbrecher und Verdammten – Auf dem Schächer bei Fürstenberg steht seit Jahrhunderten eine eigenartige Kapelle/Kurt Klein En guete Fang/Gedicht von Bertin Nitz Die St.-Wendelin-Kapelle in Oberkirnach – In früherer Zeit ein bekannter und gern aufgesuchter Wallfahrtsort/Georg Rosenfelder Ein Pfarrer verklagt den Obervogt/Josef Spintzik D’Gmondrotswahl/Gedicht von Gottfried Schafbuch Dopplet gneiit/Gedicht von Gottfried Schafbuch Der Schwarzwald-Baar-Kreis in Farben (Einlage) (in Fortsetzung des Kapitels „Kirchen, Glocken … „) .. Die Glockenlandschaft der Baar -Ein geschichtlicher Uberblick/Kurt Kramer 334 83 90 96 102 106 107 112 114 117 120 122 125 127 130 132 133 135 137 140 141 142 144 147 149 150 152 154 156 160 163 166 168 169 175 176 176 176 177

Musik Zum 200. Todestag von Wolfgang Amadeus Mozart – Sein Aufenthalt in Donaueschingen/Georg Goerlipp Heiteres aus dem Klosterleben St. Ursula in Villingen Schwester Lucia Betting (1868-1947)/Helmut Groß Sylvester/Gedicht von Gottfried Schafbuch Monsignore Adalberts gestörtes Mittagsschläfchen/Helmut Groß Kreuze im Schwarzwald-Baar-Kreis Das Tierstein-Kreuz im Bregtal/Georg Goerlipp Feldkreuz und Soldatengrab -Das Nockenkreuz über Nußbach bei Sommerau/Kurt Müller Das Feldkreuz auf dem Oschbergbuck – Gestiftet 1990 als Dank für Hilfe in schwerer Zeit/Dr. Lorenz Honold Ein geheimnisvolles Steinkreuz in Pützen/Bernhard Prillwitz Was isch e Christ?/Gedicht von Bertin Nitz Wetterprofeta/Gedicht von Bertin Nitz Grenzen der Freiheit/Gedicht von Jürgen Henckell Baudenkmäler Eine Fabrik als herausragendes Beispiel der Baukunst – Egon Eiermanns Taschentuchweberei in Blumberg – Funktionalismus in Reinkultur: was funktioniert, ist auch schön/Dr. Hans Otto Fehr Das Kapuzinerkloster zu Villingen -Denkmalpflege heute/Werner Huger Das sanierte Amtsgerichtsgebäude in Donaueschingen/Karl Günther Das „Haus des Bürgers“ in Bad Dürrheim … . . . aus der Sicht des Bürgermeisters und Kurdirektors/Gerhard Hagmann … aus der Sicht des Planers/Prof. Dr. Horst Linde Der Villinger Aussichtsturm Eisernes Wahrzeichen des Stadtbezirks Villingen – Ein Turm mit 104 Jahren/Wolfgang Bräun Loblied/Gedicht von Elisabeth Neugart Ortssanierung Der Friedhof m Nußbach in neuer Gestalt/Priska Dold Die Uracher Eulogiuskapelle in neuem Gewand/Helmut Groß 3 Gedichte von Jürgen Henckell Kunst und Künstler In Donaueschingen 1945 geboren -Anselm Kiefer – In der Geschichte spiegelt sich Erinnerung und Aktualität/Uwe Conradt Karl Rieber – Bildhauer und Maler/Robert Scherer Alemannischer Aschermittwoch/Gedicht von Wolfgang Bräun Brauchtum, Mundart Die Schwarzwaldtrachten im Gebiet um Triberg/Ursula Siebler-Ferry Was heißt hier „närrsch“?/Karl Volk Fasnacht 1991 fand nicht statt -Eine kritische Nachbetrachtung/Roland Wehrle Sagen der Heimat Vom Hüfinger „Baptistle“/Max Rieple 184 190 193 193 196 199 201 203 204 204 204 205 208 211 216 221 223 226 228 230 232 233 256 262 263 268 270 274 335

Qer „Hölzlekönig“ bei Schwenningen/Max Rieple Aschemittwoch/Gedicht von Gottfried Schafbuch Gesundheit, Soziales Über- und Aussiedler in Maria Tann – Eine Herausforderung für die Gemeinde Unterkirnach/Elfriede Dufner Apokalypse/Gedicht von Christiana Steger Feldner Mühle – Heimstatt für die Behinderten/Klaus-Peter Friese Verkehrswesen Klangvolle Namen bei Triberg: Himmelreich und Zuckerhut – Weitere Tunnelbauwerke an der B 33/ Alexander Jäckle Mit der Postkutsche unterwegs im südlichen Kre1sgebiet/Christiana Steger Die muntre Alte .. ./Gedicht von Gertrud Mager Erfahrung/Gedicht von Christiana Steger Völkerverbindende Donau Die sieben Donauländer – Eindrücke einer Radtour von der Quelle bis zum Schwarzen Meer/Helmut Wider Ich stamme aus der Bukowina .. .!Elena Coca Landschaft, Heimische Tierwelt Mineraliensammeln im Schwarzwald-Baar-Kreis/Herbert Schuler Der Rotfuchs/Roland Kalb Sommerlied/Gedicht von Margot Opp Winter/Gedicht von Hanna Jäckle Stätten der Gastlichkeit und Entspannung Erinnerungen an die „Sonne“ in Tannheim/Thomas Hess Sport und Wettkämpfe 25 Jahre Schwarzwald-Pokal in Schonach/Werner Kirchhofer Ernst Sehmieder – Ein Leben für den Skisport/Emil Rimmele Mit eisernem Willen zum Erfolg – Behindertensportler Walter Kubas/Werner Jörres Prosa aus unserer Heimat Pfeifendeckel oder Die Bahn beförderte kein Düpplerschanzenpapier/Karl Volk Verschiedenes Personen und Fakten Orden, Medaillen Bevölkerungsentwicklung Ausländer in Zahlen Arbeitslose in Prozentzahlen Ergebnisse der Bundestagswahl am 2. 12. 1990 im Wahlkreis 190 Schwarzwald-Baar Farbaufnahmen und Fotonachweis Die Autoren unserer Beiträge Inhaltsverzeichnis 336 276 279 280 284 285 289 293 296 296 297 302 304 308 313 313 314 318 321 322 324 326 327 327 328 328 329 330 331 333

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Almanach 91 Schwarzwald-Baar-Kreis Heimatjahrbuch des Schwarzwald-Baar-Kreises 15. Folge Herausgeber: Landratsamt Schwarzwald-Baar-K.reis Redaktion: Dr. Rainer Gutknecht, Landrat Dr. Joachim Sturm, Kreisarchivar Karl Volk, Realschuloberlehrer Für den Inhalt der Beiträge sind die jeweiligen Autoren verantwortlich. Nachdrucke sind nur mit Einwilligung der Redaktion und unter Angabe der Fundstelle gestattet. Verlag, Druck und Gestaltung: Todt-Druck GmbH, Villingen-Schwenningen

Ehrenliste der Freunde und Förderer des Almanach 1991 ANUBA-Beschläge X. Heine & Söhne GmbH, Donaueschinger Straße 2-6, Vöhrenbach Auer + Weber, Freie Architekten Dipl.-Ing. BOA, Königsträßle 2, Stuttgart-Degerloch Dr. Hanno Augstein, Donaueschinger Straße 15, Hüfingen Bad Dürrheimer Mineralbrunnen GmbH+ Co. Heilbrunnen, Bad Dürrheim Baden-Württembergische Bank AG, Filiale Villingen-Schwenningen Benzing Zeit+ Daten GmbH, Albertistraße 3, Villingen-Schwenningen Bank für Gemeinwirtschaft AG, Kronenstraße 38, Villingen-Schwenningen Alfred Bausch, Rosen-Apotheke, Espenstraße 3, Blumberg Bezirkssparkasse Donaueschingen Ingenieurbüro Horst Budde, Pestalozzistraße 65, Villingen-Schwenningen Burger Industriewerk GmbH & Co. KG, Schonach EGT Elektrizitäts-Gesellschaft Triberg GmbH, Schonacher Str. 2, Triberg Claus Eller, Zahnarzt, Neue Heimatstraße 2, Vöhrenbach Helmut W. Falk, Wirtschafts- und Unterneh­ mensberater, Fürstenfeldbruck Emil Frei GmbH & Co., Lackfabrik, Bräunlingen­ Döggingen Lars Frykmann, Zahnarzt, Vor Weiden 25, Blumberg S. D. Joachim Fürst zu Fürstenberg, Donaueschingen Walter Glatz, Blumberg Dipl.-Ing. Theo Greiner, Kolpingstraße 12, Donaueschingen Dr. med. Egon Hochmann, Triberg Hock GmbH, Schönwald-Triberg Institut Dr. Jäger, Friedrichstraße 9, Villingen-Schwenningen Kraftwerk Laufenburg, Laufenburg Lauffenrnühle GmbH, Waldshut-Tiengen MAlCO Elektroapparate-Fabrik GmbH, Steinbeisstraße 20, Villingen-Schwenningen Vermessungsbüro Dipl.-Ing. Viktor Mandolla, Villingen-Schwenningen MEKU GmbH, Dauchingen Leopold Messmer, Dipl.-Ing. FH, Freier Architekt, Bühlhofstraße 8, Furtwangen 2 Metallwerke Schwarzwald GmbH, Lantwattenstraße 11, Villingen-Schwenningen Dr. Paul Obergfell, Villingen-Schwenningen Dr. Peter Pfaff, Frauenarzt, Villingen-Schwenningen Guido Rebholz, Architekt, Zehntstraße 1, Bad Dürrheim RlCOSTA GmbH & Co. Schuhfabriken, Dürrheimer Straße 43, Donaueschingen Helmut Riegger, Bad Dürrheim Anne Rieple-Offensperger, Friedrichstraße 1, Bad Dürrheim Dipl.-Ing. Eckart Rothweiler, Freier Architekt, Karlstraße 63, Donaueschingen Dr. med. P. Samimi, Chefarzt der chir. Abt. des Städt. Krankenhauses Furtwangen SCHMIDT Feintechnik GmbH, St. Georgen S. Siedle & Söhne Telefon- und Telegrafenwerke Stiftung & Co., Bregstraße 1, Furtwangen Sparkasse Villingen-Schwenningen mit Hauptanstalt in Villingen, Zweiganstalten in Schwenningen und Triberg, Hauptzweigstellen in Bad Dürrheim, Königsfeld, Schonach und Vöhrenbach und weiteren 41 Geschäftsstellen Spar- und Kreditbank Donaueschingen-Villingen eG Günther Stegmann, Donaueschingen Walter Steinbach GmbH & Co. KG, Werkzeug­ und Apparatebau, Dürrheimer Straße 41, Donaueschingen STRAUB-Verpackungen GmbH, Bräunlingen Tannheimer Säge TRW Thompson GmbH & Co. KG, Präzisions­ ventile für die Motoren- und Automobilindustrie, Werk Blumberg Reinhold Wauer, Uhrarmbandfabrik, Alte Randenschule, Blumberg F. K. Wiebelt GmbH & Co. KG, Büroorganisation, Vockenhauser Straße 9, Villingen-Schwenningen Michael Wiesenbacher, Rechtsanwalt, Gartenstraße 17, Lambrecht Dr. med. Fritz Wilke, Obere Waldstraße 12, Villingen-Schwenningen Udo Zier GmbH, Furtwangen 9 weitere Freunde und Förderer des Almanach wünschen nicht namentlich genannt zu werden.

Heimat und Zuversich Dem Heimatjahrbuch des Schwarzwald-Baar-Kreises 1991 zum Geleit „Unsere Heimat ist in Gefahr! Wir zerstören zur Erhaltung unseres Wohlstandes lebenswichtige Grundlagen, wie Luft, Boden und Gewässer.“ So oder ähnlich lauten die düsteren Vorhersagen vieler Zeitgenossen, die in Sorge um unsere Zukunft sind. Um Mißverständnissen vorzubeugen: Die Sorgen um unsere Umwelt müsseh ernstgenommen werden! Es bedarf unserer aller Bemühungen, um dieses wertvolle Gut zu retten. Manche unter uns sehen den Kampf um eine gesunde Umwelt mehr oder weniger bereits als verloren an. Besonders jüngere Menschen geben ihrem Pessimismus in Bezug auf unsere künftigen Lebensgrundlagen deutlichen Ausdruck. Ich kann diese Einstellung nicht teilen. Gerade junge Menschen müßten doch im Blick auf unsere Heimat mit Zuversicht in die Zukunft schauen. Viele beneiden uns um unsere schöne Landschaft. Unsere Städte und Dörfer machen einen gepflegten Eindruck. Den Leuten geht es im großen und ganzen gut. Aus der Liebe zur Heimat müßte doch die Kraft genommen werden, mit Optimismus die Schwierigkeiten, die es in dieser oder jener Hinsicht zu allen Zeiten gegeben hat, anzugehen. Und immer wieder gab es auch Fortschritte. Unserer Jugend möchte ich deshalb zurufen: Laßt Euch die Hoffnung und Zuversicht nicht nehmen! Ich höre die besorgte Frage, woher sollen wir außer der gefühlsmäßigen Bindung an die Heimat die Zuversicht nehmen? Darauf möchte ich antworten, daß es auch bei uns Ansatzpunkte für ein verbessertes Umweltverhalten gibt. Die Bevölkerung ist heute mehr als früher über die Zusammenhänge zwischen unserem Wohlstand und den Gefahren für die Umwelt unterrichtet und auch eher bereit, das eigene Verhalten zu ändern. Ferner vertraue ich auf den Fortschritt von Wissenschaft und Forschung. Ihnen verdanken wir zu einem nicht geringen Teil unsere sogenannte Wohlstands­ gesellschaft und sie finden sicher auch Mittel und Wege, die unbestrittenen vorhan­ denen Gefahren wirksam zu bekämpfen. Der Almanach möchte ein Buch sein, das Zuversicht vermittelt und aufbauend wirkt, indem negative Entwicklungen nicht nur beschrieben, sondern in positiver Grundstimmung verarbeitet werden. Ich danke auch in diesem Jahr allen Freunden und Förderern unseres Heimatjahr­ buches, die mit ihrer finanziellen Unterstützung wiederum die Herausgabe eines preiswerten Bandes ermöglicht haben. Ich wünsche der neuen Ausgabe in nah und fern eine gute Aufnahme. Dr. Rainer Gutknecht Landrat

Aus dem Kreisgeschehen Kreispolitik 1990 Das Berichtsjahr begann mit der Neuwahl des Kreistags am 22. Oktober 1989. Es sind 26 Kreisräte ausgeschieden und 27 neu in den Kreistag gewählt worden. Dies ist im Ver­ gleich zu früheren Wahlen eine große Zahl: knapp die Hälfte der Mitglieder des Kreista­ ges ist neu. Die Verabschiedung der ausge­ schiedenen und Begrüßung der neugewähl­ ten Kreisräte fand in Anwesenheit von Herrn Regierungspräsident Dr. Norbert Nothhel­ fer am 27. November 1989 in der Stadthalle in Hüfingen statt. Der Kreistag hat auch in seiner neuen Zusammensetzung zu einem sachlichen Arbeitsstil gefunden. Investitionen gehen weiter Der Neubau des Landratsamts geht plan­ mäßig weiter. Wir befinden uns sowohl hin­ sichtlich der Kosten (voraussichtlich 46 Mio. DM) als auch der Zeit (Fertigstellung Herbst 1991) im vorgegebenen Rahmen. Die feierli­ che Grundsteinlegung war am 18. Oktober 1989. Der nächste Abschnitt wird mit dem Richtfest beendet sein. Der zusammen mit dem Land Baden­ Württemberg durchzuführende Neubau der Beruflichen Schulen in Furtwangen befindet sich im Berichtsjahr zur Erlangung der Bau­ genehmigung und der Landeszuschüsse in der Vorplanung. Aufgrund des Wettbewerbs ging das Architektenbüro Rutschmann und Partner, Stuttgart, als Sieger hervor. Der geschätzte Baupreis von 20 Mio. DM (Lan- Anmerkung der Redaktion Unser langjähriger Mitarbeiter, Herr Helmut Heinrich, ist aus Altersgründen aus der Redak­ tion ausgeschieden. Auch an dieser Stelle sei ihm für seine Mitarbeit gedankt. 4 desanteil 12 Mio. DM, Kreisanteil 8 Mio. DM) hat sich aufgrund einer ersten konkre­ ten Baukostenberechnung auf 24 Mio. DM erhöht, wobei der Landkreis 9,5 Mio. DM (brutto) aufzubringen hat. Als dritte Investitionsmaßnahme haben die Planungsarbeiten für die Erweiterung der mit dem Landkreis Rottweil betriebenen Schule für Körperbehinderte in Villingen­ Schwenningen begonnen. Die Schule soll um einen Therapiebereich (Turnhalle und Lehrschwimmbecken) sowie einen Mehr­ zweck- und Handarbeitsraum erweitert wer­ den. Die voraussichtlichen Kosten betra­ gen brutto 6,7 Mio. DM, davon Kreis Rott­ weil 2,1 Mio. DM, Schwarzwald-Baar-Kreis 4,6 Mio. DM. Dauerthema Müll Die Zusammenarbeit mit den beiden Nachbarkreisen Rottweil und Tuttlingen in Sachen Müll ist im Berichtsjahr nicht wei­ tergekommen. Bei Redaktionsschluß ist noch unklar, ob der gemeinsame Bau einer thermischen Anlage (Verbrennung oder Ver­ schwelung) zustande kommt. Unabhängig davon unternimmt der Schwarzwald-Baar­ Kreis große Anstrengungen, die Mülldiskus­ sion vor allem unter dem Gesichtspunkt der Abfallwirtschaft voranzubringen, d. h. die Abfälle möglichst zu vermeiden bzw. zu ver­ werten. Ein von der Verwaltung ausgearbei­ tetes Abfallwirtschaftskonzept hat den Diskus­ sionsstand zusammengefaßt und Anstöße für die weitere Entwicklung gegeben. Die Einstellung einer Umweltberaterin und eines Umweltingenieurs, die beide ihre Tätigkeit am 2. Mai 1990 aufgenommen haben, soll unter anderem dazu dienen, die Abfallver­ meidung und -verwertung bei Industrie,

Im.festlichen Rahmen wurden am 27. November 1989 in der Stadthalle in Hüfingen die aus dem Kreis­ tag ausgeschiedenen Kreisräte verabschiedet und die neugewählten Kreisräte begrüßt. Ausgeschiedene Kreisräte (von links nach rechts): stehend: Klaus Panther, Franz Kornhaas, Landrat Dr. Rainer Gutknecht, Bernd Stähle, Hans Betgen, Paul Haaga, Werner Gerber, Karl Wehrle, Arnold Rapp, Hilmar KirchgefSner, Klaus Pfaehler, Dr. Wolfgang Bauhof, Werner Benzing, Karl Schneider, Mamert Habers/roh, Emil Schafbuch, Max Müller sitzend: Eugen Müller, Otto Weissenberger, Adam Berberich, Theo Greine,. 1 Gewerbe und in den privaten Haushaltun­ &�n zu verbessern. Auch durch verstärkte Offentlichkeitsarbeit hoffen wir, auf das Umweltbewußtsein und -verhalten der Bevölkerung Einfluß zu nehmen. In Abstimmung mit den Städten und Gemeinden wurde diesen die verwaltungs­ mäßige und technische Abwicklung der Erdaushubdeponien übertragen; e1ruge wenige sind auch in der Lage, Bauschuttde­ ponien zu unterhalten. Das neue Landesab­ fallgesetz erlaubt nunmehr die volle Übertra­ gung dieser Aufgaben auf die Gemeinden, wovon bei uns Gebrauch gemacht werden soll. Im Laufe dieses Jahres soll auch geklärt werden, ob das Einsammeln und Befördern von Abfällen wie bisher bei den Städten und Gemeinden verbleiben oder ob aus abfall­ wirtschaftlichen Gründen der Landkreis diese Aufgabe erledigen soll. Fortschreibung des Altenplanes, offene Altenhilfe Der Landkreis unterstützt seit Jahren die Unterbringung alter Menschen im Rahmen der stationären Altenhilfe durch die Gewäh­ rung von Baukostenzuschüssen an die Heimträger. Zur Zeit sind im Kreisgebiet 876 Plätze in Altenheimen und 659 Plätze in Altenpflegeheimen vorhanden. Die neue Fortschreibung des Altenplanes hat gezeigt, daß ein deutliches Fehl (1990: 308) bei den ortsnah anzubietenden Pflegeplätzen be-5

Grundsteinlegung Neubau Landratsamt am 18. Oktober 1989 6 Die Kassette wurde vom Bildungs­ zentrum Turmgasse, Villingen­ Schwenningen, angefertigt.

steht. Der Landkreis wird daher seine Unter­ stützung besonders im Pflegeplatzbereich fortsetzen. Einen Nachholbedarf haben wir auch im Bereich der offenen Altenhilfe. Die bereits vorhandenen Angebote wie Altenclubs, Altennachmittage, aber a·uch Sport- und Bil­ dungsangebote, müssen weiter ausgebaut werden. Die ambulanten Dienste der Sozial­ stationen werden künftig an Bedeutung noch zunehmen, vor allem ihre Kompetenz im geriatrischen Bereich muß noch verbes­ sert werden. Es muß ferner unser Bemühen sein, Ein­ richtungen für die außerstationäre Versor­ gung psychisch Kranker und seelisch Behin­ derter anzubieten. Ein Anfang ist mit dem sozialpsychiatrischen Dienst zwar gemacht, weitere Einrichtungen (Wohnheim, Werk­ statt, Tagesstätte) müssen aber noch folgen. Öffentlicher Personennahverkehr Ein weiterer Schwerpunkt unserer Arbeit bleibt die Verbesserun_g des Öffentlichen Personennahverkehrs (OPNV). Im Angebotsbereich ist eine Neuordnung des sogenannten „Hintervillinger Raumes“ am dringlichsten. Es ist unser Ziel, mit den dort verkehrenden Unternehmern ein ein­ heitliches, bedarfsgerechtes Fahrplankon­ zept zu erstellen, in dem die Verkehre unter­ einander, vor allem aber auf den Stadtver­ kehr Villingen-Schwenningen, optimal abge­ stimmt sind. Wo dies notwendig ist, wird sich der Landkreis sicher bereit erklären, zusätzli­ che Kurse einzurichten und zu finanzieren. Im Tarifbereich hat der Kreistag beschlossen, ein Umwelt-Jahres-Abonnement einzufüh­ ren. Dem Fahrgast wird es ab 1. April 1990 zum Preis von sieben Monatskarten angebo­ ten, wobei der Landkreis drei Monatskarten­ beiträge und der Unternehmer zwei Monats­ kartenbeiträge übernimmt. Der Zuschuß­ bedarf des Landkreises wird auf jährlich 300.000 DM geschätzt. Mit der Einführung des Umwelt-Abos wurde das Ziel verfolgt, die Berufspendler an den ÖPNV zu binden, bzw. für diesen wieder zurückzugewinnen. Eine weitere Verbesserung wird mit Beginn des Schuljahres 1990/1991 bei der Schüler­ beförderung eintreten. Zunächst probeweise auf ein Jahr wurde die Einführung einer „Kurz­ strecken-Karte“ beschlossen. Der monatlich zu zahlende Eigenanteil, der früher für bestimmte Schülergruppen 35,- DM betra­ gen hat, wurde auf25,-DM gesenkt. Die Dis­ kussion über die Mindestentfernung von 3 km zwischen Wohnung und Schule, deren Erreichen erst einen Anspruch auf Kostener­ stattung begründete, ist damit entschärft worden. Voraussetzung ist allerdings, daß die Wohnsitzgemeinden bereit sind, sich an den Subventionskosten zur Hälfte zu beteiligen. Kultur Es war schon immer ein Anliegen des Landkreises, seinen kulturellen Verpflichtun­ gen nachzukommen. Leider war dies in der 7

Vergangenheit aus finanziellen Gründen nicht im wünschenswerten Umfang mög­ lich. Nachdem nunmehr die großen Investi­ tionen abgeschlossen sind, bzw. in absehba­ rer Zeit vor dem Abschluß stehen, kann die Kulturarbeit des Landkreises mehr in den Vordergrund treten. Aufgrund eines von der Verwaltung erstellten Grundsatzpapiers hat der zuständige Ausschuß die Generallinie für die nächsten Jahre abgesteckt. An eige­ nen Einrichtungen soll neben dem weiteren Ausbau der schon bestehenden Kreisergän­ zung bücherei, der Kreisbildstelle mit dem neusten Angebot einer Video-Werkstatt, besonders im Museumsbereich ein neuer kreispolitischer Akzent gesetzt werden. Im Zuge der technischen Fortentwicklung der Arbeitswelt sollte an besonders geeigneten Orten die bisherige Industriegeschichte (Uhren!) dokumentiert und an praktischen Beispielen lebendig gemacht werden. Es wäre 4 vorstellbar, daß der Landkreis bei der Ein- richtung bzw. beim Betrieb herausragender örtlicher technischer Museen finanziell mithilft (möglicherweise als Mitträger) und damit zu erkennen gibt, daß ihm die museale Erhaltung der Arbeitswelt, in der wir leben, ein Anliegen ist. Gedacht ist ferner daran, Kulturtage abzuhalten. Themen aus dem kulturellen Leben des Landkreises, aber auch allgemein interessierende kulturelle Ent­ wicklungen könnten dadurch einem größe­ ren Publikum vermittelt werden. Wie schon bisher wird der Landkreis Zuschußgeber für kulturelle Maßnahmen seiner Städte und Gemeinden sein. Auch hier ist ein stärkerer Mitteleinsatz denkbar, wobei die Höhe für jedes Haushaltsjahr neu festgelegt werden muß. Dr. Rainer Gutknecht Landrat Eine neue Schwerpunktaufgabe: Die Eingliederung der Aus- und Übersiedler im Schwarzwald-Baar-Kreis Während sich die Eingliederung der Aus­ und Übersiedler in den früheren Jahren fast unbemerkt von der Öffentlichkeit vollzog, ist dieses Thema aufgrund der dramatischen Entwicklung der Zugangszahlen in den Blickpunkt des öffentlichen Interesses ge­ rückt. Die Rekordzahlen des Jahres 1989 sind vor allem auf die Liberalisierung der Ausreisebe­ stimmungen in Polen sowie der Sowjetunion und die umwälzenden Veränderungen der politischen Verhältnisse in der DDR und den übrigen osteuropäischen Staaten zurückzuführen. Waren es im Jahre 1987 noch 374 Spätaus­ siedler, die den Weg in den Schwarzwald­ Baar-Kreis fanden, stieg ihre Zahl 1989 bereits auf 1063 und 1989 auf 3010. Zusammen mit 1260 Übersiedlern aus der DDR fanden demnach 1989 insgesamt 4270 Menschen im Schwarzwald-Baar-Kreis eine erste Bleibe. Bundesweit wurden in diesem Jahr 720.909 Aus- und Übersiedler aufge­ nommen. In Baden-Württemberg waren es 114.571. Diese Personen müssen vom Land Baden-Württemberg vorläufig, d. h. so lange, bis sie endgültigen Wohnraum gefun­ den haben, untergebracht werden. Aufgrund der großen Schwierigkeiten beim Aufbau von Raumkapazitäten und aus der Erkenntnis heraus, daß die Aufgaben unter Ein atz auch der Verwaltungskraft vor Ort flexibler und wirkungsvoller bewältigt werden können, sah sich der Landesgesetz­ geber veranlaßt, die Zuständigkeit für die Unterbringung sowie die Koordination der verschiedenen Eingliederungsmaßnahmen ab 1990 von den 4 Regierungspräsidien auf 8

Übergangswohnheim in Villingen-Schwenningen: Für viel.e Aus- und Übersiedler erste Station auf dem Weg in ein neues Leben. die 35 Landratsämter und die 9 Stadtkreise als untere staatliche Ebene zu übertragen. Am Ende des Jahres 1989 waren im Land­ kreis insgesamt 2650 Personen vorläufig im Übergangswohnheim, Hotels, Pensionen, Schullandheimen und Notunterkünften untergebracht. Damit lag der Schwarzwald­ Baar-Kreis im Vergleich mit den übrigen Stadt-und Landkreisen in Baden-Württem­ berg an zweiter Stelle. Seit dem 1.1.1990 haben die unteren Ein­ gliederungsbehörden die Aus-und Übersiedler nach einem Schlüssel zu übernehmen, der sich je zur Hälfte aus dem Anteil des Land­ kreises bzw. Stadtkreises an der Fläche und der Bevölkerung des Landes errechnet. Danach muß der Schwarzwald-Baar-Kreis 2,46 0/o der im Land aufzunehmenden Perso­ nen vorläufig unterbringen. Bis Ende April 1990 waren dies zusätzlich zu den bereits auf­ genommenen Personen insgesamt 800 Per­ sonen. Aufgrund der umfangreichen Anmie- tung weiterer Kapazitäten konnten die erfor­ derlichen Plätze jeweils rechtzeitig zur Verfü­ gung gestellt werden, ohne daß es der Ein­ richtung von Notunterkünften bedurfte. Finanzielle Leistungen des Landes, das Träger aller Einrichtungen zur vorläufigen Unterbringung bleibt, sollen den im Zusam­ menhang mit der Erfüllung der neuen Auf­ gaben entstehenden Verwaltungsaufwand ausgleichen. Fast alle Aussiedler, die heute zu uns kom­ men, benötigen Hilfe bei ihren ersten Schrit­ ten in ihrer neuen Umgebung, z.B. beim Ausfüllen der vielen Formulare, bei Behör­ dengängen, bei der Wohnungssuche oder sonstigen Schwierigkeiten, die die Umstel­ lung auf unsere Gesellschafts-und Wirt­ schaftsordnung mit sich bringt. All diese Hilfe kann nicht durch den Staat allein geschehen. Der beim Übergangswohnheim in Villin­ gen-Schwenningen eingerichtete Arbeits-9

kinder vorübergehend eigenen Unterricht erhalten, bis sie am normalen deutschen Schulunterricht teilnehmen können. Insgesamt bestanden im Schwarzwald­ Baar-Kreis Mitte Mai 1990 19 Förderklassen -darunter eine Realschulförderklasse -, die von 450 Aussiedlerkindern besucht wurden. 19 für diesen Zweck eingestellte Lehrer ertei­ len den Unterricht, dem die Kinder in der Regel hochmotiviert folgen. Während die Suche nach einem geeigne­ ten Arbeitsplatz meistens erfolgreich ver­ läuft, zumal der überwiegende Teil der Aus­ und Übersiedler eine Ausbildung im gewerb­ lich-technischen Bereich absolviert hat, stellt die Wohnraumversorgung die Neu­ bürger vor fast unüberwindliche Probleme. Allein im Raum Villingen-Schwenningen gibt es nach ernsthaften Schätzungen ca. 2000 Wohnungssuchende. Bis die nach den umfangreichen Wohnungsbauprogrammen des Bundes und des Landes vorgesehenen zusätzlichen Wohnungen gebaut sind, wird noch einige Zeit vergehen. Bis dahin heißt dies für viele Familien, auf engstem Raum auskommen zu müssen. Oft müssen sich Großfamilien über viele Monate -teilweise schon länger als ein Jahr – mit einem einzi­ gen Raum begnügen. Aufgrund der prekären Wohnraumsitua­ tion hat der Kreistag für 1990 und 1991 Mittel im Umfang von 1.000.000,-DM zur Förde­ rung des Mietwohnungsbaus bereitgestellt. Gefördert wird hiernach der Neubau von Mietwohnungen, die nicht in das Woh­ nungsbauprogramm des Landes aufgenom­ men wurden, in Form eines Zuschusses von 20.000,- DM, wobei jeweils 10.000,- DM vom Landkreis und 10.000,- DM von der Gemeinde bezahlt werden, in der das Vorha­ ben realisiert werden soll. Die Eingliederung der Aus- und Übersied­ ler stellt eine der großen Herausforderungen unserer Zeit dar. Sie kann nur bestanden wer­ den, wenn neben der Gewährung von mate­ riellen Hilfen durch den Staat die Einheimi­ schen bereit sind, die Neubürger anzuneh­ Walter Berg men. Der Trabi (links) wurde wm Symbol.für die M as­ senjlucht aus der DDR. kreis, dem verschiedene Organisationen angehören, wie Caritasverband, Diakonie, Rotes Kreuz,Jugendgemeinschaftswerk und Bund der Vertriebenen, hat sich die soziale Betreuung und deren Koordination zur Auf­ gabe gemacht. Um die umfangreichen Betreuungsaufgaben erfüllen zu können, ist der Arbeitskreis bemüht, weitere ehrenamtli­ che Kräfte zu gewinnen. Eine unentbehrliche Eingliederungshilfe ist die Sprachförderung. Die Unterdrük­ kung der deutschen Sprache und Kultur in den Ostblockstaaten hat dazu geführt, daß viele Aussiedler heute die deutsche Mutter­ sprache nicht mehr beherrschen. Ihnen allen erschließt erst der Sprachkurs die Möglich­ keit, ihren Wunsch nach einem gleichbe­ rechtigten Leben als „Deutsche unter Deut­ schen“ auch wirklich zu erfüllen. Erst mit ausreichenden Sprachkenntnissen sind berufliche und bei Kindern schulische Ein­ gliederung möglich. Bei erwerbstätigen Personen, Hausfrauen und Rentnern bezahlt das Arbeitsamt die Sprachkurse. Ende April 1990 haben insges­ amt 450 Aussiedler an diesen Sprachkursen teilgenommen. Für schulpflichtige Kinder unterhalten konfessionelle und freie Träger Förderschu­ len. Außerdem haben viele Schulen Förder­ klassen eingerichtet, an denen Aussiedler- 10

Land unter im Schwarzwald-Baar-Kreis Erinnerungen an die Hochwasserkatastrophe am 15. Februar 1990 Den 15. 2. 1990 werden die meisten Bewohner des Schwarzwald-Baar-Kreises nicht so schnell vergessen. Die letzten Vor­ bereitungen für die Fasnet waren gerade in vollem Gange, als sintflutartige Regenfalle und eine plötzlich einsetzende Schnee­ schmelze weite Teile des Kreises in eiskaltem Wasser versinken ließen. Schon am Vortag hatten Niederschläge und Schmelzwasser für einen deutlichen Anstieg von Brigach und Breg sowie zahlrei­ cher Bäche gesorgt. Auch waren bereits ein­ zelne Hochwassermeldungen bei der Feuer­ wehrleitstelle in Villingen eingegangen. Zunächst jedoch hatten die örtlichen Ein­ satzkräfte die Situation noch unter Kon­ trolle. Nichts deutete auf eine Katastrophe größeren Ausmaßes hin. In der folgenden Nacht allerdings spitzten sich die Ereignisse plötzlich dramatisch zu. Während es drau­ ßen in Strömen regnete, gingen in der Feuer­ wehrleitstelle seit Mitternacht pausenlos Hochwassernotrufe ein. Vor allem aus Furt­ wangen und Vöhrenbach wurden binnen kürzester Zeit zahlreiche Überflutungen von Straßen und Gebäuden gemeldet. Die ausge­ rückten Feuerwehren versuchten zwar, mit Pumpen und Sandsäcken der Lage Herr zu werden, doch die Wasserstände von Brigach und Breg stiegen unablässig und erreichten stündlich neue Rekordmarken. Als am frühen Morgen deutlich wurde, daß sich das Hochwasser auf immer größere Teile des Kreisgebietes ausdehnte, richtete der Kreisbrandmeister in Furtwangen eine zentrale Einsatzleitung ein. Die ebenfalls alarmierten Beamten des Landratsamtes bil­ deten in der Außenstelle Donaueschingen einen Katastrophenstab, der fortan alle wich­ tigen Informationen sammelte und den Ein­ satz der Rettungskräfte koordinierte. Um 10.00 Uhr schließlich wurde für den gesam­ ten Schwarzwald-Baar-Kreis Katastrophen­ alarm, 2 1/2 Stunden später Hauptalarm aus- gelöst. Die wenigen Helfer, die bis dahin noch nicht im Einsatz waren, wurden nun mobilisiert. Inzwischen hatte sich die Hochfläche der Baar in eine riesige Seenlandschaft verwan­ delt; aus Brigach und Breg waren reißende Ströme geworden. Die wichtigsten Verkehrs­ verbindungen im Kreisgebiet wurden inner­ halb kurzer Zeit durch Überflutungen und Erdrutsche unterbrochen. Aus nahezu allen Kreisgemeinden kamen nun Hilferufe an den Stab und die Technische Einsatzleitung. Da die vorhandenen Sandsäcke und Pum­ pen schon längst nicht mehr ausreichten, mußten Nachbarkreise und Streitkräfte mit Mannschaften und Gerät zu Hilfe kommen. Besonders schwer waren seit dem späten Vormittag die Kernstädte von Bräunlingen und Hüfingen betroffen. Häuser und Stra­ ßen standen hier bis zu 1,50 m unter Wasser. Viele Menschen waren von den Wassermas­ sen in ihren Häusern eingeschlossen, etliche mußten in die oberen Stockwerke flüchten. Von der besonders gefährdeten Hüfinger „Insel“ wurden gerade die ersten Familien aus ihren Häusern evakuiert, als gegen ca. 13.00 Uhr eine neue Schreckensmeldung eintraf: Bruch des Kirnbergsee-Staudamms bei Unterbränd! Diese Nachricht führte vor allem bei vielen Bräunlingern zu panikarti­ gen Szenen. Die entsetzten Einwohner rech­ neten mit einer gewaltigen Flutwelle, die innerhalb weniger Minuten das Gebiet der Kernstadt erreichen würde. Der ebenfalls informierte Katastrophenstab richtete sich auf eine großangelegte Evakuierungsaktion ein und ließ in fieberhafter Eile Schulen und Mehrzweckhallen als Notunterkünfte für die Bräunlinger Bevölkerung herrichten. Gegen 13.30 Uhr gab es dann jedoch Entwarnung. Der Erkundungsflug eines Bundeswehrhub­ schraubers hatte ergeben, daß die Staumauer zwar überspült wurde, jedoch dem Druck der Wassermassen standhielt. 11

Auch am Nachmittag verging keine Mi­ nute ohne neue Meldungen. Dennoch zeichnete sich langsam eine Wende zum Besseren ab. Die Niederschläge ließen all­ mählich nach und auch die Wasserstände waren erstmals wieder rückläufig. Immer noch aber mußten zahlreiche Bewohner der Innenstädte Hüfingens und Bräunlingens – oft ohne Strom und Heizung-in ihren Häu­ sern ausharren. An sie wurden im Laufe des Abends von den Betreuungskräften des Katastrophenschutzes warme Mahlzeiten und heiße Getränke ausgegeben. Auch Not­ quartiere standen bereit. verstreutes Ladeninventar In der folgenden, vergleichsweise ruhigen Nacht gingen die Wasserstände von Brigach und Breg weiterhin zurück. Eine akute Gefährdung der Bevölkerung bestand nun zwar nicht mehr, doch traten dafür die Fol­ gen des Unwetters immer deutlicher zu Tage. Dort, wo Stunden zuvor noch meterhoch das Wasser gestanden hatte, bot sich nun ein Bild der Verwüstung. Verschüttete und unterspülte Straßen, entwurzelte Bäume, eingestürzte Brücken, weggespülte Uferbe­ festigungen, zerstörte Wohnungseinrichtun­ gen, und schlammbedeckte Gärten und Felder mach­ ten klar, welche gewaltige Arbeit in den fol­ genden Tagen und Wochen noch bevor­ stand. Zunächst galt es jedoch, wichtigere Probleme zu lösen. So standen auch am 16. 2. 1990 noch unzählige Keller unter Was­ ser, das sich häufig mit ausgelaufenem Heiz­ öl vermischt hatte und daher eine erhebliche Gefahr für die Umwelt, insbesondere für das Grundwasser darstellte. Feuerwehren und Privatunternehmen waren den ganzen Tag über damit beschäftigt, diese Öl-Wasser­ Gemische abzupumpen und in großen Fäs­ sern zu entsorgen. Auch die Trinkwasserver­ sorgung im Stadtgebiet von Donaueschin­ gen wurde zu einem akuten Problem. Nach einem Defekt der Pumpen an der Gutter­ quelle floß das Leitungswasser immer spärli­ cher, bis es schließlich ganz versiegte. Mit Tanklöschfahrzeugen und Milchtranspor­ tern mußte Trinkwasser aus Bad Dürrheim, 14 später auch aus Villingen herangeschafft und an zentralen Ausgabestellen an die Bevölke­ rung verteilt werden. Im übrigen aber begann sich das Leben im Schwarzwald-Baar-Kreis allmählich zu nor­ malisieren. Die meisten Straßen und Schie­ nenstrecken waren wieder passierbar. Strom­ versorgung und Telefonverbindungen, die am Vortag zeitweise ausgefallen waren, funk­ tionierten ebenfalls wieder. Nachdem auch die Pegel der Bäche und Flüsse fast Normal­ werte erreicht hatten und ein erneuter Anstieg nicht zu befürchten war, konnte am 16. 2. 1990 gegen 17.00 Uhr der Katastro­ phenalarm aufgehoben werden. In der Folgezeit waren im ganzen Kreisge­ biet Aufräumungs- und Instandsetzungsar­ beiten von ungeheuerem Umfang zu bewäl­ tigen. Da die Schäden im kommunalen wie im privaten Bereich ins Unermeßliche gin­ gen, sollte es noch Monate dauern, bis die letzten Spuren der Naturkatastrophe getilgt waren. Für die Chronisten steht heute fest: das Hochwasser des 15. 2. 1990 war eines der größten 111 der Geschichte unseres Land­ Joachim Pampe) kreises.

N e u b a u L a n d r a t s a m t Letzte Bilder über den Baufortschritt vor Redaktionsschluß 15

Unsere Städte und Gemeinden, Wappen Peterzell Wohin das Auge schaut, ist Peterzell ein­ gebettet in große Waldflächen, die von sanf­ ten Höhen den etwas tiefer liegenden Ort beschützend umgeben. Zwar wird die Idylle durch die am Ortsrand vorbeiführende B 33 und die Schwarzwaldbahn etwas gestört, andererseits ist die direkte Anbindung an diese beiden wichtigen Verkehrswege mit bedeutenden Vorteilen für den Ort verbun­ den, dessen Bewohner und auch die jährlich zahlreichen Feriengäste. In idealer Weise ergänzen sich in Peterzell Landwirtschaft, Industrie und Fremdenverkehr. Die seit Jahr­ zehnten unverändert anhaltende Bautätig­ keit ist Beweis dafür, daß es sich lohnt, in Peterzell zu leben. Die Bedingungen zur Erreichung der Arbeitsplätze sind hier gera­ dezu ideal. Was den Fremdenverkehr betrifft, ist es nicht nur die immer wieder gelobte Gastlichkeit, sondern auch die unmittelbare Waldnähe und die vielen Wandermöglich­ keiten auf nicht anstrengenden Wegen in allen Richtungen. Ein gepflegtes Ortsbild, das Erholungsgebiet Bärlochtal mit Mini­ golf- und Kinderspielplatz sowie schönen Spazierwegen tragen dazu bei, den Ort für Einheimische und Feriengäste gleicherma­ ßen liebenswert zu machen. Man schrieb das Jahr 1339, als erstmals im Zusammenhang mit einer Schenkung des begüterten VillingersJohans Staehelli an das Kloster St. Georgen der Name „sant Peters celle“ schriftliche Erwähnung fand. Obwohl davon ausgegangen werden kann, daß Peter­ zell schon lange vorher bestanden hat, gibt es hierfür keine urkundlichen Belege. Ge­ schichtliche Aufzeichnungen über das Kloster Reichenau und ein Türstürzfrag­ ment in der Peterzeller Kirche lassen jedoch vermuten, daß Peterzell möglicherweise bereits 1000 Jahre alt sein könnte. Hierzu haben auch die beiden St. Georgener Hei­ matforscher Gramlich und Klepper abwei­ chende Meinungen. Die erste offizielle 16

Urkunde bezieht sich auf den Verkauf Peter­ zells an das Kloster St. Georgen und stammt aus dem Jahre 1369. Es war das Kloster Rei­ chenau, welches diesen Verkauf tätigte. In dieser Urkunde steht unter anderem zu lesen: ,,Unser Wiler dez man nempt sant Peterscelle uff dem Schwarzwald“. ,,Hohenbrunnen“ Nach den Klosterakten von St. Georgen bestand die „Celle des Heiligen St. Peter“ bereits vor dem Bau des Klosters St. Georgen (1084). Namen wie „Mühlibach“ (Mühl­ bach), (Hochbrunn), „Rüpelsberg“ (Ruppertsberg) tauchen bereits in den damaligen Aufzeichnungen auf. Durch den ständigen Wechsel der Herr­ schaftsverhältnisse hatten die Peterzeller viel Unbill zu erdulden. 1381 verkaufte Egenolf von Wartenberg seine Vogtei in Peterzell an Abt Erhard in St. Georgen. 1409 ging die Vogtei zu Peterzell in den Besitz des Klosters St. Georgen über. Der in Peterzell befindli­ che Besitz der Falkensteiner wiederum ging an Württemberg und ab 1445 wurde Peterzell württembergisch verwaltet. Um 1525 plün­ derten VillingerTruppen das Dorf, zündeten es an und auch der Hochbrunn und der Ursprung wurden niedergebrannt. Etwa 100 Jahre später, im 30jährigen Krieg, ließ der Verteidiger und vorderösterreichische Kom­ mandant von Villingen das Dorf erneut plündern und das gleiche mehrmals, wobei auch die Glocke der St. Peterskirche geraubt wurde. Eine weitere schlimme Heimsu­ chung des Dorfes gab es 1799 durch französi­ sche Truppen. Erst durch einen Staatsvertrag im Jahre 1810 fanden die Fehden ein Ende. Peterzell, bisher zu Württemberg gehörend, wurde an Baden abgetreten. Unter Großherzog Karl Friedrich und dessen Nachfolger konnte eine aufbauende Zukunft eingeleitet werden. Die Einführung der badischen Gemeinde­ ordnung im Jahre 1832 ermöglichte mehr Eigenständigkeit. 1840 wurde in Peterzell das erste Schul­ haus, damals noch mit Stallungen und Scheuer, erbaut, denn der Lehrer mußte zur Bestreitung seines Lebensunterhaltes noch Kirche Peterzell. Zeichnung von Helga Rudo!f Asifäller, Berg-Ettishofen Landwirtschaft betreiben. Neben der Schul­ stube befand sich im Neubau auch das Gemeinderatszimmer und der Ortsarrest. 1888 wurde das Schulhaus und 4 weitere Häuser durch eine Feuersbrunst einge­ äschert, bereits ein Jahr später aber wieder neu gebaut. Die Ausweitung der Industrie im benach­ barten St. Georgen verhalf auch den Peterzel­ lern zu einem besseren Lebensstandard. Es entwickelte sich um das altehrwürdige Kirch­ lein, das man auf ein Alter von ca. 725 Jahre schätzt, eine immer größer werdende Wohn­ siedlung. Bald schon waren es neben den Landwirten auch viele „Fabrikler“, die den Ort anwachsen ließen. Von 573 Einwohnern im Jahre 1890 stieg die Einwohnerzahl in den nächsten 100 Jahren bis heute auf 1500 an. Durch die beiden Weltkriege 1914-1918 und 1939-1945 hatte auch Peterzell viele 17

Aussegnungs-Halle Peterzell Zeichnung von Landrat i. R. Dr. Josef Asifäller Tote und Vermißte zu beklagen. Kurz vor Ende des 2. Weltkrieges, im Jahre 1945, kam es durch die Besatzungstruppen wieder zu Plünderungen und sonstigen Ausschreitungen. Unter der weitsichtigen und geschickten Amtsführung des damaligen Bürgermeisters und jetzigen Ehrenbürgers Mathias Lauble (1946 -1967) nahm Peterzell, auch begün­ stigt durch die Nähe St. Georgens und Villin­ gens, einen enormen Aufschwung. Die Erschließung von Baugelände, anschließend an den alten Ortskern und im Hagenmoos­ gebiet, führte zum schnellen Anwachsen der Einwohnerzahl. Der Bau eines neuen Schul­ hauses 1964 und eines Feuerwehrgerätehau­ ses 1973 waren die letzten kommunalen Bau­ maßnahmen als eigenständige Gemeinde. Die rasche Entwicklung führte dazu, daß aus dem ursprünglich stark landwirtschaftlich orientierten Ort mehr und mehr eine Wohn­ siedlung für alle Bevölkerungsschichten 18 wurde. Heute gibt es nur noch 7 landwirt­ schaftliche Vollerwerbsbetriebe in Peterzell. Ein für die Einwohnerschaft wenig be­ glückender Akt in der Geschichte Peterzells war die Gemeindereform und die 1974 damit verbundene Eingemeindung nach St. Geor­ gen. Peterzell versuchte alles, um die Selb­ ständigkeit zu behalten, aber alle Bemühun­ gen waren vergebens. Die Vorgehensweise der Reformer wurde als höchst undemokra­ tisch empfunden und die Emotionen schwappten über. Zwischenzeitlich sind die Wunden weitgehend verheilt. Bürgermeister Lauffer hat es mit Klugheit und Verständnis fertig gebracht, die gehegten Befürchtungen zu zerstreuen und den Peterzellern ihr Selbstwertgefühl zu belassen. Eine gewisse Eigenständigkeit und das dörfliche Eigenle­ ben blieben erhalten. Die Bedingungen des Eingemeindungsvertrages wurden von St. Georgen uneingeschränkt erfüllt.

Nach der Eingemeindung wirkte sich die Finanzkraft St. Georgens auch positiv auf die Weiterentwicklung Peterzells aus. Die Erschließung weiterer Baugebiete, der Bau einer Mehrzweckhalle mit einliegendem Kindergarten und die Erbauung einer Aus­ segnungshalle sind wichtige Stationen der jüngsten Geschichte von Peterzell. Die zur Zeit in Durchführung befindliche Ortskern­ sanierung und Begrünung läßt eine weitere Aufwertung, auch für den Fremdenverkehr erwarten. Bei einer Höhenlage von 804 m garantiert Peterzell sehr viel Nebelfreiheit. Die durch den Waldreichtum noch recht gesunde Luft wird besonders von den Ferien­ gästen sehr wohltuend empfunden. Nicht von ungefähr haben sich die Gäste aus den industriellen Ballungsgebieten bei uns den Beinamen »Luftschnapper“ eingehandelt, denn sie kommen tatsächlich gerne hierher, um gesunde Luft zu tanken. Das kirchliche Leben ist in Peterzell sehr ausgeprägt und findet seine Bestätigung in sehr guten Gottesdienstbesuchen und zahl­ reichen anderen Aktivitäten, wobei die Jugendarbeit wohl an erster Stelle steht. Aus der früher fast ausschließlich evangelischen Gemeinde hat sich im Laufe der letzten Jahr­ zehnte durch Zuzug von Neubürgern eine Mischung von ca. 70 % Protestanten und 30 % Katholiken entwickelt. In 6 örtlichen Vereinen sind viele hundert Mitglieder vereinigt. So gibt es seit 1924 den Gesangverein „Liederkranz“. Bis zum Jahre 1975 als reiner Männerchor, seit dort als gemischter Chor, ist er ein wichtiger Bestandteil des kulturellen Gemeindele­ bens. Gleiches gilt für den 1954 gegründeten Posaunenchor, der sowohl bei kirchlichen als auch weltlichen Anlässen sich musika­ lisch betätigt. Als größter Verein mit über 400 Mitgliedern bereichert der „FC-Vikto­ ria“ das Gemeindeleben durch seine sportli­ chen Betätigungen und seine gezielte Jugendarbeit. Ein hohes Ansehen bei der Einwohnerschaft genießt seit eh und je die 1933 gegründete „Freiwillige Feuerwehr“, die entgegen teils anderer Tendenzen keinerlei Nachwuchssorgen hat. Auch die Aktivitäten der „Närrischen Bürgerwehr“, die es seit 1976 gibt, und des seit 1971 bestehenden „Motor­ sportclubs“ reihen sich positiv in das Ortsge­ schehen ein. Als größter Teilort St. Georgens konnte Peterzell im Sommer 1989 sein 650jähriges Bestehen in besonders beeindruckender Weise feiern. Solange Ortsvorsteher Christian Storz und die Ortschaftsräte sich mit gleichem Bemühen wie bisher für die Peterzeller Belange einsetzen, wird es keine größeren Probleme wegen der verloren gegangenen Selbständigkeit geben. Darauf setzen die Peterzeller künftig ihre Hoffnung und Erwartungen, damit ihnen ihr geliebter Hei­ matort auch in Zukunft Lebensqualität und Geborgenheit vermittelt. Hermann Seifermann Mein Heimatort Von den Höhen grüßen Tannen, von den Tälern sattes Grün, Vöglein singen in den Zweigen, tausend bunte Blumen blüh’n. Rings ist Stille, rings ist Frieden auf der Lichtung äst ein Reh, Bienen sammeln ihren Nektar dort von Löwenzahn und Klee. Drüben ruft vom alten Kirchlein zum Gebet der Glocken Klang, Himmelsbläue, sanfte Lüfte, alles ist wie Festgesang. Heimatort auf Schwarzwald’s Höhen, bist ein wahrer Lebensquell, mög der Herrgott Dich beschirmen Du geliebtes „Peterzell“. Hermann Seifermann 19

führen. Aber erst nach der Jahrhundertmitte erscheint St. Peter im Siegel. Als die badische historische Kommission ab 1895 daranging, allen badischen Gemein­ den, die noch kein Wappen hatten, ein sol­ ches zu verschaffen, wurde vom großherzog­ lich badischen Generallandesarchiv Karls­ ruhe im Juli 1902 vorge chlagen, den heiligen Petrus -aber etwas deutlicher dargestellt -ins Wappen der Gemeinde zu übernehmen. Der Gemeinderat war mit dem vorgelegten Ent­ wurf sofort einverstanden, und seither führte die Gemeinde Peterzell die es Wappen. Mit der Eingemeindung in die Stadt St. Georgen im Schwarzwald zum 1. April 1974 ist das Wappen als amtliches Zeichen er­ loschen. Klaus Schnibbe Quellen und Literatur: Generallandesarchiv Karlsruhe, Wappenakten Bez. Villingen. – GLA-Wappenkartez� Schwarzwald-Baar­ Kreis. – GLA-Siegelkartez� Schwarzwald­ Baar-Kreis. – H. G. Zier, Wappenbuch des Landkreises Villingen, Stuttgart 1965. bis es die Herren von Sunthausen 1284 käuf­ lich erwarben. In finanzielle Schwierigkeiten geraten, mußten die Herren von Sunthausen den größten Teil an die Fürstenberger verkaufen. Durch die grenznahe Lage zwischen Würt­ temberg und dem Fürstenberg geriet das kleine Dorf als Streitobjekt der Macht­ kämpfe in eine schwierige und von Not gezeichnete Epoche. Besondere Tragik bekamen die Auseinan­ dersetzungen in der Zeit der Reformation. Verbissen kämpften die Württemberger und die Fürstenberger um die Seelen der Biesin­ ger. Die politischen Mächte zwangen seine Untertanen auch den jeweiligen Glauben zu übernehmen. So wurde den Menschen innerhalb von 50 Jahren zugemutet, daß sie 22 Mal die Religion zwischen katholisch und evangelisch wechseln mußten. Im Jahre 1588 Das Wappen von Peterzell Wappen: In Blau der silbemgekleidete,gold-nim­ bierte St. Petrus, in der Rechten einen aufgerichte­ ten goldenen Schlüssel haltend. Der Ort wird 1339 erstmals urkundlich erwähnt als „bi sant Peters celle“. Er kam 1810 von Württemberg an das Großherzogtum Baden von Napoleons Gnaden. Seit dieser Zeit konnte die Gemeinde ein eigenes Siegel Biesingen Biesingen, ein kleiner Ort, gelegen mitten in der sanften Landschaft der Baar. Verkehrsmäßig gut erschlossen an der Kreuzung der beiden Kreisstraßen Donau­ eschingen-T uningen und Bad Dürrheim­ Geisingen. Das wasserreiche und sehr wegsame Köthachtal mag wohl auch der Grund dafür gewesen sein, daß Biesingen schon recht früh besiedelt war, wovon Funde aus der Frühzeit (500 v. Chr.) zeugen. Urkundlich erwähnt wurde Biesingen erstmals in den Protokollen des Klosters St. Gallen im Jahr 759 mit dem Namen Boa­ singheim, welcher sich in der Zeitspanne von 800 Jahren von Busenheim, Biesenheim, Büsingen bis zu der heutigen, gültigen Schreibweise Biesingen geändert hat. Über St. Gallen kam Biesingen in den Besitz des Klosters Buchau, Reichenau und Überlingen, 20

wurde Biesingen dann letztendlich der evan­ gelischen Pfarrei Öfingen zugeordnet. Ihre erste Kirche bauten die Biesinger im Jahr 1618. Erst 23 Jahre später konnte man in Bie­ singen den eigenen Friedhof einweihen. Als schweren Schicksalschlag in der Geschichte Biesingen war der Großbrand im Jahr 1902, dem neben 25 Häusern auch die Kir­ che und die Schule zum Opfer fielen. Was zunächst ein großes Unglück war, stellte sich bald als einmalige Chance für die Entwick­ lung des Ortes heraus. Es wurden durchweg schönere und größere Gebäude erstellt mit einer offenen und für die damalige Zeit groß­ zügige Gestaltung des Ortskerns. Die wirt­ schaftliche und ökonomische Entwicklung ist geprägt von der Lage der Gemarkung Bie­ singen auf einer Meereshöhe von 720 m über dem Meeresspiegel. Biesingen verfügt mit 280 ha über eine relativ kleine Gemarkung. Dem guten und fruchtbaren Boden ist es zu verdanken, daß in Biesingen eine gute Land­ wirtschaft betrieben werden kann. Weil Bie­ singen über keinen Waldbesitz verfügt, galt es über viele Jahrzehnte als arme „G’mond“. Es war deshalb schwer und nur dem unbeug­ samen Willen der Bevölkerung zu verdan­ ken, größere Investitionen zu tätigen. Es ist deshalb erwähnenswert, daß recht früh eine eigene Wasserversorgung, Kindergarten, ein Gemeindehaus für Flüchtlinge und sozial schwache Familien sowie eine Leichenhalle auf dem Friedhof erstellt werden konnte. Viele Einwohner nahmen die Gelegenheit wahr, in der Industrie und im Handwerk ihr Brot und Lebensunterhalt in den umliegen­ den Städten, hauptsächlich in Schwennin­ gen zu verdienen. Aus bescheidenen Anfangen heraus kann heute festgestellt werden, daß Biesingen über Kirche vor dem Brand 21

Industriebetriebes fahrt und die Neugestaltung der angrenzen­ den Straßen und Plätze. Durch die Ansied­ lung eines im neu erschlossenen Gewerbegebiet ging ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung. In Biesingen ein Haus zu bauen, war über lange Zeit nur dann möglich, wenn von Haus aus eine Bau­ lücke zur Verfügung stand. Das änderte sich erst, als 1983 ein privater Bauträger das lang ersehnte Baugelände „Hinter den Häusern“ erschloß. Zu einem liebens- und lebenswerten Gemeinwesen mit 420 Einwohnern gehören auch die Vereine und Institutionen. So sind in Biesingen 3 mitgliederstarke Vereine mit gutem Erscheinungsbild vorhanden. Die Landfrauen, der Radfahrer- und der Gesang­ verein wetteifern untereinander. Die Feuer­ wehr mit ihrem Spielmannszug runden das Ganze ab. Wenngleich sich in Biesingen eine Ent­ wicklung vom reinen Bauerndorf zur Wohn­ gemeinde vollzogen hat, so darf noch festge­ stellt werden, daß der gern gewollte bäuerli­ che Charakter erhalten werden konnte, was auch die Bewertungskommission „Unser Dorf soll schöner werden“ lobend herausge­ stellt hat. Willi Schnekenburger En Gschiideli ,,Gerold, giischt du mier e Helgli, wenn ech dier sag jetzet glii, wa doo i mim Hosesäckli, ganz gwiß Gott, word dinne sii?“ ,,Lothar, gell, du duescht nitt schwindle, guckischt zwar ganz bschisse drii. Hai, zoag’s mier, wa d‘ häscht im Säckli, guck, des Helgli ghört no dii!“ ’s nimmt dear Luuser gschnäll ’s nätt Helgli, kehrt no um si Säckli noch. ,,Gigeligägs, do kascht jetz gucke, siehscht, im Sack do ischt … e Loch!“ Gottfried Schafbuch eine gute Struktur als wirtschaftliche Grund­ lage verfügt. Durch die im Jahre 1965 durchgeführte, klassische Flurbereinigung wurde den Land­ wirten durch die Aussiedlung von 3 Anwe­ sen und Zusammenlegung der Flächen gute Voraussetzungen geschaffen. Auch das Hand­ werk und Dienstleistungsbereich erfuhren nach dem Krieg eine enorme Entwicklung. Ein bedeutsamer Schritt in der Geschichte war die im Zuge der Verwaltungsreform voll­ zogene Eingemeindung nach Bad Dürrheim. Bürgermeister Weissenberger hat es durch seine Argumente verstanden, daß im Jahre 1971 über 90 O/o der wahlberechtigten Bürger für die Eingemeindung nach Bad Dürrheim stimmten. Durch großzügige Bereitstellung finan­ zieller Mittel von Seiten Bad Dürrheims ent­ wickelte sich in Biesingen eine gute Infra­ struktur. So war es möglich, den gesamten Ort neu zu kanalisieren. Die verkehrsmäßige Entlastung des Ortes wurde durch den Bau einer Umgehungsstraße gelöst. Das Ortsbild profitierte durch den Ausbau der Ortsdurch- 22

das württembergische Wappen: drei schwarze Hirschstangen in gelbem (golde­ nem) Schild.“ Doch lehnte der Gemeinderat diesen Entwurf ab und wünschte das alte Gemeindesiegel beizubehalten. Und tat­ sächlich wurden die alten Siegel einfach wei­ tergeführt. Erst 1958 riet das Generallandesarchiv der Gemeinde, den Baum doch in einen Wap­ penschild zu setzen. Es folgte einiges Hin und Her; auch wurde nachgefragt, um welche Baumart es sich wohl handle, da das der flächigen Baumkrone nicht anzusehen sei. Die Gemeinde antwortete, ,,daß der Baum in dem Gemeindesiegel eine Linde sein soll.“ Im April 1960 lieferte das GLA einen ansprechenden Entwurf, dem der Gemein­ derat zustimmte. Doch ist das schöne Wap­ pen bereits am 1. September 1971 durch die Eingemeindung nach Bad Dürrheim erlo­ schen. Klaus Schnibbe Quellen und Literatur: Generallandesarchiv Karlsruhe, Wappenakten Bez. Donaueschin­ gen. – GLA Wappenkartei, Schwarzwald­ Baar-Kreis. – GLA Siegelkartei, Schwarz­ wald-Baar-Kreis. – K. Schnibbe, Gemeinde­ wappen im ehern. Landkreis Donaueschingen, in: Schriften des Vereins J Geschichte u. Naturgesch. d. Baar in Donaueschingen, Band 33 (1980). Das Wappen von Biesingen Wappen: In Silber eine grün-belaubte, bewurzelte schwarze Linde. Der seit 1444 württembergische Ort kam erst 1810 zum damaligen Großherzogtum Baden. Seither erst durfte Biesingen ein eige­ nes Siegel führen. Etwa um die Mitte des vo­ rigen Jahrhunderts enthielt ein schöngesto­ chenes Siegel mit der Umschrift BÜRGER­ MEISTERAMT: BIESINGEN einen ent­ wurzelten Baum, Palmzweigen umrahmt. Und seither zeigten die Gemein­ desiegel immer einen Baum. von Hieran anknüpfend schlug 1903 das Generallandesarchiv Karlsruhe folgendes Wappen vor: ,,Im weißen (silbernen) Schild ein entwurzelter Baum (bisheriges Siegel­ bild) in natürlicher Farbe, auf dessen Stamm Das erste Dorf an der Donau Pfohren Die Pfohrener sind stolz auf ihr Dorf Dieser Stolz wird auch nicht dadurch be­ einträchtigt, daß Pfohren bei der Gemeinde­ reform 1971 seine Selbständigkeit verloren hat und seither ein Teilort der Stadt Donau­ eschingen ist. Forrun ist der Name, mit dem Pfohren 817 erstmals in Erscheinung getreten ist. Er ist nicht ohne weiteres einzuordnen, wo auf der alemannischen Baar die Ortsnamen übli- cherweise mit -ingen, -heim und -hofen enden. Der Historiker Dr. Volkhard Huth ist der Meinung, daß der Name Pfohren vorale­ mannischen Ursprungs ist und vermutlich auf eine keltische oder römische Ansiedlung zurückgeht. Es gibt auch noch andere Deu­ tungsversuche. So wurde bisher angenom­ men, daß sich der Name von der Föhre ablei­ tet: Pfohren -das Dorf bei den Föhren. Eine andere Auslegung geht in ähnliche Richtung. 23

Hier wird vermutet, daß Pfohren seinen Namen vom Lauch – Porree – erhalten hat. Eine weitere Deutung leitet den Namen aus dem römischen porta ab. Danach wäre Pfoh­ ren, ähnlich wie Pforzheim, als porta silva nigra das Tor zum Schwarzwald gewesen. Aus der Geschichte Über Pfohrens Geschichte ist nicht viel bekannt. Bedeutende Ereignisse sind nicht zu verzeichnen. Da,ß Kaiser Karl III – ge­ nannt der Dicke -hier im Sumpf erstickt sein soll, ist nur eine Sage. Tatsächlich ist dieser Nachfahre Karl des Großen im Nachbarort Neudingen gestorben. Die besonderen Ereignisse in der Pfohre­ ner Geschichte dürften für die Pfohrener nicht von erfreulicher Natur gewesen sein. Erfreuliches dürften die Pfohrener nicht ein­ mal den Besuchen von Kaiser Maximilian I in den Jahren 1507 und 1510 abgewonnen haben. Dieser hatte nachgewiesenermaßen jeweils für einige Tage in der Entenburg logiert. Da er jeweils mit großem Gefolge zu 24 reisen pflegte, war die Verköstigung der Rei­ segesellschaft mit großem Aufwand verbun­ den. Daß man unter diesen Umständen auch in Pfohren die hohen Gäste lieber gehen als kommen sah, ist verständlich. Noch weniger freute man sich über die Gäste, die kriegeri­ sche Auseinandersetzungen mit sich brach­ ten. Diese Fälle hatte es leider auch in Pfoh­ ren oft gegeben. Truppendurchmärsche und Einquartierungen bedeuteten nicht nur Begegnungen mit einem rauhen Soldaten­ volk; oft waren damit Zwangsrequirierungen von Nahrungs- und Erntevorräten, Vieh, Zugtieren sowie Wohn- und Schlafräumen und nicht selten persönliche Dangsale ver­ bunden. Manchmal zündeten durchzie­ hende Truppen auch noch Häuser und Scheunen an. So wurde beispielsweise 1704 von franzözischen Truppen das halbe Dorf in Schutt und Asche gelegt. Auch die Kirche war damals ein Raub der Flammen geworden. Auch im Zusammenhang mit der badi­ schen Revolution von 1848 hatten die Pfoh­ rener Einquartierungen zu ertragen. Preu-

ßische Truppen waren diesmal die ungebete­ nen Gäste. Eingang in die Geschichte hat diese Alltagssituation der damaligen Zeit nur deshalb gefunden, weil der kommanclie­ rende General der preußischen Verbände, Woldemar van Hanneken, in Pfohren einem Herzschlag erlag. Schlechte Erinnerungen haben clie Pfoh­ rener auch an den letzten Krieg. Am 22. Februar 1945 trafen Fliegerbomben das Dorf. Acht Tote – darunter eine sechsköpfige Familie – und zehn total zerstörte Häuser sowie weitere große Gebäudeschäden waren das traurige Ergebnis. Erwerbsleben Bis in dieses Jahrhundert hinein war Pfoh­ ren ausschließlich von der Landwirtschaft geprägt. Es gab zwar einige Handwerker, ansonsten wurde das tägliche Brot und der Unterhalt der Familie durch bäuerliche Arbeit verclient. Kein Wunder also, daß Not­ jahre in der Landwirtschaft die Suche nach Alternativen begünstigte. In den vergange­ nen Jahrhunderten waren es die Auswande­ rer nach Ungarn und Rumänien und danach nach Nordamerika, die aus diesem Grund ihre Heimat verließen. Manch Pfohrener hat dabei sein Glück gefunden; viele gehörten aber auch zu den Glücklosen. Eine Erwerbsmöglichkeit besonderer Art bescherte den Pfohrenern clie Donau. Sie hat im Lauf von Jahrtausenden auf der Pfohrener Gemarkung mächtige Kiesbänke abgelagert. In den Dreißiger Jahren wurde dieser Roh­ stoff aus dem Donaubett ausgebaggert. Die intensivere Ausbeute der Kiesbänke führte weg von der Donau. Der Kiesabbau wurde über der Bahnlinie im freien Feld und unter günstigeren Bedingungen fortgesetzt. Noch viele Jahre werden am Pfohrener Riedsee die Baggerlöffel ins Grundwasser tauchen und den begehrten Baurohstoff zutage fördern. Indirekt hat der Kiesreichtum Pfohrens auch zur Ansiedlung des größten Pfohrener Gewerbebetriebs, der Firma MalJbeton, geführt. Diese hatte sich bei ihrer Standort­ orientierung am Rohstoff Kies ausgerichtet. Heute noch bezieht sie den Grundstoff für die Herstellung von Betonteilen aller Art aus den reichen Lagerstätten vor ihrer Haustüre. Aus kleinen Anfangen heraus hat sich die Firma seit 1952 zu einem führenden mittel­ ständischen Unternehmen der Baubra�che entwickelt. Neben der Herstellung von Stei­ nen und Betonfertigteilen hat die Firma Mailbeton bereits den Schritt in die Zukunft getan. Ihre Spezialität in der Umwelttechnik sind beispielsweise Kleinkläranlagen und Benzinabscheider; beides Einrichtungen zur Abwasserreinigung und für den Gewässer­ schutz. Auch auf den Kiesabbau zurückzuführen ist die Ansiedlung der Bitumenmischanlage der Firma Fischbach, einem weit über Donaueschingen hinaus tätigen Straßenbau­ unternehmen. Nicht der in unmittelbarer Nähe mögliche Kiesabbau war hier standort­ entscheidend, sondern das für diesen Betriebszweig günstige Gelände, das sich durch den Kiesabbau hier ergeben hatte. Einen weiteren interessanten Gewerbebe­ trieb erhielten die Pfohrener mit der Firma Wolfgang Pokorny, einem kunststoffverar­ beitenden Betrieb, der in wenigen Jahren stark expandierte. Viele Jahre war die Uhren­ fabrik Hauser, ein Zweigbetrieb der Firma Hauser Uhren in Weigheim, insbesondere für Frauen eine interessante Arbeitgeberin. Leider haben dieser Firma die rückläufige Konjunktur in der Uhrenindustrie nicht die gewünschte und erwartete positive Zukunfts­ entwicklung gebracht. Weitere Arbeitsplätze garantieren in Pfohren ein Galvanik-Betrieb, eine Firma zur Herstellung und zum Vertrieb von Wasseraufbereitungsanlagen, ein Stahl­ baubetrieb und mehrere Handwerksbe­ triebe. Nach wie vor ist Pfohren noch stark von der Landwirtschaft geprägt. Trotzdem kommt der bäuerlichen Arbeit bei weitem nicht mehr die Bedeutung zu, die sie in den vergangenen Jahrhunderten hatte. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg lebte fast jede Pfoh­ rener Familie von der Landwirtschaft. Nach und nach boten sich andere Erwerbsmög- 25

lichkeiten. Die Landwirtschaft wurde zu­ nächst im Nebenerwerb weiterbetrieben und dann nach und nach ganz aufgegeben. Die­ ser Prozeß dauert noch an. Es ist aber bereits heute abzusehen, daß in nicht allzuferner Zukunft die Landwirtschaft nur noch von einigen wenigen Landwirten im Hauptberuf betrieben wird. Die Grundlagen zur Bewälti­ gung der zukünftigen Arbeit sind auf den verbliebenen Bauernhöfen durch Investitio­ nen in Maschinen und sonstige technische Neuerungen geschaffen. Ebenso durch die Flurbereinigung. Darauf haben die Pfohre­ ner lange gewartet und haben dadurch viele Erschwernisse in der Bewirtschaftung ihrer Felder auf sich genommen. Reges Vereinsleben Als am 31. Dezember1971 die Selbständig­ keit der Gemeinde Pfohren mit der freiwilli­ gen Eingliederung in die Stadt Donau­ eschingen endete, sahen nicht wenige Pfoh­ rener die historisch gewachsene Dorfge­ meinschaft in Gefahr. Heute, rund 20 Jahre danach, ist festzustellen, daß sich diese Befürchtungen nicht bewahrheitet haben. Das dörfliche Zusammenleben ist lebendi­ ger denn je. Der Grund hierfür ist hauptsäch­ lich im Vereinsleben der Dorfgemeinschaft zu suchen. Insgesamt zwölfVereine sind des­ sen Gestalter und für fast alle Interessenbe­ reiche besteht ein Angebot. Hinzu kommen Interessenvereinigungen, wie der Badische Landwirtschaftliche Hauptverband (BLHV), die örtliche Berufsorganisation der Land­ wirte, die Raiffeisen-Warengenossenschaft und der Fleischabnahmeverein. Eine bedeu­ tende örtliche Hilfseinrichtung ist der Kran­ kenverein. Er gewährleistet für seine Mitglie­ der im Bedarfsfalle über die Donaueschinger Sozialstation die häusliche Krankenpflege und ist darüber hinaus der Träger des Pfohre­ ner Kindergartens. Dominierend im Pfohrener Vereinsleben sind Sport, Musik und Gesang. Der sport­ liche Bereich wird in Pfohren abgedeckt durch den Fußballverein, den Tennisclub 26 und die Motorsportfreunde. Der traditions­ reichste dieser drei Vereine ist der Fußball­ club. Neben guten sportlichen Erfolgen ste­ hen für eine erfolgreiche Vereinsarbeit der Neubau eines Vereinsheimes, die Sanierung des Rasenplatzes und der Neubau eines Hartplatzes. Letzterer wurde leider beim Hochwasser vom 15. und 16. Februar 1990 fast vollkommen zerstört. Eine große Auf­ gabe hat auch der Tennisclub mit dem Bau einer Tennisanlage und eines Vereinsheimes am Riedsee gemeistert. Im kulturellen Bereich dominieren die Feuerwehrmusikka­ pelle und der Männergesangverein. Die Feu­ erwebrmusikkapelle besteht seit 1867 , der Männergesangverein wurde 1925 gegründet. Beide Vereine sind als Mitgestalter bei Festen und Feiern sowie bei besonderen Anlässen, auch im kirchlichen Bereich, das Jahr über sehr oft mit von der Partie. Besondere kirchli­ che Anlässe werden vom Kirchenchor mitge­ staltet, den es nachweislich schon seit 1865 gibt. Seit 1865 besteht die Pfohrener Feuer­ wehr. Für Notfälle jeglicher Art steht sie immer zur Verfügung. Der Pflege des Fast­ nachtsbrauchtums hat sieb die Schnufer­ zunft verschrieben. Die Symbole der Pfohre­ ner Fastnacht sind Schnufer und Burghexe. Abgerundet wird das Pfobrener Vereinsleben vom Angelsportverein, dem Landfrauenver­ ein, der Landjugend und der Katholischen Jungen Gemeinde (KJG). Der Storch – auch auf der Baar ein seltener Vogel Der Storch gehört in Pfohren fast genauso zum öffentlichen Leben wie beispielsweise die Musikkapelle und der Fußballclub. Viel­ leicht gilt ibm sogar noch mehr Aufmerk­ samkeit. Der Storch nistet und brütet in Pfohren seit Menschengedenken. In den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhun­ derts waren hier zeitweise sogar sieben besetzte Storchennester. Schon seit vielen Jahren ist das Pfohrener Storchen paar auf der ganzen Baar noch das einzige. Um das Wohl­ ergehen des Storches sind die Pfohrener

Die Störche in Pfohren – ihnen gilL vielfache Aufmerksamkeit Die Sonne hi!ft mit – Zum Trocknen aufgereihte To,fitücke im Pfohrener „Boschenstich“ 27

immer sehr bemüht. Dies gilt insbesondere für die Landwirte, denen der Storch beispiels­ weise beim Mähen auf den Wiesen immer gerne Gesellschaft leistet. Er geht dabei in ganz geringem Abstand hinter dem Messer­ balken oder dem Kreiselmäher her, weil sich ihm dabei offensichtlich das beste Nah­ rungsangebot auftut. Die Landwirte selbst sind immer darauf bedacht, daß dem Storch dabei nichts passiert. Vor etwa zehn Jahren erschreckte ein Einzelstorch die Pfohrener damit, daß er im Spätsommer nicht, wie üblich, auf die große Reise ging, sondern in Pfohren blieb. Als der Winter einbrach, war die Besorgnis in Pfohren groß. Man fürchtete um das Leben des Tieres. Es wurde ein Tier­ arzt engagiert, der mit einem Blasrohr und Betäubungsspritze helfen sollte, den Storch einzufangen. Dieser Versuch scheiterte. Der Storch bewies den besorgten Pfohrenern dar­ aufhin, daß er durchaus in der Lage war, den kalten Baaremer Winter zu überstehen. Er suchte sich an kalten Tagen jeweils die wärm­ ste Stelle auf einem Misthaufen. Seine Nah­ rung fand er in der Donau und lehnte es im übrigen nicht ab, noch mit Metzgereiabfäl­ len versorgt zu werden. Auch in den folgen­ den Jahren wiederholte sich dieses Schau­ spiel. Bei diesem Storch handelte es sich offensichtlich um ein Tier, das in einem Gehege aus dem Ei geschlüpft war und sei­ nen Zugtrieb verloren hatte. Zwischenzeit­ lich scheint sich bei Adebars Pfohren als gute Adresse zur Überwinterung herumgespro­ chen zu haben. Gleich mehrere Störche blei­ ben immer wieder den Winter über in dem gastlichen Ort an der jungen Donau. In der Regel kommen die Störche im Frühjahr -etwa Mitte März -nach Pfohren. Meistens kommt das Männchen zwei bis drei Wochen vor dem Weibchen. Die Zwischen­ zeit bis zu ihrer Ankunft nutzt er meistens zur Ausbesserung des Nestes. Der Flug nach Süden im Spätsommer erfolgt in der Regel Mitte August. Die Störche sind somit jeweils etwa fünf Monate in Pfohren zu Gast und während dieser Zeit für Einheimische und Fremde natürlich eine besondere Attraktion 28 und vielfach auch Fotomotiv. Es ist immer wieder ein schöner Anblick, wenn die Stör­ che auf Futtersuche über das Dorf fliegen, ich im Nest aufhalten, oder, wenn die Jung­ störche bereits flügge geworden sind, die ganze Storchenfamilie auf der Feldflur gemeinsam Nahrungssuche betreibt. Torf als Brennmaterial Pfohren hat keinen Waldbesitz. Das ist der Grund, warum die Pfohrener immer wie­ der einmal mit der Frage nach dem „Pfohre­ ner Waldhüter“ gehänselt werden. Der Man­ gel an Brennholz war auch der Grund, warum sich die Pfohrener nach alternativen Energien umsehen mußten. Sie machten sich die auf der Gemarkung gelegenen Hoch­ moore für die Gewinnung von Brenntorf zunutze. Torf wird für diesen Zweck seit Menschengedenken gestochen. Niemand kann aber sagen, wann genau das Torfste­ chen in Pfohren seinen Anfang nahm. Bekannt ist aber, daß um das Jahr 1865 der Torfstich im „Mittelmeß“ angelegt wurde. Vorher beschränkte sich die Torfgewinnung auf das Unter Birkenmoor. In diesem Jahr­ hundert wurde Torf in den Hochmooren ,,Untere Birke“, ,,Obere Birke“, ,,Mittel­ meß“, ,,Röhrling“ und „Hinter dem Berg“ gestochen. Der Torfstich „Hinter dem Berg“ befand sich in privater Hand und wurde nur in kleinerem Umfang genutzt. In den Zwanziger Jahren dieses Jahrhun­ derts gewann man in Pfohren Brenntorf in größerem Umfang. Torf als Hausbrand wurde damals auch nach Villingen und Schwenningen geliefert. Der Einsatz dieser Alternativenenergie war notwendig gewor­ den, als 1923 nach der Besetzung des Ruhr­ gebiets durch die Franzosen für rue Industrie nicht mehr genügend Kohle zur Verfügung stand. Die Pfohrener nutzten in der damali­ gen schweren Zeit die Gelegenheit, ihr karges Einkommen etwas aufzubessern. Für den Transport der Torfstücke zum Trockenplatz war sogar eine Rollbahn eingerichtet worden. Gestochen wurde der Torf in der Regel in

der Zeit vom 15. bis 30. Mai eines jeden Jah­ res. Zu Zeiten der stärksten Nutzung wurden in Pfohren etwa zwei Millionen Stück Torf pro Jahr gestochen. Zur Beheizung des Rat­ hauses, der Schule und der Kirche benötigte die Gemeinde rund 100.000 Stück Torf. Wie in den meisten privaten Haushalten auch, hat hier die ölbetriebene Zentralheizung den Torf als Energieträger längst abgelöst. Heute gehört das „Boschenstechen“ in Pfohren bereits der Vergangenheit an. Ernst Zimmermann Nachdem durch die Rheinbundakte 1806 Fürstenberg an Baden gefallen war, konnten die Gemeinden eigene Siegel führen. Die Pfohrener Siegel zeigten anfangs nur Schrift, später dann landwirtschaftliche Symbole (Garbe, Sense, Dreschflegel). Erst im Februar 1903 schlug das großher­ zoglich badische Generallandesarchiv Karls­ ruhe obiges Wappen vor, das von der Gemeinde angenommen wurde. Es zeigt die Jagdsymbole, umgeben vom Wolkenfeh­ Schildrand in Anlehnung an das fürstenber­ gische Wappen. Da Pfohren am !.Januar 1972 in die Stadt Donaueschingen eingemeindet wurde, ist das Wappen erloschen. Klaus Schnibbe Qyellen und Literatur: Generallandesarchiv Karlsruhe, Wappenakten Bez. Donaueschin­ gen. – G LA-Wappenkartei, Schwarzwald­ Baar-Kreis. – GLA-Siegelkartei, Schwarz­ wald-Baar-Kreis. – K. Schnibbe: Gemeinde­ wappen im ehemaligen Landkreis Donau­ eschingen, in: Schriften d. Vereinsf Geschichte u. Naturgesch. d. Baar in Donaueschingen, Band 33 (1980). schaft geprägte Dorf war ausschließlich auf dem Wohlstand von Ackerbau und Vieh­ zucht gegründet. Trotz vieler Neuerungen hat Döggingen seinen dörflich-ländlichen Charakter bis heute erhalten können. Die Geschichte des Ortes reicht weit zurück. Zu den Dorfadligen zählten Waldo de Decgingen (1083), S. Otwini de Teggingi 29 Das Wappen von Pfohren Wappen: Von blau-silbernem Wolkenfeh-Schild­ rand umgeben, in Rot zwei schräggekreuzte sil­ berne Jagdspeere, überlegt von einem linksgeltJen­ deten, goldbeschlagenen silbernen Hifthorn an goldener Fessel. Die Jagdsymbole im Wappen beziehen sich auf das unter dem Namen „Entenburg“ bekannte Jagdschloß, das Graf Heinrich von Fürstenberg im Jahre 1471 bei diesem schon früh fürstenbergischen Ort erbauen ließ. Döggingen Auf der Wasserscheide von Rhein und Donau liegt in der Westbaar zwischen 600 bis 800 Meter Höhe Bräunlingens größter Stadtteil Döggingen. Döggingen wird vom angrenzenden Landkreis Freiburg-Hoch­ schwarzwald durch die Gauchach getrennt und ist durch die B 31 in zwei Teile gespalten. Das ehedem vollkommen von der Landwirt-

(1102), Heinrich der Tegginger (1353), Hans Burckhart von Teck.ingen (1484) und Hans Ramhart der elter von Teck.ingen. Auch ein Schloß im nahen „Burgtal“ soll bestanden haben, Urkunden darüber lassen sich jedoch nicht finden. Dennoch waren Überreste davon bis zur Jahrhundertwende vorhan­ den. Das Dorf selbst wird erstmals am 26. November 1123 erwähnt. Der Abt von Rei­ chenau, Oldalrich, und Abt Werinher von St. Georgen tauschten Güter in Döggingen gegen solche in Friedenweiler. Das ehemals dort ansässige Frauenkloster verfügte über einen ansehnlichen Besitz in der Gemeinde. Auch das Kloster St. Blasien hatte gegen Ende des 13.Jh. einige Besitzungen auf der Gemarkung. Die Geschichte Döggingens reicht jedoch weiter zurück; dies beweisen die zahlreichen Keltengräber (Tumuli) um Döggingen und den benachbarten Orten. Im nahegelegenen Deggenreuscher Wald legten die Professoren P. Revellio und G. Rieger eine „villa rustica“, einen römischen Gutshof, frei. An Döggin- 30 gen vorbei führte eine Römerstraße durch das obere Gauchachtal nach Löffingen und weiter bis nach Freiburg. Nicht zu übersehen sind auch die Spuren der Alemannen. Die frühesten Alemannensiedlungen erkennt man an ihren Namen. Vorderhand waren es Perso­ nennamen, die den Ort bezeichneten. Die Nachsilbe ,,-ingen“ drückte ein Zugehörig­ keitsverhältnis aus. Döggingen bedeutet zunächst „bei den Leuten des Tacco“. Zahl­ reiche Funde, bei Ausgrabungen von Rei­ hengräbern freigelegt, lassen auf ein Grün­ dungsdatum im 6. Jahrhundert schließen. Die Schreibweise des Dorfnamens hat sich im Verlaufe der Jahrhunderte mehrmals gewandelt: aus Docgingen (1086) wurde Teg­ gingen (1123), Tegkingen (1431), Deckingen (1529), Thöckhingen (1627) und schließlich Döggingen im Jahre 1792. Der Ort war bis 1806 der Landgrafschaft Baar zugehörig und ging danach in den Besitz des Großherzog­ tums Baden über. Gelegen an einer strate­ gisch wichtigen Straße, die von der Baar über Freiburg nach Frankreich führte, hatte das

Dorf des öfteren unter kriegerischen Ausein­ andersetzungen zu leiden. Durchmarschie­ rende Truppen und Plünderungen während des Bauernkrieges, des Dreißigjährigen Krie­ ges und des Spanischen Erbfolgekrieges wollten kein Ende nehmen. Zweimal wurde Döggingen niedergebrannt. Das erste Mal 1632, zum zweiten Mal 1704. Nach dem Frie­ den zu Utrecht standen in Döggingen noch drei Häuser und der Kirchturm, der Rest des Dorfes war in Schutt und Asche versunken. Ins 13. Jh. geht der Beginn der Pfarrei zurück. Bereits 1275 gab es einen Vizepleba­ nus (Leutepriester). Die erste Kirche wird 1324 erwähnt, 1505 wird die „Mauritiuskir­ che“ erstmals genannt. In den Jahren 1530 bis 1550 waren Pfarrei und Pfarrpfründe einge­ gangen. Die Gemeinde wurde bis 1694 von der Pfarrei Unadingen mitversorgt. Über die engere Heimat hinaus bekannt wurde der einheimische Maler Ignaz Weißer (1809- 1880). Die meisten seiner Portraits befinden sich in Privatbesitz. Er steht in einer Reihe mit den einheimischen Schwarzwaldkünst­ lern. Im Gasthaus „Adler“ wurde in Erinne­ rung an Weißer 1966 die „Ignaz-Weißer­ Stube“ eingerichtet. Dort zieren einige Ori­ ginale von ihm die Wände des schmucken Nebenzimmers. Auch eine Dorfstraße ist nach ihm benannt. Über Jahrhunderte hinweg war Döggin­ gen wie die meisten Orte auf der Baar ein Dorf, das vorwiegend durch die Landwirt­ schaft geprägt war. 1925 zählte man 130 bäu­ erliche Betriebe, bei einer Bevölkerung von 650 Einwohnern. Mit dem Einzug der Tech­ nik in den dreißiger Jahren begann sich das Bild zu wandeln. Traktoren verdrängten die Gespanne und auch in anderen Bereichen wurde die Kraft von Mensch und Tier durch Maschinen ersetzt. Die technische Entwicklung führte im Laufe der Zeit auch zur Gründung von Handwerksbetrieben und Firmen. 1926 nahm die Lackfabrik Frei als Familienunter­ nehmen ihren Anfang und beschäftigt heute 280 Mitarbeiter. Die Firma zählt mittlerweile zu den namhaften Industrieunternehmen Die Maun“tiuskirche, Zeichnung von Franz Wintennantel Hüfingen des Schwarzwald-Baar-Kreises. 1933 begann Wilhelm Stark mit dem Aufbau einer Bau­ stoffhandlung in Döggingen. Nach dem 2. Weltkrieg erweiterte er das Unternehmen und baute 1954 in Villingen eine Niederlas­ sung auf, die ein Jahr später zum Hauptsitz des Unternehmens wurde. Heute zählt das Dorf25 Gewerbebetriebe, in denen auch zahlreiche Pendler aus dem Städtedreieck Arbeit finden. In den sechziger Jahren entstand eine nachhaltige Diskussion um die Gemeindere­ form. Bereits am 10. Oktober 1970 befaßten sich Bürger und Gemeinderäte mit der Frage der Eingliederung. Die Bürgerschaft äußerte den Wunsch, nicht nur mit Hüfingen, -dies entsprach dem Ziel der Reformplaner-son­ dern auch mit Bräunlingen in Verhandlung zu treten. Am 6. Dez.1970 schließlich kam es zur endgültigen Abstimmung: 299 Bürger (82,1 %) stimmten für den Anschluß nach Bräunlingen, 61 Bürger (17 %) dagegen. Der 31

Rathaus von Döggingen Abstimmung gingen lange und zähe Ver­ handlungen voraus. Die beiden Bürgermei­ ster Karl Schneider und Karl Ketterer unter­ schrieben „in gutem Geiste und ohne Vor­ behalte“ die Vereinbarungen des Vertrags­ werkes. Durch die Eingliederung Döggin­ gens war auch die Eigenständigkeit Bräunlin­ gens gesichert. Für Mittelpunktsgemeinden forderten die Reformer eine Mindestzahl von 5000 Einwohnern. Bräunlingen zählte nach der Eingemeindung von Döggingen 4977 Einwohner und hatte damit das Soll erfüllt. Mit dem 1. Januar 1971 wurde Döggingen größter Stadtteil von Bräunlingen unter der Bezeichnung „Stadt Bräunlingen, Stadtteil Döggingen“. In der Ortschaftsverfassung i t dem Stadtteil eine gewisse Selbständigkeit garantiert. So entsendet die Gemeinde z.B. drei Stadträte ins Stadtparlament von Bräun­ lingen, und acht Ortschaftsräte – an der Spitze der Ortsvorsteher-tragen die Belange der Dögginger Bevölkerung vor. Im Rathaus des Ortes verblieb bis heute die örtliche Ver- waltung. In dem geschlossenen Vertrag zwi­ schen Bräunlingen und Döggingen wurde festgelegt, folgende Maßnahmen durchzu­ führen: Erweiterung des Friedhofes und Bau einer Einsegnungshalle, Ausbau der Orts­ straßen und Gehwege, einen Zuschuß für den kirchlichen Kindergartenbau mit Schwesternhaus, Installierung einer Straßen­ beleuchtung und die Erschließung des Bau­ geländes im „Dürben“. Seit dem Wegzug von Pfarrer Franz Duff­ ner (1978) wird die Pfarrei vom Bräunlinger Stadtpfarrer verwaltet. Dankbar und froh sind die Dögginger, daß Pfarrer Engelbert Schneider – vormals Stadtpfarrer in Meers­ burg – seinen Ruhesitz in Döggingen gewählt hat. Trotz der Eingemeindung hat sich Dög­ gingen eine örtliche Eigenständigkeit be­ wahrt. Dafür sorgen schon die Vereine, die allesamt von der Stadt Bräunlingen Unter­ stützung erhalten. Die älteste Vereinigung des Dorfes ist die Feuerwehr, die 1865 gegründet worden ist. 32

Noch im selben Jahr gliederte sich die Feuer­ wehrkapelle an, aus der im Laufe der Zeit der Musikverein Döggingen hervorging. Kir­ chenchor und Gesangverein sind zwei wei­ tere wichtige Kulturträger in der Gemeinde. 1964 schlossen sich die Fußballer in der Sportvereinigung Döggingen zusammen. Eine sehenswerte Sportanlage mit Clubhaus beweist, was Eigenarbeit der Mitglieder mit der Unterstützung der Stadt zu leisten ver­ mag. Die Gründung des DRK Ortsverban­ des wurde beschleunigt durch das furchtbare Omnibusunglück am 6. Februar 1949 beim „Alten Posthaus“. Bei diesem Unfall fanden 22 Menschen den Tod und mehr als 44 Omnibusinsassen trugen z. T. schwere Ver­ letzungen davon. Dem Dögginger Ortsver­ band sind auch noch die Ortsverbände der Hüfinger Stadtteile Hausen vor Wald und Behla angegliedert. Die Frauen schlossen sich 1949 im Landfrauenverein oder in der Katholischen Frauenschaft zusammen. Eine noch junge Vereinigung_ ist der Drachenflie­ ger-Club Döggingen. Uber die närrischen Fastnachtstage regiert die Gauchenzunft – Mitglied der Schwarzwälder Narrenvereini­ gung – und stellt das ganze Dorf auf den Kopf. Der Fremdenverkehrsverein ist das jüngste Mitglied unter den Vereinen Döggin­ gens. 1979 von zwölf Initiatoren ins Leben gerufen, zählt er heute 40 Aktive. Diese sind darauf bedacht, die Gäste zu betreuen und die Wanderwege auszubauen. Erfreulich ist die große Zunahme der Übernachtungen. Wanderer und Wissenschaftler steuern übers Wochenende Döggingen als Naherho­ lungsziel an, bergen doch die wildromanti­ sche Gauchach- und Wutachschlucht in sich eine Fülle erdgeschichtlicher, botanischer und zoologischer Einzigartigkeiten. Der Ort ist die Anfangs- und oft auch Endstation sol­ cher Wanderungen oder wissenschaftlicher Exkursionen. Diese Raumschaft ist unter Fachleuten bekannt als eines der geologisch interessantesten Gebiete Deutschlands über­ haupt. Die Einwohnerschaft des inzwischen fast 1000 Seelen zählenden Dorfes bildet in sich eine Einheit. Alle Bürger äußern seit Jahr­ zehnten den Wunsch, die stark befahrene B 31 umzuleiten. Döggingen wird noch bis heute – Ebnet ausgenommen – als einzige Ortschaft zwischen Donaueschingen und Freiburg durch den zunehmenden Verkehr arg in Mitleidenschaft gezogen. Bund und Land haben Abhilfe fur diesesJahrzehnt ver­ bindlich zugesagt. Eine Untertunnelung soll die lärm- und abgasgeplagten Einwohner erlösen. Damit hofft man, der Gemeinde ein Stück Wohn- und Lebensqualität zurückzu­ geben, die dem Fortbestand und der weite­ ren Entwicklung nur dienlich sein können. Werner Dold ,f ,r Uff Kerbig kumme D‘ Kerbig ischt, laß d‘ Aarbet schtau, kascht mit mier gi danze gau; Walzer, Schottisch, hopsassa. Juhu, d‘ Musik fangt glii aa. Jörgli, mit dier danz ech nitt, mach dier nitt de Guetgnueg hitt; rännscht mier z’ville Scherzli noo. Se-do, nimm des Körbli doo. Guck, ech mag dech selli doch, bischt mii Schätzli aliwiil noch. lber’s Johr, wenn’s du witt haa, schteck ech dier de Ehring aa. Bhaalt dii Ringli, s‘ ischt ko Gold. Du bischt z’ville Meidli hold, schneigischt iberaal jo umme. Mier kascht du uff d’Kerbig kumme. Kätherli, leb wohl, bliib gsund. Fer mech schleet jetz d‘ Abschiidsschtund. Trag min Schmerz i d‘ Fremdi glii, glückli därf ech hie nitt sii. Scherzlijäger, s‘ gschieht dier reacht, häscht a mier jo ghandlet schleacht. Schnier din Binde!, treischt nitt schwär, de ischt we ’s Herz so liicht und leer. Gottfried Schafbuch 33

gen eine der ersten Gemeinden, die an die badische historische Kommission herantrat mit dem Wunsch, ein Wappen „mit ge­ schichtlichen Bezügen“ zu erhalten. Der Vorschlag des großherzoglich badi­ schen Generallandesarchivs Karlsruhe fand sofort Beifall des Gemeinderats, und schon im Spätjahr 1895 prangte das Wappen im neugestochenen Gemeindesiegel. Und so wurde es seither geführt. Am l.Januar1971 verlor Döggingen seine Selbständigkeit durch Eingemeindung in die Stadt Bräunlingen. Das Wappen ist damit für den amtlichen Gebrauch erloschen. Klaus Schnibbe Das Wappen von Döggingen Wappen: Gespalten von Blau und Cold, vom ein linksgewendeter, rotgezungter goldener Löwe, eine rotgestielte silberne Streitaxt in den Pranken hal­ tend, hinten ein blaubewehrter, rotgezungter roter Adler. Wir sehen hier eine Zusammenstellung des Wappens der Herren von Zimmern, die hier Besitz der Grafen von Fürstenberg zu Lehen hatten, mit dem Adler aus dem für­ stenbergischen Wappen. Erst seit der Ort 1806 mit Fürstenberg zu Baden geschlagen wurde, führte die Gemeinde eigene Siegel, die allerdings nur Alte Weide gegenüber der „Fischersäge“ an der ehern. Bregtalbahntrasse 34

Behörden und Organisationen Die Polizei, die Umwelt und der Verbraucherschutz Ein Beitrag über den Wirtschaftskontrolldienst Seit 1957 gibt es in Baden-Württemberg den Wirtschaftskontrolldienst (WKD), den Fachdienst unserer Polizei mit ganz beson­ derem Aufgabengebiet. Zum Wirtschaftskontrolldienst können sich nur ausgebildete Polizeibeamte bewer­ ben, die bestimmte fachliche und persönli­ che Voraussetzungen erfüllen und bereit sind, sich einer zusätzlichen 18monatigen WKD-Ausbildung zu unterziehen. In unserem Bundesland Baden-Württem­ berg haben die WKD-Beamten eine Doppel­ funktion: Sie sind Polizeibeamte mit allen strafpro­ zessualen und polizeirechtlichen Rechten und Pflichten. – Zugleich sind sie Lebensmittelkontrol­ leure, ebenfalls mit allen Rechten und Pflichten, die das bundesdeutsche Lebens­ mittelrecht für Kontrolleure vorsieht. – Diese Kombination von Polizeibeamter und Lebensmittelkontrolleur hat sich sehr gut bewährt. Aufgabengebiete der polizeilichen Wirt­ schaftskontrolldienste: – Da ist zunächst der Umweltschutz zu nennen, von dem ja alle gern und häufig reden. Der Gesetzgeber hat bestimmte umweltgefährdende und umweltschädi­ gende Handlungsweisen mit Strafen oder mit Geldbußen bedroht. Mit Absicht oder auch durch Fahrlässig­ keit werden häufig gefährliche Stoffe in unsere Oberflächengewässer oder in das Grundwasser eingeleitet und deren Beschaf­ fenheit nachteilig verändert. Abfälle werden oft nicht ordnungsgemäß entsorgt, sondern so, daß der Boden, das Wasser oder die Luft nachhaltig verunreinigt wird. Zudem sorgen Altlasten immer wieder, auch im Schwarz­ wald-Baar-Kreis, für neue Schlagzeilen. Die Sünden und die Sorglosigkeiten in den vergangenen Jahren beim Umgang mit wassergefährdenden Stoffen, insbesondere im industriellen Bereich, rächen sich jetzt bitter. Natürlich steht bei den Altlasten die oft kaum zu finanzierende Entsorgung im Vordergrund. Aber nicht immer sind die Taten verjährt. Manche Stoffe gelangen erst nach Jahren oder gar nach Jahrzehnten ins Grundwasser (z. B. chlorierte Kohlenwasser­ stoffe). Erst nach Abschluß dieses Vorganges setzt die strafrechtliche Verjährung ein. Die Umweltdelikte von heute sind die Altlasten von Morgen. So versucht der Wirt­ schaftskontrolldienst der Polizeidirektion Villingen-Schwenningen mit Gewässerbege­ hungen mit dem Wasserwirtschaftsamt Rott­ weil -Außenstelle Donaueschingen -, mit Hubschrauberflügen und auf andere Weise umweltrelevante Sachverhalte rechtzeitig zu erkennen und zu verfolgen. Natürlich wird hierbei eng mit dem Amt für Umweltschutz des Landratsamtes Schwarzwald-Baar-Kreis zusammengearbeitet, das zur Beseitigung der umweltwidrigen Zustände entspre­ chende Anordnungen erläßt. – Schwarzarbeiter und ihre Auftraggeber aufzuspüren und ihnen ihr sozialschädi­ gendes Treiben nachzuweisen, ist ein wei­ terer Aufgabenkomplex des Wirtschafts­ kontrolldienstes mit hoher Aktualität in Zeiten mit relativ vielen Arbeitslosen. Dabei geht es nicht nur um den Schutz der legalen Gewerbetreibenden vor den ,,schwarzen Konkurrenten“, die aus ver­ ständlichen Gründen billiger arbeiten und produzieren können, sondern auch um35

—····· 11 – . Altlast bei einer Industrieruine. Landratsamt und WKD bei gemeinsamer Lageerkundung Tatort Umwelt 36

WKD-Beamter und tierärztliche Sachverständige bei gemeinsamer Betriebskontrolle die Schäden in Milliardenhöhe, die den Trägem der Renten- und Krankenversi­ cherung und natürlich dem Finanzamt entstehen. – Wettbewerb ist ein wesentlicher Pfeiler unserer Marktwirtschaft. Er muß jedoch fair sein und sich in dem vom Gesetzgeber gezogenen Rahmen bewegen. Werbung muß wahr, also „lauter“ sein. Unlauterer Wettbewerb, also „schwindeln“ beim Waren- und Leistungsangebot kann die Polizeibeamten des Wirtschaftskontroll­ dienstes ebenfalls auf den Plan rufen. Der lautere Wettbewerb beginnt natürlich schon mit der korrekten Preisauszeich­ nung. Schließlich muß der Verbraucher wissen, wieviel er zu bezahlen hat. Schon so mancher Gewerbetreibende im Schwarzwald-Baar-Kreis wurde mit einem Bußgeld belegt, weil er die Verbraucher über die Preise seiner angebotenen Waren oder Leistungen im unklaren gelassen hat. – In Gaststätten, Metzgereien, Bäckereien und allen anderen Betrieben vom Herstel- ler bis zum Händler werden unvermutet Betriebskontrollen durchgeführt. Hier wirken auch meistens tierärztliche, gele­ gentlich auch ärztliche und chemische Sachverständige mit. Beanstandungen werden nach ihrer Schwere geahndet: die Möglichkeiten rei­ chen von der freundlichen Ermahnung bis zur Strafanzeige an die Staatsanwalt­ schaft. In gravierenden Fällen kann es auch zur Betriebsschließung durch die zuständige Behörde kommen. Jährlich werden im Schwarzwald-Baar­ Kreis ca. 1300 Proben von Lebensmitteln und Bedarfsgegenständen entnommen. Neben der ordnungsgemäßen Bearbei­ tung der Lebensmittel geht es natürlich auch um den Frischezustand und um die ordnungsgemäße Zusammensetzung. Sind die Grenzwerte für Schwermetalle oder Schädlingsbekämpfungsmittel ein­ gehalten? Ist der Farbstoff eines Spielzeu­ ges harmlos oder läßt sich durch den Spei­ chel der Kleinkinder gar Blei oder andere 37

giftige Stoffe herauslösen? Ist der vor­ geschriebene Fettgehalt eingehalten? Wie sieht es mit Krankheitserregern aus? Ist die Marrnelade gefärbt? Diese und tausend andere Fragen interessieren natürlich den Verbraucher sehr. Der Verbraucher kann sie nicht beantworten. Deshalb werden diese Lebensmittel und Bedarfsgegen­ stände vom Wirtschaftskontrolldienst eben an verschiedene Untersuchungsan­ stalten weitergegeben, damit sie kritisch unter die Lupe genommen werden. Natür­ lich wird dafür gesorgt, daß verdorbene oder sonst nicht verzehrsfähige Waren unverzüglich aus dem Angebot genom­ men werden. Neben teilweise empfindli­ chen Strafen und Geldbußen müssen die ertappten schwarzen Schafe in Einzelfälle auch mal mit der Schließung des Betriebes durch die zuständige Behörde rechnen. Zum Abschluß noch einen Blick hinter die Kulissen: Der polizeiliche Wirtschafts­ kontrolldienst hat seinen Sitz im Gebäude der Polizeidirektion Villingen-Schwennin­ gen, Stadtbezirk Villingen, In den Ziegelwie­ sen 2a. Er ist unter der Telefonnummer 0 77 21/60 11 erreichbar. In Donaueschingen gibt es noch eine Außenstelle und zwar im Gebäude des Poli­ zeireviers, Telefon 07 71/20 11. Derzeit versuchen insgesamt 9 Polizei­ beamte im Wirtschaftskontrolldienst – davon 3 in Donaueschingen – den vorge­ nannten Aufgaben gerecht zu werden. Ihr Motto ist: Den Verbraucher vor Übervortei­ lung und körperlicher Beeinträchtigung zu schützen. Adolf Schweizer Auch im Schwarzwald-Baar-Kreis: Der „Weiße Ring“ hilft Kriminalitätsopfern Im Schwarzwald-Baar-Kreis besteht schon seit mehreren Jahren eine Außenstelle des “ Weißen Rings“. In einer kleinen Feierstunde am 7. Fe­ bruar 1990 wurde im Matthäus-Hummel-Saal im Stadtbezirk Villingen in Anwesenheit des Regionalvertreters für Baden-Württemberg, Herr Präsident des Landeskriminalamtes i. R. Kuno Bux, die hiesige Außenstelle reaktiviert. Aus die­ sem Anlaß wird der“ Weiße Ring“ im Schwarz­ wald-Baar-Kreis unseren Almanachlesem vorge­ stellt. Derzeit wird die Außenstelle getragen von einem Außenstellenleiter und neun Mitarbeitern. Alle sind ehrenamtlich und in der Freizeit tätig. In der Polizeilichen Kriminalstatistik des Jahres 1988 wurden mehr als 4,3 Millionen Vergehen und Verbrechen (ohne Verkehrs­ straftaten) registriert; die Zahlen für 1989 werden etwa die gleiche Größenordnung haben. Zu fast jeder Straftat gehört auch minde tens ein Opfer. Statistisch gesehen wird damit jährlich fast jeder 14. Bundesbür­ ger durch kriminelles Unrecht getroffen. 38 Etwa 46 0/o aller Straftaten werden geklärt; sie sind ca. 1,3 Millionen Tatverdächtigen zuzuordnen. Häufig stehen diese Beschul­ digten im Mittelpunkt des öffentlichen In­ teresses, man versucht, ihre Beweggründe zur Tat zu verstehen. Über dieses Täterinter­ esse wird nicht selten das Opfer vergessen, ja mit seinem Schicksal alleingelassen. Staatli­ che Hilfen sind keineswegs so ausgestaltet, wie das zu erwarten wäre. Auch das 1976 ver­ abschiedete Opfer-Entschädigungsgesetz (OEG) bietet wenig Linderung, da der tat­ sächliche Umfang der Leistungen bei weitem nicht den Erfordernissen entspricht. Haben sich schon früh in unserem Staat Hilfsorganisationen gebildet, die sich mit der Resozialisierung der Straftäter befaßten (eine Aufgabe, die unbestreitbar ebenfalls notwendig ist), so dauerte es bis 1977, bis ein Verein gegründet wurde, der sich der Opfer­ arbeit widmete: der „Weiße Ring“. Eduard Zimmerrnann, der durch seine XY-Sendung immer wieder auf menschlich großes Leid

aufmerksam wurde, unterstützt durch nam­ hafte Persönlichkeiten aus allen gesellschaft­ lichen Bereichen, war der Initiator. Der „Weiße Ring“ erhielt die Rechtsform eines eigentragenen gemeinnützigen Vereins. Viele Aufgaben, denen sich der „Weiße Ring“ verschrieben hat, sind ihrem Charak­ ter nach eine Art erweiterter Nachbarschafts­ hilfe. Sie können deshalb nur dort erfüllt werden, so sich die Kriminalität abgespielt hat und wo das Opfer betroffen wurde. Daher richtet der „Weiße Ring“ Außenstel­ len ein, welche am Geschehensort die Opfer­ betreuung übernehmen können. In der tägli­ chen Arbeit wird eine enge Kooperation mit allen Behörden und anderen geeigneten Hilfsorganisationen verwirklicht. Bedingt durch den steigenden Bekannt­ heitsgrad des „Weißen Rings“ und seiner ständigen Erreichbarkeit 1, ist Anfang 1990 die Zahl der Hilfeersuchen erheblich gestie­ gen. Allein im ersten Quartal waren es mehr als ein Dutzend. Aus der daraus erwachsenen Betreuungsarbeit stammen die nun aufge­ führten Beispiele2. 1. In der vorweihnachtlichen Zeit hatte eine 39 Jahre alte Frau aus einer Schwarzwald­ gemeinde eine Vergewaltigung über sich ergehen lassen müssen, die tiefe Depres­ sionen und Ängste in ihr hervorriefen. Sie, die auf Grund von Behinderungen nicht voll erwerbsfähig war, mußte zum Schutz ihres Lebens vor der Selbsttötung in ein Krankenhaus eingewiesen werden. Dort setzte die Betreuungsarbeit des „Weißen Ringes“ ein. Vor allem persönli­ che Begleitung, Beratung zur Beseitigung der psychischen Tatfolgen und die Wie­ dereingliederung ihren üblichen Lebensablauf stand im Vordergrund der Bemühungen. Eng wurde mit den Ärzten im Krankenhaus und den Verantwortli­ chen an ihrer Arbeitsstelle zusammenge­ arbeitet. Ein Rechtsanwalt zur Unterstützung der Opferrechte wurde vermittelt; er wird im Prozeß die juristische Beratung, wir die menschliche Begleitung geben. in 2. Zu Beginn des Jahres kam in einer deut­ schen Großstadt ohne vorausgehenden Grund ein junger Mann durch die Gewalt­ handlungen einer Gruppe von Schlägern ums Leben. Die in unserem Landkreis wohnenden Angehörigen waren neben ihrem Leid jetzt auch einer Reihe von finanziellen Folgerungen ausgesetzt, die sie nicht alleine verkraften konnten. Von den Tätern, die noch auf ihren Prozeß warten, ist derzeit nichts zu holen. Auch hier stand die persönliche Betreu­ ung im Vordergrund, genauso notwendig war die Hilfe eines Anwaltes und die Ent­ lastung von den Kosten. Mit bisher mehr als 6000,-DM konnte hier der „Weiße Ring“ wenigstens die finanziellen Bela­ stungen abfangen; weitere Unterstüt­ zung, z.B. für Erholungsmaßnahmen, sind noch möglich. 3. Aus der Presse wohlbekannt war ein Tötungsdelikt, in dessen Folge nunmehr die hinterbliebenen Kinder die eigentlich Leidtragenden sind. Ihnen die Folgen der Tat zu bewältigen helfen, wird noch viel Betreuungsarbeit und auch einiger mate­ rieller Hilfen bedürfen. 4. Es muß nicht immer Totschlag und Ver­ gewaltigung sein. Auch bei anderen Delikten steht oft eine menschliche Tra­ gödie im Kleinen an. So z.B. ein Handta­ schenraub, bei dem der entstandene Scha­ den zwar materiell nicht sehr hoch war, das Opfer sich danach jedoch nicht mehr alleine auf die Straße wagte, aus Furcht, nochmals überfallen zu werden. Hier half schon alleine die Begleitung bei einigen Besorgungen, der Ausgleich des Raub­ schadens war dabei fast nur noch Zugabe. 5. Manchesmal geschehen auch Dinge, die gar keine Außenwirkung haben und von niemandem bemerkt werden. Dies war auch bei einem Diebstahl der Fall, bei dem der Täter ein jüngerer Familienange­ höriger war. Er stahl der Oma zu Monats- 39

anfang die Rente. Die alte Frau versuchte, den Monat über ohne Geld zu leben. Aus Scham vertraute sie sich niemanden an. Schließlich wußte sie sich keinen Rat mehr-ihr Konto zu überziehen, traute sie sich nicht – und versuchte, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Hier bestand die erste Hilfe des „Weißen Rings“ im Einkauf von Lebensmitteln und der Beratung, wie sie sich vor weiteren Diebstählen schützen kann. Die persönliche Betreuung dauert weiterhin an. Es sind nicht immer große Angelegenhei­ ten, in denen zu helfen ist. Immer jedoch wird die Straftat als bedeutenden Eingriff in das persönliche Leben verstanden; nicht jeder ist in der Lage, dies selbst zu bewältigen. Häufig genügt deshalb der Zu pruch, die Beratung und die Hilfestellung beim Ausful­ len von Formularen. Dabei bewährt es sich, daß die Möglichkeiten der Opferhilfe durch Haus „Im Grund‘: Brigach. Ölbild: Klaus Burk den „Weißen Ring“ so vielfältig sein können, wie dies auch die Kriminalität ist. Es ist immer im Einzelfall festzustellen, was am besten die Tatfolgen mildert. Die Bedingungen, zu denen der „Weiße Ring“ hilft, sind einfach; es muß eine vor­ sätzliche Straftat vorliegen, nach der eine Person hilfebedürftig (im weitesten Sinne) ist. Im Klartext: auch die ideelle Hilfe bei dem, der keiner materiellen Unterstützung bedarf, wird durch den „Weißen Ring“ gerne gegeben! Nicht erforderlich ist eine polizeili­ che Anzeige, wenngleich wir in den meisten Fällen dazu anraten. Vom „Weißen Ring“ bezahlte Hilfen brauchen nicht zurückbezahlt werden; die Mitgliedschaft ist nicht verlangt und ohne Einfluß auf die Unterstützung. Um rasch und unbürokratisch erste Not zu lindern, hat der Leiter der Außenstelle einen ausreichenden finanziellen Spielraum; 40

er kann auf der Stelle einen namhaften Betrag ausbezahlen. Er verfügt auch über Beratungsschecks für die Rechtsberatung bei einem Anwalt eigener Wahl. Im Bereich der Verbrechensvorbeugung unterstützt der „Weiße Ring“ überregional und örtlich die Aufklärungsarbeit der Poli­ zei. Im Schwarzwal -Baar-Kreis ist dazu eine vorbildlich zu nenn(l(lde Zusammenarbeit vorhanden; so ist z.B. dem „Weißen Ring“ gestattet, den polizeilichen Stand auf der in der Region sehr bedeutsamen Südwest­ Messe mitzunutzen. Wie wird der „Weiße Ring“ finanziert? Erste Träger unserer Hilfsarbeit sind selbst­ verständlich die Mitglieder. Ca. 35.000 sind es bundesweit, darunter zahlreiche bekannte Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur. Weiter erhalten wir Spenden sowie Bußgeldzuweisungen durch die Gerichte. Vereinzelt werden wir auch mit Nachlässen bedacht. Nur ein kleiner Anteil der Einnah­ men wird für die Verwaltungsarbeit benötigt; der Löwenanteil kommt der Opferhilfe Das Postamt in Triberg Das Postamt Triberg ist an der Schnitt­ stelle zum Ländlichen Bereich, versorgt es doch mit seinen angegliederten Amtsstellen rund 57.000 Einwohner auf einer Fläche von 460 qkm mit allen postalischen Dienstlei­ stungen. Das Postamt ist seit Mai 1984 in einem neuen, repräsentativen Gebäude in der Triberger Unterstadt untergebracht. Rund 80 Mitarbeiter fanden hier endlich moderne und freundliche Arbeitsplätze vor, nachdem sie ihren Dienst jahrelang in den beengten Räumen des alten Postamtsgebäu­ des in der Hauptstraße verrichten mußten. Der Paketumschlag mußte in dieser Zeit sogar-und dies sommers wie winters -unter &eiern Himmel am Triberger Bahnhof erle­ digt werden. Dem Postamt Triberg sind 24 Postdienst­ stellen unterstellt, und zwar die zugute. Die sparsame Verwendung der Gel­ der wird jährlich von einer unabhängigen Institution überprüft. Wer kann Mitglied werden? Jeder, der bereit ist, die Opfer der in unserer Gesell­ schaft wohl unvermeidlichen Kriminalität zu unterstützen. Der Mindestmonatsbeitrag beträgt 3,- DM (36,- DM/Jahr). Damit helfen Sie, Leid und Not zu lindem, die jeden auch von uns treffen können. Es wäre sehr erfreulich, wenn dieser Artikel dazu bei­ tragen könnte, den „Weißen Ring“ auch im Schwarzwald-Baar-Kreis durch weitere Mit­ glieder zu stärken. Klaus-Jürgen Müller 1 Die Ansprechbarkeit ist gewährleistet über den Verfas­ ser, Klaus-Jürgen Müller, Baarstr. 5, Aixheim, 7209 Aldingen 2, Tel. 0 7424/8103. Hier können auch wei­ tere Informationen über den .Weißen Ring“ erlangt werden. 2 Namen, Orte und Umstände sind aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes der Opfer teilweise verän­ dert! Postämter Post­ stellen I Furtwangen Gütenbach Hornberg Königsfeld St. Georgen 1 St. Georgen 2 Schönwald Schonach Tennenbronn Vöhrenbach Furtwangen 4 (Neukirch) Furtwangen 5 (Rohrbach) Furtwangen 6 (Schönenbach) Königsfeld 3 (Burgberg) Königsfeld 4 (Erdmannsweiler) Königsfeld 6 (Neuhausen) St. Georgen 4 (Peterzell Triberg 2 (Nußbach) Triberg 3 (Gremmelsbach) 41

Vöhrenbach 2 (Hammereisenbach) Königsfeld 2 (Weiler) Post- stellen II Königsfeld 5 (Buchenberg) St. Georgen 3 (Langenschiltach) Vöhrenbach 3 (Urach) Für diese Postdienststellen nimmt das Postamt Triberg bestimmte Verwaltungs­ und Betriebsaufgaben wahr. Ämtern zusammengefaßt. Unter Verwal­ tungsaufgaben versteht die Post z.B. Perso­ nalangelegenheiten (Mitarbeiter einstellen, aus- und fortbilden, betreuen), Verwaltung der Gebäude und Grundstücke, Kunden­ beratung, interne Buchhaltung, Betriebssi­ cherung, Personal- und Betriebswirtschaft u.ä. mehr. Neben dem Postamt Triberg gibt es im Verwaltungsaufgaben Im bisherigen dreistufigen Verwaltungs­ aufbau der DBP (Zentrale, Mittelbehörden und Ämter) sind Post- und Fernmeldeämter dem Ministerium für das Post- und Fernmel­ dewesen sowie den Oberpostdirektionen unterstellt. Postämter versorgen ihre Kun­ den mit Post- und Postbankdienstleistungen, z.B. Annehmen und Ausliefern von Briefen und Paketen, Ein- und Auszahlungen im Post parkassen- und Postgirodienst. Aus organisatorischen Gründen werden bestimmte Verwaltungsaufgaben bei zentral gelegenen 42 Schwarzwald-Baar-Kreis ein weiteres Post­ amt mit Verwaltungsdienst, nämlich das­ jenige in Villingen-Schwenningen. Betriebsaufgaben Als sogenanntes „Bereichsknotenamt“ ist das Postamt Triberg für die postalische Ver­ und Entsorgung seines Bereichs zuständig. Die Größe de Versorgungsbereichs eines Postamts läßt sich leicht an der Postleitzahl erkennen: So gehören z.B. alle Orte, deren Postleitzahl mit 774 beginnen, zum Bereich

des Postamts 7740 Triberg und werden somit im Postein- und -abgangsdienst von dort betreut. P o s t e i n g a n g . Im Laufe eines Werktags erhält das Postamt Triberg über 11 Verbin­ dungen auf Straße und Schiene Briefe, Pakete und Päckchen für die Empfänger in seinem Amtsbereich. Der Haupteingang liegt dabei frühmorgens, die erste Post erreicht Triberg bereits um 4.45 Uhr. Rund 50.000 Briefe sowie über 2.000 Pakete und Päckchen sind es, die durch massierten Per­ sonaleinsatz hier täglich bis spätestens 7.15 Uhr auf die Zustellorte verteilt werden. Nach einem festgelegten Zeitplan bringen 7 Kraft­ fahrzeuge, sogenannte Landposten, die Briefe und Pakete anschließend zu den Ziel­ orten, z.B. zum Postamt Furtwangen. Dort werden die Sendungen dann in die Postfä­ cher bzw. auf Zustellbezirke verteilt und im Laufe des Vormittags durch Briefträger zu Fuß bzw. motorisierte Paket- und Landzu­ steller ausgeliefert. P o s t a b g a n g . Für das Einliefern der Sendungen stehen den Kunden im Bereich des Postamts Triberg die genannten 24 Post- dienststellen sowie 124 Briefkästen zur Verfü­ gung. Die eingelieferte Post wird von jedem Postamt selbst nach einem festen Zeit- 43

plan eingesammelt, wobei die Briefkästen werktags mindestens einmal, einige sogar mehrmals täglich geleert werden. Bei den Postämtern werden die Sendungen geordnet und gestempelt. Abends werden die versand­ fertigen Sendungen dann auf 5 Rundkursen bzw. Stichfahrten bei den Postämtern und Poststellen im Landbereich abgeholt und zum Postamt Triberg gebracht. Von dort gehen sie – sechsma1 täglich, wobei der Hauptabgang zwischen 18.30 Uhr und 19.00 Uhr liegt-teils mit Kraftfahrzeugen der Post, teils mit der Bahn zum zuständigen Brief­ und Paketumschlag nach Offenburg, wo sie mittels moderner Verteilanlagen auf die Empfangsorte in der gesamten BRD weiter­ verteilt werden. Die Zentralisierung des Postabgangs auf große Brief- und Paketumschläge und der Einsatz modernster Technik ist nötig, um die Sendungen schnell und sicher zu den Emp­ fängern zu befördern. Bei den Beförderungs­ zeiten gibt sich die Post eigene Vorgaben: So sollen die sogenannten vollbezahlten Brief­ sendungen (Briefe, Postkarten, Einschreiben 44 und Wertbriefe) den Empfänger am Tag nach der Einlieferung (E + 1) erreichen; dies ist z. Z. bei ca. 93 0/o der Sendungen der Fall. Pakete bis 300 km Entfernung sollen 2 Tage, über 300 km 3 Tage nach der Einlieferung beim Empfänger sein; diese Zielsetzung wird zu rund 80 0/o erreicht. Für gebührenbegün­ stigte Sendungen (Drucksachen, Massen­ drucksachen) gelten andere Beförderungs­ zeiten. Um die eigenen Vorgaben einzuhal­ ten, bedient sich die Post eines besonderen Beförderungsnetzes: Ein Schnellgüterzug­ netz für Pakete sowie das Intercity-Netz für Briefsendungen und, wo „E + 1″ über Schie­ ne nicht erreichbar ist, das Nachtluftpost­ netz. A n n a h m e d i e n s t . Die Gliederung des Postamtsbereichs Triberg zeigt recht deut­ lich, daß sich die Postbetriebsorganisation eng an die politische Organisation im kom­ munalen Bereich anlehnt. Während in den politisch selbständigen Städten und Gemein­ den Postämter vorhanden sind, die neben Annahmetätigkeiten – wie oben gesehen – auch Aufgaben der Postzustellung und Post-

beförderung übernehmen (Ausnahme: Das Postamt St. Georgen 2 ist ein reines Annah­ mepostamt ohne Zustellaufgaben), gibt es in den meisten „eingemeindeten“ Ortsteilen Poststellen I und II mit reinen Annahme­ funktionen. Für den Postkunden ist diese innere Organisation jedoch ohne große Bedeutung, bieten doch Postämter und Post­ stellen im Annahmedienst grundsätzlich die gleichen Dienstleistungen an. Die Einrichtung von Annahmestellen als Postamt, Poststelle I oder Poststelle II ge­ schieht nicht willkürlich, sondern richtet sich nach dem tatsächlichen Bedarf Denn die Post ist nicht, wie vielfach angenommen, Teil des Bundeshaushaltes und dadurch Empfänger von Zuschüssen; vielmehr führt sie einen eigenen Haushalt, muß daher not­ wendigetweise ihre Ausgaben aus ihren Ein­ nahmen decken und zusätzlich 10 O/o der Ein­ nahmen an den Bundesfinanzminister ab­ führen. So ist die Einrichtung bzw. Erhal­ tung von Annahmepostämtern, Poststellen I und II vordringlich eine Frage der Wirt­ schaftlichkeit. In bedeutenden Orten bzw. Ortsteilen mit starkem Postverkehr nehmen Postämter, die von qualifizierten Fachkräf­ ten geleitet werden, die Annahmetätigkeiten wahr. In Orten mit geringerem Postbetrieb unterhält die Post Poststellen I, wenn zur Bewältigung des Postdienstes mindestens 11 Wochenstunden nötig sind. In noch kleine­ ren Orten werden Poststellen II eingerichtet; Voraussetzung ist jedoch, daß auch hier min­ destens 6 Wochenstunden an postalischen Arbeiten anfallen. Wo kein echter Bedarf für eine Poststelle mehr vorhanden ist, wird die Post auch keine Annahmestelle mehr unter­ halten. Für die Existenz bzw. Größe einer Postanstalt ist also das Verhalten der Post­ kunden, d. h. die Inanspruchnahme der Dienstleistungen der Post vor Ort, von ent­ scheidender Bedeutung. Uwe Schwarzwälder Sunntig De Samschtig dreäset hoametzue, er ischt so müed und will i d’Rueh. Bim Sunntig klopfet er no aa, der schlooft im Schtübli nebetdra. Wie schlooft des Büebli rüeig und guet, will ninnt si Gwisse drucke duet. Hä guck, scho riibt’s sech d‘ Äugli uus, zwoa Stearnli blinzlet heall do druus. Es leit vergniegt ’s blau Schööbli aa, knipft ’s frischgesterkt Krägli, ’s wiiß, no draa und schtriichlet d‘ Löckli ussem Gsecht. Soo Büebli, suuber bischt jetz grecht. Sin Bündel hängt de Sunntig um und nimmt de Wanderstab, de krumm. De Vollmau schtoht scho vorem Huus und treit ’s Laternli no voruus. Berguff goht’s über Schtock und Schtoa; meng Blüemli grüeßt verhofft am Roa. Am Himmel giit’s e goldni Bruck. De Vollmau drillet ’s Dächtli zruck. Es fingerlet dor’s Gwilch en Schii und striichlet ’s Büeblis Bäckli glii. ’s word heall und healler noo und noo. Jetz ischt si Modder, d‘ Sunn, scho doo. E Schmützli kriegt ’s lieb Sunntigkind, goht mit de Sunn talabwärts gschwind, und wo si gond und wo si schtond, si Sege und e Liedli lond. Hai, Mesmer, d’Bättziitglocke liit. – – I d’Boor de Sunntig friindli ziiht. Gottfried Schafbuch dreäset /eil /reit Dächtli Gwilch gond und schtond = gehen und stehen /ond = mühselig gehen = anziehen = trägt = Docht = Wölkchen = lassen 45

Schulen und Bildungseinrichtungen Modemes Schulwerk mit Tradition: Die Zinzendorfschulen in Königsfeld Der nachfolgende Beitrag setzt die Reihe der Abhandlungen über die Zinzendo,fschulen in Königsfeld (Almanach 83, S. 37-39; Almanach 84, S. 33-36)/ort. Ein modernes Schulwerk mit gewachsener Tradition sind die Zinzendorfschulen der Herrnhuter Brüdergemeine in Königsfeld. 1989 begingen sie das) ubiläumsjahr zur Erin­ nerung an ihr 175jähriges Bestehen mit Vor­ trägen, Konzerten im Kirchensaal, einer Aus­ stellung über Geschichte und Gegenwart der Schulen in der Villinger Kreissparkasse, der Teilnahme an der Südwestmesse in Schwen­ ningen, einem Rockkonzert als ,Jubiläums­ bonbon“ für die Schüler sowie einer Vielzahl sportlicher und kultureller Ereignisse. Sehr gut besucht waren die Aufführun­ gen der Schultheater-Arbeitsgemeinschaften, „Momo“ und „Romulus der Große“, sowie eine Kunstausstellung mit Werken ehemali­ ger und tätiger Lehrer und ehemaliger Schü­ ler. Den Höhepunkt des Jubiläumsjahres bil­ dete das große Festwochenende Ende Sep­ tember 1989. Hunderte von Gästen erlebten Fe takt und Festgottesdienst im Kirchensaal sowie das bunte Rahmenprogramm. Als Festredner konnte Professor Dr. Boris Uher (Prag) gewonnen werden. Er stellte ,Johann Arnos Comenius – Pädagoge und Christ“ vor. Die pädagogischen Leitlinien Come­ nius‘, dessen 400. Geburtstag 1992 gefeiert wird, sind heute noch Grundlage der Arbeit an den Zinzendorfschulen. Eine Festschrift gibt Auskunft über die geschichtliche Entwicklung und die aktuel­ len Schwerpunkte der staatlich anerkannten Privatschule. Träger der Zinzendorfschulen ist die Herrnhuter Brüdergemeine, eine Frei­ kirche, die der evangelischen Kirche Deutsch- 46 lands angegliedert ist. Ihr Losungsbuch wird jährlich weltweit in Millionenauflage und 38 Sprachen verbreitet. Der bekannte Bischof der alten Brüder-Unität, Johann Arnos Comenius (1592-1670), gilt als Begründer der modernen Pädagogik. Die Zinzendorf­ schulen fühlen sich als Bewahrer seines Gedankens: ,,Die Schule soll in einer gelö­ sten Unterrichtsatmosphäre zur Entwick­ lung der besten Anlagen führen und eine Werkstätte der Menschlichkeit sein.“ Der Erneuerer der alten Brüder-Unität, Nikolaus Reichsgraf von Zinzendorf (1700- 1760), war ein überzeugter Fürsprecher reli­ giöser Toleranz und engagierter Pädagogik: ,, … man soll die Kinder nicht zu Kopien machen, sondern im Lauf der Natur nachge­ hen und ihn heiligen.“ Die Entwicklung der Zinzendorfschulen und der Gemeinde Königsfeld sind untrenn­ bar miteinander verbunden. Bereits 1801 wünschten württembergische Diaspora­ Mitglieder der Brüder-Unität Ausbildungs­ stätten für Jungen und Mädchen, gleichzei­ tig sollte ein Sammlungsort im Land geschaf­ fen werden. Die Wahl fiel per Losentscheid 1804 auf den Hörnlishof im Schwarzwald. 1807 wurden in den Ortsplänen der neuen Brüdergemeine – noch vor der Geburt des ersten Kindes – Mädchen- und Knabenan­ stalten eingezeichnet. Mit einer kleinen Mädchenanstalt begann das Schulwesen 1809 im gerade eineinhalb Jahre alten Brüdergemeinort, nun Königs­ feld genannt. 1813 folgte die Knabenanstalt. Aus der Mini-Schule mit sechs Mädchen von 1809 ist ein zeitgemäßes Schulzentrum mit rund 670 internen und externen Schü­ lern gewachsen. Inzwischen sind die Zinzen­ dorfschulen nicht nur prägendes Element

Der Königifelder Kirchensaal – eine malerische Kulisse für den Zeichenunterricht an den Zinzen­ dorfschulen Computerunterricht an den Königifelder Zinzen­ dorfschulen (Rechts oben) Naturnaher Unterricht am Biotop der Zinzen­ dorfschulen in Königifeld (Rechts Mitte) Die „bienenßeißige « Schulimkerei der Königifel­ der Zinzendorfschulen (Rechts unten) des Kurortes Königsfeld, sondern auch des­ sen größter Arbeitgeber. In einer Atmosphäre der Toleranz und Weltoffenheit fühlen sich Schülerinnen und Schüler aus mehr als zehn Nationen gebor­ gen. Das Leitbild für ganzheitliche Pädago­ gik und einfühlsame Erziehung ist seit den Anfangsjahren unverändert der Grundsatz verständnisbereiter Nächstenliebe. Die Zin­ zendorfschulen bereiten nicht nur mit einer 47

guten Erziehung und Bildung auf das Beste­ hen in der Welt von heute und morgen vor: Verständnisvolle Zuwendung und respekt­ voller Umgang entwickeln und fördern die Fähigkeit zu Engagement, Verantwortungs­ bewußtsein und Zivilcourage. Traditionell sind in Königsfeld Lehrer und Erzieher für die Schüler „Schwestern“ und „Brüder“. Diese vertrauliche Anrede trägt zu einer engen Verbundenheit bei, die oft ein Leben lang erhalten bleibt. Die hohen Besucher­ zahlen bei den jährlichen Altschülertreffen zeigen dies deutlich. Ein gemeinsames Leh­ rerkollegium unterrichtet in überschaubaren Klassen nach den baden-württembergischen Lehrplänen an allen neun Schulzweigen. Diese enge Kooperation eröffnet eine ungewöhnliche Durchlässigkeit: Kurskor­ rekturen der schulischen Laufbahn sind unproblematisch möglich. Wege und Über­ gänge richten sich ganz nach den persönli­ chen Begabungen und Neigungen der Kin­ der und Jugendlichen. Sämtliche Abschlußprüfungen im eige­ nen Haus sind staatlich anerkannt. Die diffe­ renzierten Möglichkeiten der Ausbildung an den Allgemeinbildenden und an den Beruf­ lichen Zinzendorfschulen reichen von der Fachschul-/Mittleren Reife über die Fachhoch­ schulreife bis zur Allgemeinen Hochschulreife am Zinzendorf-Gymnasium oder an einem der Beruflichen Gymnasien (Wirtschaftswis­ senschaftliches-Gymnasium, Ernährungs­ wissenschaftliches-Gymnasium). Sie werden von praxisnahen Ausbildungen in sozial­ pädagogischen Berufsfeldern abgerundet. Gefragt sind die Absolventen der Fachschule für Sozialpädagogik (Abschluß: staatlich anerkannte Erzieher), der Berufsfachschule für Kinderpflege (Abschluß: staatlich aner­ kannte Kinderpfleger) sowie der zweijäh­ rigen Hauswirtschaftlich-sozialpädagogischen Berufsfachschule. Ein ungewöhnliches Kooperationsmodell eröffnet hochbegabten jungen Musikern eine besondere Chance. Sie können parallel zum Schulbesuch an den Zi.nzendorfschulen eine instrumentale Ausbildung in den Vor- 48 klassen der Staatlichen Hochschule für Musik in Trossingen absolvieren und so frühzeitig eine Karriere als Berufsmusiker ansteuern. Oberstudiendirektor i. R. Dr. Hans-Jürgen Kunick Studiendirektor Knut Schröter Rund ein Drittel der 670 Zinzendorfschü­ ler lebt in einem der fünf angegliederten In­ ternate für unterschiedliche Altersstufen. Die Tagesheimschule mit Mittagstisch, Hausauf­ gabenbetreuung und Freizeitgestaltung wird gerne von Schülern aus der Region besucht. Zahlreiche Arbeitsgemeinschaften schaf­ fen eine lebendige Verbindung zwischen Schule, Internaten sowie den externen Schü­ lerinnen und Schülern. Sie tragen dem ganz­ heitlichen pädagogischen Ansatz Rechnung. Kulturelle, musische und sportliche Grup­ l?_en sind begeisternde Anziehungspunkte. über beste Möglichkeiten verfügt die Schuldruckerei, deren Leistung vom baden­ württembergischen Kultusministerium aus­ gezeichnet wurde. Sämtliche Drucksachen der Schule werden mittlerweile von den Jungdruckern hergestellt: die eigene Schul­ zeitung „Schulpost“, der traditionelle Schul­ kalender, Broschüren für Elterntage, Buttons und Aufkleber. Im Jubiläumsjahr 1989 feierte auch die beliebte Schulfeuerwehr ihr lSjähriges Beste­ hen. Die jungen Feuerwehrleute versehen ihren vorbildlichen Dienst am Nächsten mit großem Engagement. Die Träger der Lei­ stungsspange unterstützen die Ortsfeuer­ wehr König feld bei Einsätzen. Theatergrup­ pen, die „schlagkräftige Schach-AG“ und die „bienenfleißige“ Schulimkerei haben einen sehr guten Zulauf. Bei Turnieren und Wett­ bewerben sichern sich die Sportler der Zin­ zendorfschulen regelmäßig vordere Plätze. Für den Schüleraustausch wichtig sind die Verbindungen zu den Partnerschulen. Die Moravian Academy in Bethlehem (USA) und die Fulneck Boys‘ School in West York­ shire (Großbritannien) sind ebenfalls Ein­ richtungen der weltweit wirkenden Herrn­ huter Brüdergemeine.

,,Intellektuelle Pioniere der sonnigen Bergstadt“ – 25 Jahre Abitur in St. Georgen Mit dem 21. September 1903 begann das höhere Schulwesen in St. Georgen: 15 Jun­ gen und acht Mädchen traten in die „Sexta“ der neuen Bürgerschule ein, die am 30. April 1905 in ihr neues Haus (heute die Robert­ Gerwig-Schule) einziehen konnte. Sehr bald nach dem Zweiten Weltkrieg (am 18. 7. 1946) bemühte sich der neue Bür­ germeister Riemensperger um die Wieder­ einrichtung der Sexta und der übrigen Klas­ sen bis Untersekunda (Kl. 5 -10); das Badi­ sche Ministerium des Kultus und Unter­ richts Freiburg – Französische Besatzungs­ zone – genehmigte am 5. September 1946 eine nur 4-klassige Höhere Schule in St. Ge­ orgen, die der Oberrealschule in Villingen unterstellt wurde. Aber Bürgermeister Riemensperger ließ nicht locker: er beantragte am 3. 6. 1946, wenigstens eine Obertertia (Kl. 9) einzurich­ ten. Doch die nächsten Jahre blieb aller Ein­ satz in dieser Hinsicht vergebens. Auch der Villinger Direktor, der lange Zeit die St. Georgener Bemühungen brem­ ste, unterstützte sie schließlich: Dr. Karl Schilling schrieb in seinem „Osterbericht über das Progymnasium St. Georgen“ (21. 3. 1949): ,,St. Georgen hat über 6.200 Einwoh­ ner. Es sind fleißige, aufgeschlossene Men­ schen, die ihren Kindern die bestmögliche Ausbildung geben wollen.“ Wegen „Lehrermangels“ oder „im Hin­ blick auf die allgemeine Finanzlage“ wurden alle Vorstöße, das St. Georgener Progymna­ sium auszubauen, abgelehnt. Ab 1953 zeigen die Akten starke Aktivitä­ ten des Gemeinderates und des Elternbeira­ tes mit seinem Vorsitzenden Straub. Aber auch jetzt blieb das Oberschulamt Freiburg konsequent: ,,im Hinblick auf die Lehrerstel­ lenlage“ wurden die Anträge abgelehnt. Schließlich wollten die Lehrkräfte des Pro­ gymnasiums im Februar 1955 ohne zusätz- liehe Lehrerzuweisung die Aufstockung erzwingen: die Herren Rückemann, Kraus und Hecker sollten 28 Wochenstunden unterrichten. Daraufhin unterstützte das Oberschulamt Freiburg in einem Schreiben vom 1. 3. 1955 an das Kultusministerium in Stuttgart die Erweiterung auf die Klasse Obertertia (Kl. 9), reduzierte aber das Depu­ tat der drei Lehrer auf 26 Stunden. -Man sieht, das Engagement der St. Georgener Lehrkräfte, darunter des späteren Schullei­ ters Horst Hecker, konnte von Freiburg ein­ fach nicht ignoriert werden. Anders dagegen die Stuttgarter! Am 11. 7. 1955 lehnte der damalige Finanzmini­ ster Dr. Frank die Aufstockung ab, da das Vil­ linger Gymnasium ohne Schwierigkeit die Absolventen der Klasse IV (= Kl. 8) des Pro­ gymnasiums St. Georgen aufnehmen könne. Bürgermeister Riemensperger zeigte sich tiefenttäuscht; er schreibt am 17. September 1955 an das Oberschulamt Freiburg: ,,Es ist sehr betrüblich, daß man einer schnell wach­ senden Stadt von heute 8.500 Einwohner mit einer außerordentlich starken Steuer­ kraft eine Kultureinrichtung vorenthalten will, auf die sie seit mehr als 50 Jahren einen Anspruch hat. Das Finanzministerium ist anscheinend nicht darüber im Bilde, was aus der Bevölkerung der Stadt St. Georgen Steu­ ern herausfließen. Wir besitzen hier keiner­ lei staatliche Einrichtungen oder staatliche Behörden. Wir haben deshalb nur das zwei­ felhafte Vergnügen, zuzusehen, wie mit unseren Steuermitteln in anderen Städten kul­ turfördernde Aufgaben unterhalten werden.“ Er spricht mit dem Elternbeirat persön­ lich in Stuttgart vor, die Villinger Direktion unterstützt wiederum die St. Georgener Bemühungen: am 4. 1. 1956 stellt „das Finanzministerium seine Bedenken zurück und erklärt sich mit dem Ausbau des Pro­ gymnasiums St. Georgen zur 6-klassigen Anstalt einverstanden.“ 49

Pausenhalle des Schulzentrums St. Georgen Hartnäckigkeit und gute Argumente brachten also doch den ersehnten Erfolg: St. Geoq?;en hatte ein selbständiges Progym­ nasium, die bisherige Unterstellung unter das Villinger Gymnasium wurde beendet. Mit Studienrat Dr. Walter Müller wurde am 25. 5. 1959 der neue -noch kommissari­ sche – Schulleiter eingeführt. Der vom Gemeinderat 1956 beschlossene Bau eines Progymnasiums und einer neuen Turnhalle konnte am 18. Juli 1959 feierlich eingeweiht werden. Doch der Kampf ging weiter: Bürgermei­ ster Riemensperger und der Gemeinderat beschlossen am 6. 6. 1962, den Ausbau des Progymnasiums zu einer Vollanstalt als ,,dringende Notwendigkeit“ zu beantragen. Immer wieder wollte das Oberschulamt die Aufstockung wegen Lehrermangels hinaus­ schieben. Erst dem Bürgermeister Dr. Dah­ ringer blieb es dann vorbehalten, durch einen neuerlichen Antrag am 24.10.1963 das ersehnte Ziel zu erreichen: das Kultusmini­ sterium schreibt am 19. 12. 1963, es stimme dem Ausbau des Progymnasiums St. Geor­ gen zur Vollanstalt ab Schuljahresbeginn 1964/65 zu. 50 Die ersten Abiturienten St. Georgens konnten am 8. Oktober 1966 -vor 25 Jahren -das Abitur bestehen: ihre Namen sollen in der Schulgeschichte einen besonderen Platz einnehmen: Bösinger, Klaus Bürk, Ilse Eigendorf, Manfred Eisenmann, Erwin Froehlich, Christoph Grunert, Karin Heinzmann, Ursula Jäckle, Alfred Jäckle, Berthold Kühnel, Rainer Müller, Harald Obergfell, Dorothea Obergfell, Waldemar Stäbler, Klaus Wolff, Edith Zuckschwerdt, Karl-Heinz Der Schulleiter Dr. Müller nannte sie: „intellektuelle Pioniere der sonnigen Berg­ stadt, die sechzehn Dreimalgescheiten des Instituts, die auch die Bannmeile vertreten, Sie, Klaus Bösinger aus Peterzell und Alfred Jäckle aus Langenschiltach.“

Die Gesamtschülerzahl stieg in diesen Jahren stark an: von 1962 bis 1967 verdop­ pelte sich ungefähr die Zahl von 218 auf 464. Das Wachstum der Schule beschwor mit der zunächst vorhersehbaren, dann tatsäch­ lichen Raumnot eine kommunalpolitische Problematik herauf, die im Gemeinderat und in der Öffentlichkeit zu jahrelangen Auseinandersetzungen führte. Während vorher die Frage, ob das Progymnasium zur Vollanstalt ausgebaut werden solle oder eine Mittelschule neben dem Progymnasium auf­ zubauen sei, die Gemüter erhitzte, ging es nunmehr um die Frage, wie der Raumbedarf der Vollanstalt gedeckt werden könnte. Der Vorschlag, das Gymnasium in die Robert­ Gerwig-Schule zu nehmen und eine neue Volksschule zu bauen, stieß auf Ablehnung beim Oberschulamt und der Bauabteilung der Oberfmanzdirektion (Behördengespräch am 25. 7. 1966 in St. Georgen); sie vertraten die Ansicht, der Neubau des Gymnasiums müsse Vorrang haben, die zu gründende Realschule und die Hauptschule hätten die Räume des Gymnasiums übernommen. Entgegen diesen Vorstellungen beschloß der Gemeinderat eine neue Volksschule zu bauen, ein Beschluß, der nicht durchgeführt wurde. Eine erneute Beschlußfassung ergab eine Erweiterung der Schule nach Osten, womit Sonderräume für Chemie, Biologie, Musik, eine große Pausenhalle und 4 Klas­ senräume, dazu im Erdgeschoß eine Tiefga­ rage geschaffen würden; die Kosten betrugen sich auf ca. 1 Million Mark. – Die Arbeiten begannen im Spätjahr 1967. Doch der Schulleiter prognostizierte in seinem Bericht an das Oberschulamt, daß der Erweiterungsbau schon bei seiner Ein­ weihung räumlich für die steigenden Schü­ lerzahlen unzureichend sei. Die räumlichen Möglichkeiten an der Schul- und Friedrich­ straße waren schon 1969 ausgereizt, – und das Gymnasium wuchs weiter: 1971 wurden schon 530 Schüler in 20 Klassen unterrich­ tet, und im Jahre 1975 erreichten die Schüler­ zahlen ihren Höhepunkt; 661 Schüler in 24 Klassen bei 35 Kollegen. Der Neubau auf dem Roßberg (zusam­ men mit der Realschule) konnte am 20.12.1975 bezogen werden: der erste Schul­ leiter des selbständigen Progymnasiums und Gymnasiums St. Georgen, Dr. Walter Mül­ ler, war an seinem beruflichen Ziel ange­ langt. Seine verständliche Euphorie zeigte seine Ansprache beim ersten Elternabend: „ Waren wir schon vorher das höchstgelegene staatliche Gymnasium in Deutschland, sind wir nun das allerhöchste mit Gipfelhöhe im 3. Stock von 920 über dem Meeresspiegel. Die Luft wird merklich dünner, was für die leichten Denker beruhigend wirken kann, für die geruhsamen Schwarzwaldphiloso­ phen anregend. Die wundervolle Harmonie zwischen Landschaft-Stadt St. Georgen- auf dem Roßberg, der Gralsburg des Geistes über der Gemeinde und den jüngst eingemeinde­ ten Dörfern ist nach unserem Willen ver­ wirklicht. Die Einpassung des Bauwerks in die Natur, Formgebung und landschaftsge­ bundene Gestaltung ist an diesem Bauwerk das besondere Verdienst des Architekten. Keine schöner gelegene Schule im Lande.“ Die Aufbaujahre fanden ihren Abschluß; der euphorische Rückenwind wich realisti­ schen Windverhältnissen: der „Pillenknick“ ließ auch am Gymnasium St. Georgen die Schülerzahlen wieder zurückgehen: im Schuljahr 1989/90 werden noch 418 Schüle­ rinnen und Schüler in 20 Klassen von 43 Lehrkräften (ohne Studienreferendare) unter­ richtet. Die deutlich verbesserte Lehrer- Schü­ ler-Relation bietet neben dem intensiveren Pflichtunterricht die Möglichkeit zu einem breiten außerunterrichtlichen Angebot: in zahlreichen Arbeitsgemeinschaften können die intellektuellen Fähigkeiten der Schüle­ rinnen und Schüler, aber auch ihre künstleri­ sche Kreativität und ihre manuelle Geschick­ lichkeit individuell gefördert werden. Diese intensiven Bemühungen des Leh­ rerkollegiums führen bei den Abiturnoten zu Ergebnissen, die in der Regel leicht über dem Landesdurchschnitt liegen: 919 Abitu­ rienten konnten sich seit 1966 darüber zu Recht freuen. Reinher Gassert 51

20 Jahre Bildungszentrum Turmgasse in Villingen-Schwenningen (1970-1990) 20 Jahre Bildungszentrum Turmgasse bedeuten ein knappes viertel Jahrhundert berufliche Qualifizierung von mehr als 4.500 Menschen, die, aus welchen Gründen auch immer, ihre Arbeitsmarktchancen erheblich verbessert haben. Aber auch die Wirtschaft unserer Region war Nutznießer, haben doch die Umschüler den so dringend benötigten Facharbeiterbedarf erheblich verringert. 20 Jahre Turmgasse bieten jedoch auch Anlaß, das oft als selbstverständlich Emp­ fundene nicht zum Selbstzweck werden zu lassen. Versetzt man sich in das Gründungsjahr 1970 zurück, so wurde das Arbeitsförde­ rungsgesetz dahingehend geändert, um vor­ wiegend aus der Landwirtschaft kommende Beschäftigten eine berufliche Neuorientie­ rung zu geben. 52 Das Villinger Arbeitsamt, mit dem dama­ ligen Abteilungsleiter Walter Müller, bat uns, nach längerem Suchen nach einem geeigneten Partner, um ein entsprechendes Konzept. Grundlage war, den „Mechaniker“ in 24 Monaten, entsprechend der Ausbil­ dungs-und Prüfungsordnung der Industrie­ und Handelskammer, auszubilden. Die damaligen Verhältnisse waren insofern gün­ stig, als daß unsere heimische Wirtschaft dringend Facharbeiter suchte, wie zur Zeit auch, und alle benötigten Stellen, von der IHK, mit dem ehemaligen Hauptgeschäfts­ führer Dr. Reinhold Dietl, bis zur Berufs­ schule, unter OStD. a. D. K. H. Klein, eine hohe Bereitschaft zugesagt haben. Trotzdem mußte improvisiert werden, denn eine um 18 Monate verkürzte Ausbildung, mit regulärer Prüfung an der Berufsschule und vor der

IHK, galt es, im Wettbewerb zu den mit 42 Monaten Ausbildungszeit der Lehrlinge gleichwertig zu bestehen. Die Entscheidung des Arbeitsamtes im Jahre 1975, das Berufsfeld Metall durch den Bereich Holz und Zeichnen-Schreiben­ Drucken zu ergänzen, hatte auch eine Ände­ rung der Trägerschaft durch den Schwarz­ wald-Baar-Kreis, vertreten durch Landrat Dr. Rainer Gutknecht, zur Folge. Der Raumbe­ darf mußte von zu Beginn von 23 Umschü­ lern auf heute durchschnittlich 240 Teilneh­ mern angepaßt werden. Ständig zuneh­ mende Ausbildungsinhalte forderten Lösun­ gen und haben dauernde Platz- und Raum­ not zur Folge. Von der finanziellen Seite eines auf dem aktuellen Stand zu haltenden Bildungszen­ trums geht ohne die Unterstützung durch die Geschäftsleitung der Fa. Winller so gut wie nichts. Auch wenn das Landesarbeitsamt bzw. Wirtschaftsministerium von Baden­ Württemberg zu Zuschüssen bereit ist, muß grundsätzlich ein Eigenanteil von bis zu 50 0/o aufgebracht werden. Das weit über die Region hinaus reichende Einzugsgebiet bekräftigt und untermauert die seinerzeit getroffene Entscheidung auch heute noch. Mit dem Einzug der „Neuen Technolo­ gien“ im Jahre 1980 wuchsen auch die Anfor­ derungen an die Berufsausbilder. Eine sich ständig ändernde und weiterentwickelnde „Neue Technologie“ – vor allem die Rech­ nerintengration zur Fabriksteuerung (CIM) – bedeutete zusätzliche neue Aufgaben, die gelöst, koordiniert und umgesetzt werden mußten. Dies zu bewältigen, wurde in der Turmgasse zur Lebensaufgabe gemacht. Seit 20 Jahren haben die Ausbilder der T unngasse mit ihren hervorragenden Leistungen zu dem ausgezeichneten Ruf weit über die Stadt- und Landkreisgrenzen hinaus wesent­ lich beigetragen. Von oben nach unten: Umschulung Metall· In der CAD-Abteilung · In der CNC-Abteilung

Nicht nur 8 Stunden pro Tag bemühen sich 25 Berufsausbilder, den Teilnehmern die beruflichen Inhalte zu vermitteln, auch menschliche Zuwendung und Hilfe für den zukünftigen Arbeitsplatz sind unverzicht­ bare Bestandteile der täglichen Arbeit. Ergänzend leisten die Sozialpädagogen vom Verein für Jugend- und Erwachsenenhilfe eine lebensnahe Hilfe. Durch die Umstrukturierung vom über­ betrieblichen Ausbildungszentrum zum „Bildungszentrum Turmgasse“ war 1988 eine Vereinsgründung auf gemeinnütziger Ebene nötig. Als Vorsitzender fungiert Landrat Dr. Rainer Gutknecht, ihm zur Seite steht ein Beirat mit den Vertretern des Arbeitsamtes, der IHK, der beteiligten Schulen, der Vorsit­ zende des Vereins für Jugend- und Erwachse­ nenhilfe sowie der Geschäftsführer, S. Reith. Alle im Verein Tätigen wirken als ehrenamt­ ljche Helfer mit. Für die Zukunft werden wir den einge­ schlagenen Weg der beruflichen Q!ialifizie­ rung in Verbindung mit den neuesten Tech­ nologien und der Unterstützung des weltbe- kannten Fraunhofer-Instituts, Leitung Prof. Dr. H. Bullinger in Stuttgart, weiter verfol­ gen. Die geforderten „Schlüsselqualifikatio­ nen“, nicht nur in der Neuordnung der Metall- und Elektroberufe festgeschrieben, zwingen zu fachübergreifendem Denken und Handeln. So werden bei uns CIM-LIVE Semjnare für Betriebe wie Mercedes-Benz AG oder der Eurotecnet durchgeführt. Auch das BIBB (Bundesinstitut für Berufsbildung, Berlin) wurde auf uns aufmerksam und führt ein Modellprojekt mit 28 Monaten Laufzeit und wissenschaftljcher Begleitung durch das Fraunhofer-Institut mit dem Thema: Rech­ nerintegration in der kaufmännischen Aus­ und Weiterbildung mit uns als Träger durch. Auch wenn diese „Neuen Technologien“ im Hinblick auf die in den nächsten Jahren anstehenden Investitionen njcht unerheb­ lich sein werden, haben wir in der Bundesre­ publik keine Alternative zur beruflichen Weiterbildung der Beschäftigten, um am Weltmarkt konkurrenzfähig zu bleiben. Siegfried Reith Die Waldorfschule bezog ihren zweiten Bauabschnitt Freude und Sorgen einer „Öffentlichen Schule in freier Trägerschaft“ Über den ersten Bauabschnitt der Waldo,fschule wurde im Almanach 87, Seite 30-32, berichtet. Praktische Waldorf-Pädagogik gibt es seit mehr al 70 Jahre; ihre Wiege stand 1919 in der Waldorf-Astoria-Betriebsschule in Stutt­ gart. Seitdem, schmerzhaft unterbrochen durch die Gleichschaltung des „Dritten Rei­ ches“, ist kein Schultyp so gefragt, wie die Waldorfschule. Heute gibt es nicht nur in Deutschland achtzig, sondern weltweit mehr als 200 Waldorf-Schulgemeinden, die nach den men chenkundljchen und pädagogi­ schen Erkenntnissen des Anthroposophen Rudolf Steiner (1861-1925) arbeiten. Anfang der 70er Jahre fand sich auch im Schwarzwald-Baar-Kreis eine kleine Initiativ­ Gemeinschaft von Eltern, die wöchentlich zusammenkamen, mit dem Ziel für ihre Kin­ der eine Waldorf-Schule zu ermöglichen. In unzähligen Sitzungen wurde die Waldorf­ pädagogik erarbeitet, wurden öffentliche Vorträge organisiert und Geldmittel ange­ spart. Die ersten Lehrer und dje Zustim­ mung des Waldorf-Bundes konnten gewon­ nen werden, um 1978 mit drei Klassen (1 bis 3), sieben Lehrern und 77 Kindern den kon­ kreten Schulbetrieb im angemieteten „Haus Schönblick“ im Stadtbezirk Schwennjngen, auf der Frühlingshalde, zu beginnen. Jahr für Jahr hieß es eine neu hinzukommende erste Klasse (mit gut 40 Kindern) in die immer enger werdenden Räumlichkeiten aufzuneh­ men. Das Gebäude, zunächst geplant für lediglich drei Jahre, mußte -viele Wände las- 54

Blick auf das Schulgebäude: Links Gartenhaus mit Schulgarten, in der Mitte Kindergarten mit Spiel­ geräten, rechts Schulgebäude send, um provisorische Räume zu schaffen – doch noch länger als überforderte Bleibe die­ nen. Geeignete Gebäude oder Grundstücke waren beim besten Willen nicht in Sicht. 1983 konnte endlich ein Grundstück der Stadt Villingen-Schwenningen, eine ehema­ lige Lehmgrube und spätere Baumüll-Kippe, im Gewann „Roter Schneider“, Schluchsee­ straße, VS-Schwenningen, gefunden werden. In monatelangen Sitzungen brachten Eltern, Lehrer und Architekten im Baukreis ihre Wünsche und Vorstellungen ein. Sie erarbeiteten die Baupläne, die bald darauf in die Tat umgesetzt wurden. Aus finanzwirtschaftlichen Sachzwän­ gen, das Land bezugschußt lediglich ca. 40 0/o bestimmter Baukosten, konnte das Bauvor­ haben nicht in einem Guß verwirklicht wer­ den. Dafür waren die Zuschüsse des Landes (Stadt und Landkreis enthielten sich gänz­ lich) zu gering und flossen verschleppt über mehrere Jahre. Der Not gehorchend, mußte der Bau in aufwendige Bauschritte geteilt werden. Der erste Bauabschnitt konnte, dank vie­ ler fleißiger Arbeitseinsätze der Eltern, bereits nach den Sommerferien 1985 (mit Beginn des Schuljahres 85/86) bezogen wer­ den. Die Freude darüber war bei der noch jungen Schulgemeinde groß. Bereits ein Jahr später, mit Erreichen des Vollausbaus der Schule (Klasse 1-13, Gesamt­ zahl 450 Schüler) wurde das Fehlen von aus­ reichenden Oberstufenklassen für den natur­ wissenschaftlichen Bereich (Physik, Chemie, Biologie u. a.) schmerzhaft spürbar. Die Not­ wendigkeit und der Mut bereits den nächsten Bauabschnitt anzugehen, waren jedoch stär­ ker als die Enttäuschung über die teilweise noch nicht eingegangenen Landeszuschüsse für den 1. Bauabschnitt. Ohne große Ver­ schnaufpause fand sich wiederum ein Kreis von Menschen, die mit erneuter Willens­ und Schaffenskraft 1987 den zweiten Bauab­ schnitt angingen. Hilfreich war dabei die unkonventionelle Art und Weise der Zusam­ menarbeit zwischen erfahrenen Architekten (selbst Schüler-Väter), dem pädagogisch 55

begeisterten Lehrer-Kollegium und der ein­ satzbereiten Elternschaft. Der sonst übliche Bauherr, die „Bauherrschaft“ verlor seine hierarchische Unnahbarkeit, seine Distanz und Anonymität. An seine Stelle traten Trans­ parenz, Mitgestaltung, Mitarbeit und nicht zuletzt das notwendige „Wir-Gefühl“ einer Schulgemeinde. Das Ergebnis, von Lehrern und Schülern mit Beginn des Schuljahres 89/90 bezogen, kann sich sehen lassen: Dem stehenden Bauabschnitt wurde ein östlicher Flügel (auf dem Foto der linke Teil des Hauptgebäudes) angefügt. Durch die harmonische Anpassung -im äußeren Kleid, wie in räumlicher innerer Gestaltung -ist es ein gelungener ansprechender Wachstums­ schub. So nimmt dieser Flügel, verteilt über Souterrain und drei Geschosse, Fachräume für die naturwissenschaftlichen Fächer, Unterrichtsräume für Spinnen, Weben, Nähen und für Metallverarbeitung, VerwaJ­ tungsräume und im Dachgeschoß einen Musik-und Mehrzweckraum, auf. Mit dem zweiten Bauabschnitt ist es betont gelungen, den Oberstufen-Schülern den pädagogi­ schen Freiraum zur Entfaltung und Entwick­ lung auch architektonisch zu ermöglichen. Die freundlichen und einladend zuge­ schnittenen Flure führen in die nach Schü­ leralter und Raumfunktion unterschiedlich konzipierten Klassenräume. Allen Zimmern ist eigen, daß sie auf rechteckige Winkel ver­ zichten und die Decken mit abfallenden Sei­ ten holzverschalt sind. Dadurch wird eine aufgelockerte, nach oben öffnende Raum­ wirkung erzielt. Die farbliche Ausgestaltung richtet sich nach „menschenkundlichen“ Erkenntnissen der Waldorfpädagogik. So hat jeder Klassenraum einen seiner Altersstufe und dem Seelenleben entsprechenden Farb­ ton, vom zarten Rosa zum starken Blau. Zusammenfassend kann festgestellt wer­ den, daß das Raumprogramm die Waldorf­ pädagogische Forderung nach einem Gleich­ gewicht der Fächer klar widerspiegelt. Im letzten Winterhalbjahr konnten zu­ sätzlich die Außenanlagen begonnen wer­ den: eine leichte Hügelung macht nun das 56 vorher ebene Grundstück interessanter und lieblicher. Heimische Büsche, Sträucher, Pflanzen und Bäume, von Eltern und Schü­ lern liebevoll angepflanzt, bringen farbige Natur auf das Schulgelände. So wie sich das Grundstück heute dem Betrachter und Benutzer anbietet, mag man seine ehemalige Funktion als unansehnliche Abraum-und Müllkippe, nicht mehr für möglich halten. Ein für die Stadt und den Landkreis vorzeigbares Beispiel dafür, wie Privatinitiativen die öffentliche Schul-und Kulturlandschaft bereichern. Letztlich wird das Geschaffene nur allzugerne von den Bür­ gern der Stadt und des Kreises angenommen. Ein Anzeichen dafür sind nicht nur die gut besucht$!n zahlreichen kulturel!�n Angebote (wie Schauspiele, Konzerte, Offentl. Vor­ träge, Bazare), sondern auch die ständig stei­ genden Schüleranmeldungen, die die Auf­ nahmekapazität sprengen. Die Freude der Schulgemeinde über das Geschaffene ist schnell getrübt, wird be­ dacht, daß der Schule bisher noch der zur Waldorfpädagogik notwendige Festsaal (Aula) und die Turnhalle aus finanziellen Gründen vorenthalten blieb. So müssen die Kinder zu den Monatsfeiern, Klassenspie­ len, Orchesterauftritten u.ä. das städt. Beethovenhaus nutzen. Nicht immer ein­ fach für Wunschtermine, Proben, Kulissen­ und Orchestertransport. Ebenso erschwert ist der Sportunterricht, der in fremden Turn­ hallen, fernab der Schule, nur durch eine zeit-und kostenaufwendige Busfahrt, wahr­ genommen werden kann. Bleibt nur zu hoffen, daß die Schwennin­ ger Waldorfschule, eine grundrechtlich ge­ wollte „Öffentliche Schule in freier Träger­ schaft“, nicht nur den Zuspruch und die Mit­ arbeit vieler hundert Elternhäuser findet, sondern auch -so selbstverständlich wie jede andere öffentliche Schule -die lebensnot­ wendige finanzielle Unterstützung durch die Stadt und den Kreis. Wilfried Wegener

In Villingen-Schwenningen Berufskolleg II für Landwirtschaftlich-technische Assistenten Ausbildungsziel: Fachmann im Dienst für eine gesunde Umwelt Spätestens nach Bekanntwerden des gan­ zen Ausmaßes der Umweltschäden hat bei uns eine neue Welle der Sensibilisierung der Bevölkerung für die Notwendigkeit einer sta­ bilen Umwelt zur Schaffung von mehr Lebensqualität eingesetzt. Zugleich haben aber auch diese Entwicklungen deutlich wer­ den lassen, wie wichtig und ausbaubedürftig die Erarbeitung von wissenschaftlich abgesi­ cherten Daten zum Umweltschutz in den Labors der landwirtschaftlichen Untersu­ chungsanstalten und der chemischen Indu­ strie geworden ist. Mit anderen Worten, es werden mehr und mehr Fachleute gebraucht, die sich für diese wichtige Arbeit qualifiziert haben. Neben den ca.19 Ausbildungseinrichtun­ gen der Bundesrepublik für die Ausbildung solcher Fachleute haben sich auch in Baden­ Württemberg 3 Berufskollegs für die Ausbil­ dung von Landwirtschaftlich-technischen Assistenten etabliert. Das jüngste Berufskol­ leg dieser Art wurde mit Beginn des Schul­ jahres 1989/90 in Villingen-Schwenningen in der Trägerschaft des Schwarzwald-Baar­ Kreises an der ALBERT-SCHWEITZER­ SCHULE eingerichtet. In Villingen-Schwenningen liegt der Schwerpunkt der Ausbildung auf dem Ge­ biet der AGRIKULTURCHEMIE und der UMWELT ANALYTIK. Die Ausbildung beträgt 2 Jahre und hat 57

den Charakter einer Berufsausbildung, d. h. die jungen Absolventen des Berufskollegs können eine berufliche Tätigkeit nicht nur auf dem traditionellen Feld der Agrarwirt­ schaft, sondern auch eine solche im Bereich der praktischen Ökologie und Umweltunter­ suchung an staatlichen Stellen oder in privat­ wirtschaftlichen Bereichen aufnehmen. Die­ ser Ausbildungsweg ist also etwas für Jugend­ liche, die gerne in der Praxis tätig sind und kein langes akademisches Studium anstre­ ben. Entsprechend ist als Ausbildungsvor­ aussetzung ein mittlerer Bildungsabschluß erforderlich. Eine vorausgegangene Ausbil­ dung in agrarwirtschaftlichen Berufen (Landwirt, Gärtner, Florist) mit guten Ergeb­ nissen ist wünschenswert. Aber auch Abitu­ rienten ohne Berufsausbildung steht dieser Ausbildungsweg offen. Wichtige Vorausset­ zung ist eine ausreichende Begabung in den naturwissenschaftlichen Fächern, insbeson­ dere in Mathematik, Chemie, Physik und Biologie. Im Schwerpunktbereich AGRIKULTUR­ CHEMIE sind die wichtigsten Lehrfächer: Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, Mikrobiologie, Biometrie, Zeichnen, Daten­ verarbeitung, analytische Chemie und Fut­ termittelkunde, ergänzt durch ein chemi­ sches, biologisches und mikrobiologisches Praktikum sowie durch Laboruntersuchun­ gen von Böden, Dünge- und Futtermitteln. Im Schwerpunktbereich UMWELTANA­ LYTIK sind es: Mathematik, Physik, Chemie, Biologie mit Ökologie, Umwelt- und Natur­ schutz, Mikrobiologie, Biometrie, Fotografie und Dokumentation, Datenverarbeitung und Statistik, Analytische Chemie, Grund­ sätze der Agrarproduktion; auch hierzu sind entsprechende Praktika und Labors (Biolo­ gie, Mikrobiologie, Chemie, Untersuchun­ gen von Boden, Klärschlamm, Wasser, Luft, Agrarprodukte und -produktionsmittel) wichtige Bestandteile der Ausbildung. Für den zukünftigen landwirtschaftli­ chen Assistenten -oder Assistentin -gilt es, genau und gewissenhaft und vor allem selb­ ständig insbesondere in Labors und Praktika 58 zu arbeiten. Ganz wichtige Eigenschaften sind neben sehr guter Sachkenntnis und exaktem Arbeiten Geduld, Konzentration und geistige wie praktische Beweglichkeit. Ausbildungsziel der Villinger Schule gerade im Umgang mit naturwissenschaftlichem Gerät und Analysegeräten ist, die praktische Ausbildung möglichst breit anzulegen, um den späteren jungen Absolventen einen möglichst reibungslosen Einstieg in die Arbeitswelt an verschiedenen Instituten der Forschung, Bodenuntersuchungsanstalten oder Forschungsabteilungen der Industrie zu ermöglichen. Es ist zu wünschen, daß dieser noch junge Ausbildungsbereich nicht zuletzt unserer Umwelt zuliebe sich weiterentwickelt und weiterhin im beruflichen Interesse der Jugendlichen bleibt. Bruno Weber Wanderer auf der ehem. Bregtalbahntrasse bei Kil.ometerstein „16′; von Hüfingen aus gerechnet! Helmut Groß

Zwei Schülerinnen vom Schwarzwald-Gymnasium in Triberg gewannen im bundesweiten Wettbewerb Hauptpreise Im bundesweiten Wettbewerb „40 Jahre Bundesrepublik Deutschland“ gewannen im September 1989 zwei Schülerinnen des Schwarzwald-Gymnasiums in Triberg die beiden Hauptpreise. Susanne Kapp aus Schonach gewann mit ihrem „Rosinenbom­ ber“, der an die Berliner Blockade und die Versorgung aus der Luft erinnern soll, einen Geldpreis und eine Flugreise mit der Deut­ schen Lufthansa nach Nordamerika. Der zweite Preis, ein Geldpreis und ein Freiflug innerhalb Europas, ging an Carmen Oppelt aus Triberg, die mit einem Puzzle Positives und Problematisches der vergangenen 40 Jahre bundesdeutscher Geschichte dar­ stellte. Darüber hinaus wurden weitere Geld­ preise an Triberger Schüler vergeben. Der Almanach gratuliert dem Schwarz­ wald-Gymnasium Triberg und besonders den beiden Hauptpreisträgern zu diesem schönen Erfolg. 59

Wirtschaft und Gewerbe Wirtschaftsraum DDR Chancen für unsere heimische Wirtschaft Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, daß auch noch so verheißungsvolle politische Theorien praktisch nichts taugen, wenn nicht eine erfolgreich arbeitende Wirt­ schaft die tragende Basis abgibt-1989 ist die­ ser Beweis unwiderlegbar erbracht worden: Eine Ideologie, in der DDR als „real existie­ render Sozialismus“ konsequent und rück­ sichtslos praktiziert, und die damit einherge­ hende zentrale Planwirtschaft haben sich vor allem wegen ihrer nicht zu überbietenden wirtschaftlichen Fehlleistungen selbst ad absurdum geführt und so ihr unrühmliches Ende bewirkt. lm gleichen Jahr 1989 hat die wirtschaftli­ che Entwicklung in unserem Land einen neuen Höhepunkt erreicht, hat die Soziale Marktwirtschaft, nunmehr auch im Osten anerkannt und angestrebt, den Wohlstand der Bundesbürger gemehrt. Die Soziale Marktwirtschaft wird auch im anderen Teil Deutschlands dazu führen, daß sich dort nach und nach Wohlstand entwik­ keln kann. Die Deutschen in der DDR-ihr Streben nach mehr Wissen, Können und Leistung vorausgesetzt -werden nach einer Anpassungszeit den Wohlstand haben kön­ nen, der in der Bundesrepublik im Verlaufe von vierzigJahren gewachsen ist. Doch die­ ser Wohlstand ist nicht mit Geld, nicht mit der Lieferung moderner Maschinen und auch nicht mit der Gründung von Gemein­ schaftsunternehmen in den östlichen Raum Deutschlands zu transportieren. Erfolgreich arbeitende Unternehmen -als Quellen des Einkommens vieler Millionen Menschen – bestehen eben nicht nur aus Kapital und Technik; sie bestehen in erster Linie aus tüchtigen Unternehmern und aus tüchtigen Mitarbeitern, die in einem Rechts- 60 staat wirken können, der Privateigentum, Gewerbe-, Berufs- und Vertragsfreiheit sowie einen offenen Markt und freien Handel gewährleistet. Ich zweifle nicht daran, daß die Menschen in der DDR, Deutsche wie wir, willens und fähig sind, sich beruflich zu qualifizieren. Nur wird dies bei den Unternehmern und Managern, die heute über so gut wie keine marktwirtschaftlichen Erfahrungen verfü­ gen, nicht von heute auf morgen möglich sein. Wer wie sie im internationalen Wettbe­ werb unerfahren ist, wer weder weiß, wie man unter diesen Wettbewerbsbedingungen den wirtschaftlichen Erfolg herbeiführen und auch den gelegentlichen Mißerfolg ver­ kraften kann – wer dies alles weder gelernt, noch erlebt hat, der wird erst sein Wissen anreichern und seine Fähigkeiten mit Hilfe von Erfahrungen entwickeln müssen, bevor er sich unter den harten Bedingungen inter­ nationaler Konkurrenz behaupten kann. Und schließlich muß auch selbständiges Denken und Handeln, das in der zurücklie­ genden Zeit alles andere als erwünscht war, erst noch gelernt und geübt werden. Zur Lösung dieses Management-Pro­ blems, das ich für die nahe Zukunft als das größte Problem aller DDR-Wirtschaftspro­ bleme ansehe, können wir zwar Beiträge lei­ sten, z.B. durch Know-how-Transfer, letzt­ lich aber kann meiner Auffassung nach hier nur die Zeit helfen -die Zeit, die jeder Unter­ nehmer und jeder Manager braucht, um ver­ wertbare Erfahrungen zu sammeln. Dessenungeachtet ist der DDR-Wirt­ schaftsraum mit mehr als fünfzehn Millio­ nen Menschen, die unsere Sprache sprechen, schon jetzt ein interessanter Markt. Unsere Landsleute haben wie wir Bedürfnisse, die

.!! !:! :!? .. .. “ -:: ,!! .!: Industrie-Umsatz 1982-1989 im Vergleich 150——— ——– ——– ——– ——– ——–· ——- ——– 135 ——-· ——–· ——- 90 .. 75 -· 60 45 -· 30 15 0 – 1982 1983 1984 1985 J•hr• llllll SBK � BW 1986 1987 1988 1989 lffill BRD nach vierzigJahren unfreiwilliger Abstinenz nun mit Macht nach Befriedigung drängen. Aus diesen Bedürfnissen wird sich mit steigender Kaufkraft eine starke Nachfrage entwickeln, die -natürlich unter den Bedin­ gungen eines offenen Marktes und damit unter den Bedingungen des internationalen Wettbewerbs -gerade von den bundesdeut· sehen Unternehmen auf vielfaltige Art gedeckt werden kann. Ich bin sicher, daß auch die Unternehmen unseres Raumes diese Marktchancen erkannt haben und nut­ zen werden. Die günstigen Perspektiven, die der DDR­ Markt insbesondere mittel- und langfristig eröffnet, dürfen uns jedoch keinesfalls ver­ gessen lassen, daß der kommende europäi­ sche Binnenmarkt neue, höhere Anforde­ rungen an die Leistungsfähigkeit unserer Wirtschaft stellen wird. Nur wenn unsere Unternehmen für den dann noch härter wer­ denden Wettbewerb fit sind, werden sie auch ab 1993 ihre Chancen wahrnehmen können. Und diese Sicht bezieht sich nicht nur auf die heutigen europäischen Auslandsmärkte, sondern auch und gerade auf den heutigen Inlandsmarkt. Denn daß sich vor allem auf dem bundesdeutschen Markt der Wettbe­ werb weiter verschärfen wird, liegt auf der Hand: Die Bundesrepublik als EG-Land mit der höchsten Kaufkraft wird für die Unter­ nehmen der anderen EG-Länder die Anzie­ hungskraft eines Magneten haben. Da ist es gut, daß die dynamische Ent­ wicklung der Wirtschaft, insbesondere auch der Industrie, des Schwarzwald-Baar-Kreises sich auch 1989 fortgesetzt hat: In den Betrie­ ben des verarbeitenden Gewerbes mit 20 und mehr Beschäftigten ist der Umsatz im Jahr 1989 gegenüber dem Vorjahr um 53 7 Millio­ nen DM auf 6,2 Milliarden DM gestiegen. Dieses Umsatzvolumen liegt um 10 0/o höher als im Vorjahr 1988 und um 45 0/o höher als im Jahr 1982, das den Tiefpunkt der wirtschaftli­ chen Entwicklung im Kreisgebiet markiert. Als besonders erfreuliche Auswirkung die­ ser positiven Wirtschaftsentwicklung im Schwarzwald-Baar-Kreis – hat die Anzahl der sozialversicherungs­ pflichtig Beschäftigten, gemessen am 61

Stand Ende 1982, um mehr als 2500 zuge­ nommen und – ist die Arbeitslosenquote von 6,2 0/o = Ende 1982 auf4,9 %=Ende 1989 gefallen. Im laufendenJahr1990 ist eine Quote mit einer 3 vor dem Komma in greifbare Nähe gerückt. Die weitere wirtschaftliche Entwicklung wird von den Unternehmen im Schwarz­ wald-Baar-Kreis zuversichtlich eingeschätzt. Alfred Liebetrau IHK-Präsident Moderne Erweiterung und sichere Arbeitsplätze TRW Thompson GmbH in Blumberg stellt täglich 100.000 Ventile her Als die Teveswerke Anfang 1944 aufgrund zunehmender Kriegseinwirkungen aus Berlin­ Wittenau ausgelagert werden mußten, ahnte noch niemand, welch wichtiger wirtschaftlicher Faktor dieses Unternehmen für den südlichsten Teil des Schwarz1oald-Baar-Kreises sein würde. Fiir kurze Zeit war die Ventil-Produktion in Heiters­ heim (Baden) untergebracht, aber auch dort fühlte man sich schon bald nicht mehr sicher. Schon im März 1945 wurden die Maschinen erneut verla­ den. Statt nach Österreich zu gelangen, wo es ebenfalls brenzlig wurde, kamen sie in die leerste­ henden Hallen der Blumberger Doggererz AG und damit war der Grundstein für das heutige Werk der TRW Thompson GmbH gelegt. Kaum in Blumberg sef?haft geworden, setzte Unternehmer Alfred Teves (späterer Ehrenbürger 62 von Blumberg) auf „ Wachstum“ und „Expan­ sion „. Allerdings dürfte auch er damals noch nicht gewußt haben, daß 1990 nahezu 1300 Arbeitnehmer in einem nach modernsten Ge­ sichtspunkten eingerichteten Betrieb Arbeit finden würden. In den 45 Jahren der Niederlassung auf der Baar wurden bisher rund 475 Millionen Ven­ tile hergestellt. Beliefert werden dabei alle führen­ den Motoren- und Automobilhersteller in Europa (Personenwagen-, Lastkraftwagen-, Renn-, Flug­ und Schijfmotoren, wie auch für stationäre Ver­ brennungsmotoren). Der nachfolgende Beitrag ist aus Anlaß der Erweiterung des Betriebsgebäudes entstanden und ergänzt den Bericht im Almanach 82, Seite 63-64.

Begonnen hat alles zu einer Zeit, als Blumberg bezüglich seiner Arbeitsplätze völlig am Boden lag. Die Stadt war während der Nazi-Herrschaft aufgrund der Erzvor­ kommen in den umliegenden Bergen künst­ lich mit Menschen vollgestopft worden. Als die Doggererz AG 1942 ihre Rohstofförde­ rung einstellte, kamen als Ersatz Firmen, die sich mit der Erstellung von Kriegsmaterial befaßten. Daß dies nach dem Zusammen­ bruch zu einer katastrophalen Situation führte, muß nicht sonderlich verdeutlicht werden. Da war Alfred T eves so etwas wie eine rettende Hand, als er mit knapp einhun­ dert Mitarbeitern in einem einzigen Gebäude mit der Ventilproduktion begann. 1950 waren es schon 120 Beschäftigte, die in zwei Produktionshallen etwa 6000 bis 8000 Ventile am Tag herstellten. Einer Hiobsbotschaft ähnlich klang dann 1956 die Ankündigung, daß die Teveswerke aus Blumberg abgezogen werden sollten. Es bedurfte harter Verhandlungen bevor fest­ stand, daß die damals 650 Arbeitsplätze erhalten blieben. 1961 trat der amerikanische TRW-Kon­ zern in die Firma ein, was mit ein Grund für eine erhebliche Erweiterung war. So wurde 1961 und 1962 der erste Teil der großen Halle gebaut und wenig später stieg die Mitarbei­ terzahl auf 800 an, die täglich 38.000 bis 40.000 Ventile herstellten. Gegen Ende der 60er Jahre wurde angebaut und auch die ehe­ maligen Verwaltungsgebäude der Doggererz AG erworben, so daß bereits 900 Mitarbeiter beschäftigt werden konnten und täglich bis zu 60.000 Ventile die Werkstore passierten. In den 70er Jahren wurde Halle 8 und die Chromerei erstellt und 1050 Arbeitnehmer registriert. Heute sind es fast 1300 Beschäf­ tigte, die unter modernsten Gesichtspunkten im Produktionsbereich arbeiten. In den 45 Blumberg Industriegebiet 63

Mit einer Investition von rund 30 Millionen Mark hat die TR W-Konzernleitung nicht nur ihre Chan­ cen auf dem Weltmarkt verbessert. Helle, heftige Arbeitsplätze an modernsten Maschinen waren dabei auch das Resultat für diejenigen, die in der großen Produktionshalle ihren Lebensunterhalt verdienen müssen. Jahren des Betriebs-Bestehens wurden rund 800 Mitarbeiter ausgebildet. Von Anbeginn legten die Verantwortlichen großen Wert darauf, daß der fachlich versierte Nach­ wuchs seine Ausbildung in den „eigenen vier Wänden“ erhielt. So ist es auch zu verstehen, daß die heutige TRW Thompson GmbH über qualifiziertes Fachpersonal verfügt, das aus den bodenständigen Menschen der Baar resultiert und lange Jahre für das Blumberger Werk tätig ist. Allein im Jahr 1989 konnten fast 70 Beschäftigte für jahrzehntelange Dienste ausgezeichnet werden. Die Produk­ tion beläuft sich heute auf rund 100.000 Ven­ tilkegel pro Tag. Eines der wohl wichtigsten Jahre in der Werksgeschichte war 1989, als die Produkti­ onsfläche im Rahmen des sogenannten Masterplanes um knapp 10.000 Quadratme- 64 ter, auf insgesamt 26.800 Quadratmeter, erweitert wurde.1986 hatten die Verantwort­ lichen der TRW-Thomps,on-Gruppe die Ist­ Situation der Ventilfertigung und die Markt­ forderungen analysiert. Dabei wurde deut­ lich, daß die Punkte nicht mehr deckungs­ gleich waren und die Gefahr bestand, daß sie in Zukunft weiter auseinanderdriften wür­ den. Das war die Geburtsstunde des Master­ planes. In dessen Rahmen sollte eine Ferti­ gungsstruktur konzipiert werden, die sowohl den Anforderungen der Kunden, als auch Konkurrenzsitua­ der tion Genüge leisten würde. internationalen Da war zunächst die Frage nach Q!ialität, bezüglich derer das Werk stets einen guten Ruf genoß. Es reichte aber nicht mehr, beste Q!ialität zu liefern. Sichergestellt werden mußte, daß auch beste Q!ialität produziert

wurde. Das heißt, die Ausfallquote mußte so niedrig wie nur möglich angesetzt werden. Jedes Teil war an jeder Operation in der ge­ forderten Toleranz herzustellen. Überprüft wird dies inzwischen mittels automatisierter Kontrollen und statistischer Methoden. Eine andere Untersuchung führte zu dem Ergebnis, daß die Verkettungen in den Bear­ beitungslinien nicht mehr den Anforderun­ gen genügten, da das gegenseitige Berühren der Teile bereits zu Beschädigungen führen konnte. Daraus resultierte die Aufgabenstel­ lung, ein Verkettungssystem zu realisieren, mit dem der beschädigungs&eie Transport der Teile möglich war. Die nächste Aufgabenstellung bestand darin, ein Werks-Layout zu konzipieren, das bei hoher Termintreue noch eine ausrei­ chende Flexibilität der Produktion zuließ. Es war notwendig, die Fertigung so zu struktu­ rieren, daß möglichst kurze Durchlaufzeiten erreicht werden konnten. Voraussetzung dafür war ein optimaler Materialfluß, um eine höhere Transparenz und damit einen vereinfachten Steuerungsablauf der Teile zu erreichen. Gleichzeitig mußte sichergestellt werden, daß das Werk Blumberg auch in Zukunft ca. 1000 unterschiedliche Ventilty­ pen in allen verschiedenen Ausführungen, Werkstoffen und Dimensionen herstellen kann. Das Problem bestand darin, all diese Dinge zu realisieren, ohne daß die vorhan­ dene Produktion beeinflußt wurde. Man Prominenz beim Rundgang durch das Blumberger Werk, anläßlich der Vorstellung des Masterplanes im Jahre 1989 (von links): Werksleiter Dr. Hans-josefEnning, Wahlkreisabgeordneter im Deutschen Bun­ destag, Dr. Hansjörg Häftle, Vizepräsident und Geschäftsführer für den weltweiten Automobilbereich des Konzerns,Jerry K. Myers, Vorstandsvorsitzender der TR W Thompson GmbH, Hanno C. Fiedler, Staatssekretär Dr. Menz, Staatsministerium Stuttgart, Hauptgeschiiftsführer Dr. Kubach, /HK Schwarzwald-Baar-Heuberg. 65

nahm den Neubau einer Werkshalle in Angriff, die eine Investition von 9,5 Millio­ nen Mark verlangte. Maßgabe dafür war die Schaffung heller Arbeitsplätze bei guter Belüftung. Das Ver- und Entsorgungssystem der Maschine mit Öl, Kühl- und Frischwasser wurde so angelegt, daß es die flexible Maschi­ nenaufstellung nicht beeinflußte und Auf­ bereitungen möglich waren. Der erste Spa­ tenstich erfolgte im Mai 1987 und bereits zehn Monate später konnten die ersten Maschinen installiert werden. Beim Ab­ schluß des Masterplanes im Jahr 1990 waren 450 Maschinen um- bzw. neu zusammenge­ stellt mit einer weiteren Investition von 20,5 Millionen Mark. Die rund 30 Millionen Markt umfassende Gesamtmaßnahme ist das größte Einzelprojekt, das die TRW-Thomp­ son-Gruppe jemals in Europa initiiert hat. Mitentscheidend für die Maßnahme war das Vertrauen der Verantwortlichen, die stets auf die hervorragende und qualitativ hoch­ stehende Arbeitsbereitschaft der Baaremer Bevölkerung gesetzt hat und damit immer gut gefahren war. Wie richtig die Maßnahme war, kommt nicht zuletzt dadurch zum Ausdruck, daß inzwischen weitere zahlreiche Arbeitsplätze geschaffen werden konnten. Durch die gute Absatzlage in der Automobilindustrie sah man sich sogar gezwungen, Zusatzschichten zu fahren. Außerdem wurde ein Trainings­ programm entworfen und in die Tat umge­ setzt, damit die Aufgabenstellungen der Zukunft qualitativ gemeistert werden kön­ nen. Im November 1989 begann man mit dem technischen Training der Arbeitneh­ mer, das zweimal wöchentlich stattfindet. Dabei werden Kenntnisse vermittelt, die hin­ sichtlich größerer Flexibilität einen vielfälti­ geren Arbeitseinsatz ermöglichen. Bei nach wie vor guter Auftragslage kann davon ausgegangen werden, daß die vorhan­ denen rund 1300 Arbeitsplätze gesichert sind, was wiederum deutlich macht, wie wichtig dieser Betrieb für die Menschen und für die Wirtschaft im südlichsten Zipfel des Schwarzwald-Baar-Kreises ist. Günter Walcz Benzing Zeit + Daten GmbH, Schwenningen Ein unverwechselbares Erscheinungsbild garantiert Beständigkeit im Wandel Hinter Benzing und Schwenningen liegt eine lange gemeinsame Vergangenheit – symbolisiert doch das mittelständische Unternehmen exemplarisch die Entwick­ lung der Stadt. Bis zu Beginn des 20. Jahr­ hunderts war diese fast ausschließlich von der Uhrenherstellung geprägt. Aus diesem Schlüsselgewerbe entstand allmählich eine vielseitige metallverarbeitende Industrie. Neben der Feinmechanik- und Uhrenbran­ che gehören inzwischen der Maschinenbau, die Elektroindustrie und die Datentechnik zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen der Stadt. Die Entwicklung von Benzing verlief parallel zu dieser Entwicklung. Nach alten Hauptbüchern kann das Unternehmen zurückverfolgt werden ins Jahr 1863 auf die Uhrmacherwerkstatt Benzing. Aus dieser Werkstatt wurde 1890 mit dem Einzug in die Karlstraße 45 ein Industrieunternehmen, das bald Stempeluhren für die Personalzeiterfas­ sung und ab den zwanziger Jahren Zeitrech­ ner für die Erfassung von Auftragszeiten in der Werkstatt fertigte. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann das Datenverarbeitungs­ zeitalter. In den folgenden Jahrzehnten änderte sich die zur Auswertung der Daten notwendige Übertragungstechnik grundle­ gend. Den elektro-mechanischen Drehwäh­ lern folgte die Relais-Technik, der Transistor, die integrierte Elektronik und schließlich die Anwendung des Mikroprozessors. Benzing 66

hat alle Stadien mitgemacht und als eines der ganz wenigen mittelständischen Familien­ unternehmen diesen beispiellosen Struktur­ wandel gut überstanden. Mit seinen 320 Mitarbeitern gehört Ben­ zing heute zu den Marktführern auf dem Gebiet der Zeit- und Betriebsdatenerfassung. Die Produktpalette reicht von elektroni­ schen Terminals für die Anwesenheitszeit-, Projektzeit- und Betriebsdatenerfassung, Maschinendatenerfassung und Zugangs­ kontrolle über autonome Zeitrechner mit integrierter Anwendersoftware bis hin zu elektromechanischen Zeiterfassungsgeräten. Die Benzing-Produktion verfügt über moderne Fertigungseinrichtungen für die Metallbearbeitung, den Gehäusebau, die Oberflächentechnik, von der galvanischen Veredelung bis hin zur elektrostatischen Pul­ verbeschichtung. Der technologische Wan­ del hat die Feinwerktechnik zwar auch bei Benzing vielfach durch elektronische Pro­ blemlösungen ersetzt, es blieb aber immer ein wichtiger Anteil Feinmechanik bestehen, der das Design und die Funktionssicherheit der Benzing-Produkte entscheidend mit­ prägt. Um technologisch ganz vorn zu sein, investierte Benzing schon immer überdurch­ schnittlich viel in Forschung und Entwick­ lung. So arbeiten heute im Systemtechnik­ Labor des Unternehmens 23 Entwickler und Konstrukteure daran, innovative Ideen in marktreife Produkte umzusetzen. Zwei wei­ tere Strategien haben zum stetigen Wachs­ tum des Unternehmens, das seit Jahren zwei­ stellige Wachstumsraten verzeichnet, beige­ tragen: Als OEM-Partner fast aller großen Rechnerproduzenten (wie z. B. Siemens, Nix­ dorf, Philips etc.) kann Benzing zu den mei­ sten EDV-Anlagen kompatible Terminals anbieten. Durch Kooperationen mit vielen spezialisierten System- und Softwarehäusern stehen außerdem maßgeschneiderte Kom­ plett-Lösungen zur Verfügung. So wird Soft­ ware für PC’s, UNIX- und große EDV­ Systeme aller führenden Computerhersteller wie BULL, DEC, HP, IBM, ITOS (CTM), Kienzle, Nixdorf, Philips, Siemens, Tandon, UNISYS und Wang angeboten. Die Aktivitäten des Unternehmens kon­ zentrieren sich aber nicht nur auf die Bun­ desrepublik. Internationalität gehört bei Benzing schon lange, nicht erst jetzt im Hin­ blick auf das vereinigte Europa ab 1993, zur Unternehmensstrategie. So ist das mittel­ ständische Unternehmen in Europa durch Vertriebspartner in Belgien, Dänemark, Griechenland, Großbritannien, Irland, Ita­ lien, Luxemburg, Niederlande, Österreich. Portugal, Spanien, Schweden und Norwegen präsent. Auch in Übersee ist Benzing durch zahlreiche Handelspartner vertreten. In Frankreich und in der Schweiz wird der Markt durch eigene Tochterfirmen betreut. Daß Benzing auch im Ausland ein Begriffist, zeigt der hohe Exportanteil: Über40 Prozent der Produkte gehen in rund 80 Länder der Erde. Mehr als 100.000 Kunden vertrauen auf die Qialität der Benzing-Geräte. Neben innovativen Ideen, der Qialität der Produkte und einer ausgereiften Manage­ ment- und Marketing-Strategie hat aber noch ein anderer Faktor zum Erfolg von Benzing beigetragen: das Erscheinungsbild der Firma. Dem geschäftsführenden Gesell­ schafter Max Ernst Haller wurde schon Anfang der siebziger Jahre – als noch nie­ mand von CI (Corporate Identity) sprach – bewußt: Gerade für ein mittelständisches Unternehmen ist ein klares Design und ein unverwechselbares Firmengesicht genauso wichtig wie die Präsentation neuer Produkte. Nach reiflicher Überlegung verpflichtete er den international bekannten Künstler und Grafikdesigner Prof. Anton Stankowski aus Stuttgart, für Benzing ein visuelles Firmen­ bild zu entwickeln. Dahinter stand der Gedanke, sich durch eigene Identität aus der Anonymität zu lösen und sich dadurch von der Konkurrenz abzuheben. Erstes Ergebnis der gemeinsamen Bemü­ hungen war ein umfangreicher Katalog mit präzisen Vorschriften für jedes visuelle Detail. So wurden Briefbögen, Formulare, Prospekte, Plakate und die Anzeigen in 67

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Links oben: Frontansicht des Benzing-Verwaltungs­ gebäudes mit Biotop im Vordergrund Links unten: In der Klimakammer werden alle Benzing­ Geräte auf Wärme und Kälte getestet Rechts: Verglaster Pausenhof „Ordnen“, Tageszeitungen neu gestaltet. Auch die Mes­ sestände wurden nach den Stankowski-Prin­ z1p1en ,,Vereinfachen“ und „Reduzieren“ neu konzipiert. Als Benzing 1985 ein neues Verwaltungs- und Entwick­ lungsgebäude im Industriegebiet Ost plante, zog man selbstverständlich wieder Designer zu Rate. Das Ergebnis kann sich sehen lassen und ist nicht mehr mit der Industriearchitek­ tur früherer Jahre zu vergleichen. Die gesamte Anlage ist das Spiegelbild der Cor­ porate Identity von Benzing und versucht, Industrie und Natur, Funktionalität und Ästhetik beispielhaft zu vereinen. Die Gestal­ tung des Gebäudes und die klare architekto­ nische Ausführung, die eine vielseitige Nut­ zung in der Zukunft möglich macht, unterst­ reicht das industrielle Design der Benzing­ Produkte. Im Innern des Gebäudes finden Besucher eine Harmonie von Farben, Ein­ richtung und Dekoration vor, die den Geist der Firma spüren läßt. Stankowskis „Zeit­ bilder“ hängen nicht nur zu Renommier- zwecken an der Wand, sondern gehören zum Haus, prägen die Atmosphäre. Bei Benzing gehört Kunst inzwischen zum integralen Bestandteil der Firmenkultur. So wurde das neue Gebäude 1987 bezeichnender Weise mit einer Kunstausstellung eingeweiht. In der Firmenphilosophie nimmt neben Design und konstruktiver Kunst auch die Natur einen hohen Stellenwert ein. So wurde vor dem Haus ein Biotop mit einem kleinen See angelegt -ein blühendes Stück Natur in einem Industriegebiet! Dort verbringen die Benzing-Mitarbeiter gerne ihre Pausen. Selbst der Parkplatz wurde mit Natursand „ökologisch“ gestaltet. Die Natur wurde auch ein bißchen ins Gebäude geholt: Ein verglaster, lichtdurchfluteter Pausenhof mit riesigen Grünpflanzen verbindet die Verwal­ tung mit den Produktionshallen. Mit all die­ sen Maßnahmen ist man dem Ziel einer Symbiose aus Ökonomie und Ökologie ein Stück weit näher gekommen. Petra Eisenbeis-Trinkle 69

GÜNTERT Präzisionstechnik GmbH & Co. weiht FABRIK 2001 ein nung. Oscar Güntert stammte aus Klengen und machte sich bald einen Namen als soli­ der, zuverlässiger Kaufmann und Handels­ partner. Unterstützt wurde er dabei von sei­ ner Frau Gertrud, die seit 1930 in dem Vertre­ terbüro mitarbeitete. Weltwirtschaftskrise und der Ausbruch des Weltkrieges waren Prüfsteine für das junge Unternehmen. Doch die Firma Güntert überwand diese Hindernisse und kaufte noch im Jahre 1944 die Schrauben- und Mutternfabrik Schöp­ perle in der Bertholdstraße. Im Jahr 1946 wurde die Firma Schwanog (Schwarzwälder Normteile GmbH) gegrün­ det und zugleich der Produktionsbereich aus dem Vertreterbüro ausgegliedert. Not, so sagt man, macht erfinderisch. So fertigte das Unternehmen in der Nachkriegszeit Christ­ baumschmuck aus Tannenzapfen, Strickna­ deln, Haarnadeln und Lockenwickler sowie Feuerzeugteile. Im Jahr 1948, das Wirtschaftsleben be­ gann sich zu normalisieren, kehrte das Unter­ nehmen zum angestammten Produktionsbe­ reich, der Fertigung von DIN-Teilen zurück. Nachdem die eigene Produktion im Jahr 1950 eingestellt worden war und nur noch die Handelsgesellschaft bestand, beginnt mit dem Eintritt von Siegfried Güntert, einem Sohn des Firmenchefs, eine neue Ära. Die Eigenfertigung wird wieder aufge­ nommen und stürmisch vorangetrieben. Waren es 1955 noch zehn Drehautomaten und vier Mitarbeiter, so werden Anfang der sechziger Jahre im Monat bereits mehr als 20 Millionen DIN-Teile gefertigt. Eine solche Entwicklung schlägt sich natürlich nicht nur in Zahlen nieder, son­ dern hat auch ihre räumlichen Konsequen­ zen. So wurde 1960 ein neuer Bau an der Ber­ liner Straße bezogen. Die Produktionspa­ lette hat sich mittlerweile erweitert und umfaßt nun mehrere DIN-Bereiche, wie Muttern, Stifte und Schrauben. Oscar Güntert, 1896 in Klengen geboren, grün­ dete 1946 das Unternehmen, verstorben 1969 Wer durch das Villinger Industriegebiet Vockenhausen fährt, dem wird ein großer graublauer Bau mit ungewöhnlichen dreiek­ kigen Fenstern auffallen. Ein Gebäude, das in seinem Äußeren sich wohltuend abhebt von der Industriearchitektur, deren Ideen sich oft in der Form von Würfeln und �adem mit den dazugehörigen Rechtecken erschöpft. Der Neubau der Firma Güntert Präzisi­ onstechnik GmbH & Co., der im August 1989 abgeschlossen wurde, ist ein weiterer Meilenstein in einer Unternehmensentwick­ lung, die 1926 begann. Damals gründete Oscar Güntert in der Goethestraße in Villin­ gen ein Vertreterbüro und vertrieb daneben Schrauben und Muttern auf eigene Rech- 70

Es begann die Umstellung der Produktion auf Langdrehteile aus verschiedenen Werk­ stoffen. War anfangs noch die Schwarzwäl­ der Uhrenindustrie zusammen mit der Unterhaltungselektronik der Hauptkunde, so wurde Anfang der siebziger Jahre deren Schwierigkeiten erkannt. Zum dritten Mal wurde das Unternehmen GüntertPräzisions­ technik umstrukturiert. Gefertigt wurden nun zunehmend Präzisionsschleifteile. In diesem Bereich erzielt die Firma heute 95 0/o ihres Umsatzes. 71

Doch auch an der Berliner Straße wurde es dem Unternehmen bald zu eng, zumal eine weitere, zukunftsorientierte Umstruktu­ rierung begann. So plante man im Hause Güntert eine Fabrik, die für den Start in das dritte Jahrtausend gerüstet ist. Der Standort wurde an der Max-Planck-Straße im Gewer­ begebiet Vockenhausen gefunden. Einern jungen Architektenehepaar war die Aufgabe übertragen, Räume zu schaffen, die dem Menschen dienen und dabei zugleich tech­ nische Rationalität nach außen und innen zu verwirklichen. Siegfried Güntert dachte in seinem Konzept sowohl an die Umwelt, an da Einsparen von Energie und Wasser, an das Äußere des neuen Hauses und an die Qualität der Arbeitsplätze für die oft langjäh­ rigen Mitarbeiter. Dabei wurde akzeptiert, daß die Schonung der Umwelt und eine ansprechende Architektur mehr Geld kosten würde als eine nüchterner Zweckbau. So ent­ stand eine Reihe von Kriterien, die in dem Neubau realisiert werden sollten. Es galt, schwingungsfreie Böden und Räume mit geringen Temperatur chwan­ kungen zu schaffen. Dies waren die Anforde­ rungen, die die Präzisionsfertigung an das Bauwerk stellt. Für die Mitarbeiter wurde die Luftqualität verbessert, die Lärmbelästigung verringert und soweit wie möglich natür­ liches Tageslicht genutzt. An die Umwelt dachte man, als man forderte, Regenwasser zu nutzen und hochwertige Baustoffe zu ver­ wenden. Aber auch die Wirtschaftlichkeit darf bei einer solchen Planung nicht verges­ sen werden. So sind die Bauten für Fertigung und Verwaltung flexibel gestaltet. Die ver­ schiedenen Fertigungsbereiche, wie Produ­ zieren, Kontrollieren, Präzisieren und Ver­ walten wurden räumlich klar gegliedert. Entstanden ist dabei ein Bau, der aus drei nebeneinanderliegenden eingeschossigen Hallen besteht. Sie sind verknüpft durch zwei darüberliegende Zwischenspangen. Eine dieser Zwischenspangen setzt sich fort in einer Verbindungsbrücke zum Verwal­ tungsbau, der als Kopfbau parallel zur Max­ Planck-Straße angeordnet ist. Der Eingangs­ bereich im Erdgeschoß bietet Platz für ein kleines Firmenmuseum, dessen Aufbau Sieg­ fried Güntert besonders am Herzen liegt. Nicht zu unrecht bezeichnet man im Hause Güntert den neuen Bau als „Fabrik 2001″ und sieht in ihr eine Investition in die Zukunft. Die Entwicklung des Unterneh­ mens zeigt den für diesen Raum typischen Werdegang eines mittelständischen Unter­ nehmens, das aus kleinsten Anfängen her­ auswuchs. Erhalten hat sich über die Jahr­ zehnte hinweg in diesem Haus der offene Geist, der stets bereit war, Neues zu akzeptie­ ren und in Zukunftsvisionen, verbunden mit den entsprechenden Entwicklungen, umzu­ setzen. Dies gilt sowohl für das Gebäude der „Fabrik 2001″ als auch für den Wandel der Aufgaben, die die Geschäftsleitung und die Mitarbeiter aufgreifen und erfüllen. Klaus Peter Friese Firma Mathias Bäuerle GmbH, St. Georgen Tradition und Geschichte 1988 feierte die Mathias Bäuerle GmbH ihr 12Sjähriges Firmenjubiläum. Das sind 125 Jahre Tradition, Erfahrung, Wissen und Schöpfertum. Es begann – wie so vieles im Schwarzwald – mit dem Uhnnacherhand­ werk. Der gelernte Uhrmacher Mathias Bäuerle machte sich im Jahre 1863 selbstän­ dig. Vertrauend auf sein handwerkliches 72 Geschick und auf seine Zielstrebigkeit baute er eine Uhrenfabrikation auf. Getrieben von seinem Erfindergeist entwickelte er die erste Federzug-Retschenuhr, die sehr schnell Ver­ breitung fand. Aus der kleinen Werkstatt wurde im laufe der Jahre ein weltbekannter Fabrikationsbetrieb der Uhrenbranche. Die Zahl der Mitarbeiter wuchs. In St. Georgen

entstand eine neue Fabrikanlage, die durch spätere Um- und Ausbauten dem Firmen­ wachstum angepaßt wurde. Um die Jahrhun­ dertwende hatte die Herstellung feinmecha­ nischer Präzisionswerke eine große Bedeu­ tung. Die Normaluhren, die Lauf-, Zähl- und Registrierwerke aus St. Georgen besaßen weltweit einen guten Ruf. Dafür erhielt das Werk auf der Pariser Weltausstellung im Jahre 1890 eine Auszeichnung. Der Weitblick des Firmengründers und der seiner Söhne war für die damalige Zeit beispielhaft. So wurde frühzeitig die zuneh- mende Bedeutung der Rechenmaschine für die weitere Entwicklung in Industrie und Handel erkannt. Aufbauend auf dem hohen Können und der Präzisionsarbeit der Mitar­ beiter ging man daran, neben der Uhrenfa­ brikation nun auch eine Rechenmaschinen­ fertigung einzurichten. Dies sicherte neue Absatzgebiete und erhöhte die Stabilität der Firma. Die Rechenmaschinen Peerless und Badenia – mehrfach auf internationalen Ausstellungen ausgezeichnet – wurden zu einem Symbol für Präzisionsarbeit aus dem Schwarzwald. Sie entwickelten sich zur Hauptproduktion des Werkes. Trotz der schwierigen Jahre des 1. Weltkrieges und der Weltwirtschaftskrise entwickelte sich die Firma weiter. Die ständige Vervollkomm­ nung der Rechenmaschinen sicherte der Firma ihren guten Ruf und den Absatz auf dem Markt. Ein neues Zeitalter bricht an Nach den W irren des 2. Weltkrieges und den schwierigen Nachkriegsjahren vollzog sich auch in der Firma Mathias Bäuerle ein Neuanfang. Obwohl der Absatz der Rechen­ maschinen Anfang der SOer Jahre noch unproblematisch war, erkannte man recht­ zeitig die sich verändernde Marktsituation. Die überall in Industrie und Handel vorherr­ schende Dynamik schuf neue, erweiterte Bedürfnisse und Märkte. Diese Erkenntnis führte zu der Entscheidung, auf dem Gebiet der kleinformatigen Papierverarbeitungsma­ schinen tätig zu werden. 1953 konnten die ersten Falzmaschinen, die jetzt weltweit unter dem Markennamen „multipli“ be­ kannt sind, ausgeliefert werden. Doch bei den Falzmaschinen blieb es nicht – es ka­ men Zusammentrag-, Kuvertiermaschinen und kleinformatige Offsetdruckmaschinen hinzu. Der Schwerpunkt der Entwicklung war immer darauf gerichtet, Maschinen zu ent­ wickeln, die für die unterschiedlichsten Anwendungsgebiete einsetzbar sind und deren Bedienung einfach und leicht erlern- 73

sten Entwicklung, der multipli 524, Pate. Diese Falzmaschine hat auf der größten Fachausstellung des grafischen Maschinen­ baus, der DRUPA 90, für Aufsehen gesorgt. Ausgestattet mit einer zentralen Mikro­ Computer-Steuerung laufen die Einstellvor­ gänge und die Papierlaufüberwachung be­ ginnend beim Anleger über die Falzwerke bis zur Auslage automatisch ab. Bis 60 Falz­ arbeiten können durch die programmierbare High Speed Automation gespeichert und auf Tastendruck automatisch eingerichtet wer­ den. Der Einsatz von neuester Technik, wie z.B. Lichtwellenleiter, selbstlernende Dop­ pelbogenkontrolle, computerberechnete Falzwalzeneinstellung u. a. machen die mul­ tipli 524 zu einem Falzautomaten der Zukunft. Schallschutz, Bedienpult, Anleger und Auslage entsprechen den neuesten ergo­ nomischen Anforderungen. Die modulare Bauweise der Maschine gestattet eine varia­ ble Kombination von Taschen- und Schwertfalzwerken. Dadurch ist das Zusam­ menstellen einer Falzmaschine nach Maß möglich, d. h. nahezu alle Falzarten sind her­ stellbar. Neben der einfachen Bedienbarkeit ist also die Universalität dieser neuen bar sein muß. Diese Konsequenz führte dazu, daß neben den einfachen, manuell zu handhabenden Maschinen auch vollauto­ matische Modelle angeboten werden kön­ nen. So ist die novapli 342 die erste vollauto­ matische Bürofalzmaschine der Welt. Durch den gezielten Einsatz der Elektronik wird jeg­ liche manuelle Einstellarbeit dem Bediener abgenommen. Er braucht nur noch die gewünschte Falzart zu wählen und schon stellt sich die novapli 342 selbständig ein. Ein Komfort, der bis jetzt einmalig ist. Dieser Gedanke stand auch bei der neue- 74

Maschinengeneration ein weiteres herausra­ gendes Merkmal. Der Falzautomat multipli 524 reiht sich ein in die richtungsweisenden Entwicklungen von Mathias Bäuerle. Seit 1986 hat die Firma Mathias Bäuerle eine Tochtergesellschaft in den USA. Dieser Betrieb -er ist in Chester, Bundesstaat Con­ necticut beheimatet -befaßt sich ebenfalls mit papierverarbeitenden Maschinen. Durch die enge Zusammenarbeit zwischen den Entwicklungsingenieuren des Stamm­ hauses und der Tochterfirma entstehen immer wieder neue Impulse, die zu neuen und marktgerechten Entwicklungen führen; so z.B. zu Brieffalzmaschinen, die in einem Arbeitsgang noch zusätzlich Beilagen ein­ stecken können, oder Falz-und Abstapelsy­ steme für Laserdrucker. Dem Neuen aufgeschlossen gegenüber­ stehen ist ein Grundsatz, der zur Firmenphi­ losophie gehört. Die computergestützten Konstruktionsarbeitsplätze erleichtern nicht nur die Tätigkeit der Konstrukteure, sondern sind Voraussetzung für schnelle, marktspezi­ fische, innovative Lösungen. Ebenso ist die gesamte betriebliche Fertigungssteuerung auf einem EDV-System aufgebaut, das einen optimalen Produktionsfluß sichert. Mit Hilfe CNC-gesteuerter Fertigungstechnik wird die für die Falzmaschinen erforderliche hohe Präzision erreicht. Die Ausbildung des Nachwuchses in einem eigenen Bildungs- zentrum ist die Basis zur Sicherung des erfor­ derlichen beruflichen know-how. Damit sind zukunftsorientiert die Voraussetzungen geschaffen, die ein hohes Qualitätsniveau der Erzeugnisse ermöglichen und gleichzei­ tig eine marktorientierte, flexible Produkti­ onssteuerung garantieren. Die Maschinen der Firma Mathias Bäuerle sind auf allen Kontinenten anzutreffen -in Büros, in Buchbindereien und Druckereien -überall dort, wo Papierverarbeitetwird. Ein weltweites Händlernetz übernimmt den Ver­ kauf in mehr als 70 Ländern der Erde. Enger Kundenkontakt ist Voraussetzung für zufrie­ dene Kunden-sei es bei der Abwicklung von Aufträgen, bei der Erarbeitung von speziel­ len Kundenwünschen oder in dem kompl­ exen Bereich des Service. Durch modernste Technik im Bereich der Kommunikation ist ein schnelles Reagieren zu allen Partnern in der Welt gesichert. In einem modernen Vor­ führ- und Schulungszentrum stehen alle Maschinen zur Demonstration bereit. Hier erfolgt unter praxisnahen Bedingungen die Beratung der Kunden. Mit eigenen Materia­ lien können hier alle Interessenten die Maschinen ausgiebig testen. Von erfahrenen Mitarbeitern werden Schulungen durchge­ führt, die auf die speziellen Ausgangsbedin­ gungen des zukünftigen Kundendienstper­ sonals ausgerichtet sind.Hermann Brunnhuber 75

Schwarzwaldfrische aus gesunden Bad Dürrheimer Q!iellen Die Mineralbrunnen GmbH & Co. l;,,11111′!11 ., !In··’·“ Die Bad Dürrheimer Mineralbrunnen GmbH & Co. hat am 6. Oktober 1989 feierlich ihr 30ahriges Firmenjubiläum begangen und eine neue, hochmoderne Abfüllanlage in Betrieb genommen. Aus diesem Anlaß wird im nachfol­ genden Beitrag über die Fortentwicklung der Firma berichtet. Das 25;ahrige Jubiläum wurde bereits im Almanach 1985 (Seite 74/75) gewür­ digt. 130 Mio. Flaschenabfüllungen, Zuwachs­ raten von ca. 320 0/o und ein Platz unter den ersten 25 deutschen Brunnenbetrieben zei­ gen, daß die Mineralbrunnen GmbH & Co. auf dem richtigen Weg ist. Seit dem 20. Mai 1959 wird in Bad Dürr­ heim das „erfrischende Naß“ abgefüllt. Mit fünf Mitarbeitern fing alles an und jedes Jahr brachte neue Rekordmarken. 1976 liegt die Stundenkapazität bei 22.000 Füllungen. 1980 sind es bereits 40.000. Die Ausweitung der Produktion und des Produktangebotes (das Unternehmen bietet 16 verschiedene alkoholfreie Getränke an) erfordert den Aus­ bau des Personalbestandes: 131 Mitarbeiter feiern gemeinsam das Jubiläum. Bei einem Angebot von 300 deutschen Marken gibt es für die hervorragende Stel­ lung der Mineralbrunnen GmbH & Co. vor allem einen wesentlichen Grund: die Q!iali­ tät. Das Mineralwasser schmeckt nicht nur, es ist auch „gesundheitlich besonders wert­ voll“. Dieses Gütesiegel haben überregionale Q!ialitätstest dem koch salz- und nitratarmen Bad Dürrheimer Wasser zuerkannt. Sogar die Zubereitung von Säuglingsnahrung ist damit empfehlenswert. Bei einem Jahresumsatz 1989 von ca. 50 Mio. DM können die Absatzzahlen noch weiter ansteigen, da der Markt der alkohol­ freien Getränke stark expandiert – und hier ganz besonders der des Mineralwassers. So hat sich der pro-Kopf-Verbrauch von Mine­ ralwasser in der Bundesrepublik von 64,0 l im Jahr 1986 gegenüber 13,111970 fast verfünf­ facht. Zum anderen werden 1993 in einem grenzenlosen Europa neue Märkte erschlos­ sen. So soll z.B. das stille Wasser aus der Bad Dürrheimer Produktpalette auch auf der anderen Seite des Rheins neue Abnehmer/ Genießer finden. Bemerkenswert ist, daß 76

nach Frankreich nicht die dort übliche Ein­ wegware geschickt werden soll, sondern unsere Pfandflaschen mit recyclingfahigem Plastikschraubverschluß. Aus diesem wer­ den Hosenknöpfe gemacht! Die Bad Dürrheimer Mineralbrunnen GmbH & Co. ist auf die Zukunft und damit auf eine stetige Kapazitätsausweitung vorbe­ reitet. Kernstück ist dabei die neue Abfüllan­ lage, die derzeit modernste und größte der Deutschen Mineralbrunnen, die Ende 1989 in Betrieb genommen wurde. Der Super­ block DELTA des Spezialherstellers Holstein & Kappert faßt drei Funktionsstufen zusam­ men: Inspektion, Füllung und Etikettierung ohne zusätzliche Transportstrecke. Das bedeutet bei gleichbleibendem Energieein­ satz eine deutlich höhere Abfulleistung. Damit wird Umweltschutz nachvollziehbar praktiziert. Zum Glück gibt es genug natürliches, sauberes Wasser in dem Schwarzwaldkurort Bad Dürrheim. Dies wurde durch geolo­ gische Gutachten und Probebohrungen nachgewiesen. Im Jahr 1990 wurde eine wei­ tere neue Quelle erschlossen, die aus 140 m Tiefe Wasser von hervorragender Qualität liefert. Ständige Q!ialitätskontrollen durch staatliche und private Institute bescheinigen allen Bad Dürrheimer Mineralwässern einen mikrobiologisch einwandfreien Zustand. Für die Bad Dürrheimer Mineralbrunnen GmbH & Co. ist es Grund und Verpflich­ tung, den bisher eingeschlagenen Weg kon­ sequent weiter zu gehen. Klaus Dettling Ein führendes Unternehmen seiner Branche Die Achsenfabrik Ueberle GmbH u. Co. KG in Blumberg-Riedböhringen Es gehörte viel Mut und Selbstvertrauen dazu, wie der jetzt 85jährige Seniorchef, Heinrich Ueberle, im ersten Jahr nach Kriegs­ ende, nämlich 1946, einen Betrieb zu grün­ den. „Heiner“ Ueberle kam noch als Proku­ rist der aus Hamburg nach Blumberg verla­ gerten Firma Kopperschmidt, die Plexi-Ver­ glasungen für Flugzeugkanzeln in den Ferti­ gungshallen des Süd- und Nordwerkes der Doggererz AG sowie später im Eichbergstol­ len rüstungsbedingt produzierte. In der Firma arbeiteten damals 1500 Angestellte und Arbeiter, die gegen Kriesgende nach Tirol ausweichen mußten, bis die damalige französische Besatzungsmacht den Rü­ stungsbetrieb Kopperschrnidt nahezu restlos demontierte. Man muß bis zu dieser Negativbasis zurückblenden, um Heinrich Ueberles wohl angeschlagenen, aber letztlich doch unge­ brochenen Unternehmergeist zu würdigen. Denn den verbliebenen, kleinen Maschinen­ park sowie das restliche Material an Plexiglas und Dural verwertete der durch Not zwangs- läufig erfinderische Ueberle für die Produk­ tion von dringend benötigten Artikeln. Schließlich fehlte es in damaliger Zeit an allem. Kaum jemand erinnert sich heute noch daran, daß dieser „Not“-Betrieb, der 1946 gegründet, am 17. Oktober 1947 ins Handelsregister eingetragen und schon im März 1948 erneut demontiert wurde, in der Aula der Viktor-von-Scheffel-Schule in Blumberg begann. Auch nach diesem weite­ ren Rückschlag gab der in Heidelberg gebo­ rene und aufgewachsene Heinrich Ueberle nicht auf. Verständnis und wesentliche Unterstützung fand er beim damaligen Landrat des Landkreises Donaueschingen, Dr. Robert Lienhart. Die Zeichen der Zeit mit ihrem enormen Nachhol- und Ergän­ zungsbedarf richtig erkennend, hatte Hein­ rich Ueberle zudem das Glück, in dem Ried­ böhringer Adolf Fricker einen gleich ihm zielstrebigen Partner kennenzulernen. Ge­ meinsam begannen sie nun in dessen zur Verfügung gestellten Kellerräumen mit der Fertigung von gefragten Schloßschrauben. 77

CNC-Drehmaschinefür Achskörper-Bearbeitung bis zu Q;mschnitten von 130 mm Vierkantstahl Bei deren Lieferungen sah Ueberle in ländli­ chen Handwerksbetrieben die mühsame Herstellung von Wagenanhängern, wie sie damals ebenfalls dringend gebraucht wur­ den. Den Bedarf richtig einschätzend, stellte er die Produktion auf diese nützlichen Trans­ porter um und fand über deren Achsen zum endgültigen Ziel, nämlich zur künftigen Herstellung von verläßlichen Achsen für alle Bau- und Landmaschinen. Sein Partner Fricker machte sofort mit. Hier hatten sich zwei Unternehmer gefunden, die einander im pla­ nerischen und praktischen Denken ergänz­ ten und mit ihren Mitarbeitern die Erweite­ rung eines Betriebes mit fundierten Zukunfts­ aspekten ins Auge fassen konnten. So entstanden die ersten Fabrikationsge­ bäude in Riedböhringen, nahe der Bundes­ straße 27. Schon 1971 fertigte man im Schnitt täglich 100 Achsen und erreichte einen Jah­ resumsatz von fünf Millionen Mark, wobei der Export in die europäischen Länder sowie ins übrige Ausland eine wichtige Rolle spielte. Der Betrieb wurde inzwischen durch 78 moderne Fertigungs- und Lagerhallen sowie ein entsprechendes Verwaltungsgebäude zweckdienlich erweitert. Zum silbernen Jubi­ läum im Jahr 1971 ehrte Heinrich Ueberle von den rund vierzig Mitarbeitern schon zwei für 25 und zehn Betriebsangehörige für 15 und mehr Jahre unermüdlichen Einsatzes. Daß bei solcher Betriebsverbundenheit schwierige Marktsituationen, wie zum Bei­ spiel im Bereich der landwirtschaftlichen Fahrzeuge, in gemeinsamen Anstrengungen überwunden wurden, zeichnete das beste­ hende Arbeitsklima besonders aus. So ist Obermeister Hermann Keßler, der am 1. April 1948 als Lehrling eintrat, „von der Pike aur‘ dabei und feierte 1988 sein 40jähriges Betriebsjubiläum. Es war das Jahr, in dem sich der Umsatz von typgeprüften Achsen monatlich auf 500.000 bis 600.000 Mark gesteigert hatte. Damit blieb man nicht nur wettbewerbsfähig, sondern sicherte dazu auch die notwendigen und sozial bestens betreuten Arbeitsplätze. Dazu werden Lehr­ linge kontinuierlich zu lndustriemechani-

kern ausgebildet. Ernst Keller, seit 1958 im Betrieb und ab 1982 Junior-Geschäftsführer, ist der vom Seniorchef Heinrich Ueberle berufene neue „Motor“ der Achsenfabrik, die zu einem der führenden Unternehmen dieses speziellen Marktes zählt.1987 wurden 1000 Tonnen Vierkantstahl in einem Durch­ messer von 30 bis 140 Millimeter verarbeitet. Das zwingt zu einem ausreichenden Lager­ bestand. Hergestellt werden Präzisionsach­ sen bis zu einer Spannweite von zweieinhalb Metern, mit einer Tragkraft bis zu 20 Ton­ nen. Der umfassende Katalog nennt: Pendel­ Achsen für Spezialanhänger und Schwerlast­ transporter, bei denen der Radkörper gleich­ zeitig als Nabe und Träger für die Vollgum­ mibereifung dient. Laufachsen für schwere Hafenkräne. Pendel-Bremsachsen mit einer Tragkraft von 15 Tonnen unter Transport­ fahrzeugen für Flüssigmetall in einem chine­ sischen Walzwerk. Lenkachsen für gezogene Spezialfahrzeuge einer Bräunlinger Fabrika­ tion. Pendelnd aufgehängte Lenkachsen für Transportbereite Achsen Ausschnitt aus dem Zwischenlager .far Mittel­ achskörper 79

Tieflader mit hochempfindlichen Meßgerä­ ten. Lenkachsen-Sätze für den Sahara-Was­ sertransport mit einer Faßkapazität von 10.000 Litern. Laufrollen für Transportre­ gale. Hinzu kommen Stahl-Halbachsen für Kutschen und hochbelastbare Wagenach­ sen, wie sie bei Marathon- und Turnierfahr­ ten strapazierende Verwendung finden. Gründer und Seniorchef Heinrich Ueberle betonte im anregenden Gespräch auch das rationelle und kostengünstige Bau­ kastensystem, die oftmals schwierigen Son­ deranfertigungen und die betriebseigene Programmierung der hochwertigen NC­ Maschinen je nach Kundenwünschen. Dem Mittachtziger, der sich in jüngeren Jahren mit dem Hockeysport – hier gehörte er frü­ her auch der Deutschen Nationalmann­ schaft an – und später jahrzehntelang bis zum 78. Lebensjahr(!) mit dem Tennissport vorbildlich fit hielt, war bei der Unterhaltung die Freude über das abgerundete Lebenswerk anzusehen. Dazu weiß er es in guten Hän­ den. Aus bescheidenen Anfängen schuf er, mit glücklicher Hand in der Wahl und Inte­ grierung seiner Mitarbeiter, in Blumberg­ Riedböhringen ein Werk, das weit über die Grenzen des Blumberger Raumes hinaus bis ins Ausland einen ausgezeichneten Ruf Jürgen Henckell genießt. Tannheimer Säge – vom Rundholz zum Dachstuhl Neue Technologien entlasten das Handwerk Der Schwarzwald mit seinen reichen Waldbeständen bietet seit jeher die Grund­ lage für das Holzgewerbe. Auch die Tannhei­ mer Säge, die in Tannheim an der Grenze zwischen Baar und Schwarzwald liegt und in der vierten Generation von Herbert Riegger geführt wird, hat eine alte Firmengeschichte. 1872 übernahm Blasius Riegger eine durch Feuer zerstörte Sägemühle. Sein Sohn Rudolf Riegger, dessen Name der Betrieb heute noch trägt, mußte das Sägewerk zwei­ mal wieder aufbauen, nachdem es 1918 und 1940 in Flammen aufgegangen war. Von 1943 an wurde es von Wilhelm Riegger, dem Vater des jetzigen Besitzers, betrieben, der es 1975 seinem Sohn übertrug. Bis zu diesem Zeit­ punkt gehörte das Gasthaus „Sonne“ in Tannheim zum Sägewerk. 1976 brachte Herbert Riegger das Säge­ werk durch größere Umbauten auf technisch neueren Stand. Durch weitere Mechanisie­ rung wurde 1983 die Leistungsfähigkeit des Sägewerks nochmals erheblich verbessert. 1988 wurde eine neue Halle gebaut und eine computergesteuerte Bauholzabbundanlage installiert. 80 Der Rohstoff Holz wird hauptsächlich aus dem Villinger Stadtwald und von umlie­ genden Gemeinden und Privatwaldbesitzern gekauft. Aus dem Stammholz wird überwie­ gend Bauholz für den Holzbau erzeugt. Aber auch hochwertige Blochware für Schreiner, Treppen- und Fensterbauer sowie Rahmen, Latten und Bretter für Dachdecker und Zim­ merer gehören zur Produktpalette. Sämtli­ che Hölzer können auf Wunsch weiterverar­ beitet, das bedeutet gehobelt, imprägniert und seit neuestem – beim Bauholz – auch abgebunden werden. Abbinden -was ist das? Das Bauholz wird nach Plan und Auftrag des Zimmermanns so zugeschnitten, daß es von ihm auf der Bau­ stelle zum Dachstuhl zusammengebaut wer­ den kann. Die Möglichkeit, daß ein Zimmermann fertig abgebundenes Bauholz von einem Sägewerk beziehen kann, gibt es noch nicht oft. Bei der Installation der Abbundanlage 1988 war die Firma Riegger das erste Säge­ werk in Deutschland, das eine solche Lei­ stung anbot. Inzwischen haben auch andere Betriebe die Zeichen der Zeit erkannt und

Sägewerk und neue Abbundhalle .& ‚Y Die computergesteuerte Abbundanlage 81

dieser gewagte Schritt aus heutiger Sicht rich­ tig war. Die Anlage war von Anfang an ausge­ lastet. Zuerst nahmen hauptsächlich junge Zim­ merer dieses neue Abbundverfahren in An­ spruch. Inzwischen sind auch anfangs skepti­ sche Zimmerleute von den Vorteilen dieser Innovation wie geringere Transportkosten, hohe Maßgenauigkeit, gut kalkulierbare Kosten, Zeit für andere Arbeiten, überzeugt worden. Heute wird fast das ganze auf dem Sägewerk Riegger erzeugte Bauholz abge­ bunden ausgeliefert. Der Kundenkreis, der sich bisher auf die hiesige Region begrenzte, ist wesentlich grö­ ßer geworden. Von der Pfalz über Baden­ Württemberg, die Nordschweiz bis hin ins Tessin stehen Häuser mit einem Dachstuhl, der in der Tannheimer Säge abgebunden wurde. Auch Fertighausfirmen gehören mitt­ lerweile zur Stammkundschaft. Dank der Unterstützung der zehn Mitar­ beiter und der Aufgeschlossenheit des Fir­ menchefs für neue Technologien ist für die Zukunft der Absatz und somit die Ausla­ stung und die Existenz der Firma Rudolf Riegger, Sägewerk, in Tannheim gesichert. Herbert Riegger E friendli Wort … Ich weiß it ob des immer stimmt: „E friendli Wort – des koscht doch nint!“ Bisch grad moal greizt un hesch e Wuat No goaht des sicherlich nit guat. Des koscht ganz schö -dich z’überwinde Wenn mer dich do will friendli finde. Doa tuat -ganz offe kann mer’s sage – Dea geistlich Stand sogar dra nage. Es wär au wirklich zum Erstaune Hätsch täglich du nu guate Laune. Nu -eh‘ mer’s merkt, daß du grad brummsch Guck vorher schnell, daß z’lache kunnsch. Gertrud Mager Zur Auslieferung bereitgestelltes abgebundenes Bauholz nachgezogen. Aber im südbadischen Raum ist dies bis jetzt noch einmalig. Lange suchte der Firmeninhaber nach einem weiteren Standbein für den Betrieb. Andere Verarbeitungen kamen aus verschie­ denen Gründen nicht in Frage. Gute Kon­ takte zum Entwickler dieser neuen Abbund­ maschine brachten den Stein ins Rollen. Genaue Überlegungen waren notwendig, denn man war sich klar darüber, daß mit der Anschaffung dieser Maschine der eigenen Kundschaft einen Teil ihrer Handarbeit abgenommen wurde. Nach Rücksprache mit der Stammkundschaft des Betriebes, die nur mit einer Ausnahme diese neue Technologie begrüßten, stand dem Entschluß, die für den Betrieb große Investition zu tätigen, nichts mehr im Wege. Die Vorteile überwogen – auch für die Zimmerleute. Der Aufschwung am Bau, die Personalknappheit beim Handwerk und die immer kürzeren Lieferzeiten zeigten, daß 82

Wirtschaftsgeschichte Die frühen Jahre der Furtwanger Uhrmacherschule (1850-1857) Um 1840 mehrten sich jedoch die Klagen über die wirtschaftliche Lage des Uhrenge­ werbes, sie wurden verstärkt durch die Aus­ wirkungen der Agrarkrise von 1845/47. Die Betroffenen sahen die Ursache eher vorder­ gründig in Zollerhöhungen und Erschwe­ rungen des ambulanten Handels, in der Machtstellung der Zwischenhändler (,,Pak­ ker“) oder im ungeregelten Zugang zum Uhr­ macherberuf, außenstehende Beobachter blickten tiefer. Als Beispiel sei aus den Gutachten eines Regierungsbeamten von 1843/44 zitiert, wonach die Schwarzwälder Uhrmacher „auf der einmal erreichten Stufe der Kunstfertigkeit stehen geblieben sind“ und „eigensinnig am Althergebrachten festhalten“. Verschiedene Hilfsmaßnahmen wurden diskutiert, doch verwirklicht hat man eine auch heutigen Kriterien entsprechende gewerbliche Berufsfachschule, die ganztägig und freiwillig besucht wurde, kein Schulgeld forderte und aufElementarschulbildung auf­ baute. Werkstattpraxis (in den „Musterwerk­ stätten“) und theoretische Unterweisung (in der „Uhrengewerbeschule“) waren aufeinan­ der bezogen. Wenn auch dieses Konzept nicht in allen Einzelheiten durchgehalten werden konnte, mit dieser didaktischen Struktur in Verbindung mit entsprechender personeller und gerätetechnischer Ausstat­ tung war die Großherzoglich Badische Uhr­ macherschule Furtwangen im Jahre 1850 eine recht seltene, vielleicht gar singuläre Erschei­ nung im deutschen Bildungswesen. Den Historiker überrascht nicht nur die ihrer Zeit weit vorauseilende Form der Aus­ bildung, sondern auch die Schnelligkeit, mit der trotz zweier Revolutionsjahre das Kon- 83 Hauptgebäude der Großherzog/ich Badischen Uhrmacherschule Furtwangen 1850-1863 Wenn in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts in Deutschland über Gewerbe­ förderung in ländlichen Gebieten sinniert wurde, dann dachten viele Zeitgenossen an den hausgewerblichen Uhrenbau des Schwarzwaldes. Um 1810 waren es 150 000, um 1840 über 550 000 Gewichtsuhren, die alljährlich mit Hilfe der Schwarzwälder Uhrenhändler ihren Weg in Europas Bauern­ und Bürgerstuben fanden. Etwa ein Drittel aller Uhren, die damals in Europa produziert wurden, Taschenuhren eingeschlossen, kamen aus den kleinen Werkstätten des hohen Schwarzwaldes.

zept realisiert wurde. Anfang September 184 7 übergaben vier Vertreter des Schwarzwälder Uhrengewerbsvereins dem Großherzog Leo­ pold ihre Petition, zwei Monate später unter­ stützte eine Kommission des Innenministe­ riums den Vorschlag nach Einrichtung einer Uhrmacherschule. Der Uhrengewerbsverein hatte seine Zielvorstellungen klar herausgear­ beitet: Förderung der Stockuhrenproduk­ tion (federgetriebene Uhren), Einführung des Taschenuhrbaues auf dem Schwarzwald, Steigerung der Arbeitsproduktivität und Entwicklung neuen Uhrendesigns bei den herkömmlichen Wanduhren mit Gewichts­ antrieb. Die im Januar 1848 eingebrachte Regie­ rungsvorlage konnte jedoch wegen der poli­ tischen Ereignisse (Neuwahlen) erst im Herbst parlamentarisch behandelt werden, dabei haben sich beide badische Kammern für eine rasche und großzügige Unterstüt­ zung der Schwarzwälder Uhrmacher aus­ gesprochen. Politisch brisant war die Wahl des Standorts der neuen Institution. Vier Orte hatten ich beworben. Recht modern mutet die Entscheidungsfindung an. Auf einer Mitgliederversammlung des Uhrenge- werbsvereins am 5. Februar 1849 wurde gefragt: „Wieviele Uhrengewerbsleute woh­ nen in jedem der vier Orte und bis auf zwei Wegstunden weit um jeden herum“? Die Auswertung ergab für Vöhrenbach 1199, für Neustadt 1270, für Triberg 1377 und für Furt­ wangen 2018. Damit hatte Furtwangen gewonnen. Eine Expertengruppe besuchte im Frühjahr 1849 die Uhrmachergebiete Frankreichs und der Schweiz, kaufte Maschi­ nen und Musteruhren ein und führte Ver­ handlungen zur Besetzung der Hauptlehrer­ stelle für Taschenuhrmacherei. Als Leiter der Werkstätte für Stockuhrmacher war Mat­ thäus Hipp (1813-1893) vorgesehen, doch unter den Nachwirkungen der badischen Mairevolution von 1849 hatten sich die Vor­ stellungen der Verwaltung geändert. Höchste Fachqualifikation konnte politische Beden­ ken nicht aufwiegen. Damit schied Matthäus Hipp aus, der „demokratischen Grundsätzen ergeben war“ und sich zudem 1848/49 an sei­ nem Wohnort Reutlingen politisch expo­ niert hatte. Lorenz Bob (1805-1878), der ursprünglich lediglich den Bau Schwarzwälder Uhren betreuen sollte, wurde anfangs 1850 damit Werkstatt und Wohnung von Lorenz Bob. Im Vordergrund die „ Unterallmend‘: ältestes Uhrmacher­ viertel Furtwangens. 84

und von 1 bis 6 lh Nachmittags in den Werk­ stätten, an drei Vormittagen haben sie den Gewerbeschul-Unterricht zu besuchen, wel­ cher jedoch im Sommer um 5 Uhr, im Win­ ter um 6 Uhr morgens beginnt und nur durch eine halbe Stunde Zeit zum Frühstück unterbrochen wird … „, das entspricht wöchentlich 46,5 Werkstattstunden gegen­ über 18 Stunden im Sommer, bzw. 15 Stun­ den im Winter theoretische Unterweisung, im Jahresdurchschnitt also 63 Ausbildungs­ stunden je Woche. Auf die Werkstatt entfielen dabei 74 % , auf die Gewerbeschule 26 % der Gesamtzeit. Die Werkstatt für Taschenuhrmacher war 1851/52 mit 18 Schülern voll ausgelastet, die Stockuhrmacherei mit 17 Schülern nahezu. Schulgeld wurde nicht erhoben, maximal 12 Schiller konnten zusätzlich noch Unter­ haltsbeihilfen in Höhe von jährlich 100 fl. (Gulden) erhalten. Im Hauptgebäude der Bahnhäusleuhr mit Federantrieb, kennzeichnend für die Reformen der Uhrmacherschule Lackschilduhr mit 8-Tage-Werk. Furtwangen, um 1850. beauftragt, zusätzlich auch die Leitung der Stockuhrmacherwerkstatt zu übernehmen. Aus sachlichen, aber auch aus politischen Gründen wurde Robert Gerwig (1820-1885) zum Schulleiter berufen, ein damals knapp 30jähriger „Ingenieur mit Staatsdienereigen­ schaft“ der Oberdirektion des Wasser- und Straßenbaus, der sich bereits bei Sonderauf­ gaben bewährt hatte. Offiziell wurde die Uhrmacherschule am 5. März 1850 eröffnet, als Ministerialrat Dietz, der zuständige Behördenleiter, alle Beteiligten zu einer Arbeitssitzung eingeladen hat. Taschenuhr­ macher Flammger trug seinen Unterrichts­ plan vor, für die Stockuhrmacherei wurden entsprechende Konzepte angekündigt. Den Höhepunkt ihrer Leistungskraft dokumentiert die Großherzoglich Badische Uhrmacherschule Furtwangen im zweiten Jahresbericht von 1851/52. ,,Die Zöglinge (Mindestalter 14 Jahre. Der Verf.) arbeiten an a!Jen Werktagen von 7 bis 11 V2 Vormittags 85

Die Gewerbeschule wurde in angemieteten Räumen in einem Furtwanger Gasthaus untergebracht. Das Personal der Uhrmacherschule um­ faßte z� dieser Zeit insgesamt 12 Personen, den Schulleiter (Gerwig), die drei Lehrer der Gewerbeschule, für Technik (Fräßle), Design (Meyerhuber) und Sprachen/Wirtschafts­ kunde (Lamy), die zwei Hauptlehrer für Taschenuhren (Flammger) und Stockuhren/ Gewichtsuhren (Bob) wurden in den Werk­ stätten noch von zwei Hilfslehrern unter­ stützt. Außerdem zählten drei Arbeiter zum Personal der Schule, ein Uhrmacher, ein Mechaniker und ein Schreiner, hinzu kam der Hausmeister („Diener“). Das ergab, selbst wenn außerschulische Aktivitäten berück­ sichtigt werden – heute würde man dafür Worte wie Technologietransfer oder Wirt­ schaftsförderung wählen – eine recht gün­ stige Lehrer-Schüler-Relation. Die Kosten für Gebäude und Heizung hat die Gemeinde Furtwangen übernommen. Im Jahre 1857 wurde die Uhrmacher­ schule neu organisiert. Robert Gerwig war auf sein wiederholtes Drängen hin vom Amt des Schulleiters entbunden worden, Nach­ folger wurde Gewerbelehrer Fräßle. Als neuer Leiter für den Taschenuhrbau konnte der bekannte Uhrmacher Jess Hans Martens gewonnen werden. Um Platz für die Ausbil­ dung von Taschenuhrmachern und zugleich für die von einer privaten Aktiengesellschaft Bei einem Vergleich der Lehrerbesoldun­ gen fallt auf, daß damals die „Praktiker“ bes­ ser bezahlt wurden als die Vertreter theore­ tischer Fächer. Jahresbezüge 1850 m Gulden (fl.): Hauptlehrer für Taschenuhrmacherei 1400 Hauptlehrer für Stockuhrmacherei 1000 Zeichenlehrer, akad. Bildhauer und Modelleur Gewerbeschullehrer, Kassier und Rechner 600 Der Schulleiter bezog als Assessor (dem heutigen Oberbaurat vergleichbar. Der Verf.) mit Leistungszulage im Jahre 1851 insgesamt 1350 fl. 720 Blechanker mit Gangrad. Musterblätter der Uhr­ macherschule 1852156. Schule befanden sich die zwei Lehrwerkstät­ ten, die Verwaltung und drei Hilfswerkstät­ ten (Schlosserei, Modellieren, Schreinerei), eine an anderer Stelle später etablierte Werk­ statt zum Drehen, Schleifen und Hobeln größerer Stücke konnte Wasserkraft nutzen. Kalenderuhr für französischen Markt. Gefertigt von Lorenz Bob, um 1860. 86

getragene Taschenuhrfertigung zu gewin­ nen, verlegte man die Ausbildung der Stock­ uhrmacher, deren Zahl ohnehin gesunken war, in die Privatwerkstatt von Lorenz Bob. Die Uhrmacherschule konnte jetzt in ihren Jahresberichten argumentieren, daß die Unterweisungszeit von 13 Stunden je Tag sich der in Schwarzwälder „Privatwerkstät­ ten“ üblichen angenähert habe und damit den in früheren Jahren oft erhobenen Vor­ würfen entgegentreten, ihre Zöglinge wür­ den „ verzärtelt“ und nicht an „anhaltendes Arbeiten“ gewöhnt. Doch das ursprüngliche didaktische Kon­ zept der Uhrmacherschule war damit bereits gefahrdet. Die weit verbreitete Auffassung, daß Jugendliche rechtzeitig die Härte des Arbeitslebens spüren müssen und daß theo­ retische Unterweisung eher abträglich sei für die Arbeitsleistung, trug ihren Teil dazu bei, ein technisch fortschrittlicher und trotz strenger Schulzucht dennoch jugendfreund­ liches Ausbildungssystem zu zerstören. Auch die Verquickung von Ausbildung und Produktion, von staatlichen und privatwirt­ schaftlichen Strukturen in der zweiten Ent­ wicklungsphase der Uhrmacherschule nach 1857, entsprach nicht mehr den Intentionen der Anfangsjahre. Das badische Handelsministerium hielt 1862 die Zahl der Ausgebildeten für ausrei­ chend, um die Selbstentfaltungskräfte des Schwarzwälder Uhrengewerbes zu aktivie­ ren. Diese Haltung war verständlich in einem Jahr, das Baden die Gewerbefreiheit brachte und den wirtschaftlichen Liberalismus auf dem Höhepunkt seines politischen Einflus­ ses sah. Am 31.12.1863 schloß die Uhrma- Holzräderwerk, um 1760. Dank Robert Gerwigs Aufruf zum Sammeln alter Uhren Exponat Nr.] des Deutschen Uhrenmuseums Furtwangen. 87

cherschule Furtwangen ihre Pforten, sie war zuletzt noch von 10 Taschenuhrmachern und 11 Stockuhrmachern besucht worden. Erhalten blieb eine Gewerbeschule in örtli­ cher Trägerschaft und für einzelne Lehrlinge die Chance, mit staatlichem Zuschuß bei Lorenz Bob weiterhin den Stockuhrenbau zu lernen. Es ist an dieser Stelle nicht möglich, die Schwächen, aber auch die vielfältigen positi­ ven Langzeitwirkungen dieser Uhrmacher­ schule darzustellen. Doch ein überzeugen­ der Negativbeweis läßt sich führen. Der badische Staat hatte sich mit großem Auf­ wand an der Wiener Weltausstellung 1873 beteiligt, aber die dort gleichfalls ausgestell­ ten historischen Schwarzwalduhren fanden beim Publikum weitaus mehr Anklang als die laufende Produktion. Deshalb wurde auch 1875 der Berliner Professor Franz Reuleaux um ein Gutachten zum Uhrengewerbe gebe­ ten, das recht drastisch ausfiel. Es hat jedoch wesentlich dazu beigetragen, daß im Jahre 1877 in Furtwangen wieder eine Uhrmacher­ schule und zusätzlich noch eine Schnitzerei­ schule eingerichtet wurden. Daraus entstand ein vielgliedriges berufliches Schulsystem, das heute den Namen „Robert-Gerwig­ Schule“ führt, und eine Fachhochschule mit 1600 Studenten, die in jüngster Zeit in Villin­ gen-Schwenningen eine Außenstelle mit drei (geplanten) Fachbereichen aufbaut. Prof. Dr. Helmut Kahlert Literatur hinw eise: Have r ka mp, Frank: Staatliche Gew erbeför­ derung im Großherzogtum Baden, Freiburg 1979; B e n d e r, G e r d: Die Uhrenmacher des hohen Schwarzwaldes und ihre Werke, 2. Band, Villingen 1978; Ka h l e r t , H e l m u t: 300 Jahre Schwarzwälder Uhrenindustrie, Gernsbach 1986; Müh e , Richar d: RobertGerwig in:Almanach 80, s. 161-166. Im Winkel/Neukirch, Zeichnung von Herrn Helmut Groß, Villingen 88

Katzeliebi Mi Kätzli uff em Feischterbrett liit i de Sunn, zwo Stund, und schächt und schniffiet allewiil, ob nitt e Müsli kunnt. De Rolli us de Nochberschaft, mecht gearn zum Kätzli gau. Er kräßlet iber d’Holzbiig hear und macht miau, miau. Mi Kätzli stellt sin Buckel hoh, ’s will ledig si und frei. De Rolli wär en diire Maa, der frißet jo fer drei. ,,Gell Gretli,“ schnorret er ganz lieb, ,,du bischt doch guet mit mier? Und wenn du mol Frau Rolli hoascht, no doal ech aUs mit dier!“ ,,Oh, Peter, lüg mech doch nitt aa, wenn ech i dier vertrau. De Bruut versprächet d’Rolli alls und gännt no ninnt de Frau!“ ,,Seil worscht a mier verläbe nitt, ech woas au wa sech ghört. Min Vatter, Relling, hätt mier doch vill Bildung allwiil glehrt!“ Will der Mordskaib so selli lügt, schliicht ’s Müsli us sim Bau. De Peter packt’s und frißt’s eloa und’s Gretli schreit m i a u . Gottfried Schafbuch Rolli = Kater, kräßlet = k!ellerl, Relling = alter Kater 89

Archäologie Abriß der Ur- und Frühgeschichte im Schwarzwald­ Baar-Kreis anhand der archäologischen Fundstellen Am 18. 11. 1988 wurde dem Landratsamt die Liste der archäologischen Denkmale (= Fundstellen) des Landkreises übergeben. Diese Liste dient 1. zur Information der Eigentümer von archäologischen Denkmalen, 2. zur Schaffung von Planungsunterlagen jeglicher Art und 3. zur Rationalisierung der Arbeit der Denk­ malschutzbehörden. In dieser Liste sind 226 archäologische Denkmale aufgeführt, an deren Erhaltung ein öffentliches Interesse besteht. Erst damit ist ein effektiver Denkmalschutz möglich. Ein für die archäologischen Denkmale be­ sonders notwendiger Schutz, da deren Vor­ handensein nur zum geringeren Teil augen­ fällig ist, zum größeren Teil liegen sie im Boden verborgen. Aufgrund dieser Zusammenstellung läßt sich ein Abriß der Ur- und Frühgeschichte im Landkreis skizzieren. Erste Spuren menschlicher Anwesenheit im Kreisgebiet stammen aus der Mittelstein­ zeit (etwa 8000 -6000 v. Chr.). Bei Schwen­ ningen erlegten nomadische Jäger ein Wild­ rind. In Rietheim hinterließen sie die Reste eines Schlagplatzes zur Herstellung von Silexwerkzeugen. Die einzige Höhle im Kreisgebiet, die ihrer Lage nach geeignet ist, den Steinzeitmenschen als Zufluchtsort zu dienen, lieferte bisher keine entsprechenden Funde (Gremmelsbach „Räuberhöhle“). Mit dem Beginn der Jungsteinzeit (etwa 6. – 3. Jahrtausend v. Chr.) änderte sich die Wirtschaftsweise. Ackerbau und Viehzucht wurden eingeführt, feste Siedlungen ange­ legt. Von den 11 bekannten Siedlungen des Kreisgebietes gehören 2 dem älteren, 1 dem mittleren und 1 dem jüngeren Abschnitt der 90 Jungsteinzeit an; d. h. 2 Siedlungen der Bandkeramik (Neudingen und Schwennin­ gen), 1 der Rössener Kultur (Riedböhringen/ Achdorf „Bürglebuck“)-und 1 der Horgener Kultur (Buchenberg). 2 Fundstellen gehören zu Pfahlbausiedlungen (Bad Dürrheim, Pfohren), clie erstmals in der Jungsteinzeit errichtet wurden und auch späteren Epo­ chen als Wohnplätze dienten. Die anderen Siedlungsstellen lassen sich keiner bestimm­ ten jungsteinzeitlichen Kulturgruppe zuwei­ sen. Grabfunde derJungsteinzeit wurden bis­ her im Kreisgebiet nicht beobachtet. Aus der Bronze- und Urnenfelderzeit (etwa 2. Jahrtausend – 9. Jh. v. Chr.) sind 9 Siedlungsplätze und 3 Gräberfelder bekannt. Von den Siedlungen gehören 2 der mittleren, auch Hügelgräberbronzezeit genannten Epoche (Epfenhofen, Neudingen) und 2 der Urnenfelderkultur (Hüfingen, Schwennin­ gen) an. Während in der Bronzezeit die Kör­ perbestattung vorherrscht (Villingen), ist in der Urnenfelderkultur die Brandbestattung üblich (Donaueschingen, Hüfingen). Von den zahlreichen Grabhügeln – bisher sind mehr als 2100 Grabhügel im Kreisgebiet bekannt – dürfte sicher ein Teil in diesen Zeitabschnitt gehören (Abb. 1). Aufschlüsse über Handel und Verarbeitung von Bronze­ geräten geben 2 Bronzedepotfunde (Schwen­ ningen, Villingen). Auf die Urnenfelderzeit folgen Hallstatt­ und Latenezeit (8. Jh. v. Chr. -Chr. Geburt). In dieser Zeit lebten nach Aussage antiker Schriftsteller(u. a. Herodot v. Halikarnassos) im südwestdeutschen Raum die Kelten. Sie bestatteten ihre Toten unter Grabhügeln (Abb. 2) oder in Flachgräbern. Einige Grab­ hügel konnten außerordentliche Größen erreichen (bis zu 100 m im Durchmesser)

Abb. 1 Grüningen, Schwarzwald-Baar-Kreis, ,,Honberg‘: Grabung 1983, Steingrabhügel von Süd (nach Enifemung des Mooses) Abb. 2 Neuhausen, Schwarzwald-Baar-Kreis, ,Judenbühl‘: Grabhügel von Südost 91

Abb. 3 Villingen, Schwarzwald-Baar-Kreis, ,,Magdalenenberg‘: Grabhügel Ltiftbild L 7916/12-1 (freigegeben durch Reg.-Präs. Stuttgart Nr. B 24544-13.6.83) Abb. 4 Munde!fingen, Schwarzwald-Baar-Kreis, ,,Ru.fein‘: Viereckschanze, Luftbild L 8116/62-11 (frr,:f{f‘.f{fben durch Reg.-Präs. Stuttgart Nr. 000/57872/4.6.88) 92

Abb. 5 Hüfingen, Schwarzwald-Baar-Kreis, ,,Galgenäcker’� Römisches Kastell Luftbild L 8116/4-15 (freigegeben durch Reg.-Präs. Stuttgart Nr. 000/65771/6.6.89) und dienten als Familien-oder Sippenbe­ gräbnisse. Ein derartiges Familienbegräbnis war der Magdalenenberg bei Villingen (Abb. 3). Die Siedlungen dieser Zeit-2 gehören in die Hallstattzeit, 7 in die Latenezeit-bestan­ den aus kleineren Gehöften. Es wurden aber auch befestigte Höhensiedlungen angelegt, so z.B. auf dem „Kapf‘ bei Villingen. Wei­ tere, nicht näher datierbare Befestigungsan­ lagen dürften in dieser Zeit errichtet worden sein (z. B. Hammereisenbach „Krumpen­ schloß“, Hochemmingen „Türnleberg“, Unterbaldingen „Blatthalde“). In eine späte Phase der Latenezeit (1. Jh. v. Chr.) gehören die Viereckschanzen (Abb. 4). Es handelt sich um keltische Heiligtümer, die von Wall und Graben umgeben waren. Im Inneren stand vermutlich ein kleiner Tempel. Außer­ dem dürfte ein Brunnen oder Opferschacht zu einem solchen Heiligtum gehört haben. 2 Viereckschanzen sind im Kreisgebiet erhal­ ten (Mundelfingen „Rufeln“ und Tuningen „Schänzlej. Vermutlich sind auch die Funde an den Q;iellen von Breg, Brigach und Nek­ kar als Uberreste von Heiligtümern oder Opferplätzen zu interpretieren. Etwa ab der Mitte des 1. Jh. n. Chr. wurde das Kreisgebiet Teil des römischen Reiches. Zahlreiche Fundstellen geben Zeugnis von der römischen Herrschaft in diesem Raum. In Hüfingen wurde ein militärisches Kastell errichtet (Abb. 5). Hier waren Mannschafts­ baracken für die Truppe, Lagerverwaltung und Vorratsräume untergebracht. Das Kastellbad ist unter einem Schutzbau restau­ riert. Nördlich der Breg schließt sich die Zivilsiedlung, die zu dem Kastell gehört, an. Südlich des Kastells liegt der zugehörige Friedhof, ein Brandgräberfeld. Außer diesem römischen Friedhof ist bisher nur noch ein zweiter von Neudingen im Kreisgebiet über­ liefert. Zahlreiche Gutshöfe (,,villae rusticaej­ insgesamt 12 -und 19 kleinere Siedlungen dienten neben der Truppenversorgung wohl auch der Be&iedung des Gebietes. Verbin­ dungsstraßen führten vom Kastell Hüfingen 93

schließen (Hochemmingen, Kirchdorf/Mar­ bach). Zahlreiche Ortsnamen auf die Endung -ingen (z.B. Döggingen, Hüfingen, Mundelfingen etc.) weisen auf die starke Besiedlung des Kreises in merowingischer Zeit hin. Bisher sind 55 Gräberfelder dieser Zeitstellung entdeckt worden (Abb. 6). Besonders hervorzuheben sind die Gräber­ felder von Hüfingen und Neudingen. Sie sind nicht nur aufgrund ihrer reichen Beiga­ ben bemerkenswert, die Rückschlüsse auf eine gegliederte Gesellschaft erlauben. Durch besondere Bodenverhältnisse, welche eine gute Erhaltung vergänglicher Materia­ lien wie Holz, Leder etc. begünstigen, neh­ men die Neudinger Gräber eine Sonderstel­ lung ein, die weit über den regionalen Raum hinaus reicht. Weniger gut bekannt sind die Siedlungen der Merowingerzeit. Da diese Siedlungen weitgehend unter den heutigen Ortschaften zu suchen sind, ist die Möglich­ keit, ihre Spuren zu finden, außerordentlich begrenzt. In der Merowingerzeit werden zahlreiche (16) Befestigungen neu angelegt, ältere Anlagen werden vermutlich weiter genutzt, z. T. erweitert (Villingen „Kapf“) oder vergrößert. Ein großer Teil dieser Befe­ stigungsanlagen besteht, mehr oder weniger verändert, bis ins Hochmittelalter fort. Dr. Verena Nübling Bildnachweis: Alle Abbildungen LDA Baden­ Württemberg, Archäologische Denkmalpflege, Außenstelle Freiburg Des gits doch it! Sieht mer hit dea junge Lit Meint mer – jo, des gits doch it, Daß dea Jährli so sin g’schprunge, Un m i r nimmi sin die Junge. Manchmal druckt des einem schwer Wenn mer singt: ,,Lang, lang isch’s her!“ Doch, w a solle mir verzage? Wit lang leabe muaßsch des trage! Gertrud Mager Abb. 6 Überauchen, Schwarzwald-Baar-Kreis, „Eggwald‘: merowingerzeitliche Gräber zu denen von Rottweil und Tuttlingen. Diese Straßen sind zum größten Teil in ihrem Verlauf erschlossen und nur selten wirklich nachgewiesen. In neuester Zeit wurde das Stück einer von Ost nach West führenden Römerstraße dicht an der Kreis­ grenze zum Kreis Breisgau-Hochschwarz­ wald auf Gemarkung Waldhausen entdeckt. Als im Jahre 259/260 n. Chr. die Alaman­ nen den obergermanisch-rätischen Limes überrennen, bedeutet dies das Ende der Römerherrschaft in unserem Gebiet. Mit dem Ende des 3. Jh. n. Chr. beginnt die alamannisch-merowingische Zeit (bis zum Ende des 7.Jh. n. Chr.). Aus der Völker­ wanderungszeit sind bisher im Kreisgebiet keine gesicherten Funde überliefert, doch könnten 2 Gräberfelder, die durch Luftauf­ nahmen entdeckt worden sind, diese Lücke 94

Die Badeanlage des römischen Gutshofes von Fischbach knapp 200 Jahre andauernden römischen Der nachfolgende Beitrag setzt die Berichte über die Ausgrabungen in Niedereschach – Fischbach Herrschaft in Südwestdeutschland erhalten hat. Nachdem römische Truppen erstmals im Almanach 87, Seite 105-108, und Almanach um das Jahr 15 v. Chr. den Rhein für eine 89, Seite 111-116,fart. kurze Zeitspanne überschritten hatten, kamen während der Regierungszeit des Kai­ sers Claudius (41-54 n. Chr.) noch vor der Mitte des 1. Jhs. n. Chr. das Oberrheintal und der Schwarzwald unter die römische Herr­ schaft. Sowohl am Rhein als auch entlang der Donau entstanden zum Schutz des neu­ erworbenen Gebietes zahlreiche Kastelle. Wichtige Straßen durchzogen nun das sog. „Dekumatland“ zwischen Rhein und Limes. Zwei dieser wichtigen Verbindungsachsen – von Vindonissa (Windisch, CH) über Brigo­ banne (Hüfingen) nach Norden in das obere Neckargebiet und von Argentorate (Straß­ burg) durch das Kinzigtal nach Augusta Vin­ delicum (Augsburg) -trafen sich im antiken Rottweil. Zusammen mit den römischen Truppen gelangten, zunächst im Gefolge und zur Versorgung der Truppeneinheiten, auch römische Siedler in das nicht übermä­ ßig dicht besiedelte Gebiet. Doch schon bald gründeten sie im Hinterland zahlreiche Landgüter (,,villa rusticaj sowie dorfähnli­ che und städtische Siedlungen, so daß sie entsprechend zur raschen Romanisierung des sog. ,,Dekumatlandes“ beitrugen. Von nun an gehörten die Provinzen Obergerma­ nien und Raetien zum Imperium Roma­ num, und die einheimischen Bewohner ver­ schmolzen allmählich mit den Siedlern aus den südlichen Reichsteilen zu einer „römi­ schen“ Bevölkerung. Dies hatte den wirt­ schaftlichen und sozialen Aufstieg dieser Region und schließlich auch die Anerken­ nung des vollen römischen Bürgerrechtes zur Folge. Doch schon um 260 n. Chr. stoppte der Alamanneneinfall jene zivilisa­ torische Entwicklung und beendete abrupt in diesen Provinzen die „römische Epoche“. Schon im Jahre 1881 wurden im Gewann „Bubenholz“ von Fischbach, jenem Höhen­ zug, der eindrucksvoll die nähere Umgebung 95 Aber unser Fundort war schon damals mehr als nur ein Beleg für die Annahme, daß wir in der Umgebung des großen Munici­ pium Arae Flaviae, dem antiken Rottweil, vereinzelt ländliche Besiedlungsformen römischen Ursprungs vorfinden, die für die Erschließung und das wirtschaftliche Wachstum der römischen Provinzen von großer Bedeutung waren. Schon durch die z. T. systematischen Grabungen während des 18.Jhs. in Rottweil konnte man sich ein gutes Bild von dem eigentlichen Muncipium und -rückschließend -von seinem Umland machen. Mit den Funden im Gewann „Bubenholz“ konnte für das historische Gesamtbild dieser Region ein wichtiger Grundstein gelegt werden, der innerhalb der provinzial-römischen Erforschung des süd­ westdeutschen Raumes, insbesondere die Landschaft um das Municipium Arae Fla­ viae, von nicht zu unterschätzender Bedeu­ tung ist. Als vor nunmehr 100 Jahren die ersten archäologischen Entdeckungen aus der römischen Epoche im Gewann „Buben­ holz“ von Fischbach gemacht worden waren, konnte man bestenfalls hoffen oder erahnen, anhand der Oberflächenfunde in diesem Areal eine „villa rustica“, einen römi­ schen Gutshof lokalisiert zu haben. Daß aber dies letztlich kein Einzelfund war, bezeugt die stattliche Anzahl weiterer römi­ scher Gutshöfe für diese Region, die in den letzten Jahrzehnten vielfach durch Grabun­ gen als solche identifiziert werden konnten, wie z. B. die römischen Anlagen von Über­ auchen-Brigachtal oder Hüfingen-Deggen­ reuschen, um nur diese zwei Denkmäler aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis zu nennen. Der römische Gutshof von Fischbach ist eines von vielen Zeugnissen, die sich aus der

CD rtr:t i–�© 0.-111 i Abb. 1: Fischbach, Römischer Gutshof im „Bubenholz „. Schematischer Übersichtsplan. 96

,· I ,,.· y‘ ,‘ .� .. :–· ,.: ·1 _,.: Abb. 2: Fischbach, Römischer Gutshof Rekonstruktionsvorschlag des Badegebäudes. bestimmt, Oberflächenfunde entdeckt, die bereits vor dem Beginn systematischer Un­ tersuchungen auf eine römische Siedlung hinwiesen. Durch weitere wichtige Funde im Bereich des heute ergrabenen Areals auf­ merksam geworden, konnte 1897 Oberför­ ster Roth aus Villingen eine mit staatlichen Mitteln finanzierte, erste planmäßige Gra­ bung im „Domänenwald Bubenholz“ durch­ führen (Abb. 1). Dabei legte er zunächst am Hang das Bad (Abb. 1, 5) des römischen Gutshofes frei. Dann setzte er seine Untersu­ chungen auch auf der Anhöhe fort, ohne jedoch zu konkreten Ergebnissen zu kom­ men. Dennoch trug seine Vermutung, hier auf eine römische Siedlung gestoßen zu sein, nicht unwesentlich zu den Grabungen von 1985 und 1988/89 bei, durch die sich schließ­ lich diese Annahme bestätigt hat. Leider wurde aber im Anschluß an die ältere Gra- bung von 1897 versäumt, die für ein Denk­ mal notwendigen Sicherungsvorkehrungen zu treffen oder gar den gesamten freigelegten Befund durch Wiederzuschüttung zu schüt­ zen. Statt dessen war die bauliche Substanz mit der Zeit unweigerlich dem Verfall durch raschen Baumbewuchs und Witterungsein­ flüsse schutzlos ausgesetzt. Dieser Tatbe­ stand war nun der Ausgangspunkt für die erneute Grabung in den Jahren 1988 und 1989, die das Landesdenkmalamt Baden­ Württemberg, Archäologische Denkmal­ pflege, Außenstelle Freiburg, durchführte, und die durch die Gemeinde Niedereschach­ Fischbach gefördert wurde. Wie das Herrenhaus ist auch das Bad in der Regel ein freistehender Bau (Abb. 2) in unmittelbarer Nähe zu einer gesicherten Wasserzufuhr und mit variierendem Grund­ riß. Die Aufteilung der Räume des Fisch- 97

l Abb. 3: Fischbach, Römischer Gutshof. Übersichtsaufnahme des Badegebäudes (von Norden). Abb. 4: Fischbach, Römischer Gutshof. Badegebäude im restaurierten Zustand mit Schutzdach (Ansicht von Nordosten). 98

bacher Bades entspricht weitgehend den an ein römisches Bad gestellten Anforderungen (Abb. 3). Man betritt im Nordosten das Badehaus, gelangt zunächst in das Kaltbad (frigidarium, F), das hier auch als An- bzw. Auskleideraum gedient hat. Westlich davon folgt das Laubad (tepidarium, 1), bestimmt durch seine zahlreichen, aus Bruchsteinen gemauerten Hypokaustpfeiler und den cha­ rakteristisch in den Raum hineingezogenen Mauerschenkel des Heizkanales sowie in die Wände einschneidenden Vertiefungen für die Hohlziegel (tubuli). Den Hauptraum bil­ det das querrechteckig ausgerichtete Warm­ bad (caldarium, C) mit einer nach Süden vor­ gelagerten Apsis. Nach Osten schließen sich zwei schmälere Räume (K, P) an, von denen der östliche als Kaltwasserbecken (piscina, P), genutzt wurde, was sich aus dem Wasser­ ablauf in der Südwand und dem gut erhalte­ nen Ziegelestrich des ursprünglich mit Plat­ ten ausgelegten Beckenbodens ergibt. Vor der Piscina (P) liegt ein schmaler Korridor (K), von dem aus man zunächst in die Kalt­ wasserwanne (P) steigen konnte, um schließ­ lich nach Beendigung des Badevorganges durch diesen Trakt in den nördlichen Raum (F) zurückzukehren. Beheizt wurden die war­ men Räume (T, C) von den westlich angren­ zenden Heizraum (praefumium, H). Der Nordseite des Bades vorgestellt war ein offe­ ner, pfostengestützter Dachvorbau (Abb. 2). Das Innere des Bades war reich ausgestat­ tet gewesen. Neben geschliffenen Kalkstein­ bodenplatten schmückte die Wände eine dekorative Bemalung. Zahlreiche Fragmente von Wandverputzstücken, über deren ur­ sprünglichen Dekor ein weiterer aufgelegt war, mehrere Schichten von Estrichböden in dem Frigidarium und in der Piscina (Abb. 3, F, P) sowie bauliche Veränderungen inner­ halb des Gebäudes sprechen für verschie­ dene Renovierungsarbeiten. Diesem Bad ging ein Vorgängerbau vor­ aus, der sich in einigen wenigen Fundamen­ ten innerhalb des Bades abzeichnete, soweit Abb. 5: Fischbach, Römischer Gutshof, hypokaustierler Raum der „villa rustica“. 99

sie nicht für das aufgehende Mauerwerk des nachfolgenden Baues genutzt wurden. In einer 3. Bauperiode wurden dem Bad eine offene Terrasse, zwei nach Süden ansetzende Mauerzüge und ein im Südosten liegender Raum (Z), eine Latrine oder Zisterne, ange­ fügt. Eine niedrige Trockenmauer bildete den südlichen Terrassenabschluß (Abb. 2). Unter Berücksichtigung des Fundmateri­ als und insbesondere der verzierten Terra sigillata-Ware, deren Mehrheit um die Wende vom 1. zum 2. Jh. entstanden sein wird, haben wir für die Chronologie der ver­ schiedenen Bauphasen nur unzureichende Anhaltspunkte. So wäre es sicherlich denk­ bar, den Vorgängerbau des Bades noch ins ausgehende 1. Jh. zu datieren, wobei der nachfolgende Kernbau sicherlich im 1. Vier­ tel des 2. Jhs. existiert haben wird. Die schon angesprochenen baulichen Veränderungen sowie die Renovierungsarbeiten werden aller Voraussicht nach überwiegend dem 2. Jh. zuzuschreiben sein. Den jüngsten Bauab­ schnitt könnte man auch noch dem gleichen Jahrhundert zuweisen. Nach dem vorliegen­ den Fundspektrum spricht alles für eine Nut­ zung der Badeanlage bis zur Mitte des 3. Jhs. Im Anschluß an die Grabung konnte nach notwendigen konservatorischen Sicherungs­ arbeiten das Badegebäude mit einem Schutz­ dach durch das Staatliche Hochbauamt, Rottweil, versehen werden (Abb. 4). Unsere Badeanlage von Fischbach bildet einen Teil einer größeren römischen Guts­ hofanlage, von der im Jahre 1985 die zunächst als Hauptgebäude (Abb. 1, 2) be­ zeichnete symmetrisch zueinander angeord­ neten Gebäudekomplexe auf der Anhöhe freigelegt werden konnten (Abb. 1, 1-3). Die exponierte Lage des seit dem letzten Jahr­ hundert schon bekannten Fundplatzes, er­ weckte -wie schon eingangs kurz angespro­ chen – im Vorfeld der systematischen Bege­ hungen und den jüngsten Grabungen den Eindruck, daß es sich hier um die baulichen Reste einer ehemals militärisch genutzten römischen Anlage handeln könnte, ein Ein­ druck, der aufgrund eines dort gefundenen 100 Ziegelstempel der in Vindonissa und in Arae Flaviae stationierten XI. Claudischen Legion (LEG · XI · CPF) verstärkt wurde. Doch die neueren Untersuchungen konnten eine sol­ che Annahme nicht bestätigen, wobei, bezo­ gen auf die älteste Bauphase des mittleren Gebäudes (Abb. 1, 2) eine entsprechende In­ terpretation nicht vollends auszuschließen wäre. Eine genaue Betrachtung der zahlrei­ chen Grabungsfunde ergab vielmehr die Erkenntnis, daß hier ein in seinen Ausma­ ßen nicht unbedeutender römischer Guts­ hof vorliegt. Doch die drei Gebäude (Abb. l, 1-3), deren symmetrische Anordnung schlußendlich noch nicht klar gedeutet ist, werden zu dem Gesamtkomplex gesehen eher als Wirtschaftstrakte einzustufen sein. Die von Oberförster Herr Roth zum Ende des letzten Jahrhunderts durch Beobachtun­ gen gewonnenen Erkenntnisse sowie jüngere Begehungen und geomagnetische Vermes­ sungen in einem 50 bis 80 m tiefer gelegenen kleineren Waldbereich sprechen für ein wei­ teres Gebäude (Abb. 1, 4). Der durch einige Suchschnitte angegrabene Befund gibt berechtigten Anlaß zu der Vermutung, an dieser Stelle die ehemalige Landvilla anzu­ nehmen, die in ihren Ausmaßen vielleicht ein Areal von 60 x 40 m umfaßt. Festgestellt werden konnten zum einen ein kleiner Aus­ schnitt der südlichen Außenfront mit Wand­ vorlagen, dem nach Norden hin sich weitere Raumeinheiten anschlossen. Im nördlichen Abschnitt konnte ferner ein hypokaustierter Raum zur Hälfte freigelegt werden (Abb. 5). Die hierbei geborgenen Kleinfunde wiesen ein Zeitspektrum auf, das von dem des Bades nicht entscheidend abweicht. Anhand der vorgestellten Ergebnisse kön­ nen wir für Fischbach einen größeren Guts­ hof voraussetzen, der in seinen Dimensio­ nen weit über das hinausgeht, was zunächst angenommen wurde. Sicherlich handelte es sich ehemals um eine landwirtschaftliche Domäne, die nur im engeren Umfeld zu Rottweil, dem Municipium Arae Flaviae, gesehen werden kann. Dr. Peter Jakobs

Geschichte, Siedlungsgeschichte Die ,,Alemannen“ Auf der Suche nach Geschichte und Gehalt eines Volksnamens „Große, grobgliederige Menschen mit blauen Augen, krausen roten Haaren“ seien es gewesen, ,,voll Kraft und Mut und Trutz“, aber auch: ,,fröhliche Trinker und Spieler, ohne Kenntnisse“ – so kennzeichnete Johann Peter Hebel 1814 die Alemannen, nämlich seine und seiner Leser „wahre Stammväter und Altvordern“. Und nicht nur angesichts der religiösen und kulturellen Veränderungen, die seit der Spätantike in den Gegenden Alemanniens Platz gegriffen hatten, wollte Hausfreund Hebel in seiner beschaulich-ironischen Erzählung einem allzu engen Schulterschluß mit den aleman­ nischen Ahnen vorbeugen. Denn seinem „geneigten Leser“, so Hebel, ,,müßte es wohl ein wenig bange werden, ob es möglich sei, daß er nach anderthalbtausend Jahren noch von diesem Heldenvolk abstammen und auf die Welt kommen werde, wenn er erfahren sollte, was es von einem Feldzug zum andern für schreckliche Niederlagen gelitten hat“. Freilich, trotz all dieser -von Hebel übri­ gens in bunter Anschaulichkeit vergegenwär­ tigten -Katastrophen wurden die Alemannen vom Dichter doch als eines der einst „mäch­ tigsten Völker in Deutschland“ gerühmt. „Damals konnte ein Alemanne sich etwas einbilden, wenn er sagte: wir“. Bei ernsthaf­ ter Betrachtung, d. h. nach Musterung aller verfügbaren zeitgenössischen Quellenzeug­ nisse und sonstiger Überlieferungen, muß heute indes bezweifelt werden, ob es denn überhaupt jemals ein alemannisches „Wir“­ Gefühl gegeben hat. Für unsere Tage jeden­ falls läßt sich unter den alteingesessenen Bewohnern Baden-Württembergs und des bayerischen Schwabens, des Elsaß‘ und der deutschschweizerischen Gebiete kein natür- lieh gewachsenes „alemannisches Bewußt­ sein“ als einendes Band gemeinsamer Stam­ meszugehörigkeit feststellen. Im Gegenteil: Selbst Badener und Württemberger kultivie­ ren gern ihre Sprach- und Menta!itätsunter­ schiede. Daß man gleichwohl in kleinräumi­ gen Zusammenhängen neuerdings wieder eine „alemannische Identität“ aktivieren möchte, steht auf einem anderen Blatt. Bemüht wird sie zur Zeit gerne in der „regio“ am Oberrhein. Doch auch bei uns im Schwarzwald-Baar-Kreis tauchen zuneh­ mend Ansteckknöpfe und Autoaufkleber auf, die einen ermuntern wollen, doch „ale­ mannisch“ zu „schwätze“. Immerhin hat es in der historischen, phi­ lologischen und volkskundlichen Erfor­ schung des alemannischen Sprachraums nicht an Versuchen gefehlt, gemeinsame Stammesmerkmale für den gesamten ale­ mannischen Raum und damit für ein ,,ursprünglich geschlossenes Alemannen­ tum“ (Friedrich Maurer) zu ermitteln. Diese Ansätze, denen gerade in national-sozialisti­ scher Zeit gesteigerte Aufmerksamkeit zukam, müssen heute als gescheitert gelten. Denn schon im Hinblick auf das Haupt­ merkmal eines Volksstammes, seine Spra­ che, widersprechen wissenschaftliche Erhe­ bungen der Einheitsthese oder schränken sie zumindest erheblich ein. Keineswegs dürfen die heutigen Mundartgrenzen mit der Aus­ dehnung des alemannischen Territoriums (vor oder nach der Wanderschaft) in der Spätantike und im frühen Mittelalter gleich­ gesetzt werden. Die ältesten alemannischen Sprachzeug­ nisse, soweit hier nicht unsere Ortsnamen anzusprechen sind (vgl. hierzu den nachfol- 101

‚ o.. …….. � … _.� …. . -. ………………. �–� DER MEROWINGERZIIT _…….,, . -………… .__• Sl“fVttlt_ …………… . …………. ,…_……. – ……_ .. 0..,,,,-CJ–………….. .__. ……….. …………………….. DIE REIHENGRJlillER ….__,._o…,,..,……,._ ……… 1..00000 .. cit genden Beitrag von Ewald H, ll au 105 ff.), reichen fast nirgendwo über da 8.Jahrhundert zurück: und damit in eine Zeit, die fast schon ein halbes Jahrtausend nach der Periode der ersten alemannischen Landnahme in Südwestdeutschland liegt. Diese Lücke vermögen auch einige wenige Run nin hrift n d 5. bi 7. Jahrhun rt nicht zu hlic en,, ie man sie vereinzelt auf archäologischem Fundgut im üden Baden­ Württembergs und in der Schweiz ausge­ macht hat. Ein letzter aufsehenerregender Fund dieser Art gelang den Archäologen in unserem Kreisgebiet, als sie in einem Gräber- 102

feld von Neudingen (Stadt Donaueschin­ gen) eine hölzerne Webstuhlstrebe mit ein­ geritztem Liebesgruß in einer Runenschrift entdeckten, die zu den ältesten Dokumen­ ten weiblicher Schriftkundigkeit nördlich der Alpen gezählt werden muß (vgl. Alma­ nach 1983, Seite 90-94). Es helfen aber auch die beiden frühen ale­ mannischen Rechtsaufzeichnungen, der „Pactus“ bzw. die „Lex Alamannorum“, nicht viel weiter, da sie nur in geringem Maße ein­ deutig identifizierbares alemannisches Wort­ gut enthalten. Auch spiegeln diese „Stam­ mesrechte“ nach Erkenntnissen der jüngeren rechtshistorischen Forschung durchaus kein landestypisches Recht der Alemannen. Die althochdeutsche Literatur des ale­ mannischen Raumes stammt wie die ur­ kundliche Überlieferung frühestens aus dem 8.Jahrhundert und nur aus wenigen klöster­ lichen Zentren, im wesentlichen aus den Benediktinerkonventen der beiden Boden­ seeklöster Reichenau und St. Gallen bzw. des elsässischen Murbach. Fragt man anhand der erhaltenen frühmittelalterlichen Sprach­ zeugnisse nach einer frühen alemannischen Sprache, so sieht man sich also letzthin immer wieder auf diese „Hauptorte althoch­ deutscher Überlieferung“ (Stefan Sondereg­ ger) verwiesen, und es steht zu vermuten, daß wir dann in diesen Zeugnissen wohl kaum mehr als einen lokalen Sprachgebrauch zu einer bestimmten Zeitstufe fassen. Für den Kernraum des alemannischen Gebietes wie für seine östlichen und nördlichen Zonen fehlen solche Schriftzeugnisse gänzlich. Ver­ suche, die sprachgeographische Eingren­ zung und -vor allem -die Binnengliederung des Alemannischen mit Hilfe der vielen tau­ send Personennamen zu erörtern, wie sie uns hauptsächlich in liturgischen Gedenkbü­ chern des Frühmittelalters erhalten sind, stecken erst noch in einem Anfangsstadium. Als untauglich für eine genaue Fixierung des alemannischen Siedlungsraumes muß­ ten sich auch volkskundliche Anstrengun­ gen herausstellen, die mit der Verbreitung des sogenannten „Einhaustyps“ oberschwä- bischer Prägung oder gar mit heutigen Men­ talitätsstrukturen argumentierten. Die älte­ sten Hausbauformen jener Art bildeten sich erst im hohen Mittelalter heraus. Am aussichtsreichsten für eine metho­ disch gesicherte Annäherung an alemanni­ sche Geschichte und Kultur erscheint – in steter Verbindung mit der Interpretation antiker Schriftquellen, die uns leider zumeist nur beiläufig unterrichten -die Feststellung und Auswertung der materiellen Güter, die uns die Alemannen tatsächlich hinterlassen haben. Bis zum Beginn der siebziger Jahre unseres Jahrhunderts hatten Archäologen beispielsweise allein in Württemberg 800 Gräberfelder ermittelt, im ganzen „Reihen­ gräberkreis“ wurden bis dahin 50.000 Bestat­ tungen untersucht. Jene merowingerzeitli­ chen Reihengräber bieten einen reichen Fundstoff aus der Zeit vom endenden 5. bis zum Anfang des 8.Jahrhunderts, das mit dem allmählich abschließenden Christiani­ sierungsprozeß der Beigabensitte ein Ende setzte -jenem heidnischen Brauch, den Ver­ storbenen ihre Kleidung, Waffen, Schmuck, Speis‘ und Trank, aber auch sonstige Gerät­ schaften und Besitztümer (bei hochgestell­ ten Persönlichkeiten etwa sogar deren Pferd, wie z.B. ein spektakulärer Fund aus Hüfin­ gen zeigt) auf die Reise ins Jenseits mitgaben. Erst dieses üppige Quellenmaterial gewährt nach und nach differenzierte Aufschlüsse über das Siedlungsgebiet, die Lebens- und Wirtschaftsweise, zum Teil auch über die sozialen Schichtungen des Alemannenstam­ mes. Bisher allerdings herrscht noch keine Klarheit über den Ursprung und die Zusam­ mensetzung des Stammes (Großstamm oder sogar „Völkerbund“?), dessen erste schriftli­ che Bezeugung zum Jahre 213 überliefert ist und dessen Name schon nach einer antiken Quelle mit der Bedeutung „zusammenge­ spülte und vermengte Menschen“ belegt war. Die „Allmänner“ -so eben die schlichte Bedeutung des Volksnamens – waren wohl ein in der „2. Hälfte des 2.Jahrhunderts neu­ gebildeter Verband von Heerhaufen vorwie- 103

gend suebischer Herkunft“ (HansJänichen), also eines germanischen Volksstammes, der eigentlich im Elbgebiet beheimatet war. Der „Schwaben“-Name blieb noch bis in die Gegenwart zum alemannischen Raum haften, ja konnte offenbar lange Zeit als gleichbe­ deutend mit ,,Alemannien“ gebraucht werden. Im Zuge ihrer Wanderung waren die ale­ mannischen Heerscharen immer weiter nach Süden vorgedrungen und überrannten schließlich, nach ersten gescheiterten Versu­ chen, 259/60 n. Chr. den römischen Limes in Süddeutschland. Teile von ihnen setzten sich im vermutlich weitgehend unbesiedel­ ten Land zwischen Limes und Rhein fest, im 5. Jahrhundert auch im Elsaß und der Nord­ schweiz sowie ostwärts bis zum Lech. In die­ sem Großraum hat sich in verschiedenen Phasen über Jahrhunderte hinweg die ale­ mannische Siedlungsbildung abgespielt, für deren früheste Zeit, das 3. bis 5.Jahrhundert, leider auch kaum archäologische Funde vor­ liegen. Unklar ist bis heute ebenso die Frage der politischen Durchdringung des aleman­ nischen Raumes im frühen Mittelalter, mit der das Problem der fränkischen Einfluß­ nahme seit dem ausgehenden 5. Jahrhundert untrennbar verknüpft erscheint (496/97 Nie­ derlage eines alemannischen Heeres unter einem unbekannten König gegen die Fran­ ken unterChlodowech). Gerade die frühmit­ telalterlichen Bezirksnamen Innerschwa­ bens, besonders die Namen auf »-haar“ und »-huntari“, sind nach wie vor in ein schwer zu durchdringendes Dunkel gehüllt. Historisch klarere Verhältnisse entstan­ den aus unserer heutigen Sicht erst nach der Niederwerfung eines zähen alemannischen Aufstandes durch den fränkischen Haus­ maier Karl, der im „Blutgericht“ von Cann­ statt 746 führende Angehörige der altale­ mannischen Aristokratie hinrichten ließ. Das jüngere Herzogtum Schwaben markiert bereits eine neue Epoche alemannischer Geschichte. Überblickt man die komplizierte For­ schungslage zur alemannischen Geschichte, so wird die Suche nach den alemannischen 104 „Altvordern“ mithin zu einem Verwirrspiel. Doch zu dieser Erkenntnis war im Grunde auch schon Johann Peter Hebel in seiner ein­ gangs zitierten Betrachtung gelangt: „Eigent­ lich weiß niemand recht zu sagen, wer diese berühmten Alemannen waren, noch wo sie auf einmal hergekommen sind … “ Dr. Volkhard Huth Anm. d. Autors: Die Darstellung folgt ein­ schlägigen Forschungsübersichten, wie sie in jüngster Zeit bes. Dieter Geuenich gegeben hat; vgl. Dens., Zur Landnahme der Alemannen, in: Frühmittelalterliche Studien 16 (1982), S. 25-44, und Dens., Zur Kontinuität und zu den Grenzen des Alemannischen im Frühmittelalter, in: Die historische Landschaft zwischen Lech und Vogesen. Forschungen und Fra­ gen zur gesamtalemannischen Ge­ schichte, hg. v. Pankraz Fried und Wolf­ Dieter Siek (= Veröff. d. Alemann. Insti­ tuts Freiburg i. Br. 59), Augsburg 1988, S. 115-135. Grundlegend: Art. „Alemannen“ (H. Kuhn/H. Jänichen/H. Steuer), in: Reallexikon der Germanischen Alter­ tumskunde. Zweite, neu bearb. u. erw. Aufl., Bd. 1, Berlin/New York 1973, S. 13 7-163; eine ausführliche archäologische Fundstellenübersicht bei Rainer Christ­ lein, Die Alemannen. Archäologie eines lebendigen Volkes, Stuttgart/ Aalen 1978, S. 129ff. Die bedeutendsten alemanni­ schen Grabfunde der jüngsten Zeit im Gebiet des Schwarzwald-Baar-Kreises (namentlich aus Hüfingen, Neudingen und Schwenningen) hat Gerhard Finger­ lin (Landesdenkmalamt Baden-Württem­ berg, Außenstelle Freiburg) den Lesern des Almanachs ab dem Jahrgang 1978 vor­ gestellt und abgebildet. Wichtige neue Informationen gewährt die Arbeit von Susanne Buchta-Hohm, Das alemanni­ sche Gräberfeld „Am Tafelkreuz“ von Donaueschingen und die alemannische Besiedelung der Baar, Diss. phil. Würz­ burg 1989, die von der Verfasserin zur Zeit für den Druck vorbereitet wird.

Altes neu entschlüsselt: Die Siedlungsnamen im Schwarzwald-Baar-Kreis Die Siedlungsnamen sind, nach den Fluß­ und Bergnamen, die ältesten Zeugen der Sprachgeschichte. Sie reichen in eine Zeit zurück, für die wir Sprachen nur als künstli­ che Konstrukte über Sprachvergleich erschließen können. Die sicherlich älteste Schicht unter den Siedlungsnamen des Kreises stellen die viel­ diskutierten -ingen-Namen dar. Sie reichen nach klassischer Forschermeinung bis in die Zeit der germanischen Landnahme zurück, die 23 3 mit dem Ansturm gegen den oberger­ manisch-rätischen Limes beginnt und mit der Niederlage der Alemannen 496/97 gegen den Frankenkönig Chlodwig bei Tolbiacum (Zülpich) endet. Wie die beigegebene Karte zeigt, liegen die -ingen-Orte ausschließlich auf den fruchtbaren ackerfahigen Muschelkalk- und Juraböden des Altsiedellandes der Baar. Zudem konnten die Archäologen in den meisten Ortschaften alemannische Reihen­ gräber feststellen, was ein wichtiges Indiz für das hohe Alter dieses Namenstypus ist. Viele dieser Orte werden sehr früh in den (meist St. Gallischen) Urkunden erwähnt. Einen möglichen Anhaltspunkt für die Altersbe­ stimmung können auch die Patrozinien geben, so z.B. die Gallus- und zahlreichen Martinskirchen in der Baar. Obwohl die -ingen-Namen oft als typisch alemannische Siedlungsnamen angesehen werden, kom­ men sie in hoher Dichte u. a. auch in Bayern vor, wo die Endung allerdings auf die Form -ing geschrumpft ist, wie z.B. im Namen des bekannten oberbayrischen Wallfahrtsortes Altötting. Aus sprachlicher Sicht setzen sich die -ingen-Namen aus einem Personennamen und der Endung -ingen zusammen, weswe­ gen sie auch Insassennamen genannt werden. Hierbei drückt die Endung -ingen die Zuge­ hörigkeit oder Abhängigkeit von einem Menschen, wahrscheinlich des Sippen- oder Gruppenoberhauptes, aus. So wäre z.B. Donau-esch-ingen als „bei den Leuten des As(i)co“, Schwenningen als „bei den Leuten des Swano“ und Vill-ingen als „bei den Leu­ ten des Filo“ zu übersetzen. Bei der Deutung der Personennamen ist man zunächst auf die ältesten urkundlichen Belege angewiesen. Für unsere Beispiele wären dies: 889 Esginga (mit dem Flußnamen Donau erstmals 1292 als Tuonoueschingen), 817 Swaningas, 817 Filingas. Die beiden heutigen Stadtteile der Kreisstadt werden auch zu diesem frühen Zeitpunkt bereits im selben Königsdiplom erstmals erwähnt. Einen wichtigen Anhalts­ punkt gibt auch die sprachliche Form des Namens, wie sie in der betreffenden Orts­ mundart von den Alteingesessenen ausge­ sprochen wird. So lauten die Namen in den entsprechenden Ortsmundarten in der soge­ nannten literarischen Umschrift: Eschinge, Schwänninge, Villinge, in der streng wissenschaftlichen phonetischen Umschrift: !!.frva, swfnfoa, vjljya. Auf dem Hintergrund der lautlichen Gesetzmäßigkei­ ten der entsprechenden Ortsmundart kann der Sprachhistoriker und Dialektologe mit großer Sicherheit auf die Herkunft des Perso­ nennamens schließen. vereinfachten Hier seien die -ingen-Orte des Kreisgebie­ tes zusammen mit dem Jahr der urkundli­ chen Ersterwähnung, des ersten schriftlich überlieferten Urkundenbelegs und dem ent­ sprechenden Personennamen (= PN) alpha­ betisch aufgeführt: Bräunlingen [ca. 973 Brülingen; PN Brunilo}, Dauchingen [1092 Tuchingen; PN Tuchoj, Dög­ gingen {1086 Waldo de Decgingun; PN Decco, Tacco}, Donaueschingen {889 Esginga; PN Es(i)co, As(i)co}, Grüningen [1109 Bertholdus de Gruoningen; PN Gruono}, Hochemmingen [ca. 1200 Ommingen; PN Ommo, Emmo}, Hondin­ gen {817 Huntingun; PN Hundo}, Hüfingen [1083 Huc de Hiuvinga; PN Huvo}, Klen­ gen [764/5/7/8 Chneinga; PN Chne(bi), 105

Chna(bi)j, Kommingen [zw. 1360-70 Kumin­ gen; PN Kumo}, Munde!fingen [?802 Munol­ vingas; PN Mundo!fl, Neudingen [870 Nidinga; PN Nfdoj, Oberbaldingen {769 Bal­ dinga; PN Baldo}, Öfingen {1102 Diethalmus de Evin; PN Ovo, Evo}, Riedböhringen [1261 Beringen; PN Bero}, Riedöschingen {1100 Eschingen; PN Es(i)co, As(i)co}, Schwenningen [817 Swaningas; PN Swano}, Tuningen {7961 7971799/800 Dainingas; PN Teino }, Unterbal­ dingen {769 Baldinga; PN Baldo}, Villingen [817 Filingas; PN Filo}, Wolterdingen [77112/4/ 5 Wultartingas; PN Wult(h)art} Vergessen scheint in dieser Auflistung Bie­ singen. Erwähnt wird die Siedlung des Buoso (die Mundartform lautet Biasinge bzw. biasjya,) erstmals in einer zwischen 760 und 782 (vielleicht erst nach 770) datierten Urkunde als Boasinheim. Wie die Belegreihe im Topographischen Wörterbuch des Groß­ herzogtums Baden von A. Krieger zeigt, hat sich die -ingen-Schreibung im Namen Bie­ singen erst im Laufe des 15./16. Jahrhunderts durchgesetzt. Die Lage- und Richtungszusätze wie Donau-, Ried- oder Hoch-, Ober-, Unter­ tauchen meist erst in späteren Belegen auf und dienen der genauen Identifikation und sprachlichen Abgrenzung gegenüber gleich­ lautenden Ortsnamen, z.B. Eschingen an der Donau = Donaueschingen gegenüber Eschingen im Ried (an der Aitrach) = Ried­ öschingen. Als zweite wichtige, aber nicht sehr zahl­ reiche, Schicht begegnen die Siedlungs­ namen mit dem Grundwort -heim. Sie wer­ den dem älteren Landesausbau (450-700) zugeordnet und in engem Zusammenhang mit der Ausdehnung des merowingisch-frän­ kischen Herrschaftsbereichs gesehen. Ein wichtiges Indiz für diese Theorie stellen die karolingischen Königsgüter dar, die für die Baar mit auf der Karte verzeichnet sind. Die -heim-Namen zerfallen nach der Art des Bestimmungswortes (= Namensbestandteil, welcher dem Grundwort vorausgeht) in zwei Untergruppen, wobei in der ersten Gruppe das Bestimmungswort ein Personennamen, 106 in der zweiten Gruppe eine Stellenbezeich­ nung ist. Hierbei stellt wiederum der Typus Personenname + heim die ältere Unter­ gruppe dar, die als Übergang vom personen­ bezogenen altalemannischen zum grund­ herrschaftlich fränkischen Prinzip aufgefaßt werden kann. Aasen[? ca. 973 Uosin, ?10.jhrt. Asaheim; PN Aso}, Biesingen [760-782 Boasinheim; PN Buoso}, Weigheim {762/3/5 Wicohaim; PN Wfgoj Anzumerken bliebe, daß für Aasen ein urkundlicher Beleg von 1094 Ascheim, ein weiterer von 1414 Aschan lautet. Wenn nicht ein (sehr wahrscheinlicher) Schreibfehler zugrunde liegt, wäre der Personenname Asco identisch mit dem in Donau- eschingen (s.o.). Das Fürstenbergische Urkundenbuch verzeichnet für das Jahr 1323 die auffällige Schreibung Aschehain, der einzige Hinweis für ein mittelhochdeutsches (= mhd.) (lan­ ges) ä im Ortsnamen Aasen. Im übrigen wird der Name in der Mundart kurz als Ase bzw. asa ausgesprochen. Schwierigkeiten bereitet die Interpretation des Bestimmungswortes im Ortsnamen Dürrheim, der -wie Donau­ eschingen -erstmals 889 als Durroheim in einer St. Galler Urkunde erwähnt wird. In Frage käme die Zurückführung auf althoch­ deutsch (= ahd.) durri „dürr, trocken, wüst“ (wie sie A. Krieger vornimmt), auf einen PN Duro (wie ihn E. Förstemann belegt) oder – etwas gewagter – auf den keltischen Fluß­ namenstamm Dur- (wie ihn A. Holder angibt). Letztere These muß im Zusammen­ hang mit den Flußnamen Brigach, Breg und Donau, aber auch mit der jüngsten Interpre­ tation des Namens Baar als „Qiellen-Land“ diskutiert werden. In die zweite Untergruppe fallen folgende Siedlungsnamen: Auifen [1138 Vjfheim}, Rietheim [1094 Sigiboto de Ritheim}, Tannheim [817 Tanheim} Die Bestimmungswörter sind: ahd. uf (oberdeutsch auch uf) ,,auf“, ahd. (h)riot ,,Schilfrohr, Ried“ und mhd. tan(n) ,,Wald“. Der Name Auffen wird in der Mundart mit langem u als Uufe bzw. üfa gesprochen. Er

LEGENDE ZUR KARTE vorgermanische Namen (?) -ingeo -heim (mit Personennamen) -heim (mit Stellenbezeichnung) • • • � CD e -hausen -hofeo -weiler -berg -burg -dorf Kappel, -kirch, Sanct – , -zell 0 EB @ ® 8 – -ach -=::, -bach � -au CJCJ -brunneo = Furt-, Bruggen ZUSATZSYMBOLE + Runenrund (Neudin1en) FrUhalemanni1che Münzfunde (260-400 n.Chr.) A1emanni1che Reihen1räber (6.-T. Jhrt.) Karolin1i1che1 Königsgut Buntnnd1tein (Schwanwald) Mu,chelkalk (Baar) – Grenze Die Siedlungsnamen im Schwarzwald-Baar-Kreis wäre zu übersetzen als „das oben gelegene Heim“. Rietheim wäre das „Heim im Ried“ (an der Brigach) und Tannheim das „Heim im Wald“ (auf der Buntsandsteinplatte). Während die -heim-Namen, die mit einem Personennamen verbunden sind, im Kernge­ biet der -ingen-Orte liegen, lagern sich die s c h w e i z -heim-Namen mit einer Stellenbezeichnung eher am Rand dieses Kerngebietes an. In das dichte Gebiet der -ingen- und -heim-Namen finden sich jedoch einige Namen eingestreut, die sich einer klaren namenkundlichen deutung entziehen. Hier wäre zunächst der Name Behla anzuführen, 107

aber auch die Namen Fützen und Pfohren werfen ungelöste Fragen auf. Die Probleme, die bei der Etymologisierung (= sprachliche Herkunft) der genannten Namen auftreten, seien hier kurz angedeutet. Der Name Füt­ zen wird erstmals 1083 in einer Urkunde des Klosters St. Georgen im Schwarzwald als Phoezen erwähnt. Um 1099 erscheint er in der Schreibung Vouzin. In der Mundart wird er als Fiaze bzw. vfJtSJ gesprochen. Der für­ stenbergische Archivar Franz Ludwig Bau­ mann (1846-1915) interpretiert ihn erstens als Ort „zu den Füßen“ (des Randengebirges) oder stellt ihn zweitens zu lateinisch (ad) fau­ ces (zu lat. faux), was „Schlund, Höhle, Kluft, Engpaß, Landenge“ bedeutet. Der lateini­ sche Ursprung des Namens wird durch die Lage an der Römerstraße von Iuliomagus (Sehleitheim) nach Brigobanne (Hüfingen) sehr wahrscheinlich gemacht. Der Name Behla [889 Pelaha] wird in der jüngeren Forschung mit dem Bergnamen Belchen im Südschwarzwald in Verbindung gebracht und auf eine keltische Form *Be­ laka, “Belka mit (bisher) nicht geklärter Be­ deutung zurückgeführt. Eine ältere Deutung von F. L. Baumann sieht im ersten urkundli­ chen Beleg eine Zusammensetzung aus dem Baumnamen ahd. belle, beide „Salweide“ und dem Wasserwort ahd. aha „Wasser, Bach“. Bliebe noch der Name Pfohren, der 817 in einer Königsurkunde erstmals als Forrun erscheint. Der Ortsname zeigt viele Schreib­ varianten: 821 Phorra (auch Forrun), 825 For­ rinmarca, 836/42 Forra, 887 Forahero, 1284 Phorren. F. L. Baumann möchte darin die Bedeutung „bei den Föhren“ sehen. Der Ortsname wird in der Mundart jedoch als Efoore bzw. pfi1rJ (mit geschlossenem lan­ gem o) ausgesprochen. Den Baumnamen Föhre spricht der Efooremer als Fore (mit kur­ zem offenen o) bzw., wenn er die Mehrzahl mit Artikel meint, als p’Fore „die Föhren“. Eine jüngere Erklärung von W. Kleiber ver­ mutet hinter dem Siedlungsnamen ein latei­ nisches phorrum „Lauch“. Das südlich gele­ gene Sumpfohren [883 Sundphorran] hat seinen Namen nicht etwa vom Sumpf, son- 108 . dem von Sund-, was „Süden“ bedeutet, wie auch in Sunt-hausen oder im elsässischen Sund-gau. Betrachtet man die genannten drei bzw., mit Dürrheim, vier Orte in ihrer Reihung auf der Karte, so ergibt sich eine klare Verbin­ dung von der nachweislichen Römerstraße bei Fützen, über Behla, Pfohren, Dürrheim zur römischen Neckarroute. Diese Strecke würde das östliche Pendant zur bekannten Trasse zwischen Hüfingen (Brigobanne) und Schwenningen bilden, zudem für Aasen eine römische Villa nachweisbar ist. Mit der dritten Großgruppe von Sied­ lungsnamen, den Namen auf -hausen, -hofen, -weiler und denen auf -berg, -burg, -dorf überschreiten wir auch die Siedlungs- grenze zwischen dem Altsiedelland Baar und dem Neusiedelland Schwarzwald. Das Alter dieser Gruppe wird in die Zeit des jüngeren Landesausbaus (750 -1300) datiert. Hausen vor Wald {890 Husun, 1489 Husen vor dem wald], Mühlhausen [1179 Mulehusen}, Waldhausen [ca. 1150 Walthusan}, Neuhausen [1094 Nuenhusen}, Schabenhausen [1086 ?Udalricus de Husen, 1094 Scheibenbusen, ?PN Scarbo, Scfppo], Sunthausen {895 Sundhusa] Epfenhofen [1145 Epphenhoven, PN Epho], Hei­ denhofen {ca. 760-782 (nach 770) Heidinhova, PN Heido}, Hubertsho.fen {1440 Humbrachtz­ hoven, PN Humbrecht, Huntbrecht} Erdmannsweiler {1094 Ortinswilerf, PN Ortini], Herzogemoeiler [1208 Herzoginwilar, 1721 (Neugrü.ndung)], Mönchweiler {1258 Munechewilar}, Pfa..ffenweiler [ca. 1200 Pha­ phinwiller}, Weiler [vor 1132 Wilare} Blumberg {1260 Blobinberch, 1260 Bluomen­ berg}, Buchenberg {1275 Buochenberg], Burgberg [1245 Hugo de Burcberc}, Fürstenberg [1175 Für­ stenberc}, Rohrhardsberg {1335 Rorhartesberg, PN Rorhart}, Triberg {1296Albertus de Triberg} Stockburg {1086 Stockburg] Achdoif [?775 Ahadoif, 816 Hahadoif}, Kirch­ doif {793 Eiginhova (spätere Name von Kirch­ dorf?), ca. 1200 Chilchtoifl Im Bestimmungswort dieser Namen steckt meistens ein Personenname, z. T. auch eine Lagebezeichnung wie Neu-, Sunt-, die

als Gegensatz zu einer älteren oder nördlich gelegenen Siedlung zu sehen sind. Auch der Fürstenberg hat nichts mit einem Fürsten zu tun, sondern wird als der „vürderste“, d. h. vorderste Berg des Höhenrückens der Länge gedeutet. Ob das Bestimmungswort Blum­ in Blumberg wirklich zum Pflanzennamen Blumen zu stellen ist, muß eher angezweifelt werden. Die alte Mundartform zumindest lautet Blomberg, was auch durch historische Belege gestützt wird. Aufmerksam gemacht sei auch auf die urkundliche Schreibung des Ortsnamens Kirchdorf (mundartlich Kildoaif bzw. khjldqa�f als Chilchdorf, in der die ältere alemannische Form Kilch (im Gegensatz zum jüngeren fränkischen Kirch) noch mit südalemannisch „verschobenem“ Ch-be­ wahrt ist. Dieselbe Spracherscheinung zeigt die urkundliche Schreibung des benachbar­ ten Klengen, das erstmals als Chneinga erwähnt wird. Dies könnte ein Beweis dafür sein, daß die Grenze zum Südalemannischen einst weiter nördlich verlief als dies die heuti­ gen Mundarten im Kreis ausweisen (vgl. Hall, Ewald, Halb Oberrheiner, halb Schwabe, halb Südalemanne, Almanach 1988, S. 203- 207). Die Siedlungsnamen dieser Gruppe kön­ nen sehr alt sein, wie die urkundlichen Erst­ erwähnungen für Hausen vor Wald, Sunt­ hausen, Heidenhofen, Achdorf an der Wutach und Kirchdorf an der Brigach bele­ gen. Die hofen- und weiler-Orte bilden am Schwarzwaldrand eine Übergangszone vom Alt- zum Neusiedelland, wobei sich das Gebiet um das hirsauische Reformkloster St. Georgen [1083 Georgio monasteriolum] deutlich als geschlossener Verband heraus­ hebt. Angefügt seien hier die drei weiteren Ortsnamen mit religiöser Bezugnahme auf eine Kapelle, eine Kirche und eine Einsied­ lerzelle: Kappel [1086 Richart de Capellaj, Neukirch [ca. 1470 Nuewenkilch], Peterzell [1339 bi santPeters celle]. Die vierte Gruppe, die Siedlungsnamen mit einem Gewässernamen auf -ach und -bach, charakterisieren den Mittleren Schwarzwald als eigenen namentypologi­ schen Raum. Sie werden, wie die der dritten Gruppe, dem jüngeren Landesausbaus zuge­ rechnet. Vereinzelt kommen diese Namen jedoch auch im Altsiedelland der Baar vor, wo sie, wie im Falle von Weilersbach, urkundlich sehr früh erwähnt sein können. Für den Schwarzwald erscheinen sie in den Urkunden jedoch nie vor dem Jahre 1000. Brigach [1083 fantes Brichenae, 1337 von Bri­ gen], Langenschiltach {1330 in der Schilta], Linach [1299 Lina], Nieder-, Obereschach [1094 Ascaha, 1260 Obr. Ezza, 1275 Niderascha], Ober-, Unterkirnach [1244 Kurna], Schonach [1275 Schonachj, Überauchen [zw. 1078-1111 Algerus de Ubrach], Urach [1275 Ura] Die ach-Namen können zusammen mit ihren Bestimmungswörtern folgenderma­ ßen übersetzt werden, wobei immer hinzu­ gedacht werden muß „Siedlung an einem, am … „: Bergfluß (s.u.); langer Wasserlauf in einem Tal, das wie ein Schild gerundet ist oder mit geschütztem Flußbett, in Schilt­ wird auch ein nicht geklärter vordeutscher Stamm vermutet; Ahornbach (mhd. Hn (boum) ,,Ahorn“) oder Wasserlauf, an dem Flachs (mhd. !in, „Lein, Flachs“) angebaut wurde; Flußlauf, in dem die Fischart Äsche vorkommt; Mühlbach (mhd. kurn, kürn ,,Mühle, Mühlstein“; schöner, klarer Wasser­ lauf; Flußlauf, an dem Auerochsen (mhd. ur ,,Auerochse“) weideten, oder nach dem Her­ kunftsort der Zähringer, Urach bei Reutlin­ gen, benannt. Fischbach [1094 Alker de Fispach], Gremmels­ bach {1655 Gremmelspach, PN Grimm-], Gütenbach [zw. 1360-70 Wuotenbachj, Ham­ mereisenbach [1523 Ysenbach], Langenbach [1326 Langenbach], Marbach [ca. 1200 Mar­ pach], Nußbach [1284 Johannes von Nuspach], Rohrbach {1316 Rohrbach], Vöhrenbach [1244 Verinbach, Vernbach], Weilersbach [763/41617 Wilarresbach, PN Wilharri] Hinter den bach-Namen stecken folgende Bedeutungen: Bach mit vielen Fischen; Bach, an dem ein Mann namens Gremmel siedelte (vgl. auch den Ortsnamen Grim- 109

melshofen); eisenfarbener Bach mit einem Hammerwerk; langer Bach; Bach an der Grenze (der Klengener Mark) (mhd. mark ,,Grenze, Grenzland“); Bach mit Nußbäu­ men, Bach mit Schilfrohr; Bach, an dem ein Mann namens Faro oder Fero siedelte; Bach, an dem sich ein Mann namens Wilharri nie­ derließ. Das Bestimmungswort Brig- in Brigach ist sprachlich eng verwandt mit dem Namen ihrer Schwester, der Breg. Beide Flußnamen gehen auf eine erschlossene Namensform *Brigana zurück, der wiederum die keltische Grundform “Briga „Berg“ zugrunde liegt, was die römische Schreibung des abgegange­ nen Ortsnamens Brigobanne bei Hüfingen bestätigt. Erwähnenswert ist auch der Namens­ wechsel von Wuotenbach zu Gütenbach. In umgekehrter Reihenfolge vollzieht sich nämlich der Wechsel des Flußnamens Gutach (bei Neustadt) zu Wutach, die bei Bonndorf (Boll, Münsingen, Ewattingen) mundartlich sogar zur Huata „Hutach = behütete Ach“ wird. Im Ortsnamen Überauchen treffen wir auf eine weitere sehr alte Sprachform. Die Zweilautschreibung -auchen für -achen (aus ahd. aha „fließendes Wasser, Wasserlauf, Fluß“) zeugt von der alten mundartlichen Aussprache des Wortes, das einst wie Maunel „Monat“ (mhd. manöt) gesprochen worden sein muß, obwohl die heutige mundartliche Form Iberooche bzw. ib?tif:rJ nur das jüngere (lange offene) o kennt. Zu dieser Siedlungsgruppe seien auch die Namen auf -au, -brunnen, Furt- und Brücke gestellt, die ebenfalls auf Wasser- kommen hinweisen. Schönenbach [1221 Sconowe], Mistelbrunn [1145 Mistelbrunne], Furtwangen {1290 Furt­ wangen], Bruggen [?1281 Brugke, 1358 Brugga] Keiner der oben genannten Gruppen kön­ nen die Schwarzwaldsiedlung Schönwald [1245 Schoenenwalde], der Bräunlinger Rodungs- und Ausbauort Oberbränd [1491 Brend], die späte Herrnhuterkolonie Königsfeld [1808 König Friedrich I. von 110 Württemberg], die aus dem Hurnlishof her­ vorging, und das am Höhenrücken des Ran­ den gelegene Nordhalden [1167 Nordhal­ dun] zugeordnet werden. Neben Oberbränd finden wir lediglich noch im Ortsnamen Stockburg einen Hinweis auf die Rodungs­ zeit, wo der Wald abgebrannt und die Baum­ wurzeln ausgestockt wurden. Erstaunlich ist jedenfalls, daß im Mittleren Schwarzwald (im Gegensatz zum Südschwarzwald) kaum Siedlungsnamen vorhanden sind, die direkt auf die Waldrodung zurückgehen. Zusammenfassend muß gesagt werden, daß trotz über lOOjähriger Beschäftigung mit den Ortsnamen der Baar und des Schwarz- waldes, noch längst nicht alle siedlungsge­ schichtlichen und sprachhistorischen Fra­ gen geklärt sind. Wie lebendig das Bewußt­ sein der Bewohner für ihre Ortsnamen auch in der Gegenwart ist und wie emotional gebunden die Namengebung sein kann, hat die Gemeindereform im Kreis gezeigt, wo z. T. Ortsnamen neu geschaffen werden mußten, wie im Falle der Gesamtgemeinde Brigachtal, oder „gleichberechtigte“ Zusam­ menziehungen gebildet wurden, wie im Falle der Kreisstadt Villingen-Schwenningen. Hier wird deutlich, daß Namen nicht losge­ löst von ihrem Namengeber existieren kön­ nen. Zumindest in dieser Hinsicht kann dem berühmten Faustischen Ausspruch: ,,Name ist Schall und Rauch“ nicht zugestimmt wer­ den. Ewald Hall Li t e r a t u r B a n s e , H. (1984): Die Baar -Eine neue Deutung des Landschaftsnamens. – In: Schriften des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar 35, S. 17-25. B a u m a n n , F. L. (1882): Die Ortsna­ men der badischen Baar und der Herr­ schaft Hewen. – In: Schriften des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar 4, S. 7—69. B r ü st l e , H . (1974): Ortsnamen der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg unter besonderer Berücksichtigung der engeren Baar. – In: Schriften des Vereins für

Geschichte und Naturgeschichte der Baar 30, S. 94-138. F ö r s t e m a n n , E . (1966): Althochdeut­ sches Namenbuch. Erster Band: Perso­ nennamen. Nachdruck der zweiten, völ­ lig umgear- beiteten Auflage [Bonn 1901], München. G l u n k , M. (1988): Grundzüge einer Verwaltungsstruktur auf der Baar im Zeit­ alter der Karolinger(8. und 9.Jahrhundert n. Chr.). -In: Almanach 89. Heimatjahr­ buch Schwarzwald-Baar-Kreis. 13. Folge, S. 128-132. H a l l e , E . (1985): Wassereichtum in Spiegel der Flurnamen der Gemeinden Bonndorf i. Schw. und Wutach. -In: 100 Jahre Schwarzwaldverein Bonndorf. Bei­ träge zur Bonndorfer und Wutacher Hei­ matgeschichte und zur Vereinsge­ schichte. Hgg. Schwarzwaldverein Bonn­ dorf e. V., Bonndorf i. Schw., S. 33-52. H o l d e r , A . (1896 ff.): Alt-celtischer Sprachschatz. Bde. 1-3. K l e i b e r , W. (1979): Vordeutsche, nicht germanische Gewässer- und Siedlungsna­ men. -In: Historischer Atlas von Baden­ Württemberg. Hrsg. v. der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden Württemberg in Verbindung mit . . . , Stuttgart, 1972 ff., hier: Karte X.2 und Kommentarbeilage. K r i e g e r , A . (2.1904/05): Topographi­ sches Wörterbuch des Großherzogtums Baden. Bde. 1-2, Heidelberg. S p i n d l e r , K o n r a d (1977): Vor- und Frühgeschichte. – In: Der Schwarzwald­ Baar-Kreis. Hrsg. von Landrat Dr. Rainer Gutknecht. Stuttgart, S. 79 Abbildung 9. S u b s i d i a S a n g a 11 e n s i a l. Materia­ lien und Untersuchungen zu den Verbrü­ derungsbüchern und zu den ältesten Urkunden des Stiftsarchivs St. Gallen. Hrsg. v. Michael Borgolte, Dieter Geue­ nich und Karl Schmidt. St. Gallen, 1986. Zum Aufenthalt Hermann Dietrichs in der Schwarzwaldgemeinde Gütenbach Die Beliebtheit Gütenbachs als Sommer­ frische datiert in das letzte Drittel des 19.Jahrhunderts, aber erst etwa 1910-1914, und später dann in der Weimarer Republik, war der Schwarzwaldort zu einer weithin bekannten Fremdenverkehrsgemeinde ge­ worden. In dieser Zeit fällt die Ankunft des dama­ ligen Oberbürgermeisters von Konstanz und nationalliberalen Mitglieds der Zweiten Kammer des Badischen Landtages, Her­ mann Dietrich. Der Einzug in das Hofgut Wildgutach am südlichen Gemarkungsrand -heute Ge­ meinde Obersimonswald -war durch fami­ liäre Umstände bedingt. 1912 hatte die in Kehl beheimatete CellulosefabrikLudwig Trick aus wirtschaftlichen Erwägungen von dem Sägewerksbesitzer Joseph Strack aus Obersimonswald ein Hofgut mit einem grö­ ßeren Waldstück erworben. Nach 1919 kam der sogenannte „Bruhansenhof“ in das Eigentum der Tochter des Fabrikanten, Eli­ sabeth Trick, mit der Hermann Dietrich bereits 1916 die Ehe geschlossen hatte. 1921 nach dem Tode seiner Frau wurde er auf dem Erbwege Eigentümer. Die Entscheidung für den Beibehalt des Gutes als Ferienaufenthalt muß dem bereits kurz vor der Übersiedelung nach Berlin Ste­ henden dennoch leicht gefallen sein, hatte er doch seine Jugendjahre unweit von Güten­ bach verbracht. In Oberprechtal war Hermann Dietrich als Sohn eines Pfarrers am 14. 12. 1879 auf die Welt gekommen. In Lörrach war er ins Gym­ nasium gegangen. Außer in Göttingen und Heidelberg hatte er auch in Basel und Straß- 111

Vielleicht war es Martha Fick, die Witwe des Kulturphilosophen Ernst Troeltsch, mit der er sich 1926 wiederverheiratet hatte, die ihm das Gütenbacher Besitztum wieder näherbrachte, nachdem sie den idyllisch gelegenen Hof kennengelernt hatte? Erst nach seiner Ernennung zum Reichsminister 1928 jedoch begann er sich intensiver um Erhaltung und Ausbau des Gutes zu bemü­ hen. 1929 entschloß er sich trotz vorliegen­ der Abrißgenehmigung zum Wiederaufbau des stark baufälligen Bruhansenhofes, errich­ tete auf dem dazugehörenden und Wald­ vogelhof genannten Teil ein neues Bauern­ haus und baute den zum Komplex gehören­ den Hirzbühlhof um. Während er einen Teil der Gebäude verpachtete, behielt er sich einen Hof als Wohnsitz vor. (1) Neben dem Haus in Allensbach am Bodensee, wurde das Hofgut in Wildgutach so nun zu einem seiner bevorzugten Auf­ enthaltsorte, wo er, wann immer es ging, einige Tage verbrachte. Seine tiefe Verbin­ dung mit der badischen Heimat und die Nähe zu seinem Geburtsort zogen ihn immer wieder hierher. ,,Häufig unternahm er die mühsame Reise von Berlin nach … sei­ nem im Schwarzwald gelegenen Pachtgut Wildgutach“ (2), um hier beim Fischen und Wandern neue Widerstandskraft zur Fort­ führung des angefeindeten Ministeramtes in der politisch zerfallenden Weimarer Demo­ kratie zu finden. Gerade in diesen letzten Momenten der Republik und zu Beginn des Dritten Reiches muß Wildgutach ein Zufluchtsort geworden sein, in dem sich von all der politischen Aufregung und dem Lär­ men der nahenden Diktatur Abstand gewin­ nen ließ. Mit dem Sturz des zweiten Kabinetts Brü­ ning am 30. 5. 1932 verlor auch Dietrich sei­ nen Posten als Stellvertreter des Reichskanz­ lers und Reichsfinanzministers. Er blieb jedoch einer der wenigen Abgeordneten der Staatspartei im Parlament nach deren Zerfall in der Krise. Die Überwindung ideologischer Bedenken bei der Listenverbindung mit der SPD verhalfen ihm mit vier anderen Partei- In der Mitte: Hennann Dietrich 1919 burg studiert. Nach einem kurzen Aufent­ halt während seiner Referendarzeit in Engen war er 1905 Stadtrechtsrat in Karlsruhe und 1908 Bürgermeister in Kehl geworden. 1914 übernahm er das Amt des Oberbürgermei­ sters in Konstanz. Erst 1919, als er Mitglied der verfassungsgebenden deutschen Natio­ nalversammlung wurde, begann seine politi­ sche Laufbahn außerhalb Badens: 1920 wurde er Reichstagsabgeordneter der demo­ kratischen, später Staatspartei, 1928 Reichs­ minister für Ernährung und Landwirtschaft, 1930 – 1932 schließlich stellvertretender Reichskanzler in den beiden Kabinetten Brüning in seiner Eigenschaft als Reichswirt­ schaftsminister und Reichsfinanzminister. Der seit 1922 in Berlin Wohnende konnte mit dem verpachteten Hof zunächst recht wenig anfangen. Für die folgenden Jahre kümmerte er sich nur gelegentlich um die Anlage, sei es, daß ihn die Berliner Partei­ und Abgeordnetentätigkeit zu sehr in Anspruch nahm, sei es, daß ihn mit dem Hof zu viele Erinnerungen an seine verstorbene Frau verbanden. 112

Freunden noch einmal am 5. März 1933 zum Einzug in das – letzte – Parlament nach Ernennung Hitlers zum Reichskanzler. Man kann davon ausgehen, daß diese schwere Entscheidung mit in Wildgutach herange­ reift ist, als er während der parlamentari­ schen Sommerpause im August 1932 hier einen Erholungsurlaub verbrachte. (3) Mit seiner trotz „ernster Bedenken“ (4) gegebe­ nen Zustimmung zum Ermächtigungsge­ setz, das gegen fundamentale Prinzipien der Verfassung verstieß, da es der Reichsregie­ rung unbeschränkte Gesetzgebungsgewalt zuerkannte, bereitete er auch sein eigenes politisches Ende. Am 28. Juni 1933 wurde die Deutsche Staatspartei aufgelöst, die Abge­ ordnetenmandate eingezogen. Hermann Dietrich besann sich auf seine Ausbildung als Jurist und eröffnete eine Rechtsanwalts­ praxis in Berlin. Jetzt hatte er auch etwas mehr Zeit für regelmäßige Reisen nach Gütenbach. Voral­ lem beim Angeln fand er Entspannung. Bereits seit 1931 hatte er zusammen mit dem Löwenwirt Karl Friedrich Wangler von W ild­ gutach und dem Sternenwirt und Sägereibe­ sitzer Albert Stratz von Obersimonswald rund 76 Hektar Wasserfläche an Aubach und Wildgutach von der Aubach-Fischereigenos­ senschaft mitgepachtet. Trotz allem Anschein, als habe Dietrich erst 1929, und in noch stärkerem Maße ab 1933, nach Gütenbach und dem Schwarz­ wald zurückgefunden, waren seine Bezie­ hungen hierher in Wahrheit nie unterbro­ chen gewesen. Neben den vielen persönlichen Bezie­ hungen, die er weiterpflog, waren es vor allem seine finanziellen Beteiligungen, die ihn stark an den Schwarzwald banden. Schon seit den frühen zwanziger Jahren hatte er sich in dem Versuch, die bürgerliche südwestdeutsche Presse in die Hand zu bekommen, an einer großen Zahl von badi­ schen Tageszeitungen Beteiligungen erwor­ ben. Aus diesen Teilhaberschaften, unter anderem am Donaueschinger Tageblatt oder der Tri berger Zeitung „Das Echo“ erwuchsen ihm am Ende der Weimarer Republik und in den ersten Jahren des Nationalsozialismus starke Probleme. Die bei der demokratischen Tagespresse durch Abwanderung der Leser zu nationalsozialistischen Tageszeitungen und Auflagenschwund entstehenden Ein­ nahmeverluste schwer. Bereits im Jahre 1932 konnte er den aus par­ teipolitischem Kalkül eingegangenen finan­ ziellen Verpflichtungen als Anteilseigner kaum noch nachkommen. (5) trafen Dietrich Es stellt sich angesichts dieser zahlreichen politischen und wirtschaftlichen Beziehungen in den Amtsbezirken Donaueschingen und Triberg die Frage, warum Hermann Dietrich augenscheinlich nichts unternommen hat, um Gütenbach in der ab 1931 eingetretenen dramatischen Finanzlage beizustehen. Bronzebüste (Kopie) H. Dietrichs am Eingang des Waldvogelhofes. Künstler: Bildhauer Fritz Klimsch, Saig. Geschenk der WMF-Geislingen zum 70. Geburtstag Dietrichs 1949. 113

Der Zusammenbruch der Filiale der Badi­ schen Uhrenfabrik AG Furtwangen und die Schließung der Filiale der Jahresuhrenfabrik C.Schatz aus Triberg hatten zu einer sozia­ len Verelendung eines großen Teils der Einwohner geführt. Armenunterstützung konnte von der Gemeinde so gut wie nicht gewährt werden, da die mit der Fabriken­ schließung verbundenen Steuer-und Miet­ ausfälle die Gemeindekasse völlig geleert hatten. Gerade hier hätte er in seiner Stellung als Reichsfinanzminister bis 1932 und Abge­ ordneter bis 1933 erfolgreich Hilfestellung bei der Gewährung von Subventionen und Neuansiedlung von Unternehmen durch Vermittlung der leerstehenden Gebäude und der stillgelegten Maschinen leisten können. Dietrichs scheinbares Stillhalten in der Öffentlichkeit erklärt sich aus seiner beson­ deren politischen Stellung. Als man in Gütenbach das volle Ausmaß der finanziel­ len Bedrohung der Gemeinde ermessen konnte, die in den Jahren 1932/33 zu einer der ärmsten Orte Badens wurde, waren bereits tiefgreifende politische Änderungen eingetreten. Die Nationalsozialisten unter der Füh­ rung ihres Stützpunktleiters Joseph Mun­ ding hatten die Mehrheit im Ort und in der Gemeindevertretung erlangt. Für diese war es undenkbar, sich mit einem der Hauptver­ treter jener Republik in Verbindung zu set­ zen, deren Untergang sie gewünscht und her­ beigeführt hatten. Für sie war es nur natür­ lich, sich an diejenigen badischen Führer in Industrie und Handel zu wenden, welche das Regime tatkräftig unterstützten. Nicht an Hermann Dietrich erging so das dringende Hilfeersuchen, sondern an Männer wie den Wirtschaftsbeirat der badischen Staatsregie­ rung, den Fabrikanten E. Tscheulin aus Emmendingen oder den Präsidenten der badischen Industrie-und Handelskammer Kentrup. Eine Beziehung zu einem Abge­ ordneten einer aufzulösenden Partei wäre ihnen wie Landesverrat erschienen. Dazu hatte sich Dietrich durch seine finanzielle Unterstützung des in die Krise 114 geratenen Donaueschinger Tagblatts, wel­ ches die Meinung der demokratischen Partei vertrat, die offene Feindschaft der NSDAP im Amtsbereich Donaueschingen zugezo­ gen. Die Herausgeber und Redakteure des Parteiorgans „Schwarzwälder Tagblatt“, die sich eine schnelle und Erlangung des Infor­ mationsmonopols im Kreis erhofft hatten, reagierten in der der nationalsozialistischen Presse eigentümlichen Weise der Verächt­ lichmachung. Mit Bekanntwerden seiner Be­ teiligung wurde er angegriffen als ein „alter Feind des Nationalsozialismus, (als) ein Mann, der . . . offenbar in Berlin oder sonstwo den Anschein erwecken (wollte), als ob er sich von den politischen Geschäften zurückgezogen habe.“ (6) Mit beiden Kern­ aussagen, Dietrichs Gegnerschaft zum Nationalsozialismus und seine weitere poli­ tische Einflußnahme, hatten sie nicht Unrecht. Sein fortdauerndes politisches Wirken scheint mit dem Entzug des Abge­ ordnetenmandates im Sommer 1933 keines­ wegs zu Ende gegangen sein. Vor allem in den Jahren 1936 bis 1938 übernahm er die Beratung und Vertretung jüdischer Geschäftsleute und Auswanderer gegenüber der Regierung. Er verteidigte ihre Interessen bei Transfer des Privat-und Fir­ menvermögens, in Sachen Reichsflucht­ steuer und Sperrmarkkredit. Wenn Dietrich am Ende durch politische Gegnerschaft ein Eintreten für Gütenbach als Kommune unmöglich war, so bedeutete dies keinesfalls, daß er sich nicht mit Güten­ bacher Belangen befaßt hätte. Gerade im Rahmen seiner zuvor skizzierten Anwaltstä­ tigkeit war er mit Wirtschaftsbelangen der Schwarzwaldgemeinde befaßt. Die Triberger Jahresuhrenfabrik Schatz hatte ihre dortige Filiale 1933 stillgelegt und Maschinen und Material nach England aus­ zuführen gesucht, wo die Firma seit 1904 eine Niederlassung hatte. Ursache für die Verle­ gung war der Verlust des traditionellen engli­ schen Absatzgebietes nach der Aufgabe des Goldstandards in England, des darauf erfolg­ ten Pfundsturz und der Erhöhung der Ein-

fuhrzölle (Sept. 1931). Während es beispiels­ weise der Schwenninger Uhrenfabrik Jauch noch rechtzeitig gelang, auf die Insel überzu­ siedeln, geriet der Versuch der Jahresuhren­ fabrik Schatz in Konflikt mit der neuen Wirt­ schaftspolitik und -ideologie des Dritten Rei­ ches, die in Gütenbach besonders schnell und konsequent zur Anwendung kam. Unter Vorgabe der (teilweise berechtigten) Zahlungsaufforderung von Mietrückstän­ den und unter noch nicht geklärten Umstän­ den ließ die Gemeinde 1934 die bereits zur Ausfuhr verpackten Maschinen und Teile bei der Freiburger Zollfahndungsstelle sicherstellen und unter Verschluß nehmen. Wenn Hermann Dietrich unter diesen Vor­ aussetzungen 1935 die Vertretung des Fir­ meninhabers C. Schatz in der Absicht des Erhalts von dessen Sperrmarkkredit über­ nahm, so war dies nicht zuletzt auch ein oppositioneller Akt gegen den NSDAP­ Stützpunkt Gütenbach und damit gegen das NS-Regime überhaupt. In diesem Sinne hat Dietrich durchaus „für“ Gütenbach gewirkt, auch wenn in jenen Jahren der stärksten Nut­ zung seines Feriendomizils eine Hilfestel­ lung für die politische Gemeinde Gütenbach weder möglich noch erwünscht war. Die Jahre nach dem Kriege und der Wie­ dereinstieg in das politische wie vor allem finanzpolitische Leben hielten den inzwi­ schen 65jährigen eher von Gütenbach fern. An seine wirtschafts- und parteipolitische Arbeit vor 1933 anknüpfend, nahm er an der Wirtschaftsverwaltung auf den Gebieten Ernährung und Versorgung aktiv Anteil. Von Februar bis Mai 1946 war er Vorsitzender des Koordinierungsausschusses zum Ausgleich der Erzeugung und der Verbrauchslenkung in der französischen Besatzungszone. Wäh­ rend er hier indirekt noch einmal für Güten­ bach tätig werden konnte, bedeutete seine Ernennung im Mai 1946 zum Sonderbevoll­ mächtigten für Ernährung und Landwirt­ schaft des amerikanischen Besatzungsgebie­ tes in Stuttgart den Abschied vom Schwarz­ wald. 194 7 gab er sein Amt in Wirtschaftsver­ waltung auf, unterstützte aber weiterhin den politischen Wiederaufbau. So nahm er an den Besprechungen des Heidelberger Krei­ ses zur Ausarbeitung einer neuen Verfassung teil und veröffentlichte zwei Bücher (Auf der Suche nach Deutschland, 1947; Auf dem Wege zum neuen deutschen Staat, 1951). An der Wiedergründung der Partei bzw. der Neugründung der FDP in Baden 1946 hat er sich zunächst nicht beteiligt (7), wohl aber an der später ins Leben gerufenen lokalen Sek­ tion der Partei in Stuttgart. Die Bundesrepu­ blik Deutschland verlieh ihm das Große Bundesverdienstkreuz. Am 6. März 1954 starb er in Stuttgart und wurde inSt. Märgen beigesetzt. Dr.Joachim Sturm Literatur: 1) Leider war über Unterhaltung und Bewirt­ schaftung der Güter nichts mehr zu erfahren, da die dazu gehörenden Rechnungen und Unterlagen 1982 im Nachlaß vom Bundesarchiv als histo­ risch unbedeutsam eingestuft und vernichtet wur­ den: Bundesarchiv Koblenz, Wolfgang Momm­ sen u. Marianne Loenartz, Nachlaß Hermann Dietrich, Bestand NL 4, Koblenz, 1988, S. XI. 2) Saldern, Adelheid von, H. Dietrich, Ein Staatsmann der Weimarer Republik, Boldt, Bop­ pard, 1966, S. 203. 3) Donaueschinger Tagblatt v. 13. 8. 1932. 4) Adelheid v. Saldern, a. a. 0., S. 198. 5) Walchner, Martin. Entwicklung und Struktur der Tagespresse in Südbaden und Südwürttem­ berg Hohenzollern, Thorbecke, Sigmaringen, 1986, S. 51, und Nachlaß Hermann Dietrich, S. 53, 55. 6) Stadtarchiv Donaueschingen, Nr. 103056, und Schwarzwälder Tagblatt v. 24. 9. 1933. 7) Paul Rothmund und Erhard R. Wiehn, Die FDPIDVP in Baden-Württemberg und ihre Ge­ schichte, Kohlhammer, Stuttgart, 1979, S. 182. Des weiteren wurden folgende Akten aus dem Gemeindearchiv Gütenbach benutzt: Gütenbach l, Nr. 103, 724, 842. 115

Das Achdorfer Mühlrad und die Mühle Das Mühlrad von Achdorf, zwischen Haus des Gastes und Scheffellinde gelegen, ist Zeugnis eines Müllerbetriebes vergange­ ner Zeit. In dem Blumberger Stadtteil erin­ nert das Mühlrad heute an ein fast vergesse­ nes Handwerk. Die Mühle in Achdorf ist schon sehr alt. Das Gebäude wurde aller­ dings im Laufe der Zeit mehrfach verändert und erneuert. Der alte, mehrere Jahrhun­ derte zählende Bau wurde im Frühjahr des Jahres 1972 abgerissen, das Mühlrad jedoch wurde stehengelassen. Aufgrund des Alters, und sich somit ergebenden Schäden, wurde das Rad später völlig restauriert und prä en­ tiert sich heute in neuem Gewand dem Betrachter. Wann die Mühle ursprünglich errichtet wurde, ist heute nicht mehr bekannt. Aus einer Urkunde des Jahres 1490 geht aller­ dings hervor, daß aller Wahrscheinlichkeit nach schon viel früher(als das Datum der Ur­ kunde) Lehensträger auf der Mühle waren. Die Mühle war danach ein Teil des herr­ schaftlichen Mayerhofes und gehörte zum Kloster St. Blasien. Die Urkunde besagt wei­ ter, daß der Lehenszins, den der jeweilige Müller zu entrichten hatte, jährlich mit 11 Mutt Kernen (Ablieferungssumme an Frucht) festgelegt worden war. Namentlich wurde der Müller Kienast, sein Vorname ist unbekannt, in einer Urkunde vom 11. Dezember 1511 als Erblehe der Achdorfer Mühle benannt. Unbekannt ist leider auch, wie lange die Familie Kienast die Mühle als Erblehen in Besitz hatte. Des weiteren sind die Vorgänger der Familie heute nicht mehr bekannt. Der Müller Kienast gab am 11. Dezember 1511 eine schriftliche Eingabe an das Kloster St. Blasien, in der er sich über die Höhe des Lehenszinses beschwerte. Der Jahresertrag der Mühle sei nicht so hoch, daß die Ablieferungssumme gerechtfertigt sei. Da er auf seine Eingabe hin keinen positiven Bescheid bekam, wandte er sich anschlie­ ßend an das Landgericht der Baar. Die 116 Rechte in diesem Prozeß verteidigte für den Müller der Obervogt der Grafschaft Fürsten­ berg, Jerg Stauffer von Blossenstaufen. Der „Großkeller Hans Spielmann“ vertrat das Kloster St. Blasien vor Gericht. Der Ausgang des Prozesses ist leider mangels Schrift­ stücken nicht bekannt. Nachfolger der Familie Kienast als Lehensträger ist die Familie Bausch gewesen, jedoch der Zeitpunkt des Wechsels ist unbe­ kannt. Lediglich ein Lehensrevers aus dem Jahre 1601 besagt, daß Andreas Bausch zu Achdorf um diese Zeit Lehensträger war. Im Lehensbrief des Klosters war neben der Beschreibung des Lehens und der Höhe des Zinses auch vermerkt, wie der Zins auszuse­ hen habe. Die Frucht müsse gesäubert sein und, im damaligen Sprachgebrauch üblich, als „Gutes Kaufmannsgut“ bezeichnet wer­ den können. Weiter war im Lehensbrief ver­ merkt, wie der jeweilige Müller mit Gebäude und Maschinen umzugehen hat. Der Brief wurde am 30. Juni 1601 durch den Abt Martin von St. Blasien verfasst. Am 20. April 1636 gelangte die Mühle kurzzeitig in den Besitz Matheis Schalch, ging kurz später aber zurück an die Familie Bausch. Eine Teilung erfuhr die Mühle im Jahre 1697. Oswald Bausch und seine Nachkommen erhielten die eine Hälfte, und Martin Meister samt Nachkommen erhielten die andere Hälfte. Da die Mühle zwei Hofstätten besaß, war dies möglich. Mit Genehmigung des Klosters St. Blasien wurde im Jahre 1700 eine zweite Mühle für die Talorte in Eschach gegründet. Von da an mußten die Eschacher und Opfer­ dinger diese neue Mühle benutzen, die ande­ ren mußten weiterhin nach Achdorf gehen. Der Erbe des Martin Meister, namentlich ebenfalls Martin, starb im März 1790 und hinterließ Frau und fünf Kinder. Antony, sein ältester Sohn, führte die Mühle weiter und versorgte die Familie. Er selber, unver­ heiratet, war bereits Müllermeister und in die Zunft eingetragen. Aus verwandtschaftlichen

Gründen der Eltern konnte er das Lehen nicht als Erbe antreten, sondern nur als Beauftragter der Familie weiterfuhren. Antony Meister wandte sich an den Abt von St. Blasien (9. Dezember 1791) und bat drin­ gend, ihm das väterliche Mühlenlehen zu übertragen. Meister litt zu der Zeit unter der Schuldenlast des Anwesens. Unter der Bedin­ gung, die Schulden rasch abzubauen, bekam Antony Meister das Lehen. Justus Bausch, letzter Eigentümer der Mühle, fiel im Jahre 1943 während des Krie­ ges an der Ostfront. Seine Witwe Antonie Bausch verpachtete die Mühle dann an den Müllermeister Fischer aus Blumberg, der bis Ende der 40iger Jahre die Mühle als Pächter weiterführte. Müllermeister Wiek als Fischers Nachfolger betrieb die Mühle dann weiter bis zu deren Stillegung im Jahre 1953. Jörg Michaelis Que l l e: P a u l W i l l i m s k i, Blumberg­ Achdorf einst und jetzt, Herausgeber Stadt Blumberg 1978. 117

De Berthold De Berthold dert am Niedere Tor, der stellt au hit de Fueß no vor und isch vum Helm bis nah as Schwert de räechte Villinger ebs wert. Ständ er wie frühr uf stolzem Stei nit eso munzig und so klei, säeh er ebs gliich als Städtegründer; e Mahnmal fer Sanierungssünder. Duet znacht um zwölfi er sich recke und schächet räechts und links um d’Ecke, no isch er inre fremde Welt und überall stinkt’s halt noch Geld. Es waast um ihn vill Stahl und Glas; noch siire Moening frogt ko Aas. „Mi Nieder Tor!“ stöhnt er verbisse, ,,worum hät mer Dich niedergrisse? Het mer doch d’Finger vu Der glau, no dät do ebs Historischs stau!“ So manchmol hät de Bart er grauft; het, wenn er kinnt, ’s Krawazi kauft, dezue es Bergli-Mauche Huus; wa machet die denn jetzt do druus? – „Haltet ’s Krawazi mir in Ehre, sunscht moßi mit em Sehei wehre! Lond Mensche huuse ums Gotts Wille, di Junge, Alte; Kinder spille! Stell ich de Fueß sunscht nimmi vor, hond Ihr de Dreck am Niedere Tor!“ Elisabeth Neugart 118

Persönlichkeiten der Heimat Gerd Jauch Ein Villinger durch das Fernsehen bekannt geworden Als Leiter der ZDF-Hauptredaktion Ge­ sellschafts- und Bildungspolitik wurde Gerd Jauch nach Vollendung seines 65. Lebens­ jahres in den Ruhestand versetzt. Er war Lei­ ter eines Ressorts, dessen Aufgaben über die Fragen des Rechts und der Justiz weit hinaus­ reichten – bis hin zu Fragen der Gesund­ heits-, der Sozial- und Bildungspolitik und den Problemen der ausländischen Mitbür­ ger. Wichtige Probleme einfühlsam und kompetent auf dem Bildschirm zu diskutie­ ren und zu kommentieren waren seine Stärke. Er war ein Journalist, dem parteipoli­ tische Einäugigkeit und missionarische Rechthaberei zuwider waren. Unabhängiges Denken kennzeichnete seine Arbeit, Tole­ ranz und Liberalität. Geboren wurde Gerd Jauch am 27. No­ vember 1924 in Villingen in der Schiller­ straße 3. Darauf legt er Wert. Weil er in Vil­ lingen geboren wurde, trug Gerd Jauch nach dem damaligen Staatsangehörigkeitsrecht das Merkmal „badisch“, obwohl beide Elternteile aus dem „württembergischen“ Schwenningen stammten. Sein Vater gehörte zu den „Erdäpfel­ Jauch“ aus dem Mühlweg. Sein Großvater war gelernter Uhrmacher, dessen Gesellen­ stück, eine Pendeluhr, heute im Archiv des Schwenninger Heimatmuseums aufbewahrt wird. Sein Großvater mütterlicherseits, Johan­ nes Müller, war als „Bahnmüller“ der Vorste­ her des ehemals stark frequentierten Güter­ bahnhofs. Seine Kindheit verlief eigentlich schon damals „gesamtstädtisch“, denn einen Teil seiner Schulzeit verbrachte er in Villingen und in Schwenningen, 1932 zog sein Vater mit der Familie wieder nach Schwenningen zurück, um dann 1936 als Werkleiter erneut in Villingen, bei KAISER-Uhren, tätig zu sem. Gerd, das älteste von fünf Kindern, besuchte in Schwenningen zwei Jahre die Oberrealschule und dann in Villingen das Realgymnasium am Romäusring. Er war ein Schüler wie jeder andere auch, fiel kaum negativ auf und war an den allgemeinen Schulstreichen beteiligt wie jeder andere. Deutsch war immer sein Lieblingsfach und seine Aufsätze waren schon damals eine Extraklasse. Zum Kriegsdienst meldete er sich wie alle seine Klassenkameraden freiwil­ lig. Als er sich in Potsdam für die aktive Offi­ zierslaufbahn verpflichtete, wurde er eigent­ lich seinem alten Berufswunsch untreu. Schon seit der Schulzeit wollte er Journalist werden. Nach dem schrecklichen Erlebnis des Krieges an der Ost- und Westfront, zuletzt als 20jähriger Leutnant und Korn- 119

panieführer, und nach achtmonatiger Kriegsgefangenschaft kam Gerd Jauch gleich wieder auf seinen Berufswunsch zurück. Schon als er im Herbst 1946 nach einem Abiturkurs an der Universität Freiburg mit dem Studium begann, fing er bei der Badi­ schen Zeitung als Lokal- und Sportreporter an. Es war Dr. Rupert Gießler, der Chefredak­ teur der Zeitung, der Jauch zumJurastudium riet. ,,Im künftigen neuen Staat wird viel Arbeit auf Sie zukommen“, sagte Gießler vorausschauend, und so war es dann auch. Nach dem Studium in Freiburg und in Köln und dem juristischen Staatsexamen begann Gerd Jauch, der sein Studium durch seine journalistische Arbeit finanziert hatte, als freier Journalist. Er wohnte in Freiburg und arbeitete zeitweilig für zwölfRedaktionen im ganzen Bundesgebiet. 1957 ging er als Redakteur für Landespoli­ tik zur Deutschen Presseagentur (dpa) nach Stuttgart und berichtete von da an im Dunst­ kreis der Ministerpräsidenten Gebhard Mül­ ler und Kurt Georg Kiesinger über politische Vorgänge in Baden-Württemberg. Mit bei­ den so verschiedenen „Landesvätern“ wie auch zuvor schon mit dem badischen Staats­ präsidenten Leo Wohleb hatte Jauch viele persönliche Begegnungen: Mit Wohleb, als er als Sportreferent des ASTA für die Wieder­ eröffnung des Instituts für Leibeserziehung und die Rückgabe des Universitätsstadions durch die Franzosen eintrat. Kiesinger holte er zur Villinger Fasnet, bei der dem Landes­ vater vor allem die freie Rede beim Strählen der Narros gefiel. Am 1. Oktoberl962 wurde Gerd Jauch vom Gründungsintendanten des ZDF, Prof. Dr. Karl Holzamer, zum Leiter der Wort­ nachrichtenredaktion und ein Jahr später der gesamten Nachrichtenredaktion von „heute“ berufen. Jauch war damals einer der ersten 300 Mitarbeiter des neuen Fernsehpro­ gramms. Sein Kollege RudolfRadke schreibt über ihn: ,,In der heute-Redaktion trug G.J. maß­ geblich zum Aufbau und zur �alität einer konkurrenzfähigen Nachrichtenberichter- 120 stattung bei. Schon bald entdeckte er, daß das noch junge Medium Fernsehen zwar über eine Fülle von Ereignissen und Ent­ wicklungen im In- und Ausland berichtete, kaum aber eine Gerichts- und Rechtsbe­ richtserstattung in seinen aktuellen Sendun­ gen kannte. Auf seine Initiative ging die Re­ daktion Recht und Justiz zurück, die 1969 eingerichtet wurde.“ Diese Redaktion leitete Jauch bis 1984. In dieser Zeit wurde er dem Fernsehpublikum in über tausend Sendungen und Sendebei­ trägen als Fernsehjurist bekannt. Alle großen Prozesse kommentierte er vor Ort, vor allem beim Bundesverfassungsge­ richt und beim Bundesgerichtshof in Karls­ ruhe. ZDF-Chefredakteur Klaus Bresser sagt in seiner Laudatio auf Gerd Jauch: ,,Im Mit­ telpunkt seiner ZDF- Tätigkeit stand zweifel­ los seine Sendereihe „Wie würden Sie ent­ scheiden?“, 88mal hat G.J. seinem Millio­ nenpublikum diese Frage gestellt und den Bürgern Recht transparent und verständlich gemacht. Er hat die sehr komplizierte Mate­ rie in eine allgemein verständliche Sprache übersetzt und das Publikum über Recht und Rechte des Einzelnen informiert. 16 Jahre lang hat er durch die Aktualität seiner Fälle mit seiner didaktischen Vorgabe der Frage­ stellung zur persönlichen Auseinanderset­ zung mit den stets aktuellen Themen ange­ regt und viel Lob geerntet. Es gelang ihm die besten Juristen aus Universitäten, Gerichten und Anwaltskanzleien für seine Sendungen zu gewinnen, nach Karlsruhe hatte er ein ,,rotes Telefon“. Für seine Sendereihe wurde Gerd Jauch 1979 mit dem Adolf-Grimme-Preis, 1982 mit dem Wilhelmine- Lübke-Preis der Stiftung „Deutsche Altershilfe“ und dem „Silbernen Ski der Stiftung Sicherheit im Skisport“ sowie 1987 mit dem Fernsehpreis des Deut­ schen Anwaltvereins ausgezeichnet. Anläß­ lich seines 65. Geburtstages wurde ihm fer­ ner mit der Herausgabe einer juristischen Festschrift eine Ehrung zuteil, wie sie vor ihm noch kein anderer Journalist erfahren hat. Viele namhafte Rechtsprofessoren und

Rechtspolitiker trugen durch Aufsätze in der im G. H. Beck-Verlag erschienenen Fest­ schrift zu dieser Würdigung bei. Wenngleich ihm seine rechtskundige und rechtskundliche Fernseharbeit das Wichtig­ ste war, so hatte und hat Gerd Jauch daneben noch ein Steckenpferd ganz anderer Art: er beschäftigt sich mit Geschichte und Bedeu­ tung der alemannischen Fasnet. Seiner Heimat hat er im ZDF ein Denk­ mal gesetzt mit seiner Dokumentation über die Villinger Fasnet „Narri – Narro“. Da der 90-Minuten-Film im gesamten deutschspra­ chigen Raum ausgestrahlt wurde, wurde die Villinger Fasnet einem Millionenpublikum nahegebracht, wie es eben nur ein Einheimi­ scher fertigbringt, der selber „ins Häs goht“. Auch die Rottweiler Fasnet hat Jauch danach in einem 45-Minuten-Film doku­ mentiert. Für seine gesamte journalistische Arbeit als Fernsehjurist und als Brauchtums­ joumalist wurde ihm das Bundesverdienst­ kreuz verliehen, das ihm am 18. Okto­ ber1985 im Alten Rathaus seiner Heimat­ stadt überreicht wurde. Zuvor hatte er die Bürgermedaille von Villingen-Schwennin­ gen erhalten. Gerd Jauch war 1972 von interessierten politischen Gruppen und Parteien nach Vil­ lingen-Schwenningen gerufen worden, um sich als Oberbürgermeisterkandidat gegen Dr. Gebauer zu stellen. Er hat aber dann doch seine Kandidatur zurückgenommen, weil die 14 Tage, die ihm sein Intendant als Sonderurlaub gewährte, einfach zu kurz waren, um sich der Bevölkerung von Villin- gen und Schwenningen genügend bekannt zu machen. Der Vorsprung von Dr. Gebauer als Schwenninger Oberbürgermeister war zu groß und als Verlierer wollte er schließlich nicht nach Mainz zurückkehren, zumal ihn die Programmzeitschriften ganz schön im Visier hatten. Zu dem anläßlich seines Abschiedes vom aktiven Dienst beim ZDF so hochgeehrten G. J. darf ich noch einmal Klaus Bresser zitie­ ren, der über seinen Kollegen ferner sagte: „Er ist ein Bürger im besten Sinne, dem das Gemeinwesen am Herzen liegt und dem es nicht gleichgültig ist, was aus Gesellschaft, Staat und Demokratie wird. Seine kritischen Darstellungen von juristischen Sachverhal­ ten und Vorgängen waren im besten Sinne Aufklärung. Ohne solche Aufklärung funk­ tioniert ein Gemeinwesen nicht. Demokra­ tie lebt davon, daß möglichst viele Men­ schen Bescheid wissen, Ursachen, Entwick­ lungen, Entscheidungen verstehen und sich gegebenenfalls auch kritisch auseinanderset­ zen. Gerd Jauch ist ein solch kritischer Jour­ nalist und Bürger. Er kennt aber auch neben dem Engagement die andere große Tugend von Demokraten: die Toleranz.“ Im letzten Frühjahr bezog G.J. mitten in der Altstadt von Villingen, mit Blick auf das Münster und das Rathaus eine Art Ferienap­ partement, wohin es ihn von seinem Wohn­ sitz Eberbach/Eltville am Rhein aus immer wieder zieht. Dann arbeitet er an Aufsätzen und Büchern, stöbert in Archiven und ist mit seinen engsten Freunden aus der Schulzeit Arnulf Wunderlich zusammen. Adam Berberich Ein Anwalt der Bürger In Villingen, wo er wohnt, aber auch im übrigen Gebiet des Schwarzwald-Baar-Krei­ ses, ist Adam Berberich eine bekannte und geachtete Persönlichkeit. Als langjähriger Gewerkschaftsvertreter sowie Landes- und Kommunalpolitiker ist er mit vielen Men- sehen in Verbindung gekommen. Für die Sorgen seiner Mitbürger hatte er immer ein offenes Ohr und trat im politischen Bereich für ihre gesellschaftlichen und sozialen Belange ein. Gelegenheit dazu bot sich ihm bis zum heutigen Tage. 121

Vor dem Krieg arbeitete der am 1. Novem­ ber 1914 in Kottweiler (Rheinland-Pfalz) geborene Adam Berberich als gelernter Bau­ und Kunstschlosser bei den Firmen Fichtel und Sachs in Schweinfurt und der Waffenfa­ brik Mauser in Oberndorf. Während des Krieges wurde er als Waffenmeister in Nor­ wegen eingesetzt. Nach dem Krieg war er in Villingen bei den Firmen Reinhard und Kienzle Apparate beschäftigt. In beiden Betrieben setzte er sich als Mitglied des Betriebsrates für die Belange der Belegschaf­ ten ein, bevor er 1956 zur hauptamtlichen Tätigkeit bei der Gewerkschaft überwech­ selte. Als Nachfolger von Fritz Restle wurde er erster Bevollmächtigter der Industriegewerk­ schaft Metall der Verwaltungsstelle Villingen und 1973 als Nachfolger von Erich Mark­ stahler Kreisgeschäftsführer des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Parteipolitisch schloß er sich der SPD an, weil er glaubte, dort am besten für seine poli­ tische Überzeugung wirken zu können. Adam Berberich gehörte einige Jahre dem Gemeinderat Villingen und nach dem Zusammenschluß mit Schwenningen dem Gemeinderat Villingen-Schwenningen an. Im Kreistag saß er seit dem Jahre 1962; zunächst im Kreistag des ehemaligen Kreises Villingen und dann im Kreistag von Villin­ gen-Schwenningen und nach der Kreisre­ form im Kreistag des neugeschaffenen Schwarzwald-Baar-Kreises. Im Jahre 1989 scheidete er aus. Von 1972 bis 1980 war er Mitglied des Landtages von Baden-Württemberg. Dort beschäftigte er sich vorwiegend mit Fragen der Sozialpolitik und Landwirtschaft. Bei einem Mann, der so lange im politi­ schen Leben stand, blieben Ehrungen nicht aus. 1977 wurde ihm das Bundesverdienst­ kreuz am Bande verliehen, 1988 die Ver­ dienstmedaille des Landes Baden Württem­ berg. Die italienische Regierung verlieh ihm die seltene Auszeichnung „Commendatore Stella della Solidarieta ltaliana“. Mitte der 60er Jahre setzte sich Adam Berberich dafür 122 ein, in Villingen ein Kultur-und Beratungs­ zentrum (KBZ) für ausländische Arbeits­ kräfte zu errichten. Adam Berberich hat sich noch nicht ganz aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen. Heute steht er dem Kreisseniorenrat vor. Er ist überzeugt, daß der Generationenkonflikt zwischen Jungen und Alten noch lange nicht ausgetragen ist und an Schärfe eher noch zunehmen wird. Ein weiteres Thema, das ihn brennend interessiert, ist die Einführung einer Pflegeversicherung, damit alte Men­ schen, wenn sie zum Pflegefall geworden sind, finanziell abgesichert, ohne der Sozial­ hilfe zur Last zu fallen, ihr Leben beschlie­ ßen können. Auch der weitere Ausbau von Altenwohnungen einschließlich von Pflege­ plätzen ist ihm ein wichtiges Anliegen. Diese Aktivitäten offenbaren wie seine ganze poli­ tische Arbeit seine vorbildliche soziale Gesinnung, die darauf ausgerichtet ist, dem anderen zu helfen. Es ist zu wünschen, daß sich Adam Berbe­ rich noch viele Jahre an den Erfolgen seiner politischen Arbeit erfreuen kann. Karl Kratt

Gymnasialprofessor Dr. Alfred Georg Benzing 123 Ein Wissenschaftler und Lehrer aus Leidenschaft Das Gymnasium, wenn es seine Aufgabe in der Gesellschaft recht erfüllen soll, braucht Lehrerpersönlichkeiten, die für ihre Berufs­ tätigkeit in doppelter Weise qualifiziert sein müssen. Von ihnen wird einmal eine solide fachwissenschaftliche Ausbildung an der Universität erwartet, die mit dem 1. Staatsexa­ men nachgewiesen werden muß. Zum anderen müssen sie Pädagogen sein, Erzieher. Für diese Aufgabe werden sie in den Seminaren für Schulpädagogik vorbereitet, und das 2. Staatsexamen ist der Nachweis eines erfolg­ reichen Abschlusses dieser Ausbildung. Als Wissenschaftler Pädagoge zu sein oder Pädagoge mit wissenschaftlicher Kom­ petenz -das ist die hohe Forderung an die Lehrkräfte des Gymnasiums, und diese For­ derung ist nicht leicht zu erfüllen. Heute soll die Rede von einem Lehrer sein, der in besonderem Maße sich beiden Aufgaben verpflichtet wußte und sich ein Berufsleben lang um ihre Erfüllung mühte, von Gymnasialprofessor Dr. Alfred Georg Benzing, der allzufrüh am 7. Juni 1987 ver­ storben ist. Alfred Benzing wurde am 10. Juli 1928 in Schwenningen geboren. Dort durchlief er auch die Schule. Sein Abitur machte er 1946 an der damaligen Oberschule für Jungen, dem heutigen Gymnasium am Deutenberg. Zuvor war die Schullaufbahn unterbrochen gewesen: Alfred Benzing mußte noch 1945 zum Reichsarbeitsdienst und zum Wehrdienst, als Funker bei der Luftnachrichtentruppe, einrücken und geriet auch noch in Kriegsge­ fangenschaft, aus der er im August 1945 wie­ der entlassen wurde. Im Jahr 1946 war es ihm möglich, eine Ausbildung zum Primarsch ullehrer am Kan­ tonalen Lehrerseminar in Basel anzufangen. Von Basel wechselte er an das Pädagogische Institut in Reutlingen, wo er die 1. Dienstprü­ fung für das Lehramt an Volksschulen 1947 bestand. Im Volksschuldienst war er sodann in Lauterbach, Schwenningen, Deißlingen und Schramberg tätig. Aber schon 1950 schied er aus dem Dienst wieder aus und begann das Studium der Fächer Biologie, Chemie und Erdkunde an der Universität Tübingen und zeitweilig auch an der Sor­ bonne in Paris. 1954 bestand er die Wissenschaftliche Dienstprüfung für das Lehramt an Höheren Schulen, 1955 dann, nach der Ausbildung am Tübinger Seminar für Studienreferen­ dare, auch die Pädagogische Dienstprüfung. Im gymnasialen Schuldienst war Alfred Ben­ zing zunächst am damaligen Progymnasium Spaichingen. In dieser Zeit vollendete er auch seine Dissertation zum Thema „Das Vegetationsmuster zwischen Schwarzwald und Oberem Neckar als Indikator der Land­ schaftsökologie und seine Bedeutung für die naturräumliche Gliederung“ und wurde 1957 zum Dr. rer. nat. promoviert. 1961 an das Gymnasium Schwenningen versetzt, tat er an seiner alten Schule Dienst, seit 1971 als Gymnasialprofessor und Fachberater des Oberschulamts Freiburg für das Fach Erdkunde. 1984 mußte er aus Krankheits­ gründen vorzeitig in den Ruhestand treten. Dr. Benzing war ein ganz außergewöhnli­ cher Mann. Wenn man seine Persönlich­ keitsstruktur beschreiben will, so muß man von dem Forscher und Wissenschaftler aus Leidenschaft reden und auch von dem Erzie­ her, dem Lehrer aus Leidenschaft, von einem Menschen, der sich ohne Rücksicht auf sich selbst beiden Bereichen hingebend widmete und sich darin verzehrte. Auch von dem hei­ matverbundenen Bürger und seiner Zuwen­ dung zu den Angelegenheiten der Gesell­ schaft, in der wir leben, muß berichtet wer­ den. Alfred Benzing -ein Mann der Wissen­ schaft. Schon seit früher Jugend fiel seinen Lehrern und seinen Kameraden auf, mit

welch leidenschaftlicher Wißbegier Alfred Benzing auf fast allen Wissensgebieten Kenntnisse an sich zu raffen suchte. Diese Wißbegier galt zunächst den Naturwissen­ schaften, vor allem der Biologie, der Chemie und der Erdkunde – letzteres Fach wurde zunehmend zu einem Schwerpunkt in seiner Forschung und Lehre. Aber auch die Sprachen interessierten ihn brennend: Englisch, Französisch, Latein beherrschte er erstaunlich gut; noch in späte­ ren Jahren lernte er im Selbststudium Rus­ sisch, um russische wissenschaftliche Artikel lesen zu können. Andere Wissensbereiche beobachtete er wenigstens von außen genau und war in ungezählten Fällen in der Lage, seine Kollegen auf Neuentwicklungen in ihren Fächern hinzuweisen. Ein beinah faustisches Verlangen nach Wissen und Erkenntnis trieb ihn vorwärts. Er war ein unermüdlicher Arbeiter und erforschte, ohne sich Ruhepausen zu gön­ nen, Neues in seinen Fächern; es gibt über 50 wissenschaftliche Veröffentlichungen aus seiner Feder. Sie erschienen in Buchform, in wissenschaftlichen Zeitschriften für die Fachwelt, gelegentlich aber auch in der Tagespresse oder im Schwenninger Heimat­ blättle für ein größeres Publikum. Diese Zahl ist erstaunlich groß, wenn man bedenkt, daß die dazu nötige Arbeit neben dem eigentlichen Beruf geleistet werden mußte, wenngleich doch in enger Verbin­ dung damit. Versucht man, sie in zusammen­ gehörige Tätigkeitsbereiche zu ordnen, so ergibt sich, daß sein wissenschaftliches Inter­ esse sowohl im Bereich der Biologie als auch der Geographie immer mehr seiner engeren und weiteren Heimat galt. Untersuchungen von Pflanzenvorkommen im Schwarzwald, auf der Baar, im Hegau und am Bodensee, Verfahren der Kartierung und die zu erken­ nende naturräumliche Gliederung, die damit verbundene Gewässerkunde der Baar und angrenzender Gebiete, immer wieder das Schwenninger Moos in botanischer wie geo­ graphischer Betrachtung, die Aussicht vom Lupfen, vom Fürstenberg, vom Aussichts- 124 punkt Hagen bei Weilersbach, aber auch von der Schrotzburg und vom Schiener Berg-all das waren Themen, denen Alfred Benzing Untersuchungen und Veröffentlichungen widmete. Darüber hinaus wandte er sich aktuellen Fragen der Demographie und Bevölkerungsgeographie zu, der Theorie der Zentralen Orte, der Wirtschafts- und Sozial­ geographie. Besonders bemerkenswert ist seine Mitarbeit an einem grundlegenden großen Werk über Verwaltungsgeographie. Auf welche geographischen Gegebenheiten muß die Verwaltung bei ihren Planungen achten? Ein ungemein wichtiges Sachgebiet, das die Lebensverhältnisse der Bevölkerung unmittelbar betrifft. Auch um die Einbeziehung moderner Hilfsmittel bemühte er sich, besonders des neuen Mediums Computer. Bei der Ausar­ beitung mathematischer Verfahren zur Erstellung von „Gradfeldtabellen, Gradab­ leitungen, Meridian- und Parallelkreisbögen, Krümmung radien aus dem Kleinrechner“ zum Beispiel oder bei der Herausgabe einer Formelsammlung der „Sonnenstände, Tag und Nacht in allen Zonen“, die aus einer

fruchtbaren Zusammenarbeit mit einem ehemaligen Schüler (M. Kimmig) erwachsen war. Und immer wieder beschäftigen sich diese wissenschaftlichen Veröffentlichungen auch mit der Umsetzung im Unterricht und der Einbeziehung eigener Forschungsleistungen der Schüler. So gab es 1979 eine Arbeit, die in der „Geographischen Rundschau“ abge­ druckt wurde: ,,Ende der Verschwendung? – Schüler berechnen die Reichdauer von Roh­ stoffen.“ Das Thema zeigt, wie schon damals Dr. Benzings Aufmerksamkeit auch unserer Umwelt, der Endlichkeit ihrer Ressourcen und der Sensibilisierung der Schüler für die­ ses Problemfeld galt. Denn abstrakte, reine Wissenschaft hat ihm nie genügt. Ein wissenschaftliches Pro­ blem zu erforschen, um dann für die Lösung vielleicht auch noch Anwendungsmöglich­ keiten zu finden, war seine Sache nicht. Viel eher fand er Probleme im Leben der Gesell­ schaft vor, die es zu analysieren und den Schülern vorzustellen und nahezubringen galt. Ob es um die Ursachen für Über­ schwemmungen im Stadtgebiet bei Gewit­ tern ging oder um die Frage, welche Teile der Schweizer Alpen ein Pa.tient des Schwennin­ ger Krankenhauses vom obersten Stock aus denn sehen könne und warum oder darum, ob das Vorhaben der Gemeinde Unter­ kirnach, ein eigenes Kraftwerk zu errichten, denn möglich, vernünftig und rentabel sei – immer beschäftigte er sich und seine Schüler damit, die Fragestellung zu „studieren“, wie er sagte, verläßliche wissenschaftliche Aus­ gangsdaten zu gewinnen, Methoden der Pro­ blemlösung zu ersinnen und Darstellung und Veröffentlichung zu orgams1eren. Dabei gab es hervorragende Beispiele einer geradezu musterhaften Zusammenarbeit von Schülern und Lehrern, die miteinander an der gemeinsamen Forschungsarbeit lern­ ten. Alfred Benzing hat auf diese Weise vie­ len Schülern wissenschaftliches oder zumin­ dest wissenschaftspropädeutisches Arbeiten ermöglicht. Bei alledem hatte er auch immer die Kol- legen und ihre Arbeit im Auge. Seine beson­ dere Aufmerksamkeit galt der Frage einer möglichen Verwertung seiner Methoden und Ergebnisse im Unterricht. Ungezählt sind seine Unterrichtsentwürfe und Kurzver­ öffentlichungen, die er seinen Kollegen freu­ dig zugänglich machte, um ihnen bei ihrer Arbeit zu helfen. Spontane Hilfsbereitschaft in allen Bereichen war ein Wesenszug, der ihn auszeichnete. Besonders großen Wert legte Alfred Ben­ zing auf die Erziehung der Schüler auf einem Gebiet, das in den Schulen lange Jahre eher vernachlässigt wurde – nicht aber bei ihm: Erziehung zu Pünktlichkeit, Genauigkeit, zu sauberer und geordneter Darstellung, auch zur Höflichkeit und Korrektheit. Zeitweilig wurden ja diese „Sekundärtugenden“ im erziehungswissenschaftlichen wie im politi­ schen Bereich etwas verächtlich gemacht: wie wichtig, geradezu unerläßlich, sind sie aber doch für die Wissenschaft und für das Zusammenleben der Menschen in der Gesellschaft! Wenn da geschlampt wurde, konnte ihn ein heiliger Zorn ergreifen – er hatte durch­ aus ein iraszibles Temperament-, und Kolle­ gen und Schüler gingen ihm dann besser aus dem Weg, wenn das möglich war. Und Zorn ergriff ihn auch immer wieder, wenn er im öffentlichen Leben Schlamperei und Ignoranz zu entdecken vermeinte oder gar, und das war für ihn das Schlimmste: ,,Volksverdummung“! Da konnte er böse werden, heftige Briefe schreiben und sich um der Sache und um des gemeinen Wohls willen leidenschaftlich ein­ setzen. Und mit seinen dezidierten Ansich­ ten hielt er auch vor den Schülern nicht hin­ ter dem Berge – anschauliches Lehrbeispiel eines engagierten Bürgers. Erziehungsarbeit letztlich auch das. Alfred Benzing stammt aus einem Urschwenninger Geschlecht, und er fühlte sicherlich die Verpflichtung, seiner Heimat­ stadt, seiner evangelischen Kirchengemeinde (als langjähriger Kirchengemeinderat) und einer weiteren Öffentlichkeit im Landkreis 125

und der Region mit seinen wissenschaftli­ chen Arbeiten und mit seinem Engagement zu dienen. Daher die vielen Veröffentlichun­ gen, die sich mit Problemen und Gegeben­ heiten unserer Heimat befassen. Er liebte seine Heimat, anders wäre sein Eifer und seine Einsatzbereitschaft nicht zu erklären. Er mußte viel zu früh sterben. Das Gymnasium am Deutenberg, die Stadt Villingen-Schwenningen, der Schwarz­ wald-Baar-Kreis, aber auch die Wissenschaft und vor allem ungezählte ehemalige Schü­ ler, Kollegen und Bürger verdanken ihm viel. Dr. Rolf Mehne P. Edmund Schweizer Um die AOK verdient gemacht Werdegang und Lebensweg von Direktor Edmund Schweizer, Geschäftsführer der AOK für den Schwarzwald-Baar-Kreis, er­ scheinen aus einem Guß. Die Person und die Persönlichkeit des langjährigen Direktors der Allgemeinen Ortskrankenkasse wurzeln glei­ chermaßen in den Eigenschaften, die auch den Menschen Edmund Schweizer, den Ehe­ gatten, Vater und Sportkameraden prägen. Als hervorstechender Charakterzug sind Weitsicht und Geradlinigkeit zu nennen, die den beruflichen Lebensweg und Werdegang in nunmehr fünfzig Jahren bestimmten. Diese bestimmenden Charakterzüge, die vor allem im Umgang von Edmund Schwei­ zer mit Angehörigen, Freunden, Mitbürgern und Mitarbeitern erkennbar wurden, mögen begründet worden sein im Elternhaus, das in Lauda im Tauberkreis stand. In der Eisen­ bahnerfamilie hat der junge Edmund Schweizer wohl die Bedeutung klar vorgege­ bener Linien, die in der Gegenwart beginnen und fernen Zielen am Horizont zustreben, erkannt. Im Rückblick auf sein Leben scheint es fast, als seien diese Erlebnisse der Jugend, die Pünktlichkeit, die zuverlässige Zielstrebigkeit und die Überschaubarkeit der Dinge, zum „Fahrplan“ für Edmund Schwei­ zer geworden, nach dem sein Lebenszug von Station zu Station rollte und dies ohne Umwege und langwieriges Rangieren. Die Allgemeine Ortskrankenkasse war das Feld, auf dem Edmund Schweizer seine Fähigkeiten und Talente entfaltete und auf 126 dem er Linien zeichnete, die richtungswei­ send waren und heute noch als Wegmarkie­ rung im Krankenversicherungswesen gelten. Bereits mit fünfzehn Jahren begann im Jahr 1943 Edmund Schweizer seine Ausbil­ dung bei der AOK, dies in Schramberg. Der Erfolg begleitete ihn von Anfang an als Kon­ sequenz seiner Einsatzbereitschaft, des Flei­ ßes und des wachen Verstandes, mit dem der junge Verwaltungsangestellte sich voll und ganz einsetzte. Schon zwölf Jahre später wählte ihn die Vertreterversammlung zum stellvertretenden Geschäftsführer. Der Wechsel zur größeren Aufgabe bei der AOK Donaueschingen war 1962 für Edmund Schweizer begleitet mit der Ernennung zum Geschäftsführer. Doch damit war für den rührigen Verwaltungsfachmann die Endsta­ tion noch keineswegs erreicht. Er erkannte, daß mit der Gebietsreform auch für die Kran­ kenkassen die Chance gegeben war, zu grö­ ßeren Einheiten zusammenzuwachsen. Seine Bemühungen, die Allgemeinen Ortskran­ kenkassen Villingen, Schwenningen und Donaueschingen zu vereinen, waren erfolg­ reich. Die Weitsicht und Zielstrebigkeit des Geschäftsführers aus Donaueschingen hat­ ten Eindruck gemacht und so wurde Ed­ mund Schweizer zum Geschäftsführer der Allgemeinen Ortskrankenkasse Schwarz­ wald-Baar gewählt. Doch das sind nur die sichtbaren Statio­ nen einer beeindruckenden beruflichen Kar­ riere. Die Verdienste von Direktor Schweizer

der AOK in Donaueschingen, dies in der Zeit, als Edmund Schweizer für dieses Vorha­ ben verantwortlich zeichnete. In Villingen wuchs das neue AOK-Gebäude an der Schel­ mengasse empor, und wieder war es der tüch­ tige Direktor, der die Planung abzeichnete, den Baufortschritt begutachtend begleitete und schließlich als stolzer Hausherr des beeindruckenden Gebäudes zur Einweihung einladen konnte. Mit einer autonomen EDV-Anlage zog der technische Fortschritt auf Initiative von Edmund Schweizer in das neue Haus ein und schon bald zeigte sich, daß die Entschei­ dung, eine elektronische Datenverarbeitung in eigener Regie und unabhängig von einem Rechenzentrum einzusetzen, die rechte Wahl gewesen war. Auch die Einrichtung einer Honorarprüfstelle und die Bildung einer Gemeinschaft der autonom wirkenden Ortskrankenkassen waren Anstöße von Direktor Schweizer, die von Weitblick zeug­ ten und Wegmarken setzten. 127 Direktor Edmund Schweizer fand dar­ über hinaus noch die Kraft und die Zeit, sich als Lehrbeauftragter der Staatlichen Berufs­ akademie zu engagieren. Die übernommene Aufgabe war ein Beitrag zur Ausbildung von Diplom-Sozialpädagogen für den Sozialen Dienst. Edmund Schweizer gehört seit Jah­ ren den Prüfungsausschüssen für Ärzte und Zahnärzte an und hat in diesen Gremien alternierend den Vorsitz inne. Er gilt in Fach­ kreisen als kritischer Denker, der dank fachli­ cher Kompetenz auch unbequeme Wege einschlägt und zu Ende geht. Die Berufung zum Landessozialrichter rundet dieses Enga­ gement ab. Nach einem erfüllten Berufsleben wird Direktor Edmund Schweizer Mitte des Jah­ res 1990 in den Ruhestand gehen. Doch seine Zielsetzungen werden weiterhin als Richt­ linien für die Weiterentwicklung bei der AOK des Schwarzwald-Baar-Kreises gelten und seine Tatkraft bleibt Beispiel und Ver­ pflichtung für seinen Nachfolger und die Mitarbeiter dieser Krankenkasse. Klaus Peter Friese sind so nicht offenkundig, denn sie erwuch­ sen aus der Arbeit des Alltags, aus dem Bewältigen von Aufgaben und der Beharr­ lichkeit im Verfolgen selbstgesteckter Ziele. Zu den Aufgaben, denen sich Edmund Schweizer immer verpflichtet fühlte, gehörte schon in jungen Jahren die Ausbildung und Weiterbildung. Die von ihm verfaßten „Lah­ rer Unterrichtsbriefe“ gehörten jahrelang bundesweit zu den Grundlagen von Schu­ lungskursen und Seminaren der Allgemei­ nen Ortskrankenkassen. Die Erkenntnis, daß Vorbeugen besser ist als Heilen, war für den jungen Geschäftsfüh­ rer schon zu Beginn der sechziger Jahre ein wegweisendes Motto, das er dann auch zum Wohl der Versicherten und der Kranken­ kasse in die Tat umsetzte. Das sogenannte „Hausarztverfahren“, Krankheitsfrüherken­ nung und der Weg in die Öffentlichkeit mit Aufrufen zur Vernunft beim Umgang mit der eigenen Gesundheit waren praktische Umsetzung von Erkenntnissen. Dabei gelang es Direktor Edmund Schweizer stets, seine Mitarbeiter für solche Ideen zu begei­ stern, und sein konsequentes Eintreten für einmal als richtig erkannte Ziele, war beein­ druckend. Als Bauherr hat Edmund Schweizer Blei­ bendes geschaffen. So entstand unter seiner Federführung das neue Verwaltungsgebäude

Ingeburg Weisser Aus einem Stadtkind wurde eine Landfrau Frau Ingeburg Weisser stand in den Jahren 1980 bis 1989 dem Bezirkslandfrauenverein Villingen vor, nachdem sie schon einige Jahre Stellvertreterin gewesen war. Die Tätig­ keit einer Bäuerin wurde ihr nicht in die W iege gelegt. Sie ist ein Großstadtkind aus München. Während des Krieges hielt sich Frau Weisser in Weiler, heute ein Ortsteil von Königsfeld, auf und blieb dort „hängen“. Nach ihrer Heirat mit dem Landwirt Ernst Weisser vomJungbauernhof in Buchenberg­ Martinsweiler – von 1949 bis 1950 besuchte sie die Landwirtschaftsschule -war ihr weite­ rer Lebensweg vorgezeichnet. Sie wurde nicht nur eine tüchtige Bäuerin, dje sich um Familie und Hof kümmerte, sondern sie erkannte auch zusammen mit anderen Land­ frauen die Notwendigkeit eines Zusam­ menschlusses der Frauen auf dem Land. Bevor es zur Gründung eines Landfrauen­ vereins kam, trafen sich interessierte Bäuerin­ nen aufEinladung von Frau Oberregierungs­ und Landwirtschaftsrätin Thora Walter in der ehemaligen Villinger Landwirtschafts­ schule. Es handelte sich dabei nicht um ein „beschauliches Damenkränzchen“, sondern es wurde schon damals gezielt Fortbildung betrieben. Mit guten Kenntnissen ausgestat­ tet ging man zurück in den bäuerlichen Haushalt, um sie dort anzuwenden. Im Laufe der Zeit entstand der Wunsch, aus dem etwas mehr unverbindlichen Arbeitskreis eine feste Institution zu machen, dje auch nach außen hin die Belange der Landfrauen vertritt. Frau Ingeburg Weisser war bei der Gründung des Landfrauenvereins im Jahre 1977 aktiv betei­ ligt, als sich 50 Frauen aus dem ehemaligen Kreis Vifüngen zusammenschlossen. Dieser wurde als Bezirksverein geführt. Zunächst war Frau Margarete Kornhaas aus Marbach erste Vorsitzende, ihr folgte bei der nächsten Wahl im Jahre 1980 Frau Ingeburg Weisser. Während ihrer Zeit als Vorsitzende des Bezirkslandfrauenvereins Villingen hatte 128 Frau Weisser viele Verpflichtungen. Sie trug die Verantwortung für rue Planung und Durchführung des jewciligen W interpro­ gramms. Zu ihren Aufgaben gehörte es auch, die Interessen der Landfrauen bei den Vor­ standssitzungen der anderen berufsständi­ gen Vereine zu vertreten. Lange Jahre war Frau Weisser bei der Prüfungs-Kommission der Wirtschafterinnen in der Landwirtschafts­ schule Donaueschingen und beim Berufswett­ kampf der Mädchen in der Albert-Schweit­ zer-Schule Villingen tätig. Außerdem war sie Mitglied im Ausschuß der Steuer- und Betriebswirtschaft im BLHV Freiburg. Frau Weisser nahm auch jede Gelegenheit wahr, mit den Politikern ins Gespräch zu kommen, wenn es galt, die Probleme der Bäuerinnen darzulegen. Wenn dje Landjugend jedes Jahr ihr gro­ ßes Kreiserntedankfest durchführte, war Frau Weisser dabei, wenn die prächtigen, kunstvollen Erntewägen zu prämieren waren. Sie meisterte alle diese Aufgaben mit Fleiß und großem Einfühlungsvermögen.

Erwähnenswert ist auch die aktive Beteili­ gung des Bezirkslandfrauenvereins Villingen auf der Südwestmesse. Dies gibt eine gute Gelegenheit, mit der Bevölkerung in Kon­ takt zu kommen und für die Landfrauenar­ beit zu werben. Frau Weisser hat sich immer bereitwillig diesen Veranstaltungen auf der Südwestmesse zur Verfügung gestellt und mit ihrer freundlichen Wesensart viel für das gute Ansehen der Landfrauen in der Bevöl­ kerung beigetragen. Frau Weisser hat noch weitere Bürden auf sich genommen. Sie wirkt bis zum heutigen Tage als Ortschaftsrätin in Buchenberg und in der Vorstandschaft des dortigen Ge­ schichtsvereins mit. Um neben der Arbeit im Betrieb und im Haushalt all diese Aufgaben erfüllen zu können, gehört sehr viel Idealis­ mus und Willenskraft dazu. Frau Weisser ist Bäuerin mit Leib und Seele. Trotz ihres Einsatzes für die Landfrau­ enarbeit vemachläßigte sie ihren eigenen Hof nicht. Die Planung und der Bau eines neuen Hofes hat sie mit ihrem Mann, der lei­ der im Jahre 1985 überraschend verstorben ist, durchgeführt. Heute weiß sie ihn bei ihrem Sohn in guten Händen. Marlies Höft und Maria Aberle Ferdi Haberstroh Der Schwanenwirt von Schonach Welch‘ große Wertschätzung der „Schwa­ nenwirt“ von Schonach, Ferdi Haberstroh, genießt, konnte man an seinem 70. Geburts­ tag im Jahre 1989 ermessen. Kollegen seiner Berufsorganisation, Abordnungen von Ver­ einen sowie Persönlichkeiten des öffentli­ chen Lebens brachten Dank und Glückwün­ sche zum Ausdruck. Sohn Ferdinand war es, der für die Kinder des Jubilars Würdigung und Dank zuteil werden ließ; für den Vater ein besonderes Erlebnis. Ferdi Haberstroh, weitum bekannt und beliebt als „Schwane-Ferdi“, verdient das Prädikat ein „echter Schwarzwälder Wirt“ zu sein. Unermüdlich ist er mit seiner Frau Hil­ degard, Tochter Gaby, Sohn Ferdinand und Schwiegertochter Anna-Maria von früh bis spät um das Wohl der Gäste besorgt. Gerne hält er an der Theke mit seinen Stammgästen ein kleines Schwätzerle. Gastlichkeit ist im Schwanen wie noch für viele andere Gast­ wirtsfarnilien im Schwarzwald oberstes Gebot. In Schonach geboren, besuchte er die Volksschule und machte anschließend bei der Firma Spathelf in Villingen eine kauf­ männische Lehre. Gleichzeitig absolvierte er die Handelsschule in Villingen. 1940 zum Kriegsdienst eingezogen, war er bis Kriegs- ende im Fronteinsatz. Bei der Ardennen­ offensive geriet er in Gefangenschaft, wurde zunächst als vermißt gemeldet. Besonderes Glück hatte er, als er im Juli 1945 zu seiner Mutter und Schwester heimkehren konnte. 1946 war Hochzeit im Schwanen. Seine Frau Hildegard kam ebenfalls aus dem Hotelfach, sie war somit am richtigen Platz. Aus der Ehe 129

gingen zwei Töchter und ein Sohn hervor. Nunmehr begannen im „Schwanen“ die Jahre des Um- und Ausbaues. In der Berufsorganisation führte Ferdi Haberstroh 30 Jahre lang den Ortsvorsitz. Während dieser Zeit hat er die Interessen sei­ ner Kollegen in deren Sinne wahrgenom­ men. Auch in anderen Vereinen, wo er heute noch außerordentliches Mitglied oder Ehrenmitglied ist, war er ehrenamtlich tätig. Trotz der vielen Arbeit im Betrieb und Ehrenämtern blieb das Familienleben nicht auf der Strecke. Die Kinder wuchsen in einer behüteten Familie auf. Die Liebe der Eltern begleitete sie durch die Kindheit. Der Zusam­ menhalt innerhalb der Familie wird immer noch groß geschrieben. Der jährliche Erho­ lungsurlaub war eine Selbstverständlichkeit. Besondere Urlaubstage verbrachte man mit Kollegen auf einer Kreuzfahrt. Orkanartiger Sturm konnte der Laune keinen Abbruch tun, dennoch war man froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Die Fahrt mit Kapitän Knut Delfs und Zahlmeister Reinhard Spieß auf der „Regina Maris“ bleibt allen unvergessen. Die Kollegialität wurde stets beim Besuch von Verbandstagungen gepflegt, wo man oft in gemütlicher Runde zusammensaß. Die Ausflüge und die jährliche Nikolaus­ fahrt der Kreisstelle bleiben in steter Erinne­ rung. Nach harter Arbeit während der Saison war dies eine kleine Entschädigung. Freude und Fröhlichkeit waren Trumpf. Den Betrieb hat Ferdi Haberstroh vor geraumer Zeit an seinen Sohn Ferdinand und Schwiegertochter Anna-Maria übertra­ gen. Trotzdem ist Ferdi Haberstroh und seine Frau Hildegard wie eh und je zum Wohle der Gäste im Schwanen tätig. Bleibt zu wünschen, daß Ferdi Haber­ stroh noch recht lange mit seiner Familie für den „Schwanen“ und seine Heimatgemeinde Schonach wirken kann. Eduard Nobs Elisabeth Günter Gastwirtin und Leiterin des Seniorenkreises in Gremmelsbach Gremmelsbach ist ein Dorf mit sehr weit verstreut liegenden Bauernhöfen. 600 Seelen zählt der Ort, den man von der Bundesstraße 33 zwischen Triberg und Hornberg erreichen kann. Doch viele Besucher kommen zu Fuß, denn zahlreiche Wanderwege kreuzen das Dorf. Ob man nun zu Fuß oder mit dem Auto -auch ein Bus fährt in das Dorf-nach Gremmelsbach kommt, man sucht die Orts­ mitte.Und es gibt sie: die Kirche, die Schule, den Friedhof, das Rathaus, die Post-und das „Rössle“ liegen in der Dorfinitte. Von hier aus kann der Wanderer oder Besucher, der Feriengast alles finden, was er sucht. Und er findet vor allem Gastfreundschaft im ,,Rössle“, der größten Gastwirtschaft am Ort. Wer dann noch Glück hat, begegnet der Senior-Wirtin. Und wenn diese zarte Frau mit der gepflegten Ausdrucksweise am Tisch 130 sich nach dem Wohin und Woher erkundigt, dann hat man Elisabeth Günter erlebt, die Frau, welche am meisten in Gremmelsbach für die Dorfgemeinschaft wirkt. Nicht nur als Gastwirtin – sie ist viel mehr. Die junge Elisabeth kam 1948 nach ihrem Examen als Krankenschwester nach Grem­ melsbach. Der damalige Bürgermeister Johann Dold hatte eine Gemeindeschwester gesucht. Die junge Frau kam aus dem Har­ mersbachtal, wo sie auf einem Hof aufwuchs. Sie schätzte damals schon die dörfliche Gemeinschaft und setzte ihre Kraft als Kran­ kenschwester dafür ein. Doch bald schon wurde die Schwesternstation in Gremmels­ bach aufgelöst, aber Schwester Elisabeth blieb in Gremmelsbach. Dazu hatte auch die Bekanntschaft mit Franz Günter beigetra­ gen, der aus der Kriegsgefangenschaft heim-

Diese Entwicklung sah Elisabeth Günter lange schon voraus. Und sie sah auch ihr kommendes Alter, die Zeit der Muße auf sich zukommen. Eines Tages würde Sohn Rudolf die Gastwirtschaft, die mit 25 Betten längst schon eine Pension ist, übernehmen. Doch einfach nur auszuruhen von einem arbeits­ reichen Leben -das gefiel ihr nicht. Vor zehn Jahren gründete sie in Gremmelsbach den Seniorenkreis, denn mittlerweile sind über zehn Prozent der Gremmelsbacher Einwoh­ ner über 60 Jahre alt. Sie sollten -ebensowe­ nig wie Elisabeth Günter selbst -nicht ein­ sam und nutzlos ihren Lebensabend verbrin­ gen. Und so organisierte die rührige Gastwir­ tin Ausflüge, Zusammenkünfte, aber auch Weihnachtsfeiern. ,,Ich möchte, daß alte Menschen mehr zusammenkommen, nicht einsam und allein leben“, sieht Elisabeth Günter ihr Engagement, von dem sie kein Aufhebens gemacht haben möchte. Daß sie den guten Kontakt zur Sozialstation pflegt, ist ihr selbstverständlich. Und sie ist ein biß­ chen stolz, daß alle Gebrechlichen zu Ha1:se gepflegt werden: ,,Bei uns ist aus Gremmels­ bach noch niemand ins Altenheim gegan­ gen.“ Für Elisabeth Günter ist die Zeit nun beschaulicher geworden. Sie hat sich aus dem Pensionsbetrieb weitgehend zurückge­ zogen. Der Sohn hat das väterliche Geschäft übernommen. Ihren Mann, Franz Günter, sieht man dagegen noch oft hinter dem Tre­ sen stehen. ,,Mein Mann ist der geborene Gastwirt, von ihm habe ich viel gelernt“, sagt Elisabeth Günter. Und sie zieht Bilanz: ,,Ich habe mit meinem Mann ein erfülltes Leben gehabt. Wir teilen mit der Bevölkerung hier Freud und Leid, wir freuen uns mit den Freu­ digen trauern mit den Trauernden.“ Renate Bökenkamp ,,._ ,, 131 gekehrt war und seine Aufgaben als Gastwirt­ Sohn im „Rössle“ wieder aufnahm. 1949 wurde geheiratet: das ganze Dorf war auf den Beinen, die Musik spielte, die Verwandt­ schaft reiste an -es war ein überwältigendes Fest trotz der schlechten Zeiten damals. Die folgenden Jahre waren für Elisabeth Günter angefüllt mit vielen Aufgaben. Vier Kindern, drei Mädchen und einem Buben, schenkte sie das Leben. Sie wuchs aber auch immer mehr in ihre Rolle als Gastwirtin hin­ ein, übernahm die Küche und blieb doch für die Gremmelsbacher immer auch „Schwe­ ster Elisabeth“. Immer wieder wurde sie um Rat gefragt, half Wunden heilen, hatte Trost für Seelenpein. Heute erinnert sie sich gern der vielen Gespräche auch am Sonntag vor­ mittag, wenn nach dem Kirchgang einge­ kehrt wurde. ,Ja früher,“ so erinnert sich die „Rössle“-Wirtin, ,,da gab es für die Menschen hier noch Treffpunkte, an denen man mit­ einander reden konnte.“ So war man oft gemeinsam von den Höfen kommend zum Kirchgang unterwegs. Man traf sich im Lädle im Ortskern, das aus Rentabilitätsgründen heute geschlossen ist. Bleibt heute nur das Gasthaus, denn das Auto hat auch in Grem­ melsbach einen immer größeren Stellenwert erreicht – und die Dorfgemeinschaft etwas ärmer gemacht.

Lukas Riedlinger Hochgeachtet und beliebt als Zimmermann und Kommunalpolitiker des Badischen Zimmermeisterverbandes und 1974 dessen stellvertretender Vorsitzen­ der. Von 1965 an gehörte er als Vorstandsmit­ glied des Berufsförderungswerkes des südba­ dischen Zimmerhandwerkes an und wurde 1974 dessen stellvertretender Vorsitzender. Schon 1959 wurde er Mitglied der Vollver­ sammlung der Handwerkskammer Kon­ stanz, wurde 1964 deren Vorstandsmitglied und von 1969 an Vizepräsident der Arbeitge­ ber bei der Konstanzer Handwerkskammer. Zahlreichen jungen Leuten hat Riedlinger das Rüstzeug für den Zimmermannsberuf vermittelt. Von 1959 an gehörte Lukas Riedlinger dem Hüfinger Gemeinderat an, ehe er sich 1984 entschloß, nicht mehr zu kandidieren. Während dieser Zeit war er auch stellvertre­ tender Bürgermeister und Fraktionssprecher der CDU im Gemeinderat. Dem Kreistag gehörte Riedlinger von 1965 bis 1984 an, zunächst noch im alten Landkreis Donau­ eschingen und später im Gremium des Schwarzwald-Baar-Kreises. Ab 1971 war er im Kreisrat Mitglied des Finanz- und Verwal­ tungsausschusses und von 1973 an Mitglied des Technischen Ausschusses. Stets eng verbunden war Lukas Riedlinger mit der Freiwilligen Feuerwehr Hüfingen, deren Kommandant er von 1951 bis 1961 war. Anschließend übernahm er das Amt des Kreisbrandmeisters für den ehemaligen Landkreis Donaueschingen. Es ist schlicht­ weg unmöglich, alle Ehrenämter Lukas Ried­ lingers aufzuzählen. Genannt aber sei sein Amt als langjähriger Aufsichtsratsvorsitzen­ der der Volksbank der Baar. Die Ehrungen, die ihm in seiner aktiven Zeit zuteil wurden, sind Legion. Die Hüfinger Vereine erfreuten sich Ried­ lingers Anerkennung und Wertschätzung, betrachtete er sie doch als wichtigen Garant für das harmonische Zusammenleben in der Stadt. In Stadtmusik und Gesangverein „Lie- Im Juli 1989 verlor die Stadt Hüfingen eine ihrer profiliertesten Persönlichkeiten. Lukas Riedlinger, ein Mann, der über Jahr­ zehnte die Geschicke seiner Heimatstadt, die des Landkreises aber auch die seines Berufs­ standes mitbestimmt hatte, erlag im Alter von 69 Jahren einer schweren Krankheit. Als ihm im Januar 1980 Landrat Dr. Rai­ ner Gutknecht das Bundesverdienstkreuz überreichte, bezeichnete er in seiner Lauda­ tio Lukas Riedlinger als einen „Bürger mit hohen Tugenden“. Von Geburt und Her­ kunft Hüfinger, hätte er als selbständiger Zimmermeister sein Leben als ausgefüllt ansehen können, doch das habe ihm nicht genügt. In der Tat, dem dynamischen und vor allem sachkundigen Lukas Riedlinger ge­ nügte nicht die Begrenztheit seines berufli­ chen und privaten Lebenskreises. Nachdem er, 1948 aus der Kriegsgefangenschaft entlas­ sen, in Hüfingen ein Zimmergeschäft gegründet hatte, war er von 1957 bis 1972 Obermeister der Zimmerinnung Donau­ eschingen, wurde 1966 Vorstandsmitglied 132

derkranz“ war er aktiv, und beide Vereine verliehen ihm die Ehrenmitgliedschaft. Aber auch andere genossen seine Unterstützung. Zweifellos ist Hüfingen durch den Tod Lukas Riedlingers ärmer geworden. Seine Persönlichkeit, die auch politisch Anders­ denkenden Respekt abverlangte, hinterließ eine empfindliche Lücke. Sein Wort hatte Gewicht, und seine Weitsicht bestätigte sich in der Regel. Als Schulkamerad und Wegge­ fährte Max Gillys hat er die vergangenen Jahrzehnte Hüfinger Stadtgeschichte mitge­ schrieben. Er war ein ehrlicher Streiter, ein unermüdlicher Mahner, von tiefem Verant­ wortungsgefühl geprägt. Wohl selten hinter­ ließ ein Bürger der Stadt so deutliche Spuren seines Wirkens. Die enorme Lebensleistung Riedlingers wäre aber in diesem Umfang sicher nicht möglich gewesen, hätte nicht seine Familie, und insbesondere seine Frau Gertrud, die zahllosen Ambitionen ihres Mannes mitge­ tragen. Ganz ohne Aufhebens und in der Stille war sie der ruhende Pol in seinem so aktionsreichen Lebens, das randvoll gefüllt war mit nicht immer leichten Aufgaben. Mit Sicherheit hat Lukas Riedlinger all jene Höhen und Tiefen eines Menschen durch­ messen, der in der Öffentlichkeit eine Rolle spielte. Als er zu Grabe getragen wurde, gab ihm eine beeindruckende Trauergemeinde das letzte Geleit. Allen war die tiefe Betroffen­ heit über den Tod eines Mannes anzumer­ ken, der seine Gaben und Talente stets in den Dienst der Allgemeinheit stellte, uneigen­ nützig, geradlinig und unbeirrbar. Bis zuletzt lag ihm das Schicksal seines Betriebes am Herzen, zumal kein männli­ cher Nachkomme ihn hätte übernehmen können. So erleichterte ihm der Entschluß zweier junger Mitarbeiter, das Zimmerge­ schäft Riedlinger zu übernehmen, den Abschied aus dem Leben, den er bewußt und mit der Kraft einer starken Persönlichkeit anzunehmen bereit war. In vielen Teilen der Bevölkerung blieb der Ausspruch, der bei seiner Beisetzung getan wurde, in lebhafter und zustimmender Erin­ nerung: „Lukas Riedlinger hat sich um seine Heimatstadt verdient gemacht“. Käthe Fritschi Max Gilly Ein Vierteljahrhundert Hüfinger Geschichte Von 1963 bis 1989 war Max Gilly Bürger­ meister der Stadt Hüfingen. Seither lebt er im Ruhestand, und am 31. März 1991 kann er seinen 70. Geburtstag feiern. Es ist ruhiger geworden um ihn, den man ohne Übertrei­ bung einen „Vollblutbürgermeister“ nennen konnte. Mehr als ein Vierteljahrhundert hat er die Geschicke seiner Heimatstadt gelenkt, deren Entwicklung ihm neben den Bedürf­ nissen ihrer Bürger ihm stets ein besonderes Anliegen war. Mit einer großen Verabschiedung, die er Anfang März 1989 in der Festhalle mit zahl­ reichen Vertretern des öffentlichen Lebens feierte, schied er aus dem Amt, nicht ohne aber auch von den Bürgern und den Vertre­ tern der Vereine Abschied zu nehmen, die ihn mit Ovationen feierten, wußten sie doch, daß sie ihm vieles zu verdanken hat­ ten. Den Gästen an beiden Abschiedsveran­ staltungen war klar -eine Ära ging zu Ende. Wie kaum einer seiner Vorgänger hatte Max Gilly, der als 42jähriger 1963 bei einer Wahlbeteiligung von 76,5 0/o im ersten Wahl­ gang mit über 74 0/o der gültigen Wählerstim­ men an die Spitze der Hüfinger Verwaltung gewählt worden war, das Gesicht seiner Hei­ matstadt geprägt. Er war stets ein „Bürger­ meister zum Anfassen“, dessen Amtszim­ mertür stets offenstand, mit einem wachen 133

Blick und einem offenen Ohr für die Bedürf­ nisse seiner Bürger. Verhandlungsgeschick, Weitsicht bei schwierigen Entscheidungen und ein ausgeprägtes finanztechnisches Talent zeichneten ihn ebenso aus wie Humor und Liebe zur Geselligkeit. Der Beginn seiner Arbeit als Bürgermei­ ster im Hüfinger Rathaus war nicht leicht, obwohl er als „Insider“ -zuvor hatte er das Amt des Stadtrechners bekleidet -mit den Gegebenheiten und Erfordernissen Hüfin­ gens bestens vertraut war. Heute sieht man als Kernstück seiner Amtszeit wohl zunächst die Altstadtsanierung, die er mit Zielstrebig­ keit betrieb. Doch ehe diese in Angriff genommen werden konnte, gab es noch eine Vielzahl von anderen Aufgaben im Vorfeld. Zunächst galt es, die desolate Wasserver­ sorgung in Angriff zu nehmen, die heute zentral für Hüfingen und seine Stadtteile vorhanden ist. Hüfingen erhielt ein völlig neues Ortsnetz und wird zentral mit den Stadtteilen aus zwei Tiefbrunnen versorgt. Die Anlage gilt inzwischen landesweit als mustergültig. Als Gilly Bürgermeister wurde, gab es in Hüfingen keine asphaltierten Straßen, keine Kanalisation und keine Müllabfuhr. Es muß­ ten also zunächst große Summen unter der Erde investiert werden. 1966 drängte Gilly darauf, daß der Kofenweiher als Hochwas­ serstaubecken ausgebaut wurde. Wäre dies nicht der Fall gewesen, hätte die Hochwas­ serkatastrophe vom 15. Februar 1990 sicher ein noch größeres Ausmaß erreicht. Zu die­ ser Zeit wurde auch Hünfingens Wahrzei-· chen, das Stadtbächli, erneuert. Die gesamte Kernstadt wurde kanalisiert und die Altstadt mit Kleinpflaster versehen. Dieses Kleinpfla­ ster, das anderenorts entfernt und vergraben wurde, ließ Gilly aus verschiedenen Städten der Region durch Stadtarbeiter nach Hüfin­ gen holen. Es reichte aus, um die gesamte Altstadt und den Süßen Winkel zu pflastern. Die Aktion, die damals belächelt wurde, erwies sich als sehr erfolgreich. Nach den teuren und zeitaufwendigen Tiefbaumaßnahmen konnte Max Gilly den 134 nächsten Schritt tun und die Altstadtsanie­ rung einleiten. Zu Beginn der siebziger Jahre suchte das Regierungspräsidium Freiburg ein Pilotprojekt für Stadtsanierungen im ländli­ chen Raum. Hier sah Gilly für Hüfingen eine willkommene Gelegenheit, die Stadt aus einem langen Dornröschenschlaf zu wek­ ken. Er entschied sich für das Städtebauför­ derungsgesetz, das allerdings eine Flächensa­ nierung anstrebte. Dies hätte bedeutet, daß vieles abgerissen und völlig neu gestaltet worden wäre. Hierzu gab es eine Vielzahl von Plänen, die allerdings für Hüfingen nicht in Frage kamen, denn man wollte die Sanierung von Einzelobjekten, die später auch zum Tragen kam. Es folgte die förmliche Festlegung für die Hinterstadt, doch die Bevölkerung verhielt sich abwartend und zog zunächst nicht mit. Man war mißtrauisch, was die Stadt da wohl vorhabe. So entschloß sich der Gemeinde­ rat, einen Anreiz zu bieten und erwarb die Häuser an der „Gerbe“ zur Sanierung, fun­ gierte als Bauträger und veräußerte später die Objekte. Von diesem Zeitpunkt an begann die Sanierung auch bei der Bevölkerung interes­ sant zu werden, und heute präsentiert sich die Hinterstadt in neuem Glanz. Sie ist vor-

zeigbar und gilt als Musterbeispiel für Stadt­ sanierungen im ländlichen Raum. Man ent­ deckte die Altstadt wieder als Wohngebiet, erfüllte sie mit neuem Leben, nachdem zuvor viele der bisherigen Eigentümer sich an der Peripherie niedergelassen hatten und so die Altstadt zu veröden begann. Nur noch wenige alte Häuser sind bisher nicht saniert, und im wesentlichen gilt die Sanierung im Q!iartier I als abgeschlossen. Man feierte die­ sen Anlaß 1988 mit dem „Hinterstadtfest“, das zugleich als Richtfest für das neue Rat­ haus galt, in das Max Gilly nicht mehr als Bürgermeister einzog. Das neue Rathaus wird aus einem Sonderprogramm des Städte­ bauförderungsgesetzes finanziert. Hüfingen galt immer als finanzschwache Gemeinde, doch unter Max Gilly zeigte sich ihre finanzielle Situation besser als in man­ chen vergleichbaren Städten. Grundlage für eine solide Finanzpolitik begann für Max Gilly beim Grunderwerb. Schon sehr früh hatte er begonnen, landwirtschaftliche Flä­ chen zu damals marktüblichen Preisen als Bauland zu erwerben. Insgesamt waren es 20 Hektar Grund und Boden, über die eine Viel­ zahl von Verträgen abgeschlossen wurden. Vor einer Situation besonderer Art stand Hüfingen bei der Gemeindereform zu Beginn der siebziger Jahre. Nachdem Gilly Kenntnis von dem geplanten Gesetz erhal­ ten hatte, versuchte er im Januar 1970 im ,,Sternen“ in Behla mit Vertretern der umlie­ genden Gemeinden, die Auswirkungen die­ ses Gesetzes abzuschätzen. ,,Donaueschin­ gen saß uns im Nacken“, erinnerte er sich später, wohin Hüfingen gegebenenfalls hätte eingemeindet werden sollen, und hier sah der Hüfinger „Schultes“ Gefahren für die Selb­ ständigkeit seiner Stadt. Als erste Gemeinde konnte er Sumpfohren für ein Zusammenge­ hen mit Hüfingen bewegen, dem in einigem Abstand die Orte Behla, Hausen vor Wald, Fürstenberg und zuletzt Mundelfingen folg­ ten. So hatte Hüfingen seine Selbständigkeit bewahren können, denn als Donaueschin­ gen hinsichtlich einer Eingemeindung nach Hüfingen aktiv wurde, sei es, wie Gilly sich im nachhinein erinnert, zu spät gewesen. Hüfingen hatte nämlich bereits vier der fünf Gemeinden unter Vertrag, und dies war für den Landtag entscheidend, die durch Gesetz beschlossene Eingemeindung nach Donau­ eschingen nochmals zu ändern, was im gan­ zen Land nur bei drei Gemeinden gelang. Einmal allerdings hatte Gilly selbst mit dem Gedanken gespielt, Hüfingen der Stadt Donaueschingen anzuschließen, um einen starken Donaueschinger Raum als Gegenpol zum Villinger Oberzentrum zu schaffen, sofern auch Bräunlingen diesen Schritt voll­ zöge. Dann allerdings mußte Gilly hinneh­ men, daß der Gemeinderat ihn „zurück­ pfifi“, und es kam zur Neuordnung des gesamten Raumes. Nicht alle Wünsche und Pläne Max Gillys ließen sich realisieren, er hat auch manches Mal zurückstecken müssen. Er wollte bei­ spielsweise zusammen mit Bräunlingen auf der Gemarkungsgrenze ein Sport- und Kul­ turzentrum bauen, mit Hallenbad, Tennis­ plätzen und anderen Einrichtungen, doch Bräunlingen zeigte die kalte Schulter und baute ein eigenes Bad. Ähnliche Überlegun­ gen, zusammen mit Donaueschingen solche Einrichtungen zu schaffen, scheiterten gleichfalls, obwohl bereits konkrete Vorstel­ lungen bestanden, mit denen der damalige Donaueschinger Bürgermeister Schrempp, der ehemalige Landrat Lienhart und Max Gilly beim Regierungspräsidium vorstellig wurden. So entschied sich Hüfingen schließ­ lich für ein eigenes Hallenbad, das zusam­ men mit einer Turnhalle 1972 eingeweiht wurde. Eine zweite, größere Turnhalle folgte wenige Jahre später. Ein weiterer unerfüllt gebliebener Wunsch Max Gillys war ein neues Bürger­ haus, das auf dem Burgplatz hätte entstehen sollen. Der Bau scheiterte schließlich am Veto der Anlieger. Noch heute hält Max Gilly die Tatsache, daß dieses Bürgerhaus, für das konkrete Pläne vorhanden waren, nicht realisiert wurde, für einen eklatanten Fehler. Die Festhalle, die aus der alten entstanden ist, sieht er noch jetzt als ein „Zufallspro- 135

dukt“ an, das das Bürgerhaus auch nicht nur annähernd ersetzen könne. Max Gilly ist ein Kind der Stadt Hüfin­ gen, wo seine Familie seit vier Generationen ansässig ist. Zuvor lebten die Gillys in Hon­ dingen, wohin sie aus Frankreich eingewan­ dert waren und im 17.Jahrhundert von den Fürstenbergern mit der Vogtei Hondingen betraut wurden. Max Gilly ist der älteste Sohn der Eheleute Josef Gilly und erlernte nach seiner Schulzeit zunächst das Schlos­ serhandwerk. Ein Arbeitsunfall mit langwie­ rigem Krankenhausaufenthalt zwang ihn zur beruflichen Neuorientierung. Nach einer kaufmännischen Tätigkeit begann er am 1. August 1939 in Hüfingen eine Verwaltungslehre und stieg über den Zweiten Bildungsweg in den gehobenen Dienst auf, wobei sein besonderes Interesse stets bei den Finanzen lag. Nach dem Zwei­ ten Weltkrieg oblag ihm die Versorgung der Hüfinger Bevölkerung mit Lebensmitteln, und hier nutzte er sein Talent als Manager und Organisator. Oft bewegten sich seine Aktivitäten um die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung am Rande der Legalität, doch das schreckte Max Gilly damals nicht. Sein Aufstieg zum Stadtrechner nach dem Ausscheiden von Ferdinand Moog war fast vorprogrammiert. Die Stadt hat von Gillys Fähigkeiten, das Bestmögliche aus vorhan­ denen Mitteln zu machen, stets profitiert. Wie kein zweiter hatte er die Gabe, alle Mög­ lichkeiten, Geld fur die Stadt herauszuholen, auszuschöpfen. Eine solche Aufgabe war für ihn stets eine Herausforderung. Zum zwei­ ten Mal wählten ihn die Hüfinger 1971 bei einer Wahlbeteiligung von 71,3 0/o mit 98,9 0/o aller gültigen Stimmen erneut in sein Amt, um das er sich als einziger Beworben hatte. Seine dritte Amtszeit begann nach einer Wahl, bei der er 92,8 O/o der Stimmen auf sich vereinen konnte, im Januar 1983. Damals meinte er, er halte dieses Ergebnis für beacht­ lich, weil er nach 20 Jahren nichts mehr zu bieten habe als seine Erfahrung und das beginnende Alter. Doch dessen ungeachtet ging er mit Elan wieder an die Arbeit. Auch 136 zwei Operationen ließen ihn nicht das Handtuch werfen, sondern er entschloß sich, so lange im Amt zu bleiben, wie dies vom Gesetz her möglich ist. Stets lag ihm die Förderung der örtlichen Vereine am Herzen, und er unterstützte auch nachhaltig die Vereine in den Stadtteilen, die er als wichtige Träger der örtlichen Gemein­ schaft ansah. Neben vielen Ehrungen, die ihm durch die Vereine zuteil wurden, ernannten ihn sieben Vereine zum Ehren­ mitglied. 1975 erhielt er auf Antrag der Vereinigung Hüfinger Gastarbeiter den „Verdienstorden der Republik Italia“ als höchste Auszeich­ nung, die an Ausländer verliehen wird. Das Bundesverdienstkreuz erhielt er 1984. Max Gilly, der seit 1944 mit seiner aus Düsseldorf stammenden Frau Ruth verheira­ tet und Vater von vier Kindern ist, hat aus sei­ ner einfachen Herkunft nie einen Hehl gemacht, was aber nicht heißt, daß er die Be­ gegnung mit hochgestellten Persönlichkei­ ten aus Politik und Gesellschaft gemieden hätte, im Gegenteil. Doch er ist stets ein Hüfinger geblieben, der ein Herz fur Vereine und Kultur hat. Er selbst bezeichnete sich einmal als eines der „letzten Hüfinger Origi­ nale“. Sicher ist ihm der Abschied aus dem Amt nicht leichtgefallen, zu lange bestimmte die Arbeit als Bürgermeister sein bisheriges Leben. Die Stadt dankte ihm sein Engage­ ment durch die Verleihung der Ehrenbürger­ schaft, die ihm zum Abschied aus dem Amt Käthe Fritschi zuteil wurde. .. , .., Ist das Leben? Dies Nehmen und Geben. Solch Sehnen und Hoffen. Verschlossen und offen sind alle Gedanken. Bei Wachen und Kranken Wunden, die heilen, Schmerzen, die brennen, kurzes Veiweilen, ewiges Sehnen. Margot Opp

Gertrud Robl Ein Leben für Musik und Gesang Man kannte Gertrud Robl bis zum Okto­ ber 1988 nur unter dem Namen Hofstätter. Der neue Name, den sie seit ihrer Verheira­ tung trägt, klingt vielen Hüfingern noch ungewohnt, zumal sie 22 Jahre lang an der Lucian-Reich-Schule als „Fräulein Hofstät­ ter“ unterrichtete und seit 25 Jahren so als Dirigentin des Hüfinger Frauenchores bekannt war. Für ihre 25 jährige Dirigententä­ tigkeit bekam sie beim Neujahrsempfang der Stadt Hüfingen 1988 die Landesverdienst­ medaille. Gertrud Robl wurde als Tochter österrei­ chischer Eltern in Spremberg in der Nieder­ lausitz geboren. Sie wuchs in Basel auf und machte in Lörrach ihr Abitur. Danach folg­ ten Arbeits- und Kriegsdiensteinsatz. Mit dem Ziel, Sprachenlehrerin zu werden, stu­ dierte sie in Straßburg und Freiburg Germa­ nistik, Anglistik und Italienisch. Wirtschaft­ liche Gründe führten bei Kriegsende dann jedoch zur Aufgabe des Studiums. Die Fähigkeit, aus gegebenen Situationen das Beste zu machen, veranlaßte sie, bei den Ursulinen in Freiburg ein Studium als Haus­ wirtschaftslehrerin zu absolvieren, das sie 1950 mit dem Staatsexamen abschloß. Doch wieder schien der alte Jugendtraum, einmal Lehrerin zu werden, sich nicht zu erfüllen. Kurz, nachdem sie in Freiburg ihre erste Stelle angetreten hatte, starb ihre Mutter, und sie mußte den Schuldienst verlassen, um ihre Familie zu versorgen. Nach sieben Jahren, als sie wieder an sich selbst denken durfte und in den Beruf zurückkehren wollte, war der Bedarf an Hauswirtschaftslehrerinnen gedeckt. Kurz entschlossen begann sie eine Umschulung zur Volksschullehrerin, wirkte zunächst in Gütenbach und kam 1960 nach Hüfingen. Hier machte sie auch ihre zweite Dienstprü­ fung. An der Lucian-Reich-Schule unterrich­ tete sie vorwiegend Hauptschulklassen und leitete 13 Jahre lang den Schülerchor, dem 137 zeitweise bis zu 90 begeisterte Kinder ange­ hörten. Als sangesfreudiger Mensch hatte Gertrud Robl schon in ihrer eigenen Schulzeit Kon­ takt zur Chormusik. So war es kein Wunder, daß sie auch in Hüfingen wieder damit zu tun bekam. Beim „Liederkranz“ hatte es einen eigenen Frauenchor bis dato nicht gegeben, jedoch wurden sporadisch, etwa zu den schon legen­ dären Opern- und Operettenaufführungen auch Frauenstimmen gebraucht, die aller­ dings als Chor nach den Aufführungen nicht mehr zusammenblieben. Häufiger Dirigen­ tenwechsel in den fünfziger und sechziger Jahren war auch nicht dazu angetan, liedbe­ geisterte Frauen zusammenzuhalten. Als nun 1962 Gertrud Robl gebeten wurde, sich der verwaisten Sängerinnen anzunehmen, sagte sie zu, und aus den anfänglich 16 Frauen wuchs ein beachtlicher Chor heran, der mit den Jahren ein immer höheres Ansehen genoß. In zahlreichen Auftritten und Kon­ zerten konnten die Sängerinnen beweisen,

was sie unter Gertrud Robls Leitung zu lei­ sten vermochten, und das tun sie auch heute noch. Unvergessen sind auch die früheren Auf­ tritte des Frauenchores beim jährlichen Hüfinger Zunftball, die oft zu den Höhe­ punkten dieser traditionsreichen Veranstal­ tung zählten. Doch nicht nur der Frauenchor wurde von Gertrud Robl dirigiert: Als der Männer­ chor durch die Erkrankung seines Dirigenten verwaiste, sprang Gertrud Robl auch hier in die Bresche. Sieben Jahre lang leitete sie beide Chöre, die auch als gemischter Chor auftra­ ten und gewährleistete so, daß der Männer­ chor bestehen blieb, ehe wieder ein eigener Dirigent gefunden wurde. Sie tat dies nicht nur »mit der linken Hand“, sondern mit dem ihr eigenen totalen Engagement für eine Sache, die ihr ein persönliches Anliegen war. Seit 1982 im Ruhestand, bedeutet dies für Gertrud Robl nicht etwa Passivität. Sie wirkt in der katholischen Pfarrgemeinde St. Verena als Pfarrgemeinderätin, Lektorin und Leite­ rin der Pfarrbücherei. Privat zählen natürlich verschiedene Hob­ bies zu ihrem Leben, so eine umfangreiche Madonnenbildersammlung und eine statt­ liche Chronik aus ihrer Zeit beim »Lieder­ kranz“, mit eigenen Zeichnungen und Fotos illustriert. Blumen liebt sie und natürlich Bücher, was sie wohl veranlaßt hat, 20 Jahre lang die städtische Jugendbücherei zu füh­ ren. In ihrem Heim verraten viele schöne Dinge die kunstverständige Hausherrin. Die Musik ist stets ihr Wegbegleiter gewe­ sen, und sie verstand es immer, auch anderen Freude an Musik und Gesang zu vermitteln. Gertrud Robl ist ein lebensfroher Mensch, der in Hüfingen hohes Ansehen genießt und dessen W irken seinen festen Platz im kultu­ rellen Leben der Stadt besitzt. Käthe Fritschi Vor hundert Jahren geboren Dr. Erwin Sumser, Arzt und Naturschützer Am 8.0ktober 1991 würde Dr. Erwin Sumser 100 Jahre alt. Er starb im Januar 1961 im 69. Lebensjahr, verehrt als Arzt und Naturschützer, dem die heimische Landschaft viel zu danken hat. Ein Monolith, der die stilisierten Blüten eines „Frauenschuhes“ zeigt, wurde zum Gedenken an Erwin Sumser 1962 von der „Arbeitsgemein­ schaft Heimatschutz Südbaden“ am Waldrand in der Nähe des Hiefi.nger Römerbades aufgestellt. Er erinnert an einen Menschen, dessen Lebens­ werk seinen Patienten und der bedrohten Natur galt. Der nachfolgende Beitrag rundet die Persön­ lichkeitsbeschreibung dieses ungewöhnlichen Mannes ab, der bereits im Almanach 81, S. 153- 156, vorgestellt wurde. Dr. Sumser stammte aus Merzhausen bei Freiburg. 40 Jahre lang hat er in Hüfingen praktiziert. Hunderten von neuen Erdenbür­ gern half er ans Licht der Welt, und Ster- bende geleitete er, wenn medizinische Hilfe nicht mehr möglich war, durch menschliche Zuwendung bis an die Schwelle des Todes. Er war Arzt im Hüfinger städtischen Kranken­ haus, wo ihm Schwestern aus dem Orden des heiligen Vinzenz von Paul helfend zur Seite standen. Dr. Sumser litt mit seinen Patienten und teilte nicht selten auch ihre privaten Sor­ gen. Er war Landarzt im positivsten Sinne, dessen großer Patientenkreis sich weit über Hüfingen hinaus erstreckte. Als »Kolonnen­ arzt“ oblag ihm auch die Ausbildung von Helfern für das örtliche Rote Kreuz, dem er jahrzehntelang seinen Dienst widmete. Als die Stadt Hüfingen 1920 die Stelle eines Arztes und Armenarztes ausgeschrie­ ben hatte, bewarb sich Erwin Sumser um den Posten. Es wurde eine Lebensstellung daraus. Der junge Arzt, der sein Staatsexamen mit 138

der Note „sehr gut“ abgeschlossen hatte, machte seine Patientenbesuche anfangs zu Pferde oder mit einer Kutsche, ehe er – im wahrsten Sinne des Wortes – auf ein Auto „umstieg“. Die Art der Baaremer lag ihm, der selbst als einer der „Stillen im Lande“ galt. Insbesondere aber faszinierte ihn die Land­ schaft mit ihrem Reichtum an seltenen Blu­ men und Pflanzen. Er kannte sie alle, die Orchideen, Knabenkräuter und Silberdi­ steln, die Türkenbunde und Küchenschel­ len, er verbrachte jede freie Minute in der Natur und beobachtete argwöhnisch Spa­ ziergänger, die sich an jenen Kostbarkeiten hätten vergreifen können. Erwischte er aber einen „Blumenfrevler“, so traf den Unglück­ lichen des Doktors heiliger Zorn, und wahr­ scheinlich hat jener nie mehr die Hand nach geschützten Pflanzen ausgestreckt. Der sonst so ruhige Mensch wurde zum streitbaren Kämpfer, wenn es um „seine“ Orchideen ging oder wenn Ödflächen, Hecken oder Sträucher vernichtet werden sollten. Dr. Erwin Sumser wohnte, wie schon sein Vorgänger, im Obergeschoß des alten Rat­ hauses, wo sich auch seine Praxis befand. 1928 heiratete er Margarete Petrus aus Düs­ seldorf, die bereits 1935 starb und ihn mit drei kleinen Kindern zurückließ. Seine zwei­ te Frau, die aus Hüfingen stammende Marga­ rete Schropp, nahm sich der Halbwaisen mütterlich an. Sie schenkte weiteren vier Kindern das Leben, und es war oft, wie sich Frau Sumser im nachhinein erinnert, nicht immer leicht, die große Familie durchzu­ bringen. Erwin Sumser hatte kein Verhältnis zu materiellen Gütern. Patienten, denen es finanziell schlecht ging, bekamen von ihm keine Rechnung. Er selbst lebte völlig anspruchslos, wenngleich er ein Faible für Autos entwickelte. Als die Kinder größer wurden, nahm sie der Vater mit auf seine zahlreichen Exkursio­ nen. Der leidenschaftliche Fotograf, in des­ sen Nachlaß sich tausende wertvoller Dias befinden, hieß seine Sprößlinge das Blitzge­ rät halten oder auch schon mal ein Tuch, damit die abgelichtete Pflanze besser zur Gel- tung kam. Dazwischen examinierte er seine Söhne und Töchter über alle möglichen botanischen Fragen, und das wiederum war bei den Sumser-Kindern gar nicht beliebt. Oft versteckten sie sich, wenn sie bemerkten, daß der Vater Vorbereitungen für solche Exkursionen traf. Eva von Lintig, seine in Hüfingen lebende Tochter, erinnert sich, daß während eines heißen Sommers die Kin­ der Dr. Sumsers in den Wald geschickt wur­ den, um mit Wasser aus Kanistern die gefähr­ detsten Orchideen zu gießen. Doch obgleich solche Aufträge nicht allzu gern ausgeführt wurden, Erwin Sumsers Nach­ kommen haben seine Naturliebe ausnahms­ los geerbt, und mit einiger Verbitterung müs­ sen sie heute feststellen, daß viele jener selte­ nen Pflanzen, für deren Überleben sich Erwin Sumser zeitlebens eingesetzt hatte, bereits ausgestorben sind. In einer Zeit, als Naturschutz noch als kau­ zig belächelt wurde, griff Erwin Sumser zu ungewöhnlichen Maßnahmen. Er erwarb in der Zeit zwischen 1931 und 1957 immer wie­ der Parzellen Ödland, das er teilweise einzäu­ nen ließ, wo vom Aussterben bedrohte Pflan- 139

zen überleben konnten. Ein solches Stück Land -es liegt in Ebringen bei Freiburg-ist heute unter dem Namen „Sumser-Gärtlein“ bekannt und wird von biologisch-botani­ schen Fakultäten aus ganz Deutschland zu Exkursionen aufgesucht. Auch in Döggin­ gen, Hondingen, Bräunlingen und Ried­ öschingen erwarb er solche Parzellen. Stets war Dr. Sumser bemüht, seine Anliegen, den Schutz der Natur, weiterzutragen. Er hielt ungezählte Vorträge in nah und fern, um immer mehr Menschen in diesem Sinne anzuleiten und sie für den Naturschutz zu sensibilisieren. So gesehen war Erwin Sum­ ser seiner Zeit um Jahrzehnte voraus. Mit Vehemenz stellte er sich dem Vorha­ ben des Schluchseewerkes entgegen, welches Wasser aus der Wutach aus Gründen der Stromerzeugung aufstauen wollte, was das Ende für die botanisch so wertvolle Wutach­ schlucht bedeutet hätte. Er und seine Familie sammelten mehr als tausend Unterschriften gegen das Projekt, und zusammen mit pro­ minenten Gleichgesinnten, wie etwa Regie­ rungsoberbaurat Hermann Schurhammer vom Amt für Straßenbau und Landschafts­ schutz in Karlsruhe gelang es schließlich, dieses Vorhaben zu verhindern, obwohl massive wirtschaftliche Interessen dagegenstanden. Dr. Erwin Sumser, der bereits den Ersten Weltkrieg mitgemacht hatte, in dem er ver­ wundet wurde, erhielt gleich zu Kriegsbe­ ginn 1939 seine Einberufung. Nach Statio­ nen in Oberrotweil und später beim Frank­ reichfeldzug, in dem er verwundet wurde, kam er als Oberstabsarzt an das Lazarett in Donaueschingen. Hier gingen seine Bemü­ hungen um verwundete Soldaten oft bis an die Grenzen der Legalität. Nicht wenigen von ihnen trug er auf, sich in Hüfingen bei seiner Frau zu melden, die sie, obwohl selbst nicht auf Rosen gebettet, durchfütterte und aufpäppelte. Erwin Sumser lebte ständig in der Gefahr, denunziert zu werden, und als man ihm schließlich drohte, ihn vor ein Kriegsgericht zu bringen, bewahrte ihn schließlich das Kriegsende davor. Als für das Hüfinger Landesheim zustän- 140 diger Arzt konnte er auch verhindern, daß hier -wie es in jener Zeit an der Tagesord­ nung war – gebrechliche Insassen einfach „abgeholt“ wurden. Viele interessante Menschen, von Dr. Sumser aus dem Lazarett an seine Familie verwiesen, hielten sich zeitweise in seinem Hause auf Den Kindern gefiel dies, und manchmal gab es sogar Hauskonzerte mit Soldaten, die von zu Hause aus den schönen Künsten dienten, ehe sie in die ungeliebte Uniform gezwungen wurden. Freundschaftlich verbunden war Dr. Sumser auch mit den Eltern der Geschwister Scholl, die wegen ihres Widerstandes gegen Hitler hingerichtet worden waren. Er selbst war vom „Stahlhelm“, einer Vereinigung von Offizieren des Ersten Weltkrieges, ohne sein Zutun in die NSDAP übernommen worden, doch ging er entlastet aus dem Entnazifizie­ rungsverfahren hervor, dem er sich unterzie­ hen mußte. Unter denen, die sich für seine Person bei den Behörden der Besatzungs­ macht verwandten, war auch Dr. Rudolf Scholl, ehemals Oberbürgermeister von Ulm und Vater der ermordeten Geschwister Scholl. Sumsers charakterliche Integrität war unbestritten, verdankten doch viele seinem persönlichen Mut und Einsatz ihr Leben in einer dunklen und unheilvollen Zeit. Eine herzliche Freundschaft verband ihn auch mit dem aus Riedböhringen stammen­ den Kurienkardinal Augustin Bea. Die Hüfinger Blumenteppiche zu Fron­ leichnam hat er nach dem Kriege wiederbe­ lebt. Ihm ist es auch zu verdanken, daß immer mehr Anlieger der Hauptstraße dazu übergingen, nach Sumsers Vorbild kunst­ volle Bilder aus Blüten in die Teppiche zu integrieren, und vor seinem Haus konnten die Besucher stets ein besonderes Kunstwerk aus Blüten bewundern. Eine ebenso unersetzliche wie unermüdli­ che Helferin hatte Dr. Sumser in seiner Frau Margarete. Sie war nicht nur Mittelpunkt und ruhender Pol der großen Familie, son­ dern sie half auch in der Praxis und war seine stets verfügbare Sekretärin. Sie führte seine

Josef Dorer umfangreiche Korrespondenz in Sachen Naturschutz und ordnete mit Umsicht seine zahlreichen Dias. Als der Tod seine Hand nach Erwin Sum­ ser ausstreckte, bangten mit seiner Familie zahlreiche Freunde und Patienten um einen gütigen und warmherzigen Menschen, des­ sen enorme Lebensleistung immer dem Leben gegolten hatte. Als er in den frühen Morgenstunden des 22. Januar 1961 seine Augen für immer schloß und der ehemalige Ein Leben im Dienst der Stadt Furtwangen Ein tragischer Unfall bei Waldarbeiten riß am 4. November des Jahres 1989 jäh einen Mann aus dem Leben, den die Einwohner der Stadt Furtwangen als vorbildlichen Men­ schen und Bürger in Erinnerung haben: Erst 57jährig, starb der erste Bürgermeisterstell­ vertreter und CDU-StadtratJosefDorer, des­ sen jahrzehntelanges Wirken zum Wohle Furtwangens unvergessen ist. Aus Dankbar­ keit wird ihm die Stadt im Rahmen einer Gedenkstunde anläßlich der ersten Wieder­ kehr des Todestages postum die Bürgerme­ daille verleihen und eine Gedenktafel wid­ men. Der allseits geschätzte Repräsentant der Stadt Furtwangen hat sein Denken und Han­ deln stets an hohen Idealen ausgerichtet. Durch seine freundliche Art und stetige Hilfsbereitschaft gewann Josef Dorer die Zuneigung und das Vertrauen seiner Mit­ menschen, und seinen unermüdlichen Ein­ satz für die Allgemeinheit dankten ihm die Bürger im Oktober 1989 mit einem großen Vertrauensbeweis, als er bei der Kommunal­ wahl 5300 Stimmen auf sich vereinigen konnte und damit das mit Abstand beste Resultat aller Kandidaten erzielte. Josef Dorer, der seine Schaffenskraft aus einem erfüllten Familienleben und seinem christlichen Glauben schöpfte, wurde am Hüfinger Stadtpfarrer August Vogelbacher Sumsers Tod den Gläubigen in der Früh­ messe kundtat, ging ein Raunen der Betrof­ fenheit durch die Reihen der Gottesdienst­ besucher. Bei seiner Beisetzung konnte der Hüfinger Friedhof die Trauernden kaum fas­ sen, welche gekommen waren, Erwin Sumser die letzte Ehre zu erweisen.Jedem einzelnen war klar, hier wurde ein Mann begraben, des­ sen Wirken auch über das Grab hinaus­ reichte. Käthe Fritschi 24.Dezember 1931 geboren. Die Jugend brachte dem ältesten Sohn des Pfiffhansen­ bauern Engelbert Dorer schwere Jahre. Sie war gezeichnet von den Wirren des Zweiten Weltkrieges, die es auch mit sich brachten, daß Josef Dorer gerade sechseinhalb Jahre eine Schule besuchen konnte. Nach der Kriegszeit folgten dann der Besuch einer Gewerbeschule und eine Metzgerlehre. Im Jahr1967 schließlich, übernahmJosefDorer den väterlichen Hof und wurde Haupt­ erwerbslandwirt, so wie er es sich immer gewünscht hatte. Der Landwirt umtrieb in den Folgejahren nicht nur seinen Hof, verbunden mit der Bewirtschaftung eigenen Waldes, sondern war auch als Hausmetzger unterwegs, räumte mit seiner Zugmaschine den Winter über im Außenbereich der Stadt den Schnee von den Straßen und fand neben all dem noch die Kraft, sich auf vielfältige Weise dem politi­ schen und kulturellen Leben zu widmen. Von 1955 an spielte er in der Stadtkapelle Tenorhorn, in glänzender Manier im übri­ gen, und übernahm 1961 dann auch den Vor­ sitz des Vereins. Zwölf Jahre lang, bis 1973, übte Dorer dieses Amt aus und arbeitsreicher Höhepunkt seiner ehrenamtlichen Tätigkeit war die Vorbereitung und Durchführung des lOOjährigen Jubiläums. Aber in diese Amts-141

vertretendes Mitglied im Schulbeirat, von 1975 bis 1984 Mitglied im Beirat der Jugend­ musikschule und langjähriges Mitglied im Winterdienstausschuß sowie des Beirates für geheimzuhaltende Angelegenheiten. Doch es wäre eine unvollständige Darstel­ lung des kommunalpolitischen Wirkens des CDU-Politikers, wenn man es bei dieser rei­ nen Auflistung von Tätigkeiten belassen würde. In seiner Position als erster Bürger­ meisterstellvertreter vertrat Josef Dorer den Bürgermeister bei Urlaub und Krankheit und war schon bald gern gesehener Repräsentant der Stadt Furtwangen; sei es bei Arbeitsjubi­ läen, Vereinsveranstaltungen, Firmenein­ weihungen oder bei Besuchen namhafter Politiker. Und ein herzliches Willkommen gab es für JosefDorer auch, wenn er Senioren anläßlich hoher Geburtstage die Glückwün­ sche der Stadt übermittelte. Daß Josef Dorer stets half, wenn er es ver­ mochte, darauf wurde bereits verwiesen. Doch auf welch unauffällige Art und Weise diese Hilfe geleistet wurde, belegt ein Besuch des Bürgermeisterstellvertreters im Alten­ heim St. Cyriak, an den sich Stadtpfarrer JosefBeha erinnert. Der Bürgermeisterstell­ vertreter zeigte sich dort von der Fürsorge, mit der man sich um die Senioren bemüht, derart beeindruckt, daß er spontan auf seine Städtische Vergütung für diesen offiziellen Besuch verzichtete und diese dem Alten­ heim als Spende zukommen ließ. Seine hohe demokratische Gesinnung war ein wesentlicher Pfeiler des kommunal­ politischen Schaffens von Josef Dorer, die Liebe zu seiner Heimatstadt Furtwangen ein anderer. Denn mit Furtwangen und seinen Bürgern fühlte sich der Politiker stets aufs Engste verbunden. So war er im Gemeinde­ rat ein beständiger Fürsprecher der Vereine und setzte sich in gleichem Maß nicht für die Belange der Gesamtstadt, sondern auch für die der Ortsteile ein. Und mit Nachdruck vertrat der Landwirt im Gremium auch die Interessen seines Berufsstandes. Besonders geschätzt war im Gremium das Bemühen Dorers, in schwierigen Situationen über die zeit fallt auch die Gründung der Furtwanger Jugendkapelle. Aufgrund der großen Ver­ dienste um die Blasmusik, wurde eine Viel­ zahl von Ehrungen ausgesprochen. So ist Josef Dorer Ehrenmitglied der Furtwanger Stadtkapelle. Die Liebe zur Blasmusik spiegelten aber nicht nur die Aktivitäten in der Stadtkapelle wieder. Josef Dorer hatte zehn Jahre lang bei den „Brendmusikanten“ musiziert und gehörte danach den bekannten „Bergland­ musikanten“ an. Eng verbunden fühlte sich Dorer zudem mit dem katholischen Kir­ chenchor St. Cyriak, wo er sich auch stets für Auftritte mit Instrumentalbegleitung zur Verfügung stellte. Das vielfältige kommunalpolitische Wir­ ken indes, begann im jahre 1968, als Josef Dorer auf der Liste der CDU in den Gemein­ derat gewählt wurde. Nach 12jähriger Tätig­ keit wurde ihm einstimmig die vertrauens­ volle Stellung des ersten Bürgermeisterstell­ vertreters übertragen. Zugleich war Josef Dorer Mitglied in mehreren gemeinderätli­ chen Ausschüssen: Von 1975 bis 1983 stell- 142

Parteigrenzen hinweg eine einvernehmliche Lösung zu finden. Die Verdienste Josef Dorers bleiben jedoch nicht auf die bislang umrissenen Tätigkeiten beschränkt. So war er Mitglied in der Holzverwertungsgenossenschaft, ge­ hörte er nahezu 15 Jahre lang dem Aufsichts­ rat der Volksbank Triberg/Furtwangen an und zählte seit 1982 zum Aufsichtsrat des Schwarzwälder Feuerversicherungsvereins, wo er zunächst als stellvertretender Vorsit­ zender und dann auch als Vorsitzender wirkte. Große Verdienste hat sich der Kom­ munalpolitiker zudem um den Fremdenver­ kehrsverein Oberes Bregtal erworben. Er gehörte im Jahr 1970 zu seinen Gründungs­ und von der ersten Stunde an auch zu den Vorstandsmitgliedern. Und die Vielseitigkeit dieses Mannes, der auf dem Höhepunkt sei­ nes Schaffens aus einem erfüllten Leben gerissen wurde, dokumentiert auch seine Tätigkeit in der Laienspielgruppe St. Cyriak. Dort erfreute der „Pfiffhansenbauer“ die Menschen als vielbeklatschter Hauptakteur. Die tiefe Betroffenheit über diesen frühen Tod, die Hochachtung vor einem liebens­ werten Menschen und vorbildlichen Bürger und das Mitgefühl mit der Ehefrau und den fünfKindern, versammelte am 8. November eine große Trauergemeinde auf dem Berg­ friedhof der Stadt, um einem Mann die letzte Ehre zu erweisen, den Bürgermeister Adolf Herb im Namen der Stadt und des Gemeinderates so charakterisierte: ,,Seine Arbeit war gekennzeichnet durch Verant­ wortung gegenüber den Bürgern von Furt­ wangen,verbunden mit zutiefst demokrati­ scher Gesinnung. Seine menschliche Art hat ihm in allen Kreisen der Bürgerschaft und über seine Heimat hinaus Zuneigung und Vertrauen geschaffen. Das vorbildliche Wir­ ken Josef Dorers wird den Bürgern dieser Stadt stets in Erinnerung bleiben.“ Wilfried Dold Karl Ohnmacht Über ein Vierteljahrhundert in der Verantwortung für Pfohren Baaremer Holz – aufrecht und stolz! Diese für den Menschenschlag unserer Landschaft gerne gebrauchte Charakterisie­ rung paßt sehr gut auch zu Karl Ohnmacht. Bürgermeister wird er in Pfohren immer noch genannt. Diese Amtsbezeichnung stimmt natürlich schon lange nicht mehr. Karl Ohnmacht selbst hatte mit seiner Unterschrift unter den Eingliederungsver­ trag dafür gesorgt, daß für ihn mit Wirkung vom 1. Januar 1972 aus dem Amt des Bürger­ meisters das des Ortsvorstehers wurde. Diese Unterschriftsleistung entsprach allerdings dem Willen der Pfohrener, die sich in einer Bürgeranhörung mehrheitlich für die Ein­ gliederung in die Stadt Donaueschingen aus­ gesprochen hatten. Heute ist er nicht einmal mehr Ortsvorsteher. Karl Ohnmacht befin­ det sich nämlich seit dem 1. Januar 1990 im Ruhestand. Trotzdem ist er nach wie vor eine Person des öffentlichen Interesses und – genauso wie in den zurückliegenden 25 Jah­ ren – eine Persönlichkeit von besonderer Ausstrahlungskraft. Recht früh engagierte sich Karl Ohn­ macht in der Kommunalpolitik für seine Heimatgemeinde. Bereits mit 29 Jahren hatte er 1956 für den Pfohrener Gemeinderat kan­ didiert und war auch gewählt worden. Unter den damaligen Verhältnissen war dies durch­ aus keine Selbstverständlichkeit. Politik war seinerseits – im großen und im kleinen – in der Regel eine Domäne der etwas älteren und gesetzteren Herren. Karl Ohnmacht war der jüngste im damaligen Pfohrener Gemeinde­ rat. Trotzdem verschaffte er sich in diesem Gremium sehr schnell Respekt und Ansehen. Als sein Vorgänger im Amt des Bürgermei­ sters, Franz Engesser, im Sommer 1963 über­ raschend verstarb, war es für viele Pfohrener 143

keine besondere Überraschung, daß sehr rasch Karl Ohnmacht als Nachfolger ins Gespräch gebracht wurde. Nach einem durchaus spannenden Wahlkampf hatte Karl Ohnmacht dann auch gegen den von eben­ falls viel Sympathie getragenen Mitbewerber die Nase vom. Leichter war es für ihn bei der Wiederwahl 1971. Die Pfohrener bestätigten ihn dabei mit großer Mehrheit in seinem Amt. Kurz danach kam schon das Ereignis, das einen tiefen Einschnitt in der politischen Karriere Karl Ohnmachts und für die weitere Entwicklung Pfohrens brachte. Die Einglie­ derung der traditionsreichen Gemeinde Pfohren in die Stadt Donaueschingen zum 1. 1. 1972 bedeutete aber nicht, wie teilweise befürchtet, das Ende einer guten Entwick­ lung. Das Gegenteil ist vielmehr eingetreten. Zusammen mit einem starken Partner, der Stadt Donaueschingen, war Pfohren in der Lage, alle notwendigen Einrichtungen der Infrastruktur und damit die Voraussetzun­ gen für eine gute Zukunftsentwicklung zu schaffen. Auch darin ist ein Grund für das ohne Zweifel sehr erfolgreiche Wirken von Karl Ohnmacht zu sehen. Viel von dem, was Pfohren heute ausmacht, hat Karl Ohn­ macht als Bürgermeister und später als Orts­ vorsteher initiiert, mitgetragen und verwal­ tungsmäßig begleitet. Viel entscheidender für seinen großen Erfolg in der Kommunal­ politik waren aber seine große Popularität, sein unermüdliches Eintreten für die örtli­ chen Vereine, seine Beharrlichkeit, sein Durchsetzungsvermögen und nicht zuletzt seine Hilfsbereitschaft, die alle jederzeit gerne in Anspruch nehmen durften. Der Bürgermeister oder Ortsvorsteher war für jeden, der Hilfe und Rat brauchte, der erste und oft der alleinige Ansprechpartner. Das Bild von Karl Ohnmacht ist bei wei­ tem nicht ausschließlich von dem rund 40- jährigen Engagement in der Kommunalpoli­ tik geprägt. Es ist vielschichtiger und facet­ tenreicher. Grundkomponente bei allen »Bildelementen“ ist Hilfsbereitschaft und das Eintreten für andere und die Gemein­ schaft. Da ist zuerst einmal der Rot-Kreuz- 144 Funktionär Karl Ohnmacht, der den Stadt­ verband Donaueschingen seit 1984 als Vor­ sitzender erfolgreich führt und der auch im Kreisverband Donaueschingen – hier als stellvertretender Vorsitzender-seit 15 Jahren Verantwortung trägt. Auch für den „Riesen“ Karl Ohnmacht bedeuten gerade diese Ämter keine leichte Bürde. Eine nicht unbedeutende Rolle spielte auch der Feuerwehrmann Karl Ohnmacht. Von 1955 -1963 war er Kommandant der Pfohrener Feuerwehr und nach der Einglie­ derung Pfohrens in die Stadt Donaueschin­ gen trug er sogar über 10 Jahre lang als Sach­ bearbeiter für das Feuerwehrwesen und den Katastrophenschutz Verantwortung für die Gesamtfeuerwehr der Stadt Donaueschingen. Vielfach engagiert ist oder war Karl Ohn­ macht im Pfohrener Vereinsleben. Vermut­ lich in den meisten Pfohrener Vereinen ist er persönlich Mitglied und nicht selten gehörte er sogar zu den Vereinsaktiven. Dies gilt bei­ spielsweise für den Fußballverein, für den er kurz nach der Gründung Tore schoß bzw. als „Libero“ Tore verhinderte. Viele Jahre lang war er Sänger im Männergesangverein und danach über zwei Jahrzehnte Vertreter der

passiven Mitglieder in der Vorstandschaft der Pfohrener Sänger. Schon vor der Grün­ dung der Schnuferzunft hielt Karl Ohn­ macht die Pfohrener Fasnachtstradition hoch und amtierte 1961-1963 sogar als Nar­ renvater. Kraft seines Amtes als Bürgermei­ ster und Ortsvorsteher war er 27 Jahre lang Vorsitzender des Fleischabnahmevereins, einer Selbsthilfeorganisation der Pfohrener Landwirte. Daß er auch bei der Durchfüh­ rung der Flurbereinigung sehr aktiv mit­ wirkte, war wohl für die Pfohrener Landwirte und auch für Karl Ohnmacht eine Selbstver­ ständlichkeit. Ähnliches gilt für seine nun schon rund 3 Jahrzehnte währende Tätigkeit als Vorsitzender des Aufsichtsrates der Raiff­ eisenwarengenossenschaft Pfohren. Den Kontakt mit den örtlichen Vereinen pflegte Karl Ohnmacht intensiv. Es wird wohl kaum eine Jahresversammlung der insgesamt 12 Pfohrener Vereine gegeben haben, die er in seiner 26jährigen Amtszeit nicht besucht hat. Vielfältig war darüber hin­ aus sein Einsatz für die örtlichen Vereine bei Jubiläen, der Durchführung von Bauvorha­ ben und der Bewältigung kleiner und größe­ rer Probleme. Karl Ohnmacht und sein gastfreundliches Haus waren aus den verschiedensten Anläs­ sen immer wieder Mittelpunkt gesellschaftli­ chen Lebens. Charmante Gastgeberin war dabei seine Frau Gemahlin, Paula Ohn­ macht. Mit dem Eintritt in den Ruhestand sind für Karl Ohnmacht nun etwas ruhigere Zei­ ten angebrochen. Karl Ohnmacht wäre aber nicht Karl Ohnmacht, wenn er sich nun aus­ schließlich in den privaten Bereich zurück­ ziehen würde. Er ist in seinen Ehrenämtern weiterhin aktiv und findet sogar noch Zeit für ein neues Hobby: Er ist quasi Verwalter der Entenburg und damit Ansprechpartner in Sachen auserlesene Antiquitäten und stil­ volles Ambiente für Kunst und Kultur. Wei­ terhin wird er sich im Roten Kreuz engagie­ ren und hofft, daß er jetzt endlich öfters sei­ nem zweiten Hobby, dem Angeln, nachge­ hen kann. Ernst Zimmermann Max Herr Der „Uhrmacher der Päpste“ Wenn man sich der Persönlichkeiten der Heimat erinnert, dann sollte ein Mann nicht vergessen werden, der als „Uhrmacher der Päpste“ in die Annalen einging: Max Herr aus Furtwangen, der 83jährig im August 1989 in Rom gestorben ist. In der Ewigen Stadt – und zwar im Apostolischen Palast des Vati­ kan – sorgte er für das „Zeitliche“. Denn ganze 53 Jahre lang, von 1929 bis 1982, begleitete der lebhafte Schwarzwälder aus der „Uhrenstadt“ Furtwangen den Ehrentitel des päpstlichen Uhrmachers. Er diente damit nicht weniger als sechs Oberhirten der römisch-katholischen Kirche von Papst Pius XI. bis Johannes Paul II. In einer neunköpfigen Kinderschar aufge­ wachsen, hatte Max Herr sein Handwerk von in der Furtwanger Uhr- der Pike auf macherschule erlernt und sich weitere prakti­ sche Fertigkeiten in der Uhrenfabrik Lorenz Furtwängler erworben, die es heute längst nicht mehr gibt. Mit 23 Jahren jedoch -man schrieb das Jahr 1929 – zog es den jungen Mann hinaus in die Fremde. Mit diesem Ent­ schluß stand er in der Tradition vieler Uhr­ macher aus dem Schwarzwald, die besonders im vergangenen Jahrhundert zu Hauf nach England, Amerika, in die Türkei oder nach Rußland auswanderten. Max Herr indes machte den Sprung vom rauhen Klima des Hochschwarzwaldes mit seinen kantigen „Wäldern“ in das warme, weltstädtische Klima der italienischen Metropole Rom. Hier fand er über private Kontakte eine Stel­ lung in einem deutsch geführten Uhrenge­ schäft. Und hier wurde ihm die gleicherma- 145

dem Normal-Sterblichen gewöhnlich ver­ schlossen bleiben. Den Kontakt in die Vaterstadt hat der Furtwanger -auch als er längst in Rom seß­ haft geworden war und eine Familie gegrün­ det hatte -bis ins hohe Alter nie abbrechen lassen. Ständig wurde er von bekannten Gesichtern aus der Heimat aufgesucht. Er wiederum verbrachte seinen Urlaub zumeist im Schwarzwald und versäumte auch nicht die Jubiläumstreffen seiner alten Schulkame­ raden. 1982 beendete er die Berufstätigkeit bei seinem Uhrengeschäft und trat in den wohlverdienten Ruhestand. Für seine Tätig­ keit im Dienste der Kirche wurde Max Herr von Papst Johannes Paul II. bei einer Privat­ audienz im Beisein seiner Familie höchstper­ sönlich verabschiedet. Max Herr, der gläubige Christ, der in der Weltstadt Rom Wurzeln geschlagen und dort in Familie und Beruf seine Erfüllung gefunden hatte, war im Grunde seiner Person jedoch immer ein „richtiger Schwarzwälder“ geblieben und auch seinen heimatlichen Dialekt hat er nie „verlernt“. Nach einem 83 Jahre langem erfüllten Dasein war seine ,,Lebensuhr“ im August 1989 abgelaufen. Der „Uhrmacher der Päpste“ fand seine letzte Ruhe auf dem „Campo Santo Teuto­ nico“, dem berühmten, im Mittelalter ange­ legten „Friedhof der Deutschen“ im Vatikan. Eberhard Stadler Elai . . . ,,._ ‚� En Hufe Lit sin uf dea Welt, Trotzdem sin viel elai. Sie fuhle sich uf d’Site gstellt, Als wär scho all’s vorbei. Jo, wenn mer denkt -s’goaht einem au Im Alter moal eso – No wär mer -deft rner vorher gau Do drüber gar no froh. Doch s o w i t daf es kumme it. Denn des wär jo e Schand. Dea Samariter au do git Guats Beispiel uns in d’Hand. Gertrud Mager ßen ehrenvolle wie außergewöhnliche Auf­ gabe zuteil, die zahlreichen Uhren im Vati­ kan zu betreuen. Jeden Mittwoch und Sams­ tag, gelegentlich auch zwischendurch, ging der Furtwanger im Apostolischen Palast sei­ ner Tätigkeit nach. Auch der Sommersitz der Päpste war Max Herr wohlvertraut. Immer eine Woche, bevor sich der jeweilige Papst nach Castel Gandolfo begab, sorgte der Furt­ wanger fur den ordnungsgemäßen und pünktlichen Glockenschlag in den Gemä­ chern der Residenz. Als Max Herr 1975 eine Gruppe von Rom-Wallfahrern aus Furtwan­ gen durch den päpstlichen Sommersitz fuhrte, versetzte sein Erscheinen die Bedienste­ ten daher nicht von Ungefähr in Aufregung. Wenn der Uhrmacher kommt, dann folgt ihm auch der Papst bald auf dem Fuße, ver­ muteten die Italiener sofort. Die Furtwanger schmunzelten, war doch Max Herr in diesem Falle lediglich ihr „Cicerone“ -der private Reiseführer -und vermutlich der beste, der zu haben war. Durch seine Tätigkeit ver­ schaffte sich der Furtwanger viele einge­ hende und persönliche Eindrücke über die Schaltstelle der römisch-katholischen Kirche und ihrer Repräsentanten. Und zahlreiche Furtwanger Besuchergruppen hatten das Glück, mit dem „Uhrmacher der Päpste“ durch Türen des Vatikan vorzudringen, die 146

Kirchen, Mission Die Kirche des Klosters St. Ursula in Villingen ist renoviert Ai,s Anlaß des 200jährigen Bestehens des „Lehrinstituts St. Ursula“ im Jahre 1982 wurde im Almanach 1983, Seite 101-107, die Entwick­ lung des Klosters St. Ursula in Villingen darge­ stellt. Nach der Renovierung der Klosterkirche stellte Herr Dekan Kurt Müller auf Bitten der Redaktion einen weiteren Beitrag zur Verfügung. Von den Blumenrabatten der Ringanla­ gen aus gesehen bildet der barocke Dachrei­ ter der Klosterkirche St. Klara einen maleri­ schen Kontrast zum trutzigen Q!iaderwerk des Bickentores, an das sich das Kirchlein anschmiegt. Seit 1240 weiß man an dieser militärisch stets bedrohten Lage von einer religiösen Gemeinschaft von Frauen. 1389 wird das Gotteshaus am Tor zum erstenmal erwähnt. Zwar kümmerten sich die Franziskaner aus dem Villinger Konvent um die Seelsorge der Frauen im Bickenkloster, aber es bestand keine klare klösterliche Ordnung, es galt keine verbindliche Regel. Durchs Bickentor führte der Weg über die Brigachbrücke zur Altstadtkirche. Am Bickenkloster vorbei wurden die Toten der Stadt den Stationen­ weg hinaus zum Friedhof getragen. Die Bik­ kenkapelle vor dem Tor war eine viel besuchte Andachtsstätte. Daher erklärt sich die Sorge der Franziskaner, daß eine rechte Ordnung und klösterliche Zucht im Bicken­ kloster herrschen sollten. Die schwelende Krise führte zu einem für Kloster und Stadt Segen bringenden Neubeginn. Im April 1480 kam mit sieben Schwestern Ursula Haider von Valduna bei Rankweil in Vorarlberg nach Villingen. Diese Ordensfrau mit großem spirituellen und menschlichen Format war von der „Guten Beth“ von Reute im Geist des Hl. Franziskus erzogen worden. Sie hat mit vielen Schwierigkeiten -sechs der anwesenden sieben Schwestern übernah­ men die neue Regel nicht -das geschlossene Klarissenkloster in Villingen begründet. Die Neugründung gelang. Nach hundert Jahren zählte der Konvent 25 Schwestern. Der Geist der ersten Äbtissin Ursula Haider prägte 300 Jahre lang die Frömmigkeit der Schwestern. Ihre Passionsmystik, die besonders innige Verehrung des Leidens Christi und der Stät- Abb. 1: Frühbarocker Schmerzensmann im Spottmantel 147

Abb. 2 a: Das Grab von Ursula Haitier in der Südwand der Klosterkirche Abb. 2 b: Hölzerner Deckel auf dem Grab von Ursula H aider ten des Lebens Jesu im Hl. Land führte zur Aufstellung der einmaligen im ganzen Kloster verteilten Ablaß tafeln, deren jede an eine bestimmte Stelle im Hl. Land, in Rom oder an eine Station des Leidens Christi erin­ nert. Bis heute bezeugt der eindrucksvolle Schmerzensmann im Spottmantel in einer Nische der Klosterkirche die besondere Ver­ ehrung des Leidens Christi im Bickenkloster (Abb. 1). Ursula Haiders Grab befindet sich im Chorraum der Kirche rechts vom Altar (Abb. 2 a + b). Das Bild, mit dem ihr Grab geschmückt ist, zeigt sie zusammen mit ihren Schwestern, wie sie auf den Knien Fürbitte einlegen für die vom Feind bedrohte Stadt (Abb. 3). Das Bild ist nach der Belagerung von 1704 gemalt, und es belegt, daß man das Schicksal der Stadt auch immer im Zusam-

Abb. 3: Bild über dem Grab von Ursula Haitier. Di.e Klarissen leisten Fürbitte für die belagerte Stadt. Abb. 4: HZ. Antonius von Padua vermutlich aus der Werkstatt von ]os. Anton Hops menhang mit dem Schicksal des Klosters gesehen hat. Das Bickenkloster lag den Vil­ lingern am Herzen, und die Klarissen bete­ ten für die oft gefährdete Stadt. Diese Schicksalgemeinschaft mit der Stadt führte zu einer zweiten großen Krise. Im 30jährigen Krieg wurde bei der erfolglo­ sen Belagerung Villingens 1634 das Kirchlein und das Kloster gänzlich zerstört. Die Klaris­ sen waren ohnehin arme Schwestern, aber nun waren sie buchstäblich an den Bettelstab gekommen. Die Äbtissin mußte ihre Schwe­ stern, damit sie überleben konnten, in aus­ wärtigen Klöstern unterbringen. Die Stadt selber war auch verarmt, und so mußten die Klarissen aufBettelreisen durch die Schweiz und durch Vorarlberg das Geld für den Wie­ deraufbau des Klosters mühsam zusammen-

Abb. 5: Die ehemaligen Altäre der Dominikane­ rinnen in der Klosterkirche St. Ursula Abb. 6: Das Kreuz der Dominikanerinnen 1. Viertel des 14. Jh. tragen. Der Konvent hat sich dabei nicht ver­ laufen, sondern er wurde durch die Prüfun­ gen der schweren Zeit innerlich gefestigt. 1655 war der Neubau des Klosters fertigge­ stellt. Ein weiterer Umbau der Kirche gab ihr 1731 die heutige Gestalt. An diese Zeit der barocken Umgestaltung erinnert vor allem die wertvolle Figur des HI. Antonius aus der Werkstatt von Jos. Anton Hops (Abb. 4). Das Ende der Klarissen, aber nicht das Ende des Bickenklosters brachte der Josefi­ nismus mit der Aufhebung der beschauli­ chen Klöster in den österreichischen Landen 1782. In ultimativer Form wurden die Or­ densfrauen vor die Alternative gestellt, der Auflösung ihres Klosters zuzustimmen, oder mit einer neuen Regel sich in Zukunft um die Erziehung der weiblichen Jugend der Stadt

P. Magnus Volk zu widmen. Dem benachbarten kleinen Konvent der Dominikanerinnen erging es genauso. Die Klarissen und die Dominikane­ rinnen taten sich dann dem staatlichen Druck gehorchend zusammen und nahmen die Regel des Lehrordens der Ursulinen an. Der Zusammenschluß der Dominikanerin­ nen und Klarissen ist heute an der renovier­ ten Kirche besonders deutlich ablesbar. Die Dominikanerinnen brachten aus ihrer Kir­ che den Hauptaltar und zwei Seitenaltäre. Diese Altäre wurden 1909 durch Reliefs der HI. Familie und der Rosenkranzspende an den HI. Dominikas verändert, und sie geben der Kirche die heutige, festlich barocke Atmosphäre (Abb. 5). Ein ganz hervorragen- Ein Gremmelsbacher Missionar in China Wie tief muß ein Mensch von seinem Glauben durchdrungen sein, daß er sich von seiner Familie, seiner Heimat, der europä­ ischen Kultur trennt, um ein Leben lang Menschen bekehren und sie aus ihrer ange­ stammten Religion herauslösen zu wollen, im Bewußtsein, sich selbst, aber auch die für die Kirche Gewonnenen irgendwann einmal -und seien es erst die Nachkommen -der Verfolgung auszusetzen! Eine Entschei­ dung, als Kapuzinermissionar in China zu wirken, hatte den Charakter des Endgülti­ gen, selbst an Urlaub war nicht zu denken. Und wie mußte man mit seiner Aufgabe ver­ bunden gewesen sein, um beim erzwunge­ nen Verlassen des Landes Abschiedsschmerz und danach Sehnsucht nach der „zweiten Heimat“ empfunden zu haben! P.Magnus (Taufname: Karl) Volk wurde am 11. Mai 1903 auf dem Unterrötenbachhof in Gremmelsbach geboren, wo seine Eltern zunächst im hinteren Teil des Hauses wohn­ ten. Der Hof war die Heimat seiner Mutter Mathilde, geb. Fehrenbach. Sein Vater Josef war damals Bahnarbeiter, später Weichen- der Schmuck des Chorraumes stellt das früh­ gotische, aus der ersten Hälfte des 14. Jahr­ hunderts stammende Kreuz der Dominika­ nerinnen dar (Abb. 6). Wie diese kurzen Hinweise erhellen, sind in der renovierten Klosterkirche die wichtig­ sten Epochen des Bickenklosters an Altären und Kunstwerken ablesbar. Es scheint, daß die Zeit der Lehrorden in der kath. Kirche zu Ende geht. Es bleibt zu hoffen, daß auch aus dieser modernen Krise das Bickenkloster als Hort des geistlichen Lebens verändert zwar, aber gestärkt hervorgeht zur Ehre Gottes und zum Wohl der Stadt. Dekan Kurt Müller und Oberweichenwärter. Der Junge hatte keine Erinnerung an Heidelberg, wohin die Eltern nur für kurze Zeit übersiedelten. Von dort kehrten sie zurück, um im tiefsten See­ lenwald Wohnung zu nehmen: im Gaisloch, am oberen Portal des Gremmelsbacher Tun­ nels. Als der Sechsjährige die Schule besu-151

chen mußte, zog die Familie näher zum Dorf in das Haus unter dem 3. Seelenwaldtunnel, danach zur „alten“ und schließlich zur „neuen“ Blockstelle. Aus seiner frühesten Kindheit wußte P. Magnus eine heitere Begebenheit. Um zu verhindern, daß der Kleine in den Wald lief und sich verirrte, erzählte ihm seine Mutter, dort lebten große, für Kinder gefährliche Tiere. Eines Tages wagte er sich doch weg, und o weh! die Mutter hatte nicht übertrie­ ben: ein großes Tier kam auf ihn zu, das am Schwanz einen Baumstamm zog. Der Junge erschrak darüber so, daß er nach Hause rannte, unter den Stuhl kroch, auf dem die Mutter saß, und sich mit beiden Händen an den Stuhlbeinen festhielt, bis sie ihn darun­ ter hervorzog. Sein Lehrer war Schulleiter Ferdinand Hammer. Die energische Arbeitsweise dieses Mannes machte auf den Erstkläßler einen bleibenden Eindruck. Zeitlebens konnte er sich an das erste Lied erinnern: ,,Kommt her, ihr Kreaturen all … „, worunter sich Karl Volk nur wilde Tiere vorstellen konnte. Er war ein begabter, aber stiller Schüler. Einzel­ heiten aus seiner übrigen Schulzeit sind nicht bekannt. Nach Beendigung der Schulpflicht arbei­ tete er im Uhrengeschäft Eble. Danach war er Holzhauer, später arbeitete er in der Säge­ rei Fleig, Schonachbach. An Sonn-und Fei­ ertagen versah er den Mesnerdienst in der Dorfkirche. Der junge Mann besaß viel Humor, und oft ritt ihn der Schalk. Als er eines Tages die Kirchturmuhr aufzuziehen hatte, sah er durch die Schallöcher eine Schulkameradin auf dem Friedhof. Er konnte es nicht lassen, sie zu erschrecken, und rief mit lauter, tiefer Stimme: „Lisbeth, kehr um!“ Das verwirrte Mädchen wußte sich die geisterhafte Stimme nicht zu erklären und floh aus dem plötzlich so unheimlichen Ort. Seine Mutter erzählte später, daß er über die Maßen gern las, vor allem Berichte aus Missionszeitschriften. Irgendwann damals muß der Entschluß in ihm gereift sein, selbst 152 Missionar zu werden. Die Religionsge­ schichte kennt Beispiele genug, wo Men­ schen ein Wort der Bibel so verstanden, als sei es zu ihnen persönlich gesprochen: „Gehet hin in alle Welt … !“ Es mag auch ein­ fach die Überzeugung gewesen sein, den Reichtum der christlichen Botschaft denen verkünden zu müssen, die noch nichts davon wußten, ganz gleich wo. Verbürgt ist der Satz von ihm: „Und wenn ich in China auch nur einen bekehre, so bin ich nicht umsonst dort gewesen.“ Die Gremmelsba­ cher waren überrascht zu hören, „der Volke­ Karl studiert“, was damals nur bedeuten konnte: er nahm Lateinstunden (bei Pfarr­ verweser Alois AdolfBöhler), um Geistlicher zu werden. Sein Wörterheftehen nahm er mit „auf die Säge“ und lernte die lateinischen Vokabeln in den Arbeitspausen. Im Frühjahr 1922 trat er mit einer Gruppe junger Männer aus allen Himmelsrichtun­ gen in die neugegründete Missionsschule der Kapuziner in Zell a. H. ein, zwei Jahre später begann in Krefeld das Noviziat, wieder ein Jahr später das Studium der Philosophie und Theologie an der Ordenshochschule in Münster in Westfalen, wo er im Dom am 10. August 1930 die Priesterweihe empfing. Nach dem 1931 bestandenen Kuraexamen (Abschlußexamen) wurde er nach Zell a. H. versetzt und war in der Wallfahrtsseelsorge und in vielen Pfarreien des Kinzigtales als Aushilfspriester tätig. Am 30. Juli 1933 nahm er Abschied von seiner bisherigen Wirkungsstätte und von der Heimat. In Zell wurde für ihn und P. Gra­ tian Grimm, der mit ihm nach China ging und 1949 Missionsbischof wurde, ein feierli­ cher Abschiedsgottesdienst gehalten. Die Predigt hielt P. Magnus. Es hatten sich dazu so viele Menschen eingefunden, daß die Angehörigen Mühe hatten, die Missionare noch einmal aus der Nähe zu sehen und ihnen die Hand zu drücken. Die Reise führte zuerst durch die Schweiz nach Genua, wo sich ihnen sechs Steyler Mis­ sionsschwestern anschlossen. Das deutsche Schiff „Trave“ fuhr dann durch die Meerenge

Landkarte der Volksrepublik China INDIEN von Messina der Türkei zu. Dort wurden 2000 Ballen Baumwolle geladen, zum ersten­ mal sahen die Missionare Glanz und Elend einer orientalischen Hafenstadt (Mersina), diese Zauberwelt konnten sie auch in Port Said und Colombo bewundern, wie die Majestät des Meeres, Sonnenauf- und unter­ gänge, das Meeresleuchten, auch einen Sturm im Indischen Ozean erlebten sie. Gleich nach Betreten des chinesischen Bodens in Schanghai begegneten sie dem wohl bekanntesten Christen Chinas, dem Großindustriellen Lo Pa Hong, einem der großen Wohltäter seiner Stadt. In seinen Krankenhäusern sahen sie den ganzen Jam­ mer der Stadt: ausgesetzte und von ihm auf­ genommene Kinder, Aussätzige, Geistes­ kranke. PHILIPPINEN Ins Landesinnere brachte sie die Bahn. Kapuzinerbruder Rochus war ihnen aus Kansu, ihrem Ziel, entgegengereist und war nun ihr Begleiter und Dolmetscher. Von Tunkwan ging es mit dem Auto weiter -auf Straßen, die diesen Namen kaum verdienten. In Sianfu hatten sie sich einer Paßkontrolle zu unterziehen. Doch wie in einer Sprache, die viele europäische Laute nicht kennt, den Herkunftsort „Gremmelsbach“ schreiben? Nach langem Hin und Her wurde „Gän-me­ ba“ Immer beschwerlicher wurde die Reise. Ab Fungsin­ gfu mußten Maulesel an die Stelle des Autos treten. Doch in der Sänfte stellte sich wie auf rauher See bald Übelkeit ein. Wenige Kilo­ meter vor dem Ziel verstauchte sich P. Magnus in frischem Schnee und Sumpf den 153 in die Akten eingetragen.

linken Fuß, und unmittelbar vor der Missi­ onsstation wurde er noch vom Esel abge­ worfen, was er beides mit gutem Humor ertrug. Der Empfang des „Pechvogels“ in Tsinchow durch Bischof Salvator Walleser und die Christen dort war von überwältigen­ der Herzlichkeit. Zum Gruß spielte die Musikkapelle des Seminars wohlbekannte deutsche Stücke. Aber was mußte der Missionar schon bei der Einreise in die Provinz Kansu und erst recht danach alles lernen! Er hatte sich in einem Riesenreich mit unvorstellbaren Dimensionen zurechtzufin­ den, in einer Hochkultur, die sehr früh in der Menschheitsgeschichte ihren eigenen Weg gegangen war. Die schwierige chinesische Sprache war erst im Land zu erlernen. Als zweckmäßig erwies sich, Kindern im Alter von etwa vier Jahren zuzuhören, da diese eine besonders deutliche Aussprache haben. Tausende von komplizierten Schriftzeichen mußte er sich aneignen, in China eine Wis­ senschaft, mit der sich gebildete Menschen in endlosen Diskussionen auseinanderset­ zen, an der sie sich berauschen können. Er mußte essen, was landesübliche Kost war, Milch und Milchprodukte gehörten nicht dazu. Gegessen wird in China mit Stäbchen. „Die feinfühligen Chinesen bringen doch Messer und Gabel, diese Mordwerkzeuge, nicht auf den Tisch“, bemerkte P. Magnus zu den chinesischen Tischsitten. Der Koch bereitet die Speisen mundgerecht zu, auch so, daß ihr natürlicher Geschmack erhalten bleibt. Das Universalgetränk ist der Tee. Und dann die chinesischen Umgangsformen! Wer weiß schon, daß man den letzten Gang einer Mahlzeit, das Brötchen, unbe­ rührt lassen muß? Zur rechten Höflichkeit gehört auch das Schmeicheln. Sagten seine ,,andächtigen Zuhörer“: ,,Schenfu (Pater), heute hast du in deiner Predigt sehr gut chi­ nesisch gesprochen,“ so hieß das: Wir haben von alledem nichts verstanden. Ein Chinese, der sein Ende herannahen fühlt, verabschie­ det sich von seinen Freunden, will danach auch nicht mehr besucht werden. 154 Niemals durfte der Fremde sich anmerken lassen, daß er dringend Hilfe brauchte, sonst sah er sich unerhörten Lohnforderungen ausgesetzt. Treue und Zuverlässigkeit gehör­ ten nicht unbedingt zur Mentalität eines jeden Chinesen. Diebe und Räuber gab es in Scharen. Das Verwurzeltsein in ihrer alten Kultur machte es der chinesischen Bevölkerung nicht leicht, zum Christentum überzutreten. Nach etwa einem Jahr Aufenthalts in China schrieb er in die Heimat -ernüchtert, wenn er je Illusionen hatte: ,,Ich habe noch keinen Chinesen bekehrt.“ Um einzelne, meist Familienangehörige von bereits Bekehrten war zu ringen. Der Missionar: ,,Du hast doch noch einen Verwandten im Gebirge, könn­ test du den nicht einmal mitbringen?“ Viele Glaubensgespräche wurden auf dem „Kang“, dem Ofenbett, geführt. Bei seinen Mitbrü­ dern war P. Magnus für seine Ausdauer für diese Art der Unterhaltung bekannt. Es kam auch vor, daß er von einem Einheimischen gefragt wurde: ,,Warum bist du als Europäer bei uns?“ Doch wollte der meist nach den ersten erklärenden Worten schon gar nichts Weiteres mehr hören. Die Praxis lehrte die Missionare Bescheidenheit. Am Ende eines Einführungskurses, zu dem mehrere Kate­ chumenen zusammengefaßt wurden, genügte das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser (mit den notwendigen Erklärun­ gen) für die Aufnahme in die Kirche, die Taufe. Der Gottesdienst in den Dörfern war dann oft von Laien zu halten. Den Missionaren war es gelungen, das Mißtrauen von Bevölkerung und Behörden abzubauen; Aktivitäten der katholischen Mission im Hungerjahr 1929, die Kranken­ pflege der Missionsstat:ionen, ihre Sorge um die Opiumsücht:igen und die weit im Land verstreut wohnenden Christen hatten die Chinesen auf die christliche Kirche aufmerk­ sam werden lassen. (Zugänge 1934: 12; 1925: 3; 1936: 4; 1937: 22). Zwar gehörte die christ­ liche Bevölkerung meist den niederen Schichten an, dem Handwerker- und Bauernstand, die Gebildeten waren noch

E herzlichi Bitt‘ A iisern hochwürdige Herr und Pfarrer! De Schriiber isch kon Kratzfueßscharrer, villmeh e Frau, wo voll Vertraue uf Ihre Hilfe fescht duet baue. Und wenn ich Ihne uugschickt kumm, no nemmet Si mirs nit glii krumm. „Bi Weihrauch wird es oft empfunde, daß er mit vill Geruch verbunde!“ So denkt mit mir manch Maa und Frau, wo i de Friidhofskirch moß stau. Stiiget die Wolke als i d’Höh, denkt jedes: ,,Weniger wär meh!“, De Kirche-Ritus duet mer ehre, doch d’Liit im Kirchli mond sich wehre, daß ihne d’Sinne nit entschwinde und si sich zletscht am Bode finde. Wärs -mit Respekt -nit zum umgau, so großi Schwade fahre z’lau? ‚S wär bei iis schwache arme Sünder fer iisern Korpus oefach gsünder. Herr Pfarrer, gell, Si donds verstau, daß ich des Ihne gschribe hau. Ich mon nit Si elei; -von wege! Au Ihri geistliche Kollege! Dond Si doch bitte fer iis sorge; wenns hit ni isch, no villiicht morge. Fer älli, wo wie ich betroffe, dank ich im vorus, und due hoffe! Elisabeth Neugart 155

nicht zu gewinnen gewesen. Doch sahen die Missionare ihre Bekehrung als die nächste große Aufgabe an, um auch das kulturelle Leben mit christlichem Geist zu durchdrin­ gen. P. Magnus liebte seine gelbhäutigen, schlitzäugigen Schäflein und besuchte sie, auf seinem Maultier oder Pferd durch die weiten Lößgebiete Kansus reitend, in ihren Siedlungen. Er nahm sich ihrer an, soweit es in seinen Möglichkeiten lag, auch ihrer Krankheiten. Seine ganze Zuneigung galt den einfachen Menschen in ihrer bäuerli­ chen Kultur, diesen gutmütigen und hilfsbe­ reiten Menschen. Über sein pastorales Wir­ ken, zu dem auch einmal die Durchführung einer Volksmission nach europäischem Vor­ bild gehörte, schrieb er: ,,Mit primitivsten Mitteln mußte Stimmung gemacht werden. Keine Missionsglocke mahnte, keine Orgel füllte die Kirche mit ernsten Bußtönen, keine Schar von weißgekleideten Kindern umrahmte besondere Feiern. Trotzdem hiel­ ten wir jeden Tag in abendlicher Dunkelheit eine besondere Feier, die den Christen sehr zu Herzen gegangen ist. … “ (Missionszeit­ schrift der Kapuziner 1949). Etwa 1937 erkrankte P. Magnus ernstlich. Die Krankheit kostete ihm auf einem Ohr das Gehör und beinahe das vollständige Augenlicht. Monatelang mußte er sich in einem dunklen Raum aufhalten und durfte sich auf keinen Fall bücken, um das Auslau­ fen der Augen zu verhindern. Die Verhältnisse im Land waren unsicher. Bereits 1936 war Tsinshui, seine Station, vor­ übergehend von Kommunisten besetzt, Mohammedaner raubten 1938 zwei Missi­ onsstationen aus, Räuberbanden, die später zu „Landschutztruppen“ erhoben wurden, verbreiteten Furcht und Schrecken. Bis zum Ausbruch des Krieges zwischen Japan und den USA (7.12.1941) konnten sich die Mis­ sionare voller Freiheit erfreuen. Zwei Tage danach erklärte Tschiangkaischek Deutsch­ land den Krieg, P. Magnus wurde, ohne den Grund dafür zu kennen, eine Nacht lang in ein feuchtes Loch gesperrt, was ihm später im 156 Verhältnis zu den Leiden der Mitbrüder in der Heimat wie ein Scherz vorkam. Unmit­ telbar darauf wurden die Patres in Lanchas, der Provinzhauptstadt, in der Steyler Zentral­ station interniert. Die Gendarmerie beschlag­ nahmte alles Geschriebene von den Predigt­ konzepten bis zu den kleinsten Notizzetteln (die Kaffeemühle von P. Magnus hielten sie für einen Dynamo), mußten es aber auf höhere Weisung den Besitzern wieder aus­ händigen. Im „Internierungslager“ konnten die Patres mit der Zeit das Leben erträglich gestalten, ja „fast die gleiche Hausordnung wie daheim in den Klöstern“ einhalten. Die alleingelassenen Christen hielten in der Zwi­ schenzeit treu am Glauben fest. Auch einen Bischof hatte zu dieser Zeit die Diözese nicht. Zur Heimat war während dieser Zeit jeder Kontakt unterbrochen. „Der Lange Marsch“ der Truppen Mao Tse Tungs erreichte 1949 auch die Provinz Kansu. P. Magnus kehrte gerade zu seiner Missionsstation zurück, als sich eine Abtei­ lung der Roten Garden an einem Hang lagerte, an dem seine Straße vorbeiführte. Ausweichen oder fliehen vor den bis zu den Zähnen bewaffneten Truppen war unmög­ lich, also ritt er an ihnen vorüber, ohne seine Angst zu zeigen, doch es war Todesangst. Im kommunistischen China war Missionsarbeit für kurze Zeit noch erlaubt, die Religionsfrei­ heit sollte gewährleistet werden, doch Ließen die Einschränkungen nicht lange auf sich warten. Der erste Schritt war die Einquartie­ rung einer berittenen Polizeitruppe in die Missionsgebäude, der zweite das Verbot für Missionare, die Kreisgrenze zu verlassen, der dritte das Verbot, sich mehr als zwei Kilome­ ter von der Missionsstation zu entfernen. Vorladungen vor die Behörden folgten, stun­ denlange Verhöre. Aus dieser Zeit ist ein Foto von P. Magnus erhalten, das ein sehr ernstes Gesicht zeigt, aus dem Not und Sorge um die Ungewißheit der Zukunft sprechen, ob sie Gefängnis bringen würde oder gar ein „Volksgericht“, das fast immer mit der Ermordung des ,,Angeklagten“ endete. ,,Gott hat wohl au�h unter uns seine Opfer aus-

erwählt. Möge er uns zur Stunde der Prüfung bereit finden und uns seiner würdig erfin­ den.“ (Brief vom 20. VIII. 1948). Die Mög­ lichkeit, missionarisch zu wirken, und eine zusätzliche materielle Unabhängigkeit ver­ dankte er seinen medizinischen Kenntnis­ sen. Innerhalb eines Jahres konnte er 2300 Behandlungen durchführen. Zu den Vor­ würfen der Kommunisten gehörte, er habe, da er als Rutengänger nach Erdöl(!) gesucht habe, Spionage für die USA getrieben. Wahr ist, daß er in trockenen Gegenden �eilen aufspürte, eine sogar unter der Sitzfläche einer Götzenfigur. 1952 kam die Ausweisung. Der Abschied von seiner Herde fiel ihm schwer. Sein Lebenswerk unvollendet zurücklassen zu müssen und die Gewißheit, nach menschli­ chem Ermessen nie wieder von seinen Getreuen zu hören, war schmerzvoll. Mehr als einmal sagte er: ,,Ich habe nie in meinem Leben Heimweh gehabt, aber nach China habe ich Heimweh.“ In der Heimat war die Geschichte nicht stehengeblieben. Die schrecklichen Kriegs­ jahre waren vorüber, P. Magnus kam in ein neues Land. Wieder hieß es, sich nach 19 Jah­ ren auf neue Verhältnisse einzustellen. Es gelang ihm vortrefflich. Nach einem kurzen Aufenthalt in Zell a. H. wirkte er (u. a. als Guardian) in Stühlingen, Offenburg, Bad Mergentheim, Frankfurt, Waghäusel und wieder in Stühlingen. Immer wieder besuchte er in seinen Ferien die geliebte Heimatgemeinde Gremmels­ bach, wo er auch Gottesdienste hielt. Wäh­ rend seiner Predigten wartete man vergeblich auf extreme theologische Meinungen, seine Worte kamen aus einem tiefen religiösen Erleben, sie waren einfach und jedermann verständlich, ruhig im Vortrag und voll prak­ tischer Ratschläge. Die Ergebnisse des II. Vatikanischen Konzils begrüßte er, dagegen konnte man ihn ungehalten sehen, wenn er die Meinung moderner Theologen hörte, wichtig sei nicht die Bekehrung Angehöriger anderer Religionsgemeinschaften, sondern die Hilfe für sie, bessere Menschen zu wer- den. ,,Wenn wir gehen, gehen wir im Namen Christi.“ Gern besuchte er in Gremmelsbach die älteren Menschen, die oft in Ungeduld auf ihn warteten, um ihn von China erzählen zu hören. Seinen wohlformulierten Schilde­ rungen zuzuhören, für die er den Heimatdia­ lekt benutzte, war für alle Beteiligten ein Genuß. Am Ort seines letzten Wirkens, in Stühlingen, schloß er am 12. Oktober 1977 für immer die Augen. In der Gruft des Kapu­ zinerklosters ist er bestattet. Zu Lebzeiten hat P. Magnus nie mehr das Geringste von „seinen“ Chinesen erfahren. Doch lebt die Kirche trotz jahrelanger athei­ stischer Propaganda und Kulturrevolution im Untergrund weiter, ja selbst neue Mitglie­ Karl Volk der stoßen zu ihr. Qu e 11 e n: Akten des Missionsarchivs der Kapuziner in Münster/W. Für großzü­ gige Unterstützung dankt der Verfasser Herrn Missionsprokurator, Bruder Eph­ rem Rapp. Mein Weg nach China. Reisebericht von P. Magnus Volk, O.M.Cap. -Verfaßt und in Fortsetzungen veröffentlicht von Stefa­ nie Volk (Rohrbach) im „Seraphischen Weltapostolat“ und im „Triberger Bote“. Briefe von P. Magnus Volk Erinnerungen von Familienangehörigen Eigene Erinnerungen des Verfassers Vergänglich Die Tage kommen und vergeh’n, Wird ein Wunder heut‘ gescheh’n, Ich weiß es nicht, so glaube mir, Gott sagt es weder Dir noch mir. Ja, warte nur, Du wirst es seh’n, Kannst Du auch alles nicht versteh’n; Was gestern noch verborgen schien, Wird über Nacht vorüberzieh’n. Johannes Hawner 157

Die Kapelle auf dem Schabe! Wer auf den mehrere Kilometer von Ried­ öschingen gelegenen Schabe! steigt, kann auf dem Hochplateau gleich zweierlei bewun­ dern. Zum einen, wenn das Wetter mitspielt, den Blick über die liebliche Hegaulandschaft bis hin zu den Eisriesen der Alpenkette, die den Horizont begrenzt, und zum anderen die wenig bekannte Schabelkapelle. Bereits 1816 hat sich der erste Landwirt auf dem Hügel angesiedelt und 1842 entstand, bewirtschaftet von Fidel und Theodor Schey, der zweite Hof. Schon in jungen Jahren litt die Frau von Fidel Schey an Beinbeschwer­ den, die ihr den weiten Weg nach Ried­ öschingen zum Gottesdienst unmöglich machten. So begannen Fidel Schey und sein Bruder für die gehbehinderte Frau ein eige­ nes Gotteshaus auf dem Schabe! zu errich­ ten. Um 1870 war der Bau vollendet. Einge­ schmiegt in den Baumbestand eines alten Obstgartens, macht eigentlich auf den ersten Blick nur der Glockenturm darauf au&nerk­ sam, daß das kleine, mit Holzschindeln ver­ schalte Gebäude eine Kapelle ist. Ausgetre­ tene Steinstufen führen zur Tür, deren Sicht­ fenster mit einem Holzschieber versehen ist. Das Innere der Kapelle besticht durch Schlichtheit. Beidseits des Mittelgangs befin­ den sich zwei Reihen spartanischer Holz­ bänke, die Wände sind weiß gekalkt, mitten­ hinein ragt das Glockenseil. In der Apsis, gegenüber der Tür, befindet sich der Altar mit der Figur eines „Heiligen Sebastian“. Die vom Kloster Amtenhausen der Scha­ belkapelle gestiftete Figur stellt den früh­ christlichen Martyrer in eine Hegauland­ schaft, die sich zum See hin öffnet, vergolde­ tes, marmoriertes Holz umrahmt das Altar­ bild. Drei sehr unterschiedliche Madonnen­ darstellungen sind zudem in der Schabel­ kapelle zu finden. Neben der Vollplastik einer „Fatima-Madonna“ befindet sich 158

Altar mit Sebastians-Figur Madonna auf der Mondsichel rechts neben dem Altar ein Tafelbild. Ent­ sprechend alter Tradition und marianischen Litaneientexten ist die in Öl gemalte Marien­ figur mit einem blauen Mantel bekleidet, hält das Zeichen der Jungfräulichkeit, die Lilie, in der Hand und steht über Schlange und Mondsichel. Passend zum Altaraufbau ist die Umrah­ mung dieses Sakralbildes ebenfalls marmo­ riertes Holz. Der oder die Stifter dieser bei­ den Bildwerke sind nicht bekannt, seit Beste­ hen der Kapelle befinden sie sich an ihrem Platz. Viel jüngeren Datums ist die dritte Mariendarstellung. Anläßlich seines Golde­ nen Priesterjubiläums stiftete Pater Bonifaz Efferenn aus Riedöschingen am 15. Septem­ ber 1952 der Kapelle auf dem Schabe! ein im Stil eines Klappaltars in Holz gefaßtes Bild der „Schmerzensmutter von Rovieto“. Eben­ falls auf eine Stiftung von Verwandten der Schabelhof-Bauem geht die kleine, dem Hei­ ligen Antonius geweihte Glocke zurück. Die erste, alte Glocke, seit Bestehen der Kapelle 159

Der Schwarzwald-Baar­ Kreis in Farben 1. Frühling im Tal bei Opferdingen (German Hasenfratz, Hüfingen) 2. Im Bregtal (German Hasenfratz, Hüfingen) 3. Stimmung in der Baar bei Pfohren (German Hasenfratz, Hüfingen) 4. Heuernte wie früher auf der Frevelt, Schonach (Erwin Kienzler, Schonach) 5. Blick vom Fürstenberg auf Neudingen und die Baar Görg Michaelis, Blumberg) 6. FriedrichshöheNillingen (German Hasenfratz, Hüfingen) 7. von Schanze Schönwald (Monika Eckerle, Schönwald) 8. Bahn-Perspektive auf die Stadt St. Georgen i. Schw. (Hans Jungnickel, St. Georgen) Schmerzensmutter von Rovieto im Turm, blieb in den Wirren des Zweiten Weltkriegs. Nur noch selten erklingt das Geläut der kleinen Glocke. Traditionsgemäß wird von den Bewohnern der Schabelhöfe im Rosenkranzmonat Oktober einmal wöchentlich der Rosenkranz gebetet und dann ruft die Glocke zum Gebetsbeginn. Fatima-Madonna Christiana Steger 160

Der Landkreis und der Jakobsweg nach Santiago de Compostela Im Schwarzwald-Baar-Kreis befinden sich mehrere Kunstwerke, die den Heiligenjakobus darstellen. Dies deutet daraufhin, daß die vom 9. bis Ende des 17.Jahrhunderts !ebendigejakobuswal!fahrt nach Santiago de Compostela auch im Gebiet des heutigen Schwarzwald-Baar-Kreises Spuren hinterlassen hat. Sind unsere Vorfahren zusammen mit Pilgern aus dem süddeutschen Raum zum spanischen Heilig­ tum des Apostels jakobus gezogen? Möglich, daß eine Pilgerstraße, auf der man durch die Schweiz und Frankreich nach Spanien zog, auch unser Gebiet berührt hat. Die nachfolgenden Beiträge beschäftigen sich mit der Wal!fahrt zum Heiligen j akobus, wobei der früh­ mittelalterlichen Steinplastik des Apostels Jakobus, die aus der im Dreißigjährigen Krieg zerstörten St. -Jakobs-Kapelle in Nordstetten stammt und heute das Villinger Münster ziert, eine besondere Bedeu­ tung zukommt. Der Jakobsweg Bedeutung und Ausstrahlung Zu Anfang des 10.Jahrhunderts könnten die Unterschiede zwischen dem Süden und dem Norden Spaniens nicht größer sein. Cordoba war die Hauptstadt eines blühen­ den muslimischen Reiches. Im gesamten Mittelmeerraum – das Mare nostrum der Römer war jahrhundertelang ein christliches Meer gewesen -war nun der Ruhm der spa­ nischen Muselmanen so groß, daß sich unter der christlichen Welt im Norden Europas die Gewißheit verbreitete, im südwestlichen Teil des Mittelmeers habe sich das islamische Reich für immer gefestigt. Im Norden Spa­ niens gab es kleine arme christliche Königrei­ che, die, so lange sie gegen die Araber beste­ hen konnten, ein Bollwerk der Christenheit blieben und das unaufhaltsame Drängen des Islams in christliche Gebiete bremsten. Sie bildeten eine Barriere gegen die Ungläubi­ gen und waren eine sichere Garantie, daß die Länder am nördlichen Mittelmeer christlich bleiben konnten. Aus jenem christlichen Rest im nordwest­ lichen Gipfel der Halbinsel, am sogenannten finis terrae, kam die Nachricht von der Ent­ deckung des Grabes des· Heiligen Apostel Jakobus (spanisch: Santiago). Nachdem zwei Jahrhunderte zuvor das Heilige Land in die Hände der Ungläubigen gefallen war, und die christliche Welt durch die unaufhaltsame Expansion des Islams immer kleiner wurde, hatte die Christenheit keine so erfreuliche Neuigkeit erhalten, rasch verbreitete sie sich, überquerte die Pyrenäen und setzte Massen von Menschen nach dem fernen Galicien in Bewegung. Santiago de Compostela wurde so nicht nur ein hochbedeutender Mittel­ punkt christlicher Kultur, sondern geradezu der Gegenpol zu Cordoba, der alten Resi­ denz der Kalifen. Die Bedeutung der Entdeckung des Jakobgrabes für die mittelalterliche Christen­ heit läßt sich nicht in wenigen Sätzen aus­ drücken. Der tiefe Glaube der Christen an die Allmacht Gottes mußte eine Erklärung finden für die Tatsache, daß so viele Gebiete in der Welt nicht unter der Herrschaft des Kreuzes standen. Nach mittelalterlicher Auf­ fassung war Jerusalem das Zentrum der Welt. Die Stadt Gottes, die als Symbol der von allen Christen angestrebten himmlischen Jerusalem galt, stand unter muslimischer Herrschaft. Dies konnte nur eine Folge der Sünde der Christen sein. Die Christenheit strebte die totale Christianisierung der Welt an. Richtung Osten war dies nicht möglich, 161

Pilgerstraßen nach Santiago de Compostela FRANKREICH Paris /“ Tours 1• Vez ilay …——-• Besancon 1 /• Autun i / ::::::. / /j/ eBordeaux /• Le Puy 1 .�: Conques �——Ar les 5:�;;ulous .,. Leon ._______ � f>�uen.te �+,-.,—r— �*“‚a: la Reina …… -……_� Roncesvalle ‚!JI,,,�._….� ,… � „‚–· ;·· –l …. „:-··…_ � • • �liisied ATLANTIK Santiago de Compostela ·— Bur�os SPANIEN aber in Richtung Westen bis zum äußersten Gipfel desfinis terrae war das Grab des Jako­ bus ein symbolträchtiges Zeichen der Herr­ schaftJesu Christi in der ganzen Welt Außer den Gräbern von Petrus und Paulus war das neuentdeckte Grab die einzige Grabstätte eines Apostels in der Christenheit. In der geschlossenen Welt des Mittelalters konnte man in Richtung Westen nicht weiter gehen. Die Ängste der Bedrohung durch Muslims und Tartaren war dort nicht vorhanden. Es war ein großes Gefühl der Sicherheit, was der Pilger in Santiago erlebte: Man spürte dort die Grenzen der Welt, ihre Endlichkeit in Gottes Hand. Die Wallfahrt nach Santiago de Compo­ stela wurde schon fiühzeitig der nach Jerusa­ lem und Rom gleichgestellt. Diese drei wur­ den als „peregrinationes maiores“ anerkannt und gegenüber der anderen regionalen oder überregionalen Pilgerfahrten abgehoben. Verglichen aber mit der meist von Venedig aus angetretenen Schiffsreise nach Jaffa, das 162 nur zwei oder drei Tagesmärsche von Jerusa­ lem entfernt war, verglichen auch mit der durch relativ dicht besiedeltes und erschlos­ senes Gebiet führenden Romfahrt, war die Pilgerreise nach Santiago über Land im allge­ meinen langwieriger, mühseliger und risiko­ reicher. Die Pilger kamen zu Tausenden. Halb Europa machte sich auf den Weg nach San­ tiago. Die Pilgerfahrt durch ganz Europa nach Westen bedeutete den Beginn einer neuen kulturellen Atmosphäre, die nicht nur für die Festigung der christlichen Reiche Spa­ niens von Bedeutung sein sollte. Die Pilger aus ganz Europa waren Ausdruck der Solida­ rität der ganzen Christenheit mit der an der Grenzen zur muslimischen Welt kämpfen­ den Christen, sie artikulierten aber auch im Begehen des einen und einigenden fernen Zieles die Solidarität unter den vielen Völ­ kern der Christenheit. Kein anderes Heilig­ tum in der ganzen Christenheit hat den Geist und das Denken Europas im Mittelalter so

– � ‚ ‚ � … ,._:.: , � – . . . ,., ‚� . – • L . ‚ nachhaltig beeinflußt wie Santiago de Com­ postela. Der Schrein des Apostels Jakobus war eine einzigartige, alles zusammenschlie­ ßende Kraft, aus der eine Massenbewegung ohnegleichen entstanden ist. Über einige hundert Jahre war Santiago die Q!.ielle euro­ päischer Zivilisation. Die Pilgerfahrt war ohnehin eine Energie, die die Grenzen von Völkern und Nationen sprengte. Wallfahren war eine willkommene Gelegenheit, aus der Enge und monotonen Regelmäßigkeit der rigiden sozialen Struktu­ ren des mittelalterlichen Dorf- oder Stadtle­ bens auszubrechen. Ein altes Pilgerlied spricht ausdrücklich vom Brechen der Mau­ em, die uns umgeben. Die Möglichkeit der Mobilität kam in den Pilgerfahrten deutlich zum Ausdruck. Peregrinatio bot dem einzel­ nen die Möglichkeit, aus der drückenden Abhängigkeit der Grundherrschaft, aus den engen Schranken des Klosters oder selbst den begrenzten Freiheiten der Stadt wenig­ stens für eine gewisse Zeit auszubrechen. Die Pilger standen unter kirchlichem Schutz. Der Peregrinus erfreute sich besonderer Pri­ vilegien. Als Pilger wurde ihm zumindest auf Zeit der Ausbruch aus den Schranken seiner Gesellschaft und seines Standes ermöglicht. Als Pilger konnte er ihm sonst unerreichbar bleibende ferne Länder und fremde Völker Europas zu Gesicht bekommen. Nur Pilger hatten freien Zugang zu fremden Städten und Dörfern, sie waren willkommen. Die Gemeinden, sonst fremdenfeindlich, waren sogar verpflichtet, die Pilger zu empfangen und auf ihrem Weg zu unterstützen. In früheren Zeiten rückte das Wallfahren die christliche Welt zusammen. Das Reisen überhaupt war noch so zeitraubend, müh­ sam und kostspielig, daß jeder es vor sich selbst möglich tief zu begründen, zu recht­ fertigen, fast zu entschuldigen suchte. Die Wallfahrt war jedenfalls ein einigendes Band der christlichen Völkerfamilie über Grenzen hinweg. Die Pilgerfahrt hatte daher große Bedeutung für Kommunikation und Le- 163

Die berühmte Pilgerbriirkr 11on Puente la Rl’i11a 1 fr-1 im bensgefühl vieler Menschen. In der Gesell­ schaft des Mittelalters hatte der Pilger einen Freiraum, der unvergleichlich größer war als die ständische Ordnung es sonst erlaubte. Sie war auch eine Art Ausbruch aus dem grauen und harten Alltag. Eine Pilgerfahrt bedeutete in der Tat für viele Menschen „die konkrete Utopie“. Karl Bosl nennt das Wall­ „Reisesehnsucht fahren religiösen Gewand“. Am Jakobsweg trafen sich jene Menschen mit Unternehmungsgeist und Erneuerungs­ willen, welche dem normalen Leben über­ drüssig waren, und dies zu einer Zeit, als der Aufbruch Europas aus archaischer Ruhe eine weltbestimmende geistige Bewegung signali­ siert. Die Zeit der Romanik gilt als schöpferi­ sches Erwachen und Drang zur Expansion, zu einer Dynamik, die einer Vielfalt neuer individueller und nationaler Kräfte zum Vor dem Ortseingang von Puente la Reina, wo sich die ehemaligen Pilgerwege trafin, steht eine moderne Pilgerkarikatur

Ausdruck verhalf und die gemeinsame Basis einer alles übergreifenden Kultur und Zivili­ sation im Okzident prägte. Damals ist jenes Europa entstanden, das für den Außenste­ henden trotz seiner Vielfalt ein einheitliches Aussehen hat. Die Fernpilgerfahrt nach San­ tiago hatte offensichtlich dem Frömmig­ keitsempfinden und dem Freiheitswillen des Menschen im Hochmittelalter besonders entsprochen. Auf dem Jakobsweg nahmen die romanische Kunst, die provenzalische Lyrik, die Legenden, die die Heldentaten mythischer Krieger zum Inhalt hatten, die Musik und ganz allgemein alle Aspekte, die das Profil des mittelalterlichen Europas ver­ vollständigen, Gestalt an. Mit dem Verfall der mittelalterlichen Kultur hat das Pilgern zwar ein Ende gehabt, die Wirkungen dieser Bewegung blieben. Die Pilgerwege nach Santiago sind die ]akobsschwert an der Haupifassade des Hotels San Marcos Das ehemalige Pilgerhospital in Le6n, heute Hotel 165

Verbreitungslinien dieser einigenden Kraft und dienten zugleich der Eröffnung von Mitteleuropa zum Westen hin und daher auch zur Erschließung des europäischen Westens insgesamt. Entlang alter Römerstra­ ßen und Heerwege förderten sie neue Han­ delsverbindungen und die Durchsetzung von Kunstrichtungen und handwerkliches Können. Es waren die Pilger, die die Künste und Handwerke Europas vereinigten. Die Straßen, die sie entlangzogen, waren die Lebensarterien, in denen Geist und Ideen ungehindert pulsieren konnten. Die Sterne selbst leuchteten den Weg zum Grab des Jakobus – behauptete die Jakobslegende -, die Milchstraße sei das himmlische Zeichen und Abbild des heiligen Weges. Die Städte und Orte, die am Wege lagen, profitierten von dieser regen geistigen Bewegung. Die Jakobspilgerfahrten und ihre weitgedehnten Straßen durch Europa zum Apostelgrab können daher in ihrer Bedeutung für das Ver­ stärken des Gemeinschaftsgefühls der Chri­ stenheit in Europa nicht hoch genug heraus­ gestellt werden. Aber auch für das Aufblühen von Handel und Gewerbe, Kunst und Wis­ senschaft und überhaupt für das Zusammen­ wachsen des Abendlandes haben diese Pil­ gerwege einen wesentlichen Beitrag geliefert. In enger Verbindung und oft in direktem Zusammenhang mit der Santiago-Wallfahrt hatte die Jakobusverehrung seit dem hohen Mittelalter auch in Deutschland weite Ver­ breitung gefunden. Als Schutzpatron der Ritter und mancher Gewerbezweige, darun­ ter gelegentlich die Schiffbauer, als Patron vieler Städte und Kirchen und in wachsen­ dem Maße als Schutzheiliger der Pilger erfreute sich Jakobus der Ältere großer Beliebtheit und Popularität. Die Frage, auf welchen Straßen die Pilger des Abendlandes nach Compostela zogen, ist nicht immer ganz einheitlich zu beant­ worten. Vielfach können wir sie heute noch an ihren in bestimmten Abständen stehen­ den oder schon verschwundenen Jakobskir­ chen und -kapellen, an Pilgerherbergen oder Bruderschaften nachzeichnen. Im allgemei- 166 nen kann man für das Gebiet des alten römisch-deutschen Reiches feststellen, daß es drei verschiedene Sammelpunkte der Pil­ ger nach Compostela gab. Einmal im Nor­ den die großen Hansestädte an den Küsten der Ostsee (wie Lübeck, Stralsund, Danzig bis Riga und Reval), wohin vielfach auch die Pilger aus dem Osten und Skandinavien kamen, und der Nordsee (besonders Ham­ burg und Bremen), von wo die Wallfahrer – meist in größeren Transporten zu Schiff – nach Südfrankreich (z.B. Bordeaux) oder seltener zum galicischen Hafen La Coruna direkt fuhren. Als zweiter Treffpunkt gilt die alte Kaiserstadt Aachen mit ihren zahlrei­ chen Pilgereinrichtungen, von wo es weiter nach Paris ging, wo sich täglich an der Rue St.Jacques Gruppen von Pilgern bildeten. Der dritte große Pilgerweg nahm im Kloster Einsiedeln seinen Ausgangspunkt. Dort wur­ den die Wallfahrer von einer dort mächtigen Jakobsbruderschaft mit Segen und Empfeh­ lungsschreiben für den langen Weg verab­ schiedet. Die Ströme von Pilgern, die über Villingen wanderten, gingen voraussichtlich nach Einsiedeln, sammelten sich aber mei­ stens in Basel. Von dort aus bildeten sie grö­ ßere Gruppen, damit sie über die wenig bevölkerten Landschaften Frankreichs und Spaniens sicherer gehen konnten. Sie wähl­ ten vor allem den südlichen Weg, der über Luzern, Bern und Fribourg – deren Ratspro­ tokolle laufend die an die Jakobspilger gezahlten Unterstützungen erwähnen – nach Lausanne und Genf mit seinem Pilger­ hospiz und der Jakobskapelle am linken Rhoneufer ging. Die Straße führte rhoneab­ wärts bis Nimes und St. Gilles, wo mehrere Pilgerstraßen aus Italien einmündeten. Andere deutsche Pilger gingen nach Vezelay in Burgund, wo sich eine weitere der großen franzözischen Pilgersammelstellen befand. Am stärksten war der Zustrom französi­ scher Pilger gewesen, denen vor allem die Kluniazenser mit ihren zahlreichen Kloster­ herbergen im Süden Frankreichs und im Norden Spaniens den Weg ebneten, und denen später auch die Franziskaner zur Seite

standen. Man spricht mit RechtvomJakobs­ weg als eine „gallicana peregrinatio“. Für die anderen Nationen Europas kann man eben­ falls eindrucksvolle Daten vorlegen. Das deutsche Sprachgebiet übernahm am frühe­ sten und umfangreichsten die Verehrung des heiligen Jakobus. Schon im 9.Jahrhundert lassen sich die ersten Wallfahrten von Bay­ ern nach Santiago belegen. In den nächsten Jahrhunderten treten neben die Fürsten und Bischöfe auch die deutschen Ritter als Kämpfer gegen den Islam. Die zahlreichen gut organisierten, teilweise bis mit zu 70 Wagen ausgestatteten Karawanen deutscher Pilgerzüge erregten die besondere Aufmerk­ samkeit der spanischen Chronisten. Immer mehr begegnen wir dann wohlhabenden Patriziern und Kaufleuten vor allem aus den großen Reichs-und Hansestädten. Von eini­ gen dieser Bürger liegen interessante Reisebe- Aposteljakobus am P6rtico de la Gloria (Kathe­ drale in Santiago de Compostela) Die Kathedrale von Santiago de Compostela 167

verbreitete Belebung der Jakobusverehrung, ergeben ein Bündel von Indizien, deren Aus­ sagewert von der außergewöhnlichen Reso­ nanz und Bedeutung spricht. Die Tatsache, daß Villingen im Netz der europäischen Wege nach Santiago eine wichtige Rolle spielte, ist für die Geschichte dieser Stadt von großer Relevanz. Die Geschichte einer Stadt ist geprägt von den Routen und Wegen, an denen sie stand, denn diese bestimmten, welche Menschen und zu wel­ chen Zwecken an ihr vorüberzogen, sie bestimmten den Rhythmus des Lebens, die Verbindungen, die sie knüpfte, die Bilder und die Räume, in die sie einbezogen war. Fernando Dominguez Am Kap Finisterre {finis terrae) richte vor. In Santiago und auf dem gesam­ ten Jakobsweg gründeten deutsche Hand­ werker, vor allem Gold-und Silberschmiede, eigene Betriebe. · Mehr als acht Jahrhunderte war die Wall­ fahrt nach Compostela zum Grab des Apo­ stels Jakobus ein Unternehmen, das die Menschen immer von neuem faszinierte. Millionen und Abermillionen von Pilgern begaben sich auf eine Wanderschaft, deren verschiedene Routen ebenso mühselig wie gefahrvoll waren. Dort, wo sich die mittelal­ terlichen Pilgerstraßen dem Ziel langsam näherten und sich zu einem dicht mit Her­ bergen und Andachtsstätten besetzten Netz verknüpften -in Aquitanien, Südfrankreich und Nordspanien -, entstand damals eine Kulturlandschaft, die politisch, künstlerisch und religiös tief auf Europa eingewirkt hat. Die Häufigkeit der Wallfahrten nach San­ tiago, die europäische Dimension ihres Ein­ zugsgebietes, die zahlreich überlieferten Rei­ seberichte und Itinerare sowie schließlich die 168

,Jakobus krönt zwei Pilger“ Eine Steinplastik aus der untergegangenen Jakobuskapelle vor Villingen „In einem feinen Wiesenthäle mit gutem durchfließenden Brunnenwasser unter einem Fohrenschächle“ – bei Nordstetten stand eine dem Hl.Jakobus und der HI. Ve­ rena geweihte Kapelle. Urkunden im Villin­ ger Pfründarchiv belegen ihre Existenz und ihren Besitz. Auf der Villinger Pirschge­ richtskarte, die Anton Berin im Jahr 1607 gemalt hat, und die im Tiroler Landesarchiv in Innsbruck aufbewahrt wird, ist die Lage und das äußere Erscheinungsbild der Kapelle detailgenau dargestellt. Es war ein ansehnliches Kirchlein mit ringförmiger Mauer um den Kirchhof. So ganz unbedeu­ tend kann indes dieses bescheidene Heilig­ tum auf der Baar nicht gewesen sein, denn im Jahr 1342 schickte der Papst aus Avignon – das liegt am Weg nach Santiago de Compo­ stela -einen Ablaßbrief, mit dem die Kapelle besondere Privilegien erhielt, und damit gewann sie für den mittelalterlichen Men­ schen auch an Attraktivität. „1633 hat der Feind sie umschanzet und ihr viel Böses zugefügt.“ Das heißt: Sie liegt seit dem 30jährigen Krieg verwüstet. 1659 beschloß der Rat der Stadt, vom Wiederauf­ bau abzusehen und das Vermögen der Kapelle dem bedürftigen Münsterfond zukommen zu lassen. Damit begann die ,,Peregrinatio“, die Pilgerreise der Sand­ steinplastik, die wohl seit der ersten Hälfte des 14.Jahrhunderts die Hauptfigur auf dem Altar der Kapelle gewesen war. Der Heilige Jakobus und die zwei Pilger, die er krönt, wanderten in das Vorzeichen, die Vorhalle der Altstadtkirche. Dort befand sich auch seit 1493 der große Cruzifixus mit den beiden Schächern, der jetzt im Chor der Franziskanerkirche fd in Kopie am Turm der Friedhofskirche zu sehen ist. 1841 wurde dieses Vorzeichen abgebrochen. Der Chorre­ gent Dürr hat die Figur, die schon in Gefahr war, dem Bauschutt zugezählt zu werden, Kapelle bei Nordstetten. Ausschnitt aus der Villinger Pirschgerichtskarte von Anton Berin, 1607. gerettet. Barnabas Säger hat die Plastik neu gefaßt, und dann zog Jakobus ins Münster ein. Er wurde da zum Säulenheiligen, denn er wurde hinter dem Hauptaltar hoch auf einer Säule aufgestellt. Bis 1905 war er da vom Kirchenschiff aus gut sichtbar, denn der damalige, neugotische Hochaltar war viel kleiner als der heutige. Mit anderen Kunstwerken, z.B. mit der Kanzel zusammen, wurde Jakobus im 2. Weltkrieg in die bombensicher vermauerte Nordturmkapelle, das finstere Chörle, ver­ bracht. Es folgte 1975 die Restaurierung der wertvollen Figur zur Stauferausstellung. Die 169

Farbfassung von Säger wurde wieder abge­ nommen und die Reste der Originalfassung wurden sorgfältig konserviert. Während der Zeit der Münsterrenovation war Jakobus Gast im Museum Altes Rathaus. Seit 1985 wird er wieder im Münster an einem Pfeiler im Mittelschiff bewundert, vielleicht sogar verehrt. Wir wissen nicht, ob und wieviele Villin­ ger nach Santiago de Compostela gezogen sind. Wir wissen nicht, wieviele Pilger auf ihrem weiten Weg auch die Jakobuskapelle vor Villingen besucht haben, bevor sie sich etwa in Einsiedeln zu größeren Gruppen sammelten. Aber es ist gut vorstellbar, ich glaube auch wahrscheinlich, daß manche Villingerin und mancher Villinger -aus dem engen, muffi­ gen, eintönigen Leben innerhalb der Ring­ mauer kommend -bei einem Besuch der Kapelle vor diesem Jakobusbild so etwas wie Sehnsucht oder auch Reise-und Abenteuer­ lust verspürt und davon geträumt hat: Könnte ich doch auch ein Pilger sein, loslas­ sen Alles, Abschied nehmen, aufbrechen, die Weite erleben, das Ziel erkämpfen, die Krone des Lebens erahnen am Grab des HI. Apostels Jakobus. Geistliche Betrachtung vor der Stein­ plastik ,Jakobus krönt zwei Pilger“ Ca. 675 Jahre alt ist das ehrwürdige Bild, von unbekanntem Meister aus Sandstein gehauen und farbig gefaßt. Wie erkennen unschwer zwei Pilger – kenntlich an der Jakobusmuschel auf ihren Taschen, dem Pilgerstab und den großen Kapuzen. Ermattet von dem schier endlosen Weg, aber auch in selig, dankbarer Freude angekommen beim HI. Jakobus im fernen Galizien sinken sie auf die Knie. Sie heben ihre bärtigen Gesichter und ihre gefalteten Hände und warten auf den Segen des Apo­ stels, ihre Krönung. Dem Betrachter muß auffallen: Jakobus senkt nicht freundlich seinen Blick, er wen­ det sich nicht den Pilgern zu, obwohl er die Kronen über sie hält. Sein versonnen strah­ lender Blick geht nach oben in eine noch­ mals unbekannte Weite. Das bedeutet: Am Ziel der Pilgerfahrt kommt erst recht das Ziel schlechthin in den Blick. Der Endpunkt der Pilgerfahrt deutet an, nimmt vorweg das eigentliche Ziel der Lebensreise. Hinter dem hoheitsvoll, im Ver­ hältnis zu den Pilgern übergroß dargestellten Apostel Jakobus scheint auf die „majestas domini“, der Herr selbst, der Weltenherr, der Richter und König der Herrlichkeit. Am Ende der gefahrvollen, mit größtem Einsatz durchstandenen Pilgerfahrt wird der Vers des Apostels Paulus aus dem zweiten Thimotheusbrief 4, 7 für Wallfahrer konkret und aktuell. Mit neuem Verständnis hören die Pilger, was wir alle gern am Ende unseres Lebens berichtigt sagen möchten: ,,Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollen­ det, den Glauben bewahrt, dafür liegt für mich die Krone der Gerechtigkeit bereit, die mir der Herr, der gerechte Richter an jenem Tage übergeben wird; aber nicht bloß mir, sondern allen, die liebend verlangen nach seiner Wiederkunft.“ Das sind geistliche Gedanken, die an die­ sem Bildwerk abgelesen werden können. Das Bild spricht aber auch in unsere politische Wirklichkeit hinein: Zwei Pilger sind durch Europa gezogen. Sie haben die Schönheit, den Reichtum und die bunte Vielfalt dieses Kontinents gesehen. Sie haben reiche menschliche, kulturelle und volkskundliche Erfahrungen gesam­ melt. Mit Recht zählt der HI. Jakobus und seine Wallfahrt zu den Bausteinen der euro­ päischen Identität. Wir haben 1985 für den Nordturm des Villinger Münsters eine neue Jakobusglocke geweiht (vgl. Almanach 87, Seite 144-146). Die Glockenzier ist am hintersten Pfeiler im Münster in einem Nachguß zu betrachten. Die Inschrift der Glocke, die mit jedem Glockenschlag aus der Glockenstube hinaus­ schallen soll, lautet: ,,Heiliger Jakobus, Patron der Pilger und Straßen, führe die Völ­ ker Europas zur Einheit in Freiheit.“ 171

Das Bild sagt: Um rueses Ziel zu erreichen, braucht es die unermüdliche Stetigkeit des Pilgers, der keine Anstrengung scheut. Das zeigen die Pilgerstäbe an mit den abgewetz­ ten Spitzen, das zeigen an die strapazierten, zerschlissenen Pilgermäntel. Neben dem Einsatz und dem Schweiß der Besten und der Vielen braucht es aber auch das Gebet um den Segen des Himmels für das Eini­ gungswerk der Völker Europas. Das bezeu­ gen und dazu laden ein die gefalteten Hände und die gebeugten Knie der beiden Pilger. Dekan Kurt Müller Jakobsverehrung und Jakobswege im Landkreis Die Erwähnung eines Jakobskultes in Oberdeutschland für die Zeit vor 900 durch den St. Galler Mönch Notker Balbulus könnte durchaus auch auf das Gebiet der Baar zutreffen. Erste konkrete Hinweise auf Pilgerreisen nach Santiago de Compostella und die Verehrung Jakobus d. Ä. auf dem Gebiete des heutigen Schwarzwald-Baar­ Kreises datieren jedoch nur aus dem 13.Jahr­ hundert. Um diese Zeit hatte sich der Ruhm der Stätte als gleichrangiger Fernwallfahrts­ ort neben Rom und Jerusalem bereits lange gefestigt. Ob diese recht späten Zeugnisse des Jakobuskultes in unserem Kreis mit der erst im 11.Jahrhundert endgültig erfolgten Besiedlung der Schwarzwaldhöhen durch die Klöster zusammenhängen oder ob andere Gründe hierfür maßgebend sind, muß vorläufig unbestimmt bleiben. In jedem Falle scheint die Verehrung des Heiligen Jakobus und der Weg an sein Grab im 13. und 14.Jahrhundert bereits sehr ver­ breitet gewesen zu sein. Zeugnis hierfür ist die im Untergrund der St.-Marcus-Kapelle in Mistelbrunn gefundene und in das 13.Jahr­ hundert datierte Muschel in gleichem Maße wie die aus den Jahren nach 1260 stammende Skulptur „St. Jakob krönt zwei Pilger“ im Vil­ linger Münster, die einstmals in der nach 1658 abgebrochenen Nordstetter Kapelle stand. In die Reihe dieser frühen Zeugen gehört auch die an der Pfarrkirche in Hüfin­ gen nachgewiesene St.Jakobskaplanei, von der A. Vetter annimmt, sie habe schon im 13. Jahrhundert bestanden. Die am Ende die­ ser Zeitreihe, weil 1388 erstmals erwähnte 172 St.:Jakobus-Kapelle in Klengen weist schließ­ lich auf die Fortdauer der Jakobus-Verehrung während des ganzen Mittelalters und dar­ über hinaus. Als prominentester Pilger mit Bezug zu un­ serem Raum steht in jener Zeit der österreichi­ sche Schatzmeister Jakob Villinger aus Schlett­ stadt, der allein schon an seinem Vornamen sich als ein in der Familientradition stehen­ der Jakobusverehrer zu erkennen gibt. Nach seiner Rückkunft aus Spanien stiftete Villinger in seinem neuen Wohnort Freiburg im dorti­ gen Münster eine Jakobus geweihte Kapelle. Das zugehörige Fenster mit einer Darstel­ lung des heiligen Jakobus, der Jakob Villin­ ger und seine Frau Susanna krönt, ist Sinn­ bild für die Verbreitung der Pilgerfahrt in den vorderösterreichischen Landen, und damit auch in weiten Teilen unseres Kreisgebietes. Der Familienname gar deutet auf eine Her­ kunft aus Villingen, und damit wiederum auf einen jener Hauptorte der Jakobusverehrung im Kreis, an dem der aus dem Kinzigtal kom­ mende Pilgerweg auf den nach Süden in die Schweiz führenden großen Hauptweg stößt. Das Fehlen von Objekten, bildlichen und schriftlichen Zeugnissen des 15. und 16. Jahr­ hunderts zu Jakobus maior aber ist auch in unserem Raum Hinweis auf den Niedergang der Wallfahrt. Die in großem Zuge zwangs­ weise auf den Pilgerweg gesandten Verbre­ cher und die Umwälzungen der Reforma­ tion bewirkten tiefgreifende Veränderungen. Das Ansehen der Wallfahrt nach Santiago de Compostela sank, die Zahl der Pilger ging stetig zurück.

Kirche Marbach, Altar 173

Hüfingen, Jakobsbrunnen Kirche Hiefingen, Seitenaltar fürstenbergischen Sammlungen Der Verehrung des Heiligen selbst tat dies jedoch keinen großen Abbruch. Die heute in den in Donaueschingen ausgestellten Altarbilder und Plastiken aus Kirchen des Bodenseerau­ mes und dem Thurgau, welche Jakobus im Pilgergewand zeigen, besitzen nicht nur künstlerisches Interesse. Sie bezeugen unter anderem eine fortgesetzten Wertschätzung des Heiligen in den fürstenbergischen Lan­ den und damit in gewisser Weise auch in gro­ ßen Teilen des heutigen Schwarzwald-Baar­ Kreises. Die wiederauflebende Wallfahrt im 17.Jahrhundert hat ebenfalls Spuren hinter­ lassen. Zu nennen wäre hier das für 1622 erst­ malig nachgewiesene Flurstück ,Jakobswie­ sen“ aufHüfinger Gemarkung an der Grenze zu Allmendshofen, das im Besitze einer erst namentlich später genannten Jakobusbru­ derschaft gewesen sein muß. 1648 schließlich begegnete Abt Michael Gaisser in dem von Württemberg für wenige Jahre zurückgege- benen Kloster in St. Georgen zwei dort über­ nachtenden Jakobspilgem. Doch trat jetzt unwiderruflich ein Nieder­ gang der Pilgerfahrten nach Spanien ein. Die frommen Wanderer, die sich der Mühe des langen und gefährlichen Weges nach San­ tiago de Compostela unterzogen, ver­ schwanden von den Wegen. Um das Jako­ buspilgerwesen wurde es still. Schuld daran waren weniger die Konkurrenz der einheimi­ schen Wallfahrten (Triberg}, denn die Verän­ derungen der politischen und kirchlichen Gegebenheiten. Erst die Förderung des Heiligenkultes im Zuge der Gegenreformation mit ihrer be­ wußt gepflegten Volksfrömmigkeit gab der Jakobusverehrung im Schwarzwald und auf der Baar neue Impulse. Den frühesten Hin­ weis darauf liefert wiederum die nun als „Zunft und Bruderschaft“ konstituierte Jakobsbruderschaft aus Hüfingen, für die das Jahr 1668 als Gründungsdatum angegeben wird. Sicher sind das Weihedatum der neuen 174

Kirche Allmendshofen, Holzfigur Unterkimacher Kirche St.Jakob (1715) oder die Entstehungsjahre der von Adam und Johann Michael Winterhalder für die Kir­ chen von Donaueschingen (St.Johann) und Vöhrenbach geschaffenen Figuren (1735/40) weitere Daten für die neuerliche Blütezeit der Jakobusverehrung, in der der Heilige den Gläubigen besonders nahe stand. Unver­ kennbar aber ist, daß in dieser Periode tiefer barocker Volksfrömmigkeit der ersten Hälfte des 18.Jahrhunderts der Apostel und Märty­ rer eine neuerliche Popularität erlangt hat, die unter anderem auf der Rückbesinnung auf die mittelalterlichen Wurzeln beruht. Bis heute wird das Andenken an St.Jako­ bus im Kreisgebiet und insbesondere im katholischen Dekanatsbezirk Villingen wachgehalten. Das 1977 von dem Konstan­ zer Künstler Maximilian Bartoß vollendete Chorfenster in der Kirche zu Unterkirnach wie die 1985 erfolgte Weihung einer Jakobus­ glocke im Villinger Münster, die mit einer Kopie der heute ebenfalls dort befindlichen Kirche St.Johann, Donaueschingen Jakobsfigur aus der Nordstetter Kapelle geschmückt ist, zeugen von der Lebendigkeit des Heiligen im Bewußtsein der katholi­ schen Kreisgemeinde in der Gegenwart. Die geographische Verteilung der J akobs-Patrozi­ nien, Statuen, Flurnamen, Pilgerherbergen und anderen an die Jakobuswallfahrt erin­ nernden Zeichen oder Funde aus der Zeit vor 1700 im Kreisgebiet skizziert drei Pilgerwege. Unverkennbar ist ein genau nord-südlich gerichteter Hauptweg, der von der Sinkinger Kapelle -sie weist sich durch Jakobusfigur und ihrer der Madonna aus Einsiedeln nach­ gebildeten Marienfigur als Pilgerhalt aus – über die Allmendshofener Kapelle Oakobs­ Patrozinium) nach Hüfingen und weiter nach Süden(?) führt. Erwähnenswert hierbei ist, daß das ehemalige Hüfinger Flurstück ,Jakobswiesen“ (heute Jakobstraße) von der Jakobusbruderschaft augenscheinlich mit Bedacht gekauft wurde. Hier berührte der von der Allrnendshofener Kirche kom­ mende Pilgerweg erstmals Hüfinger Boden. 175

Kirche Vöhrenbach, zwei Figuren Auf den beschriebenen Nord-Süd-Haupt­ weg trafen in Villingen und Hüfingen zwei den Schwarzwald überquerende Pilgerpfade. Der nördliche, sich vom Kinzigtal über den Brogenpaß heraufziehend, erreichte Villin­ gen wohl über Mönchweiler, Sommertshau­ sen und den im Mittelalter abgegangenen Ort Nordstetten, während der südliche über Mistelbrunn und Bräunlingen nach Hüfin­ gen führte, wo er ebenfalls den Hauptweg traf. Bemerkenswert ist, daß die Wege der Jakobspilger sich zwar an das vorhandene mittelalterliche Fernstraßennetz anlehnten, jedoch nur in Teilbereichen mit diesem iden­ tisch waren. Während so zum Beispiel die hochmittelalterliche Verbindung von Rott­ weil nach der Schweiz auf der alten Römer­ straße Vindonissa (Windisch)-Arae Flaviae (Rottweil) das Villinger Territorium mied, scheinen die Einsiedeln, dem oberdeutschen Sammlungsort für die Jakobuswallfahrt zustrebenden Pilger von Sinkingen über 176 Villingen, Marbach, Allmendshofen und Hüfingen nach Süden gezogen zu sein. Damit wäre die territorialpolitischen Bedin­ gungen unterworfene Straßenführung von den Pilgern nur teilweise angenommen wor­ den. Bestimmend blieben für sie die kirchli­ chen Verhältnisse, d. h. die durch Stätten der Heiligenverehrung (St.-Jakobus-Kapellen), Andacht (,,Stetten bi jacobs cruz“ bei Bräun­ lingen) und klösterlichen Pilgerstationen (St. Georgen) gekennzeichneten Verbin­ dungswege. Von den Pilgern benützte Abkürzungen, die für Pferde und Wagen nicht befahrbar waren, müssen zudem in Betracht gezogen werden. So lehnt sich der südliche Ost-West-Pilgerweg im Schwarz­ wald weder an die nördlich der Breg verlau­ fende „habsburgische“ Villingen – Freibur­ ger Straße über Hammereisenbach, noch an die südliche Route oberhalb Neustadt/ Schw. – Löffingen -Hüfingen an. Vielmehr führt der Pfad im Bräunlinger Gemarkungs­ wald mitten zwischen beiden Straßen über

Kirche Unterkirnach, Barockfigur 177

Kirche Unterkirnach, Prozessionsfahne Kirche Unterkirnach, Figur im Altar Kirche Unterkirnach, Fenster Hubertshofen und Mistelbrunn Richtung Westen. Wo topographische Gegebenheiten es nötig machen, scheinen Pilgerweg und Fern­ straße nicht mehr als parallele Wege zu beste­ hen, sondern ineinander überzugehen. Dies ist augenscheinlich im Abschnitt St. Geor­ gen – Brogenpaß der Fall, dem bis in die Neuzeit hinein gültigen Schwarzwaldüber­ gang ins Kinzigtal als Teilabschnitt der gro­ ßen Fernstraße Schaffhausen – Frankfurt. Der Verlauf einzelner Streckenabschnitte entzieht sich jedoch noch immer genauer Kenntnis. So ist die Trasse des nördlichen �erweges im Bereich von St. Georgen – Mönchweiler – Sommertshausen (südlich Obereschach} bis ins „obere Nordstetten“ – Villingen nur im letzteren Abschnitt stärker gesichert. Die sich wandelnden politischen und kirchlichen Gegebenheiten im Zuge der Reformation haben unzweifelhaft auf den Verlauf der Wege ihre Auswirkungen gehabt. 178

Auffällig bleiben jedoch die auf den Jakobskult und den Jakobsweg fehlenden Hinweise östlich der Achse Fischbach (Sin­ kingen) – Blumberg und südlich der Linie Hüfingen-Unterbränd. Ließe sich die Leere im östlichen Bereich noch mit der Qpellen­ vernichtung durch die Bilderstürmerei der Reformation und der Einführung des Pro­ testantismus erklären, kann dies für den katholisch gebliebenen Südbereich nicht gelten. Vielleicht laden die Artikel des Alma­ nach hier ein, dieser Frage nachzugehen? Dr. Joachim Sturm Münster in Villingen, Figur im Schiff Jakobus-Fenster aus der Villinger Kapelle des Freiburger Münsters

Heiteres aus dem Klosterleben von St. Ursula Sommerliche Dörferrunde der Ursulinen mit ihrem Break (bis etwa 1930) Die nachfolgende Begebenheit trug sich kurz vor dem Ersten Weltkrieg zu, also in einer Zeit als die Villinger Stadt hinter ihren stattlichen Toren und starken Mauem u. a. auch eine bedeutende Landwirtschaft beher­ bergte. Zeugen von annodazumal sind heute noch auffallende bauliche Merkmale an zahlreichen Häusern, besonders in der Brun­ nen-, Färber- und Gerberstraße sowie in der Riet- und Schlösslegasse, daß sie einmal Bau­ ernhöfe waren. – Manche Kaufhäuser, in denen man Produkte aus Übersee und den einstmaligen Kolonien erstehen konnte, wur­ den „Colonialwarenhandlungen“ genannt. – Auch das Kloster St. Ursula besaß nicht nur außerhalb der Stadt verschiedene land­ wirtschaftliche Anwesen, sondern bis zum Jahre 1932 eine Ökonomie auf dem Kloster­ gelände selber, nämlich dort, wo heute die moderne Turnhalle seines Lehrinstituts steht. Fünfzehn bis zwanzig Stück Großvieh, über ein Dutzend Schweine und – darauf waren die Ursulinen besonders stolz – vier 180 bis sechs behutsam gepflegte, attraktive Pferde waren da untergebracht. Nicht min­ der erfüllte sie Hochgefühl, Besitzer eines stattlichen Pferdefuhrparks zu sein. Dazu gehörten eine leichte Chaise für Eilfahrten, ein echter Landauer und ein besonders ele­ ganter Break, das ist ein offener vierrädriger Wagen mit Längs- und �ersitzen für bis zu zwölf Personen. Für Winterausfahrten stan­ den Personenschlitten zur Verfügung. Aus dieser unmittelbaren Nähe zur Land­ wirtschaft müßte der verehrte Leser nun annehmen, daß die ehrwürdigen Frauen gerade darum auch vertraut waren mit den nützlichen Vierbeinern. Wer dies jetzt glaubt oder meint, dem sei so gewesen, der täuscht sich jedoch gründlich. Mit Ausnahme derje­ nigen Ursulinen, die Bauerntöchter waren, gab es da doch eine nicht geringe Zahl vor­ nehmer, sogenannter „höherer Töchter“, nämlich die Lehrfrauen. Deren Väter waren Professoren, Ärzte, Apotheker, großherzog­ liche und fürstliche Beamten oder in ähn-

liehen Positionen tätig. Sie kamen aus Karls­ ruhe, der einstigen badischen Residenz, aus Heidelberg, Mannheim und Freiburg. Erst später – sonst sollen jene im allgemeinen ja die Schnelleren und ergo auch immer die Ersten sein -rückten auch „Ehrwürdige“ aus dem Schwäbischen an! Der Großteil des Konvents bestand also aus „Stadtkindern“. Sie alle waren einem saf­ tigen Schweinebraten, einer würzigen Brat­ wurst oder einem deftigen Speckvesper zuge­ tan und nicht minder einer sonntäglichen Ausfahrt mit einer der klösterlichen Prunk­ karossen, aber die Klosterstallungen mit dem lieben „Viehzeug“ mieden sie zumeist -aus welchen Gründen auch immer! Nur wenige der feinen Damen trauten oder verirrten sich in die Herberge ihrer tierischen „Kobewoh­ ner“, und so konnte eben dieses geschehen, was in den folgenden Reimen erzählt wird. Mitwirkende dabei sind diesmal die Schwe­ stern Monika und Kunigund‘, ein Kolonial­ warenhändler und zwei Villinger „Stadtkühe“. Helmut Groß Verwechslung Einst, in der guten alten Zeit, schritten fromm einher zu zweit zum Münster schon zu früher Stund‘ Monika und Kunigund‘. Sie kamen aus St. Ursula, Ordensfrauen sind sie da. Die heil’ge Messe war ihr Ziel, dort beten sie sonst lang und viel. – Doch plötzlich machen jäh sie halt, Zwei Kühe stürmen aus dem Oberen Tor den beiden wird es heiß und kalt. Zwei Kühe aus dem „Ob’ren Tor“ stürmen im Galopp hervor, direkt los auf die Klosterfrauen. – Und die – in festem Gottvertrauen – machen kehrt in wilder Flucht, ein Unterschlupf wird flugs gesucht. 181 Zwei K/.osterfrauen auf dem Weg zur Messe

Die Panik, sie ist riesengroß, wohin in höchster Not denn bloß? Hals über Kopf zu diesem Zweck in die Bickenstraß‘ ums Eck! Sie haben dazu allen Grund, – schlägt gar ihre letzte Stund‘? Ein Wettlauf, fürchterlich wie nie, und hinterher das „liebe“ Vieh. Hier geht es ja um Kopf und Kragen; da rettet g’rade noch ein Laden! Hineingeeilt und zu die Tür, endlich sind sie sicher hier! – Mit letzter Kraft keucht Kunigund‘ atemringend aus dem Mund: „Zwei Küeh kumme, habt Erbarmen mit uns Schwestern, mit uns armen!“ – Des Kaufmanns Mul bleibt sperrweit offe, noch nie hät’r solche Küeh a’troffe!! – Helmut Groß Zwei Klosterfrauen (,,Pseudoküeh ‚? stürmen in die Colonialwarenhandlung 182

Das Amtsgericht Villingen im Wandel der Zeit Die Sanierung des Amtsgerichtsgebäudes im Stadtbezirk Villingen war für die Redaktion des Alma­ nach Veranlassung, vom zuständigen Staatlichen Liegenschaftsamt einen Beitrag unter denkmalpjlege­ rischen Gesichtspunkten zu erbitten. Zur Abrundung dieses Kapitels gehört jedoch auch die geschichtli­ che Entstehung und Entwicklung des Amtsgerichtes in Villingen. Diesen Teil hat freundlicherweise der frühere Direktor des Amtsgerichtes, Herr Siegfried Hiesel übernommen. Entstehung und Entwicklung des Amtsgerichtes Villingen Die alte Zähringerstadt hatte jahrhunder­ telang in Vorderösterreich eine besondere und herausragende Stellung inne gehabt. Sie war zwar nicht Freie Reichsstadt, genoß aber eine herausragende Selbständigkeit in Ver­ waltung-und Gerichtswesen. Maßgebend hierfür war unter anderem der sogenannte Blutbann als Ausdruck der Höheren Gerichtsbarkeit. Diese Entwicklung hat ihr Ende mit dem Untergang des alten Reiches gefunden. Im Jahre 1806 war Villingen Bestandteil des Großherzogtums Baden mit der Hauptstadt Karlsruhe geworden. Damit war es plötzlich zu einer unbedeutenden Kleinstadt ohne jede Zentralfunktion her­ abgesunken. Es wurde zwar-wie viele andere Kleinstädte -Sitz eines Bezirksamtes. Dieses, geleitetvom Oberamtmann, verwaltete auch in einer eigenen Abteilung das Niedere Ju­ stizwesen. Eigene Gerichte gab es aber in Vil­ lingen nicht mehr. Nachdem die Turbulen­ zen der napoleonischen Zeit vorüber waren, besann man sich wieder der alten Bedeutung der Stadt und schickte Bittschriften und Abordnungen in Gehrock und Zylinder nach Karlsruhe. Die jahrelangen Bestrebun­ gen waren schließlich von Erfolg gekrönt. Die großherzoglich-badische Regierung hatte sich 1845 endgültig entschlossen, in Villingen ein sogenanntes Bezirksstrafge­ richt mit einem zugeordneten Gefängnis ein­ zurichten. Es kam dann am 15. 12.1846 zum Abschluß eines schriftlichen Vertrages zwi- sehen dem »Hoch preislichen“ Justizministe­ rium und der Stadtgemeinde. Das damalige höchstens ca. 5.000 Einwohner zählende Handwerker- und Bauernstädtchen war nicht in bestem Zustand. Das mittelalterli­ che Stadtbild war wohl noch im großen und ganzen erhalten, aber im Zerfall begriffen. Es fehlte an geeigneten Gebäuden, ein Behelfs­ gefängnis befand sich in der säkularisierten Johanniterkirche. So verpflichtete sich die Stadtgemeinde in dem erwähnten Vertrag zum Verkauf eines Bauplatzes für das geplante Bezirksstrafgericht mit Gefängnis. Das war aber auch gleichzeitig das Ende des vierten Villinger Stadttores, genannt „Niede­ res Tor“. Im Vertrag ist nämlich bestimmt, daß dieses alsbald abzubrechen sei. Interes­ sant ist in diesem Zusammenhang auch, daß im Hof des Gerichtsgebäudes und Gefäng­ nisses laufende Brunnen einzurichten seien. Eine zentrale Wasserversorgung existierte damals noch nicht. Jedenfalls sollte von der Stadt das Gelände hergerichtet, nivelliert und durch die heute noch bestehenden Stra­ ßenzüge arrondiert werden. Damit hatte die Stadt einen großen Erfolg für ihre Aufwer­ tung errungen und die Freude war entspre­ chend groß. Vom Verlust des vierten Stadt­ tors sprach damals offenbar niemand. Schließlich wurde die feierliche Grundstein­ legung auf den 25. Juni 1847 festgesetzt. Das Villinger Wochenblatt berichtete damals u. a. wie folgt: 183

„Böllerschüsse und Tagreveille der Bürgermusik verkündeten in der Frühe den Anbruch dieses Festes. Im Weichbild der Stadt wetteiferten die Bürger auf das eifrigste, die Häuser, Straßen und Brunnen zu verzieren. Die Porträts und Wappen des Großherzoglichen Hauses, sinnreiche /nschrif ten, die Gerechtigkeitspflege lobend und die Fah­ nen an Häusern und Türmen gaben der ganzen Stadt ein festliches Aussehen. Die Bürgermilitär­ corps von Vöhrenbach und Unterkimach waren heranmarschiert und die Offiziere der Bürgermili­ tärcorps von Bräunlingen, Hüfingen und Triberg erhöhten durch ihre Anwesenheit die Feier. Der Festzug, bestehend aus den Militärcorps, der Schuq“ugend, der Lehrerschaft, den festlich geschmückten Jungfrauen, welche die Denkzei­ chen zur Grundsteinlegung trugen, dem Gesang­ verein, den landesherrlichen- und Gemeindebe­ amten, den Zünften bewegte sich vom Amts- haus zum Münster. Nach Abhaltung eines feierli­ chen Gottesdienstes setzte sich der Zug zum Fest­ platz in Bewegung. Unter dem Spiel der Musik wurde hierauf der Grundstein gesetzt. Ein Mit­ tagsmahl aef der ,Sonne-Post‘ schloß sich an . . . “ Daraus ist einmal zu erkennen, mit wel­ cher Begeisterung die Wiederbegründung einer Gerichtsbarkeit aufgenommen worden ist, zum andern ist aber festzustellen, daß zunächst noch von einem Amtsgericht nicht die Rede war. Stattdessen überschatteten aber bald andere Ereignisse die Szene. Die Revolutionsjahre von 1848/49 fuhren vor allem im Großherzogtum Baden zu gewalt­ samen Zuständen und Störungen der öffent­ lichen Ordnung. Auch Villingen – wie das ganze badische Land – war zeitweise von preußischen Truppen besetzt. Es kommt daher wohl nicht von ungefähr, daß nach der 184

Grundsteinlegung über das Schicksal des begonnenen Gebäudes nichts mehr zu hören, bzw. zu lesen ist. Stattdessen geriet das Gerichtswesen in den Sog der Revolu­ tion. Dieses wurde von den Revolutionären als bisherige Domäne des Monarchen aufge­ faßt und dieser das Volksrecht bzw. die Teil­ nahme an der Rechtsprechung entgegenge­ setzt. Schöffen- und Schwurgerichte wurden gefordert, Verhandlungen sollten für alle öffentlich sein, nach französischem Vorbild wurden Staatsanwaltschaften gefordert, die Verteidigung erhielt eine neue Bedeutung, Justitia mit der Waage auf dem Hintergrund des ausgehenden, romantischen Zeitalters war Ausdruck dieser Denkweise. Das Recht war hehren und demokratischen Ursprungs. So fällt auf, daß das eigentliche Gebäude in einem sachlichen Stil errichtet worden ist, während der Sitzungstrakt rein äußerlich abgesetzt und in feierlichem Stil einem Kir­ chenbau und im Innern einem Kirchenstil nicht unähnlich zweistöckig errichtet wor­ den ist. Über den weiteren Fortgang der Arbeiten ist nichts Konkretes bekannt. Es darf jedoch angenommen werden, daß durch die Wirren der Revolutionsjahre erhebliche Verzögerungen eingetreten sind. Insgesamt ist jedoch der Schluß gerechtfertigt, daß das Gerichtsgebäude die Gedanken und Ideen der Revolutionsjahre in Stein umgesetzt hat. Darin liegt wohl die Einmaligkeit dieses Baus und damit auch die Denkrnalswürdigkeit. Auch sonst ist in diesen Jahren im J ustizwe­ sen einiges in Bewegung geraten. Der ursprüngliche Plan der Errichtung eines Bezirksstrafgerichts wurde zwar sang- und klanglos fallengelassen. Statt dessen wurde im Jahr 1857 die Niedere Gerichtsbarkeit bei den Bezirksämtern ausgegliedert und unter der amtlichen Bezeichnung „Amtsgericht“ zusammengefaßt. Dieses Gericht unterer Stufe wurde dann in dem nun wohl fertigge­ stellten Gerichtsgebäude untergebracht. Das war dann die Geburtsstunde des Amtsge­ richts in Villingen. Gleichzeitig war es aber ein wichtiger Zeitpunkt in der Neuordnung des Gerichtswesens. Die Gewaltenteilung und damit die Eigenständigkeit der Gerichte als dritte Gewalt im Staat war nun endgültig nahtlos durchgeführt. Dieses neue Amtsge­ richt muß sich in dem für die damaligen Ver­ hältnisse weitläufig und geräumigen Ge­ bäude ziemlich verloren vorgekommen sein, wenn man die damalige Besetzung mit einem Amtsrichter (heute 11), einem Ge­ richtsschreiber, drei Aktuaren und noch wei­ teren 2 Hilfskräften berücksichtigt. Es muß deshalb vermutet werden, daß damals wie auch später noch Dienstwohnungen unter­ gebracht worden sind. Die justizpolitische Entwicklung war damals in wenigen Jahren in Bewegung geraten. So kam es im Jahre 1864 im Rahmen einer gesetzgeberischen Justizreform zur Gründung von sogenann­ ten Kreisgerichten. Dies war auch in Villin­ gen für die Amtsgerichtsbezirke Villingen, Donaueschingen und Triberg der Fall. Dieses Gericht zog nun zusätzlich in das Amtsge­ richtsgebäude ein. Nun hatte Villingen auch noch ein Rechtsmittelgericht. Auch dies war erneut ein Anlaß zur Genugtuung und Freude für die Stadt. Doch schon nach ein paar Jahren wurden die Kreisgerichte in die­ ser Form wieder aufgehoben und das Kreis­ gericht Villingen wurde als „Landgericht“ nach Konstanz verlegt. Dieser Zustand wurde dann 1877 durch die sogenannten Reichsjustizgesetze endgültig bestätigt. Damit war praktisch der heutige Rechtszu­ stand im Gerichtsaufbau erreicht. Weitere Bemühungen der Stadt Villingen um ein Landgericht unter Hinweis auf die räumliche Entfernung von Konstanz scheiterten nun an dem Umstand, daß die Schwarzwaldbahn Offenburg – Konstanz spätestens seit 1873 durchgehend befahrbar war. Villingen erhielt nun eine andere Zentralfunktion als Eisen­ bahnknotenpunkt bzw. Versorgungsstation. Die moderne Zeit hat damit ihren Einzug gehalten, und diese sollte weitgehend von Handel und Verkehr bestimmt werden. Das alte stabile Amtsgerichtsgebäude dämmerte so über die Jahrhundertwende in eine mehr­ fach sich verändernde Welt hinein. In unseren Tagen schlug dann die Stunde 185

der Wahrheit. In den 70er Jahren erwachten allenthalben Reformbewegungen verbun­ den mit Neugestaltungen. So gingen in Vil­ lingen Bestrebungen dahin, den Komplex am und um das Amtsgericht neu zu gestal­ ten, wobei auch eine Stadthalle eingeplant wurde. Dieser Planung sollte das Amtsgericht weichen und als „alter Kasten“ -wie die Zei­ tung damals schrieb – abgerissen werden. Bald wurden aber hier gegen zunächst leise, dann deutliche Stimmen laut, dieses einst mit Bürgerstolz erstellte Gebäude zu erhal­ ten. In dieser Situation initiierte ein Villinger Rechtsanwalt eine Unterschriftensammlung, die überzeugend für den Erhalt votierte. Ein Besuch interessierter Persönlichkeiten beim Regierungspräsident in Freiburg folgte mit dem Ergebnis, daß nun das Denkmalamt eingeschaltet wurde. Das Gebäude wurde als erhaltungswürdig befunden, und damit war das alte Amtsgericht gerettet. Die nun voll­ endete, totale Renovierung läßt jetzt das damalige repräsentative Gebäude in neuem Glanz erstrahlen. Die geschichtsbewußten Villinger freuen sich darüber. Nur dem damals dafür abgerissenen Niederen Tor trauern sie heute noch nach. Siegfried Hiesel Stimmungsbild von Villingen aus .früheren Tagen 186

Die Restaurierung des Amtsgerichts Villingen Ausgangslage Vor dem Hintergrund der Aufwertung und Neuordnung des südlich vom Kern­ stadtabschluß liegenden Bereiches entstand der von der Großherzoglichen Bezirksbauin­ spektion in Donaueschingen gezeichnete Plan vom 20.Januar1847 für das „Vierte Pro­ ject zu Anlage des Bezirksstrafgerichtes an das Niederthor zu Villingen“. Der Plan dürfte, wie es zahlreiche Details nahelegen, vom damaligen Weinbrenner-Nachfolger in der Karlsruher Baudirektion, Heinrich Hübsch, maßgeblich beeinflußt worden sem. Diesem Projekt fiel das südliche Stadttor mit dem Niederen Torturm zum Opfer; eine weiter auswärts gelegene Brunnenanlage in der Achse der Straße war im Plan als Ersatz für den Abschluß des Stadtraumes geplant, aber wohl nie ausgeführt worden. Als man in den 70er Jahren unseres Jahr­ hunderts erneut Planungen über die städte­ bauliche Weiterentwicklung im Südteil an­ stellte, sollte die seinerzeit als Befreiung empfundene Öffnung der Stadt rückgängig gemacht, der mittelalterliche Abschluß, ein­ schließlich einer T unn-Rekonstruktion etwa am alten Platz, in Verbindung mit Geschäfts-, Büro- und kulturellen Einrich­ tungen neu hergestellt werden. Für das Amtsgericht war ein neuer Platz weiter stadtauswärts vorgesehen, verbunden mit einem großen Behördenzentrum. Im Jahr 1982 wurde das Amtsgericht mit seinen erhaltenen, aber verborgenen Male­ reien, der äußeren einmaligen Gestalt des im historisierenden, an den Kirchenbau ange­ lehnten Stil des Q!lerbaues für das Gericht neu bewertet und in der Folge unter Denk­ malschutz gestellt. Damit war für die Staatliche Hochbauver­ waltung des Landes ab 1984 der Weg frei zu einer grundlegenden Sanierung des wegen der ungeklärten Situation in einen recht desolaten Zustand geratenen Gebäudes. Eingebunden war die Maßnahme in die erneut aufgenommene Sanieru�isplanung um das Niedere Tor, die auch die Uberlegun­ gen zu einer Erweiterung des Amtsgerichtes beinhaltete, da heute im Altbau lediglich die Hälfte des notwendigen Raumprogramms der Justiz unterzubringen ist. Die Untersuchungen zu einem Erweite­ rungsbau zeigten, daß die Herstellung eines mittelalterlich anmutenden Kernstadtab­ schlusses, nunmehr rd. 40 m südlich vom Ursprungsort gelegen, ebenso in Frage gestellt werden mußte, wie die Unterbrin­ gung einer ausschließlich am Raumbedarf orientierten Baumasse zwischen Vollzugsan­ stalt und Amtsgericht. Um den Charakter des Grünzugs an der Stelle der früheren Verteidigungsanlage mit seinen prägenden freistehenden Bauten, hier von der Fidelis-Kirche bis hin zur alten Ton­ halle, erhalten zu können, dürften bauliche Erweiterungen in den Hofbereichen nur von untergeordnetem Gewicht sein. Da die Vollzugsanstalt auf lange Sicht, ohnehin zur Auslagerung aus der Stadt anstand, sollte sie, angekoppelt über einen Verbindungsbau, künftig für das Amtsge­ richt umgebaut werden. Dem kam entgegen, daß sich mittelfristig die Lösung abzeich­ nete, die fehlenden Räume für das Amtsge­ richt in den gegenüberliegenden Gebäuden an der Niederen Straße anzumieten zu kön­ nen. Damit konzentrierte sich die Arbeit ganz auf die Instandsetzung des Altbaues. Das Amtsgericht bezog zum 1. Mai 1986 ein Ausweichquartier und im selben Monat begannen die Bauarbeiten, welche sich zunächst auf das Innere zu beschränken hat­ ten. Sie dauerten bis zum Juni 1989, die Bau­ kosten beliefen sich auf rd. 4 Mio. DM. Außeninstandsetzung Die Aufgaben der Außeninstandsetzung bestand im wesentlichen in der Reparatur bzw. dem Freilegen gesicherter Befunde. 187

Das Dach erhielt eine neue Deckung mit naturroten Biberschwanzziegeln, die ge­ schmiedeten Blitzableiter zeigen ihre neu vergoldeten Spitzen. Die vorhandenen Dachgauben wurden von ihrer Eternitverschindelung befreit und mit gefrästen Karnis- und Stabgesimsen und rauhen Seitenverschalungen aus Holz, grau gestrichen, auf eine dem 19. Jh. entspre­ chende Form zurückführt. Die Giebelspitzen erhielten neu gehauene gotische Kreuzblumen, nachdem ihre Grö- ßenverhältnisse über einfache Pappemo­ delle am Ort ermittelt waren. Die Architekturelemente aus violettem Sandstein wiesen besonders auf der Wetter­ seite erhebliche Schäden auf, korinthisie­ rende Kapitelle, Schaftringe und Basen der Saalfenstersäulen ließen die alte Form nur noch ahnen, die Gesimse hatten zumeist ihre wasserableitende Funktion verloren, Gewändesteine waren bis in die Tiefe zer­ stört. Hier wurde mit Maulbronner Sand­ stein Ersatz geschaffen. 188

Erhebliche Teile der Majolika-Platten des Frieses unter dem Traufgesirns hatten durch Frost ihre Blattornamente eingebüßt, sie wurden in der Staat!. Majolika Karlsruhe neu modelliert und gebrannt. Unter einem groben, waagerecht geriebe­ nen Mörtel kam der ursprüngliche glatte Putz mit terracottafarbener Oberfläche zum Vorschein. Dieses Bild wurde mit handwerk­ lich aufgetragenem und traufelgeglättetem Kalkputz und Kali-Wasserglasfarbe wieder­ hergestellt. Innenansicht der Treppenhalle Die Profilierungen der neuen hellgrau gefaßten Isolierglasfenster konnten anhand verbliebener Halbrundfenster des Saales, näherungsweise rekonstruiert werden, die Sprossenteilung wurde wegen fehlender Unterlagen und stärkeren Holzquerschnit­ ten der Rahmen neu entworfen. Der Haupteingang mit sorgsam aufgear­ beiteter Eichentür, grün-goldenen, teils nachgegossenen Ziergittern, ebenso wie der nachgebaute und neugeöffuete Nebenein­ gang des Treppenhauses, erhielten ihre gerundeten Sandsteintreppen wieder. 189

Innenansicht des Silzungssaales Innenrestaurierung Innen im Gebäude lag – neben den not­ wendigen Sicherheits- und Erschließungs­ einrichtungen – der Schwerpunkt in der Wiederherstellung der alten Struktur anhand der erhaltenen Werkpläne von 1847. Dort, wo einst eine innenliegende quadra­ tische Holztreppe Büroräumen weichen mußte, wurde das neue Treppenhaus instal­ liert, das jetzt alle Ebenen durchgehend erschließt. Ein für Rollstuhlfahrer dimensionierter ölhydraulisch bewegter Aufzug fand seinen Platz im längst verbauten Schacht der Treppe, die von den Gefangenenzellen zum Gerichtssaal hinaufführte. Neben der general­ überholten Heizung, auf Gasbetrieb umge­ baut, erhielt das Haus ein vollständig neues elektrisches Installationsnetz, sowohl für die 190 Starkstromversorgung, ein weitreichendes Brandmeldesystem und die künftige flä­ chendeckende Einrichtung elektronischer Datenverarbeitungsgeräte. In den Büroräumen konnten die Decken, aus Haarkalkmörtel auf Spalierlatten unter Lehm-Strohwickel-Ausfachungen zwischen den Deckenbalken gehalten werden ebenso die reichen Stuckprofile der Randfriese. Wände wurden in Anlehnung an die Ursprungszeit mit Tapete in einem warmen Grauton und feinen altrosafarbenen Punk­ ten tapeziert, alles Holzwerk einheitlich im ganzen Haus in einer Umbra-grau-grünli­ chen Tönung gestrichen, angenähert an die 2. und 3. der insgesamt 8. freigelegten frühe­ ren Farbschichten. Leichte grau-altrosa gestreifte Vorhänge in den Leibungen der Fenster komplettieren das Farbthema. Die

alten Parkettböden konnten zumeist repa­ riert werden. Die Hauptflure, im EG durch hölzerne Q!ierunterzüge und quadratische Kassetten an der Decke gegliedert, einer strengen und symmetrischen Zuordnung von Türöffnun­ gen und den Bögen der Treppenhalle charak­ terisiert, erhielten die tiefliegenden getäfer­ ten Türleibungen zurück, nachdem die jün­ geren glatten Doppeltüren entfernt waren. Die Farbgebung lehnt sich hier an die älte­ ren, häufig übermalten Farbschichten an, die Wände im Ockerton, Randeinfassungen bzw. Profile im sandstein-violetten Farbton. Die Fußböden der Flure waren unter Estrich­ schichten mit Kunststoffplatten aus den frü­ heren 60er Jahren verborgen, massive wund­ gelaufene Sandsteinplatten, fanden ausge­ baut und plangeschliffen in einem neuen Kiesbett wieder ihren alten Platz. Die große Treppenhalle zum Sitzungssaal hinauf hatte man Anfang der 60er Jahre voll- Detailwandma!.erei im Sitzungssaal ständig umgewandelt, Trogwände und Eck­ pfeiler der Brüstungen waren verschwunden, die Decke über dem 1. OG abgebrochen, an ihrer Stelle führte eine weitausladend und freigeführte halbgewendelte Stahltreppe mit flügelartig aufgesattelten Edelholzstufen in das 2. OG hinauf. Hier war die alte Raumpro­ portion durch Rückbau der Decke wieder­ herzustellen, der vermauerte Zugang zum Saal, der einst den Zuhörern diente, zu öff­ nen und die Treppe in steinerner Gestalt neu zu formulieren. Vom alten Geländer fand sich weder ein Foto noch ein Plan, die Rekonstruktion mußte sich auf die Silhouetten der Anschlüsse an den Pfeilern sowie Beschreibungen abstüt­ zen. So gab z.B. die Rückenbreite des Hand­ besens, der beim Fegen seinerzeit exakt in die Öffnungen der Geländer paßte, ein Maß für die Versuchszeichnungen und Holzmodelle in natürlicher Größe, bis von gotisierenden Ansätzen eine vereinfachte und mit der nicht üppigen Formensprache der Natur­ steine im Inneren korrespondierende Fas­ sung gefunden war. Sitzungssaal Mehr noch als bei der Halle des Aufgangs, war beim großen Sitzungssaal für das Auge jede Spur der früheren Fassung getilgt. Bereits um die Jahrhundertwende scheint der 8 m hohe Raum mit einer Zwischen­ decke aus Rahmen und Tuchbespannung in der Höhe der Bogenansätze der Fenster abge­ hängt gewesen zu sein, weil er sich wohl trotz der zwei mächtigen Öfen zwischen den Por­ talen an der Innenwand nicht recht heizen ließ. Ein drei Stufen hohes Podium vor dem Ostfenster mit konkaver Brüstung, welches dem Richter, dem Staatsprocurator und dem Sekretär Platz gab, hatte seine Spur auf dem längsgerichteten breiten und ausgetretenen Riemenboden hinterlassen, ebenso die Podien der Zeugenbank beim Ofen und der Angeklagtenbank beim ersten Fensterpfeiler der Nordwand. Gegenüber dem Gericht, hinter der 191

längsgerichtetem Eicheparkett, das in sei­ nem Randbereich als Aufnahme der Idee der grauen Begleitstreifen der Wand, einen umlaufenden Fries aus Mooreiche zeigt. Nicht nur in akustischer Hinsicht erwies sich der Raum wegen seiner Geometrie als kaum beherrschbar-es wurde eine hochwer­ tige elektroakustische Anlage eingebaut – auch die Beleuchtungstechnik mußte indivi­ duell geplant werden. Die modernen Leuchten waren maßstäb­ lich einzufügen, sollten in der Bedeutung hinter die alte Ausstattung zurücktreten und auch im ausgeschalteten Zustand einen ästhetischen Beitrag leisten; die Aufhängung an der reichgeschmückten Decke war auf nahezu Null zu reduzieren und sollte den­ noch einen formal definierten Ort haben. Schlußbetrachtung Die Arbeit an der Instandsetzung des Amtsgerichts stand in erster Linie unter dem Ziel, alle erhaltene Originalsubstanz als Dokument zu bewahren und für die Zukunft schonend zu pflegen. Das Belassen von Gebrauchs- und Alterungsspuren ging vor optischer Perfektion. An zweiter Stelle rangierte die ergänzende Rekonstruktion oder Nachinterpretation, wenn dies für das Verständnis des Zusam­ menhangs einzelner authentischer Spuren bzw. für ein einheitliches Bild notwendig erschien. Im übrigen wurde mit deutlich erkenn­ baren modernen Mitteln eine harmonische Vervollständigung angestrebt. Zusammen mit dem notwendigen und auf die künftige Entwicklung ausgelegten Einsatz der modernen Haustechnik führte dies zu mehrfach widersprüchlichen Anfor­ derungen, für die ein Kompromiß oft genug erst während der Bauzeit zu finden war. Richard Sah! Schranke, die Advokatenplätze sowie noch weiter zurückliegend Einkerbungen, die eine Abschra nkung zum Publikum in der zweiten Fensterpfeilerachse nahelegen. Lange geplant und vermutlich Ende der 30er Jahre realisiert, kam dann eine abtren­ nende Riegelfachwerkwand in die erwähnte westliche Pfeilerachse. Ende der 50er Jahre wurde dieser Zu­ schnitt verfestigt, der Sitzungssaal erhielt neue türhohe Wandverkleidungen aus glatt furnierten Spanplatten, eine Q!iadratfeld­ decke mit Leuchtstoffröhrenringen. Im abgetrennten kleineren Teil hatte längst der Schornstein der Heizzentrale den Raum durchstoßen, das westliche Bogenfen­ ster der Nordwand war vermauert, die Zwi­ schendecke in eine hochbewehrte Beton­ platte zur Aufnahme einer Kompaktregal­ anlage verwandelt. Erst als der Saal freigelegt war und hinter den Verkleidungen die Maße der alten Täfer am Putzrand sichtbar wurden, ebenso wei­ tere handwerklich hervorragende Orna­ mentmalereien in den Tympanonfeldern der Bögen über den drei alten schmäler gemau­ erten Portalen, leider von Elektroleitungs­ schlitzen durchkreuzt, konnte das Mosaik des Restaurierungskonzeptes vervollständigt werden. Bis auf wenige zerstörte Fenster war die stark plastische Decke mit ihren vier Q!ier­ trägern, deren vergoldete Drechselkappen die Zugankerschrauben des Sprengwerks im Dach verdecken, lediglich zu reinigen. Gleiches galt für die erhaltenen oberen Bogenmalereien auf dem Ockergrund. Feh­ lende Teile wurden mit Papierschablonen übertragen. Für die zweifeldhohe Wandvertäfelung standen zur Rekonstruktion aus nebenlie­ genden Räumen ausreichend abgesicherte Vorlagen zur Verfügung, sie wurde als Rah­ men-Füllungs-Konstruktion mit einer dun­ kle Eiche imitierenden Bierlasur mit Feder­ stahlkämmen maseriert. Der alte Fußboden verblieb geschützt unter einer Aufdoppelung mit gleicherweise 192

Baudenkmäler, Alte Schwarzwaldhöfe Die Renovierung der Entenburg in Pfohren Allen Unkenrufen zum Trotz ist Ende des Jahres 1989 die Renovierung der Entenburg in Pfohren, Augapfel geschichtsbewußter Baaremer, abgeschlossen worden. Das Schloß war zehn Jahre lang vom Hause Für­ stenberg zum Verkauf angeboten worden, aber stets machten ernsthafte Interessenten Rückzieher. Deswegen mangelte es nicht an Skeptikern, als am 4. Februar 1987 der damals 33jährige Bankkaufmann,Jurist und Immo­ bilienhändler Ralf R. Röver aus Nagold für 80 000 Mark den geschichtsträchtigen Bau erstand. Dabei war ihm vom Kauf abgeraten worden: der Bau sei nicht renovierungswür­ dig, die Bausubstanz marode. Er überzeugte sich persönlich und stellte schnell fest, daß höchstens 15 Prozent der Holzbalken ausge­ wechselt werden müßten, das Mauerwerk weitgehend in gutem Zustand sei. Ursprünglich wollte Röver vier Wohnun­ gen innerhalb der teilweise 1,20 Meter star­ ken Außenmauern integrieren. Diese Pläne wurden dann auf zwei Wohnungen geändert und letztendlich zugunsten dem weitge­ hendst ursprünglichen Zustand fallengelas­ sen. Die Entenburg diente nämlich nach ihrer Erbauung 14 71 durch den Fürstenberger Graf Heinrich als Jagdschloß mit einer Wohnung im ersten und einem großen Saal im zweiten 193

Hn!!e Obergerschoß mit Trrppenmifgm18 194 Stock. Er bezeichnete sein Schloß in Pfohren als sein „Hus“. In diesem „Hus“ weilte drei Tage lang vom 25. bis 27. April 1507 kein Geringerer als König Maximilian I. (ab 1508 Kaiser), der seinem Ho&narschall, dem Gra­ fen von Fürstenberg, einen Besuch abstat­ tete. Wahrscheinlich wurde weniger über Regierungsgeschäfte als über Wildpret gere­ det, denn Kaiser Maximilian frönte hier der Entenjagd. Er war es auch, der dem Schloß den Namen Entenburg gab. So berichtet uns Heinrich Hug, der Verfasser der Villinger Stadtchronik. Noch ein zweites Mal, näm­ lich 1510, kam der Kaiser nach Pfohren und urkundete am 23. Oktober ein Schreiben unter der Angabe „en notre Jogis de Ent­ bourch“. Trotz des hochherrschaftlichen Besuches hatte die Entenburg an Attraktivi­ tät eingebüßt. Die Fürstenberger hatten 1488 um 5300 Gulden von der Witwe Barbara von Habsberg Donaueschingen gekauft und be­ vorzugten als Wohnsitz das dortige Schloß. Bereits 1568 wurde die Entenburg zur Zehnt­ scheuer umgebaut und genutzt.

Bei der Renovierung berücksichtigte man die vielhundertjährige Nutzung als Scheuer. Das wiederhergestellte Schloß sollte deswe­ gen nicht „zu geleckt“ aussehen. Man ent­ schloß sich, die im Satteldach integrierten Kegelstümpfe zu belassen, ursprünglich trug es nämlich ein Walmdach mit vier Kegeltür­ men. Ferner verzichtete der Bauherr auf einen Ausbau des Dachgeschosses. Das Dach wurde wieder mit Zedernschindeln gedeckt. Statt gegen das Landesdenkmalamt zu arbeiten, hat sich der neue Schloßbesitzer beraten lassen, schließlich ist die Entenburg schon sein drittes Schloßsanierungsprojekt, und man fand gemeinsam eine Lösung. Des­ wegen wundert es nicht, wenn Röver die Zusammenarbeit mit der Behörde als „sehr, sehr gut“ bezeichnet. Doch zunächst zogen mit den Bauarbei­ tern auch die Archäologen in die Burg und ihr Aushub brachte zu Tage, daß das Gebäude nicht im Wasser, sondern auf einer mehrere Meter breiten Terrasse stand, die mit Katzenkopfpflaster verlegt war. Etliche Qya­ dratrneter des alten Pflasters wurden im ursprünglichen Eingangsbereich, im Osten, wie auch an der Südseite freigelegt. Die gepflasterte Terrasse war von einem Mäuer­ chen eingefriedet, an das sich der etwa zehn Meter breite Wassergraben anschloß. Noch heute ist dieser Graben als Vertiefung in der Wiese zu erkennen. Über der Terrasse befand sich zudem im Eingangsbereich ein riesiges Vordach. Hier wurde die Küche vermutet (nicht bestätigt). Die Beantwortung des Küchenrätsels muß zunächst offenbleiben, wie auch andere Fragen, denen aus Geld­ und Personalmangel derzeit nicht nachge­ gangen werden konnte, weil nur 20 000 Mark für Grabungen zur Verfügung standen. Mit diesen Mitteln legten die Archäologen an der Westseite eine zusammengestürzte Abort­ grube frei. Darüber befand sich, wie auch an der Südseite, ein Toilettenschacht, der bis in den obersten Stock reichte. In der Abfall­ grube fand man reichlich zeitgenössischen Müll. Wahrscheinlich diente sie nach dem großen Kehraus, als die Burg aufgegeben wurde, als Müllkippe. Preziosen waren keine dabei, aber für den Fachmann sind auch Kacheln und Eßgeschirr von großem Wert. Derzeit werden die Funde noch ausgewertet und später gemeinsam mit den Ergebnissen von Bauforschung und Kunstgeschichte in einem eigenen Arbeitsheft publiziert. Heute sind Grube und Kopfsteinpflaster wieder mit Sand und Mutterboden bedeckt, denn die war dem verantwortlichen Archäologen Schmidt-Thome aus Freiburg am liebsten. Mit Kieseln gepflastert war auch die Ein­ gangshalle, die ursprünglich 1,20 Meter tiefer lag, weswegen sich heute die Schießscharten in Fußbodenhöhe befinden. Der vertiefte Fußboden und vorhandene alte Balken­ löcher weisen eindeutig darauf hin, daß das Jagdschloß eine Etage mehr gehabt hat. Im jetzigen Erdgeschoß war ein Zwischenge­ schoß eingezogen gewesen. Bei der Renovie­ rung hielt man sich aber an die spätere Stock­ werksaufteilung. Und gemäß Rövers Devise „So ehrlich wie möglich und so modern wie nötig“ wurde weiterverfahren. Die tragenden Balken konnten nach geringfügigen Ausbes­ serungen weiterverwendet werden, das äußere Mauerwerk mußte lediglich im Westen mit einem stählernen Ringanker gesichert werden. Die ursprüngliche Ein­ gangstüre im Osten wurde ebenso wie die vermauerten Fenster in der alten Größe wie­ der ausgebrochen. Wo keine Fensterwände mehr vorhanden waren, entschied man sich für die moderne Lösung der Stahlzargen. Dadurch konnte der Ausbruch so spärlich wie möglich gehal­ ten werden, ferner trugen sich Fenster und Fassung selbst, das heißt, es war keine zusätz­ liche Statik nötig. Im ersten Stock wurden entsprechend der Wandreste vier Zimmer eingezogen. Man bevorzugte Fußbodenhei­ zung, um die alten Außenmauern nicht durch Heizkörper zu verunstalten. Der Wunsch, die historischen Mauern möglichst unversehrt zu belassen, führte dazu, daß heute die Lichter per Funk bedient werden. Besonders reizvoll sind die vier Turmzim­ mer. Die alten Sitzbänke unterhalb der Fen- 195

ster und die Wandnischen blieben erhalten. Erhalten wurde auch der große Saal im ober­ sten Geschoß mit 200 �adratmetern. Um den ursprünglichen Stil des Hauses nicht zu verfälschen, hat der Bauherr auf ein zweites Treppenhaus verzichtet. Das moderne Stahl­ geländer verbindet gelungen Altes mit Neuem. Etliche Monate suchten Ralf und Anne Röver nach einem Käufer der Burg, aber oft zeigte sich schon in den ersten Minuten, daß die Käuferinteressen mit Rövers Renovie­ rungskonzept nicht konform gingen. Sie störten sich an dem bräunlich-grauen Ver­ putz, der soweit wie möglich noch aus den Zeiten vor der Renovierung stammte. Rövers war während der Bauzeit das Jagdschloß so ans Herz gewachsen, daß sie es nicht von einem Nachbesitzer verhunzen lassen woll­ ten. Deswegen entschieden sie sich zur Eigennutzung. Kunst und Antiquitäten sind nun vornehmlich in der geräumigen Ein­ gangshalle und im großen Saal ausgestellt und zum Verkauf angeboten. In wechseln­ den Ausstellungen werden Maler und Bild­ hauer vorgestellt. Es ist begrüßenswert, daß auf diese Weise weiterhin das Baaremer Kleinod Entenburg, wenn auch für 6 Mark Eintritt, dem Publikum zugänglich gemacht Antonia Reichmann werden kann. Rauchküchen in Schwarzwaldhäusern Wenn die Bäuerin des Schwizergottlieb­ hofs in Brigach eine Reißwelle in den Kachelofen geschoben hat, steigt aus Dach­ luken, Scheunentor und zwischen den Holz­ schindeln Rauch auf Nicht selten schlagen beunruhigte Spaziergänger Alarm, weil sie glauben, das Haus ginge in Flammen auf Der ungewohnte Anblick hängt mit der kaminlosen Feuerung zusammen, mit wel­ cher bis weit in das 18. Jahrhundert hinein alle Bauernhäuser im Schwarzwald ausge­ stattet waren. Heute ist diese Feuerungsart bis auf wenige verbliebene Stücke ver­ schwunden. Diese eindrucksvollen Zeug­ nisse früherer bäuerlicher Haustechnik und Lebenspraxis lehren uns, daß das alte Feue­ rungssystem ein Lebensnerv dieser Häuser war, dessen Beseitigung zumeist bedrohliche Folgen für die Gebäude hatte. Auf den ersten Blick erstaunt, daß es den Erbauern und Bewohnern dieser Bauernhäu­ ser gelungen ist, offenes Feuer so zu bändi­ gen, daß es für die ganz aus Holz errichteten Gebäude keine Gefahr darstellte; denn in der früheren Zeit Jeuerte und kochte man auf offenen Feuerstellen, wie man heute noch unschwer … dem Bau der alten Kochhäfen und den Dreiböcken unter dem Gerümpel 196 unserer ehrwürdigen Bauernhöfe feststellen kann.“ (Schilli, 1938). Der Reinertonishof von 1619 in Schön­ wald besitzt eine solche früher offene Feuer­ stelle noch im Original – der eiserne Herd­ aufsatz kam erst in späterer Zeit hinzu. über­ haupt zeigt dieser Hof die frühere Anord­ nung und Funktion der Rauchküche in der für die Höhenhäuser charakteristischen Bau­ weise: Die Feuerstelle befindet sich in derje­ nigen Ecke der Küche, die der Stube und dem Hausgang zugewandt ist. Die Wandab­ schnitte hinter der Feuerstelle sind im Erdge­ schoß gemauert-einziger massiv ausgeführ­ ter Teil dieser Holzhäuser. Über der Feuer­ stelle ist ein halbtonnenförmiger Rauch-und Funkenfang angeordnet. Dieses einem um­ gestülpten Trog ähnliche „Rauchhurd“, ein­ fach „Hurt“ oder „Gwölm“ genannte Bauteil liegt auf dem massiven Wandstück und auf einem hölzernen Unterzug auf (Abb. 1 und 2). Es besteht aus Flechtwerk unterschied­ licher Ausführung, das mit Lehm ver­ schmiert eine Stärke von etwa Handbreite erhält; in späteren Beispielen findet man auch aus Stein oder Ziegel gemauerte Aus­ führungen. So auch das zweite Gwölm im Reinertonishof, welches zur Feuerung eines

nachträglich eingebauten Leibgedings gehört. Die Küche reicht bei den Höhenhäusern stets über zwei Geschosse (Abb. 3). Das ist schon deshalb nötig, damit das Gwölm aus­ reichend Platz hat, aber auch der Rauch in einen ausreichend hohen Luftraum aufstei­ gen kann, wenn er unter dem Gwölm hervor­ quillt. Dies dürfte übrigens auch der Grund dafür sein, warum die Raumhöhe in den ein­ geschossigen Häusern des Kinzigtäler Berei­ ches so reichlich bemessen ist, daß man die Stuben mit einer abgehängten Decke versah. Zwischen dieser und dem Dachboden ver­ blieb ein allenfalls bekriechbarer, offener Raum, der als „Nußbühne“, ,,Rauchbühne“, ,,Dörre“ usw. bezeichnet wird. Abb. 1: Rauchhurt im Untergrundhof in Güten­ bach. Das mit Geflecht armierte Lehmgewölbe sitzt auf hölzernen Unterzügen. Unter der Decke zum Dachgeschoß sind Fleischvorräte zum Räuchern aufgehängt. Abb. 2: Hurtgewölbe vom Obergeschoß der Küche aus im Fusenhof, Geroldstal. Die Balken, die auch die Rauchfänge tragen, sind hier lose mit Brettern belegt. 197

Abb. 3: Schnitt durch den Wohnteil des 1619 erbauten Reinertonishofes, Schönwald. Deutlich sichtbar die Zweigeschossigkeit der Küche. Das zweite Gewölm rechts wurde im Zuge eines nachträglichen Libding-Einbaus später erstellt und ist massiv ausgeführt. Die Feuerungseinrichtung selbst besteht bei den erhaltenen Beispielen aus dem Herd, der immer in der Raumecke angeordnet ist, und dem Feuerloch für den Kachelofen der Stube, der ausnahmslos von der Küche aus geheizt wird. Der Rauch vom Herd wird zunächst durch das angrenzende Wandstück zur Stube hin geleitet, bevor er unterhalb der Hurt wieder austritt. Auf diese Weise leistet die Abwärme des Kochfeuers einen Teil der Stubenheizung. Das auf der Stubenseite mit Ofenkacheln versehene Wandstück heißt „Kunstwand“. In vielen Häusern des Schwarzwaldes ist dieser Bereich zu bankför­ migen Öfen ausgestaltet, ,,Kuscht“ (Kunst) genannt. Der eigentliche Kachelofen neben dem Herd hat einen ungeteilten Feuerraum und eine große Feuertür, beides nötig für das Heizen mit „Reißwellen“ (Reisigbündeln), deren Verbrennung in kurzer Zeit große Energiemengen freimacht. Der Rauch aus dem Kachelofen tritt gleichfalls unter der Rauchhurt aus, entweder direkt aus dem Feuerungsloch oder einer darüberliegenden Wandöffnung (Abb. 4 und 5). Das Rauchfanggewölbe übernimmt zu­ nächst die Aufgabe, den heißen Rauch abzu­ kühlen und zu verlangsamen und damit das Feuer ungefährlich zu machen. Das System galt unter den Einheimischen als außeror­ dentlich feuersicher, so daß zum Beispiel B. Kossmann (1894) berichtet, wiederholte Erkundigungen, selbst unter den ältesten Leuten hätten keinen einzigen Fall ergeben, 198

so es zu einem Brandfall aufgrund dieser Feuerungsart gekommen wäre. Der auf diese Weise unschädlich ge­ machte Raum tritt nun unter dem Rauch­ fang hervor, verteilt sich im Luftraum der Küche und streicht durch die zum Räuchern aufgehängten Fleischvorräte, bevor er durch ein kamingroßes Loch in der Küchendecke durch einen kurzen, auf dem Dachboden aufsitzenden Holzschacht, der wohl mehr als Brüstung dient, in den Dauchraum ent­ weicht. Bei manchen Haustypen, wie bei den Gutachtäler Häusern, waren im oberen Abschnitt der Küchenaußenwände Schlitze angebracht, durch welche der Rauch zum Teil auch direkt ins Freie gelangen konnte. Abb. 4: Einzelheiten der Feuerstelle im Reinertonishof Die „Rauchbühne“ über den Stuben der Kin­ zigtäler Häuser diente demselben Zweck. Wem die Ehre zuteil wird, in einem der wenigen erhaltenen Rauchküchenhäusern zum Vesper eingeladen zu sein, dem wird der Speck besonders gut schmecken. Der Grund für diese einzigartige Qualität liegt darin, daß der Rauch abgekühlt ist, bevor er seine Kon­ servierungswirkung ausübt, und daß der Speck frei im Luftstrom hängt. In früherer Zeit konnten auch Dielen im Dachboden über der Küche herausgenom­ men werden. Das geschah zu dem Zweck, das zu Garben gebundene Getreide zu trocknen, besonders, wenn es wegen des rauhen Klimas in den Höhengebieten vorzeitig geerntet SCHNITT 8-B HURT SCHNITI A-A HORIZONTALSCHNITT 0 1 J 111111111 I 2 1 3m 1 1 1 rU,: 1 1 �!!l!!!!� …… r====_j i i KLml 1 – – -·-o ! 1 1 11 8 1 1 1 .,. 1 : i 1 1 1 —‚—4- 1 . 1 199

Abb. 5: Feuerstelle im Reinertonishof Schönwald. In der Raumecke unter der Rauchhurt das ursprüng­ lich oifene Herdfeuer mit späterem Herdaufsatz. Dahinter das durch den Rauch beheizte Wandstück. Links neben dem Herd die gerade geöffnete Feuerungstür des Kachelofens der Wohnstube. 200

werden mußte. Damit sind aber die Auf­ gaben, welche das Rauchküchensystem in dem Haus zu erfullen hatte, noch nicht erschöpft. Denn diese Heizungsart hatte eine entscheidende Bedeutung für die Erhaltung des Gebäudes selbst. Auch in umgebauten Häusern zeigt die Schwärzung des Holz­ werks noch an, wie das Gebäude in früherer Zeit durch die Berauchung ständig aufs Neue konserviert wurde. Noch wichtiger aber war der Umstand, daß ein großer Teil der Feue­ rungsabwärme in den Dachraum aufstieg. Die trockene, gewärmte Heizungsabluft ver­ mischte sich dort mit der feuchten, gleich­ falls nach oben entwichenen Luft aus dem Stall. Diese wurde dadurch in gewissem Aus­ maß getrocknet und durch die Dachhaut aus Holzschindeln oder Stroh unschädlich nach außen abgeführt. Infolgedessen konnte nir­ gends das für Holzbauten so schädliche Kondenswasser entstehen (Abb. 6 oben). Die im ganzen Haus verteilte Abwärme erzeugte überdies einen thermischen Auf­ trieb, der die Durchlüftung des Gebäudes nachhaltig unterstützte. Auf diese Weise hatte ein verbranntes Scheit Holz gleichzeitig mehrere Aufgaben erfullt: Kochen, Heizen, Lebensmittel kon­ servieren, Getreide trocknen, Stall lüften, Gebäude konservieren und schließlich als Asche das Feld zu düngen. Welche Energieausnützung! Schon im 18. Jahrhundert begann man im Zuge baupolizeilicher Verordnungen zum Zwecke besseren Brandschutzes den Einbau von Schornsteinen zu verlangen. Bessere Brandsicherheit erreichte man damit aber nicht, im Gegenteil: Rauch und Funken wur­ den im Kaminquerschnitt gebündelt und beschleunigt, herausgeschleuderte Glut­ stückchen konnten die Holzschindel- und Strohdächer in Brand setzen. Zudem vertrug sich die starre Mauerstruktur der Schorn­ steine schlecht mit dem beweglichen Holz­ tragwerk; Druck auf den Schornstein führte so zu Rissen in den Mauerfugen, wodurch besonders bei Rußbränden im Kamin Heu und Stroh im Dachraum Feuer fangen konn- Hell· SCHINDEL· DACH /# u 0000, @‘ f f � 0 (9� u f f # �u-u-u1�.–T““l!11—.–+–‚-­ …:.JuuuL.f._.__+ .. n,1—+—‚ STAU. ………… RAlDi. fEIZUol‘.lSA!llT „‚>,“‚>,“‚>, 00000 KCl’006WASSER ‚WVWN’lf � FarnTE STAlUfl DAWFBREMSENDE DECKE ‚-. ‚-‚-. CACH..Ü’1.N3 • … ! .. :…. � Cl..ROi BAUTELE Abb. 6: Das Heizungs- und Lieftungssystem im Schwarzwälder Höhenhaus. Oben: Beim Rauchküchensystem stellt das Haus eine raumklimatische Einheit dar. Stalldunst wird unschädlich abgeführt. Mitte: Schornsteineinbau ohne zusätzliche Maß­ nahmen gefährdet das Gebäude durch Kondens­ wasserbildung. Unten: Bei der Sanierung gibt es drei getrennte raumklimatische Zonen: Stall, Wohnung, Dach­ raum. Besonders wichtig ist eine eigene Stall-Lüf tung. 201

ten. Ungezählte Schwarzwaldhäuser fielen diesem mißverstandenen „Brandschutz“ zum Opfer. Neben diesen Verlusten durch Brandkata­ strophen, denen man durch Abschaffung der Stroh- und Schindeldächer vorzubeugen versuchte, hatte -und hat-der Einbau von Schornsteinen aber auch schleichende, fol­ genschwere Auswirkungen auf diese Ge­ bäude. Denn mit dem Direktabzug von Rauch und Abwärme entstand eine bauphy­ sikalisch völlig veränderte Situation. Davon abgesehen, daß der konservierende Effekt des Rauches entfiel, entwich der feuchte Stalldunstja nach wie vor in den Dachraum, konnte sich nun aber nicht mehr mit einer Luftvermischen, die aufgrund höherer Tem­ peratur zusätzliche Feuchtigkeit aufzuneh- men vermochte – die Kondensationsgefahr stieg. Verstärkt wurde sie einerseits durch immer dichtere Dachdeckungsmaterialien, statt Stroh oder Holz zunächst Tonzie­ gel, dann Asbestzement („Schablonendek­ kung“), und heute die besonders dichten und für diese Anwendung problematischen Betondachsteine. Die Folge: nasse Stalldek­ ken, Kondensat in den Dachräumen, Verrot­ tungsvorgänge in der Holzkonstruktion. Was Jahrhunderte überdauert hat, ist durch die Beseitigung eines sinnreichen Systems vom Verfall innerhalb von Jahrzehnten bedroht (Abb. 6 Mitte). Die gefährlichen Auswirkungen des Schornsteineinbaus sind aber nicht zwangs­ läufig. Was die Heizungen selbst anbelangt, so hat man gelernt, den Zug der Kamine auch Abb. 7: Schnitt durch ein Kinzigtäler Haus mit Rauchküche und „Nußbühne“. Zeichnung von R. Schilling (1915 ). 1- Herd, 2 – Rauch hurt, 3 – Aschenbehälter, 4 – Kachelofen, 5- zum Außenraum hin offene „Rauch-“ oder „Nußbühne‘: 6 – Einschubdecke der Stube. 202

bei der nach wie vor beliebten Holz- und Reißwellenfeuerung durch die Konstruktion von Kachelöfen, Heizungen und Kaminen so zu begrenzen, daß vom Feuerungsvor­ gang keine Gefahr mehr für das Dach aus­ geht. Holzschindeln sind heute bei Restaura­ tionen wieder eine verbreitete Dachdeckung. Um die bauphysikalischen Abläufe in dem Gebäude nach dem Einbau eines Schornsteines wieder in Ordnung zu brin­ gen, müssen in dem Haus einige Veränderun­ gen vorgenommen werden. Während das alte Schwarzwaldhaus eine raumklimatische Einheit darstellte, sind nun die einzelnen Raumbereiche getrennt zu betrachten. So muß der Stall eigene Lüftungskamine (und entsprechende Zuluftöffuungen) erhalten, die für Durchlüftung im Stall sorgen und den Stalldunst über Dach abführen. Auch der Dachraum muß für sich belüftet werden, und die Wohnung ist ja schon durch den Schornsteineinbau eine eigene „Klimazone“ geworden. Der freie Luftaustausch zwischen den drei Bereichen wird weitgehend unter­ bunden. Die unterschiedlich temperierten Räumlichkeiten erhalten an den Berüh­ rungsflächen eine berechnete Wärmedäm­ mung, um Kondensationen an oder inner­ halb von Bauteilen auszuschließen (Abb. 6 unten). Die meisten Schwarzwaldhäuser warten noch auf diese Maßnahmen, die unverzicht­ bar sind, sollen diese Erbstücke unserer Landschaft für eine weitere lange Lebens­ dauer gerüstet sein. Die wenigen verbliebenen Rauchküchen müssen heute nicht mehr den Vorschriften zum Opfer fallen (Abb. 7). Die Bauordnung sieht ein solches System selbstredend nicht vor, aber die Zusammenarbeit verständnis­ voller Fachleute, ob aus Baubehörden, Gebäudeversicherung, Branddirektion oder Schornsteinfegerhandwerk ermöglicht es, erhaltende Lösungen zu finden. Gleichzeitig befreit der Einbau einer separaten Arbeitskü­ che die Hausarbeit von dem beißenden Rauch. So besteht die Hoffnung, daß im eingangs erwähnten Schwizergottliebhof das Speck­ räuchern auch nach der fälligen Restaurie­ rung so unvergleichlich gelingt wie seit über vier Jahrhunderten. Prof. Dr. Ulrich Schnitzer L i t e r a t u r : E i s e n l o h r , F., Die Holz­ bauten des Schwarzwaldes, Karlsruhe 1853. -K o s s m a n n , B., Die Bauernhäu­ ser im badischen Schwarzwald, Berlin 1894. – S c h i l l i , H., Vom Schlot der Schwarzwaldhäuser, Oberdeutsche Zeit­ schrift für Volkskunde, 12. Jahrgang 1938. – S c h i l l i n g , R., Das alte malerische SchwarzwaldHaus, Freiburg S c h n i t z e r , U., Schwarzwaldhäuser von gestern für die Landwirtschaft von mor­ 1915. gen, Stuttgart 1989.,,._ ,. Fascht verrote oder Isch Karlsruah d‘ Hauptschtadt vom Badische? ,, Wia heißt di Hauptstadt vo dem Land“, Dr Lährer sait, „ihr weres au fange kenne; Mit Stolz tuat es sich ’s Badisch nenne, Die Stadt liegt rechts vom Rheinesstrand.“ ,, Wie dr erseht Teil von dera Stadt, So heiße viele Buebe in eure Klasse; Dr zweite, wenn ich mich drbi recht will [fasse, Dös brucht mer, wenn mer geht in d‘ Kratt“. Zletscht goht ihm doch d‘ Geduld bal us: ,,Di dumme Streich, di seile könnener bhalte, Nu mit dr Weisheit, seit blibts bi eu bim alte.“ Doch keiner rotet Karlsruah rus! Dr Ernst als einziger uffstoht: „Herr Lährer, dia wird wohl Friedrichshafe [heiße – In üsre Klasse tüen viel Friedrich heiße, Un dr Hafe brucht mer, wenn mer ins Bett [goht!“ Bertin Nitz 203

Museen Aus den Fürstlich Fürstenbergischen Sammlungen in Donaueschingen Der Falkensteiner Altar des Meisters von Meßkirch – Rechter Standflügel Wer das Glück hat, die Fürstlich Fürsten­ bergischen Sammlungen in Donaueschin­ gen öfters besuchen zu können, der wird bei jedem Besuch der Gemäldesammlung alt­ deutscher Meister von einem Künstler immer mehr gefesselt. Es ist dies der „Meister von Meßkirch“. Noch heute reizt der anonyme Künstler die Kunsthistoriker dazu, Detektiv zu spie­ len und ihn zu identifizieren. Den neuesten Versuch bietet der im Januar 1990 erschie­ nene große Katalog der F. F. Sammlungen. Einer der Mitverfasser, Claus Grimm, hält den Meister von Meßkirch für den Maler ,Josef Maler“ aus Balingen. Neben dem Juwel der Donaueschinger Sammlungen, dem „Wildensteiner Altar“ des Meisters von Meßkirch, wird dessen Pen­ dant der „Falkensteiner Altar“ von der Besu­ chergunst beinahe etwas stiefmütterlich behandelt. Es stimmt, daß sein Mittelbild durch schwere Beschädigungen viel von sei­ ner Wirkung eingebüßt hat, doch der linke Stellflügel ist weltberühmt. Kaum ein Kunst­ kalender kommt ohne den gewaltigen Chri­ stopherus aus mit seinem unvergeßlichen durchbohrenden Blick und den heute noch glühenden Farben. Daneben könnte der etwas dunkel hängende rechte Stellflügel fast übersehen werden. Dabei zählt er sicher zum Kostbarsten und Höchstrangigsten unter den Werken des Meisters von Meßkirch, die in den Sammlungen zu sehen sind. Nur drei Personen bilden den Inhalt die­ ses Altarflügels. Wie ein Kontrapunkt zum Wildensteiner Altar zeigt er eine Reduktion auf das Wesentliche, die dem Inhalt, der Komposition, der Farbgebung und der Aus­ sage eine ganz besondere Kraft verleiht. 204 Schon geographisch bildet der Falkenstei­ ner Altar ein Gegenstück zum Wildensteiner Altar. Er war in der dunklen Burgkapelle im hohen Turm der Burg Falkenstein im Donautal aufgestellt. Falkenstein, das heute zerstört ist, liegt der Burg Wildenstein schräg gegenüber am Nordufer der Donau. Der Herr von Burg Falkenstein hatte sich auf den Seitenflügel seines Annenaltares zwei Heilige malen lassen, die gegen die Pest helfen sollten. Es sind die gleichen Personen wie sie auf dem Wildensteiner Altar ebenfalls vorkommen: der heilige Sebastian und der heilige Rochus. Beide waren damals äußerst populär wegen der allgemeinen Furcht vor der Pest. Sebastian ist heute bekannter als Rochus wegen der besonderen Art seines Martyriums. Er war als religiös abtrünniger kaiserlich römischer Offizier mit Pfeilen standrechtlich erschossen worden, ,,bis daß er stund wie ein Igel“, wie es in seiner Legende heißt. Dieses erschreckende Bild ist in den Sammlungen in vollplastischer Dar­ stellung ebenfalls zu sehen. Sein Martyrium und Schutzpatronat wurde in engen Zusam­ menhang gebracht mit der damaligen Erklä­ rungsart der Entstehung von Pestepidemien. Wie der Pestaltar in der Lorenzkapelle von Rottweil mit aller Deutlichkeit zeigt, glaubte man, daß Gottvater Pestpfeile auf die sün­ dige Menschheit abschieße zur Strafe für die begangenen Sünden. (Übrigens eine theolo­ gische Auffassung, die schon der Antike geläufig war. Sie glaubte, der Gott Apollo schieße Pestpfeile zur Strafe auf die Mensch­ heit ab.) Sebastian war nach damaliger Vorstellung derjenige, der sich schützend vor die Menschheit stellte und mit dem eigenen

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Körper diese Pestpfeile auffing. Sein Kenn­ zeichen in der Heiligendarstellung sind immer die Pfeile. Der zweite Pestheilige auf unserem Bild ist der heilige Rochus, in Italien S. Rocco. Er ist eine sehr legendäre Gestalt, doch seine Legende ist besonders menschlich anrüh­ rend und geradezu tragisch. Auf einer Pilger­ fahrt nach Rom gerät er in Italien in eine Pestepidemie. Ohne Rücksicht auf sich selbst pflegt er die von ihren Mitmenschen verlassenen Kranken und Sterbenden. Er wird selbst pestkrank. Trotz seiner selbstlo­ sen Hilfsdienste wird er aus der Stadt gna­ denlos verjagt. Er wäre rettungslos verloren gewesen, wenn ihm nicht ein Engel zu Hilfe gekommen wäre und ihn gesundgepflegt hätte. Damit hat seine Lebenstragik noch kein Ende, doch dieser Teil seiner Lebensge­ schichte hat mit unserem Bild nichts mehr zu tun. Der helfende Engel kniet am unteren Rand unseres Bildes und verleiht der Kom­ position erst die endgültige Ausgewogen­ heit. Inwiefern? Schon allein die Führung der Konstruktionslinien sorgt dafür, daß die 3 Gestalten nicht einfach additiv zusammen­ gestellt werden, wie auf dem Holzschnitt von Hans Schäufelin (Neuer Katalog S. 78). Konstruktiv und menschlich stehen die drei Figuren in einem engen Zusammenhang. Sebastian schaut auf Rochus. Rochus senkt den Blick zu dem vor ihm knienden Engel und legt seine Hand hilfesuchend und dankbar zugleich auf dessen Schulter. Der Engel aber richtet seinen intensiven, fast magnetisch wirkenden Blick (wie der Chri­ stopherus) auf den Betrachter des Bildes. So wird aus dem Dreiklang ein Vierklang. Doch auch der umgekehrte Weg ist dem Betrachter nahegelegt. Nach dem Kontakt mit dem Engel führt in die Hand zum Haupt des Rochus, von wo der Blick fast automatisch zum Antlitz des Sebastian überspringt und erschreckt an dem furchtbaren Pfeil des Sebastians hängen bleibt. Der gibt ihm wie­ der das Gefühl einer Bedrohung, die von außerhalb des Bildes kommt. Beide Hauptfiguren füllen fast das ganze 206 Hochformat des Bildes. Sie stehen vor einem Goldhintergrund, der von H. Feuerstein•) mit Erstaunen als ungewöhnlich registriert wird, denn der Meister von Meßkirch bewegt sich schon im Bereich des Manierismus, zu dieser Zeit malt man den Himmel durchaus realistisch und kaum mehr als Goldgrund. Aber gerade er ist es, der dem Bild seine Fern­ wirkung verleiht. Doch beide Gestalten ste­ hen vor einer Landschaft, Sebastian vor einer dunkelgrünen Vegetation, Rochus kommt aus einer weitgedehnten Landschaft als Pil­ ger auf uns zu. Sein rechter Fuß will schon den Bildrand auf uns zu überschreiten. Der Betrachter hat so das Gefühl, unmittelbar vor den Figuren zu stehen. Eindrucksvoll ist die Charakterisierung der 3 Figuren. Drei Lebensalter stehen uns gegenüber. Sebastian ist in einem jugendlich fuschen Karnat dargestellt. Ein rosiger J ugendschim­ mer liegt auf seinem Gesicht, das von üppi­ gen blonden Locken eingerahmt ist. Sein im Rot der Märtyrer gemalter Mantel hüllt ihn ein. Die Farbe spielt in der ganz typischen Weise des Meisters von Meßkirch unter der Wirkung des von rechts kommenden Seiten­ lichts vom tiefsten Schwarzrot bis zum hell­ sten Weißrat. Sein Körper ist bei vorgestell­ ten Füßen an seinen Marterbaum fast ruhend angelehnt. Seine gefesselten Arme hängen ganz unverkrampft über einen Ast­ stumpf des Baumes herab. Das Gesicht wen­ det er völlig entspannt und ruhig Rochus zu. Er sieht ihn völlig gesammelt an, und das obwohl ihn ein furchtbarer Pfeilschuß getroffen hat. Sein übergroßer Nimbus und die Nähe des Engels zeigt, daß er dem Irdi­ schen schon ganz entrückt sein darf. Rochus wird als Greis dargestellt mit wet­ tergebräuntem Gesicht, Haarkranz und grauem Vollbart. An seiner Gewandung kön­ nen die vielfältigsten Abschattierungen ins Grau spielender Farbtöne beobachtet wer­ den. Unter einer braungrauen Überjacke trägt er ein blaugraues Gewand, das der Mei­ ster in feinsten Nuancierungen gemalt hat. Es zeigt die vielfältigsten Raffungen und,

dem rechten Bildrand zu, sogar noch typisch gotische Wellen-und Röhrenfalten. Seine stämmigen Beine, in genauester Anatomie, werden frei, denn der Engel muß mit einem medizinischen Gerät die für Rochus typi­ sche Pestbeule an seinem rechten Ober­ schenkel behandeln. Seine kräftigen Waden stecken in eigenartigen Rollstrümpfen ohne Strumpffuß und -sohle. Barfuß muß er wan­ dern. Dabei stützt er sich auf einen manns­ hohen Pilgerstab und hält noch einen riesi­ gen Rosenkranz fest. Liebevoll legt er dem helfenden Engel die Hand auf die Schulter und schaut ruhig auf ihn herab. Der Engel ist als Kind dargestellt. Viel­ leicht weist er schon auf die Auffassungen des kommenden Barockstils hin. Auch er ist in ein Gewand gehüllt, das eine Symphonie von gelbroten Tönen darbietet. Er kniet und schließt so die von den beiden anderen Gestalten kommenden Konstruktionslinien zu einer Einheit zusammen. Von ihm aus strömt noch einmal farbliches Leben in das Bild, und wir können nachempfinden, warum Heinrich Feurstein den Meister von Meßkirch einen Koloristen von Weltgeltung nennt. Martin Hermanns *) Heinrich Feurstein, der einstige Stadtpfar­ rer von St.Johann in Donaueschingen, hat den ersten wissenschaftlich verwendbaren Katalog für die F. F. Sammlungen verfaßt. Literaturhinweis: Dr. Heinrich Feurstein: Die Fürstlich Fürstenbergischen Samm­ lungen zu Donaueschingen, Verzeichnis der Gemälde, Donaueschingen 1934. Claus Grimm und Bernd Konrad: Die Fürstenberg-Sammlungen Donau­ eschingen, Altdeutsche und schweizeri­ sche Malerei des 15. und 16.Jahrhunderts, München 1990. Internationales Luftfahrt-Museum auf dem Schwenninger Flugplatz Auf dem Schwenninger Flugplatz wurde am 28. Mai 1988 ein internationales Luft­ fahrt-Museum eröffnet. Einige zigtausend Besucher konnte das Ehepaar Manfred und Margot Pflumm schon im ersten Jahr des Bestehens ihres Internationalen Luftfahrt­ Museums verbuchen. Der weit über die Lan­ desgrenzen hinaus bekannte Flugzeug­ Restaurator und die versierte Kauffrau betrei­ ben ihr Museum auf rein privater Ebene. Auf dem rund 13000 qm großen Areal, direkt am Schwenninger Flugplatz angren­ zend, ist der „Flugpark“ inzwischen auf 30 Exponate angewachsen. Die wetterfesten Vögel stehen im Freigelände. Hier einige Bei­ spiele: -Die russische ANTONOV II mit 19 m Spannweite und 4 m Höhe, der größte Doppeldecker der Welt, wurde direkt aus Warschau nach Schwenningen eingeflo­ gen. – Aus dem Ostblock stammt auch die MIG 15, ein Düsenjäger aus dem Jahre 1948, den die Pflumms im flugfahigen Zustand gekauft haben und der aufgrund gesetzli­ cher Bestimmungen erst auf dem Muse­ umsgelände fluguntauglich gemacht wurde. -Der berühmte STARFIGHTER F 104 und die legendäre ME 109. Die Runddach-Halle, Stellfläche 500 qm, beherbergt die empfindlichen Maschinen. Auch hiervon einen Auszug: -SIEMENS-SCHUCKERT SSW-D III, Bau­ jahr 1918, übrigens das einzige noch erhal­ tene flugfähige Modell in Deutschland.207

– GRUNAU BABY, Segelflugzeug, Ent­ wicklungsjahr 1931. – Die KLEMM 2, populärstes Flugzeug des Böblingers Hans Klemm (1928). Mit Ernst Udet, dem bekannten Piloten, wurde das Flugzeug sogar zum Star in den Filmen „SOS EISBERG“, ,, WEISSE HÖLLE AM PIZ PALUE“ und „ WUNDER DES FLIE­ GENS“. – Nicht zu vergessen ein ausgezeichneter Nachbau des Dreideckers FOKKER DR-1 von Manfred Pflumm. Dieses Flugzeug 208

war die Lieblingsmaschine des „Roten Barons“ Manfred von Richthofen. – Daneben weitere Oldtimer wie BUEK­ KER JUNGMANN, BUECKER BEST­ MANN, VOLKSPLANE usw. – Außerdem Triebwerke, Motore und was sonst noch zu einem Flugmuseum gehört. Nachdem ich meinen Rundgang beendigt habe, nehme ich auf einer der an den Kieswe­ gen entlang stehenden Ruhebänke Platz. Herr Pflumm und sein Schwiegersohn, R. Steinert, der in die Firma einsteigen soll, gesellen sich zu mir. Wir kommen ins Gespräch. Auf Streifzügen im In- und Ausland, immer in Begleitung seiner Frau, die sein Fai­ ble für das anfangs nur als Hobby betriebene Unterfangen teilt, beschafft er sich seine Raritäten. Und wie er sagt, nicht selten auf recht abenteuerliche Weise. Oft sind es nur Teile einer alten Maschine, die er an Orten „findet“, die weit auseinander liegen. Schon sehr oft hat er dann die Teile nach alten Ori­ ginalplänen, die meist in England aufgespürt wurden, wie ein Puzzlespiel zusammenge­ fügt. Interessenten hatte und hat Herr Pflumm, wie er berichtet, noch heute in den weitge­ streuten Museen in und außer Lande. Aus diesen Verbindungen heraus begann dann der Wunsch zu reifen, selbst ein Flugzeug­ museum zu erstellen. ,,Leicht war es nicht“, meint Herr Pflumm, ,,mein Wunschdenken in die Realität umzusetzen. Aber mit viel Ausdauer haben wir es dann doch geschafft.“ „Aber es gibt noch viel zu tun“, meint er und erklärt mir anhand einer Skizze, wie die ganze Anlage nach Fertigstellung aussehen soll. Apropos Fliegen, ab und an schicken die Pflumms ihre Besucher nach vorhergehen­ der Anmeldung auch in die Luft. Geflogen wird mit einem alten Doppeldecker, Jahr­ gang 1933! Die Exponate werden ständig ergänzt. So wurde eine FIAT G 91 von der Deutschen Luftwaffe erstanden. ,,Obwohl diese Maschi­ ne ausgemustert wurde, mußte ich doch noch ganz tief in die Tasche langen“, berich­ tet Herr Pflurnm. Aber, wie er weiter erzählt, ist er doch sehr erfreut darüber, daß er über­ haupt zum Zuge gekommen ist. Dieses Auf­ klärungsflugzeug war bis Mitte der 60er Jahre als Ausbildungsmaschine der Luftwaffe in Erding eingesetzt. Hier steht sie nun im Freigelände, neben einem Hubschrauber aus dem Jahre 1948 und wartet auf ein neues „Make-up“. Christine Käste! Ländlicher Flugplatz oder Lilienthal im Aitrachtal Auch hier lernen sie fliegen – aber vorher muß die Wiese als Beweggrund für den verlockend neuen Gesichtskreis gemäht werden. Hoch hinaus ist die Devise, höher hinaus als Kirchturmspitze und einengende Berggrenzen – Die Flucht in ikarische Euphorie ist in Frage zu stellen. Wer war Ikarus? Gefiederte Sage – Die Sonne schmilzt weder Metall noch Kunststoff. Im Aufwind klinken sie aus, abgenabelt vom Ackerniveau: Das ganze Land liegt ihnen zu Füßen: Lilliputland. Mit dieser Optik landen sie nachher wieder im Vorher. Jürgen Henckell 209

Vom Lein zum Leinen Gerätesammlung für die verschiedenen Arbeitsschritte im Kelnhof-Museum in Bräunlingen Das KelnhofMuseum der Stadt Bräunlingen wurde im Spätherbst 1988 eröffeet (vgl. Alma­ nach 90, Seite 193-197). Die Mehrzahl der im Kelnhof ausgestellten Objekte stammte aus dem Fundus des Bräunlinger Heimatmuseums, das mit Unterbrechungen von 1923 bis 1971 bestand. In Zusammenarbeit von Stadtvenoaltung und Kulturforderverein wurde der Kelnhof nach einem neuen Konzept eingerichtet und zeigt heute eine bunte Palette interessanter Abteilungen, die den Rahmen des „Heimatmuseums“ sprengen. Ein Raum hat die Gewinnung und Verarbeitung von Flachs zum Thema, über den in dem nach­ folgenden Beitrag berichtet wird. Bis zum „Baumwoll-Boom“ um die Jahr­ hundertwende wurde Flachs auch in unserer Gegend angebaut, wenn auch nicht, wie z.B. in Oberschwaben, im großen Stil als Han­ delsware. In Bräunlingen spielte der Flachs­ anbau jedenfalls eine nicht unbedeutende Rolle. Immerhin gab es eine gemeindeeigene spezielle Darre, eine Dörrgrube, die bereits im Mittelalter und noch in der Neuzeit bestand. Außerdem wurde Flachs immer wieder als Teil des Kleinzehnts erwähnt. Was die Weiterverarbeitung des gesponnenen Flachses betrifft, so waren die Weber eine der einflußreichsten Zünfte der Stadt, denn sie waren gut organisiert und für den Markt in Bräunlingen von existenzieller Bedeutung. Lein (Linum usitatissimum L.) gehört zu den ältesten Kulturpflanzen. Bei archäologi­ schen Grabungen in Syrien ließ sich ange­ bauter Lein aus der Zeit von etwa 7500 bis Mittelpunkt des Raumes ist der große Webstuhl aus dem 19.jahrhundert 210

5500 v. Chr. nachweisen; die ältesten be­ kannten Leinengewebe entstanden in Ägyp­ ten um 3500 bis 3000 v. Chr. Lein hat mehrfache Bedeutung: Aus den Fasern der Pflanze gewinnt man Flachs zur Herstellung von Textilien (Leinen). Die eiweißreichen Leinsamen spielen eine Rolle bei der Ernährung und dienen, nachweislich seit römischer Zeit, zu Heilzwecken. Leinöl enthält eine essentielle Fettsäure, ist daher ein wertvolles Speiseöl, wird aber auch zu technischen Zwecken verwendet (z.B. Fir­ niß, Linoleum). Da sowohl der Anbau von Lein als auch die Aufbereitung der Pflanze zur Gewinnung der Fasern und die Weiterverarbeitung sehr arbeitsintensiv waren, wurde Lein bis vor kurzem in unserer Gegend nirgends mehr angebaut. Seit drei Jahren laufen in Baden­ Württemberg Versuche, den Flachsanbau wieder einzuführen und zu fördern; die Arbeitsgänge von der Aussaat bis zur Ernte sind jetzt voll mechanisiert. Die Aussaat erfolgt in der Regel im April, die Vegetations­ zeit beträgt rund 100 Tage. An Bodenqualität und Klima stellt der Lein zwar keine beson­ deren Ansprüche, doch braucht er zum Zeit­ punkt des Längenwachstums (Mai) ausrei­ chend Niederschläge. Daß der Boden unkrautfrei gehalten werden muß, ist die zweite Bedingung, die der Anbau von Lein stellt. Während es heute genügt, einmal ein Herbizid zu spritzen und bereits ein Anbau­ verfahren ohne die Verwendung von Unkrautvernichtungsmitteln erprobt wird, mußte früher der Flachsgarten bis zu neun­ mal pro Saison gejätet werden -dieses müh­ selige Geschäft war Frauenarbeit. Faserlein wird geerntet, wenn die Stengel sich gelb verfärben und die Stengellänge etwa 75 bis 100 Zentimeter beträgt. Das Aus­ raufen, das früher sorgfältig und von Hand geschehen mußte, wird nun voll maschinell erledigt. Nach dem Ausraufen mußte der Flachs in Bündeln auf dem Feld getrocknet und danach die Samenkapseln von den Sten­ geln getrennt werden, in dem sie büschel­ weise durch eiserne Riffeln wie durch einen Die Fl.achspjlanze mit Blütenstand, Knospen und Samenkapseln in einer Darstellung von 1545 (Holzschnitt von Leonhart Fuchs.) Kamm gezogen und dann mit Dreschflegeln bearbeitet wurden. Die Leinsamen dienten als Saatgut und zur Ölgewinnung und auch die Rückstände Spreu und ausgepreßte Samen wurden als Streumaterial bzw. Futter­ mittel verwendet. Beim modernen Anbau von Faserlein wird den Leinsamen nur wenig Beachtung geschenkt-sie werden durch den speziellen Ollein erzeugt. 211

Auch handwerkliche Präzisionsarbeit mit Liebe zum Detail zeigt sich in den zur Flachsverarbei­ tung notwendigen Geräten Bei der weiteren Verarbeitung des Faser­ leins kommt es darauf an, die Faserbüschel in den Stengeln von den übrigen Pflanzenteilen zu trennen. Die heutigen Bestrebungen, die allerdings noch im Versuchsstadium stecken, laufen darauf hinaus, das komplizierte und arbeitsintensive Trennungsverfahren durch zunehmenden maschinellen Einsatz zu ver­ einfachen. Auch die Kombination von Lei­ nen mit Baumwolle oder Kunstfasern in der modernen Textilindustrie führt zu rationel­ leren Verarbeitungsmethoden. Früher wurde die Trennung durch einen chemischen Pro­ zeß eingeleitet, von dessen Gelingen die Qialität des Flachses stark abhing, und des­ sen Ausführung vor allem ein hohes Maß an Erfahrung erforderte: Durch die Einwirkung von Wasser ließ man die holzigen Stengel­ teile verrotten (Tauröste auf der feuchten 212 Alte Arbeitsgeräte veranschaulichen die Verarbei­ tung des Leins zu Flachs Wiese oder Warmwasserröste in langsam fließendem Gewässer), wobei Wassertempe­ ratur, Klima und Dauer des Prozesses genau überwacht werden mußten. Die Stengel ließ man danach an der Luft trocknen und dörrte sie anschließend. Das nun spröde Material wurde bündel­ weise mit der schweren hölzernen Flachsbre­ che bearbeitet, wodurch der Holzkern in der Mitte der Stengel zerbrach. Durch das Klop­ fen mit dem Schwingholz wurden die gröb­ sten holzigen und spröden Teile entfernt. Büschel für Büschel wurde durch die eiser­ nen Zähne der Grob- und der Feinhechel gezogen wie durch eine Bürste. Nach den ersten Durchgängen beim Hecheln erhielt man das „Werg“ aus den kur­ zen und verworrenen Fasern und verwendete es vor allem zur Herstellung von Sacklein-

wand. Der feine, lange Flachs wurde zu Strängen gewunden und durch Spinnen wei­ terverarbeitet. Durch das Spinnen werden mehrere Fäden zu einem einzigen starken Faden zusammengedreht, und dieser Faden wird gleichzeitig aufgewickelt. Auch dies war überwiegend die Arbeit von Frauen. Ältestes und bis ins späte Mittelalter ver­ wendetes Spinngerät ist die Spindel. Spin­ deln wurden aus Holz hergestellt und besa­ ßen einen Ring aus Ton, Metall, Stein oder Holz, der durch sein Gewicht den Umschwung förderte -den Wirtel. Die Spin­ del wurde durch die rechte Hand der Spinne­ rin ständig in Bewegung gehalten, dadurch bekam der Faden die Drehung und wickelte sich um die Spindel. Gleichzeitig zupfte die Spinnerin mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand den Flachs aus dem Spinn­ rocken. Der Spinnrocken, auch Kunkel genannt, trug das Bündel Flachs und war beim Gehen und Stehen am Gürtel der Spin­ nerin befestigt. Technische Fortschritte brachten das Handspinnrad (14. Jahrhundert) und das Tretspinnrad (16. Jahrhundert). Tretspinnrä­ der wurden bis ins 19. Jahrhundert verwen­ det. Der Spinnrocken wurde auf einem Stän­ der befestigt oder war fest mit dem Spinnrad verbunden. War eine Spindel voll, wurde das Garn auf den Haspel umgespult, wodurch Stränge entstanden. Als Strang wurde der gesponnene Flachs auch gehandelt, bevor er auf dem Webstuhl weiterverarbeitet wurde. Webstühle waren seit um 2000 v. Chr. in Ägypten bekannt. Die ältesten europäischen Webstühle waren senkrechte Geräte. Der „liegende Webstuhl“, wie er im Prinzip heute noch benutzt wird, kam um 1000 v. Chr. auf. Beim Webvorgang werden die Längsfäden (Kette) mit �erfäden (Schuß) verbunden. Dies kann auf drei Arten geschehen, die sich aber variieren lassen: Die Leinwandbindung, die Köperbindung und die Atlasbindung. Der Webvorgang besteht aus vier, sich stets wiederholenden Arbeitsschritten, dem Heben und Senken von Kettfäden, damit das Webefach entsteht; dem Eintragen des Schusses in das Webefach; dem Anschlagen des Schusses mit dem Webeblatt an den letz­ ten Schußfaden im Gewebe und dem Wech­ sel des Webefaches. Die zur Bearbeitung der Flachsfasern und zur Weiterverarbeitung des Flachses notwen­ digen Arbeitsgeräte sind für den heutigen Betrachter interessant, da ihre Funktion und Technik mittlerweile meist gänzlich unbe­ kannt sind. Die Gerätesammlung des Keln­ hof-Museums zeigt die verschiedenen Arbeitsschritte lückenlos, und die Geräte selbst -von der Hechel bis zum Spinnrad und dem Handwebstuhl -zeugen von einem hohen handwerklichen Können ihrer Her­ steller und davon, daß früher selbst einfache, zweckgebundene Arbeitsgeräte mit Liebe zum Detail auch fürs Auge schön gestaltet worden sind. Susanne Huber-Wintermantel, M. A. Mariä Liechtmeß D‘ Liechtrneß duet a d‘ Sunn sech loane. ’s Büebli blooset d‘ Liechtli uus, d‘ Feischterschiibli frindli blinzlet, ghuuchet gfrorni Blüemli druus. ’s knöschblet scho im Garte d‘ Schtuude und de Dag bliibt länger schtau. Ade Kunkle ’s Wearch ischt gspunne, umme ischt -Z: Hogarde gau. ’s Waas ischt gweiiht und liit im Zeänli, Kerze schlank und Schtöckli klei. D‘ Modder duets zmol liebli schtriichle. ’s ischt e Taufkerz‘ schint’s debei. Gottfried Schafbuch 2. Februar 1948 213

Kunst und Künstler Der Baarmaler Hans Schroedter – Illustrationen für Kinder Hans Schroedter, zweifelsohne einer der besten Grafiker seiner Zeit, entstammt einer Künstlerfamilie. 1872 in Karlsruhe geboren, hat er vom Großvater Adolf Schroedter viel künstlerische Begabung geerbt und auf eigene Weise intuitiv umgesetzt. Als seine Familie nach Cannstadt übersiedelte, ver­ blieb der junge Schroedter in Karlsruhe im Hause seiner Großeltern, und die von ihm sehr geliebte Großmutter Alwine Schroed­ ter, eine geschätzte Blumenmalerin, trug das Ihrige zur Förderung des begabten Enkel­ sohnes bei. 1891 begann Schroedter sein Studium an der Karlsruher Kunstakademie und nam­ hafte Künstler der Zeit waren seine Lehrer, wie Ernst Schurth, Professor Poetzelberger, bei dem er die graphische Ausbildung erhielt und Carlos Grethe. Mit Grethe unternahm Schroedter seine erste Studienfahrt an die Nordsee. Zwei Jahre blieb er in einer Künst­ lerkolonie, vergleichbar der von Worpswede, in der Nähe von Cuxhaven. In der Kolonie vertieften sich Sicht und Einstellung gegen­ über der Künstlerlandschaft, Freiluftmalerei wurde betrieben. Studienreisen nach Paris, „Drr wr[ße Hir,1cb“, Ballade von Ubland. 1908 c-J“1.., , 214 ,·

London und Italien folgten, danach ein län­ gerer Aufenthalt in München. Am tiefsten und nachhaltigsten von all den verschiedenen Vorbildern beeindruckte allerdings der Schwarzwaldmaler Hans Thoma den jungen Künstler und 1904 kehrte er nach Karlsruhe zurück und wurde Mei­ sterschüler bei Thoma. Nach der Heirat mit der Sopranistin und Oratoriensängerin Nel­ lie von Födransperg zog es den Maler immer wieder in die herbe Baarlandschaft, die er in vielen Bildern festhielt. Hier fand er letzt­ endlich seine Wahlheimat und baute sich am Rande von Hausen vor Wald ein Haus, in dem er 1957 starb. Der Baarmaler Hans Schroedter bekam für sein umfangreiches Werk 1952 den „Hans-Thoma-Preis“ verliehen. Bilder wie „Blühende Berghalde“, ,,Waldarbeiter auf dem Heimweg“ und „Blick ins Wutachta1″ sind weit bekannt. Zudem schuf Hans Schroedter viele sakrale Bilder, wie die Pas- sion für den Dom in Sankt Blasien 1913, und dazu die Altarbilder „Antonius, Blasius und Josef“. Einern speziellen Teilbereich des rei­ chen Schaffens von Hans Schroedter wid­ mete die Volkshochschule Baar unter dem Titel „ VHS Forum Kunst“ eine Ausstellung. Erstmals in dieser Fülle wurden Illustratio­ nen des Künstlers für Kinder einem interes­ sierten Publikum zugänglich gemacht. Schon in sehr frühen Jahren nahm Hans Schroedter Auftragsarbeiten zur Buchillu­ stration an und setzte sich mit dem geschrie­ benen Wort auseinander. Seine Illustratio­ nen zu einer der ersten Übersetzungen von Mark Twains „Tom Sawyer und Huckleberry Finn“ sowie „Mississippi“ entstammen der Zeit um 1898 und zeigen an Hand der Skiz­ zenbücher, mit wieviel Mühe, aber auch in­ tensivem Einfühlungsvermögen sich der Maler dieser Aufgabe gestellt hat. Köstlich ist das kleine Liebespaar oder der übelgelaunte Tom, der keine Lust hat, den Zaun zu 215

streichen. Gesicht und Gestik der Tante Polly geben ihre Erziehungsmaximen deut­ lich wieder und Bilder vom großen Strom schildern das Leben an dieser Flußlandschaft bis ins Detail. Für die „Deutsche-Dichter­ Gedächtnis-Stiftung“ schuf der Maler in den Jahren danach Bilder zu „Undine“, ,,Kleider machen Leute“, zu „Spiegel das Kätzchen“ und „Die drei Großmächte“ nach Levin Schücking. Zu anderen Sagenstoffen kamen noch Uhlands „Balladen“ dazu, und hier fühlte sich der Maler offensichtlich ganz besonders von der Ballade „Der weiße Hirsch“ angesprochen, immer wieder hat er das Thema auf unterschiedlichste Weise in­ terpretiert. 1907 gestaltete Schroedter das Grimm­ sche Märchen „Hans im Glück“. Die zarten, lavierten Zeichnungen bestechen durch Detailgenauigkeit. 1909 entstand für seine kleine Tochter ein „Leporello“. Das harmo­ nikaähnliche gefaltete Buch gestaltete der Künstler mit einfachsten, großflächigen Bil­ dern nach volkstümlichen Reimen von Adolf Holst. Im renomierten Josef-Scholz­ Verlag in Mainz, einem wesentlichen Verlag für Kinder- und Jugendliteratur, erschien das Buch unter dem Titel „Mein erstes Buch“. Verse von Robert Reinick illustrierte Schroedter mit ganzseitigen Bildern „Wie ist doch die Erde so schön“ und „Lustig wie die Vögelein“. Clara Hepners „Sonnenschein­ chens erste Reise“ erschien ebenfalls 1909. Die zart aquarellierten Bilder umfassen einen ganzen Tagesablauf aus der Sicht eines kleinen Sonnenstrahls. Allegorische Jahres­ zeitdarstellungen sind im „schönsten Weih­ nachtsbuch des Jahres“ (1909) zu finden. Überschäumende Lebenslust strahlt der jugendliche Frühling aus, während „König Winter“, majestätisch in kalten Grün-Blau­ Tönen gemalt, ein wirklich mächtiger, frosti­ ger Eisfürst ist (,,Der Kinder Schlaraffen­ land“ von Otto Ernst). Großartig sind die Schroedter-Illustratio­ nen zu „Gullivers Reisen“ von Swift. In einer Nacherzählung für Kinder von Wilhelm Kotzde, erschien dieser Band 1911 in der 216 Winters Abzug Altes Volkslied von der Baar (gekürzt) s’goht en alte Maa de Berg uf er sieht zwoo Hase an eme Raili grase s’nimmt en wunder über Wunder wie die Hase grase kunnet s’goht en alte Maa de Berg uf er sieht zwoo Fliige in eme Äckerli schniede s’nimmt en wunder über Wunder wie die Fliige schniide kunnet s’goht en alte Maa de Berg uf er sieht zwoo Fresche in eme Schiirli dresche s’nimmt en wunder über Wunder wie die Fresche dresche kunnet s’goht en alte Maa de Berg uf er sieht zwoo Mucke s Brot in Ofe schucke s’nimmt en wunder über Wunder wie die Mucke schucke kunnet s’goht en alte Maa de Berg uf er sieht en Mooler uf eme Täfeli moole s’nimmt en wunder über Wunder wie der Mooler des Wunder moole kunnt Text: Frau Hermine Stolz, geb. Reichmann, Aasen, einige Strophen wurden schon im Jahre 1900 im „Badischen Volksleben von E. H. Meser“ aufgezeichnet. Qielle: Eugen Fehrle „Feste und Volksbräu­ che“ 1955. Die letzte Strophe: Text: Hans Schroedter, Original auf dem Bild von 1946. Qielle: Clara Schroedter.

Gulllver im Lande der Riesen, nach · wijt, 1909 Reihe „Das deutsche Bilderbuch“ wiederum im Scholz-Verlag. Gullivers Erlebnisse im Lande „Lilliput“ sind sorgfältig, bis ins Detail hinein genau dargestellt, in zurückhaltender, zarterTonigkeit. Unendlich viel ist in Gestik und Mimik der kleinen Figurengruppen hin­ eingearbeitet, und es gibt für den Betrachter viel zu sehen. Gegensätzlich, allein schon vom Stil der Zeichnungen her, das zweite Bild. Plakativ und kräftig ausgemalt lachen die grobschlächtigen Riesengestalten den kleinen Gulliver aus, der ihnen seine Reve­ renz erweist. Beide Bilder sind eine zeitlose und pas­ sende Illustration für diesen unumstrittenen Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur. Neuland im Rahmen der Illustrationen betritt Schroedter mit seinen „Biblischen Geschichten“. Etwa 1912 erschienen, wieder bei Scholz, zwei Bände mit dem Titel „Unser Heiland“. Weit wandte sich Schroedter hier von der Gruppe der „Nazarener“ ab, die bis- lang die Illustrationen von Kinder- und Schulbibeln bestimmten. Schroedter zeigt klar gegliederte Bilder in warmen Farbgebun­ gen und hat das gesamte biblische Gesche­ hen in die ihm vertraute, ländliche Umge­ bung gesetzt. Wunderschön im schlichten Ausdruck ist die Darstellung der „Heiligen Nacht“. Entgegen aller anderen Interpreta­ tionen ruht das Christkind nicht in der Krippe, sondern auf dem Körper seiner Mut­ ter und diese wiederum ist mit Josefs Mantel zugedeckt. Die Zuhörer der Berg- und See­ predigt sind arbeitsgewohnte Bauerngestal­ ten und „Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter“ besticht durch warme, erdfarbene Tongebung. Wie auch bei den Predigtbil­ dern ist die Kleidung der dargestellten Perso­ nen landesüblicher, schlichter Kleidung angepaßt. In der Sammlung der „Scholz-Künstler­ bilderbücher“ steht Hans Schroedter neben Arpad Schmidhammer, Eugen Oßwald, 217

lei lmis vom barmherzigen Samariter‘: 19/� -;;—-‚—-�� —-·—-„“ “ Kiinst{rrbilderbiicber, 1920 218 Richard Scholz, Jüttner und Liebermann, um nur einige zu nennen. Schroedters Bei­ trag „Goldene Ernte – Lieder und Gedichte für Kinder“ erschien 1925. Nun hat Hans Schroedter Märchen- und Sagenmotive nicht ausschließlich für Kinderbücher gestaltet, sondern mit Märchenillustrationen auch die Kindersuite des Dampfers „Hamburg“ der Hapag Lloyd-Linie ausgemalt. ,,Rattenfän­ ger“, ,,Froschkönig“ und ,,Aschenputtel“ waren neben den „Sieben Schwaben“ zu fin­ den, dazu aber auch Arabesken aus fließen­ den Linien und floralen Motiven auf) ugend­ stilart verknüpft und mit Märchenmotiven versehen. Seine Interpretationen der unter­ schiedlichen deutschen und amerikanischen Musik, hier Blasmusik, dort Jazz, war das Anschauen wert. Die Arbeit von 1920, detail­ genaue Darstellung in zarter, zurückhalten­ der Farbgebung, entstand ausschließlich um vorhandene Beleuchtungskörper. Ebenfalls mit Märchenmotiven malte

Hans Schroedter Räume im damaligen Eisenbahner-Kinderheim in Bad Dürrheim aus. Das bemerkenswerteste davon ist seine Interpretation der „Frau Holle“. Er stellt sie nicht als gemütliche, alte Frau dar, nicht weich und lieb, sondern herb und ernsthaft. Diese „Hollin“ bei Schroedter ist Bild der Perchta, Muttergestalt und Wissende, Gebende und Nehmende. Die grau-blauen Töne der Zeichnung legen nicht fest und las­ sen Raum, aber es ist klar, daß keine der geschüttelten Flocken einen willkürlichen Weg nimmt. Die beiden Raben in der Rah­ mengestaltung könnten vielleicht als mytho­ logischer Hinweis gelten, vielleicht sind mit ihnen Allvaters weise Raben Hugin und Munin gemeint … Eine unübliche und inter­ essante Darstellung einer der bekanntesten Märchenpersönlichkeiten. Wiederholt hat Schroedter den „Eulen­ spiegel“ interpretiert. Diese Gestalt aus den „Deutschen Volksbüchern“ erscheint bei ihm als buntgekleideter Narr, aber auch als beobachtender zurückhaltender, alter Mann. Diese undatierte Bleistiftzeichnung zeigt die Fähigkeit Schroedters auf, mit gerin­ gen Mitteln vieles auszudrücken. Ein Bild von Hans Schroedter war in vie­ len Lesebüchern der ersten Nachkriegsjahr­ gänge zu finden, ,,Winters Abzug“. Entstan­ den ist dieses zurückhaltende, farbige Bild in den harten Jahren nach 1945, und Schroed­ ter hat die märchenhaften Tätigkeiten der unterschiedlichen Tiere in eine „Anders­ welt“ an den unteren Bildrand gesetzt. Auf ein altes Volkslied der Baar hat Schroedter bei diesem Bild zurückgegriffen und hier wird besungen, wie Tiere, die mit dem kommenden Frühjahr wieder sichtbar werden, auf mensch­ liche Weise den Acker bestellen und für das lebensnotwendige Brot sorgen. Die dre­ schenden Frösche sind schon im Grimm­ schen Märchen vom „Schlaraffenland“ be­ legt. Über Primeln und blühenden Seidelbast hinweg schreitet der Winter in kältere Regio­ nen, ein alter Mann, begleitet vom Krähen­ flug. An dem äußersten, rechten Bildrand hat der Maler ein Selbstportrait angebracht, dort sitzt er pfeifenrauchend mit einem Schlapp­ hut auf dem Kopf, malt dieses unwirkliche, magische Geschehen und ist trotzdem einge­ bunden in die Kräfte der Natur, die ein Wei­ terleben nach dem Winter ermöglichen. Bücher mit Bildern, auch für Kinder, haben zweifelsohne eine lange Tradition, aber Bilderbücher, so wie wir sie heute ken­ nen, sind nur gute hundert Jahre alt. Lange hat es gedauert, bis sich das Wissen durchge­ setzt hat, daß das Heranwachsen eines Kin­ des ohne Bilder nicht geht und heute sehen Sprach-und Lesebücher für Schulanfänger oftmals wie Bilderbücher aus. Bild der Welt, das ist das Bilderbuch mit seinen Illustrationen auch heute noch dem Kind. Als „Erstliteratur“ kommt ihm größte Bedeutung zu, die in vollem Umfang und 219

sich im ersten Nacherzählen Sprache aus, im Spielen und Malen findet das Kind Möglich­ keiten, innere Probleme &eizulegen und zu lösen. Nicht nur dem kleinen Kind, sondern auch weit bis ins Schulalter hinein erschließt sich dem Kind die Vielfalt von Zusammen­ hängen primär über das Bild, die Illustration. Hier tragen schreibende und malende Künstler eine große Verantwortung, kann doch in hoher �alität nur weitergegeben werden, was der Künstler selbst in sich trägt und was ihn bewegt. Hans Schroedter ist es mit seinen Illustrationen gelungen, in Kom­ position, Linienführung und Farbgebung weitab vom „kindischen“ zu bleiben. Er hat sorgsam qualitativ hochwertige Bilder zu vorgegebenen Texten geschaffen. Schroed­ ter hat Staunen und Freude, Weitsicht aus direkter Ursprünglichkeit, Leiderfahrung und Glück, dazu eine große Liebe zur Natur mit all ihren Möglichkeiten in seine Kinder­ illustrationen eingebracht. Es ist ihm gelun­ gen, mit seinen Bildern neugierig zu machen, Interesse zu wecken – und weil sie nicht festlegen, sondern offen sind, lassen sie den Betrachter erfahren, daß er selber mitten in der Bilderwelt steht, daß er sich verfügbar machen kann und so für seine eigene Phanta­ sie ein Ziel findet. Christiana Steger »Alter Eulenspiegel‘: Bleistiftzeichnung, undatiert ihrer gesamten Wirkungstiefe noch längst nicht vollständig erforscht und erfaßt ist. Illustrationen, wenn sie künstlerisch, also überzeugend gestaltet sind, haben einen nachdrücklichen Einfluß auf die Entwick­ lung und Phantasie des Kindes. Hier bildet Rolf Kammerer (1888-1961) Ein Maler des Hochschwarzwaldes und des Bodensees Im Jahre 1988 wäre der Furtwanger Kunst­ maler Rolf Karnmerer, der den älteren Bür­ gern unserer Stadt noch gut in Erinnerung ist, geworden. Ein willkommener Anlaß, dieses um seine „ Wäl­ derheimat“ verdienten Mannes zu gedenken und sein kostbares Erbe zu würdigen. Jahre 100 alt Der Geschichts- und Heimatverein Furt­ wangen ehrte den Sohn der Stadt mit einer repräsentativen Gedächtnisausstellung, in 220 der das Lebenswerk des Künstlers der Allge­ meinheit vorgestellt wurde. Mit der Heraus­ gabe eines Rolf-Kammerer-Kunstkalenders für das Jahr 1989, mit heute seltenen Motiven aus Furtwangen und seiner näheren Umge­ bung, in hochwertiger Druckqualität, aus dem Hause Druckerei Leitz, Furtwangen, fand das Geburtstagsjubiläum einen rüh­ menden Abschluß. Rolf Kammerer stammt aus einem sehr

alten Schwarzwälder Handwerker- und Bauerngeschlecht, das sich in Schönenbach bis zum Jahre 1611 zurückverfolgen läßt. Sein Vater, Großvater und Urgroßvater waren angesehene Uhrmacher in Furtwan­ gen. In diesem Zusammenhang erwähnens­ wert ist vor allem sein Großvater Samuel Kammerer, genannt s’Maxe Samm, der als geschätzter Bürger und Uhrenfabrikant die wirtschaftliche Entwicklung Furtwangens damals mitgestaltete. Samuel Kammerer wurde durch die Herstellung vorzüglicher Federzuguhren, sogenannter Stockuhren, nach englischer Bauart mit Schnecke und Saite, die auf den damaligen Industrieausstel­ lungen große Beachtung und Anerkennung fanden, auf dem „uhrenmachenden Schwarz­ wald“ besonders bekannt Am 12. April 1888 wurde Rolf Kammerer als zweitältester Sohn des Uhrmachers und Handelsmanns Eduard Kammerer und sei- Abendstimm1111g m, der Neueck (Öl) 221

Kleiner Peldwelher unterhalb der ,,./Nt“Eck“ (Aquarell!) ner 2. Ehefrau Frieda Kuß in Furtwangen geboren. Sein Vater war in erster Ehe mit einer Schwägerin des bekannten Altbürger­ meisters Herth verheiratet. Aus dieser Ehe ging ein Sohn namens Robert hervor, dem Rolf Kammerer seinen Einstieg in das ,,Künstlerleben“ mitverdankte. Seine Wiege stand im alten „Kammerer­ Hus“ an der Großhausgasse, später Eisen­ bahnstraße, das als 2. Schulhaus (1825-1867) von Furtwangen stadtgeschichtliche Bedeu­ tung erlangte und das im April 1978 „warm“ abgerissen wurde. Angesichts seiner ausgeprägten Neigung zum Musischen ermöglichten ihm seine Eltern eine Ausbildung am damaligen Leh­ rerseminar in Meersburg, in der nicht unbe­ gründeten Annahme, der Beruf des Lehrers werde ihm unter den zeitbedingten Verhält­ nissen noch am ehesten als sichere Existenz­ grundlage gerecht. Rolf Kammerer fand jedoch in diesem Beruf nicht die erhoffte Befriedigung und wandte sich, noch vor dessen Ausübung, mit ganzem Herzen seiner geliebten Kunst zu, bemerkenswerterweise zunächst der Musik. Ein mehrjähriges Musikstudium, von 1911 bis 1914, am Stern’schen Konservatorium in Berlin – Violine, Musikwissenschaft, Kunst­ geschichte – führten ihn erfolgreich zum Musiklehrerexamen. Der Erste Weltkrieg 1914-1918 brachte dann Rolf Kammerer als Soldat an die Kriegsschauplätze Frankreich und Rußland. Nach Kriegsende fand Rolf Kammerer zunächst Anstellung als Musiklehrer in Herne und später am Städtischen Konserva­ torium zu Duisburg. Zu dieser Zeit holte er sich aus dem heimatlichen Schwarzwald seine Lebensgefährtin Else Siedle, die eben­ falls aus einer alten Furtwanger Familie stammt. Aus dieser Ehe ging eine Tochter namens Ingrid hervor. Seine Tätigkeit in Duisburg führte zur 222

Begegnung mit zwei namhaften Kunstma­ lern der damaligen Zeit: Richard Falkenberg, Düsseldorf, und Max Schewe, Duisburg, die schicksalhaft den weiteren Lebensweg von Rolf Kammerer veränderte. Seine naturgegebene Veranlagung zum Malen setzte sich durch und es folgte ein dreijähriges Studium in der Meisterklasse Falkenbergs. Später teilte er mit dem Indu­ striemaler Max Schewe das Atelier. Von nun an ging Rolf Kammerer, seiner wahren Berufung folgend, als Maler seinen eigenen Weg. Daß es den „Ur-Schwarzwälder“, nun vor allem als Maler, sehr bald (1925) wieder in seine Heimat zog, ist sehr verständlich, denn hier fand er die stets sich wandelnde Land­ schaft, die seinen Drang nach selbstschöpfe­ rischem Gestalten befriedigen konnte. Rolf Kammerer, zeitlebens dem Impres­ sionismus zugetan, fand aber sehr bald sei­ nen eigenen Stil, nicht beeinflußt von Kunst- 223

richtungen oder gar Publikumsansichten. Der temperamentvolle Künstler, der ein gutes Auge für die Stimmungen des Tages und der Stunde besaß, verstand es, diese kühn und frisch in seinen Bildern festzuhal­ ten. Seine große Fähigkeit des Einfühlens in das Walten der Natur verleiht seinen Arbei­ ten, rhythmisch bewegte Landschaftsbilder, eine eigenartig ergreifende Dynamik von sel­ tenem Reiz. Er traf diese dramatischen Stim­ mungen in der Landschaft des Hochschwarz­ waldes, die Abend- und Morgenstimmungen, Gewitter- und Sturmtage, ziehende Wolken­ fetzen und wehende Nebelschleier mit ver­ blüffender Sicherheit, ohne in eine „Postkar­ tenromantik“ abzugleiten. Aber auch Frie­ den und Sonne über stimmungsvollen Som­ mer- und Winterlandschaften des hohen Schwarzwaldes mit grandiosen Fernblicken zeichnen seine Bilder aus und offenbaren uns die ganze Schönheit und Erhabenheit der Schwarzwaldlandschaft. RolfKammerer, selbst ausübender Musi­ ker, suchte stets das Musikalische der Land­ schaft mit ihren vorübergleitenden Stim­ mungsbildern zu erfassen. Mit meisterlicher Interpretation gelang es ihm, die erhabene Feierlichkeit des scheiden­ den Tages von den Bergeshöhen des Hoch­ schwarzwaldes auf seiner Leinwand festzu­ halten. Die Täler scheinen unter dem Betrachter zu versinken und geben ihm ganz das Gefühl der freien Höhe und Weite. Die Waagrech­ ten, als dominierende Linien in diesen Bil­ dern, beginnen zu schwingen, weiter und 224

Abendstimmung am Feldberg (Öl} weiter, bis zum Verhalten in unendlicher Feme. Diese eigenwillige und typische Darstel­ lungsweise, zu der sich RolfKammerer in der Einsamkeit der Berge hingefunden hat, wird an den beiden wiedergegebenen Bildern „Abendstimmung auf der Neueck“ und „Abendstimmung am Feldberg“ deutlich erkennbar und verleiht ihnen den unver­ wechselbaren Charakter eines „Kammerer“. Seine Kritiker bezeichneten ihn daher oft als „Eigener“ und als eigenwilligen „Roman­ tiker“. Man könnte sagen, Rolf Kammerer war kein Schwarzwaldmaler, sondern ein Maler des Schwarzwaldes und des Bodensees; getreu dem Goethewort: Werde, was du bist! RolfKammerer war ein Meister der Aqua- rell- und Kohletechnik, in der er eigenwillig und sehr ausdrucksstark zu interpretieren verstand. Aber auch seine Landschaften in Ö !, in verhaltenen Farben fein, ja oft filigran­ artig abgestuft und virtuos zu einem harmo­ nischen, warmen Grundton zusammenge­ führt, haben ihren eigenen, unverwechselba­ ren Charakter, der seine Bilder auszeichnet. RolfKammerer war Mitglied in mehreren Kunstvereinen, die nur privilegierten Künst­ lern offenstanden, wie: ,,Südbadische Bil­ dende Künstler“ (Fachverband e. V.) Sitz Freiburg, Kunstverein Freiburg, Freunde der bildenden Kunst in München und „Confe­ deration internationale des associations d‘ artistes“ in Brüssel. Eine besondere Auszeichnung für Rolf Kammerer war es, der Künstlergruppe „Die 225

Das Bregta/ bei Schönenbach (Kohle) Schwarzwälder“ anzugehören, die auch als Ausstellungsgemeinschaft auf bedeutsamen Kunstausstellungen der dreißiger Jahre ver­ treten waren. Um hier nur einige Städte zu nennen und auch die Spannweite aufzuzeigen, in denen ,,Kammerer-Bilder“ zur Ausstellung gelang­ ten, dann waren dies u. a.: Donaueschingen, Freiburg, Baden-Baden, Karlsruhe, Kon­ stanz, Heidelberg, Mannheim, Stuttgart, Frankfurt, Oberursel, München, Berlin, Aachen und Bonn. Auch Ankäufe durch bedeutende Gale­ rien, sowie durch staatliche und private Kunstsammlungen, wie beispielsweise die F. F. Sammlungen in Donaueschingen, sicherten ihm einen Platz unter den aner­ kannten Kunstschaffenden des Landes. Diese Erfolge sollten aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß es seiner Familie zeit­ weise finanziell sehr schlecht ging, besonders in der Zeit der allgemeinen Wirtschaftskri­ sen. Rolf Kammerer ließ sich, bestärkt durch seine immer verständnisvolle Lebensgefähr­ tin, in seinem Kunstschaffen mit dem Lebensziel, den „eigenen Stil“ zur erstrebten Reife zu bringen, von keinen Zeitumständen beeinflußen. Er war und blieb ein „Eigener“! Daß die frühe Liebe zur Landschaft des Bodensees eine alte Liebe war und blieb, die nicht rostete, erkennt man daran, daß Rolf Kammerer zusammen mit seiner Familie 1942 dorthin für die folgenden acht Jahre übersiedelte. Die Höri und das Steiner Seetal – Land um den Schiener Berg – ist zur zwei- 226

Gewitterstimmung im Schwarzwald (Kohle) ten Heimat erkoren worden, deren Schön­ heit der Künstler nun wiederum in gleicher Weise wie seinem Schwarzwald diente. Man kann wohl sagen, daß RolfKamme­ rer dieser so ganz anderen Landschaft in ebenso meisterlicher Weise zum Interpreten geworden ist wie derjenigen unseres Schwarzwaldes, und so entstammt auch die­ ser Zeit eine reiche, glückhafte Ernte. Rolf Kammerer, reich ausgestattet mit Herzensgüte, war von überaus wohltuend heiterem Gemüt, ein umfassend gebildeter und vielseitig interessierter Mann. In seinem Herzen nicht nur bildender Künstler und Interpret der edlen Tonkunst, sondern auch Lebensphilosoph. Ein Glück, wenn man zu seinem Freundeskreis zählen durfte! Mitten in seinem rastlosen Schaffen, im 74.Lebensjahr, nahm ihm der Allmächtige Pinsel und Palette aus der Hand und führte ihn, den Maler des Schwarzwaldes und des Bodensees, zum Urquell allen Seins. Seine Persönlichkeit lebt jedoch in der reichen Ernte seines arbeitsreichen Künstlerlebens für uns unvergeßlich weiter. Viele seiner Bilder sind heute in Galeriebe­ sitz und in Privathand über die ganze Welt verstreut. Gerd Bender 227

Vom Hirtenbub zum Trachtenmaler J. B. Tuttine – ein Baaremer, der im Biedermeier Karriere machte „Unsere Volkstrachten – Ein Wort zu ihrer Erhaltung“ ist der Titel einer Schrift, die Heinrich Hansjakob vor nunmehr hundert Jahren veröffentlichte. Wenn heute das Trachtenbrauchtum im Schwarzwald und auf der Baar auch in den anderen deutschen Landschaften Klang und Namen hat, so ist dies wesentlich dem damaligen Appell des Volksschriftstellers aus Haslach im Kinzigtal zu danken. Zwei führende Trachtenmaler sind es, die im 19.Jahrhundert mit und neben Hansjakob um die Aufwertung und Neube­ lebung der in unserer engeren Heimat über­ kommenen Trachten vorab sich verdient gemacht haben. Der eine ist der in Mühlberg 228 an der Elbe geborene Wilhelm Hasemann, der 1880 nach Gutach kam und als „Maler­ professor“ im Schwarzwald heimisch wurde. Ihn, der Hansjakobs Volksbücher illustrierte und dessen Trachtenbilder um die Jahrhun­ dertwende den Weg in ungezählte Bürger­ und Bauernstuben im In- und Ausland fan­ den, hat der „Almanach“ ’85 (Seite 195-197), das Heimatjahrbuch des Schwarzwald-Baar­ Kreises, vor Jahren aus Anlaß einer Farbre­ produktion mit dem Titel „Maria in der Tann“ gebührend gewürdigt. Der andere Pionier zur Wiederbelebung der Trachten aus dem badischen Biedermeier ist Johann BaptistTuttine, ein Sohn der Baar,

dessen Todestag 1989 sich zum hundertsten Male jährte und dessen Name in den letzten Jahrzehnten zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist. Ihm und seinem Lebensweg sol­ len die nachfolgenden Zeilen gelten. In Bräunlingen ist er am 3.Juli 1838 gebo­ ren. Über das Fach des Uhrenschildmalers und Lackierers arbeitete er sich aus ärmlichen Verhältnissen zum freien Maler und vorzüg­ lichen Kenner des Schwarzwaldes und des badischen Trachtenwesens empor. Sein Vater stammte aus dem Hessischen und war als Schustergeselle auf der Walz im ehedem zähringischen Bräunlingen hängen geblie- ]. B. Tuttine: Selbstbildnis des Malers, in Öl auf Leinwand, 1862 (nach einer Kopie von C. Hor­ nung, Bräunlingen). Beide Werke befinden sich im Heimatmuseum der Stadt Bräunlingen. Arbeiten von dem Trachten­ maler Tuttine besitzen in der engeren Heimat vor allem die Gemäldegalerie in Donaueschingen, das Augustinermuseum in Freiburg und die Staatli­ che Kunsthalle in Karlsruhe, ben. Dort hatte er Katharina Lutz, die Toch­ ter eines eingesessenen Bürgers und ehrsa­ men Zunftmeisters, geheiratet. Beide Eltern starben früh und ließen eine unversorgte Kinderschar zurück, als Ältesten den zeich­ nerisch talentierten Johann Baptist. Alljähr­ lich im Frühjahr wurde der Vollwaise von der Stadt an den „Wenigstbietenden versteigert und hütete als barfüssiger Junge dann den Sommer über eine Kuh, ein Kalb und eine Geiß, die ganze Viehhaltung seines ärmli­ c;hen Vetters“. So schildert Hans Rott im Ekkhart-Jahrbuch 1925 höchst anschaulich die Jugend des nachmaligen Künstlers und Trachtenexperten. Schließlich entdeckte ein betuchter Mö­ belfabrikant aus der Landeshauptstadt die ungewöhnliche Begabung und öffnete dem jungen Mann die Wege an die Kunstakade­ mie in Karlsruhe. Dort hatte Tuttine in den aus der Düsseldorfer Schule hervorgegange- j. B. Tuttine: Mädchen mit Rosenkranz, in Öl a_yj L(i.1.1:wm;.d,, W�6. 229

nen Genre- und Historienmalern Karl Hein­ rich Hoff und Ferdinand Keller tüchtige Lehrer. Doch in dem inzwischen 30jährigen Schüler hatten sich die in der Knabenzeit aufgenommenen Eindrücke vom bäuerli­ chen Leben auf dem Schwarzwald so tief und nachhaltig eingeprägt, daß sie Tuttines Trachtenportraits und bäuerlichen Genre­ stücke zeitlebens bestimmten. Wie kein anderer war der BräunlingerTut­ tine somit prädestiniert für jene historischen Festzüge der badischen Landestrachten, die Anfang und Mitte der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts anläßlich der Silber­ hochzeit des Großherzogs Friedrich I. sowie aus Anlaß der Vermählungsfeier Friedrichs II. in Karlsruhe entstanden. Als Glanzpunkt der Umzüge hatte Tuttine drei Hochzeits­ züge aus den verschiedenen badischen Trachtenlandschaften zusammengestellt: eine „grüne“, eine „silberne“ und eine „gol­ dene“ Hochzeit. Nachträglich beauftragte der Großherzog den Künstler noch, die drei Gruppen in Ölbildern festzuhalten. Dem Bräunlinger Maler war es – krankheitsbe­ dingt – leider nur noch ve:iönnt, die „gol­ dene“ Hochzeitsgruppe in 01 zu malen. Die Bilder der beiden anderen Gruppen malte der mit Tuttine befreundete Heinrich Issel, ein Hildebrandschüler, nach Tuttines bezie­ hungsweise nach eigenen Entwürfen. Ein volles Arbeitsjahr hat Tuttine allein für Vorstudien und die erforderlichen Wan- derungen auf der Baar, im Markgräflerland, im Prechtal, Kinzigtal, dem Hanauerland und dem Hotzenwald in den frühen achtzi­ ger Jahren geopfert. In dieser Zeit gingen auch zahlreiche Trachten, Kostüme sowie altes bäuerliches Gerät aus den genannten Trachtenlandschaften in den Besitz des Künstlers und Schwarzwaldwanderers über. Zusammen mit den Notizen und den Zeich­ nungen des Malers bildet Tuttines künstleri­ scher und volkskundlicher Nachlaß, den das Landesmuseum in Karlsruhe verwahrt, heute eine unerschöpfliche Fundgrube für Historiker, Volkskünstler und Kunstexper­ ten. Bereits in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hat Tuttine der Plan eines Schwarzwälder Trachten- und Kostümmuse­ ums vorgeschwebt, wie es vor wenigen Jah­ ren in Haslach, der Heimat Hansjakobs, in wesentlichen Zügen verwirklicht wurde. Den eingangs dieses Beitrags erwähnten Auf­ ruf des Volksschriftstellers, der 1892 heraus­ kam, hat Tuttine allerdings nicht mehr erlebt. Am 23. August 1889 ist er an den Fol­ gen eines Schlaganfalls gestorben und in Karlsruhe beigesetzt worden – laut den ,,Badischen Biographien“, Band IV. Abwei­ chend von dieser Quelle verzeichnet der Donaueschinger Heinrich Feurstein in sei­ nem Katalog der F. F. Sammlungen den 24. August 1889 als Todestag J. B. Tuttines. Dr. Lorenz Honold Emmerich Esterle Steintechniker, Steinmetz- und Bildhauerrneister Aus dem Land der Magyaren, in das vor über 200 Jahren seine schwäbischen Vor­ fahren umgesiedelt waren, wurde der gebür­ tige Budapester in der Folge der Nachkriegs­ ereignisse mit Eltern und 2 Brüdern aus­ gewiesen. Die Gemeinde Hilsbach bei Sins­ heim bot seiner Familie eine neue Heimat. Sehr rasch entdeckte Esterle dort einen Stein­ bruch. Von den Formen der Steine beein- druckt, fasziniert und ergriffen, gestaltete er schon als Schüler Tröge für Hasen. Und vom Stein kam er nicht mehr los. Konsequent wählte er die für ihn vorgesehene Richtung zum Beruf eines Steinmetz. Nach dreijähri­ ger Lehrzeit ging Esterle als Landessieger aus der Gesellenprüfung in Baden-Württemberg hervor. Ein Baluster aus gelbem Sandstein stellte sein Gesellenstück dar. Der Weg des 230

Breisgau beendete Emmerich Esterle mit der Meisterprüfung in beiden Handwerkszwei­ gen und einer zusätzlichen Prüfung, die ihn berechtigt, auch die Berufsbezeichnung „Staatlich geprüfter Steintechniker“ zu füh­ ren. Dem jungen Handwerksmeister und Künstler öffnete sich ein großes Arbeitsfeld. Esterle schuf eine Reihe von Figuren, so auch ein Relief für die Kirche der Katholi­ schen Pfarrgemeinde in Hilsbach. Er gestal­ tete am Freiburger Münster Figuren aus dem Prophetenzyklus, arbeitete an Fialen und Kreuzblumen. Oft befand sich sein Arbeits­ platz auf dem Gerüst in schwindelnder Höhe am gotischen Münsterturm. Im Jahre 1968 verlegte der Meister seinen Wohnsitz von der Zähringerstadt Freiburg in die Zähringerstadt Villingen. Grabdenkmä­ ler, Kreuze, figürliche Reproduktionen in verschiedenen Stilrichtungen, Arbeiten am Villinger Münster, Kunstwerke mit Moder­ nität geben einen Beweis vom unermüdli­ chen Schaffen des Meisters. Ein besonderes Juwel, ein Exempel bildhauerischer Perfek­ tion, stellt eine Kopie der von Anton Josef Schupp um das Jahr 1728 geschaffenen Skulptur „Madonna mit Kind“ dar. Die Kopie steht auf hohem Sockel des Dachfirstes im Schatten des Turmes der Benediktinerkirche, wo einst der Platz der verwitterten Originalfigur war, die heute noch im Städtischen Museum im Stadtbe­ zirk Villingen zu sehen ist. Dann folgte der Schritt nach Donau­ eschingen, wo Esterle eine Basis für einen selbständigen Betrieb vorfand. Beim Besuch in seiner Werkstatt wird man Zeuge, wie der Meister mit Akribie ans Werk geht und ach­ tend auf die elementaren Grundsätze der Ästhetik Natursteine so formt und gestaltet, daß in die starre Materie Bewegung kommt, daß sich steinige Kälte in bildhafte Wärme verwandelt, daß abstrakte Kunst auch dem Betrachter verständlich bleibt. Er meißelt mit seinen künstlerischen Attributen bildliche Darstellungen in den Stein, in Granit, Gneis, Marmor oder Sandstein. Aus zahlreichen Arbeiten spricht seine Künstlersprache. Als 231 frisch gekürten Gesellen führte zur Münster­ bauhütte in Freiburg im Breisgau. Hier konnte er unter Münsterwerkmeister Josef Jakob das Handwerk eines Steinbildhauers erlernen und die Fähigkeit entwickeln, mit Hammer und Meise! Skulpturen zu schaffen. Unzählige Zeichnungen, Entwürfe, Berichte in gestochener Druckschrift ergänzten die harte, kraftfordernde Arbeit am Stein. Die nächste Stufe erklomm Esterle im Jahre 1958, als er auch bei der Gesellenprü­ fung für Steinbildhauer wieder als Landessie­ ger in Baden-Württemberg gefeiert wurde. Sein Gesellenstück erreichte beim prakti­ schen Leistungswettbewerb der Handwerks­ jugend aus den in der Bundesrepublik 11 lan­ desbesten Kunstwerken die höchste Bewer­ tung, wie die vom damaligen Bundespräsi­ denten und Schirmherrn Theodor Heuss unterzeichnete Ehrenurkunde für den Bun­ dessieger Esterle dokumentiert. Eine Fortbildung in der Meisterschule für Steinmetz und Bildhauer in Freiburg im

Brunnen im Gemeindezentrum Brigachtal Brunnen m d’er 13ezzrltssparltasse Donaueschingen

Beispiele präsentieren sich der Friedhofbrun­ nen in Donaueschingen, die Brunnen in der Bezirkssparkasse Donaueschingen und im Gemeindezentrum von Brigachtal oder auch die in einer Nische hoch über dem Portal der Stadtkirche in Donaueschingen stehende St. Johann-Statue, eine Kopie aus grünem Sand­ stein, die im Jahre 1987 eine aus dem Jahre 17 41 stammende Statue ablöste. Die schöpfe­ rische Arbeit des Künstlers schließt auch das Modellieren für Bronzegüsse mit ein; Bron­ zegüsse wie „Der brennende Dornbusch“ oder ein Leuchter für die Osterkerze in der Pfarrkirche St. Marien in Donaueschingen. Einen großen Teil der Arbeitszeit widmet Esterle der Ausbildung heranwachsender Steinmetze und Bildhauer. In seinen Fuß­ stapfen steht bereits als Geselle Sohn Urban. Schon seit einigen Jahren gehört Esterle der Künstlergilde Donaueschingen an. Er nimmt auch an Ausstellungen teil. Einen kleinen Einbick in die Arbeitswelt eines Steinmetz und Bildhauers bekam man bei der Handwerkerausstellung 1989 in der Donauhalle in Donaueschingen, als Esterle, umgeben von einigen seiner Werke, den Besuchern an einem Block aus Buntsand­ stein handwerkliches Geschick und künstle­ risches Gestalten demonstrierte. Es entstand ein Blumenstrauß, der seit November 1989 an der Karlstraße in Donaueschingen steht; ein Geschenk des Künstlers zum Jubiläum „1100 Jahre Donaueschingen“. Und immer noch fin­ det Esterle Zeit für sein Hobby, die Aquarell­ malerei. Ideen mit Geduld und Ausdauer zu fin­ den und zu entwickeln, sie zu skizzieren, durch sensible Arbeit in Kunst umzusetzen und damit den Menschen eine Freude zu bereiten, mit Überzeugungskraft die Auf­ traggeber zu beraten, sich frei in der Kunst entfalten zu können, ohne zu sehr an vor­ gegebene Normen gebunden zu sein, darin sieht Emmerich Esterle seine Lebensaufgabe und die �elle alles Schönem in seinem Beruf, den er seit 40 Jahren ausübt. Werner Heidinger 233 St.-johann-Statue über dem Portal der Stadt­ kirche in Donaueschingen

Kunst am Bauzaun des Landratsamtsneubaues Gestaltet von der Arbeitsgemeinschaft „Wir malen“ des Gymnasiums am Romäusring im Stadtbezirk Villingen Jeder kennt sie, die langweiligen Bau­ zäune an den Baustellen – dem sollten wir abhelfen! Man trug die Bitte an uns heran, fur bunte, kreative Gestaltung am Bauzaun des Landratsamtsneubaues zu sorgen. Dieser Gedanke fand bei uns begeisterte Aufnahme. Wir sind eine Gruppe von Schülerinnen der Klassen 6 bis 9 am Gymnasium am Romäus­ ring (Britta Jehle, Meltem Kilinc, Yvonne Schaumann, Tanja Schuler, Maren Knoche), die als AG „Wir malen!“ in diesem Schuljahr „Arbeit“ gesucht haben. So war das geeignete Betätigungsfeld am Neubau des Landratsam­ tes gefunden. Nach einigem Hin und Her, welchen Inhalt wir auf den insgesamt 30 qm großen Flächen darstellen wollten, einigten wir uns auf „Zeichen unserer Zeit“, Zeichen – die Wünsche ausdrücken, Zeichen – die jeder­ mann versteht: Ein Portrait, einmal im ungewohnten �erformat dargestellt, mit den Zeichen, den Gedanken unserer Tage: – eine glühende lebensspendende Sonne, – eine Friedenstaube mit dem Zweig im Schnabel, – ganz romantisch: Mond und Sterne, – der Regenbogen als Friedenszeichen mit Gott, – der Neubau des Landratsamtes und natürlich – unser Schulsignet als „Markenzeichen“. Das Portrait entstand als Gemeinschafts- 234

Viel Spaß hatten wir bei der Arbeit mit den großen Farbwalzen und den Riesenpin­ seln! Ob unsere guten Wünsche, unsere Hoff­ nung in Erfüllung gehen? arbeit mit unserer Kunsterzieherin Frau Regina Hiekisch; die Symbole wurden das Werk jedes einzelnen von uns. Als es Ende Oktober 1989 empfindlich kalt wurde, hatten wir noch vor, eine weitere Fläche zu bemalen; wegen der Kälte so schnell und kurz wie möglich. So fanden wir in Kurzzeichen -angeregt von A. R. Penck­ eine dekorative Lösung für immerhin zehn �adratmeter Fläche. Just am 10. November 1989 arbeiteten wir zum letzten Mal. Über Nacht war ein „Kür­ zel“ weltweit bedeutsam geworden: Das Ende der Berliner Mauer! Hochaktuell bau­ ten wir das für Deutschland so wichtige Datum in unsere Arbeit mit ein. Regina Hiekisch 235

Heimat, Brauchtum, Mundart Der Kaib Die Generation unserer Enkel wird sich schwertun, sich der vielen kernigen, spaßi­ gen, auch zweifelhaften Ausdrücke zu erin­ nern, die der Sturm auf die Dialekte in weni­ gen Jahrzehnten hinweggefegt hat. Wenn Julius Langbehn recht hatte, daß das ,,urwüchsige Idiom … bescheidener herzli­ cher lieblicher“ sei (als ein abgegriffenes), und seine Pflege empfahl, wenn Johann Peter Hebel und in seiner Nachfolge viele zeigten, wie das Wiesentäler Alemannisch und die große Zahl von Mundarten Dichtung voll Wahrheit, Gemüthaftigkeit und Musikalität zu tragen vermögen, wenn Albert Schweitzer deutsch und französisch dachte, redete und schrieb, aber auf elsässisch betete und sozu­ sagen seinen Dialekt weihte, so hat der Bewahrer und Freund der Mundarten, der in diesen ein Reservoir für die Hochsprache sieht, ihre Romantik liebt, bisweilen zu ihnen wie in eine heile Welt flieht, ihren Ver­ lust als eine Verarmung bedauert, mächtige Zeugen. Und nicht zufäJlig erfreuen sich Mundartdichter heute einer treuen und ansehnlichen Leserschaft, erkennt man doch in Zeiten des Umbruchs klarer, wenn nicht zum erstenmal, was Vergehendes bedeutete, wie sehr es ein Stück Heimat war. Deshalb soll ein möglicherweise vom Aussterben bedrohtes Wort zu Wort kom­ men, dessen Bedeutungsvielfalt und -weite je nach Zusammenhang und Betonung im Gespräch kaum zu überbieten sein dürfte. Denn es gehört zur Kategorie der Wörter, die man in Büchern und Schriften, auch sehr alten, selten findet. Noch weiß man in der schwäbischen und alemannischen Sprach­ landschaft, und dort besonders in der dörf­ lich-bäuerlich-handwerklichen Welt, wo man konkret und in Bildern denkt und sich unmißverständlich, doch nicht undifferen­ ziert ausdrückt, was ein Kaib (Plural: Kaiwe) 236 ist. (In die Vornehmheit städtischer Sprech­ weise, gar in die Höhe der Wissenschaft vor­ zudringen und sich dort anzusiedeln, ist ihm nie gelungen.) Eine Erörterung darüber erscheint überflüssig. Ein Kaib ist ein Kaib, das ist doch klar, das weiß bei uns doch jedes Kind! Tatsächlich? Dennoch muß die Frage, die in grundsätz­ licher Weise große Philosophen gestellt haben, erlaubt sein: Wissen die Menschen, die dieses Wort gebrauchen, an die es gerich­ tet ist, die es über andere hören, was es in all seinen Nuancen bis in seine Extreme im Positiven wie im Negativen bedeutet? Wer weiß schon, ehe er die Wissenschaft zu Hilfe gerufen hat, in welchem Sinne das Wort in alter Zeit verwendet wurde, daß man im Mit­ telalter „Aas“ -Leichnam und Tierkadaver­ damit meinte, daß es danach gleichsam zum prallen Leben zurückkehrte und nach dieser erstaunlichen Metamorphose die verwegen­ sten Verbindungen zur Q!ialifizierung bzw. Abqualifizierung von Menschen, Tieren, Gegenständen und Verhältnissen einging, die, bedingt durch die Dynamik der Sprache, vollständig aufzuzählen, schwerlich zu schaffen ist? Beklagen mag man, daß es mit mehr uner­ freulichen als erfreulichen Epitheta ver­ knüpft worden ist. Also kann ein Mensch, Mann oder Frau, Kind oder Greis ein alter, blöder, böser, brettschelber (schrulliger, schwer umgänglicher), driwellieriger (ewig drängeln­ der), dummer, eigensinniger, elender (hinterhäl­ tiger),falscher,fauler,.frecher, g’walttätiger, gru­ (schneikiger), kritzgegeder siger, heidlicher (äußerst schwieriger), liederlicher, meisterloser (ungezogener), miserabliger, närrscher (unbe­ herrschter), pläriger (oft heulender), schräger (besserwisserischer), spottiger (spottlustiger), stieriger, tauber, ilberzwerger, u’zogener, ver-

Die Sprache scheut auch -aber das muß unter uns bleiben! -den Bereich des Ordinä­ ren nicht. Es gibt den Saukaib und den ver­ reckten Kaib, zwei derbe Schimpfwörter, die man nicht in den Mund nehmen sollte. Dagegen sind der Malefizkaib und der Lus­ kaib (Lauskaib) harmlos und humorvoll. Wie man sieht, besteht allein im Negati­ ven eine schier endlose Bandbreite von unangenehmen Möglichkeiten. Ein Kaib kann schon ein Kind sein, das seine Eltern und Geschwister tyrannisiert. In Zeiten eines virulenten Nationalismus waren es ganze Völker (Selli Kaiwe!). b’schissener)betrügerischer), verdrießlicher, ver­ druckter (heimtückischer), verfressener (freßlu­ stiger), verruckter (nervöser), verschlafener, ver­ soffener, verstrittener, widerwärtiger, wunderjit­ ziger (neugieriger), wüster, z’leidlebiger Kaib sem. Um nur noch wenige Ausdrücke zu erklä­ ren: Ein böser Kaib ist zum Beispiel eine Frau, die an Mitmenschen keinen guten Faden läßt, ihre guten Absichten ins Gemeine ver­ dreht, was besonders verletzt, böse Gerüchte in die Welt setzt und auch an idealen Verhält­ nissen nur Übles entdecken kann. Einern g’schupften Kaib geht nichts schnell genug, er muß gleichsam immer vor einem heranna­ henden Gewitter sein Heu einfahren, in Dis­ kussionen um Kleinigkeiten engagiert er sich, als ob es um sein Leben gehe. Mit dem Wort Kaib, diesem in vielen Unterhaltungen nahezu unentbehrlichen Begriff, kann jeder Mensch mit einer nieder­ trächtigen Haltung belastet werden. Kaib nimmt dann die Bedeutung von „Strolch“ an. Am schnellsten schafft es einer, ein Kaib zu werden, mit einer frivolen oder sonstwie unziemlichen Bemerkung. Die Reaktion des Angesprochenen: ,,Du Kaib, duf“B1itzt dazu der Schalk aus beider Augen, so ist der Friede wieder hergestellt. Das Wort wird auch zum Spaß mit dem Namen eines anderen verbun­ den: ,,Ist jetzt dem Kaiwe-Karl nichts mehr Gescheiteres eingefallen?“ Doch den Kaib gibt es auch in positiver Ausgabe. Ist ein dummer Kaib ein Mensch, der Zusammenhänge nur mühsam durch­ schaut, so kann er je nach der Aussageabsicht auch jemand sein, der auf sich und seinen Profit zuletzt sieht, immer das Wohl der anderen im Auge hat, sich aus reinem Idealis­ mus einem hohen Ziel verschreibt, auf jeden materiellen Gewinn verzichtet und sich sogar bis zur Selbstaufgabe ausnützen läßt: ein in jeder Hinsicht guter Mensch. Ein gescheiter Kaib ist überhaupt ein Kaib. Er hat schon alles begriffen, bevor man es ihm erklärt, behält alles im Gedächtnis, hat fortlaufend originelle Ideen, gehört immer zu den Besten in der Klasse, im Betrieb und in der Gesellschaft zu den Angesehensten. Ein Kaib in diesem Sinne kann man auch auf einem sehr partiellen Gebiet sein. Mit Bewunderung, wenn nicht mit Neid spricht man von einem Kaib im Schaffen und meint jemanden, dem auch anstrengende Arbeit von der Hand geht, als sei sie ein Spiel, ein Kaib dieser Art ist ein geschickter Mensch, einer mit zwei rechten Händen sozusagen, die Eve im „Zerbrochenen Krug“ von Hein­ rich von Kleist zum Beispiel. Am liebsten erzählt man von jungen Mädchen in einer Familie, die für ihre Geschicklichkeit im Stik­ ken, Häkeln, Beerensammeln … bekannt sind und deren Fähigkeiten man bei ihren Kindern wieder erwartet. Ein solches Kaiwe­ meidli strickt dir einen Pullover in phantasti­ scher Rekordzeit, auf diesem Gebiet ist es ein Mordskaib. Jeder Vater hört nichts lieber, als daß seine Söhne Kaiwebuewe oder Kaiwekerli seien. Weniger gern erfahrt er, seine Kinder seien Kaiwesieche oder ein Kaiwechor. Dage­ gen scheint der Ausdruck Kaiwekoog zwi­ schen tüchtigem und sturem Kerl zu schwan­ ken, und aus dem Zusammenhang muß man erkennen, ob ein Kaiwewiib eine ungewöhn­ lich tüchtige oder verführerische Frau ist. Durchaus unbeliebt ist überall das Kaiwe­ ziigs, was ein lästiger Hautausschlag wie ein Unkraut im Garten sein kann. Kaiwili ist das (seltene) Kosewort für ein liebes Kind. Auch die außermenschliche Welt bleibt vor dem Kaib nicht verschont: ein störrisches Pferd, eine schwer zu hütende Geiß, ein noch 237

nicht gut erzogener Hund, eine Fliege, alle Tiere, die nicht so tun, wie sie sollen oder Schädlinge sind: Mäuse, Kartoffelkäfer; auch Gegenstände aller Art, wenn sie irgend­ wie hinderlich oder lästig oder schwierig zu handhaben sind, sogar natürliche Gegeben­ heiten: ein Stein, eine steile Wegstrecke, die Kaiwesonn, das Kaiwedonnerwetter, der Kaiwe­ huste. Jetzt muß der Eindruck entstanden sein, die ganze Menschheit, die Tiere und die unbelebte Welt bestünden nur aus Kaiwen. So ist das nun freilich auch wieder nicht. Ausgenommen waren immer die wirklich Großen, die bedeutenden Gestalten der Geschichte und die unangefochtenen Auto­ ritäten der jeweiligen Gegenwart: der Kaiser, der Großherzog, ein Bischof, der Bürgermei­ ster, große Baumeister und Künstler, selbst­ verständlich alle Heiligen, ebenso Men­ schen im engsten Familienkreis, Vater und Mutter, Liebe Geschwister. Kaum mit dem Namen Kaib wurde je der große Durch­ schnitt der Menschen bedacht, die ihr Leben in aller Ausgeglichenheit verbrachten und durch nichts Besonderes auffielen. Und noch etwas: Auch das oder den abgrundtief Böse(n) oder das Katastrophale erreicht dieses Wort, selbst in seiner Verstär­ kung Erzkaib nicht mehr. Für einen Mörder, einen Massenmörder gar ist es zu schwach, wird es wohl doch zu oft im Scherz gebraucht, als daß es einen solchen adäquat bezeichnen könnte. Von einem so häufig gebrauchten Wort sind ganz selbstverständlich auch Ableitun­ gen entstanden. Eine Kaiwerei ist ein mühse­ lige, deshalb ungeliebte und meist von wenig sichtbarem Erfolg begleitete Arbeit. Hat einer scho wider ebbis Kaiwigs, so will er einen Spaß machen, der freilich mehr ärgert als erheitert. Ist wider ebbis Kaiwigs, so kann man aus irgendeiner Widrigkeit ein Vorha­ ben nicht ausführen. Kaiwisch nett ist ein Kleid, auch das Muster auf einer Strickweste. Die Verben kaiwe und rumkaiwe umschrei­ irgendwelches übermütiges Getue, ben 238 Tanze un Kaiwe – eine stehende Redewen­ dung -heißt, sich auf der Kilwi oder an der Fastnacht, und nicht nur dort, recht ausge­ lassen aufführen. Ein Tag ist verkaiwet, wenn durch unver­ hofften Besuch ein Vorhaben nicht zur Aus­ führung kommt, eine gute Stimmung in einer Gesellschaft durch eine beleidigende Äußerung verdorben wird. Macht einer dem anderen das Ergebnis seiner Arbeit un­ brauchbar, verkaiwet er es ihm. I han mi verkaiwet sagt einer, der sich erkältet oder den Magen verdorben hat. I bin recht ver­ kaiwet klagt jemand, wenn er eine Grippe ver­ schleppt hat und sich deshalb um seine Gesundheit sorgt. Anzufügen ist noch, daß der Kaib in ver­ schiedenen Landschaften verschieden aus­ gesprochen wird: im Mittleren Schwarz­ wald: Kaib, in den Tälern dem Rhein zu, in der Rheinebene und im Elsaß: Keib, in den Gebieten dem alten Land Württemberg zu: Koab, im Hotzenwald und in der Schweiz: Chaib oder Kchaib. Über Stammes- und Staatsgrenzen setzt sich der Kaib hinweg, er gibt sich zu einem gewissen Grad internatio­ nal. Karl Volk Hinweise: Oskar Fleig, Alemannisches Wörterbuch der Raumschaft Triberg mit Redensarten, Triberg 1980, S. 81 f. Hermann Braunstein, Albert Schweitzer und der elsässische Dialekt-Eine Erinne­ rung in: Die Ortenau 1989, Kehl, S. 506. Badisches Wörterbuch, Lahr, Bd. 3, S. 48 -50. Rembrandt als Erzieher – Von einem Deutschen d. i. J ulius Langbehn 31. Aufl. s. 140. Für freundliche Unterstützung danke ich Herrn Dr. Gerhard W. Baur vom Arbeits­ bereich Badisches Wörterbuch der Uni­ versität Freiburg sehr herzlich.

Der „Frauendreißiger“ Als die Gewürzweiber auf der Baar noch Heilkräuter sammelten Wer -auf der Baar und im Schwarzwald – kennt ihn noch: den „Frauendreißiger“? Er ist nicht Mann und ist nicht Frau. Vielmehr ein volkskundlicher Begriff, die Bezeich­ nung für bäuerliches Brauchtum auf der Höhe des Jahres. Unter dem „Frauendreißi­ ger“ versteht man im katholischen Süden den Zeitabschnitt zwischen dem großen und dem kleinen „Frauentag“. Mithin die Tage zwischen Mariä Himmelfahrt (15. August) und Mariä Geburt am 8. September. Im oberdeutschen Volksbrauch ist der „Dreißiger“ der 30. Tag nach dem Tod eines Angehörigen. Am „Dreißigsten“ wird eine Messe, oft auch ein feierliches Amt, für seine Seelenruhe gelesen. In enger Beziehung zu Die Königskerze, die an Mariä Himmelfahrt (15. August) ihren Ehrenplatz im bäuerlichen Kräuterbusch hat diesem ausgesprochen süddeutschen Toten­ kult steht – laut dem Volkskundler Max Höfl er -Mariä Himmelfahrt. Es ist identisch mit Mariä Heimgang, mit der Entrückung der Mutter des Herrn in den Himmel. In diesem Sinne hat sich auch die christli­ che Kunst des Mittelalters der Himmelfahrt Mariens angenommen. Ein Fresco in Padua, das der Giotto-Schule (um 1350) zugeschrie­ ben wird, zeigt über einem leeren Sarg, den die Apostel umstehen, Maria in voller Gestalt gen Himmel fahren. Das Fest stammt aus dem Orient und kam um 900 über Rom nach Süddeutschland. Neu bei der süddeut­ schen Feier gegenüber dem Orient wie auch Italien ist die Weihe von Blumen, Kräutern, Blättern und Beeren, die ehedem in Körben bei der Prozession mitgetragen wurden. Mit der Zeitperiode des Frauendreißigers beginnt in Süddeutschland die Vorernte. Der Segen, der den Erstlingen der Feld­ früchte und den durch die Klöster importier­ ten Heilkräutern bei der Erntefeier mitgege­ ben wurde, hat nach dem süddeutschen Volksglauben doppelt wirksame Heil- und Zauberkraft. Für den bäuerlichen Menschen verband sich der Glaube an geheimnisvolle Naturkräfte, die den in der freien Natur wachsenden Wildkräutern innewohnen, mit dem Segen der kirchlichen Weihe, welchen Maria an ihrem Himmelfahrtstag vermittelte. Walafried Strabo, der kräuterkundliche Abt auf der Reichenau (um 808 bis 849), preist in seinem Gartenbuch (,,Hortulus“) die natürlichen Heilwirkungen von Fenchel, Salbei und anderen-oft wild wachsenden – Gewürzkräutern, die heute noch den Haupt­ bestandteil des Kräuterbuschs an Mariä Himmelfahrt ausmachen. Kräuter, die bis heute aus der Volksmedizin nicht wegzuden­ ken sind. So galt der Meisterwurz als Heilmittel gegen Seuchen und die Pest. Bei Vergiftun- 239

,,Mariae Himmelfahrt“, Ölmalerei auf Holz (3 8 x 2 9 cm) eines Unbekannten, gegen Ende des 18. Jahr­ hunderts. Aus dem Besitz von Dr. Heinrich Feurstein in Donaueschingen, heute in den F. F. Samm­ lungen. 240

gen und Magenschmerzen halfWermut, der als Essenz für Schnäpse auch heute noch hochgeschätzt ist. Arnikaumschläge linder­ ten den Schmerz bei Prellungen. Die Schaf­ garbe war ein bewährtes Blutreinigungsmit­ tel, und der Wegerich wurde bei Wunden und Fieber aufgelegt. Der Königskerze, auch Frauenkerze genannt, die im Kräuterbusch nicht fehlen durfte, bediente man sich bei Brustleiden, Husten und Heiserkeit (,,Som­ mergrippe“) sowie als Abwehr gegen Blitz und schlimme Wetter. Ein altes Weihegebet der Kirche nennt Gott den „Vater allen Lebens auf der Erde“ und preist ihn als den „Schöpfer von Him­ mel und Erde, Sonne, Mond und Sternen, von allem Himmlischen und Irdischen, als Meeresfürst und· Grundleger der Elemente, der vielerlei Heilkräfte verschiedenartigen Kräutern mitgab zur Heilung der Leiber“. Und die Segensformel fährt f?rt: ,,Wer immer, Mensch oder Tier, vom geweihten Heilkraut genommen, dem möge es helfen, vom Siechtum, rätselhaftem Übel, von der Seuche und vom Weh“. In der Zeit des Frauendreißigers haben die meisten wildwachsenden Pflanzen und Heil­ kräuter ihre Reife und volle Wirkungskraft. Ferner soll man – so der Volksglaube – im Frauendreißiger die Himbeeren, Heidelbee­ ren und Preiselbeeren einbringen. Auch alles, was in den Bauerngärten stark farbig blüht und wohlriechend ist, fällt – nach Auffas­ sung der „Gewürzweiber“ – in die Zeit des Frauendreißigers. Aber nicht nur auf Pflanzen und Beeren erstreckt sich die Segenskraft des Frauendrei­ ßigers. Auch die im Hühnerstall in den Wochen von Mariä Himmelfahrt bis Mariä Geburt gelegten Eier sammelten und hielten die Bäuerinnen zurück. Nach dem Volks­ glauben sollen sie nicht faulen und beson­ ders lange frisch bleiben. In der Suppe haben die „Dreißigsteier“, oft auch „Augusteier“ genannt, eine kräftigere Wirkung als die Hühnereier aus den übrigen elfMonaten des Jahres. Junge Kücken, die im Frauendreißi­ ger schlüpfen, gelten als bevorzugte künftige Legehennen. Auf der Baar und im Schwarzwald erin­ nert man sich der Bötinnen, die um die Jahr­ hundertwende mit bäuerlichen Produkten auf die Wochenmärkte in die nahen Städte kamen. Im Frauendreißiger fehlten die Eier in ihrem Angebot. Galt es doch, die August­ eier in Spreu zu legen und als Wintervorrat für den eigenen Haushalt zusammenzuhal­ ten in einer Zeit, die im Bauernhaus noch keine Kühltruhen und Kühlschränke kannte. Dr. Lorenz Honold Die Tracht in Buchenberg Nur noch bei Festen, Heimat- und Brauchtumsveranstaltungen und vereinzelt beim Gottesdienstbesuch wird die Buchen­ berger Frauentracht getragen. Eine weitere Möglichkeit diese Tracht zu sehen, ist der Gottesdienst „Alten Kirchle“ zu Buchenberg, der einmal im Jahr, meistens Ende August, gehalten wird. Bei diesem Gottesdienst tragen auch jüngere Buchenberger Mädchen und Frauen einer alten Tradition folgend diese schöne Tracht. Eigentlich ist es die sogenannte St. George- ehrwürdigen im ner Tracht, die früher in allen evangelischen Orten der jetzigen Gesamtgemeinde Königs­ feld und vor allem auch im Klosteramtsbe­ zirk von St. Georgen getragen wurde. Wesentliche Verdienste bei der Erhaltung dieser Tracht hat die Trachtenkapelle Buchenberg mit der Stubenmusik und natür­ lich auch der Trachtenverein von St. Geor­ gen, die dieses Brauchtum seit Jahren beson­ ders pflegen. Sowohl die Kirche wie auch der Staat übten in früheren Zeiten einen wesentlichen 241

Buchenberger Trachtenmädchen Einfluß auf die Kleidung ihrer Untergebenen aus. So wurden in den Kleiderordnungen der früheren Jahrhunderte bis im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts für die bäuerliche Klei­ dung die vorherrschenden Farben blau,.�rau, schwarz und etwas weiß zudiktiert und Uber­ tretungen bestraft. Über die noch vorhandenen Trachten und den Zeitpunkt, ab wann diese in unserer Gegend getragen wurden, schreibt Wolfdie­ ter Gramlich im St. Georgener Heimatbuch (1984): „Zu den wenigen sogenannten Trach­ teninseln des Landes, wo noch täglich die angestammte Volkstracht zu sehen ist, gehört St. Georgen im Schwarzwald. Hier, wie auch in den St. Georgener Ortsteilen Brigach, Langenschiltach, Oberkirnach, Peterzell und Stockburg, aber auch in den umliegenden Ortschaften Buchenberg, Burgberg, Erdmannsweiler, Mönchweiler, Schabenhausen, evangelisch Tennenbronn und Weiler wurde 1983 noch von beinahe 242 100 Frauen täglich Tracht getragen. Darüber hinaus gibt es noch etwa 200 Frauen, die beim Kirchgang oder besonderen Anlässen ihre Sonntagstracht anziehen, sonst aber ,,Stadtkleider“ tragen. Von wenigen Ausnah­ men abgesehen, sind diese Tracht tragenden sogenannten „Hippewiiber“ über 70 Jahre alt, so daß deren Anzahl immer kleiner wird. Von welcher Zeit ab die Kleidung der Bevöl­ kerung als Tracht zu bezeichnen ist, kann niemand mit Gewißheit behaupten. Doch dürfte sich ein für die Gegend um St. Geor­ gen charakteristisches Aussehen der Klei­ dung vermutlich um 1500 herausgebildet haben. Von 1850 an bis heute hat sich die Tracht um St. Georgen im Gegensatz zu den Trach­ ten anderer Gegenden kaum verändert. In den 20er Jahren wird die Buchenberger Tracht als nicht aufdringlich mit vielfarbi­ gem Drum und Dran bezeichnet. Entspre­ chend dem unwirtlichen Klima des Schwarz-

Die Trachtenkapell.e Buchenberg waldes, dem in alter Zeit allen lauten Festen abgeneigten Mönchkloster und nicht zuletzt begünstigt durch den etwas ernsten Volks­ charakter des alemannischen Schwarzwäl­ ders, entwickelte sich die Kleidung zu dem etwas düster erscheinenden Bild, wie wir es heute sehen. Dunkel ist die herrschende Farbe. Das Hauptkleidungsstück der Frau ist die sogenannte Hippe. Es ist dies ein schwar­ zer, ärmelloser Miederrock, der entweder aus schwerem Tuch oder aus schwarzgefärbter, selbstgesponnener und gewobener Lein­ wand genäht wird. Das Mieder besteht aus in bestimmter Form und Farbe zusammenge­ setzten Samtstücken, in welche hübsche Blu­ menmuster eingestickt sind. Um den Hals trägt man den Goller, und zwar soll dieser mit den gleichen Glasperlen ausgeputzt sein wie der Brustlatz. Der Rock wird an den Hüf­ ten durch Einnäher und Fadendurchzug gebauscht, so daß diese sehr „betont“ erschei­ nen. Mit gleichem Stoffreichtum bedacht ist der Schurz. Aus dem dunklen, ärmellosen Kleid hervor quellen die bauschigen, blüten­ weißen Hemdärmel aus feinem Leinen. An Regentagen oder zur Winterszeit zieht man über den Oberkörper den Schauben aus ein­ farbiger Seide. Unter dem Saum des bis zu den Knöcheln reichenden Rockes schauten einst am Sonntag die „hasenhärenen weißen Zwickelstrümpfen und schwarzen Halb­ schuhen steckenden Füße hervor. Das junge Mädchen geht gewöhnlich barhaupt. Nur beim Kirchgang oder nach auswärts setzt es, wie auch die verheirateten Frauen noch öfter, die Kappe mit den lang flatternden Seide­ bänder“ auf. Bei Trachtenfesten und zu Repräsentationszwecken kann man die Frauen und Mädchen im Rosenhut sehen. Die Wollrosen bei den Mädchenhüten sind rot, bei denen der Frauen schwarz. Eine Besonderheit der Buchenberger Tracht waren die prunkvollen Schäppel, die bei feierlichen Anlässen getragen werden. Sie 243

sind wahre Schmuckstücke, die noch heute bei Trachten- und Heimatabenden bewun­ dert werden können. Der Schäppel war der unbescholtenen Jungfrau vorbehalten und durfte am Hochzeitstag als Brautkrone zum letzten Mal getragen werden. Es ist ein kro­ nenartiger Kopfschmuck, bunt und glit­ zernd, aufgebaut aus Spiegeln, Glaskügel­ chen und Flittergold. Die evangelische Tracht mit dem großen Schäppel, der sechs bis acht Pfund wiegt, hält sich fast aus­ schließlich an das Einflußgebiet des ehema­ ligen Klosters St. Georgen. Den Hals umschließt eine steifgestärkte, spitzenum­ säumte, weiße Halskrause. Zur Schappel gehört der Schappelgürtel. Bei Trauer- und Abendmahlsfeiern wird ein schwarzseidenes Halstuch um den Hals geschlungen getra­ gen, das den Eindruck einer düsteren und ernsten Farbenstimmung vertieft. Im Schäp­ pelgesetz des Rates der Stadt Ulm vom 23. Juli 1347, das bis in die 20er Jahre unseres Jahrhunderts im Schwäbischen und beson­ ders im ehemaligen Oberamt Homberg, beachtet wurde, heißt es unter § 1: ,,Die Frauen sollen keine Schäppel, Schleier und Krausen tragen, auch sollen sie ihre Zöpfe und Haare nicht ,hinten abe‘ hängen lassen oder vomen nachlässig gebundenen Locken machen oder hinten abe eine Haarschnur hängen lassen, damit ein jeder wisse, daß sie ungefährlich ist.“ In der Kleiderordnung, die in zehn Paragraphen zusammengefaßt ist, wird außerdem vermerkt, daß eine Jungfrau, die keinen Mann hat, den Schäppel tragen, die Zöpfe und Haarschnur hängen lassen darf, bis sie verheiratet ist. Johann Haller Der Osterschwamm Ein Beispiel dafür, wie die Liturgie der Kir­ che und die Kultur vorwiegend auf dem Land sich gegenseitig durchdringen und das Brauchtum bereichern können, das mit gro­ ßer Liebe, ja Begeisterung gelebt wurde, bil­ dete in allen Pfarreien der Raumschaft Tri­ berg, vereinzelt auch anderswo, der Brauch mit dem „Osterschwamm“; ein Schmarotzer an kranken Bäumen, ,,Dürrständem“ und Wurzelstöcken gewachsen, ein Pilzgewächs war das, zu nichts nütze, in seinen ausge­ wachsenen Exemplaren die Größe eines klei­ nen Brotlaibs erreichend, auf das die Schul­ jungen im Sommer bei ihren Streifzügen ihr Augenmerk lenkten, es beim Heidelbeersu­ chen etwa auch zufällig fanden, abrissen auf dem Ofen trockneten (klapperdürr und steinhart mußte es sein) und schließlich an einem starken Draht befestigten. Damit kamen sie in der Frühe des Kar­ samstagmorgens zur Weihe des Osterfeuers hinter der Kirche. Pfarrer und Mesner wären bei diesem Teil der Auferstehungsliturgie allein geblieben, hätten es sich die Buben nehmen lassen, als Statisten „mitzuwirken“. Da sie die lateinischen Texte ohnehin nicht verstanden, konnte auch ihre Andacht nicht in der Tiefe angeregt werden, und ihr Inter­ esse bestand allein darin, den Augenblick des „Amen“ nicht zu verpassen. Dies galt als Startzeichen, die mißfarbenen, unansehnli­ chen Gewächse mit einem Schlag auf das geweihte Feuer zu stoßen, daß diesem fast die Luft ausging. Während ein oft nur schwächliches Flämmchen die Schwämme zu berühren versuchte, loderte böser kna­ benhafter Egoismus in deren Besitzern.Jeder wollte voll Neid und Mißgunst zuerst seinen Schwamm zum Rauchen bringen, indes der Priester mit Mesner, Organist und wenigen, meist älteren Getreuen in der Kirche mit herrlichem Oster-Alleluja die heilige Hand­ lung fortsetzte. Draußen gab es bei der Brennbarkeit der Schwämme gewaltige Unterschiede, manche von ihnen, obwohl monatelang getrocknet, ließen sich zum Anbrennen Zeit, andere waren williger. Die Jungen wollten den Prozeß beschleunigen, 244

schwangen wie nicht mehr recht bei Sinnen ihren Schwamm in der Luft, der rauchte ein wenig und erlosch, der wilden Anstrengung zum Trotz. Auf das Feuer mit ihm, wo noch eine freie Stelle war, bis er Glut zeigte, und noch einmal geschwungen! Jetzt vielleicht mit mehr Glück? War sich einer seines Feuers sicher, so rannte er ohne Gruß davon, als gelte es das Leben, um möglichst als erster die Menschen zu erreichen: „Wollt ihr auch ein wenig „Osterrauch“? oder: „Ich komme mit dem Osterfeuer“, und merkwürdig, jeder war in dieser frühen Morgenstunde bei allen will­ kommen. Bis zum Dank für den Besuch mit dem Wohlgeruch ein paar Groschen gefun­ den waren, konnte der Rauch sein Werk tun, Duft nach Waldboden und Pilzen von Flur, Stube und Küche aus in die übrigen Räume bis in Stall und Tenne zu verbreiten. Es kam auch vor, daß das Feuer im Schwamm unter­ wegs auszugehen drohte, umsonst war alles wütende Schwingen und verzweifelte Blasen. 245

Dann bat man im nächsten Haus, den erkal­ tenden Schwamm am Herdfeuer neu ent­ zünden zu dürfen. Und weiter ging es von Familie zu Familie in die entfernter liegen­ den Gewanne, österliche Stimmung weiter­ zugeben, in den hellen Vormittag hinein, solange der Schwamm eines jeden glühen wollte. So fest war der weder besonders fromme noch im geringsten abergläubische Brauch im Bewußtsein verankert, daß nach einem Umzug an einen Ort ohne diesen Brauch manche Menschen den Osterschwamm geradezu schmerzlich vermißten. Man kann heute sogar sagen hören, daß ein Ostern ohne Osterschwamm kein Ostern war. Karl Volk Die Verbreitung dieses Brauches im Schwarzwald weist einige Besonderheiten azif. Daß er im Elztal heimisch gewesen wäre, konnte nicht .festgestellt werden (trotz Elard Hugo Meyer: Badisches Volksleben im neunzehnten }ahrhunderl, Straß­ burg 1900, S. 99, wonach er in Kollnau gepjlegl wurde). Dagegen wurde diese „Form des Oster.feu­ ertragens“ (Alberl Reinhard: Brauch/um im Schwarzwald, Karlsruhe 1971, S. 23).fiir St. Pe­ ter, St. Märgen „und das ganze Dreisamtal“ bestätigl. In den beiden genannten Orten wurde sogar das Her4feuer mil dem Schwamm entzün­ det (Reinhard, ebda). Festgesetzt hatte sich der Brauch ebenfalls in Niederwasser, Gremmels­ bach, Nußbach, Triberg, Schonach und Schön­ wald. Er gelangte dagegen nicht über die Escheck nach Furtwangen, Vöhrenbach und Rohrbach, dafür nach Schönenbach (was geradezu eine Insel­ lage einnimmt), Gütenbach und von da ins Hexenloch. Keine Bleibe konnte er um Villingen und in der Baar finden. Eine Eigentümlichkeit besland in Linach, wo der Schwamm nichl ver­ brannt, sondern – wahrscheinlich nur vereinzell – am Sturz der Haustüre.festgenagelL wurde. Eine weitere Eigentümlichkeit gab es in Schollach. Den Schwamm steckten die Hirtenbuben auf ein Steck­ ehen und zündeten ihn an, so vertrieben sie wie mit einer J:feife die Mücken. Den Schwamm nannten sie „Muggeduwak“. 246 Man träumt Man träumt von besseren Tagen. Man träumt von Sonne und Glück. Man träumt vom unsterblichen Leben, das uns der Schöpfer gibt. Man träumt von einem Wunder, von Wünschen, die sich erfüllen. Man träumt vom Frühling im Winter, im Herbst von Sommerszeit. Man träumt vom Wunder des Lebens. Man träumt von Liebe und Lust. Man träumt vom Leuchten der Sterne, die man vom Himmel holt. Man träumt von großen Reisen in eine ferne, herrliche Welt. Man träumt, daß man dann leise als Engel vom Himmel fallt. Nacht Träumend ziehen die schwarzen Schatten am Fenster vorbei in der Nacht. Der Wind heult über Wald und Matten, kein Stern sein Licht entfacht. Der Mond blickt kalt. Mit fahlem Licht taucht er aus dem Wolkenmeer. Verhüllt dann wieder sein Angesicht, als ob er ein Traumbild wär. So rinnen die Stunden in düstrer Nacht. Still liegt die Welt, alles ruht. Doch eines steht fest, der Morgen erwacht und wenn Gott will – auch du. Margot Opp

Gesundheit, Soziales, Jugendbetreuung Caritasverband für den Schwarzwald-Baar-Kreis Perspektiven für die Arbeit der kommenden Jahre Der Caritasverband für den Schwarzwald­ Baar-Kreis ist wie alle anderen Wohlfahrts­ verbände ständig den Wandlungen unter­ worfen, die von der Gesellschaft ausgehen und die auch an einer Einrichtung der Kirche nicht spurlos vorübergehen. Wie sich die Menschen und die Verhältnisse, in denen sie leben, verändern, so verändern sich auch ihre Nöte, Sorgen und Ängste und so muß sich auch die Hilfe für die Menschen verän­ dern. Schwergewichte verlagern sich also. Aufgaben und Ziele der Caritas waren und sind stets zu hinterfragen und neuen Gege­ benheiten anzupassen. Bis zum Jahre 2000 wird ein leichter Rück­ gang der Wohnbevölkerung insgesamt zu verzeichnen sein, aber es wird 40 0/o weniger Jugendliche geben als im Jahre 1982. Dage­ gen wird die Zahl älterer Menschen erheb­ lich ansteigen. Trotz Arbeitszeitverkürzun­ gen und sonstiger Maßnahmen wird ein hoher Sockel von Arbeitslosigkeit bestehen bleiben. Aus diesen Rahmenbedingungen ergeben sich neue Aufgabenstellungen. Subsidiarität ist ein wichtiges Prinzip in unserer Arbeit. Es wird dem Menschen in sei­ ner Freiheit, Eigenverantwortung und Hilfs­ bedürftigkeit gerecht und entspricht dem organischen Aufbau der menschlichen Gesellschaft. Wir wissen, daß Caritasarbeit nahe beim Menschen getan werden muß, dort wo Nöte unmittelbar gesehen werden und auch direkte Hilfe bereitgestellt werden kann. Das ausgebaute netz der caritativen Dienste kann und darf diesen unmittelbaren Bruderdienst nicht ersetzten; er gehört zur Wesensfunktion einer christlichen Gemein­ de. Arbeit mit Kindern und Jugendlieben Wenn auch die Kinderzahl rückläufig ist, so bleibt doch die Qialität der Kindertages­ stättenarbeit eine dauernde Aufgabe. Die Vermittlung und Durchführung von Kinderkuren sind das älteste Hilfsangebot des Caritasverbandes Donaueschingen. Kin­ derkuren sind heute noch genauso wichtig wie in den Nachkriegsmonaten, nur die Gründe für die Erholungsverschickung haben sich geändert. Damals waren Hunger und Unterernährung die Ursachen der Erho­ lungsverschickung. Heute stehen psychische Faktoren, Überernährung, Allergien, Erkran­ kungen der Atemorgane und Verhaltensauf­ fälligkeiten im Vordergrund. Unser Jahres­ programm für gesundheitlich geschädigte und gefährdete Kinder ist immer auch dar­ aufhin zu überprüfen, ob es sich hinreichend an den Bedürfnissen unserer Kinder orien­ tiert. Auch im Bereich der Jugendhilfe werden in Zukunft große Anstrengungen erforder­ lich sein, um die verschiedenen Gruppen zu erreichen. Die Jugend wendet sich mehr und mehr ab von Angeboten herkömmlicher Art und wendet sich neuen Formen des Engage­ ments zu. Familienhilfe Die Aufgaben der Familienhilfe haben in mehrfacher Hinsicht gesellschaftlich und kirchlich einen hohen Stellenwert. Unsere Hilfsangebote sind darauf gerichtet, die Familie (auch die Teilfamilie) zu stützen, zu stärken und zusammenzuhalten. Das Ange­ bot der Familienpflege ist deshalb ein wichti­ ger Bestandteil unserer Caritasarbeit. Berichte hauptamtlicher Familienpflegerin­ nen zeigen eine Spanne von sehr problemati­ schen Situationen auf. Vielen Familien sieht man die schweren Belastungen von außen nicht an. Wir befinden uns in einem Prozeß 247

der Umorientierung des Familienleitbilds oder des Leitbilds der Rollenverteilung zwi­ schen den Geschlechtern. Aus dem Neben­ einander verschiedener Rollenvorstellungen – oft in einer Person – ergeben sich Kon­ flikte, die wiederum einen Hilfsbedarf kon­ stituieren. Besonders hinzuweisen ist auf die wachsende Zahl der Frauen, die in Folge einer unerwünschten Schwangerschaft in eine Konfliktsituation geraten. Unter ihnen sind junge, unverheiratete, aber auch ältere verheiratete und geschiedene Frauen. Es ist nie ein einziger Faktor, der den Wunsch nach Schwangerschaftsabbruch begründet; es sind viele negative Erfahrun­ gen in der Familie, in der nächsten Umge­ bung, mit Kollegen am Arbeitsplatz und ihren Einstellungen, die sich zu einer Aus­ weglosigkeit verdichten, die offenbar keine Chance mehr für das Kind zulassen, daß es geboren werden kann. einem In weiten Kreisen der Bevölkerung ist die Verfügbarkeit menschlichen Lebens eine Selbstverständlichkeit (daraus erklärt sich auch die Diskussion um eine aktive und pas­ sive Euthanasie). Viele betroffene Frauen sind durch eine solche gesellschaftliche Mei­ nung darin bestärkt, daß der Schwanger­ schaftsabbruch eine durchaus akzeptable Lösungsmöglichkeit für Probleme ist. Das allgemeine Bewußtsein wird dem strafrecht­ lichen Schutz des ungeborenen Lebens nicht mehr gerecht. Die Berater in diesem Aufga­ benbereich nehmen eine äußerst verantwor­ tungsvolle Tätigkeit wahr, wenn sie den Frauen Mut machen und angemessene Hil­ fen anbieten, damit sie – frei von Zwängen der Familie, des Partners und der Gesell­ schaft – zu einer wirklich selbstbestimmen­ den Entscheidung kommen. Die fundamen­ tale naturwissenschaftliche Tatsache, daß der Mensch nicht wird, sondern ist, von Anfang an, in die Köpfe und Herzen unserer Mitbürger zu bringen, ist wohl eine der Auf­ gaben, die wir alle miteinander als Christen in unserer Gesellschaft erfüllen müssen. Von großer Bedeutung für unsere Arbeit wird sicher auch die hohe und immer noch 248 wachsende Zahl der Alleinerziehenden, die in der Regel berufstätig sind. Wir müssen damit rechnen, daß außerfamiliäre Kinder­ betreuungsformen an Bedeutung gewinnen. Viele Geschiedene und Getrenntlebende sind durch die Erschütterung und durch Ent­ täuschungen (Verlust des Partners) auf die Frage nach dem Sinn des Lebens gestoßen worden. Bei vielen breiten sich Zweifel und Verzweiflung aus. Dazu kommen, besonders bei der alleinerziehenden Frau, noch Pro­ bleme mit der Umwelt und im finanziellen Bereich. Dienste für ältere Menschen Die größte Personengruppe, für die ver­ stärkt Hilfeleistungen gefordert sind, bilden die alten Menschen. Bereits heute schon haben wir es mit einem eklatanten Mißver­ hältnis zwischen Hilfebedarf und Hilfsange­ boten in der Altenhilfe zu tun. Eine niedrige Geburtenrate in den ersten Nachkriegsjah­ ren hat zur Folge, daß einer wachsenden Zahl von gebrechlichen Menschen eine geringere Zahl von Angehörigen im pflegefä­ higen Alter gegenüberstehen. Nicht selten sind pflegende Angehörige selbst schon in einem hohen Alter. Wir erleben sehr oft, daß die 70jährige Tochter ihre 90jährigen oder älteren Eltern versorgt und bei der nicht absehbaren Dauer der Pflege auf das äußerste gefordert ist. Eine Familie, die ältere Men­ schen pflegt, braucht tatkräftige Hilfe. Sie braucht nicht nur eine �alifizierung auf dem Gebiet der Gerontologie, sondern auch unterstützende Maßnahmen in Form von Beratung und zusätzliche Pflege durch die Sozialstation und Nachbarschaft. Die pfle­ gende Restfamilie muß sich gelegentlich zurückziehen können, um nicht selbst zum Pflegefall zu werden. Für eine vorüberge­ hende Unterbringung des Pflegebedürftigen fehlen auch in unserem Kreisgebiet die soge­ nannten Kurzzeitpflegeplätze. Eine Altenhelferin, die im Rahmen eines Feldversuches des Landeswohlfahrtsverban­ des seit Oktober 1985 beim Caritasverband Donaueschingen tätig ist, macht sich dar-

Triberg: Wal!fahrtskirche „Maria in der Tann“. Origi.nal-Radierung 1988 von Müller-Hanssen � 249

über Gedanken, wie diese Entwicklungen aktiv mitgestaltet werden können. Sie fordert ein abgestuftes, durchlässiges Verbundsy­ stem von stationären, teilstationären und ambulanten Hilfen, die sicherstellen, daß den Hilfebedürftigen ein ihrem jeweiligen Bedarf komplementäres Angebot zur Verfügung steht, das weitge­ hend ein selbstbestimmendes Leben im pri­ vaten Lebensraum ermöglicht. angemessenes, Mit dem Mahlzeitendienst – Essen auf Rädern – will der Caritasverband alten und behinderten Menschen die Chance geben, ihre Lebenssituation mit teilweiser Unter­ stützung noch aus eigener Kiaft zu bewälti­ gen. Der Hausnotruf-Dienst ist eines unserer jüngsten Glieder in der Kette ambulanter Hilfen für ältere Menschen. Die Aufgabe im sozialen Netzwerk der Caritas besteht darin, eine Brücke zu bilden, über die allein lebende Menschen, die durch eine persönliche Stö­ rung ihres körperlichen Befindens bedroht werden, und Menschen, die ihnen beistehen möchten, zueinander finden. Voraussetzung dafür, daß dieser notwendige und manchmal lebensrettende Kontakt über Entfernungen von bis zu 70 km zustande kommt, sind die technischen Kommunikationsmittel: Funk, Telefon und die Kontaktperson in der Nach­ barschaft. Ein sehr wichtiges Ziel der Altenerholung ist die Erhaltung und Stabilisierung der Gesundheit für eine selbständige Lebensfüh­ rung. Wir sehen unsere Aufgabe aber auch darin, Hilfen anzubieten zu einer altersge­ rechten Aktivität und bemühen uns, geistige Anregung und Kraft mitzugeben für den All­ tag. Auch hierbei stellen wir fest, daß das Durchschnittsalter der Teilnehmer immer höher wird. Die Menschen leben nicht nur länger; sie bleiben -oder fühlen sich -länger jung. Sie sind selbständiger und auch reisege­ wohnter. Zukünftige Altenarbeit verlangt von uns allen Einfallsreichtum und Kreativität. Neue Ideen müssen erprobt werden und das bewährte ergänzen. Im Bereich „Beratung“ und in der Arbeit mit ehrenamtlichen Hel- 250 fergruppen sowie Gesprächskreisen für pfle­ gende Angehörige u.a.m. brauchen wir die Fachkraft, den Einsatz der Altenhelferin, auch nach Ablauf des Feldversuches des Lan­ deswohlfahrtsverbandes. Weitere Aufgabenfelder Mit großer Sorge beobachten wir die stei­ gende Zahl Alleinstehender und Familien, die den Caritasverband wegen zunehmender finanzieller oder materieller Not aufsuchen. Es sind oft Menschen, die wegen Krankheit, Alter oder einer nicht mehr dem heutigen Stand entsprechenden Q!.ialifikationen aus dem Arbeitsprozeß heraus sind. Wenn Fami­ lien von dieser Situation betroffen sind, wirkt sich das besonders schwer aus; die Armut nimmt dann schnell zu. Oftmals wachsen in bedrohender Form Schulden an. Damit beginnt eine Lawine zu rollen. Die A r b e i t s I o s i g k e i t ist in unserem Land schreckliche Realität und niemand hat ein probates Rezept, sie wirksam zu bekämpfen. Mit ihr ist auch eine dauerhafte Bedrohung des sozialen Friedens in unserer Gesellschaft verbunden. Im Zusammenhang mit der Arbeitslosigkeit wird das Thema „Neue Armut“ ebenso zu berücksichtigen sein wie die schlimmen Auswirkungen einer langan­ dauemden Arbeitslosigkeit auf die Psyche der Arbeitslosen und auf die gesellschaftli­ che Einschätzung ihrer Familien. Eng verknüpft mit dieser Frage ist die A u s l ä n d e r p r o b l e m a t i k , entstanden aus dem Arbeitsmangel der Sechziger Jahre. Doch wir haben es jetzt mit einer anderen Gruppe zu tun. Die Aufenthaltsdauer liegt heute schon im Schnitt bei über 10 Jahren und viele Ausländerkinder, die hier leben, sind hier geboren und haben auch unser Schulsystem durchlaufen. Künftig wird die zweite und dritte Generation das Bild bestimmen, eine Gruppe, denen die „alte Heimat“ fremd geworden ist – politisch, wirtschaftlich, kulturell und religiös. Bei der F I ü c h t I i n g s a r b e i t handelt es sich um einen Bereich, der von der Ziel­ gruppe her verschiedene christliche Konfes-

sionen, Weltreligionen und Weltanschauun­ gen umfaßt. Dieser verschiedenartige Hin­ tergrund und Status des Flüchtlings erfordert in besonderem Maße einen individuellen Ansatz des Sozialdienstes. Gerade in diesem Aufgabenbereich wird besonders deutlich, daß Caritas sich dort bewähren muß, wo ihr Dienst in der Gesellschaft nicht selbstver­ ständlich ist und auf Widerstände stößt. Es wird eine ständige Aufgabe des Caritasver­ bandes beleiben, für eine Verbesserung der Lebensumstände der Flüchtlinge einzutre­ ten und eine Versachlichung in der Diskus­ sion um das Asyl zu erreichen. Die S i t u a t i o n d e r p s y c h i s c h k r a n ­ k e n M e n s c h e n war bis in unsere Zeit hin­ ein geprägt von großer Hilfslosigkeit, was die medizinisch-therapeutischen Möglichkeiten von Hilfe und Heilung betraf Neue Erkennt­ nisse machen es möglich, die bisherige Isola­ tion vieler Menschen zu durchbrechen. Ein­ richtungen für psychisch Kranke und behin­ derte Menschen außerhalb der stationären Psychiatrie erkennen Staat und öffentliche Hand erst jetzt als notwendig an. Ab 1.1.1988 sind die Voraussetzungen für die Finanzie­ rung dieses Dienstes geschaffen. Der Sozial­ psychiatrische Dienst im Schwarzwald-Baar­ Kreis mit 4 hauptamtlichen Fachkräften hat die Aufgabe, schwer psychisch Kranken und Behinderten durch ein aktiv nachgehendes Angebot an Betreuung, durch Kriseninter­ vention, durch Beratung – auch des sozia­ len Umfeldes – und durch verschiedene Gruppenaktivitäten zu helfen. Ein neues Problem ist in den vergangenen Jahren aufgetaucht, das unsere Gesellschaft stark beunruhigt: AIDS. Seitens des Staates ist eine Aufklärungskampagne angelaufen, die einer weiteren Ausbreitung dieser Krank­ heit entgegenwirken soll. Niemand kennt die Zahl der Infizierten, von denen man nicht weiß, ob und wann die Krankheit bei ihnen offen ausbrechen wird. Auch wenn das Schlimmste nicht eintreffen muß, gilt es doch, entsprechende Vorbereitungen zu treffen. Viele Aufgaben wären ohne Hilfe von Bund, Land, Kommunen und Sozialversi- cherungsträgern nicht zu leisten. Das Zusammenspiel von öffentlicher und freier Wohlfahrtspflege hat sich bewährt. Doch werden die Aufgaben in der Verwaltung des Caritasverbandes umfangreicher. Der Ver­ band hat auf Sparsamkeit zu achten und auf die gewissenhafte Verwendung zweckbe­ stimmter Mittel. Neben der Sorge um die Not der Men­ schen im eigenen Land brauchen wir noch Kraft für die Hilfe im Ausland. Dabei wissen wir, daß eine nur halbherzige Bekämpfung der Not hierzulande die Glaubwürdigkeit des Kampfes gegen die Not in der fremden Welt schwächt. Für uns Caritasmitarbeiter wird es eine der wichtigsten Aufgaben der Zukunft sein, den Blick für das Wesentliche der eigenen Arbeit zu schärfen, damit wir das verwirklichen können, was unsere eigentliche Aufgabe ist: Anwalt der Armen zu sein. Pia Brenner Gutes Herz Vieles tun und auch ertragen Mußt du, gutes, treues Herz, Für den Kreislauf pumpen, schlagen, Für die Freude und den Schmerz. Alles hast du auszuhalten Bis zum letzten Atemzug, Einer läßt dich schalten, walten, Bis es ist, o Herr, genug. Und du findest dann die Ruhe, Die du sicher oft begehrt; Weiß ich jetzt auch, was ich tue, Wenn mein armes Herz sich wehrt. Johannes Hawner 251

Die kreiseigene Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliebe Mit einem Schriftwechsel zwischen dem damaligen Landrat des Kreises Donau­ eschingen, Dr. Robert Lienhart, und dem damaligen Landrat des Kreises Villingen, Dr. Josef Astfaller, begann 1972 die Geschichte der jetzigen kreiseigenen Erziehungsbera­ tungsstelle. Zu diesem Zeitpunkt feierte die Institution Erziehungsberatung in dieser Region bereits ihren 17. Geburtstag. Die Geburtsstätte war das Katholische Gemein­ dehaus in der Villinger Waldstraße 2. Einmal in der Woche wurden durch Mitarbeiter der Freiburger Kinder- und Jugendpsychiatrie Sprechstunden abgehalten. 1967 weist der Jahresbericht der Villinger Beratungsstelle darauf hin, daß monatelange Wartezeiten entstanden sind und die Beratungskapazität dringend vergrößert werden müßte. 1975 beschloß der Kreistag dann die Einrichtung einer eigenen Erziehungsberatungsstelle, die 1976 in Villingen, Herdstraße 7 /1 mit 5 Mit­ arbeitern ihre Arbeit begann. Es folgten in den Jahren 77-79 die Eröffnungen der Außenstellen Furtwangen und Donau­ eschingen sowie der Ausbau der Jugend- und Drogenberatung. Die Erwartungen der Ratsuchenden sind nicht selten geprägt durch die Person, die sie auf die Einrichtung aufmerksam macht, seien es Vermittler wie Lehrer, Ärzte, Kinder­ gärtnerinnen, seien es Bekannte, die bereits Kontakte zur Beratungsstelle hatten. Mit welchen Erwartungen auch immer die Klien­ ten zu uns kommen, eines haben sie immer gemeinsam: Es kostet sie eine große Über­ windung, den Schritt in die Beratungsein­ richtung zu vollziehen. Noch immer ist die Entscheidung begleitet vom Eingeständnis elterlichen oder, – sind es einzelne Personen, vom Eingeständnis persönlichen Unvermö­ gens, einer Niederlage, gepaart mit Schuldge­ fühlen. Diese Empfindungen decken sich mit den oft geäußerten Vorurteilen, daß eine 252 Beratungsstelle nur von solchen Menschen aufgesucht werden, die selbst oder deren Kin­ der nicht „normal“ sind. Es ist vielfach noch immer nicht bekannt, daß es zeitunabhängige und zeitüber­ dauernde Normen für eine Reihe von Ver­ haltensweisen im menschlichen Zusammen­ leben nicht gibt. Die Etikettierungen „normal“ und „unnormal“, ,,störend“, ,,auffällig“ usw. sind oft Ausfluß eines höchst individuellen Regel­ verständnisses. Solche Aussagen sind abhängig von der persönlichen Entwicklung des sie benutzen­ den Individuums und/oder des sozialen Umfeldes, z.B. der Familie. Das heißt: Wert­ systeme einzelner Menschen und auch kom­ plexerer sozialer Gefüge werden von sich in der Zeit wandelnden Faktoren beeinflußt. Wir können daher sagen: die Etikettie­ rung „normal“ und „unnormal“ einer breiten Palette von Verhaltensweisen unterliegt sub­ jektiven und gesellschaftlichen Verände­ rungsprozessen, ist damit von vergänglicher Natur. Bei einer anderen Gruppe von Verhaltens­ auffälligkeiten fällt es schwerer, sich einer Klassifizierung zu entziehen, weil es sich dabei um offensichtliche Abweichungen von scheinbar allgemein gültigen Normen handelt: Es sind dies psychosomatische Erkrankungen, Suchterscheinungen und so­ ziale Auffälligkeiten, wie z.B. das Stehlen. Solche Symptome werden vom Einzel­ nen wie von seiner Umwelt als schmerzhaft und einschränkend erlebt. Es sind ernstzu­ nehmende Signale und Hinweise auf nicht nur das lndividuum, sondern auch sein soziales Umfeld verunsichernde Gescheh­ nisse. An dieser Stelle sei grob ein Modell skiz­ ziert, nach dem viele Mitarbeiter in Bera­ tungsstellen die Entstehung von sogenann-

ten Verhaltensauffälligkeiten erklären: Sie betrachten die Familie als System, d. h. als ein organisiertes Ganzes, das aus interagierenden Teilen besteht. Die Familie selbst ist wieder­ um Teil eines komplexeren sozialen Umfel­ des, das sich seinerseits aus den unterschied­ lichsten Systemen zusammensetzt (andere Familien, Kindergartengruppen, Schulklas­ sen, Fabrik). Die Familie lebt in einer physi­ kalischen Umwelt (in einer speziellen Land­ schaft mit biologischen und klimatischen Eigenarten). Beide Bereiche, der soziale und physikalische wirken auf die Familie ein, sie beeinflussen das Familienleben, ebenso wie jedes einzelne Familienmitglied dies mit sei­ nen Erfahrungen und körperlichen Beschaf­ fenheit tut. Damit die Familie als Organisationsform überlebt, muß sie einerseits in der Lage sein, sich, das Zusammenleben strukturierenden Regeln (als solche könnte man unter Umständen die oben erwähnten Normen bezeichnen) zu geben. Sie muß andererseits auch in der Lage sein, offen zu sein für Ein­ flüsse, die von außen an sie herangetragen werden. D. h. eine Familie muß stark genug sein, sich eine Ordnung zu verleihen, die das Zusammenleben über einen längeren Zeit­ raum hinweg regelt, eine Ordnung, die nicht permanent verändert wird. Sie muß andererseits so flexibel sein, Ein­ wirkungen von außen zu assimilieren, zu ver­ arbeiten, weil sonst Erstarrung die Folge wäre. Eine dauernde Gradwanderung zwi­ schen Wandel und Erhalt. Es gibt Phasen im Leben einer jeden Fami­ lie, die in der Regel höhere Anforderungen an die eben gestellten Eigenschaften stellen. Nehmen wir z.B. den Eintritt eines Kindes in die Pubertät. Die keimende Eigenständigkeit, das kritische Hinterfragen von Sachverhal­ ten, das Infragestellen von Autoritäten, der wachsende Einfluß der Freunde: das alles sind bislang unbekannte Verhaltensweisen eines Familienmitgliedes, die es notwendig machen, daß sich die Familie damit aus­ einandersetzt. In diesen „sensiblen“ Phasen ( dazu gehört z.B. der Schuleintritt, die Geburt eines Geschwisters) ist natürlich die Familie besonders gefährdet. Nicht selten fal­ len familiäre Schwierigkeiten in diese Zeiten. Einige Familien sind in solchen Augenblik­ ken wenig flexibel, halten zu sehr am Bestand des Gewohnten fest. Andere Familien sind in Gefahr auseinanderzubrechen, weil sie ihre bisherige Ordnung aufgeben, ohne sich eine neue zu geben, was notwendig wäre. An diesen Beispielen wird deutlich, wel­ chen Belastungen, Einflüssen jedes Familien­ gefüge ständig ausgesetzt ist. Es sind im Grunde äußerst komplexe Mechanismen, vergleichbar mit empfindsamen Geräten der Regeltechnik, z.B. Thermostaten, die immer wieder dafür zu sorgen haben, daß die Fami­ lie und ihre einzelnen Mitglieder funktionie­ ren. Kleinere Störungen in diesem „Betriebssy­ stem“ gehören daher zum Alltag seines Funktionierens. Es zeugt unseres Erachtens von einem hohen Verantwortungsgefühl, wenn sich Familien in schwierigen Situationen im Bewußtwerden solch eigener vorü herge­ hender Schwächen Hilfe holen bei einer einschlägigen Beratungsstelle. Vorrangige Aufgabe der Beratungsstelle ist es, den Familien wieder den Glauben und ein Gefühl von ihren in der Regel vorhande­ nen Stärken zu vermitteln. Ihre Aufgabe ist es ferner, die Familie zu verselbständigen, sie zu befähigen, ihre Zukunft wieder in eigene Hände zu nehmen. Roland Stieber Aussagen Nichts braucht so viele Worte wie Nichtssagendes, und nichts sagt mehr aus als beredtes Schweigen. Jürgen Henckell 253

In Donaueschingen: MS-Erkrankte suchen Kontakt mit der Bevölkerung Der einstige Gourmet-Treffpunkt, das idyllisch im Schloßpark von Donaueschingen gelegene Für­ stenberg-Parkrestaurant, wurde in Zusammen­ arbeit der AMSEL-Kontaktgruppe Schwarz­ wald-Baar-Kreis und dem Fürstenhaus Donau­ eschingen seit 1. 6.1989 zu einer Begegnungsstätte umgewandelt: es treffen sich dort die an Multiple Sklerose (MS) Erkrankten untereinander, genauso wichtig ist aber auch die Möglichkeit eines Kontaktes mit der Bevölkerung. Initiatorin dieses Projekts ist Erbprinzessin Maximiliane zu Fürstenberg, die sich auch schon vorher für die Belange der an Multiple Sklerose Erkrankten ein­ setzte. Die Begegnungsstätte, die rollstuhlge­ recht ist, enthält ein Tagescafe sowie eine Wohngemeinschaft für MS-Betroffene. Die Befürchtung, daß die Begegnungsstätte von der Bevölkerung nicht angenommen werden würde, hat sich als unbegründet herausge­ stellt. Das Parkcafe wird von vielen Spazier- gängern aus der Umgebung genutzt, die zu Kaffee und Kuchen oder für eine kleine Mahlzeit einkehren. Besonders die Bewoh­ ner des Altenheims St. Michael schätzen die räumliche Nähe des Parkcafes. Auch Nicht­ MS-Betroffene Rollstuhlfahrer kommen öfters auf einen Besuch vorbei, da sie sich im Parkcafe nicht so beobachtet fühlen, wie in einem Cafe der Donaueschinger Innenstadt. Das Parkcafe ist besonders bei schönem Wetter gut besucht. Auf der Terrasse, die ca. 30 Personen Platz bietet, ist es manchmal schwer, einen freien Tisch zu bekommen. Im Parkcafe selbst stehen den Besuchern noch­ mals ca. 40 Plätze zur Verfügung. In den kal­ ten Monaten ist der Besuch von Spaziergän­ gern nicht so rege, das Parkcafe wird dann vermehrt für Geburtstagsfeiern, Jahrgangs­ treffen und Feiern im Familien- und Freun­ deskreis genutzt. Der Winter bedeutet zwar eine „Durst- 254

Den MS-Betroffenen, die in der Wohnge­ meinschaft Donaueschingen leben, stehen ein Schlafraum sowie ein Aufenthaltsraum zur Verfügung. Dadurch, daß die Wohnge­ meinschaft im selben Gebäude wie das Park­ cafe untergebracht ist, kommen die Bewoh­ ner täglich in Kontakt mit anderen MS­ Betroffenen und Gesunden, wodurch eine Isolation vermieden wird. Betrachtet man die Erfahrungen, die in der Begegnungsstätte im ersten Jahr gemacht wurden, zeigt sich, daß sie sich als Integrati­ onsprojekt bewährt hat. Das Aufeinanderzu­ gehen von Behinderten und Nicht-Behin­ derten kann hier ganz zwanglos geschehen. In der gemütlichen Atmosphäre der Begeg­ nungsstätte kommt mancher Gesunde schnell ins Gespräch mit einem Behinderten und stellt fest, daß seine Ängste und Vorur­ teile gegenüber behinderten Menschen unbegründet waren. Auf der anderen Seite erlebt der Behin­ derte diese Begegnung auch als positiv: Das Gefühl, nicht von der Gesellschaft ausge­ schlossen zu sein, ,,noch dazuzugehören“, trägt ein wesentliches dazu bei, mit der Behinderung besser fertig zu werden. Silvia Kern Silvester Man sollte still das Jahr begrüßen und denken an des Lebens Sinn. Es sollte sein ein Überfließen vom Ende in den Neubeginn. Man hat viel Wünsche, ist voll Hoffen, ein neues Jahr, viel hundert Tag. Geburtstagskind -die Tür ist offen, komm nur herein beim Glockenschlag. Was du auch bringst, ich nehm‘ es gerne. Ein Jahr ist kurz, ein Jahr ist lang. Am Himmel leuchten doch dieselben Sterne, dieselbe Sonne strahlt, mir ist nicht bang. Margot Opp 255 strecke“, jedoch kann man sagen: Das Cafe trägt sich selbst. Daß dies möglich ist, liegt auch daran, daß die AMSEL-Kontaktgruppe das Lokal ohne Pacht vom Fürstenhaus zur Verfügung gestellt bekommt. Wichtig hier­ bei ist auch die Unterstützung vieler ehren­ amtlicher Helfer, ohne die ein reibungsloser Ablauf nicht möglich wäre. Sie stehen dem Koch, der festangestellt ist, hilfreich zur Seite und sind für die Bewirtung der Gäste zustän­ dig. In der Begegnungsstätte ist auch eine Wohngemeinschaft für MS-Betroffene untergebracht. In dieser Wohngemeinschaft leben zwei MS-Betroffene ständig. Sie wer­ den rund um die Uhr von Zivildienstleisten­ den versorgt und betreut. Für die medizini­ sche Betreuung steht eine Krankenschwe­ ster, die selbst betroffen ist, zur Verfügung. Bei den MS-Betroffenen, die in der Wohnge­ meinschaft leben, handelt es sich um Perso­ nen die, wenn sie nicht dort eine Bleibe gefunden hätten, in einem Heim hätten untergebracht werden müssen. Die Unter­ bringung in einer Wohngemeinschaft hat sich als eine gute Alternative zu den meist unbefriedigten Heimplätzen erwiesen. In der Wohngemeinschaft in Donau­ eschingen befindet sich zusätzlich noch ein Kurzzeitpflegeplatz. Dieser hat sich bereits bewährt, beispielsweise wenn Familienange­ hörige von MS-Betroffenen erkranken oder in Urlaub fahren.

Verkehrswesen 100 Jahre Strategische Bahnen Unter besonderer Berücksichtigung der Museumsbahn W utachtal Am 20. Mai 1990 jährte sich zum 100. Male die Eröffnung der drei sogenannten ,,Strategischen Umgehungsbahnen“ Weil­ (Leopoldshöhe)-Lörrach; Schopfheim-Säk­ kingen und Weizen-Immendingen im Süden des ehemaligen Großherzogtums Baden. Alle drei Streckenabschnitte wurden zur Umfahrung von Schweizer Staatsgebiet erbaut, um in Krisenzeiten Kriegsmaterial und Truppen ins Oberrheingebiet vorn schwäbisch/bayerischen Hinterland und ohne schweizerische Einsprüche befördern zu können. Die badische Hauptbahn Mann­ heim-Basel-Konstanz verläuft nämlich zwi­ schen Weil am Rhein und Singen fast 40 km lang über das Gebiet der Eidgenossenschaft und folgt dabei ohne großen bautechni­ schen Aufwand dem Rhein im Kanton Basel bzw. dem Rheinurstrorntal im Klettgau (Kanton Schaffhausen). Die strategischen Umgehungsbahnen mußten dagegen in landschaftlich ungleich schwierigerem Gelände angelegt werden. Aufwendige Kunstbauten waren erforder­ lich, so z.B. der 864 m lange Tüllinger Tun­ nel zwischen Weil und Lörrach. (Die parallel hierzu geplante zollfreie Straße ist seit eben­ falls 100 Jahren im Gespräch und noch immer nicht begonnen.) Oder der bis vor wenigen Jahren längste süddeutsche 3169 m lange Haseler Tunnel zwischen Schopfheim und Wehr. Die bedeutendste Anzahl an Kunstbau­ ten liegt jedoch auf dem dritten Abschnitt zwischen Weizen und Zollhaus-Blumberg, auf dem seit 1977 ein von Jahr zu Jahr erfolg­ reicherer Museumsbahnbetrieb die Herzen junger und junggebliebener Eisenbahnfans höher schlagen läßt. 256 Von den zahlreichen Brückenbauten prä­ gen vor allem die vier großen Talbrücken im Weiler über die Wutach, bei Pützen und bei Epfenhofen das Landschaftsbild. Von den 6 Tunnels ist der Kreiskehrtunnel in der Stock­ halde wohl der bekannteste, weil es der ein­ zige seiner Art in Deutschland und im Mit­ telgebirge ist. Als die 1957 aus technischen Gründen – vor allem wegen des bedenklichen Zustandes des Kehrtunnels im Weiler und des unmittel­ bar ausschließenden Wutachviadukts -still­ gelegte Strecke zwischen den Bahnhöfen Lausheirn-Blumegg und Zollhaus-Blumberg abermals aus militärischem Interesse 1965 wieder „auf Vordermann“ gebracht werden mußte, waren für die meisten Kunstbauten erhebliche Mittel aufzubringen. Insgesamt wurden im Jahre 1967 rund 5,5 Mio. DM abgerechnet, wobei jedoch auf Signalanlagen, Gleisbau, Bahnkörper und Bahnübergänge rund die Hälfte davon ent­ fielen. Trotzdem wurde inkonsequenter­ weise damals versäumt, die größtenteils aus sog. ,,Schweißeisen“ (im Jahre 1887 war „Stahl“ in heute üblicher Güte technisch noch nicht herstellbar) bestehenden Brük­ ken mit neuem Anstrich zu versehen und damit den Korrosionsschutz für einen länge­ ren Zeitraum zu gewährleisten. Nach Eröffnung des Museumsbahnbe­ triebes im Jahre 1977 wurde daher auch bei den damals und dann im 6jährigen Turnus durchgeführten Brückenprüfungen gefor­ dert, den Zustand der Brücken und deren Belastungsgrenzen von einem anerkannten Institut prüfen zu lassen. Für eine ähnliche Untersuchung an der ältesten Rheinbrücke im Netz der Deutschen Bundesbahn zwi­ schen Waldshut und Koblenz hatte sich der

Riesenbach-Viadukt mit Korrosionsschutz, 26. 5. 90 Biesenbach-Viadukt, 18. 4. 87 Lehrstuhl und die Versuchsanstalt für Stahl, Holz und Steine an der technischen Univer- Wutach-Viadukt saniert, 26. 5. 90 sität Karlsruhe bereits einen Namen gemacht. Galt es doch aus dem vorgefunde­ nen schweißeisemen Material und aus den früheren Zugzahlen die künftige Zahl der „Lastwechsel“ abzuschätzen, die das Brückenbauwerk ohne Schaden übersteht. Hierzu mußte eine kleine Eisenbahn­ brücke über einen Feldweg bei Fützen ausge­ baut und in die obengenannte Versuchsan­ stalt nach Karlsruhe transportiert werden. Das Schweißeisen dieser kleinen Brücke stammte aus dem gleichen Herstellungsjahr und dem gleichen Herstellungswerk wie das aller anderen Bauwerke. Genaugenommen handelt es sich bei diesem Material um „Pud­ delstahl“. Bis zu ihrer Zerstörung brachten es ihre Längsträger auf über 10 Millionen Last­ wechsel. Die Versuchsanstalt prognost1z1erte daraufhin unter Berücksichtigung einer relativ hohen Sicherhßitsspanne für alle schweißeisemen Brückenbauwerke eine 257

„Mindest-Restnutzungszeit“ von mehr als 20 Jahren mit der Option auf eine wesentli­ che Verlängerung des „Verfalldatums“ unter der Voraussetzung: – metallisch blanke Reinigung aller eiser­ nen Bauteile, – Untersuchung auf Risse bzw. Anrisse (z.B. an Nietlöchern), – Korrosionsschutz aller vorher gereinig­ ten Bauteile, – jährliche Überprüfung aller tragenden Bauelemente. Unter tatkräftiger Mithilfe eines Brücken­ fachmannes der Deutschen Bundesbahn ließ der damalige Bürgermeister Werner Ger­ ber die Kosten hierfür ermitteln. Es kamen ca. 4,5 Mio. DM heraus. Glücklicherweise wurde der ganze Strek­ kenabschnitt von Weizen bis Blumberg auf­ grund seiner einmaligen Linienführung in Verbindung mit den weithin sichtbaren Kunstbauten als Denkmal von besonderer kultureller nationaler Bedeutung anerkannt und eingestuft (bad. württ. Denkmalschutz­ gesetz § 12). Dies ermöglichte es Altbürgermeister Werner Gerber nach vielen intensiven Gesprächen, Finanzierungszusagen vom Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, von anderen interessierten Stellen des Lan­ des und nicht zuletzt vom Schwarzwald­ Baar-Kreis zu erhalten. Nun konnte das Sanierungsvorhaben beginnen. Als erstes Brückenbauwerk kam der252 m lange 7feldrige Biesenbachviadukt oberhalb von Epfenhofen an die Reihe. Zusätzlich zum Korrosionsschutz an den Überbauten und Stützen wurden alle Brückenschwellen, Gleise und hölzerne Randwege erneuert. Die Sanierung konnte im Frühjahr 1989 abge­ schlossen werden. Anschließend wurden die Arbeiten am Wutach-Viadukt weitergeführt. Bei Redakti­ onsschluß im Mai 199 0 waren die Korrosi­ onsschutzarbeiten an den schweißeisernen Überbauten beendet. übergang an die Reihe. Als nächstes kommt der Fützener Tal­ Durch inzwischen in Kraft getretene wesentlich verschärfte Umweltschutzbe­ stimmungen (,,Ergänzende Richtlinien für umweltgerechten Korrosionsschutzj konnte der Kostenvoranschlag am Wutachviadukt im Gegensatz zum Biesenbachviadukt, wo aber ebenfalls schon umweltfreundlich gear­ beitet wurde, nicht ganz eingehalten werden. Diese neuen Bestimmungen und der Wunsch, außer dem reinen Korrosions­ schutz auch eine ursprünglich nicht vorgese­ hene Sanierung an den vielen mit Naturstein verkleideten Brückenwiderlagern und -stüt­ zen, an Tunnelportalen und an den Tunneln selbst, sowie an den Gleisen vorzunehmen, führen zu einem wesentlich höheren Gesamtkosten-Voranschlag (ca. 12 -13 Mio. DM). Die Stadt Blumberg ist zuversichtlich, daß die hierfür erforderlichen Geldmittel auch in den folgenden Jahren zur Verfügung gestellt werden können. Karl-Hans Zimmermann Bahnverbindung Schwenningen -Tuttlingen Erinnerungen an eine nicht gebaute Bahnlinie Mit banger Sorge um die künftige Ent­ wicklung ihres Dorfes blickten die Einwoh­ ner Tuningens am Anfang dieses Jahrhun­ derts auf das benachbarte Schwenningen, wohin immer mehr Arbeiter ihren Wohnsitz verlegten, um die mühsamen täglichen Fuß- 258 wege zu ihren dortigen Arbeitsplätzen zu sparen. Die Einwohnerzahl Schwenningens wuchs ständig und die Tuningens und ande­ rer Baardörfer stagnierte oder ging sogar zurück. Während die Trossinger Firmen durch Filialen Arbeitsplätze in die Dörfer

Schwenningen – Tuttlingen. brachten, dachten die Schwenninger Fabri­ kanten nicht daran, dasselbe zu tun. Hier Abhilfe zu schaffen, war das Gebot der damaligen Zeit. Das konnte nur bewerkstel­ ligt werden durch den sofortigen Bau der schon längere Zeit diskutierten Bahnlinie In einer Bürgerversammlung wurde im Februar 1908 entgegen dem anfänglichen Wiederstand einiger Landwirte schließlich doch einstimmig beschlossen, dieses Projekt in Angriff zu nehmen. Federführend waren damals Schultheiß Glökler und sein Gemeindepfleger Schlenker, die handschrift­ lich alle „Bürgerlichen Kollegien“ der Städte Schwenningen und Tuttlingen sowie der an der vorgesehenen Strecke liegenden Ge­ meinden Mühlhausen, Tatheim, Durchhau­ sen, Oberflacht, Seitingen und Wurmlingen zum Mitmachen aufforderten. Die Antwort aller Beteiligten erfolgte umgehend, und mit Eifer ging man sofort an die Arbeit und dankte der Gemeinde Tuningen, daß sie als größte der anliegenden Baardörfer die Sache in die Wege leitete. Schon im Sommer desselben Jahres 1908 erfolgte die Gründung eines „Comitees zum Bau einer normalspurigen Nebenbahn Schwenningen -Tuttlingen“. Vorsitzender wurde der Trikotwarenfabrikant Wilhelm Sax, Tuttlingen, und mit der Planung der Streckenführung wurde Stadtgeometer Richard Bürk, Schwenningen, beauftragt. „Das Comitee, bestehend aus Vertretern sämtlicher Gemeinden, hat sich die Aufgabe gestellt, den alten Wunsch, die Versorgung der Baar mit einer Bahnlinie, in die Tat umzusetzen“. So stand es geschrieben in einer 1909 herausgegebenen gedruckten Denkschrift, gerichtet an die Hohe Stände­ versammlung in Stuttgart. In dieser Denkschrift wurde die Notwen­ digkeit dieser Bahnlinie für sehr dringend gehalten, um die Abwanderung eines „ wert­ vollen Teils der Bürgerschaft der früher blü­ henden Gemeinden, besonders Tuningens, entgegenzuwirken“. Die Opferwilligkeit Tuningens wurde gebührend hervorgeho- ben, denn Tuningen war mit Abstand dieje­ nige Gemeinde, die den mit 240 000 Gold­ mark höchsten Zuschuß für den Bahnbau bereitzustellen beabsichtigte (Tuttlingen und Schwenningen je 100 000 Mark, Talheim 150 000 Mark usw.). Die Denkschrift enthielt auch die genaue Berechnung der landschaft­ lichen und geologischen Verhältnisse des Streckenverlaufs, den Standort der Bahn­ höfe und Haltestellen sowie Kosten-und Rentabilitätsberechnungen. Danach waren für die Gesamtstrecke von 26 Kilometer 3 100 000 Mark Kosten veranschlagt, wovon nach Abzug der freiwilligen Beiträge der Gemeinden von 864 000 Mark für die Kapi­ talanlage des Staates noch 2 236 000 Mark in Frage kämen. Als jährlicher Überschuß wur­ den 51000 Mark berechnet. Nach dem Strek­ kenplan wäre der Tuninger Bahnhof „im Wiesengrund zwischen der Straße nach Schura und der Straße nach Talheim“ zu lie­ gen gekommen, und zwar erreichbar durch Treppen von beiden Straßen her und durch eine neue Straße vorn Ort her, da eine Auf­ füllung von bis zu zehn Metern notwendig war. Am Schluß der Denkschrift stand dann geschrieben: ,,Zwei Voraussetzungen für den Bau einer Bahnlinie sind erfüllt: die prak­ tische Durchführbarkeit des Projektes ist erwiesen und die Opferwilligkeit der Gemeinden aufs höchste gestiegen, möge auch die Regierung in der Lage sein, die Hoff­ nungen der Baargemeinden zu erfüllen durch den Bau der normalspurigen Neben­ bahn Schwenningen -Tuttlingen!“ ,,Ehrer­ bietigst!“ (Es folgten die Unterschriften aller Schultheissen der Anliegergemeinden.) Die zweite Kammer der württembergi­ schen Landstände befaßte sich bald darauf mit diesem Antrag, worauf der einheimische Abgeordnete Storz in einem Brief an Schult­ heiß Glökler hinwies und bemerkte: ,,Der Volkswirtschaftliche Ausschuß hat einstim­ mig ,Erwägung‘ beschlossen, trotz der üblen Finanzlage. Entscheidend sei die ungemeine Opferwilligkeit der Interessenten, besonders aber Tuningens gewesen.“ Er wies aber gleichzeitig daraufhin, daß die erste Kammer 259

das Projekt voraussichtlich weniger günstig beurteilen werde. In Tuningen gab es inzwischen eine Ver­ änderung, da Schultheiß Glökler plötzlich verstarb. Doch sein Nachfolger, der erste im Verwaltungsfach ausgebildete Schultheiß Tuningens, Adolf Haugstetter (ab 1910), machte sich ebenso eifrig an die Sache Eisen­ bahn. Aus unerfindlichen Gründen wurde dann vom Ministerium der eingereichte Entwurf der Bahnstrecke abgelehnt, obwohl er bis ins Kleinste von Stadtgeometer Bürk ausgear­ beitet war. Die Generaldirektion der Eisen­ bahn wurde beauftragt, ein neues Projekt anzufertigen. Das örtliche Comitee war hier­ über gar nicht glücklich, gab es doch eine unerwünschte Verzögerung, man mußte es aber hinnehmen. Die Ausfertigung dieses neuen Projektes kostete zusätzlich S 000 Mark und wurde dem Comitee erst nach zwei Jahren, im Oktober 1912, zugesandt. In einer Vollversammlung, die Mitte November 1912 im Hotel Rössle in Schwen­ ningen stattfand, nahm man zur neuen Sach­ lage Stellung. Die Wünsche der Gemeinden zu diesem neuen Projekt wurden rasch behandelt und schriftlich festgehalten. Da diese aber keine wesentlichen Veränderun­ gen im neuen Streckenplan erbrachten, wollte man die neue Eingabe ans Ministe­ rium schon im Dezember abschicken, um keine Zeit zu verlieren. Doch das Projekt ent­ hielt, ohne die Gemeinden zu berühren, eine Veränderung, die dem Comitee zu schaffen machte: ,,Eine eingehende Aussprache ver­ anlaßte noch die Anwesenheit der Vertreter der Gemeinde Hochemmingen, die am Schluß der eigentlichen Versammlung zuge­ lassen wurden.“ (So schrieb die „Neckar­ quelle“ am 20. November 1912.) Sie waren deshalb anwesend, weil zwei Varianten des Projektes der Generaldirektion über Hoch­ emmingen führten, um dem schwierigen Gelände im Rutschgebiet des Knollenmergel bei Mühlhausen auszuweichen. Tuningen war einverstanden, daß sein Bahnhof hierbei im Süden des Dorfes, Sunthausen zu, ange- 262 legt werden sollte. Da diese beiden Varianten durch badisches Gebiet führten, vermutete das Comitee längere Verhandlungen, wes­ halb man an der alten Strecke über Mühlhau­ sen festhalten wollte, um weitere Verzöge­ rungen zu vermeiden. Doch es kam anders: Dem Comitee schienen die zusätzlichen Kosten von 300 000 Mark für die Befesti­ gung des Knollenmergelgeländes zu hoch, weshalb sie den namhaften Professor Braas von der Stuttgarter Naturaliensammlung baten, ein Gutachten zu erstellen. Sehr ausführlich und sachkundig be­ schrieb dieser dann die Gegend an der „ win­ terlichen Talseite des Mühlhauser Baches mit locker gelagertem Untergrund, der stets große Neigung zum Abgleiten auf dem schlüpfrigen Knollenmergel habe“. ,,Er müsse leider abraten, die 2,2 Kilometer lange Bahnlinie durch dieses Gebiet zu führen. Die eingeplanten Mehrkosten könnten sich sogar noch steigern.“ usw. Die Bahnstrecke über Mühlhausen war damit endgültig gestorben. Sehr eifrig ging man nun daran, ein über Hochemmingen führendes Projekt, mit Haltestelle dort, auszuarbeiten und rasch einzureichen, um nochmalige Verzögerun­ gen zu vermeiden. Doch den Stuttgarter Behörden eilte es nicht so sehr, denn sie hat­ ten gleichzeitig andere Bahnprojekte aus die­ ser Gegend auf dem Tisch: Schwenningen wollte Arbeitskräfte heranführen durch Bau einer Bahn von Dunningen durch die Dörfer des Schwarzwaldvorlandes nach Schwennin­ gen; desgleichen Trossingen durch Verlänge­ rung seiner elektrischen Bahn über Schura nach Durchhausen (mit Anschluß an die ein­ geplante Strecke). Das führte zu Zersplitte­ rungen und Verzögerungen. Unter Berück­ sichtigung aller Veränderungen wurde dann Anfang 1914 ein baureifer Plan in Stuttgart eingereicht. Eine Audienz bei Ministerpräsi­ dent v. Weizsäcker (Großvater des heutigen Bundespräsidenten) fand deswegen am 20. März 1914 statt, an der auch Tuninger Bürger teilnahmen. Doch der Krieg verhinderte den Baubeginn. Schon im Herbst 1918 wurde gemeinsam

mit Trossingen, das sich inzwischen dem Comitee der Baargemeinden angeschlossen hatte, eine Eingabe nach Stuttgart gemacht, den Bau der beiden Bahnlinien in Not­ standsarbeiten durchführen zu lassen, da durch die Kriegsfolgen viele Arbeitslose in der Baar zu erwarten seien. Dem wurde nicht entsprochen. Man drängte trotzdem weiter­ hin durch lebhaften Schriftwechsel, um dann auch die Reichsbahn für das Projekt zu gewinnen. Tuningen wurde auch umworben, Interesse zu bekunden an der geplanten Bibertalbahn“ (Tengen – Bibertal – Geisin­ ien -Ostbaar-Tuningen-Tross_ingen). Alle Eisenbahnpläne zerrannen aber m der Infla­ tion. Schon 1920 wurden die Kosten für die Linien Schwenningen – Tuttlingen und Trossingen – Durchhausen auf25 Millionen geschätzt, die Projek�e a�er tro_tzdem zum 1. April 1920 dem Reich e!ngere1cht. . Der nimmermüde Vorsttzende des immer noch bestehenden Comitees, Wilhelm Sax, schrieb resignierend an Schultheiß H�ug�tet­ ter zwei Jahre später: ,,Wenn auch mit emer Ausführung der beiden Bahnen in abse?ba­ rer Zeit nicht gerechnet werden kann, so ist es doch notwendig, dafür Sorge zu tragen, daß das für den Bahnbau erforderliche Gelände nicht überbaut wird“. (9. Juni 1922). Der Nachfolger Haugstetters, Schultheiß Bräu­ ning (ab 1924), griff das Projekt nach der Inflation erneut wieder auf, suchte Kontakt mit den seitherigen Partnern und schmiedete Pläne. Das allgemeine Interesse erlosch jedoch langsam, insbesondere auch deshalb, weil damals schon (1927) die Verlegung des Verkehrs von der Schiene zur Straße eingelei­ tet wurde, indem die neu in Ersch�inung getretenen Omnibusse gute Ortsverbmdun­ gen herstellten. Ein . einst vi_el�epriesenes J�hrhundertw�rk: ,,p1e Bah‘:1iuie Sch“‚.�n­ nmgen- Tuttlingen ,dasTunmgen,dem ost­ lichen „Mittelpunkt der Baar“, einen neu�n Aufschwung bringen sollte, wurde still­ schweigend zu Grabe getragen. Ernst Braunschweiger En Trom1 Wia ich doch hit trurig bin, I thät am Liabschte schreie.2 Es isch mer z’Muet als kint ich mich, Mi Lebtag nimmi freue. Es isch uf eme Maimärkt g’si, – So het es mer z’Nacht tromet – E goldi Herzli han i‘ kauft, Un han ’s em Vefili kromet.3 Het sich do ’s Vefili aber g’freut! Uf eimol het ’s mi b’schauet Wia wenn ’s mer ebbis sage wett4 Un sich nit so recht trauet. Doch ich han ’s g’merkt: Gern het es mi! Mich, mich man ’s Vefili lide! . Drum han i flur au zuen em gse1t: Wia wär’s, wär’sch mit mer z’friede? Druf fällt mer ’s Vefili um de Hals: Jo frili thuesch mer g’falle! Ich han Di jo so liab, so gern, Am liabste jo von Alle! … Bin ich doch do so glückli gsi, – Hätt nu der Trom au g’halte. Doch wia i druf verwachet bi ! Isch alles no bim alte! Denn ’s Vefili han i zwar gar gern, Verschwieg i’s, i thät lüege, Doch ’s Vefili liabt en andere, Un ich wir’s schwerli kriage. Drum bin i au so trurig hit, Am liabste thät i schreie. Es isch mer z’Muet, als kint ich mich, Mi Lebtag nimmi freue. ‚Traum 2 weinen 3 geschenkt • wollte, möchte Arthur Duffner 263

Landschaft, Naturdenkmäler, Umweltschutz Emil Kurz Leiter des Staatlichen Forstamts Villingen von 1933 bis 1952 Emil Kurz (1890-1963), dessen 100. Geburtstages im Jahr 1990 zu gedenken ist, hat als Sohn eines badischen Eisenbahn­ beamten an seinem Geburtsort Karlsruhe das Realgymnasium besucht und von 1908-1913 an der Technischen Hochschule daselbst Forstwissenschaft studiert.1913 trat er in den Dienst der Badischen Staatsforstverwaltung ein und durchlief, unterbrochen durch Wehr- und Kriegsdienst, die für den höheren Staatsforstdienst vorgeschriebene Ausbil­ dung. 1920 legte er die Forstliche Staatsprü­ fung ab. Sein Berufsweg wurde entscheidend bestimmt durch die Begegnung mit Karl Phi­ lipp, der seit 1921 Oberforstrat und Mitglied der Forstabteilung des Karlsruher Finanz­ ministeriums und seit 1924 als Landesforst­ meister ihr Leiter war. Philipp war ein Feuer­ kopf mit sehr modernen, seiner Zeit oft weit vorauseilenden, zum Teil aber auch radikalen und sehr einseitigen Ansichten. Er war ein führender Vertreter der sog. jungen badi­ schen forstlichen Schule. Er hatte bereits als Forstamtsleiter in Sulzburg, Bretten und Huchenfeld (in Pforzheim) scharfe Kritik an den wirtschaftlichen Zielsetzungen und waldbaulichen Verfahrensweisen der Forst­ verwaltung geübt und war insbesondere durch seine Forderung nach erhöhten Nut­ zungen in Staats- und Gemeindewaldungen in der Öffentlichkeit und im Landtag bekannt geworden. Als Leiter des Forstamts Huchenfeld in Pforzheim übernahm er von Dr. Eberhard im benachbaren württembergi­ schen Langenbrand das Verjüngungsverfah­ ren des Keilschirmschlags. Auf Grund der politischen Verhältnisse der Nachkriegszeit und der politischen Beziehungen seiner Frau zur Zentrumspartei 1924 zum Landesforst­ meister ernannt, machte er es sich zur Auf- 264 Nach einem Porträt von Waltraud Olojf gabe, die nach seiner Auffassung verknö­ cherte Forstverwaltung betriebstechnisch und betriebswirtschaftlich völlig umzuge­ stalten. Durch Herabsetzung der Umtriebs­ zeiten und erhöhte Nutzungen in Staats­ und Gemeindewaldungen gewann er die Zustimmung des Finanzministers und der meisten Gemeinden. Der Keilschirmschlag wurde zum Betriebssystem entwickelt und allein zugelassenes Verjüngungsverfahren in Staats- und Gemeindewaldungen, unabhän­ gig von Standort und Baumarten. Philipp fand in dem jungen Emil Kurz, der bald zum Leiter der Forsteinrichtung (der mittelfristi­ gen Betriebsplanung) aufstieg, einen begei­ sterten, energischen, unermüdlichen Mit-

streiter gegen zahlreiche Widerstände inner­ halb der Beamtenschaft. Rasch wurde er der engste Mitarbeiter Philipps, die Beziehung Meister-Jünger verkörpernd, ihm auch menschlich nahestehend. Er hat sich sein Gedankengut wie kein anderer zu eigen gemacht und es in der Arbeit im Walde kom­ promißlos durchgesetzt. Als Philipp im Jahr 1930 zur Ruhe gesetzt wurde, waren in einer gewaltigen Kraftanstrengung für alle Staats­ und Gemeindewaldungen des Landes neue Betriebsplanungen für einen zehnjährigen Zeitraum erstellt Das Schwergewicht dieser gewaltigen Arbeit lag bei Kurz. Er leitete die Außenarbeiten der zahlreichen Taxatoren und führte die Verhandlungen mit den Gemeinden. Die amtlichen Veröffentlichun­ gen der Karlsruher Forstabteilung der 20er Jahre sind entscheidend durch Kurz mit­ geprägt; zwei Schriften sind ausdrücklich als gemeinsame Arbeit beider Männer ver­ öffentlicht. Wer die Zusammenhänge kennt, weiß, daß die oft umwälzenden Gedanken, seit langem in ihm angelegt, von Philipp kamen; Kurz hat es unternommen, sie mit ungewöhnlicher Tatkraft in die Wirklichkeit des Waldes umzusetzen. Beide haben sich in idealer Weise ergänzt. Philipp hatte wegen seiner schroffen und oft einseitigen Kritik in der mittelalten und älteren Generation badi­ scher Forstleute kaum Anhänger. Daher war es fast zwingend, daß Kurz nach der Zurruhe­ setzung Philipps im Jahr 1930 dessen Nach­ folger als Landesforstmeister wurde. Zuvor hatte Finanzminister Joseph Schmitt bei dem Wolfacher Oberforstrat Franz Burger, der konservativen Richtung der Forstleute angehörend, einem Bruder des W eihbi­ schofs, angefragt, ob er bereit sei, die Leitung der Forstverwaltung zu übernehmen. Da er aber die Ernennung davon abhängig machte, der künftige Landesforstmeister dürfe an dem „System Philipp“ keine Änderung vor­ nehmen, lehnte jener ab. Damit war der Weg frei für den erst 41jährigen Emil Kurz. Seine Ernennung führte im Landtag zu heftigen Auseinandersetzungen; diese konnten aber an der Entscheidung der Regierung nichts mehr ändern. Damit schien der Weg der Forstverwaltung für die nächsten 20 Jahre vorgezeichnet. Indessen verlief alles ganz anders. Zunächst brachte die Weltwirt­ schaftskrise jener Jahre die Forstwirtschaft in eine bis dahin nicht erlebte Krise. Große Mengen Nutzholz waren nicht verkäuflich, die Nutzungen mußten eingeschränkt wer­ den, die Forstbetriebe von Staat und Gemeinden gerieten hoffnungslos in die roten Zahlen und belasteten die ohnehin kaum auszugleichenden Haushalte in bisher ungekannter Weise. In dieser Lage verlor der Streit um das „System Philipp“ völlig seine Bedeutung; ganz andere Probleme waren jetzt zu bewältigen. Emil Kurz hat die Forst­ verwaltung in den schwierigen Jahren 1931- 1933 hervorragend geführt und konsequent das Prinzip Wirtschaftlichkeit an die oberste Stelle gesetzt. Seine Fähigkeit zu energi­ schem, zupackendem Verhalten und seine Durchsetzungsfähigkeit kamen ihm dabei zugute. Aber das blieb Episode. Da Kurz der Zentrumspartei zugerechnet wurde, hat ihn die nationalsozialistische Regierung im Jahr 1933 abgesetzt und ihn schließlich gegen alles Recht zum Oberforstrat zurückgestuft. Dieser Schlag hat den pflichtbewußten und tadelfreien Beamten schwer getroffen. Er hat in dieser Zeit manche Enttäuschung und Erniedrigung hinnehmen müssen. Einige sei­ ner bisherigen engen Mitstreiter entpuppten sich als „Parteigenossen“ des Jahres 1932 und damit als politische Gegner. Erst im Jahr 1950 hat Kurz nach Einsetzung der Verwaltungs­ gerichtsbarkeit seine Rehabilitierung er­ reicht. Kurz wurde aber nicht wie andere leitende Beamte im Jahr 1933 entlassen oder vorzeitig zur Ruhe gesetzt; dieses Schicksal blieb ihm erspart. Noch im Sommer 1933 wurde ihm die Leitung des sehr angesehenen und arbeitsreichen Staatlichen Forstamts Villin­ gen übertragen. Mit ungebrochener Tatkraft ging er an die Arbeit und entwickelte seinen Forstbezirk in fast 20jähriger intensiver Tätigkeit zu einem modernen Forstbetrieb. Die hier geübte natürliche Verjüngung der 265

Fichte-Tanne-Kiefern-Mischbestände und forschrittliche Durchforstungmethoden fanden weithin Anerkennung und machten Villingen zu einem vielbesuchten Exkur­ sionsziel in der Nachkriegszeit. Nicht alles, war er sich vorgenommen hatte, konnte gelingen. Die Finanzierungshiebe für den Ankauf der Fürstlich Fürstenbergischen Wal­ dungen bei Rippoldsau in den 30er Jahren und die Zwangshiebe der Kriegs- und Nach­ kriegszeit forderten manchen Kompromiß. Inzwischen hat sich vieles geändert, grund­ sätzliche Fragen der Waldwirtschaft werden heute gerade auf Grund der Erfahrungen in Kriegs- und Nachkriegszeit anders gesehen. In einer Welt, deren Grundbedingungen sich ständig ändern und weiterentwickeln, kön­ nen auch die Ziele und Methoden der Forst­ wirtschaft nicht die gleichen bleiben. Die von Philipp und Kurz einst gerügten „großen Übervorräte“ in den Waldungen, von unse­ ren Vorfahren als Zukunftsvorsorge bewußt angelegt, haben sich, soweit sie nicht rechne­ risch manipuliert waren, als willkommene, ja höchst notwendige Vorratsreserven erwie­ sen, mit deren Hilfe allein die Waldungen den großen Anforderungen nach Rohholz­ lieferung insbesondere der Nachkriegszeit ohne großen Schaden nachkommen konn­ ten. Neue Ziele und Erfahrungen haben dem alten Streit um Bodenreinertrag und Betriebssysteme, auch um den Keilschirm­ schlag, den Boden entzogen. Aber auch vie­ les von dem, was Philipp und Kurz gewollt haben, ist wesentlicher Bestandteil moder­ nen Forstwirtschaftens geblieben. Erhalten geblieben ist aus dem Villinger Erbe von Emil Kurz das Streben nach standortgemä­ ßen Mischbeständen und ihrer frühen und systematischen Pflege, nach räumlicher Ord­ nung, die in der stets sturmgefährdeten Baar besonders wichtig ist und nach wirtschaftli­ cher Gestaltung der Forstbetriebe. Die von Philipp und Kurz eingeführte Methode mit­ telfristiger Betriebsplanung hat sich als trag­ fähig erwiesen und wurde zeitgemäß weiter entwickelt. Man mag sich wundern, daß Emil Kurz, 266 der Verfolgte des Naziregimes, nicht sofort nach 1945 in den Wiederaufbau der Forstver­ waltung einbezogen wurde. Dem stand wohl seine enge Bindung an bestimmte einseitige Philippsche Doktrinen im Weg, die inzwi­ schen aufgegeben waren; auch persönliche Interessen und das lange sich hinziehende Rehabilitationsverfahren haben sich aus­ gewirkt. Erst als im Jahr 1952 nach Schaffung des Landes Baden-Württemberg eine ein­ heitliche Forstverwaltung für das neue Land aufzubauen war, schlug seine Stunde. Er wurde der erste Landesforstpräsident. Als politisch Verfolgter, als Persönlichkeit von großer Erfahrung und Autorität war er so gut wie unangreifbar und damit der richtige Mann, der Forstverwaltung des neuen Lan­ des im Widerstreit der Interessen und ange­ sichts unterschiedlicher Strukturen in der Forstwirtschaft der bisherigen Länder eine angemessene Stellung zu verschaffen. Der Neuaufbau der Forstverwaltung ist ihm im Verein mit Otto Wulz, Hubert Rupf und zahlreichen willigen Kräften gut gelungen. In der Zeit bis zu seiner Zurruhesetzung im Jahr 1956 sind unter seiner Verantwortung zahl­ reiche grundlegende, in die Zukunft wei­ sende Regelungen ergangen. Er ist 1963 an seinem Altersruhesitz in Baden-Baden gestorben. In der Erinnerung der Zeitgenos­ sen lebt er fort als kraftvolle, willensstarke, fortschrittliche und wohlwollende Persön­ lichkeit. Prof. Dr. Karl Hasel Vision Grün Träume besserer Zeiten sind Fluchtpunkt angesiedelt in Postkartenidyllen zum Regenbogen geschickt Wirklichkeit der Apfelbaum gepflanzt um aus Kernen neue Apfelbäume wachsen zu lassen Christiana Steger

Unterhölzer Ein weitläufiger Forst beim Wartenberg Unterhölzer ist der Name für ein Revier oder ein Waldgebiet, der darauf schließen läßt, daß es im Gegensatz dazu auch „Ober­ hölzer“ oder einen ähnlichen Begriff geben muß oder gab. Tatsächlich gibt es heute noch westlich von Hubertshofen und Mistel­ brunn bis hin zu den Abhängen in das Breg­ tal das sogenannte „Oberholz“, auch ein sehr großes Waldgebiet, das gemeint sein könnte. In diesem „Oberholz“ haben die Gemein­ den Bräunlingen, Donaueschingen, Hüfin­ gen und die bis 1934 selbständige Gemeinde Allmendshofen etwa je ein Viertel Anteil. Dieser gemeinsame Besitz geht beinahe bis in die Zeit um die Jahrhundertwende zurück, als diese vier Orte zu einer großen gemeinsa­ men Mark gehörten und von dort mangels anderweitiger und näherer Waldbestände ihr Holz holten und dorthin ihr Vieh zu der frü­ her allgemein üblichen und auch sehr wich­ tigen Waldweide führten. Die genannten vier Orte, die zu einem gemeinsamen Kirchsprengel gehörten, der schon im 13.Jahrhundert wieder aufgelöst wurde, hatten aber hier im Gebiet rund um den Wartenberg keinen Besitz, so daß das genannte „Oberholz“ als Gegensatz zu dem „Unterholz“ oder „Unterhölzer“ eigentlich nicht in Frage kommen kann. Gemeint sein können demnach nur die Hölzer oder Wal­ dungen, wie man heute sagt, die hier ganz in der Nähe höher oder oberhalb des U nterhöl­ zer lagen. Somit können wahrscheinlich nur diejenigen gemeint sein, die sich zum nahen Wartenberg hin oder am Fuße desselben befanden. Waren es gar Wälder wie zum Bei­ spiel auf dem Geisinger Berg oder auf der Länge? Da man weiß, daß das gesamte Gebiet nördlich der Donau früher den Herren von Wartenberg gehörte, liegt es nahe, daß die Begriffe „Unterhölzer“ und „Oberhölzer“ etc. schon von damals stammen könnten. Nachweisbar aber ist dies nicht. Die Herrschaft Wartenberg, also der gleichnamige Berg, die zur Herrschaft gehö­ rige Stadt Geisingen und noch weiterer Grundbesitz in der Umgebung kamen durch Heirat des Grafen Heinrich II. von Fürsten­ berg mit Verena, der Erbtochter des letzten Wartenbergers, schon vor dem Jahre 1307 an das Haus Fürstenberg und war eine bedeu­ tende Vermehrung des Besitzes in der Baar. Das Haus Fürstenberg, damals waren es noch die Grafen von Fürstenberg, war seit der Mitte des 13.Jahrhunderts in der Baar ansäs­ sig, Graf Heinrich 1. besaß seit 1250 den nahen Fürstenberg, südlich der Donau gele­ gen. Das Geschlecht hatte bekanntlich sei­ nen Namen von seinem ersten Wohnsitz in der Baar, dem Fürstenberg, angenommen. Donaueschingen war zu diesem Zeit­ punkt noch lange nicht fürstenbergisch, erst Ende des 15. Jahrhunderts, genauer gesagt im Jahre 1488, kamen Burg und Dorf Donau­ eschingen, die Dörfer Ober-und Unteraufen und Kirchdorf durch Kauf an die Grafen Wolfgang und Heinrich VII. von Fürsten­ berg. Soweit ein kleiner Exkurs, der des allge­ meinen Verständnisses wegen gemacht wer­ den mußte. Nun aber wieder zurück zum „Unterhölzer“. Versucht man in dem sehr reichhaltigen Urkundenbestand des Fürstenbergischen Archives die erste urkundliche Erwähnung des Begriffes „Unterhölzer“ zu finden, so stößt man auf eine Urkunde vom 21. April 1317. Durch diese Urkunde -das nur neben­ bei -wird bezeugt, daß ein Bräunlinger Bür­ ger namens Run all sein Gut zu Nidingen (heute Neudingen), das ein Berthold Wellen­ berg baut, also bebaut, für lediges Eigen der Priorin und dem Konvent des Klosters zu Nidingen verkauft, ohne die „Under Hölt­ zem“ gelegenen Wiesen, um 18 Mark Silber, Friburger Gewäges. ,,Under Höltzem“ wird darin getrennt geschrieben und beide Wörter groß. Soll das heißen: … ohne die Wiese, die 267

1 1 Das Fürstlich Fürstenbergische Jagdschloß Unterhölzer nach einer Fotografie aus der Zeit um 1910. längst ist das Wild nicht mehr so zutraulich als zu der Zeit, da der Unterhölzer noch ein eingegatterter Tierpark war. Die Fassade der Vorderfront zeigt typische Baumerkmale, wie sie der fürstenbergische Baumeister Franz Joseph Salzmann immer wieder an den von ihm geplanten Ba11ten venoendet hat. unter (also unterhalb) den Hölzern gelegen ist? Gab es das Wort oder den Begriff ,,Unterhölzer“, wie wir ihn heute kennen, damals gar nicht? Die nächste urkundliche Erwähnung stammt vom 31.Juli 1576, es handelt sich um einen Vertrag zwischen Heinrich VIII. Graf von Fürstenberg und einem Jakob Scholl aus Hochemmingen, den der Graf als Meier, sprich Verwalter, auf seinen Meierhof War­ tenberg genommen hat. In diesem Vertrag wird neben vielen anderen Bedingungen,, … der Weiher hinter Unterhölzer“ genannt. „Unterhölzer“ nun zusammengeschrieben in einem Wort! Der Begriff „Unterhölzer“ dürfte sich demnach zwischen 1317 und 1576 geformt haben, wann genau, das wissen wir nicht, oder sagen wir besser, noch nicht. Inter- 268 essant ist natürlich auch in diesem Vertrag die Erwähnung, daß es 1576 schon den „Unterhölzer Weiher“ gab, den großen mit einem künstlichen Damm angelegten Fisch­ weiher an der heutigen Bundesstraße Pfoh­ ren-Geisingen. Soweit nun zum Begriff „Unterhölzer“ als Name für einen großen Walddistrikt. Was ist nun das besondere an diesem Walddistrikt und dem ihm nach Westen vor­ gelagerten und doch dazugehörigen Birken­ ried und dem Unterhölzer Weiher, daß die­ ses gesamte Gebiet im Einvernehmen mit dem Hause Fürstenberg bereits im Jahre 1939 unter Naturschutz gestellt wurde, ein Gebiet von annähernd 600 ha. Das nicht alltägliche Waldbild mit den verschiedensten Holzarten, mit dem aufge-

lockerten Baumbestand, mit den zahlrei­ chen eingestreuten größeren und kleineren freien Flächen, den Waldwiesen, mit den jahrhundertealten Baumriesen, das ist es, was den Unterhölzerwald von anderen Wäl­ dern abhebt. Hier gibt es noch ein Waldbild, wie man es sich auch andernorts vorstellen muß, ehe die planmäßige Waldwirtschaft begonnen hat. Diese Bestände vermitteln uns heute noch ein Bild, wie die Wälder unserer enge­ ren Heimat, in der Baar und auf dem Ost­ schwarzwald zur Bronzezeit, also etwa um 1000 v. Chr., ausgesehen haben mögen. Es ist ein „Urwaldbild“ mit uralten knorrigen Eichen und Buchen. Diese beiden Arten bestimmten das Bild noch vorwiegend um 1800. Die Eiche kam damals allein mit rund 75 0/o vor. 600jährige Eichen und 250jährige Buchen sind hier keine Seltenheit. Man kann sich gut vorstellen, daß die frü­ her übliche Waldweide zu einer Zeit große Bedeutung hatte, als sich die sogenannte Stallfütterung lediglich auf die schlimmsten Wintermonate beschränken mußte, denn die freien Felder und Wiesen außerhalb der Wälder benötigte man dringend zur Gewin­ nung von Heu, Öhmd und Frucht. Nicht nur das Vieh trieb man in die Wälder, auch die Hausschweine waren auf die „Früchte“ des Waldes angewiesen. Diese Waldweide war für die Bauern eine so wichtige Lebens­ notwendigkeit, daß sie fast in allen früheren Urkunden, wenn es sich um Käufe, Verkäufe oder Tausch handelte, vorkommt; denn immer ist darin die Rede von „Wunn und Weid, Trieb und Tratt“. Unter Letzterem ver­ steht man die sogenannte „Eichel- und Buchenmast“. Besonders die Schweine wa­ ren es, die mit Vorliebe die reifen abgefalle­ nen Eicheln und Bucheckern als wohl­ schmeckende und natürlich nahrreiche Leckerbissen aufnahmen. Daß sich das Großvieh nicht immer nur mit dem teilweise trockenen, spärlichen Waldgras begnügte, sondern bevorzugt und natürlich zum Leidwesen der Forstleute die jungen Triebe und Blätter von den Laubbäu- men herunterfraß, läßt sich denken. Dies führte teilweise zu so starkem Verbiß, daß gerade junge Laubbäume verkrüppelten oder erst gar nicht aufkommen konnten. Nach der Einführung der planmäßigen Forstwirt­ schaft und dem somit gezielten Waldbau gab es dadurch verständlicherweise immer wie­ der Querelen zwischen den Forstleuten und den Bauern. Wir wissen, daß die Bauern der umliegen­ den Orte Geisingen, Ober- und Unterbal­ dingen, Gutrnadingen, Neudingen und Pfohren seit Jahrhunderten das Recht hat­ ten, ihr Vieh zur Waldweide in den „Unter­ hölzer“ zu fuhren. Besonders in Kriegszeiten wurde der gesamte Viehbestand manchmal über eine längere Zeit in den Unterhölzer­ Wald geflüchtet, es sollen zeitweise bis zu 6000 Stück Vieh gewesen sein. Das änderte sich gegen Ende des 18.Jahr­ hunderts, denn der um die Hebung der Land- und Forstwirtschaft sehr bemühte Fürst Joseph Wenzel zu Fürstenberg (1728- 1783) ließ im Jahre 1781 im nahen Bachzim­ merer und lppinger Forst ein Tiergehege von rund 2000 ha Größe einrichten, das ein Wildre­ servat bilden und zugleich die Bauern vor starken Wildschäden verschonen sollte. Der Fürst verzichtete gleichzeitig auf die Haltung von Rotwild in freier Wildbahn. Das Rot­ wild richtete die schlimmsten Schäden an. Fast um die gleiche Zeit ließ der Fürst im Unterhölzer-Wald einen „Kleinen Tiergar­ ten“ anlegen, der im Jahre 1787 etwa 2080 Jauchert, also rund 750 ha, umfaßte. Hier sollte im Gegensatz zum Bachzimmerer Tiergarten, in dem anfangs ausschließlich Rotwild gehalten wurde, ein Gehege für Damwild geschaffen werden. Innerhalb des­ selben errichtete man außerdem einen ,,Schweinegarten“, für Wildschweine natür­ lich, in der Größe von etwa 50 ha. Im Jahre 1782 wurden in diesen „Wild­ schweinunterschlupf“ 40 Sauen eingesetzt, die man im Gebiet zwischen Hattingen und Möhringen eingefangen hatte. Die Wildbe­ stände dieses „Kleinen Tiergartens“ wurden zwar im Laufe der Zeit, hauptsächlich von 269

durchziehenden Truppen während der Napoleonischen Kriege, immer wieder stark dezimiert, sie erfuhren aber eine beträchtli­ che Auffüllung, als man sich schon im Jahre 1810 entschloß, den „Großen Tiergarten“ bei Bachzimmern wieder aufzugeben. Darin waren zuletzt 211 Stück Rotwild, von denen 100 Stück in den Unterhölzer-Tierpark gebracht wurden, ein Teil wurde geschossen und der Rest war bereits durch den beschä­ digten Bretterzaun in die freie Wildbahn gelangt. Die Reparatur, d. h. die Erneuerung des kilometerlangen Bretterzaunes in Bach­ zimmern wäre zu teuer gekommen, so daß dieser große Tiergarten ganz aufgelassen wurde. Der Tiergarten im Unterhölzer wurde nun erweitert und das gesamte Gebiet des Unterhölzer-Waldes eingegattert. Nicht nur wegen der starken Bestände an Rotwild, Damwild und Schwarzwild war der Unterhölzer bekannt, Rehwild, Niederwild und Federwild waren hier selbstverständlich ebenso gut vertreten. Der Fuchs kam teil­ weise (durch kleine Tricks!) so zahlreich vor, daß die auf ihn angesetzten Hofjagden in Jägerkreisen besonders geschätzt waren. Eine Sonderstellung nahmen zwischen der Jahr­ hundertwende und dem Ersten Weltkrieg die sogenannten „Kaiserjagden“ ein. Der deutsche Kaiser Wilhelm II., den sehr enge freundschaftliche Beziehungen mit dem damaligen Fürsten Max Egon II. (1863 – 1941), dem Großvater des heutigen Fürsten, verbanden, weilte insgesamt 14 Mal in Donaueschingen. Teils waren große Fami­ lienfeste Anlaß zu den Besuchen, meist waren es aber die Auerhahnbalz im nahen Schwarzwald Geweils Ende April/ Anfang Mai) und die ihm zu Ehren veranstalteten großen „Kaiserjagden“ auf den Fuchs im November. Es gab damals Tagesstrecken von 40 Füchsen und mehr. Einen schmerzhaften Einschnitt gab es für den Tiergarten Unterhölzer im Jahre 1918, der auch sein Ende bedeuten ollte. Durchziehende meuternde württembergi­ sche Truppen ver orgten sich zu ausgiebig mit Wildbret, denn sie schossen den Hirsch- 270 bestand bis auf ganz wenige Stücke ab. Der beschädigte Zaun wurde daraufhin auf Anordnung des Fürsten Max Egon II. voll­ ends abgebrochen und somit auch dieser Tiergarten aufgegeben. Dies war im Jahre 1918. Letzte Zeugen davon sind die beiden noch existierenden sogenannten „Torhäu­ ser“, die eigens an den Eingängen zum Tier­ garten gebaut wurden. Die Häuser von Dreilerchen an der ehe­ maligen Bundesstraße im Bereich zwischen Unterhölzer und Wartenberg gelegen, haben mit dem Tiergarten nichts zu tun. Sie sind als Folge einer Ansiedlung von Kolonisten durch den Fürsten Joseph Maria Benedikt (1758 -1796), der das Gelände den Bauern zur Verfügung gestellt hat, erst nach 1784 ent­ standen. Es sei, weil wir gerade noch bei der Jagd sind, darauf hingewiesen, daß es natürlich früher in unserer Gegend auch noch andere Wildarten gab, so den Bären, den Wolf und den Luchs. Nun wollen wir aber die Jagd abblasen, es soll hier auch über ein besonderes Gebäude im Unterhölzerwald berichtet werden, das 1976 200 Jahre alt war. Es handelt sich um das ehemalige fürstenbergische Jagdschloß im Unterhölzer, das heute von einem Forst­ mann, dem Revier-Beamten und seiner Familie bewohnt wird. Es liegt im Schnitt­ punkt dreier Alleen und Waldwege. Hier sind die Nachrichten leider sehr spär­ lich, denn es existieren von diesem Gebäude aus der Zeit der Erbauung weder Bauakten noch Baupläne. Dies ist um so verwunderli­ cher, da wir sonst durch ausführliche Unter­ lagen aus dem Fürstlich Fürstenbergischen Archiv über fast alle vom Hause Fürstenberg errichteten Gebäude bestens informiert sind. Man weiß mit Bestimmtheit, daß der für­ stenbergische Baumeister Franz Joseph Salz­ mann, der in Donaueschingen den heute noch als „Neubau“ bezeichneten großen Verwaltungsbau der Fürstenberg-Brauerei gebaut hatte (vgl. Almanach 89, Seite 122 – 128), das Archiv und weitere markante Gebäude im früheren Fürstentum Fürsten-

Anläßlich einer sogenannten Kaiserjagd, die zwischen der Jahrhundertwende und dem Ersten Weltkrieg im Gebiet des Unterhölzer sehr oft stattfanden, stellte sich die Jagdgesellschaft dem Fotografen vor dem Unterhölzer Jagdschloß. V r. n. l. Max Egon II. Fürst zu Fürstenberg, Kaiser Wilhelm II., Irma Fürstin zu Fürstenberg, weitere Jagdgäste mit Damen, links fürstenbergische Forstleute, sitzend davor Kinder des Fürstenpaares. berg errichtete, auch den Plan für dieses Jagd­ schloß entworfen hat. Der Zweck des Jagdschlosses war vom da­ maligen Fürsten Joseph Wenzel ganz klar um­ rissen, man wollte auch auf der Jagd -und die wurde beim Hause Fürstenberg stets groß ge­ schrieben -nicht auf Annehmlichkeiten ver­ zichten müssen. Man muß sich vergegenwärti­ gen, daß man damals nur mit Kutschen fuhr oder geritten ist. Wollte man sich schon zei­ tig in der Frühe auf die Jagd begeben, so wollte man eben auch ganz in der Nähe wohnen. Es wurde schon beim Bau des kleinen Jagd­ schlosses ein Nebengebäude errichtet, in dem genügend Stallungen für die Pferde und Remisen für die Kutschen vorhanden waren. Ein ähnliches, allerdings etwas größeres Jagdschloß, wurde zur gleichen Zeit, d. h. schon im Jahre 1776 auch beim großen Tier­ garten im Bachzimmerer Tal gebaut und ein ebensolches, auch von Franz Joseph Salz­ mann, bereits 1767 mitten im großen Wald­ und Jagdgebiet auf der Länge. (Das früheste Jagdschloß, das vom Haus Fürstenberg gebaut wurde, ist die Entenburg bei Pfohren. Ihr Baubeginn geht allerdings auf das Jahr 1471 zurück. Auch dieses Jagdschloß sah schon unter seinem Erbauer, dem Grafen Wolfgang von Fürstenberg (1465 – 1509] hohe und höchste Jagdgäste, denn in ihm 271

weilte um 1500 mehrfach der deutsche Kaiser Maximilian I., um auf die Entenjagd zu gehen. Er war es auch, der dem als Wasser­ schloß gebauten Jagdhaus den Namen „Entaburch“ gegeben hat.) Ehe ich nun zum Schluß meines Rück­ blicks komme, soll auch noch kurz über ein anderes Schloß, ganz in der Nähe vom Unterhölzer gelegen, informiert werden. Es ist das Schloß auf dem nur wenige Kilometer entfernten Wartenberg. Am Westabhang des ursprünglichen Vulkanberges existierte seit dem 11. Jahrhundert eine aus schwarzen Basaltquadern errichtete Burg. Erbauer waren die bereits oben erwähnten Herren von Geisingen, die im 11.Jahrhundert ihren Wohnsitz von Geisingen auf den Warten­ berg verlegten und sich seither Freiherrn von Wartenberg nannten. Wie alle Burgen im weiten Umkreis, so wurde auch diese Burg im Jahre 1525 wäh­ rend des Bauernkrieges zerstört. Da der War­ tenberg inzwischen dem Haus Fürstenberg gehörte und als Wohnsitz von keinem Mit­ glied der Familie gebraucht wurde, wurde die Burg nicht mehr aufgebaut. Erst in der Spätzeit des Barock, besser gesagt des baufreudigen Barock, nämlich im Jahre 1780, als auch im Unterhölzer mit dem Bau begonnen wurde, kam wieder Leben auf den Wartenberg. Der damalige Fürst Joseph Wenzel zu Fürstenberg(1728-1783) übergab den gesamten Berg samt dem dazugehörigen Meierhof seinem Geheimen Hofrat und Kammerpräsidenten Leopold von Lassolaye als Mannlehen für sich und seine männliche Deszendenz. Lassolaye ließ auf dem ober­ sten aber sehr kleinen Plateau die Reste einer weiteren alten Burg völlig abtragen und erbaute sich ein sogenanntes Lustschloß. Es ist das Schloß, das heute noch steht und weit­ hin sichtbar ist. Es war nicht als Jagdschloß gedacht, sondern diente dem Herrn von Las­ solaye lediglich für seine Aufenthalte wäh­ rend der Sommerszeit. Selbst für einen höheren fürstenbergi­ schen Beamten war das damals eine kostspie­ lige Angelegenheit und so kam es auch, daß 272 Leopold von Lassolaye sein Schloß nicht halten konnte, bzw. sich schon gleich beim Bau übernommen hatte.1783, im ersten Jahr seiner Regierung, kaufte Fürst Joseph Maria Benedikt (17 58 -1796), der Sohn und Nach­ folger des Fürsten Joseph Wenzel, den Berg und das Lustschloß wieder zurück. Er ließ dann am östlichen Abhang des Wartenber­ ges einen prächtigen „Englischen Garten“ anlegen. Die ältere Generation erinnert sich noch an die früher sehr gepflegten Wege, an die Denkmäler und natürlich an die Eremi­ tage mit dem Kapuziner, die heute noch zu sehen sind. Zur gleichen Zeit wurde damit begonnen, in Donaueschingen den heutigen weitläufigen Schloßpark dem zuvor sumpfi­ gen Gelände abzugewinnen. Über alle anderen Jagdschlösser des Hau­ ses Fürstenberg gäbe es mehr zu berichten als über das Jagdschloß im Unterhölzer-Wald, leider, aber dies läßt sich mangels archivali­ scher Quellen nicht ändern. Hoffen und wünschen wir, daß dieses Jagdschloß und das gesamte Naturschutzge­ biet des Unterhölzer-Waldes in dieser Form erhalten bleiben können, um all denen, die noch ein Auge und Herz für die Schönheit und Größe beinahe unberührter Natur haben, zur Freude und Erholung zu dienen. Georg Goerlipp Benützte Literatur 1. Stephani, Kurt: Geschichte der Jagd in den schwäbischen Gebieten der fürstenbergischen Standesherrschaft. Donaueschingen 1938. 2. Kwasnitschka, Karl: Das Naturschutzgebiet ,, Unterhölzerwald“. In: Mitteilungen des Badi­ schen Landesvereines für Naturkunde und Naturschutz e. V Freiburg. N. F. Bd. 8. 1961- 64, S. 725-729. 3. Wacker, Karl: Naturschutzgebiet „ Unterhölzer Wald“ auf der Baar. In: Badische Heimat.Jg. 31. 1951, S. 1-9. 4. Wacker, Karl: Der Landkreis Donaueschin­ gen. Konstanz 1966. 5. jäck, Karl: Dreilerchen, eine fürstenbergische Kol.onistensiedlung aus dem Ende des 18.Jahr­ hunderts. In: Schriften des Vereins für Geschichte

und Naturgeschichte der Baar. H. 22. 1950, S. 96-128. 6. Wohleb, Josef L.: Das Fürstenbergi.sche Jagd­ schloß auf der „Länge“. Sonderdr. aus: Studien zur Kunst des Oberrheins. Freiburg 1959, S.153- 157. 7. Huber, Erna u. Goerlipp, Georg: Die Enten­ burg zu Pfahren. In: Schriften des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar. H. 28. 1970, S. 18-33. 8. Tumbült, Georg: Das Fürstentum Fürstenberg von seinen Anfängen bis zur Mediatisierung im Jahre 1806. Freiburg 1908. 9. Goerlipp, Georg: Der Kapuziner im Engli­ schen Garten. In: Fürstenberger Waldbote.Jg. 11. 1965, S. 38-40. 10. Bader, Karl Siegfried: Zur älteren Geschichte des Unterhölzer Waldes. In: Fürstenberger Wald­ bote. Jg. 12. 1966, S. 3-6. 11. Suchant, Heinrich: Vom Damwild im Unterhölzer Wald. In: Fürstenberger Waldbote. Jg. 22. 1976, S. 23-25. 12. Fürstenbergi.sches Urkundenbuch. Bd. 5. 1885, Nr. 360, und Bd. 2. 1877, Nr. 46. 13. Mitteilungen aus dem Fürstlich Fürstenbergi.­ schen Archiv. Bd. 1. 1894, Nr. 403. Die Herkulesstaude im Schwarzwald-Baar-Kreis Seit Mitte der siebziger Jahre wird die aus dem Kaukasusgebiet (Abachasien) stam­ mende Herkulesstaude oder Riesenbären­ klau (Heracleum mantegazzianum) in Mit­ teleuropa im Schwarzwald-Baar-Kreis breitet sich der Neubürger mehr und mehr aus. immer häufiger. Auch Die stattliche Pflanze ist unverkennbar. Der bis 4,3 m hohe (nach Exemplaren bei Langenenslingen, Kreis Biberach, Mittei­ lung von Herrn Schlesinger), am Grunde bis 15 cm starke und oft rotgefleckte Stengel, trägt im Sommer große weiße Dolden; der schirmartige Blütenstand hat gelegentlich 50 cm Durchmesser. Die untersten der gefieder­ ten Blätter werden mit Stil bis zu 3 m lang und beim Austreiben manchmal als Rhabar­ berblätter angesprochen. Die Staude ist sehr giftig. Stengel und Blätter enthalten das als krebserregend gel­ tende Furocumarin. Der Saft verursacht Glieder- und Atemlähmung. Beim Berüh­ ren, vor allem an sonnigen Tagen, gibt es gefährliche Hautverätzungen. Es wird auch von schmerzhaften, sehr schwer heilenden Wunden berichtet. Trotz des eindeutigen Steckbriefs – das Gewächs kann mit keiner einheimischen Pflanze verwechselt werden -ist ihre syste­ matische Stellung innerhalb der Gattung Bärenklau (Heracleum) und damit ihr wis­ senschaftlicher Name nicht ganz klar. Im Kaukasusgebiet und im anschließenden Nordwestiran gibt es nämlich eine Anzahl nahverwandter Arten, die im vorigen Jahr­ hundert entdeckt und nicht immer eindeutig wissenschaftlich beschrieben, unter ver­ schiedenen Namen in europäische Gärtne­ reien und von da in Gärten und Parks kamen. So hört man für die Riesenbärenklau gele­ gentlich auch den Namen Heracleum gigan­ teum. Doch wie dem auch sei, in neueren Bestimmungsbüchern – in älteren fehlt sie oder wird nur als Zierpflanze erwähnt -und in vielen Arbeiten zur Pflanzenwelt Mittel­ europas wird der Fremdling derzeit als Heracleum mantegazzianum SOMMIER et LEVIER bezeichnet. Sie wurde von den beiden wissenschaftli­ chen Bearbeitern um 1890 in die Schweiz gebracht, wo sie über große Gärtnereien in den Handel kam. Schon aus den zwanziger Jahren gibt es zahlreiche Meldungen über die Verwilderung der Staude in der Schweiz, wo sie inzwischen an vielen Stellen eingebürgert ist. Im Schwarzwald-Baar-Kreis kenne ich Standorte in Bad Dürrheim, Donaueschin­ gen, Aufen, Wolterdingen, V illingen (Zoll­ haus), Schwenningen, Gremmelsbach, Tu­ ningen und Pfohren. 273

Kurorts kann man schon bei der Fahrt auf der B 27 bis gegen Donaueschingen immer wieder einzelne Trupps in näherem oder wei­ terem Abstand von der Stillen Muse! beob­ achten, die südlichsten an ihrer Mündung. Von da wurde vielleicht die Stelle westlich von Pfohren (Ödland) besiedelt. Auch auf dem Lärmschutzwall von Bad Dürrheim haben einige Pflanzen Platz gefunden. Bad Dürrheim ist offenbar ein örtliches Ausbreitungszentrum. Aus den Kuranlagen und wahrscheinlich auch aus Privatgärten dringt die Kaukasierin entlang von Straßen und Bächen ins Umland vor. Um Zollhaus ist ebenfalls gut zu sehen, wie sie sich von Gärten aus an Straßen und am Bahndamm entlang ausbreitet. Deponie-Wuchsorte gibt es in Schwen­ ningen (Altdeponie Bärental), Tuningen und Wolterdingen (Erdablagerplatz im Stein­ bruch an der Straße nach Vöhrenbach). Bei Aufen wächst sie an einem orchideenreichen naturnahen Waldhang, doch deuten Brenn­ nesselbestände auf menschlichen Einfluß. In Gremmelsbach sah ich bei der Suche nach Qiellen ein prächtiges Stück an einem Waldweg. Seine wahrscheinliche Herkunft aus einem Garten zeigte sich, als in der Nähe ein Bauernhaus mit blühenden Pflanzen auf­ tauchte. In vegetationskundlicher Beziehung wur­ de die Herkulesstaude ein Bestandteil der stickstoffliebenden Staudenvegetation, die u. a. in Flußauen, an Gebü eh- und Waldrän­ dern und an stark vom Menschen geprägten Standorten (z.B. Deponien, Straßenränder) siedelt. Neben der unbeabsichtigten Verwil­ derung aus Gärten und der Verschleppung mit Gartenabfällen oder Hausmüll (Reste von Trockensträußen) gibt es ein bewußtes Ansiedeln durch Anpflanzen oder Aus­ streuen von Samen. Es bleibt abzuwarten, welche ökologischen Auswirkungen das Auf­ treten dieser anspruchslosen, aggressiven und schönen Pflanze hat. Dr. Klaus Münzing Herkulesstaude im Kurpark Bad Dürrheim Modellhaft kann man die Ausbreitung in Bad Dürrheim verfolgen. Um 1980 wurde das erste Exemplar von Herrn Gärtnermei­ ster Reiff in den Kuranlagen gepflanzt (Mit­ teilung der Kurverwaltung); 1989 war z.B. eine stattliche Gruppe an der Nordseite des Kurhauses zu sehen. Alle anderen Vorkom­ men zeigten deutlich den Sekundärcharak­ ter, d. h. sie sind entweder angeflogen, d. h. aus Gärten ausgebrochen, oder die bewußt angepflanzten Stauden zeigen deutliche Ausbreitungstendenzen. So wächst die Her­ kulesstaude im Kurpark II an der Kapfstraße (in der Höhe von Haus Baden, deutljche Ausbreitung), westlich des Bildungszen­ trums an der Stillen Muse! und von da in das Gebüsch am oberen Salinensee eindringend und am Ostrand der Straße »Im Wiesen­ grund“. Unterhalb der Kurgärtnerei ist das Ufer der Stillen Muse! dicht bewachsen, und beim nahegelegenen Grundstück Luschin dringt sie in offenes Gelände vor. Südlich des 274

Der „Buchene Stumpen“ Dieser Beitrag wurde durch den Autor für die Internetrecherche nicht freigegeben. 275

Der „Buchene Stumpen“ Dieser Beitrag wurde durch den Autor für die Internetrecherche nicht freigegeben. Der Weißstorch Nur noch in Pfohren heimisch Im Schwarzwald-Baar-Kreis nisten Stör­ che noch in Pfohren (vgl. Almanach 1991, Seite 26-28). Früher, bis zum Jahre 1963, brü­teten die Störche auch in Bad Dürrheim. Seit dieser Zeit ist die am höchsten Storchenniststätte gelegene Europas verwaist. Der Hauptgrund liegt wahrscheinlich mit in dem Einbau einer Ölfeuerungsanlage. Die Störche reagierten auf die Abgase der Olfeuerung mit der Aufgabe des Horstes. Sie landeten im Jahre 1964 zwar wieder auf ihrem alten Nist­platz, dem Dach des Pfarrhauses, zur Brut kam es jedoch nicht mehr. Früher kamen die Störche in größerer Zahl im Frühjahr in ihre Brutheimat zurück. Nach einer Doppelstrecke von ca. 20.000 sie fanden km dem Ausgangspunkt genau zu zurück, den sie im August oder September zur Reise in ihre Winterheimat verlassen hatten. Es sind in der Regel die Männchen, die zuerst eintreffen und den Horstbereich besetzen. Die nächsten Tage verläßt der Vogel nur selten den Reisigbau. Dieses „Wache halten“ wird erst durch die Ankunft des Weibchens gemildert, welches im Durchschnitt sechs bis sieben Tage später am Nest landet. Es wird von dem Partner mit langanhaltenden Schnabelgeklapper (Klap­ perstorch) begrüßt. Neben dem Klappern, daß bei jeder Erre­ gung zu hören ist, zählt zu dem Vokular des Storches noch ein Zischen, welches oft das Klappern einleitet. 276

Der Horstbereich wird jetzt gegen jeden Störenfried gemeinsam verteidigt. Dabei kann es zu tödlichen Auseinandersetzungen mit anderen Artgenossen kommen. Der Standplatz des Horstes ist in Mittel­ europa überwiegend das Dach eines Gebäu­ des. Nach Osten zu werden Baumnester häu­ figer. Dort kann die Niststätte auch schon einmal auf einem Strommast angelegt wer­ den. Der Neubau eines Horstes dauert ca. 8 Tage. In den gewaltigen Reisigbau finden sich bald Untermieter ein. Das sind Feldsperlinge, Bachstelzen und Stare. Sogar Turmfalken wurden hier brütend angetroffen. Die zwei bis vier Eier werden von beiden Störchen erbrütet. Die Brutzeit beträgt 33 Tage. Die Aufzucht der Jungen dauert 8 bis 9 Wochen. Schon die Nestlinge versuchen sich mit dem Schnabelklappern. In den ersten drei Wochen nach dem Schlüpfen der Jungen bleibt ein Altvogel ständig am Horst. Die Bewachung ist während dieser Zeit so ausgeprägt, daß bei dem Verlust eines Eltern­ teiles die Nestlinge verhungern. Der übrig gebliebene Partner ist so auf seine Aufpasser- rolle fixiert, daß er die Nahrungsbeschaffung für seinen Nachwuchs vollkommen igno- riert. Bei starker Sonneneinstrahlung schützt ein Altvogel die Jungen mit ausgebreiteten Flügeln vor der extremen Hitze. Ist die Wit­ terung anhaltend trocken, dient der Schlund der Eltern auch einmal als Wassertransport­ behälter. Schon einige Zeit vor dem Ausfliegen üben die Jungstörche fleißig. Sie schlagen mit den Flügeln und gewinnen dabei direkt über der Niststätte schon einige Höhe. Die Altvögel schleppen die Nahrung im Kropf heran. Am Horst angekommen, wür­ gen sie den Inhalt des Schlundes in die Horstmitte. Wenn die jungen Störche klein sind, wird ihnen die ausgespiene Nahrung in kleinen Happen gereicht. Später können sie diese selbst aufnehmen. Beim Schmeißen (Koten) heben die Störche ihren Bürzel über den Horstrand und im Störche nisten auch auf Bäumen … … und ,II({ Strommasten 277

Altstorch bessert Horst aus hohen Bogen spritzt die weiße Brühe von der Niststätte weg. Nach dem Ausfliegen werden die Jung­ störche noch 2 bis 3 Wochen von ihren Eltern gefüttert. Die Beute besteht aus Frö­ schen, Schlangen, Eidechsen, Mäusen, Wür­ mern, Jungvögeln, Eiern und Insekten. Der Lebensraum der Störche ist offenes Gelände mit Einzelbäumen, sind Feuchtge­ biete, Wiesen-, Teich-und Flußlandschaften. Höher liegende Gebiete suchen sie nur auf, wenn sie Feuchtwiesen oder kalkreiche Nie­ dermoore aufweisen. Hochmoore mit ihren sauren Bodenstrukturen werden gemieden. In den letzten Jahren und Jahrzehnten wurden bei uns viele Feuchtgebiete trocken­ gelegt, Fluß-und Bachläufe reguliert und kanalisiert. Flüsse verkamen zu Abwasser­ kloaken. Pestizide fanden immer mehr Ver­ wendung. Das führte zu einem katastropha- 278 Das Tagespensum an Gefiederpjlege muß e,füllt werden len Rückgang des Storchenbestandes. Durch die Verdrahtung der Landschaft kam es zu weiteren Verlusten. Rund ein Drittel der Aus­ fallquote kam bisher auf das Konto von Hochspannungsleitungen. Wie weit die Storchenpopulation im Rück­ gang begriffen ist, belegen folgende Zahlen: An besetzten Horsten gab es in den Nie­ derlanden 1950 = 85 1963 = 33. Von 1934 bis 1958 halbierte sich der Stor­ chen bestand westlich der Oder/Neiße. Er ging von 9035 auf 4567 Paare zurück. Der mitteleuropäische Lebensraum des Weißstorches erstreckt sich über die nord­ deutsche Tiefebene. Er zieht sich entlang der Flußtäler, soweit hier die ausgedehnten Wie­ sen flächen nicht verschwunden sind, bis in das Bergland.

Bereits im Spätsommer treten die Störche ihre Reise in die Winterheimat an. Aus aero­ dynamischen Gründen wird eine Überque­ rung des Mittelmeeres vermieden. Einer Überquerung der Alpen gehen die Störche ebenfalls weitgehend aus dem Weg, obwohl Beobachtungen vorliegen, daß diese bei gün­ stiger Witterung für sie kein Hindernis dar­ stellen. Die Störche benutzen zwei verschiedene Routen. Die Ost- und die Westroute. Die Zuggrenze verläuft entlang der oberen Donau, dem Main und der Weser. Die Störche, die östlich der Linie wohnen, ihre Zahl übertrifft die der sogenannten Weststörche um das 40- bis 60fache, ziehen über den Bosporus. Hier führt der Vogelzug zu einer gewaltigen Verdichtung. In einer Schmalfront verlassen die Störche unseren Kontinent und ziehen über Kleinasien, Syrien, Palästina, die Sinai Halbinsel und den Golf von Suez. Von hier geht der Zug, sich fächerförmig ausbreitend, den Nil aufwärts über die ostafrikanischen Seen, teilweise bis in das Kapland. Die Westroute verläuft über Frankreich, Spanien, Gibraltar, Westmarokko, über die Ausläufer der Sahara nach dem oberen Sene­ gal und den oberen Niger. Ein kleiner Teil der Störche, die die Westroute entlang zie­ hen, zweigen über Afrika nach Osten ab und münden in den Vogelzug der Ostroute. Die Störche die bis Südafrika ziehen, er­ reichen ihre Winterheimat im November/ Dezember. Ihre Rückreise treten sie im Februar an. Störche sind ausgesprochene Zugvögel. Doch Beobachtungen bezeugen, daß ein­ zelne Exemplare selbst in Ostpreußen den Winter über im Brutgebiet geblieben sind. Die angestiegenen Zahlen von Überwinte­ rungsstörchen in Mitteleuropa lassen sich durch ein gestörtes Zugverhalten erklären. Da es sich hier überwiegend um von Men­ schen aufgezogene Vögel handelt, ist der Zugtrieb wahrscheinlich während der Be­ treuungszeit verloren gegangen. Bei in Frei­ heit aufgezogenen Jungstörchen solcher Elternteile, tritt dieser Störungseffekt in der Regel nicht mehr auf Diese haben wieder ein normales Zugverhalten. Im Bereich der Baarhochmulde in der Nähe Donaueschin­ gens überwinterten 1988/89 7 Störche und 1989/90 4 Störche. Ihnen wurde in dieser nahrungsarmen Zeit von den Dorfbewoh­ nern durch das Auslegen von Futter über die Runden geholfen. Die jungen Störche werden erst mit 3-4 Jahren geschlechtsreif. Während dieser Zeit bleiben viele von ihnen in Afrika. Die Bindung zu dem Horst ist bei beiden Partnern stark ausgeprägt, so daß es aus die­ sem Grund durch das Einfinden am gleichen Flugübungen Storch auf Nahrungssuche 279

Brutplatz oft zu einem dauereheähnlichen Zustand kommt. Der älteste bisher gefun­ dene beringte Storch war 17 Jahre alt. Die geringste Lebenserwartung haben die unerfahrenen Jungstörche. Die Verluste der im ersten Lebensjahr stehenden Vögel errei­ chen teilweise die 75 0/o Marke. Störche sind sehr ortstreu. Eine Zählung in Norddeutschland erbrachte folgende Zah­ len: 8 0/o der Störche lassen sich wieder in ihrem Heimatort nieder, 410/o in einem Umkreis von 10 km und 21 0/o in einer Entfernung zwischen 10 und 25 km. Mit der Zerstörung ihres Lebensraumes haben wir die meisten unserer Störche ver­ trieben. Wollen wir die letzten der Großvö­ gel behalten, bedeutet das in erster Linie Bio­ topsicherung- und Erweiterung. Roland Kalb Trinkwasser – eine wichtige Lebensgrundlage Die Wasserversorgung St. Georgens aus historischer Sicht Nicht nur für Fische und Frösche oder sonstige umweltbedrohte, artdezimierte Amphibien, für die man heute als letzte Reservate Biotope anlegt, ist Wasser d a s Lebenselement, sondern auch für die Men­ schen ist das kostbare Naß unbedingt not­ wendige Lebensgrundlage. Das führten uns besonders deutlich die vom Fernsehen vor wenigen Jahren immer wieder gezeigten Bil­ der der schlimmen Dürre in der afrikani­ schen Sahel-Zone vor Augen. Aber auch aus dem Altertum kennen wir ein Beispiel ekla­ tanten Wassermangels: Im ersten Buch der Könige erzählt uns die Bibel, daß es im neun­ ten Jahrhundert vor Christus in Israel einmal drei Jahre lang nicht regnete. Das hatte natür­ lich gravierende Folgen. Bei alldem nimmt es einen nicht wunder, daß die Menschen sich schon recht früh bemühten, Wasser zu speichern, um es stän­ dig zur Verfügung zu haben. So legten, wie wissenschaftliche Ausgrabungen bestätigten, Das »Brigach-Reliif‘ – auf dem Foto erkennbar: Hirsch, Hase und Vogel – dürfte wohl das wertvollste heimatkundliche Stück sein, das die Stadt St. Georgen besitzt 280

Krone 63 � Wos�er ver tor�un3 in St. Geor�en !/ 835 1 iw -� 11 ‚ J w- Brunnenstube � Brunnen ,., ��:Brunnen, 4- -rchri9 „‚ � 1-v’e tte (ßrondwe!her) Skizze nach dem Plan der Wasserversorgung St. Georgens von 1835 (Original: Badisches Generallan­ desarchiv Karlsruhe – Signatur GI!, St. G. Nr.]); sie zeigt vor allem den Verlauf der seinerzeitigen örtli­ chen Wasserleitungen und den Standort der öffentlichen Brunnen bereits die Bandkeramiker als die ersten Ackerbauern im südwestdeutschen Raum in der Jungsteinzeit, also vor rund 6000 bis 7000 Jahren, künstliche Teiche als Wasser­ speicher an. Die Aquaedukte und komforta­ blen Bäder des ehemaligen römischen Welt­ reiches versetzen uns noch heute in Staunen; ebenso, daß die Römer bereits vor 2000 Jahren verschiedene bewährte Methoden der Brunnen-Wasseruntersuchung kannten! Ein keltisch-römisches Zeugnis heid­ nischen Quellenkults besitzt die Stadt St. Georgen im Schwarzwald in dem in Fach­ kreisen berühmten steinernen „Brigach­ Relief“, 1898 im Rauchkammergewölbe des an der dortigen Brigachquelle gelegenen Hirzbauernhofes entdeckt. Es zeigt damalige Götter mit den ihnen zugeordneten Tieren (Hirsch, Hase, Vogel) und soll nach der einen bekannten Deutung einem Heiligtum der Diana Abnoba, der Göttin des Schwarzwal- des, entstammen und somit römischen Ursprungs sein; nach der anderen handelt es sich um einen Votivstein der �ellgöttin Bri­ gia und damit um das Relikt eines keltischen �ellheiligtums. Die Brigachquelle be­ schreibt Friedrich Wilhelm Breuninger in sei­ nem 1719 erschienenen Buch „Die Ur-Quelle Des Welt-berühmten Donau-Stroms“ als „schöne und klare Quelle, welche ein frisches und gesundes Wasser ohnabläßig quillet“. Wie sah es aber im Kernbereich St. Geor­ gens früher mit der Wasserversorgung aus? Hierüber schrieb Pfarrer Johann Georg Wüst in seiner 1755 zusammengestellten „Samm­ lung gegründeter Nachrichten von dem Hochfürstlich-Württembergischen Closter St. Georgen auf dem Schwartzwald“: ,,Uiber­ dieß hat der Flecken eine vortreffliche und starcke Bronnenquelle; sie entspringt hinten auf der sogenannten Sandreutin (der heuti­ gen ,Türkei‘) am Fuße des Roßbergs. Das 281

sei. Und so konnte die Wasserversorgung lange Jahrzehnte unverändert bleiben, wie der abgebildete Plan aus dem Jahr 1835 zeigt. Als dann die Gemeinde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen beachtli­ chen Aufschwung nahm – 1850 zählte man 1335 Einwohner, während es 1900 schon 3520 waren -, mußte die Versorgung mit dem kostbaren Naß, um den Bedarf für die Bürgerschaft und die sich gut entwickelnde Industrie zu decken, auf eine völlig neue Basis gestellt werden. Dies tat die Stadt mit mit dem Bau eines Wasserleitungsnetzes, an das in den Jahren von 1891 bis 1894 alle Häu­ ser angeschlossen wurden. Damals faßte man im gemeindeeigenen Röhlinwald und im Mühledobel vier starke Q!iellen und leitete deren Wasser durch den Weiberdamm auf den Roßberg in ein Reservoir zur Einspei­ sung ins genannte Netz. Die Kosten für die Gesamtmaßnahme beliefen sich auf rund 110.000 Goldmark; eine für die damalige Zeit und die Wirtschaftskraft der Gemeinde schöne Stange Geld, die man in fünfzig Jah­ ren abbezahlt haben wollte. Aber man konnte nun immerhin über eine Wasser­ menge von durchschnittlich fünf Liter pro Sekunde verfügen. An die ursprüngliche Versorgungsart mit öffentlichen Brunnen erinnert übrigens bis auf den heutigen Tag noch der abgebildete „Bären-Brunnen“, der seinen Namen vom dortigen traditions­ reichen, ehemaligen Gasthaus Bären hat. 1959: Bodensee-Trinkwasser verhinderte Katastrophe Im 20. Jahrhundert wuchsen nicht nur Stadt und Bevölkerungszahl enorm (1910: 4582 Bewohner, 1989: 14180 Bürger), son­ dern stieg auch der Wasserverbrauch pro Kopf beträchtlich. Demzufolge sah sich die Stadt, um die Versorgung mit dem lebens­ notwendigen Naß zu sichern, vor die Auf­ gabe gestellt, laufend recht kostenträchtige Investitionen vorzunehmen. So baute sie unter anderem in den zwanziger Jahren das Pumpwerk an der Bundesstraße, im Lauf der Jahrzehnte etliche Wasserhochbehälter und Der „Bären-Brunnen „ist schon a1if dem Wasser­ versorgungsplan von 1835 ausgewiesen; aller­ dings sind Trog und Stock inzwischen erneuert worden Wasser ist krystall rein und klar, immerdar frisch und quillt aus einem weißen Sand­ boden hervor; seine mineralische Eigen­ schaft ist Kupfer … “ Jene Quelle speiste nicht nur neun Rohr­ brunnen, welche ihren Standort überwie­ gend innerhalb des heutigen Stadtzentrums hatten, sondern von ihr führte eine steinerne Dole bis zu den Kloster-Vorhofmauern, um die Klosterfelder bewässern zu können. Im übrigen ist vom seinerzeitigen vierrohrigen Klosterbrunnen, der 1750 aus Sandstein her­ gestellt wurde, noch die hübsche St.-Georgs­ Figur erhalten geblieben. Im neuen Rathaus hat sie einen schönen Platz. Pfarrer Wüst, der noch vier weitere St. Georgener Brunnen mit eigenen Quellen erwähnte, vertrat die Ansicht, daß die Gegend im ganzen genom­ men mit vielem frischem Wasser versehen 282

vergrößerte das Rohrnetz entsprechend den Erfordernissen. Zwischen 1905 und 1956 erschloß man weitere sieben Quellen und hatte somit insgesamt etwa 24 Liter Wasser pro Sekunde zur Verfügung. Das reichte aber nicht aus, belief sich doch der Wasser-Tages­ bedarf in der Bergstadt zu jener Zeit schon auf2200 Kubikmeter! Deshalb beschloß der Gemeinderat 1956 den Anschluß St. Geor­ gens an die Bodensee-Fernwasserversorgung. Mit zwanzig Sekundenlitern war man vor­ erst dabei. Bis jenes kostbare Naß allerdings aus dem heimischen Hahn fließen konnte, hatte die Bergstadt eine prekäre Situation durchzustehen. Aus Bürgermeister i. R. Emil Riemenspergers 1972 verfaßten Aufzeich­ nungen sei wörtlich zitiert: „Die Anschluß­ leitung nach Villingen (das ebenfalls Boden­ seewasser bezieht) wurde im Oktober 1956 begonnen und diejenige nach St. Georgen im September 1958. Anfang des Jahres 1960 sollte sie in Betrieb genommen werden. Aber schon vorher geriet St. Georgen in einen unerwarteten Wassernotstand, der nur durch das Bodenseewasser behoben werden konnte. Im beginnenden Winter (1959) waren durch die geringen Niederschlagsmen­ gen die �ellschüttungen rapid zurückge­ gangen, und eine Woche vor Weihnachten schien. eine Katastrophe unvermeidlich. Ein Notruf der Stadt verhalf ihr aber noch recht­ zeitig zum rettenden Wasser. Die Leitungen waren verlegt, aber die Pumpen noch nicht eingebaut und angeschlossen, die Leitungen noch nicht überprüft und durchgespült. Das geschah nun mit Tag- und Nachtarbeit der beteiligten Firmen, und bis zum Heiligen Abend 1959 gelang es, die Leitung in Betrieb zu nehmen.“ Nun war die Lage gerettet, und die Berg- Der Marmor-Schafenbrunnen von 1971, konzipiert von Willi Dorn und gestaltet durch Rudo!fTress, gibt dem St. Georgener Rathausplatz sein besonderes Gepräge 283

stadt konnte, als 1964 ein Umgemarkungs­ vertrag mit der damals noch selbständigen Gemeinde Peterzell abgeschlossen wurde, den Nachbarn sogar mit zwei Sekunden­ litern Wasser aushelfen.1971 erwarb dann die Stadt die Bezugsanwartschaft für weitere 15 Sekundenliter Bodensee-Trinkwasser. Übri­ gens beliefert der Zweckverband Bodensee­ Wasserversorgung 165 Mitgliedsgemeinden und -verbände in Baden-Württemberg im Jahr durchschnittlich mit 125 bis 130 Millio­ nen Kubikmeter Trinkwasser bester Quali­ tät, und St. Georgen hätte Ende des Jahres 1989 schon sein 30jähriges „Bodensee-Trink­ wasser-Bezugs-Jubiläum“ begehen können. Wie sieht nun heute die Situation auf dem Wasser-Sektor in der Bergstadt aus? Die Gesamtstadt verfügt derzeit über neun Was­ serreservoire mit einem Gesamtfassungsver­ mögen von 3250 Kubikmeter und alle son­ stigen auf diesem Gebiet erforderlichen Anlagen, so daß zur Zeit in erster Linie Inve­ stitionen für deren Unterhaltung und die Erneuerung verschiedener Aggregat- und Rohrnetzteile nötig sind. Darüber hinaus erweiterte die Stadt nun ihr an der Bundes­ straße 33 gelegenes Wasserwerk. Der jähr­ liche Wasserverbrauch schwankte im abge­ laufenen Jahrzehnt zwischen rund 700 000 und 750 000 Kubikmeter. Gegenwärtig ste­ hen der Stadt durchschnittlich insgesamt 55 Sekundenliter an lebensnotwendigem Naß zur Verfügung. Durch die beim vorgenannten Zweckver­ band angemeldete Bezugsmenge, die im Bedarfsfall kurzfristig erhöht werden kann, habe, so versicherte Bürgermeister Günter Lauffer, die Stadt St. Georgen zur Zeit und für die Zukunft, selbst bei steigendem Ver­ brauch, keinerlei Trinkwassersorgen. Dies zu wissen, ist für die Bürgerschaft erfreulich und beruhigend zugleich. Gleichwohl wird sie deshalb mit dem kostbaren Gut nicht ver­ schwenderisch umgehen. Die Wasserqualität ist übrigens einwand­ frei. Wie der Bundesverband der deutschen Gas- und Wasserwerke hervorhebt, darf das Trinkwasser für sich in Anspruch nehmen, 284 das bestkontrollierte Lebensmittel in der Bundesrepublik zu sein. Dafür sorgen unter anderem die einschlägigen rechtlichen Be­ stimmungen und strengen Verordnungen. Im Zeichen des heute so vielzitierten Um­ weltschutzes stellt sich allerdings die wich­ tige Daueraufgabe, auch weiterhin alles Erforderliche für den Schutz des Wassers schon in den Q!ielleinzugs- und sonstigen Gewinnungsgebieten zu tun, damit uns das Trinkwasser als eine gesunde Lebensgrund­ lage erhalten bleibt! Hans-Martin Müller Meersburger Notturno Irgendwann zwischen den Zeiten ging das Lied von der Stille verloren – Nur des Nachts, wenn die Treppen und Gassen die lärmende Neugier vergessen – hören die offenen Tore den See mit den Rebhängen zweistimmig singen – Vom Mühlrad im Schatten der Meersburg tropft es wie Wein aus schon lange gekelterten Sagen – Erst am Morgen der landenden Schiffe verfälschen die Echos das Ende vom Lied. Jürgen Henckell

Stätten der Gastlichkeit und der Entspannung Der Schwarzwaldgasthof „Schwanen“ in Schonach Der „Schwanen“ ist nachgewiesenerma­ ßen der älteste Gasthof in Schonach. Bald wird er zweihundertfünfzigJahre alt sein. Bis zum Jubiläumsjahr 2002 fehlen nur noch wenige Jahre. Die heutige Wirtsfamilie Ha­ berstroh jun., das sind Ferdinand-Rudolf, seine Gattin Anna Maria D’Onorio und die Kinder Ferdinand-Alessandro und Alessan­ dra-Monika, ist stolz darauf, daß die „Schwa­ nenwirtschaft“ noch die Originalwirtschaft aus dem Jahre 1752 ist. Der erste Schwanenwirt: Michael Duffner Der erste Namensträger der Sippe Haber­ stroh auf dem „Schwanen“ war Johann Georg, der 1729 in Schonach geboren wurde und 1779 in Triberg verstorben ist. Der erste „Schwanenwirt“ hieß Michael Duffner, ein Schneider und Krämer. Er war, nach alten Aufzeichnungen, ein unternehmungslusti­ ger und pfiffiger Mann. Dieser Michael Duffner entschloß sich im Jahre 1752 – Schonach gehörte damals noch zur vorder­ österreichischen Herrschaft -am Kirchberg, gegenüber der St. Urbans-Pfarrkirche, ein Haus zu bauen. Der damalige Ortsgeistliche war sehr gegen diesen Hausbau und er erhob lauten Protest. Der Grund war einleuchtend: Der Kirchhof, der damals die Kirche umschloß, barg in Richtung zum alten und heutigen Gasthof sterbliche Überreste alter Schonacher Geschlechter. Der Unternehmenslust dieses „Krämer­ michels“, wie man Michael Duffner nannte, konnte aber auch der Ortsgeistliche keinen Einhalt gebieten. Mehr noch: Michael Duff­ ner verwendete bei seinem Hausbau für die Kellerräume und das Erdgeschoß schwere Granitfindlinge. Er war vorausschauend und klug; in den Kellern wollte er mehr als nur seinen eigenen Bedarf lagern. Da im Gegen- satz zu den anderen Häusern in der Mitte des Dorfes dieses ein steinernes Haus war-ältere Schonacher Bürger erinnern sich noch gut an die mächtige granitene Mauer, die an der, der Straße zugekehrten, Hauswand neben den Stallungen zu sehen war – nannte der Besitzer, dem man später das Schankrecht einräumte, diese Dorfschänke „Steinbach­ wirtshaus“. Die Haberstroh-Generation auf dem „Schwanen“ Auf Johann Georg Haberstroh folgte der um 1769 geborene Franz Josef Haberstroh, der auch Ochsenwirt in Triberg war. Ferdi­ nand Haberstroh, geboren um 1808, war der dritte Schwanenwirt. Sein Nachfolger, Ferdi­ nand Haberstroh, geboren um 1847, wurde der vierte Wirt auf dem „Schwanen“. Ihm folgte Emil Haberstroh, geboren um 1882. Dieser sehr beliebte „Schwanen-Emil“ heira­ tete Frieda Kunder, die -später-von Freun­ den und Gästen liebevoll „Altschwanenwir­ tin“ genannt wurde. Sie war sehr rüstig, leut­ selig und beliebt und sie hatte nach dem frü­ hen Tod ihres Gatten keinen leichten Stand. Umsichtig und mit viel Verantwortungsbe­ wußtsein führte sie viele Jahre den „Schwa­ nen“, hat ihn erhalten, hat seinen Ruf treu­ lich bewahrt und sie hat den „Schwanen“ – der alten Art getreu, ohne den Gasthof zu verstädtern -dem immer mehr einsetzenden Fremdenverkehr zugeführt. Frieda und Emil Haberstroh bauten 1926 den einstigen großen „Schwanensaal“, aus dem später die „Schwanen-Lichtspiele“ wur­ den. Die letzte Vorstellung in ihnen fand im September 1973 statt. 1919 wurde der Sohn der Eheleute Emil und Frieda Haberstroh in Schonach gebo­ ren, Ferdinand, weitum bekannt und überaus 285

‚ ,, ·, „Schwanen“ vom Kurpark aus gesehen A ‚f‘ Rückfiont, Gästezimmer, ladengeschoß 286

beliebt als „Schwane-Ferdi“. Er übernahm den „Schwanen“ in der sechsten Haberstroh­ Generation. Seit dem 1. Januar 1982 leitet Ferdinand­ Rudolf, geboren 1950, den „Schwanen“. Mit berechtigtem Stolz kann er darauf verweisen, daß er die nunmehr siebte „Haberstroh­ Generation“ auf dem „Schwanen“ ist. Die achte Haberstroh-Generation – Ferdinand­ Alessandro – erblickte 1979 das Licht der Welt. Vom „Steinbachwirtshaus“ zum „Schwanen“ .. Zur früheren Gebäudesubstanz am vorde­ ren Hausende gehörte bis zum Jahre 1914 eine Brauerei, in welcher das „Schwanen­ bräu“ gebraut wurde. Dies führte auch zur Änderung des bis damals geläufigen Wirts- hausnamens in ,,Schwanen“. „Steinbachwirtshaus“ Vom Augenblick der Ubemahme des Hauses (1962) mußten Ferdinand und Hilde­ gard Haberstroh mit der Zeit gehen. Im Jahre 1964 gab es im „Schwanen“ eine bedeutsame bauliche Veränderung. Nachdem in jenem Oktober die alten Stallungen abgetragen worden waren, auch die granitenen Haus­ wände verwirklichte Ferdinand Haberstroh einen �ufwendigen Neubau zur Straßenseite hin. Nach einer Bauzeit von einem halben Jahr konnte der „Schwanen“ im Juni 1965 wiedereröffnet werden. Er war jetzt zu einem repräsentativen Gebäude in der Ortsmitte emporgewachsen. Modeme, mit einem angenehm-gediegenen Komfort ausgestat­ tete Fremdenzimmer mit Balkons waren ent­ standen. Bei insgesamt vier Einzelzimmern und sechzehn Doppelzimmern, alle mit Dusche, WC, Telefon und Safe, kann heute der Gast zwischen drei Zimmerkategorien wählen, von der oben gezeichneten Ausstat­ tung bis zur Komfortklasse. Drei moderne Wohnungen wurden ebenfalls in den Neu­ bau einbezogen und im Erdgeschoß sind, zur Straßenseite hin, moderne Ladenge­ schäfte entstanden, eine „Blumenecke“ und ein Bekleidungsgeschäft. Von den „Schwanen-Lichtspielen“ zu den „Schwanenstuben“ Im September 1973 baute Ferdinand Haberstroh die Küche zu einer modernen Großanlage um; sie war Ende 1973 vollen­ det. Danach nahm der Neubau der „Scbwa­ nenstuben“ – das war der Baubestand des ehemaligen „Schwanensaales“ und der nach­ maligen „Schwanen-Lichtspiele“ – seinen Anfang. Die „Schwanenstuben“ konnten am 12.Juli 1974 eröffnet werden. Die Umbauten waren dank hervorragender Handwerkerlei­ stungen vollendet gelungen. Die verwendeten Baumaterialien sind überwiegend Holz; Ausstattung und Stil ent­ sprechen der Zeit um 1850. Die „Schwanen­ stuben“ bilden eine harmonische Einheit mit der alten „Schwanenwirtschaft“ im alten Teil des Gebäudes aus dem Jahre 1752. Die Holzwände in den „Schwanenstuben“ zie­ ren herrliche Bauernmalereien mit wech­ selnden Motiven. Kein Medaillon in den vielen Füllungen gleicht dem andern. Die Tische und die Bestuhlung entsprechen der schwarzwälderischen, ländlich-bäuerlichen Art. Die Balkendecke und die Beleuchtung, beides dezent wie in einem Weidengeflecht­ in Strohmatten verkleidet, machen die ,,Schwanenstuben“ ausgesprochen heimelig. Man genießt von den Fensterfronten einen wundervollen Panoramablick auf den zu Füßen des „Schwanen“ sich ausbreitenden Kurgarten mit seinem „Schwanenweiher“ und den Wasserspielen. Eine Terrasse, die bis zu fünfzig Gästen Platz bietet, ist im Zuge des Neubaues entstanden und rundet den einla­ denden Gesamteindruck harmonisch ab. Ein Blick in die alte „Schwanenwirtschaft“ Im Jahre 1977 renovierte Ferdinand Haberstroh und Sohn Ferdinand jun. mit aller Behutsamkeit die alte „Schwanenwirt­ schaft“ aus dem Jahre 1752. Bei der Wieder­ herstellung ursprünglicher Zustände halfen dabei oft alte Bilder der Wirtsstube. Prunk­ stück darin ist der riesige, urgemütliche Kachelofen mit gebrannten Rundkacheln, 287

ein Ofen, ,,den es heute in dieser Form nicht mehr gibt“. Er muß um 1870 herum gesetzt worden sein, wie uns Ferdinand jun. erzählt. Wird er heute noch befeuert? Nein, das sei untersagt, der Ofen weise kleine Risse auf. Vater Ferdinand und Sohn Ferdinand jun. haben ihn jedoch mit Sand ausgelegt und Heizschlangen installiert. ,,Warm gibt er“, lächelt Ferdinand jun. Alles in dieser „Schwanenwirtschaft“, sie kann fünfundfünzig Gästen Platz bieten, ist original. Decken, Wände, Einrichtungen, Schmuck, Fensterbänke, das Uhreneckle, der romantische, blumengeschmückte Herr­ gottswinkel – Zeichen des Geistes, der im Hause weht-Gebälk sind zweihundert Jahre alt. Die Ahnen sind in der Wirtschaft in zum Teil aufwendigen Bildern und frühen Foto­ graphien gegenwärtig. Sie zeigen gleichzeitig Aufnahmen der ältesten Schonacher Trach­ ten. Besonders auffallend ist die niedrige Holzdecke mit einem sinnigen Spruch auf einem tragenden Balken: ,,Hier wurde gelo­ gen, bis die Balken sich bogen“. Auf der holzverkleideten, schön bemalten Originaltheke steht die Jahreszahl 1752 und auf dem über der Theke laufenden Tragebal­ ken die Worte: ,,Schon im Steinbachwirts­ haus zapften hier die Haberstrohs das erste Bier“. Daneben prangt das gewichtige Fami­ lienwappen der Haberstrohs mit den Insi­ gnien: ,,Anno 1752 zum Schwanen zu Schon­ ach“. Es ist eine nachgemachte Ausführung, das Original ist nicht mehr aufzufinden. Ferdinand jun. – Meister seines Faches Der heutige Schwanenwirt, Ferdinand Haberstroh jun., hat einen erfolgreichen Berufsweg hinter sich. Nach seiner Ausbil­ dung zum Hotelkaufmann im Hotel „Kette­ rer“ in Villingen fuhr Ferdinand jun. auf der Lübeck-Linie auf der „Stella Regina“ als zweiter Salonsteward (Gran Canaria, Madeira, Elfenbeinküste). In Frankfurt hat er später seine Prüfung als Küchenmeister und Serviermeister bestanden. 1973 übertrug Ferdinand Haberstroh sen. seinem Sohn Ferdinand-Rudolf die verschie- 288

Die Wirtsfamilie Haberstroh denen Umbauphasen des „Schwanen“. Daher konnte Ferdinand jun. weitgehend seine Vorstellungen hinsichtlich Baustil, Ausstattung, Farbgebung, Variationsmög­ lichkeiten in der Raumverteilung verwirkli­ chen. Anläßlich der Eröffnung der „Schwa­ nenstuben“ im Juli 1974 wählte Ferdinand jun. auch den neuen Namen „Schwarzwald­ gasthof Schwanen“, sichtbare Reverenz vor dem Leitgedanken: ,,Wir sind hier im Schwarzwald“. Ferdinand Haberstroh jun. hat ein siche­ res Gespür; er kennt die Wünsche seiner Gäste von heute. Daher ist, bei aller sorgfälti­ gen Bewahrung des bäuerlich-ländlichen, alten Schwanenwirtshauses (Stammhaus), in den umgestalteten Gebäudeteilen durchaus neuzeitlicher Komfort bei ihm die Maxime. „Der Gast wünscht sich in der Gaststube das ,Alte‘, dabei möchte er aber auf Komfort in seinem Wohnbereich nicht verzichten“. Der „Schwarzwaldgasthof Schwanen“ ist in seinem Bekanntheitsgrad und in seiner Beliebtheit nicht auf Schonach beschränkt. Der Ruf dieser traditionsreichen Gaststätte in Schonach geht weit ins Land hinaus. Der „Schwanen“ ist eine Gaststätte mit Herz und Niveau und mit einer einladenden, unver­ wechselbaren Atmosphäre. Alexander Jäckle 250 Jahre Höhengasthaus „Kreuz“ Furtwangen – Escheck Von der Uhrenstadt Furtwangen aus, zu deren Kommune das Höhengasthaus „Kreuz“ gehört, führen die Bundesstraße 500 und viele Wanderwege die Touristen zu den unterschiedlichsten Zielen. Beliebt sind dabei vor allem der heilklima­ tische Kurort Schönwald, die Triberger Was­ serfälle oder eines der idyllischen Orte rund um den Titisee. Nach dem Schönwalder Heimatbuch ging alljährlich in alter Zeit die Eschprozes- sion von Schönwald bis zur Gemarkungs­ grenze an der Furtwanger Eck. So bekam die­ ses Eck den Namen Escheck. Im Jahre 1732 hatte Franz Martin seinem Bruder Johannes eine zum Rombenhof gehörende Hofstatt auf der Es check verkauft und bereits im Jahre 1739 baute er auf der vorderen Escheck das Wirtshaus. Im Kaufbrief von 1732 hatte sich Johan­ nes Martin folgendes ausbedungen: ,,Wenn er einen Ehrlichen Dantz halten thette, so! 289

Baur vor dem Haus an der Strass tantzen las­ sen. Vor oder ob dem Haus (hat er) statt und blatz zue Roß und Wagen, wann der Kaiffer mit einem Wagen Wein oder was anderes hol­ len, wenn frembte Fuehr Leuth mit Frucht, Wein oder was anderes fahren thetten“. Johannes Martin starb 1743, und sein Sohn Wilhelm (geb. 1725) übernahm die Gastwirtschaft bis zu seinem Tode 1790. Wil­ helm Martin hatte 10 Kinder. Er übergab im Jahre 1790 den Besitz seinem 1766 geborenen Sohn Johannes. Dieser bewirtschaftete die Gaststätte Kreuz bis 1805. Im gleichen Jahr verkaufte er das Wirtshaus auf der Escheck seinem Vetter Nikolaus Martin, der 1762 als Sohn des Bauern Blasius Martin auf dem Rombenhof geboren war und 1821 starb. Sein Sohn Dominik, geb. 1803, führte die Gaststätte Kreuz bis zu seinem Tode 1858. In der Folgezeit wechselte das Wirtshaus mehr­ fach seinen Besitzer aus der Linie Martin, bis 1875 Engelbert Stratz, gebürtig vom Non­ nenbachhof in Obersimonswald, folgte. 290 Im Jahre 1902 übernahm dessen Sohn Friedrich Stratz die Gastwirtschaft. Bereits 1905 folgt wieder ein Glied aus der Familie Martin auf das Kreuz. Elisabeth Martin, „Ochsenliesele“ genannt, 1884 im Gasthaus Ochsen in Schönwald geboren, wurde die Ehefrau des jungen Escheckwirtes Friedrich Stratz. Doch die junge Wirtin verstarb bereits 1933 allzufrüh und ließ den Gatten mit der kleinen Tochter Elisabeth zurück. Am 8. 6. 1948 verheiratete sich Elisabeth Stratz mit Wilhelm Scherzinger aus Urach. Aus dieser Ehe gingen 4 Kinder hervor. Einen geeigneten Nachfolger stellte das Ehe­ paar Scherzinger mit ihrem 1949 geborenen Sohn Fritz. Die Übergabe erfolgte im Jahre 1980. Fritz Scherzinger ehelichte 1973. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor. Bereits im Jahre 1956 erkannte Wilhelm Scherzinger, aufgrund des zunehmenden Fremdenverkehrs und Tourismus, die Not­ wendigkeit einer Erweiterung der Gasträume und Bettenkapazität.

Man stand vor einer schweren Entschei­ dung. Zu wenig warf die Landwirtschaft ab. Sie wurde nach und nach aufgegeben. Die Grundstücke wurden an die benachbarten Landwirte verpachtet. Gastronomisch kaufmännisches Denken und Handeln bestimmten fortan den Arbeits­ alltag von Fritz Scherzinger. Seine junge Frau Margarete, geb. Schuler, war ihm in allen Belangen eine hilfreiche und ebenbürtige Partnerin. Im Jahre 1956 wurde ein Saal mit 60 Sitz­ plätzen angebaut. Die Küche wurde großzü­ gig erweitert und vom Betriebsablauf auf den modernsten Stand gebracht. Die Toiletten wurden ausgebaut, alle Gästezimmer moder­ nisiert und mit Duschen und WC ausgestat­ tet. Im Haupthaus stehen 14 Doppel- und 6 Einzelzimmer den Gästen zur Verfügung. Im Jahre 1989 wurde an das bestehende Haupthaus ein Gästehaus mit 3 Ferienwoh­ nungen und 6 Appartements angebaut. Alle Ferienwohnungen und Appartements sind Fritz Scherzinger und seine Mitarbeiter mit Telefon und Fernsehgeräten ausgestat­ tet. Die stilvolle Raumausstattung, wie die einzelnen Sitzgruppen in den Zimmern und Etagen, vervollkommnen die wohnliche Atmosphäre. Den Gästen steht in der Freizeit eine hauseigene Tennisanlage wie ein Fitness­ raum zur Verfügung. Wer nicht in die Feme schweifen möchte, der findet auf der großen Liegewiese direkt hinter dem Haus Ruhe und Entspannung. In der untersten Ebene des Gästehauses wurde eine großzügige Saunaanlage mit Ruheraum eingerichtet, so daß man auch von hier Austrittsmöglichkeiten auf die Ter­ rasse hat. Ein Skiwachsraum rundet die Frei­ zeitanlage ab. Wer sich vor dem Schlafen­ gehen noch etwas amüsieren möchte, kann dies an der Minibar tun. Fritz und Margarete Scherzinger verfügen über ein eingespieltes Team. Kollegialität wird großgeschrieben. Fritz Scherzinger meint, wir arbeiten gut zusammen und er freut sich über das gute Betriebsklima inner­ halb des Teams. Die Sorge um die Gäste liegt in den Hän­ den der immer gut aufgelegten und freundli­ chen Wirtin Margarete und des Besitzers Chefkoch Fritz Scherzinger. Weiter sind 10 Beschäftigte um das Wohl der Gäste bemüht. Aus dem Gemeinschaftsgeist her­ aus ist es auch kein Problem, besonderen Ansprüchen und Anforderungen gerecht zu werden. Dieser Geist bewährt sich immer wieder in Stoßzeiten des Betriebes, insbeson­ ders im Winter bei den anstürmenden Mas­ sen von Skilangläufer und Skiwanderer. Daß das Gasthaus Kreuz eine hervorra­ gende Küche hat, ist weit über Schönwald und Furtwangen hinaus bekannt. Zu beson­ deren Leckerbissen des Hauses gehören Wildspezialitäten und Gerichte aus der eige­ nen Schlachtung. Fritz Scherzinger und seine Mitarbeiter gehen auch auf die Sonderwünsche der Gäste, wie z.B. Schonkost oder Diät, ein. Die Skilangläufer und Skiwanderer schätzen besonders nach anstrengender Tour die def­ tigen Vesper sowie die Suppen- und Eintopf­ gerichte. Nicht außer acht gelassen werden dürfen die hervorragenden Kuchen und Gebäcke aus der eigenen Konditorei. Die Kurgäste, wie die vielen Reisegesell­ schaften, die im Gasthaus Kreuz aufgenom­ men und beherbergt werden, sind vollen Lobes über die Gastfreundschaft und des 291

Angebotes. Der beste Beweis hierfür ist, daß über Jahrzehnte hinweg langjährige Gäste und Reisegesellschaften dem Gasthaus Kreuz die Treue halten. Die Krönung der jahrelangen Aufbauar­ beit ist sicher die Fertigstellung des Gästehau­ ses. Dieses entspricht den Wünschen, die heute an einen gutgeführten Beherbergungs- und Gaststättenbetrieb gestellt werden. Er fügt sich auch architektonisch in die bauli­ che Umgebung und in die Landschaft ein. Der heilklimatische Kurort Schönwald ist durch den gelungenen Erweiterungsbau um einen Anziehungspunkt reicher geworden. Emil Rimmele Die „Krone“ in Peterzell Erinnerungen an ein gastronomisches Kleinod Nachdem die alte Poststraße über Horn­ berg, Reichenbachtal, Benzebene, Langen­ schiltach, Peterzell im Jahre 1837 durch die Eröffnung der neuerbauten Straße Horn­ berg, Triberg, St. Georgen, Peterzell an Bedeutung verlor, hatte auch das Gasthaus „Krone“ in der Dorfmitte -heute Anwesen Weisser (Wangergottlieb) -kaum noch eine Existenzmöglichkeit. Ein Karl Moser aus Gutach nutzte die Gunst der Stunde und erbaute 1839 ein Gasthaus „Krone“ an der 292 neuangelegten Straße die unmittelbar am Dorf vorbeiführte. 1870 wurde die „Krone“ von Karl Friedrich Steidinger erworben und blieb im Familienbesitz bis 1983. Während dieser 113 Jahre hat sich das Gasthaus konti­ nuierlich aufwärts entwickelt und war bis zum Ende der Ära Steidinger zu einem gast­ ronomischen Betrieb allererster Klasse ange­ wachsen. Über viele Jahrzehnte, von 1870 – 1964, war die „Krone“ ein typisches Land­ gasthaus, das den Zeitläufen Rechnung

tragend sich mehr und mehr modernisierte, dabei aber stets den ländlich rustikalen und gemütlichen Charakter beibehielt. 1914 übernahm Mathias Steidinger die Wirtschaft von seinem Vater. Bereits 1929 verstarb er im Alter von nur 42 Jahren. Danach hat seine Ehefrau Christine geb. Storz den Betrieb mit viel Energie und Tatkraft fortgeführt. Ihr zur Seite standen die Söhne Karl und Wilhelm und die Tochter Anna. Nicht zuletzt war es eine Schwester der Kronenwirtin, die sich als wertvolle Hilfe einreihte. Um 1880 bis zum Ende des Zweiten Welt­ krieges wurde durch die Fürstliche Auer­ hahnjagd für die „Krone“ ein ganz besonde­ rer geschichtlicher Akzent gesetzt. Die ,,Krone“ war das auserwählte Gasthaus, in dem der Fürst zu Fürstenberg mit seiner Jagdgesellschaft jährlich und mehr als 50 Jahre Quartier bezog. Oft war es ein Aufent­ halt von 2-3 Wochen. In den Anfangsjahren mußte vor dem Eintreffen der erlauchten Jagdgesellschaft das gesamte Gesinde der „Krone“, sogar die eigenen Kinder, das Haus verlassen und nur die Wirtsleute selbst durf­ ten in der Wirtschaft bleiben. Dies galt für die ganze Zeit der Anwesenheit der Jagdge­ sellschaft. Erschien dann der Fürst zu Für­ stenberg mit seinen Jagdgästen, es waren fast ausschließlich Leute des Hochadels, wurde ein Teppich ausgelegt, der von der Kutsche bis zum Lokaleingang reichte. Eigene Köche, eigenes Dienstpersonal, alle bezogen sie Quartier in der „Krone“. Diese Jagden fan­ den immer im Frühjahr statt. Ihnen voraus ging das sogenannte „Verhören“ der Auer­ hähne, das von Peterzeller Bürgern durchge­ führt wurde. Wochenlang wurden in aller Frühe die Balzplätze der Auerhähne ausfin­ dig gemacht, damit der erlauchten Jagdge­ sellschaft dann auch das Jagdglück sicher war. Nicht selten wurden in den 2-3 Wochen Aufenthalt 10 bis 20 Auerhähne geschossen. Sichtbar wurden sie dann an den Kutschen befestigt, wenn nach Jagdende die Heimfahrt angetreten wurde. Nach dem 1. Weltkrieg änderte sich die Fürstliche Auerhahnjagd dahingehend, daß die Jagdgesellschaft nicht Nach der Auerhahnjagd stellten sich die farst­ lichenjägervor der „Krone„ mit einer Jagdstrecke zu einem Erinnerungs.foto (1884) mehr per Kutsche, sondern per Auto nach Peterzell kam. Auch wurde kein Personal mehr mitgebracht, sondern die Bewirtung erfolgte über die „Krone“ direkt. Da während und nach dem 2. Weltkrieg das Auerwild bei­ nahe ausgestorben war, kam die Jagd zum Erliegen. Viele interessante Erinnerungen an die Fürstliche Auerhahnjagd in Peterzell sind auch heute noch oft Gesprächstoff bei der älteren Generation. Der 1924 gegründete „Liederkranz Peter­ zell“ führte in den Anfangsjahren seine Theaterstücke in der „Krone“ auf, wobei der Zugang zu einer etwas improvisierten Bühne für die Akteure durch ein Fenster von außen erfolgen mußte. Als beide Söhne der Witwe Steidinger in den 2. Weltkrieg ziehen mußten und die Tochter sich 1936 verheiratete, hing die ganze Last des Betriebes an Frau Steidinger und ihrer Schwester Karoline. Glücklicher- 293

Am 5. 2. 1989 brannte die „Krone‘ in Peterzell vollständig ab weise gab es zur damaligen Zeit noch genü­ gend Leute, die bereit waren mitzuhelfen, sei es als festes Personal oder als gelegentliche Aushilfen. So konnte die Wirtschaft trotz aller Schwierigkeiten in bewährter Weise fortgeführt werden. Auch die dazugehörige Landwirtschaft blieb voll erhalten. Bei einem durchschnittlichen Bestand von 20 Stück Vieh, 2-3 Pferden, sowie einer Anzahl Schweinen und Hühnern hatte für die Kronenwirtin und ihr Personal der Tag oft mehr als 15 Arbeitsstunden. Ihre Art mit den Gästen umzugehen, war beispielgebend und übertrug sich auch auf den Sohn Wilhelm, der den Betrieb 1949 übernahm. Ursprünglich sollte der ältere Sohn Karl einmal Kronenwirt werden, aber der Krieg kam dazwischen, er wurde 1944 als verschollen gemeldet. So mußte also der jün­ gere Sohn Wilhelm mit seiner Ehefrau Else, geb. Müller, die aus Osterode im Harz stammte, in die Gastronomie einsteigen. Eigentlich war Wilhelm Steidinger gelernter 294 Maschinenschlosser, aber er entwickelte sich sehr schnell zu einer erstklassigen Gastwirt­ Persönlichkeit. Der „Krone“ gab das neue Impulse, denn die beiden führten das Lokal exzellent und im Sinne der Vorfahren weiter. Allmählich wurde die Arbeit zu umfangreich und es fehlte auch an Personal im landwirt­ schaftlichen Teil des Betriebes. Der daraus resultierende Beschluß, die Landwirtschaft aufzugeben, hat sich für die Zukunft als völ­ lig richtig erwiesen. Die Stallungen wurden 1964 zu einem großen Saal mit 140 Sitzplät­ zen, einer Bar und einem geräumigen Emp­ fang umgebaut. Schnell wurde diese neue ,,Krone“ von den Gästen angenommen. Industrie, Vereine und Verbände fühlten sich in dem baulich bestens geglückten Saal sehr wohl. Tagungen, Versammlungen, Seminare und nicht zuletzt der jährliche Wirteball als besonderes Ereignis, waren in der „Krone“ zuhause. Da der Saal völlig getrennt von den übrigen Wirtschaftsräumen war, bot er beste Voraussetzungen auch für große Familien-

feiern. Hochzeitsgesellschaften am laufen­ den Band, oft jede Woche, waren an der Tagesordnung. Eine überragende Küche und bester Service führten zu hohem Ansehen der „Krone“ weit über die Kreisgrenzen hin­ aus. Mit Erschütterung vernahm 1974 die ein­ heimische Bevölkerung und die vielen aus­ wärtigen „Krone“-Gäste die Nachricht, daß die Kronenwirtin Else Steidinger tödlich ver­ unglückt war. Während ihrer 30jährigen Tätigkeit gab sie mit ihrem ausgeprägt fröhli­ chen Lachen und ihrem angenehmen Umgang mit den Gästen dem Lokal eine besonders positive persönliche Note. 1975 verheiratete sich Wilhelm Steidinger wieder. In Waltraud geb. Deschenhalm hatte er eine Frau gefunden, die für den Rest der Jahre, bis zum Verkauf der „Krone“ im Jahre 1983, sich als neue Wirtin schnell mit der Gastronomie zurechtfand und sich auch sehr stark engagierte. Die Kinderlosigkeit und auch das fortgeschrittene Alter von Wil­ helm Steidinger waren der Grund für den Verkauf der nicht nur von den Peterzellern, sondern auch von allen langjährigen „Krone“-Gästen sehr bedauert, aber auch verstanden wurde. Wie es dann ab 1983 mit der „Krone“ wei­ terging, möchte man am liebsten aus diesem geschichtlichen Bericht ausklammern. Vom neuen Eigentümer wurde das einst so renom­ mierte Gasthaus mehrmals an neue Pächter verpachtet. Leider blieb die Anknüpfung an vergangene Glanzzeiten aus. Als schlimmes Ende wurde die „Krone“ dann am 5. Februar 1989 durch einen Brand total vernichtet. Bleiben den Peterzellern und allen Freun­ den der ehemaligen „Krone“ nur noch die schönen Erinnerungen an Zeiten, als die „Krone“ noch Inbegriff bester Gastlichkeit und Gemütlichkeit war. Dr verheit Mage Ei jegerli doch au, i kans fascht nit sage, Wia em pfindli isch doch au mi steialte Mage. Biar kan i trinke, so viel i will, Zwanzg Schoppe sin weg sellem nit z‘ viel, Pack i dno fünf Schöppli Wi no drzua, Dno isch us mit dr Ruah. Un trink i no zwei Viartili Schnaps obedruff, Dno hört aber d‘ Gmiatlichkeit uff, – Do reißts mi um, Dia Gschicht isch emol dumm! Bertin Nitz Lindebluescht De Lindebomm am Gartehaag duet ’s Hoozigdischli decke En Huufe Gschierrli treit ear uff; ’s ischt gnueg, me bruucht ninnt schtrecke. E volli Bluescht clont trage d‘ Äscht und gschtuehlet ischt fer alli Gäscht. Wenn d‘ Sunn uffschtoht, goht ’s Fäschtli aa, ’s word uffgmacht ’s Biinehiisli. Baar Pinke singet d‘ Hoozigmeß und d‘ Immli oarglet liisli. E Umm’le schtriicht de Kontrabaß und fromm schweiit ’s Lüftli ’s Weihrauch­ [faß. Als Kanzle hanget khäb am Bomm e ganz morsch Schtoorehiisli. En aalte Schtoor loot d‘ Predig loos, als Mesmer rännt e Ziisli. Rotschwänzli sind d’Minschtrante hitt, e Meisli schwänzlet au no mit. En Muckeschwaarm fliigt aa zum Danz. Flötischte sind no kumme. ’s wordt g’fäschtet bis d’Sunn untrigoht, noo ischt hitt ’s Hoozig umme. ’s hond alli Immli Rüschli g’haa und honiggeäli Hösli aa. Gottfried Schafbuch 295 Hermann Seifermann

Sport Fünf erfolgreiche Ski-Internatsjahre im Rückblick Die Furtwanger Einrichtung im Aufwärtstrend Das 1984 eingerichtete Ski-Internat Furtwan­ gen (SKIF) wurde im Almanach 86, S. 248- 250, zum ersten Mal vorgestellt. Der nachfol­ gende Beitrag berichtet über die weitere Entwick­ lung. 1984 war die Geburtsstunde des Ski-Inter­ nats Furtwangen. 4 Sportler begannen eine vierjährige Ausbildung zum Kommunika­ tionselektroniker an der Robert-Gerwig­ Schule. Ihr zuhause war ab jetzt das Don­ Bosco-Heim, welches von Salesianern vor­ bildlich geführt und geleitet wird. Die jungen Sportler erfahren hier eine persönliche Betreuung, um sie auch erzieherisch und seelsorgerisch auf das spätere Leben vonube­ reiten. Natürlich waren in dieser Zeit viele Hürden zu überwinden und Probleme zu lösen, doch im Laufe der Jahre wurden viele Anstrengungen und Bemühungen unter­ nommen, um das Ski-Internat in eine gelun­ gene Institution zu verwandeln. In den näch­ sten Jahren stieg die Zahl der Neuaufnahmen bis auf18 junge Sportler an, die jetzt auch teil- 296 weise aus anderen Bundesländern stammen. Schwerpunkt ist nach wie vor die Berufsaus­ bildung an der Robert-Gerwig-Schule, ferner öffneten sich die Türen des Otto-Hahn­ Gymnasiums, wo das Abitur oder die Mitt­ lere Reife angeboten werden. Außerdem stehen uns seit geraumer Zeit Ausbildungs­ plätze ortsansässiger Firmen nach vorheriger Absprache zur Verfügung. Eng anliegend an die unterschiedlichen Ausbildungen wird ein tägliches Training von den Trainern Klaus Faißt und Martin Scharte! durchge­ führt. Das Angebot ergeht an junge Sportler in den Disziplinen des Nordischen Ski­ sports, also Langlauf, Skispringen und Nor­ dische Kombination. Erfolge blieben in die­ ser Zeit natürlich nicht aus. Bereits in der Saison 1984/85 wurde Fried­ rich Braun Deutscher Jugendmeister in der Nord. Kombination. Bei internationalen Einsätzen im Alpencup wurden 3mal Plazie­ rungen unter den ersten 8 erreicht. Im Schuljahr 1985/86 hatte man 6 Neu-

aufnahmen zu verzeichnen, wobei 2 eine Berufsausbildung zum Kommunikationsele­ ktroniker durchführten, ferner 2 das Abitur am Otto-Hahn-Gymnasium anstrebten und weitere 2 eine Zimmermannslehre bzw. eine Verwaltungsfachangestelltenlehre absolvier­ ten. In dieser Saison wurde Friedrich Braun Juniorenweltmeister in der Spezialspringer­ Mannschaft. Der Langläufer Martinus Rich­ ter wurde sogar 2facher Deutscher Jugend­ meister und war erfolgreichster Teilnehmer dieser Titelkämpfe. Ferner wurde bei Alpen­ cups Smal Platz 1-8 erreicht. Im Schuljahr 1986/87 wurden 3 Sportler aufgenommen, die alle den Beruf des Kom­ munikationselektronikers anstrebten. In die­ sem Jahr übernahm Oberstudiendirektor Panther das Amt seines Vorgängers Oberstu­ diendirektor Jehle. In der Berufsausbildung wurde durch einen eigenen Werkstattraum und einen eigenen Lehrer eine große Erleich­ terung geschaffen. Sportlich ging es wieder­ um aufwärts. Friedrich Braun wurde Deut­ scher Jugendmeister in der Nordischen Kombination und Martinus Richter Deut­ scher Juniorenmeister im Speziallanglauf Ferner gewann Martinus Richter den inter­ national besetzten Cup Curicalla. Insgesamt wurden bei Alpencups 12mal Platz 1-8 erreicht. Im Schuljahr 1987/88 waren die meisten Neuzugänge zu verzeichnen, und zwar insgesamt 10. Sechs begannen eine Ausbil­ dung zum Kommunikationselektroniker an der Robert-Gerwig-Schule, 3 wurden am Otto-Hahn-Gymnasium aufgenommen und einer absolvierte die Wirtschaftsschule. Im Juni 1988 schlossen die ersten 4 Sportler ihre Lehre zum Kommunikationselektroniker erfolgreich ab. Frank Schneider erzielte im Fach Meß-und Schaltübungen die beste Note und erhielt dafür einen Preis. Auch in diesem Winter kletterte man die Stufen des Erfolges weiter nach oben. Überragender Athlet war Frank Höfle mit 2 Goldmedaillen bei der Paraolympias der Behinderten in See­ feld. Friedrich Braun wurde in der Nordi­ schen Kombination Deutscher Meister. Die jungen Sportler belegten 8mal Platz 1-3 bei den Bundesskispielen und 8mal wurde Platz 1-8 bei Alpencups erreicht. Im Schuljahr 1988/89 wurden 4 junge Sportler aufgenommen. Zwei begannen die 4jährige Ausbildung zum Kommunikations­ elektroniker und 1 besuchte die Wirtschafts­ schule sowie einer das Otto-Hahn-Gymna­ sium. Auch in dieser Saison erreichte Frank Höfle als 3facher Europameister wiederum hervorragende Leistungen. 9mal wurde Platz 1-8 bei Alpencups, 8mal Platz 1-2 bei Bun­ desskispielen und 2 Deutsche Vizemeister­ schaften erkämpft. Im Schuljahr 1989/90 konnten 2 Neuauf­ nahmen verzeichnet werden. Einer besucht das Otto-Hahn-Gymnasium und einer die Wirtschaftsschule. In dieser Saison wurden 6 Nordisch Kombinierte in die Nachwuchsna­ tionalmannschaft aufgenommen und somit stellt das SKIF derzeit 60 0/o des C-Kaders. Roland Braun, Timo Drehs, Birger Thiel und Steffen Kuder haben sich 1990 für die Junio­ renweltmeisterschaften in Frankreich quali­ fiziert. Vor kurzem gelang wiederum Frank Höfle mit 3 Goldmedaillen bei den Behin­ derten-Weltmeisterschaften in J ackson/U SA ein grandioser Erfolg, denn er war damit erfolgreichster Teilnehmer dieser Wett­ kämpfe. Bei Alpencups konnten bisher mehrfach Plätze zwischen 1 und 8 erreicht werden. Diese Erfolge haben wir natürlich auch der Unterstützung zahlreicher Institu­ tionen und Firmen zu verdanken. Das SKIF hat sich im Laufe der Jahre immer besser bewährt und stellt derzeit eine feste Einrichtung dar. Dadurch haben sich zwangsläufig immer größere Erfolge einge­ stellt. Die Kombination Beruf-bzw. Schul­ ausbildung und Leistungssport können sehr wohl nebeneinander erfolgreich betrieben werden. Von den jungen Sportlern verlangt es einen hohen Einsatz und Leistungswillen, um in beiden Bereichen bestehen zu können. Unser Ziel ist eine solide Berufs-bzw. Schul­ ausbildung, da nur wenige Athleten den A­ Kader erreichen und somit höchste sport­ liche Lorbeeren ernten können. Aus sport-297

!jeher Sicht ist es ein langsames Hinführen zum Hochleistungstraining. Die außersport­ liche und somit erzieherische Betreuung ist dabei ein entscheidender Meilenstein hin zum Erwachsenwerden. Da in den vergange- nen 3 Jahren die Winter immer schlechter mit Schnee bestellt sind, werden wir bemüht sein, in den Sommermonaten attraktive Wettbewerbe abzubieten. Klaus Faißt Segelflugzeug auf den Namen „Schwarzwald-Baar-Kreis“ getauft Auf den Namen „Schwarzwald-Baar-Kreis“ wurde am 23. Juni 1990 auf dem Flugplatz Donau­ eschingen ein neues, modernes doppelsitziges Sege!flugzeugfür den Schul- und Leistungiflug getauft, das der Luftsportvereinigung Schwarzwald-Baar c. V gehört. Landrat Dr. Rainer Gutknecht (rechts im Bild) nahm die Taufe vor und wurde anschließend vom Ausbildungsleiter, Karlheinz Klein (links), sicher über den Schwarzwald-Baar-Kreis gesegelt. 298

Prosa und Lyrik aus der Heimat Alemannische Sagen und Schwänke Dem Erzähler Max Rieple zur Erinnerung an seinen zehnten Todestag Max Rieple, der vor zehn fahren, am 16.Januar 1981, in seiner Heimatstadt Donatteschingen gestorben ist, war in seiner schriftstellerischen Tätigkeit unter den vielfältigen Aufgaben, die er angenommen und sich selbst gestellt hat, auch ein Meister-Erzähler alemannischer Sagen aus Baden und Württemberg. Wir erinnern uns aus diesem Anlaß seiner Sagen-Bücher, die er aus der Fülle seiner Eifahrungen, Sammlungen und For­ schungen geschrieben und veröffentlicht hat. Es ist keine Anmaßung von uns, wenn wir den Raum zwischen Vogesen und Lech, zwi­ schen Albtrauf und Bodensee als die aleman­ nische Heimat Max Rieples, bezeichnen, aus der der Donaueschinger Erzähler die Fülle seines Stoffes für die verschiedenen Bücher zum Thema Sagen und Schwänke geschöpft hatte, schon lange ehe er sie publizierte. Wir müssen auch gleich richtigstellen, daß der Erzählraum nicht auf dieses Feld allein beschränkt gewesen sei. Er hat als Red­ ner in vielen deutschen Städten mit Hunder­ ten von Vorträgen in lebhafter, faszinieren­ der Darstellung vor allem über seine Heimat, aber auch über die Landschaften, in die er oft und oft gereist ist, seinen begeisterten Zuhö­ rern erzählt und seine Erzählungen mit Farb­ dias bebildert. Die Sagen und Schwänke hatten schon den kleinen Knaben gefesselt. In seinen ersten biographischen Geschichten, die er in seinem Buch „Damals, als Kind“ 1955 veröf­ fentlicht hat, können wir von der frühen Begegnung mit den alten Sagen lesen, die in vielen Generationen über Jahrhunderte hin­ weg überliefert worden sind. Der alte Mink, ein Waldhüter, der nicht nur über Pflanzen und Tiere aufs lebhafteste Bescheid wußte, sondern auch von alten Mären berichtete, wurde zu einem Freund des kleinen Schülers, der ihn in seiner Wald­ hütte mit seinem Wissen von Tieren, Pflan­ zen und Geschichten vertraut machte. Dar­ über erzählt Rieple: in der „Geschichte des alten Waldhüters“: Erst war mir ein wenig unbehaglich zumute, als ich in der niedern Stube stand. Mein Erstaunen über die Kostbarkeiten schien dem alten Mink zu gefallen. Denn als ich endlich verlegen stammelte, daß ich gehen müsse, bevor es draußen ganz dunkel würde, sagte er zu mir: „Du darfst ruhig wiederkommen, wenn du willst.“ Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Am nächsten Tage schon stand ich klopfenden Herzens nach der Schule wieder vor dem Waldhüterhäuschen, in dem es immer neue Schätze zu entdecken gab. Einmal waren es seltsame Wurzeln wie verwachsene Mensch­ lein und wie Schlangen geformt. „Allraunen sind’s“, flüsterte der Bärtige geheimnisvoll, ,,man findet sie um Mitter­ nacht unter dem Galgen.“ Ja, gab’s denn hier auch einen Galgen?“ fragte ich voll geheimen Grauens. ,Ja, bei Hüfingen, wo oft noch des Nachts Irrlichter durchs Gebüsch huschen.“ Kein Wunder, daß ich plötzlich aufschrie und auf und davon wollte, als in diesem Augenblick etwas Samtweiches lautlos meine nackten Knabenbeine streifte. Aber der gute Mink lachte nur: „Vor meiner Katze brauchst du keine Angst zu haben; es ist keine von der Sorte, wie sie einmal um Mitternacht bei der Schä­ cherkapelle dem Forstadjunkten ins Genick sprang, so daß er zu Boden stürzte. Das soll nach der Sage der Teufel selber gewesen sein.“ Ich war gleich wieder beruhigt. ,,Oh, wis- 299

en Sie noch mehr solcher Geschichten?“ fragte ich neugierig. ,Ja, eine ganze Menge. Und ich versprech‘ dir, jedesmal, wenn du mich besuchst, erzäh­ le ich dir eine neue.“ Einmal wollte ich wi sen, warum an der Kapelle im nahen Hüfingen eine mit Hufei­ sen behangene Kette gespannt sei. Und als­ bald erzählte er mir, daß dort ein t ein Bauer mitsamt seinem Fuhrwerk in die reißende Breg geraten sei und als Dank für seine wun­ derbare Rettung die Kette gestiftet habe. Bei der Sage von der Geisinger Kreuz­ kapelle schilderte der alte Mink besonders anschaulich, wie dort einst ein schwedischer Soldat den Gekreuzigten am Wegrand mit seiner Pistole in die Stirne schoß und er dann auf dem Weiterritt zur Strafe elendiglich im Sumpfe umkam. Wenn mein väterlicher Freund besonders gut gelaunt war, bat ich ihn, mir die Sage von der „Entenburg“ bei Pfohren zu erzählen. Zwar kannte ich sie bereits Wort für Wort und wußte jede Redepause, die die Span­ nung erhöhen sollte. Da war es schon lustiger, zu erfahren, wie der Bruggener Haldengei t einmal einen gei­ zigen Bauern im Walde einen ganzen Hau­ fen schweres Gold finden und heimschlep­ pen ließ, das sich, bei Licht besehen, dann als morsches Holz erwies. Auch von dem „Totengäßle“, das gleich hinter Donaueschingen durch Ährenfelder zu einem längst verschollenen Friedhof geführt haben soll, wußte der alte Mink zu erzählen. ,,Und“, so fügte er bedeutungsvoll hinzu, ,,ich hab‘ selber dort ein wenig nach­ geforscht und dabei ein paar Grabhügel ent­ deckt.“ Als mein väterlicher Freund schließlich keine Sagen mehr wußte, erzählte er vom Schwedenkrieg und von der Sebastians­ Kapelle, die auf ein Gelübde aus den Pestjah­ ren zurückgeht. Auch von der unglücklichen Kaisertoch­ ter Maria Antoinette sprach er, die auf ihrer Reise durch die Baar gekommen war, und für die man eigens die schnurgerade, von Pap- 300 peln umsäumte Straße nach Donaueschin­ gen angelegt hatte. Am meisten freute mich aber jene aus guter alter Zeit stammende Geschichte, die hier stehen soll, so wie ich sie gehört hatte: Als Anno 48 die Badener revolutioniert hatten, zogen ihnen die Preußen entgegen und kamen so auch in die Baar. Mutig wollte sich das Häufchen der Aufständischen, das in unserer Stadt lag, zum Kampfe stellen. Eine einzige Kanone führten die Wackeren auf ihrem Marsche mit sich. Als sie beim näch­ sten Dorf Stellung bezogen und ihr Kom­ mandant zuerst einen feindlichen Vortrupp, dann aber eine Kompagnie und schließlich ein ganzes Bataillon aus der Feme kommen sah, tat er das einzig Vernünftige, was ein menschenfreundlicher Stratege in dieser Lage tun konnte: Er richtete an seine Leute folgende kurze Ansprache: ,,Manne, gond hom, s’het kon Wert, ’s sind z’viel!“ – Nach Rieples späteren Erinnerungen folgte diesen Erlebnissen, daß er auch in der Schule von den vielen Sagen aus der engeren Heimat berichtete und die Mitschüler von ihrem Lehrer noch mehr hören wollten. Und der Lehrer selbst wurde von den Erzählun­ gen angeregt. Er hat seine Schüler aufgefor­ dert, bei Vater und Mutter, den Großeltern und Onkeln nach noch anderen Sagen zu fragen und sie aufzuschreiben. Und da wieder scheint den Vater Rieple, des en Familie aus dem benachbarten Gei­ singen stammte, gereizt zu haben, selbs.t altes Erzählgut zu sammeln. Jedenfalls sind die Aufzeichnungen dieser alten Erzählungen aus der Schulzeit Max Rieples noch überlie­ fert. Als Max Rieple in seinen Jugenderinne­ rungen die Geschichte des alten Mink erzählte, kamen ihm diese Stoffe wieder in die Hände, und er machte sich auf, sie zu ord­ nen, zu erweitern, wenn er in den Städten auf der Baar und im Schwarzwald auf Vortrags­ reisen war, wenn er die Älteren im Lande danach fragte und alte Sagenbücher stu­ dierte. Dabei fiel ihm zweierlei auf. Zum einen

empfand er die überlieferte Erzählform untauglich für die Jugend des zwanzigsten Jahrhunderts. Zum anderen schienen ihm die Stoffe, die von den Generationen fast unverändert weitererzählt worden sind, sowohl zur Begleitung der Orts- und Landes­ geschichte wie für die Literaturgeschichte interessant und unbedingt erhaltenswürdig. Deshalb machte sich Rieple daran, sie in eine zeitgemäße und jugendgemäße Form zu übertragen, ohne sie im Inhalt zu verändern. Als er seine Manuskripte den Freunden – und einigen Verlegern -zeigte, erntete er vor allem von den Schriftsteller-Kollegen und von der Lehrerschaft viel Beifall. Man for­ derte ihn auf, die Texte zu veröffentlichen. Aber die Verleger, denen die Texte auch sehr gut gefielen, schien es ein geschäftliches Wagnis, das mit Gewinn nicht zu rechnen hätte, eher mit herben Verlusten. Die Stuttgarter Schulpolitiker, insbeson­ dere die Vertreter der Grund- und Haupt­ schulen, setzten sich aber dafür ein, daß die Sagen als Unterrichts-Lesebuch sehr wohl geeignet seien und vom Land das Buch gefördert werden solle. Als der erste Band, ,,Die vergessene Rose. Die schönsten Sagen aus Baden und Würt­ temberg“ 1957 zum erstenmal in der Neufas­ sung erschien, fand er soviel Beifall im gan­ zen Land, daß schon kurze Zeit später ein Neudruck, und 1961 eine völlig neue Bearbei­ tung erscheinen mußten. Vier Jahre später folgten neue „Sagen und Schwänke aus dem Schwarzwald“, wieder fünf Jahre danach „Sagen und Schwänke vom Oberrhein.“ Und alle diese Bücher erlebten in kurzen Folgen neue Auflagen. Die Erzählweise Rieples war so spannend und dabei so sorgfältig in der Sprache gestal­ tet, daß nicht nur die Jugend eine Freude daran hatte. Max Rieple war eben ein Meister, ja, ein Künstler des Erzählens, ein Lyriker weit über dem, was die Vielfalt der Modeme umfaßt. Er war einer der bedeutendsten Übersetzer französischer Lyrik und ein Ken­ ner der Landschaften von der Bretagne bis nach Kärnten, dem sowohl ein breites Wis- sen wie eine kaum zu übertreffende Beob­ achtungsgabe eigen waren. Sich daran neben seinen anderen Verdiensten zu erinnern, in ist diesem Jahre m seiner alemannischen Heimat geboten. Werner P. Heyd Kinderangst Auf einmal bin ich aufgewacht: Die Stubendiele hat leis gekracht. Und da steht ein fremdes Gesicht vor mir dicht. Nur sich nicht rühren! Die Wanduhr tickt wie mein Herz so geschwind, der alte Baum am Fenster nickt dunkel im Wind. Stumm aber blickt das Gesicht zu mir her. Mein Kopf ist leer und weiß kein Gebet. Ach, viel zu spät ist es zu schrei’n. Nichts wird mich befrei’n! Mein Atem geht angstvoll und schwer. Und immerfort tickt die Uhr durch den Raum, und draußen nickt der schwarze Baum und schreckt wie Gespenster . .. Endlich steht der Morgen im Fenster. Max Rieple (Aus: Damals als Kind) 301

Besuch bei Paganini Der nach.folgende Beitrag ist ein gekürztes Origi­ nal aus dem Buch von Max Rieple „Der Tag war viel zu kurz“ und wurde der Redaktion dankens­ werterweise von Frau Anne Rieple-0.ffensperger zur Verfügung gestellt. Ein Buch war es, ein phantastischer Roman, dem ich ein seltsames Erlebnis ver­ danke. Bücher haben, wie ein lateinisches Sprichwort sagt, nicht nur ihre Geschichte, manchmal entwachsen ihnen auch Ge­ schichten, in denen Dichtung und Wahrheit so verschmelzen, daß die Grenzen zwischen beiden nicht mehr erkennbar sind. Ich hielt das Buch auf meinen Knien, als der Zug in Prag einfuhr, und wie einen Schlüssel zu Unbekanntem trug ich es bei mir, während ich auf Wohnungssuche ging. Ich hoffte dabei im stillen, auf die Behausung des Dichters zu stoßen. Ich dachte an Spitz­ wegromantik, sah ein Haus vor mir in einer verwunschenen Gasse, darin eine Stube mit brodelnden Retorten zwischen alten Folian­ ten, hörte den silbernen Schlag einer Bieder­ meierpendüle und sah zwischen verstreuten Notenblättern und vollgekritzelten Manu­ skripten eine Geige auf dem Tisch liegen: das Milieu des „armen Poeten“. Zu dieser Vor­ stellung paßte auch meine bescheidene Bude, die ich schließlich drunten an der Moldau fand. Stellte ich mich auf einen Stuhl, sah ich durch eine Fensterluke den Strom träge vor­ beiziehen, ja, ich erblickte sogar überverwin­ kelten Dächern die königliche Burg, den Hradschin und das steinerne Spitzenwerk des Veitsdomes. Allabendlich erlebte ich es, wie die Moldau erst noch das Gold des Him­ mels spiegelte und ich dann in geschmolze­ nes Blei verwandelte. Lange lag noch das Licht des Abends auf dem mächtigen Pulver­ turm und auf den Kuppeln der Kirchen und vergoldete die Turmspitzen der Teinkirche. Das war also Prag, das „Goldene Prag“, von dem ich in echter Entdeckerfreude mir täglich ein neues Stück eroberte. Beschwingt schritt ich über die schön­ geschwungenen Steinbogen der Karlsbrücke, 302 vorbei an den vielen Standbildern von Heili­ gen, die mit innigen Gebärden von der Brü­ stung niedergrüßten. Näher und näher kam ich dem doppel­ türmigen Brückentor, hinter dem die grün­ patinierte Kuppel der St. Niklaskirche empor wuchs. Bald stand ich zwischen malerischen Häusern in einer engen Gasse. Sie trug den Namen, den ich, um ihn mir einzuprägen, seit Tagen vor mich hingesagt hatte. An einem Haus, wo in barocker Nische Nepo­ muk stand, fand ich auch die gesuchte Haus­ nummer. Kühle und Modergeruch schlugen mir entgegen, als ich das schwere Tor öffnete. Meine von Tageslicht geblendeten Augen mußten sich zuerst an das Dunkel im Haus­ flur gewöhnen. Ich tastete mich eine knar­ rende Treppe hinauf, fand im Dämmer einen altmodischen Klingelzug und läutete. Ein Glockenton, fremd und seltsam, erwachte. Im Türspalt erschien das verrunzelte Gesicht einer weißhaarigen Alten. Mit brüchiger Fistelstimme verwies sie mich weiter hinauf bis unters Dach. Wieder stand ich vor einer Tür. Mein Herz schlug so stark, daß ich es in den Schlä­ fen pochen hörte. Kam es vom Treppenstei­ gen oder war es Angst vor dem Unbekann­ ten? Durfte ich denn einfach einen Fremden unangemeldet überfallen, dazu einen so angesehenen Schriftsteller, wie es der Verfas­ ser des Paganini-Romans sein mußte? Warum hatte mein Freund so geheimnisvoll getan, als er mir empfahl, den Autor aufzusu­ chen? Ich fand nicht den Mut, anzuklopfen. Schon wollte ich umkehren, da fiel das Buch zu Boden, das ich gewissermaßen als Legiti­ mation mitgenommen hatte. Erschrocken bückte ich mich, hob das Buch auf und stand, als ich mich wieder aufrichtete, einem abschreckend häßlichen Menschen gegen­ über, der lautlos aus der Tür getreten war. War das der Gesuchte? Obwohl es bereits zwei Uhr mittags war, trug mein Gegenüber einen zerschlissenen Schlafrock, und seine

Haare standen zu Berg, als sei er soeben noch im Bett gelegen. Auf dem sehnigen Hals saß ein vogelähnlicher Kopf, aus dem die Hakennase wie ein scharfer Schnabel hervor­ sprang. Ein seltsames Feuer glühte in den Raubvogelaugen, und eine krächzende Stimme schnarrte: ,,Wohin will er?“ Ich fühlte, wie mir das Blut zu Kopf schoß. Die wohl präparierte Rede war plötzlich zu einem unentwirrbaren Wortknäuel gewor­ den, an dem ich herumwürgte, ohne einen Ton herauszubringen. Eine knochige Hand schob mich in einen Raum, in dem ein unbe­ schreibliches Durcheinander herrschte. Zer­ wühlt stand das Bett inmitten des Zimmers. Es war übersät von beschriebenen Blättern, die links und rechts herabgeglitten waren, wie das Herbstlaub von Bäumen. Endlich stammelte ich etwas von dem Buch, das ich wie einen Talisman meinem seltsamen Gegenüber entgegenstreckte. Da glitt es wie in Lächeln über die schmalen Lip­ pen des Dichters. „Mein Buch! Kennen Sie mein Buch? Es ist mein Lebenswerk, mein Vermächtnis! Paganini, ja, das bin ich selber!“ So, als habe der Sprecher mein Erstaunen bemerkt, fuhr er erklärend fort: ,,Paganini ist nicht tot, in mir lebt er fort. Er selber war nur die Inkarnation des Luzifer, jenes Dämons, der immer wieder in einer neuen Generation Gestalt annehmen muß. In Giuseppe Tartini war er zuvor gefahren und sang ihm die ,Teufelstrillersonate‘ vor. Hector Berlioz trug ihn in sich, ebenso Franz Liszt, und auch E. T. A. Hoffmann. Schauen Sie sich nur die einander verwandten Gesich­ ter an. Die stechenden Augen, die lodernden Haare und die Hakennase! Paganini -von ihm ist der Geist auf mich übersprungen. Jetzt wohnt er in mir und zwingt mich zu spielen, ja, zu spielen, so wie er es befiehlt. Habe ich nicht dieselben Spinnenfinger, die­ selbe Nase wie der Meister? Sie sind das Zei­ chen, -das Zeichen!“ – Ich wußte nicht, was ich auf diese verwir­ renden Worte antworten sollte. ,,Die Geige ist das Dämonische. Sie ist Fleisch und Blut! Wie eine Geliebte legt sie sich einem in den Arm. Sie läßt sich streicheln, sie weint und lacht, schluchzt, grollt und betört das Herz wie eine Frauenstimme. Haben Sie schon einmal eine Geige gehört? -Nicht so wie Sie meinen, nein, so wie ich sie spiele! -Haben Sie schon einmal eine Geige gefühlt, wie sie sich in die Hand schmiegt, glatt, geschmei­ dig, voll pulsenden Lebens? Sprechen Sie das Holz an, so antwortet es mit leichtem Vibrie­ ren. Diese edlen Linien sind kein totes Ding, sie sind formgewordener Klang!“ Während er diese Sätze hervorsprudelte, bückte er sich, zerrte unter dem Bett einen zerschrammten Geigenkasten hervor und holte mit bebenden Händen das Instrument heraus. „Doch was rede ich viel? Glüht nicht ein Funke höllischen Feuers im rötlichen Lack der Geigen und sind ihre lippenzarten F­ Löcher, der Schwung ihrer Zargen und gar die feingeschnitzte Arabeske der Schnecke nicht Musik in höchster Vollendung? Setzen Sie sich hier auf den Stuhl! Ich muß die Vorhänge zuziehcn. Erst dann sol­ len Sie meine Geige hören. Denn nur im Dunkel kommt die �üGnüulige Schlange Luzifers.“ Nervös hantierte der Besessene an den Vorhängen. Inzwischen überlegte ich mir, wie ich diesem unheimlichen Menschen ent­ rinnen könnte. Aber er stand genau zwi­ schen meinem Sitz und der rettenden Tür. So war es trotz der Dunkelheit unmöglich, unbemerkt an ihm vorbeizukommen. Ich hörte, wie „Paganini redivivus“ den Violin­ bogen aus dem Kasten nahm. Ein flüchtiges Stimmen des Instrumentes, und schon klet­ terte ein Lauf empor bis hinauf in die höch­ sten Lagen. Doppelgriffpassagen schrillten auf. Mit dem Bruchstück einer Kantilene marterte der Geiger die G-Saite. Flageoletts verhauchten, Arpeggien flogen wie ein Spuk über das Griffbrett. „Hören Sie die Geige?“ fragte mich die krächzende Stimme. ,,Auf den Ton muß man achten, nur auf den Ton! Man muß ihn füh­ len, rund wie eine Kugel muß er sich in die 303

Hand legen, sehen Sie so“, -und er drückte seine knochige Faust in meine geöffnete Hand. ,,Begreifen Sie nun den Ton? Man muß ihn in der Hand und im Herzen spüren. Das ist das Geheimnis Paganinis. Die Saiten müs­ sen schwingen. Man darf sie nicht mit dem Bogen abwürgen. Der Ton soll fliegen, schweben!“ Und wieder klang es auf, ein seltsames Gemisch von geigerischem Können und Taschen pielerkunststücken. Obwohl ich mir dessen deutlich bewußt wurde, konnte ich mich der Magie dieser Stunde nicht ent­ ziehen. Die Gestalt, deren Umrisse ich im Raum nur undeutlich erkannte -sollte in ihr wirklich ein Stück des großen Paganini fort­ leben? Gab es eine Art Seelenwanderung, oder hätte hier die Besessenheit von einer Idee einen Körper so umzubilden vermocht, daß er in seiner äußeren Erscheinung dem Wunschbild glich? Ich erinnerte mich, wie ich selbst manchmal beim Üben die Haltung eines bekannten Virtuosen einnahm, den ich in einem Konzert gehört hatte. Ganz von sel­ ber bekam mein Spiel plötzlich eine andere Strahlkraft. Sollte hier etwas Ähnliches ein­ getreten sein? Hatte der Dichter in seinem Buch nicht eine erstaunliche Einfühlungs­ gabe in die Person Paganinis bewiesen? Hatte er sich so lange in die Persönlichkeit ver enkt, bis sie mit ihm eins wurde? War er selber mit dem Inhalt seines Buches verschmolzen? Träume in einem Kreuzgang So, wie jetzt die Gestalt dort im Dunkel, hatte sicherlich auch Paganini den Bogen hochgeworfen, mit dem er seine Hörer wie Marionetten in seinen Bann zog. Nicht nur auf seinem Instrument, sondern auch auf den Herzen Ungezählter hatte er einst gespielt. Wie eine meisterliche Illustration zu dem Paganini-Buch erschien mir die Szene, die sich soeben vor meinen Augen abspielte. Stand dort wirklich Paganini? Jäh bricht sein Spiel ab. Doch ich bin wie gelähmt und kann mich nicht von meinem Sitz erheben. Eine Hand schiebt die Vor­ hänge zurück. Erst das hereinblendende Licht vertreibt endlich den Spuk. „Geb er mir das Buch“, herrscht mich die krächzende Stimme an. Kratzend huscht eine Feder über das Vor­ satzblatt: „Zur Erinnerung an den Besuch bei N i c o l o P a g a n i n i “ , lese ich und traue meinen Augen nicht. Das ist doch der cha­ rakteristische Namenszug des großen Vir­ tuosen! Völlig verwirrt danke ich, drücke mich an dem zerwühlten Bett vorbei zur Tür. Dann stehe ich erleichtert draußen im dunklen Flur. Doch immer noch höre ich Dezimen­ passagen, Triller, Flageoletts und Pizzicati hinter mir herjagen! War es Kunst oder Blendwerk? Max Rieple Ich liebe den Zauber des Kreuzgangs und meine, was damit der mittelalterlichen Bau­ kunst gelungen ist, gehöre zum Schönsten auf der Welt. Ich liebe das offene und doch geschlossene Geviert, welches atmosphä­ rische Einwirkungen dämpft, das grelle Son­ nenlicht mildert und den Stürmen wehrt. Ich fühle mich wohl in der Ruhe dieses Raumes zwischen der Kirche, dem Ort der totalen tille oder des gemeinsamen Gebets und Gesangs, jedenfalls der ungestörten Hinwen- dung zu Gott, und dem Kloster mit seinen Zellen und dem Refektorium, der Stätte phy­ sischer Rekreation und der Ökonomie. Was den frommen Griechen der heilige Bezirk, den Philosophen die Säulenhalle und der Markt bedeutet (Was muß das für ein Markt gewesen sein!), war den Mönchen und auch den Domherren der Kreuzgang. So wesentlich war er ihnen, daß selbst kleine und arme Klöster nicht darauf verzichten wollten und auch erheblichen Aufwand für 304

Rippengewölbe und Maßwerkfenster nicht scheuten. Und reichten dazu die Mittel nicht, so mußten schlichte Balken die Säulen ersetzen. Gewiß hat er in ihrem vom Kir­ chenjahr und der täglichen Liturgie geform­ ten Leben eine wichtige Funktion ausgeübt. Doch dies ist eine Frage an die Wissenschaft. Ich bin in den Kreuzgang gekommen, um eigenen Gedanken nachzuhängen. Nicht lange bin ich allein. Da schreiten sie mit mir, hinfällige Mönche, stämmige Dompröpste, gemessenen Schrittes, gesammelt, in ihre Betrachtungen versunken, verloren, schwei­ gend manche, manche gelöst mit Mitbrü­ dern sich unterhaltend. Da singt einer einem andern sein eben komponiertes Kyrie im gre­ gorianischen Choral vor, und dieser beschreibt jenem das Bildmotiv, mit dem er die nächste Initiale in einem Gebetbuch schmücken will. (Ein König in edler Haltung wird es sein.) Fälsche ich jetzt die Geschichte? Sei’s drum! Ich forsche jetzt nicht, ich träume und nehme mir die Zeit dazu. Eile kannte man im Kreuzgang nie, kennt sie auch heute noch nicht, er schenkt Men­ schen Zeit, selbst solchen, die meinen, sie sei Geld. Nie habe ich Leute durch einen Kreuz­ gang hasten sehen. Auf denselben Steinplat­ ten wandelten Mystiker und Scholastiker, Beweger und Träger der europäischen Gei­ stesgeschichte, Diener und Könige zugleich; alle überragend: Thomas von Aquin. Natürlich kenne ich nicht alle seine Werke, keine Rede davon, ich verstehe auch nicht alles, was ich von ihm gelesen habe, bei weitem nicht. Aber was ich verstehe, ist so überwältigend, daß man sich ein Leben lang darauf verlassen, seine Lebensführung danach ausrichten kann. Es ist so sicher und so fest wie Urgestein. Seine Sätze tragen wie eine Brücke, beschützen wie ein Wall und sind von unausschöpfbarer Tiefe wie das Meer, dabei von einer Schlichtheit, daß man meinen konnte, sie seien kunstlos, entbehr­ ten dichterischer Schönheit. Man kann etwas durch die Brille Schopenhauers, Nietzsches, Marxens sehen, nicht aber durch die des Thomas, denn „jedes Ding ist wahr“, hat also seine Wahrheit unabhängig vom Willen des Betrachters. In beinahe die gleichen Worte hat Anselm von Canterbury diese Erkennt­ nis gegossen: „Die Wahrheit liegt in den Din­ gen“. Beide Sätze, schwer verständlich in ihrer Kürze, schwer erträglich in ihrer Härte, gefährlich für alle Tyrannen, deshalb beglük­ kend in ihrem Inhalt gerade für die Schwa­ chen und von klassischer Schönheit, enthal­ ten eine fundamentale philosophische Aus­ sage. Warum einigt man sich nicht vor jeder Diskussion auf die Anerkennung dieser Wahrheit? Man müßte sie zu Sprichwörtern erheben. Jede Ideologie wäre so aus dem Felde zu schlagen. Karl Volk 305

Schwarzwälder Leben Gedichte in Schwarzwälder Mundart von Arthur Duffner Neujohr Scho wieder isch e Jährli z’End, Un über Freud un Leid, über Kummer un Sorge, Schüttled mer enand am Neujohrsmorge d’Händ. S’gang z’huslig fascht, ’s gang wia der Wind Vo eim Johr uf’s ander, grad wia vo hit uf morge, Seit mer, ’s ganz wirkli, wirlli z’g’schwind. Mer mein, es sei erseht gestert g’si, Wo mer als Kind no uf der Schuelbank g’sesse. Un jetz, jetz gang es scho in’s Alter ni. Du steinis Herz! Dia Freude, wo mer früehr als am neue Johr empfunde, Un dia am Santis Klaus,2 un d’Fasnet3 nit z’vergesse, Un dia am Hergetstag,4 un tags vorher wo mer als Kränz het g’wunde. Un wenn am Ostertag, mit heiter frohem Blick, M’r g’suecht het, wa der Osterhaas eim Schöns verehrt, Des seie Stunde g’si vo u’getrüebtem Glück. Wa häb‘ en Johrmärkt eim nit nu für Freude g’macht Un wenn an Pfingste ’s Gottli eim en schöne Wecke b’schert, No häb‘ eim ’s Herz vor itel Freud im Lib drin g’lacht. Un der wiß Sunntig gar, wia sei mer do so artli grüehrt! Des sei der Tag g’si, wo mer fascht zuem erschte Mol Vom Ernst im Lebe so en Ahnung g’spürt. G’wiß bring jo manchem au sie später Lebe Viel schöni Stunde, doch ’s bring Kummer au un Sorge wohl, Un so e Glück, wia in der Jugend, thüe ’s halt nia meh‘ gebe. Kurzum, heißt’s no, mer sterbig z’früeh, mer hörig z’bald ’s letzt Stündli schla‘, kum kin mer ’s recht begriefe, Wia koschber6 d’Jugend sei, sei mer scho alt. Wa nütze do die schönste Plän un Muet un Kraft, Kum häb‘ mer e paar Jährli g’hörig g’schafft. No leg si scho uf’s Hoor der Rife.6 306 I rasch 2 Skt. Nikolaus 3 Fastnacht • Fronleichnamsfest 5 kostbar 6 Reif

Erinnerung Du, Wib, wenn ebbis sehe witt, Dert hinte siehsch es schwerli, Do kurnm do her an Fenschtertritt, Es kunt e Hostigpärli. 1 I weiß, mer sehe’s Beidi gern, Sin’s doch die schönste Stunde Un dia mer do so g’mahnet wird, Wo mer sich zemma g’funde. Ich mein, es sei erseht geschtert g’si, Sit daß I mit Dir g’walzet Am Hostig, un vor heller Freud Fescht mit der Zunge g’schnalzet. Es is jetz frili siterher Manch Jährli scho vergange. Un zue der goldene wird es is, Wohl schwerli welle lange. Waisch, wie es z’erschte g’harzet2 het, Bis Du mi Frauli wore? Vor luter Hoffe Du un Angst, Din heitere Sinn verlore? D’rum mueß is h�lt d’Vergangeheit En Trost für Zuekunft bliebe. Wa mir an Liabi früehr g’säet, Im Alter Blüethe triebe. Es soll is jedes Hostigpaar Ufrichtig, herzli freue, Un is vom eigene Ehretag ’s vergange. Glück erneue! ‚ Hochzeitspärchen 2 tchwer gehalten s den • Brautjungfern s Brautführer s geklopft 1 dicht No, schliaßli het’s es anneweg, Zorn Beschte mit is g’wendet, Un wia i herzhaft g’hoffet han, Het’s mit em Hostig g’endet. Für alli Zitte sin m’r jetz, Binand un g’höre zemme! Guck, wenn us is nint wore wär, I thät mi hit no gräme. Wie stolz sin mer dert zwei un zwei Dur’s Städtli ’nab g’maschieret! So stolz als hätt bis uf dei3 Tag, Kei‘ Mensch no Hostig g’firet! Du mit de Schwestere4 bisch vorus, Ganz vorne d’Musikante, Der Ehreg’seJls, der Vatter, ich Un hinte sunsch Verwandte. Un wia mer no’her in der Kirch Beid »io“ hen solle sage! Waisch no, wia’s Herz is bopperet6 het, Daß mer’s lut g’hört het schlage? Un waisch, wia mer bim Hostigschmus Käb7 nebenander g’sesse, Us purer Liab un luter Glück, Au net en Bisse g’esse? 307

Christiana Steger Jahreszeiten unter der Hecke ducken sich die ersten Veilchen vor frostigen Windstößen, über grauem Wald liegt eine Ahnung von Grün, Meisen suchen ihre Gefährten und über wassergefüllte Senken gleitet der Schatten des Milan – er ist wieder gekommen – Frühling auf der Baar. hoher Sommer macht träge und sanft – über nackte Haut steigt Wärme bis ins Haar – komm Farn schattet neugierige Sonnenstrahlen ab und vielleicht sind deine Hände kühl Rascheln von trockenem Laub ist wie Geflüster aus vergangenen Tagen Nebelgestalten winken – jäher Windstoß treibt sie zu atemlosen Tanz und mit taumelnden bunten Blättern wehen Träume dahin früher Schnee goldgefärbt von herabgefallenem Birkenlaub – Rauhreif adelt das geringste Geäst und macht es zum Szepter über die Winterwelt 308 Ziel Umweltkatastrophe Ablagerung von Kleinlebewesen wird über Jahrmillionen hinweg zu Schwarzem Gold – förderwürdig -geldbringend – über Tausende von Kilometern schlängelt sich die Pipeline durch vorher unberührte Landschaft – Supertanker tragen Tonnen des begehrten Stoffes über die Meere hin – bei einer Havarie werden die Massen ins Wasser gespuckt – um Fortschritt und Technik Genüge zu tun wird die Erde rückhaltlos ausgebeutet und zerstört – verendende Wasservögel an teerigen [Stränden, Fische, treibend mit erstarrten Flossen, Meeressäuger ohne Nahrung sie alle klagen an – wir aber leben, als wäre die Zerstörung unser gutes Recht und dabei können wir keinen Grashalm neu erschaffen zarteste Rottöne Rauchfarbe ein Stück Azur filigrane Bäume bewegte Vogelwolke Abendhimmel im Oktober du suchst einen Hafen weißt du wo die Wolkenschiffe anlegen? am Regenbogen – Vögel sind Lotsen dort wo sich Himmel und Erde berühren Früher Abend

Jürgen Henckell Bodensee Winter Gezweig vergittert die klirrende Feme, zwischen den Ufern des währenden Schlafes gefrierender Atem – Der See schnürt den Eisgürtel enger und ungepflückt bleiben die Eisblumen grafisch gefächert im splitternden Angelusläuten. Über den Rücken der Fische beraten die Belchen vergebliches Tauchen und kümmern sich nicht um das festgefrorene Wahlplakatlächeln, das am Versprechen des Krokus zweifeln läßt. Des Gnadensees alte Legende von Sündern und Lossprechung während der Überfahrt ist schon zu rührenden Sandsteingebärden erstarrt. 2 Die einsame Schneespur dem Dunklen entgegen besiegelt: Einer ist hier auf dem Wasser gegangen – Versuch oder Versuchung bis an die Grenze der Tragfähigkeit, wo Wellengekräusel das Zerrspiegelbild löscht – Berstendes Schweigen gebar einen Föhn. Nächtlicher Hang Bald Gelöschtes – Die Lampen am Hang blinzeln sich Novellen über Schrittgeräusche zu – In ihren Lichthöfen sucht die flatterhafte FalterN eugier keinen Ausweg. Stufenweise bieten Treppen ihre Schatten für die Fortsetzung von Nachtgeschichten an – Das Weinen eines Kindes gilt dem Schweigen seiner Mutter und versengten Falterflügeln. Im Grenzwald verborgen die kaum noch erkennbare Spur eines Meißels im Fels: Des Gekreuzigten Abbild und wie an das eiserne Kreuz der verlorenen Kriege geschlagen – Kein Datum verrät, wer die uralte Hoffnung Verlassener auf die Erlösung im steinernen Buch hinterließ. Die Waldbäume blättern Verschwiegenheit über die Aufträge Petri, und unduldsam sendet die Zeit ihre Steinmetzen, um diese Antwort auf lästige Fragen zu tilgen. Die Nutzer der Zeit vertrauen den glatteren Medien. 309

Verschiedenes Personen und Fakten Dr. Bernhard Everke wurde am 3. 9.1989 mit 96,42 0/o der abgegebenen Stimmen zum Bürgermeister der Stadt Donaueschingen wiedergewählt. Der bisherige Amtsinhaber war Alleinkandidat. Die Wahlbeteiligung betrug 35,37 0/o. Die 3. Amtsperiode hat am 19. 11. 1989 begonnen. Karl-Heinz Schneider ist am 10. 9. 1989 als Bürgermeister von Vöhrenbach wiederge­ wählt worden. Unterzwei Konkurrenten um das Amt setzte sich der bisherige Stelleninha­ ber bei einer Wahlbeteiligung von 73,98 0/o mit 60,68 0/o der abgegebenen gültigen Stim­ men durch. Für Bürgermeister Schneider ist es die dritte Wahlperiode, die am 10. 12.1989 begonnen hat. Clemens Stahl ist am 15. 10. 1989 zum Bürgermeister der Stadt Blumberg gewählt worden. Er setzte sich im zweiten Wahlgang unter acht Bewerbern um die freigewordene Stelle durch und erreichte bei einer Wahlbe­ teiligung von 73,69 0/o 55,84 0/o der gültigen Stimmen. Der neue Bürgermeister hat sein Amt am 2. 1. 1990 angetreten. Der bisherige Bürgermeister, Werner Gerber, ist aus Gesundheitsgründen mit Ablauf des 31. 12. 1989 in den Ruhestand getreten. Elmar Österreicher, Bürgermeister in Dauchingen, konnte am 1. 1. 1990 auf seine 25jährige Amtszeit in Dauchingen zurück­ blicken. In einer kleinen Feierstunde wurde dieses seltenen Ereignisses gedacht. Die Glückwünsche des Landkreises überbrachte Landrat Dr. Gutknecht. 310 Werner Gumbert, Leiter des Staatlichen Vermessungsamtes Villingen-Schwennin­ gen vom 1. 9. 1987 bis 30. 4. 1989 ist die Lei­ tung des Staatlichen Vermessungsamtes Waldshut-Tiengen übertragen worden. Nachfolger im Staatlichen Vermessungs­ amt Villingen-Schwenningen wurde mit Wirkung vom 1. 8. 1989 Dr. Lothar Loh­ miller. Dr. Hans Buri ist als Leiter des Staatli­ chen Veterinäramtes Rottweil, das auch für den Schwarzwald-Baar-Kreis zuständig ist, in den Ruhestand getreten. Sein Nachfolger ist ab 1. 2. 1990 Dr. Ulrich Hennerich. P.Edmund Schweizer, Geschäftsführer der AOK für den Schwarzwald-Baar-Kreis, ist am 30. 6.1990 in den Ruhestand getreten. Sein Nachfolger ist Gerhard Mäder, der mit Wirkung vom 1. 7.1990 die Geschäftsfüh­ rung übernommen hat. Dr. Hans:Jürgen Kunick, seit 1967 Leiter der Allgemeinbildenden Zinzendorfschulen der Herrnhuter Brüdergemeine in Königs­ feld, ist am 17. 7. 1990 in den Ruhestand ge­ treten. Neuer Schulleiter wurde Dr. Peter Vollprecht. Bruno Weber, seit dem Jahre 1969 Leiter der Albert-Schweitzer-Schule (hauswirt­ schaftliche, landwirtschaftliche und sozial­ pädagogische Schulen) im Stadtbezirk Vil­ lingen ist mit Ablauf vom 31. 7. 1990 in den Ruhestand getreten. Sein Nachfolger, Wer­ ner Huger, der 19 Jahre lang das Berufsschul­ zentrum in Stockach geleitet hat, hat die Schule mit Beginn des Schuljahres 1990/91 übernommen.

Orden, Medaillen Bevölkerungsentwicklung Nachstehende Personen aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis wurden seit April 1989 ausgezeichnet: a) mit dem Verdienstorden (Abkürz.: BVK 1. Kl. = Bundesverdienstkreuz 1. Klasse BVK a. B. = Bundesverdienstkreuz am Bande) der Bundesrepublik Deutschland: 12. 05.1989 Villingen-Schwenningen BVKa.B Rösch, Hugo Villingen-Schwenningen BVKa.B 30. 06.1989 Huonker, Christian Villingen-Schwenningen BVKa.B. Pfeiffer, Heinz 18. 08.1989 VilJingen-Schwenningen BVKa.B. 04. 09.1989 Bächle, Rosa Bad Dürrheim BVKI.Kl. 29. 09.1989 Prof. Dr. med. Mallach, Hans-Joachim Villingen-Schwenningen BVKI.Kl. 14. 10.1989 Merkle, Ewald BVKa.B. Donaueschingen 16. 10.1989 lmo, Anna Maria BVKa.B. Villingen-Schwenningen 17.11.1989 Götz, Richard BVKa.B. Blumberg 29. 01.1990 Warncke, Liselotte St. Georgen-Brigach BVKa.B. 29. 01.1990 Wentz, Martin 01. 02.1990 BVKa.B. Bräunlingen Schneider, Karl b) Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg: Donaueschingen 05. 05.1990 Herrmann, Herta Villingen-Schwenningen 05. 05.1990 Schleicher, Hans c) Zelter-Plakette: Furtwangen 03. 06.1990 Cäcilienverein/Kirchenchor St. Cyriak e) Lebensrettungsmedaille: d) Wirtschaftsmedaille: St. Georgen 18. 08.1989 Lehmann, Martin Eheleute Gutmann, St. Georgen Masny, Bernhard 18. 08.1989 Helga und Karl 06. 04.1990 Unterkirnach St. Georgen TerzilJi, Martina 18. 08.1989 Dipl. rer. pol. St. Georgen 18. 08.1989 Schonach Wasmuth, Robert 06. 04.1990 Leier, Klaus Wössner, Fritz St. Georgen 18. 08.1989 Veränderungen Stand Wohnbevölkerung in 0/o in Zahlen 1.1.1990 1.1.1989 + 5,09 + 532 10.978 10.446 + 148 + 1,49 10.092 9.944 + 2,20 + 119 5.525 5.406 + + 0,72 35 4.877 4.842 + 1,68 + 49 2.913 2.962 + 569 + 3,11 18.865 18.296 + 157 + 1,60 9.951 9.794 + 3,66 54 1.529 + 1.475 + 1,08 + 70 6.553 6.483 + 352 + 6,36 5.539 5.891 0,37 2.983 11 2.972 + + 1,75 4.776 82 4.694 + + 0,42 13.971 14.030 59 +18,49 + 413 2.647 2.234 + 103 + 2,30 4.589 4.486 + 340 + 5,97 5.697 6.037 + + 3,84 87 2.264 2.351 + 401 +19,43 2.465 2.064 + 1,20 + 916 77.174 76.258 + 1,21 4.036 4.085 + 49 +4.524 + 2,33311 193.825 198.349 7737 Bad Dürrheim, Stadt 7712 Blumberg, Stadt 7715 Bräunlingen, Stadt 7734 Brigachtal 7735 Dauchingen 7710 Donaueschingen, Stadt 7743 Furtwangen, Stadt 7741 Gütenbach 7713 Hüfingen, Stadt 7744 Königsfeld 7733 Mönchweiler 7732 Niedereschach 7742 St. Georgen, Stadt 7741 Schönwald 7745 Schonach 7740 Triberg, Stadt 7201 Tuningen 7731 Unterkirnach 7730 Villingen-Schwenningen, Stadt 7741 Vöhrenbach, Stadt Kreisbevölkerung insgesamt

Ausländer in Zahlen Gemeinde Ausländer davon insgesamt Türken Jugo- slawen Italiener Sonstige Jahr: 1990 Ausländer- anteil in 0/o 545 Bad Dürrheim 1.156 Blumberg 552 Bräunlingen Brigachtal 224 85 Dauchingen Donaueschingen 1.615 940 Furtwangen 44 Gütenbach 607 Hüfingen 260 Königsfeld 242 Mönchweiler 198 Niedereschach 1.709 St. Georgen 51 Schönwald 322 Schonach 566 Triberg 223 Tuningen 175 Unterkimach Villingen- Schwenningen 10.476 536 Vöhrenbach Gesamt 20.526 23 652 381 50 11 318 217 2 287 21 25 58 246 14 47 180 43 58 165 320 19 36 19 317 299 1 74 68 113 46 507 18 122 115 11 9 107 28 30 40 15 379 234 34 154 15 48 16 596 7 88 92 131 41 250 156 122 98 40 601 190 7 92 156 56 78 360 12 65 179 38 67 2.077 209 4.919 3.581 155 5.995 2.053 139 4.247 2.765 33 5.365 Arbeitslose in Prozentzahlen Stichtag Schwarzwald-Baar-Kreis Land 5,40/o 4,60/o 3,70/o 4,9 0/o 4,20/o 3,9 0/o 30. 6.1988 30. 6.1989 30. 6. 1990 312 5,0 11,5 10,0 4,6 2,9 8,7 9,4 2,9 9,3 4,5 8,1 4,1 12,2 2,0 7,0 9,4 9,5 7,3 13,6 13,2 10,4 Bund 8,40/o 7,40/o 6,90/o

Ergebnis der Kreistagswahl vom 22.10.1989 Zahl der zu wählenden Kreisräte: (Ausgleichssitze 6) Wahlberechtigte im Landkreis Wähler Wahlbeteiligung ungültige Stimmzettel gültige Stimmzettel abgegebene gültige Stimmen Stimmen insgesamt für: 54 60 CDU 302.897 (35,99 %) 25 Sitze (-2) 141.971 SPD 204.445 (24,29 %) 14 Sitze (+ 1) 83.517 FWV 123.333 (14,65 %) 8 Sitze (+ 2) 58,820/o GRÜNE 76.505 ( 9,09 %} 5 Sitze (-l} 3.442 F.D.P. 72.875 ( 8,66 %) 7 Sitze (+ l} 80.075 NPD (± 0) 32.826 ( 3,90 %} 1 Sitz 841.686 REP 23.089 ( 2,74 %} – MBu. ÖDP 5.716 ( 0,68 %) – Kreiswettbewerb 1990 „Unser Dorf soll schöner werden“ Bewertungsergebnisse Mit ,.Auszeichnung“ für den Kreissieger Nußbach Mit „Auszeichnung“ für den 2. Platz Tuningen Außerdem mit ,.Auszeichnung“ (alphabetische Reihenfolge) Gremmelsbach Niedereschach Obereschach Außerdem mit „sehr gut“ (alphabetische Reihenfolge) Fischbach Hondingen Kappel Oberbaldingen Schabenhausen Unterbaldingen Geldpreis DM 1.000,- 900,- 800,-800,- 800,- 700,- 700,- 700,- 700,- 700,- 700,- 8.500,- 313

Farbaufnahmen und Fotonachweis Die Farbaufnahme auf der Titelseite stammt von German Hasenfratz, Hüfingen. Motiv: Blick vom Kesselberg zwischen Ober­ kirnach und Schönwald zur Schwäbischen Alb. Zum Farbbild auf der Rückseite: Schrank, zweitü­ rig, Tuningen, datiert 1838, geschweiftes Gesims mit geschweifter Decke; breite Türen; abgerun­ dete Ecken in Pilasterform mit vergoldeten Volu­ tenkapitellen; blauer Grundton mit roten und grünen Profilen; Füllungen blaugrundig; an den Türen oben aufgesetzte, ölvergoldete Schnitze­ reien, dazu Medaillons mit Besitzermonogramm: Ur(sula) M(aurer); Nadelholz; Maße: H 209 cm, B 173 cm, T 69 cm. Das Bild wurde der Redaktion freundlicherweise vom Heimatmuseum Schwenningen zur Verfü­ gung gestellt. Q!iellenangabe zur Zeichnung Seite 102: Histori­ scher Atlas von Baden-Württemberg, Ausschnitt aus der Karte III,7, herausgegeben von der Kom­ mission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg in Verbindung mit dem Lan­ desvermessungsamt Baden-Württemberg, Büch­ senstraße 54, 7000 Stuttgart !. Vervielfältigung genehmigt unter Az.: 5.11/638. Die Zeichnung auf Seite 162 wurde von Herrn Wienhart Prigge, Villingen-Schwenningen, ange­ fertigt. Der Beitrag von Max Rieple „Besuch bei Paga­ nini“ auf Seite 302 ist auf Anregung von Frau Anne Rieple-Offensperger und mit freundlicher Genehmigung des Stieglitz-Verlages dem bei ihm erschienenen Buch „Der Tag war viel zu kurz“ ent­ nommen. Seit dem Almanach 90 werden Gedichte des bekannten Heimatdichters Gottfried Schafbuch aus Hüfingen in unserem Heimatjahrbuch abge­ druckt. An dieser Stelle sei der Tochter, Frau Ros­ witha Schafbuch, für die Abdruckgenehmigung herzlich gedankt. 314 Fotonachweis: Soweit bei den einzelnen Beiträ­ gen die Bildautoren nicht namentlich hier ange­ führt werden, stammen die Fotos jeweils vom Ver­ fasser des betreffenden Beitrags. Mit Fotos sind ferner im Almanach vertreten (die Zahlen nach der Autorenangabe beziehen sich auf die jeweilige Textseite): Elisapeth H. Winkelmann-Klingspom 5;Jochen Hahne, Susanne Hornberger, Friedrich Spittler 6, 7; Otto Kritzer 9; Markus Seidel 12 (oben u. unten), 13 (unten); Wolfgang Fürderer 12 (Mitte); Archiv Südwestpresse 13 (oben); Georg Stefan Kaletta 13 (Mitte); Dietrich Creutzburg 14; Ger­ hardJanke 15; Willi Seifermann 16; Dieter Ehnes 22; Ortsverwaltung Döggingen (Aufn. freigege­ ben Luftamt Hamburg, Reg.-Nr. 1696/85) 30; Foto Fischer 32, 233; Archiv Wirtschaftskontroll­ dienst 36, 37; Archiv Zinzendorfschulen 47; Dr. Hartmut Brenner 50; German Hasenfratz 52, 53, 139, 173, 174, 175, 176, 177, 178, 179 (oben); Jack Mathey 57; Rosemarie v. Strombeck (Aufn. freige­ geben Reg.-Präsidium Freiburg Nr. 303/860- 16.10.1989) 63; Archiv Fa. Benzing Zeit+ Daten GmbH 68, 69; Archiv Fa. GÜNTERT Präzisions­ technik GmbH & Co. 70, 71; Archiv Fa. Mathias Bäuerle GmbH 72, 73, 74, 75 (Aufn. freigegeben Reg.-Präsidium Münster, Nr. 5074/88); Archiv Bad Dürrheimer Mineralbrunnen GmbH + Co. Heilbrunnen 76; Archiv Deutsches Uhrenmu­ seum 83, 84, 85, 86, 87; Helmut Groß 89, 118, 155, 180, 181, 182; Archiv LDA Baden-Württemberg 96, 97, 98, 99; Stadtarchiv Konstanz Signatur A 515/13 b 112; Foto Maier 142; Felix Starosa 153; Landrat Dr. Rainer Gutknecht 163, 164, 165, 167 (oben); Gerhard Mayer 167 (unten), 168; Friedrich Mück 170; Domkapitular i. R. Prälat Dr. Willi Vomstein 179 (unten); Hans Kaltenbach 186; Fritz Rapp 188, 189, 190, 191; Horst Kurschat 193, 194; Iris Geiger 200; Rolf Schyle 208; Rut Steger 214, 215, 217, 218, 219, 220; Heinrich Haas 234, 235 (oben); Manfred Hiekisch 235 (unten); Georg Goerlipp 240, 268, 271; Archiv AMSEL-Kontakt­ gruppe Schwarzwald-Baar-Kreis 254, 255; Dr. jur. Hans E. W. Kurz 264; Archiv Kurverwaltung Bad Dürrheim 274; Hubert Hilbert 275; Foto-Carle 290, 291; Anna Bäsch 292; Wilhelm Steidinger 293; Günter Vollmer 298. Reproservice Rolf Kötz, VS-Schwenningen

Die Autoren unserer Beiträge Aberle, Maria, Sommerau, 7742 St. Georgen i. Schw. Bender, Gerd, Sommerbergstraße 21, 7743 Furtwangen i. Schw. Berg, Walter, Feldbergstraße 24, 7742 St. Georgen i. Schw. Bökenkamp, Renate, Schwarzwaldstraße 4, 7742 St. Georgen i. Schw. Braunschweiger, Ernst, Wohnpark Kreuz 1, 7737 Bad Dürrheim Brenner, Pia, Käferstraße 43, 7710 Donaueschingen Brunnhuber, Hermann, General-Horn-Straße 5, 7730 Vi l l i n g e n -Schwenningen Dettling, Klaus, Von-Althaus-Weg 9, 7737 Bad Dürrheim Dold, Werner, Schützenstraße 6, 7715 Bräunlingen Dold, Wilfried, Redakteur, Waldstraße 13, 7743 Furtwangen i. Schw. Dominguez, Fernando, Beethovenstraße 15, 7800 Freiburg i. Br. Duffner, Arthur, Furtwangen i. Schw. (verst.) Eisenbeis-Trinkle, Petra, Torfstraße 1, 7250 Leonberg Faißt, Klaus, Kandelblick 1, 7743 Furtwangen-Neukirch Friese, Klaus-Peter, Pforzheimer Straße 25, 7730 Vil l i n g e n -Schwenningen Fritschi, Käthe, Karl-Bromberger-Straße 5, 7713 Hüfingen Gassert, Reinher, Oberstudiendirektor, Schubertweg 2, 7742 St. Georgen i. Schw. Goerlipp, Georg, Archivar, Hindenburgring 10, 7710 Donaueschingen Groß, Helmut, Am Schwalbenhaag 1, 7730 Vi l l i n g e n -Schwenningen Gutknecht, Dr. Rainer, Landrat, Kaiserring 2, 7730 Vi l l i n g e n -Schwenningen Hall, Ewald, Sundgauallee 26, 7800 Freiburg i. Br. Haller, Johann, Buchenberger Straße 30, 7744 Königsfeld Hasel, Dr. Karl, Professor, Schlüsselstraße 3, 7800 Freiburg i. Br. Hawner,Johannes, Heimatdichter, Bad Dürrheim (verst.) Heidinger, Werner, Regierungsrat, Geschwister-Scholl-Straße 22 a, 7710 Donaueschingen Henckell, Jürgen, Schriftsteller und Grafiker, Buchbergstraße 3, 7m Blumberg Hermanns, Martin, Oberer Sonnenbühl 23, 7730 VS-Pfaffenweiler Heyd, Dr. phil. Werner P., Rosäckerstraße 36, 7238 Oberndorf a. N. Hiekisch, Regina, Studienrätin, Alpenblick 15, 7731 Unterkirnach Hiesel, Siegfried, Amtsgerichtsdirektor a. D., Vom-Stein-Straße 65, 7730 V i II i n g e n -Schwenningen Höft, Marlies, Nordstetten 16, 7730 Vil l i n g e n – Schwenningen Honold, Dr. Lorenz, Talstraße 41, 7710 Donaueschingen Huber-Wintermantel, Susanne, M. A., Bräunlinger Straße 6, 7713 Hüfingen Huth, Dr. Volkhard, Oberscheibenrain 8, 7710 Donaueschingen-Aasen Jäckle, Alexander, Bergstraße 10, 7740 Triberg Jakobs, Dr. Peter, Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, Archäologische Denkmalpflege, Außenstelle Freiburg, Marienstraße 10 a, 7800 Freiburg i. Br. Kästel, Christine, Heumadener Straße 169, 7000 Stuttgart 75 Kahlert, Dr. Helmut, Professor, Am Bodenwald 4, 7743 Furtwangen i. Schw. Kalb, Roland, Albstraße 7, 7735 Dauchingen Kern, Silvia, Dießenhofstraße 9, 7715 Bräunlingen Kratt, Karl, Zinsergasse 14, 7730 Vi l l i n g e n -Schwenningen Kunick, Dr. Hans-Jürgen, Oberstudiendirektor, Wöschhalde 111, 7730 Vi l l i n g e n -Schwenningen Letule, Hans, Rathausstraße 14, 7734 Brigachtal-Überauchen Liebetrau, Alfred, Präsident der Industrie-und Handelskammer Schwarzwald-Baar-Heuberg, Romäusring 4, 7730 V i 11 i n g e n -Schwenningen Mager, Gertrud, Auf dem Bühl 20, 7743 Furtwangen i. Schw. Mehne, Dr. Rolf, Frühlingshalde 6, 7730 Villingen-S c h w e n n i n g e n Michaelis, Jörg, Achdorfer Straße 14, 7712 Blumberg 315

Müller, Hans-Martin, Herm.-Köhl-Weg 2, 7560 Gaggenau Müller, Klaus-Jürgen, Baarstraße 5, 7209 Aldingen 2 Müller, Kurt, Dekan, Münsterpfarramt, Kanzleigasse 10, 7730 V i 11 i n g e n -Schwenningen Münzing, Dr. Klaus, Albertstraße 5, 7800 Freiburg i. Br. Neugart, Elisabeth, Langstraße 4, 7730 Vi 11 i n g e n -Schwenningen Nitz, Bertin, Gütenbach (verst.) Nobs, Eduard, Hotelier, Am Salinensee 1, 7737 Bad Dürrheim Nübling, Dr. Verena, Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, Archäologische Denkmalpflege, Marienstraße 10 a, 7800 Freiburg i. Br. Opp, Margot, Weiherweg 10, 7800 Freiburg i. Br. Pampel,Joachim, Färberstraße 49, 7730 V i l l i n g e n-Schwenningen Reichmann, Antonia, Donaustraße 16, 7710 Donaueschingen-Pfohren Reith, Siegfried, Neissestraße 3, 7730 V i l l i n g e n -Schwenningen Riegger, Herbert, Überaucher Straße 1, 7730 VS-Tannheim Rieple, Max, Donaueschingen (verst.) Rimmele, Emil, Bürgermeister i. R., Ludwig-Uhland-Straße 8, 7741 Schönwald Sah!, Richard, Goethestraße 12, 7210 Rottweil Schafbuch, Gottfried, Hüfingen (verst.) Schnekenburger, Willi, Hinter den Häusern 6, 7737 Bad Dürrheim Schnibbe, Klaus, Professor, Ilbenstraße 50, 7743 Furtwangen i. Schw. Schnitzer, Dr. Ulrich, Professor, Schöllbronner Straße 10, 7500 Karlsruhe 51 Schröter, Knut, Studiendirektor, Winterbergweg 12, 7744 Königsfeld-Burgberg Schwarzwälder, Uwe, Roßbergstraße 28, 7742 St. Georgen i. Schw. Schweizer, Adolf, Polizeihauptkommissar, Hafnerstraße 29, 7730 Villingen-S eh w e n n i n g e n Seifermann, Hermann, Sommerbergstraße 15, 7742 St. Georgen-Peterzell Stadler, Eberhard, Josef-Zähringer-Straße 43, 7743 Furtwangen-Schönenbach Steger, Christiana, Birkenweg 8, 7712 Blumberg Stieber, Roland, Am Sachsenwäldle 39, 7730 V i l l i n g e n-Schwenningen Sturm, Dr. Joachim, Baarstraße 12, 7710 Donaueschingen-Pfohren Volk, Karl, Realschuloberlehrer, Untertal 19, 7740 Triberg-Gremmelsbach Walcz, Günter, Redakteur, Schwimmbadstraße 31, 7712 Blumberg Weber, Bruno, Oberstudiendirektor, Billinger Straße 2, 7732 Niedereschach-Schabenhausen Wegener, Wilfried, Eichendorffstraße 3, 7734 Brigachtal Wunderlich, Amulf, Vom-Stein-Straße 57, 7730 V i l l i n g e n-Schwenningen Zimmermann, Ernst, Wiesenstraße 27, 7710 Donaueschingen-Pfohren Zimmermann, Karlhans, Insterburgerstraße 15 a, 7500 Karlsruhe 1 316

Inhaltsverzeichnis Impressum Ehrenliste der Freunde und Förderer Heimat und Zuversicht/Zum Geleit -von Landrat Dr. Rainer Gutknecht Aus dem Kreisgeschehen Kreispolitik 1990/Landrat Dr. Rainer Gutknecht Grundsteinlegung Neubau Landratsamt 18.10. 89 Eine neue Schwerpunktaufgabe: Die Eingliederung der Aus- und Übersiedler im Schwarzwald-Baar-Kreis/Walter Berg Land unter im Schwarzwald-Baar-Kreis -Erinnerungen an die Hochwasserkatastrophe am 15. Februar 1990/Joachim Pampe! Neubau Landratsamt -letzte Bilder über den Baufortschritt vor Redaktionsschluß Unsere Städte und Gemeinden, Wappen Peterzell/Hermann Seifermann Mein Heimatort/Gedicht von Hermann Seifermann Das Wappen von Peterzell/K.laus Schnibbe Biesingen/Willi Schnekenburger En Gschiideli/Gedicht von Gottfried Schafbuch Das Wappen von Biesingen/K.laus Schrubbe Das erste Dorf an der Donau -Pfohren/Ernst Zimmermann Das Wappen von Pfohren/Klaus Schnibbe Döggingen/Werner Dold Uff Kerbig kumme/Gedicht von Gottfried Schafbuch Das Wappen von Döggingen/Klaus Schnibbe Behörden und Organisationen Die Polizei, die Umwelt und der Verbraucherschutz – ein Beitrag über den Wirtschaftskontrolldienst/ Adolf Schweizer Auch im Schwarzwald-Baar-Kreis: Der“ Weiße Ring“ hilft Kriminalitätsopfern/Klaus-Jürgen Müller Das Postamt in Triberg/Uwe Schwarzwälder Sunntig/Gedicht von Gottfried Schafbuch 1 2 3 4 6 8 11 15 16 19 20 20 22 23 23 29 29 33 34 35 38 41 45 Schulen und Bildungseinrichtungen Modemes Schulwerk mit Tradition: Die Zinzendorfschulen in Königsfeld/Oberstudiendirektor Dr. Hans-Jürgen Kunick und Studiendirektor Knut Schröter 46 „Intellektuelle Pioniere der sonnigen Bergstadt“ -25 Jahre Abitur in St. Georgen/Reinher Gassert 49 52 20 Jahre Bildungszentrum Turmgasse in Villingen-Schwenningen/Siegfried Reith Die Waldorfschule bezog ihren zweiten Bauabschnitt – Freude und Sorgen einer „Öffentlichen Schule in freier Trägerschaft“/Wilfried Wegener In Villingen-Schwenningen – Berufskolleg II für Landwirtschaftlich-technische Assistenten – Ausbildungsziel: Fachmann im Dienst für eine gesunde Umwelt/Bruno Weber Zwei Schülerinnen vom Schwarzwald-Gymnasium in Triberg gewannen im bundesweiten Wettbewerb Hauptpreise 54 57 59 Wirtschaft und Gewerbe Wirtschaftsraum DDR-Chancen für unsere heimische Wirtschaft/ Alfred Liebetrau, IHK-Präsident 60 Modeme Erweiterung und sichere Arbeitsplätze -TRW Thompson GmbH in Blumberg stellt täglich 100.000 Ventile her/Günter Walcz 62 317

Benzing Zeit+ Daten GmbH, Schwenningen -ein unverwechselbares Erscheinungsbild garantiert Beständigkeit im Wandel/Petra Eisenbeis-Trinkle 66 GÜNTERT Präzisionstechnik GmbH & Co. weiht FABRIK 2001 ein/Klaus Peter Friese 70 Firma Mathias Bäuerle GmbH, St. Georgen -Tradition und Geschichte/Hermann Brunnhuber 72 Schwarzwaldfrische aus gesunden Bad Dürrheimer Quellen – die Mineralbrunnen GmbH & Co./Klaus Dettling 76 Ein führendes Unternehmen seiner Branche – 77 die Achsenfabrik Ueberle GmbH u. Co. KG in Blumberg-Riedböhringen/Jürgen Henckell Tannheimer Säge -vom Rundholz zum Dachstuhl -neue Technologien entlasten das Handwerk/ 80 Herbert Riegger 82 E friendli Wort .. ./Gedicht von Gertrud Mager Wirtschaftsgeschichte Die frühen Jahre der Furtwanger Uhrmacherschule (1850-1857)/Prof. Dr. Helmut Kahlert 83 Katzeliebi/Gedicht von Gottfried Schafbuch 89 Archäologie Abriß der Ur-und Frühgeschichte im Schwarzwald-Baar-Kreis anhand der archäologischen Fundstellen/Dr. Verena Nübling 90 Des gits doch it/Gedicht von Gertrud Mager 94 Die Badeanlage des römischen Gutshofes von Fischbach/Dr. Peter Jakobs 95 Geschichte, Siedlungsgeschichte Die „Alemannen“ -auf der Suche nach Geschichte und Gehalt eines Volksnamens/ Dr. Volkhard Huth 101 Altes neu entschlüsselt: Die Siedlungsnamen im Schwarzwald-Baar-Kreis/Ewald Hall 105 Zum Aufenthalt Hermann Dietrichs in der Schwarzwaldgemeinde Gütenbach/ Dr.Joachim Sturm 111 Das Achdorfer Mühlrad und die Mühle/Jörg Michaelis 116 De Berthold/Gedicht von Elisabeth Neugart 118 Persönlichkeiten der Heimat Gerd Jauch -ein Villinger durch das Fernsehen bekannt geworden/ArnulfWunderlich 119 Adam Berberich -ein Anwalt der Bürger/Karl Kratt 121 Gymnasialprofessor Dr. Alfred Georg Benzing – ein Wissenschaftler und Lehrer aus Leidenschaft/Dr. RolfMehne 123 P. Edmund Schweizer -um die AOK verdient gemacht/Klaus-Peter Friese 126 Ingeburg Weisser -aus einem Stadtkind wurde eine Landfrau/Marlie Höft und Maria Aberle 128 Ferdi Haberstroh -der Schwanenwirt von Schonach/Eduard Nobs 129 Elisabeth Günter -Gastwirtin und Leiterin des Seniorenkreises in Gremmelsbach/ Renate Bökenkamp 130 Lukas Riedlinger -hochgeachtet und beliebt als Zimmermann und Kommunalpolitiker/ Käthe Fritschi 132 Max Gilly -ein Vierteljahrhundert Hüfinger Geschichte/Kätl1e Fritschi 133 1 Gedicht von Margot Opp 136 Gertrud Robl -ein Leben für Musik und Gesang/Käthe Fritschi 137 Vor hundert Jahren geboren -Dr. Erwin Sumser, Arzt und Naturschützer/Käthe Fritschi 138 Josef Dorer -ein Leben im Dienst der Stadt Furtwangen/Wilfried Dold 141 Karl Ohnmacht -über ein Vierteljahrhundert in der Verantwortung für Pfohren/ 143 Ernst Zimmermann Max Herr -der „Uhrmacher der Päpste“ /Eberhard Stadler 145 Elai .. ./Gedicht von Gertrud Mager 146 Kirchen, Mission Die Kirche des Klosters St. Ur ula in Villingen ist renoviert/Dekan Kurt Müller 147 P. Magnus Volk-ein Gremmelsbacher Missionar in China/Karl Volk 151 318

E herzlichi Bitt’/Gedicht von Elisabeth Neugart Vergänglich/Gedicht von Johannes Hawner Die Kapelle auf dem Schabel/Christiana Steger Der Schwarzwald-Baar-Kreis in Farben (Einlage) Der Landkreis und der Jakobsweg nach Santiago de Compostela Der Jakobsweg -Bedeutung und Ausstrahlung/Fernando Dominguez Jakobus krönt zwei Pilger“/Dekan Kurt Müller Jakobsverehrung und Jakobswege im Landkreis/Dr.Joachim Sturm Heiteres aus dem Klosterleben St. Ursula Sommerliche Dörferrunde der Ursulinen mit ihrem Break (bis etwa 1930)/Helmut Groß Verwechslung/Gedicht von Helmut Groß Das Amtsgericht Villingen im Wandel der Zeit Entstehung und Entwicklung des Amtsgerichts Villingen/Siegfried Hiesel Die Restaurierung des Amtsgerichts Villingen/Richard Sah! Baudenkmäler, Alte Schwarzwaldhöfe Die Renovierung der Entenburg in Pfohren/Antonia Reichmann Rauchküchen in Schwarzwaldhäusern/Ulrich Schnitzer Fascht verrote/Gedicht von Bertin Nitz Museen Aus den Fürstlich Fürstenbergischen Sammlungen ·in Donaueschingen -der Falkensteiner Altar des Meisters von Meßkirch -rechter Standflügel/Martin Hermanns Internationales Luftfahrt-Museum auf dem Schwenninger Flugplatz/Christine Käste! Ländlicher Flugplatz oder Lilienthal im Aitrachtal/Gedicht von Jürgen Henckell Vom Lein zum Leinen -Gerätesammlung für die verschiedenen Arbeitsschritte im Kelnhof-Museum in Bräunlingen/Susanne Huber-Wintermantel, M. A. Mariä Liechtrneß/Gedicht von Gottfried Schafbuch Kunst und Künstler Der Baarmaler Hans Schroedter -Illustrationen für Kinder/Christiana Steger Rolf Kammerer (1888-1961) -ein Ma.ler des Hochschwarzwaldes und des Bodensees/ Gerd Bender Vom Hirtenbub zum Trachtenmaler -J. B. Tuttine – ein Baaremer, der im Biedermeier Karriere machte/Dr. Lorenz Honold Emmerich Esterle – Steintechniker, Steinmetz- und Bildhauermeister/Wemer Heidinger Kunst am Bauzaun des Landratsamtes -gestaltet von der Arbeitsgemeinschaft „Wir malen“ des Gymnasiums am Romäusring im Stadtbezirk Villingen/Regina Hiekisch Heimat, Brauchtum, Mundart Der Kaib/Karl Volk Der »Frauendreißiger“ -als die Gewürzweiber auf der Baar noch Heilkräuter sammelten/ Lorenz Honold Die Tracht in Buchenberg/Johann Haller Der Osterschwamm/Karl Volk 2 Gedichte von Margot Opp Gesundheit, Soziales, Jugendbetreuung Caritasverband für den Schwarzwald-Baar-Kreis – Perspektiven für die Arbeit der kommenden Jahre/Pia Brenner Gutes Herz/Gedicht von Johannes Hawner Die kreiseigene Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche/Roland Stieber 155 157 158 160 161 16 9 172 180 181 183 187 193 196 203 204 207 209 210 213 2 14 220 228 230 234 236 239 241 244 246 247 251 252 319

Aussagen/Gedicht von Jürgen Henckell In Donaueschingen: MS-Erkrankte suchen Kontakt mit der Bevölkerung/Silvia Kern Silvester/Gedicht von Margot Opp 253 254 255 Verkehrswesen 100 Jahre Strategische Bahnen – unter besonderer Berücksichtigung der Museumsbahn Wutachtall Karl-Hans Zimmermann Bahnverbindung Schwenningen – Tuttlingen – Erinnerungen an eine nicht gebaute Bahnlinie/ Ernst Braunschweiger En Trom/Gedicht von Arthur Duffner 256 258 263 Landschaft, Naturdenkmäler, Umweltschutz Emil Kurz – Leiter des Staatlichen For tarnt Villingen von 1933 bis 1952/Prof. Dr. Karl Hasel Vision Grün/Gedicht von Christiana Steger Unterhölzer – ein weitläufiger Forst beim Wartenberg/Georg Goerlipp Die Herkulesstaude im Schwarzwald-Baar-Kreis/Dr. Klaus Münzing Der „Buchene tumpen“/Hans Letule Der Weißstorch – nur noch in Pfohren heimisch/Roland Kalb Trinkwasser – eine wichtige Lebensgrundlage – die Wasserversorgung St. Georgens aus historischer Sicht/Hans-Martin Müller Meersburger Notturno/Gedicht von Jürgen Henckell Stätten der Gastlichkeit und der Entspannung Der Schwarzwaldgasthof „Schwanen“ in Schonach/ Alexander Jäckle 250 Jahre Höhengasthaus „Kreuz“ Furtwangen-Escheck/Emil Rimmele Die „Krone“ in Peterzell – Erinnerungen an ein gastronomisches Kleinod/ Hermann Seifermann Dr verheit Mage/Gedicht von Bertin Nitz Lindebluescht/Gedicht von Gottfried Schafbuch Sport Fünf erfolgreiche Ski-Internatsjahre im Rückblick – die Furtwanger Einrichtung im Aufwärtstrend/Klaus Faißt Segelflugzeug auf den Namen „Schwarzwald-Baar-Kreis“ getauft Prosa und Lyrik aus der Heimat Alemannische Sagen und Schwänke – dem Erzähler Max Rieple zur Erinnerung an seinen zehnten Todestag/Werner P. Heyd I(jnderangst/Gedicht von Max Rieple Besuch bei Paganini/Max Rieple Träume in einem Kreuzgang/Karl Volk Schwarzwälder Leben – Gedichte in Schwarzwälder Mundart von Arthur Duffner 4 Gedichte von Christiana Steger 3 Gedichte von Jürgen Henckell Verschiedenes Personen und Fakten Orden, Medaillen Bevölkerungsentwicklung Ausländer in Zahlen Ergebnis der Kreistagswahl vom 22.10.1989 Kreiswettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ Farbaufnahmen und Fotonachweis Die Autoren unserer Beiträge Inhaltsverzeichnis 320 264 266 267 273 275 276 280 284 285 289 292 295 295 296 298 299 301 302 304 306 308 309 310 311 311 312 313 313 314 315 317

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Almanach 1990 https://almanach-sbk.de/almanach-1990/ Fri, 20 Dec 2019 11:54:41 +0000 https://almanach-sbk.de/almanach-1990/ Almanach 90 Schwarzwald-Baar-Kreis Heimatjahrbuch des Schwarzwald-Baar-Kreises 14. Folge Herausgeber: Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis Redaktion: Dr. Rainer Gutknecht, Landrat Helmut Heinrich, Schulamtsdirektor i. R. Dr. Joachim Sturm, Kreisarchivar Karl Volk, Realschuloberlehrer Für den Inhalt der Beiträge sind die jeweiligen Autoren verantwortlich Verlag, Druck und Gestaltung: Todt-Druck GmbH, Villingen-Schwenningen

Ehrenliste der Freunde und Förderer des Almanach 1990 ANUBA-Beschläge X Heine & Sohn GmbH, Donaueschinger Straße 2-6, Vöhrenbach Auer + Weber, Freie Architekten Dipl.-Ing. BOA, Königsträßle 2, Stuttgart-Degerloch Dr. Hanno Augstein, Donaues,hinger Straße 15, Hüfingen Baden-Württembergische Bank AG, Filiale ViUingen­ Schwenningen Dr. Klaus Bätz, BHW Bausparkasse, Bezirksdirektion Villingen Bank für Gemeinwirtschaft AG, Kronenstraße 38, Villingen-Schwenningen Alfred Bausch, Rosen-Apotheke, Espenstraße 3, Blumberg Bezirkssparkasse Donaueschingen Franz Blaser, freier Architekt, Rietgasse 20, Villingen­ Schwenningen Ingenieurbüro Horst Budde, Pestalozzistraße 65, Villingen­ Schwenningen Burger Industriewerk GmbH & Co. KG, Schonach EGT Elektrizitäts-Gesellschaft Triberg GmbH, Schonacher Str. 2, Triberg Claus Eller, Zahnarzt, Neue Heimatstraße 2, Vöhrenbach Helmut W. Falk, Wirtschafts- und Unternehmensberater, Fürstenfeldbruck Willi Frank, Matthias-Grünewald-Straße 5, Freiburg Emil Frei GmbH & Co., Lackfabrik, Bräunlingen­ Döggingen Lars Frykman, Zahnarzt, Vor Weiden 25, Blumberg S. D. Joachim Fürst zu Fürstenberg, Donaueschingen Walter Glatz, Blumberg Dipl.-Ing. Theo Greiner, Kolpingstraße U, Donaueschingen Heinemann GmbH & Co. KG, Städtereinigung, Hauptstraße U, Spaichingen heri Herbert Rigoni, Kugelschreiber und Stempelfabrik, Niedereschach-Fischbach Dr. med. Egon Hochmann, Triberg Hock GmbH, Schönwald-Triberg Institut Dr. Jäger, Friedrichstraße 9, Villingen­ Schwenningen Erwin Kaiser, Hotelier i. R., Villingen-Schwenningen Kraftwerk Laufenburg, Laufenburg Küpper-Weisser GmbH, Wintermaschinen, Bräunlingen Dr.Josef Kury, Seb.-Kneipp-Straße 114, Villingen-Schwenningen Lauffenmühle GmbH, Waldshut-Tiengen MAICO Elektroapparate-Fabrik GmbH, Burgstraße 65, Villingen-Schwenningen Vermessungsbüro Dipl.-Ing. Viktor Mandolla, Villingen­ Schwenningen MEKU GmbH, Dauchingen 2 Leopold Messmer, Dipl.-Ing. FH, Freier Architekt, Bühlhofstraße 8, Furtwangen Metallwerke Schwarzwald GmbH, Lantwattenstraße 11, Villingen-Schwenningen Helmut Ochs, Freier Architekt, Hauptstraße 46, Blumberg Dr. Peter Pfaff, Villingen-Schwenningen Prof. Dr. med. E. Proß, VS-Pfaffenweiler Guido Rebholz, Architekt, Zehntstraße l, Bad Dürrheim RlCOSTA GmbH & Co. Schuhfabriken, Dürrheimer Straße 43, Donaueschingen Tannheimer Säge Anne Rieple-Offensperger, Friedrichstraße !, Bad Dürrheim Dr. Ernst Roskothen, Finanzpräsident a. D., Bad Dürrheim Dipl.-Ing. Eckart Rothweiler, Freier Architekt, Karlstraße 63, Donaueschingen Dr. med. P. Samimi, Chefarzt der chir. Abt. des Städt. Krankenhauses Furtwangen SCHMIDT Feintechnik GmbH, St. Georgen S. Siedle & Söhne Telefon- und T elegrafenwerke Stiftung & Co., Bregstraße 1, Furtwangen Franz Singer, Inh. E. Ettwein, Papier- und Bürobedarf, Niedere Straße 17, Villingen-Schwenningen Sparkasse Villingen-Schwenningen mit Hauptanstalt in Villingen, Zweiganstalten in Schwenningen und Triberg, Hauptzweigstellen in Bad Dürrheim, Königsfeld, Schonach und Vöhrenbach und weiteren 41 Geschäftsstellen Spar- und Kreditbank Donaueschingen-Villingen eG Günther Stegmann, Fabrikant, Donaueschingen STRAUB-Verpackungen GmbH, Bräunlingen TR W Thompson GmbH & Co. KG, Präzisionsventile für die Motoren- und Automobilindustrie, Blumberg Dr. med. Johannes Unseld, Facharzt, Suntheimstraße 20, Donaueschingen-Aufen Reinhold Wauer, Uhrarrnbandfabrik, Alte Randenschule, Blumberg F. K Wiebelt GmbH & Co. KG, Büroorganisation, Vockenhauser Straße 9, Villingen-Schwenningen Michael Wiesenbacher, Rechtsanwalt, Gartenstraße 17, Lambrecht Dr. med. Fritz Wilke, Obere Waldstraße U, Villingen­ Schwenningen Udo Zier GmbH, Furtwangen 9 weitere Freunde und Förderer des Almanach wünschen nicht namentlich genannt zu werden.

Heimat und die weite Welt Dem Heimatjahrbuch des Schwarzwald-Baar-Kreises 1990 zum Geleit Millionen Deutscher reisen jedes Jahr in alle Teile der Welt. Die Urlaubsreise weit weg, nicht selten mit dem Flugzeug unternommen, gehört für viele unserer Lands­ leute zum nicht mehr als außergewöhnlich empfundenen sogenannten Lebensstan­ dard. Wir dürfen uns freuen, daß wir nach einer Zeit der Entbehrung im 2. Weltkrieg und des Wiederaufbaues unseres Landes – die Älteren erinnern sich noch daran – über 40 Jahre im Frieden leben und heute uns die ganze Welt offen steht. Das Ken­ nenlernen fremder Länder kann uns die Augen für die landschaftlichen Schönheiten unserer Erde sowie andere Sitten und Gebräuche öffnen. Reisen in die „ weite Welt“ steht nicht im Gegensatz zur Heimatliebe. Wir kennen den Drang, aus den eigenen „vier Wänden“ in die Feme zu fliehen. Folgende Worte Stefan Zweig’s stehen hierfür: Herz, raff auf dich zu reisen, nur so enifliehst du Gewalt und Gesetz, enifliehst du der eigenen Schwere, die dir dein Wesen umschränkt und erdrückt. Wiif dich ins Weite wiif dich ins Leere nur Ferne gewinnt dich dir selber zurück! Der Almanach versucht den Bezug zur „ weiten Welt“ immer wieder in Beiträgen, die über unseren engeren Bereich hinausreichen, herzustellen. Weltoffenheit und Heimatliebe – dies sind auch besondere Eigenschaften des alemannischen Men­ schenschlages, zu dem wir gehören. Ich danke auch in diesem Jahr allen, die an dieser Ausgabe mitgewirkt haben, besonders auch unseren Freunden und Förderern. Mit ihrer Hilfe ist wiederum ein gut ausgestatteter und preiswerter Band entstanden. Möge das neue Heimatjahrbuch in der Heimat und der weiten Welt eine freund­ liche Aufnahme finden! Dr. Rainer Gutknecht Landrat

Aus dem Kreisgeschehen Kreispolitik 1989 Die 3. Wahlperiode des Kreistages geht zu Ende. Am 22. Oktober 1989 wird ein neuer Kreistag gewählt werden. Der nachfolgende Bericht faßt die kreispolitische Arbeit im letzten Jahr der 3. Wahlperiode zusammen. Bemühungen um die heimische Wirtschaft Die Kreispolitik hat im Berichtsjahr an den Bemühungen, unseren Raum wirtschaft­ lich zu stärken, regen Anteil genommen. Von den drei Landkreisen in der Region hat es der Schwarzwald-Baar-Kreis in der Vergangen­ heit besonders schwer gehabt, die aufgrund seiner einseitigen Wirtschaftsstruktur da und dort aufgetretenen Schwierigkeiten zu über­ winden. Wir sind dem Land Baden-Würt­ temberg dankbar, daß es in Villingen­ Schwenningen neue Bildungseinrichtungen (Außenstelle der Fachhochschule Furtwan­ gen, Institut für Mikrotechnik) geschaffen hat, die der gesamten Region zugute kom­ men. Wir hoffen, daß diese Einrichtungen dazu beitragen, mittelfristig weitere Arbeits­ plätze zu schaffen und unseren jungen Mit­ bürgern mehr als bisher die Möglichkeit eröffnen, ihre berufliche Zukunft in unserem Raum zu sehen. Zusammen mit den Bemü­ hungen unserer Wirtschaft, auf neue Pro­ dukte und Produktionsverfahren umzustel­ len, sind gute Grundlagen für eine stetige Verbesserung unserer wirtschaftlichen Lage vorhanden. Der Landkreis hat sich bemüht, seinen Teil für eine gedeihliche Entwicklung der Neu in der Redaktion ist Kreisarchivar Dr. Joachim Sturm. 4 Wirtschaft beizutragen. Das breite Angebot in unseren Beruflichen Schulen gibt unserer Jugend die Möglichkeit, sich für das spätere Berufsleben ein gutes Rüstzeug zu erwerben. Besonders erfreut sind wir darüber, daß der Stand der Jugendarbeitslosigkeit bei uns bundesweit sehr günstig ist. Dies ist u. a. das Ergebnis von Bemühungen vieler: dem Arbeitsamt; dem Verein zur Förderung der beruflichen Bildung im Schwarzwald-Baar­ Kreis e. V., Bildungszentrum Turmgasse im Stadtbezirk Villingen; der vom Landkreis getragenen Sozialen Betreuungsstelle für im Schwarzwald-Baar-Kreis Jugendliche sowie dem Verein für Jugendhilfe im Schwarzwald-Baar-Kreis e. V. Ein weiterer wirtschaftlicher Beitrag des Landkreises liegt in der Förderung des Fremdenverkehrs, hier insbesondere durch die Zentrale Zimmerver­ mittlung (ZZ). Im Jahre 1988 wurde über die ZZ ein Umsatz von 682.200,- DM erzielt, für 1989 ist ein Umsatz von rund 800.000,- DM zu erwarten. Neubau Landratsamt wurde begonnen Am 4. April 1989 wurde auf dem Hopt­ bühlgelände im Stadtbezirk Villingen der „Startschuß“ für den Neubau des Landrats­ amtes gegeben. Die Planungsarbeiten konn­ ten zügig fortgesetzt werden. Dazu gehörte auch die Absprache mit der Stadt Villingen­ Schwenningen über die Einbindung des neuen Verwaltungsgebäudes auf dem Hopt­ bühlgelände. Im Sinne der Stadt Villingen­ Schwenningen war es auch, daß die sich in unmittelbarer Nähe befindliche „Grüninger Villa“ saniert und nicht, wie eine Zeitlang vorgesehen, für Hausmeisterzwecke einem Neubau geopfert wird. Die Bauzeit beträgt 2 bis 2 112 Jahre, so daß das neue Haus voraus­ sichtlich im Jahre 1991 bezogen werden kann.

Neubau Berufliche Schulen Furtwangen im Wettbewerb Auch das Bauvorhaben des Neubaus der Beruflichen Schulen in Furtwangen zusam­ men mit dem Land Baden-Württemberg machte Fortschritte. Im Jahre 1989 wird ein Architektenwettbewerb durchgeführt, über den noch im gleichen Jahr entschieden wird. Mülldiskussion Auch in diesem Berichtsjahr wurde die Mülldiskussion weitergeführt. Sie wurde durch das Angebot des Landkreises Rottweil an den Schwarzwald-Baar-Kreis ausgelöst, sich zusammen mit dem Landkreis Tuttlin­ gen einer im Landkreis Rottweil zu bauenden Müllverbrennungsanlage anzuschließen. Im Laufe des Jahres wurden eine Reihe von Besichtigungen durchgeführt und mehrere Sachverständige in den zuständigen Aus­ schuß eingeladen. Die Diskussion drehte Spatenstich for den Neubau des Landratsamtes am 4. April 1989. Links: Bürgermeister Kühn, Villingen-Schwenningen, rechts: Landrat Dr. Gutknecht. sich vor allem darum, ob die Verbrennung als Stand der Technik nicht durch Schadstoff­ ausstoß gesundheitliche Gefahren enthält und deswegen das Schwelbrandverfahren (Pyrolyse) in einer seiner technischen Aus­ führungen den Vorzug verdient, obwohl bis­ her Erfahrungen im Großeinsatz noch feh­ len. Einig sind wir in der Auffassung, daß der Müll noch mehr als bisher reduziert werden und auch über die Wiederverwertung (Recycling) die Müllmenge noch weiter ein­ geschränkt werden muß. Aber trotz allem verbleibt ein Rest, der beseitigt werden muß. Die Deponierung auf der Deponie Tuningen ist nur noch bis zum Jahre 1995 möglich und daran anschließend auf der Deponie Tal­ heim (Landkreis Tuttlingen) bis zum Jahre 2004. Die kreiseigene Deponie in Hüfingen für das südliche Kreisgebiet reicht noch bis zum Jahre 2023. Die Deponierung des Rest­ mülls ist also nur noch zeitlich beschränkt möglich, abgesehen davon, daß aus Sicher- 5

Neubaugelände für das Landratsamt. Oben bei Baubeginn im April 1989, unten Stand August 1989. 6

heitsgründen der thermisch unbehandelte Müll nicht mehr länger deponiert werden sollte. Wenn man weiter bedenkt, daß die Vorlaufzeit für ein neues Beseitigungsverfah­ ren 10 Jahre betragen dürfte, haben auch wir im Schwarzwald-Baar-Kreis nicht viel Zeit zu verlieren. Der Kreistag hat in seiner Sitzung am 3. 7.1989 das Angebot des Landkreises Rott­ weil nicht vorbehaltlos angenommen, son­ dern die Auffassung vertreten, daß neben dem Verfahren der Müllverbrennung auch das Pyrolyseverfahren als Abfallentsorgungs­ art gleichrangig geprüft werden muß. Unter Berücksichtigung dieser Vorgabe ist der Schwarzwald-Baar-Kreis bereit, mit den Landkreisen Rottweil und Tuttlingen zusam­ men eine thermische Anlage zu bauen 0fer­ brennung oder Pyrolyse), allerdings nur für eine Teilmenge, die jeweils den Müllanteilen der Landkreise Rottweil und Tuttlingen ent­ spricht. Nach Auffassung des Schwarzwald­ Baar-Kreises muß in dem zunächst durchzu­ führenden Raumordnungsverfahren samt Umweltverträglichkeitsprüfung und dem Verfahren zur Standortbestimmung sowohl der Bau einer Müllverbrennungsanlage als auch einer Pyrolyseanlage einbezogen wer­ den. Bei der künftigen Ausschreibung zum Bau einer thermischen Müllverwertungs­ anlage müssen schließlich Angebote sowohl für eine Müllverbrennungsanlage als auch für eine Pyrolyseanlage eingeholt werden. Es bleibt abzuwarten, ob die Nachbarkreise Rottweil und Tuttlingen auf dieses Gegenan­ gebot eingehen. Fortschreibung Altenplan Der Kreistag hat im Jahre 1980 einen Altenplan beschlossen, in dem der Bedarf an Altenheim- und Altenheimpflegeplätzen sowie die Förderung durch den Landkreis enthalten waren. Die bisherigen Berechnun­ gen sind von der Zahl der älteren Menschen von über 65 Jahren ausgegangen und haben hierauf einen Bedarfseckwert bezogen. Der Gesamteckwert für den Landkreis betrug 4%. Die auch bei uns gemachten Erfahrungen haben gezeigt, daß man den Bedarf an Heim­ plätzen mit einem einzigen Richtwert für die gesamte ältere Bevölkerung nicht genau berechnen kann. Notwendig sind altersgrup­ penspezifische Eckwerte, die von den kom­ munalen Spitzenverbänden und anderen ausgearbeitet und die der neuen Berechnung des Bedarfs im Schwarzwald-Baar-Kreis zugrunde gelegt wurden. Danach besteht bei uns im Jahre 1990 ein Überhang von 303 Altenheimplätzen und ein Fehlbedarf von 159 Pflegeheimplätzen, wobei sich in den Raumschaften im Landkreis ein unterschied­ liches Bild ergeben kann. Das Ergebnis der neuen Überlegungen, die vom Kreistag gebilligt worden sind, ist, daß eine Umwandlung von planerisch über­ zähligen Altenheimbetten in Pflegeheimbet­ ten anzustreben ist. Dieses kommunalpoli­ tische Ziel wird vom Landkreis auch finan­ ziell unterstützt. Einrichtung von Kurzzeitpflegeplätzen Auch bei uns hat sich die Erfahrung bestä­ tigt, daß Pflegebedürftigen für kürzere Zeit ein Pflegeplatz zur Verfügung gestellt werden sollte, um den betreuenden Familienangehö­ rigen die Möglichkeit zu geben, eine Reise oder einen dringenden Erholungsurlaub anzutreten. Nach Beschlußfassung im zu­ ständigen Ausschuß haben wir mit den in Frage kommenden Heimen Verbindung auf­ genommen, um zunächst 13 Plätze als Kurz­ zeitpflegeplätze vorzuhalten. Die finanziel­ len Fragen konnten mit den Heimen geklärt werden. Es bleibt abzuwarten, ob nach dem ersten Einstieg noch weitere Kurzzeitpflege­ plätze für unsere Hochbetagten vorgehalten werden müssen. Betreuung der Aussiedler Am Ende des Berichtsjahres steht eine neue Aufgabe an, die auf die Landratsämter als staatliche untere Verwaltungsbehörde voraussichtlich mit Wirkung vom 1. Januar 7

übertragen. Wir sind grundsätzlich bereit, Mitverantwortung für die Bewältigung dieser nicht einfachen Aufgabe zu übernehmen. Dies bedeutet, daß außer der zusätzlichen Belastung unseres Personals eine Vielzahl neuer und schwieriger Aufgaben auf uns zukommen werden. Wir sind zuversichtlich, daß es uns gelingen wird (hoffentlich bei vol­ lem Kostenausgleich durch das Land), das Einleben der Aussiedler, die ja Deutsche sind, so gut wie möglich zu unterstützen. Dr. Rainer Gutknecht Landrat von der sich der baden-württembergische Wirtschaftsminister Martin Herzog bei sei­ nem Messerundgang sowohl in der Art wie auch in den Einzelthemen angesprochen fühlte. Minister Martin Herzog (Mitte) beim Besuch auf dem Messestand, links: Landrat Dr. Gut­ knecht, rechts: Oberbürgermeister Dr. Gebauer. Südwest-Messe 1989 1990 übertragen werden wird: die Betreuung der Aussiedler. Der Zustrom von Aussiedlern hält auch im Schwarzwald-Baar-Kreis unver­ ändert an. Waren es 1986: 258, 1987: 374, 1988: 1063 Aussiedler, die in den Landkreis gekommen sind, rechnen wir 1989 mit einer Zugangsquote von rund 1500 Aussiedlern. Die vorläufige Unterbringung und danach ihre endgültige Eingliederung ist eine Auf­ gabe, die besondere Anstrengung verlangt. Das Land Baden-Württemberg beabsichtigt, die bisher bei den Regierungspräsidien lie­ gende Zuständigkeit auf die Landratsämter als staatliche untere Verwaltungsbehörde zu 30.Südwest-Messe in Villingen-Schwen­ ningen, ein aktueller Anlaß für den Schwarz­ wald-Baar-Kreis, sich nach einer Pause von 8 Jahren wieder einmal auf dieser Messe zu prä­ sentieren. Aktuelles Thema dieser Kreispräsentation war: „Heimische Wirtschaft -Was tut der Schwarzwald-Baar-Kreis“ und umfaßte mit­ tels ansprechender Bilder und informativen Texttafeln und Grafiken die Einzelthemen: •Der Fremdenverkehr als Wirtschaftsfak­ tor•Das Berufliche Schulwesen •Wirtschaftsförderung – Argumente für unseren Landkreis •Standortwerbung – Standortdatenbank Eurosite •Strukturdaten des Landkreises. Darüberhinaus waren die Regionalpart­ nerschaft des Regierungsbezirks Südbaden und der philippinischen Provinz Albay sowie das Bildungszentrum Turmgasse, einer Bil­ dungseinrichtung der Fa. Fr. Winkler GmbH & Co. KG, zu der der Schwarzwald-Baar­ Kreis seit Jahren enge Verbindungen unter­ hält, mit im Stand integriert. Eine Vielzahl von Sonderaktionen wäh­ rend der Messe ergänzten diese Darstellung, Der Landkreis war dabei 8

Von diesen Sonderaktionen war der Tag der Zentralen Zimmervermittlung, der auch in das offizielle Messeprogramm aufgenom­ men wurde, wohl die herausragende. Zu die­ sem Tag hatte die von den Landkreisen Schwarzwald-Baar und Rottweil getragene und mit Erfolg als regionalem Reiseveran­ stalter arbeitende Zentrale Zimmervermitt­ lung alle im Verkaufskatalog angeschloße­ nen Beherbergungsbetriebe zu einem Gedanken- und Erfahrungsaustausch einge­ laden. Die große Zahl der Gäste am Stand des Landkreises zeigte, welche Bedeutung diese Verkaufseinrichtung im Bewußtsein der hei­ mischen Fremdenverkehrsbetriebe erlangt hat. Nach der Darstellung der Standortda­ tenbank Eurosite am praktischen Beispiel war „CIM“ (computer integrated manufac­ turing) das Reiz- und Zauberwort, das bei einer weiteren Aktion eine Vielzahl von Mes­ sebesuchern an den Stand des Landkreises lockte, die die anwesenden Vertreter des Bil­ dungszentrums Turmgasse mit einer Fülle von Fragen überhäuften. Voll im Zeichen von Albay standen der Fronleichnamstag und der darauffolgende Freitag. Im optisch, mit Situationsfotos und handwerklichen Erzeugnissen auf diese phi­ lippinische Partnerregion umgestalteten Messestand, war zusätzlich eine Tombola mit wertvollen Preisen aufgebaut. Und daß Partnerschaft im Schwarzwald-Baar-Kreis in seiner ursprünglichen Bedeutung verstanden wird, unterstreicht am besten die Tatsache, daß am Fronleichnamstag Landrat Dr. Rai­ ner Gutknecht bis zum Messeende als Los­ verkäufer zugunsten von Albay tätig war. Welche Beachtung und welch positives Echo das Auftreten des Landkreises während der Messe fand, verdeutlichen die zwei In­ terviews bei „RT 4“, dem offiziellen Messera­ dio, zu dem Thema Fremdenverkehr im Schwarzwald-Baar-Kreis sowie ein weiteres Interview beim Privatsender „Radio 7“ über die Aufgaben des Landkreises. Neben viel augenfälliger Information gab es aber auch etwas zu gewinnen. Im parallel zur Messe laufenden Preisausschreiben konnten sich die Preisträger über Rundflüge über den Landkreis, ein Abendessen mit dem Landrat für zwei Personen sowie 50 Aus­ gaben des neuen Almanachs freuen. Bei Würdigung aller Aktivitäten kann die Arbeit im und am Messestand des Schwarz­ wald-Baar-Kreises als Erfolg gewertet werden. Der Stand fand großen Anklang und vermit­ telte dem Messebesucher, daß sich die Auf­ gaben des Landkreises nicht in der „reinen Verwaltungstätigkeit erschöpfen“, sondern sich zwischenzeitlich auch auf Dienstlei­ stungsbereiche erstrecken. Jürgen Moser Zu einem Gespräch über Pro­ bleme und Entwickl.ungschan­ cen des ländlichen Raumes weilte der Minister für den ländlichen Raum, Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, Herr Dr. h. c. Gerhard W e i­ s e r, am 11. November 1988 im Schwarzwald-Baar-Kreis. Unser Bild zeigt Herrn Mini­ ster Dr. h. c. Weiser bei seinen Ausführungen in der Stadt­ halle in Hüfingen. 9

Unsere Städte und Gemeinden, Wappen 850 Jahre Aufen Historische Aspekte einer Ortsteilfeier „Behüt‘ Dich Gott, es wär‘ so schön gewe­ sen; behüt‘ Dich Gott, es hat nicht sollen sein … „: Mit den Tönen dieser Abschiedsmelo­ die aus Scheffels „Trompeter von Säckingen“ begleitete Ernst Marx, damals Dirigent des Musikvereins Aufen, auf seiner Trompete den Abtransport der Aufener Gemeindebü­ cher und Ratsprotokolle nach Donaueschin­ gen am 2. April 1935. Tags zuvor war die Gemeinde Aufen „mit der Stadtgemeinde Donaueschingen zu einer einfachen Ge­ meinde vereinigt“ worden. Freilich, dazu hatte es mehrerer Anläufe bedurft. Und im Unterschied zu den diver- sondern sen Eingemeindungsverfahren der 1970er Jahre standen 1935 nicht administrative und ökonomische Überlegungen im Vorder­ grund, taktische Erwägungen nationalsozialistischer Kommunalpolitiker (zu den Einzelheiten vgl. den Beitrag von Rüdiger Schell im diesjährigen Almanach S. 13 ff). Müssen die Hintergründe der Einge­ meindung Aufens somit aus heutiger Sicht befremden, so drängt sich in der nüchternen Rückschau allerdings die -tröstliche? -Fest­ stellung auf, daß die Eingemeindung sowohl Aufen als auch Donaueschingen wirtschaft­ liche Vorteile brachte. . Rufen bei Donoueschinnen Postkarten-Blick aef Auftn kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Als Einzelmotiv wurde die 18 87 /8 8 errich­ tete, 1939 durch einen Brand größtenteils zerstörte neogotische Kirche herausgehoben. 10

St. Georgen im Schwarzwald, 1138 (Kopie des 16.}ahrhunderts). Abt Johannes von St. Georgen läßt zu Beginn seiner Amtszeit aufzeichnen, welche Güter das Kloster unter seinem Vorgänger, Abt Werner, erhalten hat. Der Hinweis auf Aufen in Zeile 10 (von oben) bot den Anlaßfiir die 850-Jahr-Feier des Ortes 1988. Generallandesarchiv Karlsruhe, 67 II 234 fol. 9ZV Schlägt man den historischen Bogen wei­ ter zurück, so erscheinen Donaueschingen und Aufen seit jeher eng verbunden. Ja, man muß zur Kenntnis nehmen, daß Aufen von Anbeginn auf Donaueschingen bezogen war. Denn „Aufheim“, so der eigentliche Ortsname, bedeutet schlicht „aufwärts gele­ gene Siedlung“. Aufen wurde also „aufwärts“ von einer schon bestehenden Siedlung ange­ legt, nämlich brigachaufwärts von Donau­ eschingen. Zeitlich können wir die Ortsgrün­ dung nicht mehr genau bestimmen, doch wird die ursprüngliche Bindung Aufens an Donaueschingen nicht nur über den Ortsna­ men faßbar. Aufen war, soweit wir zurückzu­ blicken vermögen, kirchlich stets eine Filiale der Pfarrei Donaueschingen. Jahrhunderte­ lang blieb man es in der fürstenbergischen Landesverwaltung gewohnt, die Einwohner beider Orte gemeinsam zu zählen und zu besteuern. Bereits für die Frühphase der schriftlichen Bezeugung beider Orte werden wir auf ihre enge Verbindung verwiesen. Am 5. Juni 889 ließ König Arnulf im fränkischen Pfalzort Forchheim eine Urkunde ausstellen. Er schenkte dem Kloster Reichenau alle königli­ chen Besitzungen samt Leuten und Gütern in (Donau-)Eschingen; auf dieses Dokument beziehen sich die Feierlichkeiten Donau­ eschingens im Jubiläumsjahr 1989. Mit Hilfe dieses Zeugnisses, das bis heute im Original 11

erhalten geblieben ist, hat im frühen 12. Jahr­ hundert ein uns namentlich nicht bekannter Reichenauer Mönch eine Fälschung her­ gestellt, mit der er Rechtsansprüche des Bodenseeklosters zu untermauern suchte. Er übernahm den gesamten Text der echten Urkunde von 889, fügte ihm aber noch wei­ tere Bestimmungen hinzu. So sollte 889 nicht nur das Königsgut in Eschingen, son­ dern auch dasjenige in den benachbarten Orten Aufen und Suntheim (abgegangen) an die Georgskirche zu Reichenau-Oberzell gefallen sein. Außerdem sollten die Zinsleute zu Aufen nur der Gerichtsbarkeit eines Zins­ meisters unterliegen, den Abt oder Propst der Reichenau einzusetzen hätten. Behauptet wird also ein Rechtszusammen­ hang von Donaueschingen und Aufen, von dem wir nicht wissen, ob er tatsächlich ins 9. Jahrhundert zurückreicht, der aber drei Jahr­ hunderte später durchaus Bestand gehabt haben kann. eigens Ungefähr zur gleichen Zeit, in der jener Urkundenfälscher arbeitete, ließ ein Abt des Schwarzwaldklosters St. Georgen Schenkun­ gen verzeichnen, die in den letzten zwei Jahr­ zehnten an diese geistliche Gemeinschaft geleistet worden waren. Exakt zum Jahr 1138 erfahren wir somit, daß Abt Werner (1119-1134) seinem Kloster zwei Eigengüter in Aufen vermacht hatte, darunter die Aufener Mühle. Mit diesem Datum ist zugleich die erste gesicherte schriftliche Nennung des Ortes Aufen gegeben – ein willkommener Anlaß für die Aufener des Jahres 1988, mit ihrer 850- Jahr-Feier der 1100-Jahr-Feier der heutigen Muttergemeinde Donaueschingen (1989) festlich zuvorzukommen. Höhepunkt war das Straßenfest in der Brigachtalstraße vom 18./19. Juni 1988, zu dem zeitgleich eine – außergewöhnlich gut besuchte – historische Ausstellung im Probelokal des Musikvereins gezeigt wurde („Spurensuche in der Heimat – ausgewählte Zeugnisse zur Geschichte Aufens und seiner Bewohner“). Der Festvor­ trag, dessen Anmerkungen zur Aufener Geschichte unter dem Motto „Ein selbstbe- 12 wußter Ort“ standen, erfuhr durch die enga­ gierte und liebevolle Organisation jener Fest­ lichkeiten noch eine nachträgliche Bestäti­ gung. Das Aufener Selbstbewußtsein hat sich im Lauf der Geschichte gerade in der Abset­ zung vom dominanten Nachbarort Donau­ eschingen geltend gemacht, noch im 19.Jahr­ hundert etwa mit einem Protest gegen die fürstlich-fürstenbergische Standesherrschaft (wegen deren Weigerung, die Unterhaltsko­ sten für den Straßenbau mitzutragen) oder im Einsatz für einen in Donaueschingen ungeliebten Pfarrer während des badischen Kirchenstreits. Am Aufstieg Donaueschingens seit dem 18. Jahrhundert hatte man in Aufen keinen Anteil. Wegen seiner natürlichen Lage in einer Ausbuchtung des nach Norden wie nach Südosten/Osten verengten Brigachtals blieb der Ort lange Zeit für sich. Heute ist das anders. Aus dem früher rein agrarisch gepräg­ ten Dorf ist ein beliebter Wohn- und Erho­ lungsort geworden, der sich auch ein halbes Jahrhundert nach dem Verlust seiner Eigen­ ständigkeit wahrhaft selbstbewußt zu feiern versteht. Die übrigen Donaueschinger, die nicht nur mitfeierten, sondern auch die Ver­ anstaltungen materiell unterstützen, nah­ men es wohlwollend zur Kenntnis. Dr. Volkhard Huth Ech schloof „Mathies, duer mer ’s Huus uffschließe; guck, ech ha de Schlüssel nitt, und vor luuter Zego spile bi ech hucke bliibe hitt.“ „Fridel, gell, ech ka nitt kumme und dech au nitt inni lau; woascht, ech duer scho ganz fescht Schließt si Feischter, lood e schtau. Gottfried Schafbuch [ schloofe“.

Aufen – der Donaueschinger Stadtteil mit den kleinen Besonderheiten Auftn vom Dribuck aus gesehen (im Hintergrund: Donaueschingen) Die Stadt Donaueschingen umfaßt heute neben der Kernstadt noch neun weitere Stadtteile. Und obwohl sich diese Stadtteile in Tradition, Struktur und Entwicklung ähn­ lich sind, steht einer davon, nämlich Aufen, bei vielen Besuchern -nicht nur bei den Ortsansässigen und den Lokalpatrioten -in dem Ruf, etwas Besonderes zu sein. Dieser Eindruck wird sicherlich zunächst durch die idyllische Lage des Ortes ein Kilo­ meter nordwestlich von Donaueschingen hervorgerufen: Am sanft ansteigenden Hang oberhalb der Talaue der Brigach gelegen und von Tannenwäldern umgeben, gleicht Aufen eher einem Schwarzwalddorf als einer typi­ schen Baaremer Siedlung. Gegenüber dem Buchberg und unterhalb des Betzenbühls zieht es sich westlich der Brigach hin, wobei der ländliche Charakter des Dorfes auch heute noch augenfällig ist. Erst bei genauerem Hinsehen erkennt man auch die Veränderungen der letzten Jahrzehnte. Oberhalb der alten Siedlung zwi­ schen dem Vorderen und dem Hinteren Berg, dort, wo noch vor wenigen Jahren Wiese und Ackerland waren, erstreckt sich jetzt das Neubaugebiet Endlins Breiten, das in den siebziger Jahren erschlossen wurde und wegen seiner ruhigen Lage nahe am Wald auch von etlichen Donaueschingern als neuer Wohnsitz gewählt wurde. Dabei wurden bauliche Sünden weitgehend ver­ mieden. Obwohl die Integration dieser etwa 200 Neubürger in den zurückliegenden 13

anderthalb Jahrzehnten durchaus Fort­ schritte gemacht hat, sind auch heute noch gelegentlich Vorbehalte gegen den „Millio­ nenbuckel“ spürbar, wobei die Ableitung dieser Bezeichnung insofern umstritten ist, als die einen sie vom angeblichen Besitzstand der Bewohner, die anderen von den Bau­ schulden der Anlieger ableiten – je nach dem Standort des Betrachters. Immerhin – und das ist die zweite Beson­ derheit – trägt Aufen seit dem 14. Mai 1980 als einziger Donaueschinger Stadtteil das staat­ lich zuerkannte Prädikat „Erholungsort“. An diesem Tag wurde die Auszeichnung „auf Grund des Gesetzes über die Anerkennung von Kurorten und Erholungsorten vom 14. März 1972″ durch das Regierungspräsi­ dium Freiburg, wie wir meinen: zu Recht, verliehen. Der Naherholungs- und Freizeit­ wert Aufens ist unbestritten. Ein weites Netz von Wald- und Feldwegen spannt sich über die 253 ha umfassende Gemarkung, die noch fast zur Hälfte (121,5 ha) mit ausgedehnten Wäldern bewachsen ist. Im Sinne von Freizeitgestaltung leistet die Kneippanlage an der Straße nach Grüningen ihren Beitrag, ebenso das Keglerheim mit sei­ nen acht Kegelbahnen und die Schießanlage des Kleinkaliber-Schützenvereins. Den gastronomischen Teil des Erholungsortes bestreiten neben dem bereits erwähnten Keg­ lerheim das Gasthaus „Sternen“ und das Hotel „Zum Waldblick“, das weit über die Stadtgrenze hinaus bekannt ist. Gerade in diesem Hotel mit seinen 4 5 modern aus­ gestatteten Gästezimmern steigen jedes Jahr ein paar tausend Urlauber ab, die, bei aus­ gezeichneter Unterbringung und Verkösti­ gung, von Aufen aus weite Wanderungen, angenehme Spaziergänge oder Tagesaus­ flüge in die Schweiz, an den Bodensee, nach Freiburg oder in den Schwarzwald unterneh­ men. Und so nimmt Aufen also auch in diesem Bereich eine gewisse Sonderstellung ein. Ebenso wich schon die Eingemeindung Aufens nach Donaueschingen 1935 vom damals üblichen Verfahren ab. Wie aus ver- 14 schiedenen anderen Beispielen hinreichend bekannt ist, wurden Eingemeindungen in Baden zu Beginn des Dritten Reiches vom Staatsministerium in Karlsruhe oder vom nationalsozialistischen Gauleiter gesetzlich angeordnet und sodann autoritär, also ohne lange Diskussion mit den betroffenen Bür­ gern, vollzogen. Anders war das in Aufen. Zunächst einmal war weder das Ministe­ rium noch die Gauleitung in Karlsruhe die treibende Kraft, sondern das Rathaus in Donaueschingen, wo seit dem Frühjahr 1934 Bürgermeister und NS-Kreisleiter Sedel­ meyer, ein überzeugter Nationalsozialist, das Sagen hatte. Ihn störte, daß man in Aufen „die Zeichen der neuen Zeit“ noch nicht recht erkennen wollte. Es gab da im Dorf zwei feindliche Lager: einerseits den sog. Zentrumsblock um den Bürgermeister Amann und seinen Bruder, der Ratschreiber war, eine Gruppe, die jahrelang die politische Stimmung prägte. Und andererseits war da ein harter „roter Kern“, etwa 20 bis 25 Bürger, die am Ende der Weimarer Zeit – vorwiegend aus Protest gegen den Zentrumsblock- kom­ munistisch gewählt hatten. Zudem aber, und dies bereitete den Nationalsozialisten beson­ deres Kopfzerbrechen, gab es 1934 – wie man vermutete, als Folge der innerörtlichen Spal­ tung – in Aufen noch kein einziges Mitglied der NSDAP. Sedelmeyer wurde daher aktiv. Nachdem der Aufener Bürgermeister bereits 1933 abge­ löst und ein Gemeinderat zum Nachfolger eingesetzt worden war, leitete der Donau­ eschinger Bürgermeister im Sommer 1934 die Eingemeindungsoffensive ein, dabei laut­ stark unterstützt vom „Schwarzwälder Tag­ blatt“, welches vor allem die wirtschaftlichen Vorteile einer Verbindung für beide Seiten, für Aufen noch mehr als für Donaueschin­ gen, herausstellte. Da die selbständige Gemeinde Aufen damals über 43 ha eigene landwirtschaftliche Grundstücke und 69 ha eigenen Wald sowie über weiteres bewegliches und unbewegli­ ches Vermögen verfügte und somit ein durchaus attraktives Objekt war, gingen die

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Donaueschinger sehr vorsichtig zu Werke. Ja, es kam, nachdem der Aufener Gemeinde­ rat einer Eingemeindung grundsätzlich zugestimmt hatte, gegen alle Gewohnheit zu langwierigen Verhandlungen, sie sich über sechs Monate hinzogen, so daß sogar der Eingemeindungstermin mehrfach verscho­ ben werden mußte. Am 24. bzw. 25. Januar 1935 stimmten dann die Gemeinderäte von Donaueschin­ gen und Aufen einem Vertrag zu, der das Bemühen dokumentiert, den Aufener Belan­ gen einigermaßen gerecht zu werden. Auch wenn dieser Vertrag, der am 1. April 1935 rechtskräftig wurde, mit den „freiwilligen Leistungen“ der Eingemeindungsverträge in den siebziger Jahren nicht mithalten kann, so waren die Vereinbarungen unter den damali­ gen politischen und wirtschaftlichen Ver­ hältnissen insgesamt doch bemerkenswert. Unter anderem enthielt er Zusagen für das kirchliche Leben im Dorf und besondere Bestimmungen über den Friedhof, den Stromlieferungsvertrag, den Farrenstall usw. Die bisherigen Gemeindebediensteten wur­ den von der Stadt Donaueschingen weiter­ beschäftigt; die geltenden Steuersätze wur­ den für fünf Jahre festgeschrieben. Ein Aufe­ ner Gemeinderat erhielt Sitz und Stimme im Donaueschinger Stadtparlament. So endete die Selbstständigkeit Aufens rund 800 Jahre nach der ersten urkundlichen Erwähnung des Dorfes. Heute ist Aufen in die Stadt Donau­ eschingen integriert, ohne seine Eigenstän­ digkeit in vielen Bereichen des täglichen Lebens aufgegeben zu haben. Zu dem guten Verhältnis zur Kernstadt hat die verständnis­ volle Haltung der Donaueschinger Nach­ kriegsbürgermeister Meßmer, Schrempp und Dr. Everke sowie des gesamten Gemein­ derats viel beigetragen. Zwar hat Aufen seit dem Krieg keinen ver­ traglich zugesicherten Stadtteilvertreter im Donaueschinger Rat, aber dennoch war man dort immer gut vertreten. Bis in die siebziger Jahre nahm Malermeister Johann Merz allein diese Aufgabe wahr. Heute ist Aufen der 16 Donaueschinger Stadtteil mit den meisten Stadträten. Während beispielsweise den bei­ den größten Ortschaften, Wolterdingen und Pfohren, die jeweils rund 1200 Einwohner haben, nach den Verträgen von 1971 bzw. 1972 je zwei Ratssitze zustehen, kommen aus Aufen mit nur halb so vielen Bürgern und ohne vertragliche Absicherung derzeit vier, zeitweise sogar fünf, Ratsmitglieder – quer durch alle Fraktionen. Da kann man nur fest­ stellen: Die Donaueschinger kennen eben ihre Aufener, und umgekehrt. Das partner­ schaftliche Miteinander trägt also seine Früchte. Wenn das keine (weitere) Besonder­ heit ist?! Abgesehen aber von diesen besonderen Aspekten dominiert in Aufen natürlich das ganz Normale im dörflichen Alltag. Die strukturellen Veränderungen auf dem Agrar­ sektor sind auch hier deutlich spürbar. Noch vor 40 Jahren war die Landwirtschaft der vor­ herrschende Broterwerb; heute ist die Zahl der bäuerlichen Betriebe auf ein halbes Dut­ zend zusammengeschmolzen. Da es in Aufen keine Industrieansiedlung gibt und nur drei kleinere Handwerksbetriebe und die bereits erwähnte Gastronomie einige wenige Arbeitsplätze bieten, gehen die meisten Erwerbstätigen in Donaueschingen oder in Villingen-Schwenningen einer Beschäfti­ gung nach. Doch trotz dieser Entwicklung hat sich am eher gemächlichen Lebensrhythmus im Dorf nicht allzuviel verändert. Die Kirche, benannt nach dem heiligen Vitus, bildet den Mittelpunkt des dörflichen Lebens. Ihr Kirchturm, der in den letzten hundert Jahren zweimal vom Feuer zerstört und wieder auf­ gebaut wurde, prägt nach wie vor das Orts­ bild. Im Aufener Jahreskalender hat das Vitusfest im Juni mit der Prozession durch das Dorf ebenso seinen festen Platz wie die Feiern und Veranstaltungen der Vereine. Die ehemalige Schule von Aufen dient seit über zehn Jahren als Behindertenkindergarten des Schwarzwald-Baar-Kreises, und der Aufener Kindergarten, der der Stadt gehört, erlebt in diesem Jahr mit etwa 40 Kindern eine neue

Blüte, die vor allem dem Umstand zuzuschrei­ ben ist, daß die Eltern aus dem Donaueschinger Neubaugebiet Klenkenreute gerne ihren Nach­ wuchs nach Aufen bringen. Die Verbindungen mit dem öffentlichen Verkehrsmittel nach Donaueschingen und ins Oberzentrum sind von Aufen aus zahl­ reich. Zwar schloß die Bundesbahn vor etwa zehn Jahren ihren Haltepunkt, aber dafür erfolgte nach dem Ausbau der Gemeindever­ bindungsstraße nach Grüningen die ver­ stärkte Anbindung an das regionale Omni­ busnetz. Da die Straße nach Donaueschin­ gen schon 1970 ausgebaut worden war, kam nun, wie zu befürchten war, mehr Durch­ gangsverkehr in die Brigachtalstraße, weil mancher Autofahrer aus Donaueschingen die Straße über Aufen und Grüningen als schnellste Verbindung nach Villingen nutzt. Allerdings halten sich diese Beeinträchtigun­ gen vorerst noch in Grenzen. Im übrigen fährt auch der Donaueschinger Stadtbus Aufen an. Für das gesellschaftliche und kulturelle Leben von großer Bedeutung ist die Tätigkeit der Aufener Vereine. Neben dem Schützen­ verein von 1913, der 1960 wiedergegründet wurde, und dem Sportkegelclub Rot-Weiß, der jüngsten Vereinsgründung von 1977, ist hier der Musikverein Aufen besonders her­ vorzuheben.1928 in der damaligen Restaura­ tion Neininger, dem heutigen Hotel „Zum Waldblick“, von 13 musikbegeisterten Aufe­ nern gegründet, nimmt dieser Verein im Rahmen der Blasmusik in unserer Region eine neidlos anerkannte Sonderstellung ein. Nicht zuletzt durch gezielte Vereinsarbeit, besonders dank der Förderung der Jugend, umfaßt die Kapelle unter ihrem Dirigenten Leander Binder heute etwa 65 Musiker und 10 Zöglinge. Sie weist dabei ein Niveau auf, das sie über die Stadt-, ja über die Landes­ grenze hinaus bekanntgemacht hat, wie die engen Kontakte nach Bäretswil (Kanton Zürich) und Wattenwil (Kanton Bern) in der S·chweiz, nach Saverne, der französischen Partnerstadt von Donaueschingen und Blu­ menau in Brasilien beweisen. Der Gemeinschaftsgeist im Dorf, der sich gerade in dem erfolgreichen Wirken aller Vereine zeigt, bildete in der Vergangenheit auch die Basis für andere gemeinsame Bemü­ hungen zum Wohle Aufens und seiner Be­ wohner. Hier sei nur an die Gemeinschafts­ projekte in den Jahrzehnten nach dem Zwei­ ten Weltkrieg erinnert: an die Kriegerge­ dächtniskapelle 1952/53, den Kindergarten 1956/57, das Schützenhaus und dessen Erweiterung (1961/63, 1973 und 1982) und an den Ausbau des ehemaligen Farrenstalles zum Probelokal des Musikvereins 1975 und seine Erweiterung 1987. Im Geiste dieses solidarischen Zusam­ menwirkens -auch dies eine erwähnenswerte Aufener Spezialität -beging man 1988 die 850-Jahrfeier: Wie nicht anders zu erwarten war, war dieses Fest ein voller Erfolg! Für die Zukunft ist Aufen, dem Donau­ eschinger Stadtteil mit den kleinen Beson­ derheiten, zu wünschen, daß dieser Gemein­ schaftsgeist seiner Bürger ebenso erhalten bleibt wie der sympathische Gesamteindruck des Dorfes. In diesem Sinne bleibt zu hoffen, daß die Verantwortlichen sich ihrer Verant­ wortung auch bewußt sind und alle Maßnah­ men und Projekte, die für Aufen künftig geplant und beantragt werden, genau prüfen auf die Verträglichkeit mit dem Vorhande­ nen. Dies gilt für Hochbauten (Reit-oder Tennishalle), die das Ortsbild verändern könnten, dies gilt aber auch für eine groß­ flächige Erddeponie, die waldzerstörend für Jahrzehnte in die Landschaft eingreift. Rüdiger Schell 17

Das Wappen von Aufen Wappen: Umgeben von blau-silbernem Wolken­ feh-Schildrand, geteilt von Silber und Blau, darin ein Stern in venJJechselten Farben. Dieses Wappen ist zusammengesetzt aus Wappenteilen früherer Ortsherren: Der Stern stammt aus dem Wappen der Freiher­ ren von Hewen, die einst den Ort besaßen, die silber-blaue Teilung kommt aus dem Wappen der Grafen von Lupfen, deren Nachfolger im Besitz, und das Wolkenfeh ist die Schildumrandung im Wappen der Gra­ fen (heute Fürsten) von Fürstenberg, die den Ort im Jahre 1488 erwarben. Ein altes Ortszeichen war nicht bekannt, die Gemeinde verwendete im 19. Jahrhun­ dert nur reine Schriftsiegel. Daher schlug die Badische Historische Kommission, die sich seit 1891 mit der Bereinigung bzw.Neuschaf­ fung von Gemeindewappen befaßte, im Jahre 1903 das abgebildete Wappen vor, das vom Gemeinderat auch sofort angenommen wurde. Erst mit der Eingemeindung zum 1. April 1935 in die Stadt Donaueschingen hat es seine Funktion als amtliches Kennzei­ chen verloren, wird aber auch heute noch Buchenberg gerne von Bewohnern des Stadtteils bei ver­ schiedenen Gelegenheiten gezeigt. Klaus Schnibbe Q]tellen und Literatur: Generallandesarchiv Karlsruhe Wappenakten, Bez. Donaueschin­ gen. – GLA Wappenkartei Schwarzwald­ Baar-Kreis. – GLA Siegelkartei Schwarz­ wald-Baar-Kreis. – Fürstenbergisches Urkun­ denbuch, Band 5, 6 und 7, Tübingen 1894jf.­ W Merz und F. Hegi: Die Wappenrolle von Zürich, Ziirich/Leipzig 1930. -]. Kind/er v. Knobloch, Oberbadisches Geschlechterbuch, Heidel.berg 1898jf. – K. Schnibbe, Gemeinde­ wappen im ehem. Landkreis Donaueschingen, in: Schriften des Vereins f Gesch. u. Natur­ gesch. der Baar in Donaueschingen, Band 33 (1980). Der gemarkungsmäßig größte Teilort Buchenberg des Heilklimatischen Kneipp­ kurortes Königsfeld mit rund 1800 Hektar Fläche hat seinen ländlichen Charakter seit Jahrhunderten bis heute erhalten. Große Waldflächen, das unter Landschaftsschutz stehende Glasbachtal, das den Ort von Westen nach Osten durchzieht, alte Höfe und als Zeugen einer in das Mittelalter rei­ chenden Vergangenheit geben die alte St.­ Nikolaus-Kirche wie auch die Burgruine Waldau dem Ort das Gepräge. Dank dem naturnahen unveränderten Bild wird der Ort viel als Wander- und Naherholungsort auf­ gesucht. Buchenberg ist urkundlich im Zusam­ menhang mit Zehntabgaben für Kreuzzüge 1275 erstmals nachgewiesen. Neuere For­ schungen über die Entstehung der alten Kirche weisen auf die Merowinger Zeit im 5.- 8. Jahrhundert hin. Tongefäßscherben, die in den 60er Jahren im Ortsteil Mühllehen gefunden wurden, wie auch ein im Frühjahr 1985 im Gewann Langacker entdecktes Stein­ beil, wurden vom Landesdenkmalamt der Jungsteinzeit zugeschrieben. Güter und Län- 18

Buchenberg Dörjle und Außendorf dereien in Martinsweiler, einem Ortsteil von Buchenberg, vermachte ein Folmar von Fri­ dingen im Jahre 1089 dem Kloster St. Geor­ gen. Auch das Zisterziensernonnenkloster Rottenmünster bei Rottweil hatte nachweis­ bar ab 1369 auf dem Mönchhof und später auf dem Mühllehen, Angelmoos, Brogen und in der Muckenmühle Besitz. So kam es, daß das Herzogtum Württemberg die Gerichtsbarkeit in Buchenberg mit dem Kloster Rottenmünster zu teilen hatte. Aus­ wirkungen dieser Dorfherrschaft zeigten sich auch im kirchlichen Bereich. Herzog Ulrich von Württemberg trat 1534 zum Protestan­ tismus über und führte die Reformation in seinem Lande ein. Es entspann sich ein lang­ wieriger Streit zwischen dem Herzog und der Äbtissin von Rottenm ünster über die Einset­ zung der Pfarrer und die Verwaltung des Nikolaus-Heiligenfonds. Der Nachfolger, Herzog Christoph, verlegte deshalb 1565 die Pfarrei nach Tennenbronn. Erst nach bald 300 Jahren bekam Buchenberg 1839 wieder eine eigene Pfarrei. Von 1813 bis 1830 war die Kirchengemeinde Buchenberg der Pfarrei In den Jahren Mönchweiler zugeteilt. 1901/02 wurde die neue Kirche erbaut, und der Staat übernahm die Baupflicht für das alte Kirchlein. Im Jahre 1445, als Bernhard Haugk von Rottweil die Burg Waldau an den Grafen Ludwig von Württemberg verkaufte, sind in dem Kaufvertrag 16 Höfe in Martins­ weiler, Buchenberg, Brogen, Bregnitz und Waldau namentlich erwähnt. Sicher bestan­ den die Höfe schon wesentlich früher, doch außer dem „Minhoff“ und der Waldau sind darüber keine schriftlichen Belege vorhan­ den. Der größte Teil der Namen ist uns heute nicht mehr geläufig. Aus den Lagerbü­ chern von 1491 und 1591 sind jedoch Rück­ schlüsse möglich. Keiner der im Jahre 1445 angegebenen Höfe hat die Jahrhunderte unbeschadet überstanden. Kriegseinwirkun­ gen und Brände vernichteten die alten Höfe. Der Großteil wurde im Laufe der Zeit wieder aufgebaut. Die erste Erwähnung über die Buchenberger Schule finden wir im Lager­ buch von 1699. Bei dem 1717 erbauten Schul­ haus handelt es sich um das jetzige Gasthaus „Linde“. Nach einem Bericht von Pfarrer Hermann, T ennenbronn, betrug die Zahl der Kinder 1839 rund 130. Im Jahre 1875 wurde 19

das jetzige Rathaus als Schule erbaut und 1963, als es den Erfordernissen nicht mehr entsprach, mit einem Neubau an anderer Stelle Ersatz geschaffen. Ein Jahrzehnt spä­ ter, nach der Gemeindeverwaltungsreform, wurde die Buchenberger Schule aufgelöst. Seither werden die Klassen eins und zwei aus Königsfeld und Buchenberg hier noch unter­ richtet. Außerdem ist seit 1974 im neuen Schulgebäude ein Halbtags-Kindergarten untergebracht. Mit der Trachtenkapelle, dem Sportver­ ein, der Freiwilligen Feuerwehr und seinem Freundeskreis wie auch dem Kirchenchor hat Buchenberg ein blühendes Vereinsleben zu verzeichnen. Der Kirchenchor wünscht sich mehr aktive Sänger, ein Zustand der schon vor einem halben Jahrhundert beklagt wurde. Im Oktober 1988 hat sich der Buchenberger Geschichtsverein etabliert. In den zurückliegenden Jahren entstan­ den die Neubaugebiete Holzwiese, Bregnitz und Zollernblick mit über 50 neuen Häu- sern, die zum Teil von einheimischen Bür­ gern, aber auch von auswärts Zugezogenen gebaut wurden. Daneben wurden auch in allen Ortsteilen wie Dörfle, Angelmoos und Außendorf einzeln stehende Häuser erstellt. Aber auch viele der vorhandenen Gebäude wurden völlig umgebaut, renoviert und neu gestaltet. Mehrere Nebenerwerbslandwirte, die als Pendler in der Industrie in St. Georgen und Villingen ihren Hauptverdienst hatten, gaben die Landwirtschaft auf. Der Fremden­ verkehr und „Ferien auf dem Bauernhof“ gewannen neue Bedeutung. Die neu eröffneten Kaffees „Rapp“ im Dörfle, die „Schappel­ stube“ in Obermartinsweiler und das neuer­ baute Gasthaus „Mönchhof“ wie auch die schon früher vorhandenen Gasthäuser stell­ ten sich auf diese Gäste ein. Seit 1974 ist Buchenberg staatlich anerkannter Erho­ lungsort. Zahlreiche Preise beim Wettbewerb ,, Unser Dorf soll schöner werden“ unterstrei­ chen den Erholungswert des Ortes. Johann Haller Das Wappen von Buchenberg Wappen: In Gold auf grünem Dreiberg eine griine Buche. Dies ist ein sog. ,,redendes“ Wappen: ,,Buche“ auf „Berg“. Diese naheliegende Dar­ stellung findet sich schon auf Gemeindesie­ geln des vorigen Jahrhunderts. Bekannt sind Abdrücke davon aus der Zeit nach 1840: eine Buche auf einem schwebenden Rasenhügel, umgeben von Lorbeerzweigen und der Umschrift: GEMEINDE/BUCHENBERG. Hierbei handelt es sich noch um kein Wap­ pen, sondern lediglich um ein Siegelbild. Gleich nach dem Übergang Buchenbergs an das neugeschaffene Großherzogtum Baden nahm man ein Siegel in Gebrauch, das das damalige badische Staatswappen aufwies, umgeben von der Umschrift · VOGTEI BUCHENBERG. Als dann die Führung des Staatswappens durch Gemeindebehörden 20 untersagt wurde, benützte man ein einfaches Schriftsiegel ohne bildliche Darstellungen. – Vor 1810, als die Gemeinde Buchenberg noch württembergisch war, hatte sie kein Siegel geführt. Mit dem Siegelbild der Buche war man 1901 bat die wohl zufrieden. Noch Gemeinde, daß „dieses Siegel, gerade so wie

es jetzt besteht, auch belassen werden möchte“. Die Badische Historische Kommis­ sion schlug jedoch vor, ein Wappen daraus zu machen und der Gemeinderat erklärte sich 1902 mit dem Entwurf einverstanden. So wurde dieses schöne Wappen seither geführt. -Erst zum Zeitpunkt der Vereinigung mit Königsfeld am 1. Januar 1975 ist es als amtli­ ches Zeichen erloschen. -Übrigens hat sich die neue Gemeinde Der Fürstenberg zählt zu den markanten Bergen am Rande der Baarmulde. Er weist eine ebene Kuppe auf und ist fast gleich hoch wie der östlich anschließende Höhenzug der Länge, als deren „vürderster Berg“ der Für­ stenberg gilt. Er ist auf den ersten Blick als Zubehör der Schwäbischen Alb zu erkennen und ist deren südlichster Zeugenberg. Der Ort Fürstenberg lehnt sich an den Westab- Fürstenberg Königsfeld bis heute nicht zur Annahme eines eigenen Wappens entschließen kön­ nen. Klaus Schnibbe Quellen und Literatur: Generallandesarchiv Karlsruhe, Wappenakten Bez. Villingen. – GLA Wappenkartei Schwarzwal.d-Baar­ Kreis. – GLA Siegelkartei Schwarzwald­ Baar-Kreis. – H. G. Zier, Wappenbuch des Landkreises Villingen, Stuttgart 1965. hang des Berges an, und mit dem spitzen Kirchturm waren Ort und Berg schon aus weiter Feme ein Jahrhundert lang Orientie­ rungsmarken. Seit wenigen Jahrzehnten allerdings hat ihnen der Funkturm der Bun­ despost auf den Längewiesen den Rang abge­ laufen. Schade! Etwa sechs Jahrhunderte lang stand auf dem Fürstenberg ein Städtchen. Durch Wall 21

und Graben geschützt, zählte es ungefähr ein halbes Hundert Häuser. Am 18. Juli 1841 brannte das Bergstädtchen innerhalb von nur zwei Stunden bis auf ein einziges Haus auf der Südseite der Bergkuppe ab. Die küm­ merlichen Reste des Städtchens sind längst überwachsen und dem kundigen Auge nur noch an wenigen Stellen erkennbar. Im Nor­ den der Kuppe, dort wo das Feuer damals sei­ nen Anfang nahm, stockt heute ein Fichten­ wäldchen. In ihrem Westen erinnert eine Kapelle auf dem Platz, auf dem vor Jahrhun­ derten die Stammburg des Hauses Fürsten­ berg stand, an den Kurienkardina1 Augustin Bea aus dem nahen Riedböhringen. Erstaun­ lich gut ist der ehemalige Burggraben erhal­ ten, der einstmals die gesamte Bergkuppe umschloß. Funde aus den dreißiger Jahren lassen vermuten, daß er längst vor dem mit­ telalterlichen Städtchen entstand. Er dürfte ein Werk der Kelten sein, die um die Zeit­ wende auch in der Baar siedelten. Wie würde das einstige Bergstädtchen Fürstenberg heute wohl aussehen, wenn es an jenem stürmischen Sommersonntag nicht in den Flammen untergegangen wäre? Hätten wir es mit einem restaurierten, wieder mauer­ umschlossenen und überlaufenen Touristen­ ziel zu tun? Das Bergstädtchen war längst zum bedeu­ tungslosen Bauerndorf abgesunken, als es verbrannte. Von städtischem Glanz war nichts mehr zu finden. Geblieben waren aber die Beschwernisse des steilen und hohen Ber­ ges. Als die Fürstenberger 1891 des Brandes gedachten, begingen sie dieses Gedenken nicht als Trauertag. Sie feierten vielmehr ein verhaltenes Freudenfest. Das neue Stadtehen war nämlich inner­ halb weniger Monate auf dem heutigen Platz nach einem einfachen, klaren Grundriß ent­ standen. Darum fehlen im Ort die engen Gassen und Winkel anderer Baardörfer. Die beiden Hauptstraßen kreuzen sich in der Ortsmitte und bieten auf der Kreuzung einem moderen Brunnen Platz genug. Zu meiner Bubenzeit stand dort eine Linde, und nur selten verirrte sich damals ein 22 Auto in dem zwei Kilometer von der heuti­ gen B 27 entfernt liegenden Ort. Da der Durchgangsverkehr auch heute noch fehlt, ist der moderne Verkehr noch immer erträg­ lich. Freilich, der Tanzknopf läßt sich heute auf der Hauptstraße nicht mehr schlagen, wie damals an den Abenden der Maisonntage nach der Maiandacht, wenn die Erwachse­ nen beim Gespräch auf den Bänken vor den Häusern saßen, bevor es dunkel wurde. Auch an den Winternachmittagen gehörte die Dorfstraße der Schuljugend. Sie benutzte sie bis zum Dunkelwerden als Schlittenbahn. Damals, es war während der dreißiger Jahre, klangen den ganzen Sommer hin­ durch an den späten Abenden und bald nach der Morgendämmerung die Dengelschläge noch hinter den Häusern oder zwischen ihren Giebeln hervor. Im Heuet und wäh­ rend der Ernte füllten sich während der Nachmittage die Scheunen, Höfe und Stra­ ßen mit hochbeladenen Wagen. Das waren Festtage für die Scharen von Hühnern, Enten und Gänsen, die sonst mit den Misthaufen vorlieb nehmen mußten, die es vor beinahe jedem Haus gab. In jenen Jahren begann aber die Technik bereits ihren Siegeszug anzutreten. Die Sä­ und Mähmaschinen, Kultivator und Häufel­ pflug kamen eben in Betrieb, der Hausaufzug verdrängte „s‘ Grächmännli“ aus dem Dach­ first, und an die Stelle von Hudel und Reff begannen die Ableger zu treten. Noch vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges rat­ terten, allgemein bestaunt, die ersten Trakto­ ren auf den Feldern. Es handelte sich aus­ schließlich um Kramer-Traktoren aus Gut­ madingen. Der Krieg brachte schnell eine völlige Unterbrechung in der technischen Entwicklung. Schon bald nach der Währungsreform setzte sich die unterbrochene Technisierung aber um so stürmischer fort. Im Verlauf der fünfziger Jahre stieg die Zahl der Traktoren schnell auf über ein halbes Hundert an. Die Kleinbetriebe, die noch verzichten mußten, waren nach wenigen Jahren an den Händen abzuzählen. Bald schon wurde die erste

920 mir. ilber dem M� fürstenberg Generation der Traktoren von schwereren und vielseitiger einsetzbaren Zugmaschinen ersetzt. Der Maschinenpark wuchs mit und benötigte Platz. In dem Maß, in dem die Zahl der Traktoren zunahm, nahm das Zugvieh ab. Zuerst verschwanden die Pferde aus dem Ortsbild und dann auch die Ochsen. Kunstdünger und Spritzmittel im Obst­ garten kannte man auch schon vor dem Zweiten Weltkrieg, aber die Schädlings-und Unkrautbekämpfungsrnittel kamen erst nach dem Kriegsende auf. Während der heißen Nachkriegssommer verbreitete sich der Kar­ toffelkäfer auf der Baar in starkem Maße. Die Spritzmittel erlaubten die erfolgreiche Bekämpfung, Spritzmittel rückten auch dem ,,Gelben Senf“ (Hederich) zuleibe, der zeit­ weise die Getreideäcker blühenden Raps­ äckern gleichen ließ. Mit dem Verschwinden der „Unkräuter“ wurden das mühsame Hak­ ken der Saat und das noch mühsamere Jäten überflüssig, aber Pflanzen- und Tierwelt begannen zu verarmen. Während der fünfzi­ ger Jahre zogen Heuschreckenschwärme, aus der tiefer gelegenen Umgegend kommend, dem Ort zu und überzogen Straßen, Gärten und Häuser. Die schweren landwirtschaftlichen Ma­ schinen machten den Ausbau der Feldwege nötig und forderten ihres wirtschaftlichen Einsatzes wegen gebieterisch nach der Flur­ bereinigung. Verbessertes Saatgut und ver­ stärkter Einsatz von Düngemitteln erlaubten steigende Ernteerträge und die Verwendung von Kraftfutter bessere Mastergebnisse und höhere Milchmengen wie allerorts. Sie tru­ gen aber auch zum Anwachsen von Fleisch­ und Butterberg bei. Nicht bedrängende Enge, sondern zwei Schadenfeuer ließen zwei Aussiedlerhöfe entstehen. Jahrhunderte hindurch war Fürstenberg wie alle vergleichbaren Baarorte eine rein landwirtschaftlich orientierte Gemeinde ge­ wesen. Neben den in der Landwirtschaft beschäftigten Einwohnern fand man nur die ortsüblichen Handwerker, und die meisten von ihnen betrieben nebenbei eine kleinere Landwirtschaft. Während der Vorkriegsjahre erst fanden Kleinbauern und deren Söhne Arbeit außerhalb der Gemeinde, vorwiegend beim Doggererzabbau in Blumberg und Gutrnadingen. Schulentlassene Burschen begannen im Handwerk Lehrstellen anzu­ nehmen und vereinzelt auch Mädchen. 23

Auch das änderte sich nach den Notjahren im Gefolge des Krieges und mit der fort­ schreitenden Motorisierung schnell. Die Zahl der Vollerwerbslandwirte sank ab, man suchte und fand Arbeit außerhalb der Gemeinde. Industrie siedelte sich am Ort nicht an. Ein Baugebiet, das im Süden des Dorfes erschlossen wurde, bietet jungen Paa­ ren, die bleiben wollen, Gelegenheit, sich anzusiedeln. Im Dorf selber sind die Misthaufen und die Jauchegruben vor den Häusern völlig verschwunden. Den Sommer über geben Blumenschmuck auf den Fen­ sterbänken und da und dort ein bunter Vor­ garten vom Dorf einen freundlichen Ein­ druck. Nur schwer konnte sich ein Großteil der Einwohnerschaft mit dem Verlust der Selb­ ständigkeit im Zusammenhang mit der Gemeindereform abfinden. Seit dem l. Januar 1972 ist nun die zu diesem Zeit­ punkt neben Albert Hauenstein zweit­ kleinste Stadt der Bundesrepublik Deutsch­ lands Stadtteil der Stadt Hüfingen. Seither sind die Wunden verheilt, haben sich die Für­ stenberger mit den Verhältnissen abgefun­ den, identifizieren sie sich mit der neuen Gemeinde, ohne aber ihre örtliche Eigen­ ständigkeit aufgegeben zu haben. Das zeigt sich besonders im regen Vereinsleben. Das gegenseitige Verhältnis unter den Vereinen des Stadtteils ist geradezu vorbildlich und daß die Fürstenberger Feste zu feiern verste­ hen, ist bekannt. Inzwischen sind auch die unaufschiebbar gewordenen Bauvorhaben des Stadtteils abgeschlossen. So wurde die veraltete, nicht mehr ausreichende Wasserversorgung völlig erneuert und den heutigen Bedürfnissen angepaßt. Erstmals erhielt Fürstenberg auch eine Ortskanalisation. Seither sind die Stra­ ßenrinnen an den Rändern der Ortsstraßen verschwunden. Der Friedhof wurde neu und freundlich gestaltet und durch eine würdige Leichenhalle ergänzt. Insgesamt gesehen, ging Fürstenberg wäh­ rend der letzten Jahrzehnte in seiner Ent­ wicklung den Weg, den auch alle anderen dörflichen Gemeinden der Baar mit ihnen beschritten, und wie deren Bewohner fühlen sie sich ihrem Heimatort im gleichen Maße verpflichtet wie die lange Reihe ihrer Vorfah- ren. August Vetter Das Wappen der ehemaligen Stadt Fürstenberg Die Burg auf dem „fürdersten Berg“, nach der sich seit Mitte des 13. Jahrhunderts ein Zweig der Grafen von Urach-Freiburg nannte, erscheint schon auf dem eindrucks­ vollen Siegel, von dem noch ein Abdruck an einer Urkunde von 1307 erhalten ist. Dieses Siegel mit der Umschrift +S‘ · CIVIUM : DE: FVRSTENBERG ·(=Siegel der Bürger von Fürstenberg) zeigt frei im Siegelfeld die Burg auf der Andeutung eines schwebenden Berges stehend. Nach Größe und Stil dürfte dieses Siegel älter sein. Das läßt darauf schlie­ ßen, daß die Fürstenberger ihrer Burgsied­ lung schon früh die Stadtrechte verliehen haben (erstmals als Stadt erwähnt 1278). 24 Wappen: In Silber eine zweitürmige, schwarzge­ mauerte rote Zinnenburg mit szlbemen Öjfnun­ gen und schwarzem Fallgatter im offenen Tor.

Stadtsiegel (1307). Zehn. v. F. Held. Stadtsiegel (1450). Zehn. v. F. Held. Damals waren Stadtwappen noch nicht all­ gemein üblich. Doch erscheint dann die Burg auf einem zweiten, kleineren und jüngeren Siegel in einen Wappenschild gesetzt. Die gotische Inschrift lautet nun+ Sigillvm · civitatis · de · fvrstenberg · (= Siegel der Bürgerschaft von F.). Auch hiervon kennt man nur noch einen einzigen Abdruck an einer Urkunde von 1450 im Fürst!. Fürstenbergischen Archiv in Donaueschingen. Spätere Siegel zeigen immer die Burg im Wappen. – Nur im 17. Jahrhundert kommt nochmal ein Siegel vor, in dem die Burg frei im Siegelfeld steht. Im Jahre 1806 kam das Burgstädtchen bei der napoleonischen Neugliederung mit dem Fürstentum Fürstenberg an das neugeschaf­ fene Großherzogtum Baden. Doch hatte es schon lange vorher seine Bedeutung einge­ büßt, die Burg war längst zerfallen. Als schließlich nach der Brandkatastrophe von 1841 der Ort wegen der Wasserquelle weiter unten am Berg angesiedelt wurde, hatte man sogar vergessen, wie das Wappen ausgesehen hatte. Die neuen Siegel und Farbdruckstem­ pel zeigten nur noch zwei getrennte Türme. An der Bezeichnung „Stadt“ wurde aber wei­ ter festgehalten. Erst nach der Deutschen Gemeindeordnung von 1935 durfte Fürsten- berg sich fortan nur noch „Gemeinde“ nen­ nen. Das Innenministerium Baden-Würt­ temberg verlieh im Jahre 1956 das Recht auf die Bezeichnung Stadt neu. Übrigens waren auch die Farben des Wap­ pens gänzlich unbekannt. Vielleicht waren sie ursprünglich einmal Silber-Blau gewesen? Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts glaubte man, daß das Wappen eine rote Burg in blauem Felde sei – eine gänzlich unheral­ dische Tingierung! – Und daran wurde fest­ gehalten, bis 1958 das Generallandesarchiv in Karlsruhe anregte, den Schild besser in silber zu ändern, womit der Gemeinderat einver­ standen war. Das Innenministerium Baden­ Württemberg bestätigte diese Änderung am 8. Oktober 1959. – Mit der Eingemeindung am 1. Dezember 1971 in die Stadt Hüfingen ist das Wappen als amtliches Zeichen erlo­ Klaus Schrubbe schen. Quell.en und Literatur: Generallandesarchiv Karlsruhe, Wappenakten Bez. Donaueschin­ gen. – GLA Wappenkartei Schwarzwald­ Baar-Kreis. – GLA Siegelkartei Schwarz­ wald-Baar-Kreis. – FF Archiv Donaueschin­ gen. – Fürstenbergisches Urkundenbuch Band 6, Tübingen 1898. -X. Stiehle, Wappen ttnd Siegel sämtlicher Städte des Großherzogtums 25

Baden, o. 0. 1862. – F. Frankhauser u. A. Krieger, Siegel der badischen Städte, hrsgg. v. d. Bad. hist. Kommission, 3. Heft, Heidelberg 1909. – 0. Hupp, Deutsche Ortswappen, hrsgg. KaffeeHAG,Bremen o.J. (um1927).­ E. Keyser, Badisches Städtebuch (=Deutsches Städtebuch, Band IV, 2. Teilband Baden), Stuttgart 1959. – A. Vetter, Geschichte der Stadt Fürstenberg, Freiburg i. Br. 1959. – K. Stad/er, Deutsche Wappen, Bundesrepublik Deutschland, Band 8, Die Gemeindewappen des Bundeslandes Baden-Württemberg, Bre­ men 1971. – K. Schnibbe, Gemeindewappen im ehem. Landkreis Donaueschingen, in: Schriften des Vereins f Geschichte und Natur­ gesch. d. Baar in Donaueschingen, Band 33 (1980). Oberkimach Recht ungewiß ist das wirkliche Alter der kleinen Gemeinde Oberkirnach, die im Zuge der Gemeindereform am 1. Februar 1974 ein Stadtteil von St. Georgen geworden ist. Man darf aber annehmen, daß die Klostergrün­ dung im Jahre 1084 in St. Georgen auch zur Entstehung des kleinen Dorfes geführt hat. Pfarrer Karl Theodor Kalchschmidt erwähnte in seinem 1895 erschienenen Auf­ schrieb über die Geschichte des Klosters St. Georgen unter anderem auch den Namen „Kürnach“. Dieses „Kürnachtal“ gehörte den Herzogen von Zähringen. Der Pfarrer berich­ tet nun über den Wandel der damaligen Besitzverhältnisse und erwähnt dabei einen im Jahre 1175 mit dem Kloster St. Georgen geschlossenen Grundstücksvertrag, der aller­ dings das untere „Kürnachtal“ betraf Offen­ sichtlich stritten sich die Abteien von St. Georgen und „Tennenbach“ dermaßen um die Besitzansprüche des „Kürnachtals“, daß sich sogar der Papst damit befaßte. Im Jahre 1187 soll er dann zu Gunsten St. Georgens entschieden haben. Aufgrund einer wirtschaftlichen Notlage verkaufte das Kloster im Jahre 1383 das untere Kirnachtal. Das „obere Tal“ ist dage­ gen bei St. Georgen geblieben und hat zum Unterschied vom unteren Teil den Namen Oberkirnach bekommen. Ein kostbares Dokument der urkundli­ chen Ersterwähnung liegt aus dem Jahre 1244 vor. Dort ist der Name Kirnach sowie eine 26 Adelheit von Kürna (offensichtlich eine aus Oberkirnach stammende Frau) in einer Gründungsurkunde von Vöhrenbach auf­ geführt. Zur damaligen Zeit war man dem jeweili­ gen Abt untertan. Im Zuge der Reformation leitete das 16. Jahrhundert auch in Oberkirnach eine poli­ tische Wende ein. Wer das Land beherrscht, hat auch die Religion zu bestimmen (cuius regio, cuius religio), wurde der evangelische Glauben eingeführt. Doch bereits im Jahre 1630 wurde auf Grund eines Reichskammer­ gerichtsurteils das Gebiet wieder einem katholischen Abt zurückgegeben. Zwar ging dieser rasche Konfessionswechsel nicht ohne Probleme vonstatten, doch weitaus größere Schwierigkeiten brachte der Dreißigjährige Krieg. Zwischen 1634 und 1643 wurde die kleine Gemeinde siebenmal geplündert. Der Friedensabschluß 1648 war auch für Oberkirnach ein langersehnter Wunsch und hatte eine besondere Bedeutung: Das Kirch­ spiel kehrte wieder zum evangelischen Glau­ ben zurück. Schon Anfang des 17.Jahrhunderts besaß der Ort ein Schulhaus, das aber im Dreißig­ jährigen Krieg dem Feuer zum Opfer fiel. Nur im Winterhalbjahr gab es damals Unter­ richt. Beten, Schreiben und Lesen wurde gelehrt. Nach dem Abbrand des Schulhauses hielt man in der „hinteren Stube“ des Bühl­ wirtshaus mit immerhin 34 Schülern den Unterricht ab.

Ansicht von Oberkirnach 1920 Anfang des 19. Jahrhunderts wurde eine Verschiebung der Landesgrenzen zwischen Baden und Württemberg beschlossen. Wäh­ rend man St. Georgen dem Bezirksamt Homberg unterstellte, kam das seinerzeit 260 Einwohner zählende Oberkimach zu dem Bezirksamt Villingen. Die exponierte Lage der Gemeinde – im Süden Fürstenberger Territorium, während sie im Westen und Osten an Gebiete österrei­ chischer Landeshoheit grenzte – hatte eine einschneidende Auswirkung auf das Dorf. Beim ehemaligen Gasthaus Schlemppen wurde eine Zollstation eingerichtet und unter neuer Flagge ist dann die Grenzge­ meinde zu badischem Binnenland gewor­ den. Diese Situation wirkte sich für Oberkir­ nach zunächst recht günstig aus. Die Ein­ wohnerzahlen stiegen. In den Jahren 1812 bis 1850 wuchs die Gemeinde um mehr als 200 Personen. 1864 kam es zur Wiedervereini­ gung nach St. Georgen und zum Wegfall der Grenzen. Bis 1890 sank die Bevölkerung dann wieder ab. Der Grund lag in der zuneh- menden Industriealisierung, die so man­ chem Schwarzwalddorf zu schaffen machte. Viele in der Landwirtschaft tätigen Arbeits­ kräfte zogen weg, um ihr tägliches Brot in der Fabrik zu verdienen. Selbst die „Schwarzwäl­ der Hausindustrie“ (Uhrmacherei) konnte den Trend zugunsten der Fabrikbetriebe bis in die heutige. Zeit nicht aufhalten. Dieser Minustrend verlangsamte sich in den letzten Jahren jedoch sehr, obgleich das ganze Ge­ meindegebiet baurechtlich als Außenbereich gilt und somit ein Wohnhausbau nur in unmittelbarer Beziehung zu einem beste­ henden Gehöft möglich ist. Die Einwohner­ zahl von O berkirnach beträgt heute 240 Bür­ ger bei einer Gemarkungsfläche von immer­ hin 1192 Hektar. Es ist deshalb verständlich, daß die Daueraufgabe der Gemeinde der Ausbau und die Pflege des Wege- und Stra­ ßennetzes ist. In der weitläufigen Streusied­ lung müßen geteerte Wege von mehr als 20 Kilometer unterhalten werden. Die Schnee­ räumung im Winter, bei einer Höhenlage zwischen 800 und 1024 Meter über dem 27

Meer, verursacht einen recht erheblichen Aufwand. Aber gerade der kalten Jahreszeit ist es zu verdanken, daß der Ort weit über die Gemeindegrenzen bekannt geworden ist. Vier Schlepplifte sorgen für ungetrübtes Ski­ vergnügen zu Tages- und Abendzeiten. Nicht nur die Pistenabfahrer, sondern auch die Freunde des Langlaufs kommen auf ihre Kosten: die Loipen führen über Hügel und Täler, vorbei an einer malerischen Land­ schaft. Dann herrscht in dem kleinen Dorf ein emsiges Treiben von Sportlern, Wande­ rern und Erholungssuchenden. Recht aktiv geht es auch sonst im Gemein­ de- und Vereinsleben zu. Das 1911 neu erbaute und 1969/70 bzw. 1986/87 reno­ vierte Schul-und Rathausgebäude bildet der Treffpunkt für jung und alt. Wer kennt sie nicht? Die Freiwillige Feuer­ wehr Oberkirnach oder den Gesangverein ,,Kirnachklänge“? Der Radfahrverein „Rad­ lerliebe“ Oberkirnach-Brigach weiß von vie­ len sportlichen Erfolgen zu berichten. Ebenso der Fußballverein, der-obwohl er in keiner Staffel spielt -bei sehr vielen T urnie­ ren schon erfolgreich gewesen ist. Nicht zu vergessen: der Ortsverband Oberkirnach des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptver­ bands (BLHV). Doch all diese Aktivitäten sind ohne Idea­ lismus nicht möglich. Allen voran geht der seit 1975 als Ortsvorsteher tätige JosefStock­ burger. Auf seine Initiative und mit der Unterstützung zahlreicher freiwilliger Hel­ fer ist 1987 eine Hof-und Dorfchronik ent­ standen. Auch die Geschichte der St.-Wendelins­ Kapelle wird dort erzählt. Wer weiß schon, daß in Oberkirnach früher eine Wallfahrts­ kirche stand? Südlich, auf einer Anhöhe des Stoffelsbauernhofes, ragte sie einst, bis ins 17. Jahrhundert hinein, über.das Kimachertal in den Hin1mel. Heute erinnern die Mauerreste und ein Gedenkstein an den einstigen Ort der Stille. Oberkirnach ist eine liebenswürdige und liebenswerte Ortschaft mit einer wechselvol­ len Vergangenheit und einer harmonischen und lebendigen Gegenwart, in der Gemein­ schaftsgeist und Zusammengehörigkeitsge­ fühl noch eine große Rolle spielen. Karl-Heinz Beha Das Wappen von Oberkirnach Wappen: In Silber über blauem Wellenschiltifuß ein rotes Mühlrad. Es handelt sich bei diesem schönen Wap­ pen um ein „redendes“ Wappen, wie der He­ raldiker sagt: Kürn bedeutet im Althochdeut­ schen Mühle und Aha, Acha bedeutet Was­ ser. Der sankt-georgische Ort, seit der Refor­ mation württembergisch, kam erst 1810 an das von Napoleon neugeschaffene Großher­ zogtum Baden. Und von da an ist auch eine eigene Siegelführung nachzuweisen. Das älteste Siegel (Abdruck von 1811) mit der Umschrift· VOGTEI · KIRN ACH zeigte das damalige badische Staatswappen. Als die 28 Führung des Staatswappens in Gemeindesie­ geln untersagt wurde, nahm man ein einfa­ ches Schriftsiegel an, das außer der zweizeili­ gen Inschrift GEMEINDE· OBER=KIRN­ ACH · kein weiteres Dekor aufwies. In der zweiten Jahrhunderthälfte kam ein Farb­ stempel in Gebrauch, der innerhalb der Umschrift GEMEINDE OB.KIRN ACH die

Buchstaben O K N, umgeben von einem Laubgewinde, zeigte. Ähnliche Gemeinde­ stempel wurden bis 1951 verwendet. Damals kam der Gemeinderat auf einen Wappenvorschlag zurück, den die Badische historische Kommission bereits im Jahre 1902 gemacht hatte: »Mühlrad über Wasser“. Seinerzeit war das vom Gemeinderat glatt abgelehnt worden; doch jetzt wollte man ein richtiges Wappen führen. Fast 20 Jahre spä­ ter, am 2. Dezember 1960, verlieh dann das Innenministerium – nachträglich – das Recht zur Führung dieses Wappens. Leider ist seine Funktion als amtliches Zeichen mit der Eingemeindung von Oberkirnach in die Stadt St. Georgen am l. Februar 1974 erlo­ schen. Klaus Schnibbe Quellen und Literatur: Generallandesarchiv Karlsruhe, Wappenakten Bez. Villingen. – GLA Wappenkartei Schwarzwald-Baar­ Kreis. – GLA Siegelkartei Schwarzwald­ Baar-Kreis. – H. G. Zier, Wappenbuch des Landkreises Villingen, Stuttgart 1965. Das Wappen der Gemeinde Tuningen Wappen: In Silber eine schwarze Dornenschräg­ leiste, von der beiderseits eine rote Rose mit golde­ nem Butzen und grünen Spitzen an schwarzem Stiel abhängt. Der Abdruck eines Gemeindesiegels 1817 zeigte eine Tanne und während des ganzen 19. Jahrhunderts hatte Tuningen kein Wap­ pen. Erst im Jahre 1910 schlug die königlich württembergische Archivdirektion der Ge­ meinde vor, das schöne Wappen des ehema­ ligen Ortsadels, der Maier von Tuningen, als Gemeindewappen zu übernehmen. Angehörige dieses ursprünglich als Ver­ walter des st.-gallischen Klosterbesitzes in Tuningen („Klostermaier“) wirkenden Geschlechts wurden später auch Bürger zu Villingen, wo ein Konrad der Tuninger 1380 -87 als Schultheiß und 1384 als Bürger­ meister vorkommt. Er siegelt mit einem schräggeteilten Wappen mit zwei aus der Tei­ lung hängenden Rosen; doch dürfte hier ein Irrtum des Siegelstechers vorliegen, denn auf einem Siegel seines Vaters Heinrich ist statt der Schrägteilung eine Schrägleiste zu sehen. Die Darstellung wechselt. Die Farben des Wappens der „Tuninger“ oder »Dunninger“ sind unbekannt, da Siegel ja nur eine pla­ stische Darstellung zeigen. -Im amtlichen Vorschlag von 1910 waren Farben nicht erwähnt worden. -Ohne Farben aber kein Wappen! -Doch stieß sich anscheinend nie­ mand daran, und das „ Wappen“ wurde so angenommen und geführt. Auch 1930 kamen in einem amtlichen Schriftwechsel über das Tuninger Wappen noch keine Farben vor. -Erst 1937 erschei­ nen in der Darstellung einer Rottweiler Kunstwerkstätte die heutigen Farben, die ver­ mutlich damals schon so üblich waren. Schließlich bestätigte die Archivdirektion 1956 diese Farbgebung. Damit war sie erst­ mals amtlich festgelegt. Der „Rosenast“ wurde übrigens erst ab Mitte der Dreißigerjahre als Dornenschräg­ leiste gezeichnet, vorher war er meist glatt. Bei der Bestätigung erscheint er sehr stark gekerbt und wird in der Folge meist als „ange­ h_ackt“ angesprochen. Doch darf man diese Übertreibung, die wohl durch die Kleindar­ stellung für die Gemeindestempel erforder­ lich schien, nicht als maßgeblich für die Bla­ sonierung (-Wappenbeschreibung) anse­ hen, denn selbstverständlich handelt es sich 29

weiterhin um einen Rosenzweig, der hier mit „Dornen“ (eigentlich Stacheln ) besetzt dar­ zustellen wäre. Übrigens führt seit 1952 die Rottweiler Kreisgemeinde Dunningen ein ganz ähnli­ ches Wappen. Es spielt hier die Unsicherheit der Zuweisung der Familie Tuninger (Thu­ ninger, Dunninger, Taininger usw.) zu den beiden Orten Tuningen (früher Daininga, Thainingen, Thuningen … ) und Dunningen (früher Tunninga, Tunningen, Tuningen … ) mit. Klaus Schnibbe Bschlage QJiellen und Literatur: Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Wappenakten. – Generallandesar­ chiv Karlsruhe, Wappenkartei Schwarzwald­ Baar-Kreis. – Donaueschinger Wappenbuch von 1433. -]. Kindler v. Knobloch, Oberbadi­ sches Geschlechterbuch, Band 3, Heidelberg 1904. – 0. v. Alberti, Württembergisches Adels-und Wappenbuch, 2 Bände, Stuttgart 1889 ff (Nachdruck: Neustadt a. d. Aisch 1975). – H.John u. M. Heine, Die Kreis-und Gemeindewappen im Regierungsbezirk Frei­ burg, Stuttgart 1989 (Kreis- und Gemeinde­ wappen in Baden-Württemberg, hrsgg. Lan­ desarchivdirektion Baden-Württ., Band 3). Zeichnung: Helmut Groß Es johlet d’Käther, schreit und schilt am Mendig früeh wie bsässe: „Du Lump, du ganz versoffne Siech, bischt z’lang im Bäre gsässe. Jetzt guck emol din Kittel a, ’sind Flecke drin, eo Huufe. Du Pfiddi, siescht, die Moose doo, die kummet nu vum Suufe!“ 30 De Marti stieret vor sech hear, hört zue dem Dunnderwätter. Zmol schleet er d’Bratze uff de Disch und brüelet a si Käther: „Gell, lüg mer nitt und halt di Muul, und hör nu uff mit blääre. Vum Suufe kummet d’Moose nit, die güt es bim Verlääre!“ Gottfried Schafbuch

Behörden und Organisationen Das Arbeitsamt Villingen-Schwenningen in neuen Räumen Der Neubau für das Dienstgebäude des Arbeitsamts Villingen-Schwenningen steht an der südlichen Einfahrt nach Villingen in unmittelbarer Nähe des mittelalterlichen Kernes der Zähringer-Stadt. Der drei-bis viergeschossige Mauerwerks­ bau mit seinem rot eingedeckten Satteldach paßt sich gut an die angrenzenden Wohn­ gebäude aus der Zeit der Jahrhundertwende an. Gebaut wurde von 1983 bis 1987 mit einem Kostenaufwand von rund 18 Millio­ nen Mark. Auf gut 6600 �adratmeter Nutzfläche arbeiten hier etwa 200 Beschäftigte in den vier Fachabteilungen. Das Gebäude ist großzügig angelegt und funktionell aufgebaut. Von einer zentralen Erschließungshalle ausgehend, ist der Bau als dreiflügelige Anlage mit abgewinkelten Bürotrakten konzipiert. Dabei sind die ein­ zelnen Abteilungen weitgehend in zusam­ menhängenden Geschoßflügeln unter­ gebracht. Im Erdgeschoß befindet sich die Abtei­ lung Arbeitsvermittlung und Arbeitsbera­ tung sowie die Kindergeldkasse und das Berufsinformationszentrum mit einem sepa­ raten Eingang. Leistungsabteilung mit An­ tragsannahme und Berufsberatung sind im ersten Stock untergebracht. Im zweiten Stock befinden sich neben Direktion und Verwaltung weitere Sachgebiete der Lei­ stungsabteilung. Der dritte Stock ist belegt mit dem ärztlichen und dem psycholo­ gischen Dienst, dem Sitzungssaal und der Kantine für die Beschäftigten. Nachdem nun alle Abteilungen und Fach- 31

dienste unter einem Dach untergebracht sind, brauchen Besucher nicht mehr – wie früher – zwischen sieben verschiedenen Gebäuden im Stadtzentrum zu pendeln, um Rat und Unterstützung zu bekommen. Betreut wird vom Arbeitsamt Villingen­ Schwenningen der gesamte Schwarzwald­ Baar-K.reis mit seinen 20 Städten und Gemeinden. Dafür sind neben dem neuen Hauptamt in Villingen vier Dienststellen in Schwenningen, Donaueschingen, Furtwan­ gen und St. Georgen eingerichtet. Die Aufgaben der Fachabteilungen – Abteilung Arbeitsvermittlung und Ar­ beitsberatung Fachmännisch geschultes Personal infor­ miert und berät Arbeitnehmer und Arbeitgeber unentgeltlich über die Lage und Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt und in einzelnen Berufen. Mit Hilfe modernster Kommunikationstechniken wird rasch und flexibel auf Kunden­ wünsche reagiert. Im Vordergrund steht die Aufgabe, Arbeitssuchenden den geeig­ neten Arbeitsplatz und Arbeitgebern die erforderlichen Arbeitskräfte zu vermit­ teln. Arbeitsmarktpolitische Instrumente wie berufliche Fortbildung und Umschulung, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, beruf­ liche Rehabilitation und finanzielle För­ derung der Arbeitsaufnahme werden hier gezielt eingesetzt, auf den regionalen Markt zugeschnitten und ständig den ver­ änderten Anforderungen angepaßt. Ziel ist, einen Ausgleich von Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt her­ zustellen, Arbeitslosigkeit abzubauen und zu verhindern sowie Beschäftigung zu sichern. – Abteilung Berufsberatung und Ausbil­ dungsvermittlung Berufsorientierung von Schülern aller Schularten, individuelle berufliche Bera­ tung von Jugendlichen, die vor der Berufs­ wahl stehen, Vermittlung beruflicher Aus­ bildungsstellen sowie Förderung der 32 betrieblichen Berufsausbildung sind die zentralen Aufgaben dieser Abteilung. Spe­ ziell geschultes Personal für die einzelnen Aufgabenbereiche, wie beispielweise Bera­ ter für Behinderte oder für Abiturienten und Hochschüler sowie Ausbildungsver­ mittler, denen ein modernes Datenverar­ beitungssystem zur Verfügung steht, kön­ nen von allen Interessenten unentgeltlich in Anspruch genommen werden. Das neu eingerichtete Berufsinformationszentrum (BIZ) steht zugleich als „Selbstbedie­ nungsmediothek“ allen an der Berufs­ wahlvorbereitung beteiligten und interes­ sierten Jugendlichen und Erwachsenen zur Verfügung. Der ständige Kontakt mit Schulen, Hoch­ schulen, Werkstätten für Behinderte, In­ nungen, Verbänden und Kammern, eben­ so mit Ausbildungsbetrieben, garantiert ein kompetentes Dienstleistungsangebot für Jugendliche und Betriebe im Zusam­ menhang mit beruflicher Nachwuchs­ gewinnung. – Leistungsabteilung Die Leistungsabteilung hat die meisten Mitarbeiter im Arbeitsamt und bewältigt eine Fülle von Anträgen auf Geldleistun­ gen aus allen Aufgabengebieten. Dies erfordert umfangreiches Fachwissen und ständige Weiterbildung des Personals. Mehr als 150 Millionen Mark werden hier pro Jahr bewilligt. Zur Sicherung der Existenz und angemes­ senen Versorgung von Arbeitslosen, de­ nen nicht sofort zumutbare Arbeit ver­ mittelt werden kann, gibt es beispielsweise das Arbeitslosengeld. Wer darauf keinen Anspruch hat, kann Arbeitslosenhilfe beantragen, die von der Leistungsabtei­ lung im Auftrag des Bundes gezahlt wird. Daneben gehören das Unterhaltsgeld während der Teilnahme an beruflichen Fortbildungs- und Umschulungsmaß­ nahmen, das Konkursausfallgeld, Kurzar­ beitergeld, Schlechtwetter- und Winter­ geld zu den vielfältigen Lohnersatzlei­ stungen, mit denen zahlreiche Risiken des

Arbeitsmarktes für Arbeitnehmer wie Arbeitgeber gemildert oder aufgefangen werden können. Als „Kindergeldkasse“ bewilligt und über­ wacht die Leistungsabteilung im Auftrag des Bundes für fast 22 000 Familien mit mehr als 36 000 Kindern das Kindergeld und den Kindergeldzuschlag. Über den Weg des Widerspruchsverfah­ rens bei Streitigkeiten, die sich bei der Durchführung der Fachaufgaben ergeben, bietet die Leistungsabteilung kostenfreien Rechtsschutz. Eine Sonderaufgabe hat die Bearbeitungs­ stelle zur Bekämpfung der illegalen Be­ schäftigung in der Leistungsabteilung. Sie fahndet von Villingen aus im gesamten Süden Baden-Württembergs nach Betrie­ ben, die Arbeitnehmer illegal ver- oder entleihen. Verwaltung Die Verwaltung organisiert den inneren Dienstbetrieb des Arbeitsamts. Dazu ge­ hört auch die Auswahl, Einstellung sowie Aus- und Fortbildung des Personals und die Sach- und Liegenschaftsverwaltung. Daneben koordiniert die Verwaltung im zentralen Rechenzentrum die EDV ge­ stützten Aufgaben der Fachabteilungen und überwacht die Einhaltung der Daten­ schutzbestimmungen. Angegliedert sind außerdem der ärztliche und psychologische Dienst zur Unterstüt­ zung der Fachabteilungen beim Beurtei­ len der Eignung und des Leistungsvermö­ gens der Ratsuchenden. Im Sachgebiet Statistik werden die von den Abteilungen erhobenen Einzeldaten aufbereitet und der Öffentlichkeit in Form von Presseinformationen zur Ver­ fügung gestellt. Die Verwaltung erarbeitet auch alle zur Information des örtlichen Verwaltungs­ ausschusses erforderlichen Unterlagen und bereitet dessen Sitzungen zu Themen wie „Arbeitsmarktpolitische Maßnah­ men“ und „Haushalt des Arbeitsamtes“ vor. Der Verwaltungsausschuß ist mit je vier Vertretern von Arbeitgebern, Arbeit­ nehmern und öffentlichen Körperschaf­ ten besetzt. Klaus Helm 33

Die Kriminalpolizei im Schwarzwald-Baar-Kreis Ergebnis polizeilicher Ermittlungen. Diese ersten Kriminalpolizei-Stellen hatten ebenso wie die 1908 errichtete Fahndungspolizei kei­ nen direkten Einfluß aufVillingen. Die Geburtsstunde einer eigenständigen Kriminalpolizei-Dienststelle schlug 1922, als im Rahmen einer polizeilichen Neugliede­ rung in Villingen eine „Gendarmerie-Krimi­ nalabteilung“ mit eigener Steckbriefregistra­ tur -ein Vorfahre der heutigen Datenstation -eingerichtet wurde. Während diese Krimi­ nalabteilung als Spezialdienst noch der Gen­ darmerie -also der Schutzpolizei -angeglie­ dert war, erfolgte im Jahre 1928 der Aufbau einer eigenständigen Kriminalpolizeidienst­ stelle. Dieser Staatlichen Kriminalpolizei­ stelle gehörten fünf Kriminalbeamte an, die seinerzeit von Karlsruhe und Pforzheim in den Schwarzwald versetzt wurden, um sich hier speziell um die Kriminalitätsbekämp- Eine geschichtliche Betrachtung Mit der Bildung der Polizeidirektion Vil­ lingen-Schwenningen zum 1. Januar 1973 ging eine wechselvolle organisatorische Ent­ wicklung der Kriminalpolizei im Bereich des heutigen zu Schwarzwald-Baar-Kreises Ende. Ab diesem Tage wurden die bisher getrennten Polizeisparten Schutz-und Kri­ minalpolizei unter eine einheitliche Führung – die des Leiters der Polizeidirektion – gestellt.Die Neuorganisation des Polizeivollzugs­ dienstes in Baden-Württemberg fußte einer­ seits auf der seinerzeit durchgeführten Gebiets-und Verwaltungsreform, anderer­ seits kamen Bund und Länder im „Pro­ gramm für die Innere Sicherheit in der Bun­ desrepublik Deutschland“ im Juni 1972 zur Vereinbarung, in den Grundzügen eine ein­ heitliche, leistungsfähigere Organisation des Polizeivollzugsdienstes zu schaffen. Dazu sollten Schutz-und Kriminalpolizei schon auf unterer Ebene organisatorisch unter eine einheitliche Führung gestellt werden. Unterschiedliche Entwicklungen Die neu gebildete Polizeidirektion Villin­ gen-Schwenningen vereinte ab 1973 nicht nur Schutz-und Kriminalpolizei, sondern trug auch dem Städtezusammenschluß von Villingen und Schwenningen Rechnung, der zum 1. Januar 1972 wirksam wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sich die bislang in den Regierungsbezirken Südbaden bzw. Südwürttemberg gelegenen Kriminalaußen­ stellen Villingen und Schwenningen unter­ schiedlich entwickelt. In der früheren badischen Polizei war die Organisation der Kriminalpolizei eng mit der Staatsanwaltschaft verbunden, die ihr unmittelbar Aufträge erteilen konnte. Anlaß für die im Jahre 1879 durch Großherzogli­ ches Dekret aufgestellten Kriminalpolizei­ Stellen war u. a. die Unzufriedenheit der Staatsanwaltschaften mit dem bisherigen 34

fung zu kümmern. Leiter dieser Kriminalpo­ lizeidienststelle war Kriminalinspektor Knecht. Ihre Zuständigkeit beschränkte sich auf den Bereich der damals ca. 16.000 Ein­ wohner umfassenden Stadt Villingen. Leider liegen keinerlei Erkenntnisse darüber vor, mit welcher Art Kriminalität sich die Beam­ ten seinerzeit vornehmlich auseinanderset­ zen mußten. Eine erneute Organisationsänderung erfuhr die Kriminalpolizei im August 1933, als aus der bisherigen Kriminalpolizeistelle die „Landeskriminalpolizeistelle“ wurde, die Ermittlungszuständigkeiten in den Amtsge­ richtsbezirken Villingen und Donaueschin­ gen hatte. Der Personalbestand wuchs in den Vorkriegsjahren auf 8 Beamte an. Nach der Gründung des Landes Baden­ Württemberg und Inkrafttreten des neuen Polizeigesetzes wurde 1956 aus der Staatli­ chen Kriminalpolizeistelle die Kriminalau­ ßenstelle Villingen. Sie war wie die Kriminal­ außenstelle Singen dem Kriminalkommissa­ riat Konstanz nachgeordnet. Leiter der Kri- . minalaußenstelle (KASt) Villingen war Kri­ minalkommissar Willi Hauer, der 1962 durch einen Verkehrsunfall ums Leben kam. Unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg, im Juli 1945, wurde für das damalige Land Baden das Landeskriminalpolizeiamt in Frei­ burg mit Kriminalpolizei-Abteilungen in Baden-Baden, Offenburg, Freiburg und Konstanz eingerichtet. Villingen war schon bald wieder Sitz einer „Staatlichen Kriminal­ polizeistelle“, die zunächst der Kriminalpoli­ zei-Abteilung Freiburg unterstellt war. Erster Nachkriegs-Dienststellenleiter war Hans Hugenschmidt, der in den Folgejahren von JosefMerz und Anton Koch abgelöst wurde. Schon bald wurde der Personalbestand wie­ der auf die Vorkriegsstärke von 8 Beamten gebracht. Vermutlich im Jahre 1950 wurde die Kri­ minalpolizeistelle der Kriminalpolizei­ Abteilung Konstanz unterstellt, um die Übereinstimmung mit dem Zuständigkeits­ bereich der Staatsanwaltschaft Konstanz wie­ der herzustellen. Amtsnachfolger als Leiter der KASt Villin­ gen wurde Kurt Lauble, der die Dienststelle 1973 in die Polizeidirektion einbrachte und erster Leiter der Abteilung II/Kriminalpoli­ zei der Polizeidirektion Villingen-Schwen­ ningen wurde. Diese Funktion hatte er bis zu seiner Verabschiedung in den Ruhestand im Dezember 1979 inne. Im württembergischen Schwenningen entstand im Jahre 1923 ein „Staatliches Würt­ tembergisches Polizeiamt“ mit einer Krimi­ nalabteilung, die 1928 und in der Folgezeit aus zwei Beamten bestand. Diese kriminal­ polizeiliche Organisationseinheit wurde 1943 als „Staatliche Kriminalpolizei – Außenposten Schwenningen“ – direkt der Kriminalpolizei – Leitstelle Stuttgart- unter­ stellt. einer 1946 erfolgte die Auflösung des Staatli­ chen Polizeiamtes Schwenningen und die Schaffung Kriminalaußenstelle Schwenningen, die dem Kriminalkommissa­ riat (KK) Rottweil unterstellt und ausschließ­ lich für den Bereich der Stadt Schwenningen zuständig war. Die personelle Ausgestaltung hatte entsprechend bescheidene Ausmaße: Lange Zeit bestand die KASt Schwennin­ gen aus vier bis fünf Beamten und zwei Angestellten. Geleitet wurde die KASt Schwenningen zunächst von den Beamten Wochner,Jacob, Heinrich Meyer sowie Mat­ thias Blepp. ImJahre 1969 übernahm Krimi­ nalobermeister Otto Kolipper die Leitung der Dienststelle. Ihm fiel im Jahre 1972 nach der Städtefusion Villingen und Schwennin­ gen die nicht leichte Aufgabe zu, die sechs Beamten der Schwenninger Kriminalaußen­ stelle in die KASt Villingen einzubringen, um dann im Jahr danach gemeinsam mit den bisherigen Villinger Kollegen die Abteilung II/Kriminalpolizei der Polizeidirektion Vil­ lingen-Schwenningen zu bilden, die zunächst einen Personalstand von 15 Beam­ ten und 5 Angestellten hatte. Frauen in der Kriminalpolizei Die geschilderte Entwickung der Krimi­ nalpolizei im heimischen Bereich vollzog 35

sich lange Zeit ohne „frauliche Einflüsse“. In der Nachkriegszeit gab es zwar den Fach­ dienst „ Weibliche Kriminalpolizei“ (WKP), doch diese Beamtinnen waren ausschließlich den Kriminalkommissariaten zugeteilt. So mußten sich lange Zeit die Schutz-und Kri­ minalpolizei auf der Baar und im Schwarz­ wald der WKP-Beamtin aus Konstanz bedie­ nen, wenn der Einsatz einer Kriminalbeam­ tin im Einzelfalle erforderlich war. Die WKP kam seinerzeit fast ausschließlich bei der Bearbeitung von Sittlichkeitsdelikten und bei Fällen der Abtreibung zum Einsatz. Mit der Auflösung der WKP als Fach­ dienst wurden die Beamtinnen in den allge­ meinen Kriminaldienst integriert. Im Rah­ men dieser Umstrukturierung erhielt die KASt Villingen 1970 die erste Kriminalbeam­ tin. Seither gab es eine stetige frauliche Auf­ wärtsentwicklung, da zwischenzeitlich etwa 10 % der kriminalpolizeilichen Stellen mit Frauen besetzt werden. Neben Kriminal­ hauptkommissarin Doris Kulke als Dezer­ natsleiterin für Sittlichkeitsdelikte versehen im Jahre 1988 weitere 5 Beamtinnen Dienst in den verschiedenen Dezernaten. Die Abteilung II -Kriminalpolizei in der Polizeidirektion Villingen-Sbhwenningen Seit der polizeilichen Neuorganisation im Jahre 1973 hat sich das Aufgabengebiet der Kriminalpolizei stetig erweitert. Neben Kapi­ taldelikten bearbeitet die Kriminalpolizei im Schwarzwald-Baar-Kreis u. a. Fälle der Wirt­ schaftskriminalität, befaßt sich mit Verstö­ ßen gegen das Betäubungsmittelgesetz, ermittelt bei Sittlichkeitsdelikten, betreibt Jugendschutz, fahndet nach ausgeschriebe­ nen Straftätern und setzt sich mit Räubern und Dieben auseinander. Unterstützt wird diese umfangreiche Arbeit durch spezielle Kriminaltechniker und eine rund um die Uhr besetzte Datenstation, die den Zugriff zu den Datensammlungen der Zentralstellen unter­ hält. Dazu stehen dem Leiter der Kriminal­ polizei im Jahre 1988 55 Beamte, 20 Ange­ stellte sowie 1 Kraftfahrer zur Verfügung. Ob sich wohl Kriminalinspektor Knecht 1928 eine solche Entwicklung vorstellen konnte? Helmut Wider De Italiener Luigi ischt als Knecht beim Sepp und moß gi Rüebe hacke. Paar Rättech hätt er gesse z’gschnell, die clont en grusig zwacke. Er rentt i d’Hecke kuntinennt, -sie Grimme druckt wie bsesse – und isch dert krottebroat und diif i d’Nessle inni gsesse. ,,Maleditto, sappertrenti“ duet brüelle er zmol luut „o Ditsland, di hoaß Grasi verbrennt mi sardi Huut!“ Gottfried Schafbuch Zeichnung: Helmut Gref? 36

Schulen und Bildungseinrichtungen Neue attraktive Studiengänge an der Berufsakademie Villingen-Schwenningen Die Berufsakademie Villingen-Schwen­ ningen hat sich -seitdem im Almanach 77, Seite 25/26, und 79, Seite 69/70, über diese Einrichtung berichtet wurde -in schnellem Tempo weiterentwickelt. Sie ist kräftig gewachsen auf jetzt 850 Studenten (eine Zahl, die sich in den nächsten Jahren auflOOO erhöhen wird) und hat ihr Studien-und Aus­ bildungsangebot erheblich ausgeweitet. Im Jahre 1988 bot sich mit einem Pro­ gramm der Landesregierung zur Stärkung des ländlichen Raums die Chance, eine Neue Studien- und Ausbildungsangebote Anzahl von Pilotprojekten der Akademie in neue Studienangebote umzusetzen. So wurde mit einer Erweiterung der Fachrichtung Steuern um die Vertiefungs­ richtung Prüfungswesen aktuellen Entwick­ lungen im Berufsfeld des Steuerberaters Rechnung getragen: Neue gesetzliche Bestimmungen weisen den Steuerberatern eine Funktion in der Prüfung von Jahresab­ schlüssen zu -die Berufsakademie bildet für diese Funktion aus. Ganz neu ist das Angebot der Berufsaka­ demie an Kreditinstitute, in der Fachrichtung Wirtschaftsinformatik Nachwuchskräfte dual auszubilden, die bankbetriebswirtschaftliche 37

Kenntnisse mit einer Kompetenz in anwen­ dungsorientierter Informatik verbinden. Im Ausbildungsbereich Sozialwesen ging von den Allgemeinen Ortskrankenkassen die Anregung aus, künftige Mitarbeiter für den Sozialen Dienst in Krankenkassen (oder Krankenhäusern oder Gesundheitsämtern) praxisnah in einer neuen Fachrichtung Soziale Arbeit im Gesundheitswesen auszubil­ den. Auch bei dem vierten neuen Studienange­ bot der Akademie, das wir etwas näher beleuchten wollen, ging die Initiative von der Wirtschaft aus, eine neue Fachrichtung ein­ zurichten: Die Fachrichtung Internationales Marketing Schon im Jahre 1982 regten einige an der Berufsakademie Villingen-Schwenningen beteiligte Industriebetriebe an – so die Alu­ minium-Walzwerke Singen und die Firma Aesculap in Tuttlingen – das starke Engage­ ment der heimischen Industrie auf ausländi­ schen Märkten im Studienangebot zu berücksichtigen. Es gäbe, so das Argument der Industrie, einen noch zunehmenden Bedarf für qualifizierte Nachwuchskräfte, die verantwortliche Funktionen in der Bearbei­ tung von Märkten in den europäischen Nachbarländern und in Übersee ausfüllen können. Das Ausbildungsprofil Welches Profil müssen Mitarbeiter bzw. Mitarbeiterinnen haben, die in exportorien­ tierten Unternehmen wirkungsvoll dazu bei­ tragen, die Herausforderungen aus der zunehmenden zu bestehen? Internationalisierung Die Berufsakademie Villingen-Schwen­ ningen definiert das Ziel für die Fachrichtung INTERNATIONALES MARKETING so: Es sollen kompetente, mobile und motivierte Mit­ arbeiter ausgebildet werden, mit guten allgemei­ nen betriebswirtschaftlichen Kenntnissen. 38 Diese Kenntnisse werden eiworben durch die Mitarbeit in wichtigen kaufmännischen Abteilungen des Ausbildungsbetriebs und in den mit der praktischen Ausbildung ver­ knüpften Theorieveranstaltungen, die die Staatliche Studienakademie zu den Unter­ nehmensfunktionen Fertigung und Mate­ rialwirtschaft, Absatz, Finanz- und Rech­ nungswesen und Personalwirtschaft vermit­ telt; mit Fachkenntnissen wie etwa auf dem Gebiet der Exporttech­ niken, der Exportfinanzierung, des interna­ tionalen Marketing oder bestimmter Rechts­ gebiete. Hierzu liefert die Studienakademie die Lehrveranstaltungen in Spezieller Betriebswirtschaftslehre und der Betrieb die praktische Ausbildung im 3. Jahr; mit guten Sprachfähigkeiten Die Akademie pflegt Englisch als die zweite Sprache des internationalen Handels, indem sie eine ganze Reihe von Lehrveranstaltun­ gen (mit den dazugehörigen Prüfungslei­ stungen) in englischer Sprache abhält; sie bietet Fremdsprachenunterricht in Franzö­ sisch oder Spanisch oder Russisch und sie for­ dert von jedem Studierenden ein Auslands­ praktikum von mindestens drei Monaten Dauer. Auslandspraktika organisieren die Ausbildungsbetriebe mit ihren weltweiten Geschäftsverbindungen und Auslandsprak­ tika vermittelt auch die Berufsakademie (übrigens angehenden Diplom­ Betriebswirten) im Rahmen ihrer Austausch­ programme mit St. Louis und Indianapolis, USA und mit Lyon und Grenoble als ihr Anteil an der Kooperation von Baden-Würt­ temberg mit der Region Rhone-Alpes. Sensibilisiert für die Besonderheiten ausländi­ scher Märkte und motiviert für die engagierte Mitarbeit in der Exportabteilung, der auslän­ dischen Niederlassung, auf Messen oder wo immer internationales Marketing stattfindet. Auch hier sind es die Mitarbeit in der Exportfunktion und das Auslandsprakti­ kum, durch die sich Nachwuchskräfte dieser Qualität heranbilden. allen

Große Nachfrage für INTERNATIONALES MARKETING Das neue Studienangebot der Berufsaka­ demie Villingen-Schwenningen erwies sich schnell als überaus erfolgreich. Dabei ist nicht nur eine gute Resonanz bei den betei­ ligten Ausbildungsstätten zu vermelden. Es sind auch viele Unternehmen aus ganz Baden-Württemberg (und aus anderen Bun­ desländern) als neue Ausbildungsbetriebe hinzugekommen. Unter Abiturienten und Abiturientinnen ist das Interesse ausgesprochen lebhaft – eine Auslandsmüdigkeit der Jugend gibt es offen­ sichtlich nicht mehr. Schon bald konnte ein eigener Kurs mit ca. 30 Studienanfängern eingerichtet werden, und wenig später gab es die ersten Probleme bei der Akademie, diese Kapazitätsgrenze auch einzuhalten. Die ersten Absolventen, die noch in der Modellphase ab 1985 die Aus­ bildung beendeten, hatten hervorragende Übernahmechancen und berichten über gute Entwicklungsmöglichkeiten im Beruf. Ab 1. Oktober 1988 ist INTERNATIO­ NALES MARKETING im Regelangebot der Berufsakademie Villingen-Schwenningen. Um die Qyalität der Ausbildung zu sichern, stellt das Land Baden-Württemberg zusätz­ liche Stellen für die Lehre und finanzielle Mittel für Investitionen in die Datenverar­ beitung und in die Bibliothek bereit. Neue Räume im Stadtteil Schwenningen schaffen den Platz für die zusätzlichen Lehrveranstal­ tungen. Von der Berufsakademie Villingen­ Schwenningen sind so erneut Impulse für eine dynamische Weiterentwicklung des Modells einer praxisnahen Ausbildung von Abiturienten in Kooperation mit der Wirt­ schaft ausgegangen. Auch in der Zukunft will sie Lücken im Ausbildungsangebot aufspü­ ren und mit hohem Qyalitätsanspruch im dualen System ausfüllen. Prof. Rudolf Mann Technische Akademie für Weiterbildung (TA W) IHK und Fachhochschule Furtwangen gehen neue Wege in der technischen Weiterbil­ dung Die im Kammerbezirk stark vertretenen Industriezweige, insbesondere Feinmecha­ nik/Uhren, Elektrotechnik und Maschinen­ bau unterliegen einem strukturellen Wandel. Diese Branchen haben große Zukunftschan­ cen, sind jedoch durch einen rasanten tech­ nologischen Fortschritt und einen verstärk­ ten fernöstlichen Konkurrenzdruck gekenn­ zeichnet. Im Wettbewerb mit Konkurrenten aus Billigländern muß das technische Spit­ zenwissen jene Komponente sein, auf die künftig gesetzt werden muß, wollen Klein­ und Mittelbetriebe ihre Chancen am Markt von morgen nutzen. Darüber hinaus wird die Bedeutung der beruflichen Weiterbildung in naher Zukunft von drei Komponenten be­ stimmt: 1. Den Unternehmen werden weniger Nachwuchskräfte (demografischer Wan­ del) zur Verfügung stehen. Qyalifizierter Nachwuchs kann deshalb nicht einfach vom Arbeitsmarkt eingekauft werden, das vorhandene Personal muß durch Anpas­ sungsbildung qualifiziert werden. 2. Verkürzte Lebenszyklen der Produkte, z.B. im Bereich der Kommunikations­ technologie und Datenverarbeitung, zwingen die Unternehmen zur Imple­ mentierung neuer Systeme – verbunden mit einhergehenden Qyalifizierungsmaß­ nahmen für Führungs- und Fachkräfte. 3. Der geplante europäische Markt ohne Grenzen ab 1992 wird trotz vieler Chan­ cen für alle beteiligten Unternehmen ver- 39

Das neue Trainingszentrum der Industrie- und Handelskammer, in dem auch Seminare der TAW statrfinden stärkte Konkurrenzsituationen schaffen. Der bisherige Leistungsstandard muß auf nationaler Ebene ständig verbessert wer­ den, um im internationalen Vergleich mit­ halten zu können. So wird es notwendig werden, z. B. mit neuen Marketingstrate­ gien zu operieren und das Personal mit den Anforderungen des gemeinsamen Marktes vertraut zu machen. Aus dieser Tatsache und der langjährigen Erfahrungen auf dem Gebiet der beruflichen Weiterbildung haben die Fachhochschule Furtwangen und die Industrie-und Handels­ kammer Schwarzwald-Baar-Heuberg ge­ meinsam imJahrl988 die Technische Akade­ mie für Weiterbildung „TAW“ gegründet. Die TAW ist die erste Einrichtung dieser Art in der Bundesrepublik und richtet ihr Bil­ dungsangebot an Unternehmer, Führungs­ kräfte und Spezialisten insbesondere Inge­ nieure, Techniker und Technische Kaufleute. 40 Angesprochen sind die Verantwortlichen aus Klein-und Mittelbetrieben im Kammerbe­ zirk und den angrenzenden Landkreisen. Referenten für die pro Studiensemester 60-70 angesetzten Veranstaltungen kom­ men von Universitäten, Fachhochschulen, Forschungseinrichtungen und auch aus Betrieben. Das heißt mit anderen Worten, daß in den Seminaren Leute aus der Wissen­ schaft und Leute aus der Wirtschaft zusam­ menkommen und so ein fruchtbarer Aus­ tausch zustande kommen kann. Die Schwerpunkte der Seminarreihen lau­ ten: Informations-und Kommunikations­ technik, CAD/CAM, Automation und Pro­ duktionsplanung, Elektrotechnik/Mikro­ elektronik, Fertigungs-und Verfahrenstech­ nik, Werkstoff-Technologie, Medizintechnik, Qialitätswesen, Meßtechnik, Sicherheits-und Umwelttechnik, Neue Produkte, Marketing/ Design sowie Management-Praxis.

. 1 //J !HK und Fachhochschule Furtwangen gehen neue Wege in der technischen Weiterbildung Die TA W wird von der Industrie-und Handelskammer Schwarzwald-Baar-Heu­ berg und der Fachhochschule Furtwangen gemeinsam betrieben und hat kein eigenes Gebäude. Zur Weiterbildung stehen den Seminarteilnehmern funktionsgerechte Räu­ me, modernste didaktische Einrichtungen und Hilfsmittel zur Verfügung. Die Semi­ nare werden größtenteils im neu eingerichte­ ten Trainingszentrum der IHK sowie in der Fachhochschuie Furtwangen durchgefuhrt. In unmittelbarer Kammernähe und gut eingebunden in die Infrastruktur der Stadt Villingen-Schwenningen hat die Kammer Mitte September 1988 ihr Trainingszentrum in den neu eingerichteten Räumen auf dem Gebäude des ehemaligen Hollerith-Gebäu­ des eröffnet. Die Räume und Apparaturen in diesem Trainingszentrum erlauben die Schu­ lung in kleinen Gruppen mit Lehr-und Lern­ methoden wie beispielsweise Moderation, Gruppenarbeit, Metaplantechnik oder auch Computerlearning unter Verwendung mo­ dernster Unterrichtstechniken, wozu Video­ anlagen, Großbildprojektoren, elektronische Tafeln, LCD-Displays, Moderationswände und Flip-Charts gehören. Seminare der TAW finden auch bei For­ schungseinrichtungen und speziellen Betrie­ ben statt. Gerade dies ist sinnvoll, denn viele Lerninhalte, die Kammer und Fachhoch­ schule vermitteln wollen, lassen sich nur anhand modernster betrieblicher Einrich­ tungen, Geräte und Verfahren demonstrie­ ren und erlernen. Entsprechend hat die Kammer, deren Weiterbildungabteilung übrigens das Mana­ gement der TAW besorgt, ein praktikables Modell entwickelt, das aus Bausteinen Orga­ nisation, Kooperation Investition besteht. Das heißt im Klartext: Die TAW trifft mit Lieferanten oder Her-41

steilem Nutzungsvereinbarungen über ent­ sprechende Geräte und Maschinen, meist sind es Leihgaben, die auf eine spezifische Veranstaltung ganz speziell zugeschnitten sind (Kennwort „Organisation“). Viele Anbieter von Geräten (etwa Computer-Fir­ men) machen da gerne mit. Für sie ist das ein Marketinginstrument und um so interessan­ ter, als die „Schüler“ gleichzeitig die Ent­ scheidungsträger in ihren Firmen sind, wenn es künftig um entsprechende Anschaffungen geht. Das Stichwort „Kooperation“ bezieht sich auf die ständige Zusammenarbeit der TAW mit Firmen, z. B. dem Bildungszentrum für Informationstechnik von Mannesmann­ Kienzle in Donaueschingen, und wissen­ schaftlich-technischen Einrichtungen. Für die TA W, beziehungsweise die Kammer und die Fachhochschule, hat das den Vorteil, daß bei Nutzung der kurzfristig von Firmen zur Verfügung gestellten Technik sowie vorhan­ dener Einrichtungen in der Kammer und der Fachhochschule Eigeninvestitionen nicht oder nur im überschaubaren Rahmen erfor­ derlich sind. „Investition“ schließlich bedeutet: Nur wenn Schulungsaufgaben anderweitig nicht optimal erfüllt werden können, werden Eigen­ investitionen in Betracht gezogen. Die Bildungsangebote des ersten Seme­ sters fanden guten Zuspruch, da die TA W den Weiterbildungsbedarf vieler Unterneh­ men deckt und die Veranstaltungen in deren räumlicher Nähe angeboten werden. Für die hiesigen Unternehmer bedeutet dies Zeit­ und Kostenersparnis. Vor allem ersteres ist für viele mittelständischen Unternehmen, die auf ihre wichtigen Mitarbeiter nur schlecht länger verzichten können, ein ent­ scheidender Vorteil. Die TAW wird auf Dauer die technisch-wissenschaftliche Bil­ dungsstruktur der Region verbessern und auch die Standortattraktivität erhöhen. Inzwischen ist das dritte Semester mit erwei­ tertem Programm angelaufen. Die Resonanz ist weiter gestiegen und hat über den Kam­ merbezirk hinaus zu einer Zusammenarbeit derTAW mit der Fachhochschule Konstanz und der Schwesterkammer Hochrhein­ Bodensee geführt. Klaus Zährl Die Mannesmann Kienzle-Computerschule in Donaueschingen Bildungszentrum für Informationstechnik B .LT. Nur wenige Gehminuten vom östlichen Donaueschinger Stadtrand entfernt, mit freiem Ausblick in die offene Landschaft der Baar, erhebt sich ein modernes dreigliedriges Gebäude, dessen großzügige, schwungvolle Gestaltung ins Auge fällt und dessen ein­ drucksvolle Architektur sich harmonisch in die Umgebung einpaßt. Mitten ins Grüne gesetzt hat die Mannes-. mann Kienzle GmbH das neue „Bildungs­ zentrum für Informationstechnik“ an der Humboldtstraße. Alter Baumbestand, haupt­ sächlich Birken, konnte übernommen wer­ den. Doch was jetzt dort als parkähnliche 42 Anlage erscheint, wurde im Zusammenhang mit dem Neubau architektonisch geplant und von Landschaftsgärtnern verwirklicht. Die Bäume wurden ausgelichtet und etwas zurückgeschnitten. Das Gelände um das Gebäude wurde modelliert und beim Haupt­ eingang in einen Teich geformt, der den Mit­ telpunkt der Gesamtanlage bildet. Mit rund einem Ar Wasserfläche fügt sich der kleine See in das Gesamtbild ein. Bereits kurz nach der Fertigstellung war das mit Rohrkolben, Sumpfdotterblumen, Wollgras, Sumpfblut­ augen und Teichlinsen bepflanzte Biotop eine willkommene Besuchsstätte für alle

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möglichen Vögel einschließlich Wildenten. Zuckerahorn, Zitterpappeln und Eichen sind etwa zehn bis fünfzehn Jahre alt und dementsprechend groß. Hainbuchen, Ligu­ ster, Hartriegel und weitere Decksträucher lockern die Rasenfläche auf. Gewichtige Findlinge betonen die Natur. Sitzbänke laden zum Verweilen und zur Besinnung ein. Konzentrierte Technik im Innern des Gebäu­ des, draußen zur Erholung einladende Natur. Der Baukomplex mit einer Bruttoge­ schoßfläche von 5.000 qm gehört zu den modernsten, nach neuesten Erkenntnissen der Unterrichtungs- und Lehrtechnik konzi­ pierten Fachschuleinrichtungen in der Bun­ desrepublik. Der Investitionsaufwand belief sich auf 12 Mio. DM. Bis zu jeweils 350 Lehrgangsteilnehmer – insgesamt 11.000 im Jahr – können in 32 Seminar- und Praxisräumen unterwiesen und betreut werden. Die Räume bieten bis zu 27 Teilnehmern bei „ Workshop betrieb“ oder 80 Teilnehmern bei „Theaterbestuh­ lung“ Platz. Daneben stehen sieben Test­ räume für die „Arbeit am System“ bereit.120 Personen finden im Kasino, in dem frisch gekocht wird, und in der Cafeteria Platz. Die Mitarbeiterzahl des B.I.T. beträgt derzeit 64, von denen 42 als Dozenten im Lehrbetrieb tätig sind. Das Lehrangebot enthält Kurse für Computeranwender, Programmierer, System­ berater, Vertriebsbeauftragte und Wartungs­ techniker. Der Konferenzraum für Großveranstal­ tungen wurde nach den neuesten Erkennt­ nissen der Kommunikationstechnik aus­ gestattet. Eine Video-Großbildprojektion, auch von Bildschirminhalten, über einen in die Decke versenkbaren Beamer ist möglich, Videoaufzeichnungs- und wiedergabege­ räte, Film- und Diaprojektion, Mikrofonaus­ stattung, auch für Podiumsdiskussionen, ein hochwertiges Beschallungssystem, verdeckte Simultan-Dolmetschkabinen einschließlich der zugehörigen Übertragungssysteme mit entsprechendem Empfangsgerät und die Infrarot-Fernsteuerung aller Technikfunk- 44 tionen sind eingeschlossen. Auch die didakti­ schen Hilfsmittel in den Seminarräumen – Overhead-Projektion, Ferroskript-Tafeln usw. – genügen den höchsten Ansprüchen. Die Teilnehmer kommen sowohl aus dem nationalen und internationalen Kunden­ und Interessentenkreis für Mannesmann Kienzle Systeme wie aus der Vertriebs- und Serviceorganisation der GmbH und des gesamten Mannesmann Konzerns, mit dem die Kooperation auch auf diesem Gebiet in­ tensiviert wird. Die Seminare haben eine Dauer zwischen einigen Tagen und mehreren Wochen. Sie vermitteln Kenntnisse über Hard- und Soft­ ware und Programmiersprachen, Kommuni­ kations- und Schnittstellentechnik, Compu­ terunterstützte Fertigung (CAM/CIM) sowie den Einsatz von Rechnersystemen im Printmedienbereich. Aber auch der gesamte Komplex AUTOCOM – Automobil + Communication von Mannesmann Kienzle deckt seinen Ausbildungsbedarf im Bil­ dungszentrum für Informationstechnik in Donaueschingen. Presse-Abteilung Mannesmann Kienzle GmbH “ ••• Uneinsichtigkeit . Statt die Rüstung zu vermehren Gebt den Ärmsten lieber Brot, Woll’n wir uns denn nicht bekehren Und verhindern diese Not. Täglich sterben soviel Kinder Und Erwachs’ne ebenso, Nur die Technik sucht Erfinder, Bis die Welt brennt lichterloh. Soll denn so zugrunde gehen Uns’re schöne weite Welt Und wie wollen wir bestehen, Wenn wir vor Gericht gestellt? – Johannes Hawner

Wirtschaft und Gewerbe Dynamische Industrie stärkt Kaufkraft Die zurückhaltenden Konjunkturprogno­ sen für das Jahr 1988 sind widerlegt worden: Mit einer Erhöhung des Bruttosozialproduk­ tes um real 3,4% wurde 1988 in der Bundesre­ publik das stärkste Wirtschaftswachstum seit 1979 erzielt. Auch die Wirtschaft des Schwarzwald-Baar-Kreises hat ihre Chancen in eindrucksvoller Weise genutzt. So ist das – in Betrieben des verarbeiten­ den Gewerbes mit mehr als 20 Beschäftigten erfaßte – Umsatzvolumen im Jahr 1988 gegenüber dem Vorjahr im Schwarzwald- Heuberg hatten die 282 erfaßten Betriebe des Schwarzwald-Baar-Kreises auch 1988 mit 46% den höchsten Anteil. Der Kreis Rottweil war mit 29% und der Kreis Tuttlingen mit 25% beteiligt. Positiv haben sich aber nicht nur die Indu­ strie-Umsätze entwickelt, sondern auch die Löhne und Gehälter und damit die Einkom­ men der rund 37.000 Mitarbeiter der erfaß­ ten Betriebe des verarbeitenden Gewerbes im Schwarzwald-Baar-Kreis. Lag die Lohn- und Gehaltssumme dieser Industrie-Umsatz 1982 -1988* im Schwarzwald-Baar-Kreis Indexzahlen auf Basis 1982 122 1980 l 110 -103 – 100 – 132 — 120 115 – – 119 – Vergleich: Schwarzwald-Baar-Kreis Baden-Württemberg Bundesrepublik 1982 1983 1984 1985 1986 1987 1988 100 100 100 103 102 102 110 108 109 115 118 117 119 123 115 120 124 115 132 129 122 • Umsatzvolumen, erfaßt in Betrüben des verarbeitenden Gewerbes mii‘ mehr als 20 Beschäftigten Baar-Kreis um herausragende 10% gestiegen. Die vergleichbare Zuwachsrate lag im Bun­ desdurchschnitt bei 6% und im Landes­ durchschnitt Baden-Württembergs sogar nur bei 4%. Am Umsatzvolumen der Industrie im gesamten Kammerbezirk Schwarzwald-Baar- Betriebe im Jahr 1982 – dieses Jahr markiert den absoluten Tiefstand der wirtschaftlichen Entwicklung im Schwarzwald-Baar-Kreis – bei 1,2 Milliarden DM, so erreichte diese Summe 1988 die imposante Höhe von 1,5 Milliarden DM. Unter Berücksichtigung der durchschnittlichen Belastung der Arbeitneh- 45

mereinkommen mit Steuern und Abgaben errechnen sich hieraus Netto-Einkommens­ summen in der Größenordnung von 850 Millionen DM für 1982 und von 1 Milliarde DM für 1988. Wachsende Netto-Einkommen stellen – bei angemessenem realem Wirtschafts­ wachstum und nahezu stabilen Preisen – eine willkommene Kaufkraft-Stärkung dar, denn diese Stärkung erlaubt auf solider Basis eine Zunahme des privaten Verbrauchs, und der wiederum stützt eine aufwärts gerichtete Wirtschaftsentwicklung mit ihren positiven Auswirkungen auf die Beschäftigungs- und Arbeitsplatz-Situation eines Raumes. Mit der – aus dem Netto-Einkommen aller Mitarbeiter der erfaßten Betriebe des verarbeitenden Gewerbes resultierenden – Kaufkraftsumme 1988 in Höhe von 1 Mil­ liarde DM und einem darin enthaltenen, gegenüber 1982 verfügbaren Zuwachs von 150 Millionen DM steht der Schwarzwald­ Baar-Kreis an der Spitze der Entwicklung in der gesamten Region. Natürlich tragen auch Handel und Ver­ kehr sowie der Dienstleistungsbereich zur Bildung und Entwicklung von Kaufkraft bei. Die originäre Wertschöpfung aber findet in einer modernen Wirtschaft nun einmal in der Industrie, also im verarbeitenden Ge­ werbe, statt. Und daraus läßt sich ganz ein- fach die Schlußfolgerung ableiten: Geht es der Industrie gut, geht es auch den anderen Wirtschaftszweigen gut. Allein aus dieser gesicherten Erkenntnis heraus haben wir allen Grund, dazu beizutra­ gen, daß unsere Industrie ihre Leistungskraft nicht nur erhalten, sondern weiter steigern kann. Mehr Leistung aber setzt mehr Kön­ nen und mehr Können setzt mehr Wissen voraus. Deshalb sind wir ganz gewiß auf dem richtigen Weg, wenn wir große Anstrengun­ gen zur beruflichen �alifizierung der Mit­ arbeiter unserer Betriebe unternehmen. Ebenfalls auf dem richtigen Weg sind wir ganz gewiß, wenn wir uns – gerade nach der leider eingetretenen, vermeidbar gewesenen Verzögerung – unbeirrt weiterhin für einen zügigen Aufbau des Instituts für Mikro- und Informationstechnik in Villingen-Schwen­ ningen einsetzen. Der EG-Binnenmarkt mit seinen Chancen, aber eben auch mit seinen Herausforderungen kommt bestimmt. Nut­ zen wir die verbleibende Zeit bis dahin, um unsere überwiegend mittelständisch struktu­ rierte Industrie in ihrer Leistungskraft und damit in ihrer Wettbewerbsfähigkeit zum Wohle der Menschen dieses Raumes weiter zu stärken. Alfred Liebetrau IHK-Präsident Südwest-Messe als „fünfte Jahreszeit“ Die große Verbundschau verschiedener Fachausstellungen feiert ihr 40jähriges Bestehen Seit vierzig Jahren gibt es die Südwest­ Messe. Vierzig Jahre jung und immer etwas dynamischer als der Markt. Im Jahr 1990 kann diese große Verbundschau verschiede­ ner Fachausstellungen dieses Jubiläum feiern. Und das Schöne dabei ist, die Messe hat seit ihrer Gründung im Jahre 1950 – damals noch unter dem Namen „Südwest stellt aus“ – nichts an Attraktivität und Anziehungskraft verloren. Messezeit in Vil- lingen-Schwenningen ist noch immer für Zigtausende von Menschen im südwest­ deutschen Raum die „fünfte Jahreszeit“. Mit einem breitgefächerten Warenangebot, das bisher schon mehr als 4,6 Millionen Besu­ cher kritisch und damit zu ihrem Vorteil betrachtet haben, ist die Südwest-Messe auch 1990 in der Zeit vom 9. bis 17. Juni ein Erleb­ nisland für die ganze Familie. Seit seinem Amtsantritt ist Ministerpräsi- 46

dent Dr. h. c. Lothar Späth, wie auch seine Amtsvorgänger, Schirmherr der Südwest­ Messe. ,,Gerade der Vielfalt der Aussteller“, hat der Ministerpräsident in einem seiner Grußworte festgehalten, ,, verdankt diese Regionalausstellung ihre traditionell hohe Bedeutung. Der Zuspruch, den sie Jahr für Jahr genießt, liegt nicht zuletzt an dem engen Kontakt zwischen Erzeugern und Endver­ brauchern, an der Möglichkeit der direkten Information über neue und bereits bewährte Produkte.“ Der Grundstein für den heutigen Messe­ platz Villingen-Schwenningen wurde im Jahre 1950 gelegt. Zur ersten „Südwest stellt aus“ mit einer Hallenfläche von 5 000 Qp.a­ dratrnetern kamen gleich 37 000 Besucher. Es gab in jener Zeit, kurz nach der Währungs­ reform, zahlreiche Versuche, örtliche und regionale Ausstellungen aufzuziehen, durch­ weg von privaten Unternehmern angeregt und durchgeführt, von Stadt- oder Kreisver- waltungen unterstützt. Die Ursachen dieser Ausstellungen waren ebenso verschieden wie ihre Zielsetzungen. In den im Krieg stark zer­ störten Städten beispielsweise, ging es über­ wiegend darum, der Bevölkerung ein „Schau­ fenster“ des örtlichen Einzelhandels zu zei­ gen, der erst später Baumaßnahmen zur eige­ nen Repräsentation durchführen konnte. Von 1953 bis 1969 wurde die Messe in Schwenningen im zweijährigen Turnus durchgeführt. Seit 1970 findet sie jährlich statt – auf Drängen der Aussteller und wegen des großen Interesses der Besucher. Da sich die Stadt als ideeller Träger der Messe und die seit 1953 für die Durchführung verantwort­ liche Messegesellschaft erst 1970 zum jährli­ chen Messeturnus entschlossen haben, kann zwar 1990 zum 40jährigen Messejubiläum eingeladen, aber erst die 31. Messeveranstal­ tung verzeichnet werden. Die Südwest-Messe hat bei den Ausstel­ lern im In- und Ausland einen guten Ruf. Sie 47

ist immer schon Monate vor Ausstellungsbe­ ginn ausgebucht. In der Regel müssen 200 Firmen wegen Platzmangel abgelehnt wer­ den. Viele der rund 650 Firmen, die jährlich nach Villingen-Schwenningen kommen, gehören bereits zu den Stammkunden der Messe. Ihnen stehen insgesamt 60 000 Q!ia­ dratmeter nutzbare Ausstellungsfläche zur Verfügung. 25 000 Quadratmeter davon sind Hallenfläche. Das Freigelände ist 35 000 Q!iadratmeter groß. 1967 und 1969 wurden zwei große feste Hallen erstellt. Sie stehen für Sport und andere Ausstellungen und Ver­ anstaltungen das ganze Jahr über zur Ver­ fügung. Im Herbst eines jeden Jahres sind die beiden Hallen seit 1973 auch Mittelpunkt einer Wohnwagen-Ausstellung, die immer nach dem internationalen Caravan-Salon in Essen stattfindet. 1967 (zur 8. Südwest-Messe) wurde mit dem Aufbau einer Fertighaus-Ausstellung begonnen. Das Angebot der Südwest-Messe umfaßt neun große Branchenbereiche: Technik und Energie, Büro- und Geschäftsbedarf, Freizeit und Hobby, Hauswirtschaft und Ernährung, Bauen und Wohnen, Hotel- und Gaststät­ tenbedarf, Mode und Kosmetik, Baumaschi­ nen und Landwirtschaft. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, daß Firmen bereits mit Spezialentwicklungen für die Südwest-Messe anreisen. Dies trifft vor allem für Metallbearbeitungs- und landwirt­ schaftliche Maschinen zu. Es sind kleine und mittelständische Unternehmen, die sich auf der Südwest-Messe damit einen dankbaren Kundenstamm geschaffen haben. Auf diese Weise hat die Südwest-Messe längst einen ausgezeichneten Ruf als Testmarkt für neue Produkte. Sie spielt damit aber auch eine wichtige Rolle neben den großen internatio­ nalen Fachausstellungen, weil sie mit ihren „Regionalentwicklungen“ eine Lücke im Angebot füllt. Immer mehr ausgebaut in den letzten Jah­ ren wurde der Fachschaubereich der Messe. Bei der Messeleitung hat man erkannt, wie wichtig der Fachbesucher ist, wobei man in 49

Villingen-Schwenningen darunter auch die Hausfrauen versteht. So wird der Ausstel­ lungsbereich Hauswirtschaft von ca. 200 Fir­ men beschickt. Ein anderer Schwerpunkt ist der Bürosektor. Hier bietet die Südwest­ Messe einen Überblick über das Computer­ angebot für Büros jeder Art ebenso wie für kleinere und mittlere Handwerksbetriebe. Eine Baufachschau in mehreren Hallen und das große Fertighausgelände mit zur Zeit 10 komplett eingerichteten Musterhäusern sind weitere Attraktionen der Südwest-Messe. Die Beratung zum Nulltarif in den Musterhäu­ sern wird von den künftigen Häuslebauern geschätzt. In den Bauhallen gibt es Tips zu Ausbaufragen aller Art. Vom Dachziegel bis zu den modernsten Heizungsanlagen reicht das Angebot. Ein gern besuchter Treffpunkt auf der Südwest-Messe ist alljährlich die Halle N. In dieser Sonderhalle, die vom baden-württem­ bergischen Ministerium für Ländlichen so Raum, Ernährung, Landwirtschaft und For­ sten und dem Regierungspräsidium Freiburg in Zusammenarbeit mit der Centralen Mar­ ketinggesellschaft der deutschen Agrarwirt­ schaft gestaltet wird, informieren Ernäh­ rungsfirmen des Landes über ihre Produkte. Die Halle steht jeweils unter einem Schwer­ punktthema: Fisch, Geflügel, Eier, Salat, Fleisch und Gemüse waren schon an der Reihe. Tradition im Rahmen der Südwest-Messe hat die Landwirtschaftsausstellung. Die Aus­ stellungsfläche im Freigelände wurde ständig erweitert und ist zur Zeit 16 000 Q!iadratrne­ ter groß. Das Angebot an Mähdreschern, Silos, Schleppern und anderen landwirt­ schaftlichen Geräten ist genau auf den Bedarf der Landwirte auf der Baar, der Alb, im Nek­ karraum und im Schwarzwald zugeschnit­ ten. Geschätzt wird diese Landwirtschafts­ schau auch von den Politikern als Podium für ihr Programm. Zu den Hauptrednern am Tag

MEKUGmbH der Landwirtschaft zählten schon die Bun­ desminister Kiechle, Ertl, Höcherl und deren Vorgänger -sowie Bauernpräsident Freiherr von Heeremann. Es bestehen gute Voraussetzungen, daß Ein junges Dauchinger Unternehmen auf Erfolgskurs Neben Stanzwerkzeugen, Fertigungsvor­ richtungen und Stanzteilen stellt das junge Dauchinger Unternehmen heute als Haupt­ produkt und Spezialität hochJ?�äzise bear­ beitete Mischeinrichtungen für 01-und Gas­ brenner her. Mischeinrichtungen sind Bren­ nerköpfe, in denen Luft und zerstäubtes Öl für eine gute Verbrennung aufbereitet und gemischt werden. Der hohe Bearbeitungs­ grad dieser Produkte bestimmt deshalb weit­ gehend die Q!ialität eines Brenners. Was heute so selbstverständlich klingt, hatte einen gewundenen Entwicklungsweg. Erst 1975 wurde die MEKU GmbH gegrün­ det. Gestanzte Teile aus fast allen Metallen und thermoplastische Kunststoffspritzteile sowie die Herstellung der Spritzformen und Stanzwerkzeuge bildeten das Produktions­ programm. Aus den Anfangsbuchstaben der eingesetzten Rohmaterialien Metall und Kunststoff entstand der Name MEKU. die Südwest-Messe auch künftig der wirt­ schaftliche Anziehungspunkt im engeren und weiteren Raum bleiben wird. Willi Willhardt Seit der Gründung bestand ein enger Kon­ takt zu einigen Brennerherstellern; doch die Zusammenarbeit beschränkte sich auf die Zulieferung von Einzelteilen, die MEKU nach den Konstruktionen der Kunden her­ stellte. Es wurden aber keinesfalls komplette Mischeinrichtungen von den Kunden ver­ langt, allenfalls handelte es sich um ver­ schweißte Einzelteile, die die Abnehmer mit anderen Zukaufteilen zu Brennerköpfen komplettierten. Dabei war die Präzision, gemessen an heute gültigen Maßstäben für die Qualität, stark vernachlässigt. Erst die Ölkrise Ende der siebziger Jahre ließ die Idee reifen, der Ölbrennerindustrie eine kom­ plette Mischeinrichtung für die sogenannten Haushaltbrenner, geeignet etwa für die Installation in Ein-bis Vier-Familienhäusern, anzubieten. Doch der rasch formulierten Idee folgte ein langer und sorgenreicher Weg bis zum fertigen Produkt. Da waren zunächst 51

Automatische Rohr-Trenn- und Bearbeitungs­ maschine Exakte Innenschweißung der Brennerrohre 52 Fachleute zu finden, die Erfahrung mit Ölbrennern besaßen und in der Lage waren, empirische Forschungs-und Entwicklungs­ arbeit zu betreiben. Prüfstände mußten auf­ gebaut werden, die überhaupt die Grundlage der Entwicklungsarbeit bildeten. Fast unend­ lich war die Zahl der Prototypen, die immer wieder neu erprobt werden mußte. Vielfältig war auch die Anzahl der geprüften Ferti­ gungsverfahren. Aber schon während der Entwicklungsarbeiten zeigte sich, wie richtig die Idee war, die Mischeinrichtungen als eine abgestimmte und komplette Baueinheit zu entwickeln. Ende 1981 konnte es dann gewagt werden, einem ausgewählten Kreis von Ölbrennerherstellen die von MEKU entwik­ kelten Mischeinrichtungen zur Verfügung zu stellen, um diese in überwachten Hei­ zungs-Anlagen während einer Winterpe­ riode zu erproben. Der Erfolg war verblüf­ fend. Ein Novum in diesem Industriezweig fand Anerkennung. Ein Außenseiter, sozusa­ gen ein branchenfremder kleiner Zulieferer, bot der Ölbrennerindustrie einen Brenner­ kopf in einer bis dahin nicht gekannten Ver­ arbeitungsgüte an. Auf dieses Produkt hatten

die Brennerbersteller g�radezu gewartet, die unter den Folgen der Olkrise hart zu leiden hatten. Der Herausforderung durch die Poli­ tik“ weg vom Öl“ und den kritischen Fragen zur Umweltbelastung hatte sich diese Indu­ strie zu stellen. Die zu jener Zeit sehr negativ geschürte Einstellung zum Öl als Heizme­ dium belastete die Hersteller mit schrump­ fenden Fertigungszahlen sehr. Durch diese allgemeine Marktentwicklung war ein fruchtbarer Boden zur Einführung des neuen MEKU-Produktes gut bereitet. In rascher Folge entschlossen sich meh­ rere Brennerbersteller, die MEKU Mischein­ richtung zunächst in kleineren Serien in ihre Brenner einzubauen. Die dem Serieneinbau vorausgehenden TÜV-Prüfungen, durch die erst nach erfolgreichen Ergebnissen die Bauart-Zulassung erwirkt werden kann, hat­ ten erstaunlich verbesserte Verbrennungsre­ sultate gezeigt. Dieser Erfolg stellte nun große Anforderungen an das junge und kleine Unternehmen. In relativ kurzer Zeit Prüfstand für Brenner-System-Entwicklung mußten die Einrichtungen für die Serienfer­ tigung des neuen Produktes geschaffen wer­ den. Um diese Herausforderung zu bewälti­ gen, verkaufte die MEKU kurzerhand die Produktionseinrichtungen für die thermo­ plastischen Kunststoffteile, um die dadurch erlösten finanziellen Mittel für den Ausbau der neuen Produktlinie einzusetzen. Die Produktionsräume waren zudem zu eng und der Fertigungsablauf unrationell geworden. Eine Lösung mußte dringend gefunden werden, um die Produktion zu erweitern. Die Entscheidung fiel für eine konsequente Lösung, die in einem Neubau gipfelte, der Ende 1987 und Anfang 1988 bezogen wurde. Auf einem 9600 �adrat­ meter großen Grundstück im Industriegebiet der Gemeinde Dauchingen war eine neue Produktionshalle mit Sozialbereich und Ver­ waltung entstanden. Für diesen Neubau waren gestalterische und funktionelle Glie­ derung ebenso gefordert wie die Garantie für eine problemlose Erweiterungsfähigkeit. 53

Masse, so wie sich der ausgerollte Teig dem Willen des Bäckers beugt und unter der Füh­ rung seiner Hand zu anregenden Formen vollendet. Für die Zukunft gilt das Ziel, die Arbeits­ plätze zu sichern und den hohen Marktanteil zu halten. Dies ist nur möglich, wenn Ent­ wicklungstendenzen einer Branche frühzei­ tig erkannt und daraus Konsequenzen gezo­ gen werden. Die allgemein kritische Einstel­ lung zu Umweltschutzfragen berührt sehr nachdrücklich auch die Zukunft der Brennerindustrie. Verschärfte Umwelt­ schutzgesetze werden in Zukunft den Schad­ stoffausstoß der Heizungsbrenner drastisch begrenzen. Diese Entwicklung ist sehr zu begrüßen; die Gründe dafür sind auch dem Verbraucher mehr und mehr bewußt. Um diese Herausforderung annehmen zu kön­ nen, arbeitet die MEKU schon einige Jahre auf der Grundlage eines Forschungsvertrages und mit Unterstützung der Bundesregierung mit einem externen Entwicklungsinstitut zusammen, um in Zukunft völlig neue Wege in der Heizölverbrennung zu beschreiten. Die Forderung an diese Entwicklungsarbeit besteht darin, unter Einsatz bekannter Kon­ struktionsprinzipien der Kleinbrenner eine Öl-und Luft-Gemischaufbereitung zu fin­ den, die eine schadstoffarme Verbrennung des Heizöles gewährleistet, die weit unter den noch vom Gesetzgeber sanktionierten Wer­ ten liegt. Wenn dieses Vorhaben vollendet werden kann, und alle Anzeichen der Ent­ wicklungsarbeit deuten darauf hin, so sind mit diesem Konzept auch für die Zukunft die Weichen des Unternehmens auf Erfolg gestellt! Gisbert Fischer .. ,. ,� Dabei durften ästhetische Gesichtspunkte nicht vernachlässigt werden. Als Stahllcon­ struktion ist die gesamte Anlage konzipiert. Die ca. 2.500 Q!iadratmeter große Halle zeichnet sich durch ein großräumiges Raster aus, das durch die besondere Ausformung der Fenster auch von außen sichtbar wird. Eine Kranbahn im erhöhten Mittelschiff, die bis in die separate und abgeschlossene Lade­ halle führt, garantiert den reibungslosen Materialfluß. Besonderer Wert wurde auf helle und von Tageslicht durchflutete Arbeitsräume gelegt, um der heute 65 Mit­ arbeiter zählenden Belegschaft freundliche Arbeitsplätze zu bieten. Schon im Jahre 1989 mußte der Produk­ tionsbereich um einen Hallenbau von ca. 600 Q!iadratmeter erweitert werden. Aber nicht nur auf die äußere Gestaltung legte die MEKU großen Wert, sondern auch im Inneren wurden für den rationellen Pro­ duktionsablauf im Vergleich zur Betriebs­ größe erstaunlich hohe Investitionsvorha­ ben durchgeführt. Das Bild wird hier vorwiegend durch moderne Stanzanlagen, zum Teil vollauto­ matisch arbeitend, durch Rohrschneidein­ und richtungen Schweißarbeitsplätze geprägt. Stanz-und Formteile aus fast allen Metallen und Kunststoff verlassen täglich in hohen Stückzahlen den Bereich der Stanze­ rei. Ein großer Teil davon wird wiederum in der angeschlossenen Schweißabteilung unter Anwendung unterschiedlicher Verbindungs­ techniken zu Baugruppen vollendet. Den Fachleuten imponiert und die Laien fasziniert die automatische Zerteilanlage für Rohre, die mit nur geringem menschlichen Einfluß in Sekundenschnelle Rohrstücke lie­ fert, deren Ende fertig bearbeitet sind. Anschließend werden die Rohrstücke in Spe­ zialmaschinen aufgeweitet oder einge­ schnürt, um ihnen die von den Kunden ver­ langten Formen zu geben. In diesem Bereich verblüfft es den Betrachter, wie die Rohre im kalten Zustand verformt werden. Es scheint, als würde das Material unter dem Druck der eindringenden Formstempel zur plastischen 54

Firma Kundo in St. Georgen Bereits Firmengründer Johann Obergfell setzte auf Internationalität Die Firmenphilosophie ist kurz und prä­ gnant: ,,Innovation beginnt dort, wo andere zu denken aufgehört haben.“ Doch neu ist sie nicht, auch wenn der Begriff „Innova­ tion“ dem Firmengründer Johann Obergfell im Jahre 1899 noch fremd gewesen sein mag. Er erwarb sich nämlich seine Fähigkeiten in der Fremde, war viel unterwegs, bevor er das Gesehene dann in seiner Heimatstadt St. Uhrenverbandes war, hat diese traditionell­ fortschrittliche Linie noch lange kein Ende gefunden. Wenn heute quarzgesteuerte Großuhren, Programmschaltwerke und elek­ tronische Heizkostenverteiler aus St. Geor­ gen in alle Welt gehen, dann bürgt der Markenname Kundo dafür, daß �alität aus dem Schwarzwald geliefert wird. Doch zurück zum Firmengründer und in Georgen – mit vielen eigenen Ideen angerei­ chert – in die Tat umsetzen konnte. Die Uhrenteile-Fertigung von Johann Obergfell, aus kleinsten Anfängen aufgebaut, gewann mit der Erfindung des Stabgongs eine Spe­ zialität, die in der Schwarzwälder (und bald sogar in der Schweiz) Uhrenmanufaktur Schule machte. Mit der Grundanschauung, daß Innova­ tion immer „ein Stück weiterdenken“ ist und daß eigene Ideen auch in der Praxis „stand­ fest“ sein müssen, hat der Firmengründer begonnen, seine Nachfolger haben es fortge­ setzt und mit dem heutigen Firmenchef Her­ bert Obergfell, der lange Jahre Präsident des die Zeit um die Jahrhundertwende: Was in der Wohnung des rührigen Johann O bergfell begonnen hatte, wuchs bald aus den Kinder­ schuhen der im Schwarzwald so zahlreichen „ Tüftlerwerkstätten“ heraus. So errichtete der junge Unternehmer in der Bahnhof­ straße ein Wohnhaus mit angeschlossener Werkstatt. Bereits 1918 – inzwischen waren Maschinen und Spezialwerkzeuge im Ein­ satz – waren die Produktionsräume zu klein. Mit dem Gebäude-Erwerb der ehemaligen Schlegel’schen Emaillierwerke in der Bahn­ hofstraße gelang dem Firmengründer der Schritt in die industrielle Fertigung, die bald nach dem Ersten Weltkrieg auf Hausuhren 55

Wecker-Montage technische Laufwerke ausgedehnt und wurde. Bereits 1923 wurde ein Exportschlager entwickelt: Die Jahresuhr. Daran hat sich bis heute wenig geändert: das Jahresuhren-Pro­ gramm von Kundo befriedigt technisch und im Design alle Wünsche. Doch die tech­ nische Entwicklung ging weiter: Für die 30er Jahre waren die elektrischen Synchronuhren, an deren Fortentwicklung Kundo großen Anteil hatte, eine Novität -vergleichbar mit der Q!iarz-Technologie der 70er Jahre. Ungebrochene, kontinuierliche Produkt­ Entwicklung haben bei Kundo ihre Paralle­ len in der Firmenleitung. Der Markenname Kundo als Kurzform von K.ieninger und Obergfell stammt aus der Zeit nach 1918, als Johann Obergfell für einige Jahre mit dem Konstrukteur Johann Georg Kieninger zusammenging, der seine Teilhaberschaft durch wertvolle Impulse in technischer Hin­ sicht ausfüllte. An die Stelle K.ieningers trat 1926 der Sohn des Firmengründers, Rein­ hold Obergfell, der sich auf seine Aufgaben in St. Georgen an der Ingenieurschule Furt­ wangen und in der Schweiz vorbereitet hatte. Der Firmengründer konnte die Firmenphilo­ sophie noch bis 1941 mit positiv beeinflus­ sen, starb dann im Alter von 71 Jahren. Sein Sohn Reinhold führte das Lebenswerk in der 56 schlimmen Zeit des Zweiten Weltkrieges bis zur fast völligen Demontage weiter. Der Enkel des Gründers, Herbert Ober­ gfell, der 1950 als Heimkehrer aus der Kriegs­ gefangenschaft in die Firma eintrat und die dritte Generation des Familienunterneh­ mens repräsentiert, beurteilt das aus heutiger Sicht nicht mehr nur negativ: die Neuan­ fänge hätten mit moderneren Produktions­ mitteln erfolgen können, was den Auf­ schwung positiv beeinflußt habe. Bauliche Erweiterung, Steigerung der technischen Kapazität: das waren die prägen­ den Elemente der 50erJahre. Der vom Grün­ der gelebte „Geist der Innovation“ kam nicht mehr zur Ruhe. Die erste elektronisch gesteuerte Uhr (mit Transistoren) ging bereits 1955 bei Kundo in Serienfertigung. Gebaut wurden auch Kleinst-Synchronmo­ toren, Programmschaltwerke für Haushalts­ geräte, Grillantriebe, Spezialkonstruktionen für die Medizintechnik. Das Feld war weit, nie verließ man sich bei Kundo auf „ein Bein“, hatte stets „mehrere Eisen im Feuer“. Als die Fimenleitung 1961 nach dem plötzli­ chen Tod seines Vaters an Herbert Obergfell überging, war die Diversifikation weit gedie­ hen. Ab 1970 wurde das, was aus neuen Gedan­ ken entstanden war, dem Markt präsentiert:

Digital-Wecker und quarzgesteuerte Groß­ uhren. Und 1985 präsentierte Kundo den „Space-Timer“, die erste funkgesteuerte und netzunabhängige Analoguhr mit vollauto­ matischer Einstellung aller Zeitdaten: Ein neues Uhrenzeitalter war angebrochen. 1989 wurde dann eine funkgesteuerte Digital­ Weck-und Terminuhr auf den Markt ge­ bracht. Sicher nicht der technische Schluß­ punkt bei Kundo, denn schließlich wird auch heute weitergedacht … Nachdem es sich auf einem Bein schlecht steht, wurde 1980 die Uhrentechnik Schwarzwald (UTS) zusammen mit der St. Georgener Firma Staiger als „gemeinsames Kind“ gegründet. Dort werden inzwischen Quarzwerke von hohem technischen Stan­ dart hergestellt. Doch nicht nur für die St. Georgener Produktion: Weltweit haben die UTS-W erke inzwischen einen guten Ruf und hohe Marktanteile. Inzwischen wird sogar bei der „zweiten“ Tochter „Quartex“ über dem großen Teich gefertigt. Und wie formuliert man bei Kundo die Zukunft? – ,, Tradition verpflichtet. Bei Kundo ist man nicht umsonst der Maxime des Gründers treu geblieben, der nicht als gegeben hinnahm, was auf dem Markt war, sondern eigenständige Lösungen ersann und damit Wirtschaft und Handel neue Impulse gab.“ So ist es in der Geschichts-Broschüre der Firma nachzulesen. Der alte Pioniergeist der Gründerjahre sei erhalten geblieben und werde -so ist man sich sicher -von der kom­ menden Generation fortgesetzt. Manfred Braig 57

Firma Josef Koepfer & Söhne GmbH, Furtwangen Verzahnungswerkzeuge -Verzahnungsmaschinen -Zahnräder – und Spezialgetriebe Die Furtwanger Firma Koepfer wurde im Jahre 1867 von JosefKoepfer, dessen speziel­ les Fachgebiet die Herstellung von Werkzeu­ gen für die Uhrenindustrie war, gegründet. Nach bescheidenen Anfangen im Hause sei­ nes Schwiegervaters wurde im Jahr 1877 auf der Unterallmend, dem heutigen Standort der Firma Koepfer das erste Betriebsgebäude errichtet. Dieser Platz bot sich besonders an, da mittels einer kleinen Wasserkraftanlage die Wasserkräfte der Hinterbreg genutzt wer­ den konnten. Nach und nach spezialisierte sich das Herstellungsprogramm aufVerzah­ nungswerkzeuge für die Uhrenindustrie sowie auf die Herstellung von Sonderma­ schinen. Diese wurden zunächst für den eige­ nen Bedarf der Fräserherstellung entwickelt. Eine Ergänzung fand diese Fertigung von Sondermaschinen durch Spezialtypen, wie sie in der Uhrenfabrikation benötigt wurden. So fertigte man z.B. Maschinen für die Her­ stellung von Ketten für den Gewichtsaufzug, Maschinen für die Platinenherstellung und auch eme Mehrspindel-Bohrmaschine. 58 Diese Sondermaschinenfertigung mündete zu guter letzt in der Spezialisierung aufVer­ zahnungsmaschinen, welche durch die wachsende Massenproduktion in der Uhren­ industrie in immer größeren Stückzahlen benötigt wurden. Auch schon damals gab es in der lnvesti­ tionsgüter-Ind ustrie neben guten sehr flaue Zeiten. Um die Jahrhundertwende führte der stockende Absatz an Maschinen zu Lagerbe­ ständen. Eine unerwartete große Nachfrage nach Zahnrädern aus der Musikinstrumen­ ten-Industrie (Musikspielautomaten) führte zu der Entscheidung, vorhandene, auf Lager stehende Verzahnungsmaschinen für die Lohnfertigung von Zahnrädern einzusetzen. Damit war neben der Fräser-und Verzah­ nungsmaschinen-Herstellung nun ein dritter Fertigungszweig, die Lohnfertigung von Zahnrädern und Getrieben, geschaffen. Diese Kombination sollte sich für die weitere Zukunft der Firma Koepfer als besonders vorteilhaft erweisen. Um die Jahrhundertwende traten die 3

Söhne des Firmengründers als Gesellschafter in die Firma ein, welche von da ab Josef Koepfer und Söhne firmierte. Von nun ab wurde der Ausbau auf dem Gebiet der Verzahnungsmaschinen, Verzah­ nungswerkzeuge und Zahnräder noch schneller vorangetrieben. Der Koepfer­ Kunde bekam, wie auch heute noch, alles aus einer Hand: das Fräswerkzeug, die Verzah­ nungmaschine, das Zahnrad. Die Erfahrungen aus der Z.ahnradherstel­ lung in Lohnarbeit befruchteten die Ent­ wicklung der Verzahnungsmaschinen- und Werkzeuge. So konnte man bald über den engen Markt der Uhrenindustrie hinaus den Weltmarkt für die gesamte Feinwerktechnik beliefern. Schon sehr früh widmeten sich die Koep­ fer-Konstrukteure der heute so populären Automation, was dazu führte, daß die erste mit automatischer Zuführung ausgestattete Verzahnungsmaschine schon im Jahre 1910 auf den Markt gebracht wurde. Diese Maschinen wurden vornehmlich in der Uhrenindustrie eingesetzt, die damals schon in sehr großen Serien fertigte. Diese Verzah­ nungsmaschinen arbeiteten nach dem Teil­ verfahren. ganz In den zwanziger Jahren erfolgte dann der Übergang zum Wälzfräsen in der Feinme­ chanik. Die Konstruktion von Wälzfräsma­ schinen, welche in ihrem Aufbau von den Teilzahn-Maschinen verschieden waren, brachte eine starke Ausweitung des Herstellungsprogrammes mit sich, da man neben den neuen Wälzfräsmaschinen die nach dem Teilverfahren arbeitenden Verzah­ nungsmaschinen nicht fallen lassen konnte. Diese Entwicklung erforderte, daß neben den durchgeführten Betriebserweiterungen der Jahre 1897 und 1903 weitere Erweiterungen in den Jahren 1928, 1937 und 1938 erfolgten, die zusammen den heutigen Gebäudekomplex Werk I dar­ stellen. zwischenzeitlich Mittlerweile war die Mitarbeiterzahl bis zum Jahr 1939 auf 200 gestiegen und Koep­ ihren fer-Erzeugnisse hatten nicht nur Absatzmarkt in West- und Osteuropa, son­ dern auch weltweit in allen Industriestaaten und besonders in den USA Diese Entwick­ lung wurde durch den Zweiten Weltkrieg jäh unterbrochen und endete mit katastropha­ len Auswirkungen für den Weiterbestand der Firma. 37, meist gut ausgebildete Fachkräfte sind gefallen und kehrten nicht mehr zurück. Die in der französischen Besatzungszone durch­ geführte Demontage kostete die Firma 203, größtenteils hochwertige Werkzeugmaschi­ nen ( darunter allein 84 Verzahnungsmaschi­ nen). Was übrig blieb, waren leere Werkshal­ len und ein Rest total veralteter Maschinen. Aber trotz allem wurde der Neubeginn gewagt. Nach und nach kehrten die wenigen Facharbeiter, die den Krieg überstanden hat­ ten, zurück und begannen zusammen mit den älteren, die nicht zum Kriegsdienst her­ angezogen wurden, unter bewährter Füh­ rung der Geschäftsleitung mit dem Wieder­ aufbau. Mancher Koepfer-Veteran, der eigentlich altershalber schon in den Ruhe­ stand treten konnte, blieb bei der Stange und stellte seine Erfahrungen dem Wiederaufbau zur Verfügung. Nicht wenige 70- und 75jäh­ rige waren damals noch tätig. Zunächst wurde die Fertigung der Zahnrä­ der wieder aufgenommen, da dafür ein gro­ ßer Markt vorhanden war, und auch die noch verbliebenen Mittel dazu die Möglichkeit gaben. Neben dem Aufschwung der Z.ahnradfer­ ·tigung war die Wiederbelebung des Maschi­ nenbaues für den Betrieb von lebenswichti­ ger Bedeutung. Jahrelang war man von den Auslandsmarkten abgeschnitten. Daher galt es, möglichst rasch wieder die alten Kontakte zu knüpfen um wenigstens auf den westeuro­ päischen Märkten und in den USA rasch wie­ der präsent zu sein, um der von Kriegszerstö­ rungen nicht heimgesuchten ausländischen Konkurrenz nicht allein das Feld zu überlas­ sen. Mangels wichtiger Bearbeitungsmaschi­ nen mußte mit zum Teil primitiven Mitteln 59

Koepfer-Verzahnzmgsabteilung der Maschinenbau wieder in Gang gesetzt werden. Nach und nach gelang es auch, wie­ der in den Export einzusteigen. Die Vor­ kriegsentwicklung und die Kriegsereignjsse hatten die Möglichkeiten der Weiterentwick­ lung der Verzahnungsmaschinen stark be­ schnitten. Daher begann eine intensive Ent­ wicklungsarbeit, um auf dem Weltmarkt wie­ der erfolgreich zu sein. Die seit Jahrzehnten durchgehaltene Dreiteilung Fertigungsprogramms, des Maschinen, Fräser, Zahnräder, hat sich gerade in der Nachkriegszeit durch die gegenseitige Ergänzung der drei Fertigungs­ abteilungen gut bewährt und besonders den Neuaufbau gefördert. Der damals schon sichtbar werdenden Forderung der Kundschaft nach genaueren und vor allem robusteren Fertigungsmaschi­ nen konnte nur durch eine komplette Neu­ konstruktion der vorhandenen Modelle Rechnung getragen werden. Im Jahre 1952, man beschäftigte mittlerweile wieder 223 Mjtarbeiter, wurde die erste moderne Nach- 60 kriegskonstruktion in Form der Maschinen­ type WUM 52 für Zahnräder bis Modul 2,5 vorgestellt. Mit dieser Maschinentype, die als Vollautomat speziell für die Großserienferti­ gung konstruiert wurde, wollte man beson­ ders in neue Märkte wie der Haushaltsgeräte­ Fertigung, des Apparatebaues, der Kfz-Indu­ strie und ganz besonders in den Elektrowerk­ zeug-Markt eindringen. Schon bei der ersten Vorstellung dieser Maschine auf der europä­ ischen Werkzeugmaschinen-Ausstellung in Hannover kam der durchschlagende Erfolg, indem ein Schweizer Kunde 10 Maschinen bestellte. Es war in den vorhandenen Raum­ verhältnissen -alle drei Fertigungsabteilun­ gen unter einem Dach -nicht möglich, die gegenüber den bisherigen Modellen wesent­ lich vergrößerte Maschine rationell zu ferti­ gen. Da auch die Abteilungen der Zahnrad­ und Fräserfertigung durch die sich ändern­ den Fertigungsmethoden räumlich nicht mehr ausgekommen sind, wurde der Ent­ schluß gefaßt, für den Maschinenbau eine eigene Fertigungshalle zu errichten. Diese Fertigungshalle konnte im Jahre 1957 in Betrieb genommen werden und erlaubte es

nunmehr, die in der Zwischenzeit ebenfalls auf den modernsten Stand weiterentwickel­ ten kleineren Maschinentypen rationell zu fertigen. Die allgemeine wirtschaftliche Entwick­ lung und vor allem die Kundenwünsche nach immer größeren Serien forderten Koepfer als Zulieferer heraus, sich dieser Ent­ wicklung anzupassen und dafür die Voraus­ setzungen zu schaffen. Obwohl durch den Umzug des Maschi­ nenbaues in die neue Fertigungshalle die Möglichkeit bestand, die Zahnradfertigung zu reorganisieren und auszuweiten, zeigte es sich doch bald, daß die zur Verfügung ste­ henden Räumlichkeiten für diesen stark expandierenden Fertigungszweig nicht aus­ reichten. Daher wurde im Jahre1963 ein kompletter Neubau mit 3000 m2 Produktionsfläche für die Verzahnungsabteilung und Endfertigung erstellt. Um die Arbeitsplätze der mittlerweile auf 300 angewachsenen Mitarbeiterzahl für die Zukunft zu sichern, entschloß man sich, im Jahre 1987 einen weiteren Neubau für die Zahnradfertigung für abermals 3000 m2 Fer­ tigungsfläche zu erstellen. Gleichzeitig wurde die kaufmännische und technische Verwaltung in einem modernen Büroge­ bäude untergebracht. Damit wurde erreicht, daß die Dreherei, Verzahnungsabteilung und Endfertigung auf einer Fertigungsebene sind und auch keine Größenbeschränkun­ gen der für die Fertigung unbedingt erforder­ lichen Maschinen mehr bestehen. Durch eine umfangreiche Modernisierung ist die Getriebe- und Zahnradfertigung mit 60% Umsatzanteil zum tragenden Element geworden. Die Getriebe- und Zahnradfertigung ist heute in der Lage, Massenteile mit größter Präzision unter Anwendung moderner Pro­ duktions- und Qualitätssicherungs-Syste­ men zu fertigen, wobei ein breites Feld vom handelsüblichen Zahnrad bis zum Hochge­ nauigkeits-Zahnrad für die Flugzeugindu­ strie abgedeckt wird. Erste KoepferJ[Jollautomatische-Verzahnungs­ maschine, Baujahr 1910 Im Maschinenbau hat in der Zwischen­ zeit, wie überall, die Elektronik Einzug gehal­ ten und die Maschinenkonzeption als auch die Fertigungsstruktur entscheidend ver­ ändert. Mit der Entwicklung neuer, com­ putergesteuerter Verzahnungsmaschinen (CNC-Maschinen) hat man nun in den 80er Jahren eine neue Maschinenkonzeption auf den Markt gebracht, die einen weiteren Mei­ lenstein in der Weiterentwicklung der Ver­ zahnungstechnologie darstellt. So lassen sich beispielsweise unterschiedliche Verzahnun­ gen in einem Arbeitsgang herstellen oder vorverzahnte und schon gehärtete Zahnrä­ der in Verbindung mit speziellen Hartmetall­ fräsern (ebenfalls ein KOEPFER-Produkt) automatisch fertigfräsen (Schälwälzfräsen), wodurch der Härteverzug kompensiert und somit höhere Verzahnungsqualitäten äußerst kostengünstig hergestellt werden können. KOEPFER-Maschinen werden heute in 61

Koepfer-Wälzfräsmaschine 200 CNC, Baujahr 1989 Fräserfertigung vom Technologiewandel erfaßt. Immer leistungsfähigere Maschinen erfordern auch leistungsfähigere Werkzeuge, weshalb sich die Fa. Koepfer im Produktions­ bereich Verzahnungswerkzeuge sehr schnell auf die neuen Bedürfnisse des marktes ein­ stellte und heute neben den herkömmlichen HSS-Fräsern sich sehr stark auf die Herstel­ lung und Lieferung von Hartmetall-und titannitridbeschichteten Werkzeugen kon­ zentriert hat. Dadurch können letztlich erst die hohen Leistungen moderner Verzah­ nungsmaschinen genutzt werden. Es versteht sich von selbst, daß auch die Erfahrungen in der eigenen 2.ahnradferti­ gung mit KOEPFER-Werkzeugen und KOEPFER-Maschinen in die stetige Weiter­ entwicklung dieser Produkte mit einfließen und somit den vielen Kunden im In-und Ausland zugutekommen. Koepfer hat heute im Maschinen-und alle Erdteile exportiert und finden dort in den unterschiedlichsten Industriezweigen von der Kfz-Industrie, der Elektro-Werk­ zeugindustrie, dem Getriebebau bis zur Her­ stellung von Knochenschrauben für die Chi­ rurgie Anwendung. Die Fräserfertigung dient nicht nur zur Versorgung des eigenen Betriebes mit hoch­ wertigen Verzahnungswerkzeugen, sondern auch die Besitzer von Koepfer-Verzahnungs­ maschinen versorgen sich mit Fräsern aus Furtwangen. Auf dem Fräsersektor hat sich in den 80er Jahren ebenfalls ein starker Wandel vollzo­ gen. Nachdem man über viele Jahrzehnte das Verzahnungswerkzeug aus Schnellschnitt­ stahl (HSS) fertigte, wurde mit der Entwick­ lung neuer Schneidstoffe (spez. Hartmetall­ Legierungen, pulvermetallurgisch hergestell­ ter HSS) und Hartstoffbeschichtungsverfah­ ren (Titannitridbeschichtigung) auch die 62

Fräsergeschäft einen Exportanteil von 70 % . Gerade in letzter Zeit ist es möglich gewesen, auch wieder alte Märkte in Osteuropa durch größere Aufträge zurückzuerobern. Im Zahnradgeschäft beträgt der Exportanteil 15%. Der derzeitige Geschäftsführer, Werner Koepfer, und seine über 340 Mitarbeiter kön­ nen zuversichtlich in die Zukunft blicken: Ein Programm moderner und leistungsfä­ higer Verzahnungsmaschinen, Verzah­ nungsfräser, eine Zahnrad- und Getriebefer- tigung mit Produktionseinrichtungen, die dem derzeitigen Stand der Technik entspre­ chen, ein integriertes Qualitätssicherungssy­ stem, und vor allem ein Stamm qualifizierter Mitarbeiter, die laufend geschult und weiter­ gebildet werden, bilden zusammen ein stabi­ les Gebäude, an dem weitergebaut werden kann zum Wohle des Betriebes, der Mitarbei­ ter und ihrer Familien und nicht zuletzt auch zum Wohle der Stadt Furtwangen und des Schwarzwald-Baar-Kreises. Franz Loos Die Firma Scherzinger, Metall- und Gerätebau GmbH, Hüfingen Fast unmittelbar an der Gemarkungs­ grenze Hüfingen/Bräunlingen hat sich im Stettenwinkel 1986 die Firma Scherzinger, Metall- und Gerätebau GmbH, etabliert. Auf einem mit 1200 Quadratmetern überbauten Areal befindet sich eine geräumige Produk­ tionshalle mit angegliedertem Büro und Sozialräumen. In der warmen Jahreszeit scheint der Betrieb inmitten eines blühenden Gartens zu liegen, denn auf eine freundliche und naturnahe Umgebung legen die Besitzer großen Wert. Inhaber des Unternehmens sind die Brü­ der Norbert und Bernhard Scherzinger, 31 und 28 Jahre alt. Sie stammen aus Bräunlin­ gen, wo schon der Großvater als Hufschmied tätig war. Er war der eigentliche Gründer des Unternehmens, das sich nun zeitentspre­ chend fortentwickelt hat. Der Vater der bei­ den Jungunternehmer betrieb das Geschäft in Bräunlingen als Schmiede und Schlosse­ rei. Die Absicht, in Bräunlingen zu erweitern, ließ sich nicht verwirklichen, und so faßten die Brüder Scherzinger – der Vater war 1980 gestorben – den Entschluß, in Hüfingen, wo günstig gelegenes Gelände zur Verfügung stand, zu bauen. Dieser neue Standort war auch aus dem Grunde sehr geeignet, weil er in unmittelbarer Nachbarschaft der Firma Küp- Norbert Scherzinger per-Weißer liegt, für welche die Firma Scher­ zinger als Zulieferer arbeitet. In relativ kurzer Zeit wurde das Vorhaben realisiert, wobei sich die Brüder Scherzinger hinsichtlich der Betriebsführung glücklich ergänzen: Norbert Scherzinger ist der Kauf­ mann, sein Bruder Bernhard der Techniker. 63

Blick in die Produktionshalle Scherzinger 64 Während Norbert die Angebote kalkuliert, aufgibt Bestellungen und Aufträge abschließt sowie die Finanzen überwacht, obliegt dem Mechanikermeister Bernhard die Fertigung und die Überwachung des Pro­ duktionsfortganges. Der Betrieb befaßt sich mit jeder Art von Metallbearbeitung, sei es etwa die Herstel­ lung einer kompletten Stahlkonstruktion oder die Anfertigung eines Geländers. Alles geschieht nach individuellen Wünschen der Auftraggeber. Die Firma fertigt auch Rohrleitungen aus geschweißten Blechen an, etwa für Textilma­ schinen, Luftleitungen und Abluftkamine für die Industrie. Insbesondere ist das Unter­ nehmen, das auch Schlosserarbeiten jegli­ cher Art ausführt, jedoch Zulieferer, nicht nur für Küpper-Weißer, sondern unter ande­ rem auch für Winkler in Villingen sowie die Der Aluminium-Walzwerke Aktionsradius, in welchem sich die Tätigkeit Singen. des Unternehmens bewegt, liegt bei etwa 50 Kilometern. Auf ein eigenes, selbstentwickeltes Pro­ dukt sind die Brüder Scherzinger ein wenig stolz, ein sogenanntes Selbsthilfeset für Autofahrer, das bei Pannen oder Unfällen sogar lebensrettend sein könnte. Es handelt sich um ein Teleskop-Stahlrohr, an dem ver­ schiedene Werkzeuge montiert werden kön­ nen. Der österreichische ÖAMTC (dem deutschen ADAC vergleichbar) verkauft die­ ses Gerät, das nach den Worten von Norbert Scherzinger konkurrenzlos ist, und der AD AC habe seine Fahrzeuge damit bestückt. Der Vertrieb soll demnächst anlaufen. Zur Erweiterung des Fertigungsprogram­ mes sollen demnächst auch Transportwagen für die Industrie hergestellt werden. Die Vor­ bereitungen sind bereits abgeschlossen. Mit der Geschäftsentwicklung sind die Brüder Scherzinger sehr zufrieden. Norbert Scherzinger glaubt, daß der Zeitpunkt der

Ansiedlung in Hüfingen sehr günstig war, um das Unternehmen in dieser kurzen Zeit zu seiner heutigen Größe zu führen. Die bei­ den Jungunternehmer haben nach der Betriebseröffnung den Hüfinger Gemeinde­ rat zu einer Besichtigung eingeladen. Bei die­ ser Gelegenheit lobte Bürgermeister Gilly den Mut der beiden Brüder, von denen man einen sehr positiven Eindruck erhalten habe. Unterstützt werden die Brüder Scherzin­ ger tatkräftig von ihrer Mutter Anna Scher­ zinger, die selbst Gesellschafterin ist und täg- Die Hexenlochmühle lieh im Betrieb mithilft, der zwölf festange­ stellte Mitarbeiter und weitere, kurzfristig verfügbare Kräfte beschäftigt. Dank der Zielstrebigkeit seiner Inhaber, denen daran gelegen ist, termingerecht beste Arbeit zu liefern, hat das junge Unterneh­ men bereits einen guten Namen. Für Freizeit allerdings bleibt den Brüdern Scherzinger nicht viel Raum, doch gehen beide in ihrem Beruf derart auf, daß sie dies nicht als Nach­ teil empfinden. Käthe Fritschi Die Sägemühle ist heute noch in Betrieb und ein Anziehungspunkt für den Tourismus Es ist schwer vorstellbar und doch war es einmal so: Dort unten, wo in einem engen und schattigen Tal die Hexenlochmühle steht, dort lag zu Beginn des 19.Jahrhunderts der Mittelpunkt von Neukirch. In Dobein und Zinken waren 40 Menschen zuhause, gab es drei Kleinbetriebe, die Arbeit brachten, eine Post, ein Gasthaus und eine Bäckerei. Nahezu zwei Jahrhunderte später hat sich dieses Bild gewandelt. Einige der alten 65

Hexenloch-Höfe sind längst aufgegeben, dienen als Feriensitz für Städter, es gibt keine Post und kein Gasthaus mehr. Das dörfliche Leben, das ist „hinauf‘ gewandert, von 700 Metern auf 950 Meter über dem Meer, ins heutige Neukirch. Als letztes Zeugnis für die einstige Betriebsamkeit in diesem Zinken ist nur die Hexenloch-Mühle geblieben, die 1825 in der Nähe der alten Dreistegenwirt­ schaft als Nagelschmiede errichtet worden war. Doch Nägel sind im mit Wasserkraft betriebenen Hammerwerk der Hexenloch­ mühle nicht lange gestanzt worden. Bereits 1839 bekam die Hexenlochmühle drei neue Besitzer, und die verwandelten sie in eine Sägemühle. Der Steg-Bäcker Stefan Trenkle, der Dreistegen-Wirt Felix Trenkle und Sales Schirmaier hatten abwechselnd acht Tage Zeit, die Säge zu nützen. Und sie produzier­ ten Uhrengehäuse, Wäscheklammern sowie Holzspulen fürs Spinnen und Weben. Daß aus der Nagelschmiede eine Säge wurde, war indes naheliegend. Denn die Vieh- und Waldwirtschaft allein konnte nur wenige ernähren. Man benötigte einen Zusatzerwerb und fand diesen vor allem in der Uhren­ macherei. Denn der Rohstoff für die Gehäuse und Uhrenschilder stand ja vor der Haustüre, er mußte nur noch bearbeitet werden. Mit der Übernahme der Hexenlochmühle durch zwei Trenkle wurde 1839 zudem der Grundstein für eine Familientradition gelegt. Denn noch heute, 150 Jahre danach, wird die Säge von einem Trenkle umtrieben. Der heu­ tige Inhaber ist Stefan Trenkle, der die Hexenlochmühle betreibt, und der nach wie vor von der Uhrengestellmacherei lebt. Mög­ lich gemacht hat das der Massentourismus, der alljährlich nach der Schneeschmelze ein­ setzt und bis in den Herbst hinein tausende von Urlaubern ins Hexenloch führt: Ameri­ kaner, Engländer, Franzosen und Nord­ deutsche, alle wollen wissen, wie die Mühle funktioniert, wollen sie arbeiten sehen und sie wollen auch ein „Souvenir from the Hexenloch-Mühle“ kaufen. Was die Fremden wissen wollen, das 66 erzählt Stefan Trenkle neben der Arbeit. Und dabei ist manch einer wieder schneller vor der Tür draußen, als er es sich vorgestellt hatte. Denn, wenn die unter Denkmalschutz stehende Hochgangsäge von 1880 arbeitet, macht sich ohrenbetäubender Lärm breit, vibrieren Wände und Boden. Dann zeigt sich, welche Kraft das Wasser des Heubaches besitzt. 300 Liter stürzen jede Sekunde auf das Mühlrad mit drei Metern Durchmesser. Es besitzt eine Arbeitsleistung von 13 Pferde­ stärken und überträgt diese Kraft auf ein Holzkammrad, und dieses wiederum gibt sie an eine Riemenscheibe mit 2,50 Meter Durchmesser weiter. Von ihr schließlich führt ein lederner Antriebsriemen hinauf in die Werkstatt, direkt hinein „in die Mechanik des Sägegatters. Die Arbeitsabläufe steuert Stefan Trenkle mit Seilzügen. Sie regeln den Vorschub oder setzen eine Kreissäge in Betrieb, die für feinere Arbeiten dient. Die Arbeitsleistung der Hexenloch-Mühle, sprich der Hexenloch-Säge, ist beachtlich: sie kann Stämme von bis zu einem Meter Durch­ messer verarbeiten. Solche Ausmaße erreichen Wermutskiefern, wenn sie 500 Jahre zählen. Eine Holzsorte, die Stefan Trenkle am liebsten für seine Uhrengehäuse verwendet, er schätzt die Farbe und die Maserung. Stefan Trenkle kennt im übrigen jedes Teil der so einfach erscheinenden und doch äußerst komplizierten Mechanik seiner Säge. Und ohne dieses Wissen könnte er seine Säge heutzutage auch nicht mehr betreiben, denn Ersatzteile gibt es nirgends zu kaufen. Ersatz­ teile müssen mühsam von Hand hergestellt werden, und dazu braucht Stefan Trenkle einen Handwerksmeister, der diese Kunst noch beherrscht. Und Sorgen macht die Hexenlochmühle auch in anderer Hinsicht, denn im Hexenloch dauert der Winter nahe­ zu sechs Monate und wenn es draußen friert, dann kreisen die Gedanken von Stefan Trenkle selbst nachts noch um die Mühle. Denn dann beginnt der Zulauf zuzufrieren, das Wasser des Heubach sucht sich nun neue Wege ins Tal. Es überflutet die Straße, gefriert auf ihr oder dringt in die Uhrengestellmache-

Das Sägegatter der Hexenlochmühle, mit ihm kann Stefan Trenkle Baumstämme mit bis zu einem Meter Durchmesser verarbeiten. rei der Trenkles ein. In solchen Nächten macht sich Stefan Trenkle auch noch um Mitternacht auf zu seiner Mühle. Er nimmt den Pickel und befreit den Zulauf vom Eis, damit das Wasser wieder seine gewohnten Wege gehen kann. Vom Eis befreien muß Stefan Trenkle aber auch die Rinne, die das Wasser auf das Mühlenrad führt. Die ist etwa 30 Zentimeter breit und liegt in fünf Metern Höhe. Den Füßen geben dabei nur die Sei­ tenwände des blechernen Zulaufes Halt, und die sind gerade zwei Zentimeter stark. Es ist schon tagsüber ein Abenteuer, sie zu bestei­ gen, erst recht aber nachts, wenn sie völlig vereist ist, und man nur im Licht einer Taschenlampe arbeiten kann. Und das nicht immer nur mit der Hacke, sondern hin und wieder auch mit der Motorsäge, weil den oft­ mals 30 bis 40 Zentimeter dicken Eisschich­ ten nicht mehr anders beizukommen ist. Wer eine Mühle sein eigen weiß, die einst der Ur-Großvater erbaut hat, der muß sich also tagtäglich mit einer Vielzahl von Proble­ men herumschlagen. Mit Freude ist Stefan Trenkle dennoch bei der Arbeit. Auch wenn die Fremden, die den ganzen Sommer und Herbst über die Mühle sehen wollen, oft auch zur Last werden können. 0 hne sie aber, ohne den Tourismus, wäre die Säge im Hexenloch längst stillgelegt. Wäre die Hexenlochmühle nur noch ein Stück Geschichte, wie so vieles dort unten. Wilfried Dold J# ., .. ’s herbschtelet De Herbscht will des Johr ziitli sii, er schtellt jo jetz scho d‘ Mooler ii und riibt en Huufe Farbe aa, daß er joo alls verbämsle khaa. Er kräslet uffi a de Schtämm, färbt ’s Laub, werft ’s Obst scho ab de Bämm, pflännt d‘ Schleä, d’Hagebutzeschtuud, macht feschti Köpf us Köhl und Kruut. En härbe Groch schtreit er i d‘ Luft, bringt hienda au scho Näbelduft, hätt d‘ Schwälbli, d‘ Schtoore, d‘ Schtörch [verjackt und d‘ Frösche scho i ’s Moos verpackt. Mier hoffet, daß er nitt glii goht, im Winter rieft reeacht selli schboot und iis vill Sunnedäg no giit; no Schnee hond mier ko langi Ziit. Gottfried Schafbuch 67

Wirtschaftsgeschichte Die Industrie des Bregtales vor 100 Jahren Ein Beitrag zur Industrieges�hichte der Raumschaft Furtwangen und Vöhrenbach Zurückgeht diese Industrieausstellung auf Heute ist es die Fachhochschule Furtwan­ eine weitere Versammlung in Vöhrenbach, gen und die Transferzentren, die sich um sie die die Gewerbetreibenden des Badischen herum gruppiert haben, die der mittelständi­ Schwarzwaldes dort im Jahre 1857 abgehal­ schen Industrie des Oberen Bregtales beim ten hatten. Und als ein Jahr später die Strukturwandel zur Seite stehen. Eine Hoch­ Schwarzwälder Industrieausstellung in Vil­ schule gibt maßgebliche Impulse bei der Ein­ lingen eröffnet wurde, waren es 700 Gewer­ führung elektronischer Fertigungsprozesse. betreibende, die vom 22. August bis zum 7. Doch diesen Technologietransfer, den hat es September 1858 rund 2500 Produkte präsen­ im Bregtal schon einmal gegeben, vor rund tierten. Und eine großherzogliche Kommis­ 140 Jahren. Damals wurde, genauer im Jahre sion vermerkte im Vorwort zum Ausstel­ 184 7, in Vöhrenbach der „ Gewerbsverein auf lungskatalog zufrieden: ,,Die Ausstellung dem Uhren machenden Schwarzwald“ selbst gewährte ein erfreuliches Bild der Fort­ gegründet, dessen Initiative im Jahre 1850 das schritte, welche die Industrie des Schwarz­ Entstehen der Großherzoglich Badischen waldes in ihren verschiedenen Zweigen wäh­ Uhrmacherschule in Furtwangen zu verdan­ rend der letzten Jahre durch das angeborene ken ist. Und beide Initiativen entstanden aus ähn­ Talent und den Fleiß der Bewohner, zum Teil aber auch durch die sachgemäße Unterstüt­ lichen Situationen heraus: Der Technologie­ zung seitens der großherzoglichen Regie­ transfer des 20. Jahrhunderts soll mittelstän­ rung, gemacht hat. Der Schwarzwald, wel­ dischen Unternehmen die Konkurrenzfähig­ cher noch im Jahr 1853 in Folge der Ver­ keit und somit das Überleben am Wirt­ dienstlosigkeit vielfache Notstände zu bekla­ schaftsmarkt sichern. Der „ Uhren-Gewerbs­ gen hatte, verdankt jetzt neben dem Segen verein“ von 1847 sollte die Stagnation des Uhrengewerbes überwinden helfen, in einer des Himmels hauptsächlich den Fortschrit­ von großer wirtschaftlicher Not geplagten ten der Industrie einen Grad des Wohlstan­ des, welchen nach den eingezogenen Erkun­ Region wieder für Arbeit und Wohlstand sorgen. Dieses Bemühen um den Fortbestand der digungen die Geschichte dieser Gegend noch nie nachgewiesen hat. Aus dem Ver­ Uhrenmacherei war erfolgreich: Mit dem dienste werden allenthalben die Geschäfts­ Wiedererblühen des Schwarzwälder Uhren­ einrichtungen verbessert und erweitert und gewerbes, vor allem dank der praktizierten Bettler gibt es keine mehr. Auch den Armen Arbeitsteilung, entstand eine feinmecha­ bietet sich allenthalben reichliche Gelegen­ nische Industrie, die die Zukunft der gesam­ heit, zu mannigfachem, redlichem Ver­ ten Region sicherte. Wie rasch diese Entwick­ dienste dar.“ lung gegriffen hat, die zu wesentlichen Teilen Soweit die Großherzogliche Kommission, auf die Großherzogliche Uhrenmacher­ aber nun zu den Höhepunkten der Ausstel­ schule in Furtwangen zurückgeht, dokumen­ lung aus der Sicht der Raumschaft Furtwan­ tiert die erste große Industrieausstellung die­ gen und Vöhrenbach. Besonders gelungene Arbeiten und verdiente Persönlichkeiten ser Region, die im Spätjahr 1858 rund 16.000 Besucher ins heutige Oberzentrum Villingen wurden mit goldenen und silbernen Medail­ lockte. len ausgezeichnet. Und eine dieser goldenen 68

Medaillen hat 1858 der Furtwanger Uhren­ macher Lorenz Bob erhalten und zwar für seine Verdienste zur Hebung der Schwarz­ wälder Uhrenindustrie, vor allem was die Stockuhrenmacherei und die Ausbildung von Lehrlingen angeht. In Villingen präsentierte der weit über die Raumschaft Furtwangen hinaus bekannte Genius der Schwarzwälder Uhrenindustrie neben gewöhnlichen Regu­ latoren, die sich durch außergewöhnlich guten Gang auszeichneten, auch eine soge­ nannte Franche-Comte-Uhr. Eine Uhr mit eisernem Gestell und langem Pendel, deren Fabrikation auf dem Walde eingeführt zu werden verdient, wie es dazu im Ausstel­ lungskatalog heißt. Und Bob stellte in Villin­ gen auch einen immer währenden Kalender als Ziffernblatt mit Uhr und Jahreszeiger aus. Zu Lorenz Bob selbst ist im Ausstellungska­ talog vermerkt: ,,Er gilt seit langem als der bei weitem tüchtigste Uhrenmacher auf dem Schwarzwalde, der jedes Uhrwerk von der einfachen Uhr bis zur schwierigsten, astrono­ mischen Uhr vollkommen herzustellen ver­ steht. Und er hat auch schon so manche sinn­ reiche Maschine zur Uhrenfabrikation erdacht und ausgeführt.“ In Villingen vertreten war auch die Vöh­ renbacher Orchestrionindustrie und deren berühmter Vertreter Michael Weite. Er erhielt gleichfalls eine goldene Medaille und zwar für ein Musikwerk, das bereits nach St. Petersburg verkauft war. Die Kommission bezeichnete dieses Orchestrion als das größte und schönste, würdigte die Tonfülle und die nuancenreiche Wiedergabe der Musikstücke und vertrat zudem die Ansicht, die Produktion dieses Werkes stelle einen wesentlichen Fortschritt beim Bau mechani­ scher Musikwerke dar. Michael Weite hat in Vöhrenbach allein in den Jahren 1833 bis 1858 rund 160 größere und kleinere Musik­ werke gebaut. Zu den Käufern zählte sowohl Großherzog Friedrich, als auch die Zarenfa­ milie. Wie sehr in den 50er Jahren des 19. Jahr­ hunderts die Existenz der Furtwanger und Vöhrenbacher, samt der heutigen Teilortge- 1 l Lackschilduhr mit Stuck aus der Werkstatt von Lorenz Bob, der bei der Gewerbeausstellung in Villingen mit einer Goldenen Medaille bedacht wurde. Portrait von Lorenz Bob, dem bedeutendsten Uhrmacher, der in Furtwangen wirkte. 69

Handwerkszweiges nur von kurzer Dauer und er erlangte im Bregtal auch nicht annä­ hernd die Bedeutung, wie sie die Uhrenma­ cherei hatte. Die Uhrenmacherschule hatte dagegen auf sämtliche Bereiche der Uhrenproduktion eine sehr belebende Wirkung. Sie gab den Uhrmachern Berechnungen und Zeichnun­ gen über die einzelnen Uhrenteile an die Hand, so daß diese exakter als zuvor Werke fertigen konnten. In den 50er Jahren des ver­ gangenen Jahrhunderts sind im badischen Schwarzwald etwa 700 000 Zeitmesser pro Jahr entstanden und die meisten von ihnen waren sogenannte Normaluhren, von denen auch in Villingen etliche zu sehen waren. Besondere Beachtung fanden allerdings die Automatenuhren. So etwa die Trompeteruhr von Jacob Bäuerle aus Furtwangen. Sie wurde so konstruiert, daß jede Stunde ein Bahnwart aus einer Türe heraustritt und die Stunden­ zahl durch gelungene Nachahmung von Trompetenstößen verkündet, wie die Kom­ mission dem Furtwanger bescheinigte. Zugleich versuchte die Uhrenmacher­ schule die Herstellung von Taschenuhren auf dem Schwarzwald heimisch zu machen. Und erste Früchte dieser Bemühungen, die letztlich keine Taschenuhrenindustrie im großen Stil hervorbrachten, präsentierten in Villingen zwei „Zöglinge“ der Schule, Kaiser und Kirner, die für zwei goldene und vier sil­ berne Taschenuhren immerhin eine schrift­ liche Belobigung entgegennehmen konnten. Bedauert hatte die Großherzogliche Kommission, daß relativ wenige einhei­ mische Hersteller von Uhrenmacherwerk­ zeugen in Villingen vertreten waren. Aber, so vermerkt man, es sei ja noch nicht lange her, seit mit der Produktion von solchen Werk­ zeugen begonnen wurde und deshalb sei der Fortschritt, der sich darin zeigt, umso erfreu­ licher. Beachtung fanden auch in dieser Sparte die Arbeiten von Lorenz Bob, der eine Spindelbohr- und Triebschneidemaschine „ von besonders sinnreicher Konstruktion päsentierte“. Ausgezeichnet wurde in Villingen auch Uhrenschildentwuif der Familie Heer, Vöhren­ bach, die bei der Villinger Gewerbeausstellung gleichfalls vertreten war. meinden natürlich, von der Uhrenmacherei und Musikwerkeproduktion abhing, zeigt ein Blick in den Ausstellungskatalog von 1858 ebenfalls. Nur wenige Gewerbetrei­ bende sind es, die nicht mit Uhren und Musikwerken vertreten waren, sondern mit Strohgeflechten, wie die Furtwanger Luise Dold, Marziana Gfell, Ehrhard Hebting, Pau­ line Hummel oder die Vöhrenbacher Q!iin­ tuss Kuß und die Gebrüder Volk. Die O!Jali­ tät ihrer Produkte führt die Großherzogliche Kommission gleichfalls auf eine Schule zurück, die Furtwanger Flechtschule, die 1851 unter Cölestine Eisele entstand. Obwohl bei dem Bestreben der großherzoglichen Regie­ rung, dem badischen Schwarzwald wieder zu Wohlstand und Arbeit zu verhelfen, auch der Flechterei neuen Auftrieb gegeben wer­ den sollte, war das Wiederaufblühen dieses 70

der dichtende Lokalpatriot Romulus Kreu­ zer aus Furtwangen, der eine silberne Medaille für die Einführung der „Hyalopha­ nie“ bei der Verzierung von Uhrenschildern zugesprochen bekam. Diese Kunst erlernte Romulus Kreuzer auf Geheiß der Regierung in München, und sie bewirkte interessante Lichtreflexe. Auszeichnungen gab es in Vil­ lingen zudem für weitere Uhrenschildmaler der Region. Und dazu heißt es im Katalog: „Die Uhrenmacherschule hat seit ihrem Bestehen darauf hingewirkt, geschmackvol­ lere Uhrenschilder mit passenden Gemälden und anderen geeigneten Verzierungen einzu­ führen. Der Erfolg zeigt sich bereits auf die­ ser Ausstellung.“ Und eine Sammlung Uhrenschilder präsentierten auch „Dold und Hettich“ aus Furtwangen, die blechlackierte Schilder herstellten und dabei mit Erfolg den Farbendruck anwandten. Auch sie bekamen eine silberne Medaille zugesprochen. Silberne Medaillen erhielten zudem zwei weitere Vertreter der Vöhrenbacher Musik­ werkeindustrie, Joseph Heine und Tobias Heizmann. Und Silber gab es auch für die Gebrüder Heer aus Vöhrenbach, die Uhren­ kästen herstellten und in Villingen auch drei Ansicht der Orchestrion-Fabrik Franz Xaver Heine In einer Uhrenschi/dermaler-Werkstatt, Holzstich um 1880 von G. Heine 71

sten an und bildeten sich hierfür durch einen mehrmonatigen Aufenthalt in Paris und durch eine Reise nach London aus, wozu sie eine Unterstützung des Staates erhalten hat­ ten. Zur Zeit der Villinger Ausstellung beschäftigten sie 14 Personen und hätten noch mehr Arbeiter einstellen können, wenn sie zu finden gewesen wären, wie im Ausstel­ lungskatalog weiter hervorgehoben wird. Und noch eine letzte silberne Medaille ging nach Vöhrenbach, an Franz Xaver Heine. Er präsentierte ein Sortiment Uhrma­ cherschräubchen und stählerne Triebe. Heine ist auch der Verfasser des Buches „Über die Uhrenmacherei“ und hat zudem Uhrenschild aus der Furtwanger Schnitzerei­ schule Vöhrenbach und Orchestrion von Franz Xaver Heine Figurenwerke mit Uhren präsentierten. Der Vater der Gebrüder, Fidel Heer aus Vöhren­ bach, gilt als erster Verfertiger von bewegli­ chen Figuren für Spieluhren und Drehorgeln auf dem Schwarzwald. Seine beiden Söhne sind in das Geschäft eingetreten, nachdem sie einige Jahre bei Schwanthaler in München Unterricht in der Plastik genossen hatten und führten auf Bestellung auch Bildhauerkunst aus. Nach der Gründung der Aktiengesell­ schaft für Uhrenfabrikation in Lenzkirch, fingen sie auch die Fertigung von Uhrenkä- 72

wesentlichen Anteil am Entstehen des ein­ gangs angeführten Uhrengewerbvereins. Zurück zu den Ausstellern aus der Raum­ schaft Furtwangen, die sehr zahlreich waren und von denen hier, ebenso wie aus Vöhren­ bach, nur jene angeführt werden, die mit besonderen Auszeichnungen bedacht wor­ den sind. Dazu gehört G. Ketterer, der gleich­ falls „innovativ“ tätig war, er hat auf dem Schwarzwald die Herstellung von Gasuhren eingeführt. Michael Schuhmacher glänzte bei der Uhrenkastenherstellung und Gordia Hettich ist ausgezeichnet worden, weil er sich bemühte, geschmackvolle Uhren in den Handel zu bringen. In Villingen hatte Het­ tich 26 dieser geschmackvollen Zeitmesser präsentiert und besonderes Interesse erregten zwei Automatenwerke mit Spieldosenwer­ ken. Gordian Hettich verkaufte die Erzeug­ nisse Schwarzwälder Uhrmacher im übrigen in einer Bude, die er auf der Promenade in Baden-Baden umtrieb. Die Furtwanger Uhrenmacher waren zudem mit Trompeter- uhren, „ordinären“ Schwarzwalduhren, Stockuhren und Automatenuhren verschie­ denster Ausführung vertreten. Und daß die Musikwerkeindustrie auch in Furtwangen einmal Bedeutung hatte, belegt die silberne Medaille, die Franz Xaver Wehrle für seine Werke erhalten hat. Diese Auszeichnung wurde ihm für ein Flötenwerk mit Federkraft zuteil und mit Wohlwollen registrierte die Kommission noch eine weitere Arbeit Wehr­ les: einen Bienenkasten in Form eines zierli­ chen Häuschens. Der Katalog zur Schwarzwälder Indu­ strieausstellung in Villingen jedenfalls, doku­ mentiert auf vielfältige Weise die Tüftler­ kunst des Wälders, an deren Beginn das Strohflechten und die Uhr standen und aus der dann die mittelständische feinmecha­ nische Industrie emporwuchs, emporwach­ sen konnte, weil man es stets verstanden hat, sich den Erfordernissen der Zeit anzupassen. Wilfried Dold Graselli-Fischer-Häfner an der Haldenstraße 225 Jahre Einzelhandel in der Residenz der Fürstenberger In Donaueschinger Privatbesitz befindet sich aus der Zeit des Barocks eine Darstellung der Schmerzensmutter. Die farbig gefaßte Figur grüßte über 200 Jahre die Vorüberge­ henden am Anwesen Haldenstraße 4. Das ansprechende kleine Kunstwerk stammt von dem Donaueschinger Handelsmann Peter Graselli. Datum und die Anfangsbuchstaben des Stifters sind auf dem Sockel des Stein­ häuschens eingetragen, das die Figur einst beherbergte. Mit ihr ist die Geburtsurkunde eines Geschäftshauses gesetzt, in dem drei Kaufmannsgeschlechter, die der Graselli, Fischer, Häfner, 225 Jahre Einzelhandelsge­ schichte in der Residenz der Fürstenberger schrieben. Peter Graselli, der Herkunft nach Savoyarde, war ein Sohn jenes Völkchens, das in der unfruchtbaren Hochgebirgsregion südlich des Genfer Sees beheimatet war. Im Fürsten bergischen Urkundenbuch ist er 1777 als Fürstenbergischer Untertan, wohnhaft „uff der halte“, der heutigen Haldenstraße, erwähnt. Bereits 1754, noch zu Lebzeiten des Fürsten Joseph Wilhelm Ernst, der 1723 den Marktflecken Donaueschingen zur Residenz erhoben hat, suchte Graselli um die Konzes­ sion zum Betrieb einer Tabakmühle in Donaueschingen nach und war somit am Donauursprung ansäßig. Nicht zufällig beginnt um die Mitte des 18. Jahrhunderts die Geschichte des Donau­ eschinger Einzelhandels. Bis dahin hatten die Savoyarden aus dem Welschland ledig­ lich als fahrende Händler die Jahrmärkte auf der Baar besucht. Mit der Verlegung der Für- 73

Noch vorhandene Assignaten aus der Zeit der französischen Revolution bezeugen die weitreichenden Handels- und Geldgeschäfte der Donaueschinger Graselli. Um das Jahr 1840 – inzwischen mit der Savoyardenfami­ lie der Maggi liiert – gehört einem Anton Caesar Graselli auch der Glockenhof zu Tiengen, dazu ein Vermögen an Forderun­ gen im Wert von 98 000 Gulden. Um diese Zeit unternimmt ein Hermann Maggi-Gra­ selli ausgedehnte Reisen, unter anderem nach Venedig, um die Chancen für die Grün­ dung einer Glasfabrik auf der Baar zur Ferti­ gung von Glaswaren „nach böhmischer Art“ zu studieren. Nach der Heimkehr findet er in dem aus dem Bayrischen Wald stammenden Hütten­ meister Conrad Bodenmüller einen auf­ geschlossenen Partner. Unter dem Firmen­ titel Maggi & Bodenmüller nehmen beide gegen Ende des Jahres 1848 die Glasherstel­ lung in Wolterdingen auf Daß in der Zeit der Heckerbewegung’48/49 dem Unternehmen nur eine kurze Blütezeit beschieden war, hat Artur Kaiser unter dem Titel „Glas aus Wol­ terdingen“ im „Alrnanach“-Jahrbuch ’85 auf den Seiten 78-81 ausführlich geschildert. Am 6. Dezember 1855, nachdem zuvor schon die Wolterdinger Glashütte samt Zubehör für 5 600 Gulden zwangsversteigert worden war, geht der Graselli-Maggi’sche Besitz in der Donaueschinger Haldenstraße käuflich auf den aus Wolterdingen stammen­ den Kaufmann Andreas Fischer über. Außer dem Gemischtwarengeschäft unterhält er eine Auswanderungsagentur und erledigt Bankgeschäfte und Versicherungspolicen. Auf ihn folgte 1861 sein Sohn und Erbe Her­ mann Fischer, nachmals von 1885 bis 1919 Donaueschinger Bürgermeister, den die Stadt beim Übergang in den Ruhestand zum Ehrenbürger ernannt hat und dessen hervor­ ragende Verdienste sie zusätzlich noch mit dem Donaueschinger Straßennamen Her­ mann-Fischer-Allee würdigte. Hermann Fischer hatte zunächst in verschiedenen Städten in Mitteldeutschland im kaufmänni­ schen Beruf gewirkt. 1891, inzwischen mit Baracke Schmerzensmuttervon 1763 im einstigen Steinhäuschen am Anwesen Haldenstraße 4 stenbergischen Residenz von Stühlingen nach Donaueschingen und vor allem mit dem Jahr 1744, als Fürst Joseph Wilhelm Ernst sämtliche Fürstenbergische Lande in einer Hand vereinte, war ein große Zahl höherer Beamtenfamilien nach Donau­ eschingen zugezogen. In dem ländlichen Marktflecken steigerte sich die Lebenshaltung; neue, anspruchs­ volle Bedürfnisse waren zu befriedigen. Kurzum, die Graselli wurden seßhaft. Dank einer glücklichen Familien- und Verwandt­ schaftspolitik kamen sie rasch zu Ansehen und Wohlstand. Bereits 1797 – so dem Urbar zu entneh­ men – besitzen sie an der Haldenstraße das Anwesen 4 mit Kaufladen, Hofraite, Scheuer, Stallung und Garten, dazu Äcker und Wie­ sen an der Villinger Straße und im Gewann Mühlwiese, Waldungen am Raubühl und schließlich im Gelände des Parks die bereits erwähnte Tabakmühle, auch sie mit Scheuer, Stallung und Garten. 74

Das Haus W Häfner in der Haldenstraße vor dem Umzug in das „Kapfererhaus“ an der Karlstraße dem Amt im Donaueschinger Rathaus voll ausgefüllt, betraute er mit der Geschäftsfüh­ rung des Anwesens Haldenstraße 4 den Donaueschinger Wilhelm Häfner, der schließlich im Jahr 1907 das Anwesen mit Grundbesitz und Geschäft in der Halden­ straße käuflich erwarb. Er ist der Gründer der Wilhelm Häfner KG mit den nachfolgenden Inhabern Willi Häfner(ab 1942) und Reinhard Häfner(1963 bis Ende 1987). Unter letzterem wurde das einstige Gemischtwarengeschäft in ein aus­ gesprochenes Fachge.chäft für Glas, Kera­ mik und Kunstgewerbe umgewandelt. Umfangreiche Erweiterungen fanden vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg statt, und 1967 erfolgte, nach gründlichem Umbau, der Einzug in das nahegelegene repräsentative „Kapfererhaus“ an der Karlstraße, dessen Geschichte und Bausubstanz bis ins Jahr 1674 zurückreicht. Laufende Anpassungen und Erweiterun­ gen ergeben „das heutige Bild eines ,alten‘, jedoch in der Leistung ,jung‘ gebliebenen Fachgeschäfts“ -so zu lesen in der gelun­ genen Festschrift, mit der die Firma am 1. Juni 1988 zum Jubiläum „225 Jahre Einzelhandel in der Residenz der Fürstenberger“ einlud. Inzwischen hatte zu Beginn des Jahres mit dem Handelsfachwirt Andreas Häfner und seiner Mitarbeiterin, der jungen Handels­ fachwirtin Gabriele Häfner, bereits die vierte Häfner-Generation die Geschicke der Wil­ helm Häfner KG in die Hand genommen. Daran knüpfte Hauptgeschäftsführer Dr. Rudolf Kubach an, der den Jubilaren die Glückwünsche des Handelskammerbezirks Schwarzwald-Baar-Heuberg überbrachte. Er bestätigte bei der schlichten Feier, daß in der Häfner-Ära besonders großer Wert auf eine qualifizierte Fachausbildung des Nachwuch­ ses Wert gelegt wurde und brachte zum Aus­ druck, daß die drei Kaufmannsgeschlechter an der Haldenstraße nicht nur respektgebie­ tende Einzelhandelsgeschichte praktizierten, sondern auch ein wichtiges Kapitel Donau­ eschinger Stadtgeschichte mitgeschrieben haben, angefangen vom frühen 18. Jahrhun­ dert bis hin zum bald schon zu Ende gehen­ den 20. Jahrhundert. Dr. Lorenz Honold 75

Vom Geflechthandel im 19.Jahrhundert Rund 150 Jahre hatte das Strohflechten im Schwarzwald seine Glanzzeit, eingeführt mit italienischen Spezialisten durch Obervogt Karl Theodor Huber und von ihm begeistert gefördert, fortgeführt in „Geflechtsschulen“, schließlich betrieben auf jedem Bauernhof und in jeder Taglöhnerhütte. Welche Wege, besser: Umwege die Fertigwaren nahmen, bis sie ihren Bestimmungsort – in einem unserer Beispiele sogar Amerika – erreichten, zeigen einige zufällig erhaltene Briefe, die sich über den Zeitraum von 1839 bis 1862 erstrecken. Mittelpunkt und Hauptumschlagplatz war Wohlen in der Schweiz, Kanton Aargau. Verbindungen zur dortigen Firma Jacob Isler und Bruggißer bestanden von der „König!. Hut-Blumen und Strohhut-Fabrik“ E. F. Spinner in Hannover als Kunden, der Stroh­ Manufaktur]. P. Haas und Cie, Schramberg, als Lieferanten, von G. F. Demmler, Regens­ burg, als Kunden, Heintz und Hemstner, Leipzig, als Kunden und Alois Hettich, Gremmelsbach, als Lieferanten. Letzterer bestätigte am 28. Februar 1841, von der Firma Isler und Bruggißer in Wohlen 341 Gulden erhalten zu haben. Bei den dama­ ligen niedrigen Preisen darf man sich hinter dieser �ittung eine große Menge Geflecht vorstellen. Er ließ seinen Geschäftspartner wissen, in der Lage zu sein, jederzeit (offen­ bar auch jedes �anturn) Geflecht liefern zu können. – Eine Ausnahme in dieser Brief­ sammlung bildete Fridolin Tröndle, Nuß­ bach, ein Lieferant. Er stand mit I. U. Wild in Nancy, Frankreich, in Verbindung und lie­ ferte ohne Zwischenhändler direkt ins Aus­ land. Von verschiedenen Geflechtssorten war die Rede: von grobem, „schäckigem“ Geflecht, von durchzogenem, schwarzem Doppelgeflecht und von „schwarz schweize­ rischem“ Stroh. Heintz und Hemstner in Leipzig teilten der Schweizer Firma mit (23. Mai 1854), daß sechs Kisten mit ihren Strohhüten mit der Eisenbahn an Heinrich 76 Rüppel und Sohn nach Bremen geschickt wurden, von wo sie mit dem nächsten Segel­ schiff und billigster Fracht an James Isler nach New York weiterbefördert wurden. Heintz und Hemstner versprachen, auch weitere Sendungen zu je sechs Kisten abzu­ fertigen und Jal:ob Isler in Wohlen prompt davon Nachricht zu geben. Mit welcher Liebe und welchem Kunst­ sinn die Menschen das Stroh zu Geflecht ver­ arbeiteten, kann der staunende Betrachter in der Geflechtsstube des Schwarzwaldmu­ seums Triberg erkennen. Die dort auf­ bewahrten Musterbücher einer Geflechtleh­ rerin zählen nicht zu den geringsten Schät­ zen, die aus der Vergangenheit erhahen geblieben sind. Der obere, schwächste Schnitt des Halmes wurde der Länge nach noch zweimal geteilt, so daß vier Viertelteile des bisherigen Halmes entstanden. Diese ganz dünnen und zerbrechlichen Teile wur­ den verschieden gefärbt und geflochten. Das Endprodukt ist von einer Häkelarbeit nur noch schwer zu unterscheiden, so fein ist die Ausführung. Als Exportartikel brauchen diese kunstvollen Gebilde den Vergleich mit den Industriegütern der Gegenwart nicht zu scheuen. (�eilen: Briefe im Privatbesitz von Herrn Fritz Lienhard, Triberg) Karl Volk Gejlechtmuster aus dem Schwarzwald-Museum in Triberg.

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Im Obedliecht En Villinger wirds wohl verschtau: Am Obed weng durch d’Schtroße gau, wenn no en letschte Sunneschü uf Dächer schinnt, i d’Gasse nü. Und erschti Schatte zeichnet Spure i schiefi Winkel, krummi Muure. Do hät im schboote Obedliecht so manch e Huus e ander Gsiecht. Es hät i ville schwere Johre di glatt Fasad scho lang verlore, hät Biile und hät Dalle draa, guckt unterm schälbe Dach Dich aa. Es schtoht no fescht, e klei weng müed, doch schbürsch si Kraft und au si Gmüet. Im Obedroot hät jeder Turm en Guu vu Not und Krieg und Sehturm. Es dringt kon Mond, kon Sunneschii i siini dicke Muure nii. Di leere Auge trauet nit und luuret, so wie früht, au hit. Es nachtet zmols jetzt bi Dirn Gang de Ringmuur noo. De Amselgsang duet sich e letscht Mool höre lau. E alti Schtadt möcht schloofe gau. Elisabeth Neugart Zeichnung: Helmut Groß 78

Persönlichkeiten der Heimat Pater Anton Wecker Ein erfülltes Priesterleben Ein Schwabe im Badischen! Eine Leih­ gabe, die nicht ohne Früchte blieb! Alle, die P. Anton Wecker als Seelsorger und Reli­ gionslehrer und als Präses der Kolpingsfami­ lie begegnet sind, durften erleben, daß dieser sympathische und beliebte Hausgeistliche des Klosters St. Ursula sehr schnell ein Villin­ ger geworden ist, der aus dem vielseitigen Leben der Pfarreien und der Stadt nicht mehr wegzudenken war. Wenn wir heute in sein Leben und Wirken zurückschauen, dann ist es bei aller Begrenzt­ heit unserer Einsicht und unseres Urteils nicht vermessen, von einem gemeisterten und menschlich reichen Leben zu sprechen. Dabei war ohne Zweifel der tiefste und tra­ gende Grund seines Lebens seine natürliche, echte und gewinnende, aber immer unauf­ dringliche Frömmigkeit. Diese kam nicht von ungefähr. Sie wurde ihm, zusammen mit seinen drei Schwestern und drei Brüdern, in einer von bodenständigem Glauben erfüll­ ten Familie geschenkt. Das einfache, aber zufriedene Leben in einem kleinen Bahnwär­ terhäusle, damals am Rande der Stadt Aalen, prägte sein Leben mit all diesen Gaben und Fähigkeiten, die den späteren gütigen und verstehenden Seelsorger auszeichneten. Von 1926 bis 1934 war er Internatsschüler der Redemptoristen in Gars am Inn und in Günzburg an der Donau. Als er dann nach bestandenem Abitur 1934 den „Sprung hin­ ter Klostermauern“ wagte, machte er beim Eintritt ins Noviziat seinen späterem Mit­ brüdern in seinem hintergründigen Humor Mut mit dem Zitat: ,,Alle, die ihr hier eintre­ tet, laßt alle Hoffnung fahren“. Ausgebildet und reifer geworden durch das ernste Studium der Philosophie und der Theologie an der Hochschule des Ordens in Gars am Inn durfte P. Anton Wecker mit noch neun Mitbrüdern 1940 an den Weiheal­ tar treten. Es war bereits Kriegszeit. Als junger Priester wurde er, wie die meisten seiner Kurs­ kollegen, zur Wehrmacht eingezogen. zu 1941 an die Front nach Afrika geschickt, erzählte er später gern mit sichtlichem Stolz, daß ihn General Rommel selber als seinen Landsmann seinem persönlichen „Schreibstubenchef“ ausgewählt hat.1943 in Gefangenschaft geraten, hatte er das Glück, bald im Zuge eines Gefangenenaustausches in die Heimat zurückzukehren – zum Dienst in verschiedenen Lazaretten. Nach Kriegsende war es für einen durch das Soldatenleben und vom Krieg gezeichne­ ten jungen Menschen Ausdruck einer durch­ gehaltenen Frömmigkeit, wieder „hinter die Klostermauern“ zurückzukehren, sich noch­ mals auf die Schulbank zu setzen und das letzte Rüstzeug für die künftige Seelsorge sich anzueignen. 79

Sein erster Posten war dann die Kaplanei in Deggendorf in Niederbayern von 1946 bis 1950. Daß „Höhere Ordensobere“ mit dem Hinweis auf Gottes Willen heute so und morgen anders sagen können, war seine Er­ fahrung im Zusammenhang seiner Ernen­ nung zum Präfekten im Internat Forchheim in Oberfranken, die aber nach einem Jahr bereits beendet wurde, weil der Orden einen Stadtpfarrer für die Pfarrei St. Klemens in Stuttgart-Botnang suchte -beide Versetzun­ gen begründete Pater Provinzial damit, daß P.Anton Wecker „für diesen Posten der ein­ zig richtige Mann sei“. Daß die Ordensoberen für den letzteren Posten nicht danebengegriffen haben, zeigte sich durch 20 Jahre, in denen P. Anton Wek­ ker ( der sich gern einfach P. W. nannte) dieser Großstadtpfarrei mit der Vielfalt der Auf­ gaben und Probleme Seelsorger war. Wäh­ rend dieser Jahre einer „Steinbrucharbeit im Dienste des Herrn“ schöpfte er immer wieder neue Kraft und Zuversicht in der Stille und Geborgenheit des Klosters St. Ursula in Vil­ lingen. Die Verbindung dorthin war nicht zufallig: von 1948 bis 1958 lebten dort seine Mitbrüder und seit 1957 auch seine Nichte, Sr. Roswitha Wecker. Und weil er sich bei jedem weiteren Besuch in St. Ursula immer mehr zu Hause fühlte, liebevoll umsorgt von den Schwestern, vor allem seiner Nichte, war es nicht verwunderlich, daß sein Herz nicht nein sagen konnte, als St. Ursula einen Haus­ geistlichen suchte. So trat er 1970 den Umzug „ins Badische“ an, zunächst nur“ vorläufig“, wie seine Vorgesetzten meinten. Aber „Got­ tes Gedanken sind nicht immer unsere Gedanken“, und so blieb der „P. W.“ 17 Jahre in St. Ursula bis zu seinem Tod. Viele Menschen, denen er als Seelsorger begegnete, erfuhren in P. Anton Wecker einen Priester, dessen festes Glaubensfunda­ ment nicht in Formeln erstarrte, sondern der immer weiterfragte, um noch fester in ihm zu wurzeln. Es war ein ehrlich verantworteter Glaube, der die Erschütterungen des Lebens nicht billig überspielt hat, sondern immer die Antwort Gottes darauf suchte. 80 Als er 1975 Kolpingspräses in Villingen wurde, formulierte er in seiner „Regierungs­ erklärung“ die Aufgaben der Kolpingsfamilie so: Leben aus den Q!iellen des Glaubens; dabei fest auf dem Boden der Wirklichkeit stehen; sich nicht in Eigeninteressen einkap­ seln, sondern auch Mut zur Auseinanderset­ zung zeigen. Ein Leben, das so vom Glauben getragen ist, wird zu einem Leben der Freude. Und Freude war ein „Gütezeichen“ im Leben von P. Anton Wecker. Seine Freude war die Erfahrung, daß die Zusage Jesu an seine Jün­ ger keine leeren Worte sind: ,,Dies habe ich zu euch gesagt, damit meine Freude in euch ist, und damit eure Freude vollkommen wird“ Ooh. 15,11). Solche Freude hat „Fleisch und Blut“, war überall in seinen vielseitigen Tätigkeiten zu spüren: ob als „zweiter Münstervikar“, als „Pfarrer von Rietheim“, in Vorträgen bei Priestern und Ordensfrauen, in den Reli­ gionsstunden in St. Ursula, in ungezählten Kolpingsveranstaltungen, als unvergeßlicher Wallfahrtsbegleiter oder gar bei seinen un­ übertroffenen Auftritten bei der Villinger Münsterfasnet -der herzhafte Humor des P. W.tat allen gut. Und unter vielem noch ungenannten darf doch nicht unerwähnt bleiben, daß P. Anton Wecker bei seinen Kranken-und Altenbesuchen immer Freude brachte in das oft so wenig freudvolle Leben älterer und kranker Menschen. Freude aus dem Glauben steckt an. Freude trägt Frucht. So war diese kostbare Gabe im Leben von P. Anton Wecker kein bloß äußer­ liches Lustigsein und auch keine oberfläch­ liche Witzigkeit, sie war ins Leben übersetzte Freude an Gott, über die er nicht nur gepre­ digt hat, sondern sie frohmachend und wei­ terschenkend gelebt hat. Frucht seiner Freude aus dem Glauben waren „ Werke“, bei denen es ihm nicht zuerst um Organisation und Neugründung ging, sondern um die Weitergabe unseres Glaubens: eine Altkol­ pinggruppe geht auf seine Initiative zurück, der er viel Zeit und Kraft und Liebe schenkte; junge Menschen und junge Familien fanden

durch ihn den Weg in die Kolpingsfamilie; und daß die beiden Städte Villingen und Schwenningen einander nähergekommen sind, zeigte sich auch im „unerschrockenen Mut“, die Kolpingsfamilien, eine „badische und eine schwäbische“, zu gemeinsamem Tun und Feiern zusammenzuführen. Es war sein drängendes Anliegen, das Werk Adolf Kolpings für die heutige Zeit lebendig zu erhalten und in Familie, Gesellschaft und Kirche zu verwirklichen. Es war deshalb durchaus verdient, daß P. Anton Wecker 1986, anläßlich der 40 Jahre seines Mühens um die Kolpingsfarnilie mit der „Ehrennadel für Besondere Dienste im Ehrenamt“ ausgezeichnet wurde, verliehen vom Ministerpräsidenten von Baden-Würt­ temberg, Lothar Späth. Galt seine besondere Liebe der Kolpings­ familie, so war seine Liebe zu Kloster und Schule St. Ursula die seines innersten Her­ zens. Was er in diesen alten und geschichts­ trächtigen Mauem tat und an Liebe und Sorge investierte, wissen nur Gott und die Schwestern, von denen ihm viele in einem Leben echter Glaubensfreude vorangegan­ gen und im Frieden zu Gott heimgekehrt sind. Es war kein leeres Wort von P. Anton Wecker als„dem guten Geist von St. Ursula“: wie er „SOS-Pfarrer“ für die Villinger Pfar­ reien war, so noch mehr einer, der sich ganz einbrachte und einsprang, wo und wann immer es in St. Ursula „brannte“. Nicht zuletzt die Schülerinnen von St. Ursula schätzten die väterliche Art ihres Reli- gionslehrers und hatten großes Vertrauen zu ihm. Und ihm selber tat das Zutrauen der jungen Leute gut: ,,Sie halten mich fit“, konnte er immer sagen. Und was im Klassen­ zimmer zu spüren war, wirkte sich aus im Lehrerkollegium; in ihm war P. Anton Wek­ ker „der ruhende Pol“ im oft aufgewühlten und unruhigen Schulalltag. Mitte und Quelle des priesterlichen Dien­ stes von P. Anton Wecker war immer die Klosterkirche. Die Gläubigen begegneten dort in ihm einem von Gott geführten Prie­ ster, der es verstand, das wegweisende Wort Gottes lebensnah und mutmachend zu deu­ ten und dadurch den Menschen immer neu Zuversicht und Lebensfreude zu vermitteln. Und auch hier vergaß er nicht, was jeweils die Villinger „umtrieb“: bekannt und beliebt waren seine Predigten in Versen am Fasnet­ Sonntag. P. Anton Wecker starb am 19. Mai 1987 plötzlich und unerwartet. In einem Ausspruch einer seiner Schüle­ rinnen klingt wohl alles an, was sonst zu sei­ nem Tod gesagt und geschrieben wurde: ,,Nun fehlt in St. Ursula die Seele“. Jesus Christus, sein Herr und Meister, dem er treu dienen wollte, hat seine Freude vollendet und ihm eine ewige Wohnung im Himmel bereitet. Das was sterblich an ihm war, wurde auf dem Friedhof seiner Mitbrüder auf dem Schönenberg bei Ellwangen/Jagst begraben. Sr. Roswitha Wecker P. Hermann Fuchs Otto Benzing Ein Schwenninger Schulmann und Heimatschriftsteller Es ist kein einfaches Unterfangen, seine anregende und belebende Wirkung auf die Menschen auszuloten, die mit ihm zu tun hatten. Auch das, was uns von der schuli­ schen, vermehrt von seiner heimatforscheri­ schen Aktivität an Wegspuren geblieben ist, kann weder dem Umfang noch dem Inhalt nach, auf diesen wenigen Seiten gerecht gewürdigt werden. Das spricht für den Mann und sein Lebenswerk. Ich habe den damals 71jährigen Studien­ direktor i.R. Otto Benzing im Sommer 1982 kennengelernt, zu einem Zeitpunkt, an dem der gealterte Schulmann auf die längste 81

Strecke seines Lebensweges zurückblicken konnte. Damals war ich mit der Aufzeich­ nung und der Erforschung der Grenzsteine um Schwenningen beschäftigt und suchte den Rat des erfahrenen Heimatkenners. Seine freundliche Offenheit und ausgeprägte Fähigkeit, zuhören zu können und Problem­ stellungen schnell zu durchschauen, förderte unsere Zusammenarbeit. Otto Benzing hatte bis dahin eine ganze Reihe von Mundartge­ dichten verfaßt, zu denen ich nun passende Bilder anfertigte. Gerade die Schwenninger Mundart lag dem Ruheständler am Herzen und es war stets selbstverständlich, daß wir uns auf „schwenningerisch“ unterhielten. Der Ältere sprach den Dialekt noch unver­ fälschter als sein jüngerer Besucher. Otto Benzing entstammte einem alteinge­ sessenen Schwenninger Geschlecht, das schon vor einigen hundert Jahren in dem württembergischen Grenzdorf des öfteren die Vögte stellte. Am 29. Juni 1911 geboren, verlebte er seine Jugend in der damal steil auf­ strebenden Industriestadt. Von 1917 an be­ suchte er die Schulen seiner Geburtsstadt und legte dort 1929 auch sein Abitur ab. Anschließend studierte der junge Schwen­ ninger an den Universitäten Tübingen und München die Fächer Deutsch, Englisch und Geschichte. Ein halbjähriger Studienaufent­ halt in England vertiefte die Sprachkennt­ nisse des Studenten. Die erste Dienstprüfung für das höhere Lehramt absolvierte Otto Benzing 1934. Nach seiner Referendarausbildung in Stutt­ gart und der anschließenden zweiten Dienst­ prüfung war eine weitere Stufe der Lehreraus­ bildung erklommen. Der neu ernannte Studienassessor unter­ richtete von 1935 an zwei Jahre an einer Pri­ vatschule in Hindelang, war 1937 zwei Monate in Rottweil Lehrer und von da an bis 1940 in Ulm im Schuldienst. Wie viele Deutsche in jenen Jahren, so wurde auch Otto Benzing in die Wehrmacht eingezogen. 1942 erfolgte zwar seine Ernennung zum Studienrat, doch mußte der Beförderte bis zum Kriegsende die Uniform tragen. 82 Die Nachkriegsjahre verlebte der Studien­ rat an einer privaten Schule in Wilhelmsdorf. Ab 1953 war Otto Benzing für einige Monate am Schubart-Gymnasium in Ulm und die darauf folgenden 10 Jahre seiner Lehrertätig­ keit unterrichtete er am Leibniz-Gymnasium Rottweil, wo er 1959 Oberstudienrat wurde. Nach seiner 1962 erfolgten Beförderung zum Studiendirektor kehrte der Lehrer in seine Heimatstadt Schwenningen zurück und kam dort als stellvertretender Schulleiter des Gymnasiums ins Amt. Er arbeitete bis zum 31. August 1974, um dann in den wohlver­ dienten Ruhestand zu wechseln. Jetzt konnte sich der pensionierte Schulmann und Hei­ matkundler endlich jener Themen anneh­ men, die ihn in den freien Stunden seines langen Schullebens beschäftigt und bewegt haben. Bereits im Herbst 1977 erschien im Kuhn­ Verlag in Schwenningen die erste Auflage sei­ ner „Geschichten vom Neckarursprung“, eine Sammlung von 33 Miniaturen zur Schwenninger Ortsgeschichte, die den Zeit-

raum von der ersten Besiedelung bis zum 16. Jahrhundert behandelte. Diesem ersten Band folgte 1978 der zweite, mit Geschichten vom 17. Jahrhundert bis zur Stadterhebung Schwenningens 1907. Ein Jahr danach kam das „Schwenninger Lägerbuch Anno 1703″ an die Öffentlichkeit, eine Sammlung geschriebener Rechtsverhältnisse im damali­ gen Grenzdorf. Gemeinsam mit seinem Bruder Martin arbeitete Otto Benzing über Jahrzehnte hin­ weg an der Erforschung seiner Ahnentafel. Als Ergebnis dieser Sisyphusarbeit veröffent­ lichten die Brüder 1982 ihre „Ahnentafel Martin Benzing“, eine umfangreiche Ahnen­ liste mit 694 Namen. Im Januar 1983 übergab Otto Benzing seine „Quellen zur Schwenninger Ge­ schichte von 890 bis 1600“ seinem Leserpu­ blikum, ein Buch, das alle bis dahin bekannt­ gewordenen zur Schwenninger Ortsgeschichte enthält – eine Fundgrube für Heimatgeschichtsforscher! schriftlichen Belege Für seine Verdienste um die Bearbeitung und Beschreibung der Schwennninger Geschichte verlieh die Stadt Villingen­ Schwenningen Otto Benzing im März 1983 die Bürgermedaille. Während der Feier­ stunde im großen Sitzungssaal des Schwen­ ninger Rathauses kündigte der Geehrte schon sein nächstes Werk an. Es erschien noch im Dezember des gleichen Jahres unter dem Titel „Uffm Schwenninger Moos“. Mit diesem humorvollen Gedichtband setzte Otto Benzing seiner Schwenninger Mundart ein bleibendes Denkmal. Über viele Jahre hat der Heimatschriftstel­ ler an einem Buch gearbeitet, das sein letztes veröffentlichtes Werk werden sollte: an der Geschichte seiner Geburtsstadt Schwennin­ gen. Oft saßen wir beieinander und bespra­ chen die Bilder und Druckvorlagen für die Illustration, die ich teilweise anfertigte. Die körperliche Verfassung von Otto Benzing war in diesen Tagen schon nicht mehr die beste: zwei Herzinfarkte geboten dem umtriebigen Arbeiter, schonungsvoller mit sich umzugehen. Kaum erholt, saß er schon wieder über seinen Texten, formulierte hier um, glättete dort, suchte griffigere Vokabeln. Das Ergebnis dieser Mühe kam 1985 unter dem Titel „Schwenningen am Neckar, Geschichte eines Grenzdorfes auf der Baar“ in die Buchläden. Otto Benzing hat nicht allein seine Bücher erarbeitet und in Druck gebracht, sondern sich auch mit Aufsätzen und Beiträ­ gen zur Heimatkunde den aktuellen Tages­ fragen zugewandt. Es ist unmöglich, alles das, was seiner Feder entsprang, im einzelnen oder vollständig aufzuzählen. Es sei aber erwähnt, daß von ihm neben vielen Beiträ­ gen in der Schwenninger Tageszeitung „Die Neckarquelle“ auch mancher Aufsatz und manches Mundartgedicht im Almanach des Schwarzwald-Baar-Kreises abgedruckt wurde. Noch in seinen letzten Lebensmonaten arbeiteten und planten wir zwei weitere Gedichtbände in Schwenninger Mundart, die aber nicht mehr realisiert werden konn­ ten. Otto Benzing hat wohl schon gespürt, daß seine Zeit kommen würde. Ein weiterer Herzanfall traf den schon Gezeichneten im Herbst 1986. Im Rottweiler Krankenhaus, wo ich ihn besuchte, besprachen wir noch die Anordnung, Bilder und Aufmachung für die beiden Mundartbüchlein. Dann kehrte der Kranke nochmals heim in sein Flözlinger Refugium, wo ihm seine Frau als getreue Pfle­ gerin zur Seite stand. Dort starb Otto Ben­ zing nach einem arbeitsreichen und erfüllten Leben am 28. Dezember 1986. Eine große Menschenmenge folgte sei­ nem Sarg auf den Flözlinger Friedhof. Grab­ redner würdigten den Verstorbenen in zahl­ reichen Nachrufen. Ich selbst habe in Otto Benzing einen selbstlosen Ratgeber und väterlichen Freund verloren. Siegfried Heinzmann 83

Hubert Lenz Eng mit der Gewerkschaft verbunden Ungefähr alle zwei Jahre treffen sich Blumbergs Altstadträte, unter ihnen noch einige Kommunalpolitiker der ersten Nach­ kriegsstunde, in der Eichbergstadt, um in kol­ legialer Erinnerungsrunde und bei zwanglo­ sen Stadtführungen mit ihren amtierenden Kollegen Vergleiche zwischen vorgestern, gestern und heute anzustellen. Zu den Altge­ dienten gehört der ehemalige SPD-Stadtrat und Betriebsratsvorsitzende Hubert Lenz, der 1965 dem Gewerkschaftsruf nach Schwenningen folgte. Erfüllten sich immer die frühen Wünsche, dann wäre der 1921 in Redange/Moselle geborene Hubert Lenz jetzt wohl noch Kapi­ tän und ginge zuweilen an der Küste seines schon einmal erlebten Traumzieles Neusee­ land vor Anker. Aber der ehemalige SPD-Stadtrat, der Blumberg 1965 verließ, steuerte einen ande­ ren Kurs und fand seinen „Zielhafen“ in Schwenningen bei der IG Metall. Das ist nicht „aus der Welt“, und so wurde ein Besuch in Blumberg für ein informatives Gespräch genutzt. Vom 6. bis 13. Lebensjahr im luxemburgi­ schen Belis wohnend, dort die Primärschule und ein Jahr die Gewerbeschule besuchend, kam Hubert Lenz 1935 nach Hamburg und fuhr bis 1940, von der Pike auf als Schiffs­ junge bis zum Matrosen, zur See. Mit seiner Familie nach Blumberg gekommen, arbeitete er ein halbes Jahr bei der Firma Doggererz in der Schlosserei, wurde am 1. August 1940 zur Kriegsmarine für die Schnellbootflottille ein­ gezogen und lernte die Kriegsschauplätze von Frankreich, Belgien, Holland, Sizilien, Krim, Kaukasus, Bulgarien und Rumänien kennen, wo er 1944 in russische Gefangen­ schaft geriet. Erst im Dezember 1947 kehrte er zurück, fand im Januar 1950 Arbeit als Schweißer in der Firma Teves und heiratete 1951. Die Söhne Meinrad und Jürgen leben jetzt in Villingen. Schon 1954 im Betriebsrat 84 bei Teves, war es auch Hubert Lenz mit zuzu­ schreiben, daß die Firma 1956 nicht verlagert wurde. Dieser für die Arbeitnehmer einge­ schlagene Kurs wurde zielstrebig beibehal­ ten. Ende 1959 wählte man Lenz für fünf Jahre zum Vorsitzenden des Betriebsrates, seit 1953 war er schon Mitglied der Großen Tarifkommission sowie der Verhandlungs­ kommission der IG Metall in der Metallindu­ strie Südbaden und Mitglied der Ortsverwal­ tung der IG Metall-Verwaltungsstelle Villin­ gen. 1956 in den Gemeinderat der Stadt Blumberg gewählt, gehörte Lenz diesem bis 1966 als SPD-Stadtrat an, war seit Mitte der 50er Jahre bis zu seinem Fortzug Mitglied und späterer Vorsitzender der AOK-Vertre­ terversammlung Donaueschingen sowie stellvertretender Kreisvorsitzender der SPD Donaueschingen. Im September 1965 folgte Hubert Lenz seiner Berufung zum Gewerk­ schaftssekretär der IG-Metall-Verwaltungs­ stelle Schwenningen, aber erst im Dezember 1966 bezog er mit seiner Familie die dort end­ lich doch noch gefundene Wohnung. ,,Der Kontakt zu Arbeitnehmern und Bevölke­ rung war schnell gefunden“, erinnerte er sich, der auch zum Vorsitzenden der AOK-Vertre-

terversammlung Schwenningen avancierte. ,,Ab l.Januar 1972 wurden die Verwaltungs­ stellen der IG Metall Villingen und Schwen­ ningen zusammengeschlossen.“ 1980 zog er ins Gewerkschaftshaus in der Arndtstraße. Bis zu seiner Verabschiedung zum Oktober 1984 bekleidete er das Amt des zweiten Bevollmächtigten der neuen Verwaltungs­ stelle Villingen-Schwenningen. Neben der Gewerkschaftsarbeit beschäftigten Lenz viele Funktionen: Ehrenamtlicher Richter am Arbeitsgericht Freiburg und Landesarbeits­ gericht Baden-Württemberg; Mitglied des Verwaltungsausschusses im Arbeitsamt Vil­ lingen-Schwenningen; Vorsitzender der AOK-Vertreterversammlung für den Schwarz­ wald-Baar-Kreis, Vorstandsmitglied im Bezirksverband der REF A, Mitglied des Ausländerbeirates der Stadt Villingen­ Schwenningen sowie Delegierter zahlreicher Kongresse der IG Metall und des DGB ist er jetzt noch. Bestehende Familien- und Freundeskon- takte führen ihn, dessen Frau Ilse geborene Kumpf 1978 starb, oft noch in die Eichberg­ stadt. Interessiert beobachtet er Blumbergs Entwicklung, die er damals entscheidend mitbestimmte. Aber in Schwenningen hat er seine endgültigen Wurzeln geschlagen. „Ich reise viel und sehe mir jetzt in Ruhe das an, was ich bei den wahrgenommenen Konferenzen nicht sah. So komme ich weit herum.“ Am liebsten möchte Hubert Lenz wieder einmal nach Neuseeland, aber das ist ihm nun doch zu weit. Machmal mag er bedauern, daß der damalige Kriegsausbruch seine erhoffte Kapitänslaufbahn zunichte machte. Womöglich tröstet ihn dann der ver­ antwortungsbewußt eingehaltene gewerk­ schaftliche Kurs, auf dem er so viele andere Kais anlief und den dort wartenden Mitmen­ schen mit seinen Erfahrungen helfen durfte. Durch letztere besitzt Hubert Lenz so etwas wie ein soziales „Kapitänspatent“, das einem besonderen Kompaß folgt. Jürgen Henckell Karlhennan Russ Ein Leben für die Landwirtschaft und die Kommunalpolitik Die Wiege von Karlherman Russ stand im Wiesental, wo er am 18. 5.1921 in seiner Hei­ matstadt Schopfheim geboren wurde. Sein Vater war dort ein bekannter Kommunalpo­ litiker, vor 1933 langjähriger Bürgermeister­ stellvertreter, beruflich als Ökonomierat tätig, hat er dort wesentlich dazu beigetragen, daß in Lörrach und St. Blasien Molkereige­ nossenschaften gegründet wurden. Karlher­ man Russ kam somit schon mit der Mutter­ milch sehr früh mit der Landwirtschaft und der Kommunalpolitik in Berührung. Er besuchte in Schopfheim die Schulen und legte im Februar 1940 die Reifeprüfung ab. Es folgten drei Monate Arbeitsdienst und nahezu 5 Jahre Kriegsdienst bei der Panzerar­ tillerie, bei der er als Hauptmann und Abtei­ lungskommandeur die letzten Kriegswochen erlebte, bevor er in britische Gefangenschaft kam. In den letzten Kriegstagen, wenige Tage vor der Kriegsgefangenschaft, heiratete er seine Frau Gertrud, die ihm immer treu zur Seite steht. Ab Januar 1946 absolvierte er eine landwirtschaftliche Lehre, legte im März 1948 die landwirtschaftliche Gehilfenprü­ fung ab und studierte von 1948 bis 1951 an der Justus-Liebig-Hochschule in Gießen Landwirtschaft. Nach der Diplomhauptprü­ fung folgte ein 3. Praxisjahr in zwei landwirt­ schaftlichen Betrieben und eine mehrmona­ tige Hilfslehrertätigkeit an der Landwirt­ schaftsschule in Staufen. Den Vorberei­ tungsdienst als Landwirtschaftsreferendar beim Landwirtschaftsamt in Waldshut been­ dete er mit der 2. Staatsprüfung im Septem­ ber 1954 als Landwirtschaftsassessor. 85

eschingen; 1971 bis 1976 Kreisrat im Über­ gangskreistag und dann im neuen Kreistag des Schwarzwald-Baar-Kreises. Im Zuge der Verwaltungsreform vermochte er die Auf­ lösung des Donaueschinger Landwirtschafts­ amtes zu verhindern und ersparte ihm damit das Schicksal anderer Donaueschinger Äm­ ter. Als das Landwirtschaftsamt in VS-Villin­ gen aufgelöst wurde, bekam das Landwirt­ schaftsamt sogar die Kompetenz für den gesamten Schwarzwald-Baar-Kreis. Die von Karlherman Russ geführte Landwirtschafts­ schule hat ein weit über den Kreis hinaus­ gehendes Einzugsgebiet, nicht zuletzt dank ihres hervorragenden Rufes. Ohne Erfolg blieben seine Bewerbungen 1965 und 1969 um das Bundestagsmandat seiner Partei. Bei der Wahl 1965 unterlag er aber nur mit sehr wenigen Stimmen seinem Gegenkandidat Dr. Häfele, der seither unseren Wahlkreis in Bonn vertritt. Vom vielfältigen kommunal­ politischen Wirken seien nur zwei für unsere Stadt positiven Ereignisse erwähnt, bei wel­ chen er maßgebend zum Erfolg beitrug: Die Überführung des städtischen Kran­ kenhauses in Kreisregie und Schaffung der Voraussetzungen zum Bau eines neuen Kreiskrankenhauses in Donaueschingen so­ wie die Ansiedlung der Firma Aldi mit ihrem großen Auslieferungslager und dem anschlie­ ßenden Bau des Golfplatzes Donaueschingen. Als stellvertretender CDU-Kreisvorsitzender wurde er immer wieder als Redner von den ver­ schiedensten Ortsgruppen angefordert. Als im August 1965 der Kreisverband sein 1000. Mitglied aufgenommen hatte, wurde Karlherman Russ vom CDU-Landesvorsit­ zenden und Regierungspräsidenten Anton Dichte! für seine langjährigen Verdienste um die CDU besonders ausgezeichnet. Den CDU-Stadtverband führte er seit 1964 sou­ verän. Es war daher für Außenstehende und Insider eine spektakuläre Überraschung, als er im Jahre 1972 als Vorsitzender abgewählt wurde. Aus einem Zeitungsinterview der damaligen Zeit: Südkurier: ,,Herr Russ, fühlen Sie sich als eine Art Märtyrer, wie ein Mann, dem trotz In der folgenden Zeit wirkte er als Verwal­ tungsbeamter und Lehrer beim Landwirt­ schaftsamt Waldshut sowie bei der Landwirt­ schaftsschule in Pfullendor( Von dort kam er im Jahre 1958 an das Landwirtschaftsamt Donaueschingen. Über seine beruflichen Aufgaben hinaus wurde Karlherman Russ als ein außerordent­ lich fähiger und engagierter politischer Mensch sehr rasch an der Donauquelle bekannt. Nicht verwunderlich, daß er als politisches Naturtalent und mit seinem sprü­ henden Temperament in viele gesellschaft­ liche und politische Gremien Eingang fand und ein begehrter Sprecher wurde. Er war streitbar, aber immer ein zur Versöhnung bereiter Kämpfer. Wo immer er auftrat, belebte er die Diskussion. Bereits seit 1946 Mitglied der badischen christlich sozialen Volkspartei (später CDU) wurde er ab 1959 aktiv im Orts- und Kreisver­ band Donaueschingen der CDU. Von 1964 bis 1972 Vorsitzender des CDU-Ortsverban­ des, seit 1972 Ehrenvorsitzender des CDU­ Stadtverbandes. Seit 1971 Stadtrat und Bür­ germeisterstellvertreter, gewählt mit der in Donau- zweithöchsten Stimmenzahl 86

seiner Verdienste kaum einer einen Lorbeer­ kranz windet, oder stehen Sie über der Ange­ legenheit, zumal ja erst bewiesen werden muß, wie man es besser macht? Halten Sie die Geschichte für tragisch?“ Russ: ,,Wer sich der Politik zur Verfügung stellt, muß wissen, daß Lorbeerkränze höch­ stens am Grabe niedergelegt werden. Ich halte die Wahl und ihr Ergebnis nicht für tra­ gisch. Im menschlichen Bereich dagegen kann die Enttäuschung nicht verhehlt wer­ den. Wenn ich die Äußerungen eines Stadt­ rates bei seiner Verabschiedung zitieren darf: , Bringen Sie ein bißchen mehr Menschlich­ keit und weniger Parteipoilitik in diesen Saal‘, so schien diese Mahnung bei einigen Mitglie­ dern in Vergessenheit geraten zu sein.“ Lebewohl?“ Südkurier: ,,Sie sagen also der Politik nicht Russ: ,,Die Entwicklung im Schwarzwald­ Baar-Kreis und in unserer Stadt erfordert die Mitarbeit aller Bürger, die im öffentlichen Leben etwas arbeiten und sagen können und die in der Zusammenarbeit guten Willens sind. Zu diesem Kreise zähle ich mich und deshalb will ich der Politik noch nicht Leb­ wohl sagen.“ Karlherman Russ war weiterhin aktiv als Stadt-und Kreisrat, bis er1976 zum Leiter der Abteilung Landwirtschaft beim Regierungs­ präsidium Karlsruhe berufen wurde. Die Karlsruher waren überrascht, daß der ver- meintlich schwarze Rübenbauer von der Baar sich als ein exzellenter Weinkenner ent­ puppte. Als Leiter einer Abteilung von über 60 Mitarbeitern und einer Reihe von nach­ geordneten Fachbehörden (10 Landwirt­ schaftsämter, 4 Veterinärämter und einer tierärztlichen Untersuchungsanstalt) konnte er seine Fähigkeiten erfolgreich einsetzen: Arbeitsfreude, Humor, Kontaktfreudigkeit, Verständnis, Interesse an persönlichem Schicksal seiner Mitarbeiter, Organisations­ talent machten ihn als Vorgesetzten beliebt. Bei seiner Verabschiedung lobte der Karlsru­ her Regierungspräsident Dr. Trudbert Müller seine Verwaltungsarbeit und seinen guten Kontakt mit Verbänden und Organisationen und betonte, Karlherman Russ regierte die Landwirtschaft des Regierungspräsidiums so, wie er sich das als Amtsleiter in Donau­ eschingen in der Nähe des Fürstenhauses angeeignet hatte. Seine engen und freund­ schaftlichen Verbindungen zu Donau­ eschingen wurden seit seinem Weggang von ihm gepflegt. Er ist immer ein gern gesehener Gast. Auch das öffentliche Geschehen der Stadt beobachtet er in seinem Ruhestand mit großem Festansprache anläßlich der 40-Jahr-Feier des CDU-Stadt­ verbandes war äußerer Ausdruck seiner Ver­ bundenheit. Interesse. Seine Theo Greiner Annemarie Imo Eine im sozialen Bereich engagierte Donaueschingerin Mehr als ein Jahr lang hat sie sich gesträubt, sich im Jahrbuch des Schwarz­ wald-Baar-Kreises portraitieren zu lassen. So wichtig sei ihre Arbeit im Deutschen Roten Kreuz ja nun auch wieder nicht gewesen, wandte Annemarie Imo um die Jahreswende 1987 /88 ein, als ihr Landrat Dr. Rainer Gut­ knecht diese Würdigung ihres Lebenswerkes im „Almanach“ anbot, und erst im Frühjahr 1989 stimmte sie zu, sich portraitieren zu las- sen – freilich mit dem bemerkenswerten Zusatz, den Artikel über sie nicht zu einer Laudatio werden zu lassen. Diese Zeilen über eine der sozial am stärksten engagierten Donaueschingerinnen der Nachkriegszeit sollen ihrem Wunsche folgend also „unsere Mitmenschen motivieren, etwas füreinander zu tun – es gäbe ja unendlich viele Möglich­ keiten, sich einzusetzen“. Sie selbst blickt mittlerweile auf 58 Jahre 87

„Ich hing mit Leib und Seele an unseren Kranken und Verwundeten und manchmal war ich unglücklich, daß ich so wenig für sie tun konnte“, erinnerte sie sich beim Gespräch mit dem „Almanach“. Als die Front der Deutschen in fast ganz Europa Verwundete in zunehmender Zahl in die Heimat zurückschickte, oblag es Anne­ marie Imo, im November 1941 im Fürsten­ berg-Lazarett mit einfachen Mitteln eine Operationsabteilung einzurichten, an der an manchen Tagen von morgens bis abends operiert werden mußte. Nach dem Krieg, als die Franzosen auch das einstige Donau­ eschinger Reichswehrlazarett besetzt hatten, wurde Frau lmo über das Rote Kreuz für Nachtwachen dienstverpflichtet. Daß kaum einer der Franzosen Deutsch sprach, erwies sich nur deshalb als weniger schwerwiegend, weil Annemarie lmo längere Zeit Franzö­ sisch gelernt und eigens für diesen Dienst wieder aufgefrischt hatte. Und schon nach einem Jahr bat sie der Chefarzt, bei ihm zu bleiben, was sie nie bereut hat, zumal ihr, der Deutschen, auch die übrigen französischen Ärzte voll vertrauten und sie sich um das Ver­ trauen ihrer Patienten ohnehin nie zu sorgen brauchte. Einen Beleg dafür lieferte 1972 Marcelle Jaulent, Lehrerin an der französischen Schule in Konstanz, in einem Brief an Lazarett­ Chefarzt Boilet, in dem sie nach einer Behandlung in Donaueschingen Annemarie Imo, die sie betreut hatte, „eine außerge­ wöhnliche Krankenschwester von aus­ gesprochener Seelengröße und unerschütter­ licher Hingabe“ nannte und den bezeich­ nenden Satz anfügte: „Selbst unter oft schwierigen Bedingungen läßt sie jedem ein­ zelnen ihre außerordentlich qualifizierte Pflege und, was mehr wiegt, ihr tröstendes Lächeln und ihre zuversichtliche Gegenwart zuteil werden.“ Sie selbst lernte in ihrem Dienst am Franzosen-Lazarett viel dazu, auch Erfahrungen, die die Besatzungsmacht­ Ärzte aus dem Indochina-Krieg mitgebracht hatten, und konnte dieses gesammelte Wis­ sen dann investieren, als sie es an junge ihres Helfens zurück, seit die am 7. Juli 1911 als ältestes von acht Geschwistern in Donaueschingen geborene Annemarie lmo sich in einem Grundausbildungskurs die ersten Kenntnisse in Erster Hilfe aneignete. Dem Besuch der Volks- und der Gewerbe­ schule hatte sie zuvor eine Lehre im Nähen folgen lassen und mit der Gesellenprüfung abgeschlossen, doch ungeachtet ihrer Preise in der Schule und vor der Handwerkskam­ mer war sie in diesem Beruf nicht glücklich geworden,“ weil mir die Arbeit nicht sinnvoll erschien“. Ein Studium war ihr versagt geblieben und an der Schwesternschule war Frau Imo nicht angekommen, weil man sie für die schwere Arbeit der Pflege für nicht kräftig genug hielt. Dennoch absolvierte sie noch vor ihrer Hochzeit mit Ernst Imo – das vom unverges­ senen Donaueschinger Stadtpfarrer Dr. Heinrich Feurstein getraute Paar feierte 1985 seine Goldene Hochzeit – eine Sanitätsaus­ bildung und ließ ihr zwischen der Geburt ihrer beiden Kinder 1938 einen Schwestern­ helferinnenlehrgang folgen, den sie 1939 abschloß und schon im Jahr darauf ihren Dienst im Donaueschinger Lazarett antrat. 88

Deutsche weitergab. Zuvor jedoch war sie, auch hier widerstrebend, für die letzten sie­ ben Jahre ihres Dienstes im 1977 von den Franzosen aufgegebenen Lazaretts zur „infu­ miere Major“ befördert worden und hatte sich sehr oft um Sterbende kümmern müs­ sen – ,,dürfen“, wie sie diesen allerletzten Dienst an einem Menschen nennt. Die Angehörigen der Soldaten waren oft weit und so wurde sie von ganz Jungen und sogar von Mohammedanern am Ende noch als „Mama“ angesprochen. Annemarie hat viele Erfahrungen machen dürfen, daß sie diesen Sterbenden ganz unabhängig von deren Religionszugehörigkeit in einem guten Tod hat begleiten können. Neben diesem Einsatz (,,einen Achtstun­ dentag gab es praktisch nie, es waren zehn oder zwölf Stunden oder gar durchgehend“) engagierte sich Frau Imo zunehmend im Roten Kreuz.1961 war sie Bereitschaftsführe­ rin des Ortsvereins Donaueschingen gewor­ den, ein Amt, das sie 1964, zwei Jahre nach ihrer Wahl auch zur Kreisbereitschaftsführe­ rin, notgedrungen und arbeitsüberlastet, wie­ der aufgab. Im Kreisverband aber blieb sie 14 Jahre Bereitschaftsführerin und initiierte oder/und leitete eine Vielzahl von Kursen. Als sie 1976, 65jährig, auf dieses Amt verzich­ tete, gab es im Bereich des Kreisverbandes Donaueschingen nicht weniger als 420 aus­ gebildete Schwesternhelferinnen. Ihre Ge­ sundheit hatte die starke Belastung nicht mehr länger mitgemacht und so gab sie in jener Zeit auch die Leitung der DRK-Alten­ gymnastik auf, setzte aber, als sie sich dazu wieder in der Lage fühlte, die Lehrgänge für weitere Schwesternhelferinnen fort. ,,Ich hatte es schwer, mich damit abzufinden, nur noch ein wenig in der Nachbarschaft helfen zu können, aber ich behalte immer Augen und Ohren auf, damit ich in besonderen Notfällen Hilfe vom Roten Kreuz erbitten oder kann“, umschreibt sie bescheiden wie stets das Maß an Arbeits- und Hilfsbereitschaft, das sie immer noch leistet. einspringen persönlich „Alles in allem scheint es mir nichts Besonderes, was ich tun konnte“, so bilan­ zierte Annemarie Imo gegenüber dem „Almanach“ ihr ehrenamtliches Lebenswerk – daß nur sie selbst das so sieht, unterstrei­ chen zahlreiche Ehrungen: 1971 hatte ihr das Rote Kreuz sein „Ehrenkreuz“ verliehen, 1977 die Stadt Donaueschingen die silberne Medaille, in den sechziger Jahren hatten die Franzosen sie gleich zweimal dekoriert, davon einmal mit der Ehrenurkunde des Oberkommandierenden, und 1984 das Rote Kreuz sie zum Ehrenmitglied gemacht. Ein Jahr zuvor hatte sie für 50jährige Mitglied­ schaft die höchste Ehrung des Donaueschin­ ger Ortsvereins bekommen. Die Laudatio für alle diese Auszeichnungen hatte schon 1958 der unvergessene Donaueschinger Arzt Dr. Oscar formuliert, der als ehemaliger Ober­ stabsarzt und Leiter der Personalabteilung der Sanitätsabteilung Donaueschingen „Frau lmo nur das beste Zeugnis ausgestellt“ und neben ihrer Kunst als Krankenschwester ins­ besondere ihre Hingabe bei der Pflege SchwerstveIWUndeter hervorgehoben und gerade im Dienst an diesen Mitmenschen auch durch ihren Humor heilen geholfen haben. ,,Ich habe“, so sagte sie jetzt, ,,mich meinen Patienten so verbunden gefühlt, als ob es meine eigenen wären“. Und: ,,Ich habe meine ganzen Ehrungen nur dafür ange­ nommen, weil ich mir gesagt habe, vielleicht weckt das andere zum Helfen auf.“ Eine Ehrung freilich, deren Besitzes sich heute schon eine ganze Reihe von Mitmen­ schen rühmen, die nicht wie Annemarie Imo ein ganzes Leben lang geholfen haben, die hat sie nie bekommen: das Bundesverdienst­ kreuz. Das Staunen des Verfassers, der ledig­ lich die Jahreszahl erfragen wollte, zu der sie geehrt worden war, beantwortet Frau Imo mit einem verlegenen Lächeln: sie weiß nicht, weshalb bislang noch kein Bundesver­ dienstpräsident sie damit ausgezeichnet hat. Vielleicht einfach deshalb, weil es bislang alle ,,Zuständigen“ versäumt haben, sie vor­ zuschlagen? Denn Gründe, es ihr verleihen zu können, gibt es schon längst genug. Gerhard Kiefer 89

Günter Siek Bürgermeister von Mönchweiler von 1960 bis 1988 Am 23. April 1988 wurde Herr Günter Siek nach 28 Jahren des Wirkens als Bürger­ meister in Mönchweiler in der vollbesetzten Alemannenhalle aus der Mitte des Gemein­ derats und der Bevölkerung feierlich ver­ abschiedet. Im gleichen Jahr konnte der 1930 Geborene seinen 58. Geburtstag feiern und auf lange erfolgreiche Jahre in der Kommu­ nalpolitik zurückblicken. Mit der Verwaltungslehre bei der Stadt­ verwaltung Saarbrücken begann seine Tätig­ keit im öffentlichen Dienst. In seinem Stre­ ben nach selbständiger, verantwortungsvol­ lerer Tätigkeit im Kommunalbereich bewarb er sich 1960 mit drei Mitbewerbern um das in Mönchweiler frei gewordenen Amt des Bür­ germeisters. Im zweiten Wahlgang fiel die Entscheidung zu seinen Gunsten. Günter Siek machte sich ans Werk in einer Weise, die ihm bald Respekt und Anerkennung bei Gemeinderat und Bevölkerung, bei Kollegen und im Landkreis einbrachte. Hohes Lob fand seine liberale Amtsführung, basierend auf einer echten christlichen Grundhaltung, mit der er im wesentlichen auch den Stil im Gemeinderat prägte. Obwohl Mitglied einer großen Partei, verstand er es, sein Amt als Bürgermeister und als Vorsitzender des Gemeinderates mit einem Höchstmaß an Überparteilichkeit auszuüben und hierbei vorbildliche Maßstäbe zu setzen. Seine von ihm als ganz selbstverständlich praktizierte Bürgernähe, sein nimmermüder Einsatz zum Wohle der Gemeinde sowie sein Verständnis für die Kirchengemeinden des Ortes fanden bereits höchste Anerkennung und den Dank der Bürger bei der 1. sowie bei der 2. Wiederwahl als Bürgermeister in den Jahren 1968 bzw. 1980: Günter Siek erhielt jeweils rd. 98 % der abgegebenen gültigen Stimmen. Bei seinem Dienstantritt 1960 zählte der ursprünglich von der Landwirtschaft ge­ prägte Ort Mönchweiler mit mittleren und 90 kleineren Betrieben rd. 1800 Einwohner. Günter Siek fand, unterstützt von einem auf­ geschlossenen Gemeinderat, engagierten Mitarbeitern in Verwaltung, Bürgerschaft und Vereinen, die Möglichkeit, die Geschicke der Gemeinde durch infrastruktu­ relle Maßnahmen Zug um Zug positiv weiter zu gestalten. Mitunter hatte er hierbei zunächst Überzeugungsarbeit zu leisten. Bis zum Jahre 1988 wuchs die Einwohner­ zahl auf rd. 3.000. Investitionen in Höhe von insges. 27 Millionen DM begleiteten diesen Vorgang. Straßen, Aussiedlungs-und Bauge­ biete wurden erschlossen, die Hauptschule mit Pausenhalle und Mehrzweckhalle (Ale­ mannenhalle) erstellt. Wege-und Straßen­ bau, Kanalisation, Wasser-und Stromversor­ gung bis zum Sportplatzneubau mit Tribüne und Umkleidehaus folgten. Der Neubau der

Friedhofshalle und des kommunalen Kinder­ gartens sowie Maßnahmen zur Sanierung des Gebiets Dorfmitte waren weitere Statio­ nen der unter der Regie von Bürgermeister Siek eingeleiteten Entwicklung, die Mönch­ weiler u. a. das Prädikat als staatlich aner­ kannten Erholungsort einbrachte. Der kommunalpolitische Wirkungskreis von Günter Siek reichte indessen über die Grenzen von Mönchweiler weit hinaus: Er war nicht nur Kreistagsmitglied, sondern auch über Jahre hinweg Vorsitzender des Gemeindetags – Kreisverband Schwarzwald­ Baar-Kreis – sowie der Bürgermeistervereini­ gung. Ab 1969 gehörte er dem Landesvor­ stand zunächst des Verbands Badischer Gemeinden und seit seiner Gründung am 1. 1. 1973 demjenigen des Gemeindetags Baden­ Württemberg an. Er war Mitglied des Rechts­ und Personalausschusses beim Gemeindetag und ferner des Hauptausschusses des Deut­ schen Städte- und Gemeindebundes auf Bundesebene. In seiner Bescheidenheit hatte Günter Siek, als er vom Landtagsabgeordneten Erwin Teufel für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen wurde, eine überregionale Ehrung abgelehnt. Der Gemeinderat Mönchweiler honorierte jedoch den konti­ nuierlichen Einsatz des langjährigen Bürger­ meisters für die Allgemeinheit mit der ein­ stimmig beschlossenen Verleihung des Ehrenbürgerrechts sowie der neugeschaffe­ nen Bürgermedaille in Gold. Gemeinderat und Bürgermeisterstellver­ treter Ernst Haas, selbst dem Gemeindepar­ lament über Jahrzehnte hinweg zugehörig, hielt die Laudatio auf Günter Siek und nahm die hohe örtliche Auszeichnung in treffen­ den und herzlichen Worten vor. Der Dank des Bürgermeisterstellvertreters galt aber auch Frau Ruth Siek, die ihren Ehemann all­ zeit bestens unterstützt hatte. In weiteren Ansprachen prominenter Gäste, u. a. des Landrats Dr. Rainer Gutknecht und des Bür­ germeisters Robert Portal aus der südfranzö­ sischen Partnerstadt Chabeuil/Drome (seit 1983), kam die Hochschätzung für Günter Siek ebenfalls zum Ausdruck. Eine besondere Ehrung wurde Günter Siek durch den Gemeindetag Baden-Würt­ temberg zuteil: Hauptgeschäftsführer Dr. Steger überreichte ihm zum Dank für sein bedeutsames Wirken auf überörtlicher Ebene die Freiherr-vom-Stein-Medaille, die höchste Auszeichnung, die der Gemeindetag zu vergeben hat. Günter Siek fiel der Abschied von seinem Amt, obwohl selbst gewollt, nach einer von ihm und seiner Familie als überwältigend empfundenen Feierstunde gewiß nicht leicht. Als Alt-Bürgermeister wird er in Mönchweiler weiterhin hohes Ansehen und große Anerkennung genießen und der Gemeinde – hoffentlich auf lange Zeit – als Bürger und Ehrenbürger erhalten bleiben. Theo Arnold Karl Glökler Ein einsatzfreudiger und mutiger Tuninger Bürger Wer kennt ihn nicht, den »König Karl“? Ein Bauer mit dem Mut zum klaren Wort und direkter Offenheit sowie ein kantig wir­ kender uneitler Mann. Wer wie der Verfasser mit Karl Glökler menschlich und politisch seit vielen Jahren verbunden ist, schätzt an diesem Mann Eigenschaften wie: offen, direkt, ehrlich, treu. Man könnte auch sagen, er ist das Gegen­ teil von falsch und scheinheilig und kein Anhänger des heute so oft gebrauchten „sowohl als auch“ oder gar der „Null-Bock­ Mentalität“. Karl Glökler ist streitbar, aber nicht ver­ stritten. Der Landrat hatte in seiner Laudatio aus Anlaß der Aushändigung des Bundesver- 91

tung Tuningen, Beirat und Aufsichtsrat der „Interfleisch“ Stuttgart, sowie Gründungs­ und Vorstandsmitglied des Schweinekon­ trollrings Rottweil, Tuttlingen, Balingen. Karl Glökler drängte es über seine beruf­ liche Tätigkeit hinaus in die Kommunalpoli­ tik. Von 1962 bis 1988 war er Gemeinderat in Tuningen. Dabei war er viele Jahre wechsel­ seitig 1. Bürgermeisterstellvertreter und 2. Bürgermeisterstellvertreter. Vom Gemeinde­ tag Baden-Württemberg erhielt er die Ehren­ medaille. Zur Kreispolitik war es nicht mehr weit. 17 Jahre lang vertrat er Tuningen im Kreistag Tuttlingen und nach der Kreisreform im Kreistag des Schwarzwald-Baar-Kreises. Er war Mitglied in der Spruchkammer für Wehrdienstverweigerer und im Musterungs­ ausschuß beim Kreiswehrersatzamt Donau­ eschingen. Auch die langjährige Mitglied­ schaft in der Verbandsversammlung des Zweckverbandes Pflegeheim und Altersheim Haus Wartenberg in Geisingen nahm er gerne wahr. Parteipolitisch betätigte sich Karl Glökler in der CDU. Er war Gründungsmitglied der Jungen Union und führte den Kreisverband Tuttlingen der Jungen Union. In späteren Jahren gehörte er den CDU-Kreisvorständen in Tuttlingen und im Schwarzwald-Baar­ Kreis an und war schließlich Bezirksvor­ standsmitglied der CDU Südbaden. Mit dem im Frühjahr 1989 verstorbenen Wil­ helm Buggle verband ihn eine enge persön­ liche und politische Zusammenarbeit: 12 Jahre war er Zweitkandidat für die Landtags­ wahl im Landkreis Tuttlingen. 30 Jahre betreute er als Ortsvertrauensmann bzw. Ortsvorsitzender den CDU-Ortsverband Tuningen. Auch als Kreisvorsitzender des Agrarausschusses der CDU Tuttlingen und des Schwarzwald-Baar-Kreises machte er sich verdient. An weiteren Tätigkeiten sind zu nennen: Mitglied im Verwaltungsrat der Kreisspar­ kasse Tuttlingen, Elternbeirat der Grund­ und Hauptschule Tuningen, Elternbeirat der Realschule Trossingen, V dK-Ortsvorsitzen- dienstkreuzes recht, wenn er davon sprach, daß Karl Glökler auch poltern kann. Sein Abschied aus der Kreis- und Kom­ munalpolitik im Jahre 1988 ist für seine Hei­ matgemeinde Tuningen, den Schwarzwald­ Baar-Kreis, für die Berufsverbände und für seine politischen Freunde ein Verlust. Für seine Frau und seine Familie, seinen Hof aber ein Gewinn. Es war für Karl Glökler ein großer Tag, als ihm Landrat Dr. Gutknecht am 2. 6.1989 das Bundesverdienstkreuz am Bande aushän­ digte und die Persönlichkeit skizzierte. Auch Erwin Teufel, der Wahlkreisabgeordnete im Landtag und Fraktionschef der CDU-Land­ tagsfraktion, war als langjähriger politischer Weggefährte zur Stelle. Es war eine Feier­ stunde, in der man spürte, wie sehr die T unin­ ger Bevölkerung mit Karl Glökler als einem langjährigen kommunalpolitischen Mitstrei­ ter verbunden ist. Schon früh profilierte sich Karl Glökler als hauptberuflicher Landwirt in seinem Berufs­ stand und leitete viele Jahre den Kreisbauern­ verband. Gleichzeitig war er stellvertretender Vorsitzender des Kreisbauernverbandes Tuttlingen, Aufsichtsrat der Milchverwer- 92

der in Tuningen (22 Jahre); er trägt die gol­ dene Ehrennadel des Verbandes. Vor einigen Jahren wurde er bereits als Kavalier der Straße ausgezeichnet, weil er in schwieriger Lage Hilfe geleistet hat. Ein derartig vielseitiger Einsatz hat Selten­ heitswert. Karl Glökler hat diesen Weg zurückgelegt, ohne zu fragen, was er dafür bekommt. Sein Ausscheiden aus der aktiven Politik wird allseits bedauert. So wie wir Karl Glökler kennen, wird er gelegentlich mit Wehmut an die gemeinsamen Jahre zurück­ denken. Ihm und seiner Familie gelten unsere besten Wünsche. Otto Weissenberger Klara Beutel Eine Triberger Bürgerin mit Herz und Verstand ,,Kennen Sie ,Klara 2000′?“, der angespro­ chene Mann auf dem Triberger Marktplatz schmunzelt: ,,Ha jo, ’s Klärle – Klara Beutel in der Rohrbacher Straß‘!“ Die Triberger kennen sie und haben sie mehrere Male in den Stadtrat gewählt – mit über 2000 Stim­ men. Von daher kommt die liebevolle Bezeichnung „Klara 2000″. „Ich habe Glück gehabt und Gottes Segen“, meint sie, auf ihr Leben zurück­ schauend. ,,Ich bin durch eine harte Schule gegangen, aber ich habe ein erfülltes Leben gehabt in meiner Familie, bei meinem sport­ lichen Engagement und jetzt in der Kommu­ nalpolitik.“ Ihr Lebensweg beginnt in Schonach. Dort geht sie zur Grund- und Hauptschule. Als Zehnjährige bekommt sie den Ernst des Lebens zu spüren: ihre Mutter bringt sie zum Jungbauern auf den Rensberg als Hirten­ mädchen. Das war eine harte Zeit, in der sich die kleine Klara behaupten muß. Der Weg zur Schule auf den Rensberg ist weit für die Zehnjährige: eine Stunde hin und eine zurück. Trödeln galt nicht. Aber auf dem Rensberg lernt sie, die nie gern stillsaß, etwas fürs Leben und auch eine Richtung für ihr Leben: Lehrer Seeger lehrte sie schwim­ men. Das achte Schuljahr absolviert sie wie­ der an der Schonacher Schule, die sie 1941 abschließt. Doch der Krieg hat begonnen und er wirkt sich auch auf die Schonacher Familien aus. Klara muß die Pflichten ihrer Mutter, die krank war, übernehmen, Haus und Geschwister versorgen. Der Vater war als Soldat in Rußland und galt als vermißt. Wann immer sie bei ihrer strengen Arbeit Zeit findet, geht sie turnen. Sie stach als Gerä­ teturnerin hervor. Aber auch andere Sportar­ ten interessierten sie: Skilaufen (,,Mit was für Ski – und die Hosen!“), beim Handball stand sie im Tor und hielt die Bälle ganz gut. 1943 bakam Klara Thoma eine Chance: mit zwei weiteren Schonacher Mädchen konnte sie in Frankfurt/Main ihren Sportwartinnen-Aus­ weis absolvieren. Eine Karriere auf dem sportlichen Gebiet schien sich abzuzeich- 93

nen. Aber zunächst drohte diese schon am 5- Meter-Sprungbrett der Sportschule zu schei­ tern: ’s Klärle konnte zwar schwimmen, ,,aber ich hatte rue den Kopf unter Wasser“. Erst als die Trainerin sie einen Feigling schimpfte, bekam Klara ihren Ehrgeiz-Zorn: ,,Denen werd ich’s zeigen“ – und sie sprang. Während des Krieges mußte sie zur Firma Schneider, die inzwischen Teile für die Rüstung herstellte. Auch eine dreijährige Ausbildung im Nähen absolvierte die junge Klara. So nähte sie nicht nur ihre, sondern auch die Kleidung für Mutter und Geschwi­ ster. Die Zeiten besserten sich nicht. Der Vater kam zwar zurück, war aber gesundheit­ lich so schwer geschädigt, daß er bald ver­ starb. Wieder mußte ’s Klärle ran. ,,Es war eine harte Zeit“, sinruert sie, ,,aber ich habe auch viel gelernt für meine späteren Funktio­ nen. Damals habe ich mir vorgenommen, mich, wo es nur geht, weiterzubilden“. Im März 1946 beginnt für die Neunzehn­ jährige ein neuer Lebensabschrutt. Sie lernt auf einer Hochzeit den Triberger Hermann Beutel kennen. Sie mochten sich auf Anhieb: zehn Tage später waren sie verlobt, ein Jahr später verheiratet. ,,Und ich wollte doch nie einen Triberger heiraten“, schmunzelt Klara heute. Das junge Paar zog nach Triberg und dort einige Male um, bis sie in der Rohr­ bacher Straße unweit ihrer jetzigen Heim­ statt Wohnung nahmen. Hermann Beutel, handwerklich begabt, verspricht seiner jun­ gen Frau ein eigenes Haus.1952 beziehen sie es: sie leben heute noch darin. Kaum im eigenen Haus hört sie an der Rodelbahn in Triberg, die parallel zur Rohr­ bacher Straße verläuft, Lautsprecherstim­ men und allerlei Umtrieb. Ein Rodelwettbe­ werb werde ausgetragen, sagt man ihr. Klara meldet sich an, leiht sich ein Rennrodel, hatte „von Tuten und Blasen keine Ahnung“ und macht bei den Südwestdeutschen Meister­ schaften den zweiten Platz. Damit begann für die agile junge Frau eine dreißig Jahre währende Liebe, die sie ihren Söhnen weiter­ gab und die vom Ehemann Hermann gerne toleriert wurde: bis 1965 fuhr sie aktiv Ren- 94 nen und brachte manchen Siegespreis nach Hause, sie wurde Frauenwartin beim Südba­ dischen Bob- und Schlittensportverband, später dann im Baden-Württembergischen Schlittensportverband. Jugendwartin, Trai­ nerin und ab 1966 dann Frauenwartin des Deutschen Bob- und Schlittensportverban­ des mit Sitz und Stimme im Präsidium. 1972 war dann für Klara Beutel noch ein­ mal ein großes Jahr: sie nahm als Frauenwar­ tin der deutschen Nationalmannschaft im Rennrodeln an der Olympiade in Sapporo teil, reiste viereinhalb Wochen durch Japan, sah die Zwölf-Millionen-Stadt Tokio, genoß noch „ihre“ jungen Sportler – und machte Schluß mit dem Rennrodelsport. Endgültig. Als Dank erhielt sie das Goldene Ehrenabzei­ chen des Deutschen Bob- und Rodel-Ver­ bandes. 1977 rückte sie zum ersten Mal in den Tri­ berger Stadtrat ein. Es galt nun, für die Bürger und deren Wohl die richtigen Entscheidun­ gen zu treffen. Es galt aber auch, sich als erste Frau im Triberger Stadtrat durchzusetzen. Politisch schloß sie sich der CDU an, von 1981 bis 1982 war sie geschäftsführend für den CDU-Stadtverband tätig. Dann wurde sie zur Vorsitzenden gewählt, was sie bis 1987 blieb.1987 gab sie ihren Vorsitz beim CDU­ Stadtverband auf. Sind ihr das Erreichte, die Erfolge zu Kopf gestiegen? ,,Nein“, erwidert Klara Beutel. ,,Ich würde das alles noch mal machen“. Renate Bökenkamp Zeit und Rosen kopfüber hängt der Strauß im Fenster verblaßt die Farben als Liebe jung und leuchtend war brachtest du die Blumen jetzt bewahrt nur Staub Erinnerung Christiana Steger

Emil Frei bauliche Erster Lackfabrikant im Landkreis und Ehrenbürger seiner Heimatgemeinde Döggingen Seine ausschließliche Außendiensttätig­ keit in Baden-Württemberg -Elsaß gestal­ tete sich dagegen schwieriger, weil die allge­ meine wirtschaftliche Lage auch schwierig war. Im Jahre 1909 errichtete er im elterlichen Hause ein kleines Lacklager, von wo aus er auch als Farbengroßhändler die ersten Kun­ den belieferte. Durch den Erwerb verschiedener Grund­ stücke hat er 1912 den Grundstock für die jet­ zige Lackfabrik gelegt. Im Jahre 1914 folgten die Erweiterungen der Baulichkeiten für das neu erbaute Wohn-, Büro- und Lager­ gebäude. Im Kriegsjahr 1915 wurde er als Leiter des Lebensmittelamtes Donaueschingen und im Jahre 1916 als Leiter des Kommunalverban­ des Donaueschingen (Stadt und Kreis) ange­ stellt. Erst im Jahre 1921 war es Emil Frei mög­ lich, weitere Produktions-Gebäude zu erstel­ len und in Betrieb zu nehmen. Am 15. Sep­ tember 1926 gründete er in seinen eigenen Baulichkeiten die Lackfabrik Emil Frei, welche sich trotz aller Widrigkeiten politi­ scher und wirtschaftlicher Art zielstrebig und gut entwickelte. Die erste wesentliche Erweiterung des Betriebes zur Lackfabrik erfolgte 1934/35. Verschiedene Erweiterungen schlossen sich in den folgenden Jahren an. Während des Zweiten Weltkrieges konnte Emil Frei bereits rund 12 Arbeitnehmer beschäftigen. Nach einer kriegsbedingten Produktions­ einschränkung erfolgte 1947 die Umwand­ lung der Einzelfirma unter Beteiligung der drei Söhne Franz, Erwin und Emil in eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH). Im Jahre 1957 erfolgte die Umwandlung der GmbH in eine Kommandit-Gesellschaft (KG). 95 Emil Frei sen. ist der Gründer der ersten und bisher auch der einzigen Lackfabrik im Südwesten von Baden-Württemberg. Seine Wiege stand in Döggingen, wo er am 4. September 1885 als Sohn des Landwir­ tes Karl Frei und dessen Ehefrau Franziska geb. Leitz geboren wurde. Er ist in der Familie mit zwei weiteren Geschwistern aufgewachsen. Eine längere schwere Krankheit hat ihn daran gehindert, das elterliche Anwesen zu übernehmen. Nach der erfolgreich beendeten Schulausbil­ dung begann die Berufsausbildung in Frei­ burg und eine Volontärzeit in Düsseldorf. Dort hatte er Gelegenheit, alle kaufmänni­ schen und technischen Sparten einer mittel­ ständischen Lackfabrik kennenzulernen. Anschließend hatte er auch im Außen­ dienst im Gebiet Hannover die Möglichkeit erhalten, seine Kenntnisse zu vervollständi­ gen. Auf diesem Gebiet hat Emil Frei mit gro­ ßem Erfolg gearbeitet, wie ihm sein damali­ ger Arbeitgeber gerne bestätigte.

Die Marktposition der Lackfabrik liegt vor allem im südwestdeutschen und süddeut­ schen Raum. Seit 1966 haben die drei Söhne des Firmengründers die Geschäftsführung inne. Sie führen mit gleicher Weitsicht und sicherem Geschick das Unternehmen fort. Das Werk beschäftigt gegenwärtig etwa 280 Mitarbeiter, ein Vierfaches der Mitarbei­ terzahl von 1951. Ein langjähriger Mitarbei­ terstab fertigt in modernen Fabrikationshal­ len eine breitgefächerte Palette von Indu­ strie-und Malerlacken sowie Dispersions­ Anstrichfabren. Neuzeitlich eingerichtete Laboratorien dienen einem erfahrenem Stab von Ingenieuren und Technikern als Grund­ lage zur Entwicklung neuer Produkte. Ein umfangreiches Fertigwarenlager dient zur prompten Belieferung weitverzweigter Abnehmerkreise, zu denen bedeutende Industriewerke mit weltbekannten, ver­ pflichtenden Namen gehören. Nach schwerer und mit großer Geduld ertragener Krankheit verstarb Emil Frei am 29.Oktober 1969. Er war Ehrenbürger seiner Heimatgemeinde Döggingen. Der Verstor­ bene war Mitglied verschiedener örtlicher In memoriam Ein Unternehmer mit Weitblick Als am 10. Februar 1988 unter großer Anteilnahme deutscher und ausländischer Freunde, Geschäftspartner und Mitarbeiter, die sterbliche Hülle des geschäftsführenden Gesellschafters der Firma Kü pper-Weisser Wintermaschinen G.m.b.H. zu Grabe getra­ gen wurde, verlor nicht nur die Firma einen guten und umsichtigen Chef, sondern der Schwarzwald-Baar-Kreis auch eine profi­ lierte Unternehmerpersönlichkeit. Willy Küpper, am 5. Januar 1921 in Büs­ bach bei Köln geboren, stammte aus einer Handwerkerfamilie. Er erlernte den Beruf eines Fotografen und machte sich später in dieser Branche und mit Schreibwaren selbst- 96 Willy Küpper Vereine, viele Jahre Mitglied des Gemeinde­ rates und über 12 Jahre erster Vorstand der örtlichen Spar-und Kreditkasse. Die Firma verlor in ihrem Seniorchef einen sozial verantwortungsbewußten und weitsichtigen Unternehmer sowie eine starke Persönlichkeit. Seine Söhne Franz, Erwin und Emil füh­ ren das Unternehmen in seinem Sinne wei­ ter. Es hat an Marktbedeutung wesentlich zugenommen und auch der Exportanteil konnte beachtlich gesteigert werden. Mit den Container-Beschichtungsmitteln ist der Name Frei-Lacke weltweit bekannt geworden. Umweltfreundliche Neuentwick­ lungen in Pulverlacken, elektrotauch-und Wasserlacken haben den Frei-Lacken weite­ ren Auftrieb gegeben. Immerhin werden mit den Dispersions-Anstrichmitteln mehr als 50 % der Jahresproduktion an umwelt­ freundlichen Produkten hergestellt. Ein erfreulicher Trend, welcher sich in den nachfolgenden Jahren, auch ohne gesetz­ liche Maßnahmen und innerhalb des Euro­ päischen Binnenmarktes, fortsetzen wird. Walter F. Bogotsch ständig. Als er am 15. Oktober 1953 heiratete, verlegte er seinen Wohnsitz nach Bräunlin­ gen und trat in die Firma seines Schwieger­ vaters, Hubert Weisser, ein. Niemand, auch er selbst nicht, ahnte damals, daß dieser Schritt die Entwicklung eines Unternehmens einleitete, das heute auf seinem speziellen Fertigungsgebiet der Winterdienstgeräte und Verkehrssicherungssysteme internationale Anerkennung findet. Es war schon mehr als ein glücklicher Zufall, daß hier zum richtigen Zeitpunkt der richtige Mann an die richtige Stelle kam. In den fünfziger Jahren nahm der Straßenver­ kehr stark zu. Es wurden bessere Straßen

Regie das Haus Küpper-Weisser (damals noch Weisser-Streuer) einen Schritt weiter. Man versuchte schon in den sechziger Jahren die Verwirbelung der Feinkornanteile beim trockenen Salz durch Zugabe von Flüssigkeit zu binden. Dieses Verfahren ist heute im modernen Winterdienst nicht mehr wegzu­ denken. Wie diese 25-jährige Pionierleistung in der Feuchtsalztechnik, so hat Herr Willy Klipper immer aktiv, und mit großem Erfolg, an Ent­ wicklungen hinsichtlich der ökonomischen und auch ökologischen Streuverfahren ent­ scheidend mitgewirkt. Für diese umfang­ reiche Produkt-Palette hat er zahlreiche Patente im In- und Ausland erhalten. Parallel dazu verlief auch die Entwicklung des Betriebes ständig nach oben. War es Anfang der fünfziger Jahre noch möglich, die ursprünglichen Elektro-Streuer in einer ein­ fachen Werkstatt zu bauen, so machte die Automatisierung des Winterdienstes am Ende des Jahrzehnts eine Kapazitätserweite­ rung erforderlich. Die anfängliche Produk­ tionsstätte wurde durch verschiedene Anbauten vergrößert und stellte sich im Jahre 1960 bereits als respektabler Betrieb dar. Zehn Jahre später erfolgte die Aussiedlung ins Industriegebiet. aus dem Stadtkern Durch Gebäudeerweiterungen ist die Betriebsfläche auf den heutigen Stand von 28.000 qm und einer Produktionsfläche von über 11.000 qm gewachsen. Willy Klippers intensive Exportbemü­ hungen führten zur Gründung von Tochter­ gesellschaften in Österreich und in der Schweiz, sowie zu Lizenz-Produktionen in Österreich, Ungarn, England und Frank­ reich. Die Firma Küpper-Weisser präsentiert sich heute in Europa als führender Streugerä­ tehersteller. Exportanteile von 35-40 % beweisen ein ausgewogenes und gesundes Kräfteverhältnis im Absatzbereich. Seine Bestrebungen galten aber auch der ständigen Verbesserung der Organisations­ struktur des Betriebes. Große Aufmerksam­ keit widmete er den sozialen Fragen und den zwischenmenschlichen Beziehungen seiner 97 gebaut bzw. vorhandene Straßen ausgebaut. Gegen Ende des Jahrzehnts wurde von seiten des Bundesverkehrsministeriums die Auto­ matisierung des Winterdienstes und die Ver­ wendung auftauender statt wie bisher abstumpfender Streustoffe angestrebt. Hier sah Willy Klipper für sich und die Firma eine reelle Chance, die er voll auszunutzen ver­ stand. Es war das Gespür für die richtigen Entscheidungen und der „unsichtbare Draht“ in die Zukunft, der ihm ein Höchst­ maß an persönlichem Einsatz und Mut zum Risiko abverlangte. Als zu Beginn der sechziger Jahre die fahr­ geschwindigkeitsabhängige Streustoffaus­ bringung eingeführt wurde, man nannte es wegabhängige Steuerung, stand er mit seiner Firma in der ersten Reihe und entwickelte aus der anfänglich mechanischen Tachowellen­ steuerung schließlich die perfekte, elektro­ nisch über Wegimpulse gesteuerte Streu­ technik, die eine vorher undenkbare Genauigkeit aufwies. Wenn andere sich über ihre Erfolge freu­ ten, dann wurde bei ihm bereits an der Zukunft gearbeitet. Bei der Glättebekämp­ fung durch Auftaumittel ging unter seiner

Mitarbeiter. Er wußte sehr wohl, wie man Menschen führen und leiten soll. Er wußte auch, daß Menschen keine Maschinen sind, die man willkürlich an- und abstellen oder auch austauschen kann. Er hatte das, was man ein soziales Gewissen nennt. Es gibt unzählige Beispiele seiner stillen Hilfe in Situationen, wo nicht der Rechtsstandpunkt sondern der Mensch gefragt war. Willy Klipper fand durch seine unkompli­ zierte Art schnell hilfsbereite Partner bei Ver­ waltungen, Verbänden, Kammern und ande­ ren Institutionen. Zur Vertretung von gemeinsamen Belangen baute er, als Mann der ersten Stunde, den Verband der Aufbau­ und Geräteindustrie für Kommunalzwecke e. V. (V AK) mit auf. Bis zuletzt war er im Vorstand und erwei­ terten Vorstand aktiv und führte dort die Arbeitsgruppe Winterdienstfahrzeuge und Geräte. Darüberhinaus war sein Rat und seine Mitarbeit bei der Deutschen For- schungsgesellschaft für das Straßen- und Ver­ kehrswesen ebenso gefragt wie beim Bundes­ verkehrsministerium, bei den Ministerien der Länder und den Kommunalverwaltun­ gen. Im Deutschen Institut für Normung (DIN) Berlin galt sein Bestreben innerhalb des Normenausschusses Kommunale Tech­ nik (NKT) einer Standardisierung der Win­ termaschinen. Für seine besonderen Verdienste und seine unternehmerische Leistung wurde ihm im Jahre 1981 vom Herrn Bundespräsidenten das Verdienstkreuz am Bande verliehen. Der Unternehmer Willy Klipper war mit außergewöhnlichen geistigen Fähigkeiten ausgestattet, die es ihm ermöglichten, sowohl kaufmännisch als auch technisch die Abläufe richtig zu ordnen und zu kombinieren, so daß Spitzenprodukte entwickelt wurden, die für die gesamte Verkehrssicherheit von gro­ ßer Bedeutung sind. Franz-Rudolf Himer Ölbild: Klaus Burk 98

Christian Straub Ein Schneidermeister mit dem Herz auf dem rechten Fleck bereitete er sich auf seine Meisterprüfung vor, die er 1938 mit der Anfertigung eines Frackes als Meisterstück abschloß. Es zog den frischgebackenen Schneider­ meister nach Hüfingen zurück, und am 1.Mai 1938 eröffnete er im Süßen Winkel seine Werkstatt. Das Geschäft begann zu flo­ rieren, und als er die Möglichkeit erhielt, mit seinem Betrieb in die Hauptstraße zu ziehen, griff Christian Straub zu. Es war das Haus des damaligen Bürgermeisters Metzger, das Straub später erwerben konnte. Nun konnte der junge Geschäftsmann daran denken, seine Auserwählte, Erna Schmidt aus Reiselfingen, heimzuführen. Es wurde eine sehr glückliche Verbindung, aus der ein Sohn und eine Tochter stammen. Erna Straub wurde ihrem Mann eine wert­ volle Stütze, auch in der Werkstatt, obwohl sie nicht vom Fach war. Zunächst griff der Krieg noch nicht nach Christian Straub, er wurde „reklamiert“, weil er fürs Militär arbeiten mußte, doch 1943 mußte er schließlich Soldat werden und kehrte erst 1947 nach Hüfingen zurück. Hier waren nicht nur seine Dienste als Schneider, sondern auch seine Phantasie gefragt. Überall war großer Bedarf an Klei­ dung, doch Stoffe waren so gut wie nicht zu haben. So schneiderte Christian Straub etwa aus zwei alten Hosen eine „neue“ oder aus ehemaligen Polizeimänteln Kommunions­ anzüge. Die Zeiten waren sehr armselig, doch nach der Währungsreform begann ein Auf­ schwung, so daß Christian Straub zeitweise zwei bis drei Gesellen beschäftigen konnte. 18 Lehrlingen hat er im Laufe seiner berufli­ chen Laufbahn das Rüstzeug für den Schnei­ derberuf vermittelt. Schon 1938 war Christian Straub in die Freiwillige Feuerwehr eingetreten und schloß sich auch dem Gesangverein „Liederkranz“ an. Das Vereinsleben wurde ein Teil seines Lebens.1947 schließlich stieß er zur Narren-99 Christian Straub ist Schneidermeister. Obwohl er,Jahrgang 1914, das Ruhestandsal­ ter längst erreicht hat, führt er immer noch Nadel und Maßband -aus Freude am Beruf. Er ist im Besitz des goldenen Meisterbriefes, und 1988 konnte er das SOjährige Bestehen seines Geschäftes feiern. Christian Straub ist zwar kein gebürtiger Hüfinger, doch betrachtet er die Stadt als seine eigentliche Heimat, in der er Wurzeln schlug. Dies wundert nicht, wenn man weiß, daß er schon als Kleinkind nach Hüfingen kam. Er stammt aus Hammereisenbach und verlor schon sehr früh seine Eltern. Im Fürst­ lich Fürstenbergischen Landesheim wurde er von Schwestern erzogen und besuchte die Hüfinger Volksschule. Nie hatte er das Gefühl, als Waise benachteiligt zu sein, ihm gefiel es im Landesheim, wo ihm die from­ men Schwestern Vater und Mutter zu erset­ zen suchten. Nach seiner Schulzeit begann Christian Straub in Singen eine Schneiderlehre, und nach der Gesellenprüfung arbeitete er in Karlsruhe und Pforzheim. Nach dem erfolg­ reichen Besuch einer Zuschneideschule

zunft. Seine angeborene Fröhlichkeit und sein Organisationstalent trugen dazu bei, daß er 1956 zum Zunftmeister gewählt wurde, ein Amt, das ihn mit Leib und Seele ausfüllte und das er 14 Jarue lang innehatte. Vorher war er stellvertretender Zunftmeister und Kassier der Narrenzunft gewesen. Heute ist er Ehrenzunftmeister und in den Reihen der Narren hoch angesehen wie eh und je. In der Feuerweru bekleidete er das Amt des Brandmeisters und war erster Zugführer. Die Wehr hat ihn schon vor Jahren zum Ehrenmitglied ernannt. Auch der »Lieder­ kranz“, dem Christian Straub 50 Jahre lang aktiv angehörte, hat ihm die Ehrenmitglied­ schaft verliehen. Doch damit nicht genug der Vereine: 25 Jahre lang war Straub Vorsitzender des Ver­ kehrsvereins und half auch noch bei der Zim­ mervermittlung, als der Verkerusverein auf­ gelöst wurde.1984 wurde ihm auf Antrag der Stadt Hüfingen die Landesverdienstmedaille verliehen. Schneidermeister Christian Straub hat unzählige Zünfte und Narrengruppen einge­ kleidet. Unter seinen geschickten Händen entstand „Häs“ für Narren aus nah und fern, Uniformen und „Schöpen“. Nie wurde ihm etwas zuviel, auch wenn man zu gewissen Zeiten in seiner Werkstatt Platzangst bekom­ men konnte. ,,Der Christian“ ließ auch die nicht im Stich, die bei der Anprobe ihrer fas­ nächtlichen Aufmachung feststellten, daß halt – wieder einmal – alles zu eng wurde, Christian Straub half schnell und zuverlässig. Seine Werkstatt mitten im Städtle ist nach wie vor ein kleines Kommunikationszen­ trum. Oft schaut schnell mal jemand auf eine Zigarettenlänge herein und sieht dem „Crui­ stian“ zu, der entweder an der Nähmaschine sitzt oder im Schneidersitz auf dem Tisch thront, das Maßband um den Hals geschlun­ gen und flink die Nadel führend. Und wenn am „Schmutzige Dunschtig“ erstmals der Narrenmarsch erklingt, dann schlägt sein altes Narrenherz höher, denn für die „hohen Tage“ hat er nach wie vor eine Schwäche. Ein harter Schlag war für ihn der Verlust seiner Frau im Jahre 1980. Ihn hat Christian Straub nie ganz verwunden. Doch fühlt er sich ver­ sorgt in der Familie seines Sohnes Reinhold, der im gleichen Haus wohnt, und täglich ver­ bindet er mit einem Spaziergang den Besuch bei seiner Tochter, die ebenfalls in Hüfingen wohnt. Christian Straub ist ein liebenswerter Mensch, der im Städtle wohlgelitten ist und dessen Dienste noch gern in Anspruch genommen werden. ,,Die Arbeit hält mich jung“, sagt er verschmitzt, wäruend das schwere Bügeleisen zischend über ein mit einem feuchten Tuch bedecktes Kleidungs­ stück gleitet. ,,Ich freue mich über jeden Tag, den ich leben darf“, sagt Cruistian Straub, und seine Mitbürger wünschen ihm, daß dies noch lange sein wird. Käthe Fritschi Hermann Barth Auch nach dem Berufsleben noch für die Gemeinschaft tätig Für den im Ruhestand lebenden Oberstu­ diendirektor Hermann Barth gibt es nach dem mit viel Verantwortung durchwander­ ten Berufsleben noch vieles zu tun: Ein gut laufender Motor ist nicht einfach abzustel­ len, sondern treibt weiter an, wohl etwas gedrosselt, doch zum privaten und dazu kommunalen Nutzen. Denn da sind die Familie mit Frau Lieselotte und den vier musisch begabten Adoptivkindern sowie das Engagement des jetzt 70jährigen Ried­ öschingers in Ortschafts- und Blumberger Gemeinderat, in Vereinen und Hobbys. Für geistige Regsamkeit, christliches Verantwor­ tungs- und konzentriertes Umweltbewußt­ sein sind die Begriffe „Pensionierung“ und 100

„Ruhestand“ nur platonische Floskeln, die Hermann Barth in die „ willkommene Ruhe für andere, umfassende Tätigkeiten“ über­ setzt. Dazu gehören überzeugend vertretene Meinung und das Erkennen von oftmals „unbequemen“ Nützlichkeiten zusammen mit entsprechendem Durchsetzvermögen. Alles Wesenszüge, die nicht jedermann ins vorgefaßte Konzept passen mögen, letztend­ lich als gemeinnützig dennoch zum Tragen kommen. ,,Brückenköpfe“ sind eben mehr Angriffen als die „Etappe“ ausgesetzt, aber gerade das mobilisiert ungeahnte Reserven, über deren Mangel der Ruheständler keines­ wegs zu klagen hat. Hermann Barth wurde 1920 in Allmends­ hofen geboren. Nach dem Schulbesuch waren seine Berufsstationen: Mechaniker­ lehre bis zum Gesellen in Hüfingen, bis 1939 Technikum Karlsruhe. Als umfassend aus­ gebildeter Segel- und Motorflieger Militär­ dienst bei der damaligen Luftwaffe. Im Zwei­ ten Weltkrieg Blindfluglehrer, Fernaufklärer und Jäger, als letzterer bei der Luftverteidi­ gung von Wien. Russische Gefangenschaft in Stalingrad und dort zwei Jahre als Hei­ zungsmonteur beim Wiederaufbau einge­ setzt. 1947 Heimkehr nach Hüfingen, wo er als Mechaniker Arbeit fand. Meisterprüfung mit höchsten Noten; sechs Semester Inge­ nieur-Schule Konstanz. Ab 1952 Konstruk­ teur, dann Betriebsingenieur in einer Vöhrenbacher Werkzeugmaschinenfabrik. Wunscherfüllung im Lehrberuf nach einjäh­ rigem pädagogischem Zusatzstudium in Stuttgart. 1955 bis 1961 gehörte er dem Leh­ rerkollegium der Gewerbeschule Furtwan­ gen an. Seine Wohnung hatte er jedoch in Riedöschingen, wo er 1953 die„Adler“-Toch­ ter Lieselotte Greitmann geheiratet hatte. Seine weiteren Stationen: Wechsel zur Gewerbeschule Donaueschingen, für die er auch die Außenstelle Blumberg bis zu deren Auflösung 1968 zu betreuen hatte. Mit der wachsenden Gewerbeschule wuchs ebenso schulischer Aufgabenbereich. 1971 sein Oberstudienrat, ständiger Vertreter des Direktors; 1973 Studiendirektor, 1978 Leiter und 1980 Oberstudiendirektor der Gewerbe­ schule mit inzwischen 54 Lehrern und 2100 Schülern. In seine Amtszeit fiel die mehr als verdoppelnde Schulerweiterung für 22 Mil­ lionen Mark, um alle Fachwerkstätten, ein­ schließlich T umhalle, unterbringen zu können. „Ich stand täglich von früh bis spät in der Pflicht“, erklärte Hermann Barth und blieb auch nach seiner von hohen Anerkennungen begleiteten Verabschiedung am 19. Juli 1985 dabei, weil es ihm offenbar eingefleischt ist, vom Leben geschult Verantwortung zu tra­ gen. Schon seit 1961 interessierten ihn Kom­ munalpolitik und Kirchengemeinde. So wählte Riedöschingen ihn 1965 in den Gemeinderat, wo er in der Dorf- und Natur­ gestaltung, in der Bebauungsplanung sowie im Sozialbereich seine Schwerpunkte fand. Bei der nicht überall populären Gemeindere­ form tatkräftig eingesetzt, vertrat er seine Heimatgemeinde dann in der Kernstadt Blumberg, ist ab 1975 Stellvertreter des Orts­ vorstehers und seither Stadtrat im Blurnber­ ger Gemeinderat. So vielfältigen erzieherischen, kommuna­ len und sozialen Aufgaben verpflichtet, blieb die private Sphäre davon nicht ausgeschlos- 101

sen. Die kinderlos gebliebenen Hermann und Lieselotte Barth adoptierten schon 1969 den vierjährigen Paul und die zweieinhalb­ jährige Maria, dazu 1971 die gleichaltrigen Paula und Atul aus christlich geleiteten indi­ schen Kinderheimen. Lange Zeit hatten sie den vom früheren Pfarrer Harterd ins Leben gerufenen „Förderverein Andheri/Bombay“ finanziell unterstützt und sich dadurch mit der Möglichkeit einer Adoption befaßt. Die wie selbstverständlich in die Familie einge­ gliederten Kinder sind inzwischen erwachsen und erfreuen nicht nur ihre Eltern mit den geförderten musikalischen und konzertan­ ten Begabungen. Das Musische wird im Hause Barth ebenso großgeschrieben wie unter anderem die Bindungen an den Schwarzwaldverein, dem der vielseitig inte­ ressierte Hausherr als Wege-, Wander- und Fachwart für Heimat- und Brauchtums­ pflege helfend und initiativ zur Verfügung steht. Vorstandsmitglied im Imkerverein ist er als praktizierender Bienenzüchter auch, und seine Frau Lieselotte gründete die Kin­ dergruppe im örtlichen Trachtenverein. Ein ausgefülltes Leben also, mit dem geschulten Blick über die Heimatberge hinaus, die Riedöschingens Kirchturmspitze noch über­ ragen. Berufs- und Lebenserfahrungen steck­ ten Hermann Barths menschliche und mit­ menschliche Ziele weiter, doch alle zum engeren Gemeinnutzen familiärer und kom­ munaler Verpflichtungsbindungen. In sei­ nem sehenswerten Island-Film fing er das klare Wasser der Flüsse mit ihren gewaltigen Katarakten und Fällen ein, ebenso aber das Vulkanische, das bei aller Abgeschiedenheit und Ruhe stetig gegenwärtig ist. Nicht von ungefähr dokumentierte Hermann Barth diese Kräfte in wohl erkannter Wahlver­ wandtschaft. Jürgen Henckell Emil Werner, Beggingen Erinnerungen an einen Freund und Förderer gutnachbarlicher Beziehungen Seit bald 15 Jahren bestehen zwischen dem Schwarzwald-Baar-Kreis und dem schweizerischen Kanton Schaffhausen – auf „oberer Ebene“ – freundschaftlich-nachbar­ liche Beziehungen. Und dies, obgleich die beiden Gebietskörperschaften nur gerade über einige Kilometer gemeinsame Landes­ grenze direkt miteinander verbunden sind. Die regelmäßigen Kontakte haben mitgehol­ fen, die politischen und menschlichen Bande über die Grenze hinweg in wertvoller Weise zu vertiefen. So gehört es sich, eines oder des Mannes zu gedenken, der an der Wiege dieser grenz­ überschreitenden Beziehungen stand. Es war Gemeindepräsident Emil Werner (1915- 1988), der zu Beginn der Siebzigerjahre als junges Gemeindeoberhaupt der Randenge­ meinde Beggingen den Wunsch äußerte, es möchte zu Kontakten zwischen Schwarz- 102 wald-Baar-Kreis und SchafI-hauser Kantons­ regierung kommen. Die Geburtsstunde war das Gemeindejubiläum in Flitzen, der badi­ schen Nachbargemeinde von Beggingen. Emil Werner fand in Schaffhausen ein offenes Ohr. Zumal zu den Landratsämtern Waldshut – damals unter dem heutigen süd­ badischen Regierungspräsidenten Dr. Nor­ bert Nothhelfer- und Konstanz – unter dem „Halb-Schaffhauser“ Dr. Robert Maus – seit langem gute Kontakte beidseits sehr ge­ schätzt werden. Emil Werner gehörte damals dem Großen Rat, dem Kantonsparlament Schaffhausens, an und wirkte dort als glaub­ und vertrauenswürdiger Vertreter der extrem peripher gelegenen, aber auf ihre Selbstän­ digkeit bedachten Gemeinde im Randental. Emil Werner, selber aktiver Landwirt, verkör­ perte die Begginger Bevölkerung ausgezeich­ net, mit seinem natürlichen, nie verletzen-

Herzensanliegen, die Grenze überwinden zu helfen. Er wußte es aus eigener Anschauung: Entlang der „grünen Grenze“ am Randen mußte ein gegenseitiges Geben und Nehmen vorherrschen. Im Rahmen dieser Bemühungen kam es dann am 30. April 1975 zur ersten offiziellen Begegnung zwischen dem Schwarzwald­ Baar-Kreis und dem Kanton Schaffhausen. Landrat Dr. Rainer Gutknecht besuchte mit einer Delegation des Kreistages den Nach­ barkanton und die Gäste wurden dabei mit den landwirtschaftlichen Besonderheiten des Acker-und Weinbaukantons mit seiner „Voralpinen Hügelzone“, dem Erholungsge­ biet auf dem Randen, vertraut gemacht. Die­ ser ersten Kontaktaufnahme durften seither immer wieder weitere Begegnungen dies­ oder jenseits der Grenze folgen, zuletzt aus Anlaß der 150. Wiederkehr der Grenzbereini­ gung auf dem Randen im Frühjahr 1989 (vgl. Almanach 90 Seite 152ff). Die Begegnungen dank und mit Emil Werner wurden zu einem weiteren stabilisie­ renden Glied in der Kette der wertvollen und bereichernden Kontakte über die Grenz­ pfähle hinweg. Emil Werner, der im Jahre 1988 verstorben ist, hat sich damit um die Vertiefung unserer Freundschaft unter Nach­ barn verdient gemacht. Dafür bleiben wir ihm dankbar. Kurt Waldvogel a.Regierungsrat Nach der Tagesschau geflüchtet vor Attentaten und Entführung – vor Apartheid und Diktatur sehen wir über der klaren Wasserfläche des binsenumstandenen Weihers die Libelle jagen – Christiana Steger 103 den Schalle, mit seinem gesunden Mißtrauen allem Großen und Zentralen gegenüber, aber auch mit seinem gesunden, unverdorbenen Menschenverstand. Emil Werner war ein typisches Kind seiner grenznahen Heimat. Er hing an ihr mit jeder Faser. Doch fehlte ihm nicht der Blick für die weite Welt. Nach der Konfirmation war es ihm vergönnt, zwei Jahre auf einem herr­ schaftlichen Weingut am Genfer See zu ver­ bringen und sich mit der zweiten Landes­ sprache vollends vertraut zu machen. Dann ließ er sich am landwirtschaftlichen Bil­ dungszentrum Charlottenfels zum Landwirt ausbilden. Eine besondere Faszination übte in jenen Jahren das Turnen auf ihn aus, als Mitbegründer und späterer Oberturner wid­ mete er seine gesamte Freizeit dem Sport. Auch im Militärdienst stellte er seinen gan­ zen Mann, den Aktivdienst 1939-45 leistete er mit Begeisterung als Train-Wachtmeister. Neben seiner großen Familie, nicht weni­ ger als acht Kinder wurden ihm und seiner Frau geschenkt, widmete sich Emil Werner in hohem Maße der Öffentlichkeit, während eines Vierteljahrhunderts als Mitglied des Gemeinderates, zuletzt 1972 bis 1984 als Gemeindepräsident. Dabei war es ihm ein

Archäologie Archäologische Funde aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis im Museum für Ur- und Frühgeschichte der Stadt Freiburg i.Br. Das Colombischlößle (Villa Colombi, im Aeftrag der spanischen Gräfin Zea Bermudez y Colombi zwischen 1859 und 1861 erbaut von Georgjacob Schneider), Museum für Ur-und Frühgeschichte der Stadt Freiburg. Freiburger und Freiburgbesucher, die sich für die Archäologie in der Region interessie­ ren, finden seit 1982 bedeutende archäolo­ gische Funde aus dem Regierungsbezirk Frei­ burg im Freiburger Colombischlößle zusam­ mengetragen. In dieser von 1859-61 im Auf­ trag der spanischen Gräfin Zea Bermudez y Colombi erbauten Villa richtete die Stadt Freiburg das Museum für Ur-und Frühge­ schichte als Zentralmuseum für die Archäo­ logie Südbadens ein. Schritt für Schritt weisen archäologische Zeugnisse dem Museumsbesucher den Weg durch die Vor-und Frühgeschichte dieser Region. Immer wieder stößt er dabei auch auf 104 wichtige archäologische Funde aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis. Der älteste größere Fundkomplex aus die­ sem Landkreis, der im Freiburger Museum ausgestellt ist, ist ein bronzezeitlicher Grab­ fund aus einem Steingrabhügel im „ Weiß­ wald“ bei Überauchen (Brigachtal). Das 1938 bei Forstarbeiten zutage gekommene Grab enthielt als Beigaben einen bronzenen Dolch mit zwei Nieten, neun Bronzenietnä­ gel, fünf flach gegossene Bronzepfeilspitzen, ein bronzenes Lappenbeil und zwei Nadeln, eine mit geripptem Mittelteil und eine mit einem hakenförmig umgebogenen Ende (Abb. 1). Die Grabbeigaben sind charakteri-

. … t “ • 0 Abb. 1: Bronzezeitlicher Grabfund aus dem ,, Weißwald“ bei Überauchen (Brigachtal). stisch für ein Männergrab der jüngeren Hügelgräberbronzezeit Jahrhundert V. Chr.). (14. In die darauffolgende Epoche – die Urnenfelderzeit – führen die Funde aus einem Grab in Hüfingen (Abb. 2). Wie in die­ ser Zeit üblich, sind alle Beigaben – mehrere Schalen und Schulterbecher, eine Kegelhals­ urne, eine Perlenkette und Gehängeschmuck mit Anhängern – in der Graburne auf dem Leichenbrand niedergelegt worden. Die Kette setzt sich aus 42 kleinen blauen Glas­ perlen und zwei gerippten Goldblechröll­ chen zusammen. Zum Gehänge gehört ein größerer Bronzering, an dem drei aus kleine­ ren Bronzeringen zusammengesetzte Ketten befestigt waren. An den einzelnen Ketten hingen als Amulette ein umgekehrt herzför­ miger und ein dreieckiger Anhänger, ferner ein Kammanhänger. Im nächsten Raum der Schausammlung, der der vorrömischen Eisenzeit gewidmet ist, Abb. 2: Kette von blauen Glasringperlen und Goldblechröllchen mit Amulettanhängem. Aus einem umenfelderzeitlichen Grab von Hüfingen. begegnet der Museumsbesucher dann Objekten von einem der spektakulärsten archäologischen Fundplätze aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis: dem Magdalenen­ berg bei Villingen, einem Fürstengrabhügel des 6. vorchristlichen Jahrhunderts. Da in Villin­ gen ein kleines Museum eigens für die Ergeb­ nisse der Ausgrabungen des Magdalenen­ bergs eingerichtet wurde, in dem auch die wichtigsten Funde gezeigt werden, machen im Museum für Ur-und Frühgeschichte Frei­ burg nur einige ausgewählte Objekte auf die­ sen bedeutenden hallstattzeitlichen Fürsten­ grabhügel aufmerksam (Abb. 3): Es sind zwei breite Armbänder aus Gagat, eine eiserne Fibel, zwei Gürtelbleche und ein eiserner Dolch mit Scheide – allesamt Beiga­ ben aus den um die zentrale Grabkammer herum angelegten kleineren Gräbern. Die bei­ den einst paarweise getragenen Gagatarm­ bänder – sog. Tonnenarmbänder -, ein bron­ zenes Gürtelblech und die Fibel, eine sog. 105

Schlangenfibel, die als Haarschmuck wahr­ scheinlich zum Zusammenhalten eines Haarbandes Verwendung fand, stammen aus Frauengräbern. Männergräbern waren die mit Bronzenieten versehenen Gürtelbleche beigegeben – wie auch der prachtvolle eiserne Dolch. Vom hölzernen Griff haben sich nur die drei eisernen Zierknöpfe und die beiden seitlichen Eisenmanschetten erhal­ ten; er wurde in Kunststoff ergänzt. Die Holzschalen der Scheide – jetzt ebenfalls in Kunststoff ergänzt – wurden von einem Eisenband zusammengehalten, mit Bronze­ drähten umwickelt und mit Kugelkopfnieten reich verziert. In der im Obergeschoß des Colombi­ schlößle eingerichteten römischen Abtei­ lung spielen die Funde aus Hüfingen eine besonders wichtige Rolle. An diesem Ort, an dem ein in der Regierungszeit des Claudius (41-54 n. Chr.) errichtetes und unter Nero ausgebautes Kastell mit zugehöriger Therme ausgegraben sowie ein noch früheres Lager, eine Zivilsiedlung (Vicus) und ein Gräberfeld angeschnitten wurden, kam eine Fülle von Kleinfunden zutage, die Einblicke sowohl in das Leben römischer Soldaten als auch der zivilen Bevölkerung in einer Grenzprovinz des Römischen Reiches erlauben. Im ersten Raum der römischen Abteilung sind verschiedenste verzierte Geräteteile und Gewandschmuckstücke entsprechenden Ob­ jekten aus dem etwas früheren Lager von Dangstetten (15-9 v. Chr.) gegenübergestellt. Unter ihnen stechen einige Zierteile von Pferdegeschirr besonders hervor(Abb. 4): ein versilberter Bronzeanhänger mit äußerst fei­ nen vegetabilen Ornamenten und zwei bronzene Zierscheiben mit Niello-Verzie­ rung sowie mehrere zum Teil versilberte Anhänger in Blattform. Ein durchbrochenes versilbertes Bronzeblech mit Rankendekor wird als Möbel- oder Kistenbeschlag verwen­ det worden sein. Ein in der römischen Sied­ lung gefundener Bronzestab, der oben in der Miniaturstatuette eines Hündchens endet, könnte ebenfalls ein zierendes Element eines Möbelstücks gewesen sein (Abb. 5). Abb. 3: Dolch mit Scheide aus einem der hallstattzeitlichen Gräber des Magdalenenbergs bei Villingen. 106

Abb. 4: Bronzescheiben (eine mit Niello-Verzierung, eine versilbert) und versilberte bronzene Blatt­ anhänger von römischem lferdegeschirr. Aus dem römischen Kastell Hüfingen. In den dann folgenden Räumen der römi­ schen Abteilung, in denen die archäologi­ schen Zeugnisse der Römerzeit nach Sach­ themen gruppiert sind, begegnet der Museumsbesucher Funden aus Hüfingen unter verschiedenen Stichworten. Unter dem Thema „Handwerk und Gewerbe“ sind u. a. Eisenwerkzeuge zusam­ mengestellt, von denen die meisten aus Hüfingen stammen -sowohl aus dem Vicus als auch aus dem Kastell: vorwiegend Mau­ rer- und Zimmermannshandwerk – wie Kelle, Hammer, Dechsel, Schäleisen -dane­ ben aber auch mehrere Metzgermesser (Abb. 6). Der Handel -ein weiteres Thema inner­ halb der römischen Abteilung -spielte für Abb. 5: Bronzener Zierstab mit Miniatursta­ tuette eines Hündchens. Aus der römischen Sied­ lung von Hüfingen. 107

Abb. 6: Römisches Werkzeug aus Hüfingen: Hammer, Schäleisen, Ke/k, Metzgermesser. Abb. 7: Bronzene Zügelringe aus der römischen Siedlung von Hüfingen. 108

Abb. 8: Messer mit Beingriffen aus der römischen Siedlung von Hüfingen. Abb. 9: Drei eiserne und ein bronzener Schlüssel aus der römischen Siedlung von Hüfingen. 109

das römische Hüfingen eine zentrale Rolle. In Hüfingen endete noch bald nach der Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. zunächst die große aus Italien über Vindonissa nach Norden führende Fernstraße. Hier mündete auch eine aus dem Westen vom Oberrhein kommende Straße, eine weitere führte von Hüfingen nach Osten ins Donautal. Als die Nord-Süd-Straße nach Norden bis in den Neckarraum ausgebaut wurde, wird die römische Siedlung von Hüfingen als Han­ dels-, Umschlagplatz und Verkehrsknoten­ punkt noch an Bedeutung gewonnen haben. Das unterstreichen Funde aus dem Vicus wie Teile von Reisewagen, Zügelringe (Abb. 7) und Radbeschläge oder auch Fragmente von Öl-Amphoren, deren Stempel Auskunft darüber geben, daß es sich um Importgüter aus Spanien handelt. Unter den im nächsten Raum zusammen­ gestellten Gegenständen aus dem römischen Alltag befinden sich wiederum zahlreiche Funde aus Hüfingen (vorwiegend aus der • -� • Abb. 10: Römische Spielsteine und Würfel aus Glas und Bein. Aus Hüfingen. Abb. 11: Bronzefibeln mit Email.einlagen; eine Fibelscheibe hat die Form eines Fisches. Aus der römi­ schen Siedlung von Hüfingen. 110

Abb. 12: Römische Gemme, Glaspaste (ehemals eingesetzt in einen Ring); Darstellung: Muse mit einer Maske in der Hand und Schriftrollenbehäl­ ter zu ihren Füßen. Aus der römischen Siedlung von Hüfingen. Abb. 13: Glasperlen in Melonenfarm. Aus der römischen Siedlung von Hüfingen. Zivilsiedlung). An Haushaltsutensilien sind es außer Tongefäßen auch Teile von kostba­ rem Bronzegeschirr wie Kannenhenkel und Kasserolengriffe, ferner eiserne Messer mit Griffen aus Bein (Abb. 8), silberne und bei­ nerne Löffel sowie eiserne und bronzene Schlüssel (Abb. 9). Spielsteine aus Bein und Glas sowie zwei Würfel (Abb. 10) bezeugen, daß auch im römischen Hüfingen die im gesamten Römischen Reich so beliebten „Brettspiele“ gespielt wurden, für die sich Spielfelder oft auf Ziegeln und steinernen Bodenplatten eingeritzt finden. Von den ausgestellten Schmuckstücken aus Hüfingen fallen besonders einige Schei­ benfibeln mit Emaileinlage und eine Fibel mit einer als Fisch gestalteten Scheibe (Abb. 11)ins Auge, ferner zwei Gemmen (Abb. 12) und eine Vielzahl von sogenannten „Melo­ nenperlen“ (dicke Perlen in Melonenform) aus verschiedenfarbigem Glas (Abb. 13). In einer Vitrine, die „Religion und Kult“ zum Thema hat, sind einerseits Zeugnisse des offiziellen Götterkults ausgestellt – dazu gehört auch der bronzene Heroldstab (der 111

Abb.14: Heroldstab (,,caduceus“) von einer nicht erhaltenen Merkurstatuette. Aus der römischen Siedlung von Hüfingen. „caduceus“) aus dem Vicus von Hüfingen (Abb. 14), der zu einer sehr fein gearbeiteten Merkurstatuette gehört haben muß. Ande­ rerseits weisen Amulette -wie die halbmond­ förmigen Amulette und ein Zahnamulett aus Hüfingen (Abb.15)-darauf hin, daß hier wie in allen Teilen des Römischen Reiches auch der Aberglaube eine wichtige Rolle spielte. Mit Hilfe der Amulette suchte man Schutz vor dämonischen Mächten. In der Nachbarvitrine mit dem Thema „Römischer Grabkult“ wird der Inhalt eines überdurchschnittlich reich ausgestatteten Frauengrabes vom Hüfinger Brandgräber­ feld gezeigt (Abb. 16): Die Beigaben – eine Münze des Augustus, ein Griff- und ein Klappspiegel sowie ein Ölfläschchen -haben sich in der mit einem Deckel geschlossenen Abb.15: Drei halbmondformige Amulettanhänger aus der römischen Siedlung von Hüfingen und ein als Amulettanhänger gefaßter Zahn aus dem Hüfinger Kastell. 112

Abb. 16: Frauengrab aus dem römischen Brandgräbeifeld von Hüfingen. Abb. 17: Ein Paar vergoldeter Silbeifibeln mit Tierkopfmotiven. Vom alamannischen Friedhof„Auf Hohen“ (Hüfingen). 113

Urne befunden. Besonders fein gearbeitet ist der Griffspiegel, dessen Spiegelscheibe am Rand durch ein plastisches Zackenmotiv und auf ihrer Rückseite mit konzentrischen Krei­ sen verziert ist; der reich profilierte Griff ist angelötet. Sowohl der Griffspiegel als auch der kleine Dosenklappspiegel sind in Weiß­ metall gegossen. Zur Erzielung des Spiegel­ effekts waren die Innenseiten der Dose und die unverzierte, leicht konvex gewölbte Seite des Griffspiegels einst fein poliert. Die gestempelten Ziegel, die als Grabeinfassung dienten, datieren dieses Grab in die Mitte der 2.Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Chr. Die Stempel nennen die XI. Legion, die seit 69 n.Chr. in Vindonissa stationiert war, dem Legionslager, dem das Kastell Hüfingen als Hilfstruppenlager unterstellt war. Die Augu­ stus-Münze muß also als „Antiquität“ in das Grab gelangt sein. -Das Frauengrab weist daraufhin, daß der Friedhof auch zu der Zeit, als das Kastell noch nicht aufgegeben worden war, bereits von der Zivilbevölkerung des Vicus mitbenutzt worden war. Der Hüfinger Siedlungsraum wurde nach dem Fall des Neckar-Odenwald-Limes (259/ 260 n. Chr.) verlassen und gewann erst in merowingischer Zeit wieder eine mindestens ebenso große Bedeutung wie in römischer Zeit Die weiterhin benutzten römischen Straßen machten diesen Ort auch im Früh­ mittelalter zum politischen, militärischen und administrativen Zentrum der Baar. Etliche in den letzten 20 Jahren entdeckte merowingerzeitliche Friedhöfe -der Adels­ friedhof an der „Gierhalde“, ein Bestattungs­ platz an der „Hochstraße“ und das große Gräberfeld im Gewann „Auf Hohen“ -las­ sen auf mehrere dorfartige Siedlungen mit einigen Adelshöfen schließen. Die Grabbeigaben, von denen im Museum eine repräsentative Auswahl gezeigt wird, spiegeln den außerordentlichen Wohl­ stand der in Hüfingen ansässigen alamanni­ schen Bevölkerung wider. Innerhalb der Frühmittelalterabteilung des Museums ist dieser Fundkomplex der wichtigste und glanzvollste. 114 Der Gang durch das Frühe Mittelalter beginnt im 1. Obergeschoß des Museums, wo alamannische Grabfunde unter den Themen „Geräte des täglichen Lebens“, „Tracht und Schmuck der Frau“, „Tracht und Bewaff­ nung des Mannes“ zusammengestellt wur­ den. Neben Tongefaßen aus Hüfinger Grä­ bern wird ein hölzerner Backtrog gezeigt, der zusammen mit weiteren vorzüglich erhalte­ nen Holzgegenständen in einem alamanni­ schen Frauengrab in Neudingen gefunden wurde. Dieses Grab ist dendrochronologisch sehr gut datiert: Die für den Grabbau ver­ wendeten Bohlen stammen von zwischen 532 und 535 n. Chr. gefällten Bäumen, d. h. das Grab muß bald nach diesem Datum angelegt worden sein. Unter den in der Nachbarvitrine aus­ gestellten Gewandaccessoires und Schmuck­ stücken ist ein Großteil in Frauengräbern des Friedhofs „Auf Hohen“ bei Hüfingen gefun­ den worden: eine silberne, an ihrem Ende fein profilierte Haarnadel, zwei Gold­ blechanhänger -eine umgearbeitete Gold­ münze und eine mit Perlbändern verzierte Scheibe -; ferner an Gewandschmuck vier Paare von Bügelfibeln, von denen besonders das Paar kleiner vergoldeter Silberfibeln mit abstrakten Tierkopfmotiven ins Auge fallt (Abb. 17), und mehrere nach ihrer Form benannte S-Fibeln-darunter ein langobardi­ sches Stück aus vergoldetem Silber, bei dem die S-Linie durch eine Almandirueihe (Almandin: rubinroter Granat) markiert ist und Flechtbänder die Zwischenflächen zie­ ren (Abb. 18); des weiteren drei Fibeln in Form von stilisierten Vögeln (sog. Vogelfi­ beln): ein Paar vergoldeter Silberfibeln, bei denen das Auge jeweils in Almandinen einge­ legt ist, und eine einzelne reich mit Almandi­ nen besetzte Goldfibel. Zwei goldene Schei­ benfibeln, bei denen die Almandineinlagen verloren sind, lassen besonders gut das aus feinsten Goldstegen gearbeitete Netzwerk erkennen, in das die Almandinzellen einge­ legt wurden (sog. Cloisonne-Technik) (Abb. 19 links). Völlig intakt sind dagegen zwei in gleicher

Abb.18: LangobardischeS-Fibel ausvergoldetem Silber mit Almandineinlagen. Vom alamanni­ schen Friedhof„Auf Hohen“ (Hüfingen). Technik hergestellte Goldscheibenfibeln aus demselben Gräberfeld, die in der Schatzkam­ mer ausgestellt sind. Hier werden in zwei Vitrinen unter dem Thema „Tracht und Schmuck“ besonders prachtvolle Exemplare alamannischer Schmuckstücke gezeigt. Von den beiden Hüfinger großen Goldscheiben­ fibeln in flächendeckendem Cloisonne weist die runde (Abb.19 rechts) ein ebenso kleinteili­ ges und ähnlich gegliedertes ‚.Zellwerk von Almandinen auf wie die eben erwähnte weni­ ger gut erhaltene Scheibenfibel. Die etwas größeren Almandine der ovalen Fibel (Abb. 20)lassen die gewaffelte Silberfolie, auf der die Almandine bei beiden Fibeln aufliegen, deutlich durchscheinen. Von besonderer Pracht ist die große Gold- Abb. 19: Goldscheibenfibel, in sog. Cloisonne-Technik gearbeitet; Almandineinlagen fehlen bei der links abgebildeten Fibel und sind bei der rechten erhalten. Vom alamannischen Friedhof „Auf Hohen“ (Hüfingen). 115

Wie die Fibeln gehört auch eine silberne Schuhschnallengarnitur zu den schmücken­ den Bestandteilen der alamannischen Tracht. Abstrahierte Tierornamente zieren die Schnallen aus dem Grab einer Hüfinger Adli­ gen, zugehörig ist eine glatte Riemenzunge. Die größeren mit ähnlichen Tierornamenten verzierten silbernen Riemenzungen aus demselben Grab waren Endbeschläge von Wadenbinden. Ebenfalls aus dem Grab die­ ser Adligen stammt auch ein kostbares Col­ lier mit 19 Goldanhängern und sieben Gold­ perlen. Drei Anhänger sind in Cloisonne­ T echnik gearbeitet (Glaseinlagen nicht erhal­ ten) und zwei mit flächendeckenden feinsten Perldrahtornamenten verziert (Abb. 23). Besonders kostbare Collieranhänger wer­ den auch in der Nachbarvitrine gezeigt. Sie gehören zu verschiedenen Ketten aus mehre­ ren Gräbern des Friedhofs „Auf Hohen“: neben Goldscheibenanhängern mit Perl­ bandverzierung spätantike und byzanti­ nische Goldmünzen (die Münze Justinians ist eine Nachprägung), die als Anhänger umgearbeitet wurden (Abb. 24), ferner Anhänger mit filigranem Binnendekor und sechs verschiedenförmige Anhänger mit Ein­ lagen von Almandinen und grünem Glas (Abb. 25). Ketten von verschiedenfarbigen Glasper­ len wurden nicht nur in reichen Frauengrä­ bern gefunden. Doch große vielfarbig gemu­ sterte Perlen, die oft noch zusammen mit Bernstein-, Bergkristall-und Amethystperlen aufgezogen waren, wie auch bei den hier gezeigten Hüfinger Ketten (Abb. 26), sind immer ein Indiz für Wohlhabenheit. Aus verschiedenen Gräbern des Friedho­ fes „Auf Hohen“ sind die in dieser Vitrine ausgestellten almandinbesetzten Scheibenfi­ beln zusammengetragen, von denen einige in der Mitte zusätzlich mit einem Perlband­ dekor versehen sind. Von den beiden hier gezeigten Haarna­ deln stammt die am oberen Ende vergoldete und wechselweise quergeriefelte und längs­ gekandete Nadel aus dem erwähnten reichen Frauengrab des Friedhofes „Auf Hohen“. Abb. 20: Ovale Goldscheibenfibel mit Alman­ dineinlagen vom alamannischen Friedhof„Auf Hohen“ (Hüfingen). scheibenfibel mit kreuzweise aufgesetzten großen Fassungen für grüne Glaspasten und dazwischengesetzte kleinere Fassungen für Almandine (Abb. 21). Ein runder Almandin ziert auch die Mitte der Scheibe. Perldraht­ ornamente füllen die Zwischenflächen. Unter den in dieser Vitrine ausgestellten Fibeln von dem Gräberfeld „Auf Hohen“ befinden sich außerdem eine S-Fibel mit Almandineinlage, deren S-Schwünge in Tier­ köpfen enden, und mehrere Bügelfibeln: einige besonders prächtige vergoldete Silber­ fibeln mit vollplastischen Knöpfen am obe­ ren Rand, ein Fibelpaar mit reichem Spiral­ und Zackendekor in Kerbschnittechnik, ein Paar mit Almandineinlagen zwischen tiefge­ schnittenen Flechtbändern und mit aus­ drucksvollen kugeligen Almandinaugen im Tierkopfende und schließlich eine einzelne Fibel mit Almandineinlagen, Streifendekor und hochgebogenem Tierkopf (Abb. 22). 116

Abb. 21: Gr!ße Goldscheibenfibel mit Almandinen und grünen Glaspasten besetzt und mit Perldraht­ omamenten verziert. Vom alamannischen Friedhef „Auf Hohen“ Hüfingen. 117

Abb. 22: Büge!fibel aus vergoldetem Silber mit Almandineinlagen. Vom alamannischen Fried­ hof „Auf Hohen“ (Hüfingen). Äußerst seltene und kostbare Beigaben alamannischer Gräber sind die Glasgefäße, die nicht im alamannischen Bereich selbst hergestellt wurden, sondern von weither importiert werden mußten. Die große Zahl der in Hüfinger Gräbern gefundenen Gläser, von denen die am besten erhaltenen in den beiden Glas-Vitrinen der Schatzkammer aus­ gestellt sind, spiegelt den Wohlstand der merowingischen Bevölkerung Hüfingens wider. Die meisten Glasgefäße vom Gräber­ feld „Auf Hohen“ sind aus dem fränkischen Rheinland importiert: ein Kugelbecher mit Zungendekor, ,,Sturzbecher“ verschiedener Formen (die man nur in geleertem Zustand mit dem oberen Rand auf den Tisch stellen konnte), sowie ein prachtvoller „Rüsselbe- Abb. 23: 5 von 19 Goldanhängern eines Colliers aus dem Grab einer Adligen: drei der leierförmigen Anhänger sind in Cloisonne-Technik verziert (Einlagen nicht erhalten), zwei mit .feinen Perldrahtorna­ menten. Vom alamannischen Friedhof „Auf Hohen“ (Hüfingen). 118

Abb. 24: Goldmünze Valenti.nians III. (425- 455 n. Chr.), als Kettenanhänger umgearbeitet. Vom alamannischen Friedhof,,AufHohen „(Hüfingen). eher“, so benannt nach den auf den Gefäß­ körper aufgesetzten, rüsselförmig nach unten gezogenen Tropfen (Abb. 27). Einer der Hüfinger Becher stammt aus Burgund: der Sturzbecher mit lang ausgezo­ genem Bodenknopf und feiner weißer Fadenauflage. Ganz singulär unter alamanni­ schen Grabbeigaben ist die kleine Glasam­ phora mit leuchtend dunkelblauem Gefäß­ körper und Stengelfuß, Henkel und Mün­ dung aus opakweißem Glas. Opakweiße Fadenauflagen zieren außerdem den oberen Teil des Halses (Abb. 28). Dieses Fläschchen, wahrscheinlich ein Behälter für kostbares Öl oder Parfum, stammt aus einer Werkstatt in Oberitalien – wahrscheinlich aus einem Atelier im Lagu- Abb. 25: Drei Goldanhänger mit Einlagen von Almandinen und grünem Glasfluß. Vom alamanni­ schen Friedhof »Auf Hohen“ (Hi,{fingen). 119

Abb. 26: Ketten aus Glas- und Edelsteinperlen. Alamannischer Friedhof Hüfingen. Abb. 27: Gläser aus verschiedenen Gräbern des alamannischen Friedhofs »Auf Hohen“ Hüfin­ gen: ein „Rüsselbecher“ und zwei Sturzbecher. Abb. 28: Blaue Glasamphora mit opakweißen Gefäßteilen, hergestellt in Oberitalien. Vom ala­ mannischen Friedhof„Auf Hohen“ (Hüfingen). 120

nengebiet von Venedig-und bezeugt somit auch Hüfingens Fernhandelsbeziehungen in südlicher Richtung. Ebenfalls in der Schatzkammer begegnet dem Museumsbesucher noch einmal ein besonders interessanter Fund aus dem schon eiwähnten alamannischen, in die Zeit um 535 n. Chr. oder bald danach datierten Grab von Neudingen, das etliche Holzgeräte barg, darunter auch Teile eines Webstuhls, von dem hier ein mit einer Runeninschrift ver­ sehener Stab (vom Webschiffchen?) aus­ gestellt ist. Die von einer Frau namens Blid­ gund geschriebene Inschrift besagt, daß ein Mann mit Namen Hamal einer Frau mit Namen lmuba Liebes wünscht. In der letzten Vitrine, in der Zeugnisse heidnischen und christlichen Glaubens aus alamannischen Gräbern einander gegenüber­ gestellt werden, sind mehrere Beispiele aus Hüfinger Gräbern vertreten: Zeugnisse heidni­ schen Aberglaubens sind die bronzenen Schei­ ben, die als übelabwehrende Amulette am Gür­ telgehänge getragen wurden wie die zwei Schei­ ben mit Motiven von Tierkopfwirbeln (Abb. 29). Zwei mit getriebenen Buckeln und mit Stempelmustern verzierte Goldblattkreuze aus zwei verschiedenen Gräbern des Friedhofs bezeugen andererseits die vom Frankenreich ausgehende allmähliche Christianisierung der alamannischen Bevölkerung (Abb. 30). Die im Badischen Landesmuseum Karls­ ruhe befindlichen – hier in Kopien aus­ gestellten -beiden silbernen Zierscheiben vom Zaumzeug eines Pferdes mit christli­ chen Bildmotiven (der Mutter Gottes und einem Reiterheiligen) aus dem Reitergrab an der „Gierhalde“ (Hüfingen) geben allerdings keine unmittelbare Auskunft über den Glau­ ben des in diesem Grab bestatteten jungen Adligen. Die beiden Scheiben sind sicher als Beutestück in den Besitz des Hüfinger Adli­ gen gelangt. Die reichen Beigaben seines Grabes, die eher mit heidnischen als mit christlichen Jenseitsvorstellungen vereinbar sind, lassen vermuten, daß der 606 n. Chr. bestattete Adlige noch kein Christ gewesen ist. Dr. Hilde Hiller ff. Taf. 1-4. Zum bronzezeitlichen Grabfund von Überauchen: Badische Fundberichte 17, 1941-47, S. 277 ff. Taf. 66c (Revellio, Kimmig); V. Nübling, in: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1986, S. 64 f. Abb. 39. Zum umenfelderzeitlichen Grab von Hüfingen: E. Sangmeister, in: Badische Fundberichte 22, 1962, S. 9 Zum hallstattzeitlichen Fürstengrab von Villingen: K Spindler, Magdalenenberg 1-VI (1971-1980). Ders., Der Magdalenenberg bei Villingen. Ein Fürstengrabhü­ gel des 6. vorchristlichen Jahrhunderts. Führer zu vor­ und frühgeschichtlichen Denkmälern in Baden-Würt­ temberg 5 (1976) – dort weitere Literatur. Zu Hüfingen in römischer Zeit: G. Fingerlin, in: Filtzinger – Planck – Cämmerer, Die Römer in Baden-Württemberg 3 (1986) S. 337 ff. – dort weitere Literatur. Zu den alamannischen Grabfunden von Hüfingen: G. Fingerlin, Neue alamannische Grabfunde aus Hüfin­ Wichtigste Literatur gen (Texte zu einer Ausstellung, 1977). Ders., in: Der Kel­ tenfürst von Hochdorf. Methoden und Ergebnisse der Landesarchäologie in Baden-Württemberg, Ausstel­ lungskatalog (1985) S. 411 ff. Abb. 29: Eine der bronzenen Amulettscheiben mit Tierlwpfwirbeln, die von Gürtelgehängen der auf dem alamannischen Friedhof »Auf Hohen“ {Hüfingen) Begrabenen stammen. 121

Abb. 30: Zwei Goldblattkreuze vom alamannischen Friedhof „Auf Hohen“ (Hüfingen). 122

Geschichte, Kulturgeschichte Bad Dürrheim Ein Dorf wird Kur-und Bäderstadt Der 1100. Jahrestag der ersten schriftlichen Erwähnung Dürrheims im Jalue 889 ist Anlaß zu fragen, wie die Menschen früher hier gelebt haben, warum sich aus dem einst­ mals kleinen Bauerndorf eine bedeutsame Kur- und Bäderstadt entwickelt hat und welche Zukunftsperspektiven sich aus dieser historischen Entwicklung ergeben. Diese Geschichte soll zusammenfassend skizziert werden. Dem Kloster St. Gallen hat Bad Dürrheim seine erste urkundliche Erwähnung vor 1100 Jahren zu verdanken. Die ersten 10 Jahrhun­ derte seiner Geschichte kam Bad Dürrheim ohne Wappen aus. Erst 1957 setzte die Gemeinde auf Vorschlag des Badischen Generallandesarchives in Karlsruhe das Johanniterkreuz auch in ihr eigenes Wappen, um auf die über Jahrhunderte mit der Johan­ niter-Kommende Villingen verbundene Geschichte Dürrheims zu verweisen. In der Urkunde aus dem Jahre 889, die auch heute noch im Stiftsarchiv in St. Gallen verwahrt wird, heißt es, daß im zweitenJalu König Arnulfs (889) nach einer St. Galler Notitia ein „factum est placitum in pago, qui dicitur Para, in villa nuncupata Durroheim, coram Burghardo comite, filio Adalberti illu­ stris“, stattfand, bei dem die Rechte an der Kirche von Löffingen geklärt wurden. Nach dem Wortlaut der Urkunde zu schließen hat Burchard Grafschaftsrechte über Dürrheim und Löffingen ausgeübt; er kann so als Amts­ walter im Westen der Bertholdsbaar bestimmt werden. Bereits im 6. und 7.Jaluhundert muß hier eine umfangreiche Siedlung gestanden haben. Denn es sind uns zwei relativ große alemannische Reihenfriedhöfe bekannt. Das weiße achtspitzige Malteserkreuz auf rotem Grund ziert das linke Feld des längsge- teilten Wappens der Stadt Bad Dürrheim und zeigt so, welch historisch bedeutsamer Platz dem Johanniterorden in der heutigen Kur-und Bäderstadt zukommt. In Dürr­ heim, vom 12. bis 14. Jaluhundert Adelssitz, setzte ein Prozeß von Schenkungen, Über­ eignungen und Besitzübergaben ein, der im ausgehenden 13. Jahrhundert sein Ende fand. Schon zwischen 1280 und 1300 faßten die Johanniter, gefördert von den Wartenber­ gern und den Fürstenbergern, in Dürrheim Fuß. Ende des 13. Jahrhunderts wurde der Johanniterorden zu Villingen zur Ordnungs­ macht, dem ein halbes Jahrtausend die weltli­ chen und kirchlichen Rechte über die Gemeinde Dürrheim oblagen. Die Johanni­ ter erweiterten Besitz und Herrschaft ziel­ strebig, und 1791 war der Komtur „einziger, unmittelbarer, rechter Territorialgrundvogt und Gerichtsherr zu Dürrheim und hat daselbst jede Oberherrlichkeit und Gerichts­ barkeit mit Ausnahme der sogenannten und zum Teil bestimmten landesgerichtlichen, förstlichen Geleits-und Malefizobrigkeit“. Innenpolitisch war die Zuständigkeit der Johanniter-Kommende für Dürrheim eini­ germaßen begrenzt. Ihr stand nur die niedere Gerichtsbarkeit zu, während die schwere Kri­ minalität von den Grafen von Fürstenberg geahndet wurde. Was Villingen abzuurteilen hatte, waren dagegen eher Bagatellfälle. Neben den Zinsansprüchen auf Geldabga­ ben und Naturalien konnten die Villinger Johanniter in Dürrheim über den gewöhn­ lich mit dem Zehnten verbundenen Pfarr­ satz, dem Recht, den jeweiligen Pfarrer vor­ zuschlagen und einzusetzen, verfügen und konnten allein in Dürrheim zwanzig ein­ zelne Höfe und Güter ihr Eigentum nennen. Der „Hänslehof“ waroffenbar der Hof des von den Johannitern eingesetzten Dorfvog-123

Dürrheim an der Wende vom 18. zum 19.]ahrhundert, die Zeit als Lucian Reich der Altere seine Jahre der Kindheit und Jugend verbrachte tes. Das tägliche Leben in Dürrheim wurde vom Vogt, dem Untervogt als seinem Stell­ vertreter und den sieben bis zwölf „Richtern“ geregelt, die man mit einem Gemeinderat vergleichen könnte. Dieses Amt des Dorf­ vogtes wurde über Generationen von Ange­ hörigen der Familie Grießhaber bekleidet, die im Laufe der Zeit auch auswärts zahl­ reiche Aufgaben in der Ordensverwaltung übernahmen. Im übrigen wurde im Verkehr zwischen Obrigkeit und Untertanen durch­ aus „Bürgernähe“ praktiziert. Alle Jahre wurde für Dürrheim Jahrgericht gehalten, bei dem die Dürrheimer nach der üblichen Hul­ digung ihre Beschwerden vorbringen konn­ ten, die sicherlich in den meisten Fällen abge­ stellt wurden. Hatte Napoleon Bonaparte 1798 die Ordenszentrale Malta besetzt, so übernahm am 30. November 1805 ein französisches Kommando das Villinger Ordenshaus. Nach den von Napoleon diktierten Verträgen kam Dürrheim als eines der drei von Villingen aus verwalteten Johanniterdörfer nach der Neuordnung des Reiches 1805 kurzfristig an Württemberg. Infolge der Errichtung des Rheinbundes und den hieraus sich ergeben­ den Gebietserweiterungen für das im Entste­ hen begriffene Großherzogtum Baden wurde Dürrheim am 18. Oktober 1806 schließlich badisch. Kommende-Amtmann Johann Baptist Willmann übernahm nach 1806 die Stelle eines Staatsdomänen-Verwalters in Dürr­ heim und gab durch seinen Briefwechsel mit dem Salzspezialisten Karl Christian von Langsdorf in Heidelberg im Jahre 1818 letzt­ lich den Anlaß für die erfolgreichen ersten Solebohrungen in der heutigen Kur-und Bäderstadt. Die erste Tiefbohrung in dem damals rund 560 Einwohner großen Dürrheim, 125

begonnen am 21. Juni 1821, erreichte das Steinsalzlager am 26. Februar 1822 in einer Tiefe von etwa 120 Meter. Großherzog Lud­ wig nahm höchstselbst Notiz von dem auf­ sehenerregenden Ereignis, und in einem Erlaß des Badischen Innenministeriums vom 20. März 1822 heißt es, daß „Seine Königliche Hoheit auch gnädigst gestattet haben, dieser Saline den Namen Ludwigshall beizulegen“. Mit dem Bau der Salinenge­ bäude beauftragte die Regierung den Militär­ baudirektor Friedrich Arnold, einem Neffen und Schüler Weinbrenners, der im Sommer 1822 die Entwürfe für die Bauten ausarbeitete und deren Errichtung in den Jahren 1823 bis 1826 selbst leitete. Die hölzernen Bohrtürme Konzentration und Rationalisierung beru­ hende wirtschaftliche Entwicklung in der Steinsalzindustrie. Nachweislich wurde bereits 1851 im Bohr­ haus IV eine Solebadeanstalt mit drei Kabi­ nen eröffnet, zu denen 1852 vier weitere geschaffen wurden. Damit war der offizielle Grundstein zum Heilbad gelegt. Sole war aber bereits seit 1830 im Salinenwirtshaus zu Bädern abgegeben worden. Bad Dürrheims ,,Modernisierungsschub“ um die Jahrhun­ dertwende hatte seine Ursachen in den Erfor­ dernissen des Fremdenverkehrs: Annehm­ lichkeit, Sauberkeit, Neuzeitlichkeit. Kanali­ sation, Hochdruckleitung, Elektrizitätswerk, Hotels und Gasthäuser wurden errichtet. am Holzplatz und an der Geisinger Straße halten die Erinnerung wach an die Großher­ zoglich Badische Saline, die 1972, also genau 150 Jahre nach der Entdeckung des mächti­ gen Steinsalzlagers unter der Stadt, ihren Betrieb einstellte. Insgesamt zehn Bohrlö­ cher sind zwischen 1821 und 1897 gestoßen worden. Von ihnen werden noch die mit IX und X bezeichneten an der alten Geisinger Straße von der Kur- und Bäder GmbH betrieben, welche nach Stillegung der Saline die Salzkonzession zur Förderung von Sole zur Abgabe als Kurmittel in den Bade-und Inhalationseinrichtungen erhalten hat. Alle anderen sind aufgegeben und verfüllt. Geblieben ist also eine ursprüngliche Neben­ nutzung, der therapeutische Gebrauch der heilkräftigen Sole. Die frühere Hauptauf­ gabe, Herstellung von Speise-und Industrie­ salz, ist Vergangenheit, bedingt durch die auf 126 Kurverein, Kurpark, Kurkapelle -alle Ein­ richtungen sollten dazu beitragen, das höchstgelegene Sole bad Europas attraktiv zu gestalten. Seit 1904 wurde ein Zweiganschluß zur sechs Kilometer entfernten Station der Schwarzwaldbahn in Marbach in Betrieb genommen. Der Kurverein wollte die Dürr­ heimer Station aufwerten, indem er 1906 for­ derte, das Wort „Bad“ aufs Bahnhofsschild zu schreiben. Offiziell gab es das Prädikat jedoch erst am 1. September 1921. Mit der Saline veränderte sich zwar das Aussehen und die Infrastruktur Dürrheims, aber die Stadt sah keineswegs „postkartenge­ recht“ aus. Die Wandlung des Dorfes zur modernen Fremdenverkehrsgemeinde voll­ zog sich hauptsächlich in unserem Jahrhun­ dert, da das Reisen in den zwanziger Jahren, ermöglicht durch die Entwicklung der Ver­ kehrsmittel und durch eine verbesserte Frei-

zeitgesetzgebung, allgemeinen Aufschwung nahm. Die Phase einer relativ guten Prosperi­ tät von 1920 bis 1939 fand mit dem Zweiten Weltkrieg ein Ende. Obwohl Bad Dürrheim in den Karten der französischen Streitkräfte, die den Schwarzwald besetzten, nicht als Lazarettstadt ausgewiesen war, befanden sich im April 1945 in sechs Lazaretten des Kuror­ tes rund 800 Verwundete und Kranke. Hinzu kam, daß von den für den Bedarf des Kurbe­ triebes zur Verfügung stehenden 1600 Betten in den gewerblich betriebenen Unterkünften 1180 Betten durch die französischen Behör­ den beschlagnahmt wurden; das waren rund 75 Prozent. Der Kurbetrieb kam fast voll­ ständig zum Erliegen. 1958 wurde das „gläserne Schiff der Gene­ sung“, das vom Land Baden-Württemberg mit einem Kostenaufwand von 2,7 Millio­ nen Mark erstellte Kurmittelhaus, einge­ weiht. Das in den dreißiger Jahren eröffnete Kurhaus wurde 1962 modernisiert und 1968 ging das große Solemineral-Hallenbad in Betrieb. Nach dreimaligem Anlauf avancierte 1974 Bad Dürrheim zur Stadt. Bad Dürrheim, das seit 1976 das Prädikat „Heilklimatischer Kurort“ und seit 1985 die Auszeichnung ,,Soleheilbad“, trägt, ist mittlerweile Eigentü­ merin sämtlicher Kureinrichtungen. 1984 übertrug das Land die ihm bis dato gehören­ den Kur- und Kurmitteleinrichtungen in die Hände der Kommune. Die Bad Dürrheim er wissen heute, was sie an ihrer „Historie“ und deren architektoni­ schen Überbleibseln besitzen. Die Gebäude aus der Zeit der Saline „Ludwigshall“ stellen eine geschichtlich gewachsene Stadtland­ schaft dar und begründen letztlich neben dem neuen Bade- und Therapiezentrum, dem nach dreijähriger Bauzeit am 20. Okto­ ber 1987 eröffneten „SOLEMAR“, die Attraktivität der Stadt. Heute erscheint es uns selbstverständlich, daß eine Stadt wie Bad Dürrheim ein bekannter Fremdenverkehrsort ist, für den der Tourismus einen wichtigen Teil des kom­ munalen Erwerbslebens darstellt. Nach Stil­ legung der Saline wurde der Fremdenverkehr zur „Ersatzindustrie“. Lydia Warrle Die Grenzsteine zwischen Schwenningen und Bad Dürrheim Wenn sie auch ihre frühere Bedeutung als Landesgrenze verloren hat, so ist ihr Verlauf als Markungsgrenze zwischen den Orten Schwenningen und Bad Dürrheim doch noch an ihren Grenzsteinen nachvollzieh­ bar. Da die im Schwenninger Fesenwald noch stehenden Grenzmarken wohl zu den schönsten und besterhaltenen Rechtswahr­ zeichen im Schwarzwald-Baar-Kreis zählen, widmen wir ihnen unsere Aufmerksamkeit. Seit 1444/49, als Schwenningen an die Grafschaft Württemberg gelangte, trennte diese Grenzlinie, die wir aufsuchen wollen, den Neckarquellort vom Johanniterdorf Dürrheim. Dies blieb so während der jahr­ hundertelangen, süddeutschen Kleinstaate- rei, bis die von Napoleon vorgenommenen Länderneuordnungen die alten Herrschafts­ verhältnisse beseitigte. Zwischen 1803 und 1810 entstanden die endgültigen Grenzen zwischen dem Königreich Württemberg und dem Großherzogtum Baden. Die Grenze verlief zwischen Schwenningen und Dürr­ heim zwar nur auf einem kleinen Abschnitt, doch sorgte ihr Rechtsstatus dafür, daß schon an der Straße nach Dürrheim zwei Grenz- und Zolltafeln die neuen Rechtsver­ hältnisse anzeigten. Auch die entlang der Grenze aufgestellten Grenzsteine hatten die­ sem Zeitzeichen zu gehorchen und erhielten neue Bezeichnungen. Der gemeinsame Grenzabschnitt zw1- 127

Dreimarkstein Nr. 68, der Schwenningen, Dürr­ heim und Villingen scheidet, liegt an der Süd­ spit.ze des Schwenn�nger Moos. sehen den heutigen Nachbarstädten ist nur 2 Kilometer lang. Er wird seit wenigen Jahren von drei Straßen durchschnitten: der alten B 27, die jetzt als Umgehung Dürrheims nach Hochemmingen dient; der neuen B 27, die parallel zur alten B 27 ihren Verlauf nörd­ lich um Dürrheim nimmt und der B 523, die von Tuningen herab kommend ans Schwen­ ninger Messegelände führt. Der Bau der bei­ den letztgenannten Straßen hat die alte Grenzlandschaft zwischen den beiden Orten nachhaltig verändert. Der Grenzwanderer hat deshalb streckenweise Mühe, die alte Grenze und ihren Verlauf nachzuvollziehen. Wir wagen es aber trotzdem, ziehen uns gutes Schuhwerk an, und begeben uns an die Südspitze des Schwenninger Naturschutz­ gebietes Moos. Im Bogen des gefaßten Sandweges treten 128 Eckmarkstein Nr. 82, der Schwenninger und Dürrheimer Gemarkung scheidet. wir unter den Birken hinaus ins freie Feld, wo wir schnell den Dreimarkstein Nr. 68 entdek­ ken, der die Markungen Schwenningen, Vil­ lingen und Bad Dürrheim scheidet (Bild 1). Der einerseits breitflächige, andererseits schmale Grenzstein zeigt hervorgehoben das alte Villinger Stadtwappen mit dem Balken in der linken Schildhälfte (heraldisch rechts). An den Übergang der einst vorderösterrei­ chischen Brigachstadt erinnert ein kleines, über dem Wappenschild angebrachtes GB für Großherzogtum Baden. Ein Hinweis auf Dürrheim fehlt. Von hier an verläuft die ehemalige Lan­ desgrenze und Markungsgrenze zwischen den beiden Orten mit dem Moosrundweg nach Südosten. Wir folgen nach etwa 500 Metern dem geradeaus von unserem Weg gegen die alte B 27 führenden Pfad, gehen an

Ein barockes Kunstdenkmal ist Grenzstein Nr. 85, der seit 316 Jahren die Grenze anzeigt. Auf Grenzstein Nr. 86 zeigt ein kleines Johanni­ terkreuz die Besitzverhältnisse an. einem kleinen Markstein mit der Nr. 69 vor­ bei und stoßen auf die genannte Straße. Links von Markstein Nr. 69 stand im letzten Jahrhundert das hintere Bohrhaus der Saline Wilhelmhall, die in Konkurrenz zur Dürr­ heimer Ludwigssaline Salz produzierte. In der Grenzlinie und jenseits der Straße steht Grenzstein Nr. 70, der beide Länder­ wappen trägt. Hier standen auch die Grenz­ tafeln zwischen dem Königreich und dem Großherzogtum. Eine davon kann noch im Schwenninger Heimatmuseum besichtigt werden. Wir wandern jetzt mit der Straße gegen das Schwenninger Messegelände und biegen gleich mit dem ersten Weg ab, der rechts in den Wald hineinführt und dem die Grenze folgt und wandern durch die Betonunter­ führung hinauf zum Fesenwald. Etwa 100 Meter hinter dem Betondurchlaß zweigt der Grenzweg ab und zieht durch den Wald hin­ auf auf die Anhöhe. An diesem Weg entdek­ ken wir bald einen größeren Grenzstein mit der Zählnummer 78. Er trägt das württem­ bergische Wappen mit den Hirschstangen und dasjenige mit dem Johanniterkreuz. Seine Jahreszahl ist 1724. Vorbei an zwei jün­ geren Granitsteinen von 1899 und 1912 (Nr. 80 und 81) erklimmen wir die leichte Höhe und stehen bald vor Eckmarkstein Nr. 82, einer mannshohen Steinsäule. Sie zeigt uns die Jahreszahl 1839, das Jahr, als hier die große württembergische Landesvermessung stattfand sowie die Buchstabenpaare GD (Gemeinde Dürrheim) und GB (Großher­ zogtum Baden). Die Schwenninger Stein­ seite ist mit KW für Königreich Württem­ berg gekennzeichnet (Bild 2). 129

sowie aufSchwenninger Steinseite die Jahres­ zahl 1673. So wacht dieser Grenzstein seit 316 Jahren über die Grenzlinie zwischen den bei­ den Gemarkungen (Bild 3). Auch der schon von diesem Grenzpunkt aus sichtbare Stein mit der Nummer 86 ist ein wahrer Sandsteinkoloß. Er trägt die Jah­ reszahl 1756, bei den Hirschstangen und auf Dürrheimer Steinseite ein kleines Johanni­ terkreuz (Bild 4). Grenzstein Nr. 88, vor dem wir nach wenigen Schritten halt machen, zeigt gleich dreimal die Jahreszahl 1722 und eine aufrechtstehende, württembergische Hirschstange, die die ganze Schwenninger Steinfläche einnimmt. Wir wandern weiter, vorbei an den kaum sichtbaren Marksteinen Nr. 89 und 90 und stehen wenig später vor der B 523. Hier müßen wir auf die andere Straßenseite und benutzen dazu die etwa 150 Meter im Osten liegende Fußgängerüberführung. Jenseits derselben gehen wir die gleiche Strecke zurück, bis wir vor dem gut sichtbaren Grenzstein Nr. 91 angelangt sind. Da uns diese Grenzmarke nichts besonderes bietet, biegen wir auf den daneben abzweigenden Trampelpfad ein und gehen hinauf zum Hochwald. In dem vor uns liegenden Grenzbereich liegen, allerdings nur dem geschulten Auge sichtbar, die ersten Grabhügel aus der Bron­ ze- und Hallstattzeit, die ab hier den Grenz­ zug begleiten. Man kann davon ausgehen, daß das Vorhandensein dieser vorgeschicht­ lichen Grabmäler in alemannischer und frän­ kischer Zeit die Grenzziehung beeinflußt hat. Nach wenigen ansteigenden Metern unse­ res Weges stehen wir unvermittelt vor einem hohen Grenzstein, dem Dreimarkstein Nr. 92, der Schwenninger, Dürrheimer und Hochemminger Markung scheidet. Es ist, wie die Nummer 85, ein barockes Kunst­ denkmal und stammt aus der gleichen Stein­ hauerei wie dieser. Gleich zweimal ist das württembergische Wappenschild mit den Hirschstangen vertreten und über dem Johanniterwappen Dürrheirns steht die Jah- Zu den vielleicht schönsten Grenzmarken im Schwarzwald-Baar-Kreis gehört der Dreimark­ stein Nr. 92, der die Gemeindemarkungen Schwenningen, Dürrheim und Hochemmingen scheidet. Von diesem Eckmarkstein aus winkelt die Grenzführung in spitzem Winkel ab und in südöstlicher Richtung hinauf gegen den Türnleberg. An dem nun vor uns liegenden Grenzabschnitt stehen in kurzer Reihenfolge die schönsten und teilweise am kunstvollsten hergestellten Grenzmarken der weiteren Umgebung. Vorbei an zwei Grenzsteinen von 1905 (Nr. 83) und 1740 (Nr. 84)- der letz­ tere trägt drei württembergische Hirschstan­ gen mit nach unten weisenden Endungen – gelangen wir über einen holprigen Trampel­ pfad schnell zu Grenzstein Nr. 85, eines der schönsten Wahrzeichen am ganzen Ab­ schnitt. Der kunstfertig behauene Grenz­ stein zeigt im jeweiligen Wappenschild die Symbole Württembergs und der Johanniter 130

reszahl 1673. Wir stehen vor dem schönsten und besterhaltenen Landesgrenzstein, den man heute im Schwarzwald-Baar-Kreis fin­ den kann (Bild 5). Es ist nur zu bedauern, daß nicht auch das einst fürstenbergische Hochemmingen mit einem Wappen vertre­ ten ist. Neben der alten Grenzmarke, auf Schwenninger Gemarkung im Fesenwald, findet sich ein alter Grabhügel aus der Bron­ zezeit. Der Schwenninger Freizeitarchäologe Hermann Rupp hat ihn 1914 untersucht und aus dem dabei geöffneten Frauengrab einen kleinen Bronzedolch und durchbohrte Gewandnadeln geborgen. Hier endet auch unsere Wanderung entlang der Markungs­ und ehemaligen Landesgrenze zwischen Schwenningen und Bad Dürrheim. In unseren historischen Grenzsteinen hat sich noch ein Stück Heimatgeschichte erhal­ ten, das sie als letzte steinerne Zeuge einer vergangenen Epoche bewahren. Sie sind Denkmäler, die uns frühere rechtsgeschicht- liehe und gesellschaftliche Zustände anzei­ gen. Heute gestatten uns genau eingemes­ sene Flurkarten und moderne Vermessungs­ methoden jeden Grenzpunkt neu zu bestim­ men, ohne daß dort ein Grenzstein notwen­ dig wäre. Damit haben auch die alten Rechts­ wahrzeichen ihre frühere Bedeutung einge­ büßt. So kommt es auch, daß durch Straßen­ bau, Flurbereinigungen und dergleichen immer mehr der alten Grenzsteine verloren gehen. Der Tag ist nicht mehr fern, wo auch die historischen Grenzzeichen unserer Hei­ mat zu den selten gewordenen Kulturdenk­ mälern gehören werden. Wir sollten sie des­ halb pfleglich behandeln und dort zu erhal­ ten trachten, wo sie hingehören, auf den alten Grenzen. Siegfried Heinzmann Q u e 11 e n: Siegfried Heinzmann, Alte Grenzen und Grenzsteine rings um Schwenningen, Kuhn-Verlag Schwennin­ gen, 1988. Die „Bürgersöhne“ Ein Beitrag zur Geschichte der Villinger Fasnet Bei einer Durchsicht der alten Villinger Ratsprotokolle fanden sich folgende Eintra­ gungen, deren Sinn zunächst unklar war: 1675 ,,Herm A p p e n m e i e r und HerrnG r ü ­ n i n g e r bitten d i e B ü r g e r s ö h n e zu ihrem Vater zu ernennen. Sind ver­ gönnt.“ 1698 „Herr Zunftmeister H a r s c h e r ist d e n B ü r g e r s ö h n e n zu einem Vater erwählt worden, welcher deswegen auch angelobt hat.“ 1710 ,,J u n g e b ü r g e r l i c h e r G e s e l l e n . Deputierte übergeben 15 Artikel der Gesellschaft. Weilen solche zur Stiftung guter Sitten und Polizei angesehen, hat Ehrsamer Rat solche ratif12ieret.“ 1881 „Auf das Ableben des Richters Johann Baptist F l a i g , gewesener Vater der l e d i g e n B ü r g e r s ö h n e ist der Herr Richter Barnabas M a y e r zum wirkli­ chen Vater der Bürgersöhne bestellt wor­ den, wovon die L e d i g e n G e s e l l ­ s c h a f t per decretum zu verständigen.“ Die „Bürgersöhne“ waren die „ledigen“ Söhne alt-eingesessener „Bürger“, die noch kein Bürgerrecht besaßen. Mit 16 Jahren konnten sie dieser „Gesellschaft“ beitreten. Das Leben in einer Stadt jener Zeit dürfen wir uns nicht romantisch oder begehrens­ wert vorstellen! Man lebte – für unsere heuti­ gen Begriffe – in unhygienischen Verhältnis­ sen dicht aufeinander, auf einem sehr beschränkten, engen Raum, innerhalb der Mauem, deren Tore mit beginnender Dun- 131

kelheit geschlossen wurden. Die Straßen waren noch ungepflastert, bei Regenwetter ,, versumpft“, die Straßenecken nachts spär­ lich durch 17 Öl-Lampen „erleuchtet“, die Gasthäuser mußten früh schließen. Alles war streng reglementiert, genau vorgeschrieben, eigentlich nichts „erlaubt“. Nicht nur Bürgermeister und Ehrsamer Rat erließen solche Vorschriften, sondern auch die Zünfte, zu denen jeder Bürger gehören mußte, führten ein strenges Regi­ ment. Für die Heirat benötigte man z.B. eine Genehmigung vom Ehrsamen Rat, die oft genug verweigert wurde. Man muß aber auch gerechterweise bedenken, daß diese harten Einschränkun­ gen der persönlichen Freiheit zwingend not­ wendig waren, um auf dem engen Raum ein Chaos zu vermeiden und ein einigermaßen geordnetes Zusammenleben in dieser primi­ tiven Umwelt überhaupt zu ermöglichen. Doch lassen wir die Ratsprotokolle spre­ chen, die diese Zeiten und Zustände uns bild­ haft beschreiben. Aus der großen Zahl sol­ cher Anordnungen und Beschlüsse seien nur einige wenige als Beispiele willkürlich heraus­ gegriffen: „ Weilen allerhand Unordnung in der Kirche vorkommt, sonderlich mit den Buben, also sollen die Stadtknecht sol­ ches abstellen und tapfer zuschlagen.“ 1753 „Die jungen Bursch, welche am Palrntag und Osterfest während der Kirchzeit zu kegeln sich unterstanden, sollen im Bei­ sein sämtlicher Schüler getrillt (=verprü­ gelt) werden.“ „Es wird berichtet, daß einige Wirte den jungen Leuten bis in die Nacht, ja oftmals ganze Nächte hindurch Unterschlupf zu geben pflegen, wodurch die Jugend zum Nachteil des gemeinen Wesens und ihres selbigen Unglücks verderbet würde. Der Weinausschank nach 10 Uhr wird bei schwerer Strafe verboten.“ 1756 1696 132 1672 1720 „Mascarade und Mummerey bei Straf verboten.“ 1753 „Künftig soll sich kein Bürger oder junge Bursch nach 10 Uhr auf Straßen, Gassen oder Wirtshaus antreffen lassen.“ „Herrn Steppe l s Witwe, welche Josef Hummel den Metzger heiraten will, bit­ tet um consens. Ist abgeschlagen, weil sie zu alt und der Kerl gar zu jung, dahero eine böse Ehe zu besorgen.“ 1747 Auf ein erneutes Heiratsgesuch nach mehrfacher Ablehnung: „Ist in so lang in das finstere Cabinet erkennt worden, bis ihm die Heiratsge­ danken vergangen sein werden.“ Oder 1749 Auf den Antrag einer Meisterswitwe, sich mit einem Bierknecht von Möhringen zu verheiraten: „Abgelehnt, weilen verschiedene ledige dahiesige Bürgerssöhne vorhanden, mit welchen die Wittib sich zu verheiraten, genugsam Gelegenheit hat.“ Der Freiraum, der der Jugend in jener Zeit für ihren Tatendrang zur Verfügung stand, war sicher sehr gering, Abwechslung gab es nicht! Allerdings hatte der Lehrling oder Geselle aber auch wenig Freizeit, denn der Arbeitstag war lang und ermüdend. So ist es zu verstehen, daß sich die jungen sich Burschen zusammenfanden, um gemeinsam die Zeit zu vertreiben. Wir wissen nicht, welche Möglichkeiten sich ihnen boten. Sie mögen im Wirtshaus zusammen­ gesessen oder gekegelt oder auf Familienfe­ sten, z.B. bei der Hochzeit eines bisherigen Mitgliedes „gefeiert“ haben. In den Ratspro­ tokollen ist nur belegt, daß sie jedes Jahr die Genehmigung zur Fasnachtsveranstaltung, Tanz an drei Tagen im Kornhaus (,,Tanz­ laube“) und Maskerade, sowie zum 1. Mai das Aufstellen von „Mayen“ beantragten:

• Original-Radierung: Villingen, Hans Georg Müller-Hanssen 133

1732 „Bürgers Söhn halten um das jährliche Mayen-Stecken an. Werden 15 Stück mit Wissen des Herrn Baumeisters erlaubt.“ (Manchmal aber auch „wegen Schädi­ gung des Waldes“ abgelehnt.) Die Fasnachtsveranstaltungen hätten die Obrigkeit und Geistlichkeit aber am liebsten immer untersagt. Es war ja das einzige Ventil, durch das der kleine Mann seinem Herzen gegenüber der Obrigkeit anonym, durch das Strählen, verborgen durch die Schemme, Luft machen und seiner Meinung Ausdruck geben konnte. Jeder kannte noch Jeden und kannte seine Schwächen und Fehler und viele Beschlüsse des Ehrsamen Rats entspra­ chen sicher nicht den Wünschen der Jugend. Diese Kritik zu hören, war nicht angenehm und daher unerwünscht. Gründe für Verbote fand man leicht und oft genug: Kriegszeiten, schlechte Ernte und Hungersnot, Todesfall im Kaiserhaus, ein Papst-Jubiäum, ja sogar ein schwerer Hagelschlag oder eine Vieh­ seuche im Jahr zuvor. 1713 „M a s c a r a d e La ufe n hätte man gern auf Ansuchen des Herrn Pfarrer ver­ boten, weilen aber der Herr General (Ein­ quartierung!) solche seinen Soldaten nit inhibieren will, will man, wenn anderst nichts Böses daraus entstehet, dermalen genehmigen.“ 1720 „Weilen Ihre Majestät, die Römische Kayserin Eleonora glückseeligste Stamm­ mutter des allerdurchlauchtigsten Erz­ hauses von Österreich den 19. 1. das Zeit­ liche Christseelig gesegnet, so wird das M a s c a r a d e La ufe n und Spielleute halten nochmals bei Strafe ernst inhibie­ ret und soll die Veranstaltung gemacht werden, den b e k a n n t e n M u t w i l l e n hiesiger junger Bursch zu verhindern.“ 1767 „Die Bürgersöhne, die wider das obrig­ keitliche Verbot bei diesen leidigen Zei­ ten, in welchen der Allerhöchst im abge­ wichenen Sommer über die Stadt mit 134 einem erschröcklichen Hagel heimge­ sucht, verflossene Fasnacht sich dennoch M a s g e n zu Ja u fe n unterfangen, mit­ hin sträflich und ärgerlich aufgeführt, sind verfällt an 14 Werktagen an der öffentlichen Landstraße in eigener Per­ son zu arbeiten oder aber 7 Gulden Strafe zu zahlen.“ 1796 „Den ledigen Bürgersöhnen ist auf bittli­ ches Ansuchen ihrer z w e i H e r r e n V ä t e r die gewöhnliche Fasnachts-Lust­ barkeit jedoch mit dem gestattet worden, daß das nächtliche M a s g e r e n -G e h e n unter schärfster Strafe verboten bleibe und falls sich ein oder ander durch ärger­ liches Aufführen und s o g e n a n n t e s S t r eh I e n betreffen lassen sollte, jede ihnen zukommen mögende Gefährdung an sich selbst haben und keine obrigkeit­ liche Hilfe zu hoffen haben werden.“ Aus den Ratsbeschlüssen kann man leicht herauslesen, daß die Bürgersöhne dem Ehr­ samen Rat manche Sorgen und manchen Ärger bereitet haben: 1695 „Bürgersöhne, welche heut nacht die Scharrwacht (Nachtwächter) mit Stein verfolgt, sollen eingetürmt werden.“ Um solche Auswüchse zu vermeiden, hatte man wohl die beiden V ä t e r d e r B ü r ­ g e r s ö h n e „erfunden“, die ihnen aus den Mitgliedern des Rats vorgesetzt beigegeben wurden, um ihren Übermut zu dämpfen und in „erträgliche“ Bahnen zu lenken. Es besteht aber auch kein Zweifel, daß man offensicht­ lich in der Wahl dieser“ Väter“ sehr umsich­ tig war und für diese sicher nicht leichte Auf­ gabe nur Gemeinderäte auswählte, die das Vertrauen der Bürgersöhne besaßen (- die 1675 diese sogar selbst vorschlugen -) und über Autorität und Verständnis für die Jugend verfügten. Irgend welche Beschwer­ den der Väter über die Jugendlichen sind nie­ mals in den Protokollen vermerkt. Sie erscheinen darin immer nur als ihre „Spre­ cher“.

N arro mit Begleiterin in Alt-Villinger Tracht Alle Teile, die zu einem „Häs“ gehören, sind im Laufe der Jaluhunderte irgendwann einmal genannt, sodaß angenommen wer­ den kann, daß die „Maskerade“ genau dem heutigen „Narro“ entsprach. Hierfür zwei Beispiele: „Daniel Fischer, Posthalter anhier, der auf dem Marktplatz mascieret gewesen und der dem Schwert-Wirts Söhnlein ohne eine Ursach mit dem bei sich gehabten hölzernen Säbel den Arm 1749 entzwei geschlagen, wird bis zu seinem Geständnis in die Gesellenstube erkennt, danach soll rechtens geschehen.“ Er wurde einige Tage später zu emer Strafe von 6 Pfund verurteilt. Und „wird Michel Kayser bestraft, weil er nach Bettläuten in Masceren und S ehe 11 e n über 1/4 Stunde auf der Gasse gewesen.“ (Schellen = Rollen) Aus den zitierten Ratsbeschlüssen, die 1728 135

sich im gleichen Sinne noch beliebig ver­ mehren ließen, können zwei Überlegungen abgeleitet werden: 1. Die „ Villinger Fasnet“ ist gegen alle Widerstände, Ablehnung und Verbote durch die Obrigkeit, sozusagen im Untergrund, durch die „Gesell­ schaft der Bürgersöhne“ überJahr­ hunderte am Leben erhalten und der Gegenwart überliefert worden. 2. Die Gesellschaft der Bürgersöhne war ein reiner Männer-Bund. Der „ Na r ro“ war ihre Fasnet-Tracht. Daraus ist zu erklären, daß es in Villingen nur den traditionellen „ Narr o „, aber keine historische weibliche Fasnet-Gestalt gibt. Die Alt-Villingerin, die heute diese Auf­ gabe übernimmt, ist eine alte Volkstracht, die wohl erst im 19.Jahrhundert, nach Grün­ dung der „Narro-Zunft“ in die Fasnet einbe­ zogen wurde und eine empfundene Lücke geschlossen hat. Es ist allerdings nicht aus­ zuschließen, daß auch schon vorher die Mädchen in ihrer alten Tracht zum Tanzgin­ gen. Belegt ist dies allerdings nicht. Es finden sich in den Ratsprotokollen nur Ermahnun­ gen über ihren Kleider-Luxus: 1683 ,,Weilen ein solcher Übermut in Klei­ dern, vorab bei jungen Leuten sich einge­ schlichen, daß es wider alle Polizeiord­ nung und dem gemeinen Wesen sehr nachteilig und schädlich, also sollen die Schuster, Schneider und Krämer erin­ nert, vornehmlich aber die Bürgerschaft ermahnt werden, ihre Töchter zur Ehr­ barkeit zu verleiten, die Menschen aber zu strafen, welche dergleichen Trachten haben.“ Sie tragen ja auch keine Schemme. Die Zugehörigkeit zur „Gesellschaft der Bürgersöhne“ wurde durch die Aufnahme als „Bürger“ und Verleihung des Bürgerrechts beendet. Dieser Akt erfolgte in feierlicher Form auf dem Rathaus, nach der3jährigen Wanderzeit 136 des jungen Handwerkers und des Nachwei­ ses, daß er eine Familie ernähren kann. Die Bewerber -es waren jährlich 10-20 Bürger­ söhne -mußten ein eigenes Gewehr vorzei­ gen und wurden durch Eid verpflichtet, sich jeder Zeit für die Verteidigung der Stadt ein­ zusetzen. Ferner wurde ihm ein lederner Feuereimer übergeben mit der Verpflich­ tung, sich sofort bei Feuer-Alarm, der durch den Turmwächter durch ein besonderes Glocken-Zeichen ausgelöst wurde, bei dem Feuer-Hauptmann seiner Gemeinde (die Stadt war in drei „Gemeinden“ aufgeteilt) zur Brandbekämpfung zu melden. Es begann der Ernst des Lebens. Dr. Ulrich Rodenwaldt Die Zitate sind mit freundlicher Einwilli­ gung des Herausgebers (Binder-Magnete GmbH.) dem Buch „Das Leben im alten Villingen“, 2. Auflage 1983, entnommen. I Blick von der RieLgasse auf die Benediktinerkirche in Villingen. ..,.. Zeichnung: Helga Rudo!f Asifäller

In Donaueschingen begann die Berufskarriere von Heinrich Hansjakob Der junge Professor und „lateinische Schul­ meister“ Heinrich Hansjakob Lehrer bald anfreundete und an manchem der kommenden Sommerabende im lauschi­ gen Gärtchen des Bücherwurms beim ange­ regtem geistigen Gespräch ein kühles Bier trank. Im damals „alten, verwahrlosten Gymna­ siumsgebäude“ in Donaueschingen erwar­ tete den Lehramtspraktikanten Hansjakob zunächst eine Unterrichtsverpflichtung von 26 Stunden. Dazu kam noch die Auflage, an Sonn-und Feiertagen für die Gymnasiasten einen Gottesdienst mit Predigt zu halten. Trotzdem blieb ihm noch genügend freie Zeit, wie er später niederschrieb: ,, Täglich, wenn die Schule zu Ende war, ging ich jeweils 137 Als lateinischer Schulmeister auf der Baar Als der Haslacher Theologiestudent Heinrich Hansjakob am 6. August 1863 in St. Peter im Schwarzwald die Priesterweihe empfangen hatte und wenige Tage darauf in seiner Heimat seine Primiz feierte, ging er nicht, wie man allgemein annehmen sollte, in den seelsorgerischen Dienst. Nein, er hatte seit Jahren an der Freiburger Universität noch andere Studienfächer belegt, ,,um dereinst badischer Schulmeister zu werden“. Nach dem bestandenen Staatsexamen hielt Hansjakob in seinem heimatlichen Has­ lach die mit Datum vom 7. Januar 1864 vom Karlsruher Oberschulrat ausgestellte Anstel­ lungsurkunde in Händen. Gleichzeitig wurde ihm mitgeteilt, daß er den Schuldienst als Lehramtspraktikant droben auf der Baar am Gymnasium der fürstenbergischen Resi­ denzstadt Donaueschingen anzutreten habe. Allerdings zog der tatendurstige Haslacher erst Wochen später, gegen Ende März, viel­ leicht auch mit Rücksicht auf den österlichen Schuljahrsbeginn, auf seine neue Stelle. In seiner Begleitung befand sich seine Schwester Philippine, die ihm von nun an bis an sein Lebensende als treusorgende, ver­ ständnisvolle Haushälterin zur Seite stehen sollte. Draußen vor den Toren des Städt­ chens, in Allmendshofen, mietete er im Hause des fürstlichen Registrators Hauser im zweiten Stock eine Wohnung mit drei Zim­ mern und Küche für jährlich 100 Gulden an. Der Hausherr war „ein lieber, stiller Herr, der mit seiner greisen Frau und einer älteren Tochter, die Putzmacherei trieb, den unteren Stock bewohnte … Meine Mutter sandte mir vom Kinzigtal herauf Gemüse, Fleisch und Wein, so daß ich mit meinen übrigen 500 Gulden wohl auskam“, läßt uns Hansjakob noch heute wissen. In seiner nächsten Nach­ barschaft wohnte der fürstliche Bibliothekar Karl August Barack, mit dem sich der junge

entweder auf die Bibliothek oder in das Archiv, um zu lernen. Damals war ich noch nicht so nervös … studierte noch täglich zwei Stunden auf den fürstlichen literarischen Schatzkammern und sah trotzdem … den Himmel voller Baßgeigen.“ Im Herzen des jungen Lehrers ent­ flammte nämlich an der Quelle der ungeheu­ ren Archivschätze des Fürsten die Liebe zur Geschichtsforschung. Angeregt wurde dieser Eifer durch die immer tiefer werdende Bekannschaft Hansjakobs mit dem fürstli­ chen Bibliothekar Barack, aber noch viel mehr mit dem Leiter des Fürstlich Fürsten­ bergischen Archivs, Karl Heinrich Freiherr von Schreckenstein. Dieser anerkannte Historiker stand dem Archiv in den Jahren 1863 bis 1868 vor, um dann anschließend das Karlsruher Generallandesarchiv zu überneh­ men. Dieser Freiherr von Schreckenstein wurde letztlich zum Lehrmeister des ange­ henden Schriftstellers Hansjakob. Deshalb darf ohne Zweifel festgestellt werden, daß in der fürstenbergischen Residenz das verbor­ gene Talent des später so bekannten Schwarzwälder Volksschriftstellers, sein mei­ sterhafter Umgang mit der Feder, entdeckt, geweckt und gefördert wurde. Hansjakob blieb seinem Lehr- oder gar Zuchtmeister bis an dessen Lebensende in Dankbarkeit ver­ bunden, was zahlreiche Briefe bekunden. Doch lassen wir kurz das Wort dem einstigen Kooperator und engsten Vertrauten Hans­ jakobs, Dr. Anton Trunz, wenn er da schreibt: „Es ist für den Kenner Hansjakobscher Eigenart ein überraschendes Erlebnis, ihn aus diesen Briefen als gelehrigen Schüler zu sehen, begierig nach Anerkennung, gehor­ sam der Mahnung, willig auch beim Tadel des Mannes, von dem er oft und noch im letzten Lebensjahr versicherte, daß dieser es in erster Linie war, der ihn auf den Weg gestellt hat, auf dem er zum berühmten Manne wurde.“ Und an anderer Stelle: ,,Hansjakob wäre bedeutender geworden, wenn dieser Lehrer länger in seiner tüchtigen und vornehmen Denkart ihm zur Seite In diesem Haus, der nachmaligen Bäckerei Schell befand sich das alte Donaueschinger Gym­ nasium, in dem Hansjakob unterrichtete. Heute präsentiert sich das einstige Donaueschin­ ger Gymnasium, das spätere„Schell’sche Haus� als ein prächtiges Bauwerk mit seinem typischen Baaremer Stuftngiebel. 138

gegangen wäre. Mir sind eigentlich nur die Bücher bis zur Jugendzeit‘ interessant, da ist noch klare, saubere, von innerer Überzeugt­ heit getragene Arbeit. Später kam dann der Plauderer, der sich zum Modeschriftsteller verbildete.“ Die beiden Historiker von Schreckenstein und Barack reizten den Ehrgeiz des for­ schungsbegeisterten Schulmannes noch wei­ ter an, indem sie ihn anregten, den „Doktor zu machen“. Hansjakob biß an und stellte seine Dissertation unter das Thema: ,,Die Grafen von Freiburg im Kampfe mit ihrer Stadt bis zum Tode Graf Eginos III.“ Mit Feuereifer ging er nun an seine Doktorarbeit, und es war nicht verwunderlich, daß der angehende Historiker nach der Schule öfters und lange im Archiv oder in der Bibliothek zu finden war, wo ihm der Bibliothekssekre­ tär und spätere Kanzleirat Schelble „unge­ zählte Bücher“ herbeischaffte. Doch neben der Schule und seinen in­ tensiven historischen Arbeiten ging der junge Professor der heiteren Muse nicht aus dem Wege, liebte er doch von seinem ursprünglichen Naturell die Geselligkeit. Nur zu gerne traf er sich zum Feierabend im „Museum“, ein schönes, einsam am Eingang zum Schloßgarten gelegenes, von den Für­ sten von Fürstenberg für Vergnügungs­ zwecke erbautes Gebäude, wo „sich die vie­ len fürstlichen mit den badischen Beamten zum Biertrinken, Cego spielen, zu Konzer­ ten und Bällen“ trafen, woran sich später Hansjakob noch gerne erinnerte. Dort traf er auch noch mit der „einzigen Berühmtheit“, dem bereits pensionierten fürstlichen Hof­ kapellmeister Kalliwoda zusammen, das ihn später zu der kritischen Äußerung ver­ anlaßte: ,,Früher, besonders in den zwanziger und dreißiger Jahren, hielten die kleinen Für­ stenhöfe sehr viel auf eine gute Hofkapelle; heute sind Sport und besonders Rennställe bei diesen Herren beliebter.“ (Von den Donaueschinger Musiktagen konnte Hans­ jakob natürlich noch nichts wissen!) ,,Ich erinnere mich noch wohl, wie der Maestro Kalliwoda jeden Abend ängstlich schaute Während seines Donaueschinger Aufenthaltes war der spätere Volksschriftsteller ständiger Gast im F. F. Archiv (im Vordergrund) und in der danebenstehenden F. F. Hofbibliothek. Für das Buch „ Verlassene Wege“ fertigte der bekannte Schwarzwaldmaler Gurt Liebich diese Zeichnung von einer der bekanntesten Ansichten der Schloßkirche von der Brigach her an. • 139

jakob zog aber auch oft nach Hüfingen, um „im dortigen Schloßgarten“ sein Bier zu trin­ ken. Obwohl sich der Kinzigtäler in Donau­ eschingen sehr wohlfühlte, bekam ihm das rauhe Klima der Baar nicht sonderlich. Hart­ näckig quälte ihn ein Halsleiden, das ihn besonders in der Ausübung des täglichen Schuldienstes sehr hinderte. In den Sommer­ ferien 1864 suchte deshalb der geplagte Leh­ rer das Kiefernnadelbad in Wolfach im Kin­ zigtal auf, wo er durch die dortigen Inhala­ tionseinrichtungen Linderung und Heilung erhoffte – allerdings ohne greifbaren Erfolg. Deshalb rieten ihm seine nächsten Freunde, die Hochebene zu verlassen und einen gün­ stigeren Wirkungsort aufzusuchen. Sofort zielte Hansjakob nach Freiburg. Trotz dem Wohlwollen seines persönlichen Freundes, des Konviktdirektors und späteren Weihbi­ schofs Kübel, Mitglied des Ordinariats, blie­ ben vorerst die Tore der Breisgaumetropole für ihn verschlossen. Um so mehr widmete sich Hansjakob, nach Donaueschingen zurückgekehrt, der Fertigstellung seiner Dissertation, denn all­ zugerne wäre er doch an seiner von ihm nun energisch angestrebten neuen Stelle als „Doktor“ Heinrich Hansjakob aufgetreten. Zunächst wollte er an der Freiburger Univer­ sität promovieren, dann aber wandte er sich aus zeitlichen Gründen an die Tübinger Hochschule. Dort wurde seine Arbeit ange­ nommen und er am 15. März 1865 von der philosophischen Fakultät zum Doktor pro­ moviert, während er das Karlsruher Ministe­ rium weiterhin um eine baldmöglichste Ver­ setzung aus gesundheitlichen Gründen ersuchte. Der Donaueschinger Lehramtspraktikant brauchte indes nicht mehr lange warten. Bereits mit dem Datum vom 4. April 1865 wurde ihm der großherzogliche Erlaß eröff­ net, wonach ihm die Stelle des Vorstandes der Höheren Bürgerschule von Waldshut provisorisch übertragen worden sei. Die Osterferien verbrachte der neu ernannte Waldshuter Schulvorstand noch in seiner 1 ‚ Nach und nach wurde aus dem Lehrer und Pfar­ rer Hansjakob der bedeutendste Volksschriftsteller des Schwarzwaldes, der durch seinen Schlapphut leicht zu erkennen war und sich in dieser Darstel­ lung bis zum heutigen Tag in die Erinnerung der Leserschaft verankert hat. und zählte“, erfahren wir weiter, „ob nicht dreizehn Mann am langen Tisch säßen. Sobald dies eintrat, verließ er schleunigst sei­ nen Platz, um den Folgen der Unglückszahl zu entgehen.“ Jedesmal, wenn dann der Schulmeister – und es mochte noch so spät sein – nach Hause eilte, rief ihm sein Nachbar, ein Mes­ serschmied, vertrauensselig zu: „Herr Profes­ sor, Sie sind gewiß wieder zu einem Kranken gerufen worden. Ein geistlicher Herr hat eben Tag und Nacht keine Ruhe.“ Auch wenn ihm der Spätheimkehrer jedesmal erklärte, er „sei bei Gesunden gewesen, glaubte er es nicht, und am nächsten Abend tat er wieder den gleichen Spruch.“ Hans- 140

Nach Jahrzehnten unternahm Hansjakob 1900 mit seinem Landauer eine Fahrt durch die Baar, um nach langer Zeit mit Donaueschingen und der Hochebene ein kurzes Wiedersehen zu feiern. Vaterstadt Haslach, dann aber hieß es zu bündeln, die Wohnung von Allmendshofen an den Hochrhein zu verlegen, die fürstliche Residenzstadt auf der Baar zu verlassen. Seine Freunde allerdings sahen ihn trotz allem Verständnis für die notwendigen gesundheitlichen Belange nur ungern schei­ den, dies mögen folgende Worte des väterli­ chen Freiherrn von Schreckenstein unter Beweis stellen: „Daß ich Sie sehr vermisse, dürfen Sie mir ohne weitere Beteuerung glau­ ben. Sentimental sind wir nicht … aber die Abreise eines lieben und werten Freundes ist mir mitnichten gleichgültig, sondern bildet einen Abschnitt in meinem inneren Leben. Leute gibt es hier ziemlich viele, aber Men­ schen … “ Auf seiner Kutschenfahrt durch die Baar suchte der Stadtpfarrer von St. Martin auch seinen ein­ sll’gen Zeichenlehrer und verdienstvollen Schrift­ steller Lucian Reich in Hüfingen (Zeichnung von Liebich) auf 141

Ein Wiedersehen nach Jahrzehnten Unaufhaltsam lief die Zeit weiter. Am 18. April 1865 nahm Hansjakob am Hochrhein seinen Dienst au( Spätere Zwistigkeiten mit seiner obersten Schulbehörde veranlaßten den „Grobschmied von Hasle“ kurzerhand den Schuldienst zu quittieren, um sich noch mehr dem politischen Tagesgeschehen mit spitzer Zunge und Feder zu widmen. Zwei­ mal ließ er sich mit hoher Stimmenzahl in den badischen Landtag wählen und wan­ derte wegen seinem unerschrockenen öffent­ lichen Auftreten für Volk und Freiheit auch zweimal hinter schwedische Gardinen. Da sein Rock, wie er vor dem Karlsruher Ober­ schulrat im November 1863 vor dem Staats­ examen bekundete, lange genug sein wird, um ihm gegebenenfalls Arbeit und Brot zu geben, übernahm Hansjakob 1869 clie seel­ sorgerliche Betreuung der Pfarrei Hagnau am Bodensee. Etwa 15 Jahre später wurde dem Gründer der ersten badischen Winzergenos­ senschaft die Pfarrei St. Martin in Freiburg übertragen. Aus dem Historiker, dem Verfas­ ser zahlreicher geschichtlicher Abhandlun­ gen, war aber inzwischen schon längst der vielbeachtete Volksschriftsteller geworden, der als reisefreudiger Stadtpfarrer auch viele Fahrten weit über die Grenzen Deutschlands unternahm. Davon geben auch heute noch seine geschätzten und interessanten zehn Reiseerinnerungen in Buchform ein beredtes Zeugnis. Man schreibt das Jahr 1900. Hansjakob steht kurz vor seinem 63. Geburtstag und sin­ niert vor sich hin: ,,Seit Jahren unfähig, auch nur eine halbe Stunde weit zu gehen, fand ich, daß größere und längere Ausfahrten, wie ich sie im Kinzigtal oft machte, jeweils sehr gut auf meinen Schlaf und auf meine Stim­ mung wirkten. Es kam mir drum . . . der Gedanke, einmal im offenen Wagen eine län­ gere Luftkur zu machen und in alter Art durchs Land zu fahren . . . “ Auf Empfehlung des Rottenburger Domkapitulars Eisenbarth will Hansjakob das Kloster Untermarchtal an der Donau aufsuchen, das er über den Schwarzwald, die Baar, den Hegau und Linz- 142 gau mit seinem von zwei Pferdestärken getriebenen Landauer erreichen möchte. In seinem Buch „Verlassene Wege“ kann die Reise des Pfarrherrn von St. Martin nachvoll­ zogen werden. Über Furtwangen, Wolterdingen erreicht der Reisende Hubertshofen, den Rand der Baar, und beginnt zu schwärmen: ,,Von lang­ gestreckten Tannenwäldern umrahmt, liegt es so malerisch, so weltfern und friedlich auf einer Berghalde, daß es der lieblichsten Orte einer ist, die ich je gesehen.“ Im nahen Bräun­ lingen läuft sein Herz über: ,,Ich habe noch wenige kleine Landstädte gesehen, die mir so gut gefallen haben wie Bräunlingen.“ Vor allem gefallen ihm die vielen spätgotischen Häuser und: Jeder Bürger ist Bauer, hat Fel­ der und Vieh und vor seinem Haus noch als Wahrzeichen der Landwirtschaft und als Symbol aller echten Kultur den Misthaufen . . . Zwar sollen die Amtmänner von Donau­ eschingen längst Krieg führen gegen die so stolz plazierten Düngerhaufen … “ Am fol­ genden Tag ist der Hüfinger Pfarrer Rauber sein Gastgeber, ,,da ich die Wirtshäuser, so gut es geht, meiden muß, weil ich in ihrer Unruhe nicht schlafe“, so die Erklärung Hansjakobs für seine Vorliebe, in Pfarrhäu­ sern zu übernachten. Noch am gleichen Tag-es ist der 20.Juni 1900-sucht Hansjakob über Allmendshofen Donaueschingen auf, das er „seit drei Jahr­ zehnten nicht mehr betreten hatte.“ Mit Wehmut muß er feststellen: ,,Die Häuser waren geblieben, die Menschen sind fort in eine andere Welt.“ Zum Mittagessen kehrt der Freiburger Stadtpfarrer im „Schützen“ ein und hält fest: ,,Der heutige Schützenwirt Buri, dessen Vater ich noch wohl kannte, hat den alten ,Schützen‘ zu einem Hotel ersten Ranges umgestaltet und Donaueschingen zu einem Kurort gemacht.“ In Begleitung des Schützenwirts unter­ nimmt der Gast einen Rundgang, der ihn zuerst zum damals neu restaurierten Schloß führt. Wiederum meldet sich der Hansja­ kobsche Kritikaster zu Wort, wenn er ent­ täuscht meint, die Residenz sei nicht viel

Auf seiner Weiterfahrt von der Baar in den Hegau besuchte Hansjakob auch noch Blumberg, wo er den Kindern Kirschen eines Hüjinger Obsthändlers spendierte. schöner „als ein Hotel ersten Ranges in einem internationalen Kurort.“ Ja, er hält mit seiner Meinung nicht hinter dem Berge und konstatiert: ,, Wenn ich Fürst von Fürsten­ berg wäre, würde ich die Burg meiner Ahnen auf dem Fürstenberg drüben wieder auf­ bauen, dort residieren und im Hinabschauen auf Baar und Schwarzwald, auf Hegau und Schwäbische Alb fünf gerade sein und Welt und Menschen ihren Gang gehen lassen.“ Das nächste Ziel ist die fürstliche Biblio­ thek, wo er wenigstens noch einen Bekann­ ten aus früherer Zeit trifft, den ergrauten Kanzleirat Schelble. Schwermut senkt sich über den gealterten Pfarrdichter: ,,Heute komme ich im Spätherbst des Lebens an die klassische Stätte, und alles ist mir fremd, so fremd wie mein Jugendglück und die Heiter­ keit und Weltliebe jener Tage.“ Und der Kul­ tur- und Fortschrittspessimist grübelt weiter, als er zunächst mit Genugtuung sieht, daß das einst unansehnliche Gymnasiumsge­ bäude einer „schmucken, freundlichen Bäk­ kerei und Mehlhandlung gewichen ist“, die „für das Glück der Menschheit jedenfalls wichtiger ist, als eine höhere Bildungsanstalt; denn mit der wachsenden Bildung ziehen die Zweifel und die Unzufriedenheit in uns Menschen ein und wir wollen glücklich wer­ den und Rätsel lösen, die unlösbar sind durch die Wissenschaft.“ Von tiefer Wehmut über die Flüchtigkeit 143

des Lebens bewegt, läßt sich Hansjakob wie­ der nach Hüfingen zurückkutschieren, nimmt den dortigen Pfarrer zu einer abend­ lichen Fahrt nach Mundelfingen mit. Am anderen Morgen stattet der Reisende in Hüfingen noch seinem ehemaligen Rastatter Zeichenlehrer, dem „Maler und Volksschriftsteller Lucian Reich … , in dessen Zügen sich Bitterkeit und Biederkeit die Waage halten“ einen Besuch ab. Obwohl der frühere Rastatter Student „ein schlechter Musikant im Zeichen“ war, brachte er dem Dreiundachtzigjährigen immer noch Ach­ tung und Bewunderung entgegen und erwähnt dann voll Anteilnahme: ,,Wie hat Lucian Reich sein ganzes Leben hindurch nur für die Ideale gelebt! Wie hat er in seinen Büchern geschwärmt für Fürst und Vater­ land, für Volk und Volkstum, für Wahrheit und Recht! Und heute treffe ich ihn in einem armseligen, einsamen Stüblein mit einem Gnadengehalt von 71 Mark und 50 Pfen­ nig.“ Wenige Monate nach diesem Besuch starb Lucian Reich. Hansjakob sorgte dafür, daß die jetzt mittellose Tochter des Künstlers eine Pension erhielt. Der Autor dieser Zeilen, dessen Vorfahren mütterlicherseits aus Neu­ dingen stammen, glaubt, daß er in den ersten Nachkriegsjahren dieser Frau als hochbe­ tagte Greisin im fürstlichen Spital in Hüfin­ gen begegnet sei. Nach seinem Besuch bei Lucian Reich rüstet sich der reiselustige Herr aus Freiburg zur Weiterfahrt über den Randen in den Hegau. Lassen wir Hansjakob nochmals zu Wort kommen: ,,Beim Dörfchen Behla auf der Höhe angelangt, lasse ich halten und nehme noch einen langen Abschiedsblick von der schönen Baar. Sie lag, wenn auch nicht sonnenbeglänzt, doch so stattlich und so bescheiden vornehm vor meinem Auge, daß ich mir sagte: Fürwahr, wenn ich kein Schwarzwälder wäre, möchte ich aus der Baar sein.“ Kurt Klein den. Sollten diese Gedanken keinen Nieder­ schlag in den Archivalien gefunden haben? Wenn die Suche nach den Spuren des gei­ stigen Umbruches und der Auseinanderset­ zung mit dem revolutionären Gedankengut sich einem Orte wie Riedöschingen zuwen­ det, so geschieht dies nicht ohne Grund. Während Truppendurchmärsche, Zerstö­ rung und Not manches Dorf unseres Rau­ mes schwer mitnahmen, blieb in all den bewegten Jahren der Ort von Kriegsunheil und Entbehrungen verschont. Dies erschien bereits den damaligen Bewohnern als ein sol­ ches Wunder, daß sie nach 1796 ein Votivbild stifteten. Noch heute hängt dieses Glaubens­ zeugnis, das das von französischen Truppen umgangene Dorf unter der schützenden Hand des Heiligen Xaver zeigt, unweit des Einganges in der St-Martins-Kirche. Riedöschingen zur Zeit der Französischen Revolution 1789-1989: zweihundert Jahre sind seit der Französischen Revolution vergangen. Im nach­ folgenden Beitrag untersucht der Kreisarchivar des Landkreises am Beispiel Riedöschingen den Einfluß der Französischen Revolution auf unse­ ren Raum. Die für das südliche Kreisgebiet vorhan­ denen zahlreichen ortsgeschichtlichen Ab­ handlungen widmen vor allem den militäri­ schen Ereignissen der Revolutionsjahre 1789-1796 einen breiten Raum. Dies ist nicht zuletzt durch die Aktenlage bedingt, da in den noch vorhandenen Quellen überwie­ gend Angaben zu den Kriegsereignissen und deren Kosten zu finden sind. Doch müßten sich eigentlich auch Hinweise auf die revolu­ tionären, staatsgefährdenden Ideen finden lassen, die in den Waffengängen der Koali­ tionskriege ja verbreitet oder bekämpft wur- 144

Im Vergleich zu benachbarten Orten bot Riedöschingen demnach günstigere Voraus­ setzungen zur Aufnahme des revolutionären Gedankengutes. Die tägliche Anspannung und ständige Sorge um Existenz und Nah­ rung waren hier nicht so groß, als daß sie eine Auseinandersetzung mit den Ereignissen und Ideen der Revolution hätten völlig ver­ drängen können. Wenn auch am Ende von einer Riedöschinger Revolution nicht die Rede sein kann, so lassen doch manche der nachfolgend aufgeführten Fakten vermuten, daß zumindest eine Art „revolutionärer Unruhe“ im Sinne einer Auseinandersetzung mit den einschneidendsten Ereignissen und Ideen der Revolution die Bewohner ergriffen haben könnte. Wer nach den Wegen sucht, auf denen die Geschehnisse und Gedanken der Revolution in den Ort gelangt sein könnten, stößt zunächst einmal auf Zeitungsartikel, Pam­ phlete und Flugblätter, kurzum auf das gedruckte Wort. Doch um Zugang zu den schriftlich verbreiteten Nachrichten und Kommentaren zu erhalten, bedurfte es der Kenntnis des Lesens. Die Frage nach Mög­ lichkeit und Stärke der Auseinandersetzung mit dem revolutionären Gedankengut führt daher fast von selbst zur Frage nach den schulischen Grundkenntnissen und dem Bil­ dungsstand. Gerade hier schnitt Riedöschin­ gen hervorragend ab. Ignaz Lindau, Orts­ pfarrer, Schulvisitator im Amtsbezirk Blum­ berg und Dekan, war während all der Jahre des Lobes voll. Der seit 1773 als Volksschul­ lehrer und Meßner tätige Anton Keller lehrte mit viel pädagogischem Geschick. Die Schü­ ler besaßen überdurchschnittliche Kennt­ nisse im Rechnen, Lesen(!) und Schreiben. Das Angebot an die nicht mehr schulpflich­ tigen Kinder, auch nach dem 12. Lebensjahr eine Stunde Unterricht am Tag zu besuchen, wurde von vielen dankbar angenommen. Dies steigerte die Lesefähigkeit in einem Maße, daß der Großteil der Schüler „in dem Drucke nicht allein die vorgeschriebenen Bücher, sondern die Zeitungen, Wochen­ blatt und andere Piecen fertig“ 1 l lesen konn- ten. Auch in den Folgejahren galt die Volks­ schule stets als eine der besten des Amtsbe­ zirks. Damit war theoretisch dem ganzen Dorf der gedruckte Meinungs- und Ideen­ streit der Zeit zugänglich, wenn auch in der Praxis nur das Donaueschinger Wochenblatt und einige Zeitungen des Umlandes sowie später die im Ort von den französischen Truppen angeschlagenen Proklamationen den Lesekundigen vor Augen gekommen sein dürften. Lindaus Hinweis auf die Lektüre von „Pie­ cen“ deutet zudem darauf hin, daß im Dorf einzelne im Besitz von Büchern gewesen sein müssen. Könnte da nicht das eine oder andere „aufklärerische“ Werk darunter gewe­ sen sein? Man geht sicher nicht fehl, wenn man Ende dem ganzen Dorf einen wenn auch beschränkten Zugang zu dem sich mit der auseinandersetzenden Schrifttum zuspricht, denn auch die weni­ gen, vor allem älteren Nichtleser fanden stets in ihren Familien lesekundige Jüngere, die ihnen vorlesen konnten. Revolution Stärker noch als die Lektüre wirkten Er­ eignisse, die durch ihre Eindringlichkeit vor allem die Sinne, und damit ebenfalls das Gespräch der Einwohner auf die Revolution hinlenkten. So waren es einmal die Toten­ feiern für den Ende Januar 1793 hingerichte­ ten König Ludwig XVI., die durch ihre düstere Großartigkeit die Einwohner beein­ druckten. Trauerflor, Trauerhymnen, Seelen­ messen im ganzen Land gaben dem Tod eine Nähe, die man sonst nur beim Ableben des Landesherrn oder des Kaisers kannte. Der gerade zu diesem Zeitpunkt in der Region anwesende Befehlshaber des gegen die Revo­ lutionäre kämpfenden französischen Emi­ grantenheeres, Conde, war an der Gestaltung der Gedächtnisfeier wesentlich beteiligt. Am 29. Januar 1793 ließ er im Gotteshaus St. Georgen (Benediktinerkirche) in Villingen und tags darauf im dortigen Münster die Exe­ quien halten. Er selbst wandte sich am Ende der Messe in einer Traueransprache an die versammelte Gemeinde. Der Text der Rede wurde einige Tage später in dem auch in 145

Kirche St. Martin Riedöschingen: Der heilige Franz Xaver rettet das Doif vor französischen Truppen (Votivgemälde nach 1796) Riedöschingen gelesenen Donaueschinger Wochenblatt veröffentlicht.2l Eines jedoch hatten die Befürworter der Monarchie wohl nicht bedacht: durch ihren laut ausgedrückten Schrecken um den hin­ gerichteten König lenkten sie zwangsläufig das Gespräch auf den Fortbestand der Für­ stenherrschaft. Selbst verfälscht oder aus der Sicht der Monarchisten kommentiert konn­ ten den Bewohnern die Anklagen des Natio- 146 nalkonventes vor der Verurteilung nicht ganz verborgen bleiben. Ein weiterer Anstoß zur Auseinanderset­ zung kam in Riedöschingen nicht zuletzt aus der Sonntagspredigt.Die Kirche trat nämlich in der öffentlichen Verurteilung dieser Tat ohne Zögern an die Seite der staatlichen Autorität, sah sie sich doch von der Säkulari­ sierung und der Zivilkonstitution des Klerus in Frankreich bedroht. Was Wunder, daß

daher auch die Diözese Konstanz in den Meinungs-und Glaubenskampf eingriff. Am 2.April 1793 hatte Pfarrer Lindau während der Messe einen Hirtenbrief zu verlesen, der den Einwohnern ein zehnstündiges Gebet (mit Unterbrechungen) für das günstige Ende des anstehenden Waffenganges zwi­ schen dem Römisch-deutschen Reich und Frankreich befahl. Täglich nach dem mittäglichen Geläute mußte die große Glocke Zeichen zu einem weiteren Gebet geben, und gleich seinen Amtskollegen erhielt der Riedöschinger Geistliche die bischöfliche Anweisung, eine den Umstän­ den entsprechende Predigt zu halten.3l Allein diese wäre ohne eine wenn auch noch so ungenaue Kenntnis der zugrundeliegen­ den religiösen und politischen Konfronta­ tion nicht verstanden worden. Es ist zudem unwahrscheinlich, daß nach dem Kirchgang über eine solche Predigt und die in ihr ange­ sprochenen Ideen nicht eine Debatte auf­ gekommen wäre. Dazu war die allgemeine Erregung zu groß und die Umstände zu ungewöhnlich, selbst wenn direkte Hinweise darauf fehlen. Die von Kirche und Herrschaft erzeugte Abscheu gegen die „blutgierigen Revolutio­ näre“ mag sich im Lauf der Monate abge­ schwächt haben. Doch als nach Beginn des Revolutionskrieges das französische Heer sich der Reichsgrenze im Westen näherte, wurde sicher auch die alte Furcht wach. Die noch mit unerklärlichen Zeichen und Sym­ bolen Lebenden mögen daher die mehr als 50 Kanonenschüsse, die am 16. September 1793 auf den Höhen rund um Riedöschingen zu hören waren, als Vorboten kommenden Unheils empfunden haben. Wie sich in den darauf folgenden Tagen herausstellte, han­ delte es sich um die Beschießung von Alt­ breisach. Daß der Kampflärm über eine Ent­ fernung von rund 80 km Luftlinie getragen worden war, kann die Furcht der Bewohner vor dem zunächst Unerklärlichen nur noch erhöht und ein gewisses Unbehagen vor der Revolution und ihren Ideen gefördert haben. In direkten Kontakt mit der Revolution und ihren Gedanken kam das Dorf erst, als nach dem Vorstoß des französischen Heeres nach Osten ein kleines Detachement im Oktober 1796 kurzfristig den Ort besetzte. Freiheitsparolen wurden deklamiert und an den in den Dorfetter führenden Straßen Stöcke mit der Aufschrift „Cercle de Souabe“, d. h. „Schwäbischer Kreis“, auf­ gestellt. Durch das Ausstocken und die Ver­ kündigung des revolutionären Wortes war der dörfliche Bereich nun für wenige Tage eindeutig als territorialer und geistiger Raum von der Revolution vereinnahmt worden. Betrachtet man die Jahre1789 bis 1798 in der Gesamtschau, so boten im Grunde nur diese wenigen Tage im Oktober 1796 wirklich gün­ stige Voraussetzungen für eine Auseinander­ setzung mit den Ideen der Revolution. Riedöschingen war nun gewissermaßen „Hoheitsgebiet“ der Französischen Republik geworden und damit besonders aufnahmefä­ hig für die Parolen der Revolution. Wenn man für die „Riedöschiner Revolu­ tionszeit“ einen provisorischen Schlußpunkt angeben wollte, an dem der Absolutismus sich in dramatischer Inszenierung erneut des Raumes (und der Köpfe) bemächtigte, so böte sich hierfür der 13. Mai 1797 an. Auf dem brachliegenden „Mühlösch“ gegen Kommingen verurteilte an jenem Tag das im Dorf liegende österreichische Militärkom­ mando zwei Fahnenflüchtige. Während einer von ihnen erschossen wurde, mußte der andere Spießrutenlaufen. Für liberale Gedanken oder gar umstürzlerische Reden und Handlungen war nun für lange Zeit kein Platz mehr. Erst während der revolutionären Phase 1848/1849 lassen sich Anknüpfungs­ punkte an die Jahre von 1789 bis 1797 erken­ nen. Wie die zuvor erwähnten Ereignisse mit dem Militär zeigen, hieß Ruhe vor kriegeri­ schen Auseinandersetzungen keineswegs Befreiung von Einquartierung. Es stellt sich damit aber auch die Frage, inwieweit die anwesenden Truppen Einfluß auf die Gei­ steshaltung der Einwohner nehmen konn­ ten. Keiner der beiden in der Nähe operieren-147

den Armeen oder der in geringer Zahl im Ort untergebrachten Soldaten, weder der Reichstruppen noch der Revolutionsarmee, scheint es schließlich gelungen zu sein, die Dorfbewohner eindeutig für ihre Seite einzu­ nehmen. Beide Lager waren dafür durch klei­ nere Vorfälle und den ihnen vorauseilenden Ruf zu belastet. Während eines Aufenthaltes österreichischer Reitersoldaten im Juli 1795 war es nämlich im Schutze der Dunkelheit zu einer Mißhandlung des Nachtwächters gekommen, und auch die im Amt Blumberg umherstreifenden Angehörigen von Condes Emigrantenheer waren gerade keine würdi­ gen Vertreter des Ancien Regime. Gegen einen Erfolg der Revolutionstruppen im Werben für die Ideen der Revolution spricht die durch eine langjährige Schreckenspropa­ ganda und die bekanntgewordenen Exzesse der Revolution entstandene Abneigung der Einwohner. Wie groß die Furcht – vor allem unter den bevorrechtigten Ständen – war, erhellt unter anderem daraus, daß Pfarrer Lindau, kaum daß die französischen Ver­ bände ihren Vormarsch begonnen hatten, bereits am 6. Juli alle Meßgewänder und wertvolleren Sakralobjekte aus der Kirche unter dem Boden einer Taglöhnerhütte ver­ graben ließ und mit den eigenen Möbeln nach Rheinau (in das Benediktinerkloster?) flüchtete. Einem solchen angstvollen Miß­ trauen konnte die zu kurzfristige Besetzung des Ortes dann kaum entgegenwirken. Somit gelang es am Ende beiden Seiten nicht, während ihres Aufenthaltes im Dorfe „Werbung“ für die von ihnen vertretenen politi chen Ideen zu machen. In der Frage nach dem Beitrag des Militärs für oder gegen die Französische Revolution muß demnach von einer Neutralisierung ausgegangen wer­ den, da positive und negative Faktoren der beiden Lager sich in ihrer Wirkung gegensei­ tig aufhoben. Anstöße zur Aufnahme revolutionärer Gedanken könnten aber von einer als unge­ recht empfundenen finanziellen Belastung ausgegangen sein. Dem Amt Blumberg wurde im August 1796 nach der französi- 148 sehen Besetzung des Verwaltungsbezirks eine Kontributionsforderung auferlegt. Als die herangezogenen Gemeinden erfuhren, daß Landesherren, Geistliche und Beamte vom Tribut ausgenommen waren, kam es zur Verweigerung der Abgabe durch die Unterta­ nen.4l Bedeutungsvoll in diesem Zusam­ menhang sind die einzigen und bezüglich revolutionärer Umtriebe bekannt geworde­ nen „amtlichen“ Äußerungen aus der Feder des Blumberger Obervogtes. Der Hinweis im Mahnschreiben auf jene „übel belehrten oder irregeführten Unterthanen“, für die man Mittel finden werde „den Respect gegen die gesätze, gegen den Landesherrn und gegen die obrigkeit zu behaupten, ohne welche alle gesellschaftlichen (sie!) Bande sich auflößen, die Ordnung aufhöret, und das Recht der Stärke anfangt“, weist auf bedrohlich emp­ fundene Vorkommnisse5l, die zu lokalisie­ ren bis heute nicht möglich war. Unabhängig vom Fehlen konkreter Hin­ weise kann aus der obervogtlichen Formulie­ rung geschlossen werden, daß im Amte Blumberg der Protest sich aus einer bewußt­ seinsmäßig diffusen Aneignung revolutionä­ rer Forderungen speist, in die auch Ried­ öschingen miteinbezogen werden muß. Einiges spricht dafür, daß diese Widerstands­ haltung, die sich ganz allgemein an den pla­ kativen Gleichheitsbegriff der revolutionä­ ren Trias „Freiheit, Gleichheit, Brüderlich­ keit“ anlehnt, in eine Revolutionsdynamik der Kleinregion eingebunden ist und dorther Kraftzuwachs erhält. Zu erwähnen wären hier vor allem die für den Nachbarort Kom­ mingen nachgewiesenen politisch motivier­ ten Zehntunruhen und Abgabeverweigerun­ gen. Seit 1795 enthielt man dem dortigen Geistlichen den Kleinzehnt. Der Grund für diese von Zehntherren selbst so bezeichnete „politische Entziehung“ lag dabei, wie er zu wissen glaubte, in einer im Vorjahr unter dem Thema „gebet dem Kaiser was des Kaisers ist“ (!) gehaltenen Predigt.6l Die Verweigerung des Kirchenzehnten wiederum stand im Rahmen einer seit 1789 andauernden Unruhe in der Grafschaft Ten-

gen. Die vom Merkantilismus inspirierte Verpflichtung zur Dienstleistungsnahme im eigenen Territorium provozierte bis 1804 fortdauernde Revolten gegen den „Mühlen­ zwang“. Die Einwohner „widersetzten sich den Anordnungen“ und es kam zu „tumul­ tuarischen“ Auftritten.7l Alles in allem, es gibt viele „ Verdachtsmo­ mente“ für revolutionäres Denken in Ried­ öschingen. Nirgends jedoch verdichten sich die vielen kleinen Hinweise zu jenem Kon­ glomerat, das man als eine Diskussion um revolutionäre Ideen oder als eine auf den gei­ stigen Anstößen der Revolution beruhende Auseinandersetzung mit dem Staat fassen könnte. Dr. Joachim Sturm Literatur: 1 l FF-Archiv Donaueschingen, F Deutsches Schulwe­ sen, Fasz. V, Riedöschingen, Schulvisitation 1790 2) Donaueschinger Wochenblätter vom 30. 01.1793 und 20.02.1793 3) Diese und die folgenden Angaben: Pfarrarchiv Ried­ öschingen, Chronik des Pfarrers lgnaz Lindau 4) Dazu Martin Münzer, Die Geschichte des Dorfes Hondingen, Stadt Blumberg, 1979, S. 38 f. 5) Ebd., S. 40. M. Münzer vermerkt durchaus richtig,daß aus dem .auffallend langen Schreiben … die Angst vor dem revolutionären Zeitgeist spricht.“ 6) Schreiben des Pfarrers Leibe an das Domkapitel Kon­ stanz, 7. August 1797, GLA Karlsruhe, Spez. Tengen/ 14, zit. nach: Gottfried Sauter, Kommingen auf dem Randen,1973,S.336 7l Ebd., S. 245 1816 – Ein Hungerjahr und seine Folgen Hungersnöte hat es bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen immer wieder in der Geschichte gegeben. Was der Krieg nicht verheerte, das besorgten Hagel, Stürme und verregnete Sommer. Meist blieb das Unheil auf eine Region beschränkt, anders dagegen in den Jahren 1816 und 1817, als die ganze Nordhalbkugel der Erde betroffen war. Am 26. April 1817 erscheinen auf dem Bezirksamt in Villingen vier junge Männer und erklären, es sei ihre Absicht, nach Ame­ rika auszuwandern. Die jungen Burschen, es sind Johann Baptist Weißer, Gottfried Moser und die Brüder Lorenz und Lukas Weißer aus Unterkirnach, werden vom Amtmann belehrt und auf die Gefahren und rechtli­ chen Folgen eines solch schwerwiegenden Schrittes aufmerksam gemacht. Doch sie las­ sen sich trotz des drohenden Verlustes ihres Heimatrechts von ihrem Vorhaben nicht abbringen und bitten um Ausreiseerlaubnis. (Tatsächlich erhielt später nur Joh. B. Weißer als ältester die Auswanderungserlaubnis, da die übrigen drei noch minderjährig waren.) Vier Tage später erscheint auch der ver­ mögenslose Tagelöhner Alois Weißer aus Unterkirnach vor dem Bezirksamt und erbit­ tet, obwohl er auf die „mit der Reiße verbun­ denen Beschwerlich- und Lebensgefahrlich­ keiten“ hingewiesen wird, ebenfalls den Aus­ wanderungskonsens für sich, seine Ehefrau und seine fünf Kinder, von denen das älteste gerade 11 Jahre alt ist. Schließlich sucht am 10. Mai 1817 Jakob Weißer aus Unterkirnach für seine Tochter Johanna, die tags darauf20 Jahre alt wird, um Auswanderungserlaubnis nach, da sie mit Verwandten nach Amerika fahren könne. Was brachte diese Menschen dazu, ihre Heimat aufzugeben und die weite Reise nach dem unbekannten Amerika auf sich zu neh­ men? Die Antwort ist in den Aufzeichnun­ gen des Gemeindepfarrers von Unterkimach zu finden: „1816 war für viele Gegenden und namentlich für diese ein großes Mißjahr, das im Grund und oberen Thal durch Hagel­ schlag noch vergrößert wurde. Im oberen Stockwald konnten die Früchte gar nicht ein­ geheimst werden wegen des frühen Einwin­ terns. Der Sommer war durchgehend naß und kalt, sodaß die Sonn- und Feiertage mei­ stens Heu- und Aemdttage waren. Darum entbehrten die meisten Nahrungsmittel aller 149

Kraft, was im Frühjahr 1817 unter den Armen fürchterliche Theurung und schreckliche Not verursachte. Nur aus dem badischen Lande wollten gegen 40.000 Menschen nach Amerika auswandern. Sie kommen bis Amsterdam – und getäuscht – kehrten sie noch ärmer in ihr armes, hungerndes Vater­ land zurück! Die Noth war allgemein, die Theurung schrecklich!“ „In den nahen ,Schwabendörfern‘ Biesin­ gen, Baldingen, Dauchingen, Deißlingen“ – so weiter in den Aufzeichnungen in Unter­ kirnach – ,,aß man Pferdefleisch, wenn es auch dem Abdecker gehörte. In Villingen kostete am 14. Brachmonat Ouni) ein Sester Kernen 8 Gulden (fl.) 6-20 Kreuzer (kr.), Haber 2 fl. 20-36 kr., Gersten 4-5 fl. Das Pfund Rindfleisch 15 Kreuzer. Die Maas Bier 14 Kreuzer, Wein von der schlechtesten Sorte 56 kr. bis 1 fl., Brod das Pfund 18-20 kr. Ein Sester Erdäpfel kostete 1 fl. 20-30 kr., 5 Eier 8 Kreuzer. Das Pfund Butter 30 Kreuzer. Dürrer Speck das Pfund 1 Gulden. Manche aus der hiesigen Gemeinde, um nicht Hun­ gers zu sterben, aßen gekochte Brennesseln und andere Grasarten.“ Der Vergleich von Rindfleisch (15 kr./ Pfund) mit Brot (18-20 kr./Pfund) und Kar­ toffeln (1 fl. 20-30 kr./Sester) macht deutlich, wie „billig“ Rindfleisch vergleichsweise war, weil es an Futter für das Vieh fehlte. (60 kr. � 1 fl.) Eindringlich auch ein Bericht aus Villin­ gen: ,,. . . Alle Tage in diesem Jahre regnete es. … Den 20. Oktober hat es zu schneien ange­ fangen. Am 26. November stritten sich die Kinder in Michel Maiers, des Bäckers, Haus um das Essen der Erdäpfelhäute. So groß war die Not. In diesem Jahr hat es sehr viel Haber und eine Menge Erdäpfel gegeben, und um Weihnachten nahm man noch Erdäpfel aus. Im Oktober hat man alle Tage für die armen Leute Geld gesammelt . . . Die kleinen Kinder sind unwert geworden. In diesem Jahr haben die Leute fast all ihr Brot in ihren Stubenöfen gebacken. Es gab auch sehr viel Mäuse, welche einen großen Vorrat an Früchten in ihre Löcher geschleift haben. Viele arme 150 Leute gruben diese Frucht heraus, allein es gab kein Brot davon. 1817: Der Anfang dieses Jahres ist noch schlechter als der Ausgang des vorigen. Im April kostete das Sester Kernen 5 Gulden 30 Kreuzer, Gerste 4 Gulden 14 Kreuzer, und man hat fast keine Frucht mehr zum Ansäen bekommen. Erdäpfel hat man fast gar keine mehr gehabt. Auch hat man den Armen Erdäpfelaugen zum Stupfen gegeben. Man sah oft untertags Leute, welche die Erdäpfel, die beim Waschen im Bache verloren gingen, mit Schaumlöffeln auffingen und zur Nah­ rung wieder benutzten. Es entschlossen sich sehr viele Leute, nach Amerika auszuwan­ dern; viele sind wirklich fortgezogen.“ Diese Schilderungen lassen an Deutlich­ keit nichts zu wünschen übrig. Das Ausmaß des Elends wird auch in einem Artikel des Großherzoglichen Anzeigenblattes ersicht­ lich, das als Mittel gegen die Hungersnot das Rezept eines „Nahrungsmittels für Arme“, bestehend aus Graswurzeln, isländischem Moos und Knabenkraut, verbreitete. Er zeigt aber auch, wie hilflos der Staat reagierte. Wen wundert es daher, daß in der „Beschreibung des Großherzogtums Baden“ von 1836 das Jahr 1816 als „gänzliches Fehljahr“ verzeich­ net ist? Die Pflanzen waren im allgemeinen zwei bis vier Wochen hinter ihrer durch­ schnittlichen Blüte- und Erntezeit zurück, wenn sie überhaupt reif wurden. Doch bereits seit dem ungewöhnlich hei­ ßen Sommer im Jahre 1811 waren die folgen­ den auffallend kühl, deshalb traten in einer Reihe von Jahren große Ernteverluste ein. Als dann das katastrophale Jahr 1816 das bestehende Unglück noch vergrößerte, war es nur verständlich, wenn manch einer beschloß, aller Unsicherheit zum Trotz eine bessere Zukunft in der Neuen Welt zu suchen, obwohl schon damals bekannt war, daß die Hungersnot auch Amerika erfaßt hatte. Die Ursache dieser eigentümlichen Witte­ rungsverhältnisse schrieb das Volk damals einem merkwürdigen, großen Kometen zu, der im Jahre 1811 erschienen war. Auf Son-

nenflecken oder das Vordringen arktischen Eises im Nordatlantik führten zeitgenös­ sische Naturforscher sie zurück. Doch erst 1983 fanden Wissenschaftler die wirkliche Ursache dieser weltweiten kli­ matischen Katastrophe. Die unheilvolle Kette der Ereignisse begann 1815 mit einem gewaltigen Vulkanausbruch in Indonesien, bei dem der Tambora-Vulkan riesige Asche­ massen in die Atmosphäre schleuderte. Die­ ser Ausbruch, der 12.000 Menschenleben for­ derte, war ungleich gewaltiger als die bekannte Eruption des Krakatau im Jahre 1883. Noch in einem Umkreis bis zu 1600 km Entfernung war das Beben der Erde zu spü­ ren und das Donnern der Eruptionen zu hören. Aschewolken verdunkelten den Him­ mel, und Ascheregen bedeckte die Erde. Der Tarnbora wurde damals um fast 1300 Meter niedriger und warf insgesamt etwa 150 Kubikkilometer Asche aus. So viel Asche ist nach Meinung der Klimatologen zwischen 1600 und heute bei keinem anderen Vulkan­ ausbruch in die Atmosphäre gelangt. Sie trieb jahrelang in der oberen Stratosphäre und schirmte das einfallende Sonnenlicht merklich ab, mit der Folge, daß die Tempera­ turen auf der Nordhalbkugel zurückgingen. In Neuengland (Nordost-Staaten der USA, geographische Breite wie Norditalien) gab es vernichtende Frosteinbrüche am 6. Juni, 9. Juli, 21. und zuletzt 30. August 1816, kurz bevor die dritte Ansaat in diesem Jahr ernte­ reif war. Da kaum die halbe Maisernte eingebracht werden konnte, waren auch in Amerika soziale Veränderungen die Folge. Getrei­ deexporte nach Europa und Kanada trieben die Mehlpreise in die Höhe und vergrößer­ ten die Not. Wer früher daran gedacht hatte, von der Ostküste in den Westen, das noch unerschlossene Land der Indianer abzuwan­ dern, der entschloß sich jetzt, es auch zu tun. Dieser Zug nach Westen bereitete das Land für die Millionen Auswanderer, die in den folgenden Jahrzehnten Europa verließen. Klaus Maiwald Bregbrücke Zindelstein Zeichnung: Helmut Groß 151

Zur Entwicklung der Kreisgrenzen Der badisch-schweizerische Grenzvertrag vom 1. 3. 1839 Am 1. 3. 1989 waren es 150 Jahre her, daß zwi­ schen dem Kanton Schaffhausen und dem Groß­ herzogtum Baden ein Grenzberichtigungsvertrag abgeschlossen wurde. Mit dem Vertrag vom 1. 3. 1839 wurden aus dem Gebiet des heutigen Schwarzwald-Baar-Kreises auch die Gemeinde­ .flächen der heutigen Stad/teile Epfenhefen und Nordhalden von Blumberg vergrößert. In Erin­ nerung an den damaligen Verlragfand am 17. 5. 1989 eine kleine „Gedenkfahrt“ statl, bei der aiif schweizerischer Seile u. a. Regierungsrat Hans­ jörg Kunz und Prof. Dr. Walter Ulrich Guyan und auf deutscher Seite u. a. Landrat Dr. Rainer Gutknecht und Bürgermeister Werner Gerber (Blumberg) teilnahmen. Der Kreisarchivar des chwarzwald-Baar-Krei­ ses Dr. Joachim Sturm, untersucht im nach.fol­ genden Beitrag den Grenzberichtigungsvertrag vom 1. 3. 1839. Grenzverträge, welche die Zeiten der Weltkriege überdauert haben, sind in deut­ schen Breiten eher die Ausnahme. Es war daher ein Zeichen langjähriger guter Nach­ barschaft, wenn am 17. Mai 1989 das 150jäh­ rige Jubiläum eines zwischen dem Großher­ zogtum Baden und der Eidgenossenschaft ausgehandelten Grenzvertrages begangen wurde. Die am l. März 1839 geschlossene Übereinkunft besiegelte eine der bedeutend­ sten Bereinigungen des heute deutsch­ schweizerischen Grenzverlaufes zwischen Basel und Konstanz. Auch das Gebiet des Kantons Schaffhausen und de heutigen Schwarzwald-Baar-Kreises blieben davon nicht unberührt. Was da Kreisgebiet betrifft, so waren es vor allem die seit 1971 zu Blumberg gehören­ den südlichen Gemeinden Epfenhofen und Nordhalden, wel he von der bis heute gülti­ gen Festlegung der jeweiligen Hoheitsgebiete Karte des Kantons chajfhausen 1825 mit Einzeichnung der strittigen Gemarkung zwischen Nordhal­ den und (Ober-)Bargen. Vorlage und Aufnahme: GLA Karlsruhe 48/2482. /Jf,,’/1 r. t, V’r’O, . ·-„·wr�lltito•,tl.t• ….. ,.,. ./,,.4″………,,..,,…_,_.,,, 1112,J 152

berührt wurden. Bei Nordhalden ging es dabei nicht nur um kleinere Korrekturen in der Nachbarschaft des eidgenössischen Ortes Bargen mit dem dazugehörigen Weiler Oberbargen. Vor allem die Grenzziehung mit Bannbereinigung in dem als „Kompro­ mißbann“ oder „Streitbann“ bezeichneten Gebiet im Bereich „Buchener Stumpen­ Ebersbrunnen“ in einer Größe von etwa 166 Hektar zog einen Schlußstrich unter einen jahrhundertelangen Markungsstreit. Gemäß Artikel 15 des Vertrages und in Anlehnung an einen vorhergegangenen Vergleich zwischen Nordhalden und Oberbargener Bauern 1828 wurde das Gebiet auf einer Linie „Mark am Bäumle – Steinerner Brunnen“ geteilt. Was nördlich davon lag, kam zu Nordhalden, der südliche Teil an Oberbargen. Am Ende brachte das Abkommen Nordhalden einen Gemarkungszuwachs von rund 25 % . Auch Epfenhofen war von der Grenzbereinigung betroffen, da dessen Gemarkung im Bereich Neuhaus an das besagte Gebiet anstieß und im Dorf selbst Schaffhausen Gerechtsame geltend machte, die nun abgelöst wurden. Der 20 Artikel umfassende und am 29. März 1839 von der Eidgenossenschaft ratifi­ zierte Vertrag, dessen dem Großherzogtum Baden überreichte Ausfertigung heute im Generallandesarchiv Karlsruhe liegt, be­ stimmte den Grenzverlauf nur in grundsätz­ licher Hinsicht und verwies die detaillierte Festlegung und Gebietsbereinigung an eine gemeinsame Grenzkommission, die auch mit der Vermessung und Kartierung der Grenze beauftragt wurde. Bereits 1831 mit dem Hause Fürstenberg getroffenen Verein­ barungen wurden bestätigt. Das Abkommen selbst entsprang keines­ wegs einem kurzfristig fühlbar gewordenen Bedürfnis, sondern einem längerfristigen Prozeß, bei dem mehrere Zeitumstände zusammenwirkten, die 1839 schließlich zur Lösung führten. Verwurzelt ist diese unter anderem auf mathematische Präzision und Eindeutigkeit bedachte Vornahme der Grenz- und Ge­ bietsbereinigung von 1839 zunächst in der Tradition einer auf Staatsverwaltung und Staatsorganisation bezogenen Aufklärung. Weniger dem Konzept der rationalen Ver­ waltung des Spätabsolutismus denn der nach 1800 erwachten Idee des „zähringischen Nationalstaates“ verpflichtet, zeigt die terri­ toriale Neugliederung im südlichen Groß­ herzogtum eine allgemeine Tendenz zur Verwissenschaftlichung zwischenstaatlicher Verhältnisse, zur mathematisch genauen Abgrenzung des hoheitlichen Raumes mit­ tels Vermessung und kartographischer Auf­ nahme. In der in Artikel 6 des Vertrages auf einen ersten Blick leicht zu überlesenden Formulierung, wonach bei der Kartenerstel­ lung „1 Fuß= 3 decimetres“ zu gelten haben, vollzieht sich einmal mehr die Herausbil­ dung des badischen Staates in der Tradition einer Aufklärung mit der ihr charakteristi­ schen „Wendung zum Klaren, Bewußten, Verständigen“! l. Dabei ist es nicht die Tat­ sache der angeordneten Landesvermessung und des zu erstellenden Kartenwerks, die auf den Einzug des modernen Geistes in der Bestimmung des Hoheitsraumes hinweist. Genauere kartographische Aufnahmen des Grenzgebietes sind seit dem 17.Jahrhundert, Landvermessungen hoher Genauigkeit seit Ende des 18. Jahrhunderts nachgewiesen.2l Die bis 1839 erstellten Pläne jedoch atmen, wenn zuletzt auch nur in Einzelzügen, die Plastizität und Bildlichkeit der territorialen Kartographie barocken Zuschnitts, wie sie auch auf einer trigonometrischen Landesver­ messung fußen, die noch mit alten nicht­ metrischen Maßeinheiten arbeitet. Hier liegt denn auch das Bemerkenswerte jenes sechsten Artikels des Vertrages von 1839: durch die eindeutige Bestimmung des Fußes mit 30 Zentimetern im badisch­ schweizerischen Abkommen wird der Über­ gang vom mittelalterlichen zum metrischen System im zwischenstaatlichen Raum und im Bezug auf das heutige Kreisgebiet deut­ lich. Das Vertragspapier ist Zeichen für die Befreiung der „Raumgröße aus der Subjekti­ vität sinnlicher Qualität“3l auf einem weite­ ren Gebiet staatlicher Kompetenz. Begon- 153

war mit der älteren Banngrenze einzelner Orte nicht identisch. Zehnt-, Weide-, Behol­ zungs- und andere Nutzungsrechte standen bald einer badischen, bald einer schweizeri- chen Gemeinde zu. Diese noch 1839 nicht deckungsgleichen dorfgenossenschaftlichen und herrschaftlichen Rechte in Verbindung mit teilweise nicht abgelösten Grundlasten von Institutionen jenseits des eigenen Staats­ und Hoheitsgebietes im südlichen Kreisge­ biet war eine Erblast mittelalterlicher Rechts­ verhältnisse. Die Überlagerung und das Nebeneinander einzelner Abgaben und Dienste (Frohnden, Zehnten aller Art) an weltliche und geistliche Herren in Verbin­ dung mit der von Schaffhausen in Epfenho­ fen beanspruchten Niedergerichtsbarkeit war daher keine Besonderheit der von der späteren Grenzbereinigung berührten Orte. Auch die von benachbarten Dorfgenossen­ schaften getroffenen Vereinbarungen über gemeinsame Nutzung von Weide und Wald­ bezirken finden sich seit jeher in anderen Gegenden Badens und der Schweiz. Aus­ einandersetzungen um die territoriale, quan­ titative und qualitative Abgrenzung der Ansprüche waren stets die treuen Begleiter dieser komplexen Struktur im Rahmen eines territorial zersplitterten Heiligen Römischen Reiches. Die üblichen lokalen Streitigkeiten führten zum Beispiel im Bereich Nordhal­ den-Bargen ab dem 15. Jahrhundert zu einer größeren Zahl von Verständigungen, Proto­ kollen und Übereinkünften, die in nahezu generationsweisem Abstand erneuert werden mußten. Die gemeinsamen Begehungen strittiger Gebietsteile zwischen Vertretern des Stadtstaates und späteren Kantons Schaffhausen und der Herrschaft Blumen­ feld schufen einen prekären Frieden, der immer wieder durch vermeintliche und tat­ sächliche Übergriffe der Bewohner des Gebietes zwischen Epfenhofen, Nordhalden und Bargen gestört wurde. Die im Spätabsolutismus begonnene und danach bis 1848 nahezu vollbrachte fiska­ lische Vereinheitlichung fand sich mit diesen Gegebenheiten nicht mehr ab. Eine Auf- Der „Buchener Stumpen“. Die über 500 Jahre alte Eiche war einst Ruhepunkt neben dem Grenz­ stein, der die Gemarkungsgrenzen von (Ober-) Bargen, Epfinhofen, Kommingen und Nordhal­ den schied. nen hatte dieser Prozeß in der Vermählung des metrischen Längenmaßes mit dem bis dahin uneinheitlichen Fußmaß im Gesetz vom 10. 11. 1810 und weiter in der Vollzugs­ Verordnung vom 28. 8.1828. War die erstma­ lige Einführung des metrischen Systems überhaupt ein Ereignis im Zuge der französi­ schen Revolution, so kommt der Aufnahme einer das moderne Längenmaß betreffenden Bestimmung im Grenzvertrag von 1839 ähn­ liche Bedeutung in der Herausbildung eines homogenen Hoheitsgebietes als Teil des badischen Staatsprofiles zu. Mit Artikel 6 des Grenzvertrages vollzog der badische Staat einen weiteren Schritt territorialer „Aufklä­ rung“. Die endgültige Abkehr vom mittelal­ terlichen „Fußes“ geschah letztlich erst im Zuge der Reichsgesetzgebung nach 1884. Eng verwoben mit der Tendenz zur schär­ feren Definition des Staatsraumes bzw. der Staatsgrenzen war die Bereinigung auch anderer, weiterer Rechte, die im Grenzraum jenseits des jeweils eigenen Hoheitsgebiete lagen oder es überschritten. Die Staatsgrenze, wie sie sich bis 1810 zwischen Baden und dem Kanton Schaffhausen herausgebildet hatte, 154

rechterhaltung alter Dienste und Abgaben gelegentlich der Festlegung der Staatsgren­ zen wäre jener Tendenz zuwidergelaufen, die mit dem Gesetz vom 5.10.1820 die Ablösung der Herrenfronen und mit dem Gesetz vom 15.11. 1833 die Zehntablösung bewirkt hatte. Der Streit 1810-1815 um die sogenannten Schweizer „Epaven“ im (ehemals) Nellen­ burgischen, d. h. den von Württemberg an Baden gegebenen säkularisierten Gütern Schweizer Klöster4l und deren verlangte Rückgabe war dann ebenso ein starker Anreiz zur Verknüpfung der Grenzziehung mit Rechtsbereinigung wie auch auf Schwei­ zer Seite die Trennung des Vermögens der Stadt Schaffhausen von dem gleichnamigen Kanton nach der Kantonalsverfassung vom 4. Juli 1831 eine Rolle gespielt haben könnte. Endgültig gelang die Bereinigung jedoch auch 183 9 nicht. Wenn in den Artikeln 11 und 12 Schaffhausen gegen eine Aversalsumme von 8000 Gulden auf alle Ansprüche in Epfenhofen verzichtete, welche der Kanton aus „früher daselbst ausgeübten Gerechtsa­ men ableiten zu können glaubte“, blieben andererseits bei neuangepaßten Weiderech­ ten im „Compromißbezirk“ Nordhalden alte, die Staatsgrenzen überschreitende Beholzungsrechte und Waldnutzungen un­ angetastet. Dennoch bleibt die Vereinbarung auf gegenseitigen Rechtsverzicht eine durchgrei­ fende Maßnahme einheitlicher Gestaltung des badischen Landes im Verwaltungs-, Fis­ kal-und Justizwesen, wie sie schon in der Effizienz bedachten Sehweise des Spätabso­ lutismus sichtbar wird. Was der aufgeklärte Absolutismus angelegt hatte, kam nun in Vollendung: die konstitutionelle Monarchie ging konsequent an die Beseitigung öffent­ lichrechtlicher Ansprüche in fremder Hand wie an die Aufhebung von Abgaben, die nicht dem Staate zuflossen. Von 1802 bis 1839 begleitet deshalb eine Kette von Einzel­ vereinbarungen mit der Schweiz die Reform des badischen Staates, vor allem in Bezug auf die Zehntrechte. Der Vertrag von 1839 setzt hier einen Abschluß, als er nach der Klärung und Ablösung von Einzelrechten nun auch den hoheitsrechtlichen Raum so genau wie möglich zu bestimmen sucht. In diesem Sinne ist er ein wesentlicher Beitrag zur Ver­ waltungs-und Staatsreform Badens wie der Aufklärung im Staate. Ein weiterer Anstoß zur Grenzbereini­ gung kam nicht zuletzt von dem am 12. Mai 1835 gefaßte Beschluß Badens, dem Deut­ schen Zollverein beizutreten. Im Hinblick auf die Organisation eines länderübergrei­ fenden Zollgebietes konnten nur bei genauer Kenntnis des Grenzverlaufs geforderte Zoll­ stationen eingerichtet und neue grenzbeglei­ tende Verkehrswege zum Transport der Der nördlichste Grenzstein der Schwei.z am Platz des vorhergehenden „Gatter-“ oder „Schwarzen Steins“. 155

Waren und der Förderung des Außenhan­ dels angelegt werden. Die Sorge Schaffhau­ sens wegen des sinkenden Handelsvolumens mit dem Großherzogtum im grenznahen Raum und der aufkommenden Schmuggel nach Baden verschärften die Gegensätze. Sie gaben den bisher weniger beachteten Grenz­ unstimmigkeiten und Rechtsansprüchen nun eine Dimension, die auch von Schaff­ hauser Seite die Aufnahme von Verhandlun­ gen wünschenswert erscheinen ließ, zumal der Streit Anlaß zur Ausweitung bot. Beide Regierungen liefen Gefahr, daß ihre ungelö­ sten Grenzprobleme auf die Ebene eines Streites zwischen Deutschem Bund und der Eidgenossenschaft gehoben würden. Wenn das Großherzogtum und der Kanton nach wenigen Monaten der Vorbereitung bereits 1839 zu einer Übereinkunft gelangten, so kann man darin auch den uneingestandenen Wunsch beider Länder erblicken, einem zur gleichen Zeit verschärften politischen Gegensatz auf Bundesebene durch kompro­ mißbereites Entgegenkommen in Grenzpro­ blemen, mit denen man zuvor Jahrhunderte ohne allzu großen Streit gelebt hatte, keinen Anlaß zur Eskalation zu bieten. Vor allem seit 1838 waren die Beziehun­ gen stärker belastet. Die fühlbar gewordenen Auswirkungen der Zollvereinsbestimmun­ gen mit ihrem Ziel einer Nationalwirtschaft auf den Handel mit dem Kanton Schaffhau- sen und die Verärgerung Badens über das politische Asyl badischer Liberaler im südli­ chen Nachbarland litten zusätzlich durch den gestörten Handel zwischen der Schweiz und den süddeutschen Ländern. Dazu kam das Mißtrauen des Deutschen Bundes gegen die Eidgenossenschaft wegen der Aufnahme der von den Polizeiorganen Metternichs ver­ folgten „Aufwiegler“. Daß der Kanton Schaffhausen und Baden dann in weniger als einem Jahr zu einer Über­ einkunft gelangten, zeugt von einer beiden Teilen zuzusprechenden Fähigkeit zu guter Nachbarschaft und „friedlicher Koexistenz“. Im kritischen Moment fanden die Vertrags­ partner trotz allen Druckes einen für beide Länder annehmbaren Ausgleich. Dafür ist der bis heute nie in Frage gestellte Grenzver­ lauf der beste Beweis. Dr. Joachim Sturm 11 Ernst Troeltsch, Aufklärung in: Franklin Kopitzsch, in Aufklärung, Absolutismus und Bürgertum Deutschland, 1976, S. 255 21 Einen Überblicküberdie Karthographic im südlichen Kreisgebiet bei: Ruthard Oehme, Geschi hte der Kar­ tographie des deutschen Südwestens, 1961, S. 83 f., eine aufschlußreiche Studie zur Entwicklung der Längen­ messung und topographischen Definition: Frank Göttmann, Wie maß man früher die Länge des Weges? in: Beiträge zur Landeskunde (Beilage zum Staatsanzeiger Baden-Württemberg) !/Februar 1988, S. 1-8 31 Ernst Troeltsch, a. a. 0., 41 GLA Karlsruhe 48/5911 . 253 Hexenprozeß tarnt Justizmord Die Hinrichtung des Mathias Tinctorius in Hüfingen im Jahre 1632 1874 veröffentlichte der für tenbergische Archivrat Wilhelm Franck in der in Freiburg erschienenen „Zeitschrift der Gesellschaft für Beförderung der Geschichts-, Alterthums­ und Volkskunde“ seine Studien über den Hexenprozeß gegen Mathias Tinctorius im Jahre 1631. Tinctorius, der der Mode seiner Zeit entsprechend seinen Namen Färber latinisiert hatte, war in Hüfingen fürsten­ bergischer Registrator, Obervogteiverweser und Notar, da heißt, er war zugleich Archi­ var, hoher Verwaltungsbeamter und Richter, seine Unterschrift hatte auf Urkunden un­ bedingte Beweiskraft, private Urkunden mußten von ihm geschrieben und auf jeden Fall beglaubigt werden. Mathias Färber, alias Tinctoriu , war also ein sehr mächtiger Mann im Städtchen, dem jedoch Mitbürger so feindlich gesinnt waren, daß er und seine Frau 1631 verhaftet wurden, die Frau noch im 156

selben Jahr als Hexe verbrannt wurde und er im Mai 1632 das gleiche Schicksal erlitt. Wilhelm Franck nannte seinen Aufsatz ein ,,Sittenbild aus den 1630erJahren“, das trau­ rig illustriert werde „durch die damals zu Hüfingen herrschende sittliche Verkommen­ heit und maßlose Stupidität“. Dies ist ein hartes Wort, Hexenverfol­ gungen waren keineswegs eine Spezialität gewissenloser Hüfinger: Zu der Zeit war der Hexenglaube, vor allem durch jahrhunderte­ lange Propaganda der katholischen Kirche und später auch der protestantischen Kir­ chenführer so im Denken der Menschen verankert, daß es nichts Ungewöhnliches war, wenn „Hexen“ für Unglück und schein­ bar Unerklärliches verantwortlich gemacht wurden. Dieses „Sündenbock-Denken“ be­ wirkte, daß bis spät ins 18. Jahrhundert in Europa zehntausende Frauen und auch einige Männer von verhetzten Fanatikern verbrannt wurden. Die Zeit, um die es hier geht, war zudem eine besondere – die Be­ völkerung hatte auch auf der Baar im Zuge des Dreißigjährigen Krieges unter Hungers­ nöten, Pestepidemien und den Greueltaten feindlicher Heere furchtbar zu leiden. Wun­ dergläubigkeit jeder Art ist zu allen Krisen­ und Umbruchszeiten besonders stark, so auch damals. Dazu kommt, daß die Men­ schen gelernt hatten, daß es ziemlich einfach war, jemanden wegen Hexerei zu verleum­ den, daß ein Entrinnen vor dem Scheiter­ haufen fast unmöglich war. Die Praxis der Hexenprozesse war so, daß das Geständnis auf der Folter erpreßt wurde und die immer gleichen Fragen der Richter bei allen Hexen­ prozessen und die erfolterten monotonen Antworten ein so übereinstimmendes Bild gaben, daß jeder wußte, was Hexen angeb­ lich taten und wie man sie denunzieren konnte: Hexen standen mit dem Teufel im Bunde und waren ihm, der auch die Gestalt einer Frau annehmen konnte, sexuell hörig. Gott und den Heiligen hatten sie abgeschwo­ ren, und der Teufel stiftete sie dazu an, Mensch und Tier zu schädigen. Dazu verlieh er ihnen zauberische Fähigkeiten, ließ sie auf Besen reiten und traf sich mit ihnen auf einem Berg zu wilden Orgien. Mathias Tinctorius war 1631 schon ein bejahrter Mann, er stammte aus Kitzingen, seine Frau J acobäa aus Zell am Harmersbach. Tinctorius war Protestant, trat aber, als er am kaiserlichen Hof eine Stelle übernahm, zum katholischen Glauben über. 1614 kam er auf dem Rückweg einer Pilgerreise nach St.Jago di Campostella, die er unternommen hatte, weil Mißgeschick und Krankheit das Ehepaar schwer getroffen hatten, durch die Baar. Man bot ihm an, die Schule von Aasen zu leiten; bis 1618 war er im Winter Lehrer, und arbei­ tete den Rest des Jahres auf dem Rentamt in Donaueschingen und als Registrator und Landgerichtsschreiber für die Grafen von Fürstenberg. Von 1622 an wohnten Tinctorius und seine Frau in Hüfingen, seine Titel waren jetzt Registrator, Obervogteiverweser und Notar. Vratislaus I. von Fürstenberg aus der Möhringer Nebenlinie des Adelsgeschlechts war sein besonderer Gönner, er verlieh ihm 1628 einen Wappenbrief und erhob Tinc­ torius damit „in den Stand und Grad der Wappengenossen“. Als Jurist und Archivar hatte sich Tinctorius also schon bald für die Fürstenberger unentbehrlich gemacht, er bezog ein beträchtliches Gehalt und genoß einige Privilegien. Wie konnte es also dazu kommen, eine solche, relativ hochstehende Persönlichkeit zu stürzen? Aus den Aufzeichnungen Tinctorius‘ und in weiteren Akten fand Wilhelm Franck fol­ gende Gründe: Als Auswärtiger hätte Tinc­ torius zunächst die dem Baaremer „angebo­ rene Mißgunst gegen Fremde gegen sich“ gehabt, außerdem hätte er „persönliche und örtliche Interessen in Menge verletzt“. So hielt man ihn an mehreren Orten verant­ wortlich für die Erhöhung der Gülten, das sind die regelmäßigen Abgaben, die Erb­ lehensbauern an ihren Grundherrn zahlen mußten und die normalerweise jahrzehnte­ lang gleich hoch blieben. Beim Scharfrichter Hans von Donaueschingen machte er sich unbeliebt, weil er ihm seine Zeche in Hüfin- 157

Hexenverbrennung, Holzschnitt 16. j ahrhundert. 158

gen beschnitt; dem Hüfinger Steuereintrei­ ber Ribola sah er so auf die Finger, daß der auf seinen Neben verdienst“ aus eigenmäch­ “ tigen Pfändungen verzichten mußte. Dazu kamen noch Streitigkeiten mit einer Geisinger und Hüfinger Familie. “ Am 5.Juni 1631 war der aufgestaute Haß gegen Tinctorius soweit gediehen, daß seine Feinde gleich mit einem massiven Angriff die Kampagne gegen ihn beginnen konnten: An jenem Tag traf sich die Regierung der Landgrafschaft Baar in Hüfingen, und gleich­ zeitig tagte mit Schultheiß und Rat das Stadtgericht, als ein gewisser Hans Franz, Welsch-Hans“ nannte, in einem den man Tobsuchtsanfall im Hemd auf die Straße rannte und nur mit Mühe überwältigt werden konnte. Die Frau des Kranken setzte sogleich das Gerücht in die Welt, der Notar Tinc­ torius und seine Frau hätten ihren Mann mit einem Trunk vergiftet. Fast wäre das Ehepaar Tinctorius von den aufgebrachten Hüfingem gelyncht worden, da besannen sich die und brachten die Sache vor den versammelten Rat: Die Notarin habe dem Welsch-Hans den vergifteten Trunk gereicht, damit ein Gefangener, den der Hans zu be­ wachen gehabt hätte, entfliehen konnte. V.an den Hüfingem werde sie sowieso für eine „Zauberin“ gehalten und Scharfrichter Hans habe sie schon oft als Hexe bezeichnet. Hüfingen habe einen schlechten Ruf, weil die Justiz nicht recht durchgreife, es sei wieder einmal Zeit, die Stadt von Hexen zu re1mgen. Als Fürsprecher der Gemeinde bei der Ver­ sammlung am nächsten Tag wurden Chri­ stoph Groß und Matthäus Schaffbücher ge­ wählt. Sie legten dar, daß die Notarin in Hüfingen schon immer einen schlechten Ruf gehabt habe, da sie Seltsames getrieben habe. Zum Verhängnis wurde der Frau, daß bewiesen werden konnte, daß sie dem Ge­ fangenen, der dem Christoph Groß Waren gestohlen haben sollte, einen Trunk zukom­ men ließ. Sein Verwandter Ribola fand, daß er zu Unrecht gefangen saß und hatte dafür Tinctorius als Obervogteiverwalter heftig an- gegriffen. Die Frau des Tinctorius ließ jeden­ falls dem Gefangenen Wein bringen, doch tranken auch seine beiden Bewacher davon. In dieser Nacht entfloh der Gefangene, und die Wächter gaben dem Wein der Notarin die Schuld, was ja vielleicht auch nicht ganz unrichtig war. Nur bei einem der Wächter, eben dem Welsch-Hans, wirkte der Wein angeblich so, daß er behauptete, Jacobäa Tinctorius habe ihn vergiften wollen. Im Grafen Vratislaus l. hatte das Ehepaar Tinctorius bis dahin noch einen mächtigen Beschützer, so daß von amtlicher Seite vor­ läufig nichts unternommen werden konnte, doch machten die Hüfinger der Notarin das Leben schwer, sobald sie sich auf der Straße zeigte. Die Intrigen gegen Tinctorius gingen indessen weiter; im Haß gegen ihn hatten sich Groß und Ribola wieder versöhnt, die Hüfinger verweigerten Tinctorius den Ge­ horsam. Drei fürstliche Beamte, Oberjäger­ meister Hans Ulrich von Ramschwag, Land­ vogt Egloff von Zell und Rentmeister Quirin Heitzmann bearbeiteten inzwischen den Grafen und verlangten eine Procedur gegen das „Hexen-Ungeziefer“. Bereits am 2.Juli 1631 begann die „Ehren­ rettung der Stadt durch eine gründliche Hexenbrennerei“. Da man nicht gleich mit der Notarin beginnen konnte, griff man sich, wie meistens in solchen Fällen, das schwäch­ ste Glied der Kette: Anna Beckiri (Beck), eine alte Bettlerin, wurde als Hexe denun­ ziert. Auf der Folter gestand“ sie, was ihre “ Richter hören wollten und gab gemäß der Prozeßordnung auch noch an, welche Hexen es in Hüfingen noch gab. Daraufhin wurden Agathe Flamm(in), Anna Benner(in) und Anna Bauer (Beurin) auf die Folter gespannt. Diese Frauen wiederum gaben Katharina Kasel (Köselin) von Hausen vor Wald,Anna Schafibücher (die Frau des Matthäus), den Notar Tinctorius und seine Frau, die Witwe Sabina von Sehellenberg, Magdalena Löw(in) und Anna Stotz (Stötzlin) an. Die Namen, die die Gefolterten angaben, sprachen ihnen die Richter meistens vor, so daß sie diejenigen, die sie eigentlich brennen sehen wollten, früher 159

oder später sicher in die Hände bekamen. So wurde die Notarin schon am 18. und 20.J uli bis zum Geständnis gefoltert. Beim zweiten Verhör, das heißt, als sie nochmals gefoltert wurde, gab sie schließlich ihren Mann als der Hexerei schuldig an. Immer gleich, so wie man es ihnen gemäß der Prozeßordnung suggerierte, waren die „Geständnisse“ der Frauen, war auch das Geständnis der f acobäa Tinctorius: Der Bund mit dem Satan, die Verleugnung Gottes und der Heiligen, die Teilnahme an Orgien, Schadenszauber an Vieh und Frucht. Wie absurd das ganze Verfahren war, zeigte sich schon darin, daß diese „Vergehen“ nichts mit dem zu tun hatten, was der Notarin ur­ sprünglich vorgeworfen worden war, und somit rationale Gründe überhaupt nicht im Spiel waren. Am 23. f uli wurden die sechs zuerst auf­ gezählten Frauen und die Notarin getötet, da diese als Frau höheren Standes unter ihnen war, wurden alle sieben enthauptet, bevor sie auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden. Mit den anderen als Hexen angege­ benen Frauen hatten die Richter es nun zunächst nicht mehr so eilig; ihr Hauptin­ teresse galt Tinctorius, der sich seit der Ver­ haftung seiner Frau im „gräflichen Hinter­ schloß“ verschanzt hatte. Völlig verzweifelt wandte er sieh nach dem Tode seiner Frau nochmals an den Grafen; der war jedoch schon am 10. Juli in Wien verstorben. Im August wurde der fod des Grafen in Hüfingen bekannt, am 22. August wurde Tinctorius gefangengenommen und in den Turm gesperrt. Bereits einen Tag später begann das erste „peinliche Verhör“; als Tinctorius nicht ;estand, ließen ihn seine Richter unker Ramschwag, Dr. .Verlin vom kaiserlichen Gerichtshof in Rottweil, Rent­ meister rleitzmann und der rlüfinger Schultheiß Roth, sieben Mal auf die Folter spannen. Schließlich bekannte er, was sie hören wollten – es waren die üblichen vorge­ formten Aussagen. So gab er schließlich auch als weitere ihm bekannte Hexen außer seiner Frau die Sabina von Sehellenberg und die 160 Magdalena Löw an.Nach fürchterlichen Fol­ terungen wurde am 30. August außer der Magdalena Löwein auch die Anna Stötzlin als Hexe verbrannt. Daß Tinctorius nach seinen Geständnis­ sen noch lebte, hatte zwei Gründe: Einmal mußte er Quirin Heitzmann, der für seinen Bruder schon länger auf das Amt des Tincto­ rius spekuliert hatte, in seine bisherige Arbeit einweisen, und außerdem hatten die Richter über die Bestrafung Meinungsverschieden­ heiten. Einige Zeit später entschloß sich Mathias Tinctorius, seine Geständnisse zu widerrufen. Er verfaßte einen ausführlichen Widerruf und bat Junker von Egloff im Dezember 1631, dieses Schreiben an die Grafen weiter­ zuleiten. Tinctorius begründete seine Un­ schuld zwar mit rationalen Argumenten, die in seinem Falle durchaus logisch darlegten, wieso er, was ihm vorgeworfen wurde, nicht getan haben konnte. Auch verweist er darauf, daß Folterqualen ihn dazu gebracht haben, falsche Geständnisse zu machen. Doch ist der Jurist Tinctorius ein ,,Kind seiner Zeit“: Grundsätzliche Kritik am Hexenglauben kommt in seiner Schrift nicht auf, ebenso, wie er das auf der Folter erpreßte Geständnis nur bei sich und seiner Frau als durch die Qualen verfälscht ansieht. Tinctorius glaubte selbst durchaus an die Existenz von Hexen, eine Schwester seiner Frau sei eine Hexe ge­ wesen. Nicht nur Hexen marterte man, auch Diebe wie den Leonhard Stabe!, der, als er dem betrunkenen Welsch-Hans entfloh, der Auslöser der Intrigen gegen Tinctorius gewe­ sen war. Der „Fall Stabe!“ – angeblich hatte er Stoff gestohlen – wurde von Tinctorius be­ arbeitet, und der arme Mensch war, da er eine Schuld nicht zugab, mehrmals gefoltert worden. Tinctorius riet ihm zuletzt selbst, er solle doch vor einer neuerlichen Tortur gestehen. Als es dem Notar wenig später selbst so erging, beschwerte er sich in seinem Schrei­ ben über die Methode, ihn, den Unschuldi­ gen, so lange zu foltern, bis er zugegeben

hatte, Hexerei getrieben zu haben. Daß es grundsätzlich einen Zusammenhang von Folter, Schmerzen, Angst und Geständnis gab (und gibt!), kam Tinctorius sowenig in den Sinn wie jedem anderen seiner Zeitge­ nossen. Zwar verfaßte der Jesuit Friedrich Spee 1631 seine berühmte Anklageschrift „cautio criminalis“ gegen Hexenprozesse und den Hexenglauben überhaupt, doch waren seine Gedanken zu diesem Zeitpunkt noch so revolutionär, daß er nur auf Empörung stieß und sich selbst gefährdete. Bis kritische Stimmen Erfolg hatten, verging noch eine lange Zeit. Auch für den hohen fürstenbergischen Beamten Mathias Tinctorius gab es keine Rettung durch vernünftige Argumente. Mit seinem Widerruf hatte er nichts erreicht, im Gegenteil, am 10. Mai 1632 sollte er die für Hexen übliche Hinrichtungsmethode erlei­ den: Tod durch Verbrennen bei lebendigem Le_ibe! Daß dieses Urteil doch noch abge­ mildert wurde und Tinctorius vor dem Scheiterhaufen enthauptet wurde, mußte er sich teuer erkaufen: Er mußte auf die Außen­ seite seines Widerrufs mit eigener Hand schreiben (von W. Franckin moderne Ortho­ graphie gebracht): ,,Seufzentliches Anflehen und Bitten. Daß ich zu Erlangung länger Lebens in dieser aus sonder Ängsten und des Fleisches Verführung geschriebener Revoca­ tion die Unwahrheit geschrieben, bezeug ich mit dieser meiner eigner Hand, um Gottes un­ endlicher Barrnhenigkeit willen um gnädige Verzeihung und Gnade bittend. Mathias Tinctorius.“ Sowenig es bei nur einer denunzierten und verbrannten Hexe blieb, sowenig be­ schränkte sich der Hexenwahn auf eine einzige Ortschaft. Einmal ausgebrochen, ver­ breitete sich dieser verhängnisvolle Irrsinn wie eine Epidemie: Die HüfingerinnenAnna Benner und Anna Bauer gaben nämlich auch zwei Bräunlingerinnen als Hexen an. Das Ergebnis war, daß bis 1635 fünfzehn „Hexen“ in Bräunlingen verbrannt wurden. Susanne Huber-Wintermantel De Nähei Du bischt en gruusig wüeschte Maa, häscht all din groiie Mantel aa und guckischt suur, ufriindli drii, bischt no nie froh und luschtig gsii. Du fiechscht jo d’Sunn und scheuscht de Mau, duescht all eloa gi schaffe gau. Ko Oarning kännscht, haaltscht ii ko Ziit, rännscht fort, wenn’s zmol nätt Wätter giit. Am liebschte schliffscht scho früeh vor Dag us Wald und Ried dor’s Stuudehag. Noo sproadischt dech ganz krotebroat und gausischt wild und läbscht om zload. Im Summer dreischt di Lascht berguff, uff’s Gwilch leischt noo din Mantel druff und scherscht und stupfscht bis volle Wuet de Hagel abiprassle duet. Wenn’s herbstelet, bischt all um d’Weag und rechscht di Goaschterwesch gearn [zweag. . He1, schäm dech doch, duer wiiters gau und bliib nitt bis z’Josefi schtau. Guck, siehscht, we’s Kind am Feischter huckt und ’s Näsli platt dra änni druckt? Es fiecht dech und will nitt uff d’Gaß ’s hätt Angscht, du machscht ihm d’Löckli [naß. Wa schreischt jetz zmol du arme Maa und guckischt mech so truurig aa, hä, worum rännscht, wer goht dier noh? — Grüeß Gott, Frau Sunn! so bischt jetz doo? Gottfried Schafbuch (ob von Gauß magntl. Maßeinheit?) = grauer groiie sproadischt = ausbreiten gausischl = unruhiges Hin und Her dreischt = lrägsl leischt =legst = schürst scherscht = Ordnung Oarning = Josefstag (19. 3.) z’josefi 161

Ein dunkles Kapitel unserer Geschichte: Die Verfolgung und Vernichtung der Juden im NS-Staat In der Nacht vom 9. auf 10. November 1938 brannten in Deutschland die Synagogen, jüdische Geschäfte wurden demoliert und geplündert. Die folgenden Beiträge erinnern an die Ausschreitungen im Gebiet des heutigen Schwarzwald-Baar-Kreises. Stationen der Erinnerung an die Verfolgung und Vernichtung der Villinger Juden im 3. Reich SO Jahre waren am 9. November 1988 seit der „Reichskristallnacht“ vergangen. Aus die­ sem Anlaß luden die evangelische und die katholische Kirche in Villingen zu einem Gedenkgang ein. An 4 Stationen sollte an das Leben, das Schicksal und das Sterben der Vil­ linger Juden im 3. Reich erinnert werden: Gedenktafel in der Gerberstraße, ehemaliger Betsaal in der Gerberstraße, Bahnhof, ehe­ maliges Kaufhaus Bloch in der Rietstraße. Gedenktafel in der Gerberstraße 1978, 40 Jahre nach der „Reichskristall­ nacht“, wurde diese Gedenktafel nach mehr­ jährigen Bemühungen des Villinger Bürgers RudolfJanke angebracht. Die Tafel hängt an einer öffentlichen Mauer, und es heißt „in dieser Straße befand sich … der Betsaal der jüdischen Gemeinde“; die Tafel konnte nicht am ehemaligen Betsaal angebracht werden, weil die Besitzer dieses Hauses eine Wert­ minderung für einen Hausverkauf fürchte­ ten. 1933 lebten in Villingen ca. 70 Juden, 42 sind emigriert, 20 durch den Nationalsozia­ lismus umgekommen. Wie in anderen Städ­ ten war auch in Villingen die Entrechtung der Juden im 3. Reich früh zu spüren: ,,Dieses Bad wird von Juden nicht benützt“ stand z.B. über dem Eingang des Kneippbades, wie auf einem Bild von 1935 oder 1936 zu sehen. Über die Vorgänge am 9.11.1938 in Villingen schreibt die Lokalzeitung: 162 Die Reaktion auf die Pariser Bluttat Demonstration in den Villinger Straßen Die feige jüdische Bluttat in Paris, die den Tod des Gesandtschaftsrates vom Rath zur Folge hatte, löste auch im ganzen Badnerland eine Welle der Entrüstung aus. Überall kam es zu Demonstra­ tionen und Kundgebungen, in denen die Bevölke­ rung ihrer Erbitterung Luft machte. In Villingen machte sich die Jugend zum Worifii.hrer der allge­ meinen Empörung. In einem disziplinierten Demonstrationszug wandte sie sich gegen die Juden und Kriegshetzer. Mit Marschmusik und unter Trommel- und Fanfarenklang marschierten die Verbände der Hf mit ihren Fahnen durch alle Hauptstraßen. Große Spruchbänder wie: ,,Hin­ aus mit den Kriegshetzern‘: ,,Die Juden sind unser Unglück“ und treffende Judenkarikaturen wurden im Zuge mitgefuhrt. Sprechchöre förder­ ten Vergeltung für die jüdische Bluttat. Besonders laut und hörbar wurden die Demonstrationen verständlicherweise vor dem Villinger Amtsge­ fängnis, wo die meisten der hier ansässigen Juden in Schutzhaft saßen. jedenfalls konnten sie froh sein, hinter dicken Mauern in Sicherheit zu sein. Diese Kundgebungen sowie die Akte der Empö­ rung, die sich in und vor den jüdischen Kultstätte in der Gerberstraße zutrugen, düiften den Juden gezeigt haben, daß das deutsche Volk nicht länger gewillt ist, die Hetze ihrer überstaatlichen Organi­ sationen länger stillschweigend hinzunehmen. Die Juden werden die Quittungfor ihre Wühl­ arbeit erhalten.

Diese Tafel wurde zur Erinnerung an den Betsaal der jüdischen Gemeinde in der Gerberstraße 33 am 9. 11. 1978 an der Mauer des Landratsamtes bei der Johanneskirche angebracht. Bahnhof Es gibt direkte Zusammenhänge zwischen Bahn und Vernichtung der Juden: Mit der Bahn wurden die Männer nach der „Kristall­ nacht“ ins Konzentrationslager Dachau gebracht; am 22. 10. 1940 wurden die in Vil­ lingen Gebliebenen nachts am Bahnhof zusammengetrieben und nach Gurs depor­ tiert; mit der Bahn wurden sie in die Todes­ stätte nach Auschwitz gebracht. Noch viel mehr steht der Bahnhof stell­ vertretend für die vielen Institutionen und Menschen, für die Einrichtungen und Exper­ ten, ohne die der Nationalsozialismus und die Judenvernichtung nicht hätten stattfin­ den können. In Darstellungen der Eisenbahnge­ schichte des 2. Weltkrieges wird diese Zeit als „Leistungsexplosion“, als „größte Eisen­ bahnmobilmachung der Welt“ mit Stolz gekennzeichnet. Denn in der Kriegszeit gab es zu wenig Eisenbahnpersonal, die Waggons und die Strecken waren überlastet. Und gleichzeitig hatten sich die Aufgaben der Reichsbahn vergrößert: zum normalen Per­ sonenverkehr kamen die Soldatentransporte, der Transport der Militärgüter und der Zwangsarbeiter aus den besetzten Gebieten. Gleichzeitig sorgten Luftangriffe und Zerstö­ rungen für Unterbrechungen. 163 Gerberstraße 33 – hier war die jüdische Betstube Das Gebäude gehörte Hugo Schwarz; hier betrieb er seine Viehhandlung. 1936 mußte er das Geschäft schließen. Am 9.11.1938 wurde der Betsaal zerstört, die Möbel wurden auf die Straße geworfen. Mit anderen Villin­ ger Juden wurde Hugo Schwarz ins Konzen­ trationslager Dachau gebracht. Hugo Schwarz verkaufte das Gebäude. Der Erlös reichte aber nur, um seine 3 Kinder in die Schweiz emigrieren zu lassen: Marga­ rete (12 Jahre), Heinz Julius (10 Jahre) und Manfred (8 Jahre). Hugo Schwarz selbst, seine Frau und seine Schwester, konnten sich nicht retten. Im Oktober 1940 wurden sie mit den anderen Villinger Juden nach Gurs in Südfrankreich deportiert – Baden und Pfalz konnten sich „stolz“ als erste Länder Deutschlands »iudenfrei“ melden. Die über­ lebenden von Gurs kamen nach Auschwitz. Hugo Schwarz und seine deportierten Ange­ hörigen sind in Gurs oder Auschwitz umge­ kommen.

In den 3 Jahren von Oktober 1941 bis 1944, beförderte die Reichsbahn mehr als 2,5 Millio­ nen Juden in Vernichtungslager. Das bedeu­ tete: Personal, Lokomotiven, Personenwagen und Güterwagen mußten bereitgestellt wer­ den; die Züge wurden in die Fahrpläne einge­ baut und über mehrere Länder hinweg wurden Bedarfsfahrpläne erstellt. ,, Trotz all der Pro­ bleme blieb in der ganzen Zeit kein einziger Jude wegen Transportschwierigkeiten am Leben“ schreibt R. Gilberg in seinem Buch ,,Sonderzüge nach Auschwitz“. Neben den personellen und technischen Problemen wurden mit Gründlichkeit auch die finanziellen gelöst. Die Transporte wur­ den ganz regulär im Rahmen des Personen­ verkehrs abgerechnet: die SS zahlte an die Reichsbahn nach dem Personenbeförde­ rungstarif 3. Klasse, Kinder unter 10 Jahren fuhren zum halben Preis und Kinder unter 4 Jahren kostenlos; für Deportationen mit mehr als 400 Personen wurde der Gruppen­ preis mit dem halben Tarif gerechnet. R. Gilberg schreibt:“ Wenn man rückblik­ kend die Rolle der Reichsbahn bei der Ver­ nichtung der Juden betrachtet, … steht als erstes fest, daß niemand von seinem Amt zurücktrat, niemand protestierte und kaum jemand um seine Versetzung ersuchte. In kei­ nem Dienstrang wird Zögern erkennbar, die Leistungsanspannung litt unter keinerlei Ermüdungserscheinungen. Man muß … betonen, daß es sich bei den Beteiligten nicht um eine Sondergruppe von ,Funktionären‘ handelte, die eigens für diese Aufgaben bestimmt waren. Die Bearbeiter waren jeweils Verkehrs- und Fahrplanexperten, nicht Experten Ihre Arbeitsweise war nicht eigens dem besonde­ ren Charakter der Judentransporte angepaßt. Ob das Ziel nun der Aufrechterhaltung des Lebens oder der methodischen Vernichtung diente, die Reichsbahn brachte dieselben Regeln, dieselben Nachrichtenwege und die­ selben Formulare in Anwendung. Nicht ein­ mal die Zahl der ,Eingeweihten‘ wurde beschränkt, auch wurde nicht strenge Geheimhaltung gefordert.“ 164 in Sachen Juden. Ähnliches kann man im 3. Reich für andere Gruppen und Experten sagen: Juri­ sten arbeiteten Gesetze und Vorschriften aus und wirkten in der »Rechtspflege“ an deren Umsetzung mit; Verwaltungsspezialisten sorgten für eine effektive Durchführung; Journalisten beschönigten und verschwie­ gen; Ärzte arbeiteten im Rahmen der Eutha­ nasieaktion und in den Konzentrationsla­ gern als Mörder und auch der größte Teil der Kirchen hat zumindest geschwiegen. Auch bei der Diskussion um die Verant­ wortung können die Bahnexperten stellver­ tretend für die vielen anderen Fachleute in der Gesellschaft stehen. Trotz Stolz auf die Leistung der Reichsbahn im 3. Reich hat kei­ ner von der Reichsbahn hinterher die Verant­ wortung für seine Mitwirkung an den Juden­ deportationen auf sich genommen und kei­ ner wurde zur Rechenschaft gezogen. Jeder Fachmann empfand sich „nur“ als Befehls­ empfänger und als kleines Rädchen, das nicht anders konnte als funktionieren. Rietstraße 15 – Kaufaaus Salomon Bloch Villingens Juden waren in das bürgerliche Leben der Stadt integriert. Sie betrieben viele Geschäfte in der Villinger Innenstadt:

Rietstraße 15: Kaufhaus Salomon Bloch, mit einer Filiale in Schwenningen Auf der anderen Straßenseite: W eißwa­ rengeschäft von Heinrich Schwab und sei­ ner Schwester Martha; beide im Konzen­ trationslager umgekommen Rietstraße 40: Viehhandlung Jakob Schwab; seine Schwester Sally im Kon­ zentrationslager umgekommen Kanzleistraße 6: Viehhandlung Hermann Bikart Niedere Straße 11: Das Gebäude gehörte Salomon Bloch, hier war ursprünglich sein Geschäft gewesen Niedere Straße 33: Textilgeschäft Moritz Feibusch Niedere Straße 43: Textilgeschäft Merkur Bloch Gerberstraße 33: Viehhandlung Hugo Schwarz Waldstraße 11: Viehhandlung Louis Bikart; mit seiner Frau und zwei von sei­ nen drei Kindern in Auschwitz umgekom­ men Luisenstraße 11: Rechtsanwalt Schloß, der lange im Villinger Bürgerausschuß war Immobilienmakler Lothar Rothschild, in Auschwitz umgekommen. Nicht nur im Geschäftsleben, auch in den Villinger Vereinen waren die hiesigen Juden vor 1933 integriert: Louis Bikart und Hugo Schwarz gehörten zu den ersten Mitgliedern des FC 08, Hugo Schwarz war zeitweise der 1. Vorsitzende – beide sind in Auschwitz umgekommen. Jakob Bloch, Jakob Schwab und Hugo Schwarz waren aktiv in der Narrenzunft. Michael Blochs Tochter spielte im Tennis­ club. „Fremde“ waren die Juden in Villingen vor 1933 nicht gewesen. Sie wurden durch die Nationalsozialisten dazu gemacht und die Nationalsozialisten haben dieses Empfinden für sehr lange Zeit in unserem Denken ver­ ankert. Darüber, wie die jüdische Gruppe der deutschen Bevölkerung zu Fremden gemacht und dann umgebracht wurde, darf nicht ver­ gessen werden, wie andere Gruppen an den Rand gedrängt wurden und dasselbe Schick­ sal erlitten – die Sinti und Roma, die Homo­ sexuellen, die Zeugen Jehovas etwa. Und ebenso erging es den anderen Gruppen, die schon von Anfang als „fremde Untermen­ schen“ angesehen wurden, wie die Polen und die Russen. Vor nur SO Jahren war das alles möglich. Und fordert uns auf, wachsam zu bleiben gegen Bestrebungen, Fremde abzulehnen und Menschen zu „Fremden“ zu erklären. Dr. Heinz Lörcher Judenverfolgung in Donaueschingen Ein lokalhistorischer Nachtrag zur 50. Wiederkehr der sogenannten „Reichskristallnacht“ Die Geschichte der Donaueschinger Juden reicht nicht, wie das „Einwohnerbuch der Amtsstadt“ von 1937 fälschlich angibt, in das Jahr 1723 (und damit in den Beginn der eigentlichen Residenzphase Donaueschin­ gens) zurück, sondern exakt in das Jahr 1662. Am 27. Februar dieses Jahres stellte Graf Fer­ dinand Friedrich zu Fürstenberg, Angehöri­ ger eines in Donaueschingen ansässigen Zweiges der Heiligenberger Linie dieser Dynastie, einer Gruppe von fünfJuden samt deren Familien einen Schutzbrief aus. Mit diesem „Satzbrief“ wurde den aus dem öster­ reichischen Bräunlingen vertriebenen Juden als ersten Angehörigen ihrer Glaubensge­ meinschaft der Aufenthalt in dem Marktflek­ ken Donaueschingen gewährt. Freilich sollte ein weiterer Zuzug auf höchstens neun jüdische Haushaltungen beschränkt bleiben. Ihre Rechtsstellung hob sich sogar von der 165

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der übrigen Donaueschinger vorteilhaft ab, da sie von den üblichen Feudalabgaben befreit sein sollten. Lediglich einige Ver­ brauchs- und allgemeinen Steuern hatten die Juden zu entrichten, denen allerdings der Handel mit Salz und Eisen untersagt bzw. von der Einholung einer besonderen Erlaub­ nis abhängig gemacht wurde. Ansonsten mochten sie als Händler und Kaufleute tätig sein, doch hatte dies, wie der „Satzbrief“ sagt, ohne „jüdischen Wucher“ abzugehen: Bei der Geldleihe durften bei Summen über 10 Gulden nicht mehr als 3 Kreuzer per Gulden als Zins genommen werden. Im übrigen wur­ den die ersten Donaueschinger Juden den anderen Bürgern rechtlich gleichgestellt. Die Abhaltung ihres Kultus war ihnen gestattet, auch sollten sie zu ihren Festen jüdische Gäste empfangen dürfen. Für die ihm ver­ brieften Freiheiten und Privilegien mußte jeder der Donaueschinger Juden alljährlich auf St. Georgii 16 Gulden Schutzgebühr, das sogenannte „Satzgeld“, an die fürstenber­ gische Herrschaft zahlen. Der älteste „Satzbrief“ wurde auf zehn Jahre ausgestellt und später verlängert, 1683 zwar auf sechs Haushaltungen begrenzt, immerhin jedoch auf dreißig Jahre aus­ gedehnt; 1713 erreichten die Juden sogar eine Erweiterung des Privilegs auf 18 Familien. Wie anfällig indes dieser ausschließlich an ökonomische Bedingungen gekoppelte Rechtsschutz sein konnte, hatte sich schon ein Jahr zuvor gezeigt, als vier unbemittelte jüdische Familien aus Donaueschingen aus­ gewiesen worden waren. Deren Vertreibung geschah unter maßgeblicher Beteiligung des jüdischen „Hoffaktors“ Samuel Weil, der sich das Eisen- und Tabakhandelsmonopol in den fürstenbergischen Territorien hatte zusichern lassen und den Hof mit Pferden und Uniformen belieferte. Er nahm eine beherrschende Stellung innerhalb der jüdi­ schen Gemeinde Donaueschingens ein, die er jedoch bald nach dem Tode seines fürstli­ chen Beschützers Anton Egon zu Fürsten­ berg im Jahre 1716 einbüßte. Wenn fortan auch der Einfluß des Hoffaktors abnahm, so behauptete sich doch diese jüdische Do­ mäne auch noch über dasJahr1743 hinaus,in dem ansonsten alle Juden nach Ablauf der Schutzfrist den Ort verlassen mußten. Jüdische Hoffaktoren hielten sich noch bis 1797 in der Residenz, 1818 konnte erneut ein Jude Hoffaktor der jetzt mediatisierten Herr­ schaft werden. Schon während der ersten rund acht Jahr­ zehnte jüdischer Geschichte Donaueschin­ gens muß jene gesellschaftliche Minderheit ständigen Anfeindungen und Pressionen ausgesetzt gewesen sein. Unter den einschlä­ gigen Akten des Fürstenberg-Archivs finden sich mehrere die ,Judenschaft“ einengenden Dekrete. Schon vor Ablauf des ersten Schutzbriefs erhoben sich Klagen aus Bevöl­ kerungskreisen gegen dessen Verlängerung; die Begründungen reichen zumeist nicht über irrationale Ängste und Vorurteile hin­ aus und entsprechen allgemein den Vorstel­ lungsmustern eines vormodernen Antisemi­ tismus: Man fürchtete in Donaueschingen um den“ wahren Christenglauben“, den man durch Kontakte zwischen Juden und Chri­ sten, vornehmlich aber durch das „Durch­ einanderlaufen“ der Kinder beider Glau­ bensgemeinschaften bedroht sah. Der Ge­ sang der Juden an ihren Festtagen, die von den Juden ausgehenden Versuchungen (Fleischgenuß an christlichen Festtagen!) und angeblichen „Betrügereien“, nicht zuletzt die Furcht, durch „unsaubere“ Juden könnten Krankheiten eingeführt werden, lie­ ferten den Vorwand für die kategorische Ablehnung dieser Minderheit. In diesem Sinne ergingen später, z. B. noch 1783/84 , immer wieder herrschaftliche Verordnungen zur „Hinausschaffung“ der Juden. Der Aus­ weisung entgehen konnten die Juden nur, wenn sie zum christlichen Glauben katho­ lischer Konfession übertraten, wofür sich tat­ sächlich mehrere Beispiele nachweisen las­ sen. Eine Liberalisierung trat erst allmählich ab 1806 in badischer Zeit ein. Die 1699 von Hechingen und Endingen aus formierte jüdische Gemeinde Donaueschingen konsti- 167

Da die Donaueschinger Juden keine eigene Synagoge und keinen eigenen Fried­ hof besaßen, konnten hier keine größeren Zerstörungsaktionen wie in vielen anderen Orten (z. B. in Gailingen} greifen. Die meisten der noch in Donaueschingen lebenden Juden hatten freilich schon aus den vorange­ gangenen Unrechtsmaßnahmen die Konse­ quenz gezogen und den Weg der Auswande­ rung gesucht. Vierzehn der achtzehn nach 1933 noch in Donaueschingen wohnenden Juden gelang (mit zwei nach 1933 geborenen Kindern) der rettende Schritt ins Ausland – allerdings unter Zurücklassung ihres Besit­ zes, der ihnen z. T. schon vorher gewaltsam entzogen worden war. Bereits im Oktober 1938 war Donau­ eschingen als einer der Verladebahnhöfe in Baden ausersehen gewesen, denen auf Befehl der Sicherheitsdienststelle Karlsruhe bis spä­ testens zum 28. 10. 1938 festgenommene männliche Juden polnischer Staatsangehö- Antisemitische Schmierereien am Kaufhaus Gug­ genheim in Donaueschingen (Ecke Wasser-/ Max-Egon-Straße) am 9./10. November 1938. Stadtarchiv Donaueschingen. tuierte sich neu, doch mußte man sich wegen des Mitgliederschwundes 1895 der Ge­ meinde Gailingen unterstellen, der größten jüdischen Landgemeinde im Großherzog­ tum. Mehr als drei Jahrzehnte vorher war in Baden mit dem „Gesetz über die bürgerliche Gleichstellung der Israeliten“ (4. Oktober 1862) die Gleichberechtigung der jüdischen Bürger durchgesetzt worden. Ab 1933 wurde die jüdische Emanzipa­ tion systematisch abgebaut, die gesellschaft­ liche Assimilation der meisten deutschen Juden mit radikaler Systematik rückgängig gemacht. Eine erste dramatische Zuspitzung nach Jahren der politisch-rechtlichen Diskri­ minierung bildeten die Terrorakte der Tage vom 8. bis 13. November 1938, für deren Höhepunkt um den 9./10. November sich die ironische Bezeichnung „Reichskristall­ nacht“ eingebürgert hat. Auch die in Donaueschingen ansässigen Juden sahen sich dem gesteuerten „Volkszorn“ aus­ gesetzt: Unter der Leitung eines SA-Standar­ tenführers zog ein aufgehetzter Mob durch die Straßen der Amtsstadt vor die Häuser jüdischer Mitbürger; Randalierer verwü te­ ten mehrere Wohnungen jüdischer Kauf­ leute, von denen zumindest Siegfried Weil und Dagobert Guggenheim grob mißhan­ delt worden sein sollen (nach Augenzeugen­ berichten}. Das „Schwarzwälder Tagblatt“, altes NS-Kampfblatt und mittlerweile die einzige Zeitung mit einer Donaueschinger Ortsbeilage, schreibt am 11. November 1938: In Donaueschingen zog die erregte Volksmenge vor die Wohnungen der hier lebenden Juden. In lebhaften Zurufen und Sprechchören wurde die Enifernung der Juden aus unserer Stadt verlangt. Die Polizei nahm 3 Juden von hier und einen von auswärts in Schutzhaft. Zu ernsteren Zwischen­ fällen ist es bei diesen Vergeltungsaktionen nicht gekommen. So hat auch hier das Judentum seinen Tribut für die ruchlose jüdische Hetze draußen in der Welt erhalten. Die Donaueschinger Bevölke­ rung erwartet, daß kein Jude innerhalb der Mauern unserer Stadt bleibt. Dem Ruf, ,Juden raus·: der gestern früh in den Straßen unserer Stadt erklang, muß die Tat folgen. 168

rigkeit zugeführt werden mußten. _Knapp zwei Jahre später traf es dann auch die deut­ schen Juden: Die Donaueschinger Bürger Dagobert Guggenheim und Henriette Lind­ ner wurden im Oktober 1940 in einem Sam­ meltransport von 7500 Juden aus Baden, der Saarpfalz und Elsaß-Lothringen ins franzö­ sische Internierungslager Gurs verschleppt. Während die 76-jährige Henriette Lindner am 5.11.1944 im südfranzösischen Perpignan verstarb, wurde der damals 32-jährige Dago­ bert Guggenheim am 14. 8. 1942 nach Auschwitz deportiert, wo er zu einem unbe­ kannten Zeitpunkt den Tod fand. Weder zeitgenössische Qyellen noch Befragungen unter älteren Donaueschingern bieten Anhaltspunkte für die Feststellung von Widerstand oder auch nur öffentlich bekundeter Mißbilligung der lokalen Vor­ gänge im November 1�3�. Allein der_ Hilfe­ leistungen .Pfarrer Hemnch Feurstems (�r selbst übrigens nur wenige Jahre später em Opfer der Terrorherrschaft) für be�rängte Juden konnten sich einige Zeugen ermnem. Zweifelsfrei festgestellt werden konnte unter­ dessen daß die jüdischen Geschäftsleute Gugge�eim, (Siegfried) Weil und Lindner schon vor dem Pogrom zum Verkauf ihrer Anwesen gezwungen worden waren. Nur den Guggenheim-Erben, die eine Villi_nger Anwaltskanzlei mit der Wahrnehmung ihrer Interessen betrauten, gelang 1950 erfolgreich die gerichtliche Anfechtung des Zwangsver­ kaufs von 1938. In den beiden anderen Fällen hat offenbar bis heute keine direkte Wieder­ gutmachung stattgefunden, obwohl die �us­ landsadressen der Geschädigten bzw. ihrer Erben schon in den ersten Nachkriegsjahren den Behörden bekannt waren. Die Stadtver­ waltung Donaueschingen hingegen hat neuerdings versucht, mit den emigrierten jüdischen Mitbürgern bzw. deren Nachkom­ men Kontakt aufzunehmen. An diesen Per­ sonenkreis wurde die Einladung ausgespro­ chen, anläßlich der 1100-Jahr-Feier Donau­ eschingens wieder einmal in die alte He�at­ stadt zu kommen. Heinrich Weil und seme drei Schwestern Alice, Bertha und Emma Eli- sabeth, sämtlich aus Donaueschingen stam­ mend sind bereits 1986 -fast ein halbes Jahr­ hund�rt nach ihrer Auswanderung- der Ein­ ladung in ihre Geburtsstadt nachgekommen. Dr. Volkhard Huth Q;tellen und darstellende Literatur zu1:1_ Thema: F.F. Archiv Donaueschingen, 4. Polztzca Illjf.; Grundbuchamt Donaueschingen, Lagerbücher. E. FRIEDRICHID. SCHMIEDER-FRIED­ RICH (Hgg), Die Gailinger Juden. Materialien zur Geschichte der jüdischen Gemeinde Gailingen aus ihrer Blütezeit und den Jahren der gewaltsa­ men Auflösung, Konstanz 1981; H. GRAML, Reichskristallnacht. Antisemitismus und Juden­ ve,folgung im Dritten Reich, München 1988; F. HUNDSNURSCHER/G. TADDEY, Die jü­ dischen Gemeinden in Baden, Stuttgart 1968; Die Opfer der nationalsozialistischen Judenve:­ folgung in Baden-Württemberg 1933-1945. Ezn Gedenkbuch, hg. v. der Archivdirektion Stutt- gart, Stuttgart 1969; P. SA U�R (Bearb),_Dok�­ mente über die Veifolgung der;üdzschen Burger zn Baden-Württemberg durch das nationalsoziali­ stische Regime 1933-1945. Teil II, Stuttgart 1966. Zeit die Zeit die mir noch bleibt werde ich nicht mit Rachegedanken verbringen – die Zeit die mir noch bleibt, werde ich nicht für meinen Haß brauchen – die Zeit die mir noch bleibt wird nicht reichen für meine Liebe diese Zeit Christiana Steger 169.

Kirchen, Wailfahrtswesen Villinger Münsterpfarrei feierte 1988 zwei Jubiläen – 450 Jahre Marienpatrozinium Die östliche Außenwand der Münstersa­ kristei ist geschmückt mit zwei kreisrunden Sandsteinreliefs von ca. 35 cm Durchmesser. Das eine zeigt ein Marienbild, das andere das Stadtwappen mit der Jahreszahl 1538. Was aus dem Urkundenbestand nicht so klar zu belegen ist, wird damit in Stein doku­ mentiert: Das Münster – die ehemalige ,,Leutkirche Johannes Baptista in der Stadt“ – war ums Jahr 1538 zu einer Marienkirche geworden, zum Münster Unserer Lieben Frau. Der Rat der Stadt hatte damals – zu Zeiten von Stadtpfarrer Laurentius Hering (1531- 1549) – eine Erweiterung der Sakristei ver­ anlaßt und die neue Außenwand mit den bei­ den Steinmedaillons geschmückt. Eigentlich werden in der Kirchengeschichte die Patrone der Kirchen mit großer Treue überliefert, sie gelten, weil mit der Weihe verbunden, als unveränderbar. Es mußten also im 16. Jahr- hundert ganz ungewöhnliche Umstände zur Veränderung des Münsterpatroziniums ge­ führt haben. Für das Leben einer mittelalter­ lichen Stadt war die Pfarrkirche mit ihren Rechten und Privilegien, ihren Pfründen und Einkünften von ganz zentraler Bedeutung. Jeder Bürger war an den wichtigsten Punkten seines Lebens (z.B. Taufe, Hochzeit, Begräb­ nis) auf sie verwiesen und blieb zuinnerst mit ihr verbunden. Und Pfarrkirche für das alte Dorf und die neue Stadt Villingen war aber die Altstadt­ kirche am anderen Brigachufer. Sie war eine Marienkirche und blieb die Pfarrkirche, auch als längst die neue Stadt am Brigachbogen erbaut war. Seelsorgerische Belange, die stets gefähr­ dete Lage der Kirche weit außerhalb der Mauem, vielleicht auch ihre bescheidene Größe führten im 16. Jahrhundert zur Über­ tragung der Pfarrechte von der Altstadtkirche 170

auf das Münster in der Stadt. Sicher nicht ohne Zustimmung des Konstanzer Bischofs wurde mit der Verlegung der Pfarrechte auch das Patrozinium auf das Münster übertragen. Die Jahreszahl 1538 auf dem Stadtwappen an der Sakristei war für die Münsterpfarrei der Anlaß, das Fest Mariä Himmelfahrt 1988 besonders festlich zu feiern, als 450jähriges Jubiläum des Marienpatroziniums. Eine von Klaus Ringwald zu diesem Tag gegossene Gedenktafel erinnert am hintersten Pfeiler des Mittelschiffs an das Fest und erklärt jedem Besucher, welche Umstände den Kir­ chenpatron Johannes den Täufer auf den zweiten Platz verdrängt haben. Gymnasiasten war der Chor der Kloster­ schule St. Ursula an der Feier beteiligt. Abt Georg III. Gaißer hatte nach langwie­ rigen Grundstücksverhandlungen auf den 171 Altstadtkirche, Mutterkirche von Villingen, 1855 abgebrochen, B!eiseftz,eichnung von D. Ackermann -300 Jahre Benediktinerkirche Im Jahre 1988 feierte die Münsterpfarrei das 300jährige Jubiläum der Grundsteinle­ gung der Benediktinerkirche. Dieses barocke Juwel innerhalb der Stadtmauern hat wech­ selvolle Zeiten erlebt. Durch Kriegswirren und fehlende Mittel bedingt dauerte der Bau bis zur Vollendung des Turms und der wertvollen Innenausstat­ tung bis 1760, also 70 Jahre. Nur etwa 50 Jahre bis zur Säkularisation 1806 freuten sich die Benediktinermönche, die Gymnasiasten und die Bürger der Stadt über das lichtvolle Got­ teshaus. Hundert Jahre diente die ausgeplün­ derte Kirche als Salzlager und zu anderen Zwecken, schließlich war sie in den Besitz der Stadt gekommen, 1912 wurde durch Kaufver­ trag die Münsterpfarrei neue Besitzerin, sie sorgt seither für die Erhaltung und würdige Nutzung. Im Jubiläumsjahr wurden zuerst eine auf­ wendige Sanierung des Dachstuhls mit neuer Dachdeckung und eine sorgfaltige Außenre­ novation des Turmes durchgeführt. Dann fand im Oktober zum Gedenken an die Grundsteinlegung vor 300 Jahren ein festli­ cher Gottesdienst statt. Zur Erinnerung an den Gesang der Mönche wurde das Amt im gregorianischen Choral gesungen, und an Stelle der einst in der Kirche musizierenden

16. Mai 1688 zur Grundsteinlegung einer Stiftskirche eingeladen. Abt Roman von St. Blasien nahm die Weihehandlung vor. Über den Verlauf der Feier hat sich im Kloster St. Paul in Kärnten der Tagebucheintrag eines Augenzeugen des Paters Augustin Fink erhal­ ten, der lautet: „Sonntag, den 16. Mai Prozession vom Münster aus an den Ort der Weihe – Abt Roman unter einem von vier Ratsherren getragenen Baldachin; Abt Georg und die Honoratioren, worunter der Stadtkomman­ dant Hinteregger, Schilde der Muttergottes­ bruderschaft mit Kerzen in den Händen tra­ gend – der Wind bläst alle aus, nur nicht die des Abtes Georg -; nach der Grund teinle- gung drei Geschützsalven von je 32 Schüs­ sen. Festpredigt unter freiem Himmel durch Stadtpfarrer Dr. Heinrich Motz vor einer ungeheueren Volksmenge, worunter drei lutherische Prädikanten und der Pastor aus St. Georgen. Nach Beendigung des Hoch­ amts Rückkehr ins Münster. Um 11 Uhr Fest­ mahl im Benediktinerkloster mit ca. 30 Gästen, während desselben szenische Auf­ führung durch 16 Jünglinge und Musik­ begleitung. Abt Roman schenkt 200 Taler und 80 fl. für den Klosterbau“. (Zitiert nach Christian Roder im Freiburger Diözesanar­ chiv Band 33 Seite 44.) Dekan Kurt Müller Erinnerungen an Pfarrer Hermann Schneider (1890 -1965) Pfarrer in Gremmelsbach 1938 – 1959 Erinnerungen können nicht den Umfang und die Vollkommenheit einer Biographie erwarten lassen, selbst nicht den gleichen Abstand und die dadurch mögliche Objekti­ vität, dafür liegt ihr Wert im Einmaligen und Unmittelbaren des Sich-Erinnernden, das in jedem Betracht streiflichtartig bleiben muß – aber ohne schriftliche Fixierung für immer dem Gedächtnis entschwände. Jeder, der Hermann Schneider ein Stück weit beglei­ tete, würde andere Erlebnisse und Anekdo­ ten zu erzählen wissen, aber alle würden ihn als den frommen, eifrigen, treuen, gütigen, nachsichtigen, humorvollen, menschenzu­ gewandten Priester charakterisieren. Als er nach Gremmelsbach kam, ging er bereits auf die Fünfzig zu, doch von Resigna­ tion, wie sie sich geistigen Berufen zuweilen anhängt, zumal nach einem Schicksal wie dem seinen, war bei ihm keine Spur zu erken­ nen. Im vertrauten Kreis erzählte er gerne aus seinen früheren Jahren, von Elternhaus und Schule, seinen langen Lehrjahren als Vikar und seinen Schwierigkeiten mit Kirche und Welt. 172 In einem kleinen Häuschen an der Stadt­ mauer in Gengenbach kam er 1890 in einer Schuhmacherfamilie zur Welt. Er hatte drei Schwestern. Sein Ausbildungsweg war der vieler Geistlicher. Um möglichst lange im Elternhaus bleiben und Kosten sparen zu können, lernte er beim Pfarrer Latein. Er trat in die dritte Klasse des Gymnasiums in Sas­ bach ein. ,,Ich hatte keine Zeit für das Heim­ weh, zwei Stunden, bevor der Zug abfuhr, bekam ich die letzte Lateinstunde.“ Nicht leicht fand er das Ende, wenn er von den Leh­ rern erzählte, die zu seiner Zeit ihre Eigenwil­ ligkeiten hartnäckig gepflegt haben müssen. Einer rief ihn zu Beginn jeder Griechisch­ Stunde zum Übersetzen des ersten Satzes auf, weshalb Schneider auch nur diesen prä­ parierte. Geräuschlos – auf Strümpfen – stell­ ten die Schüler während einer Lehrerkonfe­ renz die Schuluhr vor, um die folgende Unterrichtsstunde zu verkürzen. Begeistert beteiligte er sich an einem Sängerwettstreit zwischen den Oberklassen. Die Leidenschaft für den Fußball in jun­ gen Jahren erlosch nie ganz, die Sportbe-

einer gründlichen Überarbeitung, die Rein­ schrift war fehlerfrei. Als sich Tage später der Lehrer wunderte, „was die bloß gemacht haben“, wußte auch Schneider keine Ant­ wort darauf. Aus der Zeit seines Theologiestudiums in Freiburg erzählte er eine Begebenheit mit Heinrich Hansjakob, Pfarrer und Volks­ schriftsteller in St. Martin in Freiburg. Einige Studenten kamen eines Sonntagnachmittags auf den Gedanken, diesen zu besuchen. Nach angeregter Unterhaltung sagte Hansja­ kob zur Überraschung seiner Gäste beim Abschied: „Seilern Gengenbacher will ich jetzt noch etwas geben“ und steckte ihm ein wenig Geld zu. Die anderen gingen leer aus. Sein nicht immer überlegtes, meist spon­ tanes Reden und Handeln machte ihm in den Vikarsjahren manche Schwierigkeiten, brachte ihm auch die Gegnerschaft vieler ein, doch gerade deswegen wohl auch die lang­ jährige Freundschaft und Anhänglichkeit derer, die hinter seinem ungezwungenen Verhalten das edle Wesen dieses Menschen sahen. Schiffbruch erlitt er als Pfarrer in Nieder­ wihl. Den Spannungen in dieser Gemeinde war er nicht gewachsen, er geriet in eine Welle nationalsozialistischer Sittlichkeitsprozesse und wurde in Haft genommen. Nur tiefste Gottergebenheit rettete ihn über diese per­ sönliche Katastrophe, den Zustand des Auf­ sich-selbst-Zurückgeworfenseins, hinweg, in den ihn seine Feinde gebracht hatten.“ Ver­ ziehen ist es, vergessen kann man das nicht.“ Dabei beließ er es. Für ihn war auch dadurch die Weisheit der Bibel, die das Verzeihen des Unrechts verlangt, nicht aber das Vergessen (was unmöglich ist) in ihrer unergründlichen Tiefe erwiesen. Seine erfülltesten und glücklichsten Prie­ sterjahre, die meistens am gleichen Ort ohne­ hin, erlebte er in Gremmelsbach. Faßte er schon sein ganzes Leben als Gottesdienst auf, so war die Liturgie für ihn die Mitte der Frömmigkeit. Voll Andacht und Würde gestaltete er alle Zeremonien, wenn er sich auch nie bereitfinden konnte, mit seinen 173 richte in der Zeitung gehörten zu seiner tägli­ chen Lektüre. In Klassenarbeiten vom Bank­ nachbarn abzuschreiben, war für ihn eine der erlaubten Waffen des Schwächeren (wie Theodor Heuss sagte). Die gute Griechisch­ Note im Abitur erschwindelte sich gleich seine ganze Klasse. Der Lehrer, der die Auf­ gabe stellte, wollte sich vorher vergewissern, ob der Klasse die Bedeutung zweier seltener Wörter bekannt sei. Die Abiturienten, hell­ hörig geworden, fanden die Stelle mit diesen Wörtern und übersetzten sie im geheimen. Nur an das einzige Mädchen der Klasse dachte keiner. Mit diesem kam Schneider wenige Minuten vor Beginn der Prüfung ins Gespräch und erfuhr dies. Da bewährte sich seine Hilfsbereitschaft in kritischer Situation. „Bevor ich ein Wort meiner Arbeit schreibe, haben Sie (Schüler redeten Schülerinnen damals mit „Sie“ an!) die richtige Überset­ zung des Textes!“ und warf ihr diese nach wenigen Minuten auf einem Zettel zu. Aber ach je, der verfehlte sein Ziel um Meter. Doch der Lehrer stellte sich blind, wollte wohl auch seine Ruhe haben. Das eigene Konzept Schneiders enthielt dann alle Kennzeichen

Ministranten eine Probe durchzuführen. Seine ererbte Musikalität und seine feste Stimme ermöglichten ihm das sichere Sin­ gen der liturgischen Texte. Besonders ergrei­ fend klang das „Ecce lignum crucis“ am Kar­ freitag, und nachgerade unvergeßlich muß­ ten empfindsamen Menschen die stim­ mungsvollen Maiandachten mit den Ma­ rienliedern des Kirchenchores, darunter „Wenn ich ein Vöglein wär“ bleiben – heute verklungene Weisen. Seine Predigten arbeitete er vorher schrift­ lich aus, ohne sich dann um die Vorlage besonders zu kümmern. „Man darf sich nicht sklavisch an das Wort halten.“ Dabei wider­ fuhr es ihm des öfteren, daß er sich in die aktuelle Politik verirrte und Verhältnisse und Verhaltensweisen beklagte und anprangerte, für die seine „andächtigen Zuhörer“ nichts konnten. Zittern sah ihn ein Ministrant nach einer Predigt, in der er seinen Pfarrkindern einmal eine unangenehme Wahrheit vorhal­ ten mußte, und gereizt reagierte er auf die Äußerung einzelner, wie schön doch die bei­ den Volksmissionare P. Karl und P. Anton (Ofm. cap.) predigen könnten (1948). Über Jahre hinweg jeden Sonntag vor den gleichen Gottesdienstbesuchern etwas Interessantes zu sagen, das sei die wirkliche Kunst, hielt er ihnen entgegen. Sein Eifer in der Seelsorge war auch in den späteren Jahren ungebrochen. Jeden Freitag und Samstag half er in der Wallfahrtskirche in Triberg mit Beichthören aus, er hatte dort seinen eigenen Beichtstuhl, in der Fasten­ und Adventszeit war er auch Beichtvater in Schonach, Schönwald und Hornberg. Die weiten Wege legte er zu Fuß zurück, oft in dunkler Nacht, bei Schnee und Regen. Angst hatte er nur einmal, als er in tiefer Dunkelheit von einem erklärten Kirchenfeind begleitet wurde. Die Kälte in den ungeheizten Kirchen konnte ihm nichts anhaben. Wie er das stun­ denlange Sündenbekenntnis Hunderter ver­ kraftete? Indem er nach seinen eigenen Wor­ ten das Gehörte sofort wieder vergaß. Wie beliebt er als Beichtvater war, drückte der Volksmund in einem Reim aus: 174 „Hast du mit dem Himmel Krach, so geh zum Pfarrer von Gremmelsbach!“ Er nahm’s mit Freuden zur Kenntnis. Sein Gebetsleben kam dem eines Heiligen gleich. Er schätzte die Morgenfrühe beson­ ders. Lange vor Beginn des Gottesdienstes fand er sich in der Kirche ein. Er kniete nach der täglichen Messe neben dem Altar, er betete im Sommer am späten Abend vor dem Allerheiligsten oder vor dem Marienal­ tar, wenn allein das ewige Licht brannte. Mystiker mochten so gebetet haben. „Man möchte nicht mehr vom Altar weg, um so viel hat man den Heiland zu bitten und zu betteln.“ Wie oft er, selbst beim Holzsägen im Schuppen, den Rosenkranz durch die Finger gleiten ließ, wieviele Gebete er aus­ wendig wußte, weiß nur Gott. „Beten lernt man durchs Beten“, war seine Erfahrung, auch dies: »Religion ist Willenssache“ (nicht Sache des Gefühls). Ein Geheimnis, an das man nicht rühren darf, wird auch bleiben, wievielen Menschen er Trost und Mut zugesprochen, wieviele er im Glauben gefestigt, aufgerichtet, mit ihrem Schicksal, mit Gott wieder versöhnt hat, wem er in Heimsuchungen geistlicher Berater und Vorbild gewesen ist. Seine priesterliche Ver­ fügbarkeit war grenzenlos. Er las am Sonn­ tagmorgen auch einmal um 4 Uhr eine Messe, damit ein Pfarrkind wegen einer Reise den Sonntagsgottesdienst nicht versäumte. Er ging verlorenen Schafen nach, sein tiefin­ nerstes Gutsein überzeugte manchen Ver­ stockten, um so größer war sein Schmerz, wenn sich einer ganz von der Kirche abwandte. Das religiöse Wissen hat er nach seinem Pfarrexamen kaum noch erweitert. Was er davor gelernt hatte, haftete jedoch in seinem Gedächtnis, zum Beispiel fremde Sprachen. Französischen Besatzungssoldaten konnte er 1945 die Beichte abnehmen. Und was er auch erlebte, schien ihn in seiner Überzeugung der frühen Jahre nur zu bestätigen. Daß eine Lebensführung für Geistliche und Laien, anders als sie die Kirche vorschrieb, zum Glück führen könnte, wies er als sündhaften

Gedanken ab. Der theologischen Spekula­ tion war er abhold, Privatoffenbarungen gegenüber kritisch, und Ideen, die den seinen widersprachen, tat er kurzerhand mit Spott ab. Werke bedeutender Gelehrter seiner Zeit interessierten ihn wenig. Der Idealist abon­ nierte viele christliche Zeitschriften, nicht um sie zu lesen, sondern um eine gute Sache zu unterstützen. Gegen die Illustrierten führte er, auch in der Predigt, einen verbisse­ nen Kamp( Die meisten Bücher seiner umfangreichen Bibliothek blieben ungele­ sen. Literatur, Philosophie, Geschichte, nicht einmal die Gengenbachs, der ehemals Freien Reichsstadt, konnten ihn in Beschlag neh­ men. Lesen wollte er erst im Alter. Selbst für schöne Landschaften hatte er kaum einen Blick, wohl aber für Blumen. Den Rappenfel­ sen hat er nie bestiegen. Dagegen wären seine Spruchweisheiten noch heute beherzigenswert: „Erst die Pflicht, dann das Nützliche, dann das Angenehme!“ „In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister.“ ,,Repetitio est mater studiorum“ (Wiederholung ist die Mutter der Stu­ dien). Bei aller Sorge um das Seelenheil der Men­ schen wußte er auch um die übrigen Be­ drängnisse der Menschen, ihrer materiellen, familiären und welchen sonst. Der Zwangs­ verpflichtung der Nationalsozialisten zur Arbeit hätte es nicht bedurft. Er kam unauf­ gefordert auf die Höfe, die die NS-Frauen­ schaft nicht aufsuchte, einmal stach er sich mit der Heugabel in den Fuß, er organisierte sehr bald nach dem Krieg einen Lastwagen, der vom Kinzigtal Obst heranschaffte. Auch das Pfarrhaus mußte 1945 eine Flüchtlings­ familie aufnehmen. Seine Hilfsbereitschaft, sein Nicht-nein-sagen-können, wurde auch ausgenützt. Er verlieh gelegentlich Geld, das er nicht immer wiedersah, vom Zins nicht zu reden. Über solch irdische Dinge war er erha­ ben. Das verstimmte ihn nicht einmal, Hauptsache, er hatte etwas Gutes getan. Mit der Bosheit der Menschen rechnete er zu wenig, eigentlich gar nie. Von Herzen gut und fromm wollte er auch im Religionsunterricht sein. Doch nicht alle Kinder vertragen grenzenlose Güte. Wie oft mußte er sich gegen Störungen und Interesselosigkeit durchsetzen, wurde er aus dem Konzept gebracht, verlor er die N er­ ven. Aber wie auch nicht, wenn er auf die Frage, wann der Heilige Geist über die Apo­ stel kam, als Antwort erhielt: ,,Am Fast­ nachtssonntag!“ Nicht böse gemeint war die Frage eines Schülers, ob Adam und Eva weiße oder schwarze Hautfarbe gehabt hät­ ten. (,,Sie werden wohl weiß gewesen sein.“) Und in schmunzelnde Verlegenheit brach­ ten wir ihn mit der Frage, ob er auch auch Papst werden könne. Mit der Notengebung hielt er sich nicht lange au( ,,Sehr gut“ bedeutete: Ab und zu eine richtige Antwort. ,,Gut“ hieß in Wahrheit: ,,Völlig ungenü­ gend“. Bei Festen und Feiern war er um Ge­ sprächsstoff nie verlegen, er lachte gern und sah die Menschen gern lachen, Witze wußte er viele und konnte sie gut erzählen. In Dis­ kussionen konnte er hitzig werden und gele­ gentlich nicht verstehen, wie man nicht sei­ ner Meinung sein konnte. Fand er einmal kein Gegenargument, so kam die Aufforde­ rung: ,,Jetzt seien Sie aber still!“ Sein Wirken in Gremmelsbach war von zahlreichen geistlichen Höhepunkten be­ gleitet. 1948 feierte P. Florin Volk Primiz, zwei Wochen später ließ er eine Volksmis­ sion durchführen, 1951 kehrte der Salesianer­ missionar P. Josef Arnold von Kolumbien in den Heimaturlaub zurück und feierte seine Nachprirniz, im gleichen Jahr konnten die neuen Glocken geweiht werden, feierlich wurde die Rückkehr von P. Magnus Volk aus seinem Missionsgebiet in China begangen. Schneider selbst feierte1953 sein vierzigjähri­ ges Priesterjubiläum. Da er den Frieden mit sich und Gott hatte, konnte er auch friedensstiftend in die Gemein­ de hineinwirken. Gremmelsbach erlebte wäh­ rend seiner Amtszeit friedvolle Jahre. 175

Als er schließlich im Alter nach einer schweren Krankheit nie mehr die alte Schaf­ fenskraft erlangte, übernahm er die Wall­ fahrtsseelsorge in Triberg. Seine treue Haus­ hälterin Anna Weber starb vor ihm. Er selbst starb, wie er gelebt hatte. Beim Abschied von einem älteren Ehepaar, das er wieder besu­ chen wollte, sagte er: ,,So Gott will.“ Es waren seine letzten Worte. In seinem „lieben Gremmelsbach“ wollte er beerdigt sein. Er ruht als einziger Priester in einem Ehrengrab auf dem Friedhof in Grem­ melsbach. Karl Voll Min Wald Scho Johr und Dag kumm ech in Wald, ear ischt min Frind, min liebe. Mier schtond mitnand uff guetem Fueß, ’s duet ninnt iis d’Frindschaft trüebe. Meng Bomm, wo jetz vill Zäpfli treit und ’s Harz i ’s Moos verdruelet, ha ech, als Butzli, scho guet kännt, bi um in umme gschtruelet. Bim Hoozig hätt ear Dänndli gsetzt, zum Fescht Girlande gwunde; im Schtübli i de heil’ge Naacht i frohi Herze zunde. Wenn müedi Auge broche sind und d‘ Seel duet d‘ Hoamet finde, noo giit de Wald zaart Danneriis zum Dootekränzli binde. Jetz ischt min Wald zmool selli krank, vill Danne drinn clont seärbe. Es garret Säge, … ’s kheiet Bämm … O Wald, min Wald, du därfscht und därfscht [ nitt schteärbe! Borkenkäferjahr 1948 Gottfried Schafbuch 176 Der Schwarzwald-Baar­ Kreis in Farben l.Hinterstadt Hüfingen mit Blick zum Burgplatz (German Hasenfratz, Hüfingen) 2.Blick auf Schönwald von der Schanze kommend (Herbert Dold, Schönwald) 3. Gremmelsbacher Kirche (Horst Günter, Triberg) 4.Blick zum Fürstenberg (German Hasenfratz, Hüfingen) 5.Überschwemmung an der Donau bei Pfohren (German Hasenfratz, Hüfingen) 6. Winter in Hammereisenbach (German Hasenfratz, Hüfingen) 7. Herrenwald/Schlegelwald zwischen Unter-und Oberkirnach (Raimund Fleischer, VS-Schwenningen) 8.Gemeindehof von Schönwald (Herbert Dold, Schönwald)

Das Fünf-Wunden-Kreuz beim Vöhrenbacher Bruderkirchle Der farbenprächtige Stich zeigt die belebte alte Villinger Landstraße, unweit von Vöhrenbach. Im Hintergrund das Bruder­ kirchle, im Vordergrund vor dem Kreuz eine Frau in VöhrenbacherTracht mit sieben Kin­ dern. Die Bildunterschrift lautet: ,,Die Wall­ fahrtskapelle der gemarterten sieben heiligen Jungfrauen bei Vöhrenbach im Schwarz­ walde“. Und als Vierzeiler darunter: ,,Auf die sieben heiligen Jungfrauen Daifjeder Kranke mit Zuversicht vertrauen. Wer mit sieben Kindern betend zu ihnen Wall­ fahrten geht, dessen Gebet wird durch ihre Fürbitt von Gott erhört. “ Über diesen Brauch und seinen Hinter­ grund hat Erna Huber im Almanach 1984 S. 130-133 ausführlich geschrieben. Dieser Bittgang einer Frau und sieben Kinder in einem Gebetsanliegen läßt sich bis 1955 mit Sicherheit nachweisen. Eine jähr­ liche Lichterprozession der Pfarrgemeinde zum Bruderkirchle findet auch heutzutage statt. Als Autor der obigen Darstellung signiert Casimir Stegerer, der sie „nach der Natur gezeichnet und lithographiert“ hat. Der Lithograph ist laut Ausweis des Vöhrenba­ cherTaufbuchs am 2. März 1813 geboren und am gleichen Tag auf den Namen Casimir Karl Wilhelm getauft. Seine Mutter ist eine Katharine geb. Willmann, sein Vater der Stabschirurg Dionys Stegerer. Die damals nicht akademisch, sondern handwerklich ausgebildeten Chirurgen waren nicht selten Nach kolorierter Original-Lithoy;raphie, im Besitz der Fotodrogerie Stötzel 177

Eimoeihung des Vöhrenbacher Kreuzes beim Bruderkirchle am 14. September 1988 auch anderweitig tätig. So gilt Dionys Stege­ rer als der Miterfinder für den trockenen Lack, der für die Schildermalerei von großer Bedeutung war. Im Donaueschinger Wochen­ blatt vom 23. 7. 1806 wirbt er dafür. Sein Sohn Casirnir wurde Lithograph und Kunst­ maler. Er genoß eine gediegene Ausbildung, vielleicht in Freiburg, wo er später seine Lithographien bei Bolia drucken ließ. 1847 gründete er den „Gewerbeverein für den Uhrenmachenden Schwarzwald“. Als „Revo­ luzzer“ mußte er 1848 fliehen, wohl über Straßburg nach Amerika. Danach verlieren sich seine Spuren. Am verbreitetsten ist Stegers Darstellung jenes größten Lawinenunglücks des Schwarz­ waldes, wo vor 145 Jahren am 24. Februar 1844 der Königenhofbei Neukirch völlig zer- stört wurde, wobei 17 Bewohner den Tod fan­ den. Noch 1988 wurde imJostal bei gewalti­ gem Zuschauerandrang die Dramatisierung dieses Ereignisses gespielt; die Stegerer­ Lithograprue schmückte das Programm des Freilichtspiels. Im Vordergrund des hier abgebildeten Stichs steht ein mächtiges und zugleich eigenartiges Kreuz. Es zeigt in zeitgenössi­ scher Gestaltung die Leidenswerkzeuge Jesu. Deshalb heißt diese Kreuzesart auch Arma­ Christi-Kreuz oder Fünf-Wunden-Kreuz. Manche Kreuze dieser Epoche zeigen auch den in der Legende Longinus genannten römischen Soldaten, meist zu Roß, der Jesus mit der Lanze in die Seite stach. Daher kommt der Name Longinus-Kreuz. Die For­ schungen von Friedbert Andernach in Frei- 178

burg-Lehen haben ergeben, daß ein Zentrum dieser Kreuzesform der nordöstliche Teil unseres Landkreises war. Zwar gab es steinerne Fünf-Wunden­ Kreuze schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts im Elsaß; später schufen die Steinmetze von Pfaffenweiler im Breisgau solche Stein­ kreuze, die aber alle in der Rheinebene und im Vorgebirge vorkommen. Das östlichste steht beim Falkenhof im Wagensteigtal ober­ halb von Buchenbach. Die hölzernen Longinuskreuze aber sind daheim im ehemaligen vorderösterreichi­ schen Kameralbezirk Triberg. Ein Förderer war der letzte österreichische Obervogt Karl Theodor Huber (t1816), den Hansjakob respektvoll ein „Beamter von Gottes Gna­ den“ nennt. In der Zeit von 1780 bis 1850 ent­ standen diese Kreuze im Triberger Verwal­ tungsbezirk. Noch heute weist Friedbert Andernach 21 solche Flurkreuze nach, davon acht mit dem Soldaten Longinus, vier weitere sind verschwunden. Außerdem sind fünf­ zehn solche Stubenkreuze im Herrgottswin­ kel bekannt, eines davon wurde erst im Juni 1989 auf einem Speicher in Vöhrenbach ent­ deckt. In Furtwangen wurde 1982 vor dem Altersheim St. Cyriak ein Longinuskreuz neu errichtet. Der Bildband Schwarzwald-Baar, Mosaik eines Landkreises, 2. Aufl.1979, von Max Rieple zeigt aufS.126 eine solche Kreu­ zesform auf dem Altar der evangelischen Kirche von Tuningen. Das Bild vom Vöhrenbacher Fünf-Wun­ den-Kreuz stammt aus der Zeit um 1840. Nie- Die Elsenau in Kappel Ein Marienwallfahrtsort wurde 100 Jahre alt mand weiß, wann dieses Kreuz verschwun­ den ist. Im Januar 1988 beschloß die Kolping­ familie Vöhrenbach, in der Renovierung von Feldkreuzen seit eineinhalb Jahrzehnten erfahren, dieses Kreuz wieder zu errichten. Die Casirnir-Stegerer-Vorlage wurde maß­ stabgetreu nachgebaut. Eine mächtige Eiche aus Wildgutach wurde zur Verfügung ge­ stellt, alle Arbeiten von Mitgliedern oder Bekannten in Eigenarbeit kostenlos gefertigt. Der Hahn, Zeichen der Wachsamkeit, ist aus Kupfer getrieben, Krug (Pilatus) und Kelch gedrexelt, Hände und Füße, Würfel und Leibrock und alle Leidenswerkzeuge selber geschnitzt. Das fast sechs Meter hohe Kreuz mit seinen zwei Q!Jerbalken erhielt die origi­ nale Form. Auch Fundierung und Befesti­ gung wurden selbst erstellt. Die Aufstellung des Kreuzes ist aus Gründen der Sicherheit näher zum Bruderkirchle gerückt, wo es außerdem zu Gottesdiensten im Freien dient. Am liturgischen Fest K r e u z e r h ö ­ h u n g am 14. September 1988 konnte das Kreuz feierlich eingeweiht werden. Inzwi­ schen ist knapp oberhalb vom Bruderkirchle ein Bildstock wieder errichtet worden, der beim Franzosen-Holzhieb wohl 1946 in Brüche gegangen war. So umrahmen nun­ mehr zwei in Eigenarbeit und unentgeltlich wieder hergestellte Zeugen heimatlicher Glaubenskultur das beliebte und viel besuchte Bruderkirchle an der Alten Villin­ ger Straße. Bernhard Adler Er liegt kaum einen Steinwurf abseits der L 178 und ziemlich in der Mitte zwischen den beiden Orten Kappel und Obereschach. Die zumeist eiligen Verkehrsteilnehmer nehmen in der Regel kaum mehr als ein paar mächtige Laub- und Nadelbäume von dem Ort zur Kenntnis, welcher seit runden einhundert Jahren für viele Marienverehrer zu einem stil­ len und bescheidenen Gebets- und Begeg­ nungsort wurde. Am 15. August 1988, dem Marienfeiertag ,,Maria-Himmelfahrt“, beging die „Elsenau“ ihren 100. Geburtstag. Rund 1300 Besucher säumten das Rund um die Lourdesgrotte 179

und stimmten zusammen mit dem betagten 84jährigen Pfarrer Heinrich Schubnell von Weilersbach in die Marienlieder und Gebete em. Marienverehrung im aufgeklärten 20. Jahrhundert wird vielfach als naive Wun­ dergläubigkeit abgetan. Die meisten Kritiker übersehen jedoch, daß es nicht so sehr die unerklärlichen Heilungen sind, die aus den klassischen Wallfahrtsorten Lourdes oder Fatima bekanntgeworden sind, sondern weit mehr die Hinführung vieler vom Leben und der Gesellschaft enttäuschter und gestrande­ ter Menschen zum christlichen Glauben. Vor diesem Hintergrund muß man den Wallfahrtsort „Elsenau“ sehen. Die Marien­ verehrung außerhalb der Dorfkirche hat in Kappel eine lange Tradition. So fmdet sich in einem Opfergabenverzeichnis aus dem 16. Jahrhundert bereits ein Vermerk über einen „Gnadenkirchaltar unserer lieben Frauen in der uralten Kirch zu Kappel“. Aus dem Jahre 1684 berichtet der Chronist von einer Kapelle „Maria Hilf zu den drei Linden“. Lei­ der kann heute der genaue Standort dieser Wallfahrtsstätten nicht mehr belegt werden. Unter Pfarrer Augustin Rohrer, der in Weilersbach und Kappel von 1876 bis 1897 die Seelsorge ausübte und auf dem Weilers­ bacher Friedhof seine letzte Ruhestätte gefunden hat, hat die Entstehung des Marienwallfahrtsortes ihren Anfang genom­ men. Im Frühjahr 1888 unternahm er eine Wallfahrt nach Maria Einsiedeln in der Schweiz, erwarb sich dort eine Marienstatue, die er am gleichen Ort auch weihen ließ und stellte dieselbe nach seiner Rückkehr unter eine vorsprin·gende Felsplatte in der damali­ gen Kappler Wolfsschlucht. Dies war am Montag nach Pfmgsten, dem 14. Mai 1888. Da nun aber die Kappler Wolfsschlucht von dem aus dem Gewarm „Lachenwiesen“ gespeisten „Eisenbächlein“ durchzogen wurde und andererseits im unteren Teil der Anlagen an die von der Eschach markierte Talaue zwischen Kappel und Obereschach angrenzte, welche heute noch allgemein im Volksmund nur die „Aub“ genannt wird, gab Pfarrer Rohrer dem Standort seiner auf­ gestellten Marienstatue den Namen „Elsenau“. Der noch junge Gebetsort fand alsbald immer stärkeren Zulauf. An zwei Marien­ feiertagen im Jahr fanden größere religiöse Zusammenkünfte statt: Dies war jeweils der 1. Mai und der 15. August. Diese Regelung hat sich bis heute erhalten. Es gab ferner den geschlossenen Besuch der kleinen „Erstkom­ munikanten“ jeweils nach dem weißen Sonntag, auch gelegentliche Besuche von Kirchenchören, die hier sehr gute akustische Bedingungen vorfanden. Schon kurz nach der Einweihung fand zu Maria Himmelfahrt am 15. August 1889 die erste allgemeine Wallfahrt statt. Die Überra­ schung war groß, denn rund 1.500 Marien­ verehrer fanden sich in und um die kleine Schlucht ein. Ein bedeutendes Ergeignis war die 50- Jahr-Feier des Wallfahrtsortes am 15. August 1939. Rund 2.000 Wallfahrer besuchten diese Feierstunde. Pfarrer Herberich von Weilers­ bach, zu diesem Zeitpunkt von den damali­ gen politischen Machthabern bereits mit einem „Kanzelverbot“ belegt, mußte seine Worte sehr sorgfältig wählen. Nach dem Zweiten Weltkrieg erfuhr unter Pfarrer Heinrich Schubnell die gesamte Anlage eine grundlegende Veränderung. Die bereits morsche und baufällig gewordene Holzkapelle wurde durch eine neue, auf mas­ siven Betonmauern ruhende, größere ersetzt, die Lourdesgrotte als Mittelpunkt beträcht­ lich vergrößert, das kleine Bachbett inner­ halb der Schlucht zugedeckt und der Raum mit Sandsteinplatten ausgelegt, während das anfallende Wasser des Eisenbächleins unter­ irdisch durch Betonrohre abgeleitet wurde. Auch die Bepflanzung wurde vervollstän­ digt, dies in Form von Nadel- und Laubbäu­ men. In den letzten Jahren wurde ein breiter Rundweg um den gesamten Ort angelegt und das Bachbett hinter der Kapelle im unte­ ren Teil der Anlage mit großen Betonröhren versehen, um die oft auftretenden Über­ schwemmungen schadloser halten zu können. Martin Reich 181

Heiteres aus dem Klosterleben von St. Ursula zu Villingen Jrauen allergrößten Wert legten, sondern auch bei den Eltern der Zöglinge noch geschätzt war. In der Schar der tüchtigen Leh,frauen von St. Ursula gab es in den über zwei Jahrhunderten seit Bestehen des Klosters auch immer wieder beson­ ders herausragende Originale, die bis zum heuti­ gen Tage laut mündlicher Überlieferung unverges­ sen sind. Nicht selten kommt die Rede auf diese, meist in der täglichen „Rekreation “ des Konvents – das ist die ,,geistig leibliche Erholpause“ nach dem gemeinsamen Abendessen. Dann werden lustige Begebenheiten und Episoden wieder leben­ dig und tragen bei zu herzlicher Fröhlichkeit. Und damit auch der Almanachleser teilhaben kann an derlei „ würziger Kost·: sei heute hier die erste heitere Geschichte vorgestellt. Sie handelt von Schwester Leopoldine Hildebrand (1838-1908) und ist in frohen und dennoch ehrenden Reimen abgefaßt. Es ist vorgesehen, in künftigen Jahrbüchern unter der Rubrik „Heiteres aus dem Kloster/eben zu St. Ursula·: weitere solche Begebenheiten zu ver­ öffintlichen. Helmut Groß Alle, die aus eigener Eifahrung Einblick in das Leben und Wirken von St. Ursula haben, teilen mit dem Veifasser die Überzeugung, daß der Ordens beruf keine Zufluchtställe for weltfremde oder gar lebensverneinende Menschen ist, sondern eine erstrebenswerte Einrichtung.für solche Zeitge­ nossen, die mit beiden Füßen fest auf dem Boden stehen und – was St. Ursula betrifft – sich kraft­ voll einsetzen für das Wohl junger Menschen aus christlicher Nächstenliebe, also somit auch für die Sache des lieben Galtes. Bescheid darüber wissen besonders gut alle ehemaligen „Internat/er“ und ,,Externen·: die den Klosterleh,frauen, die übri­ gens stets modernen pädagogischen Erkenntnissen aufgeschlossen waren, zur Ausbildung und Erzie­ hung anvertraut waren. Die Villinger Bürger waren den St.-Ursula-Schülerinnen stets wohlge­ sonnen und nannten diese im Städtle „isere Klostermaidle“. Jene Ehemaligen aber erinnern sich mit Freude an ihre einstige Schulzeit, und mit Schmunzeln reden sie auch heute noch über die einstige „Anstandsstunde‘: die im Stundenplan fest verankert war und auf die nicht nur die Lehr- 182

—–c::=-. Das Veto der Schwester Leopoldine Ein guter, braver Vorbildchrist Schwester Leopoldine ist. Als Klosterfrau recht pflichtbeflissen erleichtert sie stets ihr Gewissen. Sie eilt streng nach der Ordensregel bei Wind und Wetter, selbst bei Nebel, zur Beichte mit gewalt’gen Schritten, um Lossprechung sich zu erbitten, lädt ab der Sünden schwere Last, befreit von drückendem Ballast die Seel‘ von tiefer Demut, Reue, auf daß erleichtert sie sich freue! – Und „ego te absolvo“, spricht Hochwürden Pius, segnend schlicht, ,,als Buße, liebe, fromme Frau – (dies weiß er ja schon längst genau!!-) beten Sie halt für die Seelen, die noch in dem Himmel fehlen, für die Armen, die noch schmoren, im Fegefeuer, fast verloren, ein Gebet nach Ihrer Wahl, damit der Sünder harte Qual verkürzt wird -ach, o schlimmer Schmerz – durch ein geläutert‘ Büßerherz!“ Leopoldine schlägt das Zeichen des Kreuzes -und will gar nicht weichen. Sie räuspert sich im Beichtstuhl lang, dann fängt sie laut zu „streiken“ an: „Hochwürden Pius, Herr Beichtvater was soll denn jetzt bloß des Theater? Diä Buß‘ tue ich eu nit erfülle, des isch doch niemols Gottes Wille; für d‘ Fegfürseele soll i bange, des ka m’r vu mir nit verlange. Diä hocket wohl und hen de Wiel, ich bet‘ für d’läbige Sünder viel!“ -Helmut Groß 183

Museen Der Wildensteiner Altar des Meisters von Meßkirch in den Fürstlich Fürstenbergischen Sammlungen in Donaueschingen Hand aufs Herz! Haben Sie die Fürstlich Für- . stenbergi.schen Sammlungen in Donaueschingen schon einmal besucht? Edelste Schätze höchster Malkunst führen hier zwar keinen Dornröschen­ schlaf, dennoch sind die grefsartigen Kunstwerke altdeutscher Malerei aus der Zeit um 1500 nicht bekannter als die vergleichbaren Skulpturen­ schätze der Rottweiler Lorenzkapelle. Stehen wir auf dem Donaueschinger Karlsplatz vor dem Gebäude der F. F. Sammlungen, so fü.h- 184

len wir uns beinahe zurückgestoßen von der stren­ gen Nüchternheit des Sammlungsgebäudes. Der Betrachter möchte fast an das Sprichwort denken: „Der Edelstein, den man nicht zeigt, zieht keine Räuber an. „Doch wer glaubt, hier seien Werte zum ganz privaten Genuß angehäuft, der irrt sich. Das ist das Bezeichnende am Donaueschin­ ger Fürstenhaus, daß es seine Kulturschätze nicht einfach für sich t.esammelt, sondern sie eigentlich gerade für die Offintlichkeit in pflegliche Obhut genommen hat. Noch im 19.jahrhundert wurde die Zweckbestimmung des Sammlimgsgebäudes in riesigen Lettern in lateinischer Sprache am höchsten Punkt der Fassade verkündet „Bona­ rum artium et naturae studio’� ,,Dem Studium der schönen Künste und der Natur gewidmet.“ Schon damit wurde die Idee der Universalbildung humboldtscher Prägung ausgedrückt, die nicht nur in sich ruhen, sondern auch möglichst weit ins Volk getragen werden sollte. Diese Absicht wurde durch die im 19.Jahrhundert auf den Höhepunkt gebrachte Hofbibliothek organisch ergänzt und durch die geschichtlichen Schätze des F. F. Archivs unterstützt. Jeder Besucher, der sich in die fast endlos langen Gänge der Gemäldesammlung ge­ wagt hat, wird sich ratlos fragen, welchen Höhepunlcten dieser Farbenwelt er sich zuwenden soll. Doch da kommt ihm zur Zeit die Aktualität zu Hilfe. Im Januar 1989 ging der kunstgeschichtliche Hilfsname des „Mei­ sters von Meßkirch“ durch alle Kulturteile der deutschen Presse: der Maler sei identifi­ ziert worden. Dieser „Mann ohne Name“, den in der Baar auch unter seinem Hilfsna­ men nur wenige Menschen kennen, hat welt­ weite Bedeutung. Seine Bilder finden sich in Museen in Karlsruhe, Stuttgart und Kassel, in St. Gallen und im Nationalmuseum in War­ schau, in Paris und Moskau selbst jenseits des Atlantiks in Philadelphia, doch auch der donauabwärts benachbarte Fürst von Sigma­ ringen zeigt mit Stolz den „Meister von Meßkirch“ in seiner Gemäldesammlung. Am reichsten mit Bildern des „Meisters von Meßkirch“ ist aber die Sammlung von Donaueschingen ausgestattet. Aus der Reihe der vielen Einzelstücke hebt sich ein kleines Hausaltärchen, ein Flügel-und Wandelaltar, hervor, der sich als unversehrtes Ganzes prä­ sentiert. Wir stehen vor dem sogenannten „ Wildensteiner Altar“. Die Kunsthistoriker nehmen gerne an, daß er zuerst die ernste Burgkapelle der Burg Wildenstein im Donautal geschmückt hat, dann stand er aber noch jahrhundertelang in der Schloßka­ pelle von Meßkirch, denn einer der einst dort residierenden Herren von Zimmern ist sein Stifter. Er, der Graf Gottfried Werner von Zimmern, und seine Gemahlin Apollonia von Henneberg knien ins Gebet versunken auf den beiden Seitenflügeln und wenden sich der großen Schutzpatronin ihres Hauses und ihrer Familie zu. Die große Helferin ist die heilige Maria, dargestellt als die apokalyp­ tische Frau, ,,den Mond zu Füßen, bekleidet mit der Sonne, den Gottessohn auf dem Arm und eine Krone von zwölf Sternen über dem Haupt.“ Obwohl das Bild in einer Zeit ent­ standen ist (1536), in der der Nachbar der Herrschaft der Herren von Zimmern, der Herzog Ulrich von Württemberg, alle Kult­ bilder aus „altgläubiger“ Zeit aus den Kirchen entfernen ließ, malt der Meister von Meß­ kirch noch einmal eine geradezu sympho­ nische Darstellung der im Persönlichen erlebten und auf Personen bezogenen Fröm­ migkeit des ausklingenden Mittelalters. Von der apokalyptischen Sonne in Gold ausgehend baut sich das Bild in konzentri­ schen Kreisen auf: Um das Gold legt sich ein erschreckend grelles Purpurviolett, dessen Sinngehalt sich erst aus dem Ganzen des Bil­ des erschließen läßt. Um diesen dissonanten Farbring legt sich ein Kreis aus zartblau­ grauen Wolken, durch den hindurch sich der Blick in den Himmel öffnet. Ein Kranz von Engeln in goldenem Licht wird sichtbar. Der Widerschein des „Engelslichtes“ legt sich als feiner Goldsaum um den Rand der Wolken­ öffnung. In diesen Wolken schweben als Halbfiguren 14 Heiligengestalten. Es handelt sich hier nicht einfach um die „14 Nothelfer“, die wir aus dem Frankenland kennen, son­ dern um die Hausheiligen der Herren von Zimmern. 185

In dreifacher Rolle schwebt die Gestalt der Maria in der Mitte des Bildes. Die Herren von Zimmern wenden sich gleich an die höchste Helferin des Himmels, die das ganze Bild beherrscht, umringt von ihrem himmli­ schen Hofstaat. Sie ist die apokalyptische Frau, die Helferin in der Endzeit; sie ist die Mutter Gottes und sie ist die Himmelsköni­ gin, gekleidet in das Blau des Himmels. Ihr lebhaftes Kind neigt sich dem Betrachter zu und nimmt ihn so in den Bildzusammen­ hang auf. Der Ring der Heiligen wird eröffnet von zwei Bischöfen in vollem Ornat, die ihre wichtigsten Amtshandlungen zu erfüllen haben: die Fürbitte und die Hilfe. Links wal­ tet der heilige Martinus seines Amtes, rechts der heilige Erasmus mit seiner Haspel, dem Zeichen seines Martyriums. Hilft Martinus aus Not, so hat Erasmus wie alle dargestellten Heiligen seine Sonderaufgabe, nämlich bei Leibschmerzen zu helfen. Diese Vorstellun­ gen haben mit kindlicher Naivität des religiö­ sen Denkens nichts zu tun, sondern sie betra­ fen die Nöte der Lebensexistenz im damali­ gen Alltag zutiefst; sie riefen z.B. in einer Zeit ohne Sozialversicherung zur Nothilfe auf. An wen hätte sich die Gräfin von Zimmern in einer Zeit kläglicher Heilkunst wenden sol­ len, wenn sie nicht verzweifeln wollte, wo sie zur Zeit der Bildentstehung an beginnender Bauchwassersucht litt, was uns die Zim­ mernsche Chronik mit drastischer Deutlich­ keit erzählt? Auf der rechten Seite setzt sich die Reihe der gegen medizinische Schrecknisse helfen­ den Heiligen fort. Im Pilgergewand, mit ern­ stem Blick auf den Betrachter, erscheint der heilige Rochus, dessen Pestbeule ein ihm zu Hilfe geschickter Engel mit dem Skalpell öff­ net. Gleich neben ihm steht, diesmal vor­ nehm gewandet, der zweite Helfer gegen die Pest, der heilige Sebastian mit der Martyrer­ palme und seinen Pfeilen in der Hand. Regel­ mäßig waren die Herren von Zimmern vor der Pest in Meßkirch auf den Wildenstein geflohen. Gleich die übernächste Heilige ist die hei- 186 lige Odilie aus dem Elsaß, erkennbar an zwei Augen, die sie auf einem Buch trägt. Ihre Hilfe erflehte das Stifterehepaar, weil seine jüngere Tochter durch die „Kindsblattern“ in der Gefahr des Erblindens war, wie uns die Zimmernsche Chronik genau erzählt. Auch andere menschliche Lebensbereiche werden von diesen „himmlischen Beauftrag­ ten“ gefördert und das wieder in direkter Ver­ bindung mit dem Hause der Herren von Zimmern: Die beiden Frauen links oben im Bild, die heilige Katharina mit dem Schwert und die heilige Barbara mit Kelch und Hostie, sind schon damals, man höre und staune, der Wissenschaft verbundene Frauen. Katharina habe fünfzig Philosophen mit Argumenten bekehrt, und Barbara habe im theologischen Briefwechsel mit Origines von Alexandrien gestanden, dem bedeutend­ sten Theologen der christlichen Frühzeit. Diese beiden Frauen standen deshalb den Herren von Zimmern so nahe, weil die Zim­ memer im Gegensatz zu vielen anderen Adelsfamilien gerne studierten, wie ihr fami­ lieneigener Chronist betont, erzählt und selbst beweist. Doch auch die heilige Anna, die Mutter Mariens, hier „selbdritt“ darge­ stellt, die Helferin für ein gutes Familienle­ ben, hat eine dringende Aufgabe zu erfüllen, denn der Haussegen im Hause Zimmern hing gewaltig schief in der Entstehungszeit des Bildes, wie wir in der Chronik nachlesen können. Selbstverständlich hatten die Hausheili­ gen der Zimmern er auch im religiösen Leben Unterstützung zu leisten. Christopherus erklärt auf innig liebevolle Weise, was „ Got­ tesdienst“ ist; der heilige Georg zeigt, wie unerschrocken das Böse bekämpft werden muß. Genau in der Mitte der Halbkreise der Heiligen bilden zwei Glaubensverkündiger die waagrechte Bildachse. Rechts weist Johannes der Täufer auf den kommenden Erlöser hin. Links steht der Apostel Andreas mit dem flachen Kreuz als der Prediger des­ sen, was er als Augenzeuge miterlebt hat. Rechts oben zeigt die heilige Maria Magda­ lena mit dem Salbgefäß, was Gottesliebe ist

und die heilige Ursula (übrigens die Stadtpa­ tronin von Köln) mit ihren Pfeilen gibt das Beispiel der Glaubensfestigkeit. Die Verbindung dieses erhabenen Kreises zum unmittelbar Irdischen bilden nun rucht die beiden Stifterfiguren auf den Altarflü­ geln, sondern die Bettlerfigur in der Mitte des unteren Bildrandes. Sie empfängt die hel­ fende Gabe des heiligen Martinus und sym­ bolisiert die so oft in Not und Leiden gewor­ fene Existenz des Menschen. Der Bettler schaut nach oben, so daß sich eine ganz ungewöhnliche perspektivische Verschie­ bung für die Darstellung seines Gesichtes ergibt, die aber vom Maler meisterhaft gelöst wird. Gerade diese Gestalt reizte die Interpre­ tationslust der Kunsthistoriker. So konnte der vorletzte Kustos der Sammlungen, Alt­ graf Salm, mit aller Vorsicht die Vermutung äußern, daß sich hier der Meister von Meß­ kirch vielleicht selbst dargestellt haben könnte. Einer der Vorgänger von Altgraf Salm, der Pfarrer Feurstein von Donau­ eschingen ( ein Martyrer des Dritten Reiches), spricht sogar die Vermutung aus, daß die bei­ den Heiligen, die sich in der waagrechten Bildachse gegenüberstehen, eigentlich zwei Herren von Zimmern seien. Der hl. Georg sei Graf Gottfried Werner und der hl. Sebastian sei Proben Christof von Zimmern, der Ver­ fasser der Zimmernsehen Chronik. Wie unser Bild von historischen Bezügen nur so strotzt, so reich ist auch seine kunstge­ schichtliche Bedeutung. In den beiden Bischofsfiguren kündigt sich schon die Pracht und der dekorative Glanz des Hauptwerkes des Meisters von Meßkirch, des Dreikönigsaltares von Meß­ kirch an (der heute noch in der dortigen Kirche dem Gottesdienst dient). Der Kranz der Heiligen strahlt eine wunderbar warme Farbharmonie aus. Die Gestalten des hl. Christopherus und des hl. Rochus zeigen die hohe Kunst der Farbanwendung des Mei­ sters von Meßkirch. Seine Farbabstufungen können leuchten, fast schillern, vom grellen Weißton derselben Farbe bis zum dunkelst möglichen Ton der gleichen Farbe. Im Gewand der Maria wird diese Maitech­ nik in allen Varianten durchgespielt. Selbst die Behandlung und Darstellung der Gewandfalten wird zum kunsthistorischen Musterfall, nämlich zum Hinweis auf den Manierismus, dem der Meister von Meß­ kirch schon verhaftet ist. Das Kleid will barock zu flattern anfangen, obwohl hier die Gotik noch ausläuft. Auch die fast überstarke Fältelung des Gewandes an der Schulterpar­ tie ist echter Zeitstil. Verblüffenderweise läßt sich diese überreiche Gewandfaltelung auch an der Madonnenstatue in der Donaueschin­ ger Stadtkirche beobachten. So gibt der Mei­ ster von Meßkirch seiner Zeit vollen Aus­ druck. Er war „hochmodern“. Er war sogar so „modern“, daß er mit dem grellen purpurvio­ letten Farbkreis, den er um das Sonnengold des Bildes legte, die Gesamtharmonie der Farben in wahrhaft apokalyptischer Weise sprengte. Auch das ist ein Zeichen seiner Zeit (1536). So ist der“ Wildensteiner Altar“ ein Stück lebendige Vergangenheit, das über die Jahr­ hunderte hinweg noch heute zu uns spricht. Martin Hermanns Literatur: Hans H. Hofstätter: Die Fürstlich Fürstenbergi­ schen Sammlungen in Donaueschingen 1980 München – Zürich/Schnell und Steiner: Die großen Kunsiführer, Bd. 81 Christian Altgraf Salm: Der Meister von Mef{­ kirch, Dissertation Freiburg 1950 Johannes Bühl.er: Wappen, Becher, Liebesspiel Die Chronik der Grafen von Zimmern 1288- 1566, 1940 Frankfurt a. M. Societätsverlag 187

Die Kuckucksuhr Das deutsche Uhrenmuseum in Furtwangen beherbergt kostbare Exemplare Kuckucksuhr? Auch die Betrachtung der Allen Bemühungen zum Trotz umgibt die Objekte selbst hilft nicht weiter, Holzräder­ Entstehungsgeschichte der Kuckucksuhr noch immer tiefes Dunkel. Es gibt nur zwei uhren aus dem bayrisch-fränkischen Raum weisen den Vogelautomaten ebenso auf wie Q!Jellen -die Schriften von Steyerer und Uhren Schwarzwälder Provenienz. Jäck aus dem 18. und 19. Jahrhundert, die in So wird man an dieser Stelle keine eindeu­ diesem Punkt unterschiedliche Auffassun­ tige Entstehungsgeschichte der Kuckucksuhr gen vertreten und als Grundlagen für spätere erwarten können, statt dessen ist ein kurzer mehr oder weniger gut begründete Thesen Abriß über das angestrebt, was ca. 250 Jahre dienen müssen. So gibt es eine ganze Reihe an Kuckucksuhren hervorgebracht haben – von Spekulationen, aber wenig konkrete seien es Werke, Gehäuse oder Legenden. Angaben zur Frage: Wer ist der Erfinder der Frühe Kuckucksuhr mit Holzwerk und papierbe­ klebtem Holzschild. Sch1oarzwald, um 1750. Kuckucksuhr mit Lackschild für den französi­ schen Markt. Schwarzwald, um 1830. 188

kante, von jedem leicht erkennbare Ruf nachgeahmt werden. Dieser Ruf bestimmt die Zuordnung einer Uhr zu Gruppe der Kuckucksuhren; dieses Kennzeichen überlagert alle gebräuchlichen Einteilungskriterien von Gehäusearten oder Werkstypen, die bei Uhren sonst üblich sind. So gibt es die Kuckucksuhr in den verschie­ denen Ausführungen der Schwarzwälder Uhrenentwicklung, dies gilt für Gehäusefor­ men ebenso wie für das Werkdesign. Heute haben wir ein relativ genaues Bild vor Augen, wenn wir „Kuckucksuhr“ hören: eine Gehäu­ seform, die entfernt an ein Haus erinnert und mit mehr oder weniger reich geschnitztem Dekor verbrämt ist. Meistens handelt es sich um Tiere und Pflanzen des Waldes, die unser Kuckucksuhr in Bahnhäusleform, einem Ent­ wurf von F. Eisenlahr. Kuckuck und Wachtel. Schwarzwald, um 1760. Kuckucksuhr mit Barockschild. Geschnitzte Architekturteile und Blumengi.rlanden. Schwarz­ wald, um 1785. Denn wenn auch der Schwarzwald vielleicht nicht als einziger Ursprung der Kuckucksuhr gelten mag, so hat er doch durch die Produk­ tion großer Mengen und deren weltweiten Export die Kuckucksuhr zu seinem Marken­ zeichen gemacht. Akustisches Kennzeichen der Kuckucks­ uhr ist die Imitation des Kuckucksrufes. Er besteht aus zwei Tönen, die in verschiedenen Tonhöhen liegen; so wurde neben der großen und der kleinen Terz auch die Q!iart festgestellt. Mittels zweier Blasebälge mit angeschlossenen Pfeifen kann dieser signifi- 189

Bild bestimmen. Doch diese Form hat es nicht immer gegeben, sie wurde erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwik­ kelt. Davor gab es den Kuckuck in den ver­ schiedenen Gehäusen, die die Schwarzwäl­ der Uhrmacher ausgedacht, entworfen oder nach auswärtigen Vorbildern gestaltet hat­ ten. Schon bei den sehr frühen Holzräderuh­ ren aus der Mitte des 18. Jahrhunderts finden wir den Kuckuck als Zusatzautomaten. Eines dieser frühen Beispiele ist im Deutschen Uhrenmuseum in Furtwangen ausgesteUt. Diese Uhr hat drei Werke, das Gehwerk und zwei Schlagwerke, die hintereinander liegen und ganz aus Holz sind. Vor diesen Werken ist ein einfaches, rechteckiges Holzbrett befe- Tischuhr mit Kuckuck. Reiche Schnitzereien in gotischen Architektu,:formen. Schwarzwald, um 1880. Klassische Kuckucksuhr in Bahnhäusleförm mit detaillierten Schnitzereien. Schwarzwald, um 1860. stigt, das mit bunt bemaltem Papier beklebt ist und das Zifferblatt für die Zeitanzeige trägt. Der große Kuckuck erscheint im obe­ ren Teil eines aufgemalten Baumes, der von verschiedenen anderen Vögeln umflogen wird. Damit wird der Kuckuck ein sinnvoUes Teil des Bildes, wenn er zum Rufen erscheint. Bei anderen Uhren ist der Kuckuck nicht in ein solches Bild eingebunden, sondern als zusätzliches Dekorationsteil – optisch wie akustisch – dem Schild beigefügt. Dabei kann es sich beispielweise um ein barockes Formschild mit architektonischen Zierele­ menten und vergoldeten Dekorteilen han­ deln. Solche Schilder stehen in der Tradition der als Faller-Schilder bezeichneten Objekte. Matthias Faller hat im 18. Jahrhundert als Bildschnitzer zu den Dekorationen verschie- 190

dener Kirchen und Klöster beigetragen und war auch bekannt für seine barocken Uhren­ schilder. Sie verwenden Dekorationsideen, die weniger aus dem volkstümlichen Bildgut der Schwarzwälder Schildmaler stammen, sondern sich eher an der Ausstattung der Schwarzwälder Barockkirchen orientieren. Solche auswärtigen Einflüsse sind auch auf den Lackschildern zu finden, die die typische Schwarzwalduhr Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts auszeichnen. Dort wird das Zifferblatt von Säulen flankiert, die wohl von Wiener Portaluhren übernommen wur­ den. Ebenso wie die französisch inspirierten Kartuschen für die Ziffern zeugen sie von den Bemühungen der Schwarzwälder Gehäusegestalter und Schildmaler, sich dem Zeitgeschmack und den länderspezifischen Vorlieben ihrer Kunden anzupassen. Der Kuckuck ist hier oft als Zusatzautomat einge­ setzt, er erscheint in den Blumenarrange­ ments der Bogenbemalung. Die Werke dieser frühen Schwarzwald­ uhren sind typische Beispiele ihrer Zeit um 1820/40. Vom reinen Holzwerk der frühe­ sten Schwarzwalduhren ging die Entwick­ lung weiter zum verstärkten Einsatz von Metallteilen, besonders bei den Zahnrädern und Trieben, die das Werk dauerhafter mach­ ten. Länger als die Holzräder wurden Holz­ achsen verwendet, doch auch dort zog Stahl als robusterer Werkstoff ein. Aber nicht nur die Veränderung des Materials kennzeichnet die Werksentwicklung, auch die Anordnung der einzelnen Werke veränderte sich. Lagen sie anfangs hintereinander, so werden sie jetzt nebeneinander angeordnet und neh­ men damit weniger Platz weg. Solche Werke in Holzgestellen wurden bis fast 1920 neben den um 1860/70 bereits gebauten Ganzme­ tallwerken hergestellt. Sie wurden zuneh­ mend nach amerikanischem Muster mit halbautomatischen Maschinen gefertigt. Der Kuckucksmechanismus erfordert keine speziellen Umbauten in einem Uhr­ werk, lediglich verschiedene Hebel zur Hebung der Blasebälge für den Ton und zur Bewegung des Vogels sind vonnöten. So Typisches Schwarzwälder Uhrwerk mit Kuckuck. Metallräder in Holzplatinen. Schwarzwald, um 1860. Rahmenuhr mit reich verziertem Rahmen und gemalter Jagdszene nach Lucian Reich. Schwarz­ wald, um 1870. 191

Stellung in Philadelphia in Amerika, konnten bereits alle Spielarten dieser genannten Gehäusevielfalt beobachtet werden, die einen mit, aber einige auch ohne Kuckuck. Diese volkstümliche Form der Kuckucks­ uhr mit ihren Auerhähnen, Bäumen -beson­ ders beliebt sind die Schwarzwaldtannen – Vögeln ungeklärter Herkunft, ihren Nestern, Hirschen, Rehen, Füchsen undJagdstilleben, Moderne Kuckltcksuhr in „Baumstamm-Form „. Geschnitztes Gehäuse mit Waldtieren. Hubert Herr, Triberg, 1986. konnten die gebräuchlichen Werke des Schwarzwaldes ohne größere Probleme als Kuckucksuhrenwerke verwendet werden. Mit der Krise im Uhrengewerbe des Schwarz­ waldes in den vierziger Jahren des 19. Jahr­ hunderts kommen die ersten Bemühungen um ein vielgestaltigeres Gehäuseangebot auf Rahmenuhren in verschiedenen Formen, mit geprägten Messingblechzifferblättern, wie sie von den französischen Uhrmachern aus der Franche-Comte vorgemacht wurden, oder mit aufwendig bemalten Blechschil­ dern sind uns erhalten, und auch der eine oder andere Kuckuck ist bei ihnen zu finden. Die Biedermeierform, die sich wohl an den einfachen Formen der Möbel aus der Zeit zwischen 1815 und 1830 orientierte, wurde entwickelt, aber erst in den Jahren 1860/70 häufiger verwendet. Daher stammen auch viele Zierelemente, wie die kleinen Zierlei­ sten und Säulen, die gedrechselten Knäufe und Aufsätze, die die einfache Grundform bereichern. Diese Grundform ähnelt einer Rahmenuhr und der Kuckuck befindet sich bei den Biedermeieruhren oft in den Gehäu­ seaufsätzen. Nicht zuletzt wurde in den fünfziger Jah­ ren des 19. Jahrhunderts auch die Bahnhäus­ leform von Friedrich Eisenlahr entwickelt. Die Orientierung an seinen Bahnwartshäus­ chen für die Badischen Staatsbahnen führte zu einer hausähnlichen Grundform, die mit Laubsägeornamenten verziert wurde. Und wie in jede andere Schwarzwalduhr wurde auch hier einfach mal ein Kuckuck einge­ baut. Solche Bahnhäusleuhren gibt es mit detailliert und aufwendig bemalten Blech­ schildern, aber auch, und diese Dekorations­ form setzte sich schließlich durch, mit reich­ lichem Schnitzornament, vor allem von Tie­ ren und Pflanzen des Waldes. Nun können wir uns noch einmal an die ganz frühe Kuckucksuhr erinnern, bei der das papierbe­ klebte Schild ebenfalls solche Dekorele­ mente verwendete. Dahinein paßt der Kuckuck natürlich besonders gut und so sind wir bei der „klassischen“ Kuckucksuhr, die unser Bild bestimmt. 1876, bei der Weitaus- 192

hat sich bis heute erhalten. Bei dieser Gehäu­ seform stimmt die Assoziation, die sich mit dem Kuckucksruf verbindet, so ideal mit der überein, die das Gehäuse hervorruft, wie es bei keiner anderen Form der Fall ist. Auch moderne Gestaltungsideen für die Kuckucks­ uhr arbeiten mit diesen Versatzstücken des Waldbildes. Sie werden jedoch in leicht abstrahierenden Formen verwendet, wohin­ gegen bei anderen Gehäusen die realistischen Abbildungen der Waldszene durchgespielt werden. Eine Errungenschaft des späten 20. Jahrhunderts scheint die Bodenstanduhr in den naturalistischen Formen der klassischen Kuckucksuhr zu sein. Aus dem 19. Jahrhundert sind solche Stücke nicht bekannt, es scheint sich um die Bereicherung des Gehäuseangebotes gegen Ende des 20. Jahrhunderts zu handeln. Mittlerweile werden Kuckucksuhren auch in Form von Schweizer Chalets angeboten, und man kombiniert sie dabei mit einer gan­ zen Reihe von Automaten, so daß der Kuckuck fast ins Hintertreffen gerät. Für den weit mehr als ein Heimatmuseum Mit einem vielversprechenden Eröff­ nungsprogramm wurde das neue Kelnhof­ Museum der Stadt Bräunlingen in den letz­ ten vier Oktobertagen des Jahres 1988 der Öffentlichkeit übergeben. Ein langer Weg an kommunalpolitischen Hürdenläufen lag hinter diesem Ereignis. Eine kurze Chronik soll dies verdeutli­ chen.1923 konnte nach intensiven Vorberei­ tungsarbeiten und unterbrochen durch den 1.Weltkrieg das neu eingerichtete Heimat­ museum im Volksschulgebäude eröffnet werden. In der Folgezeit gab man sich redlich Mühe, jede für die Erweiterung des Bestan­ des gebotene günstige Gelegenheit wahrzu­ nehmen, bis dann der 2. Weltkrieg der glück­ lich begonnenen Entwicklung Einhalt gebot. Kelnhof-Museum Bräunlingen empfindlichen Zeitgenossen gibt es paten­ tierte Abschaltungen, die automatisch oder serni-automatisch zur Geltung kommen und so die Nachtruhe gewährleisten. Nicht zuletzt sind die Kuckucksuhren zu beachten, die als ganze Häuser, und sogar mit begehba­ rem Uhrwerk ausgestattet, den Besucher des Schwarzwaldes mit einem seiner typischen Erzeugnisse vertraut und bekannt machen. Der Kuckuck findet sich so in nahezu jeder Gehäusevariante, die sich die Schwarz­ wälder Uhrmacher ausgedacht haben und begleitet die fast 250jährige Geschichte der Schwarzwalduhr in allen ihren Verästelun­ gen bei Werk-und Gehäuseentwicklungen. Heute ist die Kuckucksuhr zu einem Mar­ kenzeichen des Schwarzwaldes geworden und gehört unbedingt als Souvenir oder anspruchsvolle, originelle Wanduhr zum Angebot für den Reisenden im Schwarzwald. Und keiner weiß genau, wem er das eigent­ lich zu verdanken hat. Prof. Dr. Richard Mühe/ Beatrice Techen, MA Der geräumige Saal des Heimatmuseums mußte der Besatzungsmacht als Unterkunft zur Verfügung gestellt werden und etliche Verluste und Zerstörungen wurden festge­ stellt, als der Raum wieder an die Stadt über­ geben wurde. Einen weiteren Einschnitt in der Geschichte des Heimatmuseums brachte das Jahr 1971 mit dem Schulhausbrand. Am Nachmittag dieses Tages brannte in Windes­ eile der gesamte Dachstuhl des Volksschulge­ bäudes nieder. Die Bestände des Heimatmu­ seums mußten während den Löschungsar­ beiten geborgen werden. Zwar entstand kein direkter Verlust durch den Brand, jedoch mußten die Räume infolge der Brandschä­ den abgebrochen werden und standen nicht mehr als Museum zur Verfügung -das Hei-193

matmuseum wurde heimatlos. Im Jahre 1980 ergab sich dann die Möglichkeit, im alten Elektrizitätsgebäude einen Teil der Exponate in einer städtischen Gemäldegalerie der Öffent­ lichkeit wieder zugänglich zu machen. In der Erkenntnis, daß die Stadt den gro­ ßen Teil der aus Platzgründen im Öffentlich­ keitsschatten verschiedener Abstellräume untergebrachten Exponate wieder in einem Museum zusammenfassen und ausstellen muß, wurde im Jahr 1979 der Kauf des frühe­ ren Reichenauer Kelnhofes beschlossen. Der Kelnhof als historisches Gebäude war der Gutshof des Klosters Reichenau, von dem aus ein Verwalter (Keller) den Besitz der klö­ sterlichen Grundherrschaft umtrieb. Der Kelnhof gehört neben der Remigiuskirche und der ehemaligen Burg am Buck zu den ältesten Gebäuden von Bräunlingen. Vom 18. bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Kelnhof Gastwirtschaft, zunächst zum Engel, später zum Rössle genannt. Der Platz 194 und die äußere Hülle des Kelnhof-Museums sind somit ein Stück Stadtgeschichte und im Zusammenhang mit den historischen Ein­ zelexponaten kann man von einem Museum im Museum sprechen. Das Erstellen eines Nutzungskonzeptes, die Gestaltung der Außenfassade, Abbruch und Wiederaufbau der Widerkehre sowie der Innenausbau erfolgte dann in den Jahren 1980 bis 1987. 1988 wurde die Einrichtung des Kelnhof­ Museums nach einem Konzept einer eigens von der Stadt beauftragten Museumsberate­ rin vorgenommen. Der Kulturförderverein Bräunlingen erwies sich bei der Bau-und Einrichtungsphase als eine Bürgerinitiative, die nicht fordert, sondern die tatkräftig geför­ dert hat. Ohne die Unterstützung des 1981 gegründeten Kulturfördervereines Bräunlin­ gen würde sich das Kelnhof-Museum nicht in der heutigen G.!iantität und Qualität dar­ stellen. Als symbolischen Dank für den Ver­ ein und insbesondere dessen aktiven 1. Vor-

sitzenden, Herrn Ferdinand Wintermantel, konnte der Bürgermeister im Rahmen der Einweihungsfeierlichkeiten die Landes­ ehrennadel überreichen. Auch die vom Gemeinderat konstituierte Kelnhof-Kom­ mission konnte sehr wesentlich mit guten Beratungen und Beschlüssen zum gelunge­ nen Werk beitragen. Die Erwerbs- und Bau­ kosten belaufen sich auf rund 1.450.000 DM. Abzüglich verschiedener Landeszuschüsse verbleibt eine Eigenfinanzierung durch die Stadt Bräunlingen von rund 1.010.000 DM. Gemessen an der Bedeutung dieses Projektes und im Vergleich zu anderen Ausgaben ist dieser Betrag auch den nicht kulturinteres­ sierten Bürgern gegenüber jederzeit vertret­ bar. Mit diesem Geld entstand eine Nutz­ fläche von 1.045 m2 und 4.498 m3 umbauter Raum, die vom Architekten Alexander Graf auch optisch sehr gut in Szene gesetzt wur­ de. Das Leitmotiv für die Überlegungen zur Einrichtung des Kelnhof-Museums war die Frage „Wie lebten die Menschen früher in dieser Stadt?“ Dieser didaktisch recht unkomplizierte Ansatz soll der rote Faden durch die Ausstellung sein. Leben und Arbeit in früherer Zeit aufzuarbeiten und den heuti­ gen und künftigen Generationen darzustel­ len, war die Hauptaufgabe bei der Erstellung des Einrichtungskonzeptes und der Planung der einzelnen Räumlichkeiten. Nachstehend nun die einzelnen Ausstellungsbereiche stichwortartig: Ökonomieteil Schmiede, Küferei, Zimmerei, Wagnerei, landwirtschaftliche Geräte und landwirt­ schaftliche Fahrzeuge Kellerraum Vorratshaltung früherer Zeit 1. Obergeschoß Küche mit Nebenraum, Wohnstube, Schlafstube, Trachten, Heimat- und Trachtenbund Schmiedewerkstätte 195

landwirtschaftliche Geräte und Arbeitsweisen II. Obergeschoß Vor- und Frühgeschichte, Stadtge­ schichte, Kirchengeschichte Bräunlin­ gens, religiöse Volkskunst, Textilverarbei­ tung Widerkehre Kunstabteilung, Gemäldesammlung und Sonderveranstaltungen Herzstück des Museums ist die Stadtge­ schichte. Die Geschichte der Stadt Bräunlin­ gen ist ein individuelles Thema, das diese Stadt und dieses Museum von allen anderen Städten und Museen unterscheidet. Bezüg­ lich seiner Geschichte nimmt Bräunlingen unter den Orten der Umgebung eine abso­ lute Sonderstellung ein. Zielsetzung ist es, ein lebendiges Museum zu sein. Dies soll dadurch erreicht werden, daß ein regelmäßiger Veranstaltungszyklus durchgeführt wird. Seit der Eröffnung im Oktober 1988 wurde dies so praktiziert. Bil­ dersonderausstellungen, Alternativkunst, Schauspiel und klassische Musik fanden bis­ her eine ermutigende Resonanz. Die Besu­ cherzahlen im ersten halben Jahr nach der Eröffnung betrugen rund 4.500. Als Besu­ cher konnten wir sowohl die Einwohner der 196 Stadt Bräunlingen, als auch aus der regiona­ len Umgebung und unsere Fremdenver­ kehrsgäste im staatlich anerkannten Erho­ lungsort Bräunlingen registrieren. Die Stadt Bräunlingen hofft, am allgemeinen Trend der Museen partizipieren zu können. Über 60 Millionen Besucher verzeichnen nach neuesten Zahlen die bundesdeutschen Mu­ seen pro Jahr, siebenmal so viel als die Fuß­ ballstadien. An unseren verschiedenen Aus­ stellungsbereichen, die weit über ein norma­ les Heimatmuseum hinausgehen und an dem Konzept der Sonderveranstaltungen kann man ablesen, daß dieses Kelnhof­ Museum ein Angebot an Menschen ver­ schiedener Ansichten, Geschmacksrichtun­ gen und Altersschichten sein soll. Als Schlußbetrachtung sollen noch einige Gesichtspunkte angefügt sein, die das Mosaikbild zu unserem Kelnhof-Museum vervollständigen. Ein neues Freizeitverhal­ ten hebt den Stellenwert der Kultur. Indivi­ duelle kreative Wünsche sowie die nach Erfüllung der mate­ riellen in den Vordergrund tretenden ideel­ len Werte tragen zu diesem Trendverhalten bei. Die Inhalte der Museumskultur ver- Arbeitszeitgestaltung,

wohnt in großen Städten. Lebensqualität in den Städten und Gemeinden wird nicht nur durch den vorhandenen Arbeitsplatz, durch saubere Luft und klares Wasser definiert – auch das kulturelle Angebot gehört dazu. Die Stadt Bräunlingen hat sich am Beginn des Kulturzeitalters rechtzeitig gewappnet. Mit dem jetzt schon vorhandenen und dem­ nächst noch weiter ausgebauten Museum der Narrenzunft Bräunlingen im alten Elektrizi­ tätswerksgebäude, mit der ehemaligen Orts­ burganlage auf dem Buck, die sehr wahr­ scheinlich zu einem archäologischen Park ausgebaut wird und mit dem neuen Kelnhof­ Museum hat die Stadt eine Museumstriolo­ gie, die es weit und breit in der Form nir­ gends gibt. Damit haben wir der Perlenkette der öffentlichen Einrichtungen der Stadt Bräunlingen ein weiteres Glanzstück zuge­ fügt im Sinne eines (leicht abgewandelten) Spruches von Ernst von Feuchtersleben: ,,Die Philosophie lehrt uns, unser Los zu begreifen. Die Religion lehrt, es mit Ergebung zu tragen. Die Kunst, Kultur und Geschichte lehre es zu ver­ schönern.“ Bürgermeister Jürgen Guse ändern sich. Zu Kunst und Technik treten verstärkt Heimat und Geschichte. Die Auf­ merksamkeit richtet sich auf Leben und Lei­ stung der Bauern, Handwerker und Arbeiter. Die Parteien entdecken die Kultur für ihre Programme, natürlich mit unterschiedlichen Nuancierungen und Begriffsinhalten. Die Zunahme der Bedeutung der Kultur ist auch aktuell in Baden-Württemberg abzulesen durch die neu konzipierte Theaterakademie in Stuttgart, Künstlerakademie in Stuttgart, dem Medienzentrum in Karlsruhe sowie der Berufung eines Theaterintendanten im Range eines Staatsrates. In der Standortbe­ deutung einer Kommune wird die Einschät­ zung, welche Q!ialität das kulturelle Angebot einer Stadt hat, ein ganz wichtiger Punkt für die Beurteilung der Q!ialität insgesamt sein. Die Selbstverwaltungshoheit der Kommu­ nen in Baden-Württemberg ist in sehr vielen Gebieten ausgehöhlt worden. Einer der weni­ gen Bereiche ohne Gängelung ist noch die Kulturarbeit. Sie ist eine echte freiwillige Auf­ gabe ohne Vorschriftenruchte. Kultur auf dem Land und in einer kleinen Stadt ist ein Thema, das viele angeht. Denn nur ein gutes Drittel der Bundesbürger Blick in die Küche 1 � 1 197

Künstler Jürgen Henckell Ein vielseitiges Künstlertalent Henckell, Jürgen A Blumberg, so steht es im Telefonbuch, Schriftsteller und Graphiker. Wer ist er denn nun, dieser Jürgen Henckell, ein zeichnerischer Maler, der schreibt, oder ein Schriftsteller, der malt? Um eine Antwort auf diese Frage zu fin­ den, muß man schon weit in die Jugend des heute über Siebzigjährigen zurückgehen. 1915 in Hamburg als Sohn einer großbür­ gerlichen Familie geboren, besucht er schon mit sechzehn Jahren die „Hansische Hoch­ schule för Bildende Künste“ mit der Fachrichtung Gebrauchsgraphik. Bei Profes­ sor Hugo Meier-Thur macht er nach zehn­ semestrigem Studium sein Meisterschüler­ Zeugnis. Viele Bilder, die in diesen Jahren entste­ hen, sind von seiner norddeutschen Heimat geprägt. Lange Aufenthalte im „Teufels­ moor“ finden ihren Niederschlag in Bildern, die Heidedörfer und einzelne Gehöfte zum Thema haben, während die Küste über die Jahreszeiten hinweg gegenständlich darge­ stellt wird (Eisgang auf der Elbe; Priel im Dithmarschen). Während der Ausbildung ergeben sich schon erste verschiedene gra­ phische Aufträge für den Hamburger Senat, Zeitungshäuser und große Industriefirmen, aber die Bipolarität der Begabungen zeigt sich ebenfalls und Jürgen Henckell wendet sich dem „gewitzten Wort“ zu. Mit eigenen Texten und Versen steht er auf der Bühne des „Bronzekellers“, einem literarischen Kabarett dieser Hamburger Jahre, in dem er auch sehr bald die Pro­ grammleitung übernimmt. Unter vielen anderen Künstlern, die ein Forum för ihre Texte suchen und bei Jürgen Henckell vorsprechen, ist auch der junge Wolfgang Borchert. Noch heute erinnert ein 198 Portrait (Selbstbildnis) handschriftliches,Jürgen Henckell gewidme­ tes Gedicht an diese Begegnung. Nicht lange bleibt es beim „Bronzekeller“, nächste Engagements folgen im „Sim plizissi­ m us“ in München und in der Münchner „Bonbonniere“. Im „Kabarett der Komiker“ bei Willi Schaeffers in Berlin erfolgen die nächsten Auftritte. Hier verdient sich Peter Frankenfeld als Ansager die ersten Sporen. Eine staatlich angeordnete Lazarett-Tournee bringt auch für Jürgen Henckell den Krieg und seine schlimmen Folgen in greifbare Nähe, zumal bei einem Angriff aufMünchen die „Bonbonniere“ zerstört wird. In dieser Zeit schreibt Henckell seinen ersten großen Roman „Das schwarze Schiff“. Die geplante Verfilmung des Stoffes bei der U fA unter der Regie von Wolfgang Liebenei­ ner wird durch das Kriegsende verhindert. Mittlerweile hat der Hamburger, verheira­ tet mit Frau Annedore, in Blumberg Jestge-

Fundort einer Idee • • Weltherrschaft der Geier �’ff­ 199

Los und Masken 200

Fischmusik macht“. Direkt nach der Währungsreform stellt er das erste Kabarett innerhalb der fran­ zösischen Zone auf die Beine. Das Reisekaba­ rett „Tournee auf Touren“ tauft er später in das Kabarettime Theater „Der Widerspie­ gel“ um. Sechzehn Programme schreibt Jür­ gen Henckell in diesen Jahren, kreiert Melo­ dien mit und tritt selbst au( Ein Programm hat neunzig Minuten Dauer und Henckell wird oft nur von einem Pianisten begleitet. Die französische Behörden finden Gefal­ len daran, und sie versuchen.Jürgen Henckell vor den politischen Karren zu spannen, geht es doch um den Anschluß Badens an Frank­ reich. Aber Henckell lehnt ab, er war noch nie käuflich, will sich nicht zweckgebunden vereinnahmen lassen und „löckt lieber weiter wider den Stachel und streut Pfeffer in jede Wunde, gleich welcher Nationalität“. In diesen Nachkriegsjahren gibt es Auf­ tritte mit eigenem Ensemble bei Werner Finck in der „Mausefalle“, dazu ein Sylvester- programm mit Gert Fröbe in München. Im „Komplexarium“ werden die Komplexe der Menschen aufs Korn genommen, und die unter der Federführung von Jürgen Henckell entstandene Parodie zu dem Sartre-Stück „Die Fliegen“ ist großes literarisches Kaba­ rett, in dieser Zeit genau das, was das Publi­ kum erwartet, den direkten Bezug zum Zeit­ geschehen. Sechs Jahre Tournee führen Henckell über Flensburg bis nach Konstanz. Die Auftritte innerhalb der Programme wer­ den mitgeschnitten und im Rundfunk gesen­ det, später kommen noch Spielserien für den Süddeutschen Rundfunk dazu. Ganz auf die Auseinandersetzung mit Stift und Farben hat Jürgen Henckell aber auch während all dieser Jahre nicht verzich­ tet, entwarf und zeichnete er doch so man­ ches Bühnenbild, und für illustrierte Zeit­ schriften entstanden humoristische Zeich­ nungen, nicht nur dann, wenn während der Kabarett-Zeit Geld nötig war. 201

Eisgang auf der Elbe Im Zeichen des beginnenden Wirtschafts­ wunders ist das anspruchsvolle Stegreif­ Kabarett, wie es von Werner Find, Helmut Krüger und Jürgen Henckell angeboten wird, nicht mehr gefragt. Das Interesse des Publi­ kums wendet sich jetzt Tingel-Tangel, Slap­ stick und Klamotte zu, richtet sich nicht mehr aufZeitbezug und Spontaneität. In die­ sen Jahren überschreitet Henckell „die Schwelle zu etwas Neuem“. In der Ruhe und Abgeschiedenheit des ländlichen Blumber­ ger Raumes will er Romane schreiben und auch selber illustrieren, um beiden Bega­ bungen gerecht zu werden. Für Wochenzeitungen entstehen jetzt Romanfolgen und für eine große Zigaretten­ fuma schreibt er „Seemannsverse“ als Rekla­ metexte. Als dann die Romane in den Zeitun­ gen nur noch als Füller dienen, gibt er diese Arbeit auf. 202 Lange Aufenthalte in Sizilien während dieser Jahre haben ihre Spuren hinterlassen. Vier Romane entstehen in dieser Zeit: ,,Taube mit schmutzigen Flügeln“, ,,Heim­ kehr ins Paradies“,,, Wecken in der Dämme­ rung“ und der auf Sizilien angesiedelte Roman „Unkraut des Himmels“. Zwei dieser Romane erschienen auch in holländischer und flämischer Übersetzung. Die lyrische Auseinandersetzung findet in der Gedicht­ sammlung „Arkadien bruchstückweise“ ihren Niederschlag. Auch gestalterisch, malerisch wirken sich die Aufenthalte im mediterranen Raum aus. Es entstehen Bilderzyklen über Mensch und Landschaft, wie das „Mattanza-Triptychon“, das große zeichnerisch malerische Werk, das in der ersten Ausstellung der Künstlergilde in Donaueschingen gezeigt wird. Neue interes­ sante und eigenwillige Wege geht Jürgen

Henckell mit seinen „Pierragen“. Steine, gesammelt am Strand von Sizilien, sind Katalysatoren dieser Kompositionen und die Fortführung der Linien der naturgegebenen Strukturen innerhalb des Steines setzt sich in Linien außerhalb fort, die dann zu Wegen werden in neue Landschaften. Linear ange­ legt ist auch die „Fischmusik“. Zum Rhyth­ mus des lyrischen Textes von Morgenstern steigen die Luftblasen aus dem Wasser, um zu einer Melodie zu werden, spielbar für den Betrachter. Aber nicht nur die Schönheit der Natur ist Thema des Malers Jürgen Henckell. In vielen Bildern kommt seine große Sorge um die Zukunft eben dieser noch unberührten Natur zu Wort. Umweltverachtung und will­ kürliche Zerstörung sind für ihn genauso Themen wie Chemieunfälle. Die karge Land- schaft, in der Ölpumpen wie Geierköpfe über Aas nicken, zeugt von Verantwortungsbe­ wußtsein, und aufrüttelnd dringt dieses Bild wie ein Paukenschlag in den Betrachter ein. Umweltkritisch ist auch das Bild über den „Tod von Seveso“. Wohin wendet er sich jetzt, dieser chemische Homunculus, nach­ dem er Seveso vergiftet hat? Engagiert und sozialkritisch setzt Jürgen Henckell immer neue Aspekte ins Bild. Nicht nur die offenkundige Zerstörung der Landschaft durch technische Machenschaf­ ten des Menschen wie im Ölpumpenbild „Die Weltherrschaft der Geier“, sondern auch die ständige, schleichende Infiltration von Gift und Meinung hinein in alle Lebens­ bereiche, zeigt er meisterhaft in seiner zeitkri­ tischen „Durchdringung“ auf. Dieses Bild ist seit 1988 im Besitz der Bundesregierung. Öl auf neuen Amphoren 203

Der ersten Ausstellung in Donaueschin­ gen folgten noch viele andere eigene Ausstel- lungen und Ausstellungsbeteiligungen in Baden-Württemberg und in der Schweiz. Aber auch in seiner Heimatstadt Hamburg, in Berlin und München hat Jürgen Henckell ausgestellt. Seine Bilder sind im Besitz priva­ ter Sammler in der Bundesrepublik, der Schweiz und Liechtenstein, finden sich aber auch bei der Stadt Donaueschingen, beim Regierungspräsidium Freiburg und bei der Landesregierung in Stuttgart. Seit 1973 ist Jürgen Henckell Mitglied im Internationalen Bodensee-Club, Präsidialmitglied und Leiter der Sektion West in der Fachgruppe „Bildende Künste“. In dieser Eigenschaft organisiert er nun schon mehr als zwölfmal die weit über den Landkreis hinaus bekannt gewordenen „Blumberger Kunstausstellun­ gen“. „Einen Glücksfall für Blumberg und den Schwarzwald-Baar-Kreis“ nannte einmal Dr. Lorenz Honold den engagierten und selbstlosen Ausstellungsmacher. Das hohe Mythologische Bedrohung ,,Konserve des Damokles“ „““:-„�l’P.Ml’llffll. 204 Lorenzo Montalto Niveau der Ausstellungen und ständig stei­ gende Besucherzahlen sprechen für die Rich­ tigkeit dieses Wortes. Innerhalb der Blumberger Ausstellungen finden regelmäßig Autorenlesungen statt, und es gelingt Henckell immer wieder, nam­ hafte Autoren für diese Vorträge zu gewin­ nen. Selber übernimmt er oft in humoriger Art und Weise die Vorstellung der Autoren und bringt auch eigene lyrische Texte ein. Auf Einladung trug er seine Gedichte bei den Lesungen innerhalb der „Annette Dro­ ste-Hülshoff-Erinnerungstage“ im Meers­ burger Schloß vor. Über die Jahre hinweg sind im jährlich aufgelegten Almanach schon weit über sechzig Gedichte von Jürgen Henckell erschienen. Es ist ihm ein Anliegen, den für viele Menschen verbauten Zugang zur modernen Lyrik wieder zu öffnen, und die Werke der zeitgenössischen Künstler bei Kunstausstellungen sieht er ebenso. ,,Jede dieser Ausstellungen bringt neue und inte­ ressante Informationen für den, der zu hin­ terfragen weiß“, so Jürgen Henckell.

Dieses Hinterfragen ist auch der Tenor des Romans in Episodenform „Die Verführung“, den Henckell jetzt fertigstellte. Die Entwick­ lung der Kunststile seit dem Impressionis­ mus bis hin zur informellen Kunst wird auf­ gezeigt und schriftstellerisch geformt. Die einzelnen Kapitel sind Portraits der Künstler und führen über Monets „Felder im Früh­ ling“, Beckmann, Ku bin, Macke zu Paul Klee und Pollock. Auch in seinen eigenen Bildern versucht Henckell konsequent den Weg des Hinterfragens zu gehen. Ob nun bei seinen „ Vergitterungen“, Bildern in Acryl unter einem gemalten Drahtraster oder bei „Spie­ gel mit Stacheldraht“, der Wunsch des Dahinterkommens ermöglicht den Zugang. Der Betrachter wird zur Vollendung des Bil­ des gezwungen, er selbst rundet es ab. Im Bild „Spiegel mit Stacheldraht“ ist es erst die äußerliche Wirkung, das Erstaunen, hinter Stacheldraht das eigene Gesicht zu sehen, und dann verlagert sich die Wirkung in die Tiefe, wie sehr zeigen die Reaktionen der Betrachter deutlich auf Nicht nur bei den farbigen Bildern Henckells, vielmehr noch bei dem großfor­ matigen, in Bleistift gearbeiteten „Los und Masken“ ist der Betrachter zur Auseinander­ setzung aufgefordert. ,, Verpflichtend für mich wie für viele andere“, so Jürgen Henckell, ,,ist -sei es in Wort oder Bild -eine Öffnung zu lassen, die dem Hörer oder Betrachter Raum gibt und die Möglichkeit, sein neues, eigenes Universum zu finden, um dort selber schöpferisch zu werden.“ Es blei­ ben also dem Schaffenden wie dem Betrach­ ter nur zwei Möglichkeiten: aktiv zu sein in der eigenen Kreativität oder sich weiterhin auf die Suche zu begeben, so Jürgen Henckells Einstiegshilfe zu seinen Bildern, aber auch zur zeitgenössischen Kunst allge­ mem. Jürgen Henckell hat es verstanden, trotz all der Stolpersteine, die die Jahre für ihn bereithielten, seiner Doppelbegabung ge­ recht zu werden. Im ständigen Mut zum Weitermachen fand er in sich selber die ural­ ten menschlichen Q}lellen wieder, die noch nicht versiegt, aber durch Umfeld, Streß, Erfolgszwang und Müdigkeit verschüttet sind. In diese Suche nach dem Ursprung ist bei Henckell der Mitmensch eingeschlossen, sie führt zu den vielseitigen mitmenschli­ chen Kontakten und ist gewiß einer der Beweggründe für ihn, Ausstellungen und Vernissagen zu organisieren, in einem Alter, in dem für sehr viele Zeitgenossen schon der Schaukelstuhl angesagt ist. Zu alledem kommt noch eine große Neu­ gier auf den Menschen dazu, und das ist es, was Jürgen Henckell schon wiederholt bewegt hat, im Rahmen des Angebots der Volkshochschule Baar Zeichenkurse zu lei­ ten. In der Eroberung der Leere durch Linien und Farben zeigt er Wege und Möglichkei­ ten auf, zum Ursprung zurückzufinden. Alle Rückschläge und Zäsuren eines rei­ chen langen Lebens haben Henckell nicht den Humor verlieren lassen. Journalistisch interessiert und tätig zeichnet er wöchentlich Karikaturen zum Zeitgeschehen und der spitze Zeichenstift macht auch vor der eige­ nen Person nicht halt (Selbstbildnis), dazu kommt die Mitarbeit am Lokalteil verschie­ dener Blumberger Zeitungen. Daneben fin­ det er noch Zeit, die Gestaltung der Werbe­ prospekte der Stadt Blumberg zu überneh­ men und Plakate und Aufkleber für die Lastenverteilung 205

Durchdringung Museumsbahn zu entwerfen. In der neuen Sporthalle übernahm er die künstlerische Ausgestaltung der Wand im Foyer und auch die Mehrzweckhalle in Riedöschingen trägt seine künstlerische Handschrift. Ständig wechselnde Kontakte mit unter­ jeweils neue schiedlichsten Menschen, Anforderungen und der Wille, sich auseinan­ derzusetzen, sind Lebenselixier für ihn. „Denn“, so Jürgen A. Henckell, ,,nicht die Herberge ist wichtig, sondern der Weg dahin und alle Menschen, die man auf dieser Reise trifft.“ Christiana Steger Die Kunst – meine Form des Lebens Der Maler und Graphiker Emil Kiess vollendet sein 60. Lebensjahr Er zählt zu den Stillen im Lande. Aber als Vertreter der modernen Malerei hat sein Name seit den späten fünfziger Jahren Rang und Klang weit über den südwestdeutschen Raum hinaus, dem er durch Herkunft und Bildungsgang eng verbunden ist: der Maler und Graphiker Emil Kiess, der im Lauf des 206 Februar 1990 sein sechzigstes Lebensjahr voll­ endet. Geboren in Trossingen, widmete er sich dem Studium der bildenden Künste 1949-51 an der Bernsteinschule (bei P. Kälbe­ rer, H. Pfeiffer und HAP Grieshaber), danach (mit Unterbrechungen) bis 1958 an der Staat­ lichen Akademie der Künste in Stuttgart.

Hier war es Willi Baumeister, der 1952/53, 1955 und dann wieder 1958 bei Kiess beson­ ders nachhaltige Eindrücke hinterließ. Was Baumeister seinen Schülern vermit­ telte, war die Lust am Unbekannten, die Freude an eigenen Entdeckungen, das Suchen nach neuen künstlerischen Gestal­ tungen und Ausdrucksformen. Emil Kiess, der inzwischen auch in der Werkstatt für Glasmalerei in Rottweil sich umgesehen hatte, wurde einem weiteren Publikum zunächst als Gestalter moderner Farbfenster bekannt. Dabei experimentierte er mit neuen Werkstoffen wie: Polyesterharz, Polyäthylen, Acrylglas und Plexiglas, die nach Auffassung des jungen Künstlers in Lichtdurchlässigkeit, Leuchtkraft und Farbwirkung dem Material der überkommenen Glasfenster durchaus gleichwertig seien. Mal.erei 1987 – Öl 207

An der Donau – Kreidezeichnung Freilich die Glasmalerei war sichtlich nur eine der künstlerischen Disziplinen des neue Wege gehenden Künstlers, der zweimal, 1955 und 1958, den Oberschwäbischen Kunst­ preis, 1956 den Kunstpreis »Junger Westen“, schließlich 1960 das Stipendium Villa Mas­ simo, Rom, erhielt. Als Meister der Druck­ graphik befaßte sich Kiess mit Problemen des Seriendrucks in der modernen Kunst, insbe­ sondere der Siebdrucke, wobei er mit der Überlagerung eigenwilliger Formen und Farbmaterialien experimentierte. Wie sehr seine Drucke in Schwarz-Weiß und in Far­ ben Beachtung fanden, zeigt die Liste der Einzel- und Gruppenausstellungen des Künstlers, der früh schon auf Ausstellungen in Kunstzentren wie: Rom, Amsterdam, Paris, Löwen, Düsseldorf, Hannover, Berlin, München und Darmstadt vertreten ist. Auch der Maler Emil Kiess ist im Lauf sei­ nes rund dreieinhalb Jahrzehnte währenden Schaffens als freier Künstler nie stehen geblieben. Zu Beginn – noch vor der Begeg­ nung mit Baumeister in Stuttgart- gibt es ein apartes „Stilleben“, 1951/52 gemalt, in dem sich der 21jährige mit Cezanne, dem Vorden­ ker der modernen Malerei, auseinandersetzt. Es folgen, gespachtelt in Blau, der Lieblings­ farbe von Kiess, ,,Peinture“ (1957) und „Gro­ ßes blaues Bild“ (1959)- Malereien mit Farb­ schwüngen nach Art des Tachismus. Den Übergang zu einer mehr und mehr mono­ chromen Malerei verraten die Bilder „Einge­ schlossen“ (Öl/Sand), ,,Natura morta“ und „Ostia“, sämtlich Arbeiten des besonders fruchtbaren Jahres 1960. Mitte der siebziger Jahre häuften sich in den Regalen und Schubladen des Ateliers im 208

Gehöfte – Kreidezeichnung A T Feldscheunen im Winter – Kreidezeichnung 209

Oben: Ölbild 1957 Links: Malerei 1983 -Öl Fürstenberger Ortsteil „Schächer“ die Sieb­ drucke von Emil Kiess mit den sich überla­ gernden, ständig wechselnden Farbtönen und Farbmaterialien. Damit ist die jüngste Phase im Lernprozeß des Künstlers eingelei­ tet und der Weg geöffnet zu den Gouachen „Südliche ,,Drei Muscheln“ (1979), ,,St�� am Meer“ (1977) und schließlich zu den Olbildem der achtzi­ ger Jahre mit ihrer verstärkten Hinwendung zu heimatlichen -um nicht zu sagen baare­ mer -Motiven, wie man sie in Arbeiten wie „Blumen“ (1979), „Wäsche“ (1980) und „Heuhaufen“ aus demselben Jahr zu erkennen glaubt. Farbteile und Farbpünkt­ chen ordnen und gliedern nun die Fläche und laden sie mit Energien und Farbimpul­ sen auf. So vor allem in den Bildern „Malerei Landschaft“ (1974), 210

I und II“ sowie“ Triptychon I und II“, sämt­ lich 1985 entstanden. Sei es nun das mehr abstrakte Schaffen der sechziger, seien es die eher gegenständlichen, durch landschaftliche Eindrücke geprägten Arbeiten aus den beiden letzten Jahrzehnten -hier wie dort erweist sich Emil Kiess als ein Maler, der aus der Farbe denkt, plant und gestaltet. Die übliche Teilung in eine gegen­ ständliche und eine gegenstandslose Kunst hat der Fürstenberger Maler von Anfang an für seine Person abgelehnt. Seine Umwelt könne er nicht negieren und andererseits sei er nicht selbstbewußt genug, eine innere Welt ohne Bezug auf die äußere allein aus den Elementen der Malerei zu erfinden. „Immer wieder müsse er hinabsteigen zu den lebendigen Q!iellen des Erfahrenen, um die Realität der Welt in seiner Malerei zu verbild­ lichen“. Radierungen 1987 211

schaft eingerahmt von einem Gewoge winzi­ ger Farbflocken und Farbteilchen. Eine scheinbar nostalgische Huldigung an das Spätwerk des Impressionisten, der genau hundert Jahre zuvor in Givemy einzog, um danach die berühmt gewordenen „Seero­ sen“-Bilder zu malen. Und ein weiteres Mal inspirierten Monets Nympheas, die die nachimpressionistischen Maler zur Weiterentwicklung herausforder­ ten, Emil Kiess bei seiner großformatigen „Malerei 1988, Teil 2″. Mit gutem Grund hat Hans H. Hofstätter das repräsentative Werk in die Ausstellung „Farbe -Malerei in Baden­ Württemberg“ hineingenommen, die vom 7. bis 23. April 1989 anläßlich der Landeskunst­ wochen Donaueschingen ’89 veranstaltet wurde. Geben wir anstelle einer eigenen In­ terpretation zum guten Schluß dem Freibur­ ger Museumsleiter selbst das Wort, der über Emil Kiess wie folgt urteilt: ,,Seine neueren Bilder scheinen auf den ersten Blick ohne Gegenstände auszukommen, doch man Selbstbildnis – Öl 1951-52 Häuser und Bäume – Fürstenberg Öl 1977 Oder ein andermal: ,,Die Kunst als Spiegel der Erfahrung hat nichts anderes zu tun, als den mimetischen Impuls eines sehenden Ichs sinnfällig zu machen“. In diesem Bekenntnis des einst Dreißigjährigen hat sich für Emil Kiess auch als Sechzigjährigen im wesentlichen nichts geändert. ,,Der Mensch“ – so in seinen Aufzeichnungen zum Phäno­ men ,Farbe‘ – ,,sieht in Bezügen. Er erzeugt, was er sieht. Kein Ding wird isoliert und ohne Bezug zu anderen Dingen wahrgenommen“. Bezeichnend für das vielschichtige Netz von Eindrücken aus Umwelt und Erinne­ rungswelt, die im Malprozeß des 60jährigen mitspielen, das Ölbild mit dem Franzosen Claude Monet, das 1983 auf der Ausstellung im Hause des Donaueschinger Architekten Harry Ludszuweit zu sehen war. Es zeigt eine entmaterialisierte Gestalt in einer zeitlosen, nicht näher definierbaren (Garten)-Land- 212

Stilleben – Öl 1952 kann sie durchaus als abstrakt im gegenständ­ lichen Sinne sehen: als Abstraktionen von Natur-und Landschaftseindrücken. Monets Nympheas haben den Blick dafür geschärft, Ernst Ganter, ein Maler und sein Schwarzwaldbild daß es so etwas gibt: Natureindrücke nicht direkt, sondern in flüchtigen Reflexen, die ständig sich ändern und entgleiten, im Bilde festzuhalten“. Dr. Lorenz Honold skizzen aus dem Hexenloch heraus und belegt das eben Gesagte mit kraftvoll ange­ legten Skizzen, die frisch und unmittelbar sind. Ernst Ganter kennt die Löcher und Döbel im Hexenloch seit Jahrzehnten, er ist dort unten „daheim“. Das gilt aber auch für die Hänge um Furtwangen, für die Elzquelle, den Saubauer, Dreitälerblick, den Brend und Rohrhardsberg, die Furtwanger Unterall­ mend oder den Katzensteig. Und obwohl der 86jährige diese Gegenden seit über 60 Jahren 213 Über den Furtwanger Maler Ernst Ganter hat Herr Pfarrer Joseph Beha im Almanach 84, Seite 149 bis 151, einige Gedanken zur Persönlichkeit und zum Werk des Künstlers geäußert. Der nach­ folgende Beitrag rundet das Schaffen des Künst­ lers ab. Ernst Ganter sagt, daß eine Skizze frech sein muß, und fügt mehr für sich selbst hinzu: ,,sunscht kah mer’s vergesse.“ Er durchschreitet sein geräumiges Atelier, zieht aus einem Regal eine Mappe mit Tempera-

malt, ist Ernst Ganter nach wie vor auf der Suche nach deren Eigentümlichkeiten, nach Ecken und Kanten, dem Wesen dieser Land­ schaften. Der Impressionist sucht noch immer die ideale Synthese, das ideale Zusam­ menspiel zwischen Form, Raum und Farbe. Bei den Studien nach der Natur, bei der Arbeit um Furtwangen herum, entstehen, gleich ob Ganter eine Gouache, ein Aquarell oder ein Ölgemälde anlegt, stets „nur“ Skiz­ zen: Er „haut“ diese Skizzen „na“, wie Ernst Ganter seine Virtuosität im Umgang mit dem Pinsel beschreibt, denn der Impressio­ nist vermag die Eigenheiten einer Landschaft binnen weniger Minuten herauszuarbeiten. Und Ernst Ganter arbeitet vor allem deshalb rasch, weil ihm seine Spannkraft nicht beständig erhalten bleibt, ohne Kraft aber eine „freche Skizze“ nicht denkbar wäre. Der Maler beendet diese Skizzen dann in seinem Atelier an der Triberger Straße, das im Dach­ geschoß der Normenteilefabrik Otto Ganter & Co. KG untergebracht ist und deren Mit­ inhaber der Künstler ist. Er hat die Firma mit aufgebaut, aus kleinsten Anfängen heraus. Und weil das mittelständische Unternehmen stets viel Zeit und Kraft abverlangte, hat Ernst Ganter seine knapp bemessene Zeit für die Malerei von Anfang an intensiv zu nut­ zen gewußt. Hat er nie Zeit für Motivsuche vergeudet, sondern gemalt, was sich gerade so ergab. Doch zurück zur Skizze, zu deren Vollen­ dung: Der Impressionist schließt seine Arbeit im Freien nicht ab, weil ihn das Licht beim Zusammenfinden der Flächen und Far­ ben beeinflußt. Deshalb sucht er das aus­ gewogene Licht des Ateliers und scheut die Aquarell vom Furtwanger Stadtviertel Unterallmend 214

so aufkommende Distanz zum Objekt nicht. „Auf dem Blatt muß es stimmen“, kommen­ tiert Ernst Ganter diese Arbeitsweise, mit der er einerseits den Eindruck des Augenblicks festzuhalten vermag, was der impressionisti- Am Rohrhardsberg, Temperaskiz.ze sehen Technik der Prirnalerei entspricht, der Ernst Ganter aber andererseits stets eine zweite Sitzung folgen läßt, aus Beweggrün­ den heraus, die bereits ausgeführt sind. Der 86jährige besitzt beim Skizzieren jedenfalls eine außergewöhnliche Fertigkeit, und er stellt im übrigen eine gute Skizze gleichbe­ rechtigt neben ein ausgearbeitetes Gemälde. Die zielstrebige Arbeitsweise Ernst Gan­ ters hat bis zum heutigen Tage unzählige Skizzen und Gemälde hervorgebracht: Tem­ peramalereien, Aquarelle, Tuschezeichnun­ gen und Ölbilder. Diese Kunstwerke vermit­ teln Reflexionen eines tiefen Naturempfin­ dens, das als ein Zusammenspiel von Flächen und Farben gegenständlich wird und das den Halt des Pinselstriches nicht mehr benötigt. So sind Landschaftsbilder entstanden, die mächtig und ursprünglich sind, geprägt vom Vereinfachen, vom Freimachen des Blickes für das Wesentliche: Mal steht der Betrachter 215

Der Reinerdonis-Hof in Schönwald, Ölgemälde vor gewaltig düsteren Berghängen, nur grob strukturiert, die die Täler nahezu erdrücken, vor pastosen Gemälden auf großformatigem Karton. Vor Bildern, die die Verschlossenheit einer Landschaft widerspiegeln, deren Wesen Ernst Ganter mit außergewöhnlichem Aus­ druck erschaubar macht. Und dann wieder zeigt Ernst Ganter in seinem Atelier Ölbilder, deren Farbigkeit, Kraft und Lebensfreude einem förmlich entgegenspringen. Bilder, bei deren Entstehung der Künstler sämtliche Facetten der impressionistischen Land­ schaftsmalerei ausgekostet hat. Gerade die jüngeren Werke Ernst Ganters sind von die­ ser Farbenfreude, von dieser außergewöhn­ lichen Tonalität gekennzeichnet. 216 Das künstlerische Schaffen von Ernst Ganter wird indes geradezu mitreißend von der Prächtigkeit seiner Wasserbilder geprägt, seiner ständigen Auseinandersetzung mit der Elzquelle, oder den Bächen im Hexenloch. Ernst Ganter ist ein Leben lang auf der Suche nach der Farbe des Wassers gewesen. Auf einer Suche, die ihn stets gefordert hat. Denn das Wasser besitzt „keine Farbe“, und doch ist jeder Tropfen eines Baches vollgesaugt mit der Farbigkeit seiner Umgebung. Diese ungeheure Vielfalt auszudrücken, das ist auch im 86. Lebensjahr ein zentraler Punkt des künstlerischen Schaffens Ernst Ganters. Und längst hat er dabei den Pinsel mit der Spachtel vertauscht, weil ihm der Pinsel die

Olfarben zu grau bringt und die Spachtel dagegen der Garant für einen reinen Ton ist. Das künstlerische Werk Ernst Ganters hat in seiner Art, die Fließbewegung und die Farbig­ keit des Wassers darzustellen zweifellos einen Höhepunkt erreicht. Es entstehen „Wasser“, deren Farben Klänge bilden, deren Nuancierung fesselt. Der Impressionist Ernst Ganter ist gewiß ein außergewöhnlicher Künstler, aber, er ist zugleich außergewöhnlicher Mensch. Ernst Ganter lebt nach unverrück­ baren Grundsätzen und hat sein Leben seiner Kunst untergeordnet. auch ein Seine genügsame Art zu leben, im Ein­ klang mit der Kunst und der Natur, hält vor Augen, daß auch „ wenig“ viel sein kann, wenn das „Wenige“ eine innere Kraft ist, wie sie Ernst Ganter in seinen Werken immer wieder gegenständlich macht, indem er weg­ läßt und vereinfacht. Dieses Vereinfachen ist indes hart erarbeitet: So sagt Ernst Ganter von sich, er sei in der Schule ein schlechter Zeichner gewesen. Aber ein Künstler aus Bayern, der an der Furtwanger Schnitzerei­ schule wirkte, hat den jungen Ernst Ganter in den 20er Jahren mit den Grundzügen der Malerei vertraut gemacht. Danach ist es vor allem auch der Furtwanger Bildhauer Karl Rieber gewesen, der Ernst Ganter auf seinem Weg weiterhalf. Am meisten vorangebracht hat den Furtwanger wohl die Begegnung mit dem Schwarzwaldmaler Wilhelm Kimmich aus Lauterbach bei Schramberg, der ihm ein überaus kritischer Lehrmeister und Freund war. Und diese Kritik hat bewirkt, daß Ernst Furtwangen im Winter, von der Fatimakapelle aus, Ölgemälde 217

Feldblumen, Temperabild Bach im Hexenloch, Ölgemälde 1988 Beim Elzfall, Ölgemälde, 1988 Ganter immer noch mehr aus sich heraus­ holte, sich vervollkommnet hat und er heute gleichberechtigt neben Kimmich und ande­ ren etablierten Malern steht. Der Maler Ernst Ganter ist vor allem aber auch ein Furtwanger Maler. Die Liebe zu sei­ ner Heimatstadt hat etliche tausend Skizzen und Gemälde hervorgebracht. Sie waren die Vorlage für zwei Postkartenserien über Furt­ wanger Bauernhöfe und für eine Kartenserie mit Motiven aus Alt-Furtwangen. Der Impressionist ist bekannt für diese histori­ schen Ansichten Furtwanger Straßenzüge, vor allem von der Unterallmend, dem älte­ sten Viertel der Stadt, das heute größtenteils vernichtet ist. Neben der Unterallmend, ist Ernst Ganter vor allem auf dem Berg unter­ halb der Fatima-Kapelle daheim. Von dort aus gefällt ihm seine Heimatstadt am besten, gewinnt er ihr immer wieder neue Reize ab, 218

malt er Furtwangen zu jeder Jahreszeit, vor allem bei jedem Licht. Und Ernst Ganter, der seine Kunst nicht in den Vordergrund rücken mag und deshalb nur selten seine Werke aus­ stellt, hat Bilder seiner Heimatstadt im übri­ gen schon vielfach öffentlichen Einrichtun­ gen kostenlos überlassen. Mit Ganter-Wer­ ken ist das Altenheim ausgeschmückt, aber auch andere soziale Einrichtungen der Stadt haben bereits des öfteren von der ungewöhn­ lich reichen Schaffenskraft des Malers profi­ tieren dürfen. Ernst Ganter ist aber nicht nur Schwarz­ waldmaler: Er reist und reiste in ganz Europa umher, ist begeistert von der Architektur der Städte, von der Farbigkeit südlicher Länder, oder dem Flair europäischer Metropolen wie Rom und Paris. Von diesen Reisen bringt Ernst Ganter meist duftige Temperamale­ reien mit. Tempera deshalb, weil er mit Deck­ farben den Ton noch nachträglich verändern kann, während ihm die Aquarellfarben ab­ verlangen, daß er ein Bild „auf einen Hieb“ macht. Auch die Reiseskizzen des Künstlers dokumentieren seine Fähigkeit, das Wesent­ liche einer Landschaft, einer Architektur rasch zu erfassen und in der ihm typischen Art anzulegen. Die Arbeit wird jedenfalls nicht geringer, die Zahl der Skizzen, die im Atelier vollendet werden, nicht kleiner: Es zieht Ernst Ganter auch im 86. Lebensjahr Tag für Tag um sechs Uhr früh ins Atelier, sonst hätte er keine Ruhe. Mit ungebrochener Schaffensfreude ist Ernst Ganter noch immer auf der Suche nach der idealen Stimmung. Auf einer Suche nach der Ursprünglichkeit und Ausstrahlung von Landschaften, von der auch die Mono-· grafie Ernst Ganters erzählt, die in Buchform erscheinen wird. Wilfried Dold Alltagsweg Ihre Beziehungen zueinander: Ein Nebeneinander – und der Weg, den sie wie Bäume in ihre Mitte nahmen – ebenbildlich sich fortsetzend einem Fluchtpunkt entgegen, wo, das hofften sie, alles zusammenliefe: Eine perspektivische Täuschung bis dorthin, wo die Luftschlösser unter der Brache zerfielen – Ihnen bleibt nur die Wahl zwischen Neubeginn oder dem Sichverlieren, wenn nicht die Umkehr zu den fallenden Blättern ihren Erinnerungen – und bis in die Wurzeln. Jürgen Hencke’ll Raffung Ich erkannte oft nicht die Bedeutung großer Stunden – Bei dem Griff nach fernen Küsten fielen sie mir aus der Hand – – Dies erkennend, sammle ich jetzt die verlorenen Sekunden für die eine volle Stunde der verdichteten Erfahrung mit mir selbst. Raffung bildet den Kristall der Einsicht aus amorphen Molekülen der Erinnerung. Jürgen Henckell 219

Stockhausen im Regieraum beim WDR bei der Arbeit Einst, mit 25, in Donaueschingen der „Bürger­ schreck “ – heute, 60 gewesen, im Jubiläumsjahr in Köln mit bedeutenden Werkaufführungen ge­ fejrt, ein Klassiker der NEUEN MUSIK: Pro­ fessor Karlheinz Stockhausen ist weltweit der bekannteste und bedeutendste Repräsentant der Neuen Musik. Wie kein anderer hat er als Komponist in den ver­ gangenen vier Jahrzehnten seit 1950 die Musik revolutioniert. Ohne Stockhausen ist die Musik der zweiten Jahrhunderthälfte undenkbar. Die Erschließung neuer Klangwelten bis zur Raum­ M usik ist mit seinem Namen ebenso untrennbar verbunden wj die Begriffe serielle und elektro­ nische Musik. Durch den Einsatz mobiler Synthe­ sizer wurden neue Klangfarben und völlig neue Methoden der Klangsteuerung, Klangmodula­ tion, Raumprojektion und Notation entwickelt. Stockhausen hat bis heute 202 selbständig auf führbare Werke komponiert. In sechs Bänden hat er Texte zur Musik (DuMont Buchverlag Köln) veröffentlicht, auf über 100 Schallplatten wurde sein musikalisches Werk aufgenommen. Seit 1977 arbeitet er an dem musikdramatischen Zyklus LICHT (Die sieben Tage der Woche), von dem DONNERSTAG, SAMSTAG, MONTAG vollendet sind und DIENSTAG in Arbeit ist, im Jahre 2002 soll das gesamte Werk vollendet sein. Stockhausen hat zahlreiche Ehrungen durch den Staat und internationale Akademien erfahren, 1986 erhielt er den höchstdotierten Preis in der Musik, den Ernst-von-Siemens Musikpreis. Er lebt seit 25 Jahren in Kürten im Bergischen Land nahe Köln. Der ALMANACH.führte mit ihm anläßlich des 40jährigen Bestehens ein Gespräch über die Donaueschinger Musiktage aus seiner Sicht. Frage: Die Donaueschinger Musiktage der neuen Zeit sind 1990 40 Jahre alt. Herr Pro­ fessor Stockhausen, die Musikkritikerin Gisela Gronemeyer hat im „Kölner Stadt­ Anzeiger“ in einem ihrer Berichte über die Donaueschinger Musiktage von den drei ,,Donaueschinger Assen“ gesprochen: Stock­ hausen, Boulez, Nono. Sie waren oft in Donaueschingen, Sie haben mit Ihren Wer-221

ken die weltweite Bedeutung der Musiktage als ein internationales Forum der Neuen Musik in den letzten 40 Jahren mitgeprägt. Welche Erinnerungen haben Sie an die Donaueschinger Musiktage? Stockhausen: Zum ersten Mal war ich 1952 in Donaueschingen mit einer Uraufftihrung von SPIEL für Orchester in zwei Sätzen, diri­ giert von Hans Rosbaud, dann erst wieder 1958 mit GRUPPEN für drei Orchester. Orchester I wurde von mir dirigiert, Orche­ ster II von Hans Rosbaud, Orchester III von Pierre Boulez. !gor Strawinsky war in der Aufführung. Es war die zweite Aufführung nach Köln. Für 1959 hatte ich einen Kompo­ sitionsauftrag, der infolge eines Konfliktes zwischen Dr. Heinrich Strobel, dem Leiter der Musiktage, Hans Rosbaud und mir, eigentlich wegen Banalitäten, nie fertig wurde. Die nächste Aufführung war im Jahre 1963 PUNKTE für Orchester unter Pierre Boulez als Dirigenten. Dann folgte 1965 die konzertante Uraufführung des über eine Stunde dauernden Werkes MOMENTE mit dem Kölner Rundfunkchor unter meiner Leitung. 1970 hat Heinrich Strobel mir kurz vor seinem Tode noch einen Auftrag gege­ ben für MANTRA für zwei Klaviere. Er hat das Werk aber nicht mehr gehört. Er war vor­ her gestorben. Sein Nachfolger wurde Dr. Otto Tornek von der Musikabteilung des Südwestfunks in Baden-Baden. Er gab mir 1972 eine Chance für die Uraufführung von TRANS für Orchester, 1974 war es INORI, Anbetungen for ein oder zwei Solisten mit Orchester, mit Alain Louafi, mit dem Südwestfunkorchester unter meiner Leitung. Dann kam eine mehr­ jährige Pause. Sie endete 1978 mit der Urauf­ führung von MICHAELS REISE UM DIE ERDE aus meiner Oper DONNERSTAG aus LICHT für Orchester, mit Markus Stock­ hausen (Solotrornpete), Suzanne Stephens (Solobassetthorn) und dem Ensemble Intercontemporain. 1983 wurde KATHIN­ KAS GESANG als Luzifers Requiem, für sechs Schlagzeuger und Soloflöte, Kathinka Pas­ veer, uraufgeführt und 1985 OBERLIPPEN- 222 Gespräch unter Kollegen: Karlheinz Stockhausen und Wolfgang Fortner (aus Max Rieple, Musik in Donaueschingen). TANZ, ein Werk für Solotrompete, vier Hör­ ner und zwei Schlagzeuger, aus der Oper SAMSTAG aus LICHT. Seitdem hat nichts mehr stattgefunden. Für 1991 habe ich den Auftrag für ein Stück aus Anlaß des Weg­ gangs von Josef Häusler, des Organisators der Musiktage. Frage: Um auf das Eingangszitat zurück­ zukommen: Die Donaueschinger Musiktage in den vergangenen 40 Jahren sind ohne Ihre Mitwirkung nicht zu denken? Stockhausen: Sie sind sehr wohl ohne mich denkbar. In 38 Jahren bin ich zehnrnal auf­ geführt worden. Boulez ist beinahe jedes Jahr in Donaueschingen aufgeführt worden, bis Heinrich Strobel 1970 starb. Ich in diesen 20 Jahren unter Strobels Leitung nur viermal. Strobel wollte das nicht. Prinz Max Egon von Fürstenberg, der große Mäzen der Musik­ tage, und Fürst Joachim von Fürstenberg wollten immer, daß ich öfter komme. Fürst Joachim sagte mir jedesmal: Wir versuchen in jeder Besprechung mit den Herren vorn SÜDWESTFUNK mehr Aufführungen von

Ihnen zu bekommen. Aber diese bestimmen natürlich. Sie stellen das Orchester und haben das Geld. Ich habe ihm geantwortet: Ich komme gern öfter nach Donaueschin­ gen, aber das liegt nicht an mir. Frage: Woran, glauben Sie, lag es, daß Sie unter Strobel nicht mehr Einladungen erhiel­ ten? Stockhausen: Strobel war eine der ganz sel­ tenen Persönlichkeiten, die immer nur das gemacht haben, was sie für gut fanden. Er hatte eine besondere Vorliebe für Egk und Fortner, für Petrassi, für die Schweizer Komponisten Beck und Vogel, auch für Honnegger, und vor allem für Pierre Boulez, für den er so etwas wie eine Vaterfigur war. Das habe ich alles respektiert. Strobel hat zum Beispiel gesagt: ,,Ich mache Boulez, und wenn ihr das nicht wollt, könnt ihr mir den Buckel runter­ rutschen.“ Ich fand diese Einstellung toll. Mir sind Leute tausendmal lieber, die wie er für ihre Sache wie die Löwen kämpfen, als jene, die überhaupt keinen Geschmack haben und jedem gefallen wollen. Die nach­ her in Pension gehen und zu jedem Geburts­ tag von möglichst vielen Komponisten eine Karte bekommen wollen. Frage: Strobel hat aber doch später, was Ihr Werk betrifft, eine Kehrtwendung gemacht, und Sie, Herr Professor Stockhausen, haben ihm die Grabrede 1970 gehalten? Stockhausen: Ja, ich habe ihn Heinrich genannt. Es gibt eine Reihe sehr schöner Briefe zwischen uns. Ich hatte auch eine gute menschliche Beziehung zu seiner Frau, sie war Tonmeisterin und hatte vor meiner Arbeit großen Respekt. Strobel hat wohl gemerkt, daß Stockhausen international sein Publikum gefunden hatte und ihm in der Fachwelt Respekt gezollt wurde. Vor allem Die drei Donaueschinger Asse: Stockhausen, Pierre Boulez, Luigi Nono (von rechts) bei einem Gespräch in einer Konzert-Pause in Donaueschingen in den ersten Jahren der Musiktage (aus Max Rieple, Musik in Donaueschingen). 223

auch von seinem eigenen Freund Claude Rostand, der für LE MONDE berichtete und ein Buch über die Komponisten des 20. Jahr­ hunderts schrieb, in dem der Name Stock­ hausen obenan stand. Strobel wurde hellhö­ riger und hat gedacht, vielleicht muß ich doch aufpassen, und hat mir den Auftrag zu MANTRA gegeben. Im Todesjahr von Stro­ bel wurde das Werk aufgeführt. Frage: Was Ihre Werkaufführungen in Donaueschingen betrifft, insbesondere in den ersten Jahren, da war in der Kritik von Ihnen als dem „Bürgerschreck“ die Rede. Sie kennen das Zitat. Jetzt sind Sie 60 gewesen und gelten als Klassiker der NEUEN MUSIK Stockhausen: Nahezu jede Aufführung von mir in Donaueschingen hat einen mehr oder weniger penetranten Skandal hervorge­ rufen. Entweder hat die Mehrzahl im Saal geschrien und gepfiffen, das sei verrückt oder beim andernmal, das sei nicht verrückt genug. Es gab Situationen, in denen ich ein­ fach ausgelacht worden bin. Zum Beispiel bei TRANS für Orchester. Hinter einem violet­ ten Tüllvorhang sitzt das Orchester wie‘ mechanische Puppen in drei Etagen über­ einander. Die Uraufführung ist auf Schall­ platte aufgenommen und so ist zu hören, was es für Publikumssoli gibt. Auch bei INORI war das so. Zu dieser Uraufführung gab es eine Ausstellung in den Gängen der Musikhalle über Bet-Gesten in allen Kulturen der Welt. Ich hatte sie in Zusammenarbeit mit der Künstlergilde Donaueschingen und dem Freiburger Museum unter Dr. Hans Hofstätter einge­ richtet. Als INORI 1974 unter meiner Lei­ tung uraufgeführt wurde, haben sich die Leute lustig gemacht, weil das überhaupt gegen den Strich war. Damals war Antireli­ giösität up to date, und dann diese Musik von Stockhausen mit Bet-Gesten auf der Bühne! Sowas Lächerliches hatte die Welt noch nicht erlebt! Selbst der Leiter der Abteilung für Neue Musik aus Stuttgart, Clytus Gott­ wald, ließ am folgenden Tag bei einer Impro­ visation von Cage mit dem Chor mit Bet- 224 Gesten Stockhausen auf widerlichste Weise lächerlich machen. Es hieß, daß ich naiv bin, weil ich auf der Bühne beten lasse. Frage: Herr Professor Stockhausen, ist es nicht merkwürdig und erstaunlich, daß eine so relativ kleine Stadt wie Donaueschingen eine derartige Bedeutung für die Neue Musik erlangt und durch 40 Jahre die Tradition auf­ recht erhalten hat? Stockhausen: Es gibt Städte, die als Pflege­ stätten der Neuen Musik noch kleiner sind. So Halle in Westfalen, auch Gütersloh ist nicht groß, Luzern und La Rochelle sind auch keine Großstädte. In einer kleineren Stadt ist die Konzentration aufMusik beson­ ders gut möglich. Die Größe eines Ortes ist nicht wichtig. Das Ganze ist nur eine Frage der Initiative. Diese Initiativen gab es in Donaueschingen durch die Gesellschaft der Musikfreunde, durch das Haus Fürstenberg. Das galt schon zu Zeiten Haydns am Hofe des Fürsten Esterhazy in der Provinz Öster­ reichs. Kein Mensch hat gefragt, ob ein Ort groß genug sei. Ich kenne Donaueschingen gut. Ich bin ja nicht nur jeweils zu den Auf­ führungen hier gewesen, sondern meist schon mehrere Tage vorher bei den Proben. Dadurch, daß in Donaueschingen alles zu Fuß zu machen ist, die Wege vom Hotel zur Musikhalle und umgekehrt, zum Schloß oder zu den Aufführungen in der Kirche (wir haben sie am Tage ja mehrmals zurückge­ legt), ist mir das Städtchen mehr vertraut als mein eigener Wohnort Kürten im Bergi­ schen Land, wo ich seit 25 Jahren lebe. Frage: Welche Erinnerungen haben Sie an Ihr erstes Auftreten bei den Musiktagen und an Persönlichkeiten, denen Sie damals hier begegnet sind? Stockhausen: Ein großer Verehrer von Stockhausen war Altgraf Salm, der Kunstbe­ rater des Hauses Fürstenberg. Ihn habe ich 1952 kennengelernt. Ich kam einen Tag frü­ her nach Donaueschingen nach den Proben mit Hans Rosbaud in Baden-Baden. In mei­ nem Werk SPIEL für Orchester war an einer bestimmten Stelle vorgeschrieben, daß man ein Glas mit einem Metallstab anschlagen

Bei den Donaueschinger Musiktagen 1958 wurden die GRUPPEN für 3 Orchester von Stockhausen aufgeführt. Es dirigierten Karlheinz Stockhausen (Orchester!), Hans Rosbaud (Orchester II) undPierre Boulez (Orchester III). sollte, was einen hellen Klang ergibt. In Baden-Baden haben wir bei den Proben irgendein Glas genommen, das wir gerade finden konnten. Ich kam also nach Donaueschingen, und es erschien ein ungemein netter Herr, menschlich und sehr gebildet, ein Lebens­ künstler, ein Gourmet auch, ein Weinkünst­ ler. Das war der Altgraf Salm. Er sagte zu mir: ,,Ich habe gehört, Sie brauchen ein besonde­ res Glas für Ihr Werk SPIEL für Orchester.“ Wir sind in die Fürstliche Sammlung gegan­ gen und haben dort unter fabelhaften Glä­ sern einen unheimlich schönen Weinpokal ·ausgesucht. Ich hatte alle vorher mit einem Metallstab angeschlagen. Was passiert aber? Die Uraufführung kommt mit dem Südwestfunkorchester. Darin gab es einen Schlagzeuger, der irrsin­ nig nervös war. Rosbaud gab in meinem Werk, damals in einer Taktform Acht Viertel notiert, obwohl der Rhythmus total unsym­ metrisch und unregelmäßig war, bei jeder Synkope, die nach dem Schlag kam, einen seiner unmißverständlichen Rosbaud-Ein­ sätze. Selbst wenn da piano stand, machte er derartige Verrenkungen, daß das Orchester die Augen verdrehte und in dem Moment völlig falsch spielte. Zu früh oder zu spät, aber auf jeden Fall viel zu laut. Als nun eine Generalpause einsetzt, kurz vor Schluß -das Orchester bricht ab -da gibt er einen seiner unfaßbar intensiven Einsätze für den Schlag auf dieses wunderschöne Glas aus der FF­ Sammlung. Der Schlagzeuger schlägt natür­ lich viel zu fest, und der Pokal zersplittert in tausend Stücke, die über das ganze Podium und in die Zuschauer fliegen, mitten in die Generalpause hinein. Der Schluß des Werkes wurde überhaupt nicht mehr gehört. Ros-225

baud gab den Schlußschlag für das Orche­ ster. Dann brach ein Orkan an Protesten los. Die Leute standen auf, schrien, pfiffen oder applaudierten, riefen „Schweinerei“ oder auch »Bravo, Courage, arbeite weiter so!“ Da ließ Rosbaud mich am laufenden Band verbeu­ gen. Ich werde das nie vergessen. Frage: Sie waren nicht nur der Komponist des Werkes, sondern sie hatten in der Auf­ führung auch den Klavierpart zu spielen? Stock.hausen: Ja. Weil Rosbaud am Anfang gesagt hatte: Zeigen Sie mal,junger Mann, ob Sie das überhaupt können. Er hat mich in der Probe den ganzen Klavierpart allein vor dem Orchester spielen lassen. Ich bin bald gestor­ ben vor Angst. Für die Aufführung hatte ich mir von einem Assistenten von Rosbaud, Reich mit Namen, der dick und klein war, einen schwarzen Anzug leihen müssen, weil die Auflage bestand, daß in einem schwarzen Anzug zu spielen sei. Ich hatte keinen. Herr Reich, bei dem ich gewohnt hatte, lieh mir seinen. Die Jacke ging mir bis zu den Ellen­ bogen, die Hose war viel zu kurz, ich hatte richtige Hochwasserhosen. In diesem Auf­ zug nun hat Rosbaud mich dauernd Verbeu­ gungen vor diesem tobenden Publikum machen lassen. Das war mein erstes Erlebnis in Donaueschingen. Frage: Was sagte Altgraf Salm zu dem Unglück mit dem Glas? Stock.hausen: „Da hat es doch einer guten Sache gedient.“ Frage: Neben Altgraf Salm gab es Max Rieple, den Vorsitzenden der Musikfreunde Donaueschingen, Schriftsteller. Stock.hausen: Ich erinnere mich gern an ihn. Er hatte immer so gesunde, rote Backen. Er sprach stets die einführenden Worte und die Begrüßung bei den Konzerten, und natürlich wurden die Künstler hinterher auch immer zu ihm eingeladen. Seine netten Worte und vor allen Dingen sein Engage­ ment, was seine Heimat betraf, werde ich nicht vergessen. Er hat Donaueschingen wohl zu einem Musikfest dieser Region gemacht. Frage: Prinz Max Egon von Fürstenberg 226 war in den Jahren bis zu seinem Tod der große Mäzen der Musiktage. Stock.hausen: Ich habe ihn gut gekannt. Er hat mich auch eingeladen, im Schloß zu wohnen, was ich auch einmal getan habe, und er lud stets zu den großen Empfängen im Schloß ein. Er war eine verehrungswür­ dige Persönlichkeit und eng befreundet mit Strawinsky. Das wurde ganz deutlich. Frage: Es ist jetzt, wie eingangs schon ein­ mal, der große Name genannt worden, der den Donaueschinger Musiktagen in der Ver­ gangenheit und Gegenwart Glanz verliehen hat: der Name !gor Strawinsky. Sind Sie ihm begegnet, in welcher Beziehung standen Sie zu ihm und er zu Ihnen? Stock.hausen: Ich war 23, als ich ihn zum erstenmal in Paris in einem Cafe getroffen habe. Eine ganze Woche lang habe ich damals Aufführungen seiner Werke gehört .. In Donaueschingen sind wir uns 1958 wieder begegnet. Er war ungemein freundlich, und wir haben lange Gespräche geführt. Stra­ winsky war 1958 in meiner Aufführung GRUPPEN für drei Orchester. Das hat ihm in jeder Weise imponiert. Nach der Auffüh­ rung wollte er genau wissen, was ich mache. Es gibt Strawinsky-Gespräche, die veröffent­ licht sind, in denen das erwähnt wird. Strawinsky hat sich jedes meiner neuen Werke durch seinen Assistenten Robert Craft schicken lassen, ehe es gedruckt war. Später bin ich ihm in München wieder be­ gegnet. Im Krankenhaus haben Pierre Boulez und ich ihn besucht. Strawinsky war einer von den Meistern, die ich als Komponist vollkommen respektiert habe. Die großen Meister wie er wurden in Donaueschingen stets am Schluß eines Konzerts aufgeführt. Das finde ich nach wie vor richtig. Strobel hatte die große Begabung, Generationen zu verbinden. Ich finde, daß es Unsinn ist, solche Festivals umzufunktionieren zu „Modemessen“, das ist falsch. Wir wollen nicht das Neueste wie bei den Möbelmessen sehen, sondern was wesentlich ist, daß die Maßstäbe den Jüngeren bewußt werden. Das war in der früheren Aufführungspra-

Strawins/ry (vorne im Bild) und Stockhausen (rechts) mit Frau Doris 1958 in Donaueschingen. xis in Donaueschingen immer der Fall: Am Anfang stand eine Uraufführung von einem jungen Mann, dann kam die Uraufführung eines Stücks von einem „mittleren Klassiker“ (das konnten die Freunde von Strobel sein, Egk oder Fortner oder Vogel), und dann, nach der Pause, auf jeden Fall ein langes Werk, das beispielhaft war. Etwa die Orche­ stervariationen von Schönberg oder eine Sinfonie von Strawinsky, ein großes orche­ strales Werk von Hindemith oder von Oliver Messiaen. Erst wenn ich 70 werde, bin ich ein Vorbild für die 20jährigen. Die dazwischen wollen mich nicht, das versteht man auch. Als junger Komponist bin ich nach solchen Aufführungen mit hängenden Ohren nach Hause gegangen, habe auf den Boden geguckt und bin in die Eisenbahn gestiegen und sehr, sehr nachdenklich gewesen, weil ich es einfach unvergeßlich in Erinnerung hatte, was die großen Meisterwerke eines älte­ ren Musikers mir für ein Beispiel gaben. Ich habe mich nie verglichen, sondern die Über- zeugung gehabt, daß diese Meisterwerke als Maßstäbe gelten für mich. Das hat dann für weitere drei bis vier Jahre gereicht. Frage: Strawinsky hat einmal von Ihnen als von einer großen Hoffnung gesprochen? Stockhausen: Er hat meine Arbeit sofort anerkannt. Er hat nie geschwafelt, sondern sich präzise über meine Werke KONTRA­ PUNKTE, ZEITMAßE, GRUPPEN für drei Orchester und CARRE für vier Chöre sowie über die späteren Werke ausgesprochen. Das neue kompositorische Handwerk verstand er wegen Akustik und Elektronik nicht mehr. Er stand im Traditionellen. Frage: Haben Sie in Donaueschingen auch Hindemith getroffen? Stockhausen: In Donaueschingen nicht, wohl einmal im Rundfunk in Köln, wo eine elektronische Studie von mir vorgeführt wurde. Er war äußerst wütend darüber, hat dafür ein nicht druckreifes Wort gebraucht und ist gegangen. Ich war zutiefst erschüttert, weil ich ihn als einen Meister des Handwerks 227

verehrte und ich seine Werke spielte, seine „Marienlieder“, seine Oper „Mathis der Maler‘: gut kannte und schätzte. Insofern war ich enttäuscht, daß dieser Mann meine Musikalität einfach verwarf. Ich habe es mitt­ lerweile verstanden. Er war eben ein reiner Gebrauchsmusiker. Was ich da gemacht hatte, konnte er auch nicht erkennen. Frage: 40 Jahre Donaueschinger Musik­ tage. Wie sehen und beurteilen Sie sie heute, wie denken Sie über ihre weitere Entwick­ lung? Haben Sie überhaupt noch eine Chance in ihrer jetzigen Form? Stockhausen: Was die Zukunft betrifft: Die Donaueschinger Musiktage haben eine Zukunft nach wie vor, wenn sie ihre Orientie­ rung an und ihre Verbindung mit den Epo­ chen suchen. Wie ich bereits sagte: Am Anfang das Werk eines jungen Komponisten aufführen, der Generation der 20/30jähri- gen, dann das Werk eines Komponisten der mittleren Generation, der 40/60jährigen, und am Schluß also ein großes Werk eines bedeutenden Meisters wie Strawinsky oder Schönberg. Die jetzigen Musiktage müßten sich mei­ ner Meinung nach anders orientieren. Die Zukunft ist immer das Wichtigste, wenn sich die Musiktage nicht nur in eine Richtung entwickeln sollen. Sie müssen vor allen Din­ gen experimentell sein. Ich fand in all den Jahren das Freiburger „Heinrich Strobel Insti­ tut“ mit Peter Haller einfach nicht experi­ mentell genug. Auch nicht modern genug, was die elektroakustische Entwicklung der Musik angeht. Im Grunde sind die Musik­ tage ziemlich konservativ geblieben, was die Aufführungspraxis betrifft. Die Dirigenten spielen immer eine pri­ märe Rolle. Das finde ich falsch. Man sollte Am 18. Oktober 1974 dirigierte Karlheinz Stockhausen in Donaueschingen die Uraufführung seines Werkes JNORJ, Anbetungenfar einen Solisten und Orchester, mit dem Symphonie-Orchester des Süd­ wesifunks, Baden-Baden, und Alain Louafi als Tänzer-Mime. 228

auch mehr Ensembles engagieren, die nicht aus Baden-Baden, aus dem Orchester, kom­ men, auch nicht nur den Stuttgarter Chor. Es gibt exzellente Ensembles, die experimen­ telle Neue Musik auswendig aufführen und absolut vorbildlich in der Aufführungspraxis sind. Es kommt darauf an, unbedingt weiter­ zumachen in der Tradition der Donau­ eschinger Musiktage. Das ist so wie Bäume, die Ringe ansetzen. Die Salzburger Festspiele waren auch in einer großen Krise. Wir haben 1988 zum erstenmal dort sieben Konzerte im Mozarteum gegeben. Vor einem wunderba­ ren Publikum. Es war ein Schock für das Salz­ burger Festival, das normalerweise nur mit konservativen Schallplatten-Künstlern ar­ beitete. Wir hatten ein junges Publikum aus der ganzen Welt. Da ändert sich also etwas. Trotzdem sollen die Salzburger Festspiele weitermachen. Genauso wie die Musiktage in Donaueschingen. Frage: Die Aufführungsstätten in Donau­ eschingen sind noch wie früher die Donau­ halle A und B. Was sagen Sie zu diesen räum­ lichen Auspizien? Stockhausen: Die Schwierigkeit besteht darin, daß die Donauhalle A und B eigentlich keine Konzertsäle sind. Die Decke ist viel zu niedrig, das Podium viel zu beschränkt. Ich kann da im Grunde nur sehr begrenzt arbei­ ten. Man kann die Lautsprecher nicht ver­ nünftig plazieren, die Akustik ist zu beengt. Ich versuchte seit Jahren, Stücke zu realisie­ ren, die nicht mehr die klassische Anordnung des Publikums in Stuhlreihen vor dem Podium haben. Raum-Musik läßt sich dort nur sehr schwer aufführen. Dann ist da die Sporthalle. Die ist noch viel problematischer. Wenn man da keine hervorragende Elektroakustik hat zur Ver­ stärkung jeden Musikers, hört man nur sehr schlecht oder gar nichts. Das ist keine Musik­ halle. So besteht hier und heute die große Schwierigkeit, Musik adäquat aufzuführen. Vor aller anderen Musik die Raummusik. Sie braucht viele Lautsprecher rings um das Publikum herum. Uraufführung von KATHINKAs GESANG als LUZIFERs REQUIEM, Szene aus SAMS­ TAG aus LICHT für Flöte und 6 Schlagzeuger, bei den Donaueschinger Musiktagen am 15. Oktober 1983 (Kathinka Pasveer, Flöte). Frage: Was müßte geschehen, damit die Entwicklung und Aufführungen von Wer­ ken der Neuen Musik in der weiteren Zu­ kunft möglich bleiben? Stockhausen: Man muß sich bemühen, einen Raum zu schaffen, der für moderne, für experimentelle Musik, die ja in zuneh­ mendem Maße Raum-Musik sein wird, geeig­ net ist. Das nächste Stück, das ich in Donau­ eschingen auffuhren werde, ist für 1991 vor­ gesehen. Ich mache das sehr gerne. Ich weiß aber überhaupt noch nicht, wo ich das auf­ führen soll. Ich kenne ja die Säle, aus denen man direkt ins Freie geht, wo man drinnen den Lärm von draußen hört, wenn Autos vorbeifahren. Frage: Was für ein Werk wird 1991 von Ihnen in Donaueschingen aufgeführt? 229

Stockhausen: Es heißt INVASION und EXPWSION, aus der neuen Oper DIENS­ TAG aus LICHT. Es wird, wie gesagt, sehr schwierig, diese Musik aufzuführen, weil die Musiker auch draußen in den Gängen spie­ len sollen und die Zuhörer sich darum herum sowie drunter und drüber aufhalten. Aber das ist in Donaueschingen kaum möglich. Es gibt keine Foyers links und rechts um die Auditorien herum. Für eine Aufführung eines Werkes moderner Musik muß man einen großen Kompromiß machen. So Gott will, werde ich also 1991 wieder nach Donaueschingen kommen. Die Verant­ wortlichen scheinen bereit, das zu ermögli- Liese! Haager Ein Leben für die Musik Am 22. Februar 1989 überreichte der Bürgermeister der Stadt Donaueschingen, Dr. Everke, Frau Liesel Haager die Bronzene Medaille der Stadt. Ein einstimmiger Beschluß des Gemeinderats war vorausge­ gangen. Der Bürgermeister, der Präsident der Gesellschaft der Musikfreunde und der Lei­ ter der Donaueschinger Jugendmusikschule würdigten das Lebenswerk der Geehrten; Schüler der Jugendmusikschule umrahmten musikalisch die Feierstunde im großen Sitzungssaal des Rathauses. All dies kann auch in symbolischer Weise gedeutet wer­ den: das Wirken Liesel Haagers entfaltete sich in diesem Rahmen, die Musik war und ist ihr Leben. Jedoch ist es immer auch ihr höchstes Bestreben gewesen, die Musik und die Freude an ihr weiterzugeben, insbeson­ dere an die Jugend. Ihr musikalisches Wirken war ein Dienst an der Allgemeinheit in der Stadt Donaueschingen, in der sie den weitaus größten Teil ihres Lebens zugebracht hat. So ist es kein Zufall, daß mit Liesel Haager die erste Persönlichkeit aus dem kulturellen Bereich mit dieser städtischen Verdienstme­ daille geehrt wurde. Diese Ehrung war weni­ ger eine Würdigung von vielen einzelnen 230 eben. Sie haben mir 1986 geholfen bei der U rauffiihrung von EV As ZAUBER in Metz, die in Baden-Baden vorbereitet wurde, und in Freiburg bei der deutschen Erstauffüh­ rung. Frage: Sie haben nach wie vor eine enge Verbindung zu den Donaueschinger Musik­ tagen? Stockhausen: Ja, von Herzen grüße ich alle, die mir in den vergangenen Jahren geholfen und sich für Stockhausen und sein Werk ein­ gesetzt haben. Dies ist an erster Stelle der Fürst, aber es sind auch eine ganze Reihe von Mitarbeitern bei der Stadt Donaueschingen. Arthur Lamka Aktivitäten und Verdiensten, sondern viel­ mehr die Würdigung eines Lebens für die Musik. Liesel Haager, geborene Hotz, wurde am 30.12.1907 im schwäbischen Fauststädtchen Knittlingen (in der Nähe des berühmten Klosters Maulbronn) geboren. Sie ent­ stammt einer sehr musikalischen Familie. Ein Vorfahre, der Dreher Friedrich Hotz, war im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts aus dem badischen Hotzenwald ins schwäbische Knittlingen gekommen und hatte dort 1828 die erste Harmonikafabrik gegründet. Die junge Liesel wuchs also in einer sehr musika­ lischen Umgebung auf, in der Familie wurde viel musiziert, vor allem viel gesungen. Das junge Mädchen betätigte sich schon sehr früh musikalisch in der Öffentlichkeit, indem sie bei Vereinsfesten in Singspielen mitwirkte. Für Liesel Hotz stand bald fest, daß die Musik ihre berufliche Laufbahn bestimmen würde. Noch heute bedauert es Liesel Haager, daß es ihr versagt geblieben ist, das Abitur zu machen. Doch den Eltern er­ schien der weite und beschwerliche Weg ins Bruchsal er Gymnasium für die Tochter nicht zumutbar. In den Jahren 1928 bis 1931

war jedoch, daß sie bald den Justizrat und Notar Walter Haager kennenlernte und die Ehe mit ihm einging. Die Heirat war ein bedeutsamer Einschnitt, denn sie bedeutete eine bewußte Entscheidung für Familie und Kinder und einen ebenso bewußten Verzicht auf eine solistische Karriere. Dafür setzt sich Liese! Haager in der Unterrichtstätigkeit einen neuen Schwerpunkt, obwohl sie ab 1935 nur noch die Erlaubnis erhält, drei bis vier Privatschüler zu unterrichten. Die Gesetze der braunen Machthaber wollen das so und erlauben keine Doppelverdiener. Dafür findet Liese! Haager in der Hausmusik, die gerade in einer Zeit, da die Musik auch in Donaueschingen unter dem Diktat der Nationalsozialisten steht, hoch im Kurs ist, höchste Befriedigung. Liese! Haager genießt ihr junges Eheglück und freut sich noch heute, daß sie es als junge Frau geschafft hat, ihren Mann der SA abspenstig gemacht zu haben. In der kritischen Rückschau bedauert sie es jedoch zutiefst, daß sie, die mit dem 3. Reich sicherlich nicht einverstanden war, und auch ihre Generation, sich in erster Linie ihrem privaten Lebensglück gewidmet zu haben und ansonsten zu passiv gewesen waren. 1945, kurz vor Ende des Krieges, trafLiesel Haager der Schicksalsschlag, ihr Mann wurde in Rußland vermißt; sie war plötzlich mit ihren zwei Kindern allein da, und die Sorge um die Ernährung und Erziehung ihrer Kin­ der lag nur noch auf ihren Schultern. Jetzt, 1945, wird wahr, was eigentlich Liese! Haa­ gers gesamtes Leben bestimmt: die Musik wird und ist ihr Lebenselexier. Sicherlich, zunächst dient die Unterrichtstätigkeit dem Broterwerb. Die Sorge um die Erziehung der zwei Kinder bestimmt ihr Leben und ihre Arbeit. Das Problem, mit dem Alleinsein fer­ tig zu werden, blieb.Und hier beweist sich im ursprünglichen und ganz existientiellen Sinn der Satz, den sie immer wieder zitiert: ,,Die Musik ist mein eigentliches Lebenselexier.“ Nach den dunklen Jahren der Knebelung der freien Kunst und des freien Geistes und damit auch der Musikausübung empfindet 231 besuchte sie die Musikhochschule in Stutt­ gart, und bereits 1932 kam die junge Klavier­ lehrerin nach ihrem Examen nach Donau­ eschingen, ohne daß sie ahnte, daß sie hier in der Stadt am Donauursprung auf der Baar für immer Fuß fassen würde. Zunächst sollte sie Unterricht an drei Tagen in der Woche geben. Daneben betrieb sie ein Weiter­ studium, außerdem war sie in Stuttgart kam­ mermusikalisch in einem Klaviertrio aktiv. Bedeutsam für ihr weiteres Wirken in Donaueschingen war, daß sie sehr schnell Kontakt mit der Familie Mall gefunden hatte. Der Architekt Georg Mall war der Vor­ sitzende der 1913 gegründeten Gesellschaft der Musikfreunde, und durch ihn wurde die junge Musikerin sofort in das musikalische Leben der Stadt integriert. Denn es war zu dieser Zeit noch die vornehmste Aufgabe der „Gesellschaft“, mit eigenen Kräften ein anspruchsvolles Konzertprogramm durch­ zuführen. So war es bereits 1934 sicherlich ein Höhepunkt für die Pianistin Liese! Hotz, Beethovens 5. Klavierkonzert Es-Dur spielen zu können. Wichtiger für den weiteren Lebensweg

sie, wie viele andere auch, den Hunger nach der Musik und nach der freien musikalischen Betätigung, die nicht danach fragen muß, was jeweils musikalisch opportun sei. So ist es auch für Liesel Haager selbstverständlich, daß sie Georg Mall bei der Wiedergründung der Gesellschaft der Musikfreunde tatkräftig unterstützt. Am 22. Mai 1946 kann die ,,Gesellschaft“ ,,auf demokratischem Boden“ (§ 1 der Gesellschaftssatzung) mit der Unter­ stützung der Stadt unter dem ersten Nach­ kriegsbürgermeister Leopold Meßmer ihre Arbeit nach zwölfjähriger Unterbrechung wieder aufnehmen. Liese! Haager geht es jedoch nicht um Ämter und Würden, sie fin­ det höchste Befriedigung darin, allseits bekannte Musikerinnen und Musiker bei sich zu Hause zu haben, wo diese sich am Flügel auf die Konzerte der „Gesellschaft“ vorbereiten. Gar oft kommt es zum gemein­ samen Spielen, zum regen Gedankenaus­ tausch über die Musik und das Musik.leben. Edith Picht-Axenfeld, Geza Anda, Christoph Eschenbach oder die Mitglieder des weltbe­ kannten Köckert-OEartetts, um nur ein paar Namen zu nennen, sind gern gesehene Gäste im Hause Haager. 1966 hat die Gesellschaft der Musikfreunde Liesel Haager in das Amt der Vizepräsidentin berufen, das sie bis zum 16. März 1989 mit viel Erfolg und großem Engagement ausübte. Es war weit mehr als eine bloße Selbstverständlichkeit, daß sie am Tag, als sie ihr Amt zurückgab und sie einem jüngeren Nachfolger Platz machte, zur Ehrenpräsidentin ernannt wurde. Am 18. Sep­ tember 1988, als die „Gesellschaft“ auf ein 75jähriges Bestehen zurückblicken konnte, nannte der Präsident der Gesellschaft der Musikfreunde Liesel Haager „die Gesell­ schaft in Person“. Tatsächlich hat sie mit allen Vorsitzenden und Präsidenten, von Georg Mall, Max Rieple über Ernst Her­ mann, Hans-Hermann Gehring zu Horst Fischer, ob mit oder ohne Amt, auf das wir­ kungsvollste zusammengearbeitet. Und der Verfasser dieses Beitrags schätzt sich glück­ lich, daß er während seiner ersten zweijähri­ gen Amtszeit Liese! Haager als Vizepräsiden- 232 tin an seiner Seite wußte, daß er dankbar für viele Anregungen und Ratschläge sein durfte. Ein nicht hoch genug zu bewertendes Ver­ dienst Liesel Haagers ist die Gründung der Jugendmusikschule, die in engster Zusam­ menarbeit mit dem damaligen evangelischen Kantor, Siegfried Neuber, im Jahre 1965 erfolgte. Ihre Grundidee war es, den Kindern eine recht frühzeitige Begegnung mit der Musik zu ermöglichen, ohne daß diese vor­ zeitig durch ermüdendes und anstrengendes Üben wieder abgeschreckt werden. Rhyth­ musgefühl und Gehörbildung sollten gezielt in der musikalischen Früherziehung mit den Orffschen Instrumenten gefördert werden. Die Jugendmusikschule nahm unter der T rä­ gerschaft der Gesellschaft der Musikfreunde ihre Tätigkeit in den Räumen des Gymna­ siums (der heutigen Realschule) auf, 1974 konnte sie ein eigenes Gebäude (Ecke Karl­ straße/Burgweg) beziehen. Die Jugendmu­ sikschule erweiterte sich immer mehr; und paradoxerweise war es der Erfolg, der es mit sich brachte, daß die Gesellschaft der Musik­ freunde die finanziellen und organisatori­ schen Belastungen nicht mehr tragen konnte und die Jugendmusikschule 1977 in städ­ tische Regie übergeben mußte, sehr zum Bedauern von Liesel Haager. Diese machte jedoch unverdrossen weiter, die musikalische Erziehung der Jugend blieb ihr eine Herzens­ angelegenheit, so daß sie erst am 27. Juni 1988 offiziell in der Jugendmusikschule ver­ abschiedet wurde. Aber auch das war für sie kein endgültiges Aufhören, immer wieder kann man sie erleben, wie sie junge Musike­ rinnen und Musiker am Flügel oder Cem­ balo beim Vorspiel begleitet. Liese! Haager ist wohl eine der wenigen Donaueschinger, wenn nicht die einzige, die die „Donaueschinger Musiktage“ nach dem Krieg vollständig miterlebt hat. Kaum ein Konzert hat sie ausgelassen, weder die der Versuche eines Neubeginns „Neue Musik“ 1946 und 194 7 unter der Leitung des schwäbi­ schen Komponisten Hugo Herrmann noch die Aufführungen der seit 19 50 unter der Lei­ tung des Südwestfunks stehenden „Donau-

eschinger Musiktage“. Sie möchte diese „Musiktage“, die zu einem Donaueschinger Markenzeichen geworden sind, nicht mis­ sen. Sie ist einfach neugierig, verfolgt mit gro­ ßem Interesse die Entwicklung einzelner Komponisten. Sie gesteht freimütig, daß sie von manchem zunächst entsetzt war, sie zeigt sich skeptisch angesichts des techni­ schen Aufwands, der bei manchen Komposi­ tionen unumgänglich zu sein scheint. Doch sie gibt auch zu, daß eine Gewöhnung an die neuen und ungewohnten Töne und Klänge möglich ist, daß sie inzwischen manches auch sehr gerne hört und sie wieder an­ spricht, ohne daß es Begeisterung in ihr aus­ lösen könnte. Das Bedürfnis, solche Musik selber zu spielen, hat sie indes nie empfun­ den. Dagegen sucht sie ganz bewußt den Kontakt zu den jungen Komponisten, wo sie glaubt, auch wieder eine Rückbesinnung auf ältere Formen und Strukturen feststellen zu können. Bei aller Aufgeschlossenheit modernsten Entwicklungen gegenüber hat sich Liesel Haager immer ihr Refugium in der vornehmlich romantischen Musik bewahrt, indem sie z. B. mit dem Stuttgarter Lehrer und Komponisten Eberhard Karkowski wäh­ rend der Musiktage bei sich zu Hause gemeinsam Schubert als Ausgleich zu den neuen Klängen spielte. Liesel Haager ist durch die Musik und mit der Musik jung geblieben. Die Gesellschaft der Musikfreunde, und mit ihr zahlreiche Schülerinnen und Schüler, schätzt sich glücklich, Liese! Haager mit ihrer Begeiste­ rung für die Musik und mit ihrer reichen Erfahrung unter sich zu wissen, und sie hofft, die guten Ratschläge noch lange in Anspruch nehmen zu dürfen. Horst Fischer Es ist schon lange her Da kam, so gegen Zehn, eine noch junge Zigeunerin mit mantischem Blick, den weiten Rock schleudernd in federndem Gang und las: ein ungestriemtes, pollengelbes Honigjahr aus deiner aufgetanen Hand. O Gleitflug schöner Worte, die man so gerne hört! Mysterium du, voll tiefer Weisheit und eine täuschende zugleich. Wie kontrastiert das Tiefschwarz deiner Haare diesem hohlen, formelhaften Nichts. Du weißt, die Münze, die du brauchst, springt dir so leichter zu. Herbert Kühn Im Goldreif deiner Fessel erstrahlst du dennoch sonnenhaft! O Mensch Sterberune und Kreuz tätowierte auf Seelenhäute die Nacht. Küsse inniger noch die sich verurnende Woge deines Geschicks. Hochgestielt aus Sternenfeldern blühen Zeit und Ewigkeit. Deine bizarren Verzweigungen im Licht überhören noch das zarte Ambiente deiner Entweltlichung. Herbert Kühn 233

Heimat, Volkstum, Brauchtum Baaremer Tracht heute Im Jahr 1926 schreibt Eduard Johne ll : „Heute beschränken sich die Trachtenträge­ rinnen darauf, die Haube und allenfalls noch die Schürze zu tragen“ (zu mehr oder weni­ ger modischem Kleid; Anm. d. Verf) und „Gewiß sind die Volkstrachten, ist der alte Hausrat des Landvolkes nicht dazu geschaf­ fen, als Schaustücke in Museen aufbewahrt zu werden, wohin sie jetzt schon zum größ- flüsse der bürgerlichen Mode, hat sich auch in unserem Jahrhundert fortgesetzt. Und so unterscheiden sich die heute getragenen Trachten – obwohl sie den alten nachgebil­ det werden – doch von denen, die etwa vor 100 Jahren getragen wurden. Die Baaremer Tracht gibt es also wieder­ dank der Initiative von Heimatfreunden, die sich schon vor Jahrzehnten, aber auch bis Altes, besonders reich besticktes Mieder aus Brigachtal ten Teil gewandert sind. Und doch müssen wir den Museen dankbar sein, die ihnen eine Heimstätte gewähren und so altes Volksgut vor spurlosem Untergange bewahren.“ Dankbar müssen wir Eduard )ohne, dem früheren Direktor der Fürstlich Fürsten bergi­ schen Hofbibliothek sein, der in der genann­ ten Arbeit eine umfassende Dokumentation der Entwicklung der Baartracht, zurückge­ hend bis ins 17. Jahrhundert, aufgezeigt hat. Die Veränderung und die Weiterentwick­ lung der Trachtenformen, bedingt durch die Anpassung an die Bedürfnisse der Men­ schen, die sie tragen, das Schönheitsempfin­ den, das zur Verfügung stehende Material, das Schmuckbedürfnis, die vielfältigen Ein- heute immer wieder zusammengefunden haben, um sie am Leben zu erhalten oder in ihrem Ort zu neuem Leben zu erwecken. Dabei ist zu unterscheiden zwischen der katholischen Baartracht, wie sie im Bereich der früher fürstenbergischen und vorder­ österreichischen Gebiete zuhause ist und der evangelischen Baartracht, die die Bewohner der ehemals württembergischen Gebiete tra­ gen. Dies erklärt sich daraus, daß die Unterta­ nen jeweils die Konfession ihres Landesherrn anzunehmen hatten; und so sind heute noch die alten Herrschaftsgrenzen gleichzeitig Trachtengrenzen. Interessant ist dabei das DorfSunthausen: im 16.Jahrhundert in zwei Herrschaftsgebiete aufgeteilt, hat es heute 234

Schäppele aus Donaueschingen 235

Wer einmal bei einem der großen Trach­ tenfeste die verschiedenen Baaremer Trach­ tengruppen beobachtet, kann feststellen, daß es von Ort zu Ort geringfügige Unterschiede gibt, obwohl alle diese Trachten einen gemeinsamen Ursprung haben. Bei der Neuanfertigung von Trachten wurde und wird Wert darauf gelegt, eben nicht alle Baaremer zu „uniformieren“, sondern ört­ liche Überlieferungen zu erforschen und zu berücksichtigen, und so die früher schon vor­ handene Vielfalt zu bewahren. Dabei wird in den meisten Fällen der festtäglichen Form der Tracht der Vorzug gegeben. Frauen und Mädchen2l tragen die Baare­ mer Backenhaube {,,Bändelkapp“), wie der Name sagt, vorwiegend aus schwarzem Moi­ reeband mit Zacken gefertigt, festgehalten durch Bänder, die über die Backen gehen und unter dem Kinn zu einer Schleife gebun­ den werden. Zwei lange Bänder fallen von einer Nackenschleife über den Rücken bis Baaremer Männer-, Burschen- und Frauen- tracht aus Bräunlingen Hiifinger Trachtenpaar noch sowohl die evangelische als auch die katholische Baartracht. Die katholische Baartracht – so wie sie heute getragen wird – wollen wir uns nun näher ansehen. Natürlich kann sie nicht-wie in alter Zeit – das selbstverständlich und aus­ schließlich getragene Alltags- und Festtags­ gewand sein. Sie hat – wie Wissenschaftler dies ausdrücken – ,,einen Funktionswandel erfahren“. In zahlreichen Trachtenvereinen, in Landjugendgruppen, in Blaskapellen, aber auch von Einzelpersonen liebevoll gehegt und gepflegt, ist sie zur besonderen Kleidung für besondere Anlässe geworden. Sie ist in unserem heutigen technischen Zeitalter ein wichtiger Gegenpol, der Liebe und Verbun­ denheit zur Heimat ausdrückt, aber auch die Zusammengehörigkeit in der Gruppe bei gemeinsamen Tun, bei Musik. Lied und Tanz und bei der Pflege von alten Bräuchen und Überlieferungen kirchlicher und weltlicher Art. 236

Heimatzunft Hüfingen, Bändertanz zum Rocksaum. Schmuckstück der Haube ist der „Kappeblätz“ aus schwarzem oder far­ bigem Samt, mit Silber-, manchmal auch Goldfaden dreieckförmig in verschiedenen Muster bestickt. Dieser Kappenboden ist etwa rechteckig, mit Karton gesteift und gibt der Kappe Halt und Form. Der Boden der Trauerkappe ist schwarz, mit schwarzer Seide oder auch Perlchen bestickt. Reich bestickt ist auch das Mieder („Brust“) der Frauen- und Mädchentracht. Aus schwarzem, rotem, grünem, blauem oder violettem Samt gearbeitet zeigt es – ört­ lich verschieden – vielfältige kunstvolle Blu­ men-, Blatt- und Ährenmuster, vorwiegend mit Silber- aber auch vereinzelt mit Goldfa­ den in der sogenannten „Sprengtechnik“ bestickt. Bei dieser Technik wird das Muster aus Karton ausgestanzt, auf den Stoff gehef­ tet, der Metallfaden wird ü her das Kartonmu­ ster hin und her gelegt und mit normalem Nähfaden seitlich befestigt. Diese kunstvolle, langwierige Arbeit wurde früher nur von gelernten Trachtenstickerinnen ausgeführt. 237

Heute erlernen -unter Anleitung einer Stik­ kerin -in manchen Gruppen die Frauen und Mädchen diese Kunst und sticken ihre Mie­ der selbst. Vom alten Schnürmieder, das sich in sei­ ner Weite der Figur der Trägerin anpassen ließ (wegen der früher häufigen Schwanger­ schaften sehr sinnvoll!), ist, heute nur als Ver­ zierung, die kreuzweise Schnürung mit Sil­ ber-oder Goldkordel über 6-8 Haken übrig­ geblieben, die den samtenen, reich bestickten „Vorstecker“ hält. Hals und Schultern bedeckt ein Halsgoller, ebenfalls bestickt. Eine weiße Spitzenrüsche im Stehkrägele schmückt und schützt dieses. Schmale rote oder grüne Seidenbänder, die an den unteren Ecken des Gollers befestigt sind und unterm Armausschnitt durchlaufen, sollen das Gol­ ler festhalten. In manchen Orten finden sich einteilige Samtmieder, die in vielfältigen, überlieferten Mustern mit winzigen silbernen, aber auch farbigen Perlchen bestickt sind, eine hübsche Spielart der Baaremer Frauentracht. Heute -im Gegensatz zu früher -mei­ stens ans Mieder genäht, ist der weite, schwarze Rock (,,Hippe“) aus Wollstoff. Sein Saum ist oftmals mit anderem Material belegt, oder er hat einen roten Vorstoß oder Besenlitze. Er wird etwa zur Hälfte bedeckt von der Schürze {,,Fürtuch“), die oft aus changierender, sog. Schillerseide, aber auch mit kleinem Blumenmuster anzutreffen ist. Von der Bluse (,,Hemd“) sichtbar sind nur die weiten, weißen Ärmel, kunstvoll gefältelt, verziert und am spitzenbesetzten Bündchen mit Leinenbändern gebunden. Aus weißem Baumwollstoff ist auch der Unterrock, der zur Tracht gehört, und manchmal sieht man noch die weiten weißen „Pumphosen“ unserer Urgroßmütter, wenn beim Tanzen die Röcke fliegen. Fliegende Röcke sind auch der Grund, warum heute die meisten Trachtenmädchen lange weiße Strumpfhosen tragen anstelle der früher übli­ chen Strümpfe. Ein schwarzer, schlichter Halbschuh, manchmal mit Silberschnalle, vervollständigt die Tracht. 238 Zu dieser „Grundausrüstung“ finden wir­ örtlich verschieden -folgende interessante Teile: – Die „Handele“, eine Art langer Hand­ schuh ohne Finger, bis zum Ellbogen rei­ chend, aus weißer Wolle oder Baumwolle gehäkelt oder gestrickt, – die silberne Gürtelkette, aus mehreren Ketten zusammengefügt, die über der Schürze getragen wird, – den Samtgürtel mit Gold-, Silber-oder Perlenstickerei, – ein schwarzes Jäckle mit Schinkenärmeln für kühle Tage, – die handgeflochtene Strohtasche oder ein geflochtenes Körble, – das schönste, wertvollste Stück, nur noch selten zu sehen: Der Schapel oder das Schäppele, die Brautkrone, aus alter Zeit überliefert, aus unzähligen verschiedenen kleinen Glitzerdingen wie Perlen, Stein­ chen, Spiegele, Metallplättchen, Gold­ und Silberdraht kunstvoll geschaffen3>. Männer- und Burschentracht unter- scheiden sich auf der Baar-wie auch andern­ orts -in einigen Teilen wesentlich voneinan­ der. Beiden gemeinsam ist die schwarze Kniehose mit Schnalle oder Schnürung unterm Knie. Sie wird heute meist aus schwarzem Wollstoff, teilweise auch aus Leder oder Velveton geschneidert; dazu gehören weiße Strümpfe und schwarze Halbschuhe. Seltener ist die lange schwarze Hose zur Männertracht. Die rote Weste {,,Gillet“), meist einreihig, bei der Männertracht auch zweireihig, schmücken viele halbkugelige Metallknöpfe, die nur teilweise zugeknöpft werden, damit das meist blaue, große Halstuch sichtbar ist. Ein weißes Hemd, manchmal mit besonders gefälligen, weiten Ärmeln, wird darunter getragen. Die Burschentracht hat dazu den kurzen Schoben mit kleinem Stehkragen und Auf­ schlägen an den Vorderkanten, die durch große Metallknöpfe betont und geziert sind. Der Schoben ist meist aus grünem Wolltuch, kann aber auch dunkelblau oder schwarz

Silberdistel – die Blume des Altweibersommers sein, auch aus Samt. Teilweise sind aus benachbarten Gebieten auch andere Formen eingewandert. Dazu trägt der Bursch die Pelzkappe aus Iltis- oder Fuchspelz mit Samtboden, der kreuzweise mit Goldkordel verziert ist. Kennzeichen der festlichen Männertracht ist der lange Mantel (Kirchenrock) aus mittel­ bis dunkelblauem Wollstoff oder Wolltuch. Er wird nicht zugeknöpft, hat aber als Schmuck auf beiden Seiten eine Reihe Metallknöpfe. Dazu trägt der Mann einen breitrandigen, schwarzen Filzhut, der oben eingedellt ist. Dieser Hut ist leider auch teil­ weise in die Burschentracht eingewandert. Besonderer Schmuck für Männer und Bur­ schen: die Uhrkette auf dem Gillet. Zusammenfassend kann gesagt werden, Altweibersommer nennt man die Tage, an denen die glücksbringenden, in der Herbst­ luft fliegenden Fäden vom Ausklang des Jah­ res künden. Kleine Spinnen haben sie zwi­ schen Gräser und Zweige gezaubert -sil­ berne Flugfaden, die ihnen als Straßen bei der Nahrungs-und Beutesuche dienen. Und zur gleichen Jahreszeit, vom Oktober bis weit in den November hinein, schlägt die sonnenhungrige Silberdistel, die Blume des Altweibersommers, ihr großes, weißes Auge auf. Auf den Triften zwischen Weide und Wald entfaltet sie ihren silbernen Blüten­ korb. Sie liebt die trockenen Böden der Baar, und auch an den Kalkhängen der schwäbi­ schen Alb gehört sie zum charakteristischen Bild der herbstlichen Landschaft. Die Botaniker kennen die Silberdistel unter der Bezeichnung Carlina acaulis. Von Karl dem Großen soll sie den lateinischen Namen haben. Der Kaiser -so weiß die Legende -machte sich Sorgen um seine christlichen Krieger, die beim Ausbruch einer Pestilenz zu Tausenden von der Krank­ heit dahingerafft wurden. Da erschien ihm daß die Baaremer Tracht, so wie sie sich heute darstellt, bestimmt nicht so bald in Verges­ senheit geraten wird. Es gibt kaum eine Gemeinde -Dorf oder Stadt -, in der sie nicht begeisterte Anhänger, auch unter der Jugend, gefunden hat. Ursula Siebler-Ferry Anmerkungen: 1 > In .Die Volkstracht der Baar, Beiträge zu ihrer Geschichte“, veröffentlicht in den Schriften des Ver­ eins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar, 16/ 1926. >> Im Gegensatz zu anderen Gegenden (z.B. Kinzigtal) wurde diese Haube auch früher schon von Kindern getragen. Dies belegen Bilder von Lucian Reich (.Hie­ ronymus“ 1852). a> Eine große Zahl von verschiedenen alten Schäppeln findet sich u.a. im Franziskaner-Museum in Villingen (leider ohne Herkunftsbezeichnung). des Nachts im Traum ein Engel und gab ihm den Rat, einen Pfeil in die Luft zu schießen. Das Kraut, auf welches das Geschoß fallen werde, könne ihm Hilfe bringen. Tags darauf, als er den Pfeil abgeschossen hatte, stak dieser in einer Silberdistel. Man gab den Kranken die Wurzel zu essen, und die Seuche soll als­ bald abgeklungen sein. Eine fromme Legende, wie inzwischen die Botaniker herausgefunden haben. Sie beleh­ ren uns, daß der Name „Carlina“ erstmals im Jahre 1509 in der Schrift eines oberitalieni­ schen Arztes zu finden ist. Nur wenige Jahre später war es dann ein Schüler des gelehrten Arztes aus Ferrara, der die Legende von Karl dem Großen und der Silberdistel in die Welt setzte. Was immer es nun mit der Herkunft des Namens „Carlina“ auf sich haben mag – bereits im Mittelalter zählt die Silberdistel, auch Eberwurz genannt, zu den Pflanzen, die gegen Pest und Seuche gut sein sollen. Aller­ dings meint der aus dem Vorarlberg stam­ mende Wanderarzt Paraselsus (1493-1541): „Der diser Wurz geniesen wil, der muß alein 239

Kreise schätzten in den Tagen des Konstan­ zer Konzils (1443-47) die Silberdistel als Gemüsepflanze. Und von Konrad Gesner, dem berühmten Züricher Naturforscher, der 1555 mit Freunden den Pilatus in den Unter­ waldener Alpen bestieg, wissen wir, daß er unterwegs mit Genuß die Blütenböden der Ebef‘:“_urz verzehrte. Er bedauerte lediglich, kein 01 bei sich zu haben. Das Salz, mit dem er seine Distelmahlzeit würzte, hatte er nicht vergessen. Freuen wir uns, daß man von diesen Tafel­ sitten der Humanisten im Zeitalter eines Luther und Zwingli wieder abgekommen ist. Und daß wir der Silberdistel, die unter Natur­ schutz steht, auch in der engeren Heimat immer wieder begegnen – sei es auf Spazier­ gängen am Sehellenberg, dem Hausberg von Donaueschingen, sei es bei Wanderungen am Wartenberg und an den Kalkhängen zwi­ schen Geisingen und dem Hegaublick, oder auf der Route rund um den Hohenkarpfen zwischen Seitingen und Hausen ob Verena, auf der dem Wanderer die Silberdistel an den Hängen zwischen dem Hesselbach und dem Zundelberg in einmalig schönen und beson­ ders großen Exemplaren begegnet. Nicht zu Unrecht hat sie beim einfachen Volk auch den Namen „Barometerblume“. Vor allem bei Sonnenschein und trockener Luft sind die Blütenköpfe der Silberdistel voll geöffnet. Bei trübem Wetter und bevor­ stehendem Regen aber rollt sie ihre Blüten­ blätter ein, weshalb sie in einigen Gegenden „Wetterrose“ heißt. Dr. Lorenz Honold L i t e r a t u r : Heinrich M a r z e l l , Die Eberwurz im Brauchtum und in der Volksmedizin, in Bayrisches Jahrbuch f. Volkskunde, Regensburg, Würzburg, Jg. 1964/65, S. 7-13. – L. H o n o l d , Silberdi­ steln am Sehellenberg, in Badische Zei­ tung (Donaueschingen), 3./4. November 1984. – M. und H.P. R i e d e r /Rudolf S u te r , Basilea botanica, Birkhäuser Ver­ lag Basel, 1979, S. 15, 74. – G. S c h m i d , Carlina und die Karlslegende, in Fs. für Norbert Holtzmann, Berlin 1933. mit grosser Arbeit hinder ir Kraft kamen, dan on große Mü tut sie nichts“. Und heute noch sprechen für das große Ansehen, das die Silberdistel in der Volksme­ dizin genießt, Volkssprüche wie: „Silberwur­ zel ist für alles gut“ und „Wann nichts mehr hilft, dann hilft die Silberdistel“ oder auch „Eßt Eberwurz und Bibernelle Und ihr sterbet nit so schnelle.“ Auch magische Kräfte schreibt der Volksglaube der Silberdistel zu. So soll der Träger einer Eberwurz die Fähigkeit haben, anderen Menschen in seiner Begleitung oder auch Pferden die Kräfte zu entziehen. Auf Reisen flochten abergläubische Leute ihren Pferden die Silberdistel ins Mundstück. Roßärzte gebrauchten die Eberwurz, um ein abgetriebenes oder bei Wettrennen überfor­ dertes Pferd mit wenigen Kosten wieder auf­ zufüttern. Und die Postmeister, so ist einem 1845 erschienenen Roßarztbuch zu entneh­ men, hielten sich gerne an den Spruch: ,,Wenn man einem Gaul alle 14 Tage Eber­ wurz unter das Futter gibt, dann kann er gut laufen“. Auch als Nahrung ist der Blütenboden der Silberdistel in vergangenen Jahrhunder­ ten nicht verschmäht worden. Selbst bessere 240

Stadtsanierung Das Bürger- und Kulturzentrum Donaueschingen Ihren Bekanntheitsgrad bezog die Stadt Donaueschingen noch Ende der siebziger Jahre neben ihren wirklichen Attraktionen auch aus ihrer mißlichen Rolle als landesweit berüchtigter Verkehrsknotenpunkt. Die ständigen Staus rund um die Stadt an der sogenannten „Donauquelle“ gingen immer wieder imageschädigend über die Verkehrs­ funk-Sender. Denn die drei Bundesstraßen 27, 31 und 33, die allesamt mitten durch die Innenstadt führten, versorgten Donaue­ schingen mit einer ständigen und sehr oft halt nicht mehr flüssig zu bewältigenden Blech-Zufuhr, die erst mit der Fertigstellung der Umgehungsstraße abebbte und die nun heute mit der innerstädtischen Verkehrsbe­ ruhigung weiter ausgedünnt werden soll, auch wenn die Kommunalpolitiker bislang noch nicht den Mut haben, die Karlstraße als Hauptgeschäftsstraße als Fußgängerzone auszuweisen. Immerhin: Seit der Durchgangsverkehr an Donaueschingen im Ried vorbeizieht und die Ausweisung einiger alter und der Bau neuer Straßen den ebenfalls innenstadtentla­ stenden „Ring“ schuf, da kann endlich auch Donaueschingen daran gehen, sogenannte „Urbanität“ zu schaffen: Wege und Plätze, in denen nicht das Auto, sondern der Mensch Vorfahrt hat. Die Stadträte folgen denn auch Das Bürger- und Kulturzentrum Donaueschingen mit der Städtischen Jugendmusikschule (links), der städtischen Tiefgarage, der Stadtbibliothek und darüber dem Max-Rieple-Platz (Mitte) und dem städti­ schen Verwaltungsgebäude (ganz rechts). Dahinter der „Schneider-Bau“ mit Geschäften und Dienstlei­ stungsunternehmen. 241

allesamt Bürgermeister Dr. Everkes Leitlinie, daß die autogerechte Stadt nicht länger kom­ munal politische Priorität genießen dürfe. Die Last des Straßenverkehrs war mit auch ein Grund, weshalb sich der Verkehrsknoten­ punkt Donaueschingen nach dem Zweiten Weltkrieg nie einen wirklichen städtischen Mittelpunkt hat schaffen können. Der „Platz am Hanselbrunnen“ entlang der Karlstraße diente, intensiv genützt, als Verkehrs-und als Parkfläche sowie als „ Wende-Hammer“ für suchende Autofahrer; der Festhallenplatz an der Brigach liegt nicht im Zentrum und war­ tet noch immer auf ein schlüssiges Nut­ zungskonzept, nachdem die vor einem Jahr­ zehnt hochfliegenden Pläne für ein „Holi­ day-Inn“-Hotel rasch Makulatur geworden waren. Und der Rathausplatz funktionierte vor seiner ersten Umgestaltung vor sechs Jah­ ren ohnehin nur als „Mini-Stachus“ mit der Verkehrslast von fünf hier aufeinandertref­ fenden wichtigen innerstädtischen Straßen. Wo also, so lautete zu Beginn der acht­ ziger Jahre die Preisfrage, läßt sich in Donaueschingen jene Urbanität schaffen, die die Menschen zusammenführt, wo sie ungestört von den Autofahrern einkaufen und miteinander kommunizieren können? Die Stadtsanierung, die zu konzipieren erst nach der Freigabe von Umgehung und Ring möglich und sinnvoll war, wies den Weg in den unteren Teil der Karlstraße. Denn dort lag hinter der einstigen Knabenschule ein Areal verwildert brach, das sich für ein neues Stück Donaueschingen geradezu anbot. Für einen neuen Platz und ein ganzes Ensemble an Einrichtungen, die benutzungsintensiv sind und die ein bislang völlig vernachlässig­ tes Q!iartier nun erheblich aufwerten. Daß sich die 18.000-Einwohner-Stadt diese Investition hat leisten können, ver­ dankt sie auch den nachhaltigen Zuwendun­ gen aus dem Sanierungsprogramm des Lan­ des. Mit ihnen entstand ein völlig neues „Bürger-und Kulturzentrum“ im Geviert von Karlstraße/Burgweg/ An der Stadtkirche im Verlauf nur weniger Jahre. Aus dem mit Abstand ältesten Gebäude am Platz, dem., 242 mehr als 400 Jahre alten, staffelgiebelgekrön­ ten „Schell’schen Haus“, das 1778 das erste Donaueschinger Gymnasium aufgenom­ men hatte, haben die Stadträte die Städtische Jugendmusikschule werden lassen. Rund 1,6 MilJionen Mark waren erforderlich, um im meterdicken Bruchsteinmauerwerk, bei des­ sen Sanierung auch Zeugnisse der Bau-und der Kunstgeschichte gefunden wurden, die Räume zu schaffen, in denen heute mehr als 400 Eleven unterrichtet werden und in deren Kellergewölbe eine Bühne für Kleinkunst entstand. Diagonal über den neuen Platz an der Ecke Karlstraße/Burgweg -dort also, wo zuvor das 1984 abgebrochene frühere Domi­ zil der Städtischen Jugendmusikschule gestanden hatte -wuchs mit dem „Schnei­ der-Bau“ eines der städtebaulich gelungen­ sten Vorhaben eines erneuerten Donaue­ schingen in die Höhe. Der Immobilien­ makler und Bauunternehmer Rolf Schneider rechtfertigte das Vertrauen der Stadtväter, entlang des Burgweges eine ganze Zeile neuer Geschäfte, Dienstleistungsunternehmen und Wohnungen zu bauen. Bei der Einwei­ hung im Spätjahr 1985 fand die Anlage allent­ halben Lob, zumal ihre Architektur in attrak­ tivem Weiß und Grün zwar heftig mit dem Bau-Altbestand in der Nachbarschaft kon­ trastiert, aber keineswegs als mit diesem unvereinbar empfunden wird. Neben diesem „Schneider-Bau“ findet sich ein bemerkenswert gut gelungenes Sanierungs-Beispiel: Die rund 160 Jahre alte einstige „Knabenschule“, die, als Schule schon 1910 nicht mehr gebraucht, seit dem Zweiten Weltkrieg zunehmend zerfaUen war und zuletzt nur noch als Obdachlosen-Asyl gedient hatte. Bau-Profis und auch den Laien im Gemeinderat erschien allein der Abriß als geeignete Möglichkeit, hier ein neues Stück Stadt entstehen zu lassen, doch das Landes­ denkmalamt sagte definitiv Nein zur gewünschten „Flächensanierung“ und legte sich sogar gegen einen Neubau quer, der dem abgebrochenen Vorbild genau geglichen hätte.

So blieb die teure Sanierung von den Fun­ damenten her, die freilich noch einmal kurz in Frage stand, als beim Aushöhlen des Alt­ baues ein Teil der südlichen Außenmauer einstürzte und auch unter den maßgeblichen Donaueschingern der eine oder andere seine Hoffnung nicht verbergen mochte, weitere Einstürze könnten doch noch zu dem von den unerbittlichen Denkmalschützern ver­ hinderten Ziel führen .. . Dann jedoch entstand in zweijähriger Arbeit mit Millionenaufwand ein städtisches Verwaltungsgebäude, das zur modernen Kommunikationsstätte wurde und heute eine Art von „Neben-Rathaus“ darstellt. Denn es beherbergt so wichtige und öffent­ lichkeitsrelevante Behörden wie das städ­ tische Verkehrsamt, das auch das berühmte Donaueschinger Reitturnier und die nicht minder berühmten Donaueschinger Musik­ tage mitorganisiert, die Stadtkämmerei samt der Stadtkasse, das Amt für öffentliche Ord­ nung und das Sozialamt, das Anlaufstation ist für viele, die Hilfe suchen – nicht zuletzt für die Asylbewerber. Einer der publikumsintensivsten Nutzer des „städtischen Verwaltungsgebäudes Karl­ straße 58″ ist schließlich die Volkshoch­ schule Baar, die als gemeinsame Einrichtung der Städte Donaueschingen, Hüfingen, Bräunlingen und Blumberg hier ihre Verwal­ tungszentrale hat und im Dachgeschoß einen Teil ihrer Kurse gibt. Mittel- und urbanes Kernstück aller beschriebenen Einrichtungen ist jedoch der Max-Rieple-Platz – jenes Areal also, das noch vor einem Jahrzehnt der ungepflegte Schandfleck ausgerechnet gegenüber dem ,, Wahrzeichen der Baar“, der doppeltürmi­ gen Stadtkirche St. Johann, gewesen war; der Platz entstand, als die Planer des mit 50.000 Mark dotierten Architektenwettbewerbes von 1981 erkannten, was sich auf diesem Hang­ grundstück alles würde unterbringen lassen. So die 1987 freigegebene erste Donaueschin­ ger Tiefgarage mit rund 50 Stellplätzen, die auch als Zivilschutzraum eingerichtet wor­ den ist. Über ihr liegt die neue Donaueschinger Stadtbibliothek, die dieser „Almanach“ in einem eigenen Beitrag vorstellt, und über ihr in ihrem schrägverglasten Zwischengeschoß liegt die Freifläche des Max-Rieple-Platzes, den so zu benennen der Gemeinderat 1982 anläßlich des 80. Geburtstages des ein Jahr zuvor verstorbenen Donaueschinger Dich­ ters und erfolgreichen Reiseschriftstellers Max Rieple beschlossen hatte. Eine überzeu­ gende Idee, diesen Meister des Wortes und Mann der Bücher ausgerechnet hier zu Ehren kommen zu lassen, wo sich nun das Mekka der Donaueschinger Bücherfreunde befindet! Daß die Stadträte darauf verzichtet haben, mitten auf diesen Platz die vom Architektenwettbewerb vorgesehene Kon­ struktion eines Sitzungssaales zu errichten, muß ebenfalls als richtige Entscheidung gel­ ten – ansonsten wäre von Platz wenig und von Platz-Wirkung gar nichts übriggeblie­ ben. Zusammen mit der zum 1989 fälligen Stadtjubiläum verkehrsberuhigten Karl­ straße präsentiert sich Donaueschingen an diesem Bürger- und Kulturzentrum rund um den Max-Rieple-Platz unweit auch von Stadtkirche St. Johann, ,,Donauquelle“ und dem Schloß der Fürstenberger also als eine Stadt, die sichtbar Wert legt auf die Möglich­ keit zur Begegnung der Einheimischen unter­ einander und mit ihren auswärtigen Gästen, auf Musik-Förderung und Buch-Kultur, auf die bürgerfreundlich konzentrierte Anord­ nung publikumsintensiver Behörden und auf die Möglichkeit, einkaufen zu können, ohne von Autofahrern auf der nun verengten und auf „ Tempo 30″ reduzierten Karlstraße gehetzt zu werden. Ein Stück Lebensqualität mehr also, das da mit hohem Aufwand in jah­ relanger Arbeit geschaffen und im Juni 1988 mit berechtigtem Stolz und Freude von den Kommunalpolitikern und ihren Bürgern eingeweiht worden ist. Gerhard Kiefer 243

Gesundheit, Soziales Das Christoph-Blumhardt-Haus in Königsfeld Am 8. November 1987 konnte in Königs­ feld nach reichlich einjähriger Bauzeit der Erweiterungsbau des Alten- und Pflegehei­ mes „Christoph-Blumhardt-Haus“ einge­ weiht werden. Das Haus, das in der Träger­ schaft der Evangelischen Brüdergemeinde Königsfeld steht, verfugt nun nach einer Investition von fast 2,5 Millionen DM über 96 Plätze, davon 22 Pflegeheimplätze. Es wurden 18 neue Plätze geschaffen; vor allem aber erhielt das Haus nun endlich eine quali­ fizierte Pflegeabteilung, nachdem die bisher vorhandenen 5 Pflegeplätze schon seit Jah­ ren als unzureichend empfunden worden waren. Ist ein Altenheim mit fast 100 Plätzen an einem Ort von 2 000 Einwohnern nicht am Bedarf vorbeigeplant? Das war auch die Frage, mit der sich der Kultur- und Sozialaus­ schuß des Schwarzwald-Baar-Kreises aus­ einandersetzen mußte, als er über den Zuschußantrag des Heimträgers zu diesem Erweiterungsprojekt zu entscheiden hatte. Der Ausschuß kam nach einer Besichtigung des Heimes zu dem einstimmigen Ergebnis, daß unter Berücksichtigung der besonderen Verhältnisse, die in Königsfeld vorliegen, eine entsprechende Bettenzahl vertretbar und auch förderungswürdig sei. Besonders sind die Verhältnisse in Königsfeld insofern, als der Anteil der älteren Menschen an der Gesamtbevölkerung weit über dem Durch­ schnitt anderer Gemeinden liegt. Daher wird Königsfeld auch gelegentlich in der Nach­ barschaft mit freundlichem Spott „ Omahau­ sen“ genannt. Außergewöhnlich ist aber auch, daß das Einzugsgebiet dieses Altenhei­ mes weit über den Bereich des Ortes und der näheren Umgebung hinausgeht. So sind es einerseits Mitglieder der Brüdergemeinde aus dem gesamten Bundesgebiet, aber auch langjährige Kurgäste und Freunde Königs- 244 felds, die sich oft Jahre im voraus für einen Platz im „Christoph-Blumhardt-Haus“ vor­ merken lassen. 1957 im Jahre Gegründet wurde das „Christoph-Blum­ hardt-Haus“ in einem Gebäude, das in den vorangehenden neun Jahren eine Wäschefabrik beherbergt hatte. Zuvor hatte das Haus, dessen Grundstein 1868 gelegt worden war, in einer wechselvol­ len Geschichte als Brauerei, Erholungsheim, Schulsanatorium, Lazarett und für kurze Zeit als Kaserne für marokkanische Besatzungs­ truppen gedient. Natürlich wäre es leichter gewesen, durch einen Neubau den Anforde­ rungen gerecht zu werden, die an ein Alten­ heim gestellt werden. Da hierzu jedoch die Mittel nicht zur Verfügung standen, war man in Königsfeld froh darüber, dieses Haus durch einen entsprechenden Umbau in ein Altenheim mit zunächst 50 Plätzen verwan­ deln zu können. Die Anfange waren allerdings, gemessen an heutigen Vorstellungen, bescheiden. Das Haus verfügte weder über einen Personen­ aufzug, noch über einen gemeinsamen Spei­ sesaal oder gar über eine Pflegeabteilung. In allen Zimmern gab es zwar fließend Was­ ser, aber weder Einzeltoiletten noch Einzel­ duschen. Da das Haus im Laufe seiner Geschichte mehrere Um- und Erweiterungs­ bauten erlebt hatte, liegt ein weiterer Nach­ teil darin, daß die meisten Flure nicht stufen­ los sind. Trotzdem entsprach das Angebot dem damaligen Bedarf und wurde deshalb dankbar angenommen. Steigende Ansprüche führten dazu, daß bereits 1967 /68 durch einen viergeschossigen Anbau verschiedene dringende Erforder­ nisse nachträglich verwirklicht wurden. Neben 23 weiteren Heimplätzen entstand ein kleiner Pflegebereich mit 5 Betten; außer­ dem erhielt das Haus einen Speisesaal und

einen Fahrstuhl. Als in der 2. Hälfte der 70er Jahre, gemäß der allgemeinen Entwicklung, auch in Königsfeld, der Bedarf an Pflegeplät­ zen immer mehr zunahm, mußte erneut überlegt werden, wie hier Abhilfe geschaffen werden könne. Eine Umwandlung von Altenheimplätzen im Altbau war aus bauli­ chen Gründen nicht zu verwirklichen. So entschloß man sich, das Problem durch eine Erweiterung und Aufstockung des 1967/68 geschaffenen Anbaus zu lösen. Nach vielen Planungen und Beratungen konnte einer vom Architekten vorgeschlagenen Lösung zugestimmt werden, die in den Jahren 1986/ 87 schließlich realisiert wurde. Besonderer Wert wurde bei der jetzigen Bauphase darauf gelegt, flexibel zu planen. Die bisherige Erfahrung hatte schließlich gelehrt, daß sich Ansprüche und Anforde­ rungen an ein solches Haus im Laufe der Zeit ändern können. So ist z. B. darauf geachtet worden, daß bei späterem Bedarf 11 weitere Heimplätze in Pflegeplätze umgewandelt werden können, ohne daß größere Baumaß­ nahmen nötig werden. Auch wurde berück- sichtigt, daß zu einem späteren Zeitpunkt die Ausrüstung weiterer Zimmer mit Naßzellen ermöglicht wird. Eine wichtige Zielvorgabe blieb jedoch, die Investitionen in den Gren­ zen zu halten, die weiterhin einen vertretba­ ren Heimkostensatz sichern. Mit Recht war man im „Christoph-Blumhardt-Haus“ bis­ her stolz darauf, daß fast 80 % der Heimbe­ wohner für ihre Kosten selbst aufkommen konnten und keine Sozialhilfe in Anspruch nehmen mußten. So ist das Haus, auch in sei­ nem jetzigen Zustand, sicher noch als unvoll­ kommen zu bezeichnen. Möglicherweise müssen in einigen Jahren bereits wieder schrittweise bauliche Änderungen vollzogen werden, um zeitgemäß zu bleiben. Diese sind jedoch an den dann bestehenden Anforde­ rungen zu messen und brauchen nicht schon jetzt vorweggenommen zu werden. Wenn ein Altenheim, das wie geschildert infolge baulicher Einschränkungen man­ cherlei Unvollkommenheiten aufweist, trotzdem gezwungen ist, eine lange Warte­ liste für Bewerber und Interessenten zu füh­ ren, so muß es dafür besondere Gründe 245

geben. Offensichtlich ist der Ort Königsfeld als solcher in besonderer Weise dafür geeig­ net, daß sich hier ältere Menschen wohlfüh­ len. Besonders wichtig scheint jedoch zu sein, daß ein solches Haus eine anziehende Atmosphäre ausstrahlt. Das aber setzt vor­ aus, daß Heimleitung und alle übrigen Mit­ arbeiter sich nach bestem Vermögen in die Situation und die Bedürfnisse älterer Men­ schen einfühlen. Auch wenn eine so große Heimgemeinschaft zwangsläufig erfordert, daß manches geregelt und schematisiert wird, so gibt es doch auch viele Bereiche, in denen man persönliche Freiräume und indi­ viduelle Atmosphäre schaffen kann. -Als ein Heim, das in kirchlicher Trägerschaft steht, bemüht sich das „Christoph-Blumhardt­ Haus“ schon immer darum, hier besondere Akzente zu setzen. Ohne Zwang und als freies Angebot werden im Hause auch man­ cherlei Veranstaltungen angeboten, die in guter Mischung geistliche und ganz welt­ liche Inhalte haben: Tägliche Hausandach­ ten, Gesprächsrunden, Seniorengymnastik, Bibelgespräche, Sprachkurse und Vorlese­ runden sind hier vor allem neben dem gemeinsamen Feiern von Festen zu nennen. Vielleicht wird gerade in dieser offenen und weltzugewandten Vielfalt etwas davon Langjähriger Leiter des Heimes Mariahof in Hüfingen Hüfingens Ehrenbürger, Monsignore Geistlicher Rat Hermann JosefKast, wäre am 1.September 1988 hundert Jahre alt gewor­ den. Er starb am 21. Juni 1967 und liegt auf dem Hüfinger Friedhof begraben. Hermann Kast war 42 Jahre lang Leiter des Heimes Mariahof. Er galt als Pädagoge, des­ sen Ausstrahlung ihm Respekt und Anerken­ nung, aber auch Zuneigung brachte. Sein Wirken in der Erziehung elternloser Kinder oder solcher, die aus irgendeinem Grunde nicht in der eigenen Familie leben konnten, setzte Maßstäbe. 246 Professor Hermann Kast lebendig, was dem Namensgeber des Hauses, dem bekannten schwäbischen Pfarrer Chri­ stoph Blumhardt, besonders wichtig war: Das Warten auf das Reich Gottes soll Chri­ sten nicht in eine beschauliche Zurückgezo­ genheit führen, vielmehr sollen sie die Augen und Ohren offen halten für die Wirklichkeit, die sie umgibt. So sieht das „Christoph-Blumhardt­ Haus“ auch weiterhin seine Aufgabe darin, alten Menschen auf der letzten Strecke ihres Weges Hilfestellung und Anregung zu einem erfüllten Leben zu geben. Nicht die tech­ nische Perfektion der Einrichtung des Hei­ mes ist dabei entscheidend -so dankbar man auch für manche Erleichterungen ist, die der Erweiterungsbau in dieser Hinsicht gebracht hat. Wichtiger noch ist, daß hier Menschen erfahren können, daß ihnen in einer geborge­ nen Umgebung die Hilfen angeboten wer­ den, die sie bei abnehmenden Kräften nötig haben. Daß dabei die Türen des Hauses weit geöffnet stehen und auch das kulturelle und kirchliche Angebot des Ortes von vielen Heimbewohnern noch intensiv miterlebt werden kann, ist in Königsfeld eine beson­ ders günstige Voraussetzung. Klaus Sonnenburg Er stammte aus Ebersweier bei Offenburg. Nach einem in Freiburg absolvierten Theo­ logiestudium wurde er 1912 zum Priester geweiht. Nach kurzem seelsorglichen Wir­ ken erkrankte Hermann Kast, und als Rekon­ valeszent wurde ihm die Seelsorge des Hau­ ses Bodman im Schloß Möggingen übertra­ gen, ehe er 1920 als Leiter an das Hüfinger Heim Mariahof berufen wurde, das in der Trägerschaft des Caritaverbandes Freiburg stand. Schon bald zeigte sich, daß Hermann Kast ein pädagogisches Naturtalent war, das sich

Die Sorge um „seine“ Buben prägte Her­ mann Kasts ganzes Leben. Ihm zur Hand waren qualifizierte Ordensfrauen, die Kasts Ideen umsetzten und heimat- und elternlo­ sen Kindern Geborgenheit und Heimat boten. In den Kriegsjahren war das alte Kna­ benheim in der Hüfinger Hinterstadt, das 1972 abgebrochen wurde, oft bis unter das Dach belegt. Hermann Kast wies niemanden ab, der bei ihm Zuflucht suchte. Persönliche Publicity war ihm uner­ wünscht, sie entsprach nicht seinem beschei­ denen Wesen. Doch seine Verdienste blieben nicht unbeachtet: 1952 verlieh ihm die badische Landesregierung den Titel „Profes­ sor“. Es folgte 1958 die Auszeichnung mit dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse durch Bundespräsident Theodor Heuß. Der Papst ernannte ihn 1959 zum Monsignore, und die Stadt Hüfingen kürte ihn 1960 zu ihrem Ehrenbürger. Aus Anlaß seines 100. Geburtstages benannte die Stadt Hüfingen einen Weg nach Hermann Kast. Dieser führt am Müh}ebach entlang, und ältere Hüfinger werden sich daran erinnern, daß Hermann Kast diesen Weg mit seinen Buben unzählige Male gegangen ist. an den Vorbildern Pestalozzi und insbeson­ dere an Don Bosco orientierte. Mit Ordens­ frauen, die er aus dem Franziskanerinnen­ kloster Erlenbad verpflichtete, machte er als einer der ersten in Süddeutschland den Ver­ such, aus „Anstalten“ ein Heim zu machen. Er führte das Familiengruppenprinzip ein, das sich bewährte und heute noch praktiziert wird. So gesehen war Hermann Kast ein Pio­ nier der Heimerziehung, dessen Ideen heute noch modern sind. Hermann Kast hat „seinen“ Buben, immerhin waren es 20 Jahrgänge, buchstäb­ lich sein Leben geopfert. Er war „Patriarch“ im guten Sinne, eine ausgeprägte Persönlich­ keit und Vaterfigur, streng, aber gerecht, einer der „Stillen im Lande“, doch dessen ungeach­ tert mit einem Charisma begnadet, das den Jugendlichen, die ihm anvertraut waren, für ihr späteres Leben unvergeßlich blieb. Er pflegte den Kontakt mit „Ehemaligen“, begleitete sie, so weit dies möglich war, auch in den Beruf und das folgende Familienleben hinein. Am 20. Oktober 1988 gedachten das Heim Mariahof wie auch die Stadt Hüfingen Hermann Kasts mit einer festlichen Ver­ anstaltung in der Festhalle. Vor einer Vielzahl von Gästen, ehemaligen „Mitstreitern“, Ver­ tretern von Behörden, Politik und Geistlich­ keit, von Stadtverwaltung und Gemeinderat, breiteten mehrere Festredner das Lebens­ werk Hermann Kasts aus, der eine ganze Ära von Mariahof geprägt hatte, dem es aber nicht mehr vergönnt war, in den neuen Gebäudekomplex am Weiherweg einzuzie­ hen. Professor Dr. Franz Enz, der ihn als Lei­ ter von Mariahof ablöste, wie auch der jetzige Heimleiter Paul Zunftmeister schilderten ihre Zeit mit Hermann Kast, desgleichen auch Julius Linnenschmidt, welcher früher die Heimschule leitete. Er kommentierte eine historische Diaserie über das Heim, und Professor Ferdinand Graf, dessen Vater lang­ jähriger Lehrer in Mariahof gewesen war, 247

schilderte das Leben im Heim und auch Pro­ fessor Kast, dem er bis zuletzt freundschaft­ lich verbunden war. Kast und Mariahof-das seien fast identische Begriffe gewesen, so Ferdinand Graf Caritasdirektor Heinz Axtmann wies auf die Strahlkraft der Lebensarbeit von Her­ mann Kast hin. Dieser sei für den Caritasver- band ein „Glücksfall“ gewesen, eine kernige Persönlichkeit von hohem Ansehen. Auch heute noch, mehr als 20 Jahre nach seinem Tode, sind Hermann Kasts Ver­ dienste in Mariahof wie auch in der Stadt Hüfingen unvergessen. Käthe Fritschi Das Hotel „Schwarzwald Trefr‘ in Königsfeld Zentrum für Naturheilverfahren 248

Im Almanach 88, Seite 186-189, wurde das am 20.12.1987 eröffnete Hotel „Schwarzwald Treff‘ schwerpunktmäßig unter Gesichtspunkten der Denkmalpflege vorgestellt, da es sich um ein kunsthistorisch wertvolles Gebäude-Ensemble aus der ]ugendstilzeit handelt. Der nachfolgende Beitrag beschäftigt sich mit dem Hotel als Gesundheitszentrum. Bei der Planung der Anlage wurde neben dem kombinierten Angebot für den anspruchsvollen Ferien- und Tagungsgast insbesondere auch an Einrichtungen für Kurgäste gedacht. Dabei war es naheliegend, in einem Kurort wie Königsfeld, in dem sich die Ärzte seit mehr als hundert Jahren in­ tensiv mit der Heilkraft des Klimas befassen, vor allem solche Therapien anzuwenden, die auf Naturheilverfahren beruhen. Vor diesem Hintergrund ist es wohl als ein besonderer Glücksfall anzusehen, daß es dem Initiator der Hotelanlage gelang, Deutschlands bekanntesten Heilpraktiker, Dr. Manfred Köhnlechner, für die Einrich­ tung eines Gesundheitszentrums zu gewin­ nen. Köhnlechner, der wohl wie kaum ein anderer den Menschen als Einheit von Kör­ per und Seele sieht, betreibt bereits mehrere solcher Zentren. Schwerpunkte der Behand­ lung sind Herz- und Kreislaufkrankheiten, Krebsnachsorge, Rheuma, Depressionen, Schlafangst und Durchblutungsstörungen. Bei den Köhnlechner-Therapien spielt nicht nur die Naturheilkunde mit dem von Sebastian Kneipp formulierten Zusammen­ hang von Wasser- und Bewegungstherapie, gesunder Ernährung, Pflanzenheilkraft und seelischem Ausgleich eine große Rolle, son­ dern auch das Heilfasten und eigens von ihm entwickelte Diäten und Regenerationskuren. Neben den natürlichen Heilverfahren werden vom Leiter des Köhnlechner-Zen­ trums, einem ausgebildeten Arzt, auch klas­ sische Methoden der Schulmedizin ange­ wandt. Unterstützt werden diese Maßnahmen zu mehr Gesundheit durch die außerordentlich günstige Kombination bioklimatischer Schon- und Reizfaktoren Königsfelds. Die sauerstoffreiche Luft wirkt heilend auf die Atmungsorgane, regt die Blutbildung an und erhöht den Blutfarbstoff, kräftigt Herzmus­ kel, Kreislauf und Nerven. Das Hotel ist – exklusiv für den südwest­ deutschen Raum – Lizenznehmer der „Kleh­ ramed-Kur“. Es handelt sich hier um eine Weiterentwicklung der Frischzellentherapie auf natürlicher, rein biologischer Basis. Die Frischzellenbehandlung dient vor allem der Eindämmung von Alters- und Ver­ schleißerscheinungen. Sie beruht auf der Erfahrung, daß geschädigte oder verbrauchte Zellen durch Frischzellen ungeborener bzw. ganz junger Tiere angeregt und regeneriert werden können. Fortsetzung Seite 251 249 Bringt man die Prinzipien der Frischzel­ lentherapie auf eine vereinfachte Formel, so kann man sagen: „Gleiches heilt Gleiches.“ Das besagt, daß z.B. Leberzellen vom Tier die Leber des Menschen kräftigen und daß Herzzellen das Herz stärken. Die Frischzellenbehandlungsmethode ist nicht neu; sie wurde bereits vor 50 Jahren angewandt. Die bisherigen Therapieformen beinhalten allerdings erhebliche gesundheit­ liche Risiken, weil neben den positiv wirksa­ men Substanzen auch alle negativ wirkenden Ballast- und Schadstoffe mit eingespritzt werden müssen.

In Erinnerung an den Besuch von Herrn Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 6. Oktober 1988 auf der Katharinenhöhe Bild oben: Bundespräsident Richard von Weizsäcker zusammen mit dem Leiter der Katharinenhöhe Roland Wehrle (links) und Landrat Dr. Rainer Gutknecht (hinten mitte) 250

Der Begründer der modernen Zellthera­ pie ist Professor Dr. med. N. W. K.lehr. Das Ergebnis seiner vor kurzem abgeschlossenen, langjährigen, medizinisch-wissenschaftli­ chen Forschungsarbeiten hat eine sensatio­ nelle Wende auf dem Gebiet der Frischzel­ lentherapie eingeleitet. Durch ein neues und einzigartiges Verfahren werden alle bekann­ ten Risiken und Gefahren der bisherigen Therapieformen im Reagenzglas gebannt. Die Schadstoffe, die mit den Frischzellen zwangsläufig verbunden sind, werden außer­ halb des Körpers abgesondert und können daher nicht mehr in den Organismus gelan­ gen. Die K.lehramed-Kur liegt ausschließlich in den Händen des medizinischen Wissen­ schaftlers und den hierzu speziell ausgebilde­ ten Ärzten. Sie gewährleisten durch Bedie­ nung modernster Analysegeräte bei allen labortechnischen Untersuchungen exakte und gesicherte Ergebnisse. Durch eine Frischzellenbehandlung errei­ chen die Kurgäste in den meisten Fällen eine allgemeine Revitalisierung des gesamten Organismus. Revitalisierung bedeutet Ver- besserung der Vitalität, Steigerung der Akti­ vität, Stabilisierung psychischen Gesche­ hens, Zunahme der allgemeinen Wider­ standskraft und Abwehrleistung. Wir leben in einer hektischen Zeit, in der Leistungszwang und Streß uns das Letzte abverlangen. Das biologische Altern beginnt – wie wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt haben – bereits ab dem 30. Lebens­ jahr. Für jeden, der mithalten will und muß, z. B. im Beruf, bieten die im Hotel „Schwarz­ wald Treff“ angewandten Therapieverfahren den Weg für den erwünschten Heil- und Regenerationsvorgang. Das Haus ist als Gesundheitszentrum für alle Bedürfnisse des Gastes konzipiert. Dazu gehören eine modern ausgestattete Therapie­ station, eine Kneipp-Anlage, Massageabtei­ lung, Hallenbad, Dampfbad, Sauna sowie eine Diätküche. Der Gast erlebt ein moder­ nes Hotel mit stilvollem und behaglichem Ambiente und vor allem – mit erholungs­ und heilfördernder Atmosphäre. Helmut W. Falk Der Kneipp-Verein der Baar e. V. Modeme Gesundheitserziehung und Gesundheitsbildung sind wieder gefragt Wenn man die Menschen fragt, was sie sich selbst am meisten erhoffen, dann steht auf der Wunschliste des Lebens die Gesund­ heit an erster Stelle. Ohne Gesundheit sind alle Güter, die man auf dieser Welt erwerben kann, von geringer Bedeutung. Viele Men­ schen wären bereit, auf Reichtum oder Wis­ sen zu verzichten, wären sie nur gesund. Doch hindert diese hohe Einschätzung der Gesundheit die Menschen nicht, in sträfli­ cher Weise mit ihr umzugehen. Viele Erkran­ kungen, vor allem die sog. Zivilisationskrank­ heiten, werden durch eigenes gesundheit­ liches Fehlverhalten herbeigeführt. Der Pfarrer Sebastian Kneipp aus Bad Wörishofen hat das Verdienst, schon vor 100 Jahren auf die Bedeutung der aktiven Gesundheitspflege hingewiesen zu haben. Als Seelsorger und Naturheilmediziner hat Sebastian Kneipp schon damals die Pro­ bleme der körperlichen und seelischen Gesundheit erkannt. Die Aktualität dieser Erkenntnisse zeigt sich in der Fortsetzung der Lehre Kneipps in der heutigen Psychoso­ matik. Sebastian Kneipp ist und bleibt das große Vorbild für Gesundheitserzieher und alle Menschen, die Selbstverantwortung für die eigene Gesundheit erkennen, und vor allem für die Jugend, die heute mehr denn je seinen Ratschlägen vom einfachen und natürlichen Leben nacheifern will. Die Kneippbewegung ist eine wichtige und aktive Bürgerinitiative für Gesundheits­ bildung. Viele anerkennen Sebastian Kneipp 251

als den größten und erfolgreichsten Gesund­ heitslehrer der neueren Medizingeschichte. Verblüffende Feststellungen ergeben sich beim Nachspüren in seinen Büchern „Meine Wasserkur“ und „So sollt Ihr leben“, die heute millionenfach in der ganzen Welt ver­ breitet sind. Frühzeitig hat Sebastian Kneipp die Gefahren gesundheitlichen Fehlverhal­ tens erkannt und danach treffsicher seine Ratschläge erteilt. Die Kneippbewegung will im Sinne ihres Gründers die Menschen auf aktive Gesund­ heitsbildung und Gesundheitsvorsorge ansprechen und motivieren. Die Sebastian­ Kneipp-Akademie in Bad Wörishofen, Kneipp-Schulen, Kneipp-Institute für Gesundheitsbildung, Kneippkurorte und Kneippsanatorien und vor allem die vielen Kneipp-Vereine im In-und Ausland, sind Zentren der Gesundheitserziehung und Gesundheitsvorsorge. Als im Jahre 1890 in Wörishofen der erste Kneippverein gegründet wurde, meinte Sebastian Kneipp: ,,Es ist erforderlich, einen Verein zu gründen, der die Pflege und Ver­ breitung der Naturheilmethode aufnimmt. Ich lade alle ein, die Kopf und Herz auf dem rechten Fleck haben, den Kopf zum Denken, das Herz zum Handeln.“ Damit hat Seba­ stian Kneipp den Kneippvereinen das Grundgesetz seiner Lehre vom „gesunden Leben und naturgemäßen Heilen“ gegeben. Heute gilt es, diese Lehre Sebastian Kneipps sinnvoll zu erweitern und zu vertiefen, wis­ senschaftlich zu untermauern und verständ­ lich zu interpretieren. Führende Wissen­ schaftler und Mediziner im In-und Ausland sehen in der Naturheilmedizin nach Kneipp die tragende Idee für eine in richtiger Rich­ tung verlaufenden Ganzheitsmedizin von morgen. Immer mehr Mediziner und Politiker beklagen, daß in der Bundesrepublik 99 % der Kosten für behandelnde Medizin und kaum 1 % für die vorbeugende Medizin aus­ gegeben wird. Hier kommt offensichtlich ein Mißverhältnis zutage, das rasch und gründ­ lich geändert werden muß, wenn unsere 252 Eine Kneipp-Wassertretanlage. medizinische Versorgung ihren hohen Erwartungen und Ansprüchen gerecht blei­ ben will. Ein Grundsatz der Heilkunde des Altertums vor Hippokrates, daß der Arzt zur Hälfte für die Gesunden und zur anderen Hälfte für die Heilung der Kranken tätig sein soll, muß wieder neu belebt werden. Präven­ tive Gesundheitsbildung und Gesundheits­ erziehung muß erneut auf breiter Ebene in den Familien und Schulen ansetzen, damit es zu einer recht verstandenen Solidarität im Bereich der Gesundheit kommen kann. Dem Recht auf optimale Leistungen im Krank­ heitsfall steht eben auch die Pflicht gegenü­ ber, unnötige Leistungen der Solidargemein­ schaft zu vermeiden und für die eigene Gesundheit zuerst selbst Verantwortung zu tragen. In diesem Sinne arbeiten die Kneipp­ vereine für Gesundheitsbildung in Selbstver­ antwortung. Der Kneippverein der Baar ist aus dem

ehemaligen Kneippverein Donaueschingen hervorgegangen und betreut den Bereich in den Städten Donaueschingen, Hüfingen, Bräunlingen und Blumberg. In diesem grö­ ßeren und breiteren Umfeld konnte die Kneipp-Idee kräftig wachsen. 2.ahlreiche Ärzte und Therapeuten der Region wurden Mitglied und Referenten. Jährlich finden im Gebiet des Vereins zahlreiche Vorträge und Gesundheitsforen sowie eine Gesundheits­ woche statt. Nach der Methode Kneipps fin­ den immer neue Gruppen, Kurse und Arbeitsgemeinschaften statt und der Verein kann jährlich einige Tausend Hörer zählen; ein Zeichen, daß die Naturheillehre Kneipps immer mehr Anklang findet. Der Kneippverein veranstaltet laufend Vorträge über medizinische und gesundheit­ liche Fragen und Probleme in den Baarge­ meinden. Der Verein baut sein beliebtes Gruppen-und Kursangebot aus. Zur Zeit exi­ stieren Gymnastikgruppen für Jugendliche, Damen, Senioren und Freizeitler. Kurse für Autogenes Training werden laufend für Anfänger und Fortgeschrittene angeboten. Zum weiteren Programm gehören Yoga, meditative Entspannung und Eutonie. Aus­ flüge, Besichtigungen, Wanderungen, Kräuter­ wanderungen und Demonstrationen an den fünfKneippanlagen im Vereinsgebiet gehö­ ren ebenso ins Programm wie die wöchent­ liche Wassergymnastik und der neu einge­ führte Gesundheitstanz für alle Altersstufen. Laufende Kontakte, Erfahrungs-und Pro­ grammaustausch mit den Nachbarkneipp­ vereinen Villingen-Schwenningen, Titisee­ Neustadt, Königsfeld-St. Georgen, Tuttlin­ gen und dem neugegründeten Kneippverein Bad Dürrheim, runden das Programm ab. Kneipp-Idee und Kneipp-Bewegung sind heute ein gesundheitliches Angebot für alle Menschen. Kneippfreunde sind keine „Kalt­ wasser-Apostel“; Kneippfreunde sind keine „fanatischen“ Vertreter einer einseitigen Naturheillehre; Kneippfreunde sind auch keine „ Vereinsmaier“. Kneipp­ isolierten freunde sind aufgeschlossen und offen für alle Ideen, Versuche und Maßnahmen, die der Gesundheitserziehung, der Gesundheits­ bildung und der Gesundheitsvorsorge die­ nen. Der Kneippverein motiviert und koope­ riert mit allen Gesundheitsbewußten in Ver­ einen, Verbänden, Bildungswerken, Kran­ kenkassen, Gesundheitsämtern und vor allem den „Leuten vom Fach“, den Ärzten, die in der Gesundheitsbildung und Gesund­ heitsvorsorge besondere Verantwortung tra­ gen. Die Lehre von Sebastian Kneipp findet 100 Jahre nach ihrem Entstehen eine immer größere Bedeutung in der medizinischen Welt. Die Anhängerschaft wächst und wächst. Immer mehr namhafte Ärzte und Wissenschaftler messen der Kneipp-Thera­ pie eine wesentliche Bedeutung für die kom­ mende -ins nächste Jahrhundert reichende – Medizin zu. ,,Die Kneipp-Bewegung ist eine der erfreu­ lichsten Bürgerinitiativen unserer Zeit“ sagte kürzlich Bundespräsident Richard von Weizsäcker und meinte damit Selbertun, Verantwortung tragen, andere zur Gesund­ heitsvorsorge motivieren, seien echte, ver­ dienstvolle, staatsbürgerliche Aufgaben. In diesem Sinne will der Kneippverein der Baar mit allen Gesundheitsbewußten in Schwarz­ wald und Baar Motor und Schrittmacher einer neuen Gesundheitsbildung sein. Herbert Belstler .,. ,� mit dir Musik hören durch deinen Kopfhörer dringt kein Außenton in Bilder eintauchen grellfarben sind die Computergrafiken auf die du starrst Träume sind teilbar -immer noch gebannt bist du vom Bildschirm Spiel -Satz -Sieg dein Sieg ist das nicht ohne Elektronik wirst du Trennungsschmerz spüren allein – Christiana Steger 253 Beziehung

Medien, Verkehrswesen Das Südwestfunk-Studio in Villingen-Schwenningen So richtig begann es imJahr1974 während der Südwestmesse: auf der Terrasse des seit einem Jahr erstellten SWF-Studios wurde die populäre Sendung „Frohes Wochenende“ produziert. Moderator Karlheinz Wegener war mit seiner Sendung damit zum ersten­ mal in ihrer Geschichte live außerhalb des Baden-Badener Hauptstudios im Äther. Eine Premiere, die viele solcher Auftritte nach sich gezogen hat, Auftritte, die mittlerweile zur Routine für das „Frohe Wochenende“ geworden sind, nur wenige wissen aber, daß ausgerechnet Villingen-Schwenningen bei dieser Sendeform dereinst Pate stand. Im Jahr 1973 schon hatte die Doppelstadt auf der Baar ein eigenes Rundfunkstudio bekommen, doch ein ständiger Reporter, der in diesem Studio Beiträge zusammenstellen konnte, der war noch in weiter Feme: das Schwenninger Südwestfunk-Studio war in seinen Anfangszeiten eine Art „Potemkin­ sches Dorf“, das einmal im Jahr während der Messezeit zu Leben erwachte. Auch die Bezeichnung „Studio“ scheint für das, was damals wirklich war, etwas hochgegriffen: „Studio“ bedeutete nichts anderes als ein Haus mit einem SWF-Schild an der Vorder­ front. Ein Haus, das den Funkleuten zur Messezeit ein Dach über dem Kopf und Messebesuchern eine Videowand zum An­ schauen bot. Eine Technik, die aus dem Haus ein richtiges Studio machte, die kam erst sehr viel später. Am Anfang stand nämlich ein Zeitungsjournalist: Dieter Frauenheim, der als festangestellter Südbaden-Korrespon­ dent der Ulmer „Südwestpresse“ in Schwen­ ningen arbeitete, fragte beim für unsere Region zuständigen Südwestfunk-Landes­ studio in Tübingen vorsichtig an, ob man denn nicht ab und an aktuelle Berichte aus dem Oberzentrum senden wolle. Die könne er ja über die im Messe-,,Studio“ installierte 254 Rundfunkleitung direkt ans Landesstudio überspielen (so heißt das Schicken der Berichte über eine Tonleitung im Rundfunk­ jargon). Die Anfrage wurde geprüft und posi­ tiv beschieden, sodaß Frauenheim tatsäch­ lich im August 1973 sein erstes Interview pro­ duzieren konnte: ein Gespräch mit Oberbür­ germeister Dr. Gerhard Gebauer über den Stand der Namensgebungsdiskussion in der Doppelstadt. Was heutzutage bei Rundfunk­ journalisten Staunen hervorruft, war in jenen Anfangszeiten an der Tagesordnung: ein In­ terview zu „schneiden“ (also Versprecher zu eliminieren, langatmige Schachtelsätze aufs für Hörer erträgliche Maß zurückzustutzen) war unmöglich, der Zeitungsmann mußte in dieser Hinsicht Pionierarbeit leisten: man bekam wie in den dreißiger Jahren ein Mikro­ fon in die Hand gedrückt, und dann konnte beziehungsweise mußte es losgehen, was gesprochen war, war „draußen“, Korrektur nicht mehr möglich. Lediglich ein Zwanzig­ pfünder von einem Tonbandgerät, bedie­ nungsunfreundlich und unhandlich, war vorhanden, um wenigstens nicht alle State­ ments samt Interviewpartner live für die Sen­ dung aus dem Studio einzufangen. Das ging jahrelang so weiter, Frauenheim entwickelte mit der Zeit seine Routine, wenn er bei Mi­ nusgraden im Winter dick in den Mantel ein­ gehüllt mit frostklammen Fingern im hei­ zungslosen Studio das Mikrofon in Händen hielt und mehr vor Kälte, als vor Nervosität schlotternd, seinen Bericht „absetzte“, mit der großen weiten Rundfunkwelt verbunden durch ein dünnes Kabel, das in einem grauen Kasten verschwand, der (laienhaft aus­ gedrückt) Übertragungseinheit der Bundes­ post, die für Rundfunkübertragungen ja zuständig ist. Der Ton trat von hier aus seine Reise über das Verstärkeramt Villingen, das Fernmeldeamt Donaueschingen bis zu den

Jung und Sendung mittlerweile bei drei bis vier Stunden! Zu einem Einschnitt in der Studioge­ schichte wurde das Jahr 1982: kamen da doch mit einemmal zwei LKW aus Baden-Baden angefahren, die eine richtige Technik mit zwei Tonbandmaschinen und Regiepult in Schwenningen abliefern sollten. Aus dem sogenannten Studio wurde damit in der Tat ein richtiges Rundfunkstudio, klein zwar, doch mit allem, was ein „richtiges“ Studio eben braucht. Daß der damalige Tübinger Landesstudioleiter Dr. Hubert Locher (mitt­ lerweile Hörfunkdirektor des Südwestfunks) die Technik praktisch im Alleingang in Marsch gesetzt hatte, als er erfuhr, da sei gerade altes, aber sendetaugliches Gerät auf Lager und daß ihm dann doch Gewissens­ bisse ob seiner Kompetenzüberschreitung kamen, daß er noch vergebens versuchte, die LKW wieder umzudirigieren ( doch die waren glücklicherweise schon auf dem Weg), das alles ist vom einstigen Politikum inzwi­ schen zu einem Stück gern erzählter Schwen­ ninger Studio-Gründungsgeschichte gewor­ den, genauso wie die Erkenntnis, daß ohne jenen Lochersehen Alleingang das Studio mit Sicherheit noch einige Jahre ohne festen Korrespondenten geblieben wäre. Der feste Korrespondent kam dann am 1. März 1984 (der Verfasser dieser Zeilen): nach mehrjähriger Tätigkeit in der Tübinger Zen­ tralredaktion hatte es mich ganz einfach gereizt, einmal etwas ganz Neues zu machen, einmal vom Punkte „fast Null“ an etwas auf­ zubauen. Als mir der Aufbau des Korrespon­ dentenplatzes im Südwestfunk-Studio Vil­ lingen-Schwenningen angeboten wurde, gab es deshalb kein langes Zögern, der Schritt zum ersten hauptamtlichen Korresponden­ ten in Villingen-Schwenningen war getan. Natürlich durften auch in diesem Fall wohl­ meinende Kollegen nicht fehlen, die dem mit Enthusiasmus in Richtung Schwennin­ gen eilenden Neu-Korrespondenten die dunkelsten Vorahnungen mit auf den Weg gaben: ,,Das wird nie etwas“, ,,Da hälst Dus nie und nimmer lange aus“, ,,Von hier gibts ja 255 Der frühere Korrespondent des Südwestfunks in Villingen-Schwenningen, Gunter Haug(auf dem Bild rechts) und der neue Korrespondent Wolf­ gang Klaus (links im Bild) Schalträumen der diversen Südwestfunkstu­ dios an, von dort dann wurde er über den Äther weitergeschickt bis in die Radioappa­ rate der Hörer. So funktionierts auch heute noch, nur der Begriff „Aktuell“ hat sich in der Zwischenzeit ganz entscheidend gewandelt: wenn der Zeitungsmann am Montag seinen Vorschlag beim Sender ablieferte, was man samstags im Programm bringen könne, dann war das seinerzeit auch für die „Aktuelle Redaktion“ des verantwortlichen Landesstu­ dios in der Tat „aktuell“. Heute unvorstellbar und insofern ist diese erst zehn Jahre zurück­ liegende Arbeitsweise auch schon ein Stück Rundfunkgeschichte geworden, denn sie ist auch Beleg dafür, wie heutzutage Gescheh­ nisse in der Region, und seien sie im großstäd­ tischen Sinn noch so sehr provinziell, tages­ aktuell ins Programm gebracht werden müs­ sen, fünf Tage Differenz zwischen Angebot und Sendung gibt es heute nicht mehr, meist bewegt sich die Zeitspanne zwischen Beste!-

sowieso nichts zu berichten“ und ähnliche aufmunternde Parolen mehr. Doch es kam natürlich ganz anders: bereits im ersten Jahr seines Bestehens produzierte das Südwest­ funk-Studio Villingen-Schwenningen weit über 1600 Sendeminuten, was -rechnet man einen Durchschnitt von drei Minuten pro Beitrag -über 530 Beiträge in nur zehn Monaten aus der zu betreuenden Region Schwarzwald-Baar-Heuberg bedeutete. Be­ reits im ersten Jahr konnte das Versprechen in die Tat umgesetzt werden, daß künftig kein Südwestfunk-Redakteur mehr (wie tat­ sächlich geschehen) beim Verlesen des Wet­ terberichts sagen mußte: ,,Auf der Baar … Verzeihung, das muß ein Druckfehler sein“, die Baar wurde auch rundfunkpolitisch zu einem festen Begriff. Und gleich ein Jahr spä­ ter, 1985, gabs sogar einen Rekord zu feiern: Villingen-Schwenningen hatte alle anderen Studios dieser Größenordnung ü herholt und mehr Beiträge und Sendeminuten für die drei Hörfunkprogramme produzieren kön­ nen, als die anderen -dank der Themenviel­ falt in dieser Region! Dabei war das alles im höchstgelegenen Inlandsstudio der ARD arbeitstechnisch gar nicht so einfach, schließlich mußte der Schwenninger Korrespondent in einem Stu­ dio der neuen Generation (mit alter Technik) als eine Art Alleinunterhalter auftreten: als sein eigener Hausmeister, Studiotechniker, Sendetechniker, Sekretärin und – nicht zuletzt – auch Redakteur. ,, Wichtigstes“ Requisit des neuen Studios: die einzige dienstliche Schneeschippe eines Südwest­ funk-Korrespondenten, um sich auf dem Messegelände die letzten Meter durch die rauhen Winter der Baar zum Studio durch­ zuschaufeln und einige Stunden später die vom städtischen Schneepflug in Richtung Studiotreppe geschobenen Schneemassen ein zweites Mal wegzuschippen (übrigens ist diese Geschichte durchaus kein Kalauer, die Dienstschneeschippe gibts wirklich, gleich rechts neben der Eingangstür steht diese sorgfältig gehütete Studiokostbarkeit und leistet Winter für Winter gute Dienste). 256 Den absoluten Höhepunkt, was die Außenwirkung des Südwestfunkstudios Schwenningen betrifft, stellt aber der Som­ mer 1985 dar, als eines regnerischen Tages Waldameisen Einzug ins Studio hielten und die Ecke neben der neu installierten Elektro­ heizung für sich besetzten: bundesweit hat dieser Einzug der Großen Roten Waldameise Schlagzeilen verursacht. Presse, Hörfunk · und Fernsehen berichteten über die erstaun­ liche Tatsache, daß die Große Rote Walda­ meise, die ansonsten nie in Häusern ihre Haufen zu bauen pflegt, sich ausgerechnet das Südwestfunkstudio als Herberge aus­ gesucht hatte. Tips und Ratschläge, wie die lieben Viecher wieder zu vertreiben seien, kamen stapelweise aus der ganzen Republik, selbsternannte oder tatsächliche Ameisenex­ perten gaben Rat und waren dann hinterher doch wie alle anderen am Ende mit ihrem Latein. Selbst das peinlich genaue Ausfugen aller Ritzen und Winkel des Studios half nichts: die Große Rote Waldameise hielt ihre (genau zu verfolgende) Straße von einer Tan­ nenhecke bis ins Studio und wieder zurück hartnäckig aufrecht, ob zu Messezeiten oder nicht. Erst drei (!) Jahre später glückte dann die Umleitung zurück in den Wald. Ein weiterer Höhepunkt kam dann im Jahr 1986 in eigener Regie des Südwestfunk­ studios zustande: das Schwenninger Fami­ lien-Ferienfest, zu dem an einem einzigen Sonntag 40.000 Besucher aufs Messegelände strömten, um bei freiem Eintritt und unzäh­ ligen Aktionen und Attraktionen einen schö­ nen Tag mit der ganzen Familie zu erleben, sei es in den Messehallen, wo ein richtiges Spielzeugland aufgebaut war, sei es in der Jugenddisco oder auf dem Freigelände bei Minigokarts, Streichelzoo, Schatzsuche in der „ Geisterburg“ oder im großen Festzelt, in dem als Höhepunkt der Familienfest-Feier sogar der baden-württembergische Minister­ präsident Lothar Späth zugegen war, um in einer Kinder-und Jugendfragerunde alles an Fragen zu beantworten, was die Kleinen schon immer mal vom Ministerpräsidenten wissen wollten (,, Was macht so einer den

ganzen Tag?“, Wie isch das, wenn mr regiert?“, „Was verdient ein Ministerpräsident?“ und vieles mehr – auf jede Frage gab es eine Ant­ wort). Derart begeistert war der Gast aus Stuttgart, daß er das Schwenninger Südwest­ funkfest zum Beispiel für das Landesfami­ lienfest nahm, das nun alljährlich nach Schwenninger Vorbild in einer Stadt des Landes ausgerichtet wird. Obwohl also das Südwestfunk-Studio Vil­ lingen-Schwenningen allmählich zur festen Größe in der bundesdeutschen Rundfunk­ landschaft geworden ist, obwohl pro Jahr einige Dutzend Besucher sich die Technik und die Arbeitsweise im Studio vorführen lassen, obwohl alljährlich auch mindestens ein Volkshochschulkurs mit dem Korres­ pondenten im Studio über die Auswahl der Rundfunkthemen diskutiert, kann es einem in Schwenningen nach wie vor passieren, daß der Reporter immer noch auf eine verblüffte Miene und die Aussage stößt: »Ja so was, ein Studio in Schwenningen das ganze Jahr über, ich hab gedacht, das sei bloß während der Messe geöffnet“. Um auch dem letzten das Gegenteil zu beweisen, wird fleißig weiterge­ sendet, zu allen Tageszeiten, mit allen mögli­ chen und unmöglichen Themen aus unserer Region Schwarzwald-Baar-Heuberg. Gunter Haug Der Bregtäler – ein rauchender Zeitgenosse Es war dem »Bregtäler“ nicht vergönnt, am 1. August 1983 zu seinem 90. Geburtstag in die Uhrenstadt einzufahren. Wie bei der Jungfernfahrt hätte ganz Furtwangen den Veteranen mit Jubel und Freude als ein Stück der guten alten Zeit begrüßt, wenn er auch in der Vergangenheit nicht alle Erwartungen erfüllt und den Furtwangern mehr Kummer als Freude bereitet hat. Im Jahre 1973 verbannte die Stuttgarter Landesregierung den dampfenden und rau­ chenden Zeitgenossen, der acht Jahrzehnte seinen Dienst zwischen Furtwangen und Donaueschingen getan hat, aus dem Bregtal. Personenzug vor dem Bahnhof Furtwangen um 1894 257

Es ist unverständlich und es bleibt ein bitte­ rer Beigeschmack, daß eine Stadt wie Furt­ wangen mit ihrem Umland und der recht bedeutsamen Industrie mittels eines Feder­ striches von der Eisenbahn isoliert wurde. Und das in einer Zeit, in der ein neuer Lan­ desentwicklungsplan regionalen Unausge­ wogenheiten und Entleerungstendenzen im ländlichen Raum begegnen wollte. Dabei war das Gesellschaftskapital der Bregtalbahn zuletzt vollständig im Besitz des Landes Baden-Württemberg. Der weite Weg Die berufenen Vertreter des Bregtales bemühten sich seit den 40er Jahren des ver­ gangenen Jahrhunderts um den Bau einer Eisenbahnlinie durch das Bregtal. Betrachtet man rückblickend die Gründe, die die badische Regierung zu dem für Furtwangen verhängnisvollen Entscheid, die Schwarz­ waldbahn an Furtwangen vorbei zu bauen, veranlaßten, so waren es offiziell technische und finanzielle Schwierigkeiten. Es bleibt aber der schwer zu verwischende Anschein – damals wie heute -eines weitgehenden Man­ gels der Regierung an Verständnis für die Furtwanger Verkehrsbedürfnisse. Dazu dürf­ te die leidige und seinerzeit besonders aus­ geprägte kommunale Konkurrenz kommen und wahrscheinlich eine mangelnde Lobby, Regierung und Landtag für den Bau einer Staatsbahn über Furtwangen zu interessie­ ren. Trotz des Rückschlages bemühten sich die „wichtigen Industrieorte Furtwangen und Vöhrenbach“ mit unverdrossener Ausdauer immer wieder, eine Eisenbahnverbindung zu erlangen. In zahlreichen Petitionen an die Hohe Kammer der badischen Landstände und die Großherzogliche Regierung in Karls­ ruhe wurde die Notwendigkeit durch umfas­ sende Denkschriften und Pläne nachgewie­ sen. Die Zähigkeit, mit der die Gemeinden den Eisenbahnbau verfochten, wird verständlich, wenn man den Ursachen der berechtigten Existenzangst nachgeht. Der erhöhten 258 Nachfrage nach Schwarzwälder Uhren konnte von den abgelegenen Höfen nicht mehr genügt werden. Die Uhrmacherei mußte die stillen Plätze, wo ihre Wiege stand, verlassen und sich mehr und mehr an bessere Verkehrswege verlegen. So trat allmählich eine beachtenswerte Verschiebung des Uhrendistrikts ein: Gütenbach, Furtwangen, Eisenbach wurden die Hauptumschlags­ plätze desselben. Einzelne Gemeinden, wie St. Märgen und St. Peter, in denen anfangs die Uhrmacherei lebhaft blühte, wurden durch diese Veränderungen vom Uhrenhan­ del abgetrennt und lösten sich allmählich ganz auf. Wenig später schob sich die Schwarzwaldbahn in die Reihe der Verkehrs­ mittel des Schwarzwaldes ein. Damit drohte eine abermalige verhängnisvolle Verschie­ bung des Uhrenproduktionsbezirkes. Tri­ berg, St. Georgen und Villingen, von dem Eisenbahnbau begünstigt, traten als bedeu­ tende Konkurrenzorte auf. In dem Comis­ sionsbericht des Abg. Robert Gerwig in der 67. Sitzung der II. Kammer vom 5. März 1870 heißt es u. a. ,,die Erfahrung bestätigt bereits, daß Orte, welche von keiner Eisenbahn berührt werden, immer mehr zurückkom­ men, weil sie nicht im Stande sind mit ande­ ren Orten, die an der Eisenbahn liegen, die Mitbewerbung zu bestehen“. Ähnlich wie die Uhrmacherei war auch die Landwirtschaft betroffen. Die Fuhrlöhne bis zur nächsten Eisenbahnstation überstiegen die Verkaufspreise des Holzes um ein Bedeu­ tendes. Ein weiterer Nach teil war die Abwan­ derung von Arbeitskräften. Ebenso wirkte sich die ungünstige Verkehrslage negativ auf den Fremdenverkehr aus. Immer noch auf der Suche nach einer Durchgangslinie, wurde am 6. Januar 1873 eine weitere Petition über den Eisenbahnbau von Donaueschingen durch das Bregtal nach Freiburg vorgelegt. Die Großherzogliche Regierung in Karlsruhe entschied sich wie­ derum nicht im Sinne Furtwangens. Mit dem Scheitern auch dieses großen Projekts wurde man sehr bescheiden und versuchte nun, die kleine Lösung einer Eisenbahnlinie von

Lok Nr. 332 vor dem Lokomotivschuppen Furtwangen um 1920 Furtwangen nach Donaueschingen durchzu­ setzen. Am 1. Oktober 1881 genehmigte der Furt­ wanger Bürgerausschuß mit 29 Ja- und 8 Nein-Stimmen zu dem Bau der Eisenbahnli­ nie Furtwangen – Donaueschingen einen Beitrag von 50 000 Mark. Die Furtwanger Schrittmacherdienste mögen Veranlassung für die übrigen Bregtalgemeinden gewesen sein, ihrerseits ebenfalls Geldmittel zur Ver­ fügung zu stellen. In einer »Bitte an die Hohe Kammer der badischen Stände“ vom Januar 1882 wurde der neue Sachstand mitgeteilt. Auf weitere Eingaben folgte am 27. Januar 1883 – und wie hätte es anders sein können – eine erneute unbefriedigende und hinhalten­ de Mitteilung des Ministeriums der Finan­ zen. Kein Wunder, daß in diesen Jahren der Ungewißheit verschiedene andere Bahnpro­ jekte auftauchten, so u. a. Furtwangen – Vöh­ renbach – Villingen oder der Donaueschin­ ger Plan (1885) einer Schmalspurbahn. Die hieraus entstandenen Gegensätze unter den Interessenten verzögerten wiederum auf Jahre eine Entscheidung der Großherzogli­ chen Regierung. Endlich grünes Licht Endlich, am 28. Januar 1888, erklärte sich die Regierung bereit, die Frage der Erteilung der Konzession dem Landtag zur Entschei­ dung vorzulegen. Scheinbar selbst unent­ schlossen führte sie in der Begründung u. a. aus: „Wenn für den Verkehr der Orte Furtwan­ gen und Vöhrenbach in der Richtung nach Villingen und Offenburg der Umweg über Donaueschingen als uner­ wünscht anerkannt werden muß, so ist dagegen der Anschluß in Donaueschin­ gen für die Verkehrsinteressen der unteren Bregtalgemeinden vorzuziehen. Im übri­ gen gewährt Donaueschingen gegenüber Villingen auch dem hinteren Bregtal einen erheblichen Vorsprung, sobald es sich um den Verkehr mit der Schweiz, dem Bodensee und nach Ausführung der Donautalbahn mit dem östlichen Würt­ temberg, mit Ulm und München handelt.“ Am 11. April 1888 stand der Gesetzent- wurf im Landtag zur Beratung und endete wider Erwarten für die Öffentlichkeit mit der Annahme der Linienführung nach Donau­ eschingen. 259

Stillegung zu verhindern. Alle in der umfangreichen Stellungnahme wider die Stillegung vorgetragenen Gründe, wie erheb­ liche betriebswirtschaftliche und technische Versäumnisse der SWEG, sträfliche Vernach­ lässigung des Streckennetzes, gewichtige Gesichtspunkte der Landesentwicklungs­ und lnfrastrukturpläne, Wirtschafts- und Fremdenverkehrsförderung, Schülerbeför­ derung u. a. m. nutzten nichts. Ohne das Ergebnis der Verhandlungen im dafür zuständigen Landtagsausschuß abzu­ warten, faßte der Ministerrat bereits zwei Tage zuvor, das war am 10. April 1973, den Beschluß, die Bregtalbahn stillzulegen. Parla­ mentarisch betrachtet ein ungewöhnlicher Vorgang. Damit war das Unternehmungs­ recht für die Bregtalbahn erloschen. Die Bregtalbahn, die in 8 Dezennien ihres Beste­ hens ein Teil der Landschaft mit ihrer Bevöl­ kerung geworden war, wurde zwangsweise aus ihrem Schutz ausgeklammert. In der Rückschau ist man geneigt zu sagen, daß die Bregtalbahn zwar vorüberge­ hend eine gewisse Verbesserung der Ver­ kehrslage des Bregtales brachte, sie aber als private Nebenbahn -so scheint es -von Anbeginn an auf dem Abstellgleis stand. Es ist heute müßig darüber zu streiten, welche Gründe es gewesen sein mögen, daß sie es nicht vermochte, der aufstrebenden Indu­ strie und dem Handel ein ebenso sich entwik­ kelnder Partner zu werden. Gegenmaßnah­ men des Bahn-Management, etwa zu Beginn des verschärften Wettbewerbs zwischen Schiene und Straße in den sechziger Jahren, auf Verbesserung des ungenügenden Ange­ bots und auf Rückgewinnung der verladen­ den Wirtschaftszweige, waren nicht zu erkennen. So war die Weichenstellung der Bregtalbahn bis hin zur Stillegung vorpro­ grammiert. Hans Frank Mit Verfügung des Großherzoglichen Ministeriums der Finanzen vom 27. April 1891 erfolgte die Konzessionserteilung an ein Unternehmer-Konsortium. Die Regierung wurde ermächtigt, die Linie von Hüfingen nach Donaueschingen auf Staatskosten wei­ terzuführen. Die Dauer der Konzession war auf SO Jahre festgesetzt. Der Staat stellte einen Zuschuß bis zu 20 000 Mark für den lfd. Kilometer zur Verfügung. Er behielt sich das Recht vor, das Eigentum der Bregtal­ bahn, und zwar bezüglich der Strecke Hüfin­ gen -Hammereisenbach sofort von der Be­ triebseröffnung an, bezüglich der Strecke Hammereisenbach – Furtwangen nach Ablauf von 25 Jahren jederzeit anzukaufen. Am 7. August 1891 begannen die Bauar­ beiten auf der Gemarkung Allrnendshofen. Schon am 20. Oktober 1892 wurde die Teil­ strecke Donaueschingen – Hammereisen­ bach in Betrieb genommen. Am 7. Juni des folgenden Jahres war der Bau bis Schönen­ bach fortgeschritten, und am 20. Juni kam die erste Lokomotive in Furtwangen an. Die feierliche Eröffnung der ganzen Linie fand am 1. August 1893 statt, 5 Jahre nach der Beschlußfassung durch den Landtag. Signale der Bregtalbahn auf „HALT“ Der im Spätjahr 1967 von der Mittelbadi­ schen Eisenbahnen AG beantragten Ver­ längerung der Konzession wurde von der Landesregierung am 6. Juni 1968 bis zum 31. Dezember 2017 zugestimmt. Die Freude über das Erreichte dauerte nur wenige Jahre. Schon am 1. Oktober 1972 stellte die Süd­ westdeutsche Eisenbahnen AG die Perso­ nenbeförderung auf der Bregtallinie ein und beantragte wenig später die endgültige Stillegung der Bregtalbahn. Ein Sturm des Widerspruchs erhob sich bei der Bevölke­ rung, bei den Gemeinden des Landkreises und den Berufsverbänden. In einer gemein­ samen Stellungnahme der Gemeinderäte von Donaueschingen, Hüfingen, Bräunlin­ gen, Vöhrenbach, Furtwangen und Güten­ bach vom 8. Dezember 1972 versuchten die Gemeinden mit aller Entschiedenheit, die 260

Landschaft, Naturdenkmäler, Umweltschutz Die Tuninger Soldatentanne Eine Federzeichnung der Soldatentanne von Tuningen hängt im Amtszimmer des Bürgermeisters -ein stimmungsvolles Bild, das einen großen, die Landschaft ringsum beherrschenden Baum zeigt, der hoch in den gewitterbringenden Himmel ragt. Gewitter­ stimmung über T uningen, das paßt genau zu der Geschichte, die sich um die Tuninger Sol­ datentanne rankt, eine Geschichte, die durch ein Gedicht des Talheimers Max Schnecken­ burger (der ja auch die berühmt-berüchtigte „Wacht am Rhein“ verfaßt hat) der Nachwelt erhalten geblieben ist. Es muß, sagt das Gedicht in Übereinstimmung mit Tuninger 261

Überlieferungen aus, um das Jahr 1805 gewe­ sen sein, damals lagen, wie auch in der Dorf­ chronik nachgewiesen ist, österreichische Einheiten in Tuningen. Es war die Zeit der napoleonischen Kriege, das französische Heer war ins vorderösterreichische Gebiet eingefallen und bedrohte schon die Stadt Freiburg im Breisgau (die ja tatsächlich vor noch gar nicht so langer Zeit zu Vorderöster­ reich gehört hat). Deshalb hatte man bei Tuningen Soldaten der österreichischen Armee zusammengezogen, um dem Feind (wie sich später herausstellte erfolglos) Paroli zu bieten. Nun muß es da in der österreichischen Einheit einen einfachen Soldaten gegeben haben, dessen Name nicht überliefert ist, wohl aber dessen Kummer mit seinen Vor­ gesetzten. Einer der Vorgesetzten muß es ganz besonders auf den armen Soldaten abgesehen haben, muß ihn traktiert und geschunden haben, wo es nur ging, bis der so Gepiesackte es einfach nicht mehr aushielt und desertierte: ein Vergehen, auf dem damals in allen Armeen der Welt die Todes­ strafe stand. Ausgerechnet zum Feind nach Freiburg schlug er sich durch und wurde dort anscheinend als neuer Kampfgefährte gegen Österreich auch bereitwillig aufgenommen. Er befand sich also in Sicherheit, doch trotz alledem fühlte er sich in der französischen Armee nicht wohl. Das hatte einen einfachen Grund: unser Soldat starb nämlich offenbar beinahe vor Liebeskummer, denn während seiner Zeit in T uningen hatte er sich doch tat­ sächlich in ein hübsches Mägdelein aus dem Dorf verliebt, wie man annehmen darf, wurde seine Liebe auch erwidert. Eines schlechten Tages hielt es den öster­ reichischen Soldaten nicht mehr bei den Franzosen, er mußte einfach zurück nach Tuningen und seine Herzallerliebste in die Arme nehmen. Bei Nacht und Nebel, so wird erzählt, sei er zu ihr gekommen, doch die so sehr Angebetete trieb ein falsches Spiel mit ihm und verriet den Deserteur (auf dessen Kopf, wie sie wußte, eine Belohnung stand) an die Österreicher. Es kam, wie es kommen 262 mußte, der Soldat wurde ergriffen, verhaftet, verhört, verurteilt und schließlich hingerich­ tet. Die Exekution fand außerhalb des Dorfes statt, auf einem Feld in der Nähe von Tunin­ gen. Hier wurde er von seinen ehemaligen Kameraden erschossen und hier wurde er auch gleich begraben. Die Verräterin freilich fand keine Freude an ihrem Judaslohn, den sie bekommen hatte, sondern scheint sich den Verrat und das dadurch verursachte tragische Ende ihres Geliebten so sehr zu Herzen genommen zu haben, daß sie schon kurze Zeit nach dem Tod des Soldaten von Gram und Schuldgefühlen geplagt das Zeitliche segnete. Genau an jener Stelle aber, an der der junge österreichische Soldat begraben und hingerichtet worden war, pflanzten T uninger Bürger wenig später eine Tanne: die danach so genannte Tuninger Soldatentanne. Max Schneckenburger, wie erwähnt der Dichter aus dem benachbarten Talheim, hat das tragische Geschehen in einem Gedicht festgehalten und da er selbst fast ein Zeitge­ nosse dieser Ereignisse war (geboren im Jahr 1819), dürfte er tatsächlich in dem Gedicht ein Ereignis festgehalten haben, über das die Menschen in seiner Kindheit noch sprachen. Vielleicht sogar war er der Knabe, dem der Vater einst, wie es im Gedicht beschrieben ist, die Geschichte von der Soldatentanne erzählt hat. Wie auch immer, die Tanne über dem Grab des armen Soldaten wuchs und wuchs zu einem stattlichen, weithin sichtba­ ren Baum heran. Erst Ende der dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts wurde sie (also weit über 100 Jahre alt) vom Blitz getroffen und somit zerstört. Die Tuninger Soldatentanne aber war schon längst zum Begriff geworden, in den zwanziger Jahren schrieb der T uninger Pfarrer Eugen Stöffier gar ein Theaterstück über das Drama, das sich um dieses Natur­ wahrzeichen rankte, und Tuninger Laien­ schauspieler führten die Geschichte am Ori­ ginalschauplatz auf freiem Feld den zahlrei­ chen Zuschauern vor, die ob des schlimmen Endes des von seiner Geliebten so schmäh­ lich verratenen jungen Soldaten zu Tränen gerührt waren. Ältere Tuninger Bürger, wie

der Heimatforscher Ernst Braunschweiger, erinnern sich auch heute noch genau an jene Aufführungen, bei denen das ganze Dorf Anteil am Theaterspiel nahm. Nachdem die alte Tanne also durch Blitz­ schlag zerstört worden war, wurde auf aus­ drücklichen Beschluß des Tuninger Gemein­ derats im Jahr 1940 eine Ersatztanne gepflanzt, die allerdings kurz danach – aus welchen Gründen auch immer – eingegan­ gen ist. Deshalb ergriffen geschichtsbewußte Tuninger Bürger ein drittes Mal die Initiative und pflanzten an der alten Stelle einen neuen Baum, nur wars diesmal irrtümlicherweise eine Fichte, die die Nachfolge als Soldaten­ “ Tanne“ antreten sollte. Jene Fichte kam zwar durch, allerdings hat ein Raubvogel die Gestalt des jungen Baumes dadurch unvor­ teilhaft verändert, daß er ihm gleich nach der Pflanzung den Spitzentrieb abgehackt hat. Das Resultat war, daß die Soldaten-“ Tanne“ nun halt besonders viele Seitentriebe anstelJe der Spitze ausbildete, deshalb kann bis auf den heutigen Tag auch nicht gerade von einem stolzen, seinem Vorgänger im Aus­ sehen würdigen Baum gesprochen werden und von einer Tanne ja ganz zu schweigen. Und dennoch wäre es schade, wenn dieses einsam am Autobahnrand stehende küm­ merliche Bäumchen eines Tages ganz ver­ schwinden würde. Denn solange es an die­ sem Fleck steht, solange erinnert es an die erzählenswerte Geschichte des österreichi­ schen Soldaten, der hier der Überlieferung nach begraben liegt. Ein Stück Heimatge­ schichte des Dorfes Tuningen im Schwarz­ wald-Baar-Kreis, eine Geschichte, auf die keine Hinweistafel verweist, eine Geschichte, die selbst in Tuningen nicht mehr jeder kennt. Eine Geschichte, die selbst längst Geschichte geworden ist, dank der Soldaten­ tanne. Gunter Haug Naturdenkmäler im Schwarzwald-Baar-Kreis Der im Almanach 1978 eingeschlagene Weg von Naturdenkmal zu Naturdenkmal führt hier nun zu einem außergewöhnlichen Baumtrio. Von der Kreisstraße 5709 zweigt ein Sträßchen zum Ortsteil Nordstetten ab. Man sieht im Westen die Häuserkette der Wöschhalde, davor weite Wiesenflächen, man überquert die junge Steppach, passiert die ersten Häuser und kommt zur Eisen­ mann-Eiche und Eisenmann-Linde am Nordrand und zur Mathisen-Eiche am Süd­ rand der kleinen Straße. Schon vor 165 Jah- 263

Mathisen-Eiche, Eisenmann-Eiche, Eisenmann-linde in Nordstetten. ren sollen diese Bäume gepflanzt worden sein. Mit ihren dicken Stämmen und einem dichten ineinandergreifenden Ast- und Laubwerk bilden diese Bäume ein sehenswer­ tes Tor am Ortseingang von Nordstetten. Der größte und stärkste dieser Bäume ist die Eisenmann-Eiche; ihr Stamm mißt 4,70 m Umfang. Nur einen Meter trennen auf Bodeshöhe die Stämme der Eisenmann­ Eiche und Eisenmann-Linde. Im Jahre 1941 wurden diese 3 Bäume, deren Namen auf frühere Grundstückseigen­ tümer zurückgehen, in das Naturdenkmal­ buch des Landratsamtes aufgenommen und stehen somit als Naturdenkmäler unter besonderem Schutz. Grundlage hierfür bie­ tet das Naturschutzgesetz. Werner Heidinger 264

Der Rauhfußkauz Teile des Schwarzwald-Baar-Kreises bil­ den den Lebensraum einer Eule, von der die meisten Bewohner unseres Landkreises noch nie etwas gehört haben. Ihrem Kennen­ lernen, wenigstens in Wort und Bild, soll die­ ser Artikel dienen. Die Waldohreule ruft, der Waldkauz heult, die Stimmäußerungen der Schleier­ eule sind schnarchähnliche Laute, und das nur 24 cm große Rauhfußkauzmännchen singt. Es ist ein Minnesang, der von einer hohen Warte aus vorgetragen wird. Sein Beginn wird durch eine lange Strophe eingeleitet, die etwas verhalten anfängt. Die folgenden Gesangsabschnitte werden schnell kürzer, höher und lauter. Nach dem Einspielen dauert die Strophe ungefähr ein bis zwei Sekunden und wird von einer zwei bis drei Sekunden währenden Pause unterbrochen. Liebeswerben geht auch bei einem Rauh­ fußkauz durch den Magen. Unverpaarte Männchen singen die ganze Nacht, voraus­ gesetzt, die Beutepopulation ist so groß, daß Hungergefühle nicht aufkommen. Es gibt nur wenige Menschen, die die kleine Eule jemals gesehen oder gehört haben. In den meisten Wäldern wird man sie vergeblich suchen. Ihr Lebensraum sind die großen zusammenhängenden Nadelwaldbe­ stände der Gebirge und Mittelgebirge, in denen Weißtannen und Kiefern vorherr­ schen. Auch das Flachland wird nicht ganz gemieden, soweit rauhe Klimabedingungen gegeben sind. So zum Beispiel die Wälder in bestimmten Bereichen der Lüneburger Heide. Eine Voraussetzung, die das Rauhfuß­ kauzbiotop bieten muß, ist ein ausreichen­ des Vorkommen von Bruthöhlen. Von der Größe her sind das überwiegend die ehemali­ gen Niststätten des Schwarzspechtes. In ihrer Nähe sollten deckungsbietende Tagesein­ stände und unterholzfreie Areale sein, die eine gewisse Kleinsäugerdichte aufweisen. Das sind zum Beispiel Waldränder- und schneisen, Lichtungen und Moore; in der Gebirgsregion der Latschenbereich und Viehweiden. Infolge seiner Wendigkeit hin­ dert ihn auch dichteres Unterholz nicht bei der Jagd. Die kleine Eule mag keine „lauten“ Wäl­ der. Aufgrund ihrer Anspruchslosigkeit sie­ delt sie stellenweise sogar in reinen Eichen­ Buchenwäldern. ZiehendeJungkäuze durch­ streifen auch einmal Auwälder, Park- und Gartenanlagen. Bildunterschriften zur folgenden Doppelseite: Das Weibchen des Rauhfaßkauzes beobachtet von der Bruthöhle aus die Umgebung. junge Rauhfaßkäuze, während einer Berin­ gungsaklion für kurze Zeil aus ihrer Nisthöhle entfernt. Der Raubfußkauz ist überwiegend ein Anstands­ jäger. Von seiner Warte aus nimmt er sogar wäh­ rend seines Balzgesanges das leiseste Geräusch wahr. So kann er eine Maus bis auf 60 Meter akustisch ausmachen. Der ideale Nistkasten for den Rauhf11ßkauz (Marke Eigenbau). In diesem Nistkasten zieht der Rauhfaßkauz schon über Jahre hinweg seine Jungen groß. Die Kastenseiten und das Dach sind mit Blech aus­ geschlagen. Hier hat der Baummarder keine Chance an den Kauz heranzukommen. Das Blechdach und die Seiten bieten seinen Krallen keinen Halt. In der Regel ist das Auerhuhnrevier auch die Hei­ mat des Raubfußkauzes. Das sind große zusam­ menhängende Nadelwälder der Gebirge und Mittelgebirge, in denen Weißtannen und Kiefern vorherrschen. 265

Der bereits beschriebene Gesang, der sich mit „huhuhuhu“ übersetzen läßt, soll das Weibchen in die Nähe des Nistplatzes lok­ ken. Hat das Weibchen Rufkontakt auf­ genommen, geht das Singen in den Zeigerol­ ler über. Das ist ein akustisch vorgetragener Wegweiser zu der ausgewählten Bruthöhle. Dieser Gesang besteht aus einem vielsilbigen dududud. Im allgemeinen weckt er bei dem Weibchen ein fast unwiderstehliches Inter­ esse an dem angebotenen Brutraum. Zögert es jedoch, diesen anzufliegen, kann das Männchen auch in der Höhle sitzend den Zeigeroller bringen. Ein Mensch, der die Minnelaute nachahmt, kann den Kauz bis auf wenige Meter zu sich heranlocken. Auch wenn der Vogel den Imitator entdeckt, ergreift er nicht sofort die Flucht, sondern bleibt einige Zeit neugierig auf dem angeflo­ genen Ast sitzen. Die Balz des Raubfußkauzes beginnt in den Mittelgebirgen Ende Februar und dauert bis Mitte April. Tiefdrucklagen und Wind wirken in dieser Zeit gesangshemmend. Das Männchen kann dem Partner meh­ rere Höhlen anbieten. Die endgültige Aus­ wahl wird von dem Weibchen getroffen. Ist die Bindung des Weibchens an die Höhle erreicht, wird sie durch Verbleiben und Fut­ terbettelrufe angezeigt. Unabhängig vom Brutbeginn übernimmt nun das Männchen die Fütterung der Partnerin. Der Balzgesang wird mit der Eiablage eingestellt und im Mai nochmals aufgenommen. Unverpaarte Männchen können bis Anfang Juni singen. Die Nisthöhle ist mit Holzmulm aus­ gepolstert. Dieser wird nicht selbst eingetra­ gen oder von den Höhlenwänden abge­ schabt. Er stammt noch von den vorherigen Bewohnern. Der Zeitraum, in dem die Eier abgelegt werden, erstreckt sich von Ende März bis Mitte Mai. Milde Winter und eine gute Kleinsäugerpopulation verschieben diese Spanne auf die zweite Februarhälfte bis Mitte März. Wenn das Nahrungsangebot jedoch nicht ausreichend ist, können zwi­ schen Beginn der Paarung und der Eiablage zwei Monate liegen. Das Gelege umfaßt 4 bis 268 7 Eier. Nach einer Brutdauer von 26 bis 27 Tagen schlüpft das erste Junge. Tiefe Tempe­ raturen können diese angegebene Zeit um 1 bis 2 Tage verlängern. Kommt es während dieses Zeitraumes zu Brutstörungen durch Mensch oder Tier, kann das Weibchen mit seinem Gesichts­ schleier den Höhleneingang so verdecken, daß er infolge der Tarnfärbung dieses Kopf­ teiles nicht mehr auszumachen ist. Will ein Schwarzspecht in die Höhle eindringen, ist nicht gleich geklärt, wer hier die Oberhand behält. Einmal ist es der Kauz und einmal der Zimmermeister. Nur das Weibchen brütet. Werden mehr Beutetiere geschlagen, als die Höhleninsas­ sen verspeisen können, dient der Brutraum gleichzeitig als Speicher. Die Jungen werden unabhängig von Tag und Nacht in der ersten Woche alle 30 Minu­ ten gefüttert, wobei eine Fütterung 5 bis 10 Minuten in Anspruch nimmt. Nach 8 bis 11 Tagen öffnen sich bei den Nestlingen die Augen, und im Alter von 9Tagen ist es ihnen möglich, selbst kleine Nahrungsbrocken von dem Boden aufzunehmen. Mit 20 Tagen sind sie in der Lage, ein Beutetier im Ganzen herunterzuwürgen. Das jedoch nur solange, bis sie es gelernt haben, die Beute selbst zu zerteilen. Die Periode, in der die jungen Käuze noch die Wärme des Altvogels brauchen, die soge­ nannte Huderzeit, dauert ca. 19 Tage. Im Alter von 27 bis 30 Tagen kommen die Jun­ gen schon an das Brutloch und mit 30 bis 32 Tagen fliegen sie aus. Das Gelege wird von dem 1. Ei an bebrütet, deshalb sind die jun­ gen Käuze verschieden, alt, und das Ausflie­ gen vom ersten bis zum letzten Kauz ver­ zögert sich über die Dauer des Altersunter­ schiedes. Haben sie ihre Bruthöhle verlassen, locken sie die Altvögel in bestimmte Revier­ teile, wo dann auch die Futterübergabe erfolgt. Mit zunehmendem Alter erkunden die Jungvögel immer weitere Areale und mit 6 Wochen schlagen sie in der Regel ihre erste Maus.

Der Rauhfußkauz ist ein Anstandsjäger. Von seiner Warte aus nimmt er das leiseste Geräusch wahr. Er hat sogar die Fähigkeit, während seines Balzgesanges eine Maus bis auf 60 Meter akustisch auszumachen. Auf eine Entfernung von 30 Metern kann er von seiner Warte aus, auch wieder akustisch, seine Beute perfekt anpeilen. Mit wenigen Flügel­ schlägen rudert er auf sie zu. Die letzten Meter werden im Gleitflug mit zurückgezo­ genem Kopf und vorgestreckten Fängen zurückgelegt. Bei einer guten Bestandsdichte der Beutetiere kommen auf einen gelunge­ nen Stoß 9 Warteanflüge. Bei schlechtem Nahrungsangebot muß der Kauz nicht sel­ ten bis 125 Warteanflüge hinter sich bringen, bis er endlich ein Beutetier in den Fängen hält, das sind überwiegend Kleinsäuger und im geringen Umfang Vögel. Hat er ein Beute­ tier geschlagen, deckt er es mit ausgebreiteten Flügeln ab, er mantelt. War es ein Fehlstoß, verfolgt er die flüchtige Maus bis zu ihrem Schlupfloch, vor dem er eine Weile mit vor­ gestrecktem Kopf wartet. Die Jagdzeit des Raubfußkauzes ist die Dämmerung und die Nacht. Am Tag sitzt er auf einem Ast, dicht am Stamm des Schlaf­ baumes. Er hat die Größe und die gelben Augen des Steinkauzes, aber da hört die Ähn­ lichkeit schon auf. Von der Statur her gleicht er dem stämmigeren Waldkauz. Das Jugend­ gefieder ist kaffeebraun, die Färbung des Alt­ vogels ist mehr erdbraun mit einer weißen Perlung. Der Kopf hat einen schwarzbraun begrenzten Schleier. Die kleine Eule badet sehr gern im Wasser, im Schnee und in der Sonne. Auch der Rauhfußkauz hat Feinde, die ihn zum Fressen gern haben. Zu ihnen gehö­ ren Baummarder, Waldkauz und im gerin­ gen Umfang der Habicht. Der Raubfußkauz übt sich auch in einer gewissen Vorratshaltung. Wenn ihm zum Beispiel in der schneereichen Jahreszeit das Jagdglück hold ist und er mehr Mäuse erwischt als er verspeisen kann, dienen ehe­ malige oder zukünftige Bruthöhlen als Deponieplätze. Rauhfußkäuze, die das Jungenstadiurn hinter sich gelassen haben, sind in Mitteleuropa überwiegend Stand­ und Strichvögel. Für Tiere nordeuropäischer Populationen gilt diese Aussage nicht unein­ geschränkt. Hier werden auch einmal grö­ ßere Wanderstrecken zurückgelegt, mög­ licherweise in Anpassung an die sich örtlich verschiebende Siedlungsdichte der Beute­ tiere. In seinen oft inselartigen Bestandsgebie­ ten gibt es Areale, in denen die Populations­ dichte zufriedenstellend ist. Zu ihnen gehört der Schwarzwald-Baar-Kreis. Hier wurden 30 besetzte Rauhfußkauzreviere ausgemacht. Der Bestand ist aufgrund der unterschied­ lich verlaufenden Populationen der Beute­ tiere und den dadurch wechselnden Brut­ erfolg Schwankungen unterworfen. Wie sehr die Fortpflanzung auch vorn Wetter abhängt zeigt, daß in naßkalten Jahren die Weibchen erst gar nicht mit der Brut beginnen. Da der Rauhfußkauz kein Allerweltsvogel ist, sollte der Mensch versuchen, bestands­ fördernd zu helfen. Dazu gehört, daß Bäume mit Schwarzspechthöhlen keinen Forstmaß­ nahmen zum Opfer fallen und das Aufhän­ gen von Nistkästen. Diese künstliche Bruthöhle sollte 500 mm hoch sein und eine Grundfläche von 265 mal 220 mm haben. Der günstigste Durchmesser für das Einflugloch ist 80 bis 85 mm. Wenn es größer ist, besteht die Gefahr, daß der Waldkauz eindringt und zu dessen Beutetie­ ren zählt ja der Raubfußkauz. Einen Meter über und unter dem Nistkasten ist eine Blechmanschette als Marderschutz unerläß­ lich. Als günstig hat sich erwiesen, die Blech­ verkleidung der Seiten noch ein Stück über dem Stamm des Aufhängebaumes zu ziehen. Der Abstand zum Nachbarbaum muß min­ destens 5 Meter betragen, damit die Höhle nicht springend von dem Marder erreicht werden kann. Äste sollten den Anflug nicht behindern. Mehrere Höhlen in ungefähr ein­ hundert Meter Entfernung aufgehängt sind auf diesem Gebiet ein Optimum an Hilfe. Junge Rauhfußkäuze suchen schon im Herbst und im Winter geeignete Brutreviere, 269

also Waldteile mit Höhlen. Ob es richtige Schwarzspechthöhlen oder die besser ge­ schützten Kunsthöhlen sind, spielt dabei keine Rolle. Bei uns ist er ein Vogel, der in der Regel seine Wälder auch während des Win­ ters nicht verläßt. Helfen wir ihm, daß er ge­ eignete Lebensräume findet, dem Sänger des Roland Kalb nächtlichen Forstes. Das Blumberger Ried Am Beginn des Aitrachtales, zwischen Stoberg und Ristelberg, liegt das Blumberger Ried. Das breite Flußtal, das heute die kleine Aitrach durchfließt, wurde von der Feldberg­ donau „geschaffen“, die in der letzten Eiszeit aus den Feldberggletschern gebildet wurde und ihre Wassermassen zwischen Eichberg und Buchberg nach Osten schob. Durch die heutige Wutach, die von Süden her die Muschelkalkfelsen der Flühen -rück- Sonnentaublatt wärts erotierend – durchbrach und dadurch die Donau anzapfte, erfolgte vor etwa 70 000 Jahren eine Ablenkung des Wassers, dem stärkeren Gefalle folgend, nach Südwesten. Die Talauen versumpften und im Laufe der Jahrtausende bildete sich ein Hochmoor mit einer Torfschicht von 4-6 m Mächtig­ keit. Darunter lagert eine ebenfalls mehrere Meter dicke Kiesschicht, die von der Feld­ bergdonau aus dem Schwarzwald hierher verfrachtet wurde. Diese Kiesschicht ist heute ein hervorragender Wasserspeicher, der den Bewohnern von Blumberg und der anliegenden Gemeinden zur Trinkwasserver­ sorgung dient. 270 Der Damm, auf dem die B 27 das Tal durchläuft, bildet eine europäische Talwas­ serscheide. Westlich davon wird über den Schleifenbach – Wutach – Rhein in die Nordsee; östlich davon über die Aitrach – Donau in das Schwarze Meer entwässert. Das Blum berger Ried ist eine einzigartige ökologische Regenerationsfläche und ein Refugium für eine große Zahl gefährdeter bzw. vom Aussterben bedrohter Tier- und Pflanzenarten. Bereits 1972 versuchten engagierte Natur­ freunde die Unterschutzstellung zu erwir­ ken. Leider dauerte es noch 13 Jahre und bedurfte erheblicher Auseinandersetzungen mit uneinsichtigen Vertretern anderer Inter­ essen, bis endlich ein Naturschutzgebiet von 76 ha und darüber hinaus ein Landschafts­ schutzgebiet von 64 ha ausgewiesen wurde. Dem aufmerksamen und geduldigen Ornithologen bieten sich während des Jahres außerordentlich interessante Beobachtungs­ möglichkeiten von Vögeln, die das Ried als Brutgebiet oder auf dem Durchzug, als Rast­ und Nahrungsquelle nutzen. Bilder rechte Seite: Fleischfarbenes Knabenkraut – Dactilorhiza incamata Sumpfwurz – Epipactis palustris Adonislibelle Libelle nach dem Schlüpfen mit Puppenhülle Mehlprimel – Primulafarinosa

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Durch Torfabbau sind in den letzten Jahr­ zehnten zwei Teiche entstanden, die auch vielerlei Wasservögel beherbergen. Aus der Fülle des Geschauten einige Bei­ spiele: 27 Kraniche ruhten sich einmal auf ihrem Zug nach Süden aus. Fischadler und Kormo­ rane holten sich aus den Teichen eine Mahl­ zeit zur Stärkung für den Weiterflug nach Norden. Singschwäne gründelten unmittelbar nach dem Auftauen der Eisdecke nach Wasser­ pflanzen, bevor sie ihre Brutgebiete im hohen Norden aufsuchten und auch der große Brachvogel stocherte erfolgreich mit seinem langen Schnabel durch die tauende Schneedecke nach Würmern. Zwei Seitenreiher statteten ihren Vettern, den Graureihern, die das Ried ganzjährig mit seinem reichhaltigen Nahrungsangebot nut­ zen, einen mehrwöchigen Besuch ab und machten Jagd auf Kaulquappen und kleine Frösche. Rot-und Schwarzmilan, Mäusebus­ sard und Turmfalke, großer Raubwürger und rotrückiger Würger brüteten in den Wäldern am Rande oder in den Hecken und auch die sehr seltene Kornweihe zog in der Schilf­ fläche schon ihre Jungen au( In den Randzonen der Teiche brüteten der Haubentaucher, der Zwergtaucher und das Tüpfelsumpfhuhn; aber auch der Schwarzhalstaucher und das kleine Sumpf­ huhn waren in den Schilfzonen zu beobach­ ten. In der Riedfläche sind ständige Brutvögel die Bekassine, der Kiebitz und eine große Zahl von Kleinvögeln, von denen nur das zum Vogel des Jahres 1987 erklärte Braun­ kehlchen genannt sein soll. Das Ried mit seinen Tümpeln und wasser­ führenden Gräben ist natürlich auch Heimat vieler Lurche, wovon nur Laubfrosch, Kreutzkröte, Gelbbauchunke sowie Berg-, Teich- und Kammolch als Besonderheit erwähnt werden sollen. Für etwa 20 Libellenarten ist das Ried ein ungestörter Lebensraum, in dem sie eifrig nach Insekten jagen, ebenso wie für eine Viel- 272 zahl verschiedener Spinnenenarten, deren Fangnetze im Licht der aufgehenden Sonne durch die daran haftenden Tautröpfchen funkeln. Aber nicht nur ein vielfältiges Tierleben findet im Ried Schutz, Nahrung und Brutge­ legenheit; es ist auch ein Refugium für eine große Zahl von Pflanzen, die hier ein Rück­ zugsgebiet aus der intensiv landwirtschaft­ lich genutzten, artenarmen Feldflur gefun­ den haben. Als kostbare Besonderheiten seien genannt: – die Mehlprimel (Primula farinosa), ein Eiszeitrelikt, – der Fieberklee (Menyanthes trifoliata), – das Herzblatt (Parnassia palustris), – der blaue Sumpfstern (Swertia perennis) und – die Schwertlilie (Iris pseudacorus). Auch 7 Orchideenarten sind nachgewiesen. – Fleischfarbenes Knabenkraut (Dactilor- hiza incarnata), – geflecktes Knabenkraut (Dactilorhiza maculata), – breitblättriges Knabenkraut (Dactilorhiza majalis), – Heimknabenkraut (Orchis militaris), – Waldhyazinthe (Platanthera bifolia), – eiförmiges Zweiblatt (Listera ovata), – Sumpfwurz (Epipactis palustris). Aber auch drei fleischfressende Pflanzen sind heimisch, die sich im Laufe ihrer Evolu­ tion auf die Verwertung von tierischem Eiweiß umgestellt haben. Es sind dies: – das Fettkraut (Pinguicula vulgaris), – der Sonnentau (Drosera rotundifolia) und – der Wasserschlauch (Ultricularia vulgaris). Mittels komplizierter Einrichtungen ent­ nehmen sie dem tierischen Körper durch die Chitinhülle das Eiweiß und wandeln es in von der Pflanze verwertbaren Stickstoff um; als Ausgleich zum stickstoffarmen Moorbo­ den. Wieviele Jahrmillionen mag die Entwick­ lung, im Wechsel der klimatischen Änderun­ gen, gedauert haben, bis diese Pflanzen ihre Blätter zum Fang von Insekten ausgebildet hatten? Karl Zimmermann

Stätten der Gastlichkeit Höhengasthaus „Löwen“ in Schönwald – Escheck Das Höhengasthaus „Löwen“ in Schön­ wald – Escheck liegt ca. 1 Kilometer außer­ halb des Dorfes, dort, wo man von Schön­ wald aus die Paßhöhe in Richtung Furtwan­ gen erreicht, an der Bundesstraße 500 zwi­ schen Triberg und Furtwangen. Laut Auf­ zeichnungen im Schönwalder Heimatbuch kaufte 1832 Josef Kaltenbach aus Gütenbach zusammen mit seinem Schwager Dominik Martin, Kreuzwirt auf der Escheck, 25 Juchert, 1 Viertel, 80 Ruthen Wald, samt Grund und Boden von der Reinerhofbäuerin Juliane Reiner Wtw. für die Summe von 1000 Gulden. Die Hälfte mit ca. 12112 Morgen gehörte künftig zum Besitz des Josef Kalten­ bach. Er erbaute um diese Zeit ein neues Haus mit einer Wirtschaft, die den Namen ,,Löwen“ erhielt. Josef Kaltenbach verheiratete sich im Jahre 1829 mit Juditha Martin. Sie war die Tochter des benachbarten Kreuzwirtes Dominik Martin. Aus dieser Ehe gingen 6 Kinder hervor. Löwenwirt Josef Kaltenbach verstarb mit 34 Jahren. Die Witwe bewirt­ schaftete mit ihren Kindern zusammen die Gaststätte und die dazugehörende Landwirt­ schaft. Die Löwenwirtin verstarb 1866. Der Sohn Emanuel – genannt Descheckmaniel – über­ nahm das Anwesen. Er ehelichte 1868 Bri­ gitte Eschle. Diese Ehe blieb kinderlos, wes­ halb er bereits 1879 den Löwen mit den dazu­ gehörenden Feldern an Coelestin Wurst­ horn aus Gütenbach und dessen Ehefrau Marie Verena geb. Schildecker vom Bühl – Geschwisterkind zu Brigitte Eschle – für 12 000 Mark verkaufte. Löwenwirt Wursthorn betrieb neben sei­ ner Gaststätte und Landwirtschaft noch den Uhrenhandel. Das Geschlecht Wursthorn, als Wirtsleute, war nur von kurzer Dauer, denn bereits 1883 verstarb er. Die Witwe ver- heiratete sich ein zweitesmal mit Christian Wöhrle aus Hornberg. Die einzige Tochter des Löwenwirtes Edwine Wursthorn ehelichte 1892 Klemens Kaltenbach, Bäckermeister aus der Kirnacher Straße, heutige Bäckerei Wunsch. Hier beginnt die Ahnenreihe der heutigen Besitzer Kaltenbach. Der Sohn von Klemens Kaltenbach, Albert Kaltenbach, verheiratete Küchenmeister August Guter, Fachlehrer an der Landesberufsschule für das Hotel- und Gaststät­ tengewerbe in Villingen-Schwenningen, wurde am 14. 10. 1988 im Frankfurter Hotel Plaza Gewinner des Wettbewerbs um die „ Goldene Kochmütze 1988″. Außerdem erzielte er mit der Jugendmannschaft des „ Vereins der Köche Hoch­ schwarzwald“ bei der Olympiade der Köche in Frankfurt die beste Bewertung unter den Jugend­ mannschaften der Bundesrepublik Deutschland. Dafür erhielt er mit den Auszubildenden aus dem Schwarzwa/d-Baar-Kreis eine Goldmedaille. 273

sich 1922 mit Rosa Storz vom Bühl. Albert Kaltenbach und Christian Wöhrle bewirt­ schafteten bis 1936 gemeinsam das Anwesen Löwen. Aufgrund eines Erbvertrages konnte erst 1942 das gesamte Anwesen an Albert Kal­ tenbach übereignet werden. Ein geeigneter Nachfolger fand sich mit dem im Jahre 1933 geborenen Sohn Heinrich Kaltenbach. Die Übergabe des Gasthauses an ihn fand 1967 statt. Heinrich Kaltenbach verheiratete sich 1959 mit Helga Thoma aus Hinterzarten. Aus dieser Ehe gingen 3 Kinder hervor. Durch den Bau der Schwarzwaldbahn und der Ausbau der Straßen wurde der Schwarzwald im Raum Triberg erschlossen. Anfang der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts kamen sehr viele Gäste, um die Schwarzwaldbahn und die Triberger Wasser- fälle zu besichtigen. So kamen sie auch auf die Höhen nach Schönwald. Im Sommer war dies besonders der Fall. Als Ende der achtziger Jahre die ersten Norweger mit Schneeschuhen nach Schön­ wald kamen und von den Höhen der Esch­ eck ins Dorf gute Abfahrten fanden, entwik­ kelte sich Schönwald immer mehr zu einem Kurort und Wintersportplatz. Löwenwirt Albert Kaltenbach hatte diese Entwicklung rechtzeitig erkannt. Der Ausbau einer lei­ stungsfähigen gastronomischen Existenz bot sich für das Gasthaus „Löwen“ geradezu an. Aufgrund des immer größer gewordenen Freizeitangebotes und des von der Gemeinde Schönwald erschlossenen Wan­ der- und Skigebietes im Bereich der Escheck und Umgebung wurde der „Löwen“ von Zeit zu Zeit ausgebaut und modernisiert. 274

Im Jahre 1957 wurde ein Saalanbau mit 80 Sitzplätzen erstellt. Durch den Ausbau der Bundesstraße 500 konnten auch Parkplätze erstellt werden. Es stehen heute den Gästen 35 hauseigene und 90 der Straßenbauverwal­ tung gehörende Stellplätze zur Verfügung. Im Jahre 1972 entschlossen sich Heinrich Kaltenbach und seine tatkräftige Frau Helga, das Gasthaus „Löwen“ von Grund auf zu modernisieren. Der im Hause befindliche landwirtschaftliche Trakt wurde stillgelegt und ausgebaut. Die 10 Zweibettzimmer und das 1 Drei­ bettzimmer wurden mit Duschen und WC ausgestattet. Gaststube, Saal und Fernseh­ raum wurden sehr geschmackvoll gestaltet. Das Gasthaus „Löwen“ verfügt jetzt insge­ samt über 120 Sitzplätze. Zu einer behaglichen Gaststube gehört auch eine gute Küche. Bei den Umbaumaß­ nahmen entstand eine große Küche. Im ,,Löwen“ hatte man von jeher schon gut ge­ gessen. Seit 1986 steht dem Betriebsinhaber sein Sohn Alexander mit Frau Brigitte zur Seite. Mit dem Sohn Alexander kam erstmals ein gelernter Koch in die Küche. Seine Fähig­ keiten erlernte er im Hotel Ketterer in Villin­ gen. Im Gasthaus „Löwen“ wird den Gästen eine reichhaltige Speisekarte vorgelegt; der Küchenchef hat sich besonders auf Schwarz­ wälder Gerichte spezialisiert. Als besonderer Leckerbissen – und den schätzen die vielen Wanderer und Skilang­ läufer besonders – gilt der gute Kuchen mit Kaffee. Der Kuchen wird von der Chefin selbst gebacken und von freundlichen Bedie­ nungen serviert. Wenn an Wintertagen auf 275

den Höhen der Schnee liegt und über die Berge die Sonne scheint, nimmt der Kaffee­ betrieb manchmal große Ausmaße an. Auch die Urlaubsgäste loben die Gast­ freundschaft der Familie Kaltenbach. Sie fühlen sich wie zuhause. Ein Beweis hierfür ist, daß fast jedes Jahr langjährige Gäste durch die Kurverwaltung für ihre Treue zum Gasthaus „Löwen“ und darüber hinaus für Schönwald geehrt werden. Das Höhengasthaus „Löwen“ ist eine sehr schöne, gemütliche und gut eingerichtete Stätte der Gastlichkeit. Es möchte auch in der Zukunft eine gutbürgerliche Gaststätte blei­ ben. Emil Rimmele Das Höhengasthaus Kolmenhof an der Donauquelle Auf dem Weg zur Donauquelle oder auch zur Martinskapelle kann man heute den Kol­ menhof nicht mehr übersehen. Das war nicht immer so und ist vor allem den vielfäl­ tigen Umgestaltungen der Außenanlagen in den letzten Jahren zuzuschreiben. Der Kol­ menhofwirt Franz Dold führte sie durch, nachdem er das Gasthaus 1981 von seinen Eltern übernommen hatte. Zuvor bewirt­ schafteten sie den eigentlichen Kolmenhof. Es ist dieses in der Bedeutung des Wortes der Bauernhof an der Bergkuppe. Obwohl dieser Kolmenhof dem Bergsattel mit der St.-Mar­ tins-Kapelle tatsächlich am nächsten war, fand sich zwischen den beiden Stellen noch dieser herrliche Standort für ein Gasthaus, mit dessen Einrichtung und Betrieb die Eltern Willy und Klara Dold 1957 begannen. Viele Pensionsgäste brauchten ihr Ferien­ domizil nun lediglich 300 Meter weiter oben am Berg zu suchen, denn sie waren schon in früheren Jahren regelmäßig Feriengäste auf dem Bauernhof der Familie Dold. Dadurch war der Plan, ein Gasthaus zu bauen, über­ haupt erst entstanden. Und die Entwicklung des Fremdenverkehrs hat den Aufbau dieses Gastwirtschafts- und Pensionsbetriebes be­ günstigt. Darüber machte sich der heutige Wirt damals allerdings noch keine Gedanken. Als er seine Schulzeit beendet hatte, begann er nämlich eine Ausbildung zum Automecha­ niker. Aber schon während dieser Lehrzeit erkannte er, daß er sein Hobby zum Beruf gemacht hatte. An den freien Wochenenden 276 stand er bald neben der Mutter am großen Herd. Und so kam es auch,daß er gleich nach Abschluß der ersten Lehre 1973 eine zweite begann. Er wollte Koch werden, und sein neuer Arbeitsplatz war im Parkhotel Wehrle in Triberg. Leider mußte er diese Ausbildung bald unterbrechen, weil der Wehrdienst zu leisten war. Nach der Bundeswehrzeit wurde er im elterlichen Betrieb so dringend benö­ tigt, daß an eine Fortsetzung der Berufsaus­ bildung nicht mehr zu denken war. Erst ab 1976 war es ihm möglich, in der Zeit zwi­ schen Schneeschmelze und Sommerfrische, wenn es auf dem Kolmenhof wenig Gäste gibt, jeweils für einige Monate als Praktikant in den Küchen verschiedener bekannter G.1sthäuser zu arbeiten. Die dort gesammel­ ten Erfahrungen ergänzte er 1978 durch Kenntnisse aus einem Lehrgang und legte im gleichen Jahr seine Gesellenprüfung als Koch ab. 1978 übernahm er in Furtwangen eine kleine Gastwirtschaft, die er bis 1981 führte. Dann machten zunehmende Gesundheits­ probleme der Eltern den bereits erwähnten Führungswechsel auf dem Kolmenhof not­ wendig. Vom ersten Tag an begann er, gezielt für seine Pensionsgäste zu werben. Viele wurden persönlich angeschrieben und auf besondere Aktionen wie z.B. eine Werbepauschale hin­ gewiesen. Zu diesem Engagement kam das Können und der Fleiß eines geschickten Handwerkers mit dem Blick für das tech­ nisch Notwendige oder Mögliche. So wurde auch gleich mit der gründlichen Renovie-

rung und Umgestaltung der Fremdenzim­ mer begonnen. Fast alle Zimmer haben heute Dusche und WC. Dadurch sind die Zimmer aber keinesfalls enger geworden, das Gegen­ teil ist der Fall, denn durch eine Änderung des Grundrisses sind weniger aber größere Zimmer entstanden. Außerdem haben die Zimmer alle den TV-Anschluß und das Selbstwähltelefon. Aber der Komfort blieb natürlich nicht auf die Zimmer beschränkt. Schon die Eltern hatten eine Sauna einge­ richtet, die inzwischen durch einen Fitneß­ raum und ein Solarium ergänzt wurde. Diese Einrichtungen stehen den Pensionsgästen genauso zur Verfügung wie der Tischtennis­ platz oder der Fernsehraum. Aber auch die Restaurantgäste kommen beim neuen Wirt nicht zu kurz. Das Lokal selbst wurde im rustikalen Stil neu hergerichtet. Geschmack­ voll ergänzt wird diese Einrichtung durch diverse Sammlerstücke, die ein weiteres Hobby des Wirtes verraten. Schließlich erfuhr auch die Außenanlage eine grundle­ gende Umwandlung. Der Forellenweiher wurde neu angelegt, für die Kinder ist ein großzügiger Spielplatz vorhanden, der von der Terrasse aus zu übersehen ist, und eine große Informationstafel – ebenfalls im rusti­ kalen Schwarzwälderstil – hilft jedem Passan­ ten an diesem markanten Ort mit Auskunft und wirbt ihn natürlich auch als Gast. Ein hölzerner Torbogen weist jetzt deutlich sichtbar den Weg zur Donauquelle. Am ein­ drucksvollsten ist aber die neugestaltete Fas­ sade der Eingangsseite des Kolmenhofes. Sie paßt ideal in die Landschaft und wird ergänzt durch den neu gepflasterten Zugangsweg zum Haus und die verbesserte Anordnung der Sitzplätze auf der Terrasse. Meistens hat Franz Dold selbst mit Hand angelegt – sofern es der Betrieb zuließ oder in den Betriebsferien -, wenn es darum ging, das Haus als Blickfang herauszuputzen. Aber nicht nur am Äußeren ist ihm gele­ gen. Die Neuerungen müssen auch prakti­ schen Wert aufweisen. So ist es zu verstehen, daß die Küche ebenfalls kaum wiederzuer­ kennen ist. Personal ist in der Gastronomie immer wieder knapp, deshalb muß die Arbeit in ihrem Ablauf optimal eingeteilt werden. Zur weiteren Erleichterung der Arbeit helfen Geräte und Maschinen nach dem neuesten Stand der Technik, aber auch die sinnvolle Anordnung der Arbeitsplätze. Dafür waren bis zum heutigen Stand eben­ falls mehrere Änderungen nötig. Die Bemü­ hungen des Wirtes, seinen Betrieb immer auf dem neuesten Stand zu haben, resultieren auch aus der Tatsache, daß der Kolmenhof ein Ausbildungsbetrieb ist. Herr Dold bildet junge Menschen für die Berufe Restaurant­ fachmann/-frau und Koch/Köchin aus. Seit 1988 ist er nämlich auch Restaurantfach­ mann von Beruf, und er möchte, daß man bei ihm unter den bestmöglichen Bedingun­ gen diese beiden Berufe erlernen kann. Lei­ der bietet die Speisekarte eines Ausflugsloka­ les einem Auszubildenden nicht die Varia­ tionen eines Gourmetrestaurants an, aber es gibt immer wieder kleine Feiern oder Aus­ flüge auf Voranmeldung, bei denen kulina­ rische Besonderheiten auf den Tisch kom­ men. Doch auch eine Schwarzwaldforelle richtig zu servieren, will gelernt sein. Und die hungrigen Wanderer oder Langläufer sind meistens froh, wenn sie eine einfache Mahl­ zeit bekommen, die sie bei der Fortsetzung der Tour nicht unnötig belastet. So findet man auch immer ein vegetarisches Gericht auf der Speisekarte, denn die Sportler machen einen großen Teil der Gäste aus. Das liegt in erster Linie an der idealen Lage des Kolmenhofes. Wanderer finden ihn am Westweg Pforzheim-Basel. Aber auch direkt vom Kolmenhof aus kann man viele schöne Wanderungen und Ausflüge durchführen. Sie führen zu dem Naturdenkmal der Gün­ therfelsen, zum Brend, zur Elzquelle oder zur Schwedenschanze. Diese Möglichkeiten für Ausflüge schätzen natürlich die Pensions­ gäste sehr. Entsprechend günstig Liegt der Kolmenhof im Winter für die Langläufer, nämlich am Fernskiwanderweg von Schon­ ach zum Belchen und in unmittelbarer Nähe der Skiloipe Martinskapelle. Dort kann man sogar noch abends bei Flutlicht langlaufen. 277

In dieser Langlaufspur werden jeden Winter viele Wettkämpfe ausgetragen, dabei sind auch internationale wie z.B. „Rund um Neu­ kirch“. In schneearmen Wintern kommt es sogar vor, daß Wettkämpfe von anderen Orten hierher verlegt werden müssen. Oft ist nur noch auf der „Schneeinsel“ Martinska­ pelle genügend Schnee für eine solche Ver­ anstaltung vorhanden. Schließlich führt auch noch der spektakuläre Schwarzwälder­ Ski-Marathon durch dieses Gebiet. Da ist es selbstverständlich, daß das Gebiet um die Martinskapelle von den ver- 278 schiedenen Skiverbänden als Empfehlung für Trainingslager weitergegeben wird. So kommt es, daß der Deutsche Skiverband mit seinen Sportlern im Kolmenhof zu Gast war, ebenso die Nationalmannschaft der Leicht­ athleten (Zehnkämpfer), der Württember­ gische Radsportverband, der Schwarzwälder Skiverband und der Hessische Skiverband. Auch ein Landesverband der Geher hatte schon mehrmals im Kolmenhof �artier, denn sie wählten die Gegend für ihr Höhen­ training (1098 Meter) aus. Manchmal treffen aber auch Sportler

besonderer Art am Kolmenhof und vielmehr an der Donauquelle ein. Sie haben sich vor­ genommen, der Donau entlang zu wandern oder zu radeln. Aus den verschiedensten Ländern, vor allem auch aus Südosteuropa kommen sie hierher und beginnen ihre Tour natürlich am Ursprung dieses großen euro­ päischen Flusses. Für sie oder ähnliche Donaubewunderer hat Herr Dold nun eine Urkunde entworfen, die dem Reisenden bestätigt, an der Q!ielle der Donau gestanden zu haben. Neben zwei Zeichnungen von Bernhard Müller prangt auf dieser Urkunde ein Gedicht über die Q!ielle, das Eva Hönick hierfür geschrieben hat. Einmal waren es Handwerksburschen auf der Wanderschaft, die diese Urkunde gerne in ihr bescheidenes Gepäck genommen haben. Wer sich die Donauquelle zum Ziel seines Sonntagsausfluges gewählt hat, dem genügt aber meistens auch schon eine Ansichtskarte zur Erinnerung an diesen Ort. Schließlich gibt es in der näheren Umgebung noch mehr historische und geographische Sehenswür­ digkeiten zu bestaunen. Als erstes bietet sich die Martinskapelle aus dem 9. Jahrhundert an. Sie steht oberhalb des Kolmenhofes und gehört zum Familienbesitz der Dolds. Direkt neben dem Kolmenhof steht das Lukasen­ häusle, in dem man unter der fachkundigen Führung der Besitzerin eine Bauernküche von 1650 besichtigen kann, die noch heute bewohnt und benutzt wird. Dieses Haus steht außerdem direkt an der Wasserscheide zwischen Donau und Rhein. Mit solchen Aufwartungen in unmittelba­ rer Nähe verwundert es nicht, daß der Kol­ menhof auch schon Herberge für verschie­ dene Fernsehteams war. So waren die ARD und das ZDF, ebenso wie der Südwestfunk im Kolmenhof zu Gast, aber auch Fernseh­ leute aus Japan und aus HolJand. Diese Besuche bringen Abwechslung in ein Berggasthaus, denn die ·meisten Gäste sind Menschen auf der Suche nach Erholung in der Natur. Diese finden sie hier auch zu jeder Jahreszeit, nicht nur, wenn gerade die Heidelbeeren reif sind oder die Arnika blühen. 280 Und einmal im Jahr kommen auf dem Kolmenhof Gäste zusammen, die alle mit dem Wirt ein Hobby gemeinsam haben. Immer Ende September oder Anfang Okto­ ber findet schon fast traditionsgemäß an einem Wochenende das Oldtimertreffen statt. Dann rollen die liebevoll gepflegten alten Autos zum Teil von recht weit an und versammeln sich um die alte Gangsterlimou­ sine von Franz Dold. Diese hat er mit viel Geduld und Liebe zum Original wieder her­ gerichtet und betriebstüchtig gemacht. Das Gasthaus läßt ihm zwar fast keine Zeit dazu, aber die Autos sind sein Hobby geblieben. Manchmal reicht es in den Sommermo­ naten – wenn am Ruhetag auch noch schö­ nes Wetter ist- zu einer kleinen Ausfahrt in1 Oldie. Darauf freuen sich auch Frau und Kin­ der. Mit ihnen wird so ein Ausflug zum geschätzten Familiennachmittag und bringt allen eine willkommene Abwechslung zum Alltag, der im Kolmenhof danach wieder um so engagierter angegangen wird. A. Dold Obedfride Es leit de Dag zmol d‘ Endschue aa, ear hätt hitt vill z’verwäsit k’ha und will jetz endli mol si Rueh, goht liisli no de Dämmring zue. Au d’Sunn hätt sech uff d‘ Siite gleit, und ’s Bättzittglöckli schloof wohl gseit. E ganz lind Lüftli schtriichlet d‘ Schtriiß, verschreit en Duft vu Frocht und Riis. Verschbootet fliigt e Schwälbli ii, ’s mueß uhnig bsorgt um d‘ Kinder sii. Im Heard ischt ’s Fiirwearch gange uus, es wartet ’s Bänkli vorem Huus. „Hei Vatter, kumm, bring ’s Pfiifli mit, verzell vu friehre Ziite hitt!“ A d‘ Modder loan ech selli noh. … Jetz ischt de Obedfriide doo. Gottfried Schafbuch

Sport und Wettkämpfe Internationaler Pferdesport in Donaueschingen Im Almanach 79 (Seite 114 -117) wurde zum ersten Mal über die bedeutende sportliche Ver­ anstaltung in Donaueschingen berichtet. Im nachfolgenden Beitrag wird besonders auf die weitere Entwicklung eingegangen. Als in den Jahren 1954 und 1956 im Fürstl. Fürstenbergischen Schloßpark ein kleines ländliches Turnier mit Reitern aus der Region veranstaltet wurde, ahnte wohl nie­ mand, welches pferdesportliche Ereignis sich daraus entwickeln sollte. Unter der Schirm­ herrschaft des Hauses Fürstenberg fand im Jahre 1959 das erste Grenzlandturnier statt. Es wurde als Prinz-Kari-Gedächtnisturnier ausgeschrieben, in Erinnerung an den leider so früh verstorbenen Prinzen Kari zu Für­ stenberg, der dem Reitsport sehr verbunden war. Dank der wohlwollenden Förderung durch den damaligen Erbprinzen und heuti­ gen Fürsten Joachim zu Fürstenberg nahm das Turnier in den folgenden Jahren einen kontinuierlichen Aufschwung. Ab dem Jahr 1965 erfolgte der Übergang zum internationalen Turnier, dem sog. CHI (Concours Hippique International), mit den Sparten Springen, Dressur und Fahren. Ein Jahr später wurden erstmals die höchsten in­ ternationalen Dressurprüfungen vor dem Schloß geritten. Sieger im Großen Preis war damals Dr. Reiner Klimke, der sich auch in den folgenden Jahren neben Josef Necker­ mann, Lieselott Linsenhoff und Harry Boldt in die Siegerliste eintrug. Ein großes sportliches Erlebnis war im Jahr 1977 die Europameisterschaft im Vierer­ zugfahren. Dem sportlichen Höhepunkt folgte auf dem Fuße ein finanzielles Water­ loo. Unter dem Druck des internationalen Anspruchs war das Turnier in die roten Zah­ len gelangt, und es drohte das „Aus“. In dieser überaus schwierigen Situation gründeten das Fürstenhaus, die Stadt Do­ naueschingen und der Reit- und Fahrverein Schwenningen eine Veranstaltergemein­ schaft, die die Fortführung des CHI sicherte. Damit war es möglich, das inzwischen zu hohem internationalen Ansehen gelangte Turnier unter der sportlichen Leitung des Reit- und Fahrvereins Schwenningen fortzu­ führen. Es folgte im Jahre 1979 die Gründung der Fürstenberg Reit- und Fahrturniere, die mit Unterstützung des Landes Baden-Würt­ tem berg im F. F. Altpark ein völlig neues Rei­ terstadion mit überdachter Tribüne für 2400 Zuschauer, neuem Richterhaus, Turnier­ büro, Pressebüro und Stehwall errichtete. Die Folge waren größere internationale Aufgaben unter der Turnierleitung der Her­ ren Dr. Jürgen Jung, Manfred Link und Hel­ mut Riegger. Das Vertrauen in diese Turnierleitung und in die Veranstaltungsträger Fürstenhaus, Stadt Donaueschingen und Reitverein Schwenningen war so groß, daß man unter sieben Bewerbern im Jahre 1986 die Ausrich­ tung des Offtziellen Internationalen Dres­ sur-, Spring- und Fahrturniers der Bundesre­ publik Deutschland (CHIO) übertragen bekam. Dies durfte einerseits als Geschenk zum 30. Jubiläum gewertet werden, anderer­ seits aber auch als eine große verantwor­ tungsvolle Aufgabe, die es zu bewältigen galt. Beinahe wäre dieses erste CHIO in Donaueschingen noch gescheitert, als näm­ lich am 22. April 1986 im Tribünenoberge­ schoß ein Brand ausbrach. Nur der Aufmerk­ samkeit eines Donaueschinger Bürgers und dem raschen Eingreifen der Donaueschinger Feuerwehr war es zu verdanken, daß nicht die ganze Tribünenanlage den Flammen zum Opfer fiel. Im Eiltempo wurde der Schaden beho­ ben, und termingemäß zum 3. September 281

1986 konnte das Turnier beginnen. Bei herrli­ chem Wetter und vor einer großen Zu­ schauerkulisse vollzog sich 5 Tage lang ein internationales Turnier, das in allen drei Sparten -Dressur, Springen und Viererzug­ fahren -hochkarätig besetzt war und das in jeder Hinsicht ein voller Erfolg war. So konn­ ten am Ende nahezu 40 000 Besucher und 282 eine über dreistündige Präsenz des Fernse­ hens vermeldet werden. Die Medien waren des Lobes voll über das gelungene Turnier, und auch die nationalen und internationalen Reiterverbände bestätigten dem Ausrichter ein hervorragendes Turnier. Neben diesem wohl einmaligen CHIO darf aber nicht vergessen werden, daß in den

Jahren davor und danach zahlreiche Europa­ meisterschaften und internationale Cham­ pionate stattgefunden haben und auch noch stattfinden werden. Es gibt wohl kaum eine ähnliche Sportveranstaltung in der Region, an der so viele Olympiasieger, Welt- und Europameister an den Start gingen und noch gehen werden. Zwischenzeitlich ist in der Turnierleitung ein Wechsel eingetreten. Das CHI Donau­ eschingen wird traditionell weitergeführt, in herrlicher Umgebung, mit internationaler Besetzung und im bekannten familiären Rahmen, der dieses Turnier bei Reitern, Fah­ rern, Funktionären und Besuchern so sympa­ thisch macht. Hans-Peter Probst 283

Die Mattenschanze Furtwangen Fast eine Million Mark wurde in den Jah­ ren 1985 bis 1987 investiert, um die zehn Jahre alte Kohlhepp-Schanze an der zum Brend führenden Rabenstraße in Furtwan­ gen zur Mattenschanze umzubauen. Ein gro­ ßer Wunsch ging im Herbst 1987 mit deren Eröffnung in Erfüllung: Eine ideale Trai­ ningsschanze für die heimischen Springer, für die Sportler aus dem gesamten Gebiet des mittleren Schwarzwaldes und für die Ange­ hörigen des Skiinternats Furtwangen steht das ganze Jahr über zur Verfügung. Sie ist beleuchtet, so daß auch bis in die Nachtstun­ den hinein gesprungen werden kann. Die Mattenschanze hat ihre Bewährungsprobe längst bestanden, denn auf ihr wurden bereits mehrere tausend Sprünge ohne Ver­ letzungen absolviert. Die Rekordmarke ist am 29. März 1987 von Uli Boll (SC Blasi­ wald) mit 61 m gesetzt worden. Entscheidender Auslöser für den Umbau war das im Herbst 1984 in Furtwangen in Betrieb gegangene Skiinternat, der Schule für Berufsausbildung und Leistungssport in Furtwangen. Der Skiverband Schwarzwald mit Sitz in Freiburg bemühte sich von Anfang an um diesen Schanzenausbau und in vielen und intensiven Gesprächen konnte im Jahr 1985 mit den jeweiligen Fachverbän­ den, Bund, Land und Stadt ein Finanzie­ rungsplan erstellt und genehmigt werden. Die Schanze ist im Strukturplan des Deut­ schen Skiverbandes enthalten. Bauherr war der Ski-Club Furtwangen. Planung und Bauleitung wurde an das in solchen Dingen erfahrene Ingenieurbüro Dipl. Ing. Greiner in Donaueschingen ver­ geben. Mit den sensiblen Vorgaben an die maß- und höhengerechte Ausführung der Anlauf- und Aufsprungsbahn waren Baulei­ ter und Baufirmen gleichermaßen gefordert. Dank der guten Zusammenarbeit konnte ein den Anforderungen gerechtes Werk geschaf­ fen werden. Die Bauarbeiten begannen Anfang Sep- 284 tember 1985 und das gesteckte Ziel wurde dank einer langanhaltenden Schönwetter­ periode noch vor Wintereinbruch erreicht, nämlich schwierige Geländearbeiten zur Ver­ änderung des Schanzenprofils, umfang­ reiche Drainage- und Leitungsarbeiten und im Aufsprung die Betonunterkonstruktion für die Matten. Gerade noch vor Winterein­ bruch im November 1985 konnte das Netz im gesamten Aufsprungsbereich von Hel­ fern unseres Skiclubs angebracht werden, mit dem im Winter der Schnee „festgehalten“ wird.

Der Ski-Club hatte sich vorgenommen, bis zum Sommer 1986 die gesamten Matten in Eigenarbeit herzustellen und auf der Schanze zu verlegen. Dank des enormen Ein­ satzes vieler Mitglieder konnte dieses Ziel erreicht werden; nach mehr als 5.000 Stun­ den Arbeitseinsatz waren 9.000 Kunststoff­ matten im frühen Herbst 1986 auf der Schanze verlegt. Die anderen Arbeiten gin­ gen zügig voran, so wurde eine Beregnungs­ anlage installiert, Wege wurden angelegt, der Anlaufturm ist verändert worden, eine vor­ handene Hütte wurde für die Aufnahme technischer Einrichtungen und Geräte erwei­ tert und schließlich ist die gesamte Anlage eingezäunt worden. Im Sommer 1987 sind die Rollrasenarbeiten für den Sicherheitsstrei­ fen beidseits des Mattenbelags und am Aus­ lauf vorgenommen worden und zum Winter 87 /88 war die Anlage fertig. Technische Daten der umgebauten Schanze: NP = Normpunkt = 45,0 m HIN = 0,50 KP= Kritischer Punkt = 58,0 m TP = Tabellenpunkt = 51,5 m Die Veränderung des Höhen- und Nei­ gungsverhältnisses von bisher 0,52 auf 0,50 ist mit dem FIS-Beauftragten für Schanzen­ wesen, Herrn Wolfgang Happle, abgespro­ chen. Aufgrund seines Inspektionsberichts erhielt der Ski-Club das FIS-Zertifikat für internationale Wettbewerbe. Der Kostenanschlag aus dem Jahr 1985 konnte eingehalten werden, es entstanden 870.000 DM Ausgaben, die Eigenleistung des Ski-Clubs hat einen Wert von 50.000 DM und diejenige der Stadt Furtwangen rund 60.000 DM. Zur Finanzierung der Baukosten mit 980.000 DM standen neben den Eigen­ leistungen Zuschüsse des Badischen Sport­ bundes mit 282.000 DM, des Bundesinnen­ ministeriums und des Ministeriums für Kul­ tus und Sport Baden-Württemberg mit je 294.000 DM und der Stadt Furtwangen mit 24.000 DM zur Verfügung. Die Stadt Furtwangen ist um eine weitere, reicher Sporteinrichtung überörtliche geworden. Mit der Inbetriebnahme der zur Mattenschanze ausgebauten Kohlhepp­ schanze stellt diese sportfreundliche Stadt einmal mehr ihre überragende Bedeutung für den nordischen Wintersport im Schwarz­ wald unter Beweis. Winter- und Sommertrai­ ning sind jetzt für den nordischen Skisport in optimaler Weise in Furtwangen möglich. Die Mattenschanze rundet das Angebot für nor­ dische Kombinierer und Spezialspringer ab. Die Frage, was diese Anlage für die Sprin­ ger bedeutet, beantwortet der Nordische Sportwart im Skiverband Schwarzwald, Uli Gasehe, folgendermaßen: »Die Furtwanger Mattenschanze liegt im Zentrum des Schwarzwaldes. Sie ist ohne große Fahrtstrecken für die meisten Springer zu erreichen. Vorher mußten Schanzen in Bayern und im Ausland zum Training benutzt werden. Das bedeutete viel Zeitver­ lust. Es ist unseren Springern jetzt möglich, 60 bis 70 % des Vorbereitungstrainings in Furtwangen zu absolvieren“. Peter Grether ··��� Ende der Hektik Das Echo der hektisch lauten Welt wird vom Widerstand vielnamiger Berge gebrochen und abgenutzt, bis es letztlich einsilbig in irgendeinem Talgrund verlorengeht – Auch dieses Echo hat immer das letzte Wort, aber entlarvt seinen Ursprung bis zur Lächerlichkeit mit wiederholten Paraphrasen – phrasen – – phrasen – – – phrasen – Jürgen Henckell 285

Prosa und Lyrik aus unserer Heimat kung zuschrieb. Das Grautier blickte bei Christi Geburt über die Krippe zum Kind hin und trug es und die Gottesmutter auf der Flucht vor Herodes nach Ägypten. Der Hei­ land ritt 30 Jahre später beim Einzug nach Jerusalem auf einem Esel. Dieser „Palmesel“ ist heute noch (meist aufRädern, da er in Pro­ zessionen mitgeführt wurde) in manchen Kirchen oder Sakristeien zu finden. Wer im Mittelalter die Trommel rührte, schlug die Schlegel auf das Pergament der Eselshaut. In der Romanik baute man Wen­ deltreppen, die für die Baumaterial schlep­ penden Packesel begehbar waren. Man nennt sie in der Architektur „Eselstreppen“. Ein anderer kunsthistorischer Begriff ist der Eselsrücken, ein Spitzbogen aus Stein über einem Portal. Auch dieser Bauteil hat gar viel zu tragen. Im 14. Jahrhundert schildert ein französi­ scher Philosoph Buridan einen Esel, der ver­ hungerte, weil er sich nicht zwischen zwei Plädoyer für einen Esel „Du dummer Esel!“ Immer wird das Grautier bezichtigt, faul, störrisch und dumm zu sein. Warum diese verächtliche Aussage? Ich bin kein Jurist, nur ein Laie. Dennoch möchte ich die Verteidigung dieses dem Pferd verwandten Tieres übernehmen. Ich bin der Meinung, man tut ihm unrecht. Mit seinen langen Ohren ist der „asinus“ ein geduldiger Zuhörer, der zu allem „ia“ = ja sagt. Er ist bescheiden im Bezug aufN ahrung und Pflege. Genügsam, kann man auch sagen. Er verschmäht selbt Disteln nicht. Er hat viel zu tragen und zu ertragen, denn man benutzt ihn, besonders in südlichen Län­ dern, als Lasttier. Der „Saum“ ist die Last. Deshalb nennt man den schmalen Weg, den der arme Esel treten muß, den Saumpfad. Hier stellt er seine Duldsamkeit, Ausdauer und Trittfestigkeit unter Beweis. Ganz besonders „lästig“ kann ihm jedoch der auf schwerem, hölzernem Sattel sitzende, unruhig zappelnde, ängstlich schreiende Tourist wer­ den, der s e i n e Füße schonen möchte. Hart an Tierquälerei grenzt es, wenn der Eselsfüh­ rer dann den Quast des Schwanzes des Vier­ beiners als Steuer oder Bremse benutzt. Ein Sprichwort sagt: „Wer sich zum Esel macht, dem will jeder seine Säcke auflegen.“ Hier warnt der Volksmund davor, wie sich jede Gutmütigkeit ausnutzen läßt. Daß der Esel einmal rebelliert, wenn es ihm gar zu viel wird, nimmt man ihm übel. Dabei ist es rei­ ner Selbstschutz, der ihn zuweilen störrisch werden läßt. Schon vor Christi Geburt war der Esel dem Menschen dienlich. Auf ägyptischen Grabtafeln ist er bereits dargestellt. Die syrische Stadt Damaskus heißt „Stadt der Esel“. Die Römerinnen badeten in der Milch der Eselinnen, der man auch heilende Wir- 286

Brief an P. Q!tintilius Varus Heuhaufen entscheiden konnte. Ich meine, das war weniger mangelnde Intelligenz als Unentschlossenheit. Für Mönche und Mül­ ler waren die Maultiere, eine Kreuzung zwi­ schen Pferd und Esel, gute Nutz-und Haus­ tiere. Ist es nicht eine tiefe Symbolik, daß der ,,dumme“ Esel uns, wie die Franzosen sagen, „pohs des anes“, nämlich Brücken baut, um ein Wort wiederzufinden, das sonst unserem Gedächtnis verloren gehen würde. Auch eine ähnliche Merkhilfe, das Eselsohr, der Knick, mit dem man eine besondere Seite eines Buches kennzeichnen kann, erleichtert uns manches, wenngleich auch der Schüler meist dafür eine Rüge einstecken muß. Ein Mitverteidiger des Esels scheint mir Marc Chagall zu sein, der auf unzähligen Bildern den Esel festgehalten hat. Dieser Lieber Publius Q!iintilius Varus, nach altrömischem Brauch darf ich Dich mit dem trauten „Du“ anreden, ich kenne Dich nämlich seit meiner Kindheit wie Deine großen Landsleute Caesar, Cicero und Augustus oder Livius, Vergil und Horaz, von den vielen anderen nicht zu reden. Auch die Idee, Dir diesen Brief zu schreiben, kam von einem Nachfahren Deines liebenswürdigen Volkes. Gerade zehn Jahre alt, hörte und las ich im Lateinbuch für Anfänger von der Schlacht, die nach Dir benannt ist, und das Bild davon wird mir mein Leben lang in Erinnerung blei­ ben: Germanen kämpften mit nacktem Oberkörper, worüber Du wahrscheinlich gelacht hättest, in einer geschlossenen Reihe mit Schwertern gegen Deine gepanzerten Soldaten, die sich mit langen Lanzen zur Wehr setzten. Das Kriegführen war schon immer eine schreckliche Sache, damals wie heute, aber die Menschen haben es nie so recht begriffen -viele wenigstens nicht. blickt oft mit großen Augen den Besucher an, als wolle er fragen: ,, Was habt Ihr gegen mich?“ Fest steht, daß dieser bedeutende, zeitgenössische Maler das Grautier durch seine künstlerische Schau aufgewertet hat. Eine Eselei ist weniger eine Dummheit als eine Torheit. Der Unterschied liegt darin, daß der Dumme nichts kann und der Törichte zu gutmütig ist, um seine Schlau­ heit herauszukehren. Ob meine Argumente einen Juristen lächeln lassen, ist mir nicht so wichtig. Wenn ich nur einige wenige Menschen davon über­ zeugen konnte, daß man diesem liebenswer­ ten, geduldigen, grauen Vierbeiner mehr Ehrerbietung schuldet, dann hatten diese Zeilen einen Sinn. Max Rieple Was Du Dir aber nicht vorstellen konn­ test: Der Ort Deiner Niederlage geriet in Ver­ gessenheit, er ist bis heute noch nicht gefun­ den, obwohl sich Gelehrte vom Range eines Theodor Mommsen darum gekümmert haben. In Münster hielt Professor Hans Erich Stier 1950 Jahre später zu Deinen Ehren ein gutbesuchtes Seminar:,, Übungen zur Varus­ schlacht·, dessen Höhepunkt ein zweitägiger Ausflug in den Teutoburger Wald war -eine vergnügliche Sache für die späten Söhne und Töchter Germaniens. Große Hoffnungen setzten sie damals in die Luftbildarchäologie, die gerade geboren war -doch bis heute ver­ gebens. Wieviel Gelehrtenfleiß und Heimat­ forscherscharfsinn wurde aufgewandt, was wurde alles über Dich geredet und geschrie­ ben! Und es blieb doch alles ein emsiges Umsonst. Mich ließ die neueste Untersuchung über Dein Ende nicht ruhen. Gar nicht im Teuto­ burger Wald, im Arnsberger Wald soll Dein Heer, sollst Du untergegangen sein. Ich 287

schritt den vermuteten Weg ab, ein langes Stück, und versuchte, mich in Deine Lage zu versetzen. Weltuntergangsstimmung lag über der Gegend wie im Jahre 9 nach Christi Geburt. Der Nebel hielt den Wald um­ schlungen, damals mag es noch urchiger Urwald voll Saft und Kraft gewesen sein, heute dämmert ein junger Wald lustlos vor sich hin. Glatteis und alter, weicher Schnee machten das Gehen beschwerlich, und das Schmelzwasser stand in kleinen Seen. Nur der Sturm hielt sich zurück. Viel Zeit blieb Dir nicht, über den Welt­ geist zu philosophieren, der sich so plötzlich auf die Seite Deiner Feinde schlug, selbst nicht über die Abgefeimtheit und Treulosig­ keit Deiner Mitmenschen, insbesondere Dei­ nes Hauptgegners nachzudenken und sie und ihn zu verwünschen. Aber das ist Euch Römern wenigstens gelungen, sicher ohne es zu wollen, den wirklichen Namen dessen, der später als Freiheitsheld, ja als Nationalheld gefeiert wurde und als Idol für Treue galt, zu verbergen, denn der Name Hermann ist von der Wissenschaft angezweifelt und wieder fallengelassen worden. Und mit der germani­ schen Treue kann es auch nicht weit her gewesen sein, man weiß ja, wie Arminius geendet hat. In jener Herbstesnacht, als Dir die Kata­ strophe unabwendbar schien, ist Dir der Sinn der römischen, was für Dich nur bedeuten konnte: der Sinn der Weltgeschichte verdun­ kelt gewesen. Dein geheimer Traum vom Triumphzug über das Forum, Höhepunkt und Ziel jedes römischen Feldherrn, war zer­ ronnen, zerstört der Plan des Kaisers und Deiner, aus Germanien eine römische Pro­ vinz zu machen. Dein Name würde nicht in den Geschichtsbüchern stehen als der des Siegers über die Germanen wie der Caesars über die Gallier. Der Grund würde nicht gelegt werden für ein Land mit reichen Städ­ ten aus steinernen Häusern statt der unan­ sehnlichen Holzhütten in Streusiedlungen, eine Germania felix mit den Gütern und Schätzen Eurer reifen Kultur, reich geworden mit Euren wundervollen Ton-, Glas- und Si!- 288 berwaren; Euer Geld, Euer Recht, Eure Lite­ ratur und Eure Dichtung wolltet Ihr in den Norden bringen, eine feste Grenze sollte das „imperium sine fine“ sichern helfen. Kurz und gut: Eure Kultur, das Beste, was Ihr hat­ tet, sollte den Norden durchdringen. Römer­ tum und Germanentum, schon damals in geistiger Verbindung – welch überwältigend schöne Vision eines Humanismus muß für immer in den vagen Bereichen der historia conditionalis bleiben, und wir werden nie wissen, welche Wege Geist und Politik einge­ schlagen hätten – ohne die „Schlacht im Teu­ toburger Wald“. Doch hatte diese dadurch eine ungeheure geschichtliche Fernwirkung, daß in Ruhe eine Sprache, geistestief und geistesmächtig wie nur noch die griechische, sich entwickeln konnte, in der der Menschheit Werke der Literatur und Dichtung von unschätzbarem Wert geschenkt wurden, die nur in dieser Sprache haben geschrieben werden können. So wäre also aus Deinem Schicksal eine Lehre zu ziehen? Nicht alles, was im Augenblick sinnlos erscheint, ist es auch. Man weiß nie, wofür auch noch ein Unglück gut ist. Selbst diese hausbackene Weisheit war für viele in aus­ sichtsloser Lage der letzte, wenn auch kein geringer Trost. In aller Ergebenheit und Zuneigung für den Unterlegenen Dein Karl Volk Memento eingeladen in die Arena der Dörfer beklatscht und bestaunt von vielen Hunderttausend tanzt er am Himmel alle Tempi durch um im Feuerwirbel die fehlenden Tänzer zu bitten zum Jenseits-Ballett Tod in Ramstein Christiana Steger

Ein unvergeßlicher Abend In meinem Ruhestand genoß ich es, mich ganz der Literatur und der Klaviermusik wid­ men zu können. Ich komponierte sogar einige Sonaten und Lieder, stets in der „klas­ sischen“ Richtung, in der ich aufgewachsen war. Und so erhielt ich denn von den ver­ schiedensten Seiten Aufforderungen zu öffentlichen Veranstaltungen lyrisch-musi­ kalischer Art, die zu meiner Freude ein gutes Echo fanden. U. a. fragte vor Jahren die kul­ turelle Vereinigung einer Stadt am oberen Neckar bei mir an, ob ich nicht auch einmal in ihrem Konzertsaal sprechen und spielen wolle. Ich sagte um so lieber zu, als es mich reizte, die schön am Hang des Neckar gele­ gene alte Stadt mit ihren Türmen und goti­ schen Kirchen kennenzulernen. Zuerst hatte ich vor, mit der Bahn dorthin zu fahren und zu übernachten. Wegen der ungünstigen Zugverbindung zog ich es aber vor, zur Hin­ wie zur Rückfahrt noch am gleichen Abend jeweils einen Mietwagen zu nehmen. Den Fahrer, der nach Ankunft zunächst nach Bad Dürrheim zurückfuhr, bestellte ich zur Rückfahrt mit mir ab Konzerthaus auf 22 Uhr. Da ich noch genügend Zeit hatte, besich­ tigte ich zunächst in aller Ruhe zu Fuß die Sehenswürdigkeiten der Stadt. Dann zog es mich aber eine Stunde vor Beginn der Ver­ anstaltung, also gegen 19 Uhr, hin zum Kon­ zerthaus, dessen großen Saal ich ungehindert betreten konnte. Es war ein schöner, weiter Raum mit Mauern aus behauenem Stein, mit Vortragsbühne und bereits halbgeöffnetem Konzertflügel und einer modernen Bestuh­ lung von etwa 100 Plätzen. Ein paar Takte, die ich auf dem Blüthnerflügel intonierte, über­ zeugte mich von der hervorragenden Aku­ stik im Saale. So freute ich mich frohen Her­ zens auf ein Musizieren und Sprechen nach Herzenslust vor aufgeschlossenen Men­ schen. Ich ahnte nicht, daß der Abend ganz anders verlaufen sollte. Ich verließ das Gebäude, in dem ich auf keine Menschenseele gestoßen war, und machte noch einen Spaziergang in seinem Umkreis. Gegen 20 Uhr sah es so aus, daß ich mit einem guten Zuspruch rechnen könne. Denn aus einiger Entfernung konnte ich fest­ stellen, daß viele Besucher, vor allem auch jüngere Leute, das Konzerthaus betraten. Kurz vor Glockenschlag acht Uhr abends betrat dann auch ich den Saal. Aber wer beschreibt mein grenzenloses Erstaunen und meine Ernüchterung, als ich nur eine ältere Frau, die die Kasse und zugleich die Garde­ robe bediente, und einen Mann in mittleren Jahren, den Saaldiener und Beschließer, und niemanden sonst in dem weiten Raum vor mir sah. Nicht ein einziger Platz war besetzt. Dabei zeigten mir der jetzt voll aufgedeckte Flügel und ein Rednerpult ebenso wie die prächtige Beleuchtung des Saales an, daß ich mich nicht etwa im Raum geirrt hatte. So etwas hatte ich in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt. Die Frau an der Kasse, die meine Verwunderung bemerkte, konnte sich das, wie sie sagte, ,,auch nicht erklären“. Der Saaldiener verdeckte seine Verlegenheit durch den Hinweis, daß im gleichen Ge­ bäude um dieselbe Uhrzeit, allerdings ein Stockwerk höher, eine Parteiversammlung stattfinde. Ich konnte mir also wenigstens erklären, wo die vielen Menschen geblieben waren, die ich doch mit eigenen Augen in das Haus hatte gehen sehen. Sie saßen ein Stock­ werk höher, ohne daß man davon etwas hätte hören können. Ich faßte mich, – das muß ich zu meiner Ehre gestehen-, sehr schnell und paßte mich der neuen Lage an. Mich reizte ungeachtet des fehlenden Publikums der prächtige Flü­ gel in dem hellerleuchteten Saal mit seiner wundervollen Akustik so stark, daß ich mich kurzerhand entschloß, vor den beiden älte­ ren Leuten, die ich als meine Gäste begrüßte und etwas nach vorne bat, schon zu meiner eigenen Freude das ganze Programm unge­ kürzt abzuwickeln. Ein für die Besucher und 289

auch zum Aushängen bestimmtes Pro­ gramm, wie es üblicherweise vom Veranstal­ ter hergestellt wird, lag übrigens, wie ich ver­ wundert schon festgestellt hatte, nicht vor. Aber ich hatte mir zu diesem Zeitpunkt nichts weiter gedacht. Jetzt erklangen erst einmal in häufigem Wechsel Klavierwerke und Verse unserer großen abendländischen Kulturwelt, mit der subjektiven Folge, daß ich zu Anfang eigentlich nur für mich selbst spielte und sprach, bis ich mir gewiß wurde, daß da hinten im Saal zwei ältere Menschen, die Kassiererin und der Saaldiener, ganz offensichtlich freudig, ja begeistert zuhörten und sogar in der Weise „mitgingen“, daß sie zweimal „bei offener Szene“ und dann zum Schluß nachdrücklich Beifall spendeten. Dieses immer stärker in mir aufkommende Bewußtsein, nicht nur für mich, sondern für Mitmenschen zu spielen und zu sprechen, spornte mich, wie ich merkte, erst richtig an und steigerte meine Leistung. Ohne es zu­ gleich auch sofort verstandesmäßig zu ver­ arbeiten und das Ergebnis zu formulieren, hatte ich es verspürt und erfühlt, daß der Grundsatz des „l’art pour l’art“, daß der Künstler nämlich nur der Kunst wegen, nicht etwa für den menschlichen Teilnehmer oder Teilhaber seiner Kunst arbeite, daß also nur der objektive Ablauf des Schaffens, nicht aber sein subjektives Ergebnis am Mittel­ punkt stehe, keineswegs eine letzte, höchste Erkenntnis sein könne. Vielmehr müßte oder sollte jede künstlerische Betätigung Bezug haben zu einem Empfanger, also zum Menschen. Noch während ich am Flügel saß, fiel mir hierzu das uralte Sprichwort ein, das ich hier bewahrheitet sah: ,,Geteilte Freude ist doppelte Freude“. Ich war so sehr von Dank und Freude erfüllt, wenigstens zwei Zuhörer zu haben, daß ich mich, wie wenn ich ein großes Publikum gehabt hätte, am Ende des Programms für den Beifall der bei­ den Alten wie üblich mehrmals verbeugte und eine Zugabe sprach und spielte. Diese Meinung, es habe ja ein großes Publikum für mich gegeben, hatte mein Fah­ rer, der mir gratulierte. Er hatte vor dem Kon- 290 zerthaus auf mich gewartet, kurz bevor die zahlreichen Teilnehmer der Parteiversamm­ lung das Haus verließen. Hinter ihnen kam dann ich. Die Aufklärung des seltsamen Abends kam mir wenige Tage später durch einen Zufall, den ich hier nicht schildern will, zu Ohren. Die zuständige Stelle des Städtchens hatte zwar die Garderobefrau und den Saal­ diener zu dem Abend abgeordnet. Es war aber wegen eines außergewöhnlichen Vor­ falls,· den ich hier ebenfalls nicht darlegen will, vergessen worden, die Veranstaltung öffentlich bekanntzumachen; deshalb hat­ ten auch keine Programme vorgelegen. Bei meinem vorherigen Rundgang durch die Stadt war mir nicht aufgefallen, daß jegliche Art von Werbung unterblieben war. Das ver­ einbarte Honorar erhielt ich ohne Verzug, jedoch ohne jeden Hinweis, geschweige denn ohne jede Entschuldigung dafür, daß ich vor leeren Stühlen Mozart, Beethoven und Brahms gespielt sowie Klassiker bis hin zu Conrad Ferdinand Meyer und Paul Ver­ laine gesprochen hatte. Fast hätte ich die ganze Geschichte schon vergessen, da es schon viele Jahre her ist. Aber bei dem klugen Wort von der geteilten Freude als der doppel­ ten Freude kehrt die Erinnerung lächelnd wieder. Dr. Ernst Roskothen .. ,. �� Öffnung Nicht in der Mohnkapsel wartet die Welt eines neuen Bewußtseins. Du selbst bist die Kapsel für viele noch unausgesprochene Bilder – die eins wie das andere, sind sie gleich gültig, nicht gleichgültig lassen. Leide den Schnitt, der dich öffnet. Jürgen Henckell

Von Wien über Hüfingen nach Versailles Ein festliches Ereignis in dem Baarstädtchen anno 1770 ,,Jawohl, über Hüfingen nach Versailles“, betonen die Amtsstädter mit Nachdruck und Stolz und rufen es einander lachend zu. Schließlich ist es nichts Alltägliches, wenn die künftige Königin von Frankreich, Erzher­ zogin Marie-Antoinette, die blutjunge Toch­ ter der Kaiserin Maria-Theresia, Herrscherin des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, Gerüchten zufolge, heute durchs Amtsstädtchen fahren wird auf ihrer Reise zur glänzendsten Residenz des Jahrhunderts! Schon seit Morgengrauen sind Alt und Jung auf den Beinen. Dem Kalender nach ist es ein ganz gewöhnlicher Werktag. Und die liebe Sonne gibt sich wenig Mühe, ihr Gold zu verschenken; sie blinzelt bloß ab und zu aus der grauen Wolkendecke. Aber in den Herzen der Hüfinger herrscht Festtagsstim­ mung. Der Alltag ist verdrängt, in Kanzlei, Werkstatt, Küche, Scheune, Stallung waltet feierliche Sonntagsruhe, nur die allerdring­ lichsten Arbeiten werden verrichtet. Dafür gibt es eine Menge letzter von Oberamt­ mann und Bürgermeister geleisteter Emp­ fangsvorbereitungen. Arm und Reich, Kanz­ list, Handwerksmann, Bauer, Knecht, Haus­ frau und Magd schmücken Bürgerhaus, Amtsgebäude, Stadttor und Marienbrunnen mit Kränzen, Blumensträußen und Girlan­ den. Nie hat man obrigkeitliche Anordnun­ gen williger und flinker befolgt, nie hat der Büttel, ein kleiner Despot, mit den manch­ mal recht widerborstigen Bürgern weniger Scherereien gehabt. Alles greift wacker zu, alles gehorcht freudig dem leisesten Wink. Alle Feindseligkeiten, die offenen, meist gar nicht so harmlosen, sowie die im Geheimen schwelenden, scheinen für immer überwun­ den. Nichts versöhnt mehr als eine allge­ meine Festtagsstimmung. Natürlich ist die Jugend – auf ihre Art – ganz Feuer und Flamme. Eine Schar wilder Buben stürmt die knarrenden Stiegen des Kirchturms fast bis zum Dachgebälk hinauf, und hält an den hohen, schmalen Fenstern lärmend vor Lust und Vergnügen Ausschau. Ein ganz wichtiges Amt hat der Stadtknecht. Der alte Haudegen und Veteran des Sieben­ jährigen Krieges hat Weisung bekommen, bei der Stadtkanone auf dem „Hohen“, einem Hügel in Stadtnähe, das Herannahen des Hofstaates abzuwarten und dann gehörig in die Luft zu böllern. Am allerwichtigsten und unentbehrlich­ sten jedoch dünkt sich der Barbier Dachsler, der etliche Jahre in Wien gearbeitet hat und angeblich alle Augenblicke zur kaiserlichen Familie gerufen wurde, um ihren Hofcoif­ feur, den hilfslosen Pfuscher, als „maitre de coiffeur“ mit Rat und Tat zu belehren. ,,Ich kenne die Erzherzogin, das muntere Toner!, schon seit ihrer frühesten Kindheit“ hat der Prahlhans erst gestern am Stammtisch der „Krone“ kühn behauptet. Es ging dann wohl ein ungläubig-spöttisches Flüstern reihum, aber das hat unsern Dachsler nicht aus der Fassung gebracht, im Gegenteil, das hat ihn noch angespornt, trotzig weiterzufaseln: „Mei, is dös nett Papa Dachsler“, wird das Toner! zum Wagenfenster hinausjubeln, ,,der uns alleweil so tolle, turmhohe Coiffu­ ren gebaut hat?“ So kommt es, daß er zum Helden des Tages wird und von Minute zu Minute an Würde und Ansehen gewinnt. Alles steht in Dachslers Zauberbann, auch die Amtsprominenz. Beide, Oberamtmann und Bürgermeister, bitten ihn sogar, er möge sie der Kaiserlichen Hoheit vorstellen, das gereiche der Stadt, ja der ganzen Baar, zur besonderen Ehre. Sie wenden alle Überre­ dungskünste an, um seine pfiffig gespielten Bedenken zu zerstreuen. Nach einigem Zau­ dern bequemt er sich aber zu einer Zusage; er werde sie an die goldene Karosse Ihrer Hoheit herabwinken, sie müßten sich aller­ dings streng an die Hofetikette halten, fügt er noch herablassend wie ein Zeremonienmei­ ster hinzu. 291

Inzwischen ist der Zustrom von Schaulu­ stigen aus den Nachbargemeinden mächtig angewachsen. Sie kommen zu Fuß, zu Pferd, aufLeiterwagen und werden von den Einhei­ mischen mit freudigem Zuruf, mitunter sogar mit Klatschen begrüßt. Die Haupt­ straße ist seit Menschengedenken noch nie so bevölkert gewesen. Ein Gewimmel ohne­ gleichen! Bloß das Stadtbächlein, das längs der Straße leise dahinplätschert, ist ein Bild feierlich – geruhsamer Fortbewegung. – Plötzliches Läuten läßt die Leute aufhor­ chen. Es ist aber bloß das schrille 2-Uhr­ Glöcklein, das täglich zur selben Stunde an den Abzug brandschatzender und morden­ der Soldateska des Dreißigjährigen Krieges erinnert. Doch schon geht der eintönige Ruf des Glöckleins unter im herrlichen Festtags­ geläut aller Glocken, dem sich der Donner der Salutschüsse auf dem „Hohen“ zugesellt. Und die Buben an den Kirchturmfenstern schwenken johlend Hüte, Mützen und bunte Papierfähnchen, während ein Bussard den grünen Turmhelm in weitem Bogen umkreist. ,,Wo ist der Dachsler?“ rufen nun Oberamtmann und Bürgermeister aufgeregt. „ Wo ist der Dachsler?“ schreit der Büttel und stößt seinen Spieß grimmig fluchend auf das Kopfsteinpflaster. Ganz Hüfingen ruft nach ihm, dem Garanten für des Amtsstädtchens Glanz und Gloria. Man forscht in den Gaststätten nach ihm, man sucht ihn in allen Ecken und Win­ keln. Der Stadtschreiber eilt sogar in die Zins­ gaß zur Dachslerin, aber auch sie weiß nicht, wo er steckt. Nirgends ein Dachsler – ver­ schwunden! Die Amtsprominenz geht über die schmerzliche Enttäuschung mit klugem Schweigen hinweg. Für die andern Bürger aber ist der Fall ein Anlaß zu schallendem Gelächter und ein köstlicher Stoff für eine Fastnachtsposse. „Der Aufschneider hat wohl geglaubt, sein ,Toner!‘ wähle eine andere Reiseroute, etwa durchs Brigachtal, über Villingen,“ höhnt der Metzger Stich, der ohnedies immer eine spitze Zunge hat. Endlich kommt das mit großer Spannung 292 erwartete große Ereignis: Vom Nordtor her naht ein riesiger Zug prächtiger, golden und silbern funkelnder Karossen und Kaleschen, gezogen von edelrassigen Pferden, eskortiert von berittenen Hofkavalieren und Husaren aller Chargen, in zauberhaft schmucken Uni­ formen. Eine Glaskarosse überbietet alle anderen Wagen an Schönheit und Prunk, weshalb Oberamtmann und Bürgermeister es für geraten erachten, sich vor ihr tief zu vernei­ gen. Auf einen Wink eines berittenen Offi­ ziers halten die von Untertänigkeit fast erstarrten Kutscher einen Augenblick den Wagen an, worauf die Fenster behutsam geöffnet werden. ,,Da ist sie!“ flüstert man einander in selt­ samer Ergriffenheit zu; denn es ist doch ein sehr zartes Mädchen, dies Prinzeßchen, das Königin von Frankreich werden soll. Wie ein Kind, das Schutz sucht, sitzt es zwischen zwei Hofdamen, nickt und lächelt müde, fast ein wenig verdrossen und gereizt, den Herren und der ihr nun stürmisch huldigenden Menge zu. Nur eine stimmt nicht in den Chor ein: die alte Wäldnerin aus der Hinterstadt. Sie lehnt am Becken des Marienbrunnens und bedeckt mit beiden Händen die Augen, als wolle sie etwas Furchtbares abwehren. ,,Un­ glückliche Königin!“ weint sie leise vor sich hin. ,,Erst frohe Feste, dann ein blutiges Ende!“ Die Wäldnerin ist mit dem „Zweiten Gesicht“ begabt und belastet und wird des­ halb wie eine Aussätzige ängstlich gemieden. Auch jetzt macht man scheu auf sie aufmerk­ sam und kehrt ihr dann schnell wieder den Rücken zu. Inzwischen hat die Wagenkolonne die Innenstadt durchs Südtor verlassen und den Mühlbach und die Breg überquert. Es geht recht flott voran, doch der berghoch bela­ dene Gepäckwagen als letztes Gespann hat Pech; er kommt fast nicht die steile Loretto­ steige hinau( Da holt der Lorettobauer unaufgefordert seine beiden Füchse, klobige Ackergäule, aus dem Stall und leistet mit ihnen Vorspannhilfe. Die feuern die fremden

Brüder mit stolzem Gewieher an, und dann gehts hurtig, fast im Galopp, den Hang hin­ auf. Der Bauer kriegt für die rasche Hilfe einen blanken Theresientaler, den er aufzuheben gelobt als Andenken an die Durchfahrt einer künftigen Königin von Frankreich durch seine Vaterstadt. Und der Dachsler, der Sprücheklopfer? Nun, er hat wirklich fest damit gerechnet, daß die Erzherzogin eine andere Reiseroute wählen werde. Nach langem Herumirren Nähe südwestlich Wären die Berge aus Glas – dann rückte hier manches für schärfere Augen ins Blickfeld: Zum Beispiel die mächtigen Dome des heutigen Glaubens, der heißer verfochten wird als er gekühlt werden kann – oder so giftig ist wie der blindgläubige Eifer der Inquisition. Da kann sich die Burg Hohenlupfen mit dem Bauernkrieg neu reformieren, der nach den genial übersetzten lateinischen Texten für alle verständlich das Recht auf Befreiung von Frondienst und drückenden Lasten zurück in die blutigen Hände der Mächtigen gab. Doch leider sind Berge nicht gläsern – So sieht hier im engeren Blickfeld von viel Undurchschaubarem niemand, wie nah beieinander die Gründe für Reformationen gesucht werden müssen. Südwestlich rheinabwärts und dort wo der Rhein nicht mehr rein ist. Jürgen Henckell von Versteck zu Versteck schlüpft er endlich um Mitternacht, vom Vollmond tückisch beschienen, wie ein gesuchter Dieb in sein Häuschen in der Zinsgaß. Die Dachslerin empfangt den armen Sünder mit einem Freu­ denseufzer, denn sie hat Schlimmstes befürchtet. Und während die beiden beraten, wie man sich aus der gräßlichen Blamage her­ ausretten kann, rollt der Wagenzug, überall umjubelt, durch das Höllental, den Breisgau und über den Rhein, dem wie ein Zauber lok­ kenden Ziel zu: Versailles. Rolf Steiner Grenzen und Übergänge An fremden Grenzen wirst du dir der eigenen bewußt – Verlockend ist der Ausweg in das Unbegrenzte, das am Firmament der tausend Welten dennoch beispielhafter Ordnung folgt, die irdisch niemand übersetzt. Du suchst am Fuß der Berge deine Übergänge, die nach ungezählten Monologen endlich Nachbarschaft erschließen sollen. Nur in Träumen weist des Einhorns Spur im Staub den Weg ins Wunder. Aber längst versteinert ist die Blaue Blume und zerfallen, was als Stein der Weisen galt. Jetzt nehmen ihre unbestimmten Plätze die gesuchte Freiheit und ihr Innewerden ein. Menschen, Länder, Horizonte – In den Grenzen, die vom Zueinander trennen, liegt der Grund für die gewagten Übergänge Jürgen Henckell 293

Verschiedenes Personen und Fakten Dr. Rainer Gutknecht wurde vom Kreis­ tag am 3. 7.1989 für eine dritte Amtsperiode als Landrat des Schwarzwald-Baar-Kreises wiedergewählt. Für den seit 16 Jahren amtie­ renden Landrat wurden 40 Ja-Stimmen, 12 Nein-Stimmen und 3 Stimmenthaltungen abgegeben. Die neue Amtszeit begann am 1. 10. 1989. Werner Gerber, Bürgermeister in Blum­ berg, konnte am 16. 9.1988 auf eine 25jährige Amtszeit als Bürgermeister der Stadt Blum­ berg zurückblicken. In einer kleinen Feier­ stunde, in der Landrat Dr. Gutknecht auch die Glückwünsche des Landkreises aus­ sprach, wurde er aus Anlaß dieses seltenen Jubiläums geehrt. Hans-Georg Schmidt wurde am 27.11.1988 für eine zweite Wahlperiode zum Bürgermeister von Schönwald gewählt. Er erreichte 89,9 % der gültigen Stimmen. Obwohl sich kein weiterer Kandidat zur Wahl stellte, betrug die Wahlbeteiligung 69,8%. Die neue Amtszeit hat am 2. 2. 1989 begon­ nen. Anton Knapp ist am 18.12.1988 im zwei­ ten Wahlgang mit 47,4 % der abgegebenen Stimmen und bei einer Wahlbeteiligung von 78,9 % zum Bürgermeister der Stadt Hüfin­ gen gewählt worden. Er hat seinen Dienst am 4. 3. 1989 angetreten. Der bisherige Bürgermeister, Max Gilly, ist aus Altersgründen mit Ablauf des 3. 3. 1989 in den Ruhestand getreten. 294 Manfred Knack, Leiter des Straßen­ bauamtes Donaueschingen seit 1.12.1979, ist am 31.10. 1988 in den Ruhestand getreten. Peter Neher hat mit Wirkung vom 1.11.1988 die Nachfolge angetreten. Dr. RolfLoy ist als Leiter des Wasserwirt­ schaftsamtes Rottweil, das auch für den Schwarzwald-Baar-Kreis zuständig ist, in den Ruhestand getreten. Sein Nachfolger ist ab l. 4.1989 Viktor Schweizer. Cäcilie Dury, Bräunlingen, seit 19. 11. 1973 Kreisvorsitzende der Landfrauen, Kreis­ verband Donaueschingen, hat mit Wirkung vom 12. 12. 1988 den Vorsitz abgegeben. Nachfolgerin wurde Ingrid Hasenfratz aus Bad Dürrheim-Unterbaldingen. Rektor der Fachhochschule für Polizei in Villingen-Schwenningen, ist mit Wirkung amtes für Verfassungsschutz nach Stuttgart berufen worden. Dr. Eduard Vermander, seit l. 5. 1987 vom l. 11. 1988 zum Präsidenten des Landes­ l. 12. 1988 angetreten. Die Nachfolge hat Dr. Heinz Wolf, bisher Ltd. Regierungsdirektor und Stell­ vertreter des Polizeipräsidenten der Landes­ polizeidirektion Freiburg, mit Wirkung vom Wilhelm Buggle, langjähriger Landtags­ abgeordneter des Wahlkreises Donaueschin­ gen – Tuttlingen, ist am 19. 5.1989 gestorben. Seine Persönlichkeit wurde im Almanach 86, S. 65 ff., gewürdigt.

Orden, Medaillen Nachstehende Personen aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis wurden seit Juni 1988 ausgezeichnet: a) mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland: (Abkürz.: BVK a. B. -Bundesverdienstkreuz am Bande BVM -Bundesverdienstmedaille) Glatz, Dorothea Westphal, Gerhard Weinmann, Ernst Wälde, Johann Seng, Albert Strom, Ernst Glökler, Karl Petrino, Adolf Müller, Eugen 30. 03.1988 30. 03.1988 06. 06.1988 28. 06.1988 25. 11.1988 10. 12.1988 03. 02.1989 08. 04.1989 12. 05. 1989 BVM BVK.a.B BVK.a.B BVM BVM BVK.a.B. BVK.a.B. BVK.a.B. BVK.a.B. Niedereschach Königsfeld i. Schw. Schonach i. Schw. Niedereschach-Schabenhausen Furtwangen i. Schw. Bad Dürrheim Tuningen Schonach i. Schw. Villingen-Schwenningen b) Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg: Gräfin Vitzthum von Eckstädt, Gudrun Professor Dr. Reichelt, Günther Professor Dr. Mühe, Richard c) Zelter-Plakette: Katholischer Kirchenchor Brigachtal Männergesangverein Sängerlust Triberg e. V. 06. 05.1989 06. 05.1989 06. 05.1989 24. 06.1989 28. 06.1989 Villingen-Schwenningen Donaueschingen Furtwangen i. Schw. Brigachtal Triberg i. Schw. Bevölkerungsentwicklung Stand Wohnbevölkerung 1. 1. 1989 1. 1. 1988“ 10.446 10.348 7737 Bad Dürrheim, Stadt 9.944 10.009 7712 Blumberg, Stadt 5.406 5.316 7715 Bräunlingen, Stadt 4.842 4.753 7734 Brigachtal 2.913 2.881 7735 Dauchingen 18.296 18.162 7710 Donaueschingen, Stadt 9.794 9.703 7743 Furtwangen, Stadt 1.475 1.443 7741 Gütenbach 6.483 6.504 7713 Hüfingen, Stadt 5.539 5.272 7744 Königsfeld 2.983 2.997 7733 Mönchweiler 4.694 4.621 7732 Niedereschach 13.971 14.054 7742 St. Georgen, Stadt 2.234 2.214 7741 Schönwald 4.486 4.398 7745 Schonach 5.697 5.718 7740 Triberg, Stadt 2.264 2.233 7201 Tuningen 2.064 2.046 7731 Unterkirnach 76.258 7730 Villingen-Schwenningen, Stadt 76.135 4.036 4.025 7741 Vöhrenbach, Stadt Veränderungen in Zahlen + 98 65 + 90 + 89 + 32 + 134 + 91 + 32 – 21 +267 14 + 73 83 + 20 + 88 21 + 33 + 18 + 123 + 11 in% +0,9 -0,6 + 1,6 + 1,8 + 1,1 +0,7 +0,9 +2,2 -0,3 +4,8 -0,5 + 1,6 -0,6 +0,8 +2,0 -0,4 + 1,5 +0,9 +0,2 +0,3 Kreisbevölkerung insgesamt • Grundlage dieser Aufstellung ist die Volkszählung vom Mai 1987. Die Veröffentlichung im Almanach 89 (Seite 295) konnte die Volkszählung noch nicht berücksichtigen. 192.832 193.825 +995 +0,51 295

Ausländer in Zahlen neuester Stand Gemeinde Ausländer davon insgesamt Türken Jugo- slawen Italiener Sonstige Ausländer- anteil in% Bad Dürrheim 503 Blumberg 1.139 Bräunlingen 552 Brigachtal 228 Dauchingen 86 Donaueschingen 1.554 873 Furtwangen Gütenbach 44 632 Hüfingen 229 Königsfeld 242 Mönch weil er Niedereschach 180 St. Georgen 1.672 53 Schönwald Schonach 273 Triberg 569 198 Tuningen Unterkirnach 157 Villingen- Schwenningen 10.176 513 Vöhrenbach Gesamt 19.873 20 623 381 53 11 282 198 2 269 16 25 50 236 14 22 183 39 56 160 314 17 41 21 323 291 1 81 68 113 50 506 18 118 114 8 12 100 22 31 41 14 358 214 34 167 16 48 15 587 7 88 90 119 37 223 180 123 93 40 591 170 7 115 129 56 65 343 14 45 182 32 52 1.983 183 4.646 3.562 153 5.971 2.006 143 4.137 2.625 34 5.119 Arbeitslose in Prozentzahlen Stichtag Schwarzwald-Baar-Kreis Land 30. 6.1987 30. 6.1988 30. 6.1989 5,7% 5,4% 4,6% 4,8% 4,9% 4,2% 296 4,7 11,6 10,1 4,5 2,9 8,5 9,0 3,1 9,8 4,2 8,1 3,8 11,8 2,1 6,0 9,9 8,8 6,5 13,3 12,9 10,2 Bund 8,3% 8,4% 7,4%

Endgültige Ergebnisse der Europawahl am 18. Juni 1989 im Schwarzwald-Baar-Kreis Von den gültigen Stimmen entfielen auf Original-Radierung: Hans Georg Müller-Hanssen Wahlbeteiligung Wahlberechtigte darunter mit Wahlschein Wähler davon Briefwähler ungültige Stimmen gültige Stimmen CDU SPD GRÜNE FDP Zentrum ÖDP Mündige Bürger BP BSA Liga CM 32.283 21.361 6.379 6.020 194 1.299 99 142 18 142 180 54,2% 143.476 10.530 77.789 9.471 855 76.934 41,50% DKP 27,46% Öko-Union 8,20% DVU REP 7,73% FAP 0,24% Für das Europa … 1,66% 0,12% HP 0,18% MLPD Bewußtsein 0,02% Patrioten 0,18% 0,23% 165 291 3.285 4.787 63 23 26 44 82 51 0,21 % 0,37% 4,22% 6,15% 0,08% 0,02% 0,03% 0,05% 0,10% 0,06% 297

Farbaufnahmen und Fotonachweis stellungs GmbH 4 7; German Hasenfratz 48, 49, 50, 104, 105, 106, 107, 108, 109, 110, 111, 112, 113, 115, 116, 117, 118 oben, 120 oben, 122, 200, 207 unten, 210 oben, 211, 212 oben, 213, 235, 236 unten, 237, 247; Archiv MEKU 51, 52, 53; Manfred Braig 55; Archiv Fa. Kundo 56, 57; Archiv Fa. Koepfer 58, 60, 61, 62; Käthe Fritschi 63, 64; Wilfried Dold 65, 67, 70, 71, 72 (links), 250; Archiv Geschichts- und Hei­ matverein Furtwangen 69; Foto-Maier 69 (oben), 72 (rechts); Georg Goerlipp 74, 75; Foto-Carle 77; Theodor Arnold 90; Archiv für Ur- und Frühgeschichte 113 (oben), 118 (unten), 119, 120 (unten links), 121; Archiv Stadtverwaltung Bad Dürrheim 124, 125, 126; Siegfried Heinzmann 128, 129, 130; Foto­ Fischer 135, 195, 196, 197; Kurt Klein 137, 138, 139, 140, 141, 143;Jörg Michaelis 146, 154, 198, 205; Dr. Heinz Lörcher 163, 164; F.F.-Archiv Donaueschingen 166; Archiv Münsterpfarrei 170, 171; Foto-Stötzel 177, 178; Martin Reich 180; Martin Hermanns 184; Archiv Uhren­ museum Furtwangen 188, 189, 190, 191, 192; Archiv Stadt Bräunlingen 194; Volker Steger 199, 201, 202, 203, 204, 206; Dr. Lorenz Honold 207, 240; Stötzel/Dold 214, 215, 216, 217, 218; Clive Barda London 221; aus Max Rieple – Musik in Donaueschingen 222, 223; Archiv Stockhausen 225, 227, 228, 229; Horst Fischer 231; W. Häßler 234; Valentin Hofacker 236 oben; Gerhard Kiefer 241; Axel Fobel 245; Archiv Fewotel 248, 249; Gunter Haug 255; Aribert Hoch 257, 259; Heimat­ verein Tuningen 261; Roland Kalb 266, 267; Karl Zimmermann 270, 271; Gerhard Schla­ geter 274, 275; A Dold 278, 279; Foto-Grill 282, 283; Hansjörg Hall 284. Reproservice Rolf Kötz, VS-Schwenningen. Die Farbaufnahme auf der Titelseite stammt von German Hasenfratz, Hüfingen. Motiv: Südwest-Messe Villingen-Schwen­ nmgen. Zum Farbbild auf der Rückseite: Foto von Photo Kino Schultheiß, St. Geor­ gen i. Schw. Gremmelsbach als Motiv auf einer Schwarz­ wälder Rahmenuhr um 1850, 35 x 40,5 cm. Maler unbekannt. Vermutlich die erste Vedute der Ortsmitte. Die Streusiedlung erhielt erst nach der Jahrhundertwende auf Betreiben des letzten Abtes von St. Peter im Schwarzwald ihren Ortsmittelpunkt: 1805 Kirche, 1809 Pfarrhaus. Ölfarbe auf Zinkblech in vergoldetem, teil­ weise poliertem Holzrahmen hinter schwarz gefaßtem Glastürchen. Zifferblatt Email. Kettenzugwerk mit drei Gewichten in Holz­ gestell mit Messingrädern und Hohltrieben. Sekundenpendel. Das Stundenschlagwerk wirkt auf eine tiefklingende Tonfeder, das zusätzliche, separate Viertelstundenschlag­ werk auf zwei heller klingende Tonkörper. Privatbesitz. Q!iellenangabe zur Zeichnung S. 158: Peter Haining: Hexen – Wahn und Wirklich­ keit in Mittelalter und Gegenwart, Olden­ burg/Hamburg 1977. Foto-Nachweis für die weiteren Aufnahmen im Inneren des Jahrbuchs (die Zahlen nach der Autorenangabe beziehen sich auf die jeweilige Textseite): Heinrich Haas 5; Gerhard )anke 5, 6; Foto­ Atelier Wiest 8, 31, 33; Roland Sigwart 9; Archiv Stadt Donaueschingen 10, 13, 15, 168; Bad. Generallandesarchiv Karlsruhe 11; Johann Haller 19; Karl-Heinz Beha 27; Hel­ mut Groß 30, 36, 78, 182, 183; Helmut Wider 34; Archiv Berufsakademie 37; Bildarchiv IHK 40, 41; Presseabteilung Mannesmann­ K.ienzle 43; Archiv Südwest-Messe- und Aus- 298

Die Autoren unserer Beiträge Adler, Bernhard, Pfarrer, Kälbergäßle 9, 7741 Vöhrenbach Arnold, Theodor, Tannenstraße 11, 7733 Mönchweiler Beha, Karl-Heinz, Sägbergweg 2, 7742 St. Georgen-Oberkimach Beistier, Herbert, Savernerstraße 9, 7710 Donaueschingen Bökenkamp, Renate, Schwarzwaldstraße 4, 7742 St. Georgen i. Schw. Bogotsch, Walter F., Immanuel-Kant-Straße 9, 7710 Donaueschingen Braig, Manfred, Redakteur, Gerwigstraße 35, 7742 St. Georgen i. Schw. Dold, A, Vogtsgrundweg 19, 7741 Gütenbach Dold, Wilfried, Redakteur, Waldstraße 13, 7741 Vöhrenbach Falk, Helmut W., Alpenstraße 3, 8080 Fürstenfeldbruck Fischer, Gisbert, Stormweg 5, 7735 Dauchingen Fischer, Horst, Endlins Breiten 1, 7710 Donaueschingen-Aufen Frank, Hans, Bürgermeister i. R., Stephan-Blattmann-Straße 10, 7743 Furtwangen i. Schw. Fritschi, Käthe, Karl-Bromberger-Straße 5, 7713 Hüfingen Fuchs, Hermann, Pater, Schönenberg 21, 7090 Ellwangen/Jagst Greiner, Theo, Bodelschwinghstraße 22, 7710 Donaueschingen Grether, Peter, Ellengurt 11, 7841 Auggen Groß, Helmut, Am Schwalbenhaag 1, 7730 V i l l i n g e n-Schwenningen Guse, Jürgen, Bürgermeister, Palmbuckstraße 7, 7715 Bräunlingen Gutknecht, Dr. Rainer, Landrat, Kaiserring 2, 7730 V i 11 i n g e n -Schwenningen Haller, Johann, Buchenberger Straße 30, 7744 Königsfeld Haug, Gunter, Hefelestraße 16, 7407 Rottenburg 1 Hawner, Johannes, Grünallee 2, 773 7 Bad Dürrheim Heidinger, Werner, Regierungsrat, Geschwister-Scholl-Straße 22 a, 7710 Donaueschingen Heinzmann, Siegfried, Weilersbacher Straße 49, 7730 Villingen-S c h w e n n i n g e n Helm, Klaus, Haselweg 14b, 7734 Brigachtal Henckell, Jürgen, Schriftsteller und Grafiker, Buchbergstraße 3, 7712 Blumberg Hermanns, Martin, Oberer Sonnenbühl 23, 7730 VS-Pfaffenweiler Hiller, Dr. Hilde, Rotteckring 5, 7800 Freiburg i. Br. Himer, Franz-Rudolf, Biethstraße 9, 7715 Bräunlingen Honold, Dr. Lorenz, Talstraße 41, 7710 Donaueschingen Huber-Wintermantel, Susanne, Bräunlinger Straße 6, 7713 Hüfingen Huth, Dr. Volkhard, Oberscheibenrain 8, 7710 Donaueschingen-Aasen Kalb, Roland, Albstraße 7, 7735 Dauchingen Kiefer, Gerhard, Redakteur, Rathausweg 1 b, 7830 Emmendingen 13 Klein, Kurt, Haselwanderstraße 11, 7613 Hausach Kühn, Herbert, Peter-Maier-Straße 31, 7710 Donaueschingen-Hubertshofen Lamka, Arthur, Reuterstraße 155, 5060 Bergisch-Gladbach 2 Liebetrau, Alfred, IHK-Präsident, Am Doniswald 4, 7744 Königsfeld Lörcher, Dr. Heinz, Gerberstraße 33, 7730 V i l l i n g e n -Schwenningen 299

Loos, Franz, Stephan-Blattmann-Straße 14, 7743 Furtwangen i. Schw. Maiwald, Klaus, Schlietenstraße 4, 7737 Bad Dürrheim-Sunthausen Mann, Rudolf, Professor, Mooslochweg 4, 7731 Unterkirnach Mannesmann-Kienzle GmbH., Presseabteilung, Postfach 1640, 7730 Vi l l i n g e n – Schwenningen Moser, Jürgen, Brunnenweg 16, 7710 Donaueschingen-Allmendshofen Mühe, Dr. Richard, Professor, llbenstraße 54, 7743 Furtwangen i. Schw. Müller, Kurt, Dekan, Münsterpfarramt, Kanzleigasse 10, 7730 V i 11 in g e n – Schwenningen Neugart, Elisabeth, Langstraße 4, 7730 Vi l l i n g e n – Schwenningen Probst, Hans-Peter, Hindenburgring 22, 7710 Donaueschingen Reich, Martin, Eschachtalstraße 19, 7732 Niedereschach-Kappel Rieple, Max, Donaueschingen (verst.) Rimmele, Emil, Bürgermeister i. R., Ludwig-Uhland-Straße 8, 7741 Schönwald i. Schw. Rodenwaldt, Dr. Ulrich, Bötzenstraße 16, 7813 Staufen/Brg. Roskothen, Dr. Ernst, Breslauer Straße 7, 7737 Bad Dürrheim Schafbuch, Gottfried, Hüfingen (verst.) Schell, Rüdiger, Endlins Breiten 9, 7710 Donaueschingen-Aufen Schnibbe, Klaus, Professor, llbenstraße 50, 7743 Furtwangen Siebler-Ferry, Ursula, Kuckucksbadstraße 3, 7801 Bollschweil Sonnenburg, Klaus, Zinzendorfplatz 3, 7744 Königsfeld Steger, Christiana, Birkenweg 8, 7712 Blumberg Stein er, Rolf, Schriftsteller, Alemannenstraße 21, 7730 V i 11 i n g e n – Schwenningen Sturm, Dr. Joachim, Baarstraße 12, 7710 Donaueschingen-Pfohren Techen, Beatrice, M.A, Carl-Diehm-Straße 23, 7743 Furtwangen i. Schw. Vetter, August, Am Ebertle, 7808 Waldkirch-Kollnau Volk, Karl, Realschuloberlehrer, Untertal 19, 7740 Triberg-Gremmelsbach Waldvogel, Kurt. a. Regierungsrat, Vordergasse 47, CH-8213 Neukirch Warrle, Lydia, M. A, Wöschhalde 15, 7730 Vi l l i n g e n -Schwenningen Wecker, Sr. Roswitha, Kloster St. Ursula, Bickenstraße 2, 7730 Vi l l i n g e n – Schwenningen Weissenberger, Otto, Bürgermeister i. R., Bahnhofstraße 4c, 7737 Bad Dürrheim Wider, Helmut, Kriminaloberrat, Egerstraße 14, 7730 V i II i n g e n -Schwenningen Willhardt, Willi, Südwest-Messe- und Ausstellungsgesellschaft mbH., Dürrheimer Straße, 7730 Villingen-S c h w e n n i n g e n Zährl, Klaus, IHK, Romäusring 4 , 7730 Vi l l i n g e n-Schwenningen (verst.) Zimmermann, Karl, Eichbergstraße 3, 7712 Blumberg 300

Inhaltsverzeichnis Impressum Ehrenliste der Freunde und Förderer Heimat und die weite Welt/Zum Geleit – von Landrat Dr. Rainer Gutknecht Aus dem Kreisgeschehen Kreispolitik 1989/Landrat Dr. Rainer Gutknecht Südwest-Messe 1989 – der Landkreis war dabei/Jürgen Moser Unsere Städte und Gemeinden, Wappen 850 Jahre Aufen – historische Aspekte einer Ortsteilfeier/Dr. Volkhard Huth Ech schloof/Gedicht von Gottfried Schafbuch Aufen – der Donaueschinger Stadtteil mit den kleinen Besonderheiten/Rüdiger Schell Das Wappen von Aufen/Klaus Schnibbe Buchenberg/Johann Haller Das Wappen von Buchenberg/Klaus Schnibbe Fürstenberg/ August Vetter Das Wappen der ehemaligen Stadt Fürstenberg/Klaus Schnibbe Oberkimach/Karl-Heinz Beha Das Wappen von Oberkirnach/Klaus Schnibbe Das Wappen der Gemeinde Tuningen/Klaus Schnibbe Bschlage/Gedicht von Gottfried Schafbuch Behörden und Organisationen Das Arbeitsamt Villingen-Schwenningen in neuen Räumen/Klaus Helm Die Kriminalpolizei im Schwarzwald-Baar-Kreis – eine geschichtliche Betrachtung/Helmut Wider De Italiener/Gedicht von Gottfried Schafbuch Schulen und Bildungseinrichtungen Neue attraktive Studiengänge an der Berufsakademie Villingen-Schwenningen/Prof. Rudolf Mann Technische Akademie für Weiterbildung (TAW) – IHK und Fachhochschule Furtwangen gehen neue Wege in der technischen Weiterbildung/Klaus Zährl Die Mannesmann Kienzle-Computerschule in Donaueschingen – Bildungszentrum für Informationstechnik B.I.T./Presse-Abteilung Mannesmann Kienzle GmbH Uneinsichtigkeit/Gedicht von Johannes Hawner Wirtschaft und Gewerbe Dynamische Industrie stärkt Kaufkraft/ Alfred Liebetrau, !HK-Präsident Südwest-Messe als „fünfte Jahreszeit“ – die große Verbundschau verschiedener Fachausstellungen feiert ihr 40jähriges Bestehen/Willi Willhardt 1 2 3 4 8 10 12 13 18 18 20 21 24 26 28 29 30 31 34 36 37 39 42 44 45 46 301

MEKU GmbH, ein junges Dauchinger Unternehmen auf Erfolgskurs/Gisbert Fischer Firma Kundo in St. Georgen – bereits Firmengründer Johann Obergfell setzte auf Internationalität/Manfred Braig Firma Josef Koepfer & Söhne GmbH, Furtwangen – Verzahnungswerkzeuge – Verzahnungsmaschinen – Zahnräder und Spezialgetriebe/Franz Loos Firma Scherzinger, Metall- und Gerätebau GmbH, Hüfingen/Käthe Fritschi Die Hexenlochmühle – die Sägemühle ist heute noch in Betrieb und ein Anziehungspunkt für den Tourismus/Wilfried Dold S’herbschtelet/Gedicht von Gottfried Schafbuch · Wirtschaftsgeschichte Die Industrie des Bregtales vor 100 Jahren – ein Beitrag zur Industriegeschichte der Raumschaft Furtwangen und Vöhrenbach/Wilfried Dold Graselli-Fischer-Häfner an der Haldenstraße – 225 Jahre Einzelhandel in der Residenz der Fürstenberger/Lorenz Honold Vom Geflechthandel im 19. Jahrhundert/Karl Volk Im Obedliecht/Gedichte von Elisabeth Neugart Persönlichkeiten der Heimat Pater Anton Wecker – ein erfülltes Priesterleben/Sr. Roswitha Wecker und P. Hermann Fuchs Otto Benzing – ein Schwenninger Schulmann und Heimatschriftsteller/ Siegfried Heinzmann Hubert Lenz – eng mit der Gewerkschaft verbunden/Jürgen Henckell Karlherman Russ – ein Leben für die Landwirtschaft und die Kommunalpolitik/ Theo Greiner Annemarie Imo – eine im sozialen Bereich engagierte Donaueschingerin/Gerhard Kiefer Günter Siek – Bürgermeister von Mönchweiler von 1960 bis 1988/Theo Arnold Karl Glökler – ein einsatzfreudiger und mutiger Tuninger Bürger/Otto Weissenberger K.lara Beutel – eine Triberger Bürgerin mit Herz und Verstand/Renate Bökenkamp Zeit und Rosen/Gedicht von Christiana Steger Emil Frei – erster Lackfabrikant im Landkreis und Ehrenbürger seiner Heimatgemeinde Döggingen/Walter F. Bogotsch In memoriam Willy Küpper – ein Unternehmer mit Weitblick/Franz-Rudolf Himer Christian Straub – ein Schneidermeister mit dem Herz auf dem rechten Fleck/Käthe Fritschi Hermann Barth – auch nach dem Berufsleben noch für die Gemeinschaft tätig/ Jürgen Henckell Emil Werner, Beggingen – Erinnerungen an einen Freund und Förderer gutnachbarlicher Beziehungen/Kurt Waldvogel, a. Regierungsrat Nach der Tagesschau/Gedicht von Christiana Steger Archäologie Archäologische Funde aus dem Schwarzwald-Saar-Kreis im Museum für Ur- und Frühgeschichte der Stadt Freiburg i. Br./Dr. Hilde Hitler Geschichte, Kulturgeschichte Bad Dürrheim – ein Dorf wird Kur- und Bäderstadt/Lydia Warrle Die Grenzsteine zwischen Schwenningen und Bad Dürrheim/Siegfried Heinzmann Die „Bürgersöhne“ – ein Beitrag zur Geschichte der Villinger Fasnet/ Dr. Ulrich Rodenwaldt ln Donaueschingen begann die Berufskarriere von Heinrich Hansjakob/Kurt Klein Riedöschingen zur Zeit der Französischen Revolution/Dr. Joachim Sturm 302 51 55 58 63 65 67 68 73 76 78 79 81 84 85 87 90 91 93 94 95 96 99 100 102 103 104 123 127 131 137 144

1816 – ein Hungerjahr und seine Folgen/Klaus Maiwald Zur Entwicklung der Kreisgrenzen – der badisch-schweizerische Grenzvertrag vom 1. 3. 1839/Dr. Joachim Sturm Hexenprozeß tarnt Justizmord – die Hinrichtung des Mathias Tinctorius in Hüfingen im Jahre 1632/Susanne Huber-Wintermantel De Nähei/Gedicht von Gottfried Schafbuch Ein dunkles Kapitel unserer Geschichte: Die Verfolgung und Vernichtung der Juden im NS-Staat Stationen der Erinnerung an die Verfolgung und Vernichtung der Villinger Juden im 3. Reich/Dr. Heinz Lörcher Judenverfolgung in Donaueschingen – ein lokalhistorischer Nachtrag zur 50. Wiederkehr der sogenannten „Reichskristallnacht“/Dr. Volkhard Huth Zeit/Gedicht von Christiana Steger Kirchen, Wallfahrtswesen Villinger Münsterpfarrei feierte 1988 zwei Jubiläen – 450 Jahre Marienpatrozinium – 300 Jahre Benediktinerkirche/Dekan Kurt Müller Erinnerungen an Pfarrer Hermann Schneider (1890 – 1965) – Pfarrer in Gremmelsbach 1938 – 1959/Karl Volk Min Wald/Gedicht von Gottfried Schafbuch Der Schwarzwald-Baar-Kreis in Farben (Einlage) Das Fünf-Wunden-Kreuz beim Vöhrenbacher Bruderkirchle/Bernhard Adler Die Elsenau in Kappel – ein Marienwallfahrtsort wurde 100 Jahre alt/Martin Reich Heiteres aus dem Klosterleben von St. Ursula Heiteres aus dem Klosterleben von St. Ursula zu ViUingen/Helmut Groß Das Veto der Schwester Leopoldine/Helmut Groß Museen Der Wildensteiner Altar des Meisters von Meßkirch – in den Fürstlich Fürstenbergischen Sammlungen in Donaueschingen/Martin Hermanns Die Kuckucksuhr – das deutsche Uhrenmuseum in Furtwangen beherbergt kostbare Exemplare/Prof. Dr. Richard Mühe/Beatrice Techen, M.A Kelnhof-Museum Bräunlingen – weit mehr als ein Heimatmuseum/ Bürgermeister Jürgen Guse Künstler Jürgen Henckell – ein vielseitiges Künstlertalent/Christiana Steger Die Kunst – meine Form des Lebens – der Maler und Graphiker Emil Kiess vollendet sein 60. Lebensjahr/Lorenz Honold Ernst Ganter, ein Maler und sein Schwarzwaldbild/Wilfried Dold 2 Gedichte von Jürgen Henckell Musik Karlheinz Stockhausen – ein Gespräch über die Donaueschinger Musiktage – Erinnerungen und Ausbl.icke/ Arthur Lamka Liese! Haager – ein Leben für die Musik/Horst Fischer 2 Gedichte von Herbert Kühn Heimat, Volkstum, Brauchtum Baaremer Tracht heute/Ursula Siebler-Ferry Silberdistel – die Blume des Altweibersommers/Lorenz Honold Stadtsanierung Das Bürger- und Kulturzentrum Donaueschingen/Gerhard Kiefer 149 152 156 161 162 165 169 170 172 176 176 177 179 182 183 184 188 193 198 206 213 219 220 230 233 234 239 241 303

Gesundheit, Soziales Das Christoph-Blumhardt-Haus in Königsfeld/Klaus Sonnenburg Professor Hermann Kast – langjähriger Leiter des Heimes Mariahof in Hüfingen/ Käthe Fritschi Das Hotel „Schwarzwald Treff“ in Königsfeld – Zentrum für Naturheilverfahren/ Helmut W. Falk Der Kneipp-Verein der Baar e. V. – moderne Gesundheitserziehung und Gesundheitsbildung sind wieder gefragt/Herbert Beistier Beziehung/Gedicht von Christiana Steger Medien, Verkehrswesen Das Südwestfunk-Studio in ViUingen-Schwenningen/Gunter Haug Der Bregtäler – ein rauchender Zeitgenosse/Hans Frank Landschaft, Naturdenkmäler, Umweltschutz Die Tuninger Soldatentanne/Gunter Haug Naturdenkmäler im Schwarzwald-Baar-Kreis/Werner Heidinger Der Rauhfußkauz/Roland Kalb Das Blumberger Ried/Karl Zimmermann Stätten der Gastlichkeit Höhengasthaus „Löwen“ in Schönwald – Escheck/Emil Rimmele Das Höhengasthaus Kolmenhof an der DonauqueUe/ A Dold Obedfride/Gedicht von Gottfried Schafbuch Sport und Wettkämpfe Internationaler Pferdesport in Donaueschingen/Hans-Peter Probst Die Mattenschanze Furtwangen/Peter Grether Ende der Hektik/Gedicht von Jürgen Henckell Prosa und Lyrik aus unserer Heimat Plädoyer für einen Esel/Max Rieple Brief an P. �intilius Varus/Karl Volk Memento/Gedicht von Christiana Steger Ein unvergeßlicher Abend/Dr. Ernst Roskothen Öffnung/Gedicht von Jürgen Henckell Von Wien über Hüfingen nach Versailles – ein festliches Ereignis in dem Baarstädtchen anno 1770/Rolf Steiner 2 Gedichte von Jürgen HenckeU Verschiedenes Personen und Fakten Orden, Medaillen Bevölkerungsentwicklung Ausländer in Zahlen Arbeitslose in Prozentzahlen Endgültige Ergebnisse der Europawahl am 18. Juni 1989 im Schwarzwald-Baar-Kreis Farbaufnahmen und Fotonachweis Die Autoren der Beiträge Inhaltsverzeichnis 304 244 246 248 251 253 254 257 261 263 265 270 273 276 280 281 284 285 286 287 288 289 290 291 293 294 295 295 296 296 297 298 299 301

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Almanach 1989 https://almanach-sbk.de/almanach-1989/ Fri, 20 Dec 2019 11:51:09 +0000 https://almanach-sbk.de/almanach-1989/

Alm an ach 89 S c h w a r z w a ld – B a a r – K r e is H e i m a t j a h r b u c h d e s S c h w a r z w a ld – B a a r – K r e is e s 1 3 . F o l g e H e r a u s g e b e r : L an d ratsam t Schw arzw ald-Baar-K reis R edaktion: D r. R ainer G u tk n e c h t, L andrat H e lm u t H ein rich , S ch u lam tsd irek to r i. R. Karl Volk, R ealschuloberlehrer F ür d en In h a lt d er Beiträge sind die jew eiligen A u to re n verantw ortlich Verlag, D ru c k u n d G estaltung: T odt-D ruck G m b H , Villingen-Schw enningen

Ehrenliste der Freunde und Förderer des Almanach 1989 ANUBA-Beschläge X Heine & Sohn GmbH, Donau­ eschinger Straße 2-6, Vöhrenbach Architekten BDA Auer + Weber, Stuttgart Dr. Hanno Augstein, Donaueschinger Straße 15, Hüfingen Baden-Württembergische Bank AG, Filiale Villingen­ Schwenningen Dr. Klaus Bätz, Beamtenheimstättenwerk (BHW), Freiburg Bank für Gemeinwirtschaft AG, Kronenstraße 38, Villin­ gen-Schwenningen Alfred Bausch, Rosen-Apotheke, Espenstraße 3, Blumberg Bezirkssparkasse Donaueschingen Bräunlinger Löwenbraue.rei, Heinrich Kalb KG, Friedhof­ straße 2-4, Bräunlingen Ingenieurbüro Horst Budde, Pestalozzistraße 65, Villingen­ Schwenningen Burger Industriewerk GmbH & Co. KG, Schonach EGT Elektrizitäts-Gesellschaft Triberg GmbH, Triberg im Schwarzwald und Villingen-Schwenningen Claus Eller, Zahnarzt, Neue Heimatstraße 2, Vöhrenbach Helmut W. Falk, Wirtschafts- und Unternehmensberater, Fütstenfeldbruck Willi Frank, Matthias-Grunewald-Straße 5, Freiburg Emil Frei GmbH & Co., Lackfabrik, Bräunlingen-Döggin­ gen Lars Frykman, Zahnarzt, Vor Weiden 25, Blumberg S. D. Joachim Fürst zu Fürstenberg, Donaueschingen Walter Glatz, Blumberg Dipl.-Ing. Theo Greiner, Kolpingstraße 12, Donaueschin­ gen Dr. med. Egon Hochmann, Triberg Hock GmbH, Schönwald-Triberg ISGUS). Schlenker-Grusen GmbH, Villingen-Schwennin­ gen Institut Dr. Jäger, Friedrichstraße 9, Villingen-Schwennin­ gen Kraftwerk Laufenburg, Laufenburg Küpper-Weisser GmbH, Wintennaschinen, Bräunlingen Dr. Josef Kury, Zahnarzt, Seb.-Kneipp-Straße 114, Villin­ gen-Schwenningen B.Lan�Kussenho&traße 43,Furtwangen Lauffenmühle GmbH., Waldshut-Tiengen MAICO Elektroapparate-Fabrik GmbH, Burgstraße 65, Villingen-Schwenningen Vennessungsbüro Dipl.-Ing. Viktor Mandolla. Öffentlich bestellter Vennessungsingenieur, Wemer-von-Siemens­ Straße 3, Villingen-Schwenningen Dipl.-Kfrn. Harald Mattegit, Blumberg Leopold Messmer, Freier Architekt, Bühlho&traße 8, Furt­ wangen Metallwerke Schwarzwald GmbH, Lantwattenstraße 11, Villingen-Schwenningen 2 Dr. med. Paul Obergfell, Leopoldstraße 21, Villingen­ Schwenningen Helmut Ochs, Freier Architekt, Hauptstraße 46, Blumberg Dr. P. Pfaff, Frauenarzt, Villingen-Schwenningen Prof. Dr. Proß, VS-Ffaffenweiler Guido Rebholz, Architekt, Zehntstraße 1, Bad Dürrheim Ricosta-Schuhfabriken, Donaueschingen Karl Riegger KG, Sand- und Schotterwerk, Straßenbau, Viktoriastraße 15, Bad Dürrheim Anne Rieple-Offensperger, Scheffel-Apotheke, Max-Egon­ Straße 2, Donaueschingen Dr. Ernst Roskothen, Finanzpräsident a. D., Bad Dürrheim Dipl.-Ing. Eckart Rothweiler, Freier Architekt, Karl­ straße 63, Donaueschingen Dr. Erich Ruch, Prakt. Arzt, Triberg Dr. med. P. Samirni, Chefarzt der chir. Abt. des Städt. Kran­ kenhauses Furtwangen SCHMIDT Feintechnik GmbH, St. Georgen Ingenieurbüro für Bauwesen Dipl.-Ing. (FH) K Schweizer, Ber. Ing. BOB, Achdorfer Straße 29, Blumberg S. Siedle & Söhne GmbH, Bregstraße 1, Furtwangen Franz Singer, Inh. E. Ettwein, Papier- und Bürobedarf, Niedere Straße 17, Villingen-Schwenningen Sparkasse Villingen-Schwenningen mit Hauptanstalt in Villingen, Zweiganstalten in Schwenningen und Triberg, Hauptzweigstellen in Bad Dürrheim, Königsfeld, Schon­ ach und Vöhrenbach und weiteren 41 Geschäftsstellen Günther Stegmann, Donaueschingen STRAUB-Verpackungen GmbH, Bräunlingen Südwestfunk GmbH, Baden-Baden TRW Thompson GmbH, Präzisionsventile für die Moto­ ren- und Automobilindustrie, Blumberg Reinhold Wauer, Alte Randenschule, Blumberg F. K Wiebelt GmbH & Co. KG, Bickenstraße 6-8, Villin­ gen-Schwenningen Michael Wiesenbacher, Rechtsanwalt, Gartenstraße 17, Lambrecht Dr. med. Fritz Wilke, Niedere Straße 9, Villingen-Schwen­ ningen Dr. Karl Zäbisch, Geschwister-Scholl-Straße 39, Donau­ eschingen Udo Zier GmbH, Furtwangen 10 weitere Freunde und Förderer des Almanach wünschten nicht namentlich genannt zu werden.

Heimat und Treue Dem Heimatjahrbuch des Schwarzwald-Baar-Kreises 1989 zum Geleit Heimat und Treue? Wo sind hier Gemeinsamkeiten? Im Zeitalter der Freiheiten und Ungebundenheiten wird Treue nicht mehr überall als Wert angesehen. Das hat zur Folge, daß einmal mehr ein hohes Gut im zwischenmenschlichen Bereich ver­ loren zu gehen droht Man kann beobachten, daß das Wort Heimat heute oft verwendet wird. Dabei wird jedoch der tiefe Sinn dieses Wortes meistens nicht erkannt Heimattreue ent­ steht erst, wenn man seine Heimat kennt und sie auch mit dem Herzen erfaßt. Dies gelingt nicht von heute auf morgen. Auch in bezug auf die Heimat sind Beständigkeit und das Gefühl der inneren Zugehörigkeit nötig. Treue zur Heimat will errungen werden! Besonders Familie und Schule sind aufgerufen, die jungen Menschen auf dieses Ziel hinzuführen. Heimattreue heißt nicht nur Treue zur Landschaft und zu den Menschen, die in ihr wohnen; es heißt auch Sorge tragen, helfen und vor allem mitgestalten an dem Erhalt und der richtigen Weiterentwicklung unseres engeren Lebensraumes. Der Almanach möchte mit seinen jährlichen Ausgaben einen Beitrag zur Heimat­ treue leisten. Er will Wissen über die Heimat vermitteln und das Gefühl der Zusam­ mengehörigkeit stärken. In den bisherigen Jahresbänden des Almanach wurden schwerpunktmäßig die 20 Städte und Gemeinden des Landkreises vorgestellt Künftig sollen auch die 65 Stadt­ und Ortsteile, die bei der Gebietsreform ihre Selbständigkeit verloren haben, beson­ ders herausgestellt und gewürdigt werden. Heimattreue auch hier: die Stadt- und Ortsteile sind nicht vergessen. Ich danke auch in diesem Jahr allen Freunden und Förderern, deren finanzielle Unterstützung wiederum einen preisgünstigen Jahresband ermöglicht hat Möge der neue Band mit seinen vielfältigen Beiträgen die Treue und Verbunden­ heit zur Heimat stärken! Dr. Rainer Gutknecht Landrat 3

Aus dem Kreisgeschehen Kreispolitik 1988 Vorbereitung weiterer Investitionen Das Berichtsjahr war in kreispolitischer Hinsicht ein normales Jahr, d. h. die Entwick­ lung verlief in den erwarteten Bahnen. Das Projekt des Landratsamt-Neu­ b au es ging nach Überarbeitung der Ent­ würfe der beiden ersten Preisträger in den Abschnitt der Planung über. Der Kreistag hat in seiner Sitzung am 12.10.1987 beschlossen, für den Neubau des Landratsamtes den Ent­ wurf der Architekten Auer + Weber, Stutt­ gart, zugrunde zu legen und diese mit der Pla­ nung des neuen Landratsamtes zu beauftra­ gen. Ausschlaggebend für diese Entschei­ dung war, daß die Architekten Auer + Weber die Chance der Weiterentwicklung ihres Ent- wurfs am besten genutzt und eine gestalte­ risch und städtebaulich überzeugende Lösung vorgelegt haben. Die Planungszeit soll voraussichtlich bis Frühjahr 1989 dauern. Ein vom Kreistag gebildeter beratender Bauausschuß soll die Verwaltung in Fragen des Landratsamt-Neubaues beraten und Ent­ scheidungen des Fachausschusses und des Kreistages vorbereiten. In einer weiteren wichtigen Frage ist nun­ mehr ebenfalls eine Entscheidung gefallen. Der Kreistag hat am 9. 5. 1988 seine Bereit­ schaft erklärt, zusammen mit dem Land Baden-Württemberg die Beruflichen Schulen in Furtwangen auf dem Gelände Großhausberg zu planen und zu errichten. Jahrelange, zum Teil kontroverse baues der Architekten Auer + Weber, Stuttgart. Das überarbeitete Modell des Landratsamt-Neu­ 4

Diskussionen, sind damit zum Abschluß gekommen. Der Kreistag hat in diesem Zusammenhang auch beschlossen, von der Übernahme der Trägerschaft über die Staat­ liche Berufsfachschule und Berufsaufbau­ schule auf den Landkreis Abstand zu neh­ men. Der Grund lag darin, daß sowohl bei den Investitionskosten der zu übernehmen­ den Schule als auch bei den jährlichen Bewirtschaftungskosten ein nicht unerhebli­ ches Defizit entstanden wäre. Land und Kreis haben daher jeder für sich den entsprechen­ den Anteil für einen Neubau aufzubringen. Der Landkreis hat für seinen Anteil einen Höchstbetrag von 8.0 Mio DM (brutto) fest­ gesetzt. Der positive Grundsatzbeschluß des Landkreises steht unter dem Vorbehalt, daß bei der Verwirklichung des Schulbauvorha­ bens die Schülerzahlentwicklung in den kreiseigenen Schulen in Furtwangen für einen Neubau ausreicht. Neues Berufskolleg für Landwirtschaft­ lich-technische Assistenten An der Albert-Schweitzer-Schule in Vil­ lingen-Schwenningen wird ein zweijähriges Berufskolleg für Landwirtschaftlich-tech­ nische Assistenten eingerichtet. Dies hat der Kreistag am 9. 5.1988 mit großer Mehrheit beschlossen. Das neue Berufskolleg soll dazu befähigen, Interessenten aus dem gesamten Agrarbereich im ländlichen Raum mit Blick auf die wachsende Bedeutung des Umwelt­ schutzes eine neue berufliche Q!ialifikation zu ermöglichen. Da die notwendige Schüler­ zahl aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis nicht erreicht wird, soll sich der Einzugsbereich auf die engere Nachbarschaft und möglicher­ weise noch darüber hinaus erstrecken. Dem Schwarzwald-Baar-Kreis entstehen hierfür von mindestens Investitionskosten 100.000,-DM. Dauerthema: Abfallbeseitigung Trotz ausreichend vorhandener Deponie­ flächen muß es eine Aufgabe des Landkreises bleiben, neue Arten der Abfallbeseitigung zu prüfen und wenn sich diese als technisch aus­ gereift und wirtschaftlich vertretbar erwei­ sen, möglichst bald in die Praxis umzusetzen. Das Projekt „Müllvergärung“, an dem sich der Landkreis zusammen mit den Nachbar­ kreisen Rottweil und Tuttlingen sowie der Stadt Rottweil beteiligt hat, wird nicht mehr weiter verfolgt. In der Diskussion sind ther­ mische Verfahren, wie z.B. die Müllverbren­ nung, die nach der neuesten technischen Entwicklung als ausgereift gelten kann. Wenn es gelänge, durch diese oder eine andere Abfallbeseitigungstechnik den vor­ handenen Deponieraum zu schonen, wäre viel erreicht. Die wieder in Gang gekommene Diskussion sollte auch dazu benutzt werden, die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit mit den Nachbarkreisen zu prüfen. Für die „Turmgasse“ wurde ein Förder­ verein gegründet Der Schwarzwald-Baar-Kreis ist seit eini­ gen Jahren formeller Träger über die von der Firma Winkler KG. in der überbetrieblichen Ausbildungsstätte in der Turmgasse im Stadtbezirk Villingen durchgeführten Bil­ dungsmaßnahmen. Es hat sich als notwendig erwiesen, die Trägerschaft einem privaten Rechtsträger zu übertragen. Daher ist für die „ Turmgasse“ ein „ Verein zur Förderung der beruflichen Bildung im Schwarzwald-Baar­ Kreis e. V.“ gegründet worden. Die weiterhin anerkannten Lehrgänge werden auch in Zukunft eng mit dem Landkreis verbunden bleiben. Die Stelle eines Kreisarchivars wurde ein­ gerichtet Nach mehreren Anläufen hat der Kreistag im Zusammenhang mit der Verabschiedung des Haushalts 1988 die Einrichtung der Stelle für einen Kreisarchivar beschlossen. Seine Hauptaufgabe liegt darin, daß die archivier­ ten Akten des Landratsamtes und der Gemeinden, soweit sie über kein eigenes Archiv verfügen, gesammelt und ausgewertet werden. Mit dem neuen Mitarbeiter verbin-5

Die Haushaltslage bessert sich weiter det sich auch die Hoffnung, daß er bei Ver­ öffentlichungen, die in sein Fachgebiet fal-. Jen, sachkundige Unterstützung leistet. Schon im vergangenen Jahr konnten wir berichten, daß nach Jahren einer angespann­ ten Haushaltslage, die vor allem auf die Investitionen hohen im Schulbereich zurückzuführen sind, eine Besserung einge­ treten ist. Diese positive Entwicklung hat sich auch im Berichtsjahr fortgesetzt. Der Schuldenstand wird zu Ende des Jahres 1988 voraussichtlich rund 50 Mio DM betragen. Diese erfreuliche Tatsache darf uns jedoch nicht dazu verleiten, den Sparkurs aufzuge­ ben. Es stehen nicht nur neue Investitionen an, sondern der Landkreis bleibt auch im Freiwilligkeitsbereich finanziell gefordert. So wurde die Förderung für die Landwirtschaft im Jahre 1988 auf 380.000,-DM erhöht und es läßt sich absehen, daß der soziale Bereich nicht nur mit den gesetzlich vorgeschriebe­ nen Sozialhilfeleistungen, sondern auch darüber hinaus ein ständiger Gegenstand der Diskussion bleiben wird. Dr. Rainer Gutknecht, Landrat Am Warenbach Zeichnung Dr. Asifäll.er 6

Unsere Städten und Gemeinden, Wappen Gremmelsbach Gremmelsbach, ein Dorf im Schwarzwald – unberührte Schwarzwaldheimat, gesunde Natur, Urwüchsigkeit, Kraft, heile Welt, des­ halb Ziel von Tausenden von Erholungssu­ chenden aus den Industriegebieten, Wander­ paradies, Oase der Ruhe, Idylle. Läßt sich mit solchen Worten noch die Wirklichkeit von heute umschreiben? Ist dies das Bewußtsein der Einwohner von Gremmelsbach selbst? Oder verändern nicht auch die großen geistigen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen die Verhältnisse im entlegensten Tal und zwingen seine Bewohner, mit der Zeit Schritt zu halten, um nicht von ihr überrollt und abgeschrieben zu werden? Eine weitblickende Ortsverwaltung hat mit dem Beginn des wirtschaftlichen Auf­ schwungs alle Möglichkeiten der Verbesse­ rung der Infrastruktur wahrgenommen, aus­ zubauen, was sinnvoll und möglich, zu erhal­ ten, was erhaltenswert war. Ihre Sache war es, zielstrebig das Ortsstraßennetz zu vervoll­ kommnen, durch ein Neubaugebiet Woh­ nungsmöglichkeiten für junge Familien zu schaffen, für ausreichendes Trinkwasser zu sorgen, die Abwasserbeseitigung im Trennsy­ stem einzuführen, die Pflege und Verschöne­ rung des Ortskerns in die Hand zu nehmen – der Dorfbrunnen ist zu einem Schmuck­ stück geraten – die örtlichen Vereine zu för­ dern und was noch . . . Gegenwärtig ist ein Jahrhundertwerk im Werden: der Ausbau der Bundesstraße 33, auch ein Gehweg und eine ausreichende Beleuchtung werden hin­ zukommen, die Wasserversorgung soll mit reinem Qyellwasser gespeist werden. Die Einwohner ließen aber den Bürger­ meister und den Gemeinderat, später den Ortsvorsteher und den Ortschaftsrat nicht im Stich, der Aufwand der einzelnen Fami­ lien in der Instandhaltung der Häuser, der Anlage von Gärten, der Pflege von Blumen, in der freiwilligen Arbeit, die man kaum bemerkt, die Anstrengungen der Wald- und Ackerbauern, nicht zuletzt die der gastrono­ mischen Betriebe können auch einer kriti­ schen Beurteilung standhalten. Die Mühen wurden anerkannt. Beim Landeswettbewerb 1986/87 „Unser Dorf soll schöner werden“ erhielt Gremmelsbach eine Bronzemedaille. Am schönsten ist, über das Vereinswesen zu schreiben, das so nur in einer harmonisch gestimmten Gemeinde denkbar ist. Im größ­ ten, dem „Musikverein-Trachtenverein Gremmelsbach e.V.“ ist jeder zehnte Ein­ wohner Mitglied, die erstaunlich junge Kapelle musiziert auf bewundernswert hohem Niveau – ein Verein, der bei musikali­ schen Veranstaltungen fremder Orte auch einmal den Namen eines unbekannten Dor­ fes auf sympathische Weise in die weite Welt hinausträgt. Dasselbe tut auch der Radfahr­ verein „Bergradler“. Bei Feierlichkeiten und Waldfesten leisten sie einen wertvollen Bei­ trag zur Geselligkeit und zum kulturellen Leben im Dorf; ohne sie würde vieles fehlen. Mühelos, fast ungewollt übernehmen sie einen pädagogischen Auftrag, es fällt wohl­ tuend auf, wie unbefangen, diszipliniert und selbstsicher die Jugendlieben bei gesell­ schaftlichen Anlässen miteinander umgehen und vor ein Publikum treten. Drogen und Alkoholprobleme sind nicht bekannt gewor­ den. Im Dorf selbst bzw. in der Raumschaft wirken die „Freiwillige Feuerwehr“ als Teil der Gesamtwehr Triberg, der katholische Kir­ chenchor, der Narrenverein „Holzschueh­ klepferzunft“, eine Gymnastikgruppe von Frauen und seit einiger Zeit – dankbar ange­ nommen – ein Seniorenkreis, der sich regel­ mäßig trifft: zum geselligen Beisammensein, zum Singen und zu Ausflügen. – Ohne Übertreibung: das dörfliche Gemeinschafts- 7

Atteste Postkartenansicht von Gremmelsbach leben erreicht derzeit einen Höhepunkt wie seit Menschengedenken nicht. Probleme um die Arbeitslosigkeit, die Gei­ ßel anderer Regionen, gibt es im Augenblick, da dies geschrieben wird, nicht. 0 wollte es doch so bleiben! So kann man also in Gremmelsbach sorg­ los in die Zukunft blicken? Nicht der Nachdenkliche, der nicht, der Altes, Bewährtes mit Schmerzen untergehen und nichts Adäquates an seine Stelle treten sieht, auch das Neue nicht schon, weil es neu ist, für gut hält: die losere Einstellung zur ererbten heimatlichen Flur, „freiheitlichere“ Tendenzen, die Auflösung schönen Brauch­ tums, die wenn auch langsamer als anderswo schrumpfende Einwohnerzahl und, es sei zu sagen gewagt: auch das Abseitsstehen einzel­ ner, ihre selbstgewählte Isolation. Und noch ist nicht geredet von den täglich bedrängen­ der werdenden Problemen der Landwirt­ schaft. Was immer selbstverständlich war, ist es nicht mehr. Zu allen Zeiten waren die Erzeugnisse bäuerlichen Fleißes begehrt, weil knapp. Die Überproduktion mit dem Preis- 8 verfall in ihrem Gefolge schafft eine völlig neue Situation. Einst, nein, vor kurzer Zeit noch stolze, reiche Hofgüter ernähren ihre Besitzer nicht mehr. Was an Gewinn zu erwirtschaften ist, ist bestenfalls zum Neben­ erwerb geworden. Höfe, um deren Erbe sich früher Brüder verfeindeten, bereiten ihren Besitzern schlaflose Nächte: das bäuerliche Leben, die anstrengende und, denkt man an den Stall, auch über den Sonntag nie abrei­ ßende Arbeit ist nicht mehr attraktiv. Wo Arbeit wie im Heuet oder bei der Kartoffel­ ernte zugleich Geselligkeit war, wird Art und Tempo jetzt von Maschinen bestimmt. So müssen Landwirte heute in hohem Grade Techniker sein. Bauern in Gremmelsbach sind in Industrie, Handel und Gewerbe in der Umgebung beschäftigt. Man denke nicht, es bleibe trotzdem alles, wie es war. Mit dem Niedergang der Viehhal­ tung geht die größte Strukturveränderung seit seiner Rodung im Mittelalter über Grem­ melsbach hinweg. Mußten die“ Untertanen“ noch vor 300 Jahren davon abgehalten wer­ den, die letzten Reste des Waldes zu schlagen

und unter den Pflug zu nehmen, so ist heute die umgekehrte Entwicklung zu befürchten. Gremmelsbachs Wald, wie herrlich, wie erholsam. und notwendig – völlig unbestrit­ ten – er kann auch einengen, die Sonne abwehren, Gehöfte verdüstern und zu Gei­ stergewannen machen, Wege dem Gast unheimlich werden lassen und sie ihm verlei­ den. Einstmals lauschige Dobel verwildern, werden unzugänglich, dieweil die Technik des Mähens mit der Sense verlorengeht. – Diese Bemerkungen immer verstanden unter dem Vorbehalt, die Katastrophe des Wald­ sterbens bricht nicht in ihrer vollen Wucht über uns herein. Was dann wäre, weiß nie­ mand. Noch ist Gremmelsbach ein gern auf­ gesuchter Ort, im Sommer wie im Winter, wenn auch der Höhepunkt des Gästestroms vorüber ist. Die Zusammenarbeit mit der Kurverwaltung Triberg klappt. Gremmels­ bach möchte gern als „Erholungsdorf“ aner­ kannt werden, doch blieb es bisher beim Wünschen. Mag man auch der Zeit der alten Selbstän­ digkeit der Dörfer nachtrauern, die Weichen für die Zukunft sind auf Zusammenarbeit gestellt. Gremmelsbach entsendet zwei Ver­ treter in den Gemeinderat Triberg, nimmt durch sie Einfluß auf die Entscheidungen der Stadt, auch auf die ihres Ortsteils. Ein Glücksfall, daß seit der Eingemeindung (1974) Ortsvorsteher Hubert Fleig Mitglied des Gemeinderats Triberg ist. Auch auf kirch­ lichem Gebiet ist man zusammengerückt. Für den evangelischen Teil der Einwohner­ schaft Gremmelsbachs galt dies seit eh und je. Mit Franz JosefForner hat Gremmelsbach den letzten eigenen Pfarrer verloren, es wurde von Nußbach betreut, heute von Tri­ berg. Wo die Arbeit auf fünf Geistliche ver­ teilt war, nimmt man die Franziskaner-Patres im Kloster Nußbach hinzu, auf noch mehr, ist sie jetzt von zwei Priestern zu bewältigen – auch dies hat spürbare Folgen. Die tägliche Messe am Morgen, die Frühmesse am Sonn­ tag gibt es nicht mehr. Welches Schicksal Gremmelsbach zuge­ teilt ist, wer weiß es? Die Geschichte wie das Leben des einzelnen kennt Abbrüche, Siech­ tum, Aufschwünge, sie birgt auch für ein Dorf ungeahnte Möglichkeiten, wir hoffen – zum Guten. Karl Volk Das Wappen von Gremmelsbach Wappen: Im Wellenschnitt geteilt von Sz1ber und Blau, oben der schwarze Großbuchstabe G, unten ein linkshinschwimmender silberner Fisch. Die untere Hälfte des Wappens ist „redend“ für Bach, während das G einfach den Anfangsbuchstaben des Ortsnamens darstellt. Dieses Wappenbild ist bereits auf einem Siegel aus den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts mit der Umschrift VOGTEY (:jj:) GREMMELSBACH (:jj:) zu sehen. Vor dem Übergang der vorderösterrei­ chischen Herrschaft Triberg 1806 an das neue Großherzogtum Baden führten deren Land­ gemeinden keine Siegel; und auch nach die­ sem Zeitpunkt ließen die Gremmelsbacher G zunächst ihre Urkunden weiter von der Stadt Triberg siegeln. Alle weiteren Siegel und Farbdruckstem­ pel des 19. Jahrhunderts zeigten das gleiche Wappenbild. Farben dafür wurden allerdings erst im Zuge der Wappenbereinigung der Badischen Historischen Kommission auf Antrag der Gemeinde im Jahre 1900 vom 9

Großherzoglich Badischen Generallandesar­ chiv Karlsruhe vorgeschlagen. Der Gemein­ derat nahm diesen Vorschlag im November 1900 an. Leider hatte man den unheraldi­ schen Buchstaben und den nach heraldisch links schwimmenden Fisch übernommen und die Farben dafür ziemlich willkürlich gewählt. Ihnen kommt also keine besondere Bedeutung zu. – Im Laufe der Jahre ver­ flachte die Wellenteilung zu einer glatten Trennungslinie; erst Anfang der Sechziger­ jahre, anläßlich der Vorbereitungen zum Wappenbuch des alten Landkreises Villin- gen, stellte man die korrekte Darstellung wie­ der her. Als amtliches Zeichen ist das Wappen mit der Eingemeindung in die Stadt Triberg am 1. Oktober 1974 erloschen. Prof. Klaus Schnibbe QJ,ellen und Literatur: Generallandesarchiv Karlsruhe, Wappenakten Bez. Triberg und Vil­ lingen. – GLA Wappenkartei Schwarzwald­ Baar-Kreis. – GLA Siegelkartei Schwarzw.­ Baar-Kreis. – H. G. Zier: Wappenbuch des Landkreises Villingen, Stuttgart 1965. Pfaffenweiler – eigenständiger Teilort der Kreisstadt Schon Pfaffenweilers Name enthält eigentlich ein Stück seiner Ortsgeschichte, zeigt er doch, daß vor Jahrhunderten Ort und Gemarkung klösterlicher Besitz gewesen sind. Der Zisterziensermönch im Wappen Pfaffenweilers erinnert daran, daß vor 780 Jahren das damalige Gut Runstal an das Zisterzienserkloster Salem verkauft worden war. Darüber ist eine urkundliche Bestäti­ gung durch König Philipp aus dem Jahre 1208 vorhanden. Um die Erschließung des oberen Brigach­ tales hatten sich zumindest schon im Jahr­ hundert davor die Mönche des Klosters St. Georgen gemüht. Zu Beginn des dreizehnten Jahrhunderts bestand das Lebensgut Runstal. Es gilt als Keimzelle des heutigen Pfaffenweiler. Die Besitzer nannten sich „Herren von Runstal“, und um das Gut herum entstand das, was man siedlungsgeschichtlich einen Weiler nennt, ein paar Baulichkeiten, die nahe beim Gut, nahe beieinander lagen. Nachdem Gut und Weiler unter klöster­ liche Verwaltung gestellt waren, nahmen beide einen spür- und sichtbaren Auf­ schwung, die Ansiedlung wuchs und zur Unterscheidung vom nahegelegenen Weiler der Herzöge von Zähringen entstand neben Herzogenweiler nun die Bezeichnung Pfaf- 10 Der Turm der Dreifaltigkeitskirche in Jfaffen­ weiler fenweiler. Der Name Runstal ging fast unter und ist heute nur noch als Straßenname erhalten. Nach dem Verkauf von Pfaffenweiler an die Stadt Villingen um 1300 kam es 1326 zu Vorderösterreich, und so gab es zwischen den heute so nahen und in einem großen Gemeinwesen vereinten Nachbarorten Her-

zogenweiler und Tannheim einerseits und Pfaffenweiler andererseits eine Landesgrenze bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts, als alle im neugebildeten Großherzogtum Baden zusammen kamen. Während im Bauernkrieg die Bauern aus dem Brigachtal in Oswald Meder aus Riet­ heim einen Anführer fanden, der sie gegen Villingen führen wollte, blieben die Pfaffen­ weilerer treu villingerisch, und zu den Ver­ sammlungen der Brigachtäler ging kein ein­ ziger aus Pfaffenweiler. Das führte zu Aus­ einandersetzungen zwischen den benach­ barten Ortschaften. Die Tannheimer fielen in Pfaffenweiler ein und trieben das Vieh aus den Ställen gen Bräunlingen. Dafür nahmen die Villinger an den T annheimern Rache und verschonten nur das Tannheim er Kloster vor dem Brennen und Rauhen. Auch bei der Verteidigung Villingens gegen die Belagerung durch die Schweden während des Dreißigjährigen Krieges halfen die Männer aus Pfaffenweiler. Die schlim­ men Begleiterscheinungen dieses Krieges in Gestalt marodierender umherziehender Sol­ dateska in den umliegenden Orten konnten sie aber nicht mildem. Ähnlich ging es 1744, als die Franzosen in Villingen einzogen und die Bevölkerung durch Einquartierung, Geldforderungen und Requirieren schwer belasteten. Streiflichter auf eine wenig gesi­ cherte Ortsgeschichte sind dies alles. Einer, der mit der Landesgeschichte und insbeson­ dere der historischen Forschung auf der Baar befaßt ist, hat einmal zu ortsgeschichtlichen Exkursen, wie man sie über Pfaffenweiler da und dort lesen könne, gesagt, da habe immer wieder einer vom anderen abgeschrieben. Viel anderes ist auch dem Autor dieser ‚.Zeilen nicht übrig geblieben. Die Archive geben nicht viel her. Niemand hat wohl auch bisher ‚.Zeit und Lust gehabt da zu suchen, wo viel­ leicht mehr gefunden werden könnte. Die jüngere Vergangenheit ist natürlich zuverlässiger zu beschreiben. Vor gut 200 Jahren soll Pfaffenweiler 177 Einwohner gehabt haben. 1832 wurde, so ist überliefert, der erste Bürgermeister in Pfaffenweiler gewählt. 1924 wurden die Häringshöfe und die Spitalhöfe der Gemarkung Pfaffenweiler zugeschlagen. Auf 930 Einwohner war die Gemeinde im Jahre 1968 angewachsen. Mit der Bebauung und dem entsprechenden Zuzug auf das nach vielem Hin und Her erschlossene Baugebiet „Auf der Eck“ wird sich die Einwohnerzahl wohl etwa bei 2000 einpendeln. Mit dem Zusammenschluß der Städte Vil­ lingen und Schwenningen im Jahre 1972 tra­ ten im Zuge der Gemeindereform der neuge­ bildeten Doppelstadt auch eine Reihe der Umlandgemeinden bei. So wurde auch die bis dahin selbständige Gemeinde Ffaffenwei­ ler Teilort von Villingen-Schwenningen. Dem letzten Bürgermeister Pfaffenweilers, Eugen Müller, folgte als erster „Ortsvorste­ her“ der hochangesehene Richard Abeln, der dieses Amt zwölf Jahre innehatte und sich in dieser ‚.Zeit um die Entwicklung Pfaffenwei­ lers große Verdienste erworben hat. Mit sei­ nem Namen verbunden ist die konsequente Förderung des Vereinslebens und der Bau der Freizeitanlage, die von vielen Bürgern der gemeinsamen Stadt und auch der umliegen­ den Gemeinden immer wieder gerne auf­ gesucht wird. Um den alten Ortskern Pfaffenweilers herum wurden im Lauf der beiden letzten Jahrzehnte im „Sonnenbühl“, im „ Tann­ hörnle“ und jetzt „Auf der Eck“ neue Bauge­ biete erschlossen und bebaut, in denen sich zahlreiche Neubürger ansiedelten. Pfaffen­ weiler wurde zu einem der bevorzugten Wohngebiete der gem·einsamen Stadt, wobei zum Glück die leider üblich gewordenen Zutaten von „ Trabantensiedlungen“ wie Hochhäuser und andere Scheußlichkeiten vermieden werden konnten. So wurde für Pfaffenweiler das Bild einer „urbanen Dörf­ lichkeit“ kennzeichnend, in der die Men­ schen sich wohl fühlen und die allsonntäg­ lich auch viele Spaziergänger anlockt. Sehr allmählich nur entstehen Kontakte zwischen Alteingesessenen und Neubürgern. Im Ortschaftsrat sind beide vertreten. In den Vereinen, dem Gesangverein von 1924, dem 11

Fußballclub, der Trachtenkapelle, bei den Wolfbach-Rolli, im Judo-Sport-Club 74 und im jüngsten Verein, dem Tennisclub begeg­ nen sie sich zunehmend nach dem Motto „Die Zeit wird’s bringen“. Auch da gilt der Spruch „Gut Ding will Weile haben“. Die wachsende Einwohnerzahl brachte natürlich ebenso wachsende Ansprüche an die Infrastruktur. Die Erweiterung der Schule um Fach-und Klassenräume war längst über­ fällig und 1983 endlich vollendet. Die Sanie­ rung der Sportanlagen hat zwar begonnen, stockt aber wegen sich abzeichnender städti­ scher Etat-Engpässe zum Kummer der Ver­ eine. Die große Turn-und Festhalle wie auch der schöne und moderne Kindergarten waren bei der Eingliederung in die Stadt ver­ einbarte und auch pünktlich erbrachte Lei­ stungen des größeren Gemeinwesens für den Teilort. Doch die Vereine drängen auf den Anbau eines Stuhl-und Gerätelagers an die Halle. Spitalhof bei Pfa.ffenweiler Große Sorge bereitet seit Jahren dem Abeln-Nachfolger, Ortsvorsteher Roland Kayßer und seinen Rätinnen und Räten die Verkehrspolitik Die Anbindung an die Stadt durch die vom örtlichen Unternehmer betriebene Linie ist dürftig. Dem Unterneh­ mer kann das wohl nicht zur Last gelegt wer­ den, doch ohne eigenes Auto ist man schlecht dran. Größeren Ärger bereitet aber das Problem der Kreisstraße, die man von Herzogenweiler her ��me um Pfaffenweiler herumgeführt sähe. Uber alle Parteiabgren­ zungen hinweg ist sich der Ortschaftsrat einig in der Ablehnung des bestehenden Pla­ nes, einfach die Ortsdurchfahrt auszubauen, stieß damit aber bei allen zuständigen Stel­ len, auch beim Gemeinderat der gemeinsa­ men Stadt, auf taube Ohren. Schon vor der Eingliederung Pfaffenwei­ lers in die Stadt Villingen-Schwenningen hatte die Firma Trenkle GmbH den Namen der Gemeinde überregional bekannt ge- 12

macht. Der Hersteller kommunaler Spezial­ fahrzeuge, heute Teilbetrieb der Gutmadin­ ger Landmaschinenfirma Kramer, hatte sich aus der von Lothar Trenkles Vater übernom­ menen Schmiede entwickelt und besonders im landwirtschaftlichen Bereich durch bedarfsgerechte Entwicklungen und Kon­ struktionen bei den bäuerlichen Abnehmern Ansehen verschafft. In mehr als zwanzig Jahren hat sich auch die Firma Raimund Andris auf dem Gebiet des Werkzeugbaus und des Kunststoffspritz­ guß Renomme erworben und ein zeitweise stürmisches Wachstum erlebt. Auch zur ‚.Zeit wird eine räumliche Ausdehnung der Fir­ menanlage angestrebt. Ähnliches ist von der ebenfalls im Bereich der Kunststoffverarbei­ tung tätigen Firma von Hans-Peter Sigwart zu berichten. Für die Medizintechnik, Unter­ haltungselektronik, Uhrenindustrie und Büromaschinenhersteller ist die Firma ein angesehener Zulieferer. Aus dem Einmann­ betrieb der sechziger Jahre wurde jetzt einer mit eigenem Konstruktionsbüro und mehr als 25köpfiger Belegschaft. Neben den Geschäften für den täglichen Bedarf an Lebensmitteln, findet sich ein Friseurge­ schäft, Baugeschäfte, ein namhafter Raum­ ausstatter, zwei Omnibusunternehmen, Filialen der Sparkasse und der Spar-und Kre­ ditbank, ein Sägewerk, mehrere Gaststätten, ein Hersteller von Präzisionsdrehteilen und einer von Instrumenten für die Chirurgie und die Augenheilkunde. Ab 1207 läßt sich Besitz des Klosters Salem (Salmansweiler) in Ph a phi n w i 11 er nachweisen, früherer Besitz des Klosters Rei­ chenau wird vermutet. Doch bereits 1259 gelangte der Ort durch Kauf an die Stadt Vil­ lingen, bei der er verblieb bis zum Übergang 1805 an Baden. Eigene Siegel wurden bis dahin nicht gebraucht. Danach führte man zunächst ein Siegel mit dem damaligen groß- Das Wappen von Pfaffenweiler Ist somit in Pfaffenweiler für das leibliche Wohl im weitesten Sinne gesorgt -die mei­ sten Erwerbstätigen sind allerdings Auspend­ ler -so kommt das seelische Wohl und die Pflege der Kranken auch nicht zu kurz. Die Sozialstation unter Leitung von Schwester Klara Bauer ist in den mehr als zehn Jahren ihres Bestehens und Wirkens zum unver­ zichtbaren Bestandteil des Gemeindelebens im Teilort geworden. Einer der Höhepunkte der jüngeren Ortsgeschichte war die Einwei­ hung der Pfarrkirche „Zur heiligen Dreifaltig­ keit“ im Jahre 1967. Der Neubau löste die aus dem Jahr 1720 stammende Kirche ab. Unter dem Namen des Schutzpatrons St. Peter wird schon um 1200 eine frühe Kirche in Pfaffen­ weiler genannt. Von der Pfarrei Pfaffenweiler werden die Filialgemeinden Tannheim und Herzogenweiler mit betrreut. Neben enga­ gierter Jugend-und Seniorenarbeit empfängt das Katholische Bildungswerk von der Pfarr­ gemeinde her seine Impulse. Zu Gast in der katholischen Kirche ist regelmäßig die im benachbarten Marbach ansässige evange­ lische Matthäusgemeinde mit ihren Gottes­ diensten. Man sieht, die Pfaffenweilerer kommen im Prinzip gut miteinander aus und sind im wesentlichen und in jeder Hinsicht zufrie­ denstellend versorgt. Das ist wohl mit ein Grund dafür, daß seit Jahr und Tag mehr Zu­ als Wegzüge zu verzeichnen sind. Herbert Gravenstein herzoglich Staatswappen, begnügte sich jedoch später mit den von Laubzweigen umgebenen Anfangsbuchsta­ ben P W oder PF W. in Siegel und Farbstem­ peln. Als 1891 die Badische Historische Kom­ mission mit der Gemeindewappenbereini­ gung und -neuschöpfung begann, beantragte Pfaffenweiler als eine der ersten Gemeinden 13 badischen

Wappen: In Blau ein stehender Zisterzienser­ mönch mit silbernem Gewand und schwarzem Skapulier, die rechte Hand ausgestreckt, in der Linken ein rotes Buch haltend, links oben begleitet von einem goldenen Schild, darin ein zweireihig rot-silber geschachter Schrägbalken. pen des heiligen Bernhard von Clairvaux), doch hatte das GLA 1895 der Gemeinde Salem dieses Wappen mitgoldenem Feld vor­ geschlagen, das auch angenommen und bis 1972 geführt wurde. In den Dreißigerjahren sah der Mönch in den Stempeln mehr nach einem Jesuiten aus, doch stellte man diesen Fehler 1951 wieder richtig. Und so wurde das Wappen dann geführt bis zur Eingemeindung am l. April 1972 in die neugebildete Stadt Villingen­ Schwenningen (-die selbst übrigens bis heute kein amtliches Wappen führt!). Prof. Klaus Schnibbe Quellen und Literatur: Generallandesarchiv Karlsruhe, Wappenakten Bez. Villingen. – GLA Wappenkartei GLA Siegelkartei Schwarzw.-Baar-Kreis. – j. Siebmachers Wappenbuch I. Band, 5. Abthei­ lung, II. Reihe: Klöster Nürnberg 1882 (Nach­ druck Band 8, Neustadt a. d. Aisch 1976). – H. G. Zier: Wappenbuch des Landkreises Villingen, Stuttgart 1965. – G. Hoffmann: Wappenkunde des Bodenseekreises, in: Leben am See, 2. Jahr­ buch, Friedrichshafen 1984 (Salem). Schwarzwald-Baar-Kreis. haben mögen. Der auf romanisch-gotischem Gemäuer fußende, wehrhafte Turm der Kirche St. Genesius zählte alle ungeschriebe­ nen Strophen, die sich mit den wechselvollen Zeitläufen mehrten, ihre Zeichen mit Häu­ sern, Wiesen, Äckern, Wegen, Menschen 1895 ein eigenes Wappen und bekam vom Generallandesarchiv das obige Wappen vor­ geschlagen mit der Erläuterung: Die Orte Her­ zogenweiler und Pfa.ffenweiler bildeten bis zum 13. Jahrhundert eine gemeinsame Mark, die Wiler hief1. Bei der Trennung erhielt Herzogen­ weiler seinen Namen, weil es dem Herzog von Zähringen gehörte, wogegen der andere Theil der Gemarkung, der dem Cistercienser-Kloster Salem gehörte, zur Unterscheidung Pfa.ffenweiler genannt wurde. v. Weech. Der Gemeinderat von Pfaffenweiler erklärte sich noch 1895 einverstanden und erhielt das Wappen ins Dienstsiegel graviert. Auch ein eigener Stempel für den Stabhalter der „abgesonderten Gemarkung“ Härings­ höfe (erst 1924 mit Pfaffenweiler vereinigt) wurde beschafft, der das gleiche Wappen ent­ hielt. So erklärt sich also der Mönch aus der Geschichte des Orts und das Schildchen soll an das Kloster Salem erinnern. -Zwar führ­ ten die deutschen Zisterzienserklöster alle das gleiche Wappen: In Schwarz ein silber-rot geschachter Schrägbalken (das angebliche Wap- das hohe Lied vom einfachen Leben in der Baar Wie in einem Volkslied besungen liegt Riedböhringen inmitten seiner Wiesen­ hänge und Waldberge: Höhenlandschaft der Baar. Viele Strophen hat dieses Lebenslied, dessen erste noch die Straße aus der Römer­ zeit und das über sie ziehende Volk erzählt 14 Riedböhringen –

Die Urkunde vom 15. September 13 67 ist von geschichtlichem Wert: Bischef Heinrich zu Konstanz und Abt Eberhard zu Reichenau erkennen für den Johann von Blumberg an, daß der große und kleine Zehenden zu „Böhringen“ (Riedböhringen} in der Baar den Canonicis und dem Kapitel zu Schienen zugehöre. Dieser Zehenden wurde deshalb der“ Chorherren-Zehenden „genannt. (Links das Siegel des Konstanzer Bischofs Heinrich, rechts das des Reichenauer Abtes Eberhard.) Größe der Originalurkunde: Höhe 23 cm, Breite 33 cm. Aufnahme nach dem Original im Fürstlich Fürstenbergischen Archiv in Donaueschingen. Georg Goerlipp 15

und Namen setzten: Aus erster Urkunde sich fortsetzende Berichte über ein wachsendes Gemeinwesen. Ein kleines, romanisches Kru­ zifix aus der Mitte des 12. Jahrhunderts und schon von Wallfahrern in der nach ihm benannten Heiligkreuzkapelle auf dem Eich­ berg verehrt, scheint, will man bei dieser gläu­ bigen Strophe des Liedes nachdenklich ver­ weilen, eine bedeutungsvolle Verbindung zu Riedböhringens berühmtestem Sohn Augu­ stin Kurien-Kardinal Bea herzustellen, der 1968 seine letzte Ruhestätte in der Heimat­ kirche St. Genesius fand: Opfertragendes und menschlich getragenes Kreuz. Diese sakrosankte und geisteswissenschaftliche Verknüpfung über Entwicklungsjahrhun­ derte hinweg ist eher ein legendär einge­ brachtes als beurkundetes Leitmotiv, sowe­ nig wie die Ortsgeschichte des frühen und hohen Mittelalters bislang mittels schriftli­ cher 7.eugnisse beweisfest offengelegt wer­ den konnte. So mag der 7.eitraffer, schon aus Platzgründen, nur an einigen wesentlichen Konzentrationen das Umfassendere ge­ schichtlicher Bewegungsabläufe andeuten. Der Geburtsort des Kardinals, der sich so vorbildlich und zukunftsweisend für die „Einheit der Christen“ einsetzte, wird urkundlich erstmals 1262 als „Behringen“ erwähnt. Frühere Beweise einer Besiedlung sind die Funde vom Bürglebuck: Tonscher­ ben der Bandkeramiker aus der jüngeren Steinzeit oder eine Lanze der Hügelgräber­ Bronzezeit. Man nimmt an, daß dort ab dem 5.vorchristlichen Jahrhundert ein keltischer Bauernhof gestanden und später ein aleman­ nischer Familienverband des Namensgebers Bero gesiedelt hat. Andere Funde, zum Bei­ spiel von Hadrian-Münzen, weisen auf die Römer hin, die im 3. Jahrhundert n. Chr. von den Alemannen vertrieben wurden, auf die der Name der Siedlung mit seiner typischen Endung zurückzuführen ist. An der Straße gelegen, die vom Hochrhein nördlich in die Baar führte, war der Ort als Lehen des Klosters Reichenau, das dort einen Kelnhof mit fünf zugeordneten Hofstellen unterhielt, im Besitz der „Herren von Behringen“. Pfar- 16 Romanisches Bronzekruzifix rei ist er, der vordem zur Urpfarrei Aselfingen gehört hatte, schon 1275. Im Jahr 1386 hatte das Kloster Reichenau das Patronat über die Kirche inne. 1392 ging das Dorf, über das schon 1313 ein fürstenbergischer Graf eigen­ mächtig verfügt hatte, in den Besitz des Gra­ fen Friedrich von Fürstenberg über. Interes­ sant ist, daß 531 Jahre vor der Eingemein­ dung nach Blumberg auch die damaligen „Herren von Bluomberg“ Rechte auf Dorf und Kelnhof „Riethberingen“ geltend mach­ ten. Denn 1441 kam es zwischen ihnen und den Fürstenbergern zu einem Vergleich: Ein Schiedsgerichtsspruch führte zum Verzicht der Blumberger auf das Dorf. Dafür zahlten die Grafen ihnen eine jährliche Rente mit der Sicherheit des Kelnhofes als Unterpfand. Später, nach der Mediatisierung des Fürsten­ tums im Jahre 1806, wurde das Dorf im Groß­ . herzogtum Baden bis 1824 noch einmal dem Amt Blumberg unterstellt. Riedböhringens markanter Kirchturm mit seinen erkennbaren Schießscharten scheint in Kriegszeiten als wehrhafter Zufluchtsort gedient zu haben und schon älter zu sein, als die erhaltene Jahreszahl 1498 über dem Grufteingang vermuten läßt. Die Kirche St. Genesius wurde später erbaut, im Jahre 1910 vergrößert und 1980/81 in der

Innenausstattung zum 100. Geburtstag des Kardinals Bea würdig restauriert. Im Jahre 1564 wird eine Wallfahrt zur Kreuzkapelle auf der Eichbergmitte zum ersten Mal erwähnt. Hier kommen wir auf das verehrte romanische Bronzekruzifix zurück: 1864 wurde die Kapelle abgebrochen und die Kreuzwallfahrt in die neuerbaute Gottesak­ kerkapelle St. Nikolai verlegt. Im Dreißigjäh­ rigen Krieg gab es 1632 einen schwarzen Oktober für die Bewohner des Dorfes, denn 28 Bauern wurden bei dem Versuch getötet, sich in den Mauern von Hüfingen vor den Verbündeten der Schweden in Sicherheit zu bringen. Auch der Spanische und der Öster­ reichische Erbfolgekrieg forderten bei den verheerenden Durchzügen der Franzosen ihren Blutzoll. Das wiederholte sich im Ersten Weltkrieg; im Zweiten Weltkrieg ver­ schonten die Franzosen den Ort. Im 20. Jahrhundert waren es zwei Ried­ böhringer, die sich weit über den Bereich ihres dörflichen Herkommens hinaus einen Namen machten: Franz Xaver Honold, 1881 geboren, der 1926 seine Anwaltspraxis in Karlsruhe aufgab, um der Berufung zum Badischen Gesandten und Reichsbevoll­ mächtigten nach Berlin zu folgen (bis 1931, vgl. Almanach 85, Seite 82 -85) sowie der im selben Jahr geborene Augustin Bea, der es als Geistlicher bis zum Beichtvater des Papstes Pius XII. brachte. Dessen Nachfolger Johan­ nes XXIII. erhob den umfassend gebildeten, geistlichen Wissenschaftler von hohen Gra­ den in den Rang eines Kurienkardinals, als der er 87jährig am 16. November 1968 in Rom starb (vgl. Almanach 82, Seite 14 -26). Auf seinen Wunsch wurde er in der Familien­ gruft seiner heimatlichen Pfarrkirche beige­ setzt. Das Kardinal-Bea-Museum (vgl. Alma­ nach 79, Seite 87 -90) betreut die vielfältigen Erinnerungen an diesen fortschrittlichen Denker im christlich-ökumenischen Sinne. So besitzt Riedböhringen einen würdigen Ort des Dankes, der Besinnung und der Erin­ nerung an einen Geist, der großartig konzi­ pierte Brücken zu den Menschen und Kir­ chen in aller Welt schlug und nun in der bäuerlich geprägten Landschaft seines Auf­ bruchs ausruht. Wie ein Dirigent versammelt der Turm von St. Genesius den Chor der Häuser um sich und läßt ihn die weiteren Strophen von der sich vergrößernden Dorfgemeinschaft anstimmen, die vom pulsierenden Fluchtge­ räusch der Durchgangsstraße begleitet wer­ den. Nachdem die neue Trasse der Bundes­ straße 27 den Ort seit einigen Jahren auf der Höhe umgeht, ist es abseits von ihr ruhi­ ger geworden. Riedböhringen kehrte zu sei­ nem Vorteil in das weitgehend sanierte und zeitgemäß aufgeschlossene Idyll zurück. Eben wie es Bürgern und rastsuchenden Fremden volksliedhaft auf den Lippen liegt und das heutzutage häufig als antiquiert belächelte Herz mitsprechen läßt. Einen klei­ nen „Herzinfarkt“ verursachte am 1. April 1972 die Eingemeindung als Stadtteil von Blumberg, die der Eichbergstadt 850 Ein­ wohner, eine Gesamtgemarkung von 1350 Hektar, davon 360 Hektar Wald, aber auch die-Verpflichtung zur Fertigstellung der schon in Bau befindlichen Mehrzweckhalle, örtlicher Sanierungen und zeitgemäßer Ver­ besserungen im Sinne der Lebensqualität einbrachte. Die verlorene Selbständigkeit des in seinem Rahmen funktionierenden Ge­ meinwesens galt lange Zeit als Wunde, die ihre Pflaster brauchte, um allmählich zu hei­ len. Viel dazu beigetragen hat, nachdem die Probleme der Nachkriegszeit für neun Jahre von Josef Weber mutig angepackt worden waren, Riedböhringens Bürgermeister und nachmaliger Ortsvorsteher Martin Buri, der ab 1957 dreißig Jahre umsichtig und tatkräf­ tig zum Wohle seiner Heimatgemeinde wirkte. War die bekannte Achsenfabrik Ueberle GmbH & Co. KG schon Anfang der 50er Jahre in einer vielversprechenden Ent­ wicklung, so gab es parallel zu ihr die vielfälti­ gen Aufgaben und Erfüllungserwartungen in kommunalen, sozialen und kulturellen Bereichen. Dazu zählten unter anderem eine gesicherte Wasserversorgung sowie zahl­ reiche gemeinnützige Einrichtungen: Wege­ und Straßenbau, die Realisierung von 17

Bebauungsplänen, . das Schlachthaus mit Tiefgefrieranlage, der Bau von Schul- und Lehrerwohnhaus, Kindergarten, Friedhofs­ kapelle, Neugestaltung der Kirche und des Friedhofes. Eine durch die verkehrsberuhi­ gende Umgehungsstraße notwendig gewor­ dene, erfolgreiche Flurbereinigung erfolgte ebenso wie eine Erneuerung des Dorfes durch die Bodenordnung im Ortsbereich, Stärkung der Infrastruktur, Landschafts­ schutzpflege mit allen ökologischen Voraus­ setzungen, Flachwasserteiche in den Gewan­ nen Forst, Wengenwies und Unter Kriele, Grünanlagen und Sportplätze. Ein ganzer Katalog, der zum Teil noch selbständig, dann aber mit Hilfe der Stadt Blumberg verwirk- licht wurde und weiter abgerundet wird. Ein reges Vereinsleben hat sich in der Dorfgemeinschaft entwickelt und trägt zu einem guten Zusammenwirken bei. Über eine nachweisbare Zeitspanne von 727 Jahren, von der Mitte des 13. bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, klingt das Lied vom einfachen Leben in der Baar. Noch unartikuliert entstand es schon über tausend Jahre vorher, so daß zuweilen ausgegrabene Ton-Scherben ihre doppelte Auslegung erfahren dürfen. Es sind frische Kinderstim­ men, die dem alten Lied neue Strophen von einer hoffentlich friedlichen Zukunft sichern werden. Jürgen Henckell Das Wappen von Riedböhringen ursprünglich ein Pelzwerk aus dem Fell des grauen Eichhörnchens (Winterfell von Sciu­ rus vulgaris fuscoater), wo bei abwechselnd die blaugrauen Rückenteile mit den weißen Bauchteilen zusammengenäht waren; in der Heraldik schon im Mittelalter stark stilisiert dargestellt. Erst nach dem Übergang des Fürstentums Fürstenberg an das Großherzogtum Baden 1806 konnte die Gemeinde ein eigenes Siegel führen. Dieses zeigte anfänglich ein Allianz­ wappen Baden-Fürstenberg. Um die Mitte des 19.Jahrhunderts tauchte ein Stempel auf, der in einem gekrönten Wappenschild ledig­ lich die Buchstaben R B aufwies, später wurde nur noch ein einfacher Schriftstempel ohne Wappen verwendet. 1891 begann die Badische Historische Kommission allen badischen Gemeinden zu einem Wappen zu verhelfen und im Jahre 1900 bat auch die Gemeinde Riedböhringen um ein eigenes Wappen. Das Großherzog­ lich Badische Generallandesarchiv in Karls­ ruhe schlug 1903 das obige Wappen vor, das vom Gemeinderat angenommen wurde. Durch die Eingemeindung in die Stadt Wappen: Von silber-blauem Wolkenfeh-Schild­ rand umgeben in Gold ein roter Seelöwe mit sil­ bernem Schwanz. Das Wappen ähnelt dem fürstenbergi­ schen, nur ist der Zähringeradler hier durch einen heraldischen „Seelöwen“ ersetzt. Der setzt sich aus der Oberhälfte eines Löwen und einem Fischschwanz zusammen. Solch ein „Seelöwe“ stand im Wappen der Familie Beringer (oder von Böhringen), die im 14.Jahr­ hundert hier Lebensträger des Klosters Rei­ chenau war. Im Jahre 1441 bereits gehörte der Ort zum fürstenbergischen Besitz. Darauf soll das fürstenbergische „Wolkenfeh“ im Gemeindewappen hinweisen. -Feh bedeutet 18

Blumberg am 1. April 1972 ist das schöne Wappen als amtliches Zeichen erloschen. Prof. Klaus Schnibbe Q}l.ellen und Literatur: Generall.andesarchiv Karlsruhe, Wappenakten Bez. Donaueschingen. – GLA Wappenkartei Schwarzwald-Baar­ Kreis. – GLA Siegelkartei Schwarzwald-Baar- Kreis. – F. K. Fürst zu Hohenlohe-Waldenburg: Zur Geschichte des Fürstenbergischen Wappens, Kupferzell 1860. -]. Kindler v. Knobloch: Ober­ badisches Geschlechterbuch, Band 1, Heidelberg 1898 (Beringer). – K. Schnibbe: Gemeindewap­ pen im ehemaligen Landkreis Donaueschingen; in: Schriften d. Vereins für Gesch. u. Naturgesch. d. Baar, Bd. 33, Donaueschingen 1980. Das Wappen der Stadt Bad Dürrheim Wappen: Durch einen goldenen Stab gespalten von Rot und Blau, vorn ein silbernes Johanniterkreuz, � im rha ff’R.ied:rigten silbernen Wellen/eisten ein achtstrahliger silberner Stern. Dürrheim, damals noch ein kleiner land­ wirtschaftlicher Ort, kam mit Villingen nach dem Preßburger Friedensvertrag im Jahre 1806 an das neugeschaffene Großherzogtum Baden. Das Vollmachtsprotokoll von 1811, das die Einwohner von Dürrheim anläßlich der Erb­ huldigung für den neuen Großherzog Karl ausstellten, trägt das älteste Gemeindesiegel: Es ist oval mit der Umschrift VOGTEI/ DIRRHEIM und zeigt das damalige kleine badische Staatswappen: Schräglinksgeteilt von Purpur und Rot, oben ein goldener Schrägbalken, unten ein linksgewendeter goldener Löwe ( der irr­ tümlich so genannte „Zähringerlöwe“). – Ab 1819 durften nach einem Erlaß des Innenmi­ nisteriums solche Siegel mit dem badischen Wappen nicht mehr verwendet werden. Entdeckung und Erschließung der Salz­ vorkommen nach den napoleonischen Krie­ gen, legten den Grund für die Entwick­ lung zur heutigen Kurstadt. – Die Salzlager waren für das Großherzogtum Baden so wichtig, daß Großherzog Ludwig 1822 „aller­ höchst geruhten“ der Gemeinde fürderhin zu gestatten, den Namen „Ludwigshall“ füh­ ren zu dürfen. – Doch blieb man beim Namen Dürrheim. Erst von 1837 ist uns wieder der Abdruck eines Siegels bekannt. Dieses zeigte inner­ halb der Umschrift BÜRGERMEISTER­ AMT DÜRRHEIM im runden Siegelfeld 19 Das Johanniterkreuz im Wappen weist auf die von 1280 bis 1805, also mehr als fünf­ hundert Jahre währende Herrschaft der Kommende Villingen des Johanniterordens über diesen Ort hin. Stern und Wellen sollen Klima und Sole als Heilfaktoren des Heilba­ des symbolisieren, während der goldene Stab als Bohrloch gedeutet werden kann. Die jüngste Stadt unseres Kreises hat kein sehr altes Wappen. – Zwar gab die Johanni­ terkommende ihrem Vogt in Dürrheim bereits gegen Ende des 18.Jahrhunderts ein Siegel, das jedoch kein Wappen oder Ortszei­ chen aufwies, sondern wie bei den andern drei komturischen Dörfern in einem runden Per­ lenkranz das Johanniterkreuz zeigte, in der Mitte belegt mit einem Schildchen, das die Buchstaben C: V: (d.h. Commende Villin­ gen) enthielt; die Umschrift lautete (vor dem Text)* SIG : DES : VOGTS : ZV : DIERHEIM.

auf einem schwebenden Podest stehend einen linksgewendeten, widersehenden Grei­ fen, der ein Schildchen mit dem Johanniter­ kreuz hält. Diese Darstellung wurde nun für 120 Jahre zum Vorbild, obwohl weder der Johanniterschild als Ortswappen angesehen werden kann, noch der Greif als Schildhalter (wohl aus dem großherzoglichen Staatswap­ pen genommen) in irgendeiner Beziehung zu Dürrheim stand. Um 1850 gab es ein Sie­ gel mit der Umschrift + GEMEINDE + DÜRRHEIM, dessen Johanniterkreuz der Graveur zu einem achtstrahligen Stern defor­ miert hatte! -Daneben kam seit den dreißi­ ger Jahren auch ein schlichter metallener Farbdruckstempel in Gebrauch, der im Oval lediglich ein kleines Schildchen mit den zusammengezogenen Buchstaben DH ent­ hielt, umgeben von Lorbeerzwei_gen und der Umschrift+ GEMEINDE+ DURRHEIM. Die badische historische Kommission beim Generallandesarchiv hatte 1891 begon­ nen, die Wappen und Siegel der badischen Gemeinden zu sammeln und zu sichten. Sie stieß sich an dem „Löwen“ im Dürrheimer Siegel und schlug 1895 vor, künftig als Wap­ pen nur den einfachen Schild, rot mit silber­ nem ]ohanniterkreuz, zu führen. Doch kehrte sich die Gemeinde nicht daran. Man ließ zwar 1896 ein neues Siegel stechen, das aber ganz am „Normtypus“ ausgerichtet war: Der Schild -jetzt „rot-schraffiert“ -enthielt wieder das Malteserkreuz, die Umschrift lautete *BÜRGERMEISTERAMT * DÜRRHEIM. Doch diesmal war der Greif zu einem „geflü­ gelten Löwen“ entartet! Der Graveur (oder sein Auftraggeber) hatte den Greifen -ein Fabeltier -mißverstanden und ihm statt des Adlerkopfes mit spitzen Ohren einen Löwenkopf gegeben. -Diese Darstellung zeigte auch ein gleichzeitiger Farbdruckstem­ pel. Sie wurde unverändert in alle weiteren Stempel bis 1957 übernommen. Das GLA schob 1896 noch zwei weitere Wappenvorschläge nach: 1. In Rot ein silbernes D. -Und 2. In Rot ein silbernes ]ohanniterkreuz, 20 ]ohanniterkreuz, belegt mit einem silbernen Schildchen, darin der schwarze Großbuchstabe belegt mit einem goldenen Schildchen, darin eine sich zu einer grüngestielten roten Rose hinabneigt; rote Rose an grünem Stiel mit zwei Blättern. – Während Vorschlag 1 sich an das alte komtu­ rische Vogtssiegel anlehnte, bezog sich Vor­ schlag 2 auf das Wappen des alten Ortsadels des 13.Jahrhunderts, der Herren von Dürr­ heim, genannt Esel. Diese führten folgendes Wappen: In Gold ein stehender blauer Esel der als Heimzier diente ein „wachsender“ blauer Esel. -Da man im GLA annahm, daß sich die Gemeinde nicht auf einen Esel im Wap­ pen einlassen würde, hatte man es kurzer­ hand auf die Rose reduziert. -Der Dürrhei­ mer Gemeinderat lehnte jedoch ab. Weiterhin wurden Stempel angeschafft – ab 1929 mit der Umschrift* BÜRGERMEI­ STERAMT* BAD DÜRRHEIM-die sämt­ lich das Klischee von 1896 enthielten. (1936 findet sich sogar eine Notiz, die Farben dieses „Wappens“ seien Gelb-Rot-Weiß.1 Seit 1940 lautete die Umschrift in der damals üblichen Frakturschrift: + Gemeinde + Bad Dürr­ heim (Schwarzwald). Anfang der fünfziger Jahre prangte auf den Briefbogen des Bürgermeisteramts in Farbdruck ein Gebilde -etwa im Stile des ,,Art Deco“: Statt des „geflügelten Löwen“ wieder ein schildchen-haltender Greif, nun seinerseits in einen Wappenschild gesetzt, umgeben von allen Attributen eines „Voll­ wappens“, also Helm, Heimzier und Helm­ decken. Eine Blasonierung könnte lauten: ,,In Gold(!) ein linksgewendeter, widersehender Helmdecken schwarz(O-silbern ‚� Bei einer Siegelüberprüfungwies das GLA erneut auf die Unzulässigkeit von „Greif“ oder „Löwe“ als Schildhalter hin und brachte gleichzeitig wieder die Vorschläge von 1896 in Erinnerung. -Es entspann sich nun ein jahrelanges Hin und Her. Zwar signalisierte man grundsätzlich Bereitschaft zur An­ nahme eines offiziellen Wappens, doch er­ klärte der Bürgermeister 1953, daß das ein­ fache Johanniterkreuz ohne den „Adler“ silberner Greif, vor sich einen roten Schild mit sil­ bernem ]ohanniterkreuz haltend; auf dem Helm ein linksgewendeter silberner Greiftnkopf, die

(sie!) zu nüchtern und vor allem werbetech­ nisch für einen Kurort sehr ungünstig sei … Als neugewählter Bürgermeister packte Otto Weissenberger Anfang des Jahres 1955 die Wappenfrage mit frischem Elan an. Dabei hielt er auch den Esel für durchaus dis­ kutabel. – Das GLA schickte einen neuen Vorschlag: Gespalten von Rot und Gold, vorn ein silbernes Johanniterkreuz, hinten zwei rote Rosen pfahlweise ( d.h. übereinander). Der Bür­ germeister akzeptierte diesen Vorschlag, machte aber Bedenken gegen das zusam­ mengedrückte Kreuz geltend und schlug vor, lieber zwei Rosen und zwei Johanniter­ kreuze in einem gevierten Schild unterzu­ bringen. Dazu gleich noch einen Helm mit ,,Eselsrumpf“ als Heimzier und Helmdek­ ken, damit das ganze prächtiger wirkt! Nun folgten viele weitere Entwürfe … – Der Freiburger Denkmalpfleger Rudi Keller, um ein Gutachten angegangen, schlug als Wappen einen von Silber und Rot gevierten Schild vor, im 1. und 4. Feld einen stehenden schwarzen Esel im 2. und 3. das silberne Johanni­ terkreuz. – Dieses schöne Wappen wurde am 12. Mai 1955 vom Gemeinderat angenom­ men. -Doch da nach Ansicht des Bürgermei­ sters auch dazu wieder Helm, Heimzier (ein wachsender Esel) und Helmdecken gehören sollten, lehnte das Landratsamt ab und mel­ dete generelle Bedenken gegen den Esel an. Man probierte weiter – sogar eine Lilie statt des Esels wurde vorgeschlagen. In der Presse gab es polemische Leserbriefe, eine Art „Bürgerinitiative“ brachte Unterschrif­ ten gegen den Esel zusammen. – Aber es gab auch durchaus zustimmende Äußerungen. In einem Leserbrief an die „Neckarquelle“ wurde dann angeregt, lieber die Sole bzw. das Salz symbolisch ins Wappen zu setzen. Das neue Jahr begann mit einer Flut neuer Entwürfe: Man probierte es mit Wasserwel­ len, Bohrtürmen, Badenixen und Sternen. Das GLA steuerte einen Entwurf bei, der Eselskopf, Johanniterkreuz und Heilbrun­ nen mit Äskulapschlange enthielt. Doch schälte sich für die Heilbaddarstellung„Stern über Wellen“ als die passendste heraus. Um angeblichen Schwierigkeiten bei der Anbringung des Wappens auf hellen Flächen zu begegnen, wurde das Feld für Stern und Wellen blau statt weiß (silber) gefärbt. Dem hatte der Gemeinderat am 25.Januar 1957 zugestimmt. Das heraldisch unschöne Zu­ sammenstoßen von Rot und Blau mußte durch Einschieben eines goldenen Bandes behoben werden. -Das GLA gab nach, unter der Auflage, das Band als heraldischen Stab in einem Siebtel der Schildbreite auszuführen. – So konnte nun das Innenministerium Baden-Württemberg unterm 7. Dezember 1957 die Verleihung dieses Wappens, zusam­ men mit einer Flagge in den Farben Weiß-Rot, aussprechen. Die Gemeindereform brachte Bad Dürr­ heim 1971/72 einen erheblichen Zuwachs durch die Eingemeindung der sechs Baarorte Biesingen, Hochemmingen, Oberbaldingen, Öfingen, Sunthausen und Unterbaldingen. Die Wappen dieser Ortsteile haben dadurch ihre Funktion als offizielle Hoheitszeichen verloren (sie können aber weiterhin vom Ortschaftsrat, von Vereinen und einzelnen Bürgern bei allen möglichen Gelegenheiten gezeigt werden!). Die offizielle Wappenfü h ­ r u n g steht nur noch der Zentralgemeinde zu. Anläßlich der Stadterhebung zum 28. Mai 1974 kam nocheinmal ein Vorschlag, für die Stadt ein neues Wappen zu schaffen, der aber nicht weiter verfolgt wurde. – (Übrigens ist die Zusammenstellung der untergegangenen Wappen der Stadtteile in einem Schild mit aufgelegtem Stadtwappen, das sog. ,,Gemein­ same Wappen“, kein Wappen im heraldi­ schen Sinne. Es könnte von der Aufsichtsbe­ hörde auch nicht genehmigt werden.) So bleibt es bei dem seinerzeitigen, müh­ sam geschaffenen Wappen, das sich zum einen auf eine lange Periode der Herrschafts­ geschichte und zum andern auf die erfolg­ reiche Salzbohrung von 1822 und die darauf­ folgende Entwicklung zum Kurort und Heil­ bad bezieht. Prof. Klaus Schnibbe 21

Behörden und Organisationen Das neue Behördenzentrum in Brigachtal Als „Fingerzeig höherer Mächte“ bezeich­ nete Bürgermeister Meinrad Belle den Augenblick, als man vor der Tatsache stand, daß die alte St-Martins-Kirche im Brigachta­ ler Ortsteil Kirchdorf nicht abgerissen, son­ dern Brigachtal ein neues kirchliches Gemeindezentrum erhalten sollte. Es folgte die Überlegung, in der Gemeinde auch einen politischen Mittelpunkt zu schaffen. Ein langer, arbeitsreicher Weg lag zwi­ schen Plänen, Realisierung und vollendeter Tatsache. Arbeitsreich für alle Beteiligten, vom Architekten bis zum Handwerker, arbeitsreich für Gemeinderäte und Bürger­ meister. Mit der Einweihung des neuen Behörden- zentrums am 4. September 1987 wurde eine neue Seite in der Geschichte Brigachtals geschrieben. So wird das erste September­ wochenende im Jahre 1987 vielen Bürgerin­ nen und Bürgern unvergeßlich bleiben, denn Anlaß zur Freude gab es nicht nur für den Bürgermeister und die Gemeinderäte, sondern für die ganze Gemeinde. Es ist nicht übertrieben, den Bau des Rathauses als Mei­ lenstein in der Geschichte Brigachtals zu bezeichnen; beweist er doch nicht zuletzt den gelungenen Zusammenschluß der drei ehemaligen eigenständigen Gemeinden Kirchdorf, Überauchen und Klengen. Der Bürger soll sein Rathaus gerne auf­ suchen. Der Weg dahin führt aus allen drei 22

Ortsteilen zunächst über den zentral gelege­ nen Dorfplatz. In seiner Mitte der Brunnen aus schwedischem Vanga-Granit, ein Werk des Bildhauers und Steinmetz Emmerich Esterle aus Donaueschingen. Ein Drei paß im Trog symbolisiert die Gemeinden Klengen, Überauchen und Kirchdorf, aus denen die Gemeinde Brigachtal entstand. Betritt der Besucher die helle Eingangs­ halle, findet er den Zusammenschluß eben­ falls auf einem mannshohen Gedenkstein bestätigt. Frei bleibt der Blick durch die gesamte Eingangshalle und durch das Foyer, bis hin zum Innenhof. Eingebettet in einem Glaserker führt eine helle Holztreppe in das Obergeschoß. Auf diesem Wege fällt der Blick noch einmal in den liebevoll gestalteten Innenhof. Im Foyer des Obergeschoßes empfängt den Besucher wiederum die betont helle und freundliche Atmosphäre des Rathauses. Hier befinden sich eine Anzahl Büroräume, für die Ange­ stellten ein Aufenthaltsraum mit angren­ zender Teeküche, das Zimmer des Bürger­ meisters, das Besprechungs-und Trauungs­ zimmer und ganz dominierend am nord-öst­ lichen Gebäudeeck der große Sitzungssaal des Gemeinderates. Dieser erweist sich als recht repräsentativer Raum, der schon bis jetzt mehrere Male der politischen Ge­ meinde als angenehmer Versammlungsraum diente. Auch hier verspürt der Besucher die wohltuende Atmosphäre, die ihn gerne sein Rathaus aufsuchen läßt. Doch nicht nur das Rathaus, sondern auch Post, Polizei und Sparkasse findet der Bürger im neuen Behördenzentrum. Die drei Institutionen signalisierten schon lange vor Baubeginn ihre Bereitschaft, sich an diesem Vorhaben zu beteiligen. Das Postamt fällt durch moderne Gestal­ tung und neuzeitliche Ausstattung auf. Der Kunde wird schon in der Schalterhalle von freundlicher Atmosphäre empfangen. Die Glasaufbauten entsprechen einer modernen und sicherungsdienstlichen Entwicklung. Ein besonderes Sprechzimmer für den Betriebsleiter ermöglicht es, den Kunden auch diskret zu betreuen und zu beraten. Im Windfang des Postamtes befindet sich eine Postfachanlage neuester Bauart. Reserven an freien Postfächern sind auf Jahre vorhanden. Zu dem geräumigen Posthof zählen drei Garagen. Vor dem Postamt kann sich der Kunde eines sogenannten „stummen Postamtes“ bedienen. An einer Fernsprechhaube kann rund um die Uhr telefoniert werden, der Fernsprecher ist mit einem Euromünzer bestückt. Briefmarkenautomat und Briefka­ sten gehören ebenfalls zum „stillen Postamt“, alle Einrichtungen, sowie auch der Postein­ gang, sind behindertengerecht gestaltet wor­ den. Mit der Einrich�ung des Polizeipostens im Brigachtaler Behördenzentrum ist die Polizei näher an den Bürger herangerückt. Sie möchte ihm als Ansprechpartner zur Ver­ fügung stehen und kann mit dieser neuen Einrichtung ihre Aufgabe, Sicherheit und Ordnung zu erhalten, optimal erfüllen. Der Dienstbetrieb im Brigachtaler Behör-23

denzentrum wurde zunächst mit drei Poli­ zeibeamten aufgenommen. Den Beamten stehen freundliche und zweckmäßige Dienst- und Nebenräume zur Verfügung, dazu eine Garage mit Funkstreifenwagen. Zuständig sind die drei Beamten für die Ein­ wohner Brigachtals und für die umliegenden doppelstädtischen Stadtbezirke Herzogen­ weiler, Pfaffenweiler, Tannheim, Rietheim und Marbach mit insgesamt rund 11 500 Ein­ wohnern. Ein weiterer wichtiger Faktor im neuen Ortszentrum ist die Sparkasse Brigachtal, deren großzügige und freundliche Räume ebenfalls im Behördenzentrum zu finden sind. Hier wurde auf unnötigen Luxus ver­ zichtet, vielmehr stehen dem Kunden die notwendigen Sicherheitseinrichtungen und modernste Banktechnik zur Verfügung. Die Diskretion beginnt bereits im Kassenbereich, da beide Kassenplätze voneinander abge­ trennt sind. Abgeschirmt ist auch das Bera­ tungszimmer, zusätzlich steht dem Kunden ein gesondertes Beratungszimmer zur Ver­ fügung. Mit ihrem neuen Standort ist die Spar­ kasse für die weitere Unterstützung der Zukunftsentwicklung der aufstrebenden Ge­ meinde Brigachta1 gerüstet. Die räumliche Nähe zwischen Kirche und Rathaus in Brigachtal ist ein Beweis dafür, daß kirchliche und politische Gemeinde mit­ einander arbeiten können. Nicht umsonst spricht man von einem beispielhaften Gemeindezentrum, in das es sich lohnt, hineinzugehen. Ursula Kaletta Die Straßenmeistereien im Schwarzwald-Baar-Kreis Dem Straßenbauamt Donaueschingen, das für die gesamte Region Schwarzwald­ Baar-Heuberg zuständig ist, unterstehen im Schwarzwald-Baar-Kreis 3 Straßenmeiste­ reien, die ihren Sitz in Donaueschi�gen, Furtwangen und VS-Villingen haben. Uber 100 Bedienstete, darunter zur Zeit 7 Straßen­ wärterlehrlinge, unterhalten insgesamt 683 km Bundes-, Landes- und Kreisstraßen sowie ca. 20 km Rad- und Gehwege samt den dazu­ gehörigen Nebenanlagen: dies sind 70 Park­ plätze, über 650 Stützmauern verschiedener Längen und Höhen, über 300 kleinere und größere Brückenbauwerke, 15 Verkehrssig­ nalanlagen an Knotenpunkten, 16 Fußgän­ gersignalanlagen sowie 52 Fußgängerüber­ wege in Form von Zebrastreifen. Im Rahmen der Verkehrssicherungs­ pflicht ist die Straßenbauverwaltung u. a. gehalten, die öffentlichen Verkehrsflächen im Zuge von Bundes-, Landes- und Kreisstra­ ßen zu erhalten und im Rahmen des Zumut­ baren alles zu tun, um den Gefahren zu begegnen, die den Verkehrsteilnehmern aus 24 einem nicht ordnungsgemäßen Zustand der Verkehrsflächen drohen. Auf diesem Rechts­ grundsatz basieren alle Maßnahmen der Straßenunterhaltung und des Winterdien­ stes. Mit diesen Aufgaben sind die Straßen­ meistereien vor Ort beauftragt und werden vom Straßenbauamt bei Ausführung ihrer mannigfaltigen Arbeiten, soweit notwendig und möglich, vielseitig unterstützt. Die Arbeiten der Straßenunterhaltung bein­ halten sowohl Sofortmaßnahmen zur Auf­ rechterhaltung der Verkehrssicherheit als auch turnusmäßig auszuführende Repara­ tur-, Wartungs- und Pflegearbeiten. Die sofort auszuführenden Arbeiten werden in der Regel von Streckenwarten während ihrer Kontrollfahrten durchgeführt. Dies sind meistens kleine Reparaturarbeiten am Stra­ ßenbelag oder an der Straßenausstattung. Zu den größeren Arbeiten, die von Kolonnen oder Bauunternehmen ausgeführt werden, gehören z. B. Reparaturarbeiten an der Fahr­ bahnoberfläche, bei der verkehrsgefähr­ dende Schlaglöcher und Verdrückungen

beseitigt werden müssen. Eine einwandfreie Entwässerung der Fahrbahnoberfläche ver­ mindert die Gefahr von Nässeunfällen. Des­ halb müssen Entwässerungsanlagen laufend funktionsfähig gehalten und Seitenstreifen sowie Bankette so bearbeitet werden, daß Oberflächenwasser ungehindert abfließen kann. Bedeutsam für die Verkehrssicherheit ist ebenfalls die Grünpflege. Der Bewuchs ent­ lang einer Straße ist ein nicht zu unterschät­ zendes Sicherheitselement, das eine beson­ dere Aufmerksamkeit verdient. Das Grasmä­ hen sowie die Unterhaltung von Gehölzen und Baumbeständen im Straßenraum gewährleisten optimale Sichtverhältnisse. Ihre Pflege ist darüber hinaus notwendig, da sie ein wichtiges Gestaltungsmittel der opti­ schen Linienführung sind und somit zur Begreifbarkeit einer Streckenführung beitra­ gen. Reinigungsarbeiten an Fahrbahnen, z. B. bei starken Verschmutzungen durch land­ wirtschaftliche Fahrzeuge, durch verlorenes Schüttgut von Transportfahrzeugen oder auch durch Ölspuren, tragen ebenso zur Ver­ kehrssicherheit bei wie die Verbesserung der Sichtbarkeit von Schildern, Wegweisern und Leiteinrichtungen. Nicht zuletzt sind es War­ tungs- und Unterhaltungsarbeiten an der Beleuchtung, an Lichtsignalanlagen oder an sonstigen Einrichtungen zur Verkehrssteue­ rung, die zur Verringerung des Unfallrisikos führen. Eis-oder schneeglatte Straßen sind auch unsichere Straßen. In 10 bis 12 % aller Unfälle mit Personenschäden wird auf Außerorts­ straßen „schnee-und eisglatte Farbahn“ als Hauptursache genannt. Die Folge sind Auf­ fahrunfälle wegen langer Anhaltewege sowie Unfälle mit Abkommen von der Fahrbahn wegen nicht lenkfähiger Räder mit zu gerin­ ger Seitenführung. Zur Verringerung des Unfallrisikos gilt es daher, den Gleitbeiwert zwischen Rad und Fahrbahn zu erhöhen. Dies kann grundsätzlich erreicht werden durch Aufbringen abstumpfender Stoffe, wie Sand und Splitt oder durch Einsatz von Tau­ mitteln, also in erster Linie von Streusalz. Das Behandeln glatter Straßen mit abstump­ fenden Stoffen bewirkt lediglich eine geringe und zudem eine nur kurzfristig wirkende Anhebung des Gleitbeiwertes. Dieser posi­ tive Effekt geht beim Überfrieren der Stoffe verloren. Darüber hinaus wird Sand oder Splitt unter starkem Verkehr sehr schnell ver­ weht, weshalb der Einsatz dieser Mittel auf wenig befahrene Stadtstraßen und Gehwege 25

7 Streuanhänger, 26 Aufsatzstreuautoma­ ten für Lkw und Unimog, 56 Schneepflüge für verschiedene Einsatzmöglichkeiten, 4 Schneefräsen bzw. -schleudern sowie 5 Vor­ bau- bzw. Seitenschneeschleudern. Der gesamte Fahrzeug- und Gerätepark stellt einen Beschaffungswert von ca. 8 Mio. DM dar, alles untergebracht in 8 Fahrzeug­ hallen. Ausschließlich für den Winterdienst stehen verteilt in den 3 Straßenmeisterbezir­ ken noch 9 Streugutlagerhallen zur Ver­ fügung. Die vielfältigen Aufgaben, die es zu bewäl­ tigen gilt, lassen erkennen, daß eine gründ­ liche Ausbildung des Personals notwendig ist. Straßenwärter ist ein anerkannter Lehrbe­ ruf mit einem sehr vielfältigen Berufsbild. Die Ausbildung zum Straßenwärter dauert in der Regel 3 Jahre und endet mit der Ausbil­ dungsabschlußprüfung an der gewerblichen Berufsschule und im Ausbildungszentrum der Straßenbauverwaltung Baden-Württem­ berg in Nagold. Im Ausbildungzentrum selbst, wo Unterbringung, Verpflegung und Möglichkeiten der Freizeitgestaltung gebo­ ten werden, verbringen die Lehrlinge insge­ samt ca. 9 Monate. Bei der Nachwuchswerbung zeigt sich, daß schon heute das Angebot an Lehrstellen größer als die Nachfrage ist, obwohl hier nach erfolgreicher Prüfung ein sicherer Arbeitsplatz geboten werden kann und bei Eignung der Aufstieg zum Kolonnenführer, Streckenwart oder Bauaufseher möglich ist. Es bleibt zu hoffen, daß auf lange Sicht das Personalproblem gelöst werden kann, um so auch künftig den Einsatz der Straßen­ meistereien zur Schaffung ausreichender Verkehrssicherheit gewährleisten zu können. Manfred Knack Beeinträchtigungen beschränkt bleibt. Zudem sind damit nicht unerhebliche der Umwelt (Staubbelastung) und der Verkehrs­ sicherheit (Rollsplitt) verbunden. Der Auf­ wand (Zeit und Kosten) für die Beseitigung nach der Winterperiode gestaltet sich sehr problematisch. Als wirksamstes, wirtschaft­ lichstes und bei strenger Einhaltung von Ein­ satzkriterien auch umweltverträglichstes Streumittel erweist sich seit Jahren das Streu­ salz. Für das Ausbringen gilt dabei der Grundsatz: ,,So viel Sicherheit wie möglich, so wenig Salz wie nötig“. Modeme, wegabhängige Streuautomaten mit einer elektronisch gesteuerten Dosierein­ richtung gewährleisten ein optimales Aus­ bringen des Streusalzes. Bei der Methode der Feuchtsalzstreuung wird dem Salz eine Kal­ ziumchloridlauge beigegeben und dadurch die Salzmenge verringert, wobei gleichzeitig seine Haftung auf der Fahrbahn verbessert wird. Doch vor dem Salzstreuen kommt das Schneeräumen. Nach dieser Regel wird der Winterdienst organisiert und betrieben. Dabei werden leistungsstarke Fahrzeuge mit hydraulisch betriebenen Schneepflügen ein­ gesetzt, die in einem 12- bis 16-Stunden-Ein­ satz auf den Straßen die im „Anforderungs­ niveau Winterdienst“ festgelegten Grund­ sätze für die Befahrbarkeit einer Straße zu erreichen versuchen. Der zweifellos enorme finanzielle Aufwand ist gerechtfertigt ange­ sichts der Tatsache, daß 90 % des gesamten Personenverkehrs und 50 % des gesamten Güterverkehrs auf der Straße abgewickelt werden und hierfür ein Optimum an Sicher­ heit auch in den Wintermonaten gewährlei­ stet werden muß. An Fahrzeugen und Geräten stehen insge­ samt folgende Einheiten zur Verfügung: 4 Lkw, 9 Unimog, 7 Mannschaftswagen, 7 Streckenkontrollfahrzeuge, 3 Tieflader, 24 Anhänger, 3 Heuladewagen, 3 Fahrbahnmar­ kierungsmaschinen, 17 Motormäher, 4 trans­ portable Lichtsignalanlagen, 3 Kehrmaschi­ nen, 4 Frontlader sowie 11 Mähwerke. Ausgesprochen für den Winterdienst ste­ hen bereit: 26

Unsere Feuerwehren im Schwarzwald-Baar-Kreis Der Gerätewagen Umwelt – GW Umwelt Seit 1987 auch im Schwarzwald-Baar-Kreis einsatzbereit Mit der immer weiter fortschreitenden technischen Entwicklung verändern sich auch in zunehmendem Maße die Gefahren, die Mensch und Umwelt in einem Industrie­ staat drohen. Die heutige Industriegesell­ schaft erfordert einen umfassenden Waren­ austausch, um den Lebensstandard, nicht nur zu erhalten, sondern ihn auch noch zu ver­ bessern. Da industrielle Produktionsvor­ gänge weitgehend miteinander verzahnt sind, ist die Beförderung einer Vielzahl von Produkten unerläßlich. Ein Teil davon sind gefährliche Stoffe und Güter, die auf Straße, Schiene und Wasserweg befördert werden. Unfalle beim Transport dieser gefährlichen Stoffe sind nicht zu vermeiden, und jeder- mann weiß um die Gefahren, die Pflanzen, Tieren und Menschen dabei drohen. Konse­ quente Sicherheitsmaßnahmen wie verant­ wortungsvoller Umgang mit dem Gefahren­ gut, strenge Prüfungen, Gefahrenhinweis­ schilder etc. konnten nicht verhindern, daß sich immer wieder Unfalle dieser Art ereig­ nen. Es ist daher die Pflicht des Staates, ja, der Allgemeinheit, sich gegen solche Gefahren zu wappnen. Für diese Einsatzfälle steht seit August 1987 dem Schwarzwald-Baar-Kreis der Gerätewagen Umwelt (GWU) mit einer Ausrüstung zur Verfügung, der gezielt für Rettungs- und Bergungseinsätze mit Umweltgefahren ausgestattet ist. Damit kön- 27

nen Gefahrengutunfalle bekämpft werden, da der GWU zur Ausführung technischer Hilfeleistungen die erforderlichen besonde­ ren Geräte und Schutzkleidungen bereitstellt. Das Fahrzeug ist bei der Freiwilligen Feuerwehr in Donaueschingen stationiert und steht dort allen Feuerwehren des Schwarzwald-Baar-Kreises für Gefahrgutein­ sätze zur Verfügung. Während früher der Schwerpunkt bei der Brandbekämpfung lag, wird nun die Feuerwehr in zunehmendem Maße mit diesen neuen Aufgaben betraut, da laut Statistik die Mehrzahl der Einsätze bereits jetzt im Bereich der technischen Hilfe liegt. Die Feuerwehren haben diese Heraus­ forderungen angenommen! Ihre Männer werden hinsichtlich der Verwendung des Fahrzeuges bei Gefahrgutunfallen unterrich­ tet und ausgebildet, eine spezielle Ausrück­ ordnung wurde erlassen, um im Ernstfall die schnellstmögliche Hilfe zu leisten. Das Fahrzeug ist ein von der Firma Metz­ Feuerwehrgeräte in Karlsruhe speziell gebau­ tes Umweltfahrzeug, das in engem Kontakt mit der Praxis entwickelt wurde. Es trägt mit seiner Spezialausrüstung den ständig wach­ senden Risiken durch den Umgang mit Che­ mikalien, Mineralölen und auch radioakti­ ven Stoffen bei der Herstellung, beim Trans­ port und bei der Verwendung Rechnung. Das 11 Tonnen schwere und 200 PS starke Fahrzeug ist aus säurefesten Werkstoffen hergestellt. Es ist für einen gemeinsamen Ein­ satz mit einem Tanklöschfahrzeug und einem Rüstwagen konzipiert. Die Alarmpla­ nung ist so organisiert, daß die Feuerwehr Donaueschingen im gesamten Kreisgebiet den GWU einsetzt, das Tanklöschfahrzeug und der Rüstwagen von der zuständigen Feuerwehr Stützpunktfeuerwehr gestellt wird. bzw. Hier die wichtigsten Ein- und Aufbauten und die Ausrüstung: – Ein fest eingebauter Generator (Strom­ erzeuger) mit 12 KV A versorgt das Fahrzeug und die elektronischen Einbauten wie Meß­ geräte etc. eigenständig mit Strom. – Ein ausziehbarer Teleskop-Lichtmast 28 mit ca. 5 m Höhe, fast 3 60 Grad schwenkbar, ermöglicht das Ausleuchten der Einsatz­ stelle. Die Scheinwerfer sind kippbar, eine zusätzliche Rundumkennleuchte auf dem Lichtmast sichert zudem die Einsatzstelle. – Ein Schlitten mit 4 Preßluftatmern und Reserveflaschen, herausziehbar nach beiden Fahrzeugseiten, ermöglicht ein schnelles Anlegen der Geräte. – Ein Heckzelt bietet Schutz beim An­ und Ablegen der Vollschutzanzüge. – Ein Infrarot-Gasanalysator ermöglicht die Feststellung von Gaskonzentrationen. Das Gerät ist in einem tragbaren Alumi­ niumkoffer eingebaut und mit einem Kom­ pensationsschreiber und einer Küvettenhei­ zung ausgestattet. Meßbereich: MAK- Wert 1 bis zum zehnfachen MAK-Wert. – Ein tragbarer Stromerzeuger ( 5 kV A) auf einem dreh- und abkippbaren Schlitten ver­ sorgt die außerhalb des Fahrzeuges einge­ setzten Geräte mit Strom. – Ein Auer „Ex-Meter-N-Satz“ (Meßbe­ reich O … 100 % UEG) mit Ladegerät, Meß­ sonde, Prüfschlau-�h und Flüssigkeitsindika­ toren. – Ein Dräger-Gasspürgerät „Multi-Gas­ Detektor-Set“ mit einer Gasspürpumpe, Hubzähler und Prüfröhrchensatz. – Zwei Sätze (je 3teilig) Edelstahlbehälter ermöglichen das Auffangen von ca. 4.060 1 Säure. – Ein Falttank mit Edelstahlarmaturen ermöglicht die Aufnahme von 3.000 l Mine­ ralöl. – Sechs Großbehälter mit je 220 1 aus Kunststoff, weitgehend chernikalienbestän­ dig, ermöglichen die Unterbringung von Aufsaugemitteln. – 12 Vollschutzanzüge, sechs Schutzan­ züge und zwei Hitzeschutzanzüge bieten den Einsatzkräften Schutz. – Ein Vetter-Leckdichtkissen-Satz „GW­ Säure“ mit zahlreichem Zubehör ermöglicht das Abdichten von leckgeschlagenen Behäl­ tern. – diverse Faß-, Säure- und Umfüllpumpen zum Absaugen und Umfüllen von Stoffen.

-Vier Handfunksprechgeräte mit Sprech­ garnituren ermöglichen den Kommunika­ tionsfluß, ebenso das im Fahrzeug einge­ baute FuG8 b-1. – Diverses Handwerkszeug, Beleuch­ tungsgerät, Schläuche und Armaturen, auch Sanitätsgeräte sind in zahlreichen Kunst­ stoffkästen und Fächern über dem gesamten Aufbau verteilt. Diese in allen Teilen der technischen Hil­ feleistung angepaßte Ausrüstung macht jedoch die Bedienung des Fahrzeuges und des Gerätes durch fachlich geschulte Feuer­ wehrmänner nicht überflüssig. Im Gegenteil: Nach einem Unfall oder Brand, der eine Frei­ setzung von gefährlichen Gütern oder starke Hitzeeinwirkung zur Folge hat, stellt sich zwangsläufig für alle Einsatzkräfte die Frage der zweckmäßigsten Einsatzmaßnahmen und der Sicherheit der eingesetzten Bekämp- Kurt Hog – ein Leben für die Feuerwehr fungs-, Rettungs-und Sicherheitskräfte, ein­ schließlich der Gefahren für die im Gefah­ renbereich befindlichen Bevölkerung und die Folgen für die öffentliche Sicherheit. Hinzu kommt die Gefahrenbewertung und Analyse gefährlicher Stoffe und Gase und die unbekannten Reaktionen verschiedener Chemikalien. Hierfür gibt es im GWU ein Nachschlagwerk zur Bestimmung von über eintausend gefährlichen Stoffen. Somit steht mit diesem Fahrzeug den Feuerwehren ein Rettungswagen zur Ver­ fügung, der einen erforderlichen Einsatz bei Unfällen mit gefährlichen Stoffen ermög­ licht. Das Fahrzeug kostete 425.000 DM. Das Land Baden-Württemberg beteiligte sich mit einem Zuschuß von 297.500 DM, den Rest von 127.500 DM brachte der Schwarzwald­ Baar-Kreis auf. Gottlieb Rombach Im Mai 1988 wäre er 57 Jahre alt geworden, wenn nicht am Karfreitag des Jahres 1981 ein schrecklicher Unfall seinem Leben ein jähes Ende gesetzt hätte. Kurt Hog, der engagierte Feuerwehr­ mann, der ein wichtiges Stück der heimi­ schen Feuerwehrgeschichte, der des Kreises, des Landes und -vor allem was die Jugend­ feuerwehr betrifft-der Bundesrepublik, mit­ geschrieben hat. Er starb am 17. April 1981 auf dem Weg zu einem Einsatz bei einem nächtlichen Brand an den Folgen eines Ver­ kehrsunfalles. Kurt Hog wurde am 14. Mai 1931 geboren, er wuchs in seiner Heimatstadt Villingen auf. Nach seiner Schulzeit absolvierte er eine Kaufmannslehre und besuchte die Handels­ schule in Villingen. Im Versicherungsfach baute er sich seine berufliche Karriere auf. Zuletzt besaß er eine eigene angesehene Ver­ sicherungsagentur. Feuerwehrblut hatte Kurt Hog in den Adern. Schon sein Großvater, Karl Fischer, 29

zählte zu den Aktiven der Villinger Wehr, und sein Onkel Alois Fischer – langjähriger Gerätewart der Feuerwehr Villingen – hatten dem jungen Mann den Weg zum Dienst am Nächsten gewiesen. So war es nicht verwunderlich, daß er schon mit 13 Jahren in die Villinger Wehr ein­ trat, 1944, als viele der Aktiven an der Front waren, mußte die Jugend in die Bresche springen, um in den letzten Kriegsjahren den Brandschutz in der Zähringerstadt sicherzu­ stellen. Kurt Hog besuchte Lehrgänge. Er wurde nach Kriegsende an der Feuerwehrschule in Freiburg als Maschinist, Atemschutzgeräte­ träger und Gruppenführer ausgebildet. Da er sich immer sehr für die Förderung des Nach­ wuchses bemühte, erwarb er schon in jungen Jahren die Zulassung als Schiedsrichter für Feuerwehrwettkämpfe. Mit großem Engage­ ment widmete sich Kurt Hog dem Aufbau einer Jugendfeuerwehr in Villingen. Dabei hatte er einige Widerstände, die von verschie­ denen Seiten dem Vorhaben durch „alteta­ blierte“ Jugendverbände entgegengesetzt wurden, zu überwinden. 1964 wurde dann die Jugendfeuerwehr Villingen als erste im Kreis gegründet. Aber nicht nur die Jugend­ feuerwehr in Villingen verdankt ihr Entste­ hen dem tatkräftigen Handeln von Kurt Hog. Auch im Kreis half er mit, diese Nach­ wuchsorganisation aufzubauen. Sicherlich kam ihm dabei zugute, daß ihn die Wehren des Kreises 1962 zum stellvertretenden Kreis­ brandmeister gewählt hatten. Kurt Hog wurde 1965 stellvertretender Bundesjugendleiter des Deutschen Feuer­ wehrverbandes, und von 1966 bis 1971 stand er an der Spitze der deutschen Jugendfeuer­ wehr. Zahlreiche Aktivitäten, wie das erst­ mals durchgeführte Bundesjugendzeltlager in Rottweil im Jahre 1968 und bei internatio­ nalen Treffen in Finnland, Tschechoslowa­ kei, Israel und Österreich bewiesen sein Engagement und Organisationstalent. 1966 wurde Kurt Hog in Mönchweiler zum Kreisbrandmeister gewählt. Er trat damit die Nachfolge von Fridolin Görlacher 30 an, der die Feuerwehren des Kreises Villingen 17 Jahre lang geführt hatte. In seiner Amts­ zeit als Kreisbrandmeister bemühte sich Kurt Hog, die Feuerwehren den neuen Anforde­ rungen und erweiterten Einsatzaufgaben im Bereich der technischen Hilfeleistung anzu­ passen. Die Ausrüstung der Feuerwehren mit Sprechfunkgeräten fallt genauso in seine Amtszeit, wie die Einrichtung einer zentra­ len Schlauch- und Atemschutzgerätewerk­ statt, wie die Sammelbestellung für Feuer­ wehrzubehör. Als eine der wichtigsten neu­ geschafften Einrichtungen in dieser Zeit ist der Aufbau der Leitstelle als Alarmierungs­ zentrale für die Feuerwehren des Schwarz­ wald-Baar-Kreises anzusehen. Im Landesfeuerwehrverband war Kurt Hog stellvertretender Vorsitzender, er war Geschäftsführer im Heimausschuß des Feuerwehrheimes Titisee und durch diese Tätigkeiten auch im Deutschen Feuerwehr­ verband vertreten. Zahlreiche Ehrungen wurden Kurt Hog zuteil. Der Deutsche Feuerwehrverband zeichnete ihn mit dem Ehrenzeichen der 1. und 2. Stufe aus, der baden-württember­ gische Verband mit dem Ehrenzeichen in Sil­ ber und der Sonderstufe. Bayern verlieh ihm das Zivilabzeichen des bayerischen Feuer­ wehrverbandes in Gold. Auch im Ausland wurden seine Verdienste gewürdigt. Hohe Auszeichnungen erhielt er aus Frankreich, Finnland, der Tschechoslowakei, Österreich, sogar die USA, Mexiko und Chile verliehen ihm Verdienstorden. Kurt Hog organisierte neun große Stu­ dienreisen, die zwischen 1969 und 1981 in die Tschechoslowakei, nach Finnland, in die USA, nach Mexico, Israel, Südafrika und Chile führten. Von der letzten Reise nach Kalifornien war er erst wenige Tage zuvor in seine Heimatstadt Villingen zurückgekehrt, als ihn sein Schicksal ereilte: Am 17. April, es war Karfreitag, des Jahres 1981 kam in der Nacht über Funk die Meldung von einem Großbrand in Donaueschingen. Der Kreis­ brandmeister fuhr sofort zum Einsatzort. In

Donaueschingen, kurz vor dem Brandplatz, kam es dann zu einem Verkehrsunfall, bei dem Kurt Hog, der 4 Wochen später seinen 50. Geburtstag hätte feiern können, den Tod fand. Kurt Hog war nicht nur bei der Feuerwehr aktiv. Zahlreiche Villinger Vereine schätzten sein Engagement und sein Organisationsta­ lent. Bei der Narrenzunft war Kurt Hog zwei­ ter Zunftmeister und Rittmeister der Bürger­ kavallerie. Die Kolpingsfamilie Villingen führte er über viele Jahre hinweg als Senior und erster Vorsitzender. Hermann Colli 25 Jahre Jugendfeuerwehr im Schwarzwald-Baar-Kreis Im Jahre 1963 wurde in Schonach eine Jugendfeuerwehr gegründet, die erste im Schwarzwald-Baar-Kreis. Die Initiative hierzu ging vom heutigen Kreisbrandmeister Gottlieb Rombach, einem Schonacher, aus, der als vorausschauender Mann ahnte, daß immer umfangreichere und differenziertere Aufgaben auf die Feuerwehr zukommen würden, und der damit auch die Bedeutung des Nachwuchses für die Feuerwehr am besten ermessen konnte. Gleichzeitig wollte er den jungen Menschen den Dienst am Nächsten näherbringen. Diese Überlegun­ gen haben sich in den folgenden Jahren als sehr erfolgreich erwiesen, denn selbst auf Bundesebene war man sich sehr schnell der Bedeutung der Jugendfeuerwehr bewußt. Bereits 1964 wurde nämlich die „Deutsche Jugendfeuerwehr“ aus der Taufe gehoben. In diesem Zusammenhang ist eines Mannes zu gedenken, dem leider allzu früh verstorbe­ nen Kreisbrandmeister Kurt Hog, der auf Grund seines Einsatzes bereits 1965 stell­ vertretender Bundesjugendleiter wurde und Mitglieder der Jugendfeuerwehren demonstrieren das Kuppeln von Saugschläuchen. 31

der von 1967 bis 1971 Bundesjugendleiter der Deutschen Jugendfeuerwehr war. Rombachs Idee der Jugendfeuerwehr war im gesamten Schwarzwald-Baar-Kreis auf fruchtbaren Boden gefallen. 1965 gründeten Kurt Hog, Ekkehard Menz und Ernst Storz die Jugendfeuerwehr Villingen; es folgten 1966 Bad Dürrheim, 1967 Kirchdorf und Tri­ berg, 1968 Burgberg und Niedereschach, 1970 Dauchingen, 1971 Obereschach, 1973 Vöhrenbach, 1974 Donaueschingen, Königs­ feld und Mönchweiler, 1975 Gütenbach, 1977 Klengen, 1980 Pützen und Überauchen, 1981 Unterkimach, 1982 VS-Schwenningen, 1983 Blumberg und 1985 Tuningen, so daß heute 21 Städte und Gemeinden des Land­ kreises eine Jugendfeuerwehr haben mit ins­ gesamt 303 Jungfeuerwehrmännern. Mit der Gründung der Jugendfeuerwehr Villingen 1965 wurde bereits der erste Kreis­ jugendfeuerwehrwart, Ekkehard Menz aus Villingen, in sein Amt eingeführt, dessen Stellvertreter Gottlieb Rombach aus Scho­ nach war. 1975 gab Menz nach lOjähriger Tätigkeit sein Amt an Erich Nierholz aus Vil­ lingen ab. Seit 1979 ist Manfred Bau aus Schonach Amtsinhaber. Wie gründlich die Ausbildung dieser jugendlichen Feuerwehrmänner war und mit welch großem Interesse jeder Einzelne sich engagierte, wird daraus ersichtlich, daß im Jahre 1967 die ersten Jungfeuerwehrmänner aus Villingen und Schonach die neugeschaf­ fene Leistungsspange der Deutschen Jugend­ feuerwehr erwarben. Die Abnahme dieser Leistungsspange erfolgt jedes Jahr während des Kreiszeltlagers der Jugendfeuerwehren und enthält folgende Anforderungen: 1.Löschangriff 2.Schnelligkeitsübung mit Rollschläuchen 3.Kugelstoßen 4.1500 m Staffellauf 5.Beantwortung theoretischer Fragen. Anfängliche Kritik und Skepsis, Jugend­ liche mit Aufgaben erwachsener Männer zu betrauen, war schon bald abgetan, und auch die Meinung, daß es sich bei der Jugendfeuer­ wehr nur um eine Art Freizeitgestaltung 32 handle, wurde selbst von den Mitgliedern der Jugendfeuerwehren dadurch widerlegt, daß sie sich mit Begeisterung auf die spätere Arbeit als Feuerwehrmann vorbereiteten, die technischen Kenntnisse erwarben, Zusam­ menarbeit und Kameradschaft erfuhren, und daß sie sich dessen bewußt waren, für die Not der Mitmenschen da zu sein. Zudem haben Proben und Übungen immer wieder gezeigt, daß der Ausbildungsstand auf einem sehr hohen Niveau steht, und daß die Jugendli­ chen mit Leib und Seele als „Feuerwehr­ mann“ ihren Dienst versehen. Im Oktober 1980 wurde erstmals der Ver­ such gemacht, eine Kreisübung mit mehre­ ren Jugendfeuerwehren in Königsfeld durch­ zuführen. Der Erfolg war so groß, daß von nun an alle 2 Jahre eine Kreisübung stattfin­ det mit einer Beteiligung von 19 bis 20 Jugendfeuerwehren mit ca. 200 Jungfeuer­ wehrmännern und etwa 23 Fahrzeugen. Im Wechsel mit der Kreisübung findet alle 2 Jahre eine Sternfahrt statt. Dabei müssen die jeweiligen Ziele über Landkarten gefunden und am Ziel meist lustige Aufgaben gelöst werden. Während man sich in den ersten Jahren seit der Gründung der Jugendfeuerwehr nur mit rein technischen Dingen befaßte, stellte man schon bald eine gewisse Einseitigkeit dieser Ausbildung fest. So wurden in den fol­ genden Jahren kulturelle Themen und sport­ liche Aktivitäten mit einbezogen, wodurch die Ausbildung in der Jugendfeuerwehr zur reinen Jugendarbeit wurde. Aus der Fülle der angebotenen kulturellen und sportlichen Themen seien einge wenige herausgegriffen. Schon bald pflegten die Jugendfeuerwehren des Schwarzwald-Baar­ Kreises rege Kontakte zu ausländischen Jugendfeuerwehrgruppen. 1970 beteiligten sich einige Jungfeuerwehrmänner an einem internationalen Lager in der Tschechoslowa­ kei, 1971 war die Jugendfeuerwehr Villingen zu Besuch in Rovaniemi in Finnland, 1978 reisten die Jungfeuerwehren aus Villingen und Schonach nach Kemi in Lappland, 1979 führte die Jugendfeuerwehr Schonach eine

eindrucksvolle Reise nach Israel durch, 1982 fuhren die Villinger nach Laappeenranta in Finnland, 1987 nahm die Jugendfeuerwehr Niedereschach am Zeltlager in Altkirch/ Frankreich teil und die Jugendfeuerwehr Obereschach beteiligte sich am Landeszelt­ lager in Pöllnau in der Steiermark. Besonders die Zeltlager waren und sind es, die von den Jungfeuerwehrmännern irnrner begeistert aufgenommen werden, nachdem 1973 auf dem Sportplatz in Schonach das erste Kreiszeltlager durchgeführt wurde. Seit­ dem findet jedes Jahr mindestens ein Wochenendzeltlager statt, wenn nicht, wie in den Jahren 1978 und 1983 in Schonach­ Rohrhardsberg, ein einwöchiges Zeltlager die Jungfeuerwehrmänner aus dem Landkreis versammelt. Das große Ereignis in der Geschichte der Jugendfeuerwehr des Schwarzwald-Baar-Kreises aber war das Lan­ deszeltlager Baden-Württemberg 1986 in VS-Schwenningen. Groß geschrieben innerhalb der Jugend­ feuerwehren sind natürlich die sportlichen Aktivitäten, besonders die seit 1979 alljähr­ lich im Hallenbad in St. Georgen durchge­ führten Schwimmwettkämpfe, bei welchen in 2 Altersklassen Staffelwettbewerbe zur Austragung kommen. Den Siegern winken Wanderpokale. Aber auch das Hallenfuß­ ballturnier erfreut sich riesiger Beliebtheit, ebenso die während der Zeltlager durchge­ führten Pokalwettkämpfe, aufgeteilt in eine Hindernisübung und den 1500 m Staffellauf, wobei ebenfalls in 2 Altersgruppen um Wan­ derpokale gekämpft wird. Gute Erfolge erzielten die Jungfeuerwehr­ männer des Kreises auch bei den schon 4mal in Schonach durchgeführten Deutschen Feuerwehr-Skilanglaufmeisterschaften. Im Jahre 1980 stellte die Jugendfeuerwehr Schonach in der Mannschaftswertung den Deutschen Jugendmeister und den Vizemei­ ster, 1982 wurde die Jugendfeuerwehr Vöh­ renbach Deutscher Jugendmeister und Scho­ nach wurde Vizemeister, 1984 wurde die Jugendfeuerwehr Vöhrenbach erneut Mann­ schaftsmeister. Herausragend aber sind die Leistungen des Vöhrenbacher Jungfeuer­ wehrmannes Jürgen Bammert, der 1984 und 1986 Deutscher Jugendmeister wurde. Seit 1984 bringt die Jugendfeuerwehr des Schwarzwald-Baar-Kreises eine eigene Zei­ tung für ihre Mitglieder heraus, die unter dem Titel „Der Melder“ drei- bis viermal jährlich erscheint. Diese Zeitung entstand aus den Wochenendseminaren der Jugend­ feuerwehrwarte, die als jährliche Fortbil­ dungsveranstaltung durchgeführt werden. Behandelt werden so interessante Themen wie Gestaltung der Elternabende, Versiche­ rungsschutz, Jugendschutz, Umweltschutz, aber auch Aids, und natürlich alle aktuellen Themen und Probleme der Jugendfeuer­ wehr. Technische Ausbildung, Übungen und Wettkämpfe, Sport und Freizeitaktivitäten sind Bestandteile des Ausbildungsprogram­ mes der Jugendfeuerwehren, getragen von der Zusammenarbeit und der damit verbun­ denen Kameradschaft innerhalb der örtli­ chen Gruppe und in der Gesamtheit der Jugendfeuerwehren des Schwarzwald-Baar­ Kreises. Ziel dieser Ausbildung ist es, auf die spätere Arbeit als Feuerwehrmann gründlich vorzubereiten, denn trotz der stetig größer werdenden technischen Perfektion wird man immer des Menschen bedürfen, der mit dem Gerät umgehen und es richtig einsetzen kann, und der sich des in Not geratenen Manfred Bau Menschen annimmt. * Sommerliebe Küß mich, ehe der Sommer vergeht, morgen bin ich alt, dann ist meine Spur verweht, die Wiese geschnitten und die Wolkenschiffe nehmen keine Passagiere mehr an Bord – küß mich, ehe der Sommer vergeht. Christiana Steger 33

Schulen und Bildungseinrichtungen Villingen-Schwenningen erhält eine Außenstelle der Fachhochschule Furtwangen Die staatlichen Fachhochschulen in Baden-Württemberg erfreuen sich steigen­ der Beliebtheit. Die Fachhochschule Furt­ wangen bildet hierbei keine Ausnahme. Die große Nachfrage nach Studienplätzen wird gestützt durch eine entsprechend starke Nachfrage von Industrie und Wirtschaft, ins­ besondere nach Diplom-Ingenieuren, Diplom-Informatikern und Diplom­ Betriebswirten, welche ein praxisorientiertes Studium der technischen Informatik-und Wirtschaftswissenschaften an einer Fach­ hochschule absolviert haben. Allein 1987 wurden in Baden-Württem­ berg 6 weitere Studiengänge bzw. Studien­ schwerpunkte an Fachhochschulen einge­ richtet: Mikroelektronik in Furtwangen, Weinwirtschaft in Heilbronn, Automations­ technik in Mannheim, Technische Informatik in Ravensburg, Medien-Design in Schwäbisch Gmünd und Pharmatechnik in Sigmaringen. Als einen besonderen Schwerpunkt in ihrem Programm „Stärkung des ländlichen Raumes“ hat die Landesregierung am 29.6.1987 sechs zusätzliche Standorte für tertiäre Bildungseinrichtungen, und zwar fünf Außenstellen von Fachhochschulen und eine Außenstelle einer Berufsakademie beschlossen. Baden-Württemberg ist bereits jetzt mit 64 Hochschulen (Universitäten, Pädagogische Hochschulen, Fachhochschu­ len und Kunsthochschulen) und acht Berufs­ akademien das hochschulreichste Land im Bundesgebiet. Durch den Beschluß der Lan­ desregierung wird das Bildungsangebot um weitere zukunftsträchtige Studiengänge bereichert. Die Stadt Villingen-Schwennin­ gen erhält eine Außenstelle der Fachhoch­ schule Furtwangen mit folgenden Studien­ gängen: 34 -Neue Werkstoffe und Oberflächentechnik, -Biotechnologie, -Medientechnik/Neue Medien. Zu diesem Ergebnis haben insbesondere die Bemühungen des Wahlkreisabgeordne­ ten im Landtag, Erwin Teufel (CDU), beige­ tragen. Seine Analyse des Landesentwick­ lungsberichtes 1986 der Landesregierung mündete in einen Antrag vom 24. 3.1987 an den Landtag von Baden-Württemberg. Darin wurde ein Bündel von Maßnahmen zur Strukturverbesserung der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg und zur Ent­ wicklung des Oberzentrums Villingen­ Schwenningen gefordert. Als Einrichtungen, die hochqualifizierte Leistungen für die Wirtschaft und für die Bevölkerung erbringen können, wurden insbesondere Bil­ dungseinrichtungen des tertiären Bereichs angesehen, aus denen heraus sich neue Struk­ turen der Wirtschaft entwickeln können. Über die in dieser parlamentarischen Ini­ tiative enthaltenen Ausbaupläne des tertiä­ ren Bildungsbereiches, insbesondere die Ein­ richtung einer Außenstelle der Fachhoch­ schule Furtwangen in Villingen-Schwennin­ gen, waren intensive Gespräche des Abgeord­ neten Teufel und seiner Mitarbeiter mit der Fachhochschule Furtwangen vorausgegan­ gen. Die anfänglichen Befürchtungen der Fachhochschule, daß in Villingen-Schwen­ ningen eine Konkurrenzeinrichtung zur Fachhochschule in Furtwangen entstehen könne, ließen sich schließlich ausräumen. In weiteren Verhandlungen wurde nämlich ver­ einbart – keine separate Fachhochschule in Villin­ gen-Schwenningen aufzubauen, – eine Außenstelle der Fachhochschule Furtwangen und diese mit neuen, zum

Miniaturisierung einer elektronischen Schaltung durch die Mikroelektronik. Studienangebot in Furtwangen nicht in Konkurrenz stehenden Studiengängen einzurichten, – die Ausbildungskompetenz des tertiären Bildungssektors im Bereich Technik bei der Fachhochschule Furtwangen mit ihrer künftigen Außenstelle zu belassen. Unter diesen Rahmenbedingungen und der Voraussetzung, daß die erforderlichen Stellen und Mittel bereitgestellt werden, erklärte sich der Senat der Fachhochschule bereit, eine Außenstelle mit neuen zusätzli­ chen Studiengängen in Villingen-Schwen­ ningen einzurichten. In zahlreichen Besprechungen und Kon­ ferenzen innerhalb der Hochschule sowie in Verhandlungen mit den betroffenen Stellen in Stuttgart und vor Ort wurde ein Konzept für die neuen Studiengänge erarbeitet. Die neuen Studiengänge der Außenstelle der Fachhochschule in Villingen-Schwenningen sollen – eine zukunftsträchtige, qualitative und quantitative Weiterentwicklung des Stu­ dienangebotes der Fachhochschule zum Nutzen der jungen Generation ermögli­ chen, – Impulse für die Wirtschaft der Region zur aussichtsreichen Diversifikation in Pro­ Produktionsverfahren dukten, und Dienstleistungen geben können, – Berührungs- und Anknüpfungspunkte bei bereits vorhandenen Fachbereichen der Fachhochschule und bei lndustriebe- trieben der Region besitzen, aber mög­ lichst wenig konkurrierende, unproduk­ tive Überlappungen zum bereits beste­ henden Studienangebot der Fachhoch­ schule aufweisen. Als Ergebnis dieser Überlegungen werden 3 neue Studiengänge eingerichtet, die im fol­ genden kurz beschrieben werden sollen: Der Studiengang Neue Werkstoffe und Oberflächentechnik (WO) In diesem Studiengang sollen Diplom­ Ingenieure der Werkstofftechnik vor allem auf den Gebieten der Werkstoffanwendung, d. h. in der Konstruktion und Fertigung tech­ nischer Produkte der einheimischen Indu­ strie, und zwar im Bereich Maschinenbau, Feinwerktechnik, Elektrotechnik, KFZ-und Luftfahrttechnik, Medizintechnik, Elektro­ nik und Optoelektronik ausgebildet werden. Das Studium der „Neuen Werkstoffe und Oberflächentechnik“ wird während einer Studiendauer von insgesamt 8 Semestern (davon 2 Praxissemestern in der Industrie), in Vorlesungen, Praktika, Übungen, Seminaren und einer Diplomarbeit Kenntnisse und Fer­ tigkeiten dieses Fachgebietes vermitteln. Ausgangspunkte für diesen neuen Stu­ diengang sind die neuen Werkstoffe, insbe­ sondere – Verbundwerkstoffe, – metallische Hochtemperatur-und Son- derwerkstoffe, 35

– Keramik und Gläser, – Polymere, – pulvermetallurgische Werkstoffe, – Supraleiter sowie fortschrittliche Verfahren der Oberflä­ chen-Erzeugung, Anwendung, Prüfung und Messung z.B. – Vakuum-und Plasmatechnologien (PVD und CVD), – Oberflächentechnologien in der Elektro- nik,- chemische und galvanische Metallab- scheidung, – Industriehärten, – moderne Verfahren der Lackiertechnik, – spezielle Oberflächenbehandlungsme- thoden (z.B. mit Laserstrahlen), – Meß-, Prüf-und Analysetechnik für Ober­ flächenschichten und dünne Filme (mechanisch, optisch, elektrisch, che­ misch). Der neue Studiengang WO soll im WS Bildschirmarbeitsplatz für den Entwurf integrierter Schaltkreise. Der Studiengang Biotechnologie (BT) 1988/89 erstmalig beginnen und zweimal pro Studienjahr jeweils 35 Studienanfänger aufnehmen. Als Gründungsfachbereichslei­ ter ist Prof Dr. Ing. Jes Vogt von der Fach­ hochschule Furtwangen vorgesehen. Der Diplom-Ingenieur der Biotechnolo­ gie soll mikrobiologische Forschungsergeb­ nisse so aufbereiten können, daß ihre Umset­ zung in marktfähige Produkte und in Pro­ duktionsverfahren im technischen Maßstab gelingt. Da für die technische Übertragung der biologischen Grundlagen auf industriell realisierbare Maßstäbe schwerpunktmäßig eine spezielle Steuerungstechnik, Geräte-, Apparate- und Meßtechnik sowie Rege­ lungstechnik und Datenverarbeitung erfor­ derlich sind, kann hierbei an die vorhande­ nen Studiengänge Feinwerktechnik, Elektro­ nik und Informatik in Furtwangen ange­ knüpft werden. 36

Die Biotechnologie stellt ein branchen­ übergreifendes Innovationsfeld gerade auch für die mittelständische Wirtschaft der Region dar, in dem sie z. B. – eine spezielle Gerätetechnik für Produk­ tion und Aufarbeitung, – ein besonderes „System-Engineering“ (Überführung physikalischer und chemi­ scher Variablen in die richtige Signalform für die Messung und Steuerung), – eine angepaßte Meßtechnik mit Sensorik, Elektronik, Spektroskopie, analytischer Chemie, – Medizintechnik, – Daten-Übertragung, Speicherung, Dis- play und Rückkoppelung, – Prozeßsteuerungs- und Automations­ technik, – elektronische Instrumentierung für Pro­ duktionsüberwachung und Schutz erfordert. Marktchancen in der modernen Biotech­ nologie sind aber nur dem zugänglich, der ihre komplexe Universalität überblickt und sich dann in Einzelbereiche mit Innovations­ potential vertieft. Das Studium der Biotechnologie umfaßt wie alle Studiengänge an Fachhochschulen insgesamt 8 Semester, wovon zwei Semester als Praxissemester in der Industrie zu absol­ vieren sind. Die ‚.Zahl der Studienanfänger soll zweimal 35 im Studienjahr betragen, als Studienbeginn ist das Sommersemester 1989 geplant. Als Gründungsfachbereichsleiter ist Prof. Dr. rer. nat. Helmut Krinn von der Fachhochschule Furtwangen vorgesehen. Der Begriff der »Medientechnik“ füllt eine sehr große Bandbreite und besitzt gerade in jüngster Zeit und sicher auch in Zukunft ständig neue und modifizierte Inhalte. Um eine grobe Klassifizierung zu erhalten, kann man am einen Ende des Begriffspektrums den Einsatz neuer (elektronischer) Medien für Anwendungen der Gestaltungstechnik Der Studiengang Medientechnik/Neue Medien (MT) (Design, Kunst, etc.) sehen, wohingegen am anderen Ende die Nutzung solcher Techni­ ken als Instrument der Unternehmensorga­ nisation steht. Hier sind Anwendungen der Bürokommunikation sowie der Kommuni­ kationstechnik allgemein zu nennen. In der Mitte dieser Bandbreite lassen sich Nut­ zungsmöglichkeiten im Bereich des »Elec­ tronic Publishing“ sowie der bestehenden Postdienste wie Btx, Telefax sowie zukünftige ISDN-Dienste (Integrated Services Digital Network) ansiedeln. ISDN wird zukünftig große Auswirkungen auf das Kommunika­ tionsverhalten jedes Einzelnen, der Unter­ nehmen und die Gesellschaftsstruktur allge­ mein erhalten, indem mit den ISDN-Dien­ sten quasi“ weltweite Autobahnen der Infor­ mation“ geschaffen werden. Im neuen Studiengang MT der Außen­ stelle der Fachhochschule Furtwangen in Vil­ lingen-Schwenningen sollen Diplom-Inge­ nieure mit Schwerpunkt in der Anwendung der Bürokommunikation und der Breitband­ technik ausgebildet werden. Ein vergleichba­ res Studienangebot besteht bisher nur in unzureichendem Ausbauzustand in Stutt­ gart an der Fachhochschule für Druck. Die Einrichtung des Studienganges MT trägt insbesondere dem erkennbaren Ent- Halbleiter-Labor der Fachhochschule 37

Studienanfänger soll zweimal 35 im Studien­ jahr betragen, geplant ist ein Studienbeginn im Wintersemester1989/90. Als Gründungs­ fachbereichsleiter ist Prof Dipl.-Ing. Fritz Steimer von der Fachhochschule Furtwan­ gen vorgesehen. Die Fachhochschule Furtwangen wird sich bemühen, daß die mit der Errichtung der Außenstelle der Fachhochschule Furt­ wangen in Villingen-Schwenningen verbun­ denen Hoffnungen und Erwartungen in Erfüllung gehen werden. Prof Dr. Walter Zahradnik wicklungsprozeß der Verlagerung unserer Gesellschaftsstruktur von der Industrie- zur Dienstleistungs- und Informationsgesell­ schaft Rechnung. Der Absolvent des Studienganges Medientechnik/Neue Medien soll folgendes Profil aufweisen: – grundlegende Kenntnisse über die Funk­ tionsbereiche und Anwendungsmöglich­ keiten der Medien- und Kommunika­ tionstechnik, – organisatorisches Wissen und die Fähig­ keit zur Umsetzung dieser Möglichkeiten innerhalb von Unternehmensorganisatio­ nen, – fundierte Kenntnisse zur Anwendung der Möglichkeiten in Planungs-, Marketing­ und Vertriebsbereichen bei Anwendern und Herstellern. Mit zwei Praxissemestern in der Industrie umfaßt das Studium der Medientechnik ebenfalls insgesamt 8 Semester. Die Zahl der Die At�enstelle der Fachhochschule wird zunächst im früheren Gebäude der Firma Kienzle Uhren im Stadtbezirk Schwenningen eingerichtet. 38

Die neue Donaueschinger Stadtbibliothek Gewiß – eine große Bibliothek gibt es in der Stadt Donaueschingen seit langem. Mehr als 200 Jahre schon und eine ganz berühmte dazu: die Fürstlich Fürstenbergische Hofbi­ bliothek. In einem ehrwürdigen, wenn auch derzeit keineswegs mehr ansehnlichen Gebäude an der Haldenstraße, direkt neben dem nicht weniger berühmten F.F. Archiv und gegenüber jenem Unternehmen, dessen wirtschaftlicher Ertrag dem Fürstenhaus seine wie alle Einrichtungen dieser Art defizi­ täre Bücherstätte zu unterhalten hilft. Eine städtische Bibliothek indes gibt es in Donaueschingen noch gar nicht so lange, und bis Weihnachten 1987 fristete sie über­ dies ein eher unscheinbares Dasein. Nun jedoch, nach einem Jahrzehnt im Übergangs­ domizil, präsentiert sie sich in einem Neu­ bau, in dem sich der öffentliche Bücher­ schatz viel leserfreundlicher und repräsenta­ tiver unterbringen läßt als zuvor in den beengten Alträumen des 197 4 nach nicht ein- mal einjähriger Existenz schon wieder geschlossenen städtischen »Jugendhauses“. Ein Glücksfall war es, daß sich diese 470 Q!iadratmeter Nutzfläche – mehr als dop­ pelt so viel Bücher-Fläche als bisher – unter dem neuen Max-Rieple-Platz schaffen lie­ ßen. Denn sie ergaben sich sozusagen auto­ matisch als Zwischengeschoß über der ersten Donaueschinger Tiefgarage und dem neuen Platz, der auf den Namen des „stadteigenen“ Poeten und erfolgreichen Reiseschriftstellers getauft und von Bürgermeister Dr. Everke im Juni 1988 mit einem zweitägigen Fest für die Bürger eingeweiht worden ist. Rund 1,66 Mil­ lionen Mark anteiliger Kosten entfallen – abzüglich erheblicher Landeszuschüsse – rechnerisch auf die Schaffung der Räume für die Stadtbibliothek, die den Donaueschin­ gern quasi als Weihnachtsgeschenk im Dezember 1987 vorgestellt und damit über­ geben wurde. „Zum Lesen animieren“ wollte der Landessieg im Vorlesen nur knapp verfehlt Rietheimer Schülerin Sonja Casar erste Teilnehmerin des Schwarzwald-Baar-Kreises am Landesentscheid Nur knapp verfehlt hat die zwölfjährige Sonja Casar aus dem Stadtbezirk Rietheim der Stadt Villingen-Schwenningen den Lan­ dessieg im Vorlese-Wettbewerb des Deut­ schen Buchhandels, der am 3. Mai 1988 in Weingarten ausgetragen wurde. Erstmals seit Einführung eines Kreisent­ scheids im Schwarzwald-Baar-Kreis, der seit 1978 von der Kreisergänzungsbücherei durchgeführt wird, hat eine Schülerin aus unserem Landkreis alle Hürden aufKlassen-, Schul-, Kreis- und Bezirksebene gemeistert. Die bessere Tagesform einer Konkurren­ tin war ausschlaggebend, daß Sonja Casar „nur“ als Zweite im Landesentscheid durch’s Ziel ging. Zu dieser schönen Leistung auch an dieser Stelle herzlichen Glückwunsch! 39

— – 1 – — u =-=- . -::.. j 1- Donaueschinger Bürgermeister in seiner Ein­ weihungsrede, als er konstatierte, daß je Jahr in der Bundesrepublik zwar 170 Millionen Bücher gekauft würden und daß dennoch „die Mehrheit der Bevölkerung mit einer Bibliothek nix zu tun“ habe. 22.000 „Medieneinheiten“ -neben Büchern und Zeitschriften auch Kassetten -sind das End­ ziel der Stadtbibliothek Donaueschingen, die aus ihren bisherigen Räumen mit einem Bestand von 13.000 Bänden ins neue Domi­ zil an der Unteren Karlstraße/ An der Stadt­ kirche umzog. Rund 125.000 Mark hat dort die Einrichtung gekostet, mit der die Werke den Interessenten präsentiert werden und die mit zahlreichen Stellwänden und Lese­ Ecken, Arbeitstische und Sitzecken zur Benutzung einladen, und auch die ganz Klei­ nen wurden nicht vergessen; für sie gibt es ein stufenförmiges Podest, auf dem sie lesen, Kassetten hören oder auch nur mit großen Plüschtieren spielen können. Daß Donaueschingen überhaupt eine 40 städtische Bibliothek hat, ist vor allem das Werk seines einstigen Ersten Beigeordneten Hubert Mahler, der noch als Hauptamtslei­ ter 1975 die Idee hatte, mit dem Restbestand der früheren Kreisergänzungsbücherei des Landkreises Donaueschingen als Grund­ stock einer stadteigenen Bibliothek zu begin­ nen. Mit dem früheren Grüninger Bürger­ meister und damaligen Ortsvorsteher Her­ mann Winterhalter fand sich 197 6 ein kundi­ ger Mann, der diese Einrichtung aufzubauen und zu betreuen bereit war, ehe die ebenfalls in Grüningen wohnende Donaueschinger Diplom-Bibliothekarin Heidemarie Mat­ thaei 1984 seine Nachfolge antrat. Ihrer Regie obliegt es nun, die Zielgröße von 22.000 Medieneinheiten zu ergänzen und so die Einrichtung für die Benutzer noch attrakti­ ver zu machen, auch wenn die SPD-Fraktion im Donaueschinger Gemeinderat im Zuge der Etatberatung für 1988 mit ihrem Antrag scheiterte, die Stadtbibliothek für jedermann zum Nulltarif benutzbar zu machen.

Als Teil des neuen Donaueschinger „Bür­ ger-und Kulturzentrums“ trägt die Stadt­ bibliothek mit ihrer ungewöhnlichen, für den Innenraum jedoch ungewöhnlich tages­ lichtintensiven Schrägverglasung zur Karl­ straße und zur Stadtkirche St.Johann hin nachhaltig zum städtebaulich attraktiven Eindruck des Gesamtensembles bei. Vor allem der selbstbewußt plazierte Bibliotheks­ T urm, der an dieser Stelle am Beginn der Ver­ kehrsberuhigung eine Art von Tor-Situation wie am Eingang mittelalterlicher Städte schaffen soll und dessen Granit-und Sand­ steinverkleidung sich kompromißschaffend ins architektonisch ungewöhnliche Umfeld einpaßt. Er dient der Stadt als eine Art von Galerie, in der einheimische Künstler ihre Werke präsentieren können, und er kon­ trastiert lebhaft mit den gegenüber stehen­ den beiden Türmen der böhmisch-barocken Stadtkirche St. Johann. Im Jahr vor der 1100-Jahr-Feier hat die Stadt Donaueschingen mit ihrer Bücherei also eine bemerkenswerte Einrichtung geschaffen, deren Ziel es ist, ein Kommunika­ tionszentrum für Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu sein, das, wie es Bürgermeister Dr. Everke bei der Einweihung formuliert hat, möglichst vielen Benutzern ihre Lese-, Informations-und Fortbildungswünsche zu erfüllen hat. Gerhard Kiefer „Hof in Schonach“. Ölbild: Klaus Burk 41

Wirtschaft und Gewerbe Die Zukunft der Wirtschaft sicherer machen Wachstum ist bekanntlich von vitaler Bedeutung – in der Natur ebenso wie im Wirtschaftsleben. Deshalb ist es verständ­ lich, daß die Frage nach dem wirtschaftlichen Wachstum im Mittelpunkt wirtschaftspoliti­ scher Betrachtungen steht. Experten messen dieses Wirtschafts­ wachstum an der Entwicklung des volkswirt­ schaftlichen Bruttosozialprodukts. Die daraus abgeleitete Wachstumsrate wird der Einschätzung des Sachverständigenrates zufolge 1988 bei 1,5 Prozent liegen, die Bun­ desregierung prognostiziert 2 Prozent. Den meisten Menschen sagen solche Daten nicht viel; sie wollen vielmehr ver­ ständlicherweise wissen, ob die wirtschaft­ liche Entwicklung zu mehr oder zu weniger Arbeitsplätzen führt. Dabei erinnern sich nicht wenige an die Zeit, als Wirtschaftsent­ wicklung und Beschäftigtenzahlen tenden­ ziell parallel verliefen: ging es wirtschaftlich aufwärts, zeigten auch die Beschäftigtenzah­ len nach oben, und umgekehrt. Bereits in den 70er Jahren, ausgeprägter aber noch in den 80er Jahren ist diese Paralle­ lität mehr und mehr aufgehoben worden. !HK-Seminar „Roboterprogrammierung“ praxisnah in einem heimischen Unternehmen 1 42

Die Gründe dafür sind bekannt: Als Folge eines tiefgreifenden technologischen Wan­ dels und eines verschärften internationalen Wettbewerbs ist die Masse der -durchweg mit beruflich weniger qualifizierten Arbeits­ kräften besetzten -Montage-und Kontroll­ Arbeitsplätze entfallen oder, weil die Arbeits­ kosten bei uns vergleichsweise zu hoch sind, verlorengegangen. Natürlich gefällt uns, arbeitsmarktpoli­ tisch und damit auch gesellschaftspolitisch gesehen, das veränderte Bild -Wirtschafts­ wachstum bei mehr oder weniger gleichblei­ benden Beschäftigtenzahlen -ganz und gar nicht. Und dennoch müssen wir uns darauf einstellen, weil sich die eingetretene Entwick­ lung immer mehr als unumkehrbar erweist. Die grundlegende, unausweichliche Ver­ änderung eines einstmals vertrauten Bildes spiegelt sich auch in den Wirtschaftsdaten unseres Kammerbezirks wider, und hier auch in den Daten, in denen die wirtschaftliche Entwicklung im Schwarzwald-Baar-Kreis zum Ausdruck kommt: Nach der rückläufigen Wirtschaftsent­ wicklung in den Jahren 1980 bis 1982 ist das – in Betrieben des verarbeitenden Gewerbes mit mehr als 20 Beschäftigten erfaßte – Umsatzvolumen in den Folgejahren 1983 bis 1987 um nicht weniger als 20 Prozent gestiegen, die Zahl der Beschäftigten hat, gemessen am Stand Ende 1982, jedoch nicht zugenommen. Aus den genannten 20 Prozent errechnet sich eine durchschnittliche Wachstumsrate von 4 Prozent pro Jahr. Der absoluten Höhe nach sind in den 5 Jahren 1983 bis 1987 insge­ samt von den Betrieben des Schwarzwald­ Baar-Kreises 2,8 Milliarden DM mehr umge­ setzt worden. Dieser Wert entspricht zwei Dritteln des gesamten Umsatzvolumens des Basisjahres 1982. Es hat im Schwarzwald-Baar-Kreis in den zurückliegenden 5 Jahren also ein beachtli­ ches Wirtschaftswachstum gegeben, das nur über eine ganz wesentliche Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit zu erreichen war. Diese Leistung ist um so eindrucksvoller, als unsere Industrie-Unternehmen das erzielte Wachstum zum weit überwiegenden Teil unter den besonders schwierigen Bedingun­ gen der Niedrigstpreis-Angebote fernöstli­ cher Produzenten auf der einen Seite und des Hochlohnlandes Bundesrepublik Deutsch­ land auf der anderen Seite erkämpfen muß­ ten. Daß nach dem gravierenden Verfall des Dollar-Devisenkurses unsere exportin­ tensiven Unternehmen hinsichtlich der Erträge nunmehr unverschuldet vor schwer­ wiegenden, nicht kompensierbaren zusätzli­ chen Problemen stehen, ist geradezu tra­ gisch. Aus all diesen Erkenntnissen lassen sich aus Kammersicht die folgenden Schlüsse zie­ hen: -Eine Industrie, die in den letzten 5 Jahren unter ungleichen Wettbewerbsbedingun­ gen wirtschaftlich überdurchschnittlich stark gewachsen ist – dem Plus im Schwarzwald-Baar-Kreis von 20 Prozent steht als vergleichbarer Wert für die gesamte Bundesrepublik Deutschland ein Plus von nur 14 Prozent gegenüber -kann auch künftig nicht chancenlos sein, vor­ ausgesetzt, die Bundesregierung setzt den beschrittenen Weg zur Verbesserung wichtiger wirtschaftlicher Rahmenbedin­ gungen in möglichst forcierter Form fort. -So wichtig es ist, unseren Unternehmen möglichst kurzfristig wirksam zu helfen, mindestens gleich wichtig ist es, die Zukunft unserer Wirtschaft und damit die wirtschaftlich-finanzielle Zukunft unserer Menschen langfristig sicherer zu machen. -Weil die heimische Produktion von Stan­ dard- und Großserien-Produkten von fernöstlichen Exportoffensiven, die über den Niedrigstpreis geführt werden, zunehmend bedroht wird, muß unsere Industrie anspruchsvollere, hochwertigere Produkte ersinnen, ent­ wickeln, fertigen und vermarkten. Das kann auf breiter Basis und mit nachhalti­ gem Erfolg nur gelingen, wenn immer mehr Mitarbeiter in unseren Unterneh­ men durch Aneignung von mehr Wissen43 verstärkt

zu qualitativ höheren Leistungen geführt werden. Einen direkten Beitrag hierzu leistet unsere Kammer mit der von ihr intensiv betriebenen beruflichen Weiterbildung, gerade auch im technischen Bereich. Die bevorstehende Gründung einer Technischen Akademie für Weiterbildung, gemeinsam durch IHK und Fachhochschule Furtwan­ gen, setzt hier einen weiteren Akzent. Daß unsere Menschen bereit sind, diese Möglichkeiten zu nutzen und für ihre fach­ liche Qialifizierung Freizeit und auch eige­ nes Geld einzusetzen, ist ebenso erfreulich wie ermutigend. Seit 1981 haben mehr als 35 000 Mitarbeiter viele Millionen Mark in ihre berufliche Weiterbildung investiert; unsere Unternehmen unterstützten sie dabei. Über diesen Rahmen hinaus werden die Resultate aus der Initiative unserer Kammer zur Verbesserung der technisch-wissen­ schaftlichen Infrastruktur dazu beitragen, weitere Voraussetzungen für eine vor allem Die ISGUS J. Schlenker-Grusen GmbH im Jubiläumsjahr 1988 Die heutige High-Tech-Industrie Baden­ Württembegs hat ihre Vorgeschichte. In den wenigsten Fällen ist sie einfach „auf­ gepfropft“ und in neuen Fabriken auf der grünen Wiese entstanden. Vielmehr sind es die traditionsreichen Betriebe dieses Landes, die mit unternehmerischem Weitblick, Tat­ kraft und hohem Qialitätsbewußtsein immer neue Wege in der Entwicklung und Herstellung technisch anspruchsvoller Pro­ dukte ansteuern. Zu diesen Unternehmen zählt ISGUS in Villingen-Schwenningen, einer der führen­ den Hersteller von Zeit-und Datenerfas­ sungssystemen mit der wohl längsten Tradi­ tion auf dem Gebiet der Arbeitszeitregistrie­ rung. langfristig günstige Entwicklung unseres Wirtschaftsraumes zu schaffen: -Durch die von unserer Landesregierung beschlossene Errichtung einer Außen­ stelle der Fachhochschule Furtwangen in Villingen Schwenningen mit den Stu­ diengängen Biotechnik, Werkstofftechnik und Medientechnik, die im Ausbauzu­ stand 600 Studenten haben wird. -Durch den von unserer Landesregierung ebenfalls beschlossenen, bereits in der ersten Phase mit einem Investitionsvolu­ men von 20 Mio. DM verbundenen Auf­ bau eines Instituts für Mikro-und Infor­ mationstechnik, das in enger Verbin­ dung mit unseren Industrie-Unterneh­ men arbeiten wird. In beiden Fällen handelt es sich um aus­ gesprochen zukunftsorientierte Großpro­ jekte, die die Standortgunst des Schwarz­ wald-Baar-Kreises positiv beeinflussen wer­ den. Alfred Liebetrau !HK-Präsident Die Im Jahre 1888 von Jakob Schlenker­ Grusen, dem Sohn eines Landwirts und Fuhrmanns, in Schwenningen am Neckar gegründete Fabrik für Großuhren begann zu dieser Zeit bereits mit der handwerklichen Herstellung von Wächter-Kontrolluhren und Pendelfedern. Und Qialität setzte sich damals schon durch -die l.ahl der Kunden wurde größer, die Nachfrage stieg, das Pro­ duktangebot wurde erweitert. Das Jahr 1896 läßt sich als Meilenstein in der Firmengeschichte bezeichnen: Auf der Basis verschiedener Erfindungen, für die der Firmengründer Patente erhalten hatte, begann die Produktion von Brieftauben­ Constatierapparaten für die schnelle und sekundengenaue Registrierung vom Wett- 100 Jahre Fortschritt 44

in dem die ersten Geräte zur Registrierung der Arbeitszeit entwickelt und hergestellt wurden. Dies bedeutet aus heutiger Sicht 80 Jahre fundierte Erfahrung in der Zeiterfas­ sung bei ständig fortschreitender technischer Entwicklung und veränderten Anforde­ rungskriterien. Bereits 1910 konnte eine wesentlich brei­ tere Palette von Zeitregistriergeräten angebo­ ten werden. ISGUS trug damit Kundenwün­ schen und individuellen Anforderungen Rechnung. Dem Markt standen zu dieser Zeit Hebelapparate auf Papierscheiben-oder Kartenbasis, die schon serienmäßig gefertigt wurden, in verschiedenen Ausführungen zur Verfügung. Das Programm wurde im Jahr 1912 noch durch Akkordstempler, Zeit-und Datumstempler sowie durch Büro-Zeit­ sternpier erweitert. Das Konzept des Firmengründers, anwen­ dungsorientierte Produkte mit hoher Funk­ tionalität in ausgereifter Qualität herzustel­ len, führte auch in den Folgejahren zu konti­ nuierlichem Wachstum. Mit technischen Uhrwerken, Tachometern, Stopp- und Meßuhren etc. und den Anfang der 30er Jahre entwickelten Registrierkassen wurde die Produktpalette erweitert. In den Kriegs­ jahren von 1939 bis 1945 konnte ISGUS, wenn auch mit eingeschränktem Programm, weiter produzieren, denn Arbeitszeitregi­ striergeräte, Zeitsternpier, Wächter-Kontroll-45 flug heimkehrender Reisetauben. Denken und Handeln des von rastloser Energie getriebe­ nen Unternehmers war jedoch nicht allein von Erfindergeist und der Umsetzung neuer Ideen in verkaufsfähige Erzeugnisse geprägt. Das Wohl seiner Mitarbeiter war für Jakob Schlenker-Grusen von gleich großer Bedeu­ tung. Wie wäre sonst zu erklären, daß er am 1. April 1904 eine Betriebskrankenkasse für die zu dieser Zeit 83 Beschäftigten gründete, immer die entsprechend dem Stand der Technik modernsten Maschinen einsetzte und mit mehreren Fabrikneubauten für Arbeitsbedingungen menschenwürdige sorgte. Mitentscheidend für die dann folgende Entwicklung von ISGUS war das Jahr 1908,

uhren und technische Uhrwerke blieben gefragt. Ein neuer Abschnitt der Firmenge­ schichte begann 1950 mit bahnbrechenden Entwicklungen in der Zeiterfassung: Das vollautomatisch arbeitende Arbeitszeitregi­ striergerät PERFECT, als Kompaktgerät in Serie hergestellt, konnte allen in- und auslän­ dischen Vertretungen angeboten werden. Praktisch war dies der Vorläufer ganzer Pro­ duktfamilien, die in den folgenden Jahren für permanent steigende Marktanteile sorgten. Die zu keiner Zeit nachlassende Innova­ tionsbereitschaft war es auch, mit der ISGUS den Einstieg in das Elektronik-Zeitalter als konsequenten Schritt in der Weiterentwick­ lung vollzogen hat. Bereits zur Hannover­ Messe 1974 wurde das mit moderner Rech­ ner- und Speicherelektronik ausgestattete Informationssystem Zeiterfassungs- und „TIME-ONLINE“ vorgestellt. Nächste Schritte waren Entwicklungen auf Mikropro­ zessorbasis und der spätere Einsatz SMD­ bestückter Leiterplatten aus eigener Entwick- Jung. Mit Geräten für die klassische Zeiterfas­ sung per Zeitkarte, elektronischen Zeiterfas­ sungssystemen der „STAR“-Serie und dem »JET“-Programm für die elektronische Zeit­ und Datenerfassung per Ausweis ist das Unternehmen ebenso erfolgreich wie mit der »ZEUS“ -Systemfamilie, die für die Zeit- und Betriebsdatenerfassung entwickelt wurde. Modeme Systeme für Problemlösungen in der Zeitwirtschaft machen die Marktbe­ deutung nicht allein aus. Hinzuzurechnen ist die ISGUS-Kompetenz in der Herstellung von Komponenten für die Meß-, Regel- und Automatisierungstechnik, beispielsweise mit Zähl-, Transport- und Antriebswerken sowie kompletten Baugruppen. „Tradition wahren und Innovation för­ dern“ – dieser Grundsatz bestimmt auch wei­ terhin die Firmenpolitik des auf allen fünf Kontinenten und in weltweit über 40 Län­ dern vertretenen Familienunternehmens. Wolfgang Glaser Hans Wössner Die Kienzle-Uhren in Schwenningen Umzug in das neue Fabrikgebäude auf der grünen Wiese Im Almanach 87 (Seite 48 – 52) wurde das reno­ mierte Unternehmen »Kienzle-Uhren in Schwen­ ningen „vorgestellt. Am 1. Dezember 1987 wurde durch Ministerpräsident Lothar Späth die neue Produktionsstätte auf dem Gelände der ehemali­ gen Ziegelei beim Eisstadion eingeweiht. Irgendwann im Jahr 1985 müssen die drei Kienzle-Geschäftsführer Rosenbaum, Hott und Lohse vor ihrem Aufsichtsrat gestanden sein und das getan haben, wofür die Zeit reif, fast überreif war: eine Vision von der Zukunft an die Wand malen. Visionen wirken am besten mit der tristen Realität konfrontiert. Und so wird das Füh­ rungstrio allen noch einmal vor Augen geführt haben, was jeder sehen konnte. Die 46 verschachtelten Gebäude aus der Zeit der Jahrhundertwende. Die Produktionsstätten, zusammengehörig und doch auf drei Stellen verstreut. Das Material, von vielen Händen und Rädern ständig von Stockwerk zu Stock­ werk, von Ort zu Ort zu bewegen. Die Räume, für eine moderne Produktion zu niedrig. Die Decken, die schwere Maschinen nicht trugen. Die Liefer-Lkws, die den Ver­ kehr_einer Hauptstraße behinderten und von ihm behindert wurden. Und dann war der Zeitpunkt gekommen, den Gegenentwurf auszumalen, das, was kommen sollte. Die Fabrik auf der grünen Wiese, befreit von den Fesseln einer Innen­ stadt, wo keine Treppe mehr den Material­ fluß ins Stocken bringen würde. Die perfekte

Hülle für Menschen und Maschinen der Gegenwart wie für die Maschinen der Zukunft. Und als Clou ein Materiallager, in das kein Arbeiter je seinen Fuß mehr setzen würde. Statt dessen automatische Arme, die die Paletten automatisch aus den Regalen greifen und automatisch wieder zurückstel­ len. Natürlich war es nicht ganz so an jenem Tag im Aufsichtsrat. Die Dreiervereinbarung -Stadt kauft die Kienzle-Wiege beim Bahn­ hof, Kienzle sichert einen Großteil der Wigo­ Arbeitsplätze und bekommt dafür ein Drittel der 40 Millionen Neubaukosten aus dem Sanierungsprogramm des Landes – war ebenso beschlossene Sache wie der Umzug zur alten Ziegelei. Abschreibungs- und Amortisationsfristen waren exakt berechnet. Das Phantomlager existierte real -zumindest auf Planpapier. Und bald existierten auch zwei Daten: Umzug in den Betriebsferien des Sommers 1987 und Einweihung am 1. Dezember. Allen Unkenrufen zum Trotz konnte Lothar Späth am 1. Dezember eine fertige Fabrik einweihen -auch wenn die Kienzle­ Familie noch immer nicht ganz unter einem Dach wohnte. Das Werk 3 war -und bleibt­ mit Stanzerei, Dreherei und Metallbearbei- tung weiterhin im Altbau. Doch zu diesen Vorfertigungsstellen ist es nur ein Katzen­ sprung. Ansonsten konzentriert sich alles in der Siederstraße – ebenerdig und funktional, wenn auch keine Augenweide. Insbesondere der fensterlose Klotz von Hochregallager (von Lästermäulern „ Weckerschachtel“ getauft) ist nicht jedermanns Geschmack, obwohl er von einem speziell engagierten Farbexperten der Umgegend angepaßt wurde. Doch Industriebauten sollen nicht primär Architekturpreise gewinnen, sondern funktionieren. Und das Innenleben der ,,Schachtel“ ist sehr komplex. Von außen sieht man nur den Block: über 90 Meter lang, fast 14 Meter breit, knapp 27 Meter hoch, Volumen fast 34 000 Kubikme­ ter. Doch dahinter steckt eine ehrgeizige Konzeption. Nicht genug damit, daß Bediengeräte zum richtigen Regalfach glei­ ten, die richtige Palette übernehmen, sie per Förderband zum richtigen Besteller gleiten lassen und später den ganzen Weg richtig zurücktransportieren. Dank des Lagerver­ waltungscomputers kann auch jederzeit abgefragt werden, wieviel Schrauben, Gehäuse, Halbleiter, Zifferblätter, fast oder ganz fertige Produkte im Lager vorhanden Alte (links) und neue Leiterplatten, wie sie bei Kienzle hergestellt werden 47

benötigt, wenn etwas Neues produziert oder das fertiggestellte Produkt geprüft werden soll. Doch ein guter Teil des know-hows der Einrichter ist auf Datenbändern gespeichert, die die Maschinen steuern. Läuft der Apparat einmal, benötigt man nur noch Anlernkräfte. Jemanden, um die Maschinen mit Kunst­ stoffgranulat zu füttern und später den Behälter mit frisch geformten Zahnrädern wegzutragen. Jemand anderes, um die Teile in Beutel abzufüllen, sie zu verschweißen und zu beschriften. Und eine Mitarbeiterin, die die Kunststoffgehäuse vom Transport­ band nimmt und in Behälter ablegt. Gehäuse dürfen nicht einfach vom Band in den Korb fallen, sie könnten Kratzer davontragen. Doch auch hier steht der nächste Schritt bereits bevor. Anstelle der Frau wird bald ein Handhabungsgerät die Gehäuse ablegen. Dies ist kein historisch gewachsenes Gebilde mehr wie die alte Kienzle-Fabrik mit all ihren Kompromissen und Improvisatio­ nen. Dies ist ein Reißbrettkomplex, genau abgestimmt auf Arbeitsabläufe, nicht fixiert auf einige wenige Produkte, mit eingebauten Reserven für weitere Rationalisierung. Vergleichbare Tätigkeiten -im Altbau auf mehrere Etagen verteilt, wie das Lackieren auf Spritzständen und das Bedrucken von Ziffernblättern auf Siebdruckmaschinen – sind in einem Raum mit entsprechender Be­ und Entlüftung zusammengefaßt. Die Syste­ matik reicht hinunter bis in die Lagerkästen. Fünf normierte Größen gibt es, alle mit 60 mal 40 Zentimeter Grundfläche, alle aus Pla­ stik, um ein Verstauben der Teile zu verhin­ dern. Die Behälter wandern samt Inhalt von der Vorfertigung zum Lager, vom Lager zum Montagearbeitsplatz, vom Arbeitsplatz zurück ins Lager. Umfüllen überflüssig. Die Fabrik im Jahre eins nach dem Umzug wirkt etwas wie ein halberwachter Tiger. Das soll nicht Schläfrigkeit suggerieren, sondern (noch) nicht ausgeschöpftes Potential. Noch existiert Altes neben viel Neuem. Die alte Leiterplattenherstellung mit ein­ gekauftem IC und auf Hartpapier gelöteten Bauelementen läuft parallel zu der neuen, wo Autouhren nach der Montage sind. Denn was auch immer ins Lager geschickt oder dem Lager entnommen wird, muß quittiert-sprich als Daten in den Rech­ ner eingegeben -werden: Artikelnummer, Menge, Lagerposition, Zeit. Theroretisch nun also ein Kinderspiel, beispielsweise die Tagesproduktion der Kunststoffspritzerei zu planen. Der lange Arm holt die Säcke voll Granulat aus dem Lager, der Besteller quittiert und übergibt sie dem Gabelstaplerfahrer, welcher sie auf kur­ zem Wege in die Spritzerei schafft. Das ist jetzt eine lichte, große Halle, bestückt mit einem halben Hundert mikrocomputerge­ steuerter und einem halben Dutzend gere­ gelter Maschinen. 500 verschiedene Kunst­ stoffeinzelteile können produziert werden, vom winzigen Rotor über Rückwände und Frontrahmen bis zu Gehäusen. Um die Maschine vom einen auf das andere Garni­ turteil umzurüsten, bedarf es keiner riesigen Kraftanstrengung mehr. Die schweren Werk­ zeuge gleiten auf Deckenschienen daher und werden direkt auf die Maschine herabgelas­ sen -in den alten, niedrigen Räumen ein Ding der Unmöglichkeit. Die moderne Technik spart somit Zeit, sie spart Kraft, aber sie spart auch Menschen. Der Kunststofformgeber wird immer noch 48

Vierermontageplätze für Frauen Kunststojfspritzerei Vollautomatisches Kleinteilelager 49

beendet und selbst aufs Tableau gestellt hat­ zur Weiterbearbeitung durch die Dritte. Die Arbeit an sich ist dadurch nicht weniger ein­ tönig geworden (viele lenken sich mit dem Walkman-Kopfhörer über den Ohren ab). Aber die Frauen haben in gewissem Maß die Kontrolle über ihre Zeit zurückgewonnen. Sie können sich beeilen, „auf Vorrat“ schaf­ fen und sich dann eine kleine Pause gönnen, ohne damit den Produktionsprozeß auf­ zuhalten oder ihren Akkordlohn zu schmä­ lern. Doch das sind Momenteindrücke. Diese Fabrik wird -anders als die alte -nach fünf oder gar zehn Jahren nicht mehr gleich aus­ sehen. Sie dient als Hülle, deren Innereien leicht ausgetauscht und den neuesten Erfor­ dernissen des weltweiten Marktes angepaßt werden können. Aber anders geht es auch nicht, wenn es Kienzle-Uhren in zehn oder 15 Jahren noch geben soll. Hanns-Georg Rodek die Elemente auf Stanzstreifen geschweißt und Chips aufgebracht werden; das wird solange so bleiben, bis die älteren Produkte auslaufen. Teils werden die Elementevollau­ tomatisch von einer Bestückungsanlage auf­ gesetzt (für kJeinere Uhrwerke), bei bis zu zehn Bauteilen geschieht dies rein manuell (für Wecker), und teils zeigen Lichtpunkte den Arbeiterinnen, wo die Elemente hin­ gehören (bei Leiterplatten für Funkuhren und Zeiterfassungsgeräten). Das ist traditionell Frauenarbeit gewesen, Fließbandarbei. Die Fließbänder rollen auch in der neuen Kienzle-Fabrik im Akkord­ tempo, doch es gibt auch modernere Arbeits­ formen. Die lose verketteten Gruppenar­ beitsplätze zum Beispiel. Vier Frauen sitzen an einem großen Tisch, jede bringt die Autouhr einen Schritt näher zur Vollen­ dung. Als Puffer fungieren drehbare Tableaus in der Mitte des Tisches. Dort legt die erste ihr Produkt ab, von dort nimmt es die zweite in der Reihe weg, wenn sie ihr letztes Stück Die Fa. Trenkle, VS-Pfaffenweiler, hat sich mit Kommunalfahrzeugen einen Namen gemacht Die kleinen Wege, die für alte Ehepaare viel zu schmal sind, gibt es nicht nur im Hele­ nental bei Wien, von dem uns der Schlager­ sänger früherer Zeiten berichtet. Gewundene Gäßchen machen heute den besonderen Reiz vieler alter Städte aus, und romantische Wege durch einen Park oder eine gepflegte Grünanlage werden auch von jungen Leuten geschätzt und gesucht. Doch klein ist nicht nur fein, sondern bringt auch den städ­ tischen Beamten, die für die Sauberkeit und die Begehbarkeit dieser Wege und Sträßchen verantwortlich sind, so manches Problem. Zu den engen Gäßchen gehörte nämlich frü­ her ganz selbstverständlich der Straßenkeh­ rer mit dem Besen und dem zweirädrigen Karren. Doch diese Saubermänner sind rar Mit Einfallsreichtum und Erfindergeist zum Erfolg geworden, und so entstand mit den schma­ len Gäßchen eine Marktlücke, die ein Unter­ nehmen aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis mit viel Einfallsreichtum und Erfindergeist zu nutzen wußte. Gemeint ist die Firma Trenkle im Stadt­ bezirk Pfaffenweiler, die derzeit mit Vollgas ihr vielseitiges Kommunalfahrzeug, den „Kramer-Tremo-Junior“, auf Erfolgskurs steuert. Diese kleinen wendigen Alleskönner sind vollgepackt mit moderner aber hand­ werklich solider Technik, und sie zwängen sich durch enge Gassen, gerade so wie ihr Hersteller in die Marktlücke, die sich zwi­ schen den großen Kehrmaschinen und Schneepflügen und dem Mann mit dem Besen aufgetan hat. Durch Zusatzgeräte sind so

die Einsatzmöglichkeiten dieser Fahrzeuge vielfaltig. Die Firma Trenkle besitzt als klei­ nes Unternehmen genügend Flexibilität, um ihre Fahrzeuge mit Sonderkonstruktionen und mit Zubehör nach Wunsch so auszurü­ sten, daß keine Aufgabe ungelöst bleibt. Dabei ist die Grundausstattung dieses variablen Fahrzeuges immer die gleiche. Das Herzstück ist ein kräftiger Motor, der über ein stufenloses Hydraulikgetriebe gebändig­ ter Kraft auf den Vierradantrieb überträgt. Beide Achsen sind steuerbar und haben einen engen Radstand. Diese Besonderhei­ ten machen den Tremo-Junior wendig genug, um auch in engen Straßen um jede Ecke kurven zu können. In diesen Fahrzeu­ gen, von denen die Firma Trenkle pro Jahr rund 250 Stück fertigt und verkauft, steckt eine lange Entwicklung und einiges an Inve­ stitionen. Rund sieben Jahre brauchte der quirlige und kräftige Zwerg, um sich am Markt durchzusetzen, denn Städte und Gemeinden planen langfristig, und da hat es ein Neuling besonders schwer, sich seinen Platz zu erobern. Inzwischen aber ist der Durchbruch geschafft, so freut sich Ge­ schäftsführer Rolf Hummel, der mittlerweile Delegationen aus ganz Europa und darüber hinaus zu Vorführungen und Schulungen in seinem Werk begrüßen kann. Die Geschichte des Unternehmens be­ gann im Jahr 1926, als der Dorfschmied Johann Trenkle sich in Pfaffenweiler nieder­ ließ. Während der Vater noch Pferde be­ schlägt und am Amboß steht, erkennt sein Sohn Lothar Trenkle rund dreißig Jahre spä­ ter, daß die Modernisierung und die Motori­ sierung nicht nur die Landwirtschaft, son­ dern auch die Dorfschmiede von einst von Grund auf verändern werden. Er stellt sich auf diese Entwicklung ein und bietet den Landwirten Maschinen und Traktoren an. Der Erfolg gibt ihm recht, denn schon wenige Jahre später kann er seinen Betrieb erweitern. Doch Lothar Trenkle war mehr als nur Schmied, er war auch Erfinder und Kon­ strukteur. So baute er immer wieder selbst­ entworfene Anbaugeräte für die Schlepper 51

und spezialisierte sich nach und nach auf robuste und leicht zu handhabende Zusatz­ geräte für den Wegebau in Wald und Feld. Dazu gehören noch heute im Sortiment Walzen und Verdichter, Grader sowie eine Vielzahl von Sondermaschinen bis hin zu einer Kompostaufbereitungsmaschine. Gebaut wurde bei der Firma T renkle nicht nur in, sondern auch ständig an den Werk­ stätten. Die alte Schmiede reichte längst nicht mehr aus, und so entstand 1960 eine erste größere Halle, ein Jahr später folgen neue Bürogebäude, und 1970 entsteht eine weitere 1800 �adratmeter große Montage­ halle. Damals wurden auch die ersten Schmalspurfahrzeuge gebaut, aus denen sich der derzeit so gefragte Junior“ entwickelte. Doch auch seine größeren Brüder sind heute noch gefragt und werden auf Bestellung für die verschiedensten Einsatzzwecke gefertigt. Anfang der siebziger Jahre gründete Lothar T renkle noch eine zweite Firma, näm­ lich ein Service-Unternehmen, das mit riesi­ gen selbstgebauten Maschinen jährlich Tau­ sende von Kilometern an Entwässerungsgrä­ ben im Auftrag der öffentlichen Hand rei­ nigt. Wenig später stirbt Lothar Trenkle, und sein Mitgeschäftsführer Rolf Hummel über­ nimmt allein die Führung des mittelständi­ schen Unternehmens. Die positive Entwick­ lung hält an, und so kann im Jahr 1985 ein neues Betriebsgebäude an der Landesstraße eingeweiht werden. Hier bietet die Firma Trenkle einen umfassenden Service für alle von ihr gefertigten Fahrzeuge und darüber hinaus ein breites Sortiment für den Hobby­ gärtner und den Profi, der sich die Arbeit im Garten oder bei der Rasenpflege erleichtern will. Doch die Vergrößerung des Unterneh­ mens bringt auch Probleme mit sich. Der technische Fortschritt mit seinen modernen Fertigungsmethoden macht große Investi­ tionen erforderlich, wenn die Erzeugnisse konkurrenzfähig bleiben sollen. So wird die Firma Trenkle zu einer Tochter der Kramer­ werke in Gutmadingen, die das nötige Kapi­ tal und den Maschinenpark besitzt. Große 52 Teile der Fertigung werden heute in Gutma­ dingen auf hochmodernen, computerge­ steuerten Maschinen gefertigt. In Pfaffenwei­ ler, wo weit über hundert Fachkräfte beschäf­ tigt sind, werden die verschiedenen Fahr­ zeuge und Geräte montiert. Auch die Kon­ strukteure sitzen nach wie vor in Pfaffenwei­ ler, und so entstehen auf den Zeichenbret­ tern solch eigenwillige Konstruktionen, wie ein universal einsetzbarer Friedhofsbagger. All diese Erzeugnisse, die am Reißbrett Gestalt annehmen und schließlich in der Montagehalle entstehen, zeigen mit ihrer Vielfalt, wie eng in diesem Unternehmen die Bezüge zu den Forderungen der Praxis, den Wünschen der Kunden und der handwerk­ lichen Fertigung geblieben sind. Klaus-Peter Friese *

Ein Betrieb auf solider Grundlage Die Firma Elektro Wolfgang Vetter in Hüfingen Badenwerk-AG, mit der Emil Vetter eng zusammenarbeitete, erwirkte bis auf kurze Zeit, in der er eingezogen war, seine Befreiung vom Kriegsdienst. Der Betrieb Vetter setzte die vom Krieg zerstörten Lei­ tungen wieder instand. Nach Kriegsende kam es wieder zur verstärkten Zusammenar­ beit mit der Badenwerk-AG, wo Emil Vetter die Kontrolle der Leitungen auf ihre Ver­ wendbarkeit vorzunehmen hatte, denn viele waren durch den Krieg in Mitleidenschaft gezogen worden. Ihm war es durch eine Son­ dergenehmigung auch gestattet, ein Motor­ rad zu benutzen, ein Privileg, das damals nur wenige genossen. In dieser Zeit verkauften immer mehr Gemeinden ihre Ortsnetze an die Baden­ werk-AG, und es gab für den aufstrebenden Betrieb stets neue Aufträge, zu denen auch Elektroinstallationen in Häusern und Betrie­ ben kamen. Dadurch konnten noch mehrere Mitarbeiter eingestellt werden. Im Mai 1966 übergab der Firmengründer seinen Betrieb an seinen Sohn Wolfgang, der ihn zunächst im bisherigen Umfang weiter­ führte. In den Jahren 1968/69 wuchs das Unternehmen auf 40 Mitarbeiter an. Nun platzte die Firma buchstäblich aus allen Näh­ ten, und Wolfgang Vetter entschloß sich zum Bau eines neuen Betriebsgebäudes. Da es in Ewattingen Schwierigkeiten mit dem Baugelände gab, griff Wolfgang Vetter zu, als ihm in Hüfingen ein Grundstück angeboten wurde, das er zu günstigen Konditionen erwerben konnte. Hier entstand dann im „Mühlöschle“ ein Bürogebäude mit Sozial­ räumen, Werkstatt und Lagerhalle. Die Übersiedlung nach Hüfingen erfolgte 1974. In den Jahren 1985/86 entstand dann noch eine große Halle für Fahrzeuge, Geräte und Maschinen. Auch im kaufmännischen Bereich ist der Betrieb modern eingerichtet und verfügt über eine eigene Computeran­ lage. Daß das Unternehmen auch auf techni- 53 Zu den Betrieben, die an der westlichen Peripherie Hüfingens angesiedelt sind, zählt die Elektrofinna Wolfgang Vetter, die sich hier 1974 niedergelassen hat. Der Betrieb hat sich voll auf Freileitungs- und Kabelbau spe­ zialisiert und beschäftigt heute 45 Mitarbei­ ter. Auftraggeber sind die verschiedenen Elektrizitätsversorgungsunternehmen, wie die Badenwerk-AG, das Kraftwerk Laufen­ burg, das Elektrizitätswerk des Kantons Schaffhausen, die Stadtwerke Freiburg und die Bundespost. Auch verschiedene Stadt­ und Gemeindeverwaltungen zählen zur Stammkundschaft von Wolfgang Vetter. Gegründet wurde das Unternehmen 1933 vom Vater des jetzigen Inhabers, Emil Vetter, der sich in seinem Heimatort Ewattingen mit einem Betrieb für Elektro-Installationen selbständig machte. Er erweiterte in den fol­ genden Jahren sein Geschäft, das er mit Umsicht und Geschick betrieb und stellte weitere drei Mitarbeiter ein. Unter anderem betreute er die Ortsnetze von Ewattingen und den umliegenden Gemeinden. Die

Innenraumstationen Mastkornpakt- und sowie Straßen-und Sportstättenbeleuchtun­ gen erstellt. Bei der Elektroinstallation werden, wo drei Mitarbeiter und drei Auszubildende beschäftigt sind, Installationen in Indu­ strieanlagen, Gewerbe-und Wohnhäusern ausgeführt. Der Aktionsradius des Unter­ nehmens erstreckt sich auf den gesamten süddeutschen Raum. Die Auftragslage des Unternehmens, das 1983 sein 50jähriges Bestehen feiern konnte, ist gut. Für die Stadt Hüfingen erwies es sich bis heute positiv, dem Betrieb die Ansiedlung auf seiner Gemarkung zu ermöglichen, der zu den guten Steuerzahlern der Stadt zählt. Käthe Fritschi aus. So beschloß er im Jahre 1886, sich selb­ ständig zu machen. Im oberen Stockwerk des elterlichen Anwesens begann der junge Uhr­ macher mit einer kleinen Werkstätte. Mit einer Drehbank und zwei fußbetriebenen Drehstühlen -eine Abart des damaligen Johs. Förderer Söhne in Niedereschach schem Gebiet immer auf dem neuesten Stand ist, versteht sich von selbst. Ein großer Geräte-, Maschinen-und Fuhrpark gewähr­ leisten, daß Aufträge so ausgeführt werden können, wie es die Zeit erfordert: schnell, präzise und zuverlässig. Für die Auftraggeber werden Ortsnetze umgebaut, Nieder-und Mittelspannungslei­ tungen mit Gitter-, Beton-, Stahlrohr-und Holzmasten erstellt. Im Kabelbau werden Mittelspannungskabel verlegt und Monta­ gen der Muffen und Endverschlüsse getätigt, ferner Niederspannungskabel mit allen erforderlichen elektrischen Montagen ver­ legt. Erdarbeiten einschließlich der gesamten Oberflächenwiederherstellung samt etwa erforderlichen Sprengarbeiten gehören zum Angebot der Firma Vetter, ferner werden 100 Jahre: 1886-1986 Im Jahre 1866 hatte Wilhelm Jerger eine Uhrenfabrik gegründet, in der zu späterer Zeit auch Johannes Förderer, der das Uhrma­ cherhandwerk erlernte, beschäftigt war. Als 27jähriger junger Mann füllte ihn ein abhän­ giges Beschäftigungsverhältnis nicht mehr 54

Antriebes hielt sich noch lange für mecha­ nische Haushaltnähmaschinen – wurden einfache Drehteile für die in der Nachbar­ schaft aufblühenden großen Uhrenfabriken wie Kienzle, Mauthe und Junghans her­ gestellt. Die ersten Mitarbeiter konnten bald eingestellt werden. Um die Jahrhundert­ wende entstand dann eine richtige Fabrik. Das elterliche Anwesen war den steigenden Bedürfnissen nicht mehr gewachsen gewe­ sen. Hinter dem elterlichen Haus war die Talaue der Eschach ein geeignetes Gelände für den damals modernsten Fabrikbetrieb. Nicht zuletzt die Dynamik des ersten Jahr­ zehntes unseres Jahrhunderts zwang jedoch zur raschen Ausweitung des Betriebes. Ham­ merbengel und Weckerstifte, Fallen-und Sperrbengel, Rollierzapfen und Spitznägel und komplette Warnungen zählten zum Produktionsprogramm, das per Pferdege­ spann den Kunden in Schwenningen und Schramberg zugeführt wurde. Das Geschäft beeinflußte maßgeblich die Tochter Olga aus erster Ehe. Diese heiratete den Kaufmann Max Aschenbrenner aus Sas­ bach am nördlichen Rand des Kaiserstuhles. Dessen ausgeprägtes Fortschrittsstreben führte die inzwischen entstandene Johs. För­ derer Söhne -der Firmenname wurde bis zum heutigen Tag beibehalten -in neue Bereiche. Der erste Produktewechsel war die Folge. Statt -wie bisher -vor allem als Zulie­ ferer der Uhrenindustrie zu dienen, verlager­ te der Schwiegersohn des Firmengründers ab seinem Eintritt in die Geschäftsführung im Jahre 1919 den Schwerpunkt der Tätigkeit in neu aufgekommene Bereiche, in Elektro­ technik und in den Rundfunksektor. Obschon von Hause aus Kaufmann, erwarb sich Max Aschenbrenner Patente im Bereich der Stecker, Kupplungen und Schalter, die sowohl in der Starkstromtechnik als auch im Schwachstrombereich ihre Abnehmer fan­ den. Ergänzend hierzu bediente man auch Das Produktionsgebäude der Firma Jobs. Förderer Söhne entstand um die Jahrhundertwende 55

Geschäftsführer Helmut Aschenbrenner ist im technischen Bereich für die Spulenfertigu.ng als neuesten Produktbereich verantwortlich den aufkommenden Automobilsektor und den Maschinenbau mit Ölern, Nippeln und vor allem Fassondrehteilen. In der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg blühte das Unter­ nehmen besonders. Mit einem Zweigwerk in Deißlingen, der Fertigung von Rasierappara­ ten und dem gelungenen Aufbau eines län­ derübergreifenden Vertriebsnetzes war der große Durchbruch zum Greifen nahe. Mit dem Krieg aber kamen die Sorgen. Max Aschenbrenner wurde gar angeklagt, die Kriegsgesetze mißachtet zu haben. Damit drohte ihm die Aberkennung der Geschäftsführertätigkeit und die Ent­ eignung des Betriebes. Ihn rettete dann der Rat des Dr. Adalbert Grüninger, der als Mit­ arbeiter der Firma Treuhand Schrade emp­ fahl, die Geschäftsführung in deren Hände zu legen. Sein Lebensmut hatte allerdings schwer gelitten, und schon 1943 verstarb er, ohne eine Rehabilitation erlebt zu haben. Der inzwischen zum Schwiegersohn gewordene Dr. Adalbert Grüninger, der die Tochter Gertrud geheiratet hatte, und Con­ stantin Hülsmeyer, der mit der Tochter lsa­ bella verheiratet war, standen nach dem 2. Weltkrieg Mitte 1945 fast vor dem Nichts. Vier Fünftel des Maschinenparkes mußten abgeliefert werden. Mit Kerzenhaltern für Christbäume, mit Feuerzeugen und ähnli­ chen notwendigen und begehrten Produk­ ten der ersten Phase der Nachkriegszeit brachte man den Betrieb über die Runden. Bald wurden auch wieder Produkte für die Rundfunk- und die entstehende Phonoindu­ strie in die Fertigung aufgenommen. Bana­ nenstecker, Krokodilklemmen und vor allem Potentiometer, wie man in der Fach­ sprache die verstellbaren Drehwiderstände nennt, welche als Klang- und Lautstärkereg­ ler benötigt wurden, gehörten wieder zum Programm. Dynamik entstand dann mit der Fertigung von Antennen, deren Entwick­ lung und Produktion von Helmut Aschen- 56

brenner, dem heutigen technischen Ge­ schäftsführer, geprägt wurde. Im Sommer 1954 konnte der einzige Sohn von Max Aschenbrenner in die Firma eintreten. Zunächst begann man mit einfachen Staban­ tennen für den Mittelwellenempfang. Doch bald wurden die Anforderungen gesteigert. Der Ultrakurzwellenempfang bedingte eigene Antennen. Dann kam das Fernsehen. Ältere Niedereschacher können sich noch gut daran erinnern, wie sie mit einer der ersten Fördererantenne und dem ersten Fir­ menfernseher das Endspiel um die Fußball­ weltmeisterschaft 1954 verfolgen konnten. Dabei war man auf die Hilfe des Schweizeri­ schen Fernsehens angewiesen. Zu Beginn der danach stürmischen Entwicklung des Fern­ sehens hatte man mit einem Lagenachtei! zu kämpfen, der nur dadurch wettgemacht wer­ den konnte, daß führende Männer der tech­ nischen Entwicklung der Förderer Söhne einen Prüfstand auf der Höhe des Hardt auf­ bauten, von wo aus es möglich war, den Sen­ der Säntis der DRS zu empfangen. Und die­ ser Empfang war für die neuen Produkte lebensnotwendig. Nur so konnte die tech­ nische Entwicklung vorangetrieben werden. Unter der kaufmännischen Geschäftsfüh­ rung von Dr. Adalbert Grüninger und der technischen Leitung von Ingenieur Helmut Aschenbrenner erkannte man aber bald die besonderen Fähigkeiten der führenden tech­ nischen Mitarbeiter und die Erfahrung der Belegschaft im Bereich der Feinwerktechnik. Und da sah man auch bald glänzende Markt­ möglichkeiten durch das verstärkte Auf­ kommen tragbarer Geräte. Die „Portables“, wie man diese Geräte später nannte, wurden durch die Entwicklung des Transistors und der gesamten Halbleitertechnik erst möglich. Als sich der Trend zunächst mit den Koffer­ radios abzeichnete, ging man mit aller Kraft an die Entwicklung geeigneter Antennen. Diese mußten ausziehbar sein. Die Tele­ skopantenne war also zwingend notwendig. Da man bei der Firma seit den dreißiger Jah­ ren viel Erfahrung in der Oberflächen­ behandlung gesammelt hatte und über eine leistungsfähige Automatendreherei verfüg­ te, wurde die neue Antennenform bald so gut konstruktiv und fertigungsmäßig be­ herrscht, daß der Niedereschacher Betrieb für Jahre keine Sorgen hatte. Die Produktion der größeren Antennen gab man bald auf. Die Erfahrung der Mitarbeiter mit der Fein­ werktechnik konnte bei den Teleskopanten­ nen wesentlich besser genutzt werden. Eine wichtige Produktionsumstellung war gelun­ gen. Helmut Aschenbrenner war im Jahre 1959 zum technischen Geschäftsführer ernannt worden. Constantin Hülsmeyer war inzwischen ausgeschieden und hatte sich dem Stahlhandel zugewandt. Allmählich machte sich die Konkurrenz aus Fernost bemerkbar. Die „gelbe Gefahr“, von der die Vorväter schon sprachen, ent­ stand vermehrt im Elektrosektor, der den Konsumbereich bediente. Es mußten erneut Produkte gefunden werden, welche den erwartenden Rückgang bei den Antennen ausgleichen und die Beschäftigung sichern konnten. Wieder auf einem Gebiet der Elek­ trotechnik, der Fertigung von Spulen, wurde man fündig. So konnte die nachlassende Nachfrage nach Antennen durch die stetig wachsende Bedeutung der Spulenherstel­ lung sogar mehr als ausgeglichen werden. Das Jubiläumsjahr wurde mit einer Umsatz­ steigerung beendet, das dem Betrieb sein bestes Jahr seit Bestehen sicherte. Allerdings wird von den Geschäftsführern (Helmut Aschenbrenner und Thomas Grüninger) nicht verkannt, daß die Nischen für das Marktsegment Antennen immer kleiner wer­ den. Für die 60 Beschäftigten und den zusätz­ lich 20 Heimarbeiterinnen ist es beruhigend zu wissen, daß es mit dem Familienbetrieb auch in der vierten Generation weitergeht. Dieter Mink 57

Modellbau im Aufwind Neue Erfolgsserie der Gebr.Faller GmbH in Gütenbach ihrer Mit fast zwei Dutzend Neuheiten in der Gesamtpalette vielhundertfachen Modellbauaustattung für Landschaftsanla­ gen mit und ohne Eisenbahn hat die Güten­ bacher Firma Gebr. Faller GmbH 1987 bei der wichtigsten internationalen Spielzeug­ messe in Nürnberg ihre marktführende Stel­ lung mit erneuerter Kraft demonstriert. Optimismus und ein kämpferisches Selbst­ bewußtsein wurden aus dem seit langer Zeit erstmalig wieder positiven Jahresabschluß 1986 bezogen. Nach gefahrvollen Tiefs, die von innerbetrieblichen Konflikten, hohen Bilanzverlusten und Entlassungen gekenn­ zeichnet waren, schauen die Geschäftsführer Heinz Köntopp, Hansjörg Blickle und Max Wehrle zuversichtlich in die Zukunft: „Wir sind über dem Berg“. Hinter den Kulissen war der existenzret­ tende Schritt auf die Seite der schwarzen Zahlen von einer Reihe schwieriger Ent­ scheidungen begleitet. Parallel zur Schlie­ ßung der Zweigbetriebe in Broggingen (Breisgau) und Braunau (Österreich) erfolgte der konsequente Rückzug aus dem Kinder­ spielzeugbereich. Rennbahn, Eisenbahn und Autoland wurden ersatzlos aus dem Pro­ gramm gestrichen. Die erneute Konzentra­ tion auf den angestammten Modellbau wird von einem Aufwind durch die zunehmende Zahl erwachsener Freunde maßstabgetreuer Landschaftsanlagen begünstigt. Beifall für die Neuheiten auf internationaler Ebene: Geschäfliführer Heinz Köntopp (Mitte) mit dem Exklusivmodell 1987, eine Feuerwache im Jugendstil. Die Geschäfliführer Max Wehrle (rechts) und Hans-Jörg Blickle (links) präsentieren – mit Klosterhof und Riesenrad – e,folgreiche Exklusivmodelle der letzten Jahre. 58

Das unternehmerische Konzept des geschäftsführenden Triumvirats, das von der Gesellschafterversammlung am 7.Juli 1986 bestellt wurde, setzt auf kontinuierliche Revitalisierung des zweihundert Mitarbeiter umfassenden Unternehmens, das vor rund sechs Jahren einschließlich der Filialen noch über knapp vierhundert Arbeitsplätze ver­ fügte. Mit Erleichterung und Freude betrachten Betriebsrat und Mitarbeiter die entspannte Situation im wichtigsten Betrieb der Gemeinde. Ein Untergang des Unterneh­ mens wäre in Gütenbach mit kaum überseh­ baren persönlichen und infrastrukturellen Folgen verbunden gewesen. Vor Beginn des Experiments Kinderspielzeug war der Gütenbacher Modellbausatz-Hersteller ein respektables Unternehmen mit gesunder Eigenkapitalausstattung. Diese stabile Basis machte es überhaupt erst möglich, die lang­ zeitige Erfolgskrise durchzuhalten und letzt­ lich zu verkraften. Die roten Zahlen der Jahre 1982 bis 1984 wurden von einer neuen Pro­ duktgruppe angeführt, die auf dem Markt bei weitem nicht das erhoffte Echo gefunden hatte. Der Versuch, sich neben dem Modellbau auf dem reinen Kinderspielzeugmarkt ein zweites Bein zu schaffen, gilt aus der heuti­ gen Sicht als ein zwar verständlicher, aber letztlich völlig fehlgeschlagener Versuch. Die betriebliche Leistungsfähigkeit wurde über­ fordert, die Kapazitäten von Entwicklung, Konstruktion, Werkzeugbau und Produk­ tion splitten sich in verschiedenartige Anfor­ derungen. Selbst im Marketing war keine Gemeinsamkeit möglich -die Zielgruppen auf dem Kinderspielzeugmarkt, der im übri­ gen von einem harten internationalen Wett­ bewerb gekennzeichnet ist, unterschieden sich generell vom Kreis der Modellbau­ freunde mit immer höher werdendem Erwachsenenanteil. Beim Beschluß einer neuen Großkonzep­ tion im Sommer 1984 bestand Übereinstim­ mung: Personelle Reduzierung vor allem im Verwaltungsbereich und die konsequente sorgten Einhaltung betriebswirtschaftlicher Gesichts­ punkte. Im Herbst 1985 wurde der Handel darüber informiert, daß der Spielzeugsektor zum Jahresende 1986 aufgegeben wird. Der Markt honorierte die erneute Kon­ zentration auf den Modellbau mit starker Zuwendung. Hilfestellung gaben neue Impulse auf der Modelleisenbahnszene durch vielfältige Aktivitäten anläßlich des 150jährigen Eisenbahn-Jubiläums. Für einen zusätzlichen Schub attraktive Neuentwicklungen. Zum Renner wurde das jährlich limitiert erscheinende Exklusivmo­ dell im HO-Programm -dieses Jahr eine auf­ wendige Feuerwache mit Jugendstilelemen­ ten und elektrischer Sirene aus rund sieben­ hundert Einzelteilen. Jede Neuheit bedeutet kostspielige Inve­ stitionen und unternehmerisches Risiko. Schon ein einfaches Hausmodell der unteren Preisklasse bedingt die Herstellung von sechs bis sieben Formen. Die Entwicklungs-und Werkzeugkosten für ein Exklusivmodell mit durchschnittlich dreißig Formen und sieben­ hundert Teilen summieren sich in der Grö­ ßenordnung von einer halben Million Mark. Eine Amortisation zieht sich damit über Jahre hin. Die jährliche Herstellung von Handmustern wird auf einen Wert zwischen 60 000 und 75 000 DM beziffert. Der mit zweihundert Seiten umfangreichste Katalog der Branche „für die Welt im Modell“ wird jeden Sommer neu in einer deutschen und einer fremdsprachigen Ausgabe für den Export in insgesamt 300 000 Exemplaren aufgelegt. Im Werkzeugbau befinden sich CNC-gesteuerte Fräsmaschinen der neuen Generation. Ein Teil der Kunststoffspritz­ gußmaschinen wird über Computer ge­ steuert. Damit sind auch im technischen Bereich die Weichen für eine Zukunft mit kontinuierlichem Aufbau gestellt, wobei die eigene Produktion weiterhin durch den deut­ schen Alleinvertrieb für zwei ausländische Flug-und Automodellbau-Hersteller abge­ rundet wird. Rosemarie v. Strom beck 59

Hock GmbH in Schönwald – eine Firma mit alter Tradition auf neuen Wegen Mit ziemlicher Sicherheit hatte jeder schon einmal ein Produkt in den Händen, das Teile enthielt, für die bei der Firma Hock GmbH die Werkzeuge oder die Teile selbst produziert wurden: Hock ist Zulieferer vieler Branchen und versteht sich als Dienstlei­ stungsbetrieb moderner Prägung. Für nam­ hafte Kunden der Feinmechanik-, Elektro­ und Automobilindustrie werden die unter-· schiedlichsten Schnitt-und Stanzwerkzeuge, sowie die entsprechenden Stanzteile manch­ mal in Millionen Stückzahlen angefertigt. Den Trend erkennend, daß viele Firmen kei­ nen eigenen, kostenintensiven Werkzeugbau mehr unterhalten wollen, hat sich die Hock GmbH auf diese Dienstleistung spezialisiert. Der Schwerpunkt im Werkzeugbau liegt auf der Herstellung komplizierter Folgeschnitt­ werkzeuge, mit denen Metallteile in den variantenreichsten Formen gefertigt werden können. Die Kunden setzen die von Hock hergestellten Werkzeuge entweder in der eigenen Produktion ein, oder lassen auch die Teile bei Hock fertigen. Diese werden in der firmeneigenen Stanzerei auf Pressen ver­ schiedenster Leistungsstufen produziert. In diesem Fall ist der Werkzeugbau auch für Ser­ vice und Wartung dieser Werkzeuge zuständig. In engem Kontakt zu den Kunden bietet Hock auch konstruktive Unterstützung bei der fertigungsgerechten Gestaltung von Werkzeugen und Stanzteilen. Dies ist ein Angebot, das immer häufiger in Anspruch genommen wird. Hier sind die jahrzehnte­ lange Erfahrung vieler Hock-Werkzeugma­ cher und die über vierzigjährige Berufserfah­ rung des Betriebsleiters Heinrich Winterer gefragt. Auch in der Schweiz und in den USA ist der gute Ruf der präzisen, zuverlässi­ gen und robusten Hock-Werkzeuge ein Begriff, so daß heute auch in Florida Hock­ Werkzeuge im Einsatz sind. 60

Die in der Branche üblichen hohen Erwar­ tungen der Abnehmer an die Qialitätssiche­ rung der Zulieferer erfordern es, auf diesem Gebiet aktiv zu sein, zu investieren und die Mitarbeiter in dieser Hinsicht besonders in­ tensiv zu schulen und zu motivieren. Eine für die Firmengröße beachtliche Ausbildungsabteilung zieht den Werkzeug­ macher-Nachwuchs heran. Die Ausbildung ist praxisbezogen und die Abteilung trägt mit zur Flexibilität der Firma bei. Einfache Werk­ zeuge oder Prototypen werden vom Nach­ wuchs mit Eifer und Erfolg angefertigt. Die Hock GmbH ist eine junge Firma, die am 1. 1. 1983 ihren Geschäftsbetrieb auf­ nahm. Allerdings können die Mitarbeiter auf eine lange Tradition und Erfahrung zurück­ blicken. 1945 von Ing. Eugen Hock gegründet, erlebte der Betrieb und mit ihm die treu zur Firma stehende Belegschaft Höhen und Tie­ fen. 1982 besuchten Dipl.-Kfm. Peter Rau­ schenberger und seine spätere Geschäftspart­ nerin, Reingard Kleiner, aus Stuttgart, die Firma Hock in Triberg. Sie waren beein- druckt vom Können und von der Zuverläs­ sigkeit der damals 32 Beschäftigten. So ent­ wickelte sich eine Geschäftsverbindung, an deren Ende die Übernahme des Geschäftsbe­ triebs der Hock KG durch die neu gegrün­ dete Hock GmbH stand. Peter Rauschenberger ist Mitinhaber einer Firma in Stuttgart und sah hier die Chance, vorhandene Ideen neu zu gestalten. Reingard Kleiner tat den Schritt in die schon länger geplante Selbständigkeit, ebenfalls mit Ideen und Vorstellungen über das nötige Vor­ gehen. Beide brachten viel Erfahrung und Optimismus mit, der sich auf die Belegschaft übertrug. Mit dem Entschluß zur Neugrün­ dung der Hock GmbH nahm ein außerge­ wöhnliches Modell der Geschäftsleitung Gestalt an. Beide Inhaber können nur einen Tag in der Woche im Betrieb anwesend sein, die übrige Zeit führt ein Geschäftsleitungs­ Team die Geschäfte. Bis heute wird dieser partnerschaftliche Führungsstil mit dem inzwischen auf sechs Mitarbeiter angewachsenen Kreis mit Erfolg praktiziert. Bei regelmäßigen Geschäftslei-61

Inzwischen tungs-Besprechungen werden die Richtli­ nien festgelegt, über Investitionen entschie­ den und Problemlösungen erarbeitet. Für die Mitarbeiter bedeutet dies sowohl ein großes Maß an Entscheidungsfreiheit, andererseits aber auch Entscheidungszwang in manchen Situationen. ist aus dem „Modell“ ein funktionierendes System zur Leitung eines Mittelstandsbetriebes gewor­ den. Das Unternehmen wird vorrangig von den Mitarbeitern geführt und getragen. Zwei schwierige Anfangsjahre galt es für den Betrieb durchzustehen, in denen ihm vielfältige Hilfe von Lieferantenseite, den Banken und öffentlichen Stellen zuteil wurde. Für die Stanzerei konnten moderne Pressen angeschafft werden, die Umsätze begannen sich erfreulich zu entwickeln und haben sich seit dem Beginn vervierfacht. Neueinstellungen konnten vorgenommen werden, die EDV hielt Einzug, neue Groß­ kunden wurden gewonnen. Nachdem dann auch im Werkzeugbau investiert werden konnte, war die technische Modernisierung in vier Jahren abgeschlossen. Das Wachstum der Firma ließ sie bald an die räumlichen Grenzen der unzulänglichen Räume in der Doldstraße in Triberg und in der Produktionshalle in Elzach-Oberprech­ tal stoßen. In dieser Situation bot sich im Juni 1986 die Chance, das Betriebsgebäude und die Geschäftsanteile der Firma L. Feh­ renbach Söhne in Schönwald zu erwerben. Diese Firma hatte schon eine alte Beziehung zur Firma Hock, die Generation der Großvä­ ter hatte eine Firma Fehrenbach + Hock 1905 in Triberg gegründet.1945 trennte man sich.­ Das Raumproblem wurde so gelöst, das Per­ sonal wurde durch die Übernahme aller Feh­ renbach-Mitarbeiter auf über 60 erweitert, der Firmensitz hieß ab jetzt: Schönwald, Gerwigstraße. Das alte Gebäude -eine ehe­ malige Uhrenfabrik aus dem Jahr 1923 -wurde von ortsansässigen Handwerkern sinnvoll saniert und restauriert. Beim Umzug zeigten die Mitarbeiter so viel Elan und Eigeninitiative, daß dieser zwei Monate früher als geplant vollendet war. 62 liebevoll Anfang 1988 entstanden erneute Raum­ probleme durch den sprunghaft gestiegenen Lagerflächenbedarf für just-in-time Lieferun­ gen. Außerdem mußte für ein CAD/CAM­ System Platz geschaffen werden. Die Firma erwarb kurzentschlossen das Betriebsareal der früheren Firma Hch. Kalmbach in Tri­ berg. Die Weiterführung dieser Dreherei war nach dem Tod des Firmeninhabers geschei­ tert, das Areal stand zum Verkauf. Auch bei diesem Gebäude aus den 30er Jahren muß­ ten zuerst längst überfällige Sanierungsarbei­ ten vorgenommen werden, bevor Teile der Stanzerei, Lager und Versand in den Häl­ menwinkel umziehen konnten. Die Zusammenlegung der nunmehr drei Betriebsstätten in Elzach-Oberprechtal, Tri­ berg und Schönwald ist Ziel der Firma. In Schönwald bietet sich dafür im neuen Gewerbegebiet „Im Loch“ eine Chance. Bis dahin wird man aus den jetzigen Verhältnis­ sen das Beste machen. Der Markt wird enger, die Kosten steigen, ebenso Termindruck und Q!ialitätsanforde­ rungen. Die Hock GmbH fühlt sich in ihrer jetzigen Situation den Aufgaben der Zukunft gewachsen. Reingard Kleiner * Wie oft und gern denk‘ ich zurück An meine Kindheit und mein Glück, Auch an meine Jugendzeit, Die nun so ferne liegt, so weit. Und die Freude ist geschwunden, Die ich Tag für Tag empfunden, Bin jetzt alt und mach‘ mir Sorgen Um das Heute und das Morgen, Denn ich weiß nicht, wie es endet, Wie der Herrgott alles wendet, Ob’s noch Jahre sind, noch Stunden, – Keiner kann es je erkunden. Johannes Hawner Rückblick

Schindeln aus der „Höllmühle“ Wie eine Riesentorte wird die Baumscheibe im ersten Arbeitsgang vom Schindelmacher mit Holzschlegel und Spaltklinge zerteilt. Das Fich­ tenholz läßt sich am besten in ganz frischem oder völlig trockenem Zustand bearbeiten. Christoph Günter setzt handwerkliche Familientradition fort ist Die natürliche Fassadenverkleidung Christoph Günter ist ein aufgeschlossener zuletzt nicht nur optischer Schmuck, son­ junger Mann. Den abgelegenen Familienbe­ dern über Generationen haltbarer Schutz vor sitz „Höllmühle“ stattete er mit den Attribu­ Wetter und Wind. ten zeitgemäßen Wohnkomforts aus. Nur Die Innenausstattung des Arbeitsraums die neue Außenverkleidung gleicht der alten wirkt nostalgisch. Das Zubehör zur Herstel­ Substanz wie ein Ebenbild und kommt aus lung handgespaltener Schindeln war mit der eigenen Werkstatt: Der gelernte Werk­ wenigen Ausnahmen noch nie käuflich, son­ zeugmacher führt die Berufstradition von dern wurde weitestgehend selbst ausgetüf­ Großvater und Vater als Schindelmacher in telt. Christoph Günter benutzt zum Schlag der Freizeit fort. Am Feierabend verarbeitet auf die stumpfe Spaltklinge einen bejahrten er mit altertümlichen Hilfsmitteln dicke Holzschlegel, dem die Spuren vieler zehn­ Fichtenstämme zu fein strukturierten Schin­ tausend Schläge durch die Hände dreier deln unterschiedlichster Größenordnung. Generationen deutlich anzusehen sind. Daß der Dreißigjährige vor vielen Jahren nicht unmittelbar in die Fußstapfen von Vater und Großvater trat, hatte einen trifti­ gen Grund im Trend jener Zeit. Dem Bau­ stoff Holz schien keine glückliche Zukunft beschieden. Die Entlaßschüler jener Zeit drängten in die Metallbranche als aussichts­ reiches Berufsfeld. Der Vater Christoph Günters, Dachdecker und Schindelmacher, sah das Aussterben seines zweiten Berufes kommen: Die Nachfrage war gleich Null. Hochkonjunktur hatten dagegen Kunst­ stoffe und Eternit. Die Fassadenverkleidun­ gen als beredte Zeugen jener Zeit, häufig des billigeren Preises und der leichteren Arbeit wegen ohne Gespür angewandt, verunstalten bis heute vielerorts ehemals schmucke alte Bauten. Die handgearbeiteten Schindeln, die schon früh zum Schutz von Holz und Mauerwerk entdeckt wurden, haben ihren Preis. Die „echten“ müßten allerdings weit über den gängigen Angeboten liegen, wenn Betriebskosten, Sozialversicherungen und Gewinnspannen eingerechnet würden. Die handgespaltenen Schindeln der Region sind überwiegend Freizeitarbeit, mit der familiäre Traditionen erhalten werden, oder lückenfüllende Winterarbeit in Saison­ betrieben. Für Christoph Günter ist es 63

Spuren ihres Alters – die darunter liegenden ,,Schuppen“ waren wie neu. Erster Arbeitsgang des Schindelrnachers, der den Werkstoff Holz liebt, ,,weil einem schon beim Anblick warm wird“: die volle Baumscheibe wird mit Holzschlegel und Spaltklinge wie eine Torte geteilt. Aus diesen Stücken entstehen die dünnen Scheiben nach Augenmaß mit Hilfe einer anderen Spaltklinge, die mit einem Ende an einer Wand befestigt ist. Die mechanischen Hilfs­ mittel sind in ihrer einfachen Konstruktion von einer verblüffenden Wirkung. Die Handstanze ist auf einem Bock montiert, hier entsteht die einseitige Rundung der kleinsten Schindeln. Letzte Station ist eine ausgiebige „Kosmetik“ mit einem hauch­ dünn geschliffenen Ziehmesser. Zu den „Berufsgeheimnissen“, die schon vom Großvater weitergegeben wurden, gehört das Einfetten der Spaltklinge mit einem Schweinenabel, der für die Mäuse unerreichbar von der Decke baumelt. Zwei Generationen haben einen riesigen Sand­ stein zum Schleifen des Ziehmessers restlos abgewetzt: Von dem neuen Stein, den er sich eigens vom Steinmetz anfertigen lassen mußte, weiß Christoph Günter, daß er „mir für ein ganzes Leben reicht“. Die Erfahrung des geeignetsten Materials übernahm der junge Schindelrnacher, dessen „Lehrzeit“ schon in frühester Kindheit begann, ebenfalls aus dem Fundus der Vor­ fahren: Fichten aus wind- und wetterge­ schützten Dobein sind besonders astrein und gerade gewachsen. Den optimalen Ertrag geben rund zwanzig Meter hohe Bäume mit einem mittleren Durchmesser von 45 Zentimetern. Die Ergiebigkeit ist von der Holzqualität entscheidend abhängig. Durchschnittlicher Ertrag: aus einem Festmeter sind rund 6000 Fassadenschindeln des kleinsten Kalibers von sechs und fünf Zentimetern oder 4000 Stück in 25 Zentimeter Länge zu gewinnen. Dachschindeln, die ebenfalls auf eine Voll­ schalung genagelt werden, sind üblicherweise zwischen vierzig und sechzig Zentimeter lang. Mil dem hauchdünn geschliffenen Ziehmesser werden die Schindeln abschließend „kosmetisch“ behandelt. undenkbar, damit ein gutes Geschäft oder eine sichere Existenz anstreben zu wollen. Günstiger im Preis und schneller machbar sind die gesägten Schindeln. Kreissäge, Stanze und einseitige Hobelung erlauben die rationellere Fertigungsmethodik. Eine min­ destens hundertjährige Haltbarkeit garan­ tiert der Schindelrnacher im Bauernhaus zwi­ schen Hammereisenbach und Urach jedoch nur für die Handgespaltenen: Das Holz trennt sich beim Schlag mit der stumpfen Spaltklinge mit unverletzter Faser, zum Erkennungszeichen wird damit die geriffelte Oberfläche. Unverletzte Fasern sind naturge­ mäß widerstandsfähiger gegen Hitze, Nässe und Frost. Beim Umbau seines Elternhauses, einer ehemaligen Mühle, löste Christoph Günter jetzt die Schindeln von einer Wand im Südwesten. Dabei staunte selbst der Fach­ mann: Die oberste Schicht trug deutlich die 64

Ein unerwarteter Schindelboom setzte vor knapp zehn Jahren ein. Über die reine Fas­ sadenverkleidung hinaus wurde das Material zunehmend als schmückendes Beiwerk „zweckentfremdet“ -Schindeln als Wohn­ raumverkleidung, am Balkon oder rustikale Note an der Hausbar. Geschätzt wird dabei Seit mehr als 50 Jahren übt er seinen Beruf aus. UndauchheutenochsitzterTagfürTagin seiner Werkstatt: Der Bräunlinger Korbmacher Karl Werner, der im August 1988 81 Jahre alt wurde. Einer der letzten Vertreter eines auch eine Eigenschaft über die -jedermann würde sie sich wünschen -nur Holz verfügt: Die gespaltenen Schindeln, die keiner Schutzbehandlung bedürfen, werden mit zunehmender Alterspatina immer noch schöner. Rosemarie v. Strombeck Berufsstandes, der wie viele andere der indu­ striellen Produktion zum Opfer gefallen ist. Kreativität und Fingerfertigkeit zeichnen das Handwerk aus, das er von 1922 bis 1925 in Donaueschingen erlernte. Wegen der Der letzte Korbmacher auf der Baar 65

schlechten Wirtschaftslage gegen Ende der „goldenen“ Zwanziger Jahre wurde er nach der Ausbildung entlassen und mußte in der elterlichen Landwirtschaft wieder mithelfen. Doch nebenbei bildete Karl Werner sich, von einem befreundeten Gesellen unter­ stützt, in seinem Beruf weiter aus und absol­ vierte 1934 in Karlsruhe die Meisterprüfung als Korbmacher. Unterbrochen wurde die Tätigkeit des aufstrebenden jungen Meisters im Zweiten Weltkrieg, in den er 1939, wie die meisten seiner Altersgenossen, eingezogen wurde. Nach dem Krieg richtete er sich in der Bräunlinger Färbergasse eine Werkstatt ein, heiratete 1946 und kaufte 1949 das Haus in der Oberen Waldstraße, das noch heute sein Domizil ist. Da dieses Anwesen früher eine Landwirtschaft beherbergte, mußte der ehe­ malige Stall erst zur Werkstatt ausgebaut wer­ den, bevor der Korbmachermeister mit der Arbeit beginnen konnte. Etwa drei bis vier Stunden benötigt Karl Werner für die Herstellung eines Korbes, für den er in den fünfziger Jahren 2,50 Mark ver­ langte. Heute zahlt der Kunde für dasselbe Produkt etwa 25 Mark. Neben Einzelverkäu­ fen an Menschen aller sozialer Schichten und Altersklassen, lebte Karl Werner damals vor allem von Großaufträgen, die er von auswär­ tigen Firmen bekam. Die Körbe wurden von seiner Frau mit dem Leiterwagen zu dem ein paar Kilometer entfernten Bräunlinger Bahnhof transportiert. Dort übernahm der „Bregtäler“ die weitere Beförderung der Ware. Viele Aufträge gab es auch von den Landwirten jeweils in der Zeit der Kartoffel­ ernte im Herbst. Damals wurden die Erd­ äpfel noch von Hand in Körbe eingesam­ melt, während heutzutage die Kartoffelernte maschinell vonstatten geht. 1958 richtete Karl Werner in seinem Haus noch ein Geschäft ein; vorher war der Ver­ kauf der Korbwaren in der Werkstatt abge­ wickelt worden. Als die Auftragslage schlech­ ter wurde, wurden im Geschäft auch Kinder­ wagen und Skier angeboten, später kamen noch Bürstenwaren hinzu. Anfang der sechziger Jahre konnte man 66 Einkaufskörbe noch für zwei bis vier Mark erwerben, doch in der Zeit des Wirtschafts­ wunders kamen die Plastiktaschen auf den Markt: Nun hatte Karl Werner Mühe, seine handgeflochtenen Körbe noch loszuwerden. Und seinem Sohn und möglichen Nachfol­ ger wurde 1962 von der Berufsberatung abge­ raten, einen Beruf, der keine Zukunft mehr hatte, zu ergreifen. Deshalb gibt es auch keinen Nachfolger für den Korbmacher, dessen Produktpalette von Einkaufs-und Wäschekörben über Blumenampeln und -Ständern bis hin zu kompletten Sitzgarni­ turen mit Sesseln und Tischen einst reichte. Hergestellt wurden die Korbwaren aus Rohr, Weiden und Bambus.1974 wurde der Bräun­ linger Korbmacher für 40jährige Meister­ tätigkeit von der Handwerkskammer Kon­ stanz mit dem Goldenen Meisterbrief aus­ gezeichnet. Bis zu zehn Stunden täglich saß Karl Werner ehedem in seiner Werkstatt, um immer wieder neue kleine Kunstwerke zusammenzuflechten; heute besteht seine Tätigkeit fast ausschließlich in der Reparatur von Körben. Barbara Rimmele Heute hörst Du noch die Glocke schlagen, Morgen wird man Dich zu Grabe tragen, Vielleicht den Weg, den Du schon oft [gemacht, In Freud‘ oder Leid, bei Tag oder Nacht. Und keinen Laut vernimmt dann mehr Dein [Ohr, Es liegt die Welt um Dich in stillem Chor Und schaut zum Kreuz, wo Kraft und Heil, [empor, Doch hinter Dir schließt ewig sich ein Tor. Und die im Leben Dich geliebt, gekannt, Sie streu’n Dir in die Gruft ein Häuflein [Sand, Geh’n ihres Weges, vergessen Dich gar bald Und wie ein Wind ist Dein Name verhallt. Johannes Hawner Des Menschen Los *

Chemiefabrik und Umweltskandal anno 1833 Zur Industriegeschichte Villingens Immer neue Umweltkatastrophen haben die Bürger aufgeschreckt. Umweltskandale machen uns aufmerksam für die Fragestel­ lung, wie gingen die Menschen im Laufe der Geschichte mit ihrer Umwelt um? Die Aus­ einandersetzung mit der chemischen Indu­ strie führt hier zu völlig überraschenden Ergebnissen. Aber was hat das alles mit unse­ rer heimatlichen Umwelt zu tun? Nicht jeder weiß, daß eine der ersten deut­ schen Chemiefabriken im badischen Villin­ gen errichtet wurde, lange bevor die heutigen Industriegiganten der Chemie an Rhein und Neckar aufnahmen. Die ersten industriellen Chemieanlagen versuchten sich mit der fabrikmäßigen Herstellung von Soda aus den Naturprodukten Kochsalz und Schwe­ fel. Diese Sodaherstellung ermöglichte erst die industrielle Herstellung besserer und bil­ ligerer Glasqualitäten sowie die Produktion ausreichender Mengen an Seife und Reini­ gungsmitteln. Weitere Produkte der frühen Chemiebetriebe waren Salzsäure, Schwefel­ säure und Chlorkalk. Salzsäure wurde zur Leimherstellung benötigt, Chlorkalk diente als Bleichmittel für die Textilindustrie, wei­ terhin als Desinfektionsmittel. Modeme Hygiene, die Verwendung von Glas im Hochbau, Möbel-, Papier-und Textilindu­ strie hatten solche Sodafabriken als notwen­ dige Voraussetzung. Am 1. 7.1823 ersuchten der Staatschemi­ ker Salzer aus Villingen und der Apotheker Köhlreuter aus Bretten um Erlaubnis zur Anlage einer Sodafabrik in Villingen. Diese Erlaubnis wurde ihnen am 4. 2.1825 erteilt. Salzer und Köhlreuter erhielten ein „Privi­ leg“ auf 10 Jahre für den „Murg-und Pfinz­ kreis, den Neckar-, Main-und Tauber-Kreis“ erteilt. 1826 begann die Villinger Chemiefabrik mit der Produktion als zweites badisches Unternehmen auf diesem Sektor. Aus einem Vertragsbuch des Amtsgerichts unter dem 22. 2.1828 ergibt sich, daß die bei­ den Unternehmer, Köhlreuter und Salzer, von S. kg!. Hoheit ein „Privilegium exclusi­ vum“ für ganz Baden erhielten, d. h. daß sie zehn Jahre lang ohne lästige Konkurrenz ihre Erzeugnisse unter dem Schutz eines Monopolrechts herstellen konnten. Weitere staatliche Vergünstigungen des neuen Unter­ nehmens waren der verbilligte Bezug von Viehsalz aus der staatlichen Saline Dürrheim sowie Zollvergünstigungen bei der Einfuhr von Rohstoffen und bei der Ausfuhr der her­ gestellten Waren. Der Firmenname des neuen Unternehmens lautete: ,,Großherzog­ lich privilegierte Sodafabrik Köhlreuter und Co.“. Für den Standort Villingen sprach nach einer Darstellung des Jahres 1842: ,,Die vor­ teilhafte Lage hiesiger Stadt, im Zusammen­ stoss frequenter und im besten Zustand befindlicher Strassen nach Württemberg, Baiem, zum Bodensee, der Schweiz und allen Teilen Badens, die nur 1112 Stunden betragende Entfernung der Saline Dürrheim, von welcher das Kochsalz an besagtes Eta­ blissement um 1 fl. per Zentner belassen wird. Die grossen Vorräte an Brennmaterialien, welche die hiesige Umgegend enthält, das Vorhandensein des besten Kalkes und vor­ züglichen Braunstein in der Nähe, verspre­ chen … beachtenswerte Vorteile“ (zitiert nach Josef Honold). Außerdem gab es nur wenig Arbeitsplätze, die Gemeinden und Städte waren damals an jeder Beschäftigungsmög­ lichkeit froh. Zweck der Firmengründung war die „Bereitung von Soda“. Um 1830 wurde dieses Produkt industriell nach dem Leblanc-Ver­ fahren hergestellt. Der Apotheker Köhlreuter brachte ein „arcanium“ (Betriebsgeheimnis) in die Firmengründung ein „für die Zuberei­ tung von Soda mit kohlensaurem Barit.“ Aus einer anderen Quelle geht hervor, daß in Vil­ lingen auch Schwerspat zur Sodaherstellung 67

Benediktinerkirche um 1900, in noch früherer Zeit in unmittelbarer Nachbarschaft der Chemiefabrik 68

verwendet wurde. In einer Bleikammeran­ lage wurde vermutlich aus Schwerspat, Sauerstoff und Wasser Schwefelsäure bzw. „Vitriol“ gewonnen. Bei der folgenden Umsetzung von Kochsalz aus Dürrheim mit dem gewonnenen Vitriol entstand Glauber­ salz. Das Zusammenschmelzen einer Mi­ schung aus Glaubersalz, Kohle und Kalk­ stein ergab dann schließlich das Endprodukt Soda. Bei der Umsetzung von Kochsalz und Schwefelsäure entsteht zwangsläufig Chlor­ wasserstoff bzw. Salzsäuregas. Dieses Gas wurde in den Anfangszeiten der chemischen Industrie einfach an die Umwelt abgegeben, was verheerende Folgen hatte. Später wurde aus einer Verbindung von Salzsäuregas und Wasser Salzsäure hergestellt Notwendige Voraussetzung für die chemische Industrie ist preiswerte Energie, da die meisten chemi­ schen Prozesse nur unter großer Hitzeein­ wirkung möglich sind. Brennmaterial in der Villinger Fabrik war Torf und Holz aus den heimischen Wäldern. „Das Etablissement Sodafabrik, welches im Jahre 1834 (sein) Betriebskapital mit 27 800 Gulden ausweist, ist mit 15 beschäftig­ ten Personen ein ansehnlicher Betrieb in Vil­ lingen und rühmt sich jährlich 10 000 Zent­ ner Soda, 6 000 Zentner Salzsäure und 6 000 Zentner Schwefelsäure zu produzieren. Die Fabrikanlage setzt sich wie folgt zusammen: 1.Gebäude mit zwei großen Bleikammern, sowie Abdampfpfannen 2.Gebäude mit einem Kapellenofen zur Herstellung von Salzsäure 3.Zylindergebäude mit fünf eingebauten Zylindern zur Gewinnung des Glaubersal­ zes und der Salzsäure 4.Bau mit zwei Schmelzöfen, Pferdemühle und Stallungen 5.Ein Magazin, an dessen Ende zwei Zim­ mer 6.Ein weiteres Magazin 7.Einer Mahlmühle mit Wasserkraft mit daneben befindlichem Bau mit einer Einrichtung zur Herstellung des kristalli­ sierten Soda 8.Holz-und Wagenschuppen. Der ganze zu diesen Gebäulichkeiten gehörige Platz einschließlich desjenigen, auf dem die Gebäulichkeiten stehen, größten­ teils Wiesfeld, beträgt ungefähr 5 112 Morgen. Zu diesem Besitztum zählt weiter das von Fabrikangestellten bewohnte, große Keller, Magazine, Stallung, Hofplatz und Garten umfassende Haus, die alte Prälatur in der Stadt, sowie entfernt liegend ein drei Morgen umfassendes Torffeld zum Ausstich“ (zitiert nach Josef Honold). Das Betriebskapital von fast 28 000 Gul­ den erscheint für die damalige Zeit reichlich hoch, wird aber verständlich, wenn man überlegt, daß der Umgang mit gefährlichen Säuren hohe Ansprüche an die Werkstoffe stellte. Das einzige zu dieser Zeit bekannte säurefeste Material war Blei, was die in den O!iellen genannten Bleikammern erklärt. Außerdem benötigte man leistungsfähige, möglichst abgedeckte Öfen (Kapellenöfen), damit die Abgase nicht ungehindert entwei­ chen konnten. Die Arbeit der 15 Chemie­ arbeiter war schwierig und gesundheitsschäd­ lich. Einmal mußte zum Teil bei extremer Hitze gearbeitet werden, zum anderen war man häufig Schwefel-resp. Salzsäuredämp­ fen ausgesetzt. Doch bevor man die oben beschriebenen Fabrikgebäude vor dem Oberen Tor bezog, begann man mit der Sodaherstellung in der alten Prälatur bei der Benediktinerkirche. Das Gebäude war durch die Säkularisation 1806 zusammen mit dem Klostergebäude dem Staat zugefallen. 1826 erwarb die Stadt Villingen das Klostergebäude als Schule, die Prälatur wurde 1826/27 zur Chemiefabrik „umfunktioniert“. Zu ersten Konflikten mit der Bevölkerung kam es, als „die neuen Her­ ren im Benediktiner“ ohne Einwilligung der Nachbarn direkt an der Mauer des Kloster­ flügels einen Schuppen errichteten, der den Eingang für die „Schulknaben“ verdunkelte. Laut einer Bürgerbeschwerde sollte „der löbliche Stadtrat“ dafür sorgen, „daß das von der Fabrik abfließende Wasser gehörig abge­ leitet werde, welches in den Sommermona­ ten nur Koth verursacht, im Winter aber sich 69

– .u.,r ••.• ·MJ· Baurissefi:ir die privilegierte Sodafabrik Villingen. Die Gebäude entstanden zwischen 1827 und 1833 vor dem Oberen Tor. zur Eismasse gerade gegen den Eingang (der Knabenschule) hinbildet.“ Auf den Bürgerprotest vom Oktober 1827 reagiert die Verwaltung der Sodafabrik feind­ selig und drohend. „Wir haben indeß den uns zugesanten Erlaß … an das Carlsruher Comite eingesendet, und wir sind überzeugt, daß diese neue Schwierigkeit, welche uns von Seiten des verehrlichen Stadtraths gemacht wird, mit Befremden wird aufgenommen werden, weil man in Carlsruhe nicht begrei­ fen mag, daß ein Etablißement, wie das uns­ rige, welches schon tausende Gulden hier in Umlauf brachte, und manche arme Leute nützlich beschäftigt und ernährt … bei jeder Gelegenheit ohne Rücksichtnahme besieht.“ Die Argumente gleichen sich heute wie damals. Da die Verwaltung der Sodafabrik eine Verlegung des Unternehmens vor die Stadtmauern zusichert, antwortet die Stadt: 70 „Man wird den Zustand dulden, bis das Gebäude bei der Schnellbleiche bei der Mühle des Joh. Bapt. Mayer beendet ist. Im übrigen verwahre man sich gegen die hämische Sprache und gegen die ausgespro­ chene Drohung.“ Der Schuppen darf stehen bleiben, obwohl der Umzug der Fabrik auf sich warten läßt. Unter dem Datum vom 19. März 1833 erhält das „wohllöbliche Bür­ germeisteramt Villingen “ eine von 47 „ge­ horsamsten “ Bürgern unterzeichnete Be­ schwerde. Diese machen „auf eine drohende Gefahr und schon wirklich bestehendes Ver­ derben aufmerksam und beklagen sich noth­ gedrungen über die zerstöhrende Wirkung der hiesigen Salzsäurefabrik von Herrn Köh­ lenreiter und Compagnie, und legen nachste­ hende Facta, die schon bedeutent unsern Häusern, Gärten, Bienenzucht und im Allge­ meinen der ganzen Stadt beygebracht wurde,

und sehr zu befürchten steht, als Klage­ Gründe ergebenst vor. 1.Ein Wohllöblicher Stadtrath und wir Bürger und Nachbarn wurden dadurch getäuscht, daß Hr. Köhlreiter & Consorten anfänglich vorgab, sie wollen nur Soda aus Schwerspath, in den aufgestellten Oefen pro­ duzieren, das ganz unschädlich zu betrach­ ten sey. Die Folge zeigte aber, daß dieses Eta­ blissement die bekanntlich scharfe Salzsäure in großen Qyalitäten auf eine unbegreiflich freche Art, gegen alle Sanitäts und Polizey Regeln, zwischen unsern Häusern innerhalb der Stadt laborieren ließ. Da doch nirgends in Städten, wohl nicht einmal in deren Nähe, derartige Fabriken geduldet werden. 2.Zeigt die Folge, daß die durch die Salz­ säurefabrikation ätzend scharf geschwän­ gerte Luft, in diesen wenigen Jahren sämt­ liche Gebäude und Gärten der Nachbar­ schaft sichtbarlich zerstörend und in fernerer Nachbarschaft sogar Nachteil bringend so schädlich ist, daß alle Bäume, Zierpflanzen und Gartenvegetation der Nachbarschaft zerstöhrt wurden. 3.So wie die Gartenpflanzen und Blumen durch diesen scharfen Qyalm verkrüppelt und verdorben wurden, so hat auch die sonst nicht unbeträchtliche Bienenzucht sogar in fernerer Nachbarschaft große Einbußen gehabt und aufhören müssen. In der ganzen Stadt gewahren die Bienenhalter das Schäd- Dies ist wohl die einzige im Stadtarchiv Villingen erhaltene Aufnahme der ehemaligen Sodafabrik. Grundstück und Gebäude wurden ab 1860 landwirtschaftlich genutzt.1930 erwarb die Firma Kienzle­ Taxameter die „Sodafabrik’� Auf den Grundmauern der alten Fabrik errichtete Kienzle sein altes Hauptgebäude. 71

liehe und wünschen diese Stickluft aus der ganzen Stadt entfernt. 4. Ist der ätzende, selbst Eisen und Metall angreifende Stick Äther alten lungenschwa­ cher Menschen beschwärlich, wohl gar gefährlich, und die Unterzeichneten können nicht begreiffen, wie doch die Sanitäts-Poli­ zey so etwas für jeden Einwohner lästiges, ungeahndet dulden konnte. 5. Bemerken wir zum größten Erstaunen, daß das Vitriol und Salzsäure Magazin, das doch manchmal mehrere hundert Zentner im Leibe haben wird, sich ebenfalls inner der Stadt sich befindet, was doch bey einer mög­ lichen Feuersbrunst die gräßlichste Ver­ wüstung anrichten könnte, und in diesem schröcklichen Falle eine tödliche Stickluft alles Löschen vergeblich und alles Lebende in der Nachbarschaft tödten und Entferntere von der Hülfe weit zurückhalten würde. Die ganze Stadt wäre in diesem schröcklichen Falle rettungslos ein Opfer des Magazins.“ Der Lehrer U. Kolb fügt der Beschwerde noch hinzu, daß der „Sodarauch“ den Unter­ richt im Knabenschulhaus störe und daß die ,,Vergoldung am Benediktiner Thurme etc. so sehr leiden müße“. Die Beschwerden der Bürger waren sicher­ lich keinesfalls übertrieben. Die Umweltge­ fahren der ersten Chemie-Giftküchen, die nach dem Leblanc-Sodaprozeß produzier­ ten, waren verheerend. ,,Felder und Wälder verdorrten im weiten Umkreis der Fabriken unter der Einwirkung der herabsinkenden Salzsäuredämpfe … Als man Salzsäure in die Flüsse und Bäche ableitete, starben die Fische, wurden u. a. Brückenfundamente und Ufermauerwerk zerstört … oft lagen die Sodafabriken in einer Dunstwolke aus stin­ kenden, gesundheitsschädlichen, tränenrei­ zenden Nebeln“ (Osteroth, Soda, Teer und Schwefelsäure, S. 235). Auf den Villinger Bürgerprotest reagierte die Verwaltung der Sodafabrik am 26. März 1833: ,,Indem die Verwaltung nicht in Abrede stellen kann, daß durch die Salzsäu­ redämpfe besonders die hölzerne Vegetation (Baumlaub, Blüthen) je nach dem Zuge der 72 Luft, in den nächsten Umgebungen gefähr­ det werden konnte; auch Vergoldungen und Eisen leiden darunter, so kann sie doch mit gutem Wissen erklären, daß das hart verpön­ te Fabrikat von den Bittstellern einige Eigen­ schaften angedichtet bekam und Na:nen erhielt, wie Stink-Aether & Sodarauch, die ganz neu in der ehern. Sprache sind. Zur Beruhigung der Bittsteller bemerken wir fer­ ner … , daß … Salzsäure keine Feuersgefahr veranlassen kann. Auch müßten die damit Umgehenden und die zunächst Wohnenden das Nachtheilige auf die Gesundheit merkli­ cher fühlen als die entfernter Wohnenden; bey letzteren haben diese Dämpfe sogar den Vortheil für sich, daß sie die Luft purifizie- ren. “ Der Niedergang der Chemieindustrie in Villingen ist vor allem auf die sich nach der Jahrhundertmitte stark verschlechternden Marktbedingungen zurückzuführen. Ein­ mal setzte sich die Tendenz durch, die umweltverschmutzenden, stinkenden Che­ miefabriken besser außerhalb der menschli­ chen Zivilisation anzusiedeln, sozusagen in unberührter Landschaft zu verstecken. Zum zweiten verschlechterten sich die Marktbe­ dingungen des Standorts Villingen, der erst 1869 ans Eisenbahnnetz angeschlossen wurde, zu Gunsten der verkehrsgünstigen Lage am Rhein. Die Pferdefuhrwerke konn­ ten mit der Eisenbahn nicht konkurrieren und verteuerten die Chemieprodukte aus Noch im gleichen Jahr wurde die Soda­ fabrik vor die Stadtmauern verlegt. In der neuen Fabrikanlage konnten dann die schlimmsten Auswüchse offensichtlich da­ durch verhindert werden, daß man das Chlorgas zur Herstellung von Salzsäure und von Chlorkalk verwendete. Bereits 1838 wurde von den Betreibern der Sodafabrik in unmittelbarer Nähe derselben eine Chlor­ kalkfabrik eingerichtet. Aber bereits etwa seit 1840 scheint sich das Geschäft nicht mehr zu lohnen.1841 wird die Chlorkalkfabrik zum Kauf angeboten, ohne Erfolg! 1852 spätestens wird das Villinger Chemieunternehmen stillgelegt.

dem Schwarzwald. Gleiches galt für die Ener­ giebasis Holz gegenüber der sich nun allmäh­ lich durchsetzenden Kohle. Die Transport­ und Energiefrage führte dann zum wirt­ schaftlichen Aus der „Privilegierten Sodafa­ brik“. Trotzdem erscheint es noch im Nach­ hinein erstaunlich, daß hier einer der ersten deutschen Chemiebetriebe produzierte. Dem technischen Fortschritt steht man heute eher distanziert gegenüber. Der Glaube, daß alle unsere Probleme durch Wis­ senschaft und Technik lösbar seien, ist gründlich erschüttert. Die Auseinanderset­ zung mit Industrie- und Technikgeschichte konfrontiert zwangsläufig mit einer Kette von Umweltskandalen, wie Verpestung der Atemluft durch übelriechende Dämpfe und giftige Abgase, bakterielle Verseuchung der Flüsse, Vergiftung der Gewässer und Abhol­ zung der Wälder. Der Umweltskandal, ein notwendiges Übel des industriellen Fort­ schritts? Die Geschichte der Umweltgefährdung ist aber auch eine Geschichte der Diffamierung von Kritikern, wobei „wissenschaftsfeind­ lich“ und „rückschrittlich“ sicher noch die harmlosesten Vorwürfe sind. Kritiker moder­ ner Technik, auch das ist historisch, setzen sich gerne dem Ruf aus, gegen die Schaffung neuer Arbeitsplätze zu sein. Schon die ersten Fabrikunternehmer hatten die Tendenz, euphorisch der modernen Technik zuge­ wandt, die Gefahren zu verkennen, zu ver­ niedlichen, zu negieren, in geradezu bemer­ kenswerter Einfältigkeit. Es fehlte und fehlt offensichtlich an genügend Intelligenz und Fantasie, sich noch nie erfahrene Katastro­ phen als Konsequenz eines bis dahin noch nie dagewesenen Fortschritts überhaupt vor­ stellen zu können, um ausreichend Vorsorge zu treffen. Annemarie Conradt-Mach Quelle n/Li t e r a tu r Stadtarchiv Vill ingen V.3.4, Sammlung Josef Honol d. Di eter Osteroth, Soda, Teer und Schwe­ felsäure. Der Weg zur Großchemie. Hamburg 1985. ’s Zah‘ reißa ‚.Zorn Dokder Merz uff Vöhrebach, Do kunnt en alde Ma Mit sim blaue Regedach, Hets ’s Zih’weh grusig gha. In sie Schtuehl setzt er in ni Und holt sie Zange her, Dös wurd wohl en böse si, Der Kog sitzt wirkli schwer. Dr Pazient, der arme Tropf, Er loht ganz grusig Blär; Er meint, es koscht ihm jetzt dr Kopf, Drum schnellt ‚r hi und her. Bai isch er ferdig, zwar nit gschwind, Der Ma denkt: ,,Jo, hör uff, Füt dös do kriagt mi Dokder nint, Do goht mer jo fascht druff.“ Er nimmt si Huet uns Regedach, Un goht zur Türa nus, ’s zahle isch ihm Nebesach, Er denkt, dr Zih isch hus. Un dr Dokder er verschrickt, Er rüeft: ,,Ei Freundchen, seid so guet, Kehret doch noch mal zurück, Sie vergaßen ja den Huet!“ Doch dr Ma denkt: ,,Nei, ’s isch guet, Du muesch di Fett au ha; Er rüeft: Ei, zu was brauch i en Huet, Wenn i kei Kopf me ha?“ Bertin Nitz * 73

Persönlichkeiten der Heimat Altland.rat Dr. Robert Lienhart wurde 80 Erinnerungen aus dem einstigen Landkreis Donaueschingen Die Redaktion des Almanach hat den langjähri­ gen journalistischen Begleiter von Herrn Altland­ rat Dr. Robert Lienhart gebeten, aus Anlaß seines runden Geburtstags die Persönlichkeit des Jubilars zu würdigen. Der nachfolgende Beitrag ergänzt das Persönlichkeitsportrait, das Herr Robert Schrempp, Bürgermeister von Donaueschingen zu Zeiten des Wirkens unseres Jubilars, zu dessen 70. Geburtstag veifaßt hat (vgl. Almanach 79, Seite 90-93). Am 26. September 1988 vollendete er sein 80. Lebensjahr: Dr. Robert Lienhart. Vom 20. September 1945 bis 31. Dezember 1972 war er Landrat und Chef des Landkreises Donaueschingen gewesen. Ein Mann der ersten Stunde: im südbadischen Raum der erste von deutscher Seite nach dem Kriege eingesetzte Landrat. Und als er offiziell Ende September 1973 verabschiedet wurde, war er der dienstälteste Landrat im Regierungsbe­ zirk Südbaden. Ein Abschied mit tragischem Hintergrund. Der Landkreis Donaueschin­ gen, flächenmäßig der größte in Südbaden, war mit dem Ende des Jahres 1972 der Kreis­ reform zum Opfer gefallen. Um fast ein Jahr hatte Robert Lienhart die Existenz seines Kreises im Amte noch überlebt- für ihn eine der schmerzlichsten Erfahrungen in seinem Leben. Darüber täuschte auch die Freude am 1. Oktober 1973 nicht hinweg, als Regie­ rungspräsident Dr. Person dem Donau­ eschinger Altlandrat das redlich verdiente Bundesverdienstkreuz I. Klasse überreichte. In Straßburg geboren, absolvierte Lien­ hart seine Studien in Freiburg im Breisgau. Bald nach seinen Examina ging der promo­ vierte Jurist Mitte der dreißiger Jahre in die freie Wirtschaft – mit dem sicheren Gespür für den Ungeist der neuen Machthaber, die 74 1933 die Weimarer Republik abgelöst hatten. Umgeben vom „Fluidum eines Europäers“ – so Robert Schrempp, seinerzeit Donau­ eschinger Bürgermeister – kam Robert Lien­ hart zu einer Zeit auf die Baar, als man noch in der Welt der engen Grenzpfahle lebte und vielfach auch dachte. Alles andere als ein Mann der „Bürokratie“ – vielmehr ein jun­ ger, impulsiver „Grenzland“-Alemanne mit einem sehr offenen Blick für die Menschen beiderseits des Rheins, des Schicksalsstroms zwischen Deutschland und Frankreich. Und er brachte zwei Eigenschaften mit, denen die Menschen auf der Baar zunächst mißtraurisch begegneten: persönliche Lie­ benswürdigkeit und eine Verbindlichkeit, die auch seine Tätigkeit als Verwaltungsmann und als Vorsitzender des Kreistages weitge­ hend prägten. Treffend hat Bürgermeister und Kreisrat Otto Weissenberger aus Bad Dürrheim 1973 von der „liebenswürdigen Noblesse“ gesprochen, als er dem scheiden­ den Landrat die Laudatio hielt. Natürlich gab es in den ersten Jahren des Wiederaufbaues von Verwaltung und Wirt­ schaft auch Enttäuschungen, Mißverständ­ nisse und „abgestoßene Hörner“. Wir den­ ken etwa an den allzufrühen Abbruch der nach der Stunde Null so hoffnungsvoll begonnenen „Ortsbereisungen“. Leider- wir hofften, daß bei längerer Dauer schließlich doch in dem verhältnismäßig spät entstande­ nen Landkreis Donaueschingen jenes starke Kreisbewußtsein geschaffen worden wäre, das Anfang der siebziger Jahre dringend not­ wendig war, als es bei der Kreisreform ums Überleben ging. Das Schicksal der Vertriebenen und der heimatlos Gewordenen lag dem jungen Landrat besonders am Herzen. Verständlich,

hatte er doch nach dem unglücklichen Ersten Weltkrieg mit seinen Eltern selbst das Schicksal des Ausgewiesenen im Elsaß erlebt. So begann Robert Lienhart – gemeinsam mit dem damaligen Kreisgeschäftsführer Karl Kirschvink – bereits 1948 mit dem Aufbau der Wohnungsbaugenossenschaft „Neue Heimat“. Sie hat ungezählten Vertriebenen zu einem Heim, oft mit Garten oder einen kleinen Stück Land, verholfen und ihnen das Gefühl einer neuen Heimat gegeben. Ein Experiment, über das im Jahr der Währungs­ reform und des neuen Geldes mancher Ein­ heimische zunächst „die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen hat“. Ein Experiment auch im November 1946 die durch die Besatzungsmacht initiierten „Donaueschinger Kulturwochen“ selbst nach heutigen Vorstellungen ein völlig unzeitgemäßes Projekt. Es ging auf den Hun­ gerwinter 1946/4 7 zu. Die Jahresernte in Kar­ toffeln war mager, und die Menschen waren es auch. Noch gab es die Ausgangssperre von Mitternacht bis 6 Uhr in der Frühe. Noch kratzten die „ Trümmerfrauen“ in der Zeppe­ lin-, Herd-, Wasser- und Max-Egon-Straße aus dem Schutt der bombardierten Anwesen Ziegelstein um Ziegelstein für den Wieder­ aufbau ihrer Geschäfte. Denkwürdig für den Verfasser dieser Zeilen, der am 1. November 1946 seine Tätigkeit als Redakteur in Donaueschingen begonnen hatte, Lienharts damaliger Appell an die Bevölkerung wie an die Besatzungsmacht: ,,Geblieben ist uns das Leben, der Wechsel der Jahreszeiten, die Fruchtbarkeit der Felder, unsere Arbeitskraft und der Lebenswille, aber der Katalog unse­ rer Wünsche an die Besatzungsmacht ist nicht klein. Um zu zeigen, was wir leisten können, benötigen wir für die Landwirt­ schaft Produktionsmittel und Verbrauchsgü­ ter – angefangen vom Hufnagel und Eisen für die Sense, den Pflug und die Landma­ schine bis zu Düngemitteln und Saatgut, Textilien und Schuhe für Bauer, Arbeiter, Kind und Mutter, und Fahrzeuge, Bereifung und Treibstoff für den lebenswichtigen Ver­ kehr“. 76 Von Anfang an kamen dem gebürtigen Straßburger seine hervorragenden Sprach­ kenntnisse im Umgang mit der Besatzungs­ macht zugute. Und in Andre Noel, von 1945 bis 1948 Gouverneur in Donaueschingen, fand er einen Weggenossen und einen „Euro­ päer“, der auf gleichem geistigen Boden stand, der „Europa und die Verständigung der beiden Nachbarvölker im Blick“ hatte zu einer Zeit, als der deutsch-französische Freundschaftsvertrag zwischen Adenauer und de Gaulle noch in weiter Feme lag. ,,Es war Herr Noel, der mir trotz der dama­ ligen Sorgen Freude an meinem Beruf und an meiner Arbeit gegeben hat“. So Lienhart über den einstigen Besatzungsoffizier von drüben, dem Ende November 1969 im Do­ naueschinger Schloß Regierungspräsident Person das deutsche Bundesverdienstkreuz 1. Klasse in Würdigung seiner Verdienste über­ reichte. Der Antrag kam von Dr. Lienhart. Hier nur wenige Lienhart‘ sehe Marksteine auf dem weiteren Wege des Kreises Donau­ eschingen: in Donaueschingen der Bau des ,,Rote-Kreuz“-Heimes und des Landratsam­ tes, in der Sparte der Berufsschule die Neu­ bauten von Landwirtschaftsschule, Handels­ lehranstalten und Hauswirtschaftlicher Berufsschule – schließlich als Krönung die Planung des Kreiskrankenhauses, ein Vor­ haben, das erst im neuen größeren Landkreis Schwarzwald-Baar zum Abschluß kam. und Unvergessen bei seinen Mitarbeitern und den Bürgermeistern die meisterhaft organi­ sierten Bürgermeister-Lehrfahrten: zur Welt­ ausstellung in Brüssel, zu den Landgewin­ nungsmaßnahmen gärtnerischen Musterbetrieben in Holland, Informations­ fahrten zur Kenntnis der Landwirtschaftsver­ hältnisse in Südtirol und des Reisanbaues in der oberitalienischen Poebene, schließlich zu politisch und religiös bedeutsamen Zentren, darunter Paris, Verdun, Rom – um nur die wichtigsten zu nennen. Für viele einfache Teilnehmer aus der Baar und dem Bregtal wurden sie zu echten Begegnungen mit der „großen Welt“, mit Menschen jenseits der Grenzpfähle.

Ebenso dankbar gedenken die Jugendlei­ ter im einstigen Landkreis Donaueschingen der vorbildlichen, von Landrat Lienhart stets mit Rat und Tat geförderten Bildungsfahrten des Kreisjugendrings, die sie vor allem in der zweiten Hälfte der fünfziger und der ersten Hälfte der sechziger Jahre erlebten: zum Südwestfunk in Baden-Baden, zu einer mustergültigen Kinderheilstätte am Kaiser­ stuhl, zur Begegnung mit General de Gaulle in Ludwigsburg im September 1962, und Mitte des November im selben Jahr der zwei­ tägige Aufenthalt in Dachau, bei dem im Namen der 40 Jugendleiter aus Donau­ eschingen, Hüfingen, Furtwangen, Vöhren­ bach und Blumberg am Volkstrauertag 1962 Kränze an der Stätte niedergelegt wurden, an der Monsignore Dr. Heinrich Feurstein als Zeuge der Wahrheit in einer irregeleiteten Zeit seine letzten Tage verbrachte. Die Kreisreform, die im Lande Baden­ Württemberg Anfang der siebziger Jahre Wirklichkeit wurde, traf den eingeschwore­ nen Altbadener Robert Lienhart besonders hart. Und keine Frage, der so umgängliche und gesellige Chef des einstigen Kreises Donaueschingen hat sich nach dem Abschied in der Öffentlichkeit rar gemacht. Doch seine engeren Bekannten und Wegge­ nossen wissen um seine enge Verbundenheit mit der Baar und dem Schwarzwald, die ihm durch sein Wirken wie durch seinen Wohn­ sitz in Donaueschingen – ungeachtet seiner Sommeraufenthalte im Süden – zur bleiben­ den Heimat geworden sind. Und auch der Almanach, das Heimatjahrbuch Schwarz­ wald-Baar, hat Anlaß zu Gruß und Dank an den unternehmensfrohen, jung gebliebenen Altlandrat Robert Lienhart, dem man die „Achtzig“ nicht ansieht. Dank vor allem für zwei wertvolle Beiträge („Erinnerungen“ im Almanach 81, S. 209 – 211, und „Andre Noel“ im Almanach 83, S. 218 – 221,) sowie eine Vielzahl von Anregungen, mit denen der langjährige Chef des Landkreises Donau­ eschingen den Themenkreis wie die Gestal­ tung des volkstümlichen Heimatbuches bereichert hat. Dr. Lorenz Honold Thema und Variationen Erinnerungen an Schwester M. Canisia Müller, Kloster St. Ursula in Villingen Ihre Lebensgeschichte war bis ans Ende gefüllt mit Musik. Gott hatte dieses Talent der kleinen „Änne“, wie sie daheim gern genannt wurde, als „Grundakkord“ bei der Geburt am 4. November 1902 in die Wiege gelegt. Diese stand – wohl eher zufällig – in Kenzingen in Breisgau. Ihr Vater, der Bezirksgeometer, Emil Fidelis Müller, wurde als Beamter oft versetzt. So lernten ihre Mut­ ter Rosa, geb. Steiger, und ihre Geschwister – sieben an der Zahl – einen großen Teil der näheren und weiteren südbadischen Heimat kennen. Die Verbindung zum gläubigen Elternhaus und zu ihren älteren Geschwistern prägte den weiteren Lebensweg der jungen Anna, so wurde ihr Name ins Taufbuch ein­ getragen, auch nachdem sie als Schwester M. Canisia am 10. Juni 1925 im Kloster St. Ursula in Villingen eingekleidet wurde. Zeitlebens blieb sie ihrer eigentlichen Heimatstadt Frei­ burg verbunden. Dort hatte sie nach der Grundschule die Höhere Töchterschule St. Ursula besucht. Drei Geschwister folgten ebenfalls der Berufung in den Ordensstand: ihre ältere Schwester Maria, bis heute in Villingen noch als Frau Carola im Kloster St. Ursula bekannt, und die beiden Brüder: Otto, später Pater Ephrem, zuletzt Novizenmeister im Zisterzienserstift Rein bei Graz in Österreich und Carl, der als Benediktinerbruder Conrad fast zeitlebens in den Vereinigten Staaten von Amerika wirkte und starb. In die Jugend­ jahre von Anna Müller fielen die bewegte 77

Zeit des ersten Weltkriegs, der Inflation und politische bzw. weltanschauliche Auseinan­ dersetzungen. Ihr Vater, dessen eher strenge Art die Mutter auszugleichen verstand, war ein engagiertes Mitglied der damaligen christlich-sozialen Bewegung, deren Ein­ flüsse sich vor allem auf die Zentrumspartei auswirkten. Einblicke i�politische Vorgänge, für die sich die junge Anne lebhaft interes­ sierte, entsprechende Gespräche mit ihren älteren Brüdern bildeten schon früh ein waches Interesse für die Zeitgeschichte aus. Dieses Interesse blieb, verstärkt durch die Entwicklungen im Nationalsozialismus und im Dritten Reich, bis ins hohe Alter erhalten: An zeitgeschichtlichen und politischen Fra­ gen nahm Schwester Canisia immer Anteil. Von der Mutter erbte sie nicht nur ihre lie­ benswürdige Natürlichkeit, die sie als Ordensfrau so sehr auszeichnete, sondern auch die tiefe Frömmigkeit, vor allem jenes Gottvertrauen, aus dem Schwester Canisia am Ende ihres Lebens in einzigartiger Weise auch die Beschwernisse ihrer Krankheit mei­ sterte. Unter der Überschrift dieses Beitrags „ Thema und Variationen“ lassen sich die wichtigsten Stationen des Lebens von Schwester Canisia zusammenfassen. Die M u s i k bildete das Grundthema. Schon als Kind galt ihre große Liebe dem Klavierspiel. Aus dieser kindlichen Neigung erwuchs spä­ ter ihre Haupttätigkeit als Lehrerin: Nach dem fünfjährigen Musikstudium in Freiburg und zwei Jahren Ausbildung am Badischen Konservatorium in Karlsruhe, dessen Direk­ tor damals Professor Franz Philipp war, legte sie im November 1928 ihr Staatsexamen als Musiklehrerin ab. Ihre Anstellung erhielt sie in St. Ursula in Villingen, dem heutigen Pro­ gyrnnasium. Im dortigen Kloster hatte sie am 4.Juli 1926 ihre Ordensprofeß abgelegt. Als Musiklehrerin erteilte sie den Schülerinnen Klavierunterricht. Ihr Schülerkreis weitete sich jedoch weit über den Kreis der in- und externen Schülerinnen aus. Schwester Cani­ sia übernahm die Leitung des Schulchores in St. Ursula. Von 1940-1968 versah sie in der 78 Pfarrei St. Fidelis in Villingen den Organi­ stendienst. Zu dieser Aufgabe gehörte auch die Leitung des Knabenchors der Gemeinde. Die Aufgaben dieses Chores waren vielseitig, genauso wie das Repertoire, angefangen vom Gregorianischen Choral bis zu mehrstimmi­ gen Messen. Während der Kriegsjahre sang der Knabenchor fast täglich in wechselnden Gruppen das Choralrequiem für die Gefalle­ nen. Im Lauf des Kirchenjahres übernahmen die Sänger des Knabenchores auch soli­ stische Aufgaben (etwa im Weihnachtsevan­ gelium der Hirtenmesse und im Dreikönigs­ singen innerhalb des Gottesdienstes). Für die hohe Qualität der unter Schwester Canisia erreichten Leistung des Knabenchores spricht auch eine Rundfunkaufnahme im Landesstudio Freiburg des Südwestfunks gemeinsam mit dem Chor der Pestalozzikna­ benschule (unter Leitung des damaligen Rek­ tors Wunderlich). Viele Villinger erinnern sich an diese Jahre: gehörten doch viele Män­ ner, die heute wichtige Positionen einneh­ men, zum damaligen Knabenchor. Aus der Freude an der Musik erklären sich

wohl auch die stete Heiterkeit von Schwe­ ster Canisia, ihre frohe Natur und ihr gesun­ der Optimismus. Oft konnte man von ihr hören: „Ich bin zu allen Späßen aufgelegt.“ Schwester Canisia nahm Anteil an der Villin­ ger Fasnet, begleitete im Kloster manchen „Bänkel-Gesang“, viele Lieder, die ihre Mit­ schwestern selbst gedichtet hatten. Wer Schwester Canisia näher kannte, wußte aber auch um die wahren Qy.ellen ihrer sehr per­ sönlich geprägten Frömmigkeit. Immer neu schöpfte sie aus der Feier der Liturgie und dem persönlichen Gebet Kraft: Sie war eine große Beterin. Mit großem Gottver­ trauen trug sie die Anliegen der Menschen, um deren Sorgen sie wußte, vor Gott. Vielen ehemaligen Schülerinnen blieb sie zeitlebens in menschlicher Verbundenheit nahe. Ein geistig intensiver Austausch brachte nicht wenige Menschen zur Überzeugung, daß sie in Schwester Canisia eine Ratgeberin, ja eine wahre Freundin, für die verschiedensten Lebensbelange gefunden hatten. Ihre geistig-geistliche Heimat war in all den Jahren die Klostergemeinschaft von St. Ursula. Zum harmonischen Gleichklang ihres Lebens gehörte der nimmermüde Ein­ satz in den vielen Verpflichtungen der Kom­ munität. Keine Arbeit war für sie zu gering. Wo sie gebraucht wurde, war sie bereit. Nach dem Ausscheiden aus dem aktiven Schul­ dienst war sie überall zu finden: In der Küche, beim Backen, Nähen, Putzen und Saubermachen; allenthalben legte sie Hand an. Um im musikalischen Vergleich zu blei­ ben: Sie spielte an vielen Pulten des einen Orchesters und sorgte so für dessen Wohl­ klang mit. Ihre eigentliche Vollendung fand Schwe­ ster Canisia in den Monaten der schweren Krankheit. An Weihnachten 1986 mußte sie sich einer schweren Operation unterziehen. Schon bald erwuchs ihr die Gewißheit, daß die Krankheit mit dem ärztlichen Eingriff nicht überwunden war. Trotzdem verlor sie nie ihre Geduld. Stets blieb sie zuversichtlich und gelassen. Auch in den Tagen der Krank­ heit sorgte sie sich um ihre Mitschwestern, sie ermutigte und tröstete, wo es not tat. Für sich selbst war sie äußerst selbst-und anspruchs­ los. Wer sie im Sterben begleiten durfte, spürte, wie sie schon ganz auf das große Ziel ausgerichtet war: „Ich freue mich auf den Himmel“, äußerte sie in einem Gespräch. Immer mehr wurde das Bei-Gott-sein-dürfen zur Mitte ihres Denkens. Bewußt, ja sogar „heiter“ ertrug sie die letzten qualvollen Stunden. Nie hörte man sie klagen. Durch ihr unerschütterliches Vertrauen gab sie ihren Mitschwestern und denen, die sie noch besuchen durften, ein Beispiel christlichen Leidens und Sterbens. Sie starb am 30. Okto­ ber 1987. Als die Todesnachricht eintraf, konnte eigentlich keine Trauer aufkommen. Schwe­ ster Canisia’s Sehnsucht war erfüllt. Ihre Mit­ schwestern schrieben in die Todesanzeige: „Wir trauern sehr um sie, aber wir freuen uns für sie.“ In eindrucksvoller Weise zeigte sich beim Begräbnis und der anschlie­ ßenden Eucharistiefeier in St. Ursula die Ver­ bundenheit Schwester Canisia’s mit den Armen Seelen, aus der sie für ihre eigene Frömmigkeit immer wieder Kraft schöpfte: Am Gedenktag Allerseelen wurde sie auf dem Villinger Friedhof beerdigt. So wurde die „Eucharistie“ in der Klosterkirche zur großen „Danksagung“, zum Einstimmen in jenes „neue Lied“, das Schwester Canisia jetzt in der Herrlichkeit des Auferstandenen wohl „rnitmusizieren“ darf. Prof. Dr. Josef Müller grau und braun liegt die Wiese – auf dem Weg zertretene Flecken alten Schnees, im vorjährigen Gras leuchten die kleinen Sonnen des Huflattich, aus verhangenem Himmel klingt Lerchenruf, Koloratur in Frühjahr – Neubeginn. Christiana Steger 79 Spazieren im März *

Prof. Dr. Paul Revellio Erinnerungen an einen außergewöhnlichen Lehrer am Villinger Gymnasium Professor Paul Revellio wurde am 24. 9. 1886 in Hüfingen geboren. Schon als Zwan­ zigjähriger veröffentlichte er die erste seiner über 125 wissenschaftlichen Arbeiten; sie waren, wie sein ganzes Lebenswerk, unserem Lebensraum Schwarzwald und Baar gewid­ met. Er wurde als 75jähriger mit der Ehrenbür­ gerschaft der Stadt Villingen geehrt. Es war ihm noch vergönnt, seine reich bebilderte Zusammenfassung früherer Arbeiten, näm­ lich die Beiträge zur Geschichte der Stadt Vil­ lingen, 1964 vorlegen zu können, ehe er am 1. 7. 1966 verstarb. Ein erfülltes Leben als Gelehrter und Lehrer war zu Ende gegangen. Ich hatte die Freude und das Glück, Paul Revellio als Lehrer am Gymnasium in Villin­ gen und später als überaus kundigen Berater bei der Anfertigung meiner Dissertation über das Vill�ger Hl.-Geist-Spital zu erleben. Das von der Offentlichkeit weithin unbeachtete 700. Gründungsjahr dieser so bedeutenden Stiftung war Anlaß,mich an die Jahre zu erin­ nern, in denen jede Stunde Freizeit der Beschäftigung mit der Geschichte und der inneren Verfassung des Spitals galt. Anlaß auch, des Mannes zu gedenken, ohne den eine solche Arbeit nicht möglich gewesen wäre. Wir waren im Jahre 1948 in der Untertertia oder, wie man heute rechnet, in der 8. Klasse, als eines Tages ein schon älterer, untersetzter Mann vor der Klasse stand und in Deutsch und Geschichte unterrichtete. Er verschaffte sich schnell Respekt und unterrichtete so, daß jeder auch für die Zeit nach der Schule etwas mitnehmen konnte. Mit der ihm eige­ nen Kraft und Unnachgiebigkeit des erfahre­ nen Schulmannes machte er uns mit den Bil­ dungsinhalten vertraut, auf die es ihm ankam. Mager war die Ausstattung der Schule mit Unterrichtsmitteln. Das erste, natürlich selbst bezahlte, aus beiden Gründen viel- 80 leicht besonders geschätzte Lesebuch war die Grundlage des Deutschunterrichts. Daraus wurde nicht nur gelesen, sondern es wurde auch auswendig gelernt. Ein Geschichtsbuch gab es mittlerweile auch. Die wichtigsten Geschehnisse und Daten mußten wir uns einprägen. Auch mit der Kunstgeschichte machte Revellio uns vertraut. Dias, Filme und ähnliche Hilfsmittel gab es damals nicht; aber einen „Luckenbach“, der in vielen Fotos die wichtigsten Kunstwerke der Antike zeigte. Natürlich war nicht jeder von uns für so etwas gleichermaßen empfänglich, aber d!!r Begeisterung des Lehrers für diese Kunst­ werke konnte sich keiner entziehen. Die Bau­ geschichte und die Baumeister der mittelal­ terlichen Münster und Kathedralen nahmen einen weiten Raum im Unterricht ein. Wer ein offenes Herz hatte, konnte aus diesen Stunden auch für die Jahre nach der Schule viel mitnehmen. Alt- und mittel-

hochdeutsche Sprachdenkmäler wie das Nibelungenlied wurden eingehend durchge­ nommen. 1952 schied Paul Revellio altershalber aus dem Schuldienst aus. Zwei Jahre später machte ich mein Abitur und studierte anschließend Rechtswissenschaft. Mein besonderes Interesse galt schon bald der Rechtsgeschichte. Der Zufall wollte es, daß ich in den Tagen der Entscheidung über das Thema meiner Doktorarbeit Professor Revellio auf einem seiner langen Spazier­ gänge im Villinger Stadtwald begegnete. Ich weiß noch heute, daß wir auf einer Bank am Waldrand saßen und er mich nach dem Fort­ gang meiner Studien fragte. Ich berichtete ihm von meinen Plänen und meinte neben­ bei, es gebe über Villingen ja wohl nichts zu schreiben. Entrüstet meinte er: „Dummes Zeug!“ (dies war einer seiner Leib- und Magensprüche), und nannte ohne zu zögern eine Reihe von geeigneten Themen. Schließ­ lich stand das Thema fest: Verfassung und Verwaltung des Villinger Hl.-Geist-Spitals. Auf was ich mich da eingelassen hatte, war mir zunächst nicht ganz klar. Um so ein­ drucksvoller war die Hilfe und Unterstüt­ zung von Professor Revellio in den folgen­ den Jahren. Er ließ es nicht nur bei guten Vor­ schlägen bewenden, sondern stand mir auch bei deren Durchführung mit Rat und Tat stets hilfsbereit und unverdrossen zur Seite. Das begann damit, daß er mich in sein „Allerheiligstes“, das Archiv, einführte. Der Urkundenbestand war peinlich genau geord­ net Jede Urkunde steckte in einer Hülle, auf der Prof. Revellio in seiner zierlichen, aber klaren Handschrift den wesentlichen Inhalt der Urkunde vermerkt hatte. Die Hüllen waren wiederum in Kartons und diese in sich nach Sachgebieten geordnet auf langen Regalen aufgereiht. Ich war von dieser pein­ lich genauen Ordnung und von der gut zugänglichen und überschaubaren Zusam­ menstellung der Urkunden beeindruckt. Unter der kundigen Anleitung von Revel­ lio machte ich mich nach und nach mit dem vorhandenen Urkundenbestand vertraut. Am Anfang saß ich oft hilflos vor den Urkunden. Denn man lernt auf der Universi­ tät nicht, jedenfalls nicht als Jurist, wie mit­ telalterliche Urkunden zu lesen sind. Aber ich wurde nicht im Stich gelassen. Monate­ lang saß ich Tag für Tag mit Paul Revellio im Archiv und lernte von ihm, wie man Urkun­ den liest, d. h. wie man sich mit den wech­ selnden Handschriften vertraut macht, welche Abkürzungen gebräuchlich wurden und wie die Urkunden aufgebaut waren. Wichtigere Urkunden haben wir einträchtig nebeneinander sitzend mit dem Finger Wort für Wort und Zeile für Zeile laut vorgelesen, und wenn wir zu verschiedenen Ergebnissen kamen, diese miteinander abgestimmt. Aber auch der Schulmann und Pädagoge kam nicht zu kurz. Ich mußte mir die Ergeb­ nisse wirklich selbst erarbeiten. So konnte Revellio gelassen zusehen, wie ich etwa an der sehr umfänglichen Mahlsordnung des Spitals wochenlang saß, um sie in heutiges Deutsch zu übertragen. Als ich damit endlich fertig war, gab er mir zum Vergleich eine von Roder gefertigte, in seiner typischen, gesto­ chenen Handschrift geschriebene Übertra­ gung eben dieser Urkunde, damit ich meine Ergebnisse mit denjenigen Roders verglei­ chen konnte. Meine Lateinkenntnisse waren bescheiden, und mit dem Latein mittelalter­ licher Urkunden hatte ich erst recht meine Schwierigkeiten. Ich verfiel deshalb auf die Idee, einen Theologen um die Übersetzung bestimmter Urkunden zu bitten. Als ich die Ergebnisse dieser Übersetzungen auswerten wollte, ergaben sich zunächst recht unge­ reimte Auslegungen, die Revellio amüsiert, aber ohne mir das zu zeigen, zur Kenntnis nahm. Er überließ es mir, nach einiger Zeit selbst zu merken, daß die Übersetzung und natürlich auch die so gewonnenen Ergeb­ nisse unbrauchbar waren, und daß ich des­ halb der Mühe nicht enthoben sei, mich mit dem Latein der damaligen Zeit selbst aus­ einanderzusetzen. Natürlich hätte er als überzeugter Altsprachler und geübter Prakti­ ker den wesentlichen Inhalt der Urkunden „aus dem Handgelen_k“ ge!iefert, aber der81

Pädagoge in ihm ließ mich den richtigen Weg allein finden, und ich war nicht etwa böse oder verärgert, denn ich wußte, daß er mir im Grunde wohlwollend zur Seite stand. Ein Wort noch zu den äußeren Verhält­ nissen, in denen gearbeitet werden mußte: Oft genug saßen wir im Mantel und manch­ mal auch mit Handschuhen hinter den Urkunden und arbeiteten. Es brach dann auch manchmal aus ihm heraus: Die Klage über die unhaltbaren Zustände, unter denen er jahrelang arbeiten mußte. Er berichtete mir auch davon, wie er in den Jahren seiner Suspendierung den Urkundenbestand des Archivs, und zwar dessen Kern mit den wert­ vollen älteren Dokumenten, peinlich genau geordnet hatte. Schon seit 1921 hatte er das undankbare Amt des Hüters der Städtischen Sammlungen und des Stadtarchivs inne gehabt. Als die Folgen des Zweiten Weltkrie­ ges und die Jahre des Zusammenbruchs den Bestand der Städtischen Archive und Museen ein weiteres mal in Frage stellten, war er es, der mit wenigen Helfern aus der Stadt­ verwaltung die wertvollen Bestände in nicht weniger als 11 Depots ausgelagert und geret­ tet hatte. Wissenschaftliches Arbeiten mit den Beständen der Villinger Archive war noch bis vor kurzem nur in der Weise möglich, wie Professor Revellio sie mit mir praktiziert hat, Josef Heid ist am 17.11.1882 in Stühlin­ gen/Baden geboren. Sein Vater, ein Grenz­ aufseher, starb, als er 6 Jahre alt war. Am 1. 9.1901 tratJosefHeid in den öffent­ lichen Dienst ein. Am 1.1.1913 erhielt er eine planmäßige Anstellung. 1922 kam er nach Villingen als Revisionsinspektor zum Bezirksamt. Das Bezirksamt entsprach in sei­ ner Funktion ungefähr dem heutigen Land­ ratsamt, war allerdings auf den Amtsbezirk Villingen beschränkt. Bis 1933 arbeitete Heid in derselben Funktion in Villingen. 82 und vor diesem Hintergrund wird offenbar, was Revellio auf sich genommen hatte, als er mir die Bearbeitung eines Villinger Themas vorschlug. Vielleicht wird der eine oder andere fra­ gen, warum ich so wenig von der wissen­ schaftlichen Bedeutung Revellios schreibe, warum nicht über die Vielzahl seiner Arbei­ ten, über die Bedeutung Revellios für unsere Kenntnisse von der Geschichte unseres Lebensraumes. Nun, das haben andere besser getan, als ich es vermöchte. Mir ging es darum, etwas von der Persönlichkeit Revel­ lios als engagiertem Schulmann einerseits und als um die Geschichte unseres Lebens­ raumes hoch verdienten Forschers und Gelehrten wiederzugeben. Die reiche Frucht seiner wissenschaftlichen Ergebnisse kann vor diesem Hintergrund nicht hoch genug bewertet werden. Was Professor Paul Revellio für Villingen geleistet hat, ist nicht wiederholbar. Die Stadt hat etwas von dem ihm geschuldeten Dank dadurch abgetragen, daß sie ihm an seinem 75.Geburtstag die Würde eines Ehrenbür­ gers verlieh und dadurch, daß sie die Heraus­ gabe seiner zusammengefaßten Aufsätze ermöglichte. Aber wie meinte der Geehrte, als man ihm die Ehrenbürgerwürde antrug: „Der Personenkult schießt üppig ins Kraut!“ Dr. Wolfgang Berweck In Villingen war Heid von Anfang an für die Sozialdemokratische Partei am politi­ schen Geschehen beteiligt. Von 1922 an war er Gemeindeverordneter bzw. Stadtverord­ neter; nach der Gemeindewahl 1926 rückte er in den Stadtverordnetenvorstand auf. In der gleichen Zeit war Heid außerdem Mitglied des Kreisrates. Der Kreisrat war für die Amtsbezirke Villingen und Donau­ eschingen zuständig. Im Amtsbezirk Villin­ gen wurden 1926 7 Kreisabgeordnete gewählt. (Zentrum 4 Sitze, Deutsche Demokratische Josef Heid – ein Opfer des Nationalsozialismus

Landtag gewählt. Bis 1933 war er einer der 18 SPD-Landtagsabgeordneten im 88 Mitglie­ der umfassenden badischen Landtag. Er kam sofort in den wichtigen Haushaltsausschuß und wurde Berichterstatter im Untersu­ chungsausschuß des Geschäftsgebarens der Badischen Bauernbank, einem Unteraus­ schuß des Haushaltsausschusses. Im Plenum des Landtags ergriff Heid immer wieder das Wort, als Berichterstatter des Haushaltsaus­ schusses und als Redner seiner Fraktion. In der SPD-Landtagsfraktion war Josef Heid Schriftführer und hatte damit eine der 5 Funktionsstellen. Wie viele andere Sozialdemokraten wurde auch Josef Heid im 3. Reich politisch ver­ folgt. In einer Anweisung der badischen Gau­ leitung vom 10. 3.1933 („dringender Funk­ spruch“) hieß es u. a.: „Führer der S.P.D., für die eine persönliche Gefährdung besteht oder zu befürchten ist, sind in Schutzhaft zu nehmen.“ Die Villinger Ortsgruppe der NSDAP schrieb am 11. 3.1933 an die örtliche Polizei: „Wir bitten folgende Persönlichkeiten sofort in Schutzhaft zu nehmen, da wir für deren persönliche Sicherheit infolge ihres seitherigen Verhaltens unseren Parteigenos­ sen gegenüber, keine Garantie mehr über­ nehmen können: Jos. Heid, M.d.L Revisions­ inspektor, Wilhelm Schifferdecker, Gewerk­ schaftssekr., Schifferdecker jun. Arbeitsamts­ angestellter, Alois Schnee, Agent des“ Volks­ wille“ Färberstr., Ludwig Uebler, Regierungs­ rat beim Arbeitsamt Villingen, Teich, Bezirksmonteur beim Laufenburgerwerk“. Das Schreiben war von den Vertretern der hiesigen NSDAP-Ortsgruppe, der SS-Füh­ rung und der SA-Führung unterzeichnet. In der Nacht vom 16. zum 17. März 1933 wurden L. Übler und W. Schifferdecker in Villingen in ihren Wohnungen und Josef Heid in der Kreispflegeanstalt Geisingen von Villinger SA-und SS-Leuten festgenommen. Auf dem Weg zur Villinger Polizeiwache wurden sie mißhandelt und dann der Polizei zur „Inschutzhaftnahme“ übergeben. Die dabei erlittenen Verletzungen machten bis 83 Josef Heid – Bild des Bad. Generallandesarchivs Karlsruhe. Partei 2 Sitze, SPD 1 Sitz.) Da Heid Spitzen­ kandidat der SPD im Amtsbezirk Villingen war, erhielt er diesen Sitz. Auch bei der Wahl 1930 erhielt Heid den einzigen Sitz der SPD, das l.entrum bekam wieder 4 Sitze, die NSDAP und der Evangelische Volksdienst je 1 Sitz. In der Wahlperiode nach 1930 war Heid Vorsitzender des Ausschusses für die Kreispflegeanstalt Geisingen und Mitglied im Ausschuß für die Landwirtschaftsschulen Donaueschingen und Villingen. Josef Heid war Mitte der zwanziger Jahre außerdem Vorsitzender des Villinger Mieter­ schutzvereins und später Vorsitzender der örtlichen sozialdemokratischen Partei. Auch über Villingen hinaus war Josef Heid politisch tätig. Als die SPD Ende 1927 in Baden einen kommunalpolitischen Aus­ schuß beim Landesvorstand einsetzte, um die Arbeit in den Rathäusern und Gemeinde­ parlamenten zu verbessern, war er einer der 12 Mitglieder. Und bei der Landtagswahl am 27.10.1929 wurde JosefHeid für die SPD im 9. Wahlkreis (Villingen/Wolfach) in den

In Villingen ist ein Platz nach josefHeid benannt. In Bruchsal und in Unteröwisheim ist ebenfalls durch Straßenbennenung die Erinnerung an }. Heid wachgehalten. zum 27. März 1933 einen Krankenhausauf­ enthalt erforderlich. Nach dem Krankenhaus kam Josef Heid ins Villinger Bezirksgefängnis; dort blieb er bis zum 2 9. Mai 19 33. Anschließend wurde er ins Konzentrationslager Heuberg gebracht, wo er bis zum 27. Juni 1933 festgehalten wurde. Im Konzentrationslager Heuberg wurden 1933 viele politische Gegner des National­ sozialismus aus Baden und Württemberg inhaftiert. Ihnen sollte damit vor Augen geführt werden, wie rechtlos sie im NS-Staat waren und mit welcher Brutalität politische Gegnerschaft verfolgt und gebrochen würde. Am 3. Juni 1933 verfügte das badische Innenministerium die Dienstentlassung Heids nach §4 des Gesetzes zur Wiederher- 84 stellung des Berufsbeamtentums. Im KZ Heuberg wurde ihm das am 13. 6.1933 mit­ geteilt. Nach der Rückkehr vom KZ Heuberg mußte sich Heid in Villingen wöchentlich 2 – 3mal bei der Polizei melden. Auf dem Weg dahin mußte er immer wieder Belästi­ gungen ertragen. Am 1. 8.1933 erhielt er

In memoriam Emma Hässler einen Stadtverweis von der Stadt Villingen. Vom 1. 9.1933 an mußte er noch einmal für 1 Monat ins Villinger Gefängnis und am 1.10.1933 zog die Familie Heid dann nach Bruchsal. Nach dem gescheiterten Attentat auf Hit­ ler vom 20. Juli 1944 wurden in der sog. Ein Leben für den Nächsten Am 29. März 1988 wurde auf dem Villin­ ger Friedhof eine Frau zu Grabe getragen, über deren Leben man als Leitspruch drei Worte setzen könnte: Dienst am Nächsten. Diese drei Worte waren für sie Berufung und Verpflichtung zugleich. Schon im Jahre 1935 trat Emma Hässler dem Deutschen Roten Kreuz bei, und nach Kriegsbeginn war sie der Überzeugung, zur Linderung von Leid und Not mehr tun zu müssen. Sie trat in das Mutterhaus des Deut­ schen Roten Kreuzes in Stuttgart ein, ließ sich in Stuttgart und Berlin zur Kranken­ schwester ausbilden und legte dort 1942 das Staatsexamen ab. Die folgenden Jahre sahen sie im Kriegs­ einsatz und als Operationsschwester in ame­ rikanischer Gefangenschaft. Es paßt in das Lebensbild von Oberschwe­ ster Emma Hässler, daß sie sogleich nach Rückkehr in ihre Heimatstadt auch hier wie­ der sozial tätig wurde. Vor allem die in die Not der Kriegs-und Nachkriegszeit gebore­ nen Kinder waren es, denen sie ihre Zuwen­ dung schenkte. In den Jahren 1946/4 7, als der Hunger in der damaligen französischen Besatzungs­ zone am größten war, leitete sie in Villingen die Schülerspeisung, und anschließend über­ nahm sie nacheinander die Leitung der in der Trägerschaft des Kreisverbandes Villingen des DRK stehenden Kinderheime ,,Geutsche“ in Triberg, ,, Victoria“ in Schön­ wald und schließlich, ab 1955, das DRK­ Heim „ Waldpeter“ in Schönwald. „Gewitteraktion“ vom 22. 8.1944 im ganzen Reichsgebiet die früheren Mandatsträger der politischen Parteien verhaftet und in Kon­ zentrationslager eingewiesen. Heid kam ins KZ Dachau; dort ist er am 21.12.1944 umge­ kommen. Dr. Heinz Lörcher Als dieses Kinderheim im Jahre 1972 geschlossen wurde und Frau Hässler mit 71 Jahren in den Ruhestand trat, war die Zahl der Kinder auf viele Tausende angewachsen, die aus der engeren Heimat und zunächst aus der französischen Besatzungszone, dann aus dem ganzen Bundesgebiet in den von ihr geleiteten Heimen liebevolle Aufnahme, Betreuung und Pflege gefunden hatten. Frau Hässler war ein Leben lang der Idee des Roten Kreuzes verpflichtet, und deshalb 85

Martin Kaiser war es für sie selbstverständlich, auch in der Organisation des Roten Kreuzes tätig zu sein. Sofort nach Rückkehr aus dem Kriegs­ einsatz übernahm sie die Führung der weib­ lichen Bereitschaften im Kreisverband, und in der Position der Kreisbereitschaftsführe­ rin, die sie 2 112 Jahrzehnte innehatte, hat sie Wesentliches zum Neuaufbau des Verban­ des in der Nachkriegszeit beigetragen. Ihre Führungspersönlichkeit hat in dieser Zeit prägend gewirkt. Auch dem Landesausschuß des DRK gehörte sie an, und nach Beendigung ihrer aktiven Dienstzeit hat sie eine Reihe hoch­ verdienter Ehrungen erfahren dürfen: Ernennung zur Ehren-Kreisbereitschaftsfüh­ rerin, Verdienstmedaille des Landes Baden­ Württem berg, Ehrenzeichen des DRK in Sil­ ber, 1986 Ehrung für 50jährige Zugehörigkeit zum DRK Ein erfolgreicher Zimmermann und beliebt in Stadt und Land Persönlichkeiten sind geprägt von ihrer Zeit -oder ist es die Zeit, die den Menschen ihren Stempel aufdrückt? Bei Martin Kaiser ist diese Frage schwer zu beantworten. Er ist zum einen eine Persönlichkeit, die über Jahr­ zehnte hinweg in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens Vorbild und Maßstab war. Er ist zum anderen tief verwurzelt in sei­ ner Vaterstadt Villingen und zählt zu den maßgeblichen Vertretern in der Zeit des Wie­ deraufbaues. Damals krempelten angesichts der Not nach dem verlorenen Krieg Männer wie Mar­ tin Kaiser die Ärmel hoch und wagten voller Optimismus, der getragen war von dem Bewußtsein, Schlimmeres überstanden zu haben, einen Neuanfang, der fast einem Wunder gleichzusetzen ist. Unbemerkt für die Außenstehenden hat Martin Kaiser das siebzigste Lebensjahr längst hinter sich gelassen. Doch an dieses Alter denkt niemand, der mit ihm ins 86 Das Bild von Emma Hässler wäre indes­ sen unvollständig, wenn nicht auch ihre enge Verbindung zu ihrer Heimatstadt und zum Ortsverein Villingen des DRK Erwähnung fände. Die gebürtige Villingerin aus eingesesse­ nem Geschlecht, die so sehr an ihrer Heimat­ stadt hing, fühlte sich stets auch ihrem Orts­ verein Villingen aufs engste verbunden. Es gab kaum eine Veranstaltung beim Vil­ linger Roten Kreuz, bei der sie nicht zugegen gewesen wäre, kein wichtiges Vorkommnis oder Ereignis im Ortsverein, an dem sie nicht bis zuletzt lebhaften Anteil genommen hätte, sie, die „Schwester Emma“, wie sie von allen liebevoll und respektvoll zugleich genannt wurde. Max Müller Gespräch kommt. Seine geradlinige Art des Sprechens verrät die ihm eigene Sicherheit und Lebenserfahrung. Seine Art zu erzählen fesselt, und sein Humor ist erfrischend. Die Geschichte eines Lebens in der Zähringer­ stadt als Bürger und Handwerker, die Martin Kaiser unbefangen zu erzählen weiß, hat viele Kapitel und quillt über von Histörchen und Anekdoten. Aus einem alten Villinger Geschlecht stammt er, der Martin Kaiser. Geboren wurde er im elterlichen Zimmerergeschäft am Romäusring, und im gegenüberliegenden Gymnasium legte er die Mittlere Reife ab. Das Zimmerergeschäft des Vaters -und das wirft ein Licht auf die Lage des Handwerks in jener Zeit -verkraftete nicht das Schulgeld, das damals noch für den Besuch höherer Schulen zu bezahlen war. So mußte der junge Martin zur Axt und zum Hammer grei­ fen, und er erlernte das Zimmermannshand­ werk. Doch Martin Kaiser wollte mehr sein

chen. Martin Kaiser nahm die Herausforde­ rung eines Neubeginns an. Er legte die Mei­ sterprüfung ab, arbeitete im elterlichen Betrieb und übernahm dessen Leitung im Jahre 1953. Tagsüber sah man ihn auf den Baustellen, und abends wartete die Büroar­ beit auf ihn. Mit großem persönlichen Ein­ satz gelang es ihm, das vom Vater Ernst Kai­ ser gegründete Unternehmen auszubauen und über die Zeit zu bringen. Diese Zeit war damals, Anfang der sechziger Jahre, den Zim­ mererleuten nicht wohlgesonnen. Stahl und Beton verdrängten den Baustoff Holz, die Flachdächer erübrigten die Arbeit des Zim­ mermannes, und es begannen für die Zukunft die sieben mageren Jahre, die „holzlose Zeit“. Die Firma Kaiser stellte sich um und mon­ tierte Dachverkleidungen aus Kunststoff und Metall von Kirchen, Schulen und Fabrikgebäuden. Doch die Liebe von Martin Kaiser gehörte nun einmal dem Holz, und so wurde er zum Werber und Mahner, und er wurde gerade in Villingen, der Stadt mit dem großen Waldbesitz, nicht müde, dem Holz das Wort zu reden. Seine frische, humorvolle und doch zielstrebige Kampagne hatte Erfolg, und langsam gelang es, Architekten und Bauherrn zu überzeugen, daß der „Holzweg“ in die Zukunft führt. Für den Zimmererbetrieb war der alte Standort am Romäusring mittlerweile zu klein geworden und darüber hinaus den Stadtplanern im Weg. Martin Kaiser zog aus und baute im Gewerbegebiet Vockenhausen. Modernste Maschinen und viel Platz in der neuen, geräumigen Werkstatt schufen die Möglichkeit, neben der klassischen Zirnme­ rerarbeit auch andere Aufträge, wie den Trep­ penbau und den Innenausbau zu überneh­ men. Manches sanierte Haus in der Villinger Altstadt und auch das Franziskaner-Konzert­ haus tragen die Handschrift des Zimmer­ mannes Martin Kaiser, für den seine Arbeit zugleich Ausdruck seiner Persönlichkeit ist. Noch heute ist er in dem Unternehmen mit seinem Namen beratender Gesellschafter. Doch es gab nicht nur den Handwerksmei­ ster Martin Kaiser, es gab auch den Bürger-87 als nur Geselle, und so besuchte er die Staats­ bauschule in Stuttgart. Der Krieg zwang dem jungen Villinger ein anderes Handwerk auf, doch dabei blieb er dem seinen treu. Als Pionier hatte Martin Kaiser die Aufgabe und Gelegenheit, Verant­ wortung zu tragen. Der junge Offizier, zu dem er befördert wurde, lernte es, Entschei­ dungen zu treffen, und Martin Kaiser traf sie mit gesundem Menschenverstand. Auf dem Rückzug war es ihm noch klarer geworden, daß der Krieg verloren war und es somit wichtiger war, Menschenleben zu retten als Stellungen zu halten. Martin Kaiser ergriff die Initiative. Zusammen mit anderen baute er, inzwischen zum Bataillonskommandeur befördert, Brücken und ermöglichte so Tau­ senden von Soldaten und Zivilisten die Flucht in den Westen, die angesichts der nachrückenden Front vor dem Tod be­ wahrte. Martin Kaiser kehrte, mehrfach verwun­ det, 1946 in seine Heimatstadt zurück. Doch der Krieg und die Verwundung hatten seinen Lebensmut und seine Tatkraft nicht gebro-

sohn, für den die Stadt Villingen mehr war als Wohnort und Standort seines Unterneh­ mens. Er engagierte sich politisch und war, wie konnte es bei seinem Naturell anders sein, bei den Freien Demokraten. Er führte diese Partei, die bis zu fünf Sitze im Gemein­ derat innehatte, sechs Jahre lang als Vorsit­ zender und vertrat die Interessen der Bürger fünfzehn Jahre lang am Ratstisch, davon ein Dutzend Jahre als Fraktionssprecher. Noch eine dritte Rolle füllte dieser tatkräf­ tige Handwerksmeister aus. Seine Berufskol­ legen erkannten früh, daß in Martin Kaiser ein junger Meister heranwuchs, der es ver­ stand, ein einmal gestecktes Ziel im Auge zu behalten und die Dinge ins Lot zu bringen. So wählte ihn die Innung 1961 zu ihrem Obermeister, diese Aufgabe übte er 27 Jahre lang aus. Im Jahre 1964 wurde Martin Kaiser vereidigter Sachverständiger, und 1979 zog Martin Kaiser als Vizepräsident in den Vor­ stand der Handwerkskammer Konstanz ein. Die öffentliche Anerkennung blieb nicht aus. Nach der Silbernen Ehrennadel der Ria Walter ist eine echte Schwenningerin. Vater und Mutter stammen aus den in Schwenningen sehr zahlreichen Familien Schlenker. Ria besuchte nach der Grund­ schule die damals in Schwenningen neue Oberrealschule bis zur mittleren Reife im Jahr 1936. Schon in diesen Jugendjahren wurde ihr die soziale Einbindung des Einzel­ nen in die Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft zunehmend wichtig. Deshalb wünschte sie sich einen Beruf im sozialen Bereich, der Umgang mit Menschen bot. Eine Möglichkeit, dieses Ziel ohne fman­ zielle Hilfe der Eltern zu erreichen, sah sie in der Ausbildung zur Führerin innerhalb des Reichsarbeitsdienstes. Nach dem vorge­ schriebenen Haushaltsjahr wurde sie vom RAD wunschgemäß nach Hamburg einbe- 88 Vielfältiger Einsatz für die Mitmenschen Ria Walter Handwerkskammer im Jahre 1982 erhielt er im Jahr 1987 das Bundesverdienstkreuz und die Karl-Leo-Nägele-Medaille, die höchste Auszeichnung der Handwerkskammer. Die jüngste Auszeichnung ist der im Jahre 1988 überreichte Goldene Meisterbrief der Hand­ werkskammer Konstanz. Damit wurde deut­ lich, daß die Öffentlichkeit erkannt hatte, daß der Zimmermeister Martin Kaiser nicht nur Handwerker, sondern auch Mitbürger ist, der stets die richtigen Worte fand, wenn es galt, das Interesse der kleinen Leute, wie er sie nennt, zu vertreten. Hilfreich war ihm dabei die Fähigkeit, anderen zuzuhören und dadurch den Kompromiß zu fmden, der sich letztlich meist als der goldene Mittelweg erwies. Martin Kaiser wäre kein echter Villin­ ger, wenn er die Gelegenheit nicht nutzen würde, im Häs und hinter der Scheme seinen Mitbürgern humorvoll und witzig die Levi­ ten zu lesen. Auch große Vereine wie der „Männerchor“ und der FC 08 Villingen zäh­ len ihn zu ihren Förderern. Klaus Peter Friese rufen und kam dort als Haushalthilfe in sozial schwache kinderreiche Familien. Im Krankenhaus in Schwerin folgte dann die Ausbildung zur Heilgehilfm. Nach dem Lehrgang auf einer Führerinnenschule wurde sie als Maidenführerin auf verschiedenen erzieherisch und sozial ausgerichteten Ge­ bieten eingesetzt. 1939 lernte Ria Schlenker den Landwirt­ schaftslehrer Rupert Riepl aus Österreich kennen. Im Juni 1940 schied sie als Frau Riepl aus dem RAD aus und zog nach Krems in die Wachau, dort wurden während des Krieges ihre zwei Söhne geboren. Kurz vor Kriegs­ ende, im April 1945, fiel ihr Mann. Zu dieser Zeit war sie wegen der heranrückenden Rus­ sen schon evakuiert und machte sich darm mit den Kindern und der Schwiegermutter

gen der Tuberkulose viel Not, Sorge und krankheitsbedingte Hilflosigkeit kennen. Nicht beim Amt wurde Hilfe gesucht son­ dern bei den Menschen, die dort tätig waren. So setzte sie ihre ganze Kraft ein, auch über die Dienstzeit hinaus, obwohl sie Allein­ erzieherin war und daheim noch andere Auf­ gaben auf sie warteten. 1969 wurde sie für ihre 25jährige Tätigkeit im öffentlichen Dienst geehrt. 1970 gab sie ihre Berufsarbeit auf, dachte aber noch nicht an Ruhestand. Jetzt hatte sie Zeit, sich im sozialen und politischen Bereich voll einzusetzen. Bei ver­ schiedenen Einrichtungen war sie in sozialen Fragen theoretisch und praktisch richtungs­ weisend tätig. In der Volkshochschule leitete sie jahrelang den Kurs für Säuglingspflege, wobei ihr die Erfahrungen aus der Mütterbe­ ratung zugute kamen. Im Bereich der Eltern­ schule arbeitete sie am Aufbau des Kursange­ bots mit. Sie stellte den Stoffplan „Erzie­ hungslehre“ zusammen für freiwillige Ar­ beitsgemeinschaften in den Abgangsklassen der Haupt- und Sonderschulen. Dieses An­ gebot läuft heute noch unter dem Titel „Umgang mit Kindern-Babysitterpaß“. Als sie 1979 die Leitung dieser Kurse abgab, über­ nahm sie noch die Einweisung und Beratung der neuen Kursleiter und Mitarbeiter. Für Pflegeeltern richtete sie in Villingen-Schwen­ ningen ein monatliches Treffen ein, um ihnen eine Anlaufstelle für ihre speziellen Probleme zu bieten. Diesen Arbeitskreis baute sie 1974 auf und leitete ihn bis 1987. Im Jahr 1967 heiratete Frau Riepl den pen­ sionierten Oberstudiendirektor Hermann Walter. Er war für sie kein Fremder, denn 1932/33 gehörte er zum Lehrerkollegium der Schwenninger Oberrealschule. Als Pensionär unterrichtete er auch jetzt noch einige Jahre am Gymnasium am Deutenberg. Besonders bekannt wurde er durch seine Fahrten und Führungen bei der Volkshochschule. Seiner Frau war er bis zu seinem Tod 1986 eng ver­ bunden. Er brachte großes Verständnis für ihre ehrenamtliche Tätigkeit auf und war ihr eine Stütze besonders in ihrer Arbeit für die offene Jugendhilfe. 89 auf den langen Weg nach Schwenningen. Der Anfang dort war für sie außerordentlich schwer. Der Platz im Elternhaus war knapp, die Enge belastend, der Hunger groß. Wie sollte es weitergehen? Zum Glück wurden durch die Sorgen um das „tägliche Brot“ die vorherigen schweren Erlebnisse etwas ver­ drängt. 1947 suchte man beim Gesundheitsamt Schwenningen eine Aushilfskraft. Man fragte Ria Riepl, ob sie diese Arbeit überneh­ men wolle, und sie sagte zu, allerdings in der Annahme, daß es keine Dauerstellung sein werde. Erfreulicherweise wurde ihre Vorbil­ dung als Heilgehilfin soweit anerkannt, daß sie nach sechs Monaten eine feste Anstellung erhielt. Ihr Sorgenberg wurde dadurch klei­ ner. Die Aufgaben in der Vor- und Fürsorge kamen ihren Neigungen und Interessen ent­ gegen. Mit Hilfe des Arztes und durch Selbst­ studium erwarb sie die ihr noch fehlenden Kenntnisse. Das Regierungspräsidium Tü­ bingen honorierte später diese Anstrengung und stellte Frau Ria Riepl auf Grund ihrer Leistung den staatlich geprüften Gesund­ heitspflegerinnen gleich. Gerade in der Nachkriegszeit lernte sie durch das Anstei-

Die meiste Zeit und Kraft von Frau Walter nahm und nimmt ihre Tätigkeit im Deut­ schen Kinderschutzbund in Anspruch. 1972 finden wir sie bei den Gründungsmitgliedern des Ortsverbandes Villingen-Schwenningen. Bis 1985 war sie im Vorstand, von 1982 an als 1. Vorsitzende. Seit 1985 ist sie im Beirat. Außerdem hat sie beim Landesverband im Arbeitskreis „Mutter und Kind“ und beim Bundesverband im Ausschuß „Familien­ und Jugendrecht“ je vier Jahre mitgearbeitet. Heute macht sie noch Telefondienst, setzt sich ein bei der Familienbetreuung und beim Projekt Steppach; letzteres ist ein besonderer Schwerpunkt der Kinderschutzbundarbeit in unserer Stadt. Als 1982 das Projekt Steppach an der Raumfrage zu scheitern drohte, setzte sich Frau Walter für diese offene Jugendhilfe ein. Die Bedürfnisfrage war geklärt, die Notwen­ digkeit in diesem kinderreichen Wohngebiet gegeben. Also mußten auch Mittel und Wege gefunden werden, dieses Projekt durch eine feste Trägerschaft und eine entspre­ chende Unterkunft zu sichern. Das „Haus auf Stelzen“ ist heute ein beliebter Treff- punkt für Kinder und Jugendliche im Stepp­ ach. Es ist auch im eigentlichen Sinn ein Ehrenmal für Frau Walter. Durch ihr ganzes Leben zieht sich wie ein roter Faden der Gedanke einer Hilfe zur Selbsthilfe. Öffentliche Anerkennung ihres Engage­ ments wurde ihr vielfach zuteil. Von 1973 bis 1979 war sie für die SPD-Fraktion Mitglied des Kreistages, dort im Kultur- und Sozial­ ausschuß, ebenfalls im Krankenhausaus­ schuß. Seit 1980 ist sie im Jugendwohl­ fahrtsausschuß des Kreises. Jeweils zwei Wahlperioden war sie Jugendschöffin und ehrenamtliche Richterin am Verwaltungs­ gericht. Als sie 1987 das Bundesverdienst­ kreuz erhielt, freute sie sich, daß dadurch ihre ehrenamtliche Tätigkeit, besonders der Ein­ satz im Kinderschutzbund, hervorgehoben wurde und Anerkennung fand. Man nimmt es Frau Walter ohne weiteres ab, daß die Wurzel ihres Strebens und Wir­ kens nicht im Wunsch nach öffentlicher Anerkennung zu suchen ist, sondern in dem Willen, ihr stark ausgeprägtes soziales Emp­ finden einzusetzen, um allen Menschen in Not, besonders aber den Kindern, zu helfen. Dr. Martha Frommer Max Stegmann Erinnerungen an einen erfolgreichen Unternehmer mit vorbildlicher sozialer Einstellung Nur wenige Unternehmen im Schwarz­ wald-Baar-Kreis haben in den letzten Jahren so viel Prosperität und so viel Erfolg auf einem hart umkämpften nationalen und in­ ternationalen Markt verbuchen können wie die Donaueschinger Max-Stegrnann­ GmbH. Doch Ende April 1987 galt es zu trauern: im Alter von 75 Jahren war der Fir­ menchef Max Stegmann verstorben, der Gründer des Unternehmens und fast bis zuletzt auch sein unermüdlicher Motor. Aus ganz kleinen Verhältnissen hatte er als Hand­ werksmeister ein Werk geschaffen, das heute fast 500 Arbeitsplätze bietet. Die öffentliche Trauer um diesen Mann bezeichnete denn auch die ungewöhnliche Wertschätzung, die Max Stegmann über seine Familie und sein Unternehmen hinaus genossen hatte. Auch sein Lebensweg war kein gewöhnli­ cher gewesen. Der gelernte Uhrmachermei­ ster hatte sich als schon 44jähriger 1956 vom Betriebsleiter eines Spezialunternehmens in Schwenningen zum selbständigen Unter­ nehmer gemacht, der Kleinmotoren her­ stellte und schon vier Jahre später den Mut besaß, den Hauptsitz seines Werkes nach Donaueschingen zu verlegen. Im Industrie­ und Gewerbegebiet an der Dürrheimer Straße vollzog sich dann in nur einem Vier­ teljahrhundert der rasche Aufstieg des 90

feinmechanische Winkelcodierer und Geräte für die vielfältigsten Anwendungsge­ biete an. Immer wichtiger werden auch für dieses Unternehmen Beratung und Service und nicht zuletzt die Bereitschaft, rasch Klein- und Großserien für bestimmte Anwendungserfordernisse der Kunden ins Produktionsprogramm nehmen zu können. Zu verdanken hat das Donaueschinger Unternehmen seinen wirtschaftlichen Erfolg aber auch einer ausgeprägten Qialitätssiche­ rung sowie der Entwicklung fast aller für das hochwertige Präzisionsendprodukt erforder­ lichen Teile im eigenen Konstruktionsbüro. Doch für Max Stegmann ist sein wirt­ schaftlicher Erfolg stets nur ein Teil seines Lebens gewesen -er hat eine jährlich satt wachsende Bilanz mit einem stolzen zwei­ stelligen Umsatzplus nicht als alleinigen Daseins-Inhalt mißverstanden. Daß er für seine Arbeitgeber-Position zu kämpfen wußte, war der eine Grundstein zum Wachs­ tum. So drohte der Unternehmer 1984 mit der Verlagerung seiner Produktion ins kostengünstigere Ausland, falls die Gewerk­ schaften die 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich durchsetzen sollten. Doch daneben setzte Stegmann immer auch den sozialen Akzent, der vor allem bei der Verlei­ hung des ihm von Bundespräsident Carstens 1982 verliehenen Bundesverdienstkreuzes gewürdigt wurde. Für den im Donaueschinger Rathaus von Landrat Dr. Rainer Gutknecht Geehrten stand an erster Stelle, immer wieder Entlaß­ schüler der Donaueschinger Schule für Gei­ stigbehinderte aufzunehmen, ihnen im Rah­ men ihrer Möglichkeiten einen Arbeitsplatz zu bieten und bei ihrer Beschäftigung auch auf den ständigen Kontakt mit ihren Eltern Wert zu legen. Zahlreiche Donaueschinger Vereine wußten, daß sie bei Max Stegmann niemals vergeblich anklopften, und ehrten ihn für seine Förderbereitschaft ebenso wie die Verkehrswacht Donaueschingen/Baar/ Bregtal, deren Vorsitzender Hauptkommis­ sar Franz Gruler den Fabrikanten und Wohl­ täter 1985 zum Ehrenmitglied ernannte und 91 zunächst vor allem feinmechanische und dann zunehmend auch elektronische Geräte herstellenden Werkes, das seine in Schwen­ ningen verbliebene Filiale 1983 schloß, um die Produktion voll in Donaueschingen zu konzentrieren. fähiges Management, verstärkte Ein Bemühungen um den Export in nunmehr mehr als 20 Länder und nicht zuletzt die Stegmann-Präsenz bei allen für den Markt wichtigen Fachmessen wie in Hannover und in München sicherten der Mitte der achtzi­ ger Jahre von der KG in eine GmbH umge­ wandelten Firma stets ein mehrmonatiges Auftragspolster und ließen die Zahl der Arbeitsplätze stetig anwachsen und Max Stegmann in regelmäßiger Folge Werkshalle um Werkshalle einweihen. Neben den jetzt vorhandenen 9.000 Qiadratmetern Produk­ tionsfläche gibt es auf dem Firmenareal wei­ tere Möglichkeiten zur Expansion, mit der die Zahl der Mitarbeiter dann auf deutlich mehr als 500 steigen kann. Unter dem griffigen Werbe-Slogan „Präzi­ sion in Bewegung“ bietet Stegmann heute Kleinmotoren, Getriebe, inkrementale Impulsgeber, Programmschalter, absolute

wird über seinen Tod hinaus bestehen blei­ ben. Sie ist sogar institutionalisiert worden, seit sein Sohn Günther Stegmann, der jetzt an der Spitze des Werkes stehen muß, jene 15.000 Mark in die Max-Stegmann-Stiftung einbrachte, um die seine Familie anstelle von Kranzspenden und finanziellen Trauerbe­ kundungen gebeten hatte. Diese Mittel und ihr jährlicher Zinsertrag sollen nach dem letzten Willen Max Stegmanns der Stiftung und damit dieser Schule die Möglichkeit geben, auch den Behinderten Freizeit-und Urlaubsmöglichkeiten anzubieten und sich sogar um Wohnraum für sie zu kümmern, wenn sie zuhause nicht mehr bleiben kön­ nen -eine beispielhafte Initiative, die auch im Nachhinein noch einmal unterstreicht, für welche Lebenseinstellung der Bundesprä­ sident Max Stegmann das Bundesverdienst­ kreuz verliehen hatte. Gerhard Kiefer Fritz Grießhaber – deren Landesverband ihn bei gleicher Gele­ genheit mit der Ehrennadel in Gold samt Urkunde auszeichnete. Nur wenige Monate war Max Stegmann krank gewesen, als er am 28. April 1987 die Augen für immer schloß und seine Beleg­ schaft in einer Trauerfeier seiner gedachte. Prokurist und Export-ChefHansjürgen Büh­ ler zeichnete im Namen von Geschäftslei­ tung und Betriebsrat ein ebenso präzises wie menschlich treffendes Lebensbild des toten Chefs, den er einen der profiliertesten Arbeit­ geber dieser Region nannte. Fleiß und Ehr­ geiz, Können und ein sicheres Auge für Ent­ wicklungen am Markt, aber auch Beschei­ denheit und Humor und nicht zuletzt ein gutes Herz hätten Max Stegmann den Erfolg und dieses ansehnliche Lebenswerk gesi­ chert. Die Verbundenheit des Unternehmers mit der Schule für Geistigbehinderte indes ein Bad Dürrheirner Urgestein Fritz Grießhaber ist in Bad Dürrheim wie sonst kaum ein anderer fest verwurzelt. Dies rührt daher, daß er aus einem alten Bad Dürr­ heimer Geschlecht entstammt -er ist Nach­ komme des letzten Johanniter-Vogts auf dem Hänslehof -und in vielen Jahren die Geschichte dieser Stadt mitgestaltet hat. Wer sich mit Fritz Grießhaber unterhält, merkt rasch, wie schier unerschöpflich seine Kenntnisse über die Geschichte der Kur-und Bäderstadt sind. Es ist nicht übertrieben, ihn als lebendes Geschichtsbuch über die Stadt Bad Dürrheim zu bezeichnen. Er ist gleich gut bewandert in der Vergangenheit unserer Stadt, der Entwicklung von seinen früheren Adelsgeschlechtern in einer bäuerlichen Umgebung bis zur Kur-und Bäderstadt in der heutigen Gestalt. Dabei hat Fritz Grieß­ haber in seinen aktiven Jahren nicht nur beschaulich Daten und Ereignisse der Ver­ gangenheit gesammelt, sondern ein Stück 92

der Stadtgeschichte durch seine kommunal­ politische Tätigkeit mitgeschrieben. Fritz Grießhaber, der im Jahre 1909 gebo­ ren wurde – sein Vater war in den schweren Jahren der Nachkriegszeit Bürgermeister von Bad Dürrheim – besuchte die Staatliche höhere Fachschule in Schwenningen und begann als Elektromechaniker bei SABA in Villingen seine berufliche Laufbahn. Im Jahre 1928 zwang ihn die schlechte Wirt­ schaftslage zur Auswanderung nach Kanada. Nach seiner Rückkehr wurde er 1933, weil er dem damaligen Regime mißliebig war, mit einer Arbeitssperre belegt. Die SABA-Werke betrauten ihn später wieder mit einer Kon­ trolleurarbeit, bis er 1937 seine Tätigkeit bei der Staatlichen Saline Bad Dürrheim und hier bei der salineneigenen Strom- und Was­ serversorgung aufnahm. Dies war vor allem in den Kriegs- und Nachkriegsjahren eine schwierige Aufgabe, nicht zuletzt durch die vielen Lazaretteinrichtungen, die in dieser Zeit zu betreuen waren. Fritz Grießhaber gründete Anfang des Jahres 1946 zusammen mit anderen Mitstrei­ tern, wie den alten „Salinern“ Karl Weißhaar und Paul Lehner, die Gewerkschaft Bergbau wieder. Er war auch als erster Arbeitnehmer Mitglied des Aufsichtsrates der damaligen Staatssaline. In den Jahren des Wiederaufbaus nach dem Kriege drängte es Fritz Grießhaber, für seine Mitbürger im kommunalpolitischen Bereich tätig zu werden. Lange Jahre war er Chef der stärksten Fraktion im Gemeinderat, der CDU. Außerdem war er Mitglied des Aufsichtsrates der Kur- und Bäder GmbH, der ersten Einrichtung in der Bundesrepu­ blik, die im Rahmen der bundesdeutschen Heilbäder und Kurorte geschaffen worden ist. Fritz Grießhaber war eine starke Persön­ lichkeit mit klaren politischen Vorstellungen und machbaren kommunalen und kurpoliti­ schen Konzepten. Seine feste politische Ver­ ankerung und sein Realitätssinn machten ihn zu einem Kommunalpolitiker mit Profil, der nicht äußeren Glanz suchte, sondern dem die Sache, die er als richtig erkannt hatte, über alles ging. Achtung und Respekt blieben ihm über die politischen Grenzen hinaus nicht versagt. Auch Ehrungen konnte er in Empfang nehmen, so das Bundesverdienst­ kreuz am Bande, die Stadtmedaille und den großen Wappenschild der Stadt Bad Dürr­ heim. Den Menschen Fritz Grießhaber kann man in froher Runde kennenlernen. Sein tiefgründiger Humor und seine Erzählungen über Bad Dürrheimer Originale verraten ein großes Wissen und verzeihendes Verständ­ nis für die großen und kleinen menschlichen Unzulänglichkeiten. Fritz Grießhaber ist eingebettet in eine Familie mit sechs Kindern, der er als treusor­ gender Familienvater vorsteht im Wissen, daß nur in einer geordneten Familie den Widerwärtigkeiten und Stürmen des Lebens stand gehalten werden kann. Otto Weissenberger Richard Weisser Ein Kaufmann und Unternehmer alter Schule aus St. Georgen Herr Richard Weisser hat 1986 nach 37jähriger Tätigkeit an entscheidender Stelle in der Firma 1. G. Weisser Söhne sein Amt als Geschäftsführer der GmbH-Gesellschaft aus Altersgründen niedergelegt. Im gleichen Jahr konnte der im Jahre 1916 Geborene seinen 70. Geburtstag feiern und auf lange und erfolgreiche Berufsjahre zurückblicken. Mit einer kaufmännischen Lehre in den 30er Jahren bei der Firma Mathias Bäuerle in St. Georgen begann seine kaufmännische Tätigkeit, die durch insgesamt 8 Jahre im Arbeitsdienst und als Soldat im 2. Weltkrieg unterbrochen wurde. Nach dem Kriege und 93

krempelt und am Bildschirm sichtbar gemacht; die Buchführung geschieht durch Eingabe am Bildschirm und das Konto wird bei Bedarf auf dem Bildschirm sichtbar gemacht; und was schließlich die Ohrfeige vom Vorgesetzten anbelangt, würde dies heute nicht mehr so einfach hingenommen werden und möglicherweise sogar die Gerichte beschäftigen. Alle diese Entwicklungen und Verände­ rungen in der Organisation und den Arbeits­ bedingungen hat Herr Richard Weisser in seinen Berufsjahren miterlebt und mitgetra­ gen. Ständige Änderungen und Neuerungen an Gesetzen, Tarifen und Verordnungen mußten verarbeitet werden. Daneben galt es, den konjunkturellen Ein­ flüssen Paroli zu bieten und bei der techni­ schen Entwicklung der Konkurrenz immer eine Nasenlänge voraus zu sein. Die stetige Aufwärtsentwicklung unserer Firma, der heutige solide Stand und die ständig verlän­ gerte Blütezeit unserer FRONTOR-Maschi­ nen haben in den Aufbaujahren nach dem Krieg und in den Jahren des Aufschwungs zu Zeiten des sog. Wirtschaftswunders. In diesen so wichtigen Jahren hat Herr Richard Weisser zusammen mit seinem Schwager Gottfried Rettich und Bruder Kurt Weisser die Geschicke der Firma und den Stil des Hauses Weisser entschei­ dend mitgestaltet und mitgeprägt. Beispielhaft für sein Wirken soll nur auf wenige Punkte eingegangen werden: Sein oberstes Gebot galt der Kundenzu­ friedenheit, sei es bei der Erfüllung von Son­ derwünschen, bei Preiszugeständnissen oder bei Terminzusagen, immer war der Kunde „König“. Er konnte aber andererseits auch hartnäckig eine längst überfällige Zahlung des Kunden verfolgen. Sein Hauptaugen­ merk und seine eigentliche Sorge galt aber vor allen Dingen der Anfragetätigkeit und dem Auftragseingang als wichtigste Indikato­ ren für die konjunkturelle Entwicklung. Als 3.Punkt sei die Sorge um die monatliche Auslieferung und das Einplanen der Maschi­ nen zum vom Kunden gewünschten Liefer- ihre Wurzeln einem kurzen Aufenthalt in Reutlingen trat er 1949 in die damals von Herrn Gottfried Rettich über die Kriegswirren und Nach­ kriegsdemontage hinweg geleitete Firma ein und kümmerte sich um die kaufmännischen Belange, zunächst als persönlich haftender Gesellschafter der KG und ab 1967 als Geschäftsführer der GmbH. Herr Richard Weisser hat auf seinem Berufsweg als Kaufmann und Unternehmer alle Entwicklungen und Veränderungen in einem Wirtschaftsbetrieb von der Vorkriegs­ zeit bis zur Gegenwart miterlebt. Vorkriegs­ zeit, das hieß damals noch ein Büro als „Kon­ tor“ mit Stehpulten und Ärmelschonern; die Buchführung wurde noch manuell in rich­ tige „Bücher“ eingetragen; dem Lehrling durfte bei ungebührlichem Verhalten noch eine Ohrfeige verabreicht werden. Heute leben wir im Bürozeitalter der totalen Büro­ kommunikation und Information; mit Hilfe von alles beherrschenden Computern und PC’s wurde die gesamte Organisation umge- 94

Karl Dold- Herr Richard Weisser war mit Leib und termin genannt. Die Umsatzplantafel, bei Seele Kau&nann. Die nicht gerade vom Insidern als „Hochaltar“ bekannt, bereitete Überfluß gekennzeichnete Kindheit, Lehr­ oftmals große Schwierigkeiten. und Kriegsjahre prägten und lehrten ihn, Keine größere Messe in den letzten 25 Jah­ sparsam mit dem Ererbten umzugehen. ren gab es, auf welcher er nicht zusammen Mit dem Ausscheiden von Herrn Richard mit seiner Gattin Magda die Firma vertreten Weisser aus der Geschäftsführung ist der hat. Schließlich war die Feier zum 125jähri­ Übergang von der 4. auf die bereits voll in der gen Jubiläum im Jahre 1981 für ihn ein wichti­ Verantwortung stehende 5. Generation, ger Abschnitt. Die gelungene Veranstaltung welche von seinem Sohn Helmut Weisser gab Gelegenheit, einem interessierten Publi­ und dem Neffen Horst Rettich repräsentiert kum die Geschichte der väterlichen Firma vor Augen zu führen. wird, vollzogen. Herr Richard Weisser darf nach vielen Jahren aufopferungsvoller und Die langjährige Tätigkeit brachte auch einsatzfreudiger Tätigkeit zum Wohle der einige Nebenämter mit sich, so wirkte er u. a. Firma in der Gewißheit sich aus der Firma im Vorstand der Betriebskrankenkasse und zurückziehen, daß auch die jetzt in der Ver­ der Unterstützungskasse sowie etliche Jahre antwortung stehende Generation sich den im Aufsichtsrat der Baugenossenschaft St. bewährten Zielen verpflichtet fühlt, nämlich Georgen mit. Außerdem war er von 1965 bis der Erhaltung der Firma und somit der 1971 im Gemeinderat der Stadt St. Georgen Arbeitsplätze. tätig. Horst Rettich ein Schönwalder Bürger aus echtem Schrot und Korn Die Geschichte einer Gemeinde ist eng mit engagierten Bürgern verbunden, die aus Liebe zu ihrer Heimatgemeinde ihre Lebens­ erfahrung in den Dienst der Gemeinschaft stellen. Karl Dold gehört zu diesen Men­ schen: er hat nach dem Krieg die Ärmel hochgekrempelt und für eine bessere Zu­ kunft mit angepackt. Karl Dold wurde im Jahre 1911 geboren. Seine Vitalität und Schaffenskraft sind bis heute ungebrochen. Er entstammt einem alten Schönwalder Geschlecht. Nach dem Besuch der Volksschule begann er 1925 bei der Firma Karl und Josef Dold Söhne in Schönwald die Uhrmacherlehre.1938 schloß er mit Barbara die Ehe, aus welcher 2 Kinder hervorgingen. Sein Berufsweg wurde im August 1939 durch die Einberufung zum Wehrdienst unterbrochen. Nach dem Frankreichfeldzug 1940 wurde Karl Dold für die Firma Kienzle- 95

Apparatebau Villingen unabkömmlich gestellt. Im Oktober 1944 wurde Karl Dold erneut zum Wehrclients einberufen und geriet im Dezember 1944 schwerverwundet in französische Gefangenschaft. Ende 1945 kehrte er in seine Heimatgemeinde zurück Nach Wiederherstellung seiner Gesund­ heit nahm er in Oktober 1946 die Arbeit bei seiner früheren Firma wieder auf. Die Firma Dold Söhne wurde 1962 aufgelöst und Karl Dold wechselte zur Uhrenfabrik Wehrle in Schönwald. Elf Jahre leitete er bis zu seiner Pensionierung 1973 die Montageabteilung. Im Schönwalder Gemeinderat, dem Karl Dold 22 Jahre angehörte, war er eine gefragte und geschätzte Persönlichkeit. 1953 kandi­ dierte Dold für die Freien Wähler und wurde mit überzeugender Mehrheit in den Gemeinderat berufen. Nach Gründung der SPD-Ortsgruppe Schönwald im Jahre 1966 wurde er deren Mitglied und vertrat sie im Gemeinderat, davon einige Jahre als Bürger­ meister-Stellvertreter. Hinsichtlich des Fremdenverkehrs sah Dold für Schönwald eine Zukunftsperspek­ tive. Aufgrund der topographischen Lage und der durch die Gemeindeverwaltung ein­ geleiteten Klimagutachten hatte er die berechtigte Hoffnung, daß Schönwald aus der Stagnation herausgeführt werden kann. Karl Dold war ein starker Verfechter für die Infrastrukturmaßnahmen, insbesondere im Bereich des Heilbäderwesens. Er erkannte rechtzeitig und hielt die Zeit für gekommen, daß Schönwald eine gute Chance hat, als Kurort eine noch größere Rolle zu spielen. In seine Tätigkeit als Gemeinderat fiel auch die Gemeindereform. Trotz seines Weitblickes konnte er sich mit ihr nicht in allen Bereichen anfreunden. Aufgrund der geringen Finanzkraft der Gemeinden in der Raumschaft erkannte Dold, daß die Abwas­ serbeseitigung langfristig nur im Verbund mit der Stadt Triberg und den Gemeinden Schonach und Schönwald gelöst werden kann. Auch befürwortete Dold den Bau einer Umgehungsstraße für Schönwald, um den Ort vom Verkehrslärm freizubekommen. 96 Dies insbesondere im Interesse der hier wei­ lenden Erholungssuchenden. Dold vertrat auch hier die Meinung, daß die Verkehrspro­ bleme nur sinnvoll mit den an Schönwald angrenzenden Gemeinden und Städte gelöst werden können. Aufgrund seiner freiheitlich gesinnten Denkweise ist Karl Dold ein starker Befür­ worter und überzeugter Anhänger der deutsch-französischen Völkerverständigung. Er bejahte die Gemeindepartnerschaft Bourg-Achard/Normandie mit Schönwald und arbeitete über viele Jahre im Partner­ schafts-Komitee mit. In seiner kommunal­ politischen Funktion war Karl Dold ein Kämpfer und setzte sich für seine Mitbürger jederzeit ein. Aufgrund seiner großen Ver­ dienste für das Gemeinwohl wurde Karl Dold im Februar 1975 das Ehrenbürgerrecht der Gemeinde Schönwald verliehen. Im Februar 1979 wurde Dold mit dem Bundes­ verdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Außerdem erhielt er 1985 die Verdienstnadel des Landes Baden-Württemberg für über 20jährige Vorstandstätigkeit im Musikverein Schönwald. Trotz Erreichung der Altersgrenze blieb Karl Dold nicht untätig. Er engagierte sich bei der Kurverwaltung von 1973 bis 1985 als sachkundiger und beliebter Wanderführer für die Kurgäste. Das Bild von Karl Dold wird abgerundet durch seine zahlreichen Ehrenmitgliedschaf­ ten in den Schönwalder Vereinen, wie Musikverein, Turnverein, Skiclub, Fußball­ club und Kleintierzuchtverein, wie seine wei­ tere Mitarbeit in der DLRG, VDI, Schwarz­ waldverein und Narrenzunft. Er selbst war von 1920-1925 Hirtebue und so verfaßte er auch den Prolog zur jährlich erscheinenden Narrenzeitung „Der Hirtebue“ anno 1925. Das Motto von Karl Dold war immer „Wenn man etwas für andere tut, erwächst einem auch etwas für sich selbst.“ Hierdurch hat er sich einen großen Bekannten-und Freundeskreis erworben. Emil Rimmele

Schwester Helena Vetter aus Schonach – ein erfülltes Ordensleben ,,Es kommt nicht darauf an, daß wir auf­ zählen können, was wir geleistet haben und erreicht auf geraden und krummen Wegen. Es kommt nicht darauf an, daß wir erzählen können, was wir erlitten haben und getragen, leichten und schweren Herzens. Aber es kommt darauf an, daß wir sagen können, wem zuliebe wir gelebt haben, und wem zuliebe wir leben wollen.“ Diese Worte der Präambel des Ehrenbürgerbriefes der Gemeinde Schonach für Schwester Helena sind Ausdruck dessen, was das Leben dieser Ordensschwester auszeichnet: ein Leben, erfüllt von einem unerschütterlichen Glau­ ben und getragen von der christlichen Näch­ stenliebe. Schwester Helena Vetter, mit ihrem Mäd­ chennamen Rosa Juliana, wurde am 12. Dezember 1905 in Bleichheim geboren. In ihrem Lebenslauf schreibt sie: ,,Am 3. Juni 1929 trat ich mit 23 Jahren in das Kloster Hegne (Kongregation der barmherzigen Schwestern vom hl. Kreuz) ein. Nach 2 Monaten in Hegne kam ich in den Kinder­ garten nach Kirrlach. Wir hatten damals 150 Kinder in einem großen Raum. Personal: 1 Schwester und ich. Nach einem halben Jahr durfte ich den Krankenkurs in Achern machen. 1931 kam ich für ein halbes Jahr in das Postulat und nachher in das Noviziat. Am 27. September 1932 feierte ich meine Profeß, und am 27. September 1934 legte ich die drei Gelübde (Gehorsam, Keuschheit, Armut) ab. Nach der Profeß wurde ich nach Haslach versetzt, blieb dort sechs Jahre, bis ich die ewigen Gelübde ablegte. Im Jahre 1938 wurde ich nach Schönau im Wiesental versetzt. Nach dreijähriger Tätigkeit kam für mich die dunkle Zeit meines Lebens: Am 13. November 1941 holte mich die geheime Staatspolizei nach Lörrach in das Gefängnis. Nach einem Vierteljahr kam ich dort weg. Durch vier Wochen hindurch wanderte ich in sechs Durchgangsgefängnisse, bis ich in Ravensbrück, dem größten Frauen-KZ von Deutschland, ankam. EinJahrwar ich dort in den verschiedenen Betrieben beschäftigt. Von dort wurde ich als Häftlingspflegerin nach Neu-Rohlau versetzt. Untertags war ich in einer Porzellanfabrik beschäftigt, und am Abend mußte ich den kranken Häftlingen Verbände anlegen. Nach einem Jahr (am 30. 3.1944) wurde ich entlassen. 1949 kam ich nach Vimbuch bei Bühl und war in der Pri­ vatkrankenpflege tätig. Am 25. Oktober 1949 kam ich nach Schonach.“ Was verbirgt sich alles hinter diesen einfa­ chen und bescheidenen Worten ihres Lebenslaufes! Wieviel Freude und Befriedi­ gung eines langen Lebens, Glück und Segen in mühevoller Arbeit, aber auch wieviel Sorge, Kummer, Angst und Not, oftmals fast an Verzweiflung grenzend, was in ihren Wor­ ten kaum Erwähnung findet. Denken wir an die Zeit, die Schwester Helena im KZ ver-97

bringen mußte, in das sie mit der Begrün­ dung eingeliefert wurde, daß sie als Ordens­ schwester einen Krankheitsfall dazu benutzt habe, die Frau eines Frontsoldaten zum Wie­ dereintritt in die katholische Kirche zu beein­ flussen. Erschüttert lesen wir in ihren »Erin­ nerungen an eine schwere und segensreiche Zeit“, die Schwester Helena über ihren Lei­ densweg im KZ 1951 aufgezeichnet hat, deren Veröffentlichung sie aber ablehnt: „Man konnte und konnte nicht fertig werden mit der Tatsache, daß so etwas Grauenvolles an Menschen von Menschen ausgeführt wurde.“ Und einige Seiten weiter schreibt sie: „Der Gefangene weiß schon von sich aus, daß er ein Ausgestoßener der menschlichen Gesellschaft ist. Aber wer wollte ihn dazu zwingen, zu vergessen, daß er auch ein Mensch sei und selbst in der niedrigsten Lage ein Anrecht darauf habe, menschlich behan­ delt zu werden.“ Wenn selbst ihr als Ordens­ schwester schwerste Prüfungen ihres Glau­ bens auferlegt wurden, so daß sie zu der Erkenntnis kam, daß es unter diesen Umständen schwer ist, Feindesliebe zu üben, so stand sie doch fest in ihrem Glauben ver­ wurzelt, denn, „wenn der Mensch von der Gnade Gottes getragen wird“, schreibt Schwester Helena, „geht es gut, Opfer zu bringen, und das Kreuz ist leicht zu tragen.“ Wie aber muß es den Mithäftlingen zu Mute gewesen sein, denen diese Kraft des Glaubens fehlte? Oder wie mußte sich Schwester Helena fühlen, als sie nach ihrer Entlassung aus dem KZ, also in die »Freiheit“, ihrem Bru­ der in der Landwirtschaft helfen mußte, da es ihr untersagt war, Ordenskleider zu tragen und mit dem Mutterhaus in Hegne Kontakt aufzunehmen? im Konzentrationslager, Trotz dieser schwersten Jahre des Auf­ enthaltes trotz allem, was sie erleiden und miterleben mußte, findet die Ordensschwester kein Wort des Hasses, keinen Gedanken an Ver­ geltung für das ihr angetane Unrecht. Man darf, ja, man muß Schwester Helena als tap­ fere und aufrichtige Zeugin ihres Glaubens sehen, wenn sie in einem Gespräch zu mir 98 sagte: „Ich nehme dies alles als von Gott gegeben an, und alles Gute, meine Gesund­ heit, meine Schaffenskraft, die vielen Ehrun­ gen, die mir zuteil wurden, sind wie ein Dank Gottes für das, was mir an Schwerem zuteil wurde.“ Zu Beginn ihres Ordenslebens stand das Wort: „Ich bin bereit“, und Schwester Helena war und ist es, ein langes erfülltes Leben lang. Wir heutigen Menschen, die wir an vielen Äußerlichkeiten hängen und mit dem Wort“ Wohlstand“ auf vertrautem Fuße stehen, wollen kaum verstehen, was es bedeu­ tet, wenn Schwester Helena sagt: »Im Kloster habe ich die Erfüllung meines Lebens gefun­ den. Ich habe es nicht bereut!“ Sie hat auf alles verzichtet, was uns oft so wichtig und notwendig erscheint, sie war frei für den Ruf Gottes und für den Dienst am Mitmenschen. Sie hat uns aufgezeigt, wofür es sich zu leben lohnt und was letztlich im Leben zählt; näm­ lich, daß die Welt ein klein wenig menschli­ cher wird, wo Menschen sich zum Helfen und Dienen zur Verfügung stellen. Schwester Helena ist nicht von der Art, ihr Tun und Wirken im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit dargestellt zu wissen. Sie ist einfach da, wo sie gebraucht wird, und es fehlt etwas, wenn man durch das Dorf geht und die Schwester nicht trifft, die mit ihren heute noch flinken Schritten bei Hitze und Kälte, Regen und Schnee zu ihren Kranken und Alten eilt. Sie tut weitaus mehr als nur ihre vorgeschriebene Krankenpflege, sie bringt ihr Herz mit an das Krankenlager, Worte des Trostes und der Aufmunterung. Sie ist den Einsamen eine Trösterin, den Ster­ benden eine Begleiterin im Gebet. Noch heute, mit über 80 Jahren, erfüllt sie die sich selbst auferlegten Pflichten mit größter Selbstverständlichkeit, als Mitschwester, als Mitarbeiterin in der seit 1980 für die ganze Raumschaft Triberg zuständigen Sozialsta­ tion St. Marien, die in den Räumen der ehe­ maligen und von den Ordensschwestern unterhaltenen Nähschule eingerichtet wurde und in die die Schwesternstation integriert war. Sie hilft in der Kirche, übernimmt den

Dienst der Kommunionhelferin und bringt den Kranken den Leib des Herrn. Das täg­ liche Pensum ihrer Arbeit geht weit über das normale Maß hinaus. Ob sie ihre Arbeit im Dorf verrichtet oder auf abgelegenen Höfen, ihr aufopferungsvolles Wirken hat es ermög­ licht, daß viele alte Menschen ihren sorgen­ freien Lebensabend im Kreis der Familie und somit in harmonischer Umgebung verbrin­ gen können. Weit über die Hälfte ihres dienenden Lebens hat Schwester Helena in Schonach verbracht, 1989 werden es 40 Jahre sein, und sie darf mit Erlaubnis des Mutterhauses mit ihrer Mitschwester Rigmara, nachdem schon zum 15. August 1984 die Schwesternstation aufgelöst werden sollte, so lange in Schonach bleiben, so lange es ihr Gesundheitszustand erlaubt. In dieser Zeit ihres segensreichen Wirkens in diesem Schwarzwalddorf, sie war von 1969 bis 1975 auch Oberin der Schwe­ sternstation, hat sie ungezählte Ehrungen erfahren. Nachdem sie am 27. September 1972 ihr 40jähriges Ordensjubiläum feiern konnte, wurde ihr am 3. Dezember 1972 im Zusammenhang mit ihrem Ordensjubiläum und als Dank für ihr segensreiches Wirken der Golddukaten der Gemeinde überreicht. Anläßlich eines ökumenischen Abends am 27.Oktober 1974 erhielt Schwester Helena aus der Hand des Bürgermeisters den Wap­ penteller der Gemeinde. Wenige Jahre später, am 10. November 1977, zeichnete der Land­ rat des Schwarzwald-Baar-Kreises, Dr. Gut­ knecht, im Auftrag des Bundespräsidenten Bürgermeister von Gütenbach von 1962 bis 1982 Als für Gütenbachs Altbürgermeister Her­ mann Eble 1932 die Pflicht-Schulzeit zu Ende ging, da hätte er gerne noch länger die Schulbank gedrückt, die Matura gemacht. Und ebenso wie die Schule, faszinierte Her­ mann Eble in jungen Jahren die Arbeit mit Pflanzen. Aber die existentielle Not der 30er Schwester Helena mit dem Bundesverdienst­ kreuz am Bande aus für „ viele Jahre Men­ schenliebe und Krankendienst, für eine treue und liebevolle Helferin am Mitmenschen, und dies alles für Gotteslohn“. Am 12. Dezember, dem Tag ihres 75. Geburtstages, wurde ihr die silberne Ehrennadel des Cari­ tasverbandes für treue Dienste im Bereich Krankenpflege verliehen. Am 27. September 1982 konnte Schwester Helena in körperlicher und geistiger Frische ihre Jubelprofeß, das SOjährige Ordensjubi­ läum begehen. Ihre Freude über diesen Fest­ tag brachte sie mit den Worten zum Aus­ druck, daß sie glücklich ist, vor 50 Jahren diese Entscheidung getroffen zu haben, die ihr zwar keine Reichtümer, dafür aber die Erfüllung im Dienst Gottes und am Näch­ sten gebracht habe. Mit die größte Ehrung und Auszeichnung erfuhr die Ordensschwester am 12. Dezem­ ber 1984, als sie an ihrem 79. Geburtstag zur Ehrenbürgerin der Gemeinde Schonach ernannt wurde und im Rahmen eines Alten­ nachmittags aus der Hand des Bürgermei­ sters den Ehrenbürgerbrief entgegennehmen durfte. In seiner Laudatio sagte Bürgermei­ ster Haas, daß eine ganze Gemeinde stolz auf diese Schwester sei, und daß der Name „Schwester Helen“ (so wird sie hier allgemein nur genannt) untrennbar mit Schonach ver­ bunden bleiben wird, da sie sich wie kaum ein anderer vielfältig um die Menschen die­ ses Schwarzwalddorfes verdient gemacht hat. Werner Hamm Jahre ließ keinen Freiraum für derartige Wünsche. Der damals lSjährige, sprich seine Arbeitskraft, wurde auf dem Oberen Fallen­ grundhof gebraucht, wo hartes Tagwerk das Auskommen sichern half. Und auf dem Oberen Fallengrund war Hermann Eble auch aufgewachsen. 99 Hermann Eble

landwirtschaftliche Winterschule mit Erfolg abgeschlossen hatte, eröffnete sich ihm die Möglichkeit, beim Landwirtschaftsamt in Villingen als Sachbearbeiter tätig zu werden. Allerdings: Eine Wohnung am neuen Wir­ kungsort zu finden, war nicht möglich und so galt es, vier Jahre lang Tag für Tag bei Wind und Wetter auf dem Motorrad zwischen Gütenbach und Villingen hin und her zu pendeln. Erst 1950 konnten sich Ebles in der Zähringerstadt seßhaft machen und 1954 vergrößerte sich die Familie, es wurde eine Tochter adoptiert. Die Kontakte zur Heimatgemeinde Gütenbach blieben auch in der Villinger Zeit intensiv. Und da Hermann Eble durch seine Tätigkeit beim Landwirtschaftsamt einen umfassenden Einblick in Aufbau und Funk­ tionsweise eines Verwaltungsapparates bekommen hatte, war dieses Fachwissen, ver­ bunden mit der Liebe zur Heimat, eine gute Voraussetzung, sich im Jahre 1962 um die Stelle des Gütenbacher Bürgermeisters zu bewerben. Hermann Eble kandidierte mit sieben Mitbewerbern und erst der zweite Wahlgang brachte die Entscheidung, er konnte sich gegen den späteren Bürgermei­ ster von Vöhrenbach, Heinrich Wolf, durch­ setzen. Ein Gütenbacher wurde in seiner Hei­ mat Bürgermeister, weil wie Hermann Eble heute sagt, der Lokalpatriot damals in seiner Heimat noch etwas gegolten hat. Die Gemeinde Gütenbach fand in Her­ mann Eble indes einen aktiven Bürgermei­ ster. Und seine Tatkraft stellte er in den 60er Jahren vielfach unter Beweis, bei seiner Arbeit als Bürgermeister in einem Gemein­ wesen, in dem das Gemeindeoberhaupt nicht über einen umfangreichen Verwal­ tungsapparat verfügt, der Freiraum für die wesentlichen Aufgaben läßt. Bürgermeister in der heute kleinsten, selbständigen Gemeinde des Schwarzw;tld-Baar-Kreises zu sein, war und ist eine Lebensaufgabe, die auch das Bemühen um viele Details, um die großen und kleinen Sorgen der Bürger bein­ haltet. Für Hermann Eble stand das ständige Bemühen um das Wohl seiner Heimatge- So begann für Hermann Eble das Berufs­ leben auf dem elterlichen Hof, wo er aller­ dings nur wenige Jahre mithelfen konnte, denn im Dritten Reich stand mit dem Einzug zum Reichsarbeitsdienst ein neuer Lebens­ abschnitt an. Die schrecklichen Wirren des Zweiten Weltkrieges erlebte der junge Gütenbacher bis zur letzten Minute. Mit einem am 15. April 1945 ausgestellten Urlaubsschein machte sich der mittlerweile als Oberfeldwebel dienende Soldat von der Stettiner Haff aus, auf einen gefährlichen Heimweg und das im sprichwörtlich letzten Augenblick. Aber so gelang es, der Kriegsge­ fangenschaft zu entgehen und die Flucht über die Oder glückte, am Schluß einer tage­ langen Irrfahrt stand die unversehrte Heim­ kehr zur Familie, denn Hermann Eble, 1917 geboren, hatte sich 1942 mit Gerda Maier ver­ heiratet und im letzten Kriegsjahr war ein Sohn geboren worden. Im Nachkriegs-Deutschland das Auskom­ men einer Familie sicherzustellen, fiel nicht leicht, man stand wie vor dem Kriege wieder am Anfang. Doch da Hermann Eble noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges die 100

meinde stets an oberster Stelle. Er war ein Bürgermeister, der mit Fingerspitzengefühl und mit Bescheidenheit das Tagwerk bewäl­ tigte. Dieser kontinuierliche Einsatz für die Allgemeinheit ist ihm 1982 mit der Aushän­ digung des ihm durch den Herrn Bundesprä­ sidenten verliehenen Bundesverdienstkreu­ zes am Bande durch Landrat Dr. Rainer Gut­ knecht honoriert worden. Eine Auszeich­ nung, der zahlreiche örtliche Ehrungen und der persönliche Dank vieler Bürger vorausge­ gangen sind. So ist Hermann Eble Ehren­ mitglied des Schwarzwaldvereines, der Feuerwehr und nach wie vor im örtlichen Krankenpflegeverein aktives Vorstandsmit­ glied. Als Hermann Eble 1962 als erster haupt­ amtlicher Bürgermeister Gütenbachs an die Arbeit ging, fand er ideale Verhältnisse vor, um die Infrastruktur der kleinen Gemeinde verbessern zu können. Die 60er Jahre, das war die Blütezeit beim größten Arbeitgeber am Ort, der Spielwarenfirma Faller und zusammen mit weiteren Firmen am Ort, wie Hanhart, sorgte der gute Geschäftsgang in der Spielwarenbranche über die Gewerbe­ steuer für ein gefülltes Gemeindesäckel. Vorübergehend wuchs die Gemeinde Jahr für Jahr um stattliche 100 Einwohner im Schnitt, weil es bei Faller immer mehr Arbeitsplätze gab. Als der Einwohnerstand schließlich auf1800 geklettert war, begannen die Planungen für ein neues Schulhaus, weil sich im alten Gebäude SO bis 60 Schüler in einem Raum drängen mußten. 1965 konnte der Schulhausbau mit Sporthalle abgeschlos­ sen werden. Und dann wandte man sich in der Hoffnung auf eine Belebung des Frem­ denverkehrs dem Bau eines Hallenbades zu und begann zugleich auch mit der Erschlie­ ßung von weiterem Baugelände. Doch der Bau des Hallenbades warfbald Probleme auf, 1967 begann eine Finanzkrise, die sich Jahre danach noch vergrößerte, als sich bei Faller der Geschäftsgang zurückentwickelte. So fiel in die insgesamt 20jährige Amtszeit Her­ mann Ebles, er wurde 1970 mit sehr gutem Ergebnis für weitere 12 Jahre im Amt bestä- tigt, nicht nur wirtschaftlicher Aufschwung, sondern es galt auch, zahlreiche Rückschläge zu bewälti�en. Und dennoch �el.111!‘ e� Her­ mann Eble auch in den Krisenjahren, die Geschicke der Gemeinde positiv zu gestal­ ten, das mühsam erarbeitete zu sichern. Die­ ses Bemühen um eine stetige Fortentwick­ lung Gütenbachs half auch wesentlich mit, die Selbständigkeit der Gemeinde zu sichern, als die Gemeindereform zahlreichen Gemeinwesen in der Größe Gütenbachs die Eigenständigkeit nahm. Bürgermeister Hermann Eble, be­ schränkte seinen politischen Wirkungskreis aber nicht nur aufGütenbach.1964 schloß er sich einer parteiunabhängigen Liste für den Kreistag an und als einzigem Unabhängigen gelang es ihm dann 1965, in das Kreisparla­ ment gewählt zu werden. Er wechselte aller­ dings bald darauf zur CDU-Kreistagsfrak­ tion, um innerhalb einer Fraktion mehr Ein­ flußmöglichkeiten zu gewinnen, um Dinge bewegen zu können, die er als einzelner Kreisrat nicht vorantreiben hätte können. Die Gemeinde Gütenbach hat Hermann Eble insgesamt 20 Jahre, bis 1984 im Kreistag vertreten. Als Hermann Eble 1982 in den wohlver­ dienten Ruhestand wechselte, fiel der Abschied nicht leicht, denn er war 20 Jahre lang mit Herz und Seele Bürgermeister gewe­ sen. Hermann Eble genießt auch als Alt-Bür­ germeister in seiner Heimatgemeinde großes Ansehen und darf sich über breite Anerken­ nung seitens der Bürgerschaft freuen. Diese Anerkennung ist der wohl schönste Lohn für das 20jährige Wirken zum Wohl der Gemeinde Gütenbach. Wilfried Dold * 101

Martha Klaus Ein Leben für die Musik ,,Ein Leben für die Musik“ -so über­ schrieb die „Badische Zeitung“ am 1. März 1987 ihren Zweispalter aus Anlaß des 80. Geburtstages, den die Chormeisterin Martha Klaus in Bräunlingen feierte. Doch Notiz genommen von diesem Fest haben nicht nur die Freunde guten Chorgesanges und nicht nur in Bräunlingen -die Glückwünsche gal­ ten einer der verdientesten Dirigentinnen und Musikpädagoginnen des Schwarzwald­ Baar-Kreises, die auch im 82. Lebensjahr noch immer Unterricht erteilt und ihren Ele­ ven die Liebe zur Musik vermittelt. Von ihrem Vater, der Chorleiter und Organist gewesen war, kam Martha Klaus schon früh mit der Musik in Berührung – und sie blieb diesem Metier ein Leben lang treu. Im Kloster St. Ursula in Villingen lernte sie es, die Orgel und das Klavier zu spielen. Eine Privatlehrerin in Schwenningen bildete sie weiter aus und ermöglichte ihr das Diplom als Musiklehrerin am Konservato­ rium in Stuttgart, zu dem sie als eine von nur ganz wenigen Absolventinnen allein auf­ grund ihrer außergewöhnlichen Musikalität ohne die ansonsten erforderliche schulische Vorbildung zugelassen worden war. Schon 1925 übernahm sie in Furtwangen den Dienst der Organistin und half im Obe­ ren Bregtal auch immer noch aus, als sie von 1927 bis 1938 in ihrer Heimatstadt Bräunlin­ gen Organistin geworden war und die Orgel in den Kriegsjahren 1939 bis 1942 auch in der Hüfinger Krankenhauskapelle spielte. 1940 übernahm sie den Dienst der Organistin und der Chorleiterin schließlich auch in Huberts­ hofen und den vor allem winters beschwerli­ chen Weg in die kleine Schwarzwald­ Gemeinde legte sie zuweilen sogar zu Fuß zurück. Als Nachfolger von Lehrer Leib! ließ sich Martha Klaus 1960 auch von Wolterdin­ gen als Organistin und Chorleiterin in die Pflicht nehmen. Für die zwölfJahre von 1969 102 bis 1981 wirkte Frau Klaus schließlich an der Spitze des Bräunlinger „Liederkranz“, in dem sie nicht nur den Männerchor dirigierte, son­ dern auch den erst in ihrer Amtszeit gegrün­ deten Frauen-und auch noch den Kinder­ chor des MGV. Wie viele Mädchen und Jungen Martha Klaus im Fach Musik unterrichtet hat, wie vielen sie die Freude am Musizieren vermit­ telte oder ihnen gar einen Berufsweg zu ermöglichen half, das weiß sie selbst nicht mehr – doch noch immer unterrichtet Martha Klaus, hat einen vollen Terminkalen­ der, auch wenn sie nach und nach alle Chor­ leiter-Engagements aufgegeben hat und auch nicht mehr als Organistin angestellt ist. Doch sie vermittelt den lebhaften Eindruck, als habe sie neben einer robusten Konstitution auch die Musik jung erhalten. Für eine der Musik verschriebene Frau mit so vielen Verdiensten bleiben die Ehrungen nicht aus. Die namhafteste bekam sie, verlie­ hen vom damaligen Bundespräsidenten Walter Scheel, am 8. Januar 1978 aus der

Hand von Landrat Dr. Rainer Gutknecht, mit dem Bundesverdienstkreuz. Der Bräun­ linger „Liederkranz“, dessen Sänger und nicht zuletzt dessen Freunde sie jeweils zur Adventszeit mit einem „Singen bei Kerzen­ schein“ zu beschenken begann, ernannte sie zur Ehrenchormeisterin, als sie im Dezember 1981 diese sehr beliebte vorweihnachtliche Veranstaltung zum letzten Mal dirigierte und man damals von einem „Konzert mit Wehmut“ sprach. Für ihr „Leben für die Kirchenmusik“ sandten ihr der Freiburger Erzbischof Oskar Saier eine Dankesurkunde und der Diöze­ san-Cäcilienverband – die Dachorganisation der Kirchenchöre der Erzdiözese Freiburg – eine Ehrenurkunde für ihr 60jähriges Wirken als Organistin und ihre 45jährige Arbeit an der Spitze mehrerer Kirchenchöre. Mit der Sängernadel in Gold schließlich ist sie vom Bräunlinger Männergesangverein bedacht worden, als dieser sein lOOjähriges Bestehen feierte und aus diesem Anlaß die selten ver­ liehene Zelter-Plakette bekam. Große Worte sind Martha Klaus zeit­ lebens fremd gewesen – sie nahm ihre über­ nommene Pflicht, zu unterrichten, die Orgel zu spielen und zu dirigieren, immer ernst – und machte kein Aufhebens daraus, betrach­ tete alle ihre Engagements, einmal übernom­ men, als Selbstverständlichkeit und nahm die daraus resultierenden Ehrungen eher ein wenig verlegen auf. „Wer der Musik ergeben, gewinnt ein Gut für alle Zeit“, pflegte sie bekennend zu sagen. Und sie fügte ein ande­ res Bekenntnis hinzu, als man ihr in Bräun­ lingen zum 80. Geburtstag gratulierte: „Ich habe mich stets nicht nur der Musik, sondern auch meiner Heimat verpflichtet gefühlt.“ Gerhard Kiefer Martin Buri Der Bürgermeister der Kardinalsgemeinde, der 30 Jahre die Geschichte Riedböhringens prägte, ging in den Ruhestand Als Kardinalsbürgermeister hat ihn der Chef des einstigen Landkreises Donau­ eschingen, Dr. Robert Lienhart, tituliert, und als Bürgermeister der Kardinalsgemeinde auf der Baar wird er in die Annalen des Dorfes Riedböhringen – heute Stadtteil von Blum­ berg – eines Tages wohl eingehen: Martin Buri, der Ende August 1987 in den Ruhe­ stand verabschiedet wurde. Volle drei Jahr­ zehnte, je 15 Jahre als Bürgermeister und als Ortsvorsteher, hat er die Geschicke seines Heimatortes geprägt, eines Dorfes von rund 800 Seelen. Eine Persönlichkeit – so Bürger­ meister Gerber, Blumberg, bei der Ab­ schiedskundgebung in der Riedböhringer Mehrzweckhalle – „die auf allen Gebieten sattelfest“ sich zeigte, „ein edler Streiter für seine Vorstellungen in allen Begegnungen offizieller und privater Art“. Martin Buri kommt aus einfachen Ver­ hältnissen.1919 ist er in Riedböhringen gebo- ren als Sohn des Landwirts und Zimmer­ manns Anton Buri, der 1909 noch maßge­ blich am Erweiterungsbau der barocken Dorfkirche beteiligt war. Der nachmalige Bürgermeister ist im Kreis von fünf Geschwi­ stern – allesamt Jungen – aufgewachsen; zwei davon sind aus dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr heimgekehrt. Er selbst hatte bei Karl Huber in Donaueschingen das Schlosser­ handwerk erlernt, war 1938/39 für den Arbeitsdienst verpflichtet und wurde im Oktober 1939 zum Dienst bei der Luftwaffe einberufen. 1945 kam er in englische Kriegs­ gefangenschaft und wurde noch im selben Jahr in die Heimat entlassen. Der Ehe mit Lydia, geborene Hölderle – ein Geschlecht, dessen Vorfahren im 19.Jahr­ hundert den unweit Eschach gelegenen „Heiligkreuzhof‘ bewirtschaftet haben – entstammen drei Kinder. Die junge Familie übernahm die väterliche Landwirtschaft. 103

meinde aus der Baar überbrachte. Mit dem Bürgermeister und zwei engeren Verwandten aus Riedböhringen, so entnehmen wir aus der Fotografie im Hause Buri, gehörten Paul Sumser, der Ortsseelsor�cr, und Dr. Erwin Sumser, der Arzt und Heimatfreund aus Hüfingen, der damaligen Delegation an. Unvergeßlich -so Martin Buri -die bei glei­ chem Anlaß vermittelte Audienz bei Papst Johannes XXIII; bei der ein römischer Pater aus dem Jesuitenorden dem Heiligen Vater die Delegation aus Riedböhringen vorstellte. Bei den Besuchen in Riedböhringen haben sich die Einfachheit, die Bescheiden­ heit und menschliche Wärme des Kardinals Bürgermeister Buri besonders nachdrücklich eingeprägt. Alle Vorhaben -so unterstreicht Martin Buri -die ihn, den Kardinal und seine Heimatgemeinde betrafen, wurden kollegial zwischen dem Kardinal, dem Bürgermeister und dem Ortsseelsorger besprochen und geregelt -sei es die Beisetzungsstätte in der Pfarrkirche, die Überfiihrung der Gebeine der Eltern des Kardinals vom dörflichen Friedhof in die Pfarrkirche wie auch die Überlassung der persönlichen Gegenstände aus dem Nachlaß von Kardinal Bea an die Heimatgemeinde: sechs schwere Kisten mit kirchlichen Gewändern, mit kostbaren Geschenken von weltlichen und Kirchenfür­ sten, sowie Großfotos von Begegnungen des Kardinals mit Politikern, Wissenschaftlern, Theologen und Künstlern -Gegenstände, die nach dem Tode Augustin Beas für das geplante Museum in Riedböhringen eintra­ fen; als letzte „Habseligkeiten“ hatte der Kar­ dinal seinen Nachlaß betitelt. Nur gestreift werden können die kommu­ nalen Vorhaben, die Martin Buri in seiner Amtszeit als Bürgermeister und Ortsvorste­ her initiiert und gefördert hat: die Gründung der Aitrach-Wasserversorgung (in Gemein­ schaft mit Hondingen) für sechs Orte der Südbaar, die auf der Südseite des Kirchplatzes erstellte und von Kardinal Bea eingeweihte Kriegergedächtniskapelle, der Bau der Kardi­ nal-Bea-Schule sowie des 1970 der Öffentlich­ keit übergebenen Lehrerwohnhauses. Von 1950 an war Martin Buri zusätzlich wie­ der als Schlosser bei seiner Lehrfirma in Donaueschingen tätig -eine Tätigkeit, die er 1957, als ihn seine Mitbürger zum Bürger­ meister wählten, endgültig aufgab. Fotos von Rom, aus der Vatikanstadt und von Begegnungen mit Kurienkardinal Augu­ stin Bea an den Wänden der „guten Stube“ im Hause „am Bach“, dem Geburtshaus von Martin Buri. Wie von selbst kommt das Gespräch auf den einstigen »Ehrenbürger“, der mit seiner letzten Ruhestätte in der Hei­ matkirche, mit der Kardinal-Bea-Schule, dem Kardinal-Bea-Museum, der Kardinal­ Bea-Straße denkwürdige Stätten und Zeug­ nisse in seinem Geburtsort hinterließ. Drei­ mal, so erfahren wir, weilte Martin Buri in Rom -zuletzt noch im Jahr 1987, zusammen mit seiner Frau; dann anläßlich einer Bürger­ meisterlehrfahrt des Landkreises; schließlich im Dezember 1959, als er die Delegation anführte, die dem neuernannten Kurienkar­ dinal die Glückwünsche der Heimatge- 104

Inzwischen kämpften an der Wende der siebziger Jahre an die 20 kleineren Gemein­ den des Kreises Donaueschingen, unter ihnen auch Riedböhringen, um die Selbstän­ digkeit. Martin Buri, kein Freund der in Stuttgart ausgebrüteten Gemeindereform, erkannte rechtzeitig, daß die Neuerung nicht zu verhindern war. ,,Und wir sind mit dem Anschluß an die Stadt Blumberg“ – so im Gespräch mit dem Besucher – in den vergan­ genen 15 Jahren „gut gefahren“. Die Reform hat ihn den Titel als Bürgermeister, der ihm noch bis 1977 zugestanden hätte, gekostet. Die Stadt Blumberg zeigte sich dafür großzü­ gig beim Bau der Mehrzweckhalle (1973), bei der Einrichtung des Kindergartens, beim Bau des neuen Sportplatzes, bei der Neugestal­ tung des Friedhofes und dem Abschluß der Flurbereinigung, die 1968 geplant, aber erst mit der Verwirklichung der Umgehungs­ straße zum Abschluß kam. Ohne das vorbildliche Engagement von Martin Buri ist auch die Geschichte der Ver­ eine in Riedböhringen in den vergangenen 30 Jahren nicht zu denken. Kaum einmal hat Johann Georg Kieninger – ein markanter Dorfbürgermeister Nahezu neunzigjährig verstarb im April 1985 als ältester männlicher Einwohner von Buchenberg und als Senior der Bürgermei­ ster des Schwarzwald-Baar-Kreises Altbür­ germeister Johann Georg Kieninger von Buchenberg. Er war ein Bürgermeister alten Schlages und eine markante Persönlichkeit. Zuerst von der Besatzungsmacht kommissa­ risch eingesetzt, übernahm er das Amt im Sommer 1945 in einer schweren Zeit. Für die Ablieferung von Kartoffeln, Getreide, Vieh und anderen Lebensgütern an die Militärre­ gierung mußte er geradestehen und diese Forderungen auf die Mitbürger umlegen. Fast ein Vierteljahrhundert lang war er, mehrmals durch das Vertrauen der Bürger bestätigt, von 1945 bis 1969 Bürgermeister er – sei es bei Musikkapelle, Fußballverein, Schützenverein, Männergesangverein – bei der jährlichen Generalversammlung gefehlt. 37 Jahre war er Vorstandsmitglied der Spar­ und Kreditbank Donaueschingen. Er ist Ehrenmitglied der Freiwilligen Feuerwehr, in der er seit der Neugründung bis zum Amts­ antritt als Bürgermeister das Amt des Vize­ kommandanten innehatte. Auf den Ortsvor­ steher Martin Buri geht auch die Initiative der Patenschaft des Ortes Riedböhringen mit der 11. Kompanie des 110. französischen Infanterieregiments in Donaueschingen zurück. „ Wie fühlt man sich nach 30 Jahren im Dienst der Öffentlichkeit als Ruheständler mit 71 noch recht rüstigen Jahren?“ Auf die Frage des Besuchers Martin Buri: ,,Man hat seine Familie, hat Hobbys, Fotografieren, Interesse an der Heimatgeschichte, nicht zuletzt Reisepläne, Vorderer Orient, viel­ leicht Israel oder Ägypten, stehen noch auf der Wunschliste.“ Dr. Lorenz Honold der Gemeinde Buchenberg. Diese Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg hat ihm viel abverlangt. Der Umgang mit der ausländischen Besatzungsmacht, die Unter­ bringung vieler Heimatvertriebener und zahllose Mängel in der Versorgung der Bevölkerung waren große Herausforderun­ gen. Es war ein mutiger Entschluß, in dieser Situation das Ehrenamt des Bürgermeisters zu übernehmen und mit der örtlichen kom­ munalen Selbstverwaltung von Grund auf neu zu beginnen. Johann Georg Kieninger tat dies mit der ihm eigenen Willenskraft mit einem sicheren Blick für das Notwendige, aber auch mit Bedacht. Viele Häuser auf der weitverzweigten Gemarkung Buchenberg wurden an die zentrale Wasserversorgung 105

angeschlossen, die Stromversorgungsanla­ gen wurden wesentlich verbessert und erwei­ tert. Mit dem Neubau des Schulhauses stellte man sich den Anforderungen der 60er Jahre, und das ehemalige Schulhaus wurde in der Folge zum heutigen Rathaus umgebaut. In den Neubaugebieten Holzwiese und Breg­ nitz entstanden über 50 Wohnhäuser. Johann Georg Kieninger war ein großer Förderer der Freiwilligen Feuerwehr, des Musikvereins, der ihn mit der Ehrenmit­ gliedschaft auszeichnete, sowie der Land­ wirtschaft, was im Ausbau zahlreicher Gemeindeverbindungsstraßen und Feld­ wege zum Ausdruck kam. Dabei hat er sich zu keiner Zeit auf finanzielle Risiken einge­ lassen. Mit Unterbrechung der Jahre des Dritten Reiches haben er und sein Schwie­ gervater Simon Rapp über ein halbes Jahr­ hundert die Geschicke der Gemeinde Buchenberg geleitet. Als Ortsvorsitzender des Badischen Landwirtschaftlichen Haupt­ verbandes hat er 22 Jahre deren Belange ver­ treten. Johann GeorgK.ieninger starnmteaus Ober­ kimach. Wie sehr er mit seinem Beruf als Bauer und seiner alten Heimat verbunden war, zeigt die Tatsache, daß er den elterlichen Hof im Jahre 1955 erwarb und neben dem Bartleshofin Buchenberg bis 1970 bewirtschaftete. Seine bescheidene, wohlwollende und vertrauenswürdige Art und sein stetes Bemü­ hen zu dienen und zu helfen wird für alle, die ihn kannten, unvergessen bleiben. Johann Haller Ernst Grimm bei Firma Staiger ausgeschieden: Ein Kapitän ging von Bord Eigentlich sind im Schwarzwald ja eher die Landratten beheimatet, doch in diesem Falle sei der häufig bemühte Vergleich nun doch gestattet: Ein Kapitän hat die Brücke verlassen. Als sich Ernst Grimm im März 1988 in der Peterzeller „Krone“ von vielen seiner Mitarbeiter verabschiedet hat und nach exakt 45jähriger Tätigkeit bei dem St. Georgener Uhrenhersteller Gebr. Staiger GmbH ausschied, ist da wirklich ein Mann von Bord gegangen, der über Jahre hinweg den Kurs des Unternehmens maßgeblich gesteuert und die Firma sicher über die Untiefen einer zunehmend schwierigen Branche geleitet hat. Es ging da freilich einer, der die Kapitänsmütze nie demonstrativ getragen hat, sondern als Chef stets Beschei­ denheit ausgestrahlt hat. Entsprechend kurz denn auch sein Kommentar, wenn er nach einer Bilanz seiner 45jährigen Staiger-Lauf­ bahn gefragt wird, die ihn als Angestellten bis an die Spitze des 380 Mitarbeiter großen 106

Unternehmens führte: „Man hat sich halt bemüht“. In der Tat: Viele Worte und großes Aufhebens um die eigenen Leistungen war Ernst Grimms Art nie gewesen. Das Ausscheiden Ernst Grimms im Alter von 61 Jahren, auch aus gesundheitlichen Gründen erfolgt, markiert in dem 380 Mit­ arbeiter starken Unternehmen gleichzeitig einen Generationswechsel an der Spitze. Martin Staiger, seit sechs Jahren in dem Familienbetrieb tätig und zuletzt bereits ein Jahr lang neben Grimm in der Geschäftsfüh­ rung in der Verantwortung, wird künftig alleiniger geschäftsführender Gesellschafter bei Staiger sein. Martin Staiger machte beim Ausscheiden Grimms deutlich, daß er gerne noch einige Jahre an der Seite von Ernst Grimm gewirkt hätte und auch Gertrud Stai­ ger als Gesellschafterin hat „lange gebettelt“, daß Grimm noch ein paar Jährchen anhänge. Doch letztendlich respektierte die Familie Staiger den Wunsch Grimms nach einem Abschied zu einem Zeitpunkt, da er dem Uhrenunternehmen genau 45 Jahre ange­ hört. Zunächst hat es freilich für den in Peterzell wohnhaften Vate; von vier Kindern (zwölf Enkel inzwischen) einen Unruhestand gege­ ben, denn eines hat der Scheidende im Unternehmen versichert: ,,Meine Tür ist offen und ein Telefon habe ich auch“. Zudem hat er Gertrud Staiger das Verspre­ chen abgegeben, eine Firmenchronik des Unternehmens zu erarbeiten, das schon wechselvolle Zeiten erlebt hat. In die ganz große Verantwortung ist Ernst Grimm, der bereits als 26jähriger Prokura bei den Gehr. Staiger erhielt, unvermittelt genommen worden. Mit dem Tod des lang­ jährigen Firmeninhabers Werner Staiger Ernst Grimm vor für ihn typischem Hintergrund. Im März 1988 ist der lan!}ährige Geschäftsführer der St. Georgener Uhrenfabrik Gebr. Staiger GmbH in den Ruhestand getreten, wo.freilich noch immer ein wenig der“ Unruhestand“ tickt. 107

stand Grimm im Jahre 1977 unvermittelt allein an der Spitze des Unternehmens, an dem er zwar nie als Gesellschafter beteiligt war, mit dem er sich aber dennoch voll als Unternehmer identifiziert hat und dem er mit ungewöhnlichem Einsatz gedient hat. Und mit dem Begriff »Dienen“ kann Grimm als Unternehmer sehr wohl etwas anfangen, er klingt nicht hohl, wenn er ihn verwendet. Wenn Grimm Bilanz zieht über seine Lebensleistung bei Staiger, dann fallen ihm viele markante Daten ein: Der enorme tech­ nische Wandel, die Revolution der Qiartz­ uhr, der ebenfalls grundlegende Schritt vom Metall zum Kunststoff bei der Uhrenpro­ duktion. Staiger sei stets an der Spitze des technologischen Fortschritts marschiert und er nennt Reinhard Jäckle, den technischen Pionier des Unternehmens. Heute, das bedauert Grimm im Grunde, sei die tech­ nische Entwicklung Uhr weitgehend aus­ gereizt. Heute entscheide vornehmlich Design und der Preis. Martin Staiger sieht denn auch als eine vorrangige Aufgabe in der Zukunft das Nutzen der technologischen Fertigkeiten bei Staiger für neue Produkte. Mit der Dünn­ schicht-Technik ist ein Anfang gemacht und der junge Unternehmer sieht weitere Per­ spektiven. Die Führungsleute bei Staiger will er stärker in die Verantwortung einbinden und ihm ist nicht bange vor den Erfordernis­ sen der Zukunft, denn, so Martin Staigers Bewertung zu Ernst Grimms Abschied: „Das Haus ist gut bestellt“. Erich Möck Original-Radierung von Hans-Georg Müller-Hanssen über ein Alt-Schwenningrr Motiv 108

Archäologie Die Entenburg bei Überauchen Dieser Beitrag wurde durch den Autor für die Internetrecherche nicht freigegeben. 109

Die Entenburg bei Überauchen Dieser Beitrag wurde durch den Autor für die Internetrecherche nicht freigegeben. 110

Die Entenburg bei Überauchen Dieser Beitrag wurde durch den Autor für die Internetrecherche nicht freigegeben. Neues über die Ausgrabungen in Niedereschach­ Fischbach Es soll ein kleiner „archäologischer Park“ entstehen Der Bericht, der im Almanach 1987 (Seite 105-108) gegeben wurde, konnte noch nicht vollständig sein, da die Ergebnisse der Kera­ mik- und Metallbestimmung noch nicht vorlagen. Neben einigen unerwarteten Erkenntnissen ergaben sich durch die kurz­ fristig möglich gewordene Restaurierung des Hauptgebäudes und die geplante neue Aus­ grabung des Bades mit anschließender Restaurierung neue Perspektiven. Im Endzu­ stand soll die Gesamtanlage einen kleinen „archäologischen Park“ darstellen. Zunächst zur Auswertung der Funde der Ausgrabung von 1985, für die sich dankens­ werterweise Frau Dr. Kuntze aus München bereit erklärte. Nach Ausweis der Scherben, belegt durch ein Wandstück einer Schüssel Drag. 29, Süd­ gallisch, entstand ein erster Bau, wahrschein­ lich der Kernbau, im letzten Viertel des l. Jhdt. n. Chr. So kurz nach der Eroberung des Gebietes ist dafür allerdings eher ein militä- Schematischer Aufbau der Restaurierung (Schnittbild) A Originale Rollierung B Betonplatte C Innenfläche Kernbau D Mauer Kernbau mit Füllung E Rasenfläche Außengebäude F Fundamentdarstellung Außenmauern G Ligusterhecke 111

Abb. 1-4 Verschiedene Terra-Sigillata-Scherben mit ornamentaler oder figü.rlicher Verzierung Abb. 5 Terra-Sigillata-Schale 112

risch-strategischer Zweck zu vermuten als eine Zivilsiedlung, wobei aufgrund des Fund­ spektrums für die weitere Entwicklung eine Umwandlung zu einer Landvilla angenom­ men werden darf. Dafür spricht auch die schrittweise Erweiterung des Hauptgebäudes sowie die nach Süden ausgerichtete Symme­ trie der Gesamtanlage (siehe Almanach 1987, Seite 105). Wenn auch die spätesten Scher­ ben, in der Art des Comitialis IV, schon im 1. Viertel des 3. Jhdt. liegen, sagen sie nicht unbedingt etwas über die Zeit des Nieder­ gangs der Siedlung aus, da ja die oberen Schichten des Fundhorizonts vollständig verschwunden waren und der vorgefundene Zustand erheblich unter dem damaligen Gehniveau lag. Erwartungsgemäß fiel die Masse der Scherben auf das gewöhnliche Gebrauchsgeschirr wie Töpfe, Teller, Schüsseln aus hartgebranntem grauen oder schwarzen Ton ohne besondere Verzierun­ gen. Ein gewisser Wohlstand, der sich schon durch die Ausstattung des Hauses mit Bodenplatten aus importiertem Kalkstein, Hypokaustheizung und Bemalung andeu­ tete, wird belegt durch eine große Anzahl anspruchsvoller Terra-Sigillata, die zum Teil aus Südfrankreich eingeführt worden war. Auch die Ausstattung des Hauses mit Zierge­ genständen aus Bronce und die Verwendung von Glasscheiben spricht für ein Landhaus für gehobene Ansprüche. Vorräte wurden in riesigen Amphoren aus Ton mit Durchmes­ sern über einem Meter aufbewahrt, und besondere Räume waren durch Schlösser mit hochkompliziertem Schließsystem gesi­ chert. Vom täglichen Leben und einiges über die Bewohner verraten uns auch die vielen eisernen Kleingeräte. So etwa der „Stilus“, mit dem man auf Wachstäfelchen schreiben und sogar wieder radieren konnte oder der feine Fingerring eines Kindes. Viele der Gegenstände zeugen von großer feinmecha­ nischer Fertigkeit mit einem hohen Maß an Präzision. Die bisher aufgefundenen Baulichkeiten sowie die Gerätschaften entsprechen denen eines Selbstversorgungsbetriebs, für eine landwirtschaftliche Marktproduktion gibt es bislang auch keine Anhaltspunkte. Es fehlen dafür typische Lager, Ställe, Nebengebäude oder Produktionsstätten in einer Größenord­ nung, die eine lohnende Vermarktung land­ wirtschaftlicher Erzeugnisse ermöglichen oder den vorhandenen Wohlstand begrün­ den könnten. Die wichtigsten Funde sind im Römer­ zimmer des Fischbacher Heimatmuseums mit entsprechender Erklärung ausgestellt. Öffnungszeiten 1. und 3. Sonntag des Monats von 14-16 Uhr oder nach Vereinbarung. Im Fischbacher Heimatmuseum ist auch eine kleine Broschüre rund um die Funde und die Römerzeit erhältlich. Motiviert durch die unerwarteten einma­ ligen Ergebnisse, das große Interesse in der Bevölkerung und nicht zuletzt durch die 900-Jahr-Feier 1986, entschloß sich die Gemeinde kurzfristig, das Hauptgebäude durch entsprechende Konservierungsmaß­ nahmen zu erhalten, schon damals mit dem Blick darauf, eventuell die Anlage durch Ein­ beziehung des Bades und der Nebengebäude zu einem kleinen archäologischen Park zu gestalten. Man wollte dadurch der Tradition, die diese Stätte seit langer Zeit im Bewußt­ sein der Niedereschacher und Fischbacher Bevölkerung „Römerkastell“ oder „Römerbrunnen“ gehalten hat, gerecht wer­ den und, sicher nicht weniger legitim, einen zusätzlichen Anreiz für den Fremdenver­ kehr aus nah und fern schaffen. Zur Planung und Durchführung des Projekts hatte sich der Ausgrabungsleiter, H.-0. Wagner, bereit­ erklärt. als Dabei waren mehrere Vorgaben zu beach­ ten: es standen insgesamt nur sechs Monate Zeit, begründet durch die Arbeitszeit der ABM-Arbeiter, zur Verfügung. Ein relativ enger finanzieller Rahmen, der allerdings durch die Unterstützung durch den Land­ kreis etwas gelockert werden konnte, mußte eingehalten werden und die Anlage mußte „pflegeleicht“ entworfen werden, d. h. der spätere Aufwand für Wartung, Pflege und Reparatur mußte so gering wie möglich 113

Heimatmuseum Fischbach, restauriertes Mauerstück mit einigen gefundenen Leistenziegeln Gefäße in der Keramikvitrine 114

Deutlich ist das besser erhaltene gemauerte Fundament des Kernhaus von den Rollierungen der Anbauten abgesetzt. Restaurierte Anlage 115

gehalten werden. Zu diesen Vorgaben kam noch die Schwierigkeit, daß das Gebäude fernab jeglicher Strom-und Wasserversor­ gung lag und somit auf Maschinenarbeit ver­ zichtet werden mußte. Erleichterung brachte dafür die Verwendung von Transportbeton und fertiggemischtem Kalkmörtel. Trotz­ dem verdient die Leistung der beschäftigten Arbeiter Hochachtung. Um einen Eindruck vom Einsatz der ver­ wendeten Mittel zu erhalten, hier einige Zah­ len: Zur Fundamentsicherung wurden 43 m3 Beton und 265 m2 Baustahlmatten verarbei­ tet. Für die Mauern, die nur im Kernbau bis auf3 Lagen hochgezogen wurden, benötigte man 260 Sack Trasskalkmörtel. Für Unter­ schotterung, Füllung und Befestigung der Bauwerksteile mußten 145 Tonnen Schotter und Mineralbeton angefahren werden. Daß die Arbeiten auf den Tag genau abge­ schlossen werden konnten, (von der Bepflan­ zung, die erst im Frühjahr 1988 erfolgte abge­ sehen) setzte eine exakte Planung und Orga­ nisation sowie natürlich auch etwas Glück mit dem Wetter voraus. Wegen der exponierten Lage und den damit verbundenen extremen Witterungs­ verhältnissen wurde vom Bauleiter eine spe­ zielle „belüftete Weichkern-Mauertechnik“ entwickelt, die den speziellen Bedingungen Rechnung trägt und auch beste Voraus­ setzungen für die, hier unvermeidlichen, Nach besserungsarbeiten bietet. Die ursprünglichen Fundamentrollierun­ gen wurden nivelliert, d. h. durch Auffüllung oder Abtragung auf gleiche Höhe gebracht und mit einer 20 cm starken Stahlbeton­ platte abgedeckt-insgesamt über eine Länge von 306 Metern bei einer Breite von 80 -90 cm.Auf einer Länge von 200 Metern, (ent­ sprechend den äußeren Fundamenten, die nicht aufgemauert werden sollten), mußte von Hand Steinmaterial der ursprünglichen Zusammensetzung in den noch weichen Beton eingedrückt werden. Auf die Funda­ mentplatten des Kernhaus wurde dann die Mauer bis auf 3 Lagen wieder aufgesetzt, 116 wobei die beiden Schalenteile alle 1,5 Meter durch einen Q!ierriegel stabilisiert wurden. Der Weichkern besteht aus einer unteren Lage Grobschotter, darauf je nach Mauer­ höhe Feinschotter und Mineralbeton. Freie Schlitze an der Mauer (alle 1,5 Meter) sorgen für eine Belüftung und Drainage (siehe Auf­ bauplan). Die Bepflanzung sieht eine Trennung in einen Kulturbereich und eine natürliche Umgebung, wie sie etwa in römischer Zeit vorhanden war, vor. Die Pflanzen des Kultur­ bereichs unterstützen die Darstellung des Gebäudes, indem sie z.B. durch eine niedrige Ligusterhecke rund um die äußeren Funda­ mente von jedem Standpunkt aus die Di­ mensionen des Baues verdeutlichen. Die ehemaligen Gebäudeflächen rund um den Kernbau werden als kurzer Rasen aus­ geführt, der den Eindruck von Fußboden wiedergeben soll-im Gegensatz zu einer wil­ den Sommerwiese außerhalb des Gebäudes. Lockere Buschgruppen heimischer Ge­ wächse und einige Baumarrangements gren­ zen die Anlage zum heutigen Kulturland ab und machen andererseits schon von ferne auf sie aufmerksam. Nachdem sich das Landesdenkmalamt 1987 entschlossen hat, nun doch das Bad noch einmal zu untersuchen und die anschließende Restaurierung und Konser­ vierung durch das Hochbauamt ebenfalls gesichert ist, kann sich die Gesamtanlage, gestaltet als kleiner „archäologischer Park“, zu einem sehenswerten Anziehungspunkt für die Gemeinde entwickeln, der den Namen von Niedereschach weit über die bis­ herigen Grenzen hinaustragen wird. Das „Römerbad“, ,,Römerkastell“ oder der „Römerbrunnen“ wird damit nicht nur mehr in der Kindheitserinnerung vieler älterer Mit­ bürger weiterexistieren, sondern vielen Generationen ein sichtbares Zeugnis bleiben von einem kleinen Stück Geschichte eines ehemaligen Weltreiches an dem auch Fisch­ bach teilhaben konnte. H.O.Wagner

(ieschichte, Kulturgeschichte Donaueschingen schickt sich an, zu feiern. 1989 gedenkt die Gemeinde der 1100. Wiederkehr der urkundlichen Ersterwäh­ nung ihres Ortes. Eine bunte Vielfalt prägt den Veranstaltungskalender des Jubiläums­ jahres: über Jahre hinweg sind Vorbereitun­ gen getroffen worden, haben Gemeinderat, Verwaltung und engagierte Bürger Erschei­ nungsbild und Selbstverständnis ihrer Stadt bedacht. In Angriff genommen wurden auch Projekte, die ü her die Feierlichkeiten des Jah­ res 1989 hinausweisen. Sie bemühen sich nicht nur um eine stattliche Präsentation Donaueschingens gegenüber den auswärti­ gen Besuchern, sondern nutzen zugleich die Chance des Gedenkjahres zur Standortbe­ stimmung und Selbstvergewisserung. Tra­ gendes Element sind darunter naturgemäß alle Bestrebungen, die den Blick auf die Ent­ wicklung des Bestehenden -wie auch des Untergegangenen! -lenken. Historische Anhaltspunkte sollen meh­ rere Ausstellungen bieten, die sich im einzel­ nen auf die archäologischen Spuren der frü­ hesten Einwohner begeben (anhand origina­ ler Funde des 6.-8. Jahrhunderts), die Lebensbedingungen der Ortsbewohner in der frühen Neuzeit (16.-19. Jahrhundert) untersuchen, die Stadien der baulichen Ent­ wicklung Donaueschingens aufzeigen und sich schließlich der Geschichte eines lebendi­ gen Kulturereignisses widmen, das noch heute den Namen der Stadt in die Welt hin­ austrägt: der Musiktage. Das Bild abrunden möchte ein Buch zur Orts-und Stadtge­ schichte, das nicht als Ansammlung zahlrei­ cher, untereinander beziehungsloser Detail­ untersuchungen, sondern als Uberblicksdar­ stellung verstanden sein will. Wenn hier nun eine Kurzbetrachtung zur Geschichte Donaueschingens versucht wird, Donaueschingen im Spiegel der Geschichte so nicht, um die einzelnen Entwicklungsstu­ fen des Ortes und die Schicksale seiner Bewohner nachzuzeichnen. In diesem Rah­ men erscheint es eher angemessen, einige historische Eigentümlichkeiten Donau­ eschingens zu beleuchten. 1 Donaueschingen ist über weite Strecken der Ortsgeschichte eine Landgemeinde gewesen, kann sich also nicht zur Gruppe der alten deutschen Städte zählen. Bis in unser Jahrhundert hinein bestimmten bäuerliche bzw. ackerbürgerliche Verhältnisse Leben und Arbeit der Bevölkerungsmehrheit in Stadt und Umland. Kommunale Selbstver­ waltung oder die typischen Organisations­ formen von Wirtschaft und Gesellschaft, wie sie das Städtewesen seit dem Mittelalter her­ vorbrachte, hat Donaueschingen lange Zeit entbehrt. Ansätze zur Ausbildung eines Bür­ gertums sind erst allmählich seit dem 18. Jahrhundert zu verzeichnen, seit jenem Jahr­ hundert, das sich wie kaum ein anderes in der Geschichte Donaueschingens stilbildend ausgewirkt hat. Die Donaueschinger Rückschau des Jah­ res 1989 gilt also nicht -wie dies zuletzt etwa 1988 in Düsseldorf (700-Jahr-Feier) der Fall gewesen ist -der Erinnerung an eine mittelal­ terliche Stadterhebung. In Donaueschingen nimmt man zum Anlaß, daß der dem Karo­ lingergeschlecht entstammende König Arnulf am 5. Juni 889 eine Urkunde hat aus­ stellen lassen, in der Verfügungen über die Siedlung Eschingen getroffen werden. Diese im Original erhalten gebliebene Königsur­ kunde hält die Übertragung des königlichen Besitzes in der „villa Esginga“ an das Kloster Reichenau fest und bietet zugleich den älte­ sten schriftlichen Anhalt für das Bestehen 117

··.� ‚=“ __. 1 -t (‚ -“ … � ‚“==“ � ‚-a 118 i‘ J. -L 1 f f J. i _( ,..;_,, _ 1L 3 ( r.,. “ .. � ‚.,“ J • r; � s ·1 � . j • …. – • . i. b l- ·1 �J _§ � l �)� .J..–==- ,_ ·-� I � J – .i “ . ‚-fü-‚ ? � .:� (;t 1 (l l. l ‚)l …i., 5. Juni 889: König Arnu!f schenkt dem Kloster Reichenau die königlichen Besitzungen (Donau-)Eschingen. Nach dem Original im Generallandesarchiv Karlsruhe, Urkundenselekt A 25 zn

des Ortes. Bodenfunde auf Gemarkung Donaueschingen führen freilich noch viel weiter zurück: das älteste Fundstück, das zumindest von vorübergehendem menschli­ chen Aufenthalt zeugt, sogar bis zur aus­ gehenden Jungsteinzeit (um 2000 v. Chr.). Die Ursprünge der Siedlung Eschingen (über einen Personennamen aus dem althochdeutschen Wortstamm „asc“ – ,,Esche“ ableitbar) werden wir hingegen spä­ testens für das 6. nachchristliche Jahrhundert ansetzen müssen. Gehören doch dieser Zeit schon die frühesten Bestattungen in jenen 150 Alemannengräbern des 6.-8. Jahrhun­ derts an, die 1937 und letztmals 1953/54 bei archäologischen Grabungen festgestellt wer­ den konnten. Leider sind die Spuren der älte­ sten „Eschinger“ über das 1937 bzw.1953/54 erhobene Material hinaus nicht weiter zu verfolgen. Über ihren Hinterlassenschaften im Bereich zwischen Villinger-und Aleman­ nenstraße erheben sich heute die Bauten der französischen Garnison. Geschichte er­ schließt sich hier auf seltsame Weise in einem Gebiet, das ganz sicher keine Donaueschin­ ger Fremdenverkehrsattraktion darstellt. Doch im „Tafelkreuz“, auf dem Gelände zwischen dem 1937 errichteten Offiziers­ kasino und einer französischen Schule der letzten Nachkriegszeit berühren sich unmit­ telbar Zeugnisse frühmittelalterlicher Orts­ geschichte mit unauffälligen Symbolen deutscher, ja europäischer Zeitgeschichte. Vom Zeitpunkt der königlichen Schen­ kung an gebot die Reichsabtei Reichenau über Land und Leute in Donaueschingen. Wie etwa auch im benachbarten Bräunlin­ gen unterhielt das Bodenseekloster in Donaueschingen einen Meierhof. Diesem zentralen Herrenhof, dem „Kelnhof“, flos­ sen sämtliche Abgaben von den zur reiche­ nauischen Grundherrschaft in und um Donaueschingen liegenden Gütern zu. Der Leiter dieses großen Meierhofs, der „Keller“ ( cellerarius ), führte die Lehens-und Zehntab­ gaben dann an den Grundherrn, das Kloster II Reichenau, ab. Desgleichen hielt er die rei­ chenauischen Lehensleute und Grundhol­ den in Donaueschingen zu Frondiensten an, führte aber auch einen eigenen landwirt­ schaftlichen Betrieb, zu dem ein beträchtli­ ches Gesindeaufgebot gehört haben muß. Rechnen wir die Vorratskammern hinzu, so dürfte der gesamte Kelnhofkomplex einen ansehnlichen Umfang gehabt haben. Wahr­ scheinlich ist die Kelnhofanlage im Bereich des heutigen Karlsplatzes zu suchen, der übrigens auch in der jüngeren Geschichte Donaueschingens bis heute eine markante Bedeutung hat: als Ort der F. F. Sammlun­ gen, deren Gebäude im siebten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts über den Grund­ mauern einer älteren Zehntscheuer errichtet worden ist. Aus dem Kelnhofverband erwuchs zum späten Mittelalter hin allmählich die genos­ senschaftliche Dorfgemeinde. Der Kelnhof selbst aber erlebte seit dem 14. Jahrhundert ein wechselhaftes Schicksal. Das Kloster Rei­ chenau, zunehmend unter politischen und wirtschaftlichen Druck geraten, sah sich schließlich 1371 genötigt, den Kelnhof zu verkaufen. Schon vorher mindestens einmal verpachtet, wechselte er nun häufig die Besit­ zer. Mit der Zeit muß dieses einstige herr­ schaftliche Zentrum Donaueschingens immer mehr dem Verfall ausgesetzt gewesen sein. Schon im 16. Jahrhundert ließ sich der Kelnhof angeblich nicht mehr nachweisen. Dagegen blieben die Vogtei Donau­ eschingen, die sich aus der reichenauischen Grundherrschaft entwickelt hatte, und wei­ tere Rechte am Ort vom Inselkloster lehen­ bar. Die Lehensrührigkeit dieser Rechte und Einkünfte mußten auch die Fürstenberger, seit 1488 Besitzer Donaueschingens, aner­ kennen. Noch über die Inkorporation des Klosters Reichenau in das Hochstift Kon­ stanz (1540), ja sogar noch über die Säkulari­ sierung hinaus sahen sie sich stets aufs Neue genötigt, die Reichenauer Lehen entgegen­ zunehmen. Erst 1866 gelang dem Hause Für­ stenberg gegenüber dem Großherzogtum Baden hochstift-konstanzischem (als 119

Blick auf Donaueschingen im Jahre 1847. Im Vordergrund südlich der Brigach das Feld „In Rüb­ äckem „; auf dem sich am 8. März 1848 mehrere tausend Menschen zu einer demokratischen Versamm­ lung einfanden. des Jahrhundert später, als sich mit dem Gra­ fen Heinrich (VIII.) von Fürstenberg der erste Angehörige seines Geschlechtes hier niederließ. Graf Heinrich erhob den Ort 1580 zum „Marktflecken“, was Donau­ eschingens eigentümliche, jahrhunderte­ lange Zwischenstellung zwischen Dorf und Stadt begründete. Auch sorgte Heinrich, der den ersten fürstenbergischen Schloßbau in Donaueschingen vollendete, als Erster für den inneren Ausbau des Marktfleckens und setzte auch erste deutliche Zeichen höfisch­ kulturellen Lebens am Ort. Heinrichs Gattin Amalie stiftete 1589 die St.-Gregori-Schulbruderschaft, mit der sich das älteste bekannte Donaueschinger Fest verbindet. -1989 feiert das Gregorifest also 400. Geburtstag (vgl. Beitrag von Dr. Lorenz III Rechtsnachfolger) der Eigentumserwerb an den Reichenauer Lehen in Donaueschingen! Wenngleich die Fürstenberger also nie in vollem Rechtssinne die Ortsherren Donau­ eschingens waren, so haben sie doch seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert konkurrenzlos die Geschicke des Ortes gelenkt. Ihnen ist es zu verdanken, daß Donaueschingen eine andere Entwicklung nahm als die umliegen­ den Dörfer und Landstädte der Baar. Der KaufDonaueschingens durch die gräflichen Brüder Wolfgang und Heinrich von Fürsten­ berg im Jahre 1488 ist das folgenreichste Ereignis der Donaueschinger Geschichte. Ins Blickfeld der gräflichen Herrschaft geriet Donaueschingen aber eigentlich erst ein run- 120

Honold auf Seite 215 dieser Ausgabe: „Vom Batzen zum Gregoriweck“. Das Gregorifest in Donaueschingen geht ins vierhundertste Jahr). Den Donaueschinger Jubiläumsreigen übrigens vervollständigen die Bezirksspar­ kasse und der Turnverein, die dann auf ihr 150- bzw. 125jähriges Bestehen zurück­ blicken können. IV Nach Graf Heinrichs Tod (1596) sank das Interesse der Fürstenberger an Donaueschin­ gen zunächst, da sich der Schwerpunkt der fürstenbergischen Territorien durch die Beerbung der Grafen von Werdenberg und Helfenstein weiter ins östliche/südöstliche Schwaben verschob. Nach dem Dreißigjähri­ gen Krieg nahm zwar ein Zweig der Heiligen­ berger Linie seinen Wohnsitz in Donau­ eschingen, doch dauerte dieses Intermezzo keine zwanzig Jahre. Seine kapitale Stellung unter den fürstenbergischen Gebieten errang Donaueschingen erst im frühen 18. Jahrhun­ dert, als sich Fürst Joseph Wilhelm Ernst aus der Stühlinger Linie aufDauer in den zentral gelegenen Baar-Ort begab (seit 1723), vol­ lends aber 1744, als er als nunmehr einziges Haupt der reichsfürstlichen Linie den gesam­ ten schwäbischen Hausbesitz in einer Hand vereinigte. Donaueschingen wandelte das Gesicht. Der bäuerliche Marktflecken erhielt die bauliche Ausstattung, die seinem neuen Rang als fürstliche Residenz und zentraler Verwaltungssitz entsprechen konnte. Fürst Joseph Wilhelm Ernst und seine Nachfolger errichteten Bauten, an die sich seither die Aura des „Städtchens“ knüpft: Schloß (in sei­ ner heutigen neubarocken Gestalt allerdings ein Werk des ausgehenden 19. Jahrhunderts) und Stadtkirche, F. F. Archiv und Bibliothek (bis zu deren Umzug 1861 von der Regierung bzw. der Kammerverwaltung genutzt), den sogenannten „Neubau“ (heute ein Verwal­ tungsgebäude der Fürstenberg-Brauerei), nicht zu vergessen die Anlage des seit dem letzten Viertel des 18. Jahrhunderts immer weiter ausgebauten Parks (vgl. Beitrag von Kurt Klein auf Seite 122 dieser Ausgabe: Franz Josef Salzmann. Der Barockbaumei­ ster der Fürsten zu Fürstenberg). Diese und andere Baumaßnahmen durchbrachen zum Teil die bis dahin strikte Trennung von bäuerlichem Dorf und herrschaftlichem Wohn- und Verwaltungskomplex, auch wenn die für Donaueschingen charakteri­ stische Zweipoligkeit erhalten blieb. Vor allem aber sorgte der kräftige Zuzug von fürstlichen Beamten und deren Familien für ein gewisses städtisches Element im noch stets agrarisch-kleingewerblich geprägten Donaueschingen. Im Gefolge der Strukturveränderungen blühten auch Handel und Handwerk auf; die Fürstenberg-Brauerei hatte bereits seit 1705 einen raschen Aufschwung genommen (Neubau des Brauhauses 1734-39). All dies stand im Zeichen einer beträchtlichen Bevöl­ kerungsvermehrung. Die soziale und ökonomische Entwick­ lung Donaueschingens seit dem frühen 18. Jahrhundert trug dem Ort 1810 die Stadterhe­ bung ein – übrigens kein feierliches Ereignis, sondern ein stiller, in der damaligen Öffent­ lichkeit überwiegend ignorierter Verwal­ tungsvorgang. Immerhin ein kleines Kurio­ sum: In der Residenzzeit immer „Markt­ flecken“ geblieben, wurde Donaueschingen erst zur Stadt, als es keine landesherrliche Residenz mehr war. V Am nachhaltigsten haben die Strukturver­ änderungen des 18. Jahrhunderts aber auf kulturellem Gebiet gewirkt. Großzügig unterstützt von einem kunstbeflissenen Für­ stenhaus, sorgten Hofgesellschaft und fürst­ liche Beamte für ein reges Musik- und Thea­ terleben. Donaueschingen avancierte seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert zu einem überregional bekannten Bühnenort, wurde zum Anziehungspunkt und auch zur zeit­ weiligen Wirkungsstätte bedeutender Künst­ ler und Wissenschaftler. Dank aufopferungs­ voller Bemühungen der fürstlichen Standes­ herrschaft, die den ihr entgangenen politi­ schen Spielraum zum Teil durch ein vielseiti- 121

ges Mäzenatentum zu kompensieren wußte, aber auch mit Hilfe einer selbstbewußter werdenden Bürgerschaft konnte diese Tradi­ tion bis weit ins 19. Jahrhundert hinein auf­ recht erhalten werden. Mit der Gründung der „Gesellschaft der Musikfreunde“ (1913) und den von ihr ins Leben gerufenen Musiktagen (erstmals 1921) wurde zumindest in einem Bereich nachdrücklich an diese Tradition angeknüpft. Ungebrochen ist bis auf unsere Tage die Anziehungskraft von F. F. Archiv und Biblio­ thek auf die Geisteswissenschaftler, nicht minder die der F. F. Sammlungen oder des fürstlichen Schlosses (mitsamt Donauquelle) auf Kunstliebhaber und Touristen. Das ein­ drucksvolle Ensemble dieser Kunst-und Bil­ dungseinrichtungen betont zusammen mit den alljährlich abgehaltenen Musiktagen nach wie vor Donaueschingens Anspruch auf eine kulturelle Sonderstellung nicht nur im Raum zwischen Schwarzwald und Schwä­ bischer Alb. Ungeachtet der wirtschaftlichen Entwicklung der letzten Jahrzehnte haben Im Sommer des Jahres 1748 legte der damals erst 24jährige Sohn des Meßkircher Maurermeisters Jacob Salzmann bei seinem durchlauchtesten Fürsten Joseph Wilhelm Ernst zu Fürstenberg ein Gesuch vor, in dem er um dessen Gunst warb, er möge ihn als „Bau-und Maurermeister zu Donau­ eschingen auf-und annehmen“. Um sein Können zu belegen, fügte er seinem Schrei­ ben seine Zeugnisse und dazu noch einige von ihm eigenhändig angefertigte Baurisse bei. Er versäumte auch nicht darauf hin­ zuweisen, daß er als geborener Meßkircher fürstlich fürstenbergisches Landeskind sei und er auch in der Lage sei, eine entspre­ chende Kaution zu stellen. Weiter ver­ sicherte er, ,,das Mauerhandwerk behörig erlernet und annoch drei Jahr als Gesell … 122 Franz Joseph Salzmann Der Barockbaumeister der Fürsten zu Fürstenberg sich die Gewichte nicht verschoben. Tradi­ tionell sind es eben geistig-kulturelle Fakto­ ren, denen die Stadt ihr unverwechselbares Gepräge verdankt. Daß dieser Befund keine Erfindung der Festredner ist, sondern sich seit langem immer wieder in Fantasie und Beharrungs­ vermögen der Ortsbewohner dokumentiert hat, lehrt selbst ein Blick auf den schlimm­ sten Katastrophenfall Donaueschingens in diesem Jahrhundert. Getragen von einer durch das ganze Deutsche Reich gehenden Solidaritätsaktion, nutzten die Donau­ eschinger die verheerenden Folgen des Stadt­ brandes von 1908 zu einem städtebaulichen Neuanfang. Doch ließ man sich nicht vom nackten Gedanken der Schadensregulierung oder von rein ökonomischem Kalkül leiten, sondern auch von ästhetischem Ausdrucks­ willen. Am dabei erprobten Einfallsreichtum kann sich noch heute der Besucher der Donaueschinger Innenstadt erfreuen. Volkhard Huth gearbeitet, nach der Hand aber mich in der Fremde in Reißen und Zeichnen vier Jahr lang an unterschiedlichen Orten dergestalten perfectioniert, daß ich imstande zu sein glaube, jedem Bauwerk vorstehen zu kön­ nen, wie dann dergleichen kostbaren Bau zu Rheinegg vermög anliegenden attestati und von mir eigens gefertigten Rissen unter mei­ ner Direktion aufgeführet.“ Wenn man das noch jugendliche Alter des Meßkirchers in Betracht zieht, so muß er doch selbstbewußt nach der alten Weisheit, „ wer wagt, gewinnt“, alles in eine Waagschale geworfen haben. Und siehe da -den Muti­ gen gehört die Welt! -, der bau freudige, auch staatspolitisch sehr erfolgreiche Fürst schien dem Bittsteller sehr wohl gewogen, ließ sich doch die fürstliche Kanzlei unter dem 1.

Februar 1749 wie folgt vernehmen:“‚ .. wei­ len eine Notwendigkeit, wegen der immer­ fort da und dort vorfallenden Gebäuden einen eigenen Bau- und Werkmeister zu unterhalten, so wollen wir hierzu den von Meßkirch gebürtigen Franz Joseph Salz­ mann bestellt und angenommen, „ihme auch für sein Gehalt oder Wartgeld jährlich 100 Gulden, sechs Malter Fesen, sechs Malter Mühlkorn, nebst zwölf Klafter Holz und statt der Wohnung jährlich 12 Gulden ange­ wiesen haben, mit Kondition jedoch, daß wann er Geschäften halber in eine unserer auswärtigen Herrschaften geschickt wird, ihme allein die billigmäßige Zehrung ohne Diätgeld passiert, so fern er aber in einem Hauptgebäu begriffen ist, bei welchem er die Direktion und Aufsicht führt, täglich 1 Gul­ den wie einem anderen Baumeister, jedoch ohne das sonsten gewöhnliche Fördergeld von denen Gesellen, gereicht werden solle. Weswegen ihme eine ordentliche Instruktion zu entwerfen und zuzustellen habt.“ Ihr Barockzeit – Bauzeit! Jeder große oder kleine Herrscher, ob weltlich oder dem geist­ lichen Stande angehörend, versuchte jener sinnesfreudigen, prachtentfaltenden Epoche Fürst Joseph Wilhelm von Fürstenberg stellte 1749 den jungen, tatendurstigen Meßkircher Franz Joseph Salzmann als Baumeister ein. Auf diesem sogenannten silbernen „Ausbeute­ taler“ aus dem Kinzigtal ist der ab 1762 zweite Auftraggeber Salzmanns, Fürst Joseph Wenzel von Fürstenberg, verewigt worden. Joseph Maria Benedikt, Fürst zu Fürstenberg, war der dritte Mäzen, unter dem Salzmann diente. 123

„Neuer Bau“ in Donaueschingen mit Diana-Brunnen. Dieser typische Salzmann-Bau mit dem Diana-Brunnen im Vordergrund diente lange Zeit als Wohnung/ur die fürstlichen Beamten und beher­ bergt heute die Direktion der Fürstlich Fürstenbergischen Brauerei. Auch der Bau des F. F. Archivs in der Residenz der Fürstenberger, ,,ein for diese Zeit und diesen Zweck erstaunlich fortschrittlicher Bau, ganz aus Stein und Eisen“ mit dem prunkvollen barocken Eingang, trägt die geniale Handschrift von Franz Josef Salzmann. seinen Tribut zu zahlen. So auch die Herren an der „Donauquelle“, in der fürstlichen Residenz auf der Baar. Sie wollten nicht nur Neues schaffen, um dadurch ihre Macht und ihren Reichtum zu dokumentieren, sie waren auch als Patronatsherren in ihren weitläufi­ gen Ländereien baupflichtig. Schließlich sollte das durch Gottes Gnade erworbene absolutistische Herrschertum durch großzü­ gige Kirchenbauten und -erneuerungen immer wieder aufs neue unter Beweis gestellt werden. Und wer wollte letztlich als Mäzen . in der Förderung der Kunst auf allen Gebie­ ten gegenüber seinem Nachbarn zurückste­ hen? Eine solche Zeit gab ehrgeizigen, ein­ fallsreichen und umsichtigen Baumeistern 124

fangreiche Hinterlassenschaft wieder einen tüchtigen Wirt ehelichen. Als Heiratsgut erhielt die junge Frau zunächst 300 Gulden. Im Falle des Ablebens der Mutter wurde ihr die „Vorteilsgerechtigkeit“ für die Wirt­ schaft, drei Jauchert Öhmdwiesen und noch­ mals 100 Gulden zugesprochen. Das sonstige Vermögen sollte zu gleichen Teilen mit dem Stiefvater und der Stieftochter geteilt wer­ den, eine Vorgabe, die die verwandtschaftli­ chen Bande nicht gerade enger knüpfen soll­ ten. Der Ehe entsprossen vier Kinder, der Franz Joseph, die Maria Franziska, die Maria Anna und zuletzt der Franz Xaver. Weitere Marksteine seiner anerkannten Tätigkeit als fürstlicher Baumeister setzte er sich mit der Errichtung der Papiermühle in Löffingen (1752), den Arbeiten an der Ober­ wolfacher Kirche und dann ganz besonders mit der Erstellung des Zucht-und Arbeits­ hauses in Hüfingen (1756) und gleichzeitig mit dem Bau des F.F. Archivs in Donau­ eschingen, „ein für diese Zeit und diesen Zweck erstaunlich fortschrittlicher Bau, ganz aus Stein und Eisen.“ Über seine Einkünfte erfahren wir, daß bis zu den 1756 gewährten „100 Gulden an Geld, sechs Malter Fesen (Dinkel), sechs Malter Mühlkorn, zwölfK.laf­ ter weichem Holz und 12 Gulden Hauszins“, jetzt noch zusätzlich angewiesen werden: „nämlich an Geld 175 Gulden, an Früchten als an Fesen zwei Malter, Roggen zwei Mal­ ter, Gersten ein Malter, Erbsen zwei Viertel, Haber acht Viertel, weiches Holz drei Klafter, Hauszins 8 Gulden.“ In dieser Anhebung sei­ nes Gehaltes dürfen wir eine Wertschätzung seiner Tätigkeit erkennen. Im Gegensatz zu seinen beruflichen Erfol­ gen mußte Salzmann einen bitteren Schick­ salsschlag hinnehmen: Der Tod riß erbar­ mungslos seine noch junge Frau aus dem Kreis der Familie. Deshalb hielt er um die Hand der Tochter des Rates und Obervogtes der Herrschaft Kunzenberg zu Wurmlingen an und heiratete im Winter 1760 daselbst die Maria Theresia Karolina Riedinger, die ihm dann nachfolgend genannte Kinder in die Wiege legte: Maria Wallburga Kreszentia, 125 Die Steinacher lfarrkirche wird als das reifste barocke Bauwerk des fürstenbergischen Baumei­ sters anerkannt. Arbeit in Hülle und Fülle, ihrem Genius ein weites Feld zur Entfaltung. Voll Tatendrang übernahm Salzmann sei­ nen ersten fürstlichen Auftrag, die Leitung der Arbeiten am sogenannten „Neubau“ in der Donaueschinger Residenz. Nach einem kurzen Studienaufenthalt in Italien reiste der junge Baumeister im Frühjahr 1750 ins für­ stenbergische Kinzigtal, um den Kirchen­ neubau in Steinach maßgeblich zu befruch­ ten und zu leiten. Dieses Gotteshaus wurde nicht nur die schönste Barockkirche des Kinzigtales, sondern auch das gelungenste Werk auf dem kirchenbaulichen Sektor des Meisters. Im gleichen Jahr heiratete er die reichbe­ güterte, einzige Tochter des Rottweiler Wir­ tes „Zum weißen Rößle“, Maria Anna Wolf. Allerdings hatte der leibliche Vater der Braut bereits 1736 das Zeitliche gesegnet, und die Mutter mußte wohl oder übel für die um-

Joseph Anton, Johann Nepomuk, Fidel, Caroline und Jakob Christoph. Als Heirats­ gut brachte die „Jungfrau Braut“ ein Ver­ mögen in bar an 500 Gulden mit und eine Aussteuer, die mit 800 Gulden taxiert wurde. Sollte der Hochzeiter vor seiner Frau sterben, bleibt der „Jungfrau Braut, um die etwa als­ dann vorhandenen noch unenogenen Kinder desto besser aufeniehen und fortbringen zu können, die Wirtschaft ,zum weißen Rößle‘ in Rottweil samt weiters daran sich befinden­ den und dem Herrn Hochzeiter ebenfalls zugehörenden Haus, solang dieselbe im Leben, zu ihrer und der Ihrigen Wohnung samt allen Gütern vorbehalten und überlas­ sen.“ Diese Abmachung dürfte bei der Rott­ weiler Verwandtschaft nicht eitel Freude her­ vorgerufen haben … Im Jahr 1763 beauftragte Fürst Joseph Wenzel seinen begabten Baumeister mit der Instandsetzung der Hausacher Pfarrkirche (Dorfkirche), für die er als Patronatsherr ebenfalls baupflichtig war. Wie sehr Salzmann in der Gunst seines fürstlichen Auftraggebers gestanden haben mag, kann aus der Tatsache abgelesen wer­ den, daß er 1765 zum fürstenbergischen Rat und Baudirektor ernannt wurde, der dann im Jahr darauf in Donaueschingen das Fasanen­ haus erstellte. Im gleichen Jahr (1766) zog der Baudirektor – wohl wegen seiner immer grö­ ßer werdenden Familie – mit Genehmigung seines Fürsten in das eigene Haus nach Rott­ weil um. Allerdings erwartete man in Donaueschingen, daß der Baudirektor nach wie vor seine ganze Arbeitskraft dem fürstli­ chen Hause zur Verfügung stelle und „alle Monate hier einmal sich einzufinden, ja wo es erforderlich zu allen ‚.Zeiten erscheinen, somithin alles das, was in Bausachen immer vorkommen mag, unter getreuen und pflichtgemäßigem Rat nicht nur mitbesor­ gen zu helfen, sondern auch in Hauptge­ bauen neben architekturmäßig wohlausgear­ beiteten Baurissen jedesmal ohnabsichtliche und gewissenhafte Bauüberschläge vorzule­ gen“ habe. So ganz wohl muß sich aber der Architekt 126 in der alten Freien Reichsstadt am oberen Neckar nicht gefühlt haben, entnehmen wir doch einem Rottweiler Ratsprotokoll vom 5. Män 1768 nachstehenden Eintrag: ,,Der für­ stenbergische Rat und Baudirektor Salz­ mann hat dato ein bishero gehabtes domici­ lium nachher Hüfingen transferiert mit der Bitte, daß man von Magistratswegen ihme und den Seinigen das an sich erkaufte Bür­ gerrecht vorbehalten möchte. Magistratus hat zugestimmt, jedoch mit dem annexo, daß H. Salzmann sowohl die erstere als letz­ tere Ehepakte binnen acht Tagen magistratui ad inspiciendum einschicken sollte, damit magistratus denen von ersterer Ehe erzeug­ ten Kindern ratione des dahierstehenden mütterlichen Vermögens die erforderliche Vorsorg anfügen könne.“ Was mag nun Salzmann schon nach zwei Jahren wieder in die Nähe der fürstlichen Residenz gezogen haben? Kam er seinen Ver­ pflichtungen wegen der zu langen Anfahrts­ wege in die fürstenbergischen Lande nur schwerlich nach? Vielleicht könnte uns die Mitteilung des Rottweiler Stadtarchivars Dr. Hecht der wahren Ursache näher bringen, die er mir übergab, als ich auch im dortigen Archiv vergeblich nach einem Bild des genia­ len fürstlich fürstenbergischen Baumeisters suchte: ,,Leider müssen wir Ihnen mitteilen, daß wir mit Sicherheit kein Bild des Baumei­ sters Franz Joseph Salzmann besitzen. Dies ist nicht ganz überraschend, nachdem sein Aufenthalt in Rottweil und die Beziehungen zur Verwandtschaft seiner Frau nicht gerade ständig von Harmonie geprägt waren.“ . .. Wie fragte doch einmal ein Besucher sei­ nen Gastgeber, als dieser vom herzlichen Einvernehmen innerhalb der Familie und der Verwandtschaft prahlte: ,,Hond ihr au scho toalt .. . ?“ In den folgenden Jahren betätigte sich Salzmann bei den Kirchenbauten in Wel­ schensteinach, Schenkenzell, Ehingen bei Engen, Tannheim, Haslach, Stühlingen und Immendingen. Doch er wurde auch über die Landesgrenzen hinaus eingesetzt, so bei der Wallfahrtskirche des Klosters Ettenheim-

„In Rücksicht der uns und unserem Haus durch viele Jahre bei der Erbauung verschie­ dener herrschaftlichen Gebäuen geleisteten guten Dienste, zu Bezeugung unseres Wohl­ wollens und besonderer Zufriedenheit“, ernannte Fürst Joseph Wenzel seinen bishe­ rigen arbeitsfreudigen Baudirektor zum F.F. Hofkammerrat (1780). Noch mehr, 1782, wurde angeordnet, daß fürderhin sämtliche fürstliche Bauvorhaben unter der zentralen Leitung Salzmanns ausgeführt werden, eine Würde, die bisher noch keinem fürsten bergi­ schen Baumeister zuteil wurde. Doch welche Bürde mag dahinter auch verborgen gewesen sein! Inzwischen häuften sich die Lebensjahre auf dem Rücken Salzmanns. Freudig diente er auch seinem dritten Herrn, Fürst Joseph Maria Benedikt, baute sich sogar ein eigenes Haus in Donaueschingen. Er dachte aber auch über seine Nachfolge nach, die sich aber verhältnismäßig leicht lösen ließ: Seit Jahren hatte er seinen Schwiegersohn Valentin Leh­ mann in weiser Voraussicht auf seinem viel­ fältigen Arbeitsfeld tätig werden lassen. Des­ halb setzte Salzmann in seinem Testament seine Tochter Maria Wallburga Kreszentia aus zweiter Ehe und deren Mann an die erste Stelle, ohne seine eigene Frau und die noch lebenden Kinder leer ausgehen zu lassen, wenn er da verfügte: „Erstens will der Herr Hofkammerrat auf allen Fall seines und seiner Frau zeitliches Ableben unwiderruflich geordnet und pünktlich beobachtet wissen, daß seiner geliebten Tochter Wallburga und ihrem Ehe­ herrn und derselben Kindern von dem neuerbauten Haus samt dem beiliegenden Garten in Rücksicht und besonderer Erwä­ gung, daß sein Herr Tochtermann Rat und Baudirektor Lehmann zu Herstellung mit seinem gesamten Fleiß, Mühe und Arbeit vieles beigetragen, die Hälfte also zwar um 1500 Gulden überlassen sein solle, daß ihnen der vordere, gegen Pfohren gelegene Teil oder der hintere gegen der Zehntscheuer um den ausgesetzten Preis ohne Versteigerung zugehören solle.“ Die zweite Hälfte des Hau- 127 Neben dem berühmten Vorarlberger Barockbau­ meister Peter Thumb hat auch Salzmann beim Bau der prächtigen Wallfahrtskirche St. Land>­ lin in Ettenheimmünster mitgewirkt. münster, als Bauleiter bei den Bauvorhaben des Klosters St. Blasien und selbst beim Kirchenbau in Wurmlingen. Doch auch weltliche Bauten wurden durch die Baufreu­ digkeit seines fürstlichen Auftraggebers unter seiner zielstrebigen, gediegenen, in den Grenzen der finanziellen Möglichkeiten doch stets auf Qualität achtenden Führung nach und nach erstellt oder umgebaut: das Jagdhaus auf der „Länge“ bei Gutmadingen, das sogenannte „Längeschloß“, das fürstliche Arsenal in Donaueschingen, daselbst der Umbau der Winterreitschule zum Hofthea­ ter sowie die Erweiterung der F.F. Brauereian­ lage und der Bau des Jagdschlößchens und heutigen Forsthauses Unterhölzer am Fuße des Wartenberges. Selbst im weit entfernten Breisach wurde seine Baukunst gerne in Anspruch genommen. Kleinere Bauaufträge an verschiedenen Pfarrhöfen, die Errichtung des „Sauerbrun­ nens“ und „Badhauses“ in Bad Rippoldsau oder die wehrkirchartige Ummauerung des Uracher Friedhofes sind auf seinem umfang­ reichen Konto vermerkt.

ses solle der Gerechtigkeit halber um 2000 Gulden den anderen Kindern zustehen. Als der wohl bedeutendste fürstlich für­ stenbergische Baumeister Franz Joseph Salz­ mann am 2. Mai 1786 aus seinem irdischen Dasein abberufen wurde, hinterließ er nicht nur ein Gesamtvermögen von umgerechnet annähernd 30.000 Gulden für seine Witwe und die noch acht lebenden Kinder aus bei­ den Ehen, vielmehr künden noch bis zum heutigen Tage zahlreiche Kirchen, Klöster, Schlösser, Pfarrhöfe, Fabrikanlagen, Dienst­ gebäude und -wohnungen von der kunstvol­ len, einfühlsamen architektonischen Mei­ sterschaft ihres Erbauers. Kurt Klein Grundzüge einer Verwaltungsstruktur auf der Baar im Zeitalter der Karolinger (8. und 9.Jahrhundert n. Chr.) Vor nunmehr zwanzig Jahren entbrannte eine teilweise heftige Diskussion darüber, wie man den Bürger am wirksamsten am politischen Leben teilhaben lassen und wie man ihn am ehesten in einen gut und organi­ satorisch einwandfrei funktionierenden Ver­ waltungsmechanismus einbinden könnte, damit er eine „bürgemahe“ und effektiv arbeitende Staatsgewalt stets hilfreich zu seinen Diensten habe. Man versuchte, durch Verwaltungs- und Kreisreform ein Jahr­ hundertwerk zu schaffen, welches den Anforderungen einer hochdifferenzierten und hochtechnisierten Welt gerecht werden könne. Man ließ sich dabei von dem Gedan­ ken einer höheren „Lebensqualität“ leiten. Eine tiefgreifende Veränderung hatte sich vollzogen, und das Ergebnis sehen wir heute unter anderem in der bereits geschichtlich gewordenen Tatsache, daß die ehemals eigen­ ständigen Landkreise Villingen und Donau­ eschingen durch die Kreisreform zum „Schwarzwald-Baar-Kreis“ zusammengelegt worden sind. Angesichts dieser fundamentalen Ereig­ nisse in unserer unmittelbarsten Gegenwart kann es auch einmal reizvoll sein, unseren Blick auf Vorgänge und Entwicklungen in unserer engsten Heimat zu werfen, die ein gutes Jahrtausend schon hinter uns liegen. Im folgenden soll versucht werden, eine Grobskizze davon zu zeichnen, wie staat­ liche Verwaltung und staatliche Herrschaft 128 im Bereich der Baar in einer Zeit ausgesehen haben mögen, die geprägt war von Verände­ rungen und Entwicklungen größten Aus­ maßes, Entwicklungen, welche mit Begriffen wie „Entstehung der Nationalstaaten Frank­ reich und Deutschland“· umschrieben wer­ den können. In dieser Zeit fundamentaler geschichtli­ cher und politischer Veränderungen sind auch die „kleinen Ordnungen des Lebens“ nicht unberührt geblieben. In unserer enge­ ren Heimat haben sich damals ebenfalls Machtkonstellationen ergeben, die denen unserer Tage in nichts nachstehen. Aufgrund von aussagekräftigem schriftli­ chem Q!iellenmaterial und aufgrund der Ermittlung von Besitzungen des Adels ebenso wie durch die Auswertung der früh­ mittelalterlichen Kirchenorganisation und durch die Auswertung von archäologischem Material lassen sich recht ausführliche Struk­ turen erkennen. Geographisch läßt sich der Bereich in etwa durch die heutigen Orte Villingen-Schwen­ ningen -Tuningen -lppingen -Kirchen – Hondingen – Ewattingen – Löffingen – Tannheim eingrenzen. Innerhalb dieses Bereiches können von den zirka sechzig heute noch vorhandenen Siedlungen (Dörfer -Städte -Stadtteile) ungefähr dreißig ausgeschieden werden, weil sie für eine entsprechende Auswertung nicht in Frage kommen, da ihre Ersterwähnung

1 , 1 b I , I i I � I • 1 t/ i I rturnlt,im • 1 1 1 ‚, I I I r‘,’/t,T1g,n äad·Dürrh1im _o e Tuning“1 e Kudurlto/cn _ eJpp,“n9″“ • Mundellingen Kaiserurkunden genannt ist. • = Orte deren Königsgut in Königs- bzw. 0 = Orte mit sonstigen sicheren Hinweisen • = Königsgut mit Martins-, Peter und Pauls oder Michaelspatrozinium, aber ebenfalls in Königsurkunden genannt. auf Königsgut. Die Baar im 8. und 9. Jahrhundert, Verwaltungsstruktur Zeichenerklärung: – = Alemannische Reihengräber aus O dem 6. und 7.jh. n. Chr. = Die Centenenbezirkt = Grenze der A dalhards- oder Bertoldsbaar. 129

nicht innerhalb des Beobachtungzeitraums liegt. Dies bedeutet konkret, daß von den 34 schon im 8. und 9. Jahrhundert genannten Dörfern mit Sicherheit gesagt werden kann, daß sie schon zur Zeit der Landnahme durch den Stamm der Alemannen bestanden haben; die meisten von ihnen tragen -ingen-Namen und weisen damit eindeutig in das 5., 6. und 7. Jahrhundert zurück. Hinzu kommt, daß in vielen Fällen aleman­ nische Gräber aus dem 5. und 6. Jahrhundert gefunden werden konnten. Von den 34 erwähnten Siedlungen hatten im fraglichen Zeitraum 22 eine teils herausra­ gende Bedeutung insofern, als man sie in besonderer Weise mit dem fränkischen König in Verbindung bringen kann. Die als „Königsgut“ zu bezeichnenden Objekte lassen sich als direkt nachweisbare königliche Güter (Hofgüter) oder als irgend einem besonderen königlichen Vertrauten zugehö­ rendes, vom König zur Sicherung seiner Exi­ stenz zur Verfügung gestelltes Wirtschafts­ gut ausmachen. Als unmittelbarer Vertrauter des Königs zur Durchsetzung und Erhaltung der fränkischen Herrschaft über Deutsch­ land war er staatspolitischer Überwacher des Volkes und seiner Einrichtungen; so wurde er an den strategisch entscheidenden Punk­ ten eingesetzt und erfüllte so zum Beispiel als Graf die ihm vom König übertragenen Auf­ gaben. Die Macht dieser Grafen stützte sich dabei auf das ihnen zugewiesene Königs­ gut. Freilich ist der fränkische Graf kein Ver­ waltungsbeamter im heutigen Sinne, etwa vergleichbar einem Landrat; er war der Vor­ steher eines ihm vom König zugeteilten Bezirkes. Ein solcher „Bezirk“ ist aber wieder­ um kein „Schwarzwald-Baar-Kreis“ moder­ ner Prägung mit fest gezogenen Grenzen, sondern ein nur im allgemeinen bestimmba­ res Gebiet, das durch verstreut auftretendes ,,Könisgut“ irgendwie festlegbar war. Neben diesen „gräflichen“ Vertrauten des Königs war es eine weitere Gruppe einfluß­ reicher Leute, Cent e n a r e genannt, welche in einem Sonderbezirk innerhalb der Graf- 130 schaft besondere Aufgaben der fränkisch­ karolingischen Zentralgewalt wahrzuneh­ men hatten. In unserem Bereich sind es drei solcher Sonderbezirke, die von der For­ schung auch direkt als „Centenen“ bezeichnet werden. Diese Centenen sind innerhalb der Grafschaft rein militärische Verwaltungsbezirke. Aus der Lage dieser Sonderbezirke kann man deren primär stra­ tegisch-militärischen Charakter erkennen. Meist wurden sie nämlich entlang wichtiger Durchgangsstraßen angelegt. Für unseren Bereich sind es die Centenen Brigachtal (Klengen), Löffingen und Aitrachtal. Außer ihrer militärischen Rolle fallen der Centene aber auch besondere Aufgaben bei der wirtschaftlichen Erschließung unterwor­ fener Landschaften zu. Der Centenar war neben oder zum Teil auch mit dem Grafen der Richter in dem von ihm zu verwaltenden Bezirk. Er war also königlicher Beamter ebenso wie der Graf, und seine reale Macht beruhte -wie die der Grafen -auf dem ihm vom König überlassenen Gut. Rückschlie­ ßend läßt sich also feststellen, daß das Gebiet, das ihm unterstand, in besonderer Weise mit dem König verbunden sein mußte. Das unter den oben erwähnten allgemei­ nen Aspekten erzielte Ergebnis läßt sich also für die Verwaltungsstruktur auf der Baar im Zeitalter der fränkisch-karolingischen Herr­ scher wie folgt zusammenfassen: Innerhalb der drei genannten Centenebe­ zirke war königliche Macht in besonderem Maße vorhanden, weil es Gebiete waren, welche unmittelbar als königliches Gut einem königlichen Beamten zur Verfügung standen, um diese Macht auch nach außen hin zu dokumentieren. Es waren also Schwerpunkte karolingischer Herrschaft. – In Löffingen überträgt Ruadger im Jahre 819 seinen Besitz zu Rötenbach an die Kirche des hl. Martin zu Löffingen. In der Signum-Zeile der Urkunde ist der Cente­ nar Beringer als königlicher Unterbeamter dieses Sonderbezirks erwähnt. Außerdem schenkt Karl III. (der „Dicke“)

886 „quasdam res proprietatis nostrae … “ (aus unserem Besitz) dem Kloster St. Gal­ len. Löffingen ist also der Sitz des Centenars, und im Jahre 886 ist königlicher Besitz direkt nachzuweisen. – In Klengen finden wir im Jahre 817 Gra­ fengut urkundlich belegt: Ludwig der Fromme überträgt die bisher dem Grafen zukommenden Einkünfte von 47 Man­ sen an das Kloster St. Gallen. Unter diesen Mansen befindet sich auch diejenige des Puabo zu Klengen. Im Jahre 881 übergibt Karl III. dem Pres­ byter Ruodbert die Kirche zu Klengen auf Lebzeit mit der Bestimmung, daß sie nach dessen Tod wieder an das Krongut heim­ falle. In der erwähnten Urkunde wird wie­ der von „proprietas nostre“ gesprochen. Nach dem Tod Karls III. (im Jahre 888) wird dem Presbyter Rudbert von Arnolf­ dem Nachfolger Karl III. – der 881 übertra­ gene Besitz bestätigt. Auffallend ist im Falle Klengen wie auch bei Löffingen, daß die in Frage kom­ mende Kirche eine dem HI. Martin geweihte ist. Die Forschung hat zwischen­ zeitlich zweifelsfrei nachweisen können, daß es sich bei Kirchen mit Martinspatro­ zinium um frühmittelalterliche Hundert­ schafts- oder Königsdomänenkirchen handelt; jedenfalls ist sicher, daß die Ver­ ehrung des HI. Martin in fränkisch-karo­ lingischer Zeit eine ganz besondere Be­ deutung hatte. – Im Bereich der Centene Aitrachtal – dem Umfang nach der größte der drei Cente­ nenbezirke – liegen die Orte Hondingen, Kirchen, Geisingen und Neidingen (heute: Neudingen). In der bereits genannten Urkunde des Jah­ res 817 überträgt Ludwig der Deutsche die Einkünfte aus gräflichem Gut an das Kloster St. Gallen, und außerdem ist in einem Ablaßbrief aus dem Jahre 1353 der HI. Martin als Kirchenpntron von H o n ­ dingen genannt. Es ist also mit Sicherheit anzunehmen, daß man es _ebenfalls mit ergaben einer alten, in die fränkische Zeit zurück­ reichenden Königskirche zu tun hat. Außerdem stilgeschichtliche Untersuchungen für Teile des heute noch vorhandenen Kirchengebäudes eindeu­ tige Hinweise auf karolingische Elemente. Es dürfte sich also wohl um eine könig­ liche Eigenkirche auf königlichem Boden handeln. Interessant ist in diesem Zusam­ menhang die Tatsache, daß Hondingen lange Zeit Mutterpfarrei für Fürstenberg, Neidingen und Blumberg war. – In Aulfingen wird 770 gräflicher Besitz an das Kloster St. Gallen vergabt. – In Kirchen wird 764 eine Urkunde in Anwesenheit des dortigen „tribunus“ Alb­ vinus über Besitzvergaben in Geisingen ausgefertigt. Es kann angenommen wer­ den, daß der genannte „tribunus“ der Cen­ tenar, also der Vorsteher der gesamten Centene Aitrachtal war. – Nach Geisingen kam im Jahre 829 der Abgesandte des Grafen Roachar zur Abwicklung eines Rechtsgeschäfts „in publico placito“. Nur königlicher Boden scheint für die Abwicklung dieses Rechts­ geschäftes würdig genug gewesen zu sein. Der Centenenbezirk Aitrachtal konnte sich indes nie in vollem Umfang entfalten, da sich der Königshof Neidingen mehr und mehr in den Vordergrund schob. Der Centenenbezirk verlor allmählich an Bedeutung, und der Schwerpunkt der Macht verschob sich vom Aitrachtal an die Donau nach Neidingen. Einfluß und Bedeutung von Neidingen wuchsen so sehr, daß es stark genug wurde, einem ganzen Grafschaftsbezirk seinen Namen zu geben. Neidingen – ein karolingisch-fränkisches Oberzentrum? Im Jahre 870 wurde in Neidingen eine Urkunde ausgestellt, in welcher Erfger eine Hufe in Weigheim von Abt Grimald von St. Gallen gegen seinen Besitz in der Mark Tu­ oingen zugeschrieben wurde. Das Rechts­ geschäft wurde vollzogen in „Nidinga publice“. 131

Im Jahre 881 wird eine Urkunde Kaiser Karl III. in Pavia über die Übertragung der Kirche zu Klengen an den Prespyter Ruod­ bert (siehe oben) ausgestellt. Klengen liegt laut Urkunde „in comitatu Ni d in ga in pago Bertholdespara“. Bezüglich der Entwicklung Neidingens lassen sich daraus wohl folgende Beobach­ tungen machen: Etwa in den Jahren 870 bis 880 ist Neidingen mehr und mehr zu politi­ scher Bedeutung gelangt und hat in den Jah­ ren bis zum Tode Karl III. 888 eine überört­ liche (oder um im Fachjargon der modernen Verwaltungsreformer zu sprechen), ,,ober­ zentrale“ Funktionen gehabt. Als Kaiser Karl III. „imperio iam privatus (der Herrschaft beraubt) … in Villa Alaman­ niae Nidinga infinnatus … idus Januarii vita mortali decessit“ (aus dem Leben geschieden) … ist Neidingen also auf jeden Fall das gewesen, was man als Königshof zu bezeichnen hat. Wie unschwer zu erkennen ist, sind Königsgüter und Königshöfe in den oben beschriebenen Fällen im 8. und 9. Jahrhun­ dert Orte von besonderem politischem und verwaltungsrechtlichem Gewicht. Ober-und Mittelzentren würden wir sie heute nennen, und Orte mit regionaler und überörtlicher Bedeutung heute, waren in karolingischer Zeit eben nur zweit- oder gar drittklassig. Für Villingen, Schwenningen, Donau­ eschingen, Bad Dürrheim sind ebenfalls königliche Eigengüter nachweisbar. Bei genauem Qiellenstudium finden wir überall klare Hinweise auf Königsgut; sei es, daß der König Teile seiner Güter verschenkt oder mit anderen tauscht, oder sei es – wie im Falle Bad Dürrheims -, daß ein „placitum“ statt­ findet. Die erste schriftliche Erwähnung Donaueschingens im Jahre 889 ist ebenfalls deutlicher Hinweis auf königliches Gut: König Arnulf schenkt dem Kloster Reichen­ au Güter in Donaueschingen (quasdam res iuris nostri in pago pertholtespara sitas in Esginga). Im Jahre 856 steht eine königliche „curtis“ in Pfohren neben der Kirche, und im Jahre 132 857 bestätigt König Ludwig der Deutsche einen Gütertausch in Heidenhofen zwischen seiner Tochter Irmengard, Äbtissin des Klosters Buchau und dem Abt Folkwin von Reichenau. Der König führt den Tausch aus mit Güter aus seinem Besitz („ex proprietate nostra“). 895 schenkt König Arnulf auf Fürsprache seines getreuen Bischofs Wiching seinem Kanzler Ernst Teile seines Eigentums in Sunthausen. Im Jahre 880 schenkt Karl III. seinem Kapellan Ruodbert in Ippingen 3 Hausen aus königlichem Besitz. Für T unin­ gen weist eine Urkunde aus dem Jahre 817 auf königliche Besitzungen; Sumpfohren, Behla, Hausen vor Wald, Ewattingen, Tann­ heim und Mundelfingen sind laut Qiellen­ lage ebenfalls in den Kreis der Königs­ beziehungsweise Grafengüter einzureihen. Nach diesem Überblick über die einzel­ nen Königsgüter und Königshöfe in der Baar gelangen wir zu dem Ergebnis, daß von den heutigen Baardörfern – moderne Regional­ planer nennen sie „Siedlungen im ländlichen Raum“ – etwa ein Drittel bereits im 8. und 9. Jahrhundert königliche Höfe, also Stütz­ punkte der fränkischen Herrschaft und mit Sicherheit auch Zentren der karolingischen Reichsorganisation waren. Manfred Glunk * Herbstbeginn Die Tanzeinlagen der Schmetterlinge sind vom Programm gestrichen – Flugakrobatik von Mauerseglern ins nächste Jahr verlegt – korallenrote Ebereschenbeeren kündigen eine neue Vorstellung an, mit melodischem Ruf lädt der Dompfaff ein zur Premiere: Sinfonie von Farben und Reife, Herbheit und Trauer – Herbst … Christiana Steger

1100 Jahre Behla Ein Baardorf feiert Geburtstag Im Sommer 1989 wird man in Behla, seit 1972 einem Teilort Hüfingens, der llOOjähri­ gen Wiederkehr der erstmaligen urkundli­ chen Erwähnung des Ortes gedenken. Sicherlich bestanden schon zu Zeiten der Römer auf dem heutigen Gebiet des Dorfes entlang der Durchgangsstraße zwischen Bodensee/Schaffhausen und der Garnison Arae Flaviae, dem heutigen Rottweil, Einzel­ gehöfte und Poststationen für Pferdewechsel und Übernachtung. Eine am Ort selbst beste­ hende größere Ansiedlung ist jedoch nicht nachzuweisen, zumal nur bescheidene Funde von Tonscherben und einer Münze aus der Zeit des Claudius (41 – 54 n. Chr.) vorliegen. Andererseits weist das in Hüfingen zur Sicherung der Handels- und Heerstraße angelegte Kastell mit dem benachbarten Römerbad auf die strategische Bedeutung der gesamten Umgebung hin. In alemannischer Zeit muß die Gegend ebenfalls ein Zentrum politischer Macht gewesen sein, was durch den Fund einer um 600 auf der Hüfinger Gierhalde errichteten Grabstätte eines überörtlich bedeutenden Alemannenfürsten belegt wird. Die Nähe der karolingischen Kaiserpfalz zu Neudingen gar läßt den Raum um Behla in spätfränkischer Zeit zu einem Ort von reichsgeschichtlicher Bedeutung und Dra­ matik werden: Denn hier endete – möglicherweise gewaltsam -das Leben des zuvor von seinem Neffen Arnulf entmachteten Kaisers Karls III („Karls des Dicken“) im Jahre 888. Noch heute sind diese Geschehnisse so tief im Volksglauben verwurzelt, daß der Geist des unglücklichen Kaisers „Karl der Dicke“, der im Sumpf erstickte als „der Schnaufer“ umgehen soll. Und gerade mit diesem geheimnisvollen Tod ist die Ersterwähnung Behlas eng verbunden: Im Stiftsarchiv des Klosters St. Gallen fin­ det sich die folgende Urkunde, deren Über- setzung hier wiedergegeben werden soll. Die Reproduktion der Urkunde (siehe Abbil­ dung) zeigt die Erwähnung des Namens Behla als Pelaha (2. Zeile rechts außen) – in Verbindung mit dem Namen der Nachbar­ gemeinde Husun (Hausen vor Wald-3. Zeile links außen): ,,Im Namen der heiligen und unteilbaren Dreiei­ nigkeit Arnu!f, König von Gottes Gnaden: Es soll die Gesamtheit aller treuen Christen eifah­ ren, daß wir aufgrund der Fürsprache unseres treuen Gefolgsmannes /ring und unseres Bedien­ steten Erich einem gewissen treuen Anhänger von uns namens Egino in den drei Gauen Bertholds­ baar, Alpgau und Breisgau in fünf Orten, die Vaganesheim, Behla, Hausen vor Wald, Ewat­ tingen und Feldberg heißen,fünfzehn Hufen mit 5 Familien durch ewiges Recht zu Eigentum über­ tragen mit Hofplätzen und Gebäuden, Pachtgü­ tern, Feldern, Ackern, Wiesen, Weiden, Wäl­ dern, Wassern und Wasserläufen, Mühlen, Fischplätzen, Wegen und unbegehbares Land, hinausgehendem zurückkommendem (Pacht)-Gut, sei es ausdrücklich gefordert oder nichtgefordert, bebaut oder unbebaut, mit Fahrnis und unbeweglichem Gut, sowie mit allem, was sich von Rechts und Gesetzes wegen auf diese Hufen erstreckt. Und wir bestimmen auf Grund unserer Befehlsgewalt, daß die vorliegende Wei­ sung aufgeschrieben werde und aufs ernstlichste angeordnet sei, daß der vorgenannte Egino von allen diesen Gütern die Macht hat, sie zu behal­ ten, herzugeben, zu verkaufen, zu tauschen oder ohne jede Einschränkung zu tuen, was er will. Und damit dieser unser Beschluß stärkere Gel­ tung habe und durch künftige Zeiten von unseren Getreuen eher geglaubt werde und gewissenhafter befolgt werde, bekräftigen wir ihn mit unserem Handzeichen und beglaubigen wir ihn mit unse­ rem Siegelring. und Das Zeichen Arnu!fs, des unbesiegten Königs. Ich Aspertus, der Kanzler, habe dies in Stell­ vertretung des Erzkap/ans Deotmar zur Kenntnis genommen und aufgezeichnet. 133

Gütern nach Belieben zu verfahren, eine Freiheit, die dem mittelalterlichen Lehnsbe­ griff eigentlich widerspricht und eher der modernen Auffassung des unumschränkten Eigentums ähnelt. Ludwig Vogel * Gegeben am 4. Tag vor den Iden des Januar des gottesfürchtigen Königs Arnu{f. Geschehen zu Regensburg, dem in Gottes Namen gesegnet (gedeihenden) Gemeinwesen. Amen“ (13.) im Jahre der Fleischwerdung des Herrn 889, im dritten Jahr der Regierungszeit Offenbar handelt es sich bei allen erwähn­ ten Orten um Königsgüter, die nach dem Tode Kaiser Karls III an dessen Nachfolger König Arnulf von Kärnten fielen und im fol­ genden Jahr an Egino weitergegeben wurden. Dieser Lehnsmann erhält die Güter erstmals -von einer Bestätigung einer früheren Beleh­ nung ist nicht die Rede -was auch durch die Einschaltung der beiden Fürsprecher !ring und Eric unterstrichen wird. Bemerkenswert ist schließlich die unein­ geschränkte Freiheit des Bedachten, mit den 134

Das Haus des Heiligen Johannes in Schwenningen Über das „Haus des Heiligen Johannes in Schwenningen“ haben die Johanniter erst­ mals in die Baar Einzug gehalten. Zwei bis in die Neuzeit bestehende, bedeutende Kom­ menden, nämlich die von Rottweil und Vil­ lingen, stehen mit der Schwenninger Grün­ dung in unmittelbarem Zusammenhang. Sehr früh schon ist das Schwenninger Haus in der Villinger Kommende aufgegangen, die Gründerzeit ist kaum noch in Erinnerung. Deshalb soll versucht werden, diese Epoche in den folgenden Zeilen etwas aufzuhellen. Im Jahre 1099 von einem Gerhard aus der Provence in Jerusalem gegründet, war der Johanniterorden, der sich den Dienst am Nächsten zur Aufgabe gemacht hatte, im deutschsprachigen Raum nach dem 2. Kreuzzug (1147-1149) bekannt geworden. In breitem Umfang hatte sich an diesem Zug ins Heilige Land unter König Konrad III die deutsche Ritterschaft beteiligt. Mitgezogen war auch der Herzog von Schwaben, der spä­ tere Kaiser Friedrich Barbarossa, welcher dann im Jahre 1156 den Johannitern für die Länder des Reiches bedeutende Privilegien zugestand. Der Orden hatte inzwischen neben Kran­ kenpflege und Pilgerbetreuung auch die Verpflichtung zum Kampf gegen die Un­ gläubigen übernommen und besaß bereits die ersten Niederlassungen im deutschen Sprachgebiet, als in den Jahren 1189 und 1190 der dritte Kreuzzug stattfand. Im Anschluß an diesen erfolgte wohl im schwäbisch-ale­ mannischen Raum die Gründung der Häu­ ser Feldkirch bei Freiburg, Mergentheim, Schwäbisch Hall, Wimpfen, vielleicht auch Jungingen bei Hechingen, Bubikon, Luzern und Schwenningen. Die Schwenninger Gründung ist erstmals 1212 durch eine Güterübergabe bezeugt, welche Eigenleute der Probstei Zürich an das „Haus des Heiligen Johannes in Schwennin­ gen“ vornahmen. Die Namen der Gründer blieben zwar bis- her im Dunkel, aber wir wissen inzwischen mit Sicherheit, daß die Ausstattung des Schwenninger Hauses aus dem Areal des damaligen Schwenninger Herrenhofes her­ ausgeschnitten wurde, so daß zumindest eine Beteiligung des Ortsadels gefolgert werden kann. In diesem Zusammenhang darf auf eine alte Ortssage verwiesen werden, die in ihrem Kern die Aussage enthält, daß ein Angehöri­ ger der Schwenninger Adelsfamilie auf einem Kreuzzug verschollen ist. Die nächste Kunde über die Johanniter in Schwenningen erreicht uns auf Umwegen über die „Zimmersehe Chronik“. Sie berichtet: „Anno 124 7 ist ein Johanniter gewesen des geschlechts der edelleut von Schwennigen, genannt brueder Hans von Schwenningen, der hat in iezbemeltem jhar das Johanniter­ haus zu Rottweil widerumb erbawen. Dem ist auch fleißig nachzusuchen, und wiewol deren Dörfer etlich, so Schwenningen gehei­ ßen, so acht ich doch das sein, so in oder aller­ nechst der Bare gelegen.“ Zwar wurde diese Information erst später niedergeschrieben, aber sie geht sicherlich auf wiederholte, nachweisbare Kontakte zwi­ schen den Herren von Zimmern und dem Johanniterhaus Schwenningen zurück: 1255 ist beurkundet, daß ein Herr von Zimmern und seine Frau lebenslänglich Güter nutzen sollten, die in „Tuckingen“ (wohl Dauchin­ gen) lagen, und aus dem Jahre 1257 erfahren wir, daß Albrecht, Freiherr von Zimmern, dem Johanniterhaus Schwenningen Güter in und bei Tuttlingen übergab. Diese Nachricht überrascht etwas, denn die Verlegung des Hauses Schwenningen nach Villingen durch den Grafen Egon von Fürstenberg wird allgemein auf das Jahr 1253 datiert. Deshalb läßt sich vermuten, daß die­ ser Vorgang nicht abrupt, sondern allmäh­ lich erfolgte, denn noch 1292, annähernd 100 Jahre nach der Gründung treten anläßlich 135

Die Abbildung zeigt die Lage des einstigen johanniterhospitals Schwenningen inmitten der durch »Breite“ und »Brühl“ gekennzeichneten Güterlage des einstigen Schwenninger Herrenhofes und späte­ ren „niederen Kelnhofes“. Es bedeuten: 1.) Standort des Herrenhefes 2.) Die »Breite“, die Ackerflur des Herrenhofes 3.) Flur „Hinterm Spittel‘: vermutl. von Breite abgetrennt 4.) Flur „Au‘: Wiese 5.) Flur „Ringenlnch‘: Herrenhofwald 6.) Mutmaßlicher Standort des johanniterhospitals Der ntroße Brühl“ war einst das Weideland des Herrenhefes. 136

eines Verkaufes drei „Brüder“ von Schwen­ ningen als Zeugen auf. Bei diesem Vorgang darf man sich sicher­ lich der Annahme von 0. Benzing anschlie­ ßen, daß es sich um Johanniter handelte, da die Präsenz eines anderen Ordens in Schwen­ ningen nicht nachgewiesen ist. In der Folge bleiben die Nachrichten über das „Johanniter-Haus“ in Schwenningen aus, die Urkunden sprechen nur noch vom ,,Johanniter-Hof“. Ein Ereignis, das den Wechsel des bisheri­ gen Status zwar nicht ausdrücklich erwähnt, aber doch unterstreicht, fallt in das Jahr 1315. Hier erfahren wir von einem großen Güter­ tausch zwischen Burkhard Hemerlin aus Vil­ lingen und der Villinger Johanniterkom­ mende: 12 Güter, nämlich drei in Schwen­ ningen, zwei in Mühlhausen, zwei in Hochemmingen, drei in Donaueschingen und zwei in Obereschach wurden von den Johannitern an Hemerlin abgegeben. Sie erhielten dafür von ihm Güter, Leute und Rechte in Weigheim. Offensichtlich stehen wir hier vor einer mittelalterlichen Verwaltungsreform: Streu­ güter wurden abgestoßen und das wirtschaft­ liche Potential auf einen Ort konzentriert. Mit Sicherheit spielten auch territorialpoli­ tische Erwägungen eine Rolle, die zwangsläu­ fig die Substanz des alten Schwenninger Hauses entscheidend veränderten. Der Rechtsstatus des Gründerhauses nach der Verlegung des Amtssitzes nach Villingen ist uns unbekannt. Interessant ist in dieser Hinsicht ein Hinweis aus dem Jahre 1320 auf die Schlichtung eines Streites zwischen dem in Schwenningen begüterten Ritter Johannes v. Kürneck und der Johanniterkomturei in Villingen wegen des Schwenninger Johanni­ terhofes. Die Kürnecker sind zwischen 1185 und 1265 als Schwenninger Vögte bezeugt und möglicherweise in eine Rechtsnachfolge zu der um diese Zeit nicht mehr nachweis­ baren Ortsadelsfamilie eingetreten. So wäre es denkbar, daß es um Privilegien ging, die einst den Gründern des Hauses Schwennin­ gen zustanden. Der Streit wurde durch den amtierenden Grafen von Fürstenberg ge­ schlichtet. Fast ein Jahrhundert lang schweigen nun die �eilen über die Johanniter und deren Hinterlassenschaft in Schwenningen. In einem Fürstenbergischen Lehensbuch aus dem Jahre 1413 wird aber wieder an sie erin­ nert und zwar erhalten wir Nachricht über das zugehörige Gotteshaus. Eine Güterauf­ zählung erwähnt eine Wiese in Schwennin­ gen und enthält den Satz: ,,item ain wisen, lit ze Swenningen, stat der Johannser Capell . “ m. Eine Beschreibung von Freipürsch-Mar­ ken aus dem Jahre 1520 gibt uns dann die letzte urkundliche Nachricht über Reste des einstigen Hauses. Eine dieser Marken soll „ans Neckhers Port alt gemeuer zue Sannte Hanns Schwenningen“ gestanden haben. Leider ist eine exakte Aussage über diesen Standort bis heute nicht gelungen. Dies ist sehr bedauerlich, denn das „alt gemeuer“ war wahrscheinlich der letzte sichtbare Rest, der Schwenningen von dem einstigen Johanni­ terhaus geblieben war. Geblieben ist uns aber auch die Erinne­ rung. Sie lebt nicht nur weiter in der Sage, sondern sehr konkret in unseren Flurnamen. Diese geben Aufschluß über die in den Augen der Bevölkerung wichtigste Einrich­ tung des einstigen Hauses, nämlich die des zugehörigen Spitals und eines eventuellen Heilbrunnens. „Hinter dem Spittel“, ,,Spittelbronner Weg“, ,,Spittelbronnen“ sind uns heute wich­ tige Standorthinweise. Vermutlich drängt sich heute die Frage auf, warum der erste Johanniterstandort in der Baar gerade Schwenningen und nicht von Anfang an Villingen oder Rottweil war. Eine wichtige Voraussetzung war zweifel­ los die Lage an der seit der Römerzeit bedeu­ tendsten Nord-Süd-Verbindung zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb. Ausschlag gab aber letztlich derjenige, der an diesem Ort die zur Gründung notwendi­ gen Güter bereitstellen konnte, und das war nach der aufgezeigten Verschachtelung mit 137

dem Herrenhofkomplex mit großer Wahr­ scheinlichkeit die einstige Schwenninger Ortsadelsfamilie oder deren Erben. Dieter Knaupp Lit e r a tu ma ch weis Benzing, Ot t o : Q!iellen zur Schwenninger Geschichte. Verlag Hermann Kuhn GmbH und Co KG, VS-Schwenningen, 1983. H e c h t , Winfr i e d: Die Johanniterkom­ mende Rottweil. Veröffentlichung des Stadtar­ chivs Rottweil, Band 2, 1971. Freiherr von Althaus Erster Ehrenbürger von Bad Dürrheim Was ist das, ein Ehrenbürger? Heute hat dieses Recht rein formell an Kraft und Bedeutung verloren. Früher nämlich durfte ein Ehrenbürger an sämtlichen Ratssitzun­ gen teilnehmen und an den Entscheidungen mitwirken. Zudem war dieses Recht meist noch mit einer höheren Rente und Steuer­ freiheit verbunden. Heute sind die Würde und das Ansehen übriggeblieben, mit dem der Ehrenbürger aus der Gemeinschaft her­ vorgehoben wird. Abgesehen von diesen materiellen Din­ gen hat das Ehrenbürgerrecht vor allem einen ideellen Wert. In diesem Sinne ist das Ehrenbürgerrecht als höchste Auszeichnung anzusehen, die eine Gemeinde zu vergeben hat. Wie hoch sie im Kurs steht, läßt sich allein schon an der Tatsache ermessen, daß bis zum heutigen Tag nur noch an weitere sechs Persönlichkeiten die hohe Auszeich­ nung verliehen wurde: Johann Georg Huber, Hotelier Ernst Müller, Altbürgermeister Wil­ helm Grießhaber, Staatsrat Paul Vowinkel, Altbürgermeister Otto Weissenberger sowie Dr. med. Georg Huber. Eigentlich wären es acht an der Zahl, wenn nicht auf Anordnung des Landrats Bienzeisler von Villingen vom 28. Mai 1946 die Ehrenbürgerrechte, mit denen Walter Köhler im Jahre 1937 aus­ gezeichnet wurde, gestrichen und somit aber­ kannt wurden. 138 H e c h t , Wi nfr i e d: Zur Geschichte der Johanniterkommende Villingen in „Villingen und die Westbaar“, Seiten 141 bis 147. Heraus­ geber: W. Müller. Bühl, 1972. K n aupp, D i e t e r : Aufden Spuren des“nie­ deren Kelnhofes“ in Schwenningen in „Das Heimatblättle“, 34.Jahrgang, Heft 6. Herausge­ ber: Schwenninger Heimatverein e.V., VS­ Schwenningen, 1986. Flu r k a r t e Sch w e n n i n g e n nach der allge­ meinen Landesvermessung 1838. Erster Ehrenbürger von Bad Dürrheim wurde August Freiherr von Althaus, der die Saline zu bedeutender Leistungsfähigkeit brachte und einen rationellen Betrieb dersel­ ben fundierte. In dem gehorsamsten Ansuchen des Gemeinderats zu Dürrheim an das Großher­ zoglich Wöhllöbliche Bergamt heißt es: „Nach der allgemeinen Zustimmung der

Gemeinde dahier ist man willens, dem Gh. Bergratv. Althaus, welcherseit20Jah­ ren hier als Salinenverwalter anwesend war, nachdem derselbe jetzt von hier abreiste, für seine gute Gesinnung und Tätigkeit, welche derselbe der hiesigen Gemeinde in dieser Zeit erwiesen hat, das Bürgerehrenrecht zu verleihen.“ Dürrheim, den 2ten Oktober 1843 Die Verleihung des Ehrenbürgerrechts fand die Zustimmung des Bürgerausschus­ ses, und so dankte von Althaus in einem Schreiben vom 18. Oktober 1843 dem löb­ lichen Gemeinderat und Bürgerausschuß zu Dürrheim mit folgendem Wortlaut: „Aus dem Orte geschieden, wo durch den seegensreich aufgefundenen Schatz, der so glücklich auf das ganze badische Volk einwirkt, ein anderes Leben für die Gemeinde zu Dürrheim eintrat, und für sie Verhältnisse herbeiführte, welche nach Jahrhunderten noch einen Einfluß auf ihre Nachkommen äußern wird -hatte der Unterzeichnete nach einundzwanzig­ jährigen Dienstleistungen, in welchen er als der erste Vorstand der neu gegründeten Saline auch das Wohl der Gemeinde dabei nie aus den Augen zu verlieren trachtete, das unauslöschliche Vergnügen, daß ihm das Ehrenbürgerrecht von der schätzba­ ren Bürgerschaft erteilt wurde. Er erhielt durch diese ihm gewordene Auszeichnung, sowie durch die freudige Teilnahme der ganzen Bürgerschaft bei Überreichung der Urkunde die feste Überzeugung, daß sein Wirken für die Gemeinde nicht unbeachtet blieb und Anklänge zurückließ, welche nur aus einer edlen Anerkennung seiner redlichen Absichten für das Gemeindewohl hervor­ traten, so schwach auch die Kräfte und Leistungen sein mochten, welche diese Gefühle erregten, und nur durch die Unterstützung von der Gemeinde selbst, das Gute, welches daraus hervorging, her­ beiführen konnte. Darum bringt derselbe seinen aufrichtig­ sten Dank der Gemeinde auch aus der Feme nochmals für die ihm bewiesene Liebe und Achtung dar, mit dem herzlich­ sten Wunsche, daß diese ihm wohltuen­ den Erinnerungen eines regen Wirkens, welches aus erkannten guten Absichten hervorging, durch fortgesetztes Handeln, noch in später Zukunft reichliche Früchte für die Gemeinde bringen möge.“ Freiburg im Breisgau: 18. Oktober 1843 Freiherr August von Althaus Großherzoglich badischer Bergrath und wirklicher Capitain von der Suite Ritter des militärischen Carl Friedrich Verdienstordens. Bei der Bedeutung, die dieser Mann für die Geschichte der Saline, als auch für die Entwicklung der Gemeinde Bad Dürrheim hat, ist es angebracht, auf seine Biographie näher einzugehen. 139

des Der am 25. Juli 1791 in Paris geborene von Althaus entstammte einem nassauischen Adelsgeschlecht, begann 1808 die militä­ rische Laufbahn und nahm als Second-Lieu­ tenant Linien-Infantrie-Regiments vacant Nr. 2 unter General Ezdorf am Ruß­ landfeldzug teil. Für den kaum 20jährigen Offizier endete der Feldzug Napoleons mit dem militärgeschichtlich berühmten Über­ gang über die Beresina allerdings bereits bei Wilna. Die stark dezimierten badischen Trup­ pen führte er von Rußland nach Karlsruhe zurück. In einem Tagebuch hinterließ er der Nachwelt die Tragödie an der Beresina. Der Franzosenkaiser dekorierte ihn hinterher mit dem Kreuz der Ehrenlegion und erhielt den Titel „Staats-Capitaine“. Nach den Freiheitskriegen legte August von Althaus den Soldatenrock ab und wid­ mete sich zivilen Aufgaben. Über St. Blasien, wo er mit der Beaufsichtigung des Geschütz­ und Gewehrtransports beauftragt wurde, gelangte er 1823 nach Dürrheim. Rund zwei Jahrzehnte – bis 1843 – war von Althaus Dürrheims erster Salinenver­ walter. In dieser Eigenschaft bestand sein Verdienst darin, die Saline als Wirtschaftsfak­ tor zur Blüte gebracht und ihr auf Jahrzehnte hinaus den Weg zu einer konstanten Ent­ wicklung geebnet zu haben. August von Althaus packte seine Aufgabe in Dürrheim weitsichtig an. Unter seinem maßgeblichen Einfluß entwickelte sich Dürrheim in baulicher Hinsicht in einem geradezu berauschendem Tempo. Im Zeit­ raum von nur zwei Jahren (1823-1825) ent­ stand der Ortsteil „Saline“. Die Silhouette Dürrheims erhielt einen gewandelten, bele­ benden Akzent. Fortan gehörten Bohrtürme und dampfende Kaminschächte der Sied­ häuser zu den beherrschenden Eindrücken. Die Verdienste dieses Mannes als Trup­ penführer und Wirtschaftsfachmann sind damit freilich noch nicht erschöpfend auf­ gezählt. Von Althaus entwickelte zugleich Neigungen zu Wissenschaft und Gelehrsam­ keit. Er fand sich hierin dadurch bestätigt, daß ihm die Universität Freiburg 1866 den Ehrendoktorhut verlieh. Als exponierter Sproß seines Geschlechts, der sich in verschiedenen Berufen und Tätig­ keiten verdient gemacht hatte, verstarb von Althaus in Freiburg am 14. Mai 1875. Durch die Benennung einer Bad Dürrheimer Orts­ straße – „Von-Althaus-Weg“ – wird das Andenken an diesen Mann wachgehalten. Lydia Warrle M. A. Der Vöhrenbacher Artikelbrief vom 8. Mai 1525 Als das Jahr 1524 zu Ende ging, war das gesamte Gebiet zwischen Rhein, Donau und Lech im Aufstand gegen die herrschende Feudalordnung. Die Bauern organisierten sich in Haufen und Vereinigungen gegen zunehmende Unterdrückung und Unfrei­ heit, „sie liefen zusammen wie die Säue“, wie es in der Villinger Chronik steht. In unserem heutigen Kreisgebiet sind zwei große Bewe­ gungen zu dieser Zeit festzuhalten: die Brigachtäler, die November 1524 den sog. „neuen Haufen“ bildeten, und die „Christ­ liche Vereinigung“ unter der Führung von Hans Müller von Bulgenbach, die Anfang Oktober 1524 einen großen Zug vom Süd- schwarzwald in unser Gebiet unternahm. Von Langenordnach über Schollach, Urach, Linach, Furtwangen, „am samstag zu nacht (wohl den 8. Oktober, D.B.) gehn Vehren­ bach“, weiter nach Bräunlingen. Dieser Zug sollte Stimmung machen unter den Bauern und die Unzufriedenen und Verzweifelten zum aktiven Mitstreiten veranlassen. Es lag den Aufständischen zu diesem Zeitpunkt fern, Schlösser und Klö­ ster zu stürmen oder ihre geistlichen und weltlichen Herren totzuschlagen, ja, sie bezahlten, was sie auf ihrem langen, entbeh­ rungsreichen aber auch gefährlichen Marsch verzehrten. Sie waren bereit, das an Abgaben 140

Bauer und Ritter Holzsdmitt, Augsburg 1521 141

und Pflichten zu leisten, was sie von Alters her verpflichtet waren, nur unrechte und neue Forderungen ihrer Herren wollten und konnten sie nicht mehr dulden. Als jedoch am 13. Dezember unter Füh­ rung der Villinger „ettlich bauern von den reitern erstochen“ wurden, nahm der eigent­ liche Bauernkrieg seinen Anfang. Nun war nicht mehr an einen gütlichen Ausgleich zu denken, die Herrenpartei war in ihrer Grund­ haltung überwiegend für gewaltsame Nieder­ werfung der Rebellion. Die damals geschlos­ senen Verträge und Anlässe sollten die Auf­ ständischen lediglich hinhalten, man war nicht bereit, ernsthaft auf die Forderungen einzugehen. Die Bauern unter dem Müller Hans von Bulgenbach ließen sich aber nicht beirren und wurden zur Speerspitze dieser Aus­ einandersetzung, zumal sich immer mehr Unterdrückte der „Christlichen Vereini­ gung“ anschlossen. Bis zu 7000 Kämpfer kann man den �eilen entnehmen, began­ nen im März und April 1925 einen Aufstand, der seinen Höhepunkt mit der Einnahme von Freiburg Ende Mai hatte. Am 5. Mai zog der „Müllerhans“ mit seinem Haufen von Hüfingen nach Wolterdingen, verbrannte Zindelstein und die um diese Zeit bereits baufällige Burg Neufürstenberg im Bregtal. In Vöhrenbach schlugen sie dann ein Lager auf Vermutlich wollten die Bauern den Kon­ takt zwischen Freiburg und Villingen unter­ brechen, da Villingen zu diesem Zeitpunkt inniglich um Beistand und Unterstützung in Form von Reitern bat. Am 8. Mai schickten die Bauern einen Boten von Vöhrenbach nach Villingen mit dem Artikelbrief, der die Stadt zum Ein­ tritt in ihre christliche Bruderschaft auffor­ derte. ,,Unverzogenlich“ wollten sie eine Antwort von Villingen erhalten. Sie waren in Eile, der Schwäbische Bund unter dem Truchsess von Waldburg wie auch ihre Her­ ren rüsteten zum Gegenschlag. Noch waren sie in großer Überzahl, und nicht zuletzt drohte ihnen auch Verlust ihrer Kampfkraft, da die Ernte bevorstand. 142 Dieser Artikelbrief war das Aktionspro­ gramm der Christlichen Vereinigung. Er ist uns nur in der Vöhrenbach er Abschrift erhal­ ten. Wer sein(e) Verfasser waren, läßt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Es gibt einige Hinweise, die einen Einfluß von Thomas Münzer belegen könnten, immmer wieder wird in der Literatur aber auch der Prediger von Waldshut, Balthasar Hubmaier, genannt. Es würde den Rahmen dieser kur­ zen Darstellung sprengen, sich hier näher mit dem bald lOOjährigen Streit zu befassen. Ein­ deutig beweisen läßt sich die Autorenschaft nicht mehr, und die Anklageschrift und Hin­ richtung Hubmaiers, ,,der Widertäufer Patron und erster Anfänger“, am 10. März 1528 läßt auch keine letzten Schlüsse zu. In letzter Zeit wurde auch wieder der Bauern­ führer Hans Müller von Bulgenbach als Autor des Artikelbriefes ins Gespräch gebracht. Ebenso bleibt im Dunkeln, ab welchem Zeitpunkt der Artikelbrief in Umlauf war. Der Vöhrenbacher Aufmahnungsbrief an die Stadt Villingen ist und bleibt der ein­ zigste Beweis und darf wohl zu der Annahme führen, daß der Artikelbrief erst im Frühjahr 1525 Verbreitung fand. Seine Bekanntheit ist aber auch außerhalb des Schwarzwaldes fest­ zustellen. Der Artikelbrief ist das politisch weitest­ gehende überlieferte Bauernprogramm. Die Aufständischen wollten ohne Blutvergießen und Schwertschlag mit dem weltlichen Bann einen gerechteren Gesellschaftszustand her­ beiführen, als er zu dieser Zeit gegeben war. Sie wollten den „gemeinen christlichen Nutz“, da sie die „Bürden und Beschwerden nicht länger tragen noch dulden möchten, es wolle denn der gemeine arme Mann sich und seine Kindeskinder ganz und gar an den Bet­ telstab schicken und richten“. Wahres Chri­ stentum und „brüderliche Lieb“, ,,ohne allen Schwertschlag und Blutvergiessung“, war ihre „früntlich Pitt (Bitte, D.B.)“ an die Viilin­ ger. Sollten diese nicht zustimmen, ,,tun wir Euch in den weltlichen Bann“, ,,als abge­ schnittene, gestorbene Glieder“, von denen

man nichts kauft, denen man nichts gibt, mit denen man „ganz und gar keine Gemein­ schaft hält“. Dasselbe gelte auch für Schlösser, Klöster und Pfaffenstiftungen, aus denen „aller Ver­ rat, Zwang und alle Verderbnis erfolgt und erwachsen ist“. Wo aber Adel, Mönche oder Geistliche „ von solchen Schlössern, Klöstern oder Stiftungen willig abstehen und sich in gewöhnliche Häuser wie andere fromme Leute begeben und in die Christliche Ver­ einigung eintreten wollten, so sollen sie mit Hab und Gut freundlich und tugendlich angenommen werden, und man soll ihnen alles das, was ihnen von göttlichen Rechten gebührt und zugehört, getreulich und ehr­ barlich ohne allen Eintrag folgen lassen“. Zum Schluß werden alle, die die Feinde der christlichen Bruderschaft „behausen, fördern und unterhalten freundlich ersucht“, davon abzustehen:,, wo sie aber das nicht täten, sol­ len sie auch ohne weiteres in den weltlichen Bann erkannt sein.“ Dieser Artikelbrief war das revolutio­ närste Programm des gesamten Bauernkrie­ ges, der sich ja nicht nur auf den Schwarz­ wald beschränkte. Er gab eine rationale In­ terpretation des göttlichen Rechts und bedeutete in der Praxis eine auf allgemeiner Gleichheit beruhende Gesellschaftsord­ nung. Der Artikelbrief der Schwarzwälder Bauern fußte auf einem biblisch begründe­ ten Widerstandsrecht gegen eine gottlose Obrigkeit, die Christliche Vereinigung war die politische „Bürgerinitiative“ zur Verwirk­ lichung des göttlichen Rechts auf Erden. Dahinter läßt sich das Grundanliegen, die Herrschaft an das Volk übergehen zu lassen, Als der junge Edelknecht Hans von Burg­ berg, der letzte seines Geschlechts, unmittel­ bar nach dem Tode seines Vaters gleichen Namens 1409 Bürger an einem halben Haus in der Stadt Villingen geworden war, ahnte er noch nicht, daß er wenige Jahre später mit Der letzte Herr von Burgberg feststellen. Hier näherte man sich Münzers Ansicht, daß wahrer christlicher Glaube kei­ ner menschlichen Obrigkeit bedarf. Wir sehen, welche weitgehenden Forde­ rungen und Ideen schon vor 500 Jahren von einer großen Anzahl von Menschen in unse­ rem Gebiet erhoben wurden. Der Bauern­ krieg war nicht eine einfache, spontane Reak­ tion auf ungerecht empfundene Regression, er war vielmehr eingebettet in Ideen des Humanismus und des Urchristentums -eine sozial-und geisteswissenschaftlich bedeu­ tende Volksbewegung. Die Villinger Ant­ wort auf den Vöhrenbacher Boten, der an demselben Montagmittag den Artikelbrief dem Rat übergab, symbolisiert die damalige Situation: ,,Man legte ihn gefangen auf den Niederen Turm (in dem sich das Villinger Gefängnis befand, D.B.) und gab ihnen gar keine Antwort, weder schriftlich noch mündlich, denn solch eine Mähre hörte jedermann gern, und rüstete man sich allent­ halben zur Wehr mit allem, was notwendig sein mochte.“ So wurde nach der gewaltsamen Nieder­ werfung jede politische und religiöse Vereini­ gung von Untertanen als Verschwörung ver­ standen und grausam verfolgt. ,,Zusammen­ rottung“ wurde zum negativen Sammelbe­ griff für jede Form menschlicher Gruppen­ bildung, es sei denn sie wurde von Staat und Kirche nicht als bedrohend empfunden. An Stelle einer umfassenden Neuordnung in politischer und religiöser Hinsicht berichten unsere Geschichtsbücher bis in unsere heu­ tige Zeit über Unfreiheit, Elend und sinn­ losen Tod. Dieter Baeuerle der Stadt, ihrem Schultheiß, Bürgermeister und Rat, in einen argen Konflikt geraten würde. Er ist wohl in den 80er Jahren des 14.Jahr­ hunderts geboren. Vielleicht in Rottweil, wo sein Vater Bürger gewesen ist, oder vielleicht 143

in Burgberg, dem heutigen Ortsteil von Königsfeld. Seine Mutter Margarete Boiler entstammte einem hochangesehenen Patri­ ziergeschlecht der freien Reichsstadt Rott­ weil. Hans von Burgberg hatte noch 4 Geschwister. Sein Bruder Conrad verstarb bereits um das Jahr 1410, dagegen sind seine Schwestern Adelheid, Agnes und Anna noch urkundlich zwischen 1419 und 1439 erwähnt. Agnes besaß in Seedorf bei Dunningen ein Gut und war mit Egnolf von Falkenstein ver­ heiratet. Hans von Burgberg war ein reicher Mann. Neben dem Wasserschloß Burgberg mit der dazugehörigen Herrschaft, wozu Erdmanns­ weiler, Hutzelberg, Hömle und Wunnen­ berg (Nonnenberg) gehörten, hatte er vor allem noch Güter und Rechte in Dunningen und Neuhausen (Königsfeld). Seinen Besitz in Dunningen verkaufte er 1412 für 177 Gulden an Konrad von Ram­ mingen. Darunter war auch ein festes Haus, welches den bezeichnenden Namen „Neu­ burgberg“ führte. Im Jahre 1417 sandte das Villinger Stadtre­ giment einen Boten zu Hans nach Burgberg. Leider kennen wir den Grund nicht. Doch irgend etwas scheint Hans‘ Mißfallen erregt zu haben, denn er verlor die Beherrschung und überhäufte den Boten mit Schmähun­ gen. Prompt reagierten die Villinger mit Aberkennung des Bürgerrechts und zogen vor seine Burg und belagerten sie. Die Situation wurde sehr kritisch für ihn, denn er hätte sich gegen die Übermacht nicht lange halten können. Seine Herren und Freunde vermittelten zwischen ihm und den Villingern. Schließlich erklärte er sich zur Übergabe bereit. Mit„aufgehobenen Fingern und gelehrten Worten“ legte er einen Eid ab, den Villingern in ihre Stadt zu folgen und sich dem Beschluß des Villinger Stadtrats zu beugen. In Villingen wurde er im Hause des Wirts Hans Sutor untergebracht. Es kam dann zu einer Übereinkunft zwi­ schen ihm und dem Rat, worauf er Urfehde schwur. Er verpflichtete sich eidlich, daß er Zeit seines Lebens den Frieden nie mehr bre- 144 Ruine „Schloß Burgberg“ Zeichnung: Birgit Storz chen und keine Rache wegen dieser Sache üben werde. Habe er jedoch Streitigkeiten mit Villinger Bürgern, habe er sich unvenüg­ lich an das Stadtgericht zu wenden und des­ sen Rechtssprechung in Anspruch zu neh­ men. Auch müsse er mit seinem Teile am Schloß(gut) Burgberg denen von Villingen gehorsam und gegenwärtig sein. Das Schloß müsse ewig für die Villinger ein offenes Haus sein und bleiben. Dafür habe er zu sorgen, insbesondere auch dann, wenn er das Schloß verkaufen würde. Dies wurde am 29.Juli 1417 beurkundet. Es siegelten neben anderen Graf Heinrich von Fürstenberg und der Komtur des Johanniterhauses zu Villingen. Danach durfte sich Hans wieder seiner Freiheit erfreuen. Etwa ein Jahr später erlangte Hans von Burgberg laut Bürgerbuch Gastrecht in Vil­ lingen. Um diese Zeit mag er auch seine 1419 erstmals urkundlich genannte Ehefrau Mar-

garete von Riehen vor den Traualtar geführt haben. Sie stammte aus der Stadt Freiburg, wo ihr Vater Konrad von Riehen als Rats­ mitglied ab etwa 1383 eine nicht unbedeu­ tende Rolle gespielt hatte. Margarete von Riehen dürfte ihren Mann dazu bewogen haben, für immer nach Villin­ gen zu ziehen, wo er dann auch bald das volle Bürgerrecht genoß. Sein Haus, das ihm aller­ dings anfänglich nur zur Hälfte gehörte, lag beim Riettor. Im Jahre 1425 verkaufte Hans seine Herr­ schaft Burgberg mit dem Dorfe Erdmanns­ weiler, Hörnle, Hutzel- und Nonnenberg an den Bruder seines Schwagers Egnolf von Fal­ kenstein und dessen Gattin Anastasia von Wolfurth. Zwei Jahre später trennte er sich auch von seinen Gütern und Rechten im Dorfe Neuhausen, die er an das Johanniter­ haus in Villingen verkaufte. Diese Verkäufe darf man sicher auch im Zusammenhang mit seinem Entschluß, ,,ganz nach Villingen zu gehen“, sehen. Wegen der Veräußerung seines Anteils am Dorfe Neuhausen um 365 Rheinische Gul­ den geriet er 1430 in Streit mit dem Johanni­ ter-Ordensmeister Graf Hugo von Montfort, den Graf Egon von Fürstenberg schlichten mußte. Das Ansehen des Hans von Burgberg war in Villingen so groß, daß er 1432 sogar das Stadtschultheißenamt bekleiden durfte. Zu diesem Amt wurde er vom Rat der Stadt vor­ geschlagen und vom Landesherrn bestätigt Das Amt konnte immer nur für ein Jahr aus­ geübt werden. 1436 hatte die Stadt Villingen erhebliche Streitigkeiten mit Conrad von Fridingen. Dieser erkühnte sich deshalb, Altschultheiß Hans von Burgberg mit dem Altbürgermei­ ster Hans von Tierberg gefangenzunehmen. Wie lange die Gefangenschaft der beiden Vil­ linger Bürger andauerte, wissen wir nicht. Jedenfalls wurde Conrad von Fridingen wegen dieser unrechtmäßigen Inhaftierung in die Acht des Hofgerichts zu Rottweil genommen. Graf Eberhard von Lupfen, Landgraf zu Stühlingen, entschied im Streit mit dem Fridinger zugunsten der Stadt Vil­ lingen. Noch oft tritt Hans von Burgberg in Urkunden als Schlichter, Siegler und in eige­ ner Sache bis zum Jahr 1456 auf. Seine Ehe­ frau war 1447 bereits verstorben, während Hans noch etwa 10 Jahre lebte. Hans von Burgberg starb kinderlos als letzter seines Geschlechts und wurde in der Villinger Fran­ ziskanerkirche bestattet, wo auch andere Mitglieder des ehrbaren Landadels ihre letzte Ruhe fanden. Dieter Storz Erdmannsweiler – Streifzug durch die Geschichte Erdmannsweiler, auf einer Höhe von 750 m am Übergang des Schwarzwaldes zur Baar gelegen, gehört seit 1974 zur Gemeinde Königsfeld. In seiner langen Geschichte hat der Ort zu keiner Zeit überörtliche Bedeu­ tung erlangt. Dafür war er zu klein, auch fehlt von jeher die Kirche. Heute zählt der Ortsteil etwas mehr als 600 Einwohner. Die ursprünglichen Ortsnamen „Ortins­ wilere“ und „Ortiniswiler“ stehen mit dem Personennamen „Ortwin“ in Zusammen­ hang. Wer dieser Ortwin gewesen ist, der dem Weiler seinen Namen gab, ist nicht bekannt. Es dürfte sich um einen Angehörigen des damaligen Landadels gehandelt haben, der in Erdmannsweiler über bedeutenden Grundbesitz verfügte. Einiges deutet darauf hin, daß er mit „Ortuni“ identisch ist, der im Verbrüderungsbuch des Klosters Reichenau seine Erwähnung findet. Diese Qyelle zur Reichenauer Klostergeschichte in karolingi­ scher Zeit stellt Ortuni als lebenden auswärti­ gen Freund und Wohltäter des Klosters dar. Das Bodenseekloster hatte in unserem Raum beträchtlichen Grundbesitz; so ist es nicht ausgeschlossen, daß Ortwin/Ortuni lange 145

vor der Jahrtausendwende der Reichenauer Klostergemeinschaft Grund und Boden schenkungsweise überließ. Seine erste urkundliche Erwähnung ver­ dankt Erdmannsweiler dem Kloster St. Georgen, das im Jahre 1084 gegründet wurde. Im Schenkungsbuch des Georgsklosters heißt es, daß an einem nicht näher feststellba­ ren Tag anno 1094 Manegold und dessen Bruder Gottschalk dem Kloster schenkungs­ weise Grund und Boden in Ortinswilere überließen. Im Jahre 1139 wartete Erdmanns­ weiler mit weiteren Schenkungen zugunsten des Klosters auf. Der Edelfreie Burchard und dessen Sohn Hermann schenkten in diesem Jahr der Klostergemeinschaft alles, was sie an Feldern, Wiesen und Wäldern in Ortiniswi­ ler besaßen. Auch nach dem 12. Jahrhundert erscheint Erdmannsweiler Grundbesitz noch in klösterlichen Aufzeichnungen. Ihnen ist zu entnehmen, daß das Kloster eine beschränkte Grundherrschaft über Erd­ mannsweiler ausübte. So treten uns im Jahre 1324 fünf kleinere Hofbauern in „Erkman­ nes Wiler“ gegenüber, die dem Kloster als Grundherrn zinspflichtig waren. Auch in zwei Berainen des Klosters, die etwa zwi­ schen 1380 und 1450 angelegt wurden, erscheint klösterliches Grundeigentum. Ein Lehensbrief aus dem Jahre 1518 bezeugt die Verbindung von Erdmannsweiler zum Klo­ ster St. Georgen. Klösterliche Zinsbücher geben an der Wende vom 16. zum 17. Jahr­ hundert Aufschluß über die zum Kloster gehörenden und in „Erdtmannsweyler/Ert­ maßwiler“ wohnenden Leibeigenen. Den Eintragungen ist aber auch zu entnehmen, daß der Klosterbesitz in Erdmannsweiler im Laufe der vergangenen Jahrzehnte eine deut­ liche Schmälerung erfuhr. St. Georgen hatte zuletzt nur noch ein Hofgut. Mit der im Jahre 1806 erfolgten Auflösung und Verstaat­ lichung des Benediktinerklosters St. Geor­ gen war eine über Jahrhunderte dauernde Verbindung zu Erdmannsweiler beendet. Nach einem urkundlichen Beleg nannten die Herren zu Burgberg anno 1425 neun Höfe in Erdmannsweiler ihr eigen. Die Höfe hatten sie als Erblehen gegen Zins, Abgaben und Fronden (sogenannter Schloßfron) an Bauern verliehen. Die Untertanen der Burg­ berger Herrschaft waren verpflichtet, für die Herren von Burgberg Feldarbeiten jeglicher Art auszuführen, die Wiesen der Herrschaft zu mähen und das Heu einzubringen. Bei notwendig werdenden Bauarbeiten an der Burg hatten sie tatkräftig mitzuarbeiten. Die Burgberger Herren waren Inhaber von Zwing und Bann. Sie hatten die Befehls-und Strafgewalt über den Ort und konnten Gebote und Verbote erlassen. Damit war ihre Grundherrschaft umfassender als die des Klosters St. Georgen. Sie bildete mit dem dörfischen Leben in Erdmannsweiler eine politische Einheit. Mit dem Ende der Burg­ berger Herrschaft gingen die Erblehen zunächst auf verschiedene Grundeigentü­ mer über, bis 1472 Graf Eberhard von Würt­ temberg den gesamten Besitz und damit auch die neun Höfe in Erdmannsweiler erwarb. Die Übernahme der Landeshoheit durch das württembergische Herzogshaus brachte für die Untertanen nachteilige Ver­ änderungen mit sich. Der in Hornberg resi­ dierende Obervogt übte im Auftrag des Lan­ desherrn die Aufsicht über die im Amt Homberg liegenden Orte aus, zu denen auch der Flecken Erdmannsweiler zählte. Damit waren wichtige örtliche Entscheidungen an den Sitz des Obervogts gebunden und Steuern und Abgaben, soweit sie den Würt­ tem bergem zustanden, waren an die Kellerei in Homberg zu leisten. Die tatsächliche Ver­ waltung von Erdmannsweiler dürfte dage­ gen bis in das 17. Jahrhundert vom örtlichen Stabsvogt ausgeübt worden sein. Wahr­ scheinlich bildeten Erdmannsweiler und Burgberg zunächst eine Einheit. Später, urkundlich gesichert seit der Mitte des 17. Jahrhunderts, war Erdmannsweiler mit Burg­ berg und Weiler zu einer größeren Verwal­ tungsgemeinschaft zusammengefaßt. Die drei Orte bildeten nunmehr den Stab Weiler mit Sitz in Weiler. Dem Stab stand der vom Landesherrn eingesetzte Stabsvogt vor, die beiden ihm zur Seite stehenden Vögte 147

kamen aus Erdmannsweiler und Burgberg und nannten sich Beivögte. Dem gemeinsamen Gericht in Weiler stand lediglich die niedere Gerichtsbarkeit zu. Die hohe Gerichtsbar­ keit wechselte jahrweise von den Württem­ bergern als Landesherrn zu der alten Reichs­ stadt Rottweil als Inhaberin der Freien Pürsch. In den geraden Jahren stand sie den Rottweilern zu, in den ungeraden Jahren dem württembergischen Herzogshaus. Das Lagerbuch von 1491 nennt uns wiede­ rum neun Erblehen. Die von den Hofbauern jährlich an die württembergische Kellerei in Hornberg zu leistenden Zinsen betrugen ins­ gesamt 10 Pfund 12 Schilling 4 Häller(Heller) Villinger Währung. An Naturalien sind jähr­ lich abzuliefern: 7 Fastnachtshennen, 27 Hühner, 195 Eier, 24 Käse einer bestimmten Größe, 10 Schultern und 2 Malter 4 Sester Hafer. Die zu erbringenden Frondienste beliefen sich auf insgesamt 33 Tage. Neben den jährlichen Zinsen und Abgaben als Ent­ gelt für die als Erblehen überlassenen Höfe beanspruchten die Württemberger auch den Zehnten von neugerodetem Land. Die Untertanen hatten ferner einen jährlichen Heuzehnten zu entrichten. Die württembergische Hauspolitik wirkte sich 1520 auch auf den kleinen Ort Erd­ mannsweiler aus. Nachdem Herzog Ulrich von Württemberg der Reichsacht verfallen und durch den Schwäbischen Bund seines Landes verwiesen worden war, erwarb Öster­ reich das Herzogtum Württemberg. Die österreichische Verwaltung Württembergs war allerdings nicht von langer Dauer. Bereits im Jahre 1534 wurde Herzog Ulrich nach Württemberg zurückgeführt und über­ nahm damit wieder die Landeshoheit Erd­ mannsweiler war nach kurzer österreichi­ scher Zugehörigkeit wieder württembergi­ scher Besitz. Anno 1556 wurde der Ort refor­ mier t Nach dem Grundsatz, daß sich die Untertanen nach dem Landesherrn zu rich­ ten hatten, wurde Erdmannsweiler prote­ stantisch. Fortan orientierten sich die Gläubi­ gen nach Weiler, die kirchlichen Bande zu dem katholischen Neuhausen brachen ab. Die Greuel und Grausamkeiten des Dreißig­ jährigen Krieges gingen an Erdmannsweiler nicht spurlos vorüber. Im Juni 1633 wurde der Ort von den Villingern heimgesucht und gebrandschatzt. Abt Georg Gaisser, der dem Kloster St. Georgen vorstand, beschreibt die­ sen Überfall in seinem Tagebuch. Im Jahre 1810 kam der Stab Weiler von der inzwischen zum Königreich gewordenen Herrschaft Württemberg an das Großher­ zogtum Baden. Das Gesetz vom 2.12.1850 hob den Stab Weiler auf und ernannte Erd­ mannsweiler zu einer selbständigen Ge­ meinde. Für den Ort begann ein neues Kapi­ tel in seiner langen Geschichte. Zum ersten Bürgermeister des Ortes wurde Christian Flaig gewählt In den folgenden Jahren war ein stetiger Bevölkerungszuwachs zu ver­ zeichnen. So betrug die Einwohnerzahl im Jahre 1825 223, im Jahre 1925: 310 Seelen. Heute gibt es in Erdmannsweiler nur noch wenige landwirtschaftliche Vollerwerbs­ betriebe. Die meisten Bürger pendeln nach Villingen oder nach St. Georgen, um in Indu­ striebetrieben ihrer Arbeit nachzugehen. Werner Lambert ,,In Amerika regnet es auch keine Bratwürste“ In den Jahren 1852 und 1853 wanderten 30 Fischbacher nach Nordamerika aus In Zeiten allgemeiner Unsicherheit, wie wir sie immer wieder einmal erleben, steigt die Zahl derer, die sich entschließen, ihrer angestammten Heimat den Rücken zu keh­ ren und auszuwandern. Zwar kann, wie sich im 18. und 19. Jahr­ hundert zeigte, auch der öffentliche oder staatliche Druck. dem sich politisch oder reli­ giös Andersdenkende ausgesetzt fühlen, den Ausschlag dazu geben, daß einer sein Bündel 149

6. Für Kühegeschirr bezahlt 9 fl. 7. Für die Eisenbahn-Taxe bis Mannheim 5 fl. 54 er. Summa: 25 Gulden 23 Kreuzer Der Rechnung Haberers können wir ent­ nehmen, daß die Reise mit einem Kuhfuhr­ werk über St. Georgen und die Sommerau ins Gutach- und Kinzigtal und von Offenburg dann mit der Eisenbahn nach Mannheim ging. Von dort fuhr man wohl mit dem Dampfboot den Rhein hinab zu den Über­ seehäfen am Englischen Kanal. Im Juli 1853 machte sich eine weitere Gruppe von Fischbachem auf die Reise in die ,,Neue Welt“. Der Agent, ein gewisser Postex­ peditor von Davans, verlangte für die Beför­ derung von 24 Personen über See (ohne die Reise von Fischbach nach Mannheim und ohne die Kosten für die Reiseeffekten) insge­ samt 1808 Gulden. Die Tatsache, daß hier von einem „Postex­ peditor“ die Rede ist, spricht dafür, da.ß die Fischbacher Auswanderer im Zwischendeck eines Postschiffes (London – New York?) nach Amerika gelangt sind. Am 20. Juli 1853 erhielten sieben weibliche Auswanderer die­ ser Gruppe beim Kaufmann Ackermann in Villingen auf Staatskosten ebenfalls die schon genannten Kleidungsstücke. Die Auswanderer des Jahres 1853 waren: Maria Anna (Marianna) Fleig (30 Jahre alt) mit ihrem Sohn Josef (9112), Katharina Rist (29) mit ihren beiden Söhnen Bernhard (7) und Agustin (4), Klara Allgaier(38) mit ihren Söhnen Wilhelm (18) und Gallus ( 6112) sowie der Tochter Maria (13), Gertrud Ohnmacht (31) mit ihrer Tochter Johanna (8), Marga­ retha Blessing (32) mit ihren beiden Söhnen Andreas (91/2) und Sigmund (ll/4), Maria Fußnegger (32) mit ihrer Tochter Maria (7) und ihrem Sohn Thomas (2), sodann Josef Meßmer (32), Marzell Schaible (19), Valentin Echle (38), Monika Sieber (20), Wilhelm Hodapp ( 45) mit der Tochter Helena (Domi­ nika?) Frank (9), ,,Jakob Maiers Wittib & ihre Kinder“ (?), sowie das Kind Andreas Kraft. Geht man davon aus, daß von den 24 Aus­ wanderern, für die der Postexpeditor 1808 Gulden berechnete, 12 Erwachsene, 10 Kin­ der und 2 Säuglinge waren, so ergibt sich für Erwachsene ein Fahrpreis für die Übersee­ reise von rund 106 Gulden, Kinder zahlten die Hälfte, die Säuglinge waren frei. (,,Jakob Maiers Wittib & ihre Kinder“ blieben bei die­ ser Berechnung außer Betracht.) Am 30. Juli 1853 ging das Schiff ab. Wer von den Genannten nach der dreimonatigen Schiffsreise über den Atlantik lebendig in Amerika ankam, wissen wir bis heute nicht; oft starb ein Viertel der Passagiere, häufig genug jeder dritte, vor allem Kinder und Schwache. Und wer bei der Ankunft drüben noch sein Leben hatte, war deswegen noch längst nicht aller Sorgen ledig, ja eigentlich fing für die zumeist ganz mittellosen Aus­ wanderer jetzt der Kampf ums Überleben erst richtig an. Wo die allgemeine Not groß ist, da ist man auch mit Worten nicht immer wählerisch. Bei allem Verständnis für die Auswande­ rungswilligen gab es doch bei den Daheim­ gebliebenen – und das war ja die große Mehr­ heit – manche Unmutsäußerung über die För­ derung, die die Auswanderer bei ihrem Unter­ nehmen durch Staat und Gemeinde erfuhren. Etwas von dem verhaltenen :ZOm über die nicht immer ganz unverschuldet Verarmten ist aus einem Brief herauszuspüren, den der Fischbacher Bürgermeister Bande am 21. Juli 1853 an seinen Amtskollegen in Breisach schickte. Eine „bei Herrn. Allmann, Josef Schaur an der Fischerhalden dort in Dien­ sten“ stehende Fischbacherin hatte ange­ fragt, ob ihre Heimatgemeinde sie im Falle ihrer Auswanderung nach Nordamerika finanziell unterstützen werde. „Löbl. Bürgermeisteramt wolle derselben eröffnen“, so schrieb Bürgermeister Bande, „daß für ihre Auswanderung keine Mittel vorhanden seien, indem es Leute genug gibt, welche zur Auswanderung herbeidrängen. Zudem scheint es uns, die Obige würde bes­ ser tun, durch einen sittlichen, arbeitsamen Lebenswandel ihr Brot hier doch in Europa zu verdienen, indem es in Amerika auch keine Bratwürste regnet.“ – 151

Mann, Timotheus Rieple, war stolz darauf, daß der berühmte Dichter hier logiert hatte und ließ deshalb eine mächtige Sc h e ff e 1- G e denkt a f e l an der kleinen Hausfassade anbringen. Sie wurde im 2. Weltkrieg unter Bombentrümmern 1945 begraben. Max Rieple grub die Bruchstücke aus, und Anne Rieple verwahrt sie heute. Am Schmutz’gen Dunschtig 1902, am 13. Februar, wurde hier Max Rieple geboren. Etwas von der Mentalität und Genialität des namhaften Poeten Joseph Victor von Schef­ fel muß wohl auf den heranwachsenden Knaben übergegangen sein.1906 ersteUte das Kaufmanns-Ehepaar Rieple das hohe Geschäftshaus vis-ä-vis des alten und ließ seine Firma als „Scheffeshaus-Neubau“ in das Handelsregister eintragen. So ging der Name auf das Nachbarhaus über, in dem der junge Dichter Max Rieple heranwuchs. Seine Erzählung „Mein erstes Gedicht“ wurde 1954 vom Scheffelbund in Karlsruhe veröffent­ licht, dessen Ortsverbandsleiter Max Rieple zu jener Zeit war. Anläßlich des 125. Geburtstages des Ekke­ hard-Dichters hielt Max Rieple in dem von Scheffel als sein „Ausruhnest“ bezeichneten Achdorf die Festrede. Er selbst weilte allzu­ gerne „im Tal“, wo er oft mit der Familie in der „Scheffellinde“ einkehrte. Mit den Enkeln und Urenkeln des Dichters, der Familie von Reisebach-Scheffel, hatte Max Rieple zeit seines Lebens Kontakt. Er erleb!e auch noch mit ihnen als Ehrengast 1976 die Aufführung des „Trompeters“ von bzw. in Säckingen. Die Verbundenheit mit der Natur war bei­ den Künstlern gegeben. Das musisch-künst­ lerische Talent lag bei Scheffel mehr im Malen, bei Max Rieple auf musikalischem Gebiet. Daß beide SchriftsteUer in Donau­ eschingen nicht vergessen sind, verrät die Scheffelstraße und die nun über 20 Jahre alte Scheffel-Apotheke im “ S c h e ffe l h a u s “ ­ sowie der neue Max-Rieple-Platz im Zen­ trum der Stadt und die Max-Rieple-Stube im Hotel „Sonne“. Anne Rieple-Offensperger Ver�essenes Schloß (Auf ctem Schloßbuck von Blumberg) 1 Zwischen den letzten Steinen wuchern viel Moosgeschichten – Alles bislang Erzählte ruht in vergess’nen Verliesen. Der Fuchs kennt den Eingang zum Geheimnis und wird nicht auf die Folter gespannt, um es auszuplaudern. 2 Unter dem Verputz der alten Häuser teilt das bäuerliche Fachwerk die steinerne Chronik des Schlosses in ihre Kapitel ein. Aber niemand sucht die von einem französischen General rauchgeschwärzten Steinmetzzeichen. 3 Abends glüht das Feuer der Sonne zwischen den Sträuchern und Bäumen in einem Kamin, an dem sich ein König namens Maximilian die Hände wärmte .. Kein Kind fragt noch warum – Auf der geschleiften Mauer stolpert der Pfad in eine Zukunft ohne Erinnerung. Jürgen Henckell * 153

Glocken, Kirchengeschichte Warum schlägt die Münster-Turmuhr in Villingen den Stundenschlag doppelt? Ist doch klar! Damit derjenige, der erst während des Stundenschlags davon auf­ wacht, die Stundenzahl noch einmal von vorn nachzählen und entscheiden kann, ob er sich noch einmal umdrehen und weiter­ schlafen soll. Also einmal eine vernünftige Einrichtung eines Bürgermeisters oder eines früheren Stadtpfarrers, die nichts kostet. Es lohnt sich also nicht länger darüber nachzu­ denken. Bei Durchsicht alter Ratsprotokolle aus vergangenen Jahrhunderten macht man aber eine andere, eine erstaunliche Feststellung. Das „Nachschlagen“ hatte einen ganz ande­ ren Grund, es war ein sogenanntes „Ei des Columbus“, mit dem man ein schwieriges Problem auf einfache und billige Weise lösen konnte! Die mittelalterlichen Städte waren einer ernsten, ständigen Feuersgefahr ausgesetzt. Die Häuser waren eng aneinander gebaut, teilweise noch mit Stroh oder Schindeln gedeckt: 1673 „Die Schindeldächer wegen großer Gefahr abzuschajf en. “ Dazu kamen die großen Heu- und Stroh­ Vorräte für die Viehhaltung in jedem Villin­ ger Haus, in dieser echten Ackerbürger-Stadt. Das Feuergewerbe (Schmiede, Glockengie­ ßer, Han-Kocher), die großen, primitiven Wasch-Öfen, das offene Licht, Kenen oder Öllampen (im Stall!), Unvorsichtigkeit (Trunkenheit) oder einfach UnglücksfäJJe, z.B. beim Herumtragen von Glut von einem Ofen zum anderen oder gar von Haus zu Haus (zum Nachbarn), schadhafte Kamine, das aJJes konnte zu furchtbaren Brandkata­ strophen führen, auch in Friedenszeiten. Die Ratsprotokolle sind voll solcher scharf gerüg­ ter Gefahrenquellen, die natürlich sofort 154 angeprangert und nach Möglichkeit abge­ stellt wurden (mit entsprechenden Strafen, versteht sich). Welche Stadt ist im Laufe der Jahrhun­ derte nicht mindestens einmal abgebrannt? Villingen merkwürdigerweise nur einmal, U71. Große Teile von Donaueschingen das letzte Mal 1907. Nur um einige Namen aus der engeren Heimat zu nennen: Rottenburg 1735 1736 Hausach 1749 Ehingen 1750 Tuningen 1762 Rottweil 1772 usw. usw., eine unendliche Liste! Denn 500-600 Häuser 27 Häuser 86 Häuser 54 Häuser 33 Häuser 32 Häuser Schwenningen “ Wehe, wenn sie losgelassen, wachsend ohne Widerstand

durch die volkbelebten Gassen, wälzt den ungeheuren Brand, denn die Elemente hassen das Gebild der Menschenhand.“ Dazu kamen die für uns heute unvorstell­ bar primitiven und völlig unzulänglichen Möglichkeiten der Brandbekämpfung. Keine Pumpen, keine Spritzen oder Schläuche! Das einzige Hilfsmittel war der lederne „Feuerkübel“: „Durch der Hände lange Kette um die Wette fliegt der Eimer, hoch im Bogen spritz.en Quellen, Wasserwogen. “ So haben die Alten unter uns es noch in der Schule auswendig gelernt. (Nachzulesen in Schillers „Glocke“). Es kam also darauf an, einen Brand so früh wie nur irgend möglich zu entdecken, wenn man überhaupt noch eine erfolgreiche Brandbekämpfung durchführen wollte. Diese Aufgabe war nachts drei Männern übertragen: dem Hochwächter auf dem Münsterturm und zwei Scharrwächtern (Nachtwächter), die durch die Straßen gin­ gen (heute noch als Touristen-Attraktion in Dinkelsbühl) und alle Nächte zu bestimm­ ten Zeiten „rufen“ sollten (1682 um 3 Uhr), damit die Leute aufwachen und gegebenen­ falls sebst etwas Ungewöhnliches (Brandge­ ruch) im eigenen Hause merken sollten. Die wichtigste Aufgabe des Hochwächters bestand darin, nachts Ausschau zu halten, ob in der Stadt oder in Richtung der benachbar­ ten Dörfer, den zur Stadt gehörenden „Dependenzorten“, ein Feuerschein zu erkennen sei. Er mußte dann sofort mit der Sturmglocke Alarm auslösen. Er durfte in sei­ ner Turmstube kein Licht anzünden, damit er auch hinter den Fensterscheiben, im Dun­ keln sitzend, auch nach außen sehen konnte. War da die Gefahr nicht groß, daß er bei sei­ ner langweiligen Tätigkeit – ohne Ablösung – nachts im Dunkeln einschlief? Das Original-Uhrwerk der .früheren Münsterturmuhr befindet sich im Franziskaner-Museum im Stadtbezirk Villingen. 155

einschlafen (ein Brand in Pfa.ffenweiler war verschlafen und nicht gemeldet worden) und nicht wohl möglich, daß ein Mann 24 Stun­ den wache, so wurde resolvieret, noch einen dritten Hochwächter aufzustellen und jeder nur 12 Stunden Wache haben soll. “ In München ist das „Nachschlagen“ schon im 14. Jahrhundert nachgewiesen (M. Schattenhofer). Das „Nachschlagen“ war also ein einfa­ ches und sinnvolles Kontrollsystem! (Eine primitive Stech-Uhr.) Bei Abschaffung der Funktion des Hoch­ wächters -um 1860 -wurde der doppelte Stundenschlag durch Umstellung des mechanischen Schlagwerkes aber beibehal­ ten, weil wohl die Bürger an den Doppel­ schlag gewöhnt waren und man nun einmal beharrlich an alten Gewohnheiten und Tra­ ditionen festhält. Aber auch wir wollen gern an diesem nützlichen und seiner Zeit so sinnvollen „Kontrollapparat“ festhalten und hoffen noch lange in der Nacht die Stunden genau nachzählen zu können. Dr. Ulrich Rodenwaldt Anmerkungen: Der bei einer Gemeinschaftsverpflegung (Kantine) heu­ te gängige Begriff .noch einen Nachschlag holen“ mag möglicherweise auf die im vorstehenden Beitrag be­ schriebene alte Einrichtung zurückzuführen sein. Die Zitate sind mit freundlicher Einwilligung des Her­ ausgebers (Binder-Magnete GmbH) dem Buch .Das Le­ ben im alten Villingen“, 2. Auflage 1983, entnommen. * Man fand eine einfache Lösung des sicher echten Problems: das Nachschlagen. Sobald die Turmuhr die Stunde schlug, mußte der Hochwächter also jede Stunde heraus zum Glockenstuhl und mußte auf einer anderen Glocke mit einem schweren Hammer die Stundenzahl von Hand „nach­ schlagen“. Die Scharrwächter sollten auf das Nach­ schlagen achten und waren darauf vereidigt, Anzeige zu erstatten, wenn der Hochwächter -wieder einmal -verschlafen hatte. 1742 „Dem Johann H ä s s l e r , Hochwächter, 1719 „Der Hochwächter wird erinnert,Jleißi­ ger nachzuschlagen und den Scharrwächtern (auf Zuruf) w antworten.“ welcher bei entstandener leidiger Feuer-Brunst in Michel H i n r e r , des Zimmermanns Behausung auf öfteres Zurufen des Scharr­ wächters und anderer Leute mehr keine Ant­ wort gegeben, viel weniger seiner [Jlicht gemäß, die Sturmglocke zeitlich geläutet, son­ dern dem Anschein nach gänzlich eingeschlä­ fert gewesen, solle hiermit der Dienst azifgekün­ digt und dimittiert werden. “ den bestraft, weil sie beim Brand in Mönch­ weiler geschlafen und diesen nicht gemeldet.“ 1764 „Hochwächter und Scharrwächter wer­ (Die Scharrwächter hatten das Ausbleiben des Nachschlagens nicht gemeldet.) alle Stund Antwort geben.“ (Also stündlich eine persönliche Ruf-Verbindung.) 1779 „Der Hochwächter soll die Gwcke mit Fleiß nachschlagen und dem Scharrwächter „FranzjosefB e r g e r , Hochwächter, welcher in seinem Dienst sehr schläfrig und mehrmalen beobachtetermaßen nicht nachschlaget, noch den zurufenden Scharrwächtern antwortet, ist das letztemal erinnert worden, in seinem Dienst wachsam zu sein.“ 1779 „Denen (2) Hochwächtern ist anzube­ fehlen, daß selben unter Verlust ihres Dienstes untersagt, daß selbe weder ein Licht auf den Turm nehmen noch auf dem Turm Tabak rau­ chen.“ 1781 „Da man wiederholten malen wahrge­ 156 nommen, daß die Hochwächter hin und her

Die Glocken der Pfarrkirche Gremmelsbach Das Schicksal der Glocken ist oft mit dem Gang der Weltgeschichte, ihrer Gunst und Ungunst, verbunden, äußere Gestalt und Dekor vom Kunstsinn ihres Schöpfers abhängig, von der Stilepoche ihrer Herstel­ lung ohnehin. Glücklich sind die Zeiten, da Glocken in großer z.ahl gegossen werden, Zeitpunkt, Häufigkeit und Dauer des Läu­ tens sind ein sicherer Gradmesser für das Maß der Freiheit in einem Staat, ganz ohne Frage auch für die Vitalität der Kirche. Trost­ los sind die Zeiten, wenn die Glocken schwei­ gen müssen, ein Diktator die Aufmerksam­ keit der Bevölkerung für seine Reden – wie geschehen – nicht durch den Klang der Glok­ ken stören läßt, ihr Geläute vom Zeitge­ schmack zum „Gebimmel“ herabgewürdigt wird, erst recht, wenn sich ihr Schall in Kano­ nendonner verwandeln muß und die noch verbliebenen den Tod von Gefallenen ver­ künden. Glocken: der Priester treueste Helfer und Mahner, der Dichter stimmungsvolle Motive, der christlich geprägten Menschen Begleiter von der Taufe bis zum Grab, von ihnen selbst als Stimme Gottes verstanden, manchmal auch Gegenstände des Aberglau­ bens als Helfer gegen Dämonen und in schweren Gewittern, mit magischen Worten versehen sogar Helfer bei Gebresten: von alledem kann in diesen Ausführungen nicht die Rede sein, sondern von den Glocken der Kirche in Gremmelsbach, die im Bewußtsein der Menschen von solcher Bedeutung waren, so selbstverständlich wie Kanzel und Altar zu ihr gehörten, daß die Spenden für sie selbst in kargen Zeiten, fast jedesmal nach großen Kriegen, unter heroischen Opfern auf­ gebracht wurden. Jahre, bevor der Vogtei ein eigener Geistli­ cher zugewiesen war (1790) und die Kirche erbaut wurde (1805), machte man sich über die Glocken Gedanken. Kaiser Joseph II. wollte in der Zeit der Aufklärung zugunsten der Pfarrkirchen alle Flurkapellen und Wall­ fahrtskirchen aufgehoben wissen. Einkünfte und Glocke der Wendelinuskapelle im Gewann Hohnen (Kapellenhof Nußbach) sollten für die Gremmelsbacher Kirche ver­ wendet werden.1 l Da der Kirche in Rohrbach eine Glocke von der „Exjesuitenkirche“ in Rottenburg angewiesen worden war, sollte erkundet werden, „ob von dort nicht auch noch für Gremmelsbach eine Glocke zu haben wäre?“2l, was offensichtlich nicht der Fall war. Dagegen ist verbürgt, daß Nußbach 1791 „das kleine Glöcklein (von der Hohnen­ kapelle) aber der Gemeind Gremmelsbach zu ihrem alldortigen unentbehrlich nöthigen Gebrauch gutwillig überlassen und abgetre­ ten hat.“3l Daß das Glöcklein (und ein leder­ nes Meßgewand) in die Gremmelsbacher Kirche kam, wurde auf dem Kapellenhof durch die Generationen hindurch bis heute erzählt. Zunächst aber muß es auf dem Kir­ chenbauernhof geläutet haben, in dessen Tenne der Gottesdienst abgehalten wurde. In Gremmelsbach hoffte man 1790 auch, die Glocke der Martinskapelle in Furtwangen zu bekommen, die ebenfalls zur Aufhebung anstand.4l Daß es geschehen ist, ist unwahr­ scheinlich. 1793 erbot sich Joseph Ketterer von Tri­ berg, „ein armer Handwerksman“, für 11 oder 12 Gulden das Beschläg für eine Glocke herzustellen.5l Um die gleiche Zeit machte Baudirektor Zengerle (von der Diözese Kon­ stanz, zu der damals unser Gebiet gehörte) die Anmerkung für die zu erbauende Kirche, „daß die Glocken in der Höhe in die Mitte der Schallichter kommen . .. Dieser Glocken­ stuhl wird aber ganz frei gesetzet, ohne das dieser an den Thum anstößt.“6> So wäre das Glöcklein von Nußbach bis 1815 das einzige gewesen, das in Gremmels­ bach zur Kirche rief? Das Friedensjahr des Wiener Kongresses gilt als das Gußjahr der „mittleren“ Glocke, die bis heute erhalten blieb. Alle Angaben, die wir über sie haben, teilt sie uns selbst mit. Ihrer Nähe zur Barockzeit 157

entsprechend enthält sie reichlichen Girlan­ denschmuck, ein Relief mit Christus am Kreuz, darüber den Namen Jesus, darunter die Namen Maria und Joseph. Meinrad und Benjamin Grueninger gossen -Villingen – H.Augustin Zigler Pfarrer, Christian Kalten­ bach Vogt, Adam Haas Kirchenpfleger, Johann Kienzler Richter . . . Gemeinde Gremmelsbach. Ihre Krone ist mit Löwen­ köpfen ausgestaltet. Auch fast alle Kenntnisse über die näch­ sten beiden Glocken stammen von diesen selbst.7l „Die größere besitzt ein Gewicht von fünf Zentner und zwanzig Pfund, die kleinere ein solches von einem Zentner und fünfzig Pfund. Spuren irgendwelcher künstlerischer Ausstattung weist keine au( Die Hauptzier­ den bestehen vornehmlich aus umlaufenden Bändern auf dem oberen und unteren Teil des Mantels. In der Mitte findet sich jeweils auf der einen Seite das Bild Christi am Kreuze. Die andere Seite ist bedeckt mit einer Anzahl Namen. Das Band am oberen Rand der beiden Glocken bringt uns den Namen des Meisters Benjamin Grüningervon Villin­ gen mit der Jahreszahl 1838. Darunter finden wir auf dem Mantel der großen Glocke einer­ seits das Bild des hl. Blasius, andererseits ver­ schiedene Namen von Zeitgenossen und ganz unten die der Stifter verzeichnet, welche der Rejhe nach aufgeführt werden: H. Trudpert Riger, Pfarrer, Michael Reiner, Bür­ germeister, Martin Schwer, Alois Ketterer, Laurenz Schwer, Gemeinderäte, Ludwig Advokat, Lehrer und Ratschreiber, Peter Bloed, Gemeindsr., Diener, Blasius Kienzler und Kreszenzia Kern Ehefrau Stifter der gro­ ßen Glocke. In ähnlicher Weise ist die kleine Glocke mit Bild und Inschriften bedeckt. Diese Glocke trägt das Bild und den Namen des hl. Josef, des Patrons der Pfarrkirche und die Namen der Stifter: Christian Haas, Mihler, Joh. Dold, Rößlewirt, Thadäus Dieterle, Forellenwirt, Georg Dold -Josef Dold und ]oh. Reiner.“ Wo das Glöckchen von der Hohnenka- 158 pelle eine weitere Verwendung fand, geht aus keiner Akte hervor. Diese beiden Glocken mußten im Ersten Weltkrieg 1917 abgegeben werden und wur­ den eingeschmolzen. Es ist mündlich über­ liefert, welche Traurigkeit die Menschen überkam, als das Geläut ein letztes Mal eine halbe Stunde lang erklangt. Das Bewußtsein: »Jetzt haben wir den Krieg verloren“ verließ sie nicht mehr. Kein ganzes Jahr nach Kriegsende, einer nachgerade unverständlich kurzen Zeit, konnte Dekan Franz JosefVögtle, Pfarrer in Gremmelsbach, an die Firma B. Grüninger Söhne in Villingen die Anfrage über die Anschaffung neuer Glocken zweier richten.BI Stifter waren die Witwe Johanna Haas und ihr Schwiegersohn Damian Schwer (Untergefellhof). Er hatte den einzi­ gen Sohn im Krieg verloren, dieser war der erste Gefallene von Gremmelsbach. Die Anzahlungssumme betrug 8.000 Mark. Domkapellmeister Carl Schweitzer konnte sein Einverständnis dazu geben. Die Größe der Glocken entsprach der Bela­ stungsfähigkeit des Turmes, was nach Prü­ fung des »Dachreites“ auch das Erzb. Bauamt feststellte. Die Preise waren angemessen, die Töne »h“ und „fis“ bildeten mit der noch vor­ handenen Glocke »d“ einen wohlklingenden Dur-Dreiklang. Auf dessen Gewährleistung legten Schweitzer wie Vögtle größten Wert. Schwierigkeiten machten der Glockengie­ ßerei in Villingen die Klausel m) des Liefer­ vertrages mit der Pfarrei in Gremmelsbach, die endgültige Festlegung der Kosten betref­ fend, die sich nach den Materialpreisen und den Lohnerhöhungen zum Zeitpunkt des Gusses richteten. Auf keinen Fall durften sie nach dem Willen Dekan Vögtles und der Stifter den Betrag von 12.818 M 50 Pf über­ steigen. Der Dekan drohte mit der Kündi­ gung des Vertrages, glaubte auch eine Firma zu kennen, die auf diese Bestimmung ver­ zichtete: Ulrich und Wen1e in Apolda; frei­ lich galt dies nur für Gußstahl-, nicht für Bronzeglocken. Dieses Argument brach zusammen. Eine Gießerei, die sich nicht

Die neuen Glocken in der Efarrkirche Gremmelsbach (1950 gegossen) daran hielt (Bestimmung m), hätte dem Glockengießerverband 2.000 Mark Strafe zahlen müssen. Vögtle wollte mit aller Macht die Glocken im Juni 1920 geliefert haben. Auch dies machte er zur Bedingung. Grund für diese Eile mag die beabsichtigte Übernahme der Pfarrei Kiechlinsbergen a. K durch Vögtle gewesen sein. In Niedereschach habe dies die Firma auch geschafft. Dort fand freilich eine Primiz statt, zu der die neuen Glocken läuten sollten. Dafür bot die benachbarte Gießerei alles auf. Die Arbeiten an den Gremmelsba­ cher Glocken waren zur gleichen Zeit begon­ nen worden, aber die Firma mußte trotz in­ tensiver Arbeit an den Glocken wiederholt für die Verzögerung um Verständnis bitten. Zur Begründung nannte sie mangelhafte Beliefe­ rung mit Materialien, z. B. Holzkohle, so daß sie nicht einmal für die Aufrechterhaltung des Betriebes garantieren konnte. Allen Ver­ zögerungen zum Trotz wurden die Glocken zum Mariä-Himmelfahrtstag 1920 fertig. Der Guß -jedesmal ein Risiko -war gelungen. Die Glockenweihe fand am 15. August, 14.30 Uhr, statt. Der“ Triberger Bote“ berich­ tete: „Die Feier begann mit vierstimmigem Veni Creator, dann sprach in kurzer, aber weihevoller Festpredigt der hochw. Herr Pfarrer Reger= Niederwasser von der Bedeu­ tung der Glocken in der kath. Kirche. Sie sind Herolde, Boten Gottes; denn sie mahnen uns an Gott, schützen uns in Not und begleiten uns zum Tod. Dona nobis pacem (Schenke 159

uns den Frieden!): so klangen voll innigen Flehens die Worte Gottes aus. Hieraufnahm unser hochw. Herr Dekan Vögtle die feier-“ liehe Weihe auf dem Kirchplatz vor, es dia­ konierten die hochw. Herren Fehrenbach = Homberg und Reger = Niederwasser. Die Gläubigen folgten mit Spannung und Ehr­ furcht den Weihegebeten und sinnvollen Zeremonien; (zu denen das Abwaschen, Sal­ ben und Beweihräuchern der Glocken gehörte, Verf.) das Ganze wurde verschönt durch 2 stimmungsvolle, packende Lieder des Kirchenchores, sowie durch 2 passende, gutgegebene Weisen der Musikkapelle. Dann stattete die Gemeinde vor ausgesetz­ tem Allerheiligsten Gott ihr Dankgebet in der Herz-Jesu-Litanei und dem feierlichen Tedeum.“9) Im Gasthaus „Rößle“ schloß sich eine weltliche Feier an, die zugleich für Dekan Vögtle die Abschiedsfeier war. In Erinnerung blieb, daß Schüler den Handwerkern helfen durften, die große Glocke am Turm hinaufzuziehen. Hängen einmal die Glocken, so führen sie ein nahezu selbstverständliches Dasein. Aus den Friedensjahren erfahren wir nur noch, daß sich der Klöppel der mittleren Glocke mehrfach löste und der Turmuhr beinahe schweren Schaden zugefügt hätte.10) Und wieder kam 1943 von der Regierung die Anordnung, die Glocken seien abzulie­ fern, den Sieg im Zweiten Weltkrieg herbei­ führen zu helfen. Diesmal durfte nur noch geraunt werden: »Jetzt ist der Krieg verloren.“ Auch diese Glocken (die kleine und die große) wurden Waffen. Für die Pfarrgemeinde war es nie eine Frage, den Dreiklang des Geläutes wiederher­ zustellen. Am 16. Juli 1950 schrieb Pfarrer Hermann Schneider an den Erzb. Oberstif­ tungsrat, die Gläubigen wünschten „schon lange“ die Anschaffung zweier neuer Glok­ ken.11 l Das Geld dafür war bereits gestiftet (1932 DM), die politische Gemeinde betei­ ligte sich mit 300 DM daran, das Angebot der Firma Grüninger lag vor. Über das „Te­ Deum-Motiv“ bestand Einigkeit, zur verblie­ benen Glocke sollten Glocken mit dem Ton 160 »c“ und »f“ kommen. Da auch Domkapell­ meister Franz Stemmer keine Einwände hatte, stand der Genehmigung durch das Erzb. Ordinariat nichts mehr im Wege. Auch statische Probleme gab es nicht, die neuen Glocken waren kleiner als die früheren. So wurde bestellt und gegossen -und die Glok­ ken waren von hervorragender Q!ialität! „Die beiden Glocken machten äußerlich hinsichtlich Sauberkeit, Klarheit der In­ schriften, sowie guter Profilierung des Flach­ reliefs den sauberen Eindruck eines wohlge­ lungenen Gusses … im Verhältnis zu der Größe und dem bescheidenen Gewicht der Glocken (220 kg bzw. 90 kg) sind diese Nachhalldauem (70 bzw. 55 Sekunden) als gut anzusprechen. Sie machen den Eindruck von guten, lebhaft aufspringenden Bronze­ glocken.“ (Dr. Johannes Maier, Glockenin­ spektor, Sigmaringen)12) Die große Glocke Oosephsglocke) trägt als Relief ein Bild des heiligen Joseph, des Patrons der Kirche, mit dem Jesuskind und dem Winkelholz, auf der gegenüberliegen­ den Seite die Worte: Gewidmet den Gefalle­ nen und Vermißten der zwei Weltkriege. Unter dem Symbol eines Glockengießers mit den Buchstaben B und G (Benjamin Grüninger) stehen die Worte: Gegossen im‘ hl. Jahr 1950. Die kleine Glocke (Schutz­ engelglocke) trägt das Bild eines Engels, darunter die Verse: Die Kinder ruf zur Taufe ich Der Menschen Tod verkünde ich. Beide sind sie mit fein ausgeführtem Schmuck geziert. Weihetag war Sonntag, der 22. Juli 1951. Beginn der Feier: 14.30 Uhr. Weihender Prie­ ster: Geistlicher Rat Anton Nölter aus Nie­ derwasser. Wer jenen strahlenden Tag be­ wußt miterlebt hat, wird sich immer der optimistischen Stimmung erinnern, von der sich die Menschen tragen ließen. Die Not hatte sich gewendet, eine glückliche Zukunft hatte begonnen, die Hoffnung auf eine lange Friedenszeit beflügelte alle. Ein Bericht von diesem Fest geriet ver­ ständlicherweise eher zu einem Hymnus.

„Eine festlich gestimmte Menge strömte dem Gotteshaus zu, dessen Portal mit einer Girlande geschmückt ist. Als wir eintraten, grüßte uns vor dem Altar ein mit Tannen­ zweigen geschmücktes Gerüst, an dem die Glocken hängen. Links und rechts geben helle Birkenzweige dem dunklen Grün der Tannen einen freundlichen Rahmen. Blu­ men schmücken Kirchenschiff und Altar. Bis auf den letzten Platz war die Kirche gefüllt. P. Arnold (Salesianermissionar, um diese Zeit auf Urlaub in der Heimat), der in Kürze wie­ der nach Columbien zurückkehren wird, hielt die Predigt … Nach der Predigt spra­ chen drei Mädels den Gruß für die neuen Glocken … Tief ergriffen erlebten die Gläu­ bigen den feierlichen Akt. Besondere Weihe erhielt die Feier durch die musikalische Unterstützung des Musikvereins Gremmels­ bach, des Gesangvereins Harmonie Grem­ melsbach und des Kirchenchors. Ergreifend schön erklangen ,Ich suche Dich‘ und ,Heilig ist der Herr!'“13l Der Inhalt der gedankenschweren, leiden­ schaftlich vorgetragenen Predigt P: Joseph Arnolds ist im Wortlaut erhalten. Alles Unheil dieser Welt deutete er als eine Folge der Nichtbeachtung der Mahnungen Gottes von der Sintflut bis Fatima. In den drei Glocken sah er die Symbole für Glaube, Hoffnung und Liebe. Das Wundersamste an ihnen war für ihn ihr harmonischer Zusam­ menklang: ,, Welch ein sprechendes Bild für unsere Gemeinschaft in der Liebe, in der Ehe, in der Gemeinde, im Volle, zwischen alt und jung, Mann und Frau, Arbeiter und Unter­ nehmer, Neubürger und Eingesessenen … Ja, meine lieben Christen! Die Glocken sind für uns gute Lehrer, ja, sie sind die Stimme Got­ tes selbst … “ 14) Karl Volk Quellen: 1 l Generallandesarchiv Karlsruhe (GLA) 381 Zugang 1910/84/110 21 Ebda 31 Ebda 41 Ebda 51 GLA 229/33854 51 Ebda 71 Triberger Bote vom 30. April 1917, Nr. 173, erhalten in der Akte Sauer im Erzb. Archiv Freiburg ßl Akten im Pfarrarchiv Kiechlinsberger a.K., die H. Pfarrer Anton Weber dem Verfasser zur Verfügung stellt. 91 Datum des Berichts: 15. August 1920 101 Erzb. Archiv FK 7869 111 Erzb. Archiv Bausachen Kirche Gremmelsbach 121 Ebda 131 Südkurier, 24. Juli 1951 141 Den Wortlaut der Predigt überließ P. Amold dem Verfasser zum Thema „Glocken“ s. auch: Deutscher Glockenatlas I Baden – bearb. V. Sigrid Thurm 11985 Deutscher Kunstverlag München Berlin Ein alter Ablaßbrief für 3 baaremer Gemeinden Ein Beitrag zur Kirchengeschichte der Baar Es kam im frühen Mittelalter nicht selten vor, daß Priester mangels hinreichender Dotation sich genötigt sahen, für die Erbauung, Ausstattung oder Wiederherstel­ lung ruinöser oder zerstörter Kirchen beim Volk um besondere Spenden zu bitten. Die kirchliche Obrigkeit – in unserem Fall das Bistum Konstanz – stellte auf eine entspre­ chende Bitte hin einen bischöflichen Empfehlungsbrief für 1 Jahr aus und gewährte darin allen Spendern einen Ablaß von 40 Tagen. Ein noch stärkerer Anreiz zur Spenden­ freudigkeit der Gläubigen war gegeben, wenn der betreffende Priester für die gewährte Spende einen päpstlichen Ablaß verkünden konnte. Solche Ablässe waren beim gläubi­ gen Volk hochgeschätzt. Nicht, daß man des Glaubens war, sich mit Geld loskaufen zu können von seinen Sünden(,, wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Feuer springt“ war zu keiner Zeit Lehre der Kirche und Glaube des Volkes), aber daß man fest der Überzeugung war, daß „Ablaß“ Nachlaß 161

aller zeitlichen Sündenstrafen bringt, die nach bereits (in der Beichte) vergebener Sün­ denschuld oft noch hier oder im Jenseits abzubüßen sind. Wenn also z.B. ein Ablaß von 40 Tagen (was eine Q!iadragene bedeu­ tet) gewährt wird, heißt das, daß ein Nachlaß jener zeitlichen Sündenstrafen erteilt wird, die man ehedem durch eine kanonische Buße von 40 Tagen vor Gott abgetragen hat. Diese Vorbemerkungen scheinen mir zum besseren Verständnis des Folgenden notwen­ dig zu sein. So bekam auch im Frühjahr 1353 der Prie­ ster Nikolaus Eschinger von Fürstenberg auf seine Bitte hin, von Avignon aus, wo damals die Päpste residierten, einen Ablaß von 40 Tagen gewährt für alle, die „ad ecclesiam parrochialem in Haindingen in honore st. Martini fundatam seu capellas in Fursten­ berg et in Blomenberg eidem ecclesiae anne­ xas“, d. h. die die Pfarrkirche in Hondingen, die zu Ehren des hl. Martinus gegründet wurde oder die zu dieser Kirche gehörenden Kapellen in Fürstenberg und Blumberg auf­ suchen, in der Pfarrkirche oder in den Filial­ kapellen gebeichtet und kommuniziert haben und causa devotionis, orationis aut pergrinationis (aus Gründen der Verehrung, des Gebetes oder einer Wallfahrt) an folgen­ den Festen gekommen sind: am Fest des hl. Bischofs und Kirchenpatrons, am Kirch­ weihfest der Pfarrkirche oder ihrer Kapellen, an Weihnachten, Neujahr, Dreikönig, Kar­ freitag, Ostern, Christi Himmelfahrt, Pfing­ sten, am Fest der Hl. Dreifaltigkeit, Fron­ leichnam, der Kreuzauffindung und -Erhö­ hung, an allen Muttergottesfesten, am Fest des hl. Erzengels Michael, der Geburt und Enthauptung des hl. Johannes, des Täufers, an allen Festen der Apostel und Evangelisten, dem Fest der vier Kirchenlehrer Hierony­ mus, Ambrosius, Augustinus, Gregorius, des h]. Stephanus, Laurentius, Fabian und Seba­ stian, Dionysius, Blasius, Nikolaus, der hl. Maria Magdalena, Katharina, Agatha, Marga­ ritha, wie auch an allen Festtagen, die eine Oktav haben. Ebenso erlangen an allen Samstagen und Sonntagen des ganzen Jahres 162 Altarbild in der Hondinger Kirche alle jedesmal 40 Tage Ablaß, wenn sie zu Ehren Gottes in der Kirche eine hl. Messe lesen lassen oder den gewöhnlichen Gottes­ diensten, Morgenpredigten, Vesperandach­ ten beiwohnen oder mit um die Kirche gehen (Umzug um die Kirche) oder aber wenn man den Priester über die Gassen be­ g!eitet, wenn er den Leib Christi und das hl. 01 zu Kranken bringt, ebenso diejenigen, die beim Glockenschlag am Abend (Angelusläu­ ten) mit gebogenen Knieen drei Ave Maria beten und dreimal um den Gottesacker die­ ser Kirche (gemeint ist hier nur Hondingen. Fürstenberg und Blumberg hatten damals, weil Filialen, noch keinen eigenen Gottesak­ ker) gehen und dabei für die Seelen aller, die dort in Christus ruhen, und aller verstorbe­ nen Gläubigen das Gebet des Herrn mit dem marianischen Gruß beten oder Spenden an die Kirchenfabrik (Kirchenfond) geben, für Lichter, Kelche, Meßgewänder, Altartücher,

Meßbücher etc. oder in ihrem Testament und auch sonst Gold, Silber, Kleider oder andere karitative Hilfen der Kirche ver­ machen oder für das Leben und Wohlbefin­ den des Bittstellers, des Priesters Nikolaus Eschinger von Fürstenberg und für seine Seele, wenn sie einmal von hinnen scheidet, fromm zu Gott beten. Gegeben zu Avignon am 27. Februar 1353 im 1. Jahr des Pontifikates Innozenz VI. Innozenz VI., der diesen Ablaß gewährte, ein Franzose, ein frommer, sittenstrenger, sparsamer, allem Prunk abholder Papst, der sehr auf Reform des Klerus in Deutschland, ebenso an der Kurie drang, war erst vor kur­ zem (am 10. Dezember 1352) in Avignon zum Oberhaupt der Kirche gewählt worden. Die Kurie in Konstanz erteilte dem Ablaß­ brief, der von einem Erzbischof und 14 Bischöfen unterschrieben und mit dem päpstlichen Sigill versehen war, die bischöf­ liche Bestätigung (Confirmatio). Der Priester, der nun mit dieser päpstli­ chen Unterstützung für seine armen Kirchen -zuerst ist Hondingen genannt, dann seine beiden Filialkirchen in Fürstenberg und Blumberg -um milde Gaben bat, hieß Niko­ laus Eschinger und war, allem Anschein nach Pfarrer von Hondingen, wenn er auch seine Wohnung in Fürstenberg hat. Welchen materiellen Erfolg er dank dieses Ablaßbriefes erzielte, ist nicht bekannt. Aber aus der Geschichte weiß man, was für eine erstaunliche Spendenfreudigkeit aufgrund solcher Ablaßbewilligungen einsetzte und u. a. viele Kapellen, Pfarrkirchen, Spitäler usw. erbaut und unterhalten werden konn­ ten.Auffallend ist jedem, der dieses päpstliche Dokument studiert, wie häufig der Ablaß gewonnen werden konnte und auch wie ver­ hältnismäßig leicht er zu gewinnen war. Gegenüber den früher üblichen hohen Stra­ fen waren im Lauf der Zeit die geforderten Leistungen sehr herabgesetzt worden und die kirchliche Pastoral war zu einer milderen Praxis gegenüber den Sündern gekommen. Pfarrer Josef Spintzik nach Tschernobyl Alle Jahre wieder Christiana Steger das Chaos hat sich als nicht kalkulierbar erwiesen, der Wind treibt den Staub menschlichen Übermutes weit – lebensvernichtende Teilchen fallen mit Regentropfen über alle Grenzen auf Wiesengrün und blühende Gärten, vielgesichtig ist der Tod, den wir uns selber schaffen … Tröstlich das Lärmen spielender Kinder, Fahrradgeklingel, Rufe, Lachen und das ruhige Atmen der schlafenden Katze … sanftes Gleichmaß gelassen lebendig. * mit dem sorgsam aufbewahrten Weihnachtsschmuck vom letzten Jahr packt sie auch ihre Traumkiste aus – mit Sehnsüchten und Hoffnungen, T annengrün und Mistelzweig schmückt sie ihr Zimmer – um nach dem lächelnden Blick in Kindergesichter -schwarzgemalt unter Goldpapierkronen – alles wieder zu verpacken und sorgsam aufzubewahren bis zum nächsten Mal. Christiana Steger * 163

Kirchen, Mission, Wallfahrtswesen 175 Jahre Kirchensaal der Brüdergemeine in Königsfeld Der Kirchensaal der Brüdergemeine vom Zinzendo,jplatz aus. Der linke Anbau beherbergt die Woh­ nung des Pfarrers und Gemeinderäume. Der rechte die Vorsteherwohnung, Büro und Archivräume. Im Vordergrund: Der Bläserchor in Aktion. Am 11. Oktober 1987 gedachte die evange­ lische Gemeinde ihrer in Königsfeld Anfange. Am 19. Oktober 1812 wurde der Kirchensaal feierlich eingeweiht. Gäste von Nah und Fern staunten damals über den Wagemut der etwa 65 Einwohner, ein Kir­ chengebäude mit Raum für etwa 650 Gottes­ dienstteilnehmer zu bauen. Es war ein Bau auf Hoffnung und die Gemeinde ist bis heute froh, daß nicht kleiner gebaut wurde. Die damals zuständige Herrschaft, König Friedrich I von Württemberg, gab 1806 die Erlaubnis zum Bau der „Kolonie Königs­ feld“. Man kannte die Herrnhuter als tüch­ tige Handwerker und man schätzte die pieti- Mutiger Beginn stische Glaubensrichtung als Brunnenstube für vertrauenswürdige Mitarbeit in Kirche und Gesellschaft. Die Freunde Zinzendorfs und der Brüdergemeine hatten schon lange um eine Siedlung in Südwestdeutschland gebeten und sie trugen erheblich zur Finan­ zierung der ersten großen Bauphase bei. Auch wurden aus ihrer Mitte Siedler und Mitarbeiter für den neuen Ort gewonnen. Die Synode der Brüdergemeine hatte die Ansiedlung beschlossen und die Leitung in Herrnhut half mit Plänen. Vorbild für das Gebäude waren die vorher entstandenen Säle in Neuwied am Rhein und Gnadenberg in Schlesien, für den Dachreiter Gute Stube der Gemeinde 164

Sonntagsgottesdienst im Kirchensaal diente Herrnhut selbst als Vorbild. Es fällt dem Besucher auf, daß der Saal innen weiß gehalten ist mit leichter wärmender Tönung. Schmuck sind die geschwungenen Emporen, die Orgel und die Holztäfelung der Wände, die in einer Höhe von 2,30 m durch ein Bord abgeschlossen wird. Die hohen Fenster las­ sen viel Licht herein und sind mit Gardinen versehen. Der leere Saal wirkt sehr nüchtern. Die weiße Farbe, die sich auch an den Sakra­ mentstalaren wiederholt und in der Farbe des Sarges der Brüdergemeinmitglieder, ist schon im Neuen Testament Farbe der Freude und des Gottesreiches. Das schlichte Kreuz an der vorderen Wand deutet an, daß der Saal ein Raum ist, in dem der für uns gestorbene und auferstandene Herr Jesus Christus die Hauptperson sein soll. Die Herrnhuter Kirchensäle wurden in ihrer klassischen Form entwickelt von dem · Architekten Siegmund August von Gersdorf (1702-1777). Deutlich ist die Verwandtschaft mit barocken Schloß- und Bibliothekssälen. Eine andere Wurzel ist die Tatsache, daß die Konzession Friedrichs des Großen von 1742-1764 in Schlesien den Evangelischen lediglich Bethäuser, keine Kirchen gestattete. Dies traf zusammen mit den liturgischen Bedürfnissen einer singenden Gemeinde von Brüdern und Schwestern, die sich ihres lebendig gegenwärtigen Herrn Jesus Christus gewiß war ohne Bilder, Altar und Allerheilig­ stes. Vielmehr ist die Gemeinde da, wo Men­ schen im Namen Jesu versammelt sind. Das kann auch in einer Wohnstube sein. Bei Festen wird der Saal zur Wohnstube der Gemeinde, wo man beim „Liebesmahl“ ge­ meinsam Tee trinkt, ißt, singt und zuhört. 165

Beim Abendmahl nach Art der Brüderge­ meine, das meist abends stattfindet, teilen Schwestern und Brüder in weißen Talaren die Elemente Brot und Wein in den Bänken an die Gemeindeglieder aus. Man gibt ein­ ander die Hand der Versöhnung und des Friedens und man weiß sich in der umgeben­ den Gemeinde aufgehoben und in Gottes Barmherzigkeit geborgen. Gäste und Freunde Viele Gäste kommen nach Königsfeld zur Kur und zur Erholung, um Luft und Ruhe zu tanken. Darunter ist gar mancher, der am kul­ turellen und kirchlichen Leben gern teil­ nimmt. Bei regelmäßigen Führungen wird die Geschichte Königsfelds und die Eigenart der Brüdergemeine ausführlich behandelt. Darüber hinaus kann man, besonders im Sommer, viele Busse mit Gästen aus dem In­ und Ausland erleben, die in Königsfeld Sta­ tion machen und sich diese besondere Gemeinde zeigen lassen. Die Brüderunität ist ein Verband von über Europa zerstreuten Gemeinden, eine Frei­ kirche, die sich besonders in Übersee aus­ gebreitet hat. Das führt dazu, daß viele Gäste Königsfelds aus Ländern West- und Osteu­ ropas, aus Afrika, der Karibik oder aus den Tibetergemeinden im Himalaya kommen. evangelisch-landeskirchliche Ge­ meinde ist im Saal der Brüdergemeine Dauergast. In guter ökumenischer Zusam­ menarbeit geschieht der Dienst beider Gemeinden weithin gemeinsam. Die Der Dachreiter Zum Herrnhuter Kirchensaal gehört kein Turm, sondern ein Dachreiter mit einer klei­ nen Glocke. Solche Dachglocken finden wir als Sturm- und Feuerglocken auf Schwarz­ waldhöfen oder auch Minoritenklöstern. Glocke und Uhr dienten lange Zeit hin­ durch zur Zeitangabe für den Ort. Beim Anbau Königsfelds hatte nicht Jedermann eine Uhr.Ja,es gab keine genaue verbindliche Zeit. Die Turmuhr wurde nach der Sonnen­ uhr gestellt, die sich noch heute an der Vor- 166 derseite des Kirchensaales befindet. Nach dieser Ortszeit wurde auch geläutet und zum Gottesdienst gerufen. Erst mit der Bahn kam die „Normalzeit“, für Königsfeld im Jahr 1896. Der kleine Turm, der Glocke und Uhr beherbergt, wird abgeschlossen durch eine Zwiebelhaube. Die Zwiebel symbolisiert die Auferstehung, aus ihr wächst neues Leben, wenn Erde und Wasser helfen und Gott sei­ nen Wachstumssegen dazu gibt. Schaut man weiter hinauf, so sieht man auf dem Türmchen weder Kreuz noch Hahn. Aus der Zwiebel wächst zunächst die Kugel: Weltkugel als Herrschaftsbereich Jesu Christi und Heimat der Christenheit in vie­ len Ländern, mit denen wir verbunden sind. Über der Kugel ist die Windrose zu sehen mit einem vergoldeten Nordpfeil: Hier kann sich jeder orientieren, wie die Himmelsrich­ tungen liegen. Es folgt darüber die Wetter­ fahne mit der Jahreszahl 1811: Das Jahr, in dem das Dach aufgesetzt wurde. Hier ist die Windrichtung abzulesen. Zuoberst bemerkt der aufmerksame Betrachter den Stern. Der Stern wies die weisen Männer nach Bethle­ hem zum Geburtsort Jesu. Jesus selbst wird als der Morgenstern bezeichnet, der auf­ gegangen ist als Licht für die Welt. Und als Abendstern geleitet er Menschen durch fin­ stere Lebensabschnitte, wie er selbst auch in seinem Leben die Tiefen bis zum Tod hin durchleben mußte. Alles zusammengenommen verdient der kleine Turm mehr Aufmerksamkeit, als wir ihm normalerweise zuwenden. Er hat uns mancherlei zu sagen und tut uns damit einen Dienst. Pfarrer Dr. W. Günther *

P. Fidelis Dieterle (1854-1938) Ein Gremmelsbacher: Prediger im Straßburger Münster und Missionar in der Südsee Es bleibt ein Phänomen, wie der Kirche durch die Jahrhunderte geistliche Berufun­ gen erwachsen, Priester und Ordensleute, die Familie und Heimat, selbst die europäische Kultur für immer aufzugeben bereit sind, um in heroischer Opferbereitschaft die christ­ liche Botschaft in den Missionsländern zu verbreiten, ohne nach eigenem Glück oder Leid zu fragen. Zu ihnen gehörte Matthäus Dieterle, mit Ordensnamen P. Fidelis, in der Heimatgemeinde „Forelle-Pater“ genannt, eine Kraftnatur von seltenen charakterlichen Eigenschaften. Im Gasthaus „Forelle“ in Gremmelsbach wurde er als Sohn der Eheleute Thaddäus und Kreszentia Dieterle (geb. Armbruster) am 24. September 1854 geboren. Bewegt wie sein Ordensleben waren schon seine Schul­ und Studienjahre: mit 12 Jahren Beginn der Studien bei den Schulbrüdern in Ebersmün­ ster im Elsaß, zwei Jahre später Privatstun­ den, um das Gymnasium in Freiburg besu­ chen zu können, Reifeprüfung in Bensheim 1876, Studium der Theologie und Philoso­ phie in Würzburg (bis 1879) und St. Peter (1880). Dort Priesterweihe durch Bistumsver­ weser Lothar von Kübel am 13. Juli 1880. Innerhalb von 8 Jahren wurde er von der Kirchenbehörde in nicht weniger als 9 Pfar­ reien geschickt: Stetten bei Lörrach, Nöggen­ schwiel, Steinach, Beuggen, Walldorf, Zell a. H., Breisach, Niederschopfheim, Hocken­ heim. Die Begeisterung seiner ersten Priester­ jahre fielen in die Zeit, als der Sturm des Kul­ turkampfes zwar vorüber, in der kirchen­ treuen Bevölkerung aber keineswegs über­ wunden war. In seiner Stadtpfarrei Hocken­ heim (1888-1891) war sogar der Kirchenchor gespalten. Dafür verbot ihm Pfarrverweser Dieterle das Singen an Weihnachten, wodurch er in der Kirche eine gewaltige Erre­ gung auslöste, die beinahe zu Tätlichkeiten geführt hätte. 1889 machte er mit einem elsässischem Pilgerzug eine Wallfahrt nach Lourdes. Seine tiefe Liebe galt den Armen und den Kindern. Sein Bedürfnis zu schenken ging so weit, daß man bezweifelte, ob er mehr als zwei Hosen oder mehr als ein Paar Schuhe hatte. Kinder hungern zu sehen, schnitt ihm ins Herz. Er verköstigte sie am eigenen (schmalen) Tisch und versorgte sie im Som­ mer überreich mit Kirschen. Doch selbst so schien ihm das Ideal der Armut nicht erfüllt. Was er wollte, wollte er mit ganzer Leidenschaft. „Im Interesse seines Seelenheiles“ bat er, den Stand des Weltprie­ sters verlassen und in den Kapuzinerorden eintreten zu dürfen. In Baden war dies nicht möglich, also ging er nach Sigolsheim im Elsaß. Und nun erlebte ihn seine Kirche auf einem ersten Höhepunkt seines Schaffens. Er leistete Aushilfe, war Volksmissionar und Guardian (Vorsteher) in Sigolsheim, nach 167

Aufenthalten in Ehrenbreitstein und Mainz stand er den Kapuzinerklöstern in Krefeld (1902) und Sterkrade (1903) vor, wo er das 40- Stundengebet einführte. Als „fulminanter Fastenprediger an St. Martin zu Freiburg und am Münster in Straßburg“ wird er von Hein­ rich Hansjakob in „Erzbauern“ bezeichnet. Seine tiefe, kraftvolle Stimme war eine gute äußere Voraussetzung dafür. „Ein gottbegna­ deter Redner, ein frommer Priester, ein liebe­ voller Seelsorger im Beichtstuhl, ein freund­ licher, bescheidener, demütiger Ordens­ mann im Verkehr mit seinen Ordensbrüdern und den ihm Anvertrauten … “ schrieb das ,,Sterkrader Volksblatt“ ihm zum Abschied. Doch in dem Charismatiker glühte die Sehnsucht des Missionars. Mit 50 Jahren ver­ ließ er mit zwei weiteren Patres und drei Ordensbrüdern die Heimat, um auf der Karolineninsel Ponape in den Wasserwüsten des Stillen Ozeans Menschen zu bekehren. Da die Mitchristen dem Heroismus, sich zum Aufbruch in ein Missionsland zu ent­ scheiden, – war es doch meist ein Abschied auf ewig – immer höchste Bewunderung ent­ gegenbrachten, nahmen sie auch in überwäl­ tigend großer :zahl an der Abschiedsandacht an einem Sonntagnachmittag (23. Oktober 1904) in Straßburg-Königshofen teil. Über die ergreifende Feier berichtete „Der Elsässische Volksbote“ (25. Oktober 1904): „Die Kirche war mit Gläubigen bis zum Erdrücken gefüllt, bis an die Nebenaltäre … Nach einem vierstimmigen Liede des Schü­ lerchores trat der ehrwürdige P. Fidelis bleich und ernst an die Kanzel heran und hielt eine tief ergreifende Abschiedspredigt mit dem Texte: „Gehet hin in alle Welt und lehret alle Völker und taufet sie“ … Die Frage: „Wohin gehen wir?“ beantwortete er mit einer kurzen Das Gasthaus „Forelle“ zur Zeit vor dem 1. Weltkrieg 168

Geschichte der Karolinengruppen… und richtete bei der Frage: „Warum gehen wir dahin?“ einen so warmen Appell an die Anwesenden, überall im Leben treu und streng die Pflicht zu erfüllen, daß kein Auge trocken blieb. Nicht um schnöden Mam­ mons willen ziehen Missionare aus, nein, um wohl zu tun, zu lieben und zu leiden, zu wir­ ken und zu sterben um Christi willen und die Botschaft des Kreuzes und seines Segens über Welt und Hölle zu bringen und unsterbliche Seelen dem Himmel zu gewin­ nen … Nicht mit Verzweiflung und Trauer im Herzen scheiden wir von euch, sondern in der frohen Zuversicht, uns alle wiederzuse­ hen im schönen Himmel droben nach einem Leben der Opfer und Entsagungen und treuester Pflichterfüllung.“ Drei Wagen brachten die Missionare zum Hauptbahnhof in Straßburg, sie fuhren nach Rom und mit der „Seydlitz“, einem Dampfer des Nord­ deutschen Lloyd, ihrem Ziel entgegen. In den Tagebüchern des mitreisenden elsässischen Missionars, P. Calixtus Lopinot, findet sich unter dem 30. November 1904 folgende Eintragung: „P. Fidelis noch etwas unpäßlich, aber er hat den guten Humor nie verloren. Er ist sehr freundlich gegen uns und alle Passagiere überhaupt, so daß seine Freundlichkeit heute von einer Dame derart ausgenützt wurde, daß sie ihn zum Hüter ihrer Kinder engagierte.“ An diesem Tag fuh­ ren sie an Sumatra vorbei. Am 30. Dezember kam er auf dem Postschiff „Germania“ in Ponape, seinem Ziel, an. Unterwegs hatte er sich an Malaria infiziert, er entkam knapp dem Tode. Welche Situation sollte die Missionare erwarten? Das Deutsche Reich hatte 1899 nach dem spanisch-amerikanischen Krieg die Karoli­ nen, die Marianen und die Palau-Inseln für 17 Millionen Mark von Spanien gekauft. Die spanischen Missionare verließen bis 1907 ihre Stationen -nicht ohne besonderes Lob von seiten der Regierung in Berlin. Dieser waren deutsche Missionare auf den neuer­ worbenen Inseln willkommen, da sie den Eingeborenen beim Erlernen der deutschen Sprache behilflich sein konnten. Übereinstimmung bestand auch in der Absicht, „durch Erziehung, Schulung, gesundheitliche Pflege ein starkes und sitt­ lich tüchtiges Volk aus den Insulanern erwachsen zu lassen.“ (Hahl, Kaiserlicher Gouverneur). Die ersten deutschen Missio­ nare betraten die InselnJap und Ponape 1903. Zwei weitere „Karawanen“ folgten. Die 350 qkm große Insel war mit einer paradiesischen Vegetation gesegnet, Urwald bedeckte sie, fruchtbare Bäume wie Kokospalmen, Bana­ nenbäume, Zitronen-und Apfelsinenbäu­ me … bescheidener war dagegen die Zahl der Tierarten, reicher Fischfang war nicht selten, doch die Fische waren im Tropenklima nicht einen Tag lang haltbar. Die Inseln waren von Taifunen ständig bedroht. Ponape war mit 3200 Einwohnern dünn besiedelt, in Stämmen (Matolanim, Kiti, U, Jakoi, Not) organisiert, von Häuptlingen regiert, denen als den Lehensherren bei acht Festen im Jahr der Tribut (Naturalien) über­ geben wurde. Die Menschen waren reinlich, begabt und lernfreudig, auch recht anstellig im Errichten von Gebäuden unter der Anweisung von Missionaren. Dagegen herrschte große Sittenlosigkeit, eheliche Treue war unbekannt, Vielweiberei weit verbreitet. Die Kindererziehuqg bestand im Gewährenlassen, herangewachsene Men­ schen wurden in die Ehe verkauft. Auch unter Bekehrten lebte der Aberglaube fort: „Wenn es nur der Pater nicht erfahrt, dann ist es keine Sünde.“ Die Bevölkerung war dezimiert durch ein­ geschleppte Seuchen wie Pocken, Tuberku­ lose und Syphilis. Erschwert wurde die Situation der christli­ chen Mission insgesamt durch die Konkur­ renz der seit etwa 1850 auf den Karolinen wir­ kenden methodistischen Boston-Mission, durch Häuptlinge, die diese in Prediger-und Pastorendiensten unterstützten und durch die Liebenzeller Mission nach der Über­ nahme der Inseln durch das Deutsche Reich. Nach seiner Genesung unter der fachkun- 169

digen Aufsicht des Regierungsarztes Dr. Girschner sah sich P. Fidelis auf seiner Sta­ tion unvorstellbaren Schwierigkeiten gege­ nüber, so daß er auf die überwältigende Schönheit der tropischen Vegetation und unberührten Natur – heute längst vom Tourismus entdeckt und ausgekostet-kaum einen Blick werfen konnte. Denn: Wie mit Menschen reden, die man gewinnen will, ohne sich im Labyrinth ihrer Sprache zurechtzufinden, für die keine grammatika­ lischen Regeln zu finden waren? Und die Eingeborenen zeigten oft keine große Lust, den Fremden ihre Sprache zu erklären. Immerhin konnte P. Fidelis bereits 1905 damit beginnen, in der Ponapesprache zu predigen und zu unterrichten. In seiner Rast­ losigkeit ließ er schon jetzt in Roi, seiner Mis­ sionsstation, eine Werft, einen Kanal und ein Bootshaus bauen. 1906 gründete er eine Schule. Noch kein halbes Jahr war P. Fidelis auf der Insel, da brach am Gründonnerstag, dem 20. April 1905 ein Taifun über sie herein und richtete schwerste Verwüstungen an. Der Tag begann stürmisch, aber erst um die Mittags­ zeit konnte man die Größe der Gefahr erken­ nen, als das Kirchendach davonflog. Das Allerheiligste wurde zunächst in die Schrei­ nerei, danach in das ehemalige spanische Refektorium (Speisesaal) übertragen. Dort beteten die Kapuziner mit den Eingeborenen den Rosenkranz. Von 12 bis 15 Uhr tobte der Orkan, rückte Häuser von der Stelle, „Dach­ bleche flogen mit wildem Geklirre durch die Luft“, Bäume wurden abgebrochen, auf der Anhöhe ging ein Meerwasserregen nieder, das Wellblech des Bootshauses durchschnitt einen dicken Kokosbaum, unter Steinfunda­ menten von Häusern und unter entwurzel­ ten Bäumen suchten die Menschen Schutz. Vier Häuser, zwei Kirchen und zwei Schulen hatte der Sturm zerstört. Das Missionsge­ bäude stand schief und mußte von Baum­ stämmen gestützt werden, ein einziger Raum diente als Kirche, Schule und Schlafraum für die Eingeborenen. P. Fidelis baute sich aus Kisten ein Büchergestell. Er trug alles in stoi- 170 scher Ruhe:“ Wir müssen uns halt nach der Decke strecken.. . Gebe der liebe Gott zu allem seine Gnade, besonders mir die Beharr­ lichkeit, bis jetzt war er arg gut gegen mich“ – ein Satz, der sich in seinen Briefen, leicht abgewandelt, noch häufig wiederholte. Sei­ nen geistlichen Mitbrüdern in der Heimat schrieb er später, er sei so glücklich wie noch nie,“ weil ihn Gott belohne, daß er in die Mis­ sion gegangen“ sei. Zu den Aufgaben eines Missionars auf Ponape gehörte es, mit einem kleinen Boot Menschen auf benachbarten Inseln aufzusu­ chen. Von einer solchen Bootsfahrt mit P. Fidelis berichtet Bruder Othmar: ,,Diese Rei­ sen sind jedesmal mit Lebensgefahr verbun­ den … Rechts und links die haushohe Bran­ dung, wir in der Mitte wie eine Nußschale. Jede Woge muß geschnitten werden … Von der Seite darf uns keine Woge fassen. Bald hebt uns das Wasser haushoch in die Höhe, dann saust das Boot wieder in die Tiefe … daß es einem eiskalt wird trotz der Tropen­ sonne, welche über uns brennt. Käme jetzt eine Boe, dann hätten wir nichts mehr zu tun als Reue und Leid zu erwecken … Aber das wäre ein schlechter Missionar, wollte er sich in Gefahr fürchten . . . das Boot flog mit rasender Geschwindigkeit weiter und jetzt fing es an, Nacht zu werden … Der Mond war im ersten Viertel, schien aber sehr hell. Obwohl der Himmel stark bewölkt war, war immer der Mond frei und -fast wunderbar – jedesmal wenn wir Felsen passieren mußten, ließ der Wind nach und ganz sachte glitten wir an den schlimmen Gestalten vorbei, manchmal nur einen Meter entfernt. Einige­ mal mußten wir die Oelmäntel anziehen, weil starker Regen einsetzte … Die Wilden baten P. Fidelis, ein Lied zu singen. P. Fidelis sang dann das „Ave maris stella“ (Meerstern, ich dich grüße) … Den P. Fidelis brachte ich noch nach der Mission, wo der Hund vor lau­ ter Freude fast nicht zur Ruhe gebracht wer­ den konnte.“ Die Vorgänge in den Kolonien durften im Deutschen Reich, das seit wenigen Jahren Kolonialmacht war, der Aufmerksamkeit der

PONAPE NÖRDLICHE MARIANEN P . .. . “ . �· .· •4KAROLINE.N �� �/�,PHILIPPINEN � n• . !MIKRONESIEN! AUSTRALIEN 0 �00 12.00 .).000 Deutschen gewiß sein, und unausbleibliche Unannehmlichkeiten wurden von interes­ sierter Seite nach Kräften ausgenützt. Dafür sorgten Presse und regierungsamtliche Mit­ teilungen. Veränderungen, kulturelle Verbes­ serungen und der Widerstand der archai­ schen Gesellschaft wurden genau registriert. Als 1910/11 wegen der Unzufriedenheit der Eingeborenen über Wege-und Steuerarbei­ ten und der Mißstimmung der Häuptlinge über die Aufhebung des Lehenswesens, die ihnen einen Teil ihrer Macht kostete, ein Aufstand ausbrach, war es für viele sofort klar, daß die Hintergründe bei den Kapuzi­ nern zu suchen waren. Der zuständige Bezirksamtmann, Geheimer Regierungsrat Georg Fritz, trug auf seine Weise zur „Aufklä­ rung“ der Unruhen bei, indem er durch seine Streitschrift „Ad majorem Dei gloriam“ in der widerwärtigen Ausdrucksweise, deren sich Kirchengegner manchmal bedienen (,,Ihm (dem Pater) und seinem heiligen Glau­ ben und seiner noch heiligeren Kirche ist ja der Staat untertan.“ (S. 23)) einen Vorgang von 1905 in die Öffentlichkeit brachte, der P. Fidelis schwer belasten sollte. In einem Gespräch, bei dem es um den Bau einer Kirche ging, von dem aber Bezirksamtmann Berg wegen feindseliger Stimmung auf der Insel abriet, sagte P. Fidelis: ,,Es kommt uns auch auf einen blutigen Zusammenstoß nicht an, wenn es Gläubige zu gewinnen gilt.“ (S. 39.) Dieser Satz, von einem Missionar aus­ gesprochen, konnte nur den Sinn haben, daß er bereit war, für seinen Glauben den Märty­ rertod zu sterben. So interpretierte P. Fidelis diese Aussage in einem späteren Gespräch Berg gegenüber, dieser war damit zufrieden, beide tranken ein Glas Wein, Berg besuchte beim 25jährigen Priesterjubiläum von P. Fidelis den Gottesdienst, nahm am Festessen teil und wünschte ihm in einer Tischrede eine „lange segensreiche Tätigkeit auf Ponape.“ Diese längst vergessene Episode grub Fritz wieder aus und brachte sie in Zusammenhang mit den später ausgebroche­ nen Unruhen wegen überstürzt erlassener Anordnungen. Die Schrift wurde an alle Reichstagsabgeordneten versandt. Die wirk­ lichen Friedensbemühungen der Kapuziner verdrehte Fritz ins Gegenteil und mußte sie in einer zweiten Schrift (,,Die Kapuziner in Ponape, Leipzig 1913, S. 30) doch anerken­ nen: ,,Daß die katholische Mission die Gei­ ster zu bannen suchte, die sie durch ihre �ertreibereien, aber natürlich ohne die Fol­ gen vorauszusehen, gerufen hatte, bestreitet niemand; und das es ihrem Einfluß gelungen ist, die mit den aufständischen Jakoits durch Verwandtschafts-und andere Bande verbun­ denen katholischen Stämme zurückzuhal­ ten, verdient Lob und Orden.“ Die Verteidigungsschrift von P. Kilian Müller: ,,Ponape – im Sonnenlicht der Öffentlichkeit“ wurde kaum zur Kenntnis genommen. Die Angelegenheit schlug im Reich größere Wellen als am Ort des Geschehens selbst. Der Apostolische Vikar Salvator Walleser: ,,Er (Fritz) hat ja seine Weisheit bereits verzapft … Man urteilt hier draußen viel ruhiger in diesen Dingen, als bei euch.“ 171

1909 wurde P. Fidelis die Station Auak übertragen, seinen bisherigen Anstrengun­ gen war es zuzuschreiben, daß die Einwoh­ ner zweier Bezirke dem katholischen Glau­ ben zuneigten, 60 neue Christen ihm ange­ hörten. Aber kaum zu erklären: Allen Widrigkei­ ten zum Trotz und bereits körperlich ange­ schlagen, erklärte er 1913 zweimal seinem Provinzial, er fühle eine Sehnsucht für die Missionsarbeit in China; doch dieser Wunsch blieb ihm versagt. Der Apostolische Vikar winkte ab. Die Strapazen im mörderi­ schen Tropenklima rieben in zehn Jahren auch den Gesündesten auf, die Leute würden „nervös und lendenlahm“. P. Fidelis solle der Gesundheit wegen (Kopfbeschwerden, Bla­ senleiden) einen Heimaturlaub antreten, aus dem ihn der Arzt nicht zurückkehren lassen werde. Das Verhältnis zur Bevölkerung sei gereizt, die Regierung, die die Patres aus der Fritzschen Affäre rehabilitiert hervorgehen sah, werde alles tun, „die früher erlittene Schlappe auszuwetzen.“ Da brachte der Erste Weltkrieg die Beset­ zung der Insel durch die Japaner, das Abge­ schnittensein von der Außenwelt, Verbot des Schul-und des Religionsunterrichts, mate­ rielle Not und schließlich die Ausweisung der Missionare. Krank kam P. Fidelis nach Münster/W. zurück. Doch war ihm vergönnt, noch fast 20 Jahre in der Seelsorge der Heimat (Zell a. H., Waghäusel und wieder Zell) tätig zu sein. Aus diesen Jahren ist eine für ihn typische Anekdote bekannt. Als Karl Volk, der spätere Chinamissionar P. Magnus aus Gremmels­ bach, sich bei ihm einen Rat über den Eintritt in den Kapuzinerorden holen wollte, ließ er den Brief zunächst unbeantwortet. War die Anfrage leichtsinnig gestellt, erübrigte sich ein Antwortschreiben; war sie ernst gemeint, würde der Interessent sich wieder an ihn wen­ den. P. Fidelis wurde Jahre später sein Primiz­ prediger. („Da hat der Herrgott aus einem Holzarbeiter einen Priester gemacht.“) In Erinnerung blieb ferner, daß er in den Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft ein 172 unbeugsamer Gegner des Regimes war. Bei seiner unerbittlichen Geradlinigkeit wird dies niemanden verwundern. Der Mann, der so hart gegen sich selbst sein konnte, gab doch im Alter gern seiner Neigung, in die Heimat zurückzukehren, nach, um an festlichen Anläßen der Kirche teilzunehmen. Er starb am 22. März 1938. Sein Grab bestand in Zell noch bis in die jüngste Zeit. Die deutschen Missionare vertrieben, ihr Werk dem Untergang preisgegeben, die Inseln ins Heidentum zurückgesunken? Weit gefehlt! In der Bevölkerung hatte der christliche Glaube tiefe Wurzeln geschlagen, sie verlangte energisch neue Missionare, gleichgültig aus welchem Land. Zum hinter­ gründigen Humor der Geschichte gehört, daß die japanischen Behörden den neuen Missionaren -spanischen Jesuiten -10 000 Yen Reisezuschuß bezahlten, weil es der Ein­ geborenenbevölkerung nicht schnell genug gehen konnte, bis diese kamen {1921). Trotz viermaligem Wechsel der politi­ schen Macht litt die Religion keinen irrepara­ blen Schaden. Den Patres gelang es, Bibel, Katechismus, Gebetbücher, Grammatik und Wörterbücher in den einheimischen Spra­ chen drucken zu lassen. Am 23. Februar 1964 wurde der erste Eingeborene, P. Gregorio Ramarui aus Palau, zum Priester geweiht, was einen ersten Schritt zur kirchlichen Eigen­ ständigkeit der Inselgruppe bedeutete. Von Papst Johannes Paul II. wurde das Aposto­ lische Vikariat der Karolinen und Marshall­ inseln zur Diözese erhoben. Ihre Bezeich­ nung: „Carolines-Marshalls“. Bischof wurde der bisherige Apostolische Vikar Martin Joseph N eylon, S.). aus Buffalo im Staat New York. -Die Opfer des Kapuziners aus Grem­ melsbach und seiner Ordensbrüder waren nicht vergebens gebracht. Qu e 11 e n: Personalakte Matthäus Dieterle, Erzbischöfliches Archiv Freiburg. Brief P. Fidelis‘ an seinen Bruder Fridolin (6. Mai 1905). Archiva­ lien aus der Missionsprokur der Kapuziner in Münster/W. P. E l i gi u s, Or d.-Cap.: Bericht über die Kapuzinermission auf den Karolinen-

Inseln 1905. Br. 0 t h m a r: Rund um Ponape, in: Jahresbericht über die Tätigkeit der Kapuziner der Rheinisch-Westfälischen O rdensprovinz in der Mission der Karolinen 1906, Saarlouis, 1907. P. Callistus Lopinot O.F.M C ap.: Die Karo­ linenmission der spanischen und deutschen Kapuziner 1886 -1919 zusammengestellt nach den Jahresberichten von P. Callistus Lopinot 0.F.M Cap. Rom, am Tage der Priesterweihe des ersten Karoliners in Korror (Palau), 23. Februar 1964. Internationaler Fides Dienst, Roma, 12. Sep­ tember 1979. Geo r g Fritz: Ad majorem Dei gloriam! Die Vorgeschichte des Aufstandes von 1910/11 in Ponape, Leipzig, 1912. D e r s .: Die Kapuziner in Ponape, Leipzig, 1913. P. Kilian M ü 11 er: Ponape »im Lichte der Öffentlichkeit“, Eine Erwiderung von P. Kilian Müller O.M. Cap. Sekretär der Kapuzinermission in Ehrenbreit­ stein, Köln, 1912. H e i n r i c h H a n s j a k o b : Erz­ bauern, Stuttgart, 1905, S. 197. P. Arseni us: Nachruf auf P. Fidelis M. (Maria)- Matthäus Die­ terle – in: ASSISI-GLÖCKLEIN, Familien­ nachrichten der Rheinisch-Westfälischen Kapuzi­ nerprovinz 21 (1939), S. 28 ff. Für vielfältige Hilfe habe ich Herrn Ernst Dieterle, Bad Dürrheim, Herrn Archivdirektor Dr. Franz Hundsnurscher, Freiburg, Hochwürden Herrn P. Paul Linde, Strasbourg-Königshoffen und Herrn Missionsprokurator Bruder Ephrem Rapp, Mün­ ster/W., herzlich zu danken. Karl Volk Die restaurierte Wallfahrtskirche in Triberg Der Besucher der 1987 restaurierten Wall­ fahrtskirche in Triberg erwartet bei der Betrachtung der Altäre, der Kanzel und der Bilder die überbordende Fülle barocker Sin­ nesfreude, die er aus dieser Stilepoche kennt: nichts anderes als Bewegung und Flug der Figuren in der Diagonalen, die Heiligen wie Menschen von Adel, die auch den Adel der Seele bewahrt oder gewonnen haben, die Gebärden voll Vornehmheit, in Gewändern absolutistischer Herrscher und ihrer Höflinge, Putten, bis zur Peinlichkeit ent­ blößte Engel – sind es Männer, sind es Frauen, die den Himmel, Säulen oder auch nur Kerzen tragen? – Überschwang damals eben kennengelernter exotischer Pflanzen, die Leichtigkeit aufsteigender Wolken, Dra­ matik, Triumphalismus, alles in einem: die Vorstellung des Himmels, mit menschlichen Augen gesehen und menschlichen Händen gestaltet, wo selbst die Möglichkeiten der Täuschung und Fälschung nicht verschmäht werden, die der Farbe gegeben sind, Holz und Gips in Marmor und Gold zu » verwan­ deln“; noch anders: die Selbstdarstellung einer nach Reformation und Dreißigjähri­ gem Krieg wieder selbstbewußt gewordenen Kirche. Der Betrachter vor einem „typi- sehen“ Kunstwerk, das er in hundert Barock­ kirchen und Bildbänden hundertmal variiert gesehen hat, das sein Gemüt schon deshalb nicht tiefer ergreifen und in seinem Gedächt­ nis keine Bleibe bekommen wird. Ungefähr kennt man das alles. Doch gemach! Noch weiß er nicht, daß die meisten Skulpturen Arbeiten eines einzigen Künst­ lers, Anton Josef Schupps (1664-1729) aus Villingen, sind, der Hochaltar (um 1705) sein Meisterwerk wurde und eine eigene Geschichte hat. Denn nicht von Anfang an umleuchtete das lichte Blau des Himmels das Gnadenbild im Stamm der Tanne – ein kaum zu übertreffender Kontrast wie der ganze Altar zum strengen Äußeren des Kirchenge­ bäudes; wahrscheinlich holte einmal eine Waldkulisse aus Leinwand Bäume in die Kirche, um mit der zeitweise auch reichliche­ ren Grünbemalung Auge und Andacht der Gläubigen noch intensiver auf »Maria in der Tanne“ zu lenken. Eine spätere Generation hielt wieder das Gold, den der größten Heiligen allein würdi­ gen irdischen Stoff, für angemessener. Dabei blieb es. Als ob Schupp etwas dem der Schwere sei- 173

ner Erde besonders zuneigenden Schwarz­ wälder Charakter Entsprechendes hätte schaffen wollen, wirkt die breite Altararchi­ tektur nichts weniger als leicht. Die Säulen tragen einen wuchtigen Architrav, dessen Gewicht durch das dunkle Rot noch lasten­ der erscheint. Sie zeichnen sich durch einzig­ artigen Schmuck aus. Ihre Strenge lösen Sonnenblumen, Ringe und Tücher auf. Das Sonnenblumenmotiv, das von Künstlern in der Picardie, auch von elsässischen Schnit­ zern am Hochaltar im Straßburger Münster verwendet wurde, hatte Schupp wohl von dort kennengelernt. Die heiligen Gestalten fühlen sich nicht von unsichtbaren Kräften in himmlische Höhen gehoben, Maria wird nicht von Engeln geleitet, alle blicken sie im Mittelteil nicht zum Himmel auf, sondern weisen der Mitte, dem Tabernakel, zu. Die beiden Engel zu seiner Rechten und Linken erwecken eher den Eindruck, Landsknechte oder Legionäre zu sein. Erst die Gestalten auf der höheren Stufe, die als verkleinerte Nach­ bildung des Mittelteils in das Rund der Decke hineinragt, sehen in eine „überir­ dische“ Herrlichkeit hinauf, und sie nicht alle. Doch ohne die Geschichte, die große, die Reichsgeschichte und ohne die begrenzte Geschichte der Stadt Triberg ist der Altar nicht zu verstehen. Mit der heiligen Sippe Oosef und Jesus, Anna und Jesus, Joachim und Maria) werden Franz Xaver und Anto­ nius von Padua neben dem Allerheiligsten für würdig befunden. Heilige sehr verschie­ dener Zeiten zusammenzubringen, hatte die Kunst, erst recht das Barock keine Hemmun­ gen. Wie aber kamen gerade die letzteren nach Triberg? Der Namenspatron des Ober­ vogts Franz Xaver Noblat (1697-1726), des großzügigen Förderers der Wallfahrt, der hier auch bestattet liegt, sollte auch von der Einwohnerschaft verehrt werden. Die wohl damals schon allgemein verbreitete Anto­ niusverehrung verhalf Antonius von Padua zu einer Statue. Über allen steht der heilige Josef in schwindelnder Höhe und unge­ wöhnlich jugendlich wirkend, kaum zufällig 174 wird er so an die exponierteste Stelle gekom­ men sein. Die Josefsverehrung nahm durch Kaiser Josef 1. (1705-1711) einen spürbaren Aufschwung und der Herrscher wollte kei­ nen greisenhaften Patron. Nur wenige Teile des Altars sind im Rokokostil von Josef Kal­ tenbach gestaltet: die jugendliche Herz-Jesu­ Figur, zwei Putten, der große Auferstandene und die Immaculata. Das Gemälde von Klemens Maria Hof­ bauer am (Linken) Skapulieraltar ist an der Wand im Chorraum angebracht worden, ein Der achssymmetrische Altar – selbst ohne die feierliche Handlung des Gottesdienstes ein eigenes Schauspiel – blieb dennoch ein einheitliches Ganzes, wie Restaurator Hel­ mut Fuggis hervorhob, „täglich neu faszinie­ rend“ in seiner Konzeption, ist nunmehr renoviert, nicht „laut“, wie es in der Fach­ sprache heißt, also das Gold nicht so glei­ ßend, daß es das Auge blendet, sondern ver­ halten, wie es die aufzubringenden Mittel vorgaben, und seinen Bewunderern am Patroziniumsfest, an Mariae Aufnahme in den Himmel (15. August 1987) wiederge­ schenkt. Der wie eine sakrale Atmosphäre aussen­ dende Altar soll Chor und Kirche beherrschen, so war es die Intention des Barock, und sie war das Leitbild für die Restaurierung. Der Chor­ raum ist reinweiß gehalten, damit das Licht sein Spiel voll entfalten kann. Der Blick des Betrachters darf von seinem Eintreten an möglichst wenig beeinträchtigt oder abgelenkt werden, wie es auch im ganzen Kirchenraum kein Spiel mit Formen, Säulen, keine überra­ schenden Durchblicke, Effekte und derglei­ chen gibt. Auf eine Deckenbemalung im Chor und ein Deckengemälde im Kirchen­ schiff hat man von allem Anfang an zugun­ sten der kassettenähnlichen Holzdecke ver­ zichtet, wohl aus materiellen Gründen. Ihre ursprünglichen Farben waren nicht mehr eruierbar, die Decke hat durch mehrfache Umgestaltung in der Farbgebung ihre eigene Geschichte, sie war auch einmal blau, jetzt hat man lediglich die Profilstäbe heller gezo­ gen.

Zum Votivbild im Vöhrenbacher Bruderkirchle später gefertigtes Relief des Heiligen ist an seine Stelle getreten. Am rechten Seitenaltar sind in einem Schrein von unbekannter Mei­ sterhand die Reliquie der heiligen Serena durch eine Abbildung derselben auf Holz verdeckt, nur an Hochfesten sichtbar. Die Glyckherschen Altartafeln und das Villinger Votivbild erstrahlen wieder in barocker Farbenfreude. Neben der Kanzel, die ein eigenes Meisterwerk Schupps ist, hängt wieder ein Kreuzigungsbild aus der alten Stadtpfarrkirche vor dem Brand von 1826. Die Wände sind in leichtem Gelbton gehalten, auch der Boden sollte nicht durch unruhige Strukturierung vom Altar ablen­ ken, weshalb dichter, leicht ins Rötliche gehender italienischer Sandstein gewählt wurde.Nur um den Hochaltar wurde der tep­ pichartige Plattenboden belassen. Dem Gestühl wurde durch Abschleifen und Erstes Zeichen der Versöhnung Beim Festgottesdienst zum Vöhrenbacher Stadtfest am 9. August 1987 stand ein Bild im Mittelpunkt, das sonst im Bruderkirchle (vgl. Almanach 1984, S. 130-132) an der Alten Villinger Straße seinen Platz hat. Der Festprediger war der gleiche, der 42 Jahre zuvor Initiator dieses Bildes war: der inzwi­ schen 85jährige Abbe Ernile Ciceron, bei Grenoble wohnhaft, ehemaliger Kriegsge­ fangener in Vöhrenbach. Mit hundert Lands­ leuten teilte er damals in der kleinen Schwarzwaldstadt das Los der Gef�ngen­ schaft. Eingesetzt in die Industrie, in der Forst-und Landwirtschaft, entdeckten die Franzosen bald, daß ihnen viele Menschen wohlgesonnen waren. Bei Kriegsende, das 76 Gefangene im oberen Ursbachhof, eine Wegstunde von der Ortsmitte, erlebten, beschlossen die Gefangenen, als Zeichen für die gute Behandlung den Vöhrenbachern ein Geschenk zu machen. Man sammelte Geld 176 Ablaugen die aufgestrichene braune Farbe wieder genommen, es wurde mit Bienen­ wachs behandelt und ihm so die originale, natürlich wirkende Holzfarbe zurückgege­ ben. Karl Volk Literatur: Wilhelm Maier und Karl Lienhard: G e s eh i c h t e der Stadt T r i be r g i m S c h w a r z w a ld, 1964. Herausgegeben vom Heimat- und Gewer beverein Triberg e.V. Die Wallfa h r t skir che M a r ia i. d. Ta n ne Triber g im Schwarzwald. Herausgegeben im Auf­ trag des Kath. Stadtpfarramts Tr iberg, Dr uck: Adalber t Boemmel, Tegernsee A u f de n S p u r e n V i lli n g e r Kün s t le r . Die B a r o c km e i s te r de r Fa m i lie S c h u p p. Eine Übersicht und Anregung für Heimatforscher von Ottrnar Schupp. In: Geschichts- und Heimat­ verein Villingen, Jahresheft X, Beiträge des Jahres 1985 zur Kultur, Geschichte und Gegenwart VS­ Villingen 1985/86 und beauftragte ihren Seelsorger und Mit­ gefangenen Emile Ciceron, dafür ein Bild zu besorgen. Luc Barbier schuf dieses Bild schon im Sommer 1945. Das auf Öl gemalte Bild wurde einem Papiertransport nach Donaueschingen mitgegeben, kam aber nie an und ist verschollen. Der Künst­ ler aus Lyon fertigte daraufhin gratis ein zweites, sehr ähnliches Bild an, das Abbe Ciceron 1946 persönlich nach Vöhren­ bach brachte. Schon vor dreißig Jahren hat er selber dieses Bild (siehe Abbildung) so erklärt: „In der Mitte hält die selige Jungfrau Maria in der Mandorla in ihren Armen das Jesuskind, das Angst hat; es hat im Krieg so viele häßliche Dinge gesehen. Seine Mutter beruhigt es. Ebenso haben es auch die Kriegs­ gefangenen getan -oder hätten es tun sollen. Links im Bild ein Deutscher, der auf dem Weg zum Bruderkirchle innehält.

Rechts ein ehemaliger Kriegsgefangener, heimgekehrt nach Frankreich in sein Dorf, das sich im Wiederaufbau befindet. Alle beide, der Deutsche und der Franzose, schauen auf zu Unserer Lieben Frau und beten zu ihr das darunter stehende Gebet: In der Zeit der Prüfung hast du unseren Herzen Frieden gebracht und sie versöhnt. Unsere Liebe Frau von Vöhrenbach, hilf uns jetzt, eine Welt der Brüderlichkeit zu erbauen. Über den beiden Ländern lasten zahl- reiche Wolken, die sich aufzulösen begin­ nen. Ein Regenbogen verheißt ,Schönes Wetter‘.“ Das Bruderkirchle war den französischen Gefangenen besonders vertraut. Als die NS­ Machthaber ihnen die Benützung der Pfarr­ kirche untersagten, fanden sie in dieser alten Wallfahrtskirche Zuflucht. Abbe Ciceron erinnert sich an eine große Zahl Vöhrenbacher noch namentlich. Als er die ehrenvolle Aufgabe erhielt, anläßlich des 40. Gedenktags des Kriegsbeginns in Lourdes vor 120 000 (!) ehemaligen Gefangenen und deren Angehörigen die Predigt zu halten, nennt er Vöhrenbach eigens und dazu die Namen von Einwohnern, die die Gefan­ genen wohlwollend und menschlich behan­ delt hatten, so auch den „unerschrockenen deutschen Pfarrer Theodor Berberich“, der ein erklärter Gegner des Regimes war. Abbe Ciceron hatte im Lauf der Zeit Jugendlager der Kath. Jugend seiner Heimat im Departement lsere mit Vöhrenbacher Jugendlichen arrangiert. Beim eingangs erwähnten Festgottesdienst beim Vöhrenba­ cher Stadtfest 1987 überreichte er eine schmiedeeiserne Erntegarbe als Symbol der aufgegangenen Saat der Versöhnung. Mit großem Elan rief der betagte Geistliche den Zuhörern zu: „Welche vor 40 Jahren unver­ hofften und unbegreifliche’n Wunder ver­ wirklichen sich heute zwischen unsern bei­ den Ländern und durch sie in ganz Europa!“ Das von den französischen Gefangenen gestiftete Bild im Vöhrenbacher Bruder- 178 Abbe Emile Ciceron kirchle war eines der allerersten Zeichen der Versöhnung. Es gehörte so kurz nach dem Krieg Mut dazu, gegen den Strom zu schwimmen, den Haß abzubauen und Brük­ ken zu schlagen, um „eine Welt der Brüder­ lichkeit zu erbauen“, wie es in diesem Votiv­ bild heißt. Es ist gut, sich dieser Pioniere der deutsch-französischen Aussöhnung zu erin­ nern und in ihrem Geist die entstandene Freundschaft zu pflegen. Abbe Emile Cice­ ron gehört zu diesen Pionieren. Die herzliche Begegnung beim Stadtfest 1987 hat gezeigt, daß er unvergessen ist. Pfarrer Bernhard Adler *

Das Nibelungenlied – ein Heldenepos in unheldischer Zeit Alte Schriften und Museen Die Handschrift C befindet sich in der Fürstlich Fürstenbergischen Hofbibliothek in Donaueschingen Kaum jemand verbindet heute in unserer pergamentene Codices von altschwäbischen Gedichten gefunden, davon der eine sehr Zeit, die dem Heldischen so gänzlich abge­ schön deutlich geschrieben, einen mittelmä­ neigt ist, etwas Konkretes oder Bildhaftes mit den Namen Siegfried und Hagen, Kriemhild ßig dicken Qyartband ausmacht, und ein aneinanderhängend weitläufig Heldenge­ und Gunther und Brunhilde, mit den Bur­ dichte zu enthalten scheint, von einer bur­ gunden und den Nibelungen. Im vorigen gundischen Königin oder Prinzessin Kriem­ Jahrhundert bis in unsere jüngste Vergangen­ hild; der Titel aber ist Adventure von den heit war das sehr anders. Fast jeder kannte die Zeilen, die er -in Trotz oder mit Freude – Nibelungen … “ Über ein viertel Jahrhundert später auswendig gelernt und zumeist bis an seine letzten Tage in Erinnerung hatte: geschah das für alle Überraschende, daß man wieder in der Hohenemser Bibliothek eine Uns ist in alten mären wunders vil geseit. weitere Nibelungenhandschrift fand. Ein dritter Codex des Nibelungenliedes kam in Von Helden lobebeern von grozzer chuon­ heit. Von fröden hochgeziten von weinen und der Klosterbibliothek St. Gallen zum Vor­ schein. Sie blieb dort bis heute, die beiden Hohenemser Handschriften aber kamen von klagen. nach einem Erbgang nach Prag. Die 1779 auf­ Von chuoner rechen strite moget ir nu wun­ gefundene Handschrift A gelangte 1810 im der hören sagen. Tausch nach München, die andere Hohen­ emser, die heute sogenannte „Hohenems­ So beginnt das Nibelungenlied, das außer Laßbergische Handschrift C“, wanderte in der sehr speziellen Germanistikforschung dann auf unbekannten Wegen bis nach nur noch in der Opernwelt Bestand behalten Wien, wo sie schließlich von Joseph Freiherr hat, vor allem in den Opern Richard Wagners. von Laßberg, damals in fürstenbergischen Es bahnte sich ein literarisches Ereignis Diensten, 1814 (oder 1815) aufgespürt und ersten Ranges an, als der Arzt Hermann Obe­ mit einem Zuschuß der verwitweten Fürstin Elisabeth zu Fürstenberg erworben wurde. reit im Juni 1755 eine Reise ins vorarlber­ Aber erst in den 1850er Jahren kam sie end­ gische Hohenems unternahm. Er hat sie in gültig in die Fürstlich Fürstenbergische Hof­ allen Einzelheiten in einem ausführlichen bibliothek nach Donaueschingen. Brief vom 29. Juni 1755 geschildert: „Gestern habe ich unvermutete Gelegen­ Neben diesen drei großen Handschriften heit bekommen, eine kurze Reise nach sind 34 Fragmente des Nibelungenliedes in Hohenems zu machen, woselbst heute unter sehr verschiedener Fassung und Länge erhal­ anderem die Bibliothek in Augenschein ten geblieben. Erst im Jahr 1987 kam in Mün­ genommen, und so glücklich gewesen, daß chen ein Fragment zum Vorschein, das wie­ ich fast unter den ersten Büchern, so in die der eine andere Fassung enthält. Eine illumi­ Hände bekommen, zwei alte eingebundene nierte Handschrift, die „Hundeshagensche 179

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Handschrift“, ist erst sehr viel später entstan­ den; sie stammt aus dem 15. Jahrhundert. Über den Ursprung des Nibelungenliedes ist ebenso wenig genaues bekannt wie über die Herkunft der Handschrift.Nur so viel gilt als sicher, daß es das Werk eines unbekann­ ten Dichters aus dem Donauraum ist, der um 1200, vermutlich im Umkreis des Bischofs Wolfger von Passau, den Sagenstoff auf­ gegriffen und gestaltet und schließlich im Stile der höfischen Poesie seiner Zeit nieder­ geschrieben hat. Der Inhalt des Nibelungenliedes sei kurz in Erinnerung gerufen. Der Held Siegfried wirbt um die schöne Kriemhild, Schwester der Burgundenkönige Gunther, Gernot und Giselher. Er erhält ihre Hand erst, als er die Königin Brunhilde von Island mit Hilfe sei­ ner Tarnkappe überwunden hat, so daß König Gunther sie zur Frau nehmen konnte. Er gibt dieses gefährliche Geheimnis seiner Frau Kriemhild preis. In einem Streitge­ spräch mit Brunhilde vor dem Portal des Wormser Doms entfahrt ihr im Zorn diese Kunde. Brunhilde ist tiefbeleidigt und beauf­ tragt ihren Gefolgsmann Hagen, Siegfried zu töten. Der hatte in früheren Zeiten im Blut des von ihm getöteten Drachens gebadet und war dadurch unverwundbar geworden, ausgenommen eine einzige Stelle, die beim Baden im Drachenblut von einem Linden­ blatt bedeckt gewesen war. Hagen erfährt davon und schleudert den tödlichen Speer auf diese einzige verwundbare Stelle. Kriem­ hild sinnt auf Rache. Sie sieht ihre Zeit gekommen, als sie zu ihrer Heirat mit dem Hunnenkönig Etzel ihre burgundische Ver­ wandtschaft an den hunnischen Hof einlädt. In einem furchtbaren Gemetzel in einem Rit­ tersaal gehen die Burgunden bis auf den letz­ ten Mann zugrunde. Diese außerordentlich dramatische und erregende Geschichte der Burgunden hat die ganze literarische und intellektuelle Welt im vorigen Jahrhundert bis fast in unsere Tage hinein erregt. Schon wenige Jahrzehnte nach Erscheinen der ersten Gesamtausgabe des Nibelungenlieds im November 1782 hat F. De La Motte-Fouques diesen Stoff dramati­ siert, später dann Raupach (1834), Ernst Gei­ bel (1861) und Friedrich Hebbel (1862). Vor allem Richard Wagner hat sich des Stoffes angenommen, ihn dichterisch und musika­ lisch zu der Tetralogie, dem „Ring der Nibe­ lungen“ (1863) gestaltet. Auch noch später­ hin haben sich Schriftsteller von diesem Stoff zu Romanen und Dramen anregen las­ sen. Über die Herkunft des Sagenstoffes ist nichts, über die Entstehung der Handschrif­ ten nur wenig bekannt. Um so heftiger tobte der Kampf der Germanisten bei ihren Ver­ suchen, Licht in das Dunkel dieses Epos zu bringen und sich auch über seine Bedeutung klar zu werden. Als sicher gilt, daß der Verfas­ ser um 1220 eine offenbar sehr beliebte Sage niedergeschrieben hat, die seit Jahrhunder­ ten mündlich überliefert worden war. Gewiß hat er den Stoff nicht erfunden, er hat ihn vorgefunden und offenkundig aus verschie­ denartigen Teilen zusammengefügt und dichterisch gestaltet. Deutliche Unterschiede lassen sich erkennen. Siegfrieds Werbung um Kriemhild, die Gewinnung Brunhilds für Gunther und Siegfrieds Tod gehen unbe­ streitbar auf die germanische Mythologie zurück. Abgewandelte Namen und ähnliche Handlungsteile finden sich in verschiedenen Versionen der nordischen Sagenkreise. Historische Entsprechungen sind sehr viel schwieriger zu ermitteln. Bis heute sind sie in der Forschung umstritten. Es gab zwar die außerordentlich wilde und blutrünstige Merowinger Königin Brunhilde. Aber ihr Lebensschicksal will nicht so recht in das Handlungsschema des Nibelungenlieds pas­ sen. Anders im zweiten Teil des Epos. Da sind historische Tatbestände deutlich auszuma­ chen. Um 436 sind die Burgunden, die am Rhein ein Reich begründet hatten, von den Hunnen vernichtet worden. 453 starb der Hunnenkönig Attila in der Nacht seiner Hochzeit mit der Germanin Hildico eines plötzlichen Todes. Im Gegensatz zum ersten Teil spielen im zweiten christliche Hand- 181

lungsmotive eine prägende Rolle. Die eheli­ chen Beziehungen zwischen Siegfried und Kriemhild werden eingehend geschildert. Die Sippenbindung Kriemhilds an ihre Brü­ der tritt ganz in den Hintergrund. Kriemhild rächt den Tod ihres Ehemannes auch an ihren Brüdern, die sie bedenkenlos dem Tode preisgibt. Die literarhistorischen Auseinanderset­ zungen um das Nibelungenlied haben bis heute noch zu keinem bleibenden Ergebnis geführt. Gleichwohl bleibt das Epos ein lite­ rarisches Meisterwerk, wenn auch sein Hand­ lungsverlauf dem heutigen Verständnis nicht mehr entspricht. Und es bleibt vor allem ein historisches Zeugnis für die Zeit der Völker­ wanderung im 4./5. Jahrhundert bis zur Die Kunststiftung Hohenkarpfen bei Hausen ob Verena in der Ostbaar Landschaft und Kunst im Zwiegespräch Christianisierung der nordeuropäischen Kultur, einer Zeitspanne, in der die histori­ schen Q!iellen so gut wie ganz fehlen. Wenn sie auch keine Erkenntnisse vermittelt über Geschichte, Kultur und Gesellschaft jener dunklen Jahrhunderte, so läßt sich bei der Lektüre des Nibelungenliedes vieles erahnen, wird vieles plastischer und verständlicher in jener Zeit, die schließlich im nördlichen Europa, im Karolingerreich und besonders am Hofe Karls des Großen zur ersten euro­ päischen Hochkultur aufgipfelte. Gerade weil uns die Helden und ihre großartigen Taten heute fremd geworden sind, sollten wir sie zum Verständnis einer fernen und dun­ klen Geschichte nutzen. Dr. EW. Graf zu Lynar richt verflossener Tage kommt dem Verfasser unwillkürlich in den Sinn, wenn er sich ein­ mal mehr anschickt, einem ferner stehenden Leserkreis den Standort und den Sinn der Kunststiftung Hohenkarpfen zu erklären. Denn die Präsentation anspruchsvoller Kunstwerke und die fortlaufende Auseinan­ dersetzung mit künstlerischem Schaffen wer­ den in unserer Kultur selbstredend als wesentliche Begleitphänomene des urbanen Lebens betrachtet. Schon der bloße Umstand kleinstädtischer oder gar dörflicher Verhältnisse, in denen kulturelle Anstren­ gungen statthaben, löst leichthin pauschale Erwartungen auf sprichwörtlich Provinziel­ les aus, auf Zweitrangiges und Epigonenhaf­ tes, auf Schilda und Butzenscheibenroman­ tik. So betrachtet, liegt die Kunststiftung Hohenkarpfen mit ihrem Museum in der Tat außerhalb vertrauter Landkarten, buchstäb­ lich in einer zone vage der kulturellen Szene­ rie Baden-Württembergs und steht für etwas Gegenläufiges: Kunst in der abgeschiedenen Der Schwarzwald-Baar-Kreis ist seit dem Jahre 1985 Mitglied der Kunststiftung Hohenkarpfen e. V Der Verein unterhält in dem Hofgut Hohen­ karpfen bei Hausen ob Verena (Kreis Tuttlingen) ein regionales Kunstmuseum, in dem die Land­ schaftsmalerei des deutschen Südwestens aus dem 19. und20.jahrhundert gezeigt wird. Der 1. Vor­ sitzende der Kunststiftung Hoh.enkarpfen e. V, Prof. Dr. Friedemann Maurer, berichtet im nach­ stehenden Beitrag über Aufgaben und Ziele der Kunststiftung Hohenkarpfen. In den ersten Landkarten des römischen Weltreichs findet man bei den weit vom Zen­ trum der Macht entfernten Provinzen immer wieder den stereotypen Eintrag hie sunt leones (Hier gibt es Löwen). Hinter diesem ebenso Furcht einflößend wie kundig klingenden Vermerk verbarg sich in aller Regel die völlige Unkenntnis der Geographen jener Zeit über ganze Landstriche entlegener Provinzen und angrenzender Gegenden, die mit dieser War­ nung vor wilden Tieren ohne Zweifel wir­ kungsvoll kaschiert wurde. Diese Reminiszenz an den Lateinunter- 182

Landschaft, fernab vom quirlenden Kultur­ betrieb der Städte. Dies ist bereits am Standort erkennbar, für den der weiträumige Kunst-und Ausstel­ lungstourismus der Gegenwart ohne langes Z,ögern jenes altrömische Verlegenheits-Ver­ dikt hie sunt leones parat halten mag. Wer kennt schon jenen hochgelegenen, von dem langestreckten, bewaldeten Gebirgsstock des Zundelbergs gesäumten Zipfel der Osthaar, in dem das DorfHausen ob Verena liegt und wo sich zwischen dem Lupfen und dem steil aufragenden Südwesttrauf der Schwäbischen Alb der anmutige, nur spärlich bewaldete Kegel des Hohenkarpfen erhebt. Diesen abgeschiedenen Winkel, in dem mit dem evangelischen Hausen ob Verena altwürttembergisch-pietistische Traditionen mit ehemals vorderösterreichisch-katholi- sehen Gebieten um Spaichingen, Gunnin­ gen und Seitingen-Oberflacht zusammen­ stoßen, hat das Rampenlicht der Weltge­ schichte in keiner Epoche auch je nur gestreift. Die kleine Welt am Karpfen lag alle­ zeit abseits der großen Verkehrsströme und der Stammburgen mächtiger Adelsge­ schlechter, abseits der glanzvollen Residenz­ städte und der Zentren sozialer, geistiger und industrieller Entwicklungen. Einst Sitz einer kleinen württembergi­ schen Herrschaft, dann im Dreißigjährigen Krieg von den Österreichern eingenommen und endgültig zerstört, sind heute von der Höhenburg Karpfen nur noch Mauerreste und Gebäudeschutt der ursprünglich zwei­ teiligen Burganlage zu sehen. Geblieben ist der alte Meierhof am südlichen Fuß des Ber­ ges, der später württembergisches Domänen- Das Museum der Kunststiftung Hohenkarpfen (Kunstverein Schwarzwald-Baar-Heuberg) ist im denkmalgeschützten,früheren Ökonomiegebäude des gleichnamigen Hofguts bei Hausen ob Verena im Kreis Tuttlingen untergebracht. 183

Felix Hollenberg 1868-1945 A „Der Lupfen‘: 1919 Franz Frank 1897 -1986 T „Mohnfeld auf der Alb‘: 1951

Otto Dix 1891 -1969 • „Eisweg am Untersee“, 1944 Heinrich Kiibler 1905 -1965 T „Schwarzwald bei Villingen“, 1957

Maria Caspar-Fi/ser 1878-1968 „Bliihende Obstgärten“; 1907 T … Christian Landenberger 1862 -192 7 „Ernte‘: 1895 gut wurde und 1844 durch königliche Ver­ fügung in politischen Verband mit der Gemeinde Hausen ob Verena kam. Hausener Bürger kauften fortan Stück um Stück der Domäne. 1973 erwarb die Trossinger Unternehmer­ familie Gebhard Ritzi den noch verbliebe­ nen Rest der ehemaligen Domäne Hohen­ karpfen, sanierte und restaurierte in beispiel­ hafter denkmalschützerischer Privatinitia­ tive das Anwesen mit den gewaltigen Walm­ dächern. Das Hauptgebäude des Hofguts beher­ bergt einen gastronomischen Betrieb und im Untergeschoß des früheren Ökonomiege­ bäudes wurde im Sommer 1986 nach Plänen des Leonberger Architekten Dr. Ing. Ludwig Heck ein über 300 qm großes Regionalmu­ seum für südwestdeutsche Landschaftsmale­ rei des 19. und 20. Jahrhunderts eingerichtet, das technisch dem Standard der modernen 186

Großstadtmuseen entspricht. Träger dieser privaten Einrichtung ist die Kunststiftung Hohenkarpfen e. V. (Kunstverein Schwarz­ wald-Baar-Heuberg) mit gegenwärtig (Stand Frühjahr 1988) 550 persönlichen und 70 kör­ perschaftlichen Mitgliedern. Zu den körper­ schaftlichen Mitgliedern zählen auch der Schwarzwald-Baar-Kreis sowie etliche Städ­ te, Gemeinden, Industrie- und Dienstlei­ stungsunternehmen (einschließlich der In­ dustrie- und Handelskammer Schwarzwald­ Baar-Heuberg) aus dem Landkreis. Wie kam es zu dieser regionalen Stiftung? Im Spätjahr 1984 wurde zur Übernahme und Pflege einer umfangreichen Schenkung aus dem Nachlaß des Zeichners und Kinder­ buchillustrators Ernst Rieß, geboren 1884 in Tuttlingen, aufgewachsen in Hausen ob Ve­ rena und 1962 in Freiburg im Breisgau gestor­ ben, von einem Kreis mit zweiundzwanzig Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Kultur, Ver­ waltung und Politik ein privater, gemeinnüt­ ziger Trägerverein gegründet. Durch das großzügige Entgegenkommen der Besitzer­ familie Ritzi konnte der Gedanke an ein klei­ nes Rieß-Museum im Hofgut Hohenkarpfen rasch Gestalt gewinnen. Es ist dem Weitblick von Erwin Teufel, dem Vorsitzenden der CDU-Landtagsfraktion, und von Bad Dürr­ heims Altbürgermeister Otto Weissenberger, beide Gründungsmitglieder der Emst-Rieß­ Stiftung für Heimatpflege, zu verdanken, daß man bereits im Planungsstadium diesen personen- und lokalbezogenen Rahmen auf­ gab und sich den Aufbau eines regional.en Kunstmuseums mit dem Sammel- und Aus­ stellungsschwerpunkt auf der südwestdeut­ schen Landschaftsmalerei des 19. und 20. Jahrhunderts zur Aufgabe machte. Diese weitgespannte Aufgabe war der Grund dafür, daß die kaum gegründete Rieß­ Stiftung ein dreiviertel Jahr später, am 2. Juni 1985, nach dem Vorschlag von Landrat Dr. Rainer Gutknecht im Donaueschinger Schloß in Kunststiftung Hohenkarpfen e. V. – Kunst­ verein Schwarzwald-Baar-Heuberg umbe­ nannt wurde. Wohl kaum jemand unter den rund zweihundertfünfzig Teilnehmern die- ser ersten Jahresversammlung wird jenen strahlenden Frühlingstag mit der festlichen Atmosphäre des Donaueschinger Schlosses, den sprachmächtigen, autobiographischen Festvortrag des inzwischen verstorbenen Alt­ bundeskanzlers Kurt Georg Kiesinger über seine Kindheit auf dem Heuberg und über die Rottweiler Seminarzeit und last not least die überwältigende Gastfreundschaft Seiner Durchlaucht des Fürsten Joachim von Für­ stenberg vergessen. Getragen von dieser kulturellen Auf­ bruchstimmung in der Region konnte ein Jahr später das neue Landschaftsmuseum auf dem Hohenkarpfen eröffnet werden als ein­ drucksvolles Beispiel eines Bürgermäzenaten­ tums, wie Bundesminister a. D. Dr. Bruno Heck als Vorsitzender des Kuratoriums tref­ fend sagte. In der Tat wäre das Kunstmuseum Hohenkarpfen nie zustande gekommen ohne die ideelle und materielle Hilfe der Mitglieder, ohne das durchschlagende Enga­ gement einer ebenso arbeitsfähigen wie kom­ petenten Kerngruppe von ehrenamtlich Ver­ antwortlichen und die wohlwollende Förde­ rung durch Wirtschaft, Kommunen und Land. Die Sammlung Hohenkarpfen verfügt über eine beachtliche Zahl von Schenkungen und Dauerleihgaben zur Entwicklung der süd­ westdeutschen Landschaftsmal.erei mit dem Schwerpunkt auf der klassischen Modeme. Im einzelnen wird die einflußreiche Land­ schaftsschule der Karlsruher Akademie von Johann Wilhelm Schirmer über Wilhelm Trübner, Hans Thoma und Emil Lugo gezeigt bis hin zu den in unserer Region bekannten Malern Hans Dieter, Hans Schroedter, Karl Merz und Otto Leiber, alle­ samt Künstler, die im Schwarzwald-Baar­ Kreis (zumindest zeitweise) lebten und wirk­ ten. Die Stuttgarter Akademie-Tradition ist mit Werken von Albert Kappis, Karl Ebert, Christian Landenberger, Otto Reiniger, Felix Hollenberg, Alfred Wais, Franz Frank, Man­ fred Henninger und anderen vertreten. Auch die Münchner Einflüsse auf den expressiven 187

Realismus in der modernen Landschaftsdar­ stellung sind mit wichtigen Beispielen von Maria Caspar-Filser, Karl Caspar,Julius Heß und Edmund Steppes vertreten. Schließlich repräsentiert die Sammlung Hohenkarpfen noch den „Sonderfall“ Otto Dix, der sich, im Dritten Reich mit Ausstellungsverbot belegt, nach Randegg und später nach Hemmenho­ fen auf die Höri zurückgezogen hatte und der sich in diesen Jahren der (politisch unver­ fänglichen) Landschaftsdarstellung, anfäng­ lich ganz in der altmeisterlichen Lasurtech­ nik der Donauschule, zuwandte. Auf Hohenkarpfen sind zwei winterliche Unter­ seelandschaften von Otto Dix aus den Jahren 1944 und 1951 zu sehen. Neben diesen Kunstschätzen muß jedoch die unberührte Landschaft, in deren Einsam­ keit das Museum eingebettet ist, als das eigentliche Kapital der Unternehmung gel­ ten. So wird auch die einfache Philosophie des Kunstmuseums Hohenkarpfen deutlich. Sie will das Widerspiel zwischen Kunst und Natur, zwischen Kunstschönem und Natur­ schönem in Gang setzen und dem Besucher etwas von jener Erfahrung Goethes, Land­ schaft wie ein Bild zu sehen, vermitteln. Daß die Besucher des Museums, das jeweils vom Palmsonntag bis zum Bußtag geöffnet ist, und hauptamtlich von einem Kunsthistori­ ker betreut wird, diese didaktische Absicht, den Menschen die Augen zu öffnen für die stille, lyrische Schönheit der Landschaft zwi­ schen Schwarzwald, Alb und Bodensee, un­ willkürlich begreifen, zeigt die Notiz eines Gastes, der von der Sammlung schrieb, es handle sich hier um „eine richtige Liebhaber­ idylle inmitten einer Hans-Thoma-Land­ schaft: Geistesgegenwart in der Konzeption – Herzensgegenwart in der Ausführung. Keine strömenden und weitgereisten Be­ suchermassen, sondern leise und auf­ geschlossene Gäste für Landschaftskunst.“ Und dieser Beobachter fahrt dann mit den Worten fort: ,,Die Exponate wetteifern mit der Landschaft des Hofgutes im Blickfang der Stimmungen und Farben. Von den fei­ nen Sujets eines Hans Thoma bis zu der 188 strukturierten Pinselführung eines Otto Dix – alles verträgt sich und harmonisiert in den Konturen der Landschaft: das Hofgut – ein Landschaftshaus. Mehr Landschaftsmuseum als Galerie.“ Prof. Dr. Friedemann Maurer * Heimat Ich besuche dich meine Heimat meine Stadt du bist mir vertraut natürlich du bist unverändert versteht sich du bist noch immer du begreiflich du bist alt und nicht schön doch deine Wälder deine Wege dein Himmel über dir sind schön ich komme gerne dich zu besuchen gleich einem alten Freund du nimmst mich an öffnest mir dein Gesicht klagst mir deine Verwüstung du bist mir vertraut du kennst mich du meine Heimat die du mich heranwachsen sahst seit meiner Geburt ich vermisse dich nicht ich brauche dich nicht mehr wie damals ich bin glücklich zu wissen daß es dich gibt daß du auf mich wartest mich aufnimmst mitlebst mit mir und ich mit dir wenn ich wieder komme dich zu besuchen meine Heimat. Hanna Jäckle

Kunst und Künstler Erich Villa Maler, Plastiker, Grafiker Er ist ein Formsuchender und ein Formge­ ben der: Erich Villa, ein vielseitiger Künstler. In seinem Oeuvre begegnet man Malerei, Grafik, Design, Plastik, Relief, Kunst am Bau. Immer ist es Begegnung mit einem Differen­ zierten an Ausdrucks-und Gestaltungskraft. Erich Villa lebt in Villingen. Er wurde 1935 in Kanth/Breslau geboren. Sein Vater, ein bekannter schlesischer Maler, erkannte früh die Begabung seines Sohnes und förderte sie. 1945 floh die Familie vor der russischen Inva­ sion. Durch die Dienstverpflichtung des Vaters bei den Junkers-Flugzeugwerken, kam die Familie nach Dessau und Leipzig. Bei einem Treffen schlesischer Künstler in Leip­ zig, fand der Vater seinen Künstlerfreund Prof. Thielmann wieder, dessen Schüler Erich Villa 1949 in angewandter Malerei wurde. Es folgte eine Ausbildung als Zeich­ ner und Designer der textil technischen Indu­ strie, wo er aus einem Wettbewerb als Lan­ desbester hervorging, den Förderpreis des Landes Sachsen erhielt und damit in Verbin­ dung ein Stipendium der Stadt Leipzig an der Schule für Kunst und Kunstgewerbe, Leipzig. Im Jahre 1953, seiner ersten öffentli­ chen Ausstellung in Berlin, übersiedelte Erich Villa mit seinem Vater in den Schwarz­ wald. Von 1962 bis 1968 folgten ausgedehnte Studienreisen nach Brasilien (Reisestipen­ dium für Rio de Janeiro), Frankreich und Ita­ lien. Danach häuften sich Ausstellungen und öffentliche Aufträge. Auch der internatio­ nale Erfolg blieb ihm nicht versagt. Einige Ausstellungen, allesamt Einzelausstellungen, seien hier herausgegriffen: Studio Q!iinze, Rio de Janeiro/ Sammlung Marino, Venezia / Salon d’Hiver und Galerie Mandragore, Paris / Casino, Yverdon / Galerie Hilger, Strasbourg / Galerie Keo, Hagen/ Parlament. Abb. 1 „Portrait“ Gesellschaft, Bonn. Werke in öffentlichem Besitz befinden sich u. a. in: Fabricas Unidas de Tecidos, Rio de Janeiro / CoJlection Orgell, New York / Bundesministerien für Post-und Fernmeldewesen, Forschung und Technologie, Arbeit, Verkehr, Bonn/ Regie­ rungspräsidium Freiburg / Landkreis Schwarzwald-Baar / Sparkasse Villingen­ Schwenningen / Landesgirokasse Stuttgart / Landeskreditbank Baden-Württemberg / div.Stadtverwaltungen und Kurkliniken. Mit seiner Kunst am Bau, seinen Werken der Malerei und Plastik in P.rivaten und kom­ munalen Bauten, mit der Ubernahme künst­ lerischer Aufgaben bei Altstadtsanierungen ist Erich Villa auch vielen Menschen im Schwarzwald-Baar-Kreis bekannt geworden. Mit der Formgebung im besonderen beschäftigt sich der Künstler als freier Designer für verschiedene Industriezweige. 189

Seine ganz besondere Liebe gilt der (wahl-) heimatlichen Schwarzwaldland­ schaft, dann den Alpen-, Seen- und Marschlandschaften. Nun verleitet gerade die Landschaftsmalerei in ihrer unendlichen Vielfalt zu Überfüllung oder zu kraftlosem Ungefähr. Davon ist aber nichts zu spüren in Villas Landschaftsbildern. Vor Ort lauscht der Künstler in die Geheimnisse der Natur hinein und dennoch setzt er nicht selten anstelle des Abbildes der Wirklichkeit das Ursprüngliche einer inneren Vorstellung. Überhaupt ist Landschaft für ihn kein Pro­ jektionsschirm flüchtiger Ideologien, son­ dern Erfahrungsraum -ein Raum individuel­ ler Empfindungen und wohl auch Erinne­ rungen mit etwas Platz für einen expressiven Gestaltungswillen. Auf dem Bildträger hält er dann das erlebte ständige Ränkespiel sphäri­ scher und irdischer Kräfte fest. Beispiele: Abb. 2 „Abendwolken“ „Abendwolken“ (Abb. 2), „Abend an der Küste“ (Abb. 3), „Jurafelsen“ (Abb. 4). Die Kraft des ersten Eindruckes ist wohl das Entscheidende für sein künstlerisches Schaffen. Sie findet sich in der Spontaneität des Ausdrucks. In einigen seiner Landschaf­ ten zeigt sich die Farbe geladen mit heftigster Ausdruckskraft. Zuweilen wird eine Bildtiefe geschildert, die gleichsam nah und fern ist. Ebenso expressiv im Ausdruck, aber anders in ihrer Struktur sind Villas Gebirgs­ und Mittelgebirgslandschaften. Mal wird die Fläche zum Schwingen gebracht, mal betont er einen dynamischen Linienfluß, jeweils abhängig davon, ob Formenbindung oder Gegeneinander der Teile des Bildgegenstan­ des angestrebt sind. Die Landschaften, einerseits in ihrer tekto­ nischen Struktur, andererseits in ihrer Har­ monie als Klang- und Stimmungsträger, 190

Abb. J „Abend an der Küste“ Abb. 4 ,Jurafelsen“

sich in seinen graphischen und plastischen Arbeiten auf Wesentliches, d. h. Schaffung eines elementaren Ausdrucks und einer ihm gemäßen Form. Und so wird in ihnen beson­ ders deutlich, daß Kunst konzentriertes Leben ist. In der Formgebung geht es Villa um Handgreiflich-und Begreiflich-Machen archetypischer Seins-Formen. Herausgegriffen sei eine Plastik in Silu­ min-Aluminiumguß, ihr Titel „Der Mensch und die Elemente“ (Abb. 8). Auf der einen Seite der Plastik will der Künstler, wie er selbst betont, ,,trotz der Individualität des Menschen die Wichtigkeit der Begegnung und des Gespräches vermittelt werden“. Die andere Seite hält die vier Elemente bereit: Die Erde, dargestellt als Keimling, der alles Abb. 6 „Die heilige Familie“ Abb. 5 »Badende“ scheinen sich wehren zu wollen vor menschlichem Eindringen, vor einem Bege­ hen und Durchschreiten. Villas Menschendarstellungen, ob Akt oder Familienbild, zeichnen sich durch in­ telligente Vereinfachung und Formenstraf­ fung, klare, zuweilen weitschwingende Rhythmen bei dynamischer Tektonik aus. Logik und Gefühl vereinigen sich dabei (Abb. 5, 6, 7). Gleiches findet der Betrachter auch in Vi1- las Plastik wieder. Erich Villa konzentriert 192

Abb. 7 »Sitzender Akt“ Leben beinhaltet/ Das Wasser als stilisierte Wellen, die Urgewalt und Kraft zum Aus­ druck bringen / Das Feuer in Gestalt der Sonne, die Licht und Leben spendet / Die Luft als ein nicht begrenztes, nach oben geöffnetes Feld, welches Bewegungsabläufe und Schwingungen vergegenwärtigt. Die vier Elemente, zeichenhaft aufgesetzt und den­ noch raumgreifend, sind um einen Durch­ bruch gelagert. Während das Licht den diffe- renzierten Charakter der Oberfläche der Pla­ stik preisgibt, ist ihm in dem dunklen Durch­ bruch Einhalt geboten und so schält sich, maskengleich, ein stilisiertes menschliches Gesicht heraus. ,,Diese Form der Darstellung wurde bewußt gewählt, um den Mensch in seiner Anonymität und Vielfalt zu zeigen.“, sagt Erich Villa. Seine Zeichen-Setzung ist also wie bei vielen zeitgenössischen Künst­ lern eine Botschaft und ein Sprechen durch 193

Abb. 8 „Der Mensch und die Elemente“ (Plastik) 194

gestellt in die vier Elemente. Spannung ist erzeugt und doch verbindet sich alles Gege­ bene zu ausgewogener Schöpfung. Die Pla­ stik „Der Mensch und die Elemente“ macht sichtbar: Werden ist Begegnung, Durch­ dringung, Durchwärmen, Durchfluten. Der Mensch lebt im Bezug und dieser ist ver­ knüpft mit dem Bezug zur äußeren Natur und zum Mitmenschen. Ein Ineinander von Selbstbezug und Außenbezug bestimmt Denken, Fühlen, Wollen, Tun und Lassen. Objekt und Subjekt, gesetzt im Geschehens­ zusammenhang, sind miteinander verfloch­ ten in einem Prozeß, dessen Grundmerkmal die Dialektik von Bedingung und Bedingt­ werden ist. Eindringlich konkretisiert Erich Villa Bau­ werke durch seine Skulpturen und Plastiken auf die jeweiligen bestimmten Inhalte hin. Form ist die Ausdrucksweise, die dem Inhalt seine Bedeutung gibt. Form und Inhalt sind ihm etwas Integrales. Erich Villas Kunst­ schaffen pendelt zwischen Abstraktion, wobei die Form aus – mit Kandinsky zu sagen – innerer Notwendigkeit gewachsen ist, und expressivem Vibrato. Jürgen Ecker Abb. 9 „Birken im Frühling“ ‚.Zeigen. Die ‚.Zeichen-Setzung erwartet Men­ schen, die ihr begegnen und sich „hineinstel­ len“. Der Durchbruch, das Dunkel ist hinein- Der Maler und Grafiker Bugen Gross Auch mit 76 Jahren ist der Skizzenblock sein Begleiter In Schönwald im Schwarzenbach scheint die Welt noch in Ordnung: Wiesen wechseln sich ab mit Bachläufen, von den Höhen grüßt der Wald, einzelne Schwarzwaldhöfe beleben das Tal, Kühe weiden und Pferde galoppieren in der Pferch – wer möchte da nicht beschaulich innehalten. Mittendrin ein Hof, dem so gar nichts Bäuerliches anhaftet, ein sich unter großem Dach duckendes Hauptgebäude, eine angrenzende Scheune. Der Spaziergänger geht da zunächst achtlos vorbei, geht um die vermeintliche Scheune herum und entdeckt plötzlich ein einladen­ des zweiflügeliges Tor. Neugierig wird ein Blick durch die Torfenster geworfen, Holzge- bälk, ein runder Tisch, an den Wänden unzählige Bilder, eine Staffelei. Wer nun klopft, dem wird gern aufgetan. Aber dem Besucher gilt auch ein fragender, durchdrin­ gender Blick: Eugen Gross, 76jährig, schaut genau hin, schätzt, wägt ab – und läßt den am Künstlerleben Interessierten gern ein. Das Hinschauen, Beobachten hat den im gebürtigen Triberger, der seit 1964 Schwarzenbach lebt, zu dem Mann und Künstler gemacht, als der er heute geschätzt wird. Sein bildhaftes Gedächtnis läßt zu, heute noch Situationen, Eindrücke farbig zu schildern, ja – wenn er es möchte – in Bilder umzusetzen. Radierungen, Holzschnitte, 195

Künstler“ durchs Leben schlagen müssen, wie es die Eltern sahen. Also erlernte er das Buchdruckerhandwerk. Und auch diese Ent­ scheidung hält er heute für gut und sinnvoll. Hat doch dieses Handwerk ihm den Weg zum Beruf des Grafikers geebnet. Die Kunst­ malerei kam dazu und füllte auch die andere Seite des Menschen Eugen Grass aus. Die Meisterprüfung im Buchdruck legte Eugen Grass vor dem Zweiten Weltkrieg in Nürn­ berg ab. Er hatte damit den Willen der Eltern erfüllt, sich eine handwerkliche Grundlage zu schaffen, mit der er überleben konnte. Nun aber war es für ihn Zeit, sich seiner Lei­ denschaft seit frühester Kindheit zu widmen: er ging nach Dresden an die Kunstakademie zu den Professoren Drescher und Sinkwitz. Und er konnte sich seinen Unterhalt durch die Arbeit in der Buchdruckerei selbst verdie­ nen. »Jahre, die mir sehr viel Freude bereite­ ten“, erinnert sich Eugen Grass. Ein Plakat, direkt von der Hol.zplatte gezogen. Hol.zschnitt 1934 Ölbilder, das sind seine Möglichkeiten, das Geschaute anderen zugänglich zu machen. Ganz selten aber nur verliert er sich da ins Mythische, vielmehr bemüht er sich um eine realistische Wiedergabe des Gesehenen, Erfühlten. Und selten sind diese Gefühlsdar­ stellungen verkäuflich. Wie zum Beispiel sein Gemälde „Beginn des Lebens“: in einer vielfarbigen Spirale beginnt der Embryo, durch die Spirale, in warmen, aber auch kal­ ten Ölfarben gehalten, wird er sich ans Leben bewegen, wird Leben … Eugen Grass‘ Atelier in der Scheune strahlt mit diesem Bild als Mittelpunkt. Für Eugen Grass begann die Annäherung an die bildliche Wiedergabe von Geschau­ tem und Gefühltem bereits in der Schule. Der kleine Eugen, als jüngstes von acht Geschwistern, hatte das Glück – so bezeich­ net der Maler und Grafiker es selbst – in Tri­ berg Professor Neumann als Kunsterzieher an der Schwarzwaldschule zu haben. Dieser erkannte den wachen Geist, das zeichne­ rische Talent des Jungen und ermunterte ihn: „Schau‘ genau hin, was siehst du, zeichne das jetzt“. Und Eugen Grass zeichnete, malte, vertiefte sich immer mehr in die Kunst, Geschautes und später auch Gefühltes wie­ derzugeben. Aber auch Eugen Grass sollte „etwas Rechtes“ lernen, sich nicht als „brotloser 196

Den Beginn des Lebens, das Aufwärtsstreben, verdeutlicht dieses Werk. Es entstand 1973, die Ölfarben wurden zum Teil mit den Fingern aufgetragen. Im Mittelpunkt der Spirale der Beginn des Lebens. Das Original mißt 2 x 2 Meter. Erste Kontakte zur Zeitung knüpfte er in Dresden, reichte aktuelle Zeichnungen ein – da zahlte sich der Satz seines Lehrers „Schau genau hin“ schon aus, da war die nächste Stufe für ihn schon vorgegeben. Er wurde Pressezeichner. Er hielt Geschehenes mit dem Zeichenstift fest und machte sie so der Öffentlichkeit zugänglich -eine Tätigkeit, die heute nur noch in Gerichtssälen ange­ wendet wird, wenn keine Fotografen zugelas­ sen sind. So hätte es für Eugen Gross weitergehen können: in Dresden leben und arbeiten – dem gebürtigen Triberger gefiel es in der ehe­ maligen Residenz von August dem Starken, wo die Kunst, die Kultur zu Hause war. Dort­ hin kam auch seine Frau Julie geb. Hug, in Dresden kamen auch die beiden Kinder auf die Welt. Die Weichen waren für ihn, den Kunstmaler, Pressezeichner und in Anfän­ gen auch Grafiker gestellt … Doch Eugen Gross gehört zu der Genera-197

,, – ‚ ‚ ,! / Im Atelier tion, deren Pläne durch die damalige Hitler­ Regierung zerschlagen wurden. Gross wurde 1939 eingezogen, kam als Pressezeichner zur Fallschirmjäger-Truppe und folgte ihr bis zum Ende des Krieges nach Griechenland, Italien und Tunesien. Seine Aufgabe war, das Soldatenleben im Einsatz zeichnerisch fest­ zuhalten, nach Deutschland zu schicken – er war zum Kriegsberichterstatter mit dem 2.ei­ chenstift und dem Skizzenblock geworden. In seinem Buch „Eugen Gross – Leben und Werk“, das er zu seinem 75. Geburtstag her­ ausgab, spiegelt sich in zahlreichen Kohle­ zeichnungen diese einschneidende Epoche im Leben des Künstlers wider. Diese Momentskizzen vermitteln in ihrer Drama­ tik einen Eindruck von der Anstrengung und dem Leid, dem die Soldaten ausgesetzt waren. Natürlich gibt es auch fröhliche Gesichter, aber sie sind durch Furchen im Gesicht, durch traurig schauende Augen dar­ gestellt und signalisieren nur die Atempause durch kameradschaftliches Miteinander. 198 Eugen Gross‘ Wunsch, noch einmal im Alter eine Fallschirm-Jägertruppe mit dem 2.ei­ chenstift begleiten zu dürfen, erfüllte ihm der frühere Verteidigungsminister Manfred Wörner. Gross zeichnete erneut, nun Solda­ ten der Bundeswehr, und versuchte so wie er es gewohnt ist, ein Stück seines Lebens zu bewältigen: mit dem 2.eichenstift und dem Skizzenblock. Die 2.eichnungen neuesten Datums haben nun einen Platz im Bundes­ verteidigungsministerium – und Eugen Gross ist stolz darüber. Und dann war der Krieg zu Ende und Eugen Gross suchte von Sachsen aus seine Familie. Zu Fuß ging er, sich von dem ernäh­ rend, was die Natur hergab, von Sachsen in den Schwarzwald und fand bei seiner Mutter am Bergsee in Triberg seine Familie. Und ein neuer Lebensabschnitt begann. Er siedelte sich in der Retsche an, übernahm dort das Lokal mit seiner Frau, um eine Überlebens­ basis zu haben und begann sein Berufsleben nun als Kunstmaler und Grafiker.

Über 20 Jahre lagen bei dieser Ölarbeit zwischen der Idee und der Ausführung. Ein Landwirt mit Sense vor seinem Hof. Fertiggestellt 1982 199

Wer aufmerksam durch den Schwarz­ wald-Baar-Kreis geht, stößt überall auf Zeu­ gen von Eugen Gross‘ Schaffen. So gibt es noch eine ganze Reihe von Werbeplakaten für Villingen als Theaterstadt, Hotels und Gaststätten schätzten und schätzen Gross als Wandmaler und dessen Arbeiten. Der abge­ brannte Hänslehof in Bad Dürrheim trug Fresken, die das bäuerliche Leben darstellten, von ihm. Seine Vernichtung bedauert er. In Triberg sind Wandgemälde im Heimatkeller zu sehen, das Cafe Central und die Volks­ bank in Schönwald tragen Wandgemälde von Eugen Gross. Die Schwarzwaldmotive waren der Wunsch der Auftraggeber. Aber Eugen Gross ist der Schwarzwaldlandschaft sehr zugetan. Er liebt seine Heimat und gibt sie ohne falsches Pathos wieder, zeigt dem Betrachter aber auch bei aller Idylle die Anforderungen, welche die Landschaft an den Bergbauern stellt. Der Grafiker mit dem Blick für die Genauigkeit war bald auch bei der Industrie Fassade des Cafe-Hotel „CenlTal“ in Schönwald gefragt, zahlreiche Arbeiten zeugen davon. Noch heute ergänzt er Prospekte mit präzi­ sen Zeichnungen von Maschinen, neuen Produkten, entwirft er Firmensignets. Vieles, was er in den vergangenen Jahren machte, hat er inzwischen vergessen, falls sich in sei­ nem Atelier nicht Drucke finden, die ihn daran erinnern. In Triberg in der „Maler­ klause“, wie das Haus auf der Retsche bald genannt wurde, fühlte er sich mit der Familie wohl, gab es viel Geselligkeit, wurden Grund­ lagen gelegt für einen weiteren Zweig maleri­ schen Könnens, der Porträtmalerei. Be­ kannte und Unbekannte hielt er fest, machte bald Auftragsarbeiten und mußte so man­ ches Mal darauf hinweisen, daß er zwar sehr viel Spaß an seiner Kunst habe, er sie aber auch -um leben zu können -verkaufen müsse … 1964 zog Eugen Gross mit seiner Frau von Triberg nach Schönwald -seit dem Jahr hat er ein gestörtes Verhältnis zu seiner Heimat­ stadt. Die „Malerklause“ sollte einem Neu- ·df( HOTEL €’ENTR 200

, Fassade der Volksbank Schönwald bau weichen, ihm wurde gekündigt, das Haus abgerissen, aber der Neubau kam nie. Dem Maler war das bitter, fühlte er sich doch nun verstoßen. Mit seiner Frau lebte er dann im Schwarzenbach gemeinsam bis 1975. Sie ver­ ließ ihn allzufrüh. Seit der Zeit lebt der Witwer allein, doch einsam ist er nicht. ,,Die Arbeit macht mir immer noch großen Spaß“, versichert der heute 76jährige und weist auf seine jüngsten Arbeiten: Illustrationen für ein Kinderbuch -hier konnte er Märchen in Bilder umsetzen -Entwürfe für Gemälde über seine Heimat- stadt Triberg: einst und jetzt, welche die Sparkasse Triberg in Auftrag gab. Auch sein Skizzenblock ist noch gefüllt, seine Reisen führen ihn in Gegenden, die er festhalten möchte. Aber auch Blicke aus seinem Ate­ lierfenster finden sich im Skizzenblock. Und damit das alles nicht verloren geht, arbeitet er zügig daran, macht er morgens nach dem Frühstück den Tagesplan. ,,Ich bin eher noch schneller geworden als früher“, meint Eugen Gross. Er möchte das Angefangene so schnell wie möglich fertig haben -vielleicht ein Cha­ rakterzug des Alters. Der Besucher, der leise geklopft, zugehört und gestaunt hat, darf vielleicht mit einer kleinen Skizze wieder gehen. Aber der Ein­ blick in das Leben und Werk von Eugen Gross vermittelt mehr als nur ein Geschenk: ein Mensch hat bei allem Wunsch nach materieller Sicherheit den künstlerischen Auftrag angenommen, nach Verwirklichung gestrebt und darin über die Jahre nicht nach­ gelassen. Daß er bei seinen Kindern diese Saat aufgehen ließ, zeigt deren berufliche Laufbahn: der Sohn lebt als Illustrator in München, die Tochter ist inzwischen eine bekannte Porträtistin in Paris. Zu beiden hat er einen herzlichen Kontakt. Und er selbst hat noch Zukunftspläne: in einer Zeichen­ schule jungen Menschen das richtige Sehen lehren -und eine Weltreise machen: mit dem Skizzenblock. Renate Bökenkamp 201

Der Maler Gottfried Harter Es ist immer ein Abenteuer mit ungewis­ sem Ausgang, einen Maler zu besuchen und sich in der ihm eigenen Bildwelt um Annähe­ rung zu bemühen. Da könnte ein schon kunstmarktschreierischer Name die Irrita­ tion fördern, in der das Wesentliche von oberflächlicheren“ Werten“ überdeckt wird. Ein noch spannenderes Abenteuer ist es jedoch, auftragsgemäß in eine malerische Eremitage einzudringen, in der die Sphäre der Zurückhaltung so etwas wie ein Privatissi­ mum ohne von Ausstellungen geläufige Signatur und selten durch Daten dokumen­ tierte Entwicklungsprozesse charakterisiert. Lediglich am Türschild des Einzelhauses in Bräunlingen der ausgeschriebene Name „Harter“, erst nach umständlichen Hinwei­ sen entdeckt: Ein Name, von keinem der heutzutage mit Eitelkeiten so dickleibig wirt­ schaftenden Künstlerverzeichnisse, ge­ schweige von sich selbst an die große Glocke gehängt, und doch von jung auf bis ins achte Jahrzehnt für ein Leben in unbeirrter Bild- welt stehend, die sich nur in eigenen, sichtbar gemachten Empfindungen unmittelbar manifestiert. 202 »Kobold“ (Abb. J)

„Grödner Tal“ (Abb. 2) „Wenn die Menschen mehr Zeit fänden, alles näher und länger zu betrachten, dann stände es besser um sie.“ Diese Maxime des jetzt 80jährigen Gottfried Harter deutete ein Programm an, wenn die schon im Kindesal­ ter wurzelnde Fortsetzung einfacher Erzäh­ lungen in Zeichen-und Maiformulierungen programmierbar wäre. Kaum nach freundlichem Willkommen in Gottfried Harters behagliches und farben­ frohes Heim eingetreten, findet sich der noch neugierig-unsichere Besucher schon in der Mitte dieser nahen, intensiven Betrach­ tungsweise des sich als Naturalisten bezeich­ nenden Malers. Die „ Verwurzelung“ ver­ deutlichen nicht nur die naturgewachsenen Waldfunde in Form bizarrer Holzrelikte und Wurzelstöcke, deren Alraune-und Schratt­ charakter Schnitzmesser und Farbe kobold­ haft verstärkten (Abb. l), sondern ähnlich die schmuckreichen Aufarbeitungen alter Uh­ renblätter und rustikaler Schränke. Auf­ gefrischte und damit fortgesetzte Erinnerun­ gen, wie auch alles Gemalte eingekapselt in den persönlichen Erkennungsraum, abge­ schirmt gegen jeden gestischen Maiduktus, der zeitbedingt Verletztes in eigener Betrof­ fenheit bis zur apokalyptischen Eindring­ lichkeit sichtbar macht. „Sie müssen in Ihrer Eigenart weiterarbei­ ten“, stützten die beratenden Maler Hans Adolf Bühler von der Karlsruher Kunstakade­ mie und der Freiburger Professor Juharisch noch vor dem Krieg den nach erweiterten Hori­ zonten suchenden Harter und meinten damit wohl den ungebrochenen Verbund mit der schon früh prägenden Natursicht aus urtümli­ cher Verwurzelung und kaum okulierbarem Wachstum, das aufgepfropft womöglich Zwit­ ter-oder Scheinfrüchte getragen hätte. 203

„Wenn ich auf Spaziergängen unterwegs bin, dann habe ich meinen :leichenblock immer dabei“, schmunzelte der malende Hausherr und fesselte mit lustig-listigen Augen unter buschigen Brauen. „Sehe ich etwas Interessantes, dann nehme ich es auf und setze es um.“ Die :leugnisse dieses Ent­ deckungsverfahrens stehen gestapelt oder hängen gerahmt an allen Wänden. Das hand­ gewebte, fast wie neu wirkende Leinen seines hellen Bauernkittels mit Farbbesatz stammt aus einer Breisgauer Altvorderntruhe und ist sicher doppelt so alt wie sein temperament­ voll im Lebensalbum blätternder Träger. Vorerst führten Worte in Beweggründe ein: Die Jahrhundertwende rückte in greifbare Nähe. Anfang Mai in Teningen bei Emmendingen als Sohn eines Vaters gebo­ ren, der als Schmied, Schlosser und Monteur ,,Fischerhütte Pilgen’bach“ (Abb. 3) 1908 oft im Ausland arbeitete, besuchte Gottfried Harter die Volksschule und mußte sich, da die Mutter als Zigarrenwicklerin für das Lebensnotwendigste sorgte, schon früh um seine vier Geschwister kümmern. Das wurde weiter erschwert, nachdem der Vater 1936 gestorben und die ältere Schwester ins Aus­ land gegangen war. 1952 starb die Mutter. Schon in seiner Schulzeit begeistert zeich­ nend und malend, zählte Harter als junger Mann manchen Lehrer und Pfarrer zu seinen ersten Bilderkäufern. Aquarelle, Ölbilder, Pastelle, Blei-und Kohlezeichnungen brach­ ten ihm damals einen Erlös zwischen fünf und zehn Mark. Heute sieht es anders aus: Auf einer seiner seltenen Ausstellungen ver­ kaufte er von über 50 Arbeiten die Hälfte für drei-bis vierstellig,e Summen. Als Sohn eines ortsbekannten Sozialdemokraten war Gott­ fried Harter ab 1933 den Nationalsozialisten 204

,,Dilgerhof Furtwangen“ (Abb. 4) ein Dorn im Auge; mehrere Male wurde er das Opfer von SA-Schlägerkommandos. Eine ‚.Zäsur in seinem schöpferischen Engage­ ment setzte ein, als ihm der Kauf von Mai­ mitteln unmöglich gemacht wurde. Er mußte die Malerei aufgeben.1937 ließ ersieh deshalb als Destillateur ausbilden und fand danach Arbeit in den großen Weinhandlun­ gen von Freiburg. Deren Heereslieferungen verschafften ihm die sogenannte „Unab­ kömrnlichkeit“, bis er 1942 doch noch in Feldgrau nach Frankreich und Rußland ein­ gezogen wurde. Nach zwei vergeblichen Ausbruchsversuchen kehrte er erst 194 7 aus französischer Gefangenschaft nach Tenin­ gen heim und verdiente sich mit dem Ver­ kauf von Steg-Ware sein Brot. Hierbei mit dem Fahrrad viel unterwegs, brachte er auch wieder seine Zeichnungen vorrangig an den Bauersmann. 1957 heiratete der dazu als Fußballer und Boxer anerkannte Sportler Gottfried Harter in zweiter Ehe seine aus Rohrbach (Schwarz­ wald) stammende Frau Ursula. Nach 13 Jah­ ren Berlin-Aufenthalt lebt er jetzt seit 14 Jah­ ren in Bräunlingen. Hier ist er zufrieden hei­ misch geworden. In selbstgewählter Zurück­ gezogenheit findet er die Ruhe für seine malerischen Ambitionen. Nach schweren Lebensstationen bezeichnete er im Gespräch seine Ehejahre als „die schönste Zeit“. Dazu lächelte Frau Ursula, die ihm bei der lebendi­ gen Unterhaltung assistierte. ,,Meine Augen sind scharf wie eh und je“, meinte der 80jäh­ rige und ließ bei folgender Einschränkung keinerlei Resignationsmerkmale erkennen, „aber mit dem Gehör steht’s nicht zum besten“. Eine Stufe der Schwerhörigkeit könnte wohl taktisch für gewünschte Distan­ zierung oder nützliche Nachdenkpausen eingesetzt sein. Die sympathische Ver­ schmitztheit im aufmerksam beobachten-205

,,Beim großen Windbruch“ (Abb. 5) den Blick ließ solche Deutungsmöglichkeit verständnisinnig zu. Denn besonders genehme Anmerkungen wurden erstaunlich hellhörig aufgenommen. ,, Wenn ich nicht male, bin ich krank“, diagnostizierte der betagte Maler seinen kaum anfälligen Vital­ befund und stellte anschließend sein maleri­ sches Oeuvre vor: Eine Retrospektive bewahrter Überlieferung; konservative, ohne Überspanntheit reine Freude am Malen [,,Grödner Tal“, Öl, 1978 (Abb. 2); ,,Fischer­ hütte, Pilgeribach“, Öl, 1978 (Abb. 3); ,,DiJ­ gerhof/Furtwangen“, Öl, 1981 (Abb. 4)]. Die Landschaft, belebt oder unbelebt, wird in der Zurückhaltung nicht zum Indikator der erfahrenen Verletzbarkeit ihrer Natur. Die Stimmung hat Vorrang vor dem Bestimmen­ den. Wo doch die Spontaneität aus den auf­ genommenen Erschütterungen seismogra- 206 phisch resultieren müßte oder könnte. Denn da wo die Katastrophe angedeutet oder direkt gezeigt wird, erscheint sie als Natur­ ereignis ohne menschliches Zutun [,,Beim großen Windbruch“, Öl, 1974 (Abb. 5)]. Die liebenswürdige Schilderung in der 1967er Vedute „Bräunlinger Kirchstraße“ (Abb. 6) weist auf ein Vergnügen an Detailentdeckun­ gen hin. Für erregende Konfrontationen, die gewohnte Bildelemente in Frage stellen, ist auf diesem überzeugt eingeschlagenen Weg kein Platz. Daß ausbruchartige, andere Auf­ fassungen aber möglich sind, deutet das Arbeitsbeispiel „An der Breg“ von 1978 (Abb. 7) in seiner schnörkellosen Erfassung an. Doch alles sind nur Worte für subjektiv empfundene Eindrücke nach ohnehin un­ möglicher chronologischer Wegbegleitung. Die gleiche Anfälligkeit für läßliche Fehler in

Ablichtung und Reproduktion von Bildern, so sehr sich der junge Jörg Michaelis im Sinne dieser Orientierungshilfen fotogra­ fisch auch bemühte: Ersatzbrücken wie selbst die sparsamsten verbalen Auslotungs­ und Annäherungsversuche. Geschriebenes und Beschriebenes werden nie adäquat. Denn allein bestimmend ist das Schauen. Es gibt letztlich keine angemessenen Worte für die Wirklichkeit eines eigenen Kosmos und dessen Innen-Bild-Schau. Im Grunde blei­ ben schöpferische Impulse, Entstehungs­ und Aufbruchsweisen individuelle Geheim­ nisse. So wie bei Flüssen ihre sie doch immer speisenden Qp.ellen selten voll auszuloten sind. Man könne, so meint Etienne Gilson, die Malerei nicht von der Philosophie her angehen. Es ist wohl so, daß man sich nicht in Worten über eine Kunst verbreiten sollte, die ,,Bräunlinger Kirchstraße“ (Abb. 6) nicht eine Kunst des Wortes ist. Das von Joseph Beuys angesprochene Kreativitätsver­ mögen setzt überdies alle üblichen Kriterien außer Kraft und dafür die Anerkennung jeder Gestaltungs- und Ausdrucksanstrengung ein. Das sind auch Lernvorgaben für den Betrachter, über alle kritischen Einstellungen hinaus. Jedes Eingebundensein in eigene Bild-,,Sprachen“ gegenüber den vom heuti­ gen Erfolgszwang vorgezeichneten folgt sei­ nen eigenen Schau- und Entwicklungsgeset­ zen. So kann Gottfried Harters Beständigkeit in dem ihm gemäßen Engagement nur zu seinen, ihm allein zukommenden zeichneri­ schen und malerischen Selbstfindungen sowie Zielsetzungen führen. Schon deshalb, neben der mitgeteilten Farbigkeit, lohnte sich der anregende, erkenntnisreiche Atelier­ besuch im menschlichen Kontakt. Jürgen Henckell 207

,,An der Breg“ (Abb. 7) Kunst der Gegenwart in barocker Umgebung Landeskunstwochen Villingen-Schwenningen Vor genau 300 Jahren erfolgte die Grund­ steinlegung des barocken Zentrums der Stadt Villingen: die Benediktinerkirche St. Georg, eingezwängt zwischen den Gebäuden der Stadt und der Befestigungsanlage. Ein Schmuckstück allen städtebaulichen Widrig­ keiten zum Trotz, das Baumeister Michael Thumb da direkt an die Mauer stellte. Erst der Turm der Benediktinerkirche macht zusammen mit dem Doppelturm des Mün­ sters die Stadtansicht perfekt. Ein überra­ schend heller, lichtdurchfluteter Innenraum, mit einer mächtigen Tonne überwölbt, eine einfache, überschaubare Barock-Architektur, ohne Pomp und verwirrende Formen- und Farbenvielfalt, die wir sonst zu sehen gewohnt sind. Und trotzdem eine „Kirche im Verborgenen“ nach der Ausraubung des Klo­ sters durch seine Aufhebung 1806, durch den Mißbrauch als Salzlager und Ausstellungs­ raum für die Schwarzwälder Industrie-Aus­ stellung im letzten Jahrhundert. „Ein Leben im Verborgenen“, so der geschäftsführende Schriftführer Herbert Muhle zum seit 1953 existierenden Kunst­ verein Villingen, der seit 1984 als Kunstverein Villingen-Schwenningen ein bescheidenes Dasein in der Kunstszene der Stadt fristet. 208

Blick in die Benediktinerkirche St. Georg. Gesamtkunstwerk von Barock und Gegenwart Ein Kunstverein im „Verborgenen“, eine Kirche am Rand – die Landeskunstwochen 1988 haben beides zusammengebracht. „Imago“: der Kunstverein stellt in der Bene­ diktinerkirche aus! Zeitgenössische Kunst im barocken Raum, da stellt sich zwangsläufig die Frage, wie wir heute mit der Tradition umgehen. Anpassung an das Gestern oder rücksichts­ lose „Modernisierung“ dessen, was nicht mehr in die Zeit paßt? Der Kunstverein ist einen anderen, weit schwierigeren Weg gegangen. Hat den Dialog gesucht zwischen Barock und Gegenwart, sakraler Architektur und zeitgenössischer Aneignung und Umwandlung. Mitglieder des Kunstvereins und eingeladene Gäste aus dem ganzen Land: nur die Toleranz und Aufgeschlossen­ heit des Hausherrn, des Münsterpfarrers Dekan Kurt Müller, haben diesen Kraftakt möglich gemacht. Alle Kunstwerke sind auf den Raum bezo­ gen. Da streckt sich der riesige Corpus Chri­ stus von Franz Gutmann zwischen den Stuhlreihen in Richtung auf den Altar. Die Dornenkrone über den Kopf gestülpt, als wolle er sich abwenden oder als wollten wir ihn nicht sehen lassen, was in der Welt pas­ siert. Niedergestürtzt auf dem Boden, aber gleichzeitig zwingt uns die Achse der Kirche dazu, beim Eintritt durch das schmiede­ eiserne Gitter fast zu ihm „heraufzusehen“. Gemartert und erniedrigt und zugleich von einer majestätischen Ruhe. Eine Christusdar­ stellung voller Kraft, die keinen Besucher unbeeindruckt läßt. In den Stuhlreihen aufrecht sitzende brandrote „Gesellen“, „Gläubige“, ,,Stellver­ treter“ von Reinhard Sigle. Rohe Holzbret­ ter, verkantet, so daß die Pose des Sitzens wie­ derholt wird. Eine schier unübersehbare Schar von Sitzenden, starr und leblos, aber 209

Gutmanns“ Corous Christi“ zwischen den Stuhl­ reihen doch so individuell, weil jedes der Bretter scheinbar eine Pose des Sitzens aufnimmt: streng und abgekehrt, sich in Gruppen auf­ einander beziehend, einsam. Ganz anders das „Sitzen“ im Chorge­ stühl: aufrechte Holztafeln von Romuald Hengstler, von oben bis unten von farbigen Zeitangaben übersäht. Wie das Stundenge­ bet der Mönche -das sich wiederholende Ritual -wiederholen und überlagern sich die Zeitangaben. Zeit durch Wiederholung zum Stillstand gebracht, Zeit in einem ewig dauernden Fluß, gegliedert durch das Ritual, das erneuert und bekräftigt. Der Blick auf den Altar, den „Thron Got­ tes“: Sieben herabfallende, schwingende Papierbahnen in der erdigen Farbe des Mar­ marersatzes des Altars flattern herab, neh­ men die Bewegung des Raumes auf, indem sie sich durch Drehung öffnen und verschlie­ ßen. Erdenschwere scheint aufgehoben, so leicht erscheint die Installation. Die theologi- 210 Josef Büchelers Installation im Barockaltar sehen Bezüge sind unübersehbar, sie reichen von der Zahl „sieben“ über den zerrissenen Vorhang beim Tod Christi bis zu den abge­ legten Totentüchern bei der Wiederauferste­ hung. Der Hang des Barocks nach Versinnli­ chung und Sichtbarmachung des Geheim­ nisses, in den modernen Kunstwerken der Benediktinerkirche findet das zeitgenös­ sische Entsprechung. Sich selbst in einer Tra­ dition sehen, sie aufnehmen und verarbeiten -vielleicht ist dieser Aspekt zeitgenössischer Kunst selten so deutlich geworden wie in der Benediktinerkirche Villingens während der Landeskunstwochen. Dem Ort gerecht wer­ den und der sakralen Funktion, dazu eine Referenz an die benediktinische Tradition der Verbindung von Kunst und Wissen­ schaft in der einstmals bedeutenden Bene­ diktiner-Abtei St. Georg. Uwe Conradt

Musik „Kultur-Botschafter“ der Bergstadt 20 Jahre Jugendsinfonieorchester St. Georgen Wer im Schwarzwald-Baar-Kreis den Namen St. Georgen hört, dem fällt sicherlich nicht zunächst das Stichwort „Kultur“ ein. St. Georgen steht vielmehr für Schwarzwäl­ der Ferienlandschaft und insbesondere für eine vielfältige Industrie, deren Produkte hin­ aus in alle Welt gehen. Und dennoch hat die Bergstadt einen Kulturträger erster Güte vor­ zuweisen, um den sie weit größere Städte als am die Ursprung der Brigach beneiden könnten: Das Jugendsinfonie-Orchester St. Georgen, vor gut 20 Jahren gegründet, hat sich inzwi- 14 000-Einwohner-Gemeinde sehen unter der geduldigen Arbeit von Peter Dönneweg zu einem Ensemble gemausert, das als „Kultur-Botschafter“ die Bergstadt nicht nur in der Region und im Lande ver­ tritt, sondern dem die Türen in die Welt offen stehen. Seit vielen Jahren regelmäßig auf Auslandsreisen, hat der gute Ruf des Orchesters inzwischen für eine solche Welle von Einladungen gesorgt, die aus finanziel­ len Gründen auch aus schulischen Erwä­ gungen gar nicht alle zu erfüllen sind. Die Erfolgsstory des St. Georgener Jugendsinfonieorchesters und mit ihr die INTERNATIONALER AUFTRITT des St. Georgener Jugendsinfonieorchesters: im nordspanischen Santander sind Kirchen und Konzertsäle regelmäßig gefüllt, wenn die Schwarzwälder Musiker auftre­ ten. Bisweilen hat schon das spanische Fernsehen ein Konzert übertragen. 211

enorme Entwicklung der Jugendmusik­ schule, deren Einzugsgebiet neben St. Geor­ gen die Orte Königsfeld, Triberg, Schonach und Schönwald umfaßt, ist ohne den Namen Peter Dönneweg nicht zu erklären. Der gebürtige Ostfriese, heute 50 Jahre alt und seit 20 Jahren Musiklehrer am St. Georgener Gymnasium, hat sich seit Beginn seiner Tätigkeit im Schwarzwald -er kam über das Musikstudium in Freiburg nach Süddeutsch­ land -mit Haut und Haaren dem Aufbau der musikalischen Erziehung in St. Georgen ver­ schrieben. Als auf seine Initiative hin vor 20 Jahren Jugendmusikschule und Jugendor­ chester gegründet wurden, fand er in St. Georgens der Musik stets zugetanem Bürger­ meister Günter Lauffer einen dauerhaften Förderer. Beide sind auch heute noch, 20 Jahre nach der Gründung der Jugendmusik­ schule und des Orchesters, ,,Macher“ und Repräsentanten der erfolgreichen Einrich­ tung: Bürgermeister Lauffer Vorsitzender der Jugendmusikschule und Peter Dönne­ weg deren Schulleiter. Dönneweg personifi­ ziert gleichzeitig die enge Verbindung zum St. Georgener Gymnasium: Heute wird das Jugendsinfonieorchester als Gemeinschafts­ einrichtung von Gymnasium und Jugend­ musikschule geführt. Dönnewegs musikalische Aufbauleistung in St. Georgen vollzog sich stetig. Daß Jahr für Jahr oft gerade die besten Musiker das Orchester wieder verlassen, durfte ihn dabei nie entmutigen, denn dies gehört sozusagen zur inneren Bedingung eines solchen Jugendorchesters: Für die ausscheidenden Abiturienten muß ständig der Nachwuchs an das mittlerweile 65 junge Musiker umfas­ sende Orchester herangeführt werden. Dön­ neweg hat es dabei im Laufe der Jahre ver­ standen, die oft bei Schulorchestern zu beob­ achtenden Schwächen zu korrigieren und die sogenannten Mangelinstrumente qualifi­ ziert zu besetzen: Unter den zuletzt über 1100 Musikschülern in der St. Georgener Jugendmusikschule gibt es nicht allein Heer­ scharen von Blockflöten-, Klavier- und Gitarrenspielern, sondern auch seltenere 212 IN TYPISCHER GESTE: Peter Dönneweg, wenn er am Notenpult nicht nur sein Orchester im Griff hat, sondern auch jene Fröhlichkeit aus­ strahlt, die den jungen Musikern so imponiert. Instrumente wie Fagott, Oboe, Horn oder Kontrabaß sind gut vertreten. Voraussetzung für diese „Orchesterpoli­ tik“: In St. Georgen ist inzwischen ein reich­ haltiger Fundus von Leihinstrumenten gewachsen, der insbesondere bei den seltene­ ren und oft in der Anschaffung sehr teuren Instrumenten (Beispiel: ein Fagott kostet rund 10 000 Mark) jedermann das Erlernen dieser Orchester-Sparten möglich macht. Die Stadt St. Georgen mit ihrer finanziellen Unterstützung, aber auch Spenden aus der St. Georgener Wirtschaft haben diesen bald 100 Instrumente umfassenden Fundus im Laufe der Jahre möglich gemacht. Zum großen Anreiz und zur Belohnung für fleißige Probenarbeit der jungen Musiker wurden in den letzten Jahren die regelmäßi-

gen Auslandsreisen. Peter Dönneweg muß sich dabei nicht nur als sicherer Dirigent vor dem Notenpult beweisen, sondern auch als Organisator und Schöpfer neuer Finanz­ quellen Virtuosität zeigen. Sein Einfalls­ reichtum steht dabei dem musikalischen Anspruch nicht nach. Seit 1969 geht es etwa jährlich in St. Geor­ gens Partnerstadt St. Raphael, so daß für manche Jungmusiker die Stadt an der Cöte d‘ Azur fast zur „zweiten Heimat“ wurde. 1974 ging es nach Barcelona und seit 1981 hat das St. Georgener Jugendorchester in der Sparkasse der nordspanischen Stadt Santan­ der einen großzügigen Mäzen gefunden. Auftritte der jungen Musiker in Nordspanien wurden bereits im spanischen Fernsehen aus­ gestrahlt und jüngst führte eine Konzert­ Tournee in die spanische Hauptstadt. Die Insel Korsika stand ebenfalls schon mehrfach auf dem Reiseplan, wobei sich dort im Klo­ ster zu Sartene gar Kontakte zu einem Schu­ bert-Forscher ergeben haben, die bis heute anhalten. Neuerdings schmiedet Dönneweg gar Pläne für eine Übersee-Reise, was freilich finanziell ein ungleich größerer Sprung als die bisherigen Tourneen wäre. In Baden-Württemberg lieferte das St. Georgener Orchester zuletzt einige umju­ belte Konzerte. So traten die Musiker bei der erstmals abgehaltenen „Jumelage musical“ deutscher und französischer Schulmusik­ Ensembles im Karlsruher Kongreßzentrum auf, spielten im „ weißen Saal“ des Stuttgarter Neuen Schlosses, füllten mit Schuberts ,,Spiegelritter“ gleich zweimal die St. George­ ner Stadthalle oder forderten das Publikum im Villinger Franziskaner zu rauschendem Beifall heraus. Erich Möck Mit Geige und Taktstock durchs Leben In Triberg lebt Ewald Sluzalek der Musik „Ich liebe meine Geige so sehr, daß ich sie keinen Tag allein lassen kann“, schmunzelt E wald Sluzalek. Er übt täglich – und dabei ist er eher ein Meister des Taktstocks. Denn als einen solchen kennen ihn die Triberger und seit geraumer Zeit auch die Gremmelsbacher Musiker. Doch die Liebe zur Musik – und nicht nur zu einem Instrument- ist untrenn­ bar verbunden mit dem Leben des jetzt 69jährigen Oberschlesiers, der in der Kur­ stadt nach dem Krieg eine Heimat fand. Die Musik hat ihn von klein auf durchs Leben begleitet und über viele schwere Zeiten hin­ weggerettet. 26 Jahre war er Kapellmeister der Stadt- und Kurkapelle Triberg und hat mit den Musikern Noten und Instrumente zum Leben erweckt. Hat er vielen diese Musik als Lebenshilfe vermitteln können? Bescheiden winkt er ab: ,,Die Musik ist ein hartes Geschäft. Sie soll aber ein Hobbyblei­ ben für die Musiker.“ Daß sie so zahlreich unter seinem Taktstock zusammenbleiben und seinen Anforderungen an Disziplin und Geduld nachkommen, spricht für ihn. Das Musikern aus Berufung eigene Einfühlungs­ vermögen hat ihm Brücken gebaut zur Ver­ ständigung. Ewald Sluzalek ist das, was man einen Berufsmusiker nennt. In frühester Kindheit wird er mit einem Orchester konfrontiert, das sein Großvater in Oberschlesien leitet. Dann spielt er die Handharmonika – so zu seiner Freude. Als er – in Bismarckhütte geboren – Musikschüler an der Musikschule in Sagan/Schlesien wird, erfüllt er sich einen Traum. Ewald Sluzalek hält durch. Nach vier Jahren ist die Lehrzeit beendet. Er spielt Vio­ line und kann jedes Blasinstrument zumin­ dest anspielen. Das Klavierspiel ist eher eine Beigabe zum Komponieren und T ransponie­ ren. Es folgen für ihn Arbeitsdienst und die Militärzeit. Er wird als Musiker eingezogen 213

schek den Dirigentenstab übergibt. Dazwi­ schen liegt ein reiches Musikerleben mit vie­ len Höhen und Tiefen: „die braucht ein Musiker, um Musik richtig interpretieren zu können.“ Sluzalek ist der erste Stadtkapell­ meister im Schwarzwald-Baar-Kreis, der eine Jugendkapelle gründet und sie 1960 offiziell vorstellt. Er hat ganze Triberger Stadtmusiker­ Generationen ausgebildet, und so mancher fast Profi-Musiker wie Peter Fischer ist aus seiner Schule gekommen. Einige seiner Zög­ linge haben jetzt eigene Bands, viele halten der Stadt- und Kurkapelle weiterhin die Treue. Doch für den Pensionär ist das Leben weiterhin von Musik bestimmt: die Trach­ tenkapelle Gremmelsbach hat ihn zum Diri­ genten erkoren und fährt sehr gut damit. Bei jüngsten Musikwettbewerben schlossen seine Zöglinge sehr gut ab. Die Gremmelsba­ cher Schülerkapelle umfaßt 22 Musikerin­ nen und Musiker, die Erwachsenen-Kapelle 48 Musiker. Würde Ewald Sluzalek -wenn er noch einmal anfangen dürfte -wieder Musiker werden? „Ich würde es nochmal so machen, mir wieder diese Strenge auferlegen, welche die Musik nun mal erfordert. Aber ich würde das ganze ohne Krieg haben wollen.“ Das waren verlorene Jahre für ihn, auch wenn er musizieren durfte. Er hat seine Liebe zur Musik weitergegeben an seinen Sohn, den er warnte vor der harten Arbeit und dem er sei­ nen Grundsatz mitgab: „Man darf nicht den Kopf in der Partitur, sondern muß die Parti­ tur im Kopf haben.“ Mittlerweile zeigen sich die Enkel schon musikbegeistert. Die verhei­ ratete Tochter pflegt die Hausmusik. Und wenn Ewald Sluzalek mal privat Musik macht, dann Brahms, Mozart, Bach und Händel und auch die Romanze von Beethoven. In Triberg ist er gut heimisch geworden, denn „ich bin überall zu Hause, wo ich Musik machen kann“. Renate Bökenkamp und bringt es zum Oberwachtmeister -mit dem Instrument. Als Musiker im Zweiten Weltkrieg: das war für ihn nicht eitel Freude. 1942 heiratete er. 1945 ist auch für Ewald Sluzalek der Krieg zu Ende. Er kommt in amerikanische Gefangenschaft, und von dort kann er zu seiner Frau nach Schärding/ Österreich reisen. Danach heißt es: Überle­ ben um jeden Preis. Sluzalek vertauscht sein Instrument mit der Hacke und bringt so sich und seine Familie über die erste N otzeit.1945 geht er nach Oberbayern, 1949 nach Birkin­ gen im Kreis Waldshut. Dort liest er, daß die Stadt Triberg einen Angestellten im Rathaus sucht und einen Musiker. Ab 1. Februar 1951 arbeitet er im Rathaus als Telefonist und spielt in der Stadt-und Kurkapelle. In den folgenden Jahren wird Sluzalek den Tribergern sehr schnell ein Begriff. Wo immer es gilt, Musik zu machen, da ist er dabei. Ältere Triberger werden sich noch an die musikalischen Unterhaltungen im „Löwen“ mit Karl Perenthaler und dem Ehe­ paar Huf erinnern, wo er fleißig das Saxo­ phon bläst, oder an die Frühkonzerte im Lesesaal im Kurgarten, wo man zu sechst Kurgäste und Einheimische unterhält. 1955 machen ihn die Triberger Musiker zu ihrem Kapellmeister. Und das bleibt er bis zum 31. März 1981, wo er offiziell in den Ruhestand geht und seinem Nachfolger Ignatius Pat- 214

Brauchtum Vom Batzen zum Gregoriweck Das Gregorifest in Donaueschingen geht ins vierhundertste Jahr „Gregori“ nennen sie in Donaueschingen das weltliche Fest, das jeweils um die Mitte des Jahres als Schulfest begangen wird. Es ist zugleich Auftakt für die in den großen Ferien fälligen Sommerfeste der Vereine. Gregori – ein Schulfest, wie es einst in ganz Süd- und Mitteldeutschland in Städten und Gemein­ den üblich war, die als Schulzentren einen Namen hatten. Seinen Namen hatte es nach Papst Gregor dem Großen (Todestag: 12. März 604). Unter seinen Schutz waren im Mittelalter die Klosterschulen gestellt. Wir wissen von Städten wie Straßburg, Augsburg, Nürnberg, Würzburg, die bereits im Mittelalter das Schulfest gefeiert haben. Es fanden Theatervorstellungen, Spiele, Wettkämpfe mit anschließender Preisvertei­ lung statt. Es gab das sogenannte Gregori­ Singen, verbunden mit Umzügen und Hei­ schegängen, die oft in eine Bettelei ausarte­ ten. Die Kirchen und weltlichen Behörden schritten ein. Bereits im späten Mittelalter wurden vielerorts die Schulfeste einge­ schränkt und im Lauf der Neuzeit ganz abge­ schafft. An der Stätte des Donauursprungs geht der Brauch ins Jahr 1589 zurück; er ist somit 400 Jahre alt, und wenn im Jahr 1989 die Stadt ihr 1100-Jahr-Jubiläum begeht, kann auch der Donaueschinger Gregori jubilieren. Nicht etwa ein hoher Kirchenfürst oder ein kirchliche Rechte beanspruchender Lan- Akte im F. F. Archiv betr. die „Stüffiung S. Gregor&‘ Bruderschaft, und Schuel-Ordnung zu Donau­ eschingen·� Cu. J/. G.l’C: IX�/ . 215

desherr in Amt und Würden hat die Geburts­ urkunde des Gregori in Donaueschingen unterzeichnet, sondern eine Frau: Amalie Gräfin von Fürstenberg, geborene Gräfin von Solms (gestorben 1593). Im dritten Jahr nach dem Tod ihres Mannes, des Landgrafen Heinrich von Fürstenberg, ,,der zu Warten­ berg residierte“, ließ die Gräfinwitwe in Donaueschingen das „neue Schulhaus uf dem Eck am alten kirchhoff‘ auf ihre eigenen Kosten erbauen – so der Stiftungsbrief. Ihm ist weiter zu entnehmen, daß in dem ländli­ chen Flecken die Gregoribruderschaft einge­ führt wurde mit der Bestimmung, alljährlich an Gregori das Schulfest mit gesungenem Hochamt, Predigt und Opfergang zu feiern. Im Anschluß an den Gottesdienst erhielt jedes Schulkind einen Batzen, den es nach dem Willen der Stifterin wohl anlegen sollte. Aus dem Batzen wurde später der Gregori­ weck; den gibt es in Donaueschingen auch heute noch. Als Startkapital hatte die Gräfin­ witwe 100 Gulden bares Geld gestiftet. Daraus ist im Lauf von 80 Jahren eine Summe von 790 Gulden geworden – ausrei­ chend, um mit den Zinsen den Gregori-Wek­ ken zu finanzieren – vermeldet im Fürstli­ chen Hauptarchiv zu Donaueschingen ein Rechnungsprotokoll „de anno 1665/66″. Weitere hundert Jahre danach, 1762 – es ist das Todesjahr des Fürsten Joseph Wilhelm Ernst, der Donaueschingen zur Residenz erhoben hat – erfahren wir aus einem Erlaß des Fürsten, daß statt an einem Arbeitstag künftig der Gregori mit feierlichem Amt am Ostermontag zu begehen sei, und die Predigt möge Eltern wie Kinder zu ihrer Schuldigkeit in Ansehung der Schule und Christenlehre ermahnen und die Kinder insbesondere dazu anhalten, ,,ihrer Guttäter im Gebet zu geden­ ken“. Nicht nur die Zeiten ändern sich, auch die Menschen. Inzwischen war 1806 der Groß­ herzog von Baden Landesherr der Fürstlich Fürstenbergischen Lande geworden. Als nach den Freiheitskriegen und nach den unruhigen Tagen des Vormärz schließlich nach 1848/49 die Regierung in Karlsruhe die 216 _ … …….. -. – 1 l)eullCf,.._9 … „: “r!. (!la-lll!llnbtt��M‘ t,nt MI WO, 8Ullhlt. Titelblatt der Broschüre „Das Gregorius-Fest zu Donaueschingen“ vom 6. Mai 1855. ,,Heckerleute“ wieder aus dem „Ländle“ hatte – erst jetzt hören wir auch wieder vom Donaueschinger Gregori. Und zwar mit Datum vom 6. Mai 1855. Im Mittelpunkt der Gregorifeier am genannten Tag, steht, vom Rektor der Donaueschinger Schule verfaßt, ein Huldigungspoem auf Friedrich 1., seit 1852 Prinzregent und seit 1856 Großherzog von Baden. Postwendend bedankte sich für das „Heil Friedrich Dir!“ der Genannte in sei­ ner Eigenschaft als Großherzog, indem er für den 6. Oktober 1856 der Stadt Donauur­ sprung seinen Besuch ankündigte. An der Leopoldsbrücke (heute: Schützenbrücke) empfing ihn die Gemeindeverwaltung samt Stadträten, dazu die Badisch Großherzogli­ chen und die Fürstlich Fürstenbergischen Beamten. Und „eitel Freude herrschte“ – laut den Worten des Donaueschinger Abgeord­ neten der Zweiten Badischen Kammer in

Karlsruhe, Ludwig Kirsner, der im Rathaus und beim Festmahl in der neuen Amtsstadt auf der Baar die »Honeurs machte“. Wieder ein anderes Gregori-Szenario nach der Jahrhundertwende auf dem Sehel­ lenberg, auf den in der Ära der Donaueschin­ ger Kaiserbesuche die Gregori-Nachfeiern verlegt worden waren. »Mittags 1 Uhr“ -so der Bericht im Sommer 1906 (genau 2 Jahre vor dem großen Stadtbrand) „bewegte sich der Zug der Kinder, voran die Stadtmusik, in Richtung Sehellenberg. Das gleiche Ziel hat­ ten die Großen, die auf Leiterwagen und im Landauer folgten -diese auf der Fahrstraße, während die Jugend den Weg quer durch den Wald nahm“. Auf dem Festplatz ein Bild, wie es die älte- ….. 1 ren Donaueschinger noch in Erinnerung haben. Tische und Bänke vor der Amalien­ hütte, eine Schankstätte und Buden, die die Besucher mit Fürstenbergbräu, Limonade, Leckerbissen und Südfrüchten versorgten. Am Kletterbaum, Schwebebalken und beim Sackhüpfen wetteiferte die Jugend um die von der Stadt und von Geschäftsleuten gestifteten Preise wie: Geldbeutel, Sacktü­ cher, Farbschachteln, Trinkbecher, Kaffee­ tassen, Holzpfeifen. Die begehrten »Lek­ kerli“ teilte das Fürstenpaar persönlich aus. Als Schlußakt nach der Rückkehr im Schloß­ hof ein Vorbeimarsch der Jugend, den anstelle ihrer Eltern die jungen Prinzen – dem Ritual der wilhelmonischen Ära ent­ sprechend -abnahmen. In den Genuß des Gregoriweckens kamen außer den Schülern der Normalschule auch die Besucher der von den Piaristen 1755 eröjfoeten Lateinschule beziehungsweise des ersten Gymnasiums, das von 1778 an über hundert fahre im sogenannten „Schell’schen Haus“ in Donaueschingen untergebracht war . / 217

1962, nach den Hungerjahren, als es wie­ der aufwärts ging – so erinnert sich der Chro­ nist – wurde an den überkommenen Brauch wieder angeknüpft – nunmehr ohne Drill und ohne die früher oft recht einseitige Bela­ stung für die Lehrerschaft. Schule, Stadt und »Frohsinn“ teilten sich nun in die erforderli­ chen Vorkehrungen und Dienste, um einen befriedigenden Verlauf des Gregori auf dem Donaueschinger Hausberg zu gewährleisten. Zu den vielen Melodien, mit denen die Stadt­ kapelle das Fest verschönt, kommt seitdem das Landschaftserlebnis, das der Sehellen­ berg schenkt. Der Blick geht über die Baar hinweg bis zur Alb. Um die Mitte des Som­ mers zeigt sich im Osten der Lupfen mit sei­ nem Aussichtsturm. Zum Greifen nahe lie­ gen der Osterberg, der Wartenberg, die Länge mit dem Gnadental und dem Schächer. Im Westen treten die Berge des Schwarzwalds hervor, Feldberg und Hochfirst. Und über allem wölbt sich an klaren Sommertagen ein blauer Himmel, über den einzelne weiße Wolken segeln. Kurzum ein Schulfest, das in Verbindung mit dem Gemeinschafts- und Landschaftserlebnis auf dem Sehellenberg es wert ist, als Brauchtum erhalten zu werden. Dr. Lorenz Honold L i t e r a t u r: D o l l i n g e r: Das Donau­ eschinger Gregorifest und der Rutengang. Donaueschinger Wochenblatt 1901, Nr. 76. H . B e n d e r: Das Gregorifest in Donaueschingen; in: Dorf und Hof. Monatsblätter des Vereins für ländliche Wohlfahrtspflege in Baden, Freiburg 1906, 4. Jahrgang, Heft 7. – L . H o n o 1 d : Brauchtum und Feste; in: Treffpunkt am Ursprung der Donau. Donaueschingen. Verlag Schillinger, Freiburg 1978. – D a s G r e g o r i f e s t . Donaueschinger Fest­ schrift vom 6. Mai 1855. -K r ä n k e!: Die Schulen in der Baar. Baar-Schriften, 5. Jahrgang, S. 25 ff. 218 Welche Zeit Wer findet noch Ruhe In dieser rastlosen Zeit, Wer trägt noch die Schuhe, Den Hut und Großmutters Kleid ‚ Man sieht’s noch in Bildern, Hört alte Märchen davon Und läßt es sich schildern Mit Spott und lächelndem Hohn. Wer kennt noch die Liebe, So schön, so echt und so wahr, In diesem Getriebe Ist überhaupt nichts mehr klar; Wir wissen’s von ander’n, Die uns erzählen davon, Vom Frohsinn und Wandern Und glaube, ehrlich war’s schon. Und kannst Du nicht drehen, Die Uhr und Zeiger zurück, So bleib‘ einmal stehen, Dann spürst und fühlst Du das Glück; Und geht es nicht weiter, Verzage niemals und nicht, Dann bleibt es auch heiter Und Du hast Sonne und Licht. Johannes Hawner * Mutter Alle Lieder sind zu dürftig, Alle Bilder gar so schwach, Und Vergleiche, ach, sie schmälern, Jedes Lob erklingt wie Schmach. Nur ein Gott mag ganz verstehen, Was du uns, o Mutter, bist; Wollt es selber einst erfahren, Der sich nannte Jesus Christ. Eingeborener deines Schoßes, Erstgebor’ner aller Erd‘, – Er allein war deiner Würde, Deines Namens, Mutter, wert! J. Medler

Gesundheit, Soziales Die Baar-Klinik, Fachklinik für Verhaltensmedizin und Psychosomatik in Donaueschingen Die erste verhaltensmedizinische Einrichtung in Baden-Württemberg Man weiß heute, daß bei weit über 1/3 der Patienten, die eine allgemeinärztliche Praxis aufsuchen, sich hinter deren Beschwerde­ schilderung eine seelische Notlage verbirgt. Eine Betrachtungsweise, die Krankheit nur als eine Störung einzelner Organe oder Funktionssysteme sieht und erklärt und nicht als eine Störung des ganzen Menschen begreift, wird dem Anliegen des psychoso­ matisch Kranken wohl kaum gerecht werden können. Der Zustand des Krankseins kann nicht losgelöst von den persönlichen Bedürfnissen des Patienten, sowie den psychischen und sozialen Bedingungen seiner Erkrankung betrachtet werden. Psychosomatische Medizin geht davon aus, daß viele körperliche Krankheiten seeli­ schen Ursprungs sind, wobei seelische Kon­ flikte in Form von körperlichen Begleiter­ scheinungen zum Ausdruck kommen. Um zu verstehen, wie man durch seine Psyche (Seele) somatisch (körperlich) krank werden kann, müssen wir uns folgendes ver­ gegenwärtis.en: Gefühle, wie Angst, Schmerz, Arger, Enttäuschung, aber auch Freude, Stolz usw. gehen immer mit einem Muster von körperlichen Veränderungen einher. Ein einfaches Beispiel hierfür wäre das konkrete Erleben oder schon allein das intensive Vorstellen einer subjektiv beschä­ menden Situation, das sich auf der körperli- 219

chen (physiologischen) Ebene z.B. als hefti­ ges Erröten des Gesichtes zeigt. Das Erröten des Gesichtes kommt durch die Erweiterung der Blutgefäße im Gesicht, durch einen Blut­ druckanstieg und durch eine Pulsbeschleuni­ gung zustande. Eine solche psychosoma­ tische Reaktion trägt nun nicht unbedingt schon krankheitserzeugenden Charakter. Ist aber ein solches Reaktionsmuster Ausdruck einer bestimmten Grundhaltung dem Leben gegenüber, Ausdruck einer, die Lebensvoll­ züge prägenden Grundstimmung, die ver­ zerrt, die einengt, die mehr Lebensangst als Zuversicht vermittelt, die stärker Spannung und weniger Ausgeglichenheit entstehen läßt, dann bewirkt eine solche krankhaft einengende Grundstimmung und -haltung eine für den einzelnen nicht wahrnehmbare Dauerstörung seines seelisch-körperlichen Gleichgewichtszustandes. Eine solche, für den Körper Dauerstreß bedeutende Lebens­ situation kann nun in eine der verschiedenen Formen des psychosomatischen Krankseins einmünden. Prinzipiell kann jedes Organ erkranken. Welches Organ nun bei dem betreffenden Menschen psychosomatisch erkranken wird, hängt davon ab, welches Organsystem bei diesen Menschen die Schwachstelle, seine psychosomatische Achillesferse darstellt. Während es bei dem einen Menschen eine psychosomatische Erkrankung des Magens ist, kann es bei dem anderen eine Erkrankung der Haut oder des Herz-Kreislauf-Systems sein. Das auf diese Weise psychosomatisch erkrankte Organ will dem betroffenen Indi­ viduum Auskunft, Rückmeldung über den momentanen Zustand seiner körperlich-see­ lischen Befindlichkeit vermitteln in Form von Krankheitszeichen (Symptomen), welche die Bedeutung einer Sprache, näm­ lich einer Körpersprache haben, die das betreffende Individuum aber nicht gelernt hat, zu entziffern. Die unverstandene Ant­ wort wird in körperliches Kranksein über­ setzt und dieses wird als Defekt betrachtet. Psychosomatische Krankheiten stellen somit Kommunikationsstörungen dar. Sie 220 sind eine Kommunikationsstörung mit sich selbst in Beziehung zu seinem Körper und zu seiner Umwelt. So wie es eine psycho-somatische Rela­ tion gibt, d. h. seelische Konflikte gehen mit körperlichen Begleiterscheinungen einher, so gibt es auch eine somato-psychische Nahtstelle, d. h., körperliche Krankheiten haben seelische Begleiterscheinungen. Aus der Erfahrung wissen wir alle, daß jedes körperlich krankhafte Ereignis, ange­ fangen von Zahnschmerzen bis hin zu einem komplizierten Bruch des Oberschenkels, unser seelisches Wohlbefinden mehr oder minder beeinträchtigen kann. Denn, wenn Ereignisse dieser Art sich in rascher Folge wiederholen und/oder einen chronischen Verlauf nehmen, werden sich früher oder später die psychologischen Bewältigungsfähigkeiten, mit diesen Ereig­ nissen gekonnt umzugehen, erschöpfen. In der Folge kommt es dann zu einer veränder­ ten, negativ verfärbten Sicht in Bezug zur eigenen Person, zu seiner Welt und zu seiner Zukunft, die das klinische Bild einer Depres­ sion entstehen lassen kann. Das so gestörte seelische Gleichgewicht hat wieder negativen Einfluß auf den körperlichen Krankheitsver­ lauf. Diese beiden Seiten einer Medaille, näm­ lich die Betrachtung psycho-somatischer Zusammenhänge, auf der einen Seite und die Erfassung somato-psychischer Problemstel­ lungen in der Organmedizin auf der anderen Seite, finden sich in dem verhaltensmedizini­ schen Ansatz widergespiegelt. Dieser Ansatz geht davon aus, daß bei allen Krankheiten, unabhängig davon, ob nun in der Hauptsache seelisch oder körper­ lich verursacht, neben biologischen Bedin­ gungen auch immer, wenngleich spezifisch für die einzelnen Krankheitsbilder, verhal­ tensbezogene und erlebnismäßige Faktoren von entscheidendem Einfluß auf den Hei­ lungsverlauf sind. Mit Hilfe einer reichhaltigen Palette an wissenschaftlich fundierten psychologischen Behandlungsmaßnahmen, die sich ständig

erweitern, lernt der Patient, gekonnter und schneller mit seinen Ängsten, Depressionen, Schmerzen und körperlichen Beschwerden umzugehen. Er lernt auf diese Art und Weise in einer Klinik, die eher den Charakter einer Lebensschule, als einer Behandlungsstätte im herkömmlichen Sinne trägt, in der Konfron­ tation mit den Launen seines künftigen All­ tages sein eigener Therapeut zu werden. Nicht das Wissen vom Warum verändert, sondern das Wissen um das Wie schafft Ver­ änderung. Die Fachklinik für Verhaltensmedizin und Psychosomatik in Donaueschingen mit ihren 190 Betten unterscheidet sich in der Sorgfalt der Betreuung und Diagnostik aller­ dings nicht von einem üblichen Allgemein­ krankenhaus. Bei jedem Patienten wird eine eingehende körperliche und psychologische Untersuchung durchgeführt. Die Klinik ver­ fügt über eine Vielzahl diagnostischer Ein­ richtungen, wie z. B. Labor, EKG, EEG, Bio­ feedback-Anlage. Zusätzliche apparative Untersuchungen, falls erforderlich, können in der Albert-Schweitzer-Klinik in Königs­ feld, aus der diese Klinik hervorgegangen ist, und in dem in unmittelbarer Nachbarschaft gelegenen Kreiskrankenhaus Donaueschin­ gen durchgeführt werden. In den USA gibt es schon mehr als tausend Kliniken, darunter 400 Universitätskliniken, in denen verhaltensmedizinische Behand­ lungen durchgeführt werden. In der Bundes­ republik existieren zwischenzeitlich 6 Klini­ ken, die nach verhaltensmedizinischen Prin­ zipien arbeiten, wobei die BAAR-Klinik in Donaueschingen auf diesem Sektor die erste Einrichtung in Baden-Württemberg ist. Die BAAR-Klinik bietet für das gesamte Spektrum psychosomatischer Erkrankungen ein Behandlungsangebot an. Dabei liegen die Behandlungsschwerpunkte auf den Krank­ heitsbildern, die in der psychosomatischen Versorgung bislang unzureichend berück­ sichtigt wurden. Dies gilt insbesondere für die Behandlung psychosomatisch bedeutsa­ mer Haut-, gynäkologischer- und neurologi­ scher Erkrankungen, aber auch für Störun- gen des Magen- und Darmtraktes mit psy­ chosomatischem Hintergrund und das weite Feld chronischer, durch rein organmedizi­ nische Maßnahmen unzureichend beein­ flußbarer Schmerzzustände. In der Behandlung psychosomatischer Störungen hat sich eine zweigleisige Strategie als besonders erfolgreich erwiesen und konnte im Rahmen wissenschaftlicher Untersuchungen auch belegt werden: Einer­ seits eine den Besonderheiten des einzelnen Patienten gerecht werdende einzelpsycho­ therapeutische Behandlung, andererseits die Zusammenfassung von Patienten mit ver­ gleichbaren Erkrankungen in spezifischen Gruppentherapien, wie Depressionsgruppe, Schmerztherapiegruppe usw. Darüber hinaus hat sich erwiesen, daß psychosomatische Erkrankungen der ver­ schiedenen Organsysteme weder durch eine ausschließlich auf die Organerkrankung bezogene Behandlung, noch durch psycho­ Behandlungsmethoden therapeutische allein wirkungsvoll behandelt werden kön­ nen, sondern nur durch ein Vorgehen, das die organmedizinischen, psychologischen und sozialen Aspekte der Erkrankung in glei­ cher Weise berücksichtigt und sich auf ein Arbeitsteam aus Ärzten, Psychologen, Phy­ siotherapeuten, Sozialtherapeuten und spe­ ziell geschultem Pflegepersonal stützen kann. Die Zusammenstellung solcher Arbeits­ teams und die Unterstellung solcher Teams unter ein gemeinsames Konzept ist nur im Rahmen eines intensiven Ausbildungspro­ grammes, das auch die weitere Ausbildung geeigneter Fachkräfte gewährleistet, möglich. Um auch diese wichtige Aufgabe, auch im Interesse einer optimalen Patientenversor­ gung, zu leisten, ist der BAAR-Klinik ein Weiterbildungsinstitut für Verhaltensmedi­ zin angeschlossen. Eine Medizin, die in dieser Breite und Tiefe leib-seelische Zusammenhänge in ihrer Arbeit berücksichtigt, kommt den Anforde­ rungen ganzheitlicher Medizin ein großes Stück nahe. Dr. med. Dipl.-Psych. Rolf Wahl 221

Die Katharinenhöhe Das Familienerholungszentrum Katharinenhöhe wurde im Almanach 84, Seite 61- 64, in Wort und Bild vorgestellt. Inzwischen hat sich die Katharinenhöhe vom Erholungszentrum zur Nachsorgeklinik für krebskranke Kinder,jugend­ liche und junge Erwachsene entwickelt. Der nach­ folgende Beitrag berichtet über die in den letzten Jahren eingetretenen grundlegenden Veränderun­ Vom Erholungszentrum zur Nachsorgeklinik für krebskranke Kinder,Jugendliche und junge Erwachsene tel aller kranken Kinder mit der gesamten Familie zur Kur kommen konnten. Wie kam es zu diesen Kuren? Jährlich erkranken in der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1.200 und 1.500 Kin­ der neu an Krebs. Wie für viele schwere Erkrankungen so gilt auch für die Behand­ lung maligner Krankheiten im Kindesalter, daß die Therapie keineswegs in allen Fällen die Kunst ist, die Krankheit zu heilen, son­ dern die Kunst sie angemessen zu behandeln. Angemessen heißt, versuchen ein Leiden zu heilen, wo Chance auf Heilung besteht, ein Leiden zu lindem wo keine Heilungsmög­ lichkeit gegeben ist, aber auch keine sinnlose Behandlung durchzuführen. Die Entwicklung neuer Zytostatika, das interdisziplinäre Zusammenwirken von Chi­ rurgie, Strahlentherapie und Chemotherapie und die Knochenmarktransplantationen (KMT), die Verfeinerung der Diagnose mit Stadieneinteilung haben dazu geführt, daß tatsächlich bestimmte maligne Tumor-und Systemkrankheiten heute einer echten Hei­ lung zugeführt werden können. Insgesamt können heute fast 70 % aller Tumor-und Leukärnieerkrankungen im Kindesalter geheilt werden. Dabei muß allerdings von den betroffenen Patienten eine vorüberge­ hende, einschneidende Beeinträchtigung der Lebensqualität in Kauf genommen werden. Aber auch die Familie leidet mit. Die starke psychische Belastung durch die lebensbedrohliche Krankheit des Kindes, die geänderten Umstände durch Kranken­ hausaufenthalte und die lang andauernde Trennung der Familie führen häufig zu schweren Partner-und Geschwisterproble­ men. Unser Nachsorgekonzept zielt nun gen. Einleitung Als im Oktober 1985 das 60jährige Beste­ hen der KATHARINENHÖHE gefeiert wurde, präsentierte diese traditionsreiche Einrichtung der Arbeiterwohlfahrt, Bezirks­ verband Baden, ein völlig neues Konzept. Aus dem Familienerholungszentrum, das 1982 nach dreijähriger Bauzeit mit einem Kostenaufwand von 10 Millionen Mark eröffnet werden konnte, war eine bundesweit beachtliche Modellklinik für krebskranke Kinder geworden. Mit Unterstützung der Deutschen Krebs­ hilfe sowie verschiedener Universitätsklini­ ken und mehreren Elternkreisen hat die KATHARINENHÖHE modellhaft ein sta­ tionäres Nachsorgekonzept für krebskranke Kinder mit ihren Familien entwickelt. Eine grundlegende Veränderung der inhaltlichen, organisatorischen und personellen Struktur sowie erhebliche Baumaßnahmen waren notwendig, um die sachlichen und räumli­ chen Voraussetzungen für eine qualifizierte, medizinisch-psychosoziale Nachsorgebe­ handlung für die an Krebs erkrankten Kin­ der, Jugendlichen und jungen Erwachsenen anbieten zu können. Bereits jetzt steht fest: die Investitionen haben sich gelohnt. So konnten trotz vieler Anfangsprobleme bis Ende 1987 397 Patienten in der KATHARI­ NENHÖHE aufgenommen werden. Erfreu­ lich ist es auch, daß dabei mehr als zwei Drit- 222

Eltern-Kind-Gruppe darauf ab, durch eine umfassende pädia­ trisch-onkologische Versorgung einerseits und die psychosoziale Betreuung und Behandlung andererseits, die körperliche und seelische Stabilisierung des Patienten und seiner Familie zu erreichen. Dabei sind medizinische und psychosomatische Beein­ trächtigungen und Krankheitsbilder ebenso zu erkennen und zu behandeln, wie soziale und finanzielle Probleme. Die Kur soll den einzelnen Familienmitgliedern die Möglich­ keit bieten, nach der schweren 2′.eit der In­ tensivtherapie in der Klinik bestehende kör­ perliche und seelische Erschöpfungszu­ stände zu beseitigen, Kraft zu schöpfen, sich erholen und als Familie wieder zu finden. Dabei ist die Stärkung der Leistungs- und Arbeitsfähigkeit der Eltern ebenso von Bedeutung, wie die schulische und beruf­ liche Rehabilitation und Reintegration des Patienten. Ein Jahr vorbereitender Gespräche und Planungen sowie die Unterstützung vieler Institutionen waren notwendig, um im April 1985 mit dieser Arbeit beginnen zu können. Die in Zusammenarbeit mit den onkologi­ schen 2′.entren der Universitätskliniken Tübingen, Freiburg und Heidelberg entstan­ dene und von den Förderkreisen für krebs­ kranke Kinder unterstützte Konzeption unterstrich die Notwendigkeit unseres fami­ lienorientierten Behandlungsmodelles. Viele Widerstände waren zu überwinden, um die Kostenträger von unserem familien­ orientierten Behandlungsansatz zu überzeu­ gen. Schwierigkeiten zeigten sich insbeson­ dere bei der Einordnung der Kuren in die gül­ tige Rechtslage. Einige Kostenträger sahen nach der Reichsversicherungsordnung (RVO) nur die Möglichkeit, eine Kur für den Patienten selbst zu genehmigen. Erst die Erkenntnis, daß bei einem großen Teil der Kinder für die medizinische Rehabilitation die Anwesenheit der gesamten Familie not­ wendig ist und eine großzügigere Auslegung der gesetzlichen Grundlagen ermöglichen in 223

der letzten ‚.Zeit eme reibungslosere Kur­ fmanzierung. Das Behandlungs-und Therapieange­ bot Das medizinisch psychosoziale/therapeu­ tische Behandlungskonzept bedingt die Arbeit im interdisziplinären Team. Arztin/ Arzt, Dipl. Psychologen, Sozialpädagogen, Beschäftigungstherapeuten, Physiothera­ peuten, Lehrerinnen und Schwestern erstel­ len unter Leitung des Arztes und des psycho­ sozialen Leiters einen auf die Familie abge­ stimmten Therapieplan. Dem Haus stehen 1,5 Arztstellen zur Verfügung. Die ärztliche Leitung obliegt einem Kinderarzt mit onko­ logischer Erfahrung. Er verfügt über ein Labor, das mit einer Arzthelferin besetzt ist. Für die pflegerische Versorgung stehen vier Krankenschwestern bereit. In der physiothe­ rapeutischen Abteilung arbeiten ein speziell ausgebildeter Krankengymnast sowie ein Masseur und Bademeister. Zwei Dipl. Psychologen und Sozialpäda­ gogen sowie eine Beschäftigungstherapeutin bieten neben Entspannungsübungen psy­ chologisch und psychotherapeutisch orien­ tierte Gesprächsgruppen sowie Einzelge­ spräche, Paargespräche und Familienge­ spräche an. Die therapeutische Behandlung evtl. Verhaltensauffälligkeiten oder spezieller Teilleistungsstörungen, z.B. bei neurologi­ schen Ausfällen, erfolgt in enger Zusammen­ arbeit zwischen Psychologen und Beschäfti­ gungstherapeutin. Hinzu kommen bera­ tende Angebote (z.B. Rehaberatung und sozialrechtliche Information). Das pädagogische Angebot umfaßt die Betreuung der Kinder bis zu sechs Jahren im Kindergarten, der über sechsjährigen in zwei Clubgruppen. Kreative Angebote (Musizie­ ren, Malen, Tanz, Werken, etc.) für Kinder und Jungendliebe und Erwachsene sowie ein ausführliches Freizeitprogramm mit Wande­ rungen und Fahrten in die weitere und nähere Umgebung runden das Programm ab. Für die Beschulung stehen in unserer Katharinenschule zwei Lehrerinnen bereit. 224 Diese Schule wird in Zusammenarbeit mit der Krankenhausschule des Schwarzwald­ Baar-Kreises in Villingen-Schwenningen geführt, dessen Außenstelle die Katharinen­ schule seit Dezember 1987 ist. Dabei über­ nimmt die Lehrkraft des Staatlichen Schul­ amtes die Versorgung der Patienten. Die Beschulung der Geschwisterkinder über­ nimmt eine vom Haus angestellte Lehrerin. Bau der therapeutischen Abteilung Neben den inhaltlichen und organisatori­ schen Veränderungen waren umfangreiche Baumaßnahmen erforderlich, um die räum­ lichen und sachlichen Voraussetzungen zu erfüllen, die an eine Einrichtung mit Klinik­ charakter gestellt werden. Dabei waren insbe­ sondere die Auflagen des Gesundheitsamtes und des Brandschutzes zu berücksichtigen. Um die notwendigen Rahmenbedingungen zu gewährleisten, entschied sich der Vor­ stand der Arbeiterwohlfahrt Baden e. V. im September 1985, das bislang als Schulland­ heim genutzte Schwarzwaldhaus in die Gesamtkonzeption miteinzubeziehen. Mit einem Kostenaufwand von 1,4 Millionen Mark konnten im Schwarzwaldhaus eine Arztpraxis, das Labor, mehrere Therapie­ räume, die Katharinenschule, der Gymna­ stikraum und der Katharinenclub unterge­ bracht werden. Darüberhinaus wurden wei­ tere acht Doppelzimmer eingerichtet, die vor allem für Kuren für jugendliche Krebskranke genutzt werden sollen. Im zweiten Oberge­ schoß konnten zusätzliche Personalzimmer geschaffen werden. Bereits am 22. Oktober 1986 erfolgte die feierliche Übergabe der therapeutischen Abteilung in Anwesenheit zahlreicher Ver­ treter von Krankenkassen, Kliniken und Elternkreisen. Große Beachtung fand dabei der Fachvortrag von Frau Dr. Ursula Kauf­ mann, Kinderärztin und Onkologin an der Universitätskinderklinik in Gießen, die über das Thema „Psychosoziale Begleitung krebs­ kranker Kinder und deren Familien“ refe­ rierte. Neben mehreren Rednern hob auch

die Referentin die besondere Bedeutung der KATHARINENHÖHE im Rahmen der Nachsorge für krebskranke Kinder und Jugendliche hervor. Sie zeichnete dabei ein sehr bedrückendes, jedoch auch hoffnungs­ voll stimmendes Bild vom Leidensweg dieser Kinder und deren Familien. Die von der KATHARINENHÖHE angebotene Fami­ lienkur stelle einen Wendepunkt im Behand­ lungskonzept der Kinder dar, die den Fami­ lien helfen soll, in ein normales, reibungslos funktionierendes Alltagsleben zurückzukeh­ ren. Woher kamen die Zuschüsse? Die besondere Bedeutung der Einrich­ tung zeigt sich auch an der Unterstützung, die die KATHARINENHÖHE bisher erfah­ ren konnte. Die Deutsche Krebshilfe unter­ stützte die Modellphase mit einem Personal­ kostenzuschuß von 300.000 DM. Mit weite­ ren 160.000 DM beteiligte sie sich am Bau der therapeutischen Abteilung. 360.000 DM erhielten wir von der Aktion Sorgenkind. Darüberhinaus kamen Zuschüsse von der STERN-Aktion „Hilfe für krebskranke Kin­ der“ sowie von vielen Firmen und Einzel­ spendern. Auch das Sozialministerium und der Landtag Baden-Württemberg haben die Modellkonzeption begrüßt und ihre Unter­ stützung zugesagt. Diese braucht die KATHARINENHÖHE auch, denn noch immer gibt es Versicherungsträger, die nicht bereit sind, die Kosten einer Kur für die Gesamtfamilie zu übernehmen. Zusammenfassung Die Entwicklung der KATHARINEN­ HÖHE vom Erholungszentrum zur Nach­ sorgeklinik brachte eine grundlegende Ver­ änderung der organisatorischen und inhaltli­ chen sowie der baulichen Struktur des Hau­ ses mit sich. Die in Zusammenarbeit mit ver­ schiedenen Kliniken und Elternkreisen ent­ wickelte Konzeption hebt vor allem darauf ab, daß in den Nachsorgeprozeß die gesamte Familie miteinbezogen wird. Eine umfas­ sende medizinisch-physiotherapeutische und psychosoziale Versorgung sowie das Angebot eines qualifizierten Schulunterrich­ tes und das Vorhalten eines krankengymna­ stischen und beschäftigungstherapeutischen Angebotes für Patienten mit besonderen Handicaps haben zu einer Anerkennung bei den Kliniken und Versicherungsträgern geführt. Fachlich betreut wird die KATHA­ RINENHÖHE durch die Universitätskin­ derklinik Tübingen und die psychosoziale Nachsorgeeinrichtung der Universitätsklinik Heidelberg, die unser Projekt wissenschaft­ lich begleitet. Das derzeit in der Bundesrepu­ blik immer noch richtungsweisende einma­ lige Behandlungskonzept konnte nur reali­ siert werden, indem der Träger selbst sehr viel Risikobereitschaft mitbrachte und wir darü­ berhinaus neben den bereits genannten Insti­ tutionen auch mit der wohlwollenden Unterstützung der Behörden und Organisa­ tionen dieses Kreises (Arbeitsamt, Landrats­ amt, Gesundheitsamt, Forstbehörden, För­ derverein für krebskranke Kinder Donau­ eschingen) sowie einiger Firmen und Einzel­ personen rechnen konnten. Ihnen allen sei auch an dieser Stelle herzlich gedankt. Roland Wehrle * Zu Triberg unter den Linden Da fließt ein Brünnlein fein; Die Bäume rauschen darüber Und Blätter fallen hinein. Viel durstige Wanderer trinken Vom frischen, labenden Q!iell; Sie sehen die Blätter versinken Im wirbelnden Wasser schnell. Dein Leben, so dacht‘ ich am Brunnen, Es sei wie die Q!ielle so rein, So klar, so frisch, unverdrossen, Bis Herbstlaub fiele hinein! ]. Medler 225 Am Brunnen

Das „Solemar“ in Bad Dürrheim Das „Solemar“ Betrachtungen des Bürgermeisters und Kurdirektors „Als den 2. Stern am Bäderhimmel von Baden-Württemberg“ neben der Carra-Cal­ la-Therme in Baden-Baden wurde das Sole­ mar bei der Eröffnung von hoher ministeriel­ ler Warte aus bezeichnet. Die größte deutsche Tageszeitung sprach sogar vom ,,schönsten Bad Deutschlands.“ Diesen Aussagen könnten nahezu belie­ big andere ähnlich lautende hinzugefügt werden. An Lobesworten für das neue Sole­ mar in Bad Dürrheim, das im Herbst 1987 fertiggestellt wurde, hat es wahrhaftig nicht gefehlt. Die bisherige Betriebsphase hat gezeigt, daß die Worte nicht zu hoch gegrif­ fen waren. 226 Die hochwertige bauliche, fast künstle­ rische Q}lalität wird vom Gast angenommen und geschätzt. Die heitere beschwingte Atmosphäre, die dieses Bad verbreitet, trägt viel dazu bei, daß Heilen und Erholen, Gesundbleiben und Gesundwerden im Sole­ mar dem Gast Freude macht, ihn positiv ein­ stimmt und damit die heilende Kraft der Sole unter optimalen äußeren Bedingungen wir­ ken kann. Überhaupt, die Heilkraft dieser Sole! Immer mehr Gäste schwören darauf. Sie spü­ ren, daß die Sole für alle Arten des rheumati­ schen Formenkreises, der typischen System­ erkrankungen im Bereich der Bandscheiben,

Wirbelsäule, Gelenke, Schultergürtel usw. eine außergewöhnliche Heilkraft besitzt und wissen dies zunehmend zu schätzen. Daß die Sole in versprühter Form als Inhalation für die Atemwege Heilung verspricht, ist schon seit langem bekannt. Das reichhaltige Ange­ bot der Inhalationsmöglichkeiten im neu renovierten und umgebauten Kurmittelhaus hat schon vielen geholfen. Die neue Sole­ grotte im Badebereich des Sole�ar sel�st ermöglicht es jetzt jedem Gast, diese Wtr­ kung einmal -gewissermaßen so nebenher­ auszuprobieren, um dann später ggf. in der Einzelinhalation die Therapie zu vertiefen. Die heitere Atmosphäre des Solemar hängt eng mit der geradezu künstlerische_n Konstruktion des Daches zusammen. Wie hier in leichter Form über 70 m das Holz­ schalendach über die einzelnen Baumstüt­ zen hinü.ber schwingt, ist schon ein einmali­ ges Erlebnis. Die Synthese von Raum und Fläche ist hier außergewöhnlich gut gelungen. Die 11 verschiedenen Becken des Solemar haben unter den 5 Kuppeln des Daches ihren Platz fast spielerisch zugeordnet erhalten. Die Vielfalt der Angebote öffnet dabei dem Gast eine breite Palette an Möglichkeiten. Er kann im 6 % igen Solewasser bei 36° C regenerie­ ren. Er kann aber genauso bei 34° C und 3 % Solegehalt im großen Innen-und Außenbek­ ken entspannen. Wenn er das Liegesprudel­ becken aufsucht, kann er von dort wechseln zum Sitzbecken oder zu den Wassersprud­ lern an der Hauptstütze. Er kann sich aber auch genauso wohlfühlen in den Sitzsprudlern im Außenbereich. 2.ahlreiche Massagedüsen in unterschiedlicher Höhe im großen Innen-und Außenbecken vervoll­ ständigen dieses Angebot. Im eigentlichen therapeutischen Bereich mit Einzelbehandlungen oder in kleinen Gruppen unter Anleitung fachkundiger Therapeuten wird dem Heilungssuchenden eine hochwertige Therapie -abgeschirmt vom allgemeinen Badebereich -geboten. Die Gäste haben längst erkannt, daß diese Wassertherapie, von geschulten Fachkräften abgegeben und zusammengestellt, eine große Hilfe und Unterstützung bietet, wenn es darum geht, die Gesundheit zurückzuer­ halten oder den Heilungsprozeß etwa nach einem Unfall wesentlich zu beschleunigen. Wer einmal 6 spezielle Bewegungsthera­ pieeinheiten systematisch mitgemacht �1at, der weiß, wie gut ihm dies bekommt. Diese Bewegungsübungen im Solebecken sind durch nichts gleichwertig zu ersetzen. Mit diesem neuen hochwertigen Bad ist Bad Dürrheim für die Zukunft gut gerüstet. Gerhard Hagmann 227

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Das „Solemar“, ein Beispiel für zukunftsorientierte Kurortpolitik I. Gedanken eines Architekten zur Planung Ein aufstrebender Kurort hat in heutiger Zeit eine Vielzahl von Aufgaben zu erfüllen. Die Gesellschaft und ihre Bedürfnisse haben sich nicht nur gewandelt, sondern die Ansprüche -insbesondere im Gesundheits­ wesen -sind außergewöhnlich gestiegen. Diese Entwicklung berührt unmittelbar die Kurorte und ihre Einrichtungen und wird mit Sicherheit in Zukunft weiterhin an Bedeutung zunehmen. Denn der höhere Anteil an Freizeit des Menschen weckt neue Bedürfnisse, die Zahl älterer Jahrgänge und der Patienten wächst und der Wunsch nach Vorsorge, Sport, Erholung und Abwechs­ lung ist die natürliche Folge. Die Aufgabe der Kurorte ist durch diese klar sich abzeichnende Tendenz bestimmt und die Ziele sind nur durch vorausschauen­ de Planung erreichbar. rakters, herausgebildet, die jedoch städtebau­ lich engstens miteinander verflochten sind. -Die kurstädtische Friedrichstraße bietet Einkaufsmöglichkeiten und zum Prome­ meren. – Das historische Zentrum der Kurstadt, geprägt von Gebäuden klassischen Stils, mit dem Rathaus und dem Haus des Gastes, schließt sich an. Das Haus des Bür­ gers wird in der alten Siedepfanne neu erstehen und damit den zentralen histori­ schen Bestand des Ortes in schöner Weise abrunden. – Der Kur-und Bäderbereich stellt sich landschaftsbezogen und weiträumig dar. Zugleich ist in denKurbereich auch der gesellschaftliche Mittelpunkt, das Kur­ haus, integriert. Dieses wird in den kom­ menden Jahren dem wachsenden Bedarf entsprechend ausgeweitet, II. In diesem Sinne ist der Kurort Bad Dürr­ heim ein hervorragendes Modell. Diese Kur­ stadt hat frühzeitig erkannt, wie vielfältig die Bedürfnisse des Kurgastes nach Naturnähe, sportlicher und spielerischer Betätigung, nach Abwechslung und Gesellschaftlichkeit sind. Dabei haben sich vier räumliche Schwerpunkte, sehr unterschiedlichen Cha- 230

– Der Bereich fur unterschiedliche sport­ liche Aktivitäten befindet sich im Ausbau. Dieser wird für das neuzeitliche Gesund­ heitswesen im Sinne der Vorsorge große Bedeutung gewinnen. Die so gegliederte Gestalt des Kurortes mit seinen Sanatorien, Hotels und Kurheimen liegt eingebettet in die weite Landschaft der Baar. Die Pflege der umgebenden Land­ schaft, die dem unmittelbaren Naturbedürf­ nis des Kurgastes zugute kommt, stellt eine der verpflichtendsten Aufgaben für die zukünftige Entwicklung des Kurortes dar. III. Die Idee zur weiten Bäderlandschaft des „Solemar“ erwuchs aus der Erkenntnis, daß der heutige Mensch ein wachsendes Bedürf­ nis nach Bewegung und Entspannung, nach Erlebnis und Naturbezug empfindet und gleichzeitig menschliche Kommunikation sucht. Die meisten tätigen Menschen sind fest an ihren Arbeitsplatz gebunden, fühlen sich eingeschlossen und zeitlich verplant. Das Bewußtsein „Freiräume“ zu benötigen als Ausgleich für den beengenden Alltag, ist zunehmend geschärft. Die Weite der Badelandschaft des „Sole­ mar“ gibt spontan Antwort auf die Tiefe menschlicher Sehnsucht nach freiem Erle­ ben, nach Sonne, Wiese und Baum, nach Begegnung und Gesprächen. Ein weit ausgreifendes, schwingendes und durchlichtetes Holzdach in einer ästhetisch perfekten Konstruktion, umgreift alle mögli­ chen Aktivitäten, �eilen und Seen zu 231

einem gegliederten Raum voller Erlebnisse. Hier spürt der Mensch die ihm geschenkte Freiheit, er wird angeregt durch Farben und Formen, durch Licht und Bewegung, durch Atmosphäre und Begegnungen. Das „Solemar“ ist eine schönste Synthese von Landschaft und Wasser, mit Gesell­ schaftlichkeit und Architektur. Wer fand die Ideen, wer flocht sie ineinan­ der, daß sie Gestalt gewannen, wer trug die Verantwortung für das Gelingen und wer kam für die Kosten auf? Im Ganzen verhalf eine glückliche Kon­ stellation vieler Umstände und Personen zum Erfolg. Dabei ist vor allem Bürgermeister Hag­ mann zu nennen. Er trug die Hauptverant­ wortung und verhalf der Idee zum Durch­ bruch. Und er hatte gute Nothelfer beim Land, in der Politik und in der Gemeinde. Die Konstrukteure – für das Dach verant­ wortlich – Professor Wenzel, Dr. Frese und Bartei, arbeiteten engstens zusammen mit den Bäderarchitekten, dem Ehepaar Geier. Zimmermeister Burgbacher verdient wegen der technischen Meisterleistung besondere Erwähnung. Eine Baukommission, berufen vom Stadt­ rat, begleitete das Planungs- und Baugesche­ hen von der ersten Stunde an. Ihr gehörten an: der Vorsitzende des Aufsichtsrates der Kur- und Bäder GmbH 0. Weissenberger, Bürgermeister und Kurdirektor Hagmann, Vertreter des Stadtrates sowie Fachleute und Berater des Landes, zusammen mit den beauftragten Ingenieuren und Architekten. Die Baukommission prüfte jede Teilmaß­ nahme, gab Empfehlungen zur Planung, ver­ mittelte zwischen Auftraggeber und Archi­ tekten und wog Aufwand gegen Nutzen ab. Sie hatte eine wichtige Funktion in der Vor­ bereitung aller zu treffenden Entscheidun­ gen. Große Leistungen entstehen nur durch gemeinsame Anstrengung, durch Mut zu neuen Wegen und durch Vertrauen. Das „Solemar“ ist ein Beispiel hierfür. Prof. Dr. Horst Linde 232

Verkehrswesen, Fremdenverkehr Der „Steinbistunnel“ Riesige Baustellen zwischen Triberg und Hornberg – Der Verkehr über die B 33 wird flüssiger Am Freitag, 18. Dezember 1987, zerschnitt der Leiter des Straßenbauamtes Donaue­ schingen, Manfred Knack, vor dem Nord­ portal des „Steinbistunnels“ auf Gemarkung Triberg-Gremmelsbach der B 33 im Beisein vieler Eröffnungsgäste das rot-weiße Band und gab offiziell die Fahrt durch den neuer­ bauten Tunnel frei. Ein schwieriger Streckenabschnitt Die Bundesstraße 33 zwischen Hornberg und Triberg-eine Strecke von 10 Kilometern -war seit jeher verkehrsmäßig ein heikler Streckenabschnitt. Sehr kurvenreich ist der Straßenverlauf vom „Rössle“ in Niederwas- ser an bis zur nördlichen Stadteinfahrt Tri­ berg. Namen wie „Glasträgerbrücke“, ,,Him­ melreichkurve“ und „Hobler Felsen“ sind vielen Autofahrern geläufige Begriffe. Die ,,Himmelreichkurve“ ist als besonders gefah­ renträchtig berüchtigt und viele schwere Unfälle haben sich in den vergangenen Jah­ ren dort ereignet. Straßenplanung begann schon 1960 Bereits vor vielen Jahren haben sich die zuständigen Behörden Gedanken darüber gemacht, wie die B 33 -insbesondere zwi­ schen Triberg und Hornberg-leistungsfähig ausgebaut und entschärft werden könne. Zu Strossenausbruch 233

Anfang der Sechziger Jahre gab es Überle­ gungen, eine neue Straße über Hornberg – Reichenbach – Langenschiltach – St. Geor­ gen, ausgehend von der B 33 in Hausach, zu bauen. Die damals ins Auge gefaßte Strek­ kenführung hätte einen harten Eingriff in z. T. noch unberührte Natur zur Folge gehabt und den Raum Triberg, Schönwald, Schonach vom Verkehr abgeschnitten. Dies konnte daher keine Lösung sein. Die Bundesstraße 33 wird ausgebaut Die Entscheidung fiel Anfang der 70er Jahre: Die B 33 wird ausgebaut. Federfüh­ rend wurde das Straßenbauamt Donaue­ schingen. Der Entwurf für den Streckenab­ schnitt Triberg- Homberg ist Mitte der 70er Jahre in Auftrag gegeben worden; er wurde 1987 vom Stuttgarter Wirtschaftsministe­ rium genehmigt. Dies war die Voraussetzung für die Einplanung der Mittel durch den Bund. Das Planfeststellungsverfahren konnte eingeleitet werden. Die Pläne wurden den betroffenen Gemeinden und Behörden (Forst-, Landwirtschafts-, Naturschutz- und Wasserwirtschaftsverwaltung, Bundesbahn) zur Stellungnahme zugeleitet. Privat Betrof­ fene hatten die Möglichkeit, bei der Gemeinde die Pläne einzusehen. Planung in fünf Teilabschnitten Die B 33 auf der Strecke von Niederwasser bis Triberg wurde in fünf Teilabschnitten geplant. Abschnitt I verläuft von Niederwas­ ser bis zur Kreisgrenze (Ortenau/Schwarz­ wald-Baar-Kreis). Abschnitt II verläuft von der Himmelreichkurve bis zum Steinbistun­ oel, diesen nicht einschließend. Abschnitt III umfaßt den Steinbistunnel im Bereich der Umfahrung Sägewerk Finkbeiner und bis zur Einmündung in die bestehende B 33 ober­ halb des Anwesens Weißer. In diesem Bereich wird auch eine straßenüberspan­ nende Fußgängerbrücke erstellt und eine Notrufsäule eingerichtet. Abschnitt IV ver­ läuft über Schonachbach bis einschließlich des künftigen Zuckerhut-Tunnels oberhalb 234 der Eisengießerei Dhonau und Abschnitt V bringt den Ausbau entlang der Firma Tränkle bis zur Einmündung in die B 500 am nördli­ chen Stadteingang Triberg. Da gleichzeitig mit dieser Planung auch die Planung der Sammelkläranlage des Abwasserverbandes der Raumschaft Triberg in Gremmelsbach erfolgte, war eine gegensei­ tige Planungsabstimmung zwingend. Der Abschnitt III mußte bevorzugt angegangen werden. Die Arbeiten wurden weitgehend aufeinander abgestimmt. Sie verliefen in ihrem zeitlichen Ablauf störungsfrei. Anschließend wurde die Brücke über die Gutach vor dem Nordportal des Tunnels (Fahrtrichtung Triberg) gebaut. Diese Brücke war Voraussetzung für den Beginn der Erdar­ beiten am Voreinschnitt für das Tunnel­ Nordportal. Diese Arbeiten begannen im August 1986, die mit dem eigentlichen Tun­ nelbau noch nichts zu tun hatten. Im Dezember 1986 war der Anschlagsbereich Süd bis zur Kalottensohle ausgeräumt. Dann kam der Winter Am 19. Dezember 1986 begann es zu schneien. Zwischen dem 20. Dezember 1986 und dem 5. Januar 1987 trat eine vollständige Winterpause ein. Nur sporadisch konnten die Arbeiten weitergeführt werden, doch bis zum 16. Februar 1987 waren wesentliche Betonierabschnitte des „Stützpfeilers Süd“ fertiggestellt. Um die gleiche Zeit begann der Voreinschnitt am Nordportal (Fahrtrichtung Triberg). Dann kam der 25. Februar 1987 und mit ihm die „Anschlagsfeier“ vor dem Süd­ portal. Bis Mitte März 1987 war die Baustelle völ­ lig vereist. Nach langer Wartezeit konnten die Arbeiten am 18. März 1987 mit dem Vor­ trieb vom Südportal aus begonnen werden. Die Arbeiten gingen nunmehr im Tag- und Nachtbetrieb mit Hochdruck voran. Ohren­ betäubender Lärm, Steinstaub, Sprengun­ gen, gleißendes Scheinwerferlicht, das urweltliche Rasseln und Röhren kettenbe­ wehrter Caterpillar-Ungetüme und das

unaufhörliche, polternde und dröhnende Laden der gebrochenen Gesteinsmassen sowie das Transportieren und Umlagern des Aushubs bestimmten nun das Bild an der Baustelle. Am 25. Mai 1987 war der zweite bedeu­ tungsvolle Augenblick im Arbeitsablauf erreicht: an diesem Tag erfolgte der »Durch­ schlag“ der Kalotte. Zum ersten Mal konnte man durch den Berg auf die andere Seite sehen. Das Tunnelbauverfahren Der Vortrieb erfolgte nach dem Verfahren der NÖT (Neue österreichische Tunnelba�­ weise unterteilt in Kalotte und Strosse mit­ tels Sprengvortrieb. Für die Sprengungen sind in der Kalotte rund 180 Löcher pro Abschlagslänge (0,8 bis maximal 3 Meter) gebohrt worden. Pro Kubikmeter Gest�in wurden 1,5 Kilogramm Sprengstoff benötigt. Ein „Abschlag“ dauert etwa sechs Sekunden; so lange „scheppert“ es beim Sprengvorgang. 1000. Rufnummer im Service 130 für die Zentrale Zimmervermittlung Am 16. Mai 1988 besuchte der Präsident der Oberpostdirektion Freiburg, Hans H�rt­ le (links auf unserem Bild), die �ntrale Zim­ mervermittlung der Landkreise Schwarz­ wald-Baar und Rottweil in deren Geschäfts­ räume im Landratsamt Villingen-Schwen­ ningen. Der Grund des Besuches: Die seit dem Jahr 1986 bestehende Zentrale Zimmer- vermittlung ist der 1.000. Kunde im „Service 130“ der Deutschen Bundespost. Dies ist ein besonderer Telefondienst, der es ermöglicht, den entsprechenden Anschluß a�s der g�­ zen Bundesrepublik zum Ortstanf zu errei­ chen. Über die Nummer 0130-3800 ist die Zentrale Zimmervermittlung im Ortsnetz erreichbar. Es schafft hierdurch Kunden­ nähe und erleichtert die Kundenberatung. 235

Um den Berg nicht unnötig zu stören, wird die Sprengenergie nicht punktuell und voll eingesetzt, sondern „ verteilt“. Unter „Kalotte“ versteht man den oberen Teil des Berges (etwa Zweidrittel des Gesamt­ querschnitts), während der untere Teil „Strosse“ genannt wird. Der Ausbruc� der Strosse beim Steinbistunnel erfolgte steigend von Norden nach Süden, um dem Wasser im Berg den Abfluß zu sichern. Nach jedem erfolgten Abschlag wurde sofort die Siche­ rung mittels Spritzbeton und Einbau von Ankern angebracht. Danach wurde der Tun­ nel zur Abdichtung zwischen Außenschale und Innenschale mittels einer zwei Millime­ ter starken verschweißten Folie isoliert. Sie verhindert ‚das Eindringen von Bergwasser in den Beton der Innenschale. Während der Vortriebsarbeiten wurden Konvergenzmessungen durchgeführt, um festzustellen, ob eventuell eintretende Ver­ formungen -es gab solche von eine� _bis zwei Millimetern -abklingen. Im Gramt smd Millimeterbewegungen normal. Im Steinbis­ tunnel haben sie sich bereits während des Vortriebs beruhigt. Geologisch gesehen sind die Felsformationen des Triberger Granits kein homogener Fels, sie sind stark gebankt und geklüftet (gebankt: Schichtgestein). Eine wichtige Frage war die Bewetterung. Die Frischluftzufuhr mußte gewährleistet sein, solange �ie „Kalotte“ noc� nicht ,,durchschlägig“ ist, wodurch dann em Luft­ zug entsteht (Schornsteinwirkun�). Beim Triberger Steinbistunnel wurde eme „bla­ sende Bewetterung“ angewendet; Frischluft wurde vor Ort geblasen und die verbrauchte Luft dadurch in Richtung Portal nach außen gedrückt. Nach erfolgter I�olierun� der Tun­ nelwand mit der verschweißten Folie wurden die Fundamente hergestellt und hernach trat der riesige „Schalwagen“ im Tunnel i_n Aktion. Er schaltete die Tunnelblöcke ab, die dann ausbetoniert wurden. Die eigentliche Innenschale (ihre Dicke beträgt 30 Zentime­ ter) wurde in 7,41 Meter langen Blöcken aus bewehrtem Spezialbeton im Tagestak�gefer­ tigt. 236 Daten von Interesse Beim Bau des Steinbistunnels wurden bei den Voreinschnitten Süd und Nord rund 10.000 Kubikmeter Erdmassen bewegt; beim Ausbruch weitere 12.000 Kubikmeter. Das zur Wiederverfüllung nicht mehr benötigte Material wurde in einem Steinbruch zu Schotter verarbeitet. Der Tunnel wird endgültig drei Fahrspu­ ren aufweisen; zwei bergwärts, eine talwärts. Seine lichte Breite beträgt 14,5 Meter; seine lichte Höhe (bis Firste) rund 8 Meter. Der Tunnel ist in seinem Grundriß ein „ Wende­ bogen“, sein Längsgefälle weist 5,5 Prozent auf. Die bergmännische Länge beträgt 120 Meter, die Betonschale einschließlich der beiden Portale ist 160 Meter lang. Der Tunnel erhielt im Sommer 1988 eine abschließende Beschichtung und eine Beleuchtung. Die Tunnelwände wurden bis zu einer Höhe von 4,50 Metern zum Schutz des Betons vor Spritzwasser beschichtet. Die gesamt auszubauende Strecke von oberhalb Niederwasser bis Höhe Firma Tränkle in Triberg beträgt 5,8 Kilometer. Rund 3,4 Kilometer werden in ihrem endgül­ tigen Zustand dreispurig verlaufen. Wenn der Terminplan eingehalten werden kann, wird bis 1992/1993 die Gesamtbaumaß­ nahme abgeschlossen werden können. Die veranschlagten Gesamtkosten belaufen sich auf siebzig Millionen Mark. · Alexander Jäckle * vor mu ein Streifen gepflügtes Land, Mücken spielen in Sonnenstrahlen – Zeit zieht um .mich Fäden – sorgsam wie die Spinne ihr Netz. Christiana Steger Oktober

Landschaft, Naturdenkmäler An welchem Ort die Donau ihren Ursprung hat, ist nicht erst in neuerer Zeit Gegenstand von z. T. ernsten und heiteren Auseinandersetzungen. Im Almanach 85 (S. 170-181) wurde unter dem Kapitel „ Wider den tierischen Ernst“ das gekonnte und geistreiche Gedicht von Herrn Stadtpfarrer Beha, Furtwangen, veröffentlicht, das viel Beifall gefunden hat. Im diesjährigen Almanach nimmt zu diesem Thema der Histori­ ker Volkhard Huth Stellung. Der Almanach möchte seine Leser über die verschiedenen A nsich­ ten unterrichten, ohne die Frage selbst lösen zu können. Wo immer die Donau ihren Ursprung haben mag, in Donaueschingen oder an den Q;tel­ len von Brigach oder Breg,Jest steht, daß sie im Gebiet des Schwarzwald-Baar-Kreises als der verbindenden kommunalpolitischen Einheit ihren Anfang nimmt. Als sich der württembergische Hofhisto­ riograph Oswald Gabelkhover (1539-1616) im Auftrag des Grafen Rudolf V. von Hel­ fenstein dazu anschickte, eine Geschichte von dessen Geschlecht zu Papier zu bringen, geriet er ins Sinnieren. Denn mit der Erfor­ schung „deß anfangs vnd vrsprvng der gro­ ßen geschlechter“ habe es leider die gleiche Bewandtnis „ wie mit den Vrsprüngen der größesten Waßer: Daß man namlich diesel­ bige schwerlich erkündigen kan, und vilerlay meinung sich deßhalben befinden“. So sei es beispielsweise mit der Donau in Europa wie mit dem Nil in Afrika: ,,dann sich noch kei­ ner fünden hatt, der eigentlich hette sagen, oder fünden könden, wo das herrlich waßer, der Nilus entsprünge. So ist gleichwol zu Doneschingen ein Vrsprung, den man für der Thonaw Ursprung will halten: darwider aber andere diß waßers Vrsprung vil höher im Schwartzwald suchen, vnd durch die Brig und Breg herab füeren wöllen“. Von Q!iellensuche und Q!iellverehrung Ein Beitrag zur Frage nach dem Donauursprung Die „ vilerlay meinung“, die sich rund um die Frage nach den Ursprüngen von Donau und Nil gebildet hatten, sind eine Erbschaft der Antike und waren zu Gabelkhovers Zei­ ten längst zu neuer Geltung gelangt. Wer indes glauben möchte, die „ vilerlay mei­ nung“ vergangener Epochen zu diesem Thema seien im Zeitalter der Modeme einer eindeutigen Klärung gewichen, könnten also dem Scharfsinn einer ,fortschrittlichen‘ Wis­ senschaft unmöglich standhalten -der geht eben in die Irre. Vielmehr wird er feststellen müssen, daß die „vilerlay meinung“ bei der Frage nach den O!iellen großer Flüsse wie besonders von Nil und Donau im 20. Jahr­ hundert um neue, zeittypische Varianten bereichert werden. Die Suche nach den O!iel­ len, der Streit um ihren Besitz und deren ,Entdecker‘ gehen weiter. So bedeutete es nicht nur eine wissen­ schaftsgeschichtliche Korrektur, sondern war vor allem als Akt neuen afrikanischen Selbstbewußtseins zu verstehen, als 1986 der Präsident Ugandas, Y oweri Museveni, am Ufer des Viktoriasees eine Gedenktafel ent­ fernen ließ, die an den britischen Kolonialof­ fizier John Hanning Speke erinnerte. Speke hatte 1862 stolz (in der Sache freilich unge­ rechtfertigt) verkünden lassen, an jener Stelle entspränge der Nil: „The Nile is settled“ hieß es in seinem ebenso kurzen wie bedeutungs­ schweren Telegramm nach London. Umgekehrt sah sich jüngst der Donauur­ sprung wieder durch einen ,Entdecker‘ gewürdigt und um eine Gedenktafel berei­ chert, wenngleich es sich hier nicht um eine Staatsaktion handelte und demgemäß nur die Heimatpresse davon Kenntnis nahm: Zu Furtwangen wurde im Sommer 1986 ein O!iellenforscher für den von ihm jahrzehn­ telang eifrig betriebenen ,Nachweis‘ geehrt, 237

Einstiger Verlauf des „Donaubächles“ (s. Pfeilmarkierungen) von der Q;telle im Donaueschinger Schloßhof bis zur Einmündung in die Brigach. Nach einem Originalplan aus dem Jahre 1815 im F.F. Archiv Donaueschingen, Kasten/, Fach IV, O.Z. 3. die Bregquelle bei Furtwangen sei als die wahrhafte O!ielle der Donau anzusehen. Umgehend wurde bei der Bregquelle neuer­ lich ein Findling mit eingelassener Gedenkta­ fel aufgestellt, und die – nun hoffentlich ver­ stärkt anreisenden – Touristen werden seit­ her durch einschlägige Beschilderung („Zur Donau-O!ielle“) nicht im Zweifel gelassen, mit welcher Attraktion Furtwangen und der Kolmenhof aufwarten können. Im Zuge der Ehrung des rührigen Entdeckers erhielt also nun endlich auch die, wie es hieß, „natür­ liche“ O!ielle der Donau einen ansprechen­ den äußeren Rahmen. Damit hoffte man zugleich wohl etwas den Vorzeige-Rück­ gegenüber der Donaueschinger stand Donauquelle aufzuholen, die man im obe­ ren Bregtal (den auswärtigen ,Entdecker‘ ein­ geschlossen) offensichtlich als reines Arte­ fakt einstuft. Zweifellos hat die O!ielle im Donau­ eschinger Schloßhof – nur eine, wenn auch die ergiebigste der O!iellen im Donaueschin­ ger Ried – in historischer wie künstlerischer Hinsicht einen Vorsprung vor der Breg­ quelle, dem Ursprung des längeren der bei­ den Donau-Quellflüsse. Und während bis vor kurzem die Bewohner des Oberen Kat­ zensteigs in der Nähe von Furtwangen stets in dem Bewußtsein lebten, an der Breg-und nicht etwa an der Donauquelle zu wohnen, war bereits im Mittelalter die Lokalisierung 238

des Donauursprungs in Donaueschingen eine gängige Anschauung. Davon legt vor allen anderen Indizien schon der Ortsname Rechenschaft ab: 1292 erscheint in den erhal­ tenen Q!iellen erstmals das alte Eschingen mit dem bezeichnenden Namenpräfix. Für diese kennzeichnende Ortsnamener­ weiterung stand keineswegs die Vereinigung von Brigach und Breg Pate, die bekanntlich auf Donaueschinger Gemarkung vor sich geht. Dieser Zusammenfluß lag im Mittelal­ ter jedoch weit außerhalb des Ortsetters, der die Siedlungsteile von der Feldmark abgrenzte. Innerhalb des Ortsetters aber ver­ band sich der Abfluß der Schloßhofquelle mit der Brigach, und von diesem Punkt ab war eben von der „Donau“ die Rede. Hinrei­ chend nachweisen läßt sich dies mit dem älte­ sten überkommenen Donaueschinger Urbar von 1584; Belege für die Schloßhofquelle können wir dagegen schon der urkundlichen Überlieferung des 14. Jahrhunderts entneh­ men. Dadurch erweist sich der vermeintlich alte ,volkstümliche‘ Spruch „Brigach und Breg bringen die Donau zuweg“ als aufgesetzt. Er entspricht keineswegs einem älteren Bewußt­ seinsstand der hier ansässigen Bevölkerung und kam erst im vorigen Jahrhundert auf. Daß er sich rasch allgemein verbreiten konnte, lag nicht zuletzt am mangelnden Widerstand der Donaueschinger im 19. Jahr­ hundert, bei denen die alte Situation längst in Vergessenheit geraten war. Der Grund: Seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert hatte man mit der Anlage des fürstlichen Parks begon­ nen, schließlich zur Verhütung der häufigen Überschwemmungen eine Begradigung der Brigach vorgenommen ( entsprechend rekti­ fizierte man auch den Breg-Hauptarm vor der Einmündung). Die durchgreifende Um­ gestaltung des gesamten Gebiets im Bereich der heutigen Parkanlagen wie auch Umbau­ ten am Schloß bedingten eine Umlegung des alten Donaubaches, d. h. des Abflusses der Schloßhof quelle, der jetzt auf dem kürzesten Weg in die Brigach geleitet wurde. Über der Einflußstelle errichtete man 1909 einen von Kaiser Wilhelm II. gestifteten Tempel, der noch heute die Blicke der Spaziergänger am Brigachufer auf sich zieht. Freilich war die Ortsnamenerweiterung im Mittelalter ebensowenig wie die zu Grunde liegende Vorstellung vom Ursprung der Donau hinter der Eschinger Ortsburg das alleinige Werk der Dorfbewohner. Es mußte sich weithin das Bewußtsein durchgesetzt haben, die Donau entspringe in dem daher auch ,Donau‘ -Eschingen genannten Ort. Diese Überzeugung und die damit verbun­ dene Herleitung des Ortsnamens galt auch außerhalb des deutschen Sprachraums, wie etwa diesbezügliche Feststellungen des italie­ nischen Humanisten Pandolfo Collenuccio (1444 -1504) oder noch des spanischen Gelehrten Fernando de Herrera (1534 -1597) erkennen lassen. Wie sehr dies die seinerzeit (noch) herrschende Auffassung war, verdeut­ licht am schlagendsten ein Ereignis vom August 1499: Damals begab sich König Maximilian nach Donaueschingen, um dort die Donauquelle zu sehen. Er ließ rund um die Q!ielle Zelte aufstellen und veranstaltete ein Fest, bei dem man Reigen um die Q!ielle tanzte. Der Wortlaut des Berichts über den Besuch Maximilians an der Donauquelle, den wir dem Humanisten Willibald Pirckhei­ mer verdanken, gibt zu der Vermutung Anlaß, daß schon damals jenem Brauch gehuldigt wurde, den wir ansonsten seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Donaueschingen beobachten können: Der Sprung in die Donauquelle war nämlich ein fester Bestandteil im Besuchsprogramm der Gäste des in Donaueschingen ansässigen Zweiges der Fürstenberger (Heiligenberger Linie). Über den Hergang sind wir gut unter­ richtet: Der Besucher hatte ein Glas (,,Sack­ pfeife“) Rotwein zu leeren und sprang dann, begleitet von Trompetenstößen, Trommel­ schlag sowie dem sich darein mischenden Lärm Salut schießender Böller und Muske­ ten in das klare Quellwasser-zu jeder Jahres­ zeit! Dem kühlen Naß entstiegen, trug der Erfrischte dann einen selbst verfertigten 239

Sinnspruch oder ein Gedicht in ein eigens zu diesem Zweck im Schloß aufliegendes Buch em. Ein solches „Donauquellen-Protokoll­ buch“ wird heute noch in der F.F. Hofbiblio­ thek zu Donaueschingen aufbewahrt; seine älteste Eintragung stammt aus dem Jahre 1660. Rund zwei Jahrhunderte später gelangte dieses Buch in die Hände des als Fürstlicher Bibliothekar in Donaueschingen weilenden Joseph Viktor von Scheffel, der den Qyellensprung in seine ,Juniperus“­ Erzählung übernahm, in dieser jedoch zu einem mittelalterlichen Allmendshofener Fastnachts-Brauch umformte. Da in einem der Gedichte des Donauquel­ len-Protokollbuchs betont wird, der Sprung in die Donauquelle entspreche „uraltem Brauch und Herkommen“, kann durchaus ein noch in heidnische Zeiten zurückrei­ chender Vorläufer dieses Kuriosums in Betracht gezogen werden. Es wäre dies ein weiteres Beispiel unter den mannigfaltigen Ausdrucksformen, die sich die ursprünglich religiös motiv1erte Quellverehrung im Brauchtum der abendländischen Völker seit der Antike geschaffen hat. Jedenfalls sollte uns die Bemerkung Pirckheimers nachdenk­ lich stimmen, mit ihrem Besuch hätten sich König Maximilian und sein Gefolge nicht nur in allerhand Lustbarkeiten ergangen, sondern auch die Qyelle geehrt. Auf Ereignisse desselben Jahres 1499, in dem König Maximilian die Donauquelle zu Donaueschingen besuchte, bezieht sich der Kupferstich eines niederrheinischen Mei­ sters, der uns nur unter seinem Monogramm „PPW“ bekannt ist. Dieses Werk bildet den erweiterten Bodenseeraum ab und schildert vor dem landschaftlichen Hintergrund Er­ eignisse des sogenannten „Schweizerkriegs“. Zur Landschaftskulisse zählt auch eine Orts­ ansicht von Donaueschingen, die freilich im Genrehaften verbleibt und ein reines Phanta­ siegebilde des Künstlers darstellen dürfte. Wichtiger ist indes der über der Vedute ange­ brachte Hinweis, in Donaueschingen ent­ springe die Donau. 240 Karte der Baar mit Darstellung der Donauquelle von Sebastian Münster (1538). Der Abfluß der Schloßhefquelle trägt den Namen Donau – vor der Einmündung in die Brigach und späterer Aufnahme der Breg. Zum gleichen Urteil gelangte kaum 40 Jahre später aus eigener Anschauung der berühmte Kosmograph Sebastian Münster, den das Problem des Donauursprungs leb­ haft beschäftigt hatte und der daher sogar nach Donaueschingen gereist war. Er hinter­ ließ uns eine recht genaue Beschreibung: Zum damaligen Zeitpunkt sei die Qyelle von einem kleinen rechteckigen Mäuerchen umgeben gewesen, dessen Maße ungefähr 26 Fuß in der Länge und 18 Fuß in der Breite betragen hätten, also etwa 7,80 Meter auf 5,40 Meter. Der Ausfluß der Qyelle war nach Münsters Angaben 2 Fuß (ca. 60 Zentimeter) breit und 1 Fuß (ca. 30 Zentimeter) tief; das Qyellbächlein flösse nur zwei Steinwürfe vom Schloß entfernt in die Brigach. Von die-

Donaueschingen unterzogen hat, um sich vor Ort der Verhältnisse zu versichern. Um so auffallender muß es uns jedoch erschei­ nen, daß Glareans Freiburger Schüler Johann Georg Schinbain (latinisiert „Tibianus“ genannt) in seiner sogenannten „Schwarz­ waldkarte“, einem bedeutenden Werk in der Geschichte der südwestdeutschen Kartogra­ phie, demonstrativ die Donau in Donau­ eschingen entstehen und erst außerhalb des Ortes mit Brigach und Breg zusammenflie­ ßen läßt. Immerhin hatte Glarean, wie es scheint, den Stein ins Rollen gebracht. In den beiden folgenden Jahrhunderten wurde häufig zur Frage der Donauquelle Stellung bezogen, wobei sich nunmehr verschiedene Theorien abwechselten, gleichgültig bis resignierend nebeneinander gestellt oder von den Auto­ ren laue Kompromißhaltungen eingenom­ men wurden. Möglich war diese Meinungs­ vielfalt, von der wir ja schon eingangs durch die Klage Gabelkhovers gehört haben, aller­ dings nur wegen des unklaren Überliefe­ rungsbefundes: die antiken Autoren, die nunmehr von den humanistischen Gelehr­ ten (neu) herausgegeben und kommentiert wurden, hatten nirgends eine eindeutige Aussage zur präzisen Lokalisierung der Donauquelle(n) getroffen. Daß die humanistischen Autoren die Dis­ kussion dieser Frage zum Anlaß nahmen, ihre Belesenheit und ihren Scharfsinn her­ auszustellen, trug keineswegs zu einer Klä­ rung der Frage bei. Dennoch wohnte ihren gelehrten Spiegelfechtereien noch nicht jener polemische Zug inne, der die Behand­ lung des Themas vornehmlich im 18. Jahr­ hundert kennzeichnen sollte. Eine Gruppe ebenso gelehrter wie bornierter Eiferer, deren patriotisches Empfinden die deutsche Klein­ staaterei jener Zeit noch von ihrer eher komi­ schen Seite zeigt, vergoß Ströme von Tinte und Druckerschwärze, um zu beweisen, daß die Donau auf fürsten bergischem, württem­ bergischem oder österreichischem Boden ihren Anfang nehme. Den dicksten Vogel schoß jedoch 1711 der Züricher Arzt und 241 Ausschnitt aus der sog. ,,Schwarzwaldkarte“ des Johannes Tibianus (um 1580). Die Donau ent­ springt unterhalb der Donaueschinger Pfarrkirche (,,FONS DANVBJJ“). sem Punkt ab sei von der Donau die Rede, die dann einen Büchsenschuß weiter Rich­ tung Süden die Breg aufnehme. Der sorg­ same Wissenschaftler Münster hat seine Ein­ drücke sogar in einer Karte festgehalten, einem Holzschnitt im Maßstab von etwa 1:160 000. Die erste erkennbare Abkehr vom Donaueschinger Donauursprung spricht aus Erörterungen des aus dem schweizerischen Glarus stammenden Freiburger Professors Heinrich Loriti, genannt „Glareanus“ (1488 – 1563), der sich in einem Cäsar-Kommentar ausführlich über unser Thema verbreitete und für die beiden Quellflüsse Brigach und Breg eintrat. Nicht bekannt ist, ob Glarean sich wie Münster der Mühe einer Reise nach

Mathematiker Johann Jakob Scheuchzer ab, der kurzerhand die Q!iellen von Inn und Donau für identisch erklärte und somit für beide Ströme eidgenössischen Ursprung reklamierte. Schon damals wäre die Streitsache also würdig gewesen, vor einem Narrengericht verhandelt zu werden, wie dies denn vor eini­ gen Jahren in Stockach schließlich der Fall war. Das in kleinstaatlich geprägtem Bewußt­ sein des 18. Jahrhunderts betriebene Tauzie­ hen um den Besitz der Donauquelle wurde inzwischen von lokalpatriotischen Empfind­ lichkeiten zwischen Donaueschingen und Furtwangen abgelöst. Als neuer Aspekt einer alten Auseinandersetzung sind Fremdenver­ kehrs-Interessen hinzugetreten, die vor Ort nicht gering veranschlagt werden. Auf den zeitlosen Kern des Phänomens hinzuweisen, bleibt dem Künstler vorbehal­ ten. In unseren Tagen hat dies Anselm Kiefer mit seiner Installation „Die Donauquelle“ getan, über die eine Bild-Dokumentation (Köln 1978) vorliegt. Sie stellt auf ihre Weise in den Blick, was einst schon der römische Philosoph Seneca unterstrichen hatte: daß wir die Q!iellen großer Flüsse verehren. Volkhard Huth * Der Sprung in die Donauquelle nach einer historisierenden Darstellung des 19. Jahrhunderts 242

Naturdenkmäler im Schwarzwald-Baar-Kreis In diesem Jahrgang werden 5 Naturdenk­ mäler vorgestellt, davon 2 Linden in Nieder­ eschach, 2 Fichten und 1 Esche im Nieder­ eschacher Ortsteil Fischbach. An der Südseite des Kirchplatzes im Zen­ trum von Niedereschach stehen die im Jahr 1780 angepflanzten Linden. Ineinandergrei­ fende Äste der beiden Bäume, ausgestattet mit sattgrünem Laub in der warmen Jahres­ zeit, bilden ein dichtes, Schatten spendendes Dach. Seit dem Jahr 1941 gehören diese „Kirchlinden“, wie sie auch genannt werden, dem Kreis der Naturdenkmäler an. Von einer mit einem Springbrunnen bereicherten Grünanlage führt eine Treppe hinauf zum Standort der beiden mächtigen, hochge­ wachsenen Linden, wo der Ausblick zum Rathaus hinüber frei ist. Auch wenn Moto­ renlärm von den nahen Straßen bis zu den Kirchlinden vordringt, lohnt sich dennoch ein Besuch bei diesen Naturdenkmälern inmitten der pulsierenden Gemeinde Nie­ dereschach. Außer der Paulislinde und der Moritz­ linde, die im Almanach Jahrgang 1983 (Seite Niedereschach, Kirchturm mit zwei Linden Zeichnung: Heinrich Stern.fichten in Niedereschach-Fischbach Zeichnung: Heinrich 197) erwähnt wurden, bietet der Ortsteil Fischbach 3 weitere Naturdenkmäler zur Besichtigung an. Die Stippvisite gilt zu­ nächst 2 Fichten an der Sommerbergstraße, etwa 100 Meter nördlich der Kirche. Seit 30 Jahren zählen diese im Jahr 1840 angepflanz­ ten Fichten zu den Naturdenkmälern. Ihre Bezeichnung „Sternfichten“ geht auf die Grundstückseigentümer mit Namen „Stern“ zurück. Obwohl Holunderbüsche diese Fichten einrahmen und zieren, ist nicht zu übersehen, daß die Sternfichten kränkeln. 243

Zeichnung: Heinrich Seniorin. Ihre starken Äste überdecken einen Kreis mit einem Durchmesser von rund 30 Metern und ragen über die Straße, die zur renovierten Sinkinger Kapelle (Almanach 1983, Seiten 146-148) führt. Werner Heidinger * Georgs-Esche in Niedereschach-Fischbach Ein Stamm ist besonders stark beschädigt. Spuren schädlicher Belastungen lassen die herabhängenden und teils gelichteten Äste und Zweige erkennen. Ob da noch etwas zu retten ist? Trotz ihres hohen Alters von fast 230 Jah­ ren und trotz einiger durch Blitze ver­ ursachte Blessuren zeigt sich die „Georgs­ esche“ an der Sinkinger Straße noch immer in einem frischen Zustand. Auch ohne das Täfelchen „Naturdenkmal“ schmückt diese im Jahr 1941 als Naturdenkmal ausgewiesene Esche mit einer Höhe von 25 Metern das bäuerliche Anwesen von Rudolf Müller, des­ sen Vater Georg der Esche den Namen gab. Unter den 4 im Schwarzwald-Baar-Kreis geschützten Eschen ist die Georgsesche die 244

Der Schwarzspecht Wer hat ihn nicht schon einmal gesehen, den krähengroßen schwarzen Waldzimmer­ meister, wenn er im bogenförmigen Flug einen neuen Standort aufsucht. Die Rede ist vom Schwarzspecht, der den Schwarzwald und die Wälder der Baar glei­ chermaßen bewohnt. In dem Hochwald nahe der Stadt ist die Schneedecke noch geschlossen. Leise Kon­ taktrufe von wandernden Baumläufern, Mei­ sen und Goldhähnchen dringen durch den stillen, winterlichen Forst. Da schnurrt es zwischen den Bäumen. Ein großer schwarzer Vogel kommt im Bogenflug daher und lan­ det am Stamm einer hohen Fichte. Mit sei­ nen langen Krallen hält er sich an der Baumrinde fest, während der Körper gegen den Stamm zu noch von den Schwanzfedern abgestützt wird. Der Vogel sichert eine Weile. Mit ruckartigen Bewegungen umkreist er den Stamm, bis er die richtige Stelle gefunden hat. Mit wuchtigen Hieben seines Schnabels meißelt er anschließend Holzspan um Holz­ span aus dem Stamm. Es ist der große Waldspecht, der Schwarz­ specht, der hier nach Herkulesameisen sucht. Der Stamm hat vom Boden bis in ca. 3 Meter Höhe schon mehrere ovale Löcher, die bis zu dem Kern des Stammes reichen. An dem Stammkern erkennt man die Rotfäule. Der Baum ist krank. Sollte der Naturfreund ein­ mal an einem solchen Baum vorbeikommen, so hat er jetzt gelernt; mehrere Löcher neben­ und untereinander in der beschriebenen Höhe sind das Werk des Schwarzspechtes. In diesem Stamm meißelt er in der Regel jedoch keine Schlaf-oder Bruthöhle. Nach einer Weile klettert der Specht an dem Stamm etwas höher, läßt sich fallen und mit lauten Tm-Rufen fliegt er den nächsten Baum an. Hart schlägt der Schnabel wieder zu. In großen Fetzen fliegt die Rinde von dem Stamm des abgestorbenen Baumes. Die Zunge, die bis 5 cm über die Schnabelspitze reicht, schnellt heraus und holt sich die unter der Baumrinde versteckten Larven und Pup­ pen von Ameisen, von Borken-, Bock-und Rüsselkäfern, von Holz-und Blattwespen. Der Speisezettel wird noch angereichert durch Spinnen, Raupen, kleinere Schnecken, Kiefernsamen und Baumfrüchte wie Kir­ schen. Weiter geht die Nahrungssuche, Tag für Tag. Unmengen von Baumschädlingen werden dabei vertilgt. Vermorschte Baumstümpfe sucht der Schwarzspecht besonders gern auf Diese findet er noch zielsicher, wenn sie unter einer Schneedecke begraben sind. Ende März, Anfang April verstärkt sich der Schwirrflug des Waldspechtes. Häufig klingt jetzt sein lauter Ruf durch den Forst. Ein neues Geräusch ist dazu gekommen. Auf einem Ast, der eine entsprechende Resonanz hergibt, trommelt er seinen Wirbel wieder und wieder. Das ist die Aufforderung an Frau Specht, hier in diesem Revierteil eine Höhle zu beziehen und ei.qe Familie zu gründen. Herr und Frau Specht haben während der Revierbildung Höhlenbäume inspiziert und sich einen Schlafraum ausgesucht, der in den nächsten Wochen neben der Bruthöhle immer wieder aufgesucht wird. Wird bei dieser Suche keine entspre­ chende Bruthöhle gefunden, wird eine neue angelegt. Dabei werden Bäume bevorzugt, die bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Das sind glattrindige Stämme, die auf einer Länge von 4 bis 10 Meter keinen Ast aufwei­ sen und deren Durchmesser im oberen ast­ freien Teil noch ca. 35 cm beträgt. Die Stand­ orte der Nachbarbäume sollten so liegen, daß sie den freien Anflug zu dem Nistbaum nicht behindern. Wenn die ersten Schlüsselblumen blühen, ist es soweit. In 8 bis 12 Meter Höhe wird, nach Möglichkeit in einer Buche, waagerecht ein ovales Loch gemeißelt. Wenn der Kern des Stammes erreicht ist, geht es 31 bis 55 cm nach unten. 25 cm beträgt in der Regel der Höhlendurchmesser. 245

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7 1 Schwarzspecht an der Bruthöhle. 2 Ist der junge Schwarzspecht etwas älter, erwar­ tet er die futterbringenden Eltern am Einflugloch. 3 Neben der Bruthöhle hat der Schwarzspecht noch eine Schlafhöhle. 4 Während des ganzen Tages sucht der Schwarz­ specht die Stämme nach holzbewohnenden Insek­ ten ab. 5 Jungspecht beim Verlassen der Bruthöhle. 6 Finden wir einen Baum mit derartigen Löchern, haben wir eine immer wieder auf gesuchte Futterstelle des Schwarzspechtes vor uns. 7 Eine Tanne oder Fichte wird bei dem nächsten grijßeren Sturm in der Höhe der Schwarzspecht­ höhle abbrechen. 247 6

Erst wird eine Weile gemeißelt, dann wer­ den die Späne in weiten Bogen aus der entste­ henden Höhle herausgeworfen. 50 Minuten hackt der Specht an seinem Bauwerk, dann ruft er mit einem langgezogenen und lauten „Kliä“ seinen Partner zur Ablösung herbei. Wenn dieser in der Nähe ist, wird demonstra­ tiv nochmals gegen den Rand der Höhle geklopft. In die Arbeit des ersten Bauabschnittes, der den sichtbaren äußeren Teil betrifft, tei­ len sich Männchen und Weibchen fast gleichmäßig. Wenn es jedoch an das Innere geht, darf das Weibchen weitgehend, oder ganz allein, das Zimmerergeschäft fortfüh­ ren. Das Männchen kann in dieser Zeit mit dem Bau anderer Höhlen beginnen. Diese Arbeiten werden jedoch in der Anfangsphase wieder eingestellt. Das Herausstemmen des Holzes geschieht mit hintereinanderfolgenden Schnabelhieben. So eine Schlagfolge umfaßt im Durchschnitt 100 Hiebe, 3 bis 17, aus­ nahmsweise auch einmal 32 in der Minute. Die Zeit der größten Bauaktivität ist der Vor­ mittag. Um nur einen Span loszumeißeln, sind bei einer Buche 17 Hiebe notwendig. Ca. 10 000 Späne fallen beim Bau einer Höhle an. Wer selbst einmal Hartholz bearbeitet hat, weiß, welche Kraft aufgewendet werden muß und was deshalb für ein Werkzeug so ein Spechtschnabel darstellt. 2 Wochen vor Beginn der Eiablage kann das Weibchen aus ihrer Schlaf-in die Brut­ höhle übersiedeln. Das Männchen hat es nicht so eilig. Es übernachtet häufig weiter in seiner alten Schlafhöhle, die nicht unbedingt in der Nähe des Brutbaumes liegen muß. Die bisher weiteste bekannte Entfernung zwi­ schen den beiden Standorten betrug 2,5 km. Für die Anlage einer Höhle benötigen unsere Zimmermeister bei einem Weich­ holzbaum 14 Tage und bei einem Hartholz­ baum 23 bis 28 Tage. Nimmt die Höhlentiefe in einer Buche im Laufe der Jahre zu, sie erreicht dann bis 90 cm, wird das Einflugloch nach unten verlegt. So kommt es hin und wieder zu 3 übereinan- 248 derliegenden Löchern. Derartige Höhlen werden nicht mehr zum Brüten, sondern nur noch zum Schlafen aufgesucht. 15 Jahre diente eine solche beobachtete Höhle Schwarzspechten als Schlafraum. Bei Tannen oder Fichten wird man ver­ geblich nach diesem Dreifachlöchern suchen. Sie brechen schon bei den nächsten Herbst-oder Frühjahrsstürmen im Höhlen­ bereich ab. Angefangene Schwarzspechthöhlen, deren Bau eingestellt wurde, faulen teilweise aus. Es ist dann nichts außergewöhnliches, daß nach 5 oder 6 Jahren die Arbeit fortge­ setzt und beendet wird. Haben die Schwarzspechte eine Brut­ höhle bezogen, kann sie ihnen von anderen Höhlenbewohnern streitig gemacht werden. Das sind Hohltauben, Blauracken und Rau­ fußkäuze. Sogar von dem weit kleineren Star läßt er sich vertreiben. Die Ablage der 3 bis 5 Eier erfolgt ü berwie­ gend Mitte April. Nach einer Brutdauer von 12 Tagen schlüpfen die Jungen. Vom Verlas­ sen des Eies bis zum Ausfliegen vergehen 27 bis 28 Tage. Bei kalter Witterung verlängert sich der Aufenthalt in der Höhle nochmals um 3 Tage. Während der Brut-und Huderzeit führt eindringendes Wasser öfters zum Verlust des Geleges oder der Jungen. Bei der Brutablösung wird die Höhle mit „Kürr“-Rufen angeflogen. Am Landeplatz fordert ein „Kijak“ und ein Klopfen den Part­ ner zur Ablösung auf. Sind die Jungen 5 Tage alt, fliegen die Alt­ vögel die Höhle 12mal am Tag zur Fütterung an. 16 bis 24mal täglich erfolgt die Futter­ übergabe, wenn die Jungen 20 Tage alt sind. Das steigert sich nochmals bis zum 24. Tag um dann bis zum Zeitpunkt des Ausfliegens wieder abzunehmen. Sind nach dem Schlüp­ fen noch keine 10 Tage vergangen, finden sich bei entsprechenden schlechten Wetter­ verhältnissen auch einmal beide Altvögel bei ihnen in der Höhle ein. Ist während dieser Zeit kein hudernder Altvogel in der Höhle, ruhen die kleinen Spechte in einer Art Wär-

mepyramide. Sie umschlingen sich mit den Hälsen und erreichen dadurch für sich selbst den besten Wärmeschutz. Gegenüber Artgenossen sind sie in der Brut- und Aufzuchtzeit besonders aggressiv. Vom Brutbaum aus gerechnet, wird in einem Umkreis von 25 ha jeder fremde Specht ver­ trieben. Infolge dieser Verhaltensweise ist auch eine besetzte Bruthöhle im angrenzen­ den Schwarzspechtrevier in der Regel erst in einer Entfernung von 900 Meter zu finden. Im Alter von 14 bis 17 Tagen erreichen die Jungen schon kletternd das Flugloch und erwarten hier ihre futterbringenden Eltern. Das Ende der Nestlingszeit und das Verlas­ sen der Bruthöhle wird durch Lockrufe und die bereits erwähnte verminderte Fütterung gefördert. Obwohl das Gefiederwachstum der Jungspechte zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen ist, können sie beim Ausfliegen auf Anhieb eine Strecke von 100 Meter überwinden. Die Jungen werden in ein deckungsbietendes Revierteil geführt, wel­ ches vom Brutplatz 1 bis 3 km entfernt sein kann. Sperber, Wanderfalke und Uhu stellen ihm gelegentlich nach. Er ist aber in der Lage, sich durch entsprechende Ausweichmanöver sei­ nen Flugfeinden zu entziehen. Bei seinem bogenförmigen Streckenflug erreicht er 28 bis 39 km/h, wobei er sich bei der Flucht im nach unten gerichteten Flug auf 60 km/h steigern kann. Eindringende Feuchtigkeit in den Schlafhöhlen, die zu einer Vereisung des Gefieders führt, und starker Harzfluß sind weitere Verlustursachen. Schwarzspechte sind Standvögel, die auch außerhalb der Brutzeit in der Nähe des Auf­ zuchtplatzes bleiben. Die Jungvögel machen nach der Familienauflösung ebenfalls keine weite Reise. In den meisten Fällen suchen und finden sie ein eigenes Revier, welches höchstens bis 45 km vom Geburtsort ent­ fernt liegt. Außnahmen bestätigen aber auch hier die Regel. Der Lebensraum des Schwarzspechtes sind alle größeren Waldgebiete mit Altholz­ beständen. Buchenwälder werden dabei deutlich bevorzugt. Im Gebirgswald reicht sein Biotop bis in 2000 Meter Höhe. Geht es auf den Abend zu, locken die Eltern ihre Jungen in die Nähe von Schlaf­ höhlen. Die Inanspruchnahme durch die Jungvögel ist jedoch mäßig. Lieber schlafen sie jetzt noch in Kletterstellung an einem geschützten Stammteil. Für die alten Schwarzspechte sind die Schlafhöhlen nicht nur Übernachtungs­ plätze, sondern bei schlechtem Wetter auch tagsüber Zufluchtsorte. Nach dem Ausflie­ gen versorgen die Altvögel ihre Jungen noch 4 Wochen mit Futter. Ende Juli, Anfang August hört dann die elterliche Fürsorge auf. Die Schwarzspechthöhle dient nach der Jun­ genaufzucht von vielen anderen Tieren als Wohnung oder Unterschlupf. Dazu gehören Hohltauben, Stare, Meisen, Kleiber, Wald­ käuze, Siebenschläfer, Baummarder, Bienen und Wespen. Rauhfußkäuze, Der Schwarzspecht bleibt in seinem Revier nicht ganz unbehelligt. Als Freßfeinde hat er dabei den Habicht und den Baummar­ der am meisten zu fürchten. Doch auch Als nach dem Ende der letzten Eiszeit sich in Mitteleuropa Kiefernwälder ausbreiteten, setzte in diesen Arealen auch die Besiedlung durch den Schwarzspecht ein. Dieser Lebensraum wurde in den Tieflagen Frank­ reichs, in Belgien, den Niederlanden und in der norddeutschen Tiefebene durch das Abholzen der Altholzbestände weitgehend zerstört. Erst als im 19. Jahrhundert der Niederwald wieder zum Hochwald heranwachsen konnte und sich die Fichtenkulturen immer stärker ausbreiteten, besetzte der Schwarz­ specht seine ehemaligen Areale wieder. Heute gehören zu seinem Lebensraum größere, von Lichtungen und Wiesen unter­ brochene Nadel-Laubmischwälder oder auch reine Nadel- oder Laubbestände. Die Flächenausdehnung des reinen Waldrevieres liegt in Mitteleuropa in der Regel bei 300 bis 400 ha, wobei die Gesamtfläche des bean­ spruchten Gebietes durch die Wiesenbe­ standteile größer ist. 249

Der Balzer Herrgott Ein Naturdenkmal bleibt erhalten In einem Tannen-Buchenwald können infolge der dort herrschenden optimalen Lebensbedingungen die Reviergrößen in Altholzbeständen auf unter 100 ha zurückge­ hen. Die Anlage der Nisthöhlen ist jedoch nicht nur auf die beschriebenen Gebiete beschränkt. So zieht der Schwarzspecht seine Jungen in Feldgehölzen und in Ausnahme­ fällen auch in Bäumen groß, die einzeln in einem Wiesengelände stehen, wenn die Ent­ fernung zu ausgedehnten Altholzbeständen nicht zu weit ist. Menschliche Ansiedlungen werden ebenfalls nicht gemieden, dabei kann Unter den zahlreichen Naturdenkmälern des Schwarzwald-Baar-Kreises ist der an der Westgrenze unseres Landkreises, auf der Gemeinde Gütenbach gelegene „Balzer­ Herrgott“ eines der bekanntesten. Zahlreiche örtliche und überörtliche Wanderwege füh­ ren an ihm vorbei. Tausende statten jährlich dem „Herrgott in der Buche“ einen Besuch ab. Sie bestaunen die mächtige Buche, die im Laufe eines Jahrhunderts einen steinernen Christuskörper, bis auf einen nicht mehr all­ zugroßen Rest, in sich aufgenommen hat. Nur noch das dornengekrönte Haupt ist sichtbar. Wenn man den Erzählungen alter Einhei­ mischer glaubt, sind es jetzt etwa 100 Jahre her -ein paar mehr, ein paar weniger-, seit der „Schninder Fritz“ mit seinen Kameraden den Herrgott „in die Ecke gestellt hat“. So drückte sich ein „Alter“ aus, der darüber noch mehr gewußt hat als wir „Jungen“. Bei ihm stand der Herrgott im „Winkel“. Es war der ,,Winkel-Herrgott“. Der Name „Balzer-Herr­ gott“ sei „eben“ aufgekommen. Er meinte in den 20er Jahren. Im übrigen war das Natur­ wunder für ihn nichts Besonderes, denn der Herrgott wurde ja nur von Buben aufgestellt, und er belächelte die „Fremden“, die ihn 250 es nur wenige Meter neben den Häusern zu dem Bau einer Bruthöhle kommen. Er ist nicht mehr häufig, der schwarze Geselle. Er ist in der Roten Liste aufgeführt und war deshalb schon einmal der Vogel des Jahres. Auch in den Wäldern wird mit Chemie gearbeitet und die heutigen Waldstrukturen sind für ihn nicht gerade das ideale Biotop. Das Waldsterben wird neue Probleme für das Überleben dieses schönen Waldspechtes bringen. Freuen wir uns deshalb heute noch, wenn wir den Ruf des schwarzen Zimmer­ meisters hören. Roland Kalb bestaunten. -Inzwischen ist der „Alte“ auch schon längst gestorben. Als der Herrgott an die Buche gestellt wurde, sah die „Welt“ im Winkel, dem Namen des Gewannes hinter dem Fallen­ grund, noch anders aus. Wo heute schöner Hochwald steht, war früher nur landwirt­ schaftlich genutzte Fläche -Reut-und Waid­ feld unterbrochen von einzelnen Bäumen und Hecken. Eine Reihe selbständiger „Ört­ chen“ -kleine Bauergütlein -zogen sich an der furchtbar steilen Halde, von der „Fallen­ gründer-Höhe“, dem Sirnmelberg, hinunter in das Tal der Wilden Gutach. Winkelhof und Mörderloch, Ober-und Unterlangen­ grund, Sattelhof, Oberer und Unterer Holz­ schlag, auch Oberer und Unterer Jägersteig genannt, und ganz oben das Schanzhäusle waren deren Namen. Ihre Besitzer konnten sich 2-4 Kühe halten, einige Ziegen, Schafe und Schweine, daneben fertigten sie Uhren an oder taglöhnerten. Im sonnigen Sattel­ hang wuchs das beste Korn der ganzen Unsere Aufaahmen zeigen (von links nach rechts und von oben nach unten) den Balzer-Herrgott aus.folgenden Jahren: um 1930, nach 1934, zwi­ schen 1950-1955, 1975, 1984, 1985.

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Umgebung. Besiedelt wurde die Halde im 17. Jahrhundert vom Oberfallengrund aus, frü­ her einer der größten Höfe im Umkreis. Die heutigen Besucher können es sich nicht vor­ stellen, daß dieses häldige steinige Gelände bis Anfang des 20. Jahrhunderts landwirt­ schaftlich genutzt wurde, wenn es ihnen jemand erzählt, schütteln sie meist ungläubig die Köpfe. Die Buche stand damals allein. Sie war eine Wetterbuche. Am Stamm kann man es noch erkennen. Sie war von den an diesem Hang arg tobenden Weststürmen arg zer­ zaust. Von ihr aus hatte man einen herrlichen Blick weit hinaus in das zu jener Zeit nur schwach bewaldete Simonswälder Tal und in die Wilde Gutach, vom Hörnleberg bis zum Steinberg. Es wurde sogar einmal ein Hin­ weisschild „zur schönen Aussicht“ ange­ bracht. Mit dem Niedergang der handwerklichen Anfertigung der Schwarzwälder Uhren um die Jahrhundertwende wurden die Gütlein an der Halde an die Domäne verkauft. Nach­ dem 1904 auch der Oberfallengrundbauer das Feld auf dem die Buche steht an die Domäne verkaufte, hatte diese ein abgerun­ detes Areal. Der ganze Hang wurde ange­ setzt. 1908 war die Arbeit beendet. Der junge Wald wuchs und wuchs. Bald stand die Buche im Schutz der Tannen. Sie war nun nicht mehr den Stürmen ausgesetzt und wurde dick und breit. Jedes Jahr schob sich die Baumrinde ein kleines Stückchen weiter über den steinernen Herrgott, der angeblich aus bei St. Georgen (Freiburg) gebrochenem Kalkstein besteht. An den Bildern kann man es am besten erkennen. 1986 war sein Ein­ wachsen in die Buche absehbar. Es bestand aber auch die Gefahr, daß der eingeschlos­ sene Corpus unter dem Druck des Baumes zerbrechen könnte. Immer wieder wurde von den Freunden der Buche gefragt was man dagegen tun könnte. Schon seit 1984 wurde darüber bera­ ten. Der Natur ihren Lauf lassen sagten die Einen und das waren nicht wenige. Andere meinten man solle den Herrgott neu gestal- 252

ten, vielleicht in Form eines Bildstöckchens. Eine andere Gruppe war fürs Freihauen. Von weit her mischten sich Freunde der Buche voller Sorge ein. Auch die Behörden mach­ ten Vorschläge und Auflagen. Es wurde hart debattiert. Das Für und Wider abgewogen. Schließlich setzten sich diejenigen durch, die für das Freihauen waren. Fachleute von der Mainau wurden zu Rate gezogen. Im November 1986 machte sich der Holzschnit­ zer JosefRombach von Gütenbach daran, 10 cm der Umwallung zu beseitigen. Die Baum­ spezialisten von der Mainau versiegelten das freigelegte Holz gegen Pilze und Feuchtig­ keit und schufen eine künstliche Rinde. Gleichzeitig wurde der Wurzelbereich einge­ friedet und unter Zuhilfenahme der Drehlei­ ter der Furtwanger Feuerwehr die Krone von angefaulten und angerissenen Ästen befreit. Alles in allem, es wurde ein gelungenes Werk und es besteht die Hoffnung, daß uns der „Balzer“ -oder wie die Alten sagen, der ,, Winkelherrgott“ noch lange erhalten bleibt. Karl Fehrenbach * Es beißt in alle Fingerspitzen, Der Hauch wird heiß vom Mund, Durch alle Tür-und Fensterritzen Tut strenger Frost sich kund. Die Säfte aller Pflanzen stocken, Verstummt sind Sang und Schall; Vom trüben Himmel wirbeln Flocken, Das Wasser wird Kristall. So ist er wieder denn gekommen Der rauhe, harte Mann; Er ist uns auch nicht unwillkommen In der Gezeiten Bahn. Bringt er doch ja ein lieblich Fest Für jedes Kinderherz; Er unterhält uns auch aufs best‘ Durch Sport und Maskenscherz. G.Frank253 Winter Neueste Ansicht des Balz.er Herrgotts nach dem Freihauen. Schlittenfahren Geht weg, ihr Leut‘, geht alle weg! So schreit der kleine Maxl Beck, Und kommt auf seinem Schlitten Gar mutig angeritten. Nun saust auch schon der kühne Zwerg Hinab den hohen, steilen Berg; Da wirfts ihn plötzlich in den Schnee, Doch Maxl ruft: ,,Das tut nicht weh!“ Schnell raffet er sich wieder auf, Gewinnt den Berg in flinkem Lauf, Fährt wiederholt hinunter Und ist so froh, so munter. Erst wenn gekommen ist die Nacht Und wenn der Mond am Himmel wacht, Dann zieht er seinen Schlitten heim Und spricht zur Mutter: ,,Das war fein!“ G.Frank

Übersicht über die Moore im Schwarzwald-Baar-Kreis Im Almanach werden von Zeit zu Zeil einzelne Moore dargestellt. Nach.folgend eine Übersicht über alle Moore im Schwarzwald-Baar-Kreis: 1 Sauermatten se Schwedenschanze, 6 ha 2 Hochmoor n Moosschachen/ Martinskap., 5 ha 3 Elz-Südquelle, 7 ha 4 BärtNordere Wilhelmshöhe, 1,5 ha 5 oberh. Torfstich Sulzbach w Schonach, 1,5 ha 6 Feldern (Wolfbauernmoor) sw Schonach, 6 ha 7 Blindensee-Moor, 28 ha 8 Haldenmathis sw Triberg, 13 ha 9 AuPm Bühl s U.wk. Schönwald, 6 ha 10 Schwarzenmoos, Mühleberg e Schönwald, 1,5 ha 11 Oberliemberg n u. w d. Kap., 2 ha 12 zw. Kreuzweg u. Schlüpfle sw St. Georgen, 15 ha 13 Glasbach-Aue zw. Lindenlach u. Muckenloch, 2 ha 14 Kienmooswald-Zentralbereich, 20 ha 15 Brudermoos E-Teil (Brigach-Aue), 5 ha 16 Eschach-O!lelle Rotenmühle/ Ebenhausen, 5 ha 17 Briglirain-Filz am Furtwänglehof, 15 ha 18 Gutach-O!lelle n Kap. e Schönwald, 6 ha 19 Gutach-O!lelle zw. Kap. u. Tiefenb. e Schönwald, 3 ha 20 zw. Doldenhof u. Doldenhäusle Rohrbach-Obertal, 1 ha 21 Breg-Aue Zitriakenhof/Rotbauernhof, 4 ha 22 Moosloch ne Unterkirnach, 0,5 ha 254 23 Rotmoos im Langmoos, Unterkirnach, 9 ha 24 Schweigerstraßen-Täle, Volkertsweiler, 3 ha 25 Plattenmoos, 45 ha 26 Großes Tal/Bondelgraben w Überauchen, 4 ha 27 Talbach s Steinbruch e Marbach, 3 ha 28 Schwenninger Moos mit „91″, 91,6 ha 29 Ried n Stunzenbühl, 7,5 ha 30 „See“ b. Kläranl. Bad Dürrheim, 15 ha 31 Schabe! e Ankenbuck, 1 ha 32 Falzmoose e Bubenbach, 70 ha 33 Wuhrholz, noch 18 ha 34 Torfried n Sumpfohren, noch 20 ha? 35 Hinterried b. Gauchsbrunnen ne Pfohren, 27 ha 36 Michelbrunnen/Bondern ne Pfohren, 16 ha 37 Birkenried u. Unterhölzer Weiher, 80 ha 38 Zollhausried, 70 ha 39 Kummenried sw Riedöschingen, 16 ha 40 Hondinger Ried (Steppacher Moor), 30 ha 41 Unterstetten e Whs. Längehaus, 10 ha 42 Neubreche, Wissigkofen s Flitzen, 1 ha Nach DIERSSEN & DIERSSEN: Vegeta­ tion und Flora der Schwarzwaldmoore. Beih. Veröff. Naturschutz Landschaftspflege Bad.-Württ. 39, Karlsruhe 1984. 512 S. t Dr. Alfred Benzing

BENZING’87 I o ……………….. .__._ …. s__.__ …………………. __ L __ 47°48′ * 255

Schwarzwald-Heimweh unter Palmen und Cypressen Was hat die Fremde mir gebracht? Viel Freud‘, – mehr Leid, eins nach dem Drum will ich vor dem Torschluß sacht Noch einmal nach der Heimat wandern. [andern; Dorthin, wo meiner Kindheit Tage, Und wo mein Elternhaus einst stand, Das ich so tief im Herzen trage, Wo ich so reiche Liebe fand! Noch einmal will ich alle sehen, Die meiner Kindheit Kamerad, Die Wege und die Stege gehen, Die in der Jugend ich betrat. Noch einmal will ich rückwärts schauen Und was mir lieb war, was mir wert, Soll wiederum mein Herz erbauen, Bevor es gänzlich stille steht. Das arme Herz! Kaum war’s gelandet, Zu eng ward ihm der Weltenraum! Ein Ruck – das Schifflein war gestrandet, Und alles ist nun wie ein Traum. Doch will ich nicht das Schicksal schelten, Ich will ihm danken, was es gab! Es gab mir viel! Könnt ich’s vergelten! Doch da ich selber nichts mehr hab‘. Die Heimat darf man nie vergessen! Daß man sie liebt, daß man sie ehrt, (Selbst unter Palmen und Cypressen, Vergiß sie nicht!), sie ist es wert. Drum laßt mich nicht in fremder Erde, Nein, schafft mich nach der Heimat hin, Damit ich dorten glücklich werde, Dort, dort wo ich geboren bin. Pflanzt einen Tannenbaum daneben, Und schreibt mir auf den Leichenstein: Die Heimat war sein Glück im Leben, Mög‘ sie es auch im Tode sein. Arthur Duffner 256 Der Schwarzwald-Baar­ Kreis in Farben 1. Evangelische Kirche Blumberg Oörg Michaelis, Blumberg) 2. Schwarzenbachtal Schönwald (Erwin Kienzler, Schonach) 3. Piuskapelle im Katzensteig (Erwin Kienzler, Schonach} 4. Blick ins Achdorfer Tal und auf den Eichberg Oörg Michaelis, Blumberg) 5. Weißenbachtal Schönwald (Erwin Kienzler, Schonach) 6. Schwenninger Moos Oörg Michaelis, Blumberg) 7. Blick aus dem Mauthe-Park im Stadtbezirk Schwenningen auf das evangelische Pfarrhaus (Wolfgang Brotz, Schwenningen} 8. Donauquelle im Schloßpark Donaueschingen Oörg Michaelis, Blumberg)

Stätten der Gastlichkeit und der Entspannung Das Gasthaus „Rößle Post“ in Unterkimach Zu den traditionsreichen, renommierten Gaststätten unseres Raumes gehört der Gasthof „Rößle Post“ in Unterkimach. Edgar Moser-Pendel steht seit 1984 diesem Hause vor. Nach dem Abitur studierte der junge Wirtssohn Volkswirtschaft in Mann­ heim. Später finden wir den Diplom-Volks­ wirt als Volontär in vielseitigem Einsatz in Hotels der französischen Hauptstadt Paris und in der irischen Metropole Dublin. Von 1980 bis 1982 ist er Betriebsassistent im Romantik-Hotel „Greifen-Post“ zu Feucht­ wangen. Mit vielseitigem Rüstzeug zur Füh­ rung einer Gaststätte kehrte er ins Elternhaus nach Unterkimach zurück. Die Küche wurde umgebaut, die Wirtschaftsräume renoviert. Es ging dem jungen Wirt darum, das Alte zu erhalten, zu ergänzen und moderne Akzente in der Ausstattung und Führung zu setzen. Wenn der Gast das Lokal betritt, so glaubt er, in eine Schwarzwaldstube einzutreten. Die Holzdielen, die aufgegliederten orna­ mentalen Holzwände mit dem „Rößle“ und den Monogrammen und die Holztäferung geben dem Lokal eine gewisse Intimität und Ruhe. Diese Heimeligkeit wird noch ver­ stärkt durch die Gardinen, die zahlreichen Lampen, die in hellem Blau gedeckten Tische mit modernem weißem Porzellan und passendem Besteck. Die Speisekarte weist eine gewisse Exklusivität auf, ,,doch soll nicht nur der Feinschmecker zufrieden sein, 257

auch der Stammtischbesucher und die Wan­ derer sollen sich zuhause fühlen“, meint der junge Wirt. Oftmals sieht man seine Mutter, Frau Hil­ degard Fendel -der Vater ist im vergangenen Jahr verstorben – in der Küche, bei der Wäsche, oder sich angeregt mit bekannten Gästen unterhaltend. Hier ist sie daheim, hier wurde sie geboren, arbeitete von früh an, hier in der Wirtsstube machten die beiden Söhne ihre Hausaufgaben für die Schule. Das Gasthaus „Rößle Post“ hat eine lange Geschichte, die eng mit der Geschichte von Unterkirnach verbunden ist. Das Anwesen wurde laut Aufzeichnungen als Gaststätte 1782 von einer Familie Bea erbaut. Der urkundlich erwähnte Wirt war Georg Mahl er (bis 1823). In einem Brief an den Bürgermei­ ster von Unterkirnach schrieb Karl Moser, der fünfte Wirt, auf die Anfänge bezugneh­ mend: „Der Erbauer (und hier ist Georg Mahler gemeint) erwarb die Schildgerechtig­ keit (Konzession) durch den Kauf des Rechts einer bereits bestehenden, vermutlich dann eingegangenen Wirtschaft. Nach damaligem Brauch kam dies äußerlich dadurch zum Ausdruck, daß der Schild, was rechtens war, am neuen Platz angebracht wurde. Schild und Schankwand wurden damals als alter Bestand erworben.“ Stefan Glatz (1792-1865) heiratete die Wirtstochter Theresia Mahler. Durch diese Einheirat übernahm die junge Familie Glatz die Leitung der Gastwirtschaft zum „Rößle“. Das Geschlecht der Moser, bisher Bürger der Schwarzwaldgemeinde Unterkirnach, trat mit Wendelin Moser, der 1863 die Georg Glatzens Tochter Genoveva heiratete, in die Ahnenreihe des heutigen Besitzers. Er übei;­ nahm die Wirtschaft und begann den Aus­ bau, der nach seinem Tod von dessen Sohn Dominik Moser weitergeführt wurde. Der Zeit entsprechend entstand damals der Anbau und das schöne Holzgitter in den Gaststuben. Das „Rößle“ war inzwischen zur Posthalterei geworden, später installierte die großherzogliche Post die Telefonzentrale und die Telegrafenstation im Hause „Rößle- 258 Post“. Ferngespräche wurden durch die Wir­ tin an die Fernsprechteilnehmer des Ortes vermittelt. Da um die Jahrhundertwende Unterkirn­ ach und seine schöne Umgebung von vielen Ausflüglern besucht wurde, und zahlreiche Villinger auf dem alten Kirchweg, über Maria Tann, oder durch den Stadtwald, vorbei an der Ruine Kirneck den Ort erreichten, wurde auch eine Änderung des Angebots der Gastronomie notwendig. Hierzu gehörte die Einrichtung einer Gartenwirtschaft und der Bau eines Tanzsaals. Ein Prospekt des Hauses aus jener Zeit bringt für den heutigen Leser recht interes­ sante Passagen: „In Wiesengrün gebettet, von herrlichen Tannenwäldern umrankt, durchflossen von forellenreichen Bächen bietet Unterkirnach Platz dem Naturfreunde und dem Erholungsbedürftigen einen ange­ nehmen und erquickenden Sommeraufent­ halt. Prächtige Spazierwege durchqueren die Wälder, und zahlreiche Ruhebänke auf stil­ ler, schattiger Waldwiese oder aussichts­ reicher Höhe bieten dem Wanderer beschau­ liche Ruhe. Der Gasthof ,Rößle Post‘, in der Mitte des Dorfes gelegen, ist ein renommiertes Haus, hat komfortabel eingerichtete Zimmer, gute Küche, reelle Getränke und eigene landwirt­ schaftliche Produkte. Pension, incl. Zimmer von Mk 4,-an, je nach Lage und Ausstattung der Zimmer. Neben täglich zweimaliger Post-Omnibus-Verbindung steht das Fuhr­ werk jederzeit zur Verfügung.“ Die Besitzer des „Rößle“ waren eng mit der Gemeinde und der Schule verbunden: Stefan Glatz übernahm von seinem Vater Josef Glatz den Dienst des Lehrers und Schulverwalters. Als solcher und als Wirt ist er in den Kirchenbüchern genannt. Er unter­ richtete wie sein Vater dreißig Jahre lang die Kinder des Dorfes. Auch Karl Moser besuchte zuerst das Leh­ rerseminar in Meersburg; er wurde Lehrer. Doch nach Absolvierung einiger Lehrgänge an der Hotelfachschule in Frankfurt, kehrte er nach Unterkirnach zurück und übernahm

als fünfter Wirt die Gaststätte, wurde schließ­ lich Ratschreiber, Organist und Dirigent. Karl Moser war eine gebildete Persönlichkeit. Neben all den vielfältigen Aufgaben beschäf­ tigte er sich noch mit der Geschichte der Rog­ genbacher und der Herkunft der Flur- und Gewann-Namen. Karl Moser heiratete Frie­ da Kammerer vom „Zähringer Hof‘ in Vil­ lingen. Sie schenkte ihm zwei Söhne und zwei Töchter. Der älteste, Helmut, war Kunstmaler, er studierte und lebte bis zu sei­ nem frühen Tod in München. Kuno, der viel­ seitig begabte zweite Sohn, gründete nach Ausbildung und Studium einen feintechni­ schen Betrieb in Unterkirnach. Hildegard, die Mutter des jetzigen Besitzers, engagierte sich voll in der vielfachen Arbeit der Gast­ stätte, von Zeit zu Zeit auf Lehrgängen und Kurzaufenthalen in anderen Hotels, Kennt­ nisse und Erfahrungen sammelnd. Die jün­ gere Schwester verheiratete sich in die heu­ tige DDR. Kehren wir nun wieder zu Karl Moser zurück. Nach dem frühen Tod seiner Frau Frieda heiratete er Josefine Kammerer, die Schwester der Verstorbenen. Diese Frau wurde durch ihre Umsicht, ihre Freundlich­ keit und ihre Energie zum Mittelpunkt des Lokals, vor allem in den schweren Jahren des Zweiten Weltkrieges. Sie fand immer wieder eine Möglichkeit, z. B. bei Familienfeiern einen gedeckten Tisch zu präsentieren. Josef Fendel, Personalchef im „Feldberger Hof‘, ein gebürtiger Kölner, heiratete „des Reßles Dominis Karlis Tochter“ Hildegard. Der Zweite Weltkrieg hatte auch den Gasthof Rößle gezeichnet: Artilleriebeschuß und Einquartierung der Franzosen hinterlie­ ßen harte Spuren. Für Josef und Hildegard Fendel waren dies schwere Zeiten des Auf­ baus, der räumlichen Veränderungen und einer systematischen Öffentlichkeitsarbeit, Gäste zu gewinnen, was ihnen auch gelang. 1974 erfolgte aus Altersgründen die Verpach­ tung der Gastwirtschaft, bis dann zehn Jahre später der Sohn Edgar Moser-Fendel die Füh­ rung des Hauses übernahm. Seit 1984 gibt es im Gasthof „Rößle-Post“ noch etwas Besonderes zu sehen und zu hören, ein »Jazbandor“. Unmittelbar am Empfang steht dieses schrankähnliche Mu­ sikinstrument, eine Art Orchestrion, ein mechanisch gesteuertes Walzenmusikwerk. Genau betrachtet ist es ein selbstspielendes Klavier mit Schlaginstrumenten (Trommel, Röhrenxylophon und Kastagnetten). Hier in Unterkirnach hat dieses Instrument Tradi­ tion; bereits 1834 entstand die erste Orche­ strionfabrik, gegründet von Wolfgang Bles­ sing. Seine berühmten Walzenmusikinstru­ mente gaben in den Cafes, den Restauratio­ nen in nahezu allen Erdteilen um die Jahr­ hundertwende den Ton an. Es gelang einem Nachfahren der Gründerfamilie aus Privat­ besitz das Jazbandor zu entdecken. Die Gemeinde kaufte es zurück. Nun steht es vorläufig im Gasthof „Rößle Post“, Vergan­ genheit und Gegenwart miteinander verbin- dend. Helmut Heinrich 259

Ein Blick in die Landschaft und Geschichte Als am 15. August 1919, dem Fest Mariä Himmelfahrt, mit einem Konzert der gesam­ ten Triberger Kurkapelle das neue „Kurhaus Geutsche“ eröffnet wurde, blickten von einem ausgesuchten Fleckchen Schwarzwald nunmehr zwei Wirtshäuser in ein herrliches Bergpanorama. Neben dem traditionsrei­ chen Gasthaus zur „Alten Geutsche“ erhob sich jetzt dort am nördlichsten Ausläufer des Kesselbergplateaus, eine halbe Wegstunde oberhalb Tribergs, ein stattlicher Hotelbau im braunen Schindelkleid. Weithin leuchtete sein auffälliges Ziegeldach mit den zur hei­ mischen Landschaft passenden abgewalm­ ten Giebeln -und in noch weitere Feme boten die breite Fensterfront und Terrasse eine prächtige Aussicht: hinweg über das Nußbachta1 in die Bergrücken von St Geor­ gen, Langenschiltach und Althomberg, am Horizont der Fohrenbühl, die Kniebishöhen und Homisgrinde. Bei Kaffee und Kuchen oder einem Vier­ tele konnte der Gast damals, als noch kein Hochwald den Blick ins Tal behinderte, die Schwarzwaldbahn verfolgen, wie sie von Gremmelsbach über den Nußbacher Bahn- 260 Das Kurhaus „Geutsche“ in Triberg hof, von Tunnel zu Tunnel, zur Sommerau hinaufschnaufte. ,,Das Besondere an der Geutsche“, hat Max Rieple einmal geschrie­ ben, ,,ist ihre Lage“. Und wer sie kennt, braucht nicht erst im „Oberdeutschen Flur­ namenbuch“ oder im „Badischen Wörter­ buch“ nachzuschlagen, um die Bedeutung ihres Namens zu verstehen. Denn „Glitsch“ oder „Gitsch“ bezeichnet, häufiger noch in der deutschsprachigen Schweiz, einen aus­ sichtsreichen Bergvorsprung. Vermutlich wurde diese alte Herkunft von „Geutsche“ hierzulande bald nicht mehr erkannt, und man brachte den Flurnamen einfach in Ver­ bindung mit „Gautsche, Gäutsche“, dem ale­ mannischen Wort für die Schaukel. Gleich interessant wie Landschaft und Namen ist ein Blick in die Geschichte der Gastlichkeit auf der Geutsche. Kaum ver­ wunderlich, daß hier oben bald Ausflügler eine Stärkung, Durchreisende auch schon mal eine Unterkunft finden wollten. Und so hören wir bereits 1765 zum ersten Mal von einem Geutschenwirt -in den Pfarrakten der Gemeinde Nußbach, auf deren Gemarkung das Höhengasthaus ja eigentlich steht

Obwohl immer auch Landwirtschaft betrie­ ben wurde, muß es nicht gerade ein einträgli­ ches Auskommen gewesen sein, denn häufig wechselten noch im letzten Jahrhundert die Besitzer. Vielleicht hätte einer sein Glück gemacht, wären die fürstenbergischen Pläne verwirklicht worden, eine Postkutschenlinie vom Kinzigtal nach Donaueschingen über Vöhrenbach – und somit über die Geutsche – einzurichten. Als jedoch Triberg 1837 end­ lich Anschluß an den überregionalen Ver­ kehr fand, ging die Post die neugebaute Straße über die Sommerau ab. Besonders hart unter den Geutschenwir­ ten traf es den Schonacher Michael Hummel. Eben, im Sommer 1858, hatte er den Gasthof erworben, da äscherte ihm ein Wintergewit­ ter seinen Besitz ein. Und gleich im folgen­ den Jahr fegte das nächste schwere Unwetter das Dach vom fertigen Rohbau. Wohl oder übel übernahm jetzt der frühere Besitzer Cölestin Fehrenbach wieder die Wirtschaft und erbaute 1859 das Gasthaus, wie es heute noch steht Seit 1873 hieß der Geutschewirt dann Johann Baptist Haberstroh, Betreiber der „Unteren Mühle“ in Triberg. Ihm folgte 1887 sein Schwiegersohn Jakob Aberle aus Gutach, und am 18. März noch desselben Jahres gebar Maria Aberle, gebürtige Haber­ stroh, ihren ersten Sohn Jakob. Jakob Aberle jun. ging nach seiner Schul­ entlassung 1901 in die Kellnerlehre nach Frei­ burg. Dort, im „Wilden Mann“, arbeitete er noch weitere zwei Jahre, bis es ihn – acht­ zehn jährig – in die weite Welt verschlug. In London bediente er im „Cecil“, dem damals größten europäischen Hotel, neben anderer Prominenz auch Enrico Caruso; und im Pari­ ser „Continental“ sah er noch den Glanz der Belle Epoque. Nach siebenjährigem, wech­ selndem Aufenthalt in den beiden Haupt­ städten Europas kehrte er 1912 in den Schwarzwald zurück, um eine eigene gastro­ nomische Existenz zu begründen. Die Voraussetzungen hierfür schienen gut, denn auch in Triberg hatte sich inzwi­ schen die Welt verändert. Die 1873 erbaute Schwarzwaldbahn hatte dem kleinen Städt­ chen am Wasserfall zusehends internationale Bedeutung als Kurort und wohl gerüsteten Wintersportplatz verschafft. Besonders bei betuchten Engländern galt Triberg bald als Inbegriff des „Black Forest“, und sie – die eigentlichen „Erfinder“ der Kur in den Ber­ gen – kamen so zahlreich, daß neben neuen Hotels wie etwa dem heute nicht mehr exi­ stierenden „Schwarzwald-Hotel“ 1893 eigens ein englisches Kirchlein für die Gäste von der Insel gebaut wurde. Das aufblühende Triberg mit dem Glanz seiner frühen elektrischen 261

Straßenbeleuchtung und mit seinen Portiers, die in mehreren Sprachen am Bahnhof schon mal prominente Namen ausriefen, um die Ankömmlinge in ihr Hotel zu kutschie­ ren -das alles, zusammen mit seinen eigenen Erfahrungen im Ausland, hat Jakob Aberle auf die Idee gebracht, ein Höhenhotel zu gründen. Und so begann im Frühjahr 1914 die Errichtung des „Kurhauses Geutsche“. Doch kaum stand der Rohbau, brach im August derl. Weltkrieg aus, und Jakob Aberlemußte für dreieinhalb Jahre Soldatendienst leisten. Erst im Februar 1919, nachdem der ange­ hende Hotelier noch seine Frau Maria aus Mit einer Silbermedaille ist Barbara Martin, Schönwald, vom 29. lntemationakn Berufswett­ bewerb 1988 für Restaurant-Fachkute, der in Sydney (Australien) stattgefunden hat, heimge­ kehrt. Die Gemeinde Schönwald gab am 25. 3.1988 zu Ehren der erfolgreichen Mitbürge­ rin einen Empfang. 262 München in den Schwarzwald geholt hatte, konnte weitergebaut und zum 15. August endlich die „Hotel-und Wirtschafts-Eröff­ nung“ öffentlich angezeigt werden. ,, Wir werden stets bemüht sein“, hieß es da in der Annonce weiter, ,,das zu bieten, was die jet­ zige Zeit ermöglicht“. In den 20er Jahren sollte bald wieder mehr möglich sein: Nicht nur Ausflügler und Wanderer von nah und fern besuchten jetzt zahlreich, vor allem wochenends, die „Neue Geutsche“; auch Kurgäste aus dem In-und Ausland gönnten sich hier, abseits vom Stra­ ßenverkehr, Ruhe und Erholung. Für einen längeren Aufenthalt -vier bis sechs Wochen ,,Sommerfrische“ waren damals keine Selten­ heit -standen ihnen 20 Fremdenzimmer und zwei große Gasträume zur Verfügung. Liegestühle lockten zum Sonnenbad, gut beschilderte Wege luden zu ausgedehnten und bequemen Spaziergängen rund um die Geutsche ein. Auch die eher kurze Wintersai­ son bot ihre Attraktionen: gleich unterm Haus die lange Rodelbahn nach Triberg und am heutigen Lifthang ein Skigebiet mit einem „Sprunghügel“. Der 2. Weltkrieg unterbrach dann den all­ seits beliebt gewordenen Hotelbetrieb für ein ganzes Jahrzehnt. Wie viele andere auf dem Land diente das Haus jetzt zur Evakuierung aus den Großstädten, in den Nachkriegsjah­ ren beherbergte es unter anderem franzö­ sische Offiziere mit ihren Familien. Erst 1951, nach umfassenden Renovie­ rungsarbeiten und Modernisierungen wie einer Zentralheizung, konnte Jakob Aberle zum zweiten Mal eröffnen. Mittlerweile im fortgeschrittenen Alter, übergab er den Betrieb zum 1. Mai 1956 seiner jüngsten Tochter Heidi, die ihn -im väterlichen Sinne -zusammen mit ihrem Gatten Edwin Sche­ rer bis heute führt. 1969 gelang ihr etwa mit viel Fingerspitzengefühl ein Umbau der Gastwirtschaft, der das Alte bewahrte -so die Wandbilder eines Villinger Kunstmalers, idyllische Ausschnitte der Schwarzwälder Vergangenheit. Jakob Aberle hat dies nicht mehr mit-

Geutsche mit Nordseite und wesdicher, durch Bäume verdeckter Eingangsseite Das Gasthaus „Ochsen“ im Neukircher Unterbregenbach erlebt. Doch seine gastronomischen Bemü­ hungen, seine Weltoffenheit, seine Natur­ und Geschichtsverbundenheit -letzterem Interesse verdankte er immerhin den Fund einer neolithischen Steinhacke -hatten, als er am 10. April 1963 im Alter von 76 Jahren starb, bereits eine Anerkennung gefunden. Sein Lieblingsplatz unweit der Geutsche, Wer in den Ortskern von Neukirch kommt, dem fallt gleich eines auf: Das übliche Dorfwirtshaus fehlt. Statt dessen fin­ det er mitten im Ort nur einen leeren Platz. Hier stand auch früher das Dorfwirtshaus, das Gasthaus „Rößle“, schon vor über 300 Jahren als Gaststätte erwähnt. Doch es brannte immer wieder ab, erstmals im Jahre 1841 und dann wieder 1877. Am 20. April eine Felsengruppe, der ein französischer Kahlhieb nach Kriegsende einen prächtigen, heute wieder verwachsenen Ausblick auf Tri­ berg und Schonach bescherte, hieß schon zu seinen Lebzeiten -seit 1955 auch amtlich naturgeschützt -„Jakobsfelsen“. Joachim J. Scherer 1945, „Führers Geburtstag“, waren Soldaten vor dem Gasthaus angetreten und wurden von feindlichen Flugzeugen entdeckt, die mit ihrer Leuchtspurmunition nicht nur das Gasthaus, sondern auch noch die Kirche in Brand schossen. Und schließlich wurde das „Rößle“ im Jahre 1981 nochmals infolge nicht aufgeklärter Brandstiftung ein Raub der Flammen und nicht wieder aufgebaut. 263

Dafür findet der Gast auf dem Weg zur Schwarzwaldhalle ein Schild: ,,Zum Gast­ haus Ochsen in zehn Minuten“. Der „Och­ sen“ ist nun das älteste Gasthaus von Neu­ kirch, schon vor 1702 als Wirtshäusle oder ,,Thälerhäusle“ erwähnt und gehörte ur­ sprünglich zum Heptinghof, einem der 19 Lebenshöfe des Klosters St. Peter. Mit dem Gasthaus ist auch bis heute eine Landwirt­ schaft verbunden. Auch der „Ochsen“ hat ein nicht alltägli­ ches Schicksal aufzuweisen. Im Jahre 1794 trennte Bartle Hepting, der Heptingbauer, sein Thälerwirtshäusle vom Hof ab und nahm dort seinen Altersruhesitz. Damit erlosch auch der Name Hepting auf dem Hof, den er seiner Tochter Gertrud übergab. Diese heiratete einen Sohn vom Wolfdeibis­ hof in Schonach-Wittenbach, der damit das bis heute auf dem Hof bestehende Geschlecht der Duffner begründete. Im Jahre 1803 übergab Thälerwirt Bartle Der „Ochsen“ mit Gästehaus Hepting sein Anwesen der Tochter Mecht­ hild. Diese heiratete den vom nahen Klau­ senhof stammenden Bauernsohn Philipp Gfäll. Dann kam der 20. Juli 1805, ein Schicksals­ tag für Haus und Farn ilie. Ein heftiges Gewit­ ter zog über den Ort und ein Blitz erschlug mittags um 11 Uhr den am Stubentisch sit­ zenden Wirt samt einem daneben sitzenden Knecht. Zwei weitere „Mannspersonen wur­ den ebenfalls zu Boden geschlagen, kamen aber wieder auf‘, wie die Chronik berichtet. Das ganze Haus brannte ab. Noch im selben Jahr heiratete die Witwe den vom Furtwanger Zinken Schützenbach stammenden Christian Ketterer und gemeinsam bauten sie das Haus etwas weiter oben am Hang wieder auf. Dem neuen Gasthaus gaben sie den Namen „Ochsen“, wohl als Gegenstück zum „Rößle“ im Dorf oben. Dieser erste Ochsenwirt muß auch sonst ein tüchtiger Mann gewesen sein. 264

Rechts der Gastwirt Max Weis mit seiner Frau lrma, dazwischen der jüngste, Markus, links der junior­ wirt und Koch Hanspeter mit seiner Frau Margarethe Obwohl er ein „Reingeschmeckter“ war, wurde er im Jahre 1816 Vogt von Neukirch und blieb es 15 Jahre lang. Nachdem er das Anwesen zwanzig Jahre lang bewirtschaftet hatte, verkaufte er es samt den fast 26 Jau­ chert Feld und Wald für 7.100 Gulden an den Uhrmacher Matthä Riesle von Gütenbach, der schon zwölf Jahre später die „Realwirt­ schaft zum Ochsen samt dem Recht zu metz­ gen“ an den ebenfalls von Gütenbach stam­ menden Uhrmacher Matthä Ganter weiter veräußerte. Zur Zeit der Hochblüte der Schwarzwäl­ der Uhrmacherei war es das Bestreben vieler Wirte, eine Uhrenpackerei einzurichten und derer, die eine solche Packerei hatten, auch eine Wirtschaftsgerechtigkeit zu erhalten, was dem Neukircher Ortsgericht (Gemein­ derat) gar nicht paßte. So erging anläßlich eines Ansinnens zur „ Transferierung einer Wirtschaft“ in ein neues Wohnhaus vom Neukircher Ortsgericht an das „Großherzog­ lich Wohllöbliche Bezirksamt“ Triberg der „Gehorsamst gutachtliche Bericht“ in dem es unter Punkt 3 heißt: ,,Ist für Uhrmacher und Schildmahler der größte Nachtheil, wenn Spediteur zugleich Wirth sind, denn gar oft hört man die Klage von selben, daß wenn sie ihre Uhren und Schild zum Spediteur brin­ gen, schon zum voraus, ehe sie nur einmal Geld zu erhalten denken können, schon ihr eigenes aus dem Sack verzehren sollen und müssen“. Nun, auch im heutigen Nebenzim­ mer des „Ochsen“ wurde eine solche Uhren­ packerei betrieben, sicher nicht zum Nach­ teil der jeweiligen Wirte. Kein Wunder, daß gerade Uhrmacher darauf drängten, Wirt zu werden. Matthä Ganter muß trotzdem nicht gerade erfolgreich gewirtschaftet haben, 265

denn er verkaufte das im Jahre 183 7 für 11.200 Gulden erworbene Anwesen schon im August 1850 für 6.700 Gulden, also wenig mehr als die Hälfte, an Carl Friedle, den Schwiegersohn des früheren Ochsenwirts Christian Ketterer. Im März 1872 übergaben dann die Eheleute Friedle den „Ochsen“ ihrem Sohn Oskar, der ihn schon acht Jahre später, im Mai 1878, an den aus St. Peter stam­ menden Dachdecker Johann Ruf, genannt ,,Schindle-Hans“ weiter veräußerte. Dieser, Sohn einer ledigen Dienstmagd, die schon acht Jahre nach seiner Geburt verstorben ist, war als guter Dachdecker im weiten Umkreis geschätzt. So existiert von ihm heute noch ein Ange­ bot für das Dach des ersten Furtwanger Kin­ dergartens. Ob er den Auftrag auch erhalten hat, geht daraus nicht hervor. Die Nachkom­ men von Johann Ruf, er war zweimal verhei­ ratet, sind heute noch Eigentümer des „Och­ sen“, der damit fast 110 Jahre im Familien­ besitz ist. Auf Johann Ruf folgte im Mai 1900 sein Sohn August, der das Gasthaus über 40 Jahre, bis zu seinem Tode im Jahre 1941 betrieb. Viele Jahre war er auch Ratschreiber in Neukirch unter seinem Schwiegervater, Bürgermeister Vinzenz Bäurle. In Erinne­ rung ist noch seine Methode, späte Gäste, die nur noch herumhockten, aber nichts mehr konsumierten, ans Heimgehen zu erinnern. Wenn sich die Bewirtung nicht mehr ren­ tierte, meinte er: ,,1 mein, mer wenns go packe!“ Seine vom Oberwolflochhof stam­ mende Ehefrau Berta war als gute Köchin im weiten Umkreis bekannt. Besonders beliebt war das traditionelle Stockfischessen am Aschermittwoch, wenn die Fische in der But­ ter nur so schwammen. Aber nicht nur zum Essen, auch zum Übernachten war und ist der „Ochsen“ seit jeher eine gute Adresse, wie ein seit 1829 für über hundert Jahre geführtes und noch erhal­ tenes Gästebuch ausweist. Zwar ist darin keine Prominenz zu finden, aber für Krämer und Handelsreisende war der „Ochsen“ stets ein willkommenes Etappenziel. Glas-, Sau- 266 und Uhrenhändler reihen sich in bunter Folge aneinander, unterbrochen von Hut­ machern und Schäfern, Goldarbeitern und Schneidergesellen. Aber auch Furnituren-, Glasmalereien-, Bücher-und Federnhändler gaben sich ein Stelldichein. Natürlich kamen auch die Schnaps-und Weinhändler und blieben über Nacht. Schließlich kann man auch noch einen Drahtfabrikanten, sowie einen Komödianten mit Frau und zwei Kin­ dern verzeichnet finden. Immer wieder stößt man auch auf die Kontrollvermerke des Gen­ darmen, denn die „hohe Obrigkeit“ hatte stets ein wachsames Auge auf ihre Unter­ tanen. Der Zweite Weltkrieg traf die Ochsen­ wirts-Eheleute ebenso hart, wie ihre Kollegen vom „Rößle“ und vom „Hirschen“, der drit­ ten Wirtschaft des Ortes. Keiner der drei als Nachfolger vorgesehenen Junggastwirte kehrte wieder heim. So mußte im „Ochsen“ die Tochter Frieda das heimatliche Anwesen übernehmen und ihr Ehemann, der Mecha­ niker Al bin Schirm aier die Werkbank verlas­ sen und auf Land-und Gastwirt umsatteln. Damit verschwand der Name Ruf schon nach zwei Generationen wieder in der Fami­ lienchronik, aber das Anwesen blieb in der Familie. Als die Ochsenwirtin im Jahre 1966 starb, erbte die einzige Tochter lrma das Anwesen zur Hälfte und nach dem Tode ihres Vaters im Jahre 1981 wurde sie Alleinerbin. Sie war seit 1955 mit dem Schreiner Max Weis ver­ heiratet, der zwei Jahre später, während des Bau-Booms, zum Hochbau überwechselte und bald Baupolier wurde, so auch beim Neukircher Schulhaus, das im Jahre 1964 fertiggestellt wurde. Daneben wuchs er immer mehr in den Land-und Gastwirts­ betrieb hinein und als sein Schwiegervater starb, wurde er ein gestandener Ochsenwirt. Schon in den Jahren 1973/74 erstellte er ein Gästehaus mit eigenem Hallenbad, dem ersten im weiten Umkreis, wobei ihm die Erfahrungen sowohl im Schreinerhandwerk als auch aus der Zeit als Baupolier sehr zustat­ ten kamen. Ein weiteres Gästehaus mit Gara-

Der Landgasthof „Lilie“ in Triberg gen wurde 1983/84 erstellt. Damit kann er nun neben Einzelgästen auch ganze Reise­ gruppen aufnehmen. Da sein Vater aus Has­ lachsimonswald stammte und die Simons­ wälder in Neukirch einfach die „ Täler“ sind, ist der „Ochsen“ gewissermaßen wieder, wie vor zweihundert Jahren, ein „ Tälerwirts­ haus“ geworden. Wenn man bekanntermaßen im „Och­ sen“ schon immer gut gegessen hat, so ist mit dem Zweitjüngsten, dem Hanspeter, doch erstmals ein gelernter Koch in der Küche am Werk, der die unter Küchenmeister Prauser im Städt. Krankenhaus Furtwangen erworbe­ nen Fähigkeiten nunmehr seit vier Jahren den Gästen zugute kommen läßt. Was er in der Küche zubereitet, serviert seine junge Frau Margarete den Gästen, so daß nach menschlichem Ermessen die Zukunft dieses ältesten noch bestehenden Neukircher Gast­ hauses gesichert und in guten Händen ist. Seine Entwicklung in den letzten fünfzig Jahren Der heutige „Landgasthof zur Lilie am Wasserfall“ in Triberg, trägt seinen Namen in dieser Form seit 1974. Vorher war es einfach „die Lilie“. Sie ist nachgewiesenermaßen eine der ältesten Gaststätten Tribergs. In alten Auf­ zeichnungen wird das Haus auch „Lilia“, ,,Lilium“ oder -im Dialekt -,,Jlge“ genannt. Der heutige „Landgasthof zur Lilie“ ist die ,,zweite Lilie“. Diese wurde nach dem Stadt­ brand vom l.Juli 1826 erbaut. Die „erste Lilie“, sie stand in der Nähe des heutigen Marktplatzes in der Schwendistraße, ist beim Stadtbrand untergegangen. Bei dem Versuch, vor allem die Ge­ schichte der „ersten Lilie“ aufzuhellen, be­ gegnen wir manchen Fragezeichen. Gesi­ chert ist, daß die erste „ Wirthschaftsgeneh­ migung“ für die „Lilie“ aus dem Jahre 1608 stammt. Der damalige Obervogt Schwert hat sie erteilt. Den Anfang unter den namentlich be- Einstweilen hat jedoch der „Ochsenmax“ das Heft noch fest in den Händen und sorgt dafür, daß sein Gasthaus auch in der Neben­ saison stets gut belegt ist, wobei er mit der zentralen Zimmervermittlung des Kreises sehr zufrieden ist. Daneben versorgt er uner­ müdlich seine Landwirtschaft, deren Erzeug­ nisse dann wieder der Küche zugute kom­ men. Und immer ist der Andrang groß, wenn es im „Ochsen“ wieder Bratwürste „original vom Hausmetzger“ gibt. Und wenn einem Verein die Schwarzwaldhalle zu groß oder zu teuer ist, dann findet er im „Ochsen“ ein Nebenzimmer mit Bühne als Ausweich­ platz. So ist der „Ochsen“ zwar nicht gerade mitten im Dorf, aber doch das Dorfwirtshaus geworden und wer einmal dort gewesen ist, findet immer wieder hin. Wilhelm Dotter kannten Lilienwirten machte der aus Schon­ ach stammende Johann Michael Dufner. Das war um 1700. Die Namensreihe der Lilienwirte ist lang. Ihre Namen und oft auch ihre Herkunft sind gesichert. Von manchen sind Besonderhei-267

ten über berufliche Qpalifikation und fami­ liäre Verhältnisse bekannt Mehrmals ist die ,,Lilie“ dabei vom Vater auf den Sohn überge­ gangen. Wiederholt hat das Gasthaus auch ,,trübe Zeiten“ erlebt Aus alten Aufzeich­ nungen ist herauszulesen, daß das Wirtshaus verschiedene Male zwangsversteigert werden mußte. Es würde den Rahmen dieses Berich­ tes zu sehr beanspruchen, den Weg „beider Lilien“ durch die Zeiten an dieser Stelle auf­ zuzeichnen. Manche Lilienwirte blieben, je nach Eignung, Können und Vermögen, mehr oder weniger lange Zeit auf dem Gasthaus. Das änderte sich erst zu Beginn des Jahres 1933, als damals ein neuer Pächter die ,,Lilie“ übernahm. Er hieß Friedrich Schnei­ der. Mit ihm beginnt die Geschichte der „Lilie“ in den letzten fünfzig Jahren. Fritz Schneider blieb 42 Jahre auf der »Lilie“Am 4.Januar 1933 genehmigte das Badische Bezirksamt Villingen den Antrag 268 des Konditors Friedrich Schneider (in der Folge „Fritz“ genannt) von Schonach (er wurde „auPm Vögele“ beim Haldenhof geboren) zum pachtweisen Betrieb der „Lilie“. Was damals kaum jemand erwarten konnte -er blieb bis 1974, zweiundvierzig Jahre lang. Aus diesen vier Jahrzehnten sind viele Einzelheiten lebendig geblieben; Erlebnisse, vielfaltige Begegnungen, schwere Zeiten, Krieg und Besetzung, vielerlei Not, harte Arbeit, der unbeirrbare Glaube an den Erfolg, Konsolidierung und Prosperität sind in ihnen enthalten. Sein Sohn Heinz Schnei­ der, heute noch, als versierter Fachkellner, in der „Lilie“ tätig, weiß noch sehr vieles. Er erzählte es uns in einem langen Gespräch. Fritz Schneider erlernte den Bäcker-und Konditorberufin der Triberger Bäckerei Karl Wehrle. Später war er im „Cafe Hackenjos“ (das nachmalige „Cafe am Markt“ und heute Deutsche Bank) als Konditor tätig. Weitere berufliche Stationen waren Grenzach,

Schramberg-Sulgen, Freudenstadt; danach die „Lilie“ in Triberg. Seine Gattin Elisabeth stammte aus Kehl-Sundheim. Sie war der französischen ein Sprache mächtig; Umstand, der sich später als überaus wertvoll erweisen sollte. Am 29. Dezember 1932 heirateten die Schneiders in der Triberger „Krone“, und tagsdarauf marschierten sie mit Putzeimer, Schrubber und Scheuerlappen, vor allem aber mit einem unbändigen Optimismus in die „Lilie“, um dort ihre Tätigkeit aufzuneh­ men. Brauereibesitzer Karl Riegger, zu jener Zeit Eigentümer der „Lilie“, schenkte dem jungen Ehepaar ein zwölfteiliges Silberbe­ steck-Mozartmuster-zur Hochzeit. Neben einer mehr als bescheidenen Ausrüstung, die Fritz Schneider in der Küche der „Lilie“ vor­ gefunden hatte, war dieses Besteck das erste und einzig wertvolle Tischgerät Er war glück­ lich, es besonders wichtigen oder illustren In der elsässischen „ Winstub“ Gästen vorlegen zu können. (Neuversilbert, hütet Sohn Gerd Schneider das wertvolle Besteck noch heute.) Familie Schneider hatte es am Anfang nicht leicht. Widerstände, Reservation, abwartende Distanz da und dort. Erschwe­ rend -heute gänzlich undenkbar -kam hinzu, Elisabeth Schneider war evangelisch. Die „katholischen“ Gäste blieben aus. Es gab damals hei:mliche Tränen und Fragen; ,, Wa­ rum?“ -Eine längst verewigte, brave „katho­ lische“ Mitbürgerin, Anna Haaga, schaffte die Wende. Sie riet Elisabeth Schneider, bei der ersten sich bietenden Gelegenheit den legen­ dären Pfarrer Adolf Hiss -hochverehrt und unvergessen im Raum Triberg -und den unbeschreiblich gütigen Stadtpfarrer, Geist­ lichen Rat (später Prälat, Monsignore und Päpstlicher Kammerherr) Paul Fries kurzer­ hand zu einem „ Viertele“ in das Haus zu bit­ ten. Beide kehrten gerne ein, und bald darauf schleppte Geistlicher Rat Fries -er war von 269

1894 bis 1938, vierundzwanzig Jahre lang, Stadtpfarrer von Triberg-den ganzen katho­ lischen Kirchenchor an. Er erhob da und dort, väterlich werbend, seine Stimme. Die Gäste kamen. Lieferanten wollten anfangs Fritz Schnei­ der nur gegen Barzahlung Liefern; sie waren durch seine glücklosen Vorgänger verprellt. Auch hier war wieder eine verdienstvolle Tri­ bergerin, Anna Carle, längst verewigt, die die Vorurteile abbauen half. Aber die Schneiders gaben auch ihrerseits zu keiner Zeit auf. Hitler kam nicht -der Erfolg kam Als das Triberger Ehrenmal auf der Höhe des Kroneckberges am Pfingstsonntag, 9.Juni 1935, eingeweiht wurde und zu die­ sem Ereignis allerhöchste Prominenz (,,Der Führer kommt“) angesagt war, verausgabte sich Lilienwirt Fritz Schneider mit Proviant­ einkäufen bis an die äußerste Grenze seiner Möglichkeiten. Hätte jene Einweihung nicht Tausende nach Triberg gebracht (nur Hitler kam nicht; an dessen Stelle kam der damalige Gauleiter von Baden, Robert Wagner; d. Verf.), Fritz Schneider hätte seine „Lilie“ auf­ geben müssen. So aber, erinnert sich sein Sohn Heinz Schneider, hätten die vielen Vorräte längst nicht ausgereicht. Jener Tag wurde so für Fritz Schneider zum Start für Betriebserneuerungen und neue Investitio­ nen. Viel später einmal, als im großen Garten der „Lilie“ beim Aufgang zum Wasserfall bei einladender Witterung immer wieder bis an die zweihundert Gäste sich bestens wohl und versorgt fühlten, habe Frau Schneider bei deren Anblick mit feuchten Augen einmal geflüstert: „Der Herrgott hat es doch gut mit uns gemeint“.Während der Kriegsjahre mußte sich auch Fritz Schneider in seinen Angeboten nach den ihm verbliebenen Möglichkeiten rich­ ten; auch er konnte auf die „Essensmarken“ seiner Gäste nicht verzichten. Nach Kriegsende war die „Lilie“ für meh­ rere Jahre Verpflegungslokal und geselliger Treffpunkt für die französischen Besatzungs­ offiziere. Elisabeth Schneider kochte jeden 270 Tag für siebzig Personen. Niemand, wissen noch heute Eingeweihte, habe besser kochen können als sie. Und iuch dies ist nicht verges­ sen: Viele Lebensmittel, Tee, Kaffee, Obst sind in jenen Tagen (abends) -stillschwei­ gend -von ihr in das benachbarte Kranken­ haus getragen worden. Einfach -war’s nicht. Am 30. Dezember 1986 ist Elisabeth Schnei­ der verstorben. Die „Lilie“ sah prominente Gäste Während vieler Jahre hat die „Lilie“ bekannte Persönlichkeiten und Künstler als Gäste erlebt. Leila N egra (berühmt geworden durch ihre Lieder „Mein Teddybär“ und „Die süßesten Früchte“) fühlte sich in der „Lilie“ ebenso wohl wie Kronprinz Hassan, der Bru­ der des jordanischen Königs. Vierzehn Tage lang genoß die unvergessene Agatha Christie (Miss „Marple“) ihren Kaffee in der „Lilie“. Die liebenswürdige, alte „Kriminal-Heldin“ aus Großbritannien residierte in1 Parkhotel Wehrle. Horst Buchholz (,,Hotte“) steht ebenso im Gästebuch wie die unvergessene Grande Dame des deutschen Films, Olga Tschechowa. Wahrlich ein traditionsreiches, gastliches Haus, das Fritz Schneider und seine Ehefrau Elisabeth zweiundvierzig Jahre lang in angenehmer und erfolgreicher Weise, vornehm-gediegen und zugleich familiär, führten. Ende 1974 haben die Schneiders aus gesundheitlichen Rücksichten aufgegeben – schweren Herzens. Sie nahmen Wohnung in Villingen, wo sie bis zum 1. August 1986 leb­ ten. Danach wurden beide Heimbewohner im Altenstift Kork bei Kehl. Dort ist Fritz Schneider am 24. November 1987 verstor­ ben. Er folgte so seiner Gattin bald nach. Als Fritz Schneider am 30. Dezember 1932 seine Tätigkeit in der „Lilie“ aufnahm, gehörte das Haus dem Brauereibesitzer Karl Rieggerin Triberg. Am 25. Oktober1939 gab es einen Besitzerwechsel; die Tochter Valeria erbte die „Lilie“ von ihrem Vater, und sie ver­ kaufte dieselbe am 1. Dezember 1940 an die Jahresuhrenfabrik GmbH August Schatz & Söhne in Triberg.

Am 8. April 1960 -nach achtundzwanzig Jahren Pachtbetrieb -kaufte Fritz Schneider die „Lilie“. Er war fast siebzig Jahre alt, als er am 12. Dezember 1974 „seine Lilie“ an den heutigen Eigentümer verkaufte: Roland Die­ terle. Die Dieterles sind erfahrene Gastrono­ men Anita und Roland Dieterle entstammen alten Geschlechtern Schwarzwälder Hof­ bauern im Wolftal. Andere Sippenglieder waren Holzfäller und Uhrmacher. Der Bürle­ Hof in Schapbach-Holdersbach ist einer der Stammsitze. Der Ur-ur-urgroßvater Roland Dieterles, der Bürlehofbauer Jakob Dieterle, 1772 geboren, war der Held einer Erzählung in Heinrich Hansjakobs Buch „Erzbauern“. Der berühmte Hollywood-Regisseur Wil­ liam Dieterle entstammt dem Geschlecht der Dieterles in Schapbach. Roland Dieterle ist ein erfahrener und weitsichtiger Gastronom. Ihm gehören meh­ rere renommierte Schwarzwälder Berghotels und Restaurants, so die „Vogtbauernstube“ beim berühmten Freilichtmuseum Vogts­ bauernhof im Gutachtal; die Berghotels „Mummelsee“ und „Kandel“, die elsässisch­ badische Burestub „d’r Münsterspatz“ direkt neben dem Straßburger Münster -und die „Lilie“ in Triberg. Roland Dieterle taufte sie um in „Landgasthof zur Lilie am Wasserfall“. Dort bieten die Dieterles seit Jahren altbe­ kannte Schwarzwälder Gastlichkeit und Ge­ mütlichkeit in rustikalem Stil. Die Küche erfüllt hohe Ansprüche; sie bewältigt bis zu vierhundert Tagesmenues. Das Angebot reicht von echten Schwarzwäl­ der Spezialitäten über gemütliche „Fondue­ Abende“ im Winter bis zu vielerlei elsässi­ schen Spezialgerichten. Freundlichen Zu­ spruch finden auch die regelmäßig (freitags) stattfindenden Zither-Abende. Gepflegte Gastlichkeit und Gemütlichkeit werden großgeschrieben. Auch Roland Dieterle freut sich über so manchen prominenten Besucher und Gast in seinem „Reich“. Schlägt er das Gästebuch auf, finden sich dort Namen wie Alt-Bundes­ kanzler Willi Brandt, Rudolf Schock, Sepp Herberger, der ehemalige französische Pre­ mierminister Pierre Pflimlin, Georg Thoma. Im Juni 1978 gab es großen Schrecken; eine Gasexplosion verwüstete Küche, Laden­ geschäft und Treppenhaus. Roland Dieterle, schnell entschlossen, baute aufwendig um, schuf eine anheimelnde elsässische „Win­ stub“, von der aus der Besucher einen direk­ ten Blick auf das gegenüberliegende Schwarzwaldmuseum erhält. Und er glie­ derte sorgfältig und mit feinsinnigem Gespür die Lokalitäten in verschiedene originelle heimat-und landschaftsbezogene Räumlich­ keiten auf. So gibt es heute in der „Lilie“ eine Ahnenstube, eine Uhrmacher-und Flößer­ stube. Alle Räume sind mit dazu passendem geschmackvollen Zierat, Geräten und Bil­ dern, ausgestattet; ein Stück lebendig geblie­ bene Heimatgeschichte. Roland Dieterle kann im Hause zweihun­ dert Gästen Platz bieten. Im Terrassengarten dem Haus gegenüber sind es noch einmal einhundert Plätze. Ein umfangreicher Ver­ kaufskiosk im Stil einer Schwarzwaldmühle rundet das Bild ab. In der ersten Etage gibt es einen freundlichen, hellen Saal mit achtzig Plätzen, der mit sehr schönen Heimatbildern von Triberg, alten Reproduktionen, aus­ geschmückt ist; ein reizvoller Rahmen für Hochzeiten, Tanzparties, Versammlungen. Übernachten kann man -heute -im „Landgasthof zur Lilie am Wasserfall“ nicht. Aber der Besucher darf sich bei seinem Ein­ treten freuen: eine anheimelnde, einladende Atmosphäre nimmt ihn sogleich auf. Wohl­ behagen und eine heiter-romantische Ge­ mütsstimmung stellen sich wie von selbst ein. Alexander Jäckle * 271

Radsportler vom RC 1886. Seit 1926 ist der Groppertäler Mitglied im traditionsreichen Villinger Radfahrerclub, der vor drei Jahren, unter Weckerles Führung, mit Glanz und Gloria seinen 100. Geburtstag feierte. Zum Radsport gehört auch ein Fahrrad, aber in den Zwanziger Jahren war das eine recht kostspielige Anschaffung. Da kam ihm seine zweite Leidenschaft, heute würde man es „Hobby“ nennen, zugute: Die Holzhauerei. Mit einigen Ster Holz, im nahen Wald geschlagen, finanzierte der junge Radsportler seine erste „Maschine“. 1925, mit 16 Jahren, war es endlich so weit. Bis 1935 ist er dann Wenn Karl Weckerle seine Wohnung im Zeug­ haus beim Villinger Oberen Tor verläßt, ist immer seine Aktentasche dabei. Sport und Wettkämpfe Karl Weckerle – seine Liebe gilt dem Radsport „Er wohnt dort, wo das Städtle am schön­ sten ist, in der Fußgängerzone beim Oberen Tor.“ So beschrieb einer der vielen Zeitungs­ berichte den Wohnsitz. Gemeint ist das Obere Tor in der Zähringerstadt Villingen, und gemeint ist auch Karl Theodor Weckerle, den man, nicht nur seines Wohn­ sitzes wegen, einen echten Zähringer nennen darf. Am 22. April 1909 kam er im Breisgau, im heutigen Freiburger Stadtteil Zähringen, zur Welt. Schon mit drei Jahren verschlug es den Zähringer vom West- an den Ostrand des Schwarzwalds. Der Vater bekam nämlich einen Arbeitsplatz als Schrankenwärter bei der Eisenbahn, und im Bahnwärterhaus im Groppertal war für die junge Familie darüber hinaus auch noch eine Wohnung frei. Damit war Karl Weckerle erst einmal Unterkir­ nacher Bürger geworden, denn, wie heute noch, liegt das Groppertal, durch das die junge Brigach fließt, auf der Gemarkung der Gemeinde Unterkirnach. Wer schon einmal auf dem schmalen Teersträßle zwischen der „Forelle“ und dem Kirnacher Bahnhöfle mit dem Rad gefahren ist oder als Wanderer der Brigach entlang marschierte, der weiß, wie typisch dieses kurze T alstück ist. Ein echtes Schwarzwaldtal am Rande der Baar, vom Vil­ linger Kurpark schon nach einer Stunde Fuß­ marsch zu erreichen. Dort, wo das besagte Teersträßle beim Steinbruch hinter der „Forelle“ die Schienen der Schwarzwaldbahn überquert, wuchs Karl Weckerle mit fünf Geschwistern auf. Er ging nach Unterkirnach zur Schule, und dort fand er auch schon bald eine sportliche Heimat, den Radfahrerverein Waldeslust Unterkirn­ ach. Die Leidenschaft fürs Radfahren blieb, ja sie wuchs ständig. Als Karl Weckerle nach Abschluß der Volksschule, im Jahr 1923, eine Lehre als Metallarbeiter bei der Villinger Schlosserei Nägele begann, traf er auch die 272

Rennen für den RC 1886 gefahren, aber nicht mit einer Zehn-Gang-Maschine! Die größte Errungenschaft damals waren zwei Zahn­ kränze. Ging es bergauf, das kommt bei den Radrennen im Schwarzwald bekanntlich öfter vor, dann stieg man kurz ab und legte die Kette von Hand auf den günstigeren Zahnkranz. Im Beruf konnte Karl Weckerle die Kette erst 1929 auf den größeren Zahnkranz wer­ fen. Der gelernte Metallarbeiter wurde arbeitslos, verdingte sich beim Straßenbau und kam 1927 als Zeitarbeiter zur Eisenbahn. Dort wurde er zwei Jahre später voll über­ nommen. Jetzt konnte der Villinger Rad­ sportler endlich auch sein Domizil in der Zähringerstadt aufschlagen. Vom Gropper­ tal siedelte Karl Weckerle in die aufstrebende Kreisstadt über. Als Eisenbahner machte er auch den Krieg mit. 1948, nach dem Ende der Kriegswirren, heiratete Karl Weckerle seine Frau Ilse, die ihm zwei Kinder schenkte. Mit Beginn seiner Tätigkeit bei der Eisenbahn wurde er auch Gewerkschaftsmitglied. In der späteren GdED, der Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands, wurde er 2. Orts­ vorsitzender. Außerdem vertrat er die Inter­ essen seiner Kollegen einige Jahre lang im Personalrat. 1973 kam der Ruhestand, aber den kennt der unermüdliche »Karle“, wie ihn seine vielen Freunde nennen, auch heute noch nicht. Für seine Eisenbahnerkollegen im Ruhestand übernahm er die Seniorenbe­ treuung. Das Bundesbahn-Sozialwerk schätzt seine wertvolle Mithilfe. Bei Geburtstagen, einer Goldenen Hochzeit oder vor Weih­ nachten steht Karl Weckerle im Dienste sei­ ner Rentnerkollegen von der Eisenbahn. Von Schonach bis Grüningen, kennt man den allzeit freundlichen und ausgeglichenen Villinger. Auch im politischen Geschehen tauchte der Name Karl Weckerle auf. »Mehr als Lückenfüller“, wie er selber sagt, kam er 1966 auf den Stimmzettel der Villinger SPD bei der Gemeinderatswahl. Der unverges­ sene Nestor der Villinger Sozialdemokraten, Fritz Restle, hatte ihn für die Parteiarbeit geworben. Als Letzter auf dem Stimmzettel hätte er fast den Einzug ins Gemeindeparla­ ment geschafft. Aber noch einmal zurück zum Radsport. Bei der Wiedergründung seines RC 1886 im Jahr 1950 war Karl Weckerle natürlich dabei. 1961 wurde er von den Mitgliedern zum 1. Vorsitzenden gewählt. Er blieb es bis zum Jubiläumsjahr 1986. Oder eigentlich doch nicht? Denn schon 1983 fand der inzwischen 74jährige einen Nachfolger und wurde zum Ehrenpräsidenten des Radfahrerclubs er­ nannt. Doch 1985, das große Jubiläum stand vor der Tür, war kein Kandidat für das Amt des 1. Vorsitzenden zur Stelle. Karl Weckerle ließ sich nicht zweimal bitten und übernahm noch einmal für zwei Jahre den Vereinsvor­ sitz. Der Festakt zum lOOjährigen Jubiläum wurde ein echtes „Weckerle-Festival“, denn schließlich gehörte der Vorsitzende und Ehrenpräsident in Personalunion schon 60 Jahre seinem RC 1886 an. Bei dieser Ver­ anstaltung wurde deutlich, welchen Beliebt­ heitsgrad in der Bevölkerung und unter sei­ nen Sportkameraden im In- und Ausland er erreicht hat. Sichtbarer Ausdruck der Wert­ schätzung war das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, das Karl Weckerle vor zehn Jahren, anläßlich seines 70. Geburtstages ver­ liehen wurde. Dem Urteil der Presse zu die­ sem Anlaß ist nichts hinzuzufügen: „Er darf gewiß sein, daß er diese hohe Auszeichnung wie selten jemand hoch verdient hat.“ Die Alterskameraden des RC 1886, mit denen er alle zwei Wochen beim Seniorentreff im »Laible“ zusammenkommt, wünschen, daß der „Weckerle’s Karle“ noch viele Jahre so gesund und vital bleiben möge. Arnold Wetzka 273

Adolf Vonnier Ein gefragter Hufschmied und erfolgreicher Teilnehmer in internationalen Wettbewerben Hier soll, personifiziert durch den Blum­ berger AdolfVonnier, von einem Handwer­ ker berichtet werden, der auszog, das Schmie­ den des eigenen Glückes in besonders aus­ geprägter Handfertigkeit zu lernen. Nach­ dem eine sich rasant entwickelnde Motorisie­ rung die vierbeinigen Pferdestärken immer stärker verdrängte und damit auch der Beruf des Hufbeschlagschmiedes seine logischen Einbußen erlitt, sorgt der wiederauflebende und geförderte Reitsport bei diesem alten Handwerk für eine erfreuliche Renaissance. Eine Besonderheit ist, daß es auch in Blum­ berg mit einem im wahrsten Sinne des Wor­ tes ausgezeichneten Vertreter dieser alten Zunft wieder zu Ehren kommt. „Ausgezeich­ net“ nämlich hinsichtlich des meisterlichen Könnens, das sich vor einigen Jahren dank weltmeisterlicher Beteiligung nicht eben all- 274 täglich äußerte. Denn im Herbst 1985 kehrte Adolf Vonnier, gelernter Bauschlosser und Hufschmied, von der „kleinen Weltmeister­ schaft“ der Hufschmiede im französischen Fontainebleau – 2. Championnat du Monde open des Concours de Marechallerie – erfolgreich zurück. In dieser Konkurrenz, der außereuropäische Hufschmiede trotz Einla­ dung fernblieben, vertraten der Blumberger Adolf Vonnier und sein Freiburger Lehr­ schulmeister Manfred Gann zum ersten Mal die Bundesrepublik Deutschland und hatten sich in verschiedenen schmiedehandwerkli­ chen Disziplinen gegen die Landesmeister aus Belgien, England, Frankreich, Italien und der Schweiz zu behaupten. Dazu gab es eine Vorgeschichte: Anläßlich der 1984er Offen­ burger Ausstellung „Euro-Cheval“ fand unter der Leitung des Hufbeschlaglehrmei­ sters Manfred Gann auch ein Schauschmie­ den statt. Diese handwerkliche Demonstra­ tion beeindruckte so sehr, daß die deutschen Hufschmiede nach Frankreich eingeladen wurden. Schon im September 1984 demon­ strierten Manfred Gann und AdolfVonnier in Frankreich außer Konkurrenz und lernten dort den englischen Meister im Hufbeschlag, David Galley, kennen, der sie im November nach Melton-Mowbray in die Grafschaft Lei­ cester einlud, um sie anläßlich eines militäri­ schen Wettbewerbes schauschmieden zu las­ sen. Meister Galley, der internationalen Ruf genießt und bei der „kleinen“ Weltmeister­ schaft in Fontainebleau der Jury angehörte, besuchte nach den erfolgreich abgeschlosse­ nen Wettbewerben den Blurnberger Adolf Vonnier in der Eichbergstadt. Ihre Erfolge in den einzelnen Disziplinen: Im schwierigen Schmieden eines Alumi­ nium-Hufeisens (so heißt es tatsächlich) errangen AdolfVonnier den 1. und Manfred Gann den 2. Preis. Beim Schmieden eines Hufeisens in Herzform, Orthopädisches Eisen genannt, kamen der Freiburger auf den

3. und der Blumberger auf den 4. Platz. Bei der in 30 Minuten zu meisternden Disziplin „Adlerauge“ ging es darum, nach kurzer Besichtigung eines Hinterhufes aus dem Gedächtnis das passende Material auszuwäh­ len, es zu bearbeiten und in die entschei­ dende Paßform zu bringen. Das Ergebnis: 1. Platz für Gann, 15. Platz für Vonnier. Am zweiten Wettbewerbstag mußte einem belgi­ schen Kaltblutpferd ein Vordereisen abge­ nommen, der Huf zugeschnitten, das Eisen geschmiedet und aufgenagelt werden. Dazu war ein Hintereisen zu schmieden und der Jury vorzulegen, alles zusammen in 75 Minu­ ten. Gann erreichte den 3. und Vonnier den 12. Platz. Mit einem ersten Platz und weiteren ausgezeichneten Plazierungen bewies der Blumberger seine handwerkliche Ausnah­ mestellung. Im April 1986 waren es beim „Internatio­ nalen Hufbeschlagswettbewerb“ in Bern wie­ der Manfred Gann und AdolfVonnier, die unter 41 Teilnehmern aus elf Nationen in der Gesamtwertung auf den 6. und 14. Platz kamen. Sieben Monate vor den olympischen Winterspielen 1988 war AdolfVonnier Mit­ glied des aus Südbaden stammenden Teams der Bundesrepublik, das im kanadischen Cal­ gary am „ World Championship Black­ smiths‘ Competition“ teilnahm. Diese Welt­ meisterschaft fand im Rahmen des weltgröß­ ten Rodeo-Treffens statt und sah, außer Ein­ zelteilnehmern, Mannschaften aus Kanada, den USA, England, Schottland, Schweden, Norwegen, der Bundesrepublik und der Schweiz am Start. Unter den vielen geforder­ ten Disziplinen war der „Copper Minin_g Shoe“ eine Besonderheit, nämlich ein früher in den Minen üblicher Kupferbeschlag, um wegen der Grubengase eine gefährliche Fun­ kenerzeugung auszuschließen. Spezielle Schwierigkeitsgrade gab es beim „Arabian Park Horse Frontshoe“: Ein Eisen, das wegen des Abbrandschwundes nicht zu oft erhitzt werden darf, um das Gewicht von zwölf Unzen (370 Gramm) zu erreichen. Zwar kam Vonnier diesmal nicht unter die ersten sechs offiziell genannten Ränge, doch als bester ,,German“ erhielt er auch einen Preis. Im Sep­ tember 1988 will er an einem Wettbewerb in Holland und 1989 womöglich wieder in Bern sowie an der Weltmeisterschaft in Calgary beim großen Cowboy-Meeting teilnehmen. Adolf Vonnier wurde 1948 in Blumberg geboren, lernte im Betrieb Franz Feederle den Beruf des Bauschlossers, arbeitete vier Jahre, 1969 bis 1972, in Süd- und Südwest­ afrika als Konstruktionsschlosser, kehrte dann wieder in den heimatlichen Betrieb Feederle zurück und bestand im September 1976 seine Meisterprüfung als Bauschlosser. Schon früh im Umgang mit Pferden vertraut, erfuhr er seine entsprechende Ausbildung beim Blumberger Hufbeschlagmeister Fritz Hauser, und dank der 1977 in Freiburg eröff­ neten Lehrschule nutzte er die gebotene Möglichkeit, sich voll als Hufschmied ausbil­ den zu lassen. Als „staatlich geprüfter“ Huf­ beschlagschmied arbeitet er seit 1980 selb­ ständig und ist jetzt ein gefragter Huf­ schmied mit einem weitgesteckten Kunden­ kreis. Schon zwei Jahre betreut er als einziger Hufschmied das „Prinz Kari-Gedächtnistur­ nier“ in Donaueschingen. Daß Adolf Von­ nier bei so großen Konkurrenzen wie in Fon­ tainebleau, Bern und Calgary, in die sich auch Landesmeister einschalteten, überaus erfolgreich abschnitt, aber wenig Aufhebens davon macht, bescheinigt ihm eine unge­ wöhnliche Befähigung in gewahrter Beschei­ denheit. Wer sein Glück selbst zu schmieden vermag, hält es, wie der Hufschmied von Blumberg, eigentlich für die selbstverständ­ lichste Sache von der Welt. Weil er mit der Freude an seiner Arbeit immer das beste Eisen im Feuer hat. Jürgen Henckell * 275

Thomas Faller – ein vielseitiges Turntalent Bereits mit sechs Jahren machte er in der Turnhalle seine ersten Übungsversuche an den Geräten. Mit 18 gelang ihm sein bisher größter sportlicher Erfolg. Beim Deutschen Turnfest 1987 in Berlin wurde er Deutscher Jugendmeister im Mehrkamp( Thomas Faller aus Schonach war schon von klein auf fasziniert von der Vielseitigkeit der Bewegungsabläufe, wie sie gerade das Geräteturnen anbietet, aber auch fordert. Sportarten, bei denen das Training als Prozeß der Verbesserung oder Optimierung eines bestimmten motorischen Bewegungsablau­ fes in den Mittelpunkt gestellt wird, können ihn nicht so sehr begeistern. Er liebt das Zusammenspiel von Beweglichkeit, Kraft und Koordinationsfähigkeit; Grundeigen­ schaften, die ihn als Geräteturner besonders auszeichnen. Sein sportlicher Ehrgeiz ließ es nicht zu, daß es bei der anfänglichen turneri- 276 sehen Freizeitgestaltung blieb. Bald wurde der Wunsch wach, das Geräteturnen als Lei­ stungssport -Kunstturnen -zu betreiben und möglichst auch zu sportlichen Erfolgen und Ehren zu kommen. Ein Ziel, das er mit einem intensiven Training geradlinig und zielstrebig verfolgte. Thomas Faller besuchte das Schwarzwald­ gymnasium in Triberg und machte im Jahr 1988 sein Abitur. Er unterwirft sich gerne dem sportlichen Streß und opfert dafür einen Großteil seiner Freizeit, weiß er doch, daß im Kunstturnen vieles, wenn nicht alles vom Training abhängt. Als Kunstturner muß er bei den Meisterschaften sein Können an den sechs olympischen Geräten: Boden, Pau­ schenpferd, Ringe, Pferdsprung, Barren und Reck stets unter Beweis stellen. Daß diese Vielseitigkeit ein sehr zeitaufwendiges Trai­ ning voraussetzt, ist fast schon selbstver­ ständlich, und hat schon so manches hoff­ nungsvolle Turntalent in andere sportliche Lager abwandern lassen. So ist es nicht ver­ wunderlich, daß er regelmäßig mindestens viermal in der Woche trainiert. Er hat es bis­ her verstanden, Schule und Training mit­ einander in Einklang zu bringen, und er hofft dies auch künftig tun zu können. Sein Wunsch nach dem Abitur ist es, b:!i einer Sportfördergruppe der Bundeswehr auf­ genommen zu werden. Dort könnte er dann noch intensiver trainieren, um auch als Akti­ ver möglichst weit vorne mitmischen zu können. Turnerische Erfolge haben sich bei Tho­ mas schon sehr früh eingestellt. Seit 1981 ist er als Schüler und Jugendlicher bei den Mei­ sterschaften des Badischen Schwarzwald­ Turngaues auf Sieg programmiert. Von da ab war er auch jedes Jahr bei den Badischen Mei­ sterschaften in der Spitzengruppe zu finden und wurde 1983 Badischer Schülermeister. 1986 und 1987 konnte er sich gegen äußerst starke Konkurrenz auf Landes-und Regio-

nalebene durchsetzen und bis zur Deutschen Jugendmeisterschaft im Kunstturnen vor­ dringen. Diese Erfolge stehen bei ihm beson­ ders hoch im Kurs. Doch damit nicht genug. Als „Multita­ lent“ hat er sich seit 1985 auch für die „Deut­ schen Mehrkämpfe“ interessiert; ein Wettbe­ werb im Deutschen Turner-Bund, bei dem neben dem Geräteturnen auch leichtathle­ tische Disziplinen verlangt werden, also noch mehr Vielseitigkeit gefragt ist. Ein jugendlicher Mehrkämpfer hat bei Meister­ schaften je eine Übung am Boden, Barren und Reck sowie den 100-m-Lauf, Weitsprung und Kugelstoß zu absolvieren. Für Thomas war es schon fast selbstverständlich, daß er auch im Deutschen Sechskampf, so die Bezeichnung für diesen vielseitigen Wettbe­ werb, bei den Schwarzwald und Badischen Meisterschaften vorderste Plätze für sich beanspruchte. Krönender Höhepunkt war schließlich der Deutsche Jugendmeistertitel 1987 beim Deutschen Turnfest in Berlin, nachdem er zuvor schon die Badische Jugendmeisterschaft für sich entschieden hatte. Als Ligaturner hat sich Thomas Faller der Mannschaft des Bundesligisten TV Herbolz­ heim angeschlossen, wo er insbesondere an seinen beiden Lieblingsgeräten Boden und Pferdsprung wertvolle Punkte „einfahren“ kann. Hans-Peter Pohl aus Schonach hat bei den olympischen Winterspielen 1988 in Calgary (Kanada) die Goldmedaille im Mannschaftswettbewerb in der Nordischen Kombination gewonnen. Am 1. 3.1988 wurde er in seiner Heimatgemeinde Schonach von einer begeisterten Bevölkerung empfangen (unser Bild). Der talentierte Sportler wurde bereits im Almanach 8 8 (Seite 2 70/2 71) durch den bekannten Sportjour­ nalisten Werner Kirchhafer gewürdigt. 277

Für seine herausragenden turnerischen Leistungen wurde er beim Gauturntag 1988 in St. Georgen i. Schw. zum „Sportler des Jah­ res“ im Badischen Schwarzwald-Turngau gekürt. Wer Thomas Faller näher kennt, darf wohltuend feststellen, daß ihn all diese Erfolge ganz normal und locker haben blei­ ben lassen. Dafür sorgt auch ein intaktes Elternhaus, wo der Vater selbst als 1. Vorsit- zender die Führung des heimischen Turn­ vereins Schonach übernommen hat. Ein altes T urnerwort sagt, daß dort wo geturnt wird, die Geselligkeit nicht fehlen darf. So gesehen rundet die heimliche Liebe von Thomas, seine Gitarre, die er trefflich zu spielen weiß, das Bild eines jungen erfolgrei­ chen Turners geradezu vorbildlich ab. Heinz Heckmann ,JANCSIKA“ Ungarische Tänze in St. Georgen im Schwarzwald Csardas, Pußta und Paprika – drei Zauber­ worte, die zwar viel, aber noch nicht alles über Ungarn sagen. Wer kennt sie nicht aus Filmen und Operetten, die längst vergangene Welt der Schweinehirten und blumenge­ schm ückten Mädchen, die sich zum Dorffest bei feurigem Wein und temperamentvollen Csardasklängen der Zigeunerkapellen tra­ fen? In der heutigen Zeit ist auch in Ungarn wenig Platz für solche Romantik; wenn man sich gerade hier bemüht, diese Folklore nicht ganz aussterben zu lassen, so doch auch aus dem Grund, um der Jugend zu zeigen, wie bescheiden und einfach das Leben der Groß­ eltern noch aussah. Um so erfreulicher ist die Tatsache, daß viele Jugendliche zu den Folk­ loregruppen drängen, die diese Tradition 278

bewahren wollen. Leider gelingt nur wenigen Gruppen einmal die Ausreise in ein westli­ ches Nachbarland, so daß wir sehr wenig von der „echten“ ungarischen Folklore erfahren. Gerade in Deutschland gründeten Stu­ denten und Exilungarn neue Folklore­ Ensem bles, aufFolklorefesten und Lehrgän­ gen hielten sie engen Kontakt zur Entwick­ lung in der Heimat. Leider sind nur wenige dieser Gruppen übriggeblieben. Um so mehr überrascht und erfreut sind viele Anhänger dieser Folklore, wenn sie erfahren, daß mitten im Herzen des Schwarz­ waldes, in einem Gebiet großer Folkloretra­ dition, ein ungarisches Tanzensemble ent­ standen ist. Der überraschende Erfolg der noch jungen Tanzgruppe JAN CSIKA“ und die Zahl der Auftritte in wenigen Jahren zei­ gen, welch großes Interesse auch bei uns für diese doch selten vorgeführte Folklore da ist. Die „Wiege“ des Tanz-Ensembles ist die Arbeitsgemeinschaft „Tanz“ an der Real­ schule in St. Georgen/Schwarzwald, mittler­ weile gehören ihr fast 30 Jugendliche mehre­ rer Schulen und junge Leute, die die Schule längst verlassen haben, an. Sie alle verbindet die Liebe zu der tempe­ ramentvollen Musik und die Verschiedenar­ tigkeit der an die jeweilige Landschaft gebun­ denen Tänze mit den farbenfrohen Trach­ ten. Leiter der Gruppe ist Sportlehrer Gün­ ther Hacker, selbst in Ballett-und Tanz aus­ gebildet, der seinen Schülern im Rahmen des mehrjährigen Trainings und bei zahlreichen Auftritten auch im Ausland viel Bühnener­ fahrung vermitteln konnte. Großzügig unterstützt durch Schulleitung und Stadtver­ waltung, trainieren drei Leistungsgruppen bis zu fünf Stunden pro Woche Schrittkom­ binationen und ungarische Texte; durch Schulabgänge, Bundeswehr oder Beruf ist die Gruppe immer wieder gezwungen, Nach­ wuchs heranzuziehen. Viele der Choreographien stammen vom Leiter des Staatlichen Folklore-Ensembles in Budapest, Sandor Timar; die Kostüme wur­ den nach alten Vorlagen von den Mädchen der Gruppe nachgearbeitet. Texte und Musik sind so unverfälscht, daß gerade „echte“ Ungarn unter den Zuschauern immer wieder begeistert von der Originalität der Gruppe sind. Zum Tanzprogramm gehören Mädchen­ tänze aus Kalocsa und Sarköz, artistische Stock-und Hirtentänze aus der Pußtage­ gend, Flaschentanz, Tänze aus Siebenbürgen und natürlich auch ein schwungvoller Hoch­ zeitscsardas. Bei einem Huttanz und einem im ungarischen Tanzhausstil choreogra­ phierten Ugros (Sprungtanz) läßt es sich die Gruppe nicht nehmen, Zuschauer zur Freude des restlichen Publikums zum Mit­ tanzen aufzufordern. Auf mehreren Reisen nach Ungarn, wo die Tänzer Spuren ihrer vor etwa 200 Jahren aus dem Schwarzwald in die ungarische Tief­ ebene ausgewanderten Vorfahren suchten, konnte die Gruppe die Orte und Landschaf­ ten ihrer Tänze kennenlernen. Drei Tanz­ tourneen in Frankreich zeigten neben den vielen Auftritten im süddeutschen Raum, daß diese „echte“ Folklore immer mehr Freunde gewinnt. Über 100 Auftritte vor alten oder behin­ derten Menschen brachten der jungen Truppe auch im Ausland viel Lob und Preise ein; 1985 wurde das soziale Engagement mit einer Anerkennungsurkunde des Regie­ rungspräsidenten belohnt. Wochenlang waren die „Schwarzwälder Ungarn“ unterwegs, um abseits der Touri­ stenorte Spuren der über 200 Jahre alten Tänze zu finden. Oft stießen sie auf Unver­ ständnis -warum interessieren sich die jun­ gen „Westler“ gerade für die Kultur, die die eigenen Jugend.liehen mit Jeans und Transi­ storradios gerade überwinden wollen? Volkstanz wird staatlich schon in der Grundschule als Pflichtfach verordnet, doch erst mit einer Gruppe aus Martonvasar bei Budapest, die auf ihrer Europatournee auch nach St. Georgen eingeladen wurde, gelang ein fruchtbarer Kontakt. Deshalb war man auf die Hilfe alter Leute angewiesen, die, teil­ weise noch etwas Deutsch sprechend, gerne vom alten Brauchtum erzählten. War erst das 279

Vertrauen da, so konnte es vorkommen, daß eine alte Frau in einem abgelegenen Dorf in der Großen Tiefebene die jungen Deutschen verstohlen in einen Keller führte und dort, in Kisten verpackt, ihre „Schätze“ zeigte: Tage­ bücher, Bilder, Lesefibeln, Liederbücher, Trachten und andere persönliche Gegen­ stände aus der deutschen Heimat, die Nach­ kommen der Einwanderer bei ihrer gewaltsa­ men Vertreibung aus vielen ehemals „deut­ schen“ Dörfern zurückgelassen haben. Ver­ steckt vor staatlichen Vemichtungsaktionen haben die Briefe und Tagebücher Generatio­ nen überdauert und könnten dem Ge- schichtskundigen einiges über das Schicksal der ehemaligen Donauschwaben, Pfälzer und Schwarzwälder erzählen. Ein Einwande­ rer-Kapellchen mit deutschen Inschriften, Kuckucksuhr und alten Grabsteinen mußte schon wenige Tage nach dem Besuch der Deutschen einer Umgehungsstraße weichen, so dürften auch die anderen Zeugnisse vieler Schicksale bald verschwunden sein. Die Lieder und Tänze der Einwanderer und die der ungarischen Bauern vermischten sich teilweise und kehren nun heute durch die St. Georgener Tänzer in den Schwarz­ wald zurück. Günther Hacker Skiloipe und Hochmoor Martinskapelle Lösung eines Konfliktes zwischen Erholungsnutzung und Schutz der Natur Der Höhenrücken Rohrhardsberg/Mar­ tinskapelle/Brend bildet die Trennlinie zwi­ schen dem Mittleren Talschwarzwald, der steil mit tief eingeschnittenen Tälern nach Westen zum Rhein hin abfällt, und der Mitt­ leren Schwarzwald-Ostabdachung, die mit ihren sanften Tälern und geringem Gefälle das Gepräge der danubischen Entwässerung trägt. Erhebungen um 1100 m zeichnen den Höhenzug durch eine herausgehobene Schneesicherheit im Bereich des Mittleren Schwarzwaldes aus; die Geländeausformung – langgestreckter, durch sanfte Mulden unterbrochener Hangrücken mit flach geneigten Oberhanglagen – machen ihn für den Skilanglauf geeignet. Erschließung und damit verbundener Einzugsbereich ließen speziell die „Martinskapelle“ schon früh zu einem Zentrum dieses Freizeitsports werden. Geschichte des Langlaufzentrums .,Martinskapelle“ Bereits vor dem Ersten Weltkrieg wurde der bewaldete Höhenzug Brend/Martins­ kapelle/Rohrhardsberg für den Skilanglauf genutzt. Als die Mobilität des einzelnen noch begrenzt war, ist er Zielpunkt von Ski­ touren und Wettkämpfen mit Start in St. 280 Georgen, Schönwald oder Schonach gewe­ sen. Mit der Automobilisierung breiter Gesellschaftsschichten, der Verkürzung der Arbeitszeit und der Erhöhung des disponi­ blen Einkommens dehnte sich der Einzugs­ bereich für den Skilanglauf auf der Martins­ kapelle nach Villingen/Schwenningen, Rott­ weil sowie Kinzig- und Elztal aus; gleichzei­ tig wurden auch breitere Bevölkerungs­ schichten erfaßt. 1973 wurde daher die Skiloipe „Martinska­ pelle“, eine Rundstrecke von 20 km mit einem Wechsel von Anstiegen und Abfahr­ ten, nach skandinavischen Vorbildern ange­ legt. 40.000 bis 50.000 Besucher nutzen seit­ her jährlich bei bis zu 150 Benutzertagen die abwechslungsreiche Rundstrecke für den Skilanglauf. Durchschnittlich finden 20 Wettkampfveranstaltungen/Jahr statt. Be­ reits 1965 war die Deutsche Jugendmeister­ schaft auf der Martinskapelle durchgeführt worden. Die nächste große Wettkampfver­ anstaltung war die Deutsche Meisterschaft der Vereinsstaffeln und der SO-km-Langlauf im Jahre 1967. Hierfür wurde auch erstmals die Spur maschinell mit einem Motorschlit­ ten vorbereitet. Für die Unterhaltungskosten der Martins-

IIOCHMOOR UND FLUTL!CHTSTRECKE AUF DER MARTINSKAPELU Staatswald Martlnskapel lenwald ··-·······-··· G�nte Naturdenkffll 1 —- Früher-e Loipenfuhrung — Neue loipenführung SeleuchtungsNst.en • kapellenloipe kommt die Landesforstverwal­ tung auf. Diese fördert auch die Beschaffung der notwendigen Spurfahrzeuge. Die Geschichte des engeren Langlaufzen­ trums Martinskapelle begann 1966, als der Skizunft Brend durch Vertrag mit der Forst­ direktion Freiburg gestattet wurde, eine 1,1 km lange beleuchtete Trainingsstrecke zu bauen. 1975 wurde die Skihütte Martinska­ pelle von der Landesforstverwaltung in Eigenregie durch Waldarbeiter in Blockbau­ weise errichtet; 1979 erfolgte die Verlänge­ rung der Flutlichtstrecke auf 2 km, um der steigenden Nachfrage gerecht zu werden. Die Entwicklung der neuen Langlauftech­ nik (Skating) machte auch vor dem Langlauf­ zentrum Martinskapelle nicht halt. Ab Win­ termitte 1984 wird deshalb auf der Loipen­ trasse rechts eine Spur für die Läufer im klas­ sischen Stil gezogen, die linke Seite wird für die Freistilläufer gewalzt. Trotz anfänglicher Reibereien hat sich diese Lösung bewährt. Bei zusammenfassender Betrachtung sind Langlaufzentren geeignete Einrichtungen, den winterlichen Besucherstrom in der freien Natur zu lenken und damit ein wirksames Mittel gegen das schädliche „Qperwaldein­ laufen“. Voraussetzung hierfür ist eine hohe Spurqualität. Nur eine regelmäßige Pflege bindet die Läufer an die Loipe. Wertvolle Landschaftsteile im Bereich des Langlaufzentrums Die Waldstruktur auf dem Höhenzug Brend/Rohrhardsberg bietet in vielen Berei­ chen geeignete Lebensräume für das vom Aussterben bedrohte Auerwild. An verschie­ denen Orten sind Moore und Quellsümpfe vorhanden. An der beleuchteten Langlauf­ spur auf der Martinskapelle ist das gut aus­ gebildete Hochmoor „Moosschachen“ gele­ gen. Der Name H o c h m o o r bezieht sich nicht, wie oft angenommen, auf die Meeres­ höhe des Moores, sondern auf das Höhen­ wachstum des Moores selbst. Die Bezeich­ nung soll den Unterschied zum Flachmoor verdeutlichen, wo der Hauptwurzelraum der Pflanzen vom nährstoffhaltigen Grundwas­ ser umspült wird. In Hochmooren haben die Pflanzen durch das Höhenwachstum des Moores mit zunehmender Torfschicht- die jährliche Zuwachsrate liegt um 0,5 mm – keine Verbindung mehr zum nährenden Grundwasser; sie sind ganz auf das Nieder­ schlagswasser und die wenigen Nährstoffe des atmosphärischen Staubes angewiesen. Auf solchen „Hungerböden“ vermögen nur sehr genügsame Pflanzen zu wachsen. Deren bedeutendste Gruppe sind die Torfmoose; diese können bis zum zwanzigfachen ihres eigenen Trockengewichts an Wasser spei­ chern, ein Vorrat, der die Wasserversorgung der Moose und ihrer Begleitpflanzen in Trockenzeiten sichert. Neben den Torf­ moosen gibt es in den Hochmooren viele Flechtenarten und einige Blütenpflanzen. Zwergsträucher wie Besenheide, Heidelbeere und Rauschbeere wachsen auf den trockenen Bereichen. In besonderer Weise an das Leben 281

Hochmoor-Vegetation mit Moorwald im Hochmoor angepaßt ist der Rundblätte­ rige Sonnentau. Er deckt seinen Stickstoffbe­ darf hauptsächlich durch Insekten, die an den Sekrettröpfchen hängenbleiben und dann verdaut werden. Die Oberfläche eines Hochmoores, mosaikartig aus Erhebungen, den „Bulten“, und dazwischengelegenen Vertiefungen, den „Sehlenken“, zusammengesetzt, ragt meist uhrglasförmig über die Umgebung heraus, da das Wachstum im Moorzentrum schnel­ ler ist als am Rande. Besonders ausgeprägt ist diese Oberflächenform beim Hochmoor „Moosschachen“ auf der Martinskapelle. Die gemessene Torfmächtigkeit von 7,6 m ist für eine kleine Moorfläche von knapp 3 ha sehr viel und bedingt daher die typische Oberflä­ chenausformung. Die Zunahme verschiede­ ner Pflanzen als Trockenheitsanzeiger (z. B. Heidekraut und durchwachsender Holzbe­ stand) deuten darauf hin, daß das Höhen­ wachstum des Moores unter den derzeitigen klimatischen Bedingungen einen Endstand 282 erreicht hat. Die Bildung weiterer Torf­ schichten würde ein kühleres und nieder­ sch1agreicheres Klima voraussetzen. Viele Hochmoore wurden durch Torfab­ bau geschädigt bzw. zerstört. Da die Moore im Verlauf von Jahrtausenden gewachsen sind, müssen auch Bemühungen zur Wieder­ herstellung vor diesem zeitlichen Hinter­ grund gesehen werden. Der verbliebene Rest an Hochmooren hat daher eine herausra­ gende Wertigkeit und erfordert einen hierauf ausgerichteten Schutz. Die konservierende Eigenschaft des Torf­ bodens ist von großer wissenschaftlicher Bedeutung: Unter den zahlreichen guterhal­ tenen Pflanzenresten findet man mit dem Mikroskop große Mengen von Pollenstaub, der von den umliegenden Wäldern in das Moor geweht wurde. Pollenkörner verschie­ dener Pflanzen unterscheiden sich voneinan­ der, und eine genaue Bestimmung des kon­ servierten Pollens in den verschieden alten Torfschichten gibt Aufschluß über die zu

den Klimaschwankungen parallel verlaufen­ den Veränderungen der Vegetation in den letzten Jahrtausenden. Da das Hochmoor „Moosschachen“ mit seiner Höhenlage von 1085 m NN einmalig im Mittleren Schwarz­ wald ist, wird seine Erforschung Aufschlüsse über die glazialen Firnfelder und die Waldge­ schichte dieses Gebietes vermitteln. Auf­ grund der Torfmächtigkeit von 7,6 m darf von einem Alter des Moores von 12000 bis 15000 Jahren ausgegangen werden. Erste Ent­ nahmen von Bohrkernen zur Erarbeitung von Pollendiagrammen wurden durchge­ führt. Hochmoore haben ihre Bedeutung nicht nur als Objekte naturwissenschaftlicher For­ schung. Diese durch Entwässerung und Urbarmachung, Torfgewinnung u. a. m. sel­ ten gewordenen „Urlandschaften“ sind zu Reservaten vom Aussterben bedrohter Tier­ und Pflanzenarten geworden. Lebewesen, die sich mit ihren ökologischen Ansprüchen an die Bedingungen im Moor angepaßt und Uhrglasformig au/gewölbter Randbereich des Hochmoors »Moosschachen“ unter Schneedecke dorthin zurückgezogen haben, sind auf die noch vorhandenen Moorflächen angewiesen wie z. B. die Schmetterlingsarten Moosbee­ renbläuling und Hochmoorgelbling. Die spezialisierten Pflanzen der Hochmoore ein­ schließlich ihrer Vergesellschaftungsformen sind nahezu ausschließlich durch vom Men­ schen ausgehende Eingriffe gefährdet. In der Schrift der Landesanstalt für Umweltschutz ,, Vegetation und Flora der Schwarzwald­ moore“ aus dem Jahre 1984 wird das Hoch­ moor „Moosschachen“ auf der Martinska­ pelle als „besonders schutzwürdig“ darge­ stellt, aber auch die „Beeinträchtigung durch Loipenanlage kombiniert mit Entwässe­ rungsmaßnahmen“ genannt. Insgesamt gilt: Moore ungestört lassen! Bei der ursprünglichen Anlage der beleuchteten Loipe auf der Martinskapelle Bereinigung des Konfliktes Erholungsnut­ zung/Schutz der Natur 283

Auf der Flutlichtstrecke »Martinskapelle“ wurde zweimal das Hochmoor »Moosscha­ chen“ durchschnitten. Längs des Strecken­ abschnittes, welcher im tiefer gelegenen Hangteil das Moor querte, waren zur Verbes­ serung der Schneeverhältnisse auf der Loi­ penspur zusätzlich noch Entwässerungs­ maßnahmen vorgenommen worden. Beein­ trächtigungen der Pflanzendecke durch Ver­ dichten des Moorbodens beim Befahren mit dem Spurfahrzeug, durch späteres Abtauen der Trasse infolge Vereisungen und dadurch bedingt Verschimmeln von Pflanzenteilen und Verkürzungen der Vegetationszeit wur­ den deutlich. Inwieweit Bodendrücke eine raschere Zersetzung des Torfes einschließlich konservierter Pollen unter Freiwerden von Nährstoffen bewirken, was wiederum andere Pflanzengesellschaften zur Folge hätte, wer­ den die Erforschungen des Moores Auf­ schluß geben. Sanierungsmaßnahmen durch Bodenlockerung oder gar Düngung, die bei anderen Bodentypen zur Festigung einer schwindenden Vegetationsdecke durchge­ führt werden, würden weitere Beeinträchti­ gungen für ein Moor bedeuten. Derartig 284 ökologisch empfindliche Bereiche müssen von menschlichen Einwirkungen freigehal­ ten werden. Daher wurde schon im Jahre 1982 mit Naturschutzgeldern der kürzere, nördliche Loipenast aus dem Moor heraus in das angrenzende Gelände verlegt. Im gleichen Jahr hat auch die Landesforstverwaltung Änderungen in der Trassenführung der Mar­ tinskapellenloipe vorgenommen mit dem Ziel, wertvolle Auerwildbiotope zu umfah­ ren.1986 konnte dann auch der südliche, 300 m lange Streckenabschnitt der Flutlichtan­ lage aus dem Hochmoor „Moosschachen“ herausgenommen werden. Der neue Strek­ kenverlauf gewährleistet, daß keinerlei Beeinträchtigungen mehr für diesen wertvol­ len Biotop zu befürchten sind. Der neue Streckenverlauf deckt aber auch die sportli­ chen Erfordernisse voll ab, da ein Wechsel zwischen Anstiegs-und Abfahrtsabschnitten beibehalten werden konnte; auch gewährt er weiterhin das Naturerlebnis eines Hoch­ moores durch „randlichen“ Blick auf diese U rlandschaft.

Für die Verlegung der Flutlichtanlage zum Schutz des Hochmoores waren Planierungs­ arbeiten, Verkabelungen, das Aufstellen von Masten, die notwendigen Elektroinstallatio­ nen einschließlich Blitzschutz und ökolo­ gische Einbindungsmaßnahmen erforder­ lich. Der hierfür notwendige Kostenaufwand wurde von der Bezirksstelle für Naturschutz und Landschaftspflege, der Forstdirektion Freiburg, dem Schwarzwald-Baar-Kreis und den Anliegergemeinden getragen. Hinzu kommen weit über 100 freiwillige Helfer­ stunden der Skizunft Brend. Die in vorbildlicher Gemeinschaftsarbeit abgeschlossene Verlegung der Flutlichtloipe aus dem Hochmoor heraus ist es ein gutes Beispiel dafür, daß ein Ausgleich zwischen den Interessen des Leistungssports, der erho­ lungssuchenden Bevölkerung und den Be­ langen der Natur möglich ist. Nach Bereini­ gung dieses Zielkonfliktes konnte die Aus­ weisung des Hochmoores „Moosschachen“ als flächenhaftes Naturdenkmal vollzogen werden. Bereinigen oder Vermeiden von Konflikten? Der Kurzbegriff „Naturschutzgesetz“ steht für folgenden Gesamtwortlaut: „Gesetz zum Schutz der Natur, zur Pflege der Land­ schaft und über die Erholungsvorsorge in der freien Landschaft“. Erholungsnutzung und Schutz von Natur und Landschaft als etwas Zusammengehörendes zu sehen, ist sicher­ lich aus der Erkenntnis erwachsen, daß in vie­ len Naturbereichen – nicht nur im Beein­ trächtigen oder Zerstören von Hochmooren – schon sehr stark durch den Menschen ein­ gegriffen wurde. Schlagwörter über den Umgang mit der Natur wie „Gebrauchen, nicht Verbrauchen!“ oder „Nutzen, nicht Verputzen!“ bringen dies deutlich zum Aus­ druck. Sicherlich wird noch an vielen Orten eine Konfliktbereinigung zwischen Erholungs­ nutzung und Schutz der Natur durch Abwä­ gen der Erfordernisse aus einer Gesamtschau möglich und notwendig sein: Steuerung der Erholungsnutzung durch entsprechend aus­ gerichtetes Angebot; verordnete Rücksicht­ nahme auf empfindliche, schon durch ihre Seltenheit schützenswerte Naturbereiche. Ist dies aber ausreichend für eine Er h o- 1 u n gs vorsorge, d. h. nachwachsenden Generationen den Erlebniswert von Natur und Landschaft durch Erhalt deren Vielfalt, Eigenart und Schönheit zu sichern? Das Naturschutzgesetz mit seinen Vorgaben für den Schutz der Natur einerseits und der Erholungsvorsorge andererseits hat die Ver­ meidung von Konflikten durch eine gesamtheitliche und längerfristige – über die Tagespolitik hinausgehende – Betrachtungs­ weise zum Ziel. Das erfordert in vielen Berei­ chen ein Umdenken, was Nutzungsan­ sprüche an die Natur angeht. Naturschutz ist Teil des Umweltschutzes und damit auch auf den Erhalt der Lebensgrundlagen ausgerich­ tet. Daß diese – Boden, Wasser, Luft, Klima, Tier- und Pflanzenwelt- in ihrer Nutzbarkeit bzw. Belastbarkeit endlich sind, wird zuneh­ mend deutlich. Aus dieser Erkenntnis wer­ den Forderungen nach einer „ökologischen Ethik“ laut. Albert Schweitzer hat dieses Erfordernis schon vor vielen Jahren genauso umfassend gesehen und für jeden verständ­ lich formuliert: „Menschliches Leben ist Leben, das leben will, inmitten von Leben, das auch leben will“. Die Zwänge werden stärker, Entscheiden und Handeln hiernach auszurichten! Ludwig Heneka * 285

Landjugend, Landwirtschaft Kreisemtedankfest der Landjugend beliebt bei alt und jung Im Schwarzwald-Baar-Kreis ist es zur Tra­ dition geworden, daß die Landjugendgrup­ pen aus Anlaß des Erntedankfestes alljährlich Umzüge veranstalten, bei denen mit farben­ prächtig gestalteten Wagen auf die Bedeu­ tung dieses Festes eingegangen wird. Die vie­ len aktiven Teilnehmerinnen und Teilneh­ mer aus den Landjugendgruppen wollen aber nicht nur zur Unterhaltung beitragen; genauso wichtig ist ihnen, daß durch kri­ tische Fragestellungen der Wert unserer Umwelt und Natur in das Bewußtsein der vielen Zuschauer, die die Straßen säumen, gehoben wird. Einmal mehr erfuhr das Kreiserntedank­ fest, das Anfang Oktober 1987 zu Ehren des zehnjährigen Bestehens der Schonacher Landjugend in Schonach ausgerichtet wurde, einen überwältigenden Publikumsandrang. Die nahezu 20.000 Besucher kamen aus dem gesamten südbadischen Raum nach Schon­ ach, um die von den fünfzehn Landjugend­ gruppen des Schwarzwald-Baar-Kreises in mühevoller Arbeit gestalteten Umzugs­ wagen auf sich wirken zu lassen. Obwohl von vielen Besuchern das Ernte­ dankfest als Volksfest verstanden wird, wehrt sich der bäuerliche Nachwuchs strikt gegen eine solch einseitige Betrachtungsweise. „Die Menschen dürfen den Erntedank nicht allein als ein Fest der Freude verstehen“, so die Lan­ desvorsitzende des Bundes Badischer Land- 286

jugend, Beate Hauser, ,,nicht nur an diesem einen Tag, sondern täglich soll Dank gesagt werden.“ Deshalb versucht die Landjugend auch jedes Jahr mit kritischen Themen, wie zum Beispiel in Schonach mit „Rächt sich unsere Selbstverständlichkeit an der Ernte?“, auf den tieferen Sinn des Erntedankfestes einzu­ gehen. Trotz des herrlichen Umzugs soll jeder Wagen auch zum Nachdenken anre­ gen. Worte der Mahnung fanden die Bräun­ linger Landjugendlichen. ,,Nützt die 2′.eit, es ist später als wir denken!“ Mit ihrem aussage­ kräftigen und technisch hervorragend gestal­ teten Wagen erreichten sie in Schonach den ersten Platz. Aber auch alle anderen Gruppen hatten nicht mit Einfallsreichtum gegeizt. So fragte die Landjugend aus Aasen:,, Wie lange hält sie noch?“ (gemeint war eine Brücke, die die Landjugend Aasen hergestellt hat. Die Gruppe sieht die Ernte durch Umweltver­ schmutzung und Naturkatastrophen gefähr­ det.) Brigach, Hochemmingen und Schonach lehnten sich an die Bibel an. Ihre Themen lauteten: ,,Gottes Gaben – Wir danken dafür“, ,,Durch Gott zur Vernunft -dan­ ken!“ und „Gottes Mühlen mahlen immer“. Alarm schlugen die Gruppen aus Unadingen und Brigachtal mit ihren Aussagen: ,,Läßt uns unsere Besitzgier das Leben vergessen?“ und „Der Weg ins Ungewisse“. Mit diesen und anderen Themen wartete die Landjugend in Schonach auf. Jeder teil­ nehmenden Gruppe wurde Lob und Aner­ kennung gezollt, da sie keine Mühe und 2′.eit zur Herstellung dieser auch künstlerisch anspruchsvollen Wagen gescheut hatten. Fazit des Erntedankfestes im Schwarz­ wald-Baar-Kreis: Der Ausverkauf im Super­ markt „Erde“ muß gestoppt werden. Die Landjugend warnt deshalb vor Naturrniß­ brauch. Die Landjugend wird sich auch wei­ terhin den kritischen, ihren Lebensraum betreffenden Fragen stellen. Denn die jungen in Zukunft die Landwirte sollen auch Chance zum Aufbau einer Existenz haben! Karl-Heinz Beha 287

Ehrenamtliche Berichterstatter des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg leisten wertvolle Arbeit Die betriebs-und marktwirtschaftlichen Berichterstatter informieren das Statistische Landesamt fortlaufend über die Verhältnisse in ihren Betrieben, und zwar sowohl über die ab Hof erzielten Erlöse für landwirtschaft­ liche Verkaufsprodukte wie auch über die Betriebsmittelpreise. Aufzeichnungen über die Entwicklung der Vorräte und die Verfüt­ terung selbsterzeugter Produkte sowie Hin­ weise auf die Absatzwege der landwirtschaft­ lichen Erzeugnisse werden ebenfalls zur Ver­ fügung gestellt. Dadurch werden ein wertvol­ ler repräsentativer Einblick in die Bewe­ gungsabläufe der Natural- und Geldwirt­ schaft und die Gewinnung grundlegender Daten zur Beurteilung der wirtschaftlichen Entwicklung der Agrarbetriebe ermöglicht. Die Ernteberichterstatter begutachten jeden Monat während der Vegetationspe­ riode den Entwicklungsstand und die Ern- Es ist schon zur Regel geworden, daß all­ jährlich nach Abschluß der Erntesaison Herr Landrat Dr. Gutknecht im Rahmen einer kleinen Feierstunde auf dem Landratsamt ehrenamtliche Berichterstatter unseres Land­ kreises für 25- bzw. 40jährige treue und pflichtbewußte Mitarbeit ehren und ihnen dabei die Ehrenurkunde und Ehrengabe des Statistischen Landesamtes Baden-Württem­ berg sowie auch ein Buchgeschenk des Land­ ratsamtes aushändigen kann. Im Schwarzwald-Baar-Kreis sind 65 Sach­ verständige -viele schon über Jahrzehnte hinweg_ -in verschiedenen Fachbereichen tätig. Uberwiegend sind es Landwirte, aber auch einige Hobbygärtner sowie der Leiter eines Gartenbaubetriebes, die diese ehren­ amtliche Aufgabe wahrnehmen. Das Aufgabengebiet ist vielfältig und umfangreich. 288

teaussichten der einzelnen landwirtschaftli­ chen Kultur- und Fruchtarten in ihren Berichtsbezirken, die meist mehrere Gemeinden bzw. Ortsteile umfassen. Regelmäßige Feldbesichtigungen, sorgfäl­ tig vergleichende Beobachtungen der Feld­ bestände und Probemessungen sind hierzu erforderlich. Dank der unermüdlichen Mitarbeit dieser ehrenamtlichen Sachverständigen, deren Schätzungen für Getreide, Kartoffeln, Fut­ terpflanzen, Gemüse und Obst im Niveau mit den amtlichen Ernteermittlungen abge­ stimmt werden, ist es dem Statistischen Lan­ desamt möglich, auch genaue Angaben in tiefer regionaler Gliederung zu erhalten und schon jeweils zu Beginn der Vegetationspe­ riode die voraussichtliche Ernte- und Versor­ gungslage zu prognostizieren. Damit werden insbesondere für die Marktanalyse und Marktsteuerung unentbehrliche Unterlagen gewonnen, um volks- und privatwirtschaft­ liche Fehldispositionen zu vermeiden. Die Feldfruchtertragsstatistik steht und fällt damit, daß diese Berichterstatter das Stati­ stische Landesamt mit ihren Kenntnissen und Erfahrungen nach besten Kräften unter­ stützen und somit der Allgemeinheit und ihrem Berufsstand wertvolle Dienste leisten. Auch künftig werden diese ehrenamtli­ chen Sachverständigen im Schwarzwald­ Baar-Kreis durch ihre Meldungen zur Gewinnung grundlegender Daten für die Berechnung von Nahrungsmittelproduk­ tion, Verkaufserlösen, Betriebseinkommen und anderer Schlüsseldaten zur Beurteilung der wirtschaftlichen Entwicklung der land­ wirtschaftlichen Betriebe beitragen. Bei dem tiefgreifenden Strukturwandel, dem die Landwirtschaft seit Jahren unterworfen ist, und den zunehmenden Agrarproblemen in der Europäischen Gemeinschaft sind die Daten der amtlichen Agrarstatistik für die Analyse und Darstellung der Lage der Land­ wirtschaft ebenso unentbehrlich wie für die notwendigen administrativen Entscheidun­ gen zur Förderung und Verbesserung der betrieblichen Verhältnisse, zur Aufstellung von Versorgungsbilanzen, zur Mittelzuwei­ sung aus dem gemeinsamen Agrarfond und zur regionalen Strukturpolitik. Otto Maier * Herbst Die schönste, wohl auch bald die letzte [Sonne des warmen Herbstes scheint auf uns herab. Warum bewerten wir sie höher als die vorausgegangenen Leuchten unsres Jahres? Weil sie der Herbst gewährt, die liebevollste, mütterlichste aller Jahreszeiten. Der Frühling reißt des Winters Eiswand ein und öffnet Wege uns durch Gras und [Blumen. Jetzt soll der Herbst des Sommers Pracht (ersetzen. Er tut es auch – und ganz nach eigner Art. Er dehnt sich weithin über unsre Erde und legt den müden Bäumen Farben auf, daß sie wie Statuen stehn im späten Licht, hüllt sie am Abend noch in Schleier ein und weißen Dunst, daraus die Farben [ schimmern. Des Herbstes schönste Gabe aber ist die Stille nach vollbrachtem Werk. Sie ist so groß, daß man sie hören kann. Gisela Mather * 289

Original-Radierung von Hans Georg Müll.er-Hanssen über ein Alt-Dürrheimer Motiv 290

Prosa aus unserer Heimat Das Wunder vom Kölner Dom Eine Jugenderinnerung Nach dem 1. Weltkrieg durfte ich hin und wieder meine verwitwete Großmutter müt­ terlicherseits in Düsseldorf besuchen. Was war da nicht alles zu sehen und zu bewun­ dern: der Hofgarten mit dem Märchenbrun­ nen und den klassischen Säulengängen des „Ratinger Tors“, der „Jakobe-Turm“ als Rest des kurfürstlichen Schlosses am Rhein, nicht weit davon entfernt, in der Altstadt, die alte St. Andreas-Hofkirche und, am Ende der Bolkerstraße, das Geburtshaus von Heinrich Heine, ferner das alte Rathaus mit dem Rei­ terstandbild des Kurfürsten „Jan Wellern“, – aus der neueren Zeit die Oper, die prächtige Königsallee zu beiden Seiten der Düssel, die Kunsthalle, und so vieles Andere mehr. Meinen ersten Opernbesuch mit Webers „Oberon“ habe ich bis heute nicht vergessen können. Die Großzügigkeit der „Oma Düssel­ dorf“, wie wir Kinder sie nannten, sollte mir nun eine gemeinsame Reise nach Mailand bescheren, wo wir ihre jüngere Schwester besuchen wollten. Bei Antritt dieser für mich ersten Auslandsfahrt, die von Köln ausgehen sollte, habe ich als Junge das erlebt, was die Oma bis in ihr hohes Alter ein „richtiges Wunder“ genannt hat. Ich schicke hierzu voraus, daß die Oma, im rührigen Krefeld aufgewachsen, und geschichtskundig, trotz ihrer rund 60 Jahre immer noch in den religiös eingefärbten Vor­ stellungen der sogenannten Heidelberger Romantik lebte. So war sie begeistert von den Veröffentlichungen eines Ludwig Tieck und Clemens v. Brentano. Sie kannte auch in allen Einzelheiten die Brentanosche Schrift von 1852 „Betrachtungen der gottsel. Anna Katharina Emmerick“. Es handelte sich um eine stigmatisierte Nonne aus dem Münster- belesen, sprach- land, die, ans Bett gefesselt, als „Leidens braut Christi“ mit der Gabe des sogen. ,,2. Gesichts“ bis zu ihrem Tode 1842 ein mühse­ liges Opferleben geführt hatte. Solche Schil­ derungen einer unbegrenzten Hingabe an das Gefühl und eines Zauberkreises des „ Wunderbaren“ hatten die Oma von Jugend an stark beeindruckt. Und damit sind wir beim Antritt unserer italienischen Reise. Wir waren bereits eine gute Stunde vor Abfahrt des Mailänder Zuges im Kölner Hauptbahnhof, weil die Oma nach Aufgabe des Handgepäcks, wie sie das bei Reisen zu ihrer Schwester stets tat, noch im nahegelege­ nen Dom am Schrein der HI. Dreikönige diese als Schutzpatrone der Reisenden um eine gute Fahrt bitten wollte. Nachdem sie den Gepäckschein irgendwo in ihrem Unter­ rock verstaut hatte, machten wir uns auf den Weg zum Dom, wo nach Verrichtung des Gebets noch eine Kerze gestiftet wurde. Am Ausgangsportal wartete schon, feierlich in rot und schwarz gewandet, ein Kirchendiener auf eine Spende für die Erhaltung des Doms. Hierzu mußte sich die Oma, um umständ­ lich ihre Geldbörse aus dem Unterrock her­ auszuholen, ein wenig, wie sich das gehört, zur Seite wenden. Wer aber beschreibt unser gemeinsames Entsetzen, als sich am Gepäckschalter des Bahnhofs der Gepäckschein weder in der Geldbörse der Oma noch auch in der auf­ genähten Tasche ihres Unterrocks noch sonstwo finden ließ! Aber es dauerte nicht lange, da wußte die Oma – glücklich, wem solche Tatkraft und Zuversicht gegeben ist! – sich auch schon gleich Rat. Sie nahm ihre Zuflucht nicht etwa zum HI. Antonius von Padua, dem Schutzpatron derer, die etwas verlieren. Nein, sie war hier in erster Linie als 291

Reisende in Not, und für solche Fälle waren die HI. Dreikönige zuständig. Hätte sie es, so habe ich mir später insgeheim gesagt, bei einer Fürbitte allein beim HI. Antonius belas­ sen, so wäre sie Sache allerdings ganz anders verlaufen. So nahm mich die „resolute“ Oma, ohne viel Worte zu verlieren, bei der Hand, und bald schon standen wir wieder vor dem Dreikönigsschrein, diesmal mit der Bitte um Herbeischaffung des Gepäck­ scheins. Als wir den Dom verließen, erhielt der Kirchendiener wieder, wie beim ersten Mal, ein Geldstück für seinen Opferkasten. Kurz vor dem Ausgangsportal fiel mir da plötzlich ein sorgsam gefaltetes Stück Papier auf, das am Boden lag. Nichtsahnend hob ich es auf, entfaltete es: es war ein Gepäckschein der Reichsbahn, der auf ein Gepäckstück lau­ tete. Nun war -mein Herz klopfte hörbar – nur noch die bange Frage zu beantworten, ob es, was allerdings wahrscheinlich war, unser Gepäckschein war. Er war es! Das stellten wir erfreut und dankbar fest, als uns auf diesen Schein unser Koffer ausgehändigt wurde. Und unseren Zug nach Mailand bekamen wir auch noch rechtzeitig. Er hatte Verspätung … Kinder sind oft gar nicht so dumm oder unerfahren, wie es nach Alter oder Reife den Anschein haben sollte. In jedem Fall sind sie unbefangener als mancher Erwachsene. Als wir, die Oma und ich, den Koffer im Gepäck­ netz, im abfahrenden Zug saßen, kam in mir die Vermutung auf, die Oma müsse den Schein beim ersten Dombesuch an der Pforte verloren haben, als sie sich ziemlich umständlich an ihrem Unterrock um ein Geldstück aus der Börse bemühte. Sie hatte den Schein entweder aus der Börse oder aus der Tasche des Unterrocks verloren. Als ich diesen Gedanken vorsichtig äußerte, wollte Wohin sind die Jahre, als er noch auf die Höfe kam in schöner Regelmäßigkeit, nie angemeldet, aber jeden Sommer erwartet, das kleine, bucklige Hutzelmännlein, der letzte Der Schidlemacher 292 die Oma davon gar nichts wissen. Für sie war es ein regelrechtes Wunder, durch das ihr das Papier infolge eines „höheren Eingriffs“ sozusagen wieder zugespielt worden war; daran sei „bei bestem Willen nichts zu deu­ teln“. Sie hatte für ihre Auffassung, belesen wie sie war, gleich eine bekannte Stelle aus Shakespeares „Hamlet“ zur Hand und zitierte: ,,Es gibt mehr Ding‘ im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit Euch träu­ men läßt“. Da blieb mir zunächst nichts Anderes übrig, als zu schweigen und meine Gedanken für mich zu behalten. Als ich nach Jahren wieder auf das Vor­ kommnis zu sprechen kam, meinte die Oma, ein klein wenig nachgebend, es sei jedenfalls ein Wunder gewesen, daß ihr nach Kenntnis des Verlustes „sozusagen eine innere Stimme von oben befohlen“ habe, wieder zum Schrein zurückzukehren und dort um Hilfe zu bitten, statt im Bahnhof zu jammern und die vorgeschriebene amtliche Aufklärung des Falles abzuwarten und damit den Zug zu ver­ passen oder gar die ganze Reise zu gefährden. Gegen eine solche Erklärung des Wunders habe ich damals, ungeachtet einer persönlich anderen, psychologischen Deutung des tat­ sächlichen Ablaufs der Dinge, nichts weiter einzuwenden gehabt. Jedenfalls hatte ich die Auffassung gewonnen, daß es diejenigen, die an eine „Hilfe von oben“ glauben und auch darauf vertrauen, im Leben oft viel weniger schwer haben als die puren eiskalten Intellek­ tuellen, die eine solche Verbindung „nach oben“ nicht oder nicht mehr haben und auch nicht mehr suchen. Dabei lasse ich offen, was unter „oben“ zu verstehen ist. Das muß -immer noch -jeder mit sich selbst aus­ machen. Ernst Roskothen Störhandwerker, der letzte Vertreter seiner Zunft, der Schidlemacher, Unternehmer und Arbeitnehmer in einem, von dem niemand wußte, woher er kam und wohin er ging, wo

seine Heimat war und wer für ihn sorgte? Unvergessen bleibt er, wie er in der Sommer­ hitze im kühlen Keller oder in der luftigen Tenne auf einem Melkschemel saß, mit einem angefangenen Korb beschäftigt (in unserem Dialekt „Schidle“ genannt), die durchfeuchteten ungeschälten, graubraunen und die geschälten, blütenweißen Weidenru­ ten, die er, in peinlicher Ordnung, auch nach ihrer Stärke gesondert, um sich liegen hatte und mit der Leichtigkeit des Könners flocht und so ein Kunstwerk um das andere vor unseren Augen schuf, wenn wir, unter der Türe stehend, ihm zuschauten. Denn er war ein Meister seines Faches, wie er sich auch gern Korbmachermeister nennen ließ. Rie­ sige Waschkörbe zauberte er hervor, gewöhnliche runde Schieden für Kartoffeln und gespaltenes Holz, zierliche Nähkörb­ chen, Kratten, auch Taschen; durchgebro­ chene Böden flickte er aus, und abgerissene Henkel ersetzte er durch neue. Hatte er den Auftrag, nur Schieden zu machen, so ge­ langen ihn fünf bis sechs an einem Tag, die stellte er am Abend ineinander, zeigte sie stolz der Bauernfamilie, erwartete dafür aber auch gern Bewunderung und Lob. Gewöhnlich tat er seine Arbeit schwei­ gend; brachten wir es aber dahin, ihn in ein Gespräch zu verwickeln, so erzählte er und erzählte, inspiriert vom Geist im Apfelmost, den er über die Maßen liebte und dessen Qpantum er sich nicht vorschreiben ließ, er erzählte mit einer Phantasie, um die ihn selbst Karl May beneidet hätte, wobei es ihm weniger auf die Richtigkeit seiner Ansichten und den Wahrheitsgehalt seiner Schilde­ rungen als ‚vielmehr auf ihren Unterhaltungs­ wert ankam. Es war faszinierend -auch für Erwachsene, wenn er ernst und heiter, selbst nicht ohne Charme von seiner Heimat, die einmal die Pfalz, ein andermal Sachsen war, erzählte oder von seinen 17 so unterschied­ lichen Berufen wie Koch, Maurer und Stra­ ßenbaumeister oder von seinen Besitztü­ mern, von seinen Weltreisen oder von künf­ tigen weltpolitischen Entwicklungen. Ohne im geringsten daran zu denken, wieviel ihm doch das Leben durch sein Gebresten und sein gnomenhaftes Aussehen versagt hatte, getrauten wir uns gelegentlich, mit ihm Scha­ bernack zu treiben, den er sich bis zu einem gewissen Grade gefallen ließ, sprachen ihn wie jedermann in unserer Umgebung ganz selbstverständlich und gegen alle Gesetze der Höflichkeit mit „Du, Schidlemacher“ an; daß er Fritz Jung hieß, wußten nur wenige, wir Kinder sowieso nicht. Er erhielt seinen Platz am bäuerlichen Tisch, aß, was gekocht wurde, leistete seinen Beitrag zur Unterhaltung, und war seine Arbeit been­ det, so nahm er als Entlohnung, was recht war, lud Werkzeug und Habseligkeiten auf ein Leiterwägelchen und zog von dannen -ein­ mal mit einem seiner Auftraggeber, und das kam so: Er sei eigentlich Großbauer mit vie­ len Morgen Land, verriet er, und sein Pro­ blem im Spätsommer sei regelmäßig, das viele Obst zu verwerten bzw. zu verkaufen. Was habe er schon an Äpfeln, Birnen und Zwetschgen verschenkt, ganz gleich wem. Anders wisse er sich oft nicht zu helfen. Er könne das viele Obst ja schließlich nicht alles selber essen. Da faßte sich sein Gesprächs­ partner ein Herz: „Ja, wenn das so ist, dürfte ich dann auch einmal kommen?“ Der Mei­ ster zeigte sich von der Frage nicht über­ rascht, die beiden vereinbarten einen Ter­ min, fuhren mit dem Zug ins Kinzigtal, stie­ gen in irgendeinem Kinzigtalörtchen aus und machten einen weiten Weg in irgendein Seitental, an prächtigen Höfen vorbei, deren Geschichte er über Generationen hinweg kannte und wortreich erläuterte. Endlich wurde der Weg schmaler, die beiden stolper­ ten über Äcker und Wiesen, bis sie zu guter Letzt in großer Einsamkeit ein Feld mit schö­ nen Obstbäumen betraten. „Das gehört zu meinem Hof“, sagte der Schidlemacher und half dem andern eilig, mit dem Fallobst Rucksack und Körbe zu füllen. Danach ver­ abschiedete er sich mit einer Hast, die man bei ihm sonst nicht kannte: „Jetzt mach aber, daß du schnell damit nach Hause kommst!“ Karl Volk 293

Verschiedenes Personen und Fakten Dr. Gerhard Gebauer ist am 18.10.1987 im zweiten Wahlgang zum Oberbürger­ meister der Großen Kreisstadt Villingen­ Schwenningen wiedergewählt worden. Er erhielt 56,44 % der gültigen Stimmen bei einer Wahlbeteiligung von 65,45 % . Die dritte Wahlperiode hat am 1.1.1988 begon­ nen. Siegfried Baumann wurde am 8.11.1987 zum Bürgermeister von Unterkirnach wie­ dergewählt. Er war der einzige Kandidat. Bei einer Wahlbeteiligung von 64,2 % stimmten 98,5 % für den bisherigen Amtsinhaber. Die neue Wahlperiode hat am 1. Februar 1988 begonnen. Albert Haas wurde am 8.11.1987 als Bürgermeister von Schonach wiedergewählt. Er setzte sich unter 3 Bewerbern im ersten Wahlgang mit 58,6 % durch. Die Wahlbetei­ ligung betrug 85,4 % . Die neue Wahlperiode hat am 1.Januar 1988 begonnen. Gerhard Dietz wurde am 6. 3. 1988 im 2. Wahlgang zum neuen Bürgermeister in Mönchweiler gewählt. Er erhielt bei einer Wahlbeteiligung von 81,36 % unter 5 Kandi­ daten 34,16 % der gültigen Wählerstimmen. Er hat sein Amt am 25. 4. 1988 angetreten. Der bisherige Bürgermeister Günter Siek hat sich nicht mehr zur Wahl gestellt und ist am 24. 4.1988 in den Ruhestand getreten. Er war seit dem Jahre 1960 Bürgermeister der Gemeinde Mönchweiler. 294 Paul Riegger, der Senior des Kreistags des Schwarzwald-Baar-Kreises, ist am 30.10.1987 im 92. Lebensjahr verstorben. Herr Riegger gehörte seit dem Jahre 1959 dem Kreistag an. Seine Persönlichkeit wurde im Almanach 1987, Seite 60 ff. gewürdigt. Bernhard Hiestand, der seit dem Jahre 1979 dem Kreistag des Schwarzwald-Baar­ Kreises angehörte, ist am 25. 6. 1988 verstor­ ben. Emil Riemensperger, Altbürgermeister und Ehrenbürger von St. Georgen, der in den Jahren 1948 bis 1965 Mitglied des Kreistags im ehemaligen Landkreis Villingen gewesen ist, ist am 15. 3. 1988 im Alter von 98 Jahren gestorben. Seine Persönlichkeit wurde im Almanach 1982 (S. 228) gewürdigt. Günter Bußmann, seit dem Jahre 1976 Dekan des evangelischen Kirchenbezirks Villingen, hat am 1. 9.1988 einen neuen Dienstauftrag in Freiburg angetreten. Neuer Dekan ist Martin Treiber, der bisher Pfarrer in St. Georgen war. Zu einem weiteren Treffen mit unseren Nachbarn im Kanton Schaffbausen fuhr eine kleine Delegation des Kreistags des Schwarzwald-Baar-Kreises mit Landrat Dr. Gutknecht am 24. 8.1988 in den Nachbar­ kanton. Die Begegnung gab Gelegenheit, anhand von Besichtigungen unsere südlichen Nachbarn noch mehr kennenzulernen und die freundschaftlichen Kontakte zu vertiefen.

Orden, Medaillen Nachstehende Personen aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis wurden seit Juni 1987 ausgezeichnet: a) mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland: (Abkürz.: BVK a. B. -Bundesverdienstkreuz am Bande BVM -Bundesverdienstmedaille) 27. 05. 1987 Gilau, Else BVKa.B. Blumberg BVKa.B. Bächle, Otto 12. 06. 1987 Unterkimach Bräunlingen Fürderer, Günter BVKa.B. 01. 07. 1987 14. 07.1987 Brigachtal-Klengen Käfer, Georg BVKa.B. Bühler, Hansjürgen BVKa.B. 20. 08. 1987 Donaueschingen BVKa.B. Donaueschingen Keßler, Rudolf 26. 08. 1987 Rosenberger, Hermann BVM 28. 08. 1987 Villingen-Schwenningen Prof. Dr. Schulz, Hansrichard BVKa.B. 09. 10. 1987 Villingen-Schwenningen 17. 10. 1987 BVKa.B. Villingen-Schwenningen Kaiser, Martin BVKa.B. 08. 01.1988 Dr. Walter, Helmut Schonach Spittler, Friedrich 12. 01. 1988 BVKa.B. Villingen-Schwenningen Kammerer, Anna 26. 01. 1988 BVKa.B. Triberg BVM Baur, Viktor 28. 01.1988 Villingen-Schwenningen b) Zelter-Plakette: Katholischer Kirchenchor Donaueschingen-Wolterdingen 23. 08. 1987 Katholischer Kirchenchor 24. 04. 1988 Donaueschingen-Pfohren c) Auszeichnung eines Lebensretters: Der Herr Ministerpräsident hat am 01. 03.1988 Herrn Wilhelm Glöckler, Gärtner, Tuningen, für eine unter Einsatz des eigenen Lebens ausgeführte Rettungstat durch Erteilung einer Ehrenurkunde ausgezeichnet. Bevölkerungsentwicklung 7737 Bad Dürrheim 7712 Blumberg 7715 Bräunlingen 7734 Brigachtal 7735 Dauchingen 7710 Donaueschingen 7743 Furtwangen 7741 Gütenbach 7713 Hüfingen 7744 Königsfeld im Schw. 7733 Mönchweiler 7732 Niedereschach 7742 St. Georgen im Schw. 7741 Schönwald im Schw. 7745 Schonach im Schw. 7740 Triberg im Schw. 7201 T uningen 7731 Unterkirnach 7730 Villingen-Schwenningen 7741 Vöhrenbach Kreisbevölkerung insgesamt Stand Wohnbevölkerung 1.1.1988 1.1.1987 10.555 10.450 9.862 9.840 5.394 5.394 5.000 5.005 2.904 2.859 18.223 18.209 9.607 9.603 1.418 1.416 6.476 6.442 5.410 5.379 2.975 2.982 4.647 4.640 14.163 14238 2.424 2.445 4.555 4.656 5.761 5.805 2.193 2.197 2.404 2.444 76.155 76.466 3.950 3.991 194.417 194.120 Veränderungen in l.ahlen + 105 22 in% + 1,0 -0,2 5 + 45 14 + 4 + 2 + 34 + 31 7 + 7 75 + 21 -101 44 + 4 40 + 311 + 41 +297 -0,1 + 1,6 -0,1 +o,5 +0,1 +o,5 +0,6 -0,2 + 0,1 -0,5 +0,9 -2,2 -0,8 +0,2 -1,6 +0,4 + 1,1 + 0,15 295

Ausländer in Zahlen neuester Stand Gemeinde Ausländer davon insgesamt Türken Jugo- slawen Italiener Sonstige Ausländer- anteil in% 503 Bad Dürrheim 1.116 Blumberg 498 Bräunlingen 221 Brigachtal Dauchingen 98 Donaueschingen 1.554 868 Furtwangen Gütenbach 33 530 Hüfingen 217 Königsfeld 234 Mönch weil er 180 Niedereschach 1.672 St. Georgen 49 Schönwald 278 Schonach 534 Triberg 165 Tuningen 157 Unterkirnach Villingen- Schwenningen 10.089 481 Vöhrenbach 20 577 358 73 12 282 194 2 227 15 13 50 236 13 22 179 33 56 1.999 170 Gesamt 1 9.477 4.531 160 310 22 33 25 323 295 1 82 69 118 50 506 15 118 118 8 12 100 19 2 42 18 358 208 23 142 13 49 15 587 6 88 79 101 37 223 210 116 73 43 591 171 7 79 120 54 65. 343 15 50 158 23 52 3.536 154 5.955 1.978 122 3.987 2.576 35 5.004 Arbeitslose in Prozentzahlen Stichtag Schwarzwald-Baar-Kreis Land 5,0% 5,7% 5,4% 4,6% 4,8% 4,9% 30. 6.1986 30. 6.1987 30. 6.1988 296 4,8 11,3 9,2 4,4 3,4 8,5 9,0 2,3 8,2 4,0 7,8 3,9 11,8 2,0 6,0 9,2 7,5 6,4 13,2 12,1 10,0 Bund 8,4% 8,3% 8,4%

Ergebnis der Wahl zum Landtag von Baden-Württemberg am 20. März 1988 Nr. 54 Nr. 55 Villingen-Schwenningen Tuttlingen-Donaueschingen Wahlkreis Wahlberechtigte Wähler insgesamt darunter mit Wahlschein ungültige Stimmen gültige Stimmen Wahlvorschläge CDU SPD Grüne FDP/DVP DKP REP NDP ÖDP Patrioten 112.835 77.612 8.049 729 76.883 40.886 21.660 4.686 4.333 99 403 3.772 951 93 Gewählt wurden: Im Wahlkreis Nr. 54 Villingen-Schwenningen Erwin Teufel (CDU) Dreifaltigkeitsbergstraße 44 7205 Spaichingen Julius Redling (SPD) Hansjakobweg 7 7733 Mönchweiler 68,78% 10,37% 0,94% 99,06% 53,18 % 28,17% 6,09% 5,64% 0,13% 0,52% 4,91 % 1,24% 0,12% 111.950 80.652 7.891 1.007 79.645 41.970 21.080 4.220 7.080 137 3.663 1.495 72,04% 9,78% 1,25% 98,75% 52,69% 26,47% 5,30% 8,89% 0,17% 4,60% 1,88% Im Wahlkreis Nr. 55 Tuttlingen-Donaueschingen Roland Ströbele (CDU) Am Täle 4 7203 Fridingen Herbert Moser.(SPD) Wartenbergstraße 24 7200 Tuttlingen Ernst Pfister (FDP/DVP) Achauer Straße 20 7218 Trossingen Kreiswettbewerb 1988 „Unser Dorf soll schöner werden“ Mit „Auszeichnung“ Buchenberg 1. Platz Fischbach Gremmelsbach Kappel Mit „sehr gut“ Mühlhausen Obereschach Außerdem mit „sehr gut“ (alphabetische Reihenfolge) 2 .. Platz 3. Platz Mit „gut“ (alphabetische Reihenfolge) Aasen Biesingen Niedereschach Pfaffen weil er Schabenhausen 297

Farbaufnahmen und Fotonachweis Die Farbaufnahme auf der Titelseite stammt von German Hasenfratz, Hüfingen. Motiv: Das „Solemar“ in Bad Dürrheim. Das Farbbild auf der Rückseite ist von Clemens Müller, Triberg. Es handelt sich um das Gebäude des Staat­ lichen Forstamtes in Triberg, früher Ober­ vogtei. Die Lithographie auf Seite 118 wurde nach einer Zeichnung von F. Jäckle angefertigt (Reproduktion Georg Goerlipp, Donau­ eschingen). Foto-Nach weis für die weiteren Aufnahmen im Innern des Jahrbuchs (die Zahlen nach der Autorenangabe beziehen sich auf die jeweilige Textseite): Götz Guggenberger 4; Herbert Gravenstein 10, 12; Georg Goerlipp 15,120,215,216,217,238,240,241,242;Jörg Michaelis 16, 202, 203, 204, 205, 206, 207, 208; Foto-Grill 22, 23; Archiv Straßen­ bauamt Donaueschingen 25; Roland Hum­ mel 27; Hermann Colli 29; Manfred Bau 31; Archiv Fachhochschule Furtwangen 35, 36, 37; Otto Kritzer 38, 84, 154, 155; Frank Rau­ mel 39; Gerhard Kiefer 40, 91; Bildarchiv IHK 42; Bildarchiv ISGUS 45; Hanns-Georg Rodek 47, 48, 49; Klaus-Peter Friese 51, 52; Käthe Fritschi 53, 54; Dieter Mink 55, 56; Rosemarie v. Strombeck 58, 63, 64; Bildar­ chiv Hock 60, 61; Barbara Rimmele 65; Geb­ hard Seemann 68; Stadtarchiv Villingen­ Schwenningen 71; Drs. Mecklenburg, Donaueschingen 75; Photo Sauer, VS-Villin­ gen 78, 87; E. Revellio 80; Bad. Generallan- 298 desarchiv Karlsruhe 83, 118; Archiv DRK Vil­ lingen 85; Photo-Studio Morgenstern, Mun­ derkingen 89; Horst Rettich 94; Foto-Carle, Triberg 95; Photo Schmied, Schonach 97; Wilfried Dold 100; Dr. Lorenz Honold 104; Johann Haller 106; Erich Möck 107, 211, 212; Hans Letule 109, 110; H. 0. Wagner 111, 112, 114, 115; Kurt Klein 123, 124, 125, 127; Lydia Warrle 138, 139; Dieter Baeuerle 141; Birgit Storz 144; Peter Obergfell 146, 148; Archiv Heimatmuseum/Stadtchronik Schwennin­ gen 150; A Rieple-Offensperger 152; Foto­ Günter 159, 167; Hubert Münzer 162; Archiv der Brüdergemeine 164, 165; Karl Volk 8, 168; Felix Staroste 171; Kurt Gramer 175 (Copy­ right Verlag Schnell und Steiner); Archiv Pfarramt Vöhrenbach 177, 178; Fürst!. Für­ stenberg. Archiv 180; Archiv der Kunststif­ tung Hohenkarpfen 183, 184, 185, 186; Michael Müllner 196, 197, 198, 199, 200; Jür­ gen Henckell 202, 274; Copyright Horst Kurschat 209, 210; Karl-Heinz Bielohuby 210; Archiv der Baar-Klinik 219; Archiv Katharinenhöhe 223; Archiv Kur- und Bäder GmbH. Bad Dürrheim 226; German Hasen­ fratz 227, 228, 229, 230, 231, 232; Jörg Schmidt 233; Jochen Hahne 235; Helmut Heinrich 243, 244; Roland Kalb 246, 247; Waltraud Oloff 257, 259; Monika Eckerle 262; Alexander Jäckle 267, 268, 269; Roland Faller 276; Dieter Reinhardt 277; Ludwig Heneka 282, 283; Hansjörg Hall 284; Foto­ Schm“ieder 286; Karl-Heinz Beha 287, 288.

Die Autoren unserer Beiträge Adler, Bernhard, Pfarrer, Kälbergässle 9, 7741 Vöhrenbach Baeuerle, Dieter, Stephanienstraße 52, 7570 Baden-Baden Bau, Manfred, Hauptstraße 9, 7745 Schonach i. Schw. Beha, Karl-Heinz, Sägbergweg 2, 7742 St. Georgen-Oberkimach Benzing, Dr. Alfred t, Staufenstraße 62, 7730 Villingen-S c h w e n n i n g e n Berweck, Dr. jur. Wolfgang, Niedere Straße 92, 7730 Vi l l i n g e n-Schwenningen Bökenkamp, Renate, Schwarzwaldstraße 4, 7742 St. Georgen i. Schw. Colli, Hermann, Webergasse l, 7730 Vi l l i n g e n -Schwenningen Conradt, Uwe, Friedrichstraße 36, 7737 Bad Dürrheim Conradt-Mach, Annemarie, Friedrichstraße 36, 7737 Bad Dürrheim Dold, Wilfried, Redakteur, Waldstraße 13, 7741 Vöhrenbach Dotter, Wilhelm, Siedlung 8, 7743 Furtwangen-Neukirch Ecker, Jürgen, Kunsthistoriker, Obere Hochstraße 85, 6652 Oberbexbach Fehrenbach, Karl, Bregenbach 5, 7743 Furtwangen-Neukirch Friese, Klaus-Peter, Pforzheimer Straße 25, 7730 Vi l l i n g e n -Schwenningen Fritschi, Käthe, Karl-Bromberger-Straße 5, 7713 Hüfingen Frommer, Dr. Martha, Richard-Wagner-Straße 10, 7730 Villingen-S c h w e n n i n g e n Glaser, Wolfgang, Oberdorfstraße 18-22, 7730 Villingen-S c h w e n n i n g e n Glunk, Manfred, Haydnstraße 20, 7710 Donaueschingen Gravenstein, Herbert, Jurastraße 1, 7730 Villingen-Schwenningen (Pfaffenweiler) Günther, Dr. W., Pfarrer, Zinzendorfplatz 2, 7744 Königsfeld i. Schw. Gutknecht, Dr. Rainer, Landrat, Kaiserring 2, 7730 Vi 11 i n ge n-Schwenningen Hacker, Ernst-Günther, Realschullehrer, Kühlbrunnenweg 17, 7742 St. Georgen i. Schw. Hagmann, Gerhard, Bürgermeister, Auf Hofen 3, 7737 Bad Dürrheim Haller, Johann, Buchenberger Straße 30, 7744 Königsfeld Hamm, Werner, Albrecht-Dürer-Straße 12, 7745 Schonach i. Schw. Hawner, Johannes, Grün-Allee 2, 7737 Bad Dürrheim Heckmann, Heinz, Friedrichstraße 35 a, 7737 Bad Dürrheim Heidinger, Werner, Oberamtsrat, Geschwister-Scholl-Straße 22 a, 7710 Donaueschingen Heinrich, Helmut, Schulamtsdirektor i. R., Waldhauser Straße 12, 7730 Vi 11 i n ge n -Schwenningen Henckell, Jürgen, Schriftsteller, Buchbergstraße 3, 7712 Blumberg Heneka, Ludwig, Forstdirektor, Amtshausstraße 2, 7740 Triberg i. Schw. Honold, Dr. Lorenz, Redakteur i. R., Talstraße 41, 7710 Donaueschingen Huth, Volkhard, Oberscheibenrain 8, 7710 Donaueschingen-Aasen Jäckle, Alexander, Bergstraße 10, 7740 Triberg i. Schw. Jäckle, Johanna, Postillionstraße 19, 7000 Stuttgart-Stammheim Kalb, Roland, AJbstraße 7, 7735 Dauchingen Kaletta, Ursula, Mittelbergstraße 4, 7734 Brigachtal-Klengen Kiefer, Gerhard, Redakteur, Rathausweg 1 b, 7830 Emmendingen 13 299

Klein, Kurt, Haselwanderstraße 11, 7613 Hausach Kleiner, Reingard, Gerwigstraße 4, 7741 Schönwald i. Schw. Knack, Manfred, Ltd.RegBauD., Im Stäudler 9, 7705 Steißlingen Knaupp, Dieter, Christophstraße 36, 7730 Villingen-S c h w e n n i n g e n Lambert, Werner, Neuhauser Straße 13, 7744 Königsfeld-Erdmannsweiler Letule, Hans, Rathausstraße 14, 7734 Brigachtal-Überauchen Liebetrau, Alfred, IHK-Präsident, Am Doniswald 4, 7744 Königsfeld i. Schw. Linde, Prof. Dr. h. c. Horst, Schlierbergstraße 33, 7800 Freiburg Lörcher, Dr. Heinz, Gerberstraße 33, 7730 Vi l l i n g e n -Schwenningen Lynar, Graf zu, Dr. EW., Karlsplatz 2, 7710 Donaueschingen Maier, Otto, RegLandwDir., Geschwister-Scholl-Straße 23, 7710 Donaueschingen Maurer, Prof. Dr. Friedemann, Baustätter Straße 44, 7410 Reutlingen Mather, Gisela, Schertlestraße 2, 7730 Vil l i n g e n -Schwenningen Mink, Dieter, Fichtenstraße 4, 7732 Niedereschach Möck, Erich, Journalist, Kirnachweg 13, 7742 St. Georgen i. Schw. Müller, Dr. Josef, Universitätsprofessor, Murtener Straße 14, 7800 Freiburg Müller, Max, Dipl.-Ing., Vogelbeerweg 15, 7730 Vi l l i n g e n -Schwenningen Reinartz, Dr. Manfred, Museumsleiter, Beroldinger Straße 29, 7732 Niedereschach Rettich, Horst, Geschäftsführer, Hansjakob-Weg 4, 7742 St. Georgen i. Schw. Rieple-Offensperger, Anne, Max-Egon-Straße 2, 7710 Donaueschingen Rimmele, Barbara, Ebermannstraße 26, 7715 Bräunlingen Rimmele, Emil, Bürgermeister i. R., Ludwig-Uhland-Straße 8, 7741 Schönwald i. Schw. Rodek, Hanns-Georg, Redakteur, Im Holderbusch 5, 7730 Villingen-Sc h w e n n i n g e n Rodenwaldt, Dr. Ulrich, Bötzenstraße 16, 7813 Staufen/Brg. Rombach, Gottlieb, Kreisbrandmeister, Wiesenstraße 5, 7745 Schonach i. Schw. Roskothen, Dr. Ernst, Finanzpräsident a. D., Breslauer Straße 7, 7737 Bad Dürrheim Scherer, Joachim Jakob, Burgholzweg 121, 7400 Tübingen Schnibbe, Klaus, Professor, Ilbenstraße 50, 7743 Furtwangen Spintzik, Josef, Pfarrer i. R. u. Geist!. Rat, Tretenhofstraße 16, 7633 Seelbach Steger, Christiana, Birkenweg 8, 7712 Blumberg Storz, Dieter, Schlörstraße 11/III, 8000 München 19 Strombeck, Rosemarie, Freifrau v., Abendtal 20, 7732 Niedereschach-Fischbach Vogel, Ludwig, Stud. Direktor, Friedenstraße 6, 7713 Hüfingen Volk, Karl, Realschuloberlehrer, Untertal 19, 7740 Triberg-Gremmelsbach Wagner, H. 0., Abendtal 8, 7732 Niedereschach-Fischbach Wahl, Dr. med. Rolf, Dipl.-Psych., Auf Hofen 1, 7737 Bad Dürrheim Warrle, Lydia, M.A, Wöschhalde 15, 7730 Vi l l i n g en-Schwenningen Wehrle, Roland, Kurzentrum .Katharinenhöhe“, 7741 Schönwald i. Schw. Weissenberger, Otto, Bürgermeister i. R., Bahnhofstraße 4, 7737 Bad Dürrheim Wetzka, Arnold, Brendweg 4, 7730 Vi l l i n g e n -Schwenningen Wössner, Hans, Oberdorfstraße 18-22, 7730 Villingen-S c h w e n n in g e n Zahradnik, Dr. Walter, Professor, Vogt-Dufner-Straße 7, 7743 Furtwangen-Schönenbach 300

Inhaltsverzeichnis Impressum Ehrenliste der Freunde und Förderer Heimat und Treue/Zum Geleit – von Landrat Dr. Rainer Gutknecht Aus dem Kreisgeschehen Kreispolitik 1988/Landrat Dr. Rainer Gutknecht Unsere Städte und Gemeinden, Wappen Gremmelsbach/Karl Volk Das Wappen von Gremmelsbach/Prof. Klaus Schnibbe Pfaffenweiler – ein eigenständiger Teilort der Kreisstadt/Herbert Gravenstein Das Wappen von Pfaffenweiler/Prof. Klaus Schnibbe Riedböhringen – das hohe Lied vom einfachen Leben in der Baar/Jürgen Henckell Das Wappen von Riedböhringen/Prof. Klaus Schnibbe Das Wappen der Stadt Bad Dürrheim/Prof. Klaus Schnibbe Behörden und Organisationen Das neue Behördenzentrum in Brigachtal/Ursula Kaletta Die Straßenmeistereien im Schwarzwald-Baar-Kreis/Manfred Knack Unsere Feuerwehren im Schwarzwald-Baar-Kreis Der Gerätewagen Umwelt – GW Umwelt/Gottlieb Rombach Kurt Hog – ein Leben für die Feuerwehr/Hermann Colli 25 Jahre Jugendfeuerwehr im Schwarzwald-Baar-Kreis/Manfred Bau Sommerliebe/Gedicht von Christiana Steger Schulen und Bildungseinrichtungen Villingen-Schwenningen erhält eine Außenstelle der Fachhochschule Furtwangen/ Prof. Dr. Walter Zahradnick Die neue Donaueschinger Stadtbibliothek/Gerhard Kiefer Landessieg im Vorlesen nur knapp verfehlt W irtschaft und Gewerbe Die Zukunft der Wirtschaft sicherer machen/ Alfred Liebetrau 100 Jahre Fortschritt – Die ISGUS]. Schlenker-Grusen GmbH im Jubiläumsjahr 1988/ Wolfgang Glaser, Hans Wössner Die Kienzle-Uhren in Schwenningen/Hanns-Georg Rodek Mit Einfallsreichtum und Erfindergeist zum Erfolg – Firma Trenkle, VS-Pfaffenweiler/Klaus-Peter Friese 1 2 3 4 7 9 10 13 14 18 19 22 24 27 29 31 33 34 39 39 42 44 46 so 301

Ein Betrieb auf solider Grundlage Firma Wolfgang Vetter, Hüfingen/Käthe Fritschi Jobs. Förderer Söhne in Niedereschach/Dieter Mink Modellbau im Aufwind, Firma Gebr. Faller, Gütenbach/Rosemarie v. Strombeck Hock GmbH in Schönwald/Reingard Kleiner Rückblick/Gedicht von Johannes Hawner Schindeln aus der „Höllmühle“/Rosemarie v. Strombeck Der letzte Korbmacher auf der Baar/Barbara Rimmele Des Menschen Los/Gedicht von Johannes Hawner Chemiefabrik und Umweltskandal anno 1833/ Annemarie Conradt-Mach ’s Zah’reißa/Gedicht von Bertin Nitz 53 54 58 60 62 63 65 66 67 73 PersönJichkeiten der Heimat Altlandrat Dr. Robert Lienhart wurde 80/Dr. Lorenz Honold 74 Thema und Variationen, Erinnerungen an Schwester M. Canisia Müller/Prof Dr. Josef Müller 77 Spazieren im März/Gedicht von Christiana Steger 79 Prof Dr. Paul Revellio/Dr. Wolfgang Berweck 80 Josef Heid – ein Opfer des Nationalsozialismus/Dr. Heinz Lörcher 82 In Memoriam Emma Hässler/Max Müller 85 Martin Kaiser – ein erfolgreicher Zimmermann und beliebt in Stadt und Land/Klaus-Peter Friese 86 Ria Walter – Vielfältiger Einsatz für die Mitmenschen/Dr. Martha Frommer 88 Max Stegmann – Erinnerungen an einen erfolgreichen Unternehmer mit vorbildlicher sozialer Einstellung/Gerhard Kiefer Fritz Grießhaber – ein Bad Dürrheirner Urgestein/Otto Weissenberger Richard Weisser, ein Kaufmann und Unternehmer alter Schule aus St Georgen/Horst Rettich Karl Dold – ein Schönwalder Bürger aus rechtem Schrot und Korn/Emil Rimmele Schwester Helena Vetter aus Schonach – ein erfülltes OrdenslebenfWerner Hamm Hermann Eble, Bürgermeister von Gütenbach von 1962 bis 1982/Wilfued Dold Martha Klaus, Ein Leben für die Musik/Gerhard Kiefer Martin Buri, langjähriger Bürgermeister und Ortsvorsteher von Riedböhringen/Dr. Lorenz Honold Johann Georg Kieninger – früherer Bürgermeister von Buchenberg/Johann Haller Ernst Grimm bei der Firma Staiger ausgeschieden – Ein Kapitän ging von Bord/Erich Möck 90 92 93 95 97 99 102 103 105 106 Archäologie Die Entenburg bei Überauchen/Hans Letule Neues über die Ausgrabungen in Niedereschach-Fischbach/H. 0. Wagner Geschichte, Kulturgeschichte Donaueschingen im Spiegel der GeschichteNolkhard Huth Franz Josef Salzmann/Kurt Klein Grundzüge einer Verwaltungsstruktur auf der Baar im Zeitalter der Karolinger (8. und 9. Jahrhundert n. Chr.)/Manfred Glunk Herbstbeginn/Gedicht von Christiana Steger 1100 Jahre Behla/Ludwig Vogel Das Haus des Heiligen Johannes in Schwenningen/Dieter Knaupp Freiherr von Althaus, erster Ehrenbürger von Bad Dürrheim/Lydia Warrle M.A Der Vöhrenbacher Artikelbrief vom 8. Mai 1525/Dieter Baeuerle Der letzte Herr von Burgberg/Dieter Storz Erdmannsweiler – Streifzug durch die Geschichte/Werner Lambert „In Amerika regnet es auch keine Bratwürste“/Dr. Manfred Reinartz Victor von Scheffel und Max Rieple/ Anne Rieple-Offensperger Vergessenes Schloß/Gedicht von Jürgen Henckell 302 109 111 117 122 128 132 133 135 138 140 143 145 149 152 153

Glocken, Kirchengeschichte Warum schlägt die Münster-Turmuhr in Villingen den Stundenschlag doppelt?/ Dr. Ulrich Rodenwaldt Die Glocken der Pfarrkirche Gremmelsbach/Karl Volk Ein alter Ablaßbrief für 3 baaremer Gemeinden/Pfarrer Josef Spintzik 2 Gedichte von Christiana Steger Kirchen, Mission, Wallfahrtswesen 175 Jahre Kirchensaal der Brüdergemeine in Königsfeld/Pfarrer Dr. W. Günther P. Fidelis Dieterle (1854-1938)/Karl Voile Die restaurierte Wallfahrtskirche in Triberg/Karl Voile Zum Votivbild im Vöhrenbacher Bruderkirchle/Pfarrer Bernhard Adler Alte Schriften und Museen Das Nibelungenlied – ein Heldenepos in unheldischer Zeit/ Dr. EW. Graf zu Lynar Landschaft und Kunst im Zwiegespräch/Pro( Dr. Friedemann Maurer Heimat/Gedicht von Hanna Jäckle Kunst und Künstler Erich Villa – Maler, Plastiker, Grafiker/Jürgen Ecker Der Maler und Grafiker Eugen Gross/Renate Bökenkamp Der Maler Gottfried Harter/Jürgen Henckell Kunst der Gegenwart in Barocker Umgebung – Landeskunstwochen Villingen-Schwenningen/ Uwe Conradt 154 157 161 163 164 167 173 176 179 182 188 189 195 202 208 Musik „Kultur-Botschafter“ der Bergstadt – 20 Jahre Jugendsinfonieorchester St. Georgen/Erich Möck 211 Mit Geige und Taktstock durchs Leben/Renate Bökenkamp 213 Brauchtum Vom Batzen zum Gregoriweck/Dr. Lorenz Honold Welche Zeit/Gedicht von Johannes Hawner Mutter/Gedicht von J. Medler Gesundheit, Soziales Die Baar-Klinik, Fachklinik für Verhaltensmedizin und Psychosomatik in Donaueschingen/ Dr. med. Dipl.-Psych. Rolf Wahl Die Katharinenhöhe, vom Erholungszentrum zur Nachsorgeklinik für krebskranke Kinder, Jugendliebe und junge Erwachsene/Roland Wehrle Am Brunnen/Gedicht von J. Medler Das „Solemar“ in Bad Dürrheim Das „Solemar“ /Gerhard Hagmann Das „Solemar“, ein Beispiel für zukunftsorientierte Kurortpolitik/Pro( Dr. Horst Linde Verkehrswesen, Fremdenverkehr Der „Steinbistunnel“ / Alexander Jäckle 1.000 Rufnummer im Service 130 für die Zentrale Zimmervermittlung Oktober/Gedicht von Christiana Steger Landschaft, Naturdenkmäler Von Quellensuche und Q}iellverehrungNolkhard Huth Naturdenkmäler im Schwarzwald-Baar-Kreis/Werner Heidinger 215 218 218 219 222 225 226 230 233 235 236 237 243 303

Der Schwarzspecht/Roland Kalb Der Balzer Herrgott/Karl Fehrenbach 2 Gedichte von G. Frank Übersicht über die Moore im Schwarzwald-Baar-Kreis/Dr. Alfred Benzing Schwarzwald-Heimweh/Gedicht von Arthur Duffner Der Schwarzwald-Baar-Kreis in Farben (Einlage) Stätten der Gastlichkeit und der Entspannung Gasthaus „Rößle-Post“ in Unterkirnach/Helmut Heinrich Das Kurhaus „Geutsche“ in Triberg/Joachim J. Scherer Barbara Martin, Schönwald Das Gasthaus „Ochsen“ im Neukircher Unterbregenbach/Wilhelm Dotter Der Landgasthof „Lilie“ in Triberg/ Alexander Jäckle Sport und Wettkämpfe Karl Weckerle – seine Liebe gilt dem Radsport/ Arnold Wetzka AdolfVonnier – ein gefragter Hufschmid/Jürgen Henckell Thomas Faller – ein vielseitiges Turntalent/Heinz Heckmann Hans-Peter Pohl aus Schonach »JANCSIKA“ – Ungarische Tänze in St. Georgen im Schwarzwald/Günther Hacker Skiloipe und Hochmoor Martinskapelle/Ludwig Heneka Landjugend, Landwirtschaft Kreiserntedankfest der Landjugend beliebt bei alt und jung/Karl-Heinz Beha Ehrenamtliche Berichterstatter des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg leisten wertvolle Arbeit/Otto Maier Herbst/Gedicht von Gisela Mather Prosa aus unserer Heimat Das Wunder vom Kölner Dom/Ernst Roskothen Der Schidlemacher/Karl Volk Verschiedenes Personen und Fakten Orden, Medaillen Bevölkerungsentwicklung Ausländer in Zahlen Arbeitslose in Prozentzahlen Ergebnis der Wahl zum Landtag von Baden-Württemberg am 20. März 1988 Kreiswettbewerb 1988 „Unser Dorf soll schöner werden“ Farbaufnahmen und Fotonachweis Die Autoren der Beiträge Inhaltsverzeichnis 304 245 250 253 254 256 256 257 260 262 263 267 272 274 276 277 278 280 286 288 289 291 292 294 295 295 296 296 297 297 298 299 301

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